Wilhelm Raabe Horacker Erstes Kapitel Einst war er sehr häufig auf den Gefilden Neuseelands anzutreffen, jetzt ist er erloschen. Den letzten, dessen man habhaft wurde, hat man ausgestopft und schätzt ihn als eine große Seltenheit; und wie ihn, den Vogel Kiwi – den letzten Vogel Kiwi –, sollte man eigentlich auch den letzten Konrektor ausstopfen und als etwas nie Wiederkommendes verehren. Was wir an gutem Willen dazu zu bieten haben, geben wir gern her; vielleicht liefern andere nachher das Stroh, den Draht und den Kampfer – letzteren gegen die Motten; denn was die Grillen anbetrifft, so wünschen wir dieselbigen uns selber zur Ausrottung vorzubehalten. Wir wünschen eine vergnügliche Geschichte zu schreiben, und wenn wir jemandem das schuldig sind, so ist unser alter Herr, der letzte Konrektor , der Mann. Er ist immer gegen das Lügen gewesen, wenn's ihm heulend vorgetragen wurde; eine gute Schnurre dagegen wußte er schon selber mit Behagen ungemein glaubwürdig zu machen. Über das, was ihm aufgebunden wurde, hielt er selbstverständlich nicht Buch; doch sollen heimtückischer- und frivolerweise andere Leute dann und wann Buch darüber gehalten haben, seine Kollegen zum Exempel, nicht bloß seine Schüler. Wenn wir nun den höchsten Berg der Gegend – wenig mehr als achtzehnhundert Fuß über das Meer sich erhebend – besteigen, so begreifen wir mit einem Rundblick nicht nur den Horizont, sondern auch die Grenzlinie, über die er, Eckerbusch, nie hinauskam, abgerechnet die drei Jahre seiner Universitätszeit. Es ist eine Gegend, in der man schon mit erklecklichem Behagen geboren worden sein kann, eine recht schöne Gegend in der wirklichen Bedeutung des Wortes. Ein Fluß, der auch in Schillers Xenien seine Stelle gefunden hat, schlängelt sich in mannigfachen Windungen hindurch. Bergland wechselt mit Wiesen und Ackerfeldern und Wäldern anmutig ab. Ein großer und gleichfalls nicht unberühmter Wald tritt auf einer ziemlichen Strecke bis dicht an den Strom heran und dehnt sich gegen Westen weit über den Gesichtskreis hinaus. Viele Kirchtürme, um die herum sicherlich die dazugehörige Politik getrieben wird, sind zu erblicken; uns jedoch fesselt vor allen einer, spitzig himmelanstrebend, schiefergedeckt; uns fesselt ein Wetterhahn, nämlich der, welcher sich glänzend vergoldet auf diesem Turme dreht und zu dem der Konrektor Eckerbusch aus den Fenstern seiner Sekunda emporblickt, wenn er ganz genau wissen will, woher der Wind weht. Der alte Herr führt seit mehr denn dreißig Jahren auch Buch über den Wind und ist für das Gemeinwesen eine geachtete Autorität in Witterungsangelegenheiten; sorgliche Hausfrauen, die Sonnenschein zum Wäschetrocknen brauchen, pflegen zu ihm zu schicken: »Ein Kompliment an den Herrn Konrektor Eckerbusch, und ob es morgen wohl regnete?« Und der Alte hat immer eine Antwort zur Verfügung, und wenn es sich hernach herausstellte, daß er sich irrte, so ist er sicherlich niemals schuld daran, sondern stets »der verfluchte Kerl zu Haparanda, Hernösand oder Konstantinopel, der wie gewöhnlich mit seinen meteorologischen Beobachtungen im Rückstand geblieben ist«. Es muß schon weit gekommen sein, ehe von der Wissenschaft dem Wetter selber die Schuld an der Irrung aufgeladen wird. Doch die Sonne liegt auf der Landschaft, während wir auf dem Gipfel des oben gemeldeten Berges stehen und uns umschauen. Wenn dann und wann ein kurios geformt und gefärbt Wolkengebilde über das Blau gleitet und seinen Schatten auf das Grün wirft, so kann das nur den Reiz des guten Tages erhöhen. Wir nehmen eine behagliche und jedwedem Erdending wohlgefällige Stimmung mit bergunter; und das ist es grade, ja ist es einzig und allein, weshalb wir uns eben so hoch – ganze achtzehnhundert Fuß hoch! – über der Menschen Häupter und Hausdächer erhoben. Wir steigen bergab und zuerst durch dichtes Haselbuschgewirr. Wir haben vorsichtig die Zweige zur Seite zu biegen, daß sie uns nicht in das Gesicht schlagen, oh, und wir erinnern uns deutlich der Zeit, da der Konrektor Eckerbusch hier im Busch saß und sich ganz etwas anderes schnitt als Pfeifen; denn als er seinen Abschied nahm, wurde er längst nicht mit »vollem Gehalt« pensioniert! – Durch den Hochwald geht unser Weg, über reinliche schöne Waldwiesen, durch ziemlich schmutzige Dörfer, bis uns ein letzter, verwachsener und auch sonst nicht ohne Beschwerde zu erklimmender Hohlweg auf den Rand eines schroff abfallenden Abhangs bringt, unter welchem der Fluß rasch und lebendig dahinschießt und das einzig Langsame auf und an ihm das Schiff ist, das langsam kläglich zu Berg kriecht, geschleppt von den keuchenden Gäulen auf dem steinigen Schifferpfade. Der Hohlweg läuft nun rechtsab im Zickzack den Hügel hinab, geht in einen Feldweg über und führt uns zu einem andern Dorfe, dicht am Strom gelegen. Da haben wir die Fähre und den Fährmann und schwimmen auf dem Wasser. Zwei eben dem Knabenalter entwachsende und ihren Röcken und Hosen anscheinend spargelhaft über Nacht entwachsene Jünglingsmenschen – Obertertianer oder Untersekundaner jedenfalls – fahren mit über, und der eine spricht zum andern: »Du, Karl, ich weiß einen, der wird sich heute über vier Wochen wundern.« »Na?« »Mein Alter naturellement! Trotz allem Büffeln und Ochsen ist das Vierteljahr durch kein Tag alle geworden, an dem er nicht behauptet hat, ich stänke vor Faulheit: uh, laß ihn mich nur erst mal nach diesen großen Ferien, heute über vier Wochen, riechen! Wenn er sich da nicht die Nase zuhält, so hat er sicher einen borstigen Schnupfen.« Das andere Ideal einer zärtlichen Mutter, das sich so lang als möglich auf einer Bank des Fahrzeuges hingeflegelt hat, antwortet gar nicht im unendlichen Genuß des Daseins. Nur durch ein grunzendes Gestöhn gibt es seiner Billigung und seinem Behagen Ausdruck. Die großen Ferien – die Hundstagsferien haben ihren Anfang genommen; die beiden holden Knaben kehren mit ihren grünen Botanisierkapseln und Turnäxten vom ersten freien Ausflug in die himmlische rand- und bandlose Natur unter das väterliche Hausdach zurück, und ach, was gäbe man darum, wenn man in der Haut und den Gefühlen eines der zwei Lümmel steckte! Am liebsten steckte man in den Gefühlen und Häuten beider; denn wer hat je der Lebensseligkeiten genug gehabt, wenn sie ihm mit vollen Löffeln geboten wurden?! Machen wir wenigstens so rasch als möglich die genaue Bekanntschaft des letzten Konrektors Dr. Werner Eckerbusch! Die guten Gelegenheiten gehen alle vorbei und kommen selten wieder; – die guten Tage in dieser Welt gehen alle hin; und in dem Augenblick, wo wir die Hand auf den alten Eckerbusch legen, nähern sich auch diese Hundstagsferien bereits wieder ihrem Ende und ist die Stimmung des Knaben aus dem Kahn durchaus nicht mehr die nämliche, die sie vor – vier Wochen war. Zweites Kapitel Nun bilden sich die Leser ganz andere Dinge ein, als in dieser Geschichte, die der Geschichtsschreiber geistig sehr miterlebte, vorkommen werden. Da wird den Fenstern von tausend Leuten gegenüber ein neues Haus gebaut. Alle tausend Leute werden den Bau vom Ausheben der Kellerräume bis zum Einsetzen der letzten Glasscheibe mit Interesse verfolgen; aber neunhundertneunundneunzig von den tausend werden nur sagen »Das Haus gefällt mir!« – oder »Das Haus hat meinen Beifall nicht!« –, jedenfalls aber »Das gäbe eine Wohnung für mich – da könnte ich mein Sofa – meine Bibliothek – meine Schränke aufstellen, und die Aussicht ist auch ganz hübsch!« –, und – – unter den tausend ist einer, der wird sich und das Schicksal in ruhigem und etwas melancholischem Nachdenken fragen: »Was alles kann in diesem neuen Haus passieren?« Dieser eine sieht aus seinen wohlgezimmerten vier Pfählen in die noch leeren Fensteröffnungen, die Zimmermannsarbeit und Maurerarbeit da drüben hinein, lehnt die Stirn an seine Fensterscheibe, die dünne Glaswand, die ihn von dem Drüben trennt, und denkt an Geburt, Leben und Tod, an die Wiege und an den Sarg, und für diesen einen schreiben wir heute und haben wir immer geschrieben. Wir wünschen uns aber viele Leser. Es hat also sechsundsechzigundeinhalb geschlagen, der Norddeutsche Bund ist gegründet worden, und der letzte Konrektor ist ein mit der weltgeschichtlichen Wendung vollständig einverstandenes Glied des Norddeutschen Bundes. Zwei seiner früheren Schüler sind unter den Preußen bei Königgrätz gefallen, einer unter den Hannoveranern bei Langensalza und einer – »ein arger Schlingel, aber sonst ein guter Junge« – verscholl bei einem Angriff ungarischer Husaren in der Schlacht von Custozza. »Dieser arme Schelm hat mich oft genug und bestienhaft genug bis zum Durch-die-Decke-Springen gebracht, und ich habe ihm oft genug mitgeteilt, daß er ein Nagel zu meinem Sarge sein werde, und – nun ist's mit ihm so gekommen!... Lieber Himmel, am Ende ist das doch das einzige, was ich ihm nicht verzeihen werde, denn nun zwingt er mich, mich dann und wann sogar im Traume mit ihm zu beschäftigen«, pflegte der alte Eckerbusch zu sagen. »Das hab ich wenigstens fertiggebracht«, sagte der Kollege oder vielmehr Halbkollege Windwebel, »in meinen Träumen habe ich sie mir bis dato vom Leibe gehalten. »Ja, Sie haben auch eine junge Frau, Kollege!