Carl von Ossietzky Sämtliche Schriften 1931 - 1933 Texte 969-1082 1931 969 Nach Ostland Ein Heer von Ministerialbeamten zieht nach Lauenburg in Pommern, wo erste Rast gemacht wird. Dann geht es übern Korridor nach Königsberg, dann weiter, bis nach Oberschlesien hinunter. Der Reichskanzler und ein paar Minister kommen als Weise aus dem Abendland, um dem bedrohten Osten Mut zuzusprechen, auch weiterhin die aus dem allgemeinen Reichselend gezogenen Millionen in den Kassen der Rechtsparteien gut anzulegen, soweit sie nicht notleidenden Großgrundbesitzern zugeflossen sind. Offiziell wird diese Reise als Studienfahrt bezeichnet. Was, in Gottes Namen, soll in diesen zehn Tagen studiert werden? Der Sachbestand deutscher Osten liegt dem Kabinett in Zahlen vor, die ja auch ihre Sprache reden, die persönliche Besichtigung der subventionierten Gebiete geht in napoleonischem Tempo vor sich. Denn daß Brüning oder Treviranus sich in grüner Joppe und Wachstuchmütze unters Volk mischen, um auf die Art des verkleideten Kalifen zu erfahren, wie ihm ums Herz ist und wie es von seiner Regierung denkt, das ist kaum anzunehmen. Handelte es sich bei dieser Fahrt nach Ostland nur um eines der in bestimmten Zwischenräumen fälligen bureaukratischen Schaustücke, reiste man nur deshalb nach Königsberg, weil in Mainz auch welche gewesen sind, man könnte schnell darüber hinweggehen. Wir wissen, daß die sogenannte Rettung des Ostens durch Hineinstopfung von Riesensummen die besondere Idee des Reichspräsidenten ist, dem die adligen Grundherren von östlich der Oder ständig mit ihrem Gejammer in den Ohren liegen. Das Ostprogramm hält Herrn Schiele noch, der im übrigen selbst bei seinen eignen Leuten nicht mehr viel gilt. Kommissar für die Osthilfe ist Herr Treviranus, der andre Triarier, der jetzt über ein Scheckbuch verfügt, seitdem sich sein rheinisches Portefeuille durch französische Erfüllungspolitik erledigt hat; ein Wechsel, der seine Wichtigkeit nicht vermindert hat. Aber diese Kavalkade, bis zum 14. Januar mit Marschgeld und Verpflegung versehen, hat sich schließlich nicht in Trab gesetzt, um in Masuren die Republik populär zu machen. Diese Reise ist ganz und gar außenpolitisch, sie ist eine Demonstration gegen Warschau, ein Auftakt zur genfer Polendebatte, deren Ausgang noch in den Sternen geschrieben steht, deren praktischer Effekt jedoch schon jetzt irdisch greifbar ist: Null Komma Null. Ist der deutschen Minderheit in Polen mit solchen Manifestationen gedient? Niemand glaubt es, das Auswärtige Amt zu allerletzt. Dennoch beugt es sich dem Verlangen nach »außenpolitischer Aktivität«, anstatt redlich zu erklären, daß dieses Schlagwort stets unsre ärgsten diplomatischen Niederlagen herbeigeführt hat. Herr Curtius verzichtet sogar auf den Vorsitz in Genf. Das ist nur folgerichtig, denn der deutsche Vertreter auf dem Präsidentenstuhl würde das ganze nationale Melodrama von dem geknechteten Deutschland zerstören, das nirgendwo Gehör findet und das jetzt zu ernstern Mitteln greifen muß, weil man mit ihm nicht als Gleicher unter Gleichen verkehren will. Vor dem Völkerbund sollen nur deutsche Beschwerden gegen Polen verhandelt werden, aber unsre Öffentlichkeit ist inzwischen so gründlich präpariert worden, daß sie eine allgemeine Revisionsdebatte erwartet. Das vaterländische Demonstrantentum wird auf keinen Fall zufrieden sein; und wenn Herr Curtius auch ein paar Tage lang noch so sehr die Erinnerung an seinen bedeutenden Vorgänger zu verdrängen sucht, um den Schreihälsen wenigstens halbwegs Genüge zu leisten, er wird reif zum Schnitt zurückkehren, und die für den Völkerbund eingelernte Entrüstung wird ihm ebenso wenig nützen wie seine Preisgabe des Remarque-Films und des Kriegsschuld-Films. Vernunft steht augenblicklich nicht hoch im Kurs, sonst müßte doch bemerkt werden, daß es lichterloher Wahnsinn ist, Youngrevision und territoriale Revisionen zugleich aufs Tapet zu bringen. Es wird sich dabei nicht viel mehr ergeben als neuer Anlaß zum Protestieren, aber auch das gilt ja in Deutschland mit seinem hochentwickelten Berufspatriotentum als Erfolg. Von der genfer Niederlage werden noch viele vaterländisch gerichtete Männer nebst Familie leben. Curtius wird es nicht leicht haben – ebenso wenig wie Graf Zaleski, der polnische Außenminister. Der polnische Hauptdelegierte wird keine wohlgeneigten Hörer finden. Denn Polen ist nicht mehr das verwöhnte Hätschelkind der Siegerstaaten. Das heutige Polen wird von einem Despoten regiert, dessen geistige Gesundheit wohl mit Recht angezweifelt werden darf. Dies Polen, dessen Oppositionelle von einer sadistischen Offiziersbande in Festungsgefängnissen malträtiert werden, rangiert in der Weltmeinung nicht mehr höher als Horthys Ungarn oder das Jugoslawien der Generalskamarilla. Brest-Litowsk steht zwar nicht zur Debatte, aber die Schatten dieser düstern Mauern werden über Zalęskis Plaidoyer fallen. Das könnte ein großer Vorteil für die deutsche Sache sein, wenn ... wenn eben Curtius nicht im Schatten Hitlers stünde. Wenn nicht eben alle Welt wüßte, daß ohne den nationalsozialistischen Auftrieb in Deutschland der Außenminister kaum auf den Gedanken verfallen wäre, eine Auseinandersetzung zu eröffnen, die er unter normalern Verhältnissen als zwecklos oder gar gefährlich abgelehnt hätte. So werden die beiden Gladiatoren, der Deutsche und der Pole, jeder mit einem schweren Gewicht am Bein antreten. Der Eine vertritt ein Regime des offenen fascistischen Nationalismus, der Andre eines, das noch nicht ganz so weit ist. Bei dem Einen wird schon mit dem ganzen Martercomfort des Mussolinismus regiert, bei dem andern noch nicht. Bei dem Einen gibt es schon lange Pogrome, bei dem Andern steht das noch bevor. Zwei Mächte, die beide nicht nach Ambra duften, appellieren an das Gewissen der Welt. Die Kräfte in Deutschland, die Herrn Curtius zum Schwerttanz anstacheln, sind nicht grade geeignet, Sinn für Recht und Billigkeit zu erwecken. So etwa dürfte in Genf kalkuliert werden: Wird in Deutschland nicht seit Jahren der Krieg gegen Polen geschürt? Die deutsche Politik nimmt Exzesse gegen Angehörige der deutschen Minderheit zum Anlaß, aber sie meint den Korridor, meint die Veränderung der Ostgrenzen. Warum revoltiert der deutsche Nationalismus denn nicht gegen Italien, das die Südtiroler noch viel ärger mißhandelt? Im Gegenteil. Italien ist seine Hoffnung; er hat sich sogar einen imaginären Block revisionsbereiter Staaten ausgedacht, mit Italien als Mittelpunkt. Und bringt nicht die Mehrzahl der deutschen Blätter die gleichen Beschwerden gegen Prag vor, wo die Deutschen lange mitregierten? Figuriert nicht der höfliche, immer verständigungsbereite Herr Benesch in der deutschen Presse ewig als das schwarze Biest, kriegt er nicht sogar schlechtere Zensuren ab als der finster umwölkte Pilsudski? Nein, hinter diesen deutschen Lamentationen steckt nur neuer Expansionismus, neuer Imperialismus, in diesen herzbewegenden Wehrufen nach Gerechtigkeit leiert nur der neue Militarismus ein sentimentales Volkslied ab, und nur solange, bis er tiefere Register greifen kann. So etwa werden die Zeugen des Duells Curtius-Zalçski denken. Außer den Kämpfern selbst wird niemand in Schweiß geraten. Es geht den Deutschen in Polen nicht gut, doch weit besser als andern nationalen Minoritäten. Es geht der deutschen Minderheit grade so, wie es einem widerstrebenden Bevölkerungsteil in einem Staate geht, wo Militärdiktatur die konstitutionellen Garantien mit der Stiefelspitze behandelt. Es sind rohe Ausschreitungen gegen Deutsche bekannt geworden, aber wir haben bisher nicht erfahren, daß man gegen Vertreter des Deutschtums in Oberschlesien so vorgegangen wäre wie gegen polnische Politiker aus den sozialistischen und demokratischen Gruppen. Opposition ist in Polen gefährlich, einerlei aus welchen Gründen, und Pilsudskis Feinden polnischer Zunge steht keine Calonder-Kommission zur Seite, die ihre Klagen nach Genf trägt. Deutschlands Beschwerde gegen Polen wird als ein von Militärs und Nationalisten diktierter Akt gewertet werden, als Auftakt einer Revisionscampagne, die heute noch mit völkerrechtlicher Argumentation geführt wird, morgen schon in unverhüllte Kriegsdrohung übergehen kann. Auch in der Zeit, wo wir uns mit Polen besser standen als jetzt, hörte man in Deutschland nicht auf, vom Ritt nach Ostland zu faseln. Es hat etwas Symbolisches, daß auf dem Neujahrsempfang der Reichsregierung, an Stelle des beurlaubten Kanzlers, Herr Groener das Wort nahm, um über die Unmöglichkeit des Youngplans und über die Beschwerden der deutschen Minderheiten zu sprechen. Daß Groener das Wort führte, ergab sich gewiß aus Gründen des Alters und der Amtszeit. Aber nennt uns ein Land in der Welt, wo bei so hochoffizieller Gelegenheit der Kriegsminister die nächsten Ziele der Außenpolitik entwickelt? Wir haben nicht eine einzige deutsche Stimme der Verwunderung darüber gehört. Wir leben schon im militärisch-fascistischen Regime, für dessen Herbeiführung die Herren Schacht und von Seeckt, zwei Geschaßte, die allzu gern wieder ran möchten, ihre komischen Tänze aufführen. Herr Groener sieht in »der Sorge für das deutsche Volkstum jenseits unsrer Grenzen« eine der wichtigsten Aufgaben. Herr Kriegsminister – Caritas beginnt zu Haus! Unter der Regierung Brüning geht es dem deutschen Volkstum diesseits der Grenzen einstweilen bitter schlecht, und was Ausschreitungen gegen Deutsche anbelangt, so braucht man nicht grade nach Polen zu reisen. Erst vor ein paar Tagen sind in Berlin wieder zwei Deutsche von einem Nationalbanditen niedergeschossen worden, einem Angehörigen jener Partei, die mit aller Gewalt für regierungsfähig erklärt werden soll. Die Herren Minister sagen noch behutsam »Sorge für das deutsche Volkstum jenseits unsrer Grenzen«, aber in der Gassenagitation heißt es anders. Da sagt man lieber gleich: Krieg und Annektion. Auch wir halten den Korridor nicht für eine weise und gerechte Lösung. Aber es sei doch die Frage gestattet, was sein würde, wenn Deutschland ihn plötzlich zurückerhielte. Es ist nicht einmal imstande, die Menschen innerhalb seiner heutigen Grenzen zu ernähren. Haben sich denn die Korridorkämpen niemals gefragt, was Deutschland mit dem neuen Volk auf neuem Raum anfangen sollte? Ein vergrößertes Territorium ist doch kein Heilmittel gegen Wirtschaftsnot. Ganz Europa leidet unter Störungen des kapitalistischen Systems, die nicht mehr funktionell sind, sondern schon organisch. Und diese Krankheit sollte mit Nationalismus behandelt werden können? Die Revision der Friedensverträge geht nur über ein sozialistisches Europa, es sei denn, daß der Kapitalismus, dieser alte Sünder, in seinen greisen Tagen plötzlich Vegetarier würde und sich zu planwirtschaftlicher Produktionsregelung und Zollunion bekehren ließe. Wir bringen dieser Lösung einige Skepsis entgegen, aber sie scheint uns realer zu sein als die vom deutschen Nationalismus und seinen willfährigen Trabanten in der Regierung erstrebte. Diese Fahrt nach Ostland ist gröbster außenpolitischer Dilettantismus. Alle Geister des Chauvinismus werden wieder aufgewühlt; das Rotfeuer der nationalistischen Radaupresse wirft einen kriegerischen Schein auf die sonst recht gleichgültigen Herren, die da nach Osten reisen. Die Weltbühne, 6. Januar 1931 970 Dietrich rettet In einer Zeit besonderer Not kommt alles auf den Finanzminister an. Als Frankreich von der Inflation bedroht wurde, setzte Poincaré Autorität und Ruf zu ihrer Bändigung ein. Hans Luther hat sich Dreiundzwanzig im Finanzressort bewährt, und Schachts schnell verwirtschaftetes Ansehen stammt aus seiner prähistorischen Epoche als Währungskommissar, wo ihn die Banken noch nicht so gut leiden mochten. Österreichs Sozialdemokratie ist vor allem berühmt durch Breitner, den Säckelmeister der Stadt Wien. Lloyd George, der Schatzkanzler, ist durch den spätern Weltpolitiker nicht übertroffen worden. Herr Hermann Dietrich, der Erste Lord unsres Schatzamtes, bringt für seine schwere Aufgabe vor allem eine heftige süddeutsch gefärbte Beredsamkeit mit und jene temperamentvolle Beschränktheit, die im deutschen Bürgertum unglücklicherweise für bismärckisch gehalten wird. Wir sehen ihn noch, wie er als Matador des Wahlkampfes ans Rednerpult tritt, das starke Antlitz glühend, den Blick starr und angriffsbereit auf die Reihen der Hörer gerichtet, als formierten sich dort unübersehbare Batterien von Bordeauxflaschen. Doch mit dem ersten Wort löst sich die Starre, die Augen rollen wild, die Fäuste hämmern auf den Pultdeckel, durch den weiten Saal dröhnt, beifallumrast, die mannhafte Forderung: »Wir müsse unsre Finanze in Ordnung bringe«, und mit rotierenden Augäpfeln verfolgt der Redner den Herrn, der grade durch den Mittelgang verschwindet, wie einen fliehenden Feind. In seiner engern Heimat hat Herr Dietrich den Vorteil, Zwischenrufer mit Namen anreden zu können. Wie soll ein Minister nicht volkstümlich sein, der ganz Baden persönlich kennt? Herr Dietrich glänzte, so lange er gegen die Interessenhaufen poltern konnte, die trotzdem nicht kleiner geworden sind. Der eigentliche Finanzminister ist aber Herr Brüning selbst. Die Referenten des Finanzministeriums halten sich in wichtigen Dingen lieber gleich an den Kabinettschef. Wenn Herr Dietrich jetzt in einer Versammlung seiner Partei in Stuttgart erklärte, das Arkanum zur Überwindung der Wirtschaftsnot gefunden zu haben, so darf man deshalb aus guten Gründen an seiner Autorschaft zweifeln. Wahrscheinlich hat Kanzler Brüning den ungemütlichen Empfang jener Vorschläge vorausgesehen und erst mal den Ressortminister als enfant perdu ins Feuer geschickt, seiner Methode getreu, daß der Generalissimus im Graben selbst nichts verloren hat. Trotzdem dürfte der Finanzminister mit seiner robusten Konstitution die Kanonade besser überstehen als Herr Curtius die Attacken, die ihn nach seiner Rückkehr von Genf erwarten. Dennoch wird man das Schlagwort »Lohngeld statt Stempelgeld« auch diesmal als Dietrichs eigne Mache betrachten können. Dieser alte Stabstrompeter der Vaterlandspartei versteht sich gut auf agitatorische Blechmusik. Wenn auch noch alles über das neue Rettungsprojekt bisher Gesagte im Nebel verschwimmt, so ist doch die Grundidee schon deutlich. Man will an bestimmte Industriezweige, die Arbeitereinstellungen vornehmen, Lohnzuschüsse geben; so soll die Arbeitslosigkeit vermindert werden. Da Herr Dietrich sich über die Durchführung dieses Vorschlags nicht bestimmt genug ausgedrückt hat, so ist er überall, auch in der Industrie selbst auf unwirsche Ablehnung gestoßen, und sein Staatssekretär, Herr Schäffer, soll sogar mit seinem Rücktritt gedroht haben. Wahrscheinlich handelt es sich nur darum, den Gebietern der Eisenindustrie, die an dem überhohen Niveau der Eisenpreise festhalten, eine Preissenkung abzukaufen, nachdem sich alle andern Überredungsmittel erschöpft haben. Doch darüber hinaus wird auch hier wieder ein neues Attentat auf die Arbeitslosenversicherung vorbereitet. Da ein Frontalangriff noch nicht angebracht erscheint, soll einstweilen eine neue Abknappung versucht werden, die zudem noch als große wirtschaftliche Rettungsaktion maskiert in die Debatte geworfen wird. Dietrich hat keinen Zweifel gelassen, daß er die Institution der Arbeitslosenversicherung zum Teufel wünscht. In seiner stuttgarter Rede, wo so vieles vage blieb, wurden doch wenigstens seine Anschauungen darüber klar. Er meinte unter anderm: »daß durch die Arbeitslosenversicherung der Verantwortungssinn der Familienangehörigen gelockert sei und eine Unmenge Not auf diesem System beruhe.« Welche Not durch dieses System herbeigeführt wird, hat der Redner verschwiegen. Wir müssen es also als gegeben annehmen, daß der Herr Reichsfinanzminister eine Institution, durch die Millionen vor dem Hungertod gerettet werden, für ein Übel hält, und was gar den Verantwortungssinn der Familienangehörigen angeht, so mag er sich lieber an die Bezieher von Aufsichtsratstantiemen wenden, bei denen ja auch manchmal ein gelockertes Familienleben vorkommen soll. Die Nazis treiben mit dem Worte »plutokratisch« einen groben Mißbrauch, weil es für die Ohren ihrer schwerindustriellen Auftraggeber doch unverbindlicher klingt als »kapitalistisch«. Aber wenn es irgendwo zutrifft, dann auf Herrn Dietrich, den eine von Unternehmerseite rührende Denkschrift als »der Industrie nahestehend« bezeichnet hat. Man sieht daraus mit Genugtuung, daß er nicht nur ganz Baden persönlich kennt. Die Industrie ist aber diesmal mit dem ihr nahestehenden Herrn gar nicht zufrieden. Sie findet die Vorschläge reichlich konfus. Der Reichsverband will festeres haben als ein paar ungekämmte Ministerworte. Mit Recht fragen sich Arbeitgeberverbände, die sich gegen staatliche Zuschüsse sonst nicht grundsätzlich feindlich verhalten, wer nun bekommen soll, und wann, und warum. Auf welche Gruppen soll der Segen fallen, und wer wird durch die Röhre pfeifen? Und mit gutem Grund wird die Frage aufgeworfen, ob ein solches System überhaupt kontrollierbar bleibt und nicht zur völligen Anarchie führt. Der Minister übersieht auch die besondere Art der gegenwärtigen Wirtschaftskrise. Was sollen Maßnahmen zur Produktionssteigerung, wo doch alle Welt unter dem Mangel an Absatzmöglichkeit leidet? Nicht Produktionssteigerung, sondern Produktionsregelung, das ist die Aufgabe. Für das bisherige wilde Drauflosfabrizieren ist kein Bedarf mehr vorhanden. Es sei denn, daß ein neuer Columbus einen neuen Kontinent mit einigen zwanzig Millionen von völlig unbekleideten Einwohnern entdeckte, auf die sich der Gewerbefleiß der industrialisierten Welt mit frischer Vehemenz stürzen könnte. Wo soll aber sonst eine Konjunktur herkommen? Die Regierung Brüning wird von bürgerlichen Kräften getragen, die ständig über die angebliche Rentensucht der Arbeiterschaft zetern und die Arbeitslosenversicherung als subventionistisch ablehnen. So wäre die Regierung also so weit, daß sie keinen andern Ausweg mehr weiß als die Subventionierung von Unternehmergruppen, was doch auch nur eine Verlagerung der Subventionen von der Arbeitnehmer- auf die Arbeitgeberseite bedeuten würde. Auch innerhalb der Spannweite kapitalistischen Denkens müßte ein solches Unterfangen allzu primitiv erscheinen, als ein Augenblicksmittelchen ohne Verständnis für ökonomische Zirkulationsgesetze. Was Brüning durch seinen Finanzminister als Lösung verkünden läßt, ist im Grunde nicht mehr als die Übertragung des Systems der Ruhrgelder aus dem Politischen ins Wirtschaftliche. Die Gewerkschaften haben vor einiger Zeit unter heroischer Resignation einen Plan zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit vorgelegt. Auch die vierzigstündige Arbeitswoche ist nur eine Zwischenlösung, ein Behelf, aber weit diskutabler als alles, was die Regierung bisher produziert hat. Deshalb haben sich auch die Regierungsstellen recht frostig verhalten, und das Gewerkschaftsprojekt keiner eingehenden Würdigung wert befunden. Heute brennt es den Gewerkschaften unter den Nägeln, und es ist fraglich, ob sie noch lange eine Plattform vertreten wollen, die für die Arbeiterschaft neue Entsagung bedeutet. Die rote Opposition im Ruhrgebiet hat augenfällig gemacht, daß die überlieferte Disziplin der Arbeiter desperaten Stimmungen zu weichen beginnt. Lohnabbau durch ein Hindenburgdekret – wenn das Brauch werden soll, so dürfte sich die Radikalisierung der Lohnempfänger nicht mehr aufhalten lassen, und aus wilden unorganisierten Wirtschaftskämpfen wird revolutionäre Politik. Die Gewerkschaften können also nicht lange mehr Entgegenkommen zeigen, ohne die eigne Existenz zu gefährden. Die Pläne der Reichsregierung dürften wohl schließlich nicht so roh serviert werden, wie Dietrich andeutete, aber an der Tendenz der Rettungsaktion, ein staatlich ausgehaltenes Unternehmertum zu schaffen, wird kaum viel geändert werden. Herr Dietrich, der sich gern Liberaler nennt, entwirft den vergoldeten Grabstein der freien Wirtschaft. Die Weltbühne, 13. Januar 1931 971 [Antworten] Dr. Hammer Dr. med. et phil. et jur. et med. dent. et med. vet. Hammer, qualifiziert zum preußischen Kreis- und Gerichtsarzt . »Nicht Fanatismus sondern nüchterne Erwägungen sprechen für Beibehaltung der körperlichen Züchtigung«, so beginnen Sie eine Erwiderung auf den Artikel von Bruno Frei »Der unauffällige Gummiknüppel« in Nr. 46. Unser Mitarbeiter hatte dort eine Broschüre von Ihnen – »Ärztliches zur körperlichen Züchtigung« – behandelt, worin eine sehr gediegene Theorie der Prügelstrafe enthalten ist, »ein konsequentes Ritual der Auspeitschung«. Sie schreiben also gegen Bruno Frei: »Im Aufsatz von Bruno Frei kommt der Verfasser erst jetzt zu der durchaus richtigen Erkenntnis, daß die berliner prügelfreien Anstalten zufolge ihrer Ersatzmittel rauher sind als die offen die Prügelstrafe anwendenden Anstalten. Dabei kann sich der Verfasser nicht enthalten, mich, der ich seit Jahrzehnten diese selbe Erkenntnis habe und verbreite, einen Prügelfanatiker zu nennen und meine Empfehlungen als Auswüchse einer Psychopathenphantasie zu geißeln. Ich habe vor einem Vierteljahrhundert ein Lehrbuch für Mädchennacherziehungsanstalten geschrieben, das in zweihundert Anstalten Eingang fand und von der gesamten Presse einschließlich der sozialdemokratischen belobt wurde. Nichts habe ich empfohlen, was ich nicht aus eigner Anschauung kannte, und gewarnt habe ich dringendst vor allen Ausschweifungen, sowohl denen der Prügelanhänger wie denen der Prügelgegner. Leider habe ich in prügelgegnerischen Anstalten, die alle Arten Zöglinge aufnahmen und nicht eine Auswahl trafen, ausschließlich derart trostlose Zustände gesehen, daß ich sie nicht empfehlen konnte. So behandelte die frankfurter Psychopathenstation (Leiter Professor Sioli, Frankfurt am Main, Oberarzt Dr. Waßmuth) einen Knaben im halbwüchsigen Alter wegen Wandertriebs mit einjähriger Bettruhe, das heißt also mit Verlust eines ganzen Jahres und Anleitung zur ausschweifenden Selbstbefleckung. Die Anstalt empfahl sich als Musteranstalt zum Besuch von Kongreßteilnehmern. In andern Anstalten wurden Dauerbäder bis zum Entstehen von Pilzeiterungen in der Haut und Ohreneiterungen Wochen hindurch verabfolgt. In noch andern Anstalten entarteten die Zöglinge in so weitgehendem Maße gleichgeschlechtlich zufolge grundsätzlicher Nichtzüchtigung, daß ich eine eigne Tochter, wenn sie entgleisen sollte, diesen prügelfreien Anstalten keinesfalls anvertrauen würde. Ein neuer Leiter einer bis dahin prügelnden Knabenanstalt entließ etwa zehn vom Hundert der Zöglinge in eine Irrenanstalt und schränkte dadurch die körperliche Züchtigung stark ein beim Reste der Zöglinge, wohl gemerkt, beim übrig gebliebenen Reste. Andrerseits ist selbstverständlich die Prügelstrafe nicht die Hauptsache in der Erziehung, sondern gutes Beispiel, Liebe und Furcht müssen zusammenwirken und das gute Beispiel ist das beste dieser drei Mittel einer guten Erziehung. Allein mit Hilfe der Prügelstrafe kann man den Anstaltsaufenthalt, der an sich eine sehr große Gefahr darstellt, wesentlich kürzen, und solange die Rauhigkeiten der Prügelgegner härter sind als diejenigen der Prügelanhänger, muß ich als nüchtern abwägender Mensch zwar die Ausschreitungen der Prügelanhänger bekämpfen, nicht aber die Prügelstrafe als solche. Als ich begann, die zweite Auflage meines Lehrbuchs drucken zu lassen, wandte ich mich an das preußische Ministerium mit der Bitte, mir prügelfreie Musteranstalten für Mädchen zu nennen. Der Herr Minister verzichtete hierauf. Wenn mir von irgendwelcher Seite prügelfreie Anstalten genannt werden, die alle Zöglinge aufnehmen und milder sind als die prügelnden Anstalten, dann bin ich gern bereit, deren Verfahren zu prüfen, und wenn es sich als milder und in den Erfolgen gleichwertig dem Prügelverfahren herausstellt, zu empfehlen. Dasselbe gilt von all den Fällen, in denen ich das Schlagen als ärztliche Behandlung nicht unempfohlen lassen kann, solange es derart augenfällige Erfolge zeitigt, wie ich sie in einem Teile der Fälle von Bettnässen oder von Schmerzlüsternheit oder von Weißfluß oder andern Leiden beobachtet habe, Erfolge, die in ähnlicher Weise nur noch von einem andern Mittel zu beobachten waren, nämlich der Vorhautbeschneidung nach jüdischer Art. Grade daraus, daß ich auch diese Beschneidung mitempfohlen habe in geeigneten Fällen, mußte Bruno Frei annehmen, daß ich alles andre eher bin als ein Fanatiker. Ich habe nur die Erkenntnis der bewußten Heuchelei eines großen Teils der sogenannten Prügelgegner ein Vierteljahrhundert vor Erscheinen des Gummiknüppelaufsatzes und früher gehabt, und mich zu meinen Erfahrungen bekannt.« Wenn ich ein besserer Mensch wäre, als ich bin, so hätte ich dem Herrn Einsender dringend abgeraten, auf der Veröffentlichung dieser Zuschrift zu bestehen. Ich fand es aber nützlich, daß sich hier einmal der Verfasser eines in zweihundert Anstalten gebrauchten Handbuches über Zwangserziehung selbst produziert. Man wird sich danach über die in diesen Anstalten beliebten Methoden nicht mehr wundern. Ich weiß nicht, ob Sie, verehrter Herr Doktor, jemals als praktischer Arzt gearbeitet haben, aber ich möchte doch Zweifel darüber ausdrücken, ob Sie auch Ihren Privatpatienten gegen körperliche Leiden Prügel verordnet haben. In Ihrer wissenschaftlichen Garderobe hängen fünf Doktorhüte. Bitte, wählen Sie zu Ihrer weitern Betätigung den, der mit der Behandlung von Mensch und Tier nichts zu tun hat. Es wird für alle Beteiligten am besten sein. Die Weltbühne, 13. Januar 1931 972 Zur Reichsgründungsfeier Wir haben wieder einen Nationalfeiertag bekommen, von dem die Republik nichts weiß. Die Verfassungsfeiern wickeln sich Jahr für Jahr in dürrer Schematik ab, der 9. November ist für die Patrioten ein Tag der Schande. Jetzt haben die Offiziellen endlich etwas gefunden, das ihre Hemdbrüste wogen läßt: den 18. Januar, den Tag, an dem Bismarck als Verwirklicher der kleindeutschen Pläne für die preußische Dynastie von Deutschland Besitz ergriff. Ein strammer Borusse, der Fürstenanwalt Everling, beklagt in einem Zeitungsartikel, daß Preußen am Reiche zerbrochen sei. Nun, so schlimm wars nicht. Vielmehr hätten diejenigen, welche vorgeben, die großdeutsche Idee zu vertreten, Veranlassung, am 18. Januar auf Halbmast zu flaggen. Denn damals wurde das Werk von Sadowa vollendet, der preußische Raubstaat triumphierte über Deutschland, damals wurde die deutsche Nation für immer zerrissen. Im ersten Versailles, nicht im zweiten von 1919, sind einige jener Minoritätenfragen entstanden, derentwillen deutsche Nationalisten von Heute Europa am liebsten mit Krieg überziehen möchten. Unmittelbar nach dem Zusammenbruch schrieb jener alldeutsche Pamphletist, der sich Junius alter nennt, eine Broschüre mit dem Titel: »Das deutsche Reich – eine historische Episode?« Zieht man das Fragezeichen ab, so hat der Mann ganz und gar recht: Bismarcks Reich ist wirklich nur eine historische Episode gewesen. Zurückgeblieben ist ein ins Elend geworfenes Volk, dem der schnell vorübergerauschte Glanz und Schall des Kaisertums den Verstand verwirrt hat, das nicht mehr weiß, was es will und dem nur ziemlich klar ist, daß es mit der demokratischen Republik nichts anfangen kann. Stünde die Vernunft höher im Preis, so müßte man wenigstens zugeben, daß die Republik von Weimar, so unzulänglich ihre Praxis auch gewesen sein mag, doch einen Willen zur Form aufweist, während Bismarcks Fürstenbund eine welthistorische Monstrosität war, ein staatsrechtliches Kuriosum, das sich nur durch Diktatur im Innern und durch eine geniale Außenpolitik helfen konnte. Die Epoche Bismarcks war die der Industrialisierung, des ökonomischen Aufschwungs. Statt der politischen Freiheit, für die der Bürger noch zwanzig Jahre vorher auf die Barrikade gegangen war, bekam er die geschäftliche Prosperität. Vielleicht ist das der Grund, weshalb das Bürgertum heute so inbrünstig die Reichsgründung feiert. Denn das war sein Reich; wenn ihm auch der Staat eine Kröte nach der andern zu schlucken gab, so verdiente er doch sein gutes Geld dabei, so regierte er zwar nicht im Lande, wohl aber im Geschäft, in der Fabrik, in der Familie. Kein kulturelles Band verknüpft uns mehr mit 1870 oder 1880. In dieser Zeit des höchsten politischen Glanzes waren Geist und Künste in die faulsten und fettesten Niederungen versunken. Was diese Jahre überdauert hat und noch zu uns spricht, hielt wenig von Bismarck und seinem Reich. Anton von Werners naturgetreue Uniformlitzen, die abscheulichen Klapperverse hochgemuter Poeten, der bunte Trompeter von Säckingen auf der Barttasse – das sind so die Reliquien aus dieser glorreichen Zeit. Am Beginn des zweiten deutschen Kaiserreiches steht der furchtbar schneidende Protest von Nietzsches »Unzeitgemäßen Betrachtungen«, an seinem Ende Heinrich Manns »Untertan«. Heute ist das Bürgertum wirtschaftlich ruiniert. Der selbstbewußte Besitzer von einst wankt verzweifelnd zwischen leerem Tresor und Gashahn. Das Geschäft ist überschuldet, und da, wo er zu herrschen gewohnt war, in der Familie, ist er quantité néligeable. Die Söhne verdienen – so weit sie verdienen – ohne sich um antiquierte Vorurteile zu kümmern; die Töchter bringen ihre Liebhaber mit nach Haus. So ist es wohl begreiflich, warum die Altern sich nach Zeitläuften zurücksehnen, wo sie noch etwas bedeuteten, wo sie Herren- und Besitzergefühlen nachgehen durften, Zucht und Sitte die Untergebenen, zu denen auch Frau und Kind zählten, in Unmündigkeit hielt. Warum aber die junge Generation, warum die Jahrgänge 1900 bis 1910 diesen Kult der Vergangenheit mitmachen, das mag der Teufel wissen. Kein junger Mensch von Heute wäre mehr imstande, sich mit dem alten Obrigkeitsstaat und mit seiner in die privatesten Dinge reichenden Autorität ohne den leidenschaftlichsten Widerstand abzufinden. Den patriotischen Verehrern der Kasernenpflicht sei es gesagt: – wenn heute Zwanzigjährige wie früher alten Drillunteroffizieren ausgeliefert werden sollten, sie würden am ersten Tage alles in Klump schlagen. Gegen schikanöse Finanzämter auf dem flachen Lande werden von aufgeregten Bauern Bombenanschläge unternommen – sagen wir ruhig: unter der schadenfrohen Genugtuung von mindestens 80 Prozent aller Deutschen. Vergleiche man das mit der politischen Kirchhofsruhe vor ein paar Jahrzehnten. Deutschland hat sich in höherm Maße republikanisiert, als die Freunde der Vergangenheit wissen, als den Republikanern selbst angenehm ist. Deren untilgbare Schuld lag in ihrer Zagheit, in ihrem Mangel an Führung im ersten republikanischen Jahrzehnt. Sie glaubten, die neue Zeit immer nur in vorsichtiger Dosierung verabfolgen zu können, sie zogen die Trennungsstriche nicht scharf genug und anstatt sich als die Bahnbrecher einer andern Ära, als die Stürzer des Bismarckschen Reichs zu rühmen, gaben sie vor, dessen Ablösung, dessen Vollendung zu sein. So stehen sie in traurigem Zwielicht da, nicht hierhin, nicht dorthin gehörig. Aus alten Legenden und neuem Unsinn bereitete sich Deutschland eine neue verrückte Mixtur. Bismarck war trotz alledem eine Jahrhundertgestalt, Wilhelm II. – nun, ein nicht unbegabter Jahrmarktkünstler – wer aber ist Adolf Hitler? Wie groß muß die geistige Versumpfung eines Volkes sein, das in diesem albernen Poltron einen Führer sieht, also eine Persönlichkeit, der nachzueifern wäre! Wie groß muß die psychologische Unfähigkeit dieses Volkes sein, sein mangelnder Instinkt für Echtheit und Falsifikate! Nun, Hitler wird niemals das Dritte Reich verkünden, Hitler wird untergehen, aber mit ihm jene erste republikanische Generation, die ihn mit ihren Fehlern und Unterlassungssünden, mit ihrem beduselten Optimismus gradezu gezüchtet hat. Zu den vielen Unfaßbarkeiten des republikanischen Regimes gehört die offizielle Begehung eines nicht mehr als dynastischen Vorfalls, wie es die Reichsgründung gewesen ist. Am 18. Januar 1871 soll die deutsche Einheit vollendet worden sein? An diesem Tage ist sie durch die Begründung des kleindeutschen Kaisertums der Hohenzollern für immer gesprengt worden. Als Wilhelm Liebknecht 1870 die Kriegskredite ablehnte und später das Bismarcksche Reich bekämpfte, da war diese Haltung weniger aus sozialistischer Doktrin zu erklären, denn aus großdeutscher und schwarzrotgoldener Erinnerung, aus der Tradition eines kombattanten Achtundvierzigers. Wer heute beklagt, daß so viele Deutsche außerhalb des Reichs leben, der mag die gefräßige und engherzige Hauspolitik der Hohenzollern dafür schuldig sprechen. Niemals wieder wird es eine einheitliche deutsche Nation geben. Wenn einmal der große Schlußkampf zwischen Kapital und Arbeit ausgefochten wird, dann werden zwar die Grenzsteine wieder wanken, aber dann werden Klassen gegeneinanderstehen, und nicht mehr Nationen. Sie mögen ihr Reich feiern, die Fragmente der ehemaligen Herrenkaste, die Militärs, die hohe Bureaukratie, die Besitzer von Geld, Land und Menschen. Die Republik hat damit nichts zu tun. Die Republik nennt diese amtliche Feierei Verrat an ihrem Geist, unverzeihliche Konzession an ihre monarchistischen und fascistischen Feinde. Denn die Republik ist geschaffen und gehalten worden von jenen, auf die das Kaiserreich seine Gendarmen und sein Sozialistengesetz hetzte. Solange die Reste dieser Epoche nicht getilgt sind, begeht der neue Staat ein Verbrechen an seiner Existenz, das anzubeten, was noch nicht verbrannt ist. Erst vor der Aschenurne des zweiten deutschen Kaiserreichs mögen alte Leute ihre Trauerzeremonien abhalten, junge Menschen in Pietät den Hut lüften. Noch läuft zu viel von dem Unwesen der Kaiserzeit lebendig herum, als daß es erlaubt wäre, sie als verehrungswürdige Vergangenheit zu behandeln. Streng genommen fällt diese ganze Festivität unter das Republikschutzgesetz, diese Republik müßte sich beim Vierten Strafsenat selbst denunzieren. Die Weltbühne, 20. Januar 1931 973 Professor Gumbel Jetzt sind Sie, lieber Herr Doktor Gumbel, wieder Gegenstand roher und dummer Anwürfe geworden. Ihretwegen schnitten heidelberger Studenten die Reichsgründungsfeier, nachher gabs wilde Reden und Krawall auf der Straße. Das geht so seit mehr als zehn Jahren, seit jener denkwürdigen Versammlung in der Aula am Savignyplatz, wo eindringende Baltikumer Hellmut von Gerlach mit ihren Kommißstiefeln traten. Damals wichen Sie als Vorsitzender nicht von Ihrem Platze, Sie blieben ruhig stehen, die Glocke schwingend, noch als Ihnen das Blut von den Hieben der jungen Vaterlandsretter übers Gesicht rieselte. La séance continue. Seitdem sind viele Jahre vergangen, und seitdem hat, wo Sie auch auftraten, immer irgend jemand gegen Sie protestiert. Ihre Gelehrtenlaufbahn ist von den Protesten von Kollegen und Studierenden begleitet. Alle Augenblicke wird in Heidelberg »gegen Gumbel protestiert«. Was Sie fürchterliches tun, wird dabei nicht recht klar. Sie sind da, und dagegen verwahrt man sich – als Deutscher und Mensch. Von Berlin gesehen, wirkt diese Protestiererei reichlich schwachsinnig. Seit manchen Jahren sind Sie als politischer Publizist recht still geworden. Man findet Sie weder bei uns mehr noch an andrer Stelle. So tischt man immer jenes fatale Wort auf, das Ihnen einmal in einer improvisierten Versammlungsrede entfahren ist, das Wort vom »Feld der Unehre«. Welch gutes Gedächtnis bei einem sonst so vergeßlichen Volke. Was ist seit 1918 nicht von roten und weißen Tribünen gezetert worden, ohne daß es das weitere Fortkommen der Herren Redner behindert hätte. Und hat nicht ein heute sehr hochstehender Herr das Volksempfinden einmal aufs Ärgste verletzt, indem er den Krieg als Badekur bezeichnete, und hat nicht dieser selbe Herr zuerst das Wort vom Dolchstoß gebraucht, das Deutschland dann in zwei Lager zerreißen sollte? Andre haben böseres gesagt als Sie, es hat keiner Karriere etwas geschadet, hat keinen gehindert, Liebling der Nation und Wonne des Vaterlandes zu werden. Nur Ihnen, Herr Doktor Gumbel, schenkt man nichts. Es ist auch nicht bekannt geworden, daß Sie jemals Ihren Lehrstuhl zu politischen Meinungsäußerungen mißbraucht hätten, wie es so manche Ihrer Kollegen tun. Sie haben einen Lehrauftrag für Mathematik inne, und diese Wissenschaft bietet auch nicht so günstige Gelegenheit dazu. Der Volkswirtschaftler, der Historiker oder Theologe hat es viel leichter, seinen privaten politischen Gallimatthias als wissenschaftliche Axiomatik aufgetakelt vorzutragen. Doch Sie als Sozialist, Republikaner und Friedensfreund, haben niemals eine Messerspitze Marx in algebraische Formeln gemengt, während es doch ein hervorragender Mediziner am Seziertisch fertiggebracht hat, einigermaßen hitlerische Rassentheorien zu entwickeln. So reserviert Sie sich auch verhalten und so konsequent Sie auch dem Tageskampf fernbleiben mögen, Ihre Chronik der politischen Morde in der ersten deutschen Republik wird Ihnen weder vergessen noch verziehen. Diese undankbare und gefährliche Aufgabe, die finstersten Ecken des neuen Deutschlands abzuleuchten, haben Sie mit ebensoviel Scharfsinn wie Gewissenhaftigkeit erfüllt. Sie haben sich nicht herangedrängt, aber die Andern, die viel Robustern, die patentierten Republikretter, blieben aus. So mußten Sie, der fein organisierte Gelehrte, einspringen, und weil Sie viel Schlamm fortschaffen mußten, deshalb findet man heute Ihren Geruch nicht gut. Deshalb wird auch von gewissen Herrschaften links immer so von Ihnen gesprochen, als ob Sie etwas ganz Furchtbares ausgefressen hätten, worüber man in Ihrem eignen Interesse am besten nicht redet. Das kam noch neulich in einer Zuschrift eines heidelberger Studenten an eine berliner Demozeitung so nett heraus. Den jungen Mann empörten die Treibereien gegen Sie, aber zwischen den Zeilen war doch zu lesen, daß Ihre Anwesenheit in Heidelberg im Grunde schwer zu ertragen sei. So geht es Ihnen: wo man gegen Sie nicht laut protestiert, mißbilligt man Sie im Stillen – Republikaner, Sozialist, Friedensfreund, dreifach Gezeichneter. Der badische Unterrichtsminister hat allerdings für die Manifestationen der Herren Studenten kein Verständnis gehabt, er hat deren Radauausschuß kurzerhand aufgelöst. Es ist erfreulich, daß zu den Fällen Valentin, Nicolai und Lessing nicht noch ein Fall Gumbel kommt. Das war eine kraftvolle ministerielle Geste, wie sie in Deutschland selten geworden ist. Aber Ihren heidelberger Alltag mag das auch nicht heiterer stimmen. Wenn auch die Proteste gegen Sie, wie gesagt, von Berlin gesehen, etwas schwachsinnig wirken, es muß viel Charakter dazu gehören, dieses Leben als Schandfleck einer kleinen Universitätsstadt zu ertragen. Im Grunde ist es nicht anders als damals bei dem Tumult in der charlottenburger Schulaula – Sie stehen auf Ihrem Platz, Sie tun Ihre Pflicht. La séance continue. Die Weltbühne, 27. Januar 1931 974 [Antworten] Berta Kuczynski Sie schreiben an den neuen Nobelpreisträger Sinclair Lewis: »Es ist so selten, daß die Bekanntschaft mit dem Schöpfer der Werke, die man liebt, keine Enttäuschung ist. Es war keine Enttäuschung, als ich Sie im Winter 1928 bei einer dinner party zu Sechsen in Washington schöner Sechzehnter Straße kennen lernen durfte. Und so war es jetzt eine freudige Sensation, Ihre helle, schnelle Stimme am berliner Radio zu hören. Kurz vor der letzten Welle wurden Sie gefragt, was Sie tun würden, wenn Ihr Land in den Krieg ginge: ›Right or wrong, my country, ich würde kämpfen‹, antworteten Sie, der Nobelpreisträger! Sinclair Lewis, Millionen von Hörern hatten auf Ihre Antwort gewartet, auf die Antwort eines Mannes, der die Psychologie des Krieges kennt, seine wahren Hintergründe, Millionen arm an Urteilskraft, ungeübt in der Kunst logischer Beweisführung. Welche Gelegenheit, diese willige Zuhörerschaft zu belehren, zum Beispiel in dem Sinne, daß Loyalty, die Sie selbst so hoch werten, etwas Großes sei, daß es aber eine höhere Loyalty gibt, als die zu seinem Lande, wenn sie befiehlt zu morden oder sich morden zu lassen. Sinclair Lewis, großer Psychologe, unbestechlicher Kritiker Ihrer Zeit, Ihres Landes, Ihrer Mitmenschen, der ihre Verlogenheit aufdeckt, geißelt, der Echtheit und innere Freiheit über alles stellt – gibt es wirklich eine von Menschen geschaffene Möglichkeit, die Ihre Objektivität in Ketten legt, die Ihr Unterscheidungsvermögen von right or wrong tötet, die Sie nicht nur stumm macht, sondern aktiv mitschuldig am größten Unrecht, am furchtbarsten Verbrechen?« Ich möchte dazu folgendes bemerken, da mir Ihre Auffassung, gnädige Frau, in einer Reihe von Unterhaltungen bekannt geworden ist. Verhehlen möchte ich nicht, daß mir diese Art, die Antwort von Sinclair Lewis zu beurteilen, anfechtbar erscheint. Ich finde es nämlich ganz gleichgültig, ob Lewis richtig oder unrichtig, mutig oder kompromißlerisch geantwortet hat. Der vom Rundfunk bestellte Interviewer hatte nicht das mindeste Recht, eine so heikle Frage an den Angehörigen eines andern Landes zu stellen, der zu Hause, wie allgemein bekannt ist, sich in einer recht angefochtenen Stellung befindet und der von der öffentlichen Meinung seines Landes ohnehin als politischer und literarischer Ketzer betrachtet wird. Der Nobelpreis hat darin keine Änderung geschaffen, im Gegenteil, Babbitt fühlt sich beleidigt, daß die Auszeichnung an einen so Unwürdigen gefallen ist, anstatt an einen seiner erklärten Lieblinge. Ich halte diese Frage des Interviewers für völlig taktlos. Denn hier zu Lande wachsen die Friedenspalmen ja auch nicht grade zum Himmel, und es ist reichlich unangenehm, wenn ein notabler Ausländer, der zu Haus von seinen Hundertprozentigen verfemt wird, hier als Gast eine so törichte Katechisierung ertragen muß. Ist denn der Herr Ausfrager ein Repräsentant der Friedensbewegung, daß er befugt wäre, so schrecklich dogmatisch die Gretchenfrage zu stellen, wie man es mit der Religion respektive mit dem Vaterlande halte? Nein, er ist ein xbeliebiger Journalist, der in diesen Dingen ganz und gar nicht festgelegt ist. Sinclair Lewis war im Recht, eine so unmögliche Frage so zu beantworten, daß ihm zu Haus daraus kein Strick gedreht werden kann. Das habe ich zu seiner Verteidigung zu sagen. Die Weltbühne, 27. Januar 1931 975 Brutus schläft Adolf Hitlers Sorgen sind nicht die unsrigen. Wenn Hitler sich festgelaufen hat, ist es nicht andrer Sache, ihm wieder auf die Strümpfe zu helfen. Dennoch ist die gegenwärtige Situation einer Sonderbetrachtung wert, denn zum ersten Mal seit langem arbeitet der Nationalsozialismus ohne Glück, genauer: er arbeitet überhaupt nicht. Die Mehrzahl der nationalsozialistischen Kapitäne sind wildgewordene Skatbrüder, denen der republikanische Staat ihren Weg sehr erleichtert. In der fertigen Schablone des alten Klassenstaates mit der dynastischen Spitze darüber, hätte der Ehrgeiz der Kube, Stöhr etcetera nicht weiter als bis zum etatmäßigen Feldwebel gereicht. Der weimarer Staat, der zwar nicht die wirtschaftlichen, wohl aber die politischen Schranken niedergelegt hat, schafft dem Tüchtigen, dem Versammlungsmatador freie Bahn. Es gibt Mandate, Ämter, Pöstchen, und wer nichts abbekommt, wird noch immer Gläubige finden, die ihm abnehmen, der Führer im alten, echten germanischen Sinne zu sein, ohne Diplom und Bestallung, doch zu dem richtigen Platz von seinem Genius berufen. Die Nationalsozialisten haben am 14. September gezeigt, daß ein Rudel von Faselhänsen und Halbverrückten, hinter denen allerdings große Kapitalsmacht steht, ein paar Millionen deutscher Volksgenossen an ihr Phrasenbanner heften können. Den andern Beweis, was mit einem solchen Erfolge praktisch anzufangen ist, den haben sie bisher nicht erbracht. Hitler hat viele Monate verloren, er hat eine Zeit untätig verbraucht, die ihm keine Ewigkeit wieder zurückbringen wird. Diesen 15. September mit dem Zittern der Besiegten und der amtlichen Ratlosigkeit wird ihm keine Macht der Welt mehr wiedergeben. Damals war die Stunde für den deutschen Duce da, legal oder illegal, wer fragte danach? Aber dieser deutsche Duce ist eine feige, verweichlichte Pyjamaexistenz, ein schnell feist gewordener Kleinbürgerrebell, der sichs wohlsein läßt und nur sehr langsam begreift, wenn ihn das Schicksal samt seinen Lorbeeren in beizenden Essig legt. Dieser Trommler haut nur in der Etappe aufs Kalbfell. Mag auch Joseph Michael Goebbels dreimal wöchentlich in den berliner Tanzpalästen seine Exhibitionen vollführen, das Haupt der Verschwörergemeinde glänzt durch Abwesenheit. Brutus schläft. Wir schrieben an dieser Stelle in der Wahlnacht: »Hitler muß mitregieren oder putschen.« Eine Bewegungspartei muß es bleiben, und sie bleibt es nicht dadurch, daß sie ihr kleines Kroppzeug sich im Rinnstein balgen läßt, während die großen Herren es sich auf dem Kanapee gemütlich machen. Wer so viel versprochen hat wie Hitler, muß viel halten oder wenigstens viel unternehmen. Statt dessen hat er die Parole: Legalität! ausgegeben – eine Parole, die nur von einer streng geschlossenen revolutionären Partei, geführt von eisernen, zielbewußten Menschen, ohne Schaden befolgt werden kann, nicht von einem bunten Haufen, von dem jeder Einzelne Belobung für seine Tapferkeit oder auch nur für seinen Stimmzettel erwartet. Die vielen Reichstags- und Landtagsmandate sind doch nur erste Sättigung für Bevorzugte. Wo bleiben die ungezählten Andern, die auf Amt und Titel, vor allem auf Geld warten? Wäre die Nationalsozialistische Partei eine richtige Arbeiterpartei, so dürfte sie sich diese Säumigkeit eher gestatten. Denn der deutsche Arbeiter, das wissen wir, behält auch in ärgster Not seine von Gott oder vom Teufel gesegnete Geduld. Aber das Gros der Nazis wird von dem schnell absinkenden Bürgertum gestellt, das keine Zeit mehr hat. Für ein paar bleiche Schwärmer der Bewegung mag das Dritte Reich die endliche Verwirklichung krauser Utopien sein, für die Masse der Anhängerschaft bedeutet es das Mittagessen im kommenden Monat, den lange fälligen neuen Anzug. Brutus muß sich beeilen. Nach den Demonstrationen gegen den Remarque-Film sind auch die von der andern Seite wieder munterer geworden. Von Kommunisten und Reichsbannerleuten sind in Berlin und an andern Orten zum erstenmal seit langer Zeit nationalsozialistische Veranstaltungen gesprengt worden. Die Nationalsozialisten sind in letzter Zeit wiederholt dort geschlagen worden, wo sie zu Haus sind: auf der Straße. Ihre Terrorherrschaft ist nicht mehr unangefochten. Und Brutus schläft. Auch auf parlamentarischem Felde haben die Nationalsozialisten keinen Siegespreis errungen. Ihre Tätigkeit beschränkte sich im Plenum auf unqualifizierbare Brüllereien, in den Ausschüssen auf Sprengungen. Das deutsche Reichsparlament ist keine Auslese der Besten und Geistigsten; dennoch haben die Naziabgeordneten wiederholt erwiesen, daß sie tief unter dem Niveau des Durchschnittsdeputierten stehen, sie müssen demonstrieren, weil sie sonst nichts zu bieten haben. Ihre Kraftpose entspringt der Hilflosigkeit. Nicht einmal der Offensivplan gegen Preußen will fertig werden; Hitler kann sich mit Hugenberg und Seldte nicht über gemeinsames Vorgehen verständigen. Nachdem also der Nationalsozialismus gezeigt hat, daß seine schwersten Hemmungen in ihm selbst enthalten sind, zeigen sich auch auf den Ruinen der bürgerlichen Parteien wieder ein paar Hoffnungsfähnchen. Die Herren Kaas und Dingeldey haben Hitler, in verschiedener Tonstärke, Vorhaltungen gemacht, und schließlich hat der Reichskanzler selbst ein paar gute Worte für die Demokratie, ein paar strenge Worte gegen die Nationalsozialisten und gegen die ihnen verbündete Schwerindustrie gefunden. In der Gegend, wo sich, nach einwandfreien Zeugenaussagen, früher die Demopartei befunden haben soll, wird einiger Triumph über die schwarzrotgoldene Renaissance des Reichskanzlers laut. Vor der Konsequenz der wirtschaftspolitischen Tatsachen ist es ziemlich gleichgültig, ob Herr Brüning eine ernsthafte Wandlung vollzogen oder nur eine taktische Schwenkung vorgenommen hat. Wenn er die Demokratie vor ihren Gegnern retten, wenn er der Anmaßung der Schwerindustrie sein Paroli entgegensetzen wollte, so hat er dazu im Wahlkampf die beste Gelegenheit gehabt, und die hat er versäumt. Der ganze Wahlkampf der bürgerlichen Parteien aber ging gegen eine demokratische Innenpolitik und gegen eine versöhnliche Außenpolitik stresemannscher Überlieferung. Mehr Macht dem Reichspräsidenten! Verfassungsänderung! Abbau der Sozialpolitik! Starke Außenpolitik! Aufrüstung! Kolonien! Korridor! Das waren so die hauptsächlichsten bürgerlichen Schlagworte des letzten Wahlkampfes. Der Reichskanzler hat es peinlichst vermieden, seine eigne Stellung dazu zu präzisieren, er hat zu allen Aufforderungen geschwiegen. Er hat zu den treviranischen Hetzreden geschwiegen, er ist nicht von dem damals noch bei Hindenburg in Gunst stehenden Kabinettsminister Schiele abgerückt, der sich dahin geäußert hatte, daß es am besten wäre, »das ganze System zum Teufel zu jagen«. Unter den Augen des schweigenden Reichskanzlers vollzog sich der wüsteste Wahlkampf gegen die Republik; unter seinen Augen wurde die Demokratie geknebelt durch die Gossen geschleift. Wenn Herr Brüning sich heute schützend vor sie stellt, so bleibt nichts übrig, als zu sagen, daß das entweder reichlich spät geschieht oder daß er sie wirklich für mausetot hält und ihr wenigstens die Ehrensalve über dem Grabe nicht verwehrt. Unter diesem Reichskanzler ist der Schwerpunkt der Politik nach rechts gelegt worden. Er ist der Kanzler mit dem Artikel 48, der Zerstörer der bürgerlichen Mitte. Auch wenn der offene Fascismus nicht kommt, so wird doch eine Reaktion den Platz behaupten, die sich von ihm nur in Äußerm unterscheidet, und der Reichskanzler Brüning war ihr Wegbereiter. Nichts kann uns dazu bewegen, den gegenwärtigen Streit zwischen Nazis und Zentrum anders zu beurteilen als den von ein paar Geschäftsleuten, die sich einstweilen nicht einigen können. Kurz vor der östlichen Tournee des Reichskanzlers war der Pakt so ziemlich fertig. Die Sache zerschlug sich, weil Hitler zu viel Ministersitze forderte. Ein Konflikt um den Anteil, nicht ums Prinzip. Dann klangen dem Reichskanzler die Pfiffe von Königsberg bis Gleiwitz unangenehm in den Ohren, die präparierten vaterländischen Reden blieben in der Kehle stecken. Statt dessen kam die Drohung mit großen Enthüllungen, was vom ›Völkischen Beobachter‹ sofort mit einer Gegendrohung pariert wurde. Keiner von beiden hat bis zur Stunde seine Enthüllungen aufgetischt. Sie könnten auch nicht mehr enthüllen, als daß sie zum Zusammengehen bereit waren. Was heute noch nicht klappen wollte, kann morgen gelingen. Da ist noch immer der redliche Seeckt, trotz der von Goebbels besorgten groben Abfuhr, nach wie vor bereit, sich seine Provision als Schadchen zu verdienen. Da sind noch immer die unsichern Kantonisten der Deutschen Volkspartei, die mit ihrem Bedürfnis, sich von der Regierungsverantwortung zu distanzieren, einmal ganz plötzlich ein unheilbares parlamentarisches Malheur anrichten und das Kartenhaus Brünings zum Einsturz bringen können. Und da ist schließlich der Reichspräsident selbst, der von der Clique Treviranus-Schleicher, die heute die Reichspolitik bestimmt, noch immer in einem günstigen Augenblick bewogen werden kann, wie der alte Attinghausen segnend die Hände zu heben: »Seid einig, einig, einig!« Nein, auf antifascistische Kräfte von oben her, ist kein Verlaß. Eine einzige Bundesgenossin nur hat die Arbeiterschaft, hat das verteidigungsgewillte Republikanertum überhaupt: das ist die Unfähigkeit Hitlers, einem Zufallssieg mit oder ohne Gewalt Form und Dauer zu verleihen. Die Weltbühne, 3. Februar 1931 976 D'Ormessons Vorschlag Der französische Publizist Graf Wladimir d'Ormesson veröffentlicht ein aufsehenerregendes Projekt zur bessern Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich. Wir dürfen annehmen, daß es sich bei diesem Schritt d'Ormessons nicht um sein Privatvergnügen handelt sondern um einen vom Quai d'Orsay mindestens gebilligten Akt. D'Ormesson, früher Leitartikler des ›Temps‹, hat als politischer Schriftsteller in der Locarnoperiode eine Rolle gespielt. Später, als andre Strömungen wieder zunahmen, schrieb er zur Fortführung der alten Linie sein bekanntes Buch »Vertrauen zu Deutschland?«, das 1928 in Paris einen Preis für politische Literatur erhielt und auch deutsch erschienen ist. Wladimir d'Ormesson, der in Frankreich viel für eine gemäßigtere Beurteilung Deutschlands getan hat, ist keiner von der Linken. Kein germanophiler Eingänger wie Fabre-Luce, auch kein Partisan der Liga für Menschenrechte, deren Pazifismus ja viel mehr aus antimilitaristischer und antiklerikaler Tradition rührt als aus klar durchdachten Prinzipien. So ist auch das Vertrauen zu Deutschland, um das d'Ormesson in seinem Buche wirbt, durch ein Fragezeichen eingeschränkt. Dieser Franzose ist ein vorsichtiger Mann, der nicht gleich mit allem und jedem fraternisiert, es muß hübsch langsam gehen, nur nicht zu viel auf einmal. D'Ormesson ist kein Kosmopolit, kein Radikaler, sondern ein Mann der großen Bourgeoisie; er glaubt felsenfest an die bestehende Weltordnung und ihre Wirtschaftsmächte, unterscheidet sich allerdings von andern seiner Schicht dadurch, daß er Krieg und Völkermorden nicht als einen wünschenswerten Zustand preist und Ausgleich schon unter den heutigen Verhältnissen für möglich hält. Kein kühner, aber ein nüchterner Kopf, den man nicht mit den paneuropäischen Zuckerbäckern vergleichen kann. In seinem Buch appelliert er vornehmlich an die französischen Patrioten, sich doch mit den deutschen Patrioten zu vertragen. Er bleibt also allem Internationalismus sehr fern, und es fehlt ihm auch nicht an Gefühl für die schwierige Stellung der deutschen Patrioten. »Da ich selbst Konservativer bin, verstehe ich leicht die kritische Lage, in die die deutschen Konservativen seit der Einführung der Demokratie geraten sind. Ich lobe mir ihr energisches Bemühen, auch weiter an den Geschicken ihres Landes mitzuarbeiten ... Aber wenn die deutschen Konservativen auch darin recht haben, daß sie an ihrem Platz bleiben wollen, um die traditionelle Führerschicht der Nation nicht zu schwächen, so werden sie sich da doch nur halten können, wenn sie sich den Formen moderner Demokratie anpassen, Starrheit vermeiden und die Friedenspolitik mitmachen, die die Völker verlangen, weil sie leben wollen ... Das ›Vertrauen zu Deutschland‹ wird erst an dem Tage wirklich Sinn haben, an dem französische und deutsche Konservative verstehen, daß sie in ihren Anschauungen solidarisch sind und daß es der größte Fehler ist, den sie begehen können, wenn sie sich gegenseitig gegeneinander ausspielen.« Und an andrer Stelle: »Dieses halsstarrige Deutschland (das von Tirpitz), mit dem keine Möglichkeit wirklicher Verständigung besteht, müssen wir beiseite lassen. Dagegen empfiehlt es sich, mit etwas weniger ›a priori‹ gefaßten Ansichten dem ›neonationalistischen‹ Deutschland gegenüberzutreten, dem Deutschland, das zugleich konservativ und – nachdem die Republik einmal besteht – republikanisch ist.« Dieser Verständigungsfreund wendet sich also direkt an die herrschende Klasse, mit der er sich ganz solidarisch fühlt, an Hindenburg, Treviranus oder Dingeldey, an alle, die Republikaner sind, »nachdem die Republik einmal besteht«. Niemals ist den Teutonen von einem Welschen die Friedenspfeife diplomatischer überreicht worden. D'Ormesson richtet sich an das deutsche Bürgertum, er predigt ihm Klassensolidarität. Das deutsche Bürgertum ist ökonomisch zerfallen und geistig unterhöhlt; es ist hochgradig marode. Das französische Bürgertum ist wirtschaftlich und psychisch noch sehr intakt. Es gibt wenig, was die deutsche Bourgeoisie mit der französischen verbindet. Jeder Herr Meier ist überzeugt, daß jeder Herr Dupont ein sadistischer Schuft ist, der auf seinen Goldvorräten sitzt und Deutschland malträtiert. Der Beweis muß überhaupt noch erbracht werden, daß die Nationalisten untereinander imstande sind, sich zu vertragen. Als 1922 der Vertrag Stinnes-Lubersac geschlossen wurde, sahen deutsche Nationalistenblätter zwar bereits die neue Morgenröte ausbrechen und riefen den Erfüllungspolitikern höhnisch zu: So, jetzt nehmen wir die Sache in die Hand, und es wird besser klappen! Aber kein halbes Jahr später war der Ruhrkampf da, und alle Kooperationen deutscher und französischer Schwerindustrie seitdem haben den Chauvinismus in der von ihr selbst ausgehaltenen Presse nicht gemindert. Das Geheimnis liegt eben darin, daß ein kleiner Krieg für den Kapitalismus doch ein fetteres Geschäft ist als ein langer Friede, und selbst der Kapitalismus des unterliegenden Landes bleibt inmitten ruinierter Massen und auf den Trümmern der niedergebrochenen schwächern Konkurrenz wenigstens als Sieger übers eigne Volk zurück. Das Abenteuer lohnt sich also. Nun kann d'Ormesson nicht ohne Fug sagen, daß er keine Patentlösung zu verabfolgen gedenkt sondern nur ein Kompromiß für eine Übergangszeit, und daß seine Thesen nur einem akuten Notstand gelten. Sein Vorschlag geht dahin, die deutschen Zahlungen für die nächsten beiden Jahre um 50 Prozent herabzusetzen, natürlich nur unter der Bedingung, daß auch die Vereinigten Staaten für diese Zeit 50 Prozent ihrer Forderungen an die Alliierten annullieren. Für den deutschen Etat würde das eine Entlastung von zirka 850 Millionen bedeuten, also eine erhebliche Kürzung der sogenannten Tribute. Zugleich aber sollen Deutschland und Frankreich sich verpflichten, ihre Heeresausgaben für die beiden Jahre um ein Zwölftel zu reduzieren. D'Ormessons Idee besteht darin, die Abrüstungs- und die Reparationsdebatten zu verknüpfen. Die eine davon ruht am toten Punkt, die andre hat noch nichts Greifbares zutage gefördert. Auf alle Fälle gibt d'Ormesson einen ersten kräftigen Impuls. Die Franzosen sind im allgemeinen nicht abgeneigt, über eine Revision der Reparationen mit sich reden zu lassen, aber ihr politisches Mißtrauen gegen Deutschland besteht weiter. Diese Nervosität sucht d'Ormesson zu beschwichtigen. Er beweist damit, daß der französische Konservatismus den deutschen an Einsicht überragt. Der außenpolitische Horizont der deutschen Konservativen wird begrenzt von vagen Vorstellungen, wie Frankreich am besten um die Reparationen zu prellen ist oder wie man sich um die Abrüstungsbestimmungen drückt. Kampf gegen Tatsachen: das ist das Gegenwarts- und Zukunftsprogramm deutscher Halb- und Ganzreaktionäre. Ein freundliches deutsches Echo auf d'Ormessons Pläne war demnach nicht zu erwarten. Hier lautet der Schlachtruf »Aufrüstung«; statt dessen wird Herabsetzung des Heeresetats vorgeschlagen, wenn auch in Relation zum französischen. Man schreit also, daß das eine Verewigung des Versailler Vertrags und eine neue freiwillige Anerkennung der militärischen Übermacht Frankreichs bedeute. Die »Neonationalisten«, an deren Vernunft d'Ormesson zu rühren sucht, sind hartnäckiger, als er annimmt. Die äußerste wirtschaftliche Not des Volkes, das graue Elend der Staatsfinanzen bewegt sie nicht, sich mit einem Gedanken auseinanderzusetzen, der nicht einfach mit der flachen Hand fortzuwischen ist. Denn schließlich zweifelt kein vernünftiger Mensch auf der ganzen Welt mehr, daß das Deutsche Reich zwar seine Wehrmacht jetzt, nach Ende der schwarzen Ära, in den vertraglich gesetzten Grenzen hält, daß aber der hohe Stand der deutschen Industrie es im Ernstfall schnell ermöglichen würde, die Differenz einigermaßen auszugleichen. Im Zeitalter des Maschinenkrieges kommt es nicht mehr auf die Kopfzahl der Soldaten an sondern auf das gesamte technische Vermögen eines Landes. Viel bedenklicher scheint uns zu sein, daß solche militärischen Übereinkünfte zwischen zwei Staaten sehr leicht unerwünschtes Nebenwerk beherbergen können. Eine deutsch-französische Abrüstungskonvention wäre eine Erlösung Europas von einem schrecklichen Albdruck. Würde damit allerdings ein Geheimvertrag gegen irgendwen, etwa gegen Rußland, verbunden werden, so wäre das ein verdoppeltes Unglück und nur ein etwas komplizierterer Weg in die Katastrophe hinein. Deshalb heißt es rechtzeitig aufpassen, damit nicht die Generalstäbe wieder etwas zusammenbrauen, wovon die Volksvertretungen nichts wissen, damit nicht unter der Maske des Friedens der Krieg desto intensiver vorbereitet wird. Aber ernsthaft diskutiert werden sollte dieser Vorschlag doch, der, weiß Gott, sich nicht grade durch Radikalität auszeichnet, und in seiner Begrenztheit so unendlich charakteristisch für die neue tragische Verdunkelung der deutsch-französischen Beziehungen ist. Manches daran erinnert an den letzten Versuch vor dem Weltkrieg, die deutsch-englische Spannung durch eine Verständigung über die Flottenbauprogramme zu mindern, an Haldanes berliner Mission. Damals ist die Friedensbotschaft von Tirpitz und seiner Journaille kaputt intrigiert worden. Wie wird es heute sein? Die Weltbühne, 10. Februar 1931 977 Winterkönig Die nationalsozialistische Fraktion hat den Reichstag mit einer wilden Kriegserklärung verlassen. Da sie ohnehin auf antiparlamentarischem Boden steht, bedeutet dieser Schritt mehr als eine Obstruktion, nämlich ein Bekenntnis zu revolutionären Mitteln. Der Augenblick ist dazu nicht günstig. Hitler, dem Spiel der großen Politik nicht gewachsen, hat mit den Seinen die Flucht in die Hysterie vollzogen. Den bürgerlichen Parteien wird die Sache etwas unheimlich. Dingeldey rückt ab, das Landvolk rückt ab, sogar die Deutsche Allgemeine will nicht mehr mitmachen. Niemals hat es Anbiederung, niemals Fühlung wegen Regierungsbeteiligung gegeben. Ein Individuum namens Seeckt hat niemals gelebt. Alle sorgen mit einemmal für Abstand, und in den Brutanstalten des Dritten Reichs hält die preußische Polizei Razzien ab. Infolgedessen haben auch liberale Blätter, die seit dem 14. September nichts unversucht gelassen haben, um der neuen Mode entsprechend möglichst aufgenordet zu erscheinen, wieder Courage bekommen und blasen hinter dem fliehenden Feind Viktoria. Wir raten zu größerer Vorsicht, denn noch ist der Feind nicht allzusehr geschlagen. Er kann plötzlich kehrt machen und blind draufloshauen, und es wäre doch schade um diese Helden, die sich vor einem Feind, den sie für tot halten, unnötig exponieren. Es darf auch nicht ganz in den Hintergrund geschoben werden, daß nicht nur die Nazis, sondern auch die Rechte des Parlaments selbst eine empfindliche Niederlage erlitten haben. Was man etwas schamhaft Reform der Geschäftsordnung nennt, bedeutet für den Reichstag einen erheblichen Verlust an Befugnissen. Das Interpellationsrecht ist gründlich zerhackt, die Immunität von Abgeordneten in unentschuldbarer Weise preisgegeben worden. Es darf der Regierung nicht mehr das Mißtrauen ausgedrückt, sondern nur das Vertrauen entzogen werden – ein nicht unbeträchtlicher Unterschied! Und schließlich müssen Anträge auf Ausgaben künftighin mit einem Deckungsvorschlag verbunden sein, eine Malice, die besonders bei sozialpolitischen Anträgen spürbar werden wird, denn die Heranziehung von einigen besonders fetten und überflüssigen Posten des Reichswehretats dürfte wohl nicht als geeignete Deckung aufgefaßt werden. Der Reichstag sinkt damit in die Bedeutungslosigkeit der alten Zeit zurück, er wird, wie früher, zur reinen Jasagemaschine. Die Regierungsbureaukratie wird in Zukunft ihre Erlasse beginnen: »Wir, Wilhelm von Gottes Gnaden ...« Der Reichskanzler hat das Parlament mit der Drohung neuer Notverordnungen zu Paaren getrieben. Zwischen der Scylla des Artikels Achtundvierzig und der Charybdis Hitler blieb den armen Deputierten nichts übrig, als den Etat zu genehmigen und eine Kappung ihrer eignen Rechte zu erdulden. Es gehört viel Optimismus dazu, hier von einer Aktivierung des Parlaments zu reden. Nennt man einen aufgescheuchten Geflügelstall aktiv? Die Sozialdemokratie aber, unfähig zu eigner Initiative, fährt im Winde einer fremden; sie muß dabei froh sein, wenn ihr eben noch gestattet wird, die Ruderdienste auf der schwarzen Galeere des Herrn Brüning zu übernehmen, obgleich sie weiß, daß der Hafen, wohin es geht, der Arbeiterschaft und ihren Gewerkschaften klimatisch nicht grade zuträglich ist. Aber es hilft nichts, die Partei muß rudern. Herr Brüning, als Retter der Demokratie – ein feines Tableau, by Jove! Viel schärfer als die zu einer Fünfminutencourage erwachten Liberalen, sieht die ›Deutsche Zeitung‹ die Sache. Gewiß, sie sieht mit den Augen der Enttäuschung, aber sie sieht ohne Illusionen, wenn sie über Brüning schreibt: »Er übernimmt die Losungen der Rechten, wie es Stalin mit denen Trotzkis getan hat, und möchte die Rechte selbst in die Verbannung schicken.« Die Hiebe, die Brüning den Nationalsozialisten gegenwärtig verabfolgt, dienen ihrer Zähmung, nicht ihrer Vernichtung. Er schlägt als Pädagoge, nicht als Feind. Er bemüht sich nach Leibeskräften, dem zähen Fleisch Hitlers etwas Verstand einzubleuen. Gegen den Verbündeten Hitler hat er nichts einzuwenden, alles gegen einen Hitler, der den Chef spielen will. Er hat sich lange genug auf das Bündnis mit der äußersten Rechten eingerichtet und die Republikaner en Canaille behandelt, er wird wieder anders können, wenn die erst Umworbenen, dann Geprügelten endlich etwas Vernunft annehmen. Wäre die Ökonomie im Leben der Völker allein ausschlaggebend und die Persönlichkeit Nebensache, so müßte Hitler heute schon lange deutscher Diktator sein. Er hatte in all den Monaten Millionen Verelendeter für sich und hat sie noch heute. Aber was hat er damit gemacht? Er hat Deutschland in höherm Maße gehabt als Mussolini, ehe er nach Rom zog, und er hat es weder verstanden, die hinter ihm stehenden Kräfte legal noch revolutionär zu verwenden. Wenn von dem stolzen Tempel der deutschen Demokratie noch der eine oder andre Säulenschaft zurückbleibt, also nicht alles in Staub aufgeht, so liegt das an dem trefflichen Walten eines auch hierin deutschen Schicksals, daß nämlich der schreckliche Hammergott der deutschen Fascisterei noch unfähiger ist als seine Gegner. Vor jeder Entscheidung zog sich unser Dutsche flennend in sein seidenes Pyjama zurück und trank Kamillentee. Ein Winterkönig, der sich für ein paar weiße Monate etabliert und mit dem Schnee dahinschmilzt. Eine Massenbewegung läßt sich vielleicht mit ein paar verlogenen Parolen arrangieren, aber damit allein nicht halten und weitertreiben. Der Nationalsozialismus mit all seinen sozialrevolutionären Phrasen ist und bleibt ein gelbes Unternehmen, eine reich dotierte Improvisation der Schwerindustrie, jäh emporgetragen von der Enttäuschung und instinktiven Rebellion des Volkes. Hätte Hitler bei den Verhandlungen mit Brüning vor ein paar Wochen etwas maßvollere Forderungen gestellt, so wären die beiden bald einig geworden. Aber er überspannte den Bogen so, als wäre ihm der Bruch lieber als der Pakt. Denn einmal in der Regierung hätte die Partei Farbe bekennen müssen, dann wäre ihr Sozialradikalismus schnell als Schwindel entlarvt gewesen. Zudem drängt die Industrie auch auf einen mildern Ton gegen Frankreich, denn dort ist Geld zu holen; die wilden Rachetöne sind nicht mehr am Platze; Kokettieren mit Moskau ist wieder völlig verfemt. Ein Klügerer als Hitler hätte auch dafür den dialektischen Dreh gefunden. Doch da versagte seine politische Intelligenz, er brach die Brücke ab und zog sich, alles verwünschend, in die Wildnis zurück, aus der er nur putschend oder manierlicher geworden wieder hervorkommen könnte, erkennend, daß er nicht zum Herrscher geboren ist, sondern nur zum Instrument. Wir glauben allerdings nicht, daß ihm nur diese beiden Extreme übrig bleiben. Wahrscheinlich sind in diesem Augenblick schon die geschäftigen Vermittler am Werke, den grollenden Hitler aus seiner Einsamkeit herauszuflöten. Für solche Fälle ist doch Allvater Hindenburg da, der schon einmal Goebbels die Hand zur Versöhnung gereicht hat. So schneidige nationale Kräfte müssen zwar gelegentlich etwas zurechtgeschliffen werden, aber man darf sie nicht desperat machen, und schließlich kann man sie gegen die Roten auch nicht entbehren. Viel wichtiger als das, was Hitler für seine Person oder seine Partei erreicht, ist doch, was er für die gesamte deutsche Reaktion bereits durch seine bloße Existenz erreicht hat. Wirtschaftlich, politisch und geistig – überall Rückschritte und Kapitulationsstimmung. Die Republik ist eine leere Schale geworden, deren auch vorher nicht allzureicher Inhalt von Herrn Brüning konfisziert worden ist, soweit ihn nicht die tapfern S.A.-Männer zertrampelt haben. Mögen die im Zeitungsviertel heute Viktoria blasen, morgen wird wieder eine andre Nummer aufgesteckt werden. Die Weltbühne, 17. Februar 1931 978 Die Farben von Panama Niemand regt sich über die anonymen Kräfte der Wirtschaft auf. Man weiß, daß sie da sind, aber sie sind Schemen wie die Götter Epikurs, unsichtbar, ungreifbar. Nur manchmal scheint ein Stückchen davon plötzlich materialisiert, also den Augen wahrnehmbar. Und dann ist die Aufregung groß. Diesmal ist es das Stückchen Fahnentuch, das Fahnentuch der Republik Panama, unter dem eine hamburger Reederei ihre zwei Trampdampfer segeln läßt. Dieser Trick ermöglicht es, sich um Lohntarife und ähnliche sozialistische Erfindungen zu drücken. Während die Presse sich national entrüstet, äußerte sich der hamburger Reederverein schon viel maßvoller. Warum auch nicht? Im Grunde bewundert man doch die energische Firma, die auf die Farben der Judenrepublik pfeift und außerdem noch dem bolschewistischen Staat ein Schnippchen schlägt. Sind nicht in ein paar Monaten etliche Milliarden deutschen Volksvermögens nach der Schweiz und nach Holland ausgewandert, ohne daß ein Hahn danach krähte oder eine Handelskammer oder ein Unternehmerverband nach Abwehrmaßnahmen gerufen hätte? Und ist nicht die Rüstungsindustrie ganz international aufgezogen? Niemand weiß, ob die verkauften Waffen nicht morgen schon den Volksgenossen töten werden. Der Kapitalismus hat keinen Respekt vor Grenzpfählen, Landesfarben und nationalen Ideologien. Vor letztern am wenigsten, denn er bezahlt ja meistens ihre Erfinder. In Zeiten der Prosperität lassen sich solche Tendenzen leicht umkleiden, in einer Not wie heute gibt man sich nicht die Mühe dazu. Warum also den beiden tüchtigen Reedern Steine durchs Kajütenfenster werfen? Sie verzichten darauf zu heucheln, sie segeln offen unter den Farben von Panama, die sich übrigens auch auf größern Bastionen des deutschen Kapitalismus, als es ihr Murcksbetrieb ist, gut und sinngerecht ausnehmen würden. Nichts gegen die Republik Panama, die uns nie etwas getan hat. Aber bei dem Wort Panama denken wir kaum an diese kleine Republik. Die Weltbühne, 17. Februar 1931 979 Alfons XIII. Seit einer Reihe von Wochen verfolgt die Welt den Kampf, den der spanische König um seine Krone führt, wie ein großes Zirkusspiel. Wird Don Alfonso sich auch diesmal wieder behaupten? Er hat in Defensiven dieser Art Routine. Nicht zum erstenmal ist unter diesem König, der sein Amt 1902 als Sechzehnjähriger antrat, die Dynastie bedroht. Vor zwanzig Jahren, nach der Hinrichtung des katalanischen Syndikalisten Ferrer ging ein Orkan von Empörung über die spanische Monarchie nieder. Im Herbst 1918 nahm ein vieltägiger Generalstreik sozialrevolutionäre Formen an, die rote Fahne stieg auf, tagelang wurde in Madrid und Barcelona auf den Straßen gekämpft. Siegte auch der König damals noch, so warfen doch die Krisen der Nachkriegszeit und die wachsende Industrialisierung des Landes Fragen auf, die mit alten Rezepten nicht mehr zu behandeln waren. Der König flüchtete hinter die Militärdiktatur des Generals Primo de Rivera, die sich bis vor Jahresfrist hielt. Dann kam General Berenguer, der ein freiheitliches Regiment und beste konstitutionelle Formen versprach. Die Opposition mißtraute den Versprechungen mit einigem Recht, und seitdem ist es nicht mehr ruhig geworden. Der Putsch einer Pyrenäengarnison, der Aufruhrversuch des Fliegeroffiziers Franco – das alles ist für ein Jahr etwas viel. Und doch hat es die guten Nerven des Königs nicht erschüttert, den dreißig Jahre voller Meutereien und eine Reihe Bombenattentate nicht mürbe machen konnten. Dieser König hat viele Mängel, aber er ist kein Deserteur. Er kann nicht nur schießen lassen, sondern weit besser noch politische und diplomatische Mittel gebrauchen. Er ist seinen demokratischen Gegnern über, er ist ohne Zweifel der stärkere Realpolitiker und Rechner. Vor einer Woche schien es mit Alfons zu Ende zu sein. Ihm blieb nichts übrig, als sich an seinen geschworenen Feind Sanchez Guerra zu wenden, der ihm grausame Bedingungen vorlegte. Eine Nationalversammlung sollte über die Staatsform entscheiden, der König für diese Zeit seiner Prärogative enthoben sein, was einem schwach verhüllten Hinauswurf gleichkam. Die amtliche Depeschenagentur bereitete schon auf die Abreise des Königs vor. Guerra verhandelte mit dem liberalen Politiker Santiago Alba, der noch immer in der pariser Emigration lebt, er verhandelte mit den Führern des letzten Putsches, die noch im Gefängnis sitzen, und allen gingen diese Bedingungen nicht weit genug. Doch inzwischen hatte der König, der schon gar nicht mehr vorhanden zu sein schien, wieder Luft geschöpft und ein Ministerium der royalistischen Erhaltung, mit einem Admiral an der Spitze, ins Leben gerufen. Die Entscheidung ist wieder vertagt, die große Auseinandersetzung in eine Kette zahlloser Plänkeleien aufgelöst – statt Guerra wieder, wie fast dreißig Jahre, Guerilla. Für deutsche Augen hat diese spanische Revolution etwas Rührendes. Sie ist noch ganz und gar Sache des Bürgertums, sie erinnert an jene graue Vergangenheit, als auch bei uns das Bürgertum noch revolutionär bewegt war, noch gegen Feudalismus und Militarismus auf die Barrikade stieg und in der Politik an Ideale glaubte. Die bärtigen Köpfe dieser Politiker erinnern an die Rhetoren der Paulskirche, die einen so guten Willen hatten, so glänzende Programme und so wenig Ahnung von der Macht. Der hauptsächliche Faktor in der spanischen Politik ist die Armee. Seit hundert Jahren gibt sie den Ausschlag, sie hat seitdem alle Revolutionen und Reaktionen gemacht. Die Arbeiterschaft, stark in Madrid, in den baskischen Provinzen, in Katalonien und Valencia, ist von moderner Arbeiterpolitik ziemlich unberührt. Sie glaubt noch immer fest an die direkte Aktion, sie schwört auf Bakunin und Georges Sorel, ihr Anarcho-Syndikalismus hat marxistische Ideen nicht populär werden lassen. Das bedeutet praktisch, daß ein paar Millionen Arbeiter sich an keinen Wahlen beteiligen wollen, daß sie also dem Republikanertum verloren sind. Deshalb die Unsicherheit der Linken, die nur eine schwache Intelligenzschicht umfaßt und über Klubbismus und romantisches Verschwörertum nicht hinausgelangt. Es gebricht ihr an organisierten Kräften. Die Regierung wäre also, wie viele Jahrzehnte, in der Lage, die Wahlen zu machen. Der niedere Klerus und die »Kaziken«, die Dorfgewaltigen, würden die stumpfe, gleichgültige Landbevölkerung wie eine Schafherde an die Wahlurne schleppen und das gewünschte Resultat erzielen. Diese Schwäche seiner Feinde kennt der König, und das gibt ihm Gelegenheit zu tausend Winkelzügen. Es fehlt ihm weder an Geist noch Weltkenntnis, er ist nicht einmal Absolutist aus Prinzip, sondern einfach aus Gewohnheit. Der Spanier Salvador de Madariaga hat in seinem hier vor einiger Zeit gewürdigten Buche sehr interessant erzählt, wie der sechzehnjährige König am Abend seiner Krönung nichts Eiligeres zu tun hatte, als einen Ministerrat zusammenzutrommeln, und wie die asthmatischen Exzellenzen der unbarmherzigen Wißbegierde eines Knaben Rede und Antwort stehen mußten. So ist Alfons XIII. bis heute geblieben: unter verbindlichen Formen ein Mann von sehr herrischen Prätentionen, wenn er auch später gelernt hat, der Diplomatie mehr zu vertrauen als dem offenen Befehl. So führt er einen zwar taktisch glänzenden, aber in der Sache recht donquixotehaften Krieg gegen die Zeit, den er im fünften Akt doch verlieren muß. Und würde er selbst obsiegen, der Thronfolger ist ein armer Krüppel, ein Degenerierter. Für was kämpft Don Alfonso, wenn nicht für den Nächsten der Dynastie –? Also nur für die eigne Freude an der Macht, für das süße Gefühl zu gebieten und über fremde Schicksale entscheiden zu dürfen. Wir können ihn nur politisch verurteilen, denn warum soll ein König leicht auf das verzichten, was jeder Rayonchef für sich beansprucht? Die Weltbühne, 24. Februar 1931 980 Zum Falle Friedrich Wolf Die Staatsanwaltschaft greift ins volle Menschenleben, holt Gut und Schlecht heraus und bringt sie vor das große Clearing-House, Justiz genannt. Dabei muß sie aber immer recht rationell vorgehen, denn allzu viele Sünder auf einmal kann die Maschine nicht verarbeiten, darauf ist auch der Strafvollzug nicht eingerichtet. Von alters ruht das Gesetz auf der stillen Voraussetzung, daß seine Verächter auf einer sonst von Gerechten bewohnten Welt die betrübliche Ausnahme bilden. Wenn die Verbrecher allzu schnell zunehmen, steht das Gesetz selbst in Frage, und es ändert sich auch die Anschauung der Menschen darüber, was verboten und erlaubt sein soll. Die Gesetzeswächter werden dann zu Konservatoren, die aufpassen, daß sich nicht Unberufene an dem von ihnen behüteten Buchstabengut vergreifen. Sie wenden es also sparsamer an, um es nicht zum öffentlichen Kampfobjekt werden zu lassen. Nicht anders ging es mit den Hexenprozessen oder mit der Rechtsprechung in religiösen Dingen. Alle diese Gesetze waren hundert Jahre vor ihrer definitiven Abschaffung tot. Und trotzdem kostete die formale Beseitigung Mühe, und die Obrigkeit widersetzte sich mit Klauen und Zähnen. In England hat sich kürzlich jemand selbst bezichtigt, am Sonntag die Kirche geschwänzt zu haben. Der Staatsanwalt war in peinlicher Verlegenheit. Denn nach einem Gesetz aus dem siebzehnten Jahrhundert, das noch kein Parlament kassiert hat, ist Vernachlässigung des Kirchenbesuchs strafbar. Der § 218 ruht schon lange so in Watte verpackt. Er wird nur gelegentlich herausgeholt, um ein paar sehr arme Schächer zu treffen. Das Empörendste an diesem Paragraphen ist ja nicht seine Existenz und die Versuche, auch in neuen, reformierten Strafgesetzbüchern seine Existenz künstlich zu erhalten, als vielmehr die Tatsache, daß seine Art, ihn zu gebrauchen, die Justiz zum Glücksspiel degradiert. Die Staatsanwälte denken gar nicht daran, ihn automatisch anzuwenden. Sie wissen, daß sich in Deutschland Geburten und Aborte ziemlich die Wage halten. Sie begnügen sich damit, gelegentlich ein paar Exemplare herauszuholen, um die Lebenskraft des Paragraphen neu zu belegen. Deshalb beschränken sich die Staatsanwälte darauf, den Gerichten hin und wieder einen Einzelfall zu apportieren, gewöhnlich einen, in dem einem Arzt ein Kunstfehler unterlaufen ist. Dabei wird die Ausdehnung einer solchen Praxis kaum geprüft, denn das würde eine größere Frage aufwerfen und vor allem auch die bessersituierten Schichten treffen. Das gibt dem § 218 seinen infamen Klassencharakter. Er ist nicht nur juristisch unhaltbar, sondern auch krasseste soziale Ungerechtigkeit. Wenn der Staatsanwalt aber schon ein Exempel statuieren möchte, dann sollte er wenigstens in der Wahl seines Objekts vorsichtig sein. Der § 218 konnte nur dadurch konserviert werden, daß die Staatsanwaltschaft ihre Unternehmungslust auf die Unterwelt der Heilkunst beschränkte und nur gelegentlich einen approbierten Arzt mitgehen ließ. Sich aber für ein solches Exempel grade den praktischen Arzt Doktor Friedrich Wolf in Stuttgart auszusuchen, das ist ein an Fahrlässigkeit grenzender Leichtsinn, der dem Paragraphen gefährlicher werden dürfte als dem Angeschuldigten. Denn es handelt sich hier um einen aufrechten Mann, von wachsamen Freunden umgeben, den man nicht einfach im Dunkeln justifizieren kann. Friedrich Wolf ist eine hochqualifizierte Persönlichkeit, ein Theaterschriftsteller von Ansehen, Verfasser volkstümlicher Schriften über Heilkunde, ökonomisch nicht auf die Erträgnisse einer unerlaubten Hintertreppenpraxis angewiesen. Ein Menschenfreund, ein Sozialist von Geblüt, nicht von Gnaden des Parteibuchs. Das alles hat natürlich einen lieben Kollegen nicht abgehalten, ihn zu denunzieren. Aber dieser törichte Judas hat ein besseres Werk getan, als er ahnt. Er hat diesen armen, halbtoten, kümmerlich in Watte verpackten § 218 mitten in die Arena geworfen. In frischer Luft kann das Unglücksding nicht mehr lange leben. Zunächst versuchte die Anklagebehörde noch, Friedrich Wolf als Kapitalverbrecher zu behandeln, weil der Sturm, den die Verhaftung erregt hat, ihr unerwartet gekommen ist. So sollte wenigstens etwas schikaniert werden. Eis war eine herzlich überflüssige Prozedur, von dem Verdächtigten eine übertrieben hohe Kaution zu verlangen; erst 40 000 dann 25 000 Mark. Bildet der Staatsanwalt sich wirklich ein, daß Friedrich Wolf erst einmal über die schweizer Grenze flieht? Wäre der Ankläger ein besserer Psychologe, so würde er wissen, daß es diesem Mann nicht auf ein paar Wochen oder Monate Gefängnis ankommt, daß er nichts für sich will, sondern sich nur als Soldat der Menschheit fühlt, der den Platz verteidigt, auf den sein Gewissen ihn gestellt hat. Die Schroffheit, mit der gegen ihn vorgegangen wird, mit der dieser ganze Fall überhaupt aufgerollt wurde, erweist sich immer mehr als grausamer Rechenfehler. Die Bewegung gegen den § 218 ist nicht neu, aber es fehlte ihr die zentrale Kraft, sie hat in den letzten Jahren, seit sich das Theater ihrer bemächtigt hat, einen stark literarischen Charakter gehabt, ohne ganz ins Breite zu gehen. Jetzt schenkt ihr ein übereifriger Staatsanwalt, was ihr bisher gefehlt hat: den Vorkämpfer, den makellosen Vertreter der Idee unter Anklage und im Gefängnis; die Mittelpunktsfigur, das Symbol. Bisher war dieser Paragraph ein weit entrücktes, gefährliches Etwas; jetzt haben wir ihn in greifbarer Nähe, jetzt können wir endlich Tuchfühlung nehmen. Es ist sogleich die Frage eines Volksbegehrens aufgeworfen worden. Ein Gedanke, der mit Begeisterung ergriffen werden müßte, wenn die Bedingungen, an die ein Volksbegehren geknüpft ist, ein Gelingen nicht von vornherein unmöglich machten. Aber unabhängig davon wird doch eine stürmische Volksbewegung einsetzen, die nicht mehr geringschätzig behandelt werden kann. Hier ist eine Sache, die jeden Einzelnen hart anfaßt, hier gibt es keine Exklusivität mehr. Das ist etwas andres als die albernen demagogischen Plebiszite der Rechten, die sich um »Youngsklaverei«, Preußenwahl und ähnliches drehen. Die deutsche Reaktion schien in die Wolken zu wachsen. Nun findet sie sich plötzlich einer Hemmung gegenüber, vor der ihr gespielter Sozialradikalismus nicht weiterhilft, vor der sie ihr wahres Gesicht zeigen muß. Es wird ein Kampf entbrennen, in dem sich mehr entscheiden kann als das Weiterleben des § 218. Zum erstenmal seit langer Zeit liegt die Initiative nicht mehr auf der Rechten. Diese Folgen hat der stuttgarter Ankläger nicht geahnt. Die Weltbühne, 3. März 1931 981 Bülow III Fürst Bernhard Bülow, lebelang ein glücklicher Mann, wird jetzt, nach seinem Tode, ernstlich von Mißgeschick verfolgt. Er, der allezeit Versöhnliche, hat plötzlich Feinde gefunden, die seinen Nachruhm mit dem Staupbesen behandeln. Abgeordnete der Rechten haben in diesen Tagen verlangt, das Bild Bülows möge aus dem Reichstag entfernt werden, weil der Mann sich in seinen Memoiren nicht nur als peinlicher Charakter enthüllt, sondern auch durch Stützung der Versailler Schuldthese dem Deutschen Reich Schaden zugefügt habe. Als Bernhard Bülow sich auf der Höhe seiner Kanzlerschaft befand und nicht einmal im Traum an rachsüchtige Aufzeichnungen dachte, wurden die preußischen Granden durch die Publikation der Memoiren von Bülows Amtsvorgänger, dem Fürsten Hohenlohe, schwer verstimmt. Onkel Chlodwig, den man als einen schlafmützigen Greis zu betrachten gewohnt war, zeigte in seinen Erinnerungen eine bemerkenswerte Geistesfrische. Seinem Unglauben an die den Thron stützenden Mächte gab er einen nicht einmal mehr formal höflichen Ausdruck. Dem süddeutschen Grandseigneur rochen die Herren Junkers allzu stark nach Juchten, ihre politische Sturheit war ihm unleidlich, ihre deutschpatriotische Gesinnung mehr als verdächtig. »Sie pfeifen auf das Reich«, schrieb Onkel Chlodwig, und deshalb hat er bis heute kein Denkmal bekommen, obgleich er gewiß nicht dümmer war als die Leute, die gemeinhin auf Granitsockeln herumstehen. Von Bülows Erinnerungen liegt jetzt Band III vor. Hier zeigt der Memoirenschreiber endlich, daß er mehr war als ein geschmeidiger Blagueur. Wenn dieser Band auch seinem Charakter ebensowenig Ehre macht wie die beiden vorangegangenen, so zeigt er doch seinen Verstand in besserm Lichte. Am meisten interessieren uns Bülows Glossen zum Weltkrieg, die nicht umsonst den Grafen Westarp so sehr in Harnisch gebracht haben, denn sie sind in der Tat ein harter Schlag für die Unschuldspropaganda. Viele kleine schnell hingewischte Bildchen vervollständigen diesen Eindruck. Da schildert Bülow eine Begegnung mit dem österreichischen Botschafter, Grafen Szögyényi, nach dem Attentat von Serajewo. Der Bevollmächtigte der Habsburger äußert sich also: als Christ wie als ungarischer Edelmann bedaure und beweine er das Schicksal des Erzherzogs und seiner edlen Gemahlin, politisch sehe er in dem Ausscheiden des Thronerben »eine gnädige Fügung der göttlichen Vorsehung.« Und nun bedenke man, wie grade in diesen Tagen Deutschland und Österreich chauvinistisch zerwühlt wurden, man vergleiche damit die kühle Gelassenheit, die skeptische Distanz derjenigen, für die das Theater aufgeführt wurde. Europa wird in den Tod gehetzt zur Sühnung einer Mordtat, die den Habsburgern selbst als eine besondere Liebenswürdigkeit der Vorsehung erscheint. Vernichtend ist das Zeugnis Bülows für die deutsche Außenpolitik von 1914. Er sieht überall Dilettantismus und Neurasthenie, er verwirft das Ultimatum an Belgrad und tadelt die deutschen Staatsmänner hart, die sich vom Ballhausplatz mißbrauchen ließen: »Bethmann und Jagow täuschten sich im Sommer 1914 in allem und jedem. Sie täuschten sich in der von ihnen vorausgesetzten Zugkraft der Mordtat von Sarajewo, die, wie sie fälschlich annahmen, alle Mächte an die Seite Österreichs führen würde. Gegenüber der russischen Mentalität war, wie ich dies Bethmann vorausgesagt hatte, diese Zugkraft von vornherein sehr gering. Und auch im Westen versagte sie, als dort die Übertreibungen, die Schroffheit und Plumpheit der österreichischen Pläne zutage traten. Die Leiter unsrer auswärtigen Politik täuschten sich in Italien und Rumänien, die sie zu übertölpeln und zu überrennen dachten, die sich aber, mit Rußland und Frankreich hinter sich und gestützt auf den Wortlaut der Dreibundverträge weder überlisten noch einschüchtern ließen. Bethmann und Jagow täuschten sich vor allem in England.« Den ärgsten Fehler sieht Bülow in den Kriegserklärungen Deutschlands an die andern Mächte, denn es machte sich damit vor allen zum Angreifer: »Fürst Bismarck hatte es verstanden, sowohl 1870 wie selbst 1866 dem Gegner die formale Kriegserklärung zuzuschieben ... Bethmann Hollweg war plump und unpolitisch genug, das Odium des Angriffs auf uns zu laden. Wenn es bis zu einem gewissen Grade verständlich ist, daß wir, nachdem wir uns mit Rußland im Krieg befanden, den Stoß gegen Frankreich so rasch wie möglich führen wollten, so ist es doch unverständlich und völlig unbegreiflich, warum wir Rußland von uns aus den Krieg erklärt haben. Das hat uns, mit Unrecht, aber in schwer zu widerlegender Weise, in den Augen der Welt als die Brandstifter erscheinen lassen.« Endlich gibt Bülow noch eine Schilderung Albert Ballins wieder, der am 1. August im Reichskanzlerpalais die Abfassung der Kriegserklärung an Rußland miterlebte. Eine Komödienszene. Bethmann Hollweg läuft mit langen, erregten Schritten im Zimmer umher, vor ihm, an einem mit Folianten bedeckten Tisch, sitzt Geheimrat Kriege: »Kriege war ein fleißiger, ein gewissenhafter, ein eifriger Beamter. Er war, um einen Bismarckschen Ausdruck zu gebrauchen, ein sattelfester Jurist. Aber seine politische Begabung stand nicht auf der Höhe seines juristischen Wissens. Bethmann, so erzählte mir Ballin, richtete von Zeit zu Zeit an Kriege die ungeduldige Frage: ›Ist die Kriegserklärung an Rußland noch nicht fertig? Ich muß meine Kriegserklärung an Rußland sofort haben!‹ Der ganz verstört aussehende Kriege suchte inzwischen nach einem Simile in den bewährtesten Lehrbüchern des Völker- und Staatsrechts von Hugo Grotius: ›De jure belli ac pacis‹ bis zu Bluntschli, Heffter und Martens.« So eine Darstellung ist auch heute, so viele Jahre später, noch recht lehrreich, denn es gibt noch immer genug Leute, die ihre Kriegserklärung nicht schnell genug bekommen können. Was Fürst Bülow über die Entstehung des Weltkrieges und warum wir ihn verlieren mußten, sagt, ist im Grunde nicht sehr neu. Deutsche Oppositionelle haben das schon mitten im Kriege behauptet und sind dafür verfolgt und eingesperrt worden. Selbst Karl Liebknecht hat im Anfang nichts Schwereres gegen die deutsche Kriegspolitik gesagt. Fürst Lichnowsky allerdings hat das Schweigen gebrochen, und dafür ist es ihm auch schlecht gegangen. Übrigens hält auch Bülow ihm gegenüber sorgfältig Distanz, er stellt ihn als ahnungslosen Amateur hin. Wie anders wäre alles vielleicht verlaufen, wenn die Wissenden nicht aus ihrem Herzen eine Mördergrube gemacht hätten. Die Wahrheit ist nicht nur sittlich wertvoller, sie hat in der Politik auch ihren besondern Nützlichkeitsgehalt. Wäre die öffentliche Meinung in Deutschland rechtzeitig aufgeklärt worden, so hätte die Katastrophe nicht diesen Umfang angenommen. Für einen Frieden der Verständigung wären die stimmungsmäßigen Voraussetzungen dagewesen. So aber ist das deutsche Volk zwiefach belogen worden: es glaubte an die Unschuld seiner Regierung, und es glaubte an den Sieg, weil man ihm die Kriegskarte falsch deutete. Männer wie Bülow und Ballin hätten damals den Ausschlag geben können. Sie zogen es vor, zu schweigen oder ihre wirkliche Meinung für Privatgespräche und Memoiren zu reservieren. Damit hat Fürst Bülow, mögen seine Erinnerungen auch noch so aufschlußreich sein, einen Platz im Pantheon verwirkt. Wenn sich heute ein paar nationalistische Krakehler gegen ihn ereifern und den Sarg am liebsten aufreißen möchten, so kann man nur gegen die Leichenschänder einiges vorbringen, für den Toten aber wenig. Die Weltbühne, 3. März 1931 982 Menschewiken Die moskauer Götter dürsten wieder. Diesmal sind es nicht Ingenieure und gelehrte Techniker, die Staatsanwalt Krylenko zusammengetrieben und unter Anklage gestellt hat, sondern Intellektuelle, die der alten Menschewikenpartei angehören, seit Jahren aber ihren Frieden mit den neuen Herren gemacht haben und bei ihnen in Lohn und Brot stehen. Das erste Opfer des Verfahrens ist Rjasanow vom Marx-Engels-Institut, ein sozialistischer Forscher von internationalem Ansehen. Er ist abgesägt worden, weil unter ihm Rubin arbeitete, der jetzt auf der Anklagebank sitzt, gleichfalls ein berühmter Theoretiker. Parteigänger und Freunde des russischen Kommunismus sind es, die über Krylenko den Kopf schütteln. Sie kennen die Angeklagten und wissen, daß sie nicht zum konspirativen Typus gehören und daß sie für Sabotage oder gar für interventionistische Pläne nicht zu haben sind, auch wenn sie den gegenwärtigen Kurs Stalins ablehnen. Kenner halten also die Schuld der Angeklagten mindestens für psychologisch unmöglich. Hinzukommt noch, daß Abramowitsch triftig nachgewiesen hat, er könne zu dem von Krylenko behaupteten Zeitpunkt gar nicht in Rußland gewesen sein. Die Grundlagen dieses Prozesses sind schwach, seine Motive ganz nebelhaft. Klar ist nur der Ausgang. (Wer sich über die Anklage genau informieren will: die ›Moskauer Rundschau‹ Nr. 10 enthält das ziemlich vollständige Dokument Krylenkos.) Dennoch bringen die deutschen Blätter nicht die gleiche schön flammende Entrüstung wie beim Ramsinprozeß auf. Denn augenblicklich will grade eine deutsche Industriedelegation in Moskau Geschäfte machen, und da kommt es eben auf ein bißchen Terror nicht an. Man kann sich noch immer entrüsten, wenn aus der finanziellen Ausbeute des freundnachbarlichen Besuchs nichts werden sollte. Das Ressort Entrüstung bleibt also der Sozialdemokratie überlassen, und sie tut, was sie kann. So wenig anheimelnd die Art der Herren im Kreml, mit wirklichen und eingebildeten Gegnern umzuspringen, auch sein mag, so muß doch gesagt werden, daß die Zweite Internationale, und die deutsche Sozialdemokratie besonders, an den tiefern Ursachen dieses Prozesses nicht unbeteiligt ist, wenn auch in andrer Weise als Krylenko annimmt. Sie hat allzuviel getan, Moskaus Nervosität zu nähren. Es ist ein grundsätzlicher Fehler der Sozialdemokratie, in russischen Fragen ausschließlich Männer der Emigration herauszustellen und sich deren Anschauungen unbesehen zu eigen zu machen. Die Sozialdemokratie braucht und soll ihre alten Freunde nicht aufgeben, aber sie dürfte deren Bild von Rußland, das naturgemäß von schweren Ressentiments getrübt ist, nicht ungeprüft akzeptieren. Es ist doch ein ganz unmöglicher Zustand, daß über wichtige russische Dinge ein Mann wie Alexander Kerenski in sozialistischen Blättern leitartikeln darf. Denn mögen diese russischen sozialistischen Politiker auch sehr achtenswerte Personen sein und ihr Bestes getan haben, ihre Namen sind jedenfalls mit einer welthistorischen Niederlage verknüpft, die nicht dadurch wettgemacht werden kann, daß sie immer wieder erklären, sie wären bessere Menschen als die Bolschewiken und Lenin hätte sich überall geirrt. Selbst die deutschen Monarchisten vermeiden es heute sorgfältig, Wilhelm II. an ihren Flaggenmast zu nageln, nur die Sozialdemokratie schreckt nicht zurück, sich mit dem Kadaver der Emigration zu verbünden. Diese Allianz hat ihr jeden eignen Blick für Rußland genommen, sie sieht nur mit den Gläsern Kerenskis, Tschernows oder Dans. Damit humpelt sie weit hinter der bürgerlichen Welt her, die es gut versteht, ihre antibolschewistischen Komitees zum Schweigen zu bringen, wenn ernste Interessen auf dem Spiel stehen. Sowjetrußland ist eine lebendige Tatsache, deren Einzelheiten man sehr verschieden, sehr kritisch, sehr skeptisch beurteilen kann, aber die Tatsache als solche läßt sich nicht bestreiten. Gegen diese Tatsache aber stemmt sich die Sozialdemokratie mit Leibeskräften. Seit vielen Jahren war in ihrer Presse keine objektive Darstellung russischer Verhältnisse zu finden, dagegen jede und auch die dümmste Falschmeldung groß aufgemacht, und ihre menschewikischen Sachverständigen haben dazu die Kommentare geschrieben. Es wird Zeit, deren Einfluß abzubauen, denn von allem politischen Schaden abgesehen haben sie sich immer als herzlich schlechte Propheten erwiesen. Eine große Partei kann sich nicht dauernd von Politikern beraten lassen, die so gründlich durchgefallen sind, als sie selbst dran waren zu handeln. Und eine große Partei kann erst recht nicht für die wichtigste Frage der Gegenwart die gewollte Blindheit zum alleinigen Prinzip erheben. Die kapitalistische Presse aller Länder rechnet bereits mit dem Gelingen des Fünfjahresplans. Nur die Leser sozialistischer Blätter bekommen noch ein Bild Rußlands vorgesetzt, das etwa dem Zustand von 1920 entspricht. Einmal wird die Wahrheit doch gesagt werden müssen, und dann wirds schwerer sein als jetzt. Die Weltbühne, 10. März 1931 983 Am Katzentisch Rodomontaden haben in der bürgerlichen Politik nichts verloren. Daher ihre Beliebtheit. »Nachdem ich mich aus militärischen und politischen Gründen zum Wiederaufbau unsrer Seestreitkräfte im Rahmen, den uns der Versailler Vertrag noch ließ, entschlossen habe, stehe und falle ich mit dieser einmal in Angriff genommenen Flottenpolitik. Ein Zurück gibt es für mich nicht.« Also Herr Groener. Wenn wir uns nicht irren, hat sich der Herr Wehrminister schon einmal in einer gewissen historischen Situation ähnlich kraftvoll ausgedrückt. Das war im Januar 1918, als sich gegen das Hindenburgprogramm der Streik der Munitionsarbeiter erhoben hatte. Damals sah Herr Groener darin, nicht ohne Unrecht, das Flackern der Revolution und sandte die Kartätschen seiner Beredsamkeit dazwischen. Als dann die Revolution wirklich kam, da dachte Herr Groener nicht mehr daran, zu stehen und zu fallen, er ging vielmehr mit. Daraus soll ihm kein Vorwurf gemacht werden, es war das wohl die vernünftigste Handlung seines Lebens. Herr Groener, der sich wie ein eiserner Ritter vor seinen Panzerkreuzer stellt, ist in Wahrheit aus viel weicherm Teig gebacken. Warum also alljährlich dieser Krach um ein maritimes Bauprogramm, für das sich außerhalb des Wehrministeriums niemand interessiert und an dessen militärische Bedeutung niemand mehr glaubt? Die große Anteilnahme, mindestens in diesem Jahre, geht auf soziale, nicht auf militärische Dinge. Eine Vertagung des Bauprogramms hätte vielleicht in der Redaktion des ›Angriffs‹ einen kleinen Gesäßkrampf hervorgerufen, aber sonst niemanden ernstlich tangiert. Warum also so viel Hartnäckigkeit in einer so überflüssigen Sache? Wenn dieses Wunderschiff B auch militärisch nicht mehr bedeutet als ein leicht angetrunkener Sterndampfer, so hat es doch eine politische Funktion, die weit wichtiger ist als seine sonstigen glorreichen Perspektiven: es erinnert nämlich die Sozialdemokratie an ihre von Gott und Brüning gewollten Abhängigkeiten. Dieser Panzerkreuzer, von einer sozialdemokratischen Regierung in einer allzu blauen Stunde empfangen, ist für immer deren Kind. Nun meldet sich dieses Kind Jahr für Jahr und schreit nach seiner Rabenmutter. Jedesmal, wenn die Sozialdemokratie grade eine höchst entschiedene Opposition beziehen will, dann geht das fatale Geschrei wieder los und erinnert an Familienpflichten. Und selbst wenn die Partei schon dumpf entschlossen ist, von jetzt an sich taub zu stellen, dann darf sie sich nicht zurückziehen, ohne dafür gesorgt zu haben, daß sich wenigstens Andre ihres Sprößlings annehmen. So mußte sie sich zornigen und verwirrten Gemüts ihren Kopf zerbrechen, woher Herr Brüning das Geld nimmt, das sie nicht zugestehen will. Denn wenn der Generalvormund Brüning geht, dann wird alles noch viel schlimmer. Diesmal hat die Partei die erlösende Formel gefunden, daß die »Reichen« ihren Kreuzer selbst bezahlen sollen, das heißt, die Einkommensteuer auf Einkommen über 20 000 Mark soll erhöht werden, ebenso die Tantiemesteuer. Das hört sich zunächst recht verwegen an, aber, weiß Gott, was Herr Brüning jetzt schon für Kompensationen für die hart getroffenen Reichen in petto hat, Kompensationen, die wieder auf Kosten der Sozialdemokratie und der von ihr vertretenen Schichten gehen. Und im nächsten Jahre hat die arme Partei ihren Balg doch wieder auf dem Pelz. Es hilft nichts, die Sozialdemokratie sitzt hoffnungslos am Katzentisch. Sie präsidiert der Gesellschaft der Schlechtweggekommenen. Sie trägt die Opfer jener Politik, die angeblich die Hitlerregierung verhindern soll. Zum Dank dafür gibt man ihr eine Kröte nach der andern zu schlucken. Aber keine Bange, auch der Katzentisch hat seinen Stolz. Auch der Katzentisch hat seine Festredner, die nicht weniger dröhnen können als die Honoratioren an der besser bestellten Tafel. Am Katzentisch steht man, was nationale Hochstimmung angeht, nicht zurück. Wir verkennen nicht den ungeheuren Zwang über dem Handeln der sozialdemokratischen Partei. Aber warum sie einer Politik, die ihrem Bestand ohnehin schon gefährlich ist, jetzt durch taktische Äußerlichkeiten den Charakter des Selbstmordes gibt, das ist schlechthin unbegreiflich. Sie haben richtig verstanden, verehrter Genosse Funktionär, wir sprechen von den Reden der Abgeordneten Stücklen und Schöpflin. Beide Herren waren schon vor 1914 an der alljährlichen Militärkritik im Reichstag beteiligt, aber beide haben auch in den Stürmen des Lebens seitdem diese gute Schule vergessen. Beide freuen sich sehr, daß wir heute ein republikanisches Heer haben. Diese Freude trübt ihnen die Augen, so daß sie nicht mehr prüfen können, was an diesem Heer eigentlich republikanisch ist. Die Selbstgefälligkeit, mit der Herr Stücklen die republikanischen Errungenschaften unsrer Wehrmacht preist, wird noch durch das gut geölte vaterländische Pathos Herrn Schöpflins um einiges überboten. Es ist eine Tollheit, in einer der wichtigsten Fragen einen Mann herauszustellen, der noch nicht über die sozialpatriotische Phraseologie der Kriegsjahre hinausgekommen ist. »Auf Grund ihrer positiven Stellungnahme«, so führte Herr Schöpflin im Haushaltsausschuß aus, »habe die Sozialdemokratie die Vaterlandsverteidigung immer bejaht, auch schon in der Kaiserzeit. Er sei nicht nur Sozialdemokrat, sondern auch Deutscher. Wenn es sich um das deutsche Volk und das deutsche Vaterland handle, dann gehe er zehnmal lieber mit Herrn Groener, als nur einmal mit Herrn Stöcker.« Das soll die grundsätzliche Erklärung der Sozialdemokratie zum Wehretat sein? Das in einer Zeit, wo die Sozialdemokratie ständig von der Zusammenfassung aller antifascistischen Kräfte spricht. Diese Rede allein wird ein paar hunderttausend Stimmen kosten. Niemals hat die Sozialdemokratie eine bindende Bejahung der Landesverteidigung ausgesprochen, allerdings auch niemals das Gegenteil. Es ist ihre Tragik, daß sie zu keiner vollen Eindeutigkeit gelangt ist. Aber das berühmte Wort August Bebels, daß er selbst die Flinte auf den Buckel nehmen würde, wenn der Zarismus über Deutschland herfiele, kann nicht als Dogma geltend gemacht werden, denn es ergab sich aus einer bestimmten Situation. Dennoch waren seine Folgen schlimm genug: die Geschichte vom russischen Angriff ermöglichte es Bethmann Hollweg, die Partei vor des Kaisers Kriegskarosse zu spannen. Aber wir brauchen grade diese Frage nicht historisch zu betrachten, die Gegenwart genügt. Welche Politiker, welche Parteien in Deutschland bejahen denn heute die absolute Landesverteidigung? Glaubt denn jemand, daß Hugenberg, Hitler und Stahlhelm Deutschland gegen einen Angriff verteidigen würden, an dem Italien und Ungarn beteiligt sind? Und ist es nicht allmählich bekannt geworden, daß in der Reichswehr Strömungen vorhanden sind, die sie bald an eine westliche, bald an eine östliche Koalition heften wollen? Die Reichswehr will sich lieber ihre Gegner selbst aussuchen, anstatt sich an eine abstrakte Formel zu heften. Grade in der augenblicklichen Phase ist »Landesverteidigung« eine Fiktion. Jeder Krieg würde Deutschland heute in mehrere Teile zerreißen, und mindestens einer davon würde den Angreifer als Verbündeten begrüßen. Den sozialdemokratischen Wehrpolitikern, die am Katzentisch so selbstbewußt pokulieren, als wäre ihr Gänsewein Krambambuli, aber sei es verraten, daß ihre Genossen im Lande keinen ranzig duftenden patriotischen Snobismus wünschen, sondern eine Politik, die das Land möglichst niemals in die Lage bringt, seine Unabhängigkeit verteidigen zu müssen. Denn Vorbeugung ist alles. Die Weltbühne, 17. März 1931« 984 Egal legal Hamburger Brand Die von hamburger Hitlerleuten begangenen Bluttaten haben den Verdacht erweckt, daß die dortige Obrigkeit die Nazis ganz besonders fest angepackt habe. In Wirklichkeit stand man in Hamburg den Nazis ebenso hilflos gegenüber wie anderswo auch. Die Mittelparteien erwogen lange ein Wahlbündnis mit dem Rechtsradikalismus, und ob die paar Morde der Deutschen Volkspartei den Appetit dazu geraubt haben, ist noch gar nicht sicher. Was aber die staatliche Exekutive angeht, die in den Händen eines sozialistischen Senators liegt, so suchte sie den Feind vornehmlich links. Vor mir liegt ein Brief aus Hamburg, in dem die seltsamen Vorfälle geschildert werden, die das Auftreten Herrn Franzens aus Braunschweig in einer kürzlich abgehaltenen Versammlung begleiteten. Als die Manager sahen, daß im Saal proletarisch Gekleidete überwogen, wurde ihnen die Geschichte unheimlich, dieses Publikum schien ihnen für ihren Franzen nicht geeignet zu sein, und sie beschlossen, wenigstens einen Teil davon loszuwerden. Der Briefschreiber fährt jetzt fort: »Aber endlich, endlich war der rettende Gedanke geboren: diese Untermenschen sind durch einen Schwindel in den Saal gekommen. Und gefälschte Karten haben sie vorgezeigt! Kartenkontrolle aller im Saal Anwesenden war das erlösende Wort. Gemeinsam mit der Polizei wurde nun diese Aktion durchgeführt. Keine leichte Arbeit; aber um vieles erleichtert, wenn man erfährt, daß eine Auswahl weniger nach der vorgezeigten Karte als nach der Nase des Inhabers vorgenommen wurde. Sah diese bewußte Nase nun etwa zu proletarisch aus oder war die Kleidung des Karteninhabers verdächtig, einen leibhaftigen Antifascisten oder gar waschechten Kommunisten zu bedecken, so mußte er den Weg nach einem kleinern Saal in der ersten Etage oder in den Keller antreten. Nicht etwa, um hier Parallelkundgebungen durchzuführen sondern einfach zu dem Zweck, den Herrn Minister Franzen vor dem Anblick dieser elenden Proleten zu bewahren. Während die Kunde von dieser schändlichen Provokation durch die Arbeiterquartiere Hamburgs eilte, bemühte sich Herr Polizeisenator Schönfelder, eine gründliche und saubere Arbeit für seinen Minister-Kollegen Franzen zu liefern. Sämtliche verfügbaren Polizei-Last-Kraftwagen wurden nach Sagebiel beordert und bald begann der schubweise Abtransport der massenhaft Sistierten. In rasendem Tempo ging die Fahrt nach dem Stadthaus; als dieses überfüllt war, nach verschiedenen Schupowachen und zum Schluß gar noch nach der Kaserne Am Schlump. Wenn die Polizei nun glaubte, zirka tausend Menschen ohne Aufsehen und Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung verhaften zu können, so irrte sie gewaltig und zeigte wieder einmal, wie wenig der Name ›Volkspolizei‹ mit den Tatsachen zu tun hat. Erregte die Arretierung und Einsperrung der Tausend nach Bekanntwerden schon ungeheure Erregung, so wurde diese durch den Abtransport der Verhafteten auf achtzehn Lastwagen mit Anhängern durch die an diesem Abend außerordentlich belebten Straßen Hamburgs noch mehr gesteigert. Selten noch hat Hamburg eine so mächtige und eindrucksvolle Demonstration der revolutionären Arbeiterschaft gesehen als an diesem Tage, da die Polizei eine solche unterdrücken und verhindern wollte ... Endlich gegen acht Uhr war der Abtransport der ›Öffentlichkeit‹ bewerkstelligt. Herr Minister Franzen konnte seine Rede halten, allerdings das Volk, das in erster Linie diese elenden Zustände beseitigt sehen will, war nicht anwesend. Es sielte sich irgendwo auf den Pritschen und Strohlagern der republikanischen Polizeiverließe herum, bekam dort aber die gründlichste Aufklärung über die Nazis und ihr kommendes Reich. Denn das, was am 12. März von der unter sozialdemokratischer Führung stehenden hamburger Polizei unternommen wurde, war eine der fascistischen Methoden Italiens, die zu bekämpfen heute Sozialdemokratie und Polizei sich brüsten.« So wird also die Polizei zugunsten einer wiederholt als staatsfeindlich verfemten Partei eingesetzt. Welch seltsame Verwirrung mag das in den schlichten Köpfen der hamburger Wachtmeister anrichten, von denen viele schon die Naziagitation außerdienstlich auf sich haben einwirken lassen. Der Staat hat sie nur dabei selten gestört, seine Autorität haben sie nicht gespürt, sie selbst verkörpern sie ja gegen die Roten. Sie sind sich nicht recht klar darüber, ob sie noch in der Republik von Weimar oder schon im Dritten Reich leben. Sie wissen auch, was bei andern Behörden gefällig ist. Daß zum Beispiel Steuerbeamte ihrem Dienst mit absichtlicher Säumigkeit nachkommen, damit die verdammte Judenrepublik kein Geld in die Kassen kriegt, daß Untergebene, wo es nur geht, ihre Vorgesetzten in Verruf bringen und deren Arbeit nach Kräften erschweren. Und plötzlich kommt über Vater Staat eine Art hektischer Energie. Der Wachtmeister Pohl soll über unerlaubte politische Tätigkeit vernommen werden. Der Wachtmeister Pohl findet es ein starkes Stück, sich von einem jüdischen Regierungsrat ausfragen zu lassen. So steigt er, mit einer Pistole bewehrt, ins Verhör und legt den Inquisitor ruhig um. Vierundzwanzig Stunden später erschießt ein ehemaliger Schutzpolizist mit der gleichen kühlen Sachlichkeit einen kommunistischen Agitator. Was bedeuten sie schon in der republikanischen Welt, der jüdische höhere Beamte und der kommunistische Funktionär? Morgen wird doch mit ihnen abgerechnet werden – ist es da ein Verbrechen, die Vollstreckung des schon lange ergangenen Urteils vorwegzunehmen? Diese Mörder fühlen sich als Richter, als Justizpersonen einer Legalität, die zwar noch keine endgültige Anerkennung gefunden hat, aber doch heute schon in ungezählten Köpfen mit dem höhern, mit dem ungesatzten, mit dem natürlichen Recht identifiziert wird, das mit jeder Generation neu wächst. Die hamburger Bluttaten haben gezeigt, daß es mit der oft aufdringlich genug gefeierten Beamtendisziplin nicht gut steht. Sie haben Gefahren deutlich gemacht, die bisher von den obern Stellen immer geleugnet wurden. Skeptikern wurden einstimmig angenommene Resolutionen von Beamtenkongressen unter die Nase gehalten, Papiere voll schematisch beteuerter Staatstreue. In Pommern ist man jetzt einem Gendameriekommandanten auf die Schliche gekommen, bei dem die rechtsradikale Propaganda für die ganze Provinz zentralisiert war. Im Ressort des Herrn Postministers sieht es noch viel bunter aus. Überall brechen jetzt die Geschwüre auf. Jahrelang hat man die gesamte Beamtenschaft gegen Rot dressiert. Man war zufrieden, wenn sie gegen die Kommunisten funktionierte, wobei es auf die legale Form nicht immer ankam. Was der etwas unsanft aus dem Schlafe geschreckte Herr Reichsminister Wirth jetzt machen wird, ist ziemlich gleichgültig. Wahrscheinlich wird nicht mehr herauskommen als ein vielziffriges Merkblatt für die Länderregierungen »staatsfeindliche Bestrebungen betreffend«, das ebenso gut gegen links gebraucht werden kann und gewiß auch so gebraucht werden wird. Daß dies nur schwache Abwehr ist und keine wirksame Gegenoffensive, das dürfte auch Herr Wirth wissen, der nach dem Rathenaumord, in dem einen heroischen Moment seines Lebens, die richtige Sprache gefunden hat. Eine Gegenbewegung müßte über die größere geistige Stoßkraft verfügen, sie müßte die Massen in Bewegung bringen, die die Republik auch heute noch immer haben kann, wenn sie nur will. Aber der Horror dagegen ist beinahe noch größer als die Angst vor den Nazis. In Hamburg hat man zum Beispiel nichts Besseres zu tun gewußt, als einen Ausnahmezustand zu verhängen, der die K.P.D. ebenso trifft wie die N.S.D.A.P., das heißt, man stellt Mörder und Gemordeten auf eine Stufe. Daran erkennt man die Hand der Sozialdemokratie. Selbst dieser Augenblick ist ihr grade recht, der verhaßten kommunistischen Konkurrenz eins auszuwischen. Vor dem blutigen Bahrtuch eines gemeuchelten Arbeiterführers könnte wohl eine kleine Waffenpause eintreten, eine Stunde der Erinnerung an lange vergangene gemeinsame Kämpfe. Doch da knallt eine neue Verfügung herein. Es geht nicht etwa gegen die rechtsradikalen Mordbuben, sondern gegen die »Radikalen rechts und links«, wird also in der Praxis darauf hinauslaufen, daß die Kameraden des Wachtmeisters Pohl günstige Gelegenheit haben werden, den zur Zeit noch eingebuchteten Märtyrer der großen Sache mit Gummiknüppel und Revolver an den Roten zu rächen, während die Nationalsozialisten auch im ärgsten Randal mit einem freundschaftlichen Klaps davonkommen. Und da wundert die würdige republikanische Presse sich und rümpft die feingeschwungene Nase, weil die Kommunisten in der hamburger Bürgerschaft über die Nazivertreter herfielen und sie windelweich droschen. Ganz davon abgesehen, daß diese Burschen keine andre Beweisführung anerkennen und ein solches abgekürztes Verfahren durchaus ihrer Anschauung vom Leben der Menschen untereinander entspricht – die Faust ist zwar kein gutes Argument, aber sie ist auch kein schlechteres als das Schwert, mit dem nach einem simultanen deutschen Glauben der echte Mann Schande rächt, Verrat züchtigt und seine verfahrenen Angelegenheiten zum Bessern wendet. Diese paar marmorierten Nazihintern sollten in keinem Republikaner hofmeisterliche Instinkte lebendig machen. * Joseph Légalité Während die nationalsozialistische Bewegung immer mehr anschwillt und immer breitere Volksmassen erfaßt, schreitet der psychische Verfall der Führer in rapidem Tempo fort. Ein paar Millionen Deutsche werden von einer Handvoll Narren gegängelt. So war es früher auch, jawohl, aber diesmal ist der klinische Befund greifbarer. Im münchner Parteipalais betätigt sich der Generalissimus als Innendekorateur, ein Gott, der hoch im Braun und Blauen über Ovationen und Mißbilligungen thront. Nur Herr Doktor Joseph Goebbels steht noch munter im Gefecht, aber in was für einem. Tag für Tag schreibt er im ›Angriff‹, »was für ein brav Kerl« er ist, um mit Schelmuffsky zu reden. Selten wohl hat ein junger Geschäftsmann, der aus Sparsamkeitsgründen sein eigner Propagandachef sein muß, über sich selbst mit größerer Zufriedenheit Prospekte geschrieben. Goebbels kennt jetzt nur noch ein einziges wichtig zu nehmendes Politikum: die eigne werte Person. Er benutzt jede Gelegenheit, um seinen männlichen Bewunderern und den Scharen germanischer Tempeljungfrauen, die sich um ihn drängen, von der Tüchtigkeit der Firma zu erzählen. Eine kleine Anpflaumung in einem Zeitungsartikel, die sich mit seinem nicht grade hundertprozentig proletarischen Lebensstil befaßt, erwidert Goebbels mit einer umfangreichen Darlegung, wie, wo und wann er wohnt, was der Chauffeur kriegt etcetera. Kein Detail bleibt uns erspart. Nächstens wird Taillenweite und Hutnummer mitgeteilt werden, und was dann noch übrig bleibt, will ich lieber nicht erwähnen. Sonst schreitet die Zensur ein. Es ist begreiflich, daß Goebbels auch sein Attentat haben mußte. Ob die Zusendung von ein paar Knallbonbons an seine Adresse auf ihn selbst zurückgeht, ob es sich dabei um einen Ulk handelt, den sich jemand in Weinlaune mit dem steglitzer Dutsche gemacht hat, jedenfalls hat sich der Retter Alldeutschlands aus eigner Berufung dabei nicht sehr heroisch aufgeführt. Wer Europa mit Giftgasgeschwadern überziehen, mindestens das deutsche Vaterland in ein kleines Bürgerkriegsgemetzel tauchen will, muß einen mit Kinderfeuerwerk ausgeführten Angriff auf das eigne körperliche Wohlbefinden mit besserer Laune ertragen. Doch dieser hysterische Zappelwisch von einem Tribunen bricht in ein unartikuliertes Gekreisch aus. Nun wäre dieses Zwischenspiel nur komisch zu nehmen, wenn es nicht vierundzwanzig Stunden später in Hamburg wirklich geknallt hätte, und das war kein Spielzeug. Damit stoßen wir auf ein ernsteres Thema. Denn tagtäglich werden im ›Angriff‹ und den andern völkischen Blättern die wildesten Abrechnungen mit den Gegnern in Aussicht gestellt. Täglich wird ein Andrer zu den Leuten geworfen, »die wir uns aufsparen wollen für eine legale Abrechnung, die einmal kommt, wenn wir die Macht in der Hand haben«. Dieses Spiel begann, als Adolphus Rex vor dem Reichsgericht »rollende Köpfe« ankündigte. Und so geht es seitdem weiter, »natürlich gesetzlich, natürlich erst, wenn wir die Macht in der Hand haben.« Joseph Légalité, der unerbittliche Revolutionär, teilt in seinem Blättchen die tägliche Komplettierung der Ächtungslisten mit. Damals beim leipziger Offiziersprozeß hätte der Reichsanwalt sofort gegen Hitler vorgehen müssen. Was würde wohl der Anwalt eines monarchischen Staates gegen eine Oppositionspartei unternehmen, die für den Fall der Machtergreifung die Hinrichtung des Königs und seiner Minister in Aussicht stellt? Er würde von der Legalität rechtens Gebrauch machen, und das Revolutionstribunal des kommenden Reichs säße zunächst einmal auf der Angeklagebank des noch in Kraft befindlichen. Schon sind aus Fememördern Femerichter geworden und die hamburger Meuchelmörder fühlen sich gewiß als Vollstrecker eines Rechts, das morgen schon herrschen kann. Eine schamlose Umwertung einfachster Begriffe von Anstand und Recht frißt sich mehr und mehr in die deutschen Gehirne ein. Der schlichte S.A.-Mann, der den Mitbürger mit den andern Farben am Rock wie ein böses Tier abschießt, betrachtet die Gegner einfach als politische Verbrecher, die zu bestrafen die schlappe Republik versäumt. So wird es ihm von den Führern eingehämmert. Die zynische und verlogene Parole: »Wir bleiben legal«, heißt schon lange nicht mehr: »Wir treten nicht über die Grenzen bestehender Gesetze«, sondern: »Wir lassen uns nicht ertappen und streiten alles ab.« Der Staat hat gemütlich zugesehen, bis sich aus Straßenraufereien und -schießereien allmählich bürgerkriegähnliche Zustände entwickelten, und er reibt sich noch jetzt erstaunt die Augen, wo wieder eine neue Phase begonnen hat: die der offenen Attentate gegen bestimmte Personen. Zwei Morde in achtundvierzig Stunden, das ist ein verheißungsvoller Beginn. Man wird nicht mit einem Schlage das nationalistische Komitatschigesindel, das überall schußbereit im Gebüsch lauert, entwaffnen können. Aber diese elende, feige Phrase von der Legalität, die sollte man den Führern endlich aus der wohlgepflegten Hand schlagen, damit die Herrschaften nicht im sichern Bureau die Verantwortung für eine neue Mordwelle ohne große Beschwernis ableugnen können. Wie mannhaft wirkt nicht neben dieser Drückebergerei die Erklärung des inzwischen verstorbenen Pöhner im münchner Hitler-Ludendorff-Prozeß von 1924: »Aus meiner ganzen Einstellung mache ich kein Hehl. Ich habe dem Staatsanwalt erklärt: Was Sie mir jetzt als Hochverrat vorwerfen, dies Geschäft treibe ich seit fünf Jahren.« Auch Bürger Joseph Légalité, der vorsichtige Umstürzler, treibt dies Geschäft, aber mit Rückversicherung. Die Weltbühne, 24. März 1931 985 Ufa verbietet die Konkurrenz Bei uns spielt die Filmzensur mit verteilten Rollen. In der ersten Instanz legt irgend ein Fachmann namens der Fachgruppe C III Verwahrung gegen ein belangloses Detail ein. Erst in der zweiten Instanz findet die Zensur ihr historisches Vokabular wieder: »unsittlich«, »die Familie herabwürdigend«, »politisch bedenklich«. Bei dem Granowsky-Film »Das Lied vom Leben« protestierte zunächst einmal ein Sanitätsrat im Interesse der Volksgesundheit gegen Szenen aus einer gynäkologischen Klinik, weil deren quälende Einzelheiten die Frauen von einer lebensrettenden Operation abschrecken könnten. Das war schon seltsam genug, aber die Kammer folgte dem. Doch in der zweiten Instanz, bei Herrn Ministerialrat Seeger, scheint davon nicht mehr viel die Rede gewesen zu sein. Denn hier wird das Verbot hauptsächlich damit begründet, daß der Film »eine Herabwürdigung der Ehe« bedeute. Das ist beste alte Terminologie. Doch der Genauigkeit halber sei hinzugefügt, daß auch die erste Instanz kaum etwas Andres gemeint hat. Das Verbot hat keine gesetzliche Unterlage und wirkt ganz kindlich, wenn man sich an den vorliegenden Sachbestand hält, es erhält jedoch seinen Sinn, wenn man es aus den Tendenzen entwickelt, die augenblicklich das Reichsinnenministerium beherrschen. Herr Doktor Wirth ist durch den sogenannten Kulturbolschewismus kopfscheu gemacht, dazu kommt noch die Nervosität des Katholiken, der die Kirche heute den heftigsten Angriffen von ganz rechts und ganz links ausgesetzt sieht. Herr Doktor Wirth hat vor Jahren einmal, als ihm die Berührungspunkte von Nietzsche und Hitler noch nicht so geläufig waren, die großen revolutionären Demokraten Heinrich Heine und Ludwig Börne in einer Rede gefeiert und ist dafür von Herrn Hussong furchtbar ausgeschmiert worden, weil sich das für einen gläubigen Katholiken nicht gehöre. Inzwischen hat sich die Distanz zwischen den Herren Wirth und Hussong erheblich verringert, und der Herr Minister denkt nicht daran, den legitimen Abkommen des Kulturbolschewismus von 1830 den Lorbeer auf die Stirn zu drücken, den er für ihre verblichenen Ahnen übrig hat. Für die Zensurkammern handelte es sich weniger um den Inhalt des Films als vielmehr um die Leute, die ihn präsentierten. Alexis Granowsky, der moskauer Regisseur, und Walter Mehring, der Verfasser der Chansons, gelten als suspekte Figuren. Man will wieder eine »deutsche«, eine »bodenständige« Kunst, wie sie der zum Schaf gewordene Schäfer proklamiert hat und an der auch ein Fechter sich erheben kann. Granowsky und Mehring, diese Leute riechen nach »Zersetzung«. Vielleicht wäre es mit Arthur Rebner statt Walter Mehring besser gegangen. Es ist heute nicht am Platze, sich mit einem Film ästhetisch auseinanderzusetzen, den die Zensur der Öffentlichkeit vorenthält. Weil er aber den Wenigsten nur bekannt ist, müssen hier ein paar Worte über Form und Inhalt gesagt werden. Zunächst, das »Lied vom Leben« ist, trotz des russischen Regisseurs, kein Kampffilm, ganz ohne soziale Schlachtmusik, ganz fern dem, was man heute Zeitkunst nennt. Gemessen an den verwegenen Experimenten der pariser Surréalisten wirkt Granowskys Film ziemlich zahm, gemessen jedoch an der deutschen Tonfilm-Produktion bildet er unbestreitbar vorgerückteste Avantgarde. Eine dünne, allzu dünne Handlung verschwebt, à la Pirandello, zwischen Traum und Wirklichkeit, die einzelnen Elemente sind nicht akzentuiert, sollen es, nach dem Willen des Regisseurs, nicht sein. Eine junge Frau flieht von der Hochzeit, um einem widerwärtigen Gatten zu entgehen. Von Angstvisionen gepeitscht, will sie ins Wasser gehn. Sie wird im letzten Augenblick zurückgehalten, und ihre Retter steigen mit ihr in den Tragkorb des großen Krans und zeigen ihr, hoch über dem Hafen schwebend, die unermeßliche Schönheit der Welt. Später finden wir sie als übermütige Braut am Badestrand in den Armen des Geliebten, dann als junge Gattin. Wir finden sie in der Gebärklinik, an der Wiege des Kindes, endlich als Mutter, den Sohn ans Schiff begleitend, das ihn übern Ozean trägt. Traumhaft gleitet das alles vorüber. Aber ist es der Traum einer Selbstmörderin in den Sekunden des Versinkens oder ist es die wirre Phantasie der auf den Operationstisch Geschnallten? Hier wird nichts klar, soll nichts klar werden. Der Film ist eine lyrische Rhapsodie vom Aufgang und Verklingen des Lebens, ein jauchzendes Bekenntnis zur Natürlichkeit, ein Hymnus auf die Welt, die so viel besser ist als die Gesellschaft, die der törichte Mensch sich als Gefängnis errichtet hat. Grade diese Partien werden von den Versen Mehrings stark getragen. Und worin, zum Teufel, soll eine Herabwürdigung der Ehe zu erblicken sein? Gewiß, in den einleitenden Bildern, dem ersten Meisterstück Granowskys als Filmregisseur, wird der bürgerlichen Gesellschaft heftig zugesetzt. Aber es kommt doch darauf an, von welcher Ecke und wie opponiert wird. Diese Opposition bleibt sachlich: sie klagt nicht an, sie zeigt auf. Es gibt keine jener Frivolitäten und Zoten, von denen jede Tonfilm-Operette wimmelt, diese Opposition sticht gegen die Unvernunft und Öde bourgeoiser Lebensform. Wir blicken auf eine Hochzeitstafel, das heißt, wir sehen zunächst nur den kauenden, mahlenden, schmatzenden Mund jedes der Teilnehmer. Dann erst wird sichtbar, wie die Frackmänner fein tun, wie die Damen läppisch kokettieren. Ein Hogarthscher Einfall. Doch dann biegen sich die Kerzen langsam und vertropfen, und vor schwarzem Hintergrund sitzen grinsende Totenskelette um den Tisch. Der Spuk entschwindet, der Saal ist wieder hell, es geht zum Tanz. Eine scheußliche alte Megäre, im Lehnsessel zwischen Silberleuchtern wie auf dem Katafalk, läßt sich den Hof machen, ein Kavalier tastet einer jungen Dame den üppigen Rückenausschnitt ab, der glückliche Bräutigam, ein Jammergestell, aus dessen trüben Augen die Erinnerung an eine nicht ganz sicher abgelaufene Quecksilberkur wehklagt, versucht die Eröffnung ehelicher Vertraulichkeiten, und die junge Braut rafft die Schleppe und läuft, wie von tausend Hunden gehetzt, davon, und unsre heißen Glückwünsche begleiten sie. Wie gesagt, die Zensoren nennen das »Herabwürdigung der Ehe«. Möglich, daß sich einer der Herren Beisitzer, der aus einer verunglückten Hochzeitsnacht eine Weltanschauung gemacht hat, dadurch touchiert fühlt. Wer aber wagt die Behauptung, es sei eine Verunglimpfung von Ehe und Familie, wenn ein junges Weib, grade rechtzeitig noch, einem Gatten entrinnt, der Lues oder Tabes in das amtliche registrierte Bett trägt? Wo bleibt da der protestierende Repräsentant der Volksgesundheit? Granowskys Film feiert Leibesgesundheit, Bewegung und Sport; Liebesbund junger wohlgewachsener Menschen, also: gute Rasse. Wir verdanken der Filmzensur einen ganz neuen Rigorismus, den ihre Großtante, die gute, alte Theaterzensur, niemals gekannt hat. Da wird grade im Staatstheater der »Agamemnon« gegeben, in dem bekanntlich der alte Aischylos die Ehe so weit herabwürdigt, daß er eine Gattin mit Hilfe des Buhlen den angetrauten Ehemann ermorden läßt. Mit der Heiligkeit von Ehe und Familie haben die Koryphäen der Weltliteratur überhaupt nicht viel im Sinn. Dabei ist es wohl noch keinem Theaterzensor eingefallen, Ödipus und Jokaste, Lears Töchter oder Hamlets Mutter zwischen die Schere zu nehmen. Wäre die Theaterzensur immer so reaktionär und engherzig gewesen wie das Geheimkabinett des Herrn Ministerialrats Seeger, so müßten Sophokles, Shakespeare und Schiller schon lange hundertprozentig konfisziert sein, weil diese gewissenlosen Kulturbolschewisten vornehmlich die Familie zur Domäne ihrer moralabträglichen Tendenzen gemacht haben. Das Theater hat sich seine Freiheit immer wieder gegen die Zensur zu verteidigen gewußt. Und der Film? Der deutsche Film ist nahe daran, in den tiefsten Niederungen zu versinken. Die Industrie bevorzugt Kitsch, weil das Risiko dabei am geringsten ist. Außenseiter werden nicht nur von der stärkern Konkurrenz getroffen, sie müssen sich auch gegen die künstlerische Reaktion zur Wehr setzen, die sich wieder hinter politischen Mächten verschanzt. Und damit auch nicht eine letzte Chance bleibt, kommt als gewichtigste Instanz die Zensur und verbietet kurzweg die Außenseiter und Experimentatoren. Bei diesem Kaiserschnitt am deutschen Film, von ungelenken Bureaukratenhänden ausgeführt, gehen Mutter und Kind zugrunde. Und so ganz nebenbei wird auch der letzte berliner Filmtheaterleiter mit künstlerischem Ehrgeiz, Hans Brodnitz, kaput gemacht. Erst verbietet man ihm Remarque, dann Granowsky. Wer wagte es, zu behaupten, man habe ihm den Letztern vorzuführen verwehrt, weil er sich des Erstern angenommen? Niemand darf das wagen, denn die Zensur geht objektiv ihren Amtsweg, nicht nach rechts oder links blickend. Es beeinträchtigt ihre Objektivität auch nicht, wenn ein Angestellter der Ufa Beisitzer spielt, wie es bei der Prüfung des Granowsky-Films der Fall war. So bleibt auf weiter Flur nur der eine Gerechte übrig, der allmächtige Hugenberg, von Seeger mit dem Visum der Bravheit versehen, von Lampe für volksbildend und künstlerisch, also steuerfrei erklärt. Mögen die Herren der Zensur sich auch einbilden, Ehe, Vaterland und Gottweißwas zu retten, praktisch drücken sie das Niveau des deutschen Films, praktisch stützen sie nur das Monopol der Ufa, die auf diesem ganz legalen Weg unliebsame Konkurrenz zu unterdrücken in der Lage ist. Die ausübenden Bureaukraten sind alle makellose Leute, selbstverständlich, aber sie betragen sich so, als wären sie von Hugenberg gekauft. Die Weltbühne, 24. März 1931 986 Berlin – Wien Die Zollunion mit Österreich, von Herrn Curtius als das Kernstück des kommenden Paneuropa ausgelegt, hat einstweilen eine Wirkung gehabt, von der sich die künftigen Vertragskontrahenten in der Wilhelm-Straße und am Ballhaus-Platz nichts träumen ließen. Die europäische Einigung, die den Herrn Curtius und Schober schon zuzulächeln schien, nimmt einstweilen eine andre Richtung. Statt der Einigung mit Deutschland ist die Einigung gegen Deutschland wieder einmal perfekt. Es muß für viele unsrer Landsleute bitter enttäuschend sein, daß man sich in London nicht weniger ablehnend verhält als in Paris, daß die von den deutschen Nationalisten sonst meistzitierten londoner Blätter die deutsche Außenpolitik wieder einmal so scharf hofmeistern wie seit dem Ruhrkampf nicht. In der Form ist die deutsch-österreichische Zollunion ein wirtschaftlicher Vertrag, in der Sache ein hochpolitischer. Sie ist der Anschluß, wirtschaftlich drapiert. In späterer Zeit wird dann die heutige papierne Hülle fallen und die definitive Einkleidung folgen. Es hat keinen Zweck, daß die deutsche Presse harmlos tut, niemand nimmt das für bare Münze, und ein ausschließlicher Wirtschaftsvertrag hätte auch nicht in solchem Maße alarmiert. Die Zollunion ist ein Stück Revisionspolitik, und nicht das glücklichste. Der Vertrag ist ein politischer, denn der wirtschaftliche Nutzen ist für beide Teilnehmer herzlich gering. Außerdem werden an Industrie und Agrariertum noch viel mehr Kompensationen gemacht werden müssen als bisher, wenn die Union überhaupt einmal effektiv werden soll. Nur um eine wünschenswerte politische Konstellation zu erreichen, bezahlen Staaten mit akuter wirtschaftlicher Schädigung. Bis jetzt ist zahlreichen, sonst zu jeder Dummheit bereiten deutschen Patrioten der tiefere Sinn dieses neuen nationalen Opfers noch nicht ganz aufgegangen. Dazu gehört vor allem der grüne Generalissimus Graf Kalckreuth, der die deutsche Landwirtschaft schon von den alliierten österreichischen Bauern ernstlich bedroht sieht. Aber auch die österreichische Industrie ist nervös geworden, denn sie fürchtet mit Recht, daß ihr bei der glühenden Umarmung durch die schwere deutsche Cousine endgültig die Luft wegbleiben kann. Übrigens beginnen die deutschen Industrieherren sich bereits rechtzeitig zu sichern und Vorteile für sich herauszuschlagen. Wie Günther Stein im ›Berliner Tageblatt‹ mitteilt, besteht bereits die Absicht, für das gesamte Unionsgebiet die Einfuhr ausländischer Kohle radikal zu verbieten, ebenso werde die Reichsbahn dem neuen Kollektivprotektionismus durch Vorzugstarife Hilfe leisten. Und Günther Stein weist noch auf einen andern wichtigen Umstand hin: »So kann allzuleicht – und wie sollte es bei der heutigen innenpolitischen Situation anders sein? – die Zollunion zu einer neuen Belastung der Konsumentenmassen werden. Und überdies kann sie von einer andern Seite her auf die Massen einen gefährlichen Druck ausüben; vom Lohn aus. In Österreich ist das Reallohnniveau niedriger, Anpassung muß sein, und die Dinge liegen zurzeit nicht so, daß die Anpassung zugunsten der österreichischen Arbeiter erfolgen würde. Um so weniger, als in dem neuen Wirtschaftsgebiet manche Rationalisierung möglich ist, die die Unternehmerschaft in der Lohnpolitik als Druckmittel benutzen kann.« So bedeutet also das große zollpolitische Ereignis keine Erleichterung in der gegenwärtigen Krisenlage. Neue Attentate auf das ohnehin fragwürdige Lohnniveau der Massen, Konzessionen an Industrie und Agrarier, rund um die Union armdicke Zollmauern, die möglicherweise bisherige Kunden verscheuchen und in erbitterte handelspolitische Gegner umwandeln werden – das sind so die Aspekte, die sich bei der ersten Prüfung darbieten. Der Protektionismus ist immer ein nationalistisches, ein kriegerisches Prinzip gewesen. Nur ist das Deutsche Reich heute wirklich nicht in der Lage, sich einem Prinzip zu verschreiben, das sich Staaten inmitten macht- und wirtschaftspolitischer Prosperität gestatten konnten, und nicht einmal dem britischen Weltreich ist seine jingoistische Periode gut bekommen. Mag Herr Curtius sich selbst und andern einzureden versuchen, daß diese Union der kleine Schneeball ist, der allmählich zur Lawine Europa wird, in Wirklichkeit exekutiert diese Politik nur das Programm des deutschen Nationalismus: sie kapselt Deutschland in Europa ab. Sie errichtet eine Mauer gegen Europa, und Deutschland nimmt sich das kleine Österreich in die Zelle mit, um nicht in der Einsamkeit der Haftpsychose zu verfallen. Tu felix Austria nube! jubelten die Herrn Schober freundlichen Blätter. Wir finden, daß Österreich im Laufe seiner wechselvollen Geschichte schon bessere Partien gemacht hat. * Es gibt seit Jahren eine Anschlußbewegung, die in Deutschland etwas krampfig und mit Bierbankpathos betrieben, in Österreich selbst aber von viel wärmern Impulsen beherrscht wird. Das ist sehr leicht verständlich, denn Österreich ist von einem bösartigen Schicksal aus Großmachtbedeutung in den Rang eines nicht recht lebensfähigen Kleinstaates gestoßen worden, der in einem größern Verbande aufgehen, mindestens sich an einen wirtschaftlich Stärkern anlehnen muß, wenn er nicht verkümmern soll. Namentlich die österreichische Sozialdemokratie, die noch immer am besten geführte Sektion der Zweiten Internationale, wünscht die Vereinigung mit der deutschen Schwester, weil sie in Österreich auf Wien und die wenigen Industrieplätze beschränkt ist, weil sie es ziemlich hoffnungslos findet, auf die Dauer gegen eine Schlammflut von klerikalen und völkischen Kleinbürgern anzukämpfen. Ihre Sehnsucht, aus der neuösterreichischen Enge herauszukommen, ist begreiflich, und auch viele deutsche Sozialisten würden Otto Bauer lieber auf dem Platze von Otto Wels sehen. Und eine Leistung wie die der Kommune Wien mitten im würgenden Elend der Nachkriegsjahre finden wir in Deutschland nirgends. Wien bietet ein besonders bewundernswertes Beispiel neben der deutschen Reichshauptstadt, das von seiner republikanischen Mehrheit in den tiefsten Bankrott hineingesteuert worden ist. Daran kann kein Zweifel sein, wenn zwei europäische Staaten ein engbindendes, handelspolitisches Abkommen mit dem Ziel der spätern völligen Vereinigung treffen, so ist das angesichts der territorialen Zerrissenheit unsres Kontinents zu begrüßen und zu fördern. Jedenfalls ist dieser Zustand gesünder als der heutige, wo die großen Staaten sich ihre kleinen Satelliten halten, die bei jedem Pfiff springen müssen. Aber es handelt sich dabei nicht nur um das gute Ziel, sondern in gleichem Maße um das Wann und das Wie. Mit falscher Geste eingeleitet und zu einem falschen Zeitpunkt durchgeführt kann der deutsch-österreichische Zusammenschluß nicht zu einem Fortschritt, sondern zu einem Rückschlag werden. Man hat sich in Europa mit dem Anschluß immer mehr abgefunden, selbst der Theaterdonner der versailler Orthodoxie in pariser Journalen ist im Laufe der Zeit viel schwächer geworden. Womit man sich allerdings nicht so leicht abfindet, das ist die Methode des deutschen Ministeriums des Äußern, mit einer solchen Entscheidung die europäische Öffentlichkeit einfach zu überrumpeln. Diese Handicap-Politik, diese Unmanier, in wichtigsten Dingen Ziethen aus dem Busch zu spielen, die Welt immer vor »vollendete Tatsachen« zu stellen und dann mit veilchenblauem Augenaufschlag zu fragen: Ja, was ist denn eigentlich los? – diese Diplomatie aus dem Hinterhalt hat man nachgerade satt. Gewiß, so etwas wird in Deutschland für staatsmännisch, für bismärckisch gehalten, aber grade das isoliert Deutschland immer wieder von neuem und sichert ihm höchstens Applaus in Budapest und Sofia, wo man sich mit einem Dauerfeuerwerk über den eignen Katzenjammer hinwegtröstet. Man hat in der Wilhelm-Straße noch immer nicht gelernt, daß der vernünftige Außenpolitiker nicht auf akustische Effekte ausgehen darf, mindestens hätte von der Explosivwirkung des Rapallovertrages noch etwas in der Erinnerung haften müssen. Das damalige Abkommen mit Rußland war keine schlechte Arbeit, aber so wie es herausgebracht wurde, hatte es die Folge, daß Deutschland für das Scheitern der genueser Konferenz verantwortlich gemacht und überall zum Sündenbock für alle europäischen Unfälle ernannt wurde. Auch diesmal ist die Wirkung keine bessere, die Beschwerde beim Völkerbund ist bereits eingeleitet und mit ebenso fahrplanmäßiger Pünktlichkeit die deutsche Behauptung da, daß das den Völkerbund gar nichts anginge. Der Wiener Vertrag ist ein Kind der Geheimdiplomatie, also schon aus diesem Grunde allen Andern höchst fragwürdig. Bedeutet er wirklich nur eine handelspolitische Übereinkunft und keine machtpolitische Machination, so steht die Art, wie er produziert und bekanntgegeben wurde, einer sachlichen Diskussion ernsthaft im Wege. Herr Brüning, der die entstandene Erregung nicht mit einer Notverordnung dämpfen kann, meint im übrigen, Deutschland und Österreich würden ihren Weg mit »ruhiger Festigkeit« weiterverfolgen. Herr Brüning hat seine guten Eigenschaften, aber ein Ruhestifter für einen aufgescheuchten Diplomatenschwarm ist er kaum. Seine westfälische Schlichtheit wirkt auf Leute, die weiter zählen können, als bis Achtundvierzig, eher aufreizend. Es heißt doch die Dinge unerlaubt simplifizieren, wenn er dem Völkerbund die Berechtigung abstreitet, sich den Vertrag näher anzusehen. Der Friedensvertrag von St. Germain nennt Österreichs Unabhängigkeit »unabänderlich« und verbietet jede Handlung, »die mittelbar oder unmittelbar auf irgendwelchem Wege, namentlich im Wege der Teilnahme an den Angelegenheiten einer andern Macht, diese Unabhängigkeit gefährden könnte«. Und im Genfer Protokoll von 1922, das die Grundlage der österreichischen Sanierung bedeutet, heißt es, daß die österreichische Regierung sich jeder Verhandlung und jeder wirtschaftlichen oder finanziellen Bindung zu enthalten habe, »welche geeignet wäre, diese Unabhängigkeit direkt oder indirekt zu beeinträchtigen«. Österreich behält zwar seine Freiheit »in bezug auf Zolltarife, Handels- und Finanzabkommen«, richtig; »vorausgesetzt ist jedoch, daß Österreich seine wirtschaftliche Unabhängigkeit nicht dadurch antastet, daß es irgendeinem Staate ein Sondersystem oder ausschließliche Vorteile gestattet, die geeignet wären, diese Unabhängigkeit zu gefährden«. Der Reichskanzler wird zugeben müssen, daß es sich hier mindestens um ein Preisrätsel für die Kronjuristen handelt, ob in dem Vertrag Österreich dem Partner ein Sondersystem oder ausschließliche Vorteile zugesteht, die geeignet wären, seine Unabhängigkeit zu gefährden. Mit der Strammheit des Kanzlers allein wird die deutsche Regierung nicht weiterkommen, sie wird den Andern nicht das Recht bestreiten können, den Vertrag wenigstens zu diskutieren. Bei besserer Vorbereitung und weniger Heimlichkeit wäre der Effekt wahrscheinlich gar nicht so schlimm gewesen, denn nicht erst seit gestern wird die deutsche Politik auch in Paris mit einer Art Fatalismus betrachtet, aber man will sich nicht immer überrumpeln lassen, man will das, was man nicht ändern kann, wenigstens höflich serviert und nicht um die Ohren geschlagen bekommen. Geringer wäre die Detonation auch gewesen, wenn man in Deutschland die Tschechoslowakei nicht von vornherein als einen neuen, durch ein gütiges Geschick zugefallenen Erbfeind behandelt und in dem verbindlichen Herrn Benesch nicht immer einen Hohenpriester der höllischen Heerscharen gesehen hätte. Heute ist das Widerstandszentrum nicht Paris, sondern Prag. Durch einen deutsch-österreichischen Zusammenschluß und den ungarischen Gegner im Osten würde die Tschechoslowakei ein Staat in permanenter Umzingelung werden, belagertes Gebiet. Schon diese Tatsache macht einleuchtend, daß eine Vereinigung Deutschlands mit Österreich nur ein Stück einer europäischen Generalreinigung sein kann, die durch einen solchen Schritt nur aufgehalten, vielleicht sogar zerstört, niemals zu gutem Ende geführt werden kann. Da das auch den Herren Curtius und Schober nicht fremd sein kann, so ergibt sich die klare Frage, was man sich unter dieser Zollunion eigentlich vorstellt. Wirtschaftlichen Nutzen, das steht fest, und das werden die agrarischen und industriellen Interessenten in beiden Staaten demnächst noch viel deutlicher sagen – wirtschaftlichen Nutzen hat sie nicht. Bedeutet sie also nur eine Arrangierprobe für größere Wagnisse? * Das Echo müßte ernüchternd wirken. Der Nationalismus hat keine Chancen, auch wenn es kein deutsch-fascistischer Außenminister ist, sondern der überall gut angeschriebene Herr Curtius, der einmal den Versuch unternimmt, ob man mit Eclat weiter kommt als auf normalem Verhandlungswege. Was würde durch die Vereinigung mit Österreich an der gegenwärtigen Krise geändert werden? Nur die außenpolitische Situation dürfte sich unendlich komplizieren, denn Deutschlands Grenzen reichten dann bis nach Italien und nach dem Balkan. Berauschende Möglichkeiten für unsre Glücksspieler und Phraseure – von der Nordsee bis zu den Alpen, von der Etsch bis an den Belt überall Gefahrenzonen, Zündstoff, Feinde! Der in Deutschland mit so viel Talent nachgebildete Balkan genügt nicht, man möchte noch lieber Tuchfühlung mit dem Original haben. Überall sucht die deutsche Politik Auswege aus der Wirrnis, Befreiung von den immer drückender werdenden Lasten. Italien, Ungarn, Bulgarien bilden starke Posten in der Hoffnung. Deutsche Patrioten und fanatische Verteidiger des Eigentums rechnen auf die Liebenswürdigkeit Moskaus, zugunsten des deutschen Kapitalismus die Franzosen zu verprügeln. Überall auf Gottes weiter Erde sucht man den Schlüssel, nur dort nicht, wo er nicht etwa verborgen, sondern offensichtlich mitten auf dem Tisch des Hauses liegt: in Paris! Die Reparationsfrage ist keine deutsche, sondern eine deutsche und französische Angelegenheit, denn beide Völker leiden gemeinsam unter den Tributen an das amerikanische Finanzkapital. Um diese einfache Sachlage nicht wahrzunehmen, führt man in Deutschland die verrücktesten Komödien auf. Der Aberglauben vom deutschen Prestige erlaubt nicht, mit Frankreich an einem Tisch zu sitzen. Eher pilgert die deutsche Seele vertrauensvoll und schweifwedelnd zu Mussolini. Wer aber schon ohne Feind nicht leben kann, dem sei verraten, daß es noch einen andern und viel leichter zu erreichenden gibt: den deutschen Kapitalismus. »Wem zahlt Deutschland eigentlich Tribut?