Leopold von Ranke Aus zwei Jahrtausenden Deutscher Geschichte Zusammengefaßte Darstellungen der großen Entscheidungen Deutscher Geschichte von Cäsar bis Bismarck Einleitung Rankes Sehnsucht war nach seinem eigenen Bekenntnis, »die Mär der Weltgeschichte aufzufinden, jenen Gang der Begebenheiten und Entwicklungen unseres Geschlechtes, der als ihr eigentlicher Inhalt, als ihre Mitte und ihr Wesen anzusehen ist; alle die Taten und Leiden dieses wilden, heftigen, gewaltsamen, guten, edlen, ruhigen, dieses befleckten und reinen Geschöpfes, das wir selber sind, in ihrem Entstehen und in ihrer Gestalt zu begreifen und festzuhalten.« In diesem allumfassenden Streben hat er seine Werke geschrieben; nie hat er in der Betrachtung des Einzelnen, mochte es eine Persönlichkeit, ein Staat, ein Volk oder eine Epoche sein, den Blick auf den großen Zusammenhang der Dinge verloren, sondern stets das Besondere mit dem Allgemeinen innerlich verbunden. Träger der universalen Entwicklung, jener »Mär der Weltgeschichte«, sind ihm die Nationen, insbesondere die eine geistige Einheit bildenden romanisch-germanischen Völker. Verschieden in ihrem Wesenskern haben sie doch den großen geistigen Besitz der Antike und des Christentums gemeinsam; jedes ergreift ihn in eigentümlicher Weise nach seiner gottgegebenen Kraft, und in unaufhörlichen friedlichen und kriegerischen Wechselwirkungen stehen sie bald gebend bald empfangend in unauflöslicher Verbindung. Die Entfaltung der einzelnen Nationen in besonderen Darstellungen wie den großen Zusammenhang in einer Weltgeschichte zu schildern, war Rankes Arbeitsprogramm. Unerreichtes hat er geschaffen, durch mustergültige Werke ist er der Führer für weitaus die meisten deutschen und nichtdeutschen Historiker geworden, aber die ganze Aufgabe in seinem Sinne zu lösen, ging weit über die Kraft eines einzelnen Mannes. Insbesondere war es ihm nicht vergönnt, uns mit einer deutschen Geschichte aus einem Guß zu beschenken, Aber er hat umfangreiche Abschnitte aus der Geschichte seines Volkes in großen und kleineren Arbeiten behandelt und ihrer in der Weltgeschichte und anderen Darstellungen, wie in der Geschichte der Päpste und der Französischen Geschichte so oft gedacht, daß es doch möglich ist, sich aus seinen Werken eine Vorstellung von dem Gesamtverlauf der deutschen Geschichte, wenigstens in ihren wichtigsten Epochen, zu bilden. Diesem Suchen nach einem Überblick über unsere Vergangenheit will unsere Zusammenstellung, die sich ihrer Natur nach nicht an den Kenner, sondern an den Laien wendet, dienen; sie will dem Leser zeigen, wie Ranke die bedeutendsten Ereignisse im Leben unseres Volkes angesehen hat, und die Neigung, in Rankes Werken zu lesen, in ihm bisher fernstehenden Kreisen erwecken. »Würde man die Geschichte«, fragt Ranke in einem Tagebuch aus der Blüte seines Schaffens einmal, »ohne den Impuls der Gegenwart überhaupt studieren? Wie dem auch sei, es bleibt immer die Aufgabe, sich zu reiner Anschauung zu erheben.« Solche Impulse, sich in Höhen und Tiefen der Vergangenheit in liebevollem Erkenntnisstreben zu versenken, dürften sich dem Deutschen heute aus der Betrachtung der Gegenwart hinreichend ergeben, denn, heißt es einige Zeilen weiter: »die Wahrheit ist nie trostlos«. Es war unvermeidlich des inneren Zusammenhangs halber einzelne Abschnitte durch Zwischensätze zu verbinden, sowie hier und da einige Erläuterungen einzuschieben. Solche Zusätze des Herausgebers, die nach Möglichkeit beschränkt worden sind, sind durch Kursivdruck und eckige Klammern bezeichnet. Auslassungen innerhalb der Abschnitte sind durch Punkte angedeutet. Roloff. Erstes Kapitel Eintritt der Germanen in die Geschichte Zusammenstoß mit Caesar Die Herrschaft der Welt konnte unmöglich abhängig bleiben von den turbulenten Fraktionen des römischen Forums; große Männer bilden sich nur im Kampfe mit den allgemeinen Weltelementen aus. Nun war Rom im Orient doch noch nicht bis an das Ziel gelangt, welches Alexander der Große bereits erreicht hatte. Seine Herrschaft umfaßte noch keineswegs die den hellenistisch-mazedonischen Königen unterwürfig gewordenen Völkerschaften. Im Süden hatte es diese bei weitem überboten; im Kampfe mit Karthago waren ihm Libyen und allmählich auch der größte Teil von Spanien anheimgefallen. In dem Kampfe mit den keltischen Nationalitäten hatte es das obere Italien, einen Teil der Alpen und das südliche Gallien eingenommen. Hier aber stieß es noch auf ein anderes Völkersystem, welches gleichsam eine Welt für sich bildete, das wie das mittlere, so auch das nordöstliche Gallien, Britannien und Germanien erfüllte. Bisher hatten in demselben die keltischen Völkerzüge und politischen Einrichtungen vorgewaltet. Jetzt aber trat, ohne daß sich genau sagen ließe, wie und wodurch, das germanische Element in den Vordergrund. Mit diesem und seinen Einwirkungen traf nun Julius Cäsar, als er nach Gallien ging, unmittelbar zusammen. Daß er ihnen Einhalt tat, bildete die erste Bedingung eines geordneten Zustandes der westlichen Welt überhaupt, wozu es unerläßlich war, den noch halb nomadischen völkerschaftlichen Bewegungen ein Ende zu machen und die Seßhaftigkeit der Landeseinwohner fest zu begründen. Nach einem Siege über die keltischen Helvetier i. J. 58 v. Chr., durch welchen sich Cäsar der Herrschaft über die gallischen Stämme, die oft zweifelhaft geworden war, versichert hatte, geriet er in Konflikt mit den Germanen, die in einem ähnlichen Anlauf wie die Helvetier selbst gegen Gallien begriffen waren. Eigentlich in einem inneren Streit der Gallier unter sich und zugleich im Gegensatz zu den Römern waren germanische Stämme von jenseit des Rheines nach Gallien gezogen worden. Die Arverner und Sequaner, Gegner der Römer und Äduer, hatten sie herbeigerufen; die Äduer waren von ihnen besiegt und beinahe vernichtet worden. Zugleich aber hatten nun die Germanen im Gebiete der Sequaner ihre Sitze aufgeschlagen. Diese aber wurden ihnen bereits zu enge: denn neue Völkerscharen kamen unaufhörlich herüber: und nichts anderes schien bevorzustehen, als daß die Sequaner, zur Auswanderung gezwungen, sich andere Sitze in Gallien suchen würden. An der Spitze der Germanen stand ein König, in dessen Persönlichkeit sich die ungestüme Tapferkeit und gewalttätige Sinnesart der vordringenden Germanen repräsentierte, des Namens Ariovist. Cäsar, durch ein besonderes Senatuskonsult verpflichtet, den Äduern Hilfe zu leisten, forderte den König auf, die Geiseln, die er von ihnen in Händen habe, zurückzugeben. Aber damit war er noch nicht zufrieden: er verlangte zugleich, daß Ariovist keine Germanen weiter über den Rhein herüberkommen lasse. Schon das römische Interesse schien ihm das zu fordern: denn aus dem weiteren Vordringen und der daraus unvermeidlich hervorgehenden Verwirrung könne ein neuer Anfall gegen die römische Provinz und Rom selbst sich entwickeln, wie der zimbrisch-teutonische gewesen sei. Es könnte übertrieben scheinen, die Unternehmungen Cäsars auf die Verteidigung der Römer beziehen zu wollen; aber so verhält es sich doch: die politische Stellung, welche sie auch in sozialer Hinsicht gegen das keltisch-germanische Europa genommen hatten, gebot ihnen, zu ihrer eigenen Sicherheit den spontanen Völkerbewegungen ein Ende zu machen. Der Widerstreit der Germanen und Römer tritt sogleich bei diesem Schritt hervor. Welches Recht hatten die Römer, den germanischen Stämmen zu gebieten, daß sie jenseit des Rheines bleiben sollten? Ariovist ließ vernehmen: so wenig er sich um das kümmere, was Rom in seiner Provinz vornehme, so wenig stehe den Römern ein Recht zu, ihm vorzuschreiben, was er in den von ihm eingenommenen Landesteilen zu tun habe; er besitze dieselben mit dem nämlichen Recht wie die Römer: durch die Gewalt des Schwertes. Auf Cäsar machte es Eindruck, daß Ariovist Anstalt traf, sich Vesontios zu bemächtigen, eines festen Platzes, der allen seinen Unternehmungen zum Rückhalt dienen konnte, und daß zugleich die Nachricht einlief, der suevische Stamm, dem Ariovist angehörte, sei im Begriff, in großen Scharen über den Rhein zu kommen. Wenigstens so viel mußte er besorgen, daß Ariovist ihm zu stark werden würde, um ihn zurückzutreiben. Mit der Raschheit, die, wie einst bei Alexander, so auch bei Cäsar das vornehmste Moment seiner glücklichen Kriegführung bildete, eilte er herbei und nahm Vesontio selbst in Besitz. Seinen Römern, die vor dem Anblick der Germanen, dem wilden Feuer, das sich in ihren Gesichtszügen und Augen malte, zurückschraken, führte er zu Gemüt, daß es doch dieselben Feinde seien, die einst Cajus Marius aus dem Felde geschlagen habe. Nach beiden Seiten hin schwebte ihm der zimbrische Krieg vor Augen. Noch einmal ist es dann zwischen Cäsar und Ariovist zu einem Zwiegespräch gekommen auf einem Hügel, der sich auf einer Ebene erhob. Jeder hatte zehn Reiter bei sich, die in einiger Entfernung halten blieben. Da hat nun Cäsar den Ariovist erinnert, daß er ja seinen Titel »König« den Römern verdanke, und ihnen nicht verargen könne, wenn sie ihrer Gewohnheit gemäß die ältesten Bundesgenossen, die Äduer, gegen ihn in Schutz nähmen; er wiederholte seine früheren Anmutungen, Ariovist war nicht so sehr Barbar, um sich von dem römischen Namen und der Bundesgenossenschaft der Äduer imponieren zu lassen; er verhehlte Cäsar nicht, daß er von seinen Feinden in Rom aufgemuntert werde, ihm zu widerstehen; er nahm eine vollkommene Gleichheit in Anspruch; jener Aufforderung der Römer, Gallien zu verlassen, setzte er seinerseits die Aufforderung entgegen, daß die Römer ebenfalls aus dem freien Gallien weichen sollten. Die beiden Armeen trafen im oberen Elsaß aufeinander, und bei der Kriegsübung und Tapferkeit der Germanen hätte das Zusammentreffen mit ihnen für Cäsar sehr gefährlich werden können, wären sie nicht durch einen Aberglauben, der sich, wie einst in der Schlacht gegen Perseus, an den Wechsel in der Erscheinung des Mondes anknüpfte, in ihren Bewegungen zurückgehalten worden; die weisen Frauen weissagten Unglück, wenn man vor dem nächsten Neumond ein ernstliches Treffen unternehme. Cäsar vermochte ein kleines Lager unmittelbar in der Nähe des Feindes zustande zu bringen und zu behaupten. Hierauf schritt er zum Angriff auf das Lager der Germanen vor, die, nach ihren Stämmen gesondert, nicht länger aufschieben konnten, sich ihm entgegenzustellen. Cäsar griff sie an der Seite an, wo sie am schwächsten waren, und hatte hier – es war sein rechter Flügel – bald die Oberhand. Aber auf der andern waren die Germanen im Vorteil, als die Reserve heranrückte und die Schlacht auch auf diesem Flügel begann. Die Flucht der Germanen wurde besonders dadurch für sie verderblich, daß sie den Rhein hinter sich hatten, über den zurückzugehen keine Vorbereitung getroffen war; der größte Teil des Heeres ward niedergemetzelt. Ariovist entkam auf einem Kahn, den er am Ufer angebunden fand. Er ist bald darauf, wahrscheinlich infolge erhaltener Wunden, umgekommen. So vollzog sich der erste Kampf zwischen Römern und Germanen mit offenen und gerechten Waffen. Nach einiger Zeit folgte ein zweiter, bei dem aber Cäsar den Sieg durch eine zweideutige und beinahe verräterische Vorrichtung gewann. Die Germanen verließen Gallien. Hierauf wurde Cäsar Herr in dem ganzen mittleren Gallien, als dessen Beschützer gegen die gefährlichsten Feindseligkeiten er auftrat. Weitverzweigte Kämpfe in Gallien wurden hierdurch in den nächsten Jahren hervorgerufen. Aber indem trat die alte Gefahr an der germanischen Grenze in aller Stärke hervor. Sie kam diesmal nicht von den Sueven, sondern von andern Völkerschaften, die von den Sueven aus ihren Sitzen verdrängt waren, den Usipetern und Tenchterern. Sie überfielen das Gebiet der Menapier, welche von den Ardennen gegen den Rhein und zum Teil auch auf dem rechten Ufer desselben wohnten, und beraubten sie ihrer Ländereien zu beiden Seiten des Rheines und ihrer Vorräte. Die Menapier gehörten zu den belgischen Völkerschaften. Cäsar wollte und konnte nicht dulden, daß die Germanen den Rhein überschritten. Noch einmal stießen hier, wie im Kampfe mit den Helvetiern und Ariovist, die beiden Systeme zusammen, welche die Welt teilten: das der Seßhaftigkeit und der damit verbundenen bürgerlichen und militärischen Ordnung und das der freien Bewegung unabhängiger Völkerschaften, die ihre Sitze nach Bedürfnis wechselten. Noch vor dem gewohnten Anfang der Feldzüge ging Cäsar ihnen entgegen. Die Usipeter und Tenchterer ließen vernehmen: vor den Sueven seien sie zurückgewichen, dem tapfersten Volke der Erde, dem selbst die Götter nicht widerstehen könnten; vor einem andern Volke zurückzuweichen seien sie nicht gemeint; sie forderten Cäsar auf, ihnen andere Wohnsitze anzuweisen. Er sagte ihnen, in Gallien gäbe es deren keine, aber er machte ihnen Hoffnung, ihnen bei den Ubiern, einem germanischen Stamme, der bereits mit ihm gegen die Sueven verbündet war, Aufnahme zu verschaffen. Nach einigen Bedenken gingen die beiden Völkerschaften darauf ein und baten nur, mit den Ubiern erst selbst verhandeln zu dürfen. Cäsar meinte jedoch, ihre Absicht sei, durch Verzögerungen des Rückzuges Zeit zu gewinnen, bis der größere Teil ihrer Reiterei, der nach einer niederrheinischen Landschaft ausgezogen war, zurückgekehrt sei. Indem man nun noch verhandelte, war es zu einem Zusammentreffen zwischen der anwesenden germanischen Reiterei und den Römern gekommen, in welchem die Germanen trotz ihrer Minderzahl die Oberhand behaupteten, da die Römer, denen Cäsar, durch jene Gesandten selbst veranlaßt, geboten hatte, den Kampf zu vermeiden, bis er mit seinem ganzen Heere ihnen zu Hilfe komme, nicht recht vorbereitet auf den Kampf waren. Cäsar bekam auf der Stelle zu empfinden, daß der Vorteil der Germanen auf die Gallier aufregend wirke. Die Sache hätte für ihn sehr gefährlich werden können, wenn indes der Rest der germanischen Reiterei zurückgekommen wäre. Wäre er in Nachteil geraten, so würde sich der größte Teil von Gallien gegen ihn empört haben. Indem langten nun die Fürsten und Ältesten der beiden Völkerschaften in seinem Lager an, um jenen Reiteranfall, der ohne ihr Vorwissen geschehen sei, zu entschuldigen. Daß es ihr voller Ernst war, die Streitigkeit friedlich zu schlichten, läßt sich nicht bezweifeln; denn wie würden sie sonst die vornehmsten Leute, die sie für Krieg und Rat besaßen, in das Lager der Feinde geschickt haben? Sie meinten ohne Zweifel, daß diese durch das allgemeine Völkerrecht, welchem die Gesandtschaften heilig waren, auch inmitten der Feinde ihres Lebens sicher seien. Diese Heiligkeit fremder Gesandtschaften war einer der vornehmsten Grundsätze der altrömischen Religion; aber für Cäsar bestanden diese Rücksichten schon nicht mehr: er sah nur die Gefahr, welche aus einem doch immer möglichen Widerstande der Völkerschaften erwachsen konnte. Er ließ die zahlreiche und vornehme Gesandtschaft in seinem Lager festhalten und griff die beiden Völkerschaften an, die nun, zugleich überrascht und des besten Teiles ihrer Führer beraubt, dem Anfall der Legionen nicht widerstehen konnten, auseinandergeworfen wurden und so gut wie möglich über den Rhein zu kommen suchten. Das Verhalten Cäsars in dieser Angelegenheit hat ihm in Rom die schwersten Vorwürfe zugezogen. Der strenge Cato hat im Senat die Handlung als eine solche geschildert, die den Fluch der Völker auf die Römer herabziehen müsse: er meinte, man solle Cäsar den Feinden überliefern. Wir wollen diese Ideen der alten Volksreligionen nicht erörtern, aber eingestehen muß man doch, daß die Handlung Cäsars die bösesten Nachwirkungen herbeigeführt hat. Gegen Ariovist hatte er einen offenen Krieg geführt; den Usipetern und Tenchterern dagegen war er auf eine Weise begegnet, welche nicht anders als die bitterste Feindseligkeit in den Germanen erweckt und jahrhundertelang die westliche Welt in Entzweiung gehalten hat. Ein Teil der Völkerschaften, namentlich jene in die Nachbarländer entfernten Reiterscharen, hatten sich zu den Sigambern gerettet, welche das rechte Rheinufer zwischen Ruhr und Sieg inne hatten, und bei ihnen gute Aufnahme gefunden. Cäsar forderte die Auslieferung der Übergetretenen; die Sigamber waren nicht gemeint, eine solche zuzugestehen; sie beschieden sich, das römische Reich jenseit des Rheines anzuerkennen. Aber, so sagten sie, wenn er nicht dulden wolle, daß der Fluß von Germanen überschritten werde, welches Recht habe er, den Bewohnern des rechten Ufers Befehle zu erteilen? Cäsar beschloß, den Germanen zu zeigen, daß römische Heere sie auch jenseit des Rheines heimzusuchen vermöchten. Im Sommer 55 brachte er wirklich eine Brücke über den tiefen und reißenden Strom zustande – denn der Fahrzeuge und Boote, welche ihm die befreundeten Ubier anboten, sich zu bedienen, verschmähte er –, auf der er denselben überschritt. Der Schrecken, den seine Siege in den germanischen Nationen erweckt hatten, ging vor ihm her. Die Sigamber wichen auf den Rat der aus der letzten Schlacht zu ihnen Geflüchteten in unzugängliche Waldungen zurück. Die Sueven riefen alle waffenfähigen Mannschaften auf einen Platz zusammen, wo sie eine Schlacht annehmen zu können meinten; Cäsar war jedoch nicht der Meinung, sie daselbst aufzusuchen. Er glaubte, der Ehre der Waffen genug getan und seinen Zweck erreicht zu haben, und kehrte nach Gallien zurück. Nach einiger Zeit aber erschienen doch wieder germanische Kriegsscharen zur Unterstützung der Feinde, die er in Gallien zu bekämpfen hatte, und er hielt es aufs neue für notwendig, über den Rhein zu gehen: aufs neue beschieden die Sueven ihre eigenen Mannschaften und ihre Bundesgenossen nach der Bergwaldung Bacenis, welche Chauker und Sueven voneinander schied, um die Römer daselbst zu erwarten. Aber Cäsar hatte auch diesmal nicht die Absicht, tief in das Land vorzurücken, da er keiner genügenden Zufuhr sicher war: er hielt es für genug, nachdem er auf seiner Brücke zurückgegangen, einen Teil derselben stehenzulassen und durch Befestigungen zu sichern, wie Alexander durch die Erbauung eines Lagers der indischen Nation die Rückkehr seiner Mazedonier gedroht haben soll. Die Germanen sollten die Rückkunft Cäsars jeden Augenblick fürchten müssen und selbst denen, welche aus Gallien bei ihnen ihre Zuflucht suchten, die Aufnahme verweigern. Eindringen der Römer in Germanien. Wollte man das Verdienst des cäsarischen Hauses um das römische Reich im allgemeinen bezeichnen, so würde es darin zu sehen sein, daß es die keltischen Bewegungen, die bisher die Grenzlande der Kultur durch unaufhörliche Angriffe in Atem gehalten hatten, allenthalben überwältigte. Alles greift ineinander: die Eroberung Galliens durch Cäsar, die Organisation dieser großen Gebiete durch Augustus, die Bezwingung der keltischen Völkerstämme, denen einst Alexander der Große begegnet war, die Besitznahme der Alpenpässe. Überall wurden die Kelten romanisiert. Da stießen nun aber die Römer nochmals mit den Germanen zusammen, deren Sonderung von den Kelten in diesen Zeiten zwar nicht geschehen, aber zuerst historisch erkennbar ist. In der Epoche der Oberherrschaft der Kelten über Mitteleuropa haben sich auch Germanen nicht selten ihren Kriegszügen angeschlossen. Das hörte aber auf, seitdem die Römer den keltischen Völkern siegreich entgegentraten. Eine Zeitlang war es zweifelhaft, ob die Römer oder die Germanen das Übergewicht erlangen würden; unwiderruflich war es jetzt an die Römer übergegangen, denen nun die Germanen in ihrer Besonderheit gegenüberstanden. Die Kämpfe der Römer mit den Germanen, die dann erfolgten, knüpfen unmittelbar an die Unternehmungen Cäsars an. Nach wie vor war den Römern das meiste daran gelegen, den Einwirkungen der Germanen auf Gallien ein Ende zu machen. Mit der Überwältigung gallischer Renitenten beschäftigt, hielt es der Gehilfe des Augustus, Vipsanius Agrippa, für notwendig, noch einmal über den Rhein zu gehen; er war der zweite der römischen Feldherren, der Germanien betrat. Wenn er es ratsam fand, diejenigen den Römern befreundeten Ubier, welche noch auf dem rechten Rheinufer wohnten, auf das diesseitige Gebiet zu verpflanzen, so veranlaßte er dadurch wieder, daß die Sueven, deren Feinde von jeher, um so mächtiger wurden, so daß sie den Rhein überschritten; sie mußten mehr als einmal zurückgewiesen werden. Aber der kleine Krieg dauerte immer fort. Nach einigen Jahren regte sich die alte Feindseligkeit der Sigambern und der von ihnen aufgenommenen Stämme der Usipeter und Tenchterer aufs neue: sie schlugen einige Römer, deren sie habhaft wurden, ans Kreuz, gleich als wäre es ihnen noch darum zu tun gewesen, die erlittene Unbill an den Römern zu rächen. Sie gingen dann über den Rhein, überfielen die römische Reiterei, der sie einen Hinterhalt gelegt hatten, und drangen bis zu dem eigentlichen Lager der Römer, welches Marcus Lollius befehligte, vor; sie erfochten auch hier wider Erwarten den Sieg [16. v. Chr.]. Unter diesem Eindrucke einer fortdauernden Kriegsgefahr von seiten der Germanen, die mit den unbotmäßigen Galliern im Verständnis waren, haben die Römer den Gedanken gefaßt, die Nation, die sich ihnen bei ihrem Vorhaben der Welteroberung in den Weg stellte, mit Gewalt zu bezwingen und ihrem Imperium einzuverleiben. Nachdem in den nächsten zwanzig Jahren die Germanen bis zur Weser unterworfen worden waren, kam es zu einer Erhebung im innern Deutschland, welche dessen Unabhängigkeit rettete und damit zugleich dem Fortgang der römischen Welteroberung Einhalt tat. Die Legionen in Germanien waren einem Manne von politisch-militärischem Rufe, der zur Pazifikation eines Landes von zweifelhaftem Gehorsam besonders geeignet erschien, anvertraut worden. Es war Publius Quintilius Varus, dessen Vater zu den Republikanern gehört hatte, der aber selbst durch seine Gemahlin Claudia Pulchra mit der Familie des Augustus in verwandtschaftliche Verbindung getreten war. Als Präses von Syrien hatte er dem kaiserlichen Hause in den Verwicklungen mit Judäa, die zugleich volkstümliche und religiöse waren, die besten Dienste geleistet und die Herrschaft Roms im Osten wesentlich befestigt. Seine Stärke bestand in der Verbindung der jurisdiktionellen Autorität mit dem Übergewicht der Waffen. In Germanien sollte Varus nicht eigentlich Krieg führen, sondern das friedliche Verhältnis ausbilden, das Tiberius angebahnt hatte. Er war von einer Körperbeschaffenheit und Gemütsart, die ihm die stolze Ruhe des Lagers, erwünscht machten. Nicht ohne eine gewisse Wahrscheinlichkeit hat man den Silberfund von Hildesheim von der Haushaltung, die Varus in seinem Lager eingerichtet hatte, hergeleitet: das prächtige Gerät entspräche seinem Hang und seiner Art und Weise zu leben. Die Überlieferung ist, Varus habe gemeint, die Germanen durch die Rutenbündel des Liktors und den Ruf des Herolds an die Unterordnung unter die Römer zu gewöhnen; er habe sogar Landesversammlungen abgehalten und Ladungen vor seinen Richterstuhl ergehen lassen. In seinem Lager übte er eine Gerichtsbarkeit aus, die wenigstens nicht allen Germanen unangenehm zu sein schien; denn daß die Streitsachen durch wohlerwogenen Spruch, nicht durch Zufall und Gewalt, etwa durch den Ausschlag eines Zweikampfes, entschieden wurden, war vielen ganz recht. Die meisten jedoch nahmen Anstoß daran: Rede und Gegenrede bei dem Verfahren waren ihnen nicht verständlich; das Leben des Germanen schien davon abzuhängen, ob der Prokonsul in zorniger Aufwallung oder in milder Stimmung sei. Und wie hätte es der streitbaren Jugend des Landes nicht mißfallen sollen, einem Römer zu gehorchen, der nicht einmal Kriegsruhm besaß? In dem vornehmsten Stamme des Wesergebirges, den Cheruskern, der nach dem Fall der Sigambern der nächste war, auf den sich die römischen Herrschaftsbestrebungen erstreckten, regte sich, ohne das ein besonderer Anlaß gemeldet würde, das eingeborene Selbstgefühl. Der Grund lag ohne Zweifel darin, daß sie dazu beigetragen hatten, den Römern Pannonien zu unterwerfen; in dem dadurch erweckten Bewußtsein ihrer Kraft wollten sie nicht den Römern selbst unterworfen werden wie die Pannonier. Unter ihnen lebte ein junger Mann, der diese Feldzüge mitgemacht und römische Ehren erworben hatte, nach dem germanischen Kriegsgott Arminius genannt. Der zeitgenössische Geschichtschreiber, der eben auch in Pannonien gedient hat und den deutschen Helden persönlich gekannt haben wird, sagt von ihm: er sei von edler Herkunft, starkem Arm, rascher Auffassung und einer bei den Barbaren ungewöhnlichen geistigen Entschlossenheit gewesen; aus seinen Augen habe das Feuer seiner Seele hervorgeleuchtet. Recht eine Ausgeburt und ein Ausdruck der germanischen Natur: heldenmütig, sorglos, feurig und rasch. Aber das nicht allein; mit diesen Eigenschaften wird man in großen Verwicklungen nicht ausreichen: zugleich leidenschaftlich angeregt und in der Tiefe planvoll. Das Verhältnis zu den Römern hatte, wie angedeutet, Zwietracht unter den Cheruskern selbst hervorgebracht. Die beiden Parteien, von denen die eine sich fügen wollte, die andere nicht, verfolgten einander mit dem bittersten Haß. Wir vernehmen, daß manche Römischgesinnte von den Gegnern niedergemacht worden sind. Man kann nicht zweifeln, zu welcher Partei Arminius gehörte. Der erwähnte Geschichtschreiber, der den Begebenheiten sehr nahestand, berichtet: Arminius habe die unsichere Lage der Römer erkannt und nach und nach auch andere überzeugt, man könne sie überwältigen, wenn man sie in ihrer vermeintlichen Sicherheit angreife. Zur Ausführung eines solchen Gedankens aber gehörte, daß man ihn in undurchdringliches Dunkel verhüllte. Wohl wurde Varus gewarnt von den Vornehmsten der Cherusker selbst, einmal oder zweimal. Die ersten, unter denen Segestes genannt wird, sollen dem Prokonsul den Vorschlag gemacht haben, die Führer der beiden Parteien verhaften zu lassen und eine Untersuchung anzustellen, wem er am meisten vertrauen dürfe. Aber Varus achtete nicht darauf; er sah, wie es scheint, in dem Hader der Stammeshäupter nur einen persönlichen Zwist; er bildete sich ein, die, die bei ihm verklagt wurden, oftmals seine Tischgenossen, auf immer an seine Person gefesselt zu haben. Immer weiter griff der nationale Widerwille um sich. Die Anwesenheit der Legionen in einem festen Lager, das den Mittelpunkt aller weiteren Fortschritte der Römer bildete, schien der Jugend des Landes, welche Verlangen danach trug, in der bisherigen Ungebundenheit, die dem alten Herkommen entsprach, zu leben, unerträglich. Man faßte den Entschluß, den verhaßten Feind anzugreifen, aus dem Lande zu treiben oder zugrunde zu richten. In dem ausführlichen Bericht, den Dio Cassius aufbewahrt hat, lesen wir: Varus habe von seinem Lager aus eine Anzahl fester Positionen eingenommen, mit denen er die feindseligen Regungen niederzuhalten meinte, und dann sich verleiten lassen, zur Unterdrückung eines Aufruhrs, dessen Ausbruch ihm gemeldet wurde, tiefer in das Land vorzurücken. Indem die Römer auf einem Zuge durch eine Landschaft, die noch keine Straßen darbot, in Verlegenheit gerieten, schritten die einverstandenen Stammeshäupter dazu, den in der Stille vorbereiteten Angriff ins Werk zu setzen. Die Natur des Landes kam den Germanen zu Hilfe. Es ist der Nachteil, in den eine militärisch disziplinierte Armee bei ihrem Vorrücken durch eine im primitiven Zustand befindliche Waldregion gerät, welchen uns die weitere Erzählung darbietet. Die vielfach durchschnittenen Anhöhen, die Talgründe, die man überbrücken mußte, anhaltende Regengüsse, die den Weg noch schwieriger machten, ein hinzutretender Sturm, in welchem die Äste und Wipfel der mächtigen Bäume herabstürzten, – alles dies wirkte zusammen, um die Römer an dem Aufschlagen einer regelmäßigen Lagerbefestigung zu verhindern; ihre in der Eile aufgeworfene Verschanzung wurde von den herandringenden Germanen angegriffen und erobert. Man wird dabei, wenn es erlaubt ist, so fernabliegende Ereignisse zu vergleichen, an die Lage von Saratoga erinnert, welche die Freiheit von Amerika begründet haben: auch in dem Angriff der Germanen lag doch eigentlich Verteidigung ... Durch den unerwarteten Unfall mitten im Glück in seiner Seele gebrochen, tötete sich Publius Quintilius Varus, nachdem er für die Sache des Augustus im Kampfe unterlegen war. Einer der Unterbefehlshaber, Cejonius, hat es, dem älteren Berichte zufolge, über sich gewonnen, als er den größten Teil der Körner vernichtet sah, sich gefangen zu geben, wurde aber von den Siegern umgebracht: denn Erbarmen kannten diese nicht. Die Anwälte in den Gerichtssitzungen, die ihnen in die Hände fielen, haben die Germanen getötet, gleich als würde damit nur eine zischende Natter aus der Welt geschafft. Viele Römer von vornehmster Herkunft, die sich bei Varus befanden, weniger um den Krieg zu lernen, als durch den Kriegsdienst sich den Weg zu senatorischem Range zu bahnen, sind dabei in Gefangenschaft geraten und mußten fortan als Hirten oder Hauswächter dienen. Die gleichzeitigen Römer gaben das Unglück der Verblendung des Varus, der Feigheit der andern Führer, noch mehr aber dem dunklen Walten des Geschickes Schuld. Und auch die Geschichte muß bestätigen, daß dem Ereignis eine allgemeine und auf immer nachwirkende Bedeutung zukommt. Augustus, erzählt man, habe in heftiger Erregung von dem Schatten des Varus die ihm anvertrauten Legionen zurückgefordert. Er soll selbst eine Bewegung in Rom gefürchtet und Vorkehrungen gegen eine solche getroffen haben; denn sein Thron beruhte auf der Meinung von der Unbezwinglichkeit seiner Kriegsheere. Aber die Germanen hatten es bloß auf Abwehr, nicht auf eigene Angriffe abgesehen. Lucius Asprenas, der Neffe und Legat des Varus, hütete mit ein paar andern Legionen den Rhein und sorgte dafür, daß das rechtsrheinische Gebiet nicht völlig verlorenging. So hat Augustus selbst noch erleben müssen, daß, wie im Osten durch die Parther, so im Westen durch die Germanen dem römischen Reiche Grenzen gesetzt wurden. Eben das gehört zur Signatur der Zeit, daß die innere Konsolidation und die äußere Begrenzung, wenigstens die kontinentale, in dem Leben des Augustus zusammentreffen. Nach seinem Tode trat nun vor allem das Werk der Konsolidation des Reiches hervor, das wir sogleich berühren werden. Nachdem das Prinzipal einen Fortsetzer in Tiberius gefunden hatte, wurde der Krieg gegen Germanien, der aber nicht, wie früher, auf Landeseroberung zielte, sondern nur darauf, die Ehre der römischen Waffen herzustellen, wieder aufgenommen. Mit seinen nach einigem Schwanken zu vollem Gehorsam zurückgeführten Legionen drang der Neffe des Tiberius, Sohn des Drusus, der bereits den Beinamen Germanikus getragen hatte, unter dem wir seinen Sohn allein kennen, in Deutschland ein, um die Germanen wieder des Sieges zu entwöhnen, die erlittene Niederlage an ihnen zu rächen. Im Jahre 15 hatte er die Überreste der in der Varusschlacht gefallenen Römer begraben; doch hatte der Anblick des Schlachtfeldes einen solchen Eindruck auf die Gemüter gemacht, daß bei dem Rückzug, welcher, sowie Armin sich erhob, angetreten werden mußte, der Schatten des Varus schreckend vor dem Anführer Cäcina aufstieg. Im Jahre 16 machte Germanikus den Versuch, den empörten Volksstämmen von einer andern Seite her beizukommen. Er hat da zweimal einen Vorteil erfochten, das erstemal bei jenem Walkürenfelde Idistaviso, das zweitemal bei dem sogenannten Steinhuder Meer, wo er sich ein blutiges Andenken stiftete. Dadurch war die Niederlage erst gerächt; die beiden in die Hände der Germanen gefallenen Adler waren auf die eine oder die andere Weise wieder herbeigebracht worden. Aber an Unterwerfung war nicht zu denken. Ein Sturm, welcher die Flotte traf, verleidete den Römern vollends jeden Gedanken an eine Erneuerung des Kampfes. Die Erinnerung an Varus, der Schrecken des Meeres wirkten zusammen. Entscheidend war aber die Entschließung des Liberius selbst. Dieser hielt dafür, wie er an Germanikus schrieb, daß man nun genug gekämpft und genug Unfälle erlitten habe; für die Niederlage des Varus sei Rache genommen und in Germanien nichts mehr durch offene Waffen zu erreichen: man müsse die Germanen ihren inneren Entzweiungen überlassen. Tiberius bekräftigte dies mit dem eigenen, von ihm gegebenen Beispiel. Noch einen andern allgemeinen politischen Grund könnte man nicht in Abrede stellen. Denn welches auch der Ausgang der Kriege in Deutschland sein mochte, so berührte derselbe die höchste Gewalt in Rom zu nahe, um leichthin versucht zu werden. Wenn sie unglücklich verliefen, so wurden die Zustände in Gallien und Italien selbst bedrohlich. Aber auch ein glücklicher Erfolg war gefährlich, da ein solcher dem Cäsar in Rom leicht einen Nebenbuhler verschaffen konnte. Aus allen diesen Gründen hat Tiberius den Germanikus abberufen und den ferneren Angriffen auf Deutschland Einhalt getan – eigentlich eine Entschließung, welcher in der Verflechtung der geschichtlichen Ereignisse eine hohe Bedeutung zukommt: die beiden Welten, die germanische und romanische, wurden dadurch fürs erste voneinander geschieden. Die Germanen wurden, wie Tiberius mit Recht bemerkte, für die römische Welt durch ihre inneren Entzweiungen unschädlich. Schon bei den Rachezügen des Germanikus war das zutage gekommen. Arminius hatte sich mit der Tochter jenes Segestes vermählt, der ihn einst bei Varus angeklagt hatte. Von der durch den Sieg zur Herrschaft gelangten Partei bedrängt, rief Segestes gleich bei dem ersten Zuge des Germanikus die Römer zu Hilfe, und diese befreiten ihn aus der Burg, in welcher er belagert wurde. Die Gemahlin des Arminius selbst fiel in ihre Hände. Anschaulich und schön wird sie von Tacitus geschildert: sie vergoß keine Tränen, sie ließ keine Bitten vernehmen; sie hielt die Hände an dem Busen zusammen und schaute auf ihren schwangeren Schoß. Sie teilte die Gesinnung ihres Gemahls, nicht die ihres Vaters; ihr Schicksal lag darin, daß sie im Streite zwischen beiden in die Hände der Feinde geraten war; sie ist die erste deutsche Frau, welche in der Historie erscheint; auf dem größten und berühmtesten aller geschnittenen Steine des Altertums, der die Apotheose des Augustus, den Triumph des Germanikus darstellt, glaubt man ihr Abbild zu entdecken. So ist auch Armin eigentlich die erste greifbare, verständliche Gestalt der deutschen Urzeit. Keine Sage hat ihn durch populäre Ausschmückung der Geschichte entrückt; sie würde ihn den Blicken wieder verhüllt haben. Mit doppelter Kriegsleidenschaft erfüllte es Armin, daß seine Gemahlin samt seinem Kinde in die Hände der Römer gefallen war. Dann aber forderte noch eine ältere Feindseligkeit seine Tatkraft heraus. Es war die einen Augenblick beschwichtigte, dann wieder ausgebrochene Zwietracht zwischen Cheruskern und Sueven, von welcher das gegenseitige Verhältnis der germanischen Stämme untereinander eine Zeitlang beherrscht wurde. Marbod war während des Kampfes zwischen Cheruskern und Römern, der so höchst unerwartet ausbrach, ruhig geblieben. Nun aber rief die emporkommende Macht der Cherusker die alte Eifersucht wieder wach. Semnonen und Langobarden fielen von Marbod ab und traten dem Kriegshelden bei; aber auch Marbod hatte, und zwar unter den Cheruskern selbst, Bundesgenossen, was die volle Entwicklung der Macht dieses Stammes unter Arminius überhaupt verhinderte. Zwischen Marbod und Arminius ist es zu einer großen Feldschlacht gekommen, die jedoch zu keiner definitiven Entscheidung führte. Marbod rief die Hilfe der Römer an; diese aber sahen der Feindseligkeit der Germanen untereinander mit selbstsüchtiger Ruhe zu. Marbod erschien ihnen allezeit sehr gefährlich. Tiberius hatte dessen Verhältnis zu Rom mit dem verglichen, in welchem einst Philipp von Mazedonien zu Griechenland, Pyrrhus zu den Römern gestanden, – nicht mit Unrecht, wie ja die vornehmsten der späteren Angriffe gegen Rom eben von Stämmen vollzogen wurden, die dem Reiche des Marbod angehörten. Auch die Gotonen werden unter diesen genannt. Ein vornehmer Gotone aber war es, der, von Marbod verjagt, in der gefährdeten Lage desselben den Mut faßte, in dessen Gebiet mit einer starken Mannschaft einzubrechen; es gelang ihm, unterstützt von einigen Großen, die Burg des Reiches einzunehmen, in welcher die einst von den Sueven zusammengeraubten Schätze aufbewahrt wurden. Marbod verzweifelte, sich zu behaupten, und nahm die Einladung des Tiberius, nach Italien zu kommen, an (im Jahre 19 unserer Ära). Eine lange Reihe von Jahren hat er noch in Ravenna, wohin auch einer der pannonischen Häuptlinge gebracht worden war, gelebt: seine Anwesenheit diente dazu, die Feindseligkeiten der Völkerschaften, über die er geboten hatte, im Zaum zu halten. Auf der andern Seite geriet auch Armin in Verdacht, nach einer allgemeinen Oberherrschaft zu trachten. Von seinen eigenen Verwandten ist er umgebracht worden. Von weiteren Vorgängen in dem inneren Germanien erfahren wir lange Zeit wenig; die Germanen blieben auf sich selbst angewiesen. Aber eben dies ist die Zeit, aus der wir einen Bericht über ihre Zustände von Meisterhand besitzen, der uns einen Blick in die älteste occidentale Welt und zugleich in die deutsche Vergangenheit eröffnet. Die Griechen sind auf ihre Heldensagen und deren poetische Darstellung, die Homer auf eine mannigfaltig ausgearbeitete, aber doch ebenfalls mit Dichtung erfüllte Tradition verwiesen; die Urzeit der Germanen wird von einem Historiker ersten Ranges geschildert, der sie gekannt hat; es ist Cornelius Tacitus. Schon ein Menschenalter vorher hatte der Philosoph Seneca den moralischen Wert und die hohe Bestimmung der Germanen hervorgehoben. Wo finde man, sagt er, eine Nation, die mutvoller, waffenbegieriger, zu jeder Unternehmung bereitwilliger sei als die Germanen? »In den Waffen werden sie geboren und erzogen, auf nichts anderes wenden sie Sorgfalt. Gegen die Härte ihres Himmels sind sie wenig geschützt. Sie wissen nichts von verweichlichendem Luxus oder von Reichtum. Wenn sie vernünftige Ausbildung und strenge Zucht erhalten, so wird es auch für Rom notwendig werden, auf die echt römischen Sitten zurückzukommen.« In diesem Sinne nun sah sie Tacitus an. Auffallend vor allem ist bei ihm, wie weit er den Begriff Germanien ausdehnt. Er betont den germanischen Ursprung der Nervier und Trevirer auf das stärkste und schildert dann das linke Rheinufer, obwohl den Römern unterworfen, doch als ein im Grunde germanisches Land; in Wahrheit ist den Germanen die Hut der Grenzen und des Flusses selber anvertraut. Denn nicht dazu sind sie aufgenommen worden, um bewacht zu werden, sondern um zu bewachen. Die oberrheinischen und niederrheinischen Stämme des linken Ufers sind noch alle Germanen, nur mit dem Unterschied, daß jene ihre volle Freiheit bewahren, diese dem römischen Imperium angehören. Leicht geht Tacitus über das Dekumatenland weg, das von Galliern bevölkert ist; berichtet aber dann über deren vorliegende Grenznachbarn, die Chatten, deren Gesinnung er in den Worten schildert, daß sie nicht sowohl die Schlachten lieben als den Krieg. Mit Vorliebe erwähnt er die Mattiaker – sie saßen damals am Taunus –, welche die römische Autorität am meisten anerkennen, ferner die Usipeter und Tenchterer den Ubiern gegenüber. An Stelle der Brukterer, mit denen Drusus geschlagen hatte, finden wir bei Tacitus die Chamaver und Angrivarier, von denen die Brukterer niedergeworfen, wenn auch nicht vernichtet worden waren; Tacitus preist die Gunst der Götter, die den Römern vergönnt habe, die Germanen sich untereinander zugrunde richten zu sehen. Eigentlich nur bis zu den Friesen reicht seine Kunde. Die Seefahrten waren aufgegeben; von der Elbe hörte man kaum mehr; man sprach auch hier von den Säulen des Herkules, genauere Kenntnis legt Tacitus erst wieder an den Tag, wo er der germanischen Völker am linken Ufer der Donau gedenkt. Er erwähnt die Hermunduren in ihrem friedlichen Verkehr mit den Römern und die Beziehungen der Markomannen und Quaden zu denselben, die noch Könige aus einheimischem Stamme haben, jedoch nicht ohne Einwirkungen von Rom zu erfahren. Das Verhältnis der Germanen zu Rom bildet den vornehmsten Gegenstand seiner Aufmerksamkeit. Und was hätte für Rom wichtiger sein können als die Nachbarschaft einer großen Nation, die das Rheingebiet zu beiden Seiten des Flusses inne hatte und an der oberen Donau mächtig vordrang? Von dem inneren Germanien hat Tacitus keinen deutlichen Begriff. Und auch in dem, was er über die volkstümlichen Institutionen mitteilt, ist er nicht selten vieldeutig und dunkel. Aber dabei sind doch die Nachrichten, die er gibt, unschätzbar. Wir dürfen von dem Moment nicht scheiden, ohne das eine und das andere, was bezeichnend ist, hervorzuheben. Vor dem Inhalt seines Berichts über die Religion der alten Germanen treten die Kombinationen mit anderweiten Mythologien, die er selbst andeutet und die man sonst daran geknüpft hat, zurück: so eigenartig und charakteristisch erscheint sie. Wie Tacitus die Germanen als ein unverfälschtes Urvolk betrachtet, so hat auch die religiöse Stammessage, die er mitteilt, ein autochthonisches Gepräge. Von dem Gotte, der selbst wieder aus der Erde geboren ist, stammt der Urvater des Volkes, von dessen drei Söhnen die Stämme, welche die Nation bilden, ihren Ursprung herleiteten: Ingävonen, Istävonen, Herminonen, deren Namen wieder in späteren Götternamen auftauchen. Es ist ein vergebliches Bemühen, die verschiedenen Völkerschaften, welche in der Geschichte auftreten, auf diese Stämme zurückzuführen. Die Sage hat mehr einen religiösen Inhalt: man nimmt darin die Idee der Gemeinschaft der Nation wahr, die jedoch nur in dunklem Bewußtsein festgehalten wurde. Die Germanen verehrten die Gottheit nicht in Tempeln; die dichtesten Haine waren ihre Tempel: dahin bringt man die eroberten Adler; von da entnimmt man die Zeichen, unter denen man ausrückt. Das Wiehern der in den heiligen Hainen aufgezogenen Rosse gilt bei ihnen als eine bessere Vorbedeutung der Zukunft, als Vogelflug oder Schau der Eingeweide. Die Semnonen, welche nach der Zeit Marbods als die mächtigsten unter den Sueven erscheinen und sich für die ältesten und vornehmsten von allen halten, schicken ihre Abgeordneten an die Stätte uralter und unvordenklicher Anbetung, von welcher sie ihren Ursprung herleiten: da wohne der Gott, der die Welt beherrsche: alles andere müsse ihm unterworfen sein. Der Dienst des Gottes beginnt mit dem Opfer eines Menschen: niemand wagt den Hain anders als gebunden zu betreten, zum Zeichen wahrscheinlich doch der vollen Abhängigkeit der Lebenden von der Gottheit. Sie feiern gleichsam das Geheimnis ihres Ursprunges und ihrer Macht. Nirgends tritt diese Idee großartiger hervor als in der Verehrung der Mutter Erde, welche Langobarden, Angeln, Varinen und andere Völker vereinigte. Man verehrt in ihr nicht allein die allgemeine Mutter, sondern die lebendige Göttin, welche ihre Völker besucht und sich um sie bekümmert. Auf einer Insel des Ozeans ist ein von dem Unheiligen rein gehaltener Hain, in welchem sie erscheint. Nur Einem Priester ist es erlaubt, in einem Allerheiligsten ihre Gegenwart wahrzunehmen und zu verkündigen. Auf einem bereit gehaltenen bedeckten Wagen, den nur dieser Priester zu berühren die Erlaubnis hat, wird sie dann unter dessen Vortritt einhergefahren. Es ist eine Art von Gottesfriede, den sie verkündigt. Die Nationen, welche sie verehren, sind von verschiedenen Stämmen; während der Anwesenheit der Göttin aber ruhen die Waffen, bis die Göttin, befriedigt durch den Anblick der Ihren, zurückgefahren und in den See des Haines gebadet, verschwindet. Die Sklaven, welche bei ihrer Umfahrt Dienste geleistet haben, werden in demselben See ertränkt: ohne Schrecken ist das Göttliche nicht. Unverkennbar ist, wie nahe sich diese Zeremonien mit der Stammessage berühren. Die Mutter Erde und der Gott, welcher der Stammvater der Nation ist, erscheinen nebeneinander, der eine und die andere an ihrer besonderen Stätte; in der Idee gehören sie ohne Zweifel zusammen. Von einem beherrschenden priesterlichen Einfluß, wie ihn die Druiden in Gallien ausübten, ist bei den Germanen nicht die Rede. Auch halten sie nicht klanartig an einem geborenen Stammesoberhaupt zusammen. Die Stammesverfassungen beruhen, wie wir sie kennenlernen, auf dem Begriff individueller Freiheit. Der Priester, der überhaupt nicht als Gebieter, sondern als Vollzieher uralter Satzungen auftritt, hat bei den Landesversammlungen, in welchen die großen Landesangelegenheiten beraten werden, eine gewisse Befugnis, die aber nicht weitergeht als auf die Erhaltung der allgemeinen Ordnung; in die Beratung greift er nicht ein; diese hängt von den freien Männern ab, die aus ihren Wohnsitzen dazu herbeigekommen sind, nicht gerade auf den festgesetzten Tag: denn zu ihrer Freiheit gehört es, auch hierin nicht vollkommen gebunden zu sein. In dieser politisch-militärischen Verfassung hatte seit Cäsar schon eine gewisse Veränderung stattgefunden. Bei Cäsar tritt die Idee des Stammes noch überwiegend hervor: an dem hohen Rat der Vornehmsten und Stammeshäupter nimmt auch die Menge teil. Hier werden kleinere Unternehmungen beschlossen; dem, der sie vorschlägt, gesellt sich eine freiwillige Jugend bei. Wenn der ganze Stamm in Krieg gerät, wird ein Anführer ernannt, dem das Recht über Leben und Tod zusteht. Anderthalb Jahrhunderte später, in den Zeiten, in welchen Tacitus schrieb, tritt das Moment, daß kleinere Unternehmungen unter einem Führer, dem sich ein freiwilliges Gefolge anschließt, ausgeführt werden, in den Vordergrund. Diese freien Gefolgschaften, welche sich zu Kriegszügen vereinigen, die doch von der allgemeinen Landesversammlung nicht beschlossen sind, finden sich nirgends in der Welt wieder. Sie entsprechen dem natürlichen Trieb zu einer freien Kriegsübung, welche doch nicht ohne eine innere Ordnung sein kann. Fürsten, zuweilen auch Könige, stehen an der Spitze. Was bedeuten aber diese Namen? Gab es einen Uradel der Nation, aus welchem sie hervorgingen, oder sind sie ein Erzeugnis der Umstände und der damit zusammenhängenden Unternehmungen überhaupt? Daß dabei auch eine Wahl vorkommt, ist unzweifelhaft, ebenso aber, daß auf Herkunft und Verdienst der Ahnherren Rücksicht genommen wird. In den Gefolgschaften gibt es verschiedene Grade, gleichsam eine Rangordnung. Der Führer und das Gefolge hängen aber wieder durch das Gefühl gegenseitiger Verpflichtungen zusammen: der Führer sorgt für das Gefolge; das Gefolge ist verpflichtet, den Führer bis aufs äußerste zu verteidigen. Doch genug hiervon für meinen Zweck, der nur dahin geht, die Grundzüge der alten Zustände in Erinnerung zu bringen. Die Germanen besaßen religiöse Institutionen von einem gewissen Tiefsinn, obwohl ohne Doktrin, politische und militärische Einrichtungen, welche für die Zukunft maßgebend werden, und eingeborene Elemente der Kultur, welche später reifen sollten. An eine allgemeine Einheit war nicht zu denken; aber durch männliche Tugend, strenge Sitte und persönliches Verdienst wird doch alles zusammengehalten, welch ein Mißbrauch des Wortes wäre es, sie als Barbaren zu bezeichnen! Und so stark war das alte Germanien trotz seiner Entzweiungen, daß es dem Fortschritt der römischen Eroberung Einhalt tat und noch auf einige Jahrhunderte eine Welt für sich blieb. Zweites Kapitel Weichen der Römer. Emporkommen der Franken. Die Sagengeschichte, die sich in jedem Stamme besonders gebildet hat, gehört einem andern Gesichtskreis an, als dem rein historischen. So mag es mir denn auch bei den Franken erlaubt sein, von den Erzählungen, die ein mehr oder minder fabelhaftes Gepräge tragen, abzusehen. Das große Ereignis, durch welches der Zustand der westlichen Welt – ich weiß nicht, ob man sagen soll, verändert oder nur wiederhergestellt worden ist – die massenhafte Ansiedlung der Germanen auf dem linken Rheinufer, ist nicht erst eingetreten, nachdem die Römer ihre Grenzbefestigungen am Rhein aufgegeben haben; man muß es – denke ich – in die Zeit setzen, in welcher Magnentius die römischen Grenztruppen am Rhein gegen Constantius [um 350] ins Feld führte; der hatte fränkische Scharen auf seiner Seite. Indem er nun aber den Limes am Rhein der Besatzungen entblößte, welche den Germanen immer die Spitze geboten hatten, wurden diese in dem Rheingebiete überhaupt mächtig. Aus einer Stelle des Libanius über Julian entnimmt man, wie oben angedeutet, daß das Eindringen der Germanen in das römische Gebiet in diese Epoche gefallen ist; man gab es dem Mangel an römischen Truppen in jenen Regionen, noch mehr aber der Aufforderung des Constantius schuld, welcher in der Absicht, Magnentius, der in den Grenzgebieten seinen vornehmsten Rückhalt hatte, zu widerstehen, die Umwohner aufgefordert habe, sich an die bestehenden Verträge nicht weiter zu kehren und so viel Land zu nehmen als sie könnten. So ergossen sich die Germanen über das römische Rheingebiet. Die römischen Kastelle wurden umlagert, die Vici eingenommen; man sah die Einwohner mit ihren Habseligkeiten in kläglicher Gestalt abziehen. Wer Weib und Kind vor Insulten zu schützen versuchte, wurde niedergehauen. Die Dienstfähigen wurden zum Anbau des germanischen Landes abgeführt, während die Germanen in den eroberten Territorien verblieben. Denen, die sich in festen Städten behaupteten, blieb doch nur ein sehr geringes Gebiet übrig; sie waren genötigt, innerhalb der Mauern selbst die freien Plätze mit dem Pflug zu beackern, um von dem Ertrag der Saaten zu leben; sie waren beinahe noch schlechter daran als die gefangen Fortgeführten ... Das Wesentliche der Weltbewegung liegt darin, daß die Franken, welche in Gallien vordrangen, eben solchen Stämmen angehörten, in denen das altgermanische Wesen auf das stärkste ausgeprägt war. Auch darin unterscheiden sich die Franken von den Goten, daß ihre Stämme nicht in den militärischen Dienst der Römer eingetreten sind. Wenn das bei einigen Oberhäuptern der Franken früher der Fall gewesen ist, so hat es doch mit dem Vordringen der Stämme nichts zu schaffen. Die erste aggressive Bewegung fränkischer Stämme gegen das römische Reich wird von König Chlojo gemeldet, der sich erst über den Zustand der Römer in den Grenzlanden unterrichtet und dann mit einem zahlreichen Heer über den Rhein geht, durch den Kohlenwald nach Tournai, dann nach Cambrai vordringt, hier die Römer entweder vor sich hertreibt oder niedermacht und dann eine Richtung gegen die Somme hin einschlägt [um 450]. Über dies letzte Unternehmen haben wir ein Zeugnis, gegen dessen historischen Wert sich keine Einwendung machen läßt, in dem Panegyrikus des Sidonius auf Majorian, der sich schon lange vor seiner Thronbesteigung im Gebiet der Atrebaten mit Chlojo geschlagen hat. Man sieht da vor allem den Eindruck, welchen die Erscheinung der Franken auf die Gallo-Römer machte. Ihr blondes Haar ist von dem Nacken über die Stirn gezogen, man erblickt nur eben den glänzenden, weißen Nacken; man nimmt ihre blauen scharfen Augen wahr. Panzer tragen sie nicht, wohl aber sind sie mit Schilden bewehrt. Ihr Knie ist nackt, aber die hohen Gestalten treten bei der enge anschließenden Kleidung um so kräftiger hervor. Sie vergnügen sich damit, ihr Wurfgeschoß in die Luft zu schleudern, doch mit sicherem Blick, wo dasselbe treffen wird. Dem eilen sie dann mit beinahe wetteifernder Geschwindigkeit nach. Noch als Knaben haben sie sich an die Waffen gewöhnt und sind derselben vollkommen mächtig geworden; wenn sie einmal unterliegen, so weichen sie doch nicht zurück; sie fallen auf der Stelle, gleich als wären sie unbesiegt, wie Sidonius sagt; sie leben gleichsam noch nach ihrem Tode. So erscheint die kriegsbereite Jugend dieser wohlgeordneten germanischen Stämme in offenem Kampfe gegen die Römer in den belgischen Provinzen. Es bildete eine neue Phase in dem Kampfe, auf welchem die Fortentwicklung der Weltgeschichte beruht, wenn diese fränkischen Scharen, indem sie auf eigene Hand und, ohne sich von ihren Stammesgenossen loszureißen, zu neuen Unternehmungen schritten, unter dem Nachfolger Chlojos Meister der Grenzgebiete wurden. Sie hatten dann einen nationalen Rückhalt; eine Organisation konnte gegründet werden, der nach beiden Seiten hin ein entscheidender Einfluß zufallen mußte. Vornehmlich unter Chlojos Enkel Chlodwig (481–511) dehnten die Franken unter siegreichen Kämpfen mit den Römern, Alemannen, Burgunden und Goten ihre Herrschaft in Gallien aus. Chlodwig ist der Mann, durch welchen im Gegensatz zwischen den Römern und den Germanen der entscheidende Schritt zu einer beide Elemente umfassenden neuen Ordnung der Dinge geschehen ist. Durch die Siege, die er erfocht, brachte er die höchste Autorität in Gallien in die feste Hand eines mächtigen Königsstammes. Er trat gleichsam in die Stelle des Kaisertums und hielt dadurch die Idee der Katholizität, die in demselben vorwaltete, allen Abweichungen kirchlicher Natur gegenüber aufrecht. Dadurch eröffnete er zugleich den Franken und allen Germanen die Möglichkeit, weiteren Fortbildungen Raum zu geben in engster Verbindung mit der allgemeinen Kultur, die sich nun einmal an die Kirche des athanasianischen Bekenntnisses anschloß. Wir erörtern nicht seine moralischen Qualitäten. Chlodwig erscheint in der Mitte der Zeiten und Nationen als eine heroische Kraft, die ihre Verbindung begründet und sie gleichsam vermittelt; auf seinen Handlungen beruht die Geschichte von Deutschland und Frankreich ... Es ist ein vielleicht nicht von hohem geistigen Schwunge ausgegangenes Ereignis, aber von unausdenkbarer historischer Wirksamkeit so für Gallien wie für die Welt überhaupt, daß Chlodwig mit seinem Gefolge das Christentum annahm. Indem diese Kriegsgenossenschaft hierauf den Glauben unter den stammverwandten Franken und anderen Germanen bis an den Rhein und über den Rhein ausbreitete, machte sie der uralten Feindseligkeit der germanischen Völker gegen Römer und Gallier ein Ende. Sonst möchte eine vollkommene Germanisierung, wie sie im Rheintal, den Niederlanden und Britannien sich vollzog, auch an der Marne und Seine nicht verhindert worden sein. Die Religion glich, wie ihre Bestimmung ist, den schroffsten Gegensatz der Nationalitäten aus; die Franken konnten die Stätten, wo sie anbeteten, nicht mehr zerstören wollen. Vielmehr schlossen sie sich ihren Bekehrern auch in der besondern Form des Glaubens und des Dienstes, welche diese ihnen überlieferten, mit frischem Eifer an. Noch war der Streit zwischen dem katholischen und dem arianischen Bekenntnis nicht ausgefochten; das letztere, zu dem sich Westgoten und Burgunder hielten, erlangte durch die Einwanderung dieser Völker eine neue Macht in Gallien, zum tiefsten Mißvergnügen der rechtgläubigen Bischöfe. Aber eben bei den Franken, mit denen manche von ihnen schon lange in Verbindung standen, fanden sie Hilfe. Der heilige Remigius, der Chlodwig und sein Volk zu Reims in die Kirche aufgenommen hat, war nicht nur als ein Zerstörer der Götzenbilder, sondern auch als ein glücklicher Streiter gegen die Arianer berühmt. Der Ehrgeiz des fränkischen Heerkönigs und der Religionseifer der romanischen Bischöfe traten in den engsten Bund. Unterstützt von der Bevölkerung des Landes warfen Chlodwig und seine Söhne die Macht der germanischen Könige, welche Arianer waren, in Gallien nieder und blieben Meister in allen Provinzen, sowie sie ihre Herrschaft weit nach dem innern Germanien hin ausdehnten. Sie vollzogen, was das römische Reich nicht mehr vermocht hatte, sie wehrten den Andrang des kolonisierenden Germanentums von Gallien ab und bezwangen im Innern die abweichenden Sekten. Die Eroberer beschützten die romanische Nationalität und die Einheit der katholischen Kirche. Als dem römischen Reiche seine Waffen versagten, ward der allgemeine Ruin durch die bekehrten Barbaren verhütet. Wie mancher von den blondgelockten Königen erschien gleichsam als ein Priester Gottes und wollte so erscheinen. Wenn sie ihre Schätze der Kirche zuwandten, so lag ihnen ohne Zweifel daran, die Pracht des äußeren Dienstes zu vermehren; aber zugleich hatte ihre Freigebigkeit auch eine Beziehung auf das besiegte Volk. Die Schriftsteller der Zeit bezeichnen es als den vornehmsten Beweggrund zu den Schenkungen an die Kirche, daß sie genug haben müsse, um freigebig zu sein, damit diejenigen, welche nichts besitzen, doch etwas besitzen; und man kennt die Satzung des Konzils von Orleans, nach welcher der Ertrag der von dem König geschenkten Ländereien auch zur Ernährung der Armen und zum Loskauf der Gefangenen bestimmt sein soll. Die Kirche brachte die bisher ganz verabsäumte unterste Klasse der Bevölkerung und ihr Bedürfnis mit dem Sieger in Beziehung. Überhaupt lag eine absichtliche und systematische Zerstörung der römischen Welt außerhalb der Möglichkeit der Dinge. Romanen waren im unmittelbaren Dienste der Könige; sie erscheinen fortwährend fast als die reichsten Besitzer, die Vornehmsten des Landes. Der Gehorsam und die Pflicht der Untertanen wurde von den fränkischen Königen in Anspruch genommen wie von den römischen Imperatoren; das alte Finanzsystem soviel wie möglich aufrechterhalten, die alte Steueranlage sowohl auf Grund und Boden als auf die Personen, was ein Fortbestehen der früheren Zustände im allgemeinen in sich schließt; hören wir doch, daß die Spiele des Zirkus unter den merowingischen Königen erneuert werden. Man glaubte noch in dem alten Reiche zu leben, die römischen Majestätsgesetze wurden in Anwendung gebracht. Aber zugleich war doch eine Veränderung ohnegleichen wie in den Zuständen, so in den Gedanken der Menschen eingetreten. Ihre Summe kann man darin sehen, wenn anders überhaupt große Veränderungen durch wenige Worte zu bezeichnen sind, daß die öffentliche Gewalt als ein persönlicher, durch Vererbung und Vergabung zu übertragender und teilbarer Besitz betrachtet wird. Dem alten Volkskönig steht ein unbedingtes Erbrecht zu; von einer Wahl, einer Teilnahme des Volkes oder der Großen an seiner Erhebung ist in gewöhnlichen Fällen nicht die Rede. Ihm sind die öffentlichen Beamten zu persönlicher Treue verpflichtet, Romanen so gut wie Germanen; er besoldet sie durch Verleihung des königlichen Gutes; an den Palast knüpft sich die Regierung; der Vorsteher des königlichen Hauses ist der oberste Reichsbeamte. Indem nun aber das Amt und die damit verbundene Vergabung auch wieder als persönlicher und unwiderruflicher Besitz erscheint, gewinnt alles eine Tendenz der Unabhängigkeit und Eigenmacht. Bald hören wir die Könige klagen, die einen, daß alle ihre Ehre an die Bischöfe der Städte übergegangen sei, die andern, daß die weltlichen Großen ihnen Gut und Macht entziehen. Sie sehen sich von selbständigen Magnaten umgeben, die für den Anteil, den sie an der Errichtung des neuen Reiches genommen haben mögen, einen Mitgenuß der Macht in Anspruch nehmen. Das Prinzip der persönlichen Gewalt, nachdem sie einmal auf andere übertragen worden, lehnt sich gegen den Fürsten auf, der sie im ganzen als sein Eigentum betrachtet. Drittes Kapitel Die Franken und die anderen deutschen Stämme. Begründung der deutschen Kirche. Die deutschen Stämme im inneren Germanien hingen noch der religiösen Tradition der vorangegangenen Zeiten an. Ihre Verbindung mit dem fränkischen Reiche enthielt zugleich einen Gegensatz zu demselben und hatte ihre Bekehrung nicht herbeigeführt. Es schien wohl, als werde diese dem Eifer der irischen Glaubensboten gelingen. Wir sehen die Missionare, die von der irischen Kirche ausgingen; überall drangen sie vor. In Alemannien und Bayern knüpften sie an die Überreste der Kirchen an, die in dem römischen Reiche bestanden hatten. In dem alten Brigantia [Bregenz] wirkte St. Gallus, in den Ruinen von Juvavium [Salzburg] hatte Rupert seinen Sitz genommen; die alten lokalen Prästigien übten aufs neue ihre Wirksamkeit aus. Doch war auch das volkstümliche Heidentum noch mächtig im Schwange. * Von denen, welche in den Stämmen eine altherkömmliche Autorität besaßen, begreift man es, daß sie den Missionaren Widerstand entgegensetzten oder doch leicht mit ihnen zerfielen. Die Gewalt der austrasischen Fürsten war eigentlich mit der Mission verbündet. Erinnern wir uns, daß der Fortgang der Bekehrung im südlichen Friesland von den Erfolgen abhing, welche Karl Martell im Kampfe gegen die Friesen davontrug, so kann man sich nicht der Wahrnehmung verschließen, daß der Herzog von Austrasien [Nord- und Ostfranken] eine mit diesem Fortschritt verwandte Machtstellung hatte. In allen Grenzgebieten war seine Herrschaft so lange zweifelhaft, als es die Religion war. Für diese lag nun ein Vorteil darin, wenn die angelsächsische Mission der irischen zur Seite die Bekehrung des mittleren Germaniens, von Ostfranken, Thüringen, Hessen unternahm. Von dem Ursprung dieser Mission und deren Zusammenhang mit Rom wird sogleich die Rede sein. Zunächst erscheint sie in ihrer Verbindung mit dem austrasischen Herzogtum als solchem. Man hat es dem Herzog und Majordomus zum Vorwurf gemacht, daß er nicht mehr für Bonifatius getan habe. In Wahrheit aber hat er das unbedingt Notwendige getan; er ließ der Bekehrung freien Lauf, soweit seine Autorität überhaupt reichte. Ein entscheidendes Moment dafür liegt in der Fällung der heiligen Eiche bei Geismar unfern Fritzlar, die von dem Volke als Heiligtum verehrt wurde. Man darf in der Eiche wohl noch einen Überrest der alten Haine erblicken, welche in der ältesten Zeit die Stätten der religiösen Verehrung bildeten. Solange sie stand, fand die Bekehrung in dem Aberglauben, der sich an den heiligen Baum knüpfte, einen populären Gegensatz, der die Gemüter teilte. Für das Volk bildete es ein Stück seines Glaubens, daß der heilige Baum noch stand, wie hätte nun der Missionar es wagen können, Hand an den Baum zu legen, wenn er nicht den Schuh des regierenden Fürsten für sich gehabt hätte. Ob die heilige Eiche stehenbleibe oder fallen würde, war die entscheidende Frage für die Bevölkerung. Mit dem Baume fiel die alte Religion und erhob sich die neue. Es ist ein Akt, wie ihn St. Patrik in Schottland vollbrachte; wie wir einem ähnlichen in den arabischen Yemen begegnen. Die Nichtigkeit der Gottesverehrung, die an den heiligen Bäumen vollzogen wurde, kam eben dadurch zutage, daß der Gott, dem sie geweiht waren, sie nicht schützte. In Hessen war das um so bedeutender, da die Lokalität schon einst unter den alten Einwohnern, den Chatten, einen Mittelpunkt für das Volk gebildet hatte. Es war bei Geismar, unfern von Fritzlar, daß dem Missionar die Handlung gelang, daß er sie glücklich vollbrachte. Die Bevölkerung sah darin einen neuen Beweis für die Göttlichkeit der neuen Lehre, welche der Missionar verkündigte. Durch einen über die Sachsen erfochtenen Vorteil war deren Rückwirkung auf das mittlere Deutschland zurückgedrängt. Überall stiftete Bonifatius Klöster, die wieder Sitze der Missionare waren, und Kirchen. Er erfreute sich der Unterstützung der vornehmsten Eingesessenen, die zur Partei der Pippiniden übergetreten waren. Politische und religiöse Interessen wirkten zusammen. Sie begründeten zum ersten Male eine gewisse Einheit von Germanien. Der Stifter derselben beherrschte zugleich die beiden anderen fränkischen Königreiche. Indem alles zu zerfallen schien, wurde die Macht des fränkischen Reiches erst eigentlich begründet. Und ewig denkwürdig ist es nun, daß dieses in der Epoche geschah, in welcher die arabische Weltherrschaft das gesamte Abendland bedrohte. Man darf die Christianisierung von Deutschland nicht allein unter dem Gesichtspunkt des religiösen Glaubens und seiner Lehre ansehen. Denn so wichtig diese auch sind; es war eine welthistorische Notwendigkeit, wenn dem Islam, der noch immer in dem europäischen Kontinent vordrang, ein Gegengewicht geschaffen werden sollte. Bonifatius wußte recht wohl, was in Spanien geschehen war; die von ihm geleitete Bekehrungsarbeit hat am meisten dazu beigetragen, daß sich das in Gallien und Germanien nicht wiederholte. Der Fürst und Majordomus, dem er sich anschloß, war sofort berufen, die schwerste Probe in jenem universalen Kampfe zu bestehen. Nach der Zerstörung des Westgotenreiches in Spanien drangen die Araber über die Pyrenäen vor, wurden aber von Karl Martel wesentlich mit germanischen Kriegern in der Schlacht von Tours und Poitiers (732) besiegt. Hierdurch wurde die christliche Kultur vor der Vernichtung durch den Islam bewahrt. * Bonifatius und Rom Wir haben der Verbindung der Mission und des Fürstentums innerhalb Germaniens bereits gedacht. Einen bestimmten Charakter empfing dieselbe durch den Angelsachsen Wynfreth-Bonifatius. Der aber brachte nun die romanistischen Tendenzen in die germanische Mission. In ihm verschmolz sich der propagandistische Eifer der irischen Klosterbrüder mit den Doktrinen der angelsächsischen Kirche. Dieser hatte er, selbst gegen den Wunsch seiner Angehörigen, durch einen unwillkürlichen Trieb dahingezogen, seine Kräfte gewidmet. Er lebte und webte in der Idee der engsten Verbindung der Kirche mit Rom, wohin in dieser Zeit der Sinn des Volkes und der Könige ging. Schon im Jahre 719 ist er in Rom gewesen; man nimmt an, daß damals sein angelsächsischer Name, Wynfreth – Wyn bedeutet Glück – in Bonifatius, ein Wort, dem man denselben Sinn unterlegt, verändert worden ist. Er hat zu dieser Zeit seine Anweisung zur Mission empfangen. Im Jahre 723 war er wieder in Rom und wurde zum Bischof geweiht. Auch in einem Leben, das nicht gerade in die Kreise der höchsten Entscheidungen gezogen ist, spiegeln sich doch die Momente, die zu solchen führen. An sich ist es von Bedeutung, daß es eben einer der großen Vorfechter der kirchlichen Hierarchie war, mit dem Bonifatius in Verbindung trat. In der ersten Vollmacht zur Mission bringt Gregor II. den Anspruch, das Oberhaupt der Kirche zu sein, mit derselben in charakteristischen Kontakt. Der Knecht Gottes rühmt den religiösen Presbyter, der, dazu sehr befähigt, sich der Heidenbekehrung widme deshalb, weil er, ein Glied der Kirche, das Haupt derselben suche und sich diesem in aller Bescheidenheit unterwerfe: denn dem sei die Übertragung des Lehramts in der Kirche anvertraut. Im Namen der unerschütterlichen Autorität des heiligen Petrus, dessen Befugnisse auf den römischen Papst übergegangen seien, wird der Missionar beauftragt, den Dienst im Reiche Gottes und die Predigt des Alten und Neuen Testamentes den Unwissenden zu verkündigen und bei der Bekehrung die in Rom gebräuchlichen Formeln inne zu halten; gerate er aber in Zweifel, so möge er sich an den römischen Stuhl wenden. Man kann die Gewalt des Oberhauptes der Kirche und die Pflicht der Unterwürfigkeit des Missionars unter dieselbe nicht stärker ausdrücken. Aber auch das ist bemerkenswert, daß vor allem die Lehre des Alten und Neuen Testamentes gepredigt werden soll: denn darin liegt der unterscheidende Charakter des christlichen Glaubens von dem damals in Europa mächtig vordringenden Islam. Während dieser auf der Offenbarung beruhte, die der angebliche Bote Gottes, Mohammed, persönlich empfangen habe, weist der Papst den Missionar an, die Lehre der Heiligen Schrift zu predigen, wodurch alle Willkürlichkeiten abgeschnitten werden. Die Formen der römischen Kirche, die man auf den heiligen Petrus zurückführt, erscheinen als verbunden mit dem Dienst und dem Leben im Reiche Gottes. Die Stabilität der Glaubensformel hängt eben von dieser Überlieferung ab. Historisch erwächst dadurch eine Begründung der Ausbreitung der christlichen Lehre in fester kirchlicher Gestalt ... Die geistliche Gewalt war in ihrer Emanzipation von dem Kaisertum, die weltliche in ihrer Zurückweisung des alten Königtums begriffen. Ohne die Unterstützung der weltlichen Macht hätte Bonifatius nichts ausgerichtet, aber diese selbst bedurfte einer anerkannten Autorität, um in Germanien zu einem festen Bestande zu gelangen. Die Durchführung des Christentums wurde dadurch sehr erleichtert, daß die weltlichen Dynasten sich großenteils an den Majordomus anschlossen. Aber eine definitive Organisation wäre doch ohne die Einwirkung von Rom unmöglich geblieben. Ein wesentlicher Schritt war, daß Bonifatius bei seiner dritten Reise nach Rom im Jahre 732 vom Papst Gregor III. zum Erzbischof erhoben wurde. Der Papst verlieh ihm das Pallium, das er bei den geistlichen Handlungen, hauptsächlich aber bei der Weihe der Bischöfe, tragen solle. Er sprach ihm das Recht zu, Bischöfe einzusetzen mit Assistenz zweier oder dreier anderer. Das aber genügte, um allmählich eine Organisation der germanischen Kirche zustande zu bringen. Zugleich gehörte der Spruch der römischen Kirche dazu, den Abweichungen der religiösen Meinung im Volk und bei den Großen ein Ende zu machen; die Autorität des heiligen Petrus umfaßte und bedingte alles. Man muß sich diesen Ursprung der deutschen Kirche vergegenwärtigen, um nicht ungerecht zu werden. Alles hing mit den allgemeinen und besonderen Interessen zusammen. Ein Usurpationsgelüste des römischen Stuhles kann man darin nicht sehen. Der Papst tat nur, wozu er in der Lage der Angelegenheiten befugt und selbst genötigt war: denn den Angriffen Leos des Isauriers gegenüber bedurfte er einer Stütze. Es war ein historischer Akt von unermeßlicher Tragweite, daß er sich vom Orient abwandte und den vornehmsten Schauplatz seiner Tätigkeit im Occident suchte. Ebenso tat Bonifatius nur eben das, was seines Amtes war, was er in seinem Kloster gelernt hatte, und worin er die Summe aller Religion erblickte. Bonifatius arbeitete in steter innerer Bewegung der Seele, außen Kampf, Bedenklichkeiten im Innern. Am wenigsten könnte den Majordomus Karl Martell ein Vorwurf treffen. Eine feste Begründung der kirchlichen Ordnungen war für ihn unentbehrlich, wenn Austrasien mit den anderen deutschen Völkern unauflöslich vereinigt und mit beiden die Gesamtmacht des fränkischen Reiches auch den Sarazenen gegenüber behauptet werden sollte. Die Septentrionalen, wie der alte spanische Bericht sagt, haben in der Schlacht bei Poitiers das Beste getan; zu denen aber gehörten ohne Zweifel auch die Neubekehrten. Die Aufrichtung der Kirche in Deutschland kann nicht gerade als eine Realisation der reinen christlichen Idee betrachtet werden. Sie war das Werk der zusammengreifenden Weltkräfte in Rom und im fränkischen Reiche, beruhte aber einer sehr ausdrücklichen Versicherung zufolge auf den ältesten Grundlagen des Glaubens. Indem die deutsche Nation der Religion der Welt sich anschloß, vereinigte sie sich zugleich in sich selbst. Für die deutsche Nation war sie mehr als in einer Rücksicht unschätzbar. Sie kam ihrem religiösen Bedürfnis entgegen, das sich sonst sporadischen, doch wieder willkürlichen und vorübergehenden Influenzen hingegeben hätte. Sie verband sie mit der größten Hervorbringung des Menschengeschlechtes und vereinigte sie in sich selbst. Sonst hätte den Gegensätzen der Stämme, die sich immer aufs neue regten, doch kein Ende gemacht werden können. Schon durch alles dies hatte der Papst unter Vermittlung des Bonifatius den größten Einfluß auf die Weiterbildung des fränkischen Reiches, namentlich in Germanien. Viertes Kapitel Karl der Große. Karls Herkunft In den ältesten Dokumenten findet sich mit dem Namen Karls der Titel Magnus Rex verbunden; er bezieht sich da mehr auf den Umfang der Macht als auf persönliche Eigenschaften. Im Laufe der Zeit hat sich aber die Idee moralischer und historischer Größe unwiderruflich an diesen Namen geknüpft. Große Männer schaffen ihre Zeiten nicht, aber sie werden auch nicht von ihnen geschaffen. Es sind originale Geister, die in den Kampf der Ideen und Weltkräfte selbständig eingreifen, die mächtigsten derselben, auf denen die Zukunft beruht, zusammenfassen, sie fördern und durch sie gefördert werden. Bei der Flüchtigkeit und verhältnismäßigen Kürze des menschlichen Lebens ist es denn immer von größtem Wert, wenn in den hohen Stellungen, die dazu fähig machen, Persönlichkeiten von gleicher Intention und Kraft aufeinander folgen. Nicht allein große Männer, sondern auch Generationen von außerordentlicher Begabung gehören dazu, um neue, lebensfähige politische Gründungen zu vollbringen. Eine Dynastie dieser Art bildeten die Pippiniden, indem sie sich zur höchsten Gewalt erhoben. Der mittlere Pippin, genannt von Heristal, hat die alte Macht der Arnulfinger in Austrasien erneuert und sie zur vorwaltenden in den drei Austrasien = östliches, Neustrien = westliches, Burgund = mittleres Frankenreich. fränkischen Reichen [Austrasien, Neustrien, Burgund] erhoben [687]. Karl Martell, im Besitz derselben bedroht, hat sie dann erst wahrhaft durchgeführt, unter unaufhörlichem Kampf nach allen Seiten und ihr zugleich durch die erste glückliche Schlacht gegen die Omaijaden [732] eine für die Geschicke der Welt bedeutende Stellung verschafft und gesichert. Eine durch und durch heroische, lebensvolle, unverwüstliche Natur, auf welcher die Vereinigung romanischer und germanischer Gebiete zu einer einheitlichen Macht eigentlich beruht. Dem hatte darauf der jüngere seiner Söhne, Pippin, eine feste Gestalt gegeben. Ihm ist am meisten die Verbindung Aquitaniens [Südwestgallien] mit dem Frankenreiche zuzuschreiben. Er hat den großen Schritt getan, vor dem seine Vorgänger noch immer zurückgescheut waren, sich die Krone auf das Haupt setzen zu lassen [751]; zuerst nur durch die Großen der Franken und die Landesgeistlichkeit, sodann aber durch den Papst selbst, mit dem er jene Verbindung schloß, von welcher die späteren Geschicke des Abendlandes bestimmt worden sind. Er verstand die Gewalt des heiligen Petrus nur in dem Sinne, den die Erfolge beglaubigten. Man erkennt in ihm einen politischen Kopf ersten Ranges, gleich bedeutend für die kirchlichen und weltlichen Verhältnisse. Er verband, wenn wir uns so ausdrücken dürfen, die intellektuelle Entschlossenheit, welche neue Gedanken faßt, mit der rücksichtslosen Konsequenz, welche zu deren Ausführung gehört. Noch war er aber bei weitem nicht zur vollen Durchführung seiner Ideen gelangt, als er aus dem Leben schied [768]. In seinen letzten Jahren trat eine Veränderung in Rom ein, durch welche die wichtigste seiner Bundesgenossenschaften, die mit dem Papst, zweifelhaft wurde. Aus der Unterwerfung von Aquitanien war eine Bewegung unter den germanischen Fürstenhäusern hervorgegangen, die auf der Identität der Interessen geborener Stammeshäupter gegenüber dem Königtum beruhte. Mit den Sachsen hatte Pippin Verträge zustande gebracht, die aber nicht eben innegehalten wurden. Man sieht wohl, daß die Herrschaft weder im Westen noch Osten, weder im Frankenreich noch in Germanien gesichert war ... Zweimal hatte Pippin als König diese alten Feinde angegriffen. Das erstemal im Jahre 753 war er bis an die Weser, an die Porta Westfalika vorgedrungen, mit einer Übermacht, der die Sachsen nicht zu widerstehen wagten. Sie verpflichteten sich nicht allein, jährlich dreihundert Pferde den Franken zu liefern, worin doch eine Anerkennung der Hoheit lag, sondern sie machten sich auch anheischig, den Priestern kein Hindernis in den Weg zu legen, welche in ihr Land kommen würden, um den christlichen Glauben daselbst zu predigen und sie im Namen Gottes zu taufen. Darauf muß man wohl den größten Wert legen. Es ist der legitime Anfang der Christianisierung von Altsachsen. Fünf Jahre später ist es noch einmal zum Kampfe gekommen. Pippin hat diesmal nur die Ems und Lippe erreicht. Er eroberte damals einen der festen Plätze zwischen Weser und Lippe, und die Sachsen versprachen, den Willen des Königs überhaupt ins Werk zu setzen. Man wird sich nicht wundern, wenn die auf die Kirche bezüglichen Zusagen unausgeführt blieben. Der religiöse Grundsatz war stärker als jede Annäherung. Die Sachsen verehrten die allgemeine Naturgewalt, welche alles trägt, als ein göttliches Wesen bei der Irminsul in dem für heilig erachteten Osninggebirge. Sie hatten Eresburg gegründet, wahrscheinlich doch für den Gott des Krieges, den sie verehrten, und es wohl befestigt. Dagegen sah Karl in den Göttern der Sachsen Dämonen, deren Einwirkungen eben die christliche Lehre vernichten sollte. In Worms sammelte sich um ihn eine große Anzahl von Priestern in ihren verschiedenen Abstufungen, denen er den Eintritt im Sachsenland auf immer zu sichern dachte. Ohne daß etwas von dem Widerstand, der ihm entgegengesetzt worden wäre, berichtet wird, erfahren wir nur, daß er die Eresburg eroberte, die Irminsul zerstörte, nicht ohne daß man dabei den plötzlich hervorbrechenden Bullerborn als ein die Heiligkeit der Unternehmung bestätigendes Wunder Gottes angestaunt hätte; er rückte darauf an die Weser vor, wo die alten Friedensschlüsse erneuert und durch die Stellung von Geiseln nochmals bestätigt wurden [772]. Sein Sinn war dahin gerichtet, zugleich eine christlich-kirchliche Organisation auf immer zu gründen; sein ganzes Unternehmen war weniger ein Kriegszug, als eine vom König geleitete und mit Gewalt der Waffen unterstützte Mission ... * Im Juli 782 hielt er eine seiner großen Reichsversammlungen in Lippspringe ab. Wie so ganz verändert ist der Horizont, der sich uns hier eröffnet. Der König hatte auf seinem letzten Zuge die Sachsen zum Versprechen der Treue genötigt. Er hatte durchgesetzt, was einst seinem Vater und dann ihm versprochen war: das Land war in kirchliche Bezirke eingeteilt worden, wo dann Predigt und Taufe methodisch festgesetzt wurden. Die Sachsen waren dann auch während seiner letzten Abwesenheit in Italien ruhig geblieben. Die Bekehrung ging in der angebahnten Weise fort. Unter Karls Auspizien hatte Willehad, ein Angelsachse wie Bonifatius, das Werk der Bekehrung im Gau Wigmodia mit vielem Erfolg unternommen. Mit dem kirchlichen Fortschritt waren die Landeseinrichtungen eng verbunden. Wie in Frankreich und Aquitanien, so gewann die Grafengewalt im nördlichen Germanien Bestand. Die vornehmsten Sachsen wurden zu derselben herbeigezogen; dabei blieb doch das altsächsische soziale Herkommen unangetastet. Die Stammesoberhäupter waren nach Weise der Angelsachsen durch ein zwölfmal stärkeres Wehrgeld geschützt als die Freien, so daß eine Verschmelzung sächsischer Zustände mit den fränkischen und dann ein enges Anschließen zugleich in der Idee des Christentums zu erwarten war. Auf demselben Reichstag erschienen die Sachsen zahlreich aus allen Gauen, und Botschafter der nächsten heidnischen Nachbarn, des Königs der Dänen, des Chakan der Avaren, deren Bekehrung sich hoffen ließ, wenn die eingeführte Ordnung in Germanien, namentlich bei den Sachsen, sich befestigte. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind auf diesem Reichstag die Kapitularien vereinbart und erlassen worden, welche die geringste Abweichung von dem Christentum als das schwerste aller Verbrechen ahndeten. Wenn z. B. ein Angriff auf den Grafen mit der Einziehung der Güter des Schuldigen bestraft wird, so wird die Ermordung eines Diakonen mit der Todesstrafe geahndet, selbst jeder Einbruch in die Kirche, jede Überschreitung der kirchlichen Gebräuche, z. B. der Fasten. Es sind drakonische Gesetze, ich meine solche, in denen das Prinzip mit äußerster Strenge festgehalten wird. Jede Abweichung wurde als ein Rückfall in das Heidentum, als Apostasie und Feindseligkeit betrachtet ... Die Sachsen hatten kein monarchisch-hierarchisches Zentrum, selbst die verschiedenen Stämme keine volle Einigung und, wie gesagt, die meisten Großen waren bereits Karl gefolgt. Aber in Zeiten, wie diese, sind immer Männer erstanden, welche die volkstümliche Einheit bewußt oder unbewußt in ihrer Person repräsentieren und sie mit den verwandten Weltelementen in Verbindung bringen. Eine solche war der Sachse Widukind; er hatte auch in seiner Abwesenheit auf die letzten Erhebungen der Sachsen Einfluß geübt, aber sich immer abseits gehalten; bei dem Reichstage zu Lippspringe hatte man ihn vermißt, wie die Annalen ausdrücklich bemerken. Indem er jetzt in Sachsen erschien, bereitete sich ein allgemeiner Widerstand vor. In dem Leben eines angelsächsischen Missionars, der sich aus Friesland nach Sachsen wandte, wird eine Volksversammlung der Sachsen erwähnt zu Marklo an der Weser, in welcher die äußerste Abneigung gegen jeden Bekehrungsversuch vorherrschte, so daß sein Leben nur durch die Vorstellung gerettet wurde, er sei doch ein Sendbote Gottes des Höchsten. Aber die neu eingerichteten Stätten christlicher Verehrung wollte man nicht dulden. Plötzlich wurden die neuen Pflanzungen angefallen und vernichtet, denn auch der heidnische Glaubenseifer kannte keine Schonung. Statt von einem gegen die Sorben bestimmten Heereszuge von den Sachsen unterstützt zu werden, mußten die Franken unerwarteterweise ihre eben zu jenem Zweck gesammelten Streitkräfte gegen diese selbst richten. Die Wendung, die sie nahmen, hatte aber einen sehr unglücklichen Erfolg. Man bemerkt dabei einen eifersüchtigen Wettstreit zwischen den fränkischen Heerführern, wie er sonst nicht vorkommt ... Gleich darauf erhob sich König Karl in eigener Person mit gesammelter Kraft, um seine in Sachsen begonnenen christianisierenden Institutionen nicht zugrunde gehen oder das Volk von seinen Gelöbnissen zurücktreten zu lassen. Seine Vorkehrungen brachten in der Tat die Wirkung hervor, daß Widukind sich entfernte, die Sachsen in einer Reichsversammlung zu Verden an der Aller ihren alten Treueid erneuerten. Was sollte aber mit denen geschehen, die sich empört hatten? Gegen diese wurden die schärfsten Verordnungen, die in den Kapitularien vorkamen, zur Geltung gebracht. Darin war die Todesstrafe gegen alle ausgesprochen, welche sich mit den Heiden gegen die Christen verbinden würden. Der älteste Chronist erzählt, die Schuldigen seien von den Sachsen dem König überliefert worden, um sie zu töten. Es ist die Handlung, welche das Andenken Karls am meisten belastet, daß er die in seinem Kapitular angedrohte Strafe in aller ihrer Strenge vollziehen ließ. Die Überlieferten waren an Zahl viertausendfünfhundert; sie wurden zu Verden an ein und demselben Tage sämtlich enthauptet [782]. Ohne Zweifel meinte Karl einer Wiederholung des Abfalles dadurch auf immer vorzubeugen, allein die Hingerichteten hatten Freunde, Gesinnungsgenossen und einen unbeugsamen Führer in der Fremde. So tief wurden alle öffentlichen und privaten Verhältnisse hierdurch verletzt, daß nun doch der ganze sächsische Name sich gegen Karl erhob; die Empörung, die der König hatte vermeiden wollen, rief er damit vielmehr hervor. Aber auch diesmal ermannten sich die Sachsen nicht zu einem Angriff, wie einst die Cherusker – die übrigens ihre Altvordern nicht waren –, sie erwarteten abermals die Ankunft des Kriegsheeres Karls in ihrem Lande, und dem waren sie nicht gewachsen ... Karl nahm seinen Aufenthalt im Winter 784/5 in Eresburg und hielt von da aus die widerspenstigen Sachsen durch stete Angriffe in Atem. Dann berief er eine Reichsversammlung in Paderborn. Die mosellanischen Annalen geben an, daß auch Sachsen an der Versammlung teilnahmen. Nach gepflogener Beratung wurden die strengsten Verordnungen zur Erhaltung der Kirche getroffen. Es ist ein schmerzlicher Anblick, den Stamm, der seine Unabhängigkeit und seine Religion verteidigte, immer aufs neue überwunden zu sehen. Aber die Sachsen unterlagen einer Macht, welche die Sache der Religion und der mit ihr verbundenen allgemeinen Kultur nach allen anderen Seiten hin, auch der moslimischen, verteidigte, – einer allgemeinen politischen und kirchlichen Notwendigkeit. Karl war der Vollstrecker der Weltgeschichte ... Der Gedanke, daß man in den Sachsen Anbeter der Dämonen verfolge, tritt vor allem in der Taufformel hervor, die ihnen vorgeschrieben wurde. Wie einst bei der Taufe Chlodwigs die Franken, so sagten sich jetzt die Sachsen von dem Satan los, von ihren alten Göttern, den Werkzeugen desselben, Wodan, Donar, sowie den übrigen Unholden, die ihre Genossen seien, und schlossen sich dem Bekenntnis der Dreieinigkeit an, wie es jetzt in der germanischen und romanischen Welt überhaupt herrschte. Der Frankenkönig hatte die Freude, auch den gefährlichsten Verfechter des Heidentums zu diesem Bekenntnis herüberzuziehen. Widukind und dessen Freund Abbio kamen zu ihm, wie er ausdrücklich gefordert hatte, nach Francien, nicht jedoch, ohne daß ihnen Geiseln gestellt wurden, welche ihre Sicherheit verbürgten. Der König empfing sie selbst und ihr zahlreiches Gefolge in seiner Villa Attigny, wo sie dann in der vorgeschriebenen Form getauft worden sind. Karl selbst war der vornehmste der Taufzeugen. * Die Züge des Kaisers gegen die Sachsen erschienen nicht eigentlich als Eroberungskriege, sie wurden durch die vorangegangenen Versprechungen und die enge Verbindung des Kaisers mit dem Papsttum gerechtfertigt. Er kam in den Fall, die grausamsten Strafen über seine kirchlichen und politischen Gegner zu verhängen. Auch hierbei wurde er immer von einer Faktion, die ihm anhing, gegen eine andere, die ihm widerstrebte, unterstützt. Aber man weiß, Faktionen sind kaum jemals zu überwinden. Auch nach erfolgter Entscheidung der Waffen erhob sich der lokale Widerstand aufs neue. Karl der Große meinte das Land nur durch Wegführung seiner unversöhnlichen Gegner beruhigen zu können. Mit den Unterworfenen trat er dann in ein friedliches Verhältnis. Diese Kämpfe zweiter Hand bilden mehr einen Teil der deutschen und norddeutschen Geschichte als der allgemeinen. Von universaler Bedeutung aber sind die Bestimmungen, auf deren Grund der Friede nicht etwa in aller Form geschlossen worden, aber doch zustande gekommen ist. Die wesentlichste ist ohne Zweifel die Unterwerfung unter die kirchlichen Institutionen mit Einschluß der Zahlung des Zehnten, die doch den Neubekehrten sehr beschwerlich fiel. Alle die, welche sich anschlossen, sollten von anderen Lasten frei sein. Es lag doch eine gewisse Konzession darin, wenn von einem Tribut, wie ein solcher jahrhundertelang bestanden hatte, Abstand genommen wurde. Jede Unterscheidung sollte aufhören; die Sachsen sollten den Franken gleichgeachtet werden und mit ihnen zusammen ein Volk bilden. Auch diese Bestimmungen fanden noch immer Widerspruch. Der angebliche Friede war zugleich eine Kriegserklärung für die, welche ihn nicht annahmen, die dann dafür mit den äußersten Strafen heimgesucht wurden. Wenn ich nicht irre, hat dabei auch eine Rücksicht auf die auswärtigen Verhältnisse mitgewirkt, welche die Herstellung der Ruhe im Reiche notwendig machte. Aber im allgemeinen behielt der Gedanke der Vereinbarung die Oberhand. So fand nach so langen, hartnäckigen, blutigen Kämpfen doch zuletzt eine Accession der Oberhäupter und des mit ihnen einverstandenen sächsischen Volkes zu dem Frankenreiche statt. Von den Stammesunterschieden sollte, zumal sich alle zu derselben Kirche bekannten, nicht mehr die Rede sein. König und Papst Das Kaisertum, welches die Präsumption hatte, die oberste Gewalt in der Welt zu besitzen, war damals unfähiger als je, diesen Anspruch zu behaupten. Auch den Occident, von dem es doch ausgegangen war, und seinen Einfluß auf den römischen Stuhl hatte es verloren. Ein absoluter Gegensatz gegen das, was im Abendlande vorging, lag darin, daß sich, was noch niemals vorgekommen war, eine leidenschaftliche Frau in den Besitz der höchsten Autorität gesetzt hatte. Nicht gerade daher ist der Übergang der imperatorischen Gewalt an das fränkische Großkönigtum entsprungen, aber es traten Umstände ein, welche denselben unmittelbar herbeiführten. Papst Leo III., der Nachfolger Hadrians, ist den römischen Nachrichten zufolge durch ein Zusammenwirken des römischen Volkes und der Großen gewählt worden; von einer Anfrage an den Kaiser von Konstantinopel vor der Konsekration wird nichts gemeldet. Seine erste Handlung war, dem alten Chronisten zufolge, daß er dem König Karl die Schlüssel der Confessio Petri und die Fahne der Stadt Rom zusandte. Alles schien also beim alten bleiben und auf dem eingeschlagenen Wege fortgehen zu sollen. In dem Antwortschreiben drückt König Karl den Wunsch aus, das Verständnis, in dem er zu dem Vorgänger gestanden, mit dem Nachfolger fortzusetzen; er will immer Verteidiger der römischen Kirche sein. Gleich in diesem Briefe kommen jedoch Andeutungen vor, welche nicht eben ein großes Vertrauen auf den Papst beweisen; der König ermahnt ihn, den kanonischen Satzungen und dem Vorbild seines Vorgängers zu folgen, wenn er Gehorsam finden wolle wie dieser; eindringend läßt er ihn besonders vor dem Verbrechen der Simonie warnen. Das Verhältnis ist fast das Gegenteil von dem, was man erwarten sollte: moralische Anmahnungen werden nicht von dem Papst an den König, sondern von dem König an den Papst gerichtet. Besonders bemerkenswert ist die Idee, welche Karl über die beiden Gewalten ausspricht, »Uns«, sagt der König, »liegt es ob, die katholische Kirche mit den Waffen nach außen zu verteidigen; Euch aber, Heiliger Vater, mit gen Himmel erhobenen Händen uns in unserm Dienst zu unterstützen.« Der König behält sich die Herrschaft in den praktischen Geschäften vor, in dem Papst sieht er den Repräsentanten der Kirche, den Hohenpriester, der durch seine Gebete die Unternehmungen des Königs, zu denen dieser ja selbst im Interesse des Glaubens schreitet, unterstützt. Man weiß, daß dieses Schreiben von Alkuin verfaßt worden ist, und darf voraussetzen, daß die Gesinnung der Umgebung des Königs sich darin ausspricht ... Im Jahre 799 stellte es sich heraus, daß die Gewalt Leos III. keinen festen Boden unter sich habe; denn die alten Einwilligungen der Kaiser in die Wahlen hatten den Oberhäuptern der Kirche doch auch wieder eine Unterstützung gegeben. Ohne dieselben war der Papst seiner Römer nicht recht sicher. Die Familie des Vorgängers, dessen Würde und Stellung in Rom ihr Vorteil verschafft hatte, konnte es nicht verschmerzen, derselben verlustig gegangen zu sein. Was es mit den Vergehungen, die sie dem Papste schuld gab, auf sich hatte, erhellt nicht mit der Deutlichkeit, die man wünschen sollte. Die Tatsache ist die Beschuldigung selbst, welche mit der größten Zuversicht gemacht wurde, so daß man sich auf Grund derselben Leos zu entledigen dachte. Bei einer feierlichen Prozession wurde der Papst von Bewaffneten überfallen und das Volk, das um ihn war, auseinandergesprengt. Führer des Überfalles waren die Nepoten des vorigen Papstes. Sie mißhandelten Leo selbst körperlich, verletzten ihn an Augen und Zunge und brachten ihn in das Kloster St. Erasmus in eine Art von Gewahrsam. Aber der Papst hatte auch hochstehende Anhänger, welche es wahrscheinlich hinderten, daß die ihm zugedachten Mißhandlungen zur Ausführung kamen und welche ihn aus dem Kloster nach St. Peter retteten; was die einen als Wunder betrachteten, schreiben die anderen der Menschlichkeit der Schergen zu. Auch dahin verfolgen ihn seine Feinde, sie erschienen bereits auf dem Petersplatz, als eine tapfere Schar fränkischer Herkunft unter dem Herzog von Spoleto noch zu rechter Zeit eintraf, um den gemißhandelten Papst nach Spoleto abzuführen, von wo er dann seine Zuflucht in das Frankenreich nahm. Hier wurde er von dem König und seinen Franken mit der gewohnten Verehrung empfangen. Auch die Gegner Leos aber wandten sich an den König. Sie trugen demselben ihre Beschwerden über ihn vor, – sie beschuldigten ihn des Meineides, und wenn sie auch niemand von der Wahrheit dieser Beschuldigungen überzeugten, so schien es doch untunlich, einen mit so schweren Anklagen Belasteten in Schutz zu nehmen oder gar nach Rom zurückzuführen. Die Erwägungen, die man dabei pflog, erhellen besonders aus einem Briefe Alkuins, der von Karl zur Erörterung dieser Angelegenheiten herbeigezogen war, an den ebenfalls mit denselben besonders beschäftigten Erzbischof Arno von Salzburg. Man stellte sich die Frage, ob der Papst durch gerichtliches Verfahren und schwere Eidesleistung sich von dem ihm schuld gegebenen Verbrechen reinigen oder ob man zugeben solle (denn darauf schienen die Absichten seiner Feinde gerichtet zu sein), daß er das Papsttum niederlege und in ein Kloster gehe. Alkuin erklärt sich gegen das eine und das andere. Das erste habe die größten Schwierigkeiten in sich, und ein altes Kirchengesetz verbiete ja überhaupt, den Papst, der jedermann zu richten habe, selbst vor Gericht zu stellen. Das andere aber, die gezwungene Abdankung, würde die ganze Kirche verletzen: denn welcher kirchliche Würdenträger könne sich noch sicher fühlen, wenn das Oberhaupt aller gewaltsam von seinem Stuhle entfernt werde. Die Kirche stehe und falle mit dem Papst, Alkuin ist überzeugt, der eine und die andere werde stehenbleiben, Gott werde Mittel finden, sie zu retten. In diesem Sinne sprach sich Alkuin auch gegen Karl selbst aus. Sein Schreiben an den König ist in der vertraulichen Form abgefaßt, welche die gelehrte Hofgesellschaft an die Hand gab. Alkuin faßt darin die politischen Verhältnisse im großen und allgemeinen ins Auge. Von den islamitischen Völkern überhaupt absehend, gleich als existierten sie nicht, urteilt er, es gebe drei Potenzen auf Erden: den Kaiser, den Papst und den großen König. Den beiden ersten sei Gewalt angetan worden. Der Kaiser im neuen Rom [Byzanz] sei abgesetzt, der Papst im alten Rom mißhandelt worden. Aber beide ersetze der König, der nicht allein besser regiere, sondern auch an persönlicher Würde erhabener sei. Karl zog nach Rom und setzte nach einer Untersuchung Papst Leo in seine Würde wieder ein (800). Von dem Papste und seiner Umgebung ist nun der Gedanke gefaßt worden, den fränkischen König selbst zum Imperator zu erheben, wodurch er eine oberstrichterliche Autorität über Rom empfing. Soviel wir wissen, war der Kaiser nicht ohne alle Kenntnis dieser Absichten. Wenn der Schritt, den man vorhatte, dadurch begründet wurde, weil Karl in allen den Metropolen herrsche, welche früher Sitze des Reiches gewesen seien, in Italien, Gallien und selbst in Germanien, so war dies dasselbe Argument, durch welches Papst Zacharias die Übertragung der Königskrone auf Pippin motiviert hatte. Es mußte auch auf Karl selbst Eindruck machen. Der Autorität, wie er sie schon besaß, sollte nur der Name hinzugefügt werden. In der glaubwürdigsten und verständlichsten Nachricht werden wir versichert, daß ihm hierüber Vortrag gehalten ist und der König unter diesen Umständen das Ansinnen wenigstens nicht ablehnte. Abgesehen von einer positiven Einwilligung des Königs war alles zu dem Akte vorbereitet, der sich bei der Feier des Weihnachtsfestes im Jahre 800 in der Basilika des heiligen Petrus vollzog. Die geistlich-weltliche Versammlung, welche den Reinigungseid des Papstes entgegengenommen hatte, war wieder vereinigt, der König der Franken wohnte dem Hochamt bei, er kniete vor der Konfession St. Peter. Als er nun von seinem Sitze aufstand, erhob sich auch der Papst und setzte dem König eine prächtige Krone aufs Haupt. Die Umstehenden und auch das Volk begrüßten den fränkischen König mit dem Rufe: Karl, dem allerfrömmsten Augustus, dem von Gott gekrönten, großen, friedebringenden Imperator, Leben und Sieg. Ohne Zweifel war man über die Formel übereingekommen, dreimal wurde sie vor der Confessio wiederholt. Karl soll gesagt haben, hätte er das gewußt, so würde er bei der Messe nicht erschienen sein. Kaum kann man sich der Ansicht erwehren, daß der Akt eine andere, mehr weltliche Gestalt gehabt haben würde, wenn man im voraus mit ihm selbst davon gesprochen hätte. Unerwartet war ihm nur das Verfahren des Papstes in diesem Moment der Andacht. Den römischen Nachrichten zufolge entschloß sich dann der Papst zu einer Salbung des Kaisers. Die deutschen Nachrichten erwähnen nur, was von politischer Bedeutung ist, daß der Papst durch die Adoration ihm die Huldigung leistete, welche die höchste Geistlichkeit dem Kaiser darzubringen gewohnt war. Das wird sich wohl beides verbinden. Nicht ohne bestimmte, auf den Moment gerichtete Absicht war die Handlung ins Werk gesetzt worden, dieser entsprach nun der Kaiser. Die Schuldigen mußten sich vor ihm stellen. Nach einer Untersuchung, die nicht als ein Gerichtsverfahren betrachtet werden sollte, sondern nur dem neuen Verhältnis gemäß war, nach »dem Gesetz der Römer« sprach der Kaiser die Sentenz aus, welche die Angeklagten als Majestätsverbrecher zum Tode verdammte. Die Idee des Majestätsverbrechens, zwar von populärem Ursprung, aber immer die entscheidende Waffe in der Hand der Kaiser, wurde auch bei dem ersten Akte angerufen, welchen der neue Imperator ausübte. Der Inhaber der kirchlichen Autorität aber konnte diesen Spruch der weltlichen nicht wohl vollstrecken lassen; auf seine Bitten wurde die Todesstrafe in Verbannung verwandelt. Alles hängt in dieser Reihe der Vorfälle genau zusammen. Ein Gericht konnte nicht stattfinden, weil der Papst keinem Gericht unterworfen werden durfte; die geistlich-weltliche Versammlung, die sich wohl als Gerichtshof hätte konstituieren können, begnügte sich mit dem freiwilligen Reinigungseide des Papstes. Infolge dieses Aktes konnten jedoch seine Feinde, die Ankläger, noch nicht als Verbrecher angesehen werden. Sollten sie nicht unbestraft bleiben, so mußte eine höhere, die imperatorische Macht das verfügen. Vor allem dazu nun wurde eine solche auf Karl übertragen, der sie dann auch nach römischem Gesetz anwandte und die Schuldigen verurteilte. Unter den Gewalten des Kaisertums trat zuerst die autonome Jurisdiktion desselben in volle Tätigkeit. Wenn aber diese Eigenschaft des alten Kaisertums bei der Wiederherstellung desselben im damaligen Rom maßgebend gewesen ist, so wird doch niemand meinen, daß sie innerhalb dieser Kreise sich zu halten bestimmt war. Es ergänzt sich wechselweise, daß der Papst als keinem Gericht unterworfen, also seine volle Souveränität anerkannt, zugleich aber in dem neuen Kaisertum eine Macht geschaffen ward, mit welcher die höchste jurisdiktionelle Autorität verbunden war; der Papst selbst bietet die Hand dazu. Dies Auftreten der beiden Gewalten mit dem Anspruch beiderseitiger Unabhängigkeit ist ein großes politisches Ereignis, es konstituiert ein Hauptmoment der Geschichte des Abendlandes überhaupt. Man hat später die Ansprüche der weltbeherrschenden Päpste damit erklären wollen, daß sie ja die oberste Gewalt, das Kaisertum, auf Karl übertragen hätten. In der Tat aber bestand das Königtum bereits als die erste Autorität im Abendlande, sie nahm das Papsttum in ihren Schutz, das Kaisertum war faktisch mehr eine Annexion an das Königtum. Aber in der Idee war es doch wieder eine andere Autorität von unbegrenztem Umfang, die dem König dadurch zuwuchs. Man kann da wohl von Zufälligkeiten, die auch andere hätten sein können, abstrahieren. Die Entscheidung entsprang mit innerer Folgerichtigkeit aus dem Konflikt der drei Mächte, welche Alkuin bezeichnet hatte. In dem Moment, in welchem das [oströmische] Kaisertum null und nichtig war, vereinigten sich das Papsttum und das Königtum, um ihre gegenseitige Unabhängigkeit zu garantieren. Schon oft war von der Aufrichtung eines occidentalischen Reiches neben dem orientalischen die Rede gewesen, andeutungsweise schon zwischen Antonius und Augustus, dann später in dem Bruderkampfe der Söhne des Septimius Severus, hierauf bei den Verabredungen zwischen Valentinian I. und Valens, immer aus Gründen, die in der Verschiedenartigkeit der Gebiete lagen. Unter der Herrschaft des theodosianischen Hauses war ein Versuch dazu gemacht worden, ein Hof zu Ravenna entstand neben dem Hofe von Konstantinopel. Der Anlaß zu diesen Entwürfen und Versuchen lag immer in der Doppelseitigkeit der Anstrengungen, die zur Erhaltung des Reiches im Orient und Occident gemacht werden mußten. Gerade diese Notwendigkeit aber verhinderte auch die Ausführung des Gedankens. Im Orient konnte das römische Reich der Kräfte des Occidents, im Occident die eingreifende Autorität des Hofes von Konstantinopel nicht entbehren. Jetzt aber war dies Weltverhältnis von Grund aus verändert. In der exklusiv-griechischen Gestaltung, dem sogenannten Byzantinismus, welchen der Hof von Konstantinopel eingenommen hatte, war er überhaupt unfähig, im Occident einzugreifen. Die lateinische und die griechische Welt, jede für sich selbst entwickelt, schieden sich voneinander. Es konnte geschehen, daß das Papsttum in Rom, das sich schon von jeder Einwirkung von Konstantinopel losgerissen hatte, in eine Verbindung mit dem im Occident emporgekommenen fränkischen Königtum trat, bei welcher von den Beziehungen zu Byzanz nicht mehr die Rede war. Diese Koalition war nun zu einer kirchlich-weltlichen Macht erwachsen, welche fremde Einwirkung überhaupt nicht zuließ, so daß die Idee des occidentalischen Imperiums realisiert werden konnte. Daß dem Papsttum an sich ein Recht innegewohnt hätte, das Imperium von Konstantinopel an den Frankenkönig zu übertragen, dürfte doch niemand behaupten. Es war eine Sache nicht der Willkür, sondern der Notwendigkeit, in der Verflechtung der großen Angelegenheiten begründet: denn eine einheitsvolle Gestaltung des Occidents, welche den König und den Palast in sich begriff, war nun einmal das allgemeine Bedürfnis. Der König hatte dieselbe zuerst in kirchlicher Hinsicht zur Geltung gebracht, der Papst fügte den politischen Akt hinzu, daß er ohne alle Rücksicht auf das Herkommen den König zum Imperator krönte. Das Abendland bildete ein Gemeinwesen für sich, welches ebensowohl der geistlichen wie der weltlichen Unabhängigkeit bedurfte. Die Übertragung des imperatorischen Namens von der einen, die Annahme desselben von der anderen Seite war doch, wie groß auch die Neuerung sein mochte, die darin lag, zugleich nur eine Bestätigung des schon Geschehenen. Es war die Vollendung einer neuen Macht, die sich eben im Abendland konsolidierte. Papst Leo hat nicht etwa das abendländische Kaisertum gegründet, er hat es nur anerkannt, indem er sich unter seinen Schutz stellte, und ihm seinen Namen gegeben. Vergegenwärtigen wir uns nun die Zustände des Reiches, das jetzt mit verdoppeltem Anspruch auftrat, im Innern, hauptsächlich aber sein Verhältnis nach außen. Kulturelle Tätigkeit Bei seinem zweiten Aufenthalt in Rom im Jahre 781 trat Karl mit den Trägern der Gelehrsamkeit, welche den allgemeinen Umsturz überdauert hatten, in unmittelbare Verbindung. Es war damals, daß er den Geschichtschreiber der Langobarden, Paulus Diaconus, an sich zog und nach Metz schickte, um die Grabstätten des königlichen Hauses mit Epitaphien auszuschmücken, die den in Italien aufbehaltenen entsprachen. Ein wohlbewanderter Grammatiker, des Namens Petrus aus Pisa, folgte dem Hofe als Lehrmeister in den gelehrten Sprachen. An sich wertlos, hat doch der versifizierte Wettstreit zwischen beiden darin Interesse, daß die poetischen Größen des Altertums, Homer und Virgil, selbst Horaz und Tibull, in Erinnerung kommen. Der König nahm an diesen Studien, die wie eine Spielerei aussehen, aber doch eine Tendenz von allgemeiner Bedeutung in sich schlossen, persönlichen Anteil: denn eben darauf kam es an, die Beziehung zu dem Altertum wieder zu erneuern, was dann über den nächsten Zweck des gelehrten Unterrichts hinaus erhob. Nie ganz anders als dort in jenem isolierten Reiche der Mitte: die Studien gewannen einen universalkulturhistorischen Inhalt, der wieder mit der Weltstellung zusammenhing, welche das Großkönigtum Karls einnahm. Bei weitem der bedeutendste unter den Gelehrten, die Karl herbeizog, war der Angelsachse Alkuin. In der literarischen Gesellschaft des Hofes tritt Alkuin als Flakkus auf, der König erhält den Namen David. Der König von Juda wird gleichsam als Vorbild des Großkönig der Franken betrachtet; er ist von Gott erwählt, er hat nach allen Seiten die Völker gebändigt und ist zugleich der Psalmist Israels. So schwingt Karl das Schwert seiner siegreichen Macht in der Hand und läßt die Posaune des Glaubens erschallen; er ist zugleich Fürst und Lehrmeister, unter dessen Schutze die Christen der Ruhe genießen und allen heidnischen Völkern furchtbar werden. Man kann hier, wenn ich nicht irre, eine zwiefache Einwirkung der Verbindung des Reiches mit der Kirche unterscheiden. Die eine bestand in der Überlieferung des Dienstes und der Doktrin, sie bildet den vornehmsten Gegenstand des Eifers, welcher die Ausbreitung der Religion bezweckte. Nicht so konform war die andere. Ohne auf die Einzelheiten der Studien einzugehen, nimmt man doch wahr, daß dem Altertum, welches der Orthodoxie vorausgegangen und von ihr nicht vollkommen absorbiert worden war, ein geistiger Einfluß gesichert wurde: was dann wieder zu einer Opposition innerhalb des Systems führte. Die Briefe Alkuins an den König sind deswegen lesenswürdig, weil sie über die gewohnten klerikalen Begriffe doch weit hinausgehen. Den Beruf des Königs sieht Alkuin darin, das Schlechte zu verbessern, das Rechte zu behaupten und zu befestigen und das Heilige zu erhöhen. Er bespricht einmal ausführlich, wie die Neubekehrten vorbereitet werden sollen, die Taufe zu empfangen. Er geht von dem Grundsatz aus, die körperliche Abwaschung durch die Taufe würde nichts nützen, wenn nicht der Geist in dem christlichen Glauben vorher unterrichtet worden sei. Der Unterricht müsse besonders die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele hervorheben, an welche alles andere anknüpft. In vielen dieser Briefe findet man kalendarische Erörterungen, bei denen Alkuin auf astronomische Anschauungen zurückkommt, die er unter andern auch aus Plinius geschöpft hat. Er bezeichnet den König Karl als einen Mann, der vor allem Grund und Ursache der Dinge einsehen wolle, als einen Erforscher namentlich in bezug auf die Erscheinungen in der Natur. Er selbst gibt ihm Nachricht von der Eröffnung einer Schule, deren Lehrzyklus eben dem Muster entsprach, das in den angelsächsischen Schulen, namentlich der Yorker, aus welcher Alkuin hervorgegangen war, gegeben war. Wie einst bei der Einführung des Christentums in Germanien, so übten die Angelsachsen auch bei der Begründung der gelehrten Studien nochmals den größten Einfluß aus. Die angelsächsische Kirche, die ja einen Teil der occidentalen überhaupt ausmachte, bildete für die analogen Bestrebungen im fränkischen Reiche das Muster. Die kirchliche Rechtgläubigkeit verband die Völker auf beiden Seiten des Kanals, ohne daß hierbei das Wort des römischen Stuhles durchaus maßgebend gewesen wäre. Mit der angelsächsischen verbündet, trat die fränkische Kirche zur Zeit Karls des Großen sehr selbständig auf, gemäß ihrem eigenen Bedürfnis ... Verwaltung Die karolingische Macht war im Gegensatz mit der merowingischen emporgekommen. Der Heerbann, welcher Karl den Großen umgab, bestand aus den Verbündeten seiner Macht und Erhebung. Dem schlossen sich alle Stämme an, welche, durch die Gewalt der Waffen in die Enge getrieben, die Rettung nur darin sahen, daß sie die höhere allgemeine Autorität anerkannten. Niemals hat es ein Reich gegeben, in welchem die Gewalt überlegener Waffen und die Freiwilligkeit der Unterwerfung so enge ineinandergreifen. Die Sachsen nahmen fortan, wie zum Teil schon vorher, an den Heeres- und Reichsversammlungen teil, welche die gesetzgebende Gewalt besaßen. Auf diesen Versammlungen sind die Kapitularien ausgefertigt worden, die die Administration und Rechtsverfassung bestimmten, immer jedoch in Abhängigkeit von dem König. Die Kapitularien sind unschätzbare Dokumente nicht allein des bestehenden Zustandes, sondern der historischen Entwicklung überhaupt. Ihren Inhalt aber auch nur annähernd zu wiederholen, würde zu Diskussionen führen, die in der allgemeinen Geschichte nicht an ihrem Platze wären. Ich will nur ein Moment hervorheben, das in dem historischen Gange der Begebenheiten liegt. Der Natur des aus heterogenen Teilen zusammengesetzten Reiches entsprach es, daß Karl die Rechtsgewohnheiten der Stämme, die sich ihm angeschlossen hatten, zu erhalten bemüht war. In dem Jahre 802, wo er keinen Krieg zu führen hatte, beschäftigte er die Reichsversammlung mit einer Durchsicht aller geistlichen und weltlichen Gesetze. Er unterwarf die Rechtsbücher einer Revision; er suchte die auffallendsten Ungerechtigkeiten zu heben, ihre Widersprüche untereinander abzustellen; aber die alten Gesetzbücher ließ er doch bestehen. Ein allgemeines Recht einführen zu wollen lag ihm ferne. Mit diesem konservativen Element mischten sich aber überall die Erfordernisse der Reichsregierung. Aus diesen ist besonders das Institut der Grafen hervorgegangen. In dem ganzen weiten Gebiete romanischer und germanischer Bevölkerung wurde die höchste Gewalt in bezug auf Recht und Verwaltung von den Grafen ausgeübt, die den König repräsentierten, aber zugleich, da sie den Gerichten vorstanden, mit der ältesten Landesverfassung in unmittelbaren Kontakt gerieten. Die Gerichtsverfassung beruhte eigentlich noch auf den frühesten Gewohnheiten, die Gerichtsstätten dienten zugleich zur Einberufung des Heerbannes, zur Proklamation der Regierungsverfügungen überhaupt. Ursprünglich lag in dem Institut der Grafen das Zugeständnis einer gewissen Selbständigkeit der lokalen Verwaltung. Aber Karl der Große setzte Grafen seiner eigenen Wahl ein, die er auch wieder abberufen konnte, wenn er zuweilen sogar Freigelassene mit der Grafengewalt bekleidet hat, so ist daß doch nur sehr ausnahmsweise geschehen; in der Regel mußten es schon nach einer alten merowingischen Verfügung Eingeborene der verschiedenen Provinzen sein. In Sachsen gründete Karl seine Regierung darauf, daß er die Vornehmsten des Landes, die ja Partei für ihn ergriffen hatten, zu Grafen bestellte, selbst auf Lebenszeit: denn darin besteht ein nicht zu übersehender Zug dieses großen Regenten, daß er die einmal ergriffenen Grundsätze doch nicht hartnäckig festhielt, sondern den Umständen Rechnung trug. Ihm lag alles daran, das System im großen und ganzen zur Geltung zu bringen. Dies aber enthielt nicht allein das Prinzip der Regierung und Verwaltung, sondern auch der Erhaltung des Überkommenen bis auf einen gewissen Grad. Die Gerichtsverfassung bildet einen Teil der fränkischen Verfassung überhaupt. Infolge der Einwanderung hatte das salisch-fränkische Recht bereits in den neustrischen Gebieten die Oberhand erhalten; ebenso auch in Burgund, Aquitanien und Septimanien; das westgotische Recht hat sich da nur ausnahmsweise und in einigen Beziehungen behauptet. Größeren Widerstand leistete das schon ausgebildete langobardische Recht, obgleich in Italien das fränkische Rechtsverfahren sich ebenfalls Bahn machte. In Rom ist es einmal zu einem Zusammenstoß der salischen mit den römischen Rechtsgewohnheiten gekommen. In der Grafengewalt waren noch andere Befugnisse begriffen, welche weit über die Rechtspflege hinausgingen. Der Graf hatte den Frieden zu erhalten, welcher auf der Schutzgewalt des Königs beruhte, er konnte sogar die Acht aussprechen. Man hat nicht mit Unrecht gesagt, daß die Gauverfassung ein republikanisches Element in sich enthalte; es knüpfte an die uralten, einheimischen Gewohnheiten an. In den Namen der karolingischen Gaue findet sich ein Anklang an die alten unabhängigen Völkerstämme der taciteischen Zeit; Hamaland erinnert an die Chamaven. Unter Karl dem Großen bestanden noch die Hundertschaften, die Vorsteher des Volkes, die darin erwähnt werden, der Richter, Thunginus, und, wie mir scheint, auch die Rachimburgen gehören dem alten Volksrecht an. Sie wurden durchaus gewählt; das Recht, das in ihren Urteilen erscheint, ist das alte Volksrecht. Aus den Verordnungen Karls des Großen sieht man, daß er darauf Rücksicht genommen hat, eben indem er es bekämpfte. Unter anderem duldete er nicht, daß man sich wie ehedem bewaffnet versammeln dürfe. Unter ihm hatte der Waffendienst einen anderen Charakter bekommen. Dieser Gegensatz zwischen dem Altherkömmlichen, welches seine Grundlagen in der Freiwilligkeit hat, mit welcher die oberste Gewalt doch zuletzt anerkannt worden war, und dem durch die Waffen auferlegten Gehorsam, ohne welchen die Regierung nicht bestehen konnte, bildet den Charakter der karolingischen Gesetzgebung. Eigentümlich bezeichnend ist hierfür das Institut der Missi [Königsboten], die in späteren Jahren, eigentlich erst nach der Kaiserkrönung, eingesetzt worden sind: denn die kaiserliche vollendete die Autorität des Herrschers auch über die geistliche Gewalt. In einem Kapitulare vom Jahre 802 lesen wir, der Kaiser habe die verständigsten und einsichtsvollsten Männer seines Reiches aus beiden Ständen um sich versammelt, Leute, welche, wie ein Annalist hinzufügt, keine Geschenke zu nehmen brauchten, um überall Recht und Gerechtigkeit auch gegen die Armen auszuüben. Dies ist der Ursprung der Missi für bestimmte Territorien, so daß sie fast eine Territorialgewalt ausübten. Besonders mächtig erscheinen sie in Sachsen, wo sie die Landesversammlungen zu berufen haben; auch in Italien repräsentieren sie die Reichsgewalt unmittelbar. In zweifelhaften Fällen werden sie an die Reichsversammlung verwiesen. Sie sind besonders wichtig, weil sie auch die geistlichen Geschäfte besorgten und den Kirchen das Ihre erhalten sollen, was ihnen entzogen ist. Das Zusammenwirken von geistlicher und weltlicher Gewalt ist sehr merkwürdig. Die Gaue treffen in der Regel mit den Archidiakonaten zusammen, die Centenen, die Hundertschaften entsprechen den Landkapiteln. In dem großen Gemeinwesen greift in den niederen geistlichen Kreisen alles zusammen; von den höheren, den Erzbischöfen und Bischöfen, ist ebenso gewiß, daß sie der alten Stammesverfassung eher widerstrebten. Auf dem Zusammenwirken der gräflichen und bischöflichen Gewalt, von welcher die eine die andere unterstützen oder auch die Aufsicht über sie führen sollte, beruhte die innere Regierung. Über die hohen Geistlichen übte Karl der Große, wie schon angedeutet, eine leitende Autorität aus, er setzte die höchsten Würdenträger ein und ab. Dabei wurde doch die Unabhängigkeit der Geistlichen nicht gebrochen, die wieder ihr eigenes Oberhaupt hatten. Das gehörte dann ebenfalls zu den Momenten, die dem Reiche einen von der absoluten Monarchie verschiedenen Charakter gaben. Der Fortgang der geistlichen Institute hatte nicht allein auf die geistige Bildung eine günstige Einwirkung, sondern selbst auf den wirtschaftlichen Zustand. Die große Wildnis, welche Germanien seit Cäsars Zeiten bedeckte, mußte erst durchbrochen werden, wozu denn nichts mehr beigetragen hat als die Klöster, die zugleich die Mittelpunkte der literarischen Kultur gebildet haben, die sich seitdem ununterbrochen fortgesetzt hat. Charakter des Reichs. Welch eine Fülle von mannigfaltigen Lebenskräften aber umschloß das Reich Karls des Großen. Es war zugleich ein Reich von einheitlichem Charakter und eine Völkergenossenschaft, die nicht ohne Akte der Freiwilligkeit sich dem Kern der höchsten Gewalt angeschlossen hatte. Da ließen sich noch die Elemente erkennen, aus denen es erwachsen war. Das westgotische Reich war wenigstens nicht vollkommen untergegangen, das langobardische bestand noch in seiner vollen Ausdehnung; doch auch da waren noch die ostgotischen Grundlagen zu erkennen, so weit sie sich einst dem römischen Reiche in ihrer Besonderheit opponiert hatten. Die Epoche der römischen Weltherrschaft hatte noch tiefe Nachwirkungen zurückgelassen. Über die beiden Teile hatte der langobardische Einfluß triumphiert, er war jetzt selbst der größeren Macht untertan, aber noch immer lebenskräftig. Ein rechtes Beispiel der selbständigen Bildungsfähigkeit gab das damals zwischen beiden Reichen emporkommende Venedig. Verwandte Bestrebungen regten sich auch in den unteritalienischen Bezirken und wurden, wie die Folge gezeigt hat, auch in allen Munizipien des mittleren und oberen Italiens durch die Verfassung genährt. Der Gegensatz zwischen romanischer und germanischer Volkstümlichkeit trat nach und nach zurück, aber die Elemente der römischen Kultur wurden durch die Rechtsbücher Justinians, deren Wirkung nach außen hin eben hierin liegt, und die Kirche, deren Sprache die lateinische war, mit stets erneuter Kraft repräsentiert. Wir haben bemerkt, daß darin zugleich eine Fortsetzung der Kultur der Alten Welt lag. Wenn in Konstantinopel der Staat, die Kirche, die bewaffnete Macht zusammengriffen, so wirkte diese Verbindung auf die westliche Welt nur als ein Impuls der Kultur zurück. Die kirchlichen Institutionen waren eben dazu angetan, diese Beziehungen zu den Anfängen der Menschengeschichte zu erhalten, in legitimer Folgerichtigkeit, welche in dem Islam abhanden gekommen war. In der Verbindung zwischen Kaisertum und Papsttum lag die Kontinuität der Weltgeschichte. Die feste Überzeugtheit von dem göttlichen Ursprung der Heiligen Schrift gehörte dazu, um die Gemüter mit Hingebung für diese Idee zu erfüllen. Zu dieser Gesamtheit waren auf der einen Seite die Bretonen herbeigezogen worden, d. h. die Reste der keltischen Nationalität, die einst den gesamten Occident beherrscht hatte. Auf der anderen die Germanen. Was die Romanen abgesondert nicht vollbracht hatten, die völlige Überwältigung der Kelten, das führten sie in ihrer Verbindung mit den Germanen durch. Diese Verbindung war nun das vorwaltende Ereignis der ganzen Epoche. Will man sich vergegenwärtigen, was darin lag, so braucht man nur die Gegensätze, die sich später entwickelten, ins Auge zu fassen. Frankreich und Deutschland bildeten ein einziges Ganze, in welchem das germanische Element überwog, ohne doch das romanische zu unterjochen. Es hatte sich in den Majordomaten in Burgund und Neustrien erhalten, die an das Fürstentum von Austrasien übergegangen waren. Das größte Gewicht lag aber doch immer in der Vereinigung der germanischen Völker mit dem neuen Königtum. Das merowingische, das noch selbst auf altgermanischen Traditionen beruhte, wäre dazu nicht fähig gewesen. Es wäre weder der Alemannen noch der Bayern, am allerwenigsten der Sachsen jemals mächtig geworden. Die höchste Gewalt mußte des Stammesverhältnisses, aus dem sie hervorgegangen war, wieder entkleidet werden. Dann konnte in den unteren Kreisen das Stammesgefühl noch immer fortleben, selbst in den Rechtsinstituten. Die germanischen Gaue bestanden, wie die gallischen Civitates, mit dem Anflug der Selbständigkeit, aus dem sie hervorgegangen waren. Die höchste Gewalt aber, die durch Heerbann und Geistlichkeit um den Fürsten her gebildet wurde, repräsentierte sich wieder in den Instituten, welche die Gesamtheit zusammenhielten. Die verschiedenen Nationalitäten nahmen an den Reichstagen teil. Die Einheit des Willens aber gehörte dazu, um sie zu dominieren, die Idee der Kirche, um sie zu vereinigen. Diese Idee volkstümlicher und religiöser Natur erschien als Pflicht und bildete das Prinzip des allgemeinen Systems. Karls Persönlichkeit. Einer besonderen Charakteristik bedarf es eigentlich bei Karl dem Großen nicht. Die Geschichte seines persönlichen Lebens liegt in seinen Handlungen, ihrer Aufeinanderfolge, Begründung und Bedeutung. Man darf ihm nicht die Genialität seines Vaters, der neue allumfassende politische Kombinationen begründete, zuschreiben, auch nicht die selbst einem stärkeren Feinde gegenüber allezeit schlagfertige Haltung seines Großvaters; eine Schlacht von Poitiers hat er nicht gewonnen. Aber seine Kriegszüge zeugen von angeborenem strategischen Talent, und in der Durchführung des politischen Systems seines Vaters war er doch Original. Er ließ die Dinge kommen, dann ergriff er den rechten Moment, um seinen Erfolg zu sichern. In der immer gefährdeten Stellung, die er innehatte, bewahrte er eine innere Ruhe, die ihm gestattete, den Blick nach verschiedenen Seiten zu richten, und während er das eine ausführte, das andere vorzubereiten. Alles war bei ihm Überlegung, Folgerichtigkeit, Umfassung; er sorgte dafür, daß alles, was er tat, gerechtfertigt erschien. Karl war der oberste Kriegsherr, der Kirche ergeben, aber nicht dienstbar, er übte das Richteramt in höchster Instanz unerbittlich bis zum Vorwurf des Blutvergießens aus, zugleich leitete er die Administration eines großen Reiches mit durchgreifender Umsicht, – ein heroischer Überwinder, ein Herrscher, der keinen Widerspruch ertrug; dann aber Landesvater. Er hatte Sinn für die Verwaltung im einzelnen. In einem seiner berühmtesten Kapitulare erscheint er als Großgrundbesitzer, alle Zweige der Landwirtschaft umfaßte er mit eingehender Sorgfalt, den Gesichtspunkten gemäß, in denen er lebte. Ein echter Germane, der den Landbesitz mit dem Imperium in Verbindung brachte. Es gibt eine angeborene Gabe, zu herrschen und zu regieren; Karl besaß sie wie selten ein anderer Gewalthaber. In allem, was er tat, nimmt man den Impuls der Gegenwart wahr, zugleich die Konservation des Vergangenen und einen allgemeinen Überblick, der in die Zukunft reicht. Ein rechtes Denkmal für ihn ist der Münster zu Aachen, der eben in den Zeiten gebaut worden ist, als sich sein Großkönigtum in ein Kaisertum verwandelte. Eine Nachbildung byzantinisch-italienischer Bauten, doch von einem einheimischen Meister, Odo, ausgeführt, zugleich Schloßkapelle und Grabmonument. Man wird darin an die Hagia Sophia erinnert, glaubt aber auf der anderen Seite die architektonischen Motive, die zur Errichtung späterer Dome geführt haben, zu erkennen. Die dominierende Gewalt, die Karl besaß und ausübte, hinderte ihn nicht, nach allen Zeiten hin Auge und Sinn offenzuhalten. Indem er an die Stelle der römischen Imperatoren trat, nahm er die Reste der alten Literatur mit naiver Wißbegierde unter seine Protektion. Indem er das Stammeswesen in Germanien zerstörte, behielt er doch Sinn für die germanische Poesie; er betete nach dem Kirchenritus in lateinischer, zugleich aber auch in seines Herzens Inbrunst in deutscher Sprache. Er konnte sich mit dem kaiserlichen Purpur schmücken, aber er zog doch die fränkische Tracht jeder anderen vor. Bei seinen kriegerischen Unternehmungen vergaß er doch seiner Häuslichkeit nicht. Wir gedenken eines Kriegsberichtes an seine zweite Gemahlin, beim Tode seiner ersten fielen ihm schwere Tränen zwischen Schild und Schwert herab. Er hat sich ihrem Einfluß nicht ganz entzogen. Hildegarde, die Schwäbin, verwendete sich immer zugunsten der milderen, die Frankin Fastrada für die härteren Maßregeln. Seine dritte Gemahlin, Liutgarde, die er nur ein paar Jahre besaß, wird hauptsächlich wegen ihrer religiösen Gesinnung gerühmt. Dem Kaiser sind mehrere natürliche Kinder geboren worden, die zum Teil noch jung waren, als er starb. Er empfahl sie der Fürsorge seines Nachfolgers Ludwig. In den späteren Jahren seines Lebens hielt er sich am meisten in Aachen auf. Nicht allein durch die zentralgeographische Lage, sondern auch durch die warmen Bäder und die Nachbarschaft großer Jagdbezirke wurde er an diese Örtlichkeit gefesselt, von aller Welt wurde er daselbst aufgesucht, was denn die Jahrbücher fleißig verzeichnen. Er liebte es, Fremde bei sich zu sehen, und versammelte wohl zuweilen die eingetroffenen zu großen Gastgeboten, in der Regel aber beschränkte er sich auf seine häuslichen Umgebungen. Man sah ihn, seine Söhne zur Seite, zur Jagd ausreiten. Hinter ihnen folgten die Töchter, die er nicht verheiraten mochte. Man sagt, er habe sich nicht von ihnen trennen wollen, was ja sehr begreiflich wäre. Aber es gab auch niemand, mit dem er sie hätte vermählen können, ohne Ansprüche zu erwecken, die ihm unerträglich waren. Er war vertraulich mit jedermann, einfach, unschwer zu gewinnen und zuverlässig in der einmal gefaßten Gesinnung, wie sich denken läßt der Gegenstand der allgemeinen Verehrung, eine hohe Gestalt von starkem Gliederbau, dem nur der Klang seiner Stimme nicht vollkommen entsprach. Er erschien ehrwürdig in seinem greisen Haupthaar, mochte er stehen oder sitzen. Fünftes Kapitel Entstehung des Deutschen Reiches Nicht immer aber konnte es eine so gewaltige, gebietende Persönlichkeit geben, und für die Entwicklung der Welt, die Karl der Große gegründet, kam nun alles darauf an, wie die Elemente, aus denen sie zusammengesetzt war, sich gegeneinander verhalten, sich verschmelzen oder abstoßen, sich vertragen oder bekämpfen würden. Denn nur aus der freien Bewegung der inneren Triebe wird das Leben geboren. Da konnte es aber wohl nicht anders sein, als daß der Klerus zuerst seine Kräfte fühlte. Er bildete eine auch von dem Kaiser unabhängige geschlossene Genossenschaft, entsprungen und ausgebildet in den romanischen Nationen, ihr eigentümlichstes Produkt in dem letzten Jahrhundert, nunmehr auch über die germanischen ausgebreitet, wo er, durch das Mittel einer gemeinschaftlichen Sprache, immer neue Proselyten machte, immer festeren Boden gewann. * Man darf es wohl nicht in Abrede stellen, daß die Thronfolgeordnung, welche Ludwig der Fromme, ohne auf die Warnungen seiner Getreuen zu hören, im Widerspruch mit allen germanischen Ideen, im Jahre 817 festsetzte, hauptsächlich unter dem Einfluß der Geistlichen getroffen ward. Es sollten, wie Agobardus sagt, nicht drei Reiche entstehen: ein einziges sollte es bleiben; die Teilung des Reiches schien die Einheit der Kirche zu gefährden. Wie es hauptsächlich geistliche Motive sind, welche der Kaiser anführt, so wurden die getroffenen Anordnungen mit allem Pomp religiöser Zeremonie bekräftigt: mit Messen, Fasten, Verteilung von Almosen; jedermann beschwor sie: man hielt dafür, Gott habe sie eingegeben. Und nun hätte niemand sich beikommen lassen dürfen, davon abzuweichen: selbst der Kaiser nicht. Wenigstens schlug es ihm zu großem Unheil aus, als er, aus Liebe zu einem später geborenen Sohn, das doch versuchte. Die aufgebrachte Geistlichkeit verband sich mit seinen älteren, über die Art und Weise der Reichsverwaltung ohnehin mißvergnügten Söhnen: der Oberpriester kam in Person von Rom herbei und erklärte sich zu ihren Gunsten: ein allgemeiner Abfall erfolgte. Ja, diese erste Machtentwicklung genügte der Geistlichkeit noch nicht einmal. Um ihrer Sache für immer gewiß zu sein, vereinigte sie sich zu dem verwegenen Unternehmen, den geborenen und gesalbten Kaiser, dem sie jetzt nicht mehr traute, seiner geheiligten Würde, die er ihr wenigstens nicht verdankte, zu entsetzen und dieselbe auf den im Jahre 817 bestimmten Thronfolger, den natürlichen Repräsentanten der Einheit des Reiches, unmittelbar zu übertragen. Wenn es unleugbar ist, daß die geistliche Macht im achten Jahrhundert zur Gründung des Gehorsams im Reiche vieles beigetragen hatte, so schritt sie in dem neunten auf das rascheste dazu, die Herrschaft selbst in die Hände zu nehmen. Schon in der Kapitulariensammlung des Benediktus Levita wird es als einer der obersten Grundsätze betrachtet, daß keine Konstitution der Welt gegen die Beschlüsse der römischen Päpste Gültigkeit habe; bei einem und dem anderen Kanon werden die Könige, die dagegen handeln sollten, mit göttlichen Strafen bedroht. Die Monarchie Karls des Großen schien sich in einen geistlichen Staat umwandeln zu wollen. Ich fürchte nicht zu irren, wenn ich behaupte, daß es besonders die Deutschen waren, welche dieser Entwicklung entgegentraten; ja, daß ihr nationales Bewußtsein eben an diesem Widerstande erwachte. Denn von einer deutschen Nation im vollen Sinne des Wortes kann man in den früheren Epochen eigentlich nicht reden. In den ältesten Zeiten hatten die verschiedenen Stämme gar nicht einmal einen gemeinschaftlichen Namen, an dem sie sich erkannt hätten; in den Zeiten der Völkerwanderung schlugen sie sich mit so voller Feindseligkeit untereinander wie mit Fremden, verbanden sich mit denselben so gut wie mit ihren Stammesgenossen; unter den Merowingern kam der Widerstreit der Religionen hinzu, dem fränkischen Christentum gegenüber hielten die Sachsen um so starrer an ihrer Verfassung und an ihren alten Göttern fest. Erst als Karl der Große alle germanischen Stämme, außerhalb Englands und Skandinaviens, in einen und denselben geistlichen und weltlichen Gehorsam vereinigt hatte, fingen die Deutschen an, sich als Nation zu fühlen; da erst im Anfang des neunten Jahrhunderts erschien im Gegensatz gegen die romanischen Bestandteile des Reiches der deutsche Name. Da ist es nun auf immer merkwürdig, daß die erste Handlung, in der die Deutschen vereinigt erscheinen, der Widerstand gegen jenen Versuch der Geistlichkeit ist, den Kaiser und Herrn abzusetzen. Aus ihrer Vergangenheit, dem Stammesleben, worin sie sich früher bewegt, waren ihnen andere Begriffe von der Rechtmäßigkeit eines Fürsten übriggeblieben, als daß sie dieselbe von einer angeblichen Eingebung Gottes, d. i. von dem Ausspruch der geistlichen Gewalt, abgeleitet hätten. Ludwig dem Frommen, der sich namentlich um die sächsischen Großen besondere Verdienste erworben, waren sie ohnehin zugetan; leicht war ihr Widerwille gegen jene Absetzung anzufachen; auf den Ruf Ludwigs des Deutschen, der bei ihnen in Bayern Hof hielt, sammelten sich auch die übrigen Stämme, Sachsen, Schwaben und die Franken diesseits des karbonarischen Waldes, unter seine Fahnen: zum erstenmal waren sie in einer Absicht vereinigt. Da ihnen von dem südlichen Frankreich her eine analoge, wiewohl bei weitem schwächere Bewegung zu Hilfe kam, so sahen sich die Bischöfe gar bald gezwungen, den Kaiser von seiner Buße loszusprechen, ihn wieder als ihren Herrn anzuerkennen. Die erste historische Handlung der vereinigten Nation ist diese Erhebung zugunsten des angeborenen Fürsten gegen die geistliche Macht. Auch war sie jetzt nicht mehr geneigt, sich jene Abweichung von ihrem Erbrecht, die Thronfolge eines einzigen über die ganze Monarchie, gefallen zu lassen. Als nach dem Tode Ludwigs des Frommen [840], Lothar, allem, was vorangegangen, zum Trotz, den Versuch machte, das gesamte Reich anzutreten, fand er in den Deutschen anfangs zweifelhaften, aber jeden Augenblick wachsenden und endlich siegreichen Widerstand. Sie brachten seinen Truppen die erste bedeutende Niederlage bei – auf dem Rieß –, durch welche die Absonderung Deutschlands von der großen Monarchie begründet ward. Lothar trotzte auf seine von der Geistlichkeit anerkannten Ansprüche; die Deutschen, mit den Südfranzosen vereinigt, forderten ihn auf, sich dem Gottesurteil einer Feldschlacht zu unterwerfen. Da trennte sich der große Heerbann des Frankenreiches in zwei feindselige Massen, die eine mit überwiegend romanischen, die andere mit überwiegend germanischen Bestandteilen. Jene verfocht die Einheit des Reichs, diese forderte nach ihren deutschen Begriffen die Trennung. Wir haben ein Lied über die Schlacht von Fontenay übrig, in welchem ein Mitkämpfer seinen Schmerz über diesen blutigen Bürger- und Bruderkrieg ausdrückt »über diese bittere Nacht, in der die Tapfern gefallen, die Kundigen der Schlachten«; für die Folgezeit des Abendlandes war sie entscheidend. Das Gottesurteil trug den Sieg davon über den Ausspruch der Geistlichkeit: es kamen nun wirklich drei Reiche zustande statt des einen. [843] Die weltlich germanischen Grundsätze, die seit der Völkerwanderung ihre Analogien tief in die romanische Welt erstreckten, behielten den Platz: auch in den nachfolgenden Irrungen wurden sie festgehalten. Als von den drei Linien zuerst eben die abging, auf welche die Einheit hatte gegründet werden sollen, kam es zwischen den beiden anderen zu Streitigkeiten, in denen aufs neue der Gegensatz zwischen dem geistlichen und dem weltlichen Prinzip eine große Rolle spielte. Der König der Westfranken, Karl der Kahle, hatte sich ganz an die Geistlichkeit angeschlossen: seine Heere wurden von den Bischöfen angeführt; dem Erzbischof Hinkmar von Reims überließ er großenteils die Reichsverwaltung. Daher fand er, als im Jahre 869 Lothringen erledigt wurde, bei den Bischöfen auch dieses Landes eifrige Unterstützung. »Nachdem sie«, wie sie sagen, »den Gott, der die Reiche, wem er will, verleiht, angerufen, ihnen einen König nach seinem Herzen zu bezeichnen, nachdem sie dann mit Gottes Hilfe eingesehen, daß die Krone dem gebühre, dem sie dieselbe anvertrauen würden«, wählten sie Karl den Kahlen zu ihrem Herrn. Allein so wenig damals wie früher konnte dies Staatsrecht die Deutschen überzeugen. Der ältere Bruder hielt sich für nicht minder berechtigt als der jüngere; mit Gewalt der Waffen nötigte er denselben, in die Teilung von Marsna zu willigen, durch die er zuerst das überrheinische Deutschland mit dem diesseitigen vereinigte. [870] Dieser Gang der Dinge wiederholte sich, als hierauf im Jahre 875 auch Italien und das Kaisertum erledigt wurden. Anfangs setzte sich Karl der Kahle, wie dort von den Bischöfen, so hier von dem Papste begünstigt, ohne Schwierigkeit in Besitz der Krone. Aber der Sohn Ludwigs des Deutschen, Karlmann, auf das Vorrecht der älteren Linie gestützt und überdies von dem letzten Kaiser zum Erben eingesetzt, eilte mit Bayern und Oberdeutschen nach Italien und brachte sie im Widerspruch mit dem Papst als sein unzweifelhaftes Erbteil an sich. Wie viel weniger konnte es Karl dem Kahlen mit Versuchen gelingen, die er darauf an den deutschen Grenzen selber machte. Er ward hier wie dort geschlagen: das Übergewicht der Deutschen in den Waffen war so entschieden, daß sie jetzt alle lothringische Landschaften sich zueigneten. Noch unter den Karolingern zogen sie die Grenzen des gewaltigen Reiches; die Krone Karls des Großen und zwei Dritteil seiner Gebiete fielen ihnen anheim; die Autonomie der weltlichen Macht hielten sie auf das gewaltigste und glänzendste aufrecht. Sechstes Kapitel Sächsische und Fränkische Kaiser. Wie nun aber dann, wenn das herrschende Haus entweder abging oder sich unfähig erwies, die Regierung eines so großen, von allen Seiten angegriffenen, in sich selber gärenden Reiches zu führen? In den Jahren 879, 887 entschlossen sich nach und nach die verschiedenen Nationen, von Karl dem Dicken abzufallen: es ist sehr merkwürdig, wie sie sich hierbei voneinander unterschieden. In dem romanischen Europa hatte abermal die Geistlichkeit allenthalben den Vortritt. Im zisjuranischen Burgund waren es »die heiligen Väter, bei Mantala versammelt, die Heilige Synode zugleich mit den Vornehmsten«, die »unter Inspiration der Gottheit« den Grafen Boso zum König wählten. Aus dem Wahldekret für Guido von Spoleto sieht man, daß »die demütigen Bischöfe, von verschiedenen Seiten nach Pavia zusammengekommen«, es waren, welche ihn zu ihrem Herrn und König wählten, vor allem »weil er versprochen hat, die heilige römische Kirche zu erhöhen und die kirchlichen Gerechtsame aufrechtzuerhalten«. Auch die Zusagen, zu welchen sich Odo von Paris bei seiner Krönung verstand, sind lediglich zugunsten der Geistlichkeit: er verspricht, die Rechte der Kirchen nicht allein zu beschützen, sondern nach seinem besten Wissen und Können zu vermehren. Ganz anders ging die Sache in Deutschland. Hier waren es vor allem die weltlichen Großen, Sachsen, Franken und Bayern, welche sich unter Leitung eines mißvergnügten kaiserlichen Ministers um Arnulf sammelten und ihm die Krone übertrugen. Die Bischöfe, selbst der Bischof von Mainz, waren eher dagegen, und erst nach einigen Jahren verständigten sie sich durch förmliche Unterhandlung mit dem neuen Herrscher: sie hatten ihn nicht gewählt, sie unterwarfen sich ihm. Von jenem der Geistlichkeit jedesmal geoffenbarten Rechte wollten die Deutschen noch immer nichts wissen, auch jetzt noch hielten sie sich der legitimen Succession so nahe wie möglich: auch nach dem völligen Abgang der Karolinger [911] war der Grad der Verwandtschaft mit demselben eine der bedeutendsten Rücksichten, durch welche die Wahl erst auf Konrad, dann auf den Sachsen Heinrich I. fiel. [919] Konrad hatte wohl einmal die Idee, sich an die allerdings auch in Deutschland sehr mächtige Geistlichkeit anzuschließen, Heinrich war ihr dagegen von Anfang an wenig zugetan. An seiner Wahl hatte sie keinen Teil, die Sanktion durch das heilige Öl, welche dem alten Pippin und Karl dem Großen so viel wert gewesen, wies er von sich: wie die Sachen in Deutschland standen, konnte sie ihm nichts bedeuten. Vielmehr finden wir, daß er, wie er selber in seinem Sachsen die Geistlichkeit in seinem Gehorsam hielt, sie auch anderwärts den Herzogen überließ, so daß ihre Abhängigkeit größer wurde als jemals. Für ihn kam es nur darauf an, daß er mit diesen großen Gewalthabern, die ihm an Macht nicht ungleich waren, in gutem Vernehmen stand: und daß er dann andere von den Umständen geforderte wesentliche Pflichten erfüllte. Da ihm dies gelang, da er entscheidende Siege über die gefährlichsten Feinde erfocht, die allenthalben durchbrochenen Marken wiederherstellte, sich auch über dem Rhein nichts entreißen ließ, was den deutschen Namen bekannte, so hielt sich auch der Klerus notgedrungen an ihn: ohne Widerrede hinterließ er die Herrschaft seinem Hause. Es war ein Einverständnis des Hofes und der weltlichen Großen, wodurch von den Söhnen Heinrichs Otto auf den Thron erhoben wurde [936]. Zur Zeremonie der Wahl versammelten sich nur die Herzöge, Fürsten, großen Beamten und Kriegsleute; den Gewählten empfing dann die Versammlung der Geistlichkeit. Ohne Bedenken konnte Otto die Salbung annehmen: der Klerus durfte jetzt nicht mehr glauben, ihm damit ein Recht zu übertragen: Otto wäre König gewesen auch ohne die Salbung, wie sein Vater. Und so fest war diese Macht begründet, daß Otto nunmehr die von seinen karolingischen Vorfahren erworbenen Ansprüche zu erneuern und auszuführen vermochte. Die Idee des deutschen Kaisertums, die von diesen nur gefaßt, nur vorbereitet worden, brachte er zu voller Erscheinung. Er beherrschte Lothringen und verwaltete Burgund: ein kurzer Feldzug genügte ihm, um die oberherrlichen Rechte seiner karolingischen Vorfahren über die Lombardei herzustellen: wie Karl den Großen rief auch ihn ein von den Faktionen der Stadt bedrängter Papst zu Hilfe: wie dieser empfing er dafür, 2. Febr. 962, die Krone des abendländischen Reiches. Jenes Prinzip der weltlichen Selbstherrschaft, das sich den Usurpationen des geistlichen Ehrgeizes von Anfang an entgegengeworfen, gelangte hierdurch zu der großartigsten Repräsentation, zu einer vorwaltenden Stellung in Europa. Auf den ersten Anblick möchte es scheinen, als sei nun Otto auch in ein ähnliches Verhältnis zu dem Papst getreten wie Karl der Große; näher betrachtet aber zeigt sich ein nicht geringer Unterschied. Karl der Große ward mit dem römischen Stuhle durch eine von gegenseitigem Bedürfnis hervorgerufene, die Resultate langer Epochen, die Entwicklungen verschiedener Völker umfassende Weltkombination in Verbindung gebracht: ihr Verständnis beruhte auf einer inneren Notwendigkeit, durch welche auch alle Gegensätze vermittelt wurden. Die Herrschaft Ottos des Großen dagegen beruhte auf einem dem Umsichgreifen der geistlichen Tendenzen ursprünglich widerstrebenden Prinzip. Die Verbindung war momentan: die Entzweiung lag in dem Wesen der Dinge: – wie denn auch sogleich der nämliche Papst, der ihn gerufen, Johann XII., an der Spitze einer rebellischen Faktion sich gegen ihn empörte. Otto mußte die förmliche Absetzung desselben bewirken, die Faktion, die ihn unterstützte, mit wiederholter Gewalt unterdrücken, ehe er wahrhaften Gehorsam fand; den Papst, mit dem er sich verstehen konnte, mußte er erst setzen. Die Päpste haben oft behauptet, das Kaisertum auf die Deutschen übertragen zu haben, und wenn sie dabei von den Karolingern reden, so haben sie so unrecht nicht, die Krönung Karls des Großen beruhte auf ihrem freien Entschluß; bezeichnen sie aber damit die eigentlich so zu nennenden deutschen Kaiser, so ist das Gegenteil ebenso wahr: wie Karlmann, wie Otto der Große, so haben auch deren Nachfolger sich das Kaisertum immer erobern, es mit den Waffen in der Hand behaupten müssen. Man hat wohl gesagt, die Deutschen würden besser getan haben, sich mit dem Kaisertum gar nicht zu befassen, wenigstens erst ihre einheimische politische Ausbildung zu vollziehen, um alsdann mit gereiftem Geist in die allgemeinen Verhältnisse einzugreifen. Allein nicht so methodisch pflegen sich die Dinge der Welt zu entwickeln. Das Innerlich-wachsende wird schon in demselben Augenblick berufen, sich nach außen auszubreiten. Und war es nicht selbst für das innerliche Wachstum von hoher Bedeutung, daß man in ununterbrochener Verbindung mit Italien blieb, welches in Besitz aller Reste der alten Kultur war, von wo man die Formen des Christentums empfangen hatte? An dem antiken und romanischen Element hat sich