« sprach der alte Konrektor. Es war ein merkwürdiger Monat, dieser Monat Juli des Jahres achtzehnhundertsiebenundsechzig! Es war erstaunlich, was alles sich in der Welt ereignete und aufdringlich von der schon so konfusen Menschheit verlangte, in Obacht genommen und in Überlegung gezogen zu werden. In Paris befand sich die Weltausstellung im Gange, und Louis Napoleon, der dritte seines Namens, tat noch immer, als ob ihm ungeheuer leicht und so recht seelenvergnügt zumute sei, obgleich eben Max von Mexiko zu Queretaro vom schlimmen Juarez erschossen worden war. In den Chignons der Damen wurden die Gregarinen entdeckt, und Santa Anna, weiland Präsident der Republik Mexiko, starb auch in diesem Monat. Es versammelte sich zu seinen Vätern Heinrich der Siebenundsechzigste, regierender Fürst des Fürstentums Reuß jüngere Linie. Gera trauerte. Es verschied König Otto von Griechenland; doch blieb es unklar, ob Athen trauerte. Jedenfalls legte man keine Trauer in Deutschland an, als Thurn und Taxis sein vierhundertjähriges Postprivilegium niederlegte. Viele Bücher, Broschüren usw. erschienen immer noch über den Krieg von sechsundsechzig; doch das größte Wunder sollte gegen den Schluß des Monds eintreten: die Türken erschienen am Rhein! Sultan Abdul Aziz besuchte den König Wilhelm zu Koblenz. Nun hätte man denken sollen, daß alles dieses und noch vieles andere nicht Aufgezählte vollkommen hingereicht hätte, die eben von uns vom hohen Berg aus überschaute Gegend hinreichend zu beschäftigen; aber – im Gegenteil! Die Gegend kümmerte sich nicht im geringsten um die Pariser Weltausstellung, den Kaiser Napoleon den Dritten, den Kaiser von Mexiko, den Fürsten von Reuß-Schleiz, den Präsidenten Santa Anna und den König Otto von Griechenland: die Gegend kümmerte sich nur um – Horacker. Horacker grassierte in der Gegend; der Konrektor Eckerbusch aber ging am Donnerstag, dem fünfundzwanzigsten Juli, also am Tage nach dem türkischen Einfall, mit dem Oberlehrer Dr. Neubauer nachmittags zwischen zwei und drei Uhr in seinem Hausgarten auf und ab; wir sind darin – mitten drin, mitten – kurz in mediis rebus, wie die Lateiner sagen, und wir haben's zu tun mit den Lateinern. O um unsere verschwitzte Gelahrtheit! Wir, die wir im Schweiße unseres Angesichts unser literarisch Brod essen, wissen, was es heißt, etwas gewußt zu haben! Drittes Kapitel Der junge Philologe sah etwas verschlafen und nicht wenig verdrossen aus, der alte sehr helläugig und munter, als sie beide auf der Schattenseite des Gartens an der Efeumauer auf und ab schritten. »Also dazu hat mich der graue Halunke aus der süßesten Ferien-Siesta aufstören lassen?« murmelte der junge. »Mir genügen fünf Minuten des Nachdenkens nach Tisch, Kollege«, sprach der alte. »Nachher bin ich wieder zu allem fähig. Sie gehen mit nach Gansewinckel? He? Es ist vielleicht der letzte Ausflug in den Tagen der Freiheit. Sie wissen, wie bald das Elend und die Plackerei wieder angeht, und regnen kann es auch morgen.« »Das weiß ich freilich«, brummte der Oberlehrer, »und desto –« Er vollendete den Satz nicht; aber der vergnügliche Greis wußte doch schon, was er sagen wollte, und ließ ihn heimtückisch-schadenfroh an einem abgerissenen Efeublatt eine Zeitlang weiterkauen, bis er schmeichelnd sagte: »Der Kollege Windwebel geht auch mit und wird hoffentlich sogleich erscheinen.« »Das ist freilich das Verlockendste!« ächzte der Oberlehrer, mit einem Ruck stehenbleibend und den bittern Stengel von Hedera helix von sich speiend. »Nein, ich danke ganz gehorsamst! Nächstes Mal!... Ich bin wirklich für die letzten Tage der Vakanz anders beschäftigt.« »Natürlich, und ungeheuer nützlich!« brummte der Konrektor, und bei sich fügte er hinzu: »O du frisch aufgestecktes Licht im Tempel der Weisheit! Seit sie uns dich von höchster Stelle hergeschickt haben, merkt man freilich erst, in welchem Duster man seinerzeit gelebt hat!« Der elegante jüngere Kollege schien doch eine Ahnung von dem Kompliment zu haben, welches der ältere in seinem Busen umwendete. »Götter, welche Kerle!« murmelte er seinerseits bei sich; und die Kollegenschaft in corpore hatte sich für den stummen Ausruf des Überdrusses eines großen und frisch aus der Hauptstadt in die Provinz versetzten Selbstbewußtseins zu bedanken. Und nun hatte der alte Eckerbusch wiederum eine Ahnung von dem, was der Dr. Neubauer murmelte. »Ei ja«, meinte er ungemein vergnügt, »es ist freilich eine Art Eleusinischen Mysteriums, daß die Welt uns dann und wann viel trivialer vorkommt, als sie in Wirklichkeit ist –« »Und da kommt Ihr Kollege Windwebel!« sagte der Oberlehrer. »Unter uns, Herr Kollege, wenn ich eines nicht begreife, so ist's, wie Sie sich mit einem solchen hohlen, nichtssagenden Gesellen so vertraulich einlassen, ja auf den Fuß täglichen Verkehrs und intimer Freundschaft stellen können. Wo ich bei diesem Patron mit dem Knöchel angepocht habe, hat es mir noch immer hohl geklungen.« »Wirklich?« fragte der alte Herr und hatte abermals zu dem lauten Wort eine stillere Anmerkung zu machen. »Kleister...!« begann er, »Pinsel!« fuhr er fort und schloß mit einem tief heraufgeholten Atemzug: »Na, es kann nicht jeder die Welt mit den Augen eines belesenen Buchbinders ansehen.« Er zog dabei heftig an seiner Tabakspfeife und blies den Dampf durch spitzigst zusammengezogene Lippen in den fünfundzwanzigsten Juli hinein: »Na, was wäre ein Erdball, auf dem es kein Jucken und kein Kratzen gäbe! Willkommen, lieber Windwebel. Ich habe Sie lange nicht mit solcher Sehnsucht als in diesem Moment erwartet!« Der Herr Oberlehrer riß ein neues Blatt von der Efeuwand, und der Kollege Windwebel trat reisefertig und lächelnd näher. Er wird auch uns hoffentlich sofort nähertreten; er kam und kommt mit einem wirklichen Lachen auf dem Gesichte durch die Stachelbeerbüsche seines ältern Kollegen und dieser Historie. Rasch trat er heran, hob den leichten Strohhut von der Stirn und rief: »Da bin ich, meine Herren, und habe hoffentlich nicht auf mich warten lassen. Eigentlich hätte aber doch nur meine Hedwig auf sich warten lassen – Sie wissen, wenn man eine junge Frau sein nennt, so erfährt man, was es heißt, gute Verhaltungsratschläge mit auf den Weg zu bekommen. Daß du mir nicht fällst! Daß du mir ja nicht kalt trinkst, wenn du erhitzt bist!... Daß du dir ja hübsch die Nase putzt! Und jetzt willst du gar ohne Kuß gehen, Viktor?... Höre, und klettre mir nicht zu wagehalsig! Mein einziger Trost ist nur, daß der Herr Konrektor Eckerbusch dich beaufsichtigt.« Der Herr Konrektor Eckerbusch lachte herzlich; aber der Kollege Neubauer schien es für seine Pflicht zu halten, um so ernster zu bleiben. »Sehr ergötzlich!« sagte er, wahrscheinlich, um auch dadurch der Heiterkeit des Augenblicks hoch mehr aufzuhelfen. »Der Herr Doktor wird uns nicht begleiten, Windwebel; wir haben ihn umsonst aus seiner Nachmittagsruhe aufgestört. Sämtliche neun Musen haben ihn in den Klauen, und was uns zwei angeht, so wissen wir es gar nicht, wie gut wir mit unsern beiden Frauenzimmern dran sind: Sie mit Ihrer jungen Hedwig und ich mit meiner braven alten Ida. Kommen Sie herauf, Windwebel, und trinken Sie noch eine Tasse Kaffee vor dem Abmarsch. Kommen Sie mit, Freund Neubauer?« »Ich muß wirklich höflichst danken«, sprach der Oberlehrer mit einem Ton und einer Handbewegung, als ob in der Tat eben nur der weise Cicero fröhlich von seinem muntern Halsabschneider Marcus Antonius eingeladen worden sei, noch einen Augenblick mit heraufzukommen. Damit ging er, formaliter grüßend, und der Alte sah ihm nach, anfangs ein wenig verdutzt und grimmig, dann aber mit einem um so sonnigeren Grinsen. »Nun, Windwebel, dann wollen wir ihn ruhig auf seinem Sofa liegenlassen. Steigen wir hinauf zu meiner Alten!