« Diese Frage, die in Deutschland überraschen wird, erhebt Rudolf Keller, der Herausgeber des ›Prager Tagblatts‹ in einer soeben erschienenen Broschüre »Deutschland und Frankreich« (bei Piper, München). Das ist eine der deutsch-französischen Verständigung dienende, höchst lebendige Kampfschrift, voll guten Willens und schlüssig in der Beweisführung. Keller geht sehr kräftig an die Frage heran, er legt die Preispolitik, die Preisexzesse der deutschen Kartelle in einer so überzeugenden Weise dar, daß die Reparationskämpfe plötzlich ein ganz andres Gesicht bekommen. Die Aufgabe wird eine andre, sie wird eine innenpolitische. Shylock sitzt nicht mehr, das Messer wetzend in Paris, in echt gallischem Sadismus sich auf die Operation am armen deutschen Michel freuend. Shylock, das ist der gut nationale deutsche Industrielle, der das Hitlertum kräftig großfüttert und dabei an der Versklavung Deutschlands gehörig partizipiert. In der Allmacht der Kartelle sieht Keller die besondere Ursache des deutschen Elends, deshalb betont er auch mit Recht, daß mit einer Herabsetzung des »Tributs« an das Ausland nicht zu rechnen ist, wenn Deutschland »nicht vorher seinen Tribut an seine einheimischen Volksfeinde herabsetzt.« Aber Keller sieht auch die Schwierigkeiten: »... es wird in Deutschland vielleicht einer Revolution bedürfen, wenn man den großen Trusts ihr Gewohnheitsrecht der Sonderbesteuerung der Deutschen einschränken oder ganz nehmen will.« Wir sind von einer so revolutionären Situation noch weit entfernt, denn die Volksmassen, die für die Aktion in Frage kommen, laufen einstweilen noch hinter dem Rechtsradikalismus her oder sind in der KPD an unwirkliche Parolen gebannt oder liegen festgefroren in der SPD, die den politischen Fascismus formal abwehrt, ohne an die Ursachen zu denken, denen er sein Gedeihen verdankt. Inzwischen unternimmt Herr Brüning, der jetzt sein einjähriges Amtsjubiläum begeht, mit der ihm eignen »ruhigen Festigkeit« alles, um den deutschen Fascismus durch Erfüllung seiner Wünsche überflüssig zu machen, und nachdem er jetzt die gleiche »ruhige Festigkeit« auch außenpolitisch betätigt, ist zu hoffen, daß auch hier bald jener erfreuliche Zustand ausbricht, wo wir Hugenberg und Hitler nicht mehr nötig haben. Heute überrascht man Europa mit dieser Zollunion. Morgen wird man den Mächten die Einstellung der Reparationszahlungen notifizieren oder das Abonnement beim Völkerbund kündigen und dabei so tun, als hätte Deutschland sich wieder mal für den europäischen Frieden in uneigennützigster Weise geopfert. Die Weltbühne, 31. März 1931 987 Katholische Diktatur Was bedeutet die Notverordnung? Die Notverordnung der Reichsregierung vom 28. März soll nach den Erläuterungen der republikanischen Presse eine Abwehrmaßnahme gegen den wachsenden Terror des Nationalsozialismus sein. Sie soll die Prediger der Gewalt und der Gesetzesverachtung in der Presse und auf der Rednertribüne ebenso treffen wie die kleinen namenlosen Bravi, die im nächtlichen Dunkel mit Knüppel und Revolver die empfangene Lehre in blutige Taten umsetzen. Auch wir haben niemals bestritten, daß der Fascismus härter angepackt werden muß. Aber dazu hätten die bestehenden Gesetze, die ja auch nicht von Pappe sind, durchaus genügt. Es wäre ein Unsinn, eine vitale Bewegung, die über Millionen gebietet, in die Katakomben zu treiben und ihr eine Heimlichkeit aufzunötigen, in der die konspirativen Instinkte sich erst recht entwickeln können. Wir würden gegen eine lex Hitler sein, auch wenn wir glaubten, daß es der Regierung Brüning mit dem Kampf gegen den Fascismus Ernst wäre. Es fehlt in Deutschland wirklich nicht an Gesetzen, um eine staatszerstörende Partei unschädlich zu machen, es hapert nur mit den Exekutivorganen, bei denen Lässigkeit und böser Wille oft die Anwendung der ganzen Schärfe des Gesetzes hindern. Die siebzehn Paragraphen dieser Notverordnung bedeuten eine radikale Außerkraftsetzung von Rede- und Schreibfreiheit, aber sie enthalten nicht eine Silbe über Justizpersonen, die nationalsozialistische Hetzer und Totschläger mit dem blauen Auge davonkommen lassen, und über Beamte, die den Feinden des Staates Vorschub leisten. Zugegeben selbst, daß der Mißbrauch der Versammlungsfreiheit überhand genommen hat, viel ernster ist der Mißbrauch, der mit den alten liberalen Palladien »Unabhängigkeit der Justiz« und »wohlerworbenen Beamtenrechten« getrieben wird. Hier hätte der Hebel angesetzt werden müssen, und zwei kurze Paragraphen hätten dazu genügt. Statt einige zehntausend reaktionäre Beamte, die sich weigern, ihre Pflicht zu tun, zum Gehorsam anzuhalten, zieht die Regierung Brüning es vor, ein Volk von fünfzig Millionen unter Kuratel zu stellen. § 16 der Verordnung lautet: »Die in Artikel 48 Abs. 2 der Reichsverfassung genannten Grundrechte werden für die Geltungsdauer dieser Verordnung in dem zu ihrer Durchführung erforderlichen Umfang außer Kraft gesetzt.« Das sind die Artikel 114, 115, 117, 118, 123, 124 und 153. Um ein paar geifernde Agitatorenmäuler zu stopfen, um ein paar zum Schlag erhobene Fäuste aufzuhalten, soll also für ungewisse Zeit aufgehoben sein die Unverletzlichkeit der persönlichen Freiheit; die Unverletzlichkeit der Wohnung; die Unverletzlichkeit des Briefgeheimnisses; die Meinungsfreiheit in Wort, Schrift, Druck, Bild; die Versammlungsfreiheit; die Vereinsfreiheit; die Unverletzlichkeit des Eigentums. Was den letzten Punkt angeht, so kann man allerdings beruhigt sein, denn die Regierung dürfte ihre Vollmacht kaum dazu verwenden, etwa die Montanindustrie zu verstaatlichen oder Kapitalverschieber zu enteignen. Im Gegenteil, es war eine gewiß nicht beabsichtigte Ironie, daß mit diesem Artikel 153 auch sein letzter Absatz suspendiert ist: »Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich Dienst sein für das gemeine Beste.« Alles in allem: ein Willkürregiment in Großfolio. Es können Briefe geöffnet und Telephongespräche abgehört, es können Verhaftungen vorgenommen werden, ohne daß der Arrestant erfährt, warum, und ohne daß er in gesetzmäßiger Frist seinem Richter vorgeführt wird; es kann auf Grund dieser Verordnung die Gründung neuer Parteien untersagt werden. Ein Verteidiger des Ausnahmezustandes, der kasseler Regierungspräsident Doktor Friedensburg, schreibt in der ›Frankfurter Zeitung‹: »In bezug auf Versammlungen und Umzüge, das Führen von Waffen und Abzeichen, die Verbreitung von Plakaten und Flugblättern, sogar in bezug auf die politischen Ausführungen der Presse erhalten die Polizeibehörden so weitgehende Vollmachten, daß praktisch jede erdenkliche polizeiwidrige Betätigung verhindert werden kann.« Wir könnten dem Herrn Verfasser durchaus beipflichten, wenn er statt »jede erdenkliche polizeiwidrige Betätigung« geschrieben hätte: »jede unerwünschte politische Betätigung.« Bei den offenen konservativen und sozialreaktionären Tendenzen der Regierung Brüning, in der schließlich auch Herr Treviranus sitzt und Herr Schiele, der »das ganze System am liebsten zum Teufel jagen« möchte, und Herr Groener, der schon eine neue Verordnung ankündigt gegen die Leute, die ihm in seine militärischen Geheimnisse hineinmuddeln, ist anzunehmen, daß das Ausnahmegesetz den Oppositionellen von links schrecklicher werden wird als denen von rechts. Kommunisten, Linkssozialisten, Pazifisten, unabhängige Republikaner, streikende Arbeiter, verzweifelte Arbeitslose, sie alle stehen jetzt außerhalb des Gesetzes. Man muß in der Geschichte weit zurückgehen, um außerhalb des Kriegszustandes auf eine so rigorose Aufhebung aller verfassungsmäßigen Garantien zu stoßen. Man muß schon zurückgehen auf die berüchtigten Ordonnanzen des Ministeriums Polignac vom 26. Juli 1830, die das Volk von Paris zwei Tage später mit der revolutionären Erhebung, mit der Julirevolution beantwortete. Die Ordonnanzen des republikanischen Hindenburgministers Brüning sind nicht minder einschneidend als die des ultrakonservativen Bourbonenministers Polignac, aber der Applomb ist geringer. Die Sozialdemokraten zucken die Achseln und erklären, daß man zur Bekämpfung der fascistischen Gefahr halt Opfer bringen muß, und insgeheim hoffen sie dabei auch noch auf größtmögliche Schädigung der kommunistischen Konkurrenz. Die Liberalen ... lassen wir das! Sie schwingen sich kaum noch zu Verwahrungen auf gegen Film- und Kunstzensur, gegen Eingriffe in die ästhetische Domäne, die letzte ihnen verbliebene. Diese Notverordnung ist nach Gesetz und Recht unzulässig. Die März-Ordonnanzen der Regierung Brüning bedeuten eine Verletzung der Verfassung und eine Mißachtung des Parlaments. Hätte diese Volksvertretung nur einen Bruchteil von dem Selbstbewußtsein der englischen, von der demokratischen Wachsamkeit der französischen, sie wäre augenblicklich wieder zusammengetreten, um der Regierung eine Diktatur aus der Hand zu schlagen, die sie wie zum Hohne, vierundzwanzig Stunden nach der Vertagung des Parlaments verkündet. Der Reichstag, der sich das widerspruchslos gefallen läßt, degradiert sich selbst zu einem würdelosen Figurantentum. Die Parlamentarier werden Beamte, die das Volk zum Zwecke des Jasagens wählt und die die Regierung mit einem Freibillett nach Hause schickt, wenn die wirklichen Aufgaben der Volksvertretung erst beginnen. In dem einen Jahre seiner Kanzlerschaft hat Herr Brüning die republikanischen Parteien durch Einschüchterung genötigt, eine Position nach der andern preiszugeben. Mit dem ihr eignen goldenen Humor schreibt die ›Deutsche Allgemeine Zeitung‹ dem davonschleichenden Reichstag ins Poesiealbum: »Wenn die Weimarer Verfassung wenige Vorzüge besitzt, so doch offenbar den einen, die Möglichkeit der Korrektur für Exzesse der Freiheit zu bieten.« Kleiner Schäker, wann hätte diese Demokratie jemals freiheitlich excediert? Die Herren Republikaner haben das Recht, sich selbst zu korrigieren, nicht grade sehr zurückhaltend angewendet. Jetzt haben sie auch das Herrn Brüning überlassen, und man muß sagen, sie sparen nicht mit Dankesbezeugungen, weil er sie nicht gleich ganz abschlachtet, sondern sie einstweilen nur zu päpstlichen Sängern korrigiert. Großreinemachen bei Hitler Es ist ein besonders arroganter Witz des Schicksals, daß ein paar Tage nach Erlaß der März-Ordonnanzen schon ein Ereignis eintritt, durch das die Partei, gegen die sie sich angeblich richten, erheblich geschwächt, zum mindesten aber an Gestalt und Gesicht verändert wird. Wenn es dem Kanzler nur um die Bekämpfung der Nationalsozialisten zu tun wäre, so könnte er das Ausnahmegesetz ohne Gewissensnöte heute aufheben, denn es wird die Auseinandersetzung auf der Rechten eher stören als fördern. Einerlei, wie hoch man den ja nicht seit gestern bestehenden Führerkonflikt in der Nationalsozialistischen Partei einschätzt, ihre revolutionäre Stoßkraft ist erschüttert, sie kann nicht marschieren, ehe sie sich nicht wieder innerlich geordnet hat. Schon kurz vor den Wahlen gab es zwischen der Reichsparteileitung und den berliner S.A.-Leuten beträchtliche Differenzen, die damals zu einer zackigen S.A.-Attacke auf das Stabsquartier in der Hedemann-Straße führten. Hauptmann Stennes, der berliner Leiter, ein robuster kleinhirniger Condottiere, dessen Name mit der dunklen Geschichte der Hundertschaft z. b. V. verbunden bleibt, muckte auf, weil er kein Reichstagsmandat abbekommen hatte. Den ersten Aufruhr dämpfte Hitler durch ein Kompromiß, doch schon damals wurde von der Sezessionsgruppe Otto Strassers gesagt, daß der Allerhöchste Adolf nur darauf warte, mit den Landsknechten ganz Schluß zu machen. Deshalb scheint es auch jetzt zweifelhaft zu sein, ob wir es hier mit einer von Herrn Stennes inszenierten Revolte zu tun haben oder mit einer von München bewußt herbeigeführten Abstoßung von Elementen, deren revolutionärer Ludergeruch geeignet ist, die Bank- und Industrieverbindungen der Großkopfeten auf die Dauer zu stören. Das zu untersuchen, soll nicht unsre Sorge sein, bei dem erblichen deutschen Talent für die Analysis von Schuldfragen, werden sich dafür schon genügend Spezialisten finden, es berührt uns auch wenig, ob die Partei mit der Ausmerzung ihrer Totschlägerabteilungen nicht ein gutes Stück ihrer Anziehungskraft verliert. Als wichtigste politische Folge müssen wir zunächst betrachten, daß es eine Nationalsozialistische Partei, die auf ihre Gurgelabschneider verzichtet, leichter hat, den Schein von braver Legalität zu wahren. Man darf auch in diesem Zusammenhang nicht vergessen, daß Hitler schon im Sommer 1929 die holsteinischen Pulververschwörer rückhaltlos preisgegeben hat. Die neue Notverordnung schützt nicht so sehr das Haus der Republik wie das Braune Palais in München, sie schützt Hitler vor den Abgefallenen, vor der Demolierung durch Rebellen. Hat er nicht selbst sofort zur sorgfältigen Beachtung der Notverordnung aufgefordert? Bald wird er fest auf ihrem Boden stehen, die von sozialrevolutionären Keimen gereinigte N.S.D.A.P. wird im Herbst in den Reichstag zurückfinden und etwas später an die Seite der Regierung Brüning. Das aber würde zu einer neuen Verlegung des parlamentarischen Schwerpunktes führen, die Sozialdemokraten überflüssig machen. Begreifst du das, lieber ›Vorwärts‹? Ein katholischer Staatsmann Am 19. August 1930 erschien in der ›Germania‹, dem berliner Zentrumsorgan, ein Artikel des bekannten Jesuitenpaters Professor Friedrich Muckermann, der damals, mitten im Wahlkampf, mit Recht alarmierend wirkte. Herr Professor Muckermann kennzeichnete darin mit bewundernswerter Schärfe den Krisenzustand der Demokratie; besseres ist in diesem ganzen geistig so niedrig stehenden Wahlkampf nicht geschrieben worden: »Es wird entweder ein arbeitsfähiges Parlament geben oder das letzte Parlament der Weimarer Zeit sein. Es wird sich entscheiden, ob die Anwendung des Artikels 48 in die Ära eines erneuerten Parlamentarismus hinein- oder aber aus der Ära eines heruntergewirtschafteten Parlamentarismus überhaupt herausführt. Wir wollen jetzt die Frage nicht untersuchen, was letzte Verantwortung vor dem Volk von einem Reichskanzler verlangt, der auch das jetzt zu wählende Parlament wieder nach Hause schicken müßte. Wir wollen für diesen Fall nur bemerken, daß die christliche Moral nicht bloß dazu da ist, um ein fait accompli, das ihre Gegner machen, hinterher gutzuheißen, sondern daß sie auch dem katholischen Staatsmann die Möglichkeit gibt, unter gewissen Bedingungen ein fait accompli zu schaffen.« Als wir kurz nach dem 14. September an diesen sehr wichtigen Artikel erinnerten, verwahrte sich Herr Professor Muckermann brieflich dagegen, daß er der Diktatur das Wort habe reden wollen, sein Artikel wäre nur im Interesse der Demokratie gedacht gewesen. Wir hatten nicht vor, Herrn Professor Muckermann, dessen guter Glaube über jedem Zweifel steht, etwas andres zu unterstellen. Die Schwierigkeiten liegen jedoch darin, daß es bei der Diktatur nicht auf den guten Willen ankommt, sie nicht zu mißbrauchen. Die Diktatur hat ihre eignen Gesetze, sie steht vor allem unter dem Zwang, alle neuen Fragen, die während ihrer Dauer auftauchen, auch wieder diktatorisch zu lösen; und wenn sie endlich, erdrückt von Verantwortung, festgefahren in Widersprüchen, ihre Befugnisse wieder abgeben möchte, dann stellt es sich meistens heraus, daß sie im Laufe ihrer Geschäftsführung die verfassungsmäßigen Instanzen so ganz nebenbei mit umgebracht hat, und statt der Konstitution folgt nur ein neuer Diktator. Aber sonst hat Herr Muckermann erschütternd recht behalten. Herr Brüning regiert nur noch mit dem fait accompli. Er benutzt den Reichstag nur noch als verfassungsmäßiges Dekorum, er benutzt ihn nur insoweit, um dem Ausland zu beweisen, daß der Etat in parlamentarischer Weise verabschiedet wird. Aber sobald die Deputierten aus dem Hause sind, ist das neue fait accompli da. Ob der Herr Reichskanzler sich dabei allerdings ausschließlich an die Möglichkeiten der christlichen Moral hält, möchten wir im Interesse des Christentums lieber ununtersucht lassen, andrerseits ist sein geschicktes Manövrieren nicht groß genug, um dem politischen Immoralismus des florentiner Heiden Macchiavelli Ehre zu machen. Aber als eines erweist sich Herr Brüning in immer stärkerm Maße: als der katholische Staatsmann, dem die Interessen des Katholizismus über alle andern gehen. Vor Jahresfrist, bei seinem Amtsantritt, erschien der Kanzler als ein gemäßigter Nationalist und Konservativer, der den Apparat der demokratischen Republik nur mit innerm Horror anwandte, dann als der trockene wortkarge Vollstrecker der programmatischen Forderungen des Großkapitals. Heute steht er ganz als der erwählte Mann der Katholischen Partei da, seine Diktatur dient vornehmlich der katholischen Kirche. Sie ist die katholische Diktatur sans phrase. * Kulturkampf Es hat kürzlich einiges Staunen erregt, als der Reichsminister Doktor Wirth in einer Parlamentsrede wiederholt von einer gemeinsamen Bedrohung Deutschlands durch Nationalsozialismus und Kommunismus sprach und die Gefahren der atheistischen Agitation in groben Farben an die Wand pinselte. Das wurde damals als recht merkwürdig betrachtet, denn wer die Machtverhältnisse kennt, der weiß, daß der Fascismus brutalste Gegenwart ist, der Kommunismus dagegen heute keine praktischen Wirkungsmöglichkeiten hat, daß der Terror der Nationalsozialisten in den verstecktesten deutschen Winkel gedrungen ist, daß dagegen die atheistische Bewegung, und besonders die von Moskau ausgehende »Gottlosen«-Agitation, nur eben die Peripherie des Volkes erfaßt. Erschien schon die Gleichsetzung von Bolschewismus und Hitlertum seltsam, so muß sich die »Gottlosigkeit«, von Herrn Wirth auf die dritte der apokalyptischen Mähren gesetzt, noch viel unwahrscheinlicher ausnehmen. Die Notverordnung zieht durchaus die Konsequenz der Rede Joseph Wirths, sie stellt auch die Religion unter den Schutz des Ausnahmegesetzes. Und wenn auch die Nationalsozialisten bisher von den neuen Verordnungen noch nicht viel abbekommen haben, so sind doch schon ein paar Freidenkerversammlungen verboten worden. Die Bischöfe denken nicht daran, die Hakenkreuzler und Wotansjünger umsonst zu exkommunizieren, dafür muß Severing, der in seiner Vergangenheit als Agitator im roten Westfalen wohl auch nicht immer Psalmen gesungen hat, den Genossen, die für Kirchenaustritt sind, in die Parade fahren. Und beschlagnahmt ist auch die kommunistische Zeitschrift ›Der Rote Aufbau‹. Ein symbolischer Akt. Über roten Aufbau darf nicht mehr gesprochen werden, jetzt ist der schwarze Abbau dran. Der Katholizismus müßte aus seiner langen Erfahrung wissen, daß die Religion gewöhnlich zu kurz kommt, wenn die Büttel des Staates die Leute in die Kirchen treiben oder schützend Quarantäne errichten, wenn eine neue Lehre naht. Die wirkliche Bedrohung der Kirche liegt nicht in einer öffentlichen atheistischen Agitation, sondern in der namen- und gestaltlosen sozialen Erschütterung, die alte Autoritäten und Gemütsbindungen unterhöhlt. Diese Erschütterung von innen heraus hat nichts mit freidenkerischer Propaganda zu tun, sie endet nicht im demonstrativen Unglauben sondern in der kalten Gleichgültigkeit. Es ist eine stille, ungreifbare Auszehrung, die gleiche, unter der jetzt die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften leiden. Die Kirche dürfte demgegenüber nicht so töricht sein, in ihr eignes Mittelalter zurückzufallen und eine Krankheit anstatt mit Medikamenten mit exorzierenden Formeln zu bannen versuchen. Die Kirche sollte sich auch endlich daran gewöhnen, in der Freidenkerbewegung etwas andres zu sehen als eine schamlose Dirne, die man am besten an den Pfahl bindet und mit Birkenreisern streicht. Grade in Deutschland hat das Freidenkertum schon lange die historische Stellung der verfallenden evangelischen Kirche bezogen. Das Freidenkertum mit seinen schon starren Formen, mit seinem hahnebüchenen Materialismus ist schon lange eine neue Kirche, ein Sammelpunkt für eine besondere deutsche, zum ewigen Protestieren neigende Geistes- und Seelenveranlagung. Hier gibt es noch Kämpfe für und wider Gott, individuelle Gewissensqualen; ein verdrängtes Theologentum tiftelt an Spitzfindigkeiten und sucht den leeren Raum zu füllen, den der Sturz alter Glaubensvorstellungen hinterlassen hat. Es ist ein Kennzeichen des Menschen von heute, daß er um diesen leeren Raum weiß, ohne deswegen unruhig zu sein, und daß er nicht daran denkt, ihn mit einer ideologischen Zementplombe zu füllen. Der Talar des Priesters und der Bratenrock des atheistischen Sonntagspredigers gehören zusammen. Sie beide dienen Gott. Der Eine spendet Weihrauch, der Andre Negation: also Interesse. Fühlt die Kirche diese geheimnisvolle, körperlose Gewalt des wachsenden Indifferentismus? Bröckelt ihr machtvoller, alter Bau still und ohne laute Katastrophe? Dann ist sie herzlich schlecht beraten, wenn sie, anstatt auf geistige Abwehrmittel zu sinnen, an der physisch faßbaren Person des organisierten Freidenkertums ihre Sanktionen vollstrecken möchte. Grade der deutsche Katholizismus dürfte sich erinnern, wie ausgezeichnet einer geistigen Bewegung ein Kulturkampf von oben bekommt. Will der Katholizismus, der die Schlüsselstellungen der Reichsregierung innehat, gegen seine wirklichen und vermeintlichen Feinde einen Kulturkampf nach bismarckschem Muster entfesseln, so wird die Sache totsicher mit einem andern Canossa enden. Aber diesmal wird es umgekehrt verlaufen, diesmal wird es der Klerus sein, der unten steht. Mag Deutschland auch zeitweilig durch Bolschewisten- und Naziangst noch so sehr durcheinander gewirbelt sein, so ahnungslos ist es doch nicht, als daß es nicht bald erkennen müßte, daß die Regierung zwar Hitler sagt, in Wahrheit aber ihre Vollmacht nur benutzt, um die bescheidenen Überbleibsel geistiger Freiheit zur größern Ehre der katholischen Kirche im Dunkeln abzuwürgen. Mit dem Schlagwort Kulturbolschewismus läßt sich alles abtun, was der religiösen Reaktion verhaßt ist. Mit den Kautschuckbestimmungen der Notverordnung läßt sich ohne viel Aufhebens eine kulturpolitische Bartholomäusnacht gegen die verhaßte moderne Kunst arrangieren. Nackte Machtpolitik kann für eine ausgesprochen religiöse Partei verhängnisvoll enden. Was dem deutschen Katholizismus fehlt, das ist ein wahrhaft christliches Genie, ein neuer Franciscus, der Gott in der leidenden Kreatur sucht und findet. Die Vorsehung hat es indessen anders gewollt. Sie hat ihm keinen Heiligen beschert sondern einen Diktator, Herrn Doktor Brüning. Die Weltbühne, 7. April 1931 988 Nach der Sintflut? Der Nibelungenkampf zwischen den großen Herren der Nationalsozialistischen Partei wird von den republikanischen Zuschauern dieses heroischen Spektakels, in dem Herrn Goebbels unbestritten die Rolle des Loki zugefallen ist, als Anfang vom Ende der Bewegung gedeutet. Gestern schien die gewaltige Flut noch alles fortreißen zu wollen. Kanzler Brüning, ein zweiter Noah, sammelte alles demokratische Getier in seiner Arche, schrieb darauf »Artikel 48«, und die wilde Fahrt begann. Heute lugen die Passagiere vorsichtig hinaus. Ihre Gesichter verklären sich; der Wind pfeift nach andrer Richtung. Sie ahnen Land und bereiten sich gutgelaunt zum Aussteigen vor. Das Getöse, das der Kampf zwischen den lichten Eddafiguren der Hitlerpartei hervorruft, kann leicht zu einer Überschätzung dieses internen Krakehls führen, in dem die Hauptakteure, die sich gestern noch gegenseitig für Säkularmenschen erklärten, sich heute Mephisto, Primadonna, Spitzel und Schwein nennen. Die S.A.-Leute, eben noch die Avantgarde des Dritten Reiches, werden jetzt als rebellischer Abschaum betrachtet, als eine Kolonie für Galgen und Rad. Der Konfliktstoff ist sehr ausgedehnt, aber die Motive sind nicht belangvoll, wo man etwas von der dünnen politischen Oberschicht abkratzt, stößt man sofort auf personalen Interessenschmutz. Hitler treibt den berliner S.A.-Führer, der ihm zu selbstbewußt wird, in die Revolte. Goebbels, der am liebsten abwarten möchte, um im Falle eines Triumphes der Sturmabteilungen schnell als Sieger an ihre Spitze zu treten, wird vom münchner Hauptquartier gezwungen, selbst das Kommando über die Exekutionspelotons zu übernehmen, er muß auf die eignen Mannen schießen lassen. »Unter stillem Tränenregen, traurig doch von Amteswegen«, wie Wilhelm Busch sagt. Jetzt, wo seine Arbeit getan, der Glaube an seinen Charakter selbst bei seinen unentwegtesten Feueranbetern erschüttert ist, droht ihm selbst Versetzung in eine geringere Tribunenklasse. Es ist, wie gesagt, ein lärmendes, aber kein fesselndes Schauspiel. Ob Hitler sein absolutes Narrenimperium behauptet, ob die Diadochen noch zu Lebzeiten dieses neuen Alexander sein Reich aufteilen, das ist nur dort wesentlich, wo es sich mit der Linie des deutschen Schicksals schneidet, die weder vom Braunen Palais noch von der Hedemann-Straße bestimmt wird. Diese größenwahnsinnig gewordenen Funktionäre, die sich alle schon wie ins Mythologische transponiert vorkommen, sind im Grunde nur abwechselnd die Meister und Kreaturen kleinlicher Bureauintrigen. Aus einem Klagebrief jenes braven Soldaten Stennes, der an die Treulosigkeit seines Allerhöchsten Herrn zunächst nicht glauben wollte, klang etwas von dem Aufschrei des Varus: »So kann man blondes Haar und blaue Augen haben und doch so falsch sein, wie ein Punier?« Aber heute sieht es so aus, als wäre bereits eine stille Verständigung zwischen Hitler und Stennes auf Kosten von Goebbels erfolgt, morgen kann die Verschwörerzelle schon wieder von andern besetzt, kann die Parole schon wieder anders pointiert sein, und gemeinsam ist diesen exemplarischen Germanen nur die punische Tücke. Sie haben keine Ideen, keine politischen Vorstellungen, aber wo es um Krippe und nationales Renommee geht, entfalten sie die phantasievolle Gerissenheit levantinischer Teppichjuden. Von der Arche Brüning gesehen, nimmt sich das alles sehr hoffnungsvoll aus. Bald werden wir wieder Land unter den Füßen haben. Morgen wird alles wieder in Ordnung sein und wieder werden, wie es war. So denken die Routiniers demokratischer Niederlagen und sehen die Zukunft trocken und heiter vor sich. Hier liegt der fundamentale Irrtum. Es ist wohl möglich, daß die Arche nochmals Grund fassen wird, aber der schöne Himmelsbogen, der den Bund segnet, wird ausbleiben. Neues Gewölk hat sich gesammelt, andre Fluten warten. Unmittelbar nach dem 14. September hat Quietus, ein Unterrichteter, in der ›Weltbühne‹ die innere Fragwürdigkeit der Hitlerbewegung dargelegt, ihre sozialen Widersprüche aufgedeckt. In der N.S.D.A.P. »bilden etwa zehn Prozent Arbeiter das proletarische Element, die übrige Anhängerschaft rekrutiert sich, nach Abzug der paar Vertreter der Großbourgeoisie und des Adels aus dem Kleinbürgertum. Diese Schichtung zwingt den Nazis eine Politik auf, die nichts mehr mit der einstigen revolutionären Phraseologie zu tun hat«. Und dann die Beziehungen zwischen Hugenberg und Hitler, die in der liberalen Presse immer so dargestellt werden, als wäre der alte Geheimrat der willenlose Helot des Mannes mit der großen Trommel: »Man kann das, was hier zwischen den beiden Parteiführern vor sich gegangen ist, am besten als eine gegenseitige Überfremdung bezeichnen. Hugenberg hat Hitlers Hände sanft von der Wirtschaft gelöst, er hat ihm die Grenzen seiner Tätigkeit gezeigt ... Als Gegenleistung hat Hitler Hugenberg seine Phraseologie vermacht.« In den Sturmabteilungen lagen die Möglichkeiten eines spätern sozialrevolutionären Druckes auf die Parteileitung. Finanz und Schwerindustrie, mit denen Hitler verbündet ist, fielen diese Stennessoldaten, die meistens die Not in die Windjacke getrieben hat, allmählich auf die Nerven. Deshalb mußte die Parteileitung vorbeugen, und die Prätorianer entweder abstoßen oder wenigstens gewisse Führer eliminieren, die eine eigne Rolle spielten und mehr Rot auflegten, als bei Kirdorf, Oldenburg-Januschau und Stauß beliebt wird. Ob die Partei mit der Niedersäbelung der Janitscharen viel von ihrer Anziehungskraft verlieren wird, bleibe dahingestellt. Hitler selbst scheint kaltblütig entschlossen zu sein, die so oft überschwänglich gefeierten S.A.-Helden Severings Gendarmen in die Fänge zu werfen. Und er dürfte wissen, was wichtiger ist: Sieger in zweifelhaften Gassenraufereien zu sein oder sich die Freundschaft jener reaktionären bürgerlichen Ordnungspolitiker zu erhalten, die das Recht auf Blutvergießen lieber bei Henker und Militär monopolisiert sehen. Die republikanischen Blätter, die die verschiedenen Phasen des Streites der nationalsozialistischen Zaunkönige so beflissen kommentieren, haben leider vergessen, die wichtigste von Herrn Stennes erzählte Neuigkeit zu begutachten. Stennes hat nämlich mitgeteilt, daß Hitler durch den Abgeordneten Göring ständige Verbindung mit Brüning unterhalten habe. Sieh, sieh. Während also die Nazis den Reichskanzler auf seiner Ostreise mit einem Pfeifkonzert begleiteten, während sie im Parlament zu Obstruktion und Boykott schritten, ging der Verbindungsoffizier beim Kanzler ein und aus. Es handelt sich eben nicht um die Personen Brünings und Hitlers, sondern um die von ihnen vertretenen überpersönlichen Kräfte, die nach ihrer ganzen Tendenz nicht dazu bestimmt sind, sich auch in Zukunft gegenseitig zu zerreißen. Die reaktionären Ziele beider sind wichtiger als ihre augenblickliche Entfremdung. Auch als Feinde arbeiten sie für einander, wenn sie sich einstweilen auch noch mit einem sehr diskreten do ut des behelfen müssen. Der Stahlhelm betreibt sein preußisches Volksbegehren mit Beifall und Unterstützung auch der gemäßigten Rechten. Die ›Deutsche Allgemeine Zeitung‹, die immer mehr zum Sammelplatz eines trockenen Putschismus wird, der mit sogenannter Verfassungsreform seine verfassungswidrigen Absichten verwirklichen möchte, bläst lustig das Hifthorn dazu und fordert die Eroberung des »roten Preußens«. In Braunschweig bemüht sich der Minister Franzen, die weltliche Schule gar nicht geräuschlos abzuwürgen. Wird das Zentrum auf die Dauer diese christlichen Anstrengungen eines heidnischen Wotansdiener ignorieren? Und Hitler selbst sucht den Ludergeruch der Revolution ernsthaft loszuwerden. Wenn er auch aus der Nibelungenschlacht nicht ohne Blutverlust herauskommt, hat er doch an bürgerlich-kapitalistischer Zuverlässigkeit gewonnen. Die Unterhaltungen über die Bildung der »neuen Rechten«, die durch die letzten Wahlen zunächst gründlich verschüttet schienen, werden bald wieder in Fluß kommen. Noch immer liegt die Initiative rechts, noch immer ist die Sozialdemokratie zum Trabantentum verurteilt, zu Opfern an Charakter und Prestige, um »den Fascismus zu verhindern«. Noch immer toleriert sie die Regierung Brüning, aber wird sie auch von ihr toleriert werden, wenn auf der Rechten wieder neue Kräfte zur Ablösung vorhanden sind? Wieder stehen wir vor einem Garderobenwechsel der innenpolitischen Fragen. Keine ist wirklich erledigt, nur die Kostüme ändern sich wieder. Die Herrschaften, die Brüning in seiner Arche beherbergt, müssen dafür ein Passagegeld bezahlen, das sie ruiniert, und der Kapitän ist eine ziemlich sichere Bürgschaft dafür, daß sie schließlich doch noch vor der Endstation Ararat ins Wasser geworfen werden. Und es ist auch eine allzu vermessene Annahme, die Schickung wäre glücklich überstanden, nur weil die Stürme, die sonst das Fahrzeug bedrohten, sich jetzt einmal gegeneinanderkehren. Die nationalsozialistische Bewegung ist weder durch die Bedeutung ihrer Führer noch durch die Überzeugungskraft ihrer Programme groß geworden, sondern durch die verbrecherische Unzulänglichkeit einer Pseudodemokratie und die Feigheit eines parlamentarischen Regimes, das niemals gewagt hat, eines zu sein. Und jetzt wollen die Verantwortlichen für die Katastrophe vom 14. September wieder aus den Löchern kriechen und so weitermanschen, als wäre nichts gewesen? Nun, so gemütlich ist die Weltgeschichte denn doch nicht. Mag Hitlers Aktivität zeitweilig gelähmt, mag er selbst völlig demoliert sein, noch besteht alles das, was ihn hat groß werden lassen, noch ist nichts Entscheidendes gegen die Wirtschaftsnot geschehen, und noch immer spreizt sich eine Politikergarnitur, deren ahnungslose Selbstgefälligkeit die jüngere Generation in Massen in einen hoffnungslosen nationalistischen Desperatismus getrieben hat. Die Dinge haben sich inzwischen neu kostümiert, aber sie sind noch immer da. Was gestern Hitler hieß, kann morgen Schulze heißen. Was heute braune Hemden trägt, läuft morgen vielleicht in blauen oder violetten herum. Über den Fortwurstlern, den Deserteuren und Etappenhengsten der Demokratie leuchtet nicht das Zeichen des neuen Bundes. Denn sie selbst wollen ja nichts Neues, sondern nach beendeter Fahrt nur ihren alten Trödel fortsetzen. Sie haben sich unter Brünings Fittichen versteckt, hinter dem Artikel 48, hinter der katholischen Kirche und der Polizei; hinter lauter Gewalten, die stärker sind als sie selbst und die nicht leicht abdanken werden. Brüning hat nicht über Hitler gesiegt, sondern über die Verfassung. Auf ihren Trümmern wird später die Versöhnung gefeiert werden. Die Weltbühne, 14. April 1931 989 »Kulturbolschewismus« Jede Phase der gesellschaftlichen Entwicklung hat ihre besondern Schlagworte. Wenn der menschliche Verstand inmitten eines schnell fortschreitenden Prozesses zu fühlen beginnt, daß die anonymen sozialen Kräfte sich nicht bremsen lassen, dann flüchtet der empfindlich Organisierte in Mystik, während der Grobknochige sich nach Zeitgenossen umsieht, die er als greifbare Anstifter abscheulicher dunkler Vorgänge haftbar machen kann. So entstand im Mittelalter, das unter schrecklichen Epidemien von weiblicher Hysterie litt, der Hexenwahn. Weil man an die Ursache nicht herankonnte, hielt man sich wenigstens an den Opfern der Krankheit schadlos. »Meinetwegen, ihr werdet deswegen nicht heller sehen«, ruft in Georg Büchners »Danton« der junge Mann, den man an die Laterne knüpfen will. Hier liegt der Kern der Sache. Auch in der heutigen krisenhaften Zeit geht die Razzia nach dem Feind, den man für alles belangen kann. Mit einem neuen Schlagwort sucht man den Feind, der das alles angerichtet hat, zu kennzeichnen, zu erfassen; deshalb verfemt man ganze Menschenklassen. Wir kennen diese großmäuligen, kurzbeinigen Schlagworte, deren Lebensdauer so eng an bestimmte Verhältnisse geknüpft ist. Im Krieg war der Feind das perfide Albion, die habgierige Britannia, unter deren Unterröcke sich seitdem unsre Diplomaten und Militärs bei jedem Unwetter verkrochen haben. Die Liberalen der Bismarckzeit sahen alle Tücke der Erde bei den Ultramontanen verkörpert, den »Römlingen«, und der große Kanzler hatte sich als Promotor aller Hindernisse den »Reichsfeind« konstruiert, ein Wesen in königlich hannoverschen Junkerstiefeln und mit der Ballonmütze auf dem Kopf, über dem roten Hemd eine schwarze Soutane, in deren Innentasche eine freimaurerische Satzung und ein noch druckfeuchtes Exemplar der ›Vossischen Zeitung‹ stak. Die Jagd nach diesem komischen Phantom hat tausenden von Deutschen Kerker und Verbannung eingetragen. Das herrschende Schlagwort von heute heißt: »Kulturbolschewismus« und wird in ein paar Jahren schon ebenso absurd und unverständlich erscheinen wie das Schnüffeln nach den »Reichsfeinden« und andern willkürlich gewählten Trägern des bösen Prinzips. Das Komplement zum Kulturbolschewismus ist der »Marxismus«, eine vor etwa sieben Jahren im Dunkel von Miesbach oder München geborne Albernheit. Wer für den Kulturbolschewismus Autorenehren in Anspruch zu nehmen hat, wissen wir nicht, wahrscheinlich kommt auch diese nichtssagende aber einprägsame Formulierung aus dem Dunstkreis der Journale des Herrn Coßmann. Während der Marxismus sich auf die prononzierten Rechtsblätter beschränkt, ist der Kulturbolschewismus dagegen zum Gemeinplatz fast der gesamten bürgerlichen Presse geworden, mit Ausnahme großer liberaler Zeitungen, die ihre geistige Tradition nicht verleugnen und deshalb selbst der Verdammnis teilhaftig werden. In puncto Kulturbolschewismus sind sich auch Wirth und Goebbels einig, die beiden großen Josephe, von denen der Eine die Keuschheit auf sein Banner geschrieben hat; niemals werden wir verraten, welcher von beiden. Die sozialdemokratische Presse vermeidet noch die kompromittierende Vokabel, aber in der Sache macht sie rüstig mit, und wenn man manchmal liest, was gewisse kommunistische Blätter gegen die Leute von der ›Weltbühne‹ auf dem Herzen haben, dann möchte man oft gern nachhelfen und gut zureden: Kinder, sagt es doch, ihr möchtet uns am liebsten Kulturbolschewisten nennen! Sagt es doch endlich! Es handelt sich also um ein devastierendes Schlagwort, leicht zu handhaben von Demagogen und Ordnungsrettern, von Kunst- und Strafrichtern. Wollen wir es näher bestimmen, so tappen wir allerdings im dicksten Finstern. Wenn der Kapellmeister Klemperer die Tempi anders nimmt als der Kollege Furtwängler, wenn ein Maler in eine Abendröte einen Farbton bringt, den man in Hinterpommern selbst am hellen Tage nicht wahrnehmen kann, wenn man für Geburtenregelung ist, wenn man ein Haus mit flachem Dach baut, so bedeutet das ebenso Kulturbolschewismus wie die Darstellung eines Kaiserschnitts im Film. Kulturbolschewismus betreibt der Schauspieler Chaplin, und wenn der Physiker Einstein behauptet, daß das Prinzip der konstanten Lichtgeschwindigkeit nur dort geltend gemacht werden kann, wo keine Gravitation vorhanden ist, so ist das Kulturbolschewismus und eine Herrn Stalin persönlich erwiesene Gefälligkeit. Kulturbolschewismus ist der Demokratismus der Brüder Mann, Kulturbolschewismus ein Musikstück von Hindemith oder Weill und genau so einzuschätzen wie das umstürzlerische Verlangen irgend eines Verrückten, der nach einem Gesetz schreit, das gestattet, die eigne Großmutter zu heiraten. All das sind bezahlte oder freiwillige Hilfsdienste für Moskau. Jede bürgerliche Zeitung beinahe hat ihren kulturschützenden Nachtwächter, der die heiligsten Güter der Nation mit der Stallaterne nach unzüchtigen Fingerabdrücken ableuchtet, wenn auch gottseidank nicht alle ihr Amt so torquemadahaft auffassen wie jener Fighting Paul von der ›Deutschen Allgemeinen Zeitung‹, dieser alten Heulhure von einer ausgedienten Offiziosin, die heute, fascistisch aufgemöbelt, eine zweite Jugend erlebt. Nur Marlene Dietrichs berühmte Spitzenhosen im Blauen Engel sind bisher noch nicht kulturbolschewistisch genannt worden, und das wahrscheinlich nur, weil sie ihr von der Ufa selbst angemessen worden sind. Hätte sich die Konkurrenz solche Extravaganzen herausgenommen, so würde Herr Hussong im ›Lokalanzeiger‹ längst nach der Polizei geschrieen und den baldigen Untergang der Welt infolge Sittenlosigkeit prophezeit haben. Wenn heute von der Rednertribüne und in der Presse moralische Anschauungen verbreitet werden, die in einem schroffen Gegensatz zu denen der letzten hundert Jahre stehen, so hat das nichts mit einem sogenannten Sittenverfall zu tun; wenn einige Millionen Menschen den § 218 beseitigt wissen wollen, so heißt das nicht, daß Deutschland bis zum Ende seiner Tage in Lasterhaftigkeit verharren will. Das Laster hat sich noch niemals aufs Rednerpult gestellt und für sich Propaganda gemacht, sondern immer das nächtliche Dunkel gesucht. Der heimliche Excedent wird öffentlich immer nur sich selbst verteidigen und niemals sein Privatvergnügen mit der Gloriole der Moral zu umgeben versuchen. Wenn aber in Massenversammlungen eine Parole ausgegeben wird, wie »Dein Körper gehört dir!« oder wenn für die Legalisierung der sogenannten Kameradschaftsehe geworben wird oder für die Erleichterung der Ehescheidung, so hat sich die sittliche Anschauung der Volksmassen eben geändert. Neue Maximen suchen nach Anerkennung, ein Wendepunkt ist wieder da. Heute scheint alles auf dem Kopf zu stehen, morgen wird das eben noch Verpönte selbstverständlich sein. Faktisch aber tritt nur das ans Licht, was schon längst besteht, nicht die Menschen sind schlechter geworden, sondern die Gesetze. Sie sind zurückgeblieben und müssen neu geformt, neu gefällt werden. Was hat das mit Bolschewismus, mit kommunistischen Lehren zu tun? Die dezidierten Antibolschewisten leben nicht anders, treiben es nicht anders. Der Bolschewismus ist nur die besondere zeitgebundene Pointierung eines ewigen Prozesses, der auch dann nicht aufhört, wenn die Kultursbirren der Reaktion ihn nicht beachten und einmal eine Epoche lang keine denunziatorischen Namen für ihn zur Verfügung haben. Heute ist dieser Prozeß wieder sehr offensichtlich, es ist Termin anberaumt, und wir alle sind in den verschiedensten Eigenschaften geladen. Die katholische Kirche aber hat sich den scheinbar sichersten, in Wahrheit aber gefährlichsten Platz ausgesucht: den des Staatsanwalts. Denn die Kirche hat im Laufe der letzten hundert Jahre wiederholt in den Prozeß eingegriffen und immer wieder ist sie vom Tribunal der Zeit desavouiert worden. Wie der heutige Papst für die Aufrechterhaltung dessen kämpft, was er die christliche Ehe nennt, so haben seine Vorgänger gegen die Zivilehe und gegen die weltliche Schule protestiert. Sie haben mit ihren feierlichen und oft haßvollen Verwahrungen die Tatsache der fortschreitenden Säkulasierung des bürgerlichen Lebens nicht fortwischen können, sie haben nicht verhindern können, daß sich ein Staat nach dem andern von der Kirche getrennt hat. Die organisierte Religion ist nicht mehr stark genug, um eine Entwicklung von anonymen Triebkräften, die in sehr verschiedenartigen und sehr bunten Einzelheiten sichtbar werden, an ihren äußern Erscheinungen zu packen und aufzuhalten. Wer könnte einem auseinanderwimmelnden Ameisenhaufen Einhalt gebieten? Die Kirche müßte wie so oft Macht durch Geschmeidigkeit ersetzen, um mit vermindertem Prestige aber doch noch lebend durch die Quarantäne des Jahrhunderts zu kommen. Die augenblicklich geübte Methode, sich auf die Polizei zu stützen, ändert nichts Wichtiges, vermehrt nur die Zahl und die Entschlossenheit der offenen Gegner. Nicht immer hat die Kirche sich gegen progressive Strömungen so feindlich, so ablehnend verhalten. Mindestens ihre vornehmsten Träger haben sich zu Zeiten offen mit dem neuen Geist verbündet. Wir brauchen nur der gewaltigen Päpste der Renaissance Erwähnung zu tun, die nicht nur als Kunstmäcene einem radikalen Zeitwandel Ausdruck gegeben, sondern auch als Politiker dazu beigetragen haben, die Gestalt einer werdenden Gesellschaft zu formen und das Mittelalter zu erschlagen. Clemens XIV. Ganganelli war es, der als Geistesgenosse Voltaires die Forderung des Jahrhunderts der Aufklärung vollstreckte, den Jesuitenorden aufzuheben, wofür er eines dunklen Todes starb. Der bedeutendste Papst des vorigen Jahrhunderts, der Pio nono, hat wenigstens in seinen Anfängen mit den Liberalen und den Carbonariten, den Bolschewisten von damals, paktiert. Und Benedikt XV., der große Papst des Weltkrieges, ging mit Demokraten, Pazifisten und Freimaurern zusammen und schuf damit jenes hohe politische Ansehen der päpstlichen Kurie, wovon sie bis jetzt gezehrt hat. Wieviel von dem Kapital verwirtschaftet ist, werden wir bald wissen. Jedenfalls ist die katholische Kirche nicht zu allen Zeiten so zimperlich, so altjüngferlich, so sauer und – Verzeihung! – so protestantisch gewesen wie heute. Es ist herzlich primitiv, für unsre gegenwärtigen Wirrnisse den »Bolschewismus« verantwortlich zu machen. Die tödlichen Verlegenheiten des Weltkapitalismus auf ein von Moskau und seinen Sektionen ausgehecktes Komplott zurückführen zu wollen, zeigt nur, daß bei den Klagenden mit der Not nicht die geistigen Kräfte wachsen. Überall wird heute der Vorrang der Ökonomie diskussionslos zugestanden, das ist die überrumpelnde Tatsache für alle Köpfe von gestern. Es handelt sich bei solchen Thesen nicht um die ewige Richtigkeit. Unter andern Verhältnissen werden die Menschen auch wieder anders denken. Heute jedoch, wo Millionen, die eben noch auskömmlich lebten, nicht wissen, wo sie morgen das Brot hernehmen sollen, muß jedes übernommene geistige und sittliche Wertmaß schwanken und das, was gestern als unentbehrliche Kultur betrachtet wurde, dahinschmelzen wie Schnee. Die Zeterbolde, die den Zusammenbruch des Bürgertums mit Geschrei über Fäulnis und Zersetzung verfolgen, sollten nicht außer Acht lassen, daß Unzählige aus dieser wirtschaftlich degradierten Schicht einen wahrhaft heroischen Existenzkampf führen und daß sie in der schrecklichen Guerilla um ein Existenzminimum Kräfte entwickeln, die viel sympathischer sind als das traditionelle Bürgerbewußtsein, das seine Stellung als selbstverständlich nimmt und Privilegien fordert. Die unberufenen Moralisten und Sittlichkeitsretter sind leider Gottes dort am stärksten vertreten, wo sie am wenigsten hingehören, nämlich an den Stellen, wo der geistige Niederschlag dieser Zeit begutachtet und zensiert wird. Dort tummeln sich vornehmlich Schwachköpfe, die nicht darüber hinwegkommen können, daß die Deutschen unter Hindenburg nicht mehr so züchtig leben wie damals, als Tacitus sie seinen Landsleuten unter die verwöhnten Nasen rieb. Wo tätige Hilfe am Platze wäre, kommen sie mit Untergangsprophezeiungen und künden das Ende des Vaterlandes an. In der Stunde der Gefahr desertieren sie aus den Bereichen des kämpfenden Geistes in das platte aber sichere Land einer weinerlichen und verlogenen Moralität. Kein abgestempelter Patriot, der rheinische Franzosenfreund und fatale jüdische Kulturbolschewik Heinrich Heine ist es gewesen, der für den Glauben an Deutschland den stärksten dichterischen Ausdruck gefunden hat: Deutschland hat ewigen Bestand! – Es ist ein kerngesundes Land! Die Weltbühne, 21. April 1931 990 Ein Kapitel Außenpolitik In der ›Frankfurter Zeitung‹ hat neulich deren außenpolitischer Redakteur, Herr Wolf von Dewall, eine kritische Betrachtung über das geringe außenpolitische Verständnis in Deutschland veröffentlicht. Der Verfasser sieht die meisten außenpolitischen Erörterungen bei uns von Parteipolitik und Radikalismus zerfressen. Die Bürgerkreise sind bis heute unbelehrbar geblieben – die deutsche Außenpolitik lebt isoliert, sie ist ohne Volk. Die Diagnose des Herrn von Dewall ist richtig aber noch lange nicht trübe genug. Beinahe jede außenpolitische Erörterung bei uns steht unter der Diktatur des völkischen Botokudentums. Es fällt schwer, selbst unter politisch Interessierten und nicht ganz Ahnungslosen ein Gremium für eine außenpolitische Unterhaltung zu finden, in der nicht die offenbaren Phantastereien überwiegen. Dabei ist noch in Betracht zu ziehen, daß wir in Deutschland über eine ziemlich verbreitete Kenntnis fremder Länder verfügen. Wir treffen überall weitgereiste Mitbürger, die über die Verflechtung politischer und wirtschaftlicher Dinge auf dem Balkan, in Indien oder Südamerika gut und unterrichtet zu sprechen vermögen, deren Urteil aber sofort versagt, wenn die Rede auf Deutschland kommt. Dann tritt an die Stelle von Fingerspitzengefühl und Wissen sofort die ordinärste Phrase. Herr von Dewall macht für diesen Zustand vor allem den Radikalismus verantwortlich, der unbefangene Meinungsbildung verhindert. Das ist richtig, bedeutet dennoch eine Überschätzung der gegenwärtigen politischen Saison; die Ursachen liegen tiefer. Die außenpolitische Ignoranz in Deutschland war schon in den fettern Zeiten vor dem Kriege nicht kleiner als heute. Der Obrigkeitsstaat nahm auch diese Seite seiner Aufgabe selbstherrlich in Regie und hielt alle unzünftigen Begabungen sorglich fern. Die öffentliche Meinung aber plapperte die ausgegebenen Parolen gehorsam und gedankenlos nach. Wir hatten ein starkes, natürlich unbesiegbares Heer, und einen Kaiser, der persönlich eingriff, wenn die Zivilfritzen zu viel Kohl machten. Schwarzseher wurden nicht geduldet. Unkontrolliert und wegen ihres Säbelgerassels eher noch beklatscht, so torkelte die wilhelminische Außenpolitik von Niederlage zu Niederlage und via Marokko und Balkan endlich in die Katastrophe. Für den deutschen Untertan war seit Bismarcks Tagen Außenpolitik gleichbedeutend mit Machtpolitik und diese wieder gleichbedeutend mit auf den Tisch schlagen. Und noch heute hält der Bürger der Republik Auftrumpfen und Frechwerden für die einzige mögliche nationale Haltung. Alles Andre gilt als würdelos, als vaterlandslos. Es ist eine ziemlich simultane deutsche Auffassung, die auch von der Ära Stresemann nicht abgetan werden konnte, daß die Diplomaten eigentlich nur stören, daß die Außenpolitik am besten bei den Generalen aufgehoben ist, daß die Außenpolitik im Grunde keinen weitern Zweck haben darf als die möglichst gediegene Vorbereitung des nächsten Krieges respektive die richtige Auswahl des Augenblicks zum Losschlagen. Überall sind die Ansätze zum vernünftigen außenpolitischen Denken militärpolitisch unterhöhlt. Früher besorgten das die Generale vom Alldeutschen Verband, heute Herr von Seeckt und seine Schüler. Andre Länder weisen ungleich stärkere Rüstungen als Deutschland auf, und es fehlt auch dort nicht an Exaltados, die zu deren möglichst fleißigem Gebrauch aufmuntern, aber die Vorstellung, daß friedliche Mittel von vornherein unwürdig und unmännlich sind, die gibt es in dieser Verbreitung und Intensität nur in Deutschland. Herr von Dewall meint hier tadelnd, daß manche Vertreter der deutschen Linken ihre Zuhörer dadurch abstoßen, daß sie deren nationale Regungen nicht genügend berücksichtigten. Das ist sehr schön und gut – aber man nenne mir ein Land außer Deutschland, von dem verrückt gewordenen Ungarn abgesehen, wo jemand schon deswegen als ein der nationalen Zugehörigkeit unwürdiges Subjekt betrachtet wird, weil er militärische Mittel nicht in jedem Falle für zweckmäßig hält! Nun kann auch der deutschen Linkspresse der Vorwurf nicht erspart bleiben, daß sie den sehr vagen Proteststimmungen eines außenpolitisch wenig durchgebildeten Publikums noch bei jeder Gelegenheit ihre Reverenz erweist, anstatt sie zu bekämpfen. Es gibt keine populäre nationalistische Dummheit, vor der die republikanische Presse nicht eine, wenn auch steife und formale Verbeugung macht. Kein republikanisches Blatt, das auf sich hält, sollte heute noch die Kriegsschuldfrage als den Hebel betrachten, mit der man den Versailler Vertrag aus den Angeln hebt. Ebenso sollten die ewigen Minoritätsbeschwerden nicht weiter ungebührlich aufgebauscht werden. Wir haben doch allmählich erfahren, daß nur in Italien die deutsche Minderheit einem wahrhaft barbarischen Unterdrückungssystem ausgesetzt ist, während in den Sukzessionsstaaten, gegen die am meisten gewettert wird, die Deutschen es nur mit jener administrativen Borniertheit zu tun haben, unter der Oppositionelle aller Art heute überall leiden müssen. Jede realistische Außenpolitik wird Bagatellen nur das sein lassen, was sie sind, und wer sich mit der Notverordnung des Herrn Brüning abfindet, die fünfzig Millionen Deutschen die politische Mündigkeit raubt, der hat auch das Recht auf Verwahrung verwirkt, wenn eine Million Deutscher außerhalb der Grenzen um die verbürgten konstitutionellen Garantien geprellt wird. Charity begins at home, nicht in der Slowakei. Hier wird die Sache aber kribblig, und hier hört auch die Toleranz der Freunde des Herrn von Dewall auf. Wenn es mir gefiele, ein paar ketzerische Thesen aufzustellen, etwa, daß die französische Auffassung vom potentiel de guerre richtig ist, daß die deutsch-österreichische Zollunion einen europäischen Hausfriedensbruch darstellt, daß Österreichs Schicksal überhaupt zu den Donaustaaten tendiert und nicht zum Reich, oder daß die deutschen Bemühungen um die Abrüstung nicht mehr als Camouflage sind und nur vom Interesse diktiert, hunderttausend Mann mehr herauszuschlagen, so wird die ›Frankfurter Zeitung‹ sich zwar etwas höflicher ausdrücken als der ›Völkische Beobachter‹, aber sie wird in ihr Verdammungsurteil nicht geringere Energien legen. Und doch mußte in der Außenpolitik der Republik immer das realisiert werden, was gestern noch das Verketzerte, Verlästerte, ja Lebensgefährliche war. Erzberger und Rathenau mußten unter Mörderhand fallen, weil sie eine Politik verfolgten, die heute lange verwirklicht ist und deren Änderung nicht einmal einem Kabinett Hitler-Hugenberg-Schacht im Traume einfallen würde. An diesem Punkt aber ist ein grundsätzliches Versagen der liberal-demokratischen Presse zu konstatieren. Anstatt ihren Einfluß aufklärend und kritisch zu gebrauchen, beschränkt sie sich im allgemeinen darauf, die Weisheiten des Auswärtigen Amtes zustimmend zu kommentieren, und erst wenn das Unglück geschehen ist, beginnt sie nach dem Verantwortlichen zu suchen. Der nationalistische Extremismus hat gewiß viel verschuldet, aber die Unschlüssigkeit und Doppeldeutigkeit der Mittelparteien und ihrer Presse trägt keinen geringern Schuldanteil. Der Kollege von der andern Redaktion weiß sehr wohl, mit welcher innern Unsicherheit und mit wieviel Bedenken mancher sehr emphatische und vor Protesten nahezu berstende außenpolitische Artikel geschrieben ist und wie eine kleine Wendung zwischen ein paar Kraftstellen schon den Umfall von morgen andeutet, aber der Leser weiß das nicht. Er ist erschreckt, wenn plötzlich Kapitulation dort vertreten wird, wo eben noch Widerstand bis zum letzten proklamiert wurde, er verliert das Vertrauen – der Radikalismus hat einen neuen Gläubigen gefunden. So war es beim Ruhrkampf, und so wird morgen das ganze Brimborium mit der Zollunion enden. Wieder liest man in keiner deutschen Zeitung, daß Deutschland in dieser Frage ganz und gar isoliert ist, daß es in diesem Frühjahr entweder einer ganz großen Niederlage entgegengeht oder die Blamage erleben wird, daß Österreich, das heute schon unsicher gewordene, plötzlich abschwenkt und eine weniger gefährliche und dafür nahrhaftere Partie eingeht. Es wäre die Pflicht einer Presse, die auf gewissenhafte Behandlung der Außenpolitik Wert legt, künftige Entwicklungen vorzubereiten, Enttäuschungen, die sie mit pupillarischer Sicherheit kommen sieht, rechtzeitig vorauszusagen. Außenpolitik ohne Volk, das ist eine gute Formel, aber die Außenpolitik hat in Deutschland leider auch keine Presse, wie etwa in England, die ein beratendes und warnendes Amt ausüben könnte. Die von rechts wollen alles mit Gebrüll machen, darüber ist kein Wort zu verlieren; die von links dagegen beschränken sich darauf, die von der Wilhelm-Straße ausgegebenen Lesarten zu kolportieren. So ist es kein Wunder, daß eine öffentliche Meinung in außenpolitischen Dingen nicht entstehen kann und daß die Mehrzahl der sich immer wieder gefoppt fühlenden Zeitungleser schließlich die hohe und vornehme Kunst der Außenpolitik für eine Häufung grober Pferdehändlertricks hält, und das Hetzvokabular der Innenpolitik bricht durch alle Türen ein. So wird die Außenpolitik eines der finstersten deutschen Kapitel, und man muß Herrn von Dewall dankbar sein, daß er es freimütig aufgeschlagen hat. Wir brauchen eine außenpolitische Vernunftpartei, die sich in die Öffentlichkeit gestellt nun aber auch ihrer Vernunft nicht gleich schämt. Es gilt eine Riesenmauer von jener Dummheit abzutragen, der Adolf Hitler jetzt im frankenthaler Separatistenprozeß so mustergültig formuliert Ausdruck gegeben hat: »Ich habe mit Engländern, Amerikanern, Italienern politische Fühlung gehabt. Der Verkehr mit Frankreich ist nach meiner Auffassung für den Deutschen vollkommen unmöglich.« Niemals hat der große Tribun so sehr aus der Seele seines Volkes gesprochen, niemals aber auch ist gewollte Blindheit mit so viel Selbstverständlichkeit als politisches Axiom verkündet worden. Die Weltbühne, 28. April 1931 991 [Antworten] Doktor Helene Stöcker Sie beklagen sich mit Recht, daß in dem Artikel »Birth control« von Lisa Mathias (Nummer 4) Ihr Wirken keine Erwähnung gefunden hat. Ich bitte Sie, damit nicht die Verfasserin zu belasten. Infolge einiger unabänderlicher Schwierigkeiten mußte der Artikel im letzten Augenblick eingesetzt werden, wobei einige Partien dem Rotstift zum Opfer fielen. Ihre Lebensleistung ist in der ›Weltbühne‹ niemals unterschlagen worden, wir wissen am besten, daß Sie vor vielen Jahren schon Gedankensaat gestreut haben, die erst jetzt aufgeht. Die Weltbühne, 28. April 1931 992 Der Verrat an Kürten In Regensburg hat der bayrische Henker für den Versicherungsmörder Tetzner die Guillotine aufgerichtet, in Magdeburg schärft der einstweilen aus der Praxis gesetzte Herr Gröpler das Beil für Peter Kürten, den düsseldorfer Mörder. Bis jetzt liegt allerdings kein Grund zur Annahme vor, daß der preußische Justizminister das Todesurteil vollstrecken lassen wird, obgleich starke Kräfte am Werke sind, ihn dazu zu bewegen und die reaktionäre Presse die Gegner der Todesstrafe so ziemlich auf die gleiche Stufe mit Kürten stellt. Jedenfalls sieht die Reaktion hier wieder eine günstige Einbruchsstelle, denn weder Kürten noch Tetzner sind geeignet, die Gefühlssphäre in Wallung zu bringen. Dennoch wird der Gegner der Todesstrafe auch vor dem Fall Kürten nicht seine Meinung ändern, denn sie zeigt sich auch hier als ein herzlich untaugliches Mittel. Und sie darf schon aus dem Grunde nicht angewendet werden, weil der Fall Kürten noch immer einen ungelösten Rest enthält und der düsseldorfer Prozeß nicht die ganze Wahrheit bloßgelegt hat. Das hat hier vor acht Tagen schon unser Mitarbeiter Hans Hyan ausgesprochen, und im ›Berliner Tageblatt‹ schildert Rudolf Olden nochmals aufs eindringlichste die unglaublichen Mängel dieses Verfahrens. Nicht einmal Kürtens Frau, der er als erster das Mordgeständnis gemacht hat, ist vernommen worden, und Kürten selbst hat zu allem Überfluß noch drei Mordtaten gestanden, die nachweislich geschehen sind, während er im Gefängnis saß. Olden gibt auch die Versicherung des Verteidigers Wehner wieder, es werde Kürten, falls es ihm einfiele, vor dem Urteil sein Geständnis zu widerrufen, kein einziger Fall wirklich nachgewiesen werden können. Hinzu kommt noch die himmelschreiende Unzulänglichkeit der psychiatrischen Sachverständigen, denen Gott nur die Sache ausgeliefert hat und nicht den Verstand dazu. Diese gelehrten Herren brachten es fertig, Kürten für normal zu erklären, worauf sich alle Normalmenschen, die ja in der Rechtsprechung immer einen besonders geschätzten Rang einnehmen, etwas einbilden können. Alles in allem, dieser Prozeß Kürten war eine feierlich aufgezogene Haupt- und Staatsaktion, die das wirkliche Thema kaum berührte, das Versagen der Polizei sorgfältig verhüllte und überhaupt nur möglich war, weil sich der Angeklagte reibungslos in die Pläne der Regie einfügte. Was ist da vorgegangen? Es ist bekannt, daß Kürten im Gefängnis fromm gemacht worden ist und die traurige Miene einer ehrlich zerknirschten Seele während der ganzen Verhandlung mit unheimlicher Sicherheit beibehalten hat. Augenzeugen schildern den bizarren Anblick, wie Kürten mit fromm gefalteten Händen in seinem erhöhten Verschlage stand, das Haupt ergeben zur Seite geneigt, den Blick schief nach oben gerichtet – einer jener wunderlichen steifen Heiligen des Greco. Seinen Bekehrern hat der Mann keine Unehre gemacht. Es ist schon in Düsseldorf von Eingeweihten in die Kulissengeschichte des Prozesses der durch wichtige Momente fast bis zur Gewißheit gesteigerte Verdacht geäußert worden, man habe Kürten Begnadigung versprochen, wenn er sich in die ihm zugewiesene Rolle füge, sich streng an die bisherigen Geständnisse halte und in jeder Phase der grade noch rechtzeitig zum wahren Christenglauben bekehrte Sünder bliebe. So haben ihm wohl auch die schwarzröckigen Souffleure die bizarre Schlußrede eingeblasen, in der er betonte, daß Wolf und Kienle noch viel mehr Leben gemordet hätten als er. Aus sich heraus dürfte er dieses Argument wohl kaum haben. Es ist auch ziemlich unwahrscheinlich, daß sich ein geständiger Lustmörder unmittelbar vor seinem Prozeß grade mit schwerwiegenden bevölkerungspolitischen Fragen befaßt. Übrigens benutzen klerikale Blätter, über deren Geschmack sich nicht streiten läßt, den reuigen Sünder bereits zu Propagandazwecken gegen den verruchten Kulturbolschewismus. »Dasselbe Publikum«, so schreibt zum Beispiel ›Das Neue Reich‹, »das sich wochenlang nicht genug tun konnte, Kürten als Scheusal zu titulieren, muß sich von diesem Lustmörder und Sadisten sagen lassen: Ihr selbst seid Mörder, unter euch selbst geht Mord um, ungestraft, gefeiert und als fortschrittlich gepriesen; Tausende von Kinderseelen klagen euch an; Ihr richtet mich, aber sehet zu, daß Ihr nicht selbst gerichtet werdet.« Wir können diese frommen Katholiken zu diesem neuen Gladiator des Glaubens nur aufrichtig beglückwünschen. Er scheint ihnen ja wertvoll genug zu sein, um ihm noch Absolution für einige weitere aufgeschlitzte Leiber zu erteilen. Nach alledem aber entlarvt sich dieser düsseldorfer Prozeß immer mehr als eine glatte Justizkomödie in Idealkonkurrenz mit einer klerikalen Machination. Die Frage ist doch naheliegend: wäre gegen den Angehörigen einer andern Gesellschaftsschicht in der gleichen Weise wie gegen Kürten verhandelt worden? Mit so sorgfältiger Vermeidung des wirklichen Themas? Mit einem solchen Verteidiger, der sich gleichfalls widerspruchslos ans Regiebuch hielt und mit keinem Wort in das Dunkel des Untersuchungsverfahrens eindrang? Und mit solchen Sachverständigen, die es mit ihrer Wissenschaft zu vereinbaren wagten, sich auf das imbezille Verdikt »normal« festzulegen? Es ist nämlich in Düsseldorf zunächst die Meinung verbreitet gewesen, der Missetäter sei ein entarteter Lüstling aus höchsten Kreisen. Diese Anschauung verstärkte sich, als man die Leiche der kleinen Albermann an der Gartenmauer des Hauses eines Herrn von Haniel fand. Und sofort trug es Fama, die Gewissenlose, die Lügenzunge, in ganz Düsseldorf herum, daß der Täter in diesem Hause zu suchen sei. Die Frage, die sich daraus ergibt, ist nicht schön, aber notwendig: wie würde dieser Prozeß ausgesehen haben, wenn auf der Anklagebank ein Herr von Haniel gesessen hätte und nicht ein armseliger Berufsverbrecher? Dann wäre diese ganze gedämpfte Inszenierung unmöglich gewesen, und dann hätten auch Sachverständige gesprochen, die ihre Wissenschaft über das gemeinsame Ruhebedürfnis von Justiz und Polizei gestellt hätten. Die Anhänger der Todesstrafe schreien nach dem Beil für Kürten, und es nimmt sich komisch genug aus, wenn sie diesen selbst als Kronzeugen für das Gesetz des Talion beanspruchen. Kürten selbst verlange ja nichts sehnlicher als die Sühne auf dem Richtblock. Diese Anhänger der Vergeltungstheorie, diese publizistischen Racheengel aus der klerikalen und nationalen Kaffernprovinz sollten doch dem verurteilten Mörder nicht die Lösung überlassen, die ihm selbst als die mildere erscheint. Wo bleibt denn da die kostbare Theorie? Wenn wir uns gegen die Vollstreckung der Todesstrafe an Kürten wenden, so hat das nichts mit Humanitätsduselei zu tun, sondern geschieht deshalb, weil die Art der Durchführung dieses Prozesses einen zu großen ungelösten Rest hinterlassen hat. Wenn jemand für neun Mordfälle verurteilt wird, und dieses Urteil auf nichts basiert als auf dem Geständnis eines Verbrechers, der sich in Einzelfällen bereits als phantastischer Lügner offenbart hat, so kann nichts die Zweifel beschwichtigen, die auch nach dem formalen Abschluß noch rege sind. »Kein klarer Fall!« schreibt Rudolf Olden, und jeder Einsichtige muß ihm beipflichten. Wie nun, wenn Kürten in seiner krankhaften Wichtigtuerei auch noch einige Morde auf sein Konto genommen hat, die er gar nicht begangen hat? Das hieße doch, daß sich unter der breiten, schreckensvollen Couvertüre »der düsseldorfer Mörder« noch andre Täter verborgen hätten, die noch heute frei herumlaufen und deren pervertiertes Triebleben sie gewiß später wieder zu ähnlichen Taten zwingen muß. Das hieße aber auch, daß das traurige Aktenstück der düsseldorfer Morde noch nicht abgelegt werden darf, weil mindestens ein Teil davon noch immer nach Klärung verlangt. Diese Frage ist nicht unwichtig, denn mit der Hinrichtung Kürtens wird sie so glatt abgeschnitten sein wie sein Kopf. Es ist also schon ein Gebot der Vernunft, dafür zu sorgen, daß die Untersuchung nicht aufhört und die Polizei nicht wieder in ihre alte Lethargie zurückfällt. In seiner Zelle aber sitzt der verurteilte Mörder Peter Kürten, dem man eingetrichtert hat, wenn er keine dummen Szenen mache, sondern aufrichtige Reue bekunde, dann werde wohl über Gnade zu reden sein. Heute schreit alles nach dem Henker, der ernste, humane Justizminister wird von allen Seiten bestürmt, diese Bestie in Menschengestalt nicht der Gnade teilhaftig werden zu lassen – und verraten in der Zelle der zum Tode verurteilten Mörder hockt der unselige Mensch, der immer wieder mit einer fast mechanischen Devotion versichert hat, daß er nur den Tod verlange und nichts mehr. Er hat sich in der Schlinge einer Komödie verfangen, in der er selbst die schrecklichste und aberwitzigste Rolle gespielt hat. Im Sinne eines grausamen, alle Schändlichkeiten mit gleicher Münze lohnenden Schicksals mag das eine wohl geeignete Sühne sein. Aber die irdische Justiz dient nicht dem Schicksal, sondern der Wahrheit. Und zu allerletzt hat sie wohl auch an eine Ableitung des Falles Kürten ins Metaphysische gedacht. Sie wollte nichts andres als jede Behörde will: automatischen Ablauf ihres Geschäftsganges ohne störenden Sonderfall. Das ist ihr auf Kosten der juridischen und kriminologischen Wahrheit vorzüglich gelungen. Die Weltbühne, 5. Mai 1931 993 Ein Mädchen fliegt nach Afrika Ein Mädchen ist nach Afrika geflogen und nach vielen Strapazen und Gefahren und einigen Tagen atembeklemmenden Schweigens, die sich bei allen von der Presse veranstalteten schwierigen Expeditionen mit pedantischer Pünktlichkeit wiederholen, durch die Luft wieder zurückgekehrt. Eine wunderbare sportliche und technische Leistung. Three Cheers for Elli Beinhorn! Aber einigen unsrer geschätzten Kollegen von der Presse hat der Erfolg der blonden Elli im kleinen Klemm erheblich den Kopf verdreht; sie sehen darin nämlich einen rauschenden Triumph der weiblichen Gleichberechtigung: »Vor Ihnen sind andre Mädchen in die Welt geflogen ... Alle haben mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, jede von ihnen war eine Kämpferin gegen den Hochmut der männlichen Welt, die auch die Luft in ihr Privileg einbezogen hatte.« Hier waltet ein Mißverständnis. Elli Beinhorn ist ja nicht in die Luft geschickt worden, um dort die privilegierten Männer zu verjagen, sondern um über ihre Fahrt in einer Artikelserie zu berichten. Man begnügte sich nicht mit Telegrammen wie: 17.40 Uhr ab Timbuktu, sondern man verlangte ausgewachsene Feuilletons von ihr. Sie muß danach also als Journalistin betrachtet werden. Und sie hat ihre Reise in weniger komfortablen Formen und unter schwierigeren Bedingungen durchführen müssen als irgend einer ihrer männlichen Kollegen. Die Presse sendet jährlich unendlich viele Herren auf schöne und weite Reisen, und diese Herren haben durchweg nicht viel Belangvolles zu vermelden. Wenn aber einmal eine Frau auf die Fahrt geschickt wird, um nichts Klügeres oder Dümmeres zu schreiben als die meisten der Herren auch, so verlangt man von ihr sofort etwas besonders Halsbrecherisches, einen Rekord in sportlicher Tüchtigkeit, Körpertraining und physischem Mut, während von ihren Kollegen, die sich auf dem Liegestuhl des Passagiers erster Kajüte aalen, nichts verlangt wird als ein Rekord in der Beharrlichkeit, tausendmal Geschriebenes zu wiederholen. »Ihr Vaterland konnte Ihnen nichts mitgeben als seine guten Wünsche«, ruft unser oben zitierter Freund von der ›B.Z.‹ pathetisch aus. Hoffentlich hat sich der Verlag spendabler gezeigt. Jeder männliche Journalist würde es als verrückte Zumutung ablehnen, sich an den Platz, wo schriftstellerische Impressionen wachsen, in einem fragilen kleinen Klemm zu begeben oder in einem alten Fordwagen übers Himalaja zu rasseln oder im Paddelboot nach Amerika zu gondeln. Nur für die Frau, die in dieser gesegneten Branche siedeln will, wird ein kleiner Ozeanflug allmählich zum normalen Befähigungsnachweis. Um ein paar durchschnittliche Zeitungsartikel anzubringen, muß sie zunächst ihre heilen Knochen riskiert haben. Sonst ist sie überhaupt nicht diskutabel. Und damit nicht genug! »Immer wenn Ihr Flugzeug gelandet war«, so singt Ellis Rhapsode weiter, »haben Sie sich in einen Winkel zurückgezogen und das Kleidchen geplättet oder die Strümpfe gestopft.« Dott, wie süsch! Lieber Kollege, ich weiß nicht, ob Sie es als naturnotwendige Begleiterscheinung Ihres Berufes betrachten würden, wenn sie nach einem »furiosen Marsch durch die Wüste« und »Flucht vor der Lepra« irgendwo im Schatten einer Negerhütte ihre Socken stopfen oder sich die Falten aus dem Hosenboden bügeln sollten. Und das ist der Humor von der Gleichberechtigung der Frau: Nach einem wahnwitzigen Zwanzigstundenflug, der mit Ölrohrbruch im Dschungel endet, muß sie sich hinsetzen und sich wieder hübsch weiblich betätigen. In summa: Ein Mädchen fliegt allein nach Afrika, aber die Herren fahren unten im Pullman-Car. Die Weltbühne, 5. Mai 1931 994 »Der Beste seit Bismarck« / Unser Landesverrat Die gemütliche Art, wie Herr Brüning die Heraufsetzung des Brotpreises behandelt, hat jene bürgerlich-republikanischen Blätter, die ihn sonst als Retter aus Hitlernot und Goebbelsbeben feiern, etwas stutzig gemacht. Hier und da werden kleine Zweifel laut. Aber nirgends wagt man die Äußerung wiederzugeben, die kürzlich der alte Herr von Oldenburg-Januschau in einem Gespräch getan, daß nämlich Brüning »der Beste seit Bismarck« sei. Die offizielle Feindschaft hindert nicht, daß Herr von Oldenburg ein eisernes Vertrauen in Brüning setzt. Er weiß ohne Zweifel, warum. Herr von Oldenburg sieht das große Verdienst des Kanzlers, »in seinem Willen zu führen und sich nicht vom Reichstag führen zu lassen«. Bisher habe man zwar Brünings Politik noch nicht mitmachen können, aber »die kommenden Preußenwahlen werden dem Herrn Reichskanzler Gelegenheit verschaffen, eine starke Rechte in seine Kombinationen einzuschalten«. Der Januschauer sieht einstweilen noch nicht den echten Brüning. Erst wenn die gegenwärtige Mehrheit in Preußen erschüttert ist, dann wird der Kanzler die häßliche republikanische Verpuppung abwerfen und als schöner dunkelglühender Schmetterling der Reaktion aufflattern. Brüning, die letzte Stütze der Demokratie, ist zugleich die große Hoffnung aller Reaktion, der fascistischen und der monarchistischen. Es ist beachtlich, daß ein so handfester Menschenkenner, wie der sechsundsiebzigjährige Kammerherr Elard von Oldenburg-Januschau, sich durch die liberalen Illusionen über Brüning nicht beirren läßt. Ihm genügt es, daß dieser Kanzler den Reichstag brüskiert, wenn er ihn auch einstweilen noch als zerbrechliche demokratische Kulisse gebraucht. Das Weitere wird sich schon finden. Die Republikaner dagegen analysieren den Begriff Brüning in unendliche Teilchen, sie konstatieren am Mikroskop eine atomhafte demokratische Substanz und kommen sich dabei sehr klug vor. Der Januschauer ist nicht so gebildet wie diese Herren, aber er hat Instinkt. In den glücklichen Zeiten Wilhelms II. gab es einmal eine kleine parlamentarische Meuterei der Herren Junker gegen die Regierung Seiner Majestät; einen jungen konservativen Abgeordneten, der sich ostentativ ausschloß, zeichnete Bethmann Hollweg dafür durch ein eigenhändiges Handschreiben aus. Es wurde damals im Reichstagsrestaurant erzählt, Herr von Oldenburg habe für dies erhabene Dokument cancellarischer Huld das kraftvolle Wort gefunden: »Den Schiß kann er sich hintern Spiegel hängen!« Auch heute dürfte der juchtenlederne Greis für die Herrn Brüning von republikanischer Seite gespendeten Devotionen keine sanftern Ausdrücke zur Verfügung haben. Die Bewunderung und Zustimmung, die Brüning auf der Linken findet, rührt ja nicht nur von einer gegebenen politischen Situation her, sondern auch von einem bis in die Wurzel falschen psychologischen Urteil. Die Verbindung des Kanzlers nach rechts hat niemals völlig aufgehört. Durch Hitlers Zeugenaussage im berliner Naziprozeß ist jetzt einwandfrei festgestellt worden, was wir immer behauptet haben, daß der so schweigsam gewordene Herr Treviranus den Liaison-Officer für die Verhandlungen mit den Nationalsozialisten spielt. Das Zentrum aber benutzt diese Periode der Unsicherheit recht gründlich. Nachdem es die gesamte Kulturpolitik unter schwarze Autorität gebracht hat, fordert es jetzt noch die offene Konfessionalisierung der Beamtenschaft. Immer höher wird der Preis, den die Sozialdemokraten für das Weiterbestehen der preußischen Koalition bezahlen müssen. Die einzige Gegenleistung dafür ist eine Politik der dürftig genug gewahrten demokratischen Fassade, die die helle Zustimmung der ›D.A.Z.‹ findet und selbst bei den Deutschnationalen die frohesten Hoffnungen weckt. Wie lange will sich die Linke noch von Brüning benebeln lassen? Wen der Januschauer für den Besten seit Bismarck hält, der muß der Schlechteste seit 1918 sein. * Der Termin in dem Landesverratsprozeß gegen die ›Weltbühne‹, der auf den 8. Mai angesetzt war, ist vertagt worden, weil der Sachverständige des Auswärtigen Amtes an diesem Tag verhindert war. Die Verteidigung bestand darauf, daß ein solcher Sachverständiger gehört werde, damit den Experten des R.W.M., deren fast übersinnlicher Einfluß auf den IV. Strafsenat ja hinreichend bekannt ist, eine andre amtliche Meinung entgegengestellt wird, die sich mit der in der Bendler-Straße vertretenen nicht immer zu decken pflegt. Wie wir im vorigen Heft mitteilten, können wir mit Rücksicht auf die Bestimmungen des Gesetzes vom 3. Juni 1914 auf den Stoff des Verfahrens gegen uns nicht näher eingehen, ohne uns einem neuen Risiko auszusetzen. Das soll uns nicht an einigen grundsätzlichen Bemerkungen an dieser Art von Prozessen hindern. Da ergibt sich zunächst die ungeheuerliche Tatsache, daß jeder Deutsche, der sich für eine unbedingte Respektierung des Friedensvertrags einsetzt, in Gefahr läuft, als Verräter abgeurteilt zu werden. Trotzdem befindet sich der Missetäter dabei in der Gesellschaft der Reichsregierung, die eben dasselbe behauptet. Das Reichsgericht bringt also die ihm übergeordnete Reichsregierung ständig in den Verdacht der Illoyalität. Ein beträchtlicher Teil des Mißtrauens gegen Deutschland in der ganzen Welt ist auf diese Judikatur des höchsten deutschen Gerichts zurückzuführen. Wir haben es hier nicht mehr mit Rechtsprechung zu tun, sondern mit einem Komplott zwischen R.W.M. und Reichsanwaltschaft zur Niederhaltung der oppositionellen Presse und zur Aufrechterhaltung einer Sonderstellung der Herren Militärs. Seit langen Jahren haben politisierende Offiziere, aktive und abgetakelte, immer wieder versucht, in London, Paris, Rom und Moskau auf eigne Faust deutsches Schicksal zu spielen oder der schwachen deutschen Wehrmacht mit schwarzen Kaders nachzuhelfen. Die ›Weltbühne‹ hat derlei Aktivismus immer als blutigen Dilettantismus bekämpft, nicht um in Paris, Warschau oder sonstwo Beifall zu ernten, sondern in der Erwägung, daß für Deutschland keine andre Politik denkbar ist als die der strikten Vertragserfüllung. Zudem liegt auch die Erfahrung vor, die leider so wenigen Deutschen geläufig ist, daß der Versailler Vertrag ja ständig revidiert worden ist, revidiert mit friedlichen diplomatischen und politischen Mitteln. Auch in Zukunft gibt es keine andre Chance, seine Schärfen und Unmöglichkeiten zu überwinden. Diese Bemühungen von Politikern und Publizisten, Deutschland vor klatschenden außenpolitischen Niederlagen zu bewahren, hat der Oberreichsanwalt immer wieder mit Landesverratsklagen honoriert. Dabei herrschte nicht einmal Einheitlichkeit. Es hat verschiedene Hochkonjunkturen in solchen Prozessen gegeben, denen dann wieder Katzenjammer folgte. Im Jahre 1927 versprach der damalige Reichsgerichtspräsident Simons sogar, daß derartige Prozesse jetzt zu Ende wären, aber sie begannen bald wieder zu florieren. Bei schnell wechselnden politischen Moden mußte der Begriff Landesverrat häufig schwanken. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die militärpolitischen Selbstverständlichkeiten von heute immer die militärischen Geheimnisse von gestern waren. Was heute das reaktionärste Provinzblatt offen diskutiert: die Zeitfreiwilligen, die Schwarze Reichswehr, die Feme, die Unternehmen der rauhen Seeleute Lohmann und Canaris, die Geschichte mit den Sowjetgranaten, alles das ist einmal finsterstes Geheimnis gewesen. Mußte nicht Geßler selbst das Geschwür der Schwarzen Reichswehr in Küstrin aufstechen und die von ihm gesammelte heimliche Heeresmacht in dem tollsten aller Communiqués als »nationalbolschewistischen Haufen« denunzieren? Und mußte nicht im vergangenen Sommer erst des Kanzlers Organ, die ›Germania‹, gewisse Cliquen im R.W.M., die sich allzu intensiv mit russischen Stellen unterhielten, öffentlich zurückpfeifen? Es hat im Großen und Kleinen manchen geheimen militärischen Unfug gegeben, und wehe dem Publizisten, der die Sache publik machen wollte. Das schwarze Rayon war für den Oberreichsanwalt sakrosankt, und der kleinste Leutnant noch, dessen Betriebseinsamkeit sich eine düstere Sinekure verschafft hatte, war für ihn mit den Interessen der deutschen Wehrmacht identisch. Jede alberne Projektenmacherei von Amateurstrategen und Fähnchensteckern am Stammtisch wurde von der obersten Anklagebehörde als »militärisches Geheimnis« anerkannt. Aber regelmäßig endeten diese Idylle damit, daß irgend einer Regierungsstelle selbst die Sache übern Kopf wuchs und daß sie vor den eignen Geheimnissen in die Öffentlichkeit floh. Womit das Mysterium auch offiziell aufhörte, eines zu sein. Aber gewöhnlich saßen dann schon ein paar Journalisten im Kasten. Ernster wird das Landesverratsverfahren gegen die ›Weltbühne‹ allerdings dadurch, daß der Oberreichsanwalt in seine Anklage auch noch den Spionageparagraphen hineingebaut hat, und das aus keinem andern Grund, als um die öffentliche Erörterung zu verhindern, denn mit diesem freundlichen Paragraphen ist ein Schweigegebot verknüpft. Das ist in der Tat ein Ausnahmegesetz gegen die Presse, die sich weigert, nach der Militärmusik zu tanzen, und die so dreist ist, früher aufzustehen als die patriotisch verschlafenen Herren Minister. Es hat bisher kein sogenanntes militärisches Geheimnis gegeben, das nicht im Ausland von vornherein bekannt gewesen wäre, auch ohne das Zutun von Pazifisten. Woran den Herren in der Bendler-Straße und der ihnen freiwillig subordinierten Reichsanwaltschaft liegt, das ist nicht die Sorge vor dem Ausland. Viel wichtiger ist ihnen, daß der deutsche Staatsbürger, der deutsche Steuerzahler, nichts von Extragängen erfährt, deren materielle und moralische Konsequenzen er zu tragen hat. Die Weltbühne, 12. Mai 1931 995 Antwort an Rose Schwarz Zu dem Artikel »Das Problemkind und die neue Schule«; ›Weltbühne‹ Nr. 18 Liebe gnädige Frau, Ihre Kapuzinade über Eltern und Schule von heute war sehr interessant aber bei scharfem Blick für Einzelheiten dennoch auf Abwege führend. Sie verwahren sich dagegen, daß man Ihnen reaktionäre Tendenzen unterschiebt, ich glaube Ihnen. Aber was ich nicht verstehe, das ist Ihr Glaube an die Allgemeingültigkeit der von Ihnen geschilderten Zustände. Sie vertreten die These, daß Eltern und Schule heute allzu lasch geworden sind. Sie sehen darin einen Mord des ohnehin schon schwer bedrohten Bürgertums an seiner Zukunft, eine Neigung, die nach Ihrer Auffassung noch von modernistischen Tendenzen der höhern Schule unterstützt wird. Zwei Ihrer Sätze haben es mir angetan. An die will ich mich halten. ad I. Sie schreiben: »Faktisch ist man sich aber heute bei uns ... nur einig über die Pflicht zur Nicht-Erziehung.« Rose Schwarz, das ist keine Erscheinung der verruchten Neuzeit, die alle Bande frommer Scheu lockert. Solche Eltern hat es immer gegeben. Nur beriefen sie sich früher nicht auf Alfred Adler und die Individualpsychologie, sondern auf das eigne törichte Herz. Man nannte das vor der Erfindung Adlers zum Mißbrauch der von ihm geschaffenen Terminologie Affenliebe, und fünfzig Jahrgänge Meggendorfer haben davon gelebt. Aber die Schichten, die sich das heute leisten können, die Unarten des Lieblings gebildet zu kommentieren, sind so dünn, daß schwere Polemik überhaupt nicht in Betracht kommt. Von der überwiegenden Mehrzahl der Eltern wird die Schule alles andre als gemütlich aufgefaßt. Niemals war das Verlangen der Eltern größer, auf Grund des Reifezeugnisses oder des Berechtigungsscheins den Kindern die soziale Stellung zu erhalten oder zu erobern. Das Reifezeugnis ist eine unentbehrliche Waffe im sozialen Kampf geworden; es steht auf einem andern Blatte, daß sie in der Praxis eine ganz illusionäre Waffe ist. Das Berechtigungswesen ist ein plutokratisches Ausnahmegesetz. Bildung und Wissen sollen wieder das Monopol der Besitzenden werden. Wenn es dazwischen noch reiche Leute gibt, die im eignen Hause die Sache laxer behandeln – sie mögens tun, denn sie stören niemand. ad II. »Das Sitzenbleiben stirbt langsam aus. Das Ziel der Klasse wird den Kindern angepaßt, nicht umgekehrt. Die Reifeprüfung wankt ihrer Agonie entgegen.« Hier irrt Rose Schwarz. Wo ist denn diese Schule, deren Autorität abgedankt hat? Wo ist denn diese Schule, die, reformistisch verspielt, Lehrplan und Zucht vernachlässigt? Saget an, Rose Schwarz! Ich suche eine passende Schule für eine elfjährige Jöhre. Aber dieses von einem pflichtvergessenen Vater heißersehnte Institut gibt es nicht. Gewiß, die höhere Schule ist in manchen Äußerlichkeiten freier und leichter geworden. Es gibt auch ein paar pädagogische Versuchsanstalten, die weitgehend experimentieren, aber charakteristisch für das jetzige Schulwesen sind sie nicht. Die höhere Schule dient, wie früher, dem Drill. Sie ist stramm wie unter dem alten Wilhelm und gar nicht libertinistisch verseucht, kaum liberal aufgelockert. Die Autorität hat nicht gelitten, und die Examina, vor allem, sind kein Jux. Die Reifeprüfungen schon gar nicht. Sie sind noch immer ein Lotteriespiel, und nicht immer ein redliches. Gewiß, Knüppeldick und Affenschmalz, die klassischen Präzeptoren Wedekinds, laufen nicht mehr in Röllchen und grünlich gewordenen Bratenröcken herum. An ihre Stelle sind gutgeschnittene Unterrichtsbeamte getreten, die ihr Amt sehr schematisch, sehr lieblos, ohne Interesse an der einzelnen Schülerexistenz verwalten. Der Lehrer der höhern Schule ist heute Beamter, Beamter und nochmals Beamter. Wenn es nicht klappt, ist das Publikum schuld, in diesem Falle der Schüler. Bruno Heilig hat es hier kürzlich als ein Unding bezeichnet, daß die Verantwortung letzten Endes auf den Schüler abgewälzt wird. Hier scheint mir der Widersinn des ganzen Schulbetriebes zu liegen, des alten und des neuen, daß ein junger Mensch in seinen auch körperlich gespanntesten Jahren einer Belastungsprobe ausgesetzt wird, wie in vielen Fällen sonst niemals mehr im Leben. Später hilft die Familie, die Frau; es gibt Konnektionen, Berufstrott, ererbten Besitz. Aber der Sechzehnjährige im Examen, das über alle Zukunft entscheidet? »Da tritt kein Anderer für ihn ein, auf sich selber steht er da ganz allein.« Er ist im gesetzlichen Sinne minorenn, er darf nicht die lumpigste Postquittung unterschreiben. Er darf nur über sein Schicksal entscheiden. Das ist der Unsinn aller und jeder Schule, die auf dem System von Versetzungen und Zeugnissen ruht. Wenn also in manchen Stücken heute doch Erleichterungen eingetreten sind, Rose Schwarz, so wollen wir nicht unvermeidliche Schattenseiten einer noch im Fluß befindlichen Entwicklung bejammern. Wir wollen in der Bettleroper der bürgerlichen Kultur nicht die Tenorpartie übernehmen, nicht die Klage nach vergangenen Zeiten anstimmen. Alle Fragen, die Sie aufwerfen, führen mitten in die großen sozialen Auseinandersetzungen hinein. Wenn das Bürgertum heute zerfällt, dann nicht an der Unart seiner Kinder. Wenn die Arbeiterschaft heute aufsteigt, dann nicht, weil sie, nach Ihrer Auffassung, in selbstgeschaffenen Bildungsanstalten eine träge gewordene junge Bürgergeneration niederkonkurriert, sich also lern- und lebenstüchtiger zeigt. Das hieße die Parteischulen, die nur der Schaffung des perfekten Parteimenschen dienen, allzu sehr überschätzen. Die Weltbühne, 12. Mai 1931 996 Abschied von Briand Die Geschichte wird den 13. Mai 1931 mit einem schwarzen Kreuz registrieren. An diesem Tage hat der europäische Gedanke in Versailles eine entscheidende Niederlage erlitten. Die deutsche Presse hält sich mit gutem Grund an die Oberfläche der Geschehnisse, wenn sie den plötzlichen Absturz Briands auf Intrigen und Unstimmigkeiten innerhalb der französischen Linken zurückzuführen sucht. Aber Briands Kandidatur ist nicht von Franklin-Bouillon und Louis Marin ruiniert worden, sondern von Curtius und Schober. Mit seinen giftigsten Gegnern in der Kammer konnte Briand in offener parlamentarischer Feldschlacht fertig werden. Seine vorsichtige und immer ein wenig nachgebende Taktik in der Behandlung Deutschlands fand dagegen in den Reihen der Linken bis zum Kreise des Herrn Paul-Boncour immer weniger Mitgänger. Die erste geheime Abstimmung mußte also dazu dienen, sich eines Staatsmannes zu entledigen, dessen liebenswürdige Geduld und wachsende Versöhnlichkeit auch manchen seiner engern Freunde zuletzt als die Vorboten unbarmherzig heranziehenden Greisenschwachsinns erschienen waren. Deutschland verdankt Aristide Briand viel. Von Poincaré wund und lahm geprügelt jammerte es im Winkel der Weltpolitik, als Briand es wieder in den Rat der Völker holte. Seit dem Tode Stresemanns stand er verwaist, er hatte keinen deutschen Gegenspieler mehr. Die feinen Herren in der Wilhelm-Straße gerieten immer mehr unter die Fuchtel der nationalistischen Gosse. Anstatt den Mann in Paris nach besten Kräften zu stützen, unterhöhlten sie den Boden, auf dem er stand. Schließlich überrumpelten sie Briand und die ganze Welt mit dem Projekt der Zollunion und versetzten ihm damit den Coup de Jarnac, den kurzen Messerstoß in den Rücken. Das französische System der Präsidentenwahl vereinigt beide Kammern zu einer Wahlkörperschaft. Das führt naturgemäß zu einem Übergewicht des rechten Flügels, da auf den Radikalismus der Senatsradikalen nicht grade viel Verlaß ist. So gelang es vor sieben Jahren dem Linksblock der Kammer zwar, den Präsidenten Millerand mit glänzendem Elan aus dem Elysée zu fegen, aber in der darauf folgenden Neuwahl konnte er seinen Kandidaten Paul Painlevé nicht gegen Gaston Doumergue, den Mann der Gemäßigten, durchbringen. Doumergue war gewiß immer ein äußerst korrekter Präsident, und auch Paul Doumer, das neue Oberhaupt der Republik, wird kein persönliches Regiment pflegen. Aber durch eine Art Tradition ist der Präsident immer mehr zu einem Hüter der »nationalen Einigkeit«, das heißt der bürgerlichen Sammlung geworden. Der Präsident wacht auch darüber, daß die nationalistische Terminologie nicht völlig von freundlicheren Tönen verdrängt wird. Es ist noch in frischer Erinnerung, wie Präsident Doumergue in einer in Nizza gehaltenen Rede sein außenpolitisches Testament niederlegte, und dabei zeigte sich, wie viel Groll gegen Briands weichere Tendenzen der ewig lächelnde Präsident im Herzen trug. Auch gegen einen andern Mann der Linken als Briand hätten Kammer und Senat wohl einen Präsidenten vorgezogen, der sichere Gewähr gegeben hätte, als konservative Hemmung zu wirken. Da Briand, die Festigkeit seiner Position verkennend, sich selbst nominiert hatte, so bot sich der offenen und maskierten Reaktion die einzigartige Gelegenheit, nicht nur eine Kandidatur sondern gleich ein Programm zu erledigen. Die deutschen Zeitungen stehen neben diesem traurigen Resultat wie das Kind beim Dreck und bohren sich verlegen die Nase. Sie haben nach mehr »außenpolitischer Aktivität« gerufen. Nun, das Trümmerfeld legt beredtes Zeugnis von der angewandten Energie ab. Die französische Linke hat gewiß nicht klug getan, ihren ohnehin schwachen Zusammenhalt durch falsche Manöver noch fragwürdiger zu machen. Aber ist die gouvernementale Presse in Berlin der Platz, ihr deswegen Vorwürfe zu machen? Wenn Briand auch von falschen Freunden in den Abgrund gestoßen wurde, deutsche Kräfte sind es gewesen, die ihn dem Abgrund so nahe gebracht haben. Welch ein Gemengsel von Torheiten bedeutet nicht die deutsche Außenpolitik seit Stresemanns Tod! Das immer in falscher Situation neu einsetzende Revisionsgeschrei, die kadettenhaften Renommistereien des Herrn Treviranus, die Tumulte am Rhein unmittelbar nach dem Abzug der Besatzungsarmee, das alles verböserte die deutsch-französischen Beziehungen, wobei allerdings die elastische Hand Briands die endgültige Wendung zum Nochschlimmern verhinderte. Dann kam die harte Belastungsprobe der Hitlerwahlen. Die Marins schrien nach der Wiederbesetzung der Rheinlande; der Außenminister wehrte ruhig ab und mahnte zur Geduld. Und dann kam als glorreicher Abschluß der schlechte dilettantische Hinterhaltsstreich der Zollunion, der von der überwiegenden Mehrzahl der deutschen Blätter als erlösende Tat für Deutschland und Österreich, und nebenbei auch für Europa, gefeiert wurde. Soviel Unverstand mußte der französische Friedensminister erliegen. Ein nicht wieder gutzumachender Schaden ist angerichtet worden. Die deutschen und die französischen Nationalisten triumphieren. Wenn unsre Außenpolitik noch ein Quentchen Vernunft bewahrt hat, so zieht sie wenigstens jetzt endlich das Unionsprojekt zurück. Engländer und Italiener werden es doch mit Einwänden und Gegenentwürfen ins Ungewisse zurückschieben, und nachdem neuerdings die zerbrechliche Wirtschaftslage Österreichs bei einer eben verhinderten Bankkatastrophe wieder offensichtlich geworden ist, beantwortet sich auch die Frage von selbst, ob Deutschland imstande sein wird, zu seiner eignen auch noch die österreichische Misere in Generalregie zu nehmen. Es glaubt schon heute niemand mehr, daß das Projekt jemals effektiv werden wird. Ein genfer Rückzugsgefecht nimmt sich also ziemlich überflüssig aus. Was zu beweisen war, ist auch gegenüber dem hartgesottensten Zweifler erwiesen: daß nämlich ein altgedienter habsburgischer Hofrat und ein vor seiner eignen Bureaukratie kuschender Provinzadvokat, daß zwei mäßig begabte außenpolitische Amateure es in zielbewußter Zusammenarbeit zu erreichen vermögen, den besten Außenminister Europas von seinem legitimen Amtsstuhl zu stoßen. Der Nachweis ist zum Weinen gut geglückt. Jetzt gebt endlich Frieden und laßt diesen unseligen Popanz von einer Zollunion nicht als Fliegenden Holländer durch eine Reihe weiterer Konferenzen spuken. Die Weltbühne, 19. Mai 1931 997 Cuno und Curtius Deutschland ist das Land, wo die großen Nieten immer wiederkommen. Der Ruhm eines Politikers wird nach dem Umfang des von ihm angerichteten Schadens bemessen. Deshalb wünschte sich auch eine Gruppe von Industriellen und Agrariern Herrn Geheimrat Cuno als Außenminister. Cuno –? Warum nicht gleich Ludendorff? Aber Ludendorff ist bei all seinen Verschrobenheiten dennoch ein bedeutender Fachmann, während Cuno nur ein gleichgültiger höherer Beamter ist, der in seiner Carriere mehr Glück gehabt hat als das deutsche Volk mit ihm. Die ›Deutsche Allgemeine Zeitung‹, die Herrn Cuno so tüchtig vorgearbeitet hat, wäre ohne die verfrühte Nennung seines Namens ohne Zweifel erfolgreich gewesen. Dieser Name aber wirkte abschreckend. So führte die Pressekampagne nur zu einer schweren Verletzung des Herrn Curtius, ohne daß die Erhebung des Herrn Cuno gelungen wäre. Dieser harte und wirkungsvolle Vorstoß der ›Deutschen Allgemeinen Zeitung‹ zeigt wieder einmal aufs deutlichste, daß die wirkliche Macht auf der deutschen Rechten nicht bei dem lärmenden Straßenfascismus liegt, sondern bei jenen kleinen schwerindustriellen Gruppen, die sich ganz nach Bedarf auch ein liberales Air zu geben vermögen. Deren Stirnrunzeln genügt, um auch einen weniger schattenhaften Minister als Curtius zum Wackeln zu bringen. Denn Curtius ist als Außenminister erledigt, auch wenn er von Brüning noch eine Weile gehalten wird. Die Schnelligkeit, mit der die Presse aller Farben von ihm abrückte und seinen vollen Mißerfolg in Genf feststellte, bezeichnet den Grad seiner Vereinsamung. Die ›Deutsche Allgemeine Zeitung‹ hat einen guten Mann begraben, und niemandem war er mehr. Es ist natürlich ein Unsinn zu behaupten, Curtius habe die deutsche Sache in Genf in eine Katastrophe geführt. Deutschland steht wieder einmal isoliert da, aber das liegt nicht daran, wie das Projekt der deutsch-österreichischen Zollunion vor dem Völkerbund vertreten wurde, sondern in der Existenz dieses Projektes selbst. Eine weitsichtigere und weniger von nationalistischen Strömungen abhängige deutsche Außenpolitik würde es vermieden haben, alle Welt gegen sich aufzubringen, während sie noch über dem viel schwierigeren Gedanken brütete, wie man in absehbarer Zeit eine aussichtsreiche Debatte über die Youngzahlungen eröffnen könne. Die deutsche Außenpolitik hat, wie so oft, das Lebenswichtige einer nutzlosen patriotischen Spielerei geopfert. So kam Curtius nach Genf, umrauscht von nationalistischen Fanfaren, die er gewiß weder gewünscht noch bestellt hatte, die aber seine Sache noch mehr diskreditierten. Deutschland blieb ohne Genossen, ohne Verteidiger; es stand einer Wand von Ablehnung und Zweifeln gegenüber. Die freundliche Geste, die Arthur Henderson im Namen Englands fand, hat auch etwas fatales an sich: es war die des alles verstehenden Onkels, der selbst vor den ärgsten Exzentrizitäten der lieben Kleinen den Humor behält. Curtius wird es als ein bitteres Schicksal empfinden, daß der Überfall auf ihn grade von denen inszeniert wurde, die seinerzeit nicht genug tun konnten, ihn zur Zollunion zu beglückwünschen und die ihn seither aufs heftigste angespornt haben. Curtius ist im besten Bewußtsein in eine Falle gerannt, er glaubte an seine Zollunion, an ihre deutsche und europäische Bedeutung. Die guten Leute jedoch, die ihn immer wieder ermahnten, sie wie eine magna Charta zu verteidigen, glaubten nicht so fest daran. Ihnen war sie höchst belanglos. Sie sahen in ihr nur einen Sprengstoff für die genfer Verhandlungen, den idealen Anlaß zum Krach. Die deutsche Reaktion lebt seit Jahren von den außenpolitischen Niederlagen Deutschlands, aus ihnen leitet sie ihre These von der angeblichen Pariastellung Deutschlands her. Sie hat grade jetzt Grund genug, einen neuen Schulfall für ihre Behauptungen zu wünschen. Denn je geknechteter, je ärger beleidigt Deutschland erscheint, desto besser gehen die Geschäfte der von der Schwerindustrie und ihren Banken ausgehaltenen Revancheparteien. So hat man den bemitleidenswerten Curtius wie einen Urias grade dorthin geschickt, wo die Pfeile am dichtesten fallen. Von der Zollunion, die jetzt in Genf still beigesetzt worden ist, wird bald niemand mehr reden. Sie hat ihren Dienst, Unruhe zu stiften, hinreichend erfüllt. Wir haben das, im Gegensatz zu den meisten republikanischen Blättern, lange vorausgesagt. Von der liberalen Presse hat nur das ›Berliner Tageblatt‹ dem törichten Projekt gegenüber eine ehrenvolle Skepsis bewahrt. Den großkapitalistischen Verschwörern kommt es selbstverständlich nicht nur auf eine innenpolitische Machination an. Ihre Ziele reichen weiter. Der Frühjahrskrach in Genf soll nur den Austritt aus dem Völkerbund im Herbst vorbereiten. Deutschland soll wieder »freie Hand« bekommen, es soll aufhören, Reparationen zu zahlen. Das ist der Inhalt der sogenannten außenpolitischen Aktivität, wobei auf die Unterstützung Rußlands und Italiens gerechnet wird. Man unterschätze die Gefahr solcher Gedankengänge nicht; wenn sich auch die Politiker noch recht zurückhaltend zeigen, so ist ihnen wenigstens literarisch schon sehr kräftig vorgearbeitet worden. Die ›Deutsche Allgemeine Zeitung‹ schreibt noch sehr behutsam, nicht nationalistischer Machtrausch treibe sie, es sei aber »Überprüfung des deutschen Verhältnisses zum Völkerbund« erforderlich. Da hierzu schlechterdings kein Anlaß vorhanden ist, so mußte einer geschaffen werden. Das Beispiel der französischen Reaktion, die dem pazifistischen Außenminister unmittelbar vor seiner Reise nach Genf den Todesstoß versetzte, ermutigte die deutschen Confratres, auch gleich mit Briands deutschem Kollegen aufzuräumen. In der ›Deutschen Allgemeinen Zeitung‹ war dies Geschäft besonders gut aufgehoben, denn deren Chefredakteur, Herr Doktor Klein, eine Begabung, die der berliner Publizistik aus Siebenbürgen zugewandert ist, hat auf Curtius einen besondern persönlichen Pique. Im vergangenen Sommer, als Herr Treviranus noch der große Mann war, richtete Herr Doktor Klein seinen Ehrgeiz darauf, Pressechef in der Wilhelm-Straße zu werden oder richtiger, eine Art von Reichspropaganda-Chef. In der Umgebung des Außenministers jedoch empfand man Herrn Doktor Klein als aufdringlichen Wichtigtuer. Der deutsche Patriot aus Siebenbürgen blitzte ab. Er hat diese Kränkung nicht vergessen. Wenn auch die Schilderhebung Cunos diesmal mißglückt ist, die von Curtius schwach genug verwalteten Reste Stresemannscher Politik sind schwer lädiert. Es braucht ja nicht Herr Cuno zu sein, der die neue Linie der Außenpolitik beginnt. Für die ›Deutsche Allgemeine Zeitung‹ lag der Herr Geheimrat natürlich am nächsten, weil er zum engern Kreise ihrer Ernährer zählt, für die Herren von der Schwerindustrie, weil er der Reichskanzler der Inflation war, der Deutschland schon einmal an den Bettelstab gebracht hat, und weil unter seinem Regime mitten im allgemeinen Elend die Schwerindustrie verdient hat wie noch nie. Herr Cuno ist nicht die einzige staatsmännische Potenz dieser Art, es laufen noch andre beschäftigungslos herum, und ihre Chance steigt, je geringere Aussicht die Reichsregierung hat, noch weiter auf Tolerierung durch die Sozialdemokratie zu zählen, je mehr sie sich auch offen der radikalen Rechten verschreiben muß. Die Weltbühne, 26. Mai 1931 998 Gegen die Todesstrafe Item so jemandt vnsern gemeynen geschriben rechten nach ... das leben verwürckt hat, soll man nach gvtter gewonheyt ... die form vnd weiß der selben tödtvng halten vnd vrtheylen. Peinliche Gerichtsordnung von 1533. Seit einigen Jahren ist in Deutschland eine lebhafte Diskussion im Gang, ob das neue reformierte Strafgesetz auch die Todesstrafe wieder enthalten soll. Die Frage entwickelte sich aus den Verhandlungen über die Rechtsangleichung an Österreich, wo die Todesstrafe seit 1919 abgeschafft ist. Im August 1928 richtete der damalige Reichsjustizminister Koch-Weser an die Länder den Wunsch, keine Hinrichtung mehr vorzunehmen, bis die Strafgesetzreform definitiv darüber entschieden habe. Das schien damals das Ende der Todesstrafe in Deutschland vorzubereiten. Dennoch haben seitdem die Regierungen von Bayern und Württemberg den Henker wieder in Tätigkeit treten lassen, und augenblicklich drückt die gesamte Reaktion auf den preußischen Justizminister, den Düsseldorfer Lustmörder Kürten hinrichten zu lassen, so daß sich hier zwischen Anhängern und Gegnern der Todesstrafe eine richtige Kraftprobe vorbereitet. Es bedarf keiner besonderen Hervorhebung, daß die Reaktion auch in diesem Falle mit den kräftigsten Mitteln arbeitet und die Gegner der Todesstrafe als entartete Subjekte hinstellt, die aus purer Schlappheit und Wehleidigkeit den Staat zum Verzicht auf das letzte und schärfste Mittel seiner Autorität bewegen wollen. Das sieht so aus, als ob die Abschaffung der Todesstrafe ein besonderes abenteuerliches Experiment wäre, bei dem Deutschland in der Welt vorangeht. Nun gibt es aber europäische Staaten, die schon lange ohne Galgen und Richtbeil auskommen, ohne daß deshalb ihre Kriminalstatistiken beunruhigender wären als die der anderen. Holland zum Beispiel hat die Todesstrafe schon 1870 abgeschafft, Norwegen 1902, Polen 1918 und Österreich 1919. In Sowjetrußland wird die Todesstrafe nur gegen politische Vergehen in Anwendung gebracht, was sich aus dem Existenzkampf eines Staates erklärt, der sich von Grund auf umbaut und dabei überall von Außen her bedroht ist. Die erste wissenschaftlich begründete Ablehnung der Todesstrafe stammt aus dem Zeitalter der Aufklärung. Sie ist enthalten in dem fundamentalen Werk des italienischen Rechtsphilosophen Cesare Beccaria , »Von den Verbrechen und den Strafen«, 1764 erschienen. Die Ideen Beccarias wirkten gewaltig aufwühlend, Voltaire, Diderot und Goethe beschäftigten sich mit ihnen, und sie haben in der Folge viel zur Vermenschlichung der Justiz beigetragen. Natürlich war Beccaria selbst noch ganz in den Anschauungen seiner Zeit befangen; wenn er die Ersetzung der Todesstrafe durch lebenslängliche Sklaverei fordert, so wirkt das auf uns ebenso absurd wie barbarisch. Das hindert nicht, die historische Wirkung von Beccarias Leistung anzuerkennen, die in der Erschütterung der bis dahin allgemein gültigen Abschreckungstheorie besteht, was um so höher einzuschätzen ist, als Gerichtsbarkeit und Strafvollzug der damaligen Zeit noch durchaus von mittelalterlichen Vorstellungen beherrscht waren. Noch zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts wurden in Deutschland Brandstiftungen mit dem Feuertode bestraft. Im Untersuchungsverfahren einiger Duodezstaaten wurde noch die Folter verwendet; in der thüringischen Großmacht Gotha z.B. bestand sie, wenigstens auf dem Papier, bis 1828. Bis tief in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts hinein wurde noch nach den Bestimmungen der »Hals oder peinlichen Gerichtsordnung Kaiser Karls V.« (Constitutio Criminalis Carolina) von 1533 gerichtet. Verbrecher wurden gehängt, gerädert, verbrannt, sogar lebendig begraben. Frauen kamen nicht an den Galgen, dafür genossen sie den Vorzug, ertränkt zu werden. Enthauptet wurde nur in seltenen Fällen und dann nicht ohne vorhergehende stundenlange Marterungen. In diesem Zusammenhange begreift man erst, warum das Fallbeil des Doktor Guillotin von seinem Erfinder als ein Instrument der Humanität aufgefaßt wurde. In England gab es um 1800 herum noch zweihundert Vergehen, auf denen Todesstrafe stand. Kleine Diebstähle und Betrugsfälle mußten am Galgen bezahlt werden. In London wurden im Jahre 1773 allein 223 Personen gehängt. Erst die französische Revolution räumte mit diesen Bestialitäten auf. Mit ihrem Siegeszug durch Europa hört die Rechtspflege auf, reine Henkersarbeit zu sein. Verstümmelung, Brandmarkung und Auspeitschung für Pfennigsdelikte scheiden aus der Reihe der Strafmittel aus. Von da an steht die Todesstrafe nur noch auf Mord. Der napoleonische Code penal von 1810 unternimmt den entscheidenden Schritt zur Zivilisierung der Justiz in Frankreich, dem im Laufe von Jahrzehnten die andern Staaten folgen. Heute steht die Todesstrafe nur noch auf Mord , und auch hier fehlt dem Staat das gute Gewissen. Wir erklären auch den Verbrecher aus einer sozialen Gebundenheit. Der Mörder macht einen schlechten gesellschaftlichen Zustand offensichtlich, wir sehen in ihm nicht mehr den Teufel, das böse Prinzip verkörpert, sondern fühlen die Mitschuld und Mithaftung der gesamten Gesellschaft bei den Attentaten gegen sie. Die Anhänger der Vergeltungs- und Abschreckungstheorie sehen in der Gesellschaft den Kampf aller gegen alle, einen Kampf, in dem der Stärkste siegt, in dem das Untaugliche ausgemerzt, Auflehnung gewaltsam niedergeschlagen, die Strafe zugleich ein warnendes Beispiel werden muß. Oder sie argumentieren theologisch, sie behaupten, daß auch der Mörder einen freien Willen, die freie Wahl zwischen Gut und Böse hat. Sie sehen Freiheit der Entschließung und deshalb volle Verantwortlichkeit dort, wo wir die Folgen sozialer Gebrechen feststellen, oder vererbte Krankheit oder geistige Minderwertigkeit. Wären die Anhänger der Abschreckungstheorie im Recht, so dürfte eigentlich nach Jahrhunderten, wo wegen jeder Nichtigkeit ein Ohr abgeschnitten oder die Zunge ausgerissen wurde, kein Mensch mehr stehlen, trügen oder morden. Das ist keineswegs der Fall. Das Verbrechen wächst eben auf einem ökonomischen Sumpfboden, es rührt nicht von einer gottgewollten Einteilung in gute und böse Menschen her. Wir glauben nicht mehr, daß der Henker das gestörte Gleichgewicht der moralischen Welt wieder in Ordnung bringt. Zu diesen mehr theoretischen Erwägungen kommt die eine sehr praktische hinzu, daß der Tod ein für allemal die Wiedergutmachung eines immerhin möglichen Rechtsirrtums ausschließt. Mindestens der auf Indizien beruhende Mordprozeß läßt gefährliche Justizirrtümer zu. Wir haben in den vergangenen Jahren erlebt, daß verschiedene Todesurteile in Indizienprozessen revidiert werden mußten, weil sich nachträglich die Unschuld der Verurteilten herausstellte (Diellingen, Dujardin) , während an dem armen Jakubowski der Scharfrichter schnellere Arbeit geleistet hatte. Und selbst der Fall des Karlsruher Rechtsanwalts Hau, der zwanzig Jahre lang die Phantasie erregt hat, schließt mit einem Fragezeichen. Die Gefahr, daß ein Unschuldiger den Kopf verliert, ist ärger als Gnade für zehn Schuldige. Wie aber steht es mit Gestalten wie Haarmann und Kürten , vertierte Individuen, wenn man will, jedenfalls Menschen mit krankem Triebleben –? Auch hier ist mit einem abgeschlagenen Kopf nichts geschehen, Vorbeugung ist alles. Die meisten der Verbrechen Haarmanns sind nur durch den verbrecherischen Schlendrian der Hannoverschen Polizei zu erklären, die sich den Lustmörder und Menschenfresser als Vigilanten hielt. Und auch im Falle Kürten hat die Düsseldorfer Polizei sich nicht mit Lorbeeren bedeckt. Ihre Maßnahmen zur Ergreifung des Mörders waren höchst unzulänglich, und gefangen hat sie Kürten schließlich nur, weil er in einem schwachen Augenblick seiner Frau das Geständnis gemacht hatte, der »Düsseldorfer Mörder« zu sein. Weiteres Beweismaterial steht nicht zur Verfügung, kein einzelner Fall kann nachgewiesen werden, der ganze Prozeß ruht auf dem Geständnis Kürtens. Dabei war dieser aber so geständnisfreudig, daß er noch drei weitere Morde auf sich genommen hat, die er unmöglich begangen haben kann, weil er zu dieser Zeit im Gefängnis saß. Hat die Justiz also wirklich den gesuchten Mörder in der Hand oder nur einen phantastischen Lügner und wahnsinnigen Aufschneider? Jedenfalls darf die Todesstrafe nicht dazu dienen, ein lebendiges Zeugnis des katastrophalen Versagens von Polizei und Justiz aus der Welt zu schaffen. Es bedeutet nur ein trauriges Possenspiel, wenn sich auch im Kürtenprozeß ein paar psychiatrische Sachverständige fanden, die den Angeklagten für »normal« erklärten. Ist den gelehrten Medizinern bewußt, daß sie die Menschheit dabei auf ein Niveau herabdrücken, das tief unter dem des reißenden Tieres liegt? Wenn Kürten normal ist, so möchte Schreiber dieser Zeilen sich lieber am nächsten Haken aufhängen, anstatt eine Existenz fortzusetzen, die so grauenvolle Möglichkeiten in sich birgt, wie die der Taten des Düsseldorfer Mörders. Vor kurzem ist in Regensburg der Versicherungsmörder Tetzner hingerichtet worden; eine trübe Figur, über die sich nichts sanfter Stimmendes sagen läßt. Aber selbst dieser Unselige wird zu einem Kronzeugen gegen die Todesstrafe, wenn wir die Schilderung lesen, die ein Wiener Blatt von dieser Exekution bringt. Gewiß schreibt der Reporter unsympathisch und schleimig, aber sein Bericht ist charakteristisch für die meisten Hinrichtungen. »Um 6 Uhr 55 Minuten öffnen sich die Tore des Gefängnisses. Alle Augen sind gespannt auf das dunkle Tor gerichtet. Tetzner erscheint, in ein schwarzes Totenhemd gehüllt, geführt von einigen Justizbeamten. Er ist totenblaß und kann nur mühsam einen Fuß vor den anderen setzen. Er soll zunächst auf einem Stuhl vor dem Schafott Platz nehmen. Er kann sich nicht setzen. Er muß niedergedrückt werden. Seine Augen suchen die Anwesenden ab, irre geht sein Blick von einem zum andern und bleibt schließlich an seinem Verteidiger Dr. Satter haften ... In diese atembeklemmende Stille fällt auf einmal der Klang der Totenglocke. Ihr helles Bimmeln dringt durch Mark und Bein. Und nun geht es rasch. Die Henkersgehilfen nehmen Tetzner den schweren Kragen ab, fesseln ihm die Hände auf den Rücken und verbinden ihm die Augen mit einer schwarzen Binde. Nun soll Tetzner den letzten Gang antreten. Er kann aber nicht aufstehen. Er versucht es und sinkt sofort in den Sessel zurück. Mit Hilfe der Henkersgehilfen steht er endlich. Kaum lassen sie ihn los, wankt er. Er kann nicht gehen. Er scheint zu Boden zu sinken. Da packen ihn die Henkersknechte unter den Armen und führen ihn auf das Schafott. Die Totenglocke läutet ununterbrochen. Neben dem Schafott steht der Scharfrichter. Er packt sofort Tetzner. Tetzner schreit auf, der Scharfrichter wirft blitzschnell Tetzner um, schnallt ihn auf ein Brett, das Brett wird unter das Fallbeil geschoben, Tetzner rührt sich nicht mehr.« Was ist mit dieser abscheulichen Zeremonie eigentlich gesühnt? Den Teilnehmern dreht sich der Magen um, ganz zu schweigen von der moralischen Übelkeit, als Handlanger einer so barbarischen Pflicht fungieren zu müssen. Der Vorsitzende des Regensburger Schwurgerichts hat denn auch das bessere Teil erwählt: er ist, allen Gepflogenheiten zuwider, nicht auf dem Richtplatz erschienen. Er traute wohl seinen Nerven nicht. Hoffentlich wird er sich von jetzt ab öffentlich als überzeugter Gegner der Todesstrafe bekennen. Man wird uns von reaktionärer Seite immer wieder entgegenhalten, daß in den großen Revolutionen der Weltgeschichte, allen humanen Prinzipien zum Trotz, auch viel Blut vergossen worden ist. Die Revolution aber bedeutet Durchbrechung gewohnter Zustände; aus dem Umsturz entsteht neue Macht, mit dieser Macht kommt neues Recht. Richter ist dann nicht mehr der bezahlte Beamte oder der ratlose und verschlafene Geschworene, sondern das revolutionäre Volk selbst, das die Grundlagen einer neuen Zeit schafft. Ich weiß, daß diese Frage nicht so glatt aufgeht wie ein Rechenexempel, und die ganze Schwierigkeit erhellt ja schon das eine Beispiel, daß eine der besten Reden gegen die Todesstrafe, die es überhaupt gibt, gerade von Maximilian Robespierre gehalten worden ist. Nun kann man den großen Revolutionären, die auch vor dem Terror nicht zurückschreckten, eines nicht versagen: sie haben selbst mit ihrem Blute bezahlt, sehr im Gegensatz zu den Trägern der Legitimität, die sich immer in der Stunde der Rechenschaft mit den Kronjuwelen im Koffer ins Ausland drücken. Und was vollends die vielberedeten Greuel der französischen Revolution angeht, so hat schon Michelet ausgerechnet, daß die Opfer der Guillotine nicht ein Vierzigstel von den Verlusten ausmachten, die allein die eine Schlacht an der Moskwa gekostet hat! Zeitschrift der Universum-Bücherei für Alle, 1. Juni 1931 999 Zum Leipziger Parteitag Der diesjährige Parteitag der Sozialdemokratie in Leipzig ist der ernsteste seit langem, wenn er auch kaum klare Entscheidungen bringen wird. Aber nach einem Jahre von Fehlschlägen und politischem Trabantentum in der Sphäre Brünings, und nachdem sich gezeigt hat, daß auch die Wählermassen nicht mehr geneigt sind, der Partei Blankowechsel auszustellen, muß die Führerschaft darauf verzichten, diesen Kongreß als ein Spektakel mit verteilten Rollen aufzuziehn. Das historische »Schweineglück« der Sozialdemokratie hat inzwischen gründlich die Partei gewechselt. In frühern Zeiten waren diese Parteitage Stechbahnen des Geistes. Jetzt sind sie schon lange nur noch Kontrollversammlungen, Schaustücke von Funktionären für Funktionäre, mit einer sorgsam rationierten Opposition. Das geht diesmal nicht so leicht, und die Hochmögenden müssen schon etwas weiter ausholen und Fragen zulassen und beantworten, die noch vor kurzem als linkeste Ketzerei verlästert gewesen wären. So wird man vermutlich mit den neun »Disziplinbrechern« glimpflicher verfahren, als dies noch kürzlich der Fall gewesen wäre. Man wird sie nicht gleich an den Galgen schleppen, sondern es nochmals beim Rade bewenden lassen. Das Ergebnis der oldenburgischen Wahlen ermutigt nicht grade zu einem Scherbengericht gegen die Neun, die gegen den Panzerkreuzer stimmten. Im Gegenteil, die bessern Taktiker unter der kompakten Majorität werden diesen Oppositionellen innerlich vielleicht dankbar sein, daß sie der Welt das so kompromittierende Schauspiel einer in dieser Frage geschlossenen Sozialdemokratie erspart haben. Es bleibt noch abzuwarten, ob die Klugheit so weit geht, jenen wehrfreudigen Patrioten den Mund zu verbinden, die sich offen zu der Devise: »Lieber mit Groener als mit den Kommunisten!« bekannt haben. Allerdings hat auch die Linke ihre Stunde gründlich verpaßt. Im vergangenen Herbst, nach dem großen Schrecken der Hitlerwahlen, war die Masse der Parteigenossen aufgelockerter als je. Damals war die Partei zu haben. Der Seydewitzgruppe fehlte die Entschlossenheit zu handeln, deshalb muß sie jetzt, anstatt den Kongreß zu beherrschen, sich ihrer Haut wehren, um nicht gemaßregelt zu werden. Dennoch wird sich die Partei bald zu einer gründlichen Revision entschließen müssen, wenn sie ihre Zukunft nicht an die Kommunisten verlieren will, die zwar noch problemreich genug sind, aber doch die Logik der Situation für sich haben. Grade jetzt, mitten in der Wirtschaftskrise, verkörpert die Kommunistische Partei jene mitreißende Unzufriedenheit, die nicht an kleinen Errungenschaften klebt, sondern neuen Anfang verheißt. Ob die Kommunistische Partei im Endeffekt besseres bietet als die ältere Schwester, soll hier nicht beantwortet werden. Aber sicher ist, daß sie die jungen Elemente immer mehr gewinnt, weil das, was sie zu bieten hat, nicht abgestanden, nicht satt, nicht pharisäisch wirkt. Das Unglück der Sozialdemokratie ist, daß sie sich gewöhnt hat, alle Dinge von einer mittlern Höhe anzusehen, von der Stelle, wo das Tal winzig klein unten liegt, der Gipfel aber noch in unerreichbarer Ferne ragt, von der Stelle grade, wo man gern seßhaft wird. Nun ist aber in einer Epoche des ungehemmten Gesellschaftszerfalls die Seßhaftigkeit am wenigsten geeignet, als repräsentative Tugend anerkannt zu werden. Die Partei, die von den Gegnern auf der Rechten als die eingefleischte Destruktion und Zersetzung denunziert wird, ist in Wahrheit die einzige, die noch ganz und gar in der Illusion des allerbravsten Ordnungsstaates lebt. Sie behauptet, die Demokratie durch Unterstützung Brünings retten zu wollen, aber sie verkennt dabei, daß die Demokratie unter Brüning zur Fiktion, das Parlament zur Attrappe geworden ist. Daß nicht lebendig erhalten werden kann, was schon nicht mehr lebt und was man nur noch als leeres Abbild besitzt. Wenn die Sozialdemokratie den demokratischen Staat retten will, muß sie ihn neu schaffen, muß sie aber auch ganz andre Trümpfe ausspielen als bisher. Das ist aber nur möglich, wenn sie in die Urgründe sozialer Rebellion zurückgeht, denen sie ihre Existenz, ihren gewaltigen Auftrieb in der Vergangenheit verdankt. »Republikanisch-legitimistische Haltung«, so hat Walther Pahl in den ›Sozialistischen Monatsheften‹ die Seelenverfassung der Führerschaft in unübertreffbarer Formulierung genannt. Dieser Legitimismus und Fassadenkult, dieser Radikalismus der Embleme à la Hörsing bedeutet die schwerste innere Hemmung für eine neue Aktivierung. Die Partei sehnt sich nach »dem Staat«, »der Nation«, und fühlt nicht, daß sie dabei ihre einzige wirkliche Lebensquelle verliert: die Klasse. In der Besinnung auf ihre klassenmäßige Grundlage liegt ihre größte Chance, aber hier wird auch der schärfste Widerstand der Honoratioren und Parvenus einsetzen. Wer in der Politik eine Wegmeile Fortschritt durchsetzen will, muß zehnmal so viel fordern. Weil die Sozialdemokratie diese alte Erfahrung vernachlässigt, lebt sie seit Jahr und Tag in einer recht unglücklichen Defensive und sucht den Verlust traditioneller sozialpolitischer Positionen der Arbeiterschaft durch Couloirschacher zu verhindern. Wenn aber die Sozialpolitik auch nur halbwegs in altem Umfange erhalten werden soll, muß mindestens die Nationalisierung von Kohle und Eisen gefordert werden, ebenso wie der agrarische Brotwucher nur gebändigt werden kann durch eine expropriatorische Offensive gegen den Großgrundbesitz. Die Sozialdemokratie verdirbt an der Lumperei der Bescheidenheit. Diese Millionen wohlorganisierter Arbeiter bedeuten keinen Schrecken, kaum ein politisches Druckmittel mehr. Und das ist kein Wunder, denn die Partei mit dem sozialistischen Programm ist die einzige, die in dem wilden sozialen Hin und Her dieser Tage absolut wirtschaftsfriedliche Tendenzen verkörpert und deshalb stets wie eine entbehrliche Größe beiseite geschoben wird. Es ist ein bizarres Schauspiel, daß jede skandalierende Bäckerinnung mehr erreicht als eine Gewerkschaft von Hunderttausenden, deren Klagen nicht über die ministeriellen Vorzimmer hinausdringen. Die Weltbühne, 2. Juni 1931 1000 Brünings schwarze Woche Auch wer niemals daran gedacht hat, den Reichskanzler Brüning mit liberaler Gemütlichkeit zu behandeln, wird ihm doch in bestimmten Augenblicken ein Mitgefühl nicht versagen können angesichts der furchtbaren Belastungsproben, denen seine Nerven oft in einem kleinen Zeitraum ausgesetzt sind. Dieser Kanzler, der die Demokratie so ruhig und zielsicher abgebaut hat, wird von denen immer am heftigsten bedroht, für die er arbeitet. Der Machtdünkel und die Tolpatschigkeit dieser Schwerindustriellen und Agrarier bedeuten die ärgste Gefährdung für den jesuitisch geschliffenen Kanzler, der Klamauk verabscheut, an seine Wirkung nicht glaubt. Was hat die vergangene Woche Herrn Brüning nicht alles beschert! Am Sonntag die Stahlhelmparade von Breslau, eine herausfordernde Schaustellung von ehemaligen Potentaten und triumphierend grinsenden Generalsfratzen. Sofort entsteht das Gerücht von einem Plan des Exkronprinzen, im nächsten Jahre als Präsidentschaftskandidat aufzutreten, und diese Kundgebung sei nur die Vorbereitung der Schilderhebung. Dann wird in Rom der Konflikt zwischen Fascismus und Vatikan akut, und Mussolini scheint plötzlich zu den »Gottlosen« gegangen zu sein. Die Rückwirkung auf die deutschen Nationalsozialisten, die schon bereit waren, vor dem Zentrum zu Kreuze zu kriechen, ist offenkundig. Und nun wird auch die Schwerindustrie wieder mobil. Wie vor kurzem gegen Curtius fliegt jetzt gegen den Finanzminister Dietrich eine Mine auf. Der Langnamverein, »die Union der festen Hand«, fordert auf der düsseldorfer Tagung die offene Diktatur, ein regierendes Direktorium als Exekutivorgan der schwerindustriellen Wünsche. Zugleich kündet der volksparteiliche Führer Dingeldey Opposition gegen die neuen Notverordnungen an, weil sie ihm allzusehr nach Marxismus riechen. Das ist etwas zu viel für eine Woche, und vor allem zu viel für einen Kanzler, der von dem englischen Ministerpräsidenten zu einer Unterhaltung eingeladen worden ist, bei der ein Staatsmann mit beschädigter Autorität es doppelt schwer hat. Es ist ein schwacher Trost nur für Brüning, daß die Sozialdemokratie sich auf ihrem Parteitag so gouvernemental wie nur möglich gezeigt hat. Aber die Sozialdemokratie zählt nicht mehr als Machtfaktor. Sie hat in Leipzig soeben mit erschütternder Majorität ihren Selbstmord beschlossen. Als die Einladung nach Chequers erging, stand die Regierung im Zenith ihres Ansehens. Damals wurde in der ganzen Welt die Behauptung unsrer Linkspresse geglaubt, Brüning habe die Demokratie gerettet und Hitler zersprengt. Damals war eben der schwere Winter überstanden, man fühlte sich wieder konsolidiert und träumte von bessern Zeiten. Es ist kein Wunder, daß sich Ramsay MacDonald einmal mit bürgerlichen Politikern aussprechen wollte, die mit dem Fascismus so glänzend fertig geworden waren. Seitdem hat sich alles wieder gründlich verschlechtert. Hitler hat sich wieder erholt und beweist von neuem seine Werbekraft. Die Reaktion erhebt sich wieder ungestümer als zuvor; die Leute, die nicht warten können, fordern die Diktatur, um die Reste sozialer Einrichtungen zu zerschlagen und den Arbeitern die Lohntarife auf der Bajonettspitze zu präsentieren. Vor ein paar Wochen noch wäre Brüning wie ein stolzer Sieger nach England gekommen. Heute erscheint ein abgekämpfter, bekniffener Mann, der alle Mühe hat, sich seiner Haut zu wehren. Auch die meisten der liberalen Blätter, die den Ruhm des Kanzlers erst gemacht haben, finden die neuen Notverordnungen antisozial und erwarten bösartige Folgen. Diese Phase seines Kampfes hat Brüning verloren. Es wird trotzdem nicht seine letzte sein. Im Grunde können ihn die aufgeblasenen Langohren vom Langnamverein ebensowenig entbehren wie Hitler. Aber grade die Ereignisse dieser letzten Wochen zeigen, über wie wenig politische Potenz die deutsche Rechte bei aller wirtschaftlichen Macht verfügt, was für ein trübseliges Bierphilistertum in diesen gewaltigen Herren von Kohle und Eisen doch steckt. Wenn Brüning im Endspurt dennoch straucheln sollte, dann gewiß nicht über die Sozialisten, sondern über die Unzulänglichkeit der eignen Hilfstruppen. Die Weltbühne, 9. Juni 1931 1001 Uralzew und der Kredit Herr Uralzew hat jetzt in seinem dresdner Prozeß zum soundsovielten Male geschildert, wie er die fromme Raiffeisen-Bank um zahlreiche Millionen geschwächt hat. Obgleich wir den technischen Hergang schon zur Genüge kennen, so ist uns der psychologische noch immer nicht ganz klar. Noch immer liegt die Frage im Dunklen, wie sich ein großes Bankunternehmen mit einem Abenteurer einlassen konnte, der nichts aufzuweisen hatte, als einen romanhaften Namen und eine unkontrollierbare russische Vergangenheit. Aber das führt schon zu der weitern Frage, wie überhaupt solche Figuren, die aus dem Habenichts kommen und denen ihr Industrierittertum auf den leeren Taschen geschrieben steht, immer wieder unter den betont seriösen und nüchternen Geschäftsleuten ihre Gläubigen finden, die dann schnell zu Gläubigern avancieren. Neben Uralzew sitzt auf der Anklagebank Herr Bedenk, ein abgerissener Offizier und kleiner Partitenmacher, wiederholt wegen allerhand Betrügereien vorbestraft. Und dieser notorische Herr Bedenk macht jetzt dem Gericht den großartigen Vorschlag; den Prozeß durch Zahlung der 600 000 Mark, um die sich alles dreht, einfach abzukaufen; den Geldmann habe er schon dafür. Renommisterei eines Megalomanen, der sich aus einer ihm selbst fühlbar werdenden unrühmlichen Situation einen tönenden Abgang schaffen möchte? Nein, nein. Nur wer das törichte Menschenhirn nicht kennt, wird zweifeln, daß Herr Bedenk die Wahrheit spricht. Er hat seinen Mann ebenso gefunden, wie Uralzew die Raiffeisen-Direktoren Lange und Krause gefunden hat. Als der dresdner Fabrikant, dem Uralzew seinerzeit diese 600 000 Mark abgeknöpft hatte, es mit der Angst bekam, wurde er von ihm den beiden großen Herren von Raiffeisen vorgestellt. Herr Lange meinte etwas hochnäsig, der Dresdner brauche sich »wegen der paar Mark« nicht zu beunruhigen, während Herr Krause beschwörend rief: »Was glauben Sie wohl, was Herr Uralzew bei uns für einen Kredit genießt!« Da kam sich der stolze Fabrikant aus Dresden wie ein kleiner, häßlicher Pinscher vor und zog beschämt ab. Das hört sich etwas phantastisch an, und man kann zur Erläuterung nur sagen, diese beiden Direktoren wären eben Schwachköpfe gewesen und hätten außerdem einem jener unbezwinglichen Hochstapler gegenübergestanden, die in Blick und Wort den Magneten tragen, der Gold an sich zieht. Ach, wenn das so leicht wäre! Sie, verehrter Leser, sind ganz gewiß ein Mann, der aufzutreten weiß – aber, seien Sie aufrichtig, haben Sie schon mal einen Bankier fasciniert? Es ist eben ein Irrtum, anzunehmen, diese gegen alle Hinterhalte und Falltüren des Gefühls gefeiten, diese eisenfesten Geldmenschen, wären im Grunde unintelligent und ständen unter Suggestion, wenn sie zweifelhaften Kantonisten Millionen zuwerfen, deren bescheidensten Bruchteil sie tausend anständigen Kaufleuten versagen. Suggestion ist wohl dabei, aber nicht die Geschäftstüchtigkeit ist es, die sich benebeln läßt. Die Herren wissen, mit wem sie es zu tun haben, und deshalb geben sie so reichlich. Sie wissen, daß kein Kredit sich schneller und reicher verzinst als der einem betrügerischen Spekulanten gewährte. Ihnen fehlt der Mut, es selbst zu tun, und deshalb hängen sie sich so leicht an einen Fremden, der nicht nach Skrupeln duftet. Bei Raiffeisen hatte man gewiß Maximen aus bestem evangelischen Gesundheitsflanell, seine Konsistorialräte und Provinznotablen sind in den Korintherbriefen bewanderter als in Pfandbriefen. Und nun steht plötzlich, wie aus der Kanone geschossen, Uralzew aus Riga vor ihnen, entwickelt Projekte, zeigt ein mysteriöses Juwelenkästchen vor und trägt bald Riesensummen nach Haus. Womit Uralzew aus Riga diese soliden Herren klein kriegt, das ist nicht die raffinierte Aufmachung etwas degoutanter Projekte, sondern der grade nackte Appell an die Gewinnsucht der Geldgeber, an das zweite, weniger sittlich gepflegte Ich in jedem Menschen. Womit Uralzew siegt, das ist nicht das bißchen kaufmännische Getue in seinem Vortrag, sondern die Art, wie er den Herren dabei steif in die Augen blickt, denn dieser Blick besagt: »Warum tut ihr es nicht? Es ist doch so leicht, und Spitzbuben sind wir alle!« So wie ein perfekter Don Juan sich bei einer tugendhaften Pute nicht mit einer langen und leicht in Gewissensbisse führenden erotischen Propädeutik aufhält, sondern einem einzigen schamlosen Griff vertraut, der Wäsche und Prinzipien in Fetzen reißt. Hätte Uralzew nur auf einem eignen Konto für seine mehr oder weniger hellen Geschäfte bestanden, er wäre wahrscheinlich abgeblitzt, aber er bot noch ein andres Konto, ein Geheimkonto Lange-Krause, und mehr Magie brauchte der Versucher nicht anzuwenden. Er hielt den braven Leuten, die er zu scheren gedachte, zunächst einen fetten Köder hin und machte sie dann zu Mitschuldigen. Wenn die Herren Direktoren am Ende doch die Dupierten geblieben sind, so liegt es daran, daß ihnen die psychologische Sicherheit, die harte erpresserische Hand fehlte, ihren Goldmacher bei der Partie zu halten. Von Uralzew wird immer nur ein zweiter Uralzew profitieren. Das haben die Herren von dem keuschen Raiffeisen-Institut gründlich übersehen. Der Hochstapler und der Kredit, das ist ein altes Stück, zu dessen großen und kleinen Szenen der Vorhang immer wieder neu aufgezogen wird. Mag der Staatsanwalt die tiefsten Register der Entrüstung greifen, diese Glücksjäger und Industrieritter, die fremde Millionen heiter balanzieren, durchbrechen auf ihre Weise das kapitalistische Gesetz von dem vorher bestimmten Kreislauf des Geldes, und wenn sie es auch nicht in die richtigen Taschen leiten, so doch wenigstens einmal in andre. Deshalb kein moralischer Ostrazismus über Uralzew und seine Gilde. Sie haben ihr Mandat direkt von Fortuna, und sie rächen alle ehrlichen und saubern Menschen, die sich an der eiskalten und harten Legitimität der seriösen Bankherren vergeblich die Stirne blutig gestoßen haben. Kennen Sie diesen skeptischen Blick der Herren Bankiers? Er heißt: »Ein anständiger Kerl – daran läßt sich nichts verdienen ...