der deutsche Geist von jeher entwickelt. Eben durch die Gegensätze, welche bei der fortdauernden Verbindung so unaufhörlich hervortraten, lernte man in Deutschland Priesterherrschaft und Christentum unterscheiden. Denn wie sehr nun auch das weltliche Prinzip hervorgekehrt ward, so wich man doch um kein Haarbreit von den christlich-kirchlichen Ideen ab, selbst nicht in den Formen, in denen man sie empfangen. Hatte sich doch die Nation überhaupt in denselben wiedergefunden, vereinigt, ihr gesamtes geistiges Leben knüpfte sich daran. Auch das deutsche Kaisertum erneuerte die kultivierenden, christianisierenden Tendenzen Karl Martells und Karls des Großen: Otto der Große gab denselben dadurch eine neue nationale Bedeutung, daß er mit der Ausbreitung des Christentums in slawischen Ländern zugleich deutsche Kolonien in denselben pflanzte, die bezwungenen Völkerschaften zugleich bekehrte und germanisierte. Die Eroberungen seines Vaters an Saale und Elbe befestigte er durch die Errichtung der meißnisch-osterländischen Bistümer; nachdem er dann selber in langen und gefährlichen Kriegszügen die Stämme jenseit der Elbe besiegt hatte, richtete er auch hier drei Bistümer ein, durch welche die Bekehrung für den Augenblick außerordentlich rasche Fortschritte machte; in der Mitte seiner italienischen Verwicklungen verlor er doch diesen großen Gesichtspunkt nie aus den Augen: eben von dort aus hat er das Erzbistum Magdeburg gegründet, das alle diese Stiftungen umfaßte. Und wo dann an ein eigentliches Germanisieren nicht gedacht werden konnte, ward durch diese Wirksamkeit wenigstens das Übergewicht des deutschen Namens befestigt. In Böhmen und Polen entstanden Bistümer unter deutschen Metropolitanen: von Hamburg aus machte sich das Christentum Bahn in dem Norden: die Passauer Missionarien durchzogen Ungarn: es ist nicht unwahrscheinlich, daß dies großartige Bemühen bis nach Rußland reichte. Das deutsche Kaisertum war der Mittelpunkt der fortschreitenden Religion: es breitete den kriegerisch-priesterlichen Staat, der zugleich die Kirche war, vor sich her aus: in ihm hauptsächlich erschien die Einheit der abendländischen Christenheit, und schon dazu mußte es des Papsttums mächtig sein. Denn bei diesem Übergewicht des siegreichen weltlichen und germanischen Prinzips blieb es nun auch eine lange Zeit. Otto II. hat dem Abt von Clugny die Stelle eines Papstes geradezu angeboten, Otto III. hat erst einen seiner Verwandten und dann seinen Lehrer Gerbert zum päpstlichen Stuhle befördert: alle Fraktionen, welche dieses Recht bedrohten, wurden niedergeschlagen: unter den Auspizien Heinrichs III. trat ein deutscher Papst an die Stelle der drei römischen Bewerber. Als der römische Stuhl im Jahre 1048 erledigt worden, begaben sich, wie ein gleichzeitiger Chronist sagt, Gesandte der Römer nach Sachsen, fanden daselbst den Kaiser und baten ihn, ihnen einen Papst zu geben. Er wählte den Bischof von Toul, Leo IX. aus dem Hause Egisheim, von dem er mütterlicherseits selber abstammte. Was aber an dem Oberhaupt, geschah nun notwendig noch unzweifelhafter an der übrigen Geistlichkeit. Seitdem es Otto dem Großen gelungen war, in den Irrungen seiner ersten Jahre den Widerstand, welchen ihm die Herzogtümer vermöge ihrer stammesartigen Zusammensetzung leisteten, im allgemeinen zu brechen, stand die Besetzung der geistlichen Stellen ohne Widerrede in der Hand des Kaisers. Welch eine großartige Stellung nahm da die deutsche Nation ein: repräsentiert in dem mächtigsten europäischen Fürsten, und von ihm zusammengehalten: an der Spitze der fortschreitenden Zivilisation, der abendländischen Christenheit: in der Fülle jugendlich aufstrebender Kräfte. Bemerken wir jedoch, und gestehen wir ein, daß sie ihre Stellung nicht ganz verstand, ihre Aufgabe nicht vollkommen erfüllte. Vor allem: es gelang ihr nicht, der Idee eines abendländischen Reiches die volle Realität zu geben, die es unter Otto I. gewinnen zu sollen schien. An allen Grenzen der Deutschen erhoben sich unabhängige, wenngleich christliche, doch häufig feindselige Gewalten, so in Ungarn wie in Polen, in den nördlichen wie in den südlichen Besitzungen der Normannen; England und Frankreich waren dem deutschen Einfluß wieder entrissen; in Spanien lachte man der deutschen Ansprüche auf eine allgemeine Oberherrlichkeit, die dortigen Könige glaubten selber Kaiser zu sein; ja, selbst die nächsten, die überelbischen Unternehmungen wurden eine Zeitlang rückgängig. Fragen wir dann, woher diese schlechten Erfolge rührten, so brauchen wir nur unsere Augen auf das Innere zu richten, wo wir ein unaufhörlich wogendes Kämpfen aller Gewalten wahrnehmen. Unglücklicherweise konnte es in Deutschland zu keiner festen Succession kommen. Der Sohn und der Enkel Ottos des Großen starben in der Blüte der Jahre; die Nation ward in die Notwendigkeit gesetzt, sich ein Oberhaupt zu wählen. Gleich die erste Wahl brachte Deutschland und Italien in eine allgemeine Aufregung; und darauf folgte alsbald eine zweite, noch stürmischere, da man sogar zu einem neuen Hause, dem fränkischen, überzugehen genötigt war. Wie wäre von den mächtigen und widerspenstigen Großen, aus deren Mitte durch ihren Willen eben der Kaiser hervorgegangen, nun ein voller Gehorsam gegen ihn zu erwarten gewesen? Wie hätte sich ferner der Stamm der Sachsen, der bisher die Herrschaft geführt, einem auswärtigen Geschlechte so geradehin unterwerfen sollen? Es erfolgte, daß sich zwei Faktionen, die eine in Gehorsam, die andere in Feindschaft gegen die fränkischen Kaiser, einander gegenübersetzten und das Reich mit ihren Streitigkeiten erfüllten. Die strenge Sinnesweise Heinrichs III. erweckte ein allgemeines Murren. Nicht übel bezeichnet ein Traumgesicht, das uns von dem Kanzler desselben erzählt wird, die Lage der Dinge. Er sah den Kaiser auf seinem Throne sitzen und sein Schwert mit dem Ausruf zucken, er gedenke sich noch an allen seinen Feinden zu rächen. Wie hätten da die Kaiser, ihr Leben lang mit inneren Irrungen beschäftigt, an der Spitze der europäischen Menschheit zu irgendeiner großartigen Unternehmung sich erheben, den Anspruch der Oberherrlichkeit, den ihnen ihr Titel gab, verwirklichen können? Merkwürdigerweise war das Element, auf das sie sich stützten, doch hauptsächlich wieder die Geistlichkeit. Schon Otto der Große verdankte der Unterstützung der Bischöfe, z. B. seines Bruders Bruno, den er zum Erzbischof von Köln gemacht und der ihm dafür Lothringen in Pflicht hielt, wenigstens zum Teil seine glücklichen Erfolge in den inneren Streitigkeiten: nur mit der Hilfe seiner Geistlichen besiegte er den Papst. Die Kaiser fanden es geraten, mit den Bischöfen zu regieren, sie zu Werkzeugen ihres Willens zu machen. Bei der nicht mehr zurückzuhaltenden allgemeinen Tendenz aller Beamtung zur Erblichkeit mußte es ihnen als ein Vorteil erscheinen, weltliche Rechte mit den Bistümern zu vereinigen, über welche ihnen eine freie Disposition zustand. Die Bischöfe waren zugleich ihre Kanzler und Räte, die Klöster kaiserliche Meierhöfe. Daher kam es, daß eben in den Zeiten, wo die Unterwürfigkeit der Geistlichen unter das Kaisertum am entschiedensten war, ihre Macht sich am meisten ausdehnte und befestigte. Schon Otto I. begann die Grafschaften mit den Bistümern zu verbinden; aus den Regesten Heinrichs II. sehen wir, daß er mancher Kirche zwei, mancher drei Grafschaften, der Gandersheimischen sogar die Grafschaft in sieben Gauen übertrug. Noch im elften Jahrhundert gelang es den Bischöfen von Würzburg, in ihrer Diözese die weltliche Grafschaft ganz zu verdrängen, die geistliche und weltliche Gewalt daselbst zu vereinigen: ein Zustand, zu welchem es nun auch die übrigen Bischöfe zu bringen wetteiferten. Es leuchtet ein: die Stellung eines deutschen Kaisers war ebenso gefährlich wie großartig. Die ihn umgebenden Magnaten, Inhaber der weltlichen Macht, von der er selbst ausgegangen, konnte er nur in stetem Kampfe, nicht ohne Gewaltsamkeit im Zaume halten: er mußte sich auf die andere, die geistliche Seite stützen, die doch im Prinzip von ihm verschieden war. Die europäische Bedeutung seiner Würde konnte er doch nie völlig erfüllen. Wie kontrastiert mit der Ruhe und Selbstgenügsamkeit des Reiches, das Karl der Große beherrschte, dies ewige Hin- und Widerfluten entgegengesetzter Parteien, dies stete Sichaufrichten widerspenstiger Gewalten! Es gehörte eine Kraft und Mannhaftigkeit ohnegleichen dazu, sich zu behaupten! Ein Weltereignis war es, daß in dieser Lage der Dinge der Fürst, der Eigenschaften hierzu besaß, Heinrich III., in frühen Jahren verstarb (1056), und ein sechsjähriger Knabe, in dessen Namen aber zunächst eine schwankende vormundschaftliche Regierung seinen Platz einnahm. Siebentes Kapitel Kampf zwischen Kaiser und Papst. Unter diesen Umständen stieg Gregor VII. auf den päpstlichen Stuhl. [1073] Gregor hat einen kühnen, einseitigen, hochfliegenden Geist; folgerecht, man könnte sagen, wie ein scholastisches System das ist; unerschütterlich in der logischen Konsequenz, und dabei ebenso gewandt, wahren und gegründeten Widerspruch mit gutem Schein zu eludieren. Er sah, wohin der Zug der Dinge führte; in all dem kleinlichen Treiben der Tageshändel nahm er die großen welthistorischen Möglichkeiten wahr; er beschloß, die päpstliche Gewalt von der kaiserlichen zu emanzipieren. Als er dies Ziel ins Auge gefaßt, griff er ohne alle Rücksicht, ohne einen Moment zu zögern, zu dem entscheidenden Mittel. Der Beschluß, den er von einer seiner Kirchenversammlungen fassen ließ, daß in Zukunft niemals wieder eine geistliche Stelle durch einen Weltlichen verliehen werden dürfe, mußte die Verfassung des Reiches in ihrem Wesen umstoßen. Diese beruhte, wie berührt worden, auf der Verbindung geistlicher und weltlicher Institute: das Band zwischen beiden war die Investitur: es kam einer Revolution gleich, daß dieses alte Recht dem Kaiser entrissen werden sollte. Es ist offenbar: Gregor hätte dies nicht in Gedanken zu fassen, geschweige durchzusetzen vermocht, wäre ihm nicht die Zerrüttung des deutschen Reiches während der Minderjährigkeit Heinrichs IV. und die Empörung der deutschen Stämme und Fürsten gegen diesen König zustatten gekommen. An den großen Vasallen fand er natürliche Verbündete. Auch sie fühlten sich von dem Übergewicht der kaiserlichen Gewalt gedrückt; auch sie wollten sich befreien. In gewisser Hinsicht war ja auch der Papst ein Magnat des Reiches. Es stimmt sehr gut zusammen, daß der Papst Deutschland für ein Wahlreich erklärte – die fürstliche Macht mußte dadurch unendlich wachsen –, und daß die Fürsten so wenig dawider hatten, wenn der Papst sich von der kaiserlichen Gewalt freimachte. Selbst bei dem Investiturstreit ging ihr Vorteil Hand in Hand: der Papst war noch weit entfernt, die Bischöfe geradezu selbst ernennen zu wollen: er überließ die Wahl den Kapiteln, auf welche der höhere deutsche Adel den größten Einfluß ausübte. Mit einem Wort: der Papst hatte die aristokratischen Interessen auf seiner Seite. * Bei den weiteren Kollisionen des Kaisertums und des Papsttums kam nun alles darauf an, welche Unterstützung der Kaiser jedesmal bei ihnen finden würde. Ich will hier nicht in eine nähere Erörterung der Verhältnisse der welfisch-hohenstaufischen Zeiten eingehen: es würde nicht möglich sein, ohne die Einzelheiten ausführlicher zu entwickeln, als es für diese kurze Übersicht dienlich ist: fassen mir nur die großartigste Erscheinung dieser Epoche, Friedrich I. [1152–1190], ins Auge. So lange Friedrich I. mit seinen Fürsten gut stand, konnte er sogar daran denken, die Rechte des Kaisertums im Sinne der alten Imperatoren und ihrer Rechtsbücher erneuern zu wollen; er hielt sich für berechtigt, Kirchenversammlungen zu berufen, wie Justinian und Theodosius; er erinnerte die Päpste, daß ihr Besitz von der Gnade der Kaiser herrühre, und mahnte sie an ihre kirchlichen Pflichten, die Gelegenheit einer streitigen Wahl konnte er benutzen, um auf die Besetzung des Papsttums erneuerten Einfluß zu gewinnen. Wie ganz anders aber, als er sich mit seinem mächtigen Vasallen Heinrich dem Löwen wieder entzweit hatte. Der Anspruch dieses Fürsten auf eine kleine norddeutsche Stadt, auf Goslar am Harz, den der Kaiser nicht anerkennen wollte, entschied in den italienischen, den allgemeinen Verhältnissen der abendländischen Christenheit. Dann blieb dem Kaiser die gewohnte Unterstützung aus, dann ward er im Felde geschlagen: dann mußte er einem geleisteten Eide zum Trotz den Papst anerkennen, den er verworfen hatte [1177]. Und nun wandte er sich zwar wider den empörerischen Vasallen: es gelang ihm, die gesamte Gewalt aufzulösen, die derselbe besaß; allein das war doch hinwiederum vor allem der Vorteil der Fürsten zweiten Ranges, mit deren Unterstützung er das bewirkte und die er dafür aus den seinem Nebenbuhler entrissenen Reichslanden großmachte; auf die Verhältnisse des Papsttums hatte es keine Rückwirkung. Die venezianische Zusammenkunft Friedrichs I. und Alexanders III. [1177] hat meines Erachtens bei weitem mehr zu bedeuten als die Szene von Kanossa. [1077] In Kanossa suchte ein junger leidenschaftlicher Fürst die ihm aufgelegte Buße nur rasch abzumachen; in Venedig war es ein gereifter Mann, der Ideen aufgab, die er ein Vierteljahrhundert mit allen Kräften verfolgt hatte, jetzt aber mußte er bekennen, in seiner Behandlung der Kirche habe er mehr der Gewalt nachgetrachtet als der Gerechtigkeit. Von Kanossa ging der eigentliche Kampf erst aus; in Venedig ward das Übergewicht der kirchlichen Gewalt vollständig anerkannt. Denn wie wirksam auch der indirekte Anteil sein mochte, den die Deutschen an diesem Erfolge hatten, so fiel doch der Glanz und der große Gewinn des Sieges ganz dem Papsttum anheim. Nun erst fing es an zu herrschen. Man sah es bei der nächsten Gelegenheit, als noch am Ende des zwölften Jahrhunderts in Deutschland ein Zwiespalt über die Krone ausbrach. [1197] Das Papsttum, in einem der geistvollsten, herrschbegierigsten und kühnsten Priester, die je gelebt, der sich als das natürliche Oberhaupt der Welt ansah, Innozenz III., repräsentiert, trug kein Bedenken, die Entscheidung dieses Streites in Anspruch zu nehmen. Die deutschen Fürsten waren nicht so verblendet, um die Bedeutung dieses Anspruches zu verkennen. Sie erinnerten Innozenz, daß das Reich die Befugnis, auf die Papstwahl einzuwirken, zu der es vollkommen berechtigt gewesen, aus Verehrung für den römischen Stuhl habe fallen lassen: wie unerhört sei es, daß dagegen nun der Papst, ohne alles Recht, sich Einfluß auf die Kaiserwahl anmaße. Unglücklicherweise aber waren sie in einer Stellung, in welcher sie dagegen nichts Ernstliches tun konnten. Sie hätten wieder einen mächtigen Kaiser aufstellen, sich ihm anschließen, unter seinen Fahnen das Papsttum bekämpfen müssen: dazu waren sie weder geneigt noch machte es die Lage der Dinge ausführbar. An und für sich liebten sie das Papsttum nicht, das geistliche Regiment war ihnen zuwider; aber ihm die Spitze zu bieten hatten sie auch den Mut nicht. Die Entschlossenheit Innozenz III. trug einen neuen Sieg davon. In dem Streite der beiden Nebenbuhler, eines Hohenstaufen und eines Welfen, unterstützte er anfangs den Welfen, weil er aus einer kirchlich gesinnten Familie sei: als dieser aber dennoch, sowie er zur Macht gelangt war, und in Italien erschien, sich den gewohnten Antipathien des Kaisertums gegen das Papsttum hingab, stand er nicht an, ihm doch wieder einen Hohenstaufen entgegenzusetzen [1212]. Mit welfischen Kräften hatte er den Hohenstaufen bekämpft; jetzt bot er die hohenstaufischen wider den Welfen auf; es war ein Kampf, in den die Bewegungen auch des übrigen Europa eingriffen; die Ereignisse entwickelten sich hier und dort so vorteilhaft, daß sein Kandidat auch diesmal den Platz behielt. Seitdem hatte nun die päpstliche Gewalt einen leitenden Einfluß auf alle deutschen Wahlen. Als eben der von dem Papst beförderte Hohenstaufe, Friedrich II., nach einigen Jahrzehnten den Versuch machte, die Selbständigkeit des Reiches wenigstens in einigen Verhältnissen wiederherzustellen, hielt sich das Papsttum für befugt, ihn auch wieder zu entsetzen. Es trat jetzt mit seinem Anspruch, daß ihm die Zügel so gut der weltlichen wie der geistlichen Gewalt anvertraut seien, unverhohlen hervor. »Wir befehlen Euch,« schrieb Innozenz IV. 1246 an die deutschen Fürsten, »da unser geliebter Sohn, der Landgraf von Thüringen, bereit ist, das Reich zu übernehmen, daß ihr denselben ohne allen Verzug einmütig wählt.« Für die Wahl Wilhelms von Holland belobt er die, welche daran teilgenommen, in aller Form: er ermahnt die Städte, dem Erwählten getreu zu sein, um sich die apostolische und die königliche Gnade zu verdienen. Gar bald weiß man das in Deutschland nicht mehr anders. Gleich bei dem Empfange der Huldigung muß Richard von Cornwallis auf den Gehorsam der Städte Verzicht leisten, für den Fall, daß es dem Papst gefalle, ihm einen anderen Bewerber vorzuziehen. Nach dem Tode Richards fordert Gregor X. die deutschen Fürsten auf, eine neue Wahl vorzunehmen; wo nicht, so werde er mit seinen Kardinälen den Kaiser setzen. Nach vollzogener Wahl ist es wieder der Papst, der den Prätendenten, Alfons von Kastilien, dahin bringt, auf seine Ansprüche und die Insignien des Reiches Verzicht zu leisten, und dem Gewählten, Rudolf von Habsburg, die allgemeine Anerkennung verschafft [1273]. Was kann von der Selbständigkeit einer Nation übrigbleiben, sobald sie es sich gefallen läßt, daß eine auswärtige Gewalt ihr ein Oberhaupt gebe? Es versteht sich, daß der Einfluß, der die Wahlen beherrscht, auch in alle allgemeine Anerkennung verschafft [1273]. Wohl hatte indes auch das deutsche Fürstentum Fortschritte gemacht. Im dreizehnten Jahrhundert, in jenen Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Thronbewerbern, zwischen Kaisertum und Papsttum hatte es sich in Besitz fast aller Prärogativen der Landeshoheit gesetzt. Auch sorgte man mit bedächtiger Voraussicht, daß die kaiserliche Macht nicht wieder zu überwiegender Größe erwachsen konnte. Am Ende des dreizehnten, im Anfang des vierzehnten Jahrhunderts wählte man diese Oberhäupter fast methodisch aus verschiedenen Häusern. Unbewußt oder bewußt hatte man die Maxime, jeder eben begonnenen Konsolidation wieder eine neue Berechtigung auf einer anderen Seite entgegenzusetzen: wie der schon ganz bedeutenden Macht von Böhmen das habsburgische Haus, und diesem dann wieder bald Nassau, bald Luxemburg oder Bayern; zu mehr als vorübergehender Bedeutung konnte keins gelangen. Allein dabei kam auch kein anderes Geschlecht zu selbständiger Haltung: das geistliche Fürstentum, welches vorzugsweise die allgemeinen Geschäfte führte, bedeutete fast mehr als das weltliche. Um so mächtiger ward dann das Papsttum, von dem die geistlichen Fürsten abhingen: zu dem auch die weltlichen eine sehr untergeordnete Stellung annahmen. Was soll man sagen, wenn sie im dreizehnten Jahrhundert einmal erklären, die römische Kirche habe sie in Deutschland gepflanzt und mit ihrer Gnade gepflegt und emporgebracht. Der päpstliche Stuhl hatte den deutschen Fürsten wenigstens ebensoviel zu verdanken wie diese ihm: aber er hütete sich wohl, davon zu sprechen: niemand mochte ihn daran erinnern. Seinen Siegen über das Kaisertum waren andere, über andere weltliche Gewalten zur Seite gegangen: es besaß nun fast unbestritten die oberste Hoheit in Europa. Jene Pläne, die schon im neunten Jahrhundert hervorzutreten begonnen, die das elfte wieder aufgenommen, waren im dreizehnten zu ihrem Ziele gediehen. Achtes Kapitel Späteres Mittelalter Idee des Kaisertums Den Kaiser betrachtete man vor allem als den obersten Lehnsherrn, der dem Besitztum die Weihe der höchsten Bestätigung verleihe: als den obersten Gerichtsherrn, von dem, wie man sich ausdrückte, alle Gerichtszwänge entsprießen. Es ist sehr eigen, zu beobachten, wie Friedrich III., keineswegs dem mächtigsten Fürsten des Reiches, die Wahl kundgetan wird, die auf ihn gefallen ist, und wie darauf sogleich das Verhältnis sich umkehrt, und »Seine Königliche Großmächtigkeit« denen, die ihn erhoben, die Bestätigung in ihre Rechte und Würden zusagt [1440]. Alles eilt, seine Privilegien und Besitztümer von ihm anerkennen zu lassen; die Städte huldigen ihm nicht, ehe das geschehen ist. Auf seiner höchsten Gewährleistung beruht das Gefühl des gesetzlichen sicheren Bestehens, dessen der Mensch, vor allem der Deutsche, nun einmal bedarf. »Nimm uns die Rechte des Kaisers,« heißt es in einem Gesetzbuch jener Zeit: »und wer kann noch sagen: dieses Haus ist mein, dieses Dorf gehört mir an!« Wahr und tiefsinnig! Eben darum aber darf der Kaiser Rechte, als deren Quelle er betrachtet wird, nun nicht etwa mit freier Willkür verwalten. Er mag sie vergeben: selbst ausüben darf er sie nur innerhalb der von dem Herkommen und der Übermacht seiner Untertanen gezogenen engen Schranken. Obwohl alle weltliche Jurisdiktion auf ihn zurückgeführt wurde, so fand doch kein Gericht zweifelhafteren Gehorsam als eben das seine. Man hatte es beinahe in Vergessenheit geraten lassen, daß es eine königliche Gewalt in Deutschland gebe; auch dieser Titel war abgekommen; schon Heinrich VII. [1308 bis 1313] hielt es für eine Beleidigung, wenn man ihn König von Deutschland nannte, und nicht, wie er vor aller Krönung genannt zu werden das Recht hatte, König der Römer. Man betrachtete auch in dem fünfzehnten Jahrhundert den Kaiser vor allen Dingen als den Nachfolger der altrömischen Cäsaren, deren Würde und Recht erst an die Griechen, dann in Karl und Otto den Großen auf die Deutschen übergegangen, als das eigentliche weltliche Oberhaupt der Christenheit. Kaiser Siegmund befahl, seine Leiche einige Tage zu zeigen, damit jedermann sehen möge, daß »all der Welt Herr tot und gestorben sei«. »Wir haben«, schreiben die Kurfürsten 1440 an Friedrich III., »Ew. Kön. Gnade zu einem Haupt, Schützer und Vogt der ganzen Christenheit erwählt«: sie sprechen die Hoffnung aus, daß das der römischen Kirche, der ganzen Christenheit, dem heiligen Reiche und gemeinen Christenleuten nützlich sein solle. Selbst ein fremder König, Wladislaw von Polen, preist den Erwählten glücklich, daß er das Diadem der Monarchie der Welt empfangen werde. In Deutschland war man unbedenklich der Meinung, daß auch die übrigen christlichen Könige, namentlich von England, Spanien und von Frankreich, dem Kaisertum von Rechts wegen unterworfen seien, und nur darüber im Streit, ob ihr Ungehorsam entschuldigt werden könne oder als sündlich betrachtet werden müsse. Die Engländer suchten nachzuweisen, daß sie seit Einführung des Christentums nicht unter dem Reich gestanden. Die Deutschen dagegen taten nicht allein, was auch die anderen zu tun schuldig gewesen wären, und erkannten das heilige Reich an; sondern sie hatten die Befugnis an sich gebracht, demselben sein Oberhaupt zu geben, und man hegte die sonderbare Meinung, die Kurfürsten seien in die Rechte des römischen Senates und Volkes getreten. So drückten sie sich in dem dreizehnten Jahrhundert selbst einmal aus. »Wir,« sagen sie, »die wir des römischen Senates Stelle einnehmen, die wir als die Väter und die Leuchten des Reiches gelten.« In dem fünfzehnten Jahrhundert wiederholte man diese Meinung. »Die Deutschen,« heißt es in einem Entwurf zur Abstellung der Beschwerden des Reiches, »welche die Würde des römischen Reiches und deshalb die Obrigkeit aller Lande an sich gebracht haben«. Wenn die Kurfürsten zur Wahl schritten, so schwuren sie, »nach bester Vernunft küren zu wollen das weltlich Haupt christlichem Volk; d. i. einen römischen König und künftigen Kaiser«. Dazu salbte und krönte den Erwählten der Kurfürst zu Köln, dem dieses Recht diesseit der Alpen zustand. Selbst auf dem Stuhl zu Rense leistete der König dem römischen Reiche den Eid. Es leuchtet ein, wie in einem so durchaus anderen Verhältnis die Deutschen zu dem Kaiser standen, der aus ihrer Mitte durch ihre Wahl zu dieser hohen Würde emporstieg, als auch die mächtigsten Großen in anderen Reichen zu ihrem natürlichen, erblichen Herrn und Gebieter. Die kaiserliche Würde, aller unmittelbar eingreifenden Macht entkleidet, hat eigentlich nur für die Ideen Bedeutung. Sie gibt dem Rechte seine lebendige Gewähr, dem Gerichte seine höchste Berechtigung, dem deutschen Fürstentum seine Stellung in der Welt. Sie hat etwas für diese Zeit Unentbehrliches, Heiliges. Offenbar ist sie dem Papsttum gleichartig und hat mit demselben den innigsten Zusammenhang. Die Reichsfürsten. Einen überaus großartigen Einfluß haben die deutschen Fürsten von jeher ausgeübt. Zuerst war das Kaisertum aus ihrer Mitte mit ihrer Hilfe zu seiner Gewalt aufgestiegen; dann hatten sie die Emanzipation des Papsttums, die zugleich ihre eigene war, unterstützt; jetzt standen sie beiden gegenüber. So sehr sie auch noch an der Idee von Kaisertum und Papsttum festhielten, davon durchdrungen waren, so war doch dabei ihr Sinn, die Eingriffe so gut des einen wie des anderen abzuwehren; ihre Macht war bereits so selbständig, daß sich Kaiser und Papst gegen sie zu verbinden für nötig hielten. Fragen wir, wer sie waren, diese Großen, worauf ihre Macht beruhte, so zeigt sich, daß, nach langem Keimen und Wachsen, in dem fünfzehnten Jahrhundert das weltliche Erbfürstentum mächtig emporkam und, wenn wir so sagen dürfen, nachdem es seine Wurzeln lange in die Tiefe gesenkt, jetzt seine Wipfel über alle niedrigeren Gewächse frei in die Lüfte zu erheben begann. Alle die mächtigen Häuser, die seitdem die Gewalt gehabt, nahmen damals ihre Stellung ein. In dem östlichen Norddeutschland traten die Hohenzollern auf: in einem ganz zerrütteten Lande, aber mit einer so besonnenen Kraft und entschlossenen Umsicht, daß es ihnen in kurzem gelang, die Nachbarn in ihre alten Grenzen zurückzuweisen, die Marken zu beruhigen und wiederzuvereinigen, die dort sehr eigentümlichen Grundlagen der fürstlichen Macht wiederzugewinnen und zu beleben. Neben ihnen erhob sich das Haus Wettin durch die Erwerbung der sächsischen Kurlande in den höchsten Rang der Reichsfürsten und in den Zenit seiner Macht. Es besaß wohl das zugleich ausgebreitetste und blühendste deutsche Fürstentum, solange die Brüder Ernst und Albrecht zu Dresden einträchtig Hof hielten und gemeinschaftlich regierten: auch als sie teilten, blieben beide Linien noch ansehnlich genug, um in den Angelegenheiten von Deutschland, ja von Europa, eine Rolle zu spielen. In der Pfalz erschien Friedrich der Siegreiche. Man muß das lange Verzeichnis der Schlösser, Gebiete und Güter lesen, die er bald durch Eroberung, bald durch Kauf und Vertrag, denen aber seine Überlegenheit in den Waffen erst rechten Nachdruck gab, allen seinen Nachbarn abgewann, um zu sehen, was ein deutscher Fürst damals ausrichten, wie er sich Raum machen konnte. Friedlichere Erwerbungen machte Hessen. Durch den Anfall von Ziegenhain und Nidda, vor allem von Katzenelnbogen, einer sorgfältig gepflegten blühenden Landschaft, von welcher die alten Grafen nie ein Dorf, nie ein Gut weder durch Fehde noch durch Kauf hatten abkommen lassen, erlangte es einen Zuwachs, der seinem alten Bestande beinahe gleichkam. Und ein ähnlicher Geist der Ausbreitung und Zusammenschmelzung war auch an vielen anderen Orten lebendig. Jülich und Berg vereinigten sich. Bayern-Landshut ward durch seine Verbindung mit Ingolstadt mächtig: in Bayern-München behauptete Albrecht der Weise nicht ohne Gewaltsamkeit, die aber diesmal wenigstens in ihren Folgen wohltätig ward, die Einheit des Landes unter den schwierigsten Umständen. Auch in Württemberg verschmolz die Menge der getrennten Besitztümer allmählich in eine Landschaft, in die Gestalt eines deutschen Fürstentumes. Noch bildeten sich neue Territorialgewalten aus. In Ostfriesland erschien endlich ein Häuptling, vor welchem alle übrigen sich beugten, Junker Ulrich Cirksena, mächtig durch seines Bruders, seines Vaters und seine eigenen Erwerbungen. Auch die Anhänger des alten Fokko Uken, die ihm noch entgegen waren, gewann er, indem er sich mit dessen Enkelin Theta vermählte. Hierauf ward er im Jahre 1463 zu Emden feierlich zum Grafen ausgerufen. Hauptsächlich war es Theta, die dann in 28jähriger Alleinregierung die Herrschaft zu befestigen wußte: eine schöne Frau, blaß von Gesicht, mit rabenschwarzem Haar und feurigen Augen, wie ihr Bildnis sie zeigt; vor allem aber von einem zur Herrschaft geeigneten großen Verstande, wie ihr Tun und Lassen bewiesen hat. Schon erhoben sich deutsche Fürsten auf auswärtige Throne. Im Jahre 1448 unterzeichnete Christian I. Graf von Oldenburg die Handfeste, die ihn zum König von Dänemark machte; 1450 ward er zu Drontheim mit S. Olafs Krone gekrönt; 1457 unterwarfen sich ihm die Schweden; 1460 huldigte ihm Holstein, das dann für ihn zu einem deutschen Herzogtum erhoben wurde. Wohl waren diese Erwerbungen nicht von so fester und zuverlässiger Natur, wie es anfangs scheinen mochte, auf jeden Fall aber gaben sie einem deutschen Fürstenhaus eine ganz neue Stellung zu Deutschland und Europa. Es war, wie man sieht, nicht allein der stille Gang der Dinge, die geräuschlose Fortentwicklung staatsrechtlicher Verhältnisse, wodurch das Fürstentum emporkam: es war hauptsächlich geschickte Politik, glücklicher Krieg, die Macht gewaltiger Persönlichkeiten. Noch besaß jedoch das weltliche Fürstentum keineswegs die volle Herrschaft; noch war es in unaufhörlichem Wettstreit mit den anderen Reichsgewalten begriffen. Da waren zuerst die geistlichen Fürstentümer – von ähnlicher Berechtigung und innerer Ausbildung, in der Hierarchie des Reiches sogar im Besitze des höheren Ranges –, in welchen die Herren von hohem oder auch von niederem Adel die Kapitel einnahmen und die oberen Stellen besetzten. In dem fünfzehnten Jahrhundert fing man zwar allenthalben an, die bischöflichen Würden auf die jüngeren Söhne aus den fürstlichen Häusern zu übertragen; der römische Hof selbst begünstigte dies, indem er der Meinung war, daß nur die Autorität der Macht imstande sei, die Kapitel in Ordnung zu halten; allein weder war dies allgemein geworden noch gab das geistliche Fürstentum darum sein eigenes Prinzip auf. Es blühte ferner ein zahlreicher Herrenstand, der seine Lehen mit der Fahne empfing wie die Fürsten, mit ihnen zu Gericht sitzen konnte; ja, es gab noch Geschlechter, die sich alle die Zeiten daher außerhalb des allgemeinen Lehenverbandes gehalten, welcher die Grundlage des Staates war, die ihre Güter von Gott und dem heiligen Element der Sonne zu Lehen nahmen. Sie waren von dem Fürstentum verdunkelt, aber genossen noch ihre volle Selbständigkeit. Reichsritter. An diese schloß sich eine mächtige Reichsritterschaft an, die überall am Rhein, in Schwaben und Franken ihre Burgen hatte, in stolzer Einsamkeit, mitten in den Wildnissen der Natur, in einer unbezwinglichen Umgürtung von tiefen Gräben und bei vierundzwanzig Schuh dicken Mauern, wo sie jeder Gewalt trotzen konnte: eben tat sie sich in festere Genossenschaften zusammen. Ein anderer Teil des Adels, namentlich in den östlichen, den kolonisierten Fürstentümern, in Pommern und Mecklenburg, Meißen und den Marken, war dagegen zu unzweifelhafter Untertänigkeit gebracht; obgleich auch dies, wie man aus dem Beispiel der Priegnitz sieht, nicht ohne Mühe und Kampf geschehen war. Und noch eine dritte Klasse gab es, die sich der Landsässigkeit fortwährend erwehrte, Craichgauer und Mortenauer wollten die pfälzische, die Bökler und Löwenritter die bayerische Oberherrlichkeit nicht anerkennen; es findet sich wohl, daß die Kurfürsten von Mainz und von Trier bei einer Austrägalbestimmung gleich im voraus fürchten, ihr Adel werde sich weigern, derselben zu folgen, und für diesen Fall nichts anderes zu beschließen wissen, als daß auch sie der Widerspenstigen sich entschlagen und ihnen ihren Schirm entziehen wollen. Es scheint hier und da, als sei die Untertänigkeit nur noch ein Bundesverhältnis. Städte. Und noch unabhängiger erhielten sich diesem gesamten Herrenstande, der für sie nur ein einziger war, gegenüber, die auf einem ganz anderen Prinzip beruhenden und unter unaufhörlicher Anfeindung emporgekommenen Städte. Es ist ein sonderbarer Anblick, diese alte Feindseligkeit noch immer alle deutschen Provinzen umfassen, aber sich in jeder auf eine andere Weise gestalten zu sehen. In Preußen bildete sich aus der Opposition der Städte der große Bund des Landes gegen die Herrschaft, welche hier der Orden in Händen hatte. An den wendischen Küsten war dann der Mittelpunkt der Hanse, von der die Macht der skandinavischen Könige, wieviel mehr der umwohnenden deutschen Fürsten in Schatten trat und niedergehalten wurde. Aber der Herzog von Pommern selbst erschrak, als er einst Heinrich dem Älteren von Braunschweig zu Hilfe kam und hier inne wurde, von wie mächtigen enge vereinten Städten sein Freund allenthalben umgeben, gefesselt war. An dem Rhein finden wir ein unaufhörliches Ringen um die munizipale Unabhängigkeit, welche die Hauptstädte in den Stiftern in Anspruch nehmen und die Kurfürsten ihnen nicht gestatten wollen. In Franken setzte sich Nürnberg der emporsteigenden Macht von Brandenburg nicht minder gewaltig um sich greifend entgegen. Dann folgt in Schwaben und an der oberen Donau der eigentliche Schauplatz reichsstädtischer Kämpfe und Bündnisse, wider Ritter, Herren, Prälaten und Fürsten, die einander hier noch am nächsten standen. In den oberen Landen hatte sich die wider Österreich gestiftete Eidgenossenschaft bereits zu einer festen Landesverfassung und dem Genusse einer beinahe vollständigen Unabhängigkeit erweitert. Überall finden wir andere Verhältnisse, andere Ansprüche und Streitigkeiten, andere Mittel des Kampfes; aber überall hält man sich mit einer jeden Augenblick in Flammen zu setzenden Feindseligkeit gleichsam umfaßt, umspannt, zum Kampfe fertig. Noch immer konnte die Meinung auftauchen, als werde in diesen Gegensätzen das städtische Prinzip am Ende vielleicht doch noch die Oberhand erlangen, und dem Herrenstand ebenso verderblich werden wie dieser dem Kaisertum. Fehde. Bei diesem Gegeneinanderlaufen aller lebendigen Bestrebungen und Kräfte, bei der Entfernung und Machtlosigkeit des Oberhauptes, und da sich auch unter den Zusammengehörenden, Natürlich-Verbündeten Entzweiungen nicht vermeiden ließen, mußte ein Zustand eintreten, dessen Anblick etwas Chaotisches hat: es waren die Zeiten der allgemeinen Fehde. Die Fehde ist ein Mittelding zwischen Duell und Krieg. Jede Beleidigung und Verletzung führt nach einigen Formalitäten zu der Erklärung an den Gegner, daß man sein, seiner Helfer und Helfershelfer Feind sein wolle. Die Reichsgewalten fühlen sich so wenig vermögend, dem zu steuern, daß sie nur Beschränkungen festzusetzen suchen und in ihren bedingten Verboten doch zugleich wieder die Erlaubnis aussprechen. Das Recht, das sich sonst nur die oberherrlichen, unabhängigen Mächte vorbehalten, zu den Waffen zu greifen, wenn es kein Mittel des Vergleiches mehr gibt, war in Deutschland auch in die unteren Kreise vorgedrungen und ward hier von Herren und Städten gegeneinander, von Untertanen gegen ihre Herrschaften, ja von einzelnen Privatleuten, so weit ihre Verbindungen und Kräfte reichten, in Anspruch genommen ... Handel und städtische Kultur. Der Großhandel bedingte für die, welche ihn betrieben, eine eigentümliche Stellung, die sich vornehmlich dadurch dokumentierte, daß sie auswärts eine besondere Repräsentation besaßen. Im Orient und in Italien bildeten sich landsmannschaftliche Genossenschaften der fremden Kaufleute aus in geschlossenen Räumen unter ihren Konsuln. Einen anderen Charakter bekamen die niederdeutschen Niederlassungen im Norden. In London erscheint eine Handelsgesellschaft zuerst unter dem Namen der Hansa bereits im 12. Jahrhundert: die Kaufleute aus Köln, heißt es, haben ihre Hansa. Die übrigen schlossen sich dann an die Kölner an. Schon 1260 erscheint ein Aldermann der deutschen Kaufleute in London; ihr Haus wird als deutscher Hof – später Stahlhof – bezeichnet, der jedoch nur einen Teil der Gesamtniederlassung bildete. Dem deutschen Aldermann stand ein englischer zur Seite, der für das Schuldenwesen zu sorgen hatte. Ein anderer Hauptplatz des Handelsverkehrs und der Niederlassung war Brügge in Flandern. Neben den flandrischen hatten in Spanien auch die Kaufleute des römischen Reichs ihre Ansiedlung; so auch in Paris. In Wisby auf Gotland bildeten die Deutschen eine eigene Kommunität. Eine andere Ansiedlung, mit den übrigen in enger Verbindung, war zu Bergen in Norwegen. In Oberdeutschland unterscheidet man die Kaufleute, die auf den Straßen und auf dem Wasser fahren, also Import und Export treiben, von den übrigen. Sie sind nicht überall Vollbürger, aber ihre Institute hatten doch den größten Einfluß. Der eigentliche Bund der Hansa ging hauptsächlich von Lübeck aus. Lübeck, vom Grafen Adolf I. von Holstein gegründet [1143], erweckte früh die Eifersucht Heinrichs des Löwen, der den Handel anfangs nach Bardewiek zu ziehen suchte, später aber die Stadt sich abtreten ließ und ihr eine Verfassung gab, wie sie Soest hatte. Selbständig bildete Lübeck aber das Privatrecht aus, welches unter dem Namen des lübischen so berühmt geworden ist. Die Stadt hatte unter der Anführung ihres Bürgermeisters Alexander von Soltwedel bei Bornhöved mitgestritten und setzte diese Fehde auch seitdem noch fort. 1234 haben die Lübecker bereits die Dänen zur See geschlagen; sie führten ein erbeutetes Schiff als Siegeszeichen mit sich fort. In kurzem haben sie das Übergewicht, und gar bald plündern sie Kopenhagen. Hierdurch ward Lübeck in der Ostsee außerordentlich mächtig. Es wird eben dadurch ein Mittelpunkt mannigfaltiger und immer wachsender Bedürfnisse. Der erste Vertrag, den man urkundlich kennt, ist der bereits erwähnte zwischen Lübeck und Hamburg von 1241, hauptsächlich darauf berechnet, den Weg zwischen beiden Städten, auch das Meer von der Mündung der Trave bis zur Mündung der Elbe und die Fahrt diesen Strom hinauf auf gemeinschaftliche Kosten in Sicherheit zu halten; denn in dieser Herrschaft über die See liegt gerade die vornehmste Schwierigkeit. Von demselben Jahre findet sich auch ein Freundschaftsbündnis zwischen Lübeck und Soest. 1256 ist diese Art der Verbindung schon sehr weit gediehen. Wir finden einen Vertrag erwähnt, dessen Urkunde indes leider nicht zu finden ist, nach welchem eine Verbindung zwischen den westfälischen Städten und den niedersächsischen Bremen und Stade, ferner Hamburg und Lübeck zu gemeinschaftlicher Hilfsleistung besteht. Die Kolonisation des Ostens entwickelte dann hier eine städtische Verbindung, die bis nach der Düna geht. Nun hatte sich, wie wir sahen, am Rhein auch Köln zu einem gewissen Seehandel erhoben. Die Kölner fuhren stromab in die Waal und benutzten besonders den Dordrechter Hafen. Wir finden sie auch tätig in dem vortrefflichen Becken von Antwerpen mit seinem zu Handelsgeschäften sehr geeigneten Hafen. Von dem großen Markt zu Brügge hat sich dann ihr Handel nach London ausgebreitet, wo sie eine Niederlage hatten in der Oberthemsestraße, unmittelbar am Fluß. Von 1267 ist eine Urkunde vorhanden, worin die kölnischen Kaufleute in ihren alten Rechten bestätigt werden. Viele andere deutsche Städte schlossen sich ihnen an. Darauf geschah, daß auch die baltischen Städte in Verkehr mit England traten. Ihre westdeutschen Landsleute suchten sie zu verdrängen trotz eines Privilegs, das sie von Friedrich II. erworben hatten. Allmählich aber setzten sich die Lübecker durch und erhoben sich zu einer eigenen Hansa, die sodann, da sie nicht mehr zu verdrängen war, mit der kölnischen verschmolz. Hansa war der Name für bevorrechtete Handelsgesellschaften; schon die Kölner führten diesen Namen. Nach der Vereinigung entstand die Hansa der Deutschen 1282. In verschiedenen Städten findet man einen Hansegrafen. Was die Handelsgesellschaft vereinigte, waren gemeinschaftliche Privilegien, welche sie sich erwarben, besonders Freiheit der Einfuhr und Ausfuhr nach geringen Zollsätzen und eigene Gerichtsbarkeit, ferner kriegerisches Geleit zu sicherer Warenbeförderung zu Wasser und zu Lande. Noch im Jahre 1303 wendet sich die deutsche Kaufmannsgilde zu London an einzelne Städte, um irgendeine Maßregel von ihnen auszuwirken. Vom Anfang des 14. Jahrhunderts, unglücklicherweise unbestimmt von welchem Jahre, existiert ein Einladungsschreiben von Lübeck an Osnabrück zu einer Zusammenkunft, um über gewisse Beschwerden, die von Brügge eingelaufen sind, zu entscheiden. Im Jahre 1330 finden wir zuerst in einer Urkunde den Namen Hansestädte, welcher eigentlich die Verbindung jener beiden Richtungen in sich begreift. Erst im Jahre 1358 haben wir einen förmlichen Beschluß mehrerer der vereinigten Städte, in welchem von dem Unrecht die Rede ist, das dem gemeinen Kaufmann von Alemannien zugefügt worden sei und in welchem es ausdrücklich heißt: Städte von der deutschen Hansa. Diese Städte hatten nun ihre besonderen Gegner an den dänischen Königen. Unter diesen machte besonders Waldemar IV. den Versuch, das dänische Reich herzustellen. Er entledigte sich der fernen Besitzungen, die nahen suchte er zu behaupten oder zu erneuern. So gelang es ihm 1361 Wisby zu erobern. Da aber vereinigten sich die wendischen und pommerschen Städte mit den Königen von Norwegen und Schweden, mit den Herzögen von Mecklenburg und Pommern, indirekt selbst mit den preußischen Städten. Unter der Anführung des Grafen von Holstein und des lübischen Bürgermeisters Wittenberg entrissen sie dem dänischen König Öland und Gotland, sie nahmen den Zoll zu Helsingör ein. Da ihr Freund Albrecht von Mecklenburg 1363 den schwedischen Thron bestieg, so sah sich Waldemar genötigt, ihnen große Handelsfreiheiten zuzugestehen. Diese Kämpfe haben dadurch eine gewisse Ähnlichkeit mit den oberländischen, daß auch Dänemark auf eine Reichssteuer Anspruch machte. Waldemar forderte Karl IV. auf, ihm dazu zu verhelfen, aber die Acht, die der Kaiser endlich wirklich über die Städte aussprach, verhallte wirkungslos. Auch der Papst Urban war für den König, aber ebenso vergeblich. Gerade die Gefahr machte die Städte aufmerksam, wie notwendig ihnen eine nähere Verbindung sei. Alle Städte von Livland, Ost- und Nordsee entlang bis nach Seeland vereinigten sich. In Köln schlossen sie 1367 ihren Bund. Sie waren sehr mächtig und hielten gewaltig zusammen. Schon 1369 sah sich König Hakon von Norwegen genötigt, mit Schweden, jenem König Albrecht, den er angegriffen, Frieden zu machen. Nicht minder glücklich ging es ihnen in Dänemark. 1367 eroberten sie außer vielen anderen Plätzen selbst Kopenhagen unter dem lübischen Bürgermeister Warendorp. In Abwesenheit des Königs schlossen die Reichsräte einen Frieden, kraft dessen die Städte mehrere Landstrecken und zwei Drittel der davon herrührenden königlichen Renten empfingen. In der Tat haben sie bis zum Tode Olafs (1385) die ihnen verpfändeten Schlösser in Besitz behalten. Ein hohes Übergewicht behielten sie auch während der Regierung Margarethas selbst zu Zeiten der skandinavischen Union. Jene kölnische Konföderation, die 1367 geschlossen ward, war die Grundlage der späteren hanseatischen Einrichtungen. Das Handelsgebiet der Hansa erstreckte sich jetzt von Nowgorod bis nach Lissabon. Sie tauschte die nordischen Erzeugnisse gegen die westlichen aus. Jene waren besonders Holz zum Schiffbau oder auch zum Betäfeln der Wände; die Produkte der Waldungen überhaupt, Pottasche, Pech und Harz, ferner Pelzwerk; dann aber auch von der Niederung Leinsaat, Getreide, geräuchertes Fleisch usw. In Bergen in Norwegen bildeten die Scharen der Kaufleute und Handwerker eine Art Staat im Staate, eine große Macht. In Nowgorod nahmen sie die entfernteste Verbindung bis zu dem wilden Sibirien hin wahr. Auch von Riga aus gelangte man nach Smolensk und zu Schlitten in das innere Rußland. Dagegen brachten sie nun aus Frankreich den Wein von Bordeaux und Rochelle. Wir finden Schiffe aus Wisby in französischen und englischen Häfen. Der deutsche Orden, der das Recht hatte, Schiffsreederei zu treiben, ward durch den Austausch der westlichen und nördlichen Erzeugnisse reich. Von Danzig führte ein Handelsweg über Thorn, Gnesen und Posen nach Breslau, der hier mit dem anderen System in Verbindung geriet. An der Oder hatten Frankfurt und Landsberg einige sehr unbequeme Vorrechte, die sie dazu benutzten, sich mit jenen Städten auszugleichen. Ähnlich war das Verhältnis zwischen Magdeburg und Hamburg an der Elbe, welche die Gebiete des Harzes umfaßten. Es war eine unermeßlich ausgebreitete Genossenschaft. Der Mittelpunkt des hanseatischen Handels war im 15. Jahrhundert mehr in Schonen als in Lübeck, wohin von der einen Seite die Nowgorodfahrer, von der anderen die Biskayafahrer kamen. Die Hanseaten besorgten Umladung und Austausch. Durch das Schiffsgeld in Schonen machte man zugleich den Sundzoll ab. Einigen Einfluß auf die Entwicklung der Hansa hatte es freilich, daß die nordischen Kronen sich auf einem Haupte vereinigten. Auch dadurch wirkte das ein, daß es zunächst ein deutscher Fürst, Erich von Pommern, war, der die Krone trug. Bei verschiedenen Feindseligkeiten versagten dann wohl die germanischen Städte ihre Mitwirkung. Ihrerseits widersetzten sich die Städte dann wieder der Herstellung der vollen Einheit. Eben um Heinrich von Holstein und Schleswig vor Erich zu retten, begannen die Städte 1427 eine große Fehde gegen den König, die aber nur zu Verwüstungen führte und sogar verhängnisvoll für sie wurde. Sie hätten ohne Zweifel sich selbst in den Besitz des Sundes setzen müssen. So lange derselbe in den Händen des dänischen Königs war, hatte dieser immer Gelegenheit, ihnen beizukommen. Durch diese Rücksicht wurden sie nicht selten gehemmt; zuletzt aber behielten sie doch die Oberhand. 1431 eroberten sie mit den Holsteinern Flensburg. Und da sich Schweden empörte, bequemte sich Erich zu einem Frieden, in welchem er den Städten Zollfreiheit in den nordischen Reichen, sowie in Holstein zugestand. Das verderblichste Ereignis für die Hansen war, daß sich die Niederländer von ihnen trennten (1427). Es kam zum Kriege, der jedoch nur zu Stillständen führte, welche die Beschwerden nicht hoben. Namentlich gewährten die Könige aus dem Hause Oldenburg den Niederländern Vorteile, in bezug auf den Sundzoll, die den wendischen Städten sehr beschwerlich wurden. Während sich nun dieser Handel im Osten, Westen und Norden von Europa ausbreitete, hatte nach dem Süden hin Oberdeutschland den Vorzug. Einer der größten natürlichen Handelsplätze der Welt ist Konstantinopel. Nach meinem Dafürhalten wird Deutschland niemals wieder seine richtige Stellung erlangen, wenn nicht diese Gebiete seinem Fleiße wiedereröffnet, Konstantinopel in die Gemeinschaft der europäischen Nationen hereingezogen wird. Im 12. Jahrhundert war es der Sitz des indischen Handels: Pfeffer, Ingwer, Seiden- und Purpurgewänder kamen daher. Andere Waren kamen nach Venedig oder nach Genua. Eine der wichtigsten Stellungen für diesen Verkehr hatte in allen Zeiten Regensburg, besser als Wien, da es dem Rheine näher liegt, wie wir denn die Waren von dort bei Koblenz vorbeiziehen sehen. Das Stapelrecht von Wien nützte nicht viel, da die Regensburger Häuser sich in Wien ansiedelten. Seitdem waren Wien und Regensburg enge vereinigt. Es gab noch eine große Handelsstraße durch Oberschlesien und den Jablunkapaß nach Ungarn und Italien; eine andere aus Krakau, eine dritte aus Kiew nach der Donau. Nach Italien führte eine Straße von Wien, die auf Aquileja ging, und die Landstraße über Füssen und Bozen, die noch von den Römern herrührt. Es leuchtet ein, daß dieser Verkehr von dem nach Osten und Norden gerichteten noch zu entfernt war. Um den Anschluß zu erleichtern, bildeten sich Prag und Wien aus. Der Gedanke Karls IV. war, Donau und Moldau durch einen Kanal zu verbinden, was nun freilich die größte Erleichterung für den Handel gewesen sein würde. Fragt man aber, was Süddeutschland in die Wagschale zu werfen hatte, so waren es zum Teil Metalle, zum Teil aber die Produkte des Augsburger und Nürnberger Kunstfleißes. Theophilus Presbyter kann im 13. Jahrhundert die Geschicklichkeit der Deutschen in Gold- und Silberarbeit nicht genug rühmen. Nürnberg wird weltberühmt. Hüllmann verzeichnet acht Handelsstraßen der Nürnberger und Augsburger, von denen die wichtigsten folgende sind: nach Süden nach Aquileja und Venedig, nach Westen nach Metz und Verdun, nach Norden über Frankfurt nach den Niederlanden und England, von wo noch immer Zinn geholt wird, nach Osten und Nordosten über Erfurt nach Lübeck und über Görlitz, Glogau, Posen nach Danzig. Frankfurt kam hauptsächlich durch die gute Lage empor, wodurch es den östlichen und westlichen Verkehr vermittelte. Man könnte vielleicht meinen, daß das Städtewesen trotz alledem nichts dauerhaft Großes bewirkt habe, da von allen diesen mächtigen Unabhängigkeiten jetzt nichts mehr übrig ist. Allein die Wirkung der Städte war eine universale; sie beschränkte sich nicht auf sie selber allein. Hier ward die Kriegführung durch Fußvölker zuerst wieder in Rang gebracht. Im 15. und 16. Jahrhundert waren die Schweizer die beste Miliz der Welt, der sich alsdann die Schwaben als Landsknechte entgegensetzten, um dann ebenfalls eine vorzügliche Infanterie zu bilden. Von den Bürgern ward das Schießgewehr zuerst ernstlich benutzt. In Deutschland finden wir es zuerst in einer Ausgaberechnung der Stadt Nürnberg von 1356; 1378 hatte Augsburg drei große metallene Stücke, deren größtes eine Kugel von 127 Pfund schoß. Schon 1360 finden wir das Schießpulver in Lübeck, 1365 in Einbeck, 1372 in Braunschweig, 1378 in Gent. Pulvermühlen wurden angelegt, z. B. 1435 in Nürnberg, Gleichzeitig finden wir das Pulver auch außerhalb Deutschlands angewandt in den großen Konflikten, welche die Welt trennten: zwischen Spaniern und Mauren bei Algeciras 1342, zwischen Engländern und Franzosen bei Creci 1346, zwischen Venezianern und Genuesen bei Chioggia 1379. Anfangs zur Verteidigung, dient es bald auch zum Angriff, dem es dann ein Übergewicht über die Abwehr verleiht. Eine unermeßliche Naturkraft stellte sich mehr und mehr der Politik zur Verfügung. Es war nicht bloß eine ultima ratio regum , wie man es später bezeichnet hat: die allgemeinen Interessen und Gedanken überhaupt empfingen ein äußeres Werkzeug von ungeahnter Stärke, dessen sich dann eben auch besonders die Städte zur Behauptung ihrer Tendenzen zu bedienen wußten. Auch für die friedliche Kultur aber gewannen die deutschen Städte die höchste Bedeutung. Neben der Baukunst gedieh jetzt in ihnen als die vorzugsweise moderne Kunst die Malerei. Die erste Schule wahrer Kunst findet sich gegen Ende des 14. Jahrhunderts in Köln. Von dem dortigen Meister Wilhelm wird 1390 gerühmt, daß er der beste Maler in deutschen Landen gewesen sei und die Menschen in voller Lebendigkeit abgebildet habe. Kirchlicher Sinn, großartige strenge Einfalt, Tiefe des Sinnes zeigt sich in seiner Schule vereint mit einem unverkennbaren Talent der Individualisierung und Naturgemäßheit. Nicht selten ferner bieten die Städte aus eigenem Antrieb Stätten dar für die Stiftung von Universitäten, wie wir an Basel, Erfurt, Köln sehen. In ganz Niederdeutschland gründen sie, oft im Kampfe mit der Geistlichkeit, Stadtschulen. Meistergesang, Volksdichtung und Fastnachtsspiele verdanken den Städten Ursprung und Pflege. Eine der merkwürdigsten Produktionen endlich, die im Schoß deutscher Städte entstand, ist die Erfindung der Buchdruckerkunst, in der sich das Handwerk mit den höchsten geistigen Bestrebungen unmittelbar in Verbindung setzte; wer wüßte nicht, welche Förderung die Sache der Reformation dadurch erfahren hat? Nehmen wir hinzu, daß in den Städten schon ohnehin eine lebendige Antipathie gegen das Papsttum war, so zeigt sich, wieviel das zu bedeuten hatte. Sie gaben die Grundlage zur Entwicklung eines großen nationalen Gemeingefühls und Sinnes. Aber selbst abgesehen von allen Einzelheiten, Verkehr, Gewerbe, Kriegführung, Buchdruckerkunst usf., kann man in dem Emporkommen der Städte nichts anderes erblicken, als eines der größten Elemente des modernen staatlichen Lebens. Denn sie sind offenbar die Träger dessen, was man den dritten Stand nennt und was zu allen späteren Bewegungen den Antrieb gegeben hat. Hier wurzeln alle liberalen Ideen, was war der Sturm des Jahres 1848 anders als ein Versuch, mit der Idee des dritten Standes die Idee von Land und Lehen umzustürzen? Worauf ist das ganze revolutionäre Bestreben anders gerichtet als auf einen inneren Umsturz zugunsten dieses dritten Standes? Das städtische Element will Staat sein wie im Altertum. Der moderne Staat enthält jedoch noch jene anderen selbständigen und nicht zu beseitigenden Elemente. Immerhin hat sich in diesem Gegensatz das moderne Leben entwickelt, wie früher mehr in dem zwischen Staat und Kirche. Die konstitutionellen Verfassungen sind im Grunde nur ein Versuch, den Frieden zwischen diesen beiden Elementen zu erhalten, wie die alten Landfrieden, sie gegeneinander auszugleichen. Neuntes Kapitel Kolonisation im Osten Allgemeines. Der Umkreis der deutschen Gebiete ist durch zwei große Kolonisationen aus dem inneren Germanien her bestimmt worden: die eine war nach dem Westen, die andere nach dem Osten gerichtet. Durch die erste sind die den freien Völkerbewegungen alter Zeit entrissenen und großenteils romanisierten Landschaften am Rhein und an der Donau eingenommen und in deutsches Land verwandelt worden: eine Begebenheit, die mit dem Umsturz des römischen Reiches im Abendlande Hand in Hand geht. Die deutschen Stämme, welche die Kulturelemente der Landschaften, die sie besetzten, in sich aufnahmen und zu der allgemeinen Weltreligion im Christentum übertraten, brachten selbst die höchste Gewalt an sich. Das römisch-deutsche Kaisertum ward gegründet, eine Würde, in der sich politische und religiöse Momente vereinigten, beide von universeller und propagandistischer Natur. Im zehnten Jahrhundert gelangte ein kräftig emporstrebendes Geschlecht aus dem zuletzt in die Gemeinschaft gezogenen norddeutschen Stamme in den Besitz derselben. Eben daran knüpfte sich nun die zweite Kolonisation, welche auf die bisher von der Teilnahme an der Kulturentwicklung ausgeschlossenen von slawischen Völkern bewohnten Landschaften im Osten gerichtet wurde. Daß hierbei ein deutsch-nationaler Gegensatz gegen dieselben vorgewaltet habe, dürfte man nicht behaupten. Ein Kaiser von sächsischer Herkunft trug kein Bedenken, als die Polen das Christentum annahmen, zu dem Grabe seines Freundes Adalbert, der bei dem Versuch, die Preußen zu bekehren, umgekommen war, zu wallfahren und das Erzbistum Gnesen zu gründen, durch welches nicht allein die deutsche Hierarchie eingeschränkt, sondern auch bei den polnischen Fürsten ein Gefühl der Selbständigkeit erweckt wurde, welches ihre bereits eingeleitete Unterwerfung unter das Kaisertum zweifelhaft machte. Dagegen ist es unleugbar, daß bei der Ausbreitung des Christentums über die Landschaften zwischen Elbe und Oder der alte Stammesgegensatz zwischen Sachsen und Wenden hervortrat, und zwar in immer ansteigender Wirksamkeit, insofern als dadurch der Widerstand der Einheimischen geschärft wurde, was dann wieder die Gewaltsamkeit der Eindringenden verdoppelte. Schon Otto der Große hat gehofft, durch energisches Zusammenwirken der Waffen und der Geistlichkeit das Land einzunehmen, zu siegen und die Besiegten zu vernichten. Das ging jedoch über seine Kräfte, wie es auch der Weltlage noch nicht entsprach. Wie wäre an eine Christianisierung dieses Landes zu denken gewesen, solange noch die Jomsvikingen an der pommerschen Küste durch ihre Heerfahrten und Seezüge, an denen auch die Wenden teilnahmen, den Skaldengesang belebten und der Odinstempel in Upsala den Mittelpunkt eines skandinavischen Reiches bildete. Noch stritt das nordische Heidentum mit dem angelsächsischen und irischen Christentum über den Besitz von Britannien; auch von den Küsten der Ostsee her unterstützte es die alteinheimischen Götterdienste des Binnenlandes. Gegen das Ende des elften Jahrhunderts änderte sich das Verhältnis der Religionen. Es war der Erfolg der großen Dänenkriege in Britannien gewesen, daß das angelsächsische, besonders an Rom anschließende Christentum die Oberhand über die irischen Abweichungen sowohl als über das Heidentum behielt; durch englische Priester wurde das Christentum im Norden ausgebreitet. Die nordischen Könige suchten alsdann im Wendenlande die Heerscharen des Götzendienstes mit siegreichen Waffen heim. Diese hingen ihren Stammesgöttern unverbrüchlich an: zuweilen mußten die Deutschen mit den Wenden Verträge schließen, in denen diesen gestattet wurde, die Heeresfolge unter Vortragung ihrer Götzenbilder zu leisten. Doch konnte es damit nicht lange mehr dauern. Im Anfange des zwölften Jahrhunderts gelangte das Christentum in Polen und Rußland zur Herrschaft: von Polen her richtete sich ein christianisierender Einfluß nach dem Odergebiete. Die zum Kampfe gegen das Christentum ausgewanderten Normannen wurden dessen eifrigste Vorfechter in aller Welt. Das Heidentum hatte keinen welthistorischen Rückhalt mehr; es behauptete sich nur noch in isolierten und lokalen Bildungen. Da wurde nun auch von Deutschland her infolge einer soeben sich vollziehenden inneren Veränderung der Kampf gegen die Wenden und Slawen mit größerem Nachdruck unternommen. Deren Widerstand war bisher dadurch befördert worden, daß die Kaiser aus dem salischen Hause, welches dem sächsischen gefolgt war, in den niederdeutschen Großen ihre Gegner sahen. Heinrich IV. fand in den slawischen Bevölkerungen eine Unterstützung, ohne welche er seinen Widersachern wahrscheinlich erlegen wäre. Religion und Kaisertum, die allgemeine Idee und die besondere Tendenz gingen in diesem Falle nicht mehr zusammen. Die für die Überwältigung bestimmten nördlichen und östlichen Marken hielten den nationalen und religiösen Gegensatz aufrecht, wenngleich ohne entscheidenden Erfolg oder Aussicht auf denselben, bis endlich wieder ein mächtiger Sachsenherzog auftrat, der Supplinburger Lothar, der den Krieg an den Marken mit aller Energie wieder aufnahm. Neben ihm erschienen in gleichartiger Tätigkeit auf der einen Seite die Schauenburger, Westfalen von Herkunft, denen er Stormarn und Holstein verlieh, auf der anderen die Grafen von Ballenstedt, die von den Vorbergen des Harzes aus ein weites, meist durch Erbrecht ihnen zugefallenes Gebiet beherrschten. Bezeichnend für die Natur dieser Stellungen, in welchen der Kampf gegen die Slawen doch zugleich mit dem Gegensatz gegen das salische Kaisertum verbunden war, sind die Ereignisse vom Jahre 1115, von denen überhaupt eine Reihe entscheidender Begebenheiten ausgeht. Der letzte Salier, Heinrich V., hielt das Kaisertum mit ebensoviel Gewaltsamkeit fest, wie er es ergriffen hatte. Das Papsttum war durch eine Eidesleistung gefesselt, die sächsischen und lothringischen Großen wurden durch eine stattliche Heeresmacht, die bisher immer siegreich geblieben war, in Zaum gehalten; da erfolgte die Schlacht am Welfesholze, in welcher der tapfere und kriegskundige Führer des kaiserlichen Heeres, Hoyer von Mansfeld, umkam und der Kaiser eine Niederlage erlitt, die seinen Eingriffen in die territorialen Verhältnisse von Thüringen und Sachsen ein Ziel setzte und die geistliche Opposition in aller ihrer Stärke erweckte. Mit diesem Siege der sächsischen Großen war nun aber ein anderer über ihre slawischen Nachbarn verbunden. Es ist nicht überliefert, daß der Kaiser sie aufgerufen hätte, aber sie ergriffen den Augenblick, wo die Deutschen untereinander schlugen, um sich gegen sie zu erheben. Und zwar geschah dies noch, ehe jene Schlacht geschlagen war. Es war das Werk des Grafen Otto aus dem Hause Ballenstedt, welcher ausgebreitete Güter in dem alten Schwabengau, in dem Harz, an der Wipper und Saale mit dem Besitz des wendischen Gaues Serimunt an der Mulde und Fuhne vereinigte. Dort hielt er das Gaugericht an der alten Burg Askania, hier an der Malstätte nahe bei Köthen. Hier eben war es, daß Graf Otto mit einer wenig ansehnlichen Gefolgschaft einen starken Haufen aus dem slawischen Stamme der Liutizen in dem Augenblick, in welchem sie sich zur Plünderung anschickten, überraschte und auseinanderwarf. In allen benachbarten sächsischen Gebieten atmete man auf, da man wie mit einem Schlage zugleich von dem kaiserlichen und dem wendischen Angriff befreit war. Man sah darin gleichsam ein göttliches Geschick. Auf diesen Vorgang, der dem Hause Ballenstedt großen Glanz verlieh, gestützt und dadurch gehoben, begann der Sohn und Nachfolger Ottos, Albrecht, genannt der Bär, seine Laufbahn. Indem er den Kampf gegen Heinrich V. und dessen Anhänger fortsetzte, erwarb er den Besitz der Markgrafschaft Lausitz und wurde Meister des ganzen Gebietes, das bereits die mütterlichen Ahnherren seines Hauses besessen hatten. Da geschah nun überdies, daß sein Verbündeter, der Herzog Lothar, den kaiserlichen Thron bestieg [1125]. An sich war es ein großes Ereignis in der deutschen Geschichte, daß die höchste Gewalt wieder an einen norddeutschen Fürsten gelangte, der, hierin von seinen ekbertinischen Vorgängern [ dem Hause Heinrichs I. ] abweichend, zugleich das Herzogtum in seiner Hand behielt. Dadurch wurde der Widerstreit des lokalen Impulses und der allgemeinen Idee gehoben. Herzog und Kaiser zugleich, vereinigte Lothar die provinziale und nationale Autorität gegen die seit zwei Jahrhunderten unter mannigfachen Schwankungen der Macht und des Glückes vergebens bekämpften wendischen Nachbarn. Überdies trat er in das intimste Verhältnis mit dem Papsttum. In dem damals ausgebrochenen Schisma ergriff er die Partei Innozenz II., welche als die kirchlichere erschien, und unternahm, denselben zurückzuführen. Die vollkommene Eintracht der päpstlichen Gewalt mit der kaiserlichen, in der sich wieder allgemeine und lokale Autorität vereinigten, bildete nun eine lang entbehrte Grundlage für die Durchführung des großen Unternehmens, für das die Weltverhältnisse überhaupt günstig lagen; doch gehörten dazu fähige und einverstandene Gehilfen. Bei einer streitigen Wahl im Erzbistum Magdeburg faßte Lothar den Entschluß, den eifrigsten Prediger, der das Geschäft seines Lebens sein ließ, in der Weltgeistlichkeit das Bewußtsein ihres Berufes, den sie vielfach aus dem Fluge verlor, durch mönchische Disziplin zu erneuern: den Stifter der Prämonstratenser, Norbert, auf den erzbischöflichen Stuhl zu erheben. Dieser kam mit der Absicht: die kirchlichen Institute auf das strengste zu handhaben, die Rechte des Stiftes geltend zu machen und zugleich seine Pflichten zu erfüllen. Dies war der geistliche Gehilfe des Kaisers, der weltliche der Graf Albrecht von Ballenstedt. Obgleich ihm Lothar jene im Widerspruch mit der kaiserlichen Autorität erworbene Markgrafschaft wieder entzog, – hatte er doch an dem Zuge nach Italien Anteil genommen. Er gehörte mit zu den Fürsten, die den Gegenpapst in Rom verdammten. Den Diensten, die er leistete, entsprach die Belohnung, die er empfing: es war die Nordmark, die eben auf dem Zuge durch den plötzlichen Todesfall des jungen Besitzers (man nannte ihn die Blume Sachsens) erledigt worden war. Nach der Heimkehr von dem Kriegszuge wurde die Mark dem Grafen von Ballenstedt übertragen, wahrscheinlich auf sächsischer Erde, wo in Halberstadt die alten Kampfgenossen und verbündeten Fürsten wieder um ihren kaiserlichen Führer versammelt waren. Brandenburg So wurde nun eine Kombination geschaffen, durch welche die Aktion gegen die Slawen eine verdoppelte Stärke erhielt. Das Erzbistum Magdeburg, welchem von jeher Havelberg und Brandenburg untergeordnet waren, und die Markgrafschaft, der seit Otto dem Großen alte Rechte über die slawischen Gebiete in weiten Grenzen zustanden, machten gemeinschaftliche Sache, um die geistliche und weltliche Hoheit, deren sie im Laufe der Zeit verlustig gegangen war, wiederherzustellen: der Erzbischof durch eifrige, streng disziplinierte Bekehrer, der Markgraf durch die Kriegsgenossenschaft, durch welche er die Mark aufrecht erhielt und die er zu führen verstand; beide unter der Autorität eines Kaisers von gleicher Gesinnung, von dem sich die Würde des einen und des anderen herschrieb. Indem sich diese Kombination bildete, geschah nun zugleich, daß das Obotritenreich, dessen Macht sich bis an die Havel und Spree erstreckte, durch den Tod des Königs Heinrich im Jahre 1127 aufgelöst wurde. Er war selbst bereits bekehrt, aber eine Ausdehnung der Nordmark über sein Gebiet würde er niemals zugegeben haben. Nach seinem Tode konnte sich keine feste Ordnung wieder bilden. Wir finden unabhängige Häuptlinge, Witikind in Havelberg, Pribislaus, genannt Heinrich, in Brandenburg, welche die bisherige Widerstandskraft gegen die Deutschen nicht mehr besaßen. Eine nahe Beziehung zu diesem Verhältnis hatte die Mission des Bischofs Otto von Bamberg, der mit Recht als der Apostel der Pommern gefeiert wird. Seine Wirksamkeit trug ohne Zweifel dazu bei, dem Heidentum den Boden zu entziehen, doch hütete er sich, in den dem Sprengel von Magdeburg angehörigen Gebieten, so nahe man es ihm legte, unmittelbar einzugreifen. An und für sich bestand ein Gegensatz der Tendenz zwischen Norbert und Otto, doch gelangte er nicht zu voller Wirkung, und nimmermehr hätte Norbert das Eingreifen eines anderen geduldet; auch von seinen Anordnungen gab er nichts auf, was den Übertritt leichter gemacht haben würde. Havelberg mußte mit Gewalt bezwungen werden; es wurde wieder verloren und durch Markgraf Albrecht nochmals erobert. Eine Urkunde vom Jahre 1137 ist vorhanden, nach welcher Albrecht die Gerechtsame der Markgrafschaft damals bereits an der Peene ausübte. Wenn nun aber die Strenge der Prämonstratenser hier und da abschreckend wirkte, so liegt es in der Natur der religiösen Gefühle, daß sie anderwärts auch eine Kraft der Anziehung ausübte. Es ist gewiß, daß jener Heinrich von Brandenburg durch die Anmahnungen der Prämonstratenser bewogen wurde, sich von dem Götzen Triglaff, der auf dem Harlunger Berge in altherkömmlicher Weise verehrt wurde, abzuwenden. Man muß wohl sagen, daß das auch durch die allgemeine Lage befördert wurde. Der alte, nationale Götzendienst fand weder vom Norden noch vom Süden her Unterstützung; dort waren die Obotriten, hier die Liutizen niedergeworfen. Sollte ein isolierter Stammeshäuptling daran mit Energie festhalten gegen einen Kaiser, der zugleich Sachsen beherrschte, dem sich auf der einen Seite eifrige Religiöse und auf der anderen ein unternehmender Markgraf mit tapferen Kriegsgefährten anschloß. Darauf, daß der eine von den beiden Häuptlingen mit Gewalt unterworfen wurde, der andere freiwillig beitrat, beruht die Gründung der Mark Brandenburg. Die Überlieferung ist: Heinrich von Brandenburg sei von dem Markgrafen aus der Taufe gehoben worden und habe dann, bei der Taufe von dessen Sohn denselben Dienst erweisend, dem letzteren das Land Zauche sofort eingeräumt und den ersten als Erben in Brandenburg anerkannt. Eine spät aufgezeichnete Erzählung, die sich mit bekannten Tatsachen, z. B. dem Alter des jungen Markgrafen, nicht leicht vereinigen läßt und das Gepräge einer unverbürgten Tradition an der Stirn trägt. Man hat sie nicht selten ganz und gar verworfen; aber von einem gleichzeitigen glaubwürdigen Chronisten wird doch bezeugt, daß Markgraf Albrecht bei dem Tode Heinrichs als dessen Erbe eintreten konnte und eingetreten ist. Vermutlich war diese Bestimmung der Preis, um welchen Heinrich trotz der auf früheren Verleihungen beruhenden Ansprüche der Markgrafen, solange er lebte, als Herr von Brandenburg geduldet wurde. Man darf ohne Bedenken annehmen, daß es nicht sowohl unmittelbare Überwältigung war, durch welche Brandenburg an Markgraf Albrecht den Bären gelangte, als die Überlegenheit des christlich-deutschen Prinzips überhaupt, welches in einem persönlichen Verhältnis zwischen beiden Dynasten ihren Ausdruck fand. Ohne Gewalt wurde jedoch auch die Besitznahme von Brandenburg nicht zustande gebracht. Noch lebte Heinrich, und seine slawischen Verwandten waren nicht geneigt, die Erbschaft aufzugeben, auf die sie rechneten, als jene Kombination sich auflöste, auf welcher die bisherigen Erfolge großenteils beruhten. Bei dem Tode Lothars trennte sich das Kaisertum wieder vom Herzogtum. Das Kaisertum kam an den nächsten Agnaten der Salier, den ersten Hohenstaufen. Das Herzogtum Sachsen wurde für den Enkel Lothars von seiner Tochter, der dem welfischen Stamme angehört, in Anspruch genommen. In dem Kampfe, der hierüber ausbrach, ist der Markgraf Albrecht selbst eine Zeitlang als Herzog von Sachsen begrüßt worden. Für die Mark wäre es kein Glück gewesen, wenn es dabei sein Verbleiben gehabt hätte; sie würde dann ein Bestandteil des Herzogtums ohne Selbständigkeit geworden sein. In dem Kampfe zwischen Welfen und Hohenstaufen, dem Herzogtum Sachsen und dem Kaisertum sollte die Markgrafschaft sich entwickeln. Hätte der Hader immer gedauert, so würde er der Befestigung der gemachten Erwerbungen großen Eintrag getan haben: wie denn einer der slawischen Verwandten des verstorbenen Heinrich Gelegenheit fand, sich in den Besitz von Brandenburg zu sehen. Von Zeit zu Zeit aber traten Momente des Verständnisses ein, die eine allgemeine Anstrengung der Streitkräfte nach Osten hin möglich machten. Der Kreuzzug Konrads III. veranlaßte selbst einen gemeinschaftlichen Angriff der norddeutschen Fürsten auf die noch heidnisch-slawischen Gebiete. Dem Markgrafen Albrecht kam dann ein großer Heerzug Friedrichs I. gegen Polen sehr zustatten. Im Widerspruch mit den gegen Kaiser Lothar übernommenen Verpflichtungen entzogen sich die Polen aller Abhängigkeit von Kaiser und Reich. Der Vertreter des bisherigen Verhältnisses, Wladislaw II., war von seinem Bruder Boleslaw III., der die volle nationale Autonomie verfocht, verjagt worden, Kaiser Friedrich hielt es für geboten, den ersten zurückzuführen: kurz zuvor siegreich aus Italien heimgekehrt, unternahm er, die Sache mit dem