« »Mit Vergnügen, Herr Kollega«, erwiderte der Zeichenlehrer des Gymnasiums und nahm den Arm des Konrektors. Der Doktor Neubauer jedoch ging nicht hin, um sich von neuem auf sein Sofa zu legen, sondern er setzte sich steif an seinen Schreibtisch, um zu seiner ganz speziellen Tröstung mehrere Aphorismen zu Papier zu bringen. Wir wollen dieselben dem weisen Publiko nicht vorenthalten, denn möglich ist's doch, daß sie irgendeinem unserer Leser gleichfalls zum Trost dienen, was uns denn recht freuen würde. So schrieb der Herr Oberlehrer: A. Wer imponiert? Nur der, welcher ruhig seinen eigenen Weg geht. B. Wo das Tier zum Vorschein kommt, bleibt dem wirklichen Menschen nichts übrig, als unendlich geduldig zu werden. C. Im Grunde begreift keiner die Tragik im Leben des andern. D. Ich las gestern im Aulus Gellius über die Schwüre der Römer und Römerinnen. – Beim Herkules schwören nur die Männer, beim Kastor nur die Weiber; aber beim Pollux beide Geschlechter. – Aedepol! Unter welchem Getier beiderlei Geschlechts hat man hier zu vegetieren!... E. Gibt es nicht Nationen, in denen unbekannt zu bleiben oder von denen vergessen zu werden eine Ehre ist? Mit dem Wunsche, das Unserige getan zu haben, daß der junge Mann, dieser Herr Oberlehrer Dr. Neubauer, seiner Nation nicht unbekannt bleibe, überlassen wir ihn für jetzt dem ungeheuern Ernste seiner Natur- und Lebensauffassung und steigen mit dem Konrektor und dem Zeichenlehrer hinauf in das Gemach der Frau Konrektorin, deren gutes altes Gesicht sich beim Anblick Windwebels jedenfalls nicht verdüsterte. Von ihrem Strickzeug munter aufschauend und die Hornbrille auf die Stirn emporschiebend, rief die alte Dame: »Mehercle, also Sie wollen mir richtig meinen Alten schon wieder einmal verführen, Kollege?« »Mecastor heißt's!« sprach der Konrektor. »Diesmal bin ich mal wieder der Verführer. Herrjeses, Ida, was würdest du für eine Mutter der Gracchen geworden sein, wenn uns der liebe Himmel Kinder beschert hätte. Nun aber rasch, trinken Sie noch eine Tasse, Windwebel, und dann gehen wir. Eine Flasche Chateau Heidelbeere wird in die Tasche gesteckt; – für das spätere Getränke sorgt Winckler in Gansewinckel.« »Eckerbusch! Eckerbusch!« rief den Kaffeetopf niedersetzend die Matrone. »Windwebel, ich binde ihn Ihnen auf die Seele und das Gewissen! Daß er eine Reputation aufrechtzuhalten hat, wird ihm nur klar, wenn ein anderer es ihm klarmacht, und auch dann schlägt er gerade erst recht über den Strang. Ich bitte Sie, Windwebel, passen Sie mir auf ihn –« »Verlassen Sie sich ganz auf mich, Frau Konrektorin.« »Jawohl! Sie und Ihre Hedwig haben ihm nicht den Rheumatismus mit einem heißen Plätteisen aus dem Buckel zu bügeln, wenn er sich nach seiner Gewohnheit die feuchteste Stelle im ganzen Walde zum Sitz aufgesucht hat; also denken Sie an mich, und geben Sie mir zuliebe acht, daß er's diesmal nicht tut. Manchmal sucht er sich auch expreß einen Ameisenhaufen aus, um sich hineinzusetzen; – und Sie wissen, wie wenig er seine Stellung zu berücksichtigen pflegt, wenn ihm etwa eine Horde von seinen Schülern begegnet!... Also passen Sie mir recht hübsch auf ihn – ich mache dann wahrscheinlich auch Ihrer kleinen Frau eine Visite und bewahre sie Ihnen vor Schaden.« Lachend fügte sie hinzu: »Und, o Gott, Horacker! Nehmen Sie sich auch vor Horacker in acht! Dieser Angstpfropfen steigt mir nun auch noch zuguterletzt in der Kehle herauf!... Horacker! Es ist zwar dummes Zeug; aber hätte ich früher an den Kerl gedacht, so hätte doch keiner von euch beiden heute die Erlaubnis zu diesem Wege nach Gansewinckel bekommen!« »Haben Sie den Chateau in die Tasche geschoben, Kollege?... gut; dann lassen Sie uns machen, daß wir aus dem Hause kommen; dies ist ja ganz heillos! Sie, Windwebel, haben sich zu Ihrem Glück nicht mit der Metrik abzugeben und wissen also behaglich auch nicht, was ein Proceleusmaticus ist und wie angenehm einem die Ohren klingen, wenn solch ein Frauenzimmer in lauter Proceleusmaticos ausbricht und sozusagen selber zu solch einem Untier von Rhythmus domesticus wird. Horacker, Rheumatismus, Reputation und kein Ende! Vale, Alte, hast du gar nichts an den Pastor und seine Frau Billa zu bestellen?« »Grüße Sie, Eckerbusch. Und dann könnt ihr mich und Frau Hedwig demnächst dort auf eine saure Milch anmelden. Wollen Sie, lieber Windwebel?« Der liebe Windwebel wollte selbstverständlich; und dann sah die Stadt den Konrektor und den Zeichenlehrer ihres illustren Gymnasiums auch diesen Feiertag benutzen; das heißt, viele Leute, die das Weichbild bewohnten, sahen ihnen nach und sprachen: »Da gehen die beiden hin.« Unter welchen Worten sich der geheime Wunsch verbarg: »Mit den zwei ging ich selber gerne. Daß der alte Eckerbusch heute wieder was erlebt, ist sicher.« Auch der Doktor Neubauer trat mit der Feder in der Hand an das Fenster und sah die Kollegen dem Stadttor zu ziehen; und da es wieder einmal kein anderer tat, so tat er's selber und lobte sich ausnehmend dadurch, daß er ihnen fast beängstigend nachgähnte. Nachher ließ er die Welt in dem Wahne, daß er sich auch heute – jetzt einer großen literarisch-dichterisch-philologischen Lebensaufgabe hingebe, und legte sich von neuem mit den »Blättern für literarische Unterhaltung« auf sein Sofa. Viertes Kapitel Wie ein Nest des Friedens lag Gansewinckel mit seinen Gärten, Wiesen und Feldern in den Wald hineingedrückt, und dann war natürlich die Kirche gekommen und hatte die Pfarrei als ein Nestei in die Idylle hineingelegt: wir aber bitten uns vom nächsten Osterhasen eine Belohnung für das liebliche Bild aus. Ach, wenn nur der braven alten Henne Ekklesia nicht so sehr oft Enteneier zum Brüten untergeschoben würden! Aus was für Eiern die Gansewinckler gekrochen sein mochten, augenblicklich waren sie sämtlich ihrem Pastor davongewatschelt und schwammen, plätscherten und tauchten lustig und höhnisch auf dem Sumpfe menschlicher Verderbnis, und der Pastor Winckler stand am Ufer oder lief dort auf und ab und ärgerte sich und ängstete sich sogar ein wenig – mit gesträubtem Gefieder, das letztere heißt, er hatte bereits seinen schriftlichen Bericht an das Konsistorium in der Feder. Daß sie, die Gansewinckler Bauern, ein wenig sehr der Wilddieberei ergeben waren; daß sie dann und wann auch wohl sich selber (das heißt den Nachbar im Dorfe) bestahlen; daß ihre Händelsucht mehr als einen Advokaten redlich ernährte, das alles war ihre eigene Sache, und der alte Winckler wußte sie da wohl zu nehmen. Er hatte den Körper und den Geist dazu, hielt mitten im neunzehnten Jahrhundert den wackern Christian Fürchtegott Gellert für einen Klassiker und hielt das abgegriffene Exemplar der Fabeln desselben in höchsten Ehren, sowohl auf seinem Schreibtische wie im Kopfe und nach beiden Richtungen hin im täglichen Gebrauch. Er verstand's, seinen Fürchtegott bei vorkommenden Gelegenheiten recht passend zu zitieren; – er hat auch heute dem Vorsteher und den Ältesten der Gemeinde gegenüber damit zu wirken versucht, und – diesmal ist er abgeblitzt und sitzt, als wir ihm zu allen übrigen Verdrießlichkeiten auch noch über den Hals kommen, mit erloschener Pfeife, zusammengezogenen Brauen und innerlichem Geknurr an seinem Schreibtische. Die rechte Hand liegt geballt auf der Konkordanz, die linke schlaff und offen im Schoße. Hohngrienig sind seine Lämmer abgezogen; – sie, seine Bauern von Gansewinckel, glauben ihn diesmal zu haben und zu halten. Jedenfalls haben sie ihn, Christian Winckler, in die äußerste Verblüfftheit versetzt und seine Frau Billa mit. In der Nußbaumlaube an der Gartenhecke, von der aus man den Weg nach dem nächstgelegenen Rande des Waldes übersieht, ist der Nachmittagskaffee schon vor einer Stunde kalt geworden, und es ist nur der Wärme des Julitages zu verdanken, wenn er nicht noch kälter wird. »Pfähle mich, Frau Pastorin; wir haben's eben mit dem Herrn Pastor abgesprochen«, hatte der Vorsteher Neddermeier, den Bauerngänsemarsch an der Küchentür der Pfarre vorbeiführend, der geistlichen Frau zugegrinset, und der Dickste der Deputation und im Dorfe, der Vollköter Heinrich Degering, hatte sogar gelacht, ohne den Hut vor die »Flegelvisage« zu halten, und nun – saß die Frau Billa Winckler ihrem gebrochenen Eheherrn im Studierstübchen desselben gegenüber und hatte beide Hände schlaff im Schoße liegen: »O Krischan!