« Der große Betrüger wendet sich an ganz andre Instinkte, und das öffnet ihm die dicksten Tresors. Denn er weiß, die Welt will nicht nur betrogen sein, sie will auch mit betrügen helfen. Die Weltbühne, 9. Juni 1931 1002 [Antworten] Emil Lind Sie drücken uns im »Neuen Weg« Ihre Unzufriedenheit aus, weil wir der Frau de Neuf Raum gegeben haben für ihre Anfragen an das Präsidium der Bühnengenossenschaft, denn Frau de Neuf wäre bei der »seriösen Presse« abgefallen. Verehrter Herr Lind, ich weiß nicht, ob Sie sonst jemanden nach seinen Beziehungen zur »seriösen Presse« beurteilen. Übrigens ist die Begeisterung, mit der diese »seriöse Presse« für das Präsidium der Genossenschaft Partei ergriffen hat, nicht überwältigend. Und das ist leicht verständlich. Frau de Neuf hat nichts getan, als das Präsidium über Einzelheiten der Kassenführung zu interpellieren. Darauf hat das Präsidium mit dem Hausknechtsargument des Hinauswurfs geantwortet. So etwas ist weder demokratisch noch gewerkschaftlich, und deshalb haben wir uns des Falles angenommen. Wenn Sie, Herr Lind, auf die erwirkte einstweilige Verfügung pochen und sie wie eine Siegestrophäe schwingen, so verstehe ich das nicht ganz. Sie wissen doch eben so gut wie ich, daß in der Literatur- und Theatersphäre die einstweilige Verfügung heute ebenso beliebt ist wie die Notverordnung in der hohen Politik. Es ist furchtbar leicht, so ein diktatorisches Stück Papier zu erwirken. Das besagt nur, daß die Partei, die es erwirkte, fixer ist als die andre, aber nicht, ob sie sich auch im Recht befindet. Überhaupt überschätzen Sie, meines Erachtens, die Bedeutung geschickten Manipulierens in dieser Affäre. Werfen Sie doch der Frau de Neuf sogar vor, sie wäre »so ungeschickt, die Genossenschaftsleitung just in den Punkten anzugreifen, in denen sie unantastbar dasteht«. Nennen Sie bitte die Punkte, in denen die Leitung nicht unantastbar dasteht, vielleicht wäre Frau de Neuf dann in der Lage, geschickter zu operieren. Die Einwände, Herr Lind, die ich hier gegen Ihre Polemik erheben muß, ändern nichts an meiner alten Wertschätzung für Sie. Aber Sie haben bessere Sachen schon besser verteidigt. Die Weltbühne, 9. Juni 1931 1003 Wir müssen durch! Caestus hat Recht. Die Tage von 1918 und 1923 kehren wieder. Abermals lebt ein abgewirtschaftetes System nur von der allgemeinen Ratlosigkeit und Entschlußlosigkeit. Das Juste milieu, das seit dem 14. September vorigen Jahres nur noch ein gespenstisches Dasein fristet, steht vor der Entscheidung, ob es sich schon jetzt in seine Gruft zurückziehen oder ob es noch die nächste, die kräftigere Beschwörungsformel abwarten soll, die es für immer zu den Schatten verweist. Die Rettung der Demokratie durch das Kabinett Brüning hat zu einer hoffnungslosen Auszehrung der letzten noch vorhandenen demokratischen Werte geführt. Der moralische Fundus der Demokratie ist verschleudert, ihre letzte körperliche Substanz wird von den gefräßigen Steuerwürmern der neuen Notverordnungen schnell aufgesogen sein. Niemand hat ein Interesse, pseudokonstitutionellen Kulissenzauber zu erhalten, niemand eine Regierung zu konservieren, deren Energie sich darin erschöpft, den Hungerriemen um den verelendeten Leib Deutschland noch enger zu schnallen. Die Politiker feilschen, intrigieren, zanken. Indessen wachsen überall im Lande Unruhen, die spontanen Volksaufständen verzweifelt ähnlich sehen. Wir überlassen es den Zeichendeutern der Regierungspresse, die Schuld an den Tumulten abwechselnd kommunistischen und nationalsozialistischen Anstiftern in die Schuhe zu schieben. Als ob es etwas anzuzetteln, als ob viel aufzuwiegeln gäbe! Ich sehe nicht wie Caestus die soziale Revolution im nahen Hintergrund, aber es wäre Torheit, darüber hinwegzutäuschen, daß die Situation revolutionär ist, daß die Revolte in der Luft liegt. Deutschland ist noch zu vital, um schweigend in den ihm von seiner Regierung verordneten Marasmus zu versinken. Was wir in diesen Tagen erleben, ist mehr als eine Kabinettskrise, es ist eine Krise des Staates, die aus verfassungsmäßigen Zuständen herausführt und deren zerfließende Formen von der Verfassung nicht mehr gedeckt werden können, auch wenn man sie noch so kühn verbiegt. Und unsre Verfassung ist in dieser Hinsicht wahrhaftig einiges gewöhnt. Es gibt natürlich noch Mächte und Machtfaktoren, aber sie haben zu dem, was sich in Regierung, Ämtern, Parteien, Verbänden und Presse als Politik kristallisiert, keinerlei Beziehung mehr. Hier steht die konzentrierte Kraft der Schwerindustrie und Agrariertum, dort die durch Unterernährung zermürbte Masse der Arbeiter, von Parteimoden streng geteilt, trotzdem im Kern gesund und eines Willens. Dazwischen das in Demonstrationen, Hoffnungen, Ideologien und Wünschen zerrinnende Bürgertum. Drei Kräfte von Bedeutung, ungleich in allen Stücken, gewiß, aber einer Meinung doch darin, daß der politische Betrieb ihnen nichts mehr geben kann. Ihre Existenz kreuzt sich nicht mehr mit der Politik der Regierung und der Parteien, kaum mehr mit der Opposition. Eigentlich müßte die Gewalt jetzt demjenigen zufallen, der zuerst marschiert. Aber niemand marschiert. So bleibt das groteske Nebeneinander von Politik und Wirklichkeit bestehen. Die wahren Kämpfe werden auf einem andern Boden als dem von den Parteien bereiteten ausgetragen, und über alledem thront jener personifizierte Leerlauf, jene durch feierlich unterfertigtes Kanzleipapier wichtig gemachte Fiktion, die heute noch Kabinett Brüning und morgen vielleicht schon anders heißt. Der verfassungsmäßige Bestand des Staates selbst ist es, der zur Diskussion steht. Weshalb hat denn diese Krise so völlig verrückte Maße angenommen? Wenn sich Sozialdemokratie und Zentrum heute zu einer offenen Koalition zusammenschlössen, so wäre damit zwar nicht grade der Geist des Sozialismus, wohl aber der Sinn der Verfassung gewahrt. Aber das lassen diejenigen Gruppen nicht zu, welche die Regierung Brüning inthronisiert haben und ihr dabei fortwährend Schwierigkeiten machen, so daß die liebe, geduldige Sozialdemokratie Brüning immer wieder mit toleranzgeübten Händen auf dem wackelnden Sessel halten muß. Es gibt genug Schlauköpfe auf der Linken, die das für große Politik halten, aber es hat in Wahrheit nur zu einer unerhörten Verschmuddelung aller politischen Begriffe geführt, es hat die alte deutsche Neigung zur Trennung von Politik und Volk erst richtig stabilisiert. Nicht die Ohnmächte der Parteien, die anonymen Mächte der Wirtschaft selbst sollen regieren. Sie waren seit 1914 die wirklich Treibenden und Bestimmenden und die Politiker nur ihre Diener. Darüber ist die Demokratie in Deutschland verdorben. Caestus fordert mit bestem Recht, einem Zustand der Verschleierung und Übertünchung ein Ende zu bereiten, der viel gefährlicher ist als die unverhüllte Gliederung in noch so feindlich starrende Fronten. Es wird Zeit, daß die wirklich ausschlaggebenden Geister des Finanzkapitals, die sich immer so gut im Nebel verborgen halten, endlich Gestalt und Gesicht annehmen. Sie sollen herauskommen aus dem bequemen Dunkel, und wir werden, wenn die Verantwortung in der ganzen Schwere auf den Schultern dieser Industriegiganten lastet, manche Jammergestalt und manches Schafsgesicht erblicken können. Sie sollen die Finanzen stemmen, diese Bizepshelden von der Ruhr, sie sollen ihre muskelstrotzende außenpolitische Aktivität in Genf und auf internationalen Konferenzen spazieren führen. Sie sollen, sie sollen! Die sogenannten starken Männer, die den Beruf zum Regieren in sich fühlen, sind es gewöhnlich nur, so lange sie nicht in die peinliche Lage kommen, diesen Beruf auszuüben. Herr Schacht würde in kurzer Zeit ein so manierlicher Finanzminister sein wir nur irgend einer; er würde bald gestehen müssen, daß die von ihm so maßlos aufgebauschten Reparationen nur ein Teilstück der Wirtschaftskrise darstellen, daß auch ihr Aufhören keine Erleichterung bringen kann. Und jener Herr von Hassel, der Schwiegersohn des seligen Tirpitz, den man zum Außenminister der neuen Ära ausersehen hat, würde kein ungestümeres Temperament entwickeln als jener heute schon legendäre Herr von Rosenberg, der 1923 an seinem leeren Schreibtisch saß und Neugierige auf den hohen Alliierten im Himmel verwies. Jetzt wird sich natürlich der Einwand erheben: »Welch eine Frivolität, uns dem Fascismus auszuliefern!« Lassen wir uns dadurch nicht dumm machen. Auf jenem friedlichen Wiederkäuerkongreß zu Leipzig hat man dasselbe eingepaukt. Dort saßen lauter gutartige gernbetrogene Leute, ließen sich viel Schönes von der Rettung der Demokratie erzählen und merkten nicht, daß der Teufel, von dem sie redeten, ihnen schon eine Ekrasitpatrone unters Sitzleder schob. Es hat keinen Zweck mehr, vor der drängenden Gewalt der Reaktion die Augen zu verschließen. Es gibt keine Demokratie mehr zu retten, weil keine da ist, wohl aber eine zu schaffen. Weil die Krise mit parlamentarischen Mitteln nicht zu beheben ist, muß ihre Lösung außerhalb des Parlamentes gesucht werden, wo noch Kräfte vorhanden sind. Wenn der Feldherr eine Bastion unter den schweren Kalibern der Feinde zusammensinken sieht, so läßt er sie räumen. Denn die Menschen sind mehr wert als die Steine und der Ruhm, bis zum letzten Blutstropfen gefochten zu haben. Es ist oft günstiger zu stürmen als zu verteidigen. Die Republikaner haben das Stürmen verlernt, sie sind an die Defensive durch kleine Mätzchen und Zugeständnisse gewohnt. Das Kapital der deutschen Republik wird von diplomatisierenden Gänserichen à la Breitscheid betreut, die nur am Tage schnattern und in der Nacht zu schlafen pflegen. Die Republikaner müssen sich von der Illusion trennen, als ob sie bei dem gegenwärtigen Zustand noch die Nutznießer irgendwelcher Macht wären. Statt dessen sind sie den Giftstoffen der Verweichlichung und des innern Verfalls ausgesetzt, deren Virulenz grade heute aufs höchste gestiegen ist. Hinaus ins Freie und neu sammeln! Der Führer der Deutschen Volkspartei, der Abgeordnete Dingeldey, hat die Forderung nach Einberufung des Reichstags erhoben. Die Nationalsozialisten tun dasselbe. Ebenso die Kommunisten. Morgen werden sich die kleinen Rechtsgruppen vielleicht anschließen. Die antiparlamentarischen Fraktionen fordern also den verfassungsmäßigen Weg, während die Sozialdemokratie, die demokratisch-parlamentarische Partei par excellence, in ihrem Fraktionsbeschluß vom vergangenen Freitag dessen keine Erwähnung tut. Welch bizarre Umkehrung aller hergebrachten Anschauungen und Vorstellungen! Und dieser Unsinn soll der Verteidigung, soll neuer Opfer wert sein? Da hilft keine Reichstagsauflösung, die doch keinen andern Effekt zeitigen könnte, keine Ersetzung von Curtius und Dietrich durch ein paar Mannequins der Industriekontore von Düsseldorf und Essen. Nochmals: die Herren sollen selbst! Es kommt nicht darauf an, ob Herr Brüning seine Krise zur Zufriedenheit des Zeitungsviertels löst, sondern darauf, daß die deutsche Politik wieder in Einklang gebracht wird mit der deutschen Realität und daß der Kampf der falschen Fronten aufhört. Deutschland hat die Ära Brüning mit ungeheuerlichen kulturellen und sozialen Opfern fundiert und dafür als Gegenleistung nur die schamlose Auspowerung durch das System der Notverordnungen erhalten. Keine offene großkapitalistische Diktatur hätte mehr zu bieten gewagt. Eine radikale Opposition, die sich nicht mit Reichsbanner-Deklamationen begnügt, sondern sich klassenmäßig formiert, wird sich nicht bei dem heute üblichen Frosch-Mäusekrieg zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten aufhalten können, sie wird einer neuen Parteigliederung der Arbeiterschaft den Weg freimachen. Denn für das Kommende wird das Wort Benjamin Franklins gelten: »Wir müssen alle zusammenhängen, sonst werden wir alle einzeln hängen.« Wenn die republikanische Parteipresse ihre Pflicht erfüllen würde, dann hätte sie schon lange sagen müssen, wie sehr man sich in der Wilhelm-Straße auf das Zusammengehen mit dem Nationalsozialismus einrichtet. Statt der Wahrheit hat man die Brüninglegende serviert. Davon ist jetzt nichts mehr zu retten. Die reaktionär-fascistische Periode liegt vor uns wie ein böser Zauberwald voll von schreckerregenden Figuren und heimlichen Fallen. Es hilft nichts. Wir müssen durch. Die Weltbühne, 16. Juni 1931 1004 Das gerettete Österreich/Der gerettete Brüning Leutnant Scheringer und die K.P.D. Die Bank von England hat Österreich mit einem Kredit von 150 Millionen Schilling unter die Arme gegriffen. Nicht aus Gründen der Menschenliebe, sondern um Interessen der City zu wahren, die durch den Zusammenbruch der Credit-Anstalt gefährdet waren. Während die österreichischen und französischen Vertreter noch hin und her verhandelten, und die französischen Politiker, die ihre Herkunft aus dem Notariat nicht verleugnen können, an einem umständlichen Kontrakt laborierten, hat der englische Außenminister die Sache mit einem Federzug erledigt. Mit viel improvisatorischem Geschick hat England wieder seine Chance ausgenutzt. Liegt eine besondere Großmut darin, daß es auf genau stipulierte Bedingungen verzichtete? Die Engländer schätzen das Schriftliche in Politik und Geschäft nicht hoch ein; es gibt nicht einmal eine geschriebene englische Verfassung. Aber wem England Kredit gewährt, der weiß auch, daß er sich in Zukunft nach seinem Geldgeber zu richten hat. Das ist ganz selbstverständlich, dazu werden keine unterschriebenen Bedingungen gebraucht. Das weiß auch Österreich. Nur die reichsdeutsche Presse, die kurz nach dem genfer Schrecken die dicken Eichenbohlen vor dem Kopf durch noch dickere ersetzt hat, weiß es nicht. Sie behauptet allen Ernstes, England alimentiere damit das fernere Festhalten an der Zollunion. In Genf hat die englische Politik Herrn Curtius fallen lassen – und jetzt sollte England sein gutes Geld für die Fortführung dieser von der ganzen Welt abgelehnten Dummheit hergeben? Es wäre doch besser gewesen, wenn die Engländer diesmal einen schriftlichen Kontrakt gemacht hätten, dann gäbe es keinen irreführenden Zweifel darüber. So aber können unsre sogenannten außenpolitischen Aktivisten die Legende weiterverbreiten, das Foreign Office prämiiere das Festhalten an der Anschlußidee, während die Sadisten am Quai d'Orsay wieder einen ihrer teuflischen Tributpakte und Österreichs völlige Unterwerfung verlangt hätten. Mussolini wünscht in Budapest, und möglichst auch in Wien, einen habsburgischen Zaunkönig von Italiens Gnaden. Auch in Frankreich haben infolge des Anschlußrummels die Anhänger der habsburgischen Restauration Boden gewonnen, und nicht nur unter katholischen Royalisten. Schon einmal, im Herbst 1929, als die Heimwehren losmarschieren wollten, schaffte ein Machtwort Mac-Donalds Ruhe. Daß Ignaz Seipel jetzt wieder von dunklen Kräften emporgehoben wird, beweist aufs deutlichste, daß sich die schwarzgelbe Reaktion noch nicht geduckt fühlt. Aber was ist der österreichische Staat mehr als eine chronische Geldverlegenheit, um die sich Menschen verschiedener Bekenntnisse und Parteifarben darbend und hoffend gruppiert haben? Und was sind schon 150 Millionen Schilling? Bald wird eine neue Sanierung fällig sein, und wer dann zuerst da ist, der steckt das arme Österreich, mit oder ohne König, in die Westentasche. * Die deutsche Regierungskrise ist inzwischen wieder abgeschwollen. Erst im Herbst wollen die Beteiligten sich wieder auf dem Streitroß sehen. Bei den Berufspolitikern mag der Wunsch nach Sommerruhe dabei ausschlaggebend sein, aber der Wirrwarr, den sie angerichtet haben, hat schon seine eignen Gesetze. Noch ist nicht bekannt, was der Kanzler mit Herrn Dingeldey verabredet hat und ob sein Bedränger nicht doch darauf bestehen wird, ein paar Minister über die Klinge springen zu lassen. Da Mitte Juli ausländische Staatsmänner wie MacDonald und Henderson und der Amerikaner Stimson nach Berlin kommen werden, so läßt sich mit einiger Sicherheit darauf rechnen, daß Hugenberg und Schacht für diesen Zeitpunkt ein paar besonders duftende Skandalraketen in Bereitschaft halten. Die fremden Herren sollen doch mal unsre hochentwickelte Katastrophentechnik in der Nähe betrachten. Da können sie was lernen. Offiziell wird gesagt, daß des innern Haders jetzt genug sei und die Außenpolitik dafür das Wort habe. So etwa begründete auch die Sozialdemokratie ihre Anstrengungen zur Rettung Brünings. Mit dieser Rettung ist es eine eigne Sache. Die Sozialdemokratie nimmt sich dabei aus wie ein friedlicher Spaziergänger, der einen ellenlangen Alligator im Wasser sieht und sich nun bemüht, das arme Tier an Land zu bringen, damit es nicht ersäuft. Jedenfalls hat der Kanzler seine Rettung nicht leicht gemacht; er hat gekratzt und gebissen, und seine Wohltäter sehen übel aus. Brüning braucht die Sozialdemokratie nicht mehr, und als sich ihre Gefälligkeit endlich nicht mehr umgehen ließ, da kompromittierte er sie noch nach Leibeskräften. Er wollte schon diesmal reinen Tisch machen; er möchte nicht länger von armen Teufeln toleriert werden, die heute schon selbst politische Toleranz nötig haben und morgen von den simpelsten Mitleidsgefühlen ihrer Landsleute leben werden. Wer fürchtet heute noch die Partei, wer kümmert sich überhaupt noch um sie? Ein überzeugter Sozialdemokrat muß es als brennende Schande empfinden, wenn ein Scharfmacherblatt, wie die ›Deutsche Allgemeine Zeitung‹, seiner Partei gutmütig zuredet, es wäre doch besser für sie, in die Opposition zu gehen, in die sie von rechtswegen gehöre, anstatt sich unnütz zu zerreiben. Der Labourlord Breitscheid hat das Zerstörungswerk des Parteitags von Leipzig vollendet. * Der völlige Zusammenbruch des Bürgertums und die schwere innere Erschütterung der Sozialdemokratie machen die Grenzen aller Parteien fließend. Wenn in der Politik die Rechte oft nicht weiß, was die Linke tut, so weiß heute keine Seite mehr richtig, ob sie nun rechts ist oder links. Auch die Kommunistische Partei wächst gewaltig, und dieser Massenzustrom stellt sie vor Aufgaben, die sie zu einer gewissen Lockerung ihrer Dogmatik zwingt. Man betont in der Agitation den engen parteigebundenen Charakter nicht mehr so stark und hat zur Anlockung der fascistischen Horchposten das nicht ganz wetterfeste Schlagwort »Volksrevolution« geschaffen, das mehr im Geiste Otto Straßers als dem Lenins empfangen zu sein scheint. So arbeiten jetzt auch die Unerbittlichen mit ideologischem Kleister und gewöhnen sich an, statt Klasse Volk zu sagen. Anno domini 1916 stellte der Wütendste aller Sozialpatrioten, der einstige Linksradikale und Luxemburgschüler Paul Lensch die machtvolle These auf, was der deutsche Generalstab betreibe, das sei schon die Weltrevolution und müsse deshalb von den Sozialisten unterstützt werden. Diese kleine Reminiscenz sei den Verkündern der Volksrevolution ehrfurchtsvoll gewidmet. Als wirkungsvollstes Propagandastück stellt die KPD. den frühern Reichswehrleutnant Richard Scheringer heraus, der im Prozeß der ulmer Offiziere noch als strammer Hitlermann auftrat. Die Beziehungen der Kommunisten zu Feldgrau sind etwas pulvergeschwärzt, und deshalb kommen die Beteuerungen, die KPD. wäre die eigentliche nationale Partei und habe auch ein Herz fürs Militär, noch etwas beklommen heraus. Vielen der ältern Anhänger wird es auch nicht so leicht fallen, an Stelle der Internationale künftig zu singen: Der Soldate, der Soldate – das ist der schönste Mann im Zukunftsstaate ... In der ›Linkskurve‹ nimmt der junge Held nun selbst das Wort, um sich in der knappen Sprache des Exerzierreglements zu den brennendsten Jahrhundertfragen erledigend zu äußern. Am interessantesten daran ist der autobiographische Teil. Herr Scheringer hat als Saboteur im Rheinland angefangen und kam dann via Schwarze Reichswehr nach Küstrin, allwo er von den republikanischen Streitkräften gefangen genommen wurde. Und nun kommt ein unbezahlbares Humoristikum, denn Herr Scheringer schreibt: »Wieder ging es ins Gefängnis. Von dort entlassen, entschloß ich mich, zur Reichswehr zu gehen.« Vor ein paar Monaten noch hätte die kommunistische Presse mit bestem Recht gerufen: Und so was kommt in die Reichswehr! Heute kann sie das nicht mehr, denn sowas kommt in die KPD. und stellt dort die Verhaltungsmaßregeln der proletarischen Revolution – Verzeihung! – der Volksrevolution auf. Es liegt mir ganz fern, Herrn Scheringer zu bespötteln, der das Produkt einer konfusen Zeit ist und der mir mit seinem galoppierenden Programmwechsel noch immer besser gefällt als manche der jungen Sozialdemokraten, die in der Hoffnung auf die republikanische Energie ihrer Führer mit isabellenfarbenen Hemden herumlaufen. Die KPD. kann jedoch nicht den gleichen mildernden Umstand wie Herr Scheringer für sich beanspruchen. Eine Partei, die sich nur als Produkt fühlt, wird niemals Ursache werden. Nach Herrn Scheringer ist der nächste Schritt: »die Volksrevolution in Deutschland, die Zerreißung der Tributverträge und der revolutionäre Krieg gegen die wahrscheinliche Intervention der kapitalistischen Westmächte.« Das ist ein etwas langer Schritt, und außerdem ist das falsch, falsch und nochmals falsch! Wir bezahlen keine Tribute, Herr Leutnant, sondern Entschädigungen für einen Krieg, den die Unfähigkeit unsrer Staatsmänner entfesseln und verlieren half. Was Sie Tribute nennen, das verschwindet rechnungsmäßig neben unsrer innern Last. Wer diese beiden Dinge mit einander vermanscht, wer Europa mit Krieg überziehen will, um Deutschland von den Reparationen zu befreien, der mag sich tausendmal als national gerichteter Kommunist fühlen, er bleibt doch nur ein ganz gewöhnlicher Nationalist, der Hörige einer Ideologie, die aus dem Zentrum bürgerlich-kapitalistischen Denkens kommt. Übrigens hat seit zehn Jahren in der KPD. immer die These der russischen Revolution als Doktrin gegolten, den imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln. Wo bleibt diese These in Scheringers Auslegung? Die Volksrevolution, also der Bürgerkrieg, soll verwandelt werden. Aber in was? In den nationalistischen Krieg, in den Revanchekrieg Hugenbergs und Hitlers? Wenn die Führung der KPD. so weitermacht, dann wird der Augenblick bald erreicht sein, wo sie einen frisch gecharterten Marineoffizier vorführt, der die Parteiversammlungen mit dem Schlachtruf belebt: Gebt uns unsre Kolonien wieder! Von kommunistischer Seite wird mir natürlich entgegengehalten werden, daß eine große Partei Machtpolitik treiben muß und sich nicht bei pazifistischen Kinkerlitzchen aufhalten kann. Zugegeben. Jede revolutionäre Partei hat bisher versucht, mit Militärs in Verbindung zu kommen, die ein paar tausend Bajonette repräsentieren. Aber Herr Scheringer repräsentiert nichts als einen triefenden Füllfederhalter, und die Macht, die er der Partei zuführt, ist nur die der nationalistischen Stammtischphrasen. Die KPD. muß sich entscheiden, auf welchen Zuzug sie Wert legt. Will sie die in den Gewerkschaften aller Richtung vertretenen Arbeiter und Angestellten oder will sie krakehlende Studentchen und zeitweilig unbeschäftigte Freikorpsexistenzen? In der deutschen Arbeiterschaft überwiegt ein gefühlsmäßiger, ein tiefverwurzelter Antimilitarismus, der bei jedem Übergriff des Militärs gegen die Republik immer wieder spontan hervorgebrochen ist. Wenn die KPD. sich nationalistisch und militaristisch verkleidet, und sei es auch nur aus Opportunität, so tut sie damit der Partei der Panzerkreuzerbewilliger den größten Gefallen. Daß wir den nationalen Befreiungskrieg brauchen, werden ihr nur neugebackene Sozialisten abnehmen, die statt von Marx und Engels von Seeckt und Geßler herkommen. Herr Scheringer mag groß herausgestellt werden, wenn er sich in proletarischer Kampfesdisciplin bewährt hat; bis jetzt ist er nur ein verhetzter Bürgersohn, der die Bedeutung des Fahneneides nicht erkannt hat. Von allen heutigen Parteien hat die KPD. die größte Zukunft, aber noch immer eine auch ideologisch gefährdete Gegenwart. Deshalb bietet sie auch dem Fascismus nicht das notwendige Gegengewicht. Die Reaktion wächst von Tag zu Tag, und dabei sehen wir die beiden Arbeiterparteien jede auf ihre Weise verrannt; die eine blickt wie fasciniert auf den spitznasigen Jesuiten Brüning, die andre führt Freudentänze auf um einen geschaßten Leutnant. Die Weltbühne, 23. Juni 1931 1005 [Antworten] Falscher Fuffziger Zu Ihrer Schimpferei auf die ›Weltbühne‹ im ›Roten Aufbau‹ empfehle ich Ihnen, ein paar Kernsätze in einem früheren Jahrgang der ›Weltbühne‹ nachzulesen. Dort ist Ihr Typus so restlos gekennzeichnet, daß uns nichts nachzutragen bleibt. »Meister Marx würde im Grab rotieren, ließen marxistische ›Jünger‹ sich blicken – zumal mit ihrer ökonomischen Besessenheit ihr Haß Hand in Hand geht gegen die nicht vom Ökonomismus Besessenen, gegen revolutionäre Geister, überhaupt gegen geistige Menschen. Wer schreiben kann, den schimpfen sie ›Caféhausliterat‹ oder ›Ästhet‹; wer denken kann, den stempeln sie zum ›bürgerlichen Ideologen‹ oder ›Intellektuellen‹. Dabei sind sie selber Intellektuelle vom reinsten, nein: schmierigsten Wasser ... Einzig ›ökonomische Kräfte‹ bestimmen die Entwicklung, nicht etwa Willenskräfte – denn sie sind selbst ›ökonomisch bedingt‹ wie alles Andre. Wissenschaft, Kunst, Politik, Verdauung und Beischlaf: Alles, Alles, Alles ›ökonomisch bedingt‹! Nur die Dummheit scheint nicht ›ökonomisch bedingt‹ zu sein ...« (Franz Leschnitzer: Marxisten und Marxioten, ›Weltbühne‹ XXII., Nr., 30.) Die Weltbühne, 23. Juni 1931 1006 Breitscheid als Marxist »Sehr geehrte Redaktion! Sie veröffentlichten in der Nr. 24 Ihrer Zeitschrift ein Gedicht von Peter Scher, in dem behauptet wird, daß auf dem leipziger Parteitag der Sozialdemokratie aus meinem Mund das Wort vom ›dreckigen Lumpenproletariat‹ gefallen sei. Ich stelle fest und wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diese Feststellung auch Ihren Lesern zur Kenntnis geben wollten, daß ich das Wort ›dreckiger‹ Lumpenproletarier weder in meinem Referat noch in meinem Schlußwort gebraucht habe. Ich habe allerdings in meinem Referat davon gesprochen, daß sich in der Gefolgschaft des Fascismus Lumpenproletarier befinden. Ich brauchte dabei keinen Augenblick darüber im Zweifel zu sein, daß meine Zuhörerschaft den Sinn dieser Bezeichnung richtig auffasse. Das Wort stammt nämlich von Karl Marx, der es vor allem im Zusammenhang mit der Schilderung des Bonapartismus verwendet. Er versteht darunter diejenige Schicht des Proletariats, die aus diesem oder jenem Grunde noch nicht zum Bewußtsein ihrer Klassenzugehörigkeit gelangt ist und infolgedessen die Beute aller politischen Abenteurer wird. Wenn sich also Herr Peter Scher oder die ›Weltbühne‹ an dem Worte ›Lumpenproletarier‹ stoßen, so müssen sie die Schärfe ihrer prosaischen oder poetischen Polemik nicht gegen mich, sondern gegen Karl Marx richten. Hochachtungsvoll gez.: Rud. Breitscheid.« Dieses Schreiben ging mir am 20. Juni zu. Es war selbstverständlich, daß ich den Abdruck sofort zusagte. Da ein authentisches Protokoll noch nicht vorliegt, hatte Peter Scher sich an die Lesart der Zeitungen halten müssen, wofür weder ihn noch die ›Weltbühne‹ ein Tadel treffen kann. Wer aber beschreibt meine Freude, als ich nach meiner Zusage an Herrn Breitscheid im ›Vorwärts‹ vom gleichen Tage seinen Brief bereits abgedruckt fand, nebst einem zweiten an Peter Scher. Und das Ganze unter der von der Vorwärts-Redaktion kreierten Überschrift: »Blamierte Weltbühnen-Proletarier. Eine verdiente Abstrafung.« So hat das Herr Breitscheid gewiß nicht gemeint. Er sieht in seinem Schreiben wohl mehr eine Erläuterung als eine Berichtigung im Sinne des Pressegesetzes, und er beruft sich auch gar nicht darauf. Vielleicht empfiehlt es sich für ihn, in künftigen Fällen für sein Zentralorgan, dessen Manierenlosigkeit notorisch ist, eine Gebrauchsanweisung beizulegen. Übrigens gehört dieser Ausfall des ›Vorwärts‹ gegen die ›Weltbühne‹ in die Reihe jener Gehässigkeiten, mit denen er die Vertreter liberaler Blätter wegen ihrer objektiven Berichterstattung über den leipziger Parteitag bedacht hat. Er schreckte nicht davor zurück, eine höchst törichte Karikatur zu bringen, deren unverkennbarer antisemitischer Charakter wahrscheinlich die Leser des damals grade verbotenen ›Angriffs‹ über ihren Schmerz hinwegtrösten sollte. Trotz dieser vom ›Vorwärts‹ verursachten und von Herrn Breitscheid sicher nicht gewünschten Geräuschkulisse nehme ich gern die Gelegenheit wahr, dem freundlichen Briefschreiber zu bezeugen, daß er der Öffentlichkeit eine frohe Überraschung bereitet: er debütiert hier als Marxist. Wir kennen alle Herrn Breitscheids Vielseitigkeit, aber seine Rolle als Marx-Interpret und als Fechter für den Marx-Buchstaben, die ist noch neu. Das muß gebührend gefeiert werden. Zunächst zur Beruhigung: der marxistische Begriff des Lumpenproletariats ist uns wohl bekannt. Aber da wir nicht so Marx-orthodox sind wie Herr Breitscheid, können wir ihm auch nicht so unbedingt Reverenz erweisen. Dem Gedächtnis des Revolutionärs Marx hatte sich der Aufstieg des französischen Dezember-Imperiums, gestützt auf eine Gruppe von Deklassierten, unauslöschlich eingeprägt. Und viel später noch schrieb Friedrich Engels, daß der Arbeiterführer, der mit dem Lumpenproletariat paktiere, den Strick verdiene. Marx und Engels lebten am Beginn einer Entwicklung, in deren vielleicht vorletzter Phase wir heute treiben. Mindestens für den praktischen Politiker, der die marxistischen Lehren nicht so schwärmerisch und unkritisch nachbetet wie Herr Breitscheid, sollte es aber fraglich sein, ob es sich heute empfiehlt, an der Terminologie der Vergangenheit zu kleben. Wenn Herr Breitscheid meint, unter Lumpenproletariat verstehe Marx »diejenige Schicht des Proletariats, die aus diesem oder jenem Grunde noch nicht zum Bewußtsein ihrer Klassenzugehörigkeit gelangt ist«, so muß ihm dringendst geraten werden, eine höflichere Bezeichnung für jene ungezählten Millionen zu suchen, auf die das wortwörtlich zutrifft und auf die seine Partei trotzdem nicht verzichten möchte. Oder doch? Ein Andres galt für die Zeit, wo der Kapitalismus Menschen in den Arbeitsprozeß zog und in Nahrung setzte, als für heute, wo er sie von Schaffen und Verzehr gleichermaßen ausschließt. Bei dem neuen Proletariat, das seine Klassenzugehörigkeit noch nicht erkannt hat, handelt es sich nicht mehr um ein paar Hunderttausend, sondern um eine gigantische Armee, die, einheitlich geführt und auf den Generalnenner einer Idee gebracht, die beiden sozialistischen Parteien mühelos vom Erdboden fegen könnte. Es ist gelegentlich ganz nützlich, den von der frühern Generation übernommenen Wortschatz zu überprüfen. Das ist um so notwendiger, da von dem Geist so wie so nicht mehr viel übrig blieb. Die Sozialdemokratie ist heute wohl die einzige Partei, in deren Presse und Agitationsschriften sich noch Ausdrücke wie »Lumpenproletariat« und »Pöbel« breitmachen. Wer soll damit angelockt werden? Der junge Arbeitersohn, der noch niemals hat arbeiten dürfen und der vom bescheidensten Lebensgenuß ausgeschlossen ist –? Der graugewordene Bürger, der über Nacht ins soziale Nichts gestürzt ist und der Gesellschaft, die ihn sinken ließ, zunächst einmal mit einem ungeheuern Ressentiment gegenübersteht, das sich schnell in Gewalttaten Luft machen kann –? Ein beträchtlicher Teil des Kampfes, den Rosa Luxemburg gegen die Gewerkschafts-Bureaukratie führte, richtete sich gegen deren Überschätzung der Organisierten. Die bilden gewiß in der Zeit der Konjunktur eine Großmacht, aber die Stärke endet auch mit der Konjunktur. Die Sozialdemokratie, in Theorie und Praxis gleich ratlos, findet für die Millionenkolonnen des Elends nur noch eine Geste hochmütiger Ablehnung. Sie spricht zu ihnen wie Cicero zu Catilina, und es wirkt etwas tragikomisch, daß sie sich grade zur Begründung dieser Haltung auf Marx beruft, von dem sie sich in allen andern Stücken recht gründlich emanzipiert hat. So gründlich, daß eine bescheidene marxistische Floskel im Munde ihres Führers nahezu wie eine Sensation wirkt. Die Weltbühne, 30. Juni 1931 1007 (Antworten) Falscher Fuffziger Sie schreiben: Herrn Carl v. Ossietzky als dem verantwortlichen Redakteur der ›Weltbühne‹. Auf Grund des § 11, Abs. 1 des Gesetzes über die Presse verlange ich die Aufnahme der beigefügten Berichtigung ohne Einschaltungen und ohne Weglassungen. Der Abdruck muß gemäß § 11, Abs. 2 in der nach Empfang dieser Einsendung nächstfolgenden, für den Druck nicht bereits abgeschlossenen Nummer der ›Weltbühne‹ und zwar in demselben Teile der Druckschrift und mit derselben Schrift wie der Abdruck der zu berichtigenden »Antwort« (: »Falscher Fuffziger« ) geschehen. Im Weigerungsfalle wären Sie der Möglichkeit ausgesetzt, daß ich Sie nach § 19, Abs. 1, Ziffer 3 des gleichen Gesetzes abstrafen und nach Abs. 2, Satz 1 dieser Vorschrift durch das Strafurteil zugleich die Aufnahme der Berichtigung in die nächstfolgende Nummer der ›Weltbühne‹ anordnen lasse. Franz Leschnitzer. – Wie könnte ich mich weigern, wo so liebenswürdig gefordert wird? Sie sind in frühern Jahren oft genug Zeuge meiner bürgerlichen Ängstlichkeit gewesen. Ich mag mit den Gerichten nichts zu tun haben und überlasse es Ihnen, frischgebackener Gesinnungskommunist, wegen ein paar Druckfehlerberichtigungen, die so wie so erfolgt wären, mir mit Abstrafung durch die schändliche Klassenjustiz zu drohen. So folge denn hier die Berichtigung: In Nummer 25 der ›Weltbühne‹ vom 23. Juni 1931 wird als Zitat aus meiner Arbeit »Marxisten und Marxioten« (erschienen in der ›Weltbühne‹ vom 27. Juli 1926) der folgende Satz angeführt: »Meister Marx würde im Grabe rotieren, ließen marxistische ›Jünger‹ sich blicken – zumal mit ihrer ökonomischen Besessenheit ihr Haß Hand in Hand geht gegen die nicht vom Ökonomismus Besessenen ...« Es ist unwahr, daß ich den Ausdruck marxistische Jungen gebrauchte; wahr ist, daß ich im Gegenteil den Ausdruck »marxiotische ›Jünger‹« gebrauchte (zum Schutz grad der echten Marxisten). Es ist unwahr, daß ich von einer »ökonomischen Besessenheit« sprach; wahr ist, daß ich von einer »ökonomistischen Besessenheit« sprach. In Nummer 25 der ›Weltbühne‹ wird ferner als Zitat aus jener vor fünf Jahren entstandenen Arbeit der folgende Satz angeführt: »Einzig ›ökonomische Kräfte‹ bestimmen die Entwicklung, nicht etwa Willenskräfte – denn sie sind selbst ›ökonomisch bedingt‹ wie alles Andre.« Es ist unwahr, daß das zweite Wort hinter dem Gedankenstrich »sie« heißt; wahr ist, daß es »die« heißt. Es ist unwahr, daß der »denn«-Satz keine Interpunktion enthält; wahr ist, daß er ein Komma vor dem Wort »wie« enthält. Franz Leschnitzer. – Das Eine wäre jedenfalls erreicht: Der Anonymus des ›Roten Aufbaus‹ hat sich gemeldet. Es ist keiner der gedienten Parteileute sondern ein beflissener Volontär, der sich auf seine Weise bemüht, den Befähigungsnachweis zu erbringen. Dieser Erfolg ist schon einen Druckfehler wert. Und nun, Herr Fuffziger, wünsche ich Ihnen alles Gute für Ihren weitern Weg als Ketzerrichter. Die Weltbühne, 30. Juni 1931 1008 Reitende Bettler In Südamerika gibt es Bettler zu Pferde. Sie reiten auf ihrem dürren Klepper von einer Hazienda zur andern und halten den Caballeros mit großer Gebärde die hohle Hand unter die Nase. Wer gibt, dem danken sie so erhaben, als wäre er der Beschenkte. Wer nicht gibt, dem wünschen sie alle Nattern des Urwaldes an den Hals. * Mag der Hoover-Plan auch für die kranke Weltwirtschaft keine Heilung sondern nur eine Morphiumspritze bedeuten, so eröffnet er in der Politik der Vereinigten Staaten doch eine neue Epoche. Denn Amerika hat bisher weder über die Kriegsschulden noch über die Reparationen mit sich reden lassen. Daß Europa blechen muß, schien ein von dem amerikanischen lieben Gott ganz besonders verhängtes Fatum zu sein. An dieser Doktrin ließen die amerikanischen Regierungen nicht rütteln, und die Öffentlichkeit war hinter ihnen. Der bedeutende englische Publizist Wickham Steed schreibt in der ›Prager Presse‹: »Was Präsident Hoover heute vorschlägt, hätte mit größerer Auswirkung vor zehn Jahren geschehen können, wenn Präsident Harding, der Nachfolger des Präsidenten Wilson, kühn und weise genug gewesen wäre, die Ratschläge zu befolgen, die ihm die meisten seiner kompetenten Berater gaben. Er hätte für die Vereinigten Staaten die moralische und politische, ebenso wie die finanzielle Führerschaft der Welt behalten können. Die meisten Krisen, die seither die finanzielle Lage betroffen haben, hätten vermieden werden können und nicht minder der Krach der amerikanischen Prosperität im Oktober 1929, der dann nie eingetreten wäre.« Amerika ist das zugeströmte Geld nicht gut bekommen, und auch für den deutschen Schuldner mußte etwas geschehen, um seine weitere Zahlungsfähigkeit zu sichern. So warf denn Herbert Hoover mit der großartigen Entschlußfähigkeit amerikanischer Politiker, die im Gegensatze zu ihren europäischen Kollegen ganz undoktrinär sein können, von einem Tag zum andern das Steuer herum und verkündete das Moratorium. Es ist nicht ganz so weltbeglückend, wie es in Europa gemacht wird. Aber es ist doch ein erster Akt von kapitalistischem Solidarismus, anzeigend, daß das Finanzkapital sich auf gewaltige Kämpfe rüstet und deshalb vor neuen, überraschenden Methoden nicht zurückschreckt. Natürlich spielten auch die innenpolitischen Verlegenheiten der Republikanischen Partei Amerikas mit. Denn in ganz kurzer Zeit würde Deutschland selbst das ihm nach dem Young-Plan zustehende Recht auf ein Moratorium geltend gemacht haben, und das wäre drüben als eine große Niederlage des Regimes Hoover gedeutet worden. Man hätte den Präsidenten für das Versagen des Zahlungsplans verantwortlich gemacht. So aber spielte Hoover das Prävenire. Er kam nicht nur Deutschland voraus, er entwarf auch das Zauberbild einer abebbenden Weltkrise, einer neuen Welle von Prosperität. * Der Hoover-Plan ist also kein Kind hoher Idealität, wohl aber ein Ergebnis begrüßenswerter Einsicht. Das Unglück ist nur, daß er auch Fragen von erheblichem politischen Gewicht mit sich führt, und daß der amerikanische Wohltäter diese Last einstweilen auf dem dünnen Plafond der deutsch-französischen Beziehungen niedergelegt hat. Die Vereinigten Staaten können gut generös sein. Um ihre Interessen handelt es sich ja zunächst, wenn sie ihren Schuldnern Stundung gewähren. Aber es wird auch von den andern Staaten Großmut gefordert, und hier muß die Antwort naturgemäß anders ausfallen. Der Hauptwiderstand aber muß von Frankreich kommen, dessen Budget zwar ganz gewiß nicht auf den deutschen Zahlungen aufgebaut ist, das aber keine Lust hat, sich seine edelmütigen Wallungen von Amerika vorschreiben zu lassen. Nicht mit Unrecht folgert Frankreich, daß nach dem von Amerika gewünschten Feierjahr, der Young-Plan in seiner alten Gestalt niemals wieder effektiv werden wird. Niemand weiß, wer in einem Jahr in Deutschland regieren wird, so sagt man in Paris, vielleicht Herr Schacht, der schon lange die Einstellung aller Zahlungen fordert. Aber vielleicht, wahrscheinlich, wird auch die jetzige Regierung, falls sie alsdann noch am Leben ist, ähnlich argumentieren oder neue Ausflüchte für neuen Aufschub finden oder gleich eine allgemeine Vertragsrevision verlangen und nur gegen Konzessionen militärischer oder territorialer Art weiterzahlen. Und das Land, das am meisten unter dem Kriege gelitten hat, dessen Norden und Westen unter der Raserei der Materialschlachten in Aschenhaufen zerfallen ist, wird dann um seine Entschädigung geprellt sein. Das ist die Auffassung in Paris. Die deutsch-französischen Beziehungen haben ihre eigne Tragik. Beide Völker sind mit den übelsten Nationalisten unter Gottes Sonne gesegnet; beide brauchen einen Schiedsrichter, der ihre Interessen zur Angleichung führt, anstatt sie gegeneinander auszuspielen. Statt dessen finden sie einen von ausschließlich kommerziellen Motiven geleiteten Wohltäter, der die politischen Konsequenzen seiner Caritas auf beide abwälzt und untereinander auskegeln läßt. Der Hoover-Plan hat Frankreich überrumpelt und erheblich isoliert. Das gibt dem Chauvinismus neues Futter und vergiftet das Verhältnis zu Deutschland von neuem. »Es ist wieder Ruhrstimmung in Frankreich«, schreibt Léon Blum. Frankreichs lange gehegter Wunsch ist die Streichung der gesamten Kriegsschulden. Das kann es jedoch nicht allein durchsetzen, dazu braucht es die Unterstützung Deutschlands. Die Führer der deutschen Politik aber haben nicht den Mut, eine Linie zu verfolgen, die zur grundsätzlichen Änderung der Haltung gegenüber dem sogenannten Erbfeind zwingt. Verständigung mit Frankreich über die Kriegsschulden, das würde wohl ein enges wirtschaftliches Zusammengehen und damit beträchtliche Erleichterung bedeuten, aber auch Verzicht auf ein territoriales Revisionsprogramm und auf eigne machtpolitische Pläne. Man weiß es in Deutschland nicht genügend, daß bezüglich der Kriegsschulden ganz Frankreich einer Meinung ist, und daß die amerikanische Hartnäckigkeit in dieser Frage wiederholt die heftigsten Demonstrationen hervorgerufen hat. Deshalb empfinden grade die linken Parteien in Frankreich jetzt Hoovers unvermutete Aktion wie einen Faustschlag. Sie sehen die Reparationen in Dunst aufgehen, Deutschland aber fest an einen angelsächsischen Block gekettet, während Frankreich allein bleibt, ein Außenseiter Europas. Das erklärt die scheinbare Unlogik der sonst verständigungsfreundlichen Radikalen, die unter Herriots Führung diesmal in die Nachbarschaft von Louis Marin gerieten. Das erklärt aber auch die tödliche Verlegenheit der Regierung Laval, die Amerika nicht einfach mit einem runden Nein antworten konnte, andrerseits aber auch die größten Anstrengungen machen mußte, um die Kontinuität des Young-Plans aufrechtzuerhalten. So geriet die Regierung Laval, die Deutschlands Not durchaus nicht verkennt und deren Kriegsminister Maginot erst kürzlich erklärt hat, daß Verträge nicht für die Ewigkeit bestimmt seien, in den wenig sympathischen Zwang, grade den für uns so wichtigen amerikanischen Vorschlag des vollständigen Feierjahres anzufechten. Und in die Ecke gedrängt, stand Frankreich als der hartnäckige, unbelehrbare Gläubiger da, der zu jeder Erleichterung Nein sagt, mag auch der Schuldner darüber zugrunde gehen. Als der Shylock, dem in seiner formalistischen Besessenheit sein Schein wichtiger ist als selbst das eigne Interesse. Die amerikanische Denkschrift zeigte wie mit dem ausgestreckten Finger auf Frankreich: Dort steht der Schuldige! Dabei wollte Laval alles andre, nur nicht den grundsätzlichen Widerstand gegen den Hoover-Plan. Aber er wollte das Prestige Frankreichs wahren, und er wollte eine juristisch wasserdichte Garantie für den Fortbestand des Young-Plans herausschlagen. Die amerikanische Diplomatie aber forderte ein glattes Ja, sie tat Frankreich nicht einmal den Gefallen, auf ein kleines Scheingefecht einzugehen. Ihre Meinung, die allerdings nicht im Memorandum steht, aber von Herrn Mellon sicherlich mündlich vorgetragen wurde, ist die: Wenn es in Deutschland so weiter geht, kommt der Fascismus, und dann verfallen unsre investierten amerikanischen Kapitalien, und auch ihr bekommt keinen blanken Sou mehr zu sehen. Deshalb muß Brüning unterstützt, Deutschland saniert werden! Den Franzosen aber ist der Unterschied zwischen Brüning und Hitler nicht klar und wird es niemals werden, daher ihr zäher Widerstand, daher das ganze verknurrte, langatmige Palaver zwischen Washington und Paris. * Was in Deutschland geschehen ist und noch geschieht, liefert der französischen Starrheit die besten Argumente. Die Zollunion, die noch immer nicht offiziell beerdigt ist, noch immer in den Zeitungen lärmend gespenstert, die Stahlhelmparaden, die Exzesse nationalistischer Studenten – das alles ist nicht geeignet, den französischen Nachbarn zu beruhigen. Gewiß, man verkennt in dem sehr stabilen, sehr bürgerlichen Frankreich die besondere Psyche eines Krisenlandes. Aber man kann den Franzosen nicht die Frage verwehren, was denn in Deutschland von den besser unterrichteten Amtsstellen gegen den Nationalismus geschieht. Hat denn nicht Frankreich grade jetzt vor einem Jahre das Rheinland vor dem vertragsmäßigen Termin geräumt? Und die Wirkung war nur ein unerhörter Aufschwung des Chauvinismus, geschürt von dem Kabinettsminister Treviranus, der mit seinen provozierenden Revisionsreden umherreiste. Das war Deutschlands Antwort auf die frühere Räumung. Es darf auch nicht übersehen werden, was für ein wahnwitziges Echo der Hoover-Plan in Deutschland gefunden hat. Die nationalistische Presse, also der weitaus überwiegende Teil der Presse, verkündete sofort in lärmenden Lettern, daß wir zum letzten Male Reparationen gezahlt hätten. Mit Hoover gegen Frankreich, immer feste druff! Das war der Tenor. Das war die Sprache gegen denjenigen Vertragspartner, auf dessen Coulanz wir vornehmlich angewiesen sind. Vergeblich versuchte der Reichskanzler in seiner nächtlichen Rundfunkrede an Frankreich diesen katastrophalen Eindruck abzuschwächen. Er ist nicht durchgedrungen. Das Stahlhelmgeklirr übertönte sein dünnes Organ. Die deutschen Nationalisten vereinigen in ungemein gut gelungener Synthese Heldentum und Schnorrerei. Was für tolle Widersprüche tanzen in der nationalistischen Agitation herum. Wir sind ein armes Volk, aber wir brauchen ein starkes Heer. Wir leiden unter der Last der Tribute, aber wir müssen Kolonien haben. Wir haben fünf Millionen Arbeitslose, aber das Vaterland muß wieder größer werden. Wir leiden unter Kapitalmangel, aber ungezählte Milliarden sind nach Holland und in die Schweiz verschoben. Wir katzbuckeln vor den Mächten, aber wir werden sofort rabiat, wenn es sich nicht lohnt. Wir tragen unsre Schäbigkeit auf hohem Roß, und wenn man uns nach Chequers zum Frühstück eingeladen hat und Hoover uns eine Spende zukommen läßt, so geschieht das nur, weil unsre Überlegenheit anerkannt wird. Was die Franzosen anbelangt, so werden wir es ihnen schon zeigen. Von uns Helden will dieses verächtliche Rentnervolk Reparationen, wo wir doch eigentlich gesiegt haben und nur durch unsre echt ritterliche Gutmütigkeit an der Ausnutzung des Sieges gehindert worden sind! * In Südamerika gibt es Bettler zu Pferde. Sie reiten auf ihrem dürren Klepper von einer Hazienda zur andern und halten den Caballeros mit großer Gebärde die hohle Hand unter die Nase. Wer gibt, dem danken sie so erhaben, als wäre er der Beschenkte. Wer nicht gibt, dem wünschen sie alle Nattern des Urwaldes an den Hals. Die Weltbühne, 7. Juli 1931 1009 Es ist erreicht! Es ist heute eine Binsenwahrheit, daß sich der Kapitalismus auf der ganzen Welt in einer ungeheuren Krise befindet. Aber was sich in Deutschland in diesen letzten beiden Wochen abgespielt hat, das ist mehr als das funktionelle Versagen eines Systems, das heute nirgendwo mehr gut arbeitet und überall mehr Enttäuschte und Verzweifelte zurückläßt als Zufriedene. Hier hat politische Unzulänglichkeit die allgemeine wirtschaftliche Misere zu einer besonderen Katastrophe ausgeweitet. Gewiß, ein Bankkrach bedeutet noch keine Götterdämmerung, die Tatsache, daß es auch denen heute jämmerlich geht, die sonst ihren Profit aus der Not der Andern holten, noch nicht den Beginn der Weltvereisung. Aber es ist ein trauriges Resultat, daß wir heute, Juli 1931, trotz aller schlimmen Erfahrungen, nicht besser dran sind als 1918 und 1923. In den Geldzentren der Welt wird wieder disputiert, ob Deutschland der Hilfe würdig ist, und unsre eignen Zahlungsmittel sind wieder höchst fragwürdig geworden. Hier waltet nicht nur die Unbarmherzigkeit eines blinden Schicksals, hier liegt Schuld vor, Schuld und nochmals Schuld. Wir wollen in diesem Augenblick nicht auf den Reichskanzler Brüning Steine werfen. Wir haben ihn vom ersten Tag seiner Amtsführung an bekämpft, wir haben seine vielgepriesenen Taten mit Kassandrarufen verfolgt und sind dabei so gründlich allein geblieben wie Eremiten in der Wüste. Es bereitet uns keine Genugtuung, daß wir recht behalten haben. Unter diesem Kanzler begann jenes verheerende Schlagwort von der »Aktivierung« unserer Außenpolitik seine Wirkung auszuüben, setzte jene neue Hausse des Nationalismus ein, der wir es verdanken, daß Frankreich uns jetzt in unsrer höchsten Not hartnäckig und mit kühler Rechnergebärde entgegentritt. Unter diesem Kanzler begann auch jener rücksichtslose Auspowerungsprozeß des akkumulierten Kapitals gegen die restlichen deutschen Bürgerschichten, die aus der Inflation noch eben heil herausgekommen waren. Es ist eine besondere Tragikomödie, daß unserm Bürgertum grade die prononziert bürgerlichen Regierungen so verhängnisvoll werden. Unter der Ägide des hanseatischen Musterbürgers Cuno vernichtete Hugo Stinnes ungezählte selbständige Existenzen. Unter dem katholischen Ordnungsretter Brüning zogen Banken und Schwerindustrie eine grauenhafte Elendstrace kreuz und quer durch die letzten Vermögensreserven vertrauensvoller Bürgerseelen, die wie hypnotisiert auf die »Soziallasten« starrten, von der »Begehrlichkeit der Arbeiterschaft« faselten und darüber ganz vergaßen, wer ihnen eigentlich das Eisen an die Kehle setzte. Es ist wie ein schlechter Witz, daß einer dieser gigantischen Marodeure, heute selbst wankend geworden, hilfesuchend unter die Fittiche des demokratischen Staates kriechen muß, dem man so oft expropriatorische Tendenzen vorgeworfen und den man wie eine Vorfrucht des »Marxismus« behandelt hat. Wenn die Regierung Brüning sich heute für das, was sie am deutschen Bürgertum verbrochen hat, rechtfertigen müßte, so könnte sie nur ein sehr zweifelhaftes Argument zu ihren Gunsten anführen: sie hat die Kapitalflucht nicht gehindert. Das ist die einzige Chance, die sie den eignen Leuten gelassen hat. Sie hat tatenlos zugesehen, wie im vergangenen Jahre Milliarden nach der Schweiz abwanderten, und ihr famoser Finanzminister Herr Dietrich hat sogar öffentlich gesagt, daß er dies bei der hierzulande herrschenden Ungewißheit ganz begreiflich finde. Daß Brüning außenpolitisch die vernünftige Linie der Ära Stresemann verließ, daß er die innere soziale Krankheit ausschließlich mit Notverordnungen auf Kosten der Lohnempfänger zu kurieren trachtete, das ist seine ungeheure Schuld, das ist der Weg in die Katastrophe vom Juli 1931. Das alles muß in diesem Augenblick gesagt werden, wenn es auch nicht die Feststellung verhindert, daß Brüning in diesen Tagen, zusammen mit dem Reichsbankpräsidenten Luther, wahrhaftig heroisch gearbeitet hat, um die Konsequenzen seiner eignen Politik abzuwenden. Dieser Kanzler ist heute durch eine selbstgeschmiedete Kette von Irrtümern mit seinem Amt unlösbar verbunden. Er kann nicht mehr demissionieren. Er kann nicht mehr resignierend sagen: »Herr von Hindenburg, ich habe das Meinige getan, tun Sie das Ihrige!«, so wie irgend ein parlamentarischer Premierminister. Denn er hat, sehr zu seinem Unglück, alle konstitutionellen Faktoren, die ihn entlasten oder ablösen könnten, erledigt. Sein bizarres Schicksal will es, daß er trotz seiner Fehler und Zweideutigkeiten der einzige deutsche Politiker bleibt, dessen Fähigkeiten die Welt noch vertraut. Er steht ganz allein, eine letzte papierene Wand zwischen Deutschland und dem Chaos. Es ist ein fieberhaftes Hinundher in diesen Tagen, die verrücktesten Rezepte werden wieder zur Rettung angeboten. Auch das Phantom der »wirtschaftlichen Autarkie« spukt wieder heftig. Deutschland soll sich »auf sich selbst stellen«, ökonomisch abschließen, aus der Weltwirtschaft ausscheiden, grade so, als wäre die Weltwirtschaft ein Verein, dem man nach Belieben die Mitgliedskarte zurückschicken kann. Und doch gibt es nur einen Weg zu einer Notlösung: das ist die Verständigung mit Paris! Und grade hier widersetzt sich Deutschland mit einer Hartnäckigkeit, die ans Pathologische grenzt. Alle Gebote der Vernunft sprechen für die Verständigung mit Frankreich, für die Aufgabe einer ökonomisch nutzlosen fixen Idee, wie es die Zollunion ist. Aber der jahrelang gehegte Prestigefimmel drängt sich lärmend dazwischen. Als ob wir noch eine andre Wahl hätten! Herr Doktor Luther soll sehr erstaunt gewesen sein, als ihm die Notenbankpräsidenten, mit denen er wegen Krediten verhandelte, eröffneten, daß es sich hier vornehmlich um eine politische Frage handle. Er erklärte, seine Kompetenz reiche zu dieser Erörterung nicht aus. Letzteres ist durchaus richtig, aber wo bleiben denn die Herren, die dazu kompetent sind? Wieder erlebt Deutschland die Überraschung, daß es eine Wirtschaft an sich nicht gibt, sondern daß alles Politik ist. Nirgendwo sitzt die Vorstellung von der angeblichen Selbstherrlichkeit der Wirtschaft so tief wie bei uns. Wir wissen, daß die Wirtschaft, oder die Schwerindustrie, die sich mit ihr identifiziert, vom Staate Subventionen fordert, ohne irgend eine Gegenleistung zu bieten. Aber welch eine kindsköpfige Naivität ist es, eine so dubiose deutsche Spezialität auf ein internationales Gebiet übertragen zu wollen. Wie kann man von Frankreich, das man seit der Rheinland-Räumung mit Stahlhelmfeiern und tausend nationalistischen Kinkerlitzchen provoziert hat, Kredite verlangen ohne politische Gegenleistung? Bei der Eigenart des deutsch-französischen Verhältnisses setzt sich jede noch so geschäftliche Frage sofort ins Politische um. Es gibt zwischen Frankreich und uns nichts Unpolitisches. Hat man das noch immer nicht begriffen? Und da kommen die Industrie-Cherusker, die sonst Frankreich als den europäischen Beelzebub betrachten, mit einem Kreditgesuch und erklären dazu, das habe mit Politik nicht das Mindeste zu tun. Wo kommt es denn im bürgerlichen Leben vor, daß man dem Mann, den man anpumpen will, eines auf die Nase gibt und dazu erläuternd sagt, das sei eine ganz andre Sache und habe mit dem vorliegenden Geschäft nichts zu tun –? Die Deutschen sind nicht nur schlechte Verlierer, das haben sie seit Versailles bewiesen, sie verstehen sich auch nicht aufs Borgen. Frankreich wünscht Aufgabe der Zollunion und Einstellung des Flottenbaues. Es hat keinen Zweck, sich angesichts der deutschen Bettelarmut in die Brust zu werfen und mit Hidalgogeste zu deklamieren: »Lieber tot als Sklave!« Wir kennen kein Gremium in Deutschland, dem wir so weit vertrauten, über den Tod des deutschen Volkes zu beschließen. Ein Volk kann sich nicht, wie eine Einzelperson, der Bürde eines unerträglichen Daseins entledigen. Ein Volk kann nicht, wie eine Einzelperson, sterben, es kann nur noch ärmer, nur noch unglücklicher werden. Man schreit, daß Frankreich uns Verzichte auf heilige Souveränitätsrechte abpressen wolle. Wie steht es denn damit? Mindestens 80 Prozent aller Deutschen ist die Zollunion einfach Hekuba, mindestens 70 Prozent lehnt die Flottenpolitik als kostspielig und schädlich ab. In keinem Falle handelt es sich um eine wirkliche nationale Sache, die von einer Mehrheit entschieden vertreten wird. Und um des törichten Prestiges willen soll das Vernunftgemäße, das Rettende ungetan bleiben? Zuerst hat man aus Herbert Hoover so etwas wie einen unerwarteten Bundesgenossen gegen Frankreich gemacht. Jetzt stellt es sich heraus, daß Amerika selbst die Erfüllung der französischen Wünsche verlangt, und die englischen Minister, die in diesen Tagen mit dem Reichskanzler verhandeln, werden kaum einen anderen Ratschlag geben. Deutschland hat sich mit dem Unionsprojekt in ein Dickicht von Widersprüchen und Wirrnissen verrannt. Es muß endlich wieder der bescheidenen Einsicht Raum gegeben werden, daß unsere heutige Lage machtpolitische Aspirationen verbietet. Wir sind allzu verelendet, um Extratouren zu unternehmen, die das ganze Volk zu bezahlen hat. Die forcierte Revisionspolitik, die mit der Ära Brüning einsetzte, muß schleunigst in die Rumpelkammer geworfen werden. Auch wir halten die französische Haltung für herzlich unpsychologisch, aber Deutschland hat keine Wahl, nachdem es abermals erfahren mußte, daß es die ganze Welt gegen sich hat, wenn es sich auf eigne Faust machtpolitisch zu engagieren versucht. Ein wirklicher Staatsmann respektiert Realitäten, anstatt ihnen die Stirn zu bieten. Die deutsche Außenpolitik hat sich festgefahren, sie kann nur durch gründliche Kursänderung und durch die Ausbootung der Hauptverantwortlichen wieder mobil werden. Dazu gehört vor allem die Entfernung der Minister Treviranus und Groener aus ihren Ämtern. Keine deutsche Regierung ist mit diesem Ballast verhandlungsfähig. Herr Groener hat sich seiner Zeit als Vertrauter Erzbergers die größte Mühe gegeben, den Offizieren klar zu machen, warum der Versailler Vertrag unterschrieben werden müsse. Er kennt also solche Situationen zur Genüge. Ganz unmöglich geworden ist Herr Curtius, der Vater der Zollunion. Man ersetze ihn so bald wie möglich durch einen Diplomaten aus Stresemanns Zeit, der internationales Vertrauen genießt und durch seine Persönlichkeit Garantie bietet gegen selbstmörderischen »außenpolitischen Aktivismus«. Eine vernünftige Außenpolitik hätte in dem Streit um die Zollunion rechtzeitig diplomatisch eingelenkt, anstatt es auf eine Sachlage ankommen zu lassen, in der das Nachgeben bereits den Charakter demütigender Kapitulation annimmt. Deutschland hat in der Welt keinen ärgern Feind als seinen eignen Nationalismus. Dem ist es seit mehr als einem Jahre gefolgt, und die Resultate sind offensichtlich. Die Wirtschaft ist zerrüttet, das letzte Vertrauen in dem Staat zerstört, der Ausblick in die Zukunft trostlos. Herr Hugenberg hat seinerzeit geweissagt, wir müßten alle eine Zeitlang Proletarier werden, ehe es wieder besser würde. Der erste Teil dieser Prophezeiung ist über die Maßen glorreich in Erfüllung gegangen. Es ist erreicht, wir sind alle Proletarier. Wir haben nichts mehr zu verlieren als unsre letzten Illusionen und unsern Hitler. Das Nationalgefühl blüht, es ist eine Freude zu leben. Im übrigen sind wir pleite. Die Weltbühne, 21. Juli 1931 1010 Stillhalten und mitsingen Kommunisten und Volksentscheid Die Kommunisten haben beschlossen, sich am Volksentscheid über die Auflösung des preußischen Landtags zu beteiligen. Das ist das wichtigste innenpolitische Ereignis der vergangenen Woche. Der Beschluß der KPD bedeutet ganz gewiß nicht, daß sie nun den letzten Mann aufbieten wird, um dem Stahlhelm zum Siege zu verhelfen; er ist vornehmlich ein agitatorischer. Die Partei will auf die Anhängerschaft der Rechten einwirken, sie in ihre eignen Versammlungen bringen. Wenn Hitler und Seldte nicht so großformatige Dummköpfe wären, würde ihnen diese unerwartete Bundesgenossenschaft, die keine ist, recht lästig fallen. Ob die Kommunisten also wirklich entschlossen sind, ausschlaggebend mitzuhelfen und das Gelingen des Volksentscheids zu sichern, darf mit Fug bezweifelt werden. Aber ohne Zweifel wird die kommunistische Entscheidung für das Referendum auf die Leute von rechts, die beim Volksbegehren wegen der Aussichtslosigkeit des Unternehmens großenteils zu Haus geblieben sind, belebend wirken, denn die Sache sieht jetzt etwas hoffnungsvoller aus. Selbstverständlich ist dieser Beschluß nicht ohne heftigste Auseinandersetzungen in der Parteizentrale zustande gekommen, und er wird auch in der Partei von denen, die sonst gewohnt sind, zur Zentrale wie zu den Kuppeln einer Kathedrale emporzuschauen, nicht völlig verstanden. Die Opposition erhält frische Nahrung, in der Ferne zeichnen sich die Konturen einer neuen Parteikrise ab. Die KPD mag wohl eine radikale Partei sein, die ihre Impulse von einer revolutionär bewegten Epoche empfängt, aber eine Revolutionspartei ist sie nicht. Sie nimmt ganz und gar die Entwicklung zu einer Massenpartei, der bunte Scharen von allen Seiten zuströmen und die jetzt durch taktisches Manövrieren das ersetzen muß, was sie ihnen an einheitlichem Geist nicht zu geben vermag. Eine Partei, die Millionen erfaßt, schlägt immer in gegebenen Verhältnissen Wurzel, mag sie auch noch so laut die Utopie verkünden. Das ist wie ein politisches Naturgesetz, wenn es auch niemals den schnell Berauschten aufgehen wird, die sich in der Schlachtenmusik der Versammlungsreden verlieren. So hatte neulich der leitende Redakteur der ›Welt am Abend‹ die bewegteste Stunde seines Lebens, als das Blatt die verfrühte Meldung vom Zusammenbruch der Danat-Bank brachte. Münzenberg tobte vor Wut über die an sich glänzende journalistische Leistung und wäre beinahe tätlich geworden. Und diese Wut ist begreiflich, wenn man bedenkt, daß der rote Aufbau des Münzenberg-Konzerns auf Danat-Krediten ruht. Jakob Goldschmidt war eben kein Doktrinär, er stützte Hugenberg und Münzenberg mit gleicher Objektivität. So bedauerlich das Ja der KPD für den Volksentscheid der Fascisten auch ist, es kommt nicht überraschend und ist auch in keiner Weise absurd. Die Zentrale hat kaum anders handeln können. Die Verantwortung dafür fällt auch auf die sozialdemokratischen Minister, deren Verständnislosigkeit es den Kommunisten unmöglich gemacht hat, eine anständige Neutralitätsformel zu finden. Erwartet man wirklich, daß die KPD eine Regierung retten soll, die sie seit Jahren unter Ausnahmerecht stellt? Erwartet man von den Kommunisten wirklich die Bereitschaft, Braun und Severing zu tolerieren, so wie die Sozialdemokratie Brüning und Groener toleriert? Nämlich ohne Gegenleistung! Vor zwei Wochen hat Jakob Links hier erzählt, wie die KPD bereit war, mit sich reden zu lassen, falls Severing dafür die Spartakiade, das Arbeiter-Sportfest, gestattete. Die preußische Regierungskoalition schien auch bereit zu sein, bis Herr Wirth namens der Reichsregierung intervenierte und die für berliner Verhältnisse allzu romanhafte Polizeiepisode in der Frankfurter Allee eine zwar explosive aber nicht unerwünschte Lösung brachte. Auch diesmal hat die KPD noch einen Versuch unternommen. Sie hat Severing durch den Abgeordneten Schwenk vier Forderungen unterbreitet: Herstellung der Presse- und Versammlungsfreiheit; Zurücknahme der Abbaumaßnahmen gegen Unterstützungsempfänger; Sicherung der vollen Auszahlung kleiner Guthaben bei den preußischen Sparkassen; Aufhebung des Verbots der Roten Frontkämpfer. Das sind alles andre als erpresserische Forderungen. Auch wenn man in Betracht zieht, daß die finanziellen Punkte an die Zuständigkeit des Reiches gebunden sind, so bildet das Ganze doch eine mögliche Verhandlungsbasis. Statt dessen spielte Herr Severing wieder mit seinen Muskeln, die er in den Tagen der breslauer Stahlhelm-Demonstrationen so schamhaft verborgen gehalten hatte. »Auf Ihr Schreiben vom 21. Juli teile ich Ihnen mit, daß die preußische Staatsregierung es ablehnt, Maßnahmen zum Schutze der öffentlichen Ordnung und Sicherheit zum Gegenstand eines politischen Tauschhandels zu machen.« Gut gebrüllt, Löwe! Das ist bester preußischer Puttkamerstil. Politiker, die sich nicht so gottähnlich fühlen wie Herr Severing, hätten in den kommunistischen Forderungen weniger das Ultimatum gesehen als vielmehr den Wunsch, lieber einen halbwegs passablen Akkord mit den Sozialdemokraten zu finden als in eine Front mit dem Stahlhelm zu kommen. Der ›Vorwärts‹ versucht, die kommunistische Aktion lächerlich zu machen, weil seine Leser schließlich doch nachdenklich werden könnten. Er behauptet, der Brief der kommunistischen Fraktion sei ohne Kopf und Stempel gewesen und hätte außerdem einige Fettflecke aufgewiesen. Dann leistet sich der ›Vorwärts‹ eine ausgewachsene Flegelei: »Das historische Dokument bleibt vorläufig bei den Akten. Später soll es dem Kriminalmuseum des Polizeipräsidiums überwiesen werden.« Nun, diese Fettflecke hätten eine Aussprache nicht hindern sollen, in der hohen Politik ist man doch sonst nicht so penibel. Als Dumouriez, in seiner Eigenschaft als Minister der Gironde sich Ludwig XVI. vorstellen wollte, versuchten ihn die Hofschranzen aufzuhalten, weil er nicht die vorgeschriebenen Escarpins trüge. Ein paar Monate später mußte Seine Majestät mit Leuten verhandeln, die abgeschlagene Köpfe auf Piken trugen. Die Nutzanwendung, nicht nur für Monarchien, ist einleuchtend. In unruhigen Zeiten, wo niemand weiß, was morgen sein wird, darf man auf Äußerlichkeiten nicht allzuviel geben. Es ist besser, man verständigt sich mit den Leuten, deren Papiere mit ein paar Fettflecken geziert sind. Denn morgen können schon Andre kommen, die nicht mehr mit sich reden lassen. Das Ausreise-Verbot Die Konferenz von London hat mit einem vollen Fehlschlag geendet. Herr Brüning bringt kein Geld mit sondern nur ein nettes Schluß-Communiqué, das geeignet ist, Hoffnung auf neue Hoffnungen zu erwecken. Ein paar Bankiers werden nächstens den Hungerleib Deutschlands wieder beklopfen; nicht die Gläubiger werden stillhalten müssen sondern der Schuldner. Alles in allem, wir rutschen in die ersten Reparationsjahre zurück, wo Sachverständige aller Länder bei uns ihre tiefgründigen Analysen vornahmen und jeder amerikanische Bankier wie die Taube über der Arche begrüßt wurde. Alles interessierte sich für Deutschland, und wir kamen dabei sachte auf den Hund. Nach jedem neuen Kräfteverfall schlugen die Politiker neue kraftvolle Anstrengungen vor, das Vernunftgemäße abzuwehren, und wer sein Nein am lautesten schmetterte, das war der Hauptkerl, der bekam am Potsdamer Bahnhof seine Hurras und seinen Blumenstrauß. Minister kommen zum Besuch, Konferenzen werden folgen, ein neues Cannes, ein neues Genua, und sicher ist bei alledem nur, daß die direkte Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich bis jetzt nicht zustande gekommen ist. Zwar wird vielfach versichert, auch Brüning wünsche nichts sehnlicher als das und wolle keine Prestigemätzchen. Aber selbst wenn das richtig ist, so steht ihm sein eignes Kabinett im Wege. Mindestens Treviranus, sein blauer Freund, müßte geopfert werden, und auch mit Schiele, dem Agrarminister, und dem erzgeschienten Groener läßt sich keine europäische Politik machen. Und hinter dem blassen Curtius steht noch undeutlich und ohne Figur der Staatssekretär von Bülow, der sich vor Jahren für sein Amt als Völkerbundreferent mit einem Buch gegen den Völkerbund qualifiziert hat. So lebhaft Brüning auch in Paris und London die deutsche Bereitschaft zu europäischer Kooperation beteuerte, was in Deutschland in den letzten vierzehn Tagen an wirtschaftlichen Notverordnungen herauskam, dient nicht nur natürlicher Selbsthilfe, sondern kokettiert heftig mit jener überspannten Auffassung, daß Deutschland sich abschließen müsse, um »aus eigner Kraft« zu gesunden. Lieber die Verwesung als Verständigung mit Paris! Wenn die Welt nicht will wie wir, dann blockieren wir uns selbst, dann schließen wir uns selbst in den Zwinger. Die alldeutsche Ideologie, die den Kampf um die Welt verloren hat, schlägt in Ohnmacht und Ratlosigkeit nach innen. Deutschland soll wie ein böses Tier hinter selbstgeschmiedeten Gitterstäben sitzen und die Welt anfletschen und anstinken. Das ist der Sinn der »Autarkie«. Aus dieser Ideologie stammt das Ausreiseverbot, das übrigens in der kurzen Zeit seines Bestehens so gründlich von Protesten zugedeckt worden ist wie kaum eine andre ministerielle Leistung vorher. Wahrscheinlich wird es bald etwas umfrisiert, wenigstens sein plumper Eingriff in den geschäftlichen Alltag etwas besser wattiert werden, aber es ist bis zur Stunde noch zweifelhaft, ob die Regierung dazu gebracht werden kann, es wieder ganz verschwinden zu lassen. Denn es wäre ein Irrtum, darin einfach ein Stück ahnungsloser bureaukratischer Experimentierfreude zu sehen. Es ist dem erfindungsreichen Kopf des Herrn Treviranus entsprungen, es ist eine ausgesprochene Kriegsmaßnahme. Der erste Schritt zur Selbstblockade. Die Rechtspresse schreit schon jetzt, daß nächstens das Verbot der Einfuhr ausländischer Waren folgen müsse. Man unterschätze dieses aufgeregte Gehabe nicht. Wir leben schon wieder ganz in Ruhrkriegsstimmung. Die Unheilsparolen, die im vorigen Sommer mit der oratorischen Tätigkeit des Herrn Treviranus einsetzten: die Revisionskampagne, die erhöhte außenpolitische Aktivität, das alles ist heute lebendiger als jemals. Wenn nicht in absehbarer Zeit eine fühlbare Erleichterung erfolgt, dann wird manches von dem Tatsache werden, was heute noch wie eine leere Phrase durch die Öffentlichkeit klingelt. Es wäre müßig, hier nochmals zu wiederholen, was aus der nichtpolitischen Praxis gegen das Ausreiseverbot gesagt worden ist. Nachdem das Kapital in Milliarden durch unsichtbare Kanäle abgeflossen ist, soll der Geschäftsreisende, der mit seinem Musterkoffer in die nächsten Grenzorte fährt, soll der Tourist, der mit seinen zusammengesparten Sechsern einmal Italien oder die Schweiz sehen will, plötzlich als der Schädling entlarvt werden, der am Ruin des Landes schuldig ist. Weil die Großen viele Milliarden verschoben haben, deshalb dürfen die Kleinen keinen Fuß mehr ins Nachbarland setzen. Weil die Großen eine gottserbärmliche Wirtschafts- und Finanzpolitik getrieben haben, deshalb dürfen die Kleinen nicht mehr an ihre ärmlichen Sparkassen-Guthaben. Die neue treviranische Idee hat außerhalb Deutschlands keine bessere Aufnahme gefunden als die frühern. Von denjenigen Erwerbszweigen, die am direktesten davon betroffen werden, kann man bald einige Repressalien erwarten. Die deutsche Wirtschaft wird an dieser kleinen Kostprobe spüren, was für unangenehme Konsequenzen weitere Versuche autarkischen Charakters mit sich bringen können. Aber wir wollen ganz ruhig sein, man wird auch dafür bald den Schuldigen in Paris oder Warschau gefunden haben. Wenn Herr Treviranus auch diesmal seine Erfindung mit ein paar freundlichen Worten für ein europäisches Zusammengehn einführte, so rührt sie doch ganz von jenem dumpfen Provinzialismus her, von jener stupiden Vaterländerei, die in dem, was außerhalb der Landesgrenzen liegt, nur Ausbeutungsphäre sieht oder Kriegsschauplatz. Zensur Warum eigentlich eine neue Presse-Notverordnung? Die kommunistische Presse ist doch schon lange nur noch zum Verbieten da. Auch die Hauptblätter der Nationalsozialisten sind fortwährend konfisziert. Man muß also auch mit dem ordentlichen Recht auskommen. Von den zweiundzwanzig ausgesprochenen Parteiblättern der Kommunisten sind zweidrittel zur Zeit verboten. Seit Januar sind gegen die kommunistische Presse sechsundvierzig Verbote für zusammen 1026 Tage ausgesprochen worden. Das sind Verbotsziffern, die neben denen der gelernten Diktaturstaaten gewiß noch nicht viel bedeuten, aber doch einen frohen Ausblick auf mehr eröffnen. Bis vor kurzem hat man sich vornehmlich an die Tagespresse der radikalen Parteien gehalten. Jetzt pirscht man sich langsam an die Zeitschriften heran, an die unbequemen Eingänger. In Stuttgart ist die pazifistische ›Sonntagszeitung‹ konfisziert worden, und Herr Grzesinski hat vor ein paar Tagen die Monatsschrift Erich Mühsams verboten, gleich darauf das Wochenblatt des nationalistischen Unabhängigen Otto Straßer. Dieses Blatt ist beschlagnahmt worden, weil es eine beunruhigende wirtschaftliche Nachricht gebracht hat, die nicht den Tatsachen entsprechen soll und hoffentlich auch nicht entspricht. Nun waren Gerüchte ähnlicher Art aber schon längere Zeit im Publikum verbreitet, und auch der Herr Polizeipräsident dürfte davon Kenntnis gehabt haben. Warum hat er die kompetenten Stellen nicht ermahnt, dagegen rechtzeitig etwas zu unternehmen? Ein Dementi in Form eines Zeitungsverbotes ist keine Antwort, die geeignet wäre, die Ängstlichen zu beschwichtigen. Herr Grzesinski ist auch nicht gegen die Erklärung Hitlers und Hugenbergs eingeschritten, in der gesagt wurde, daß die nationale Opposition Abmachungen Brünings in London nicht respektieren werde. Es ist bekannt, daß dieses Pronunziamento einen gradezu katastrophalen Eindruck in London machte und ein gerüttelt Maß Schuld an dem gründlichen Mißlingen der Konferenz trägt. Wenn diese ganze überflüssige Presseverordnung überhaupt einen Sinn haben kann, so nur den, außenpolitischen Schaden zu vermeiden. Innenpolitisch – ja, da ist schon hinreichend gesorgt. Die Autoren von Zensurgesetzen sind nicht sehr phantasiebegabt. Auch Herr Ministerialdirektor Klausener, dem Vorgesetzten Severings und geistigen Vater dieser Notverordnung, ist nichts neues eingefallen. »Druckschriften, durch deren Inhalt die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährdet wird, können polizeilich beschlagnahmt und eingezogen werden.« Mager, sehr mager. Wir politischen Publizisten schütteln zu diesen schülerhaften Bemühungen den Kopf. Wir wissen, daß die Zensur dem Geist unsres Berufes immer recht gut bekommen ist, mag sie die Bewegungsfreiheit der physischen Person auch manchmal gehemmt haben. Die Zensur ist eine ausgezeichnete Pädagogin. Sie erzieht zur Wachsamkeit, sie verhindert das Ausglitschen der Feder, die schnell herunterdiktierte Plumpheit; der Ausdruck erhält wieder Nuance und Schattierung, das Wort Gewicht und Würde. Die Großtaten der politischen Publizistik sind im Schatten der Zensurbehörden geleistet worden; die meisterhaftesten Pamphlete wurden in Kellern geschrieben, während draußen auf dem Platze die Soldaten im Carré standen, um die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zu verhindern. Die amtlichen Glossatoren der Presseverordnung versichern, es komme nur darauf an, Excesse, nicht Richtungen zu treffen. Nun wird bei der hoffnungslosen Verplumpung unsres politischen Empfindens heute jede unbequeme Richtung sehr leicht als Exceß betrachtet, jede Kritik als ein strafwürdiges Verbrechen, das Vorhandensein von Kritikern schon als ein Manko der Schöpfung, das von dem überlegenen Menschengeist schleunigst korrigiert werden muß. Aus diesem Grunde hat sich die hohe Obrigkeit auch ein Entgegnungsrecht in den Zeitungen reserviert. Die Presse muß künftighin bedingungslos abdrucken, was eine erleuchtete Regierungsstelle ihr zuschickt und darf auch in der gleichen Nummer nicht dazu Stellung nehmen. Die Meinung der Regierung ist also der rocher de bronce, den unsre kleine Unmaßgeblichkeit nicht mit Affichen bedecken darf, auch wenn der Guß noch so wenig gelungen ist. Denn so gewiß es eine Zeitungslüge gibt, so gewiß gibt es auch eine amtliche Lüge. Wie oft wird uns Journalisten nicht in Amtszimmern die Hucke vollgelogen. Wir kennen alle die gutgeölte Dementiertechnik von Ministerien und Magistraten. Wir haben oft und oft die heitere Sicherheit bestaunt, mit der Amtspersonen offenkundige Tatsachen ableugnen. Wir kennen aus allen Parlamenten die Szene, wie der Abgeordnete den Minister fragt, warum grade diese Firma 100 000 Mark Subventionen erhalten habe, und wie der Minister mit ehrlicher Entrüstung antwortet, es sei kein Pfennig an Subventionen gewährt worden, und wie der Abgeordnete dann fassungslos nach Luft schnappend seine Beweise schwingt und der Minister dem armen Irren mit echter Überlegenheit vorhält: »Ja, das sind doch keine Subventionen, sondern ...« So ist diese Dementiertechnik. Sie klammert sich an Formalitäten, Auslegungen, sie ergeht sich in Silbenstechereien und unterschlägt die Sache. Ich habe hier ein imaginäres, ein ganz harmloses Beispiel gewählt, ich habe – o erzieherischer Einfluß der Zensur! – nicht den Reichswehretat als Exempel herangezogen. Nun sind die vielen kleinen amtlichen Schwindeleien ein parlamentarisches Gesellschaftsspiel, bei dem Übelnehmen nicht gilt. Was aber wird, wenn dieses Spiel, heute ins Große übertragen, bittere Wahrheiten entkräften, ernste Warnungen in den Wind schlagen soll? Denn mag der Zensor es sich tausendmal einbilden, Sicherheit und Ordnung zu retten, aber Anstand und politische Moral sind nicht auf dies erfreuliche Konto zu setzen. Die Presseverordnung ist ein glänzendes Pendant zum Ausreiseverbot. Der liberal schillernde Staat weicht wieder den soliden alten Begriffen, nach denen er eine Korrektionsanstalt ist, ein Gefängnis; nichts andres. Die Fascisierung schreitet unaufhaltsam fort. Jede Zeitung ein Regierungsorgan – das steht am Ende der Entwicklung, die mit dieser Notverordnung gegen die Pressefreiheit begonnen hat. Stillhalten und mitsingen! Und es wird bald nur eine noch erlaubte Melodie geben, und jeder unsrer Schritte wird sorgfältig bemessen sein. Wer weitergeht, wird erschossen. Die Weltbühne, 28. Juli 1931 1011 Brüning und sein Ruhm Legende Ein Herr Rüdiger Robert Beer hat eine Schrift über den Reichskanzler Brüning herausgegeben, die wir vorige Woche mit einem kleinen heitern Licht gestreift hatten. Wir glaubten dabei nicht, daß es notwendig sein würde, auf diese ganz unwesentliche Arbeit, die sich durch nichts auszeichnet als durch Wichtigtuerei und falsche Biederkeit, nochmals zurückzukommen. Inzwischen hat sich gezeigt, daß auch Herr Beer seine Bewunderer hat und daß auch ein liberal-demokratisches Blatt wie die ›Frankfurter Zeitung‹, um ihrer Sympathie für Brüning Ausdruck zu geben, sich einer Interpretation bedient, die in ihrer psychologischen Hilflosigkeit und ihrer politischen Verwaschenheit kaum anders als komisch genommen werden kann. Es handelt sich nicht um Herrn Beer, einen jungnickelnden Stilisten, sondern um den von ihm Biographisierten und seine Verehrer. Schopenhauer hat sich einmal über die Kathederphilosophen lustig gemacht, für die die Weisheit des Sokrates, die uns doch nur in Anekdoten überliefert wird, ein Axiom ist. Wir haben es augenblicklich mit einem ähnlichen Axiom zu tun: das ist die Staatsweisheit des Herrn Doktor Brüning. Herr Beer zitiert ein Wort des Prälaten Kaas, der durch Krankheit behindert, aber wohl auch in dem Gefühl, daß ein katholischer Kleriker für die höchsten politischen Reichsämter nicht geeignet ist, in den letzten Jahren immer mehr zugunsten Brünings zurückgetreten ist: »Ich habe ihn systematisch in die vordere Reihe geschoben, weil ich in ihm eine Synthese zwischen Denken und Handeln entdeckte, wie man sie ähnlich vielleicht nur bei den Staatsmännern der alten Griechen findet.« Und Herr Rudolf Kircher, der berliner Botschafter der ›Frankfurter Zeitung‹, der das kümmerliche Dekokt des Herrn Beer ernst genug findet, um sich in mehr als acht Spalten unterm Strich darüber zu verbreiten, meint: »In der Person Brünings hat sich das Deutschtum wieder auf die Eigenschaften besonnen, die uns im öffentlichen Leben unter Wilhelm, aber auch im Jahrzehnt der Parteidemagogie, fast aus den Augen entschwunden waren.« Und weiter: »Ihm fehlen die gewohnten Interpretationsmittel, sei es wilhelminischer, sei es demokratisch-demagogischer Art.« Wir wollen uns nicht dabei aufhalten, mit welcher Selbstverständlichkeit hier in einer der letzten bürgerlich-demokratischen Bastionen Demokratie gleich Demagogie gesetzt wird. Auch wir schätzen an dem Kanzler die Schlichtheit, die unpersönliche Art, hinter seinem Amt zu verschwinden. Aber in der Politik kommt es schließlich nicht darauf an, ob ein Minister beim Scheiden von seinem Amt nur den einen Handkoffer mitnimmt, den er ins Haus brachte, sondern ob er ein Staatsmann geworden ist und was er an staatsmännischen Fakten hinterläßt. Ginge es nach der Einfachheit der Lebensführung und dem Verzicht auf die Annehmlichkeiten des Daseins allein, so wäre der trostlos tugendhafte Robespierre der segensreichste aller Regierer gewesen, was die Frankfurterin, deren altes Sonnemannsches Geruchsorgan plötzlich gegen demokratisch-demagogische Mißdüfte so empfindlich geworden ist, gewiß nicht zulassen möchte. Es ist wohl aller Ehren wert, wenn Herr Brüning den nicht verbrauchten Teil seines Gehaltes an die Reichskasse zurückverweist, aber politisch bedeutsamer wäre es, wenn er sein Geld behielte und dafür durch eine Notverordnung weitere Auszahlungen an die abgefundenen Fürsten verhinderte. Das ist der alte Trick, der Dreh mit dem »rein Menschlichen«, vor eine höchst anfechtbare Politik die höchst unanfechtbare Person des Verantwortlichen zu stellen. Nirgends hat Brüning bisher Staatsmannstum gezeigt und bewährt. Seine Notverordnungen sind nach den primitivsten kapitalistischen Rezepten hergestellt, hohe Steuern, niedrige Löhne. Seine Innenpolitik bedeutet den Anbruch neuer Kulturreaktion, das Ende der Versammlungs- und Pressefreiheit. Seine Außenpolitik den Beginn des sogenannten Aktivismus, die traurige Episode der Zollunion. Unter diesem Kanzler ist in fünfzehn Monaten viel geschehen – aber wo hätte er Initiative, wo schöpferische Kraft gezeigt? Hat er seine diktatorischen Befugnisse gebraucht, um auch nur einem einzigen Mißstand zu Leibe zu gehen? Brünings Ruhm – das ist die Hoffnung des politisch und wirtschaftlich lahmgeprügelten Bürgertums, der Mann, der es aus seinen verfassungsmäßig garantierten Freiheiten vertrieben, unter dessen tatenloser Anwesenheit seine ökonomischen Positionen in Stücke geschlagen wurden, werde ihm wenigstens ein bescheidenes kapitalistisches Altenteil sichern. »Er kam nicht ins Amt, um zu diktieren. Er kam mit einer parteipolitischen Idee, die sich nicht verwirklicht hat.« So Herr Kircher, ohne sich leider über diese Idee näher zu äußern. Etwas deutlicher wird schon Herr Beer, wenn er die Programmrede Stegerwalds vom essener Kongreß der Christlichen Gewerkschaften im Jahre 1920 erwähnt. In dieser Rede forderte Stegerwald »an die Stelle der formalen westlerischen Demokratie die organische Demokratie der Selbstverwaltung zu setzen«. Damals war Brüning der Famulus Stegerwalds, und im ›Deutschen‹ hat er diese Anschauungen später oft vertreten. Das Gedächtnis der Menschen und besonders jener, die die Zeitungen schreiben, ist schwach. Sonst würde doch irgend jemand Artikel aus jener Zeit wieder ausgraben, in denen zu lesen war, daß dies Programm Stegerwalds den ersten Versuch in der Zentrumspartei darstellte, wieder in die alten reaktionären Bahnen zurückzugehen, die schroffe Absage an die Erzbergerpolitik der ersten republikanischen Jahre. Wenn Herr Brüning einem Programm treu gewesen ist, dann diesem. Mit verschränkten Armen hat er von April bis September 1930 zugesehen, wie der Wahlkampf ausschließlich gegen Links, gegen die Arbeiterschaft geführt wurde, gegen Erfüllungspolitik und Völkerbund, gegen Sozialpolitik, gegen Gedankenfreiheit und Menschenrechte. Auf alle Apostrophen, sich doch endlich zu äußern, ob er das Bündnis mit Hugenberg und Hitler wolle oder nicht, hat er geschwiegen. Damit ist er zum Wegbereiter des reaktionären Triumphes vom 14. September geworden, zum Mitverantwortlichen für das Unheil, das seitdem über Deutschland hereingebrochen ist. Wenn etwas in dieser Zeit gelungen ist, so die Beseitigung der »formalen westlerischen Demokratie«, die übrigens schon früher nicht allzu üppig ins Kraut geschossen war. Hier ist an die Stelle der verfassungsmäßig verbrieften Garantien bürgerlicher Freiheit die ganz unformale und gar nicht westlerische Polizei getreten. Die »organische Demokratie der Selbstverwaltung« wird dagegen wohl noch etwas auf sich warten lassen. Denn einstweilen gibt es nichts zu verwalten als die Pleite. Der Reichskanzler Brüning hat wenig bewirkt, aber viel zugelassen. Wenn sein Ruf als Außenpolitiker trotzdem zusehends wächst, wenn Beer sogar in der Lage ist, enthusiastische Auslandsstimmen zu zitieren, so hat das einen recht prosaischen Grund. In Deutschland haben sich in diesen Jahren so viele lärmende Hanswurste vorgedrängt, daß ein ernst aussehender Mann, der wenig spricht, schon als ein Genie angestaunt werden muß. An wen soll sich das Ausland halten? An Schacht oder Bang? An Seeckt? Zwischen randalierenden und ahnungslos herumspielenden Halbwüchsigen erwacht das Verlangen nach einem Erwachsenen. Außerdem hält man einen katholischen Politiker niemals für ganz dumm. Erst wenn die Phantasten, die Katastrophen-Spezialisten, etwas zur Ruhe gekommen sind, wird die Stimme des Außenpolitikers Brüning vernehmbar werden. Aber erst dann wird sich auch ein Urteil fällen lassen. Bis jetzt mahnen die innenpolitischen Folgen der Kanzlerschaft Brünings zur Vorsicht. Wenigstens uns, die wir nicht über das virtuose seelenkennerische Rüstzeug von Beer und Kircher verfügen, infolgedessen auch nicht über deren unbegrenztes Vertrauen. Politik ohne Geld Als vor drei Wochen die Danatbank zusammenkrachte, senkte sich auf das allgemeine Entsetzen ein merkwürdiges tröstendes Gefühl nieder, die Ahnung, daß die Ära des Kapitalismus vorbei ist, daß es auf den Besitz des Einzelnen nicht mehr ankommt. In den Galgenhumor mischte sich die Hoffnung auf ein Neues, ein Unbekanntes. Die Menschen hatten es weniger im Bewußtsein als in den Nerven, daß dieser gigantische Klotz: die Wirtschaft, der ihnen sonst jede Minute ihrer Existenz diktierte, plötzlich gesprungen war, daß er seinen Schrecken verloren hatte. War dies Gefühl nicht berechtigt? Flüchtete nicht die Großmacht Wirtschaft, die bisher bei jeder Gelegenheit ihre Superiorität mit einer Intoleranz ohnegleichen betont hatte, unter die abgeschabten Rockschöße des sonst immer in die Ecke gedrängten Staates? Seitdem hat der Staat sehr viele Findelkinder aufnehmen müssen. Die größte sächsische Bank hat sich mit der Staatsbank vereinigt; wenn sich auch die Schriftgelehrten im Augenblick noch nicht einig sind, welchem Institut es am schlechtesten ging, so besagt doch die Entscheidung der Privatbank, daß sie den Staat für kein Bankrottunternehmen hält. Und während diese Zeilen geschrieben werden, sind die Meldungen noch nicht dementiert, daß das Reich in die Dresdener Bank einzusteigen beabsichtige. Wir stehen am Anfang einer neuen Entwicklung. Erst nach Einführung des vollen Zahlungsverkehrs wird sich ein Überschlag über den Stand der Wirtschaft machen lassen. Die gegenwärtige Dunkelheit verhindert nicht nur das Sehen, sondern auch den Griff in eigne oder fremde Taschen. Bald wird es tagen, und bei hellem Tageslicht wird der Kapitalismus fürchterlich aussehen. Ein bleiches, ausgehöhltes Gespenst, dem die Haut grau und runzlig um die dürren Glieder schlottert. Ein Fresser, der plötzlich auf Wasser und Brot gesetzt ist und zusehends verfällt. Für den deutschen Kapitalismus ist der 13. Juli das geworden, was der 14. September für die deutsche Demokratie gewesen ist. Aber so wie Hitler den Tag nach dem 14. September versäumte und damit eine Gelegenheit, die niemals wiederkehren wird, so verpaßt der Staat heute die Stunde, den Kapitalismus für immer unter seine Hoheit zu bringen, das generationenlange Duell zwischen Staat und Wirtschaft mit seinem endgültigen Siege zu beenden. Alles was die Regierung unternimmt, läuft darauf hinaus, sie zu päppeln, zu sanieren. Aber dieser Patient wird niemals mehr gesund werden. Was wirklich los ist, hat die öffentliche Meinung viel besser in den Fingerspitzen. Wer beachtet noch die polternden Kundgebungen der Schwerindustrie? Wo liest man noch etwas von »freier Wirtschaft«, »privater Initiative«? Wo noch die altgewohnten Deklamationen gegen die öffentliche Hand? Welches Blatt zitiert eigentlich noch die ›Bergwerkszeitung‹, die ›Börsenzeitung‹ oder die ›Deutsche Allgemeine Zeitung‹, die gestern noch so pompösen Herolde des klassenbewußten Unternehmertums? Diese schwer gepanzerten Industriemoniteure wirken vorgestrig, und außerdem sind sie reichlich kleinlaut geworden. Die gestern noch wie Blücher übern Rhein wollten, warten nun ganz klein und häßlich auf den pariser Pump. Was wir jetzt in Deutschland erleben, diese Kirchhofsruhe, dieses höfliche Schweigen auch der wildesten Parteien, ist etwas ganz Einzigartiges. Die Parteien haben kein Geld, und damit hört auch die Politik auf. Wenn man Sozis oder Reichsbannerleute fragt, warum sie nichts gegen den Stahlhelm unternehmen, so antworten sie resigniert, wir haben kein Geld. Fragt man die Stahlhelmleute, warum die Agitation für den Volksentscheid so gemächlich betrieben werde, so heißt es auch hier achselzuckend: Kein Geld! Dasselbe wird man hören, falls das Referendum fehlschlägt. Hugenberg selbst, der alte Cherusker, schaut sinnend auf sein Bärenfell, denn auch er sitzt bei der Danatbank fest. Hitler, der Brecher der Zinsknechtschaft, ist stillgeworden, seitdem Lahusens keine Wolle mehr kämmen und seitdem seine andern Mäzene ihr bißchen Geld lieber zum Einkauf von Lebensmitteln verwenden, was entschieden vernünftiger ist. Und die K.P.D., die revolutionäre Partei, die seit Jahr und Tag Bastillen stürmt und Systeme an der Wurzel packt? Sie denkt nicht im Traum an Revolution. Sie beteiligt sich lieber am Volksentscheid, einer streng legalen Sache, um die Energie ihrer Aktivsten zu beschäftigen. Ein Ablenkungsmanöver; Getöse ohne Kampf. Es ist kein Geld da, und deshalb stagniert auch die Politik. Wo die Herren vom Bau notgedrungen agieren, tun sies wie Schauspieler auf der Probe: sie bleiben in der Alltagskleidung und schonen die Stimme; sie markieren. So wird mit seltener Eindringlichkeit eine ungeheure Kluft sichtbar: hier die Parteiapparate, die mangels Betriebsstoff ruhen, hier das Volk mit seinen Sorgen, mit seiner Empörung, mit seiner Not, die keine Pause kennt. Aber, gesetzt, es käme morgen wieder Geld ins Land – dieser Augenblick dürfte fürchterlich werden. Wenn erst die Kredite des Erbfeindes hereinströmen, dann fährt neuer Lebensmut in die Verzagten. Dann aber: Licht aus, Messer raus! Die Parteiapparate fangen an zu glühen und zu brodeln wie delirierende Wurstkessel. Sie speien wieder Flugblätter, Reden, Schlagzeilen. Die Hermannsschlacht respektive Volksrevolution respektive Kampf für respektive gegen die Republik setzt mit ungeahnter Vehemenz ein. Aber erst muß wieder etwas Geld da sein. Pressechef verkündet die Autarkie Zwei englische und ein amerikanischer Minister sind in Berlin gewesen und wieder abgereist. Laval wird nach Berlin kommen, Brüning und Curtius werden nach Rom fahren. In der Außenpolitik, die noch vor einiger Zeit eingefroren schien, herrscht totale Mobilmachung. Dennoch weiß man nicht recht, zu welchem Ende, und vor allem weiß man nicht, was die Reichsregierung will. Welches sind ihre Pläne? Niemand kann darüber Genaues sagen, und ziemlich sicher ist nur, daß starke Kräfte in der Reichsregierung der Verständigung mit Paris widerstreben. In dieses etwas wirre Rätselraten fällt plötzlich ein Licht von Oben. Die Reichsregierung selbst ist es, die in einer an die ›B.Z. am Mittag‹ gesandten Entgegnung auf Grund der Notverordnung »zur Bekämpfung der politischen Ausschreitungen« ihre außenpolitische Linie zu definieren sucht. Die politische Ausschreitung des Blattes besteht darin, das unterstützt zu haben, was von wohlwollenden Beurteilern für die Politik der Reichsregierung gehalten wird. Die ›B.Z.‹ mag sich ungeheuer gewundert haben, als ihr so unvermittelt attestiert wurde, daß sie Sicherheit und Ordnung gefährde. In Wahrheit hat sie der Regierung einen Gefallen erweisen wollen, indem sie sich gegen unberufene nationalistische Ratgeber wandte: »Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß gewisse Kreise den Ausgang der Londoner Konferenz und die Tatsache der augenblicklich nicht bestehenden Anleihemöglichkeiten dazu benutzen wollen, die vom Reichskanzler in Paris und London angebahnte deutsch-französische Annäherung als überflüssig hinzustellen und damit zu sabotieren.« Die Entgegnung des Herrn Ministerialdirektors Doktor Zechlin, der sich als Pressechef nun wohl als unser aller Vorgesetzter fühlt, schwingt sich ganz gemütlich darüber hinweg, daß die ›B.Z.‹ ja nur »gewisse Kreise« beschuldigt, solche Auffassungen zu vertreten. Er verteidigt schlankweg die gar nicht angegriffene Regierung: »Die Reichsregierung treibt keine ›Prestigepolitik‹ auch nicht Frankreich gegenüber.« Niemand hat das behauptet. »Die für eine Deutschland-Anleihe geforderte Staatsgarantie Frankreichs, Englands und Amerikas ist in keiner Weise zu erhalten. Die Ausführungen der ›B.Z. am Mittag‹ gefährden daher den Willen des deutschen Volkes zur Selbsthilfe und schwächen das Vertrauen auf seine eigne Kraft, durch das in diesen Zeiten allein die Überwindung der Wirtschaftsnöte möglich ist.« Die Überraschung über diese Art von Zwangsentgegnung war ungeheuer. Auffällig genug ist es, wenn ein Blatt, das der Regierung nach Kräften zu sekundieren sucht, derartig gerüffelt wird; auch der ›Börsencourier‹, der in der Regierung Brüning so ziemlich das Erlesenste seit Bismarck sieht, hat wegen einer andern Sache einen Wischer bekommen. Handelt es sich hier nur um die Machtgelüste eines Pressechefs, der sich als Pressevogt fühlt, oder wünscht die Regierung nicht die Unterstützung von Blättern, die zur Verständigung mit Frankreich raten? Der zweite Punkt ist ernster. Denn es ist die eigne Sache der betroffenen Zeitungen, wenn ihre gläubige Beflissenheit enttäuscht wird, das andre aber ist ein Politicum ersten Ranges. Bisher wenigstens mußte man der Meinung sein, daß die »Selbsthilfe« die Bemühungen um eine langfristige Anleihe nicht ausschließe und nur der notwendigsten innern Balance zu dienen habe. Der Herr Pressechef jedoch unterstreicht das Vertrauen auf »eigne Kraft, durch das in diesen Zeiten allein die Überwindung der Wirtschaftskrise möglich ist«. Das wäre doch ein offenes Bekenntnis zur sogenannten Autarkie, und man versteht nicht recht, warum danach noch Unterhandlungen mit Laval und Mussolini nötig sein sollen. Es ist ja alles in Ordnung. Wir ersetzen ein Mittagessen durch stramme Haltung. Von vornherein haftete der Regierung Brüning eine fatale außenpolitische Zweideutigkeit an, die der Kanzler erst jüngst beseitigt hat. Soll dieses gefährliche Spiel von neuem beginnen? Pariser Blätter schreiben bereits, die Reichsregierung verbreite die Meinung, daß sie von Frankreich selbst gegen politische Garantien keine Kredite erhalte. Es muß schnell und eindeutig geklärt werden, ob der Herr Reichspressechef als Interpret offizieller Meinungen aufgetreten ist oder ob er in eignen Improvisationen geschwelgt hat. Seit 1918 stand es niemals gut um Deutschland, wenn wir »aus eigner Kraft« und »allein« fertig werden wollten. Auch ohne törichte Experimente werden die nächsten Monate schwer genug werden. Die Autarkie führt die Kohlrübe im Wappen. Das stolze »Allein« heißt: allein verkümmern, allein verhungern. Der Reichskanzler mag nicht so groß sein wie sein Ruhm, aber er wird klug genug sein, um zu wissen, daß kein Staatsmann mehr dem Volke das grauenhafte Opfer einer selbstgeschaffenen Blockade auferlegen kann, die, wie Dreiundzwanzig, mit einer elenden und bedingungslosen Kapitulation enden muß. Der nächste verlorene Ruhrkrieg wird ganz Deutschland in Brand stecken. Illusionen darüber, Herr Pressechef, gefährden Sicherheit und Ordnung. Die Weltbühne, 4. August 1931 1012 Volksentscheid Zwei Drittel aller preußischen Staatsbürger begegnen sich in dem Wunsch, etwas zu unterlassen. Das ist der dürre Sinn der Ablehnung dieses Volksentscheids. Wie wäre das Resultat gewesen, wenn die Regierung Braun mehr gefordert hätte als ein Bleibenlassen, als eine Unterlassungstugend? Die Herren Hugenberg und Seldte sind doch sonst keine so langsträhnigen Theoretiker, sondern intime Kenner der deutschen Volksseele. Hätte das Begehren schlankweg gelautet: Die preußische Staatsregierung ist unverzüglich aufzuhängen! – es hätten sich zwanzig Millionen eingeschrieben. Wer interessiert sich denn bei uns für formale Demokratie? Schon die bruchweisen Resultate, die jetzt, Montag Nacht, vorliegen, zeigen das Steckenbleiben des Volksentscheids. In den meisten Wahlkreisen sind nicht mehr als einige dreißig Prozent erreicht worden, nur die pommersche Vendée kommt, wie nicht anders zu erwarten war, über fünfzig Prozent hinaus. Es ist den Rechtsparteien nebst Dingeldey nicht gelungen, einen zweiten 14. September in Szene zu setzen. Die Wähler sind müde geworden und glauben nicht mehr an die Heilkraft parlamentarisch-legaler Mittel, am allerwenigsten, daß durch ein innenpolitisches Partialunternehmen viel gebessert werden könnte. Das Ergebnis ist kein Vertrauensvotum für die preußische Regierung, sondern ein Zeugnis wachsender Passivität. Auf beiden Seiten ist die Bedeutung dieser Abstimmung erheblich überschätzt worden. Der preußische Landtag wird sowieso im nächsten Frühjahr neu gewählt werden. Seine Zusammensetzung wird in jedem Fall eine ganz andre werden, da die meisten bürgerlichen Parteien, die im Landtag noch in alter Stärke sitzen, im Reiche inzwischen zusammengebrochen sind. Der Ausgang des Volksentscheids besagt gar nichts über das künftige Kräfteverhältnis; es liegt auch noch ein Winter wachsender Arbeitslosigkeit und neuer Verelendung zwischen heute und dem Wahltermin. Namentlich das allzu erregte Ausland irrt, wenn es von einem Entscheidungskampf zwischen Demokratie und Reaktion spricht. Die Demokratie hat ihre Marneschlacht schon hinter sich und ist in einen Stellungskrieg gedrängt worden, über dessen Ausgang sich kein Kenner Deutschlands im unklaren sein sollte. Den Block Brüning-Braun, von dem schlecht unterrichtete ausländische Pressevertreter in Berlin phantasieren, gibt es nicht. Es gibt einen Block Hindenburg-Brüning-Reichswehr, das ist die machtpolitische Grundlage der gegenwärtigen Diktaturwirtschaft. Die Legende, daß Brüning und Braun, ein katholischer und ein sozialistischer Demokrat, das deutsche Weltgebäude gemeinsam auf starken Schultern tragen, ist ein frommer Irrtum, der dem Reichskanzler indessen zurzeit aus außenpolitischen Gründen zustatten kommt, weil er ihm in London und Paris eine liberale Aura sichert. In Wahrheit wird die Regierung Otto Braun in Preußen nur durch die bedingungslose Kapitulation der Sozialdemokratie im Reiche erkauft. Die früher sehr tätige preußische Koalitionsregierung besitzt heute auch nicht mehr den Schatten ihrer einstigen Autorität und Selbständigkeit. Die ahnungslosen Toren, die noch immer an das Bündnis zwischen Reichsregierung und Preußenregierung glauben, wurden rauh aus ihren Träumen gerissen, als unmittelbar vor der Volksabstimmung vom Reichspräsidenten-Palais aus versucht wurde, Herrn Otto Braun wegen der Zwangsveröffentlichung der allerdings unsagbar schlechten preußischen Regierungsproklamation ein Bein zu stellen. Dieser Zwischenfall zeigt allzu deutlich, daß die engern Berater des Reichspräsidenten mit den sozialdemokratischen Ministern in Preußen schon jetzt gern reinen Tisch gemacht hätten, ohne viel nach der Außenwirkung zu fragen. »Mich wird man nicht an der Wahlurne sehen«, sagte Herr Brüning in seiner Rundfunkrede. Dafür hat man aber Herrn Schiele gesehen, Hindenburgs Ziehkind. Es mutet etwas komisch an, wenn das Hugenbergsche Montagsblatt in der ersten Bestürzung über die kargen Ziffern den Kommunisten die Schuld in die Schuhe schiebt. Erwägt Hugenberg etwa eine Schadenersatzklage gegen Thälmann? Ein festes Abkommen bestand doch nicht. Die Kommunisten hatten doch ihren Kampf auf eigne Faust und unter eigner Parole geführt. Es ist Heuchelei und Unsinn obendrein, wenn die Sozialdemokraten behaupten, die KPD habe als Verbündete der Rechten mitgewirkt. Einig waren die Parteien des Volksentscheids nur in der Forderung nach Neuwahlen, sonst lag weder in Programm noch Ziel eine Gemeinsamkeit vor. Die Sozialdemokratie ist am wenigsten legitimiert, solche Anklagen zu erheben, nachdem sie seit 1914 mit jeder Reaktion durch Dick und Dünn gegangen ist. Erst bei der Beratung des letzten Reichswehretats hat ihr Redner Schöpflin das provozierende Wort gebraucht: »Lieber mit Gröner als mit den Kommunisten!« was auch nicht grade von proletarischer Solidarität durchtränkt ist. Der Abgeordnete Münzenberg ist durchaus im Recht, wenn er in einem seiner Blätter schreibt: »... es gibt keine Partei in Deutschland, die soviel ihrer besten Kämpfer, Funktionäre und Mitglieder im Kampfe gegen den Fascismus verloren hat wie die KPD.« Leider unternimmt es der rote Zeitungslord in diesem Artikel, die Stellung der ›Weltbühne‹ zu den Kommunisten in der Frage des Volksentscheids in rüdester Weise zu verfälschen, sehr im Gegensatz zu seinem eignen Zentralorgan, das unsre Meinung richtig ausgelegt hat. Trotzdem sollte die Tatsache, daß unzählige kommunistische Wähler ferngeblieben sind, der Zentrale ernsthaft zu denken geben. Die Partei hat im letzten Jahr allzu viel experimentiert, allzu viel abwegige Versuche gemacht, die Abgesplitterten von rechts aufzufangen. Darüber hat sie die Massen vergessen, die ihr von Links zuströmen können. Es wird für die KPD Zeit, aus den Illusionen einer Selbstzweck gewordenen Propaganda, aus den abgründigen Bezirken des skrupellosen Seelenfangs in die wirklichen Sachwerte zurückzukehren. Die deutsche Arbeiterschaft ist für Militarismus und Nationalismus nicht einzuspannen. Das hat sich auch hier wieder spontan gezeigt. Die Regierungspresse ist schon daran, uns zu belehren, daß dieser Volksentscheid in erster Linie als ein Votum für die Politik Brünings aufzufassen sei, als ihre Rechtfertigung nicht durch das Parlament, das ja nach Hause geschickt ist, sondern durch das unendlich größere Forum des Plebiscits. So hätten also die sozialdemokratischen Arbeiter die Notverordnungen, den Lohnabbau, die Reduzierung der Sozialpolitik legalisieren wollen? Das wird doch nur ein gottverlassener Narr behaupten wollen. Und Herr Severing ist auch kein solcher Volksheld mehr, als daß seine von der Polizei verprügelten Untertanen ihm damit seine selbstgeflochtenen Lorbeerkränze hätten bestätigen wollen. Nein, dieser 9. August hat keinen Sieg gebracht, dazu ist das Ergebnis zu zweischneidig, die Wirkung zu zwitterhaft. Mögen die, die nicht alle werden, Fahnen heraushängen und Freudenfeuer abbrennen. Was gibt es da viel zu heroisieren? Dieser Sieg der Demokratie ist nur möglich geworden, weil die preußische Regierung das Zuhausebleiben als höchste staatsbürgerliche Pflicht proklamierte. Was wäre aber geworden, wenn sie selbst von ihren Leuten Aktivität gefordert hätte? Was? frage ich. Die Weltbühne, 11. August 1931 1013 Bülow-Platz Am Sonntag den 9. August, abends acht Uhr, sind am berliner Bülow-Platz vor dem Lichtspieltheater »Babylon« zwei Polizeioffiziere, die eine Streife führten, meuchlings ermordet worden; ein dritter erhielt eine schwere Verletzung. Als die Polizei das Feuer erwiderte, blieben ein paar Leute tot und verwundet liegen, Leute, von denen niemand weiß, ob es Kombattanten oder Passanten waren. Wir werden auch schwerlich jemals die Wahrheit erfahren, denn inzwischen ist das Bild dieser traurigen Vorgänge durch eine Kommunistenhetze verfälscht und verzerrt worden, wie wir sie seit langem nicht erlebt haben. Ja, alle innere Politik scheint in diesem Augenblick nur Kommunistenhetze zu sein und nicht mehr. Selbst bei denjenigen liberalen Blättern, die sich sonst ein gewisses Maß von Objektivität bewahren, auch wenn es sich um Linksradikale handelt, gelten die Behauptungen der Polizei als sakrosankt. Es gilt als erwiesen, daß die KPD die Meuchelmorde am Bülow-Platz gewünscht und planmäßig durchgeführt hat. Sie unterhält Terrorgruppen, sie unterhält eine Geheimabteilung für Sprengstoff-Attentate wie das von Jüterbog. Nirgends regt sich angesichts der Fülle von Gerüchten eine regulierende Skepsis. Nirgends denkt man daran, die vom Polizeipräsidium ausgegebenen Berichte unter eine kritische Sonde zu nehmen. Nirgends erinnert man sich der blutigen Maitage von 1929, die bekanntlich mit wilden Aufruhrmeldungen begannen und mit einer ausgewachsenen Polizeiblamage endeten. Das Schlußergebnis bildeten dreißig Tote und dreimal so viel Verletzte, aber nicht ein Quentchen Beweis konnte erbracht werden, daß diese Opfer im Straßenkampf gefallen waren, daß überhaupt so etwas wie Aufruhr stattgefunden hatte. Und niemand erinnert sich mehr der erst kurze Zeit zurückliegenden Episode, wo ein Schutzpolizist in Zivil im dienstlichen Auftrag zwischen lärmenden Demonstranten gesteckt hatte. Die politischen Gründe dieser neuesten Kommunistenhetze sind leicht zu finden. Den sogenannten Siegern vom 9. August ist nicht ganz wohl bei ihren Lorbeeren. Statt daß jetzt mit den Rechtsparteien endlich Fraktur geredet wird, will sich Brüning mit Hugenberg freundlich unterhalten. Die preußische Regierung hat die ihr von der Reichsregierung wegen der Zwangsveröffentlichung ihres Aufrufs erteilte Maulschelle schweigend eingesteckt. Ein schönes moralisches Beispiel, daß auch der Sieger nicht dem Hochmut verfallen darf. Die angeblich in Stücke geschlagene Rechte findet freundliche Samariterhände, die ihr die Schwielen am Hintern mit Salben bestreichen. Losung aus dem Reichspräsidenten-Palais: auf Lazarette darf nicht geschossen werden! So blieben nur die Kommunisten übrig. Die Sozialdemokraten benutzen die allgemeine Vernebelung, um die Konkurrenz aufzureiben oder wenigstens nach Kräften zu schädigen. Es wird ihr nicht gelingen. Nur die Kluft zwischen den beiden Arbeiterparteien wird verbreitert, hoffnungslos verbreitert werden. Auch die neue blutige Episode am Bülow-Platz gehört in das jammervolle Kapitel der Kämpfe zwischen den beiden Arbeiterparteien. Nicht Staat und Staatsfeinde sind es, die hier ringen, sondern Parteien, von denen die eine das Glück hat, als Staatsautorität verkleidet walten zu dürfen. Ich behaupte, daß dieser jahrelange Bürgerkrieg am Bülow-Platz unter einem halbwegs verständigen bürgerlichen Polizeipräsidenten unmöglich wäre. Dem wären die Kommunisten Hekuba; nur Sozialdemokraten, also Blutsverwandte, kennen diesen intimen Haß, dieses beißende Gelüst, die Abscheulichkeit, die Gemeingefährlichkeit der benachbarten Partei immer aufs Neue zu beweisen. So ist der Bülow-Platz seit Jahr und Tag die klassische berliner Arena erbitterter Partisanenkämpfe. Ein Stück Mittelalter tut sich mitten in der nüchternen Millionenstadt auf. Alexander-Platz gegen Bülow-Platz! Polizeipräsidium gegen kommunistische Parteizentrale! So stand das Quartier der Capulets gegen das der Montagues. So stand die Stadtvogtei des Patriziats gegen das Haus der Zünfte oder der Handwerksgesellen. Ist es nicht wie eine Erscheinung aus versunkenen Jahrhunderten? Seit Jahr und Tag wiederholt sich das: eine Polizeistreife kommt über den Bülow-Platz; ein paar junge Burschen, mit Parteiabzeichen versehen, gehen vorüber. Die Polizisten sehen die jungen Leute scharf und mißtrauisch an, diese erwidern mit herausfordernden Blicken oder Grimassen. Ein böses Wort fällt, die Gummiknüppel fliegen, ein Schuß kracht, und nachher liegt ein Polizist oder ein junger Arbeiter starr und strack auf der Bahre. Gibt es da noch eine Schuldfrage? Es ist heute wohl fast unmöglich, das Maß von Schuld zu verteilen und soll auch nicht versucht werden. Zwei Psychosen treffen hier explosionsbereit zusammen und verwandeln ein Stück dieser nüchternen und noch immer ruhigen Stadt in ein besonderes Territorium wüster Indianerinstinkte. Nicht Polizei, nicht Rotfront soll hier bemakelt werden, das sei den Parteimenschen überlassen. Es soll nur in jene tragische Verstrickung hineingeleuchtet werden, die immer neue Todesopfer, immer neue Lahmgeschossene und Krummgeprügelte fordert. Es kommt nicht darauf an, wer den ersten Schuß abgefeuert hat, aber die Schüsse vom 9. August müssen die letzten gewesen sein. * Wenn man in diesen Tagen über den Bülow-Platz kommt, so bietet sich ein Bild, wie man es in Berlin seit der Revolution nicht gesehen hat. Das Karl-Liebknecht-Haus, das kommunistische Parteihaus, ist geschlossen; ein weiter Umkreis ist gesperrt und darf überhaupt nicht betreten werden. Die Schupos gehen zu zweien und herrschen jeden an, der die Hände in der Tasche hält. »Hände raus!«, heißt es schon auf viele Meter Entfernung, von drohenden Gebärden illustriert. »Auseinander«, wenn ein paar Leutchen eingehakt gehen. Die Bauzäune im Zuge der Hankestraße bilden einen Engpaß, der vom Publikum gern benutzt wird, weil es sich zwischen den hohen Planken sicherer fühlt als auf dem weiten Platz. Es eilt schnell und schweigend an den Posten vorüber. Nach Dunkelwerden fahren die großen Mannschaftsautos umher, und das stechend weiße Scheinwerferlicht schlägt hart in erschreckte Gesichter, in geblendete Augen. Bei dieser Aufmachung fühlt sich jeder verdächtig, jeder als Missetäter. Schneller noch wenden sich Gesichter bei Seite, huschen Menschen gespenstisch wie kopflose Schatten vorüber. So sieht es in einer eroberten Stadt am ersten Abend aus. Noch fühlt sich der Sieger von Hinterhaltschützen bedroht. Noch hat die Bevölkerung nicht angefangen zu fraternisieren. Noch haben die kleinen Mädchen vor den fremd aussehenden Soldaten Angst und machen ein Gesicht, als sollten sie gefressen werden. Nun, im Kriege hat sich das immer schnell gegeben. Hier jedoch hat man das Gefühl, daß diese Zivilisten und diese Uniformierten niemals zusammenfinden, niemals ein freundliches Wort wechseln werden. Die Schupos patrouillieren zu zweien mit ernsten, verbissenen Gesichtern. Man sieht ihnen an, wie sie der Tod ihrer Kameraden getroffen hat. Man sieht aber noch mehr: sie fühlen sich in einem gefährlichen Dienst und noch immer an Leib und Leben bedroht. Sie stehen unter einem nervenaufreibenden Eindruck. Sie glauben zu wissen, daß jeder der Feind sein kann. Sie verlieren die neutrale dienstliche Haltung, wo eine Hand sich selbstvergessen in die Rocktasche senkt. Dann schreien sie schrill und undiszipliniert und stürzen drauflos, wie einer, der sich von unsichtbaren Feinden bedroht fühlt und erleichtert ist, daß diese geheime, diese körperlose Schrecknis plötzlich ein Gesicht bekommt. Auch sie sind die bedauernswerten Mitspieler eines politischen Trauerspiels, in dem es für sie weder Maß noch Urteil gibt, nur das Bewußtsein, pflichtgemäß zu handeln. Sie fühlen sich nicht als Sicherheitspolizei, sondern als Soldaten. Sie wissen: wenn sie eingesetzt werden, so bedeutet das Krieg. Der Soldat fragt nicht, warum Krieg ist. Das ist nicht seine Sache, darüber mögen sich die Vorgesetzten den Kopf zerbrechen. So patrouillieren sie paarweis über den weiten Bülow-Platz und an den Ausgängen der schmalen Zufahrtsstraßen. Ihre Blicke sagen: Wir werden von hinten erschossen, das ist kein ehrlicher Krieg! Und was habt ihr überhaupt in der Feuerzone verloren? Oder steckt ihr alle mit denen im Bunde, die aus dem Hinterhalt schießen? Die Männer jagen hastig weiter, niemand hat Lust sich aufzuhalten, die Mädchen mit ihren Stadtköfferchen trippeln auf hohen Absätzen vorbei ohne aufzublicken. Niemand denkt an Resistenz. Es ist richtig, hier sind zwei Morde geschehen. Aber Mordtaten werden sonst im stillen aufgeklärt. Niemand denkt sonst daran, einen ganzen Stadtteil deswegen für aussätzig, für außerhalb des Gesetzes stehend zu erklären, über ihn deswegen das Kriegsrecht zu verhängen. Spät abends ist der Platz so gut wie leer. Wer nicht grade dort wohnt, wählt lieber einen andern Weg. Der Passant fährt plötzlich erschreckt zusammen: aus einer Mauernische starrt ihn ein forschendes Gesicht unter einem schwarzen Tschako an. Dann wird die Erscheinung wieder von der Finsternis gefressen. Es ist unheimlich still in diesen dichtbevölkerten Proletarierstraßen. Ferne Schritte verhallen, und hoch oben über dem Kinopalast Babylon knallt ein großes rotes Plakat, grell beleuchtet, aus dem nächtlichen Dunkel des alten Scheunenviertels. »Opernredoute«: ein zärtliches Paar mit gespitzten Lippen. Seltsam, wie obscön dieses harmlose Plakat über diesem waffenstarrenden Platz wirkt. Es ist wie die Vision eines riesenhaften Kriegsbordells. * Eine Polizeibeamten-Zeitung schrieb vor einiger Zeit klagend: »Leider ist es heute so, daß der im Dienst befindliche Polizeibeamte immer auf sich allein oder auf seine Kollegen angewiesen ist und nur sehr selten Hilfe und Unterstützung aus dem Publikum erhält, wenn er bedrängt wird.« Diese Klage steht in einem Verbandsblatt, dessen republikanische Gesinnung nicht bezweifelt werden kann, wie denn überhaupt die preußische Polizei noch immer starke republikanische Bestandteile enthält. Desto bedauerlicher ist auch der unverkennbare Zwiespalt zwischen der Polizei und dem Publikum, besonders der Arbeiterschaft. Der Grund dafür ist in der ungewöhnlichen und nur selten motivierten Härte des körperlichen Zugriffs zu suchen, den die Polizei bei Auftritten, namentlich politischer Art, für nötig hält. Erste Phase: Rippenstoß von Gebrüll begleitet, zweite Phase: Gummiknüppel, dritte Phase: Revolver. Das ist feststehender Ritus. Wenn ich nach eignen Beobachtungen schließen darf, so muß ich sagen, daß der einzelne Schutzpolizist bei Auskünften der höflichste Mensch von der Welt ist; im übrigen tolerant gegen Besoffene, beim Erscheinen [von] Radaubrüdern bereit, nach der andern Seite zu gucken; ein wahrer Satan jedoch, wo sich ein kleiner politischer Krakehl anspinnt. Die preußische Polizei hat manche Vorzüge, aber unglücklicherweise fehlt ihr die Erkenntnis, daß ein Teil der Politik sich heute auf der Straße abspielt; eine Tatsache, die wir auch bedauern, die uns aber nicht nötigt, deswegen einen Totschläger zu erwerben. Die Polizei sieht in Menschen, die Versammlungen besuchen, ihren natürlichen Feind. Staatsbürgerliche Rechte und obrigkeitliche Auffassungen von Ruhe und Ordnung werden auch in stillern Zeiten oft kollidieren. Heute sind Millionen unter uns verzweifelt, weil sie nicht wissen, wovon sie am nächsten Tage leben sollen. Solche Stimmungen müssen sich notgedrungen in Einzelexzessen Luft machen. Und diesen bis jetzt gewiß nicht großen Ausschreitungen steht eine militarisierte Polizeitruppe gegenüber, der ein schäbiger Rock, ein ausgehungertes Gesicht schon hinreichend verdächtig erscheint. Da wird gleich geschrien, da setzt es umgehend Puffe und Schläge. So entsteht zwischen Polizei und Proletariat ein Zustand des Hasses und der Gewalttätigkeit; auf beiden Seiten gibt es vieles zu rächen. Die Vendetta ist in manchen Gegenden schon zur normalen Verkehrsform geworden. Es wäre ungerecht und unsinnig, den einzelnen Schupomann verantwortlich zu machen. Er lebt kaserniert, er hält sich an Instruktionen, und diese Instruktionen werden gewiß sehr schroff sein. Sie müssen den Mannschaften das Bild einer bösen, feindlichen Welt geben, in der man, wie im Kriege zuerst schlagen muß, um nicht selbst erschlagen zu werden. Diese nervösen, oft übernächtigen Gesichter, diese argwöhnischen angespannten Augen unterm Tschako lassen auf die Härte der Instruktionen schließen. Entspricht dieses Bild der Wirklichkeit? Gewiß, wir haben sehr geräuschvolle radikale Parteien. Aber hat selbst die ungeheure Verelendung dieser letzten beiden Jahre schon Ausschreitungen größern Umfanges gezeitigt? Es hat keine nennenswerten Hungerkrawalle gegeben, wie allgemein erwartet wurde. Wo Scheiben eingeworfen wurden, handelte es sich, wie schnell festgestellt wurde, um hakenkreuzlerische, um antisemitische Zettelungen. Ausländische Beobachter schreiben bewundernd von der Disziplin des deutschen Volkes, sich nicht in unnützen Gewalttaten zu verlieren. Nur unsre Obrigkeit bringt Deutschland nicht das gleiche Vertrauen entgegen. Sie steht ständig schußbereit, und bei jedem Hoch auf Rotfront geht das Gewehr los. Die Obrigkeit ist viel besser genährt als das Gros des Volkes, aber ihre Nerven sind bedeutend schlechter. Es wird auch allzu oft mit zweierlei Maß gemessen. Viele Polizeioffiziere, die nach links ausschlagen, ertragen nationalsozialistische Ausschreitungen mit beleidigender Nachsicht. Nicht nur Kommunisten, auch das stets so loyale Reichsbanner hat manche Schramme davongetragen. Hat es nicht bei den Remarque-Krawallen im vorigen Winter tagelang gedauert, ehe die Polizei etwas gegen das Straßenregiment des kleinen Goebbels unternahm? Ich denke auch an die denkwürdige Premiere des »Flötenkonzerts von Sanssouci« im vorigen Dezember, wo Polizisten sich auf jeden harmlosen Zischer und Zwischenrufer mit der Wildheit von Amokläufern warfen und ihn mit sich schleppten, während sie stumm wie Bildsäulen blieben, wenn unmittelbar hinter ihnen »Deutschland erwache!« gerufen wurde. Eine Polizei, die alle gleich hart anfaßt, mag als ungemütlich empfunden werden. Eine Polizei jedoch, die ihre Energie vornehmlich gegen eine Seite richtet, verliert ihre Autorität und wird einfach als Partei betrachtet werden. Der Abend des 9. August am Bülow-Platz war für die Polizei gewiß tragisch. Aber ihre Maßnahmen seitdem tragen nicht zur Beruhigung bei, sondern sind nur geeignet, neue Racheinstinkte zu erwecken. Die Presse deckt alles, was seitdem geschehen ist, mit dem Mantel der Liebe, glücklich, sich an den kommunistischen Prügelknaben halten zu können. Wenn der Rotkoller verflogen ist, wird manches wieder anders aussehen. Was inzwischen unter die Räder kommt, ist ja nicht viel: es sind nur die verfassungsmäßigen Garantien persönlicher Freiheit. Der Deutsche ist leicht geneigt, auf solche Kleinigkeiten zu verzichten. Die deutsche Presse weiß sich in dem Punkte einig, daß die Zentrale der KPD den Mord an den beiden Schupoleuten bestellt hat, um ihre Niederlage beim Volksentscheid zu verdecken und ihren Leuten etwas zum Protestieren zu geben. Bisher hat sich noch keine Spur ergeben, die dahin führt; die Terrorgruppen konnten nicht nachgewiesen werden und werden auch nicht nachgewiesen werden können, denn so dumm ist keine Partei, sich auf ein so waghalsiges Abenteuer einzulassen. Das Geheimnis könnte nicht lange verborgen bleiben, seine Enthüllung würde das Verbot der Partei automatisch herbeiführen. Schon lange wird in gewissen Regierungskreisen des Reichs und Preußens mit diesem Gedanken gespielt. Ein Rückzug in die Illegalität würde die Partei um die Verbindung mit den Massen bringen. Sie müßte ihre ganze Kraft auf die Erhaltung des umfangreichen Apparates richten. Ein paar Draufgänger mögen das interessante Halbdunkel illegaler Arbeit herbeiwünschen, die Funktionäre, die den Ausschlag geben, sind davon weniger begeistert. Es ist übrigens noch niemals gelungen, großen Parteien politische Morde an die Rockschöße zu hängen, aber manche Parteien, die sich heute höchst honorig gebärden, sind schon solchem Verdacht ausgesetzt gewesen. Die Attentate der siebziger Jahre schrieb Bismarck großzügig und unbegründet der Sozialdemokratie und dem Zentrum zu und erreichte damit sein Sozialistengesetz. Mit diesem Ausnahmegesetz hat Bismarck jahrelang die Sozialdemokratie unter der Fuchtel gehalten. Das war die heroische Zeit der Partei. Heute wird das Sozialistengesetz von Sozialisten gegen Sozialisten angewendet, und damit hat es eine Schärfe und Unbarmherzigkeit erlangt, von der Bismarck nichts ahnte. Im berliner Polizeipräsidium sieht man in der Kommunistischen Partei den Feind schlechthin. Hier ist zuerst die Idee entstanden, die Roten Frontkämpfer aufzulösen. Damit nimmt der Kampf zwischen den beiden Parteien eine unerhörte Gehässigkeit an. Die Kommunisten weigern sich, darin einen Akt der Staatsautorität zu sehen, sondern nur die Willkür einer konkurrierenden Partei, die ihre Macht nicht gegen die Reaktion zu gebrauchen wagt. Zugleich bedeutet diese Auflösung des kommunistischen Kampfbundes eine ungeheure Vergiftung des politischen Lebens und besonders des Verhältnisses zwischen den beiden Arbeiterparteien. Eine Organisation von Hunderttausenden läßt sich nur unterdrücken, nicht auflösen. Sie flüchtet in hundert verschiedene Masken und Namen. Ihre geheimen Mitglieder fühlen sich zu äußerster Aggressivität verpflichtet. Ihr Aktivismus lebt sich in gewalttätigen Formen aus. Sie wittern überall Verrat, sie laufen mit bösartiger Spannung herum. Kurzum, sie gleichen in ihrer Geistesverfassung immer mehr ihren uniformierten Gegnern. Auch sie fühlen sich als Soldaten, als die Streiter eines kommenden Rechts, als die Vorposten einer Legalität, der einmal die ganze Welt im Zeichen der Dritten Internationale unterworfen sein wird. Das ist das Unheimliche an dieser Situation, daß sich die Leute vom Bülow-Platz und vom Alexander-Platz so ähnlich sehen. Wer das einmal erkannt hat, wird es aufgeben, nach Schuldfragen zu suchen. Was hier nötig ist, das ist kein neues Hochgericht, das ist ein ehrliches Clearing-House, das ist ein Mittler. Sonst bluten beide Arbeiterparteien langsam aus. Dann wird es weder eine demokratische Republik geben noch ein Sowjetdeutschland, sondern nur die Reaktion, den Fascismus. * Der Vorwurf, der gegen die Kommunistische Partei zu erheben ist, liegt nicht in der Linie der von der bürgerlichen und sozialdemokratischen Presse erhobenen Anklagen. Der ärgste Fehler, den die Partei begeht, ist der, daß sie eine Revolutionsromantik nährt, für die kein realer Boden vorhanden ist. Die Führer leben nicht in diesem Deutschland mit seiner Geduld, mit seinem Beharrungsvermögen, sondern im vorletzten Stadium der Revolution, in der kurzen Etappe vor dem definitiven Sieg. Richtig ist ihre Diagnose, daß wir in höchst revolutionären Zuständen leben, aber sie verkennen darüber, daß die Menschen nicht revolutionär sind. Sie buchen jede gegen einen Schutzmann erhobene Arbeiterfaust als Plus im Revolutionskonto. Aber es geht ihnen nicht auf, daß es sich hier um individuelle Akte von Desperation handelt. Sie folgern aus einer Straßenschlägerei, daß »das Proletariat nicht mehr zu halten ist«, und ahnen nicht, wie schnell das leidenschaftliche Aufbegehren wieder in Passivität und Stumpfheit umschlägt. Sie leben in einer phantastischen Welt, halb russische, halb chinesische Revolution, und danach richten sie ihre Taktik ein. So fürchten sie immer, »die Massen zu verlieren«, so klemmen sie sich hinter den Nationalismus, aus Furcht, Hitler könnte ihnen Leute wegschnappen, so ziehen sie den blamablen Scheringer-Rummel auf, so drängen sie sich in den Volksentscheid, so suchen sie sich dem Fascismus anzugleichen, anstatt den entgegengesetzten Typus deutlich herauszubilden. So gewinnen sie vorübergehend versprengtes Bürgertum oder ein paar masochistische Intellektuelle, die selig sind, wenn sie ein kräftiger Funktionär anbrüllt. Nur den gewerkschaftlich organisierten Kern der Arbeiterklassen, den gewinnen sie nicht. Ein getreuer Abklatsch dieser Romantik ist das Karl-Liebknecht-Haus am Bülow-Platz. Man denke sich ein modernes vielstöckiges Bureauhaus so aufgemacht, als wäre es eine verborgene Kellerhöhle, wo sich vermummte Verschwörer um Mitternacht treffen und in Geheimzeichen reden. Wer dieses Hauptquartier der deutschen Revolution betritt, der begibt sich damit in die ehrwürdige Sphäre des Detektivromans. Das ganze Haus ist in seiner Verwinkelung ein wahres Labyrinth. Es gibt Türen ohne Klinken, die mit einem Griff untern Tisch geöffnet werden. Der Besucher fühlt sich unter argwöhnischen Blicken wie ein unglücklicher Wanderer, der aus Versehen in eine belagerte Festung geraten ist und nun das schlimmste erwartet. Aber es ist, Gott sei Dank, nicht so schlimm. Denn der junge Mann mit der feldmarschmäßigen Lederjacke entkorkt grade eine Thermosflasche, und in der Ecke tickt keine Höllenmaschine, sondern raschelt nur Stullenpapier. Aber diese ganze Inszenierung à la Edgar Wallace ist grotesk. Was hat sie schließlich genutzt? Die Polizei drang wie in jedes andre Haus ein und setzte die Bewohner an die Luft. Den meisten, die im Parteihaus arbeiteten, sieht man an, daß sie an einer Art von Belagertenpsychose kranken. Und das ist seit langem das Leiden der ganzen Partei. Sie wehrt sich gegen neue Ideen, sie bildet in ihrer Geistesenge das Musterbild eines Staates, in dem die Autarkie ausgebrochen ist. So kann einmal Deutschland aussehen, wenn die Apostel der »eignen Kraft« sich durchsetzen sollten. An der Peripherie der Partei aber hat sich allerhand angesetzt, was nicht in eine Arbeiterpartei gehört. So gewiß die Auflösung von Rotfront daran schuld ist, daß sich ein höchst unerwünschtes Revolverheldentum eingenistet hat, so gewiß ist leider auch, daß die Partei bisher öffentlich nichts getan hat, um sich von einer besonders fatalen Spielart eines mißgeleiteten Aktivismus zu reinigen. Was in den Organisationen selbst geschieht, entzieht sich der Kenntnis dessen, der kein Mitglied ist, aber öffentlich ist nichts geschehen, und in der Parteipresse ist nichts davon zu lesen. Es ist gewiß schwierig, in dieser Zeit maßloser Verelendung den Maßstab zu finden, aber Hooligans haben in einer Arbeiterpartei nichts zu suchen. Und die KPD., die besonders stramm ist, wenn es gilt, intellektuelle Ausschweifungen zu sühnen, die massenhaft diejenigen hinauswirft, die unter Kollektivismus nicht den Verzicht auf eignes Denken verstehen, diese Partei sollte sich vor physischen Excessen nicht schwächer zeigen als vor geistigen. Die vornehmste Pflicht aber wäre, der Arbeiterschaft ein reales Bild von den Dingen in Deutschland zu geben. Wer glaubt, sich mitten im Endkampf zu befinden, wird in der Wahl der Mittel nicht sehr heikel sein, wird leicht glauben, daß ein fester Stoß genügt, die Bastille des Kapitalismus zu werfen. Aber am Boden liegt nachher nicht der Kapitalismus, sondern ein armer Mensch mit Bauchschuß, ein armer Mensch, der mit Schmerzen verzuckt, ob er eine Uniform trägt oder ein Parteiabzeichen. * Es ist ein ungemütliches Schicksal, in einem Augenblick wie diesem zwischen den Parteien zu stehen. Es ist eine schwere Aufgabe, von Vernunft zu sprechen, wo die Träger der Unvernunft auf beiden Seiten geehrt und geachtet die Führung fest in der Hand halten. Wer mit der weißen Fahne auf die Straße geht, wo zwei Parteien streiten, braucht um Spott und Pferdeäpfel nicht verlegen zu sein. Soll aber dieser menschenfressende Krieg zwischen Bülow-Platz und Polizeipräsidium weitergehen? Jedes neue Opfer vergrößert nur den Leichenhügel zwischen den Arbeiterparteien ins Unübersteigbare. Es ist ein nutzloser Kampf ohne tiefere Realität: Zwei Psychosen führen Krieg miteinander, zwei überspitzte Thesen suchen eine leider sehr körperliche Auslösung. Von beiden Parteien kann mir bedeutet werden, daß das innere Parteiangelegenheiten sind, die den Außenstehenden nichts angehen. Wer nicht organisiert ist, hat in Deutschland nicht mitzureden. So können die beiden Parteien sich salvieren. Aber in einem Verbande bin ich allerdings organisiert, als dessen Mitglied lasse ich mir nicht den Mund verbieten, und das ist der große Verein Deutsches Reich. Dem Staatsbürger kann man nicht zu sagen verwehren, daß die Politik der gegenwärtigen Inhaber des berliner Polizeipräsidiums mit der Verfassung nichts zu tun hat, daß sie ein schlechtes Beispiel aufstellt für alle, die später einmal diese Machtposition inne haben werden. Die Staatspolizei ist keine Parteitruppe. Trotz der abgelehnten Landtagsauflösung ist noch immer recht unklar, wer im nächsten Sommer schon in Preußen regieren wird. Wenn der nächste Chef der Exekutive in Berlin den Sozialdemokraten ähnliche Gefühle entgegenbringt, wie Herr Grzesinski den Kommunisten, dann geht die Partei bewegten Zeiten entgegen. Das Polizeipräsidium, das ist unmißverständlich zu sagen, genießt das Vertrauen der berliner Bevölkerung nicht, und diese Unbeliebtheit wird auf dem Rücken und mit den Knochen des einzelnen Schupomanns ausgetragen. Die letzten Ereignisse am Bülow-Platz sollten den Herren am Alexander-Platz einigen Stoff zum Nachdenken geben. Denn Herr Grzesinski wird doch nicht glauben, daß seine Partei ewig dieses Haus besetzt halten wird. Auch für ihn, auch für Herrn Severing, den obersten Chef der preußischen Polizei, gilt das alte Wort: »Auch Patroklus ist gestorben, und war mehr als du ...« Die Weltbühne, 18. August 1931 1014 [Antworten] Rundfunkhörer Herr Intendant Doktor Flesch hat vor zwei Wochen, in Nr. 31 der »Weltbühne« auf den Artikel Herbert Connors über die Schlagerclique im Rundfunk geantwortet. Ich finde, etwas ironischer als die Sache verdient. »Nun ist zwischen dem 14. und 28. Juli allerhand in der Welt geschehen. Just am Tage des Erscheinens der Vorwürfe des Herrn Connor stellt die Danatbank ihre Zahlungen ein, die Krise ... – es ist nicht nötig, das auszuführen.« Es ist nicht nötig. Am 14. Juli, neun Uhr zehn, ging die Welt unter, und damit war Herr Connor desavouiert. »Für den Rundfunk bedeutete das Konzentration auf den Versuch, so eng wie möglich mit den Geschehnissen in Verbindung zu sein ... die Schwierigkeiten waren sehr groß, das Interesse unvermindert bei der Politik ...