Schwerte zu entscheiden. Zu den Polen hielt sich nun aber Jaczo von Brandenburg. Indem Friedrich mit einem großen Heere nach der Oder vordrang, warf sich Albrecht gegen Brandenburg und nahm es ein [1157]. Seinerseits überschritt der Kaiser die Oder im Angesicht des polnischen Heeres, bei dem sich Preußen und Pommern befanden, und nötigte Boleslaw zu einem Frieden, in welchem die Hoheit des Reiches nochmals anerkannt wurde. Die von dem Könige verjagten Piasten erhielten unter kaiserlicher Autorität eine Entschädigung und Ausstattung in Schlesien; man dürfte wohl behaupten, daß hierin der historische Grund und Beginn der allmählichen Sonderung Schlesiens von Polen zu suchen ist. Ein unmittelbarer Erfolg des Heerzuges aber war, daß Brandenburg unter Kombination dieser Umstände den Slawen auf immer entrissen wurde. Es geschah unter dem Zusammenwirken des Erzbischofs und des Markgrafen nicht ohne heftigen Kampf, der nun aber zum Ziele führte. Das Bistum, das bisher auf Leitzkau angewiesen war, konnte nun in Brandenburg selbst wiederhergestellt werden. Erst seitdem ward Albrecht, der bisher als Markgraf von Salzwedel erschien, allgemein als Markgraf von Brandenburg bezeichnet. Er war bisher vor allem der Vorfechter des Bischofs von Havelberg und Brandenburg gewesen: jetzt trat er als Landesherr auf. Die Markgrafschaft gelangte zum wirklichen Leben; und die Deutschen konnten definitiv daselbst Fuß fassen. Von Bedeutung war es immer, daß ein Erbrecht erworben worden war; die strenge Burgwarteinrichtung, wie sie in der Altmark bestand und wie sie anfangs auch in Brandenburg eingeführt wurde, konnte bald nachher aufgelöst werden. Die Burgmannen nahmen unter der Autorität des Markgrafen ihre Wohnung in dem offenen Lande; der einheimische wendische Adel trat mit ihnen in eine so enge Genossenschaft, daß die Herkunft der Familien von der einen oder der anderen Nationalität oft nicht auszumachen ist. Markgraf Albrecht dehnte seine Herrschaft in das Grenzgebiet der Länder Teltow und Barnim aus, ohne sich jedoch derselben zu bemächtigen. Eine Anzahl Burgen an den Grenzen sind sein Werk. Am Ende seines Lebens war ihm noch vergönnt, auch Havelberg einzurichten. Die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen beschäftigte sich weniger mit dieser Erwerbung, über die sich nur dürftige Überlieferungen finden, als mit Albrechts Wallfahrt nach dem Orient und seiner Teilnahme an den Reichsangelegenheiten; da hatte er den Beinamen des Bären erworben. Man hat den Beinamen wohl mit den skandinavischen Pjoren, der manchen Helden eignete, zusammengestellt. Der Bär ist der König der nordischen Waldungen, nach der Sage ebenbürtig mit dem Löwen. In allen seinen Handlungen zeigt Albrecht Umsicht und Energie, Klugheit und Nachdruck. Als ein eigentlicher Eroberer kann er nicht gelten, wohl aber als ein tapferer und glücklicher Erwerber; seiner Erwerbung verlieh er erst ihren wahren Wert, indem er ihr alle Elemente zuführte, welche eigentümliches Leben erwecken können. Ihm gelang das Werk: die stark miteinander von jeher ringenden Stämme, den slawischen und den deutschen, unter dem Übergewicht des letzteren zu verschmelzen. Mit den kirchlichen Institutionen, durch die es erst möglich wurde, war er von jeher verbündet; er vereinigte die beiden größten Impulse der Epoche, religiöse Antriebe und territoriale Besitzergreifung. Dadurch ward das Land an die allgemeine und deutsche Kultur geknüpft. Albrecht ist eine große würdige Gestalt von starken Zügen an der Spitze dieser Geschichte. Mission. Von größtem Einfluß war die fortdauernde Tätigkeit der Prämonstratenser, die in dem Marienkloster zu Magdeburg gleichsam eine besondere Kongregation im Sinne Norberts bildeten, von der andere Stiftungen ausgingen. Bischof Anselm von Havelberg, einer der namhaftesten Kirchenpolitiker der Zeit, wahrscheinlich ein Lothringer, war der erste, welcher Kolonisten in die verwüsteten Landschaften seines Sprengels einführte. Durch ihn hauptsächlich wurde Erzbischof Wichmann, nicht ganz im Einverständnis mit dem päpstlichen Stuhl, von Naumburg nach Magdeburg gezogen, der es dann für Pflicht erachtete, die prämonstratensische Disziplin aufrecht zu halten. Von einer der früheren Ansiedlungen dieses Ordens, dem Kloster Kapenberg, stammen Walo, der Nachfolger Anselms, und der Propst Isfried, unter dessen Verwaltung das Kloster Jerichow zur Blüte kam; da fand zugleich die religiöse Verehrung in einem Bauwerke von großartiger Würde eine imponierende Repräsentation. Von großem Gewicht für die Bekehrung wurde das Kloster Leitzkau. Es war in einer Stätte errichtet, an welcher der heidnische Dienst samt seinen Götzen mit Gewalt vertilgt worden; hier hatten die Bischöfe von Brandenburg, noch im Exil befindlich, meistenteils ihren Sitz. Einer von ihnen, der ebenfalls von Kapenberg stammt, Wigger, erhob in dieser Eigenschaft Leitzkau zu einem Domkapitel, bis endlich das Bistum in Brandenburg hergestellt wurde, welches nun erst die Bedeutung einer Metropole gewann, die ihm von Otto I. zugedacht war. Die Norbertsche Disziplin entfaltete ihre volle Wirksamkeit; ihr Wesen bestand darin, daß sich die Priesterschaft mit Strenge der Erfüllung ihrer Pflicht widmete, unterstützt durch eine tätige Laienbrüderschaft. Die Prämonstratenserklöster waren zugleich ackerbauende Kolonien, gehoben von religiöser Zucht und Sitte, was von um so größerer Wichtigkeit war, da nun der den Germanen eingeborene Trieb der Wanderung sich überhaupt nach dem Osten richtete. In Brandenburg fanden sie ein großes Feld für den Landbau. Das erworbene weite Gebiet bestand aus Landschaften, die durch undurchdringliche Waldungen, Brüche und Sümpfe oder Seen voneinander gesondert wurden; auch die binnenländischen Ströme in ihrem breiten Gerinne erweitern sich zu Seen. Hier und da erkennt man noch, wie sich in jener Zeit das Land aus den weiten Wasserbecken gleichsam als Insel erhob; hauptsächlich an den Ufern der Flüsse, welche den Anwohnern größtenteils ihre Namen gegeben haben, war ein gewisser Anbau des Landes versucht worden, wie ihn das unmittelbarste Bedürfnis forderte, doch war derselbe noch sehr geringfügig. Die neuen Herren geistlichen und weltlichen Standes wirkten zu neuer besserer Ansiedlung zusammen. Von beiden zugleich ging die Berufung der Niederländer zunächst zu den Deichbauten an den Flüssen aus, welche zwar nicht den ganzen Umfang gehabt haben mögen, den ein gleichzeitiger Autor ihnen zuschreibt, aber doch für den Anbau des Landes eine neue Bahn eröffneten. Den Holländern wird die Erneuerung der einst schon von den Sachsen errichteten Dämme an den Ufern der Flüsse und der benachbarten Regionen und der Anbau zugeschrieben; sie wußten das schwere Land zu bearbeiten, welches die Wenden unbenutzt hatten liegen lassen. Der eiserne Pflug half das Land erobern. Mitten im Fortgang dieser Bestrebungen erschienen die Zisterzienser, eine Reform des Mönchsstandes, bei der es nicht so sehr auf priesterliche Funktionen abgesehen war, als auf gemeinschaftliche Arbeit in dem Dienste der Religion und der fortschreitenden Kultur. Sie vereinigten Ökonomie und geistliche, d. h. monastische Tätigkeit. Bernhard von Clairvaux, der ihnen ursprünglich angehörte, hat sie ausdrücklich auf den Landbau angewiesen. In sich selbst hielten sie, wie man weiß, den engsten Zusammenhang fest. Wie die Stiftungen voneinander ausgingen, so blieb fortan auch ihr Verhältnis und ihr Zusammenhang, der die ganze abendländische Welt umfaßte. Ihre Einfachheit, Armut und Tätigkeit, besonders auch eine traditionelle Wissenschaft der Urbarmachung sumpfiger Landschaften verschaffte ihnen Eingang in den früheren Wendenlanden. Erzbischof Wichmann siedelte sie in einer Gegend, die dazu besonders Gelegenheit bot, an der Nuthe an. Hier auf einer über der Sumpflandschaft emporsteigenden Höhe errichteten sie das Kloster Zinna 1171, das einige Jahre darauf einem Wendenanfalle erlag, später aber, wiederhergestellt, glücklich emporkam. Noch einflußreicher wurde es, daß Markgraf Otto I. in einer von einer Reihe von Seen umgebenen Waldlandschaft das Kloster Lehnin aus Zisterziensern errichtete [1180], welches, nachdem es ebenfalls einige Stürme zu erdulden gehabt hatte, zu einer kirchlichen Metropole neben Brandenburg erwuchs. Man hat dem Markgrafen geraten, an dem Orte eine Burg zu errichten; er traf wohl eben das Rechte, wenn er eine Klosterstiftung vorzog, von der sich eine friedliche, um so nachhaltigere Einwirkung erwarten ließ. Die Zisterzienser waren die vornehmsten Träger der Verehrung der Jungfrau und des Kultus der Hostie, welche auf einfache Gemüter einen unauslöschlichen Eindruck hervorzubringen geeignet waren. Der Anbau des Landes selbst gewann einen religiösen Anstrich. Man kann sich die Klosterbrüder lebhaft vergegenwärtigen; der Abt, der inmitten des Urwaldes das Kreuz als Zeichen der Besitznahme für die religiöse Idee aufpflanzt; die Mönche, von denen die einen die Bäume fällen, die anderen die Wurzeln ausroden, die dritten sie anzünden und einen lichten Raum schaffen, von dem dann der weitere Anbau ausgeht. Die Mönche verstanden, das Ackerland von dem Waldboden zu sondern; vorzüglich geschickt waren sie, das Wasser in Teiche zu sammeln oder durch Kanäle abzuführen, so daß der Sumpf sich in Wiesen- oder auch in Gartenland verwandelte. Von dem Hauptkloster zogen sie nicht aus, ohne Sämereien für Gemüse in die neue Stiftung mitzunehmen. Gerade die allgemeine Verbindung der Klöster beförderte den Obstbau. Von den Klosterhöfen verbreiteten sich dann Muster und Antrieb über das Land. Bei diesem Anblick wird man inne, wie sehr der Fortschritt der Dinge von allgemeinen Ideen ausgeht. Selbst das ursprünglichste aller Geschäfte, der Landbau, hängt damit auf das Innigste zusammen. Die Eingeborenen würden das Land selbst nie haben in Besitz nehmen können; dazu wirkten die geistlichen und weltlichen Tendenzen, welche den Anlaß zur Einwanderung gegeben hatten, bei jedem Schritte zusammen. Wenn hier den geistlichen monastischen Antrieben die belebendste Einwirkung auf die Landeskultur zuzuschreiben ist, so würden sie doch nichts ausgerichtet haben, wären nicht kriegstüchtige Ritter und Mannen, die auch ihrerseits auf die Kultur des Landes hauptsächlich angewiesen waren, jeden Augenblick bereit gewesen, die eingenommenen Grenzen mit den Waffen zu verteidigen. So wurde im Laufe des zwölften Jahrhunderts die große deutsche Kolonie im Osten der Elbe begründet. Die Markgrafen erwarben unter der Autorität des Reiches, auf das engste mit der Kirche verbündet, durch kriegerische Anstrengungen und eine glückliche von den Umständen der Zeit begünstigte Politik weite Landstriche, die sie nun fürsorgend und umsichtig in ihr Eigentum verwandeln konnten. Zugleich aber mußte die Ritterschaft allezeit gerüstet sein, um die feindlichen Anfälle abzuwehren ... Ordensland Preußen Es gehörte in den Ideenkreis der sächsischen Kaiser, wenn man, nachdem die Polen den christlichen Glauben angenommen hatten, daran ging, ihn auch bei den Preußen zu verkündigen. Nachdem Adalbert von Prag dabei umgekommen war, wurde es noch einmal von Bruno von Querfurt versucht. Eine unvergleichliche ideale Gestalt ist dieser Bruno. Er hatte sich an Otto III., der das Christentum in Polen unabhängig machte, angeschlossen, seine Zurückgezogenheit und seine Askese, seine Wallfahrten und seinen Aufenthalt in Rom geteilt. Er lebte und webte in einer religiösen Weltanschauung, vor der die Grenzen und Unterschiede der Nationen verschwinden. Sehr unzufrieden war er mit dem Nachfolger Ottos III., Heinrich II., der mit dem christlichen Polenkönig Krieg führe, selbst in Verbindung mit Heiden, da es seine Pflicht wäre, jenen zu unterstützen, diese zu überwältigen. Er dagegen unternahm durch Lehre und Predigt, im Einverständnis mit dem Polenkönig, die heidnischen Preußen zu bekehren. Schon in den Grenzgebieten erlag er aber, wie bei der Hartnäckigkeit der Preußen und der Schwäche der polnischen Unterstützung vorauszusehen war, einem gräflichen Märtyrertode, oder, wie die Chronik sich ausdrückt: »er stieg mit seinen fünfzehn Gefährten zum Himmel auf« [1009]. Zwei Jahrhunderte vergingen, ehe die Bekehrung der Preußen wieder ernstlich versucht wurde. Dann aber konnte es nicht auf die Weise wie in den Gebieten der Elbe und Oder geschehen, denn Deutschland war zu fern, um einen regelmäßigen Einfluß auszuüben, und das benachbarte Polen selbst nicht hinreichend von Kultur durchdrungen, um es zu unternehmen. Es geschah durch ein geistliches Institut, welches aus den allgemeinen Impulsen der abendländischen Christenheit gegen die Ungläubigen entsprungen, doch wieder einen deutschen nationalen Charakter trug, den es noch im Orient annahm ... Entstehung des Deutschen Ordens So ist der Deutsche Orden entstanden: von jenem großen Kreuzzuge, welchen Friedrich I. als Kaiser und mit dem Anspruch eines solchen unternahm, ist er eigentlich die einzige Frucht. Nur langsam gelangte der Orden zu einer gewissen Konsistenz in sich selbst. Das Glück wollte ihm so wohl, daß im Jahre 1211 ein Mann von Geist an seine Spitze trat, Hermann von Salza, der es verstand, in den Konflikten des Kaisertums und des Papsttums, indem er sich unzweifelhaft auf die Seite des ersten neigte, eine solche Haltung anzunehmen, daß er sich auch die Kirche nicht entfremdete. In seiner thüringischen Heimat fand er unter einem einverstandenen Landgrafen die lebendigste Förderung. Und wie schon lange der Kampf gegen die Ungläubigen im Abendlande den Zügen nach der heiligen Stätte gleich geachtet wurde, so wandte der Orden seine Waffen nach dem Occident. Wir finden die Ritter in dem Burgenlande: die Sache der Ungarn, das heißt, inwiefern diese einen integrierenden Teil der abendländischen Christenheit bilden, gegen die Cumanen führen. Allein sie konnten da nicht viel ausrichten, da es ihnen an einem national-gleichförmigen Rückhalt fehlte. Ganz ein anderes Feld eröffnete sich ihnen, als sie von dem Herzog von Massowien nach der Weichsel zum Kampfe gegen die Preußen berufen wurden ... Der Orden genoß damals eines hohen Ansehens und erschien weit und breit im Reiche als die würdigste Genossenschaft für die jungen Edelleute, die nicht an ihre Scholle gefesselt sein wollten. Vornehmlich die Krankenpflege, der er sich mit Einsicht und Erfolg widmete, verschaffte ihm Freunde und Gönner. Den deutschen Häusern, die zu diesem Zwecke errichtet wurden, zugleich an der Saale zu Halle und an der Donau zu Regensburg flossen reiche Begabungen zu. Durch die Klasse der Halbbrüder, welche sich dem Orden anschlossen, ohne an die Gelübde gebunden zu sein, und doch seine Vorrechte in bezug auf die Exemptionen teilten, gewann er ausgebreitete Verbindungen und ergebene Anhänger. Man überließ ihnen Kirchenpatronate mit dem Ertrag der Zehnten und anderen Einkünften. Begüterte Edelleute, die etwa in dem Orient gewesen waren, oder solche, welche eine schwere Verschuldung abbüßen wollten; auch andere, die nur ein gutes Werk zu stiften meinten, namentlich in Thüringen und Hessen, machten ihnen ihre Besitztümer oder einen Teil derselben zum Geschenk. Die Ballei von Thüringen gilt als die älteste, als die zweite die hessische. Landgraf Ludwig der Heilige in Thüringen, dem auch Hessen gehörte, gewährte ihnen Freiheit von Zöllen und andere Exemptionen. Von den geistlichen Herren wurden sie als die besten Kämpen Christi begrüßt und unterstützt. Der Erzbischof von Trier überließ ihnen ein großes, damals verfallenes Spital in Koblenz; der Erzbischof von Salzburg Liegenschaften in Kärnten. Der römische König Heinrich hat ihnen ein Augustinerkloster in Bern, das er aufzuheben Anlaß fand, mit den geistlichen Gerechtsamen, die es besaß, übereignet. Ihr größter, unermüdlichster Förderer aber war Kaiser Friedrich II.; er hat dem Orden in Altenburg im Osterlande ein Hospital zugewiesen, mit der Bestimmung, daß die Überschüsse der Verwaltung für die Ordensbrüder im Heiligen Lande verwendet werden sollten, denn dieses Ziel verlor der Kaiser niemals aus den Augen. Es mußte ihm erwünscht sein, eine Verbindung des deutschen Adels zu idealen Zwecken, die denn auch einmal die seinen werden konnten, in Gang zu setzen: vielleicht den größten Dienst hat er ihm dadurch geleistet, daß er der Genossenschaft in Nürnberg, hierin gegen seine Gewohnheit den Fußtapfen Kaiser Ottos IV. nachfolgend, die Kapelle in der Burg mit allen ihren geistlichen und weltlichen Gerechtsamen und bald darauf ein reich ausgestattetes Hospital mit allen dazu gehörigen Höfen und Zinsleistungen übertrug; es wurde das vornehmste Hospital des Ordens in Deutschland. In den altsächsischen Gebieten fand der Orden weniger Teilnahme, weil man daselbst schon in anderen Verbindungen zu verwandten Zwecken begriffen war; aber in dem oberen und mittleren Deutschland schlug derselbe überall Wurzel; er war im besten Fortgange begriffen, als ihm jene Einladung des Herzogs von Massowien zukam. Das damit verbundene Anerbieten eines Besitzes an der Weichsel konnte nicht anders als willkommen sein. Doch war es dies allein nicht, was den Ordensmeister Hermann von Salza bestimmte, denselben in Erwägung zu ziehen: auf ihn machte es den vornehmsten Eindruck, daß dadurch dem Orden ein großartiger Schauplatz der Tätigkeit und Kraftentwicklung eröffnet wurde. Die starke, volkstümliche und in ursprünglicher Energie bestehende Organisation des Heidentums in Preußen war es doch, was dem fortschreitenden bewaffneten Christentum, aus dessen Ideen der Meister seine Antriebe schöpfte, Einhalt tat. Diese Heiden zu überwältigen, ihr Land zu christianisieren, war für ihn und seinen Orden die würdigste Aufgabe. Er forderte seinen Freund, den Kaiser, auf, nicht allein die angebotene Landesschenkung gutzuheißen, sondern zugleich die große Unternehmung gegen Preußen zu genehmigen und durch sein Wort zu autorisieren. Der Kaiser zweifelte nicht, daß ihm das Recht dazu zustehe: denn auch Preußen gehöre unter die Monarchie des Imperiums, welches nach den Begriffen jener Zeiten die Welt umfaßte. Und auf Hermann von Salza setzte er, weil er ein durch Reden und Taten gewaltiger Mann sei und dafür glühe, seinem Orden eine große Besitzung zu erwerben, unbegrenztes Vertrauen; er werde mit aller Kraft an das Unternehmen gehen, und wenn er es einmal angefangen habe, nicht wieder davon abstehen, wie so viele andere. Er bestätigte dem Orden nicht allein die Schenkungen des Herzogs, sondern sicherte ihm die Eroberungen, die er machen werde, mit fürstlichen Prärogativen zu; er verlieh ihm die Regalien, die Jurisdiktion und alle die Gerechtsame, welche ein Reichsfürst ausübe. Eindringen in Preußen Im Jahre 1229 erschienen nun die ersten Deutschritter in Cujavien, wo sie am linken Weichselufer zunächst eine hölzerne Burg errichteten. Im folgenden Jahre stellte sich eine größere Schar ein, geführt von dem Landmeister Hermann Balk, der, durch militärische Begabung hervorragend, die geistige Oberleitung, welche der Hochmeister aus der Ferne ausübte, am Orte selbst praktisch ergänzt hat. 1231 überschritt man den Strom zu ernster Offensive; das Kulmerland wurde betreten und die Feste Thorn gegründet, wie im nächsten Jahre Kulm: beide sogleich als Städte, mit Magdeburger Recht bewidmet; denn der Eroberung sollte die Kolonisation auf dem Fuße nachfolgen. In der Kulmer Handfeste, die den späteren Festsetzungen zum Vorbilde diente, bedang sich der Orden für die den Ansiedlern bewilligten Freiheiten militärische Gegenleistungen. Überhaupt nahm er die Landesherrschaft um so fester in die Hand, als ihm auch die geistliche Gewalt zufiel; die entgegenstehenden Vorrechte des Bischofs Christian, der zudem in preußische Gefangenschaft gefallen war, wußte man zu beseitigen. Die Eroberung wurde dann am Weichselufer abwärts fortgesetzt, Pomesanien bis zum Frischen Haff, und von da aus in südöstlicher Wendung Pogesanien und Ermland bewältigt. Entscheidend wirkte dazu die stattliche Hilfe mit, die von deutschen Fürsten, und zwar so namhaften, wie der Markgraf von Meißen und der Herzog von Braunschweig, in freiwilligen Zügen geleistet ward; auch die benachbarten Piasten von Großpolen und Schlesien und die Herzöge von Ostpommern haben sich bisweilen angeschlossen. Von nicht minderer Bedeutung war das Eingreifen der Lübecker von der Seeseite her, unter deren Teilnahme 1237 Elbing gegründet und somit eine maritime Verbindung mit den älteren deutschen Küsten gewonnen ward. Im nämlichen Jahre erfolgte überdies die Einverleibung des Schwertordens, der vor kurzem eine schwere Niederlage gegen die Letten, wobei der Meister Volkwin gefallen war, erlitten hatte. Der preußische Landmeister war seitdem zugleich Heermeister von Livland, wo zwar die Hoheit des Bischofs von Riga nicht völlig beseitigt, jedoch, worauf vor der Hand noch mehr ankam, jedem ferneren Anspruch von seiten Dänemarks ein Riegel vorgeschoben ward. – – – Der Charakter einer Kolonie war der vorherrschende in dem neuen Lande. In dem Prinzip zwar lag es, die Einwohner zu schonen, wenn sie das Christentum annahmen, und ihnen gerecht zu werden; aber die unaufhörlichen Rebellionen wurden für den Orden und die Kirche ein Motiv der Entsetzung für die Widerstrebenden aus ihrem Erbteil; die Getreuen aus dem Adel, die Withinge, behaupteten für ihre Güter alle Allodialrechte und eine bevorzugte Stellung. Allein sie waren nicht sehr zahlreich, und da das Land durch die Kriege verwüstet worden, so bot sich ein weiter Raum für die neuen Pflanzungen dar. Der Orden betrachtete sich als Eigentümer des Landes. Die ritterliche Hilfe, die ihm geleistet wurde, belohnte er durch reiche Vergabungen: ganze Dörfer der Eingeborenen wurden den Genossen der Eroberungen überliefert. Den heranziehenden Ansiedlern in Stadt und Land sind die Hufen, die man ihnen anwies, verkauft worden; woher sie kamen, nimmt man aus den Namen der Ortschaften ab. Eigentümlich war die Ansiedlung freier Eigentümer in besonderen Gehöften. Das Recht des Kaufs und Verkaufs war gewährleistet, doch trug man Sorge, daß nicht etwa ein Einheimischer seinen Besitz an die Einzöglinge verkaufte, um sich dann mit dem Ertrag davonzumachen. Allenthalben um dieselbe Zeit zwischen Oder und Elbe und in Schlesien wurden Städte gegründet; einige mit den Vorrechten, die das Lübische Recht verleiht; sie standen mit der Hanse, die hierher gewaltig zurückwirkte, in genauester Verbindung; andere wurden in strenger Unterordnung gehalten. Doch gab ihnen der Orden das Versprechen, in ihren Ringmauern keine Befestigungen anzulegen. Er sorgte für die Sicherheit der Straßen und des Verkehrs: Räuber wurden bis in die entferntesten Gegenden verfolgt. In seinem Innern hielt der Orden noch eine strenge Zucht aufrecht, wie sie dem Sinn einer religiösen Genossenschaft entsprach. Man hütete sich vor Mitgliedern von zweifelhaftem Ruf. Keiner von allen sollte das Wappen seines Geschlechts führen, nur einen großen Zweck, den der christianisierenden Eroberungen, sollte man vor Augen haben. Der Orden gelangte allmählich durch die Einkünfte der Balleien, den Verkauf der Ländereien, die Beiträge der fernen Gläubigen in einen guten finanziellen Zustand. Er war reicher und kräftiger als andere benachbarte Gewalten; stark hauptsächlich dadurch, daß auch die Einzöglinge, die Ritter nach dem verschiedenen Maß ihrer Erwerbungen und zugleich die ihnen unterwürfigen Bauerschaften zur Heeresfolge verpflichtet waren. Die Städte haben in einem oder dem anderen Zusammentreffen den Sieg entschieden. Nicht eigentlich eine Adelsrepublik wurde hier gegründet. Der Orden, der die Landesherrschaft ausübte, war in dem Sinne der abendländischen Christenheit gegliedert; er bildete eine aristokratisch-monarchische Korporation nach strengen Satzungen, die er sich nicht gegeben hatte, noch willkürlich verändern konnte. Seine Herrschaft war drückender als die eines dynastischen Fürstentums, weil sie exklusiver war. Der im Lande angesiedelte, eingesessene Adel wurde von dem Eintritt in den Orden ferngehalten. Eine staatsähnliche Einheit erhielt alles dadurch, daß der Hochmeister des Ordens seinen Sitz in Preußen nahm. Hundert Jahre nach der Eroberung war Accon gefallen [1291], mit der Stadt auch das Hospital, das bis dahin noch immer das Haupthaus des Ordens gebildet hatte. Die Hochmeister suchten sich hierauf eine Freistätte in Venedig, wo jedoch ihres Bleibens auf die Länge nicht sein konnte, weil die Irrungen zwischen der Republik und dem Papste die ruhige Sicherheit störten, deren man bedurfte, und fremdartige und undienliche Rücksichten auflegte. Bei der Wahl eines neuen Sitzes war dann die Macht der Gebietiger in Preußen bestimmend. Bei einem Besuche daselbst hatte der Hochmeister Hohenlohe so wenig Gehorsam gefunden, daß er daran dachte, sein Amt niederzulegen: denn bei einem solchen Zustande könne er es nicht mit gutem Gewissen verwalten. Siegfried von Feuchtwangen, der seine Wahl dem Übergewicht der dortigen Gebietiger verdankte, urteilte, daß er nur in ihrer Mitte eine dem nunmehrigen Zustand angemessene Stellung erlangen werde. Er nahm Wohnung in Marienburg [1309]. Wer kennt dieses bewunderungswürdige Bauwerk nicht, das den Beschauer, sowie er es betritt, gleichsam mit einem Mitgefühl jener Zeiten und Zustände erfüllt: es ist zugleich ein Denkmal der Unabhängigkeit des Ordens, seiner Größe und seiner Verfassung. Zehntes Kapitel Die Reformation. Opposition gegen die Ansprüche der Kirche. Im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts klagte man vor allem über die Verderblichkeit der Annaten. Abgaben an den Papst nach jeder Bischofswahl. Es war schon an sich wahrscheinlich die drückendste Steuer, die in dem Reiche vorkam: zuweilen hat ein Prälat, um sie seinen Untertanen zu ersparen, eine Herrschaft seines Stiftes zu verpfänden gesucht; Diether von Isenburg ist hauptsächlich deshalb abgesetzt worden, weil er die Verpflichtungen nicht erfüllen konnte, die er wegen seines Palliums eingegangen. Unerträglich aber ward der Zustand, sobald einmal häufigere Vakanzen eintraten. In Passau z. B. geschah das 1482, 1486, 1490, 1500: der zuletzt erwählte Bischof begab sich nach Rom, um eine Erleichterung für sein Stift auszuwirken, aber er richtete dort nichts aus, und der lange Aufenthalt am Hofe vermehrte nur seine Geldnot. Die Kosten eines Palliums für Mainz betrugen 20 000 G.: die Summe war auf die einzelnen Teile des Stiftes umgelegt: der Rheingau z. B. hatte allemal 1000 G. beizusteuern; im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts wiederholten sich nun die Vakanzen dreimal rasch hintereinander: 1505, 1508, 1513: Jakob von Liebenstein sagte, er bedaure seinen Tod hauptsächlich deshalb, weil sein Land nun schon wieder jene Gefälle zahlen müsse; aber beim päpstlichen Hofe war alle Verwendung vergeblich: ehe noch die alte Anlage eingegangen war, wurde schon wieder eine neue ausgeschrieben. Welchen Eindruck mußte es hervorbringen, wenn man daran dachte, wie die Reichstage nach den mühsamsten Unterhandlungen doch in der Regel nur geringfügige Bewilligungen machten, wieviel Schwierigkeit es hatte, diese aufzubringen, und wenn man nun die Summen dagegen hielt, die so leicht, so ohne alle Bemühung nach Rom flossen. Man berechnete sie jährlich auf 300 000 G., und zwar noch ohne die Prozeßkosten oder den Ertrag der Pfründen, der dem römischen Hofe zufalle. Und wozu, fragte man dann, nütze das alles? Die Christenheit habe doch in kurzer Zeit zwei Kaisertümer, vierzehn Königreiche, dreihundert Städte verloren; gegen die Türken sei sie in unaufhörlichem Verluste; behalte die deutsche Nation jene Summen zu ihren Händen und verwende sie selber, sie würde mit ihren gewaltigen Kriegsherren dem Erbfeind anders begegnen! Überhaupt erregte dies finanzielle Moment die größte Aufmerksamkeit. Den Barfüßern wollte man nachrechnen, daß ihnen, denen kein Geld anzurühren erlaubt sei, doch alle Jahre die Summe von 200 000 G. einlaufe, den gesamten Bettelmönchen eine Million. Dazu kamen die Kollisionen der geistlichen und der weltlichen Gerichtsbarkeit: die allmählich um so mehr hervortraten, je mehr die Territorien nach einer gewissen Abgeschlossenheit trachteten, sich zu Staaten zu gestalten strebten. Da ist besonders Sachsen merkwürdig. In den verschiedenen Besitzungen beider Linien hatten nicht allein die drei einheimischen Bischöfe, sondern auch die Erzbischöfe von Mainz und von Prag, die Bischöfe von Würzburg und Bamberg, Halberstadt, Havelberg, Brandenburg und Lebus geistliche Jurisdiktion. Die Verwirrung, die hierdurch an und für sich entstand, wuchs nun noch dadurch ungemein, daß alle Streitsachen zwischen Geistlichen und Weltlichen nur vor geistlichen Gerichten verhandelt wurden, so daß Vornehme und Geringe unaufhörlich mit dem geistlichen Bann geängstigt wurden... Die Städte fühlten sich besonders durch die Exemptionen [Ausnahmestellung] der Geistlichkeit belästigt, was konnte einem wohlgeordneten Gemeinwesen unangenehmer sein, als eine zahlreiche Genossenschaft in ihren Mauern zu haben, welche weder die Gerichte der Stadt anerkannte noch ihre Auflagen trug noch ihren Anordnungen überhaupt unterworfen zu sein glaubte. Da waren die Kirchen Asyle für die Verbrecher, die Klöster Sammelplätze einer liederlichen Jugend; es kommen Geistliche vor, welche ihre Steuerfreiheit dazu benutzen, Waren zum Verkauf kommen zu lassen, und wäre es nur um einen Bierschank anzulegen. Greift man sie dann in ihren Vorrechten an, so wehren sie sich mit Bann und Interdikt, wir finden die Stadträte unaufhörlich beschäftigt, diesen Übeln zu steuern. In dringenden Fällen suchen sie ihre Schuldigen auch in dem Asyl auf, und treffen dann Anstalten, um von dem unvermeidlichen Interdikt durch die höheren Instanzen wieder befreit zu werden: nicht ungern gehen sie den Bischof vorbei und wenden sich an den Papst; sie suchen Deformationen der Klöster durchzusetzen. Es kam ihnen sehr bedenklich vor, als die Pfarrer an der Einsammlung des gemeinen Pfennigs Anteil nehmen sollten: höchstens gestatteten sie ihnen Assistenz ohne Teilnahme. Wider die Absicht des Kaisers, einen Bischof zum Kammerrichter zu machen, setzen sich immer die Städte am eifrigsten. Und da man nun einmal in so wichtigen Punkten das geistliche Institut mißbilligte, so kam man auch auf die übrigen Mißbräuche desselben zu reden. Wie lebhaft eifert Hemmerlin wider das unaufhörliche Anwachsen der geistlichen Güter, durch welches man Dörfer verschwinden, halbe Gaue veröden sehe; die übermäßige Anzahl der Feiertage, welche schon das Baseler Konzilium abstellen wollen; den Zölibat, dem die Sitte der morgenländischen Kirche bei weitem vorzuziehen sei; gegen die unbesonnene Erteilung der Weihe, wie man z. B. in Konstanz jedes Jahr 200 Priester weihe: wohin wolle das führen. Es war so weit gekommen, daß die Verfassung des geistlichen Standes die öffentliche Moral beleidigte. Eine Menge Zeremonien und Rechte leitete man nur von der Begierde, Geld zu machen, her; der Zustand der in wilder Ehe lebenden Priester, die dann mit unechten Kindern beladen waren, und aller erkauften Absolution zum Trotz sich nicht selten in ihrem Gewissen beschwert fühlten, indem sie das Meßopfer vollzogen, eine Todsünde zu begehen fürchteten, erregte Mitleiden und Verachtung; die meisten, welche sich zum Mönchsstand bequemten, hatten keine andere Idee, als sich gute Tage ohne Arbeit zu machen. Man fand, die Geistlichkeit nehme von jedem Stand und Geschlecht nur das Angenehme und fliehe das Peinliche. Von den Rittern nehme der Prälat glänzende Umgebung, großes Gefolge, prächtiges Reitzeug, den Falken auf der Faust; mit den Frauen teile er den Schmuck der Gemächer und die Gartenlust; aber die Last der Harnische, die Mühe der Haushaltung wisse er zu vermeiden. Wer sich einmal gütlich tun will, sagte ein Sprichwort, der schlachte ein Huhn; wer ein Jahr lang, der nehme eine Frau; wer es aber alle seine Lebtage gut haben will, der werde ein Priester. Unzählige Aussprüche in diesem Sinne waren in Umlauf; die Flugschriften jener Zeit sind voll davon. Populäre Literatur. Es hatte das aber um so mehr zu bedeuten, da der Geist der Nation, der sich in einer beginnenden populären Literatur aussprach, überhaupt eine Richtung nahm, welche mit dieser mißbilligenden Verwerfung in ihrem Ursprung; ihrem innerlichen Grunde zusammenhing. Jedermann wird uns zugestehen, daß, wenn wir Rosenblüt und Sebastian Brant, den Eulenspiegel und die Bearbeitung des Reineke Fuchs vom Jahre 1498 nennen, wir damit die hervorleuchtendsten Erscheinungen bezeichnen, welche die Literatur dieser Zeit darbietet. Und fragen wir dann, welchen gemeinschaftlichen Charakter sie haben, so ist es der der Opposition. Die Fastnachtsspiele des Hans Rosenblüt haben recht eigentlich diese Bestimmung: er läßt einmal den türkischen Kaiser auftreten, um allen Ständen der Nation die Wahrheit zu sagen. Was Eulenspiegel Beifall verschaffte, war nicht so sehr seine tölpische Grobheit und Spaßhaftigkeit, als die Ironie, welche über alle Stände ausgegossen wird: an diesem Bauern, »der sich mit Schalksnägeln kraut«, wird jeder Witz eines anderen zuschanden. Nur von dieser Seite faßte der deutsche Bearbeiter die Fabel vom Fuchs auf, er sieht darin eine Symbolisierung der Mängel der menschlichen Gesellschaft, wie er denn gar bald die verschiedenen Stände entdeckt hat und sich bemüht, die Lehren zu entwickeln, die der Poet einem jeden erteile. Auf den ersten Blick tritt dieser Inhalt in Brants Narrenschiff hervor. Es ist nicht Spott über einzelne Torheiten: auf der einen Seite wird das Laster, ja das Verbrechen, auf der anderen auch ein höheres über das Gemeine hinausgehendes Bestreben – wenn man z. B. all sein Sinnen darauf richte, Städte und Länder zu erkunden, wenn man den Zirkel zur Hand nehme, um zu erforschen, wie breit die Erde, wie fern das Meer sich ziehe –, unter dem Gesichtspunkt der Torheit betrachtet. Glorie und Schönheit werden verachtet, weil sie vergänglich sind: »nichts ist bleiblich als die Lehre«. Bei dieser allgemeinen Opposition gegen die obwaltenden Zustände geschieht nun auch überall der Mängel in dem geistlichen Stande Erwähnung. Sehr lebendig eifert schon der Schnepperer gegen die Pfaffen, »welche hohe Rosse reiten, aber nicht mit den Heiden kämpfen wollen«; im Eulenspiegel werden die gemeinen Pfaffen mit ihren hübschen Kellnerinnen, säuberlichen Pferdchen und vollen Küchen fast am häufigsten verspottet, sie erscheinen dumm und gierig; auch im Reineke spielen die Papemeierschen, die Haushaltungen der Pfaffen, wo sich kleine Kinder finden, eine Rolle, und der Erklärer wenigstens nimmt es damit sehr ernstlich, er erörtert, daß die Sünden der Pfaffen, wegen des bösen Beispiels, das dadurch gegeben werde, noch höher anzuschlagen seien als Laiensünden; und so ergießt denn auch Doktor Brant seinen Unwillen gegen den allzufrühen Eintritt in die Klöster, ehe jemand recht zu einem Menschen geworden, so daß er dann alles ohne Andacht tue, und führt uns in die Haushaltungen der unberufenen Priester ein, denen es doch zuletzt an ihrer Nahrung fehlt, während ihre Seele mit Sünden beschwert ist: »denn Gott achtet des Opfers nicht, das in Sünden mit Sünden geschicht«. Indessen ist das doch nicht ausschließend, ja, man könnte nicht einmal sagen vorzugsweise der Inhalt dieser Schriften: ihre Bedeutung ist um vieles allgemeiner. Während man in Italien den romantischen Stoff des Mittelalters in glänzenden und großartigen Werken der Poesie umschuf, wendete ihm der deutsche Geist keine wahre Aufmerksamkeit mehr zu: Titurel und Parzival z. B. wurden gedruckt, aber als Antiquität, in einer schon damals unverständlichen Sprache. Während die Opposition, welche die Institute des Mittelalters auch dort in der fortschreitenden Entwicklung des Geistes fanden, sich scherzhaft gestaltete, ein Element der Behandlung wurde, sich den Idealen der Poesie als deren Verspottung an die Seite stellte, setzte sie sich hier selbständig fest und wandte sich unmittelbar gegen die Erscheinungen des Lebens, nicht gegen deren Reproduktion in der Fabel. Allem Tun und Treiben der verschiedenen Stände, Alter, Geschlechter tritt in der deutschen Literatur jener Tage der nüchterne Menschenverstand gegenüber, die gemeine Moral, die nackte Regel des gewöhnlichen Lebens, die aber eben das zu sein behauptet, »wodurch die Könige ihre Kronen haben, Fürsten ihre Länder, alle Gewalten ihre rechtliche Geltung«. Der allgemeinen Verwirrung und Gärung, die in den öffentlichen Verhältnissen sichtbar ist, entspricht es, es ist ihr natürlicher Gegensatz, daß in der Tiefe der Nation der gesunde Menschenverstand zur Besinnung kommt, und prosaisch, bürgerlich, niedrig wie er ist, aber durch und durch wahr, sich zum Richter der Erscheinungen der Welt aufwirft. Es ist ein bewundernswürdiges Bestreben, wenn man in Italien, durch die Denkmale des Altertums an die Bedeutung der schönen Form erinnert, mit ihnen wetteifert und Werke zustande bringt, an denen der gebildete Geist ein unvergängliches Wohlgefallen hat; aber man kann wohl sagen: nicht minder groß und für den Fortgang der Dinge noch bedeutender ist es, daß hier der nationale Geist nach jahrhundertelang fortgesetzter Ausbildung zum Bewußtsein seiner selber gelangt, sich von den Überlieferungen losreißt und die Dinge, die Institute der Welt, an der ihm eingeborenen Idee der Wahrheit prüft. Auch in Deutschland verabsäumte man die Forderungen der Form nicht so ganz. In dem Reineke läßt sich wahrnehmen, wie der Bearbeiter alles entfernt, was zur Manier der romantischen Dichtung gehört, leichtere Übergänge sucht, Szenen des gemeinen Lebens zu vollerer Anschaulichkeit ausbildet, überall verständlicher, vaterländischer zu werden strebt, z. B. die deutschen Namen vollends einführt: sein Bemühen ist vor allem, seinen Stoff zu popularisieren, ihn der Nation so nahe wie möglich zu bringen, und sein Werk hat hierbei die Form bekommen, in der es nun wieder mehr als drei Jahrhunderte seine Leser sich gesammelt hat. Sebastian Brant besitzt für die Sentenz, das Sprichwörtliche, ein unvergleichliches Talent, für seine einfachen Gedanken weist er den angemessensten Ausdruck zu finden: seine Reime kommen ihm ungesucht und treffen in glücklichem Wohllaut zusammen: »hier«, sagte Geiler von Keisersberg, »ist das Angenehme und das Nützliche verbunden, es sind Becher reinen Weines, hier bietet man in kunstvollen Geschirren fürstliche Speisen dar.« Aber so in dieser wie in einer Menge anderer sie umgebenden Schriften bleibt der Inhalt die Hauptsache, der Ausdruck der Opposition der gemeinen Moral und des alltäglichen Verstandes wider die Mißbräuche in dem öffentlichen Leben und das Verderben der Zeit. Soeben nahm auch ein anderer Zweig der Literatur, die gelehrte, und vielleicht nur noch entschiedener, eine verwandte Richtung. Gelehrte Literatur Darauf hatte nun Italien den größten Einfluß. In Italien war die Scholastik so wenig wie die romantische Poesie oder die gotische Baukunst zu vollständiger Herrschaft gelangt: es blieb hier immer Erinnerung an das Altertum übrig, die sich endlich in dem fünfzehnten Jahrhundert auf das großartigste erhob, alle Geister ergriff und der Literatur ein neues Leben gab. Auch auf Deutschland wirkte diese Entwicklung mit der Zeit zurück, wenn auch zunächst nur in Hinsicht des Äußerlichsten, des lateinischen Ausdrucks. Bei dem unausgesetzten Verkehr mit Italien, den die kirchlichen Verhältnisse herbeiführten, empfanden die Deutschen gar bald die Überlegenheit der Italiener: sie sahen sich von den Zöglingen der dortigen Grammatiker und Rhetoren verachtet und fingen selbst an, sich zu schämen, daß sie so schlecht sprachen, so elend schrieben. Kein Wunder, wenn sich jüngere strebende Geister endlich auch entschlossen, ihr Latein in Italien zu lernen. Es waren zuerst ein paar begüterte Edelleute, ein Dalberg, ein Langen, ein Spiegelberg, die nicht allein sich selbst bildeten, sondern sich auch das Verdienst erwarben, Bücher mitzubringen, grammatische Schriften, bessere Ausgaben von Klassikern, und diese ihren Freunden mitteilten. Dann erschien auch wohl einmal ein Talent, das sich die klassische Bildung jener Zeit vollständig aneignete. Rudolf Huesmann von Gröningen, genannt Agricola, ist ein solches: die Virtuosität, die er sich erwarb, erregte ein allgemeines Aufsehen: wie ein Römer, wie ein zweiter Virgil ward er in den Schulen bewundert. Er selbst zwar hatte nur im Sinne, sich weiter auszubilden: die Mühseligkeiten der Schule waren ihm widerwärtig: in die engen Verhältnisse, die einem deutschen Gelehrten zugemessen sind, konnte er sich nicht finden, und andere, in die er eintrat, befriedigten ihn doch nicht, so daß er sich rasch verzehrte und vor der Zeit starb; aber er hatte Freunde, denen es nicht so schwer wurde, sich in die Notwendigkeiten des deutschen Lebens zu schicken, und denen er mit lebendiger Anweisung zu Hilfe kam. In einer schönen vertraulichen Freundschaft stand Agricola mit Hegius in Deventer, der sich ihm mit bescheidener Lernbegierde anschloß, ihn um einzelne Belehrungen ersuchte und mit freudiger Teilnahme von ihm gefördert ward; einen anderen seiner Freunde Dringenberg zog er nach Schlettstadt. Von Deventer aus wurden dann die niederdeutschen Schulen, Münster, Hervord, Dortmund, Hamm, mit Lehrern versehen und reformiert; die Städte des oberen Deutschlands wetteiferten, die Schüler Dringenbergs anzustellen. In Nürnberg, Ulm, Augsburg, Frankfurt, Hagenau, Memmingen, Pforzheim finden wir mehr oder minder namhafte Poetenschulen; Schlettstadt selbst stieg einmal auf 900 Schüler. Man wird nicht glauben, daß diese Literaten, welche hier eine rohe Jugend, die großenteils von Almosen leben mußte, keine Bücher besaß, sich in seltsam disziplinierten Gesellschaften – Bacchanten und Schützen – von Stadt zu Stadt trieb, in Ordnung zu halten und in den Anfangsgründen zu unterweisen hatten, gerade große Gelehrte gewesen wären oder deren gebildet hätten: auch kam es darauf nicht an: es war schon Verdienst genug, daß sie eine bedeutende Dichtung festhielten, nach Kräften ausbreiteten, die Bildung eines lebendigen literarischen Publikums begründeten. Allmählich wichen die bisherigen Lehrbücher; aus den deutschen Pressen gingen klassische Autoren hervor; schon am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts macht ein Geiler von Keisersberg, der sonst dieser literarischen Richtung nicht angehört, den gelehrten Theologen ihr Latein zum Vorwurf, das roh und matt und barbarisch sei, weder deutsch noch lateinisch, sondern beides und keins von beiden. Denn da die Scholastik der Universitäten, welche bisher den Elementarunterricht beherrscht hatte, bei ihrer gewohnten Ausdrucksweise verblieb, so mußte zwischen der neu aufkommenden humanistischen und der alten Methode eine Reibung entstehen, die dann nicht verfehlen konnte, von dem allgemeinen Element der Sprache her auch andere Gebiete zu ergreifen. Eben von diesem Moment ging ein Autor aus, der es zum Geschäft seines Lebens machte, die Scholastik der Universitäten und Klöster anzugreifen, der erste große Autor der Opposition in modernem Sinne, ein Niederdeutscher, Erasmus von Rotterdam. Erasmus. Überblicken wir die ersten dreißig Lebensjahre des Erasmus, so war er in unaufhörlichem inneren Widerspruch mit dem Kloster- und Studienwesen jener Zeit aufgewachsen und geworden, was er war. Man könnte sagen: er war gezeugt und geboren in diesem Gegensatz: sein Vater hatte sich mit seiner Mutter nicht vermählen dürfen, weil er für das Kloster bestimmt war. Ihn selbst hatte man auf keine Universität ziehen lassen, wie er wünschte, sondern in einer unvollkommenen Klosteranstalt festgehalten, die ihm sehr bald nicht mehr genügte; ja, man hatte ihn durch allerlei Künste mit der Zeit vermocht, selbst in ein Kloster zu treten und die Gelübde abzulegen. Erst dann aber fühlte er ihren ganzen Druck, als er sie auf sich genommen: er hielt es schon für eine Befreiung, daß es ihm gelang, eine Stelle in einem Kollegium zu Paris zu erhalten; jedoch auch hier ward ihm nicht wohl: er sah sich genötigt, statistischen Vorlesungen und Disputationen beizuwohnen, und dabei klagt er, daß die verdorbene Nahrung, der kanigte Wein, von denen er dort leben mußte, seine Gesundheit vollends zugrunde gerichtet habe. Da war er aber auch schon zu dem Gefühle seiner selbst gelangt. So wie er noch als Knabe die erste Spur einer neuen Methode bekommen, war er ihr, mit geringen Hilfsmitteln, aber mit dem sicheren Instinkt des echten Talentes, nachgegangen: er hatte sich eine dem Muster der Alten nicht in jedem einzelnen Ausdruck, aber in innerer Richtigkeit und Eleganz entsprechende leicht dahinfliegende Diktion zu eigen gemacht, durch die er alles, was es in Paris gab, weit übertraf; jetzt riß er sich von den Banden, die ihn an Kloster und Scholastik fesselten, los; er wagte es, von der Kunst zu leben, die er verstand. Er unterrichtete und kam dadurch in fördernde und seine Zukunft sichernde Verbindungen; er machte einige Schriften bekannt, die ihm, wie sie denn mit ebensoviel Vorsicht als Virtuosität abgefaßt waren, Bewunderung und Gönner verschafften; allmählich fühlte er, was das Publikum bedurfte und liebte, er warf sich ganz in die Literatur. Er verfaßte Lehrbücher über Methode und Form; übersetzte aus dem Griechischen, das er dabei erst lernte; edierte die alten Autoren, ahmte sie nach, bald Lucian, bald Terenz, – er zeigte allenthalben den Geist seiner Beobachtung, welcher zugleich belehrt und ergötzt: was ihm aber hauptsächlich sein Publikum verschaffte, war die Tendenz, die er verfolgte. Jene ganze Bitterkeit gegen die Formen der Frömmigkeit und Theologie jener Zeit, die ihm durch den Gang und die Begegnisse seines Lebens zu einer habituellen Stimmung geworden, ergoß er in seine Schriften: nicht daß er sie zu diesem Zwecke von vornherein angelegt hätte, sondern indirekt, da, wo man es nicht erwartete, zuweilen in der Mitte einer gelehrten Diskussion, mit treffender, unerschöpflicher Laune. Unter anderen bemächtigte er sich der durch Brant und Geiler populär gewordenen Vorstellung von dem Element der Narrheit, das in alles menschliche Tun und Treiben eingedrungen sei: er führte sie selbstredend ein, Moria, Tochter des Plutus, geboren auf den glückseligen Inseln, genährt von Trunkenheit und Ungezogenheit, Herrscherin über ein gewaltiges Reich, das sie nun schildert, zu dem alle Stände der Welt gehören. Sie geht sie sämtlich durch, bei keinem aber verweilt sie länger und geflissentlicher als bei den Geistlichen, die ihre Wohltaten nicht anerkennen wollen, aber ihr nur desto mehr verpflichtet sind. Sie verspottet das Labyrinth der Dialektik, in dem die Theologen sich gefangen haben, die Syllogismen, mit denen sie die Kirche zu stützen vermeinen wie Atlas den Himmel, den Verdammungseifer, mit dem sie jede abweichende Meinung verfolgen; – dann kommt sie auf die Unwissenheit, den Schmutz, die seltsamen und lächerlichen Bestrebungen der Mönche, ihre rohen und zänkischen Predigten; auch die Bischöfe greift sie hierauf an, die sich jetzt mehr nach Gold umsehen als nach den Seelen, die schon genug zu tun glauben, wenn sie in theatralischem Aufzug als die verehrungswürdigsten heiligsten seligsten Väter segnen oder fluchen; kühnlich tastet sie endlich auch den römischen Hof und den Papst selber an, er nehme für sich nur das Vergnügen, und für sein Amt lasse er die Apostel Peter und Paul sorgen. Mitten unter den seltsamen Holzschnitten, mit denen das Büchelchen nach den Randzeichnungen von Hans Holbein ausgestattet worden, erscheint auch der Papst mit seiner dreifachen Krone. Ein Werkchen, das einen schon einige Zeit daher gang und gäbe gewordenen Stoff geistreich und gedrängt zusammenfaßte, ihm eine Form gab, die allen Ansprüchen der Bildung genügte und in seiner entschiedenen Tendenz der Stimmung der Epoche zusagte: eine unbeschreibliche Wirkung brachte es hervor: noch bei Lebzeiten des Erasmus sind siebenundzwanzig Auflagen davon erschienen: in alle Sprachen ist es übersetzt worden: es hat wesentlich dazu beigetragen, den Geist des Jahrhunderts in seiner antiklerikalischen Richtung zu befestigen. Dem populären Angriffe fügte Erasmus aber auch einen gelehrten tieferen hinzu. Das Studium des Griechischen war im fünfzehnten Jahrhundert in Italien erwacht, dem Latein zur Seite in Deutschland und Frankreich vorgedrungen und eröffnete nun allen lebendigen Geistern jenseit der beschränkten Gesichtskreise der abendländischen kirchlichen Wissenschaft neue glänzende Aussichten. Erasmus ging auf die Idee der Italiener ein, daß man die Wissenschaften aus den Alten lernen müsse, Erdbeschreibung aus Strabo, Naturgeschichte aus Plinius, Mythologie aus Ovid, Medizin aus Hippokrates, Philosophie aus Plato, nicht aus den barocken und unzureichenden Lehrbüchern, deren man sich jetzt bediene; aber er ging noch einen Schritt weiter, er forderte, daß die Gottesgelahrtheit nicht mehr aus Scotus und Thomas, sondern aus den griechischen Kirchenvätern und vor allem aus dem Neuen Testament gelernt würde. Nach dem Vorgang des Laurentius Valla, dessen Vorbild überhaupt auf Erasmus großen Einfluß gehabt hat, zeigte er, daß man sich hierbei nicht an die Vulgata halten müsse, der er eine ganze Anzahl Fehler nachwies; er selbst schritt zu dem großen Werke, den griechischen Text, der dem Abendlande noch niemals gründlich bekannt geworden, herauszugeben. So dachte er, wie er sich ausdrückt, diese kalte Wortstreiterin Theologie auf ihre Quellen zurückzuführen; dem wunderbar aufgetürmten System zeigte er die Einfachheit des Ursprungs, von der es ausgegangen war, zu der es zurückkehren müsse. In alledem hatte er nur die Zustimmung des großen Publikums, für das er schrieb. Es mochte dazu beitragen, daß er hinter dem Mißbrauch, den er tadelte, nicht einen Abgrund erblicken ließ, vor dem man erschrocken wäre, sondern eine Verbesserung, die er sogar für leicht erklärte; daß er sich wohl hütete, gewisse Grundsätze, welche die gläubige Überzeugung festhielt, ernstlich zu verletzen. Die Hauptsache aber machte sein unvergleichliches literarisches Talent. Er arbeitete unaufhörlich, in mancherlei Zweigen, und wußte mit seinen Arbeiten bald zustande zu kommen: er hatte nicht die Geduld, sie aufs neue vorzunehmen, umzuschreiben, auszufeilen: die meisten wurden gedruckt, wie er sie hinwarf; aber ebendies verschaffte ihnen allgemeinen Eingang: sie zogen eben dadurch an, weil sie die ohne allen Rückblick sich fortentwickelnden Gedanken eines reichen, feinen, witzigen, kühnen und gebildeten Geistes mitteilten. Wer bemerkte gleich die Fehler, deren ihm genug entschlüpften? Die Art und Weise seines Vortrags, die den Leser noch heute fesselt, riß damals noch weit mehr jedermann mit sich fort. So ward er allmählich der berühmteste Mann in Europa: die öffentliche Meinung, der er Weg bahnte vor ihr her, schmückte ihn mit ihren schönsten Kränzen; in sein Haus zu Basel strömten die Geschenke; von allen Seiten besuchte man ihn; nach allen Weltgegenden empfing er Einladungen. Ein kleiner, blonder Mann, mit blauen, halbgeschlossenen Augen voll Feinheit und Beobachtung, Laune um den Mund, von etwas furchtsamer Haltung: jeder Hauch schien ihn umzuwerfen: er zitterte bei dem Worte Tod ... Anfänge Luthers. »Ich bin eines Bauern Sohn,« sagt Luther selbst, »mein Vater, Großvater, Ahn sind rechte Bauern gewesen; darauf ist mein Vater gen Mansfeld gezogen und ein Berghauer worden: daher bin ich.« Das Geschlecht, dem Luther angehört, ist in Möhra zu Hause, einem Dorfe unmittelbar an der Höhe des Thüringer Waldgebirges, unfern den Gegenden, an die sich das Andenken der ersten Verkündigungen des Christentums durch Bonifatius knüpft: da mögen die Vorfahren Luthers jahrhundertelang auf ihrer Hufe gesessen haben, – wie diese Thüringer Bauern pflegen, von denen immer ein Bruder das Gut behält, während die anderen ihr Fortkommen auf andere Weise suchen. Von diesem Los, sich irgendwo auf seine eigene Hand Heimat und Herd erwerben zu müssen, betroffen, wandte sich Hans Luther nach dem Bergwerk zu Mansfeld, wo er im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdiente: mit seiner Frau Margret, die gar oft das Holz auf ihrem Rücken hereinholte. Von diesen Eltern stammte Martin Luther. Er kam in Eisleben auf die Welt, wohin, wie eine alte Sage ist, seine rüstige Mutter eben gewandert war, um Einkäufe zu machen. Er wuchs auf in der Mansfelder Gebirgsluft ... In Eisenach, wo er eine höhere Schule besuchte, fand er Aufnahme bei den Verwandten seiner Mutter; in Erfurt, wohin er zur Universität ging, ließ ihm sein Vater, der indessen durch Arbeitsamkeit, Sparsamkeit und Gedeihen in bessere Umstände gekommen, freigebige Unterstützung zufließen: er dachte, sein Sohn solle ein Rechtsgelehrter werden, sich anständig verheiraten und ihm Ehre machen. Auf die Beschränkungen der Kindheit aber folgen in dem mühseligen Leben der Menschen bald andere Bedrängnisse. Der Geist fühlt sich frei von den Banden der Schule; er ist noch zerstreut durch die Bedürfnisse und Sorgen des täglichen Lebens; mutvoll wendet er sich den höchsten Problemen zu, den Fragen über das Verhältnis des Menschen zu Gott, Gottes zur Welt: indem er ihre Lösung gewaltsam zu erstürmen sucht, ergreifen ihn leicht die unseligsten Zweifel. Es scheint fast, als sei der ewige Ursprung alles Lebens dem jungen Luther nur als der strenge Richter und Rächer erschienen, der die Sündhaftigkeit, von der ihm von Natur ein großartig lebendiges Gefühl beiwohnte, mit der Qual der Höllenstrafen heimsuche und den man nur durch Buße, Abtötung und schweren Dienst versöhnen könne, Als er einst, im Juli 1505, von dem väterlichen Hause zu Mansfeld wieder nach Erfurt zurückging, ereilte ihn auf dem Felde in der Nähe von Stotternheim eines jener furchtbaren Gewitter, wie sie sich nicht selten hier am Gebirge lange ansammeln und endlich plötzlich über den ganzen Horizont hin entladen. Luther war schon ohnedies durch den unerwarteten Tod eines vertrauten Freundes erschüttert. Wer kennt die Momente nicht, in denen das stürmische verzagte Herz durch irgendein überwältigendes Ereignis, wäre es auch nur eben der Natur, vollends zu Boden gedrückt wird. In dem Ungewitter erblickte Luther in seiner Einsamkeit auf dem Feldweg den Gott des Zornes und der Rache: ein Blitz schlug neben ihm ein: in diesem Schrecken gelobte er der heiligen Anna, wenn er gerettet werde, in ein Kloster zu gehen. Noch einmal ergötzte er sich mit seinen Freunden eines Abends bei Wein, Saitenspiel und Gesang: es war das letzte Vergnügen, das er sich zugedacht: hierauf eilte er, sein Gelübde zu vollziehen, und tat Profeß in dem Augustinerkloster zu Erfurt. Wie hätte er aber hier Ruhe finden sollen, in alle der aufstrebenden Kraft jugendlicher Jahre hinter die enge Klosterpforte verwiesen, in eine niedrige Zelle mit der Aussicht auf ein paar Fuß Gartenland, zwischen Kreuzgängen, und zunächst nur zu den niedrigsten Diensten verwandt. Anfangs widmete er sich den Pflichten eines angehenden Klosterbruders mit der Hingebung eines entschlossenen Willens. »Ist je ein Mönch in Himmel gekommen«, sagt er selbst, »durch Möncherei, so wollte auch ich hineingekommen sein.« Aber dem schweren Dienst des Gehorsams zum Trotz ward er bald von peinvoller Unruhe ergriffen. Zuweilen studierte er Tag und Nacht und versäumte darüber seine kanonischen Horen; dann holte er diese wieder mit reuigem Eifer nach: ebenfalls ganze Nächte lang. Zuweilen ging er, nicht ohne sein Mittagsbrot mitzunehmen, auf ein Dorf hinaus, predigte den Hirten und Bauern und erquickte sich dafür an ihrer ländlichen Musik; dann kam er wieder und schloß sich tagelang in seine Zelle ein, ohne jemand sehen zu wollen. Alle früheren Zweifel und inneren Bedrängnisse kehrten von Zeit zu Zeit mit doppelter Stärke zurück. Wenn er die Schrift studierte, so stieß er auf Sprüche, die ihm ein Grauen erregten, z.B.: Errette mich in deiner Gerechtigkeit, deiner Wahrheit: »ich gedachte,« sagte er, »Gerechtigkeit wäre der grimmige Zorn Gottes, womit er die Sünder straft«; in den Briefen Pauli traten ihm Stellen entgegen, die ihn tagelang verfolgten. Wohl blieben ihm die Lehren von der Gnade nicht unbekannt: allein die Behauptung, daß durch dieselbe die Sünde auf einmal hinweggenommen werde, brachte auf ihn, der sich seiner Sünde nur allzuwohl bewußt blieb, eher einen abstoßenden, persönlich niederbeugenden Eindruck hervor. Sie machte ihn, wie er sagt, das Herz bluten, ihn an Gott verzweifeln. »O meine Sünde, Sünde, Sünde!« schrieb er an Staupitz, der sich dann nicht wenig wunderte, wenn er kam, dem Mönche Beichte saß und dieser keine Tatsachen zu bekennen wußte. Es war die Sehnsucht der Kreatur nach der Reinheit ihres Schöpfers, der sie sich in dem Grunde ihres Daseins verwandt, von der sie sich doch wieder durch eine unermeßliche Kluft entfernt fühlt: ein Gefühl, das Luther durch unablässiges einsames Grübeln nährte und das ihn um so tiefer und schmerzhafter durchdrang, da es durch keine Bußübung beschwichtigt, von keiner Lehre innerlich und wirksam berührt wurde, kein Beichtvater darum wissen wollte. Es kamen Momente – damals oder später –, wo die angstvolle Schwermut sich aus den geheimen Tiefen der Seele gewaltig über ihn erhob, ihre dunkeln Fittiche um sein Haupt schwang, ihn ganz darniederwarf. Als er sich einst wieder ein paar Tage unsichtbar gemacht hatte, erbrachen einige Freunde seine Zelle und fanden ihn ohnmächtig, ohne Besinnung ausgestreckt. Sie kannten ihren Freund: mit schonungsvoller Einsicht schlugen sie das Saitenspiel an, das sie mitgebracht: unter der wohlbekannten Weise stellte die mit sich selber hadernde Seele die Harmonie ihrer inneren Triebe wieder her und erwachte zu gesundem Bewußtsein. Liegt es aber nicht in den Gesetzen der ewigen Weltordnung, daß ein so wahres Bedürfnis der gottsuchenden Seele dann auch wieder durch die Fülle der Überzeugung befriedigt wird? Der erste, der Luthern in seinem verzweiflungsvollen Zustande, man kann nicht sagen Trost gab, aber einen Lichtstrahl in seine Nacht fallen ließ, war ein alter Augustinerbruder, der ihn in väterlichem Zuspruch auf die einfachste erste Wahrheit des Christentums hinwies, auf die Vergebung der Sünden durch den Glauben an den Erlöser: auf die Lehre Pauli Römer am dritten, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. Lehren, die er wohl auch früher gehört haben mochte, die er aber in ihrer Verdunkelung durch Schulmeinungen und Zeremomendienst nie recht verstanden, die erst jetzt einen vollen durchgreifenden Eindruck auf ihn machten. Er sann hauptsächlich dem Spruche nach: der Gerechte lebet seines Glaubens; er las die Erklärung Augustins darüber: »da ward ich froh,« sagt er, »denn ich lernte und sah, daß Gottes Gerechtigkeit ist seine Barmherzigkeit, durch welche er uns gerecht achtet und hält: da reimte ich Gerechtigkeit und Gerechtsein zusammen und ward meiner Sache gewiß.« Eben das war die Überzeugung, deren seine Seele bedurfte: er ward inne, daß die ewige Gnade selbst, von welcher der Ursprung des Menschen stammt, die irrende Seele erbarmungsvoll wieder an sich zieht und sie mit der Fülle ihres Lichtes verklärt: daß uns davon in dem historischen Christus Vorbild und unwidersprechliche Gewißheit gegeben worden: er ward allmählich von dem Begriff der finsteren nur durch Werke rauher Buße zu versöhnenden Gerechtigkeit frei. Er war wie ein Mensch, der nach langem Irren endlich den rechten Pfad gefunden hat und bei jedem Schritte sich mehr davon überzeugt: getrost schreitet er weiter. So stand es mit Luther, als er von seinem Provinzial im Jahre 1508 nach Wittenberg gezogen ward. Die philosophischen Vorlesungen, die er übernehmen mußte, schärften in ihm die Begierde, in die Geheimnisse der Theologie einzudringen, »in den Kern der Nuß«, wie er sagt, »in das Mark des Weizens«. Die Schriften, die er studierte, waren die Episteln Pauli, die Bücher Augustins wider die Pelagianer, endlich die Predigten Taulers: mit viel fremdartiger Literatur belud er sich nicht; es kam ihm nur auf Befestigung, Ausarbeitung der einmal gewonnenen Überzeugung an. In der merkwürdigsten Stimmung finden wir ihn auf einer Reise, die er ein paar Jahre darauf in Sachen seines Ordens nach Rom machte. Als er der Türme von Rom aus der Ferne ansichtig wurde, fiel er auf die Erde, hob seine Hände auf und sprach: sei mir gegrüßt, du heiliges Rom. Hierauf war keine Übung der Pilgerfrömmigkeit, die er nicht mit Hingebung, langsam und andächtig vollzogen hätte; er ließ sich die Leichtfertigkeiten anderer Priester darin nicht stören; er sagt, er hätte beinahe wünschen mögen, daß seine Eltern schon gestorben wären, um sie hier durch diese bevorrechteten Gottesdienste sicher aus dem Fegefeuer erlösen zu können; – aber dabei empfand er doch auch in jedem Augenblick, wie wenig alle das mit der tröstlichen Lehre übereinstimme, die er in dem Briefe an die Römer und bei Augustin gefunden: indem er die Scala santa auf den Knien zurücklegte, um den hohen Ablaß zu erlangen, der an diese mühevolle Andacht geknüpft war, hörte er eine widersprechende Stimme unaufhörlich in seinem Innern rufen: »Der Gerechte lebet seines Glaubens.« Nach seiner Rückkunft ward er 1512 Doktor der Heiligen Schrift, und von Jahr zu Jahr erweiterte sich seine Tätigkeit. Er las an der Universität bald über das Neue, bald über das Alte Testament: er predigte bei den Augustinern und versah an der Stelle des erkrankten Pfarrers das Pfarramt in der Stadt; im Jahre 1516 ernannte ihn auch Staupitz während einer Reise zu seinem Verweser im Orden, und wir finden ihn die Klöster in der ganzen Provinz besuchen, wo er Prioren einsetzt oder absetzt, Mönche aufnimmt und verpflanzt, gleichzeitig die ökonomischen Kleinigkeiten beaufsichtigt und zu tieferer Gottesfurcht anzuleiten sucht; überdies hat er sein eigenes, mit Brüdern überfülltes und dabei sehr armes Kloster zu besorgen. Von den Jahren 1515 und 1516 haben wir einige Schriften von ihm übrig, aus denen wir die geistige Entwicklung kennenlernen, in der er begriffen war. Noch hatten Mystik und Scholastik großen Einfluß auf ihn. In den ersten deutschen geistlichen Worten, die wir von ihm haben, einem Predigtentwurf vom November 1515, wendet er die Symbolik des hohen Liedes in harten Ausdrücken auf die Wirkung des Heiligen Geistes, welcher durch das Fleisch in den Geist führe, und auf das innere Verständnis der Heiligen Schrift an. In einem anderen vom Dezember desselben Jahres sucht er aus der aristotelischen Theorie über Wesen, Bewegung und Ruhe das Geheimnis der Dreieinigkeit zu erläutern. Dabei aber nahmen seine Ideen schon eine Dichtung auf die Verbesserung der Kirche im allgemeinen und großen. In einer Rede, welche, wie es scheint, dazu bestimmt war, von dem Propst zu Litzkau auf dem lateranensischen Konzilium vorgetragen zu werden, führt er aus, daß das Verderben der Welt von den Priestern herrühre, von denen zu viel Menschensatzung und Fabel, nicht das reine Wort Gottes vorgetragen werde. Denn nur das Wort des Lebens habe die Fähigkeit, die innere Wiedergeburt des Menschen zu vollziehen. Es ist sehr bemerkenswert, daß Luther schon da das Heil der Welt bei weitem weniger von einer Verbesserung des Lebens erwartet, die nur erst einen zweiten Gesichtspunkt ausmacht, als von einer Wiederherstellung der Lehre. Von keiner anderen Lehre aber zeigt er sich so vollkommen durchdrungen und erfüllt wie von der Rechtfertigung durch den Glauben. Er dringt unaufhörlich darauf, daß man sich selber verleugnen und unter die Fittiche Christi fliehen müsse; er wiederholt bei jeder Gelegenheit den Spruch Augustins, was das Gesetz verlange, das erlange der Glaube. Man sieht: noch war Luther nicht ganz mit sich einig, noch hegte er Meinungen, die einander im Grunde widersprachen; allein in allen seinen Schriften atmet doch zugleich ein gewaltiger Geist, ein noch durch Bescheidenheit und Ehrfurcht zurückgehaltener, aber die Schranken schon überall durchbrechender Jugendmut, ein auf das Wesentliche dringender, die Fesseln des Systems zerreibender, auf neuen Pfaden, die er sich bahnt, vordringender Genius. Im Jahre 1516 finden wir Luther lebhaft beschäftigt, seine Überzeugung von der Rechtfertigung nach allen Seiten zu bewähren und durchzuarbeiten. Es bestärkt ihn nicht wenig, daß er die Unechtheit eines dem Augustin zugeschriebenen Buches entdeckt, auf welches die Scholastiker viele der ihm widerwärtigsten Lehren gegründet hatten, welches in die Sentenzen des Lombardus fast ganz aufgenommen worden war, de vera et falsa poenitentia ; dann faßt er sich das Herz, die Lehre der Skotisten von der Liebe, des Magister sententiarum von der Hoffnung zu bestreiten; – schon ist er überzeugt, daß es keine an und für sich Gott wohlgefällige Werke gebe, wie Beten, Fasten, Nachtwachen: denn da es dabei doch darauf ankomme, ob sie in der Furcht Gottes geschehen, so sei jede andere Beschäftigung im Grunde ebensogut. Im Gegensatz mit einigen Äußerungen deutscher Theologen, welche ihm pelagianisch erscheinen, ergreift er mit entschlossener Festigkeit auch die härteren Bestimmungen des augustinianischen Begriffs: einer seiner Schüler verteidigt die Lehre von der Unfreiheit des Willens, von der Unfähigkeit des Menschen, sich durch seine eigenen Kräfte zur Gnade vorzubereiten, geschweige sie zu erwerben, in feierlicher Disputation. Und fragen wir nun, worin er die Vermittlung zwischen göttlicher Vollkommenheit und menschlicher Sündlichkeit sieht, so ist es allein das Geheimnis der Erlösung, das geoffenbarte Wort, Erbarmen auf der einen, Glauben auf der anderen Seite. Schon werden ihm von diesem Punkte aus mehrere Hauptlehren der Kirche zweifelhaft. Den Ablaß leugnet er noch nicht, aber schon 1516 ist es ihm bedenklich, daß der Mensch dadurch die Gnade empfangen solle: der Seele werde dadurch die Begierde nicht genommen, die Liebe nicht eingeflößt, wozu vielmehr die Erleuchtung des Geistes, die Befeuerung des Willens, unmittelbare Einwirkung des Ewigen gehöre: denn nur in der tiefsten Innerlichkeit weiß er die Religion zu begreifen. Es wird ihm schon zweifelhaft, ob man den Heiligen die mancherlei äußerlichen Hilfsleistungen zuschreiben dürfe, um derentwillen man sie anruft. Mit diesen Lehren, dieser großen Richtung nun, die sich unmittelbar an die Überzeugungen anschloß, welche von Pollich und Staupitz gepflanzt worden waren, erfüllte Luther wie die Augustinerbrüder in seinem Kloster, seiner Provinz, so vor allem die Mitglieder der Universität. Eine Zeitlang hielt Jodocus Trutvetter von Eisenach die üblichen Vorstellungen aufrecht; aber nach dessen Abgang im Jahre 1513 war Luther der Geist, der die Schule beherrschte. Seine nächsten Kollegen, Peter Lupinus und Andreas Carlstadt, die ihm noch eine Weile Widerstand geleistet, bekannten sich endlich durch die Aussprüche Augustins und die Lehren der Schrift, die auf ihn selbst einen so großen Eindruck gemacht, bezwungen und überzeugt: sie wurden beinahe eifriger als Luther selbst. Welch eine ganz andere Richtung empfing hierdurch diese Universität, als in der sich die übrigen zu bewegen fortfuhren. Die Theologie selbst, und zwar lediglich infolge einer inneren Entwicklung, schloß sich an die Forderungen an, welche von der allgemeinen Literatur aus gemacht worden. Hier setzte man sich den Theologen von dem alten und von dem neuen Wege, den Nominalisten und den Realisten, hauptsächlich aber der herrschenden thomistisch-dominikanischen Lehre entgegen und wandte sich an die Schrift und die Kirchenväter, eben wie Erasmus forderte, obwohl von einem bei weitem positiveren Prinzip aus: für Vorlesungen im alten Sinne fanden sich in kurzem keine Zuhörer mehr... Hutten. Man kann wohl sagen: die Geister, die in Deutschland an der Bewegung in der gelehrten poetisch-philologischen Literatur teilgenommen, zerfielen in zwei große Scharen. Die eine suchte in ruhigem und mühevollem Studium, lernbegierig und lehrhaft, neue Elemente der Bildung zu gewinnen und auszubreiten. Ihr ganzes Streben, das ja von Anfang an eine Richtung auf die Heilige Schrift genommen, war in Melanchthon repräsentiert und hatte in ihm die engste Verbindung mit den tieferen theologischen Tendenzen geschlossen, die in Luther erschienen und auf der Universität Wittenberg zur Herrschaft gekommen waren. Wir sahen soeben, was dieser Bund bedeuten wollte. Die stillen Studien empfingen dadurch Inhalt, Tiefe und Schwung: die Theologie wissenschaftliche Form und gelehrte Begründung. In der Literatur gab es nun aber auch noch eine andere Seite. Neben den ruhigen Gelehrten tummelten sich jene fehdelustigen Poeten: schon mit dem Gewonnenen zufrieden, trotzig in ihrem Selbstgefühl, empört über den Widerstand, den man ihnen entgegengesetzt, erfüllten sie die Welt mit dem Lärm ihres Krieges. Diese hatten sich im Anfange der lutherischen Streitigkeit, die sie als einen inneren Handel der Mönchsorden betrachteten, neutral verhalten. Jetzt aber, da dieselbe eine so großartige, weitaussehende Natur entwickelte und allen ihren Sympathien entsprach, nahmen auch sie Partei. Luther erschien ihnen als ein Nachfolger Reuchlins, Johann Eck wie Ortwin Gratius, ein gedungener Anhänger der Dominikaner, und ebenso griffen sie ihn an. Im März 1520 kam eine Satire heraus unter dem Titel: »Der abgehobelte Eck«, welche an phantastischer Konzeption, schlagender und vernichtender Wahrheit, aristophanischem Witz die Briefe der dunkeln Männer, an die sie jedoch erinnert, bei weitem übertrifft. Ja, in diesem Augenblick trat ein Vordermann dieser Schar, nicht anonym wie andere, sondern mit niedergelassenem Visier, auf den Kampfplatz. Es war Ulrich von Hutten: längst kannte man seine Waffen und wie er sie führte. Auch für Hutten wie für Erasmus, war es der sein ganzes Leben bestimmende Moment, daß man ihn sehr früh dem Kloster übergab; aber noch viel unerträglicher war ihm dieser Zwang: er war der Erstgeborene aus einem der namhaftesten Rittergeschlechter auf der Buchen, das noch auf Reichsfreiheit Anspruch machte; als man ernstlicher davon sprach, ihn einzukleiden, ging er davon: und suchte sein Glück wie jener in den Bahnen der aufkommenden Literatur. Was hat er da nicht alles bestehen müssen: Pest und Schiffbruch: Verjagung eines Lehrers, dem er dann folgt: Beraubung durch die, welche ihn eben unterstützt: eine abscheuliche Krankheit, die er sich im zwanzigsten Jahre zugezogen: die Mißachtung, in welche Mangel und ein schlechter Aufzug, besonders in der Fremde, zu bringen pflegen: seine Familie tat nicht, als ob er ihr angehöre: sein Vater betrachtete ihn mit einer gewissen Ironie. Aber immer behielt er den Mut oben, den Geist unbenommen und frei: allen seinen Feinden bot er Trotz: sich zu wehren, literarisch zu schlagen, ward ihm Natur. Zuweilen waren es mehr persönliche Angelegenheiten, die er auf dem Felde der Literatur ausfocht: z.B. die Mißhandlung, die er von seinen Greifswalder Gastfreunden erfuhr: er rief alle seine Genossen von den Poetenschulen zur Teilnahme an dieser Unbill auf, die gleichsam allen begegnet sei; – oder er hatte die Forderung zu widerlegen, die schon ihm, schon damals entgegentrat, daß man etwas sein, ein Amt bekleiden, einen Titel haben müsse; – oder jene unverantwortliche Gewalttat des Herzogs von Württemberg an einem seiner Vettern regte ihn zu stürmischer Anklage auf. Allein noch lebendiger inspirierte ihn seine kriegerische Muse in den allgemeinen, vaterländischen Dingen. Das Studium der römischen Literatur, in der die Deutschen eine so glorreiche Rolle spielen, hat nicht selten die Wirkung gehabt, unseren Patriotismus zu erwecken. Die schlechten Erfolge des Kaisers in dem venezianischen Kriege hielten Hutten nicht ab, ihn doch zu preisen: die Venezianer behandelt er ihm gegenüber nur als emporgekommene Fischer; den Treulosigkeiten des Papstes, dem Übermut der Franzosen setzt er die Taten der Landsknechte, den Ruhm des Jacob von Ems entgegen: in langen Gedichten führt er aus, daß die Deutschen noch nicht ausgeartet, daß sie noch immer die alten seien. Als er aus Italien zurückkam, war eben der Kampf der Reuchlinisten gegen die Dominikaner ausgebrochen: er stellt sich seinen natürlichen Freunden mit allen Waffen des Zornes und des Schmerzes zur Seite; den Triumph des Meisters feiert er mit seinen besten Hexametern, die einen sinnreichen Holzschnitt begleiten. Hutten ist kein großer Gelehrter; seine Gedanken greifen nicht sehr in die Tiefe: sein Talent liegt mehr in der Unerschöpflichkeit seiner Ader, die sich immer mit gleichem Feuer, gleicher Frische, in den mannigfaltigsten Formen ergießt, lateinisch und deutsch, in Prosa und in Versen, in rednerischer Invektive und in glücklich dialogisierter Satire. Dabei ist er nicht ohne den Geist eigener feiner Beobachtung; hier und da, z. B. im Nemo, erhebt er sich in die heiteren Regionen echter Poesie; seine Feindseligkeiten sind nicht von verstimmend-gehässiger Art, sie sind immer mit ebenso warmer Hingebung nach einer anderen Seite verbunden; er macht den Eindruck der Wahrhaftigkeit, der rücksichtslosen Offenheit und Ehrlichkeit; vor allem, er hat immer große, einfache, die allgemeine Teilnahme fortreißende Bestrebungen, eine ernste Gesinnung, er liebt, wie er sich einmal ausdrückt, »die göttliche Wahrheit, die gemeine Freiheit«. Der Sieg der Reuchlinisten war auch ihm zugute gekommen: er fand Aufnahme an dem Hofe des Kurfürsten Albrecht von Mainz; mit dem mächtigen Sickingen trat er in vertrauliches Verhältnis; auch von seiner Krankheit ward er geheilt, und er konnte wohl daran denken, sich zu verheiraten, sein väterliches Erbe anzutreten: ein häuslich ruhiges Leben mutete auch ihn an: durch den Glanz einer schon erworbenen Reputation wäre es doch auf immer gehoben gewesen. Da berührte ihn der Hauch des Geistes, welchen Luther in der Nation erweckt hatte: eine Aussicht tat sich auf, gegen die alle bisherigen Erfolge nur wie ein Kinderspiel erschienen: seine ganze Überzeugung, alle Triebe seines Geistes und seiner Tatkraft waren davon ergriffen. Einen Augenblick ging Hutten mit sich zu Rate. Der Feind, den man angriff, war der mächtigste, den es gab, der noch nie unterlegen, der seine Gewalt mit tausend Armen handhabte; wer es mit ihm aufnahm, mußte wissen, daß er sein Lebtag niemals wieder Ruhe finden würde; Hutten verbarg es sich nicht: man sprach darüber in der Familie, die auch ihre Güter durch dies Unternehmen bedroht glaubte, »meine fromme Mutter weinte«, sagt er; – aber er riß sich los, verzichtete auf sein väterliches Erbe und griff noch einmal zu den Waffen. Im Anfang des Jahres 1520 verfaßte er einige Dialoge, die ihm niemals wieder verziehen werden konnten. In dem einen, die Anschauenden, wird der päpstliche Legat nicht mehr wie früher nur an einigen Äußerlichkeiten geneckt, sondern mit allen seinen geistlichen Fakultäten, Anathem und Exkommunikation, die er gegen die Sonne anwenden will, auf das bitterste verhöhnt. In einem anderen, Vadiscus oder die römische Dreifaltigkeit, werden alle Mißbräuche und Anmaßungen der Kurie in schlagende Ternionen zusammengefaßt: der Meinung der Wittenberger, daß das Papsttum nicht mit der Schrift bestehen könne, kam Hutten hier mit einer Schilderung des römischen Hofes, wie er in der Wirklichkeit sei, zu Hilfe, welche denselben als den Abgrund des sittlichen und religiösen Verderbens darstellte, von dem man sich um Gottes und des Vaterlandes willen losreißen müsse. Denn seine Ideen waren vor allem national. Durch eine ihm in die Hände geratene alte Apologie Heinrichs IV., die er im März 1520 herausgab, suchte er die Erinnerung an die großen Kämpfe gegen Gregor VII., die verloschene Sympathie der Nation mit dem Kaisertum, des Kaisertums mit der Nation wieder zu erwecken. Er sandte sie an den jungen Erzherzog Ferdinand, der eben aus Spanien in den Niederlanden angekommen, mit einer Zueignung, in welcher er ihn auffordert, seine Hand zu bieten zur Herstellung der alten Unabhängigkeit von Deutschland, welches den kriegsgewaltigen alten Römern widerstanden habe und jetzt den weibischen neuen Römern Tribut bezahle. Sollte man nicht auf die beiden Brüder von Österreich hoffen dürfen, deren Erhebung sich der päpstliche Hof ebenso ernstlich widersetzt hatte? Ihre meisten Freunde waren wirklich in diesem Augenblick Gegner des Papsttums. Wir berührten schon die Stimmung des mainzischen Hofes. Alles, was sich in der Schweiz zu den ersten Schriften Luthers bekannte, hielt sich zugleich an den Kardinal von Sitten, der die Sache von Österreich nicht ohne die Hilfe dieser Leute auf der Tagsatzung so glücklich geführt hatte. Sickingen, der zur Entscheidung in Württemberg so viel beigetragen, nahm zugleich für Reuchlin Partei und wußte die Kölnischen Dominikaner zu zwingen, obwohl der Prozeß in Rom noch schwebte, vorläufig der Sentenz des Bischofs von Speier nachzukommen und die Kosten zu bezahlen, zu denen sie da verurteilt worden. Wer hatte mehr für Karl V. getan als Friedrich von Sachsen? Der war es, welcher durch den Schutz, den er Luther und seiner Universität angedeihen ließ, die ganze Bewegung möglich machte. Vor allen Dingen wollte er nicht, daß Luther in Rom gerichtet würde. Auf dem Wahltag hatte der Erzbischof von Trier wirklich das Schiedsrichteramt übernommen: Kurfürst Friedrich erklärte nun, es dürfe nichts gegen Luther geschehen, bis dieser gesprochen: bei dem Urteil, das derselbe fälle, solle es dann sein Verbleiben haben. Es ist ein innerer Zusammenhang in diesen Tendenzen. Man wollte die Einwirkungen von Rom nicht mehr. Allenthalben predigte Hutten, Deutschland müsse Rom verlassen und zu seinen Bischöfen und Primaten zurückkehren. »Zu deinen Gezelten Israel«, rief er aus, und wir vernehmen, daß er bei Fürsten und Städten vielen Anklang fand. Er hielt sich gleichsam für bestimmt, diese Sache durchzusetzen, und eilte an den Hof des Erzherzogs, um ihn womöglich persönlich zu gewinnen, mit sich fortzureißen. Schon erfüllte ihn eine kühne Siegeszuversicht. In einer Schrift, die er unterwegs verfaßte, weissagt er, die Tyrannei von Rom werde nicht mehr lange dauern, schon sei die Axt an die Wurzel des Baumes gelegt. Er fordert die Deutschen auf, nur Vertrauen zu ihren tapferen Anführern zu haben, nicht etwa in der Mitte des Streites zu ermatten: denn hindurch müsse man, hindurch, bei dieser günstigen Lage der Umstände, dieser guten Sache, diesen herrlichen Kräften. »Es lebe die Freiheit, Jacta est alea .