« Und der Herr Pastor, mit der Linken nach dem Taschentuch suchend, um sich den Schweiß abzutrocknen, läßt die Faust abermals auf die Bibelkonkordanz fallen: »So wollte ich denn doch, daß – – –« Wir kennen das hochwürdige Konsistorium, und so versagen wir es uns und den Lesern zum Besten des Gansewinckler geistlichen Hirten, für die Gedankenstriche die betreffenden Worte hinzusetzen. Das aber, was Krischan Winckler in diesem Augenblicke aus vollem Herzen und mit Hingabe aller seiner Gefühle gern wollte und wünschte, sprachen die von ihm keineswegs verschluckten Worte in vollstem Maße aus; darauf kann man sich verlassen. »Da triumphieren sie hin, daß sie dich endlich einmal am Wickel haben, Alter«, ächzte die Frau Billa. »O könnte ich doch jetzt im Kruge zwischen sie fahren! Da sitzen sie nun und stecken ihre Dickköpfe über dich zusammen, und oh! wie sie sich auf den Sonntag und deine Predigt freuen werden! Und oh! wie ich mich darauf freue, wenn ich auch noch nicht weiß, ob ich ihn überleben werde! Selbst meine Haube mag ich nicht mehr über den Zaun zeigen, bis diese Geschichte entschieden ist! Willst du heute noch nach der Stadt, Winckler, und mit einem sachverständigen Menschen sprechen?« »Erst muß ich selber meine Gedanken wieder zusammensuchen«, stöhnte der Pastor, »wie kann ich mit einem andern darüber sprechen, ehe ich selber wieder weiß, ob ich auf dem Kopfe oder auf den Füßen stehe?... Das habe ich nun von meiner Herzensgüte!« »Und was habe ich davor?« fragte die Gattin. »Da guck nur deinen Fußboden an! Nicht einer von dem halben Dutzend Lümmeln ist abgezogen, ohne mir drauf gespuckt zu haben. Ist denn der Kantor noch nicht in Sicht? Auf dessen Mienen nach diesen Enthüllungen bin ich doch auch gespannt. O Krischan, Krischan, du gratulierst, und Böxendal singt, und das Konsistorium kenne ich, das läßt ihn singen und dich gratulieren; aber ich sage dir, bis an den Landesherrn gehst du wegen der Sache, ehe es so weit mit mir und dir kommt, und das ist meine Meinung, – und da – kommt der Kantor durch den Garten! Hab ich es nicht gesagt? Jesus, wie läuft der Mann, und was macht er für'n Gesicht! Einer von ihren Jungen möchte ich bei ihm jetzt auch nicht sein.« »Aber ich!« brummte der »treffliche Pfarrherr von Grünau«. »Es ist immer noch angenehmer als Pastor zu Gansewinckel.« In diesem Moment riß der Kantor von Gansewinckel die Stubentür auf: »Herr Pastor – entschuldigen Sie, Frau Pastorin; – Herr Pastor, ich bitte Sie – ist es denn möglich?« »Ich halte es bis jetzt auch noch für unmöglich, lieber Böxendal; aber die alten Pergamente besagen es leider Gottes: Sie pfeifen für Ihre Vierzeitengelder, und ich tanze für die meinigen. Für die vier Pfennige alle Vierteljahre haben wir beide uns an jedem Neujahrstage persönlich bei jeglichem Hausvater in der Gemeinde einzustellen« – »Und ich habe jedem Bauer einen Gesangbuchsvers vorzusingen?! O du Allmächtiger!« »Und ich bin verpflichtet, einem jeglichen von ihnen in wohlgesetzter Rede alles Gute und Liebe zu wünschen. Böxendal, sie haben es schriftlich, und wir hätten etwas Klügeres tun sollen, als unsern Ablösungsantrag in betreff dieser verruchten Vierzeitengelder zu stellen.« »Aber seit mehr als einem Säkulum muß das ja in Vergessenheit geraten sein. Herr Pastor, keiner meiner Vorfahren im Amte seit dem Siebenjährigen Kriege –« »Deshalb nennt man das auch ein altes Herkommen!« fiel der Pastor seinem Kantor ächzend ins Wort. »Und wir selber haben es wieder aufgerührt; und ich kenne da meine Gansewinckler – o Böxendal, Böxendal, fragen Sie nur meine Frau nach meinen Betrachtungen des Falles –« »Frau Pastorin, Sie sollten meine Frau über die Geschichte sehen und hören!« wendete sich der Kantor von Gansewinckel an die zerknickte Matrone. »Ich komme einfach um«, stöhnte die gute alte Dame. »Böxendal, wenn das Konsistorium kein Einsehen tut, überlebe ich den ersten Januar achtzehnhundertachtundsechzig nicht. Das geht mir freilich noch weit über Horacker!« »Hören Sie, lieber Freund«, sprach aber jetzo der Pastor zu seinem Kantor, »verdrießlich ist die Historie; aber einmal wenigstens möchte ich Sie doch für mein Leben gern vor dem Vorsteher und vor dem Vollköter Degering singen hören.« Er schob dabei lächelnd sein schwarzes Samtkäppchen auf dem würdigen Schädel hin und her. »Ja, so bist du, Winckler«, sagte die Frau mit ernsthafter Entrüstung. »Ja, geh nur hin und gratuliere – ich für mein Teil hoffe, daß Horacker ihnen allen vorher noch den roten Hahn auf den Gehöften aufsteckt. Ich wünsche keinem Menschen was Böses; aber hier hört doch eben die Menschheit auf, und mir soll noch einmal einer aus dem Dorfe um meine Krampftropfen und von wegen meines Rezeptes gegen den Durchfall auf die Pfarre kommen!« »Lieber Böxendal, auch unsere beiderseitigen bessern Hälften werden sich allgemach wieder beruhigen«, meinte der Pastor zu seinem Kantor gewendet. »Überlegen wir verständig und mit Bedacht, was zu tun sei, um dieser übeln Angelegenheit eine Wendung zum allseitigen Besten zu geben, und lassen wir vor allen Dingen Horacker und alle sonstigen unchristlichen Ideen aus dem Spiel!« Was uns, den Autor, anbetrifft, so ist es gerade in diesem Moment unsere Pflicht und christliche Schuldigkeit, Horacker hineinzubringen – in das Spiel. Fünftes Kapitel Es war ein Wunder, daß in diesem Sommer der Kuckuck nicht Horacker! Horacker! in unserm Walde rief, sondern bei seinem altgewohnten Ruf Kuckuck! Kuckuck! geblieben war. Er hielt's wahrscheinlich für überflüssig, auch seinerseits in den allgemeinen Schrei einzustimmen, und im Grunde hatte er darin recht: Dorf und Stadt, Berg und Tal hallten doch schon genug wider von dem kuriosen Wort und Namen: »Horacker! Horacker! Cord Horacker!« Ein lustigerer panischer Schrecken hatte sich selten der Bevölkerung einer Gegend bemächtigt als hier von dem Tage an, seit Horacker aus Gansewinckel im großen Walde als kühner Räuber und blutiger Mörder sein Geschäft aufgetan hatte, also seit ungefähr vierzehn Tagen oder drei Wochen. Vergebens hatte der Staatsanwalt der Ortsgelegenheit sozusagen auf seine Ehre im Kreisblatt versichert, daß wenig oder eigentlich gar nichts an den fürchterlichen Gerüchten sei; vergebens versicherte er jedem, der ihn hören wollte, mündlich, daß, wenn Horacker selbst kein Phantom sei, der Räuber Horacker unbedingt als ein Mythus aufgefaßt werden müsse: kein Mensch, kein Bauer und noch viel weniger irgendein Bauerweib glaubte seinen schriftlichen wie mündlichen Versicherungen, und selbst mit den Bürgern und Bürgerinnen seiner Kreisstadt hatte er seine liebe Not. O, er, der Herr Staatsanwalt, hatte gut reden und schreiben, er saß sicher in seiner Amtsstube zwischen seinen Akten und konnte sich bei jedem Wege und selbst des Abends auf seinem Wege nach der Kegelbahn von seinen Landdragonern eskortieren lassen; sie aber, die Bauern der Walddörfer, konnten dieses nicht. Hinter jeglichem Busch hervor sprang Horacker ihnen, ihren Weibern und Töchtern auf den Nacken; und ihre Butter, ihren Käse, ihre Eier und ihre Hühner mußten sie doch in die Stadt schicken, und nichts war sicher vor dem neuen Bückler, Schinderhannes, baierschen Hiesel oder Hundssattler. In der Hinsicht trauten sämtliche Bauerschaften der Umgegend weit mehr dem Räuber als dem Herrn Staatsanwalt Wedekind. Von dem einen wußte man gewiß, daß er vorhanden sei, und der andere – hatte gut reden. Aber nicht bloß in den Dörfern, sondern auch in der Kreisstadt wußte man und erzählte man von den mannigfaltigen Schandtaten Horackers. Wir waren vorhin dabei, als die Frau Konrektorin Eckerbusch ihren leichtsinnigen alten Eheherrn und den Kollegen Windwebel vor ihm warnte. Selbst die, welche über diese Mordgeschichten lachten, nahmen doch einen dickern Stock als sonst auf ihre Spazierwege mit und genossen am liebsten in möglichst großer Gesellschaft das Naturvergnügen und die Kühle der vor drei Wochen noch so harmlosen Schattenwege des großen Forstes. Und selbst dann, wenn sie sich einer auf den andern verlassen konnten und es im Gebüsch rauschte, blickten sie immer noch etwas scheu über die Achseln und faßten ihre Handstöcke fester. Der Staatsanwalt hatte nur sein Kreisblatt, aber Fama verfügt, wie wir auch aus der Mythologie wissen, über viele tausend Zungen; und von Tag zu Tage nahmen die Horackerhistorien kühnere und grellere Formen und Farben an. Horackers Taten bildeten das Gespräch in der Schenke wie im Klub der Honoratioren, Horacker wurde in der Küche und in der Putzstube verhandelt, von Horacker unterhielt die Gattin den Gatten, das Kind die Eltern, die Großmutter die Enkel und die Enkel den Großvater. Wenn der von einer Fahrt über Land heimkehrende Hausvater den Seinigen gesund, mit heilen Knochen und dem Geldbeutel in der Tasche wiedergeschenkt worden war, so wurde er von Weib und Kind nicht wie sonst gefragt: »Was bringst du uns mit?