« Das heißt hoffentlich nicht, daß der unterhaltende Teil im Rundfunk in Zukunft von den Ministern bestritten werden soll. Der Herr Intendant ist nicht gut beraten, wenn er sich über Herrn Connor lustig zu machen und überhaupt das ganze Thema zu bagatellisieren versucht. Es kommt auch nicht darauf an, ob Herrn Connor in Einzelheiten kleine Irrtümer unterlaufen sind, dazu ist das ganze Gebiet zu unübersichtlich und die Verfilzung zu weit fortgeschritten. Es ist auch ganz belanglos, ob die Herren so viel oder etwas weniger verdienen. Die Herren Berichtiger, denen sich leider auch Herr Doktor Flesch angeschlossen hat, der sich in diesem Kreis wunderlich ausnimmt, übersehen das. Jedenfalls nährt dieses undiskutable Genre seinen Mann recht ausgiebig. Worauf es uns ankam, das war, die Kulturschande dieser Schlagerindustrie aufzuzeigen, auf ihre Methoden hinzuweisen, durch unterirdische Kanäle in die verschiedenen deutschen Sender einzudringen. Ein exaktes Eingehen auf diese Dinge war nicht möglich. So gute Sauerstoff-Apparate gibt es nicht, um eine Expedition beherzter Männer studienhalber in diese Kloake zu schicken. Wir mußten uns auf ein paar Stichproben beschränken. Wir haben jedenfalls erreicht, was wir wollten: die Schlagerclique ist in Aufruhr, zahlreiche ernste und kritische Menschen sind auf ein Gebiet aufmerksam gemacht worden, das sie bisher, teils aus Mangel an Interesse, teils aus Widerwillen ignoriert hatten. Der von uns hochgeschätzte Herr Intendant Doktor Flesch wird sich ein Verdienst erwerben, wenn er der Schlagerpest zu Leibe rückt, was bei seinen Beziehungen zur besten modernen Musik gewiß nicht unmöglich ist. Die Weltbühne, 18. August 1931 1015 Zu spät! Eine amerikanische Nachrichtenagentur verbreitete vor ein paar Tagen die Meldung vom Abschluß eines französisch-russischen Nichtangriffspaktes. Die Nachricht war verfrüht, denn die Verhandlungen sind noch nicht zum Ende gediehen. Aber der Erfolg ist kaum mehr bezweifelbar, nachdem sich beide Mächte bei den Beratungen über einen Handelsvertrag entschieden nähergekommen sind. Seit einiger Zeit findet die moskauer Presse wieder freundlichere Worte für Frankreich, und im Hintergrund steht noch ein gleiches Abkommen zwischen Rußland und Polen, von dem man bald hören wird. Wir haben die Bedeutung solcher Pakte niemals überschätzt. Sie schaffen den Krieg nicht aus der Welt, wohl aber legen sie nützliche Hemmungen in das Unheilswerk der Schwertpolitiker. Zum mindesten sanieren sie für eine bestimmte Phase die Beziehungen zwischen zwei Mächten, sie geben den Vertragspartnern wenigstens vorübergehend Freiheit, sich im Guten oder Schlimmen andern Aufgaben zuzuwenden als der Kultivierung einer alten Feindschaft. Der Umgangston zwischen Paris und Moskau war ausgesprochen schlecht. Nirgendwo war die Bolschewikenfurcht ärger als in Frankreich. Nirgendwo benahm sich die Presse, auch die offiziöse, unhöflicher gegen die diplomatischen Vertreter der Sowjets. Das hat die Herren im Kreml nicht daran gehindert, erst die engere wirtschaftliche Verknüpfung, dann eine Besserung des politischen Verhältnisses zu versuchen. Daran konnte sie nicht der Skandal um Kutjepow, nicht die Hetze gegen den Botschafter Dowgalewski hindern. Denn die russische Außenpolitik zeichnet sich bei der Wahrnehmung der eignen Interessen durch eine glasklare Vernünftigkeit aus. Sie gleicht darin durchaus der französischen Außenpolitik, deren logische Folgerichtigkeit in Deutschland so oft verkannt wird. Sie beide, die russische und die französische Politik, vertreten den gleichen sublimierten Egoismus; sie drapieren sich beide ideologisch und menschheitlich: die eine sagt »Europa«, die andre »die Revolution«. Die deutsche Presse, die sonst das Gras der Diplomatie immer wachsen hört, widmet den französisch-russischen Verhandlungen keine langen Betrachtungen. Sie beschränkt sich auf trockene Registrierung. Solche Schweigsamkeit läßt sich leicht erklären. Dieser Vertrag bedeutet den Totenschein unsres »außenpolitischen Aktivismus«, die Paraphe darunter sein Grabkreuz. Denn die Revisionskampagne, die mit der Ära Brüning aufkam, beruhte auf der Voraussetzung, daß die Feindschaft zwischen Paris und Moskau weder gesinnungsmäßig noch technisch zu überbrücken wäre, daß Rußland dem Europa versailler Konstruktion in ewiger Ablehnung gegenüberstehen würde. So übernahm man Kiplings berühmtes Wort »east is east, and west is west« kritiklos in ein ganz andres Klima, man baute darauf eine Politik und wie das hier landesüblich ist, gleich eine fertige Weltanschauung. Man hielt es für selbstverständlich, daß Rußland nicht zögern werde, sich mit einem revanchesuchenden fascistischen Deutschland gegen die kapitalistische Demokratie Frankreichs zu verbünden; zum mindesten rechnete man auf eine schadenfrohe Neutralität der Russen bei einer kleinen Regulierung der Ostgrenzen. Die russisch-französische Feindschaft, das ist der große Glaubenssatz der Nationalisten aller Farben. Davon lebt der alte Nationalismus von Hugenberg und Seeckt ebenso wie der neue Nationalismus von Jünger und Schauwecker und der rote Nationalismus des Leutnants Scheringer. Die Herren kommen zu spät! Die beiden Staaten, die im Laufe des Jahres 1918 ihre Erbfeindschaft entdeckten, sind drauf und dran, eine wohltätige Erholungspause einzulegen. Und die französische Außenpolitik erteilt der Wilhelm-Straße noch eine ganz besondere Lektion, indem sie die Kreditschwierigkeiten Ungarns benutzt, um in diese Zitadelle des Revisionismus Bresche zu schlagen. Das jetzt in ärgsten Finanznöten zusammengebrochene Regime des Grafen Bethlen stellte gewiß niemals eine ernste Verneinung der Verträge dar. Aber für die deutschen Nationalisten bedeutete es mit seinem italienischen Bündnis, mit seinem sturen Chauvinismus, mit seiner permanenten Großmäuligkeit und seinen gelegentlichen Geldfälschungen gradezu das Musterbild einer Staatsordnung, in der die nationale Idee das Erste und das Letzte ist. Nun erweitert Frankreich seinen Einfluß im Südosten; Anschluß und Zollunion werden damit utopische Begriffe. Der deutschen Außenpolitik wird aber jetzt, nach der Romreise des Kanzlers, sehr handgreiflich demonstriert, daß die Freundschaft mit Mussolini den Bankrott nicht verhindern kann. Die größte Blamage klebt am Auswärtigen Amt, das jahrelang die Regierung Bethlen als starke Alliierte und große Zukunftschance betrachtet hat. Das Auswärtige Amt hat seit den Tagen, wo der Staatssekretär Zimmermann den Weltkrieg mit Hilfe Mexikos gewinnen wollte, eine besondere Vorliebe für Nieten. Hier zeigte sich das wieder sehr deutlich. Der Aktivismus hat also die besten Früchte getragen. Wenn Herr Laval demnächst nach Berlin kommt, wird er Deutschland in völliger Isolierung vorfinden. Man hat von einer Schützengrabengemeinschaft mit Rußland gefaselt, man hat über einem gelegentlichen diplomatisch-militärischen Techtelmechtel in Moskau die Verständigung mit Frankreich versäumt und dabei nicht einmal das Vertrauen Rußlands erworben. Man hat gemeinsam mit dem russischen Kommunismus die »Ketten von Versailles« brechen wollen und zu diesem Zweck zunächst einmal die deutschen Kommunisten in Ketten gelegt. Deutschland behält in Moskau keinen andern Ruf als den, das gelobte Land der Kommunistenverfolgungen, der Zuchthausurteile zu sein. Ein Traum ist zu Ende. Die Drohung mit Rußland löst sich in Dunst auf, der ungarische Bluff zerplatzt. Es ist unter diesen Umständen kein Wunder, daß man jetzt, wo es tagt, die künstliche Beleuchtung verstärkt und daß von alledem in der großen Presse kein Wort zu lesen ist. Die Weltbühne, 25. August 1931 1016 Am runden Tisch Zur Beurteilung der letzten englischen Regierungskrise und ihrer provisorischen Lösung reichen deutsche Maßstäbe nicht aus. Westminster und Republik-Platz, Downing Street und Wilhelm-Straße, da läßt sich keine geistige Linie ziehen, so gern auch unsre Politiker englischen Schnitt tragen möchten. Hier: langgewalzte Krisen, kühle Mißachtung der Verfassung, Diktatur der Bureaukratie. Drüben: schnelle praktische Lösungen, strenge Beachtung der durch Gesetz und Überlieferung geheiligten Formen. Bei uns: Verschweigen von Gefahren, Optimismus erste Bürgerpflicht. Jenseits des Kanals: schonungslose Aufdeckung der politischen und wirtschaftlichen Wahrheit, ja starke Übertreibung, um materielle und geistige Widerstandskräfte zu wecken. Der Labourpremier wendet sich hilfesuchend an den Oppositionsführer, der sich ohne strangulierende Bedingungen zur Mitarbeit bereit findet. Zwar trennt ihn dieser Schritt von seiner eignen Partei. Aber er nennt die Genossen von gestern nicht »schlechte Patrioten«, weil sie ihm nicht mehr zu folgen vermögen, und sie selbst, die ihn der ernstesten Parteigefährdung zeihen, schelten ihn deswegen nicht »Sozialverräter« oder »Renegat«. Eine nüchterne und saubere Abwicklung unter Beachtung oft erprobter Spielregeln. Man gibt der Politik viel, aber nicht mehr als ihr zukommt. Man packt ihr keine Weltanschauung, kein zweifelhaftes Philosophem auf; kein Fanatismus lodert. Auf Anständigkeit der Haltung, die äußerste Anspannung aller Energien nicht zu beeinträchtigen braucht, wird mehr Wert gelegt als auf Prinzipien oder auf das Bewußtsein, der bessere Mensch zu sein. So hat England den Krieg gewonnen, so tritt es in den Kampf gegen den größten Gegner, den seine Macht bisher gefunden hat, gegen die Weltkrise der Wirtschaft. Nachdem man dies mit dem Neid des Fernwohnenden und an schlechtere politische Formen Gewöhnten gern konstatiert hat, muß man leider zur Sache sagen, daß James Ramsay MacDonald und Philip Snowden einen verhängnisvollen Weg eingeschlagen haben, indem sie in der Kapitulation vor der City und den amerikanischen Bankiers die einzige Rettung sahen. Es wäre verfehlt, ihnen persönlichen Ehrgeiz zu unterschieben, Festhalten an Ministersesseln, die ihnen nicht mehr gehören. Beide haben nicht nur im Krieg, als sie in schärfster Opposition standen und alle Konsequenzen trugen, ihre Makellosigkeit bewiesen. Aber beide teilen mit den meisten sozialdemokratischen Führern von heute den Unglauben in die Bedeutung proletarischer Aktionen. Wo Kapitalismus und Arbeiterschaft im Interessenkampfe zusammenstoßen, da muß die Arbeiterschaft der schwächere Teil sein und nachgeben. Auch die englische Sanierung soll auf Kosten der Arbeiterschaft geschehen, und dabei ist noch gar nicht sicher, ob diese Sanierung mit den Mitteln eines überalterten und nicht mehr schöpfungskräftigen Kapitalismus auch gelingen wird. Das Opfer der Arbeiterschaft dürfte also wahrscheinlich ganz umsonst dargebracht werden. Dabei ist durchaus zu verstehen, daß MacDonald sich von seinem Amt nur schwer trennen mochte, denn er hätte mehrere gut angefangene Arbeiten liegen lassen müssen. So wenig erfolgreich die Wirtschaftspolitik seines Kabinetts auch gewesen sein mag, so tief hat er sich doch als Außenpolitiker in das Gedächtnis der Welt eingeschrieben. Wir haben die Außenpolitik des Labour-Kabinetts oft scharf kritisiert und Deutschland vor Illusionen darüber gewarnt. Aber unbestreitbar ist auch, daß MacDonald in die Außenpolitik, wo sich ja nicht grade frischeste Jugend zu tummeln pflegt, neues Blut und neue Methoden gebracht hat. Er hat die Außenpolitik wieder aktiv gemacht, er hat die Escarpins der Diplomaten durch solide Straßenschuhe ersetzt, er hat das geheimnisvolle Getue der Routinierten durch direkte Aussprache abgelöst. Und selbst, wo es hart auf hart ging, wie bei dem haager Rededuell zwischen Snowden und Chéron, mußte man sagen, daß es besser ist, sich Gift und Galle von der Seele zu reden, anstatt mit höflicher Miene einen ungelösten häßlichen Rest weiterzuschleppen. Das andre nicht zu Ende geführte Werk ist der Ausgleich mit Indien, der mit der Round-Table-Konferenz begonnen hat. Bei diesem Unternehmen, das zunächst unter schlechten Sternen stand, hat sich MacDonald am besten bewährt, und er mag sich sagen, daß er zur Fortführung geeigneter ist als selbst ein so konzilianter konservativer Premierminister wie Stanley Baldwin. Mit Rücksicht auf die indische Frage ist wohl auch der Lordkanzler Sankey im Kabinett geblieben, der bei den Verhandlungen einen überlegenen Geist bewiesen hat. Dieser unerwartet gute Ausgang der ersten Konferenz mit den indischen Vertretern mag in MacDonald die Vorstellung erweckt haben, daß sich alles am besten am runden Tisch regeln läßt. Auch die Finanzkrise, auch die innere Politik. So spielte er in dem Augenblick, wo nach Menschendenken seine Herrschaft abgelaufen schien, die Karte des Konzentrationskabinetts aus. Und so sieht heute die ganze Welt etwas erstaunt auf eine englische Regierung, in der sämtliche Parteiführer sitzen. Diese Regierung hat ihr eignes Dasein nur kurz befristet. Sie will nur das Budget in Ordnung bringen und dann Neuwahlen ausschreiben. Und dann soll wieder eine Partei die ganze Verantwortung übernehmen. Für das wirtschaftspolitische Versagen der Labourists kommt mildernd in Betracht, daß sie im Parlament keine absolute Majorität hatten, sondern auf die Unterstützung der Liberalen angewiesen waren. Sie konnten also keine eigne Idee entwickeln, und MacDonald war nicht ganz im Unrecht, als er die Verantwortung für das Defizit von 120 Millionen auch auf die Schultern der andern Parteien legte. Der Bericht der Sparkommission, die alles in Ordnung bringen sollte, hatte ein arges Dilemma geschaffen. Zwei Vorschläge standen sich gegenüber. Der eine forderte eine Kürzung der Arbeitslosenbeiträge, der andre einen zehnprozentigen Zollzuschlag auf alle eingeführten Waren. Gegen den ersten Punkt standen die Gewerkschaften, gegen den zweiten die liberalen Freihändler. So war also eine Einigung nicht zu erzielen, und der Premierminister wagte vor einem unausgeglichenen Budget, mitten in einer internationalen Kapitalkrise keine Neuwahlen zu veranstalten. Vielleicht wäre trotzdem manches anders gekommen, wenn in diesen kritischen Wochen nicht Lloyd George, der wirklich konstruktive Kopf, auf den Tod krank niedergelegen hätte. Die Sozialisten MacDonald und Snowden haben sich dem Diktat der City bedingungslos unterworfen. Lloyd George, der alte Liberale mit dem echt revolutionären Temperament, dem England seine Sozialpolitik verdankt und der erst kürzlich den Citybankiers ihre Rückständigkeit und Selbstzufriedenheit in härtesten Worten vorgeworfen hat, wäre wohl imstande gewesen, eine Lösung zu finden, die weniger auf Kosten der breiten Massen erfolgt wäre. Denn er hat oft genug die Fähigkeit bewiesen, seinen Willen durchzusetzen. Und grade in den letzten beiden Jahren hat Lloyd George im Parlament wiederholt den stürmischen Beifall der Labourfraktion gefunden, nicht grade zur Freude MacDonalds. England hat also jetzt seine »nationale Regierung«, eine Tatsache, deren Ausstrahlungen unbestreitbar sind. Auch Hugenberg und Hitler begreifen das, und die ›Deutsche Allgemeine Zeitung‹ dringt schon darauf, das englische Beispiel nachzuahmen. Léon Blum wirft im ›Populaire‹ seinem Genossen MacDonald vor, er habe die Reaktion der ganzen Welt ermuntert und damit unnennbaren Schaden angerichtet. Wir glauben, er hat nicht nur der politischen Reaktion ein Zeichen gegeben, er hat vor allem die Sozialreaktion gestärkt. Indem die mächtige englische Regierung unters Joch der amerikanischen Bankiers ging, die für ihre Kredithilfe die Herabminderung der Arbeitslosenbeiträge verlangten, hat sie dem Dünkel des innerlich so ratlos gewordenen kapitalistischen Systems einen gewaltigen Triumph verschafft. Überall wird jetzt gegen die nirgends überreich dotierte Sozialpolitik Sturm gelaufen werden, als ob diese paar Millionen im Budget für die krisenhafte Hemmung im kapitalistischen Organismus verantwortlich wären. Es gibt aber noch ein andres weniger niederschlagendes Beispiel, und das ist die feste und affektlose Art, in der Labour Party und Trade Unions die Trennung von ihrem berühmten und schon historisch gewordenen Führer vollziehen. Das ist ein Vorgang ohne gleichen. Man vergleiche das mit Auseinandersetzungen in deutschen Parteien. Es gibt kein Spaltungsgeschrei und nicht mal eine nennenswerte Spaltung. Partei und Gewerkschaften notifizieren Herrn MacDonald ganz einfach, daß sie ihn für einen Staatsmann voll bester Eigenschaften halten, daß sie aber nicht imstande sind, sich mit ihm an den runden Tisch zu setzen, wo Arbeiterinteressen verhandelt werden. Es wäre vergebliches Bemühen, aus den scheidenden Kabinettsministern Radikale zu machen. Clynes und Henderson sind nicht revolutionärer als Leipart oder Wels. Aber sie haben die bescheidene Wahrheit nicht vergessen, daß Arbeitervertreter vor allem Arbeiterinteressen wahrzunehmen haben. Unsre großen sozialdemokratischen Führer dagegen fühlen sich immer »im Dienste der ganzen Nation«. Die englische Arbeiterschaft steht wahrhaftig nicht mit dem Klassenkampf auf du und ist hoffnungslos unmarxistisch, aber sie lehnt es ab, für hochpolitische Extratouren ihrer Vertrauensmänner an ihrem Magen gestraft zu werden. Dann spielt sie eben nicht mehr mit. Diese besondere Seite der letzten englischen Ereignisse sei unsern sozialdemokratischen Mitbürgern zum eingehenden Nachdenken überlassen. Die Weltbühne, 1. September 1931 1017 Pilsudski-Regime Durch einen amtlichen Ukas vom 21. August ist in den polnischen Gefängnissen der Unterschied zwischen politischen und kriminellen Gefangenen aufgehoben worden. Das ist geschehen unter der Herrschaft Josef Pilsudskis, der zu drei Vierteln seines Lebens als politischer Verbrecher verfolgt wurde, der dreißig Jahre lang Putschist, Rebell und Verschwörer war, nachdem er sich als Terrorist und Sprengstoffattentäter in die Politik eingeführt hatte. Noch heute ist Pilsudski von Abenteurerromantik umweht, er wirkt wie eine Gestalt aus der vormärzlichen Charbonnerie. Dieser alte Freiheitskämpfer mit dem von Krankheit und wohl auch von Gewissensskrupeln zerfurchten Nietzschekopf, den das Schicksal bestimmt hat, der erste Führer des wiedererstandenen polnischen Staates zu werden, bezeichnet heute dessen Krise und schweres inneres Siechtum. Er stand am Taufbecken der polnischen Freiheit, heute ist er ihr Unterdrücker, morgen wird er ihren Sargdeckel zuschlagen. Es kann und soll nicht untersucht werden, ob Pilsudski von den Schändlichkeiten weiß, die Gendarmen und Kerkermeister in seinem Namen verüben. Er hat die Demokratie durch den persönlichen Despotismus abgelöst; er haftet vor der Geschichte. Und er haftet auch vor der Gegenwart. Die Verirrungen des zweiten Pilsudski-Regimes, das im Sommer 1926 begann, sind um so beklagenswerter, als es zunächst mit einem gewissen moralischen Elan einsetzte. Pilsudski stand nicht hinter dem damaligen Militärputsch. Regimenter meuternder Soldaten zogen vor sein Landhaus und führten den widerwillig Mitgehenden im Triumph nach Warschau; der spontane Volkswille trug ihn zum zweitenmal nach oben. Pilsudskis Programm war die »Sanation«, die Reinigung der Politikerschaft und Bureaukratie von Bestechlichen und Schmarotzern. In diesem Kampf verrannte er sich. Er wollte Korruption treffen, die sich in Institutionen des Staates und der Parteien verbarrikadierte, und schlug gegen die Volksrechte schlechthin. Er wollte die Reinigung durchsetzen und hat nur den Sumpf vergrößert, nur den Gestank von Blut und Kot vermehrt. Es gibt in der Politik keine schlimmere Figur als den enttäuschten Idealisten, der die Machtmittel des Staates schrankenlos in der Hand hat, der in seiner Verbitterung und Menschenfeindlichkeit Richter und Henker auf die Fragen losläßt, vor denen seine Begabung versagte. In vielen Stücken erinnert das jetzige Regiment Pilsudskis an die letzte traurige Epoche des Präsidenten Wilson. Seit Jahren häufen sich die Klagen aus Polen. Es liegt herzzerreißendes Material vor über Willkür von Polizei und Justiz, über Folterungen in Gefängnissen, über grausame Exekutionen, über die sogenannten Pazifizierungsaktionen in der westlichen Ukraine, wo die bäuerliche Bevölkerung schrecklich unter der Agrarkrise leidet und die Not vornehmlich mit dem Bajonett behandelt wird. In gewissen Abständen geht eine Terrorwelle durch das Land; wenn dann allzuviele Schilderungen nach außen dringen, wird wieder gebremst und die Fassade des zivilisierten Staates wenigstens notdürftig wiederhergestellt. Die Anklagen gegen die Exzesse des Pilsudski-Regimes sind nicht parteimäßig begrenzt, sie kommen nicht von der äußersten Linken allein, und das macht sie besonders gewichtig. Sozialdemokraten, Liberale, Bürgerliche vom rechten Flügel, alle die in Opposition stehen, verfallen den gleichen barbarischen Behandlungsmethoden. Sie werden in Kerker gesteckt, die nicht menschenwürdig sind, sie werden geschlagen und Hungerqualen ausgesetzt. Untersuchungsrichter schrecken nicht vor Anwendung der Tortur zurück, Frauen werden in Polizeikammern bis aufs Blut gepeitscht. Die Vorkommnisse in der Zitadelle von Brest-Litowsk sind noch bekannt genug. Wenn ein Politiker von internationaler Berühmtheit wie Korfanty nicht einmal vor körperlichen Mißhandlungen sicher war, so kann man sich leicht vorstellen, was für ein Los dem unbekannten Fußsoldaten der Opposition zuteil wird, dem kleinen Agitator, dem Flugblattverteiler, dem Zettelkleber, wenn er das Unglück hat, in die Klauen der Ordnungsbestie zu geraten. Der Regierungserlaß, daß die politischen Häftlinge gemeinen Verbrechern gleichzusetzen sind, bedeutet nur die konsequente Fortführung des bisherigen Zustandes, bedeutet nur die Sanktionierung des administrativen Sadismus, zeigt aber auch den unbeugsam schlechten Willen der Regierenden. Daß aber eine solche Maßnahme im Namen eines alten Revolutionärs durchgeführt wird, das ist eine besondere Schande und muß Gefühle von Empörung und Scham jenseits von aller Politik erwecken. Ein besonders abscheuliches Kapitel in der neuen polnischen Geschichte nimmt die Blutherrschaft in der Westukraine ein. Denn dort ist der Zusammenprall am ärgsten, dort wird der Terror am brutalsten angewendet. Denn dort steht nicht nur eine großenteils kommunistische Landbevölkerung gegen die warschauer Machthaber, sondern auch eine bürgerlich-nationalistische Bewegung, die fascistisch gefärbt ist und Schrecken mit Schrecken beantwortet. Grenzerkämpfe zeichnen sich immer durch besondere Schonungslosigkeit aus; in der polnischen Ukraine mischen sich soziale und nationale Motive aufs verhängnisvollste. Die Ermordung des Abgeordneten Holowko, die jetzt große Erregung verursacht, ist auf die Unterdrückung der ukrainischen Minorität zurückzuführen. Holowko, der eine Säule der parlamentarischen Mehrheit Pilsudskis war, wurde als Renegat gehaßt. Er war früher Sozialist und hatte sich erst 1926 dem Marschall angeschlossen, als dessen treuer Diener er eine besonders herausfordernde Sprache gegen alle Opponenten führte. Vor wenigen Monaten erst hat Holowko die Ukrainer aufs Äußerste verhöhnt, indem er ihnen von der Tribüne des Sejm zurief, sie könnten sich ruhig in Genf beschweren, in Polen werde sich doch nichts ändern. Diesen Zynismus beantworteten die Ukrainer mit der Vendetta, und es ist jetzt zu befürchten, daß die Regierung wieder mit einer neuen »Pazifizierung« antworten wird, mit verstärkten Greueln, die wieder Unschuldige treffen werden. Wenn die europäische Öffentlichkeit nicht durch das Studium der sinkenden Börsenpapiere hinreichend abgelenkt wäre, so würde sie sich schon längst etwas mehr um die Zustände in Polen gekümmert haben. Auch die Herren Diktatoren herrschen nur im eignen Hause, und die Meinung der Welt kann ihnen nicht gleichgültig sein. Der polnische Staat leidet ohnehin nicht unter einer allzu großen Beliebtheit, seine häufigen Nervenanfälle werden auch von den Freunden in Paris nicht mehr so harmlos wie früher beurteilt. Den paar deutschen Politikern und Publizisten, die sich im Kreuzfeuer ihrer eignen Nationalisten um eine deutsch-polnische Verständigung bemühen, wird der Mut genommen, für die Versöhnung mit einem Staat zu plaidieren, dessen Gewalthaber die Menschenrechte außer Kurs gesetzt haben. Die Weltbühne, 8. September 1931 1018 Armer Curtius! In kaum zwei Wochen sollen Briand und Laval nach Berlin kommen. Noch sind nicht alle Formalitäten erledigt und selbst wenn sich jetzt alles schnell abwickelt, so möchten wir doch an diesen Besuch erst dann glauben, wenn die französischen Gäste am Bahnhof Friedrichstraße aussteigen. Es sind noch vierzehn Tage bis dahin, und was kann in dieser Zeit nicht alles passieren! Es ist auch keine besonders glückliche Geste gegen die französischen Minister, daß man grade jetzt Herrn Doktor Curtius in die Wüste schickt, weil er in Genf davon abgesehen hat, den Verzicht auf die Zollunion mit einem überflüssigen Protest, mit einem bombastischen Appell an die Rechte, die unveräußerlich dort droben hangen, zu begleiten. Ein solcher Auftritt als knalliger Abschluß einer ohnehin unvermeidlichen Niederlage würde die französische Regierung nur unnütz gereizt haben. Mit etwas Krach in Genf, mit einer französischen Absage in der Tasche hätte Herr Curtius auf Ovationen am Potsdamer Bahnhof rechnen können, und er wäre wieder ein gemachter Mann gewesen. Wenn man bei uns populär sein will, muß man Unheil angerichtet haben. Weil sich Curtius nach dem traurigen Effekt der Zollunion zu keiner neuen Provokation entschließen konnte, deshalb hacken jetzt alle deutschen Adler nach seinem schwachen Fleisch; die Treviranen, die eigne Partei, die ›Germania‹, das Organ des Reichskanzlers, sie alle schnappen nach ihm, und sogar die Staatspartei, der lächerliche alte Pleitegeier, wagt ein mißgünstiges Gekrächze. Zwischen zwei ausgezeichneten demokratischen Publizisten, die von Anfang an Gegner der Zollunion waren, ist ein Streit entbrannt, ob Curtius zu verteidigen sei oder nicht. Seltsamer Zwist, denn wie kann man verteidigen, was es gar nicht gibt? Dieser Außenminister ist in seiner fast zweijährigen Amtszeit niemals vorhanden gewesen. Schattenhaft saß er im Reichskabinett, gewichtlos thronte er in seinem Amtszimmer. Seine eignen Bureaukraten handelten über seinen Kopf hinweg, stellten ihn immer vor fertige Tatsachen, und auch die fatale Zollunion mit Herrn Schober soll ihn ebenso überrascht haben wie etwa die französische Regierung. Auch der freundlichste Beurteiler muß feststellen, daß die Protestrede, die er in Genf nicht gehalten hat, eine Unterlassung also, die ihm nun den Hals kostet, seine einzige staatsmännische Leistung war. Dieser Nachfolger Stresemanns wird jetzt zum ersten Mal sichtbar, wo er höflich und diskret, den Zylinder auf dem Kopf, durch die Gasse der johlenden Patrioten zum tarpejischen Fels schreitet. Wie kann man für jemanden die Hand ins Feuer legen, von dessen Personalität man nicht überzeugt ist? Herr Curtius war als Amtsperson wirklich nur ein Nichts, oder, wie ein witziger Beobachter sagte, eine Mappe auf zwei Beinen. Die Gerechtigkeit gebietet hinzuzufügen, daß im gegenwärtigen Kabinett noch ein paar andre Nullen sitzen, die sich durch nichts auszeichnen als durch ihre Geduld, das Elend des deutschen Volkes zu ertragen. Und wozu braucht man heute auch Politiker von Format und Talent? Die Staatsgeschäfte werden durch Notverordnungen geregelt, konstitutionelle Faktoren, deren Behandlung besonderes Geschick erforderte, gibt es nicht mehr. Der gegenwärtige Zustand beruht auf einem Bündnis zwischen Reichspräsident, Reichswehr und Schwerindustrie, das Volk hat nicht mitzureden, dafür ist die Polizei da, die Presse hat nicht zu mucksen, dafür ist die Zensur da. Die wirklichen Träger der Macht bleiben im Dunkeln, es ist ziemlich gleichgültig, wer im Vordergrund agiert. Dasselbe gilt auch für die Außenpolitik. Sie ist ebenso unpersönlich geworden wie die andern Ressorts. Deshalb ist es auch nicht sehr aufregend, ob Herr Curtius einen nominellen Nachfolger erhält oder ob der Reichskanzler selbst einstweilen ins Außenamt geht. Denn auch die Außenpolitik kann in dieser Zeit nicht mehr zu den hohen politischen Künsten gerechnet werden, in denen Geist, Menschenkenntnis und Weitläufigkeit oft genug Resultate über den Tag hinaus errangen. Wenn Talleyrand und Bismarck heute wiederkämen, würden sie sich sehr wundern, was aus ihrem Metier geworden ist. Für Deutschland und viele andre Länder auch bedeutet Außenpolitik nur noch Geld pumpen. Wer den großen Pump nach Hause bringt oder wenigstens eine Fristverlängerung erreicht, der ist das Staatsgenie, der Vater des Vaterlands. Unter diesen Umständen verliert der Besuch der französischen Staatsmänner die epochale Bedeutung, die er hätte haben können. Es werden Komplimente gewechselt werden, und im ganzen dürfte sich die Unterhaltung darauf beschränken, das Thema der nächsten Unterhaltung festzulegen. Deutschland, vom Nationalismus durch und durch vergiftet, sieht in Frankreich den Urheber aller seiner Nöte, und in Frankreich selbst gesellt sich zu dem vorhandenen politischen Mißtrauen die argwöhnische Vorsicht des reichen Besitzers, der sein Geld nicht gern riskiert. Wie schnell sind die schönen Beschwörungen des gemeinsamen europäischen Geistes verraucht! Frankreichs neuer Mann in Berlin, Herr François-Poncet, bringt das Programm einer industriellen Allianz mit, also einer Allianz der beiden Schwerindustrien gegen ihre Völker. Wird ein solches Projekt Wirklichkeit, so erhält der deutsche Nationalismus noch ein gefährliches soziales Motiv, auf alle Fälle eine Verstärkung. Die pariser Friedensboten kamen sonst von der Linken. Herr François-Poncet, ein entschlossener Karrierist, macht aus seiner Verachtung von Demokratie und Sozialismus kein Hehl, er entspricht in seiner Denkungsart etwa den Industriesyndici, die sich in der ›Deutschen Allgemeinen Zeitung‹ auslassen. Das ist die einzige zur Zeit mögliche Verständigung mit Frankreich. Welch ein trauriger Ausblick! Aristide Briand, heute alt und krank, macht den Eindruck des Mannes, der weiß, daß seine Zeit vorüber ist. Die Zollunion hat ja auch die Nebenwirkung gehabt, Briands Stellung in Frankreich zu demolieren. »Wie konnten Sie mir das antun?« soll er verzweifelt gerufen haben, als ihm Herr v. Hoesch die angenehme Neuigkeit notifizierte. Mit was für Gefühlen mag der alte Mann nach Deutschland kommen, dessen Tapsigkeit seine Europapläne und seine Aussichten auf die Präsidentschaft zerstört hat? Einstweilen gehen die Paktverhandlungen zwischen Paris und Moskau weiter. Damit öffnet sich für die französische Politik eine neue Aufgabe, hinter der Deutschland zurücktritt. Frankreich hat einige Einfuhrverbote erlassen, was in der deutschen Wirtschaft grade jetzt vor dem Ministerbesuch als besondere Unfreundlichkeit empfunden wird, was aber nur bedeutet, daß man sich in Paris die Hände für das Russengeschäft freihalten will. Der rote Handel lockt eben mehr als die Plänkelein mit einem Nachbarn, der ständig sagt: Ich brauche Geld, Du mußt mich retten!, der aber trotzdem nicht auf Demonstrationen, nicht auf Feindseligkeiten verzichten will. Wenn man eine Diagnose der deutsch-französischen Beziehungen in diesem Augenblick geben will, so kann sie nur lauten: Höflich aber hoffnungslos. Die Weltbühne, 15. September 1931 1019 Pogrom und Polizei Am 12. September, dem jüdischen Neujahrstag, ist es in den Abendstunden auf dem Kurfürstendamm zu einem regelrechten Pogrom gekommen. Die Nationalsozialisten hatten den Überfall ausgezeichnet organisiert; auf ein gegebenes Signal sperrten sie den Kurfürstendamm von der Gedächtnis-Kirche bis zur Leibniz-Straße ab. Eine Rotte von ein paar hundert Mann tyrannisierte eine halbe Stunde lang die Straße und mißhandelte Fußgänger, die sie für Juden hielten. Die liberale Presse hat zunächst ihre Berichterstatterpflicht nicht erfüllt. Sie versuchte, die skandalösen Vorgänge zu bagatellisieren. Denn diese Presse fühlt bei unpassendstem Anlaß immer eine höhere Verantwortung, die sie nötigt, nicht mit der vollen Wahrheit herauszurücken. In diesem Falle galt es, auf das »Ansehen Berlins« Rücksicht zu nehmen. Sie hat also die Tatsache, daß die Krawalle am jüdischen Neujahrstage vor sich gingen, so bescheiden wie möglich oder überhaupt nicht gebracht. Ahnungslose Gemüter, die nur ihr Blättchen lesen und sonst nichts, hätten bei diesen Schilderungen sehr leicht auf den Gedanken kommen können, es habe sich dabei um eine etwas rabiate Kundgebung der geprellten Devaheimsparer gegen ihren Vorstand gehandelt. Erst als die Zeitungen von ihren Lesern mit Zuschriften bombardiert wurden, bequemten sie sich, Beschwerden gegen die Polizei zu erheben. Denn jetzt stellte es sich heraus, daß auch die Polizei zunächst zu gut davongekommen war. Jetzt war nicht mehr daran zu zweifeln, daß die Polizei weder die ihr zugegangenen Warnungen beachtet hatte noch rechtzeitig zur Stelle gewesen war. Jedenfalls war das Versagen der Polizei bald wieder offenkundig, und ihre Häupter ergingen sich in lahmen Ausreden. Man vergleiche die Laschheit der Polizei am Kurfürstendamm mit der Schärfe und Pünktlichkeit bei Zusammenstößen mit Linksradikalen. Die traurige Affäre Bülow-Platz, ein Kind der Pressestelle des Polizeipräsidiums, ist von der gesamten Presse zunächst gläubig hingenommen und noch um einiges Beiwerk vermehrt worden. Jetzt aber regt sich der Zweifel, und es werden Fragen an die Polizei laut, was es mit der vor einigen Wochen schon »unmittelbar bevorstehenden« Aufklärung auf sich habe. Die als verdächtig Verhafteten sind inzwischen wieder entlassen worden. Am 12. September ist die Polizei weit weniger radikal vorgegangen. Sie kam zu spät und war, im Gegensatz zu den Rowdygruppen, uneinheitlich geführt. Während sie an der Gedächtnis-Kirche noch aufräumte, trieben einige hundert Meter weiter die National-Hooligans noch ihr Wesen. Dazu kamen noch einzelne taktische Fehler, die verheerend wirkten. So blieben die beiden Schupos, die ständig vor der chinesischen Gesandtschaft postiert sind, ruhig stehen. Gewiß konnten sie gegen die Übermacht nichts ausrichten, aber es wäre klüger gewesen, wenn sie ins Haus hineingegangen oder sonstwie von der Bildfläche verschwunden wären. Statt dessen verharrten sie in kerzengrader Diensthaltung, und es sah aus, als hätten sie die Oberaufsicht über den Tumult rundum. Es ging gegen Rechts, also hat die Polizei versagt. Der glatte Ablauf dieses Pogroms kann die S.A.-Stürme nur zu baldiger Fortsetzung ermutigen. Es war nicht anders als im vorigen Herbst bei den Straßenkrawallen um den Remarque-Film. Damals durfte Goebbels ein paar Abende lang die Straße beherrschen, ohne daß ihn die Polizei gestört hätte. Die Linkspresse mußte sich erheblich rühren, um die Kommandohöhen am Alexander-Platz aus der Lethargie zu rütteln. Unsre preußische Polizei gilt als republikanisch, als sozialistisch durchsetzt. Wenn es gegen Rechts geht, merken wir nichts davon, nur gegen die Kommunisten funktioniert das scharfe Schwert. Wir haben das erst vor wenigen Tagen gesehen, bei der wahnwitzigen Versammlung im Sport-Palast, wo die berittene Polizei auf der dichtgefüllten Straße vor dem Versammlungslokal immer wieder über den Gehsteig setzte, ins Publikum hinein. Was mögen sich die altgedienten Sozialdemokraten bei diesem wilhelminischen Kavalleriemanöver ihres Genossen Polizeipräsidenten gedacht haben? Als Polizeiaktion sind solche Reiterkunststücke wirkungslos, aber die politische Unzulänglichkeit wirkt hoch zu Roß nicht schöner, nur ist sie noch besser zu sehen. Die Weltbühne, 22. September 1931 1020 Völker ohne Signale »Fighting Téméraire« Die Meuterei der britischen Hochseeflotte hat weder in England noch anderswo viele Federn in Bewegung gesetzt. Das ist nicht verwunderlich, denn niemand, der an alten Autoritäten hängt, kann in diesem Ereignis etwas andres als ein furchtbares Menetekel erblicken. Diese Blaujacken streikten nicht mit dem fegenden Furor der Leute vom »Potemkin«, sondern eher mit der saubern Präzision der bengalischen Wollweber, Gandhis waffenlosen Streitscharen. Der Witz daran war, daß die Matrosen selbst nicht ahnten, wie überaus revolutionär sie handelten. Sie kämpften weder für ein Ideal noch für eine großartige Realität, sie protestierten nur gegen eine Soldkürzung, und sie führten das mit den guten Nerven von Arbeiterjungen durch, die ihre Schulung von der gediegensten Gewerkschafts-Bureaukratie der ganzen Welt erhalten haben. Auch den jüngern Offizieren schien die Sache Spaß zu machen; sie hielten großenteils mit. Die Regierung gab bleich und still nach. Die selbe Regierung, deren Schatzkanzler noch ein paar Tage vorher seine patriotische Budgetrede mit der »Stimme Nelsons« geschlossen hatte. Durch den Mund Horatio Nelsons, ließ Swinburne, vor dreißig Jahren der poeta laureatus, verkünden, daß »England stehen wird«. Nun, in der Admiralität, wo Austen Chamberlain regiert, war von Nelsons Stimme nichts zu hören, und England stand nicht, sondern gab klein bei. In diesen Tagen ist in deutscher Sprache das ungewöhnlich aufschlußreiche Buch des berühmten französischen Soziologen André Siegfried über das heutige England erschienen. (Die englische Krise, S. Fischer Verlag.) Das ist eine erschütternde Untersuchung über Größe und Verfall eines Reiches und einer Wirtschaft, ihr Wert liegt in den Zustandsschilderungen, die turmhoch über den engen manchester-liberalen Schlußfolgerungen des Verfassers stehen. André Siegfried behandelt eingehend den von Gewerkschaften und Unternehmern geführten Streit um das Lohnniveau. Dazu schreibt er die sehr bezeichnenden Sätze: »Doch in diesem Streit ist, wir täuschen uns hierin nicht, die öffentliche Meinung auf Seiten des Arbeiters; was übrigens in einem Lande von Arbeitern nicht weiter erstaunlich ist. Kein Politiker, selbst ein konservativer, würde es wagen, diese etwas unklare, doch nicht zu erschütternde Anschauung direkt anzugreifen. Dem Refrain vom standard of living begegnet man unfehlbar in den Reden der Konservativen ebenso wie in den Reden der Arbeiterparteiler. Es geht hier um die englische Würde, heißt es.« »In einem Lande von Arbeitern ...«! Man beachte das! Denn hier sagt der französische Liberale klipp und klar, daß die Arbeiterschaft die Mehrheit bildet. Dieses Wissen hat er der englischen Arbeiterschaft voraus, die wie jede andre, über dem Ringen um die parlamentarische Majorität ihr zahlenmäßiges Übergewicht als Klasse vergißt. Der Kampf um Parlamentssitze spaltet in Parteien, der Kampf um die Sammlung der Klasse muß beinahe automatisch zur Eroberung der Macht führen und den Zwiespalt zwischen Gesellschaft und Staat beenden. Die meuternden Matrosen wissen selbst nicht, über was für furchtbare Waffen sie verfügen. Sie glaubten, nur eine Lohnbewegung zu führen, und der ganze Staat kam dabei ins Wackeln. Die Matrosen von Invergordon, die ihre Lohnbewegung mit einem aus rauhen, ehrlichen Kehlen strömenden »God save the King!« beendigten, waren um nichts rebellischer als die Filmmatrosen der »Schlacht von Bademünde«, die einer Schürze halber einen Privatkrieg gegen die Landstreitkräfte eröffnen. Der britische Matrose hat wie ein junger, täppischer Riese gespielt, der den kleinen Staat da unten mal in die Hand nimmt, um sich das komische Gewimmel näher anzusehen. Wie sie nervös durcheinanderlaufen, die würdigen alten Herren, wie die Zöpfe wackeln! Aber Gulliver macht das Spaß, er denkt gar nicht daran, die Regierung von Liliput zu laidieren, er setzt sie behutsam wieder auf den Boden. Jedoch gesetzt, es stäche ihn in diesem Augenblick eine Mücke, so ließe er das Ding fallen und es wäre in tausend Stücke zerbrochen. Gegen eine organisierte Masse gibt es keine Macht; wo ein organisierter Volkskörper sich erhebt, da klappt die bestens organisierte staatliche Autorität zusammen wie ein Gebilde aus Pappmache. So weit ist es noch nicht, noch kämpft England, und weil es redlich und ohne Großsprecherei in einen Kampf trat, der die Dämmerstunde der alten britischen Größe einleitet, so hat es Sympathie und guten Wunsch auf seiner Seite. Es wirkt jetzt ein wenig wie der »Fighting Téméraire« auf dem berühmten Bilde von Turner in der Tate-Gallery. Da wird der »Téméraire«, das alte Admiralschiff aus der Nelsonzeit, zum letzten Male durch den Hafen gezogen. Durch den grauen und braunen Nebel fällt ein Abschiedsschimmer von Purpur und Gold auf ein rührendes hölzernes Gespenst im verschlissenen Paraderock. Ein letztes Mal reckt es die morschen Masten, ein letztes Mal greift der Wind an die müden Rahen. Doch vor ihm, in schwarzem Rauch, schneidet ein kleiner Schleppdampfer scharfe, sichere Furchen. Er hat den tapferen alten Invaliden fest an der Kette und holt ihn ins Dock, wo er für immer abgewrackt wird. Der »Fighting Téméraire« im Abendrot, das ist Britannia, das ist die ganze kapitalistische Welt. Aber wo ist die Ablösung? Wo ist der Bote der neuen Zeit? Um Seydewitz Der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei hat sich jetzt endgültig entschlossen, mit der Opposition aufzuräumen. Die acht Abgeordneten: Max Seydewitz, Kurt Rosenfeld, Heinrich Ströbel, August Siemsen, Walter Oettinghaus, Paul Bergmann, Andreas Portune und Hans Ziegler sind in diesem Augenblick so gut wie vor die Tür gesetzt. Eine Unterwerfung würde nur ihr politisches Ansehen zerstören, aber kaum die Bewegung beenden, die hinter ihnen steht. Ihre Anhängerschaft ist schwer zu übersehen. Daß sie, wie in der sozialistischen Parteipresse behauptet wird, die Organisationen in ihren eignen Wahlkreisen nicht hinter sich haben, besagt wenig. Opposition rührt sich in der ganzen Sozialdemokratischen Partei; keine Sektion ist frei davon. Es kommt nicht darauf an, in welcher Kopfstärke die Revolteure heute abziehen, sondern was die Partei morgen und übermorgen tun wird, um ihren Bestand zu erhalten. Eines aber ist sicher: wenn Seydewitz und sein Anhang auch diesmal nicht zur Tat kommen, so flutet die Unzufriedenheit der Arbeitermassen auch über sie hinweg, und die Kommunisten werden die einzigen Erben sein. Herr Rudolf Hilferding soll seit einiger Zeit die Meinung vertreten, eine zweite, um einige Tongrade schärfere sozialistische Partei wäre notwendig, um nicht alle Genossen, die für Aufgabe der Tolerierungspolitik sind, an die Kommunistische Partei abzutreten. Man brauche eine Zwischenpartei, mit der man sich später wieder vertragen könne. Herr Hilferding, vor zwanzig Jahren ein rüstiger Kritiker des Finanzkapitals, hat sich in diesen letzten Jahren als einer der größten Dummköpfe erwiesen, die in der ohnehin nicht gut beratenen Sozialdemokratie ihr Wesen treiben. Was für eine Albernheit anzunehmen, man könnte eine Spaltung arrangieren und sich die Opposition, die man in der Partei nicht dulden will, außerhalb des Hauses gleichsam à la suite halten! Weiß dieser austro-marxistische Abfall, der übrigens in Deutschland sehr weich gefallen ist, nicht, daß die Dinge ihre eigne Logik haben und namentlich in dieser Zeit einer rapiden Entwicklung die Sezession nicht bald in ganz andre Richtung getrieben werden kann? Otto Wels ist der richtige Hausknecht, sein strammer Zugriff kann imponieren. Unerträglich ist nur der diplomatisch gebildete Hausknecht, der sein Opfer übers Geländer wirft und ihm dabei noch ins Ohr flüstert, warum dies Verfahren das Beste für ihn sei. Eine neue Partei, die von vornherein im Verdacht steht, Partnerin in einem Spiel mit verteilten Rollen zu sein, wird natürlich niemals wirksam werden, wird auch den bescheidenen Zweck verfehlen, den ihr Hilferdings akkumulierte geistige Unzulänglichkeit zugesteht. Eine Opposition, außerhalb der Tore künstlich gehalten, das ist die Idee eines Macchiavells von der Hintertreppe. Was der Sozialdemokratie not tut, das ist eine funktionierende und ideologisch gut fundierte Opposition innerhalb des Parteihauses. Diese Möglichkeit hat der Parteivorstand nicht ausreifen lassen. Man hat Seydewitz und die andern Wortführer der Linken stets wie eine Ansammlung lästiger Krakehler behandelt, man hat sie auf den Parteitagen schikaniert und verhöhnt, man ist ihnen wie Schulbuben ins Wort gefahren. Auf dem leipziger Parteitag vor einigen Monaten war das Auftreten der Opposition in nichts mehr von einem ganz ordinären Spießrutenlaufen unterschieden. Dieselben Leute, die in ihren Volksversammlungen die Demokratie als Universalmittel empfehlen, haben zu Haus die einfachsten Rechte von Meinungsfreiheit suspendiert. Sie fanden dafür die seltsame Form, sogenannte Gruppenbildungen zu verbieten, das Zusammentun von Gleichgesinnten von vornherein als Sonderbündelei zu brandmarken. Es ist wohl selbstverständlich, daß keine Millionenpartei ohne Flügelgruppen existieren kann. Wir wollen ganz von den besondern englischen Verhältnissen absehen, wo die stärksten Impulse immer von Korporationen Gleichgesinnter ausgingen, die ganz offen erklärten, sie wollten Einfluß auf die Labour Party gewinnen. A propos, kann sich jemand die Entwicklung dieser Partei vom Handwerkerverein zur akkreditierten Regierungspartei ohne die geistige Formung durch die Männer der Fabian Society vorstellen? In Deutschland wäre es ohne Zweifel verpönt, sich mit zweifelhaften Intellektuellen wie Shaw und Wells zusammenzusetzen. Die französische Sozialistenpartei kennt die beiden Flügelmänner Zieromski und Paul-Boncour und steht sich gut dabei. Die deutsche Sozialdemokratie aber verkündet die Diktatur der Strohköpfe, und das in einer Zeit, wo alle Dinge in Fluß sind, wie seit langem nicht, und eine verständig geleitete Partei alle ihre Nuancen liebevoll pflegen müßte, denn niemand weiß, welche sie morgen schon einzusetzen hat. Die alte Sozialdemokratie der Vorkriegszeit ist groß geworden im Kampfe von zwei leidenschaftlich um die Macht streitenden Gruppen. Radikale und Reformisten haben erbittert um die Herrschaft gerungen, es hat der Partei nichts geschadet. Sie blieb schlagkräftig. Ohne Eduard Bernstein und Georg von Vollmar rechts und Rosa Luxemburg und Georg Ledebour links läßt sich das historische Bild der Partei nicht mehr vorstellen. Ja, wenn wir von der alten Sozialdemokratie sprechen, so denken wir vornehmlich an diese Extreme, am wenigsten an die brave Mitte, an die Scheidemänner, die den radikalen Zungenschlag übrigens auch gut weghatten. Noch heute existiert aus dieser Zeit das Organ der Revisionisten, die ›Sozialistischen Monatshefte‹, und wenn dies einst von Eduard Bernstein ins Leben gerufene Blatt auch schon lange über seine Vergangenheit hinausgewachsen ist, so erfüllt es doch mit seinem scharf abgegrenzten Mitarbeiterkreis, mit seiner von der Partei sonst nicht goutierten Kontinentalpolitik und mit seinem alljährlichen Sozialistenball, zu dem selbst Kommunisten Zutritt haben, falls sie die Examination durch Frau Bloch lebendig überstehen, offensichtlich die juristischen Merkmale einer Gruppe. Ich möchte beileibe keine weitern Tschekainstinkte aufkitzeln, aber die Linke um Seydewitz bildet nicht die einzige »Gruppe« in der Partei. Weiter hat der hochmögende Vorstand die Mitgliedschaft in der Deutschen Friedensgesellschaft verboten. Selbst die Kommunisten, denen doch niemand überströmende Duldsamkeit nachsagen kann, suchen in den von Münzenberg geschaffenen Organisationen sogenannte Sympathisierende zu sammeln. Und wenn die dort Zugelassenen auch oft genug über eine wechselvolle Behandlung zu klagen haben, wenn ihnen der Eine noch gönnerhaft den Kopf kraut, während sie der Andre schon in den Hintern tritt, so liegt doch in dieser Heranziehung von Bürgerlichen die deutliche Anerkennung der Tatsache, daß es eine Außenwelt gibt, daß der Parteikral nicht alles ist. Wenn aber die Sozialdemokratie sich schon zur Autarkie bekennen will, warum pfeift sie dann nicht die Genossen zurück, die noch immer in betont nichtsozialistischen Vereinigungen sitzen, zum Beispiel, in den Schuldlügeverbänden? Und wenn es Sozialdemokraten verwehrt sein soll, bei Kommunisten und Pazifisten zu hospitieren, warum verbietet sie nicht den organisierten Parteigenossen redaktionelle Tätigkeit in bürgerlichen Blättern? Man braucht doch nur irgend ein Scharfmacherorgan auszuklopfen und es fällt ein sozialdemokratischer Schriftleiter heraus. Und selbst in der politischen Redaktion des ehemals liberalen und heute schwerindustriell infizierten ›Berliner Börsen-Couriers‹, wo ständig die Herabsetzung der Löhne als Allheilmittel verkündet wird, wirkt ein Mitglied der Sozialdemokratie mit, die Gattin des Roggenorganisators Baade. Die Partei denkt aber gar nicht daran, alle diese – sagen wir – weit vorgeschobenen Außenposten einzuziehen, sie wendet sich nur gegen links. Die Sozialdemokratie kann es sich heute nicht mehr erlauben, Meinungsverschiedenheiten nach dem Hausknechtskomment zu regeln. Nachdem eine zum Teil durchaus gefühlsmäßige Unzufriedenheit sich bis in die Fundamente der Partei hineingefressen hat, kann jetzt sehr leicht alles ins Rutschen kommen. Gewiß sind die Aussichten einer Sezession heute unbestimmt, die Gefahr für die Gesamtpartei liegt darin, daß die Genossen, die bisher hilflos mit den Fäusten gegen die Wände gehämmert haben, plötzlich einen Ausgang sehen und hinausströmen. Im Varieté kann man gelegentlich den Mann bewundern, der sich selbst hinauswirft. Das heißt, es nimmt sich einer selbst am Kragen und zieht sich aus Leibeskräften durch einen engen Türspalt. Die Sozialdemokratie ist auf dem besten Wege, sich selbst hinauszuschmeißen. Vielleicht wird Herr Brüning in einem Anfall von Großmut den um Braun und Severing verbleibenden Rest durch eine Notverordnung zum Naturschutzpark erklären, damit die heranwachsende Generation sieht, wie zwischen 1920 und 1930 regiert wurde. Humor der Woche »Brauchen wir noch eine Lehre aus dieser neuen Erfahrung zu ziehen? Die kapitalistische Weltordnung ist wirklich reif zum Abbruch geworden! Die große historische Aufgabe unsrer Zeit ist, die Kräfte der Arbeiterschaft zu sammeln, um durch den siegreichen Vormarsch der geeinten Arbeiterklasse die neue Weltordnung durchzusetzen. Proletarier aller Länder und eines jeden Landes vereinigt euch – in diesem Zeichen muß und wird der Sozialismus siegen!« (›Vorwärts‹, 22. September 1931.) Brüning und Hugenberg Rätselhaft bleibt, warum der Sozialdemokratische Parteivorstand grade jetzt die Gegner der Tolerierungspolitik zu exmittieren beginnt, wo nach menschlichem Ermessen diese selbst in ihre letzte Stunde tritt. Warum die Einheit der Partei durch einen Putsch von oben gefährden, wo die Ereignisse selbst doch morgen schon eine Situation schaffen können, in der nichts mehr davon zur Debatte steht, was die Flügelbildung innerhalb der Partei in diesen letzten Jahren veranlaßte? Danach muß die Frage erlaubt sein, ob die Sozialdemokratie bereit ist, Brünings Winterprogramm, mag es ausfallen, wie es wolle, zu stützen – Lohnabbau und Sondergerichte, alles, alles. Und es muß weiter gefragt werden, ob sie sich also dazu entschlossen hat, nicht nur Brüning, sondern auch ein Kabinett Hugenberg-Brüning zu tolerieren, und ob die Hinauswurfzeremonie bereits als Vorbereitung dazu zu betrachten ist. Auf dem deutschnationalen Parteitag in Stettin hat der alte Geheimrat Hugenberg mit einer verblüffenden Sicherheit gesprochen. Danach schien alles in Ordnung zu sein, und das national konzentrierte Kabinett Hugenberg unmittelbar bevorzustehen. Sogar für den welschen Erbfeind fiel ein freundliches Wort ab. Die teutoburger Moraste sollen ihn nicht mehr verschlingen, er soll in Frieden leben. Diese unerwartete Friedfertigkeit des alten Hammergottes hat einiges Erstaunen hervorgerufen. In der Tat gehen schon seit einiger Zeit Gerüchte, wonach die französische Regierung nur gegen Garantien für das Wohlverhalten der nationalistischen Opposition zur Hilfe für Deutschland bereit sei. Das hieße also, daß Frankreich eine offene Rechtsregierung einer fragilen demokratischen Regierung vorzieht, deren Bereich an Macht und Wirkung doch durch die rechte Opposition eng begrenzt wird. Solche Tendenzen mögen in Kreisen der französischen Schwerindustrie verbreitet sein, auch Herr François-Poncet mag ähnliches vorhaben. Hat doch auch Adolphus Rex, der Herr der braunen Heerscharen, seinen Mannen Demonstrationen gegen Laval und Briand untersagt. Gewiß, er kleidet das in Verachtung, aber daß er sich überhaupt zu einem solchen Verbot aufschwingt, läßt doch bei ihm zum erstenmal Ansätze von Politik ahnen. Nun hat es mit dieser deutsch-französischen Verständigung aus dem Geiste der beiden Schwerindustrien seine eigne Bewandtnis. Die Beiden haben jahrelang nicht an Kosten gespart, den nationalistischen Hetzapparat auszubauen. Soll Hugenberg seinen Hussong anweisen, jetzt Liebesgeständnisse an Frankreich zu dichten? Industrie und Finanz möchten selbstverständlich lieber heute als morgen ihren Separatfrieden mit Paris machen. Aber der von ihnen gestaltete und genährte Nationalismus kann nicht so leicht ummontiert werden, er hat ein Eigenleben gewonnen, er hat die Volksseele durch und durch vergiftet. Die Herrschaften ersticken unter dem Gewichte der Hetzpresse und der Pamphlete, die sie selbst bezahlt haben. So siegesgewiß Hugenberg auch in Stettin gesprochen hat, so unfreundlich war das Echo in der Zentrumspresse. Namentlich die ›Germania‹, das Blatt des Kanzlers, reagierte mit einer fast forciert wirkenden Schärfe. So rückt die Verbrüderung wieder einmal in die Ferne, und Brüning behauptet noch weiter als Alleinherrscher seinen Platz. Dort wird ihn weder die Betriebsamkeit Dingeldeys stören, noch die komische Anstrengung der bürgerlichen Parteikadaver, eine Einheitspartei der Mitte zu schaffen. Diese Parteien sind erledigt, sie sind schon nicht mehr als Etiketten. Die einzige gefährliche Bedrohung Brünings kann nur durch neue Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse kommen. Wenn eine neue Katastrophenwelle durchs Land rast, wenn Hungerrevolten ausbrechen und die Drohung der Massen sich nicht mehr gegen den französischen Erbfeind richtet sondern direkt gegen die Regierung, dann kann der Zentrumspartei die Alleinverantwortung zu gefährlich werden, dann kann sie es doch vorziehen, die Verantwortung mit der Rechten zu teilen oder sie ganz an diese abzutreten. Das Gleiche kann eintreten, wenn die Sozialdemokratie zerbröckelt, die Gewerkschaften ihre Leute nicht mehr bei der Stange halten können. Was die Diktatur Brüning von der Diktatur Hugenberg unterscheidet, ist lediglich die schwächere Sprache. Mindestens bereitet der gegenwärtige Diktator die Formen, in die der rabiatere Nachfolger mühelos einsteigen kann. Die Notverordnungen sind zunächst einmal da – was läßt sich nicht alles mit ihnen anfangen? Die meisten Grundrechte der Verfassung sind aufgehoben. Die Sondergerichte, die jetzt eingeführt werden sollen, können, sobald die Zustände es erfordern, Standgerichte werden. Jedenfalls ist für Herrn Hugenbergs Regime gründlich vorgearbeitet worden. Er braucht sich nicht mehr mit groben Arbeiten die Finger schmutzig zu machen, er braucht nur noch zu unterschreiben. * »Das letzte Gefecht« Eine Zitadelle des Kapitalismus nach der andern bricht zusammen. Machtpositionen und Doktrine wanken. Niemand stürmt von außen, alte Konstruktionsfehler rächen sich, und der Bau fällt in sich zusammen. Das englische Pfund, durch ein Jahrhundert ein venerabler Begriff, gibt sich selbst preis und sinkt in die monetarische Halbwelt. Andre Währungen können morgen folgen, gewaltige Banken und Trusts wie Zunder auseinanderfallen, strotzende nationale Wirtschaftskörper plötzlich bresthaft werden. Wie lange der Kapitalismus noch leben wird, mag Herr Ferdinand Fried ausrechnen, der ja auch herausgerechnet hat, daß wir uns jetzt im achtzehnten Jahr der Revolution befinden, wobei er wahrscheinlich mit 1913 beginnt, denn 1918 zählt als Revolutionsjahr kaum mit. Und trotzdem scheint ein solches Rechenkunststück noch realer zu sein als das in den großen Handelsredaktionen betriebene Gesellschaftsspiel, eine Wirtschaft zu analysieren, die es nicht mehr gibt, sich über Papiere zu verbreiten, die morgen kaum ihren Materialwert haben werden, und sich über einen Markt eingehend zu äußern, der mangels Beteiligung aufgehört hat, einer zu sein und in tiefstem Frieden daliegt. Alles hat sich grotesk ins Gegenteil verkehrt. Der Kapitalismus hat aufgehört, seinen bisherigen Favoriten Spaß zu machen. Er ist zu einer schweren Last für seine Träger geworden. Und wenn die reichen Leute früher in gelegentlichen Anwandlungen von moralischem Snobismus gern behauptet haben, daß sie unter dem Kapitalismus eigentlich furchtbar litten, so hat auch das heute seine Wahrheit erhalten. Allerdings ist auch gar nichts mehr da. Unternehmer verfluchen ihre Selbständigkeit, Bankiers warten auf die Sozialisierung wie früher auf die Dividenden. Diese Generation von Kapitalisten ist wirklich eine Lazarusschicht, sie büßt für die Sünden der Vorangegangenen. Die ganz Schlauen hoffen auf eine kleine Inflation. Sie werden sich täuschen. Der Glaube ans Geld ist erschüttert, die Freude daran verlorengegangen, der Ärger an der Wirtschaft ist geblieben. Geleugnet werden kann natürlich nicht, daß Deutschland für eine neue Inflation seelisch aufs trefflichste vorbereitet ist. Die Korruptionsskandale wachsen, die letzten Begriffe von Scham und Anstand gehen vor die Hunde, und die deutsche Frau, die eben noch in nationaler Politik dem Mann gleichtat und allem welschen Wesen mit der Feuerzange zu Leibe ging, hat die Fahne verlassen und sich definitiv auf spanischen Unterricht zurückgezogen. Eine Zeit ist um, aber wo sind die Erben? Niemand meldet sich. Sowjetrußland selbst, der Hort der Revolution, muß fürchten, seine Kunden zu verlieren, und hat alles Interesse, seine kommerziellen Verbindungen von dem zweifelhaften Abenteuer eines antikapitalistischen Aufruhrs fernzuhalten. Die Menschen torkeln zwischen Trümmern eines Systems, ratlos, kopflos. Ein paar Generationen haben die Hymne gesungen von den »Signalen«, auf die die Völker hören sollen, und dann den Vers vom »letzten Gefecht«. Es ist wohl kein Zweifel, daß wir heute mitten in diesem letzten Gefecht stehen. Aber die Signale sind verstummt. Fast scheint es, als ob der Weltbankrott die Teilhaber der einzelnen Nationalpleiten eher beruhigt als revolutioniert. Aber vielleicht ist das nur die Ermüdung des Augenblicks, und morgen kann der Menschheit schon die Schlachtmusik der Zukunft in die Ohren dröhnen. Die Weltbühne, 29. September 1931 1021 Dieser Winter ... In diesen Winter geht Deutschland nur noch mit zwei organisierten Mächten: mit dem Militarismus und mit der katholischen Kirche. Alles andre ist entweder in Auflösung begriffen oder sucht durch große Gestikulation über die innere Hilflosigkeit hinwegzutäuschen. Die Sozialdemokratie hat keine runde Gestalt mehr, der Erdrutsch an ihren Grenzen hat begonnen. Die Gewerkschaften leiden mehr und mehr unter der wachsenden Arbeitslosigkeit; die widerstandslose Hinnahme arbeiterfeindlicher Schiedssprüche raubt ihnen das Vertrauen auch ihrer alten Mitglieder. Die Banken, bis vor wenigen Monaten noch Kultstätten des Kapitalismus, werden vom Publikum mit höchstem Argwohn betrachtet. Die Schwerindustrie, vor kurzem noch eine uneinnehmbare Stellung aus Eisenbeton, erweist sich bei zunehmender Krise als ein ganz gewöhnliches deutsches Klublokal, in dem ein Rudel von Bierphilistern sich als Union der starken Hand fühlt. Und wie steht es um die extreme Opposition? Die Kommunisten haben zwar ungeheuer gewonnen, wie jetzt wieder die Wahlen in Hamburg zeigen, aber sie schleppen den Widerspruch zwischen einer fremden Doktrin und den ganz anders gearteten deutschen Verhältnissen mit sich, und die dialektische Lösung dieses Widerspruchs ist bis jetzt noch nicht gelungen. Auch die Nationalsozialisten sind noch immer im Wachstum begriffen, aber ohne Ideen, ohne Führung – ein gewaltiger, unbehilflicher Kloß, der sinnlos in der Landschaft herumliegt und sich seines Umfangs freut. Alle alten Autoritäten haben abgewirtschaftet. Der Reichstag ist nur noch eine klappernde Jasagemaschine, die bei Funktionsstörungen der Verschrottung anheimfällt, die bürgerlichen Parteien von Hugenberg bis Dietrich sind nur noch ein einziger Komposthaufen, auf dem der maßgebliche Dingeldey mit komischem Ernst seinen Führerpart herunterkräht. Zwei kompakte Mächte gibt es also nur noch: davon stellt die eine den Kanzler, die andre die erforderlichen Nahkampfmittel, um dessen Herrschaft zu sichern. Wir wissen nicht, wie lange der Katholizismus einem sozialen Sturm standhalten kann. Die Stellung Brünings beruht ja nicht auf einem Kontrakt zwischen ihm und Deutschland sondern auf einem stillen Pakt mit den bürgerlichen und sozialistischen Fraktionsführern, weil ihnen ein konfessionell gebundener Politiker, der notfalls die Religion als letzte ideologische Etappe beziehen kann, geeigneter erscheint als ein Mann der konkreten Partei- und Klasseninteressen. Und wir wissen noch viel weniger, wie sich die Wehrmacht bei einem von rechts kommenden Stoß verhalten würde. Vielmehr, wir wissen es ziemlich genau, aber wir wollen lieber nicht darüber reden. Die Gefahr dieses Winters liegt also nicht in den bewußten und geplanten Umsturzversuchen von rechts und links. Hier sind die innern Explosivkräfte noch stark gefesselt. Noch immer ist der Umsturz bei der Reichsregierung monopolisiert, die auf dem Verordnungswege mit den Verfassungsparagraphen alle Neune wirft, während die unglücklichen Sozialdemokraten wie nervöse Kegeljungen, von allen Seiten angeschnauzt, über die Bahn stolpern. Die wirkliche Gefahr liegt in spontanen Volksaufständen, die von niemandem angezettelt und begünstigt, plötzlich losbrennen können. Entwickeln sich erst hier und dort Hungerrevolten, von politischen Parolen umflackert, dann müssen sich die radikalen Parteien wohl oder übel entscheiden. Dann müssen sie die Führung übernehmen, wenn die Bewegung nicht über sie hinweggehen soll. Von diesem Risiko weiß der Reichskanzler gewiß mehr als die meisten Mitglieder seines Kabinetts. Er fürchtet den Ansturm der Unternehmer gegen das Lohnniveau und gegen die Sozialversicherung; hier ist die Stelle, wo zwei Klassen zusammenprallen müssen und aus unterdrückten Arbeiterinteressen unmittelbar revolutionäre Politik flammen kann. Aber wie will Brüning dem vorbeugen? Er will den Staat herausziehen und die Auseinandersetzung den Beteiligten selbst überlassen. Soeben wird offiziös verlautbart, daß die nächsten Notverordnungen nur »die dringenden finanzpolitischen Fragen regeln«, aber nicht an das heiße Eisen der Löhne rühren wollen. Es soll eine Art Arbeitsgemeinschaft aufgebaut werden, »die die Lohn- und Tarifstreitigkeiten durch direkte Vereinbarungen ohne Eingreifen der staatlichen Instanzen« ordnet. Das hört sich recht großartig an und heißt im Grunde doch nur, daß der Staat sich vor der brennendsten sozialen Frage drückt und daß er nicht in die Verlegenheit kommen möchte, etwas Autorität gegen die Unternehmerschaft anwenden zu müssen. Der Staat will seine Hände in Unschuld waschen, Arbeitervertreter sollen selbst der Herabsetzung der Löhne zustimmen. Heute beugen sich noch Gewerkschaftsführer ratlos und zähneknirschend vor Schiedssprüchen, die sie nachher vor ihren Leuten vertreten müssen. Aber sie können sich noch immer damit salvieren, daß man sich, so bitter es sein mag, den Gesetzen beugen muß und daß Tarifbruch katastrophale Folgen nach sich zieht. Aber daß Gewerkschaftsmänner in gemischten Körperschaften, die zunächst auf nichts anderm beruhen als auf der Empfehlung des Staates, unter eigner Verantwortung die Schädigung der von ihnen Vertretenen beschließen, das ist ganz unmöglich. Solche Funktionäre kann man selbst unter den heutigen zahmen sozialistischen und christlichen Gewerkschaften mit der Laterne suchen. Sie würden von ihren eignen Leuten in Stücke gerissen werden. Ein derartiges System würde also nicht dem sozialen Frieden, nicht dem vernünftigen Ausgleich der Interessen dienen sondern zur Schwächung und, im Endeffekt, zur Zerstörung der Gewerkschaften führen. Kommen die Gewerkschaften aber ins Rutschen und stellen sie keine festen Gebilde mehr dar, so ist bis zur Zwangssyndizierung nach italienischem Muster kein langer Schritt mehr. Dann würden in Kartellen, wo Arbeiter und Unternehmer angeblich einträchtig miteinander verhandeln, die Arbeiter faktisch als Gefangene sitzen, und die Tarife würden einfach diktiert werden. Selbst wenn wir dem Reichskanzler keine bewußten Fascisierungstendenzen unterstellen wollen, so muß doch gesagt werden, daß es ein Unding ist, den Staat heute dort herauszunehmen, wo seine wichtigste Aufgabe liegt. Das Verhältnis von Arbeiterschaft und Unternehmertum in Deutschland ist wie mit Dynamit geladen. Anstatt schleunigst die Zündschnur durchzuschneiden, empfiehlt der Staat den beiden Gegnern, es sich einstweilen auf dem Pulverfaß bequem zu machen, und zieht sich, zufrieden mit seinem Versöhnungswerk, aus der Rauheit des sozialen Klimas in die bekömmliche Luft seiner Kanzleien zurück. Wie es mit dem Geist der Arbeitgeberschaft steht, beweist das in diesen Tagen veröffentlichte Programm der Spitzenverbände des Unternehmertums. Da wird, wie in den Blütezeiten des Liberalismus, gegen die öffentliche Hand gewettert, grade so, als hätte man sich niemals über sie gebeugt, um ihr Subventionen zu entnehmen. Da wird »in kraftvoller Entschlossenheit« von der Regierung gefordert, sofort an das Rettungswerk zu gehen. Natürlich sollen die Löhne und Gehälter den »gegebenen Wettbewerbsverhältnissen« angepaßt werden; deshalb »individuellere Lohngestaltung«, deren Voraussetzung wieder eine Reform des Tarif- und Schlichtungswesens sein soll; deshalb Generalattacke auf die Sozialversicherung, damit sie »unverzüglich mit den wirtschaftlichen Kräften unsres Volkes in Einklang gebracht wird«. Kurzum, es ist der gleiche Inhalt und die gleiche Melodie wie seit Jahren, nur daß die Herren von der Schwerindustrie, inzwischen durch einen Fehlschlag nach dem andern bloßgestellt, von ihrer Schrecklichkeit einiges eingebüßt haben. Ihre Betriebe stehen still, ihre Gehirne auch. Die »Wirtschaft«, die sich jahrelang in sakraler Überheblichkeit darstellte, steht heute vor dem ganzen Volk als ein Haufe renommierender Tartarins, die mit den Armen herumfuchteln und von ihren Großtaten erzählen. Diese Mützenjäger von Rhein und Ruhr, die der ganzen Welt Krieg angesagt haben, beanspruchen heute noch den Staat als das ihnen von Gott zugesprochene Instrument, sie tun es dreister als es jemals der alte Feudaladel getan hat. Der Reichskanzler soll über den Unverstand der Industrieherren verzweifelt den Kopf geschüttelt haben. In den Weg gestellt hat er sich ihnen jedoch nicht. Er machte nur den Sozialdemokraten die kleine Konzession, die Arbeiterlöhne einstweilen nicht zum Freiwild zu erklären. Diese brenzlichste Frage soll also auf die Arbeitsgemeinschaft abgeleitet, der Staat in wirtschaftlichen Kämpfen neutralisiert werden. Das nennt man ein Programm für die härteste Winternot seit hundert Jahren! Der privaten Charitas bleibt es überlassen, die Goulaschkanone in Bewegung zu setzen, die Sammelbüchse zu schwingen. Es ist merkwürdig, wie gering dieser Staat, von kleinen Ordnungsrettern geleitet, seine eignen Kräfte einschätzt. Und doch hat es sich immer wieder, und zuletzt noch mit zwingender Gewalt in den Tagen des großen Julikrachs gezeigt, daß er das einzige Stabile bleibt, wo rundherum alles stürzt. Damals hätte der Staat mühelos einige der stärksten Festungen des Kapitalismus besetzen können, und sie sind heute noch zu haben, denn der Verteidigungswille ist schwach, der Glaube gebrochen. Man vergesse doch nicht, daß der Sozialismus schon lange keine mehr aus den letzten sozialen Tiefen aufsteigende Forderung mehr ist. Der Sozialismus ist keine Sache rebellierender Einzelgänger mehr, die sich an den gläsernen Wänden einer festen Gesellschaftsordnung die Stirne blutig stoßen, sondern eine Frage der Umorganisierung, der bessern Distribution. Der objektive Befund der gegenwärtigen Situation stellt sich als hochgradig revolutionär dar, aber die Menschen sind es nicht. Viele davon sind sehr müde, gewiß, aber die Meisten sind geduldig, und die Sorge um sich und die nächsten Angehörigen lähmt ihren Blick fürs Ganze. Wie lange dieser ungeklärte Zustand anhalten kann, das ist die schwere Frage am Rande dieses Winters. Aber das Eine ist sicher: so aufgelockert waren die sozialen Verhältnisse niemals, und niemals trieb das kapitalistische System so mutlos, so abdankungsreif dahin. Neben dieser Tatsache wirkt der Posaunenstoß der Schwerindustrie, die eine von ihren Trustherren selbst demolierte Individualwirtschaft fordert, einfach komisch. Vieles würde sich jetzt mit einem Federzug erreichen lassen, was in geänderter Situation jahrelange revolutionäre Kämpfe erfordert. Die Weltbühne, 6. Oktober 1931 1022 Rechts ist Trumpf! Anderthalb Jahre hat der Reichskanzler Brüning sich bemüht, der sogenannten Nationalen Opposition Manieren beizubringen. Er hat sich sein Erziehungswerk durch so viele Konzessionen an die Rechte zu erleichtern versucht, daß die arme demokratische Republik dabei in die Brüche gegangen ist. Brünings Idee war: die Rechtsparteien soweit zu zivilisieren, daß sie außenpolitisch tragbar wurden und innenpolitisch wenigstens noch einen Schein von Legalität wahrten. Damit ist der Reichskanzler gescheitert. In dem braunschweigischen Harzburg tritt alles, was Küche und Keller an Fascismus, Monarchismus und Nationalismus zu bieten haben, geschlossen gegen ihn auf. Die Reden der Führer sind ein einziges dröhnendes Pronunciamento. Zugleich mißlingt Brünings Versuch, durch Aufnahme von Vertrauensmännern der Schwerindustrie sein Kabinett umzubilden, um durch Gewinnung der wirtschaftlichen Reaktion auch die politische Reaktion an sich zu knüpfen. Nach einigen Tagen qualvollster Verlegenheit kommt nur ein mäßig verändertes Kabinett zustande, das, von allen Mittelgruppen verlassen, nicht lange leben kann, auch wenn es das erste parlamentarische Feuergefecht überstehen sollte. Das Bemerkenswerteste an den Wirren der vergangenen Woche ist, daß Brüning auf den Reichspräsidenten nicht mehr in dem Maße wie früher rechnen kann. Wir wollen uns nicht in das Rätselraten verlieren, ob Brüning besondere Vollmachten verlangt hat oder nicht. Die Hauptsache ist, daß er sie nicht in der Hand hat. Infolgedessen sagten Schmitz, Silverberg und Vögler ebenso ab wie Bracht, Geßler und Neurath. Die Herrschaften verzichteten auf das Vergnügen, nach einer Ministerschaft von ein paar Stunden wieder in ihre Privatwohnungen zurückzukehren. Nicht einmal mit den Namen Geßler und Neurath als Köder ist es Brüning gelungen, die Rechte wenigstens zur Tolerierung zu verführen. Die anonyme Clique, die sich hinter der ehrwürdigen Kulisse »der Reichspräsident« verbirgt und deren Quertreibereien schon wiederholt Unheil angerichtet haben, will diesmal ganze Arbeit machen und die Regierung an Hugenberg-Hitler ausliefern. Deshalb wird die formale Demission des Kabinetts zum Anlaß genommen, ein wahres Fegefeuer von Intrigen anzufachen. Und deshalb erscheint einen Tag vor dem harzburger Treffen der braune Häuptling des deutschen Fascismus im Palais des Reichspräsidenten. Ein Ereignis von unerhörter propagandistischer Wirkung für die Reaktion, auch wenn sich die beiden Herren nur über das Wetter unterhalten haben. Und als Auftakt für Harzburg wird die Sprache der Nationalsozialisten so drohend und frech wie seit einem Jahre nicht. In Dessau hat einer davon, der Abgeordnete Stöhr, in öffentlicher Versammlung ausgeführt, es müßten nicht immer Köpfe rollen, das höchste Gericht des Dritten Reichs werde eine Methode ausfindig machen, deren Durchführung ein Erzeugnis der deutschen Hanfindustrie vorübergehend im Preise steigert. So etwas darf öffentlich gesagt werden, und obgleich es nicht erst einer Notverordnung bedurfte, um da einzuschreiten, läuft der Lümmel noch immer frei herum. Die Rechte weiß, was sie riskieren darf. Sie steht an der Szene, sie ist dran. Die in Harzburg versammelte Nationale Opposition hat sich »bereit und gewillt« erklärt, »die Verantwortung zu übernehmen.« Dabei war das von den Haupthähnen des Nationalismus abgelesene Zeug ohne Geist und Plan wie sonst auch. Hugenberg übernahm, so ganz nebenbei, auch noch die Rettung Amerikas, Hitler forderte die Aufhebung des Versailler Vertrags, und der unqualifizierbare Schacht denunzierte die Reichsbank, daß ihre Ausweise nicht den Tatsachen entsprächen. Obgleich das alles tönte und rasselte wie schlechte Militärmusik, fehlte doch eine am Äußerlichen haftende Aggressivität. Die Herren waren alle auf ihre Weise bemüht, den Realitäten Rechnung zu tragen. Kommunismus oder Nationalismus! ruft Hitler, und gibt damit den ohnehin fadenscheinigen Sozialismus der Seinen endgültig auf. Schacht will, nach alten Rezepten, nur an das »raffende Kapital« heran. Hugenberg wettert gegen den internationalen Kapitalismus, um dafür dessen deutsche Spielart desto dicker zu unterstreichen. Er feiert die »nationale Volkswirtschaft«, die nicht dem geschlossenen Handelsstaat gleichzusetzen ist, »aber eine sich selbst genügende Nahrungsgrundlage bedeutet«, er fordert »selbständige Währungs- und Handelspolitik«. Das sieht alles nicht sehr nach Drittem Reich aus, das sind keine besessenen Wiedertäufer, deren irdisches Handeln und Wollen die Idee metaphysisch durchleuchtet. Dieser Adolf Hitler ist kein neuer Jan Bockelson van Leyden, der eine ganze Nation in Verzückung bringt wie dieser die kleine Bischofsstadt Münster. Dieser Prophet ist ein gerissener Industrieagent, der weiß, was seine Einbläser wollen. Gute Nacht, Moeller van den Bruck, du bist gestern in Harzburg ein zweites Mal gestorben. Hier geht es nicht um den in Deutschland zu verwirklichenden Gottesstaat sondern um höchst kommune Geschäftsinteressen. Die erstrebte Nationale Regierung entlarvt sich immer mehr als ein neues Kabinett Cuno mit Inflation, Unternehmerwillkür, Abbau der Sozialpolitik und etwas nationalistischem Tamtam. Diesen Herren Schwerindustriellen und Großagrariern brennt das Feuer unter den Nägeln, und weil Brüning den letzten Einbruch in die Lohntarife und die Sozialpolitik verzögert, deshalb läßt Hugenberg sein Ultimatum in eine Staatsstreichdrohung ausklingen: »Der Bauplatz muß zuvor seitens der Andern geräumt sein, oder er muß durch die Unsern gestürmt werden.« Zu diesem Sturm wird es kaum kommen. Denn die zweite Brüningregierung steht auf so schwachen Beinen, daß sie Herr Hugenberg ohne jeden Aufwand durch eine Räumungsklage beim Amtsgericht Berlin-Mitte zum Abzug nötigen könnte. Wenn die Harzburger sonst nichts für sich haben, so doch die Logik der Situation. Eine volkstümliche Welle trägt sie hoch, ihr Plus ist das katastrophale Minus heute nach anderthalb Jahren Brüning. Die nationalistische Bewegung ist sehr stark, auch wenn sie in sich nicht geschlossen ist und Nationalsozialisten und Stahlhelmer gestern, wie Kriemhild und Brunhild, um den Vortritt gestritten haben. Weniger aussichtsvoll sind dagegen die nächsten Chancen einer Rechtsregierung. Sie wird sich zunächst mit Frankreich zu vertragen haben, also viele ihrer Anhänger enttäuschen müssen, denn Geld kommt nur über Paris. Der neue französische Botschafter François-Poncet ist zwar der Rechten wohlgeneigt, aber das französische Volk ist es nicht, und Frankreich wird noch immer nicht von betriebsamen Industriebeamten regiert. Die antifranzösische Hetze wird jedenfalls aufhören müssen, Deklamationen gegen die Tribute fallen ohnehin fort, denn die Reparationen sind inzwischen im Weltmeer der Krise still versunken. Man vergesse nicht, daß der deutsche Nationalismus heute noch von starken sozialrevolutionären Kräften getragen wird. Im Falle der Machtergreifung aber hat er nichts zu bieten als Wirtschaftsreaktion, praktisch wird er gezwungen sein, das System der Notverordnungen fortzusetzen, das Brüning so vorbildlich eingeleitet hat. Doch diese Betrachtung greift den Ereignissen vor. Einstweilen kommt das Regime des Nationalismus näher wie ein unabwendbares Verhängnis. In seiner tödlichen Verlegenheit hat der Reichskanzler, dem alle bequemern Sitzgelegenheiten verloren gegangen sind, sich in verzweifelter Entschlossenheit auf die Spitze der Bajonette gesetzt. An Stelle des Herrn Wirth, der sich in seinem Kampfe um die Reinheit der deutschen Seele einen Glorienschein erworben und den trotzdem der Teufel geholt hat, tritt der Wehrminister Groener. Militär und Polizei in einer Hand, Wehrmacht und Exekutive in einer Person vereinigt, das heißt höchste Alarmbereitschaft. In äußerster Not ernennt Brüning selbst einen Primo de Rivera, um einem Andern, der dazu Lust haben könnte, die Rolle vor der Nase wegzuschnappen. Eine Diskussion über die Verfassungstreue Groeners erübrigt sich unsres Erachtens, denn die Verfassung, die es zu schützen gilt, ist von Brüning selbst in unermüdlicher Bureauarbeit in Atome zertrümmert worden. Noch in seinen letzten Notverordnungen bemüht er sich, den Übergang zu Hugenberg-Hitler möglichst unauffällig zu machen. Die Absagen an Brüning kommen heute von den wenigen Liberalen, die es noch in Deutschland gibt. Die Sozialdemokratie hat sich zu einem solchen Entschluß noch nicht durchgerungen, ja, Brüning kann in seine letzten Amtsstunden den Trost mitnehmen, daß die Sozialdemokratie einen pietätvollen Kranz von Immortellen auf seinem Grabe niederlegen wird. Welch eine Komödie hat die Wirklichkeit da gedichtet! Wenn dieser Kanzler überhaupt ein Programm hatte, so war es das, die Sozialdemokratie in die Ecke zu drängen und in ihrem Einfluß auf den Staat durch konservative Elemente zu ersetzen. So wie eine arme verschmähte Geliebte, die nach einer Zärtlichkeit hungerte und statt dessen nur Prügel bezog, als einzige dem Sarge des Angebeteten folgt, während die viel feinern Damen bereits die nächste Lagerstatt parfümieren, so trauert die Sozialdemokratie heute um den teuren Verblichenen, der ihr Seele und Unterleib für immer ruiniert hat. Brüning hat der Sozialdemokratie nichts zuliebe getan. Er schreckte nicht einmal davor zurück, ihr Geßler und Neurath zuzumuten. Und daß Herr Geheimrat Schmitz von I.G. Farben nicht Minister wurde, scheiterte nicht nur an dessen mangelndem Willen sondern auch an dem Einspruch Stegerwalds, der vermeinte, die Sozialisten würden nicht imstande sein, Herrn Schmitz hinzunehmen. Welch überflüssiges Zartgefühl, sie hätten noch ganz andre Pillen geschluckt. Der christliche Arbeiterführer Imbusch ist es gewesen, der vor ein paar Tagen gegen die Zechenherren mit Sozialisierung gedroht hat, sicher nicht aus einem Überschwang an Radikalismus, sondern in der klaren Erkenntnis, daß man heute zu Arbeitern nicht anders sprechen kann. Während die Sozialdemokratie ihre eignen Radikalen vor die Tür setzt, spielt ein nichtsozialistischer Arbeitervertreter die Karte der Sozialisierung aus. »Gegen das zweite Kabinett Brüning kann man genau dasselbe einwenden wie gegen das erste. Aber auch nicht viel mehr«, schreibt der ›Vorwärts‹. Und weiter: »Es ist ein offenbarer Unsinn, wenn man sagt, es sei dasselbe wie ein Kabinett Hitler-Hugenberg.« Gegen eine so unerbittliche Selbstmordabsicht läßt sich nicht mehr mit oft wiederholten Argumenten streiten. Hier muß man sich nach einem unverdächtigen Zeugen, am besten von der andern Seite der Barrikade, umsehen. Die ›Deutsche Allgemeine Zeitung‹ schreibt am 4. Oktober: »So steuern wir immer weiter von der Demokratie ab. Brünings politische Tätigkeit kann man doch nur dahin zusammenfassen, daß sie mit einem Wort Bismarcks, die Vorfrucht der nationalen Diktatur bedeutet, das heißt, er gewöhnt das Volk an die Diktatur und ermöglicht es seinen Nachfolgern, sich zu behaupten unter Hinweis auf ihren Vorgänger.« Hier ist mit musterhafter Deutlichkeit ausgesprochen, worauf es ankommt. Dies und nichts andres haben wir vom ersten Tage der Kanzlerschaft Brünings an behauptet, und die Harzburger sind herzlich undankbar, wenn sie den Mann, der alles so nett für sie eingerichtet hat, jetzt als nationalen Schädling in den tiefsten Tartaros stürzen möchten. Auch für diesen Katastrophenspezialisten sollte in dem Katastrophenkabinett Hitler-Hugenberg ein Platz frei sein. Der Politiker Brüning hat den Ruck nach rechts gewollt und statt dessen den Fascismus heraufbeschworen. Nun sind ihm die Dinge übern Kopf gewachsen, und der Zauberstab, mit dem er so munter hantierte, tanzt ihm grob auf dem Rücken herum. Die papiernen Wände der Konstitution sind durchstoßen, keine »formale Demokratie« wird in Zukunft mehr hindernd und mildernd zwischen Kapitalismus und Arbeiterschaft stehen. Der Weg der Evolution ist verrammelt, der Kanzler, der die Autorität stärken wollte, hat die Anarchie durch tausend Löcher ins Haus gelassen. Der Mann, dem es gelungen ist, die Republik auf dem Verordnungswege zu erledigen, muß sich heute hinter Groeners Bajonette verkriechen. Der Mann, der das Volk an die Diktatur gewöhnt hat, verläßt er die Szene, und ihm wird zum Abschied genau das, was er verdient hat: – ein Steinwurf und ein Fluch. Die Weltbühne, 13. Oktober 1931 1023 50 zu 50 Mit vierundzwanzig Stimmen Mehrheit ist der Reichskanzler dem Ansturm seiner Gegner entronnen. Den Ausschlag gaben nicht die biedern Agrarier, denen Brüning mehr gewährt hat als irgend ein deutscher Minister seit Jahrzehnten, sondern die Hicketiere von der Wirtschaftspartei. Es ist noch nicht bekannt, womit diese kleine Gefälligkeit der Budikerpartei erkauft ist, wahrscheinlich wird die Reichsregierung einen anständigen Obolus in die Ladenkasse tun müssen. Wer indessen glaubt, daß der Reichskanzler nunmehr von seiner Vorliebe für die Rechte kuriert ist, der sollte die Rede, die er am Freitag vor der Schlußabstimmung gehalten hat, nochmals genau nachlesen. In dieser sogenannten Abrechnung, die sich vornehmlich gegen einige allzu plumpe Übergriffe der Schwerindustrie richtete, warb er gradezu um die Gunst der Hitlerpartei. Er dankte nicht nur den Führern der Nationalsozialisten »für die Vornehmheit, wie sie sich meiner Person gegenüber bei aller Kritik eingestellt haben«, sondern beklagte auch am Ende seiner Ausführungen ausdrücklich, daß Hitler nicht vertrauensvoll einige Monate mit ihm gehe. »Vornehmheit?« Entfernte sich nicht das braune Politikantenpack mit knarrenden Stiefeln aus dem Plenarsaal, als der Reichskanzler das Wort nahm? Gewiß, das Gros davon, ist dort, wo es aufs freie Wort ankommt und nicht auf den Knüppel, zu feige oder zu dumm, aber die Geste gegen Brüning, mag sie auch der Verlegenheit entsprungen sein, bedeutete doch öffentlich: Ablehnung und Verachtung. Aber selbst in der Entscheidung noch beschwört der also Behandelte die Idee der nationalen Konzentration, ladet er Hitler ein, sich neben ihn zu setzen. Was mögen wohl die Sozialdemokraten für Gesichter dazu gemacht haben? Der Zeitungsbericht verzeichnet: stürmischer Beifall in der Mitte und bei den Sozialdemokraten. Wird die Nationale Opposition den Mann, der selbst, wenn er sie züchtigt, nur leicht mit dem Ölzweig streicht, nicht bald etwas freundlicher betrachten? Sie traut ihm nicht, gewiß. Sie fürchtet sein stereotypes Klerikerlächeln und wittert dahinter römische Tücke. Sie fühlt sich ihm unterlegen. Brüning ist nicht der große Staatslenker, für den ihn seine Bewunderer halten. Aber Brüning verglichen mit den Matadoren des Nationalismus wirkt erhaben und gewaltig – ein Ringelwurm unter Käsemaden. Und dennoch hätte er sich diesmal nicht loseisen können, wenn ihm nicht das harzburger Gastspiel des Herrn Hjalmar Schacht eine kaum erwartete Entlastung verschafft hätte. Ohne diesen unfreiwilligen Partisan wäre Brüning verloren gewesen. Die Harzburger haben allzu vorschnell nach der Inflation geschrien, und grade die Angst vor der Inflation steckt den meisten Deutschen, die Herren von der Schwerindustrie natürlich ausgenommen, allzu tief in den Knochen. So warfen Hugenberg und Hitler der Regierung selbst die Gegenparole zu, und das Auftreten des Psychopathen Schacht, dessen traditioneller hoher Stehkragen jetzt endlich gegen die Zwangsjacke ausgewechselt werden sollte, machte die rechten Splitterparteien wieder wankend. Brüning hat also diesmal noch gesiegt, aber nunmehr, nach beendigter Schlacht, lautet die Frage nicht mehr: gegen wen? sondern: zu was? Der Reichskanzler hat weder Ideen gegeben, die sich entwickeln ließen, noch ein Programm, an das man sich halten könnte. Er hat kräftige Worte für die feste Währung gefunden, jedoch nichts genannt, was sie vor dem Abgleiten bewahren könnte. Er hat unter dem Druck der christlichen Gewerkschaften die dreistesten schwerindustriellen Angriffe gegen den Tarifgedanken zurückgewiesen, aber sich durchaus nicht wie ein rocher de bronce vor die sozialen Rechte der Arbeiterschaft gestellt. »Die Sozialpolitik muß allerdings derartig gestaltet und gehandhabt werden, daß sie sich den finanziellen und wirtschaftlichen Notwendigkeiten einfügt ... Vor allem gilt dies auch für den Tarifgedanken, der als solcher gesund ist und erhalten werden muß, aber größere Elastizität in der Handhabung bedarf. Die Tarife müssen veränderten Verhältnissen schneller angepaßt werden können.« Wo ist da der Unterschied zwischen Brüning und Doktor Oberfohren, der als Sprecher Hugenbergs gegen die Unabdingbarkeit der Tarifverträge und gegen das Schlichtungswesen grobes Geschütz auffuhr? Die Deutschnationalen wollen die Gewerkschaften niedertrampeln, Brüning will sie in eine Arbeitsgemeinschaft mit den Unternehmern zwängen, in der sie, kräftig unter Druck gesetzt, ihre Rechte selbst stückweis aufgeben. Diese Arbeitsgemeinschaft, die unter dem segenskräftigen Vorsitz Hindenburgs tagen soll, ist überhaupt der Löwengedanke Brünings. Wie das ›Berliner Tageblatt‹ mitteilt, dürften die Gewerkschaften bei diesen Verhandlungen von Herrn Geheimrat Bachem, dem rühmlichst bekannten Arbeiterbankier, vertreten werden. Herr Bachem hat noch von seiner frühern Tätigkeit als königlich preußischer Staatsanwalt her eine hochgradige Abneigung gegen den Sozialismus, die er auch als Mitglied der Sozialdemokratie nicht völlig hat überwinden können. Dieser altbewährte Labourleader wird neben Vögler und Schmitz ganz gewiß nicht allzu oft mit der schwieligen Faust auf den runden Tisch schlagen, er wird schon einsehen, daß der an sich gesunde Tarifgedanke in der Handhabung größerer Elastizität bedarf. Herr Brüning ist von seiner göttlichen Mission tief durchdrungen, und dieses Gefühl mag gut und nützlich sein für ein Amt, das die bösesten Nervenproben mit sich bringt. Aber was berechtigt ihn zu dem naiven Optimismus, dem er in seiner Rede Ausdruck verlieh? Vor kurzem habe er noch das Bewußtsein gehabt, daß die Situation zu 90 Prozent verloren sei. »Heute jedoch«, fuhr der Reichskanzler fort, »ist sie so, daß ich sagen kann, das Verhältnis von Glück oder Unglück steht schon 50 zu 50.« Was hat sich inzwischen denn so gründlich gebessert? Ist die Lage der Reichskassen um so viel hoffnungsvoller? Hat der Reichskanzler nicht selbst für den Winter sieben Millionen Arbeitslose prophezeit? Hat denn in der Geschäftswelt die Pleite zu wüten aufgehört? Nichts hat in diesen letzten Wochen das Verhältnis von Glück und Unglück verschoben. Daß die Weltkrise inzwischen auch das englische Pfund erschüttert hat, wird doch der Reichskanzler kaum zu den Ereignissen rechnen, die auf der Glücksseite zu verbuchen sind. Einmal war der Kanzler der Wahrheit sehr nahe, als er auf das wachsende Mißtrauen gegen das privatwirtschaftliche System hinwies, allerdings nur, um sich sofort schützend davorzustellen und selbst für die Banken ein verteidigendes Wort zu finden. Nichts berechtigt zu der Annahme, daß die gegenwärtige Regierung etwas gegen Großagrariertum und Schwerindustrie unternehmen wird. »Es ist kein Grund, etwa zu glauben, daß das System unsrer deutschen Banken an sich von Grund aus irgendwie verkehrt sei. Das muß ich auch ausdehnen auf den weitaus größten Teil unsrer deutschen Wirtschaft.« Das sagt der Kanzler, wo sich immer mehr offenbart, daß eine unvernünftige Kreditpolitik ebenso wie eine blindwütige Rationalisierung dazu beigetragen hat, der international rasenden Wirtschaftskrise in Deutschland ein besonders bösartiges Gesicht zu geben. Ohne Plan, ohne Programm, aufrechterhalten nur von der Hoffnung, daß in ein paar Monaten von außen her Hilfe kommt, so geht die Regierung in den schwersten Winter seit hundert Jahren, und ihr verantwortlicher Führer nennt das ein Verhältnis von 50 zu 50. Die hohlgewordenen Gehäuse des Kapitalismus sinken in sich zusammen, und der Staat verteidigt die Fiktion einer Privatwirtschaft, die doch vornehmlich von seinen Subventionen, also auf Kosten des ganzen Volkes, lebt, anstatt das in Besitz zu nehmen, was von den bisherigen Inhabern kaum mehr verteidigt wird. Sozialisierung von oben oder Kommunismus von unten! Das ist heute die Alternative. Das Volk, noch immer ruhig und geduldig, scheut den russischen Weg und wartet noch immer, daß selbst von dieser Regierung ein Zeichen komme. Hier stehen in der Tat die Dinge noch 50 zu 50, aber die nächste Erschütterung schon kann das Verhältnis ändern. So überaus dramatisch diese vier Tage Reichstag auch verliefen, ihre Bedeutung liegt nicht in dem Gesagten sondern in dem Ausweichen aller Beteiligten vor dem wirklich Wichtigen. Als der Antrag der Kommunisten, die Youngzahlungen aufzuheben, zur Abstimmung kam, verließen die Nationalsozialisten den Saal. Und unmittelbar nachdem mit einer sozialistisch-kommunistischen Mehrheit die Einstellung des Panzerkreuzerbaues beschlossen wurde, läßt die Regierung als ihre Meinung zirkulieren, daß sie diese Formulierung als eine Entschließung interpretiere, zu deren Innehaltung sie nicht unter allen Umständen verpflichtet sei. Das ist die erste Quittung für die Verlängerung der Tolerierungspolitik. Hitler wird mit Liebenswürdigkeit traktiert, die Sozialdemokratie wird nach getaner Arbeit kalt abgeschüttelt. Sie wird es nicht übelnehmen, sondern das alte Versteckspiel fortsetzen. Chaos oder Ordnung! rufen die republikanischen Kannegießer. Es gibt noch ein drittes: den Marasmus. Die Weltbühne, 20. Oktober 1931 1024 Die beiden Groener Bei dem braunschweiger Hitlertag vom 18. Oktober sind von den Nationalsozialisten drei Personen getötet, über achtzig schwer verletzt worden. Einen ganzen Tag lang wütete Schreckensherrschaft in den Arbeiterquartieren. Konrektor Klagges, der Polizeiminister, rief triumphierend, daß der »marxistische Mob« sich nicht aus seinen Schlupfwinkeln traue. Es ist gleichgültig, ob Herr Klagges seinen Freunden das Stichwort gab oder selbst der Gefangene ihrer Raserei war. Von Belang ist nur, wie sich das Reich zu diesem Polizeiminister stellt, welche Maßnahmen der neue Reichsinnenminister ergreift, um den braunschweiger Brand nicht weiter greifen zu lassen. Die bange Frage, wie wir ohne blutige Gewalt durch die nächsten Monate kommen sollen, hat ein Mann von rechts, Herr Doktor Fritz Klein, der Chefredakteur der ›Deutschen Allgemeinen Zeitung‹, in einer Broschüre zu beantworten versucht, die sich »Auf die Barrikaden –?« betitelt. Diese paar Druckbogen sind äußerst lesenswert, weil darin ein paar Erkenntnisse zu finden sind, gegen die sich namentlich die sozialdemokratische Presse mit Entschiedenheit sträubt. Warum eigentlich Revolution? fragt der Verfasser. So ein Kraftaufwand ist doch ganz überflüssig geworden. Die Kommunisten? »Sie werden sich, wenn sie es wünschen, sehr schnell nochmals blutige Köpfe holen. Es ist, außer für die Polizei, uninteressant, was sie planen, und der deutsche Staat wird ihnen niemals gehören.« Und dann wendet sich Herr Klein, der den Block Brüning-Hitler-Hugenberg lebhaft befürwortet, an die Freunde von rechts, die dem »System« mit aller Gewalt den Garaus machen wollen. Was ist denn von dem verschrienen System noch übrig? »Niemals mehr werden wir uns an dem Gift parlamentarischer Konjunkturen berauschen ... Wir leben in einer halb fascistischen Regierungsform, die bessere Möglichkeiten für die Staatsführung eröffnet als die westländische Formaldemokratie, von der sich die denkenden Deutschen in Scharen abwenden. In das öffentliche Wesen finden heute auf diktatorialem Wege Eingriffe statt, die noch vor kurzem als Verräterei und Utopie verschrien worden waren.« Das »System« lebt nur noch auf Abruf: »Das Provisorium der halbfascistischen Diktatur der Bureaukratie wird nicht mehr lange vorhalten können. Dann ist der Augenblick da, um die neue Form der Staatsführung zu schaffen, unblutig, ohne Nahkampf auf der Straße, aber des Erfolges trotzdem gewiß.« Hier spricht nicht der versagende, der absackende Teil des Bürgertums, der sich in seinem Elend in sozialrevolutionäre Phraseologie stürzt, hier spricht der nervenstarke, der gesund gebliebene Großbürger aus der Welt der Industrie und Banken, der die Macht will und sich seiner Mittel sicher weiß. Und wenn er auch mit etwas zweifelhafter Generosität auf den Nahkampf verzichtet, so doch nur, weil er gewiß ist, daß die Stellung des Gegners, schon unter dem Trommelfeuer erschüttert, inzwischen von selbst geräumt wird. Auch General Groener, obgleich seit fünfzehn Jahren von dem Ludergeruch des Demokratismus umwittert, hat sich in entscheidenden Augenblicken immer als ein handfester Verfechter bürgerlicher Interessen bewährt. »Welcher Hundsfott wagt zu streiken, wenn Hindenburg befiehlt?« so rief er im Januar 1918 den streikenden Munitionsarbeitern zu. Zu Beginn des Novembersturms schloß er als frischgebackener Republikaner das historische Bündnis mit Ebert, das jeden revolutionären Impetus zertreten hat und als tiefste Ursache dafür anzusehen ist, daß aus der Republik nichts andres werden konnte als ein neumodisch angestrichenes Kaiserreich. Der Unnachgiebigkeit des spätern Verkehrsministers Groener gelang es, einen allgemeinen Eisenbahnerstreik hervorzurufen, und der Reichswehrminister im Kabinett Hermann Müller, gleichfalls Groener mit Namen, zwang den sozialdemokratischen Kollegen den Panzerkreuzer auf, womit die Krise in der Partei, die jetzt zur Spaltung geführt hat, zuerst akut wurde. Wie entsetzlich unsicher muß die Partei sich fühlen, wenn sie einer Regierung ihr Vertrauen ausdrückt, in der dieser Mann, der so eng und so unheilvoll mit ihrem Schicksal verbunden ist, alle wichtigen Machtmittel des Reiches in der Hand hält! Militär und Polizei, Verfassungsschutz, Beamtenpolitik, Schutz oder Knebelung der Geistesfreiheit, das alles liegt bei General Groener, durch Personalunion Inhaber der Ressorts Inneres und Krieg. Natürlich wäre es unsinnig, aus Groener einen besondern Freund des Rechtsradikalismus zu machen. Das ist er nicht, und er wird von der Rechten ehrlich gehaßt. Dieser General hat in seiner wechselvollen Karriere immer nur eine Farbe getragen: die des überparteilichen Fachmanns, der sich den einmal gegebenen Verhältnissen anpaßt und eine eigne scharfe Note nur dann betont, wenn die kapitalistische Ordnung in Gefahr kommt. Damit hat er sich frischer gehalten als Herr von Seeckt, der heute, gemeinsam mit Hjalmar Schacht, endgültig auf die Ludendorff-Tour gerät. Wie Herr Groener sein neues Amt auffaßt, hat er vor wenigen Tagen in einem Interview dargelegt. Es ist selbstverständlich, daß bei einem schwierigen Debut die beiden Rollen noch gelegentlich ineinander verfließen und der Kriegsgroener den innern Groener rücksichtslos in die Ecke schiebt. Der Reichsinnenminister verspricht, daß die personelle Verbindung mit der Reichswehr deren überparteiliche Linie nicht verändern soll. Das wirkt sehr beruhigend, denn wir sahen in der Tat schon die Gefahr nahe, daß die Ministerialräte vom Platz der Republik in der Bendler-Straße herumwirtschaften könnten. Dafür ist aber bereits von einem liberalen Blatt gejammert worden, daß sich Herr General von Schleicher, die rechte Hand des Kriegsgroener, allzu lebhaft um das Ressort des innern Groener bekümmere. Ausschließlich der Militärminister ist es jedoch, der diese Sätze formuliert: »Unsre Ehre erfordert die Bekämpfung von Versuchen, die durch Denunziationen und böswillige Diffamierung das Ansehen des Deutschen Reiches herabsetzen.« Das Reichswehrministerium fordert, wie hier neulich dargelegt wurde, schon lange ein Ausnahmegesetz gegen unbequeme Militärkritiker, das bisher an Ressortstreitigkeiten scheiterte. Wird der Zivilgroener nun endlich dem Kriegsgroener das lang ersehnte Geschenk machen? Voran geht eine kleine Elegie über die leidige politische Uneinigkeit, über »die Spaltung des Volkes in zwei Lager«. Leider wird nicht verraten, um welche Lager es sich handelt. Es gibt gewiß viele Parteifahnen in Deutschland aber nur zwei wirklich große Lager: das kapitalistische und das antikapitalistische. Die Regierung, der Herr Groener angehört, hat sich durch den Mund des Reichskanzlers unumwunden für die Erhaltung der Privatwirtschaft ausgesprochen. Wenn Groener weiter meint, es komme darauf an, »alle aufbauwilligen Kräfte zu positiver Mitarbeit heranzuziehen«, so ist das, mit Verlaub gesagt, eine Rede aus dem hohlen Faß. Denn wo gibt es noch eine Möglichkeit zur Mitarbeit, seit Deutschland durch Notverordnungen regiert und die Meinungsfreiheit immer mehr eingeengt wird? Ist das alles bisher noch etwas allgemein gehalten, so wird endlich doch der böse Feind sichtbar, der bezwungen werden muß: »der Bolschewismus«. Zwar ist die Kommunistische Partei eine beträchtliche und noch immer wachsende Macht, aber sie kann und will nicht marschieren, ehe sie nicht die Mehrzahl der Arbeiterschaft hinter sich hat. Der Fascismus dagegen ist eine aktuelle Gefahr, bereit zur Übernahme der Gewalt, und seiner wird in Groeners Erklärungen nicht Erwähnung getan. Bolschewismus, das ist ein leicht zu handhabender, ein höchst flexibler Begriff. Bolschewismus kann morgen ein spontaner Hungeraufruhr sein, dessen Teilnehmer sich dann als christlich organisierte Arbeiter oder als stellungslose deutschnationale Handlungsgehilfen erweisen. Als Bolschewismus gilt im Unternehmertum schon lange die Verteidigung von Gewerkschaftsrechten, die Abwehr des schwerindustriellen Einbruchs in den Lohntarif. Aber Groener verheißt auch schärfste Maßnahmen gegen Terrorakte, er will da selbst vor drakonischen Ausnahmebestimmungen nicht zurückschrecken. Die erste Gelegenheit dazu wäre jetzt in Braunschweig gegeben gewesen. Unter dem Eindruck der alarmierenden Nachrichten forderte Groener zunächst Bericht von dem Garnisonältesten, Oberst Geyer, der denn auch den Nationalsozialisten sofort ein günstiges Führungszeugnis ausstellte und sich großartig über die Bagatelle hinwegsetzte, daß drei Menschen zu Tode gekommen sind, die nicht zur Nationalsozialistischen Partei zählten. Wir kennen diese militärischen Berichte über Zusammenstöße zwischen rechts und links zur Genüge. Der Schuldige steht links! das ist der Refrain. Der Reichswehrminister aber sollte von dem Reichsinnenminister die Belehrung entgegennehmen, daß der Herr Garnisonälteste keine in der Verfassung vorgesehene Informationsquelle ist, denn noch haben wir nicht den militärischen Ausnahmezustand, wo die alleinige Vollzugsgewalt bei den Gruppenkommandeuren der Reichswehr liegt. Und wir wenden uns aufs entschiedenste gegen alle Versuche, diesen Zustand ohne offizielle Bekanntmachung durch eine Hintertür einzuführen. Der vorschriftsmäßige Weg wäre gewesen, einen Beamten des Reichsinnenministeriums zur Untersuchung nach Braunschweig zu entsenden oder von dem zuständigen Minister Klagges Bericht zu verlangen. Drako Groener fängt es zum mindesten etwas umständlich an, den Nationalsozialisten seine volle Schrecklichkeit zu beweisen. Nach einer Zeitungsmeldung beabsichtigt die Regierung, ein allgemeines Verbot öffentlicher Demonstrationen für den ganzen Winter zu erlassen. Ebenso soll durch eine besondere Notverordnung ein generelles Verbot des Tragens von Uniformen aller Art ausgesprochen werden. Diese Verbote würden sich demnach auch auf das Reichsbanner und etwaige andre republikanische Organisationen erstrecken. Armes Reichsbanner! Die Regierung dankt freundlichst für deine jahrelangen Vorbereitungen, die Republik zu retten, sie lehnt dies Monopol ab. Ihr ist es nicht um die Republik zu tun sondern um die brave bürgerliche Ordnung. Von welcher Seite sie im Notfall Sukkurs einfordert, von Hitler oder von Hörsing, das hängt ganz von der jeweiligen politischen Konstellation ab. Es hat eine Zeit gegeben, wo republikanische Verbände mit dem Reichsinnenministerium engstens verbündet waren. Joseph Wirth, der inzwischen still von der Säule gefallene Heilige der schwarzrotgoldenen Demokratie, hat da schon kräftig abgebaut, und dem heutigen Reichswehrminister des Innern fällt es zu, die kümmerlichen Reste schmerzlos zu liquidieren. Wenn der Wunsch nach einem allgemeinen Demonstrationsverbot, wie behauptet wird, von der preußischen Regierung ausgeht, so kann das an der Beurteilung nichts ändern. Das würde nur beweisen, daß Braun und Severing die Stärke ihrer Position überschätzen. Wäre es der Regierung Brüning mit der Abwehr des Fascismus ernst, so würde sie beherzigen, daß in seinem Existenzkampf gegen eine Umsturzwelle der Staat nicht als Abstraktum über den Wolken schweben kann, sondern sich auf organisierte Volksmassen stützen muß. Aber grade das wird von dem heutigen Regime mindestens ebenso verabscheut, wie der leibhaftige Bolschewismus. Wenn sozialistische Arbeiter sich gegen Übergriffe des Nationalsozialismus zur Wehr setzen, dessen Führer unentwegt ihre Legalität beteuern, so sind sie Friedensstörer, gegen die der Staat seine Machtmittel einsetzt. Und inzwischen vollendet sich in aller Ruhe der Prozeß, den der Chefredakteur der ›D.A.Z.‹ viel besser durchschaut und schildert, als es der Chefredakteur des ›Vorwärts‹ jemals getan hat. Aus dem »Provisorium der halb fascistischen Diktatur« wird ein Definitivum. Der Umsturz von rechts wird überflüssig, weil andre Leute das viel ruhiger und systematischer getan haben. Man kann dieser Konzeption nicht die Gediegenheit absprechen, aber die soziale Wirklichkeit steht ihr dennoch entgegen. Der politische Kalkül ist kein Allheilmittel gegen hungernde Magen, der Begriff der bürgerlichen Ordnung kein Sanktissimum, vor dem sich alle beugen, während überall die ökonomischen Grundfesten zusammenkrachen. Nachdem Brüning seine Sache auf die Notverordnungen gestellt hatte, war es nur folgerichtig, einen Mann mit diktatorischen Vollmachten zu ernennen, der das Fluten der Massen gegen die immer schwächer werdenden Dämme der Gesetzmäßigkeit zu hemmen hat. Aber Brüning hat sich nicht nur in der Person, sondern auch im Ressort vergriffen. Was not tut, ist nicht ein drakonischer Ordnungskommissar sondern ein Sozialminister mit umfassenden Vollmachten, die selbst das heilige Privateigentum nicht schonen, wenn das Leben des ganzen Volkes es erfordert. Daß die Regierung die soziale Initiative zu ergreifen versteht, hat sie bisher noch nicht bewiesen. Statt dessen präsentiert sie uns die Personalunion von Gendarm und Soldat; Groener in doppelter Ausfertigung. Den Mann, der durch weise Wirtschaftsmaßnahmen die Ursache jeglichen Aufruhrs beseitigt, bleibt sie uns schuldig. An seine Stelle tritt ein energischer General, der in einem aufgewühlten Volk nur eine disziplinlose Rotte sehen kann, die zum Parieren gebracht werden muß. Die Präponderanz der Militärs wird neu gestärkt, die innere Politik zieht endgültig nach der Bendler-Straße. Die Vereinigung aller Macht in Groeners Hand ist ein Irrtum, der sich bitter rächen wird. Die Weltbühne, 27. Oktober 1931 1025 Bülow und Schleicher MacDonalds trauriger Sieg über seine eigne Partei sollte trotz seinem unerhörten Umfang den Blick für die wirkliche Bedeutung der Geschehnisse nicht verdunkeln. Der Engländer beschwert sich in der Politik nicht mit Prinzipien, er verheiratet sich nicht mit einer Partei, er erwartet von ihr keine Stillung metaphysischer Sehnsucht sondern nur die Lösung einiger besonders dringlicher Fragen. Übrigens sind die englischen Tories nicht unsrer deutschen Reaktion gleichzustellen. Neben unsern staatsparteilichen Nachtlichtern nimmt sich der bornierteste Ulsterjunker noch immer wie ein rotleuchtendes Fanal der Demokratie aus. So dürfte die innere Wandlung, die England jetzt erfahren wird, kaum erheblich sein. Desto lebendiger aber wird seine Außenpolitik werden, desto intensiver seine Wirtschaftspolitik in Form von Zöllen und Kampf gegen den Export andrer Industrieländer. Es erübrigt sich, die Frage aufzuwerfen, wie wir dagegen gerüstet sind. Unsre Wirtschaft ist nicht viel mehr als eine redselige Desorganisation, die den Säckel des Staates für sich beansprucht und ihre Pleiten auf die Gesamtheit abwälzt. Und unsre Außenpolitik? Zur Zeit ruht sie bei dem Reichskanzler höchstselbst, der sich hier plötzlich auf ein Terrain versetzt sieht, wo es keine Notverordnungen gibt. Der Ausgang der washingtoner Besprechungen zwischen Hoover und Laval hat selbst unsern ärgsten Schwärmern für außenpolitische Aktivität für einen Moment den Atem stocken lassen. Frankreich hat nicht weniger umfassend gesiegt als die englischen Tories. Es würde Herbert Hoover gewiß nicht mißfallen, so schrieb Jules Sauerwein beim Beginn der Besprechungen, »von seinem Sinai des Weißen Hauses ein neues Evangelium der Abrüstung oder der Reparationen zu offenbaren.« Hatte Hoover solches vor, so sind die Tafeln noch vor der Verkündung zerbrochen. Frankreich hat von seinem Verlangen nach Sicherheit nichts preisgegeben. Frankreich hat durchgesetzt, daß vor Februar nächsten Jahres nicht über die Abrüstung diskutiert wird. Und Frankreich, das über das starke Druckmittel der kurzfristigen Kredite verfügt, wird auf diese Weise sogar der ausschlaggebende Drahtzieher der amerikanischen Finanzpolitik. Deutschland steht mit Frankreich allein, das ist die Moral von der Geschichte. Das ist die dürre Realität, die jetzt bald auch die Dümmsten begreifen sollten. Das finanzielle und machtpolitische Übergewicht Frankreichs kann nicht mehr bezweifelt werden. Aber auch Frankreich betrachtet seine neue Präponderanz nicht ohne Nachdenklichkeit. Sauerwein, noch immer der zuverlässigste Offiziosus, schreibt in dem obenerwähnten Artikel: »Da aber Frankreich stark ist, muß es auch vernünftig sein. Es weiß nicht, was nach einigen Monaten geschehen kann. Was ist die moralische, militärische und finanzielle Macht, wenn man sie in der heutigen Epoche dahinschmelzen sieht, wie man in den letzten Tagen den Abstieg des Sterlings oder die Lahmlegung der englischen Flotte durch eine Meuterei gesehen hat. Das sind Ereignisse, die zur Lehre dienen können.« Da aber Deutschland schwach ist, hat es noch mehr Grund, vernünftig zu sein. Vernunft heißt in diesem Falle: freiwilliger Verzicht auf das, was auch nicht mit Gewalt wiedergeholt werden kann. Der Reichskanzler Brüning hat zweimal in diesem Jahre dem französischen Ministerpräsidenten gegenüber erklärt, daß eine Garantie für Deutschlands Haltung in den nächsten Jahren nicht übernommen werden könnte. Ob Frankreich nicht in absehbarer Zeit einmal in direkter Aussprache über die Revision der Friedensverträge mit sich reden lassen wird, steht dahin. Aber eines ist gewiß: niemals wird Frankreich das unter dem Druck des deutschen Nationalismus tun, niemals unter der Vormundschaft eines Dritten. Die deutschen Nationalisten haben es als einen Erfolg bejubelt, daß der bissige alte Borah dem französischen Gast ein paar Unliebenswürdigkeiten ins Gesicht sagte und für eine Revision der deutschen Ostgrenzen eintrat. Der Senator von Idaho ist ein erprobter alter Faustkämpfer, doch diesmal hat er nicht den Gegner getroffen sondern nur das eigne Porzellan. Ohne das Intermezzo mit Borah wären die Besprechungen wahrscheinlich ergebnisvoller ausgefallen. Der amerikanische Kapitalismus, an der französischen Leine vergeblich zerrend, versucht, die territorialen Streitigkeiten Europas auf seine Weise auszunutzen. Wir sollten es in den zwölf Jahren seit 1919 endlich erfahren haben, daß die schönen Worte für das deutsche Recht, von den jeweiligen Gegnern Frankreichs gebraucht, nicht mehr bedeuten als Spekulation auf deutsche Landsknechtsdienste. Auch Mussolini schreit wieder nach Revision der Verträge. Warum beginnt er nicht in Südtirol zu revidieren? Warum hat Italien vor allen andern und am heftigsten der Zollunion widersprochen? Borah gibt den polnischen Korridor zurück, englische Politiker versprechen Kolonien als Belohnung für deutsche Gefälligkeiten. Timeo danaos et dona ferentes! * In dieser Schicksalsstunde ist Herr Staatssekretär v. Bülow der Leiter des Auswärtigen Amtes. Herr v. Bülow hat es durchgesetzt, daß Herr Ministerialdirektor Ritter, der Vater der Zollunion, zum Generalsekretär der deutsch-französischen Wirtschaftsverhandlungen ernannt worden ist, durch diese Personenwahl schon seine Sympathie für die Vertreter von aktivistischen Improvisationen unterstreichend. Herr v. Bülow hat als Dirigent der Völkerbundsabteilung im Auswärtigen Amt vor neun Jahren ein dickes, kompilatorisches Buch über den Völkerbund geschrieben, das in seinen hauptsächlichen Pointen sich als ein einziges Pamphlet gegen den Völkerbund darstellt. (B.W. v. Bülow: Der Versailler Völkerbund. W. Kohlhammer, Stuttgart 1923.) Dieser Betreuer unsrer genfer Angelegenheiten von damals konstatierte, daß es keinen größern Widersinn gäbe, »als wenn das unglückliche, betrogene und vergewaltigte Deutschland seine Haltung zum Völkerbund von Traumgesichten und verschwommenen Idealen bestimmen ließe«, deshalb warnt er auch vor der Mitgliedschaft in einem so suspekten Verein: »Der Versailler Völkerbund hat vielleicht eine große Zukunft. Möglicherweise steht er aber auch an der Schwelle seines letzten Lebensjahres. Solange er lebt, sieht sich Deutschland dauernd vor der Frage, ob und wann es eintreten soll. Ist es Mitglied geworden, so steht es wieder vor der Frage, ob es dies bleiben oder austreten soll. Ständig muß man sich deshalb darüber klar sein, was der Völkerbund wirklich ist und was er zu leisten vermag. Wir müssen bereit sein, bei unserm Eintritt dieselben Opfer an Unabhängigkeit und Souveränität zu bringen, wie die andern Staaten auch – aber nicht mehr. Niemals dürfen wir als Preis der Aufnahme auf irgend eine Möglichkeit verzichten, unsre Freiheit wieder zu erlangen und den Versailler Vertrag mit friedlichen Mitteln zu revidieren. Wir müssen unser Eintrittsgeld so bemessen, daß wir seinen Verlust – wenn der Erfolg ausbleibt – verschmerzen können. Denn schließlich ist dieser Völkerbund nur ein Versuch.« Man möchte auch fragen, ob der heutige Staatssekretär, in dessen Händen das künftige Schicksal der deutsch-französischen Beziehungen liegt, seine damalige Meinung über Frankreich noch immer aufrechterhält: »Die Lehren der Geschichte scheinen ganz vergessen. Auch die Versammlung in Genf wußte nicht mehr, welches die Traditionen Frankreichs von jeher gewesen sind. Sie hat noch nicht erkannt, daß wir jetzt eine Wiederkehr der Zeiten Ludwigs XIV. und der beiden Napoleon erleben. Jahrelang ist der Welt der Popanz des deutschen Militarismus vorgehalten worden, so daß sie ihn noch heute fürchtet. Gewiß war die Politik Bismarcks hart, und die Wilhelms II. unbeständig und lärmend. Deutschland hat aber, solange es stark war, den französischen Imperialismus niedergehalten. In dem Menschenalter nach dem Frankfurter Frieden lebte es sich in Europa ganz gut und friedlich. Seitdem die Welt vom ›deutschen Drucke‹ befreit wurde, ist sie dem Terror des französischen Militarismus ausgesetzt. Der Tag ist nicht mehr allzu fern, an dem Europa einsehen wird, daß es einen schlimmen Tausch gemacht hat. Ein der Deutschfreundlichkeit ganz unverdächtiger berliner Diplomat faßte 1922 diese Erkenntnis in die Worte zusammen: Les Français, ce sont les boches de demain.« Gut, nehmen wir an, das wären alles vergangene Dinge, und Herr v. Bülow hätte am Tag von Locarno oder am Tag der Rheinlandräumung mit sich gerungen, ob es nicht besser sei, dies überholte Buch einstampfen zu lassen, und er hätte sich damals entschlossen, es nur als Beleg dafür zu erhalten, was für Verwüstung zeitliche Wirren in einem sonst gut aufgeräumten Kopfe anrichten können, nehmen wir das zugunsten des Herrn Verfassers an – ein Grundstoff bleibt doch, der den Wandel der Zeitläufte überdauert und aus dem jede neue Meinung sich bildet. Das ist in diesem Fall die erhabene Anschauung, die Herr v. Bülow von dem diplomatischen Beruf bekundet: »Sollte übrigens einmal Deutschland in dieser Versammlung vertreten sein, so wird es gut tun, einen Vertreter zu entsenden, der ein Kenner der Feindbundpsychologie und tüchtiger Phrasenschmied ist. Sonst würde er unliebsam auffallen. Seit der Glanzzeit der Kriegspropaganda gehört der Heiligenschein zu den Requisiten der auswärtigen Politik. Der Diplomat würde in Genf ebensowenig daran denken, ihn abzulegen, wie seinen Kragen oder seine Beinkleider auszuziehen.« Herr v. Bülow mag ruhig die Beinkleider anbehalten, man kann mit dem Gesicht ähnliche Wirkungen erzielen. Aber begreift man vor diesem Bekenntnis eines deutschen Diplomaten nicht endlich, warum unsre Außenpolitik, selbst wenn sie, mit Feindbundpsychologie und Phrasen reichlich ausgestattet, hinausgezogen ist, um moralische Eroberungen zu machen, jedesmal zerbeult und zerschunden zurückgeschleppt werden mußte? * Ob die außenpolitische Verständigung bei Herrn v. Bülow in besten Händen ist, bleibe dahingestellt, aber die innenpolitische Verständigung macht rapide Fortschritte. Es gibt jetzt ein Chequers nach dem andern. Am Tage vor Harzburg erhält Adolf Hitler Audienz beim Reichspräsidenten, und nun stellt es sich heraus, daß der nationalsozialistische Führer inzwischen auch den General von Schleicher zweimal besucht hat. Herr von Schleicher ist der großmächtige Mann im Reichswehrministerium, wahrscheinlich auch bald im Reichsinnenministerium, falls Herr Gröner auch weiterhin dessen Ressortpolitik auf die Standortältesten stützen sollte. Das Reichswehrministerium erklärt mit der ihm eignen militärischen Gradheit, es habe sich bei der Zusammenkunft nur um dienstliche Gespräche gehandelt. Hitler sei gefragt worden, ob seit dem ulmer Prozeß noch irgendwelche Versuche zur politischen Beeinflussung der Reichswehr gemacht worden sind. Das habe Hitler verneint und zugleich betont, er würde niemanden in seiner Organisation und Partei dulden, der sich irgendwie illegal betätige. Es war, wie gesagt, nur eine angenehme Unterhaltung beim Frühstück, deshalb verbot Herrn von Schleicher, dem Gastgeber, die Höflichkeit, stärker pointiert zu fragen oder etwa das Gespräch auf die bewußten Köpfe zu bringen, die doch gewiß etwas aus der Legalität rollen. Ein so erfahrener Politikus wie der Herr General weiß auch, daß Hitler keine gültigen Legalitätsbeteuerungen abgeben kann, denn Hitler selbst ist doch die verkörperte Illegalität, nämlich ein Ausländer, der sich politisch betätigt. Was ist sonst ein Nichtnaturalisierter, der sich aktiv und geräuschvoll in die Geschicke des Landes mengt, das ihm Gastfreundschaft gewährt? Ein Objekt der Fremdenpolizei, mehr nicht. Herr von Schleicher ist ein viel zu liebenswürdiger Wirt, um den notablen Ausländer, der bei ihm speiste, darauf aufmerksam zu machen, und man kann ihn nicht einmal tadeln, denn andre haben es auch nicht getan. Sollten aber die Besuche Hitlers bei Herrn von Schleicher nur die bessere Urteilsbildung durch persönliche Bekanntschaft ermöglichen, denn, wie behauptet wird, hat auch Severing davon gewußt, wobei allerdings verschwiegen wird, ob durch direkte Mitteilung oder durch die Politische Polizei, dann muß auch gefragt werden, wann endlich der Besuch von Heinz Neumann fällig wird. Denn auch Herr Neumann hat noch von seiner chinesischen Tätigkeit her die beste Übung im Umgang mit politisierenden Generalen, und außerdem ist er, im Gegensatz zu Hitler, einwandfreier Reichsdeutscher. Bei Goebbels im ›Angriff‹ macht man sich natürlich über harmlose Deutungsversuche der Besprechungen zwischen Hitler und Schleicher lustig. »Überall muß man sich mit der unumstößlichen Tatsache nahe bevorstehenden Veränderungen vertraut machen.« Die ›Deutsche Allgemeine Zeitung‹ ist davon weniger entzückt, sie wittert eine Intrige zur Zersetzung des Bündnisses Hugenberg-Hitler, aber auch sie meint, daß beim Zentrum starke Bedürfnisse mitwirken, den »realpolitischen Tatsachen der Rechtsentwicklung im Volke in einer noch zu bestimmenden Form Rechnung zu tragen.« Daß Brüning das Zusammengehen mit Hitler wünscht, hat er im Reichstag offen zugestanden. Daß er aber die diplomatische Vorbereitung des kommenden Bündnisses den Reichswehrgeneralen überläßt, ist eine selbstzerstörerische Torheit, die uns kalt ließe, wenn es sich dabei nur um Brüning handelte. So nimmt das Geschick seinen Lauf, so frühstücken sich die bisher feindlichen Parteien immer näher heran. Bald wird ganz Deutschland, zum Tranchieren fertig, vor ihnen liegen. Die armen Sozialdemokraten, deren Zentralorgan der unerbittliche Gröner jetzt gerichtlich verfolgen läßt, sehen der Entwicklung beunruhigt aber tolerant zu. Der gebildete Doktor Breitscheid könnte jetzt Shakespeare zitieren: »Juckend sagt mein Daumen mir, etwas Böses naht sich hier ...« Die Weltbühne, 3. November 1931 1026 Braun und schwarz Wieder sind die Besprechungen zwischen Zentrum und Nationalsozialisten ergebnislos verlaufen. Schon einmal, im Spätherbst vorigen Jahres, war man nahe daran, sich zu verständigen. Hauptmann Goehring erschien, wie jetzt, häufig als Bote in der Reichskanzlei. Dann machte sich Brüning auf die Ostreise; die Pfiffe der Hakenkreuzler begleiteten ihn von Königsberg bis Beuthen. So zerschlug sich das Geschäft. Wenn auch heute keine Einigung erzielt werden konnte, so hat doch das Zentrum bewiesen, daß es zum Verrat bereit ist. Auf diese Bereitschaft kommt es an, nicht auf den mehr oder weniger großen Effekt der Bündnisverhandlungen. Heute, wo die letzte heilgebliebene bürgerliche Partei sich gewillt zeigt, die Republik an den Fascismus auszuliefern und nur über Formfragen noch nicht mit sich im reinen ist, fordere ich Sie auf, verehrter Leser, mit mir einen flüchtigen Blick auf jene Zeit zu tun, die uns so mythisch erscheint wie jener Tag, da Helena in Troja einzog. Ich brauche nicht zu sagen, daß ich vom 9. November 1918 spreche, dem Geburtstag der deutschen Republik. Philipp Scheidemann erzählt in seinen Erinnerungen ausführlich, wie er seinen imponierenden Wallensteinkopf im Speisesaal des Reichstags grade über eine dünne Wassersuppe geneigt hatte und wie er aufgefordert wurde, an die Menge vor dem Haus eine Ansprache zu halten. Der alte Fanfaron wirft sich in Positur, er spricht von der Balustrade und schließt die paar kühn geschmetterten Sätze mit einem Hoch auf die deutsche Republik. An seinen Tisch zurückgekehrt, findet er bei seinen Freunden geringere Begeisterung als draußen. »Ebert war vor Zorn dunkelrot im Gesicht geworden, als er von meinem Verhalten hörte. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie mich an: ›Ist das wahr?‹ Als ich ihm antwortete, daß ›es‹ nicht nur wahr, sondern selbstverständlich gewesen sei, machte er mir eine Szene, bei der ich wie vor einem Rätsel stand. ›Du hast kein Recht, die Republik auszurufen. Was aus Deutschland wird, Republik oder was sonst, das entscheidet eine Konstituante.‹« Das war die Geburtsstunde der deutschen Republik. Beschließen wir damit die rote Vision des 9. November. Die Gegenwart trägt andre Farben. 1931 geht braun und schwarz. Das Zentrum erklärt jetzt offiziell, daß an eine Koalition mit Hitler niemand gedacht hat. Wirklich nicht? Warum dann das sehr intensiv geführte Frage- und Antwortspiel dieser letzten Woche? Es ist selbstverständlich, daß das Zentrum sich bei diesen Unterhaltungen den Rücken zu decken suchte und deshalb eine sehr salbungsvolle aber auch etwas hochmütige Sprache wählte, die den Nationalsozialisten hart an die Nieren ging. Es komme darauf an, die Hitlerpartei »durch rechtzeitige Eingliederung in die deutsche Staatsführung« unschädlich zu machen, die Partei müsse auch eine »innere Umkehr« erleben, so hieß es. Hatte das Zentrum diese Sprache mit Absicht gewählt, um sich beruhigen zu lassen, so hat ihm der Verhandlungspartner diesen Gefallen nicht getan. »Eine unverfrorene Anmaßung«, so polterte es aus dem ›Völkischen Beobachter‹, und Herr Stöhr, der neulich so bemerkenswerte Vorschläge zur Belebung der deutschen Hanfseilindustrie gemacht hat, antwortete ganz unmißverständlich, seine Partei werde legal bleiben »bis zum Tage des Sieges«. Herr Prälat Kaas, ein gebildeter und diplomatischer Kleriker, mag die Hände gerungen haben über soviel Tölpelei. Aber was durfte er denn andres erwarten? Das Zentrum behauptet, sich mit dieser Episode nichts vergeben zu haben. »Eine Diskussion mit einem Gegner ist nichts als eine Frage der allgemeinen Klärung«, schreibt die ›Germania‹. Ob an der N.S.D.A.P. noch etwas zu klären ist, bleibe dahingestellt. Aber etwas andres ist ganz gewiß geklärt worden. Über die grundsätzliche Bereitwilligkeit des Zentrums, mit dem Fascismus zu paktieren, besteht auch nicht mehr der leiseste Zweifel. Wenn die Koalition nicht zustande gekommen ist, so sind die Gründe dafür in keinem prinzipiellen Bereiche zu suchen. Das Zentrum war nur um eine anständige Drapierung verlegen. Hitlers Interessen entspricht eine solche Verkleidung kaum. Darum ging der Streit, darüber wurde man sich diesmal nicht einig. Es ist ein gelinder Unfug, wenn von Zentrumsseite der Versuch unternommen wird, einen Unterschied zu konstruieren zwischen dem Scharfmacher Hugenberg und dem »sozial denkenden« Hitler. Fällt wirklich jemand auf eine so schwachsinnige Machination herein? Hugenberg gehört direkt zur Schwerindustrie, er ist ein Stück von ihr. Hitler ist ihr mittelbares Werkzeug. Aber beide agieren für die gleichen Kassenschränke, und ein Hitler, der heute mit den Gewerkschaften zusammen gegen seine alten Freunde und Auftraggeber Arbeiterpolitik machen wollte, täte am besten, sofort sein Testament aufzusetzen. Wenn auch die plastische Kraft der deutschen Schwerindustrie ziemlich erschöpft ist, kaputt machen kann sie noch immer. Ein von den publizistischen Hetzhunden der Schwerindustrie in die Waden gebissener Hitler hat aber für das Zentrum nicht viel Wert, das braucht für seine Zwecke den großen Tribunen in möglichst intaktem Zustand. Das Zentrum braucht Hitler nicht als sozialen Friedensfürsten, sondern um außenpolitische Verantwortung mit ihm zu teilen. Deutschland ist auf französische Hilfe angewiesen. Dank der im letzten Jahre entfalteten außenpolitischen Aktivität und dank der ewigen nationalistischen Provokationen wird diese Hilfe nur unter schwersten finanziellen und politischen Garantien gewährt werden. Für diese ungeheure Last sucht das Zentrum einen Partner, und zwar, was nicht reizlos ist, den Führer der großmäuligsten chauvinistischen Partei. Das neue Versailles soll neben der Unterschrift Brünings die Hitlers tragen. Nun scheint gewiß die Frage berechtigt, ob Hitler wirklich dumm genug ist, eine komfortable Oppositionshaltung mit viel Mühsal und Risiko zu vertauschen. Wer diesen Einwurf macht, vergißt, daß eine so ungeheuer gewachsene Partei wie die N.S.D.A.P. nicht dauernd auf der Stelle treten kann. Sie muß ihren Leuten schließlich doch etwas mehr bieten als Skandal. Hitler muß in den Staat, schon allein deswegen, weil die finanzielle Last auf die Dauer zu groß wird und aus der Industrie keine wesentlichen Zuschüsse mehr kommen. Eroberung des Staates, das heißt die Mittel zur Subventionierung in die Hand bekommen, das heißt Stellen und Posten. Und wenn auch zunächst nur ein bescheidener Prozentsatz der Getreuen versorgt werden kann, so ist doch der ungeheure Anreiz für die andern, für die noch Wartenden, da. Die Kapitulation vor Frankreich ist natürlich sehr bitter, aber da läßt sich schon ein Dreh finden. Hitler wird eine auch noch so defaitistische Außenpolitik schlucken, wenn man ihm dafür den »innern Feind« für leichte Siege zur Verfügung stellt. Verbot der schärfsten Konkurrenz, der K.P.D., Treibjagd auf Sozis, Pazifisten und Demokraten, natürlich immer legal, straffer völkischer Kurs in der Kulturpolitik, das wären so die Surrogate für die weiter zu vertagende Vernichtung des Erbfeindes. Zu alledem braucht man keine Gewaltmaßnahmen, der Autor der Notverordnungen hat bestens vorgearbeitet, und der Staat versteht auch, ein Auge zuzudrücken. Seit langem strengt man sich doch an, der unverhüllten Rechtsdiktatur nicht mehr viel zu tun übrig zu lassen. Herr Groener zum Beispiel hat seine Tätigkeit als Reichsinnenminister damit begonnen, eine von seinem Vorgänger geschaffene Amtsstelle zur Observation der Rechtsradikalen aufzuheben. Aus Sparsamkeit natürlich. Es ist erfreulich, daß Groener als Reichsinnenminister Gelegenheit bekommt, von der Tugend der Sparsamkeit Gebrauch zu machen. Als Wehrminister mußte er sie sich leider verklemmen. Was für Torturen mag der Ärmste alljährlich vor dem Militäretat ausgestanden haben? Es sind aber nicht nur außenpolitische Motive für die Taktik des Zentrums bestimmend, mindestens in gleichem Maße hat die Furcht der Kirche vor dem Kommunismus die Fühlungnahme mit Hitler begünstigt. Diese Furcht wird begreiflich, wenn man den Fundus der Kirche in Betracht zieht, ihren Einfluß auf den Staat, den sie sich mit den verschiedensten, mit den feinsten und gröbsten Mitteln gesichert hat. In der ›Kölnischen Volkszeitung‹ vom 31. Oktober wird eine sehr umfangreiche Aufstellung gebracht, was die Kirche in Deutschland an Unterricht, Krankenpflege und Caritas leistet und in welchem Maße der Staat dadurch entlastet wird. »Was Ordensgesellschaften und Kirche für diese Zwecke an Geld aufbringen, erspart der Staat, ganz abgesehen davon, daß in den Ordensanstalten tagtäglich Leistungen vollbracht werden, die weiterhin dem Staate ungeheure Summen ersparen. Die Beschulung von rund 30 000 Schülerinnen in höhern, von Ordensschwestern geleiteten Schulen bringt dem Staat und den Kommunen eine jährliche Ersparnis von mindestens 8 bis 9 Millionen Mark. Jede eine Ordensschule besuchende Schülerin kostet den Staat im Durchschnitt gerechnet 23,33 Mark, während das staatliche Beschulungsgeld für Volksschüler zur gleichen Zeit rund 40 Mark beträgt. Die Gesamtsumme, die der Staat an den katholischen Krankenpflegeanstalten und andern katholischen caritativen Anstalten spart, beträgt jährlich 120 bis 150 Millionen. Im Dienste dieser Caritas stehen 70 000 Ordensschwestern und 3158 Brüder ...« Auch für Armenpflege und Volksspeisung werden imponierende Ziffern genannt, und obgleich wir nicht verkennen, daß eine warme Suppe ein besseres Argument ist als eine theologische Doktrin und obgleich wir nicht den idealistischen Schwung der namenlosen Helfer dieser Werke unterschätzen, so muß doch gesagt werden, daß die Kirche als Institution dem Staat nur Arbeit und Gefahren abnimmt, um sich desto wärmer in ihm zu betten. Diese katholische Caritas ist eine höchst edle Form von Propaganda, aber doch eben Propaganda, die der Festigung irdischer Güter und irdischer Macht dient. Beide werden durch einen Vormarsch der Roten bedroht, um diese abzuwehren, ist jedes auch noch so verschmähte Mittel recht, und Adolf Hitler mit der Swastika auf der heidnischen Teutonenbrust, gestern noch ein Wechselbalg des Teufels, avanciert schnell zum Knecht Gottes und zum Defensor der sichtbaren Kirche. Die Weltbühne, 10. November 1931 1027 Groener funkt dazwischen Reichsminister Groener hat sich über eine Rundfunkrede des Reichsbannerfunktionärs Höltermann zum 9. November geärgert und eine andre Zusammensetzung des Überwachungsausschusses der Funkstunde verlangt. Groener bevorzugt als Reichsinnenminister einen wehrhaften Ton, so war denn Preußen schnell auf dem Plan. Es hätte wohl einen Konflikt gegeben, wenn nicht der Reichskanzler schlichtend dazwischengetreten wäre. Aber es ist nur ein Waffenstillstand, der hier geschlossen wurde. Ministerialrat Scholz, der Vertreter des Reichs im Überwachungsausschuß, ein deutschnational infizierter Bureaukrat, hatte in dem Vortrag Höltermanns »parteipolitischen Charakter« entdeckt, eine Meinung, die sein Minister eifrigst aufnahm und verfocht. Da das ›Berliner Tageblatt‹ in seiner Abendausgabe vom 11. November die inkriminierte Rundfunkrede in der Form, wie sie gehalten wurde, abgedruckt hat, sind wir in der Lage, zu prüfen, was Herrn Groeners überparteiliches Gefühlsleben so arg verletzt hat. Wir finden auch bei äußerster Anstrengung in diesem Vortrag weder viel Politik noch Charakter und schon gar keine Parteipolitik, dafür aber viel von jener selbstzufriedenen Pathetik, die immer mehr zum alleinigen Ausdruck des amtlichen Republikanertums geworden ist und ihr gerüttelt Maß Schuld trägt, daß den jungen Leuten von heute, um mit Herrn Sklarek zu reden, der Kaffee hochkommt, wenn ein Offiziosus die Republik zu besingen beginnt. Aber das sagen wir berufsmäßigen Nörgler, für die in Höltermanns schwarzrotgoldener Staatskonzeption gewiß nicht viel Raum ist, was aber Herr Groener dagegen einzuwenden hat, bleibt unerfindlich, denn er selbst hat sich dieser Sprache oft und reichlich bedient, wenigstens bis zu dem Zeitpunkt, wo die Frühstücksunterhaltungen zwischen Hitler und General von Schleicher begannen. Ob uns die Rede Höltermanns gefällt oder nicht, es bleibt erstaunlich, warum der Staat gegen einen Redner einschreitet, der das bisher allein als staatserhaltend anerkannte Idiom so gut beherrscht. Wäre unter der Monarchie die Rüffelung eines Barden möglich gewesen, der sich allzu breit in dynastischen Hochgefühlen ergangen hatte? Heute, unter dem halbfascistischen Regime, empfindet ein Minister der Republik es als anstößig, wenn ein Festredner sich zu einer republikanischen Ideologie bekennt, und sei sie selbst so gezähmt wie die des Reichsbanners, dessen Aufgabe es ja nicht ist, Parteipolitik zu machen, sondern davon abzulenken. Schadenfreude ist keine politische Regung. Wäre Schadenfreude unter Verhältnissen wie augenblicklich erlaubt, so müßte man sich allerdings vor Lachen ausschütten über das, was die Sozialdemokratie und das ihr attachierte bürgerliche Republikanertum als Dank für die Tolerierung erntet. Gegen Herrn Klagges in Braunschweig hat der Herr Reichswehrminister des Innern nichts unternommen, nichts ist zur Sühnung des braunschweiger Mordsonntags geschehen. Statt dessen beginnt der Herr Minister aus nichtigstem Anlaß Streit mit der preußischen Regierung, deren Leben ohnehin nur noch kurz befristet ist. Milde dem braunschweiger Naziminister, Unerbittlichkeit gegen den preußischen Braun. Hat das Reichsinnenministerium den Ehrgeiz, das zu vollbringen, was dem Volksentscheid der Rechtsparteien nicht gelang? Die Sozialdemokratie tut jetzt sehr überrascht, daß Groener ihren Erwartungen nicht entspricht und sich à la Geßler auftut. Aber wie konnte sie nach der Entwicklung, die dieser Minister seit dem Panzerkreuzerkonflikt genommen hat, auf besseres hoffen? Es wäre die Pflicht der Partei gewesen, ihren Einspruch zu erheben, als Brüning vor wenigen Wochen dem Reichswehrminister das Portefeuille des Innern auslieferte. Damals rührte sich die Partei nicht, und manche ihrer Organe bekundeten bei dieser Gelegenheit Groener sogar ihr besonderes Vertrauen, denn der Minister werde von den Nationalsozialisten aufs bitterste gehaßt. Was es mit diesem Haß auf sich hat, wissen wir, seit der General-Bureauvorsteher von Schleicher als Mittelsmann zwischen Zentrum und Hitler fungiert. Die Sozialdemokratie hätte die Fortsetzung ihrer Tolerierung auch von einer sachgemäßen Besetzung des Innenministeriums abhängig machen müssen. Aber die Sozialdemokratie hatte sich damals schon so viel vergeben, daß sie an Bedeutung hinter der Wirtschaftspartei rangierte. Es wird von manchen Seiten darauf verwiesen, daß Herr Groener im Grunde seiner Seele noch immer ein guter Demokrat sei, daß er aber aus seiner militaristischen Haut nicht herauskönne. Der psychologische Tatbestand Groener interessiert uns wenig, jedenfalls hat dieser General zurzeit zuviel Macht in den Händen, als daß es die vornehmste Aufgabe der Entmachteten wäre, für ihn Plaidoyers auszusinnen, mildernde Umstände ins Treffen zu führen. Die Abtretung der gesamten Exekutive an einen Militär bedeutet immer selbstgewollte Abdankung des Verfassungsstaates. Weil die deutsche Linke von dem Geist eines konstitutionellen Staates keine Ahnung hat, deshalb konnte sie den Einzug Groeners ins Reichsinnenministerium widerspruchslos hinnehmen. Wie Groener sein Amt auffaßt, hat er durch seine Nachsicht gegenüber Klagges, durch seine Gereiztheit bei dem Rundfunk-Zwischenfall bewiesen, falls noch etwas zu beweisen war. Diesmal ist der Konflikt noch abgeblasen, diesmal ist noch eine verbindliche Formel gefunden worden. Dennoch wird das Gras, das über dieser Affäre gepflanzt wurde, nicht hoch wachsen. Dennoch läßt sich an den Fingern abzählen, daß wir einer höchst dramatischen innenpolitischen Ära entgegengehen. Die Rechte wünscht nach wie vor sehnlichst die Eroberung Preußens, vielleicht sehnlicher als die des Reiches. Eine Reihe langer Wintermonate trennt uns noch von den preußischen Wahlen, über deren Resultat kein Zweifel besteht. Ein Konflikt zwischen dem Reich und Preußen kann die Wartefrist verkürzen. Meinungsverschiedenheiten sind in Fülle vorhanden. Seit Jahr und Tag schreit die Rechtspresse zum Beispiel, daß die berliner Funkstunde in Händen der Roten sei und der Marxismus dort namenlose Greuel verübe. Das ist eine gehörige Übertreibung, denn das einzige Rote am Rundfunk ist das leuchtende Haupthaar des Herrn Heilmann, der im politischen Überwachungsausschuß nicht grade den Radikalismus fördert. Daß Groener aber gegen diese Zensurkommission vorging und neue Zusammensetzung und andre Direktiven verlangte, beweist doch, daß die Klagen der beleidigten Patrioten auf ihn Eindruck gemacht haben. Neuerdings wird von der Rechten mit verdächtiger Systematik Material gesammelt, aus dem sich ergeben soll, daß die preußische Regierung die Kommunisten allzu liebenswürdig anfasse. Läßt sich das Reichsinnenministerium auch von solchen Stimmen beeinflussen, so wird bald der schönste Krach da sein. Wenn sich Groeners Probeblitz zunächst auch als kalter Schlag erwiesen hat, so kann doch beim nächsten Mal schon die Gewittermaschine geschickter gehandhabt werden. Während der Rechtsradikalismus immer mehr in die Breite wächst, seine Sprache immer lärmender wird, seine hochverräterischen Absichten immer unverhüllter in die Welt hinausgeschrien werden, empfindet der Minister das harmlose Elaborat des Herrn Höltermann als Bedrohung des innern Friedens. Wenn der Staat die Verkündung seiner eignen Ideologie als parteipolitisch« unterdrücken will, so haben es seine Gegner leicht, so braucht der Fascismus sich nicht selbst anzustrengen. Der reibungslose Übergang ist garantiert. Die Weltbühne, 17. November 1931 1028 Wer gegen wen? Die Nationalsozialisten haben nun auch in Hessen die bürgerlichen Parteien überrannt und die Sozialdemokratie stark ins Hintertreffen gebracht. Die Kommunisten haben viel erobert, und die neue Sozialistische Arbeiterpartei hat trotz ungünstigsten Verhältnissen ein Mandat gewinnen können. Von den alten Bürgerparteien hat sich nur das Zentrum mit bestem Anstand behauptet. Die Gruppen Hugenberg; Dingeldey, Dietrich und einige andre liegen zerschlagen da. Die Massen der enteigneten Bürger flüchten hinter die Palisaden der Nationalsozialistischen Partei. Angesichts des ungeheuren Anwachsens dieser Partei, die noch vor ein paar Jahren eine etwas zweifelhafte Sekte war, verliert die Frage fast an Bedeutung, ob und wann sie regieren wird. Schon lange kommt die Regierung Brüning ihr auf allen Wegen entgegen. Die Notverordnungen, die Militarisierung des Innenministeriums, alles das sind Maßnahmen, die den Zustand von morgen oder übermorgen vorwegnehmen. Hitler regiert nicht, aber er herrscht. Das deutsche Bürgertum schwindet politisch in dem Maße, wie es sozial an Boden verliert. Es begreift nicht das über seine Klasse hereingebrochene wirtschaftliche Schicksal. Es steht einer Revolution gegenüber, die es mit unbarmherziger Schnelle aus seinen Vorrechten jagt, und die doch weder Gestalt noch Gesicht trägt. Die französischen Adligen sahen doch die rote Mütze ihrer Gegner, die Spottverse der Ohnehosen heulten ihnen in die Ohren. Ça ira, ça ira, les aristocrats on les pendra. Die deutsche Besitzerschicht hat es nicht mit Bürger Samson zu tun, ihr Nachrichter ist der höchst korrekte Gerichtsvollzieher. Was Generationen erworben haben, wandert eines Morgens auf den kleinen klapprigen Wagen vor der Tür, der nachher so melancholisch durch die Straßen rumpelt wie Wilhelm Raabes Schüdderump. Ça ira, ça ira, celui qui s'élève, on l'abaissera. Dieses Millionenheer, das sich dem Fascismus in die Arme wirft, fragt nicht, weil ihm nichts mehr zu fragen übrig geblieben ist. Desperat und kritiklos folgt es einer bunten und lärmenden Jahrmarktsgaukelei, weil nichts schlimmer werden kann als es bereits ist, so wie ein von den besten Ärzten aufgegebener Patient schließlich den Weg zum Kurpfuscher findet, der dem Krebskranken empfiehlt, eine Walnuß in der Tasche zu tragen. Jeder hofft, niemand fragt. Darin liegt das Glück des Nationalsozialismus, das Geheimnis seiner Siege, darin liegt aber auch seine Ohnmacht. Seine verschiedenartigen Bestandteile wachsen nicht zusammen, die Partei bleibt und bleibt eine kolossale Anschwemmung gebrochener Existenzen, leidlich gebunden nur durch den Glauben, daß der Heilige aus Braunau im Ernstfalle doch funktionieren wird. Aber der Heilige denkt nicht ans Funktionieren, dieser Prophet der German Science – man muß seinen Mumpitz so nennen – macht sich im Braunen Haus wichtig; kein Gestalter, jeder Zoll ein Dekorateur, heute Wilhelm II., morgen vielleicht schon Ludwig II. Zweimal hätte die Partei marschieren können. Am 14. September 1930 und am Abend von Harzburg war Deutschland sturmreif. Aber Hitler marschiert nicht; denn wenn er auch nicht viel weiß, so doch eines: daß er nur ein paar seiner Mobilgarden ausschwärmen lassen kann, daß aber das Gros keine Bewegung verträgt. Und im Grunde kalkuliert er nicht so unrichtig. Denn was Brüning und Groener für ihn tun, braucht er selbst nicht zu leisten. Nochmals: er regiert nicht, aber er herrscht. Er tut nichts, aber andre laufen für ihn. Auf die Dauer kann es sich aber eine noch immer wachsende Partei nicht so bequem machen. An dieser Partei ist nichts originell, nichts schöpferisch, es ist alles entlehnt. Sie hat kein eignes geistiges Inventar, keine Idee; ihr Programm ist in aller Welt zusammengestoppelter Unsinn. Ihr äußerer Habitus und ihr Wortschatz stammt teils von den Linksradikalen, teils von Mussolini, teils von den Erwachenden Ungarn. Nur die Vereinsparole »Juda verrecke!« ist wohl in eigner Kultur gezogen. Diese Millionenpartei mit den fetten Industriegeldern hat bei ihren Ausflügen in den Geist immer nur die ärgsten und ältesten Klamotten aufgekauft. Was ihre Theoretiker Feder und Rosenberg angeht, so ist jede Unterhaltung mit ihnen unmöglich, während man mit einem vifen Praktiker wie Goebbels immerhin noch mit den Stiefelspitzen diskutieren kann. Alles an dieser Partei ist Nachahmung, alles was sie unternimmt schlechtes Plagiat. Selbst ihre Zeitungen sind im Format und in der graphischen Aufmachung aufs engste an eingeführte Blätter angelehnt, ihnen zum Verwechseln ähnlich gemacht. Alles in und an der Nationalsozialistischen Partei ist zusammengeklaut, alles Diebesgut, alles Sore; Material für stupide Köpfe aber fertige Finger. Dennoch waltet auch hier so etwas wie eine metaphysische Gerechtigkeit: die Herren Führer haben sich ein Stück zu viel gelangt. Sie haben sich von ganz links her auch die soziale Revolution geholt und unter ihre Leute geworfen. Damit hantieren sie nun wie der Affe mit dem Rasiermesser, und damit werden sie sich am Ende selbst die Gurgel abschneiden. Hugenberg hat bekanntlich gesagt, wir müßten alle Proletarier werden, ehe es wieder besser wird, und im Grunde hat auch Karl Marx dasselbe gesagt. Heute ist dieser Tatbestand so ziemlich erreicht, es kommt nur darauf an, was für Schlüsse man daraus zieht. Die soziale Differenzierung wird schwächer und schwächer, man kann es sich beinahe ausrechnen, wann Deutschland von einer einzigen verelendeten Masse bewohnt wird. Bald wird es nur noch eine einzige proletarische Klasse geben, und selbst wer heute noch arbeitet, sich heute noch mit Vermögensresten in etwas Wohlhäbigkeit sonnt, tut es mit schlechtem Gewissen, fühlt sich im Innern doch nur als einstweilen zurückgestellte Reserve der großen Armee unter der einen grauen Fahne. Damit werden aber auch die innern Fraktionszwiste schattenhaft, die historischen Parteien selbst gespenstisch, weil sie nicht der wirklichen Sachlage entsprechen, weil dahinter nicht mehr die natürlichen Gruppeninteressen stehen, weil Deutschland anfängt, eine einzige Klasse zu werden. Die Parteien raufen sich wie sonst. Warum? Sie sind leer gewordene Hülsen. Die verschiedenen Kokarden fallen auf der Straße übereinander her und zerschlagen sich die dahinter befindlichen Stirnen. Warum? Wer steht gegen wen? Prolet gegen Prolet. Habenichts gegen Habenichts. Deutschland gegen Deutschland. * Es ist also eine Situation zum Handeln wie geschaffen. Selten stellt das Schicksal der Völker das Bild einer Nation so einheitlich. Die bürgerlichen Mittelparteien sind erledigt, das zwar immer noch intakte Zentrum ist nur eine Partei der taktischen Defensive, die vor jedem Entscheidungskampf einschwenkt und sich mit dem wahrscheinlichen Sieger zu vertragen sucht. Seine Leute gehn nur in die Wahlzelle, nicht auf die Straße. Die Entscheidung kann nur von den Fascisten kommen oder von den Sozialisten. Unter diesen Umständen liegt der Gedanke der sozialistischen Einigung wieder in der Luft. Die Gewerkschaften schrumpfen in der allgemeinen Pauperisierung. Die Sozialdemokratie verliert überall, wo gewählt wird. Die Kommunisten gewinnen zwar, aber zugleich geraten sie mehr und mehr in Isolierung; ihre Radikalität geht auf zu viel und muß im tiefsten Defaitismus enden. Ihr Wachstum zwingt ihnen Aufgaben und Entschlüsse auf, die ihnen nicht nur aus innern Gründen gefährlich werden können. Eine so große Partei, die ständig unter dem Schwerte des Verbots lebt, kann leicht unsicher werden. Außerdem ist die KPD durch Programm und Doktrin an eine starre Linientreue gefesselt, die sie an der Entfaltung ihrer wahren Kraft hindert; sie kann davon nicht abweichen, ohne in schweren innern Zwiespalt zu kommen. Es ist mir einmal bei der Partei bitter vermerkt worden, daß ich mich über Heinz Neumanns chinesische Vergangenheit mokierte. Heute will ich mich gern rektifizieren. Es wäre ein namenloser Segen für die ganze KPD, wenn der moskauer Großherr, der für Herrn Neumann viel übrig haben soll, ihm möglichst bald eine neue ehrenvolle Mission in China übertragen möchte. Auch unter den deutschen Kommunisten gibt es zahllose, die die Auffassung vertreten, daß Herrn Neumanns nicht unbeträchtliche Begabung für chinesische Verhältnisse wie geschaffen ist. Der Bürgerkrieg der deutschen Sozialisten untereinander wird immer naturwidriger. Der Fundus, um den sie sich schlagen, wird immer kleiner. Dieser Fundus ist die deutsche Republik. Hat der Fascismus einmal gesiegt, so werden die Sozialdemokraten ebenso wenig zu melden haben wie die Kommunisten. Auch hier lautet die Frage: Wer gegen wen? Proletarier gegen Proletarier. Arbeiter gegen Arbeiter. Dabei werden die Anhänger beider Parteien immer ähnlicher im Denken. Die kommunistischen Arbeiter verlieren die Geduld, auf eine Weltrevolution zu warten, die nicht kommt, obgleich die ökonomischen Zustände dafür reif zu sein scheinen. Die sozialdemokratischen Arbeiter dagegen verlieren den Glauben an den Opportunismus ihrer Führer. Die Sozialdemokratie hat durch Rudolf Breitscheid die Möglichkeit operativen Zusammengehens mit den Kommunisten zur Erörterung gestellt. Das war vernünftig, aber das schlechte Echo bei der ›Roten Fahne‹ dürfte sich wohl auch durch die Wahl dieses Friedensbotens etwas erklären lassen. Es gibt noch genug Sozialdemokraten, die dafür besser geeignet sind. Herr Breitscheid ist eine Bettschönheit, er verliert, wenn er aufsteht. Es heißt auch, eine Diskussion schon im Anfang abdrosseln, wenn der ›Vorwärts‹ schreibt, die Kommunisten müßten es sich abgewöhnen, Brüning-Groener gleich Hugenberg-Hitler zu setzen. Es kommt nicht auf die besondere politisch-moralische Einschätzung dieser Herren an, nicht auf ihre Absichten sondern auf ihre Wirkung. Und hier muß man die Unterschiede schon mit dem Mikroskop suchen. Es wäre eine Utopie und würde der Sache nur schaden, heute bereits die gemeinsame revolutionäre Front aller sozialistischen Parteien und ihrer Sezessionen zu fordern. Das ist ein Wunschbild, das augenblicklich an den sachlichen und personalen Differenzen zerbricht. Wenn zunächst nur ein taktisches Notprogramm fruchtbar gemacht werden könnte, so wäre das schon ungeheuer viel. Ein Programm der produktiven Abwehr: Verteidigung der sozialen Arbeiterrechte und der politischen Bürgerrechte gegen das System der Notverordnungen und den Fascismus, gegen Brüning und Groener, Hugenberg und Hitler. Was aber für alle Fälle verhindert werden muß, das ist die gleiche abscheuliche Gruppierung wie beim preußischen Volksentscheid. Dieses traurige Schauspiel darf sich nicht wiederholen, sonst erhalten wir im nächsten Frühjahr mit linksradikaler Hilfe einen Reichspräsidenten Hitler. Es ist ein Unglück, daß den sozialistischen Parteien wirkliche Mittler fehlen, daß die Bureaugenerale der Zentralen selbst Tuchfühlung suchen müssen und daß sie dabei leicht an Widerständen scheitern können, die sie selbst geschaffen haben. Wie viele Minuten oder Sekunden vor zwölf es schon ist, läßt sich nicht sagen. Periculum in mora. Die Herrschaften müssen sich beeilen. Bei alledem ist es dennoch ein Fortschritt, daß heute wieder über Derartiges laut gesprochen werden kann, ohne daß die Ketzerrichter solche Stimmen gleich mit dicken Wollknebeln zu ersticken trachten. Möglich, daß wenig dabei herauskommt, aber die Zuversicht wird doch wieder rege, daß der Fascismus den letzten Gang verlieren wird. Er mag Deutschland überrumpeln, er wird es niemals besitzen. Er wird vielleicht noch höher steigen, aber zu keinem andern Zweck, als um so tiefer zu fallen. Die Weltbühne, 24. November 1931 1029 [Antworten] Freund der Weltbühne Da in dem Prozeß, der zurzeit in Leipzig gegen unsern Mitarbeiter Kreiser und mich stattfindet, zur Stunde eine Entscheidung noch nicht gefallen ist und ich auch sonst aus einem bestimmten Grunde noch nicht in der Lage bin, Ihnen etwas Neues mitzuteilen, muß ich Sie einstweilen mit einem Artikel vertrösten, der am 17. November in den ›Bremer Nachrichten‹ erschienen ist und zu dem Fall in höchst patriotischer Eindringlichkeit Stellung nimmt. Leider bin ich nicht in der Lage alles abzudrucken, was der Verfasser, Herr René Kraus, sagt. Was ist die Weltbühne? »Außerhalb eines engen Literaturklüngels dürfte man diese Gazette, die sich nicht genieret, kaum dem Namen nach kennen.« Wenn das Reichswehrministerium dennoch gegen die ›Weltbühne‹ vorgeht, »so hat das seinen guten Grund: die Nichtigkeit ihrer Verhetzung und Verleumdung wird im gegnerischen Ausland maßlos aufgebauscht und als Material gegen Deutschland verwendet!« Wer bin ich? »Gentleman-Verbrecher? Ach, der kleine Herr von Ossietzky, Herausgeber der ›Weltbühne‹ – der sich übrigens um keinen revolutionären Preis der Welt von seinem Adelstitel trennen würde – hat so wenig Ähnlichkeit mit den unwiderstehlichen Filmhochstaplern, die einer an Kitsch und Fritsch geschulten Phantasie als Gentleman-Verbrecher erscheinen mögen! Von der Verräterromantik, mit der dieser Typ sich gar zu gern umgeben möchte, bleibt schließlich doch nur das entschleierte Bild des Denunzianten, von dem die alte Spruchweisheit sagt: Der größte Schuft im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant ...« Also was, in Dreiteufelsnamen, ist nun denunziert worden? »Diesmal haben sie die deutsche Luftfahrt denunziert, und das ist die ›kleine‹ Unachtsamkeit, die sie vor das Reichsgericht bringt.« Wer hat denunziert? »Heinz Jäger nannte sich der Schwächling. Daß ein ›wackerer‹ Mann, unerschrockener Vorkämpfer des Vaterlandsverrats, sich hinter einem Pseudonym verbirgt und erst durch das Ergebnis polizeilicher Haussuchungen zum Bekenntnis zu seinem eignen Werk gezwungen werden kann, ist – nebenbei bemerkt, selbstverständlich! Dieser angebliche Heinz Jäger ... heißt, wie die Vorermittlungen ergaben, Walter Kreiser. Er gilt in seinen Kreisen als Flugsachverständiger, nachdem er eine Zeitlang in Johannisthal gearbeitet hat. Er selbst, der Denunziant, nennt sich: Etatskritiker.