« Das war sein Wahlspruch: der Würfel ist gefallen, ich hab's gewagt. – Während Luther den Bruch mit Rom vollzog und sein Bekenntnis sich in Deutschland ausbreitete, setzte in der Schweiz die analoge Bewegung Zwinglis ein. Beide Richtungen unterschieden sich vornehmlich in der Abendmahlslehre, was zu heftigen Streitschriften führte. Landgraf Philipp von Hessen suchte durch eine Zusammenkunft Luthers und Zwinglis in Marburg im Oktober 1529 eine Einigung herbeizuführen, um eine gemeinschaftliche Verteidigung gegen Kaiser Karl V., der sich in dieser Zeit mit dem Papst zur Bekämpfung der neuen Lehre verbündete, zu ermöglichen. Luther und Zwingli in Marburg Die trefflichen Geister, die auf beiden Seiten mit so großer Kraft die Bewegung geleitet, zwischen denen aber Mißverständnisse ausgebrochen waren, kamen zusammen, um in persönlichem Zwiegespräch eine Ausgleichung zu versuchen, dem Hader, der dem Fortgang der gemeinschaftlichen Sache nicht anders als überaus hinderlich sein konnte, ein Ende zu machen. So faßte Euricius Cordus diese Sache, wenn er sie alle anredet, die Fürsten des Wortes, »den scharfsinnigen Luther, den sanften Oecolampad, den großherzigen Zwingli, den braven Melanchthon« und die übrigen, welche angekommen – Schnepf, Brenz, Hedio, Osiander, Jonas, Crato, Menius, Myconius, deren jeden er mit einem entsprechenden Worte des Lobes schmückt, – und sie dann ermahnt, das neue Schisma zu heben. »Die Kirche fällt euch weinend zu Füßen, fleht euch an und beschwört euch bei den Eingeweiden Christi, die Sache mit reinem Ernst, zum Heile der Gläubigen zu unternehmen, einen Beschluß zustande zu bringen, von dem die Welt sagen könne, er sei vom Heiligen Geiste ausgegangen.« Es war eine Kirchenversammlung derer, die vom Katholizismus abgewichen. Wäre es einmal damit gelungen, so würde das Mittel gefunden gewesen sein, auch fortan in der neuen Partei die kirchliche Einheit zu erhalten. Zuerst wurden einige vorläufige Zweifel beseitigt. Man hatte Zwinglin Irrtümer über die Gottheit Christi beigemessen: er sprach sich ganz in dem Sinne des Nizäischen Glaubensbekenntnisses aus. Auch über den Begriff der Erbsünde, auf welchem die gesamte Heilsordnung beruht, die Wirksamkeit des äußerlichen Wortes, die Taufe, welche nicht ein bloßes Zeichen sei, erklärte er sich mit den Wittenbergern einverstanden. Es ist wohl unleugbar, daß Zwingli früher in allen diesen Punkten, indem er zu einem unvermittelten Verständnis der Schrift zu gelangen suchte, sich von den angenommenen kirchlichen Begriffen ziemlich weit entfernt hatte. Er kehrte hierin, wie Luther, auf die Grundlagen der lateinischen Kirche zurück. Nur in dem einen Punkte, auf den es vor allem ankam, welcher die allgemeine Aufmerksamkeit beschäftigte, in der Frage über die Eucharistie, wich er keinen Schritt breit: da hoffte er vielmehr, den Sieg davonzutragen. Mit großer Lebhaftigkeit brachte er seine Argumente vor: die figürliche Bedeutung des Ist in anderen Stellen; die Erläuterung, die Christus im sechsten Kapitel Johannis selbst gebe, – von welcher er sich wohl vernehmen ließ, sie breche Luthern den Hals ab, was dieser fast mißverstanden hätte; – die Übereinstimmung mehrerer Kirchenväter; endlich die Unmöglichkeit, daß ein Leib anders als an einem Ort sei. Allein Luther hatte vor sich auf die Tafel die Worte geschrieben: »das ist mein Leib«; er blieb dabei, daß das Gottes Worte seien, an denen man nicht deuteln müsse, vor denen der Satan nicht vorüber könne; er ließ sich auf die tiefer greifenden Erklärungen, mit denen er das Argument von der Lokalität, ohne die ein Körper nicht zu denken sei, wohl sonst bestritten hatte, diesmal nicht ein; das »Bedeutet« wollte er schlechthin nicht dulden, denn das nehme den Leib hinweg. Der Unterschied ist: auch Zwinglin ist die Gegenwart Christi an das Brot geknüpft; Luthern dagegen ist das Brot selbst die Gegenwart, und zwar der gegenwärtige Leib: das Sichtbare enthält das Unsichtbare, wie die Scheide das Schwert. Wohl verstand auch er das Genießen spirituell, er wollte sich aber das Mysterium, das in dem Zeichen liegt, nicht entreißen lassen. Er meinte, die Gegner möchten wohl noch nicht in den Fall gekommen sein, ihre Erklärung in geistigen Anfechtungen zu erproben. Er dagegen war sich bewußt, damit gegen Satan und Hölle gekämpft, und den Trost daraus geschöpft zu haben, dessen die Seele in ihren verzweiflungsvollsten Stürmen bedarf. Für die Fortentwicklung der religiösen Ideen wäre es, dünkt mich, nicht einmal zu wünschen gewesen, wenn Zwingli seine Auffassung, die durch die Zurückführung des Mysteriums auf die ursprünglichen, historisch überlieferten Momente der Einsetzung eine so unermeßliche Bedeutung für die ganze Auffassung des Christentums außerhalb der konstituierten Kirchlichkeit in sich schloß, aufgegeben hätte. In den übrigen Punkten, wo er nachgab, war er noch nicht so sicher, so fest geworden: diesen aber hatte er nach allen Seiten durchdacht, hier war er seines Gegenstandes Meister, er enthielt sein Prinzip: den ließ er sich nicht entreißen. Ebensowenig wäre es aber auch von Luther zu erwarten oder gar zu fordern gewesen, daß er der anderen Erklärung beigetreten wäre. Sein Standpunkt ist überhaupt, daß er ein Inwohnen des göttlichen Elementes in der christlichen Kirche festhält, wie die Katholischen. Er sieht es nur nicht in den mancherlei Zufälligkeiten, welche phantastische und sophistisierende Jahrhunderte überliefert hatten. Da diese ihm die Gewißheit nicht gewähren, deren er bedarf, so geht er auf die ursprünglichen Quellen zurück, auf welche auch sie sich beziehen; und nur das nimmt er an, was er da findet. Von den sieben Sakramenten hält er nur die zwei fest, von denen das Neue Testament unleugbare Meldung tut. Aber diese will er sich nun auch um keinen Preis entwinden oder in ihrer geheimnisvollen Bedeutung schmälern lassen. Es sind, wie gesagt, zwei von verschiedenen Gesichtspunkten, aber mit gleicher Notwendigkeit entstandene Auffassungen. Gewinn genug, wenn man nun aufhörte, sich gegenseitig zu verketzern. Luther hatte gefunden, daß die Gegner es nicht so böse meinten, wie er geglaubt. Auch die Schweizer gaben jene grobe Vorstellung auf, die sie von der lutherischen Auffassung bisher gehegt hatten. Luther meint, die Heftigkeit der Streitschriften werde sich nun legen. Zunächst wurden alle die wichtigsten Glaubensartikel, in denen man übereinstimmte, verzeichnet und von den Theologen beider Parteien unterschrieben; die Abweichungen von dem römischen Bekenntnis sowohl wie von den wiedertäuferischen Sekten sind darin sorgfältig bemerkt; es war doch auch dies eine erwünschte Grundlage gemeinschaftlicher Fortentwicklung, und das Marburger Gespräch ist durch die Feststellung derselben auf immer wichtig. Der fünfzehnte und letzte dieser Artikel betrifft das Abendmahl. Man ist über die Art und Weise der Feier und den Zweck derselben selbst darin einstimmig, daß hier der wahre Leib und das wahre Blut Christi geistlich genossen werde; nur über die eine Frage kann man sich nicht vereinigen, ob dieser wahre Leib nun auch leiblich im Brote sei. Da trennt sich eine freiere Auffassung der Schrift von dem in der Kirchengemeinschaft geltend gewordenen Begriff des Mysteriums. Doch will ein Teil gegen den anderen christliche Liebe ausüben. Nur so weit gab Luther nicht nach, daß er auch brüderliche Liebe gewährt, d. h. daß er anerkannt hätte, man bilde nun eine einzige Gemeinschaft. Dazu war ihm der Gegensatz bei weitem zu tiefgreifend, das Mysterium, der Mittelpunkt des Glaubens und Dienstes, viel zu wesentlich. Für die Zukunft demnach, für das Bewußtsein, daß man der Abweichung zum Trotz im Grunde doch dem nämlichen Bekenntnisse angehöre, war durch das Gespräch nicht wenig gewonnen; der politische Zweck dagegen, den Landgraf Philipp im Auge gehabt, wie er von dem Moment geboten wurde, war verfehlt. Vielmehr erfolgte eben das Gegenteil von dem, was er beabsichtigt hatte ... Man mag das tadeln, wenn man will, wie es so oft getadelt worden ist. Politisch-klug war es nicht. Allein nie trat wohl die reine Gewissenhaftigkeit rücksichtsloser, großartiger hervor. Man sieht den Feind gerüstet herannahen, man vernimmt sein Drohen, man täuscht sich nicht über seine Absichten, man ist überzeugt, daß er das äußerste versuchen werde. Auch hätte man Gelegenheit, einen Bund gegen ihn zu errichten, der Europa erschüttern, an dessen Spitze man dem zur Weltherrschaft Aufstrebenden mächtig gegenübertreten, das Glück herausfordern könnte; allein man will das nicht, man verschmäht es, und zwar nicht etwa aus Furcht, aus Zweifel an der eigenen Tüchtigkeit – das sind Rücksichten, welche diese Seelen nicht kennen –, sondern ganz allein aus Religion. Einmal, man will die Verteidigung des Glaubens nicht mit anderen fremdartigen Interessen vermischen; man will sich nicht zu Dingen, die man nicht übersehen kann, fortreißen lassen. Ferner aber, man will nur den Glauben, den man selber glaubt, verteidigen: man würde zu sündigen fürchten, wenn man sich mit denen verbände, welche, wenn auch nur in Einem, aber in einem wesentlichen Punkte abweichen. Endlich, man zweifelt an dem Rechte, dem Oberherrn zu widerstehen, die altherkömmlichen Ordnungen des Reiches zu verletzen. So nimmt man mitten in den widereinander laufenden, getümmelvollen Interessen der Welt eine Haltung ein, die nur mit Gott und dem Gewissen beraten wird. So erwartet man die Gefahr. »Denn Gott ist treu,« sagt Luther, »und wird uns nicht lassen.« Er führt den Spruch des Jesaias an: »Wenn ihr still bliebet, so würde euch geholfen.« Gewiß, klug ist das nicht, aber es ist groß. Augsburger Religionsfrieden 1555. Ehe die Franzosen Norddeutschland überzogen, erzählte sich das Volk in unseren Gegenden von nichts so gern und so viel, wie von den Taten und Vorfällen des Siebenjährigen Krieges. Ältere und kundigere Leute erinnerten dann bei den Schwedenhügeln, daß demselben einmal ein dreißigjähriger vorausgegangen. Unter denen, welche das Altertum und die Sage liebten, ging das Gespräch, lange Zeit zuvor habe es sogar einen hundertjährigen Krieg in Deutschland gegeben, in welchem die benachbarten Burgen, deren Ruinen wir besuchten, gebaut und wieder zerstört worden seien. Ich möchte dafür halten, daß in dieser dunkeln Erinnerung unserer Landleute eine Spur von den Zeiten des alten Faustrechts und der Fehde erhalten war. Wenigstens hätte sie nicht übertrieben. In der Tat brauchte es mehr als ein Jahrhundert, um Deutschland nach dem Verfalle der Macht des Kaisertums endlich wieder in Ruhe zu setzen. Der Landfriede, so oft geboten, war ebenso oft gebrochen worden: und kaum schien es, als wolle ein friedlicheres Geschlecht das Erbteil so vieler kriegerischen in Besitz nehmen, so ergriff die Bewegung der Reformation die Geister. Welch eine Unruhe, alle die Jahre Karls V. daher! Vom Rhein bis nach Thüringen standen einmal die Bauern in Empörung; darauf schlug die Hanse ihre letzten großen Schlachten mit den nordischen Reichen. Die Fürsten bedrohten sich erst eine Zeitlang in Bünden und Gegenbünden; dann führten die Protestanten mit bewaffneter Hand den Herzog von Württemberg in sein Gebiet zurück und verjagten den Herzog von Braunschweig; endlich stand das gesamte Deutschland in der Blüte seiner Kraft, bei Ingolstadt und Mühlberg, sich selber gegenüber. So mächtig und geschickt Kaiser Karl, so entschieden sein Sieg auch war, so gelang es ihm doch nicht, Frieden zu machen. Wider ihn selber erhoben sich noch einmal diese unermüdlichen Waffen; kaum der Gefangenschaft entronnen, unmutig, mit ermüdeten Sinnen, wandte er Deutschland den Rücken. Weder an Talent noch an Macht war ihm sein Bruder Ferdinand zu vergleichen. Wie merkwürdig, daß mit dem Religionsfrieden, den Ferdinand, und zwar nicht einmal in eigener Gewalt, sondern nur von dem Kaiser ermächtigt, abschließt, die Waffen plötzlich ruhen und ein langer Friede eintritt. Diese Veränderung vor allem fiel den fremden Geschäftsträgern auf, wenn sie damals Deutschland beobachteten. »In Kaiser Karls letzten Zeiten«, sagt ein päpstlicher Nuntius, der dem Kardinal Caraffa über die deutschen Dinge Bericht erstattete, »war kein Fürst und keine Stadt, es war kein Staat in Deutschland, der nicht entweder um kirchlicher oder weltlicher Interessen willen mit seinen Nachbarn in Streit gewesen wäre. Unter anderen war zwischen Markgraf Albrecht und dem Hause Braunschweig, zwischen Kurfürst Ottheinrich von der Pfalz und dem Kardinal Otto von Augsburg offene Feindschaft; auch alle übrigen waren einer voll Mißtrauen gegen den anderen und hielten sich in den Waffen; Religion, usurpierte Güter, Jurisdiktion und andere Beschwerden entzweiten sie.« Die Zusammenkunft der Häuser Sachsen, Brandenburg und Hessen zur Erneuerung ihrer Erbverbrüderung in Naumburg, sah der Nuntius als eine Art von Gegenreichstag an. – Wie ganz anders aber erschien ihm Deutschland, als er es wenige Jahre nach dem Religionsfrieden wieder besuchte. Er mißbilligt den Frieden, er nennt ihn gottvergessen: aber er findet doch, daß er sehr wirksam sei, daß es seit dem Abschluß desselben weder eine kleine noch eine große Bewegung der Waffen in Deutschland gegeben habe; nie, seit langer Zeit, habe eine solche Einigkeit unter den deutschen Fürsten geherrscht ... War denn dieser Friede eine so glückliche Auskunft? Vertrug er so genügend die widerstreitenden Ansprüche? War er so sorgfältig abgewogen, so einmütig angenommen? Ich will nicht auf alle seine Bestimmungen eingehen: größtenteils waren sie nicht neu; allein in Hinsicht der wichtigsten Punkte kann ich nicht finden, daß sie mit besonderem Glücke erledigt worden wären. Ohne Zweifel kam es am meisten auf die Anordnungen in betreff der geistlichen Fürstentümer an, auf denen die Gesamtverfassung des Reiches um so mehr beruhte, als sich damals die Entscheidung der wichtigsten Angelegenheiten in den Fürstenrat gezogen hatte, in welchem die Anzahl der geistlichen Mitglieder die Majorität zu bestimmen pflegte. Die Frage war, ob auch die geistlichen Fürsten das Recht haben sollten, zur augsburgischen Konfession zu treten. Nicht als ob sie darum ihre Stifter hätten sollen säkularisieren dürfen. Die Protestanten haben ausdrücklich erklärt, dies sei so wenig ihr Wunsch als ihr Interesse. Sie wollten die Nichterblichkeit der geistlichen Reichsfürstentümer auch ferner beibehalten wissen, doch wollten auch sie zu denselben zu gelangen das Recht haben. Es kam, wie es wohl auch nicht anders sein konnte, hierüber zu den lebhaftesten Streitigkeiten, und es war zuweilen nahe genug an einer Auflösung der Versammlung. Es ist immer merkwürdig, daß die geistlichen Kurfürsten wenigstens anfangs und stillschweigend für die protestantische Forderung waren, daß sich selber unter den geistlichen Fürsten Neigungen dafür fanden, die, wenn sie sich nicht geradezu dafür erklärten, nur durch Einschüchterungen davon abgehalten worden sind. Leider ist unsere deutsche Geschichte über Wirkung und Gegenwirkung der Persönlichkeiten, woran bei beratenden Versammlungen so viel liegt, nur allzu häufig stumm, und wir können nicht sagen, wodurch die entgegengesetzte Richtung endlich die Oberhand behielt; allein sie war ganz entschieden, selbst Ferdinand ward davon hingerissen; und wenn die Protestanten weder nachgeben (was sie um ihres Gewissens willen nicht tun zu können erklärten), noch auch den Frieden rückgängig werden lassen wollten, so mußten sie einen Mittelweg ergreifen. Sie gestatteten dem König eine Verordnung hierüber, doch mit der ausdrücklichen Verwahrung, daß sie für sich in einen solchen Artikel nicht gewilligt. Und so setzte Ferdinand fest, daß ein geistlicher Reichsstand sein Amt und Einkommen verlieren solle, sobald er den alten Glauben verlasse. Dies ist der geistliche Vorbehalt. Auf der Stelle aber erhob sich eine andere Frage. Wie sollte es nun in den Ländern dieser geistlichen Fürsten gehalten werden? Sollten sie ihre landesherrliche Gewalt auch wider ihre Untertanen augsburgischen Bekenntnisses anwenden dürfen? So wie die Verfassung des Reiches in seiner Gesamtheit an der ersten, so hing die Verfassung eines großen Teiles der einzelnen Landschaften an der zweiten Bestimmung. Hartnäckig hatten die Protestanten dem Vorbehalt widerstanden; nicht minder hartnäckig widersetzten sich die geistlichen Fürsten jeder Beschränkung ihrer Gewalt. Hier aber war Ferdinand für die Protestanten. Er bildete aus dem zahlreichen Ausschuß, von dem keine Versöhnung zu erwarten war, einen kleineren; er stellte auf das dringendste vor, man bedürfe nicht eines halben Friedens, sondern eines ganzen; dreimal erschien er in der Versammlung und erklärte ihr, er werde sie nicht von der Stelle lassen, bis sie sich vereinigt habe; endlich überwog sein persönliches Ansehen; nachdem die Katholischen bis zur ungewohnten Abendstunde ausgehalten, erklärten sie sich zuletzt, »um den Verdacht der Unfriedfertigkeit abzulehnen und den König zu beruhigen«, wie derselbe wünschte: auf das Recht, die protestantischen Untertanen zum katholischen Glauben zu nötigen, leisteten sie, jedoch ganz in der Form Verzicht, wie die Protestanten über den anderen Punkt nachgegeben hatten. Sie gestatteten, daß der König den Ständen des Augsburger Bekenntnisses hierüber eine beruhigende Deklaration gebe. Sonderbarer Friede! Dies sind die beiden wichtigsten Punkte. Vorbehalt und Deklaration ergänzen sich wechselsweise. Jener sichert der katholischen Kirche die geistlichen Fürstentümer; diese gewährleistet den Untertanen dort, wo sie am meisten zu fürchten haben, die Ausübung der veränderten Religion. Die ganze Zukunft von Deutschland liegt darin. Lange und weitläufig verhandelt man über diese Bestimmungen; endlich fügen sich die Parteien, allein sie wissen ein Mittel, dieselben doch nicht vollkommen anzunehmen. Zwar wird der Vorbehalt in den Reichsabschied eingerückt, jedoch mit der ausdrücklichen Bemerkung, es sei unmöglich gewesen, die Stände von beiderlei Glauben darüber zu vereinigen; kraft einer ihm vom Kaiser gegebenen Heimstellung und Vollmacht setze ihn der König fest. Zwar erhalten die Protestanten die Versicherung, nie solle ein geistlicher Stand befugt sein, seine Untertanen von ihrer hergebrachten Religion Augsburger Bekenntnisses zu verdrängen, aber fast wörtlich wiederholt Ferdinand, die Stände von beiderlei Glauben seien darüber nicht zu vergleichen gewesen, kraft der ihm vom Kaiser gegebenen Vollmacht und Heimstellung setze er dies fest. War aber eine kaiserliche Erklärung auch vollkommen verbindlich? Die damalige hatte einen eigenen Charakter. Eine Bestimmung, über die so viel und mühselig gestritten und beratschlagt worden, kann man nicht einen Akt kaiserlicher Machtvollkommenheit nennen. Man gab zu, daß ein solcher Akt der Form nach an die Stelle des Einverständnisses träte, welches nicht zu erreichen war; es war eine Übereinkunft, aber verbunden mit einer Protestation von beiden Seiten. Was soll man nun von diesem Frieden sagen? Es ist wahr, er bestätigte die sichernden Bedingungen des Vertrages von Passau. Allein über die wichtigsten Streitigkeiten eine genügende Ausgleichung – eine zufriedenstellende Bestimmung für die Zukunft gefunden zu haben, war man weit entfernt. Man schloß ihn, nicht weil man eine solche gefunden, sondern trotzdem, daß man sie nicht gefunden hatte ... Das Reich beim Religionsfrieden. Wenn man im fünfzehnten Jahrhundert wirklich der Meinung gewesen ist, wie man denn viel davon gesprochen hat, daß sich das Ansehen und die Macht des alten Kaisertums in Europa wieder herstellen lasse, so war es dahin nun freilich nicht gekommen. Vielmehr hatte die Verbindung des Reiches mit einem über zwei Welten hin mächtigen Kaiser, wie Karl V., nur neue Verluste nach sich gezogen. Die Siege, welche die Deutschen mit den Spaniern in Verbindung in Italien erfochten, führten doch nur dahin, daß die eröffneten Reichslehen, auf deren Erträge man wohl einst die Verwaltung des Reiches zu gründen gedacht, an den Prinzen von Spanien übergingen und von Deutschland vollends losgerissen wurden. Die Niederlande bildeten zwar dem Namen nach noch einen Kreis des Reiches, aber in ihrer inneren Verwaltung waren sie von den Anordnungen der Reichsgewalten vollkommen unabhängig; daß der Kaiser Geldern und Utrecht in Besitz genommen, war für diese ein eigentlicher Verlust. Und dabei war der Kaiser doch in seinem Kriege mit Frankreich zuletzt der Schwächere geblieben, so daß der Einfluß der Franzosen in Lothringen überwog und die Grenzlande der französischen Zunge, die so viele Jahrhunderte hindurch behauptet worden, geradezu verloren gingen. Wohl gelang es König Philipp II., kurz darauf das Gleichgewicht zwischen beiden Mächten herzustellen; Frankreich mußte sich entschließen, alle seine Eroberungen herauszugeben; nur die behielt es, die es über das Reich gemacht [1559]. Die Eidgenossenschaft und Böhmen mit seinen Nebenlanden, obwohl Glieder des Reiches, waren niemals in die Kreise desselben eingezogen. Wie hätte man daran denken können, die im fünfzehnten Jahrhundert von Polen losgerissenen preußischen Landschaften wieder herbeizubringen? In dem Überreste derselben, dem östlichen Ordenslande, hatte man das einzige Mittel, eine gewisse Selbständigkeit für bessere Zeiten zu retten, darin gesehen, daß man sich unter einem erblichen Fürsten der polnischen Krone freiwillig anschloß. Daß die Livländer sich nicht zu einem ähnlichen Schritte vereinigen konnten, mußte bald ihre völlige Entfremdung zur Folge haben. Der vornehmste Grund von alledem lag darin, daß die Begriffe von Kaiser und Reich nicht mehr ineinander aufgingen. Wir bemerkten oft, daß gerade der Kaiser, selbst im Zenit seiner Macht, die sorgfältigsten Vorkehrungen traf, seine Erblande von den Einwirkungen des Reiches zu befreien. Dagegen wollten auch die Stände nicht zu einem Anhang der großenteils auf fremdartigen Weltverhältnissen beruhenden kaiserlichen Macht werden. Während in allen benachbarten Ländern die erbliche Gewalt fortschritt und zu Unternehmungen nach außen erstarkte, brach in Deutschland ein Widerstreit zwischen dem Oberhaupt und den Ständen aus, der mit der Abdankung des ersten endigte. Wir wissen, daß die Unruhen von 1552 nicht von den religiösen Irrungen allein herrührten, sondern nicht weniger durch den Widerwillen der in ihrer Autonomie gefährdeten Reichsstände gegen das Aufkommen einer durchgreifenden oberherrlichen Gewalt veranlaßt wurden. Glück genug, daß man in den Stürmen und Verwirrungen jener Tage nicht noch größeres Mißgeschick erfuhr, daß nicht, wozu es sich einen Augenblick wohl anließ, der Gegensatz eines französischen und eines kaiserlich-spanischen Anhangs Deutschland geradezu in zwei Parteien zersetzte. Und waren wohl überhaupt jene Versuche, die Reichsverfassung zu verbessern, dazu angetan, demselben eine starke Stellung nach außen zu verschaffen? Was auch dann und wann beabsichtigt worden sein mag: die Einrichtungen, zu denen es wirklich gekommen ist, waren doch nur friedlicher Natur. Der Kaiser ward als die Quelle des Rechts, als der Ausdruck und Inbegriff der Würde und Hoheit des Reiches verehrt; Macht aber sollte ihm von Anfang nicht gegeben werden: diese sollte allein in der Vereinigung der Stände ihren Sitz haben. Was sich auf diesem Grunde erreichen ließ, war nun doch erreicht worden. Eifersüchtig hatte man den Vorrang festgehalten, der dem Reiche in dem Verein der abendländischen Völker von jeher zukam und auf welchem das Verhältnis der Stände, die Abstufung ihrer Macht und ihres Ranges nun einmal beruhte und demselben sogar eine festere unabhängige Anerkennung verschafft. Der Anspruch der Päpste, über das Reich zu verfügen, entlud sich nur noch in Worten: in der Sache selbst erschien er matt und kraftlos. Überhaupt war den Einwirkungen des römischen Stuhls, der früher, selbst in weltlicher Beziehung, eine wahrhafte Gewalt im Reiche ausmachte, eine Grenze gesetzt worden. Oder sollte es heutzutage jemand geben, dem es als ein Nachteil erschiene, daß päpstliche Legaten nicht ferner deutsche Reichstage eröffneten, der römische Hof nicht mehr zur Bestätigung von Zöllen, zur Schlichtung von Rechtshändeln herbeigezogen wurde, noch Kontributionen in Form des Ablasses ausschreiben durfte? Wir können sagen: die Gedanken des vierzehnten Jahrhunderts, wie sie dem ältesten Kurfürstenvereine und der Goldenen Bulle zugrunde liegen, und das Bestreben des fünfzehnten, an die Stelle der Willkürlichkeiten, welche der kaiserliche und der päpstliche Hof von der Ferne her ausübten, wobei sie doch den eingerissenen Gewaltsamkeiten nicht im mindesten steuern konnten, Ordnung, Friede und Recht einzuführen, waren jetzt erst vollzogen; die ursprünglich beabsichtigte ständische Verfassung war in großen umfassenden und friedebringenden Konstitutionen befestigt. Es liegt am Tage, daß das Emporkommen der protestantischen Meinung an allen diesen Dingen den größten Anteil hatte. Zu der Opposition gegen das Papsttum gab sie zugleich Berechtigung und weiteren Antrieb. Dem Kaisertum, dem sie an sich nicht entgegen war, mußte sie sich doch wegen seiner Verbindung mit der geistlichen Macht widersetzen. Erst unter ihrem Einfluß kamen Landfriede, Kammergericht, Exekutions- und Kreiseinrichtungen zu bleibender Gestalt; mit dem Religionsfrieden zusammen bildeten sie ein einziges zusammenhängendes schützendes System. Wer es nicht annahm, gehörte nicht mehr in vollem Sinne des Wortes zum Reiche. Dadurch geschah nun aber wieder, daß die protestantische Entwicklung fortan unter dem Schutze der Reichsgemeinschaft stand. Das Reich hatte sich verpflichtet, keiner Verdammung der Evangelischen, die etwa das Konzilium aussprechen möchte, Folge zu geben. War es nicht ein allgemeiner Gewinn, daß die hierarchische Macht, die alles weltliche und geistliche Leben der Nationen nach ihren einseitigen Gesichtspunkten zu leiten das Recht zu haben glaubte, endlich einen unüberwindlichen Gegensatz gefunden hatte? Es war das Werk des eigentümlichen deutschen Genius, der jetzt zuerst auf den Gebieten des selbstbewußten Geistes schöpferisch eintrat und ein Moment der großen welthistorischen Bewegung zu bilden anfing. Und dies geschah nun nicht allein, ohne daß die große Institution des Reiches, in welcher die Nation seit so vielen Jahrhunderten lebte, verletzt worden wäre, sondern mit einer inneren Befestigung seiner ständischen Ausbildung. Es ist schon gesagt worden und hat eine unzweifelhafte Wahrheit, daß die Reichsgeschichte, in die sich seit dem Abgang der großen Häuser des alten Kaisertums niemals alle Kräfte recht zusammenfassen, erst wieder ein großes Interesse gewinnt, seitdem die religiöse Neuerung sich erhob. Man beschäftigte sich wieder mit einer Angelegenheit, die aller Anstrengung und Aufmerksamkeit würdig war. Einen Augenblick hatte es den Anschein, als sollte die Neuerung alle Elemente durchdringen und den vollen Sieg behalten. Da das nicht geschah, so war wenigstens ein Glück, daß sie dazu beitrug, den allgemeinen Einrichtungen festere Formen zu geben. Auf den beiden Gegensätzen und ihrem Verhältnis beruhte fortan das Reich ... Grundzüge der protestantischen Kirchenordnung. Wie der alte Zustand des mittelalterlichen Staates auf einem Zusammenwirken der geistlichen und weltlichen Gewalt beruhte, so entsprang die Neuerung zunächst daher, daß, als die Bischöfe die Anhänger lutherischer Lehren zu bestrafen versuchten, die Fürsten ihnen dabei ihren weltlichen Arm nicht mehr liehen. Dies allein reichte hin, der bischöflichen Jurisdiktion, welche bisher, z. B. in Sachsen, ziemlich beschwerlich gefallen, ein Ende zu machen. Die Erzpriester und Diakonen oder Offizialen und Kommissarien, durch welche sie bisher ausgeübt worden, und die, da sie mit ihrer Einnahme an die Sporteln verwiesen waren, sich selten ein Vergehen hatten entschlüpfen lassen, erschienen nicht mehr. Nachdem aber dieses ganze System gefallen, sah man doch auch, daß es etwas Gutes gehabt hatte und nicht ganz zu entbehren war. Man trug Bedenken, Ehesachen, die bisher einen so bedeutenden Zweig der geistlichen Jurisdiktion gebildet, geradezu an die weltlichen Gerichte zu überweisen, weil der Richter, wie die Theologen oftmals wiederholen, darin dem Gewissen raten müsse. Ferner bedurfte der geistliche Stand, der früher jede Unbill, die er erfuhr, als ein Verbrechen gegen die allgemeine Kirche geahndet, jetzt eines anderen Schutzes: über Beleidigungen der Patrone oder der Pfarrer hatte er nicht selten zu klagen. War aber nicht für diesen Stand selber Aufsicht nötig? Gar bald fanden sich auch unter den protestantischen Predigern Leute, die ein unordentliches Leben führten oder in der Lehre ihrem Gutdünken nachhingen: unmöglich konnte man sie gewähren lassen. Endlich forderten öffentliche Laster ein Einschreiten auch von kirchlicher Seite heraus; der gemeine Mann, der sonst alle Jahre fünf-, sechsmal vor den Offizial zitiert worden war und jetzt nichts mehr von demselben hörte, mußte auf eine andere Weise in Zaum gehalten werden. Anfangs war nun der Gedanke, einen Teil dieser Befugnisse und Pflichten an die Pfarrer und Superintendenten übergehen zu lassen, an jene den Bann und die Ehesachen, an diese Aufsicht und Schutz. Es finden sich Zitationen, welche Luther im Namen des Pfarrers von Wittenberg in ganz juristischer Form erlassen hat. Allein bald zeigte sich, daß dies nicht ausreiche. Die Pfarrer waren doch der weltlichen Angelegenheiten nicht kundig genug, um nicht zuweilen groben Betrügereien ausgesetzt zu sein, und in den geistlichen vielleicht nur zu heftig. Hauptsächlich aber, es fehlte ihnen an allem Nachdruck, aller Zwangsgewalt. Und woher sollte diese auch überhaupt genommen, worauf begründet werden? Man konnte sie nicht aus dem päpstlichen Recht herleiten, das man verwarf, noch aus der alten Praxis, die wieder auf dem Rechte beruhte. Auch ließ sich nicht ein Gemeinwille der Mitglieder der Kirchengesellschaft nachweisen, die noch lange nicht hinreichend von dem Prinzip durchdrungen zum großen Teil erst zu unterrichten, ja zu zähmen waren und noch regiert werden mußten. Es fehlte der neuen Geistlichkeit an einem zu Recht bestehenden Grund ihrer Jurisdiktion. Die Wittenberger Theologen fühlten diesen Mangel so lebhaft, daß sie endlich Johann Friedrich baten, ihnen einen Kommissar zu geben, einen rechtsverständigen Mann, der die Jurisdiktion aus unmittelbarem Auftrag des Fürsten ausübe. Die große Wendung für die Verfassung evangelischer Landeskirchen liegt darin, daß Johann Friedrich sich entschloß, diese Bitte zu erfüllen. Ich denke wohl: er war dazu hinreichend befugt. Die alten Reichsschlüsse hatten die einzelnen Landschaften, in denen eine allgemeine Verwirrung ausgebrochen war, ermächtigt, für sich selber Ordnung zu treffen. Schon hatten die sächsischen Landstände, im Frühjahr 1537 in einem größeren Ausschuß versammelt, wahrscheinlich auf Antrieb des Kanzlers Brück, die Errichtung einiger kirchlichen Behörden, die sie Konsistorien nannten, in Antrag gebracht, hauptsächlich zu den Ehesachen und dem Schutz der Pfarrer; und es war beschlossen worden, dieselben aus dem Sequestrationsfonds zu besolden. Johann Friedrich entsprach dem Auftrag des Reiches, dem Begehren der Stände, dem dringenden Ansuchen der Theologen selbst, wenn er seine landesfürstliche Macht zur Gründung eines festeren kirchlichen Zustandes anwandte. Er setzte das Konsistorium aus zwei weltlichen und zwei geistlichen Mitgliedern zusammen, die er als seine Beauftragte in Kirchensachen, wie er es ausdrückt, als »seine von der Kirchen wegen Befehlshaber« bezeichnet. Sie sollen in den durch ein beigeschlossenes Gutachten der Theologen bestimmten Fällen – eben in den oben angegebenen – die Befugnis haben, seine Untertanen vorzubescheiden, Verhör zu halten, Untersuchung zu führen und, wofern es nötig, rechtlich zu verfahren. Alle Amtleute, Schösser, Vögte, in den Städten die Räte weist er an, das zu vollziehen, was dieselben verfügen oder erkennen werden. Einst hatten die Bischöfe die weltliche Macht zu verdrängen gewußt, zuweilen ganze Diözesen zu Fürstentümern umgewandelt. Jetzt trat in weltlichen Gebieten die umgekehrte Entwicklung ein: die fürstliche Macht dehnte ihre Jurisdiktion über geistliche und gemischte Fälle aus, die bisher ein geistliches Forum gehabt. Die Theologen fanden, daß eine solche Ausdehnung dem ursprünglichen Begriffe der Obrigkeit, wie er in der Heiligen Schrift vorliege, nicht allein vollkommen entspreche, sondern durch dieselbe vorausgesetzt, gefordert werde. Durch Stellen des Alten und des Neuen Testaments bewiesen sie, daß die Obrigkeit auch in geistlicher Beziehung Schutz gewähren und das Böse bestrafen müsse. Das hängt auch damit zusammen, daß die Reformatoren die Kirche nicht mehr in den Bischöfen, dem geistlichen Stande sahen, sondern eine Teilnahme der Laien, namentlich der angesehensten, an ihren Geschäften für zuträglich und notwendig hielten. An einen Gegensatz der verschiedenen Stände war hier nicht zu denken, da alle vereinigt nur ein und eben dasselbe Ziel hatten. Die fürstliche Autorität war nicht zu entbehren, um die kirchliche Ordnung wieder aufzurichten. Doch hätte sie allein nicht vorschreiten können; sie bedurfte der Mitwirkung der Geistlichen, und zwar aus dem eigenen, von keinem Auftrage des Fürsten stammenden Prinzipe derselben. Auch an anderen Stufen sollten die beiden Zweige konkurrieren. Bei der jährlichen Visitation aller Kirchen des Bezirkes, die dem Konsistorium aufgetragen ward, sollte sich dasselbe in den Städten mit zwei Mitgliedern des Rats und zweien von den Vorstehern des gemeinen Kastens, in den Dörfern mit den ältesten oder einigen Mitgliedern der Gemeinde vereinigen, um Wandel und Haushalt des Pfarrers zu prüfen; mit Herbeiziehung des Pfarrers selbst sollte dann das Betragen der Gemeine untersucht werden. Kein Mitglied sollte Laster dulden, durch welche der Zorn Gottes über die Menschen komme. Denn dabei blieb man immer, daß die Kirche ein göttliches Institut sei, welches durch ein Zusammenwirken aller Kräfte aufrechterhalten werden müsse. Die weltliche Gewalt erbot sich den Übeltätern, »als die ihren Taufbund verleugnen«, ihr Handwerk zu legen, alle bürgerliche Gemeinschaft zu untersagen. Das erste Konsistorium trat in Wittenberg im Februar 1539 zusammen. Es bestand aus den Theologen Justus Jonas und Johann Agricola und aus den Juristen Kilian Goldstein, der anfänglich bestimmt war, den Vorsitz zu führen, es aber abgelehnt hatte, und Basilius Monner; war aber noch sehr formlos. Es fehlte sogar an einem Amtssiegel: die Mitglieder mußten sich bei der Ausfertigung ihrer Petschafte bedienen. Eine eigentliche Instruktion erfolgte erst 1542, die denn zugleich für zwei andere Konsistorien, die in Zeitz und in Saalfeld errichtet werden sollten, bestimmt war: doch fehlte viel, daß alles sogleich ins Werk gesetzt worden wäre. War doch überhaupt der ganze Zustand noch provisorisch. Bei der ersten Aussicht auf eine allgemeine Reformation im Reiche erklärten sich die protestantischen Fürsten bereit, diese kirchliche Jurisdiktion den Bischöfen zurückzugeben, vorausgesetzt, daß die Reinheit der Lehre gewahrt und ein ähnliches Institut wie das Konsistorium unter bischöflicher Autorität eingerichtet würde. Davon erfolgte jedoch, wie wir wissen, das Gegenteil. Das Interim war auf eine vollständige Herstellung der Hierarchie des Reiches abgesehen: bei aller Vorsicht, mit der es sich ausdrückte, neigte es doch so überwiegend zu dem Sinne der alten Kirche, daß dieser notwendig den Sieg hätte davontragen müssen. In bezug auf die Verfassung ward das Interim selbst da, wo man sonst dazu geneigt war, nicht ausgeführt. So sehr man sich in den moritzischen Landen (Kursachsen) der kaiserlichen Formel annäherte, so konnten doch die Bischöfe auch hier die Ordination, die mit einer Prüfung in katholischem Sinne verbunden gewesen wäre, nicht wiedererlangen. Wie viel weniger war daran zu denken, nachdem die ganze Kraft der kaiserlichen Anordnungen gefallen war! Auf einer Zusammenkunft sächsischer und hessischer Theologen zu Naumburg im Mai 1554, der von den Oberländern Sleidan beiwohnte, ward der Beschluß gefaßt, auf die früheren Einrichtungen definitiv zurückzukommen. Man erklärte es für unmöglich, die Ordination den Bischöfen zu überlassen, von denen die rechte Lehre nach wie vor verfolgt werde, und beschloß, dieselbe den Superintendenten zu überweisen, bei denen sie denn auch fortan geblieben ist. Etwas ganz anders war es in England, wo das große national-kirchliche Institut, bei allem Wechsel, den es durchmachte, doch in sich selbst unangetastet, – zuletzt das evangelische System in seinen Grundlehren annahm; und doch hat auch da die Beibehaltung der Vorrechte des Bistums den heftigsten Widerspruch hervorgerufen. In Deutschland hätte man an die Mysterien des Ordo wohl niemals wieder geglaubt. Man behielt nur den einfachen Ritus der Handauflegung bei, wie man das Vorbild davon in der Schrift fand, und trug dafür Sorge, daß der Erteilung dieser Weihe immer erst Unterweisung und Prüfung voranging. Die Konsistorien traten wieder in ihre ursprüngliche Leitung ein. Die Theologen ersuchten nur die Fürsten, ihre Amtleute zu unnachsichtiger Exekution der gefaßten Dekrete anzuweisen: sie wiederholten aufs neue, daß die Erhaltung dieses Institutes ein Gottesdienst sei, der in das Amt der Fürsten gehöre. Auch hatte es jetzt von seiten der Gegner damit keine Gefahr mehr. Auf der Versammlung zu Augsburg im Jahre 1555 beschloß das Reich, daß den Bischöfen in den zur augsburgischen Konfession übergetretenen Gebieten kein Anspruch auf die Jurisdiktion mehr zustehe. Es kam gleichsam auf die im Jahre 1526 ausgesprochene Delegation zurück und bestätigte, was infolge derselben geschehen war. Seitdem setzte sich denn die Konsistorialverfassung überall und auch da durch, wo man bisher die bischöflichen Formen beibehalten hatte. Sie beruht auf einer Vereinigung des neuen geistlichen Prinzipes und der Landeshoheit, die dem Ereignis, wie es sich nun einmal vollzogen hatte, vollkommen entspricht. Die Geistlichkeit hätte sich ohne das Fürstentum nimmermehr behaupten können; dieses dagegen erlangte durch eine ergebene Geistlichkeit eine Ausdehnung seiner Befugnisse, welche auch in katholischen Ländern gesucht, aber doch nicht in so vollem Maße erreicht werden konnte ... Entwicklung der Literatur. Den mächtigsten inneren Antrieb hatte der deutsche Geist im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts durch die Bekanntschaft mit dem klassischen Altertum empfangen, die schon in den karolingischen Zeiten begonnen, während der Herrschaft der Hierarchie unterbrochen oder in Schatten gestellt, ihm jetzt in aller Fülle zuteil wurde. Wir sahen, wie dieses Studium zuerst in den grammatischen Schulen erneuert ward, wieviel Mühe es kostete und was es zu bedeuten hatte, daß es sich endlich auch auf den Universitäten festsetzte. In dieser Beziehung nahm Melanchthon eine sehr wichtige Stellung ein. In dem Sinne, wie er die alte Literatur in Wittenberg förderte, taten es die ihm nächstverbundenen Freunde, Camerarius in Leipzig, Sabinus in Königsberg und Frankfurt a. d. O.; seine Schüler in Marburg, Tübingen, Heidelberg. In Rostock gewährte Johann Albert von Mecklenburg, dessen politische und kriegerische Unternehmungen wir zuweilen berührten und der zugleich einen offenen Sinn für höhere Bildung bewies, diesen Studien seinen Schutz. Melanchthon sieht im Geiste die allenthalben verstoßenen griechischen Musen bei ihm im Norden ihre Zuflucht suchen. Dabei behaupteten sich aber auch noch einige Schulen in großem Ruf. Erst seit dem Jahre 1531 entwickelte sich das ganze Verdienst Valentin Trotzendorfs in Goldberg; – er hatte eine Art von Jugendrepublik errichtet, mit Konsuln, Senatoren, Zensoren, in deren Mitte er sich selber als immerwährenden Diktator aufstellte. Der letzte Abt von Ilfeld, der dieses Kloster aus eigenem Antrieb in eine Schule verwandelt hatte, fand in einem Zögling von Goldberg, Michael Neander, ganz den Mann, der dazu gehörte, nach seinem Tode diese Stiftung fortzuführen und ihr allgemeine Wirksamkeit zu verschaffen: – einen stillen Gelehrten von gebrechlichem Körper und einem in seiner Tiefe der Religion zugewandten Gemüte, aber doch weltklug und umsichtig genug, um seine Klosterschule gegen die Ansprüche mächtiger Nachbarn zu schützen, und von unermüdlicher Tätigkeit. Die Kenntnis der griechischen Sprache hat er in den niedersächsischen Legenden erst verbreitet; er wird als ein zweiter Lehrer von Deutschland gepriesen. Eine fast noch mehr europäische als deutsche Wirksamkeit erlangte die Schule, welche Johann Sturm 1537 in Straßburg errichtete. Johann Sturm nahm an den öffentlichen Angelegenheiten lebendigen, wohl selbst eingreifenden Anteil: doch verlor seine Schule dabei nicht, der er vielmehr aus dem allgemeinen Gesichtspunkte um so größeren Eifer widmete. Sie ward gleichsam eine allgemeine weltliche Akademie für die protestantische Welt, wie Genf eine theologische. Auch wurde sie gern von dem deutschen Adel besucht, dessen Bedürfnisse der Vorsteher in eigenen Schriften erwog. Bei der würdigen Stellung, welche diese Studien einnehmen, konnte sich das tumultuarische händelsuchende Treiben der früheren Poetenschulen nicht mehr halten. Das Schicksal des Simon Lemnius, der es unter den Augen Luthers fortsetzen wollte und darüber verjagt ward, ist für die Richtung überhaupt bezeichnend. Der neue Olymp dieser Poeten ward schon wieder verworfen. Der feine und elegante Micyll will nur von einer züchtigen Muse wissen. Er und seine Schüler haben wirklich keine anderen Gefühle, als die der großen Tendenz entsprechen, in welcher die Nation hauptsächlich begriffen ist. Schon nahm man mit ernstem und anhaltendem Bemühen an der Arbeit der Wiederbekanntmachung und Erläuterung der klassischen Werke Anteil. Noch waren die lateinischen Schätze deutscher Klöster, wie Hirschfeld oder Lorsch, nicht erschöpft; man hatte Weltverbindung und Teilnahme für die Sache genug, um auch griechische Handschriften aus dem Orient an sich zu bringen, wie z.B. die Stadt Augsburg im Jahre 1545 zu Korfu eine Summe Geld daran wandte; manches brachten Gesandte des römischen Königs oder Prokuratoren der Fugger herbei. Vincenz Opsopäus, der Lehrer des Markgrafen Albrecht, soll die deutschen Buchdrucker zuerst angeregt haben, mit dem Ruhme der Aldus und Junta zu wetteifern und die Werke der Alten diesseit der Berge zu publizieren. Er selbst konnte der Welt einen der großen Geschichtschreiber des Altertums, Polybius, aus einem Kodex, den der Zufall von Konstantinopel nach Nürnberg geführt hatte, wieder vorlegen; er hat diese Arbeit auf eine Weise vollzogen, die ihm noch heute Ehre macht. Nach und nach entwickelte sich eine lebhafte Tätigkeit in diesem Zweige. Flavius Josephus und Ptolemäus, die wesentlichsten Ergänzungen des Diodorus Siculus, Livius, Ammianus und wie vieler anderer Schriftsteller in beiden Sprachen gingen zuerst aus deutschen Pressen hervor. Andere Autoren erschienen mit ihren Scholiasten, späteren Fortsetzern: oder in berichtigten Texten, die griechischen mit Übersetzungen, die zum Teil noch den heutigen Ausgaben beigegeben werden. Es mag sein, daß diese Arbeiten noch oftmals kritisch-grammatische Genauigkeit vermissen lassen; aber es gibt auch solche, die ein tieferes Eingehen, Kritik und echtes Verständnis beweisen. Joachim Camerarius hat für Plautus vielleicht von allen Herausgebern das meiste getan; er ist der erste, der die Spuren einer doppelten Rezension in dem vorliegenden Texte der ciceronianischen Schriften, möge dieselbe nun stammen woher sie wolle, bemerkt hat. Ein entschiedenes philologisches Talent war Hieronymus Wolf aus Öttingen: – eine zarte, schwächliche, leicht verletzbare Natur, der darüber errötete, wenn ein anderer eine Unwahrheit sagte, der von der Sohle bis zum Scheitel erzitterte, als er zuerst des berühmten Melanchthon ansichtig wurde; immer voll Furcht vor dem Hasse der Menschen und dem widrigen Einfluß geheimer satanischer Kräfte; aber eben darum mit einsiedlerischem Fleiße unter den ungünstigsten Umständen den Studien hingegeben und seiner Sache, obwohl er nie recht damit zufrieden war, daß er sie ergriffen hatte, vollkommen Meister. Er wagte sich an die Übersetzung des Demosthenes, eine Arbeit, vor der Erasmus und Budäus zurückgeschrocken waren, und führte sie auf eine Weise durch, die seinen Namen mit dem seines Autors auf immer verknüpft hat. Er ist auch in der Kritik des Textes der Sospitator des Redners und hat ihn den späteren Zeiten erst wieder zugänglich, verständlich gemacht. Ohne seinen Fleiß würden die Byzantiner wohl noch lange unbekannt geblieben sein: er ist glücklich, gleichsam ein Ganzes byzantinischer Geschichten zusammenzustellen. Sehr lesenswürdig ist doch die Autobiographie, die er hinterlassen hat. Er erscheint darin als ein recht ehrlicher Patriot, freilich als ein solcher, der mit dem, was um ihn her vorgeht, oftmals schlecht zufrieden ist: als ein überzeugter evangelischer Christ, ohne Parteiwesen, wie denn seine Religiosität nur dann und wann unwillkürlich hervorbricht: und als Philologe, der das Altertum in Fleisch und Blut verwandelt hat: die sinnreichsten Sprüche bieten sich seiner Erinnerung dar: man kann an ihm sehen, daß diese Elemente einander nicht widersprechen. Und niemand sollte sagen, daß diese Studien in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in Abnahme geraten seien: in die ja Sturm, Neander und Wolf zum großen Teil gehören. Schon lebten ihre Nachfolger Rhodomann und Sylburg. Auf die Fortpflanzung der Studien allein kam es jedoch nicht an. Wir beschäftigen uns mit einem Zeitalter, von dem man nicht mit Unrecht gesagt hat, alle vier Fakultäten seien da im Grunde nur eine einzige gewesen, nämlich die der Grammatiker. Von der Herstellung und Auslegung der Texte hing jeder Fortschritt ab. Wir brauchen nicht darauf zurückzukommen, wie sehr dies in der gelehrten Theologie der Fall war, die eben auf diesem Grunde beruhte. Die Publikation der Kirchenväter, auch der lateinischen, um die sich nach dem Vorgange des Erasmus auch andere deutsche Philologen viel Verdienst erwarben, kam den Abweichungen der Protestanten mächtig zustatten. Vor der ursprünglichen Auffassung des christlichen Altertums verschwanden die hierarchischen Satzungen ... Wir überschauen die Arbeit, in welcher der deutsche Geist begriffen war. In allen Gebieten reißt er sich von der Überlieferung los, welche sich im Laufe der Zeit in hohem Grade verfälscht und mit Aberglauben erfüllt hatte. Aber indem er zu echteren Quellen der Belehrung aufsteigt, bemerkt er doch, was auch diese zu wünschen übrig lassen. Er ist überall bemüht, die Kenntnis, welche die Alten besaßen, zu erweitern und zu ergänzen. Gegen die Systeme, die sie gebildet, ruft er den fragmentarischen Widerstand zu Hilfe, der sich unter ihnen selbst geregt hat, und schickt sich an, aus eigener Kraft zur Anschauung der Natur der Dinge hindurchzudringen. Die gewonnene religiöse Überzeugung flößt ihm Vertrauen und Furchtlosigkeit ein: Forschung und Kritik werden ihm Natur. Wir nehmen nicht ein Bestreben wahr, das aus dem Schoße der Nationalität ohne fremde Einwirkung hervorgegangen wäre: der deutsche Geist sucht vielmehr den Boden der schon vor Zeiten gegründeten Wissenschaft nun auch seinerseits vollständig zu gewinnen und an der Arbeit der Jahrhunderte tätigen Anteil zu nehmen. Wenn es eben daher rührt, daß Latein die ausschließende Sprache der Wissenschaft blieb, so ward doch auch die auf die Muttersprache angewiesene Bevölkerung von der Teilnahme an der Bewegung nicht ausgeschlossen. Schon die theologischen Flugschriften, die Predigten, die immer schwerere Fragen in Anregung brachten, nahmen die Aufmerksamkeit der Ungelehrten in Anspruch. Ein großer Teil der alten Literatur ward ihnen in deutschen Übersetzungen zugänglich gemacht: es ist bezeichnend, was man übersetzte, was man beiseite liest. Man nahm z. B. die Äneide, die Metamorphosen, nicht Horaz, noch Catull: es war hauptsächlich der Stoff, den man sich anzueignen suchte. Man beschäftigte sich viel mit Terenz, seines lehrreichen Inhalts wegen, der gleich auf dem Titel gerühmt ward; wenig mit Plautus; man übersetzte nicht die Reden Ciceros, sondern seine populären philosophischen Schriften. Am sorgfältigsten sind vielleicht diejenigen Werke bearbeitet, die zu unmittelbarem Gebrauch bestimmt waren. Vitruvius erscheint »als ein Schlüssel aller mathematischen und mechanischen Künste, die zur Architektur gehören, aus rechtem Grund und sattem Fundament, so daß jeder Kunstbegierige einen rechten Verstand fassen möge«: einer der schönsten Drucke jener Zeit mit trefflichen Holzschnitten, unter denen auch das Bildnis Albrecht Dürers prangt. Fehlt es auch nicht durchaus an freier Produktion, so ist es doch noch mehr Aneignung, Popularisierung schon vorhandener fremder Stoffe, was auch der deutschen Literatur jener Zeit ihren Charakter gibt. So recht eigen ist dies das Element, in welchem sich die umfangreichen Werke des »sinn- und kunstreichen, wohlerfahrenen« Meisters Hans Sachs bewegen. Hans Sachs Einen großen Teil der heiligen Bücher Alten und Neuen Testamentes gibt er in Reimen wieder; daran schließen sich die Historien von den Märtyrern; dann folgen die weltlichen Geschichten, wo denn bei der alten Welt »der griechische Weise Herodotus« oder Justin oder Johann Herolt abwechselnd als die Gewährsmänner genannt werden, in der neueren die Chronisten, die französische Chronika, die hochburgundische Chronika; weiter finden sich die Erzählungen der Volksbücher, wie vom hörnen Siegfried oder der schönen Magelone; die Sprüche der alten Philosophen und die Tierfabel fehlen nicht; zuweilen werden theologische Fragen aufgeworfen, wo dann jeder Teil seine Zeugnisse aufführt, Propheten und Apostel gewissermaßen redend erscheinen. Indem sich aber Hans Sachs fast überall früheren Autoren anschließt, weiß er sich doch ihrer Form zu erwehren. Sein Verfahren steht anderer Poesie beinahe entgegen, während andere dem überlieferten Stoffe neue Gestalt zu geben suchen, führt er das Gestaltete auf den Stoff zurück. Er nimmt zuweilen alte Komödien herüber, aber gleichsam auszugsweise; ihm gewinnen hauptsächlich nur die Situationen, ihre Aufeinanderfolge und das daraus hervorgehende Ergebnis Teilnahme ab. Seine dramatischen Arbeiten sind höchst sonderbar: man könnte sagen, sie entbehren des Dialogs; wenigstens arbeitet sich derselbe aus der Erzählung nur eben erst hervor. Und selbst mit seiner Erzählung verhält es sich oft auf eine ähnliche Weise: er epitomiert die Volksbücher. Den großen Inhalt der Literatur, der ihm selbst zuhanden gekommen, rückt er in einen seinen Lesern entsprechenden Gesichtskreis. Nur da entwickelt er dichterische Gaben, wo er sich entweder in diesem Kreise schon bewegt, wie in den Schwänken, oder wo er das Anmutige, Heitere, Unschuldig-Sinnliche berührt. Die grüne Tiefe der Wälder, die Maienlust der Wiesen, Schönheit und Schmuck der Jungfrauen weiß er mit unnachahmlicher Anmut und Zartheit zu schildern. Überhaupt muß man ihm Zeit lassen und ihm nachgehen. Seine Anfänge pflegen prosaisch und uneben zu sein; weiterhin wird die Sprache fließender, und die Gedanken treten mit voller Deutlichkeit hervor; mit treuherziger Einfalt legt er besonders die Lehre aus. Es ist ihm nicht genug, in seinem Garten die schönsten und würzigsten Blumen gepflanzt zu haben: er will auch kräftige Wasser, heilsame Säfte daraus abziehen zur Stärkung der geistig Schwachen. Religiöse Überzeugung und moralische Absicht sind aber in ihm ein und dasselbe. Mögen die Theologen über einzelne Punkte noch hadern: ihn berühren diese Streitigkeiten nicht: er hat eine sichere Weltanschauung gewonnen, die alles umfaßt, der sich alles, was in sein Bereich kommt, von selbst unterwirft. Er hat Gefühl für den Reiz der irdischen Dinge, und oft beschäftigt ihn die Vergänglichkeit derselben; man sieht wohl, daß dieser Gegensatz inneren Eindruck auf ihn hervorbringt: aber er hat dafür einen ewigen Trost ergriffen, an dem ihn nichts irremachen kann. Diese Bildung, die doch auch von ihrem Standpunkt aus die Welt umfaßt, und diese Gesinnung flößen uns Hochachtung gegen den damaligen Stand der deutschen Handwerker ein, aus dem sie hervorging, An vielen Orten, wo von jeher die Poesie geblüht, fand man noch Meistersänger. Um Hans Sachs hatten sich deren, wie man sagt, über zweihundert in Nürnberg gesammelt, und noch oft hielten sie ihre Singschule zu St. Catharina. Sie wiederholten gern die Sage ihrer Altvordern, wie ihre Gesellschaft einst bei ihrem Ursprung von allem Verdacht der Ketzerei freigesprochen und von Kaiser und Papst bestätigt worden sei; wenn dann aber das Hauptsingen begann, welches immer schriftmäßig sein mußte, hatte der vorderste der Merker die lutherische Bibel vor sich und gab acht, ob das Lied wie mit dem Inhalt des Textes, so auch mit den reinen Worten, deren sich Doktor Luther bedient hat, übereinstimmte. Kirchenlied. Von den künstlerischen und poetischen Hervorbringungen dieser Zeit haben wohl diejenigen überhaupt den meisten Wert, welche die religiöse Gesinnung aussprechen. Das Kirchenlied, dessen Ursprung wir berührten, bildete sich von Jahr zu Jahr mannigfaltiger und eigentümlicher aus; es vereinigt die Einfalt der Wahrheit mit dem Schwung und der Tiefe des auffassenden Gemütes; es ist zugleich von dem Gefühle des Kampfes, dessen verschiedene Epochen sich darin ausgedrückt haben, und der Gewißheit des Sieges durchdrungen: es ist oft wie ein Kriegsgesang gegen den noch immer drohenden Feind. Und mit dem Liede ist zugleich die Melodie hervorgegangen, häufig ohne daß man sagen könnte, wie das geschehen ist. Nur geringe Anfänge enthalten die ersten Liederbücher von 1524; im Jahre 1545 erscheinen schon 98 Melodien, im Jahre 1573, denn mit der Zeit wuchs auch die Gabe, 165. Biblische Texte hatten eine besondere Kraft die Musiker anzuregen: zu dem Magnifikat finden sich verschiedene Weisen, alle gleich trefflich. Und hieran knüpfte sich die kunstgerechte Ausbildung des Chorals. Das Unechte und Überladene, das sich der früheren Musik beigesellt hatte, ward ausgestoßen: man bemühte sich nur die Grundtonart streng und harmonisch zu entfalten; die evangelische Gesinnung gewann im Reich der Töne Ausdruck und Darstellung. Gewiß schloß man sich auch hier an das Vorhandene an: es hat Kirchenlieder vor Luther gegeben, die neue Musik gründete sich auf die alten Gesänge der lateinischen Kirche; aber alles atmete doch einen neuen Geist. So beruhte seinerseits auch der gregorianische Gesang auf den Grundsätzen der antiken Kunstübung. Eben darin liegt die Eigentümlichkeit der ganzen Bewegung, daß sie das Konventionelle, Abgestorbene, oder doch nicht zu weiterem Leben zu Entwickelnde von sich stieß, und dagegen die lebensfähigen Momente der überlieferten Kultur unter dem Anhauch eines frischen Geistes, der nach wirklicher Erkenntnis strebte, zu weiterer Entfaltung brachte. Dadurch ward sie selbst ein wesentliches Glied des universalhistorischen Fortschrittes, der die Jahrhunderte und Nationen miteinander verbindet. In keiner anderen Nation wäre dies so bedeutend gewesen wie in der deutschen. Die romanischen Völker beruhten doch noch, der Hauptsache nach, auf den Stämmen, von denen die Herrlichkeit des Altertums ausgegangen: in Italien sah man die Alte Welt wohl als die eigene nationale Vorzeit an: – daß ein ursprünglich verschiedener Geist, der germanische, an der Erneuerung der alten Kultur lebendigen Anteil nahm, nicht allein lernend, sich aneignend, sondern mithervorbringend, und zwar im Reiche der positiven Wissenschaften, die von nun an unaufhörlich fortschritten, trug erst recht dazu bei, sie zu einem Gemeingut der Menschheit zu machen. Wie dadurch eigentlich erst ausgeführt wurde, was Karl der Große bei seinen scholastischen Gründungen beabsichtigt hatte, so war auch dieser Standpunkt wieder nur eine Stufe. Es bedurfte noch geraumer Zeit, ehe die erwachten Ideen sich durcharbeiten, bewähren konnten: – auf Kopernikus mußte erst Kepler folgen; – die Einwirkungen der mitstrebenden Nationen der europäischen Gemeinschaft mußten erst, wo sie fördernd waren, aufgenommen, wo aber das Gegenteil, was doch auch geschah, überwunden werden. Die Wissenschaften waren noch zu streng an den Gebrauch der lateinischen Sprache gebunden, als daß der Geist der Nationen neuerer Zeit sich mit voller Freiheit dann hätte bewegen können. Die Tiefe und Ursprünglichkeit der eigentümlich germanischen Anschauungen war gleichsam zu stark zurückgedrängt. Es ist eine Zeit gekommen, wo der deutsche Geist das Altertum noch lebendiger begriffen hat, dem Geheimnis der Natur noch einen Schritt näher getreten und zugleich zu eigener und doch allgemein gültiger Darstellung gelangt ist. Dazu gehörte aber freilich – denn auch der wissenschaftliche Fortschritt beruht auf dem langsam reifenden allgemeinen Leben – eine Entwicklung der politischen Verhältnisse, die es möglich machte. Und für diese standen, trotz alledem, was bereits erreicht war, noch die schwersten Kämpfe bevor. So viel hatte Karl V. doch bewirkt, daß sich der protestantische Geist nicht der ganzen deutschen Nation und ihrer großen Institute bemächtigen konnte. Bald nach ihm aber trat in der alten Kirche selbst eine Umwandlung in Leben und Verfassung ein, die ihr neue Energie verlieh: in kurzem warf sie sich dem noch immer vordringenden protestantischen Elemente mit ganz anderen Kräften entgegen als bisher. Auf das Zeitalter der Reformation folgte das der Gegenreformationen. Es gelang dem Papsttum zuerst, in den Ländern seines Ursprungs und seiner ältesten Herrschaft alle entgegengesetzten Regungen zu ersticken, alsdann auch in Deutschland vorzudringen und die Landschaften, die keine protestantischen Obrigkeiten hatten, sich wieder vollkommen anzueignen; der Widerstand, auf den es hierbei an einer oder der anderen Stelle doch stieß, gab ihm Anlaß, endlich nochmals zu den Waffen zu greifen; durch eine Verflechtung politischer und religiöser Verhältnisse, die es zu keiner Vereinigung unter den Protestanten kommen ließ, gewann es den Sieg; seine Heerscharen überfluteten die Länder, aus denen der Protestantismus hervorgegangen war; der Gedanke an eine allgemeine Herbeibringung konnte sich noch einmal regen. Dahin freilich kam es nicht, daß er auch ausgeführt worden wäre; allein es mußte in einem wilden und verwildernden Kriege, der die gewonnene Kultur zum Teil wirklich zerstörte, dagegen gekämpft werden; und als man endlich den Religionsfrieden erneuern und auf die alten Grundlagen der Verfassung zurückkommen wollte, war die Selbständigkeit der Nation durch eine von beiden Seiten angerufene und alsdann nicht wieder so bald zu beseitigende Teilnahme auswärtiger Mächte gefährdet. Wieviel Mühe und lange andauernden Kampf hat es gekostet, in Epochen voll wechselnden Glückes und neuer Gefahren den fremden Einfluß abzuwehren! Wir müssen sagen, erst in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war es einigermaßen geschehen. Eher aber konnten die ursprünglichen Bestrebungen, welche das Zeitalter, das wir betrachtet haben, erfüllten, nicht in voller Freiheit und Kraft wieder aufgenommen werden. Sie zielten dahin, an den lebendigen Momenten der allgemeinen und nationalen Geschichte festhaltend, eine allseitige und unabhängige Entwicklung der Nation hervorzubringen; sie verknüpfen die Anfänge unserer Geschichte mit ihrer fernsten Zukunft. Elftes Kapitel Zum Dreißigjährigen Kriege. Im ersten Jahrzehnt des Dreißigjährigen Krieges war die katholische Partei (der Kaiser, Spanien und die Liga deutscher katholischer Fürsten unter Führung Bayerns) siegreich. Als Siegespreis nahm sie in Aussicht, durch das »Restitutionsedikt« die Zurückgabe des von evangelischen Fürsten seit 1552 eingezogenen ehemaligen Kirchengutes zu erzwingen. Da hierdurch den evangelischen Landeskirchen die finanzielle Grundlage entzogen worden wäre, widersetzten sich die evangelischen Fürsten aufs lebendigste. Seit der Landung Gustav Adolfs in Pommern 1530 änderte sich allmählich die Lage, und die Ausführung des Edikts wurde unmöglich. Gustav Adolf und Wallenstein i. J. 1632. Eigentlich von den Ufern der Ostsee war die allgemeine Wendung, welche die Dinge seit drei Jahren genommen hatten, ausgegangen. Friedlands [Wallenstein] Besitznahme von Mecklenburg hatte dem König von Schweden einen vor aller Welt gerechtfertigten Anlaß gegeben nach Deutschland zu kommen. Da lagen denn die Umstände so günstig für ihn, daß er als der Vorfechter der großen religiös-nationalen Sache, der Hersteller des Religionsfriedens und der mit demselben zusammenhängenden Reichsgesetze auftreten konnte, wäre er allein deshalb über die See gekommen, um altgesetzliche Zustände im Reich herzustellen und wieder aufzurichten, so würde seine Mission nahezu vollendet gewesen sein. Allein er hatte sein schwedisches Interesse keinen Augenblick aus den Augen verloren, und durch Besitzergreifungen, Bündnisse und selbst Huldigungen im deutschen Reiche eine so gewaltige Stellung eingenommen, daß er als der vornehmste Repräsentant des protestantischen und antiösterreichischen Prinzips in Europa erschien. Welches waren nun hier seine Absichten? Hat er wirklich gedacht römischer Kaiser zu werden, wie man ihm nachsagt, und die Reichsgewalt in seine Hand zu nehmen? Oxenstierna hat einst dem brandenburgischen geheimen Rat auseinandergesetzt, die Intention des Königs sei im allgemeinen gewesen, sein Reich der Ostsee zu versichern, die gegnerischen Bestrebungen zu brechen, die bedrängten Lande zu befreien, dann weiter zu gehen, oder inne zu halten, je nachdem es das Bessere scheine; er habe jedoch nie geglaubt, soweit zu kommen als er gekommen sei; er sei nur immer der Gelegenheit