«, sondern man hing sich an ihn und um ihn und schrie ihn an: »Ist dir Horacker nicht begegnet?« Und selten kam jemand nach Hause, dem Horacker nicht begegnet war, wenn auch nicht persönlich, so doch in den Mäulern der Leute. Selten waren in kürzerer Frist so viele alte Geschichten aus dem neuen Pitaval und aus Basses Verlag in Quedlinburg aufgewärmt worden wie hier seit dem Tage, an welchem Horacker einem alten Butterweibe aus Dickburen unter den »Uhlenköpfen« über den Weg gesprungen war; uns aber überfällt es in diesem Moment heiß und kalt, daß wir den alten Eckerbusch und den Zeichenlehrer Windwebel bis jetzt allein im wilden Walde laufen ließen, ohne uns ihnen zur Begleitung mitzugeben; – wie leicht können auch wir nachher es mit dem Staatsanwalt zu tun kriegen, wenn ihnen infolge unserer Vernachlässigung eine Unannehmlichkeit passiert ist und wir zum Beispiel nur noch ihre verstümmelten Leichname seitab vom Pfade in der Wildnis, und auch nur vermittelst unseres Geruchssinns auffinden? Vivat, noch leben sie! Vivant in saecula saeculorum! Von der Stadt heraufwandelnd hatten sie beide nach einem etwas mühseligen Marsche auf schmalem Wege zwischen einem ziemlich tiefen Hohlwege und weiten, recht sonnigen Ackerfeldern den Waldrand erreicht und damit das Hauptlustrevier des alten Philologen seit den frühesten Jugendtagen. Alles, was ihn im langen Leben bedrückte oder hemmte, hatte er diesen Hohlweg und diese Roggen- und Weizenbreiten entlang den drei Eichen entgegengetragen, die an der Waldecke einige Bänke, aus Feldsteinen aufgeschichtet, überschatteten. Nicht hundertmal, sondern tausendmal hatte er von diesen Bäumen, und nicht bloß im Sommer, Frühling oder Herbst, sondern auch am schärfsten Wintertage und -abend, auf die Heimatstadt hinabgesehen und dann allerlei – mit sich selber abgemacht. Der Konrektor hatte viele gute Bekannte und Freunde in der Stadt und auf dem Lande; aber zu den besten gehörten doch die drei Eichen; und die Freundschaft war auch eine gegenseitige, was in solchen Dingen eigentlich das allerbeste ist. »Da kommt er wieder!« riefen die Dryaden vergnügt, und die alten Bäume steckten lustig rauschend die Köpfe zusammen, und manchmal fragte es auch in den Wipfeln: »Wen bringt er denn heute noch mit?« So heute; und – »Μα ’Απολλωνα, den Kollegen Windwebel!« riefen alle drei klassischen Baumjungfern, noch vergnüglicher zwischen dem rauschenden Gezweig durch auf den Waldweg hin auslugend. Auch der Konrektor Eckerbusch begrüßte seine drei Lieblingsbäume und saß einen Augenblick auf einer der Bänke nieder, um nach dem heißen Emporsteigen Atem zu schöpfen. Der Kollege stand und studierte die Beleuchtung der Berge jenseits der Stadt im Tale und des Flusses. »Hier saß ich als Quartaner und präparierte mich auf den Cornelius Nepos; und fragen Sie mal meine Ida, was noch alles ich hier getan habe. Windwebel, Sie sind weit in der Welt herumgekommen, ehe Sie zu uns hiehergelangten; Sie haben jedenfalls manche schöne Stelle kennengelernt, lieber Freund; was mich anbetrifft, so habe ich in keinem Klassiker eine schönere als diese hier ausfindig gemacht. Stellen Sie's sich nur vor; da, wo Sie stehen, stand ich auch einmal, und hier, wo ich sitze, saß meine nunmehrige langjährige Proceleusmatica. ›Aura veni!‹ rief ich; denn es war ein sehr schwüler Sommerabend und ein kühlendes Lüftchen höchst erwünscht. Aber was sagte meine Prokris – nein, ich will doch lieber sagen meine Ida? ›O Gott, Herr Kollaborator – lieber Werner, ist es denn wirklich und wahrhaftig dein Ernst? Nun dann habe ich auch nichts dagegen!‹... Und, Windwebel, so purzelten wir aus den ›Metamorphosen‹ nach Gottes Willen mitten hinein in die ›Ars amatoria‹ und gingen hinunter in die Stadt und sagten es den Eltern. Gütiger Himmel, wie die Zeit hingeht! Jetzt lassen Sie uns aber auch weitermarschieren. Winckler, der damals als Hülfsprediger drunten in der Stadt hungerte, gab uns zusammen; Sie sehen es ihm jetzt in Gansewinckel nicht mehr an, wie dünn er damals an den Wänden hinlief. Ja, seine Frau und seine Bauern haben ihn recht ordentlich herausgefüttert.« Der Zeichenlehrer sah nach rechts und links an sich herunter und überlegte sich, was seine Hedwig wohl bei seinem Gehalte und dem, was er sich und ihr durch Privatlektionen dazuverdiente, aus ihm machen werde. »Hübsch ist es zwar, wenn ein Künstler nicht zu fett wird«, murmelte er; »aber unbedingt nötig ist's grade nicht, daß er so mager bleibt wie ich jetzt.« Sie gingen, und die Dryaden in den dunkeln Eichenwipfeln kicherten lustiger denn zuvor. Sie erinnerten sich gleichfalls ganz genau jener holden Sommerabendstunde, in welcher der Kollaborator Eckerbusch nach Kühlung zu ihnen emporrief und Fräulein Ida Weniger das klassische Zitat so sehr falsch und doch so ganz und gar richtig verstand. Es war freilich eine lange Zeit hingegangen; aber solch eine Nymphe in so einer alten Eiche hat ein recht zähes Altjungferngedächtnis, und so erinnerten sie sich nicht allein an den Eutropius und den Cornelius Nepos, sondern auch an den Publius Ovidius Naso, zumal der letztere sie mehrfach auch recht lieblich und liebenswürdig besungen hatte. – Einen angenehmeren Weg- und Waldgenossen als den Kollegen Windwebel konnte es für den Kollegen Eckerbusch nicht geben, und umgekehrt blieb die Sache ganz die nämliche. Was der eine nicht sah, roch und hörte, das hörte, roch und sah sicherlich der andere. Sie verfügten über, oder vielmehr standen alle zwei unter dem Bann einer Phantasie, die sie nicht selten zu einem Gaudium für gesetztere Leute machte, aber ihr eigen Gaudium an der Welt und ihren Erscheinungen ungemein erhöhte. Sie gehörten wahrlich nicht zu den achtungswerten Naturen, die jedesmal nach einer Brücke suchen, wenn sie einen lustigen Waldbach quer über ihren Weg springend finden. »Man wird älter«, seufzte der Konrektor. »Sonst pfiff kein Vogel in Busch und Bauer, dem ich nicht nachzupfeifen verstand; aber dazu gehören Zähne, und diese mangeln nunmehr allmählich. Es erinnert einen alles an das Grab – an das unausweichliche Menschenverhängnis, Windwebel.« »Doch – in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister«, zitierte der Zeichenlehrer. »Als Hund und Katze im Kampfe werden Sie immer mustergültig bleiben. Ihre Leistungen als auf den Schwanz getretener Kater sind geradezu erschütternd.« »Meinen Sie, lieber Freund?« fragte der alte Herr geschmeichelt. »Ja, denken Sie, grade dieses, wie ich selber glaube, nicht übel individualistisch durchgebildete kakophonische Kunststück gefällt meiner Frau am wenigsten, und wir bitten keine Abendgesellschaft mit Bowle zusammen, ohne daß ich vorher gebeten werde, die Dummheiten unterwegs zu lassen und mich und sie, nämlich Ida, nicht zum Narren zu machen. Na, nächstens sollen Sie uns mal Ihre Bauerfrau, die ein Ferkel in einen Sack zwängt, vorführen; und Ihr Weibchen, Ihre kleine Hedwig –« »Hat es mir streng untersagt und knüpft mir nie das Halstuch um, wenn wir einer Gesellschaftseinladung folgen, ohne mich mit Tränen in den Augen zu bitten, mein Versprechen zu halten.« »Bah! das sind Flitterwochenverbote und -versprechungen. Was habe ich in der Beziehung alles versprochen!... Quieken Sie nur ruhig zu; ich miauze und fauche auch. Stellen andere Menschen – Talente, stellt etwa der Kollege Neubauer sein Talent unter den Scheffel? Dichtet er nicht, und liest er uns seine Gedichte nicht vor? Lassen Sie ihn erst mal mit seiner Sechsundsechsiade zu Rande sein und warten Sie ab, was wir dann erleben. In Hexametern kann ich freilich meinen Hinz und meinen Pudel nicht zur Wirkung bringen.« »Kollege«, flüsterte der Zeichenlehrer dicht am Ohr des Konrektors, und nach allen vier Weltgegenden scheu sich umsehend. »Kollege, wir sind hier mitten im Walde – unsere Damen sind nicht zugegen, der Herr Kollege Neubauer auch nicht – – haben Sie schon einmal meinen asthmatischen Mops, der auf Fräuleins Sofa tat, was nicht hübsch von ihm war, – vernommen?« »Niemals!« rief der Alte, mit allen Gliedern vor Spannung zuckend. »Schießen Sie los! Schießen Sie los!« Es war ein lauschiges grünes Plätzchen in der Wildnis, rund umgeben von hohen schlanken Buchenstämmen, schattig überwölbt. Zwei Eichkätzchen, die sich bis jetzt munter um die Stämme gejagt hatten, setzten sich fest hin und sahen und horchten kunstverständig zu; aber daß die Frau Ida Eckerbusch, die kleine Frau Windwebel und der Herr Oberlehrer Dr. Neubauer sich nicht unter dem Publikum befanden, als der Kollege Windwebel losschoß, war freilich besser. Es kam eine ganz ideale Schöpfung zum Vorschein! »Hätte ich das Geld dazu, ich baute Ihnen ein eigen Theater, Windwebel!