« Was hat dieser Mensch nur getan: »Dieser Walter Kreiser also unternimmt es, die deutsche Luftfahrt zu verzinken, um bei der Ausdrucksweise der ›Gentleman-Verbrecher‹ zu bleiben. Seine Verleumdungen strotzen von Ignoranz und sachlichem Unwissen. Das nebenbei. Von keinerlei Kenntnissen der wirklichen Vorgänge und Verhältnisse belastet, wirft er der Deutschen Lufthansa eine Art Prestige-Wahn und Verkehrs-Imperialismus vor, Anwürfe, die zu grotesk sind, als daß sie überhaupt einer Entgegnung bedürften. Jeder Kundige weiß, selbst wenn er nicht grade Finanzsachverständiger und Etatskritiker von Berufung ist, daß die Lufthansa mit ihren viel zu knapp bemessenen Mitteln in Wahrheit äußerste Sparsamkeit zu pflegen gezwungen ist. Wenn sie trotzdem im engen Rahmen ihrer Möglichkeiten außerdeutschen Luftverkehr unterhält, so erfüllt sie damit nur ihre Pflicht, sich in den Dienst der deutschen Weltwirtschaft zu stellen. Der Pamphletist wirft ihr vor, sie verzettele ihre Subventionen (also deutsche Steuergelder) im Ausland, lediglich, um die deutsche Flagge in der Welt zeigen zu können. Abgesehen von der hundertfach erwiesenen Tatsache, daß die deutsche Flagge in der Welt – in der Luft wie auf dem Wasser – die wirksamste deutsche Industriepropaganda bedeutet, bleibt sachlich festzuhalten, daß die deutsche Luftflagge sich nur dort zeigt, wo sie den Bedürfnissen des deutschen Außenhandels praktisch dient.« Die wirksamste deutsche Industriepropaganda bleibt die Qualität, Tinneff mit der Handels-Gösch wird nicht begehrt; doch das nebenbei. »Solche Schmähungen, die sich der Pamphletist leistet, stellen aber nur eine Art Einleitung zu jenem literarischen Landesverrat dar, dessentwegen er und seine Spießgesellen von der ›Weltbühne‹ sich nun vor dem Reichsgericht zu verantworten haben. Sie behaupteten ein Zusammenwirken zwischen der Lufthansa und gewissen militärischen Stellen, das gegen das Diktat von Versailles verstieße. Man würde den ›Gentleman-Verbrechern‹ ruhig den Ruhm der Gralshüter von Versailles gönnen – um den sie mit Herrn Poincaré, wenn auch durchaus verschiedenen Charakters, konkurrieren –, wäre nicht die Gesamtheit ihrer angeblichen Enthüllungen pure Verleumdung im Dienste des Feindes. Über diesen Komplex soll aus begreiflichen Gründen öffentlich nicht gesprochen werden, bevor das Reichsgericht geurteilt hat.« Und da schließlich nicht Alldeutschland aus Lesern der ›Bremer Nachrichten‹ besteht, so muß vorbeugend bemerkt werden: »Eine Feststellung aber darf sich die Öffentlichkeit in diesem Zusammenhang nicht versagen: die Landesverräter nehmen nicht allein ein vorgetäuschtes Recht auf Etatskritik, sondern auch ihr Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit in Anspruch ... Die Zumutung, uns mit den Subjekten von Versailles, mit unsauberen Spitzeln und ›Gentleman-Verbrechern‹ des Vaterlandsverrats zu solidarisieren, weisen wir mit Ekel und Entrüstung zurück. Wer es ernst meint mit der Presse- und Meinungsfreiheit, kann nur wünschen, daß den Gesellen, die diese hohen Kulturgüter kompromittieren, das schmutzige Handwerk endgültig gelegt werde ...« Ich meine, daß dieser lesenwerte Artikel eine außerbremensische Publizität verdient. Zugleich benutze ich die Gelegenheit, um dem Herrn Vertreter der Anklage zu diesem Sekundanten aufrichtig zu gratulieren. Die Weltbühne, 24. November 1931 1030 Ich Landesverräter ... Mein Standpunkt zu dem Weltbühnen-Urteil Publizist und Staatsraison Wir haben den Herausgeber der »Weltbühne« gebeten, zu dem gegen ihn und seinen Mitarbeiter ergangenen Urteil hier das Wort zu ergreifen. Die beiden Verurteilten des »Weltbühnen«-Prozesses lehnen es ab, in Jammerarien auszubrechen. Sie wissen, daß das Urteil des 4. Strafsenats an ihren politischen Absichten vorbeigeht und daß seine Kennzeichnung ihrer Person sie nicht trifft. Die politische Publizistik hat als Beruf niemals eine Versicherung von Leben und Freiheit bedeutet. Dieser Verzicht auf Sentimentalität bedeutet nicht Verzicht auf Gegenwehr . Das Leipziger Urteil geht in seiner Bedeutung weit über den einen Fall hinaus. Es bedroht aufs höchste die Unabhängigkeit der gesamten deutschen Presse . Das sollten auch diejenigen Blätter begreifen, welche die Verurteilung streng, aber gerecht finden. Denn die politischen Jahreszeiten wechseln schnell ; morgen, übermorgen, kann eine andere Fraktion die Angeklagten für politische Prozesse liefern. Da die Öffentlichkeit ausgeschlossen war und Schweigepflicht über alle Beteiligten verhängt worden ist, können wir keinen öffentlichen Rechtfertigungsversuch unternehmen. Wenn wir, wie es bereits heute in der Rechtspresse geschieht, als infame Denunzianten und Söldlinge des Feindbundes beschimpft werden, so müssen wir das hinnehmen und darauf vertrauen, daß die Meinung, die sich billiger Denkende von uns gebildet haben, durch solche Beschimpfungen nicht herabgemindert wird. Aber für den Journalisten, den Mann der Öffentlichkeit, ist es unerträglich , daß er öffentlich erhobene Vorwürfe nicht zurückweisen darf, ohne den über ihn verhängten Bann zu brechen. Verurteilt hat man uns auf Grund des Spionageparagraphen . Wir sind damit eingegangen in eine Branche, in der sich Oberst Redl und Mademoiselle Docteur ausgezeichnet haben. Man kann das, je nach Gemütsveranlagung, komisch oder romantisch finden; aber wir bedanken uns jedenfalls für eine Romantik, an der schließlich doch der Ruf ehrenrühriger Handlungen klebt. Selbst wenn uns, wie es in Leipzig geschehen ist, die Überzeugung-Täterschaft zugebilligt wurde, so sind wir doch für die Zukunft in gefährlichster Weise abgestempelt. Und hier wird dieser Prozeß zur Sache aller politischen Publizisten in Deutschland. Jeder von ihnen, der von nun an wegen einer vielleicht geringfügigen Ausschreitung in Wort und Schrift mit dem Gericht in Berührung kommt, kann von diesem mit einer juristischen Begründung abgeurteilt werden, die für immer seine Integrität in Zweifel stellt. In den roten und weißen Diktaturländern von heute exekutiert man die Oppositionellen als Staatsverbrecher . Man exekutiert sie schlechtweg als Gegner des bestehenden Regimes und spart sich die Mühe, nach einem Paragraphen zu suchen, der den Schein des Rechtsverfahrens wahrt. Das mag juristisch höchst anfechtbar sein – politisch ist diese Methode aber redlicher als die in Leipzig beliebte Judikatur. Wer angeklagt ist, ein Feind des Staates zu sein, kann sich eine überflüssige Verteidigung sparen, kann in guter Haltung stehen und fallen. Er weiß, daß er hier nicht der Gerechtigkeit gegenübersteht, sondern daß er in den zermalmenden Apparat der Staatsraison hinein geraten ist. Wer dagegen eines so häßlichen Vergehens wie des Verrates militärischer Geheimnisse an auswärtige Mächte angeklagt ist, der kann sich naturgemäß nur ungeschickt verteidigen. Er geht in dem guten Glauben vor den Gerichtshof, daß diese Anklage unter dem Gewicht ihrer eigenen Unmöglichkeit zusammenbricht, und plötzlich sieht er sich überführt und einem Spruch unterworfen, der ihn in peinlichster Weise abstempelt. Wir haben in dem inkriminierten Artikel, der im März 1929 erschienen ist, budgetäre Schlampereien und Übergriffe treffen wollen. Der Artikel Kreisers hatte den Sinn, die Gefühle der Achtung vor den Steuergroschen des kleinen Mannes wieder zu schärfen. Zur Zeit, als dieser Artikel erschien, lebte der deutsche Staat noch in vollster Opulenz. Inzwischen sind die deutschen Finanzen zusammengebrochen. Jetzt nach 2 ½ Jahren aber werden die Warner von damals abgeurteilt , weil sie ein verborgenes vaterländisches Heiligtum verletzt haben sollen. Wer wagt heute noch zu bezweifeln, daß diese 1929 geschriebene Warnung zur Sparsamkeit in durchaus wohlmeinender Absicht geschrieben worden ist? Das höchste deutsche Gericht jedoch, gestützt auf die Gutachten jener Ministerien, gegen die sich unsere Vorwürfe von damals richteten , verneint die gute Absicht und diffamiert zwei Schriftsteller als Verbrecher gegen die Sicherheit des Deutschen Reiches! Dieser Spruch kann nicht ändern, daß wir noch heute zu dem Artikel Kreisers stehen. Wir halten ihn noch heute für verdienstvoll. Wir haben nichts zurückzunehmen. Wenn das Urteil vollstreckt wird, nehme ich es als einen Fehlspruch hin, aber doch in dem angenehmen Bewußtsein, im Gefängnis nicht lange ohne die Gesellschaft ausgezeichneter Kollegen zu bleiben. Wenn dieses Leipziger Verdikt eine neue Ära von Presseprozessen eröffnen sollte, so wird bald der größere Teil der oppositionellen Redakteure in den Gefängnissen verschwunden sein. Ich würde keinen Tintenspritzer an einem Widerspruch verschwenden, wenn das Urteil des 4. Strafsenats die erste Kraftanstrengung des Dritten Reiches darstellen würde. Noch leben wir aber in der demokratischen Republik , auf deren Grundsätze ich schwöre und die ich vom Tage ihrer Geburt an verteidigt habe. Noch leben wir im Zustand verbürgter Meinungsfreiheit , noch immer in einem Staate, in dem das Militär den zivilen Gewalten unterworfen ist . Deshalb werde ich weiter dafür einstehen, daß der Geist der deutschen Republik nicht durch eine mißverstandene Staatsraison verfälscht wird. 8-Uhr-Abendblatt, 25. November 1931 1031 Der Weltbühnen-Prozeß An einem solchen Nachmittag sitzt der Lord-Oberkanzler da mit einer Nebelglorie um das Haupt, eingehüllt und umgeben von Scharlachtuch ... Charles Dickens, Bleakhouse Der IV. Strafsenat des Reichsgerichts hat am 23. November den Schriftsteller Walter Kreiser und mich als verantwortlichen Leiter der ›Weltbühne‹ zu einer Gefängnisstrafe von anderthalb Jahren verurteilt wegen Verbrechens gegen § 1 Absatz 2 des Gesetzes über den Verrat militärischer Geheimnisse. Gegenstand der Anklage war der Artikel Kreisers vom 12. März 1929 »Windiges aus der deutschen Luftfahrt«. Zwischen dem Verbrechen und der Sühne liegt also ein Zeitraum von zweieinhalb Jahren. In dieser Zeit ist das Heft mit dem landesverräterischen Artikel nicht einen Tag beschlagnahmt gewesen. In dieser Zeit hielt sich Kreiser, gelernter Flugzeugtechniker und Konstrukteur, beinahe ein Jahr in Amerika auf, um in Philadelphia für das Pennsylvania Airdraft Syndicate zu arbeiten. In dieser Zeit hat Kreiser unserm Anwalt Alfred Apfel jede Adressenänderung mitgeteilt und ist schließlich in dem heitern aber unangebrachten Vertrauen zurückgekehrt, daß vor der Sagazität des höchsten Gerichtes die Anklage wie eine Seifenblase zerplatzen würde. Diese frohe Gewißheit habe ich niemals geteilt, wenn ich auch diesen Ausgang nicht für denkbar halten konnte. Ich weiß, daß jeder Journalist, der sich kritisch mit der Reichswehr beschäftigt, ein Landesverratsverfahren zu gewärtigen hat; das ist ein natürliches Berufsrisiko. Dennoch war diesmal für eine reizvolle Abwechslung gesorgt: wir verließen den Saal nicht als Landesverräter sondern als Spione. Aus begreiflichen Gründen muß ich davon absehen, auf das innere Thema des Prozesses einzugehen. Vor den Lesern der ›Weltbühne‹ ist es gewiß unnötig, Kreiser und mich zu rechtfertigen, aber vor jenem Publikum, das uns nicht kennt und seine Meinungen aus den Reservoiren der nationalistischen Presse empfängt, sind wir diffamiert, ohne uns zur Wehr setzen zu können. Hinter verschlossenen Türen sind wir abgeurteilt worden, militärische Geheimnisse Deutschlands an auswärtige Regierungen weitergeleitet zu haben. Mit Recht schreibt die ›Frankfurter Zeitung‹, daß ärger als Gefängnis ein solches Odium ist. Ich weiß mich in bester Übereinstimmung mit Kreiser, wenn ich hier erkläre, daß Anklage und Urteil an unsern Absichten glatt vorbeitreffen, daß wir noch heute zu ihnen stehen und nichts zu widerrufen haben. Der Artikel Kreisers befaßte sich mit Bedenklichem aus dem Luftfahrtetat, er behandelte Tariffragen der Piloten und Facharbeiter auf den Flugplätzen, er geißelte die Vergeudung von Steuergeldern in einem schlecht kontrollierten Subventionswesen, er streifte zum Schluß ganz episodisch eine militärische Spielerei, die bereits durch eine Reichstagsdrucksache den politisch Interessierten zugänglich war. Kreiser, damals stellvertretender Abteilungsleiter im Deutschen Verkehrsbund, ist in diesen Fragen sehr sachverständig. Den Spion möchte ich sehen, der seinen Auftraggebern eine Information zu bringen wagt, die bereits seit einem Jahr im Druck vorliegt. Er würde im Gleitflug vor der Tür landen. Außerdem hat die ›Weltbühne‹ im Laufe der Jahre genügend militärpolitische Artikel gebracht und dabei auf Tarnung verzichtet. Die ›Frankfurter Zeitung‹ meint zwar, daß wir uns häufig im Tone zu vergreifen pflegten. Eh bien, aber Hinterhältigkeit ist uns noch niemals vorgeworfen worden. Nur mit einiger Mühe bin ich von unsern Verteidigern zurückgehalten worden, einen Ablehnungsantrag zu stellen. Ich hatte zu diesem Senat nach seiner bestens bekannten Judikatur gegen Pazifisten und Kommunisten nur ein herabgemindertes Vertrauen. Jahrelang hatte ich geschrieben, daß der IV. Strafsenat nicht das Recht der Deutschen Republik spricht, sondern durchaus die Gepflogenheiten eines Standgerichts angenommen hat. Sollte der Mann von der ›Weltbühne‹ dort Objektivität erwarten? Im Herbst 1930 hatte im gleichen Saal und vor dem gleichen Vorsitzenden, Herrn Reichsgerichtsrat Baumgarten, Adolf Hitler das berühmte Wort von den »rollenden Köpfen« gesprochen, und damals hatte ich geschrieben (›Weltbühne‹ 1930, Nr. 40): »Man vergleiche die trockene Abfertigung des Staatssekretärs Zweigert, des Mannes der Reichsregierung, mit der entgegenkommenden Geste für Hitler ... Das Reichsgericht ahnt den Herrn von morgen ... Was Hitler mit einem spinnwebdünnen Tuch von Legalität umkleidet vor dem höchsten Gericht verkündete, hieße bei Politikern, die nicht Koalitionsfreunde des Reichsjustizministers sind: Vorbereitung zum Mord. Max Hölz soll neulich im Sportpalast gesagt haben, daß man auch in Deutschland eine G.P.U. brauche, und flugs war der Arm der Gerechtigkeit lang ausgestreckt. Wenn ein Gericht einen hochverräterischen Plan, wie es in Leipzig geschah, mit Achtung anhört, anstatt den Mann in eine Heilanstalt zu stecken oder als Verbrecher in Eisen zu legen, so ist dies ein recht deutliches Zeichen, daß die Vertreter der Staatsautorität entweder arg erschöpft sind oder daß sie schon mit schüchternen Fußspitzen den Boden neuer Tatsachen zu suchen beginnen.« Ich wollte also einen Ablehnungsantrag stellen. Unsre Anwälte jedoch rieten dringend ab. Nicht nur der formalen Schwierigkeiten halber, nein, wir hätten reiches Material zur Verfügung, um den Tatbestand der Anklage zu erschüttern, genug Rechtsgründe, um ihren Geist niederzuzwingen. Wir wollten argumentieren, nicht demonstrieren. So zogen wir denn aus zur Hermannsschlacht: – zwei Angeklagte, vier Advokaten. Max Alsberg, Alfred Apfel, Rudolf Olden, Kurt Rosenfeld, vier Juristenköpfe, die eine schwer berechenbare Summe von Qualität verkörpern. Als wir am 23. November, nachmittags 13 Uhr 30 aus dem Gerichtssaale kamen, da wußten wirs: der Angriff der Jurisprudenz auf den IV. Strafsenat war siegreich abgeschlagen. Und als wir etwas verdattert über den scheußlichen steinernen Korridor gingen, da trafen wir im muntern Plaudern mit unserm Ankläger einen leicht ergrauten, frisch aussehenden Herrn von untersetzter Statur, der sich, nach seiner frohen Miene zu schließen, in bestem Einklang mit Gott und der Justiz zu befinden schien. Das war jener Prokurator des Reichs, der das Dezernat für Hochverrat und Spionage innehat. Das war Herr Jorns. Anderthalb Jahre Freiheitsstrafe? Es ist nicht so schlimm, denn es ist mit der Freiheit in Deutschland nicht weit her. Mählich verblassen die Unterschiede zwischen Eingesperrten und Nichteingesperrten. Jeder Publizist, der in bewegter Zeit seinem Gewissen folgt, weiß, daß er gefährdet lebt. Die beste politische Publizistik wurde stets heimlich in Dunkelkammern geschrieben, nächtlich an Mauern geklebt, während Denunzianten durch die Straßen schlichen und auf den großen Plätzen die Soldaten in Karrees standen. Wer, wie der Schriftsteller, an die immaterielle Kraft des in die Welt hinausgeschleuderten Wortes glaubt, der wird also nicht jammern, wenn dieses, Körper geworden, als Gummiknüppel oder Stahlmantel oder Gefängnishaft wieder auf ihn zurückprallt. Gewiß, die Zeiten sind bewegt, aber die Justiz ist es gar nicht. Die politische Justiz namentlich trottet hinter der Zeit her, so weit sie nicht mit kühnem Sprung über die Gegenwart sich mit den Machthabern von morgen gut zu stehen sucht. Hoher Senat, Herr Vorsitzender –! Wenn das vor Jahr und Tag in Deutschland ausgegebene Schlagwort von der Justizkrise nicht verstummen will, so liegt die Verantwortung dafür vornehmlich bei Ihnen, meine Herren Reichsgerichtsräte! Justizkrise, damit will niemand das Amtsgericht von Kuhschnappel anprangern, das sich redlich mit seinen Aktenstößen herumquält, auch nicht das Kammergericht zu Berlin, von dem kaum jemand spricht und gegen das keine Broschüren geschrieben werden. Justizkrise, die findet ihre Verkörperung in der leipziger Reichsanwaltschaft und in dem politischen Gerichtshof, im IV. Strafsenat. Dort ist jene unselige Staatsraison entstanden, die alle Gefahr ausschließlich links sucht, die jeden roten Funktionär mit Zuchthaus bedroht, die den literarischen Hochverrat erfunden hat und ihn bis auf Kolporteure und Setzerjungen ausdehnt. Dort hat die Reaktion, als Rechtsprechung der Republik maskiert, ihr Hauptquartier aufgetan. Wenn heute die Kommunisten der demokratischen Republik in so erbitterter Feindschaft gegenüberstehen, daß ihnen der offene Fascismus manchmal passabler scheint als der Staat der Weimarer Verfassung, so ist das nicht allein parteipolitische Verwirrung, so ist das zu einem großen und schlimmen Teil Ihr Werk, meine Herren Reichsrichter! Ihr Senat ist der Staatsgerichtshof der Republik, aber Ihre Tätigkeit hat sich im ganzen darauf beschränkt, dem Reichswehrministerium gelegentliche Unannehmlichkeiten zu ersparen; was Sie sonst zur Rettung von Sicherheit und Ordnung unternommen haben, Gott verzeih es Ihnen! Vor diesem Tribunal hatten wir uns also zu verantworten. Der Reichsanwalt ist kein Torquemada sondern ein höflicher jüngerer Herr, der angenehmerweise nicht emphatisch wird und seine schwerkalibrigsten Argumente so leger vorträgt wie eine Einladung ins Café Felsche. (Ich hoffe, damit die Schweigepflicht nicht zu verletzen.) Der Ankläger bleibt übrigens durchweg sehr reserviert. Seine Rolle übernimmt, wie so oft bei deutschen Gerichten, der Herr Präsident. Nichts gegen Herrn Baumgarten! Er besitzt vollendete Manieren, er hat eine sehr cavalière Art, die unvermeidlichen Zwischenfälle zu behandeln. Aber sehr bald merken wir, daß wir bei diesem so liebenswürdigen Herrn recht arg ins Hintertreffen kommen. Er holt, zum Beispiel, zu meiner Kennzeichnung das lange durch Amnestie getilgte Urteil des Femeprozesses von 1927 heraus. Ein politischer Tendenzprozeß, der in erster Instanz mit einer Gefängnisstrafe endete, die in der Berufung in Geldstrafe umgewandelt wurde. Jetzt erfahren wir auf Grund eines höchstgerichtlichen Entscheides, daß auch Amnestie keinen Strich unter Vergangenes bedeutet. Jetzt werden die Konklusionen eines offensichtlich nationalistisch und militaristisch denkenden Richters verlesen, aus denen sich ergeben muß, daß ich mit der Ehre von Offizieren höchst leichtfertig umgehe. So kehrt ein in einem politischen Prozeß ausgesprochenes Urteil in ganz andrer Zeit und unter andern Voraussetzungen wieder. Eigentlich existiert es nicht mehr, weil die Epoche, in der es gefällt wurde, vorüber ist, weil alle politischen Strafen an bestimmte Zeitläufte und Entwicklungsphasen gebunden sind. So dachten wir bisher, aber das gilt nicht beim Reichsgericht. Mit einigem Schrecken denke ich daran, wie es in der gefährlich höflichen Luft dieses Gerichtshofes wohl einem unbeholfenen Proletarier ergehen mag, der so viel Verbindlichkeit gegenüber doch den Haß, der ihm auf der Zunge brennt, nicht bändigen kann, und in dessen Herzen trotzdem eine kleine Hoffnung auf Gerechtigkeit zitternd atmet. Wir haben ihm gegenüber den Vorzug der Illusionslosigkeit. Wir haben Distanz. Wir regen uns ebenso wenig auf wie die Herren jenseits des grünen Tuchs. Hier werden verschiedene Sprachen gesprochen, hier hilft kein Toussaint-Langenscheidt, kein Esperanto. Hier gilt, was Rudyard Kipling von Europa und Asien dichtete: »Osten ist Osten und Westen Westen, und niemals werden sie sich treffen.« Neben mir sitzt mein Mitangeklagter Kreiser. Ich sehe sein gutes gebräuntes Schwabengesicht; ein prachtvoller Kerl, mit dem man Pferde stehlen kann, aber keine militärischen Geheimnisse. Von dem würde man in jeder andern Umgebung wissen, daß er sein innerstes Wesen in den offen blickenden Augen trägt, während er hier in grotesker Transfiguration ein ertappter Spion, Mitglied einer höchst ehrenrührigen Branche wird. Wie unwirklich ist überhaupt dies Ganze! Der große Saal mit zwei Emporen liegt leer da und verdämmert langsam. Die paar Mitspieler sitzen vorn zusammengedrängt, die Stimmen verhallen hohl im Riesenraum. Unheimlich, so ein Theater ohne Publikum. Durch die hohen bunten Glasscheiben, die mit allegorischen Damen mehr als besetzt sind, fällt mit dem sinkenden Tag ein grünliches Licht und liegt wie Patina auf den roten Talaren. Das ist die Grundfarbe von Hoffmanns Erzählungen. Da dringt plötzlich lautes Kinderlachen in den Spuk. Draußen, nur durch etwas Stein und Glas von uns getrennt, spielen Kinder und tanzen juchzend über die breite Auffahrtrampe. Es gibt also doch noch etwas andres. Es hat nur ein Stümper an der Zeitmaschine hantiert und uns in spaßhafter Anwandlung in ein Stück aus der Ära Metternich oder dem Sozialistengesetz hineingeworfen. Gleich wird ein verständiger Mensch kommen und die Geschichte wieder regulieren. Denn ein paar Schritte weiter lachen Kinder, rasseln Autos vorüber. Dort draußen ist 1931. Kehren wir also in dieses deutsche Jubeljahr zurück, in dem man zwei Schriftsteller wegen Verrates militärischer Geheimnisse verurteilt, weil sie vor zweieinhalb Jahren auf ein paar kostspielige budgetäre Kunststücke hingewiesen haben, die zu Lasten des auch damals schon genug geplagten deutschen Steuerzahlers gefingert worden sind. Ausspionieren kann man nur ein Geheimnis, nur etwas Verborgenes, und hier war höchstens etwas öffentlich Unbekanntes. Hier ruhte die Sensation, die wir verbrecherischerweise an fremde Regierungen gelangen ließen, schon ein Jahr in einer Reichstagsdrucksache. Das große Geheimnis war auf den Flugplätzen Deutschlands – und also auch des Auslands – wohlbekannt. Im Frühjahr 1929 lebten wir noch unter den Nachwehen des Lohmannskandals, und bald darauf brach im Reichstag das Unwetter über den Luftfahrtetat des Herrn Ministerialdirigenten Brandenburg herein. Eine ungewöhnliche Etatskürzung war die Folge. In dieser Zeit ist der Artikel Kreisers geschrieben worden. Er wandte sich gegen die düstere Betriebsamkeit kommerziell begabter Offiziere, die Millionen von Reichsmitteln in hoffnungslose Unternehmungen gesteckt hatten. In den Zeiten der verblichenen Schwarzen Reichswehr wurden militärische Institutionen zivil getarnt. Daran zu tippen, war Landesverrat, bis schließlich das große Unglück von Küstrin passierte, Herr Geßler seine heimlichen Heerscharen öffentlich als »nationalbolschewistische Haufen« denunzieren mußte und seine legalen Bataillone gegen seine illegalen vorschickte. In der Ära Lohmann lagen die Dinge umgekehrt. Damals wurden höchst zivile, höchst merkantile Unternehmungen militärisch getarnt, und als vaterländische Heiligtümer erklärt, weil darin erwerbstüchtige Offiziere ihr Wesen trieben. Man darf sich von Prozessen dieser Art, so infamierend die Anklage auch sein mag, nicht bluffen lassen. Das Ausland ist, wie jeder Kundige weiß und jeder Unkundige durch Zeitungsstudium erfahren kann, bestens unterrichtet, und zwar nicht aus der deutschen Presse, die sich musterhaft diskret verhält, sondern durchweg aus dem Geschwätz von intim Beteiligten, die das Maul nicht halten können. Auch unsre chauvinistische und militärfromme Presse packt oft in renommistischer Laune die tollsten Dinge aus, ohne daß es der Reichsanwaltschaft einfiele, hier ein Wort der Ordnung zu sprechen. Es ist überhaupt die Frage, welchem Zweck diese Landesverratsprozesse dienen: sollen sie das Wissen des Auslandes oder das des Inlandes verhindern? In all den Jahren, wo um solche und ähnliche Dinge gestritten worden ist, hat es sich gezeigt, daß bestimmte Stellen in der Reichswehr die Neugier des deutschen Steuerzahlers mindestens in gleichem Maße fürchten wie den Geheimdienst des französischen oder englischen Generalstabs. Der Feind, vor dem etwas versteckt werden soll, sitzt meistens nicht in Paris oder Genf sondern im Haushaltsausschuß des Deutschen Reichstags. Es fehlt in Deutschland sehr an jener Budgetredlichkeit, die das englische Regierungssystem auszeichnet. Es fehlt der Sinn für demokratische Kontrolle, für die unbedingte Hochachtung vor dem aus Steuergroschen zusammengeflossenen Staatsgeld. Begreift man nicht heute nach dem Zusammenbruch der deutschen Finanzen, daß es nicht nur politisch richtig war sondern auch von moralischer Gewissenhaftigkeit zeugte, schon im März 1929 auf fehlgeleitete, schlecht angewandte Subventionen zu verweisen? Wo mit Reichsmitteln heimliche Gründungen stattgefunden haben, die sich der Beaufsichtigung entziehen, da muß eine Sphäre von Korruption entstehen, in die hineinzuleuchten nicht Landesverrat, nicht Spionage bedeutet sondern Verdienst um die Öffentlichkeit. Es steht in unserm Falle nicht zur Debatte, ob es im wohlverstandenen Interesse der Allgemeinheit liegt, auch wirklich vorhandene militärische Rüstungen, die den Friedensverträgen widersprechen, offen aufzudecken, weil eine vernünftige Gesamtpolitik durch eine geldfressende und in der Praxis nutzlose Soldatenspielerei immer wieder durchkreuzt wird. Das steht hier, wie gesagt, nicht zur Debatte. Hier handelt es sich nur um die Frage, ob der Ressortpatriotismus des Reichswehrministeriums zum nationalen Schibboleth werden soll. Wir haben nur ein kleines Heer aber einen großen Militarismus. Wir sind allzu sehr gewohnt, uns vor Generalen zu ducken, die mit der Faust auf den Tisch schlagen. Über die Stellung der Militärs im demokratisch-republikanischen Staat hat Georges Clemenceau, der letzte große Jakobiner Frankreichs, in seiner Verteidigungsrede für Emile Zola Endgültiges gesagt: »Das Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft ist das Recht, die Freiheit, die Gerechtigkeit. Das Prinzip der militärischen Gesellschaft ist die Disziplin, der Befehl, der Gehorsam ... Die Soldaten haben nur Daseinsberechtigung, weil sie das Prinzip verteidigen, das die bürgerliche Gesellschaft darstellt.« Diese Grundsätze, die nach Auffassung deutscher Offiziere gewiß an Hochverrat grenzen, hat Clemenceau in Frankreich zur Anwendung gebracht, mit ihnen hat er den Krieg gewonnen. Immer wieder ist in diesen Tagen von deutschen und ausländischen Blättern gefragt worden, wie es denn möglich gewesen sei, daß die Reichsregierung diesen Prozeß überhaupt stattfinden lassen konnte. Nicht der Artikel Kreisers ist dem Wohle des Reichs abträglich gewesen, sondern dieser leipziger Prozeß und sein Ausgang. Wenn im Dritten Reich erst einmal nach der Plattform von Boxheim regiert werden wird, dann werden Verräter wie Kreiser und ich ohne Aufhebens füsiliert. Wir sind noch nicht ins SA.-Paradies eingegangen, wir wahren noch das Dekorum des Rechtsverfahrens, wenn auch nicht völlig seinen Geist. Da man in Leipzig gegen uns hinter verschlossenen Türen verhandelt hat, wäre es nur konsequent gewesen, nicht nur die Urteilsbegründung, sondern auch den Urteilsspruch selbst geheimzuhalten, damit nichts davon in die Welt dringe. So aber steht die deutsche Außenpolitik jetzt, kurz vor der Eröffnung der Abrüstungskonferenz, vor arger Schädigung und lästigem Verdacht. Und was selbst im Lande verhindert werden sollte, die öffentliche Erörterung, sie ist da. Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion hat soeben die folgende Interpellation eingebracht. Sie ist in vielen Blättern abgedruckt worden: »Am 23. November 1931 hat das Reichsgericht zwei Schriftsteller wegen Verbrechens gegen § 1 Absatz 2 des Gesetzes über Verrat militärischer Geheimnisse zu je 1 Jahr 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Dem Verfahren, das zu dieser Verurteilung geführt hat, liegt ein Aufsatz mit der Überschrift ›Windiges aus der deutschen Luftfahrt‹ zugrunde, der in Nummer 11 der Zeitschrift ›Die Weltbühne‹ vom 12. März 1929 erschienen war. In diesem Aufsatz sind keine Geheimnisse enthalten, sondern nur Dinge erwähnt worden, die entweder in einer breitern Öffentlichkeit bekannt oder sogar im Protokoll der 312. Sitzung des Ausschusses für den Reichshaushalt vom 3. Februar 1928 gedruckt zu lesen waren. Nicht nur in dem Prozeß, der zu der Verurteilung der beiden Angeklagten geführt hat, sondern auch für die Verkündung der Urteilsbegründung war die Öffentlichkeit ausgeschlossen, da angeblich eine Gefährdung der Staatssicherheit zu besorgen war. Darüber hinaus hat der zuständige Senat des Reichsgerichts es für notwendig gehalten, allen Beteiligten unbedingte Schweigepflicht über alle während des Prozesses zu ihrer Kenntnis gelangenden Umstände aufzuerlegen. Wir fragen die Reichsregierung: Ist sie bereit, über die nähern Umstände, die zur Einleitung des Verfahrens geführt haben, Auskunft zu geben und insbesondere darüber, weshalb der Prozeß erst zweieinhalb Jahre nach dem Erscheinen des betreffenden Artikels stattgefunden hat? Ist es wahr, daß die Bearbeitung der Anklage in diesem Prozeß in dem Referat des Reichsanwalts Jorns erfolgt ist? Ist die Reichsregierung bereit, die Urteilsbegründung bekanntzugeben? Hält die Reichsregierung ein Geheimverfahren, wie es bei diesem Prozeß vom Reichsgericht geübt wurde, für geeignet, das Vertrauen des deutschen Volkes in die deutsche Rechtsprechung zu stärken? Ist die Reichsregierung der Meinung, daß durch die Art, in der der Prozeß vor dem Reichsgericht geführt worden ist, im Ausland nicht viel falschere Auffassungen wegen angeblicher deutscher Geheimrüstungen entstehen können, als sie vor der Durchführung des Prozesses bestanden haben? Ist dies vielleicht die Meinung des Auswärtigen Amtes gewesen? War die Verzögerung des Prozesses darauf zurückzuführen, daß das Auswärtige Amt aus außenpolitischen Gründen die Durchführung des Verfahrens für falsch hielt? Ist die Reichsregierung bereit, alle Schritte zu tun, um die Vollstreckung dieses Urteils des Reichsgerichts zu verhindern?« Die sozialistische Interpellation präzisiert die Fragen durchaus richtig. Findet das Weltbühnen-Urteil Nachfolge, so wird der Rest der Pressefreiheit in Deutschland der schnellen Vernichtung ausgesetzt sein. Wenn die Prüfung eines dunklen Etatpostens als zuchthauswürdiges Verbrechen bewertet werden kann, dann ist die akute Gefahr vorhanden, daß jede kritische Äußerung und daß schließlich auch das gesamte Nachrichtenwesen unter die Tyrannei des Spionageparagraphen gerät. Diese sehr gefährliche Möglichkeit hat unser Prozeß deutlich aufgezeigt. Er bietet aber auch einen hellern Aspekt. Seit Jahren hat sich die Judikatur des IV. Strafsenats auf die Parteigänger des Linksradikalismus beschränkt, gelegentlich wurden zur Belebung des gleichförmigen Bildes auch ein paar Pazifisten hinzugezogen. Die Protestbewegung arbeitete ausschließlich links von der Sozialdemokratie, von einigen Außenseitern abgesehen. Der Protest ist ebenso Parteisache geworden, wie es die Pflicht jedes Kommunisten ist, mutig in sein Schicksal zu gehen. Der Weltbühnen-Prozeß deutet auf eine hoffnungsvolle Erweiterung der Arbeitsphäre des Reichsgerichts hin. Die Öffentlichkeit ist aufgescheucht, die Blicke richten sich wieder nach Leipzig. Es wächst die Erkenntnis für das vom Reichsgericht in langen Jahren angestellte Unglück. Ich spreche den heißen Wunsch aus, daß die Empörung, die unser Prozeß verursacht hat, auch den frühern Opfern der leipziger reichsgerichtlichen Justiz zugute kommen möge, daß sie sich vor allem den proletarischen Opfern zuwenden möge, die unbeachtet in den Gefängnissen verschwunden sind, daß eine Volksbewegung daraus wachse, die dieser politisierten Justiz, die mit Politik noch weniger zu tun hat als mit Justiz, endlich den Abschied gebe. So schön und ehrenvoll die Sympathiekundgebungen für Kreiser und mich sind, sie dürfen nicht in der individuellen Sphäre bleiben. Die Protestationen müssen in den Bereich des politischen Kampfes gegen die machtvoll organisierte Konterrevolution getragen werden. Wir stehen an einem schicksalsvollen Wendepunkt. In absehbarer Zeit schon kann der offene Fascismus ans Ruder kommen. Dabei ist ganz gleichgültig, ob er sich seinen Weg mit sozusagen legalen Mitteln freimacht oder mit solchen, wie sie der Henkerphantasie eines hessischen Gerichtsassessors entstiegen sind. Das Wahrscheinliche dürfte eine Zusammenfassung von beiden Methoden sein: eine Regierung, die beide Augen zudrückt, während die Straße der Hooligan- und Halsabschneiderarmee der SA.-Kommandeure ausgeliefert bleibt, die jede Opposition als »Kommune« blutig unterdrücken. Noch ist die Möglichkeit der Zusammenfassung aller anti-fascistischen Kräfte vorhanden. Noch! Republikaner, Sozialisten und Kommunisten, in den großen Parteien Organisierte und Versprengte – lange werdet ihr nicht mehr die Chance haben, eure Entschlüsse in Freiheit zu fassen und nicht vor der Spitze der Bajonette! Die Zeit der isolierten Aktionen geht zu Ende, der Bürgerkrieg der Sozialisten wird seinen eifrigsten Kombattanten plötzlich fragwürdig. In diesen ganz großen Dingen spielt der Weltbühnen-Prozeß nur eine bescheidene Rolle, aber die Bewegung, die er im Gefolge hat, gibt doch wieder eine ferne Vision von der Macht kameradschaftlichen Abwehrwillens, der sich nicht nur schützend vor einzelne Personen stellt, sondern eine Sache groß auf die Fahne schreibt. Wir wollen mit dem starken Wort von der Roten Einheitsfront keinen vorschnellen, die natürliche Entwicklung schädigenden Unfug treiben. Es ist noch lange nicht so weit, noch sind die Hemmnisse zu groß. Noch kämpft die deutsche Arbeiterschaft gegen Wind und Sonne. Aber es ist heute die beglückende Tatsache zu verzeichnen, daß der Sinn für das wieder wächst, was der größte deutsche Freiheitsdichter etwas zu pathetisch aber doch mit einem Feuer ausgedrückt hat, das auch in unsrer härter und sachlicher gewordenen Zeit noch brennt: »Es ist ein Feind, vor dem wir alle zittern, und eine Freiheit macht uns alle frei!« Die Weltbühne, 1. Dezember 1931 1032 [Antworten] Das leipziger Urteil gegen Walter Kreiser und mich hat uns beiden und der ›Weltbühne‹ nicht weniger eine Fülle von Sympathie und Bereitschaft zu tätiger Hilfe gebracht. Wenn ich an dieser Stelle Allen, die sich mit uns solidarisch erklärt haben, den Kampf für die Meinungsfreiheit weiterzukämpfen, unsern herzlichsten Dank ausspreche, so bin ich mir bewußt, daß darin ein Versprechen an die Zukunft liegt, das gehalten werden muß. Wir werden unsre Tribüne, das von Siegfried Jacobsohn übernommene Erbe, nicht zerschlagen und noch weniger durch Konzessionen entwerten lassen. In dieser Woche vor fünf Jahren, am 3. Dezember 1926, starb SJ. Die heutigen Herausgeber der ›Weltbühne‹ haben die schwere Erbschaft unter Gefühlen des Schwankens und des Zweifels in die eigne Berufung übernommen. Seitdem sind fünf Jahre dahingegangen, von denen mindestens die letzten beiden Kriegsjahre gewesen sind. Wir haben eine Idee und eine Linie übernommen, und da die ›Weltbühne‹ heute wieder gehaßt und verfolgt wird, so wissen wir, daß wir ihrem Geist nicht untreu geworden sind. Die ›Weltbühne‹ steht wieder im Kampfe wie einst. Sie lebt also. Die Weltbühne, 1. Dezember 1931 1033 Offener Brief an Reichswehrminister Groener Hochverehrter Herr Minister! Sie haben am 29. November unter dem Titel »Staatsverleumdung« in der ›D.A.Z.‹ einen Artikel veröffentlicht, in dem Sie Ihre alte Forderung nach einem Sondergesetz gegen Pazifisten neu entwickeln. In diesem Artikel erwähnen Sie auch den Weltbühnen-Prozeß, und da Sie Ihr Verlangen nach einem Antipazifisten-Gesetz vornehmlich auf unsern Prozeß stützen, so muß ich Ihre mißlaunige und gereizte und aus diesem Grunde nicht sehr überzeugende Publikation gradezu als Antwort auf die Proteste empfinden, die unsre Verurteilung hervorgerufen hat. Sie werden es daher verstehen, wenn ich Ihnen an dieser Stelle und im Rahmen meiner zurzeit gesetzlich beengten Möglichkeiten entgegne. Erlauben Sie zunächst, Herr Minister, Ihnen mein Erstaunen auszudrücken, daß Sie als Tribüne ein Blatt gewählt haben, dessen vollfascistischer Charakter auch durch einige Tupfen wirtschaftlichen Liberalismus nicht geschwächt wird. Kurz vorher hatte dies Ihr Publikationsorgan noch versucht, die hessischen Terroristen weißzuwaschen und unter der heitern Überschrift »Der Oberreichsanwalt und Hitler gegen Severing« gegen diejenigen scharf zu machen, die gegen das Arrangement einer deutschen Bartholomäusnacht einige amtliche Einwendungen erhoben haben. In der gleichen Nummer, in der Sie die Staatsverleumder infamieren, macht sich der Hausdichter der Zeitung in Versen, deren Niedertracht nicht durch eine schöne Form artistisch geadelt wird, über die Erregung lustig, die durch die Blutphantasien der politischen Freunde seines Chefredakteurs hervorgerufen wurde. Wer insgeheim durch faule Zicken versucht die Menschheit zu beglücken, der seh' sich seinen Nachbar an, ob er den Schnabel halten kann. In der ›D.A.Z.‹ ist man nur unangenehm berührt, daß einer gepetzt hat. Alles andre ist Bagatelle: Daß sich zwei Jungens anvertrauten, daß sie den Dritten gern verhauten, und einer dann die Lust verlor, das kam schon in der Sexta vor. Ich fürchte, Herr Reichswehrminister, Ihr Kollege, der Herr Reichsinnenminister, der Hüter der Verfassung und des republikanischen Zeremoniells, wird über Ihre falsch ausgesuchte Plattform recht ungehalten gewesen sein. Ich weiß nicht, ob Ihr Wunsch, eine »Lex Groener« zu erreichen, inzwischen in Erfüllung gegangen ist. Während diese Zeilen geschrieben werden, sind im Reichsjustizministerium noch einige Widerstände vorhanden, die gesamte Meinungsfreiheit in Deutschland dem diskretionären Ermessen der Militärs zu unterstellen. Diese Widerstände haben Sie sehr verärgert, und nicht zum mindesten daraus erklärt sich der gereizte Ton Ihres Artikels. Sie reden von »sogenannten Pazifisten«, Sie setzen ohne Versuch einer Graduierung »Pazifist« gleich »Denunziant«. Sie nehmen sogar Stresemanns unglückliches Wort von den »Lumpen« wieder auf und gebrauchen es so, daß sich jeder Friedensfreund davon betroffen fühlen kann. Es ist, nach Ihrer Meinung, bisher noch lange nicht oft genug, nicht hart genug bestraft worden. »Und wenn heute einmal eine solche Verleumdungstat ihre Sühne gefunden hat, so zeigt schon die Tatsache, daß es 2 ¾ Jahre gedauert hat, bis sie endlich zur Verhandlung kam, daß die alten Bestimmungen der heutigen Lage nicht mehr entsprechen.« Wenn unser Prozeß beinahe drei Jahre gedauert hat, so lag das nicht an den Angeklagten, die Herren Ihres Ressorts können Ihnen über die Gründe der Verzögerung bündige Auskunft geben. Aber auch sonst scheint mir hier ein ernstes deutsches Manneswort am Platze zu sein, Herr Minister. Zu meinem Bedauern kann ich nicht verhehlen, daß Ihre Bezugnahme auf unsern Prozeß von herzlich wenig Noblesse zeugt. Ein kämpfender Skribent meiner Sorte hat ein sehr ausgeprägtes Ehrgefühl, das dem eines alten Soldaten nicht nachsteht. Der leipziger Prozeß hat im Dunkeln stattgefunden. Deshalb nicht zum geringsten die Sensation, die er überall erregt hat. Die Öffentlichkeit weiß nur das Faktum der Verurteilung, die Begründung bleibt ihr vorenthalten, von dem Gegenstand des Verfahrens kennt sie kaum verschwommene Umrisse. Und diesen in der Dunkelkammer exekutierten Prozeß nehmen Sie zum besondern Anlaß, nicht nur um ein Gesetz zu fordern, das die gesamte Presse unter Kuratel bringt, sondern auch um die Verurteilten, die schweigen müssen, die kaum mit der linken Hand fechten können, als höchst dubiose Figuren hinzustellen. Sehen Sie, Herr Minister, ich bin im Laufe dieser Woche auf verschiedene Ihnen gesinnungsmäßig Nahestehende gestoßen, die sich beim Lesen Ihres Artikels aufrichtig für Sie geschämt haben. Ist schon dieser hochnotpeinliche Geheimprozeß kein politisch wichtiges Argument, sondern ein Mißtrauen erregendes Kunstgebilde aus Juristerei und Politik, so wird vollends in einem unpolitischen Bezirk kein gerecht Denkender Ihren öffentlichen Fingerzeig auf die Verurteilten, denen selbst der IV. Strafsenat nicht die Ehre der Überzeugungstäterschaft abzusprechen gewagt hat, als gentlemanlike empfinden. Ich beklage es, Herr Minister, mich hier bei solchen Selbstverständlichkeiten aufhalten zu müssen. Ich beklage es, daß man grade einen alten Offizier, also einen traditionellen Spezialisten des point d'honneur, erst am Portepee fassen muß, um ihn auf ein so natürliches Gebot menschlichen Zusammenlebens aufmerksam zu machen. Ihre Art der Polemik ist überhaupt etwas zu primitiv. Um Ihre pazifistischen Gegner zu kennzeichnen, zitieren Sie selbst Ihre Reichstagsrede vom 19. März, worin Sie behaupten, daß das Ausland sein Material zum größten Teil von Deutschen bezieht, »deren Triebfeder entweder fanatischer Haß gegen alles Militärische oder Gewinnsucht ist«. Was mich angeht, so bin ich weder fanatisch noch gewinnsüchtig und nenne den einen schlechten Friedensfreund, der einem fremden Militarismus einen Gefallen tut. Aber, generell gesprochen, ich habe noch keinen Antimilitaristen gesehn, der dabei fett geworden wäre. Der Krieg ist ein besseres Geschäft als der Friede. Ich habe noch niemanden gekannt, der sich zur Stillung seiner Geldgier auf Erhaltung und Förderung des Friedens geworfen hätte. Die beutegierige Canaille hat von eh und je auf Krieg spekuliert. Sie haben es sich zu einfach gemacht, Herr Minister, Sie setzen Pazifismus gleich Vaterlandsverrat. Aber etwas andres als der Pazifismus steht hier zur Debatte, nämlich die Frage, ob die Deutsche Republik bürgerlich oder militärisch regiert werden soll. In den engen Kreis seiner beschworenen Pflichten gebannt zu sein, das ist das besondere berufliche Schicksal des Soldaten, der Verzicht auf bestimmte bürgerliche Betätigung seine besondere Ehre. Bricht er dagegen aus diesem Kreise, dringt er selbst Subordination heischend in das zivile Regiment ein, erklärt er seine Kasteninteressen für die vornehmsten der ganzen Nation, so sieht es allemal um einen Staat übel aus. Es gibt kein größeres Unglück für die Allgemeinheit als den politisierenden Militär. Brauche ich Sie an den Dreyfus-Prozeß zu erinnern? Oder an Zabern? Oder an die Tragikomödie des Generals Ludendorff? Oder an Primo de Rivera, den Totengräber der spanischen Monarchie? Ich wähle ein Beispiel, das näher liegt. Ich verweise Sie nur auf den mürrisch und neidisch hinter den Ereignissen herjagenden Greis, der noch gestern der überlegene, der sphinxhaft lächelnde General von Seeckt gewesen ist, um Ihnen nahezurücken, wieweit Politik einen begabten Soldaten demolieren kann. In all den Jahren, wo ich mich mit der Reichswehr kritisch befassen mußte, hat mich nicht nur ein pazifistisches Motiv geleitet, sondern mehr noch die staatsbürgerliche Einsicht, daß nichts verheerender für unser Land ist als ein dilettantisches Militärregiment, als die Omnipotenz der Generalität. Sehr gemäßigte Politiker haben nicht anders gedacht und gehandelt. Graf Bernstorff, zum Beispiel, hat einmal im Reichstag eine bittere Rede gehalten gegen die »unselige Soldatenspielerei«, die den deutschen Diplomaten die Arbeit so erschwere. Und als Stresemann in Locarno verhandelte, da tat sich in Berlin eine kleine militärische Nebenregierung auf, die auf eigne Faust Außenpolitik trieb und die Schritte der verantwortlichen Regierung zu konterkarieren suchte. Stresemann ist wiederholt aufs härteste der Generalität über Pläne und Mundwerk gefahren. Wie wäre es mit einem Landesverratsverfahren post mortem? »Staatsverleumdung!« rufen Sie, Herr Minister, und dieser Begriff ist so weit gefaßt, daß jede Kritik damit getroffen werden kann, jede Bemühung, eine Dummheit subalterner Wichtigmacher und blindwütiger Organisierhengste zu bremsen. Sogar die Wahrheit kann als »Verleumdung« verfolgt werden, wenn sie militärischen Ressortgeheimnissen widerspricht, deren Aufdeckung der außenpolitischen Vernunft dienlicher sein kann als ihre Vertuschung. Und was schließlich die alljährlichen Schlägereien um das Reichswehr-Budget anbelangt – – L'etat c'est moi! sagen Sie und übersetzen das, vom Brauch etwas abweichend: Der Etat bin ich! Was diese kleine Abweichung bedeutet, hat unser Prozeß gezeigt. »Staatsverleumdung –«? Es ließe sich darüber mit Ihnen diskutieren, Herr Minister, wenn nicht unglücklicherweise der Staat für Sie und Ihre Herren identisch wäre mit den Interessen Ihres Ressorts. Sie schreiben: »Der Gesetzgeber, der vor Jahren den strafrechtlichen Schutz des Staates gegen Angriffe auf seine Stellung nach außen zu schaffen hatte, konnte noch nicht die Bedeutung kennen, die die öffentliche Propaganda für die außenpolitische Stellung eines Staates erlangen würde, und er konnte allerdings auch nicht glauben, daß eines Tages ein organisiertes Denunziantentum einen so unheilvollen Einfluß auf die Entwicklung wichtiger politischer Fragen nehmen würde.« Und diese fürchterliche Charakteristik soll auf die armen versprengten Haufen der Pazifisten zutreffen? Wie sind Sie schlecht unterrichtet, Herr Minister! Wenn Sie eine Ahnung etwa von der Deutschen Friedensgesellschaft hätten, so würden Sie wissen, daß in Deutschland Organisation und Pazifismus diametrale Gegensätze sind. Nein, es gibt ein andres organisiertes Denunziantentum, das nichts mit den Friedensfreunden zu tun hat. Seit zwölf Jahren treiben die Rechtsparteien nichts andres als Staatsverleumdung. Seit zwölf Jahren lassen sie keine Gelegenheit vorübergehen, ohne in der ganzen Welt die Deutsche Republik als korrupt, als verlottert, als einen Staat, in dem die Arbeiterschaft auf Kosten der Gesamtheit faulenzt, zu denunzieren. Hat nicht Herr Schacht in Harzburg die deutsche Währung ruinieren wollen? Hat nicht der hypernationalistische Industriemagnat Fritz Thyssen vor Wochen erst mit falschen Zahlen die amerikanische Öffentlichkeit über den wirklichen Stand der deutschen Sozialpolitik zu dupieren versucht? Hat nicht Herr Hugenberg einmal in Amerika einen gewissen Brief verbreitet, der auch von Leuten, die ihm politisch nahestehen, als landesverräterisch bezeichnet wurde? Und muß ich Ihnen wirklich ins Gedächtnis zurückrufen, unter was für einem Trommelfeuer von Verleumdung alle deutschen Außenminister, von Simons bis Curtius, zu leiden hatten, wenn sie Deutschland draußen zu vertreten hatten? Auch das war Staatsverleumdung tausendfach und hat trotzdem nicht die bescheidenste Kanzlistenfeder bei der Reichsanwaltschaft in Bewegung gebracht. Ich verstehe nicht, daß ein so erfahrener Politiker wie Sie sich selbst zu so viel Simplizität verurteilen kann, ganz Deutschland in zwei Gruppen zu teilen: in die Guten, das sind die »Wehrfreudigen«, die alles bewilligen, was der Herr Kriegsminister wünscht, und die Andern, die Bösen, die zu seinen Wünschen nein sagen. Der aktuelle Schnitt durch Deutschland läuft anders! Es hat eine Zeit gegeben, Herr Minister, wo Sie bei den Leuten, die Ihnen heute verdächtig laut zujubeln, noch nicht so beliebt gewesen sind. Sie haben seit 1918 wiederholt in das deutsche Schicksal entscheidend eingegriffen. Nicht immer glücklich, aber sie haben zweimal in tragischen Situationen die Partei der Vernunft gegen die Partei eines sinnlosen Militarismus zum Siege geführt. Sie haben 1918 als Nachfolger Ludendorffs dessen Kurs liquidiert, Sie haben das zu einer Zeit getan, als der Pazifist Rathenau noch hoffnungslos verwirrt das verhungerte und ausgeblutete Land zur levée en masse aufrief. Und Sie haben im Juni 1919, als die Nationalversammlung zögerte, die Zustimmung zur Unterzeichnung des Versailler Vertrags zu erteilen, als Offiziere des alten Heeres stürmisch den letzten Verzweiflungskampf forderten, mit Aufgebot aller Überzeugungskraft den Herren deutlich gemacht, warum es ein Wahnsinn sei, zur angeblichen Rettung der Waffenehre einen hoffnungslosen Gang zu wagen. Das war in jenen Tagen, als Scheidemanns Hand verdorren wollte, als altgediente Pazifisten Widerstand bis zum Letzten predigten. Es ist das historische Verdienst des Generals Groener, in diesen Schicksalsstunden »Defaitist« gewesen zu sein. Sie blieben mitten in allgemeiner Kopflosigkeit Realist, Sie wurden damals und später von der militaristischen Reaktion mit Ausdrücken bedacht, die sich nicht viel von jenen unterscheiden, mit denen Sie heute die Pazifisten bedenken, deren Nero oder Diocletian Sie leider werden möchten. Es ist keine schöne Aussicht, als Vater einer Zuchthausvorlage in die Geschichte einzugehen, als Unterdrücker des freien Worts der Presse. Ich bin Ihr Gegner, aber kein ungerechter, und deshalb drängt es mich, angesichts der gefährlichen Entscheidung, die Sie auf sich genommen haben, ein Stück aus Ihrer Vergangenheit lebendig zu machen, das Ihren Namen freundlicher strahlen läßt als Ihre neuern Taten es vermögen. Es ist eine etwas komische Vorstellung, daß in dieser Zeit, wo in Deutschland alles mit Messer oder Knüppel gemacht wird, die paar Männer, die noch eine Ehre darin sehen, mit der Feder zu kämpfen, zuerst unschädlich gemacht werden sollen. »Epargnez la tête!«, rief jener pariser Aristokrat, der den jungen Voltaire von seinem Lakaien verbleuen ließ. Schont den Kopf! In Deutschland gibt es nur auf den Kopf, das scheint hierzulande Gesetz zu sein, und es stimmt nicht tröstlicher, daß diesmal das Gesetz von einem Manne verhängt wird, der sich als guter Republikaner vorstellt. »Die Freiheit, die wir besingen und erstreben, ist Opfer wert.« So schreiben Sie. Wir sind beide Republikaner, Herr Minister, aber ich fürchte, wir meinen nicht die gleiche Freiheit, und wir singen auch nicht in der gleichen Stimmlage. Wahrscheinlich singen wir auch alle beide nicht sehr schön, wobei Sie allerdings den Vorzug haben, von einem Militärorchester begleitet zu sein. Ich glaube nicht, daß wir uns leicht einigen werden, Herr Reichswehrminister. Als loyaler Gegner möchte ich Ihnen indessen anbieten, auf diesen offenen Brief ebenso offen an dieser Stelle zu antworten. Da Sie die Vollblutfascisten der ›D.A.Z.‹ nicht gestört haben, dort Ihre Meinung zu vertreten, glaube ich hoffen zu dürfen, daß Sie auch an den liebenswürdigen Petroleuren der ›Weltbühne‹ keinen Anstoß nehmen werden. Genehmigen Sie, Herr Minister, den Ausdruck meiner vorzüglichsten Hochachtung ... Die Weltbühne, 8. Dezember 1931 1034 Kommt Hitler doch? Das waren vier Tage, die die Nerven der Welt erschütterten. Hitler erläßt Botschaften an Alle, apostrophiert die ausländische Presse; sein Herold Rosenberg aus Riga unternimmt vordatierte außenpolitische Schritte. Die Reichsregierung wird nicht sichtbar, sie scheint schweigend und hastig die Koffer zu packen. Endlich am vierten Tag abends erscheint der schlichte Star des Kabinetts am Mikrophon, teils um ein paar beschwichtigende Worte zu sprechen, teils um seine Vierte Notverordnung dem Volke menschlich näher zu bringen. Und jetzt geschieht ein wirkliches Wunder. Die allgemeine Panik weicht kritikloser Vertrauensseligkeit. Jetzt nimmt der staatsparteiliche Deputierte wieder aufatmend sein Reisebesteck heraus, Kommerzienrats Rasierpinsel steht wieder auf dem gewohnten Platz. Was hat sich denn ereignet? Sind die Nazis zersprengt? Wächst der Regierung ein Kornfeld auf der flachen Hand, oder, wichtiger noch, hat sie einen Abnehmer dafür gefunden? Nichts von alledem. Der Herr Reichskanzler hat nur eine wenig sagende, farblose Rede gehalten, und alles erklärt sich beruhigt. Der von Oben verordnete Weihnachtsfriede kann ausbrechen, und im übrigen gab es in Berlin allein in der ersten Nacht unter dem Gesetze zum Schutze des innern Friedens einen Toten, vier Blessierte. Diese neue Notverordnung hat eine viel bessere Aufnahme gefunden als die vorangegangenen, weil sie dem allgemeinen Wunsch nach »etwas Durchgreifendem« entgegenkommt. Die Vierte Notverordnung, von den Vielen, die nach der befreienden Tat rufen, enthusiastisch begrüßt, ist in größerm Zusammenhange gesehn nur ein besonderes Stück der heutigen deutschen Zerstörungspsychose. Sie ist ein grobes und dilettantisches Opus, das demolierend durch die noch intakt gebliebenen Teile der kapitalistischen Apparatur fegt, ohne ein sozialistisches oder auch nur soziales Äquivalent zu bieten. Sie verteilt nicht das Brot sondern reglementiert den Hunger; nicht Planwirtschaft wird geschaffen sondern Zwangswirtschaft. Was nützt der Zwang, wo es nicht ein Überquellen zu bändigen heißt sondern die Schrumpfung? Hält man die fressende Energie der Auszehrung auf, indem man den Patienten in eine eiserne Corsage steckt? Nicht ordnend und befruchtend werden diese Dekrete wirken sondern keimtötend und lähmend, und ihre einzelnen Paragraphen werden bald als Grabkreuze auf dem nächsten Massenfriedhof der Wirtschaft ragen. Zinssenkung, Mietsenkung, Preissenkung, Fluchtsteuer – das hört sich alles kraftvoll und wohlbedacht an und bleibt doch höchst problematisch. Und auch der Herr Preisdiktator ist da – Pfüat di Gott! – und erklärt sofort mit der Anmut der Bescheidenheit, daß er kein Wunderdoktor sei. Wieviele Diktatoren solcher Art hat es nicht seit Batocki sel. schon gegeben? Sie brüten Beglückungspläne aus, und wenn sie aus dem Amtszimmer kommen, sind sie nirgendwo zuständig und kehren traurig zu ihrer Sekretärin zurück. Doch da ist noch die Lohnsenkung, und jetzt verstärkt sich allerdings der Eindruck, daß dies das einzig Reale an dem ausgedehnten Kunstbau der dekretierten Wirtschaft ist. Das ist der feste Kern, der kleine aber betonierte Keller inmitten von haushohen Fortifikationen aus Pappe, die schnell zusammenfallen. Doch halt, nicht nur die Arbeiterschaft wird berührt, so einseitig, so klasseneng geht die Regierung nicht vor. Durch die Umsatzsteuer wird auch der noch mobile Teil der Produktion angezapft, auch hier wird das Leben tropfenweis versickern. Von hier droht neuer Bankrott, neue Deroute. Was für ein System regiert bei uns? Kein Liberalismus, kein Sozialismus, aber ein Fiskalismus, der ohne Plan, ohne Idee blindwütig drauflos verfügt. Der Reichskanzler verwahrt sich ausdrücklich dagegen, »Staatskapitalismus« zu treiben. Wenn ers nur täte! Statt dessen wird eine Fiktion von freier Wirtschaft aufrechterhalten, die unter dem nächsten Druck zerplatzen muß. Was dann? Fascismus, Kommunismus? Für beides muß Masse vorhanden sein, ein Streitobjekt, etwas, das es zu erobern gilt. Es ist zu fürchten, daß grade dies unter den Händen der regulierenden und registrierenden Bureaukratie hinschwinden wird, und dann bleibt nur noch Vegetieren, langsames Hinsterben. Vielleicht sind wir darin schon weiter, als wir selbst wissen, und die Begeisterung, mit der diese Verordnungen begrüßt werden, bezeichnet schon die Euphorie. So fährt Deutschland weiter, gebannt an den Magnetberg der Weltkrise. Ein Haufen armer desperater Seelen auf morschen Planken gefangen; morgen ein Totenschiff. * Die gleiche Not, die alle schwächt, ist Hitlers Stärke. Der Nationalsozialismus bringt wenigstens die letzte Hoffnung von Verhungernden: den Kannibalismus. Man kann sich schließlich noch gegenseitig fressen. Das ist die fürchterliche Anziehungskraft dieser Heilslehre. Sie entspricht nicht nur den wachsenden barbarischen Instinkten einer Verelendungszeit, sie entspricht vor allem der Geistessturheit und politischen Ahnungslosigkeit jener versackenden Kleinbürgerklasse, die hinter Hitler marschiert. Diese Menschen haben auch in bessern Zeitläuften nie gefragt, immer nur gegafft. Für das Schauspiel ist gesorgt, ebenso für ihr Muschkotenbedürfnis, die Knochen zusammenzureißen, vor irgend einem Obermotzen zu »melden«. Vor einer Woche schien es für Hitler keine Hindernisse mehr zu geben. »An der Schwelle der Macht«, schrieben ›Times‹. Rosenberg fuhrwerkte in England als Diplomat herum; eine Straßenaufnahme zeigt den Botschafter des Dritten Reichs freundlich lächelnd im Gespräch mit einem londoner Bobby, der im Zweifel scheint, ob sein Hebräisch für die Unterhaltung auslangt. Auf die Tories hat Rosenberg aber ohne Zweifel mehr Eindruck gemacht. England suchte schon nach einer Formel, sich mit einem nationalsozialistischen Deutschland abzufinden. Es ist schwer zu glauben, daß das alles erledigt sein soll, nur weil Herr Brüning wieder einmal gesprochen hat, nur weil ein Bündel frischer Verordnungen herausgekommen ist. Der neue Reichsminister Schlange-Schöningen hat kürzlich in einem Rundfunkvortrag ein paar beachtliche Gedanken geäußert: »Wer hat heute noch das Recht, die absolute Unantastbarkeit, die Heiligkeit des Privateigentums zu predigen? Wer unternimmt es, diesen Begriff heute auch nur klar zu definieren? Wird nicht auf allen Gebieten der Wirtschaft Tag für Tag am Privateigentum gerüttelt?« Das ist sehr richtig gesehen. Enteignet wird auf alle Fälle, es fragt sich nur: zu wessen Gunsten? Es gibt in dieser Epoche eines beinahe mechanisch berstenden Privatbesitzes zwei Lösungen: eine sozialistische, die das Privateigentum überhaupt aufhebt, auf neuer Grundlage neu beginnt, ohne zu warten, bis die letzten Stücke, gleichfalls angekränkelt, auseinanderfallen. Und es gibt eine zweite Lösung, indem das ganze Volk einem alles aufsaugenden Industriekapitalismus tribut- und arbeitspflichtig wird. Für die Lebenshaltung des Einzelnen mag das zu Zeiten durchaus dasselbe sein, aber für das Bewußtsein ist es nicht gleichgültig, wer das Opfer fordert. Man vergleiche die heroische Haltung, die Rußland in seinen Entbehrungsjahren gezeigt hat, mit dem deutschen Marasmus, mit diesem verzweifelten Lazzaronitum, das sich, grotesk genug, nach außen hin noch zu nationalistischen Gebärden aufreckt. Diese zwei Lösungen gibt es nur. Die der Regierung Brüning ist keine. Sie nimmt die verwegensten Operationen vor, sie stutzt die Wirtschaft wie eine Taxushecke, aber sie hält noch immer die Illusion hoch, als handle es sich hier um etwas Vorübergehendes, um einen unangenehmen Rückweg in »normale Zustände«, worunter die frühern vollkapitalistischen zu verstehen sind. Um die Folgen des unerhörten Drucks einer ex cathedra diktierten Wirtschaft zu überwinden, dazu ist diese Regierung zu schwach. Und der Staat ist auch nicht kräftig, nicht geschlossen genug, um die Gegenstöße eines allgemeinen Auflösungsprozesses, der sehr rebellische Formen annehmen kann, zu ertragen. Dann aber kommt die Stunde des Fascismus, dann wird die Hitlerarmee endlich etwas zu tun haben. Dann wird auch der Sieg des monopolisierten Kapitalismus vollkommen sein. Dann wird der S.A.-Landsknecht die Manneszucht in den Betrieben schon übernehmen. Dann werden die Gewerkschaften zertrümmert werden, und der deutsche Mann wird, befreit von dem unwürdigen Pariageist der gewerkschaftlichen Koalition und ihrem judäisch-marxistischen Tarifrecht, rank und schlank, hei, vor seinen Industrieherzog treten und ihm hochgemut seine Dienste als Kaufmann, Techniker oder Lampenputzer anbieten. Unter einer alten knorrigen westfälischen Eiche wird er seinem Lehnsherrn den Eid leisten, ihm allzeit treu, hold und gewärtig zu sein, und wer dann noch Geld sehen will, der wird erschossen. * Kommt Hitler also doch? Vor acht Tagen war der Schreckensruf »Fascismus ante portas!« Brünings Rede hat ihn nicht verscheucht, er ist nur einstweilen stehen geblieben. Gewiß will Brüning vor Hitler weder ruhmlos abtreten noch als minderberechtigter Partner vor ihm kuschen. Der Reichskanzler mag sich seine eigne Methode ausgedacht haben, mit dem Fascismus fertig zu werden. Aber um eine Methode, die man nicht kennt, zu tolerieren, dazu gehört Vertrauen, und dieses Vertrauen haben wir zu Herrn Brüning nicht, wie wir das hier vom ersten Tage seiner Kanzlerschaft an betont haben. Brüning will nur die Anmaßung des Fascismus, seinen Anspruch auf Alleinherrschaft brechen, nicht ihn selbst. Neben den wirtschaftlichen Bestimmungen der Notverordnung sind die politischen in der öffentlichen Diskussion vernachlässigt worden. Und doch verdienen sie nicht mindere Beachtung. Sie geben einen wertvollen Einblick, wie sich die Regierenden die Abwehr des umstürzlerischen Nationalsozialismus vorstellen. Zunächst: die Herren wollen die Republik retten, indem sie sich Unterstützung durch republikanische Kräfte verbitten und diese unerwünschte Unterstützung unter Strafe stellen. Das undifferenzierte Versammlungsverbot, das Verbot, Uniformen und Abzeichen zu tragen, trifft ja nicht nur die Nazis sondern viel ärger die von links. Ist es der Regierung ernst damit, den Verfassungsstaat zu verteidigen, so kann sie auf die Mobilisation aller demokratisch-republikanischen Kräfte nicht verzichten. Die res publica ist die öffentliche Sache. Der Staat, den Brüning und die Andern verteidigen, ein Homunculus, ein Retortengeschöpf. Die vorgebliche Parität wird in der Praxis zum schreiendsten Unrecht. Denn die Organisation des Staates selbst, Militär, Exekutive, Beamtentum, steckt voll von unzuverlässigen Elementen. So wie die Justiz durchweg jeden Rotfrontmann bisher härter anfaßte als einen Nationalsozialisten, so wird der Mann aus dem republikanischen Verband in Zukunft schlechter dran sein als der vom Stahlhelm oder von Hitler. Aber es ist schon grotesk genug, daß Loyalität ebenso bestraft werden soll wie Auflehnung. »Es ist schlimm um einen Staat bestellt, der seinen Bürgern verbietet, Abzeichen in seinen Farben zu tragen«, ruft der Bundesvorstand des Reichsbanners. Richtig, richtig, richtig. Doch dann heißt es: »Über ein kurzes, dann wird auch diese Regierung einsehen müssen ...« Nein, meine Herren, diese Regierung wird gar nicht einsehen. Diese Hoffnung ist ebenso töricht wie die Parole: Staat greif zu! Wenn dieser Staat zugreift, so nimmt er, wie er es immer getan hat, die Republikaner zuerst. Wäre die Regierung wirklich gewillt, gegenüber dem Nationalsozialismus Autorität zu zeigen, so hätte sie Hitler an dem Tage, wo er wie der Chef einer Nebenregierung im Kaiserhof Parade abhielt, als Hochverräter verhaften lassen müssen, ebenso wie Rosenberg bei seiner Rückkehr aus London. Dann dürfte auch Herr Gregor Straßer nicht mehr frei herumlaufen, der soeben wieder in Stuttgart gedonnert hat: »Und wenn wir bis an die Knöchel im Blut stehen müssen um Deutschlands willen, so haben wir es haben wollen.« Dann dürfte dieser Oberreichsanwalt sich nicht mehr auf seinem Posten befinden, der – nach den Worten des !›Berliner Tageblatts‹ – für die Verfasser der boxheimer Mordpläne eine Entlastungsaktion vorgenommen hat. Und dieser Herr Werner, der längste Arm des Staates, soll zupacken? Armes Reichsbanner, er wird dich zuerst haben und dich nicht so glimpflich behandeln wie Best und seine Bluthunde. Eine Konzession an die Linke befindet sich allerdings in der Notverordnung: Herrn Groeners Lieblingskind, von seinem Carlowitz gepäppelt und gewiegt, die »Staatsverleumdung« fehlt. Ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, daß das Kapitel »Verstärkung des Ehrenschutzes« den einstweiligen Ersatz darstellt, um der lästigen Kritik den Mund zu stopfen. In diesen fünf Paragraphen blasen die Herren Geheimräte des Reichsjustizministeriums die Schicksalshörner der deutschen Pressefreiheit: »§ 1. Steht im Falle der üblen Nachrede (§ 186 des Strafgesetzbuchs) der Verletzte im öffentlichen Leben und ist die ehrenrührige Tatsache öffentlich behauptet oder verbreitet worden und geeignet, den Verletzten des Vertrauens unwürdig erscheinen zu lassen, dessen er für sein öffentliches Wirken bedarf, so ist die Strafe Gefängnis nicht unter drei Monaten, wenn der Täter sich nicht erweislich in entschuldbarem gutem Glauben an die Wahrheit der Äußerung befunden hat. § 2. Steht im Falle der Verleumdung (§ 187 des Strafgesetzbuchs) der Verletzte im öffentlichen Leben und ist die ehrenrührige Tatsache öffentlich behauptet oder verbreitet worden und geeignet, den Verletzten des Vertrauens unwürdig erscheinen zu lassen, dessen er für sein öffentliches Wirken bedarf, so ist die Strafe Gefängnis nicht unter sechs Monaten. § 3. In den Fällen der §§ 1, 2 kann das Gericht neben der Strafe und unabhängig von einer nach § 188 des Strafgesetzbuchs zu verhängenden Buße auf eine an die Staatskasse zu entrichtende Buße bis zu einhunderttausend Reichsmark erkennen. § 4. In Strafverfahren wegen Beleidigung bestimmt das Gericht, auch wenn die Tat auf erhobene öffentliche Klage verfolgt wird, den Umfang der Beweisaufnahme, ohne hierbei durch Anträge, Verzichte oder frühere Beschlüsse gebunden zu sein. § 5. In allen Strafverfahren wegen Beleidigung, in denen die Staatsanwaltschaft die Verfolgung übernimmt, ist das Schnellverfahren (§ 212 der Strafprozeßordnung) auch dann zulässig, wenn der Beschuldigte sich weder freiwillig stellt noch infolge einer vorläufigen Festnahme dem Gericht zugeführt wird.« Ist diese grobe, unnuancierte Fassung Unzulänglichkeit oder Absicht? Auch Adolf Hitler »steht im öffentlichen Leben«, auch jene seiner Granden, die zur Nacht der langen Messer die Eisen wetzen lassen und vor fanatisierten Versammlungen zur Belebung der Hanfseilindustrie praktische Vorschläge machen. Gelingt es dem »Verletzten«, einem Richter, der durchaus kein braunschweigischer zu sein braucht, klar zu machen, daß alles legal gemeint sei, natürlich nur zur Abwehr irgendeiner »Kommune«, die die streng verfassungsmäßige Naziregierung bedroht, so ist der staatsloyale, der republikanische Redakteur geklappt. Gefängnis läßt sich ertragen, aber eine hohe Geldbuße ruiniert heute jedes Presseunternehmen. Großer Manitou, was bleibt dem Publizisten übrig, als von der Politik zu lassen und etwa über die Liebe zu schreiben, falls das nicht unter das Schund- und Schmutzgesetz fällt! Nachdem hundert Jahre um die Meinungsfreiheit gekämpft worden ist, genügen ein paar Paragraphen, um sie still zu beseitigen. So treibt Deutschland in Dunkelheit dahin, Verwesungsdünste steigen auf. Die eine Hälfte der Nation bettelt um Almosen, die andre muß es verweigern, weil sie selbst nichts hat. Das ist der deutsche Status Weihnachten 1931. Ein paar Menschen wird es noch geben, die in diesem mephitischen Gestank verfaulender Geister nach besserer Luft verlangen. Schlagt sie tot, das Reichsgericht fragt euch nach den Gründen nicht! Die Weltbühne, 15. Dezember 1931 1035 [Antworten] Strelitzer Zu dem Artikel »Der Troubadour der großen Dame« von Hanns-Erich Kaminski in Nummer 47 der »Weltbühne« schreiben Sie uns eine längere Verteidigung des angegriffenen Herrn von Reibnitz. Sie betonen, daß sich Herr von Reibnitz in Mecklenburg große Verdienste erworben habe und daß es jetzt dort ganz finster werden würde, nachdem ihn die Reaktion zur Strecke gebracht hat. Aus Gründen der Gerechtigkeit nehme ich von Ihrem Einspruch gegen die harte Kritik an Herrn von Reibnitz gern Notiz. Aber von dem, was gegen sein Buch gesagt wurde, ist nichts zurückzunehmen. Es handelt sich hier nicht nur um eine politische Frage, sondern auch um eine solche des Geschmacks. Herr von Reibnitz hätte sich das Buch verkneifen sollen. Die Weltbühne, 15. Dezember 1931 1036 Trotzki spricht aus Prinkipo Der dicke Chesterton hat einmal in bezug auf den Rundfunk den herrlichen Satz geschrieben, daß Herr Soundso, wenn er vom Nordpol her spricht, nicht weniger trivial wirkt, als wenn man ihn aus dem Nebenzimmer hört. Da die höchst entwickelte Technik sich vornehmlich darauf beschränkt, uns gesprochene, gedudelte oder gesungene Idiotismen zu vermitteln, so ist es also nur in der Ordnung, daß der Geist den alten Weg über das Druckpapier nehmen und ein Genie wie Leo Trotzki sich in einer schmächtigen Groschenbroschüre, fernab von den Bütten- und Halbfranz-Snobs des Weihnachtsmarkts, verständlich machen muß. Diese Broschüre von einem Druckbogen ist die wichtigste und aktuellste Schrift dieser Tage. (Leo Trotzki: »Soll der Fascismus wirklich siegen?« zu beziehen durch A. Grylewicz, Berlin-Neukölln, Brusendorfer Straße 23.) Der Verbannte von Prinkipo hat auch heute, wo ihm keine Suite von Politikern und Militärs, kein Panzerzug mehr zur Verfügung steht, seine alte Sprungkraft nicht eingebüßt. Dieser Stil blitzt, wettert, reißt Wolkendecken ein, fährt zitternd Ungeduld über eine aufgepeitschte Welt, um mit pamphletistischem Elan irgendwo krachend niederzusausen. Trotzki wollte eine knappe, skizzenhafte Instruktion für seine engern Anhänger in aller Welt schreiben – es ist ein kleines Weltgericht daraus geworden. In zwanzig kurzen thesenhaften Abschnitten mustert Trotzki die politische Weltlage. Nirgends findet er die Arbeiterschaft ihrer historischen Aufgabe entsprechend gerüstet. Der morbide Kapitalismus rafft sich im Fascismus noch einmal zu einer letzten blutigen Abwehr auf. Es steht nicht gut um die Sache des Kommunismus. Da ist Spanien, das Land der jüngsten Revolution, aber die Kommunistische Partei ist machtlos und bezieht in allen Grundfragen falsche Position. »Die bürgerliche Revolution wird mehr, als sie gegeben hat, nicht geben können. In bezug auf die proletarische Revolution hingegen kann die gegenwärtige innere Lage in Spanien vorrevolutionär genannt werden, aber nicht mehr als das.« Dann eine glänzende Auseinandersetzung mit England, dessen politischer Überbau hinter den Veränderungen der ökonomischen Basis zurückbleibt, das bis jetzt weder eine revolutionäre noch eine fascistische Partei kennt, und mit Frankreich, dem »konservativsten Lande nicht nur Europas, sondern wohl der ganzen Welt«. Die verhältnismäßige Beständigkeit des französischen Kapitalismus erklärt Trotzki aus dessen Rückständigkeit, aber: »Der Widerspruch zwischen Frankreichs zweitrangiger Rolle in der Weltwirtschaft und seinen ungeheuerlichen Vorrechten und Ansprüchen in der Weltpolitik wird sich mit jedem Monat immer deutlicher offenbaren.« Doch für den Kommunismus sieht Trotzki einstweilen keine Chancen, ebensowenig wie in den Vereinigten Staaten. China befindet sich in einem langen Umwandlungsprozeß, und nur Japan kann durch sein mandschurisches Abenteuer in eine Revolution gerissen werden. Die Ereignisse im Fernen Osten binden Japan, sichern die Sowjetunion vor akuten Gefahren. Die konkreten Voraussetzungen für große Umwälzungen findet Trotzki nur in Europa. Vor allem in Deutschland liegt der Schlüssel zur internationalen Lage. »Die ökonomischen und politischen Widersprüche haben hier eine unerhörte Schärfe erreicht. Die Lösung rückt heran. Es nähert sich der Moment, wo die vorrevolutionäre Situation umschlagen muß in die revolutionäre oder – die konterrevolutionäre.« Von dem Ausgang wird das Schicksal Europas, ja der ganzen Welt abhängen. Der Fascismus hat seinen Kulminationspunkt noch nicht erreicht; er ist ein Produkt der sozialen Krise und der revolutionären Schwäche des Proletariats, die sich aus zwei Elementen zusammensetzt: »Aus der besondern historischen Rolle der Sozialdemokratie, dieser allmächtigen kapitalistischen Agentur in den Reihen des Proletariats und aus der Unfähigkeit der zentristischen Leitung der Kommunistischen Partei, die Arbeiter unter dem Banner der Revolution zu vereinigen.« Nun beginnt ein polemisches Ungewitter. Auf die KPD. und die Komintern, ihre Patronin, fallen dabei die Hiebe hageldicht. Die KPD. hat mit dem Chauvinismus gespielt, den echten Fascismus zum Zwecke marktschreierischer Konkurrenz nachgeahmt. »Die Kominternführung hat weder etwas vorauszusehen noch zu hindern vermocht. Sie reguliert bloß die Niederlagen. Ihre Resolutionen und übrigen Dokumente sind, leider, nur Photographien des Hinterteils des geschichtlichen Prozesses.« Welche Stellung gedenkt die Komintern angesichts der heranrückenden Entscheidung einzunehmen? Gar keine. Sie will erst abwarten. Denn Konterrevolution ist bekanntlich nicht das, »was den Weltimperialismus befestigt, sondern das, was die Verdauung der kommunistischen Beamten stört«. So kommt man mit Warten und Aufschieben allgemach der Kapitulation näher. Schon jetzt wird die Formel vorbereitet: »Rechtzeitig zurückweichen, die revolutionären Truppen aus der Gefechtzone herausführen, dem Fascismus eine Falle stellen, in Form ... der Staatsmacht.« Und jetzt folgen diese gewaltigen Sätze, wie mit schrecklich spitzen Nägeln in das Gewissen der russischen Diktatoren getrieben: »Würde diese Theorie sich in der Deutschen Kommunistischen Partei befestigen, ihren Kurs in den nächsten Monaten bestimmen, so bedeutete dies seitens der Komintern einen Verrat nicht geringern historischen Ausmaßes als der Verrat der Sozialdemokratie vom 4. August 1914, dabei mit schrecklichem Folgen.« Moskau wäre das größte Opfer. Denn der Sieg des Fascismus in Deutschland bedeutet den Krieg gegen die Sowjetunion. Die Niederringung des Proletariats wird dem Fascismus außenpolitisch die Hände binden, er wird an der französischen Reaktion Halt suchen müssen. »Hitler wird Pilsudski ebenso brauchen wie Pilsudski Hitler.« Und der deutsche Bürgerkrieg selbst? Neben dem deutschen würde sich der italienische Fascismus »wahrscheinlich als blasses und humanes Experiment ausnehmen«. Deshalb darf es kein Zurückweichen geben. »Führer und Institutionen können zurückweichen. Einzelne Personen können sich verbergen. Aber die Arbeiterklasse wird angesichts des Fascismus nirgends zurückweichen und nirgends sich verbergen können.« Noch ist Widerstand möglich. Noch hat der Fascismus nicht die Macht, noch hat sich ihm der Weg zur Macht nicht geöffnet. Deshalb sind alle, die das »strategische Zurückweichen« predigen, »unbewußte Agenten des Feindes in den Reihen des Proletariats«. Was hat der Fascismus hinter sich? »Das kleine Handwerks- und Handelsvolk der Stadt, Beamten, Angestellte und technisches Personal. Intelligenz und heruntergekommene Bauern.« Doch Trotzki warnt vor der Überschätzung des Stimmzettels, denn: »Auf der Wage des revolutionären Kampfes stellen tausend Arbeiter eines Großunternehmens eine hundertmal größere Kraft dar als tausend Beamte, Kanzlisten, ihre Frauen und Schwiegermütter. Die Hauptmasse der Fascisten besteht aus menschlichem Staub.« Hitler versteht sich gewiß aufs Prahlen. »Aber seine Aufschneiderei wird zu einem militärischen Faktor erst im Moment, wo die Kommunisten ihm Glauben schenken. Mehr als alles ist augenblicklich eine reale Kräfteberechnung notwendig. Worüber verfügen die Nationalsozialisten in den Betrieben, bei den Eisenbahnen, in der Armee, über wieviel organisierte und bewaffnete Offiziere? Eine klare soziale Analyse des Bestandes beider Lager, ständiges und wachsames Überrechnen der Kräfte – das sind die unfehlbaren Quellen des revolutionären Optimismus.« Also auch in der innern Politik gibt es das potentiel de guerre. So zeichnet Trotzki mit schneidendster Schärfe die Situation vor dem Entscheidungskampf mit dem Fascismus. So spricht er dem Proletariat und seinen Parteien Mut ein. Und an Moskau selbst richtet er zum Schluß die stärkste Beschwörung, daß es bei einer Machtergreifung des Nationalsozialismus keine Neutralität geben kann: »Für den proletarischen Staat wird es hier im direktesten und mittelbarsten Sinn um die revolutionäre Selbstverteidigung gehen. Deutschland ist nicht bloß Deutschland. Es ist das Herz Europas. Hitler ist nicht bloß Hitler ... Aber auch die Rote Armee ist nicht bloß die Rote Armee. Sie ist – die Waffe der proletarischen Weltrevolution.« Die Sprache Leo Trotzkis ist hart und klar, seine Forderungen sind unerbittlich. Dieser alte Theoretiker und Techniker sozialistischer Machtpolitik bringt für nahende Entscheidungen gradezu den sechsten Sinn mit. Dabei ist es leicht genug, das Bild von der Komintern und ihren Leuten, das die Haßliebe dieses Verstoßenen ins Maßlose verzerrt, zu korrigieren. Es wäre nicht weniger leicht, die Tatsache, daß Rußland heute durch seinen industriellen Aufbau weltpolitisch gehemmt ist, als Gegenargument ins Treffen zu führen. Es soll nicht versucht werden. Wer Leo Trotzki heißt und diese historische Leistung hinter sich hat, der hat auch das Recht zu hassen. Und es wäre auch lächerlich, in diese brennende Leidenschaft, die zur Tat aufruft, wo alles zur Waffenstreckung ziemlich bereit ist, einen Fingerhut kalten Wassers gießen zu wollen. Die deutschen Sozialisten leben in der Panik. Die Einen haben sich im Opportunismus verrannt, die Andern in der Radikalität. Die Stimme aus Prinkipo weist ihnen den Weg in die Handlungsfreiheit. Gewiß ist dieser Prophet nicht bequem, seine böse kritische Veranlagung bei dem politischen Kindervergnügen, das unsre Parteihäuptlinge aufführen, nicht erwünscht. Seine Polemik ist schrecklich, aber sie kommt von sehr hoch. Diese Hiebe sind die Schnabelhiebe eines zornigen Adlers. Die Weltbühne, 22. Dezember 1931 1037 Tabula rasa Das Jahr 1931 war das Unglücksjahr des deutschen Bürgertums. Wenn seine Außenwerke schon vorher demoliert waren, so verkrachten in diesem Jahre seine Hauptstellungen. Hatte die Krise in ihren Anfängen nur Triebsand erfaßt, Spekulationsunternehmen umgeblasen oder Altgewordenem den Rest gegeben, so drang sie 1931 in die Zentren des Wirtschaftskörpers und warf um, was durch organisierte Macht oder durch altererbte Respektabilität auch im ärgsten Feuer gehärtet schien. Mit diesen ökonomischen Grundlagen des Bürgertums sinkt auch der bürgerliche Geist. Der fragwürdig gewordene Besitzbürger, der wenigstens noch das Gesicht zu wahren versucht, wird als Ci-devant verspottet wie vor hundert Jahren ein entwurzelter Feudaler, der noch von der Zopfzeit schwärmte. Losgelöst von Besitz und Erbe und von der Möglichkeit neu zu erwerben, torkelt der bürgerliche Mensch herum, anarchisiert und proletarisiert, unfähig, seine besten traditionellen Eigenschaften an veränderten Zeitläuften zu erproben. Der bürgerliche Geist, der hundertfünfzig Jahre lang Deutschland beherrscht und einen großartigen Kulturstandard geschaffen hat, wenn auch keine eigne politische Form – dieser Geist wird jetzt plötzlich primitiv, reizlos, knotig. Es ist kein Wunder, wenn die Ganzradikalen, die Fascisten und Kommunisten ihr Urteil über die bürgerliche Gesellschaft von heute dahin zusammenfassen: Hier sieht man ihre Trümmer rauchen, der Rest ist nicht mehr zu gebrauchen! Auf diesen Trümmerhaufen aber gedeiht eine ganz eigne Romantik. Dort haben die Propheten und Sibyllen Platz genommen und weissagen von der Auferstehung des Bürgertums. Der Dichter Hans Grimm, der Verfasser des erfolgreichen Romans »Volk ohne Raum«, hat kürzlich in Berlin einen Vortrag gehalten, der sich im Titel »Von der bürgerlichen Ehre und bürgerlichen Notwendigkeit« eng an ältere romantische Vorbilder anlehnt, und den die ›D.A.Z.‹ jetzt ihren Lesern zum Christfest schenkt. Hans Grimm sieht mit einigem Schrecken Fascismus und Kommunismus dem gleichen Effekt zustreben: der Zerstörung aller bürgerlichen Werte und der Errichtung eines Staates, der ausschließlich auf der Autorität eines parteibestallten Funktionärstum ruht. Und daß grade die ›D.A.Z.‹ es für nötig hält, diesen Vortrag in acht langen Zeitungsspalten wiederzugeben, zeugt wohl auch davon, daß ihr Chefredakteur, der den deutschen Fascismus erst richtig hochgepäppelt hat, jetzt wenigstens seiner Hypertrophie mit einer Injektion lauwarmer Milch entgegenwirken möchte. Hans Grimm ist ein sauberer Schriftsteller ohne Macht der Imagination oder des Wortes. Er wird einen Gegner immer von seiner Lauterkeit überzeugen, niemals von seinem Intellekt. Er hat eine Lehrzeit in Afrika hinter sich und wohnt heute in einem schönen alten Klosterhaus an der Weser, das er sich erschrieben hat. Ein tüchtiger Mann; dieses Wort, das ihn ehrt, zeichnet auch seine Grenzen. Grimm spinnt nicht einen originalen Gedankenfaden, und was er vom Bürgertum zu retten sucht, das ist nicht der Geist, sondern der höchst sterbliche Habitus und die zeitbedingten Vorurteile. Grimm predigt das besondere »Herrentum« des deutschen Volkes. Deutschland ist »adlig«, ist auserlesen zu erhabenem geschichtlichen Beruf. Die Verheißung Fichtes oder die der ekstatischen alten Juden vom Jordan, wenn man will. Den Sozialismus verachtet Grimm als asiatisches Sklavenideal: »Der Paria will den Sozialismus vom Sklaven aus, es ist seine Art: Weil er sich schwach fühlt, möchte er, daß Schwäche Recht wird vor Kraft, mit der Folge des allgemeinen Elends und der allgemeinen Verlumpung.« Hans Grimm will demgegenüber den Individualismus, aber nicht als Willkür, sondern als »Recht des jeweils Besten«. Als ob jemals ein System, ob individualistisch oder kollektivistisch auf die Steigerung der Leistung verzichtet hätte! Verlangen denn nicht auch die alten Demokratien von ihren Männern das Äußerste? Und sucht nicht das kommunistische Rußland bei der Durchführung seines Industrieplans jeden Betrieb, jeden Arbeiter zur höchsten Einzeltat anzuspornen? Proletarier ist für Hans Grimm, wer »die Armut aller will, um den eignen Lebensbankrott zu rechtfertigen.« Hier redet aus dem Seher vernehmlich und recht pharisäisch der erfolgreiche Bürger, der Mann, der mit einem schönen Wohnhaus sein eignes Raumproblem zufriedenstellend gelöst hat. Wie liberalistisch-manchesterlich ist es doch, Hans Grimm, das soziale Schicksal leugnen zu wollen und alles auf die Tüchtigkeit oder das Versagen des Einzelnen zu wälzen! Wie ungeheuerlich ist es, das Individuum allein gegen die anonymen Gewalten der Wirtschaft zu stellen und den, der besiegt wird, Paria zu schelten! Es ist keine Entschuldigung, daß dieses ganze Vokabular nicht von Hans Grimm selbst stammt, sondern in seiner letzten Anwendung von Moeller van den Bruck, der es von Houston Stewart Chamberlain übernommen hat, dieser wieder von dem alten Bayreuther Kreis und dieser wieder von dem Sohn des Färbers Simon Gobineau. Diese Entwicklungsreihe zeigt zugleich in tragischer Weise die Etappen der innern Verarmung des deutschen Bürgertums an, wie kümmerlich und sektiererisch das geworden ist, was bei Nietzsche berauschendes Wort, bei Wagner betörende Musik war. Die Kontrabässe und Oboen sind verstummt, aus dem leeren Orchester von Bayreuth redet ein matter Epigone, gelegentlich von einem gespenstischen Paukenschlag interpungiert. Der Parsifal von heute wohnt im Braunen Haus. Auch für Hans Grimm ist der Nationalsozialismus »die erste und bisher einzige echte demokratische Bewegung des deutschen Volkes«. Nationalsozialismus bedeutet ihm nicht Gleichheit sondern »Gemäßheit«, und das heißt, »sich zur Führerschaft der jeweils Besten zu bekennen«, wodurch »ganze Deutschheit« dargetan wird. Aber auch Grimm sieht erschreckt, wie der Nationalsozialismus taktische Konzessionen an die breite Masse macht, wie er das Bürgertum kaum noch zur Verschrottung gut genug hält, wie er die herkömmlichen Begriffe vom Eigentum als überlebt abtut. »Über das Eigentum führt der Weg zur Herrengesinnung«, doziert Grimm; er sträubt sich dagegen, daß man das Kind mit dem Bade, den Kapitalismus mit den Juden in die Senkgrube schüttet. Marxistische Fälscherstücke dringen in die reine Lehre ein, Bürgertum wird mit Bourgeoisie zusammengeworfen, der »Gegensatz vom nationalen Haben im bürgerlichen und vom internationalen Haben im Börsensinne mit erfolgreichem Fleiße verwischt.« Angesichts dieser grausigen Vorstellung reckt sich Grimm zur ganzen Größe eines noch halbwegs intakten Konteninhabers auf und ruft aus: »In eurem neuen Gemeinschaftsgefühle steckt eine ungeheure Gefahr, daß ihr auf einem nur umständlicheren andern Wege dem asiatischen Pariaideale selbst zuschreitet.« So endet der stolze nationale Bauchschwung. Einer der ersten und wirksamsten Künder des deutschen Nachkriegsnationalismus klappt zusammen, weil die von ihm mitgenährte Bewegung in der Agitation auf ein paar sozialrevolutionäre Grolltöne nicht verzichten mag. Weil überhaupt keine Bewegung, die heute wirken will, an der leiblichen Not der alten oder neuen Proletarier vorübergehen kann. Auch ein »adliges Volk« im Sinne Hans Grimms möchte sich gelegentlich sattessen. Es ist indessen nicht der Zweck dieser Zeilen, gegen Hans Grimm zu polemisieren sondern ihn zu beruhigen. Hitler ist und bleibt der Condottiere des Industriekapitals. Nichts konnte bisher den Verdacht stärken, Hitler und seine Granden wollten im Grunde dasselbe wie die Roten. Das Gräßlichste an Hans Grimms herzlich magern Vision vom Dritten Reich ist doch eben, daß es ziemlich so kommen wird, wenn Hitler wirklich das Regiment ergreifen sollte. Da auch dieser säkulare Komödiant kein Zauberer ist und nicht mehr Nahrung geben kann als vorhanden ist, so wird er eben statt Brot mit Phrasen und Spielen aufwarten müssen. Diese Spiele werden vielleicht blutig sein, aber sie werden immer nur die Unfähigkeit verdecken müssen, daß sich im Grunde nichts geändert hat, nichts wandeln wird. Wir gehen ganz sicher, daß der deutsche Fascismus das Eigentum so energisch schützen wird, wie es Hans Grimm verlangt, vorausgesetzt, daß bis dahin unter dem schrumpfenden Hauch der Krise die Reste nicht mikroskopisches Format angenommen haben werden. Hans Grimms Sorgen sind ganz überflüssig, seine Nerven sind seinem hohen Apostolat nicht gewachsen, seine Verstandeskräfte nicht dem Augurengrinsen der Eingeweihten, wenn das Wort Sozialismus fällt. Es ist überhaupt etwas merkwürdig bestellt um diese Literaturbarden des Nationalsozialismus. Ihnen allen schwebt, vielleicht unbewußt, Gabriele d'Annunzio vor, wie er seine berühmten Verheißungen an Italien richtete und damit sein Volk in den Höllenkessel am Isonzo riß. Wenn Hans Grimm die Nation zur Tat aufruft und ihr adliges Vorrecht proklamiert, wird der solchermaßen nobilisierte Bürger nicht gleich wie der Römer zum Schwert greifen, sondern zunächst einmal sein Dienstmädchen anschnauzen, um sein Herrentum zu bestätigen. Die Wirkung ist also nicht so groß wie die d'Annunzios, dafür aber weit harmloser. Aber auf die Größe kommt es Herrn Grimm doch an. Die Weltbühne, 29. Dezember 1931 1932 1038 Der Fall Franz Höllering Mitte Dezember ist der Chefredakteur der ›B.Z. am Mittag‹, Doktor Franz Höllering, plötzlich seines Postens enthoben worden. Der Fall ist in allen deutschen Redaktionen leidenschaftlich erörtert worden, trotzdem hat, von rechtsradikalen und sozialistischen Blättern abgesehen, nirgendwo eine Notiz darüber gestanden. Denn die Presse schreibt bekanntlich nicht über sich selbst. Höllering galt, wie kaum ein Zweiter, für die Leitung eines großen Boulevardblattes qualifiziert, dessen entscheidender Dienst sich in einer ungeheuer aufreibenden und spannenden Vormittagsstunde zusammendrängt. Als Chef der ›B.Z.‹ hat Höllering eine schnelle und elegante Hand bewiesen, er hat ein in gutem Sinne aktuelles Blatt gemacht. Weshalb also diese überraschende Verstoßung? Höllering hat bei Münzenberg angefangen. Daran hat bis vor einiger Zeit niemand Anstoß genommen. Im Gegenteil. Als Höllering in das Haus Ullstein geholt wurde, zunächst in den Bühnen-Verlag, da brauchte man einen Verbindungsmann nach links, der Beziehungen zur jungen Literatur hatte, denn damals kokettierte man noch mit dem Kulturradikalismus. Inzwischen ist die Schwenkung erfolgt, inzwischen sind auch, vor etwa vierzehn Tagen, die Richtlinien des Vorstandes an alle Redaktionen des Hauses ergangen, in denen der neue reaktionäre Kurs festgelegt wurde. Heute ist man eifrigst bemüht, alle Spuren einer republikanischen und kulturradikalen Vergangenheit zu verwischen. Heute riskiert man lieber langweilig zu sein, als den Anstoß der regierenden oder morgen vielleicht regierenden Mächte zu erregen. Vor einiger Zeit hat hier Heinz Pol seinen Abgang von der Redaktion der ›Voß‹ geschildert. Der Fall Höllering bedeutet in dem Abstieg eines großen liberal-demokratischen Zeitungshauses eine weitere traurige Etappe. Ullsteins Abmarsch zur gelben Presse hat begonnen. Es ist nach Höllerings Absetzung sofort öffentlich behauptet worden, den Anlaß dazu habe eine Beschwerde des Reichswehrministeriums beim Verlag gegeben, weil ihm die großaufgemachte Meldung über Hitlers Luftflotte nicht in den Kram gepaßt habe. Der Verlag Ullstein hat sofort heftig dementiert, und wir wollens hinnehmen, denn so grob dürfte sich das wohl nicht abgespielt haben. Es ist auch kaum anzunehmen, daß ein Herr aus dem RWM mit Helm und Schleppsäbel beim Verlag erschienen wäre, um dort Groeners Gravamina vorzubringen. Solche Fäden werden feiner gesponnen. Es ist nicht unbekannt, daß man in der Wilhelm-Straße von dem linksradikalen Chef der ›B.Z.‹, der das Blatt möglichst unabhängig halten wollte, nicht entzückt war. Diese Stimmungen müssen sich allmählich auf den Verlag übertragen haben. Im vergangenen Sommer wurde die ›B.Z.‹, wie hier im einzelnen nicht rekapituliert werden soll, von dem »Reichspressechef« Zechlin mit einer sogenannten Zwangsauflage bedacht, die zwar von den Ullsteinblättern einmütig zurückgewiesen wurde, bei den Verlagsspitzen jedoch die Stellung des Chefredakteurs der ›B.Z.‹ nicht gefestigt zu haben scheint, und weiter wurde ihm auch die ausführliche Berichterstattung und entschlossene Parteinahme im Weltbühnen-Prozeß unangenehm vermerkt. Der Verlag Ullstein kann über Groeners angebliche Intervention gut Dementis loslassen. Nicht dementieren kann er dagegen, daß Höllering nach dem Erscheinen jener Nummer der ›B.Z.‹, in der die Nachricht über Hitlers Luftstreitkräfte enthalten war, von seiner Ablösung unterrichtet wurde. Der Verlag hätte übrigens in sein Dementi ein viel triftigeres Argument hineinbacken können. In berliner Zeitungskreisen weiß man nämlich recht gut, daß schon eine Woche vor der Abberufung Höllerings ein hervorragender Mitarbeiter der ›Voß‹, Herr Doktor Reinhold, von Herrn Staatssekretär Pünder gesprächsweise erfahren hatte, daß die ›B.Z.‹ jetzt endlich einen andern Chef bekomme und zwar gleich wen. Herr Reinhold war darüber äußerst bestürzt, denn niemand, und Höllering zu allerletzt, wußte davon. Aber ein hoher Beamter war schon eine Woche vor dem Krach unterrichtet. So war also die Neubesetzung der Chefredaktion in der ›B.Z.‹ schon eine im Stillen beschlossene Sache, und, ob mit oder ohne Intervention aus der Bendler-Straße, – der Verlag fand die Veröffentlichung über Hitlers Luftmarine als den zum Bruch geeigneten Anlaß. Und am 17. Dezember schreibt das Zentralorgan der Nazis so triumphierend, als hätte es selbst eine Schlacht gewonnen: »RWM gegen Wehrverräter im Hause Ullstein ... Wenn sich das RWM mit Recht endlich gegen den fortgesetzten Landesverrat der berliner Asphaltliteraten zur Wehr setzt, so ist das nur zu begrüßen.« Kein Vernünftiger bezweifelt, daß Ullsteins Dementi wenigstens in formaler Hinsicht wasserdicht ist. Aber vor dem nationalsozialistischen Jubel darüber ist nur zu fragen: Wer freut sich darüber? Cui bono? Man muß hier allerdings, um die Abneigung des Verlags gegen militärpolitische Themen ganz zu verstehen, etwas Wichtiges einflechten: es schweben nämlich noch zwei Landesverratsverfahren gegen Ullsteinredakteure. Wenn diese Verfahren auch kaum jemals zu Prozessen gedeihen werden, so genügen sie doch, um eine Zeitung unter Druck zu halten. Und damit kommen wir zu einer besonders heitern Methode, Blätter mit unbequemen kritischen Anfällen zu terrorisieren. Man macht wegen irgendwelcher Bagatellen einfach eine Anzeige, die hängt dann wie ein spitzes Messer über dem Haupt der Redaktion. Sie wird, wenn sie wieder was gegen die Reichswehr hat, sich die Sache beim nächsten Mal überlegen. Das RWM versteht nun zwar nicht die Bohne von der Presse, dennoch manches von der Psyche der deutschen Zeitungsverlage. Die Mehrzahl unsrer Zeitungsverleger ahnt nicht, was für eine Macht sie repräsentiert. Bei einem Konflikt zwischen ihren Redakteuren und einer Behörde, und namentlich einer militärischen, siegt ihre Servilität, und der Skalp des Redakteurs wird still verhandelt. Lieber Gott, man muß Beziehungen zu höhern Stellen aufrechterhalten! Außerdem wünscht man sich ein reputierliches Blatt, und Landesverrat hört sich wirklich nicht schön an, und nachdem im Weltbühnen-Prozeß nun sogar wegen Spionage verdonnert wurde, wird man künftighin alle Militärkritik lieber ganz beiseite lassen. Nicht an das allzu prunkvolle Haus in der Tiergartenstraße, an das Reichsgericht in Leipzig gehört die goldene Inschrift: Der Deutschen Presse. Der Verlag Ullstein mag dementieren, daß Höllering dem schäumenden Acheron in der Bendler-Straße geopfert worden sei. Nicht dementieren kann er die zunehmende Laschheit aller seiner Blätter. Nicht dementieren kann er die Tendenz, die in der Wahl von Höllerings Nachfolger liegt, der dem Staatssekretär Pünder schon acht Tage vor dem Krach bekannt war. Das ist Herr Fritz Stein, Vertreter des ›Hamburger Fremdenblatts‹ in Berlin, der Sohn des alten Irenäus von der ›Frankfurter Zeitung‹. Ein Journalist, der weder schreiben kann noch durch Reporterbegabung oder Einfälle glänzt. Eine Couloirexistenz, ein Pimperl Wichtig, das immer dort Posto faßt, wo sich zwei Minister unterhalten. Eine gefällige Schallplatte der Wilhelm-Straße, ohne Kenntnisse, Meinungen, Überzeugung. Ein Mann der Beziehungen, von der Gunst von Ministern, Staatssekretären und Pressedirigenten getragen. Zugegeben, daß grade die Lage der liberal-demokratischen Presse in dieser Zeit recht prekär ist. Wirtschaftlichen Liberalismus gibt es nicht mehr, eine bürgerliche Linkspartei gibt es nicht mehr, die alte Leserschicht stirbt aus oder proletarisiert. Die Zeitungsverleger starren fasciniert auf die Erfolge der rüden, schlecht gemachten rechtsradikalen Gassenjournale mit ihren kreischenden Schlagzeilen, das hat vielen von ihnen gründlich den Kopf verdreht, und sie möchten jetzt auch so etwas Ähnliches haben. Bei Ullsteins heißt das Ideal: ein ›Völkischer Beobachter‹ mit der Genehmigung des Rabbinats, von Brüning ebenso geschätzt wie von Braun und auch von den Kommunisten gern auf der Straße gekauft; ein Bastard von Goebbels und der Tante Voß. Da sich dieses bizarre Verlagsideal nicht leicht verwirklichen läßt, behilft man sich einstweilen mit einem reichlich chimärischen »innern Gleichgewicht«; man dämpft, man retuschiert, man untersagt der ›Voß‹ etwa den Gebrauch des Wortes »Nazi«, um die Leute »nicht unnütz zu reizen«. Und bei dieser Taktik werden die Blätter immer langweiliger und ein immer schlechteres Geschäft. Denn so rächt sich dieser Zitterkurs. Die ›Morgenpost‹, die früher immerhin einigen politischen Nutzen brachte, sinkt unter dem Druck von oben in hoffnungslose Vernulpung. In der ›Vossischen Zeitung‹, die mit Bernhards Ausscheiden aufgehört hat, ein international beachtetes Blatt zu sein, läuft Herr Elbau schusslig herum und kämpft radikale Anwandlungen von Kollegen mit dem geflügelten Wort nieder: »Aber, meine Herren, wir sind doch kein jüdisches Blatt!« Die ›B.Z.‹ hat mit Höllering Haltung und Farbigkeit verloren, und das ›Tempo‹ soll nach einem Gerücht, das wir nicht kontrollieren können, ganz eingezogen werden. Mißerfolge überall, klatschende Ohrfeigen, die die Wirklichkeit konfus gewordenen Kaufleuten verabfolgt, die sich einbilden, daß Charakterlosigkeit allein schon Pressesiege gewährleistet. Die kommunistischen und nationalsozialistischen Blätter triumphieren und drücken die Auflagen der Ullsteinblätter ständig herunter, und außerhalb Berlins beweist der pazifistische und republikanische ›Dortmunder Generalanzeiger‹, daß auch für ein handfestes bürgerliches Demokratenblatt die Zeit noch nicht vorüber ist, wenn es nur den Mut der Überzeugung hat. Denn der Zeitungsleser von heute will vor allem Klarheit und Präzision und nicht Drumherumreden, keine Halbheiten sondern ganze Tatsachen. Vor allem aber nicht dieses perfide Schielen nach der andern Seite der Barrikade, wie es den Ullsteinblättern von ihrem Verlag anerzogen wird. Welch eine Instinktlosigkeit, farblos und schlecht getarnt durch eine überpolitisierte Zeit schlüpfen zu wollen! Nicht einmal vor ihren kläglichen Abschlüssen fühlen diese angeblichen Fachleute der öffentlichen Meinung, aus welchen Gründen sie ins Hintertreffen kommen. Dabei verfügt das Haus Ullstein über eine Reihe der vorzüglichsten redaktionellen Potenzen, mit denen sich schon aktuelle, auf die Zeit lebendig reagierende Blätter machen ließen. Aber alles ist überorganisiert, verschachtelt, der Mangel an Initiative verschanzt sich hinter einer höchst selbstbewußten Direktorial-Hierarchie. Es gibt einen Aufsichtsrat, in dem ist ausschließlich die Familie Ullstein vertreten, und es gibt einen Vorstand, in dem sind alle Sparten des Hauses vertreten – mit Ausnahme der Redaktionen. Die haben nicht mitzureden, über die wird einfach verfügt, die dürfen aufhellende Bemerkungen schreiben über die Pariastellung des geistigen Arbeiters in Rußland. Überall in der bürgerlichen Presse versinkt heute der alte Zustand, daß der Verleger, der Herr der Produktionsmittel, im Rahmen weitgehaltener politischer Direktiven den Redakteuren die Meinungsfreiheit und individuelle Betätigung gewährt. Es geht hart auf hart. Kann ein kapitalistischer Unternehmer in seinem Namen antikapitalistische Politik machen lassen? In manchen alten Zeitungshäusern wird dieser unvermeidliche Prozeß durch eine gediegene Tradition, durch ererbte Achtung vor geistigen Leistungen wattiert; aber aufzuhalten ist er nicht. Reguliert werden kann dieser Prozeß nur durch die Intelligenz des Verlegers, der begreift, daß Redakteure, die ständig gezwungen sind, wider ihre bessere Überzeugung zu arbeiten, naturgemäß ein mattes, verdrießliches Blatt machen müssen. Diese Erleuchtung fehlt dem Verlag Ullstein ganz und gar, er ist in diesem großen Hause das einzige, was nicht auf der Höhe ist. Der Familienkonflikt mit seinen romantischen Episoden ist beendet. Die feindlichen Verwandten, die sich gestern noch am liebsten abdolchen wollten und mit ihren Redakteuren einen muntern Partisanenkrieg gegeneinander führten, kleben wieder fest und treu zusammen. Der alte Doktor Franz Ullstein ist als müder Mann zurückgekehrt, er hat zwar seine Prozesse gewonnen, seine Schlachten, aber nicht den Krieg. Er hat an den Zuständen, wie sie sich während des Interregnums der jüngeren Herren entwickelten, nichts geändert und wird daran nichts ändern. Der eigentliche Sieger, der eigentliche Herr des Hauses, heißt heute Heinz Ullstein. Damit ist die dritte Generation endlich ans Ruder gelangt, der es von Gott in die Wiege gelegt worden ist, das zu verpuffen, was die Väter mühsam gesammelt haben. Das ist der alte Kreislauf. So ist es bei allen Dynastien, bei denen des Geldes nicht anders als bei denen des Blutes. Am Ende steht der ewige Infant, der blasierte junge Mann, ohne Achtung vor Menschen, Ideen, Arbeit, Leistung. Immer halb interessiert, halb gelangweilt, innerlich beteiligt nur an subalternem Theaterklatsch. Nur durch die Art, wie Heinz Ullstein sich während des Familienzanks unauffällig an das zentrale Schaltwerk heranintrigierte, um schließlich dort zu verbleiben, hat er bewiesen, daß doch etwas von ererbtem kapitalistischem Machttrieb in ihm steckt. Wenn ich diese Interna eines großen Zeitungshauses hier darzulegen versuche, so handelt es sich für mich nicht um Franz und Heinz, sie mögen sich lieben oder die Augen auskratzen, mir ists gleich, und auch nicht um ein Plaidoyer für Höllering. Diese persönlichen Dinge dienen nur zur Deutlichmachung der ungeheuern Schwierigkeiten, in denen sich die deutsche Linkspresse befindet. So drohend der düstere Engel der Staatszensur im Hintergrund wacht, noch größer ist die Gefahr, daß eingeschüchterte oder willfährige Verleger von sich aus die Arbeit der Zensur vorwegnehmen und Wahrheiten unterdrücken, die den herrschenden Gewalten von heute oder morgen unbequem sein können. Die Zeitungsherren wollen, wie das nur natürlich ist, die Konjunktur, den Boom, aber dann müssen sie auch etwaige harte politische Konsequenzen tragen. Es geht nicht an, daß sie die Fahne, die sie in friedlichen Zeiten hochgehalten und ihren Lesern vorangetragen haben, wenn die Luft dick wird, in der Garderobe abgeben, um den Heldenkeller zu beziehen und dann ganz ruhig zu erklären: Eigentlich sind wir doch ein rein geschäftliches Unternehmen, und Politik geht uns praktisch nichts an! – während oberhalb der betonierten Unterstände jene Überzeugungen, die von der desertierten Presse erst richtig verbreitet worden sind, mit Kartätschen behandelt werden. Kein vernünftiger Mensch wird seiner Zeitung deswegen die Freundschaft kündigen, weil sie einmal danebenhaut, weil sie, im Berufsjargon gesprochen, einmal schief liegt, aber verlangen kann und muß er von ihr, daß sie in der Stunde der Gefahr richtig steht. Man wird mir vielleicht entgegenhalten: Warum so viel Aufwand um Höllering? Ist es nicht gleichgültig, wer Chef eines politisch kaum verpflichteten Boulevardblattes ist? Darauf habe ich zu erwidern: niemand, der nicht der Presse beruflich verbunden ist, kann die Tragweite des Falles Höllering beurteilen. Was in den großen berliner Blättern geschieht, wird richtunggebend für die ganze Provinz. Jeder Redakteur eines annoch republikanischen bürgerlichen Blattes wird sich danach fragen, ob er es noch in Zukunft wird wagen dürfen, eine Nachricht zu bringen, die Hitler unangenehm ist und vielleicht sogar ein Stirnrunzeln hoher militärischer Stellen hervorruft. Der Verleger aber wird sich sagen: Aha, wenn die in Berlin schon so vorsichtig sind, warum soll ich mir Läuse in den Pelz setzen? Und wenn wieder einmal ein Dokument à la Boxheim gefunden oder ein neues Waffenarsenal der Fascisten entdeckt werden sollte, dann werden die Blätter zu zählen sein, die davon überhaupt Notiz nehmen werden. Das sind die unerhört weitreichenden Folgen des Falles Höllering, und deshalb ist das Verhalten des Hauses Ullstein in dieser Sache mehr als ein Irrtum deroutierter Geschäftsleute. Es ist die skandalöseste Kapitulation vor dem Nationalsozialismus, die bisher zu verzeichnen war. Es ist ein Verbrechen an der deutschen Pressefreiheit, mitten in ihrer schwersten Krise. Die Weltbühne, 5. Januar 1932 1039 Eiserne Front Ein neues Schlagwort soll jetzt, nach Beendigung des weihnachtlichen Burgfriedens, seine Wirkung erweisen. Die »Eiserne Front« der Republikaner formiert sich. Die SPD, das Reichsbanner, Gewerkschaften verschiedener Richtung, republikanische Bünde, sie alle wollen sich zur Abwehr des Fascismus zusammenschließen. Die Front ist lang, daran ist kein Zweifel, wie tief sie geht, welches ihre ideellen Reserven sind, das läßt sich noch nicht leicht abschätzen. Einige Abschnitte der Front, dort wo Arbeiter stehen, verdienen wohl wirklich eisern genannt zu werden, andre sind aus biegsamerem Stoff gemacht und einige nicht besser als Pfannkuchenteig. Auf Ausdauer, auf Nachschub kommt alles an. Die Politik steht in einer Epoche von Materialschlachten. Es ist nicht leicht, zu einer Bewegung kritisch Stellung zu nehmen, der jedes gute Glück zu wünschen ist. Der Einzelne, der zur Aktivität gegen den Fascismus gewillt ist, darf nicht entmutigt werden. Aber grade weil der einzelne Combattant so hoch einzuschätzen ist, deshalb muß deutlich ausgesprochen werden, daß das Schwächste an der Eisernen Front die Kommandohöhen sind. Herr Karl Höltermann, der neue Generalstabschef des Reichsbanners, gehört zu jenen Sozialdemokraten, die, pessimistisch geworden, den Glauben an das Proletariat als Klasse verloren haben. Es ist zu einfach, diese Haltung als Gesinnungslosigkeit zu denunzieren. Die Führerschicht, unter ganz andern Verhältnissen gebildet und gereift, steht müde und weise vor einem Wirtschaftswirrwarr, der die gewohnten Klassengrenzen verwischt und die erlernte Marxfibel scheinbar ad absurdum führt. Herr Hilferding zum Beispiel konstatiert allgemeine Körperschwäche des Kapitalismus, folgert daraus aber nicht etwa die Notwendigkeit, den Patienten baldigst abzusägen, sondern fordert vielmehr die Arbeiter auf, ihn hochzupäppeln, damit sie wieder mehr verdienen. Hilferding ist gewiß ein Mann von starkem theoretischem Fundament und Befähigung zu weitem weltpolitischem Blick, aber so, ohne Ziel und ohne Feuer, gleicht er allzu sehr einem hochgebauten Leuchtturm, auf dem nur eine kleine Stearinkerze steht. Der Glaube an die geschichtsbildende Kraft des Proletariats ist dahin, die eigne Mutlosigkeit der Führerkaste wird auf die ganze Klasse projiziert. Herr Höltermann setzt also nicht auf die Arbeiterschaft sondern auf das bürgerliche Republikanertum, das gewiß noch vorhanden ist, aber auch nur zahlenmäßig nicht über die Bedeutung einer Hilfstruppe hinauslangt. Die einigende Formel Höltermanns aber ist ein sozial angehauchter Patriotismus, die Auftakelung des berühmten »Frontkämpfergeistes« als Linksparole, jetzt, nachdem nicht einmal mehr der wohltätig still gewordene Herr Treviranus damit Staat zu machen versucht. Zu diesem Programm aber gehört die Brüskierung von Pazifisten und Antimilitaristen, die ein so vaterländisch gestelltes Bild naturgemäß trüben. Der neue Reichsbanner-Duce glaubt nicht an den Demos, aber er hat trotzdem seine Götter. Die heißen Hindenburg, Brüning, Groener, Dietrich. An diesen Vorbildern soll die republikanische Renaissance sich bilden. Das ist Höltermanns verhängnisvoller Irrtum. Denn Hitler ist nicht mit politischer Ideologie zu schlagen sondern mit der sozialen Realität. Das ist nur möglich durch sozialen Kampf, in dem der Fascismus gezwungen wird, seine Arbeiterfeindlichkeit und seine kapitalistische Hörigkeit zu entlarven. An diesem Punkt aber werden nicht nur Höltermanns bürgerliche Hilfsvölker streiken sondern mehr noch jene hohen Amtsstellen, unter deren Patronat er seine Aufgebote gern stellen möchte. Eine republikanische Renaissance mit dem Segen der Reichsbureaukratie war in bessern Zeiten schon eine innere Unwahrhaftigkeit, aber immerhin äußerlich möglich. Inzwischen ist die Wilhelm-Straße gründlich von reaktionären Elementen durchsetzt worden; linksgerichtete Beamte haben inzwischen den Mantel nach dem Winde gekehrt, und auch mit manchen sozusagen Treugebliebenen ist es nicht weit her, wie mit Herrn Doktor Zechlin, der sich vor ein paar Tagen in einem Prozeß mit viel unfreiwilliger Komik produzierte. Herr Zechlin ist nach seiner eignen Aussage zwar Sozialdemokrat aber nicht antifascistisch und dazu »ein loyaler alter Beamter, auch noch aus der Kaiserzeit.« Es ist das Amt des Herrn Zechlin, dem Herrn Reichspräsidenten jeden Vormittag eine Viertel- bis eine Halbestunde Vortrag zu halten, besonders über die ausländische Presse. Mit berechtigtem Berufsstolz erklärt Herr Zechlin: »Ich maße mir an, daß der Herr Reichspräsident durch meine Vorträge zu den gründlichst orientierten Staatsmännern gehört. « Toi, toi, Herr Pressechef! Etwas wird der Herr Reichspräsident doch wohl aus eignem beisteuern. Aber so sieht die hohe Bureaukratie aus, auf die Höltermann seine Kirche bauen will. Ihre Loyalität stammt noch aus der Kaiserzeit. Was nicht bestritten wird. * Die Reichsregierung möchte Hindenburgs Amtszeit verlängern, um über die Unannehmlichkeiten eines Wahlkampfes hinwegzukommen. Die Unsicherheit der Parteien kommt diesem Wunsch entgegen. Die bürgerlichen Mittelparteien haben keinen zugkräftigen Namen; Groener, der sich selbst geschickt in den Mittelpunkt schob, ist für jeden Mann der Linken undiskutierbar. Es ist auch abwegig, anzunehmen, Sozialdemokraten und Kommunisten wären auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Die Aufstellung Thälmanns aber würde automatisch die Wahl des Kandidaten der Rechten herbeiführen. Wilhelm Sollmann gibt dem ausgesprochenen Übelbefinden der Sozialdemokratie melodisch Ausdruck: »Wir halten es für selbstverständlich, daß ein solcher Versuch gemacht werden muß, wenn der Reichspräsident sich bereit erklärt, einem solchen Rufe der Volksvertretung Folge zu leisten.« Sollmann übersieht, daß es sich nicht um die Person des Reichspräsidenten allein handelt, die Prolongation der Amtszeit Hindenburgs bedeutet ein verdoppeltes Bekenntnis zu Brüning. Denn der Name Hindenburg ist die mythische Säule, auf der das System Brüning ruht. Das Provisorium mit den »kleinern Übeln« geht weiter. Ein Prinzip gibt es überhaupt nicht mehr, nur noch das »kleinere Übel«. Ein von uns sonst hochgeschätzter Demokrat geht jetzt um, und propagiert die Kandidatur des Exkronprinzen. Auf Grund der Theorie vom »kleinern Übel«. Die Regierung hat sich auch an Adolf Hitler gewandt, um ihn in das Kompromiß einzubeziehen. Gegen die Verhandlung mit der extremen Rechtsopposition wäre nichts einzuwenden, wenn man auch die große Partei der Linksopposition zur Besprechung eingeladen hätte. Warum also nicht auch Thälmann? Wie diese Verhandlungen der Regierung mit Hitler auch auslaufen mögen, stärker als je wird sie von nun ab im Schatten des Nationalsozialismus stehen. Hitler ist, wenn er Gefälligkeiten erweist, nicht billig. Und selbst wenn man mit ihm diesmal nicht zu Rand kommt, wird er durch erhöhten Druck von außen desto kräftiger seine Unentbehrlichkeit beweisen. Es verdient festgehalten zu werden, daß in diesem Zusammenhang Herr Groener als Vermittler genannt worden ist. Erst das Frühstück bei Schleicher, und nun fungiert der Minister der Exekutive, der Garant für die Verfassung, für Sicherheit und Ordnung als ehrlicher Makler für die Verständigung mit dem Führer der staatsfeindlichen Partei. Der Weg des deutschen Fascismus ist nicht der des offnen Aufruhrs. Die Selbstabdankung der Demokratie hat ihm die ersten Triumphe ermöglicht, die von Brüning jetzt vollendet werden. Was braucht Hitler legal zu werden, Brüning selbst ist es, der ihn legalisiert. Was will eine eiserne Front gegen dies System der Abmachungen hinter gepolsterten Türen ausrichten? Was bedeuten Massenaufmärsche gegen diese trockene Fascisierung? Was das national getönte Republikanertum Höltermanns gegen die frostige Kalkulation der Regierenden? Wollte das Reichsbanner sich wirklich einmal den Luxus leisten, praktische republikanische Politik zu treiben, so müßte es zunächst einmal verlangen, daß Herr Groener aus dem Innenministerium verschwindet. Bei dieser Personalunion zwischen Innenministerium und Reichswehr wird die Republik stückweise an die Generale verhandelt. Aber das hieße natürlich Stellungnahme gegen das System Brüning überhaupt und gegen alle Leute, mit denen es Höltermann nicht verderben will. So wird sich das ganze Unternehmen in dekorativen Protesten verpulvern. Es ist eine Illusion, den Fascismus »abwehren« zu wollen. Man muß ihn auf seinem eignen sozialen Terrain angreifen. Wenn die Parteien der Arbeiterklasse das endlich begriffen haben, erst dann werden wieder proletarische Kräfte in Deutschland entstehen, die Geschichte machen, anstatt sie zu bremsen. Die Weltbühne, 12. Januar 1932 1040 Um Hindenburg Die Auseinandersetzung über die Verlängerung von Hindenburgs Amtszeit führt zu Erscheinungen, wie sie sonst kaum in der hohen Politik wohl aber in den innern Kämpfen provinzieller Sparvereine zuhause sind. Diese Tricks, mit denen die Gegner sich gegenseitig mattzusetzen suchen, sind bemitleidenswert, ihre Intrigen stammen aus der unbegabtesten Schmiere. Die Ränkeschmiede tuscheln durch Lautsprecher, sie schleichen auf dreifachen Holzsohlen polternd durch die Kulissen, und die Tränke, die sie sich kredenzen, tragen die sichtbare Aufschrift »Gift«. Selten haben sich Kabalen vor so viel Öffentlichkeit abgespielt. Brüning ließ also zunächst erklären, der Reichspräsident wünsche die Verlängerung seiner Amtszeit nur auf parlamentarischem Wege und nicht die Volkswahl. Damit sollte die Nationale Opposition überrumpelt und Hitler zugleich als der Mann der Loyalität, des Burgfriedens, als der Verteidiger der Hindenburglinie empfohlen werden. Der Coup mißlang mit Pauken und Trompeten. Der rauhbeinige Adolf denkt gar nicht daran, sich zum Vergnügen von Brünings linker Gefolgschaft demokratische Reizwäsche anzuziehen. Es stellte sich denn auch bald heraus, daß die N.S.D.A.P. nur aus taktischen Gründen in die von Groener vermittelten Verhandlungen gegangen war. Wenigstens behauptete das Blatt der Christlichen Gewerkschaften, die Nationalsozialisten hätten die Verhandlungen überhaupt nicht ernst genommen, sondern nur mitgespielt, um Brüning desto besser in die Zange nehmen zu können. Heute erklären die fascistischen Oberhäupter, sie würden wohl für Hindenburg votieren, aber Brüning müsse fort; nie wieder Brüning. Und Frick, eine der angenehmsten Figuren aus der nationalsozialistischen Mythologie, lehnt sogar Hindenburg ab und propagiert eine eigne Nazikandidatur. So ist alles wieder hübsch vernebelt, die Fascisten haben die bessern Trümpfe in der Hand, Brüning ist mit seinem Plan ganz unten durch, und ein Herr aus der Umgebung des Reichspräsidenten soll sogar als Sühneprinz bei Hitler erschienen sein. Von republikanischer Seite wird dem Reichskanzler sein Versuch, den großen Adolf ins Geschäft zu ziehen, wenig verübelt, eher als staatsmännische Leistung angekreidet und sein Scheitern kaum vermerkt. Was für Unglück muß wohl noch geschehen, um das Axiom von Brünings Unfehlbarkeit zu erschüttern? Die guten Leute sollten sich deshalb nicht weiter entrüsten, wenn jetzt kolportiert wird, der Botschafter einer fremden Macht habe Brüning den Ratschlag gegeben, sich Hitlers Beihilfe zu versichern, um für die schwierige Zeit der Konferenzen im Rücken gedeckt zu sein. Seitdem offenkundig ist, daß die Reichsregierung sich nur in Hörigkeit von Hitler wohlbefindet, eine Einladung nach der andern an ihn richtet, einen Backenstreich nach dem andern mit Lächeln quittiert, seitdem kann es nicht wunder nehmen, daß ein wachsamer ausländischer Beobachter einen solchen Rat erteilt. Nach dem ›Vorwärts‹ soll es der Italiener gewesen sein, Orsini-Baroni, aber auch François-Poncet denkt und wirkt nicht anders. So ergibt sich das groteske Bild, daß die Linke diesmal hinter dem alten Marschall aufmarschiert, den sie vor sieben Jahren als ein Petrefakt aus der Kaiserzeit verhöhnte. Dabei ist auf die Bonität der Kandidatur Hindenburg nicht viel zu geben, wenn etwa Hitler selbst als Gegenkandidat auftreten sollte. Denn die Hindenburgwähler von 1925 sind lange zum Fascismus übergelaufen. Die verwirrten Mittelschichten, die damals den »Retter« Hindenburg emportrugen, haben inzwischen nicht nur den Kopf verloren, sondern auch ihre Zechinen, und ihre Desperation ist entsprechend gewachsen. Die Sozialdemokratie fügt sich still und gottergeben; sie fordert nur, daß Brüning sich auf keine »Bedingungen« Hitlers einläßt. Als ob es darauf ankäme! Als ob die Gefahr nicht darin läge, daß Hitler durch einen solchen Pakt offizieller Teilhaber wird! Was spielen hier Stipulationen eine Rolle, hinter dem Nationalfascismus steht eine organisierte Totschlägerarmee von 300 000 Mann! Es läßt sich noch nicht absehen, ob die sozialdemokratische Mitgliedschaft die mit nationalsozialistischem Öl gesalbte Kandidatur Hindenburg als »kleineres Übel« hinnimmt; schon vor sieben Jahren haben Kerntruppen der Partei gemeutert, als sie die fromme alte Rosenkranzjungfer Wilhelm Marx »als kleineres Übel« wählen sollten. Denn damals war Herr von Hindenburg noch das größere. Natürlich hat die kommunistische Zentrale sofort in der allerunmöglichsten Weise reagiert: sie hat ohne die Befragung irgend einer Parteiinstanz augenblicklich Thälmann nominiert und damit alle Diskussionen über gemeinsames Vorgehen kurzerhand abgeschnitten. Wird dieser törichte Entschluß nicht schnell rückgängig gemacht, so ist der Sieg des Fascismus oder die Wahl Hindenburgs mit fascistischer Hilfe, was ziemlich dasselbe ist, gesichert. Die kommunistische Zentrale wird sich wahrscheinlich einbilden, ganz besonders schlagfertig gehandelt zu haben, in Wahrheit hat sie die Arbeiterklasse nur tiefer gespalten. Thälmann ist für Sozialdemokraten ebenso wenig tragbar wie etwa Severing für Kommunisten, um nur ein Beispiel zu nennen. Arbeiterkandidat kann kein Parteihaupt sein, keiner, der in den tausend Handgemengen des Bruderkrieges abgestempelt ist, sondern nur eine Persönlichkeit, die in beiden Lagern genügend geachtet wird. Die K.P.D. setzt ihre lärmende Untätigkeit fort und verhindert damit ernsthafte Aktionen ebenso wie die S.P.D. mit ihrem Opportunismus. Von sachkundiger Seite wird versichert, daß es heute in Deutschland nicht weniger als siebzehn kommunistische Gruppen gibt. Das ist der Humor davon. Das ist eine ziemlich tragische, ja hoffnungslose Situation. Deutschland sucht nicht einen Staatspräsidenten, der doch nur ein oberster Beauftragter, ein Instrument des Gesetzes von beschränkter Vollmacht ist. Deutschland sucht einen Diktator, einen Unterdrücker; nicht einen Mann, sondern einen Kürassierstiefel. Fünfzig Millionen Lakaien suchen eine Peitsche. Die Weltbühne, 19. Januar 1932 1041 Lytton Strachey Aus London kommt die Nachricht, daß Giles Lytton Strachey gestorben ist. Am 1. März wäre er zweiundfünfzig Jahre alt geworden. Sein Ruhmestitel beruht auf den drei seit 1918 erschienenen Büchern »Eminent Victorians«, »Queen Victoria«, »Elizabeth and Essex«. Was die offizielle Wissenschaft von ihm denkt, ob sie ihn seriös nimmt oder als »Belletristen« verwirft, soll uns hier nicht kümmern. Die Wahrheit ist, daß er durch seine Darstellungskunst, seine Sprachkraft und seine originelle Art, eine Menschenexistenz zu sehen, unzähligen Lesern eine ebenso angenehme wie noble Unterhaltung bereitet hat. Harold Nicolson hat vor ein paar Jahren in einem Vortrag, wenn ich mich nicht irre, in Frankfurt, behauptet, die englische Nachkriegsliteratur wäre die bedeutendste in ganz Europa. Vielleicht ist das eine Übertreibung, aber gewiß ist die englische Literatur die überraschendste. Sie hat die Zimperlichkeit der Väter überwunden und sich fessellos einer nicht mehr bürgerlich durchtränkten Gegenwart überlassen. Neben ihren interessanten Romanciers steht gleichwertig Lytton Strachey, der Historiker. In seinem Äußern ein hagerer, leidend aussehender Mann mit Bart und Brille, eine saloppe Mischung von Oberlehrer und Bohémien. In seinem Werk der Kurzweiligste seines durchweg recht trostlosen Faches, aber durchaus kein Anekdotenerzähler sondern ein feinnerviger Gestalter, manchmal ein Psychologe mit dem sechsten Sinn, immer ein höflicher Skeptiker, und das vor allem gegen die Möglichkeiten der eignen Wissenschaft. Wo soll man Anker werfen in dieser Welt schnell dahingleitender Erscheinungen? »Wenig kann das Glück uns geben: denn ein Traum ist alles Leben, und die Träume selbst ein Traum«, so dichtete Calderon seine Resignation in einer faulenden morschen Feudalzeit, und diese Verse stehen wie ein unsichtbares Motto über allem, was Giles Lytton Strachey geschrieben hat, dessen Ausgang mit dem Sinken einer Weltmacht, mit der Auflösung eines traditionellen Lebensstils zusammenfällt. Ein so denkender Schriftsteller kann nicht einem bestimmten System verfallen, kann nicht dickleibige Bände schreiben, um eine Spekulation zu erhärten. Lytton Strachey ist ein Meister der Monographie geworden, der Studie, des Essays. Eine Einzelfigur, eine knappe Phase der Entwicklung mit allem nur denkbaren Leben erfüllen, das konnte er. Hier entstanden auf ihre Art vollendete Schöpfungen, denen niemand das Ringen um Material, Nachtwachen und Transpiration anmerkt. Lytton Strachey beherrschte seine Quellen, auf welche die Fachkritik den entscheidenden Wert legt, gewiß glänzend, aber seine Wirkung rührt von einigen allgemeinen Einsichten her, die viel stärker sind als Analyse auf idealistisch oder materialistisch. Lytton Strachey glaubte an die Unveränderlichkeit des Menschen: die Kleider wechseln, nicht ihr Inhalt an Fleisch und Geist. Es gibt Schriftsteller, die sich höchst aktuell vorkommen und deren Gegenwartsbild aus Ritterromanen plagiiert scheint, und es gibt Schilderer der Vergangenheit, deren Menschen sich so bewegen, als hätten sie alle spätern Kommentare über sich gelesen. Bei Lytton Strachey agieren wir selbst, um Jahrzehnte oder Jahrhunderte zurückgeschoben, ohne Telephon und Auto, ohne einige naturwissenschaftliche Erkenntnisse; manche Dinge, die uns quälen, werden nicht in der Sprechstunde des Individualpsychologen gelassen, der Henker schlägt mit dem Kopf das Geheimnis herunter. Vieles ist primitiver, aber wir erkennen uns selbst in den fremden Kleidern. So gelingen Lytton Strachey am besten die schwierigen, die vergrillten Charaktere, die etwas wurmstichigen Seelen, nicht weil man früher komplizierter war als heute oder umgekehrt, sondern weil der »Normalmensch« immer ein Phantasieprodukt gewesen ist. Wenn Lytton Strachey zum Beispiel das anständige bürgerliche Mittelmaß der viktorianischen Gesellschaft zeichnet, so erhält dieses Bild einen ironischen Schnörkel, indem der Historiker das, was diese Zeit nicht sehen wollte, leger und gar nicht anklagend, gleichsam in einem Appendix niederlegt. Lytton Strachey hinterläßt nur ein paar Bücher, aber es ist eine Reihe unvergeßlicher Gesichter darin. Der lange, qualvolle Todeskampf Philipps II., ein erhabenes und närrisches Grecobild; der undurchsichtige und gefährliche Francis Bacon; der junge Essex in das Ankleidezimmer seiner Königin eindringend; die zu ewiger Virginität verurteilte Elisabeth selbst; die Queen Victoria mit ihren Ministern; der große Carlyle als moralischer Poltron entlarvt, der einige private Peinlichkeiten hinterläßt; und endlich der General Gordon, diese Fahne des britischen Imperialismus, im Zelt von Khartum zwischen Bibel und Schnaps phantasierend – das bedeutet allein eine Galerie von Menschen und Szenen, um die jeder Dichter von heute diesen Historiker beneiden kann. Diese Bücher sind durch die ganze Welt gegangen, sie werden wohl auch in Deutschland, wo sie Hans Reisigers Übersetzungskunst eingeführt hat, noch lange ihre Leser finden. Die Weltbühne, 26. Januar 1932 1042 Das Hindenburg-Syndikat Nachdem die Versuche, die Wiederwahl des Reichspräsidenten von Hindenburg auf parlamentarischem Wege zu sichern, gescheitert sind, bildet sich jetzt für die Volkswahl ein überparteiliches Syndikat, an dessen Spitze der berliner Oberbürgermeister Sahm steht, nachdem der tüchtige Propagandist Eckener schon vorher das Stichwort gegeben hat. Mit dieser Kandidatur Hindenburg, die in der Linkspresse als einziger Ausweg begrüßt wird, setzen die Republikaner die Kette ihrer Fehlhandlungen und Irrtümer entscheidend fort. Eine spätere Zeit wird über dies Kapitel die traurige Überschrift setzen: die Deutsche Republik in ihrer tiefsten Erniedrigung. Was erwarten die Herren Republikaner, die »eisernen« und die aus weicherm Material gemachten, von einer zweiten Präsidentschaft Hindenburgs? Festen Kurs, Dauer, Stetigkeit – eben alles das, was die Linke aus eigner Kraft nicht mehr geben kann. Und aus diesem Grunde setzt sie alles auf einen einzelnen Mann in einem patriarchalischen Alter, wenn auch von selten glücklicher Konstitution. Welch eine Abdikationsstimmung bei einer Demokratie, die es lange aufgegeben hat, ihre Position zu verteidigen, die sich schutzsuchend hinter einem Dreiundachtzigjährigen verkriecht und den anstürmenden Gegnern beschwörend zuruft: »Tut uns nichts! ER ist ja so ehrwürdig!« Es ist gewiß keine Schande, im Verlauf einer Entwicklung Personen und Dinge anders einschätzen zu lernen. Aber nicht die Merkzeichen des Regimes Hindenburgs haben sich geändert, sondern die Demokraten von einst. Es ist ein katastrophales Bild, wie diejenigen Blätter, die Hindenburg vor sieben Jahren als das trojanische Pferd verspotteten, in dem die militaristische und monarchistische Reaktion in die Stadt einzieht, heute als den letzten großen Defensor der Verfassung feiern und ihm die Bürgerkrone aufs Haupt setzen. Das ist nicht mehr Politik, sondern Byzantinismus und schlechtweg zum Kotzen. Dabei ist nicht einmal sicher, ob diese Opfer an Charakter und Intellekt auch den gewünschten Erfolg zeitigen. Prophezeien ist eine mißliche Sache, aber noch ist der Zustrom ins fascistische Lager im Wachsen, denn noch sind die politischen und ökonomischen Bedingungen dafür reichlich vorhanden. Da die Nationalsozialisten die Verlängerung der Amtszeit Hindenburgs durch das Parlament konterkariert haben, so ist ziemlich sicher anzunehmen, daß sie für die Volkswahl von vornherein das Auftreten mit einem eignen Kandidaten im Auge hatten. Deshalb ist aber auch der Rückzug der Linken auf die innenpolitische Hindenburglinie ein grober taktischer Fehler. Die Verlängerung der präsidialen Amtsdauer durch den Reichstag wäre nur eine technische Angelegenheit gewesen, die niemand erhitzt hätte. Die Wahl durch das Volk dagegen muß grade mitten in der heutigen Zuspitzung zu einer harten prinzipiellen Auseinandersetzung führen. Wer als Demokrat oder Sozialist für Hindenburg votiert, der muß sich darüber klar sein, daß er damit auch für Brüning und Groener votiert, für die Notverordnungen, für den Lohndruck, für die Eskamotierung der Pressefreiheit, für eine verfehlte Außenpolitik, die sich von den Überbleibseln der Stresemannzeit gänzlich emanzipiert hat. Es besteht kein Zweifel, daß der Fascismus, wenn er sich entschließt, in den Wahlkampf zu gehen, das mit den schärfsten Parolen tun wird. Was bedeutet demgegenüber eine Kompromiß-Kandidatur, die sich auf keine wirklichen organisierten Kräfte stützt, sondern lediglich von einem ad hoc zusammengestellten Kuratorium getragen wird? Herr Eckener wird die Kandidatur Hindenburg mit dem besten unentzündbaren Helium füllen müssen, um sie so sicher wie seine Zeppeline durch alle sechsunddreißig Winde zu tragen. Die republikanischen Parteien, die sich so oft über den Umfang ihrer Macht und die Wirkung ihrer Mittel getäuscht haben, sollten sich ernsthaft fragen, ob sie die Kandidatur Hindenburgs auch wirklich durchbringen werden. Sie werden nur säuseln können, während ihre fascistischen Gegner wettern. Hinzu kommt die Kandidatur Thälmann, die, ohne eigne Chance, doch viele Mißvergnügte auffangen wird. Erringt aber Hindenburg seinen Sieg nicht auf den ersten Anhieb, so ist nicht anzunehmen, daß er sich den Wechselfällen eines zweiten Wahlgangs aussetzen wird. Er wird sich wahrscheinlich mißbraucht fühlen und verärgert resignieren. Dann aber bleibt dem Syndikat nichts übrig als eine verlegene Improvisation; er wird sich irgend einen farblosen Notablen aus der rechten Mitte holen müssen, auf den sich doch unmöglich alle großen Eigenschaften übertragen lassen, die sonst Hindenburg zugeschrieben werden. Vielleicht wird auch Minister Groener selbst sich erweichen lassen – das wäre jedoch verlorenes Spiel, und als nächstes Reichsoberhaupt blühte uns Frick oder Epp oder Adolphus Rex höchstselbst. Die Schichten, die vor sieben Jahren Hindenburg als Retter und Wundertäter auf den Präsidentensitz erhoben, sind inzwischen lange zum Fascismus übergelaufen. Sie haben den sozialen Boden unter den Füßen verloren. Daß heute wieder hübsch stramm nach bester Tradition gegen links regiert wird, bemerken sie nicht, denn das ist noch kein Ersatz für die schwindenden Subsistenzmittel. Außerdem haben es ihnen die nationalsozialistischen Agitatoren gehörig eingepaukt, daß zwischen Hindenburg und Otto Braun kein Unterschied mehr besteht, und daß der Sieger von Tannenberg völlig in dem »System« aufgegangen ist, das er zerschmettern sollte. Das verzweifelte Kleinbürgertum weiß jetzt, daß ihm nicht mehr mit einer glorreichen Gestalt aus der vaterländischen Legende zu helfen ist. Was es jetzt braucht und ersehnt, das ist ein frischer, handfester Bonapartismus, der die stark eingeschrumpften irdischen Güter neu zur Aufteilung stellt. Die gewandten Werbefachleute, die sich um die Nominierung Hindenburgs bemühen, berauschen sich zunächst einmal an dem eignen Lärm. Ein volkstümlicher, ein spontaner Wunsch nach einer neuen Präsidentschaft Hindenburg kann kaum festgestellt werden. In dem bayrischen Komitee, das unabhängig von Herrn Sahm an die Öffentlichkeit getreten ist, sitzen lauter Honoratioren aus Politik, Verwaltung und Industrie zusammen. Die öffentliche Einflußlosigkeit solcher Gebilde ist mehr als einmal eklatant geworden. Als Wilhelm II. sich von Franz Skarbina die Ovation malen ließ, die ihm nach den Hottentottenwahlen von 1907 vor dem Schlosse dargebracht wurde, sagte er stirnrunzelnd zu dem Künstler: »Mehr Volk!« Mit dem gleichen Recht könnte der Reichspräsident das heute zu denen sagen, die ihn in ein Unternehmen treiben wollen, dessen Ausgang noch zweifelhaft erscheinen muß. Die Frage ist die, ob Mitglieder und Wähler der Sozialdemokratischen Partei wirklich für Hindenburg an die Wahlurne gehen werden. So vergeßlich sind die Massen nicht wie ihre Führer, so leicht nicht zum Umschwenken bereit. Schon vor sieben Jahren haben sich zahlreiche Bezirke geweigert, für den katholischen Reaktionär Wilhelm Marx zu stimmen, und damals war noch die große Zeit der Koalitionen. Das hat sich gründlich geändert; es liegt jetzt durchaus im Bereiche der Möglichkeit, daß die organisierten Sozialisten, wenn es schon nicht zur offenen Revolte langt, sich doch durch Passivität für das rächen, was ihnen ihre zentrale Leitung eingebrockt hat. Die eilfertige Nominierung Thälmanns macht ihnen die Entscheidung nicht leichter, denn sie sehen darin mit Recht eine Demonstration gegen ihre Partei, einen zielsicher geführten Schlag gegen alle weitern Diskussionen über die Rote Einheit. Ein gemeinsamer sozialistischer Kandidat würde auf die Massen elektrisierend gewirkt haben. Dazu haben sich die Parteien nicht aufschwingen können. Der Effekt wird sein, daß Millionen verbittert zu Hause bleiben werden, weil sie die ihnen von den Führern aufgenötigte Alternative: Hindenburg oder Hitler? nicht anerkennen können, weil der Wahlgang damit seinen Sinn für sie verloren hat. Die gleiche Unfähigkeit bei Sozialdemokratie und Kommunistischer Partei erleichtert den Sieg des Fascismus. In dieser Stunde sind die Verhandlungen über die Präsidentenfrage noch nicht abgeschlossen, und da unsre Politiker sich keine weitere Fähigkeit bewahrt haben, als die zu überraschen, so sind trotzdem noch neue Merkwürdigkeiten zu erwarten. Aber es bleibt Konventikelsache, und die lebendige Schwungkraft des demokratischen Staates, das Volk, hat nichts damit zu schaffen. Für die Deutsche Republik gilt heute ganz und gar, was der fränkische Chronist über die letzten Merowinger sagte: »Der König war zufrieden mit dem bloßen Namen eines Königs und hatte nichts, als daß er mit herabhängendem Haar auf dem Thron saß.« Sollte sich aber der Fascismus endlich doch zum Verzicht auf selbständiges Vorgehen entschließen – tant pis. Dann wird Hindenburg eben sein Kandidat sein, dann wird Hitler die Rechnung aufstellen. Die Weltbühne, 2. Februar 1932 1043 Der Staatenlose Im ›8 Uhr-Abendblatt‹ wendet sich Herr Doktor Felix Hirsch in übrigens sehr freundschaftlicher Form gegen die Meinungen, die wir hier in der Präsidentschaftsfrage vertreten haben. Herr Doktor Hirsch verweist zunächst auf die »Realitäten«, die auch uns sehr gut bekannt sind. Sie bestehen vornehmlich in der Unfähigkeit der Linksparteien, die es soweit kommen ließen, daß schließlich nur die Wahl Hindenburg oder Hitler blieb. Herr Doktor Hirsch meint aber auch, wir hätten 1925 die Entwicklung nicht absehen und zum Beispiel nicht wissen können, was Herr Marx, der Kandidat des »Volksblocks« bald anstellen würde. Hindenburg habe aber inzwischen durch die Art seiner Amtsführung viele Bedenken seiner frühern Gegner zerstreut. Demokraten wie Felix Hirsch lassen sich allzu leicht von den heutigen Kampfansagen der Rechten gegen Hindenburg täuschen. 