gefolgt, die Lage des Moments sei die Grundlage seiner Ratschläge gewesen. Dazu nun, daß er hätte hoffen können, die höchste Gewalt im Abendlande in die Hand zu nehmen, waren in diesem Augenblick die Verhältnisse nicht angetan. Frankreich hätte es nimmermehr zugelassen, und auch Österreich-Spanien entwickelte Kräfte des Widerstandes, die er nicht hätte überwältigen können. Noch eine andere vertrauliche Äußerung des Kanzlers liegt vor, nach welcher der König die Gründung eines selbständigen skandinavischen Reiches beabsichtigte. Schweden, Norwegen und Dänemark bis an den Großen Belt sollten vereinigt, und die Küstenländer der Ostsee, im Gegensatz mit Polen und Deutschland, dazu geschlagen werden. Es ist der Grundgedanke der schwedischen Macht, der von da an anderthalb Jahrhunderte die Welt beschäftigt hat. Und wenn es authentisch ist, was wir sahen, daß der König nicht der Meinung war, die Städte und Lande, welche er eingenommen, obgleich er sie hatte huldigen lassen, zu behalten, sondern nur sie zum Pfand der Abtretungen zu machen, die ihn seiner maritimen Macht versicherten, so stimmt das damit im allgemeinen zusammen. Der Gedanke des skandinavischen Reiches beherrschte auch die deutsche Politik Gustav Adolfs. Die Echtheit der protestantischen Gesinnung des Königs dürfte man nun nicht leugnen: sie war mit seinem schwedischen Gedanken, und zwar für ihn selbst ununterscheidbar verbunden. Indem er den Einfluß der Kaiserlichen in Polen brach und sie von der Ostsee verdrängte, kam er zugleich den Protestanten gegen die katholisch-österreichische Übermacht, wie sie noch 1629 war, zu Hilfe. Dem Protestantismus hat er seine Selbständigkeit im Reiche zurückgegeben, niemand wird ihm diesen Ruhm entreißen. Dem Interesse desselben entsprach sein Plan und Wunsch, die Gleichheit der Bekenntnisse in dem kurfürstlichen Kollegium herzustellen, wie denn davon das Gleichgewicht derselben und der Friede am meisten abhing. Ganz anders verhielt es sich mit seiner Absicht, die Küsten der Ostsee für Schweden zu gewinnen. Wenn er Pommern verlangte, auf welches der Kurfürst von Brandenburg die bestbegründeten Ansprüche hatte, so machte er dadurch eine weitere Umgestaltung notwendig, da es ohne Entschädigung Brandenburgs, diese aber ohne Säkularisation nicht möglich war. Die Umwandlung mußte noch weiter geführt werden, als es durch die protestantischen Bistümer und Erzbistümer geschehen war. Gustav Adolf hatte eine Umgestaltung des Reiches in der Weise, wie sie sich später wirklich vollzogen hat, im Sinne. In dem Eindringen dieses Fürsten im Reich, das für die Rettung des Protestantismus unentbehrlich war, das nun aber wieder zur Folge hatte, daß er eine Ausstattung von dem Reiche verlangte, wie sie für sein Schweden wünschenswert war, lag die Krisis der deutschen Geschicke für alle Zeit. Weder diese Abtretungen noch die Säkularisationen noch die in Aussicht gestellten Verfassungsbestimmungen konnte der Kaiser zugestehen. Friedland durfte auf Zurücknahme des Ediktes, welches die Protestanten zu dem Äußersten getrieben hatte, auf weltliche Verwendung der geistlichen Einkünfte dringen; aber nicht auf Abtretung ansehnlicher Gebiete und Säkularisation, welche den Rechten und Ansprüchen des Kaisers geradezu entgegengelaufen wären. Der damalige Standpunkt des Kaisers und Wallensteins ist dem verwandt, welchen einst Karl V. einnahm, als er sich dem von Matthias Held geschlossenen katholischen Bündnisse fern hielt, die Protestanten durch Konzessionen zu beruhigen, aber dabei das Übergewicht des Katholizismus und die Einheit des Reiches aufrecht zu halten suchte. Wenn Wallenstein überdies seinen persönlichen Anspruch in vollster Ausdehnung festhielt, so meinte er denselben unter der Autorität des Kaisers durchzuführen, und durch die Verbindung der früheren mit neuen Verdiensten die höchste Stufe in der Rangordnung deutscher Reichsfürsten zu erwerben. Die nächste Frage, in der sich in dem Augenblick alle großen Interessen konzentrierten, war, ob die protestantischen Fürsten zu einer Vereinbarung mit dem Kaiser, ohne Rücksicht auf Schweden, gebracht, oder ob sie bei diesem Bunde festgehalten werden würden. Der König wäre geneigt gewesen, wenn ihm seine Grundbedingung bewilligt wurde, den deutschen Fürsten die weitere Vereinbarung unter sich selbst zu überlassen. Friedland meinte noch die Unterordnung der Fürsten unter dem Kaiser festzuhalten. Nicht so sehr jedoch die Idee über Kaiser und Reich, als die religiöse erregte die Gemüter. Wallenstein war jetzt für die vornehmste Forderung der Protestanten; aber welch eine Gefahr für diese, wenn er den Sieg erfocht, später aber nicht imstande war, den Religionseifer des Kaisers nachhaltig zu mäßigen. Für Gustav Adolf war der evangelische Name alles: er stritt für das Bestehen des Protestantismus mit vollem Herzen. Er hatte denselben zum Prinzip seiner Heerführer gemacht: er selbst gehörte ihm mit freudigem und sicherem Bekenntnis an, heiter von Natur, durch und durch populär, ein Mann der deutschen Bürgerschaften, die ihn mit Freuden selbst als ihren Herrn begrüßt hätten. Die Verehrung, die man ihm zollte, war ihm fast zu stark. Dagegen konnte dem Friedländer nie Verehrung genug bewiesen werden. Man wußte nicht, ob er der Religion, die er bekannte, wirklich ergeben sei: man sagte, er glaube mehr an die Gestirne, die sein Astrolog befrage: manche meinten, er glaube auch daran nicht. Bei ihm war alles bedachter Plan, umfassende Kombination, ein immer höher strebender Ehrgeiz. Wenn auch der König ein weiteres Ziel verfolgte, so trat das doch vor den freien populären Impulsen zurück, denen er jeden Augenblick Raum gab. Wallenstein war ein podagrischer Strateg; der König ein General von rüstiger Beweglichkeit; er hatte eine lebendige, kriegsmännische Ader. Wallenstein wollte die Formen des Reiches erhalten, mit möglichster Schonung des Protestantismus; Gustav Adolf sie durchbrechen: mit voller Feststellung des Bekenntnisses. Niemand verließ sich auf Wallenstein: zu Gustav Adolf hatte jedermann Vertrauen. So umfaßte der Widerstreit der beiden Heerführer die Welt und das Reich der Ideen, die politische und religiöse Zukunft von Deutschland: als sie an dem Eingang der großen sächsischen Ebene, Regionen, die noch manchen anderen Weltkampf gesehen haben, aufeinander stießen. Es entspricht ihrem Verhältnis, daß Gustav Adolf unaufhaltsam vordrang, Wallenstein dort an der Landstraße von Lützen eine von Gräben und Verschanzungen geschützte starke Position genommen hatte, um ihn festen Fußes zu empfangen [16. Nov. 1632]. Einen Augenblick hielten die beiden Schlachtordnungen einander gegenüber, etwa dreihundert Schritt voneinander: die Feldstücke spielten gegeneinander. Die Heere waren nicht gerade sehr zahlreich. Die Schweden werden nicht über 14 000, die Kaiserlichen am Morgen nicht über 12 000 Mann stark gewesen sein. Aber noch zur rechten Zeit traf Pappenheim mit seiner Reiterei von Halle kommend ein, eben in dem Augenblick, als der König angriff. Zu persönlichem Zusammentreffen ließen die Schlachten dieser Zeit nicht mehr soviel Raum, wie noch im vorigen Jahrhundert die Bataillen der Hugenotten in Frankreich. Aber es erinnert noch daran, wenn hier auf dem linken Flügel der Kaiserlichen, den der König angriff, zuerst Pappenheim tödlich verwundet weggebracht wurde, gleich darauf auch der König in den Arm geschossen, sein Pferd nicht mehr führen konnte und von ein paar Kugeln getroffen auf dem Schlachtfelde niedersank. Eigentlich über seiner Leiche entzündete sich auf diesem Flügel die Schlacht ... Die Schweden und Protestanten hatten ohne Zweifel die Oberhand; aber auch sie waren nach Weißenfels zurückgegangen, wohin die Leiche des Königs gebracht worden war. Da hielten sie ihren Rat. Wir können die Schlacht als eine im eminenten Sinne historische bezeichnen. Der Überflutung von Norddeutschland durch die Liga seit der Schlacht am Weißen Berge war bei Breitenfeld ein Ziel gesetzt worden. Noch einmal trat die Wiederherstellung der kaiserlichen Übermacht in Aussicht; sie würde den Protestantismus unter erträglichen Bedingungen in den alten Formen, aber auch in den alten Gefahren haben bestehen lassen. Ihr ward durch die Schlacht von Lützen Einhalt getan. In dem Kampfe zwischen Aktion und Reaktion, der Europa umfaßte, stellte sich in Deutschland eine Art von Gleichgewicht der Kriegskräfte, der Bekenntnisse, der Dynastien her. Ist es nicht wie eine Fügung des Schicksals, daß der Urenkel des niedergeworfenen, geächteten, beraubten Johann Friedrich, ein fast besitzloser Herzog von Weimar es sein mußte, der diese entscheidende Schlacht vorbereitete und dann hauptsächlich zu einem glücklichen Ende brachte? Verluste des Reichs an Frankreich. Durch die Schlacht von Lützen und ihre nächsten Folgen war das Gleichgewicht zwischen den Kriegskräften beider Parteien hergestellt: Frankreich konnte seine Politik behaupten, welche darin bestand, an dem Kampf nicht unmittelbar teilzunehmen, sondern nur die Truppen in schlagfertigem Stande zu erhalten, um sich der günstigen Gelegenheiten, an denen es nicht fehlen werde, zu seinem Vorteil zu bedienen. Wie in Italien auf Piemont und die Alpenpässe, so war nach der deutschen Seite hin das Augenmerk des Kardinals [Richelieu] auf Lothringen, den Elsaß, die Rheinlande überhaupt, namentlich die Übergänge über diesen Strom gerichtet. Schon bei Lebzeiten Gustav Adolfs war ihm da eine große Erwerbung gelungen. Trier. Als die von den vordringenden protestantisch-schwedischen Heerscharen bedrängten deutschen geistlichen Fürsten die französische Vermittlung anriefen, die sie wohl hätten erwarten dürfen, die ihnen aber aus Rücksicht auf die allgemeine Lage der Dinge nicht bewilligt ward – eine Sendung nach Paris in dieser Absicht war vergeblich – entschloß sich einer von ihnen, der Kurfürst von Trier, seine Festungen geradezu den Franzosen zu überliefern. Es war Philipp Christoph von Söttern, zugleich Fürstbischof von Speier, ein katholisch eifriger Jesuitenzögling, und dabei, wie manche andere Prälaten nach dem Muster Papsts Sixtus V., ökonomisch, selbstherrisch, kriegerisch gesinnt. Das westliche Deutschland verdankte ihm ein paar namhafte Festungen, Philippsburg, das seinen Namen trug, und den Ehrenbreitstein, den er zuerst zu einem haltbaren Platz machte. Zu diesen Zwecken und zu anderen Unternehmungen hielt er sich für berechtigt soviel Steuern, als er brauchte, aufzulegen: seine Stände, die ihm darin nicht zu Willen waren, wußte er zu zwingen. Er ließ sie von Soldaten umstellen, bis sie unterschrieben, oder einzelne Mitglieder einsperren, bis sie ihren Widerspruch aufgaben; um die Appellation an den Kaiser kümmerte er sich nicht. Er war bereits ein alter Mann, kahlköpfig, mit dem Podagra behaftet, aber unter seiner breiten Stirn mit dichten Brauen funkelten ihm ein paar Augen mit dem Ausdruck von Entschiedenheit und verwegenem Willen; alles schien ihm erlaubt, um diesen durchzuführen. Da sich seine Stände an die Infantin in den Niederlanden gewendet hatten, welche sich dann seiner Hauptstadt Trier bemächtigte, so war er schon um deswillen mit Richelieu in Verbindung getreten. Die Reaktion gegen eine Politik, die er an seinem Teil immer lebhaft befördert hatte, führte ihm jetzt den Schwedenkönig in die Nähe; er trug kein Bedenken, da ihn der Kaiser vor demselben nicht schützen könne, sich in aller Form unter den Schutz des allerchristlichsten Königs zu begeben. Seine beiden Festungen, das beste Resultat einer angestrengten Staatsverwaltung, war er bereit, den französischen Truppen, ohne alle weitere Rücksicht auf das Reich, zu öffnen. Nur für Territorialgewalt und Religion hatte er gearbeitet; was das Vaterland sei, davon hatte er nie eine Ahnung gehabt. Schon im Mai 1632 besetzten die Franzosen den Ehrenbreitstein. Unter ihrer unmittelbaren Hilfe kehrte im August auch Trier in seine Hand zurück; eine Empörung, die sich erhob, ward im Beginn erdrückt. Wir brauchen nicht auszuführen, welch ein Vorteil von höchstem Wert für die Franzosen in der Erwerbung dieser großen militärischen Positionen lag ... Lothringen. Da die Schweden den Mittelrhein beherrschten – in Mainz hat man der Tochter Gustav Adolfs den Eid der Treue geleistet – und die vorderen Reichskreise jedes Vordringen kaiserlicher Truppen nach Westen hin abwehrten, so konnte Richelieu ohne Besorgnis, von Deutschland her gestört zu werden, an ein Unternehmen gehen, das er längst im Sinne gehabt hatte. In den letzten Verwicklungen hatte er den Herzog von Lothringen genötigt, vier von seinen besten Plätzen abzutreten, aber dies genügte ihm noch nicht. Das Gutachten ist übrig, in welchem er seinem König vorstellt, daß der Herzog alle Verträge breche, alle Rücksicht aus den Augen setze; hauptsächlich aber sei er von unversöhntem und unversöhnlichem Herzen, er warte nur auf die Gelegenheit, wo er mit Spanien und dem Kaiser verbunden Frankreich in seinem Innern anfallen könne; höchst gefährlich mache ihn die Ehe seiner Schwester mit dem Herzog von Orleans für die Ruhe des Königs und des Königreichs; man müsse ihn zugrunde richten, dann lasse sich auch hoffen, daß man diese Verbindung wieder auflöse, und den König mit seinem Bruder noch einmal versöhne. Alle Motive der inneren und äußeren Verhältnisse faßte er zusammen, um zu einem entscheidenden Versuch anzutreiben. Der Beschluß war, daß sich der König Nancys bemächtigen müsse. Nancy galt damals für einen der festesten Plätze in Europa. Von drei tiefen Festungsgräben und starken Basteien umgeben und mit allem Notwendigen versehen, schien es eine Belagerung von zwei Jahren aushalten zu können. Man erstaunte, daß der König von Frankreich in schon vorgerückter Jahreszeit, es war im August 1633, sich davor lagerte. Er selbst leitete mit Richelieu und La Force die Umschanzung des Ortes, die auf das engste gezogen ward; er tat den ersten Spatenstich in den Linien. Dem Herzog ist es zum Vorwurf gemacht worden, daß er sich nicht in seiner Festung eingeschlossen und daselbst mannhaft verteidigt habe: er antwortet, er habe sich nicht wollen zum Kriegsgefangenen machen lassen: die bisherige Saumseligkeit der Spanier und Kaiserlichen habe ihm wenig Hoffnung auf Entsatz eingeflößt; Nancy hätte sechs Monate, oder vielleicht ein Jahr, behauptet werden können, aber nicht länger; dann würde der Feind auf das Kriegsrecht oder die aufgewandten Kosten Anspruch immerwährenden Besitzes gegründet haben. In diesen Erwägungen zog es der Herzog vor, Nancy durch förmlichen Vertrag in die Hände des Königs von Frankreich zu deponieren, auf so lange, wie es in der Abkunft hieß, bis sein Betragen oder die Beilegung der Unruhen in Deutschland jeder Besorgnis gegen ihn ein Ende gemacht habe, und die Vermählung der Prinzessin Margaretha für null und nichtig erklärt sei. Militärisch war auch dieser Besitz unschätzbar: Richelieu bemerkte, daß Nancy fortan eines der besten Bollwerke von Frankreich gegen den Kaiser und die Spanier bilden werde, fähig, sie jahrelang aufzuhalten, noch wichtiger als Metz ... Andere Verluste. Durch die Erinnerung an die Rechte des deutschen Reiches auf Lothringen ließ sich Richelieu in seinen Unternehmungen nicht irren; die Oberlehensherrschaft des Kaisers über dieses Land erklärte er für eine alte Usurpation, die Frankreich habe dulden müssen, solange es nicht anders gekonnt habe: aber zwischen großen Fürsten gebe es keine Verjährung; jetzt habe Gott dem König von Frankreich den Weg eröffnet, den vollen Umfang der Rechte seiner Krone wiederherzustellen: die Nachwelt würde ihn tadeln, wenn er es nicht täte. Es ist als wollte Richelieu auf die alten Streitigkeiten des östlichen und westlichen Franken über das lothringische Erbe, die im neunten und zehnten Jahrhundert ausgemacht waren, zurückkommen und sie zugunsten des letzteren entscheiden. Wovon er noch vor kurzem fast offiziell erklärt hatte, daß es nicht in seiner Absicht liege, das führte er jetzt ohne Bedenken aus; am 26. August 1633 ließ er das neue Parlament in Metz mit aller Feierlichkeit installieren. Da die Bistümer Toul und Verdun in den Händen lothringischer Prinzen waren, deren jurisdiktionellen Rechten die Befugnisse des Parlaments entgegenstanden, so sieht man wohl, wie genau dies mit den übrigen Feindseligkeiten zusammenhing. Aber die Hauptsache ist, daß den Beziehungen dieser Länder zum deutschen Reiche ein Ende gemacht werden sollte. Statt des Reichsadlers erschienen jetzt die Lilien in den großen Gerichtssiegeln; denn der König, so drückt sich das Edikt darüber aus, dürfe nicht dulden, daß in den Ländern seines Gehorsams ein fremdes Wappen als Siegel gebraucht werde. Kein Zweifel, daß Richelieu, der allen durch die Jahrhunderte geheiligten Verhältnissen zwischen den beiden Reichen so entschlossen entgegentrat, die Rheingrenze bereits ins Auge gefaßt hatte; gegen seinen König hat er davon mehr als einmal unverhohlen geredet. Und niemals sind wohl territoriale Besitzergreifungen, wenngleich zunächst provisorischer Art, jemand leichter geworden, als damals dem Kardinal. Den Herzögen von Württemberg, welche ihre Herrschaft Montbelliard gegen die aus der Franche-Comté drohenden Angriffe nicht zu verteidigen vermochten, ward es als eine Art von Gnade angerechnet, wenn der König eine Besatzung dahin schickte, um sie in Schutz zu nehmen. Die Franzosen besetzten ohne alle weitere Bedingung im September 1633 Montbelliard – Schloß, Zitadelle und Stadttore – sowie Blamont und Hericourt. Gleich darauf eröffnete sich ihnen der Elsaß. Die Schweden und ihre Verbündeten hatten des Landes doch nicht Meister werden können; in den Fluktuationen der Kriegserfolge, welche mit entsetzlichen Verwüstungen verknüpft waren, stellte sich den Bedrängten die französische Kriegsmacht als die einzige Schutzwehr dar. Von dem Grafen Salm mit Vertilgung bedroht, entschlossen sich zuerst die elsässischen Orte Buchsweiler, Ingweiler und Neuweiler, hierin in Widerspruch mit den Schweden, französische Truppen, durch die sie dann geschützt wurden, bei sich aufzunehmen. Aber gleich darauf sah sich der Graf Salm in einem ähnlichen Falle. Von dem Rheingrafen im Felde geschlagen und auf seiner Feste Hohbar belagert, in Gefahr, sich auf Gnade und Ungnade ergeben zu müssen, wußte er sich mit den Franzosen zu verständigen; die Belagerer fühlten sich ihrer Beute schon sicher, als ein französischer Oberst aus dem Schlosse hervortrat und ihnen erklärte, es gehöre jetzt dem König von Frankreich an. Der Graf trat nicht allein seine Bergfeste an die Franzosen ab, er bewirkte, daß auch Hagenau und Reichshofen an sie übergingen. Sein Beweggrund war, er gönne die Orte lieber den Franzosen als den Schweden und den Evangelischen. Und ganz ebenso waren ihrerseits auch diese gesinnt. Als der Rheingraf einige Monate später das Feld gegen die Gegner nicht mehr behaupten konnte, wenn er nicht seine Garnison aus Schlettstadt und Kolmar zog, entschloß er sich, auch diese Orte, die sonst ohne Zweifel verloren gewesen wären, den Franzosen zu überliefern, denn er gönne, wie der alte hierüber am besten unterrichtete Geschichtschreiber sagt, die Orte im Elsaß den Franzosen lieber denn dem Feinde. So gewannen die Franzosen im Elsaß eine Reihe von Plätzen, die ihnen so wenig jemals wieder haben entrissen werden können, als die drei Bistümer. Sie haben dieselben nicht eigentlich mit den Waffen erobert; sie sind ihnen von den feindlichen Brüdern entgegengesetzter Konfession, aus Hast der einen gegen die anderen, überliefert worden. Im Westfälischen Frieden (1648) wurden dann den Franzosen die Rechte und Besitzungen des Hauses Habsburg im Elsaß abgetreten. Zwölftes Kapitel Deutschland und Frankreich zur Zeit Ludwigs XIV. Die Reunionen. Einsichtsvolle Zeitgenossen sahen in Ludwig XIV. weniger einen Eroberer – und wer wollte ihn mit den großen Eroberern irgendeiner Epoche vergleichen –, er erschien ihnen mehr in dem Lichte eines Befehlshabers einer Festung, der, um diese zu behaupten und furchtbar zu machen, seine Umgriffe nach allen Seiten über die Grenze derselben ausdehnt. So hat ihn einer der großen geistlichen Redner seiner Epoche gerühmt, daß er ganz Frankreich gleichsam zu einer einzigen Festung gemacht habe. In seinem ersten Kriege gegen das deutsche Reich (1673–78), der mit dem Frieden von Nimwegen endete, eroberte Ludwig eine Anzahl flandrischer Städte, die Franche-Comté und zehn Reichsstädte im Elsaß. Bereits in den Nimwegischen Verhandlungen [1678] kommt der Gedanke vor, der viel später ausgeführt worden ist, Lothringen gegen irgendeine entfernte Abtretung – man dachte damals an Sizilien – einzutauschen. Da nun aber nicht allein eine solche Auskunft unmöglich, sondern der rechtmäßige Besitzer nicht einmal dahin zu bringen war, die Bedingungen anzunehmen, unter denen ihm das Land wiedergegeben werden sollte, so daß hier kein gültiges staatsrechtliches Verhältnis zustande kam, so schien es um so nötiger, Lothringen vor möglichen Angriffen zu sichern. Man kann denken, daß die Franzosen hierfür Luxemburg ins Auge faßten, durch welches der Besitz von Thionville und Longwy doppelten Wert bekommen hätte: in den Vorschlägen zum Frieden ist von der Abtretung dieser großen Festung die Rede. Auch die Erwerbung einiger kleineren Plätze, wie Homburg, Bitsch, Kaiserslautern, ward dem König von seinen Generalen empfohlen. Aber vor allem anderen war das Augenmerk auf den Besitz des Elsaß gerichtet, der in vollster Ausdehnung, selbst mit Einschluß von Straßburg und von Kehl, als unentbehrlich für die Aufrechthaltung des jetzt gegründeten Systems betrachtet zu werden anfing. Der Grund ist: wenn der König diese Provinz in Händen habe, seien Franche-Comté, Champagne und ein Teil der Bistümer gedeckt: dann könne Lothringen sich nicht losreißen, dann bleibe die Schweiz um so stärker an Frankreich gebunden, dadurch werde Deutschland in Zaum gehalten. Selbst daß, wenn dies nicht der Fall sei, der Krieg sich dahin wenden müsse, erschien als ein Vorteil. Denn sonst würde sich die gesamte deutsche Macht auf die obere Maas und die obere Mosel stürzen und doppelt gefährlich werden. Genug, das gegenwärtige und künftige Machtverhältnis schien sich daran zu knüpfen, wer dieser Landschaften Meister sei: die Franzosen faßten die bestimmte Absicht, sie sich anzueignen. Politischer Anspruch. Welches Recht aber hatten sie, welche Mittel standen ihnen zu Gebote, dieselben nach geschlossenem Frieden zu erwerben? Von langer Zeit her hatten sie sich Ansprüche, die das möglich machten, im geheimen vorbehalten, und fühlten sich jetzt stark genug, sie durchzuführen. Sie gründeten dieselben auf die Auslegung, die sie dem Westfälischen Frieden gaben. Widmen wir ihnen ein Wort parteiloser Erörterung. Wenn man die Artikel dieses Friedens liest, welcher eine Grundlage des europäischen Rechts sein sollte und so lange gewesen ist, so kann man sich nicht genug wundern, wie dunkel und zweifelhaft diejenigen abgefaßt sind, welche die Abtretungen betreffen, die das deutsche Reich an die französische Krone machte. Die drei Bistümer [Metz, Toul, Verdun] nicht allein, sondern auch deren Distrikte sollen danach Frankreich ebenso angehören wie bisher dem deutschen Reich. Ob mit dem Wort Distrikt bloß der weltliche Umfang oder auch die kirchliche Diözese gemeint sei, in welches Verhältnis die von dem Bistum abhängigen Lehensträger des Reichs gestellt werden sollten, darüber wird nichts bestimmt. In bezug auf das Elsaß war man etwas näher herausgegangen. Dem Artikel, durch welchen die Landgrafschaft in Ober- und Niederelsaß, der Sundgau, und die Landvogtei über die elsässischen Zehnstädte an die französische Krone aufgegeben werden, war später ein anderer hinzugefügt worden, welcher die Rechte der Landvogtei auf die Befugnisse, die das Haus Österreich ausgeübt habe, einschränkte und die Reichsunmittelbaren der Fortdauer ihrer Unabhängigkeit versicherte, aber diese Beschränkung selbst ward durch den Zusatz, daß damit den früher übertragenen Rechten nichts entzogen sein sollte, wieder zweifelhaft gemacht. Man würde den Altvordern Unrecht tun, wenn man sie der Nachlässigkeit in der Fassung dieser Verträge beschuldigen wollte. Die Ursache der Unbestimmtheiten liegt darin, daß sie sich darüber mit den Franzosen nicht zu vereinigen vermochten. Ein auf den Wunsch der Reichsstände formulierter Entwurf nahm die Lehensrechte der Bistümer von ihrer Abtretung aus; der französische Entwurf schloß sie ausdrücklich ein; da darüber kein Vergleich zu treffen war, so blieb die Angelegenheit unerwähnt. Wohl ward in Erinnerung gebracht, wieviel stärker die Lehensabhängigkeit in Frankreich sei als in Deutschland; eine nähere Bestimmung war aber bei den Franzosen nicht zu erreichen. Die Reichsstände versäumten nicht, ihren Sinn durch eine Deklaration zu erläutern: der französische Gesandte Servien verweigerte ihre Annahme. Dessen bewußte Absicht war es vielmehr, gerade damit Ansprüche für eine fernliegende Zukunft anzubahnen; er hat einmal in bezug auf die zehn Städte unumwunden gesagt, in dem Frieden sei soviel Recht auf dieselben enthalten, daß man es, wenn sich eine günstige Gelegenheit zeige, mit dem Schwert geltend machen könne. Die Reichsstände richteten eine Erklärung über das Verständnis des Vertrags an den französischen Hof selbst; dieser fand es angemessen, das Schreiben unbeantwortet zu lassen. So umfassend und empfindlich die Verluste waren, welche das Reich durch den Frieden von Münster erlitt, so lag doch noch fast ein größerer Nachteil in den Verwicklungen, in die es dadurch mit Frankreich geriet. Einen von größerem Unheil schwangeren hat es nie geschlossen. Eben aus diesen Verhältnissen sind anderthalb Jahrhunderte später die Irrungen hervorgegangen, welche den Krieg mit dem in der Revolution begriffenen Frankreich hervorgerufen und dadurch den Umsturz des Reiches selbst veranlagt haben. Aber auch schon die Feindseligkeiten zwischen dem Frankreich und dem Deutschland des siebzehnten Jahrhunderts nährten sich an ihnen. Der französische Hof sah in den Festsetzungen, wie er sie auslegte, gleichsam einen Markstein der Grenzen und Rechte, die er sich verschaffen wollte. Solange die Unruhen der Fronde, die damaligen Kriege mit Spanien dauerten, vermied er es, die vermeinten Ansprüche ernstlich in Anregung zu bringen; das hätte damals leicht eine Entscheidung der Frage im deutschen Sinne herbeiführen können. Dazu kam, daß der Westfälische Friede erst durch den pyrenäischen [1659], in welchem der König von Spanien seine Rechte auf diese Landschaften ebenfalls abtrat, zu vollkommener Wirksamkeit gelangte; erst alsdann zahlte Ludwig XIV. die der [habsburgischen] Linie von Innsbruck bestimmte Entschädigungssumme. Auch dann war es bei den denkenden Franzosen nicht so ausgemacht, daß man in dieser Sache vorschreiten sollte. Die in den deutschen Angelegenheiten erfahrensten Staatsmänner warnten vielmehr den König vor jeder Neuerung. Denn er würde dadurch die Stellung, die er als Verfechter der reichsständischen Rechte gegen das Haus Österreich einnehme, gefährden, das Vertrauen seiner Freunde verscherzen: sie rieten ihm, auch nicht einen Gedanken daran durchblicken zu lassen. Aber Ludwig XIV. fühlte sich so mächtig, daß er sich durch Rücksichten dieser Art nicht mehr binden ließ. Als La Meilleraye, Duc de Mazarin – derselbe, den der Kardinal zum Fortsetzer seines Stammes und Hauses erwählt hatte – die Landvogtei übernahm, forderte er die zehn Städte auf, die Hoheit von Frankreich in bezug auf Rechtspflege, militärische und kirchliche Dinge anzuerkennen: und suchte sie, als sie sich weigerten, mit mannigfaltigen Gewalttätigkeiten heim. Kaiser und Reich nahmen sich ihrer an; auf ihre Vorstellungen antwortete der König bereits in ziemlich gereiztem Tone, doch gab er noch nach – denn damals wollte er mit dem Reich nicht brechen –, daß ein Schiedsgericht, zu dem er selbst einige Mitglieder namhaft machte, niedergesetzt wurde. Besonders die Forderung der französischen Krone, daß ihr die Städte den Eid der Treue schuldig seien, ward von dem Fürsten einer Prüfung unterworfen, und auf eine, den Punkt, auf den es ankam, fein und glücklich treffende Weise abgelehnt. Der König aber blieb dabei, daß ihm ein einfacher Eid der Treue und des Gehorsams geleistet werden müsse. Noch wurde hierüber Rede und Gegenrede gewechselt – über andere Beschwerden war aber noch nicht einmal ein umfassender Vorschlag gemacht –, als der Krieg ausbrach, der die Entscheidung wieder auf die Spitze des Schwertes stellte [1673]. Von deutscher Seite hat man während desselben einmal beabsichtigt, die dem König gemachten Abtretungen für verfallen zu erklären: der König ergriff, wie wir sahen, den günstigen Augenblick, die zehn Städte im Elsaß völlig zu unterwerfen [1673]. Ihre Mauern, die zu ihrer Unterwerfung niedergerissen waren, ließ er, nachdem diese erfolgt war, wieder aufrichten, um sie gegen jeden Angriff von Deutschland her zu behaupten. Wer sollte nicht erwarten, daß diese große Differenz einen der vornehmsten Gegenstände der Friedensverhandlungen von Nimwegen ausgemacht haben würde? Ludwig XIV. vermied dies sorgfältig. Er hielt nicht für nötig, sein Recht aufs neue feststellen zu lassen; er erklärte es für unzweifelhaft, da es ihm durch den Wortlaut des Münsterschen Friedens hinreichend gesichert sei. Die kaiserlichen Gesandten haben einmal den Antrag gemacht, für die Rückgabe von Freiburg einige elsässische Städte, etwa Schlettstadt oder Kolmar, abzutreten: die Franzosen antworteten, das sei eben, als wenn man ihnen eine Stadt in der Mitte von Frankreich anbieten wollte. Die Kaiserlichen brachten dann die Erneuerung des Schiedsgerichts in Antrag; die Franzosen erklärten, daran nicht mehr gebunden zu sein. Auch um dieser Sache willen verlangte Brandenburg die Wiederaufnahme des Krieges: aber der Kaiser fühlte sich nicht in der Lage, es deshalb auf einen neuen Bruch ankommen zu lassen. Er suchte sich durch eine Protestation zu helfen, welche von dem Reiche nicht allein gebilligt, sondern durch die Aufforderung, die Reichsfreiheit der Gefährdeten zu schützen, verstärkt wurde. Aber die Franzosen erklärten dies für Akte der inneren deutschen Politik, um welche sich ein Dritter nicht zu bekümmern brauche; sie hielten sich an den Frieden und dessen Ratifikation durch den Kaiser, in welcher der Rechte der bedrohten Reichsstände nicht weiter gedacht wurde. Bei den Verhandlungen über die Herstellung der Ruhe wies der französische Gesandte die von den Kaiserlichen aufgestellte Liste der von beiden Seiten zu räumenden Orte zurück, weil darin auch einige elsässische Städte und einige Lehen des Bistums Metz begriffen waren, die sie bereits als durch den Münsterschen Frieden erworben ansahen. Wenn die Franzosen die Behauptung aufgestellt haben, daß bei diesen Erörterungen durch die Nachgiebigkeit des Reiches ihre Ansprüche anerkannt worden seien, so sieht man wohl, wieviel daran fehlt; Kaiser und Reich waren in unaufhörlichem Widerspruch dagegen begriffen. Es kann nur als eine Folge der schlechten Verfassung ihrer Angelegenheiten betrachtet werden, daß sie den Frieden unter solchen Umständen eingingen. Aber da es nun einmal geschehen war, so konnte sich auch niemand darüber täuschen, daß der König seine vermeinten Rechte nicht sowohl trotz desselben, als nun auf ihn Bezug nehmend, mit aller Kraft ausführen würde. Ludwig XIV. glaubte eine neue politische Grundlage für die Ausführung seiner militärischen Entwürfe gewonnen zu haben; eben das war sein Ehrgeiz, alle seine Ansprüche, so zweifelhaft sie auch sein mochten, jedem anderen zum Trotz zur Geltung zu bringen. Indem die Welt hoffte, sich der Herstellung der allgemeinen Ruhe zu erfreuen, schritt er, diese durchbrechend, zu den Unternehmungen, die er sich vorgenommen hatte, fort, ohne alle Rücksicht auf die Rechte der anderen. Er wendete vielmehr eine lediglich der französischen Ordnung der Dinge entsprechende Form auf diese an. Sein Verfahren war folgendes. Reunionskammern. Die Bischöfe von Metz, Toul und Verdun, ohnehin Geschöpfe von Ludwigs Hand, wurden aufgefordert, die zu ihren Bistümern gehörigen Besitzungen und Rechte, wie einst von dem Kaiser, so jetzt von dem König zu Lehen zu nehmen. Sie antworteten, davon sei so viel abgekommen und ihnen entrissen, daß sie es nicht einmal anzugeben vermöchten; sie baten um einen Gerichtshof, vor welchem die im Laufe der Zeit geschehenen Usurpationen untersucht werden könnten. Hierauf ward in dem Parlament zu Metz eine besondere Abteilung zu diesem Zweck gebildet; die Bischöfe legten ein langes Verzeichnis von Inhabern solcher Güter, die ihren Kirchen entrissen, und von Vasallen, die ihrer Lehenspflicht nicht eingedenk seien, vor. Gleich als sei ein französisches Parlament ein allgemein europäischer Gerichtshof, wurden nun die ersteren von selten des Berichts zur Verantwortung vorgeladen, die zweiten aber, welches auch übrigens ihre Stellung sein mochte, aufgefordert, keinen anderen Souverän anzuerkennen als den König, noch einen anderen Gerichtshof als das Parlament zu Metz. Auf den Grund, daß die Rechte des Reiches in den Bistümern sämtlich an ihn übergegangen seien, stellte sich Ludwig als Oberlehensherr aller derer auf, welche ihm als Vasallen der Bistümer bezeichnet wurden. Was ihm dies bedeutete, sieht man daraus, daß er unter anderen Nomeny in Anspruch nahm, worauf die Reichsstandschaft der Herzöge von Lothringen beruhte. Aber auch noch andere Reichsfürsten von uraltem Ansehen, den Pfalzgrafen von Veldenz und Lützelstein, den Herzog Friedrich Ludwig von Zweibrücken – die Grafen von Salm und von Saarbrück – meinte er als Untertanen der französischen Krone betrachten zu können und forderte sie auf, ihm zu huldigen. Folgerechterweise ward auch Georg von Württemberg, Graf von Montbelliard, welches zu der Franche-Comté gehört, als Vasall von Frankreich in Anspruch genommen. Was schon an sich eine Vergewaltigung war, ward durch die Verschiedenheit der staatsrechtlichen Begriffe in beiden Ländern vollends unerträglich. Das Wort Souveränität, das in Deutschland nur eine Unabhängigkeit von der Reichsgewalt und den Reichsgerichten bezeichnete, sollte förmliche Oberherrlichkeit in einer Ausdehnung und einem Umfang, von der hier niemand einen Begriff hatte, bedeuten. Das Provinzialgericht in Breisach, vor kurzem zu einem obersten inappellablen Gerichtshof nach der Weise der französischen Parlamente erhoben, machte es recht zu seinem Geschäfte, denselben auszubilden. Wohl waren in dem Münsterschen Frieden die Reichsunmittelbaren auf völlig unzweideutige Weise von der Übertragung der obersten Autorität ausgenommen worden, aber wer war reichsunmittelbar? Die Intendantur des Elsaß stieß in den dortigen Archiven auf Nachrichten von einer Zusammenkunft in Schlettstadt, bei der sich eine große Anzahl geistlicher und weltlicher Unmittelbaren um den Erzherzog Leopold gesammelt hatten: der Gerichtshof schloß daraus, daß diese alle von dem Erzherzog abhängig gewesen und nun ebenso von Frankreich abhängig geworden seien. Auf diesen Grund hin wurden die im Elsaß angesessenen Reichsunmittelbaren, Fürsten, Ämter, Stände, Ritterschaft für Vasallen des Königs erklärt. Allerorten wurde das französische Wappen angeschlagen, der Eid der Treue, nach französischem Gebrauch, von den Untertanen wie von den Herren gefordert. Vor der drohenden Nähe einer schonungslosen Gewalt beugten sich die meisten. Der Bischof von Straßburg, die Grafen von Hanau, die Herren von Fleckenstein erschienen nun in dem Verzeichnis der französischen Vasallen; die elsässische Ritterschaft schickte in den ersten Monaten des Jahres 1681 eine Deputation nach Paris, der der König die Erhaltung der unter Kaiser und Reich hergebrachten Privilegien und gewisse Ehrenrechte zusicherte. Die Entfernteren, namentlich die mächtigen Reichsglieder, welche von diesen Maßregeln betroffen wurden, widerstrebten, aber ihre Beamten wurden verjagt, ihre Archive verschlossen, ihre Renten vorenthalten; wendeten sie sich an den französischen Hof, so wurden sie an die Gerichtshöfe von Metz oder von Breisach gewiesen: die Minister versagten jede Rücksprache und Unterhandlung, denn in dem, wozu er kundbar berechtigt sei, könne nun der König sich einmal die Hand nicht binden; sie verweigerten selbst schriftlichen Bescheid. Am härtesten scheint der Erzbischof von Trier – damals ein Orsbek – wie in der Ausübung seiner geistlichen Rechte, so in seinem weltlichen Besitz und seinen Lehensherrlichkeiten bedrängt worden zu sein. Ludwig XIV. hat drei Ortschaften an der Maas in Anspruch genommen, weil König Pipin, der sie dem Stift geschenkt hatte, sich dabei königliche Macht und Schutz darüber vorbehalten habe. Oberstein, das dem Erzbistum seit einem halben Jahrtausend angehörte, ward jetzt von französischen Truppen besetzt; ebenso Homburg und Bitsch. Gegen das kurpfälzische Schloß Falkenburg wurde schweres Geschütz zur Anwendung gebracht, um es zu unterwerfen. Kaiser und Reich verfehlten nicht, sich der Bedrängten anzunehmen, auch erklärte sich der König bereit, auf eine Konferenz einzugehen, und sobald diese begonnen sei, von allen weiteren Besitzergreifungen abzulassen: aber in demselben Augenblick schritt er noch erst zu den unerwartetsten, bedeutendsten von allen, und zwar mit der unbefangensten Miene von der Welt. Straßburg Gegen Ende September [1681] war ein Aufenthalt des Hofes in Chambord angesagt und Graf St. Aignan bereits dahin abgegangen, um einiges für die Vergnügungen, Komödie und Musik vorzubereiten, als der König plötzlich zu erkennen gab, er werde sich nicht nach Chambord, sondern nach Metz und in das Elsaß begeben. Wenn gefragt ward, in welcher Absicht, so machte man selbst dem kaiserlichen Gesandten kein Hehl daraus. Der König wolle, sagte man ihm, die ihm im Westfälischen Frieden abgetretenen Rechte vollends zur Ausführung bringen: er wolle die Huldigung der Stadt Straßburg einnehmen. Die Huldigung einer freien Stadt, die seit unvordenklicher Zeit ihre Freiheit unter dem Schutze des deutschen Reichs genossen hatte! Auch das war aber schon vorbereitet. Indem das Elsaß sich unterwarf, hat man auch der Stadt Straßburg, bereits gegen Ende des Jahres 1680, angemutet, sich von dem Reich freiwillig zu trennen, um fortan im Besitz ihrer alten Freiheit unter der Protektion von Frankreich zu leben. Da sie darauf nicht einging, so beschloß man, sie mit Gewalt zu unterwerfen. Sich zu verteidigen war Straßburg damals nicht fähig. Die kaiserliche Besatzung, die es zuletzt aufgenommen, war auf Andringen des französischen Hofes abgezogen, der größte Teil der städtischen und schweizerischen entlassen; man zählte etwa 400 Kriegsleute von Gewerbe im Dienste der Stadt, von den vierzehn Bastionen der Befestigungen hätte kaum eine gehörig besetzt werden können. Wohl war die Bürgerschaft kaiserlich und von ganzem Herzen deutsch gesinnt, aber auch eine französische Partei gab es, deren Mittelpunkt die Domherren bildeten; der Rat der Stadt selbst nahm eine zweifelhafte Haltung an. Wenn Kaiser und Reich den Mut des Widerstandes nicht besaßen, woher sollte die Obrigkeit und eine einzelne Stadt ihn nehmen? Von der deutschen Seite hilflos gelassen, dachte der Rat nur noch auf eine Rettung der Stadt vor dem von Frankreich angedrohten Verderben. Man hat gesagt, einige Mitglieder desselben seien mit Geld bestochen worden. Bewiesen ist es nicht, und kaum sollte man glauben, daß Magistrate einer alten freien Stadt sich so tief hätten wegwerfen können. Aber anders ist es doch nicht: von der Bedrängnis ihrer Stadt, und zugleich auf eine Sicherstellung ihrer Personen Bedacht nehmend, mögen einige Ratsherren sich zu Schritten haben hinreißen lassen, bei denen sie ihre Pflicht gegen das gemeinsame Vaterland aus den Augen verloren. Noch immer sind ihre Verhandlungen mit dem französischen Hofe in Dunkel begraben. Sehr unterrichtete, diesem Hofe nahestehende Männer hielten sich überzeugt, und es ist in der Tat wahrscheinlich, daß sie schon im voraus eine Kapitulation, durch welche die Freiheiten und Rechte ihrer Stadt gesichert werden sollten, mit Louvois verabredet hatten. Genug, mit so gut wie vollkommener Gewißheit des Gelingens konnte der König zur Unterwerfung von Straßburg schreiten. Doch wurden schon deshalb, um nicht eine Gegenwirkung von Deutschland her zu veranlassen, die Vorbereitungen dazu im tiefsten Geheimnis getroffen. Früh am Morgen des 28. September – es war eines Sonntags – nahmen zuerst ein paar tausend französische Dragoner die Rheinschanze in Besitz; dann erschienen eine Anzahl Regimenter und besetzten rings umher die Zugänge der Stadt. Sie hatten in der Stille um Freiburg und Breisach her gelagert und wurden plötzlich herangezogen. Des anderen Tages traf Louvois in dem Hauptquartier zu Illkirch ein. Auf den Grund des Ausspruches der Kammer zu Breisach, welcher das Recht der Souveränität über den Elsaß dem König zuerkannt habe, forderte er die Stadt auf, sich demselben ebenfalls zu unterwerfen: jede Unterhandlung darüber wies er von der Hand; würde die Stadt sich der königlichen Gnade würdig machen, so sei er ermächtigt, ihr die Erhaltung ihrer Privilegien zuzusichern; sollte sie widerstehen, so sei er stark genug, sie der Verwüstung preiszugeben, und werde die Bürger als Rebellen gegen ihren rechtmäßigen Herrn behandeln. Nur der entschlossenste Heldenmut hätte eine Verteidigung wagen können: einem eben in Belagerungen geübten Feinde gegenüber, wie dieser war – auch Vauban war bereits in die Nähe gekommen –, hatte ein solcher Versuch keinerlei Aussicht auf Erfolg; das Zeitalter, wo streitbare Bürgerschaften auf eigene Kraft sich mit mächtigen Fürsten messen konnten, und damit die Epoche der städtischen Freiheit, war längst vorbei. Der Magistrat hat keinen Augenblick an Widerstand gedacht. Absichtlich ließ er die Kanonen auf den Wällen ohne Munition, damit nicht der Unbedacht der Bürger einen Konflikt veranlassen möge; mit einer Art von Bedauern über die demokratische Verfassung, die das notwendig mache, bat er Louvois um ein paar Stunden länger Bedenkzeit, auf so lange, bis die Bürgerschaft zu derselben Gesinnung gebracht sei, welche er selber hege. Die Schöffen der Zünfte wurden zusammenberufen; als diese überzeugt waren, daß der Widerstand ins Verderben führen müßte, ward ihre Meinung den Bürgern, die auf den Wällen und unter den Waffen standen, kundgetan. Tausendmal lieber hätten sie sich zur Wehr gesetzt, sie verwünschten den Rat, aber sie unterwarfen sich der Notwendigkeit. Die Kapitulation, die man nun von beiden Zeiten unterschrieb, sicherte der Stadt ihre Verfassungen, Rechte, Besitztümer und die Ausübung ihrer Religion; nur den Münster hatten sie dem Bischof und das Zeughaus dem König zu überliefern; Privatgerechtsame konnte sie retten, die politische und religiöse Autonomie, welche sie beim deutschen Reich von jeher behauptet hatte, war auf immer verloren. Die französische Regierung, wo alles der großen Einheit Untertan war, konnte eine solche ihrer Natur nach nicht gestatten. Vierzehn Tage darauf hielt der König einen prächtigen Einzug in Straßburg. Sein erster Besuch galt dem Platz, auf welchem Vauban die neu zu errichtende Zitadelle bereits abgesteckt hatte. Die vorhandenen Fortifikationen wurden besichtigt, der Entwurf zu denen gemacht, welche, um den Rhein zu sichern, hinzugefügt werden sollten. Ludwig XIV. verschaffte es nun auch unter den Deutschen eine gewisse persönliche Bewunderung, daß er überall selbst zur Stelle war und die Anordnungen traf, zu deren Ausführung des anderen Tages geschritten ward. Die aus der Umgegend aufgebotenen Landleute sah man auch Sonntags an den Schanzen arbeiten. Fünftausend Mann lagerten in der Nähe und hielten Wache an der gewonnenen großen Grenzfeste. Das Reich protestierte, sah sich aber gezwungen, unter dem Druck eines Türkenkrieges dem mit einem Angriff drohenden Ludwig die Reunion auf zwanzig Jahre zu überlassen (1684). Da die Türken in den folgenden Jahren geschlagen wurden, beschloß Ludwig im September 1688 das Reich ohne Kriegserklärung zu überfallen, um es, solange die Türken noch im Felde standen, zur endgültigen Abtretung sowie zur Anerkennung angeblicher Ansprüche seines Bruders, des Herzogs von Orleans, auf die Pfalz zu zwingen. Schon waren eine Anzahl Regimenter vorläufig in Marsch gesetzt; am 22. September erhielt der Dauphin Befehl, an ihrer Spitze in das überrheinische Deutschland einzudringen. Die Erlaubnis, sich dem Thronfolger und seinem Heere anzuschließen, wurde als eine persönliche Gunst betrachtet. Wie früher, so hielt man auch damals für das Ratsamste, den Krieg mit einer Belagerung zu beginnen; denn hauptsächlich in der Belagerung bestand die Stärke der französischen Armee. Man hatte Philippsburg ins Auge gefaßt, und bereits am 6. Oktober langte der Dauphin vor dem Platze an, um das Werk zu beginnen. Der Ingenieur Vauban wollte gleichsam ein Beispiel von Belagerungskunst aufstellen; er zeigte dem jungen Fürsten, wie er seine Angriffe zu machen habe, und bezeichnete den Tag, an welchem die Festung gefallen sein müsse. Niemand zweifelte, daß diese Eroberung und die daran sich knüpfende unfehlbare Besetzung der Rheinpfalz den größten Eindruck auf Kaiser und Reich machen würde. Der König erklärte in seinem Manifest, weder das eine noch das andere wolle er behalten, auch Freiburg, das er uneinnehmbar gemacht zu haben sich schmeichelte, wolle er herausgeben, nachdem er die Festungswerke zerstört habe; er verlange nichts als einen definitiven Frieden auf dieselben Bedingungen, wie am 15. August 1684 der Stillstand geschlossen worden sei; übrigens werde er zufrieden sein, wenn man dann auch Philippsburg schleife und den Anspruch seines Bruders auf die Pfalz durch eine Geldsumme abkaufe. Das Manifest erzielte die beabsichtigte Wirkung nicht. Das Reich nahm im Bunde mit Spanien, England und Holland den Kampf auf, erlitt aber zunächst Nachteile. Noch zwei Tage früher, als Vauban angekündigt hatte, war Philippsburg, und gleich darauf die gesamte Pfalz, in die Hand des Dauphin gefallen; eine Medaille rühmt ihn, daß er innerhalb eines Monats zwanzig Städte in Besitz genommen habe. Tief in Schwaben und in Franken trieben die Franzosen Brandschatzungen ein. Schon in der Mitte Oktober erschien Marquis Boufflers an der Spitze von 20 000 Mann vor Mainz. Es war erst fünfzehn Jahre her, daß ein weitschauender und tatkräftiger Kurfürst-Erzbischof seine Hauptstadt regelmäßig hatte befestigen lassen, damit, durch die neuen Bastionen gesichert, Fürst und Kapitel ruhig bei Land und Leuten bleiben möchten. Kaum aber zeigte sich eine feindliche Macht vor den gewaltigen Bollwerken, so hatte weder der Fürst noch sein Kapitel den Mut, sich derselben zu bedienen, die Verteidigungswerke zu verteidigen. Bei der geringen Anzahl der Mannschaften, über die sie geboten, schien ihnen gerade der Umfang derselben ihre Behauptung unmöglich zu machen: sie wurden den Franzosen ohne Widerstand eingeräumt, die nun sofort Hand anlegten, sie noch zu verstärken, und eine Besatzung hineinwarfen, welche sie zu halten vermochte. Koblenz und Köln wurden noch durch rechtzeitiges Eintreffen nachbarlicher Hilfe geschützt. Aber wie Trier, von seinem Erzbischof verlassen, in der Tat nicht hatte gerettet werden können, so wurden die Festungen des Kölner Erzstiftes, Neuß, Bonn, Rheinberg und Kaiserswerth, von dem Kardinal Fürstenberg von freien Stücken den Franzosen überliefert; diese sollten sie für ihn gegen Kaiser und Reich behaupten. Auf diese Weise waren die Franzosen Meister der vier vorliegenden Kurfürstentümer geworden: sie beherrschten den Rhein weit und breit an beiden Ufern sowie den Neckar. Unschätzbare Vorteile, wenn nun der Krieg mit den zuerst gefaßten Absichten weitergeführt werden konnte: sie waren recht geeignet, die deutschen Patrioten, die von der Haltbarkeit jener Festungen und Städte einen ganz anderen Begriff gehabt hatten, zu entmutigen und sie zur Annahme des Friedens zu stimmen. Aber als der große Bund geschlossen ward, fühlte sich alles in demselben Grade zum Widerstand angefeuert, da es am Tage lag, daß Frankreich nunmehr Feindseligkeiten von größerer Nachhaltigkeit zu bestehen haben würde als bisher. Zunächst hatten die Franzosen für Verstärkung der Verteidigungsanstalten längs des Ozeans Sorge zu tragen. Bei 50 000 Mann Milizen, welche die Pfarren stellen mußten, wurden an den Küsten von Guyenne, Bretagne und Normandie verteilt und geübten Offizieren zur Einübung anvertraut, um die bedroht scheinenden Punkte zu schützen. Besonders auf Guyenne war die Aufmerksamkeit gerichtet, wie denn in der Tat in England gleich anfangs ein Anfall auf die Provinz beabsichtigt worden ist, weil sie noch Hugenotten in Menge enthielt, von denen man meinte, sie würden sich bei der ersten Gelegenheit erheben; Galeeren wurden daselbst instand gesetzt, um jede Annäherung kleiner Fahrzeuge zu hindern. Aber überdies mußte der Krieg in den Niederlanden und an den Pyrenäen geführt werden. Die Franzosen versicherten zwar, daß sie 300 000 Mann aufstellen und von diesen gewiß die Hälfte im offenen Felde würden verwenden können, aber wenigstens in dem ersten Feldzug haben sie diese Anzahl nicht von ferne erreicht. Wohlunterrichtete Männer berechnen, daß sie anfangs an den Pyrenäen 10 000, in den Niederlanden etwa 40 000 Mann, in Deutschland gewiß ebenfalls nicht mehr im aktiven Dienst hatten. Wie es sich aber auch mit der Richtigkeit dieser Ziffern verhalte: auf keinen Fall waren die Franzosen stark genug, alle die Plätze, welche sie am Mittelrhein besetzt hatten, zu behaupten. Die Unfähigkeit, dies zu bewirken, die Verlegenheit, in die sie dadurch gerieten, führte sie zu einer gräflichen Handlung. Sie entschlossen sich, von den eingenommenen Plätzen nur die beiden mit den besten Werken versehenen, Philippsburg und Mainz, ernstlich zu verteidigen: was sollte aber mit den übrigen geschehen? Sollten sie den vordringenden deutschen Heeren einfach wieder überlassen werden? Vauban hatte von der Zitadelle von Mannheim, Friedrichsburg, die mehr durch Verrat als Überlegenheit der Waffen gewonnen worden, bemerkt, daß man sie um keinen Preis wieder in die Hände der Deutschen dürfe geraten lassen; sie könne dann an dieser wichtigen Stelle bis zur Unbezwinglichkeit befestigt werden und jetzt oder in Zukunft viel zu schaffen machen. Dann äußerte Marschall Duras, der mit dem Oberbefehl am Rhein betraut war, für die Verteidigung von Mainz und von Philippsburg werde aus jenen zwar nur mittelgroßen, aber begüterten Ortschaften eine Gefahr entspringen, da sie dem deutschen Heere Hilfsquellen zu seinen Angriffen bieten würden. Folgerichtigermaßen regte sich der Gedanke und ward von dem erbarmungslosen Louvois ergriffen, daß es das beste sei, die Städte zu zerstören und ihre Einwohner nach dem französischen Gebiete wegzuführen. Man wünschte besonders die Pfalz in einen so wehrlosen Zustand zu setzen, daß der Kurfürst nicht daran denken könne, dahin zurückzukehren und wieder festen Besitz zu ergreifen. Aber auch die Bemerkung soll gemacht worden sein, daß dann um so leichter zwischen den Verbündeten wegen der Quartiere Streit ausbrechen werde. In früheren Zeiten war immer der gute und der böse Krieg unterschieden worden. Daß die Maßregel, die Frankreich vorhatte, allem Kriegsgebrauch entgegenlief und ein unbeschreibliches Unheil über ein großes blühendes Land verhängte, konnte diejenigen nicht irren, die einer vermeinten Beleidigung wegen Genua beschossen, dem Vorurteil der religiösen Einheit zuliebe Hunderttausende ihrer eigenen Angehörigen mit den äußersten Gewalttätigkeiten bedrängt und schon in dem letzten Kriege ähnliche Verwüstungen, wiewohl in kleinerem Umfange, angeordnet hatten. Sie hatten nur dafür Sinn, daß sie dadurch in den Stand kommen würden, die eingenommene militärische Stellung im ganzen zu behaupten: – wie den Einwohnern von Speier angekündigt worden ist, der König habe nicht Truppen genug, eine so große Stadt wie die ihre zu bewahren, aber auch der Feind dürfe hier keinen Unterhalt finden, nicht die Handreichung eines einzigen Menschen solle ihm zugute kommen, deshalb müsse Speier verlassen und geschleift werden; nicht etwa durch Mißvergnügen über die Einwohner werde der König zu diesem Entschlusse bestimmt, die Beschaffenheit der Dinge bringe es so mit sich. Wie Speier, so wurden Worms, Mannheim und Heidelberg der Verwüstung preisgegeben; die Schlösser und die Dörfer, die Zinnen der Mauern und die Bürgerwohnungen, die Rathäuser und die Dome, die Brücken über die Flüsse, die Grabstätten der alten Kaiser: der Besitz der lebenden Generation und die Denkmale der Vergangenheit, unschätzbar in diesem alten Lande der Kultur. [Winter 1688/89.] Man kann noch heute die Holzschnitte der Zeit, in denen über den Türmen und Dächern so vieler altberühmten und kunstgeschmückten Städte die herausschlagenden Flammen und die darüberliegenden Rauchwolken abgebildet sind, nicht ohne Herzeleid ansehen. Der Herzogin von Orleans, Elisabeth Charlotte, hatte man den Dauphin, als er nach Philippsburg ging, als ihren Ritter bezeichnet, der ihr Recht an die Pfalz mit dem Schwerte verteidigte, und sie meinte später selbst, daß die Erinnerung an sie, die alte Hingebung an ihr Haus, dazu beigetragen habe, daß derselbe in der Pfalz so gut wie keinen Widerstand fand. Aber von Anfang an ahnte sie Unheil. Zum Erstaunen und Mißfallen des Hofes und des Königs verhielt sie sich schweigsam bei der Verteidigung ihrer Rechte oder äußerte sich mit Kälte und Besorgnis. Wie mußte sie es empfinden, als die Dinge nun, trotz der Bitte, die sie für Mannheim und Heidelberg einlegte, eine so entsetzliche Wendung nahmen. Sie betrachtet sich als die Ursache zu dem Ruin ihres Vaterlandes, den sie von der Ferne mit durchlebt, als wenn sie gegenwärtig wäre: mitten im Schlaf fährt sie auf, und alles stellt sich ihr vor, wie es früher gewesen war, sich unter dem fürsorgenden Auge ihres Vaters erst recht gestaltet hatte, und wie es nunmehr geworden sein mußte, und in welchem Zustande sie sich selber befand; in lautem Weinen brachte sie die Nächte zu. Wenn aber diese Gewaltsamkeiten dienen sollten, Mainz zu verteidigen, so ward der Zweck dadurch nicht erreicht. Die deutschen Streitkräfte, welche sich unter dem Herzoge von Lothringen sammelten, wurden durch die Hilfstruppen, welche der Kurfürst von Bayern freiwillig herbeiführte, stark genug, um zugleich die Belagerung der Stadt zu unternehmen und die Belagernden vor einem Entsatz zu schützen. Aus den großen Magazinen von Frankfurt und Koblenz ward die Armee ununterbrochen auf das beste verpflegt. Die französische Besatzung, die aus mehr als 10 000 Mann bestand, wehrte sich gut; aber noch ehe der Versuch, sie zu entsetzen, zu dem sich Duras eben anschickte, ernstlich gemacht werden konnte, sah sie sich bereits zur Kapitulation genötigt [Sept. 1689]. Indessen waren Rheinbergen, Kaiserswerth und Bonn durch die brandenburgischen Waffen bezwungen worden. Wie ein Jahrhundert später, so haben schon damals die Deutschen die Gebiete am mittleren und niederen Rhein, die den Franzosen auf das leichteste in die Hände geraten waren, mit ungeheuren Anstrengungen wieder eingenommen. Am oberen Laufe dieses Stromes dagegen konnten sie nichts unternehmen; auch in den nächsten Jahren richteten sie daselbst nichts aus. Den Franzosen kam es für die Behauptung ihrer dortigen Stellung sehr zustatten, daß Kaiser und Reich einen ansehnlichen Teil ihrer Streitkräfte an der türkischen Grenze verwenden mußten, wo sie schon wieder nicht so entschieden im Vorteil waren. * Nach einem wechselvollen Kriege, in dem die Franzosen dauernd über den Rhein zurückgedrängt wurden, kam es im Jahre 1697 zu Friedensverhandlungen in Ryswick. Verlust Staßburgs im Frieden. Die Frage, um die es sich dabei handelte, betraf die Bestimmung der Grenzen zwischen den beiden Reichen. Die Deutschen, die sich infolge einer neuen Kreisassoziation besonders wohl gerüstet und ein Heer von 60 000 Mann zusammengebracht hatten, hegten die Hoffnung, den Zustand der Grenzen wiederzugewinnen, wie er im Westfälischen Frieden festgesetzt worden war. Schon von Anfang an aber setzten sich die Seemächte dieser Forderung entgegen; der [holländische] »Ratspensionär« verwarf den Gedanken, die zehn Städte des Elsaß in das alte Verhältnis zum Reich zurückzubringen, mit bitterem Hohn als den Traum eines kranken Gehirns. England und Holland begnügten sich damit, daß Ludwig XIV. die Herausgabe der übrigen Reunionen zusagte, und in bezug auf Straßburg die Alternative stellte, nach der Wahl der Deutschen entweder diese Stadt selbst oder Freiburg und Breisach herauszugeben. In seiner früheren Weise hatte er noch einmal einen Termin zur Annahme seiner Friedensbedingungen gesetzt; nach dessen Ablauf, vom Ende August an, er nicht länger daran gebunden sein wolle. Zwischen den beiden Vorschlägen war eigentlich kein Verhältnis, da Straßburg an das deutsche Reich, Freiburg und Breisach an das Haus Österreich zurückfallen sollten; ohne Zweifel hätten sich die deutschen Bevollmächtigten, da es einmal nicht anders war, zu der Wahl von Straßburg entschließen sollen; aber die Taktik der Negociationen haben die Deutschen als Gesamtheit von jeher am wenigsten verstanden: indem sie zögerten, arbeiteten sie selbst den französischen Gesandten in die Hände, deren Verhalten wenigstens auf die Engländer den Eindruck machte, als liege ihnen daran, das Einhalten des Termins geflissentlich zu hindern. Endlich sprachen sich die kaiserlichen Gesandten für die Annahme von Sraßburg aus, ohne aber die anderen Bedingungen anzunehmen: eine Einschränkung, die doch den Abschluß nicht hindern zu können schien, da sich England, Holland und Spanien bereit erklärten, unter Vorbehalt ihrer Accession, zugleich für den Kaiser und das Reich denselben zu unterzeichnen. Aber die französischen Gesandten wiesen dies Anerbieten von der Hand; am 1. September traten sie mit einer neuen Erklärung hervor, durch welche der König die gestellte Alternative zurücknahm und den Entschluß aussprach, Straßburg zu behaupten. Das Verfahren der Franzosen wurde hauptsächlich dadurch veranlaßt, daß das Glück ihrer Waffen jenseits der Pyrenäen und das Übergewicht in den Niederlanden ihre Zuversicht zu ihrer Sache erhöhte. Wilhelm III. empfing einen so widerwärtigen Eindruck, daß er in Beratung zog, ob er nicht den Krieg wieder erneuern solle. Aber bei den neuen Vorteilen der Franzosen, dem allgemeinen Friedenswunsche, der in England und in Holland herrschte, der Erschöpfung auch der diesseitigen Kräfte, erschien das unmöglich. Die Stadt Amsterdam, Holland überhaupt wären niemals zu bewegen gewesen, den Krieg zu erneuern. Und konnte man nicht der Anschlüssigkeit der Deutschen mit einem gewissen Schein den Nachteil schuld geben, in welchem sie abermals gerieten? In Deutschland überlegte man die Möglichkeiten einer Fortsetzung des Krieges, beschied sich aber auch diesmal, daß sie nicht ratsam sei. – An dem von den Franzosen für die Annahme der abgeänderten Friedensvorschläge aufs neue festgesetzten Termin, unterm 20. September 1697, unterzeichneten die übrigen Mächte den Frieden; diesmal ward für Kaiser und Reich die Accession vorbehalten: sie erfolgte am 1. November. So ging Elsaß mit Straßburg für Deutschland definitiv verloren. In den abschließenden Dokumenten hütete man sich, von deutscher Seite irgend etwas einfließen zu lassen, was eine Anerkennung des französischen Rechts auf den Elsaß in sich geschlossen hätte; man bediente sich der Formel, daß die Franzosen alles herausgeben sollten, was sie außerhalb des Elsaß eingenommen: die deutsche Auslegung des Münsterschen Friedens war dabei gewissermaßen vorbehalten: in der Sache selbst trug das jedoch nur wenig aus; König Ludwig verlangte keine Anerkennung des Rechtes, das er für unzweifelhaft hielt; die Stadt Straßburg ward ihm sehr ausdrücklich abgetreten. Dreizehntes Kapitel Zur Geschichte Preußens. Kurfürst Friedrich I. von Brandenburg 1414-1440. Die Erhebung des Hauses Österreich und die selbständige Macht des Hauses Brandenburg sind in einem und demselben Augenblick angebahnt worden: sie sind beide aus dem luxemburgischen Erbe hervorgegangen. An sich bestand ja ein hohenzollernsches Fürstentum sowohl, wie ein habsburgisches: diesem ward durch die luxemburgische Erbschaft eine neue Stellung zuteil, jenem durch die Verzichtleistung der Luxemburger auf die Mark, die nun erst ihre volle Wirkung hatte. Wie enge damals die Interessen sich verflochten, erkennt man daraus, daß ein Sohn des Markgrafen Friedrich es war, welcher im Auftrag des neuen römischen Königs aus dem Hause Österreich dem Vordringen der Polen in Schlesien, welche auf diese Weise auch Böhmen zu gewinnen dachten, und von denen man meinte, daß sie mit den Osmanen verbündet seien, Einhalt tat. Nach dem unerwartet frühen Tode des Königs Albrecht hatte der Kurfürst-Markgraf die Genugtuung, den Sohn desselben, Ladislaus, Enkel Sigismunds, in Ungarn und Böhmen anerkannt zu sehen. Seiner Beistimmung, die nach einigem Bedenken erfolgte, verdankte Friedrich von Österreich seine Wahl zum römischen König. In Kurfürst Friedrich I. erkennen wir einen politischen Genius ersten Hanges, ebenso reich an Ideen, wie voll von Talent, sie auszuführen immer nach den wechselnden Umständen und Erfordernissen der Zeit. Sein Verhältnis zu [Kaiser] Ruprecht und dann zu [Kaiser] Sigismund, sein Anteil an der Königswahl des letzteren und dann an dem Kostnitzer Konzil, seine Erwerbung der Mark und der kurfürstlichen Würde, später sein Verhalten den Hussiten gegenüber, die daran sich anknüpfenden reichsständischen und konziliaren Entwürfe, selbst der Anteil, den er an dem Übergang der böhmischen Krone an das Haus Österreich hatte, bilden ein großes zusammenhängendes Ganze, getragen von originalen Gedanken und Bestrebungen, die für die Nachwelt grundlegend geworden sind. Friedrich stand auf der Höhe der Bildung seiner Zeit. In seiner Jugend hatte er gelehrten Unterricht genossen; er hatte nicht allein Latein gelernt, sondern auch die Anfangsgründe des bürgerlichen und kanonischen Rechtes sich zu eigen gemacht. Er war sowohl der französischen Sprache mächtig, in der noch ein ritterlicher Atem wehte, als mit der italienischen Literatur vertraut, in welcher bereits die klassische Bildung zu überwiegen begann. Und dabei vergaß er die deutsche Heldensage nicht: er gedenkt in seinem Testament seiner deutschen Lesebücher, die für seine Nachkommen aufbewahrt werden sollen. Darin lag eben der Charakter der Zeit, daß sich die Tendenzen verschiedener Epochen die Hand reichen. Der kirchlichen Andacht, welche die Gemüter erfüllte, hingegeben faßte er doch Gedanken, die jenseits des herrschenden Systems lagen: er war fähig, mit den konziliaren Männern zu verkehren, sie zu verstehen, ihre Ansichten aufzunehmen und sie selbst für die seinen empfänglich zu machen; er war wie von Natur zur Vermittlung geeignet. Als ein unerschütterlicher Freund kann er nicht gelten; man hat ihm das oft mit Bitterkeit vorgeworfen; auch ist es nicht ohne Grund: er folgte nur immer der allgemeinen Direktion, die er im Gefühl der Lage der Dinge ergriffen hatte, ohne sich durch persönliche Rücksichten für gebunden zu erachten. Und allezeit lebte in ihm etwas, was über den Moment erhaben ist. Zugleich fein und gediegen wußte er sich Eingang bei den verschiedenen Parteien zu verschaffen. Er war ein guter Kriegsmann. Man will dreißig Kriegszüge zählen, an denen er mit Mut und Einsicht Teil genommen; doch schien er dabei nur immer das Unvermeidliche zu tun. Es bekümmerte ihn, daß er Kirchenglocken zu Geschützen habe umgießen lassen; und noch mehr, daß er die armen Leute mit Steuern habe belasten müssen; er fordert seine Nachkommen auf, ihnen dafür gnädig zu sein: denn mit dem Schwunge seiner Ideen verband er einen Zug von Popularität und einen lebendigen Begriff vom Beruf des Fürstentums. In diesem Sinne faßte er den Beisatz in dem Titel: von Gottes Gnaden; alle seine Landschaften betrachtete er als ein ihm von Gott anvertrautes Gut. Von ihm ist das schöne und große Wort: Er sei der Amtmann Gottes am Fürstentum. In einem alten Bilde erscheint er in ansehnlicher Gestalt mit herabwallendem Haar und Bart in dem langen Talar, den ein Gürtel zusammenfaßt, jedoch nicht ohne einigen Schmuck der Zeit, würdig, vornehm und doch bürgerlich. Der Große Kurfürst. 1640-1688. Kurfürst Friedrich Wilhelm steht ebenbürtig in der Reihe der großen theoretisch-praktischen Geister, die das siebzehnte Jahrhundert in seinen religiösen und politischen Kämpfen hervorgebracht hat. Gustav Adolf und Kardinal Richelieu waren von unvergleichlich größerer Bedeutung für die Entscheidung der Weltgeschicke; Wallenstein unternehmender; Cromwell unergründlicher angelegt, originaler, an seiner Stelle gewaltiger; Karl Gustav verwegener; er vermaß sich, die Welt des Nordens aus ihren Angeln zu heben; niemals wird man den feinen Begründer der diplomatischen Weltstellung von Frankreich, Mazarin, noch auch den bedächtigen erwägungsvollen Republikaner Johann de Wit, den Urheber des politischen Gleichgewichts, vergessen. Friedrich Wilhelm hatte nicht eine Stellung, um eine so universal eingreifende Wirksamkeit auszuüben; aber seine Tätigkeit ist nicht minder bedeutend. Er lebte nicht allein in den momentanen Kämpfen; er vollbrachte eine Gründung für alle Zeiten. Kurfürst Friedrich Wilhelm erscheint als ein Mann von natürlichster Einfachheit, der, wenn er über den Markt geht, wohl ein paar Nachtigallen kauft, die man feilbietet; denn er liebt Singvögel in seinen Gemächern; der in seinem Küchengarten das aus der Fremde gebrachte Reis mit eigener Hand pfropft; in Potsdam die Trauben im Weinberge lesen, die jungen Karpfen im Teich fischen hilft. Dabei aber richtete er sich doch eine stattliche Hofhaltung ein; er hält auf die Abzeichen, die ihn von allen anderen unterscheiden, er legt selbst wert darauf, daß er einen gewissen Aufwand machen kann, nach welchem ihn niemand zu fragen hat. Für die Künste wohnte ihm ein natürliches Talent inne, so daß er das Gute und Brauchbare auf den ersten Blick unterschied. Er war mehr ein Kriegsmann als ein Gelehrter; aber er hatte Sinn für Gelehrsamkeit und den Wunsch, sich allseitig zu unterrichten, wichtige Fragen über zweifelhafte Punkte legte er den Gelehrten vor, die er erreichen konnte und ließ sich von ihnen Vortrag halten, ohne die Kontroverse zu scheuen. In seinen mittleren Jahren geschah das alle Tage: die Staatsgeschäfte litten dabei nicht. Er war vielmehr überzeugt, daß er eben des Rates der Gelehrten bedürfe, um sie zu führen. Seine Staatsverwaltung hatte eine patriarchalisch-familiäre Ader. Eine große Anzahl eigenhändiger Briefe von ihm an seinen vertrautesten Rat, Otto von Schwerin, sind aufbehalten. Alle öffentlichen Geschäfte und häuslichen Ereignisse werde darin in den Formen der herzlichsten Freundschaft erörtert. Der Fürst wünscht z. B. seinem Minister einen glückseligen guten Morgen oder Gottes Beistand bei der bevorstehenden Entbindung seiner Frau Liebsten. Darum durfte dieser aber keine persönlichen Interessen in die Verhandlungen mischen. Er wird wohl bedeutet, keine Affekte blicken zu lassen, wo er nur seine Meinung zu sagen habe. In der alten Weise deutscher Fürsten liebte Friedrich Wilhelm noch regelmäßige und eingehende Deliberation. Schon Oxenstierna lobt einmal den Fleiß, mit welchem der Kurfürst in seiner Jugend den Sitzungen seines Geheimen Rates beigewohnt; wie er sich sogar die Mühe gegeben habe, die verschiedenen Abstimmungen aufzuzeichnen. Er zog besonders juridisch gebildete Männer, welche politisches Talent verrieten, in denselben. In dem versammelten Staatsrat hielt er für's beste, alle sprechen zu lassen, und zwar die jüngsten Mitglieder zuerst, weil sie, wenn die älteren ihre Meinung zuvor aussprachen, durch deren Autorität leicht beherrscht werden würden; seine Methode war: alles zu hören, aber selbst keine definitive Meinung zu äußern. Dafür behielt er die stille Überlegung mit sich selbst vor, nicht ohne Gebet. Durch diese Erhebung der Seele meinte er in den Stand gesetzt zu werden, den besten Rat zu finden und zu wählen. Man verglich sein Urteil mit dem Neigen der Zunge in der Wage: nach der Seite hin, wo das Übergewicht der Gründe fällt, fast ohne Willkür. »Und was ich dann«, sagte er, »im Geheimen Rat einmal beschlossen, das will ich auch vollzogen haben.