« kreischte der Konrektor. »Traute ich meinen alten Knochen noch, so schlüge ich Rad auf der Stelle. Noch einmal, Bester, Einzigster! Kein Gedanke, kein Bild, die nicht vom Ton vollkommen gedeckt werden! Das ist das richtige melodramatische Kunstwerk, Windwebel! Ihnen gehört von jetzt an die Zukunft nach jeder zweiten Bowle! Ich habe bloß vom Berge Nebo in die Kunst hineingesehen. Vivat der Mops und das Fräulein! Alle heraus!« Die beiden Eichkätzchen entfernten sich in hastigen Sätzen; die beiden Weg-, Kunst- und Seelengenossen zogen fürder durch den Wald, der Konrektor mit den Butterbröten und der Zeichenlehrer Windwebel mit der Bordeauxflasche, dem »Schato Heidelbeere«, hinten in der Rocktasche. Auf vielgewundenen und sehr verwachsenen Pfaden wanden sie sich durch; und da ein jeder jeder seiner Liebhabereien auf der Stelle nachfolgte – Farbenwirkungen, Wolkenfigurationen, Käfern und Pflanzen – und da beide in gleicher Weise Freunde von Champignons, Hahnenkämmen und sonstigen eßbaren Pilzen waren, so kam ihnen nicht selten jeder betretene Weg abhanden. Und als sie nun einmal wieder derartig im Busch steckten, und der alte Eckerbusch sogar ziemlich fest in einem zärtlichst sich anhäkelnden Dornenbusch, da bemerkte Windwebel: »Herr Kollege, jetzt wäre für ihn die günstigste Gelegenheit da. Wissen Sie, was ich wünsche?« Mit einem letzten Ruck seine Rockschöße dem Gestrüpp entreißend, erwiderte der Alte: »Sie haben mancherlei Wünsche und ich auch. Nun, Zeus wird wohl wissen, was zwei geplagten Schulmeistern an einem Nachmittag wie heute gegen das Ende der großen Vakanz am dienlichsten ist! Was zum Exempel wünschten Sie denn nun einmal wieder?« »Wir stießen auf ihn oder er auf uns.« »Auf wen? Auf was? He?« »Auf Horacker natürlich! Stellen Sie sich den Triumph und das Erstaunen, die Anerkennung von oben und vielleicht gar das Allgemeine Ehrenzeichen von höchster Stelle vor, wenn wir ihn packten und die Gegend von ihm befreiten!« »Windwebel?!« rief der Konrektor. »Das ist wieder ein Gedanke! Da haben Sie ja wahrhaftig wieder recht. Horacker!... Da hängen wir in der Wildnis fest und denken an nichts. Das wäre in der Tat ein Triumph, wenn wir beide ihn brächten – ihn dem Freund Wedekind auf der Kegelbahn zuführten! Horacker, Horacker! Vorausgesetzt, daß er nicht uns packt und die Gegend von uns befreit!... Einerlei! Ich gebe den Chateau dran! Rufen Sie doch mal, Kollege; wenn ich das Vergnügen meiner Alten machen könnte – – – rufen Sie dreist! Rufen Sie laut! Es wäre eigentlich von Rechts wegen seine Schuldigkeit, uns den Gefallen zu tun; rufen Sie dreist, rufen Sie laut!« »Horacker! Horacker! Horacker!« schrie der Kollege Zeichenlehrer in den Wald hinein, und – »Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck!« klang es zurück. »Nun bitt ich Sie, hören Sie den Schäker, den Cuculus – den Cuculus canorus, Windwebel! Ist es nicht grade, als ob ihn uns Idchen und Hedchen – meine Alte und Ihre Junge meine ich – nachgeschickt hätten, um uns an unsere Pflichten als Gatten – und Sie auch als künftigen Papa zu erinnern? Ich sage Ihnen, Windwebel, weder Ihnen noch mir traut die Proceleusmatica den Verstand und die Vernunft des Kollegen Neubauer zu.« »Der sitzt und skandiert.« »Das gönne ich ihm!« sprach der Konrektor Eckerbusch mit Grabesruhe. »Schrecklich metzelt jetzt Steinmetz Schweinsschädel erstürmend. Ob der Hexameter und die historische Tatsache richtig sind, weiß ich augenblicklich nicht und will ich auch nicht wissen. Unsere Aufgabe, Kollege, ist vorderhand, die Rotweinflasche nicht unentkorkt nach Gansewinckel zu bringen. Sehen Sie sich doch im Weiterwandern nach einem behaglichen Plätzchen um, Kollege Windwebel; den trocknen Proviant habe ich gleichfalls lange genug in der Rocktasche getragen.« Der Gymnasialzeichenlehrer verstand auch sein Latein. »Restauremus nos!« sagte er, und der alte Eckerbusch, der das seinige gleichfalls noch nicht gänzlich an seine Sekundaner weggegeben hatte, schloß: »Winckler würde es uns nie verzeihen, wenn wir ihm nicht einen intakten Hunger und Durst mitbrachten: Restauremus nunc; das heißt, richten wir uns itzo ein wenig wieder auf, um uns demnächst in Gansewinckel vollständig herzustellen.« Sechstes Kapitel In diesem Waldgebirge einen Platz zu finden, der zu dem eben angegebenen löblichen Vorhaben der beiden Freunde ganz genau sich eignete, hielt nicht schwer. Eckerbusch und Windwebel aber verstanden es vor vielen andern, der eine als Gelehrter, der andre als Künstler, die schönsten Stellen aus einem klassischen Werke der Natur herauszufinden. Diesmal brauchten sie kaum umzublättern. – Die Heide blühte!... Auf einer sanft ansteigenden Waldblöße, rings umgeben vom dicht von niederm Gebüsch durchwachsenen Hochwald, fanden der Konrektor und der Zeichenlehrer mehrere behaglich zum Sitzen einladende Baumstumpfen und – in der blühenden Heide – allerlei Zeichen: zerknitterte ältere Zeitungsblätter und rotbelackte Pfröpfe, die darauf hindeuteten, daß schon einmal Leute hier »einen vernünftigen Gedanken« gehabt hatten. »Wissen Sie wohl noch, wie wir zum letzten Male hier saßen?« fragte der Konrektor, und der Kollege wußte es noch, da es kaum drei Wochen her war. Er lag bereits lang und gemütlich ausgestreckt in der blühenden Heide, und da eines der etwas fettigen Papierblätter ihm ziemlich nahe lag, ergriff er es mit spitzen Fingern und las: »Hirtenfelds österreichischer Militärkalender von 1867 gibt eine Zusammenstellung der Verluste der österreichischen Armee im vorigen Jahre. Es betrug hiernach bei der Nordarmee die Summe der Toten, Verwundeten und Vermißten 62 789, bei der Südarmee 8470 Mann, im ganzen 71 259 Mann.« Der Konrektor, auf einem der Baumstumpfen sitzend, seufzte, die Rotweinflasche zwischen den Knieen: »Man hat eben in der Welt nichts Ordentliches und Verständiges ohne den dazugehörigen Jammer. Lassen Sie den Wisch, Windwebel, und halten wir uns an den Franzosen – diesen hier heute! So mir der schreckliche Ares helfe, ich habe doch hoffentlich den Pfropfenzieher nicht vergessen?« Gottlob war das nicht der Fall, obwohl die beiden Herren auch dann wohl Rat gewußt hätten, das heißt dem Franzmann »einfach durch Naturgewalt« beigekommen wären, das heißt ihm den Hals abgeschlagen hätten. »Hier haben wir den Moltke!« rief der Konrektor, und der Pfropfen wich verständig der höhern strategischen Intelligenz, sowie in diesem Fall ganz speziell – dem deutschen Schulmeister. Der Zeichenlehrer kaute bereits an einer Schinkensemmel. »Proficiat, collega. Jovi Liberatori!« sprach der Konrektor, durch den roten Saft der Traube die Sonne betrachtend und sodann dem jüngern Freunde zutrinkend. »Sie sind ein gut Stück in der Welt herumgekommen, Windwebel. Sie waren in England –« »Als Drawingmaster an einem Erziehungsinstitut in Leeds. Das Vergnügen hätten Sie mal kennenlernen sollen!« »Sie waren in der Schweiz –« »Drei Wochen lang mit einem Schnupfen, und ohne vor Nebel und Regen die Alpen gesehen zu haben.« »Wissen Sie also etwas Besseres, als immer wieder von neuem bei solchem Wetter wie heute sich auf einem Flecke gleich diesem niederzulassen? Fragen Sie nur Neubauer danach! Das ist ein Mensch mit Weltumseglergedanken und poetischen Flünken, der sich auszudrücken weiß. Er war in Rom und hat mehr Glück gehabt als Sie in der Schweiz. Er hat richtig den Papst gesehen; und wissen Sie, was er mir neulich gesagt hat?« »Keine Ahnung«, sagte Windwebel. Der Alte grinste und brachte sein ganzes Nachahmungstalent in Ton und Mimik zum Vorschein. Mit verdrießlichem Pathos sprach er: »Sie haben nicht unrecht, Herr Kollege Eckerbusch! In früheren Jahrhunderten mußte jeder, der geistig mitleben wollte, hinausgehen und sich persönlich in den Erdentumult mischen. Heute ist das anders. Heute sitzt man still, darf man stillsitzen, meine Herren; und die großen Wogen kommen doch zu einem und gehen einem mit ihrer Ideenfülle – über den Kopf weg! Was will es am jetzigen Tage sagen, wenn jemand die Pyramiden maß oder in einer Schlacht stand? Meine Herren, das Nilquellenentdecken und Nordpolaufsuchen, sowie das persönliche Abfeuern der Flinte will wenig mehr bedeuten gegen das inhaltvolle Stillsitzen des grübelnden Denkers. Gegen den elektrischen Telegraphen ist alles Selbsterleben oder Mitmachen von einer wunderlichen Unbedeutendheit –« »Auf die Sechsundsechsiade freue ich mich doch, und zwar ausnehmend!