1925 gab es noch keinen organisierten, grob zur Macht drängenden Fascismus. Aber das, was vor sieben Jahren die gesammelte Reaktion von der Präsidentschaft Hindenburg erwartete, das hat sie erfüllt. Das Parlament ist bis auf ein paar Scheinfunktionen abgebaut, es wird auf dem Verordnungswege regiert, die militärischen Interessen stehen im Mittelpunkt, und, last not least, die Erfüllungspolitik ist beendet. Das Hindenburg-Programm von 1925 ist heute Wirklichkeit. Natürlich haben sich Hugenberg und Seldte und die andern Taufpaten die Entwicklung etwas turbulenter vorgestellt, wohl auch nicht daran gedacht, daß die Tücke der fraktionellen Kämpfe ihnen die Ausführung entwinden und in die Hände eines Zentrumskanzlers legen könnte. Nicht von Herrn von Hindenburg wurde die Verfassung demoliert, darin haben die Demokraten recht, wohl aber unter ihm. Ist das empfehlenswert für den Kandidaten der Linken? * Die Nationalsozialisten setzen gegen Hindenburg eine sehr wirksame Drohung: einen Hohenzollernprinzen. Sie wissen ganz gut, daß sich der Präsident der Deutschen Republik innerlich von seinen dynastischen Vorgängern noch nicht gelöst hat, daß er vor Auwi oder gar dem Ex-Kronprinzen sofort resignieren würde. ›Berlin am Morgen‹ teilte zuerst mit, daß bei Herrn von Schleicher eine Begegnung zwischen Brüning und Friedrich Wilhelm stattgefunden habe zu dem Endzweck, dem Prinzen die Kandidatur auszureden. Zuerst wurde, wie es sich versteht, kräftig abgestritten, jetzt gibt man amtlicherseits schon das Zusammentreffen zu; allerdings handle es sich um eine »Privatangelegenheit«. Was haben sich die Herren Brüning und Hohenzollern wohl privat zu sagen? Wir sind keine besonders heißen Verehrer von Fragen des republikanischen Zeremoniells, aber der Vertreter des republikanischen Staates hat nicht mit dem Vertreter der gestürzten Monarchie an einem Tisch zu sitzen. Es ist wenigstens nicht bekannt, daß sich die Hohenzollern mit dem republikanischen Regime ausgesöhnt hätten. Dieses ganze Arrangement ist im höchsten Grade anstößig. Die Vermittlung lag, wie das in letzter Zeit üblich geworden ist, bei Herrn von Schleicher. In frühern Jahren fanden die diplomatischen Déjeuners bei Borchardt statt. Es wäre besser, wenn sie auch in Zukunft bei der Gastwirtsbranche blieben, schon der bessern Kontrolle halber. Der unkonzessionierte Frühstücksbetrieb bei Herrn von Schleicher sollte umgehend geschlossen werden. Er wird in seinen politischen Konsequenzen etwas zu kostspielig. Auf die Dauer wird diese Kabinettspolitik unerträglich. Herr Brüning hat sich bestens ans Diktieren gewöhnt. Warum legt er nicht in einer Notverordnung fest, daß die Angehörigen der frühern fürstlichen Familien keinen Anspruch auf Staatsämter haben? Damit wäre die Sache doch erledigt. Aber würde das der Reichspräsident unterzeichnen? * Dieses Hohenzollern-Frühstück jedoch ist nur ein Teilstück aus dem weitverzweigten Intrigenspiel, das sich um die Kandidatur Hindenburg entwickelt hat. Es ist, nebenbei gesagt, ein im geistigen Sinne sehr kleines Spiel, die Teilnehmer wollen sich nicht etwa gegenseitig vernichten sondern nur ein bißchen madig machen. Im Grunde streben sie zueinander. Der Reichspräsident möchte am liebsten wieder von der Rechten nominiert werden. Ein weites Feld für freundwillige Vermittler, die Vorbedingungen dazu zu schaffen. Hitler hat nach Kräften versucht, Brüning zu kompromittieren, dafür rächte sich dieser wieder durch ein kleines scherzhaftes Zwischenspiel, indem er Hitler dem Gelächter preisgab. Das Reichsinnenministerium hat der Öffentlichkeit ein paar Dokumente übergeben, aus denen ersichtlich wird, in welcher Weise Herr Frick als thüringischer Minister seinem Chef das deutsche Staatsbürgerrecht verschaffen wollte. Frick hat vom münchner Polizeipräsidium her noch einige Übung in solchen Dingen. Adolf Bonaparte sollte als Gendarmeriekommissar in Hildburghausen anfangen. Das ist gewiß recht komisch, denn selten deckten sich Mann und Amt so sehr. Aber der Heiterkeitserfolg wird bald verrauscht sein, und wenn diese Zeilen im Druck erschienen sind, wird sich das Braune Haus vielleicht schon durch eine Enthüllung über seine Gegner revanchiert haben, und dann lacht halt die andre Seite, und wir sind nicht viel weitergekommen. Denn auch diese Einbürgerungskomödie zeigt nur die Schwäche und Inkonsequenz der Reichsregierung. Dieser Herr Hitler ist staatenlos, gehört also einem sonst ganz besonders unseligen Menschenschlag an, der das ewige Freiwild der internationalen Polizei ist und für jede Amtsperson, wie in frühern Zeiten die Dirne, die rote Lilie auf der Schulter trägt. Und dieser eine Staatenlose wirft sich zum Parteihaupt auf, er unterhält eine Privatarmee von 300 000 Mann, er schickt Emissäre in fremde Hauptstädte, welche die offizielle Außenpolitik zu durchkreuzen suchen, man verhandelt mit ihm als gleichberechtigter Macht, er versichert seine Legalität, während seine Anhänger Pläne zur Abschlachtung einiger zehntausend deutscher Staatsbürger entwerfen, er frühstückt mit den Reichswehrgewaltigen, er wird vom Reichspräsidenten empfangen. Eine anständige Karriere für einen Menschen ohne Staatszugehörigkeit. Ich glaube, es gibt hier nur zwei Möglichkeiten: Hitler wird entweder eingebürgert oder ausgewiesen. Was das Reichsinnenministerium unternimmt, ist nur eine kleine Neckerei und durchaus nicht geeignet, die Autorität wieder aufzurichten. Herr Hitler wird an ein kleines Manko in seinen Papieren erinnert. Ein Manko, das sich mit hundertsechs Parteigängern im Parlament und einer einexerzierten Halsabschneidertruppe schon ertragen läßt. Zugleich erfahren wir durch den ›Lokalanzeiger‹, daß die Nationalsozialisten bei der Reichswehr nicht mehr zu den staatsfeindlichen Parteien gerechnet werden. Wir atmen beruhigt auf. Diese Gegner fechten mit umwickelter Spitze. Sie würden untröstlich sein, wenn sie sich etwas ernstliches zu leide täten. Die Weltbühne, 9. Februar 1932 1044 Gedanken eines Zivilisten Herr Minister Groener hat jetzt durch einen Erlaß festgestellt, daß Nationalsozialisten Angehörige der Reichswehr werden können. Die einzige Partei, der es verwehrt ist, ihre Leute in die Reichswehr zu schicken, ist also die KPD. Genauer gesagt: da die Rekrutierung der Reichswehr bisher ziemlich ausschließlich von der rechten Seite her besorgt wurde, so bestätigt der neue Erlaß Groeners nur einen alten Zustand. Überraschend ist also nur die sehr schroffe Form der Verfügung und der Zeitpunkt. Gute Menschen sind bisher der Meinung gewesen, der Reichswehrminister befinde sich in vollem Kampf gegen die Nationalsozialisten, so wie etwa zur Zeit des Scheringer-Prozesses. Wie kann man indessen die Reichswehr den Anhängern eines Mannes sperren, mit dem es sich so angenehm frühstücken läßt? Groener und Schleicher standen in einem lebhaften Konflikt zwischen ihren Pflichten als Amtspersonen und als Gastgeber, und schließlich siegte der Gastgeber. Von jetzt ab frühstückt die ganze NSDAP mit, und unter dem Tranchiermesser liegt die Deutsche Republik. Zuerst hatten uns die Herren Sozialdemokraten und Demokraten gesagt, man muß Herrn Groener nur gewähren lassen, auch wenn sein Tun manchmal merkwürdig anmutet. Denn im Grunde meint er es gut, und er und sein Schleicher wollen die Naziführer nur in eine Falle hineinfrühstücken. Heute läßt sich diese gutmütige Lesart nicht mehr so leicht aufrechterhalten. Die innenpolitische Präponderanz des Reichswehrministeriums ist offensichtlich. Minister Groener fällt in seinen Erlassen Verdikte über politische Gruppen, die ihm nicht zusagen. Minister Groener läßt durch die Zensur in Rundfunk und Presse Stimmen unterdrücken, die ihm den Wehrinteressen nicht zuträglich scheinen. Minister Groener sichert einer Deputation unsrer jüdischen Mitbürger großmütig Schutz zu, weil ja auch die Juden im Kriege für Deutschland geblutet haben. Man beachte dies köstliche »weil«! Die ganze verquere Welt- und Staatsauffassung eines Berufsmilitärs liegt darin. Kurzum, der Diktatur Hitlers zu entgehen, sind wir allgemach unter die Diktatur Groeners gerutscht. Die bürgerliche Republik wird damit zu einem etwas ungepflegten Supplement des militärischen Ressorts. Die liberalen und sozialistischen Bürger nehmen diesen Zustand wie eine Art Fatum hin, und selbst das Reichsbanner protestiert schwächlich genug gegen jenen Erlaß Groeners, in dem diese friedfertige Gemeinschaft mit den langen Messern von Boxheim auf eine Stufe gestellt wird. Dabei ist kaum jemals in Deutschland eine politische Richtung, der schließlich hunderttausende angehören, die täglich in Versammlungen und Proklamationen ihre Treue zu dem Staat versichern, dessen Minister Herr Groener ist, in einer so grobschlächtigen Weise nach Hause geschickt worden. Deutlicher konnte es der Herr Minister nicht sagen, daß ihm die Staatstreue keinen Pfifferling gilt. Wir wollen nicht mit dem Reichsbanner hadern, das sich solche Behandlung gefallen läßt, nur unsre Verwunderung aussprechen über einen Minister, der sich so unklug decouvriert. Herr Groener gehört in Deutschland trotz seinen fleißigen Rundfunkreden nicht zu den populären Männern. Für die breiten Massen ist er nur ein Bureaugeneral, eine Art von Obergendarm ohne besondres und eignes Gesicht, Diener eines fatalen und reaktionären Ordnungsbegriffes, der immer wieder in Gegensatz geraten muß zu dem lebendigen Freiheitswillen des Volkes, das zwar nicht grade einheitlich fühlt und denkt, sich in der Abneigung gegen den Obrigkeitsstaat alten Musters dennoch begegnet. Herr Groener ist heute in legalster Form Inhaber aller Gewalt, wie es vor ihm nur einmal der General von Seeckt gewesen ist. Aber 1923 wußte man, daß dieser Zustand ein zeitlich begrenzter war und mit der zunehmenden Stabilisierung sich selbst aufheben würde. 1932 sind alle andern konstitutionellen Autoritäten erschüttert, der Reichstag ist nur noch ein Schatten seiner selbst, und gegen die gemäßigte Diktatur der Reichsregierung stehen die Ansprüche des Fascismus auf eine höchst ungemäßigte. Groener kann sich also für längere Zeitdauer einrichten und damit wird auch die Frage nach dem Sinn und Zweck dieser Diktatur akut. Neben dem italienischen Fascismus oder den Diktaturen in Polen oder Ungarn nimmt sich die Groener-Diktatur bis auf weiteres natürlich noch recht zahm und leidlich zivilisiert aus. Zugleich aber wird offenbar, daß sie, in Parallele gestellt mit andern Diktaturen, die ödeste und sinnloseste ist. Während selbst die Horthy, Pilsudski oder Zivkovich doch mehr oder weniger einem volkstümlichen politischen Gedanken dienen oder zu dienen vorgeben, entbehrt die Diktatur Groeners völlig eines solchen höhern Motivs. Sie ist nicht mehr als eine reine Ressort-Diktatur. Sie kennt kein höheres Ziel, als die Sonderansprüche der Reichswehr möglichst geräuschlos und als Allgemeininteresse getarnt durchzusetzen. Sie dient nur dem Zweck, das Expansionsstreben des militärischen Kanzleibetriebs möglichst schnell und sicher zu fundamentieren. Mehr nicht als eine sehr energische, sehr rücksichtslose Interessenwahrnehmung, kein geistiges Motiv, kein erregender politischer Gedanke und erst recht kein Ziel. Der in den Mittelpunkt gerückte Kriegsminister benutzt die günstige Gelegenheit, um aus dem Staat herauszuholen, was nur herauszuholen ist, und zugleich mit den Mitteln des Staates diejenigen beiseite zu schieben, die diesen megalomanen Ressortansprüchen noch immer Widerstand leisten oder wenigstens auf Kontrolle dringen. Es ist nicht zu leugnen, daß diese Taktik beste Tradition hat. In den meisten Ländern fühlt sich ja die Armee als das Zentrum aller Dinge, als der vornehmste Stand neben den Pygmäen im Zivilrock. Wenn, sagen wir, ein Postminister die Behauptung aufstellen wollte, er repräsentiere mit seinen Schalteroffizials und Briefboten die edelste Blüte der Nation, und alles habe sich den Interessen des von ihm verwalteten Amtes unterzuordnen, und wollte er diese Ansprüche zugleich in herabsetzende Invektiven gegen die Brief- und Paketbeförderung andrer Länder kleiden, so würde ihm sehr schnell bedeutet werden, von seinem Platz zu verschwinden. Jedenfalls wäre der Zwischenfall baldigst und nicht ohne Gelächter erledigt. Nur einem bramarbasierenden Kriegsminister bleibt es vorbehalten, ernst genommen zu werden, mag er sich auch noch so absurd gebärden. Es ist das stille Vorrecht der meisten Kriegsminister, gelegentlich den Mund etwas voll zu nehmen und sich und seine Leute als den Hort des besten und auserwähltesten Patriotismus zu feiern. Das kommt auch in Ländern mit guter demokratischer Tradition vor. Dort ist der Kampf zwischen Militär- und Zivilgewalt schon historisch geworden und zugunsten des bürgerlichen Elements entschieden. Dort ist der Patriotismus im allgemeinen bereits in eine feste Form gegossen, und selbst seine gelegentlichen Exzesse tun aus diesem Grunde nicht mehr weh. Kein Kriegsminister würde es dort wagen, Leuten, die seine Politik nicht gutheißen, die anständige nationale Gesinnung abzusprechen. Aber Deutschland ist ohne freiheitliche Tradition, ihm fehlt das wirkliche Bürgerbewußtsein, ihm fehlt der Stolz des Zivilisten gegenüber der Uniform. Immer wieder ist den deutschen Untertanen in der Kaiserzeit eingebleut worden, daß es ein Frevel am Volke sei, dem Militarismus irgend etwas zu verweigern. Das ist in der Republik um kein Jota besser geworden, im Gegenteil. Und diese Situationen benutzen nun seit zehn Jahren die Reichswehrchefs, um dem Herrschaftswillen ihres Amts immer neue Gebiete zu unterwerfen und sich in Dinge einzumischen, die sie nicht das mindeste angehen. Wir haben es zum Beispiel erlebt, daß General von Seeckt gern auf eigne Faust Außenpolitik trieb. Damals erhoben Stresemann und zahlreiche bürgerliche Politiker, denen es durchaus nicht an starkem deutsch-patriotischem Gefühl im herkömmlichen Sinne fehlte, Einspruch und wiesen den General in seine Schranken zurück. Heute jedoch kommt das nicht mehr vor, und es ist auch gar nicht mehr nötig, weil sich die Außenpolitik in aller Ruhe dem Reichswehrministerium angepaßt hat. Wir können seit Stresemanns Tode die Linie verfolgen, wie die Außenpolitik immer mehr ihren soliden Boden verließ und sich in einen Programm-Nationalismus verlor, wie er grade von der Reichswehr und ihren öffentlichen und privaten Hilfsorganen gepflegt wird. Heute sind wir so weit gekommen, daß der sogenannte Wehrgeist ausschließlich im Mittelpunkt der Politik steht; der Staatsbürger wird nicht mehr danach gefragt, wie er es mit der Republik hält, sondern ob er »wehrfreudig« ist. So sah sich also auch Herr Groener um, und obgleich auf der Linken der Nationalismus gar nicht so schlecht entwickelt ist, schien ihm doch die Rechte zu größern Hoffnungen Anlaß zu geben, auch fand er dort die »Wehrfreude« höher entwickelt. So wurde aus dem vor ein paar Jahren noch viel gefeierten republikanischen General Groener ein Minister, der die Rechte poussiert, der sich als natürliche Brücke zur Reaktion fühlt, der den Nationalsozialisten die Reichswehr öffnet und, um den neuen Freunden ein kleines Sondervergnügen zu bereiten, nicht davor zurückschreckt, die alten Verbündeten zu verunglimpfen und den Boxheimern gleichzusetzen. Das ist ja das Eigentümliche der Diktatur Groeners. Sie ist an sich gar nicht bösartig, sie führt höchstwahrscheinlich gegen Republik und Verfassung gar nichts Übles im Schilde, denn das hieße Nachdenken voraussetzen, Pläne, also etwas, das man ihr nicht so ohne weiteres zutrauen darf. Mit solchen intellektuellen Scheußlichkeiten hat sie nichts zu tun. Sie will nicht mehr als die möglichst weitgehende Sicherung des Ressorts Reichswehr, sie sucht Alliierte, die beim Wehretat keine Sperenzien machen, sie sucht Anschluß an militärbegeisterte Schichten, die ihr für die Rekrutierung besonders geeignet erscheinen. Daß dabei in aller Ruhe der republikanische Staat seinen Feinden ausgeliefert wird, das scheint Herrn Groener, diesen jovialsten und pausbäckigsten aller Tyrannen gar nicht weiter zu stören. Hauptsache, daß sein liebes Militär das Seinige erhält. Auf diesem Wege entfernen wir uns immer weiter von den bürgerlichen Voraussetzungen unsrer Staatspolitik, geraten wir in Intrigenspiele hinein, die zu meistern der Scharfsinn der Herren Generale gar nicht imstande ist, geraten wir mit dem freundlichen Herrn Groener immer tiefer in Irrwege hinein, die mit dem Abgang Seeckts und Geßlers für erledigt gehalten wurden. So scheint es das ewig gleichbleibende deutsche Schicksal zu sein, über die geistigen Formen des Militärstaates nicht hinauswachsen zu können. Aber trotzdem sind hier noch einige Unterschiede zu beachten. Das bismarcksche Kaiserreich ist ein Militärstaat gewesen kraft eines natürlichen Schicksals. Es ist auf dem Schlachtfelde geboren, und es setzte damit nur die alte brandenburgisch-preußische Tradition fort, deren Entwicklung nicht friedliche Politik bestimmt hat, sondern der Krieg. Die deutsche Republik aber ist aus einem entgegengesetzten Prinzip heraus entstanden. Sie ist nämlich das Produkt eines verlorenen Krieges. Sie ist errichtet auf den Trümmern eines Systems, das mitten in einer kaum zu bewältigenden kriegerischen Aufgabe zusammengebrochen war. Die Republik muß also, wenn sie leben will, diesem entgegengesetzten Prinzip Rechnung tragen. Der Kriegsminister der deutschen Republik müßte es wissen, daß die Einmauerung der kriegerisch-militaristischen Tradition in den Bau des neuen Staates ein Gegenprinzip bedeutet, das er nicht tragen kann, ohne an diesem Widerspruch zugrunde zu gehen. Weiß der Herr Minister das nicht, so ist er untauglich, die kleine in Vertragsgrenzen gehaltene Wehrmacht zu leiten, der alles zu einer kriegsfähigen Armee fehlt und die viel mehr das Symbol staatlicher Hoheit darstellt als eine zu militärischer Leistung bestimmte Truppe. Die Reichswehr zur Verlängerung der alten Armee stempeln zu wollen, das ist ein wahrhaft strafwürdiges Vergehen gegen den Geist des neuen, des nachkaiserlichen Staates. Das heißt aber auch die Entwicklung verkennen, die Deutschland in ganz andre Bahnen gewiesen hat als in die, seine Stellung mit dem Schwerte zu behaupten oder zu vergrößern. Gemessen an den andern Institutionen Deutschlands, gemessen an den wirtschaftlichen und sozialen Aufgaben andrer Organe des Staates nimmt die Reichswehr sogar einen höchst bescheidenen Platz ein. Sie ist nicht Mittelpunkt, ist nirgendwo ausschlaggebend. Sie besitzt weder geistig noch zahlenmäßig den Rang, um eine zentrale Machtstellung zu beanspruchen. Sie ist nicht mehr als eine Nebensache. Einer Armee, die gesiegt hat, die mit umkränzten Trophäen zurückkehrt, mag man mit einigem Recht Herrschaftsansprüche nachsehen. Vielleicht auch einer Armee, die fest in einer sichern Tradition ruht und von der man nach altem Ruhm neue Bewährung erwarten kann. Aber eine Armee, die durch einen Friedensvertrag oktroyiert ist, die die ersten Beweise ihrer Tüchtigkeit ausschließlich in Bürgerkämpfen gegeben hat, kann nicht den moralischen Anspruch erheben, Gegenstand der allgemeinen Kristallisation zu sein. Die Reichswehr ist ein sehr neues Produkt. Kein romantischer Schimmer ist um sie, kein bißchen Glorie, kein Mythos. Kurz nichts, was eine Armee den Herzen aller Köchinnen und Zeitungsschreiber teuer macht. Ihr Geltungsbedürfnis steht in einem grotesken Mißverhältnis zu ihrer Funktion. Es ist ein Unding, daß sich Herr von Schleicher zum Lord-Protector der innern Politik aufwirft und sich jeder Schnösel von Leutnant wie ein kleiner Coriolan gebärdet. Die Reichswehr ist nur eine Behörde wie andre auch, mehr nicht. Und eine Behörde hat sich dem Ganzen unterzuordnen und keine übertriebenen Geltungsansprüche zu stellen. Was würde man eigentlich dazu sagen, wenn eine so segensreich wirkende Einrichtung wie die Feuerwehr plötzlich politische Prätentionen anmelden wollte? Man würde wahrscheinlich ihren Chefs bedeuten, sich möglichst umgehend mit ihren eignen Kaltwasserspritzen zu behandeln. Aber die Reichswehr darf das, obgleich sie ohne Zweifel lange nicht so nützlich gearbeitet hat und lange nicht so tief in die Popularität eingegangen ist wie die Feuerwehr. Wahrscheinlich wird man entgegenhalten, daß ein solcher Vergleich etwas despektierlich sei. Nun, demgegenüber müssen wir darauf verweisen, daß Herr Groener in seinem berühmten Erlaß ja selbst eine Analogie gefunden hat, die im Sinne des stolzen Soldatenstandes nicht besonders erhebend ist. Groener hat nämlich, um die Unabweisbarkeit der Einstellung von Nationalsozialisten in die Reichswehr kundzutun, ein Reichsgerichtsurteil herangezogen, das sich gegen eine kieler Werft richtet, die Arbeiter wegen ihres Bekenntnisses zum Nationalsozialismus vor die Tür gesetzt hatte. Wie gesagt, der Berufssoldat und namentlich der vom Leutnant aufwärts, wird den Vergleich mit einem so zivilen Erwerbsstand, wie es die Werftarbeiter sind, nicht grade mit heiterm Gesichte aufnehmen. Herr Groener hat mit einer Ironie, deren Zweischneidigkeit ihm wohl nicht recht zum Bewußtsein gekommen ist, seine tapfern Krieger mit Lohnarbeitern verglichen, und auf diesem Umwege auch so ziemlich das Richtige getroffen. Diese ganzen Auseinandersetzungen würden unmöglich in einem Lande sein, in dem das Gefühl für bürgerliche Würde etwas verbreiteter wäre. Dort bedeutet der uniformierte Soldat kein Problem mehr. Er ist ein Diener des Staates wie andre auch, nicht ein Aspirant auf die Alleinherrschaft, nicht einer, der den Marschallstab der Diktatur im Tornister trägt. Ob Herr Groener sich heute noch für einen guten Republikaner hält, weiß ich nicht und interessiert mich auch nicht. Aber er ist im Effekt ein eben solches Unglück geworden wie seine Vorgänger Noske und Geßler. Durch sein Double im Reichsinnenministerium ist ihm eine Allmacht zuteil geworden, die den schönsten Ausblick eröffnet. Muß erst eine deutsche Dreyfus-Affäre kommen, um die politisierende Schleicher-Kamarilla in der Bendler-Straße zum Platzen zu bringen? Bereitet sich Groener auf die Rolle des Generals Mercier vor? Die Weltbühne, 16. Februar 1932 1045 Was wäre, wenn ... Aus einer demokratischen Zeitung vom Februar 1939 Wenn wir heute unsre republikanischen Freunde aufrufen, sich mit aller Energie für die Wiederwahl des Reichspräsidenten Adolf Hitler einzusetzen und sich unverzüglich in die in unsern Filialen ausliegenden Listen einzuzeichnen, so folgen wir damit nicht nur den zwingendsten realpolitischen Notwendigkeiten, sondern auch einem tiefsten Herzenswunsch der noch immer demokratisch fühlenden Teile unsres Volkes. Denn daß die mit demagogischen Kunststücken nicht zu fangende staatsbewußte Mehrzahl aller Deutschen in der Wiederwahl des gegenwärtigen Herrn Reichspräsidenten die einzige Möglichkeit sieht, uns vor dem Absturz ins Chaos zu retten, daran besteht kein Zweifel. Zwar möchten wir nicht verhehlen, daß auch wir manche Bedenken zu überwinden hatten und gern wieder einmal einen Mann der Linken an der höchsten Stelle des Reiches gesehen hätten. Verantwortungsbewußt wie wir sind, stellen wir das Vaterland über die Partei. Das fällt uns um so leichter, als der schärfste Gegner des Herrn Reichspräsidenten bei der letzten Wahl, Herr Karl Höltermann, der damals die sogenannte Eiserne Front führte, sich kurz entschlossen an die Spitze des Komitees gestellt hat, das Hitlers Wiederwahl betreibt, wofür ihm der Dank der Nation gewiß ist. Jenen ewig Unzufriedenen, denen bei bester Gesinnung nur das Regulativ der höhern staatspolitischen Einsicht fehlt, muß entgegengehalten werden, daß auch der an der Wirklichkeit orientierte Flügel der Kommunisten, der erkannt hat, wie unmöglich es ist, den Weg zum Sozialismus in Siebenmeilen- oder Fünfjahres-Stiefeln zurückzulegen, nunmehr auf die Initiative Heinz Neumanns hin sich entschlossen hat, den Erfordernissen der Stunde Rechnung zu tragen und für Hitler zu votieren. Auch der ›Vorwärts‹, der jetzt wieder zweimal monatlich erscheint, arbeitet im gleichen Sinne und setzt sich, wie schon früher, für die Politik des kleinern Übels ein. Im Grunde besteht also schon die Einheitsfront; denn daß die von Herrn Doktor Goebbels, der jetzt den Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten für seine selbstsüchtigen Zwecke mißbraucht, gegen Hitler entfaltete Agitation höchst unsachlichen Gründen entspringt, darüber braucht wohl keine Silbe verloren zu werden. Auch wir sind ganz gewiß nicht mit allen Staatsakten einverstanden gewesen, denen der Herr Reichspräsident seine Zustimmung erteilt hat. Wir hätten manchmal mehr Zurückhaltung, weniger imperatorische Gesten geliebt. Aber wir wissen auch, daß ein Mann der Tat wie Hitler als Ganzes genommen werden muß und seine Fehler nur die Kehrseite seiner Vorzüge bilden. Es darf auch nicht vergessen werden, daß Herr Hitler alles getan hat, um die Wunden der erbitterten Parteikämpfe möglichst schnell zur Heilung zu bringen. Unvergessen ist auch noch die großmütige Art, wie er den frühern Abgeordneten Breitscheid und Hilferding eine Freiwohnung im Märkischen Museum gewährt hat, wo man die beiden alten Herren jetzt täglich sehen kann, wie sie mit den Köpfen wackeln und ihren Wohltäter preisen. Erledigt ist auch schon lange die widerwärtige Tendenzlüge, die den Herrn Reichspräsidenten mit den Erschießungen vom März 1933 in Zusammenhang bringen möchte. Wir wissen heute aus objektiven Zeugnissen, daß für diese unseligen Vorgänge einige Unterführer zu belasten sind, die der Situation bedauerlicherweise nicht gewachsen waren und vor einer waffenlosen Bevölkerung die Nerven verloren haben. Immer hat der Reichspräsident versucht, sein Amt so überparteilich wie möglich zu führen und ausgleichend auf die oft sehr zugespitzten konfessionellen und politischen Gegensätze zu wirken. So hat noch kürzlich die Ernennung des Herrn Professors Seligsohn zum Direktor des Instituts zur Bekämpfung deutschabträglicher Bakterien in allen kulturell interessierten Schichten lebhafte Genugtuung hervorgerufen. Die Katholiken aber empfinden es als höchst schmeichelhafte Geste, daß der Kriegsminister von Epp jetzt endlich dem frühern Reichskanzler Herrn Brüning den Eintritt in die Reichswehr gestattet hat. Es dürfte noch in Erinnerung sein, wie Herrn Brüning nach seiner Demission von dem damaligen Reichswehrminister Groener das Gesuch um Aufnahme in die Reichswehr abgelehnt wurde, obgleich er alter Frontsoldat ist, denn Groener konnte dem frühern Reichskanzler die Einbringung des Abrüstungsvorschlages in Genf nicht verzeihen. Herr Brüning tut jetzt schon seit einigen Wochen Dienst auf der Schreibstube in Döberitz. Wie ein witziger Zufall es gefügt hat, ist sein Vorgesetzter der Feldwebel von Schleicher, der bekanntlich von der ersten nationalsozialistischen Regierung seines Ranges als General für verlustig erklärt wurde und sich seitdem langsam wieder hochgedient hat. Herr von Schleicher erklärt sich übrigens glücklich, daß er sich wieder für sein Vaterland, wenn auch an bescheidener Stelle, nützlich machen könne und daß er endlich wieso der eine seinen Fähigkeiten angemessene Beschäftigung gefunden habe. Herr Brüning holt jeden Tag für seinen Vorgesetzten Essen, und sie frühstücken dann zusammen. An dem alten Verhältnis hat sich also nichts geändert. Manche unsrer republikanischen Freunde können dem Herrn Reichspräsidenten die Heftigkeit nicht verzeihen, mit der er in einer lange zurückliegenden Zeit seine Anschauungen vertreten hat. Wir bitten nicht zu vergessen: der Reichspräsident Hitler ist nicht mehr der Agitator Hitler. Seitdem Hitler älter und reifer geworden ist, seitdem sein lichtbraunes Gelock immer stärker von Silberfäden durchzogen wird, seitdem der einst so charakteristische Blick harter Entschiedenheit immer mehr einem Ausdruck fröhlichen Ernstes Platz gemacht hat, seitdem aus dem Trompeter der Staatsmann geworden ist, gehört er der ganzen Nation. Hitler – das bedeutet Stetigkeit, Kampf gegen die finstern Mächte der Anarchie; das bedeutet Brot und Arbeit. Hitler – das ist unser Kreditposten für unsre Geltung im Ausland, soweit es die diplomatischen Beziehungen zu uns noch aufrecht erhält. Aus dem unglücklichen Wahlkampf für den alten Herrn von Hindenburg, der ein braver Mann ist und nicht mehr, haben wir gelernt, daß es ein Unsinn ist, sich dem Gebot der Stunde entgegenzustellen. Es wäre besser gewesen, wenn wir 1932 unsern allzu berechtigten Zweifeln an der Zulänglichkeit der Kandidatur Hindenburg offenen Ausdruck verliehen hätten. Politische Rücksichten, die wir für gravierend hielten, verhinderten das. Wir haben keine Wähler mehr und keine Leser, man hat uns windelweich geprügelt, man hat uns das Rückgrat gebrochen aber nicht unsre unbeugsame Entschlossenheit, uns so lächerlich wie möglich zu machen. Das Volk will Hitler! Wir Republikaner wollen Hitler! Möge der Herr Reichspräsident nicht länger zaudern und der Stimme des Volkes Gehör geben. Die Weltbühne, 23. Februar 1932 1046 [Antworten] Reichswehrminister Vor kurzem ist ein törichter, hetzerischer Roman erschienen, dessen Verfasser sich Hans Nitram nennt und der den etwas umständlichen Titel führt: »Achtung! Ostmarkenrundfunk. Polnische Truppen haben heute nacht die ostpreußische Grenze überschritten.« Der Roman, der zur Zeit auch in einer Reihe von deutschen und namentlich ostdeutschen Blättern in Fortsetzungen läuft, ist eines jener zahlreichen unbegabten Machwerke, die im Gefolge des sogenannten Neuen Nationalismus laufen und von dem Meister des Genres, Herrn Arnolt Bronnen, nur die Roheit übernommen haben und nicht den Schmiß. Ein nationalistischer Hetzroman wie viele, man brauchte dabei nicht weiter zu verweilen, wenn nicht der Verlag Gerhard Stalling in Oldenburg, der schon allerlei dubiose Militärliteratur verlegt hat, für dieses Produkt eine Reklame machte, die sich eines Mittels bedient, das auch Sie, Herr Reichswehrminister, lebhaft interessieren dürfte. Der Verlag Stalling versendet nämlich an Buchhändler und Sortimenter ein Reklameschreiben, das in die folgenden Sätze ausmündet: »Vertraulich möchten wir Ihnen mitteilen, daß das Werk von einem Angehörigen der Reichswehr geschrieben worden ist und daß die Veröffentlichung des Werkes von der zuständigen Instanz genehmigt wurde. Man ist sich bewußt, daß sich aus dem Buche unter Umständen diplomatische Schritte Polens ergeben, wird aber einen solchen diplomatischen Schritt voraussichtlich nicht ungern sehen, um der kommenden Abrüstungskonferenz in Genf mehr als man es sonst könnte, vorhalten zu können, wie wehrlos Deutschland und insbesondere wie wehrlos das ostpreußische Heimatgebiet, das man vom Mutterlande getrennt hat, jedem Angriff des mit allen modernen Kriegsmitteln bewaffneten Polen ausgeliefert ist.« Wir fragen Sie, Herr Minister, ob der Verlag die Wahrheit spricht oder ob er seine Reklame auf eigne Verantwortung weiter als zulässig treibt. Wir sind auch neugierig, Herr Minister, diejenige zuständige Instanz kennen zu lernen, die sich bewußt ist, daß sich aus dem Buch unter Umständen diplomatische Schritte Polens ergeben können, die aber einen solchen diplomatischen Schritt voraussichtlich nicht ungern sieht. Welche Instanz in Ihrem Ministerium ist es, die auf eigne Faust in die Außenpolitik hineinmurkst, die in die Genfer Abrüstungskonferenz ein Moment hineinträgt, das Herrn Nadolny und seine Vertreter in eine Debatte verwickeln kann, die von diesen voraussichtlich nicht gern gesehen wird. Welche Instanz in Ihrem Ministerium ist es, die den Herrn Tardieu und Paul-Boncour diesen heiß ersehnten Ball zuwirft? Denn ein Buch wie dieses, von einem Soldaten geschrieben, mit dem Segen des Kriegsministeriums in die Welt geschickt, setzt unsre diplomatische Vertretung in Genf, die bekanntlich ein Abrüstungsprogramm vorgelegt, dagegen keinen Versuch gemacht hat, einen deutsch-polnischen Konflikt zu provozieren, in den Verdacht der Zweideutigkeit. Der Roman des Herrn Nitram, dessen Verfasser nach Mitteilung des Verlags ein Angehöriger der Reichswehr ist, bedeutet nicht mehr als ein elendes, unbegabtes Elaborat, das von einem reißerischen Titel lebt. Wir sind nicht der Meinung, daß es einem Angehörigen der Reichswehr verwehrt sein soll, so gute oder so schlechte Romane zu veröffentlichen, wie er leisten kann, wir sind aber unbedingt der Meinung, daß es nicht die Aufgabe des Reichswehrministeriums ist, ein Buch deshalb zu genehmigen, weil es unter Umständen diplomatische Schritte einer auswärtigen Macht hervorrufen kann. Vor allem aber halten wir es für reichlich unklug, daß nunmehr auch der Verleger dieses Buches noch mit einem solchen Motiv krebsen geht. Wir fassen es nicht als unsre Aufgabe auf, Landsleute, die andrer politischer Anschauung sind als wir, bei jeder Gelegenheit des Landesverrats zu verdächtigen. Aber wenn die Behauptungen dieses Verlagsprospekts wirklich der Wahrheit entsprechen, so ist dem Verlag Stalling dafür gründlich auf die Finger zu klopfen, daß er die Tinte nicht lassen kann und eine schon aus leicht faßbaren Intelligenzgründen geheimzuhaltende Sache propagandistisch ausposaunt. Entspricht die Behauptung des Verlags aber nicht der Wahrheit, hat sich nur ein findiger Reklamemann die ganze Geschichte aus den Pfoten gesogen, auch dann ist es notwendig, daß Sie, Herr Minister, einschreiten, weil ein solcher Unfug Ihre eigne Politik vor aller Welt in ein häßliches Licht setzt und dadurch deutsche Reichsinteressen schwer schädigt. Sie, Herr Minister, sind der Autor des Wortes »Staatsverleumdung«. Wenn jemals die Merkmale einer solchen zu konstatieren sind, dann in diesem Falle. Schreiten Sie ein, Herr Minister, und beschränken Sie sich nicht auf ein so krüppliges Dementi wie in der Sache der »Geländeübungen« auf dem Döberitzer Übungsplatz. Dort hat man allsonntäglich das Feld einer Naziorganisation überlassen, die als »Verein für Volkssport« maskiert gewesen ist. Wir glauben gern, daß das Reichswehrministerium das akzeptiert hat, obgleich immerhin doch ein im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte befindlicher Ministerialbeamter die Frage hätte aufwerfen müssen, wozu man in drei Teufels Namen hier am Rande von Berlin Geländeübungen treibt. Wir erwarten also, daß nach diesem Unglücksfall Sie sich etwas intensiver um die propagandistischen Geländeübungen eines Verlags minderwertiger militärischer Schriften bekümmern, der sich erdreistet, für den flottern Absatz seiner Ware ein diplomatisches Geheimnis entweder preiszugeben oder wenigstens vorzutäuschen, in jedem Falle aber in unverschämtester Form gegen die gesamtdeutschen Interessen zu handeln. Sie werden der deutschen Öffentlichkeit die Antwort nicht schuldig bleiben können. Vor ein paar Tagen brachte die Zeitung ›Berlin am Morgen‹ die Geschichte von einem kleinen Mißgeschick, das Ihnen in diesen Tagen passiert sein soll, als Sie sich abends nach dem Theater nach einem Wagen umsahen: »Der Taxischofför sah den Pour le mérite, der Groener beim Halse heraushing, er fixierte den Minister genau, rief laut: ›Nee, den Herrn fahre ick nich‹ und gab Vollgas.« Ich weiß nicht, ob Ihnen, Herr Minister, noch etwas an der Wertschätzung der deutschen Republikaner, deren Favorit Sie früher waren, liegt. In letzter Zeit sind die Neigungen etwas erkaltet, und es kann sehr wohl der Augenblick kommen, wo Sie, ein oft erprobter Mann der Realität, wieder einmal den Boden republikanischer Tatsachen suchen müssen. Und dann, Herr Groener, wird die Antwort lauten: »Nee, den Herrn fahr ick nich!« Die Weltbühne, 23. Februar 1932 1047 Gang eins Byzanz Du mußt es dreimal sagen: der Generalfeldmarschall v. Hindenburg ist kein tragbarer Kandidat für die Linke. Die Parteizentrale der Sozialdemokratie hat gesprochen. Wie viele Wähler werden am 13. März folgen? Das ist das Rätsel des ersten Wahlgangs. Die Sozialdemokratie formuliert ihre Losung lieber: »gegen den Fascismus« als »für Hindenburg«. Niemand weiß, wie sich die organisierten Mitglieder verhalten werden, noch weniger, wie die großen unkontrollierbaren Massen der Mitläufer, der Sympathisierenden. Was in dem unermeßlichen Inselmeer der politischen Linken heimatlos treibt, die vom bürgerlichen Republikanertum oder die von der deutschen Verkörperung des Kommunismus Enttäuschten, die meisten von ihnen pflegten wohl für einen Wahltag in der stillen Bai der alten Sozialdemokratie zu landen. Werden sie, wie die sozialdemokratischen Blätter verkünden, »mit Hindenburg gegen den Fascismus kämpfen« –? Dazu müßte sich der erwählte Kandidat zunächst selbst äußern. Der Herr Reichspräsident betont aber nur seine »Überparteilichkeit «, ein Begriff, der bekanntlich recht verschieden auslegbar ist. Da ist die Begleitmusik der zahlreichen Helden- und Jungfern-Kränzchen, die die Kandidatur Hindenburg affichieren, schon viel deutlicher. So hat der gute, alte Graf Westarp, der am 9. November 1918 wie ein Gebilde von Braunbier und Spucke durch die Reichstagsgänge irrte und sich damals wohl nicht träumen ließ, er würde dreizehn Jahre später den Primas der Deutschen Republik küren helfen, einen Aufruf gestartet, in dem es heißt: »In der Stunde des Entscheidungskampfes um Deutschlands Wehrhoheit und Tributfreiheit hat Generalfeldmarschall von Hindenburg sich entschlossen, noch einmal die schwere Bürde des Reichspräsidenten anzunehmen. Hindenburg verkörpert uns deutsche Gottesfurcht und Treue im Dienst des Vaterlandes, eisernes Pflichtbewußtsein und deutsches Soldatentum.« Unterschrieben ist der Aufruf vornehmlich von einigen Dutzend Herrschaften aus Großgrundbesitz und Schwerindustrie, wozu sich die Damen Gräfin Bassewitz (Dätzingen), Gräfin Günther v. d. Groeben Exzellenz, Freifrau Hiller v. Gaertringen, Gräfin Elisabeth v. Pfeil, Oberin v. Lindeiner-Wildau, Gräfin v. Uexkull-Gyllenband Exzellenz und viele andre noch gesellen, darunter Cimbal (Altona), ein allzu schwacher Cimbalschlag nur neben so viel kurbrandenburgischen Fanfaren. Nun sind das alles nur Namen, aber keine Wähler. Letztere müssen nämlich von der Sozialdemokratie geliefert werden; that's the humour of it! Unsre armen sozialistischen Freunde, die in den letzten Jahren so oft im Wachstuchzylinder und Radmantel von Achtundvierzig paradieren mußten, werden sich nun – o Meiningerei der Politik! – nach einem noch weiter zurückliegenden Kostüm umzusehen haben, um vor Elisabeth v. Pfeil oder Elsa von Brabant Gnade zu finden. In der Stunde des Entscheidungskampfes um Deutschlands Wehretat und Tributfreiheit ... Ist dies das Programm der Sozialdemokratie? ... Deutsche Gottesfurcht und Treue ... Sind dies ihre Ideale? Wenn die Sozialdemokratie sich schon entschlossen hat, für Hindenburg einzutreten, so muß sie diesem Kampf auch das Cachet geben, so muß sie ihr Fahnentuch um die Herme ihres Kandidaten schlagen, anstatt diesen im Kriegervereinsgeschwafel von Leuten verschwinden zu lassen, die sonst den sanftesten Demokraten gleich arretieren lassen möchten. Ein Wahlkampf von heute ist keine Wagneroper, und die sozialistischen Wähler sind kein Stimmvieh, das einfach abkommandiert werden kann. Aber schließlich kann man Westarp und den andern Ritterbürtigen keinen Vorwurf machen, wenn der Reichskanzler vor dem Parlament selbst eine Sprache wählt, die nicht nach Weimar sondern nach Byzanz leitet. »Wenn ich die Hoffnung in diesen schweren Tagen nie aufgegeben habe, dann aus einer Tatsache: aus der, daß ich einem Manne dienen darf wie dem Reichspräsidenten von Hindenburg. Vergessen Sie eines nicht: von der Wiederwahl des Reichspräsidenten von Hindenburg hängt es auch ab, ob die Welt glauben soll, daß im deutschen Volke noch Ehrfurcht und Achtung vor der Geschichte und der geschichtlichen Person besteht.« Ehrfurcht vor der Geschichte ist bei einem Volke eine sehr schätzenswerte Eigenschaft, aber daß es sich hier um einen kardinalen Faktor handelt, von dem die Meinung der Welt über uns abhängt, will mir nicht recht einleuchten. In die Gegenwart eines Volkes mischen sich viele Traditionen, es fragt sich nur, an welche anzuknüpfen ist. Die achtzigjährigen Herren Eduard Bernstein und Georg Ledebour, zum Beispiel, erinnern uns an die Zeit des Sozialistengesetzes oder an die großen prinzipiellen Auseinandersetzungen zwischen Reformisten und Radikalen. Der Herr Reichspräsident dagegen bedeutet, wie das nicht anders sein kann, eine natürliche Verbindung mit dem Kaiserreich und dem alten preußischen Militarismus, also Anknüpfung an eine Tradition, die dem Geiste der Republik in allem konträr ist. Wenn der Reichskanzler sich glücklich erklärt, daß er Hindenburg »dienen« dürfe, so bedeutet das einen Rückfall in jene Epoche, in der seine Amtsvorgänger sich bemühen mußten, auch vor dem Parlament die Sprache des Hofzeremoniells beizubehalten. Die Minister sind nicht die »Diener« des Reichspräsidenten. Die Stellung des Reichsoberhauptes ist durch die Verfassung abgegrenzt. Der Reichskanzler jedoch ist laut Verfassung derjenige, der die Anordnungen und Verfügungen des Reichspräsidenten gegenzeichnet und damit die Verantwortung übernimmt. Artikel 54 sagt nichts von »Dienst«, wohl aber: »Der Reichskanzler und die Reichsminister bedürfen zu ihrer Amtsführung das Vertrauen des Reichstags. Jeder von ihnen muß zurücktreten, wenn ihm der Reichstag durch ausdrücklichen Beschluß sein Vertrauen entzieht.« Die Verehrung eines Ministerpräsidenten für das Staatsoberhaupt ist eine angenehme Zugabe, die das Zusammenarbeiten gewiß erleichtert, aber ein konstitutioneller Faktor ist das nicht. Ausschlaggebend bleibt das Vertrauen des Parlaments und die von ihm bestimmte Linie. Gelegentlich hat auch Disharmonie zwischen höchsten Staatsstellen große historische Resultate nicht verhindern können, wie im Falle Clemenceau–Poincaré. Es ist wieder ein sehr deutsches Unglück, daß als Reichspräsident nicht etwa jemand gesucht wird, der würdig repräsentiert und nicht zu impulsiven Zwischenspielen neigt. Gesucht wird überhaupt kein sterblicher Mensch sondern ein Retter, ein Baldur, eine Figur aus dem Mythos. Das sitzt so tief, daß selbst ein so spärliches Temperament wie Brüning, der als Redner sich ganz gewiß nicht leicht an die Schwärmerei der Sekunde verliert, seine Beziehung zum Reichsoberhaupt durch ein mittelalterliches Bild, in dem sich Heroismus mit Domestikentum seltsam mischt, zu illustrieren für notwendig findet. Herr, wo waren Sie im Krieg –? Herr Brüning macht den Republikanern die Kandidatur Hindenburg überhaupt nicht leicht. Er treibt sie unerbittlich durch das kaudinische Joch seiner konservativen Ideologie. Manchmal hat das fast friderizianischen Stil. »Wollt ihr Racker denn ewig leben?« Das klingt so zwischen den Zeilen der kanzellarischen Kundgebungen. So rief Brüning in seiner Reichstagsrede den Nationalsozialisten erregt zu: »Am 9. November war ich an der Spitze einer Offizierstruppe, die sich zur Niederwerfung der Revolution gebildet hatte.« Der Bericht der ›Vossischen Zeitung‹ bemerkt dazu: »Bei diesen Worten klatschen die Mittelparteien stürmisch Beifall, während man auf der Linken deutlich eine Bewegung bemerken kann.« Doch schon in der Morgenausgabe darauf betont die ›Vossische Zeitung‹, der Satz laute nach der amtlichen Wiedergabe: »Am 9. November war ich in der Gruppe Winterfeld, die zur Niederwerfung der bolschewistischen Revolution gebildet worden war.« Nun haben einige Millionen Deutsche durch den Rundfunk die erste Fassung gehört. Der Reichskanzler rektifiziert sich, indem er hervorhebt, er habe bei einer Truppe gestanden, die nur gegen Spartakus kämpfen wollte, nicht aber für die gestürzte Monarchie. Das ist der Sinn seiner Korrektur des amtlichen Stenogramms. Wer die damalige Zeit miterlebt hat, weiß, daß der Unterschied nicht erheblich war. Wenigstens konnte man das den damals in den Straßen herumpfeifenden Kugeln nicht anhören, ob sie gegen den Bolschewismus oder für Wilhelm abgefeuert wurden. Es ist begreiflich, daß die Sozialisten bei diesem autobiographischen Bekenntnis Brünings klamme Finger bekamen. Tags zuvor noch hatten sie ihre nationale Stubenreinheit stürmisch genug beteuert, als sie von dem kleinen Goebbels »Partei der Deserteure« genannt wurden. Natürlich hatte der kleine Goebbels, der seine Unterleibsbeschwerden mit Vorliebe auf der Rednertribüne exhibitioniert – ein Zug, den Tacitus bei den alten Germanen nicht wahrgenommen hat – eine harte Abfuhr verdient. Aber wie die Gekränkten reagierten, das ist wieder bezeichnend für die Niveaulosigkeit dieses Parlaments. Im Nu hatte sich der Reichstag in einen provinzialen Verein verwandelt, dessen verzankte Mitglieder sich gegenseitig die Schicksalsfrage zuschreien: »Herr, wo waren Sie im Krieg –?« Die Sozialdemokraten pochten auf ihre eisernen Kreuze und ihre intakten Soldbücher und führten ihre Narben vor wie Coriolan. Die Sozialdemokraten wären viel patriotischer als die Nationalisten. Hand aufs Herz, wer verlangt das von der internationalen, der völkerbefreienden Sozialdemokratie? Die Arbeiter, die Republikaner, die antimilitaristischen Bürger, die diese Partei wählen? Kaum, aber die Kandidatur Hindenburg verlangt es. Damit die Bassewitze und Itzenplitze, damit der ganze von Westarp und Treviranus auf die Zitterbeine getrommelte Adelskalender nicht doch noch zu Hitler oder Duesterberg humpelt, deshalb muß die Partei mit blankgeputzter Montur antreten. Das ist das Erschütternde an dem gegenwärtigen Zustand: nicht der Fascismus siegt, die Andern passen sich ihm an. Brüning sucht sich Hitler anzugleichen, die Sozialdemokraten bilden sich an Brüning. Der Fascismus jedenfalls bestimmt das Thema, das Niveau. Eine hingeworfene Schnoddrigkeit des berliner Sportpalast-Tribunen jagt zehn Dutzend sozialistische Deputierte von den Plätzen, zwingt sie dazu, sich als gut vaterländisch zu legitimieren. Ein blamabler Zwischenfall, der nur zeigt, daß die Initiative rechts liegt. Es mag Zeiten geben, wo auch in der Politik die Anpassung notwendig ist und Wunder bewirken kann. Aber in so entscheidenden Phasen wie heute kommt es nicht auf Angleichung und Schutzfärbung an sondern auf die Herausarbeitung des konsequenten Gegentyps der herrschenden Mächte. Ein lehrreiches Exempel, wie diese Debatte zu behandeln war, gab merkwürdigerweise der Staatsparteiler Doktor Weber, ein maßlos Gemäßigter sonst. Er verteidigte nämlich nicht die angezweifelte nationale Haltung seiner Leute, sondern hielt den Fascisten einfach ihre Mordliste vor. Und die ganze braune Fraktion stob auseinander wie eine Belialsschar, die plötzlich vor ein Pentagramm geraten ist. Der kleine Goebbels schlich beklommen hinterher wie der Kater beim Gewitter. Thälmann Der erste Wahlgang kann keine Entscheidung bringen. Die radikale Rechte tritt gespalten auf. Wahrscheinlich ist die Stahlhelm-Kandidatur nur ein Kind der Angst, schon jetzt eine Entscheidung fällen zu müssen. Hindenburg oder Hitler? Der Stahlhelm wird am Ende bei dem sein, der am 13. März am besten abschneidet und am meisten bietet. Im übrigen muß noch immer mit einer Resignation Hindenburgs nach dem ersten Wahlgang gerechnet werden. Entspricht das Resultat nicht seinen Erwartungen, setzen wieder neue Intrigen von fascistischer Seite ein, stellt das Braune Haus etwa an Hitlers Stelle einen Hohenzollernprinzen auf, so wird sich der Reichspräsident kaum den Fährlichkeiten des zweiten Wahlgangs aussetzen. Hugenberg und Hitler sind völlig skrupellose Gegner, die sich mit dem Hinweis auf die Verantwortung nicht bluffen lassen. Sie werden nicht davor zurückschrecken, mit Petarden zu schießen. Immer wieder werde ich in Zuschriften von Lesern gefragt, wer denn am 13. März zu wählen sei. Bleibt denn nichts andres übrig, so heißt es immer wieder, als diese fatale, diese entmutigende Politik des »kleinern Übels«? Ich bin kein Ratgeber auf dem Kandidatenmarkt, und wer einer Partei angehört, wird im Endkampf zwischen Disziplin und besserer Überzeugung durchweg der Disziplin den Vorrang geben. Gern hätte ich als parteiloser Mann der Linken für einen akzeptablen Sozialdemokraten wie Paul Loebe oder Otto Braun gestimmt. Da kein sozialdemokratischer Kandidat vorhanden ist, muß ich schon für den kommunistischen stimmen. Wahrscheinlich werden viele, die ähnlich denken, ebenso handeln. Man muß festhalten: die Stimme für Thälmann bedeutet kein Vertrauensvotum für die Kommunistische Partei und kein Höchstmaß von Erwartungen. Linkspolitik heißt die Kraft dort einsetzen, wo ein Mann der Linken im Kampfe steht. Thälmann ist der einzige, alles andre ist mehr oder weniger nuancierte Reaktion. Das erleichtert die Wahl. Die Sozialdemokraten sagen: Hindenburg bedeutet Kampf gegen den Fascismus. Von wannen kommt den Herren diese Wissenschaft? Der Kandidat betont nur seine Überparteilichkeit, in Sturmzeiten eine lebensgefährliche Formel. Da Propaganda und Farbengebung der Kandidatur Hindenburg ganz und gar in den Händen von Rechtsleuten liegt, so ist es auch völlig unmöglich, über Garantien zu disputieren, die man sonst von einem Kandidaten, einerlei ob Parteimann oder nicht, verlangt. Politik ist ein Frage- und Antwortspiel. Wo man das Recht zu fragen als grobe Ungebühr ablehnt, da mag ein Reich beginnen, das schöner und edler ist als das der Politik, aber, wie gesagt, die Politik hat dort aufgehört. Es ist ein Unsinn, die Kandidatur Thälmann als eine bloße Zählkandidatur hinzustellen. Wahrscheinlich wird Thälmann eine überraschend hohe Stimmenzahl erzielen können. Das wird übrigens heute schon von bürgerlichen Politikern in privaten Unterhaltungen geäußert. Je besser Thälmann abschneidet, desto deutlicher wird demonstriert, welch einen Erfolg eine sozialistische Einheitskandidatur hätte haben können, was für Möglichkeiten noch immer bestehen. Auf diese Lektion kommt es an. Die Hindenburg-Koalition zwischen ausgedienten Hofdamen der Monarchie und kommenden Höflingen der diktatorialen Republik ist ein Produkt von Parteibureaus, die das Tastgefühl für die Schwankungen der Wählerschaft verloren haben. Deutschland hat in diesen Jahren zu viel gelitten, zu viel gehungert, um sich in seinen Entscheidungen von Pietät bestimmen zu lassen. Die Meisten haben nichts zu gewinnen, wohl aber eine verlorene Existenz zu rächen. Die Weltbühne, 1. März 1932 1048 Duesterbergs düstere Rolle Der Hindenburg-Ausschuß zeichnet sich durch eine besonders ungeschickte Propaganda aus. Hitler spritzt Vitriol, das Hindenburg-Komitee Limonade. Man lese die Rede nach, die Landrat Gereke, der sonst für einen der größten Schlaufüchse der Grünen Front gilt, bei dem großen Presseempfang gehalten hat: »Wie kann man Hindenburg zum Vorwurf machen, daß jetzt in seiner Front auch Kreise stehen, die ihn 1925 nicht gewählt haben? Wolle man ausgerechnet von Hindenburg, der Zeit seines Lebens für die echte Volksgemeinschaft gerungen hat, erwarten, daß er jemanden zurückstößt, der sich unter dem Eindruck seiner Persönlichkeit zu ihm und damit zur deutschen Einigkeit bekennt?« »Der Sieg ist ein Sack, den man mit Faustschlägen bearbeitet«, sagte Marschall Foch, Hindenburgs glücklicherer Gegner. Herr Gereke redet, als gehe es nur darum, ein paar der alten Generalskanonen von Oberost zu bestricken, die heute von Hitler gegen ihren ehemaligen Vorgesetzten abgeprotzt werden. Es handelt sich aber darum, für die Kandidatur Hindenburg so gegen acht Millionen Sozialdemokraten zu gewinnen, von denen gewiß ein beachtlicher Prozentsatz lieber zu Hause bleiben möchte. Den Kandidaten hat es noch nicht gegeben, der »jemanden zurückstößt«, der ihn wählen möchte, es müßte denn ein einzigartiges Mißverständnis vorliegen. Diese ganze schüchterne Aufmachung der Hindenburg-Propaganda berechtigt zu einer etwas pietätlosen aber notwendigen Frage: Ist der Herr Reichspräsident überhaupt davon unterrichtet, daß er der Kandidat der Sozialisten ist? Hat seine Umgebung ihm davon Kenntnis gegeben? Oder glaubt er, der auf den Ehrenvorsitz beim Stahlhelm noch immer nicht verzichtet hat, vor der gleichen Truppe wie 1925 zu marschieren? * Jedoch Herr Oberstleutnant Duesterberg, der Chef des Stahlhelms, steht diesmal gegen Hindenburg. Der Kandidat Duesterberg zeichnet sich nicht durch politische Reize aus. Er vertritt jenes mißgelaunte spießerliche Patriotentum, das auf die Gongschläge der Weltgeschichte mit dem ewig gleichen verzogenen Mopsgesicht reagiert. So steigen jetzt beflissene Biographen in die ruhmreiche Vergangenheit des Mannes, und da sie nichts ans Licht fördern als gleichgültige militärische Beförderungsdaten, so teilen sie die mit, als hätte an diesen Tagen die Welt gewackelt. Einer dieser Chronisten erzählt, Duesterberg habe 1918, während der Friedensverhandlungen in Bukarest, einen Konflikt zwischen Wilhelm-Straße und O.H.L. herbeigeführt. Er bemerkte nämlich eines Abends vor einem bekannten Amüsierlokal das Auto des Staatssekretärs von Kühlmann. Da mußte etwas geschehen. Duesterberg der edle Ritter fegte wie ein Ungewitter zu der Heeresleitung hin. Die O.H.L. teilte die Entrüstung des puritanischen Offiziers und erhob Vorstellungen. So war der schönste Krach da. Ob das, was man so gemeinhin Tugend nennt, wirklich existiert oder nur ein Hirngespinst grauer Moralisten ist, bleibe dahingestellt. Sicher ist nur, daß die Tugend nicht in Bukarest erfunden worden ist. Es gab da genug Generalstäbler, die es sich in der gemütlichen Verhurtheit der balkanischen Hohenzollern-Residenz wohl sein ließen, aber die Sittenstrenge der O.H.L. erwachte erst, als sich die Möglichkeit bot, die Herren von der als anti-annexionistisch verschrienen Friedensdelegation bei den Hammelbeinen zu kriegen. In der alldeutschen Presse, die am Strange Ludendorffs zog, waren furchtbare Geschichten zu lesen von den Sektorgien der Diplomaten; eine sehr unappetitliche aber sonst gut vaterländische Alkoven- und Matratzeninspektion setzte ein, und endlich regnete es Beleidigungsprozesse. Ob Duesterberg, der Dunkelmann, damals den eignen harten Prinzipien folgend, den Angeber machte, ob er von der O.H.L. zum vorschriftsmäßigen Anstoßnehmen vor den Sündenpfuhl beordert wurde, wird niemals beantwortet werden. Hier schweigt Plutarch. * Von links gesehen wirkt die Kandidatur Duesterberg überflüssig und unverständlich, wie eine schwachsinnige Vereinsmeierei. Sie scheint nur die Aufspaltung der Harzburger Front zu demonstrieren. Von der andern Seite gesehen hat dagegen die Kandidatur Duesterberg durchaus ihren Sinn. Sie sichert nämlich Hugenbergs überlegene Schlüsselstellung. Sie hindert das allzu ungemessene Wachstum von Hitlers Hausmacht, sie warnt ihn vor dem allzu vertrauensvollen Glauben an die Zahl, ruft ihm seine eigne Abhängigkeit von der Schwerindustrie und der Gesamtheit der Reaktion wieder ins Gedächtnis. Hugenbergs Kalkulation mit Duesterberg ist jedenfalls sehr beachtlich. Denn sie macht ihn zum Herren über den zweiten Wahlgang. Auf der Rechten wird, und vielleicht allzu optimistisch, gerechnet, daß Duesterberg gegen drei Millionen Stimmen erhalten wird. Selbst wenn diese Zahl nicht herauskommen sollte, so wird doch gewiß eine Höhe erreicht werden, die Duesterberg-Hugenberg für den zweiten Gang ausschlaggebend machen kann. Dann wird Hindenburg sich Hugenbergs Diktat fügen müssen. In gewissen Debattierklubs der Rechten wird die Situation nach dem ersten Wahlgang so dargestellt: Hindenburg hat die erste Stelle inne, Hitler weniger Stimmen als bei den Reichstagswahlen; so liegt die Entscheidung beim Wahlblock Schwarzweißrot, also bei Deutschnationalen und Stahlhelm. Die Schwarzweißroten aber sind nicht gesonnen, ohne beschworene Garantien für Hindenburg zu votieren. Sie fordern natürlich wieder die Umbildung des Kabinetts, die weitere Umgruppierung nach rechts: Groener, Reichskanzler; Brüning, Außenminister; Duesterberg, Wehrminister. Und da die preußischen Wahlen, die entweder gleichzeitig mit der Präsidentenwahl oder bald darauf stattfinden, keinen Sieg der alten Koalition mehr bringen können, so soll dort eine »Beamtenregierung« eingesetzt werden. Also eine Hugenbergregierung. Die Gefährlichkeit solcher Pläne kann nicht leicht überschätzt werden. Das Bürgertum befindet sich weiter im Abmarsch nach rechts. Das bezeugt von neuem die jammervolle Katastrophe von Stresemanns schlechtestem Vermächtnis, der Deutschen Volkspartei, die sich wortwörtlich auflöst, so wie in dem alten Märchen das Schiff, das sich dem Magnetberg nähert. Heraus die Nägel und Schrauben und eisernen Klammern; die Planken, eben noch festgefügt, treiben im Wasser. Dieser Magnet ist der Fascismus. * Wir haben im vorigen Heft aufgefordert, für Thälmann zu stimmen, weil jeden Sozialisten und aufrichtigen Republikaner die Alternative »Hindenburg oder Hitler?« wie eine Perversität anmuten muß. Die Losung für die Kandidatur Thälmann schafft klarere Verhältnisse, indem sie alle zu sammeln trachtet, die sich weigern, die Ergebnisse von republikanischer und sozialdemokratischer Unfähigkeit wie eine Schicksalsfügung hinzunehmen. Eine möglichst große Stimmenzahl für Thälmann bedeutet nicht Sieg, wohl aber Ausblick. Die sozialistische Arbeiterschaft, an den Kinderwagen der Bonzokratie gewöhnt, muß von neuem gehen lernen. Unsre republikanischen Freunde heben warnend den Pädagogenfinger und fragen: Was wird, wenn durch Thälmanns Sonderkandidatur etwa Hitler gewählt wird? Wir stellen eine andre Frage: Was wird, wenn Hindenburg gewählt wird? Die Sozialdemokraten nehmen es als allzu selbstverständlich an, das bedeute die Beibehaltung des von ihnen tolerierten gegenwärtigen Zustandes. Geht aber Hindenburg mit den Hilfsvölkern des Stahlhelms in den Sieg, so bedeutet das wohl einen persönlichen Erfolg für ihn, jedoch eine Niederlage der Republik. Die Leute der Linken haben dann zwar Hindenburg gewählt, aber in Wahrheit Hugenberg in den Sattel gehoben. »Wählt am 13. März Duesterberg«, erklärte Hugenberg vor ein paar Tagen im Sportpalast. »Was dann weiter zu geschehen hat, bitte ich freundlichst mir zu überlassen.« Man darf sicher sein, daß Brüning in jeden Schacher einwilligen wird, um die Kandidatur Hindenburg zu retten. Brüning hat neulich im Reichstag erklärt, er wäre bei den Verhandlungen mit Hitler bereit gewesen zu resignieren, nur habe er sich geweigert, den »gesamten Staatsapparat« an die Nationalsozialisten auszuliefern. Darum handelt es sich bei Hugenberg gewiß nicht. Hier wird die Form besser gewahrt bleiben. Hier kann Brüning im Interesse der heiligen Einigkeit ohne Gewissensskrupel verzichten. Den Weg dazu bietet die Kandidatur Duesterbergs, eine Hintergrundssache gewiß. Aber wenn der erste Wahlgang unentschieden bleibt, wird über ihre Bedeutung kein Zweifel sein. Die Sozialdemokratie fragt nicht, fordert nicht. Die Hindenburgwähler torkeln ins Ungewisse. Die Weltbühne, 8. März 1932 1049 Wer hat gesiegt? Der Ausgang der Präsidentenwahl wird von den beteiligten Parteien sehr verschieden ausgelegt werden. In der Tat hat er nur einen Sinn: die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes hat dem Fascismus eine Absage erteilt! Gewiß ist der Stimmenzuwachs, über den Hitler quittieren kann, nicht unerheblich, und er wird bei den bevorstehenden Preußenwahlen schwer ins Gewicht fallen. Aber das, worauf es dem Fascismus ankam, die ganze Macht mit einem brutalen Griff zu erobern, das ist vorbeigelungen. Der antikapitalistisch aufgezogene Betriebsanwalt der Schwerindustrie, der rotgestempelte Klopffechter der weißen Reaktion schließt seine legale Periode einstweilen mit hohem Defizit ab. Adolf Bonaparte muß weiter auf seinen 18. Brumaire warten. Ärger noch ist die Schlappe Hugenbergs. Es ist im Augenblick noch nicht zu übersehen, ob noch ein zweiter Wahlgang erforderlich werden wird. Aber sicher ist, daß Duesterbergs zweieinhalb Millionen die letzte Entscheidung nicht mehr beeinflussen können. Damit löst sich die Kalkulation Hugenbergs ins Nichts auf. Hitler hat noch am Tage vor der Wahl in einem Interview erklärt, er würde ebensoviel Stimmen erhalten wie Hindenburg. Er hat sich gröblichst getäuscht. Nicht die Tatsache des Unterliegens allein bedeutet die Gefahr für ihn sondern die Länge der Strecke, um die er zurückblieb. Und in höherm Maße noch seine großmäulige Agitation, die alles auf eine Karte setzte. Es wird diesmal um Sein oder Nichtsein gewürfelt, rief der berliner Tribun pathetisch aus. Kein Parteiführer von gesundem Menschenverstand wird sich so weit vergessen, die mögliche Niederlage dem endgültigen Ruin gleichzusetzen. Es ist behauptet worden, Hitler selbst sei gegen die eigne Kandidatur gewesen und nur durch seine ehrgeizigen Abteilungschefs vor die vollendete Tatsache gestellt worden. Ein seltsamer Führer, der sich von den Herren Unterführern ans Leitseil nehmen läßt. Soweit die Geschlagenen. Und nun die Sieger. Da erhebt sich die Frage, wer denn eigentlich gesiegt hat. Ein bunter Heerhaufen von Westarp bis Wels ist für Hindenburg ins Feld gerückt. Diese Kandidatur beruhte einzig auf dem persönlichen Vertrauen zu Hindenburg. Sie hatte sonst kein politisches Profil. Sie war nicht an Forderungen geknüpft, nicht von Garantien abhängig. Die Propaganda war so, als bemühte man sich, dem Herrn Reichspräsidenten zu verbergen, daß er diesmal der Mann der Sozis sei. Und doch wäre diese Hindenburgschlacht ohne das schwere Fußvolk der Sozialdemokratie, ohne das Pionierkorps der Gewerkschaften von vornherein verloren gewesen. Der kaiserliche Marschall, der sich einmal zur Dolchstoßlegende bekannt hat, ist von den »Novemberverbrechern« gerettet worden. Auch diesmal ist, wie in allen innern politischen Schlachten seit 1918, der unbekannte Soldat der Sozialdemokratie der wirkliche Held gewesen. Die Sozialdemokratie hat mit einem heroischen Krafteinsatz die Reste der bürgerlichen Demokratie vor der letzten Demolierung bewahrt. Wer von den feinen Herren der Hindenburg-Komitees hat sich jemals auch nur zufällig dort aufgehalten, wo es galt, die Republik zu verteidigen? Unbekannter Soldat der Sozialdemokratie, geduldigster aller Kämpfer, wenn du doch einmal erlegen sein wirst – keiner der gebügelten Treviranen wird vor deinem Ehrengrab achtungsvoll den Zylinder lüften, denn du wirst niemals eines erhalten. Der Reichskanzler selbst hat sich im Parlament gerühmt, gegen die Revolution gestanden zu haben, und Minister Groener hat seine Verbündeten von der Eisernen Front leichtherzig mit den Messermännern von Boxheim verglichen. Die Sozialdemokratie hat ihre Schuldigkeit getan. Jetzt wird man sie nicht mehr bemühen. Die sozialistischen Arbeiter, die sich eingebildet haben, für das Gesetz, für die republikanische Verfassung zu stimmen, haben in Wahrheit für die Notverordnungen und für Herrn Groener gestimmt. Der Triumph Hindenburgs wird in der Praxis zur Bestätigung des gegenwärtigen Reichskabinetts und seiner Politik werden. Wenn die sozialdemokratische Führerschaft schon zur Parole für Hindenburg entschlossen war, so hätte sie es nicht ohne feste Zusicherungen tun dürfen. Politik kennt keine Dankbarkeit. »Wir verlangen Ware für unser Geld.« Diese Formulierung des Herrn Goebbels klingt nicht ganz christlich, aber sie ist leider richtig. Die Sozialdemokratie hat demutsvoll Leib und Seele in ein sehr irdisches Geschäft gesteckt und ihm damit einen wahrhaft sakralen Charakter verliehen. Sie hat dem Kaiser gegeben, was Gottes ist. Hitler ist geschlagen, und dennoch dürfte diese Niederlage nicht zur Katastrophe ausarten. Brüning, der so oft seine Bereitwilligkeit versichert hat, Hitler in die Regierung aufzunehmen, wird dafür sorgen, daß der Nationalsozialismus nur gedämpft, nicht zerschmettert wird. Wenn Hitler ein geordneter Rückzug gelingt, bleibt er noch immer eine ansehnliche Macht, mit der es sich zu paktieren lohnt, deren Feindschaft gefährlich werden kann. Ein Prinzip ist abgelehnt worden, der Fascismus. Aber welches hat denn nun gesiegt? Daß diese Frage nicht beantwortet werden kann, daß niemand auf der Linken daran denkt, sie überhaupt zu stellen, bezeugt am besten, daß sich nichts an jener Atmosphäre geändert hat, in der das Hitlertum so üppig gedeihen konnte. Noch immer hat sich bisher jeder Sieg der Republik schließlich ins Gegenteil verkehrt. Das wird auch diesmal nicht anders kommen. Der geschlagene Hitler ist den reaktionären Exzellenzen der Hindenburgfront lieber als die eignen siegreichen Soldaten. Wie lange noch, Catilina? donnerte Cicero. Noch sehr lange, Cicero! flüsterte Catilina. Die Weltbühne, 15. März 1932 1050 Gang zwei Der erste Gang hat mit dem Sieg Hindenburgs geendet. Die Sozialdemokratie hat dem alten Marschall einen gewaltigen Vorsprung gesichert. Duesterberg und Hugenberg, die sich zwischen den Fronten einen kleinen Sonderprofit sichern wollten, kehren als gueules cassées aus der Wahlschlacht zurück. In Preußen hat Otto Braun soeben mit einem kräftigen Trompetenstoß den Wahlkampf eingeleitet. Die Preußenwahl, das ist der dritte Gang, der wichtigste, in dem Duell zwischen Republik und Fascismus. Aber Gang zwei am 10. April wird auch für das Ringen um Preußen entscheidend werden. Wir haben hier vor einer Woche am Ende der Wahlnacht die Frage aufgeworfen: Wer hat gesiegt? Darauf hat es inzwischen noch keine Antwort gegeben. Die Hindenburger feiern und haben keine Lust, sich von Skeptikern den Ausblick in eine wolkenlose Zukunft vermiesen zu lassen. Und am lautesten jubilieren wieder die Etappenschweine der politischen Linken, die sich seit September Dreißig still verhielten und sich in ihren freundlichen Winterquartieren schon eine neue Fahne nähen ließen, um sie beim Herannahen der fascistischen Truppen aufzuziehen. Heute tun sie so, als hätten sie alles allein gemacht. Es ist gewiß hart, diesen vielen glücklichen Menschen jetzt eine Denkaufgabe zumuten zu müssen, aber wir kommen nicht drum herum. Die verschiedenen Teilnehmer des Hindenburgblocks müssen jetzt endlich erklären, was sie eigentlich wollen. In der Tat, gesiegt hat keine politische These, kein Programm. Gesiegt hat nur ein sehr berühmter alter Mann. Gesiegt hat Hindenburg, ein Stück Legende, ein heroischer Rahmen, in den ein jeder nach Belieben ein buntes Geflecht von Illusionen spannen kann. Gesiegt hat ein historischer Name, der, realpolitisch betrachtet, jedoch nur ein Zero darstellt, vor das erst eine konkrete Größe zu setzen ist. Wer diese Zahl setzen darf, der wird am Ende der wirkliche Sieger sein. Was werden soll, ist am 13. März nicht entschieden worden. Nur eine Ablehnung ist, wenn auch mit erschütternder Stärke, zum Ausdruck gekommen. Abgelehnt worden ist der fascistische Cäsaropapismus, die Vereinigung von aller Macht über Geister und Leiber in der Hand eines »Führers«. Darüber herrscht Übereinstimmung, sonst findet man in Hindenburgs Mehrheit bei bestem Bemühen kein weiteres einheitliches Motiv. Die Sozialdemokraten haben für Hindenburg gestimmt, weil die Partei es so befahl. Die Mehrzahl der bürgerlichen Indifferenten, weil sie in Hitler nur einen Unruhefaktor sehen und ihnen wohl auch die Form der von den Fascisten geführten Agitation unappetitlich erschien. Die politisch Interessierten von rechts dagegen hätten viel lieber ein Bündnis Hindenburg-Hitler gewünscht als die beiden in Front gegeneinander. Es läßt sich nicht annähernd schätzen, wie viele solcher Hindenburgwähler darauf brennen, am 24. April mit ihrem Stimmzettel die »rote Wirtschaft« in Preußen zu beseitigen. Das Fazit: nach dem 10. April gibt es keinen Hindenburgblock mehr, und wenn die Sozialdemokraten, die neben dem Zentrum zwischen lauter zersplitterten und versinkenden Mittelparteien die kompakte Masse darstellen, ihren Anteil am Triumph fordern sollten, dann wird ihnen kalt bedeutet werden, daß sie, indem sie Hindenburg wählten, nur ihre verdammte vaterländische Pflicht und Schuldigkeit getan hätten. Dann wird weiter notverordnet werden, dann kann der Sturm auf die Sozialpolitik, auf die Arbeitslosenversicherung von neuem losgehen. Die Sozialdemokratie aber wird das Nachsehen haben, weil sie über kein einziges Druckmittel mehr verfügt, weil sie mit ihrer Entscheidung nicht nur Hindenburg sondern auch Brüning und Groener neu bestätigt hat. Der ›Vorwärts‹ schweigt sich über diese unangenehmen Aspekte einstweilen aus. Dafür finden aber einige jener bürgerlichen Republikaner, die sich ganz besonders für die Kandidatur Hindenburg eingesetzt haben, die Sprache der Politik langsam wieder. Das ist gewiß löblich, aber es wäre mit größerm Nutzen vor dem 13. März geschehen. Nach neune is alles aus. Nach der Wahl kann man keine Forderungen mehr anmelden. Es gibt in der Politik nichts überflüssigeres als den Wähler, der eben seinen Zettel in die Urne geworfen hat. Daß ein so kluger Mann wie Georg Bernhard das nicht weiß! Er bemerkt im ›8 Uhr Abend-Blatt‹ mit Recht, daß jene agrarischen und industriellen Schichten, die von der Regierung Brüning auf Kosten des gesamten Volkes gepäppelt worden sind, sich zu Hitler und Duesterberg geschlagen haben, während die Leute von links die Republik höher stellten als das Eigeninteresse. »Will die Regierung der Republik«, so fragt Bernhard, »nun nicht endlich die Konsequenz aus diesem offenbaren Ergebnis der Präsidentenwahl ziehen?« Da muß man mit dem Dichter sagen: »Der Rabe krächzt: Es ist zu spät!« Lieber Herr Bernhard, Sie haben uns neulich hart gerüffelt wegen unsrer Parole für Thälmann. Und doch war das die einzige Möglichkeit, um herauszukommen aus dem fatalen Wechselspiel von intellektuellem Opfer und Enttäuschung, das sich republikanische Politik nennt. Wir haben die Situation vorausgesehen, wo die sozialistischen und republikanischen Hindenburgwähler mit leeren Händen dastehen würden. Wir haben uns rechtzeitig und freiwillig ausgekreist, denn wir hatten von vornherein keine Neigung, die Schar der Leidtragenden bei dem Begräbnis der Illusionen zu vergrößern. Herr von Hindenburg hat volle Handlungsfreiheit, und ihn kann auch kein Vorwurf treffen. Er hat nichts versprochen, denn die Sozialisten und Republikaner haben ihm kein Versprechen abverlangt. Während Goebbels »Ware für sein Geld« verlangte, war für euch die Kandidatur Hindenburgs eine Sache des Glaubens und Gemütes. Heute gibt es nichts zu fordern. »Allzulange ist die Politik derer betrieben worden, die, wie sich gezeigt hat, doch Hitler wählen. Jetzt verlangen die Hindenburg-Wähler ihr Recht«, so schreibt Bernhard, und gewiß stimmen dem viele Hunderttausende zu. Einen Dreck wird man euch geben. Gearbeitet habt ihr pour le roi de Prusse, pour le président du Reich. Es kommt auf eins heraus. Zu spät! Was die republikanischen Hindenburgwähler nach dem 11. April zu erwarten haben, davon gibt eine kleine Kostprobe schon das Verhalten des Herrn Ministers Groener zu dem preußischen Vorgehen gegen die nationalsozialistische Verschwörung. Was Herr Groener unternimmt, wird praktisch zu einem Hilfsdienst für die Bedrängten, mag er gewiß auch nach einer für uns nicht durchschaubaren Theorie seine Handlungsweise höchst korrekt finden. Als Severing in einem längern Bulletin darlegte, daß für die Nacht vom 13. auf den 14. März der Bürgerkriegsapparat der N.S.D.A.P. schlagbereit war, ließ Hitler sogleich entgegnen, dies alles sei durchaus legal gewesen, denn Stabschef Röhm habe davon ja im Reichsinnenministerium Meldung erstattet. Das war, im Gegensatz zu den meisten andern Verlautbarungen des Osaf, ganz phrasenlos, ganz scharf und dezidiert. Darauf konnte es nur heißen: alles gelogen oder alles wahr! Die Erklärung Groeners ist eine Bestätigung. Es treffe zu, so wird darin ausgeführt, daß Röhm einige Tage vor der Wahl dem Minister habe melden lassen, er beabsichtige, für den Wahltag die S.A. in ihren Unterkunftsräumen zusammenzuhalten, um allen Zusammenstößen auf der Straße vorzubeugen. Gegen diese Maßnahme habe beim Reichsministerium des Innern kein Bedenken bestanden, vor allem deshalb, weil dadurch die Verantwortung der obersten S.A.-Leitung für alle Vorkommnisse klar festgestellt worden sei. Der ruhige Verlauf des Wahltages habe dieser Auffassung Recht gegeben. Was die in der Presse verbreiteten Nachrichten über Mobilmachung der S.A. und Putschabsichten betreffe, so handle es sich dabei zum Teil um alte bekannte Nachrichten. Soweit es sich um neue Nachrichten handle, würden sie unverzüglich scharf nachgeprüft. Groener fühlt sich glänzend gerechtfertigt: es ist ja nicht zum Losschlagen gekommen! Das ist aber nicht das Verdienst des Herrn Ministers sondern das der Wähler. Etwa drei Tage vor der Wahl wurde bereits davon gesprochen, Hitler ziehe seine S.A. zusammen, um im Falle des Sieges sofort mit dem Mittel des Staatsstreichs aufs Ganze zu gehen; aber auch bei einem Unterliegen mit außerordentlich hoher Stimmenziffer werde er das Glück durch einen Putsch korrigieren, die kleine Differenz mit dem Boxheimer Messer aus der Welt schaffen. Es ist anders gekommen, Hitler ist beim Wettlauf stark zurückgeblieben, und wenn auch die 30 Prozent, die er gewinnen konnte, schrecklich genug sind, so genügen sie doch nicht, um den Bürgerkrieg aussichtsreich zu eröffnen. Jedenfalls ist es am 13. März offenkundig geworden, daß auch Hitlers Macht Grenzen findet. Er hat etwas, wofür die gesamte kämpferische Potenz seiner Organisation mobilisiert war, nicht erreicht. In diesem Augenblick mußte etwas geschehen, um nach abgeschlagenem Sturm zum Gegenangriff überzugehen. In diesem Augenblick aber geschieht das Abenteuerliche: der Minister der Armee und Polizei, der Chef der gesamten Exekutive des Reichs erklärt die Veröffentlichungen der preußischen Regierung für olle Kamellen und bestätigt, daß die Massierung der S.A. an bestimmten Punkten mit seinem Wissen vorgenommen worden sei. Es ist nicht einfach, diese Gedankengänge des Ministers zum Schutze unsrer Sicherheit mit den Mitteln der Logik abzuleuchten. Groener behauptet, es hätten keine Bedenken bestanden, »weil dadurch die Verantwortung der obersten S.A.-Leitung für alle Vorkommnisse klar festgestellt worden sei.« Der Herr Minister vergißt, daß die »Vorkommnisse«, die er mit Recht befürchtete, erheblich erleichtert wurden, indem man den Bürgerkriegsgarden die Sammlung gestattete. Und was wäre wohl passiert, wenn, was durchaus möglich sein konnte, in einzelne der S.A.-Kasernen eine falsche Parole gelangt wäre? Dann hätte es Blutvergießen gegeben, und ob der Brand hätte lokalisiert werden können, ob nicht der ausgezeichnete Presseapparat der Rechten sofort einen »roten Aufstand« daraus gemacht hätte, das bleibt eine offene Frage. Zwei Rechtsputsche hat die Deutsche Republik bisher erlebt. Im März 1920 marschierte Ehrhardt von Döberitz auf Berlin, Ende September 1923 wollte die Schwarze Reichswehr von Küstrin aus vorstoßen. In beiden Fällen begann die Meuterei unter den Augen von Ministern, die sahen und nicht glauben wollten. Noske hat bis zuletzt auf Lüttwitz und Ehrhardt geschworen, und Geßler mußte seinem vaterländischen Herzen viel Gewalt antun, ehe er endlich in dem berühmten Erlaß vom 1. Oktober seine Schöpfung, die heimliche Armee, in einen »national-bolschewistischen Haufen« verwandelte. Groener hat von dem Mißgeschick seiner Vorgänger nichts gelernt. Nicht sein Verdienst ist es, wenn alles gut gegangen ist. Es gibt noch immer genug Sozialisten und Demokraten, die in Groener den starken Mann der Republik sehen, wenn sie auch in Einzelheiten mit Kritik nicht zurückhalten. Wir teilen diese Meinung nicht, wir haben oft genug klar herausgesagt, daß wir ihn für einen Gegner halten und daß er deshalb als solcher zu behandeln ist. Ein wie schwerer Gegner Herr Groener ist, das haben grade wir erfahren, und wir tragen allzu deutlich die Spuren einer frühern Auseinandersetzung mit ihm. Aber hier sind klare Verhältnisse, wir stehen Front gegen Front; wir wissen, woran wir sind. Für seine Verbündeten ist Herr Groener viel gefährlicher, denn sie wissen es nicht. Und seinen Verbündeten hat er, seit er im Innenministerium regiert, einen Rippenstoß nach dem andern versetzt. Von Wohlunterrichteten wird immer wieder versichert, im Reichswehrministerium wirtschafte ein militärisches Banausentum, das, unberührt von den Prinzipien bürgerlicher Politik, in der Privatarmee Hitlers nicht etwa die Bedrohung des republikanischen Staates sieht, sondern eine gut gedrillte Truppe, die für den Fall des Falles schon verwendbar ist. Vielleicht gestatten uns Die in Genf doch einmal eine Aufrüstung, und dann haben wir da gleich diese prächtigen braunen Kerle. Das mag uns schlichte Zivilisten aberwitzig anmuten, dennoch kann man von Offizieren immer wieder solche Meinungen hören. Soll die Deutsche Republik einer unkontrollierbaren Monomanie geopfert werden? Sollen die Militärs sich mit den Feinden der Republik aus falsch verstandenem Ressortinteresse zu rangieren versuchen, während Republikaner entschlossen sind, bis zum letzten zu kämpfen? Natürlich wird auch in der Bendler-Straße nicht der hundertprozentige Fascismus gewünscht, das müßte ja das Ende für eine Reihe glanzvoll begonnener Karrieren bedeuten. Aber sein militärisches Exterieur sticht in die kundigen Generalsaugen, man möchte ihn einordnen, ihn verwenden – den Preis des Paktes mag die Republik bezahlen. Es ist kein Zufall, daß es grade Herren aus dem Wehrministerium waren, die Anstrengungen machten, Hitler mit Brüning zu versöhnen. Und es ist ebenso wenig ein Zufall, daß sich jetzt der Reichswehrminister persönlich bemüht, Hitlers Schlappe nicht in eine Katastrophe ausarten zu lassen. Herrn Groener, der ein so ungewöhnlich entwickeltes Gefühl für die äußere Sicherheit des Staates besitzt und der jeden harmlosen Zeitungsartikel mit dem Schleppsäbel verfolgt, fehlt der Sinn für die innere Sicherheit des Staates. Mag man ihm subjektiv den besten Glauben zubilligen, objektiv trägt sein Verhalten die ewigen Merkmale des Verrats. »Großmutter« ist nicht gestorben, wie Hitler dachte. Aber solange Groener den Arzt spielt, wird das Befinden der alten Dame weiter zu wünschen übrig lassen. Die Weltbühne, 22. März 1932 1051 Das Ende der Pressefreiheit Das offizielle Deutschland feiert Goethe, aber nicht als Dichter und Künder, sondern vornehmlich als Opium. Goethe als Betäubungsmittel, Goethe als künstlerisch ausgeführter Paravent zwischen Volk und Wirklichkeit. Die Spitzen eines halb fascisierten Staates feiern die Unendlichkeit des Geistes, infolgedessen findet wenig Beachtung, wie eifrig die Zensur grade jetzt daran ist, die Geister zu binden. Literatur, Presse, Film, Funk und bildende Kunst, sie alle können von der amtlichen Interpretation der durch die Verfassung garantierten Meinungsfreiheit ein mißtönendes Lied singen. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, die Zensur beschränkte sich auf die wohlbekannten großen Fälle. Der Prozeß George Grosz, die Kämpfe um den Remarque-Film, den Granowsky-Film zeigten mehr die öffentliche Gefahr als ihre heimlichen Fortschritte. Es wird genug Gutmeinende geben, die das Bestehen einer Zensur in Deutschland überhaupt bestreiten werden. Sehr richtig, eine nominelle Zensur gibt es in Deutschland nicht, und trotzdem fallen Bücher wie Kräuter im Maien, trotzdem wird der Bereich des für publizistische Behandlung Möglichen immer enger. Die deutsche Zensur, das ist ein höchst undurchsichtiges Kapitel, das den Versuch rechtfertigt, in diesem Heft der ›Weltbühne‹, wenn auch ohne Anspruch auf Vollständigkeit, über ihre Mittel und Wirkung Aufschluß zu geben. Kürzlich ist ein bemerkenswertes Buch erschienen »Der polizeiwidrige Goethe«, eine wirklich aktuelle Gabe neben allzu vielen feierlichen Papierkränzen. Verfasser ist Professor H. H. Houben, der ausgezeichnete Sammler und Redaktor von Dokumenten aus dem Vormärz. Die Lektüre ist ebenso erheiternd wie bestürzend; man erfährt daraus, wie dem Olympier mit der Zensorenschere zugesetzt wurde, was für dümmliche Verballhornungen er sich gefallen lassen mußte, und man begreift, was für Ärger er sich in dem berühmten Vers vom Herzen dichtete: Hafis auch und Ulrich Hütten mußten ganz bestimmt sich rüsten wider braun und blaue Kutten; meine gehn wie andre Christen. Der Geheimerath und Antipolitiker Goethe war weder ein aufsässiger Untertan noch ein unbarmherziger Kritiker bestehender Staatsordnung. Und trotzdem liegt in diesem Vers die deutliche Erkenntnis einer miterlebten Wandlung: die Zensur hatte sich säkularisiert, sie war aus Priesterhänden endgültig an die weltliche Macht übergegangen. Der feudalistisch-bureaukratische Staat tarnte sich nicht mehr theologisch sondern mit romantisch-reaktionären Philosophemen, und die herrschenden Schichten des heutigen demokratisch-bureaukratischen Staates denken noch weniger daran, zur Verteidigung ihrer sozialen Position den lieben Gott zu bemühen. Allerdings auch keine Philosophie mehr; ein höchst unmetaphysischer aber auch juristisch wenig stichhaltiger Ordnungsbegriff genügt, um das ehrwürdige liberale Palladium der Gedankenfreiheit auf den Kehricht zu werfen. Unsre Republik trägt unter ihrem bürgerlichen Hauskleid eine Kombination von dickstem Militärtuch, und ein Marquis Posa, dem es einfiele, ihr die Wahrheit zu sagen, würde bei seinem zweiten Erscheinen kaum ungemeldet vorgelassen werden, sondern schon bei der ersten Audienz unter den Artikel 48 fallen. In der Weimarer Verfassung heißt es allerdings: »Jeder Deutsche hat das Recht, innerhalb der Schranken der allgemeinen Gesetze seine Meinung durch Wort, Schrift, Druck, Bild oder in sonstiger Weise frei zu äußern«. Das steht da so schön voll und rund, daß es endlich, entsprechend intoniert, von Richard Tauber gesungen werden sollte. In Wahrheit gleicht jedoch dieser Artikel 118 noch mehr als viele andre einem jener Palimpseste, wo der alte Text durch späteres Gekritzel und Schichten von Staub und Vogelleim völlig überdeckt ist. Den Zensor mit Rotstift und Schere, dieses ehrwürdige Gespenst mit Zopf und Klebelocken, gibts nicht mehr. Dafür ist der klare Sinn der Konstitution von Verwaltungsmaßnahmen, Polizeiedikten, lokalen Verfügungen und, zuletzt nicht weniger, von Justizwillkür bis zur Unkenntlichkeit überklebt worden. Und als ob auch das nicht genügte, kamen endlich die Notverordnungen, um die letzten formalen Hemmnisse zu beseitigen. »... meine gehn wie andre Christen.« Und oft auch wie andre Konfessionslose. Sie gehn nicht wie Torquemada sondern wie jeder bürgerliche Beamte, wie sozialdemokratische Polizeipräsidenten. Es gibt keine Zensur, aber es gibt Behörden, die dieses Buch oder jenen Zeitungsartikel staatsgefährlich oder für gewisse Volksschichten verletzend finden, und sie fischen aus den ordnungspolizeilichen Bestimmungen irgend eines vermotteten Landrechts die erforderlichen Paragraphen. Gegen eine Zensur, die in einer dafür bestellten und bezahlten Amtsperson ihre Verkörperung findet, kann man kämpfen. Man kann sie abschaffen. Aber was ist die Zensur in Deutschland? Jeder Gendarm, jeder Zöllner, der Anstoß nimmt. Jeder Vereinsmufti, der sein berufsständisches Gefühl gekränkt sieht und einen Magistrat zu mobilisieren versteht. Jede alte Moralvettel, die anonyme Briefe schreibt. Jeder Stahlhelmpapa, der sich über ein Drama von Toller in der Schulbibliothek aufregt. Jeder besorgte Herr aus dem Auswärtigen Amt, der ausländische Empfindlichkeiten angekratzt sieht. Jeder Minister, der die schlechte Laune seiner Koalitionsfreunde fürchtet. Und notfalls tritt sogar der Schah von Persien respektheischend in deutsche Offizialbezirke ein. So mischen sich die Motive in verwirrendster Weise. Es gibt keine Einheitlichkeit der Argumentation, sondern nur eine Einheitlichkeit des Zugriffs. Es gibt keine Maßstäbe, sondern nur ... Rücksichten. Auf der Börse der Couloirpolitik haben Literatur und Presse nur die Bedeutung von Kompensationsobjekten. Niemand weiß, wie viele Zeitungen beschlagnahmt, wie viele Verfahren angestrengt wurden, nur um eine Fraktion zu bewegen, einen heiklen Antrag nicht einzubringen. Die Zensur ist körperlos, aber sie funktioniert trotzdem. Und dabei war die politische Parteipresse niemals so dumm und roh wie jetzt, wo sie unter Generalvormundschaft steht. Die nationalsozialistischen Blätter bilden eine einzige Aufreizung zum Schädelspalten, und wenn einmal eingeschritten wird, so muß zur Gesellschaft gleich ein rotes Blatt mit. Die Störer jeglicher Ordnung und Sicherheit sitzen, wie zu Kaisers Zeiten, links. Nationalismus und Fascismus fühlen selbst noch in der Strafe eine nonchalante Hand. Der preußische Ministerpräsident hat in seiner letzten Landtagsrede ausgeführt, die überwältigende Zunahme der Hitlerstimmen in Ostpreußen müsse auf die verheerenden Wirkungen eines nationalistischen Hetzromans zurückgeführt werden, der mit unverantwortlichem Leichtsinn eine polnische Invasion an die Wand malt. Otto Braun war höflich genug, nicht hinzuzufügen, daß es sich dabei um den auch von uns charakterisierten Roman »Achtung! Ostmarkenfunk« von Hans Nitram handelt. Dieser »Nitram« ist, wie wir vor einigen Wochen mitteilen konnten, ein aktiver Reichswehroffizier, ein Oberleutnant Martin, Adjutant beim Ausbildungs-Bataillon des 3. (Preußischen) Infanterie-Regiments in Marienwerder. Es ist uns nicht zu Ohren gekommen, daß man Nitram so behandelt hat wie etwa einen jungen kommunistischen Schriftsteller, der seine Parteigesinnung episch umzusetzen versucht. Der Kuriosität halber sei nur erwähnt, daß anscheinend auch der Heeresleitung die literarisch begabten Offiziere auf die Nerven fallen, denn Herr General von Hammerstein hat neulich den folgenden inhaltlich wie stilistisch gleich beachtlichen Befehl herausgegeben: »Die Maßnahmen, die die Schreibweise im Heere verringern sollen, schließen den höhern Zweck in sich, die Verantwortung der einzelnen Personen zu schärfen und die Persönlichkeitswerte zu heben.« Das ist nun wieder etwas zu allgemein ausgedrückt und auch zu hart, wenn auch die von geringer Schreibkundigkeit zeugende Hand auf ungeahnte Persönlichkeitswerte schließen läßt. Es soll ja nur den Nitrams das gemeingefährliche Maul gestopft, nicht aber ein junger Kleist oder Liliencron abgewürgt werden. »Wehrfreudigkeit«, das ist das neue deutsche Evangelium. Die gegenwärtige Personalunion zwischen Wehrministerium und Innenministerium bietet besondere Chancen, alles zu verfolgen, was sich dem gewünschten Schema anzubequemen weigert. Die letzte Spezialität heißt: »Beschimpfung des Soldatenstandes«. Wer den Krieg als Barbarei bezeichnet, wer es niederzuschreiben wagt, daß Töten das Handwerk des Soldaten ist und bleibt, der macht sich straffällig. Da hilft kein Hinweis auf die großen Religions- und Sittenlehrer der Menschheit, die fast alle den Krieg verworfen haben. Eine allgemeine Treibjagd auf die Freunde des Friedens und die Lästerer des Waffenspiels hat eingesetzt. Aggressiven Antimilitarismus gibt es in Deutschland schon lange nicht mehr, jetzt wird auch die abstrakte akademische Untersuchung über die moralische Legitimation des Soldatentums ebenso unter Strafe gestellt, wie die kritische Durchleuchtung militaristischer Machtansprüche. Nach der ›Weltbühne‹ ist auch gegen das ›Tagebuch‹ ein Verfahren eingeleitet worden; von einem besonders bizarren Prozeß gegen den katholischen Demokraten Werner Thormann in Frankfurt, den Herausgeber der ›Deutschen Republik‹, berichtet Rudolf Olden an andrer Stelle. Die Methodik dieses Feldzuges gegen die unabhängige Presse ist nicht zu unterschätzen. Zuerst kamen die großen Fälle dran, die grundsätzlichen Auseinandersetzungen mit der Reichswehr und gewissen bedenklichen Experimenten; das wurde als Landesverrat angesehen und entsprechend honoriert. Jetzt geht man systematisch daran, die bloße Skepsis auszurotten, die theoretischen Zeugnisse einer andern Denkart. Wer die kriegerischen Tugenden nicht als die höchsten auf Erden schätzt, ist von vornherein verdächtig und läuft Gefahr, konfisziert zu werden. So soll die öffentliche Meinung uniformiert, so soll der Anschein erweckt werden, als herrschte in allen militärischen Fragen allgemeine Übereinstimmung, als wäre Deutschland in allen seinen Gliedern wehrfreudig wie noch nie. Und während das geschieht, reist Herr Groener mit dem neuen Goetheorden geschmückt im Lande herum und nimmt das Défilée der deutschen Geistigkeit ab. Nord- und südliches Gelände ruht im Frieden seiner Hände. Nun wird der Leser hier eine begreifliche Frage einwerfen: Ist das alles denn wirklich so schlimm? Man merkt doch wenig davon! Die Blätter bringen ihre Schlagzeilen in Parteikolorit wie sonst. Die Regierung wird angegriffen. Diesem Minister wird Unfähigkeit vorgeworfen, jenem Schlappheit. Was hat sich denn unter den Notverordnungen geändert? Der Einwand ist richtig formuliert und kann ohne Kulissenkenntnis nicht anders formuliert werden. Gewiß wird noch kritisiert und polemisiert, aber es kommt bei jeder Polemik doch nicht nur auf »Schärfe« an, sondern auch auf Dichtigkeit. Die öffentliche Kritik hat ihre Intensität verloren. Und vor allem: man darf die Zeitungen heute nicht mehr nach dem beurteilen, was sie bringen, sondern danach, was sie verschweigen. Keine Linkszeitung ist heute mehr in der Lage, ihr Material so wie vor einem Jahr noch auszubreiten. Die Wirkung der Zensur ist nicht in den erreichten Konfiskationen oder gerichtlichen Bestrafungen zu suchen, überhaupt nicht in der Quantität. Diese Zensur errichtet Warnungszeichen, sie will zunächst abschrecken. Die Konsequenz für die Presse ist, daß ihr ein Thema nach dem andern entgleitet. Sie wagt nicht mehr an bestimmte Dinge zu rühren, das Risiko wäre zu groß. Ein verhängnisvoller Vorgang, denn alles vollzieht sich unsichtbar. Die Dynamik der Zeitung ist die gleiche geblieben, die Substanz aber schwindet. Der Leser merkt von alledem wenig, denn was nicht im Blatt steht, das gibt es nicht. So sinkt die Freiheit der Presse langsam in sich zusammen, nicht nur weil das im Gesetz der kapitalistischen Entwicklung liegt, das ist ein andres Stück und soll in diesem Zusammenhang nicht berührt werden, sondern weil der immer mehr diktatoriale Formen annehmende Staat in jeder fundierten gegnerischen Meinung ein Kardinalverbrechen sieht. Der Effekt bleibt nicht aus. Wir können ohne Übertreibung behaupten, daß es zum Beispiel seit dem Landesverratsprozeß gegen die ›Weltbühne‹ im vergangenen November kaum mehr eine ernsthafte Militärkritik in der deutschen Presse gegeben hat. Das Exempel hat gewirkt. Wer hat danach noch Lust, sich die Finger zu verbrennen? Das Reichswehrministerium hat, was es wollte, durchgesetzt. Es ist seitdem vor lästigen Fragen sicher. Unter den berliner Blättern haben sich die ›Berliner Volkszeitung‹ und das ›8-Uhr-Abendblatt‹ nicht einschüchtern lassen, das verdient ehrenvoll hervorgehoben zu werden. Aber jeder Unterrichtete weiß auch, daß beide wiederholt von Verbotsgefahr umwittert waren. Heute kann auf Grund der Notverordnung jedes Blatt auf Wochen und Monate verboten werden. Ein Verbot aber kann unter den jetzigen Verhältnissen kein Verleger auf sich nehmen, kein Redakteur verantworten. Denn eine Zeitung oder Zeitschrift, die ein privates Unternehmen ist und kein Parteiunternehmen, wird ruiniert, wenn sie für drei Monate von der Straße verschwindet. Sie wird niemals wiederkehren. Die deutsche Linkspresse befindet sich in einer ungeheuren Krise. Die wirtschaftliche Schrumpfung bedroht ihren Lebensboden. Die allgemeine Unfreiheit, die Furcht vor Beschlagnahmen und Prozessen nötigt sie, ihren geistigen Spielraum einzuengen und auf den besten Teil ihres Instrumentars zu verzichten. Heute wird das noch durch viel Lärm verdeckt, die Dynamik, wie gesagt, ist nicht verändert; noch immer riesige Überschriften, Bilder, großaufgemachte Lokal- und Sportsensationen, Filmskandale und Baby Lindbergh. Aber eines Tages wird der Leser sich doch fragen, warum man ihm das Wichtigste und Bewegendste seiner Tage vorenthält, er wird fragen, warum seine Zeitung so langweilig geworden ist. Das ist kein freundliches Bild, das wir hier vorüberziehen lassen, und wir denken auch nicht mit einem schön rollenden Proteste zu schließen. Unsre Väter noch gründeten Bünde im Namen Goethes und Lessings und beriefen sich mit wehender Krawatte auf den Geist der Klassiker. Vorbei die Zeit der liberalen Notablen, die mit echtem Gefühl und falschem Vokabular ihre Verwahrungen deklamierten. Alles ist heute sehr zugespitzt, die Dinge stehen bös und hart gegeneinander. Aus den Kämpfen der Geister sind nüchterne Klassenkämpfe geworden. Die junge aus dem Proletariat steigende Literatur ist unpathetisch, propagandistisch, lehrhaft. Sie ist noch herzlich unbeholfen, aber sie wird auch das Singen wieder lernen, und sie wird, vor allem, nicht mit Schikanen aus der Zeit Metternichs zu bändigen sein. Es war in der muffigsten Reaktion des Vormärz, als der junge Karl Marx diese Bemerkung niederschrieb: »Man muß jede Sphäre der deutschen Gesellschaft als die partie honteuse der deutschen Gesellschaft schildern, man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt!« Einmal werden auch die deutschen Verhältnisse wieder zu tanzen anfangen, und von der Klugheit unsrer Regierenden wird es abhängen, ob dieser Tanz der schöne, lustige Wirbel sein wird, mit dem eine Generation die andre ablöst, oder der Totentanz, mit dem eine überfällige Gesellschaft machtberauscht und ahnungslos, im Bettelputz ihrer Illusionen zu Grabe hüpft. Die Weltbühne, 29. März 1932 1052 Alba im Schlafrock Im vorigen Heft der ›Weltbühne‹ hatte sich durch zahlreiches Material und einige notwendige Bemerkungen dazu zwanglos eine Sondernummer »Zensur« gefügt. Wem unsre Feststellungen etwas zu pessimistisch erschienen, der ist inzwischen auf höchst drastische Weise belehrt worden. Denn inzwischen hat das Reichsministerium des Innern das Verbot des Films »Kuhle Wampe« vor der Prüfstelle vertreten und durchgesetzt. Gleichfalls vor acht Tagen hat Rudolf Arnheim diesen Film, den bereits Verbotsgerüchte überschatteten, hier gewürdigt. Dieses Verbot krönt frühere Zensurskandale aufs würdigste. Abwechslungshalber haben diesmal keine militärischen Momente mitgespielt sondern, wie vor alters, Kirche und Sittlichkeit. Aber den Zivil-Schleichern im Reichswehrministerium des Innern paßt eben die ganze Richtung nicht, der Film nicht und seine Motive, und die Autoren erst recht nicht. Sonst würden die Herren nicht außer Acht lassen, daß grade dieser Film Gesundheit und Ertüchtigung des Körpers feiert, zwei Dinge, die der militärische Chef dieser Behörde doch sonst als gut zu feiern pflegt. Besteht hier wieder ein Kompetenzkonflikt zwischen Krieg und Innerm? Wünscht der Innenminister fromme und gutgesinnte, wenn auch rachitische Soldaten, während sein militärisches alter ego naturgemäß auf seelische Ornamentik weniger Wert legen muß als auf grade Knochen? Wir wissen, daß Groener es schwer hat. Als ministerieller Hermaphrodit steht er oft vor harten Aufgaben, und er findet die Synthese darin, indem er in den verschiedenen Funktionen gleichartig versagt. Die »Egmont«-Aufführung im berliner Staatstheater hat bei der Kritik und bei einem großen Teil des Publikums eine sehr schlechte Note gefunden. Es wurde neben manchem Andern bemängelt, daß der ausgezeichnete Schauspieler Aribert Wäscher den Herzog von Alba nicht wie üblich im dunklen Brustharnisch spielte sondern in einem gemütlichen wattierten Schlafrock. Ich habe diese Vorstellung nicht gesehen und kann deshalb auch keine Meinung darüber haben, aber nicht alle modernen Regisseureinfälle sind ansprechend. So entsinne ich mich, vor einigen Jahren einen Schauspieler erlebt zu haben, der Philipp II. als Homosexuellen spielte und den stattlichen Darsteller des Marquis Posa während seiner langen Rede lüstern anblinzelte und endlich am Kinn krabbelte. Aber die offiziellen Besucher der »Egmont«-Aufführung, worunter sich vielleicht auch die Filmhenker aus dem Reichsinnern befanden, hatten am wenigsten Veranlassung, eine solche Auffassung der Albafigur abzulehnen. Denn dieser Diktator im Schlafrock, dieser gar nicht imposante, gespenstisch meckernde Vertreter der Staatsraison, der den Artikel 48 von Madrid nach Flandern und Brabant importiert, ist die beste Symbolisierung der Methoden, nach denen wir regiert werden. Es muß ein seltsamer Theaterabend gewesen sein. Im Parkett saß befrackt und bebändert der Staat, oben auf der Szene geisterte sein Bild. Ich möchte hier beileibe nicht Kostümgeschichte oder sonstige Geschichte treiben. Aber Fernando Alvarez Toledo Herzog Alba ist durch die Jahrhunderte eine volkstümliche Personifizierung fanatischer Ordnungsretterei geblieben, und die aktuelle Verbindung für unsre Zeit stellt sich leicht her, wenn wir ihn als Erfinder dessen vorstellen, was wir heute »wirtschaftliche Notverordnungen« nennen. Durch die »Drei Dekrete« vom März 1569 mußte jedermann von allem beweglichen und unbeweglichen Vermögen ein Prozent abgeben, fünf Prozent bei Verkauf von Grundeigentum, zehn Prozent von jeder verkauften Ware. Als dann aber kein Geld einkam, wohl aber Tumulte entstanden, schuf dieser Klassiker des Ausnahmezustandes seinen Vierten Strafsenat, den »Rat der Unruhen«. Die historische Wirkung ist bekannt. Nach sechs Jahren zog Alba davon, Leichenhügel hinter sich lassend, von den Flüchen und dem Hohn Europas verfolgt. Aus dem von ihm tyrannisierten Boden wuchs eine neue unabhängige Republik. Die deutsche Reaktion von heute hat nicht die Kraft, einen Alba zu produzieren. Diese harte, sehnige Gestalt aus der Gegenreformation, mit Gott, den Priestern und Juristen in bestem Einklang, frei von Skrupeln, mit einer Seele ohne Hintertreppe in private Moralauffassungen, kann sich nicht in Zeitläuften entwickeln, deren regierende Schichten unter dem Druck eines schlechten sozialen Gewissens agieren. Diese so stramm diktierenden Staatslenker laufen herum, halb die Verfassung, halb fascistische Kinderspiele im Herzen, eingewickelt in einen biedern wattierten Schlafrock, der mehr verbirgt als die Linien des Körpers. Wir leben in einer Diktatur, aber ihr Terror, noch immer unblutig, gibt sich hausbacken, treuherzig, schlichtbürgerlich, als Dienst am gemeinen Besten. Eine solche Politik ist weniger schrecklich als ärgerlich. Sie scheut das Blut. Sie schlägt nicht tot, sie räuchert aus. Sie versöhnt sogar manchmal durch ihre unfreiwillige Komik. Gibt es zum Beispiel ein zweites Land auf Gottes Erde, wo ein solcher Konflikt möglich ist, wie der zwischen Groener und Severing über die preußische Polizeiaktion gegen die Nazis –? Das heißt, ein richtiger Konflikt ist es nicht, denn der preußische Vertreter vor dem Staatsgerichtshof zieht mit verbindlichem Lächeln ein von Groener eigenhändig unterfertigtes Schreiben aus der Mappe, das, wenigstens für den gesunden Menschenverstand, Preußens Vorgehen legitimiert. In der Rechtspresse aber hält man entgegen: gewiß hat Groener unterschrieben, aber diese Unterschrift ist ihm abgelistet worden; er kannte den Inhalt des Schreibens nicht. Das wird in allen Rechtsblättern behauptet, und vom Reichsinnenministerium ist keine stichfeste Erklärung zu erlangen. Oder aber: über den Empfang der Naziführer bei Groener wird von diesen die Lesart ausgegeben, der Minister billige die preußische Aktion nicht. Das Ministerium rückt zwar von dieser Lesart ab – aber wie? Und die grade Herrn Groener besonders gewogene Presse vom Schlage der ›Deutschen Allgemeinen Zeitung‹ schreibt weiter, Groener denke gar nicht daran, Severing rechtfertigen zu wollen und habe das auch niemals getan. Vor dem Staatsgerichtshof vergleicht sich Severing mit Hitler in aller Stille, die Streitobjekte verschwinden plötzlich, eine amtliche Darstellung der Vorgänge ist nicht zu erlangen, und in der Presse führen die verschiedenen Lesarten eine katalaunische Schattenschlacht weiter. Wenn ein Mann wie Groener einen so wichtigen Fall dem allgemeinen Rätselraten überläßt, wenn er sogar den Vorwurf auf sich sitzen läßt, ein wichtiges Schriftstück unterschrieben und nicht gelesen zu haben, so läßt sich bei diesem kräftigen Sechziger schließlich nicht Altersschwäche annehmen sondern ein politisches Motiv. Der Herr Minister zweier Ressorts will gewiß den Staat verteidigen, aber er will auch dessen Feinde nicht verletzen. Der Verfassungsminister will Hitler in den Schranken halten, der Militärminister ihn für wehrpolitische Interessen nutzbar machen. Beide Groenerhälften sträuben sich gegen die Präsidentschaftskandidatur Hitler, aber mindestens die eine davon möchte spätere Möglichkeiten für Preußen, für das Reich offen lassen. Ein solches Spiel wäre eines Talleyrand würdig gewesen, auch der lächelnde Bülow konnte das. Aber Herr Groener ist kein wendiger Diplomat und überhaupt kein großer Geist sondern ein durchschnittlicher General, ein Politiker von spießigen Ordnungsbegriffen, wenn schon ein Alba, dann einer im gefütterten Schlafrock. Groener hatte Meriten als Chef des Transportwesens, der andre Transportfachmann ist russischer Reitergeneral. So seltsam ist es oft im Leben. Groener hat den Ehrgeiz, gleichzeitig an den zwei großen politischen Hochzeiten teilhaben zu wollen. Ich bin nicht geneigt, Herrn Groeners Rundungen Unrecht widerfahren zu lassen, aber um zugleich bei der Republik und beim Fascismus zu sitzen, dazu langt nicht einmal der dickste deutsche Ministerarsch. Groener wird bald zwischen die Stühle plumpsen, und niemand sollte den Sturz aufhalten. Nur scheint es notwendig, daß die Republik rechtzeitig ihr Tafelservice in Sicherheit bringt. Die Weltbühne, 5. April 1932 1053 Der Fall Remarque Die heutige Blüte des Nationalismus in Deutschland hat zwar nicht den allgemeinen Geist gehoben, wohl aber die Technik der Ehrabschneiderei vervollkommnet. Das ist eine Kunst, die aus dem Nichts viel hervorzaubert; sie glänzt am stärksten dort, wo gar kein Stoff vorhanden ist, wo ihre Anwürfe unklar bleiben, von den Beweisen ganz zu schweigen, und wo der Verdächtige trotzdem als ein Abgestempelter herumläuft, unfähig, sich zu verteidigen. Gegen einen körperlichen Angriff kann man sich wehren, nicht gegen ein Odium, nicht gegen ein Achselzucken, nicht gegen die vielwissende Miene: »Man weiß ja ...« Seit Jahr und Tag wird mit aller Energie gegen den Schriftsteller Erich Maria Remarque gehetzt, dem nicht verziehen wird, daß er einen Frontroman in den unfreundlichen Farben der Wahrheit geschrieben hat. Seitdem ist man unablässig bemüht, ihm etwas anzuhängen. Da er nachweislich keine groben Kriminalverbrechen begangen hat, versucht man es mit Kleinigkeiten. Remarque soll nicht Remarque heißen, sondern anders. Aus dem Recht des Schriftstellers auf ein Pseudonym wird plötzlich eine suspekte Sache. Auf dieser Linie bewegte sich lange Zeit der sogenannte Kampf um Remarque. Jetzt hat man endlich einen fetteren Happen. Remarque soll Kapital verschoben haben. Wenigstens sind auf eine Denunziation hin Vermögenswerte von ihm bei der Danatbank beschlagnahmt worden. Zwar dämpfte eine Erklärung seines Rechtsbeistandes den Sensationswert dieser Nachricht etwas, aber sogleich war doch ein neues Schlagwort da: »Remarque lebt im Ausland, er zieht es vor, das mit seinem Buche verdiente Geld anderswo zu verzehren, anstatt es seinem notleidenden Vaterland zukommen zu lassen.« Lebte Remarque hier in Deutschland, so würde es gewiß heißen: Remarque praßt, während Hitler im Kaiserhof darbt! Wahrscheinlich wird sich auch die Sache mit dem verschobenen Kapital am Ende als Verleumdung herausstellen, aber wenn die Lüge auch zerplatzt, ihr Geruch bleibt, und er bleibt nicht an dem haften, der sie aufgebracht hat. Kapitalverschiebung, das hört sich nicht schön an, und ist Remarque schuldig, so wird ihn das Gesetz zur Ader lassen müssen. Aber rechtfertigt das eine große Pressehetze? Handelte es sich nicht um einen bekannten und erfolgreichen Schriftsteller sondern um den schwerreichen Kommerzienrat X. so würde man lächelnd sagen: »Aha, der kleine Verkehrsunfall eines sonst tüchtigen Geschäftsmannes!« und zur Tagesordnung übergehen. Eine bestimmte idealistisch verkitschte Auffassung sieht den Künstler noch immer erhaben über die materiellen Notwendigkeiten des Lebens. »Willst du in meinem Himmel mit mir leben, so oft du kommst, er soll dir offen sein!«, so dichtete der selige Schiller, und er hat damit namenloses Unheil angerichtet. Denn unsre Klassiker, deren Geist so hoch flog, waren im Leben durchweg arme verprügelte Untertanen, die sich in den reinen griechischen Äther schwangen, um zu vergessen, daß sie schließlich von der Laune eines Gönners oder von einem tristen Professorengehalt existieren mußten. Deshalb war Schiller nur konsequent, wenn er den Künstler endgültig aus der Welt verbannte, in der die Prozente verteilt werden. Und deshalb gibt es immer ein so großes und peinliches Erstaunen, wenn der Künstler plötzlich wie ein hungriger Spatz aus dem Blauen geflattert kommt und sich ein Stück Torte vom Tisch holt. Der Künstler hat jedoch das gleiche Anrecht auf die allgemeinen Gebrechen wie ein jeder in andrer Branche tätige Mitmensch. Man verübelt es einem Maler, wenn er rechnen kann wie ein Bankier, man ist enttäuscht von einem Dichter, der für seine Auslandskonten sorgt, als wäre er ein national gesinnter Wirtschaftsführer. Da zerbricht man sich den Kopf über einen ehrenwerten alten Schriftsteller von streng konservativer Anschauung, der sein Haus angezündet hat, um die Versicherungssumme zu erlangen, und weil keine Anzeichen sichtbar sind, daß er plötzlich Bolschewik oder Antimilitarist geworden ist, sagt man einfach, er könne nicht mehr bei gesundem Verstande sein. Wirklich geisteskrank? Der Ärmste handelte nicht anders als ein kleiner Geschäftsmann, der sich am Ende weiß, keine Hilfsmittel mehr sieht und in einem desperaten Anfall das Glück mit einem törichten Gewaltstreich zu korrigieren versucht. Früher lag die Sündendomäne des Künstlers in den weiten Gebieten der Erotik. Heute wäre ein Fall Oscar Wilde nicht mehr möglich, und zwar nicht, weil wir freiheitlicher oder toleranter geworden sind, sondern weil wir andre Sorgen haben. Die Sünden dieser Zeit sind ökonomische. Auch der Künstler wird nur seiner sozialen Kategorie entsprechend reagieren. Es ist Dummheit und Heuchelei, ihn härter zu beurteilen, nur weil er von Berufs wegen gleichsam der Menschheit Würde zu vertreten hat. Niemand wird jemals enträtseln können, warum grade Erich Maria Remarque in der Agitation der Rechten zu einer Art von Plakatscheusal geworden ist. Sein Kriegsroman ist gewiß eine glänzende Leistung, voll von wirklichkeitsnahen Schilderungen – aber um Tat zu werden, dazu fehlt der Rest, auf den es ankommt. Auch ohne mit dem Spachtel aufgetragene Tendenz muß ein Roman, der das stärkste Erlebnis einer Generation behandelt, aus der Literatur in die Politik hineinwirken. Das ist nicht geschehen, das Buch ist nur eine interessante isolierte Leistung geblieben. Seine ungeheure Verbreitung hat dem Nationalismus keinen Abbruch getan. Es ist im Grunde effektlos vorübergerauscht. Es ist als eine Modesache aufgenommen, so gelesen und wieder weggelegt worden. Vielleicht ist das Verhalten des Autors daran nicht unschuldig. Es war von Remarque gut und geschmackvoll, daß er dem fatalen Tagesruhm auswich, der mit einem solchen Erfolg unvermeidlich verknüpft ist. Es war verhängnisvoll, daß er vor den Kämpfen kniff, die eine ebenso unausweichbare Konsequenz seines Erfolges waren. Den Angriffen auf den Roman, auf den Film, der danach gedreht wurde, setzte er ein beharrliches Schweigen entgegen. Während alles Stellung nahm, zog er sich selbst in eine bequeme Neutralität zurück, Freunden und Widersachern die Streitfrage überlassend, wie der Roman nun eigentlich gemeint sei. Die Haltung, die einem ruheliebenden Ästheten neidlos gegönnt sein mag, wird einem Schriftsteller nicht leicht durchgehen, der an das erregendste Thema unsrer Tage gerührt hat, der künstlerisch gestaltend an das gerührt hat, was Deutschland bis heute in zwei Teile spaltet: – an den Krieg. Es ist eine Albernheit, Remarque vorwerfen zu wollen, er verzehre sein Geld nicht in Deutschland. Das kommt aus der Begriffswelt von Käsehändlern, die böse sind, wenn bei der Konkurrenz gekauft wird. Es ist kein besseres Argument gegen Remarque, ihm nachzuschreien, er wäre aus Deutschland geflohen. Denn Deutschland ist heute eine Gasse, in der dumme Jungen mit Steinen und Dreck werfen. Wer es nicht nötig hat, macht einen Umweg. Remarque ist nicht aus Deutschland geflohen, sondern aus der Zeit. Er hat die Verpflichtung ignoriert, die in seiner Arbeit und in seinem Erfolge lag. Das ist der ernste Einwand gegen ihn. Das ist der wirkliche Fall Remarque. Das Buch ist heute schon vergessen. Sein Verfasser wäre es auch, wenn nicht die rachsüchtige Bosheit der Chauvinisten ihn immer wieder in Erinnerung brächte. Warum dieser Haß gegen den Autor von »Im Westen nichts Neues«? Das ist, wie gesagt, kaum zu beantworten. Vielleicht fühlen die auf der andern Seite, welch gewaltige Waffe dieses eine Buch hätte werden können mit einem Manne dahinter. Aber dieser Mann war nicht da sondern nur ein Glückskind, das einen Zufallstreffer gemacht und sich daraufhin sofort ins Privatleben zurückgezogen hat. Die Weltbühne, 12. April 1932 1054 Das Verbot der SA. Durch eine Notverordnung des Reichspräsidenten vom 13. April sind »sämtliche militärähnlichen Organisationen der NSDAP., insbesondere die Sturmabteilungen, die Schutzstaffeln, mit allen dazugehörigen Stäben und sonstigen Einrichtungen« verboten worden. Die Auflösung ging in aller Ruhe vor sich, ohne Meutereien, ohne spontane Widerstände. Die formidablen Hitlersoldaten, der Kinderschreck der Republik, trollten sich schimpfend unter Zurücklassung unflätiger Kritzeleien an den Wänden. Zwar gab es Feuersäulen und Aschenregen, aber in Südamerika und nicht in München, wo bayrische Polizei die Heiligtümer des Braunen Hauses durchstöberte. Deutschland blieb so ruhig wie es war. Das Verbot der SA. bringt die Deutsche Politik dem Wesen des Rechtsstaats einen Schritt näher. Vorbereitung zum Bürgerkrieg gilt wieder als unerlaubte Handlung, auch wenn sie sich national drapiert. Aber das Verbot setzt nur der frechen Gewaltdrohung ein Paroli entgegen, es beseitigt nicht die mehr oder minder verschämte Begönnerung des Nationalsozialismus durch manche Organe von Justiz und Verwaltung. Im Reich und in den Ländern werden auch weiterhin viele und nicht nur untergeordnete Amtspersonen sich bemühen, daß Hitlers Schlappe nicht zur Katastrophe ausartet. Bei alledem wird man sich noch fragen, was eigentlich zwischen Morgen und Mitternacht die Stimmung der Reichsregierung gegen die Nationalsozialistische Partei so gründlich gewandelt hat. Anstelle der Nachsicht plötzlich die Faust, anstelle des Augenzwinkerns der Blitz im Blicke. Der Umworbene, der Frühstücksgast von gestern unvermittelt ein Objekt der Politischen Polizei, vom Verdacht des Hochverrats und Landesverrats umwittert. In rührender Übereinstimmung mit pariser Chauvinistenblättern hat die Hakenkreuzpresse sofort außenpolitische Motive unterstellt. Brüning müsse in Genf des Vorwurfs gewärtig sein, er dulde zu Haus eine milizähnliche Truppe von dreimalhunderttausend Mann, womit die deutsche Abrüstungsforderung an den französischen Nachbarn ihre Ernsthaftigkeit verliere. Aber auch unter Linksoppositionellen hört man, das ganze Verbot sei nur Camouflage. Obgleich Rücksichten auf Genf gewiß mitgespielt haben, darf doch der außenpolitische Flair der Regierung Brüning nicht überschätzt werden. Wir wissen auch, wie kühl die Aufdeckung der Putschpläne nach dem 13. März im Reichsministerium des Innern behandelt worden ist. Es muß also inzwischen etwas sehr Alarmierendes geschehen sein, um Beschlüsse reifen zu lassen, deren bloße Andeutung vor zwei Wochen noch ganz abwegig gewesen wäre. Der preußische Ministerpräsident hat in seiner Rede im Sportpalast vom 11. April auf einige Ausführungen Hitlers hingewiesen, die dieser einige Tage vorher in Lauenburg in Pommern gemacht hatte. Was hat Hitler gesagt? »Wenn man seiner Partei vorwerfe, daß sie sich einstweilen weigere, die deutschen Grenzen zu schützen, so müsse er allerdings sagen, daß er seine Kämpfer nicht für das System opfern wolle. Er werde die Grenze erst dann schützen, wenn die Träger des gegenwärtigen Systems beseitigt wären.« In diesem Zusammenhang betonte Otto Braun, das in den Nazitresoren beschlagnahmte Material zeuge für die Verratspläne des Fascismus. Man kann daraus folgern, daß die NSDAP vorhatte, eine etwaige kriegerische Verwicklung zu einem Putsch zu benutzen, jedenfalls ergab sich daraus, daß sie nicht geneigt war, sich in die von der Bendler-Straße betriebene Wehrpolitik einzugliedern. Ihre SA. sollten eine selbständige Macht bleiben, nur den Parteizielen dienstbar, keine Miliz, kein Appendix der Armee. Und als endlich der Verdacht rege wurde, daß SA.-Leute Waffenlager der Reichswehr im Osten ausbaldowert hätten, da war auch für Groener die Grenze erreicht, die es unbedingt zu schützen galt, wenn er nicht sehenden Auges in ein zweites Küstrin schlittern wollte. Da mußten auch die diplomatischen Bureaugenerale die Frühstückstafel umstoßen und dem angenehmen Plaudergast die Pasteten ins Gesicht werfen. Es hat seinen eignen Witz, daß die erste bürgerliche Tat der Republik seit langem vornehmlich von militärpolitischen Erwägungen diktiert war. Niemals ist der Reichsinnenminister mehr Reichswehrminister gewesen als in dem Augenblick, wo er das Dekret zur Aufhebung der SA. und SS. unterschrieb. * Die Hitlerarmee existiert nicht mehr. Wo aber werden die mehreren hunderttausend Mann bleiben, die bisher von einer Hand nicht nur armiert, sondern auch bekleidet, beköstigt und behaust wurden? Das ist die andre Frage, die der Verbietende nicht leicht wird lösen können. Eins ist sicher: ohne eine großzügige Arbeitsbeschaffung, ohne einen planmäßigen Vorstoß von der wirtschaftlichen Seite her muß sich bald ein grauenhaftes Marodeurtum entwickeln. Das Land wird überschwemmt werden von Leuten, die nichts gelernt haben als Strammstehen und Schädeleinschlagen. Wir haben das alles schon einmal erlebt, und zwar bei dem Zusammenbruch der Landsknechtstruppen Ehrhardts und Roßbachs. Damals handelte es sich um kleinere Mengen von Freischärlern, die sich hauptsächlich auf Güter im Norden und Osten verteilten, wo sie als Landarbeiter verkleidet ihr Soldatenspiel fortsetzten. Heute können sich auch die Großagrarier keine eigne Garde mehr leisten. Eine furchtbare Aufgabe lastet auf dem Staat, der allzu spät zugegriffen hat, anstatt das Unwesen in seinen Anfängen zu bekämpfen. Ein Teil der enttäuschten und verbitterten Braunhemden dürfte politisch zweifellos zu den Kommunisten stoßen, was bei den Preußenwahlen schon spürbar sein wird. Man kann der KPD zu diesem Zuwachs nicht gratulieren. Der Stalinismus, in seiner Unfähigkeit, die demokratisch-republikanischen Traditionen Europas zu verstehen, hat überall auf den fascistischen Nationalismus gesetzt und namentlich für Deutschland wurde mit dessen vollkommenem Siege gerechnet. Jetzt ist die bewaffnete Armee des Nationalismus zersprengt – wie aber will die KPD die fascistischen Kombattanten verdauen, die ihr zulaufen werden? Es ist unwiderleglich, daß am 10. April zahlreiche Kommunisten für Hitler gestimmt haben. Das zeugt nicht, wie ein kommunistisches Blatt meint, von »revolutionärer Ungeduld« sondern von innerer Inkongruenz der Partei und von verdrehten Köpfen, die rechts und links nicht mehr unterscheiden können. Im übrigen lehnen wir mit aller Deutlichkeit die wutkollernden sozialdemokratischen Kommentare dazu ab, grade die Presse der SPD ist am allerschwächsten zu einem Privatissimum über Prinzipientreue legitimiert, sondern halten uns lieber an die ruhige Feststellung der ›Frankfurter Zeitung‹ vom 14. April: »... wir glauben nicht ..., daß Moskau eine andre Parole als ›Thälmann‹ ausgegeben hat. Aber wir wissen aus einer Reihe von Mitteilungen, daß in einer ganzen Zahl von kommunistischen Ortsgruppen unter der Hand (und wo das bemerkt wurde, von den Zentralstellen aus bekämpft) zur Wahl Hitlers aufgefordert wurde.« Man darf also die Lesart, es wären bestimmte Wählerschichten bewußt für Hitler abkommandiert worden, als Unsinn betrachten. Ein bitterer Geschmack bleibt dennoch zurück. Die KPD hat in ihrer Agitation grade während der letzten Jahre dem Nationalismus eine Konzession nach der andern gemacht, unter Mißachtung der sozialistischen und demokratischen Arbeiterschichten, die zu ihrer Gewerkschaft halten. Das hat dem Einigungsgedanken, der doch immer latent bleibt, schwere Choks versetzt, denn die rote Einigung wird ganz gewiß nicht im Zeichen des Opportunismus und des Wirtschaftsfriedens vor sich gehen, aber sie ist auch nicht denkbar ohne jenen berühmten Zusatz demokratischen Öls, ohne den kein auf europäischem Boden gewordener Organismus leben kann. Die KPD steht heute sehr isoliert, aber sie hat allen andern Parteien das eine voraus, noch immer eine reine Klassenpartei zu sein. Alle andern Parteien sind nicht klassenmäßig gefügt, sondern frisch nebeneinander gesetzte Farbkleckse, von einem schwachen ideologischen Fixativ mühsam gebunden. Von dem großmächtigen Hindenburgblock, der ohne Programm und Geist durch nichts zusammengehalten wurde als durch die gemeinsame Verehrung für den Herrn Reichspräsidenten, ist zum Beispiel heute nichts mehr übrig; jetzt, im preußischen Wahlkampf, schlagen sich schon die einzelnen Konsorten munter die Pantoffel um die Ohren. Die KPD ist noch keine Partei der Gestaltung sondern der Erwartung. Wann sie an die Spitze treten und die historische Mission der Arbeiterklasse weiterführen wird, kann bei den fließenden und stürzenden Wirtschaftsverhältnissen dieser Epoche niemand voraussagen. Es soll in diesem Augenblick nicht mit ihr gerechtet werden, daß sie allen denen; die von links zu ihr streben, die starre Miene einer überalterten und nirgends bewährten Orthodoxie entgegensetzt. Es soll hier nur der Wunsch ausgesprochen werden, daß die Partei gegen die hellen Haufen der von ihren Führern verlassenen Fascisten, wenn sie mit der glanzlos gewordenen entmachteten Landsknechtsfahne des Nationalismus an ihre Tore pochen, die gleiche Härte aufbringt. * Das Verbot der SA. befreit Hitler von einer schweren finanziellen Bürde. Es wäre ihm auf die Dauer unmöglich geworden, seine Armee weiter zu unterhalten, denn die Mittel fließen nicht mehr wie früher. Er ist damit aber auch seine Prätorianer los, deren sozialrevolutionäre Impulse ihn ängstigten und deren hungriges und gewalttätiges Sansculottentum oft seine Pläne durchkreuzte. Er konnte es nicht wagen, sie heimzuschicken – schon im April Einunddreißig nach der Stennesrevolte hätte ers gern getan. Jetzt haben es andre für ihn besorgt. Das geschmähte »System« hat Hitler vor der Schlußabrechnung mit seinen eignen Gurgelabschneidern bewahrt. Mit dem Verbot der SA. mindert sich aber auch der Einfluß der ehrgeizigen und herrischen Satrapen, der »Gauleiter« vom Kaliber Goebbels, die ihren erhabenen Führer in München als Operettendiva verlachten und ihm mehr als eine Perle aus der Krone holten. Die Herren Gaugrafen stützten sich weit mehr auf die Parteitruppen als auf die Partei selbst. Sie waren die eigentlichen Träger des Antisemitismus und der Boxheimerei; ihre Versammlungen waren blutrünstiges Theater, das die gemeinsten und rohesten Instinkte herauskitzelte. Sie vor allem haben Hitler und das münchner Hauptquartier verhindert, aus der Agitation in die praktische Politik einzubrechen. Jetzt birst diesen Gangsters und Fuselschiebern des Nationalismus, diesen deutschen Al Capones und Jack Diamonds, das Podium unter den Füßen. Ohne Fahnen, ohne Musik und Bockbier werden sie bald aussortiert sein oder irgendwo anders unterkriechen. Ein absurder Zeitabschnitt, in dem der Pferdehändler sich wie ein Prophet gebärdete, der Seifenreisende wie ein Messias, nähert sich dem Ende. Zweifellos wird Hitler ohne das gewohnte Brimborium auch manches einbüßen. Wenn er in ein Versammlungshaus kommt, von einigen ernsten Herren mit der Mappe unterm Arm begleitet wie andre politische Redner auch, wird die Phantasie seiner Anhänger zurückschweifen müssen in die vergangene braune Herrlichkeit. Dafür ist Hitler seiner illegalen Janitscharen los und ledig. Er ist ein streng legaler Parteiführer, mit dem man sich an einen Tisch setzen, den man zur Koalition einladen kann. Er hat einigen Nimbus verloren, aber auch ernsten Krankheitsstoff. Er muß sich heute fühlen wie ein Hypochonder, dem man soeben mit Erfolg den Blinddarm wegoperiert hat. Eines bestimmten hohen Prozentsatzes der Wählerschaft ist Hitler ohnehin sicher. Der Osten hat für ihn optiert, der agrarische Osten, nationalistisch und militaristisch von alters. Was bleibt, ist der fascistische Grundzug der Nationalsozialistischen Partei, was dahinschmilzt, ist das in den westlichen Industrierevieren und den großen Städten angeschwemmte Element roter Rebellion. Das Gesicht der Partei verändert sich, bald wird uns statt des rauhbärtigen Wotanskopfes die alte Reaktion preußischen Couleurs anblicken. Die heute regierenden Mächte werden sich dieser Entwicklung nicht entgegenstemmen, sie werden, im Gegenteil, die Zähmung der Hitlerpartei sich als großes staatsmännisches Verdienst ankreiden. Sie haben sich schon so lange an dem Nationalsozialismus gebildet, daß die Ähnlichkeit immer größer geworden ist. Was unterscheidet Brüning und Groener von einem Hitler, der nicht grade mit Schaum vor dem Munde die Massen anfeuert, sondern politisch zu argumentieren versucht? Exeunt SA. Der Wall zwischen Reichsregierung und NSDAP ist gefallen. Der Begegnung steht nichts mehr im Wege als die Erinnerung an vergangene Unstimmigkeiten. Hitler hat Deutschland von einem Ende zum andern mit Nationalismus gefüllt, er hat in die Wirtschaftspolitik den Gedanken der Autarkie eingeführt. Die Brüningregierung wird sorgen, daß da kein leerer Raum entsteht, daß namentlich außenpolitisch der Chauvinismus keine Enttäuschung erlebt und die Politik der Wilhelm-Straße dort einrückt, wo die Demagogie so heftig vorgearbeitet hat. Trotz diesen skeptischen Erwägungen bleibt das Verbot der braunen Privatarmee das denkwürdigste Ereignis seit dem 14. September 1930. Angesichts der Ruhe, mit der alles klappt, fragt man sich, wie es möglich war, so lange zu zögern. Wie hat man den Popanz doch überschätzt! Vor anderthalb Jahren wurde an dieser Stelle die Ausweisung Adolf Hitlers gefordert. Was wäre denn geschehen, wenn man damals schon zugepackt hätte? Heute wird das Haus in der Hedemann-Straße versiegelt, im münchner Parteipalais stöbert die Polizei. Zwar gibt es Feuersäulen und Aschenregen, aber weit weg – in Südamerika. Deutschland ist so ruhig wie es war. Die Weltbühne, 19. April 1932 1055 Dank vom Hause Hindenburg Die republikanischen Wähler Hindenburgs haben ihren Lohn weg. Kaum eine Woche nach der Wiederwahl des Herrn Reichspräsidenten wird der Öffentlichkeit ein Brief von ihm an den Reichsinnenminister übergeben, in dem anknüpfend an das Verbot der SA. verlangt wird, daß auch die von andern Parteien unterhaltenen ähnlichen Organisationen der gleichen Behandlung verfallen sollen. Das ist für die gesamte Rechte und ihre Anhängsel das Stichwort, das Verbot des Reichsbanners Schwarzrotgold zu fordern. Der Reichspräsident beruft sich dabei auf ihm übergebenes Belegmaterial, das, wie sich bald herausstellt, vornehmlich aus Zitaten der deutschnationalen ›Berliner Börsenzeitung‹ stammt. Der Reichspräsident wünscht Prüfung unter Berufung auf seine Pflicht, sein Amt unparteilich auszuüben und die gleichmäßige Anwendung der Gesetze zu überwachen. Wir leben in einem wohlgeordneten Staate. Das Gesetz, das, nach Anatole France, in seiner majestätischen Gleichheit, den Armen wie den Reichen verbietet, um Brot zu betteln und nachts unter den Brücken zu schlafen, dieses Gesetz gebietet auch die gleichmäßige Behandlung der Loyalen wie der Aufsässigen, die Entwaffnung aller, die für wie gegen die Regierung die Hand erheben. Wie der Prinz von Homburg vor ein Kriegsgericht kommt, weil er in einer den Vorschriften widersprechenden Weise gesiegt hat, so wird das Reichsbanner mit der Auflösung bedroht, weil es sich, ohne befugt zu sein, die Verteidigung des Staates und seiner Verfassung angemaßt hat. Wenn der Staat seine Feinde unterwerfen oder vor ihnen kapitulieren will, so geht das nur seine zur Wahrung der Autorität beamteten Hüter an. Die Untertanen haben da nicht dreinzureden. Die Bekanntgabe des Hindenburgbriefes hat einen Konflikt geschaffen, dessen Maße und Ausgang sich noch nicht übersehen lassen. Zweifellos handelt es sich um eine neue Verschwörung zum Sturze der gegenwärtigen Regierung und zur Herbeiführung eines Rechtskabinetts. Vielleicht gelingt es Brüning auch, das Ärgste abzubiegen und eine allgemeine Krise zu verhindern. Unabhängig von dem Abschluß dieser Episode aber steht die nicht fortdiskutierbare Feststellung, daß die erste merkbare Handlung des wiedergewählten Reichspräsidenten eine Abschüttelung seiner republikanischen Wähler bedeutet. Das ist der Dank des neubestätigten Reichsoberhauptes an diejenigen, die zum großen Teil mehr der Parteidisziplin als der innern Überzeugung folgend, seinen Triumph vom 10. April ermöglicht haben. Ohne die Eiserne Front wäre die Kandidatur Hindenburg von Hitlers SA. einfach in die Masurischen Sümpfe gefegt worden. Die Quittung, die die gutgläubigen Republikaner erhalten, ist streng aber nicht ungerecht. Gegen soviel Dummheit gibt es nur Stockprügel. Sie haben, ohne zu fragen, ohne zu fordern, für einen Mann gekämpft, der gefühlsmäßig zur andern Seite gehört und nach seiner ganzen Vergangenheit nichts andres sein kann als ein konservativer Militär. Sie haben den Wahlkampf so geführt, als ginge es nicht um einen Menschen, der Politik, also Menschenwerk, zu verrichten hat, sondern um eine Gestalt aus der heroischen Legende. Sie haben nicht den Präsidenten einer demokratischen Republik gewählt, sondern einen unumschränkten Monarchen. Alle Vollmachten, die sie ihm jubelnd und kritiklos mitgegeben haben, kehren sich nun in ihrer ganzen Schwere gegen sie selbst. Die republikanischen Blätter, denen der Schreck in die Knochen gefahren ist, suchen die Veröffentlichung des Briefes auf eine Intrige unkontrollierbarer Elemente zurückzuführen. Uns scheint die Frage, was mit dem Briefe gemacht wurde, weniger wichtig zu sein als die andre, wie er überhaupt geschrieben werden konnte. Herr von Hindenburg mag der richtige Präsident für Deutschland sein, das soll nicht bestritten werden, jedenfalls hat er nicht die richtigen Wähler gefunden, das dürfte wohl selbst der sozialdemokratischen Parteizentrale heute einleuchten. Die Republik setzt die absolutistischen Traditionen der wilhelminischen Zeit fort. Die Kaiserreden, die Daily-Telegraph-Affäre fanden immerhin noch stürmischen Widerspruch. Der Monarch von Gottes Gnaden stand nicht so unangefochten da wie der Präsident der Republik, den ein neues Byzantinertum auf Goldgrund setzt und dem es ein Szepter in die Hand drückt. Dauer und Festigkeit sollten durch die Wiederwahl Hindenburgs verbürgt werden. Heute, zwei Wochen nach dem 10. April, weht schon wieder Krisenluft, und der Wiedergewählte selbst gefährdet das Regime, zu dessen Erhaltung er gewählt wurde. Wir wissen von dem Vorhandensein einer Kamarilla, aber wenig von ihrer Zusammensetzung. Unsichtbare Hände greifen in das Geflecht der offiziellen Politik ein und versuchen Hitler, den vorn Hinausgeworfenen, über die Hintertreppe zurückzuführen. Ein hoher frankfurter Richter hat dieser Tage mit der gewinnenden Offenheit, die diesen unabhängigsten aller Stände auszeichnet, den Herrn Reichspräsidenten als zu bejahrt für sein schweres Amt bezeichnet. Von einem Manne in diesem Lebensalter sei kein selbständiges Urteil mehr zu erwarten, das sei gegen die Natur. Wir haben wiederholt der gleichen Meinung, wenn auch etwas dezenter, Ausdruck gegeben, da wir nicht so gut gegen den Zugriff des Gesetzes gesichert sind wie ein richterlicher Beamter. In der Tat wird damit aber nur eine Selbstverständlichkeit ausgesprochen. Hindenburg, der ohnehin Politikfremde, ist von einer Clique blockiert, die Förderung des Fascismus meint, wenn sie ihm »gleichmäßige Anwendung der Gesetze« anrät. Selten ist ein Siegesrausch so unvermittelt in den Kater übergegangen wie der nach dem 10. April. Wer aber soll jetzt die traurige Wahrheit sagen? Die ganze Linke ist mitschuldig. Die Führer sind die Gefangenen der eignen Propagandaphrasen, sie können den Massen nicht eröffnen, daß diese Hindenburgwahl ein Fehler war, dessen erste Folgen schon eine Woche später sichtbar werden. Die Weltbühne, 26. April 1932 1056 Ein runder Tisch wartet Die preußischen Wahlen haben der NSDAP keine absolute Mehrheit gebracht, wohl aber ist der Abstand, der sie davon trennt, so gering, daß er nur als Anreiz wirken kann, den Sturm so bald wie möglich wieder aufzunehmen. Die Regierung der weimarer Koalition hat eine ehrenvolle Niederlage erlitten, aber die Niederlage ist unleugbar. Unter den vielen Ratschlägen, mit denen Otto Braun in diesen Tagen bedacht wurde, ist der schlimmste, sich mit dem bisherigen Kabinett wenigstens geschäftsführend zu behaupten, bis der liebe Gott es wieder anders beschlossen hat. Auch in der Politik bevorzugt der liebe Gott die stärkern Bataillone. Mit Recht betont die ›Frankfurter Zeitung‹, daß eine von Parlament oder Verfassung sanktionierte Geschäftsführung Treuhänderschaft bedeutet. »Eine geschlagene Partei muß, wenn ihre Führer im Amt bleiben, nach diesem Grundsatz verfahren. Wird dagegen verstoßen, so wird sich das bei der nächsten Wahl bitter rächen.« Eine Regierung, deren Autorität soeben durch einen erheblichen Mißerfolg beeinträchtigt wurde, kann nicht gegen eine Partei regieren, die 37 Prozent der Wählerschaft umfaßt. Da die kommenden Monate wahrscheinlich wieder starke politische und wirtschaftliche Eingriffe erforderlich machen müssen, die Krise aber weiter wachsen und Regieren manchmal nur in diktatorischer Form möglich sein wird, so können die 37 Prozent bei einer Neuwahl im Herbst sehr wohl auf 52 Prozent anschwellen. Welche parlamentarischen Möglichkeiten gibt es heute noch in Preußen? a) Das Kabinett Braun bleibt mit geschäftsführendem Auftrag; b) Zentrum und Nazis bilden eine Koalition; c) die Regierung Braun-Severing stützt sich auf die parlamentarische Hilfe der Kommunisten; d) die Sozialdemokratie läßt die Bürgerparteien unter sich und bildet mit den Kommunisten einen oppositionellen Arbeiterblock. Wir halten nur c und d für diskutabel, b geht ausschließlich die zwei beteiligten Parteien an, a bürdet der Sozialdemokratie eine Last auf, die sie nicht mehr tragen kann und die sie auch nicht mehr tragen sollte. Die Nazis, die früher über das Reich in Preußen einbrechen wollten, rüsten jetzt, das Reich von Preußen her zu nehmen. Ob die Verständigung mit dem Zentrum gelingen wird, läßt sich nicht voraussagen. Indessen fehlt es bei beiden weder am besten Willen zur Zusammenarbeit noch zum gegenseitigen Betrug. In der Nachbarschaft der Reichsregierung gibt es auch einige unternehmungslustige Köpfe, die der Meinung sind, das Reich täte am besten, nach dem Fehlschlagen der parlamentarischen Lösungen, Preußen durch einen dazu bestellten Kommissar, etwa Stegerwald, in Zwangsverwaltung zu nehmen. Unter dem Stichwort »Reichsreform « könnten Finanzen und Polizei dem Reich einverleibt werden, in der leeren Hülse, die dann noch bleibt, mag Gregor Straßer, den Drachenkamm des National-Fascismus auf dem Haupte, ruhig als »preußischer Ministerpräsident« Platz nehmen. Es ist nur fraglich, ob sich die siegreichen Nationalsozialisten ihren Braten so leicht vor der Nase wegschnappen lassen. Und es ist nicht minder fraglich, ob das Zentrum, so verlockend es ihm auch scheinen mag, wenigstens vorübergehend Preußen unter eigne Regie zu bringen, schließlich nicht doch vor einem Wagnis zurückschreckt, dessen Mißlingen nicht auf die Partei sondern auch auf den ganzen deutschen Katholizismus zurückwirken müßte. So ist es viel wahrscheinlicher, daß das Zentrum sich eher dazu verstehen wird, die in Preußen zu schaffende Konstruktion auf das Reich zu übertragen, dessen gegenwärtige Regierung ja nicht nur im Innen- und Außenressort Provisorien aufweist, sondern auch einige Minister mit sich schleppt, deren Parteigrundlage durch die Preußenwahlen völlig fiktiv geworden ist. Wen vertritt zum Beispiel der Treviranissimus der Volkskonservativen? Was Herr Dietrich aus Baden außer seinem Defizit? Wen oder was Herr Martin Schiele, exmittiert bei Hugenberg, verzankt mit seinen Grünen? Die alte Weimarer Koalition besteht nicht mehr. Das Zentrum ist im Abmarsch begriffen, die bürgerlichen Zwischenstufen sind dahin. Die Sozialdemokratie ist außen abgeschabt, jedoch im Kern intakt. Sie hat verloren aber sich noch immer mit Bravour geschlagen. Auch die Kommunisten brüten über einer Verlustliste. Auch sie sind im Kern unversehrt, aber ihre Außenposten kleinbürgerlich randalierender Mitläufer sind zu Hitler übergelaufen. Trotzdem sind die Kommunisten das geworden, wovon der alte Liberalismus und seine durch eine erfolglose Nacht mit dem Jungdo kompromittierte Witwe, die Staatspartei, lebelang geträumt haben: der Dritte, auf den es ankommt. Die parlamentarische Zukunft Preußens hängt von den Kommunisten ab. Unter diesen Umständen haben einige Blätter plötzlich ihr Herz für die KPD entdeckt und ihr ebenso freundlich wie naiv zugeredet. Das heißt eine richtige Sache verkehrt anpacken. Es geht nicht an, die Kommunisten jetzt plötzlich als ein vorübergehend abhanden gekommenes Anhängsel der Koalition von Weimar behandeln zu wollen, nachdem man jahrelang in ihnen nicht mehr gesehen hat als eine Kolonie für Galgen und Rad, gut genug, vom Vierten Strafsenat ihrer natürlichen Bestimmung zugeführt zu werden. Selbst wenn die Kommunisten vorübergehend zu einer parlamentarischen Nothelferschaft gewonnen werden sollten, so müßte auch das von tiefgreifendster Wirkung auf die gesamte Arbeiterbewegung werden. So tragisch die heutige Situation ist, so birgt sie doch ein Glücksgeschenk: wieder stehen die beiden großen sozialistischen Parteien allein da. Die Kommunisten haben ebenso wie die Sozialdemokraten in drei enttäuschungsreichen Wahlnächten viele Illusionen entschwinden sehen. Am Tage nach der Wahl erließ die KPD gemeinsam mit der RGO. einen Aufruf, in dem es heißt: »Wir sind bereit, mit jeder Organisation, in der Arbeiter vereinigt sind, und die wirklich den Kampf gegen Lohn- und Unterstützungsabbau führen will, gemeinsam zu kämpfen! Wir Kommunisten schlagen euch vor: Sofort in jedem Betrieb und in jedem Schacht, auf allen Stempelstellen und Arbeitsnachweisen, in allen Gewerkschaften Massenversammlungen der Arbeiter einzuberufen, die drohende Lage zu überprüfen, die gemeinsamen Forderungen aufzustellen, Kampfausschüsse und Streikleitungen der kommunistischen, sozialdemokratischen, christlichen und parteilosen Arbeiter zu wählen und entschlossen den Massenkampf und den Streik gegen jeden Lohn- und Unterstützungsabbau vorzubereiten und durchzuführen.« Zugleich versicherten die kommunistischen Blätter feierlich, die Partei denke nicht daran, Preußen an das Hakenkreuz auszuliefern. Und der ›Vorwärts‹ antwortete darauf gedämpfter als sonst und verlangte nur Garantien gegen kommunistische Parteigeschäfte unter der Etikette »Einheitsfront«. Niemals war die Gelegenheit zu einer Annäherung der beiden großen sozialistischen Parteien günstiger, niemals aber auch sprach die Notwendigkeit diktatorischer. Die erforderliche Aussprache darf nicht durch allzu weitgesteckte Ziele verwirrt werden. Die Rote Einheitsfront ist ein pathetisches Sehnsuchtswort, das auf beiden Seiten schon viel Parteiegoismus verdeckt hat, viel Versuche, in den Hürden des Andern zu wildern. Wo zwei Arbeiter sich treffen, mag es seine Wirkung haben, zwei Funktionäre jedoch macht es noch argwöhnischer als sie schon sind. Lassen wir es heute beiseite, denn nicht um die Verschmelzung beider Parteien handelt es sich sondern um ein operatives Zusammengehen zur Verteidigung der Arbeiterklasse. Eines allerdings muß vorweg von beiden anerkannt werden: Reformismus und Radikalismus sind zwei natürliche, legale Zweige der Arbeiterbewegung. Der eine ragt in die Zukunft, der andre bedeutet die Gegenwart. Beider Funktionen sind lebenswichtig. Und beide laufen heute unmittelbar Gefahr, Gegenwart und Zukunft zu verlieren und historische Kategorien zu werden. Denn in dieser Epoche, das muß mit aller Schärfe gesagt werden, liegt die Initiative nicht mehr bei der Arbeiterbewegung, weder bei ihrem reformistischen noch bei ihrem revolutionären Flügel. Die Sozialdemokratie ist mit ihren opportunistischen Kniffen ebenso mit ihrem Latein zu Ende wie die KPD mit ihrem Treiben in die Weltrevolution. Primgeiger ist der Fascismus. Die revolutionäre Gärung in Deutschland rührt nicht von einer um Aufstieg kämpfenden Arbeiterschaft her sondern von einem Bürgertum, das sich gegen sein Versinken krampfhaft zur Wehr setzt. Mitten im fallenden Kapitalismus befindet sich die Arbeiterschaft in der Defensive. Das ist die größte Überraschung dieser Phase, und das allein muß die Haltung und die Wahl der Mittel bestimmen. Es wird nicht leicht sein, die Sozialisten aller Richtungen auch nur diskutierend zusammenzubringen. Sie haben sich viel angetan, und ein Generalpardon ist notwendig. Bei allen Beteiligten ist die Feindschaft traditionell geworden, gleichsam Ehrensache. Alles ist in umfangreichen, archivartig verschachtelten Gedächtnissen mit schrecklicher Genauigkeit aufbewahrt. Alle Auseinandersetzungen im Sozialismus leiden unter diesen fürchterlich geschulten Gedächtnissen. Jede Irrung des Andern, mag sie jahrealt sein, ist mit glühender Nadel in Hunderttausenden von Hirnrinden eingeritzt und brennt dort weiter. Mauern von Papier türmen sich zwischen Gutgewillten. Es kommt nicht mehr darauf an, Recht zu behalten sondern sämtliche Teile der sozialistisch organisierten Arbeiterschaft vor der Vernichtung zu retten. Wollen wir antiquierte Schlachten weiterführen, wo der Raum, in dem wir leben, immer enger wird? Wo wir immer mehr zusammengepreßt atmen müssen, wo riesenhohe Wände, von unsichtbarem Mechanismus bewegt, immer näher rücken? Es geht nicht mehr um Programme und Doktrine, nicht mehr um »Endziele« und »Etappen«, sondern um den technischen Fundus der Arbeiterschaft, ihre Presse und Gewerkschaftshäuser, und schließlich um ihr lebendes Fleisch und Blut, das hoffen und vertrauen und kämpfen will. Ich frage euch, Sozialdemokraten und Kommunisten: – werdet ihr morgen überhaupt noch Gelegenheit zur Aussprache haben? Wird man euch das morgen noch erlauben? Was sich zwischen euch aufgebaut hat, ich ignoriere es nicht. Ich kenne es besser als irgend ein Andrer. Denn ich habe in diesen Jahren von beiden Seiten Schläge erhalten. Wenn eure Parteien sich nicht zu dem allein dem Augenblick entsprechenden rettenden Schritt entschließen können, wenn Vergangenheit noch einmal die dürren Hände reckt, um die Gegenwart zu würgen, dann muß es gute Mittler geben, Parteilose, über jeden Zweifel erhaben, im Trüben fischen zu wollen, nichts für sich wünschend, für den Sozialismus alles. Sie müssen das erste Zusammentreffen in die Wege leiten. In diesen Tagen steht das Schicksal aller deutschen Sozialisten und Kommunisten zur Entscheidung. Wenn man ihre Zeitungen sieht, spürt man davon nicht viel. Der alte Krieg geht weiter. Und dennoch sind Worte gesagt worden, die nicht leicht verhallen können, und dennoch steht irgendwo ein runder Tisch und wartet. Die Weltbühne, 3. Mai 1932 1057 Die Einheitsfront der Arbeiterparteien Wir haben an eine Anzahl Politiker folgende drei Fragen gerichtet: Erstens: Glauben Sie daß die Übernahme der politischen Macht durch die Nationalsozialisten nahe bevorsteht, und daß die kommende Regierung der Nationalsozialisten sich über bestehende Verfassungsgesetze, von moralischen Hemmungen nicht zu sprechen, glatt hinwegsetzen wird? Zweitens: Halten Sie es nicht für das dringende Gebot der Stunde, daß Sozialdemokraten und Kommunisten , unbeschadet prinzipieller Gegensätze, ungesäumt eine gemeinsame Kampforganisation zum Schutze der Arbeiterschaft im ganzen, sowie lebensbedrohter Einzelner ins Leben rufen? Drittens : Wären Sie bereit, mit Ihrer Person und Ihrem Namen sich für eine solche überparteiliche, schlagfertige, sozialistische Dachorganisation zur Abwehr des nationalsozialistischen Bürgerkrieges einzusetzen? Darauf haben wir bisher folgende Antworten erhalten: Carl von Ossietzky In keinem anderen Lande als Deutschland wäre es eine schwer zu beantwortende Frage, ob die größte Partei an die Macht kommt oder nicht. Wahrscheinlich stehen jetzt monatelange Koalitionsverhandlungen zwischen Zentrum und N.S.D.A.P. bevor, deren negativer Ausgang die faschistische Gefahr nur vergrößern könnte. Ein nationalsozialistisches Regime im Reich oder in Preußen aber würde viel robustere Formen annehmen als das in Braunschweig. Ich bezweifle allerdings, ob Verfassungsverletzungen noch notwendig sein werden, nachdem die gegenwärtige Regierung von der Verfassung nur noch den Artikel 48 übrig gelassen hat. Warum sollen die Rechtsradikalen unter diesen Umständen das Odium der Illegalität auf sich nehmen? Der Mehrzahl der Beamten wird die Unterwerfung nicht schwer fallen, die Justiz wird nicht ungefällig sein. Es ist nicht eine Verschmelzung der sozialistischen Parteien anzustreben, sondern die operative Gemeinschaft, ein Kartellverhältnis. Zu diesem Zweck ist ein Kampfkomitee zu schaffen, das die Führer an den Verhandlungstisch bringt und die Aussprache von Partei zu Partei vorbereitet. In den Block der Arbeiterparteien gehören auch die verschiedenen Sezessionsgruppen, in denen sich wertvolle Kräfte unnütz verzehren. Was die beiden großen Parteien trennt, ist nicht zu unterschätzen. Aber der Opportunismus der einen hat sich heute ebenso festgerannt wie der Radikalismus der anderen. Beide Parteien sind in gleichem Maße zur Revision ihrer bisherigen Haltung genötigt. Ja, ja und nochmals ja! Montag Morgen, 9. Mai 1932 1058 Rechenschaft Ich muß sitzen! In diesen Tagen beziehe ich ein preußisches Gefängnis, um die achtzehn Monate abzusitzen, die mir der Vierte Strafsenat am 23. November vorigen Jahres wegen Landesverrats und Verrats militärischer Geheimnisse zudiktiert hat. Es ist also der Augenblick gekommen, wo ich meine Tätigkeit an der ›Weltbühne‹ unterbrechen muß. Eine so von außen erzwungene Cäsur ist wichtig genug, um Rechenschaft abzulegen über das, was in den letzten Monaten geschehen ist und zugleich den Hintergrund zu zeichnen, von dem sich der Justizfall Weltbühne abhebt. Der von der Verteidigung am 30. Dezember an den Reichspräsidenten gerichtete Antrag auf Begnadigung ist vor kurzem abgelehnt worden. »The quality of mercy is not strain'd«, sagt Portia. Gewiß ist die Qualität der Gnade bei uns nicht geringer als in Venedig, nur mit der Quantität hapert es. »Sie tröpfelt wie der milde Tau vom Himmel«, und sie tröpfelt meistens nach rechts. Dennoch würde ich es völlig verstehen, wenn Herr von Hindenburg, den ich immer eine Fehlbesetzung auf dem Präsidentenstuhl genannt habe und gegen dessen Wiederwahl ich geschrieben habe, einen Huldbeweis verweigerte. Kein Wort also gegen Herrn von Hindenburg, wenn er einen solchen Entschluß wirklich gefaßt haben sollte. Nun sprechen aber einige Gründe dafür, daß das Gesuch meines Freundes Doktor Apfel, das später noch durch eine besondere Eingabe des Rechtsanwalts Professor Alsberg gestützt wurde, niemals von der allerhöchsten Stelle geprüft worden ist. Das Gnadenverfahren dürfte bereits im Reichsjustizministerium gescheitert sein. Herr Reichsjustizminister Joel verweigerte die verfassungsmäßige Gegenzeichnung, womit das Ganze für das Staatssekretariat beim Reichspräsidenten ein gewöhnlicher Bureauakt wurde. Ebenso wurde ein etwas später vom P.E.N.