« Eben aus dieser Verbindung von Deliberation und entschiedenem Willen leitete man seine Successe her. Seine Grundsätze waren: wohl überlegen, rasch ausführen; wo die Not vorhanden, da gilt kein Privilegium. Sehr bequem und beliebt war sein Regiment mitnichten; die allgemeine Klage war, daß er die Untertanen zu sehr belaste, und zwar immer stärker, je älter er wurde. Man hatte viel von seinem Jähzorn zu leiden, der dann auch keineswegs ohne Einfluß auf die Geschäfte blieb. Wenn die großen Angelegenheiten überhaupt selten ohne Leidenschaft verwaltet werden, so war das auch bei ihm nicht der Fall. Aber in der Situation lag ein gutes Korrektiv momentaner Aufwallungen. Man hat wohl erlebt, daß er nach irgendeiner ihm geschehenen Mißachtung Feuer und Flamme war, um sich zu rächen; den anderen Tag aber Pazifikationsentwürfe zum Vorschein brachte, welche sehr wohl erwogen und von der anderen Seite angenommen werden konnten. Alles war voll von Gärung und Wechseln der Entschlüsse. Wer in dem vorigen Jahre mit Krieg und Verderben bedroht worden, dem wurden nach veränderten Umständen im laufenden Anerbietungen zu der engsten Verbindung gemacht. Jede neue Wendung der Dinge regte neue Entwürfe auf. Die persönliche Stimmung wurde doch immer durch die allgemeine Erwägung beherrscht. In seinem Geiste war etwas Weitausgreifendes, man möchte sagen, allzu weit; wenn man sich erinnert, wie er Brandenburg in unmittelbaren Bezug zu den Küsten von Guinea brachte und auf dem Weltmeer mit Spanien zu wetteifern unternahm, oder wie er auf den Entwurf einging, zur Begründung einer allgemeinen Wissenschaft eine von aller Rücksicht auf die christlichen Konfessionen unabhängige Universität zu stiften. Er zweifelte nicht an dem Erfolge der geheimen Wissenschaften; er liebte von dem Entlegenen und wunderbaren zu hören; und dabei war er doch durch und durch praktisch. An jeder Tätigkeit der Menschen hat die Imagination großen Anteil: denn das Zukünftige muß sich dem Geiste in ergreifbaren Formen darstellen. Die Verbindung einer ausführenden Tätigkeit mit einer Phantasie, die vor dem Unausführbaren nicht auf den ersten Blick zurückweicht, gibt seinem Wesen um so mehr etwas Großartiges und Außerordentliches. Wir fühlen um ihn her die geistige Luft, in welcher der Genius atmet; die Handlungen, die sich auf einen unendlichen Hintergrund der Gesinnung und der politischen Anschauungen erheben. In seinen jüngeren Jahren erschien der Kurfürst als ein schöner Mann, groß und wohl gewachsen; mit vollem Gesicht, bedeutend ausgeprägten Zügen und hellen Augen. Er vereinigte den Ausdruck der Entschlossenheit mit höflichem Wesen. Man urteilte aus seinem Gespräch, daß er die Welt kenne und die Geschäfte verstehe. So erschien er bei jener Zusammenkunft in Bromberg, auf welche dann bald ein Besuch der Königin von Polen in Berlin folgte; da kehrte der Kurfürst eine andere Seite seines Wesens hervor. Er holte sie mit einem Gefolge von 4000 Mann ein und einem ansehnlichen Geschütz, das zu ihrer Begrüßung gelöst wurde. So begleitete er sie auch, als sie wieder abreiste. Als sie sich von seiner Gemahlin getrennt hatte, ritt er noch eine Zeitlang neben dem Wagen her, stieg dann ab, um persönlich Abschied zu nehmen. Der Besuch hatte seiner Gemahlin Louise Henriette von Oranien gegolten, die auch mit ihm in Bromberg gewesen war; sie erschien neben ihm sanfter und ruhiger; sie war klein, aber wohlgestaltet; sie sprach wenig und verriet eine Neigung zur Melancholie. Sie fastete alle Dienstage, weil ihr Bruder an diesem Tage gestorben war. Auch bei festlichen Gelagen hielt sie dies ihr Gelübde; sie nahm die Gesundheiten an, die man ihr brachte und erwiderte sie, ohne zu trinken. Aber mit ihrer religiösen Devotion verband sich doch auch ein Verständnis für die vorliegenden Fragen. Sie hielt es beinahe für die Pflicht der Gemahlin eines Fürsten, sich mit den öffentlichen Angelegenheiten zu beschäftigen. Der Kurfürst hat sich bei ihren Ratschlägen wohl befunden: er hat sie nach ihrem Tode oft vermißt. Die zweite Gemahlin des Kurfürsten, Dorothea von Holstein-Glücksburg, war aus stärkerem Stoff gebildet. Sie begleitete ihn auf seinen Feldzügen, in das Getümmel des Feldlagers, in die Gefahren der Belagerungen; niemals wollte sie ihn verlassen. Sie behandelte ihn als den großen Mann, der er war; und war besorgt für sein Glück und seinen Ruhm. Man findet nicht, daß sie in den großen Angelegenheiten Einfluß auf seine Entschlüsse ausgeübt hat; dagegen in seiner äußeren Umgebung herrschte sie unbedingt. Unter den Freunden und Genossen der Familie war sie bekannt dafür, daß es ihr das größte Vergnügen auf der Welt mache, zu befehlen. Dem Kurfürsten, der sie gewähren ließ, verschaffte sie eine seiner Natur entsprechende Häuslichkeit. Er erscheint als ein Hausvater alter Zeit; wie wenn er vor Tische, im Lehnstuhle sitzend, die Begrüßung seiner Kinder empfing, die ihn ehren, aber auch fürchten. Wie ihn seine Bildnisse zeigen, und die, welche ihn kannten, versichern, in ihm war eine seltene Verbindung von Ernst und Wohlwollen, Güte und Majestät. In jedem Augenblick erschien er würdig und gediegen, seiner Stellung bewußt, die doch größtenteils sein eigenes Werk war. Er hat den brandenburgischen Staat nicht etwa geschaffen; denn in seinen Grundlagen bestand derselbe bereits und hatte seinen eigentümlichen Charakter: aber diese Bestandteile hat Kurfürst Friedrich Wilhelm nicht allein zusammengehalten, sondern auch solche von wesentlichster Bedeutung hinzugefügt und ihnen die Idee eines Staates eingehaucht, das Bewußtsein nicht allein eines äußeren, sondern auch eines inneren Zusammenhaltes. Wir sehen wie dies zuerst im Kriege durch die Aufstellung einer aus allen Teilen zusammengesetzten und überall aus freiwilliger Beistimmung hervorgegangenen Armee geschah. Die bewaffnete Macht war der vornehmste Mittelpunkt der Einheit des Landes; sie hat ihm selbst und allen seinen Nachfolgern ihre Stellung in der Welt gegeben. Seine ganze Staatsverwaltung beruht darauf. Er selbst hat der Armee zwei Dritteile seiner Einkünfte zugewendet. Seinem Nachfolger hat er das Heer sterbend als seine eiserne Hand empfohlen und denselben verpflichtet, sie aufrecht zu erhalten. Ein anderer Moment, der alles zusammenhielt, war die Religion. Nicht sowohl die Ausbreitung des evangelischen Bekenntnisses als die Verteidigung desselben hat seine Politik alle die Jahre seiner Regierung hindurch beschäftigt. Anknüpfend an die Altvordern hat er dem werdenden Staat seinen protestantischen Charakter auf das tiefste eingeprägt und ihn für alle Folgezeit befestigt. Die Verbindung Brandenburgs mit dem Reiche war die Grundlage seiner Politik. Die Idee des Reiches trug er tief in seiner Seele; man sagte wohl: er sei der einzige, in welchem diese Idee lebe; ohne ihn würde sie zugrunde gehen. Und wenn Brandenburg durch ihn eine gesicherte Stellung in Deutschland und Europa gewann, so hat er gleichsam seinen Nachkommen ihre künftigen Bahnen demgemäß vorgezeichnet. Die Eroberung von Pommern in den Verbindungen, in denen sie später ausgeführt worden ist; die Eroberung von Schlesien schon mit Andeutung eines Feldzugsplans zu diesem Behuf; selbst ein Unternehmen gegen Frankreich, wo er das alte durch Parlamente und mächtige Stände beschränkte Königtum, mit welchem Europa in Frieden leben konnte, herzustellen gedachte, hat er entworfen; eine kleine Marine, die freilich wieder zugrunde ging, hat doch die Idee einer brandenburgischen Seemacht lebendig erhalten. Eine der empfindlichsten Schwierigkeiten in seinem Leben bildete die Differenz des reformierten Bekenntnisses, zu welchem er sich mit vollem Herzen hielt, und des lutherischen, welches seine Untertanen mit altdeutscher Glaubensfreudigkeit erfüllte. Seiner Gemahlin Dorothee, die ihm zu Liebe zu dem reformierten Bekenntnis übergetreten war, schreibt man zu, daß sie seinen Eifer gegen die Lutheraner gemäßigt habe. Er hätte dann nichts mehr gewünscht, als beide Bekenntnisse, wenn nicht zu vereinigen, doch zu versöhnen. Er beschwerte sich oft über die Hartnäckigkeit der Lutheraner, aber auch über den Eifer der Reformierten, namentlich in Behauptung der Beschlüsse von Dortrecht. Noch in seinen letzten Stunden beklagte er sich darüber, daß unter den Evangelischen so wenig Eintracht herrsche. Er wußte, welch ein Moment entscheidungsvoller Kämpfe dem Protestantismus bevorstand. Jene Erwartung einer durchgreifenden Umwandlung der europäischen Politik zugunsten des allgemeinen Gleichgewichts, die er in seinen letzten Tagen kundgab, war zugleich religiöser Natur. Was aber könnte den Abschied aus diesem Leben leichter machen, als religiöse Überzeugung. Der Kurfürst zeigte ein volles Bewußtsein davon. Der Stoicismus, den man ihm wohl zuschreibt, ist eben der feste, seiner Sache gewisse Glaube. Er wußte, was die Lehre von der Erlösung bedeute: die Reinigung der im Laufe des Lebens nicht ohne Makel gebliebenen Seele und ihre Rettung. In ihm durchdrang sich das Vertrauen auf den Sieg der guten Sache in der Welt und auf die Fortdauer des persönlichen Daseins auf einer höheren Stufe. Meinungen und Regierungsweise Friedrichs des Großen. Ich möchte nicht wagen, aus den literarischen Arbeiten Friedrichs, wie sie in jenen Zeiten [nach 1745], jener Umgebung entstanden, ein System von allgemeinen Gedanken zu entnehmen. Manches der bedeutendsten Werke der alten und neuen Literatur eignete er sich erst noch an; unter den Anregungen der Lektüre, des Umganges und des Lebens machte er bald einen, bald einen anderen poetischen Versuch, bei dem er oft nur die Geschäfte zu vergessen, eines Eindruckes, der ihm unangenehm war, Herr zu werden suchte. Wollte man ihn als einen Schriftsteller betrachten, der das Publikum belehren oder vergnügen will, so würde man ihn verkennen; seine Werke tragen den Charakter des Gelegentlichen und individuell Momentanen. Darin wich er ganz von Voltaire ab, daß dieser nur für die Wirkung auf die Leser arbeitete, er dagegen eine unbedingte Freude an der Produktion an und für sich hatte. Unter den größeren Arbeiten begegnet uns zuerst das Palladium, ein komisches Heldengedicht, worin die falsche Frömmigkeit und die Zuchtlosigkeit der Feinde aus dem letzten Kriege in großen karikierten Zügen verspottet wird; ein Phantasiestück in Callots Manier, voll von Talent, aber ungezügelt und wild. Damit im Gegensatz tritt in dem Gedichte über die Kriegskunst der dort verspottete Karl von Lothringen sehr glänzend auf; sein Rheinübergang wird einer Tat des alten Hannibal gleich geachtet; er soll die reine Huldigung, das verdiente Lob eines Feindes empfangen, der für das Geschrei des Hasses taub ist. Selten ist wohl ein Lehrgedicht geschrieben worden, dem eine so gute Kunde des Gegenstandes zugrunde lag wie diesem. Leben empfängt es von den Erinnerungen des letzten Krieges, die ein patriotisches Feuer atmen. So recht grunddeutsch ist die Darstellung des in seine Heimat zurückkehrenden Offiziers; aber noch höher mag man die Schilderung des Feldherrn schätzen, der Friedrich selbst zu entsprechen suchte. Voltaire fragte ihn einst, ob ihn die Schlacht nicht mit Wut erfülle; im Gegenteil, antwortete er, nie bedarf der Geist größerer Fassung. So schildert er hier den General, wie er die Bewegungen des Kampfes beherrscht, jeder Unordnung steuert, bei jeder Erschöpfung zu Hilfe kommt, nichts vom Glück, alles Heil nur von sich selber erwartet; bedächtig im Rat, verwegen in der Ausführung. Im Vorhofe des Mars lehrt man die Gesetze der Ehre, des strengsten Verdienstes; Habgier und Grausamkeit werden verdammt, nur Menschlichkeit und Hingebung gepriesen, die Bildsäule des Kriegsgottes ist umgeben von der wachen Arbeitsamkeit, kaltblütigen Tapferkeit, der proteusartigen Kriegslist, der schöpferischen Imagination, die von göttlichem Feuer glühend ihre Pläne entwirft. Wenn man die kleineren Gedichte liest, so sollte es dem Verfasser zuweilen bloß auf den Genuß des Lebens anzukommen scheinen. Die Anstrengung wird als ein Verlust der Freiheit betrachtet: man stößt auf Nachahmungen des Lucrez, deren Inhalt die Dogmen des Epikur wiederholt; wenn Friedrich in einer seiner Episteln die Lehre entwickelt, daß sich die Vorsehung um das Kleine nicht bekümmere, so darf man schwerlich behaupten, daß er sie in dem unverfänglichen Sinn von Malebranche verstanden habe. Daneben aber nimmt man allenthalben eine ernste, auf das Wesentliche und Echte in den Dingen des menschlichen Lebens vordringende Richtung wahr. Den Lockeschen Lehren gemäß erscheint der menschliche Geist nicht fähig, das Unendliche zu ergreifen, aber Friedrich schließt daraus nur, daß man sich auf dieses Gebiet nicht wagen, und vielmehr hier auf Erden sich der Tugend widmen, das Gute von dem Bösen unterscheiden lernen müsse. Einen seiner Brüder macht er aufmerksam, daß Tugend und Talent keine Ahnen haben: wer einen Namen besitzen will, muß ihn verdienen. Wie beklagt er die deutschen Fürsten, die, wenn sie von einer Reise nach Frankreich zurückkommen, ihren Ehrgeiz darin suchen, Meudon oder Versailles in kleinen Dimensionen zu Hause nachzuahmen. Von den Nichtigkeiten des Hoflebens oder des Treibens in großen Städten war wohl niemals ein Mensch mehr durchdrungen als Friedrich. Er ist vollkommen zufrieden in seiner Einsamkeit, denn das einzige Glück sieht er in geistiger Beschäftigung; was die Natur gegeben, muß der Fleiß vollenden. Ruhmesliebe hatte ihn zum Kriege gespornt, aber er weiß, daß die Meinung der Menschen von den Umständen abhängt, hin und wieder schwankt, das Glänzende oft dem Gediegenen vorzieht. Aus allen den Zufälligkeiten, welche auf Lob und Tadel einwirken, zieht er die Lehre, daß man den Weihrauch verachten, die Tugend um ihrer selbst willen lieben müsse. Er bekennt seiner Schwester einmal, er habe eine zwiefache Philosophie: im Frieden und Glück schließe er sich den Schülern des Epikur an, im Unglück halte er sich an die Lehren der Stoa. – Das heißt nur eben, daß er den Genuß durch Reflexion mäßigt oder entschuldigt und sich im Unglück durch moralischen Schwung erhebt; es ist nichts anderes, als was ein Philosoph dieses Jahrhunderts sagt, daß Neigung zum Wohlleben und zur Tugend, im Kampfe miteinander, wo die erste durch die letzte eingeschränkt wird, das höchste moralisch-physische Gut hervorbringen; nur tritt in den Gedichten, der vorwaltenden Stimmung gemäß, bald die eine, bald die andere Richtung allein herrschend hervor. Nicht alles, was an Poesie in ihm war, legte Friedrich in seine Gedichte. Wir kennen seine Meisterschaft auf der Flöte; auch hier war jede seiner Kompositionen ein Versuch, eine besondere Schwierigkeit zu überwinden; hauptsächlich aber seine Empfindungen, seine Freude, und besonders seinen Schmerz, ein melancholisches Gefühl, das ihn sein ganzes Leben begleitete, drückte er in diesen Tönen aus. Seine Verse sind oft mehr lebendig angeregtes Räsonnement als Poesie; wie Voltaire sagt, nicht von echt französischem Kolorit, aber um so eigentümlicher im Ausdruck, und voll Ideen eines weiten Horizontes. Wie in den Gedichten, so beschäftigte sich Friedrich in seinen Briefen, seinen Gesprächen, unaufhörlich mit den schwierigsten Fragen, die der Mensch sich vorlegen kann, über Freiheit und Notwendigkeit (die er für das schönste Thema der »göttlichen« Metaphysik erklärt), über Schicksal oder Vorsehung, Materialität oder Unsterblichkeit der Seele; auf die letzte kam er immer von neuem zurück. Zuweilen scheint ihm der Zusammenhang zwischen Körper und Geist unauflöslich bis zu ihrer Identität, was bleibe von dem Ich übrig, wenn man ihm zwei Dinge nähme, die Sinne und das Gedächtnis? Der Mensch befinde sich in der Mitte der Unendlichkeit der Zeiten, die vor ihm gewesen und nach ihm sein werden; wenn er vor seiner Geburt nicht existiert habe, so müsse er davon auf das schließen, was ihm nach dem Tode bevorstehe; die Nacht des Grabes umfange das Wesen, das da denkt. Allein nicht immer blieb er bei diesen Meinungen, namentlich hielten sie nicht aus, wenn ein Freund, den er liebte, oder wenn jemand aus dem Familienkreise abschied. Dann meinte er, obgleich der Geist unabhängig vom Körper sei, so sehe man doch oft, und zwar gerade, wenn die Maschine sich auflöse, daß er einen neuen Schwung nehme, und eine bewundernswürdige Stärke entfalte. »Vielleicht werde ich die Verlorenen eines Tages wiedersehen. Wie glücklich würde ich mich fühlen, wenn ich dann die großen Männer des Altertums erblicken könnte.« Zuweilen war er mehr von den Ansichten des Lucrez, zuweilen von den Argumenten der Apologie des Sokrates durchdrungen. Nicht glauben ist noch lange nicht leugnen; aber nur nicht verwerfen, auch keine Überzeugung. Ich weiß nicht, ob man über diesen Skeptizismus hinaus kommen kann, wenn man die Offenbarung nicht annimmt, wozu Friedrich sich nie bewogen fühlte. Wir kennen sein Schwanken zwischen der Annahme eines blinden Geschickes und einer allwaltenden Vorsehung, und wie er in den großen Entscheidungen auf die letzte zurückkam. Meistenteils schien es ihm doch, daß alles ein nicht aufzulösendes Rätsel bleibe, wenn man nicht eine Vorsehung voraussetze, die das Weltgeschick zu einem großen Ziele leite. Nur in einem Punkte war er unerschütterlich; er fuhr auf, wenn jemand im Gespräche seinen Glauben an einen lebendigen Gott bezweifelte; die populären Beweise für das Dasein Gottes, besonders den von der weisen Ordnung in der Natur hergenommenen, wiederholte er mit dem vollsten Ausdruck der Überzeugung. »Ich kenne Gott nicht, aber ich bete ihn an.« Sein skeptisches Verhalten zu den meisten positiven Lehren gehörte ohne Zweifel dazu, um ihm die Politik möglich zu machen, die er in Beziehung auf die verschiedenen Bekenntnisse ergriffen hatte: er würde sonst mit sich selbst in Widerspruch geraten sein. Aber wie er schon im Gespräch abbricht, wenn er bemerkt, daß sein Mangel an Orthodoxie den andern verletzt, so hätte er im Leben noch viel weniger daran gedacht, seine Meinungsabweichungen auszubreiten, von denen er wohl fühlte, daß sie das Gemüt nicht befriedigen, einem Volke nicht genügen können. Er hielt es schon für ein Glück, daß man dieselben an ihm duldete. Für ihn reichte die Überzeugung hin, daß der Zweck der Welt in dem individuellen Glücke liege; – die wahre Philosophie bestehe nicht in den verwegenen Spekulationen, durch welche die Wissenschaft zu einer Kunst von Vermutungen gemacht, von den Sitten losgerissen werde, sondern in der Moral, welche die Heftigkeit der ersten Eindrücke zu mäßigen und zu zügeln fähig mache. Um glücklich zu sein, dazu gehöre sittlich leben, seinen Stand erkennen, sich der Mäßigung befleißigen, das Leben nicht zu hoch anschlagen. Friedrichs religiöses Gefühl erhob sich nicht über die ersten und einfachsten Elemente: dagegen sein moralisches Bewußtsein war von der lebendigsten Energie. Eine der ersten Pflichten des Menschen, doppelt notwendig in seiner Stellung, sah er in der Selbstbeherrschung und arbeitete dafür unaufhörlich an sich. Er bekannte seinen Vertrauten, wenn er etwas Unangenehmes, Aufregendes erfahre, suche er nur durch Reflexion über die erste Bewegung Herr zu werden, die bei ihm unendlich lebhaft sei; zuweilen gelinge es, zuweilen auch nicht, dann aber begehe er Unvorsichtigkeiten und komme in den Fall, sich über sich selbst zu ärgern. Er bildet sich eine Politik des persönlichen Glückes aus, die darin bestehe, daß man die menschlichen Dinge nicht zu ernstlich nehme, sich mit dem Gegenwärtigen begnüge, ohne zuviel an die Zukunft zu denken. Wir müssen uns freuen über das Unglück, das uns nicht trifft; das Gute, was wir erleben, müssen wir genießen, der Hypochondrie und Trauer nicht erlauben, das Gefühl der Bitterkeit über unser Vergnügen zu gießen. »Ich habe den Rausch des Ehrgeizes überwunden, Irrtum, Arglist, Eitelkeit mag andere berücken; ich denke nur noch daran, mich der Tage, die der Himmel mir gegeben, zu erfreuen, Vergnügen zu genießen ohne Übermaß, und soviel Gutes zu tun als ich kann.« Besonders dieser letzte Wunsch erfüllt seine Seele. Unter allen Dichtern liebte er Racine am meisten, den er weit über Voltaire stellte, nicht allein der Harmonie und Musik seiner Sprache, sondern des Inhalts wegen; auf seinen Reisen, im Wagen, las er ihn immer aufs neue und lernte ganze Stellen auswendig. Von allem aber, was dieser Dichter geschrieben hat, machte nichts einen größeren Eindruck auf ihn, als die Szene (im vierten Akt des Britannicus), wo Burrus dem jungen Nero vorstellt, daß die Welt »das öffentliche Glück den Wohltaten des Fürsten« verdanken könne, daß ein solcher sich sagen dürfe: überall in diesem Augenblicke werde er gesegnet und geliebt. Ah! rief Friedrich aus, gibt es etwas Pathetischeres und Erhabeneres als diese Rede, ich lese sie nie ohne die größte Rührung. Er muß das Buch weglegen, Tränen ersticken seine Stimme: dieser Racine, ruft er aus, zerreißt mein Herz. Eine Weichheit, die niemand in ihm suchen sollte, der nur seine Kriege und seine strenge Staatsführung kennt, und die doch mit dieser wieder in genauem Zusammenhange steht. Es scheint ihm ein lächerlicher Stumpfsinn der Welt, daß man das Glück der Fürsten beneidet; sie seien schlecht bedient, ihre Befehle führe man mangelhaft aus, und schreibe ihnen doch alles zu, was geschehe; man messe ihnen Absichten bei, an die ihre Seele nicht denke, und hasse sie, wenn sie schwere Dinge fordern; leicht werde die Welt ihrer müde. Wer sollte glauben, daß ihm noch in jungen Jahren, im Genusse des Ruhmes und der Welt, aus dem Innern seiner Seele die Idee einer Verzichtleistung aufstieg. Er dachte die Krone seinem Bruder zu überlassen, den er in dieser früheren Zeit ungemein hoch hielt. Eins wäre ihm freilich unbequem gewesen, einen fremden Willen über sich zu fühlen, und er dachte sich Einrichtungen aus, wie dem vorzubeugen sei; aber das Glück, zu gebieten, reizte ihn nicht, noch der Besitz großer Geldmittel; er würde, sagte er, mit 12 000, ja mit 1200 Taler leben können, er würde Freunde haben, und ihr wahrer Freund sein, nur den Wissenschaften würde er sich widmen. Indem er dem nachsinnt und in dem Gedanken schwelgt, nichts zu sein als ein einfacher, aber ganz unabhängiger Gelehrter, sieht er doch, wenn er die Umstände und Persönlichkeiten überlegt, besonders in kritischen Augenblicken, wie deren so viele kamen, daß alles dies unmöglich ist. »Ich habe ein Volk,« ruft er aus, »das ich liebe, ich muß die Last tragen, welche auf mir liegt, ich muß an meiner Stelle bleiben.« Was macht den Menschen, als der innere Antrieb und Schwung seines moralischen Selbst? Wir wollen nicht sagen, daß jene Stimmung die vorherrschende, daß Friedrich nicht von dem Gefühl des geborenen Königs fortwährend durchdrungen gewesen sei; aber er ging nicht darin auf: die Reflexion, daß er es auch nicht sein könne, die Neigung selbst, einem anderen Beruf zu leben, schärfte sein Pflichtgefühl für diesen, der ihm durch Geburtsrecht zuteil geworden. Wir mögen es nicht unerwähnt lassen, was er selber sagt, daß er oft lieber der Morgenruhe noch genossen hätte, aber sein Diener hatte den bestimmtesten Befehl, sie ihm nicht länger zu gönnen; der Grund, welchen Friedrich angibt, ist, daß die Geschäfte sonst leiden würden. Er bekennt einmal, es mache ihm ein größeres Vergnügen, sich mit literarischen Arbeiten zu beschäftigen, als mit der Verwaltung der laufenden Geschäfte; aber er fügt hinzu, daß er darum diesen doch keinen Augenblick der Tätigkeit und Aufmerksamkeit entziehen würde, denn dazu sei er geboren, sie zu verwalten. Ein Fürst, sagt er in dem politischen Testament, der aus Schwäche oder um seines Vergnügens willen das edle Amt versäumt, das Wohl seines Volkes zu befördern, sei nicht allein auf dem Thron unnütz; er mache sich sogar eines Verbrechens schuldig. Denn nicht dazu sei der Fürst zu seinem hohen Rang erhoben und mit der höchsten Gewalt betraut, um sich von den Gütern des Volkes zu nähren und im Glück zu schwelgen, während die ganze Welt darbe. »Der Fürst ist der erste Diener des Staates und gut bezahlt, um die Würde seiner Stellung aufrecht zu erhalten, aber man verlangt von ihm, daß er nachdrücklich zum Wohl des Staates arbeite, und daß er wenigstens die wichtigsten Dinge mit Ernst betreibe.« Die Frau, welche einem König von Epirus, der nicht auf ihre Klagen hören will, die Frage vorlegt, warum er denn König sei, wenn er ihr nicht Hilfe schaffen wolle, scheint ihm ganz recht zu haben. Die Auffassung der königlichen Pflichten, wie sie Friedrich hegt, erinnert an die Vorstellungen, die in dem ältesten, nicht priesterlichen Staat der Welt, in China, nach den Aussprüchen der Weisen und Gesetzgeber des Landes, über die höchste Gewalt vorherrschten. Der Fürst ist nach diesen die lebendige Vernunft der Dinge, seine Gewalt ist unumschränkt, aber nur um die Herrschaft der Ordnung zu realisieren. »Der höhere Mensch, heißt es in den Unterhaltungen des großen Meisters, muß Wohltaten erweisen, ohne verschwenderisch zu sein, Dienste und Abgaben fordern ohne Geiz; Würde und Majestät haben, ohne Ostentation; wenn er verlangt, was vernünftig und notwendig ist, wer könnte ihm darüber zürnen? Seelengröße gewinnt die Menge; Offenheit erweckt Vertrauen; wenn ihr tätig und wachsam seid, so gehen die Geschäfte gut, wenn ihr für alle Interesse zeigt, dann fühlt das Volk sich glücklich.« Es ist, als wenn man Friedrich reden hörte. Das Zurücktreten des religiösen Begriffes mußte in einer energischen Natur das Bewußtsein des weltlichen Berufes um so lebendiger hervorrufen. Die Seele ist dann nicht durch das Gefühl des universalen Zusammenhanges des Geistes gehoben, der auch dann noch genug tut, wenn die Erfolge den Absichten nicht entsprechen; es liegt etwas Trockenes, Beschränktes darin, aber um so geschärfter wird der praktische Sinn, da man des Erfolges bedarf. Der Geist der Zeit kam dem Könige Friedrich mit der gleichen Tendenz entgegen und förderte sein Tun; auch in der Erfüllung der Pflicht an sich liegt eine unendliche Befriedigung. Um sich dazu fähig zu machen, hielt es Friedrich für nötig, die Menschen, wie er es einmal selbst nennt, zu studieren, besonders diejenigen, die ihm entweder als Werkzeuge dienten, oder der Gegenstand seiner Sorgfalt waren. Unter seinen Untertanen unterschied er die feinen und gelenken Preußen, deren Gewandtheit jedoch besonders innerhalb ihrer Grenzen leicht in Fadheit überschlage, von den naiven und geraden Pommern; die Kurmärker stellt er weder den einen noch den anderen gleich, das Wohlleben gelte ihnen zu viel, in Geschäften seien sie selten mehr als mittelmäßig; lebhafteren Geist besitze die Magdeburgische Ritterschaft, mancher große Mann sei aus ihr hervorgegangen; den Niederschlesiern fehle es an einem Prometheus, der sie (durch Erziehung) mit dem himmlischen Feuer erfülle; Anstrengung und Arbeit sei bisher noch nicht ihre Sache, sondern eher Genußliebe, gutmütige Titelsucht. Auch in Minden und der Grafschaft Mark fehle es nur an Erziehung und Übung, nicht an Talent, am wenigsten entsprach Kleve seinen Wünschen. Er suchte sie alle zu heben und dadurch zu vereinigen, daß er die provinzialen Bezeichnungen vor der allgemeinen als Preußen verschwinden liest; besonders machte er diese im Felde geltend. Wir sahen, wie er sich für jeden Zweig nach den demselben inwohnenden Erfordernissen Gehilfen zu bilden suchte: in Justiz, Administration, Militär; so hatte er auch eine Pflanzschule für den Dienst in den auswärtigen Geschäften im Sinn; um das Jahr 1752 ward dazu unter der Leitung von Podewils ein Anfang gemacht. Die natürliche Gabe, die allem zugrunde liegt, sollte durch allgemeine Kenntnis sowohl als durch das Aufnehmen der Idee des Staates entwickelt werden. Die Minister, die an der Spitze der verschiedenen Abteilungen des Dienstes standen, schickten dem König über die wichtigen und zweifelhaften Punkte täglich ihre Berichte ein. Friedrich hielt nicht für gut, den Geheimen Rat zu versammeln, denn aus großen Ratsversammlungen gehe selten eine weise Beschlußnahme hervor, durch Privathaß und Rechthaberei werde da eine Sache eher verdunkelt; das Verfahren der schriftlichen Anfrage mit Gründen und Gegengründen hielt er für das bessere: der Fürst müsse sich nur die Mühe geben zu lesen und einzusehen; ein gesunder Sinn fasse leicht die Hauptpunkte, auf die es ankomme. Eine Kabinettsregierung, zu deren Ausführung aber eben soviel Anspannung des Geistes wie Talent gehören. Friedrich besaß das letztere in einer seltenen Vielseitigkeit. Wie er nach schriftstellerischer Vollendung strebte, so sahen wir ihn die obersten Gesichtspunkte für die Einrichtung der Justiz fassen, die Verwaltung bis in das geringste Detail des Rechnungswesens beaufsichtigen; neue Manöver für seine Feldübungen ersinnen; nicht ohne Nutzen besucht er Spitäler, denn schon sein Vater hat ihn viel dahin geschickt, so daß er sich eine Kenntnis von Chirurgie verschafft hat; er gibt Verbesserungen der Manufakturen im einzelnen an und macht selber die Pläne zu seinen Bauwerken. Zu dieser Mannigfaltigkeit der Befähigung kam nun aber eingehende Rücksicht auf die vorgelegten Gründe, der ernste Wille, die Sache recht zu machen. Nicht alles ward auf der Stelle, beim ersten Vortrag entschieden. Wenn die Kabinettsräte nach demselben sich entfernt hatten, griff Friedrich zu seiner Flöte; doch war seine Seele weniger beim Spiel, in das sie nur ihre Stimmung hauchte, als bei den Angelegenheiten; ganz mit sich selber allein überlegte er die schwierigen Fragen und gab seine Entscheidung, wenn sie zurückkamen. Nicht selten klagen die auswärtigen Gesandten in ihren Berichten, daß er sich in den Audienzen unbestimmt und sogar furchtsam ausgedrückt habe; seine Entschließungen wurden in der Tiefe seines Gemütes gefaßt und standen ihm dann auf immer fest. Auch darüber beschweren sich die Gesandten häufig, daß er alles allein tun wolle, und sie von niemand sonst beschieden werden können. Die auswärtigen Angelegenheiten seien unter zwei Minister verteilt, und keiner von beiden kenne sie alle; ein Geheimer Rat, der vielleicht eine allgemeine Übersicht habe, wage doch nie, zu dem Repräsentanten einer fremden Macht zu kommen. Im ganzen Lande gebe es, außer dem König, nur einen einzigen Mann, der die inneren und äußeren Angelegenheiten zugleich kenne. Von diesem Manne, der alle Morgen mit dem Könige arbeite, ihn auf seinen Reisen begleite, machen sie eine beinahe mythische Beschreibung; er wisse alles, erfahre alles, aber kein Sterblicher könne sich rühmen, ihn je mit Augen gesehen zu haben; auf eine wunderliche Weise verunstalten sie seinen Namen. Es ist Eichel, dessen Briefwechsel mit Podewils wir zuweilen erwähnt haben, der im Kabinett die Feder führte, die mündlichen Resolutionen Friedrichs niederschrieb, die wichtigsten Anordnungen nach seiner Anweisung anfertigte; ein Mann von einer unermüdlichen Arbeitsamkeit, die aus Liebe zur Sache und persönlicher Hingebung entsprang, scharfsinnig und einsichtsvoll, nur ein wenig pedantisch und nicht ohne eine zaghafte Scheu bei den unberechenbaren Bewegungen des Genius, den er vor sich sah. Wenn die Fremden dem König schuld geben, er habe nie auf Gegenvorstellungen der Minister geachtet, so erweisen die Akten das Gegenteil: zuweilen zeigt er sich sogar ungeduldig, daß er seinen Willen nicht durchsetzen könne. Nur mündliche Beratungen vermied er je länger, je mehr. Wenn er noch einen zweiten seiner Minister befragte, so hielt er doch nicht für gut, denjenigen, dessen Gutachten er zuerst gefordert, davon wissen zu lassen, er besorgte, daß der Vorzug, den er dem einen vor dem anderen gebe, Eifersucht und Entzweiung verursachen möchte. Überdies wäre dann leicht das Geheimnis, worin er die Seele der Geschäfte sieht, verletzt worden. »Ich verberge«, äußerte er einmal gegen einen seiner Vorleser, »meine Absichten denen, die mich umgeben; ich täusche sie sogar darüber; denn wenn sie vermuten, was ich im Sinne habe, so könnten sie davon sprechen, ohne die Folgen zu ahnen; nur durch das Geheimnis kann ich mich vor Schaden bewahren.« »Ich verschließe mein Geheimnis in mich selbst; ich bediene mich nur eines Sekretärs, von dessen Zuverlässigkeit ich versichert bin; wenn ich mich nicht selbst bestechen lasse, so ist es unmöglich, meine Absicht zu erraten.« Von den auswärtigen Angelegenheiten überließ er die, welche mehr rechtlicher Statur waren, den Ministern; die Leitung der anderen behielt er in eigener Hand. So viel Argwohn legte er gegen fremde Verschwiegenheit an den Tag, daß es für den Umgang mit ihm als eine Regel galt, sich zwar übrigens ohne Zwang zu bewegen, vertraulichen Mitteilungen aber lieber auszuweichen. Auch er selbst aber war gegen alles auf der Hut, was seine Umgebung ihm sagen mochte. »Wenn wir uns jedem Gespräch hingeben, das irgend jemand mit uns anfängt, darauf hören, wovon man will, daß wir es hören, uns in zweifelhafte Verbindungen einlassen, so kann dies leutselige Wesen schlimmere Folgen haben als die Hartherzigkeit. Von Anfang an habe ich meiner Umgebung zu zeigen gesucht, daß sie bei mir durch Ränke und falsche Berichte nichts gewinnen wird, daß ich ein Mann bin, um die Dinge selber zu sehen, und unerschütterlich in den einmal gefaßten Plänen. Gutmütigkeit muß mit Festigkeit vereinigt sein; der Fürst muß sich mit braven und ehrlichen Leuten umgeben; für sich selber gewinnt er damit wenig, aber alles für das Wohl des Staates.« Es mag sein, daß ihm auch darum für seinen persönlichen Umgang Fremde am liebsten waren, weil sie keinen Zusammenhang mit kleinen einheimischen Interessen hatten. Soll die Monarchie eine Wahrheit sein, so müssen die Regionen, wo die Entschlüsse gefaßt werden, von allem fremdartigen Einfluß frei bleiben: der höchste Wille muß sich nur auf das Wesen der Dinge richten. An den französischen Zuständen fand Friedrich nichts widerwärtiger und schädlicher, als das Auseinanderstreben der verschiedenen Minister, deren jeder seine besonderen Rücksichten habe, seinen besonderen Vorteil suche. »Sowenig«, sagt er, »wie Newton sein System in Verbindung mit Leibniz und Cartesius hätte zustande bringen können, sowenig kann ein politisches System gemacht und behauptet werden, wenn es nicht aus einem Kopfe entspringt; und das muß der des Fürsten sein; Minerva muß aus dem Haupte Jupiters hervorgehen. Von dem, was er selber gedacht hat, mehr durchdrungen, als von dem Gedanken anderer, wird er all sein Feuer an die Erreichung eines Zweckes sehen, der zugleich die Eigenliebe in Anspruch nimmt. Finanzen, Politik und Militär sind unzertrennlich. Nicht der eine oder der andere dieser Zweige muß gut verwaltet werden, sondern alle zusammen. Sie müssen zusammenwirken, wie in den olympischen Spielen die Rosse vor den Wagen, die mit gleicher Anstrengung die Rennbahn durchlaufen und dem Lenker den Preis verschaffen.« In Hinsicht der Finanzen und des ganzen inneren Regierungssystems folgte er, wie wir wissen, dem Vorgange seines Vaters, dessen Bild und Andenken ihn unaufhörlich begleitete. Im Gespräch erzählte er zuweilen Züge der Gutmütigkeit von demselben, die anderweit nicht vorkommen; öfter gedachte er seiner Härte und dessen, was er von ihm gelitten habe. »Ein schrecklicher Mann, vor dem man habe zittern müssen, aber durch und durch brav, ja im wahren Sinne des Wortes ein philosophischer König; er habe nur eine zu hohe Vorstellung von der Fähigkeit der Menschen gehabt, und von seiner Umgebung und seinen Untertanen die nämliche Strenge gefordert, deren er sich gegen sich selbst bewußt gewesen sei. Wer es nicht wisse, könne sich keine Vorstellung davon machen, welchen Geist der Ordnung er in die verschiedenen Teile der Regierung gebracht, wie er bis in das einzelste nach möglichster Vollkommenheit gestrebt habe. Der unermüdlichen Arbeitsamkeit, bewundernswürdigen Ökonomie und strengen Soldatenzucht des Vaters verdanke er alles, was er sei. Auch ihn habe derselbe zu einem Soldaten machen wollen, aber kaum glauben dürfen, daß es damit gelingen werde; wie würde er erstaunen, wenn er wieder auflebte und ihn, mitten in den ehemals kaiserlichen Gebieten an der Spitze einer siegreichen Armee sähe, namentlich mit einer Kavallerie, von der man in jenen Zeiten keine Idee gehabt habe; er würde seinen Augen nicht trauen.« Dürfen wir das Verhältnis Friedrichs zu seinem Vater noch einmal berühren, so war es bei weitem nicht von so umfassender Welteinwirkung, wie, womit man es verglichen hat, das Verhältnis Karls des Großen zu Pipin, Alexanders zu Philipp, aber in sich selbst um vieles merkwürdiger. In dem Vater erscheint die Selbstherrschaft noch als Eigenwille, mit der Rauheit und Gewaltsamkeit des siebzehnten Jahrhunderts, verbunden mit einer Religiosität, die eine pietistische Ader hatte, der Idee einer allgemeinen Ordnung im deutschen Reiche sich auch dann fügend, wenn diese unbequem ward. In dem Sohne lebt dagegen seit der ersten Jugend ein lebendiger Trieb persönlicher Ausbildung: er begreift die Wissenschaften mit dem doppelten Eifer eines Autodidakten; von der Religion hält er nur die allgemeinsten Grundsätze fest; das Reich erkennt er an, inwiefern es Rechte gewährt, nicht inwiefern es Pflichten auferlegt. Der natürliche Gegensatz, worin sie sich befanden, führte einst zu jenen Konflikten, welche die Augen der Welt auf den preußischen Hof lenkten. Hätte Friedrich Wilhelm wirklich, was er nach den alten Berichten beabsichtigt haben soll, den Sohn hinrichten lassen, so würde der Staat, den er aufrechterhalten wollte, vielmehr in Gefahr geraten sein, sofort wieder umgestürzt zu werden. Er hätte einen geistigen Selbstmord begangen: oder vielmehr, wenn der Ausdruck erlaubt ist, das eine Janushaupt hätte das andere erschlagen. In allen wesentlichen Dingen zeigte sich eben dieser Sohn als der wahre Fortsetzer des Vaters; an ihrem Beispiel sieht man, wie ein Zeitalter sich aus dem anderen entwickelt, zu gleicher Zeit Identität und Verschiedenheit möglich sind. Nur Weiterbildung ist die rechte Fortsetzung. Zur Gründung gehört ein noch von der Unwillkürlichkeit des ersten Antriebes umfangener starker und rücksichtsloser Wille; die Durchführung fordert eine selbstbewußtere und umsichtigere Tatkraft. Friedrich vereinigte die strenge Staatsordnung des Vaters mit den ihm eingeborenen Kulturbestrebungen, wodurch der Widerspruch des soldatischen Wesens mit den Tendenzen des Jahrhunderts vermittelt ward. Seine glücklichen Kriegsunternehmungen gehörten dazu, um dem Staate die Kräfte zu gewinnen, deren er noch bedurfte, ihm Haltbarkeit, Ansehen und Rang in der Welt zu geben. In der Heerführung blieb Friedrich fortwährend einiger Lehren eingedenk, welche ihm einst, bei jener Anwesenheit im kaiserlichen Lager, Prinz Eugen von Savoyen gegeben hatte; eine namentlich, die Geschichte der früheren Feldzüge zu durchdenken, sich die Lage der Generale zu vergegenwärtigen, um in dem Geiste die Fähigkeit auszubilden, in dringenden Momenten das rechte Mittel zu ergreifen, hat er nie vergessen; er bekannte sich zuweilen als ein Schüler Eugens, doch war es die Schule aller großen Feldherren, in die ihn dieser geführt, der er sich in den eifrigsten Studien hingegeben hatte. In der Politik dürfte man sich nicht einmal an Vorbilder halten, da die Zeiten sich unaufhörlich verändern, und Einsicht in die sich bildende Gegenwart die Summe davon ausmacht. Was man sonst wohl dafür fordert, Kenntnis der Formen, Schonung und rücksichtsvolle Rede, war nicht Friedrichs Sache; er sprach mit Lebhaftigkeit und sparte die Sarkasmen nicht; seine Musterungen, von Mund zu Mund getragen, haben ihm an den meisten Höfen Feindseligkeiten erweckt, ja selbst Nationen, wie die Ungarn, gegen ihn aufgereizt; ein guter Diplomat wäre er nicht geworden. Die Eigenschaften aber, welche zur obersten Leitung der Geschäfte gehören: Bewußtsein der eigenen Stellung und ihrer Grundlagen, natürlichen Scharfblick des Geistes, vor dem jede Täuschung zerrinnt, Gefühl von dem, was sich ausrichten läßt, kluge Mäßigung, verschlagene Entschlossenheit, besaß er von Statur und bildete sie täglich mehr aus. Nur dadurch konnte ihm die nach dem Begriffe der Zeit verwegenste Unternehmung gelingen; das politische Talent hatte daran nicht geringeren Anteil als die Heerführung. Noch entsprach die Stellung, die er nun einnahm, mit nichten dem, was man sich im allgemeinen von einer neu zu begründenden Macht hätte denken können. Wäre es auf Friedrich angekommen, so würde er sich in ein ganz anderes Verhältnis zu Deutschland gesetzt, Westpreußen an sich gebracht, die Grenzen nach der sächsischen Seite erweitert haben, denn höchst ungern sah er seine Hauptstadt den Anfällen eines gefährlichen Nachbarn ausgesetzt, die östlichen preußischen Lande von den übrigen Provinzen getrennt; er hätte sich wahrscheinlich auch zur See bewaffnet; allein die gemachten Erfahrungen verboten ihm jeden Gedanken dieser Art. Auch in den beschränkten Grenzen aber, in denen er sich halten mußte, hatte er eine Macht gegründet, unantastbar und unüberwindlich, dem Wesen nach von niemand abhängig. Ihre letzte historische Grundlage war das reichsgesetzmäßige Fürstentum mit seinen Erbrechten und Anwartschaften, allein die Monarchie Friedrichs erschien hiervon losgerissen, ihre Notwendigkeit in ihrem Dasein tragend; der protestantisch-kontinentale norddeutsche Staat, zu dem jahrhundertelang Volk und Fürst, Anstrengung und Talent, sowie das gute Glück gewirkt, war zustande gekommen. Wie im Eingange berührt, die großen Mächte hatten sich auf der Grundlage der früheren Völkerbildungen und religiös-politischen Weltereignisse erhoben. Die slawisch-griechische Welt konzentrierte sich in der russischen Autokratie; die romanisch-katholische in dem bourbonischen Königtum; eine katholisch-germanische Weltmacht stellte sich in Österreich dar; England beruhte in seinem damaligen Zustand auf der Ausschließung der Katholiken und beherrschte das Meer. Der kontinentale Protestantismus hatte einen Versuch gemacht, sich in Schweden zu einer Weltmacht zu erheben, aber vergeblich; im welthistorischen Sinne dasselbe, was die streitbaren Schwedenkönige Gustav Adolf, Karl X. und Karl XII. nicht zu vollbringen vermocht hatten, vollzog jetzt Preußen, aber auf eine andere Weise. Jene würden den religiösen Begriff mit Strenge festgehalten haben; das Emporkommen von Preußen, wie es in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts erschien, beruht darauf, daß das nicht geschah. Hier riß sich die Idee des Staates von ihrer Verbindung mit dem positiven Bekenntnis zum ersten Male los. Der Begriff des protestantischen Reichsfürstentums mit dem Rechte der kirchlichen Reformation setzte sich in den des Staates um, der vor allen Dingen hierauf Verzicht leistete. Um sich vor dem Übergewicht anderer Weltelemente zu schützen oder ihr Recht gegen sie zu behaupten, mußte die protestantische Welt diese Umwandlung vornehmen. Was in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts eine Neuerung schien, war nach zwanzig bis dreißig Jahren der allgemeine Sinn von Europa. Daß Friedrich mit der geistigen Bewegung der Zeit verbündet war, machte ihn groß in ihren Augen und förderte seine Unternehmungen. Er richtete einen Staat auf, in welchem der Druck, der noch an vielen Stellen nicht vermieden werden konnte, durch die Erwägung der Notwendigkeit gemildert wurde, der Gehorsam ein Bewußtsein von Freiheit nicht ausschloß. Da der Fürst sich den Bedingungen des Bestehens vollkommen unterwarf, so tat es auch ein jeder andere ohne Beschämung. Die Generation, welche Friedrich in dieser Zeit umgab, war eine der geistesmächtigsten, die Norddeutschland jemals aus seinem Schoße hervorgebracht hat. Wie vielleicht die besten Generale der Welt, Münnich, der Marschall von Sachsen, der alte Dessauer und so viele andere Gefährten des Königs Norddeutsche; so waren es die, auf denen die Regeneration der deutschen Philosophie und Poesie, die zum erstenmal hervorgehende Kritik und Altertumskunde beruhte, wie Friedrich die Disziplin der Römer in seinem Heer wiederherstellte, so wetteiferte der deutsche Geist in seiner eigenen Sprache in allen Zweigen der Literatur mit dem Altertum; eine gesinnungsvolle, in ernster Arbeit emporstrebende Zeitgenossenschaft; Geister der verschiedensten Richtungen, weder untereinander einverstanden noch zu diesem Werke herbeigezogen, aber im höheren Sinne zusammenwirkend. Im deutschen Reiche war es nun dahin gekommen, daß das Kaisertum in dem Kerne seines politischen Daseins mehr als je Territorialfürstentum geworden war: das Territorialfürstentum dagegen war beinahe zum Kaisertum entwickelt. In Brandenburg-Preußen ward weder in legislativer noch religiöser Beziehung, weder in Gericht noch Verwaltung auf etwas anderes als das innere Bedürfnis Rücksicht genommen. Den Anspruch darauf rechtfertigte es durch die Unabhängigkeit nach außen, die es behauptete. Selbst Österreich arbeitete erst, sich dem maßgebenden Übergewicht der Seemächte zu entziehen; Sachsen hing von Rußland ab; die Verbindung mit England knüpfte Hannover an die Politik dieses Landes. Die übrigen Fürstentümer waren zu schwach, um etwas für sich zu bedeuten. Nur in Preußen war eine große, zugleich deutsche und europäische Selbständigkeit gegründet, welche das volle Gefühl der Unabhängigkeit seit Jahrhunderten zum erstenmal wieder in die Gemüter brachte, durchdrungen von dem Stolze, auch in bezug auf die Weiterbildung der Welt anderen voranzugehen. Bedeutung des Siebenjährigen Krieges Wenn jemals ein Ereignis auf einer großen Persönlichkeit beruht hat, so ist es das Ereignis des Siebenjährigen Krieges. Die Kriege unserer Zeit pflegen durch wenige entscheidende Schläge zu Ende gebracht zu werden; frühere dauerten länger; doch stritt man mehr über Forderungen und Ansprüche, als über die Summe der Existenz, über das Sein oder Nichtsein der Staaten selbst. Der Siebenjährige Krieg unterscheidet sich dadurch, daß bei so langer Dauer doch jeden Augenblick die Existenz von Preußen auf dem Spiele stand. Bei dem Zustande der Dinge, der allgemeinen Feindseligkeit bedurfte es nur eines einzigen unglücklichen Tages, um diese Wirkung hervorzubringen. Vollkommen fühlte dies Friedrich selbst. Nach der Niederlage von Kolin rief er aus: »Es ist unser Pultawa!«, und wenn sich ihm dies Wort glücklicherweise nicht erfüllt hat, so ist doch wahr, daß er sich seitdem von Moment zu Moment vom Untergange bedroht sah. Ich will nicht berühren, welche Hilfsquellen ihm in einer so verzweifelten Lage sein militärisches Genie, die Tapferkeit seiner Truppen, die Treue seiner Untertanen oder zufällige Umstände dargeboten haben. Die Hauptsache ist, daß er sich moralisch aufrechterhielt. Nur zu leichten Geistesübungen, zu flüchtiger Poesie, zu akademischen Arbeiten hatte ihn die französische Philosophie angeleitet; eher zum Genuß des Lebens, solange es dauert, schien sie ihn einzuladen, als zu so gewaltigen Anstrengungen. Aber wir dürfen sagen, daß der wahre Genius selbst von der irrigen Lehre unverletzt bleibt. Er ist sich seine eigene Regel; er ruht auf seiner eigenen Wahrheit; es gehört nur dazu, daß ihm diese zum Bewußtsein komme; dafür sorgt dann das Leben, die Anstrengung einer großen Unternehmung; das Unglück macht ihn reif. Ein großer Feldherr war Friedrich II. längst; die Unfälle, die er erlitt, machten ihn zum Helden. Der Widerstand, den er leistete, war nicht allein militärisch; es war zugleich ein innerer, moralischer, geistiger; der König führte diesen Krieg fortwährend in Überlegung der letzten Gründe der Dinge, in großartiger Anschauung der Vergänglichkeit alles irdischen Wesens. Ich will seine Gedichte nicht als ausgezeichnete Werke poetischer Kraft rühmen; in solcher Hinsicht mögen sie manche Mängel haben; aber diejenigen wenigstens, welche während der Wechselfälle dieses Krieges entstanden sind, haben einen großartigen Schwung einfacher Gedanken; sie enthüllen uns die Bewegungen einer männlichen Seele in Bedrängnis, Kampf und Gefahr. Er sieht sich »mitten im tobenden Meer«; der Blitz streift durch das Ungewitter; »der Donner«, sagt er, »entladet sich über mein Haupt; von Klippen bin ich umgeben; die Herzen der Steuernden sind erstarrt; die Quelle des Glücks ist ausgetrocknet, die Palme verschwunden, der Lorbeer verwelkt.« Zuweilen mag er wohl in den Predigten des Bourdaloue einen Anhalt, eine Stärkung gesucht haben; häufiger wendete er sich zu der Philosophie der Alten. – Jedoch das dritte Buch des Lucrez, das er so oft studiert hat, sagte ihm nur, daß das Übel notwendig und kein Heilmittel dagegen möglich sei. Er war ein Mann, dem selbst aus dieser harten, verzweiflungsvollen Lehre erhabene Gedanken hervorgingen. Dem Tode, den er sich oft gewünscht, auf dem Schlachtfelde gefunden zu haben, sah er auch auf eine andere Weise ohne Scheu geradezu ins Auge. Wie er seine Feinde gern mit den Triumvirn verglich, so rief er die Manen des Cato und des Brutus auf und war entschlossen, ihrem Beispiel zu folgen. Doch war er nicht ganz in dem Falle dieser Römer. Sie waren in den Gang eines allgemeinen Weltgeschickes verflochten – Rom war die Welt – ohne anderen Rückhalt als die Bedeutung ihrer Person und der Idee, für die sie sich schlugen; er aber hatte ein eigenes Vaterland zu vertreten und zu verfechten, wenn irgendein besonderer Gedanke auf ihn gewirkt hat, so würden wir sagen, daß es dieser Gedanke an sein Land, an sein Vaterland gewesen ist. Wer schildert ihn uns nach der Kunersdorfer Schlacht, wie er den Umfang seines Unglücks und die Hoffnungslosigkeit seines Zustandes ermaß, wie er bei dem Haß und dem Glücke seiner Feinde alles für verloren hielt, wie er dann für sein Heer und sein Land nur einen einzigen Ausweg sah und den Entschluß faßte, diesen zu ergreifen, sich aufzuopfern, – bis sich ihm denn doch allmählich die Möglichkeit eines erneuten Widerstandes zeigte und er sich dieser fast hoffnungslosen Pflicht aufs neue widmete. Unmöglich konnte er sein Land, wie er es solange sehen mußte, zurücklassen: »von den Feinden überschwemmt, seiner Ehre beraubt, ohne Hilfsquellen, in lauter Gefahr«; »dir«, sagt er, »will ich die Reste meines unheilvollen Lebens widmen; ich will mich nicht in fruchtlosen Sorgen verzehren; ich werfe mich wieder in das Feld der Gefahr.« »Setzen wir uns«, ruft er dann seinen Truppen zu, »dem Geschick entgegen; mutig auf wieder so viele, miteinander verschworene, vor Stolz und Vermeßenheit trunkene Feinde!« So hielt er aus. Endlich erlebte er doch den Tag des Friedens. »Die Standhaftigkeit«, sagt er am Schluß seiner Geschichte dieses Krieges, »ist es allein, was in den großen Geschäften aus Gefahren zu erretten vermag.« Ungeschmälert behauptete er sein Land, und von dem Moment, daß er sich wieder den Herrn desselben wußte, ließ er seine vornehmste, seine einzige Sorge sein, die Wunden zu heilen, die der Krieg ihm geschlagen. Wenn es als der Begriff einer großen Macht aufgestellt werden könnte, daß sie sich wider alle anderen, selbst zusammengenommen, zu halten vermögen müsse, so hatte Friedrich Preußen zu diesem Range erhoben. Seit den Zeiten der sächsischen Kaiser und Heinrichs des Löwen zum ersten Male sah man im nördlichen Deutschland eine selbständige, keines Bundes bedürftige, auf sich selber angewiesene Macht. Es erfolgte, daß Frankreich von dem an in deutschen Angelegenheiten wenig oder nichts vermochte. Mit einer Opposition, wie es sie in dem österreichischen Erbfolgekriege erweckt oder begünstigt hatte, war es völlig vorbei. Hatte Preußen sich emanzipiert, so hatten Bayern und Sachsen sich wieder an Österreich angeschlossen. Auch war sobald an keine Erneuerung dieses Verhältnisses zu denken; Frankreich selbst hatte sie dadurch verhindert, daß es in jene enge und genaue Allianz mit Österreich getreten war, die den Siebenjährigen Krieg herbeiführte. Ich will nicht untersuchen, inwiefern dieses Bündnis alle die anderen Folgen gehabt hat, welche die Franzosen, wenigstens nicht ohne Übertreibung, ihm zuschreiben; aber gewiß ist, daß Frankreich seine bisherige Stellung, kraft deren es die deutsche Opposition begünstigt hatte, hierdurch selber aufgab, daß »von diesem Augenblicke an«, wie dort gesagt, »der König von Preußen zum Nachteil der französischen Suprematie auf dem Kontinent der Beschützer der deutschen Freiheiten wurde«. Man glaube nicht, daß Österreich den Franzosen ihren alten Einfluß gestattet habe. Noch als Coregent und von allem Anfang ließ Joseph II. erklären, »er halte die Rechte der kaiserlichen Krone für heilig; er bitte sich aus, daß man ihm nicht daran rühre, wenn man mit ihm gut stehen wolle.« Es war schon damals zu erkennen, daß der wahre Schuß der politischen Unabhängigkeit von Deutschland in einer freien und fest begründeten Vereinigung dieser beiden Mächte gegen das Ausland bestehe. Diese große Veränderung bekam jedoch erst dadurch ihre volle Bedeutung, daß zugleich in der Literatur eine Befreiung der Nation von den französischen Vorbildern und ihrer falschen Nachahmung erfolgte. Ich will nicht sagen, daß sich unsere Nation nicht auch bisher geistiger Unabhängigkeit in einem gewissen Grade erfreut hätte. Am meisten lag dieselbe wohl in der Ausbildung des theologischen Systems, welches alle Geister ergriffen hatte und in der Hauptsache ursprünglich deutsch war. Allein einmal war es doch nur ein Teil der Nation, dem es angehörte; sodann in welch seltsame, scholastische Form fand sich hier die reine, ideale, innerliche Erkenntnis der Religion eingezwängt! Man kann die Tätigkeit und den teilweisen Erfolg nicht verkennen, mit denen in manchen anderen Wissenschaften gearbeitet wurde; aber sie hatten sich alle der nämlichen Form unterwerfen müssen; in verwickelten Lehrgebäuden, für die Überlieferung des Katheders, selten für eigentlich geistiges Verständnis geeignet, breiteten sie sich aus; die Universitäten beherrschten nicht ohne Beschränktheit und Zwang die allgemeine Bildung. Um so leichter geschah es, daß die oberen Klassen der Leserschaft allmählich davon minder berührt wurden und sich, wie gedacht, von französischen Dichtungen hinreißen ließen. Seit der Mitte des Jahrhunderts aber begann eine neue Entwicklung des nationalen Geistes. Wir dürfen nicht vergessen, daß diese doch sehr von jenem Standpunkt ausging, obwohl sie in einem gewissen Gegensatze mit demselben begriffen war. Unbefriedigt, zwar noch festgehalten, aber nicht mehr so beschränkt von dem dogmatischen System, erhob sich der deutsche Geist zu einer poetischen Ergänzung desselben; die Religion ward endlich einmal wieder, und zwar, worauf alles ankommt, ohne Schwärmerei, in ihren menschlichen Beziehungen dem Gemüte nahegebracht. In kühnen Versuchen ermannte sich die Philosophie zu einer neuen Erörterung des obersten Grundes aller Erkenntnis. Nebeneinander, an demselben Orte, wesentlich verschieden, aber nahe verwandt, traten die beiden Dichtungen der deutschen Philosophie hervor, welche seitdem, die eine mehr anschauend, die andere mehr untersuchend, sich neben- und miteinander ausgebildet, sich angezogen und abgestoßen, aber nur zusammen die Fülle eines originalen Bewußtseins ausgedrückt haben. Kritik und Altertumskunde durchbrachen die Masse der Gelehrsamkeit und dringen bis zu lebendiger Anschauung hindurch. Mit einem Schlage dazu erweckt, von seiner Gründlichkeit und Reife unterstützt, entwickelte dann der Geist der Nation selbständig und frei versuchend eine poetische Literatur, durch die er eine umfassende, neue, obwohl noch in manchem inneren Konflikt begriffene, doch im ganzen übereinstimmende Weltansicht ausbildete und sich selber gegenüberstellte. Diese Literatur hatte dann die unschätzbare Eigenschaft, daß sie nicht mehr auf einen Teil der Nation beschränkt blieb, sondern sie ganz umfaßte, ja ihrer Einheit zuerst wieder eigentlich bewußt machte. Wenn nicht immer neue Generationen großer Poeten auf die alten folgen, so darf man sich nicht so sehr darüber wundern. Die großen Versuche sind gemacht und gelungen; es ist im Grunde gesagt, was man zu sagen hatte, und der wahre Geist verschmäht es, auf befahrenen, bequemen Wegen einherzuschreiten. Doch wurde das Werk des deutschen Genius noch bei weitem nicht vollendet; seine Aufgabe war, die positive Wissenschaft zu durchdringen; mancherlei Hindernisse haben sich ihm dabei entgegengestellt, die aus dem Gange seiner eigenen Bildung oder auch anderen Einwirkungen entsprangen; wir dürfen nun hoffen, daß er sie alle überwinden, zu einem vollkommeneren Verständnis in sich selbst gelangen und alsdann zu unablässig neuer Hervorbringung fähig sein werde. Jedoch ich halte inne, denn von der Politik wollte ich reden, obschon diese Dinge auf das genaueste zusammengehören und die wahre Politik nur von einem großen nationalen Dasein getragen werden kann. So viel ist wohl gewiß, daß zu dem Selbstgefühl, von welchem dieser Schwung der Geister begleitet war, keine andere Erscheinung so viel beigetragen hat wie das Leben und der Ruhm Friedrichs II. Es gehört dazu, daß eine Nation sich selbständig fühle, wenn sie sich frei entwickeln soll; und nie hat eine Literatur geblüht, ohne durch die großen Momente der Historie vorbereitet gewesen zu sein. Aber seltsam war es, daß Friedrich selbst davon nichts wußte, kaum etwas ahnte. Er arbeitete an der Befreiung der Nation, die deutsche Literatur mit ihm; doch kannte er seine Verbündeten nicht. Sie kannten ihn wohl. Es machte die Deutschen stolz und kühn, daß ein Held aus ihnen hervorgegangen war. Vierzehntes Kapitel Nach der Besiegung Napoleons. In dem Kampfe mit Napoleon hatten die europäischen Mächte jede ihre besondere Stellung genommen. Da wurde Norwegen von Schweden gewonnen, die Zurückgabe Hannovers an den König von England festgesetzt, die Unabhängigkeit der Niederlande eingeleitet; Österreich breitete seine Herrschaft über Italien aus. Die vornehmste der unentschiedenen Fragen betraf das Verhältnis Rußlands zu Polen und den durch Verträge gesicherten Anspruch Preußens, zu einer seiner Macht von 1805 entsprechenden Vergrößerung zu gelangen. Denn auf das engste hingen beide Momente zusammen; es war die erste Idee, welche Alexander in der Unterredung mit Boyen ausgesprochen hatte, daß Preußen nicht geradezu in den alten Besitz wiederhergestellt werden, aber eine der früheren gleichbedeutende Machtstellung erlangen solle. Die Zusage war bei der Kapitulation von Tauroggen wiederholt und bei der Allianz von Kalisch [28. Febr. 1813] festgehalten worden. Die polnisch-preußischen Provinzen behielt Alexander seiner weiteren Verfügung vor und stellte dagegen gleich im ersten Augenblick für Preußen die Erwerbung von Sachsen in Aussicht. Dabei blieb es nun um so mehr, da der König von Sachsen an dem Kriege gegen Napoleon nicht allein nicht Anteil genommen, sondern sich auf dessen Seite gestellt hatte und in der entscheidenden Schlacht von Leipzig mitten in der Stadt zum Gefangenen gemacht wurde, während ein Teil der sächsischen Truppen zu den Verbündeten überging. Im Laufe der kriegerischen Ereignisse glaubte man ein Recht der Verfügung über diese Länder durch die Gewalt der Waffen erworben zu haben, so gut wie über die anderen, dem französischen Imperator abgerungenen Gebiete. Die Sache hatte nun aber zwei sehr verschiedene Seiten. Als im Spätjahr 1814 die Fürsten und die Diplomaten in Wien zu jenem Kongreß zusammenkamen, welcher die allgemeinen Angelegenheiten durch gemeinsame Übereinkunft regeln sollte, trat vor allem anderen die Besorgnis vor dem Umsichgreifen Rußlands zutage. Kaiser Alexander gab die Absicht zu erkennen, Polen mit Rußland zu vereinigen, wie Ungarn mit Österreich vereinigt sei, und nahm Grenzen für sich in Anspruch, die mit ihren einspringenden Winkeln die Sicherheit Österreichs sowohl wie Preußens gefährdeten. Die Herstellung des Königreichs Polen schien überdies dahin führen zu müssen, daß auch die für Österreich und Preußen vorbehaltenen polnischen Landesteile durch die Idee der Nationalität, die in dem Königreiche repräsentiert sein würde, diesen Staaten wieder entfremdet werden möchten. Man sah in der Stellung, welche Rußland nahm, eine Gefährdung des europäischen Gleichgewichtes, was besonders in England Mißbehagen erweckte: denn dazu hatte man ja die Waffen in die Hand genommen, um die gegenseitige Unabhängigkeit der europäischen Staaten zu sichern; diese Idee aber, die soeben in Frankreich triumphiert hatte, wäre nun wieder von Rußland in Frage gestellt worden. In England machte man die Reflexion, daß, wenn Preußen ansehnlich vergrößert werde, nicht aber zugleich eine sichere Grenze gegen Rußland erlange, also von Rußland abhängig bleibe, das allgemeine Staatenverhältnis vollkommen unhaltbar werden würde. In der Natur der Verhältnisse lag, daß Österreich seiner vor und bei dem Kriege beobachteten Politik gemäß den Einwendungen Englands hiergegen beitrat; es verlangte eine volle Sicherheit seiner polnischen Provinzen und seiner Grenze Rußland gegenüber. In den ersten Wochen der großen Zusammenkunft suchten nun die beiden Mächte Preußen für sich zu gewinnen, um es zu einer gemeinschaftlichen Opposition gegen Rußland zu vermögen, für die sich insofern vieles sagen ließ, als auch für Preußen eine sichere Grenze nach Osten hin unbedingt notwendig war. Auch seinerseits wollte es die polnischen Gebiete, die ihm noch übrigblieben, nicht unter den Einfluß des neuen Königreichs Polen geraten lassen. Es ist deshalb sehr erklärlich, wenn Preußen den Kundgebungen der beiden anderen Mächte gegen die russischen Pläne beistimmte. Man meinte, auf den russischen Kaiser durch die Vorstellung, daß er mit seiner eigenen Idee über die Unabhängigkeit aller in Widerspruch geraten werde, Eindruck zu machen. Aber um dieser Streitfrage willen mit Rußland zu brechen, dachte man doch vom ersten Augenblick an in Preußen nicht: denn es leuchtete sofort ein, daß die beiden anderen Mächte auf Frankreich rekurrieren würden, welches auch unter der wiederhergestellten bourbonischen Dynastie eine starke Stellung im Sinne des alten Königtums einzunehmen trachtete. Die Opposition gegen Rußland gewann einen eigentümlichen Charakter dadurch, daß der Minister des royalistischen Frankreich, Talleyrand, sich an die Spitze derselben zu sehen suchte. Er hat dem Kaiser Alexander geradezu gesagt: er dürfe nichts weiter behalten, als was ihm von Rechts wegen zukomme; der Kaiser antwortete: die Konvenienz von Europa bilde das Recht; er werde behalten, was er habe, und es lieber zu einem Kriege kommen lassen, als es aufgeben. Einem preußischen Gesandten hat er gesagt, er habe 700 000 Mann in Kriegsbereitschaft und werde seine Stellung zu behaupten wissen. Ein Augenblick trat ein, in welchem wirklich ein Krieg von Frankreich, England und Österreich gegen Rußland bevorzustehen schien. Dazu aber konnte man in England den Entschluß nicht fassen. Man hat dort auf die dahin zielenden Zumutungen geantwortet: bei einem solchen Kriege würden Holland und Flandern doch wieder der Obhut der Franzosen anvertraut werden müssen, denen man dieselben vor kurzem entrissen habe. Noch weniger konnte Preußen darauf eingehen: denn die soeben besiegte napoleonische Armee, die aber noch bestand, würde unter den königlichen Fahnen wieder im Felde erscheinen und zu einem neuen militärischen Ansehen, das für Preußen unerträglich geworden wäre, gelangt sein. Auch ohne sich in eine solche Gefahr zu stürzen, ließen sich wohl genügende Grenzbestimmungen für Preußen erlangen. Und was die andere Besorgnis anlangt, die Einwirkung der Idee der polnischen Nationalität, die durch die konstitutionelle Verfassung, welche Alexander dem Königreiche zu geben dachte, verstärkt werden würde, so bemerkten Stein und Humboldt, daß darin eine so große Gefahr nicht liege, weil der dadurch unvermeidliche Zwiespalt zwischen Rußland und Polen die Macht des Kaisers wieder beschränke. Dazu kam dann das alte freundschaftliche Verhältnis zwischen Alexander und Friedrich Wilhelm III. Die Franzosen erzählen von einem vertraulichen Mittagsmahl, bei welchem der Kaiser dem König ihre alte Freundschaft in Erinnerung und die Aussicht auf weiteres Verständnis zur Sprache gebracht habe: sie seien beide gleichen Alters; noch lange würden sie Zeugen des Glückes sein können, das ihre Völker ihrer innigen und persönlichen Verbindung zu verdanken hätten. Worte, welche, wenn sie wirklich ausgesprochen worden sind, unwiderstehlich für Friedrich Wilhelm gewesen sein werden. Da nun Preußen nicht dahin zu bringen war, gegen Rußland aufzutreten, so wurde es die Aufgabe Hardenbergs, zwischen Rußland einerseits und Österreich und England andererseits eine Mediation zu versuchen. Dem Kaiser Alexander legte er dar, wie gefährlich es für ihn sei, den Ausbruch eines neuen Krieges zu veranlassen. Stein verband seine Vorstellungen mit denen Hardenbergs. Allmählich zeigte sich der Kaiser, indem er die Hauptsache festhielt, nachgiebiger in dem Minderbedeutenden. Und auch auf Österreich übte Hardenberg eine ähnliche Einwirkung aus; Österreich genehmigte die Errichtung des Königreichs Polen, vorbehaltlich der geforderten Garantien, und bestand hauptsächlich im Namen der beiden deutschen Mächte auf eine Bestimmung der Grenzen, wie sie für ihre eigene Ruhe und Sicherheit erforderlich sei. Am 23. November 1814 hat Hardenberg eine Unterredung mit Kaiser Alexander gehabt, in welcher er ihm sowohl die Konzessionen Österreichs in bezug auf das Königreich als dessen Forderungen in bezug auf die Grenzen vortrug. Die deutschen Mächte hätten die Weichsel und Narew zur Grenze zu bestimmen gewünscht; da dies aber schlechterdings nicht zu erreichen war, so begnügten sie sich, Krakau und Zamosc für Österreich, Thorn für Preußen vorzubehalten; sie verloren nicht aus den Augen, daß ihr Interesse auch gegen Rußland vielfach ein gemeinschaftliches sei. Man kam auf die in den früheren Verhandlungen besonders von Metternich oftmals ausgesprochene Idee zurück: es komme darauf an, Österreich, Preußen und Deutschland so zu konstituieren, daß sie weder von Frankreich noch von Rußland etwas zu fürchten hätten. Gegen Ost und West sollten Preußen und Österreich sich zu einer mitteleuropäischen Macht vereinigen. Schon aber trat die andere Frage in den Vordergrund, bei welcher Österreich dem Anspruch Preußens, die ihm in den Verträgen vorbehaltene Entschädigung für die polnischen Landschaften in der Reunion Sachsens mit der Monarchie zu suchen, mit aller Entschiedenheit entgegentrat. Hardenberg brachte dafür, von Stein unterstützt, Argumente zum Vorschein, die sich nicht leichthin von der Hand weisen ließen: durch die preußischen Waffen sei den meisten anderen Fürsten eine sichere Stellung zuteil geworden; sollte Preußen allein leer ausgehen? Vom Niemen dehne sich sein Gebiet bis an die Maas aus; irgendwo müsse es eine zentrale Kraft haben, um imstande zu sein, nach allen Seiten hin mit Nachdruck aufzutreten. Das könne aber lediglich durch die Reunion von ganz Sachsen geschehen. Die Aufstellung Preußens am Rhein sei eine Forderung des allgemeinen Wohles; in dem Interesse Preußens würde sie besser aufgegeben, wenn die Monarchie nur sonst zu einer konzentrierten Stellung gelange, wie sie eine solche bis zu dem Jahre 1806 besessen habe. Preußen dürfe dies um so mehr verlangen, da sein Territorium jetzt von fremden Gebieten allenthalben durchbrochen werde. Der vornehmste Gesichtspunkt der beiden Minister ist immer der allgemeine: Alles wird von der Notwendigkeit hergeleitet, den preußischen Staat in eine Lage zu sehen, in welcher er stark genug werde, seinem deutschen und europäischen Berufe zugleich zu genügen. Dem aber setzte Metternich andere Argumente, die von der eigentümlichen Stellung Österreichs und von den inneren Verhältnissen Deutschlands hergenommen waren, entgegen: die Inkorporation Sachsens in den preußischen Staat werde die allgemeine Beunruhigung eher vermehren als vermindern; die deutschen Fürsten würden sich weigern, in den vorgeschlagenen Deutschen Bund einzutreten, wenn die eine der zur Protektion bestimmten Mächte eines der bedeutendsten deutschen Länder sich selbst zueigne; und auf den Fall einer Entzweiung mit Preußen liege für Österreich eine Gefahr darin, den Angriffen dieser Macht nicht allein von Schlesien, sondern von Sachsen her ausgesetzt zu sein. Aus diesen Gründen sprach er aus, daß dem König von Sachsen ein unabhängiges Gebiet und eine politische Existenz gerettet werden müsse. Wenn nun aber Metternich in einer ferneren Konferenz der vier Mächte den Grundsatz aufstellte, daß der König von Sachsen zu jedem Abkommen, welches man treffe, seine Einwilligung geben müsse, so lag darin ein Präjudiz für die ganze Angelegenheit, weil die Einwilligung dieses Fürsten in eine Teilung seines Landes nimmermehr erwartet werden konnte. Schon ließ sich jedoch bemerken, daß England und Österreich nicht ganz einverstanden waren. Wäre der englische Bevollmächtigte Castlereagh dieser Ansicht beigetreten, so würde an kein Abkommen zu denken gewesen sein und man hätte sich vielleicht nochmals zum Kriege anschicken müssen. Aber der englische Minister war hierin nicht der Meinung des österreichischen; er erklärte, sein Auftrag gehe dahin, die Rekonstruktion von Preußen nach den in den Verträgen enthaltenen Bestimmungen zu unterstützen; auf die Beistimmung des Königs von Sachsen komme es dabei nicht an. Einer anderen Behauptung, welche Metternich in jener Konferenz aussprach, daß nämlich die sächsische Frage nicht nur eine deutsche, sondern eine europäische sei, stimmte dagegen der Lord zu; auch er war für die Herbeiziehung Talleyrands zu der weiteren Beratung. Zwischen den Bevollmächtigten von England, Frankreich und Österreich hatten schon mancherlei Besprechungen stattgefunden, die hauptsächlich durch die Äußerung Hardenbergs veranlaßt wurden, Preußen werde sein Recht zu wahren wissen, so daß die Meinung sich ausbreitete, zwischen Rußland und Preußen sei bereits eine besondere Allianz zu diesem Zwecke geschlossen worden. Auf eine solche Eventualität war es berechnet, daß die drei anderen Mächte sich verpflichteten, einander mit allen ihren Kräften zu unterstützen, wenn infolge der von ihnen vereinbarten Vorschläge eine von ihnen Feindseligkeiten erfahren sollte. Der Vertrag hat später, als er bekannt wurde, das größte Aufsehen gemacht. Damals ist er nicht allein geheimgehalten worden, sondern auch ohne Wirkung geblieben; er würde die schwersten Folgen nach sich gezogen haben, wenn England und Österreich einverstanden gewesen wären, die preußischen Ansprüche zurückzuweisen oder den König von Sachsen, wie man gesagt hat, zum Herrn der Frage zu machen. Allein so verhielt es sich nicht. Wenn auch Rußland und Preußen die Zulassung Talleyrands genehmigten, so geschah es doch nur unter der Bedingung, daß Castlereagh die Beistimmung des Königs von Sachsen zu den Festsetzungen, die man treffe, für nicht notwendig erklärte. Erst hierauf (11. Januar 1815) wurde Talleyrand zu der Konferenz gezogen. Entscheidend konnte dann seine Einwirkung nicht mehr werden. Bereits fünf Tage früher hatte Castlereagh dem Kaiser Alexander ausgesprochen, daß England in eine Teilung von Sachsen willige. Wenn er noch darauf rechnete, daß der Kaiser dem Könige von Preußen ein größeres Territorium in den polnischen Provinzen zugestehen würde, worauf denn die Ansprüche Preußens für seine Wiederherstellung geringer geworden wären, so schnitt ihm der Kaiser diese Erwartung ab: denn die polnische Sache sei abgemacht; alles komme darauf an, den König von Preußen zu befriedigen; sobald dies geschehen, sei auch er bereit, zu unterzeichnen. Wie die Besorgnis vor einem allgemeinen Kriege den Kaiser Alexander veranlaßt hatte, die drohende Stellung aufzugeben, die er in Polen einzunehmen im Begriff war, so trug nun der Wunsch, den Frieden zu erhalten, ebenfalls dazu bei, daß England in eine Teilung von Sachsen, inwieweit sie zur Rekonstruktion Preußens unentbehrlich wurde, ohne