« rief der Zeichenlehrer, seinerseits jetzt durch den Weinbecher den Himmel anäugelnd, und der Konrektor ging ohne alles Pathos wieder zu dem Reiseproviant der Proceleusmatica über, indem er lachte: »Es ist doch möglich, daß es Horacker einfällt –« In dem nämlichen Augenblick rauschte es hinter ihm im Busch, und er fuhr ebenso rasch herum, als sich der Wandergenosse aus dem Heidekraut aufrichtete. Horacker! Sie lächelten beide sich an, zogen aber nichtsdestoweniger ihre Spazierstäbe griffgerecht zu sich hin, und Windwebel nahm auch den Chateau in sicherere Obhut, aber ganz mechanisch, ganz instinktiv. Es wand sich in der Tat jemand langsam und, wie es schien, sehr vorsichtig durch das Buschwerk, und die Schritte näherten sich, durch das Laub raschelnd, den zwei Freunden. Eckerbusch setzte den Hut auf, und Windwebel erhob sich und stand lang und erwartungsvoll da, die Flasche in der Linken, den Stock fest in der Rechten. »Parturiunt montes«, murmelte der Konrektor, und – da war das Mäuslein! Aus dem Haselnußdickicht kroch ein alt, alt, lumpig gekleidet Mütterchen mit einem irdenen Henkeltopf als einzigster Angriffs- und Verteidigungswaffe hervor und wurde von dem Gymnasialzeichenlehrer auf der Stelle für eine »extraordinär brillante Staffagepersonage« erklärt. Als es die beiden Herren erblickte, erschrak es bei weitem heftiger als sie, stand zitternd, und nicht allein vor Alter zitternd, und stammelte: »Ach du barmherziger Heiland!« »Salve Silvana! Nur immer heran; wir fressen nur böse Schuljungen«, rief der alte Eckerbusch gutmütig; der Kollege Windwebel griff nach seinem Skizzenbuch in der Brusttasche, jeglichen Lumpen und Fetzen auf dem armseligen Leibe des Mütterleins mit dem Auge des entzückten ausübenden Künstlers musternd und zugleich die Farbenskala seines Malkastens rasch überschlagend. »Zauberhaft!« murmelte er. »Venus Aphrodite könnte da aus dem Busch geschlüpft sein und würde mir gleichgültig bleiben. Das ist ja ein wahrhaft hinreißender Abschreck. O Adrian Brouwer, o dreimal gesegneter Rembrandt van Rhyn, dieses ist unbedingt entzückend scheußlich! Fünf Minuten nur bleiben Sie mir so stehen, liebe Frau; nachher hab ich auch zwei und einen halben Silbergroschen für Sie.« »Und ich ein Glas Chateau-Milon«, sprach der Konrektor; jedoch die Brille zurechtrückend, rief er sodann: »Warten Sie doch einen Moment, Windwebel. Was hat denn die Alte? Sie zittert ja an allen Gliedern. Jesus, da legt sie sich hin! Haben wir ihr denn diesen Schauder eingejagt?« Es schien so – es war so. Sprachlos vor Schrecken saß auch die Alte in der blühenden Heide, und beide Herren traten näher an sie hinan. »Geben Sie doch einmal die ›Erinnerung an Pyrmont‹ her«, rief Eckerbusch, und der Zeichenlehrer reichte ihm den geschliffenen Glaskrug mit der eben erwähnten Devise. »Courage, Mutter!« sprach der Alte ermunternd. »Was mich angeht, so spielen mir meine Herren Gymnasiasten mehr auf der Nase als ich ihnen; und der da packt Euch höchstens in sein Bilderbuch. Hier habt Ihr einen Schluck Rotwein. Probieren Sie, Silvia, und sagen Sie mir aufrichtig Ihre Meinung, ob Sie ebenfalls glauben, daß ich wie immer damit hinters Licht geführt worden bin. Da haben Sie auch eine Semmel und ein Stück Schinken. Na?!« Die Alte griff erst nach dem Brod und Schinken; dann auch nach der »Erinnerung an Pyrmont«, und dann brach sie plötzlich in ein lautes, heftiges Weinen, ja Geheul aus. »Es hilft nichts... ich kann nicht... jeder Bissen und Trunk wendet sich mir im Leibe um... Liebe, liebe Herren, ich danke für die Barmherzigkeit... aber ich trag's nicht länger!... Dorten sitzt er, und hier sitze ich in Jammer und Angst... o du gottgeschlagen Leben, wenn ich doch sagen dürfte, wie mir ist und was mir die allerhöchste Seligkeit wäre!« »Alle Hagel!« rief der alte Eckerbusch. »Wo sitzt wer? Jedenfalls sitzen wir hier, und meinetwegen – unsertwegen können Sie Ihrem Herzen nach allen Dimensionen Luft machen. Ich bin der Konrektor Eckerbusch, und dieser Herr da ist der Herr Gymnasialzeichenlehrer Windwebel; nehmen Sie einen Schluck Rotspon und sperren Sie gefälligst die Karzertür auf.« »Ach Gott, ich bin ja die Witwe Horacker!« stammelte das alte Weibchen, die hellen Tränen in die »Erinnerung an Pyrmont« laufen lassend; der Konrektor aber rief sofort zum zweitenmal »Alle Hagel!«, und der Kollege Windwebel ließ das Skizzenbüchlein fallen und faßte den Baumstumpf, auf dem er sich wieder niedergelassen hatte, mit beiden Händen – es sind schon mehr Leute unter dem Eindruck uninteressanterer Mitteilungen hoch in die Lüfte geflogen. Aber bei der Alten waren alle Schleusen gebrochen; der Konrektor, dem seine Proceleusmatica längst im Trocknen saß, erinnerte sich an manchen Land- und Platzregen früherer jüngerer Jahre, und Windwebel durfte dreist sich an die Brauttränen seiner Hedwig erinnern; aber so etwas hatten doch beide nie gesehen und gehört. Wenn das Volk weint, weint es ordentlich, und die Witwe Horacker heulte, als ob sie allen Jammer der Welt flüssig zu machen hätte. »O die Herren, die Herren, wenn doch die Herren Barmherzigkeit mit uns haben wollten! Ach Gott ja, ich bin ja die Witwe Horacker, und drinnen im Busche steckt mein Junge und geht mir kaputt in Elend und Hunger; und er trägt es nicht länger, und ich nicht. Wie könnte ich hier sitzen und essen und trinken? Ich habe ihm in dem Topf eine Suppe heraustragen wollen; aber sie passen mir zu arg im Dorfe auf Schritt und Tritt. Wenn ich ihn glücklich wieder in der Besserungsanstalt hätte, so wollte ich Gott Tag und Nacht danken; aber er hat ja eine zu große Angst und schämt sich zu sehr, und so wird er mir zu einem wilden Menschen, bis sie ihn verhungert finden. O die Herren, die Herren – ich kann ja nichts dafür – ich bin die Mutter, und er ist mein einzigstes Kind – soll er herauskommen aus dem Busch? Wollen Sie ihm aus Ihrem guten, guten Herzen und um Gottes und Jesu Barmherzigkeit willen einen Bissen zu essen und einen Schluck von diesem roten Weine geben? Wollen Sie mich ihm bringen lassen, was Sie mir mitgeteilet haben? O wenn Sie ihn nur sähen, so würden Sie wohl selber sehen, daß ich, seine Mutter, hier nicht sitzen und lustig sein und mir wohl sein lassen und essen und trinken kann.« Der Konrektor schnob sich, putzte die Brille, faltete die Hände zwischen den Knieen, sah auf eine Raupe, die zwischen seinen Beinen an seinem Baumstumpf emporstieg, sah den Kollegen an und sprach: »Nicht wahr, jetzt möchten Sie wohl Ihre Hedwig hier haben, Windwebel? Ich für mein Teil wünsche mir Ida her.« Und dann sich an die Alte wendend, schrie er wie wütend: »Jetzt soll sie doch aber gleich dieser und jener holen, Sie – Sie – Witwe Horacker, Sie – wenn Sie nicht sofort das Getute einstellen und das Glas austrinken.« »Der Rest in der Flasche ist für Horacker!« rief der Zeichenlehrer. »Der Rest in der Flasche ist für Horacker!« sprach der Kollege Eckerbusch. »Kalfaktor, lassen Sie Horacker eintreten! Das heißt – Sie, Alte – Sie, Mutter – Sie – sonderbare alte Person, holen Sie Ihren Jungen!... O Windwebel, endlich doch mal ein Erlebnis auf einer Ferienexkursion! Na, nun aber laß mich einer nach Hause kommen.« Währenddem war der Kollege der Mutter des großen Räubers behilflich gewesen, aus dem Heidekraut sich aufzurichten. Es kostete einige Mühe, sie wieder auf die Füße zu bringen; doch kaum stand sie, als sie mit möglichster Schnelligkeit dem Busch und Hochwald wieder zuhumpelte und mit kreischender, aber doch noch immer von Tränen halberstickter Stimme zeterte: »Cord! Cordchen, mein Junge! Komm raus!« Der Konrektor bemerkte gegen den jüngern Freund gewendet: »Wenn dies keine Geschichte ist, Kollege, so – malen Sie mir eine! O ja, wenn wir doch unsere Weiber an dieser Situation teilnehmen lassen könnten! O wenn ich doch unsern Kegelklub hier hätte!« »Und den Herrn Oberlehrer Neubauer«, meinte Windwebel. »Hm«, sprach der alte Eckerbusch, »ich weiß doch nicht. Haben Sie die vollkommene Überzeugung, daß er das auch so auffassen würde wie wir zwei, Windwebel?« »Hm«, murmelte der Kollege, »vielleicht würde er in diesem Moment die feste Überzeugung haben, daß uns die Mutter Horacker mit unserer ›Erinnerung an Pyrmont‹ in die Büsche gegangen sei.