-Klub und der Deutschen Liga für Menschenrechte gemeinsam gestelltes Gesuch auf Umwandlung der Strafe in Festungshaft abgelehnt. Das ist nicht verwunderlich, aber die Antragsteller waren doch sehr erstaunt, als sie den Bescheid nicht, wie sie erwarten mußten, von dem Herrn Reichspräsidenten sondern von dem Herrn Reichsjustizminister erhielten. Nach einer weitverbreiteten Meinung ist am 10. April Herr Generalfeldmarschall von Hindenburg gewählt worden und nicht Herr Dr. jur. Joel. Kürzlich ist in einer Zeitungsmeldung die Behauptung aufgestellt worden, die Sache hätte zunächst nicht so schlecht gestanden, bis dann Herr Groener sich erhoben und die Kabinettsfrage gestellt habe. Ich bin nicht unterrichtet, ob es wirklich so wild zugegangen ist, aber man braucht kein Spezialist für Daktyloskopie zu sein, um nicht in der Behandlung dieser Angelegenheit und der knappen militärischen Form der Abwimmelung die Bertillonmaße des Reichswehrministeriums deutlich zu erkennen. In welcher Weise wir vor der Gnadeninstanz argumentierten, wird in der ›Weltbühne‹ noch, durch dokumentarisches Material belegt, dargestellt werden, so daß sich die Leser selbst ein Urteil bilden können. Das Eine indessen sei versichert: wir haben nicht an weiche Gefühle appelliert sondern Recht gefordert, das durch ein Urteil verletzt wurde, gegen das keine Rechtsmittel geltend gemacht werden können. Das Reichsgericht ist ja erste und letzte Instanz, ein Vorzug, der mindestens dessen politischen Senat nicht zur besondern Sorgfältigkeit verleitet. Revision gibt es nicht, nur noch Wiedergutmachung durch die höchste Stelle der Deutschen Republik. Zudem raubte uns der Zwang zur Geheimhaltung die Chance, mit journalistischen Mitteln zu arbeiten und der Öffentlichkeit unsre Sache zu unterbreiten. Hier wenigstens hat der Vierte Strafsenat äußerst solide gearbeitet und die Sorge um die Sicherheit des Reichs mit der um die eigne großzügig verschmolzen. Man hat uns zum Stummsein verurteilt. Wie ernst es damit steht, dafür nur das eine Beispiel: unsre Verteidiger waren gehalten, das schriftliche Urteil, das nur in einem Exemplar gegeben wurde, nach Kenntnisnahme wieder zu den Akten zu reichen. So blieb also nur die Anrufung der Gnadeninstanz übrig, und, wie gesagt, unsre Begründung verhallte im Vorzimmer. Zwischen uns und der Person des Herrn Reichspräsidenten stand der Herr Reichsjustizminister wie die Wand im »Sommernachtstraum«, und kaum ein Wispern wurde jenseitig gehört. Wenn sich früher im Präsidentenpalais schwierige juristische Probleme häuften, dann pflegte der selige Ebert zu sagen: »Herr Jöl wird das schon machen!« Herr Jöl hat das auch diesmal ganz ausgezeichnet gemacht. Über eines möchte ich keinen Irrtum aufkommen lassen, und das betone ich für alle Freunde und Gegner und besonders für jene, die in den nächsten achtzehn Monaten mein juristisches und physisches Wohlbefinden zu betreuen haben: – ich gehe nicht aus Gründen der Loyalität ins Gefängnis, sondern weil ich als Eingesperrter am unbequemsten bin. Ich beuge mich nicht der in roten Sammet gehüllten Majestät des Reichsgerichts sondern bleibe als Insasse einer preußischen Strafanstalt eine lebendige Demonstration gegen ein höchstinstanzliches Urteil, das in der Sache politisch tendenziös erscheint und als juristische Arbeit reichlich windschief. Diesen Protest lebendig zu erhalten, das bin ich allen denen schuldig, die für mich eingetreten sind, obgleich die Umstände es verweigerten, ihnen genaue Kenntnis von der Materie zu geben. Das bin ich auch den namenlosen proletarischen Opfern des Vierten Strafsenats schuldig, um die sich niemand außer den Parteifreunden gekümmert hat. Denn der Fall Weltbühne ist der einzige seit langem, der eklatant geworden ist und die Öffentlichkeit wirklich erregt hat. Die große Spinne von Leipzig soll einen Bissen zu viel geschluckt haben. Damit beantworte ich zugleich eine Frage, die mich vom Abend des 23. November, wo ich auf dem Anhalter Bahnhof von einer Deputation journalistischer Ehrenjungfrauen empfangen wurde, bis heute in einigen hundert Briefen und Gesprächen bedrängt hat. Diese Frage heißt ganz simpel: »Mensch, warum türmst du nicht?« Natürlich bestreite ich das Recht des Publizisten nicht, sich dem Zugriff der herrschenden Gewalten durch die Flucht zu entziehen. Ein Recht, das übrigens jeder unschuldig Verurteilte hat, dem der normale Weg zur Rehabilitation versperrt ist oder der den Glauben an die richterliche Objektivität verloren hat. Es handelt sich aber in jedem Einzelfalle darum, das Wirksamere zu tun. Das allein muß entscheidend bleiben. Das Reichsgericht hat mich vorsorglich in unangenehmster Weise abgestempelt. Landesverrat und Verrat militärischer Geheimnisse – das ist eine höchst diffamierende Etikette, mit der sich nicht leicht leben läßt. Geht man damit ins Ausland, so wird die gesamte Rechtspresse aufjubeln: Zum Feinde geflohen! Und manche von den Leichtschwankenden werden die Achseln zucken: es muß doch etwas an der Sache sein! Der Oppositionelle, der über die Grenze gegangen ist, spricht bald hohl ins Land herein. Der ausschließlich politische Publizist namentlich kann auf die Dauer nicht den Zusammenhang mit dem Ganzen entbehren, gegen das er kämpft, für das er kämpft, ohne in Exaltationen und Schiefheiten zu verfallen. Wenn man den verseuchten Geist eines Landes wirkungsvoll bekämpfen will, muß man dessen allgemeines Schicksal teilen. Ich gehöre keiner Partei an – wohin also? Keine der Internationalen nimmt mich auf, stellt mich an einen neuen Platz. Es gibt draußen viele flotte Herren, die gern den Frieden hochleben lassen, wenn sie ihr neues Militärprogramm glücklich durchgedrückt haben, und die den deutschen Militarismus so verabscheuen, als wäre er der einzige in der Welt. Sollte der geflüchtete antimilitaristische Deutsche in ihrem Schatten gegen seine Generale und Bellizisten schreiben, das hieße seiner Arbeit einen falschen Akzent geben. Denn dann dient er gewollt oder ungewollt einem fremden Interesse, er wird eines der vielen Mundstücke fremder Propaganda. Er muß zu dem schweigen, was er sieht, um sich über das zu entrüsten, was er hinter sich gelassen hat und was mit der Zeit nicht nur den Augen sondern auch der Urteilskraft entrückt. Der politische Journalismus ist keine Lebensversicherung: das Risiko erst gibt seinen besten Antrieb. Die ›Weltbühne‹ hat in langen Jahren für deutsche Angelegenheiten oft die schärfsten und schroffsten Formulierungen gefunden. Sie hat dafür von rechts den Vorwurf der Verräterei, von links den des verantwortungslos krittelnden individualistischen Ästhetentums einstecken müssen. Die ›Weltbühne‹ wird auch weiterhin das sagen, was sie für nötig befindet; sie wird so unabhängig bleiben wie bisher, sie wird so höflich oder frech sein, wie der jeweilige Gegenstand es erfordert. Sie wird auch in diesem unter dem Elefantentritt des Fascismus zitternden Lande den Mut zur eignen Meinung behalten. Wer in den moralisch trübsten Stunden seines Volkes zu opponieren wagt, wird immer bezichtigt werden, das Nationalgefühl verletzt zu haben. Die ›Weltbühne‹ hat immer eine ganz bestimmte und deutlich gezeichnete Haltung eingenommen, und daraus ergibt sich für sie eine besonders verpflichtende Bindung an jene, die auf sie hören und die an sie glauben. Ihre Stimme kann nur Klang behalten, wenn ihr verantwortlicher Herausgeber seine ganze Person einsetzt und dann, wenn es ungemütlich wird, nicht die bequemere Lösung wählt sondern die notwendige. Etwas ähnliches muß wohl auch das Reichsgericht empfinden. Denn bis zum Vorabend meines Strafantritts hat niemand meine Bewegungsfreiheit beengt, erst heute hat man mir meinen Paß abgefordert. Meiner Abreise stand nichts im Wege. Schon aus diesem Grunde weiß ich, daß sie ein Fehler gewesen wäre. Es ist nicht meine Aufgabe, dem Reichsgericht das Leben angenehmer zu machen. Kreiser Ich bin in der Lage, die Richtigkeit meines Entschlusses an der Haltung zu kontrollieren, die mein Mitverurteilter Walter Kreiser seitdem eingenommen hat. Dem dringenden Rat aller Unterrichteten entgegen habe ich über dieses Kapitel bisher geschwiegen. Heute muß endlich gesagt werden, was vorgegangen ist. Kreiser hat sich schon eine Woche nach der Urteilsverkündung nach Paris begeben und dort später unter Verwendung des in seiner Hand befindlichen, übrigens sehr lückenhaften Prozeßmaterials im ›Echo de Paris‹ eine Campagne gegen die deutsche Militärpolitik eröffnet. Niemand von uns hat etwas von Kreisers Flucht gewußt, wir sind davon aufs unangenehmste überrascht worden. In einem Brief aus Paris hat Kreiser sowohl mir als auch Doktor Apfel das Versprechen gegeben, keine Publikation ohne meine Zustimmung zu unternehmen. An dieses Versprechen hat er sich nicht gehalten. Er salviert sich nur, indem er in seinem ersten pariser Artikel vom 9. April erklärt, die Veröffentlichung geschähe ohne mein Vorwissen: »Enfin, je dois ajouter que j'ai sollicité la publication de cet exposé sans le concours et à l'insu de M. von Ossietzky et de ses avocats, qui, pour des motifs juridiques, auraient pu ne pas l'approuver.« Nein, es sind nicht nur juristische Motive; hier irrt Kreiser. Sein Vorgehen ist nicht nur politisch schädlich sondern auch in jedem unpolitischen Sinn einfach wahnwitzig. Er hat den roten Talaren von Leipzig den unerhörten Gefallen getan, ihr Urteil nachträglich zu rechtfertigen. Ich verstehe durchaus, daß dieses Urteil bei den Betroffenen Ressentiments hervorrufen konnte, aber hier mußte eine natürliche Lebensklugheit regulieren und desperate Akte verhindern. Kreiser hat uns die Möglichkeit genommen, nach einem bestimmten Plan zu arbeiten. Er hat es nicht für nötig befunden, sich mit unsern Anwälten über die künftige Taktik auszusprechen. Er hat sich still entfernt und unter dem Patronat des Herrn Pironneau, eines erzchauvinistischen französischen Militärschriftstellers, seinen eignen Krieg eröffnet. Damit hatte Kreiser uns alle lahmgelegt. Ein paar Tage nach dem Prozeß konnten wir uns noch nicht über die künftige Strategie klar sein. Wir mußten Pressestimmen, Auslandswirkung abwarten. Nur über eines bestand bei uns nicht der mindeste Zweifel: wir wollten diese Sache nicht auf uns sitzen lassen, wir wollten unsre juristische Rehabilitation betreiben. Unser fernes, zunächst nur vage durch Zukunftsnebel schimmerndes Ziel hieß: Wiederaufnahme! Das war in dem Augenblick in Frage gestellt, wo einer der beiden Verurteilten abhanden gekommen war. Der Fall hieß zunächst Kreiser-Ossietzky. Heute heißt er überhaupt nicht mehr. Es gab eine gemeinsame Sache, das Recht auf Kritik an der Verwendung öffentlicher Mittel zu verteidigen, auch wenn dadurch unberechtigte Sonderinteressen des militärischen Ressorts verletzt werden sollten. Kreisers Artikel »Windiges aus der deutschen Luftfahrt« hatte für alle vernünftigen Menschen nur einen Sinn: er mahnte zur Budgetgerechtigkeit, zur sparsamen Verwendung von Steuergeldern. Dem Reichsgericht war es vorbehalten geblieben, durch seine Auslegung das normalste staatsbürgerliche Recht zum Verbrechen umzubiegen. Hier war der Hebel anzusetzen. Eine gemeinsame Sache Kreiser-Ossietzky gibt es nicht mehr. Nach Kreisers privater Kriegserklärung an den deutschen Militarismus mußte ich den Mund halten, denn was eben noch anständige grade Linie hatte, warf plötzlich einen fatalen krummen Schatten. Die ›Weltbühne‹ war durch Kreisers Artikel zwar gefährlich aber höchst ehrenvoll engagiert. Diese Position galt es zu festigen, statt dessen hat Kreiser sie zerstört. Von nun an hatte ich nicht mehr eine Sache sondern nur noch meine persönliche Integrität zu verteidigen. Von nun an lebte ich buchstäblich von dem Vertrauen der Leute, keiner Schweinerei fähig zu sein. Dieser Kredit ist mir – im ganzen genommen – gewährt worden. Aber eine politische Kampfbasis ist das grade nicht. Während Kreiser in Paris auf Teufel komm raus publiziert, sitze ich hier in Deutschland gleichsam als Geisel für sein weiteres Verhalten. Ich gestehe Kreiser gern zu, daß er mit seinen Aufsätzen im ›Echo de Paris‹ nur der Wahrheit zu dienen glaubt und sich als Instrument einer höhern sittlichen Ordnung betrachtet. Mit der Fühllosigkeit des echten Moralisten, dem es nur darauf ankommt, der Gerechtigkeit zu dienen, hat er jedoch nicht einen Augenblick darauf Rücksicht genommen, daß dadurch andre zu Schaden, mindestens in höchst dubiose Beleuchtung kommen könnten. Ich mache ihm keinen Vorwurf daraus, wahrscheinlich ist ihm die bloße Vorstellung davon gänzlich fern geblieben. Das ›Echo de Paris‹ ist ein hochkapitalistisches, der Rüstungsindustrie nahestehendes Organ. Sein leitender Mann, Herr Henri de Kerillis, war in dem eben beendeten Wahlkampfe der Manager der französischen Rechten. In seiner gesamten innen- und außenpolitischen Haltung entspricht es aufs Haar der ›Berliner Börsenzeitung‹, die denn auch mit fahrplanmäßiger Pünktlichkeit über Kreisers Aufsätze hergefallen ist. Zwar wagt sie nicht offen, mich der Mitschuld zu verdächtigen, aber sie konstatiert doch die »gleiche Gesinnung« und dehnt das gleich auf den gesamten deutschen Pazifismus aus, um mit einem kraftvollen Appell an Groener zu schließen, jetzt die ganze Gesellschaft endlich hopp zu nehmen. Sollte dies berliner Echo nicht Kreiser über das belehren, was er angerichtet hat? Erschütternd wirkt die Art, wie er sich mit dem Charakter des Organs auseinandersetzt, das ihm als Tribüne dient: »Mais si dans la presse française j'ai choisi l'Echo de Paris, c'est que ce journal m'est apparu comme un des plus francs, et qu'il a toujours voulu que l'on définisse exactement les buts de la politique internationale, avant de fixer les bases d'une entente. La position de l'Echo de Paris en matière de politique m'est indifférente.« Trotzdem läßt dieses »freimütige« Organ seinen neuen Mitarbeiter nicht ohne eine höchst blamable Quarantäne passieren. Kreisers erster Aufsatz erscheint mit einer redaktionellen Präambel aus der Feder des Herrn Pironneau. Zunächst einmal entschuldigt die Redaktion sich, daß einem Deutschen das Wort gewährt werde. »M. Walter Kreiser nous a demandé de faire paraître l'article qu'on trouvera ci-dessous. Bien que, jusqu'à présent, nous ayons, pour des raisons sur lesquelles il est inutile d'insister, refusé l'hospitalité de nos colonnes à diverses personnalités allemandes – journalistes ou hommes politiques – qui l'avaient sollicitée, nous avons cru devoir, à titre exceptionnel, satisfaire au désir de M. Kreiser.« Und dann darf der also bevorzugte Gast am Katzentisch Platz nehmen und das Wort an die Leser des ›Echo de Paris‹ richten, die hoffentlich ihr Blatt nicht abbestellen werden, weil ein Deutscher darin geschrieben hat. Kreiser wollte den deutschen Militarismus entlarven. Gut. Aber was er verkennt, das ist, daß es heute nichts mehr zu entlarven gibt. Die Welt hat sich still damit abgefunden, Deutschland als einen Sonderfall zu betrachten und über gelegentlich wieder aufs Tapet gebrachte militärpolitische Eskapaden ruhig zur Tagesordnung überzugehen. Es ist nicht mehr so wie in den Tagen Poincarés, wo jedes bei Stargard oder Bentschen aus einem Dunghaufen gebuddelte Maschinengewehr die Gemütssicherheit der ehemaligen Mitglieder der heute aufgelösten Firma Feindbund \& Co. erschütterte. Ob das offizielle Deutschland sich in militärischer Hinsicht an den Friedensvertrag hält oder nicht, interessiert im Grunde niemanden mehr. Die größere Anteilnahme der Welt gehört heute dem inoffiziellen Deutschland, dem Fascismus, der schon morgen die einzige Macht im Reich sein kann. Aber republikanisches oder fascistisches Deutschland, im Hintergrunde wartet etwas, das größer und beunruhigender ist als beide, das die Nerven der kapitalistischen Staaten in viele ärgere Schwankungen versetzt, und das ist Sowjet-Rußland. Daneben rückt Deutschland, werde es von Brüning oder Hitler beherrscht, auf den dritten Platz. Kreiser beachtet nicht, daß die deutschen Militärfragen viel von ihrer einstigen Sensation verloren haben. Ich möchte ihm diesen Irrtum nicht ankreiden, er teilt ihn mit seinem württembergischen Landsmann Groener. Aber was ihm jeder deutsche Friedensfreund ankreiden muß, das ist die Wahl seiner Tribüne. Das ›Echo de Paris‹ ist keine Lehrkanzel für Ideen über die Schädlichkeit des deutschen Militarismus. Kreiser glaubte gewiß von einem wichtigen internationalen Platz zur ganzen Welt zu sprechen, von einem durch seine Person gleichsam neutralisierten Forum. In Wahrheit hat er nur von Le Creusot aus gesprochen und damit entwertet, was an seinen Absichten noch diskutabel war. Er hat geglaubt, der Befreiung Deutschlands vom Geiste des Militarismus zu dienen, und in Wirklichkeit ist seine Hand geführt worden von journalistischen Werkzeugen französischer Kanonenfabrikanten, deren unsichtbarer und unfreiwilliger Auftraggeber doch der deutsche Nationalismus ist. Es ist kein Zufall, daß unter den deutschen Blättern die ›Berliner Börsenzeitung‹ am leidenschaftlichsten reagiert hat. Das entspricht den Bewegungsgesetzen der Blutigen Internationale. Was aber mag die französische Linke über einen deutschen Gesinnungsfreund denken, der sich mitten im Wahlkampf dem Blatt zur Verfügung stellt, das am wüstesten für die innenpolitische Reaktion und gegen die Verständigung mit Deutschland kämpfte, die doch das Programm aller linken Gruppen ist? Die ›Frankfurter Zeitung‹ hat kürzlich die Bemerkung gemacht, ich müßte nun dafür büßen, weil ich mich in dem Charakter Kreisers getäuscht hätte. Ich halte es nicht für die Aufgabe des Redakteurs, Charakterologie zu treiben, und übrigens hat mir Kreiser niemals Anlaß zum Mißtrauen gegeben. Er gehörte, wenn er auch in der ›Weltbühne‹ selten genug aufgetreten ist, zu dem alten Mitarbeiterstamm aus der Zeit von S.J. Der Redakteur muß von dem Schriftsteller stichfestes Material für die in seinen Aufsätzen aufgestellten Behauptungen fordern. Weitere Ansprüche hat er nicht zu stellen. Der Redakteur ist ein vielbeschäftigter Mensch, der sich nicht noch nebenbei mit Tiefenpsychologie befassen kann. Und die Voraussetzung der substanziellen Echtheit hat Kreisers Arbeit aufs glanzvollste erfüllt. Weil der Artikel stimmte, deshalb sind wir ja so hart verurteilt worden. Hätte er sich als unwahr herausgestellt – das ist eben die Absurdität der reichsgerichtlichen Judikatur in Landesverratsprozessen – so wären wir viel billiger davongekommen. Gesetzt aber, die Behauptungen des inkriminierten Artikels hätten nicht gestimmt und der Hohe Senat hätte uns nur wegen Verbreitung falscher Nachrichten einen kleinen Rippenstoß versetzt – wäre Kreiser dann ein besserer Charakter gewesen? Nein, ich lehne die als mildernden Umstand gedachte Konstruktion ab, ich wäre einem schlechten Menschen aufgesessen. Ich wiederhole auch heute noch, was ich unmittelbar nach dem Prozeß schrieb, daß Kreiser sich während der Verhandlungen ausgezeichnet gehalten hat. Das werden auch unsre Anwälte gern bestätigen. Ich denke nicht, ihn in dem, was zu dem Prozeß geführt und sich während seiner Dauer abgespielt hat, preiszugeben. Was nachher geschehen ist – damit beginnt eine neue Geschichte, wie der Dichter sagt. Kreiser hat mich später gewiß aufs schlimmste enttäuscht. Er hat seine Sache von der gemeinsamen getrennt und sich zu Handlungen hinreißen lassen, die nur noch als verrückt zu bezeichnen sind. Aber es gibt für all das nur einen Schuldigen: das ist der Urteilstenor vom 24. November. Es gibt in dieser ganzen Affäre keinen Landesverrat, keine enthüllten militärischen Geheimnisse. Es gibt nur diesen Urteilstenor. Überzeugung – oder was sonst? Der Rentenempfänger Otto Liesch hat Deutschland an Polen verraten. Man hat ihm zwei Jährchen aufgebrummt für seine abscheulichen Taten! – – – – – – – – – – – – Ich hab es gehört! Und ganz genau! Er hat dem Polen verraten: Die Zukunft von Deutschland sei nebelgrau und es gebe ne Masse Soldaten! Pscht! Walter Mehring Als ich kurz nach meiner Verurteilung in der ›Weltbühne‹ und an andrer Stelle das Wort nahm, konnte ich guten Glaubens schreiben, das Gericht hätte den Verurteilten die sogenannte Überzeugungstäterschaft zugebilligt. Wenigstens war in der mündlichen Urteilsverkündung dieser Punkt überhaupt nicht berücksichtigt. Aus dem einen Monat später zugestellten schriftlichen Urteil ergab sich indessen die Aberkennung der Überzeugungstäterschaft. Nur eine kleine Minderheit unter den Menschen wird sich durch eine gerichtliche Verurteilung nicht ungerecht behandelt fühlen. Der Schuldigste noch wird für sich so etwas wie ein anständiges Motiv herausfinden und sich rabulistisch daran klammern. Das ist eine Sache der menschlichen Selbstbehauptung, vitale Abwehr gegen die drosselnde Verzweiflung. Es begibt sich jeden Tag, daß Verurteilte in ohnmächtiger Wut gegen ihre Richter die Faust ballen. »Haschierte Hintern!« brüllt der Kellner bei Ferdinand Brückner einem Hohen Senat ins Gesicht, und ein Hoher Senat hört kaum hin, denn er kennt aus langjähriger Erfahrung derlei Reaktion. Aber als ich zum erstenmal jenes voluminöse Schriftstück las, in dem mir für eine politische Handlung die Überzeugung abgestritten wurde, da ersuchte ich zunächst meinen Anwalt, gegen die endesunterfertigten Herren eine Beleidigungsklage anzustrengen. Ich fürchte den Vorwurf nicht, aus der Sache zu viel Wesens zu machen. »Was erwarten Sie andres von einem Klassengericht?« fragt der Marxist. Nein, ich erwarte gar nichts. Der Vierte Strafsenat hat immer wieder bewiesen, daß er nicht daran denkt, Linksoppositionelle objektiv zu würdigen, und darin unterscheidet er sich nicht von den politischen Gerichten in aller Welt. Politische Justiz hat überall den Zweck, mißliebige Köpfe entweder rollen zu lassen oder bestimmte Zeit auszuschalten. Das schließt nicht ein Zeichen der Achtung für den Mann auf der Anklagebank aus. Nun haben einige der Nachkriegsdiktaturen herausgefunden, daß es doch bedenklich sei, jemanden gleichsam mit Ehrenbezeugungen auf den Sandhaufen zu führen. Deshalb koppelt man den politischen Angeklagten mit gewöhnlichen Kriminalverbrechern zusammen. Oder gefällige Hände stellen eine zweifelhafte Situation, und die Polizei setzt den Schlußpunkt. Politisches Martyrium wirkt ansteckend; Diebstahl, Betrug oder gar Sexualvergehen diskreditieren Mann und Programm. Indem das Reichsgericht in unbestreitbaren politischen Fällen die Überzeugung abspricht, wie das neuerdings Übung zu werden scheint, unternimmt es einen ersten verheißungsvollen Schritt nach dieser Richtung. Wann wird man Mißliebige mit Bigamisten oder Defraudanten zusammenketten? Das Reichsgericht hat mir die Überzeugung abgesprochen. Wenn ich aber nicht aus Überzeugung handelte – aus welchem Grunde sonst? Geld –? Das hat das Urteil nicht ausgesprochen. Es hat sich auf die allgemeine Diffamierung beschränkt, ohne sich über die Gründe näher zu äußern. Gäbe es eine Revisionsinstanz, so könnte auf Klarstellung gedrungen werden. Sagte mir ein politischer Gegner das, so würde ich Deutlichkeit verlangen, und wenn er sich drückte, ihn verklagen. In keiner Phase des Prozesses ist von einem derartigen Motiv die Rede gewesen. Ebensowenig in der Urteilsverkündung vom 23. November. Erst vier Wochen später in dem definitiven Urteil ist eine dunkle ehrabschneiderische Andeutung enthalten, ohne daß das Gericht sich bemühte, auch nur ein einziges argumentierendes Wort dafür anzuführen. Juristen mögen beantworten, ob es statthaft ist oder auch nur Brauch, in das schriftliche Urteil eine Bewertung der Angeklagten und ihrer Handlungen hineinzubringen, die bis zum Verhandlungsschluß überhaupt keine Rolle spielte oder in der mündlichen Verkündung noch nicht existierte. Hat das Gericht post festum eine Erleuchtung, was schließlich denkbar ist – darf es die als neues und umwertendes Moment in seinem Urteil verwenden, ohne einen völlig neuen Fall zu schaffen? Ich wage als juristischer Laie keine Meinung darüber zu haben. Aber als Kenner der Presse muß ich sagen, daß das höchste Gericht, Obergericht auch für Pressedelikte, indem es eine düstere infamierende Kennzeichnung auf den Weg gibt, ohne die Beschwerlichkeiten einer Motivierung auch nur zu versuchen, sich damit einer Methode bedient, die, aufs Journalistische übertragen, einer höchst bedenklichen Übung den Weg weisen würde. Immer wieder bin ich durch den Zwang gehandicapt, über die Prozeßmaterie selbst zu schweigen. Ich kann also nur auf Äußerlichkeiten Bezug nehmen, die allerdings sehr geeignet sind, ein Bild zu geben, wie es zu dieser Justifikation kam. Jeder Kenner der Justiz weiß, daß Gerichte, die nicht völlig im Mittelalter stecken geblieben sind, heute die besondere Art eines Angeklagten, sein Milieu, seine Tätigkeit, die Quellen seiner Willens- und Meinungsbildung mehr als früher berücksichtigen. Obgleich Herr Reichsgerichtsrat Baumgarten, der Vorsitzende des Vierten Strafsenats, die Verhandlungen in ungewöhnlich urbanen Formen führte, hatte er doch eine in langer Übung ausgebildete Methode, über das hinwegzuhören, was die Angeklagten sagten und was sie über sich selbst auszusagen genötigt waren. Herr Baumgarten ging daran mit einer für die Angeklagten höchst unerfreulichen Technik vorbei. Dieser sehr höfliche Herr erweckte von der ersten Minute an den Eindruck, nicht nur seine Linie sondern auch schon seine abgeschlossene Meinung zu haben. Wenn ich über mich selbst erzählen soll, so kann ich anführen, daß ich seit zwölf Jahren in der Redaktion großer Blätter gearbeitet und als Tagesschriftsteller eine vielfältige Tätigkeit ausgeübt habe, daß ich in jeder Phase bemüht gewesen bin, mir eigne Augen und eigne Haltung zu wahren. Darüber setzten sich Herr Baumgarten und sein Richterkollegium mit einer staunenswerten Virtuosität hinweg. So habe ich diese Gesichter in Erinnerung: wenn die Angeklagten sprechen, werden sie kühl, abwehrend, ungläubig und verharren endlich in einer Mischung von Skepsis und Gelangweiltheit, ein Ausdruck, der sich erst löst, wenn der militärische Sachverständige das Wort nimmt. Dann kommt eine neue freundliche Spannung in die Mienen. Was wir, die Angeklagten, ausführten, war dem Richtertisch völlig belanglos. Es ist charakteristisch, daß nicht eine Frage fiel nach dem Wesen der ›Weltbühne‹, nach ihrer besondern Art und ihren Lebensbedingungen. Es wurde alles unversucht gelassen, was das Gericht irgendwie hätte zur Objektivität verführen können. So wurde aber auch der Eindruck vermieden, es handle sich um eine Generalabrechnung mit einem mißliebigen Blatte. Das ist die taktische Leistung dieses Prozesses. Sie ist größer als die juristische. Nur ein Moment fesselte aufs lebhafteste: daß ich unmittelbar nach dem Kriege etwa ein Jahr lang Sekretär einer pazifistischen Gesellschaft gewesen bin. Daraus wurde eine dauernde »antimilitaristische Einstellung« gefolgert. Ich hätte zur Vervollständigung meiner Biographie hinzufügen können, daß der organisierte Pazifismus in meiner innern und äußern Existenz nicht mehr als eine knappe Episode bedeutete. Daß ich mit den meisten von seinen Führern seitdem verzankt bin, daß ich ihre Politik für verkehrt und selbstzerstörerisch halte. Ich verzichtete darauf, denn es wäre mir ekelhaft erschienen, mir eine Folie zu geben auf Kosten von Menschen, die der gleichen Verfolgung preisgegeben sind wie ich. Ich hätte hinzufügen können, daß ich seit meiner Trennung von den organisierten Pazifisten mich ganz dem großen Umschmelzungsprozeß der Zeit anvertraut und mir eine besonders profilierte Stellung errungen habe. Daß mein Verstand sich noch immer zu der heute so verschmähten Demokratie bekennt, während mein Herz unwiderstehlich dem Zuge der proletarischen Massen folgt, nicht dem in Doktrinen eingekapselten Endziel sondern dem lebendigen Fleisch und Blut der Arbeiterbewegung, ihren Menschen, ihren nach Gerechtigkeit brennenden Seelen. Das hätte ich sagen können – aber wozu? Ein Blick auf diese Gesichter bannte die Zunge. Abgestempelt war ich ja doch. Was hätte es für Sinn gehabt, einer einseitigen und lächerlich simplifizierenden Charakterisierung entgegenzuhalten, daß ich in den ersten im Zeichen der monarchistischen Konterrevolution stehenden Nachkriegsjahren mich an den Versuchen beteiligt habe, eine republikanische Bewegung auf die Beine zu stellen? Daß ich seit 1920 in der Redaktion der ›Berliner Volkszeitung‹ an der Schaffung der ersten republikanischen Abwehrorganisationen mitgewirkt habe, die dann später von der Entwicklung verschlungen wurden oder im Reichsbanner aufgegangen sind. Tempi passati. Warum in der Erinnerung wühlen? Und es wäre ja doch verschwendet gewesen. Ich ließ es bleiben. Und die innere Kontrolle warnte mich auch, davon Gebrauch zu machen. Ich hatte das dumpfe Bewußtsein, vor diesem Gremium höchster republikanischer Richter würde mir das nicht mehr nützen als vor dem Sanhedrin des Dritten Reiches mit Goebbels als Oberpriester. Ich hätte auch schärfer herausarbeiten können, daß zu der Zeit, als der inkriminierte Artikel erschien, im März 1929, das Auswärtige Amt unter Stresemanns Leitung noch nicht naziverseucht war, daß sein damaliger Kurs sich noch von Generalsumtrieben und Eigenmächtigkeiten des militärischen Ressorts gestört fühlte, daß an diese Stelle vornehmlich das in Kreisers Schlußsätzen enthaltene und für das Publikum unverständliche Warnungssignal gerichtet war. Wozu –? Die skeptisch machende Erfahrung sagte, daß unter den Herren Reichsrichtern gewiß der Eine oder Andre auch den Locarnopakt für ein landesverräterisches Unternehmen hält, daß Stresemann, wenn er noch lebte, heute vielleicht selbst als Angeklagter vor dem Staatsgerichtshof stünde. Ist der Kelloggpakt nicht Wehrverrat? Haben nicht richterliche Beamte in Zeitungen und öffentlichen Reden die deutschen Unterzeichner des Youngplans für zuchthauswürdig erklärt? Für das Reichsgericht genügt schon die Kenntnis »antimilitaristischer Einstellung«. Das ist Landesverrat. Ein solches Subjekt muß auch bestechlich sein. Und wenn zufällig nicht – nun, Friedensfreund sein, ist an sich schon Kriminalverbrechen, nicht Überzeugung. So wie Kommunist sein gleichbedeutend ist mit Hochverräter, Verschwörer, Bombenwerfer. Das sind die beiden Schemen des Reichsgerichts. Als ich im August 1929 von dem Untersuchungsrichter Braune vernommen wurde, fragte er mich zu meinen Personalien, ob ich gedient hätte und im Kriege gewesen wäre. Ich lehnte die Frage ab. Es ginge das Reichsgericht der Republik ohne Wehrpflicht nichts an, in welchem Militärverhältnis einer in der Kaiserzeit gestanden hätte. Herr Braune sah mich zuerst fassungslos an, dann antwortete er mit der Stimme eines verbissenen Schulmeisters: »Sie wollen das nicht sagen? Das Reichsgericht wirds schon herausbekommen!« Das ist nur eine kleine Episode, die aber den ganzen Kern der Affäre bloßlegt. Wie der Beschuldigte zum Militär steht, das ist das Einzige, was das Reichsgericht wirklich interessiert. Im Grunde sind diese Herren Reichsrichter unsicher gewordene Menschen, die ihr Schicksal in eine Zeit gestellt hat, wo alles aus den Fugen geht. Besitz, Familie, Namen, alles ist fragwürdig geworden. Was diese Herren Reichsrichter leisten, wenn sie unpolitische Rechtsfälle vor sich haben, kann ich nicht beurteilen. Aber in politischen Fällen sind sie bei aller richterlichen Tenue, die sie der roten Samtrobe schuldig sind, treue Abonnenten der ›Leipziger Neuesten Nachrichten‹, Träger eines verkniffenen Provinzpatriotismus, der mit dieser Welt, wo Konzerne verkrachen und die Jugend nackt baden geht, nicht mehr fertig wird. Der Globus tanzt nach einem Jazzorchester, alte Familiengrundstücke sinken auf Pfennigwert. Ein Landgerichtsrat erschießt seine ganze Familie. Die Frau will ein neues Abendkleid und quält den Gatten mit bürgerlichen Vorkriegsansprüchen. Die Tochter hat ein Verhältnis mit einem Monteur. Eine Autorität muß es doch geben! Diese Autorität ist wirklich da. In dem Weltbild der Richter gibt es doch einen starken, ruhenden Punkt. Auf diesem Filmband, wo alles durcheinander geht, ist ein großer gespornter Offiziersstiefel überkopiert. Das ist die letzte Autorität, an die sie glauben. Das ist die Überzeugung, die ich ihnen nicht abzusprechen vermag. Generalswirtschaft Keine der großen bewegenden Fragen der Zeit stand in unserm Prozeß zur Debatte, nichts von den ungeheuren Gegensätzen zwischen kapitalistischem und sozialistischem Denken, die heute die ganze Welt in zwei Lager teilen. Dieser Prozeß fuhr auf einem besondern deutschen Nebengleis, und deshalb wurde er auch im Auslande so wenig verstanden. Unsre Sünde ist, daß wir einen deutschen Lieblingsgedanken nicht teilen: wir glauben nicht an den Primat des Militärischen in der Politik. Das warf den breiten Graben auf zwischen uns und unsern Richtern. Überall wird heute mehr gerüstet als vor 1914. Überall tönen mehr Clairons, klirren mehr Tschinellen als vor dem Weltkriege. Die Technik hat die Stahlfabriken in die zweite Reihe, die Chemie in die erste geschoben und die gesamte Industrie in ein einziges Arsenal verwandelt. Aber nirgendwo glaubt man so inbrünstig wie in Deutschland an den Krieg als vornehmstes politisches Mittel, nirgendwo ist man eher geneigt, über seine Schrecken hinwegzusehen und seine Folgen zu mißachten, nirgendwo feiert man kritikloser das Soldatentum als die gelungene Höchstzüchtung menschlicher Tugenden, und nirgendwo setzt man Friedensliebe so gedankenlos persönlicher Feigheit gleich. Auch Frankreich, das sich mit einem Betonwall gürtet und oft genug bereit ist, europäische Vernunft einem zweifelhaften Sicherheitsbegriff zu opfern, kennt nicht diese populäre Vergötzung der Soldatenjacke, wie sie bei uns gang und gäbe ist. Selbst im fascistischen Italien ist die Trägerin eines Programm-Nationalismus nicht die Armee sondern die fascistische Miliz, und Mussolini und sein Grandi verstehen sich als Außenpolitiker heute besser auf die europäische Flöte als auf die Tuba des römischen Imperialismus. So hat sich Deutschland durch seine Überbewertung des Militärischen geistig zunehmend isoliert. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß der deutsche Kult des Soldatentums in eine Epoche fällt, in der Soldatentum im herkömmlichen Sinne immer mehr zum Anachronismus wird. Jedesmal, wenn die Romantik sich einer Sache bemächtigt und Gloriolen um sie webt, dann ist deren Zeit schon vorüber, und die Sehnsucht nur macht aus der Erinnerung einen wünschenswerten Zukunftstraum. Deutschland, unter den großen Staaten der einzige mit so engen Rüstungsschranken, träumt die wilde romantische Cimbernschlacht, wo Mann gegen Mann steht und das Herz entscheidet und nicht die technische Überlegenheit. So träumt Deutschland mitten in einer Entwicklung, wo die Dreadnoughts altes Eisen, gut genug zur Verschrottung, werden, und die Fachmänner den raffiniertesten französischen Fortifikationen nicht viel mehr Verteidigungswert zumessen als den Palisaden nackter Wilder. Die Republik hat es nicht verstanden, den spontanen Antimilitarismus, den unsre Heere aus dem Kriege mitbrachten, im eignen Interesse zu fundieren. Sie hat ihn, im Gegenteil, unterdrückt, wie sie nur konnte, und den chauvinistischen Gegenströmungen eine Konzession nach der andern gemacht, ohne daß es ihr gelungen wäre, sie mit ihrer Existenz zu versöhnen. Aus alledem aber wuchs als gefährlichste Frucht: die Suprematie der Militärs in der Politik. Alle Schwierigkeiten selbst dieser krisenhaften Zeitläufte wären nicht so arg, wenn nicht fortwährend die Herren Generale dazwischen regierten. Aus welchem Grunde grade in Deutschland die Militärs ihre Machtansprüche erheben, ist schwer erfindlich. Man kann den Herren eine Unmenge Fähigkeiten und Verdienste zusprechen, die innerhalb ihres gelernten Berufes liegen, aber eines ist ihnen immerhin nicht gelungen: sie haben nämlich den Krieg nicht gewonnen! Es mutet etwas absurd an, daß ein Stand, der die Angelegenheiten der Nation mit so eklatantem Mißerfolge verwaltet hat, der die Millionenheere dezimiert und geschlagen ans Vaterland zurückgeliefert hat, seine Prätentionen auf bürgerliche Gebiete richtet, von denen er nicht das mindeste versteht. Was würde Herr von Schleicher wohl sagen, wenn ein ehrgeiziger Zivilist sein Bemühen darauf richtete, das Kommando über eine Division zu erlangen oder sich gar das erste Wort im Reichswehrministerium zu sichern? Niemals ist in der Deutschen Republik die Generalswirtschaft resolut bekämpft worden. Kein ernsthaftes Bürgerbewußtsein zog jemals die Grenzlinien der Befugnisse. Der Kampf, der in der dritten französischen Republik mit den Diktaturplänen Mac Mahons begann und mit der zähneknirschenden Unterwerfung des Marschalls Foch unter den gewaltigen Jakobinerwillen des greisen Clémenceau endete, ist in Deutschland noch gar nicht geträumt worden. Zwar war alle paar Jahre ein unglückliches Intermezzo fällig, aber es schloß immer nur mit einem Personen- nicht mit einem Systemwechsel. Weder der Kapp-Putsch noch das Debakel der Schwarzen Reichswehr, noch die Verabschiedung Seeckts führte zu einer Revision, die die Autorität des bürgerlichen Staates im militärischen Ressort gesichert hätte. Statt dessen folgten militärische Extratouren ins bürgerlich-geschäftliche Gebiet wie die Lohmannspekulationen mit ihren phantastischen Millionenverlusten, es folgte das auch heute noch nicht wirklich aufgehellte Kapitel Canaris, dessen Schatten die ›Weltbühne‹ in frühern Jahren wiederholt aufzufangen versucht hat. Und heute sind wir glücklich so weit, daß der General, der vom Reichswehrministerium aus über die gesamte Exekutive verfügt, sich seiner Haut wehren muß gegen Untergebene, die schon drängen, ihm die Vollmachten aus der Hand zu reißen, die ihm eine bürgerliche Regierung anvertraut hat, um sie fürderhin nicht mehr auf schwächliche konstitutionelle Rechtstitel sondern auf ein Bündnis mit dem offenen Fascismus gestützt, auszuüben. Im Laufe dieser letzten Jahre haben die bürgerlichen Gewalten in zunehmendem Maße mit den Militärs teilen müssen, und sie sind dabei zusehends geschrumpft. Das ist auch in andern Ländern schon vorgekommen, aber einzigartig ist die Lethargie, mit der die deutschen Linksparteien das hinnehmen. Wenn sich morgen eine Offiziersjunta alleindiktierend aufmachte, so würden gewiß viele brave Liberale und Sozialisten den Nachweis beginnen, aus welchem Grunde dies das kleinere Übel ist. Die gelernten Marxisten zucken die Achseln: Das ist halt der Klassenstaat! Und die parteiamtlich vereidigten Stalinisten fügen noch hinzu, daß auch das revolutionäre Proletariat die Idee der Nation und der Wehrhaftigkeit nicht negiere, daß zum Beispiel in China ... Guten Abend. Der Mann aus der Staatspartei hebt die Hände: Sehr bedauerlich! Aber was soll man denn machen –? Als vor ein paar Monaten Herr General von Schleicher die inzwischen umgekippte Frühstückstafel mit Adolf Hitler eröffnete, pries mir einer unsrer klarsten und klügsten bürgerlichen Demokraten in einem Gespräch die Weisheit Schleichers, der alles nur zum Besten der Republik tue. Im Grunde genommen also überall das Gleiche: Kapitulation vor den Militärs, die sich unter diesen Umständen natürlich wie höhere Wesen vorkommen müssen. Die Einen resignieren wortlos, die Andern ziehen mit klingendem Spiel ab. Aber sie ziehen ab. Einmal wird der Kampf gegen die Superiorität der Militärs in der Republik wieder einsetzen. Wann –? Heute ist dazu noch nicht einmal der Boden vorbereitet. Aber im Gegensatz zu den Kommunisten glaube ich nicht, daß da erst die proletarische Revolution Remedur schaffen kann, daß erst der Sozialismus die richtige Einordnung der Armee vollführen wird. Wir haben nicht so lange Zeit zu warten. Allmachtsgefühle politisierender Offiziere zu dämpfen, das ist die aktuelle Aufgabe des Staates, wie er ist, und nicht die des Staates, wie er sein soll und hoffentlich einmal sein wird. Es dreht sich heute nicht mehr um die verjährte Frage, ob die Reichswehr »zuverlässig ist«. Das ist sie insofern, als sie ihren Führern, wie es auch kommen möge, unbedingt gehorchen wird. Es handelt sich um diese Führer selbst, um ihre Ansprüche auf Einfluß jenseits ihres durch die Verfassung abgesteckten Bereiches. In den letzten Monaten hat die ›Weltbühne‹ nicht aufgehört, vor den katastrophalen Möglichkeiten militärischer Präponderanz zu warnen, die sich aus der Ernennung Groeners zum Reichsinnenminister ergeben konnten. Wir haben Woche für Woche auf die erhöhten Spannungen verwiesen, die eine natürliche Folge dieser Personalunion waren. Und jetzt ist der Eklat da. Heute wissen wir, daß die kraftvolle Soldatengeste, die das bürgerliche Recht auf Kritik wie die Insubordination eines Rekruten mit Arrest bei Wasser und Brot bedrohte, nur ein ausgedehntes Intrigenspiel verdeckte, das wohl komisch zu nennen wäre, wenn es nicht Hitler nahe an das Ziel seiner machtgierigen Wünsche gebracht hätte. Jetzt sind sie mit einmal alle verzankt, unsre Herren Diktatoren. Die Dioskuren Schleicher-Hammerstein kreisen getrennt. Groener wäre beinahe von seinem Vertrauensmann durch eine Falltür geworfen worden. Die Besuche des Hauptmanns Röhm im Reichswehrministerium waren nicht so harmlos, wie offiziell dargestellt, die Frühstücksgenüsse der Republik nicht so bekömmlich, wie die Demokraten glaubten. Und auch Meißner hat mitgemacht, der vortreffliche Staatssekretarius, der dem ersten Reichspräsidenten noch bescheiden in die Gummischuhe geholfen hat und unter dem zweiten jetzt selbst in die hohe Politik steigen möchte. Diese ganze fröhliche Wissenschaft verdanken wir nicht irgend einem ehr- und wehrvergessenen Pazifisten, den man sofort wegen Staatsgefährdung einbuchten kann, sondern einer ganz offiziösen bayrischen Stelle, die sich nicht scheut, von »bolivianischen Methoden« zu reden und einen General, der eben noch als Säule des Regimes Brüning galt, einen »Primo de Rivera« zu heißen und des geplanten Kanzlersturzes zu verdächtigen. Die große Explosion ist da, ihr Umfang und ihre Konsequenzen sind kaum abzusehen, nur ihr Geruch ist unverkennbar. Jetzt haben die Herren Generale ein paar Monate regiert, und das Resultat ist ein kaum lösbarer Wirrwarr, wenn nicht Ärgeres. Der Fascismus ist dabei groß und fett geworden, und der Verkehr mit zwei von Militärs repräsentierten Ministerien hat ihm das Air einer Nebenregierung gegeben. Wenn es zuerst hieß, die Generale bemühten sich, Hitler die Elemente der Legalität beizubringen, so hat er diesen Kursus nicht umsonst durchschmarutzt sondern genug gelernt, um die beflissenen Pädagogen auf durchaus legale Weise auf den Komposthaufen zu werfen. Es liegt mir fern, Persönlichkeiten, deren martialischer Charakter über allen Zweifel erhaben ist, mit einem unfreundlichen Vergleich kränken zu wollen. Aber im Effekt unterscheidet sich eine Herrschaft von Generalen kaum von dem, was man von alters Weiberwirtschaft nennt. Wenn die kühlen disziplinierten Herren mit den silbernen Tressen selbsttätig zu politisieren anfangen, so sieht das nicht viel anders aus, als wenn liebenswürdige Wesen, deren Intelligenz im Uterus sitzt, den Staat nach ihrem Gusto ausstaffieren. Kabale, Alkovengetuschel, Machinationen, Begegnungen, von denen niemand nichts weiß; purzelnde Minister, aufsteigende Nobodies, kränkelnder Staat. Und am Ende ein riesengroßer Skandal. Ein Verbindungsoffizier wird in England Liaison officer genannt. Der Titel sollte auch in der Bendler-Straße eingeführt werden. Nun kann man den Herren Generalen kaum einen Vorwurf daraus machen, daß sie ihre Vormachtstellung befestigen und selbst noch weiter vorstoßen. Denn sie ist ihnen ja eingeräumt worden von einer bürgerlichen Regierung, die sich gewiß sehr schlau vorkam, als sie Groener und Schleicher im Vordergrund plazierte. Vielleicht hat man auch gedacht, daß in diesen von Bürgerkriegswahn durchseuchten Zuständen schließlich einer von den Herren Lust haben könnte, den Primo de Rivera zu spielen, und da heißt es vielleicht manche Schererei ersparen, wenn die Regierung ihren Primo selber ernennt. Diese Kalkulation ist mit Getöse zusammengebrochen. Die Ära Groener endet mit einer solennen Generalsrauferei. Der eigentliche Besiegte aber ist der Herr Reichskanzler. Wir wissen, daß Brüning vom ersten Tage seiner Kanzlerschaft an die Konzeption einer autoritären Demokratie im Kopfe trug, bei der ein katholisch-konservativer Block den Ausschlag geben sollte. Kein Kanzler hat bisher dem Liberalismus und der sogenannten formalen Demokratie ablehnender und skeptischer gegenübergestanden. Immer wieder wurde Brüning mit dem Monsignore Ignaz Seipel verglichen, ohne daß sich besonderes dagegen einwenden ließ. In dieser Konzeption Brünings spielte die Reichswehr wohl die vornehmste Rolle. Ihr fiel dabei die Verkörperung von Staatsmacht zu, sie war die Symbolisierung von Rute und Beil. Ein von christkatholischer Ethik überglänzter straffer Militärstaat, kategorischer preußischer Imperativ mit Weihrauch und Orgelklang, das war Brünings Idee, als er vor zwei Jahren die Erbschaft der Großen Koalition antrat. Selten hat ein Staatsmann, der bei aller komplizierten Gedankenverkräuselung doch kein dilettantischer Doktrinär ist sondern ein mit Realitäten rechnender Mensch, solche Enttäuschungen erfahren. Seine Versuche, die Hugenbergpartei zu zerschlagen, haben nicht zur Bildung einer neuen parlamentarischen Rechten geführt. Statt einer deutschen Torypartei, die zwar reaktionär ist aber auf gute Formen hält, ist der Fascismus gekommen, der nicht nur seinen Anteil sondern das Ganze fordert, und der selbst, wo er als Partner auftritt, in der Tasche den Revolver knacken läßt. Und als Brüning dann in höchster Wassersnot die Reichswehr wie einen rocher de bronce stabilisierte, da machten deren Führer sich selbständig. Es wurden Fäden gesponnen zum Hauptquartier des Fascismus, unsichtbare Hände woben ein Komplott, um den eben wiedererwählten Reichspräsidenten öffentlich gegen den Kanzler auszuspielen. Und dieser gleiche Kanzler, der sich anschickte, aus dem Zusammenbruch der alten schwarzrotgoldenen Demokratie ein neues konservatives und christliches Deutschland hervorzuzaubern, muß sich nun auf jene Kräfte stützen, die er hatte ausmerzen wollen, und muß es sich nun gefallen lassen, von denen, die er für immer hatte aus der Leitung des Staates drängen wollen, als letzter Hort des Liberalismus, als letzte Säule der Republik gefeiert zu werden. Der einzige Kanzler seit 1918, der mit einer wirklichen Idee in sein Amt gegangen war, mußte erleben, daß er nicht nur kein Bruchteilchen davon verwirklichen konnte, sondern muß sich schließlich mit einem vagen Okkasionismus begnügen, der ihn von Tag zu Tag weiterbalanzieren läßt – so lange, bis der wankende Aufbau endlich unter ihm zusammenbricht und das ganze Wundertheater krachend ins Parkett rollt. O Pitt, je rends hommage à ton génie! rief Camille Desmoulins dem londoner Manager der europäischen Konterrevolution zu, der sich bei aller Kunstfertigkeit am Ende doch so schrecklich verrechnet hat. Gute Zeiten für strebsame Offiziere. Die bürgerliche Gewalt ist trotz Artikel 48 und Notverordnung auf ein Laisser faire eingeschworen und fürchtet nichts mehr als die Folgen einer eignen Kraftanstrengung. Da tritt das Militär breit in die Mitte. Denn da klappt noch alles, da bewegt noch jener Gehorsam, der allen andern Teilnehmern des Staates fehlt, automatisch die Glieder. Disziplin –? Ja, der Muschkote hat sie. Aber auch die Herren Generale? Doch dieses Gebilde sieht noch immer verteufelt kompakt aus. Es strömt eine Wolke nationaler Mystik aus. Das Herz des Patrioten ist leicht zu verführen. Wenn er eine stramm marschierende Truppe bewundert, so vergißt er, daß der Soldat heute am wenigsten ein besonderes Werkzeug Gottes ist, das Vaterland wieder in Ruhm und Glanz zu führen, sondern ein Beamter wie andre auch. Kein auserlesenes Wesen sondern eine Gehaltsklasse. Wie die Post oder Feuerwehr. Die Generalität hat diesen Nimbus ebenso sicher auszunutzen verstanden wie die Schwäche der bürgerlichen Mächte. Sie verteidigt ihre Forderungen mit der Wucht absolutistischer Herrscher. Kritik wird Anmaßung, ja Verleumdung. Anfechtung ihrer Ansprüche Verbrechen an der Wehrhaftigkeit des Volkes. Ein Versuch, diese Ansprüche aus dem militärischen Geheimkabinett ins Licht des Tages zu ziehen, Verrat militärischer Geheimnisse, Verrat an der ganzen Nation. Vor ein paar Monaten, als ich die Bedingungen dieses seltsamen Zustandes untersuchte, schrieb ich an dieser Stelle (Nr. 7 vom 16. Februar): »Es ist das stille Vorrecht der meisten Kriegsminister, gelegentlich den Mund etwas voll zu nehmen und sich und ihre Leute als den Hort des besten und auserwähltesten Patriotismus zu feiern. Das kommt auch in Ländern mit guter demokratischer Tradition vor. Dort ist der Kampf zwischen Militär- und Zivilgewalt schon historisch geworden und zugunsten des bürgerlichen Elements entschieden. Dort ist der Patriotismus im allgemeinen bereits in eine feste Form gegossen, und selbst seine gelegentlichen Exzesse tun aus diesem Grunde nicht mehr weh. Kein Kriegsminister würde es dort wagen, Leuten, die seine Politik nicht gutheißen, die anständige nationale Gesinnung abzusprechen. Aber Deutschland ist ohne freiheitliche Tradition, ihm fehlt das wirkliche Bürgerbewußtsein, ihm fehlt der Stolz des Zivilisten gegenüber der Uniform. Immer wieder ist den deutschen Untertanen in der Kaiserzeit eingebleut worden, daß es ein Frevel am Volke sei, dem Militarismus irgend etwas zu verweigern. Das ist in der Republik um kein Jota besser geworden, im Gegenteil. Und diese Situationen benutzen nun seit zehn Jahren die Reichswehrchefs, um dem Herrschaftswillen ihres Amts immer neue Gebiete zu unterwerfen und sich in Dinge einzumischen, die sie nicht das mindeste angehen. Wir haben es zum Beispiel erlebt, daß General von Seeckt gern auf eigne Faust Außenpolitik trieb. Damals erhoben Stresemann und zahlreiche bürgerliche Politiker, denen es durchaus nicht an starkem deutsch-patriotischem Gefühl im herkömmlichen Sinne fehlte, Einspruch und wiesen den General in seine Schranken zurück. Heute jedoch kommt das nicht mehr vor, und es ist auch gar nicht mehr nötig, weil sich die Außenpolitik in aller Ruhe dem Reichswehrministerium angepaßt hat ... Heute sind wir so weit gekommen, daß der sogenannte Wehrgeist ausschließlich im Mittelpunkt der Politik steht; der Staatsbürger wird nicht mehr danach gefragt, wie er es mit der Republik hält, sondern ob er ›wehrfreudig‹ ist.« Ich habe dem heute nichts mehr hinzuzufügen. Alles das gehört zum Hintergrund unsres Prozesses, den wir juristisch verloren haben, den wir aber einmal vor einer andern Instanz politisch gewinnen werden. Gemessen an den entscheidenden Fragen der heutigen Welt fuhr unser Prozeß nur auf einem deutschen Nebengleis. Aber er führte in die zentrale Frage der innern deutschen Politik. Kleines Testament Und item Maistre Bassanier und Jean Moutaint, den strengen Richtern, wünsch ich ein großes Renommé bei Mördern, Räubern, Diebsgelichtern. Villon In den nächsten Wochen wird der Panter, mein lieber Kollege, wahrscheinlich einige Nettigkeiten über mich schreiben. Glauben Sie ihm nicht. Leider bin ich nicht in der Lage, von meinem neuen Platz eine pressegesetzliche Berichtigung einzusenden. Wahr ist ... Es sind in diesen Tagen so ziemlich fünf Jahre vergangen, seit mir die Leitung der ›Weltbühne‹ anvertraut wurde. Da stand das Erbe von S.J. in einer Zeit, die schnell alles von dem verlieren sollte, was die ›Weltbühne‹ hatte wachsen lassen. Niemand weiß besser als ich, wie viel ich dem edlen alten Glanz schuldig bleiben mußte. Die ›Weltbühne‹ war, so wie ich sie von S.J. übernommen habe, ein wunderbar getriebenes Metallgefäß, in dem die schönsten Dinge gesammelt waren, und so funkelte es verführerisch im Abendrot der bürgerlichen Zeit – ein letzter Kämpfer, der in edler Linie focht. Heute ist alles mit Politik und Ökonomie vollgestopft, und aus einem Refugium der Schönheit ist ein Depot aller Sorgen geworden. Aber die ›Weltbühne‹ hat diesen Übergang gut überstanden, und ich verlasse die Redaktion in dem Bewußtsein, »das Blättchen«, wie S.J. so gern sagte, unversehrt durch ein paar Jahre getragen zu haben, die als Kriegsjahre zählen müssen und in denen noch mehr Charaktere als kaufmännische Unternehmungen zusammengebrochen sind. Die politische Leitung wird Hellmut von Gerlach übernehmen, der uns seine reiche Erfahrung zur Verfügung stellt und durch eine ehrenvolle, niemals durch Konzessionen befleckte Vergangenheit die Garantie gibt, daß an der Haltung der ›Weltbühne‹ nichts geändert wird. Vor mehr als dreißig Jahren begründete S.J. an der ›Welt am Montag‹ unter Hellmut von Gerlach seinen Ruf als Theaterkritiker. Vor mehr als zwanzig Jahren bildete ich als blutjunger Mensch meine ersten Arbeiten an seinem Beispiel. Jag durch die Welt vom nördlichen bis zum südlichen Kap –: es spielt sich alles unter zweihundert Menschen ab so dichtete Theobald Tiger. Jetzt geb ich meinen Degen also in der Garderobe ab. Was ist noch zu sagen? Die schöne Schildpattbrille mit den blauen Gläsern, die mir eine meiner zahlreichen Verehrerinnen für die Flucht gewidmet hat, vermache ich Herrn General von Schleicher. Item den falschen Bart, den mir ein alter Abonnent in Prag gestiftet hat. Er wird das einmal brauchen können. Item soll Herr Reichsanwalt Jorns ein gut erhaltenes Exemplar der Rede von Paul Levi erben, die sich mit seiner Person befaßt. Ich danke allen guten Menschen, die mich für die Zeit meiner Gefangenschaft mit Schokolade versorgen wollen. Da mir nicht viel an Süßigkeiten liegt, bitte ich, sie gütigst an den Vierten Strafsenat richten zu wollen. Während des Prozesses habe ich die Beobachtung gemacht, daß die Herren Reichsrichter jedesmal in der Stunde vor der Tischpause Zeichen von Unruhe und hoher Ermüdung bemerkbar werden ließen. Schon Julius Cäsar sprach das Lob der wohlgenährten Männer. Wäre er nicht Diktator gewesen, sondern Angeklagter, so würde er gewiß gesagt haben: Hungrige Richter sind gefährlich ... Item sind mir zugedachte ausländische Zeitungen an Herrn Jöl zu senden, der gern hervorhebt, ein sachlicher, unpolitischer Beamter zu sein und nicht viel auf Pressestimmen, und namentlich ausländische, zu geben. Die deutsche Justiz könnte davon profitieren. Alle Autoren, die ich zu lange auf den Abdruck ihrer Manuskripte warten ließ, bitte ich hiermit inständigst um Vergebung. Item alle, zu denen ich am Telephon sagte: Nächste Woche ... Item bitte ich Herrn Walter Mehring, mir zu verzeihen, daß ich sein Buch noch nicht besprochen habe. Er soll bald über Paris schreiben. Item bitte ich das deutsche Volk, einig in allen seinen Stämmen, sich nicht gegenseitig ausrotten zu wollen, damit es der ›Weltbühne‹ nicht an Stoff fehlt. Ich glaube, es wird in den nächsten achtzehn Monaten nicht langweilig sein in Deutschland. Es haben mir in diesen Monaten viele Kollegen, mit denen ich früher die Klinge kreuzen mußte, Sympathie gezeigt und Freundlichkeiten erwiesen. Es sind viele Damen und Herren tatkräftig für mich eingetreten, die sich oft über die ›Weltbühne‹ geärgert haben. Ich danke ihnen allen, daß ihr Solidaritätsgefühl sich stärker erwies als ihr Gedächtnis. Von allen aber, die meine Arbeit in dem roten Heft freundlich oder feindlich verfolgt haben, verabschiede ich mich wie der brave Soldat Schwejk von dem alten Sappeur Woditschka: »Also nachn Krieg, um sechs Uhr Abend im ›Kelch‹!« Die Weltbühne, 10. Mai 1932 1059 Der Kaiser ging ... Theodor Plivier, der starke Chronist der Matrosenrevolte von 1917, macht einen interessanten Versuch, eine Geschichte der deutschen Revolution zu schreiben. Der erste Band liegt vor: »Der Kaiser ging – die Generäle blieben.« (Malik-Verlag.) Er beginnt mit der Oktoberwende, mit dem Abschied Ludendorffs, und endet am 9. November mit dem Pakt Ebert-Groener, die Revolution niederzuhalten, in dem das ganze spätere Schicksal der Republik enthalten ist. Der Verfasser nennt seine Arbeit einen Roman, was keine durchaus zutreffende Bezeichnung ist. Gewiß, es fehlt nicht an novellistischen Zügen, es sind ein paar durchaus wegdenkbare erfundene Figuren eingefügt, und es werden auch die historischen Figuren in ihrer verborgenen seelischen Existenz, in Traum und Selbstgespräch, bloßgelegt. Aber Plivier hat nicht nur gründliche Quellenstudien gemacht, er hat auch Mitspieler von damals eingehend befragt. Gespräche mit Arbeitern, Matrosen, Soldaten, Offizieren, Parteimännern, Ministern, zweiundneunzig an der Zahl, hat er geführt und verwendet. Nein, es ist kein Roman geworden, denn der Roman ist eine ganz andre und viel strengere Kunstform, wohl aber eine hinreißende politisch-historische Reportage, in deren besten Partien sich Exaktheit und Intuition glücklich gefunden haben. So ist das Resultat nicht einheitlich, aber höchst liebenswert. Und es soll Plivier die Anständigkeit hoch angerechnet werden, mit der er das behandelt, was von den Konflikten der sozialistischen Parteien von Achtzehn heute noch unverjährt ist und weiterbrennt. Er sagt manchmal Grobheiten, aber er streut kein Salz in die Wunden. Es galt niemals als besonders fein, an den 9. November zu erinnern; heute ist es lebensgefährlicher als je. Desto größer ist Pliviers Verdienst, denn er gibt einer totgeschwiegenen oder besudelten Epoche ihre Ehrenrechte wieder. Bei Michelet und Krapotkin oder andern bedeutenden Darstellern der Französischen Revolution haben wir die heroische Rolle der kleinen Leute aus den Vorstädten kennengelernt, ihr Elan stößt und treibt die Revolution, neben ihnen wird die Gloriole der berühmten Tribunen und demagogischen Rhetoren blasser und dünner. Plivier hat diese namenlosen deutschen Novembermänner, die vergessen und versunken schienen, für die Geschichte gerettet. Es sind in seinem Werke viele Episoden, die nicht leicht in der Erinnerung verwehen wie der in Fieber phantasierende Reichskanzler Max von Baden, wie die kieler Matrosendemonstration oder Otto Wels in der Alexander-Kaserne die Truppen zum Übertritt auffordernd. Aber nichts ätzt sich dem Gedächtnis so tief ein wie die Gestalten der Revolutionären Obleute, so hieß dieses Gremium, das ohne schriftliches Mandat aus dem schöpferischen Geist des duldenden und schweigenden Volkes gewachsen zu sein schien. Damit kehren auch Namen wieder, die mit der Vorbereitung und Durchführung der Revolution aufs engste verknüpft sind, so wie Laukant oder Richard Müller, der dann später der »Leichen-Müller« wurde und übrigens eine als Material wichtige Darstellung dieser Zeit geschrieben hat. Lebendig wird wieder der Maschinist Sult, der die Turbogeneratoren im Kraftwerk Rummelsburg zum Stillstand bringt und damit den ganzen berliner Osten dunkellegt. Das ist Sult, der später im Polizeigefängnis »auf der Flucht« erschossen wurde, ebenso wie Dorrenbach. Unter diesen proletarischen Verschworenen gab es echtes revolutionäres Spartanertum und eine Unterdrückung natürlicher Gefühle, die in ihrer Wertlosigkeit manchmal antike Größe annahm. So schildert Plivier, wie Emil Barth, der Bürgerschreck mit der roten Revolutionstolle, der von der Polizei verfolgt wurde und tagelang nicht zu Hause war, am Abend des 5. November in die Nähe seiner Wohnung kommt: »Als er von der Straßenbahn abstieg, erblickte er seinen dreijährigen Jungen, der auf ihn zulief, gleich danach sah er seine Frau aus der offenen Tür eines Sarggeschäfts herauskommen. Barth erriet sofort die Zusammenhänge. Als er drei Tage vorher von Hause weggegangen war, lag sein ältester Sohn grippekrank und mit Fieber im Bett. Er folgte seiner Frau in den Hausflur. ›Montag Nacht ist er gestorben, um sechs wird er eingesargt, du kommst grade zurecht ...‹ Barth blickte auf seine vergrämte Frau und den an ihr Kleid geschmiegten Jungen. Über ihre Schultern weg sah er ein Kind mit rachitischen Beinen über den Hof laufen. ›Auch wenn Vater und Mutter, wenn Bruder und Schwester auf dem Totenbett liegen ...‹, hatte er vor kurzem in einer seiner pathetischen Ansprachen vor den Obleuten ausgeführt. Er machte sich von seiner Frau los: ›Nein, es geht nicht – ich kann nicht mit nach oben. Geh schnell und bring mir den andern Anzug, den braunen – ich muß gleich wieder weg.‹« Die Republik hat den Menschen dieser Zeit kein Cenotaph gesetzt. Jetzt hat ein Schriftsteller, selber ein oppositioneller Mann und in der Revolutionsära verwurzelt, diese Ehrenpflicht nachgeholt. Wie weit weg liegt das alles, wie prähistorisch wirkt das. Aber auch die Generale werden einmal abreisen. Die Weltbühne, 5. Juli 1932 1060 O.B. Server Glauben Sie mir, die Politiker sind durchweg nicht so interessant wie ihr Beruf. Vor Jahren hat sich Johannes Fischart in der ›Weltbühne‹ bemüht, ihnen pittoreske Seiten abzugewinnen. Ihm folgt ein neuer Mann, der sich O.B. Server nennt. Er hat in einem Buch »Matadore der Politik« (Universitas-Verlag, Berlin) zwei Dutzend Porträts gesammelt, und Erich Goltz hat die Herrschaften sehr lustig karikiert. Politiker sind heute mehr denn je »Exponenten von Machtgruppen«, in ihrem unpolitischen Wesensteil indifferent. Aber damit gibt sich das liebe Publikum nicht zufrieden. O.B. Server weiß, daß Heinz Neumann mit einer Nichte von Stalin verheiratet gewesen sein soll, daß bei Lambachs noch immer vor Tisch gebetet wird, daß über den Prälaten Schreiber ein Schlüsselroman umgeht, der keinen Verleger findet. Der Verfasser hat fleißig herumgehört, viele Kleinigkeiten aufgelesen. Aber alles hat er sicher und geschmackvoll zusammengestellt. Am besten sind ihm die Leute der zweiten Garnitur geraten oder die mit den wirklich bewegten Lebensläufen, wie Abel oder Goering, am wenigsten die Großkopfeten. Hier kommt man wohl doch mit der Anekdote nicht aus, hier muß Stellung genommen werden. Der Versuch mit Groener scheint mir ganz danebengegangen zu sein. Möglich, daß wir ungerecht sind, aber hier kann man von uns keine Objektivität verlangen. Auch der alte Oldenburg Januschau, ein feistes Gespenst aus der Feudalzeit, läßt sich nicht mit den Mitteln des burgfriedlichen Feuilletons abhandeln. Da heißt es hauen – für ihn oder auf ihn, jedenfalls hauen! Der Autor nimmt ihn als einen urwüchsigen alten Herrn, einen schrulligen Royalisten von achtenswerter Konsequenz. Ich würde gern zustimmen, wenn dieser unerbittliche Royalist im November Achtzehn die Plempe für seine Dynastie gezogen und für sie »Feuer auf den Frack« gekriegt hätte, um ein beliebtes Bild von ihm zu gebrauchen. Der Januschauer hat damals nicht gemuckst. Er ist ein Komödiant und Poltron: man kann nicht, ohne zu posieren, mit fünfundsiebzig Jahren den jungen Bismarck spielen. Herr O.B.S., der sich in diesem Buche nicht grade hinter einer eisernen Maske verbirgt, sollte sein nicht sehr klangvolles Pseudonym ganz abtun. Es steckt eine gute und launige Feder dahinter, die sich mit diesen Skizzen für größere Aufgaben freigeschrieben hat. Die Weltbühne, 12. Juli 1932 1061 Antisemiten Zu den Dingen, von denen die republikanische Linke kaum mehr zu sprechen pflegt, gehört auch der Antisemitismus. Die Presse begnügt sich damit, seine Existenz zuzugestehen, ohne sich über seine Erscheinungsformen näher auszulassen; gelegentlich nur werden einige allzu knotige Exzesse niedriger gehängt. Im ganzen ist man bereit, wie so vieles andre, auch Israel still zu opfern. Die Menschen- und Bürgerrechte des Juden sind, wenn nicht angefochten, so doch wieder Gegenstand lebhafter Diskussion. Wieder ist es der Konterrevolution gelungen, das Thema aufzunötigen; sie hatte die Initiative, und die Demokratie sucht nur dadurch, daß sie nicht mitmacht, den Eindruck zu erwecken, als gäbe es die ganze Diskussion nicht. Der Antisemitismus ist dem Nationalismus blutsverwandt und dessen bester Alliierter. Die beiden gehören zusammen. Denn ein Volk, das sich ohne Territorium und ohne materielle Autorität zweitausend Jahre in der Weltgeschichte herumtreibt, ist eine lebendige Widerlegung aller nationalistischen Ideologie, die den Begriff der Nation ausschließlich von machtpolitischen Voraussetzungen abhängig macht. Niemals hat der Antisemitismus in der Arbeiterschaft Wurzel gefaßt, er war von je Sache des Mittelstandes und des kleinen Bauerntums; heute, wo sich diese Schichten in ihrer größten Krise befinden, ist er ihnen zu einer Art von Religion geworden, mindestens zu einem Religionsersatz. Nationalismus und Antisemitismus bestimmen das innere politische Bild Deutschlands. Sie sind die großen revolutionär kreischenden Jahrmarktsorgeln des Fascismus, welche das viel leisere Tremolo der sozialen Reaktion übertönen. Vor etwa fünfundzwanzig Jahren war die antisemitische Welle der Stöckerzeit schon abgeebbt. Im Reichstag saß eine antisemitische Fraktion, die an Stärke und parlamentarischer Haltung etwa der heutigen Wirtschaftspartei entsprach. Der Radauantisemitismus lag bei dem berüchtigten Grafen Pückler-Tschirne, dem sogenannten »Dreschgrafen«, der indessen keine Bewegung repräsentierte sondern nur den eignen wirren Kopf, und in allgemeinem Gelächter unterging, als er in einer Hotelhalle mit einem jüdischen Geschäftsreisenden in Tätlichkeiten geriet und dabei fürchterlich verhauen wurde. Der intellektuelle Antisemitismus lag dagegen bei Houston Stewart Chamberlain, der in den »Grundlagen des XIX. Jahrhunderts« die nach Bayreuth gedrungenen Phantasien Gobineaus aktualisierte und aus der Sprache eines harmlosen Snobismus in die eines modernen zugkräftigen Mystagogentums übersetzte. Ein Ausläufer dieses Kreises war der Kunstschriftsteller Artur Moeller van den Bruck, der mit einem noch heute lesenswerten Werke »Die Deutschen« eine Typologie des deutschen Wesens versuchte, und dessen Buch »Das Dritte Reich« einer Bewegung das Schlagwort gegeben hat, obgleich es sich hier um keine dröhnende Agitationsschrift handelt sondern um ein politikfremdes Lamento von monotoner Melancholie. Der literarische Antisemitismus von heute hat sich insofern besser gedeckt, als er nicht mehr mit längst als brüchig erkannten Rassetheorien aufwartet und auch mit dem »Ariertum« und dem »nordischen Menschen« nicht mehr viel hermacht. Gobineau wollte von Hakon Jarl abstammen, und das bayreuther Parvenutum der Jahrhundertwende suchte seinen Stammbaum möglichst bis in die Wikingerzeit zu verfolgen; mit alledem wagen heute nur noch subalterne Broschürenschreiber zu kommen. Die antisemitische Literatur dieser Jahre, soweit sie sich nicht ausschließlich auf die rohe Hetze stellt, sondern Anspruch auf geistige Wertung erhebt, begnügt sich im ganzen damit, ein feierliches Deutschtum zu postulieren, das sich jedoch bei kritischer Betrachtung wie einer der schönen Götter Epikurs in schimmernden Dunst auflöst. In dieser Phraseologie spielt das »Blut« eine große Rolle; das »Blut«, die unveränderliche Substanz bestimmt das Schicksal der Völker und Menschen. Aus den Geheimgesetzen des »Blutes« werden sich Germanen und Judäer entgegenstehen bis ans Ende der Tage, werden sie sich niemals mischen können, werden sie sich ewig innerlich fremd bleiben müssen. Das ist mehr balladenhaft als tief, und eine reale Völkerbetrachtung läßt sich nicht so schwach fundamentieren. Denn »deutsch« und »jüdisch« etcetera sind keine in mythischer Vorzeit festgemauerten Kategorien, sondern durchaus fließende Begriffe, die mit den der allgemeinen historischen Dynamik unterliegenden geistigen und ökonomischen Voraussetzungen auch die Inhalte wechseln. Was hat der Dürerdeutsche etwa mit dem Rokokodeutschen zu tun? Was der amerikanisierte Stalinrusse der Pjatiletka mit dem trägen Oblomowrussen der sechziger Jahre? Alles was der literarische Antisemitismus aufbietet, bleibt wolkig und flockig. Er unterscheidet sich in dieser Unbestimmtheit nicht von dem Neokonservativismus oder der heute beliebten nationalen Romantik. Wir wollen uns im folgenden mit einigen Dokumenten eines literarisch aufgemachten Antisemitismus beschäftigen, nicht weil wir diese für besondere Leistungen halten, wohl aber, weil sie wie das berühmte Lazarettpferd alle Krankheiten der Gattung vereinen und weil einzelne der dort versuchten Formulierungen rapide umlaufen und Unfug anrichten. Wenn ich meinem Krawattenmacher an den wucherischen Hals will, so genügt, wenn die eigne Empörung nicht auslangt, ein Flugzettel aus irgend einem Braunen Haus. Wenn ich dagegen nach einem Grunde zur Abrechnung mit meinem Nachbarn, dem alten jüdischen Augenarzt, suche, der ein Wohltäter der Menschen ist, so muß ich, um zu erfahren, warum er trotzdem mein und aller Feind ist, schon zu einem Buche von Hans Blüher greifen. Was ist aus dem Propheten des »Wandervogels« geworden? Was aus dem Entdecker der geschichtsbildenden Kraft der Männerbünde, einem Schriftsteller von wirklich produktiven Einfällen also –? Es erfordert Mühe, mit der »Erhebung Israels gegen die christlichen Güter« (Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg) zu Ende zu kommen. Wiederholt ist gesagt worden, daß in Herrn Charles Maurras, dem eisenklirrenden Bayard der ›Action Française‹, ein heimlicher Spaßvogel steckt. Auch bei Blüher fragt man sich immer wieder, ob hier nicht die satirische Laune eines Mystifikators der klugen Welt eine Nase gedreht hat. Wenn Blüher wie ein royalistischer Ultra, wie ein intellektueller Januschauer herumfuchtelt, wenn er wie ein schottischer Jakobit, wie ein evangelischer Ulstermann, wie ein Kavalier aus der Vendée für den sakralen Charakter des Königtums die Klinge hebt, dann ist wirklich ein kleiner Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Attitüde berechtigt. Da liest man es so: »Die einzige für einen Christen wirklich annehmbare Verfassung ist das Gottesgnadentum des Königs.« »... so wie die deutsche Seele nicht ohne Kaiser und Reich zu leben vermag.« »... es gibt keine republikanische Geschichtsauffassung. Diese führt nur, gestützt durch die korruptiven Gedankengänge des Judentums, ein vorübergehendes Dasein in den amtlichen Publikationen und der hörigen Presse.« Gut gebrüllt, Herr Elard von Blüher! »Jeder Jude, ganz gleichgültig, welchen Willens er ist oder zu sein glaubt, untersteht diesem Sendungsauftrag des messianischen Reiches, vertreten durch den jeweilig regierenden Fürsten der Verbannung.« »Dieser Fall liegt auch vor bei den sogenannten ›Protokollen der Weisen von Zion‹. Auch hier besagt die Echtheit oder Unechtheit gar nichts sondern nur ihr intelligibler Inhalt. Dieser aber ist wie bei jenem Erlaß des Fürsten der Verbannung unbedingt wahr. Denn das Judentum hat danach gehandelt.« »Henry Fords hochwichtiges Buch über den ›Internationalen Juden‹ ist überwiegend richtig, aber es steht kein wahres Wort drin ...« Das ist wirklich ungewollte Travestie. Wir werden durch Astrologie, Magie und Mantik und die ganzen furchtbaren Geheimnisse des Freimaurertums geschleift, das alles wirkt etwas komisch und auch etwas blamabel – einen Kopf, der vielen etwas bedeutet hat und noch bedeutet, auf der Tour von Mathilde Ludendorff zu sehen. Doch dann zeigt sich plötzlich ein zergrübeltes und zerquältes Intellektuellengesicht, an der innern Ehrlichkeit ist kein Zweifel erlaubt. Blüher hält auf Abstand gegen den politischen Antisemitismus, es fallen ein paar klatschende Hiebe auf Hitler, aber so sehr er sich auch bemüht, die Würde des geistigen Menschen zu wahren, er rettet sie nur in der schriftstellerischen Form, nicht in den Mitteln der Argumentation. So geht es oft ebenso platt und wüst zu wie in einer beliebigen Sechserbroschüre: »Soll man hier sagen: eine deutsche Frau, der es möglich ist, ihr Geheimnis den Blicken eines jüdischen Arztes preiszugeben und seine Eingriffe willenlos zu dulden, hat soviel an Instinkt verloren, daß man auf sie verzichten muß? Oder soll man lieber hier doch noch warnen ...? Die Unerträglichkeit dieser Vorstellung: der Jude am Lebenstor der deutschen Rasse ist kaum zu überbieten.« Was hat Blüher nun dem Judentum vorzuwerfen? Versuchen wir zusammenzufassen: Das Judentum zehrt die germanische Substanz auf. Das Judentum kann die Figur eines andern Volkes annehmen. Es gibt eine »organisch-plastische Begabung der jüdischen Substanz zur Mimikry. Das Judentum hat etwas Entscheidendes zu verbergen.« Blüher will weder mit politischem noch mit wirtschaftlichem Antisemitismus etwas zu tun haben. Der »jüdische Sendungsauftrag«, von dem er fabelt und wobei er sich auf mittelalterliche Pergamente stützt, ist ausschließlich religiös. Deshalb gibt es auch keine wirkliche Verständigung: »Wie das Dasein der primären Rasse im Judentum auf die Spitze nach oben getrieben worden ist, so das der sekundären nach unten. Der wissende Jude gibt es ohne weiteres zu, daß die Tiefengrade, die sein Volk erreichen kann, erheblich unter denen der andern Völker liegen und daß gewissermaßen der Mittelstand fehlt. Zehn verfluchte Stämme und zwei heilige! Mit den verfluchten haben wir es im täglichen Leben zu tun, und die zwei heiligen leiten die Politik des Reiches Jehuda gegen uns. Nur mit diesen also kann man sich ernsthaft auseinandersetzen, nur sie sind unser eigentlicher Feind. Wie töricht der Antisemitismus ist, wenn er etwa meint: es gäbe auch anständige Juden, und die seien selbstverständlich ausgenommen – erhellt wohl zur Genüge aus diesem Sachverhalt.« Damit wären wir also wieder bei der Weisheit des Großinquisitors angelangt: »Tötet sie alle, Gott kennt die Seinen!« Damit holt sich der Gläubige das gute Gewissen, selbst gegen den besten Juden die Hand zu erheben. Deshalb wirkt es nicht konsequent und nicht einmal mutig, wenn Blüher selbst, nachdem er jeglichen Gedanken der Versöhnung unbarmherzig in die Wüste getrieben hat, etwas verlegen stehen bleibt und keine Antwort darauf gibt, was nun in der Praxis geschehen soll. Wir erfahren es auch nicht bei dem Schriftsteller, den Blüher einen der »wenigen echten Antisemiten« nennt, die es in Deutschland gebe, bei Herrn Doktor Wilhelm Stapel, der einige frühere Artikel aus seiner Zeitschrift in einer Broschüre »Antisemitismus und Antigermanismus« (Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg) gesammelt hat. Bleibt Blüher bei aller seiner Verranntheit doch immer ein seltsames und oft ergreifendes Bild des in Zeitstürmen verwehten geistigen Menschen, ein Diener der Finsternis zwar, aber doch mit einem paracelsischen Kern, so ist der Herr Doktor Stapel einfach der wildgewordene Pauker, der Oberlehrer, der sich als Prophet aufgetan hat. Herr Stapel wird von Bewunderern für die beste Feder der Rechten gehalten, und ich gebe zu, Herr Doktor Stapel verfügt über reiche Ausdrucksformen, er wäre indessen ein viel besserer Schriftsteller, wenn er nicht so rhetorisch bewegt schriebe und seine Bildung nicht so prätentiös auftischte. Er legt wie ein von seinem Publikum verwöhnter Redner Pausen ein, wo er auf Beifall wartet. Ein seltenes Zitat trägt er so zeremoniös auf wie der Ober eine besonders teure Platte, mit zwei neuen blütenweißen Servietten, und vor seinen eignen Pointen tanzt er mit wehenden Rockschößen her wie David vor der Bundeslade. Der Schriftsteller soll sich ernst nehmen, ja wohl – aber nicht so furchtbar wichtig. Auch Stapel lehnt einen Antisemitismus aus wirtschaftlichen Gründen ab. Er will auch die Juden nicht ausbürgern. Nur soll auf Distanz gehalten werden, zum Beispiel sollen sich die Juden nicht um Politik kümmern, und im übrigen regelt auf beiden Seiten guter Takt die Grenzverhältnisse. Nur ist manchmal der Kampf unausweichlich: »Den Kampf der ›rohen Gewalt‹ nennt der Jude das handfeste ›Rittertum‹ der Antisemiten. Wir werten den Geist höher als den Leib. Aber nicht immer ist der Geist bei den ›Geistigen‹, sondern oft auch bei dem wackern und ehrlichen Mann, der die gottgesegnete Kraft seiner Arme für sein braves Gefühl, über dessen Berechtigung er nicht erst einen Philosophen fragen muß, gebraucht. Ich bin nicht unter allen Umständen geneigt, einem begabten Tintenspritzer, bloß weil er vom sichern Ort aus mit ›Geist‹ arbeitet, den moralischen Vorzug zu geben vor einem wackern Kämpfer, der immerhin sein Leib und Leben der Gefahr aussetzt.« Es hat sich bisher noch nirgends gezeigt, daß bei Pogromen – so nennt man nämlich gewisse mit jüdischen Mitbürgern gesuchte Auseinandersetzungen – die Angreifer ihr Leib und Leben der Gefahr ausgesetzt hätten. Diese wackern und ehrlichen Hansen haben die gottgesegnete Kraft ihrer Arme gewöhnlich nur in Gesellschaft angewandt, wenn sie fünfzig gegen fünf standen. Herr Doktor Stapel predigt die Distanz, aber er selbst hat eine merkwürdige Neigung, immer wieder Tuchfühlung mit dem Reiche Jehuda zu suchen. Sein Takt hindert ihn nicht an einem so bizarren Versuch: »Ich machte einmal in einer überwiegend von Juden besuchten Versammlung das Experiment, am Schluß meiner Debatterede in einem zugespitzt formulierten, aber nichts als die bloße Tatsache enthaltenden Satze auf die Tötung Jesu durch die Juden hinzuweisen. Der Satz wirkte explosiv. Es gab einen plötzlichen und heftigen Aufruhr der Gefühle durch den ganzen Saal hin, eine heiße, kochende unbeschreibliche Empörung, die völlig verschieden war von den Empörungen, die man etwa in deutschen Arbeiterversammlungen erleben kann. Während ich dann beobachtend durch den Saal auf meinen Platz ging, umwehte mich diese heiße, brennende, haßvolle Empörung auf das heftigste. Aus Gesprächen, die ich nachher mit einzelnen mir auf die Straße folgenden Juden führte, wurde es mir ganz deutlich, daß durch das Anschlagen dieses Komplexes Angst- und Wutgefühle sowie schreckhafte Vorstellungen aus der Zeit der mittelalterlichen Judenverfolgungen wach geworden waren.« Was sollte mit diesem Experiment bewiesen werden? Gar nichts wird damit gegen die jüdischen Versammlungsbesucher bewiesen, die mit Recht empört waren. Wohl aber wird sehr viel gegen Herrn Stapel selbst bewiesen, nämlich, daß er, der in einer modernen großstädtischen Versammlung, in einem Saal mit Dampfheizung und elektrischer Beleuchtung, ein Argument aus der Begriffs- und Empfindungswelt der mittelalterlichen Hexen- und Juden- und Ketzerrichter gebraucht, damit selbst in diese Kategorie gehört. Er ist zu selbstgefällig, um den entstandenen Krach anders als in einem für ihn triumphalen Sinne zu deuten. Er bildet sich ein, ein paar hundert Judäer demaskiert zu haben, und hat sich doch nur dadurch kompromittiert, indem er öffentlich zeigte, was bei ihm unter der Schwelle des Bewußtseins ruht. Wer hat es nicht schon erlebt, daß einmal ein Ahnungsloser in einem psychologisch geschulten Kreise seine Träume erzählte, aus denen der Erfahrene schnell seine Schlüsse ziehen konnte? Herr Stapel glaubt, auf einige hundert jüdische Gesichter mitten im nüchternen Alltag den Flackerschein lange verglommener Scheiterhaufen gezaubert zu haben. Aber er hat nur den Scheiterhaufen im eignen Hirn peinlich offenbart. Diese um des Vaterlandes Wohl besorgten Antisemiten erinnern alle an die Prinzessin auf der Erbse. Warum machen ihnen die paar Juden so viel Unruhe? Auf hundert Deutsche kommt ein Jude, das betont auch Stapel; dennoch: »Ein Stückchen Saccharin von der Größe eines Stecknadelknopfes genügt, um ein Glas Wasser zu versüßen. Es kommt nicht nur auf die Masse sondern auf die chemischen Eigenschaften an. Ist auf unsern Hochschulen auch nur ein Jude unter hundert, oder bei unsern Theatern, im Kunsthandel, in den Zeitungen?« Ich habe von Deutschland keine so geringe Vorstellung wie der heiße Patriot. So dünn und farblos ist Deutschland nicht, um durch eine fremde chemische Eigenschaft gleich in seiner Natur bedroht zu werden. Wenn Juden in akademischen Berufen prozentual stark vertreten sind und auch einige kulturelle Schlüsselstellungen innehaben, so frage ich den, der sich darüber beschwert: was hat Deutschland denn in der Zeit seiner höchsten Prosperität, in der Kaiserzeit nämlich, für eine Auslese seiner begabten armen Jungen getan? Das Judentum hat auch in schlechten Zeiten für seine fördernswerten Kinder immer Mittel übrig gehabt. Aber die deutschen Jungen aus dem Proletariat, die mußten früh aufs Feld oder in die Fabrik; Kraft, die nicht hochkam. Das einzige Sprungbrett, das der Klassenstaat bot, war die Unteroffiziersschule. Übrigens wird in vielen Ländern der kulturelle Wettbewerb mit Menschen andern Stammes als anfeuernd, mindestens nicht als lästig empfunden. In der englischen Presse und Literatur dominieren zum Beispiel die beweglichen Keltenköpfe. Und in der Schule haben wir die Weisheit des Großen Kurfürsten bewundern gelernt, weil er die französischen Refugiés in Preußen aufnahm. Dieser energische Hohenzoller hat gewiß nicht unter dem Minderwertigkeitskomplex des heutigen deutschen Nationalismus gelitten. Immer wieder kehren bei Stapel die Worte »Volkstum« und »Volk« wieder. Sie ersparen ihm, mit etwas Mystik verbrämt, viele Beweise. Wie Blüher verzichtet Stapel darauf, mit dem Begriff »Rasse« zu operieren. Er weiß, daß es damit keine Lorbeeren zu holen gibt. Aber es ist nicht weniger nebelhaft, wenn er ständig jüdisches gegen deutsches »Volkstum« stellt. Auch hier spielt die leidige Ökonomie eine Rolle. Das »Volkstum« eines kleinen jüdischen Angestellten ist nicht das gleiche wie das seines jüdischen Chefs, der drei Autos hat. Das »Volkstum« des jüdischen Proleten wird sicher erwachen, wenn ein paar Hakenkreuzlümmel die gottgesegnete Kraft ihrer Arme an ihm erproben wollen. Ob dies gleiche Bewußtsein jedoch in ihm rege wird, wenn man seinen Chef so mitnimmt – wir können es nicht untersuchen. Es ist auch ein Irrtum der nationalistischen Theorie, daß wir den ganzen Tag »als Deutscher«, »als Jude« etcetera herumlaufen. Der heutige Berufsmensch ist ganz anders fixiert. Überhaupt ist »Volkstum« kein Begriff, mit dem sich viel anfangen läßt. Staat und Wirtschaft bestimmen das Schicksal des Einzelnen im weitesten Sinne und geben die Stichworte für die Trennung in Parteien, während der soziale Alltag die allgemein gültigen Denk- und Lebensformen prägt. »Volkstum« läßt sich nicht auf eine Nation von mehreren Dutzend Millionen anwenden, »Volkstum« ist ein vorwiegend landschaftlich begrenzter Begriff, durchsetzt von bäuerlichen Erinnerungen. Es gibt kein »deutsches Volkstum«, wohl aber eines der deutschen Stämme, wohl ein thüringisches, rheinisches oder bayrisches. Es gibt kein britisches, französisches oder spanisches »Volkstum«, wohl aber eines von Schottland, von der Normandie oder von Biscaya. Es gibt nicht einmal einen genormten deutschen Judentyp. Der schwäbische Jude ist anders als der aus Hamburg oder Lübeck, und das nicht, weil das Judentum so besonders anpassungsfähig ist sondern weil der Prägestock der engern Umwelt sich immer noch stärker erweist als eine mitgebrachte Tradition. »Die Menschheit ist nicht die Summe der Menschen sondern der Völker ... Das eigentümliche Gebilde ›Volk‹ ist nicht ein wesenloser Begriff, ist auch nicht wie Verein oder Staat nur ein Werk des menschlichen Willens; sondern es ist eine naturhafte, gewachsene oder zusammengewachsene Einheit, wie der Baum, das Korallenriff, der Bienenschwarm.« Falsch, falsch und nochmals falsch. Nur der Einzelne ist naturgewachsen, nicht das Volk. Das Volk ist ein menschlicher Organisationsbegriff. Die Natur hat die Bäume wachsen lassen, aber nicht die Grenzpfähle. Die Natur hat die Tiere in ihrem Plan, aber nicht den Käfig, in den der Mensch sie einsperrt. Es macht der Natur nichts aus, ob der Mensch au pair auf dem Kokosbaum haust oder in einer von Professor Taut entworfenen Siedlung. Die Natur ist indifferent. Selbstverständlich wäre Stapels scharfsinnige Untersuchung nicht vollständig ohne ein kräftig Wörtlein zur Verjudung der Literatur. »Wie Lessing sich einst gegen das Franzosentum wehrte, so wehren wir uns heute mit Recht gegen das Judentum.« Halt. Selbst wenn die Gleichstellung Franzosentum – Judentum widerspruchslos hinzunehmen wäre: Lessing hatte das historische Recht auf seiner Seite, denn er verhalf der jungen deutschen Literatur zum Durchbruch. Lessing hat aber nicht nur gegen Voltaire gekämpft sondern außerdem noch für einen andern Ausländer, nämlich Shakespeare. Seit hundert Jahren observieren mißtrauische Literaten die angebliche jüdische Überfremdung unsrer Literatur. Seit hundert Jahren muß sich jeder Autor von Belang die physische Kontrolle durch dummdreiste Präputial-Inspizienten gefallen lassen. Und was ist nun dabei herausgekommen? Da ist der alte Judenriecher Adolf Bartels, der sich jetzt schon zwei Menschenalter das Plastron vollsabbert – was hat er denn mit seinen Denunziationen bewirkt? Seit Jahrzehnten sind alle anerkannten Dichter als Juden oder Halbjuden verstänkert worden, aber hat denn dieser ganze Aufwand auch nur einem einzigen wertvollen, unverfälscht deutschblütigen Dichter den Weg geebnet? Haben die Herren auch nur einen einzigen entdeckt? Wen denn –? Artur Dinter läßt schön grüßen. »Sehr deutlich« spürt Stapel jüdischen Tonfall in den Schriften von Karl Marx. Es ist mir noch nie aufgefallen, daß das Kommunistische Manifest gemauschelt wäre. Aber auch der Ökonomist Ferdinand Fried wittert ähnliches. Nach Fried ist der eigentliche Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus der »wuppertaler Patriziersohn« Friedrich Engels, der sich dann leider von dem Juden Marx »überschatten« ließ. Was Stapel mit Heinrich Heine aufstellt, ist ein Zirkus für sich. Um an Heines Lyrik die jüdischen Bestandteile zu demonstrieren, wendet er ein Verfahren an, das nichts Philologisches mehr an sich hat sondern ganz der wissenschaftlichen Kriminalistik entnommen scheint. Stapel knöpft sich die arme »Loreley« vor, indem er sie einer höchst detektivischen Sprachanalyse unterwirft, die natürlich seine These erhärtet. Zwar läßt er bestehen, daß Heine ein großer Wortkünstler war, aber als Intellektueller doch unfähig, ein deutsches Volkslied zu dichten. Diese Resultate präsentiert er mit der moralischen Genugtuung eines übelgelaunten Polizeiarztes, der bei einer mißliebigen Frauensperson, nachdem man ihr keinen Taschendiebstahl nachweisen konnte, wenigstens Gonokokken gefunden hat. Stapel konfrontiert die raffinierte jüdische Loreley Heines mit einer viel keuschern Loreley-Edition Eichendorffs. Dann beginnt er zu vergleichen und zu messen und fährt in der Hitze des Gefechtes den beiden Mädchen dabei unter die Kleider, daß es eine Freude ist, das zu sehen. »Während die Reime Eichendorffs etwas Verhaltenes, Geheimnisvolles, Weites haben, haben die Reime Heines etwas Spitzes, Scharfes, ja fast etwas Heiseres. Bezeichnend ist für den Juden die Häufung von K- und G-Lauten, also von Gutturalen an dieser Stelle –« Ein Gedicht, mag man es sympathisch finden oder nicht, ist jedenfalls kein Kriminalvergehen, das vergißt dieser beflissene Forscher. Es kann deshalb auch nicht analysiert werden wie ein am Tatort zurückgelassenes blutiges Taschentuch. Übrigens will ich mich verpflichten, nach diesem Rezept mühelos festzustellen, daß ein frommer Choralsänger, nach der für ihn charakteristischen Häufung von Ä- und Ü-Lauten zu schließen, von Hühneraugen geplagt war, daß ein feuriger Liebesdichter sich mit Hämorrhoiden quälen mußte, und daß Stapel, bei dem die offenen Laute überwiegen, sich danach Gottseidank einer heitern und unbeschwerten Verdauung erfreut. Und nun kommt ein Humoristikum ganz großen Ranges: »Man gebe sich der Innervation des Satzes: ›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten‹ hin, sofort fahren uns die Worte in die Arme und zwingen uns zu einem Zucken der Achseln, während die Handflächen auseinandergehen: eine typisch jüdische Geste. Und der Schluß mit dem ›Ich glaube ...‹ und dem ›und das hat mit ihrem Singen die Loreley getan‹ ist ein Musterbeispiel der jüdischen Sentimentalität, der Sentimentalität des schräg gehaltenen (ein wenig nach hinten geneigten) Kopfes mit dem verlorenen Blick, aus welcher Stellung der Jude sofort mit einem Sprung, mit einem Witzwort heraushupfen kann; denn diese Sentimentalität ist der Ironie benachbart, sie hat nicht das Schwerblütige der deutschen Sentimentalität.« Ein lebhafter Leser, in der Tat, so wie ihn sich der Dichter wünschen mag. Jeder Eindruck setzt sich sofort in Gestik um, und man wagt gar nicht an die körperlichen Verrenkungen zu denken, zu denen ihn die Lektüre des »Götz von Berlichingen« verleiten könnte. Es ist viel Finsternis, viel Wirrwarr und noch mehr unfreiwillige Komik bei dieser Art von geistigem Antisemitismus. Ich versichere dem hochgelahrten Herrn Doktor: so unheimlich ich auch über die ihm geglückte kühne Synthese von Literaturkritik und Kriminalistik habe lachen müssen, so reicht doch das Vergnügen dieser Stunden bei weitem nicht an das Bedauern heran, daß es heute notwendig geworden ist, sich mit solchem Mumpitz abgeben zu müssen. Herr Stapel ist gewiß nur ein larmoyanter Schönredner, das, was man im Kirchenwesen einen Damenprediger nennt. Aber auch einem härtern Intellekt würde es nicht gelingen, einen geistigen Antisemitismus zu statuieren. Denn der Geist ist gewiß kein sanftes Lämmerschwänzchen und kann sich sehr wohl mit der Gewalt vertragen. Aber niemals ist der Geist mit der Vergewaltigung einer Minderheit, der sich nichts andres vorwerfen läßt als ein mit mehr oder weniger Recht vermutetes Anderssein. Niemals wird der Antisemitismus ein andres Symbol finden als den Knüppel. Hans Blüher und Wilhelm Stapel beschwören beide emphatisch, weder die physische noch geistige Mißhandlung der Juden zu versuchen, auch nicht deren bürgerliche Entrechtung. Die Herren vergessen den Zeithintergrund und welche Resonanz sie finden können. Heute braucht sich kein schwachnerviger Skribler selbst zu bemühen. Ein gutgezieltes Wort genügt, um Hände in Bewegung zu bringen. In dieser Zeit liegt viel Blutgeruch in der Luft. Der literarische Antisemitismus liefert nur die immateriellen Waffen zum Totschlag. Das Weitere mögen dann die wackern und ehrlichen Hansen mit ihrer gottgesegneten Kraft besorgen. Kommt es aber einmal wirklich zum Pogrom, so hat sich Blüher die folgende etwas primitive Sicherung geschaffen: »Und es ist überhaupt einer der größten politischen Aktivposten, die das Reich Jehuda mit seiner Blutsverfluchung für sich buchen kann, daß es fast jederzeit in der Lage ist, die Gastvölker in das Fluchbereich zu verstricken. Und das geschieht dadurch, daß sie sie zum Pogrom reizen und damit schuldig machen.« Totgeschlagenwerden ein Aktivposten? Jedenfalls ist der Jude schuldig, auch wenn er mit zerbrochenem Schädel auf dem Pflaster liegt, von zehnfacher Übermacht zur Strecke gebracht. Nun behauptet Stapel zwar: »Taktvolle Juden und taktvolle Deutsche stören einander nicht.« Das hört sich ganz annehmbar an, aber wie es mit Stapels Takt beschaffen ist, davon hat uns seine Erzählung, was er in einer Versammlung an Provokation der jüdischen Besucher geleistet hat, eine immerhin bedenkliche Probe gegeben. Sollte es also wirklich einmal zu Peinlichkeiten kommen, so hat Hans Blüher für diesen Fall ja schlüssig dargelegt, daß der Jude sowieso verdammt ist. Ihm ein Leid antun, bedeutet also nur, einen von Gott vorgesehenen Tatbestand erfüllen. Diese literarischen Antisemiten müssen in einem argen Dilemma herumlaufen. Sie bewegen sich immer am Rande des Pogroms, sie naschen gleichsam davon, aber sie scheuen sich, so aktiv zu werden wie weniger intellektuell beschwerte Zeitgenossen. Warum so schüchtern, meine Herren? Geben Sie sich doch einen Ruck, entbinden Sie das Stück Pöbel in sich, das in jedem Antisemiten steckt! Nehmen Sie doch den Pferdeapfel auf, werfen Sie ihn dem jüdischen Mitbürger ins Gesicht und rufen Sie »Saujud« hinter ihm her! Sie werden Erleichterung fühlen und, da wir in Deutschland leben, auch ein Gericht finden, das Ihrer bedrängten Seelenlage Verständnis entgegenbringt. Diese kleine Anstrengung befreit Sie von einem häßlichen, kotigen Stück Atavismus und enthebt Sie der unangenehmen Verpflichtung, Bücher zu schreiben, deren subjektive Redlichkeit nicht bezweifelt werden soll, die jedoch durch ihre verquollene Art durchaus geeignet sind, die allgemeine Verlogenheit in diesem Lande noch zu vergrößern. Statt dessen findet Stapel Herzenstöne, die an die berühmte Proklamation des neuhebräischen Klassikers Erich Ludendorff »An die Jiden in Paulen!« erinnern. »Jüdische Mitbürger!«, ruft Stapel mit seiner unleidlichen Prädikantensalbung aus, »vergesset doch nie, wo Gott die Grenze gezogen hat!« Was soll das? Laß doch den Herrgott aus dem Spiel, Pharisäer –! Die Weltbühne, 19. Juli 1932 1062 I.K. Von dem alten Johannes Scherr gibt es eine noch heute gelesene Essaysammlung »Menschliche Tragikomödie«, eine Galerie von Helden und Schwindlern, aus Jahrhunderten zusammengeholt und mit trüben Kommentaren über den Wert des Menschengeschlechts versehen. Schade, daß der alte Polterer nicht mehr Ivar Kreuger erlebt hat. Über diesen Ivar Kreuger hat Manfred Georg soeben ein höchst aufschlußreiches Buch veröffentlicht (Brücken-Verlag, Berlin). Es ist eine sehr sorgfältige Zusammenstellung alles dessen, was sich heute schon als authentisches Material über den Verewigten betrachten läßt. Wenn sich manche Abschnitte wie ein Indianerroman lesen, so ist das nicht die Schuld des Verfassers. Der Kapitalismus, früher eine solide, strohtrockne Sache, ist jetzt in eine Periode fataler Romantik geraten, über die in Polizeiakten mehr zu finden ist als in der Wirtschaftsstatistik. Dennoch tut Georg recht, sich nicht in die pittoresken Seiten der Affäre zu verlieren sondern sie als symptomatisch zu nehmen für die gegenwärtige Situation des Kapitalismus. Er weiß sehr wohl, daß in jeder Form des Kapitalismus ein Stückchen Fiktion enthalten ist, ein unfundierter Bezirk, für den nur der Glaube zuständig ist. Georg erinnert an den mysteriösen Geldschrank der Therese Humbert, auf dem so viele Spekulationen aufgebaut waren und in dem schließlich nur ein Hosenknopf gefunden wurde. Deshalb ist es auch allzu primitiv, alle Schuld einfach auf Kreuger zu wälzen. Georg zitiert den berühmten schwedischen Nationalökonomen Gustaf Cassel: »Wenn man uns in Schweden im Ausland in weitem Maße für das Kreugerfiasko verantwortlich macht, können wir die Verantwortung in gewissem Umfang an die ausländischen Interessenten weitergeben. Jahrelang haben sie Kreuger \& Toll moralisch gestützt, ohne auch nur Anstalten zu machen, die Lage der Firma zu prüfen.« So konnte Kreuger jahrelang bluffen. Der Geruch der Geldmacht wirkt ebenso betäubend wie der des glückhaften Spekulantentums. Wo sich möglicherweise Skepsis bilden konnte, zeigte Kreuger sich von übergroßer Kulanz. Es kam vor, daß er einem, der sich ohne Grund unterbezahlt fühlte, einfach das Doppelte gab. »In dieser Kulanz lag Kreugers große Schweinerei«, sagte ein bedeutender Finanzmann. Damit verhinderte Kreuger eine Zone des Mißtrauens um sich, damit stellte er aber auch seine Konkurrenz unter einen Zwang. Für die Welt blieb er immer ein Geheimnis. Er brauchte den Nimbus, er brauchte ihn auch im eignen Hause. Die engsten Mitarbeiter selbst wußten wenig von ihm und fast gar nichts von den Geschäften. Alles glaubte an ihn, ohne zu sehen. So wurden die direktorialen Granden des Welthauses Kreuger \& Toll einfach eine Statisterie, deren vornehmste Aufgabe gewesen zu sein scheint, vertrauenerweckend zu wirken. So konnte einer seiner engsten Mitarbeiter kurz nach der schrecklichen Enthüllung in hoffnungsloser Bestürzung schreiben: »Vorausgesetzt, daß die Zahlen richtig waren, war der Stand der Gesellschaft korrekt ...« Ja, vorausgesetzt ...! Am Ende seines Lebens hat Ivar Kreuger 75 Prozent der gesamten Welt-Zündholz-Produktion und -Ausfuhr in die Hand bekommen, dazu das Zündholzmonopol in vierzehn Staaten auf Grund von Anleihen von insgesamt 1 249 010 000 Tschechenkronen. Ein völlig unbestimmter Betrieb, in dem niemand wirklich Bescheid weiß und wissen darf, darüber ein Einzelner, eine durchaus verfließende Persönlichkeit. Was steht nun eigentlich fest von Ivar Kreuger? Manfred Georg sagt sehr witzig, nichts sei verbürgt, als daß er leidenschaftlich Maiglöckchen liebte. Alles andre ist Dunst und Legende. So liest man heute nicht ohne Rührung in dem ersten Nachruf von Hugenbergs Nachtausgabe: »Ivar Kreuger sprach stolz von seiner deutschen Abstammung, war in seinem Wesen und seiner Arbeit ein typischer Germane. Ivar Kreuger ist bis zu seinem Tode geblieben als was er begann: kein Spekulant und Abenteurer sondern ein gewissenhafter Baumeister, der Stein auf Stein legte.« Die Weltbühne, 2. August 1932 1063 Otto Straßers »deutscher Sozialismus« Im Gegensatz zu seinem Bruder Gregor, dessen füllige volkstümliche Rhetorik durchaus zu seinem Äußern paßt, ist Otto Straßer ein sanfter Intellektueller, dessen hauptsächliches Kampfmittel die Überredung bleibt und der einem schroffen Gegner, einer lärmenden Versammlung eine beinahe chinesische Höflichkeit entgegensetzt. Während Gregor ministrabel und ein hohes Tier am Hofstaate des braunen Cäsar geworden ist, genießt Otto das geistigere Vergnügen, schulebildend zu wirken und Apostel um sich zu sammeln, die für ihn mit der Feder fechten, es aber lieber mit einer guten Damascenerklinge tun würden. Denn Otto Straßer ist ganz gewiß nicht, wie er wohl selbst glaubt, der Gegenkönig Adolf Hitlers, viel eher einer jener tätigen Ideendolmetscher, deren Wirkung nicht im Geschriebenen liegt, nicht einmal in der Sache, sondern vornehmlich in der Intensität der Mitteilung. Otto Straßer ist aus der nationalsozialistischen Partei nicht als ideologischer Widersacher geschieden. Neben dem Bruder Gregor hält er sich als der Radikale, der Linientreue; die Partei scheint, an ihm gemessen, lasch, liberalistisch, entartet. Es soll uns in diesem Zusammenhang nicht beschäftigen, ob die Trennung der Brüder faktisch ist oder nur taktisch. Wenn man Otto Straßers neue Programmschrift »Aufbau des deutschen Sozialismus« (W.R. Lindner, Leipzig) etwa mit der im ›Völkischen Beobachter‹ erschienenen Rundfunkrede seines Bruders vergleicht, so erkennt man bei beiden die gleiche nationalistische Grundsuppe und fragt zunächst nach den Unterschieden. Der Antagonismus beginnt, wo vom Sozialismus gesprochen wird. Was Sozialismus ist, definiert Gregor so: »Wir verstehen unter Sozialismus die staatlich durchgeführten Maßnahmen zum Schutze des Einzelnen oder einer größern Gemeinschaft vor jeglicher Ausbeutung.« So etwas nennt man Sozialpolitik oder Sozialreform. Sozialismus bedeutet nicht Schutz vor Ausbeutung sondern Brechung aller ausbeutenden Mächte. In diesem Punkt ist der Bruder Otto reinster Revolteur: »Darum ... ist die Aufhebung des Privateigentums an Grund und Boden, Bodenschätzen und Produktionsmitteln die Hauptforderung des deutschen Sozialismus und die Voraussetzung einer planmäßigen Nationalwirtschaft.« Infolgedessen verwirft er auch das kapitalistische Wirtschaftsrecht von der Heiligkeit des Privateigentums: »Sinnfällig erlebte es jeder Einzelne, daß dieses unbeschränkte Verfügungsrecht des Besitztitels verstieß gegen die Lebensinteressen des Volkes, daß es aber auch keine innere Berechtigung habe zu einem Zeitpunkt, da die ganze Nation mit ihrem Blut dieses ›Eigentum‹ verteidigen mußte.« Bravo, das ist ein deutliches Bekenntnis, wenn auch nur gute alte SPD von 1910, als bei jeder Maifeier deklamiert wurde: Hinter Mauern und Schlöten liegt euer Vaterland! Ihr sollt euch dafür schlagen und töten – ihr habt es niemals gekannt. Wenn jemand so selbstbewußt wie Otto Straßer sich eine »totale Gestaltung des deutschen Lebens« zumutet und von der »konservativen Revolution« die Durchführung des »deutschen Sozialismus« erwartet, so muß er sich nicht nur die Frage gefallen lassen, wie dieser Sozialismus aussieht, sondern auch, auf welche geschichtlichen Kräfte er ihn zu stützen gedenkt. Denn der Klasse erkennt der Nationalist Straßer keine geschichtliche Formkraft zu, nur der Nation, und selbst Marx behandelt er nur als besonderen Ausläufer des Liberalismus. Der Straßersche Sozialismus stützt sich nicht auf ökonomische Gegebenheiten, er bedeutet, so radikal die Formulierung manchmal klingen mag, nur die Flucht in vergangene Jahrhunderte. In der Gesellschaft des »deutschen Sozialismus« soll zwar das Privateigentum ebenso aufgehoben sein wie das Monopol an Boden und Produktionsmitteln, aber die Nation soll die Bewirtschaftung den einzelnen Volksgenossen »nach Fähigkeit und Würdigkeit in Erblehen geben«. Was Straßer vorschwebt, ist ein romantisches Feudalsystem, ständisch gegliedert, in dem, wie bei allen konservativen Ideologien, die Landwirtschaft die wichtigste Rolle spielen soll. Ja Straßer bezeichnet als vornehmstes Ziel die »Reagrarisierung Deutschlands«. Es ist schwer zu verstehen, warum es nicht nur volkswirtschaftlich sondern auch ethisch wertvoller ist, Kartoffeln zu buddeln, statt sich über einer schwierigen technischen Konstruktionszeichnung anzustrengen. Gewiß erlebt die Großstadt gegenwärtig unter dem ungeheuren Krisendruck einen Rückschlag, überall entstehen kleine periphere Siedlungen. Aber darf man auf einem vorübergehenden Notstand, auf einem Akt von Selbsthilfe, der morgen schon von bessern Mitteln abgelöst sein kann, ein sozialistisches System aufbauen? Und ist es wirklich so leicht, Menschen, denen die Großstadt in Blut und Nerven steckt, in Landleute zurückzuverwandeln? Ganz Deutschland soll also von kleinen Bauerntümern überzogen werden, von denen keins größer sein darf als sein Besitzer in eigner Arbeit verwalten kann. Auf die Industrie ist Straßer nicht gut zu sprechen, wie er denn überhaupt die »technische Götzendämmerung« erwartet. Man sollte mit solchen Prophezeiungen etwas vorsichtig sein. Ich wünsche Herrn Doktor Straßer nicht, daß die technische Götzendämmerung auf der Lokomotive ausbricht, wenn er grade Eisenbahn fährt. In der Industrie fällt die Verwaltung des Betriebs einer Dreiheit von Staat, Belegschaft und Führer zu, wovon der letztere einen höhern Anteil an Besitz und Gewinn erhält. Überall also strenge Bindung, jeder Einzelne lebt in fest gesteckten Grenzen, der Schützengraben wird aus der Kriegswissenschaft in die Soziologie eingeführt. Es ist eine neue Art Kastenstaat, in dem auch die Parias nicht fehlen dürfen, nämlich die Juden, die kein Bürgerrecht genießen und deshalb auch nicht Lehnsträger werden sollen. Nur eine Kategorie gibt es in diesem tristen Einerlei, der erhöhte Selbständigkeit eingeräumt wird, und das sind die Handwerksmeister. Denn das Gedeihen von Kleinbetrieben beruht »auf der Persönlichkeit des Handwerksmeisters«. Hier beginnt man sich doch ernsthaft die Nase zu reiben. Auch wenn man nicht geneigt ist, mit dem Begriff der Unternehmerpersönlichkeit heroisierenden Unfug zuzulassen, so muß doch gefragt werden, ob der Budiker oder der Grünkramhändler mehr Persönlichkeit ist als, sagen wir, der Professor Junkers in Dessau! Damit entlarvt sich der ganze Straßer-Sozialismus als ein Angstprodukt des versinkenden Mittelstandes, als die rettende Theorie einer in Panik geratenen Schicht, die ihr Sonderdasein auf Kosten der Gesamtheit zu fristen wünscht. Ein reges, intelligentes Volk, seit Jahrhunderten in manueller Fertigkeit, Wissen, Technik und Kunst aufs beste erfahren und immer vorwärtstreibend, soll in ein mürrisches Agrar- und Industriehelotentum verwandelt werden, während Herr Klamuffke, Fleisch- und Wurstwaren, Aufschnitt täglich frisch, selbstherrlich bleibt, nur einer Zunft Gleichartiger verbunden, auf seinem Boden ein Herzog, ein Than, begnadet mit dem Vorrecht, ein Individuum zu sein. Man fragt sich, wie in einem geistigen Menschen, der Otto Straßer doch ist, das Bild eines sozialen Systems entstehen kann, das die Rückständigsten, die schon heute von der Zeit fast Ausradierten zu Herren macht, während es die Beweglichen, die Leichtschreitenden, die Unternehmenden auf die Galeere bannen möchte. Was für ein Albdruck von einer Utopie! Nicht nur Otto Straßer, der ganze Neokonservativismus nährt sich von ständischen Vorstellungen. Bei Heinrich von Gleichen und dem »Herrenclub« sieht es damit auch nicht anders aus als bei Ferdinand Fried in der ›Tat‹. Es ist keine Entschuldigung für die Herren, daß sie sich ihre Theorie nicht selbst ausgedacht, sondern von Othmar Spann übernommen haben, der seinerseits das Entscheidende von Adam Müller bezieht, dem Ökonomisten der Romantik. Bei allen Anhängern der ständisch aufgebauten Gesellschaft, auch bei Otto Straßer, kehren die Worte »organisch«, »gewachsen«, »geworden« beängstigend oft wieder. »Organisch« kann aber heute nur sein, das Zeitalter des Industrialismus weiterzuführen, wie es die Russen tun, auf neuer sozialer Grundlage weiterzuentwickeln. Was aber wäre an der Wiedereinführung des Zunftwesens heute organisch? Adam Müller war ein Metternichreptil und publizistischer Verfechter der heiligen Allianz; seine sozialen Visionen entsprachen durchaus den Vorstellungen des damaligen Absolutismus, alle Reaktionäre haben seitdem auf den Ständestaat geschworen. Kein Wunder, denn er hält die aktiven Elemente nieder. Auch Bismarck sehnte sich vom freien Wahlrecht immer wieder zur ständischen Verfassung zurück. Otto Straßer mag sich als ein großer Revolutionär vorkommen, wenn er seine Heilswahrheiten von dem vergilbten Pergament Adam Müllers abliest. Aber ein reaktionäres Skriptum, das hundert Jahre in der Rumpelkammer der Weltgeschichte gemodert hat, ist in der Zeit nicht revolutionär geworden. In der Blüte der Romantik hat Novalis, dessen hektischer Überschwang alles mit Kunst penetrieren mußte, die Forderung erhoben, auch die »Finanzwissenschaft müsse poetisiert werden«. Das ist mindestens einigen der heutigen Nachfahren der Ideen Adam Müllers, den Anbetern der Autarkie und der ständischen Gliederung, aufs beste gelungen. Nur Otto Straßers »deutscher Sozialismus« kann wirklich nicht zu den schönen Künsten gerechnet werden. Diese Utopie ist eng und spärlich, die Phantasie haftet an den winzigsten Dimensionen und an den primitivsten Bedürfnissen. »Fremde Sprachen haben in der Volksschule keinen Platz.« Oder: »Eine weitere notwendige Folge ist die, daß das Eingehen einer Ehe eines deutschen Staatsbürgers mit Angehörigen eines andern Volkes den Verlust der Staatsbürgerschaft nach sich zieht.« Diese Sätze charakterisieren den Barbarismus dieser Vision eines völkischen Idealstaates. Alles soll in Anlage und Funktion sehr klein, sehr simpel werden, alles ist von der Theke eines verärgerten Ladenbesitzers her gesehen. Darin unterscheidet sich Otto Straßer, der Häretiker, in keiner Weise von Gottfried Feder und den andern volkswirtschaftlichen Dreierlichtern des offiziellen Nazitums. Wahrscheinlich kann man das Dumpfe, Trübe und Unfreudige dieser Utopie nicht einmal Straßer persönlich zur Last legen. Man findet das in allen von rechts kommenden Konzeptionen eines deutschen Staates auf ständischer Grundlage. Ein öffentliches Leben soll es nicht mehr geben, die Frauen werden wieder in die Küche gesteckt; es gibt überhaupt keine Politik mehr, sondern nur noch Berufsangelegenheiten. Straßer hofft auf kulturelle Wundertaten eines völkischen Idealismus. Aber in Wahrheit würde eine also aufgebaute Gesellschaft in Wort und Schrift nicht über das platteste fachmännische Kannegießern hinauskommen. Phantasie, Initiative, Weltoffenheit, und nun gar in Verein mit künstlerischer Begabung, müßten als Ketzerei verpönt und verfolgt werden. Der proletarische Sozialismus hat ganz gewiß Paradiese weder versprochen noch geschaffen, aber für ihn handelte es sich um die Menschheit, er strebt zum Universalismus. Der völkische Pseudo-Sozialismus in allen seinen radikalen oder gemäßigten Spielarten dagegen kennt als sein Ideal nur die Abkapselung; sein Staat ist eine Feudalburg, von Mauern und Festungsgräben umgeben, während jeder echte Sozialismus sich bemühen muß, die Grenze zu sprengen. Der Sozialismus braucht gewiß nicht nur auf marxistischen Doktrinen aufgebaut zu werden, es gibt noch andre Möglichkeiten, aber aus dem Nationalismus kann zu allerletzt ein Sozialismus entwickelt werden. Denn der Nationalismus ist selbst ein Kind der kapitalistischen Ära, er muß mit dieser vergehen. Diese Zusammenkoppelung von Nationalismus und Sozialismus ist der Grundirrtum deutscher Nationalisten, für die eine sozialistisch organisierte Gesellschaft nicht mehr bedeutet als eine bessere Grundlage für den Revanchekrieg. Der Nationalismus wird kaum jemals die Überzeugung eines ganzen Volkes werden können. Die Geschichte hat ihn uns nur gezeigt als die in Krämpfen und Krisen explodierende Selbstsucht einer herrschenden Klasse. Nationalisten wie Straßer haben immer den 4. August 1914 im Kopfe, wo ganz Deutschland, das sich unfähig gezeigt hatte, sein inneres Schicksal zu gestalten, aus unfreien, als unleidlich empfundenen politischen Zuständen in den Kriegsfuror flüchtete. Was für ein verbrecherischer Esel ist Wilhelm II. gewesen, solch Kapital zu verwirtschaften! Diese Stimmung ist für immer dahin, kein rebellierendes Kleinbürgertum kann sie jemals wiedererwecken. Dennoch wird man grade Otto Straßer, auch wenn man seine Lehren aufs heftigste ablehnt, eine Reihe von sympathischen Zügen nicht absprechen mögen. Denn dieser unbestreitbare Reaktionär und Obskurant tritt in öffentlichen Kämpfen mit der Haltung und den Ansprüchen eines neuen Hutten auf. Es hat etwas Rührendes zu sehen, wie dieser Klopffechter einer für ewig versunkenen sozialen Ordnung mit der Gebärde eines Lichtbringers, eines Sankt Georg für seine Gedanken einsteht. Seltsames Paradox: dieser Kämpfer gegen alle Freizügigkeit, für den Liberalismus dasselbe bedeutet wie Zuchtlosigkeit, ist ausgesprochener Individualist und wäre erledigt ohne eine Gesellschaft, die liberal genug ist, das Recht des Individuums anzuerkennen. Durch seine besondere Art ist dieser Künder des »deutschen Sozialismus« der prägnanteste Liberale, der sich denken läßt. Das ist eine Zwiespältigkeit, die ihn reizvoller macht, als es seine Thesen sind. Eine Ahnung sagt, daß hier ein Ringender am Werke ist, der sein letztes Wort noch nicht gesprochen hat. Die Weltbühne, 16. August 1932 1064 Benito Ludovico Emil Ludwig hat ein Buch veröffentlicht, das achtzehn mit Mussolini geführte Gespräche umfaßt. Gespräche über Aktuelles und Vergangenes, über Politik und Geschichte, über Wesen und Moral des handelnden Menschen. Ludwig sieht in Mussolini die heroische Erscheinung im Sinne Nietzsches, den Condottiere von heute. »Ich habe Mussolini als historische Figur empfunden, und da mir vollkommene Freiheit zugesichert war, ihn nicht anders befragt, als ichs mit solchen gewohnt bin. Hier kann ich einen Unterschied zwischen Lebenden und Toten gar nicht empfinden.« Nicht so sehr Mussolinis Politik bewegt den Biographen Bismarcks und Napoleons als vielmehr sein Charakter. »Seit fünfundzwanzig Jahren hatte ich den homo activus umkreist und dramatisch, historisch, psychologisch vorzustellen unternommen. Jetzt saß er mir gegenüber.« Eine unerhört günstige Gelegenheit, in etwa vierhundert Fragen dem Diktator unter die Haut zu dringen. Trotzdem ist das Ergebnis enttäuschend. Durch keine Seite dieses Buches weht geschichtliche Luft, nirgends wird ein neues Kriterium zur Beurteilung Mussolinis bemerkbar. Bewiesen wird nur, daß der Duce ein äußerst belesener Mann ist, wohlbeheimatet in schwierigen, literarischen und philosophischen Diskussionen. Das aber brauchte nicht bewiesen zu werden, das weiß man aus seinen Reden und Schriften. Vielleicht wäre der Eindruck stärker, wenn Ludwig sich auf die trockenen Stenogramme beschränkt hätte. Aber der Mann wirkte zu stark auf seine Phantasie, und so ließ er sich verleiten, ihm einen dämonischen Hintergrund zu schaffen, der nicht ganz frisch anmutet. Dieser neue »man of destiny« hätte im Sinne Bernard Shaws ganz nüchtern, ganz in seinem Alltag festgehalten werden müssen; hier sprechen aus ihm allzu viel tote Helden und Diktatoren mit. Bald gleicht er dem Colleoni, bald sieht er napoleonisch aus, bald klingt sein Lachen leise und unheimlich. Während Shaw von seinem Cäsar oder den Richtern der heiligen Johanna den Staub der Geschichte abklopft und sie in unsre Gegenwart holt, um zu zeigen, daß sie Menschen waren wie wir, wird bei Emil Ludwig der zeitgenössische Tatbestand Mussolini eine Theaterfigur mit Requisiten des konventionellen Renaissancedramas. Ludwig hat seine Begeisterungsfähigkeit, sein künstlerisches Vermögen, in einer fremden Gestalt aufzugehen, auch seinem Helden mitgeteilt. Das ergibt aber keinen Mussolini sondern ein neues Doppelwesen, das man Benito Ludovico nennen möchte, einen humanisierten Diktator, der seine Flegeljahre als Tyrann hinter sich hat und zum Heile seines Volkes und der Menschheit konstruktiv zu werden beginnt. Das achtzehnte Jahrhundert trug immer das Idealbild des »guten Fürsten« in sich. Der nicht grade verwöhnte geistige Mensch dieser Krisenzeit formt sich nach seinen Wünschen den »guten« Diktator. Mussolini war in diesen Reden und Gegenreden selbstverständlich wachsamer als Ludwig annimmt. Er hat in höherem Maße Ludwig geführt als dieser ihn. Er hat in den weichen Stoff des ihn bewundernden Interviewers das Bild geprägt, das er von sich wünschte. Mussolini wußte, daß diese zu Ludwig gesprochenen Worte nicht verhallen sondern in Europa und Amerika aufmerksam und kritisch gelesen werden würden. Ludwig scheint wirklich der Meinung zu sein, der Gebieter von zweiundvierzig Millionen bringe ein großes Opfer, sich mit ihm hinzusetzen und platonische Dialoge zu führen. Ludwig unterschätzt sich. Der Duce verkannte die Tatsache nicht, sich hier einem Autor von internationalem Ansehen gegenüber zu befinden, auf den namentlich die angelsächsische Welt viel gibt. Der Meister der Propaganda zauderte nicht. Im Gegensatz zu – sagen wir Herrn von Neurath – weiß er, was ein Schriftsteller bedeutet. Dabei bleibt Mussolini toujours en vedette. Er verweilt lieber bei Macchiavelli, Nietzsche und Plato als bei der hartkantigen Gegenwart. Wo er sich herbeiläßt, Politik zu berühren und Meinungen abzugeben, ist es bei weitem nicht so ertragreich wie bei Briand, Churchill oder Lloyd George. Der Duce bändigt seine südländische Eloquenz. Wo es ernst wird – also interessant werden könnte – antwortet er knapp und ablenkend. Es ist kein Wunder, daß er über den Fascismus zu sprechen vermeidet. Der Chef der Firma wird nicht leicht das Fabrikationsgeheimnis preisgeben. So bleibt das Thema unberührt, und das ist das wirkliche Manko dieser Dialoge. Was hilft es da, daß beide Gesprächspartner manches Geistreiche über das Mirakel der Persönlichkeit sagen? Das ist ein weites und nirgendwo verpflichtendes Gebiet. Wäre aber von den geschichtlichen Kräften die Rede, die den italienischen Diktator tragen und deren Vollstrecker er ist, dann würde auch die Bildsäule des isolierten Willensmenschen verschwinden, dafür aber ein Politiker vor uns erstehen, der sich aus gesellschaftlichen Bedingungen ergibt und danach beurteilt werden muß. »Deshalb sind diese Gespräche, mögen sie politischer, historischer, moralischer Natur sein, doch immer nur psychologische Gespräche«, sagt Ludwig und trifft damit glatt vorbei. Man kann die Psychologie eines Staatsmanns nur mit seinem Werk hinter ihm ergründen. Zu Mussolini gehört Italien – nicht eine Comparserie, die ihm zujauchzt, wohl aber das wirkliche Italien, das gekettete, in dessen großen Städten das Volk aus Furcht vor Angebern nicht laut zu sprechen wagt. Ludwig brauchte gewiß nicht so zu fragen wie ein Zwangsbewohner der Liparischen Inseln es tun würde, denn er war Gast, aber die Gemeinplätze seines Gesprächspartners über die Vortrefflichkeit der carta del lavoro und des vom Fascismus eingeführten sozialen Systems hätte er nicht ohne Widerrede hinnehmen dürfen. Ihn blendete die schimmernde Aura der Macht, die statuarische Römergeste. Er hatte den Colleoni im Kopfe und leider gar keine politische Ökonomie. So kam nur ein Renaissancebild heraus, aber auch das nur aus dritter Hand, nicht Verrocchio sondern Makart. Die Weltbühne, 6. September 1932 1065 Kamerad Lampel Der vielgewanderte Peter Martin Lampel, den wir im Laufe weniger Jahre als Rebellen und als Loyalisten, als Fememörder und als Philantropen staunend kennen gelernt haben, zieht jetzt mit dem Johanniterkreuz des Jungdeutschen Ordens durch die Lande und begeistert sich am freiwilligen Arbeitsdienst. Er hat im vergangenen Frühjahr in Hannover, Sachsen und Schlesien die Arbeitslager des Jungdo und andrer Organisationen besucht und gibt jetzt eine umfangreiche Reportage heraus (»Packt an! Kameraden! Erkundungsfahrten in die Arbeitslager«, Rowohlt). Die Arbeit mußte wohl schnell fertig werden, und sie ist in der Tat unglaublich geschludert. Die Diktion hält glücklich die Mitte zwischen Arnolt Bronnen und Max Jungnickel. Das Deutsch ist vielfach nicht nur schlecht sondern auch falsch. Haben Rowohlts Lektoren das nicht gemerkt? »Zu mindestens« gibt es nicht. »Das Handmitanlegen« ist eine abscheuliche Wortbildung und sei hier nur als symptomatisch für den Stil des Ganzen vermerkt. Hat man das seufzend festgestellt, hat man sich verärgert durch dichtes Satzgestrüpp gearbeitet, hat man umfangreiche Partien als unlesbar aufgegeben, so gesteht man doch gern zu, daß vieles in unmittelbarer Frische gesehen ist, daß Lampel auch hier seine angeborene Begabung beweist, mit ein paar Strichen Menschen in ihrer sozialen Bedingtheit zu zeichnen. Aber das Talent verwildert, ohne dabei reicher zu werden. Zunächst einmal: Zwanzig Wochen freiwilligen Hilfsdienst über einem Lehrbuch der deutschen Sprache. Pack an, Kamerad Lampel! Nun mag man sich zu Lampels Stil stellen, wie man will, wenn man sich durch sein Buch geschaufelt hat, weiß man über den freiwilligen Arbeitsdienst mehr als bisher. Der Verfasser möchte um alles in der Welt überzeugen, deshalb setzt er Detail auf Detail ein. Aber je mehr er gibt, desto weniger gelingt es ihm, alle Sträubenden zu sich herüberzuziehen. Wer den freiwilligen Arbeitsdienst ohnehin ablehnt, wird bei Lampel nur neue und recht konkrete Argumente finden. Zunächst erfaßt man sehr deutlich die Unterschiede zwischen den Beweggründen der Propagandisten und denen der Jugend, die sich um sie drängt. Die jungen Leute möchten nur der verrottenden Misere der Untätigkeit entrinnen. Da ihnen sonst niemand hilft, greifen sie zu, ohne zu fragen. Das ist ganz einfach. Aber es ist ein Unfug, ein Handeln aus zwingendem Notstande glorifizieren und zu einer spontanen Volksbewegung machen zu wollen. Lampels eilfertiger Überschwang sieht in dem Arbeitsdienst ein neues Instrument der Nationalerziehung und zur Selektion einer führenden Schicht. Dafür eifert er, mit dem flotten Temperament des Schnellgewonnenen, darüber vergißt er die auch noch vorhandene Frage, ob der freiwillige Arbeitsdienst überhaupt als volkswirtschaftlich nützlich zu vertreten ist. Wie steht es aber mit dem pädagogischen Wert? Bedeutet dieser freiwillige Arbeitsdienst wirklich eine Vorbereitung fürs Leben? Ich halte die Spekulation Lampels für grundfalsch. Denn dieses Lagerleben mit Baracken und Zelten und bunten Fähnchen ist in seiner reizvollen Naturnähe und Primitivität keine wirkliche Vorbereitung auf die Arbeit, wie sie nun einmal ist und sein wird. Die wirkliche Arbeit ist ja ganz anders, trocken, eintönig, unromantisch. Da gibt es kein unterhaltsames Camping mehr, wo sich so nett über »Führertum« diskutieren läßt. Niemals habe ich so gut wie bei Lampel begriffen, warum sich die Reaktion schon so lange für den freiwilligen Arbeitsdienst interessiert. Es fing schon gleich nach der Abschaffung der Wehrpflicht an. Lampel schildert einige Lager und das Leben darin mit minutiöser Treue, und es ergibt sich immer der gleiche Eindruck: Wallensteinerei der Arbeit; hinter nicht ganz klarer Phraseologie fascistischer Drill; das ganze: die erste Orchesterprobe für eine spätere Militarisierung der Arbeit. Den jungen Leuten wird eine Ideologie eingeimpft, die antidemokratisch ist und antisolidaristisch, die das alte Klassengefühl der Arbeiterschaft durch Subordination unter den Willen von »Führern« ersetzt. So werden Betriebsbullen für die fascistische Fabrik gezüchtet. Zugleich aber läßt man den Glauben bestehen, es handle sich bei alledem um ein »antikapitalistisches« Werk, weil in Einzelfällen Zwischengewinne eines Unternehmers ausgeschaltet werden. Überall wimmeln frühere Offiziere herum, Angehörige eines Standes also, der noch niemals und nirgends ein sympathisch betontes Interesse an schwerer körperlicher Arbeit genommen hat, und wenn man erfährt, daß der ganze freiwillige Arbeitsdienst in Sachsen, zum Beispiel, einem alten Freikorpsmann und Verschwörer wie Heinz Hauenstein untersteht, so müßte Lampel schon mit einer die deutsche Grammatik virtuos beherrschenden Engelszunge reden, um zu überzeugen, daß es hier mit rechten Dingen zugeht. Natürlich bedeutet der freiwillige Arbeitsdienst für seine Organisatoren nicht eine praktische Frage, über die man verschiedner Meinung sein kann, sondern eine neue Heilslehre wie Mazdaznan oder Gesundbeten. In Deutschland wird alles augenblicklich Weltanschauung, und während junge Leute in Heide und Moor schippen und schwer scharwerken, um endlich wieder abends einen Topf Essen zu haben, hat der Vereinsvorstand in seinem Bureau bereits das Ritual einer nicht sehr klaren, aber trotzdem oder eben deshalb sehr zugkräftigen Ideologie entwickelt. Die kleinbürgerliche Betätigungsmanie hat hier ein neues unbegrenztes Feld gefunden; es gibt sogar schon eine Volkshochschule für freiwilligen Arbeitsdienst, wie lange noch, und die Universitäten verleihen den Doktor frw.Arb. Es gibt ohne Zweifel einen Wandervogel-, einen Rucksacktyp, Menschen, denen es Spaß macht, unter freiem Himmel am Lagerfeuer ein paar Suppenwürfel in Wasser aufzulösen, dann nach eingenommener Mahlzeit befriedigt unter die Zeltbahn zu kriechen und sich dem Ursinne des Lebens näher zu fühlen. Wir wollen ihnen nicht das Vergnügen stören, sie mögen in Gottes Namen ihre Weltanschauung pflegen, so viel und oft sie wollen, aber sie sollen uns in Ruhe lassen. So erzählt Lampel manche Episoden, von deren Komik er keine Ahnung hat. Da ist dieser Dialog mit einer Helferin in einem hannoverschen Lager: »Sie ist schlank, dunkelblond, etwa an vierzig. Mit einem klaren Gesicht und entschiedenem, männlichem Einschlag. ›Wie kommen Sie sich derart mutterseelenallein vor in dieser moorigen Öde und unter den vierzig handfesten Gesellen, gnädige Frau?‹ Sie antwortet zurückhaltend und kühl: ›Ein Privatleben wollte ich auch nicht, mich interessiert der Durchschnitt durch den deutschen Menschen.‹« Kamerad Lampel gibt das wieder, ohne mit der Wimper zu zucken. Warum sollte er auch lächeln? Das ist ja doch sein eigner Stil. Packt an, Kameraden! Eine wunderschöne Parole, die leider nicht hilft, weil es für sechs Millionen eben nichts anzupacken gibt. So ein Freiwilligensystem wäre wohl denkbar in Pionierzeiten, wo ohne augenblicklichen Nutzwert für eine kommende Prosperity gedarbt, gespart, geschuftet wird. Einstweilen räumt die Wirtschaft noch eine Position nach der andern. Infolgedessen kann also der heutige Arbeitsdienst auch nur Pläne realisieren, die volkswirtschaftlich noch recht dubios sind. (In diesem Zusammenhang sei an Werner Hegemanns scharfe Fehde gegen Kanalbauten erinnert.) So bleibt bis auf weiteres alles ein Experiment, bei dem ein Aufwand, dessen Zweckmäßigkeit noch unbewiesen ist, aus Mitteln bezahlt wird, die wir nicht haben. Alles an diesen Fragen ist herzlich vieldeutig, und eindeutig ist nur die grimmige Not der Jugend, die sich selbst gegen Hunger und Verkommenheit schützen will. Deshalb ist es notwendig, daß überall die Gewerkschaften mitbestimmend hinzugezogen werden, nicht nur um der heute schon arg grassierenden Ausbeutung Grenzen zu ziehen, sondern auch um zu verhindern, daß diese Arbeitslager zu Zuchtanstalten von gelben Fabrikfeldwebeln werden. Bekanntlich ist das System der Betriebsräte in unsrer Verfassung »verankert«. Das System des freiwilligen Arbeitsdienstes bedeutet die beste Möglichkeit, den Anker in aller Ruhe wieder hochzuziehen. Kamerad Lampel – gestern noch Genosse Lampel –, den Kopf vollgestopft mit bündischen Faxen, sieht das nicht und weiß wahrscheinlich auch gar nicht, was er tut, für welche Interessen er sich begeistert und andern den Sinn verwirrt. Die Weltbühne, 20. September 1932 1066 Wenn Annette Kolb sich beschwert, so ist das noch immer anmutiger als der Durchschnitt der Liebeserklärungen hierzulande. In einem kleinen »Beschwerdebuch« (Rowohlt) hat Annette Kolb Aufsätze, Glossen, Marginalien aus den letzten beiden Jahren gesammelt, die von Erlebnissen mit Menschen und Hunden handeln, mit dem Radio, mit Literatur und Musik. Das alles scheint leicht hingeplaudert zu sein, Improvisationen eines Menschen von natürlicher großer Formbegabung. Aber, lieber Gott, wie ist das gearbeitet! Wie ist das sprachliche Material dieser zarten, hauchdünnen Sachen von einer einmaligen Persönlichkeit gehärtet und biegsam gemacht! Annette Kolb sagt von sich selbst: »... sie hat sich, obwohl ihre Bücher nicht eben zahlreich sind, schrecklich geplagt. Und dies muß ich euch sagen, weil man ihren Sachen die große Mühsal nicht anmerkt. Sie hat es sich nicht leicht gemacht, am wenigsten mit dem Schreiben. Zum Schreiben drängte sie nicht das Talent sondern ihre Meinungen, und in der Gedanklichkeit, was immer man euch heute über sie erzählen mag, liegt der Schwerpunkt ihrer Arbeiten«. Annette Kolb hat recht, wenn sie es ablehnt, einem virtuosen Artistentum beigerechnet zu werden. Ihr Werk kommt aus einem brennenden Herzen, die Kunst eines klaren, vernünftigen Kopfes verdünnt es nicht sondern macht es nur feiner und durchsichtiger, »A.K. ist von deutscher und französischer Abkunft, und während des Weltkrieges hielt sie es mit den Deutschen und Franzosen zugleich.« So spricht nur ein durch und durch tapfrer Mensch, dessen Bestes, bei aller Kunst, doch darin liegt, die einfache Wahrheit einfach zu sagen. Die Weltbühne, 4. Oktober 1932 1067 Der Jünger Der Weise sprach zu seine Jünger: Wer keine Löffel hat, ißt mit die Finger ... Als vor ein paar Jahren Siegfried Kracauer seine profunde Studie »Die Angestellten« schrieb, gelang es ihm mit einem selten ergiebigen Griff, eben noch vor dem Eintritt in die Weltkrise das Abbild einer sozialen Schicht zu nehmen, die wie keine andre für die letzten von uns durchlebten Phasen der nachbürgerlichen Zeit charakteristisch geworden ist. Das neue Buch Ernst Jüngers »Der Arbeiter« (Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg) erinnert in der Einfachheit des Titels unwillkürlich an Kracauers heute schon klassisch anmutende Leistung. Aber ein Vergleich tut Jüngern nicht gut, er löscht ihn aus. Das Buch Jüngers bringt weder untersuchend noch beschreibend etwas von Belang. Es bietet nichts als eine monotone Folge bleichsüchtiger Philosopheme, um die nicht mehr völlig frische These zu stützen, daß es mit dem Bürgertum bergab geht. Dafür ist jetzt das neue Weltalter des Arbeiters gekommen, und wenn diese Erkenntnis auch mit dem Anspruch revolutionärer Gesinnung vorgetragen wird, so läßt sich doch nicht lange verbergen, auf welchen Meister dieser Jünger schwört. Was für ein Gesicht die Herrschaft des Arbeiters haben wird, vor allem aber mit welchen Kräften sie sich durchsetzen soll, davon wird in Jüngers durchaus nicht wortarmer Predigt nichts verlautbart. Der Arbeiter, das ist doch etwas Nahes und Selbstverständliches; nichtsdestoweniger bringt es Jünger fertig, den Gegenstand mit Hilfe einer nicht ohne Spenglers Einfluß entstandenen Terminologie so weit von uns zu entfernen, daß wir am Ende das Gefühl haben, hier gehe es um Fakire und Yogis und nicht um Dinge, die zu unserm Alltag gehören. Es ist jedenfalls ein beachtliches Kunststück, einem so erregenden und aktuellen Thema so viel Blut abzuzapfen, daß nichts als ein Phantom zurückbleibt. Nebenbei gesagt: wenn in einer Schrift von dreihundert Seiten, die, wie von niemandem bestritten wird, den Titel »Der Arbeiter« führt, zwischendurch in einer Fußnote mitgeteilt werden muß, wie wir das Wort »Arbeiter« zu verstehen haben, so scheint mir das weder für die Gestaltungskraft noch für die Kopfklarheit des Autors günstiges Zeugnis abzulegen. Der »Arbeiter« bleibt also unter Jüngers Beschwörung so stumm wie ein seit dreitausend Jahren toter Pharao. Dafür wird aber nach dem ortsüblichen fascistischen Schema desto eifriger gegen den »Bürger« spektakelt. Herr Jünger und die Seinen würden mehr imponieren, wenn sie das zu einer Zeit getan hätten, wo es noch mit Unannehmlichkeiten verknüpft war, aber damals retteten die meisten der Herren die bürgerliche Ordnung in weißen Freikorps. Grade der Sozialist hat Anspruch, solche dubiosen Kriegserklärungen an die bürgerliche Zeit nicht unwidersprochen passieren zu lassen, denn damit maskiert der Fascismus nur sein eignes reaktionäres Wesen, das gibt ihm Gelegenheit, sich radikal aufzutun. Was er der Bürgerzeit vorwirft, das sind ja nicht ihre Häßlichkeiten und Zweideutigkeiten sondern die besten Inhalte ihrer historischen Mission: die Überwindung absolutistischer und feudalistischer Mächte, die Verkündung der menschlichen Grundrechte und ihre Verteidigung gegen Staat und Gesellschaft. Gegen die vermorschte bürgerliche Epoche wird also der Arbeiter mobilisiert, aber auch dabei wird ein entscheidender Gegensatz zum Sozialismus sichtbar. Der Fascismus liebt es zwar, den Arbeiter zu verhimmeln, aber er nimmt ihn niemals als Masse sondern immer nur als einzelnes aus der geprägten Klassenform geholtes Exemplar. Das mag vor Marx, vor Lassalle möglich gewesen sein, heute geht das nicht mehr. Wer es tut, rückt hinter Schultze-Delitzsch zurück. Einerlei ob konservativ oder revolutionär, keine Betrachtungsweise stellt den Menschen mehr in jenen blauen Dunst, wo die soziale Realität von abstrakten Reflexionen abgelöst wird. Jünger eröffnet zwar großartig genug die Herrschaft des Arbeiters über die Erde, aber der Arbeiter ist ihm nur »Typus«, »soziale Rasse«, weder will er einen Stand darunter verstehen »noch eine Klasse im Sinne der revolutionären Dialektik des neunzehnten Jahrhunderts«. Der Sozialismus wird bei Jünger überhaupt nicht notiert, dafür ist viel von einer »Arbeitsdemokratie« die Rede, die aber ebensowenig klar wird wie das gewichtige und häufig vorkommende Wort »Planlandschaft«. Das ist alles recht großartig und zugleich von qualliger Unverbindlichkeit. Vor fünfundzwanzig Jahren wurde ähnliches von verlaufenen Sombartschülern produziert. Damals gab es allerdings noch keinen revolutionären Tamtam darum, man nannte dergleichen schlicht und treffend »liberalen Kulturschwafel«. Wir wollen das auch heute so nennen. Der Fascismus leugnet die Arbeiterklasse, er will sie auflösen. Die Ziele sind bekannt, ebenso die materiellen Kräfte. Wenn man aber die intellektuellen Potenzen betrachtet, die zu gleichem Zwecke eingesetzt werden, so möchte man fast ein stilles Glück empfinden. Die gesamte fascistische und halbfascistische Rechte hat noch nicht einen originellen und wirksamen Schriftsteller hervorgebracht, die passabelsten darunter noch zehren von den geistigen Frühstücksresten der Gegner. Dabei haben die Herren jetzt große Verlage zur Verfügung und noch Geld dazu – wo bleiben nun, da ihnen keine jüdische Tücke die Schwingen lähmt, die verheißenen deutschblütigen Genies? Als Herr Jünger vor ein paar Jahren mit seinem »neuen Nationalismus« startete und auf Grund seiner Kriegserlebnisse sachkundig und unbefangen über das Grauen der Materialschlacht schrieb, konnte er vorübergehend Beachtung erringen. Diese Konjunktur ist abgeblüht, eine neue Epoche hat nicht begonnen. Jünger, heute als Soziologe etabliert, kommt über die durchschnittlichste Untergangsprophetie und Chaosmalerei, an der man sich allmählich sattgelesen hat, nicht hinaus. Nur der Verfall der bürgerlichen Freiheit und die wachsende Ausdehnung der Barbarei in dieser Zeit wird mit einer Liebe zum Detail ausgepinselt, die uns besser als die prätentiöse Ausdrucksform belehrt, warum solche Bücher noch immer geschrieben werden. Die Weltbühne, 18. Oktober 1932 1068 Zehrer und Fried Das Chaos ist des Deutschen Himmelreich. Das lateinische Genie mag in heller Mittagshöhe blühen, der deutsche Geist entfaltet sich am reichsten, wenn durch graue Nebelschwaden schon rot die Katastrophe leuchtet. Der wankende soziale Boden unter ihm ist gleichsam der ideale Exerzierplatz seiner Spekulationen. Neben Otto Straßer und Ernst Jünger repräsentiert der Mitarbeiterkreis der ›Tat‹ heute am deutlichsten die Verwirrung liberalistischer Bürger, die sich vor dem drohenden ökonomischen Weltuntergang laut schreiend und mit ekstatischen Gebärden dem Rechtsradikalismus in die Arme werfen. Jahrelang haben die Ullsteinredakteure Hans Zehrer und Friedrich Zimmermann in der Kochstraße gewirkt, ohne eine seherische Begabung merkbar werden zu lassen. Aber als die große Krise hereinbrach, als die Kurse stürzten, die Märkte verkrachten und das ganze Bankiergewerbe suspekt zu werden begann, da wurde den beiden apokalyptisch zu Mute. Sie hatten Gesichte und redeten in Zungen, spitze, blaue Sankt-Elms-Flämmchen über der Stirn. So zogen sie in das bekömmliche Seelenklima der Diederichsschen ›Tat‹ ein, wo Zehrer eine aus reaktionären und sozialistischen Elementen gemischte romantische Staatslehre entwickelte, während Zimmermann, der sich nunmehr Ferdinand Fried nannte, die Autarkie proklamierte und sich in tiefgreifenden Wirtschaftsanalysen sachkundig über das Alter der Aufsichtsräte äußerte. Hier wurde also mit vereinten Kräften das Chaos angesagt, hier wurde Hitler überhitlert und der Nationalsozialismus in eine moderne Bildungssprache übertragen, ohne aber in dieser Verkleidung etwas von seinem natürlichen Charme einzubüßen. In der letzten Zeit kann man nun bei den Aposteln des Chaos, das, wohlgemerkt, immer höchst gesittet ist und so, daß der deutsche Bürger sich darin am Sonntag wohlfühlt, einen offensichtlichen Umschwung wahrnehmen. Das prophetische Feuerwerk prasselt nicht mehr so dicht, eine gewisse Orientierung an politischen Fakten wird angestrebt. Die Herrschaften verfügen jetzt in der ›Täglichen Rundschau‹ auch über ein in Berlin erscheinendes Journal. Vielleicht nicht ohne Rücksicht auf dessen hohe Gönnerschaften, über die sich die ›Weltbühne‹ schon wiederholt geäußert hat, ist die »totale Revolution« einstweilen zurückgestellt worden. Dagegen wurde der enge Anschluß an das autoritäre Regime oder wenigstens an dessen militärische Teilhaber perfekt; nur Herr v. Papen wird, als der Gemeinde der Erleuchteten nicht würdig, abgelehnt. Zehrer propagiert jetzt den präsidialen Absolutismus: »Solange sich der Volkswille noch nicht formiert hat und solange er noch keine Einheit, Geschlossenheit und Zielsetzung besitzt, hat die Koalition zwischen auctoritas und potestas die Möglichkeit, den Volkswillen zu repräsentieren.