Rücksicht auf die Beistimmung des Königs von Sachsen, willigte. Am 9. Januar 1815 gab Castlereagh diese Erklärung zu Protokoll. Hierauf hat auch Metternich seine Bedingung fallen lassen, ohne das doch zu Protokoll geben zu wollen. Die beiden Hauptfragen waren hierdurch im allgemeinen erledigt, der Friede gesichert, eine neue Einwirkung Frankreichs ausgeschlossen. Wir enthalten uns, die verschiedenen Velleitäten und ihre Anwandlungen zu erörtern. Die Begebenheit entwickelte sich auf der einmal genommenen historischen Grundlage mit innerer Folgerichtigkeit. Die vier Mächte verfuhren eben, wie es ihre Lage und die eingegangenen Verpflichtungen mit sich brachten; um einen Konflikt zu vermeiden, welcher alles in Frage gestellt hätte, war die Auskunft, die man traf, eine gebotene, im ganzen unabänderliche. Noch immer boten die Festsetzungen im einzelnen erhebliche Schwierigkeiten dar. Eine der wichtigsten betraf die Festungen. Hierin ließ endlich auch Metternich das sächsische Interesse fallen; er schlug es Preußen sehr hoch an, daß es hierdurch der gewaltigen Bollwerke an einem der Hauptströme Deutschlands und Europas Meister wurde. Und wer könnte verkennen, wie sehr die militärische Position des Staates, wie er nunmehr wurde, dadurch verstärkt worden ist! Wenn nun aber Preußen für seinen Anteil auch die Stadt Leipzig forderte, so war der österreichische Minister nicht dahin zu bringen, das nachzugeben: denn eine politische Existenz müsse der König von Sachsen behalten; auch ohne Leipzig erlange Preußen durch die Erwerbung gewerbfleißiger Landschaften und einer guten kommerziellen Linie große Vorteile. Hierüber ist nun noch mancherlei verhandelt worden: unter Vermittlung Castlereaghs wurden die Städte Görlitz, Weißenfels, Naumburg zum preußischen Anteil geschlagen. Selbst über die Zahl der den beiderseitigen Gebieten zuzuteilenden Untertanen war man verschiedener Meinung. Zu einem definitiven Abkommen trug der englische Minister durch Nachgiebigkeit in den Territorialbestimmungen für die Niederlande und Hannover wesentlich bei. Es waren immer die großen politischen Verhältnisse, welche die Sache selbst entschieden und die einzelnen Bestimmungen herbeiführten. Für die Ausführung derselben konnte nun die Beistimmung des Königs von Sachsen nicht mehr maßgebend sein. Es war eben alles politische Übereinkunft: der Verlust, der ihm zugemutet, der Besitzstand, der ihm gesichert wurde. König Friedrich August befand sich damals in Preßburg. Es waren die Bevollmächtigten von Österreich, Frankreich und England, welche bisher auf der Seite von Sachsen gestanden hatten, die nun dem Könige Friedrich August den über die Zukunft seines Landes gefaßten Beschluß ankündigten; sie machten das Aufhören der provisorischen Regierung in den ihm zurückzugebenden Landschaften davon abhängig, daß er die Teilung, wie sie jetzt festgesetzt worden, annehme. Man ging von dem Grundsatz aus, daß dem Sieger in einem gerechten Kampfe zustehe, den besiegten ungerechten Feind zu ferneren Feindseligkeiten unfähig zu machen. Dem Könige von Sachsen wurde gesagt: nicht zwar Preußen, aber die Verbündeten hätten das Recht erworben, über das Land zu verfügen; es sei ihr freier Wille, wenn sie ihm die Hälfte desselben zurückgäben; aber seine Einwilligung sei die Bedingung dieser Zurückgabe. In diesem Augenblick war Napoleon von Elba zurückgekommen und von dem Jubel der Armee in Frankreich begrüßt worden. Für den König von Sachsen lag darin keine Erleichterung seiner Lage. Mit verdoppeltem Ernst gedrängt und, wenn er zögere, aufs neue mit dem Verlust des Ganzen bedroht, fügte er sich – man kann erachten, unter welchen Gefühlen – in die Teilung des Landes (18. Mai 1815). Sachsen verlor dadurch seine Bedeutung in dem System der europäischen Staaten, – für das Land, dessen Existenz gerettet wurde, kein Unglück, da die Politik des Hofes, besonders die Verbindung desselben mit Polen, ihm eher schädlich als nützlich gewesen war. Die Kombination, die einst von Hardenberg in Kydullen und dann von Kaiser Alexander bei der ersten Wendung der großen Angelegenheiten in Aussicht genommen war, gelangte so weit zur Ausführung, als dies das gegenseitige Verhältnis der Mächte und die Lage der Dinge in Deutschland gestatteten. Eine nicht viel weniger wichtige Angelegenheit als die Festsetzung seiner eigenen Territorien bildete für Preußen die Entscheidung über die künftige Gestaltung von Deutschland. Unter den mannigfaltigen Schwankungen der Beratung war bei den kleineren deutschen Fürsten nochmals der Gedanke aufgetaucht, das Kaisertum in dem Hause Österreich wiederherzustellen. Dem hat sich damals selbst Stein angeschlossen: denn nur ein Kaiser schien ihm fähig, die Einheit und Sicherheit Deutschlands zu erhalten. Auch Alexander erklärte sich nicht abgeneigt, wenn nur Preußen einwillige. Aber von Anfang an war es eine Grundlage der neuen Verbindung zwischen Preußen und Österreich gewesen, daß Österreich darauf verzichtet hatte, die kaiserliche Würde in dem alten deutschen Reiche wiederherzustellen. Kaiser Franz, der die Unannehmlichkeiten, in welche er als deutscher Kaiser verwickelt worden, in frischem Gedächtnis hatte, blieb immer bei seiner Weigerung. Nicht so unerschütterlich erschien sein erster Minister in dieser Beziehung; und es mag immer zweifelhaft sein, was Österreich geantwortet haben würde, wenn ihm der Antrag gemacht worden wäre. Aber die preußischen Minister waren weit entfernt, demselben beizupflichten. Unter den Gründen, die Humboldt dagegen anführt, ist der einleuchtendste, daß das Kaisertum nicht mit einer dieser Würde entsprechenden Gewalt ausgestattet werden könne; Preußen könne sich einer solchen Autorität nicht unterwerfen, Bayern und Württemberg würden es nicht wollen; die Abhängigkeit der kleineren Fürsten laufe den Ideen entgegen, nach welchen der Pariser Friede geschlossen sei. Hardenberg sagte: er würde in Berlin einen Sturm gegen sich erwecken, wenn er Österreich noch mehr verstärke. Sie waren beide der Meinung, daß ein Bund dem großen Bedürfnis genüge, namentlich wenn Österreich und Preußen zusammenwirkten. Ein Bund werde, so sagte Humboldt, dem Geiste der Nation, der weder unruhig noch aufrührerisch sei, aber vorwärts strebe und die Aufklärung der Zeiten benutzen wolle, am besten entsprechen. Hardenberg hat Stein persönlich ersucht, die Herstellung des Kaisertums in dem Hause Österreich fallen zu lassen, da dasselbe nur Veranlassung zur Eifersucht zwischen Österreich und Preußen geben werde. Auch Wellington, der jetzt bei dem Kongreß eingetroffen war, erklärte sich für den Bund und gegen das Kaisertum, welches jetzt unmöglich sei. Wir erinnern uns der Entwürfe, welche Hardenberg schon im Jahre 1805 für die Neugestaltung Deutschlands gemacht hatte. Diese gingen eigentlich dahin, den mittleren und kleineren deutschen Fürsten zwar ihren Rang und ihre Besitzungen zu lassen, nicht aber die Prärogative der Souveränität, namentlich nicht in bezug auf Krieg und Frieden; Bewaffnung und Kriegführung sollten schlechterdings den beiden Hauptmächten anheimgegeben sein. In diesen Entwürfen waren jedoch seitdem mancherlei Modifikationen eingetreten, veranlagt hauptsächlich durch die Wiederherstellung Hannovers und die politisch-militärische Stellung, welche sich Bayern errungen hatte. Man durfte nur einen Bund souveräner Fürsten und freier Städte ins Auge fassen, bei dem so wesentliche Beschränkungen, wie sie ursprünglich beabsichtigt wurden, nicht stattfinden konnten. Der vornehmste Gedanke blieb dann immer dahin gerichtet, der unabhängigen Politik der Bundesstaaten Schranken zu ziehen; dieses ist bei der definitiven Feststellung der Bundesakte zuletzt doch erreicht worden. Das alte Recht der Bündnisse, welches die Reichsstände seit dem Westfälischen Frieden besessen hatten, konnte den Bundesstaaten zwar nicht geradezu entrissen werden; aber es ward auf eine Weise bestimmt, welche einen Gebrauch desselben, wie es sich bisher so nachteilig erwiesen hatte, unmöglich machte; sie verpflichteten sich, keine Verbindungen einzugehen, welche gegen die Sicherheit des Bundes oder einzelner Glieder desselben gerichtet sein könnten. So kam es nun doch dahin, daß Österreich, der Deutsche Bund und Preußen eine große Bundesgenossenschaft bildeten, die den Frieden von Mitteleuropa sicherte. Sie war weit entfernt, den Wünschen der Nation und ihren Bedürfnissen zu entsprechen; aber es konnte nun eben nicht weitergebracht werden. Es war nicht das Ziel, aber eine Stufe der deutschen Entwicklung. Für Preußen lag ein Fortschritt seiner Macht darin, daß es der Unterordnung, die ihm die alte Reichsverfassung auferlegte, entledigt wurde und ebenbürtig neben Österreich auftrat. Um die Verhandlungen des Kongresses zu würdigen, muß man die Situation des Momentes erwägen. Als Talleyrand sich nach Wien begab, hatte er eine Verbindung der souveränen Fürsten mit Frankreich zustande zu bringen beabsichtigt; und die Besorgnis, daß es ihm damit gelingen könne, gehört zu den Motiven, den Bundesfürsten keine größeren Beschränkungen aufzuerlegen. Aber dahin führten die Ergebnisse der Beratungen des Kongresses, daß auch die Möglichkeit einer solchen Verbindung ausgeschlossen wurde. Talleyrand hatte ferner kein Hehl daraus gemacht, daß Frankreich die Nachbarschaft von Preußen scheue; gerade diese aber wurde durch die Bestimmungen des Kongresses unwiderruflich festgesetzt. Es war der Gedanke, den William Pitt bei der Koalition von 1805 im Auge gehabt hatte, um eine starke Macht den Franzosen von der deutschen Seite her entgegenzustellen. Die rheinischen Landschaften, welche Preußen erwarb, waren eben solche, die einst von den Franzosen in Besitz genommen, aber infolge des Pariser Friedens zurückgegeben worden waren. Preußen gelangte dadurch zu einer Stellung im Westen, welche dem Staate eine neue politische Richtung anwies, die für die Folgezeit von entscheidender Wichtigkeit geworden ist. In den westfälischen Gebieten, die an Preußen zurückkehrten, trat es in die Stelle wenigstens der mittelbaren Herrschaft von Frankreich. Auch bei den übrigen Entschädigungen, welche Preußen erwarb, ist der deutsche Gedanke maßgebend gewesen. Um das Abkommen über Sachsen möglich zu machen, hatte sich Kaiser Alexander zuletzt doch entschlossen, Thorn an Preußen zu überlassen, was für die Aufrechterhaltung des deutschen Elementes an der Weichsel von vielem Werte war. Da wurde nun auch der skandinavische Einfluß auf Deutschland möglichst eliminiert. Indem sich Preußen entschloß, Ostfriesland an Hannover aufzugeben, erwarb es dagegen Schwedisch-Pommern, was nicht allein einen Vorteil für den Körper des Staates, wie er damals konstituiert wurde, sondern auch einen unschätzbaren Gewinn für das gesamte Deutschland in sich schloß. Denn diese Landschaft repräsentierte seit mehr als anderthalb Jahrhunderten die Einwirkung Schwedens auf Deutschland, die durch die Verbindung desselben mit Frankreich die schwersten Gefahren herbeigeführt hatte. Der Westfälische Friede, der ein Grundgesetz für Jahrhunderte bildete, war doch nur das Resultat der tiefsten inneren Zerwürfnisse. Der Wiener Kongreß hat das Verdienst, die Festsetzungen dieses Friedens in mehr als einer für die Nation wichtigen Beziehung vernichtet zu haben; er schaffte das Recht der Bündnisse ab und gab Pommern dem deutschen Hause zurück, dem ein uralter und gesetzlicher Anspruch darauf zukam. Welch eine Aufgabe war es nun aber, alle diese Landschaften von den verschiedensten Einrichtungen, Erinnerungen und Gewohnheiten, die nicht einmal geographisch zusammenschlossen, zu der Einheit eines Staates zu verbinden! Einen Moment dafür bildet die Durchführung der angebahnten Gesetzgebung; auch die Verordnung vom 22. Mai 1815, welche eine allgemeine Staatsverfassung im Zusammenhang mit den bereits vorhandenen oder zu bildenden ständischen Institutionen der verschiedenen Landschaften verhieß, fällt dafür ins Gewicht. Bei dieser Verordnung haben, wie bei so vielen anderen zum Zweck neuer Einrichtungen des Staatswesens, Stein und Hardenberg zusammengewirkt. Wie oft haben wir Stein zu erwähnen gehabt! Hier am Schlusse dürfen wir wohl nochmals ihr Verhältnis zueinander erwägen. Die Natur liebt es nicht, alle wünschenswerten Eigenschaften in einem Menschen zu vereinigen. Für die Geschichte ist das Gegeneinanderstreben oder das Zusammenwirken von verschiedenen Standpunkten aus nicht selten förderlich gewesen; in diesen beiden Individualitäten erschien Gegensatz und Einverständnis gleich bedeutend. In Stein lebte der Impuls ursprünglicher Gedanken und Gefühle, in Hardenberg mehr Empfänglichkeit für die allgemeinen Tendenzen, welche die Welt beherrschten, die er insofern teilte, als sie seiner eingeborenen Sinnesweise, seinen Studien und seiner Lebenserfahrung entsprachen. Beide begegneten einander in der Opposition gegen die nicht mehr ausreichenden Formen der Staatsverwaltung. Die erste Idee einer Nationalrepräsentation ist ohne Zweifel von Stein gekommen; aber Hardenberg hat den Moment ergriffen, in welchem an eine Ausführung derselben zu denken war; er hat dann unter heftigen Gegenwirkungen einen Versuch dazu gemacht. Für eine ausgedehntere Volksbewaffnung zeigten beide gleichen Eifer; unter den schwankenden Beratungen hat Stein die Pläne näher bestimmt; die Ausführung ward später durch die Verwaltung Hardenbergs vermittelt. Man könnte nicht sagen, wer bei der neuen Gesetzgebung das größere Verdienst hat. Die Entwürfe Hardenbergs vom Jahre 1807 haben den Grund zu allem gelegt; sie sind jedoch, wenigstens in einigen der wichtigsten Punkte, nicht ohne Teilnahme Steins gefaßt worden; die ersten entscheidenden Edikte sind dann von diesem ausgegangen. Stein war ein gläubiger Orthodoxe; Hardenbergs Religiosität hatte mehr einen philosophischen Anstrich; er war ein Mann der allgemeinen Bildung. Stein dachte die Kirche aufrechtzuerhalten; Hardenberg verwandte sich für die Universität. Stein hatte mehr aristokratische, Hardenberg mehr demokratische Sympathien; doch hätte keiner darüber das Wohl des Ganzen oder den Willen des Königs aus den Augen gesetzt. Die kräftigsten Anregungen zu einer populären Erhebung gegen Napoleon rühren von Stein her. Hardenberg war ihnen nicht entgegen; aber er suchte sie zu mäßigen, um das für den Staat noch unbedingt erforderliche gute Verhältnis zu Frankreich zu wahren; er wußte zu erreichen, daß Napoleon dem gegen ihn gefaßten Widerwillen entsagte und seinen Wiedereintritt in die ministerielle Tätigkeit guthieß. Dagegen warf sich Stein in den heftigsten Antagonismus gegen Napoleon und hat in dem großen Kampfe gegen ihn eine entscheidende Wirksamkeit ausgeübt. Wir möchten nicht so viel Wert darauf legen, daß er den russischen Kaiser in dem System des Widerstandes bis auf das Äußerste bestärkt hat: denn dazu wurde Alexander durch seinen eingeborenen Sinn schon von selber bestimmt; aber unzweifelhaft hat Stein in ihm den Gedanken erweckt, seinen Kampf mit Hilfe der deutschen Nation fortzusetzen; er hat dann mehr als irgendein anderer Mensch dazu beigetragen, daß die Deutschen in diesen Bund eintraten; er hat die erste Vereinigung einer deutschen Population mit dem Europa umfassenden Unternehmen Alexanders herbeigeführt, ohne der Selbständigkeit der ersteren Eintrag zu tun. Hauptsächlich von Stein ist die Allianz zwischen Rußland und Preußen zu dem Zwecke einer unmittelbaren Waffenerhebung angebahnt und durchgesetzt worden. Daraus entsprang folgerichtig der Entschluß, dem französischen Imperium von Grund aus ein Ende zu machen und Napoleon zu stürzen. Eine großartigere Wirksamkeit läßt sich kaum denken. Aber ohne Hardenberg wäre sie doch nicht zum Ziele gelangt. Die ganze Geschicklichkeit eines geübten Diplomaten gehörte dazu, um dem preußischen Staate für seine Wiedererhebung Raum zu verschaffen und dabei doch die Feindseligkeit des übermächtigen Gegners nicht vorzeitig zu erwecken. Wenn in Kalisch der preußische Gesandte und Stein verschiedene Direktionen repräsentierten, so hat sich der Staatskanzler, durch fortgeschrittene eigene Erwägungen bestimmt, für Stein entschieden; mit eigener Hand hat er dem ursprünglichen Entwurfe die von den russischen Bevollmächtigten nachträglich eingebrachten Verbesserungen, die dessen Annahme erst möglich machten, beigeschrieben. Durch sein ebenso umsichtiges wie entschiedenes Verhalten wurde es möglich, daß unter den Augen des Feindes die populäre Bewaffnung ins Werk gesetzt wurde, die bereits im stillen vorbereitet war. Unverhohlen trat er erst hervor, als die Dinge so weit gekommen waren, daß die ganze Nation sich wie ein Mann für das neue System erklärte. Wenn in den Augen der Nachwelt Stein als der größere erscheint, so rührt das daher, daß er sich weniger auf den gewohnten Bahnen bewegte und einen moralischen Schwung besaß, welcher Ehrfurcht erweckte; es war etwas in ihm, das den großen Mann charakterisiert. Von Hardenberg läßt sich das nicht sagen; aber er hatte den Schwung des politischen Gedankens und alle die unbeugsame Zähigkeit und Unverdrossenheit, die dazu gehörten, einen solchen zu realisieren. Von alledem, was ihm gelang, möchte das vornehmste sein, daß er die Idee einer Koalition gegen die Übermacht Napoleons, mit der er sich von jeher getragen hatte, in dem rechten Momente wiederaufnahm und durchzuführen wußte. Davon aber hing die Wiederherstellung Preußens ab. Um Preußen, als Staat betrachtet, hat Hardenberg sich ein nicht hoch genug anzuschlagendes Verdienst erworben. Nach dem großen Kampfe richtete er sein ganzes Bestreben dahin, die Einheit des gleichsam umgeschaffenen Staates fest zu begründen. Er wußte die auswärtigen und inneren, die materiellen und ideellen Interessen zugleich zu umfassen. Das vornehmste Werk seiner letzten Jahre war die Einführung einer gleichmäßigen Steuerverfassung und Administration für alle Provinzen. Aber indem er für die Gegenwart sorgte, behielt er die Zukunft im Auge. Den Schlußstein bildet jene Verordnung, durch welche die Vermehrung der Staatsschulden an die Einwilligung der künftigen Reichsstände geknüpft und diesen dadurch im voraus eine das Ganze umfassende und für die folgenden Generationen maßgebende Wirksamkeit gesichert wurde. Alles geschah unter stetigem, oft nicht unberechtigtem Widerspruch. Fünfzehntes Kapitel Zwischen Wiener Kongreß und Bismarck Zustände nach 1815 Betrachten wir zuerst die süddeutschen, wie man sonst gesagt hätte, oberländischen Staaten! Es sind die Gegenden, die man zuletzt vorzugsweise das Reich nannte: man weiß, wie voll von kleinen Unabhängigkeiten, wie mannigfaltig zerschnitten in Bistümer und Städte, Ritterschaft und kleine Fürstentümer sie waren. Mit einem Male hörten alle diese Unabhängigkeiten auf; nur eine einzige, die der größeren Fürsten, blieb übrig. Hierauf traten vor allem zwei Übelstände hervor. Gerade denen wurde man hier und da unterworfen, denen man ziemlich gleichzustehen geglaubt, mit denen man zuweilen sogar in einer nachbarlichen Eifersucht gelebt hatte. Sodann waren die Hauptgebiete nicht bedeutend genug, um die ihnen zugesellten Landesteile durch überwiegende innere Kraft anzuziehen und sich zu verähnlichen. Baden wuchs von 92 Quadratmeilen auf 274; unter Württemberg wohnten ums Jahr 1790 nicht mehr als 600 000, 1815 dagegen bei anderthalb Millionen Menschen; man zählt 78 Landesherrschaften, die dazu geschlagen worden. Nicht viel anders war es in anderen Ländern. Wollte man nun diese fremdartigen Bestandteile wahrhaft in einen Staatskörper vereinigen, so konnte es nicht anders als vermittels starker, durchgreifender Maßregeln geschehen, wie das Kriegsoberhaupt, an das man geknüpft war, dazu Schutz und Muster gab; nur mit gewaltsamer Hand konnte man sie zügeln. Der [1816] verstorbene König [Friedrich] von Württemberg verfuhr unnachsichtig mit seinen neuen wie mit seinen alten Untertanen. Man hat bemerkt, daß er, der dem Adel das Recht absprach, sich durch Fideikommisse zu erhalten, dennoch gefragt sein wollte, wenn sich ein Edelmann mit einer Bürgerlichen zu verheiraten dachte, daß er den ehemaligen Reichsstädten den größten Teil ihres Einkommens nahm und den größeren Teil ihrer Schulden ließ. Zugleich schaffte er die abgesonderte Verwaltung des Kirchengutes und mit ihr die ganze Verfassung des Herzogs Christoph ab; er entzog seinen wanderungslustigen Schwaben das letzte der hergebrachten Rechte, sein Gebiet zu verlassen. Dies aus so verschiedenartigen Bestandteilen, mit Ansprüchen, die einander so vollkommen zuwiderliefen, erwachsene kleine Reich suchte er im Bunde mit den neuen Ideen von der Gleichheit vor dem Gesetz und von der Unabhängigkeit der Staatsgewalt zusammenzuhalten. Gewiß, auch für den Breisgau, der seine Verfassung unter Österreich unverletzt behauptet hatte, war es hart, dieselbe bei seiner Vereinigung mit Baden durch den Beschluß sogar eines so milden Fürsten, wie Karl Friedrich ohne Zweifel war, auf der Stelle zu verlieren ... Eine Zeitlang wurde der Adel geschont; aber noch in dem Jahre der Befreiung, noch nach der Lützener Schlacht verlor er den Rest seiner Rechte. In Bayern hatte man schon früher, vor aller weiteren Ermächtigung, den unabhängigsten der drei Stände, von welchem, wie wir gesehen, die Erhaltung des Katholizismus in diesem Lande und in ganz Deutschland überhaupt so sehr abgehangen, den geistlichen, ohne Schonung angegriffen. Ich finde bei Rudhart, daß sich die Prälaten beschweren, man habe Abteien aufgehoben, sechs Tage, nachdem die feierlichste Versicherung gegeben worden, es solle keine aufgehoben werden. Als hierauf das Land durch den Preßburger Frieden [1805] so bedeutend vergrößert worden, vernichtete man alle einzelnen landschaftlichen Verfassungen, alle Privilegien: der Generalkommissär erhielt die Gewalt eines französischen Präfekten. Nein, in der Gesinnung des menschenfreundlichen wohlgesinnten Königs lag dies nicht; aber die herrschende Meinung erlaubte es; die Notwendigkeit der Dinge schien es zu fordern. Eben darum aber konnte nun, als das Glück umschlug, als jene große Gewalt sank und fiel, unter deren Schirme auch die deutschen Neuerungen durchgesetzt worden, als die große Flut, die den Erdkreis eingenommen, zurücktrat und die alten Marken und Grenzen der Dinge wieder zum Vorschein kamen, eine Reaktion nicht ausbleiben. In diesem Sinne machte man von außen her bemerklich, daß es doch einen Unterschied zwischen Souveränität und Despotismus gebe, in diesem Sinne erhob sich in dem Innern das allgemeine Geschrei nach Verfassung. Wenn man fragt, von welcher Seite es zuerst erschollen, so wird man finden, daß es zunächst von jenen Fürsten und Grafen des Reiches erhoben ward, die in den früheren Ereignissen so große Verluste erlitten, wie der Verlust der Reichsunmittelbarkeit, einer tatsächlichen Unabhängigkeit, ist. Der Adel im Kraichgau, im Odenwalde und in der Pfalz erklärte dem Großherzog von Baden, er könne nur dasjenige Verhältnis als gesetzlich verbindend anerkennen, das auf seiner freien Einwilligung beruhe; der hohe Adel von Darmstadt behielt sich vor, über seine Rechte an den Bundestag zu gehen; von allen Beschlüssen wollte er nur denjenigen billigen, der seine Teilnahme an der Vertretung aussprach. In Württemberg kam es zu einer Vereinigung der Stände des alten Landes mit dem neu hinzugetretenen Adel. Während jene die Absonderung des Kirchengutes, die Herstellung der Ausschüsse und der Freizügigkeit, ja der ständischen Kasse, jener geheimen Truhe, forderten, verlangte dieser eine besondere Vertretung: – ein Teil begünstigte den anderen. In dieser großen Bewegung und Gärung, nachdem zuerst infolge der Weltereignisse die Regierungen ihr Gebiet so ungemein erweitert, so viel Rechte verletzt, so viel Unabhängigkeiten unterworfen hatten, nachdem hierauf durch den Umschlag der Begebenheiten und den Fall derjenigen Gewalt, in deren Bunde, durch deren mittelbar oder unmittelbar nötigenden Antrieb dies größtenteils geschehen, die alten Lebenselemente doch noch einmal wieder emporgekommen waren, in dieser unvermeidlichen, aus der Natur der Dinge hervorgehenden Gärung konnte niemand zweifeln, daß eine gesetzliche, soviel tunlich, freiwillige Ausgleichung erforderlich, ohne Frage notwendig war. Jene Fürsten selbst waren weit entfernt, dies zu bezweifeln. Keineswegs hatten sie, etwa um ihres Vorteils willen, sich gegen das allgemeine Unglück verhärtet; sie hatten es als ihr eigenes gefühlt; bei dem großen Umschwung der Begebenheiten hatten sie so gut wie ihre Völker sich erinnert, daß sie Deutsche waren: in diesem Gefühl hatten sie zu gerechtfertigteren Waffen gegriffen als sie früher geführt; durch ihren Abfall von der Macht, an welche sie sonst gebunden zu sein schienen, hatten sie ihre Rückkehr zu den alten Grundsätzen des Rechts kundgetan; sie hatten zu dem Sturze derselben soviel an ihnen lag beigetragen und hierdurch an dem großen Ereignis einen Anteil genommen, selbsttätig genug, um dadurch in ihrem neuen Bestehen gesichert zu sein. Leicht sahen sie, wieviel noch fehle, daß die Bestandteile ihrer Länder oder die Verschiedenheiten ihrer Provinzen miteinander versöhnt und ausgeglichen wären; so boten sie ihre Hand – es war gerecht, es war unvermeidlich – zu den Verfassungen... * Anders als in den oberländischen Gegenden griff man die Sache in den restaurierten nördlichen Staaten an, dort, wo die Regierungen durch die Revolution verjagt worden waren, wo denn die Neuerungen im Widerspruch mit ihnen unternommen, von ihren Feinden bewerkstelligt, sich unmöglich ihres Beifalls erfreuen konnten. Zwar, wie wir ein andermal auszuführen gesucht haben, waren weder jene mit Napoleon noch diese mit den Bourbonen auf gleicher Stufe: selbst in den Gebieten der ersten war die Revolution nicht so ganz Meisterin geworden, und es waren doch die alten Fürsten, welche die Zügel in der Hand behielten; in den anderen war die Bewegung nicht von dem Volke ausgegangen, noch hatte man Emigrierte zurückzuführen; allein vermöge der Natur der Dinge mußten die Prinzipien, die man befolgte, einander entgegengesetzt sein, so wie es der Punkt war, von welchem man ausging. In Hannover taten sich die unterdrückten Privilegien wieder hervor, z. B. die Steuerfreiheit des Adels, seine Begünstigung im Militär. Man kehrte in der Administration zu den verlassenen Bahnen zurück und schaffte die Trennung der Justiz von der Verwaltung nicht allein da ab, wo sie neu, sondern selbst da, wo sie alt war; – obwohl man Bedenken trug, die alten Landschaften geradezu wiederherzustellen, so setzte man doch die provisorische Ständeversammlung aus einer überwiegenden Anzahl von Repräsentanten der alten Interessen zusammen. Sie empfing den Auftrag, »die Verhältnisse aller Stände in billigem Gleichgewicht zu erhalten und das Beste des Ganzen, welches nur in dem Besten der einzelnen Teile bestehe, zum Ziele ihrer Bemühungen zu machen.« Ob sie das aber auch getan? Ob sie imstande war, es zu tun? Als der alte Kurfürst von Hessen aus seiner Verbannung zurückkam, wollte er die exotischen Pflanzen, von denen, wie er sagte, auf hessischem Boden kein Gedeihen zu erwarten war, nicht um sich dulden. Gegen alle Hervorbringungen der Revolution, der westfälischen Zeit, bezeigte er Abscheu und Widerwillen. Er vereinigte aufs neue Verwaltung und Justiz; das alte Beamtenwesen, die alte Munizipalverfassung stellte er wieder her; er richtete die Lehnsabhängigkeit wieder ein. Jedoch ging er hierin nur so weit, als es seinen alten Überzeugungen und dem Gutachten seiner Räte nicht widersprach. Was ihm früher selber lästig gewesen und schädlich geschienen, wie die Steuerfreiheit oder das Patronatrecht der Edelleute, stellte er entweder nur zum geringen Teile her oder ließ es völlig abgeschafft. Er wollte eine Regierung in den althergebrachten Formen, strenge, soldatisch, wie er sie in seiner Jugend an Friedrich dem Großen bewundert hatte. Er hielt sich in abgemessener eigensinniger Fürstlichkeit. Da er nun einiges abschaffte und anderes nicht herstellte, nicht ohne Einseitigkeit und wenigstens den Anschein von Willkür; da er zwar in seinem Bewußtsein niemals unrechtlich, aber doch in der Tat nach dem allgemeinen Urteil mehr geizig als sparsam das Kammergut in seiner ganzen alten Berechtigung sowohl den einzelnen als auch dem Lande gegenüber geltend zu machen suchte, so erhob sich wider ihn ein Sturm von Opposition, dem die Interessen der Domänenkäufer vornehmlich die Farbe gaben und das allgemeine Wort liehen. Auch in dem benachbarten Braunschweig konnte die heftige, hastige Art, mit welcher der zurückkehrende Herzog Altes und Neues vermischte, der unverhältnismäßige Militärstand, den er, kriegerisch gesinnt wie er war, einrichtete, seine Abneigung auf der einen Seite wider Preußen, auf der anderen wider alle westfälischen Einrichtungen, der er ihren Lauf ließ, nicht anders als mannigfaltige Mißverhältnisse hervorbringen. Doch war ihm nur eine kurze Laufbahn, nur eine flüchtige Wirksamkeit beschieden. Die vormundschaftliche Regierung wußte die Klippen glücklich zu vermeiden, bis zuletzt wieder ein Sprößling aus diesem an außerordentlichen Geburten so reichen welfischen Geschlechte hervortrat, der seinen Vater, an seltsamer Willkür weit überbot und in einer Leidenschaft, deren Schlüssel leicht zu finden ist, die bereits ruhenden Triebe der Bewegung wieder in Gärung setzte. Man bemerkt leicht, daß es wohl Bestandteile sind, ähnlich den ersten, aus denen auch diese Staaten sich zusammensetzen; allein ihre Mischung ist verschieden; die Richtung, welche die höchste Gewalt infolge der Vorgänge, die ihr das Dasein wiedergaben, nehmen mußte, ist mehr dem Alten verwandt als dem Neuen. Obwohl die Schwierigkeiten schon an sich und überdies auch darum geringer scheinen sollten, weil nur Hannover mit einigen neuen Landesteilen vergrößert worden und nicht so viele eben erst herabgedrückte Unabhängigkeiten zusammenzuhalten waren, so ist es doch, die Wahrheit zu sagen, nur wenig gelungen, sie zu überwinden. Immer wird die Willkür den Widerstand aufrufen, Auch muß man sich nicht überreden, daß jemals eine vollkommene Restauration möglich sei. Das Leben hat indes neue Hervorbringungen getrieben, die nicht zu verneinen, nicht zu beseitigen, nicht zu unterdrücken sind. Mit allgemeinen Gedanken wird es nicht ausgerichtet. Man tat in Hannover, wozu der König von Württemberg nicht zu bringen war: man stellte die alte Verfassung her. Allein eine eindringendere, angemessenere Ausgleichung forderten die Dinge. Dem König von Württemberg half es nicht, daß er sich den neuen Interessen günstig zeigte; die Regierung von Hannover förderte es wenig, daß sie den alten zugetan war; diese fand eben darum in den neuen, jener in den alten eine starke Opposition. Auch hier möchte wohl der Erfolg bezeugen, daß man nicht ganz die rechten Mittel ergriffen hatte ... * Diesen beiden Staatengruppen gegenüber stehen nun die großen Mächte, wenn uns nicht alles täuscht, in ihrem besonderen Charakter, in ihrer eigentümlichen Aufgabe. Österreich, aus so verschiedenen Stämmen deutscher und magyarischer, slawischer und italienische Zunge zusammengesetzt, muß eine Einheit suchen, die auf ganz anderen Grundsätzen beruht, als welche ein kleiner, einfach gemischter Staat anwenden kann; auf eine ganz andere Weise muß diese Einheit die einzelnen Teile umschließen oder ihnen ihre Freiheit lassen. Näher, weil es von kleinerem Umfange, weil es doch in seinen wesentlichen Bestandteilen so überwiegend deutsch ist, steht Preußen den übrigen Staaten. Sei es uns erlaubt, auf dem schwierigen Wege, von dessen Gefahren wir uns nun einmal nicht haben abschrecken lassen, auch daranzugehen, eine Aussicht über die innere Lage dieser Monarchie zu gewinnen. In den großen Jahren der Gefahr war, wie bekannt, eine neue Entwicklung genommen worden, den übrigen dieses Jahrhunderts analog, aber von eigentümlichem Genius durchdrungen, durchgreifend, aber gesetzlich, nicht im Bunde mit den Fremden, sondern in Opposition wider sie. In den alten Provinzen, in denen seit langer Zeit von keiner Unabhängigkeit die Rede gewesen, in denen demnach nicht so entschiedene Gegensätze zu überwältigen waren, Provinzen, deren Dasein und innerer Bestand schon lange mit dem Namen, dem Ruhme, dem Glück und Unglück der Monarchie eins geworden, hatte man sie durchgeführt; zwar, wie natürlich, nicht mit allgemeiner Beistimmung, allein auch nicht mit jenem starren Eigensinn, der an dem untauglich Befundenen schlechterdings festhalten will; in dem Gefühl eines unleugbaren Bedürfnisses; mit Wohlwollen und Rücksicht; nicht ohne Zwischenräume, welche Erfahrungen zu machen und zu benutzen erlaubten; in der Aussicht fortwährender Verbesserung. Man hatte daselbst wohl nach beiden Zeiten hin ausweichende Ansichten; aber keine eigentliche Opposition. Niemand wird dies sagen können. Wäre eine solche aber auch vorhanden gewesen, so wäre sie durch den großen Gang der Ereignisse überwältigt und mit fortgerissen worden. So stand man, als man durch eine Anstrengung aller öffentlichen und privaten Kräfte das Verlorene wieder eroberte und den zur Wiederherstellung der Monarchie in ihre alte Größe und europäische Bedeutung bedungenen Zuwachs neuer Provinzen erwarb. Selten hatte ein Staat eine schwierigere Aufgabe. In einigen dieser neuen Provinzen hatte die Revolution den größten Teil ihrer Verwandlungen durchgemacht und das oberste zu unterst gekehrt, wie am Rhein. Es waren andere, an die sie nicht gleich von Anfang gekommen, in denen sie nur einen Teil ihrer Absichten durchgeführt, alle in einen sehr starken Widerstand gegen eben dieselben zurückgelassen hatte, wie in Westfalen. Es wurden alte Landschaften wieder erobert, in denen seitdem die Neuerungen eines revolutionären Königreichs mit den früheren Instituten der Monarchie in Kampf gesetzt worden waren. Noch andere Verschiedenheiten ließen sich bemerken. Man hatte hier beide Schwierigkeiten zusammen. Man hatte Restauration; man hatte auch Erwerbung und Einverleibung. Sollte man auf der einen Seite darangehen, das Alte wieder herzustellen und das Neueingetretene zu vernichten, weil es ungesetzlich gewesen? Sollte man allgemeine Normen annehmen und etwa die Rheinlande der Mark gleichzumachen suchen, oder diese jenen? Oder sollte man sonst eine wesenlose Idee von Monarchie aufgreifen und ins Werk zu setzen suchen? Solche Versuche von rein doktrinärer Art würden alle Möglichkeiten der Opposition noch vor der eigentlichen Vollziehung der Vereinigung in Bewegung gebracht haben. Für die Lage, in die man kam, ist es gewiß als ein Glück anzusehen, daß in den alten Provinzen so wesentliche Verbesserungen vorgenommen worden. Man hatte Institute, welche das Alte und das Neue vermittelten. Hierdurch geschah, daß die Landschaften, welche man zurückerwarb, sich leicht und gern von den Veränderungen, welche die fremde Gewalt eingeführt, lossagten, auch dann, wenn dieselben einem gewissen Bedürfnis entsprachen. Noch hatten diese Einrichtungen doch während der kurzen Zeit der fremden Herrschaft nicht eigentlich Wurzel gefaßt; sie waren oft mit schonungsloser Härte durchgesetzt worden; beide Teile, nicht minder der, welchen man begünstigte, als der, dessen Nachteil offenbar war, fühlten sich verletzt, verstimmt und unmutig; sie standen einander überdies in heftigem Hader gegenüber. An deren Statt empfingen sie nunmehr die Verbesserungen, die man unter der gesetzlichen Monarchie mit milderer Hand eingeführt hatte, die dem nämlichen Bedürfnis entgegenkamen und eine enge Verwandtschaft mit ihrem alten Dasein bewährten. Irren wir nicht, so geschah eben hierdurch, daß die Besitznahme der sächsischen Provinzen, die in sich selber – es ist nicht zu leugnen – so viel schneidendes und Hartes hatte, doch so gut vonstatten ging. Man fühlte sich dort in den alten Formen schon lange gedrückt und unbehaglich; die Veränderungen erschienen den meisten als ebenso viele Verbesserungen. Leicht verähnlichte man sich dem organisierten Körper einer mächtigen, Schutz verleihenden, in ihrem Ursprung und ihrer Ausbildung, ihrer Religion und Sinnesart so nahe verwandten Monarchie. Die vornehmste Schwierigkeit lag in den beiden westlichen Provinzen [Westfalen, Rheinland], die überdies einander geradezu entgegengesetzt waren. Ich will nicht behaupten, daß alles nun gerade so eingerichtet worden sei, daß besser unmöglich gewesen wäre. Allein sollte und konnte man alle Forderungen der einen, die so oft ihren Ursprung in der Revolution hatten, bewilligen? Oder hatte man in der anderen das Lehnsystem der altbischöflichen Lande wieder aufzunehmen und den Adel in die Rechte einzusetzen, die er durch den Impuls der Revolutionszeiten verloren hatte? Sollte man sich in ein gewaltsames Zerstören des Entstandenen, in ein willkürliches Aufrichten des Zugrundegegangenen einlassen? Glücklicherweise hat die Monarchie einen solchen Umfang, daß es nicht notwendig war, alle Provinzen eine mit der anderen in eine jede Abweichung ausschließende Gleichförmigkeit zu setzen. Wenn nur die allgemeinen Institutionen, deren Doppelseitigkeit auch hier einen großen Vorteil gewährte, sie wesentlich zusammenhielten! Der Verwaltung, die notwendig Einheit sucht, gegenüber wurden die Provinzialstände eingerichtet, um die Eigentümlichkeit der Landschaften in Schutz zu nehmen. Bedeutung des Zollvereins In welch eine unselige Nichtigkeit und Abhängigkeit von dem Auslande war der deutsche Verkehr durch die zusammenwirkenden Erfolge des napoleonischen Systems, der Kriege und des Friedens geraten! So tätig und gewerbsam die Nation sein mag, so war doch ohne eine festere Stellung gegen das Ausland, ohne befreiende innere Maßregeln eine wahrhafte Ermannung nicht möglich und alle Bemühung zur Hälfte vergeblich. Von allgemeinen Unterhandlungen unter den verschiedenen deutschen Staaten, von gemeinschaftlichen Verabredungen im voraus ließ sich indes hierfür nichts erwarten, da der Gegenstand allzu tief mit dem Haushalte jedes einzelnen zusammenhing. Durch seine Lage darauf angewiesen, durch seine Bedürfnisse genötigt, griff endlich Preußen auf eigene Hand, für sich allein, zu rettenden Maßregeln. Was die tiefsten Geister, die sich je mit Staatswirtschaft beschäftigt, in reiner Anschauung der Realität der Dinge, gefunden und gelehrt, hatte Preußen unter allen Staaten zuerst den Mut zur Ausführung zu bringen. Solange sich die fremden Staaten nicht zur Reziprozität verstanden, mußte es sich ihnen freilich noch immer entgegensetzen; aber wesentlich adoptierte es die Grundsätze eines freien inneren Verkehrs, eines freien Handels nach außen [1818]. Diese Grundsätze erprobten sich in ihrem Erfolge über alle Erwartung. Allerdings trennte es sich hiermit zugleich von dem übrigen Deutschland, es sonderte sich selbst von seinen Nachbarn mit Entschiedenheit ab; und die innere Trennung von Deutschland schien damit eher zu wachsen. Aber gerade in dieser Stellung lag die Möglichkeit einer Abhilfe des vornehmsten Übels. Es gab ein Mittel, durch welches man sich mit einem Male sowohl der inneren Trennung entledigen als in eine respektable Verfassung gegen das Ausland setzen konnte: man brauchte sich nur dem preußischen System anzuschließen; dazu bot Preußen die Hand. Oder wäre dies System darum nicht anzunehmen, weil es nicht durch gemeinschaftlichen Beschluß zustande gekommen, sondern von einem einzelnen Staate ausgegangen war? Ich sollte nicht denken, wenn es sich nur gut und nützlich erwies; hatte es doch jetzt sogar den Vorteil, schon erprobt zu sein. Zu einer solchen Vereinigung geschah der erste entscheidende Schritt von dem Großherzogtum Hessen [1828]; bald ist ein zweiter gefolgt, von dem Kurfürstentum Hessen; der Kreis der Unterhandlungen hat sich immer mehr erweitert; der größere Teil der deutschen Staaten, außer Österreich, ist dem System 1834 beigetreten ... Für den gewerblichen Zustand Deutschlands war dreierlei erforderlich: die Befreiung des inneren Verkehrs – eine feste Stellung gegen das Ausland –, die Berücksichtigung der finanziellen Bedürfnisse der verschiedenen Länder ... Man erwarte, durch eine solche Vereinigung würden diese Forderungen sämtlich erledigt werden. Die Schlagbäume, die ein Gebiet von dem anderen trennen, würden fallen; für das einheimische Gewerbe würde sich ein Markt eröffnen, wie ihn Deutschland niemals gekannt hat; alle mit dem Handel zusammenhängenden Lebenszweige würden durch ihre eigene Regsamkeit, ihre eigene Kraft emporkommen. Die gewerbliche Intelligenz von Deutschland könnte erst in Zukunft recht zeigen, was sie vermag, wessen sie fähig ist. Wenn nun hierdurch die Konkurrenz mit dem Auslande zu einer noch ganz anderen Bedeutung steigen müßte, als die sie bisher erreicht hat, so würde man jetzt erst vollkommen frei von demselben; man würde seine Willfährigkeiten und seine Verletzungen gemeinschaftlich zu erwidern imstande sein. Was fünfzehn Jahre früher kaum wenige Privatleute in flüchtiger Hoffnung in Gedanken zu fassen, aber nicht einmal zu einem Umriß der Ausführbarkeit, zu einer haltbaren Aussicht zu bringen vermochten, würde man ruhig, ohne Erschütterung, zu allgemeinem Nutzen ausgeführt sehen. Wer wollte sich an kleine Unbequemlichkeiten stoßen; durch große, nationale Vorteile würden sie aufgewogen werden. Friedrich Wilhelm IV. König Friedrich Wilhelm IV. erscheint in einer großartig eigentümlichen Haltung und Sinnesweise, die wir wohl nicht versäumen dürfen in ihren Grundzügen und allgemeinsten Beziehungen möglichst objektiv zu vergegenwärtigen. Die Gemeinschaft der gesamten Christenheit umfaßte er von einem freieren Standpunkt aus, als der römische Papst: die lateinische und die griechische Kirche betrachtete er als gleichberechtigte Glieder derselben; ebenso auch die protestantischen Kirchen: der Episkopalismus der Engländer, die unabhängigen kirchlichen Bildungen Nordamerikas, die Lutheraner und Calvinisten des europäischen Kontinents, vornehmlich in Deutschland, getrennt oder uniert, galten ihm als Bestandteile einer einzigen zusammengehörigen Genossenschaft. In dem Glauben der Evangelischen, welcher die durch nationale Irrungen oder vorübergehende Zeitereignisse herbeigeführten Zufälligkeiten abgestreift hat, erblickte er den reinsten Ausdruck des Gedankens des göttlichen Stifters, in dessen Wesen er sich mit gläubiger Inbrunst vertiefte. Denn über seiner umfassenden Weltanschauung ging ihm das Mysterium des menschgewordenen Wortes nicht verloren. Er gestattete mancherlei Formen; auch die quäkerischen fanden seine herzliche Anerkennung; nur da hörte diese auf, wo der lebendige Gott nicht mehr unmittelbar angebetet und das ewige Heil aus den Augen gesetzt wurde. Von den evangelischen Grundlehren, die auf diesem Moment beruhen, durchdrungen, von ganzer Seele bibelgläubig, gab er doch keinem Hasse weder gegen Griechen noch gegen die Katholiken Raum; nur die Übertreibungen des Papismus, die damals emportauchten, zunächst in dem Kultus der Jungfrau, erweckten seine Antipathie. Die politische Gesinnung des Königs wurzelt in dem Kampfe gegen den ersten französischen Imperator, von dessen unterdrückender Obergewalt sich Preußen in Verbindung mit den übrigen europäischen Mächten losgerissen hatte, und der dann der allgemeinen Anstrengung, die in Preußen am stärksten und populärsten auftrat, unterlegen war. In dem Imperator haßte der König nicht sowohl die Person, als den Vertreter des revolutionären Prinzips, welches, indem es alle bestehenden historisch erwachsenen Ordnungen vernichtet, der Usurpation und Gewaltsamkeit Tür und Tor geöffnet habe. Die Legitimität hatte für ihn einen noch außerhalb seines Rechtes liegenden Wert darin, daß sie zu dem Widerstande den Mittelpunkt gebildet und die Völkerkräfte um sich vereinigt hatte. Er hielt für notwendig, an den alten Ordnungen festzuhalten, die bei der Entstehung der abendländischen Staaten begründet worden waren, sich in den mannigfaltigsten Abwandelungen fortgebildet hatten und noch weiterer Fortbildung fähig schienen. Den vornehmsten Ausdruck derselben sah er in dem deutschen Reich, dessen Idee er selbst in dem Zerfall der Einheit erkannte und festhielt; er schloß sich ihr mit Hingebung an; ein vereinigtes und kampfgerüstetes Deutschland bildete sein Ideal, zumal auch Preußen darin fast die vornehmste Rolle spielen mußte. Wie der Umfang seines Gebietes und des deutschen Bundes überhaupt infolge des großen Kampfes bestimmt worden war, so wollte er denselben behaupten, im Verein mit den verbündeten Mächten, nicht selten wieder im Gegensatz gegen die revolutionären Gewalten. Denn kaum war der Imperator gefallen, so regten sich die Tendenzen, die derselbe im großen und ganzen teilte, aber im einzelnen niederzuhalten verstand, in freier Bewegung, gereizt durch die Mängel der versuchten Restauration, und erweckten allenthalben die Analogien, die sie durch ihre lange und glückliche Aktion hervorgebracht hatten. Rußland und England wurden davon nicht unmittelbar betroffen; das erste machte den Versuch, sich gegen die Bewegung zu verschließen und sie, wie einen äußeren Feind, abzuwehren; England wollte, durch die doppelseitige Natur seiner Verfassung bewogen, sich neutral dazu verhalten. Der neue Kampf vollzog sich in dem kontinentalen romanisch-germanischen Europa. Da trat in den restaurierten romanischen Ländern eine weit verbreitete revolutionäre Bewegung ein, die durch das Ereignis von 1830 das allgemeine Übergewicht und einen unermeßlichen Einfluß auf Deutschland erlangte. Österreich und Preußen nahmen dagegen abweichende Stellungen. Das erste, in seinen europäischen Verhältnissen bedroht, hielt sich folgerichtig auf dem Wege des absoluten Widerstandes, für den es auch sein altes Ansehen in Deutschland verwendete. Der Zweck der preußischen Regierung, vor allem Friedrich Wilhelms IV. war dagegen, die alten Institutionen in einem den Forderungen der Zeit gemäßen Sinne auszubauen, so daß kein Antrieb übrigbleibe, durch welchen das Land nach der anderen Seite hin getrieben würde. Mit den liberalen Ideen, die ja in dem preußischen Staat namentlich durch die Städteordnung und die Gesetzgebung über das Landeigentum Eingang gewonnen hatten, würde sich der König in verwandter Form vielleicht verständigt haben; aber in ihrem Gefolge trat noch eine andere Bewegung auf, die ihm allgemeines Verderben zu enthalten schien: die des Radikalismus und Sozialismus, welche der gesamten gesellschaftlichen Ordnung den Boden unter den Füßen zu entreißen drohte, und deren Anhänger alle Offenbarung und selbst den Glauben an den lebendigen Gott von sich warfen. Diesen zu widerstehen hielt er für seine vornehmste Pflicht als Fürst, als Christ, wie als Mensch; er verwarf das liberale System, weil er keine greifbare Grenze zwischen den Grundbegriffen der Liberalen und Radikalen entdecken konnte: in der Verbindung der beiden sah er die Gefahr der gebildeten Welt. Indem Friedrich Wilhelm IV. diesen Elementen ein unüberwindliches Bollwerk entgegenzusehen beschäftigt war, wurde er von ihnen überrascht und mußte ihnen weichen. Seine Regierung wird durch den 18. März in zwei verschiedene Perioden geschieden, in denen er doch die Identität seiner Gesinnung bewahrte. Denn auch in der zweiten blieb er weit entfernt, den revolutionären Tendenzen, die so häufig den konstitutionellen Formen verbunden sind, nachzugeben. Er hätte sonst einfach die belgische Verfassung herübergenommen und sich den Anschauungen der Frankfurter Versammlung angeschlossen. Daß er es nicht tat, kann als die vornehmste Handlung, wenigstens als die nachwirkendste seines Lebens betrachtet werden. Nach beiden Zeiten hin erhielt er das Selbst des preußischen Staates. In der Verfassung behauptete er den Nerv des monarchischen Prinzips; in bezug auf das deutsche Reich bezwang er seinen Ehrgeiz und ließ sich nicht durch den geheimen Wunsch seines Herzens dazu verführen, das Prinzip zu verleugnen, welches er bekannt und auf seine Fahne geschrieben hatte. Dazu gehörte ein Mann von der idealen und doch strengen, der im einzelnen biegsamen und im ganzen festen Gesinnung, von der geistvollen, aber in die Institutionen und das Leben alter Zeit versenkten Weltauffassung, die ihm eigen waren. Eine Überzeugung von einer Nachhaltigkeit und Tiefe, wie sie ihm innewohnte, war erforderlich, um die konservativen Grundsätze, die aus einer großen Vergangenheit stammten, nicht untergehen zu lassen für Zukunft und Welt. Dabei ist nun aber nicht zu verkennen, daß zwischen seinen Ideen und ihrer praktischen Durchführung, bei den ganz veränderten Umständen ein weiter Abstand eintrat; sein nach vielen Dichtungen hin anstrebender Geist bildete eine neue Schwierigkeit für die Verwaltung. Mit der verdienstvollen Bureaukratie, die er vor sich fand, konnte er sich nie verständigen, da er sie unaufhörlich nach einem Sinne lenken wollte, der nicht der ihre war. Dieser Widerstreit gab seiner Regierung den Charakter der Unsicherheit und des Schwankens; aber die Entwicklung der inneren Lebenskräfte hat dabei nicht gelitten. Wenn man sich des Zustandes erinnert, in welchem er die Regierung übernommen hatte – mit patriarchalischer Fürsorge waltend, aber zugleich trocken und einseitig gebieterisch –, wie war unter ihm alles so ganz verändert, von Leben und eigener Regsamkeit erfüllt, freilich nicht ohne tiefe Gärung. In der Politik kann man überhaupt zwei Direktionen unterscheiden: das Ergreifen der beherrschenden Ideen und die Verwaltung der laufenden Geschäfte. Glücklich der Regent, für den beide zusammenfallen und ein einziges Ganze bilden. An Friedrich Wilhelm IV. tadelten die Mitlebenden, daß er die jeweiligen Zeitumstände nicht entschlossen genug benutzte, so daß er mit alle den Mitteln, über die er verfügen könne, doch nichts ausrichte; seine auf Zustände der Vergangenheit begründete Doktrin hindere ihn, in die Fragen des Tages energisch einzugreifen, und gebe seiner Tätigkeit selbst eine falsche Richtung; sein stetes Schwanken mache jeden Erfolg unmöglich und entziehe ihm das allgemeine Vertrauen. Und so mag es scheinen, wenn man die Verhandlungen, soweit sie bekannt wurden, in ihren Einzelheiten auffaßt und danach urteilt... Sein Briefwechsel aber führt doch zu einer anderen Ansicht . In der Mitte der miteinander ringenden Weltkräfte, die einander das Gleichgewicht hielten, war für den preußischen Staat eine neutrale Politik geboten, nicht eigentlich um das Gleichgewicht zu erhalten, sondern vor allem um sich selbst zu behaupten, Erwägungen von religiös-moralischem Inhalt über Recht und Unrecht der streitenden Parteien oder Staatsgewalten übten Einfluß auf die Entschließungen Friedrich Wilhelms. Aber überdies hatte er jeden Augenblick das lebendigste Bewußtsein seiner eigenen Stellung, die ihm Rücksichten und selbst Nachgiebigkeiten auferlegte. Und immer schwebte ihm die Bedeutung des Moments für die Zukunft vor Augen. Die Welt sah in seinem Verhalten häufig charakterlose Oszillation und Unentschlossenheit, nicht die dabei doch immer vorwaltende einheitliche Direktion. Heutzutage aber ist es möglich, den Blick über den momentanen Eindruck hinaus auf das Konstante in der Politik des Königs zu richten. Dann treten doch, wenn wir uns nicht täuschen, die Wirkungen derselben für den preußischen Staat und Deutschland als überaus bedeutend hervor: der heutige Zustand beruht großenteils darauf. Ein unendlich wichtiger Schritt war es doch, daß er die absolute Monarchie, wie er sie von seinen Vorfahren überkommen, mit einer ständischen und deliberativen Institution in Verbindung brachte, die, wie sie sich auch entwickeln mochte, allemal der monarchischen Gewalt Schranken gezogen haben würde. Er kam damit nicht zu dem Ziele, das ihm vorschwebte; die liberalen und demokratischen Ideen gewannen die Oberhand. Dann war es seine vornehmste Absicht, in der neuen Verfassung die wesentlichen Bedingungen der Monarchie zu retten. Ihm vor allem gehören die Bestimmungen der Verfassung an, die das finanzielle Bestehen des preußischen Staates von der Fluktuation der Parteien und dem jeweiligen Übergewicht der Opposition unabhängig machen: dem Königtum hat er seine unmittelbare Autorität über das Heerwesen gesichert: man darf darin wohl die beiden Grundpfeiler der Monarchie in dem konstitutionellen Preußen erkennen. Indem Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone unter den Bedingungen und Umständen, unter denen sie ihm angeboten wurde, ablehnte, hat er doch die Erwerbung derselben in anderen Formen unter einer veränderten Weltlage möglich erhalten und selbst angebahnt. Sein Grundgedanke, einen Bundesstaat zustande zu bringen, unabhängig von Österreich, aber nicht feindselig gegen diese Macht, hat sich nach den großen Kämpfen, die seitdem [1864–1870] ausgefochten worden sind, zuletzt realisiert... Mit dem zweiten französischen Imperator in unmittelbaren Hader zu geraten, vermied Friedrich Wilhelm IV. sorgfältig und rücksichtsvoll; aber in dem Auftreten desselben auf den Grund der revolutionären und militärischen Erinnerungen, in den inneren Trieben der Dinge, von denen die Macht des Gebieters sich herschrieb, und die ihn fortreißen konnten, selbst ohne seinen Willen, erblickte er eine Gefahr für den territorialen Bestand von Europa und Deutschland, vor allem auch des preußischen Staates. In der Voraussicht eines bevorstehenden Kampfes suchte er ein der alten Bundesgenossenschaft entsprechendes Verhältnis zu Rußland aufrechtzuerhalten. Das Verdienst, das er sich in einem gefährlichen Augenblick um dieses Reich [durch seine Neutralität im Krimkriege] ] erwarb, hat für den preußischen Staat, als es zu dem vorausgesehenen Angriffe kam, segensreiche Frucht getragen [1870]. Sein ganzes Leben hindurch ist Friedrich Wilhelm bemüht gewesen, in freundschaftlicher Verbindung mit England zu stehen, ohne sich von vorübergehenden Wechselfällen in der Politik der verschiedenen Ministerien zurückstoßen oder fortreißen zu lassen ... Mit alledem gelangte Friedrich Wilhelm IV. noch nicht in eine feste und gesicherte politische Lage. Nach jener Abkunft von Olmütz [1850] gestaltete sich das Verhältnis zu Österreich in dem wiederhergestellten Bunde unerträglich für Preußen und Deutschland. Sollte das Ziel erreicht werden, das Friedrich Wilhelm IV. angestrebt hatte: die Errichtung und Leitung eines Bundesstaates, so mußte man den vorwaltenden Meinungen einen Schritt näher treten; denn sie hatten doch auch ihrerseits eine historische Berechtigung und waren zu tief gewurzelt und zu mächtig, um ihnen nicht Rechnung zu tragen; überdies mußte man sich entschließen, mit Österreich zu brechen. Wenn wir recht unterrichtet sind, so war der König am Ende seiner Tage dazu geneigt. Er hatte alles versucht, um mit Österreich Hand in Hand zu gehen; aber vergeblich. Für jenen Entwurf zu einer Expedition nach der Schweiz versagte Österreich seine Zustimmung, wenn sie auch nicht weiter gehe, als zur Herstellung des preußischen Königshauses in Neuenburg. In den deutschen Angelegenheiten kam es so weit, daß der König in Wien erklären ließ, seine Nachgiebigkeit habe ihre Grenzen; wenn Österreichs Verhalten mit der Pflicht kollidiere, die er als König von Preußen für Deutschland habe, so werde er nicht weichen. Er hat das bedeutungsvolle Wort ausgesprochen: es könne wohl geschehen, daß die beiden Mächte am weißen Berge – er zielt auf jene Schlacht von 1620 – noch einmal ihre Kräfte messen würden. Seine Reise nach Wien im Jahre 1857 war darauf berechnet, die Zwistigkeiten zu beseitigen. Es gehörte zu den schmerzlichen Eindrücken seiner letzten Tage, daß er das unmöglich fand. Männer, die ihm nahe standen, versichern, er habe sich ernstlich mit dem Gedanken beschäftigt, den Kampf aufzunehmen. Ihm war es jedoch nicht beschieden, den alten Antagonismus, dessen Ausbruch er noch zurückgehalten hatte, zur Entscheidung zu bringen: denn nur einen Moment in der Geschichte bildet ein einzelnes Leben. Sechzehntes Kapitel Zur Zeit Bismarcks Geschichtliche Grundlagen des Kulturkampfes Ich halte es für einen Irrtum, in dem kirchlichen Streite auf die Infallibilität des Papstes und irgendeine den katholischen Lehrbegriff berührende Frage einzugehen.. Es scheint mir selbst irrig, das absolute Recht des Staates diesen Begriffen entgegenzusehen. Ich weiß nicht, ob das Vorhaben, die Kirche der juridischen Praxis zu unterwerfen, zum Ziele führen kann. Nicht von dem absoluten Staat, sondern von den verschiedenen konkreten Staaten, wie sie existieren, ist die Rede. Man hat die Tradition des Verhältnisses verloren, in welchem sich das Papsttum von jeher zu den Staaten befand, namentlich auch zu den Institutionen des deutschen Reiches. Das Reich hat unter den alten Kaisern, sowie nach Erhebung des Protestantismus unter der Autorität der Reichstage immer das Recht behauptet, auch über die kirchlichen Einrichtungen zu verfügen; mochte der Papst einwilligen oder nicht. Die Grundlage von allem später Bestehenden ist der Religionsfriede von 1555. Fragen wir, wodurch er zustande gekommen ist, so war es die Einwilligung der deutschen Bischöfe und Erzbischöfe in den Bestand des Protestantismus. Kaiser Karl V., der die neue Kirchenform in der einen oder anderen Art der alten unterordnen wollte, war eliminiert. Von den Protestanten, die mit einem Schlage die Oberhand gewonnen, wollten die Entschiedensten, unter anderen jener Albrecht Alcibiades, die ganze kirchliche Verfassung zertrümmern. Um ihrem Ruin zu entgehen, schlossen sich die katholischen Bischöfe an die andere Partei an, damals die mächtigere, welche nichts wünschte, als daß durch einen Vertrag der Bestand der neuen Kirchenform anerkannt würde. Wir haben es hier nicht mit Dissidenzen des Bekenntnisses zu tun; nur damit, daß die Kirchenfürsten mit den Protestanten einen Vertrag schlossen, der ihre Existenz sicherte; das Reich als solches behauptete das Recht, in kirchlichen Dingen Maß zu geben, den Protestationen des Papstes zum Trotz. Diese waren überaus wirksam. Sie führten zu dem blutigsten aller Kriege. Es war dann abermals die Reichsgenossenschaft, welche den Westfälischen Frieden zustande brachte, unter dessen Schutz alsdann Deutschland nicht allein seine Ruhe bewahrte, sondern die großartigste Entwicklung nahm. Ich will nur sagen: der Gewalt des Papsttums trat in Deutschland eine andere gegenüber, die auf den Notwendigkeiten des gemeinschaftlichen Lebens beruhte und sich um die Protestationen des römischen Stuhles nicht kümmerte. Durch die Ereignisse der Revolution, den Sturz der weltlichen Gewalt der Bischöfe und all die Konflikte der späteren Zeit ist diese traditionelle Selbständigkeit des Reiches abhanden gekommen, aber niemals aufgegeben worden. Das Papsttum hat sich in den Besitz der unbedingten Autorität über den Klerus gesetzt, aber mit welchem Recht? Es befindet sich in dieser Hinsicht in der Lage einer okkupierenden Macht. Die Okkupation hat in dem vatikanischen Konzil [1870] gleichsam ihr Ziel erreicht. Das Konzil ist weit davon entfernt geblieben, zu Ende geführt zu werden. Es hat es nur zu einer einzigen Satzung gebracht, die nicht ohne die schwersten Kämpfe zustande kam und dann mit aller möglichen Zierlichkeit proklamiert wurde. Aber ist sie darum gültig? Muß sie anerkannt werden? Nach den alten Begriffen und ihrer Tradition gewiß nicht. Nachdem das Tridentinische Konzilium seine Beschlüsse gefaßt hatte [1563], wurde in allen Reichen erst die Frage vorgelegt, ob diese von denselben akzeptiert werden sollten oder nicht; was sich trotz des Anteils, den die Staatsgewalten der verschiedenen Länder an dem Konzil genommen hatten, keineswegs von selbst verstand. Denn daran hat überhaupt niemals die Welt gedacht, die Selbständigkeit des Staates den kirchlichen Beschlüssen unterzuordnen; in dem Begriffe des christlichen Staates läge das nicht. Wenn man auf die Grundfrage zurückgeht, so läßt sich doch die Priorität der bürgerlichen Gewalt vor der kirchlichen nicht in Abrede stellen. Die bürgerliche Ordnung bestand, als die kirchliche eintrat. Die Kirche wurde von dem Kaisertum regiert, unmöglich kann das Kaisertum oder die bürgerliche Gewalt gemeint sein, der Kirche eine Autorität zu gewähren, durch welche die weltliche Gewalt absorbiert würde. Die weltliche Gewalt nimmt auch ihrerseits die göttliche Autorität in Anspruch. Es muß ihr überlassen bleiben, ob sie neue kirchliche Satzungen annehmen will oder nicht. Dadurch, daß die Infallibilität des Papstes in Rom proklamiert wurde [1870], ist sie noch nicht eine für den deutschen, oder irgendeinen anderen Staat gültige Regel geworden. Ihre Annahme muß nach den Bedürfnissen der verschiedenen Reiche modifiziert werden. In dem vorliegenden Fall ist es um so notwendiger, da die Staaten von der Beschlußnahme auf dem Konzil, von dessen Beratungen absichtlich ausgeschlossen sind. Es hängt mit dem politischen Antagonismus jener Jahre zusammen, daß das geschah. Napoleon III. wagte nichts dagegen zu tun, weil er den ultramontanen Klerus nicht beleidigen konnte. Wenn sich nun aber auch die Staaten ihre Ausschließung faktisch gefallen ließen, so sind sie doch nicht an die Folgen derselben gebunden. Die unbedingte Unterordnung aller Geistlichkeiten unter den Willen des Pontifex Maximus widerspricht ihrem Begriff und ihrer Tradition. Wenn die Geistlichkeit sich dem päpstlichen Gebot unterwirft, so kann man sie darüber so sehr nicht schelten. Die Staaten hätten Einspruch gegen die Dekrete erheben müssen, ohne Zweifel, noch ehe sie gefaßt waren. Aber auch jetzt ist dazu noch Zeit; aber sie müssen das auf eine großartige und zugleich energische weise tun. Nicht vielleicht dann liegt die Aufgabe, die Heimlichkeit durch das eine oder andere Gesetz einzuschränken, sondern darin, ihr überhaupt zum Bewußtsein zu bringen, daß sie einer anderen Autorität, die ebenfalls göttlichen Ursprungs ist, Rücksicht und Gehorsam schuldet. Politischer Rückblick 1840–1788 In alle dem, was wir erleben, läßt sich eine historische, ich sage nicht Notwendigkeit, aber Folgerichtigkeit wahrnehmen. Auf das lebendigste erinnert man sich einer Rede, mit welcher der verstorbene König Friedrich Wilhelm IV., der ebensoviel Geist wie Gemüt hatte, den vereinigten Landtag eröffnete [1847]. Sein Sinn war, durch eine auf die alten ständischen Elemente gegründete Verfassung die Religion und den Thron zu sichern. Denn niemand sah die Gefahr der sozialen Bewegungen, die damals in der Schweiz die Oberhand bekommen hatten und von diesem Mittelpunkt des europäischen Kontinents vordrangen, deutlicher und bestimmter voraus; er schaute sie mit seinen Augen an, die Rede hatte keinen anderen Sinn, als eben das Ziel der neuen Verfassungsedikte, welches darin lag, Provinzen und Bevölkerungen einer alles negierenden Faktion gegenüber um seinen Thron zu sammeln. Fragt man aber nach dem Erfolg dieser Kundgebung, so ward sie auch von sonst verständigen Männern eher verlacht als verstanden. Die Versammlung selbst hatte nur ihr eigenes Interesse im Auge, das konstitutionelle System mit enger Beschränkung des Königtums zu gründen; sie sah in der Rede des Königs eine phantastische Verteidigung des göttlichen Rechtes, das sie zu bekämpfen für ihr Recht und beinahe für ihre Pflicht hielt. Mit vieler Mühe wurden noch die Bestimmungen über die Verfassung so weit gebracht, daß sie lebensfähig erschien. Aber in diesem Momente brach der Sturm schon aus, den der König vorausgesehen hatte. Die neue Einrichtung war viel zu schwach, um dem allgemeinen Sturm widerstehen zu können. Aber vollkommen gelangte die revolutionär-soziale Bewegung doch auch nicht zum Ziele. Die Verfassung, welche endlich zustande kam, weit entfernt, den ursprünglichen Ideen zu entsprechen, nahm nun doch auf liberaler Basis einen Anlauf zum Widerstande, der jedoch bei weitem schwächer war als der früher beabsichtigte, und unter den folgenden inneren Streitigkeiten noch viel schwächer wurde. Schon in der sogenannten neuen Ära unter dem Prinzregenten, in welcher der Liberalismus dominierte, wurde derselbe doch inne, daß neben ihm noch andere Mächte, die weiter hinaus wollten, vorhanden waren. Jene Zeiten des sogenannten Konfliktes stellen dann bloß die Verlegenheiten dar, in die man geriet, so daß sogar ein großer Krieg unternommen wurde ohne Beistimmung der Versammlung der Abgeordneten. Wären die Kriegsunternehmungen mißlungen, so würden die Inhaber der Regierung vielleicht mit dem Leben dafür haben büßen müssen. Aber sie gelangen – unerwartet rasch und entscheidend. Alles staunte, als dann doch die Regierung, statt ihres Vorteils sich zu bedienen, die Stände nur um Indemnität anging und das liberale System, das offenbar in Nachteil geraten war, wieder adoptierte. Dabei mögen persönliche Gründe mitgewirkt haben, der vornehmste aber war doch ein anderer. Nach dem errungenen Sieg boten sich zwei verschiedene Systeme dar. Das eine war mit einem Wort: Groß-Preußen. Die Absicht lag vor, die deutschen Staaten noch schwächer zu machen als bisher, z. B. die fränkischen Fürstentümer von Bayern zurückzufordern, zugleich auch Hannover bestehen zu lassen, aber durch Beschränkungen unschädlich zu machen – genug, ein faktisches Übergewicht des alten preußischen Systems zu gründen. Dieser Gedanke stimmte doch aber nicht mit der herrschend gewordenen liberalen Tendenz. Und man ergriff einen anderen, welcher in bezug auf die auswärtige Politik dahin ging, Hannover und Hessen einzuziehen und mit den übrigen Mittelstaaten eine enge Verbindung zu schließen, wie es dann mit dem Norddeutschen Bunde geschah. Dieser Bund enthielt eigentlich die Idee von Klein-Deutschland, ohne daß man sie gerade ausgesprochen hätte. Er war wesentlich liberal, inwiefern auch das welfische Königtum von Gottes Gnaden aufgehoben wurde und in den süddeutschen Staaten das liberale Prinzip begünstigt werden mußte, um dem Partikularismus entgegenzutreten. Man mißverstehe mich nicht; der Untergang Georgs V. war mir unendlich schmerzlich, peinlich auch die Mißgriffe, die bei den ersten Einrichtungen in Hessen vorkamen; aber dabei hätte man sich doch auch die Augen verschließen müssen, wenn man das große Interesse mißkannte, das eine konsolidierte Bundesverfassung dem mächtigen französischen Reiche gegenüber für den deutschen Namen hatte. Daß Napoleon III., nachdem er Österreich und Rußland besiegt hatte, auch Preußen angreifen würde, um die Machtsphäre der alten französischen Politik wiederherzustellen, darüber konnte kein Zweifel sein. Als es 1870 zu diesem Bruche kam, war doch eine allgemeine Erregung über den Ausgang, den die Sache nehmen könne, erkennbar. Allein die Einziehung von Hessen und Hannover und das Bundesverhältnis zu den süddeutschen Staaten wirkten dahin zusammen, daß man Frankreich glücklich bestehen konnte und bestand. Das napoleonische Regiment stürzte vollkommen zusammen; von dieser Gefahr wurde Europa befreit. Das Ereignis aber hatte noch eine andere Seite. Die revolutionären und kommunistischen Elemente, welche das Kaisertum gebändigt hatte, gewannen eine freie Bahn; sie gelangten in der großen Kommune eine Zeitlang zu dominierender Gewalt. Es waren dieselben, welche 1848 die Welt in Bewegung gesetzt hatten, und allenthalben traten sie mächtig hervor. Die Niederlage, die sie in Frankreich erlitten, war doch noch weit entfernt, eine vollständige zu sein; überall erhoben sich analoge Bestrebungen. Sie haben zwei hiervon unabhängige Ursachen. Die eine: das übermäßige Gewicht, das man auf Industrie und Fabriken legte; und eine Vermehrung der Menschenzahl in starken Proportionen, die ihre Ernährung eben in diesem Fabrikwesen fanden, in der untergeordneten Rolle, die ihnen darin angewiesen war, unzufrieden, unaufhörlich gegen die Besitzer ankämpften, Arbeitnehmer gegen Arbeitgeber und dann auch gegen den Staat, her diese beschützte. Indessen war auch eine Partei aufgekommen, welche nicht allein die Religion leugnete, sondern auch alle Moral und dies als Fortschritt der Welt betrachtete. Diese Richtung bekam jetzt dadurch eine wirkliche Macht, daß das allgemeine Stimmrecht eingeführt wurde. Wie kam es, daß man auch diese Erfindung der Franzosen in Deutschland annahm? Es beruhte auf der schon angedeuteten Notwendigkeit, den Partikularismus in den verschiedenen Staaten niederzuhalten, was nur dadurch möglich wurde, daß man den liberalen Ideen das Übergewicht verschaffte. Dabei konnte aber zwischen Liberalismus und Sozialismus ein Unterschied gemacht werden und manchem mag der Gegensatz, welchen der Liberalismus in dem Sozialismus fand, erwünscht gewesen sein. Genug; diese Direktionen der arbeitenden Klassen, die sich zuerst in all den Streiks, die jahrelang an der Tagesordnung waren, manifestierten und gegen die Herrschaft des großen Kapitals über die kleine Arbeit reagierten, wurden allgemein, wie in der übrigen zivilisierten Welt, so namentlich in Deutschland. Die Freiheit der Presse, der Vereine, welche gesetzlich unantastbar bestand, gab der Agitation ein weites Feld. Das Gegenteil der Religion wurde auf den Dörfern gepredigt. Und da nun alle diese Aufregung doch keine Erleichterung hervorbringt, so erfolgte, daß sie in immer heftigeren Schwingungen pulsierte und zuletzt zu gräßlichen Attentaten geführt hat. Ich glaube bei denselben nicht an ein Komplott, aber an ein Miasma, das eben durch die Presse fortgeleitet wird und besonders da, wo eine Prädisposition des Geistes besteht, die abscheulichsten Gewalttaten hervorruft. Die liberalen Gesetze: Freizügigkeit, Zivilehe usw. haben die Bewegung nicht hervorgebracht, aber sie haben die Gesellschaft der Mittel beraubt, ihr zu widerstehen. Gesetzlich zu widerrufen, was gesetzlich eingeführt ist, das Organ des Fortschrittes zum Organ des Rückschrittes zu machen – wenn wir uns dieser Worte ohne Lob oder Tadel bedienen dürfen –, ist unendlich schwer. Soll man aber darum verzweifeln? Ich denke nicht. In der Gesellschaft liegt doch ein Selbsterhaltungstrieb, welcher unvermeidlich wirken muß. Wir haben noch immer erlebt, daß der Verkehrtheit, der Immoralität und Gewaltsamkeit auch ein Ziel gesetzt ist. Ormuzd und Ahriman kämpfen immer. Ahriman arbeitet immer an der Erschütterung der Welt, aber sie gelingt ihm nicht. So denkt ein alter Mann.