« Nicht in die Geheimlehre der ›Tat‹ Eingeweihte werden damit nicht mehr anfangen können, als wenn dort statt »auctoritas« und »potestas« »Wilmersdorf« und »Friedenau« stünde. Aber Zehrer belehrt uns, daß Hindenburg die »auctoritas« verkörpert und die Reichswehr die »potestas« und daß er diese Einsichten dem namhaften Staatsrechtler Carl Schmitt verdankt, der vor etwa zehn Jahren, als er sich noch Schmitt-Dorotič nannte, ein interessantes Buch über »Politische Romantik« geschrieben hat. Adolf Hitler, gestern noch der Hausgott der ›Tat‹, wird von Zehrer kühl in die Reserve verwiesen. »Es würde eine Verkennung seiner Aufgabe sein, wollte er sich und seinen Mythos heute durch die Übernahme eines Amtes gefährden.« Ordnung muß sein: der Mythos gehört in den Glasschrank. Die »neutrale Staatsgewalt« der ›Tat‹ soll aus Reichspräsident, Armee und Bureaukratie bestehen. Denn der Volkswille hat sich noch nicht kristallisiert und kann deshalb nicht berücksichtigt werden. Sollte er sich aber doch mausig machen, so gibt Zehrer für alle Fälle wertvolle Winke zu seiner Eskamotierung. Muß erst lange bewiesen werden, daß diese »Neutralität« des Staates eine Fiktion ist? Noch jede Staatsgewalt, die der Volksvertretung Rechte abringen wollte, hat sich bisher überparteilich getarnt, hat sich neutral genannt. Es ist ganz unmöglich, daß in revolutionären Phasen, wo alle sozialen Schichten zu rotieren beginnen, der Staat allein von der allgemeinen Dynamik nicht ergriffen werden sollte. Der absolute und fest in sich ruhende Staat, der einen erhabenen Bogen über das kleine Menschengewimmel wölbt, ist eine Philosophenfabel aus der Metternichzeit. Die Herren von der ›Tat‹ aber packen ihrer »neutralen Staatsgewalt« die Zentnergewichte eines antikapitalistischen Reformprogramms auf: sie soll Kohle und Eisen nationalisieren, ganze Industrien in Monopole des Reichs verwandeln und überhaupt die Ablösung der Erwerbswirtschaft durch Gemeinwirtschaft vorbereiten. Nun haben die großen Sozialisten des vorigen Jahrhunderts der Arbeiterklasse den Sozialismus als historische Aufgabe gestellt, ihn damit also unabhängig gemacht von dem guten Willen der jeweils Regierenden. Ob das eine befriedigende Antwort ist oder nicht, der Sozialismus ist damit aus der Utopie in die Wissenschaft gerückt, niemand hat bisher eine bessere Antwort gegeben. Wenn Zehrer und Fried die neue Gesellschaft lieber von Hindenburg und Schleicher dekretiert wissen möchten, so braucht man nicht erst Karl Marx zu beschwören: es ist eine durchaus vormarxistische Erfahrung, daß die Weltgeschichte keine Göttergeschenke macht. Auch der Sozialismus fällt nicht wie eine goldene Herbstfrucht vom Baum, er muß mühsam erkämpft werden. Es ist doch eine etwas naive Vorstellung, eine aus kapitalistischen, militaristischen und agrarfeudalistischen Elementen zusammengewürfelte Staatsmacht könnte jemals bereit sein, ihre eignen gesellschaftlichen Fundamente zu zerstören. Glaubt Herr Zehrer wirklich, Hindenburgs Unterschrift genügte, um den Sozialismus durch das legale Hauptportal einzulassen? Gewiß, was dem Reichspräsidenten heute von einem byzantinischen Tellerleckertum an Machtfülle zugesprochen wird, dafür gibt es überhaupt keine profane Analogie. Das erinnert an die katholische Lehre vom Gnadenschatz der Kirche, über den nur der Papst die Schlüsselgewalt besitzt, oder gleich an den Dalai Lama. Wenn aber Herr von Hindenburg wirklich den Schlüssel gebrauchen wollte, um das staatssozialistische Himmelreich zu öffnen, so würde das höchst dramatische Folgen nach sich ziehen. Dieselbe Korona serviler Juristen, die sich in Leipzig eben noch um die Statuierung präsidialer Allmacht bemühte, würde mit der gleichen Beredsamkeit das Recht der Auflehnung gegen eine schlechte Obrigkeit begründen. »Professoren und Huren kann man immer haben«, sagte der selige König von Hannover. Er hatte gewiß nicht viel Geist, aber er sprach aus der Erfahrung der Macht. Es tut nichts zur Sache, daß Herr v. Schleicher mit den Vorstellungen des ›Tat‹-Kreises lebhaft sympathisiert und zu den führenden Herren die angenehmsten Beziehungen unterhält. Zehrer und Fried mögen sich nicht wenig geschmeichelt fühlen, daß der Reichswehrminister sich von ihnen theoretisch versorgen läßt wie Cesare Borgia von Macchiavelli, aber es spricht gegen ihre praktische Lebenserfahrung, daß sie sich dadurch zu Illusionen verleiten lassen. Es ist das Kennzeichen von Salonpolitikern und Amateuren aller Grade, der Menschheit dadurch auf die Strümpfe helfen zu wollen, daß sie für ihre Originalidee einen Millionär oder Minister zu gewinnen trachten. Jeder von uns ist schon einmal dem freundlichen Dilettanten begegnet, der nur noch die hunderttausend Mark von Rothschild braucht, um die Armut für immer aus der Welt zu schaffen. Mögen sich Staatsmänner noch so autoritär und absolut gebärden, sie vertreten niemals nur einen Einzelwillen sondern den Geist einer Klasse, der ihr Vollbringen und Gewähren abmißt und bindet. Bertha v. Suttner wollte den Weltfrieden auf den Zaren von Rußland gründen. Adolf Stöcker, der doch auch antikapitalistische Reformpläne wälzte, glaubte, auf Wilhelm II. bauen zu können, der sich damals grade als »Arbeiterkaiser« aufmachte. Coudenhove-Kalergi wirbt für sein Paneuropa jene rosigen Exzellenzen genfer Provenienz, die vor allem schuld sind, daß Europa so aussieht. Und Hans Zehrer hat sich da so etwas wie Sozialismus zurecht konstruiert und appelliert nun an Hindenburg und Schleicher, die Machtträger, als die Berufenen. Die brauchen nur ja zu sagen, und dann klappt die größte Veränderung seit tausend Jahren. Darwin hat einmal gesagt: »Wenn jemand zu mir kommt und behauptet, die Bohnen wachsen schneller, wenn er Violine spiele, so antworte ich nur: Well, machen Sie das vor!« Diese Chance hat auch Herr Zehrer noch für sich. Well, machen Sie das vor! Was Herr Zehrer an Gründen für seinen Optimismus anführt, ist herzlich dünn: »Die deutsche Staatsgewalt hat heute diese große Chance. Sie ist einmal neutral, das heißt, den Gegensätzen der Organisationen nicht verhaftet und insofern keinem Interesse verpflichtet, und sie ist am Zuge, während die Organisationen unfähig sind, eine handlungsfähige Gewalt zustande zu bringen.« Herr Zehrer spricht, mit Verlaub, aus einem hohlen Faß. Wo wäre die gegenwärtige Regierungsgewalt einheitlich und »den Gegensätzen der Organisationen nicht verhaftet«? Falls Herr Zehrer es inzwischen nicht aus der Zeitung erfahren hat, dürfte die potestas es ihm wohl persönlich zugeflüstert haben, daß in dieser Regierung sich agrarische und industrielle Interessen scharf wie Sensenklingen kreuzen und daß diese autoritäre Regierung so sehr wie keine andre unter dem Diktat mächtiger Wirtschaftsgruppen steht. Übrigens ist es noch ein wahrer Segen, daß die Einflußsphäre der ›Tat‹ sich auf die Bendlerstraße beschränkt und sich nicht auf das Finanzministerium oder gar auf die Reichsbank erstreckt. Ferdinand Fried, der Ökonomist, rührt an gefährliche Bezirke, wenn er die Behauptung aufstellt, daß es in Deutschland nicht an Kapital fehlt, wohl aber an Geldumlaufsmitteln und daraus unerbittlich folgert: »Es muß Geld geschaffen werden!« Damit wären wir wieder bei der Inflation angekommen, die ja zum eisernen Bestand aller von rechts stammenden sozialen Umbauprojekte gehört. Fried trommelt zwar in gewohnter Weise sehr heftig für die Verstaatlichung des Kredits, aber der vernünftige Gedanke wird durch Vermengung mit inflationistischen Tendenzen nur diskreditiert. Die Auffassung, wonach »die Währung unangetastet« bleiben soll, bezeichnet Fried wegwerfend als »liberal-kapitalistisch«. In dem ausführlichen Sozialisierungsprogramm, das er im gleichen Zusammenhange veröffentlicht, vermissen wir den Großgrundbesitz. Der ist wohl allein nicht bresthaft sondern blühend und gesund. Oder will man das der auctoritas nicht zumuten? Nach dem Fanfarengeschmetter, mit dem der ›Tat‹-Sozialismus vor ein paar Jahren ins Leben trat, ist das Ergebnis kümmerlich. Die Autarkie, an die Fried zunächst sein beträchtliches publizistisches Temperament setzte, ist beileibe nicht seine Erfindung sondern ein schon recht bemooster agrarischer Herzenswunsch. So bleiben also nur Zehrers Apologie der absoluten Präsidialgewalt und Frieds Begeisterung für ein bißchen Inflation. Das nennt man ein Fazit. Dennoch sei gern zugestanden, daß sich der ›Tat‹-Kreis seine Sache nicht leicht gemacht hat, daß er zu diesen Resultaten, die andern am hellen Tag zugeflogen sind, nur durch viele Ekstasen und Visionen gelangen konnte. Jetzt aber sind die Seher aus dem Hochschlaf erwacht, sie reiben sich die Augen und sind ganz zufrieden. Zehrer konstatiert, daß die 1918 begonnene Bewegung endlich zum Stillstand kommt. Wahrscheinlich hat die ›Tat‹ schon genug der Taten getan. Wir machen jetzt grade »die Wende« durch: »Heute ist die Revolution des Stimmzettels beendet, die Fronten der Parteien sind abgesteckt, eine Verschiebung ist nicht mehr zu erwarten. Die Fronten erstarren jetzt langsam, Wahlen vermögen sie nicht mehr zu erschüttern.« Das ist für so wortreiche Revolteure, für so heiße Agitatorenköpfe, die sich nicht beruhigen wollten, ohne die »Totalität« durchzusetzen, ein allzu bequemer Rückzug ins Privatleben. Die Herren wollen grade jetzt nach Hause gehen, wo es anfängt, interessant zu werden. Mögen die politischen Fronten auch in den letzten Monaten geronnen sein, wir wissen nicht, wie lange sie es bleiben werden. Und, was viel wichtiger ist, die sozialen Fronten sind es nicht. Die sind, im Gegenteil, wieder höchst flüssig geworden. Es ist nicht ohne Humor, daß Zehrer, der den großen Kladderadatsch unermüdlich an die Wand gemalt hat, heute, wo ein eigner Wille der Arbeiterschaft wieder manifest wird, wo diese sich zum erstenmal seit der unseligen Tolerierungsperiode wieder in sicher durchgeführten Streiks der Sozialreaktion erwehrt, die Kräfteverschiebung in Deutschland für beendet erklärt und hinter Präsidialgewalt und Reichswehr Deckung bezieht. Das ist zwar ein wenig komisch, aber es ist nicht absonderlich. Mit dem Nachlassen der Depression im Klassenkampf verschwinden auch die eilfertig etablierten Zwischengruppen; die besonders aufgeregt tuenden intellektuellen Schrittmacher der Hitlerei erklären ihren Helden zum Mythos und suchen wieder solide Positionen im Schatten der reaktionären Staatsmacht. Das bedeutet durchaus nicht Verzicht auf radikalistische Phraseologie; dadurch entwickelt sich eine Phase voll ideologischen Durcheinanders, und davon profitieren auch Zehrer und Fried. Ihr Programm hat mit Sozialismus nicht das mindeste zu tun. Die Quintessenz ihrer Staatsidee ist eine Art nationalistischer Kollektivismus: die Armee dominiert, ihr Interesse steht obenan, und zu ihrer besseren Versorgung gehen ein paar Industrien in die öffentliche Hand über. Ein Militärstaat, ein Mameluckenstaat; der ganze Staat ein einziges Kriegsarsenal. Handel und Wandel reglementiert, nur die Herren Agrarier erfreuen sich einer unangetasteten peitschenknallenden Individualität. Eine sehr preußische Vision, also keine schöne. Seit Clausewitz gibt es so etwas wie eine borussische Kasinophilosophie, die dem Militarismus eine besondere volksbeglückende Mission zuspricht. Und dennoch sind die Sorgen der ›Deutschen Allgemeinen Zeitung‹ vor einem »feldgrauen Sozialismus«, wie sie die Richtung Zehrer-Fried nennt, nicht am Platze. Wenn wirklich ein General daran denken sollte, Banken und Schwerindustrie zu nationalisieren, so wird sich schon ein zweiter finden, dem seine Theoretiker nachweisen, daß es sich auch hier um köstliche Erbgüter der deutschen Seele handele, die nicht von dem rohen Materialismus des Staates verschluckt werden dürfen. Und ein General kann immer von einem andern geschlagen werden, das ist das einzige wirkliche militärische Geheimnis auf der Welt. Damit eröffnen sich für die deutsche Zukunft zwar nicht die heitersten Aspekte, aber solche bolivianischen Konsequenzen sind überall da unvermeidlich, wo die natürlichen sozialen Tendenzen unter militärisches Patronat geraten. Die Weltbühne, 22. November 1932 1069 Erklärung Das Reichsfinanzministerium hat den Herausgeber der ›Weltbühne‹, Carl v. Ossietzky, und den Schriftsteller T. H. Tetens wegen Beamtenbeleidigung verklagt. Der Anklage liegen die in den Heften 5 und 13 dieses Jahres erschienenen Artikel »System Reemtsma« und »Reemtsma kauft« zugrunde. Der für den 22. November angesetzte Verhandlungstermin wurde auf unbestimmte Zeit vertagt. Carl v. Ossietzky hat dem Gericht die nachstehende Erklärung zugestellt: Die beiden unter Anklage stehenden Artikel der ›Weltbühne‹ vom 2. Februar 1932 und 29. März 1932 beruhen auf gutgläubig entgegengenommenem Material. Als die Richtigkeit des Materials bezweifelt wurde, habe ich noch vor der Erhebung der Anklage meinen langjährigen Verteidiger, Herrn Rechtsanwalt Doktor Apfel beauftragt, das gesamte Material durchzuprüfen. Das Ergebnis dieser vielmonatigen Prüfung liegt dem Gericht und mir vor. Das Gutachten bestätigt meines Erachtens einwandfrei, daß die Vorwürfe, die Gegenstand des Strafverfahrens bilden, unbegründet sind. Ich nehme daher die gegen das Reichsfinanzministerium und gegen die Herren Ministerialdirektor Ernst und Präsident Schröder erhobenen Vorwürfe mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück. Berlin-Tegel, den 21. November gez. Carl v. Ossietzky Die Weltbühne, 29. November 1932 1070 Rückkehr Im Gefängnis gewesen sein, das ist ein großes Erlebnis, das kein politischer Mensch aus seinem Dasein streichen kann. Es ist die Berührung mit einer abgesonderten Welt, die eingemauert zwischen uns ragt und von der wir weniger wissen als von Tibet oder der Osterinsel. Das Gefängnis, das heute in Deutschland nicht mehr strafen sondern bessern und erziehen soll, ist damit sozusagen zum Lazarett der bürgerlichen Ordnung avanciert. Ich habe das Gefängnis nicht als ein Haus der gewollten Härte und der traditionellen Quälereien kennen gelernt, aber auch so bleibt es ein Haus des Jammers, in dem hinter jeder Eisentür ein andrer trauriger Globus kreist, durch schicksalsmäßige Verstrickung in dieser Bahn gehalten. Schuld –? In diesem Hause fällt das Wort nicht, hier gibt es nur Opfer. Als ich zwei Tage vor Weihnachten hinausging, hatte ich ein Würgen im Halse, das so etwas wie schlechtes Gewissen war, weil ich heimkehren durfte und die Andern blieben. Ich nehme nicht für mich in Anspruch, daß dieses Gefühl etwas Apartes ist. Unzählige haben so empfunden, und ganz frei davon scheint nur eine Kategorie zu sein, nämlich der Richterstand. Wenn der Rechtsprecher nur endlich einmal mit dem Geheimnis der Zellenhaft vertraut würde, wie anders müßten selbst die Urteile der bürgerlichen Justiz aussehen! Bei der Amnestiedebatte im Reichstag hat ein deutschnationaler Abgeordneter die Meinung vertreten, durch häufige Straferlasse werde die Berufsfreudigkeit der Richter gelähmt. Ein sehr strammer Herr, dieser Deputierte. Aber was für eine Auffassung von richterlicher Tätigkeit! Über manches Gesehene soll noch gesprochen werden, wenn die Eindrücke wirklich verarbeitet worden sind. Heute sei mir nur das Schlußwort zu einem gewissen Kapitel gestattet. Es ist in der ›Weltbühne‹ in der letzten Zeit von mir etwas zu viel die Rede gewesen. Zeitungsmenschen soll man nur hören aber nicht sehen. Ich beklage aufrichtig, daß dieser kleine Stilfehler vermerkt werden muß, und ich schreibe die Verantwortung dafür Umständen zu, die keiner der freundlichen Schreiber verschuldet hat. Jetzt, wo ich in die Redaktion zurückkehre, ist es mir ein Herzensbedürfnis, allen, die meine Freilassung durch Wort und Schrift, durch öffentliche Zustimmung und politische Handlung unterstützt haben, allen, die Zeichen von Sympathie in meine Zelle gelangen ließen, meinen Dank auszusprechen. Es ist selbstverständlich, daß ein beträchtlicher Teil davon der Sache und nicht der Person galt. Der Kampf um die Amnestie ging diesmal nicht um den Einzelnen, wie etwa noch im Falle Max Hölz. Es ist ja bekannt, daß schließlich die sozialdemokratische Fraktion den Ausschlag gab, indem sie darauf beharrte: wenn der Landesverräter nicht freigegeben wird, so fällt das Ganze ins Wasser! Als dann später die erforderliche Zweidrittelmehrheit zustande kam, bemerkte ein sozialdemokratischer Abgeordneter resigniert: So, jetzt kann er wieder auf uns schimpfen! Hm. Die ›Weltbühne‹ hat ein kampfreiches halbes Jahr hinter sich, und sie hat Geist und Bestand gewahrt. Das leipziger Urteil vom 23. November 1931 hat sich als Blindgänger erwiesen. Das ist das Verdienst der Mitarbeiterschaft mit Hellmut v. Gerlach an der Spitze. Wir wollen uns nicht gegenseitig feiern und für große Männer erklären, denn wir sind, wenn man will, eine Verschwörung, jedenfalls kein Verein. Wenn auch getrennt, haben wir gemeinsam eine dramatische Zeit durchschritten, und das bindet mehr als Statuten oder ein Zeremoniell. Die Sitzung geht weiter. Die Weltbühne, 27. Dezember 1932 1933 1071 Wintermärchen Die Ritter Am Anfang des Jahres 32 stand die Nazidiktatur vor der Tür, war die Luft voll Blutgeruch, schien die Erfüllung des Programms von Boxheim nur eine Frage der Zeit zu sein. An seinem Ende wird die Hitlerpartei von einer heftigen Krise geschüttelt, sind die langen Messer still ins Futteral zurückgesteckt und öffentlich sichtbar nur die langen Ohren des Führers. Die deutsche Entwicklung geht nicht glatt aber rapid. Als ich mich vor mehr als sieben Monaten verabschiedete, regierte Brüning noch und jener inzwischen sagenhaft gewordene Groener, der jetzt wieder seine überzählige Figur aus der Versenkung schiebt, in der ihn sein Freund Schleicher so elegant hatte verschwinden lassen. Es kam der Herrenklub und die autoritäre Regierung. Ein ganzer Artushof von heftig irrenden Rittern schwärmte aus und in gut bezahlte Positionen hinein, und Lancelot vom See wurde Reichskanzler, während Merlin, der Zauberer, als Professor Wagemann verkleidet, seine Kunst an der Wirtschaftskrise versuchte. Hokuspokus, hokuspokus, dreimal schwarzer Kater. In allen Ressorts saßen plötzlich schlanke Kavaliere, wie aus präraffaelitischen Tapeten gestiegen, und verhängten das Mittelalter über uns. Es fehlte neben andern Edikten, um uns auch ganz konsequent in die schönere Vergangenheit zurückzuführen, nur noch die Wiedereinführung des jus primae noctis, obgleich nach den devastierenden Wirkungen des Kulturbolschewismus eine nennenswerte Ausbeute nicht mehr zu garantieren gewesen wäre. Das Regime Papen begann mit vehementem Auftrieb. Es entfaltete vor den Augen der verblüfften Nation eine entschlossen reaktionäre Aktivität, die von keiner bescheidenen Ahnung der Wirklichkeit gelenkt wurde. So kollidierte der grundsätzlich neu geführte Staat, dem nur noch die nominelle monarchische Spitze fehlte, mit dem nun einmal vorhandenen gesellschaftlichen Fundus; die flotten Herrenreiter fielen dabei kopfüber in den Graben. Sie zogen sich still in ihren Frühstücksklub zurück und suchen nun die blaue Blume in der Weinkarte. Das Ganze wirkte wie eine postmortale Manifestation, als sollte den jungen Leuten von heute gezeigt werden, wie der Staat von 1910 ausgesehen und was für brüllende Unfähigkeit damals ganz oben Posto gefaßt hatte. Und nun ist Kurt von Schleicher endlich Reichskanzler. Ein Ehrgeiziger ist am Ziel. Wenn er zum Besten des Vaterlands ähnliche feste Ellenbogen zeigt wie in seiner eignen Karriere, so gehen wir goldenen Zeiten entgegen. Die Landsknechte Papen wollte gemeinsam mit Hitler das sacrum imperium machen. Hitler lehnte ab, und die Berater des Reichspräsidenten waren nicht geneigt, mit Ritter Lancelot allein zu reiten. Schleicher findet bei seinem Beginn die Nazipartei in ärgsten Verlegenheiten, ihr Expansionstrieb hat sich durch Furcht vor der legalen Verantwortung ebenso wie vor der revolutionären Aktion selbst ad absurdum geführt. Die von dem ewigen Hitlerschreck befreite Linke begrüßt den neuen Kanzler mit einem erleichterten Aufatmen und schreibt seinem staatsmännischen Ingenium freudig zu, was teils das Werk anonymer sozialer Kräfte ist, teils das natürliche Ergebnis einer dilettantischen Führerschicht, der man besser aufs Maul sieht als auf die Fäuste. Es ist jedoch notwendig, in der nächsten Zeit auch auf die Taschen zu achten. Wer sie wieder füllen kann, der wird auch die Partei haben. Die Krise der Nazis ist vor allem eine finanzielle. Die theoretisch interessierte Schicht in der Partei war immer herzlich dünn. Die Intellektuellen sind schon mit Otto Straßer und Buchrucker geschieden oder sammeln sich im ›Tat‹-Kreis und in unzähligen Konventikeln. Das Gros der Parteimitglieder besteht aus den Dümmsten der Dummen, die Cadres der Braunjacken werden durch Barzahlung zusammengehalten und nicht durch eine Gesinnung. Die Zentrale hat aus dem Vollen gewirtschaftet, sie hat von der Aussicht gelebt, in absehbarer Zeit den Staat mit ihren Heuschreckenschwärmen zu überziehen, und sie hat sich darin getäuscht. Ihre alten Brotgeber von der Industrie sind entweder pleite oder durch einige sozialradikale Zwischenspiele enttäuscht. Mitten in einer bettelarm werdenden Zeit war Propaganda der Partei und Lebensstil der Führerschaft auf eine Opulenz gestellt, die zwar die sozialistischen Arbeiter nicht blendete, wohl aber jenes verrottende Kleinbürgertum, das jeden Propheten zu steinigen bereit ist, der sich nicht einen Mercedeswagen und ein Quartier im »Kaiserhof« leisten kann. Dieser Parvenustil ist bedroht; SA-Leute ohne Sold in ungeheizten Mannschaftsstuben wittern hinter der Hitlermessiade den Klanteschwindel und greinen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß Adolphus und die Seinen mit zunehmender Misere spiritueller werden, aber die Hungrigen und Beutelustigen, die auf sie geschworen haben, werden mit geistigen Reizen kaum zu betören sein. Der Konflikt zwischen Hitler und Gregor Straßer hat die innern Schwierigkeiten der Partei evident gemacht. Wir wollen nicht Prognosen über den möglichen Verlauf des Streites wagen; bei dem unerforschlichen Ehrenkodex dieser Wahrhaft Teutschen ist sogar eine Versöhnung nach reichlichem Dreckbombardement nicht ausgeschlossen. Der baumstarke Gregor ist ohne Zweifel kein halbseidner Jammerlappen wie der große Adolf, aber was er will, was er als Persönlichkeit, losgelöst von seiner Garde, bedeutet, das hat noch niemand ergründet. Seit Jahr und Tag raunen geschäftige Freunde, Gregor sei der »Eigentliche« und kein bloßer Aufschneider und Versammlungs-Schlagododro wie die Andern, sondern trage ein Programm der Verbrüderung aller Werktätigen fix und fertig in der Tasche. Vor nicht vielen Wochen noch überraschte uns ein Gregorianer mit der Neuigkeit einer »Gewerkschaftsfront« unter dem Kommando dieses ewig kommenden Mannes. Wir haben Gregor Straßer mit jenem Interesse verfolgt, das eine Vitalität erweckt, und haben nichts gefunden, was zu Furcht oder Hoffnung berechtigte. Es stellte sich immer nur ein breit moralisierender Rhetor und Interpret sozialkonservativer Ideen vor, die heute unter allen literarischen Kaffeehaustischen achtlos fortgefegt werden, andrerseits aber auch ein durchaus unbestimmter Politiker, der sich ebensogern nationalrevolutionär gab wie er Verbindungsmann zu Herrn von Schleicher und dem Zentrum spielte. Grade weil dieser Gregor über sympathische Züge verfügt, ist man geneigt, ihn mit einer Sachlichkeit zu prüfen, die an eine hysterische Käsemilbe wie Goebbels verschwendet wäre, aber diese Prüfung fördert nichts zu Tage als einen Sack voll Nebel. Daß eine Partei, die vor ein paar Monaten noch alles forderte und nach ihrem Umfang auch fordern durfte, sich heute schon in Krämpfen windet und offen die künftigen klassenmäßig bedingten Teilungsschnitte zeigt, ist natürlich ein einzigartiges Schauspiel. Dennoch scheint es uns angebracht zu sein, vor überspannten Erwartungen zu warnen. Die wirtschaftliche Grundlage ist noch immer dazu angetan, Desperados zu züchten. Nur eine neue allgemeine Konjunktur wäre imstande, den Nationalfascismus gründlich zu entblättern, und auch die voraussetzungslosesten Optimisten wagen das nicht in nahe Aussicht zu stellen. Man darf auch nicht vergessen, daß eine moderne Partei ein früher unbekanntes konzentriertes Machtgebilde darstellt. Wir haben nacheinander in verschiedenen Parteien Meuterei und Sezession erlebt – und was ist daraus geworden? Wer auf der Kasse sitzt, und mag sie noch so leer sein, das Schaltwerk der Organisation vor sich, der beherrscht auch die Situation, der kann die Aufsässigen zunächst hinauswerfen. Der liberale, tolerante Parteityp alter Muster ist im Absterben begriffen, nicht mehr das Programm sondern das Statut ist der Koran einer modernen Partei. Solange noch ein Disziplinarurteil vollstreckt werden kann, ist die Omnipotenz der Zentralen nicht bedroht. Das sieht bei Wels, bei Thälmann, bei Hugenberg nicht viel anders aus. Die Parteien August Bebels oder Eugen Richters waren geistige Arenen. Die heutige Parteiform wird von Mussolini und Stalin bestimmt. In Rekrutendepots diskutiert man nicht. Trotzdem steckt in der Krise des Nationalsozialismus ein realer politischer Kern, der allerdings nicht leicht sichtbar wird. Ein Rückbildungsprozeß findet statt, die Partei sucht ihre ursprüngliche Basis wiederzufinden. Sie hat in ihrem meteorhaften Lauf überall hospitiert und schmarotzt. Sie hat die KPD kopiert und sich nicht gescheut, in einem Streik an ihre Seite zu treten, und Herr Göring hat die Rechte des demokratischen Parlamentarismus so tönend vertreten, als hieße er Erich Koch-Weser. Die Zeit der sozialrevolutionären und republikanischen Eskapaden scheint definitiv vorüber zu sein, wenn nicht alles trügt, ist ins Braune Haus nach so viel Ausschweifungen doch eine Art Magdalenenstimmung eingezogen. Die Partei, die noch in jüngster Vergangenheit manche Lager geteilt hat, will wieder die Rechtspartei werden, die sie gewesen ist, und nach einigen Zickzackmanövern wieder ihre alte Farbe tragen. Aus braun muß wieder gelb werden. Die Hitlerpartei betont gern ihre Andersartigkeit, und sie darf in der Tat nicht mit hergebrachten Normen gemessen werden. Würde sie heute jäh in Atome zerspringen, so bliebe doch das Faktum bestehen, daß sie noch vor kurzem fünfzehn Millionen Wähler gefunden hat. Sie muß also nicht nur einem politischen Bedürfnis sondern auch einer speziellen deutschen Gemütsanlage entsprechen. Ihre Brutalität, Großmäuligkeit und Hirnlosigkeit haben nicht abschreckend sondern anziehend gewirkt und bedingungslose Gefolgschaft gefunden. Das bleibt eine nicht leicht zu beseitigende Tatsache. Die Nationalsozialistische Partei hat für fünfzehn Millionen Deutsche genau das erfüllt, was sie sich unter einer politischen Partei vorgestellt haben. Niemals ist das deutsche Bürgertum in einem Säkulum so ehrlich gegen sich gewesen wie in diesen paar Jahren nationalsozialistischen Wachstums. Da gab es nicht mehr intellektuellen Aufputz, nicht mehr geistige Ansprüche, nicht mehr die akademische Fassade reicherer Jahrzehnte. Der ökonomische Zusammenbruch hat die innere Roheit, die plumpe Geistfeindlichkeit, die harte Machtgier bürgerlicher Schichten – Eigenschaften, die sich sonst halb anonym hielten oder in private Sphäre ableiteten – offen bloßgelegt. Nur einmal haben nationalistischer Blutrausch und politische Hilflosigkeit so bedenkenlos Hochzeit gefeiert, und das war zu Kriegsbeginn. Insofern ist die Nationalsozialistische Partei der in Permanenz erklärte 4. August. Sie trägt am deutlichsten die Illusionen dieses traurigsten Datums der deutschen Geschichte in eine veränderte Zeit. Der große völkische Führer mit dem Äußern und den Allüren eines Zigeunerprimas mag seine Saison haben und mit dieser abblühen. Was er an bösen und häßlichen Instinkten hervorgerufen hat, wird nicht so leicht verwehen und für lange Jahre noch das gesamte öffentliche Leben in Deutschland verpesten. Neue politische und soziale Systeme werden kommen, aber die Folgen Hitlers werden aufstehen, und spätere Generationen noch werden zu jenem Gürtelkampf antreten müssen, zu dem die deutsche Republik zu feige war. Der Mann dazwischen Schopenhauer hat einmal darüber gespottet, daß die Universitätsphilosophie die Weisheit des Sokrates zum Axiom erhoben habe, denn sie sei ja durch kein eignes Werk des Mannes verbürgt. Man möchte eine ähnliche Frage erheben angesichts der begeisterten Artikel über die staatsmännische Begabung des Herrn von Schleicher. Die großstädtische Presse kennt keinen Dank. Wo sind Brüning und Groener geblieben, ihre alten Lieblinge? War nicht Brüning ein von mystischen Gaben Gespeister, der auch bezüglich kommender Notverordnungen in seiner Kammer mit Gottes Engel rang? War nicht Groener der selbstverständliche Nachfolger Hindenburgs? Où sont les neiges d'antan? Herr von Schleicher ist eine Hintergrundspersönlichkeit, die sich meisterhaft an die Rampe gespielt hat. Seine militärische Leistung besteht in der Erlegung seiner Vordermänner nach den klassischen Regeln der Vernichtungsstrategie. Seine politische Leistung in der Schaffung einer absoluten Vormachtstellung des Militärs, in der Totmanövrierung des bürgerlichen Staates. Die Hauptetappen seiner glanzvollen Laufbahn sind zugleich die Leidensstationen der Republik von Weimar. Vielleicht ist es allzu rigoros, an den Vorschußlorbeeren für einen neuen Mann kritisch zu zerren. Die höflicheren englischen und französischen Blätter geben in solchem Falle Chancen, lassen wenigstens zunächst die Fallstricke beiseite. Eines erklärt allerdings die Herrn von Schleicher gespendete Wärme: er ist der Nachfolger des Herrn von Papen. Danach ist es nicht schwer, als Genie zu gelten. Und wäre selbst, anstatt Schleichers, Michaelis selig aus seinem friedlichen Altersheim auf den Kanzlerstuhl geschritten, so hätten doch alle hochbeglückt »Ave Caesar!« gerufen. In der demokratischen Presse fliegen noch immer frisch gepuderte Weihnachtsengel auf und verkünden eine neue liberale Ära. Die kleine Atempause um die Feiertage wird überschätzt. Die Parteien sind des Wählens müde und beziehen neue Position. Abgewirtschaftet hat nicht nur der Kurs Papen sondern auch, was gern verkannt wird, der Kurs Brüning. Auch dieser Rückweg ist versperrt. Was soll also werden? Ein parlamentarisches Regime ist kaum denkbar, und möglich nur, nach mancherlei andern Versuchen, die neue, schroffere Diktatur. So sitzt man an den Kaminen, schaut träumend in die rote Glut und erzählt sich Märchen von Besserung, Freiheit und Versöhnung – Märchen, die nicht so lange wie dieser Winter währen werden. General von Schleicher wird in einer merkwürdigen Phase Reichskanzler. Deutschland hat sich in diesem Sommer zur Konterrevolution ebenso unfähig gezeigt wie 1918 zur Revolution, und jetzt herrscht auf der Linken eine gewisse Verblüffung darüber, daß auch die von Rechts weder gescheiter noch energischer sind. Dieser Verwirrung verdankt Schleicher ein gutes Stück seiner jungen Autorität. Seine Barden behaupten zwar, sein Kopf strotze gradezu von politischen Ideen, was aber nur schwer bewiesen werden kann und von ihm in seiner Rundfunkrede jedenfalls sorgfältig getarnt wurde. Dagegen kann nicht bestritten werden, daß er über eine glänzende Personenkenntnis verfügt und leidenschaftlich gern jene diplomatische Kunst ausübt, die man früher »Finassieren« nannte. Man darf sicher sein, daß Auseinandersetzungen mit seinem alten Frühstücksgast Hitler und dem verbitterten Brüning in den erprobtesten Formen einer nicht mehr ganz zeitgemäßen Kabinettspolitik vor sich gehen werden. Liebhaber von Kabalen aller Art dürften auf ihre Kosten kommen – aber werden davon die Arbeitslosen satt? So muß also angenommen werden, daß der weniger amüsante Teil der Politik auch weiterhin bei Herrn Bracht liegen wird, der schon bewiesen hat, daß er die Seele eines Gendarmen aufs glücklichste mit der Faust eines alten Möbelpackers vereint und der hinter seinem jovialen Herrn hergeht wie der Lictor mit dem Beil. Nachdem die netten Weihnachtswünsche verhallt sind, wird die Politik des vergangenen Kabinetts treulich fortgesetzt, die Bevorzugung der Agrarier ebenso wie der Abbau von sozialdemokratischen Beamten. Herr von Schleicher war der starke Arm der Papenregierung, er mag dabei gelernt haben, daß auch der Kopf nicht auszuschalten ist, aber er ist jedenfalls nicht an die Spitze geholt worden, weil man ihn für eine profunde politische Begabung hält, sondern weil er die Wehrmacht repräsentiert, die einzige stabile Kraft in der Auflösung aller andern Gewalten. Damit ist eine jahrelange Maskerade beendet, die wirkliche Macht tritt unverhüllt hervor. Und sie wird diktatorisch herrschen, bis ihr eine neugebildete Macht entgegentritt. Es wäre vermessen, über Schleichers Person prophezeien zu wollen, wahrscheinlich wird er sich, bei dem Fehlen nennenswerter bürgerlicher Gegengewichte, lange halten, wenn auch die Berater, Helfer und Hilfsarbeiter oft wechseln werden. Eines aber ist sicher: er eröffnet die Reihe der Prätorianer-Kanzler. Die Weltbühne, 3. Januar 1933 1072 Der Flaschenteufel Kanzler a.D. Der verstorbene Wilhelm Cuno war nicht nur der erste von rechts kommende Kanzler sondern auch so etwas wie ein Vorläufer der »grundsätzlich neuen Staatsführung«. Er kam nicht aus dem Kreis von Parlamentspolitikern und Parteiführern; ein Reichspräsident betraute ihn nach dem Ratschlag unverantwortlicher Gutachter. Cuno brauchte die präsidiale Autorität noch nicht zu bemühen, auch der Professor Carl Schmitt war damals noch nicht erfunden. Die nationale Parole des Ruhrkriegs verschaffte ihm bombensichere Majorität. Mit der notwendigen Liquidation fiel auch Cuno; zurück blieb Inflation, Separatismus, drohender Marsch auf Berlin. Neun Jahre später durften dunkle Kräfte abermals eine repräsentative Nullität auf den Kanzlerstuhl lancieren. 1923 grassierte noch der Aberglaube von der Überlegenheit der Wirtschaftsführer, seitdem hat diese Kategorie so ziemlich ausgelitten. Im vergangenen Frühjahr holte man sich einen der Industrie verschwägerten Amateur mit guten Sprachkenntnissen, dessen Kapazität über die eines brauchbaren Dolmetschers nicht hinausging. Franz von Papen regierte ein halbes Jahr, und seine Tätigkeit wird am besten zusammengefaßt unter der Stichmarke: Der Herr im Sommer. Die Schlußbilanz ist nicht heiterer als die Cunos. Wir haben allmählich genug von den gutgeschnittenen Gentlemen mit Widderprofil, deren dünne kosmopolitische Politur den mäßig begabten Ministerialbeamten darunter nicht vergessen machen kann. Noch in den letzten Jahren hat Cuno eine rege Kulissentätigkeit entfaltet. Durch das Medium der von ihm ausgehaltenen ›DAZ‹ brachte er sich wiederholt als Reichskanzler in Empfehlung; ebenso gehörte er zu jenen Wirtschaftsgebietern, die dem angeblich antikapitalistischen Hitler die zärtlichste Fürsorge zuteil werden ließen. Auch der Romantiker Papen revoltiert gegen den aufgezwungenen Ruhestand und versucht sich einstweilen in bescheidenen Kabalen. So ist seine heimliche Zusammenkunft mit Hitler postwendend – und wohl nicht ganz ohne Mithilfe des Herrn von Schleicher – in die Presse gelangt. Oder ist wieder einmal irgendwo eine Mappe liegen geblieben? Der elegante Herr von Papen schlürft immer auf Holzsohlen durch die Politik. Selbst wo er auf Zehenspitzen auftritt, krachen die Bohlen, wo er flüstert, steht immer unglücklicherweise ein Lautverstärker. So bleibt er der ewige Attaché, der seinem Chef immer feuchte Finger bereitet, und er wird es bleiben bis zu der Zeit, wo er sich endlich damit begnügt, in den paar noch erhaltenen Salons der großen Welt zu erzählen, daß auch er einmal Prinz in Arkadien war. Kanzler z.b.V. Herr von Schleicher ist seinen offenen und geheimen Gegnern im Komplottieren über. Auch diesmal hat er schnell und scharf pariert. Kaum, daß Hitler und Papen zusammensitzen, ist die werdende Konspiration schon aller Welt offenbar. Aber Schleicher selbst war auch nicht müßig. Er hat mit Gregor Straßer und selbst mit Röhm Fühlung genommen; er setzt der Nazipartei, um sie bündnisreif zu machen, gleichsam Blutegel an. Das erinnert an den alten Simplicissimuswitz: »Er wird ein guter Ehemann, er ist schon etwas kränklich.« Wir registrieren die Vorgänge auf der Rechten und um die Regierung herum mit dem Interesse des Beobachters von der andern Seite und ohne Parteinahme für einen der heldenmütigen Gralsritter, die ohne Helm und Lanze nicht anders und nicht vorteilhafter wirken als konkurrierende Teppichjuden. Muß man gewissen Republikanern immer wieder zutuscheln, daß es sich bei alledem um Familienstreit handelt, bei dem uns nicht die Beteiligten angehen sondern nur die strittigen Objekte? Denn dazu gehören auch wir, dazu gehört Deutschland. Ob sich Schleicher mit Adolf verträgt oder mit Gregor gegen Adolf, ob er mit Hugenberg regiert oder ihn an die Wand quetscht – das Prinzip ist immer das gleiche. Es heißt immer Autorität und Militarismus gegen Demokratie, Sozialismus, Republik, es heißt immer Herrenschicht gegen Volk, einerlei ob diese offen durch Agrar- und Industriefeudalismus repräsentiert oder von Hitler- und Seldte-Kohorten maskiert wird. Alle diese Männer, die durch persönlichen Ehrgeiz oder reale Gruppeninteressen getrennt sind, bilden doch Stücke einer ideologischen Front. Sie kämpfen für reaktionäre Mächte, und nur die ungeheure Unsicherheit dieser Zeit hat sie in die absonderlichsten Verkleidungen getrieben. Inmitten dieser schnell wechselnden Verbrüderungen und Verfeindungen bedeutet der Reichskanzler von Schleicher die stabile Figur. Wir sind nicht wie seine eifrigen Lobredner von seiner staatsmännischen Begabung überzeugt, ebensowenig von seiner Fähigkeit, schöpferische Gedanken zu produzieren. Aber er ist zugleich der Chef der Wehrmacht, deren zentrale Stellung im Staate nicht mehr anzuzweifeln ist, und er verfügt über jenen Mangel weiter Aspekte, der in Deutschland Vertrauen erweckt, weil man das für gesunden Menschenverstand hält. Herr von Schleicher hat sich im innern Ministerialbetrieb gebildet, diesem schwierigen Terrain gehört seine Passion, und dessen Gesichtskreis und taktische Gepflogenheiten trägt er in die große Politik. Aber was er bisher öffentlich verlautbart hat, zeugt von einer phantasielosen Subalternität, die zur Bedeutung nur gelangen konnte in einer Periode allgemeiner physischer Erschöpfung. Wenn in Deutschland ein Politiker schlecht und langweilig redet, glaubt man an die Tiefe seines Gemüts. Wenn er in allgemeinen Phrasen um die Wirklichkeit herumredet und seine Programmlosigkeit mit der greulichen Plattheit salviert, er halte weder von Sozialismus noch von Kapitalismus etwas, so gilt er für ein Genie der Synthese. Herr von Schleicher ist kein Troupier sondern ein Bureauoffizier, er vertritt die besondere Nuance der Säbelbureaukratie, wie sie sich in der Bendler-Straße unter den Augen republikanischer Regierungen entwickeln durfte. Das deroutierte und anarchisierte Bürgertum hat eine Position nach der andern geräumt und sucht heute die Reste seiner ökonomischen Substanz zu wahren und neu zu befestigen. Weil man an die beherrschenden und ordnenden Kräfte der Gesellschaft nicht mehr zu glauben vermag, deshalb vergottet man den absoluten Staat, der nicht nur das respektheischende Symbol des Sieges über das eigne Volk sein soll sondern auch die Verheißung künftiger militärischer Triumphe. Dieser Staat ist ein bewußtes Interimistikum, wirklich eine Art »Zwischenreich«, dessen endgültige Form erst im Feuerofen einer neuen kriegerischen Katastrophe gebildet wird. Eine solche Zeit unentschiedener Übergänge schafft ihre eignen Diktatoren. Sie müssen nur zäh genug sein, das Endziel nicht aus den Augen zu verlieren, elastisch genug, um sich selbst in liberale Episoden einzulassen, ohne deren Geist zu verfallen, intelligent genug, um halbwegs unkompromittiert durch die Außenpolitik zu steuern. Es ist Schleichers Mission, die Exaltationen des extremen Nationalismus ebenso zu dämpfen wie die Ansprüche einer sich neu sammelnden Linken. Es hieße Schleicher überschätzen, in ihm einen Cäsar zu vermuten. Er bleibt ein bewährter Beamter, dem man für alle kommenden Fälle gute Nerven zutrauen darf. Der Kanzler zur besondern Verwendung. Der Flaschenteufel Niemals ist in Deutschland mehr intrigiert worden als heute unter der präsidialen Autorität. In den Jahren der Weimarer Koalition verstimmte der parlamentarische Kuhhandel, das Couloirtreiben der Parteiführer, niemals aber war der Parteiführer so sakral, so ausschlaggebend wie heute, wo der Parlamentarismus ausgeschaltet ist und niemand ohne Verachtung von ihm spricht. Wie unter der Republik das Kaisertum noch gespenstisch fortlebte, so führt auch heute noch die Demokratie ein Scheindasein weiter, so als wäre nichts gewesen. Deutschland ist äußerlich ruhiger geworden, aber alle Elemente, die im vergangenen Jahre bis an den Rand des Bürgerkriegs trieben, sind noch vorhanden und ebenso die wirtschaftlichen Ursachen. Die neue Regierung hat bisher nicht gezeigt, daß sie auch nur einen produktiven Einfall hat; wie sehr Schleicher selbst bis über die Ohren in der verquasten neukonservativen Ideologie steckt, beweist die Berufung grade Herrn Gerekes auf den augenblicklich wichtigsten Posten als Kommissar für Arbeitsbeschaffung. Hier zeichnen sich die Anfänge der nächsten Pleite gründlich ab; Gereke trägt alle Voraussetzungen in sich, für Schleicher das zu werden, was Treviranus für Brüning geworden ist. Der Teufel des Bürgerkriegs tobt nicht mehr frei herum, man hat ihn eingefangen, und in eine notdürftig versiegelte Flasche gesperrt. Aber wird das Siegel halten und wird nicht doch einmal eine von einem fanatisierten Hirn geführte Hand die Flasche einfach zu Boden werfen? Dann wird der verschlossene Geist ausströmen und sich groß und schrecklich erheben, und die Gefahr wird nicht geringer, weil sich so viele heute in dem Glauben schaukeln, sie wäre längst vorüber und alles wieder halbwegs normal. Man beliebt heute, den Nationalsozialismus mit der Boulange zu vergleichen, die kam und schnell verging. Die gegenwärtige Krise der Hitlerbewegung ermutigt die Herren des Braunen Hauses ganz gewiß nicht zu einem großen Feuerwerk, bei dem mehr brennen kann als ihre geschmackvoll gewählten Stilmöbel. Aber man darf Hitler eben nicht danach beurteilen, was er erreicht, sondern nur danach, was er angerichtet hat. Als Haupt einer Millionenpartei hat er nicht gewagt, die gierig ersehnte Macht an der Schulter zu packen, hat er sich mindestens in einer fast komischen Weise wieder fortmanövrieren lassen. Aber seine Mission hat er trotzdem erfüllt. Deutschland nimmt die Diktatur als selbstverständlich hin, demokratische Prinzipien zählen nicht mehr, und jede Partei hat sich vom Nationalismus infizieren lassen. Im Grunde könnte die Nazipartei heute mit gutem Gewissen vom Schauplatz abtreten, sie hat in kurzer Zeit mehr getan, als ihre Auftraggeber von ihr erwarten durften. Sie hat keine fascistische Regierungsform geschaffen, wohl aber Deutschland den Fascismus ins Blut geimpft, sie hat, was sie die Befreiung nennt, nicht durchgesetzt, wohl aber die Stimmung bereitet, in der eine neue Katastrophe möglich wird. Niemand wagt mehr, die natürliche Berechtigung der Reichswehr zur Alleinherrschaft öffentlich anzuzweifeln. Soweit es noch eine Linke gibt, ist sie herzlich zufrieden, daß Herr von Schleicher ihr die unangenehme Verpflichtung zu selbständigem Handeln abgenommen hat. Mit einem nicht unbehaglichen Gruseln stellt sie sich vor, wie der böse Feind in der Flasche rumort, und hält sich für gerettet, weil ein General drauf sitzt. Die Weltbühne, 10. Januar 1933 1073 [Antworten] Carl v. Ossietzky dankt allen, die ihn zu seiner Rückkehr aus dem Gefängnis beglückwünscht haben, aufs herzlichste. Mehr die Umstände als seine Neigungen haben ihn genötigt, in seinem Leben mehr Unfreundliches als Freundliches zu sagen; er steht also vor soviel Sympathie etwas beschämt und verwirrt und weiß nicht recht, womit er sich das verdient hat. Er kommt sich schon beinahe wie Gerhart Hauptmann vor. Alles das ist sehr gegen sein Prinzip, er quittiert nochmals mit einem verlegenen Kratzfuß und versichert zugleich, daß alles, was ihm jetzt an Nettigkeiten zuteil wurde, gleich für das nächste Mal mit gelten soll. Die Weltbühne, 10. Januar 1933 1074 Bankrott der Autorität Die Fehlleistung der Diktatur Als Herr Bracht im vergangenen Sommer die preußische Regierung ins Privatleben schickte, setzte auf der Rechten ein begreiflicher Triumph über das Ende des »Systems« ein. Dieses »System« hat nur in seiner besten Zeit seinen Namen verdient, seit den Tagen Brünings lag es siech und krank, auf seine Ablösung wartend. Wir haben auch in den Glanztagen des parlamentarischen Regimes niemals zu den Zufriedenen gezählt sondern ihm immer Mangel an Haltung, Energie und Zugriff vorgeworfen. Wenn man indessen die Leistungen des gegenwärtigen präsidialen Regiments betrachtet, wird man leicht geneigt sein, dem Andenken auch des schwächsten demokratischen Kabinetts eine dicke Wachskerze zu spenden. Angeblich wird nach autoritären Prinzipien regiert, in Wirklichkeit bemerkt man weder Autorität noch Prinzip. Es gibt zwar einzelne Ressortminister, die sich mehr schlecht als recht mit den Wortführern der Interessentenhaufen herumschlagen, die einmal aufgedrehte Verwaltungsmaschine läuft noch automatisch weiter, aber regiert wird nicht mehr. Der parlamentarische Kuhhandel war kein herzerfreuender Anblick, ging jedoch auf offenem Markte vor sich, und selten nur verlor die Öffentlichkeit völlig die Kontrolle. Seitdem jedoch die Ära der Autorität eröffnet ist und ein Reichspräsident unmittelbar von der Vorsehung bedient wird, hat ein obscurer Wettlauf eingesetzt, an deren Stelle zu treten und die erleuchtenden Formeln unmittelbar ins allerhöchste Ohr zu flüstern. Die Politik hat sich in eine Reihe von nichtsnutzigen Kabalen aufgelöst. Programme sind durch persönliche Betriebsamkeit ersetzt – es gibt überhaupt nur noch Persönliches, nur noch Kapitäne, die sich gegenseitig den Rang abzulaufen trachten, dazwischen freundliche Vermittler mit größenwahnsinnigen Provisionsansprüchen. Das Volk ist ausgeschaltet, sein Schicksal wird hinter dichten Schleiern entschieden. Von der ganzen Politik ist nichts geblieben als eine Serie unbegabt gespielter Mantel- und Degenstücke. Tagtäglich berichten die Blätter über neue Geheimkonferenzen, neue Tastversuche. Ballons d'essai werden mit dem Scherenfernrohr gesichtet und Vermutungen über ihre Richtung vorsichtig geäußert. Ob Adolf oder Gregor oder Franz, ob sie miteinander oder gegeneinander, ob wer gegen wen: das ist der Inhalt der deutschen Politik geworden. Die souveräne Nation macht indessen »Rührt euch!« und wartet geduldig, daß die Herren endlich zu Stuhle kommen. Wir brauchen nicht lange zu versichern, wie herzlich uninteressant das ist und daß wir keine Ambitionen haben, uns an dem Rätselraten zu beteiligen. Ausgesprochen muß nur werden, daß dieser Zustand eine ungeheure Blamage für Deutschland bleibt, daß diese Männer, die sich zu Lenkern seines Geschicks aufgeschwungen haben, nichts mitbringen als eine durchschnittliche Pfiffigkeit und sehr viel Qualm, daß sie weder durch Originalität noch durch Intelligenz hervortreten. Charakteristisch sind sie nur für den Grad der geistigen Erschöpfung Deutschlands. In keinem andern Lande könnte Mangel an Qualität solche Rolle spielen. In England, zum Beispiel, würde man die Gregorianer und die Franziskaner, wo sie sich in die Politik zu drängen versuchten, an das Sonntagspublikum im Hyde Park verweisen. Die Demokratie hat viele schwer verzeihliche Sünden begangen und büßt dafür. Das Regime der Autorität ist ein einziger Marasmus. Welch eine Hilflosigkeit in allen Dingen, die außerhalb des Bereichs der Intrige liegen! Selbst wenn Herr Bracht weiterhin mißliebige Beamte in die Wüste schickt, so hat man dabei kaum das Gefühl eines planmäßigen Handelns sondern einer nervösen Improvisation. Wer könnte auch sonst auf die groteske Vorstellung kommen, Herrn Klausener von der Katholischen Aktion, die noch eben ihre reaktionäre Zuverlässigkeit in dem Randal gegen das Drama von Julius Hay bewiesen hat, zu den zersetzenden republikanischen Elementen zu rechnen? Herr von Schleicher wird von seinen Freunden noch immer für einen großen Mann gehalten, und auch die demokratischen Blätter suchen die Fiktion eines über den Durchschnitt begabten Politikers etwas mühselig aufrechtzuerhalten. Wie es um das Ingenium des Kanzlers stehen mag, er ist um ein halbes Jahr zu früh gekommen. Er schwebte ja schon lange wie ein Fatum über den großen Wassern und jetzt, wo dieses eher im Steigen begriffen scheint, wirkt er nur noch wie eine Fatalität. Er mag es sich recht schön ausgerechnet haben: Wenn Franz Gentleman sich noch bis zum Frühjahr hält und alle notwendigen unpopulären Dekrete erläßt und die Ökonomisten recht behalten, die jetzt das Krisentief für überschritten erklären, dann komme ich als der Letzte, als der Mann der Sanierung, dem die Lorbeerblätter zufallen, nachdem die Andern nur Stockprügel bezogen haben. Diese Kalkulation hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil, Schleicher kommt grade in das dickste Getümmel der Interessenkämpfe. Industrielle und Agrarier geraten sich in die Wolle, die Wirtschaftspolitik des Reichs zeigt ihre Brüchigkeit. Schleicher ist grade rechtzeitig auf die Szene getreten, um den von Herrn von Sybel auf einer Mistforke überreichten Bundschuh entgegenzunehmen. Der General, der alle Stände mit jovialem Händedruck versöhnen wollte, erhält von überall Kriegserklärungen. Die Agrarier haben am wenigsten Anlaß zur Klage. Die Osthilfe erinnert mehr und mehr an die vergeudeten Ruhrgelder. Die Osthilfe ist das echteste Kind der Ära Hindenburg. Sie wäre in diesem Umfang ohne den Reichspräsidenten nicht möglich gewesen. Bricht sie zusammen, so zieht das augenblicklich Hindenburgs Resignation mit sich. Der Landbund weiß, was er riskieren kann. Er weiß, daß selbst eine Fronde gegen den Reichspräsidenten vom Kanzler ausgebadet werden muß. Deshalb beschränkt sich die Gegenwehr der Regierung auch auf den einstweiligen Abbruch der gesellschaftlichen Beziehungen zum Landbund. Eine weitere Änderung tritt nicht ein. Das Selbstverständliche wäre, die agrarischen Subventionen und alle andern rechtlichen und wirtschaftlichen Liebesgaben für die Junker, die ohnehin eine grelle Verhöhnung der hungernden Städter darstellen, augenblicklich zu suspendieren. Der Konflikt bleibt durchaus innerhalb der gewohnten Herrenklub- und Casino-Allüren. Der Kanzler kann beschwichtigen, kann kitten, kann in der gleichen Bahn weitermachen. Er kann nur nicht herrschen. Vielleicht verflucht er heimlich die Dummheit der großen Interessenmächte, die ihm keine Ellenbogenfreiheit läßt. Aber das ändert auch nichts an der harten Tatsache: er ist als Säbelträger in sein Amt berufen, und den Säbel kann er nur gegen die andre Klasse führen, nicht gegen die eigne. In dem Pronunciamento des Landbundes steht der angenehme Satz, keine marxistische Regierung hätte das den Agrariern zu bieten gewagt. Man muß davon die Übertreibung gegen Schleicher abziehen, dann stimmt der Satz durchaus. Alle republikanischen Regierungen haben nach der Rohrpfeife des Landbundes getanzt, nicht eine hat ein entschiedenes Nein gewagt. Alle haben sie die Anmaßungen der grünen Demagogen hochgepäppelt, die Zentrumsleute haben Hermes beigesteuert, die Demokraten Dietrich, die Sozis Baade. Hätten die Volksbeauftragten im Herbst 1918, als alles wieder zur Diskussion stand, mit einem Federzug die Enteignung der Latifundien vollzogen, so wäre die Geschichte der Republik anders verlaufen. * Wunderzirkus in Lippe Seit vor ein paar Jahren Herr Hugenberg seine Varusschlacht gegen den Youngplan am Hermannsdenkmal schlug, wird diese stille Landschaft gern von der Politik frequentiert. Jetzt ist Hitler an der Reihe. Das ist der Teutoburger Wald, den Tacitus beschrieben; das ist der klassische Morast, wo Varus stecken geblieben. Hier schlug ihn der Cheruscerfürst, der Hermann, der edle Recke; die deutsche Nationalität, die siegte in diesem Drecke. So hat Heine die Moritat von Anno 9 gefeiert, und Hitler überzieht nun als ein etwas südöstlicher Cherusker die 1215 qkm des Ländchens Lippe mit einem Tschingtrara, wie es dort seit den Tubabläsern der Legionen kaum gehört wurde. Die bestrenommierten Großschnauzen der NSDAP schäumen über Lippe, ein riesiges Zeltlager ist aufgerichtet, um die agitatorischen Attraktionen, die sich anderswo schon den Wolf gelaufen haben, richtig exerzieren zu lassen. In Lippe regiert ein Sozialdemokrat mit dem gut niederdeutschen Namen Drake, der von der nationalsozialistischen Ritterschaft erlegt werden soll. Aber die Wahl in Lippe ist auch zum Gottesurteil über das fernere Verhalten der Partei ausersehen. Bringt Lippe einen Aufschwung, so wird die Partei ihre Meinung über eine Koalitionsregierung revidieren, wenn nicht, dann wieder in die grundsätzlichste Opposition zurückstürmen. Viel Ehre für Lippe. So verlautete es wenigstens noch neulich. Was der gewaltige Herr der Höhen und Tiefen heute noch denkt, weiß niemand. »Rodrigo, tu Geld in deinen Beutel!« Das ist gegenwärtig die einzige Devise der Partei, wo sie sich auch anbiedert. Ihre Generallinie besteht darin, auf einen zu warten, der sie chartert. Die sozusagen intellektuell interessierten Pg's sind damit jedoch nicht so zufrieden und diskutieren andre Möglichkeiten. Sie sind mehr an den nächsten Reichstagswahlen interessiert als an dem Gottesurteil von Lippe. Und weil sie sich von Wahlen nicht mehr viel versprechen, so greifen sie auf einen alten Vorschlag von Goebbels zurück, durch Wahlenthaltung den Parlamentarismus für immer zu ruinieren. Nationalsozialistische Provinzblätter brachten kürzlich aus einer in Kreuznach gehaltenen Rede die Stelle: »Die Entscheidung über die Zukunft in Deutschland haben wir Nationalsozialisten unter allen Umständen in der Hand, denn wenn wir nicht zur nächsten Wahl gehen, dann ist der Bolschewismus in Deutschland da.« Auch in bestimmten Ecken des Braunen Hauses selbst wird eine solche Möglichkeit erörtert, wie denn überhaupt in keiner öffentlichen Versammlung etwas über das vorbestimmte Schema Hinausgehendes gesagt wird. Daß man über diese Idee ernsthaft spricht, zeugt von erheblicher Katerstimmung. Wahlenthaltung ist das Programm der spanischen Syndikalisten, die auf die direkte Aktion eingeschworen sind, deren Zugkraft in einer blendenden, den persönlichen Einsatz fordernden Ideologie liegt, die nichts mit den Gassenraufereien des zum Mythos aufgeblasenen Zuhälters Horst Wessel zu tun hat. Wahlenthaltung ist in Deutschland auch für eine antiparlamentarische Partei ein schweres Wagnis; die allmählich an die Wahlurne gewöhnten Quiriten würden einfach für andre Parteien votieren. Zudem kann man sich den Nationalsozialismus leicht in manchen mehr oder weniger schönen Lebenslagen vorstellen, ganz undenkbar ist nur, daß er das Maul hält. In ruhigem selbstgewolltem Verzicht beiseite stehen, während die Andern schwadronieren, das ist ihm schon eine physische Unmöglichkeit. Hitlers geistiger Urvater mag, weiß Gott, wer sein. Sein Lehrmeister in der Propaganda ist Barnum, der amerikanische Rummelplatzkönig, der in jede Stadt feierlich einzog mit seinen Elefanten, Kamelen und Affen, einer ganzen Division von Fakiren und am Ende, feierlich unter einem Baldachin, die Dame ohne Unterleib. Das muß Hitler weiterführen, so lange sich noch ein Dummer findet, der zahlt. Die Militärattachés Wer nach den politischen und sozialen Leistungen der Regierung Schleicher fragt, muß Fehlanzeige notieren. Nur für die Stammtische gibt es eine neue Art von patriotischem Freibier: die Militärattachés. Es würde zu weit führen, hier nochmals aufzuzählen, was diese sehr rührige Gehaltsklasse der deutschen Außenpolitik in Jahrzehnten eingebrockt hat; Theodor Wolff hat das vor einigen Tagen ebenso amüsant wie ausführlich besorgt. Zudem ist das Thema durch die amtliche Auferstehung des Herrn von Papen wieder frisch geworden, wenngleich der Gerechtigkeit halber erwähnt werden muß, daß er ganz gewiß zu den Trostlosesten des Genres gehört hat. Aber wir wünschen auch nicht die Geschickten. Es ist kein Argument, daß die andern Staaten und auch das sonst so untraditionelle rote Rußland auf diese Institution nicht verzichtet haben. Es genügt der Hinweis, daß Deutschland seit Kriegsende die Entbehrlichkeit der Herren bewiesen hat. Mögen Staaten, die sich fest in bürgerlicher Hand befinden, ihre Militärbevollmächtigten entsenden: sie sind, wenn nicht schädlich, so doch ein überflüssiges Ornament. In Deutschland, dessen Spitzen ohnehin von Generalen besetzt sind, bedeuten sie nur die weitere Militarisierung der Außenpolitik. Jeder diplomatische Vertreter Deutschlands hat jetzt seine Aufpasser im Haus, jeder Botschafter, der eine maßvolle Richtung bevorzugt, erhält die nötige Korsettstange, um dem Erbfeind, bei dem er akkreditiert ist, durch stramme Haltung zu imponieren. Ganz davon abgesehen, daß unsre gründlich politisierten Reichswehroffiziere ohnehin schon dazu neigen, sich selbständig zu machen. Man denke sich in jene Zeit zurück, wo Stresemanns Außenpolitik unter der Ungnade des Herrn von Seeckt litt. Was hätten brauchbare Militärattachés damals anrichten können? Und was werden sie nicht verhindern können, wenn einmal die heutige Seelenharmonie zwischen Wehrministerium und Auswärtigem Amt aufhört? Hier wird gegen alle nur denkbare friedliche Zukunftsarbeit schon heute ein Zeitzünder konstruiert. Die Militärattachés sollen unsern Anspruch auf volle Wehrsouveränität näher illustrieren. Sie illustrieren nichts als die völlige psychologische Unzulänglichkeit des Herrn von Schleicher in außenpolitischen Dingen. Sie dementieren in schlagendster Weise alle die netten Anekdoten von seiner staatsmännischen Klugheit. Während das Volk nichts zu beißen hat, bietet ihm sein Kanzlergeneral nichts als ein buntes Prestigefähnchen, dessen aktueller außenpolitischer Schaden größer ist als sein dauernder Nutzen. Mögen ein paar Stammtische jubilieren, die Erkenntnis wächst, daß sich der militärische Sektor an seiner selbstgestellten Aufgabe, Deutschland offen zu regieren, übernommen hat und daß er sein Manko mit ein paar neuen Paradeuniformen vergeblich zu überschatten sucht. Die Weltbühne, 17. Januar 1933 1075 Was ist Miliz? Die Reichsgründungsfeier des Kyffhäuser-Bundes hat in harmonischer Weise die ragenden Spitzen von heute mit den abgebrochenen Spitzen von gestern in einer Stuhlreihe vereint. Neben den Repräsentanten des Reiches wurde die schnittige Figur des ehemaligen Harembesitzers von Charleville allseitig bemerkt und Gegenstand lebhafter Huldigungen, eine höchst peinliche Situation, die indessen von den Offiziellen philosophisch ertragen wurde. Es ist nun einmal so, daß den Herren, die ständig die Würde der Nation im Munde führen, das primitivste Gefühl für die Würde des republikanischen Staates und des eignen Amtes abgeht. Die Rede, die der Herr Reichskanzler zur Feier beisteuerte, ist nicht geeignet, ihm als Staatsmann Ehre zu machen. Der Kanzler-General hätte darauf verzichten müssen, die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht selbst anzukündigen, wenigstens hätte er sich nicht einer so grobschlächtigen Formulierung bedienen dürfen. Wenn sich im ganzen trotzdem nur einige Blätter in Paris und Warschau darüber aufregten, so liegt das daran, daß die vernünftigen Leute jenseits unsrer Grenzen nicht daran denken, bankrotten deutschen Politikern das Stichwort für die heiß ersehnte Flucht aus dem Stachelgestrüpp sozialer Tatsachen auf das bequeme Feld der nationalen Entrüstung zu liefern. Keine Regierung hat sich so steril, so arbeitsunfähig wie die gegenwärtige gezeigt. Keine hat es infolgedessen so notwendig, die ausgebliebene bürgerliche Leistung durch militärisches Spectaculum zu ersetzen. Unmittelbar nach der Rede des Reichskanzlers wußte man in verschiedenen Blättern schon allerhand über die Pläne im Reichswehrministerium zu erzählen. Und wenn auch manches noch in vager Andeutung stecken bleibt, gewiß ist, daß die Projekte für Umbau und Aufstockung unsres Wehrsystems schon weit gediehen sind, seitdem der Erbfeind so liebenswürdig war, uns die Idee der Miliz auf dem Servierbrett zu überreichen. Dabei ist durchaus nicht zu erwarten, daß man in der Bendler-Straße auf die bisherige Form der Reichswehr leicht verzichten wird. Vor einigen Jahren erst hat Generaloberst von Seeckt sich in einer grundlegenden Studie um den Nachweis bemüht, daß die deutsche Armee angesichts der heutigen gesellschaftlichen Struktur gegenüber den Millionenheeren andrer Staaten Momente von Überlegenheit aufweise. Eine solche Truppe von langjährig Verpflichteten trage alle strategischen und technischen Möglichkeiten zur Elite in sich und sei, vor allem, gegen revolutionäre Infektion gefeit. Was auf die Riesenheere, in denen die lichten Siegfriedsgestalten neben der Überzahl schlecht genährter proletarischer Schwarzalben verschwinden, nicht ganz zutrifft. Es ist nicht anzunehmen, daß die plänemachenden Offiziere sich inzwischen von den Erkenntnissen Seeckts so völlig abgekehrt haben. Die allgemeine Wehrpflicht dürfte ihnen weniger Herzenssache sein als vielmehr Gelegenheit zu einem demagogischen Schlagwort. In Deutschland wird zur Zeit alles Innenpolitik, alles zum Gegenstand von Balgereien zwischen Parteien, wirtschaftlichen Machtgruppen, Verbands- und Cliquenführern. Auch die neue Militärpolitik, mag sie noch so dräuend ihr Angesicht gegen das Versailler System wenden, ist zunächst unter innerdeutschen Aspekten zu beurteilen. Der deutsche Militarismus ist in der Republik noch exklusiver geworden, ihm liegt vornehmlich daran, sich das Wehrmonopol zu sichern. Zu viel Volk könnte da stören. Wie die Dessins in der Bendler-Straße im einzelnen auch beschaffen sein mögen, man kann gewiß sein, daß die Quote, mit der die verschiedenen politischen Strömungen an der Armee der nahen Zukunft beteiligt sein sollen, ganz besonders schwierige kalkulatorische Aufgaben stellt. Diese Frage ist in der Tat die heikelste. Wenn die stolzen Pläne sich am Ende doch als undurchführbar erweisen sollten, dann würde nicht die schwache republikanische oder antimilitaristische Abwehr daran schuld sein, sondern ausschließlich dieser Quotenstreit. Manches in den Presseinformationen über das Projekt läßt auf Schwierigkeiten in der Praxis schließen. Es wird nicht beabsichtigt, so heißt es unter anderm, das alte Einjahrig-Freiwilligen-Prinzip wieder aufzunehmen. Man denke im Gegenteil daran, für die durch die höhere Schule gegangenen Volksteile, eine längere Dienstdauer einzuführen und eine Verbindung mit dem sogenannten akademischen Dienstjahr und verwandten Einrichtungen herzustellen. Nachtijall, ick hör dir laufen! Es soll also eine besondere Kaste von Dauersoldaten geschaffen werden. Die akademisch gebildeten Bürgersöhne, die heute in materieller Hinsicht eine völlig hoffnungslose und deshalb auch am heftigsten rumorende Schicht darstellen, sollen, wenn diese Mitteilungen auf Tatsachen beruhen, besonders lange im militärischen Dienstverhältnis bleiben. Daneben werden die weniger erwünschten Arbeiterjungen zu passagèren Gestalten: sie lernen die Knarre handhaben, die Gasmaske aufsetzen, sich lang hinwerfen, kurzum das, was der Soldat zum grade noch vorschriftsmäßigen Leben und Sterben braucht. Die gehobene Kategorie dagegen wächst zu einer Art von Schwertadel, durch Gesinnung und wirtschaftliches Interesse den Inhabern des Wehrmonopols aufs engste verbunden. Eine Klassenarmee, ein weiterer Schritt zum Feudalstaate. Es ist nicht unsre Aufgabe, das beste Wehrsystem zu ergründen. Denn es gibt kein bestes Wehrsystem. Es ist aber notwendig, die Herren Militärpolitiker in ihrem eignen Malepartus aufzustöbern und ihnen die Differenz zwischen Programm und wirklicher Bedeutung nachzuweisen. Sie behaupten, die Miliz zu wollen. Miliz aber bedeutet die Erfassung möglichst vieler Wehrtauglicher und ihre gleichmäßige Ausbildung, keinesfalls aber gestattet ihr Prinzip die Einbauung eines besondern prätorianischen Sektors. Unsre Militaristen belieben, sich auf den toten Jaurès zu berufen, der ein paar Jahre vor dem Weltkrieg einen großzügigen Milizentwurf veröffentlicht hat. Wer sich die Mühe macht, sein Buch »Die neue Armee« zu studieren, wird nichts darin finden, was den Leuten mit dem rostigen Stülpnagel im Hirn Anlaß geben könnte, diesen wunderbaren sozialen Demokraten als Eideshelfer zu mißbrauchen. Was proklamierte denn Jaurès als Ziel? »In Frankreich selbst mit allen Kräften der republikanischen Demokratie der Arbeit zum Siege über das Eigentum zu verhelfen; und durch entschiedenes und augenfälliges Verwerfen jeder Angriffsidee und energisches Eintreten für Schiedsgerichte und natürliches Recht den Frieden draußen zur Herrschaft zu erheben.« Die »neue Armee« war für Jaurès die zweite Realisierung von 1793 und der levée en masse, ein Instrument zur Verteidigung der Arbeiterdemokratie, aber nicht einer militärischen und sozialen Reaktion: »... durch seine unermüdliche Tätigkeit muß das Proletariat beweisen, daß es nicht aus furchtsamer Selbstsucht, nicht aus menschlicher Feigheit und bürgerlicher Trägheit den Militarismus und den Krieg bekämpft, sondern daß es ebenso entschlossen und bereit ist, die volle Tätigkeitsentfaltung eines wahrhaft volkstümlichen und zweckmäßigen Armeesystems zu sichern, wie die Anstifter von Konflikten niederzuschlagen.« Die »neue Armee«, das ist kein Spielzeug für feudale Generale und Diplomaten, sie ist das Proletariat in Waffen! »Laut muß es das Gräßliche und Lächerliche des Krieges verkünden, dessen Rolle in der Geschichte der Menschheit schrecklich zweischneidig, zugleich unheilbringend und fruchtbar war, der aber in unsrer Welt der Demokratie und der Arbeit vollkommen veraltet, widersinnig und verbrecherisch ist. Mit einer revolutionären Verzweiflungstat muß es jede Regierung ernsthaft bedrohen, die so unvernünftig und strafwürdig ist, einen Konflikt heraufzubeschwören ...« Die große Vision des Jaurès ist heute in Frankreich wenigstens technisch in die Tat umgesetzt worden, wenn auch nicht dem Geiste nach, sie erscheint eher wie eine Vorahnung der Roten Armee, sie paßt aber ganz und gar nicht zu den gegenwärtig in Deutschland betriebenen militärpolitischen Spekulationen. Wir verlangen von den Herren Offizieren nicht die durchschnittliche zivile Logik, wir denken nicht daran, so unsittliche Zumutungen zu stellen. Aber sie sollen wenigstens die gute soldatische Tugend zeigen, die Begriffe sauber auseinanderzuhalten und nicht unverträgliche Dinge miteinander vermanschen. Jaurès bemerkt in der Einleitung zu seinem Werk: »Stendhal hat von Bonaparte geschrieben: Er hat niemals Unbestimmtes gesagt.« Das sei unsern Bonaparte-Anwärtern zur besondern Beachtung empfohlen. Die Weltbühne, 24. Januar 1933 1076 Kamarilla Schöner Konsum an Rettern. Wieder einer futsch. Wenn das autoritäre Regime so weiter wirtschaftet, dann kann es bald heißen: Jeder Deutsche einmal Reichskanzler! Eltern kinderreicher Familien, hier winkt noch eine Chance! Wie lange ist es her, daß der letzte Kanzler, allseitig als staatsmännisches Genie begrüßt, auf die Szene trat? Und heute liegt der General von Schleicher, wundenbedeckt wie Cäsars Leichnam, auf dem verlassenen Capitol. Der »soziale General«, der alle Schwergewichte auf einmal stemmen wollte, stürzt als Dilettant entlarvt, geschlagen sogar auf seinem höchstpersönlichen Gebiet: der Intrige. Wichtiger als der leidende Held dieser Haupt- und Staatsaktion ist die Art, wie sie gemacht wurde. Sie demonstriert in schlagendster Weise die Natur jenes präsidialen Regimes, das von servilen Juristen als gottgewollte deutsche Staatsform gefeiert wird. Weil die Junker die Enthüllungen über die Osthilfe mit Recht fürchten, deshalb wird von einem Konventikel unverantwortlicher Interessenpolitiker die monumentale Gestalt des Reichspräsidenten vor die mißhandelte Staatskasse geschoben. Das allein spricht Gericht über den präsidialen Absolutismus. Selbst ein so hindenburgfrommes Blatt wie die ›Tägliche Rundschau‹ bemerkt dazu entsetzt: »Die bevorzugte Behandlung Einzelner bei der Osthilfeumschuldung hat aber noch einen viel wichtigeren politischen Charakter. Der autoritäre Gedanke ist diskreditiert worden.« Es gibt nichts mehr zu verschleiern, das ganze Land weiß es jetzt: der Reichspräsident wird von einer Kamarilla dirigiert. Die Kamarilla ist eine gut altpreußische Erfindung. Sie funktionierte immer dann, wenn es den Junkern schlecht ging und sie auf Kosten der Bürgerkrapüle saniert werden mußten. Eine Kamarilla hat schon den Freiherrn vom Stein weggebissen und sich nicht gescheut, diesen Patrioten sans reproche dem Franzosenkaiser zu denunzieren. Die Kamarilla hat immer mit der gleichen Skrupellosigkeit gearbeitet. So wird jetzt die merkwürdige Geschichte kolportiert, man habe Hitler beim Alten Herrn madig gemacht, indem man ein Memorandum über seine angeblichen schlechten Sitten vorlegte. Darüber möchte man gern mehr wissen, nicht wegen Hitlers Sittlichkeit, die uns, so oder so, gestohlen bleiben kann, sondern zur Kennzeichnung der heute beliebten Regierungsmethoden. In Hugenbergs Umgebung hat man, um einen Staatsstreich zu rechtfertigen, die Konstruktion eines »staatlichen Notstandes« geschaffen. Nun, ein staatlicher Notstand ist auch von einem ganz andern Standpunkt aus kaum zu leugnen. Er wird nicht durch das Versagen der Konstitution charakterisiert oder durch eine ganz besonders rebellische Volksstimmung sondern durch Personen wie Papen und Schleicher und, vor allem, durch den Reichspräsidenten selbst. Sobald der Präsident der Republik Befugnisse verlangt, die über die Verfassung hinausgehen, ist der Notstand da. Er wächst in dem Maße, in dem das Staatsoberhaupt von obskuren Gestalten beeinflußt wird, die als »Gutsnachbarn« oder »alte Regimentskameraden« sein geneigtes Ohr finden. Wenn nicht mehr das Vertrauen des Parlaments Kabinette trägt oder verabschiedet und alles vom Vertrauen oder Mißtrauen des Reichspräsidenten abhängt, dann ist ein erheblicher Notstand nicht zu verkennen. Der staatliche Notstand ist vorhanden. Er heißt Hindenburg und nicht anders. Es ist ein Verdienst der Kamarilla, das endlich deutlich gemacht zu haben. Wenn ein stockreaktionäres Komitee einen politikfremden Offizier im Patriarchenalter aus seinem behaglichen Ruhestande zerrt und auf den ersten Platz des Reiches stellt, so weiß es warum. Wenn aber Republikaner – Sozialisten und Demokraten – in dem gleichen Manne die starke Barriere gegen die Begehrlichkeit und die Diktaturgelüste seiner eignen Kaste sehen, so ist das, milde gesagt, etwas absurd. Den Dank an seine republikanischen Wähler hat Herr von Hindenburg ausgesprochen, als er die preußischen Minister aus ihren Ämtern werfen ließ, als er das harmlose Siedlungsprogramm Brünings für Bolschewismus erklärte. Überall Enttäuschung. Herr von Hindenburg würde heute nicht so viel Stimmen erhalten wie seiner Zeit Herr Duesterberg. Herr von Hindenburg verfügt über keine Autorität mehr, denn er hat das Vertrauen des Volkes verloren; er hat keine Massen mehr hinter sich. Das Junkertum fühlt sich in seinen wirtschaftlichen Wurzeln bedroht, deshalb greift die Kamarilla offen nach der Staatsführung. Dazu gesellen sich Großindustrielle, die eine neue Konjunktur schnuppern und die der öffentlichen Hand wieder entreißen möchten, was sie im Krisenjahre 1931 an sich genommen hat. Schleicher mit seinen diffusen staatssozialistischen Ideen bot nicht die nötige Sicherheit. Das ist der nackte Interessenhintergrund aller Kabalen, der über dem Personellen nicht vergessen werden darf. Daneben spielt eine untergeordnete Rolle, daß die Herren sich nicht recht einig werden können, daß Hitler erst einmal sich selbst will und Herr von Papen natürlich auch zunächst sich selbst, daneben aber noch den Kronprinzen. Das sind nur die kleinen Nuancen der einen Konterrevolution. Das erste Kabinett Papen endete mit Gelächter, ein zweiter Versuch würde mit Tränen enden. Wird nicht sofort und bedingungslos der Weg zur Verfassung wieder angetreten – und dazu gehört vor allem der Rücktritt des Reichspräsidenten –, so wird die außerparlamentarische Regierungsweise von oben mit außerparlamentarischen Abwehrmethoden von unten beantwortet werden. Denn es gibt auch ein Notrecht des Volkes gegen abenteuerliche experimentierende Obrigkeiten. Die deutsche Geduld trabt oft lange dahin, ohne zu fragen, wer ihre Flanken drückt. Sollte aber eine Clique, die nicht zwei Prozent der Nation hinter sich hat, Sporen und Peitsche fühlen lassen, so wird auch dieses sanfte Reittier endlich bocken. Die Generalstreikparole geht um. Sie wirkt fort, wenn es auch vermessen wäre, über das Tempo aussagen zu wollen. In revolutionären Situationen taktieren die Massen und nicht die Führer. Was denken sich diese Hugenberg, Papen, Schacht, Stülpnagel, diese plötzlich sichtbar werdenden Mitglieder der Kamarilla, die so konfliktsüchtig nach vorn dringen? Welch ein frivoler Mut! Der Acheron schäumt. Die Herren seien zu einer Kahnfahrt freundlichst eingeladen. Die Weltbühne, 31. Januar 1933 1077 Stendhal Es gibt keine tiefere Freude als die einer unverhofften literarischen Entdeckung. Aus Nietzsches Enthusiasmus für Stendhal spricht der Jubel eines Einsamen über eine verwandte Seele. Stendhals Auferstehung wird für Nietzsche eine neue Rechtfertigung der eignen Isolierung. Wir haben heute zu Stendhal ebenso gut Distanz gewonnen wie zu Nietzsche. Wir sehen gewiß die verschiedenen Elemente in Stendhal schärfer. Nietzsche verehrte in ihm vornehmlich den genialen Amateur und Lebenskünstler, den Dandy mit der Geste des Bourgeoisverächters. Zu uns spricht Stendhal, der große Arbeiter, deutlicher. Ein paar gelehrte Antiquitäten, eine antike Gemme, eine Melodie von Cimarosa, die letzten Liebesgeschichten der Marchesa, eine Loge in der mailänder Scala, das ist der Lebensinhalt des einen Stendhal. Aber der andre Stendhal, das ist der Schriftsteller, der langsam und mit selbstgeschaffener Mühe die Welt sehen lernt und sich dazu eine höchst sparsame und trockene Form schafft, die es ihm ermöglicht, nicht nur das Exterieur sondern auch Blut und Nerven seiner Gestalten festzuhalten. Dieser von seiner Zeit verworfene Autor durfte mit Recht an die Nachwelt appellieren. Stendhal, vor hundertfünfzig Jahren geboren, durchschneidet drei Epochen und wird zu einem vielfältigen Zeugen. Er erlebt die Schlacht von Marengo, den napoleonischen Siegeszug durch Deutschland und die Katastrophe von Moskau. Er wird ein mißmutiger und zurückhaltender Teilnehmer der traurigen Ära bourbonischer Restauration. Und dann bricht mit dem Bürgerkönigtum die technisch-kommerzielle Zeit aus. Das große Abenteuer wird rar, das Geld tritt seine Herrschaft an. Zwar wirbelt es einzelne dramatische Figuren hoch und wieder in die Tiefe, aber den Millionen reglementiert und egalisiert es die Existenz. Als Stendhal mit sechzig Jahren auf einer prosaischen pariser Straße einem Schlaganfall erliegt, da flammen schon abends die Gaslaternen, rollen Eisenbahnen durchs Land und fängt der Maler Daguerre das menschliche Bild auf einer Glasplatte auf. Stendhal steht also am Beginn jener Entwicklung, die 1914 jäh abstürzte und deren schwere Restbrocken wir vergebens zu liquidieren suchen. Balzac hat in dem Pathos dieser Zeit, in ihren gigantischen Verschlingungen, in ihrem ohrenbetäubenden Getöse geschwelgt. Stendhal ist bis zu ihrem Geist vorgedrungen. Er war als Schriftsteller kein Mann der Glückstreffer, sondern ein bewußter Beobachter von wissenschaftlicher Gründlichkeit, trotz geflissentlich ablehnender Haltung ein Pionier. Es ist eine Zeit der ungeheuersten Gegensätze und Spannungen. Kein Wunder, daß ihr vor sich selbst graut. Sie flieht in die Romantik und hält ihre eignen Lebensgesetze für Hexerei. So ist um die Männer der Metternichepoche mit ihrem blauen Frack und dem Wachstuchzylinder immer etwas Hoffmannsche Gespensterei und Doppelgängerei. Herr Henri Beyle aus Grenoble ist in seinem Alltag ein angenehmer Gesellschafter, der von Napoleon zu plaudern weiß und von einem vergangenen Italien, wie es im Nachklang des Rokoko zu musizieren und zu lieben wußte. Ein Weltmann, der sogar mit Byron gesprochen hat und gern bereit ist, die Bekanntschaft mit dem neuen Salonlöwen oder einer allzu reservierten Sängerin zu vermitteln. Dieser selbe Herr Beyle hält sich aber auch für ein verkanntes Literaturgenie. Er schreibt langweilige Romane, nennt sich »Stendhal« nach irgend einem deutschen Nest und prophezeit, daß sein Ruhm um 1900 fällig werde. Noch komischer als diese literarischen Ambitionen sind seine verliebten Eskapaden. Herr Beyle ist mit dieser Zeit, deren Realität auf Zahlungsfähigkeit beruht, nicht sehr zufrieden. Im Grunde gilt seine Sehnsucht einem abenteuernden Kavaliertum. Er träumt sich als Ritter irrender Fürstinnen und heißbegehrter Primadonnen, die er gegen alle Rivalen und eine böse Welt am liebsten mit der Pistole in der Faust verteidigen möchte. Der kleine, runde Mann hat das überreizte Ehrgefühl eines klapperdürren kastilischen Granden; in der Tat, die Begierden Don Juans wüten in der plumpen Tournure Leporellos. Er posiert gern die Indifferenz des Abgebrühten, des Aristokraten alten Schlags. In der Garderobe der umschwärmten Künstlerin nicht minder als in der Schlacht. Mitten in dem grenzenlosen Elend der Tage an der Beresina, mitten in einer zerlumpten und verhungerten Armee präsentiert er sich eines Morgens seinem Chef Daru mit frisch rasiertem Kinn und wird dafür mit einem Lob bedacht, als wäre er ein neuer Bayard. Er ist in seinem Lebensstil ein Ci-devant. So wie er als Liebhaber die Allüren eines gestorbenen Jahrhunderts zu konservieren trachtet, so ist er auch als napoleonischer Offizier kein Mann der Masse. Im Grunde sucht er nur die individuelle Auszeichnung, er will Ritter sein. Heldentaten begehen für den Kaiser, für eine Dame, das bleibt sein letzter Wunsch. Im Grunde haßt er den Krieg, den rohe und schmutzige Soldaten gegen einander führen. Es ist herrlich, zu Pferd zu sitzen und ins Ungewisse zu reiten aber diese verstümmelten Toten dort am Wege ... Pfui, der Krieg ist abscheulich, der Krieg stinkt! Sinnloses Gemetzel, das schon der alte Voltaire in seinem »Candide« verspottet hat, jener Voltaire, der den romantischen jungen Leuten heute als ein Greuel aus der Zopfzeit erscheint. Die Früchte vom Baum der Erkenntnis sind noch keinem gut bekommen. Den Einen bringen sie früh ins Grab oder ins Narrenhaus, dem Andern ruinieren sie den körperlichen und geistigen Stoffwechsel. Stendhal, bald der ritterlichen Geste, bald seinem unerbittlichen intellektuellen Verlangen opfernd, läuft zeitlebens mit einem schweren Spleen herum. In seiner Denkweise bleibt er ganz und gar der Sohn des achtzehnten Jahrhunderts. Mitten in einer Epoche idealistischer Verschwärmtheit bewahrt er den massiven Materialismus des Lamettrie oder Helvetius. Die Welt liegt schon wieder schmachtend vor dem Kreuz: er verachtet Religion als Pfaffengewäsch. Die Philosophen spekulieren wieder metaphysisch. Er glaubt: mit dem Tod ist alles aus, und das Leben ist nur zum physischen Genuß da. Aus dieser Summe von Widersprüchen wächst eine historische Leistung: Stendhal wendet im Roman zum ersten Mal die soziale Anatomie an. Seine Gestalten sind keine isolierten Einzelwesen mehr. Sie sind gesellschaftlich genau bestimmt, und weil der Autor weiß, woher sie kommen und was sie essen und trinken, deshalb ist auch ihre Seele kein Gefäß mehr, in dem olympische Parfüme unbekannter Mischung destillieren, sondern ein durchforschbares Land. Wovon lebt eigentlich Wilhelm Meister? Von welchen irdischen Ressourcen nähren sich die ätherischen Helden Chateaubriands? Was tut Childe Harold, wenn er nicht grade im Anblick heroischer Landschaften versinkt? Stendhal hat die Märchenprinzen entthront und für ewig auf die Hintertreppe verwiesen. Damit war nach 1815 kein Erfolg zu holen. Stendhal blieb allein, seinem Sarg folgten ganze drei Personen. Aber in seinen Wirkungen ist er nicht mehr wegzudenken: er ist der Ahnherr einer ganzen Schreibergilde, er ist der Stammvater des modernen Romans geworden. Heute, wo wir wieder gegen sozusagen idealistische Verlogenheiten und gegen einen verblasenen Mystizismus zu kämpfen haben, heute fällt auch von Stendhal die skurrile Außenseite ab. Zurück bleibt ein geistiger Held, ein harter, strenger Erzieher, dessen Beispiel mahnt, so wie er um den wirklichen Ausdruck der Zeit zu ringen. Der Ruhm, der seinem nachgelassenen Werk so spät zuteil wurde, wird wieder einmal welken. Das kann auch nicht anders sein. Aber vieles von dem, was Stendhal geschrieben hat, die »Karthause von Parma«, »Rot und Schwarz«, Stücke aus »Lucien Leuwen«, die »Äbtissin von Castro«, die Aufzeichnungen über die Liebe, die Studie über Napoleon, das alles wird seine Freunde finden, bis die Menschheit sich wieder entschließen wird, das Glück des absoluten Analphabetentums der gefährlichen Lust am Wissen vorzuziehen. Die Weltbühne, 31. Januar 1933 1078 Kavaliere und Rundköpfe Wenn irgend etwas die Meinung über die neue Reichsregierung zu verwirren geeignet ist, so sind das die ersten Äußerungen von Zeitungen, die seit Jahren die Übertragung der Macht an die geeinte Rechte gefordert haben. In der ›DAZ‹, die sich doch immer für die Hinzuziehung der Nationalsozialisten eingesetzt hatte, schreibt Herr Doktor Fritz Klein: »Eine gewagte und kühne Entscheidung ist es in jedem Fall, und kein verantwortungsbewußter Politiker wird zum Jubeln geneigt sein.« Was ist los? Warum bleibt Herrn Klein der Triller in der liederreichen Kehle stecken? Noch viel melancholischer wird Herr Hans Zehrer in der ›Täglichen Rundschau‹, der doch wie kein Andrer den Nationalsozialismus salonfähig gemacht hat: »Wie steht es mit dem nationalen Sozialismus, der das Volk erfaßte und der es in die Reihen der nationalsozialistischen Partei trieb? Wer wird denn in diesem Kabinett den nationalen Sozialismus in die Wirklichkeit umsetzen? Wird ihn etwa Herr Hugenberg, der jetzt seine Diktatur aufgerichtet und die Herrschaft über die zukünftige Wirtschaftsgestaltung in Deutschland erlangt hat, durchführen? Derselbe Hugenberg, der seit Jahren einen erbitterten Kampf gegen den Sozialismus der NSDAP führte? Oder wird ihn Herr von Papen plötzlich unterstützen? Derselbe Herr von Papen, der als Reichskanzler eine verzweifelte Restauration des Privatkapitalismus durchzuführen versuchte und nach sechs Monaten an seiner eignen Erfolglosigkeit und dem geschlossenen Willen des ganzen Volkes scheiterte? Oder soll er etwa vom Arbeitsministerium aus verwirklicht werden, das dem Führer des Stahlhelms zugefallen ist?« Und Zehrer resumiert mit Bitterkeit: »Ist das alles also ein Sieg Adolf Hitlers? Sieht so die Frucht aus, die ihm nach zwölfjährigem Ringen reif in den Schoß fällt? Ist das die Führung, die er erstrebte?« Wenn die Leute, die eigentlich begeistert sein müßten, schon so niedergeschlagen gratulieren, wenn sich bei ihnen der Katzenjammer schon vor dem Gelage einstellt, die Ermattung schon vor der Lust, so enthebt das die Gegner des neuen Regimes der unfreundlichen Pflicht, sich um eigne Formulierungen zu bemühen. Die Stellung des Reichskanzlers innerhalb seines Aufgabenkreises zeichnet Herr Klein mit schonungsloser Offenheit: »Vielleicht werden sich seine Gegner über seine Regierungshandlungen wundern und darunter leiden. Seinen Anhängern aber werden die Augen übergehen, und diese Enttäuschung ist wahrscheinlich vom gesamtnationalen Standpunkt aus noch mehr zu fürchten.« Diese Darlegung ist nicht ohne Zynismus. Sie, Herr Reichskanzler, so muß man das lesen, sind der Führer einer Partei, die durch rücksichtslose antikapitalistische Propaganda in die Höhe gekommen ist. Jetzt, wo Sie oben angelangt sind, gibt es das nicht mehr. Jetzt haben Sie den Restbestand des deutschen Kapitalismus zu konsolidieren, den Großgrundbesitz zu retten, die Ansätze zur Gemeinwirtschaft wieder rückgängig zu machen. Jetzt stehen Sie auf der andern Seite der Barrikade, und das werden auch Ihre braunen Truppen spüren müssen! Der Vorgang ist interessant aber nicht neu. Er wiederholt sich immer wieder in der Weltgeschichte, wo Volkstribunen endlich im Triumphmarsch in den Staat einziehen. Nicht viel anders mögen vor vierzehn Jahren Stinnes und Duisberg zu Fritz Ebert und den Sozialdemokraten gesprochen haben, und ihre Argumente sind gehört worden. Es entbehrt nicht der tragischen Ironie, daß die revolutionären Retter des Kapitalismus von 1933 ihren gestürzten Vorgängern in ihrem ersten Regierungsmanifest das völlige Versagen attestieren: »In vierzehn Jahren haben die November-Parteien den deutschen Bauernstand ruiniert. In vierzehn Jahren haben sie eine Armee von Millionen Arbeitslosen geschaffen.« Starke Worte für eine Regierung, die selbst auf einer labilen Übereinkunft beruht. Die Nationalsozialisten erhalten die politischen Posten, die Exekutive. Finanzen und Äußeres bleiben bei bewährten und durchaus selbständigen Beamten. Die nahrhaften Ressorts dagegen sind von Herrn Hugenberg okkupiert, dem letzten Manne in Deutschland, der noch so richtig an den massiven Kapitalismus von 1910 glaubt. Die schwersten Aufgaben dieser wirtschaftlichen Nachkriegskrisen liegen bei dem ausgeprägtesten Vorkriegsmenschen, der sich denken läßt. In seinem Gefolge amtiert im Arbeitsministerium der Stahlhelmführer, der in seinen sozialen Anschauungen nirgends über die Enge des kleinen Fabrikanten hinauskommt und eine höchst unzeitgemäße Gewerkschaftsfeindlichkeit verkörpert. Diese Regierung ist das Produkt eifriger Vermittlungen, überraschender Improvisationen, verborgener Kulissenspiele. Ihre Zusammensetzung verrät deutlich ihren Ursprung. Die »Kavaliere«, wenn wir die Vertreter der »hauchdünnen Schicht« so nennen wollen, haben die wirtschaftlichen Schlüsselstellungen besetzt; die Andern, die »Rundköpfe«, die Verfechter eines nationalistischen Rigorismus, die Männer, die aus dem Volke kommen, haben die politischen Instrumente in der Hand, die notfalls in Bewegung gesetzt werden müssen, um die Maßnahmen der »Kavaliere« durchzuführen und zu verteidigen. Die Deutschnationalen werden zunächst für ihre Leute ernten, die Nationalsozialisten ernten nichts als das Odium. Der erste Regierungsaufruf ist nur aus dieser innern sozialen Diskrepanz heraus zu verstehen. Er vertuscht die eignen Widersprüche mit anklägerischem Pathos gegen Republikaner und Kommunisten. Er ist als Plattform dürftig, als agitatorische Leistung dagegen beträchtlich. Die Propaganda war immer die schwache Seite der Weimarer Kabinette. Die NSDAP macht ihre agitatorische Sprache unbedenklich zum amtlichen Stil. So arbeitet Moskau, so Mussolini, so der sattelfeste Demokrat Daladier. Nur der deutschen Republik bammelte, wenn sie für sich Stimmung machen wollte, der amtliche Zopf um die Nase herum. Auch die Verlautbarungen moderner Regierungen erfordern eine einprägsame, allen verständliche Ausdrucksweise. Die Verheißung zweier Vierjahrespläne muß dem Kritischen nebelhaft erscheinen. Wer Sinn für Humor selbst heute noch bewahrt hat, mag darüber lächeln, daß die gleiche Regierung, die den Kommunismus verdonnert, Anleihen bei Stalin macht. Jedoch die Wirkung auf die Bauern, überhaupt auf alle kleinbürgerlichen Elemente, die noch immer gern hoffen, kann groß sein. Denn die Regierung sagt damit offen, daß sie nicht hexen kann, sondern Zeit braucht, aber sie stellt sich zunächst selbst eine Frist. Der erste große Verlierer des Umschwunges wird der Herr Reichspräsident sein. Unter ungeklärten Verhältnissen, zwischen absterbendem Parlamentarismus und aufgehender Diktatur, konnte er eine autoritäre Mittlerrolle einnehmen. Diese wichtige Stellung schwindet, je mehr sich der klare Rechtskurs festigt. Die Autorität wird sich künftig im Reichskabinett verkörpern, der Reichspräsident selbst wieder zu einer ausschließlich repräsentativen Gestalt werden. Eine Frage wird in diesen Tagen immer wieder gestellt: Welche Chance hat diese Regierung der geeinten Rechten? Bedeutet sie den Übergang zu einer Dauerherrschaft oder nur eine dramatische Episode? Die gegenwärtige Regierung ist bis zum Zerspringen mit sozialen Disharmonien geladen. Der ärgste Zündstoff ist in den SA enthalten, die erwarten, jetzt, nach der Machtergreifung durch ihren Führer, in irgend einer Form dem Staate einverleibt zu werden. Gelingt das nicht, gelingt es auch nicht, Hugenberg zu verhindern, die gesamte Wirtschaft gegen sich aufzubringen und überhaupt eine halbwegs volkstümliche mittlere Linie zu finden, so wird diese Regierung so schnell und schattenhaft vorübergehen wie das Kabinett Schleicher. Gelingt es ihr dagegen, die deutsche Misere auf einem eben noch erträglichen Niveau zu stabilisieren, verzichtet sie darauf, den sozialpolitischen Fundus allzusehr anzutasten, verzichtet sie überhaupt auf manche der mitgebrachten Konfliktsgelüste, so hat sie jede Möglichkeit für sich, ein System zu schaffen, das für ein gutes Menschenalter vorhält. Die Rechtsparteien sind unsern Freunden von links in manchem unterlegen. Aber den kalten, harten Machtwillen, das Fingerspitzengefühl für die wirklich entscheidende Position, das haben sie ihnen voraus. Die Republik hat diese Bataille verloren, nicht weil sie sich des »Novemberverrats« und andrer Schandtaten schuldig gemacht haben soll, sondern weil es ihr an dem notwendigen Lebenswillen fehlte, über den die Rechte in hohem Maß verfügt. Das Volk hat eine gute Witterung dafür, und deshalb ging es zu den Extremen rechts und links. Die Gegenrevolution hat kampflos die Höhen besetzt. Sie beherrscht das Tal, und wir leben im Tal. Minister a.D. laufen mit verdattertem Gesicht herum und schwelgen in Radikalität. Hohe Funktionäre schwärmen plötzlich für die »rote Einheit«, die sie sonst mit Maßregelungen prämiiert haben. Es ist schwer, ihre späte Erleuchtung hinzunehmen, ohne grob zu reagieren. Es ist schwer, daran zu glauben, daß sie einmal bessere Kämpfer werden können. Wir werden wohl mit neuen Menschen wieder beginnen müssen. Die Weltbühne, 7. Februar 1933 1079 [Antworten] Wilhelm Michel, Darmstadt Es bereitet mir keine große Freude, Sie niedriger zu hängen, denn Sie gehörten einst zum Mitarbeiterkreis der ›Schaubühne‹, und ich weiß, daß S.J. große Stücke auf Sie gehalten hat. Als Sie sich vor einigen Jahren nach langer Zeit wieder mit einem Artikel bei uns meldeten, hatte ich keine Bedenken, ihn abzudrucken, und ich verteidigte Sie nachher lebhaft gegen einige Leser, die uns erzählten, was Sie sonst so in Darmstadt trieben. Ich hielt das für ziemlich unwahrscheinlich, und deshalb geschieht es mir ganz recht, wenn man mir jetzt ein Theaterreferat von Ihnen, das in der ›Kölnischen Zeitung‹ am 1. Februar erschienen ist, unter die Nase hält. Sie verzeichnen mit Genugtuung, daß sich in Darmstadt heftiger Widerstand erhebt, das Schauspiel von Bert Brecht »Die heilige Johanna der Schlachthöfe« am hessischen Landestheater zur Uraufführung zu bringen. Sie haben von Ihrer früheren Zeit her noch genug Geschmack bewahrt, um diesem Werk den dichterischen Wert nicht abzusprechen, Sie nennen es Brechts hervorragendste Leistung, Sie konstatieren »eine Art von satanischer Begeisterung«. Auf diese Weise beschwichtigen Sie Ihr leise aufmuckendes ästhetisches Gewissen – Überrest einer lange vergangenen bessern Zeit. Dann aber geht es los: »Das Erfreuliche an dem darmstädter Widerstand gegen diese Dichtung liegt darin, daß er sich nicht mit ästhetischem Wenn und Aber abgibt sondern auf den Kern der Sache geht. Der Kern der Sache ist eindeutige bolschewikische Gottlosenpropaganda. Der Kern der Sache ist die Teufelsklaue, die sich gegen Grundpfeiler des abendländischen Lebens ausstreckt. Dieses Stück hat nicht etwa, wie man so sagt, eine gewisse ›Beziehung‹ zur kommunistisch-bolschewikischen Religionsablehnung, sondern es ist dieses Niederträchtige und Menschenfresserische selbst, was wir als den russischen Kampf gegen Gott, gegen die Familie, gegen das ganze geschöpfliche Leben kennengelernt haben. Jahre hindurch sieht das deutsche Volk dem russischen Kesseltreiben gegen alles Glauben und höhere Wissen zu, den Kirchenschändungen, den öffentlichen Lästerungen, den Verbannungen – diesem ganzen unterweltlichen Treiben, in dem ein großes Volk Miene macht, seine lebendige Seele mit eignen Fäusten zu zerreißen. Und nun tritt die Bestie in unserm eignen Haus auf. Sie wagt sich an unsern Tisch, sie blickt uns mit den harten Augen, die wir aus Urzeiten kennen, mitten ins Gesicht, und aus dem Maul kommt hervor, was sie seit Schöpfungstagen auf dem Herzen hat, mit einem dumpfen Röhren: Darum soll man dem, der da sagt, daß es einen Gott gibt ... den Kopf so lange aufs Pflaster schlagen, bis er verreckt ist!« Die darmstädter Spießer rebellieren also, und Sie, ein Mentor in Kunstsachen, empfinden diesen Widerstand »als eine beglückende Regung ungebrochener Lebensinstinkte gegen einen künstlerisch verkappten Mordversuch an unsrer Seele«. Ich halte es für sehr gleichgültig, ob Ihnen als Kunstkritiker das Drama Brechts gefällt oder nicht. Aber die Aufgabe des Kunstkritikers scheint es mir zu sein, ein Werk nach seiner Darbietung zu beurteilen, nicht seine Darbietung zu verhindern, indem man sich dabei des Tons und der sattsamen bekannten Allüren eines gewissen ästhetischen Untermenschentums bedient. Sie reden etwas allzu eilfertig von einem Mordversuch an unsrer Seele. Aber was treiben Sie, wenn Sie verhindern wollen, daß ein schon von vielen geschätztes Theaterstück das Rampenlicht erblicken soll? Der Kunstkritiker mag ein Drama nach der Aufführung abschlachten, aber ihm mit dem Messer zu Leibe zu gehen, noch ehe es auf der Szene erscheint, das ist ein Attentat nicht nur gegen dieses eine Stück sondern gegen das heutige deutsche Theater überhaupt, das ganz gewiß nicht unter einem Überfluß von Mut, Kraft und Talent leidet. Leben Sie wohl, Herr Wilhelm Michel! Die Weltbühne, 7. Februar 1933 1080 Deutschland wartet! In einer Reihe von Rechtsblättern und namentlich in solchen, die den Deutschnationalen nahestehen, stößt man gelegentlich auf eine Art Bedauern, daß die Massen der sozialistischen Arbeiter die Inthronisierung des neuen Regimes mit einer solchen Gelassenheit hingenommen haben. Viel lieber wären ihnen Drohungen und rabiate Kampferklärungen, damit es »Ordnung« zu schaffen gibt und der marxistischen Riesenschlange endlich der Kopf zertreten werden kann. Es ist das Unglück unsrer Reaktionäre, daß sie den deutschen Arbeiter ebensowenig kennen wie das deutsche Volk überhaupt. Sie phantasieren zwar ständig von »Blutsverbundenheit«, aber von dem deutschen Durchschnittsmenschen, der seine Bezüge nicht von der Osthilfe erhält, wissen sie so wenig wie von einem Marsbewohner. Sie betrachten die Welt durch die Dachluke ihrer Ideologie, sie sehen nur den Rauch vom nächsten Schornstein. Sonst würden sie wissen, daß der Arbeiterschaft auch heute alles ferner liegt als ein wilder Radikalismus. Sie hat der Machtergreifung der Rechten jahrelang widerstanden und in ihr ein allgemeines Unglück erblickt. Heute, wo diese endlich vollzogene Tatsache ist, ballt sie nicht etwa die Fäuste in ohnmächtiger Verzweiflung, sie stellt sich einfach hin und wartet. Sie wartet auf die sozialen Taten der Regierung. Sie gibt ihr offensichtlich einen anständigen Vorsprung. Man darf in der Tat gespannt sein, in welcher Weise die Reichsregierung zu einer Synthese der ihr innewohnenden sozialen Widersprüche kommen will. Die Regierungspresse selbst weist noch keinerlei Uniformierung auf, alles geht bunt durcheinander. Im ›Angriff‹ wird zum Beispiel der frühere Reichsminister Wissell gerüffelt, »dessen unsoziale Schiedssprüche bei Lohnstreitigkeiten ihm die Empörung der gesamten Arbeiterschaft eingetragen haben«. Gemeinhin nennt man solche Argumentation »Klassenkampf«, nicht wahr? Im bayerischen Landtag nimmt die Nazifraktion einen Antrag an, die Banken unter Staatsaufsicht zu stellen, und die Sozis stimmen dafür. Die ›Deutsche Allgemeine Zeitung‹ ist darüber sehr beunruhigt, sie schwingt den Pädagogenfinger so nervös, als ginge es um die Freien Gewerkschaften: »... es hat sich offenbar noch nicht überall im Lande herumgesprochen, daß der Nationalsozialismus jetzt verantwortungsbewußte Politik im großen Stil zu betreiben hat.« Die schwerkapitalistische ›Börsenzeitung‹ schlug rückhaltlos Lärm, als davon geredet wurde, daß Minister Hugenberg eine Zinssenkungsaktion plane, und im ›Lokalanzeiger‹ selbst, der doch jetzt frisch vom Faß geschrieben werden kann, liest man nicht etwa lichtvolle Darlegungen über die angezeigten Vierjahrespläne sondern Moralpauken über die deutsche Familie und die Erneuerung der Seele, die über der Wirtschaft nicht vergessen werden darf. Nur der neue Staatssekretär Bang, der nach den Worten des frühern Reichskanzlers Brüning wie einer der weissagenden Raben Odins auf Hugenbergs Schultern sitzt, hat jetzt in einer Rede sich programmatisch geäußert. Seine Ausführungen müssen auf den sozialistischen Flügel der NSDAP wie Vitriol wirken. Wirtschaftsliberalismus ältesten Datums, Manchestertum, das um 1880 nicht unangefochten durchgegangen wäre. Die Arbeiterschaft hat im Laufe einer langen Tradition gute Haltung gelernt. Sie wartet ohne Vertrauen, aber sie wartet. Sie hat ihr Augenmerk vor allem auf das Reichsarbeitsministerium gerichtet, in dem der Chef des Stahlhelms jetzt regiert, dessen Aufgabe es sein wird, die Brücke zu schlagen vom nationalen Pathos zur wirtschaftlichen Realität. Es liegt durchaus im Bereiche der Möglichkeit, daß grade dieses Ministerium zuerst zum Prellbock werden kann. Das Reichsarbeitsministerium ist kein Amt, wo die verschiedenen militanten Ideen der Zeit ihre Fackeltänze aufzuführen pflegen. Hier finden sich die Unterhändler aller sozialen Gruppen ein, Syndici und Gewerkschaftssekretäre, höchst penetrante und in allen Verhandlungsfinessen geübte Leute, die nicht so leicht abzuwimmeln sind und mit »Weltanschauungen« schon gar nichts zu tun haben wollen. Es ist eine ganz uninteressierte und strohtrockene Materie, aber sie zwingt dazu, Ja oder Nein zu sagen. Alle Arbeiter und Angestellten aber blicken heute nach dem Reichsarbeitsministerium, wo es um ihre Tarife geht, also um ihre Existenz. Die christlichen und rechtsgerichteten Gewerkschaften sind nicht minder argwöhnisch als die »roten« Organisationen. Hier sitzen auch intime Kenner der Rechtsparteien, die in den frühern innern Auseinandersetzungen dort eine bedeutende Rolle gespielt haben. Grade in den betont wirtschaftsfriedlichen Verbänden ist die Furcht vor sozialpolitischer Reaktion bis zur Panik gestiegen. Man wird gut tun, die Bewegungen im christlich-nationalen Gewerkschaftslager in der nächsten Zeit sorgfältig zu verfolgen. * Jede deutsche Regierung muß es sich heute gefallen lassen, zunächst nach ihren wirtschaftlichen Leistungen beurteilt zu werden. Die Regierung Schleicher ist unbestreitbar mit einem Enthusiasmus begrüßt worden, der kritischen Köpfen schwer verständlich schien. Aber nach ein paar Wochen schon, da wurde die ungemütliche Frage laut: wo bleibt die verheißene Arbeitsbeschaffung? und damit wars vorbei, und jetzt ging es so wie im Märchen: alles sah, daß der König keine Kleider anhatte. Es kann schwer sein, mit einer Opposition fertig zu werden, die auf die Straße drängt. Aber eine Opposition, die auf Leistungen wartet, ist schwieriger. Gewiß sind bei uns die Parteiduelle zu ungeheurer Intensität entwickelt, aber die Menschen sind auch des Kampfes der Schlagworte herzlich müde; sie haben sich daran sattgegessen und wünschen jetzt festere Kost. Gruppen, die jahrelang agitiert und angeklagt haben, sind endlich oben. Deutschland wartet. Die Regierung steht jetzt unter einem unerbittlichen Gesetz. Niemand hat eine solche Situation plastischer geschildert als der berliner Nationalökonom Professor Ludwig Bernhard, der Freund Hugenbergs und Chronist seines Aufstiegs. Bernhard, der als Wissenschaftler immer den schroffsten Arbeitgeberstandpunkt vertreten hatte, schrieb in dem vor etwa drei Jahren erschienenen Sammelbuch »Der Prozeß der Diktatur« diese unheimlich aktuellen Sätze: »Man kann nicht mehr verzehren, als vorhanden ist. – Das ist die Nachtqual jedes Diktators. Solange Bewaffnete hinter ihm stehen, kann er spielen mit der Politik, kann er diplomatisch verhandeln mit der Kirche, und die Kultur kann er schminken lassen. Alle jauchzen oder lächeln oder schweigen. Die Wirtschaft aber spricht zu ihm und seinen Mannen: Ihr könnt nicht mehr verzehren, als vorhanden ist. Er ist der Herr; aber dem Gesetze des wirtschaftlichen Ausgleichs muß er gehorchen. Die Bilanz ist stärker als die Diktatur. Deshalb muß der Diktator, wenn die wirtschaftliche Lage bedrohlich wird, mit der Bilanz paktieren. Dies geschieht, indem er um einen Aufschub bittet: ›Der Fünfjahresplan, die Pjatiletka, ist die Grundlage aller Sowjetpolitik. Bis zum 1. Oktober 1933 ist positiv daran zu arbeiten und nicht zu kritisieren‹, so Stalin. – Und Mussolini: ›In fünf bis zehn Jahren wird Italien wirtschaftlich vom Auslande unabhängig sein. Bis dahin ist die Weizenschlacht zu schlagen, und im übrigen ist zu schweigen.‹ So wird mit der Bilanz paktiert. Die wirtschaftliche Krise der politischen Diktatur wird hinausgeschoben; der Schuldschein prolongiert ... Vor hundert Jahren mußte der Diktator, um seine Mannen gefügig zu halten und dem Volk zu imponieren, Kriege führen. Heute hat er das nicht nötig, denn imposanter als der Krieg erscheint den Völkern die ›Planwirtschaft‹ des Diktators, die mit Bauten und Bahnen, mit auswärtigen Bankverbindungen und amerikanischen Trustmagnaten operiert, und Leben, Bewegung, Arbeit, Verdienst bringt.« Es entspricht also einer tiefen innern Gesetzmäßigkeit, wenn die Regierung zunächst zwei Vierjahrespläne zur Behebung der ärgsten wirtschaftlichen Not ankündigt; sie braucht Aufschub. Es entspricht aber auch durchaus ihrer uneinheitlichen Zusammensetzung, daß sie sich selbst danach sofort von der wirtschaftlichen auf die nur politische Ebene transponiert. Sie setzt Wahlen an, die ein paar Wochen zunächst ganz mit Propaganda anfüllen. Sie eröffnet einen Kampf gegen jenen armen Schatten, der sich noch preußische »Hoheitsregierung« nennt. Sie stellt Schreibe- und Versammlungsfreiheit unter Ausnahmerecht. Sie gewährt aber – und das ist das einzige sofort Verwertbare – durch eine kräftige Erhöhung der Fleisch- und Schmalzzölle den Agrariern eine erhebliche Gratifikation. Wir dürfen wohl annehmen, daß hinter alledem vornehmlich der Herr Vizekanzler steht, in dem man bis auf weiteres überhaupt das eigentliche Haupt der Regierung erblicken muß. Den in dem Kampfe zwischen Industrie und Landwirtschaft schnell zerriebenen Kanzler drängt es heute, wo er als Vizekanzler fröhliche Urständ feiert, sein liegengelassenes Programm zu vollenden. Sein lebhaftes Temperament sieht in der Entfesselung überflüssiger Konflikte eine Krönung der heiß angebeteten Machtpolitik. Damit zieht er die ganze Regierung auf abschüssiges Gelände. Wozu eine Wiederaufrollung der Preußenfrage? Die ganze Sozialdemokratie weiß heute, daß ihre Führung am 20. Juli aufs kümmerlichste versagt hat. Mag der Prozeß vor dem Staatsgerichtshof auch ein sechzigprozentiger juristischer Sieg gewesen sein, den Prozeß vor dem Forum der Geschichte hat die sozialdemokratische Führung am 20. Juli verloren, und kein Gerichtsspruch kann das wieder wettmachen. Tief im Hintergrunde starb die Regierung Braun ohne Schönheit, wenn auch in Hoheit, dahin; ein grausiges Demonstrationsprojekt für die Ohnmacht der Partei. In dem Augenblick aber, wo die Reichsregierung diesen unseligen Revenant neu angreift, strömt ihm auch neues Blut zu, er gewinnt wieder Leben. Wenn der Staatsgerichtshof ein zweites Verdikt gegen die Reichsregierung fällt, so droht ein ernster konstitutioneller Konflikt, der süddeutsche Partikularismus wird wieder frondieren, und zu alledem ist noch der Präsident des Staatsgerichtshofs – nach einem erst im Dezember angenommenen nationalsozialistischen Antrag – der designierte stellvertretende Reichspräsident. Hier zeichnen sich bereits zukünftige Wirren von phantastischem Ausmaß ab. Die Pressenotverordnung ist ja nicht die erste dieser Art. Schon manche der republikanischen Regierungen hatte ihre eignen Methoden, mit der verfassungsmäßig gewährleisteten Meinungsfreiheit umzuspringen. Diejenigen Zeitungen, die sich Charakter und Selbständigkeit bisher bewahrt haben, werden auch in der Zukunft nicht durch den Reifen springen. Der Fall liegt sehr einfach: bei dem uralten Duell zwischen physischer Gewalt und freiem Gedanken ist die Gewalt im letzten Gang immer unterlegen. Wo eine diktatorische Herrschaft verwehren will, daß Ideen ausgesprochen, geformt, niedergeschrieben, verbreitet werden, da gibt es bald Verwesung, Friedhofgeruch. Deutschland ist ein Land der differenziertesten öffentlichen Funktionen, man kann es nicht leicht in die Primitivität einer geduldigen Kulistummheit zurückschrauben. Wo regierende Gewalten die Meinungsfreiheit der Mitlebenden mit einem Federstrich kassieren, da liefern sie sich nur den anonymen und gestaltlosen Mächten der Geschichte aus, die viel bösartiger und schonungsloser sind als der galligste Pamphletist. Immerhin geht die deutsche Presse in eine bewegte Epoche hinein. Der wirkliche Presseball beginnt erst jetzt. * Was das Volk erwartet, ist Brot und Arbeit. Die Regierung aber traktiert es mit Politik, sie dekretiert, sie verordnet. Ihr erster wirtschaftlicher Akt von Bedeutung aber ist eine den Agrariern erwiesene Gefälligkeit. Damit enthüllt sie nur die Gegensätze in ihrer Konstruktion. Die hinter ihr stehenden Parteien führen den Wahlkampf so, als wären sie noch immer die »nationale Opposition«; sie schmettern furchtbar gegen die Sozis, die Mordkommune, sie verwechseln Versailles und Weimar, sie säbeln, wie der dürre kastilische Ritter, zu Dutzenden imaginäre schwergepanzerte Feinde nieder. In Wahrheit ist dieser Wahlkampf weniger ein Appell ans ganze Volk als vielmehr eine interne Auseinandersetzung der Harzburger Koalition. Erleiden die Deutschnationalen erhebliche Verluste, so steht die Frage der Regierungsbildung neu zur Diskussion. Das Zentrum hält sich wieder freundlichst bereit. Die Kabinettspolitik, die das ganze letzte Jahr beherrschte, geht nochmals großen Zeiten entgegen. In dem Brief des Reichskanzlers an den Prälaten Kaas vom 1. Februar lautet die einprägsamste Stelle: »Denn eine Diskussion der angeführten Punkte ohne das von mir erbetene Ergebnis würde im Ausgange zu einer ebenso unfruchtbaren wie mir unerwünschten Verbitterung führen. Denn ich wage auch heute wieder zu hoffen, daß, wenn nicht schon jetzt, dann in einer vielleicht nicht zu fernen Zeit eine Verbreiterung unsrer Front zur Beseitigung der drohenden innerpolitischen Gefahren in unserm Volk stattfinden könnte.« So sieht es also schon wenige Tage nach der angeblichen Besitzergreifung Deutschlands durch die »einige nationale Front« aus! Deutschland wartet – aber nicht auf neue Intrigen, neue Kulissenspiele! Die Parteien der leidenschaftlichsten Anklagen, der stärksten Versprechungen für die Zukunft sind nach oben gelangt. Das Volk hat ihnen die eine große Chance gegeben: – es hat nicht seiner eindeutigen Abneigung politischen Ausdruck verliehen, es sagte zunächst: Nun arbeitet! Dieser Spruch ist fair, aber auch unerbittlich. Hic Rhodus, hic salta! Das ist ein Votum, das keine Zensur unterdrücken kann. Wenn die Menschen nicht mehr fragen dürfen, dann werden die Dinge fragen. Die Weltbühne, 14. Februar 1933 1081 Richard Wagner Garstig glatter Glitschriger Glimmer! Wie gleit ich aus! Von Ferdinand Lassalle stammt das bittre Wort von dem Kranichzug der Klassiker über Deutschland. Niemals bewahrheitete es sich ernster als im vergangenen Jahre, das bekanntlich das »Goethejahr« gewesen ist. Durch die schimmernden Schleier der amtlichen Feierseligkeit blickte man auf ein gleichgültig vorüberhastendes Volk, das andre Sorgen hatte, und auf einen vergessenen Sarkophag: Goethe. Der Musiker hat es leichter als der Dichter, der Hirn und Nerven gleichmäßig beansprucht. Das Ohr ist ein williges Organ, durch das Ohr läßt sich der Kopf am leichtesten betrügen. Nein, Richard Wagner ist nicht im Kranichflug über Deutschland gezogen. Er nistet noch mitten im Land. Er ist der genialste Verführer, den Deutschland gekannt hat. Kein Künstler hat auf den geistig-seelischen Habitus des Volkes verhängnisvollern Einfluß genommen, niemand hat die Flucht aus der Wirklichkeit, den Kultus des schönen Scheins eindringlicher und verlockender gepredigt. Wohl haben andre mit höherer Intensität künstliche Paradiese geschaffen, wohl haben die Blumen des Bösen leidenschaftlichere Gärtner gefunden – sie sind an den selbstgezogenen Früchten gestorben. Richard Wagner, der alle berauschte, hatte selbst nicht viel Teil am Rausch, er blieb ein kühler, bewußter Herr seiner Mittel. Eine Welt geriet in Wahn durch seine Töne, er selbst blieb ein ruhiger Rechner und sein bester und überlegenster Propagandist. Sein Erfolg war so breit wie kein andrer, denn Richard Wagners Werk hat die glücklichste, weil am meisten erfolgversprechende Mischung: hinter rauschenden Akkorden, hinter einer üppig quellenden Melodik die grauenhafteste Trivialität. Aber die olympische Miene des Mannes heischt Bewunderung und Unterwerfung – er tritt auf wie das absolute Genie. Wer wagt es, vor einer allgemeinen Suggestion ehrlich zu sein? Wer wagt es zu sagen, daß ihn eine Wagneroper seekrank macht? Dies sind die Stadien von Richard Wagners Ruhm: zuerst die Begeisterung der ästhetisch Geschulten; dazu die Snobs, die Neurastheniker, die stets auf die letzte Mode fliegen. Dann der riesige Opernsieg, die Eroberung des Publikums; die Wagnerzyklen mit Sänger- und Kapellmeisterkult verknüpft. Und dann die hoffnungslose Verplebsung: die Entdeckung des sentimentalen Schlagers in der Harmonie der Sphären; der holde Abendstern im Biergarten als Pistonsolo zwischen »Stolzenfels am Rhein« und »Gute Nacht, du mein herziges Kind!« Wagner vom Militärorchester exekutiert, die glorreiche Auffindung des Ewig-Ordinären in Walhall. So etwas kann auf die Dauer auch der bestfundierte Ruhm nicht vertragen. Die feinen Ohren wurden abtrünnig, die Kenner guter Musik mißtrauisch. Auch das Ende der Parsifal-Sperre tat nicht gut. Das Weihespiel, nicht mehr an das bayreuther Monopol gekettet, hielt seinen Einzug in die großen Opernbühnen und ernüchterte. Das war es also! Ein altes Rezept: Weihrauch mit Erotik, aber ohne den hinreißenden Glauben von Barockmeistern. Die Unschuld siegt am Ende mit viel Orgelton und Glockenklang, aber um ihren Sieg triumphaler zu gestalten, muß inzwischen viel Weiberfleisch enthüllt werden, muß der keusche tumbe Tor mit Mühe Kundrys Bordellatmosphäre und das tingeltangelhafte Nuttenballett der Blumenmädchen absolvieren. Die Klingsor-Girls! Komm! Komm! Holder Knabe. laß mich dir blühen! Dir zur Wonne und Labe gilt mein minniges Mühen. Parsifals erstes öffentliches Erscheinen tat der Wagnerbegeisterung nicht gut. Der Rückschlag war beträchtlich. Nietzsches Kritik war bisher verlegen genug ignoriert, als unbegreifliche Skurrilität oder als Akt persönlicher Gekränktheit behandelt worden. Der Ruhm sackte ab. Es erschien Emil Ludwigs verdienstvolle Streitschrift »Richard Wagner oder die Entzauberten« und übte seine Wirkung. Mozart stand wieder auf, seine ewige Grazie lächelte die geschwollenen Götterfiguren in die Kulissen zurück, Beethoven übte neu seine Macht, und seine reine Gewalt siegte über Bayreuths größenwahnsinnigen Theaterplunder. Bach, Händel, Gluck standen wieder auf. Das natürliche Genie siegte über die genieähnliche Virtuosität. Die echte Kathedrale über den sakral aufgezogenen Rummelplatz. Wagner sank schnell im Kurs. Zu unbegrenzt war der Anspruch gewesen, und jetzt waren überall Unbefriedigte. Es kam eine neue Musik, die frisch und ohne viel Umstände auf ihr Ziel losging. Wenn Strawinskys Soldatenballade vor ein paar bunten Leinwandfetzen mitreißt und erschüttert – wozu dann der Kolossalpomp? Was braucht Musik, die durch die Ewigkeit rauschen will, solche Szenerie? Das Theater machte damals eine kleine Revolution durch. Plötzlich wurde das Bühnenbild wieder einfach – mit dem Verruf der Guckkastenbühne kam auch die Wagneroper in Mißkredit. Der alte Zauberer schien für immer ausgespielt zu haben. Vor zehn Jahren gehörte eine gewisse Courage dazu, sich als perfekter Wagnerianer zu bekennen. Doch in lichter Waffen Scheine ein Ritter nahte da, so tugendlicher Reine ich keinen noch ersah ... Dieser Ritter war der Nationalismus. Ein Phänomen, in der Tat. Eine neu aufstrebende Bewegung hüllte sich in die Klänge einer bankrotten Kunst. Diese selbst, die sich bisher, wenigstens in der Kassengebarung streng kosmopolitisch gezeigt und dem polnischen Juden, wenn er nur zahlungsfähig war, gern einen Logenplatz im Festspielhaus reserviert hatte, klammerte sich an eine Bewegung, die den Racismus auf ihre Fahne geschrieben hatte. Es darf in diesem Zusammenhang nicht überschätzt werden, daß im bayreuther Kreise zuerst die Rassentheorien Gobineaus gepflegt wurden, daß Houston Stewart Chamberlain, der Schwiegersohn Richard Wagners, in einer konfusen Theorie die These von der schöpferischen Überlegenheit des reinen Ariertums entwickelte, und er, der Sohn eines englischen Admirals, im Kriege der lärmendste Herold der Alldeutschen war. Wichtiger ist, daß Wagners Musik die Blütezeit des Bürgertums und des Imperialismus in Töne bannte und ihr den blendenden szenischen Hintergrund verlieh. Es ist heute wohl unmöglich, diesem bürgerlichen Zeitalter gerecht zu werden. Denn wir haben für seine falschen Ewigkeitsrechnungen und seine uneingelösten Schuldscheine einzustehen. In Richard Wagners Werk flüchtet die bürgerliche Ära aus ihrer problemhaften Wirklichkeit in musikumbrausten Mythos. Sie flüchtet aus verschwitztem Bratenrock und qualvoller Corsage in den kühlen Harnisch und die weiten fließenden Gewänder der Götter. Sie heroisiert sich, sie reckt sich ins Übermenschliche. Sie harft sich in Hochzeitsmärschen und Feuerzauber aus dem engen Ring der Konvention. Die Frauen schmettern ihre Frigidität mit hohem C allen Männern in die Ohren, und die Männer selbst träumen sich aus dem langweiligen Alltag der Ehe in die siebenjährigen Ferien des Venusbergs, ins schrankenlose Ausleben, mag auch der Kater dahinter lauern. Wie schwül ist das alles, was für ein Kompott zerkochter und zerquetschter Lüste! Wie ist das alles aus dem einen Punkte zu verstehen! Aber diese Götter und Göttinnen sind keine freien Hellenen, sie leiden unter einem schlechten Gewissen. Sie ahnen die Katastrophe, sie fühlen dumpf den Fluch ihres Reichtums. Aus nächtlichem Dunkel flammt rot die Vision des Untergangs: das Versinken des Goldhortes im Rhein. Rheingold! Rheingold! Reines Gold! O leuchtete noch in der Tiefe dein lauterer Tand! Traulich und treu ists nur in der Tiefe: falsch und feig ist, was dort oben sich freut! Gewiß, diese Symbolkraft ist nicht gering, aber alles ist ganz fern, in eine nebelhafte Opernwelt projiziert, ganz unnaiv-mühsame Konstruktion. Und dann zeigt diese Musik ihre Macht, sie infiziert die Wirklichkeit, sie dringt durch tausend unsichtbare Kanäle: aus der Theatergarderobe holt sich Wilhelm II. den Lohengrinhelm und verwandelt die Wirklichkeit in eine schlechte Oper. Wagner wird heute anders kreiert als vor Jahrzehnten. Man muß sich diese großen Wagneraufführungen vorstellen, wie sie noch vor zwanzig Jahren waren, diese weiche sinnliche Zerdehnung der Tempi, dieses Waten in Tönen. Und dazu diese Kammersänger, wie sie sich auf fahl gewordenen Rollenbildern präsentieren, diese Tristane und Lohengrine mit Doppelkinn und Bierbauch, und dazu diese Sängerinnen mit flachsgelben Perücken, das Auge verzückt erhoben, Wogebusen und Wackelpopo durch ein rotumbordetes, urtümlich deutsches Nachthemd wirkungsvoll unterstrichen ... Hojotoho! Hojotoho! Heiaha! Heiaha! Hojotoho! Heiaha! Die heutigen Kapellmeister versuchen die Musik zu entfalten, sie halten den Rhythmus straff – im Grunde ist das ein denaturierter Wagner. Wir leben jetzt wieder im Traum der bürgerlichen Renaissance, und als klingender Herold dieser Sehnsucht tritt Richard Wagner wieder auf. Nicht mehr so exklusiv wie früher, im Gegenteil, sehr kleinbürgerlich geworden. Der Bürger ist pleite, seine Ideale wehen zerfetzt in allen Winden, nur seine Parvenuansprüche sind geblieben. Bei Wagner ist nicht nur das ganze Inventar des nationalistischen Schwertglaubens enthalten, sondern auch, immer neu variiert, die angenehme Vorstellung, von allen Übeln erlöst zu werden, ohne daß man dafür etwas zu tun braucht. Es erübrigt sich, näher auszuführen, was für eine Rolle in Deutschland der Wunderglaube spielt und das Verlangen nach einem Hexenmeister, der mit einem Hokuspokus Verschwindibus alle Kalamitäten für ewig beseitigt. Wagner selbst, der in der Erinnerung als der kleine alte Mann mit der Samtmütze fortlebt, hat wohl als der Erste erkannt, daß im bürgerlichen Deutschland Kunst nur dann dauernd wirkt, wenn sie gehörig mit Weltanschauung verbrämt und mit dem schwarzen Siegel des Geheimnisvollen versehen wird. Er hat der Musik Natur und Unschuld geraubt, hundertfach treffen Nietzsches erbitterte Anklagen zu. Er war ein Großmeister der Reklame; schon die Freundschaft mit dem verrückten Bayernkönig verlieh ihm das Relief des Auserlesenen. Und er sicherte sich selbst für seinen Nachruhm die Kultstätte Bayreuth; hier ummauerte der Großkophta sein Monopol. Es ist nicht der begreifliche Wunsch des Künstlers nach Abgeschlossenheit und Sammlung, es ist nicht das odi profanum des Horaz, die Barriere gegen Banausen. Es ist eine gut kapitalistische Kalkulation: er reserviert sein Werk für die Zahlungsfähigen. Kein wirklicher Künstler konnte so handeln. Man vergleiche das mit der noblen geheimrätlichen Abgeschlossenheit des alten Goethe, man vergleiche überhaupt die Plüsch- und Makartwelt Bayreuths mit der strengen Sauberkeit des Hauses am Frauenplan – zwei Zeiten stehen sich schroff gegenüber! Wäre dieser Rummel nicht, nicht die Aufmachung, nicht der unerhörte geistige Anspruch, man könnte Richard Wagner einfach historisch nehmen, man könnte sagen: diese süße Melodik wird langsam fade, der Zauberspruch verliert seine Kraft, nachdem zwei Generationen seiner Verführung unterlegen sind; man könnte den lieben altgewordenen Schwan mit gerührtem Dank nach Haus schicken. Aber Richard Wagner wirkt fort, ein tönendes Gespenst, zu Zwecken beschworen, die mit Kunst nichts mehr zu tun haben, ein Opiat zur Vernebelung der Geister. Zum zweitenmal soll aus Deutschland eine Wagneroper werden, Siegmund und Sieglinde, Wotan, Hunding, Alberich und der ganze Walkürenchor und die Rheintöchter dazu sind – Heiajaheia! Wallalaleia heiajahei! über Nacht hereingebrochen mit der Forderung, über Leiber und Seelen zu herrschen. Die künstlerische Seite dieses Programms billigen wir nicht, denn wir glauben in Wagner nicht die deutsche Musik erschöpft; wir glauben sie bei andern Meistern echter und tiefer zu finden; wir sehen in Wagners Werk vornehmlich eine künstliche Fontäne in buntem Scheinwerferlicht und keinen reinen natürlichen Quell – aber das ist Sache des Kunstgeschmacks, also Privatsache. Die andre Seite dieses Programms ist es dagegen nicht. Wir werden also etwas unternehmen müssen, da nicht zu erwarten ist, daß eine reine Jungfrau, um uns zu erlösen, ins Wasser springt. Die Weltbühne, 21. Februar 1933 1082 Herr Walter Bloem Es sind jetzt mehr als dreißig Jahre vergangen, daß Hermann Sudermann sein berühmtes Pamphlet über die »Verrohung in der Theaterkritik« veröffentlichte. Ein erfolgreicher Autor hatte den Ehrgeiz, auch als künstlerische Erscheinung hundertprozentig gewertet zu werden, und begann unvermittelt auf jene Kritiker loszudreschen, die seinen Anspruch anfochten. Sudermanns grober Vorstoß hatte eine Reihe glänzender Gegenschriften zur Folge; in den Kritiken Siegfried Jacobsohns zitterte noch lange die Erregung jener Auseinandersetzungen um die »Verrohung« nach. Heute sind wir in der glücklichen Lage, diese Kämpfe historisch betrachten zu können. Wir gestehen gern zu, daß die berliner Theaterkritik damals einen Hitzegrad erreicht hatte, der uns heute unverständlich erscheint. Die wilhelminische Ära, durch und durch apolitisch, gab ihre großen streitbaren Temperamente an die Sphären der Kunst und des Theaters ab. Das hat sich seitdem gründlich geändert. Heute wird alle polemische Veranlagung von der Politik aufgesogen, und wenn von den jungen Leuten noch welche zur Theaterkritik übergehen, so sind es die nazarenischen Gemüter. Aber seit ein paar Jahren kehren die Anklagen von anno Sudermann verstärkt wieder. Sie lassen sich dahin zusammenfassen: das deutsche Drama wird von einer Clique machtgieriger und zumeist semitischer Kritiker tyrannisiert, die einen eisernen Ring um die großen berliner Bühnen bilden und niemanden ranlassen, der ihren exklusiven volksfremden Anschauungen nicht entspricht und, vor allem, ihre Diktatur nicht anerkennt. Als Patrouillengänger in diesem Feldzug betätigt sich seit einiger Zeit der Romanschriftsteller Walter Bloem. Im Feuilleton der ›Deutschen Allgemeinen Zeitung‹, das ihm dafür zur Verfügung steht, hat er kürzlich einen Aufsatz veröffentlicht »Wer hat das deutsche Theater ruiniert?«, und vor einigen Tagen hat er seine Behauptungen noch durch ein besonderes Nachwort zu konkretisieren versucht. Wir wollen uns an letzteres halten, grade weil es sich bemüht, Belege zu erbringen. Wir halten Herrn Walter Bloem, der im vergangenen Sommer schon durch eine wuterfüllte Attacke gegen Heinrich Mann Aufsehen erregte, für keinen geeigneten Interpreten von Kunstanschauungen, die bisher angeblich niedergehalten wurden. Herr Bloem gehört als Romanautor zu jenen Glücklichen, denen ihre Mittelmäßigkeit nicht schadet, sondern nützt. Ein fleißiger, zäher Arbeiter, um dessen schweißtriefende Stirn die Muse einen Bogen macht. Ein braver Kerl, wird man sagen, wenn man sieht, wie er sich um sein Handwerk müht. Allerdings wird man ihm diese Bravheit nicht mehr zugestehen können, wenn er einen Schriftsteller vom Range Heinrich Manns, dem er nicht wert ist, die Schuhriemen zu lösen, anfällt, um ihn als schlechten Deutschen zu denunzieren. Ebenso wird man Herrn Bloems Anmaßung zurückweisen müssen, als Zensor und Retter des deutschen Theaters aufzutreten. Ihm fehlt dazu das Gewicht einer eignen Leistung. Wenn sich, sagen wir ... Thomas Mann auf ein ihm fernes Gebiet begibt, so ist ihm mindestens ein respektvolles Auditorium sicher. Quod licet jovi, non licet bovi ... Herr Bloem begreift das nicht. Anstatt Fortuna, die Dirne zu preisen, die ihm aus ihrem Füllhorn hunderttausend Leser beschert, während sie für Gottfried Benn zweihundert übrig hat, anstatt also sein freundliches Geschick zu segnen und die Klappe zu halten, gebärdet er sich als freiwilliger Literaturpolizist und strenger Cato. Was hat er vorzutragen? Der böse Internationalismus hat das »volksgemäße deutsche Drama« systematisch ruiniert. »Wer den Irrsinn der abgelaufenen Epoche deutscher Verstrickung nicht selber mit durchlebte, wird es nie begreifen: wir hatten kaum Helfer, am wenigsten in der Sphäre des deutschen Theaters. Für unser Volkstum einsam auf verlorenen Posten zu kämpfen, das war das grausam bittere Los der Altern unter uns.« Volkstum –? Nun, wenn in »dem Irrsinn der abgelaufenen Epoche deutscher Verstrickung« ein Dichter das Volk gleichsam entdeckt und in seiner Gestik und seinen Reden belauscht hat, so ist das der Dichter des »Fuhrmann Henschel« und des »Hannele«. Was ist jedoch Gerhart Hauptmann für Herrn Bloem? »Zugehöriger des demokratisch-marxistischen Gesinnungskonzerns ...« Es ist schwer, mit Cato zu streiten. Gut, der Dichter der »Weber« und des »Florian Geyer« hat nichts mit dem »volksgemäßen Drama« zu tun. Wer aber kann dafür in Anspruch genommen werden? Herr Bloem beschränkt sich Gott sei Dank nicht auf die bloße Behauptung. Er tritt mit einer langen Liste in die Arena und fügt zugleich alte Kritiken von Siegfried Jacobsohn und Alfred Kerr hinzu, um zu zeigen, wie niederträchtig die Kritikastersippe an seinen Dichterfürsten gehandelt hat. Man möchte im eignen Interesse Herrn Bloems seine Beweisführung gern unterdrücken. Indessen, Schonung ist nicht am Platze. Es kann nicht verschwiegen werden, daß die Reihe seiner klagenden Poetenschatten von Ernst von Wildenbruch eröffnet wird. Der alte Wildenbruch ist nicht von jüdisch-gallischen Rezensenten von hinten erdolcht worden, er ist einfach der Zeit erlegen. Er hat einem vorübergehenden Geschmack entsprochen, er hat seine Triumphe genossen – und dann wars vorbei für immer. Sieht Herr Bloem wirklich die Aufgabe eines »volksgemäßen« Theaters in der Wiedererweckung Wildenbruchs? Herr Bloem ignoriert den erbarmungslos regulierenden Einfluß der Zeit. Die Konservativen von 1933 sind andre als die von 1910. Wir raten ihm dringend, sich doch einmal an den neuen Staatstheater-Dramaturgen Hanns Johst zu wenden und ihn aufzufordern, etwa die »Karolinger« oder »Die Rabensteinerin« aus der Mottenkiste zu holen. Wahrscheinlich wird Herr Johst ihm eine Antwort geben, die an die herbe Kraft seiner eignen expressionistischen Frühzeit erinnert. Was aber Wildenbruch angeht, so sollte sein Entdecker vorsichtiger sein. Ernst von Wildenbruch, als Dramatiker von einer bergeversetzenden Naivität, ein leicht begeisterter Rhapsode fürstlicher und besonders hohenzollernscher Moritaten, war außerhalb seiner Kunst alles andre als ein Byzantiner. Er war ein Mann von durchaus liberalen Anschauungen, und wo es um öffentliche kunstpolitische Bekenntnisse ging, stellte er sich unerschrocken an die Seite seiner Kollegen von der »demokratisch-marxistischen« Observanz. Er hat niemals die Meinung vertreten, der Kunst müßten, zur Hebung der allgemeinen Volksmoral, von staatswegen Daumenschrauben angelegt werden. Er hat den Feldzug gegen die lex Heinze mitgemacht und eine Bewegung für die Aufhebung des § 175 mit seiner Unterschrift unterstützt – also genau das getrieben, was die Rückwärtser von heute »Kulturbolschewismus« nennen. Der alte Wildenbruch würde heute als ein höchst zersetzendes Element gelten. Herr Bloem nennt weiter Josef Lauff und Eberhard König. Wir wollen sie ruhen lassen, denn es wäre grausam, sie dem Rampenlicht auszusetzen. Wir wollen uns weder um die schwachen Dramen des herrlichen Lyrikers Liliencron streiten noch um Paul Ernsts sterbenslangweilige Tragödien. Es wird ärger, wenn Herr Bloem zu den von den Rezensenten Gemeuchelten auch Ludwig Thoma und Max Dreyer rechnet. So ahnungslos kann Herr Bloem nicht sein, als daß er nicht über das Autorenschicksal beider Bescheid wüßte. Ludwig Thoma, der niemals ein Dramatiker sondern Novellist und Versemacher mit pamphletistischer Ader war, hat mit seinen Komödien über seinen Tod hinaus Beifall geerntet. Er gehörte als Bühnenschriftsteller zu den Erfolgreichen seiner Zeit, er ist von Unzähligen geliebt und bewundert worden, ein Vertreter der »demokratisch-marxistischen« Fraktion, nämlich Theodor Wolff, war es, der ihn vor rund fünfundzwanzig Jahren feierlich zum »bayrischen Aristophanes« ernannte; selbst Herr Bloem dürfte zugeben, daß das eine sehr milde Art von Befehdung darstellt. Ludwig Thoma hat als Bühnenautor eine Resonanz gefunden, die seinem genialen Zeitgenossen Frank Wedekind ganz und gar versagt geblieben ist. Auch Max Dreyers grobknochige Dramatik hat Reißer geliefert wie den »Probekandidaten«, aber ein hinreißender Appell an das Säculum, das sind seine Theaterstücke wirklich nicht. Trotzdem sollte man den »Probekandidaten«, eine handfeste Persiflage der Schulreaktion um die Jahrhundertwende, heute ausgraben. Der Erfolg würde ähnlich sein wie der von Ludwig Thomas »Moral« im vergangenen Sommer – er würde Herrn Bloem keine Freude bereiten. Wenn der gemaßregelte Schulamtskandidat, der in einem muffigen Kleinstaat Schiffbruch erlitten hat, am Ende erklärt: er würde dorthin gehen, wo Meinungsfreiheit in Wort und Schrift gewährleistet ist, nämlich nach Preußen, so wäre die aktuelle Beziehung zur Eklatanz hergestellt, und das ganze Theater würde vor Freude wiehern. Es hat bis jetzt noch keine klare Antwort gegeben auf die Frage, was »Kunstbolschewismus« eigentlich ist. Die Herren, die es wissen müßten, weichen von einander ab. In der ›Deutschen Zeitung‹ wird Georg Kaisers »Silbersee« zum Beispiel mit offensichtlichem Bemühen um Objektivität besprochen; aber auch deren Kritiker, Herr Mühr, scheint nicht zuverlässig, denn in Magdeburg protestieren die nationalen Verbände. Wer findet sich da noch zurecht? Auch gegen Justizirrtümer in der Kunst gibt es keine völlige Sicherung. Seit dem Beginn der naturalistischen Ära sind in Deutschland nicht mehr Talente verkannt worden als sonst auch. Und wir können mit einiger Sicherheit konstatieren: ein Genie war nicht darunter. Der »Irrsinn der abgelaufenen Epoche« hat wahrscheinlich weniger verbrochen als andre Zeiten, die Herrn Bloem wohl vernünftiger vorkommen, weil ihm ihr Regierungssystem besser zusagt. Das patriarchalische Regiment hat nicht gehindert, daß Kleist von Kotzebue und den Verfassern elender Ritterdramen gefressen wurde; in den Glanztagen bürgerlicher Tugenden kam Hebbel nicht zur Geltung, weil die Theater von Raupach und der Birch-Pfeiffer okkupiert waren. Wenn Herr Bloem jahrzehntealte Kritiken von Kerr heraussucht, um die ganze Scheußlichkeit des »demokratisch-marxistischen Gesinnungskonzerns« aufzuzeigen, so übersieht er dabei, wo diese Kritiken einmal gestanden haben, nämlich im Scherlschen ›Tag‹. Früher hatten manche Rechtsblätter, mochten sie sich im politischen Teil noch so orthodox gebärden, doch ein ausgeprägtes Kulturbewußtsein. Sie wollten wenigstens den Zusammenhang mit dem besten künstlerischen Geist der Zeit nicht verlieren. Die alte ›Tägliche Rundschau‹, die einer wüsten alldeutschen Tendenz verschrieben war, zeichnete sich durch einen besonders gepflegten und fortschrittlichen Theaterteil aus. Herr Bloem und seine Freunde, die es heute so darzustellen belieben, als hätten damals die Kunstbolschewiken Jacobsohn, Harden und Kerr in trauter Gemeinschaft ihre Gifttränke zur Beseitigung volksgemäßer deutscher Dichter gebraut, liefern nur ein albernes Zerrbild dieser Jahre. Der Anteil der Rechtspresse an den damaligen Kämpfen darf nicht verschwiegen werden, ebenso wenig, daß ein Chorführer der naturalistischen Zeit der jetzt verstorbene Karl Strecker war, ein Mann von fester konservativer Überzeugung, der viel für Ibsen, Hauptmann und Dehmel getan hat. Aber diese personalen Dinge sind nur historisch beachtlich – sie verblassen neben der größern Frage: Wer hat das deutsche Theater ruiniert? Das behauptet Herr Bloem, nicht mehr und nicht weniger. Es spricht gegen die Zeit, daß man sich mit einer solchen Botokudenlegende ernsthaft auseinandersetzen muß. Mit dem Cato Bloem ist schwer zu disputieren: ihm fehlt jeglicher Sinn für Qualität. Uns liegt jeder Hauptmann-Byzantinismus fern. Aber wenn jemand behauptet: »Stofflich und weltanschaulich gehört er (Hauptmann) einer überwundenen Epoche an«, und wenn das kein junger Mensch schreibt, der sein Lebensrecht gegen die Großen einer schwindenden Zeit durchsetzen will, sondern ein saturierter sechzigjähriger Romanautor, der in jeder Zeile seiner Arbeiten unter der Epoche steht, die er stofflich und weltanschaulich verdonnert, so erübrigt sich weitere Argumentation, und sein substanzloses Gezeter gibt nur Anlaß zu einigen notwendigen Feststellungen. Es ist nicht wahr, daß das deutsche Theater sich heute wieder aus einer Epoche von Ruin und Verfall zu erholen beginnt. Diese letzten vier Jahrzehnte von Hauptmann bis Brecht, von Rittner bis Krauß, von der Sorma zur Bergner, waren eine Zeit unerhörter Blüte, auf die Deutschland mit bestem Recht stolz sein kann. In dieser Zeit hat das deutsche Theater einen Rang behauptet, der in der Welt einzig war. Wahrscheinlich sind in dieser Zeit keine Dramen von Ewigkeitsbedeutung geschaffen worden – eine solche Bilanz des Bleibenden wird später gezogen werden müssen – es handelt sich auch nicht darum sondern um den Willen und das Streben zur höchsten Leistung. Was das deutsche Theater und die Theaterstadt Berlin besonders auszeichnete, das war die freudige Bereitheit, alle sich bietenden Werte aufzunehmen und selbständig zu verarbeiten, die kosmopolitische Aufgeschlossenheit, der Mangel an Borniertheit. Die berliner Theaterkritik war durch ihre Schärfe oft herzlich unbeliebt, aber sie hat das qualitative Niveau im ganzen mit höchster Gewissenhaftigkeit gewahrt; sie hat immer, im Gegensatz etwa zur pariser Kritik, die ganz in konventioneller Seichtheit dahintreibt, ein eignes markantes Gesicht gezeigt. Auch wir haben nicht die Verfallserscheinungen der letzten Jahre übersehen – es ist nicht der Zweck dieser Ausführungen, zu schildern, wie aus Überreife Fäulnis wurde und warum nicht rechtzeitig genug Ablösung überalterter Menschen und Dinge erfolgte. Es gilt hier nur Zeugnis für eine Zeit abzugeben, die wir zum Teil miterlebt haben, und einen unberufenen Zensor zurückzuweisen, der sein eignes Minderwertigkeitsbewußtsein unter der Toga des Anklägers verhüllt. Die Kunst ist heute in die vierte Reihe gerückt. Die großen Entscheidungen werden auf einem andern Felde erfolgen. Aber es wäre feige und undankbar zugleich, wenn wir eine echte Leistung der jetzt zu Ende gehenden geschichtlichen Phase nicht gegen Schmähung schützen wollten. Herr Bloem kommt sich gewiß als hochnationaler Mann vor, wenn uns auch seine Gründe für diese Annahme verschlossen bleiben. Er teilt mit vielen andern gleicher Couleur die Blindheit für die wirklichen Werte, für die besten Produkte der Nation. Es erleichtert Herrn Bloems Position, daß er heute an der Seite der Mächtigen steht. Aber dadurch werden seine eignen Romane nicht belangvoller und dadurch werden die Toten, die er herbeiruft, nicht lebendig. Er »grüßt mit erlöstem Aufatmen die Paniere des jungen Deutschland – für die heute Schaffenden«. Ein alter Irrtum, einen politischen Flaggenwechsel für die Eröffnung einer neuen Kunstepoche zu halten. Schließlich kommt es doch immer auf das Können an und nicht auf das Panier, und öfter noch als in den Sonnentagen der Macht ist die große Kunst im Kellerdunkel der Opposition gediehen. Seit zehn Jahren bemüht sich der Nationalismus, einen literarischen Koloß auszubrüten. Die Geduld in allen Ehren – aber herausgekommen ist dabei kein Kleist sondern nur der fatale O.S.-Roman des Herrn Arnolt Bronnen, der in jeder Beziehung an der Grenze spielt. Herr Bloem sieht jetzt herrliches heranreifen. Nun gut, bei Philippi sehn wir uns wieder! Die Weltbühne, 28. Februar 1933