« In der Tat schien's sich so zu verhalten. Das Glas in der einen, die Semmel in der andern Hand, war die Alte in das Dickicht zurückgekrochen. Wohl hörte man sie noch rauschen im welken Laube des verflossenen Jahres, allein auch andere Leute als der Herr Doktor Neubauer würden ihr doch wohl, vorsichtigerweise, auf dem Fuße gefolgt sein. Doch die zitternde Stimme im Walde sprach gegen alle mißtrauischen Vermutungen, wenn sie gleich nach und nach immer ferner klang: »Cord! Cordchen, mein Junge, mein Junge!« Der Konrektor und der Zeichenlehrer blieben ruhig auf ihren Baumstümpfen sitzen, der erstere mit dem Kinn auf den Knopf seines Stockes gestützt, der andere mit dem Bleistift zwischen den Zähnen und dem Brusttaschenskizzenbuch in der Hand. Es wurde ihnen plötzlich ganz merkwürdig still im Holze. Sie überhörten den Specht, der nicht weit von ihnen an einer Fichte hämmerte, und sie überhörten sogar den Kuckuck; – der Mensch hat nur zwei Ohren, und wenn er zu angestrengt damit zu horchen wünscht, lassen nicht selten ihn auch die im Stiche. »Hm«, meinte der Konrektor, als nur noch das Schrillen der Grillen zu vernehmen, aber das der Witwe Horacker gänzlich verstummt war, »jetzo wird sie mit ihm verhandeln, und er wird sich sträuben – keinem Menschen mehr trauen und unter keinen Umständen herauswollen. Hm, hm, die Sache ist, wie gesagt, höchst interessant, aber peinlich wird sie allmählich doch. Was meinen Sie, Kollege; Sie haben ein vertrauenerweckendes Wesen, so ein – nun, Sie verstehen mich schon! Wie wär's, wenn Sie einmal selber da hinter den Busch sich schlichen?!« »Und totgeschlagen wieder herauskämen?« rief der Zeichenlehrer. »Mit Vergnügen, wenn es etwas helfen würde; aber wie ich die Menschheit kenne, so würde dieser Räuber und Mörder sich auf der Stelle in den weitesten Sprüngen weiter in die Wildnis hinein verflüchtigen. Still! Hören Sie?... Na, die Alte hat es doch durchgesetzt! Sie bringt ihn, und wir haben ihn! Herr Kollege, malen Sie es sich al fresco aus, was die Welt sagen wird, wenn Sie und ich ihn ihr bringen werden!« »Hm, hm«, murmelte der alte Eckerbusch, »halten Sie das in der Tat für unsere Schuldigkeit? Von dieser Seite habe ich das auch freilich noch nicht angesehen. Hm, Kollege, sagen Sie, wie wär's, wenn wir den Rest vom Proviant und den Rest vom Roten dem Verbrecher hierließen und uns vor seinem Erscheinen entfernten? Als wir neulich unsern – ich kann leider nicht sagen braven Primaner Brase vom Gymnasio entfernen mußten, ist mir das schwer genug auf die Nerven gefallen; – lieber Windwebel, sind wir es wirklich dem Staate schuldig, daß wir ihm Horacker einliefern? Selbst wenn er gutwillig ginge, wäre mir die Geschichte im hohen Grade unangenehm und – Ihnen, wie ich Sie kennengelernt habe, gleichfalls! »Die Frau Konrektor –« begann der Kollege seine Entgegnung, kam jedoch nicht über den Titel hinaus. Schon war ihm der Alte wieder in die Rede gefallen. »Freilich, freilich! Sie nannte meine Stimmung gegen unsern, ich kann durchaus nicht sagen guten Brase, eine merkwürdige Schwäche; aber dessenungeachtet – was meinen Sie, wenn ich einen Taler hier neben die Flasche legte, bevor wir uns rasch auf dem Wege nach Gansewinckel weiterbewegten?!« »Zu spät, Herr Kollege«, sprach Windwebel, »hier haben wir ihn!« Horacker, der Räuber, trat aus dem Dickicht; das heißt, er wurde, mit beiden Backen an der Schinkensemmel der Frau Konrektorin Eckerbusch kauend, von der Witwe Horacker am Jackenflügel aus dem Dunkel des Waldes hervorgezogen; und wenn der Frevler ebenso blutgierig als freßgierig war, so dürfen sich unsere Leserinnen auf eine fürchterliche Szene im nächsten Kapitel Hoffnung machen. »Du liebster Himmel!« stammelte der Konrektor; die vorhin erwähnte braune Waldraupe stieg ihm ruhig und bedachtsam eben über die Weste und hob den Kopf und machte Miene, ihm über die Halsbinde in dieselbe hineinzusteigen. Die Gelegenheit dazu konnte ihr nimmer günstiger wiederkommen. Siebentes Kapitel O du liebster Himmel! rufen auch wir und finden uns vollständig in unserm Rechte. Hier sind auch wir mal wieder in der Stimmung oder Laune, ehern gefaßt von dem Bedürfnis, groß zu fühlen, ohne im geringsten wieder mal mit dem erhabenen Gefühl irgendwohin zu wissen! Und so geht es jedesmal, wenn uns das Bedürfnis kommt, in Blut und Brand, eroberten Städten, empörten Meeren, feuerspeienden Bergen, zerschmetterten Schädeln, spritzendem Gehirn und vorquellendem Eingeweide zu wühlen. Der Henker weiß es; wenn andere immer ihren Willen kriegen und ihr historisch-tragisch-romantisch Mütchen nach Belieben kühlen dürfen, so kümmert sich um unsere hohen Anwandlungen kein Teufel, kein Hund und keine Katze und am allerwenigsten Klio, die Muse der von den gebildeten Ständen der Gegenwart bevorzugten Geschichtsklitterung. Das kommt davon, wenn man hell es achtzehnhundertsiebenzig hat schlagen hören, nicht in das Leere, das Klanglose hinein, sondern hinein in den Nachhall alter, feierlicher Glocken. Wie viele sind ihrer, die auf den Nachklang und Widerhall horchen unter dem scharfen Schlag der vorhandenen Stunde? – An dem Flügel einer grauen Jacke, wie sie die Landesbesserungsanstalten ihren Pflegebefohlenen liefern, hielt die alte Mutter ihr Söhnchen; und Horacker der Räuber folgte der hagern, zitternden Hand, selber sehr schwach in den Knieen – zitternd, abgezehrt, zerfetzt –, ein durch Hunger, Kälte, Feuchtigkeit und alles sonstige Ungemach eines längern obdachlosen Aufenthalts in der freien Natur zum Tiefsten heruntergebrachtes Menschengeschöpf! Ein lang aufgeschossener – auch noch aus der Besserungsanstaltshose herausgewachsener Junge von neunzehn Jahren! Eine Jünglingsfigur, bei deren Anblick dem Künstler Windwebel wieder das Wasser im Munde zusammenlaufen konnte. Sonderbarerweise aber ließ er, der Zeichner, nur die Arme schlaff hängen und starrte mit offenem Munde den Sohn der Wildnis an, bis er sich so weit faßte, um den Kollegen Eckerbusch – auf den Banditen aufmerksam zu machen. »Erblickt auf Felsenhöhn Den stolzen Räuber wild und kühn« stammelte er; und Eckerbusch, sich gleichfalls mit Mühe sammelnd, stammelte seinerseits: »In des Waldes tiefsten Klüften und in Höhlen tief versteckt, Ruht der allerkühnste Räuber, bis ihn seine Rosa weckt!« »Ja, ich bin die Witwe Horacker«, jammerte die Alte, »und dieser hier ist er, und jetzt sehen Sie sich ihn nun einmal an, meine lieben, besten Herren, ob das nicht ein Anblick ist zum Verbarmen! Da muß man seine Mutter sein, um zu erfahren, daß man ein Herz hat und daß es sich im Leibe umwenden kann. So treibt er sich um im Holze und verschimpfiert die Gegend, seitdem er aus dem Korrigendenhause durchgegangen ist, allwo er doch ein so braves Testimonium hatte und in einem halben Jahre zum Heiligen Christ ganz losgekommen wäre und auf einen Schneider ausgelernt hatte. Da soll man eine Mutter sein, wenn die Polizei tagtäglich bei einem ist und ganz Gansewinckel und alle Dörfer sonst einem bei Tag und Nacht auf die Finger und die Wege passen. Da bringen Sie ihm einmal das Essen in den Wald und halten Sie ihn reinlich in der Wäsche!... O Cord, Cord, die Ewigkeit kann nicht so lang sein – als die Nächte, die ich wach um dich auf dem Strohsack gesessen habe!« »Sie scheinen mir in der Tat ein sauberer Patron zu sein, Horacker«, ächzte der Konrektor, und dann schneuzte er sich merkwürdig laut, und dann faßte er die Witwe am Arme und rief: »Setzen Sie sich, Mutter; setzen Sie sich da – da hab ich gesessen, der Stumpf ist am bequemsten!... Windwebel, ich wollte, wir hätten unsere Weiber hier!« »Oder den Kollegen Neubauer«, murmelte der Zeichenlehrer. Der Räuber heulte leise; die Alte saß und hielt das Gesicht in den Händen. »Geben Sie ihr einen Schluck Roten und geben Sie dem Schlingel, dem Zähneklapperer da auch einen, Windwebel!« schneuzte der alte Eckerbusch; und die Witwe, die die »Erinnerung an Pyrmont« immer noch mechanisch im Schoße hielt, wehrte für sich ab und deutete bittend auf ihren Sohn. »Geben Sie ihm noch einen Schluck, bester Herr. Wenn Sie auch noch eine Mutter haben, soll's ihr bekommen! Das Fieber hat er nämlich auch, der Junge; und alles, was er sich selber mit Gewalt von der Menschheit genommen hat, ist ein Topf mit Schmalz gewesen, den er der Brinckmeierschen aus Dickburen aus der Kiepe genommen hat, als sie am Wege eingenickt gewesen ist, und dafür ist er nachher als Mörder und Jungfernschänder in die Zeitung gekommen, und der Herr Untersuchungspräsident ist bei mir gewesen, und zwei Dragoner haben mich zum Ortsvorsteher geholt. Dreimal haben sie in allen Dörfern im Walde von wegen seiner Sturm geläutet; und nun sehen Sie ihn an, und sagen Sie selber, meine besten Herren, ob so 'ne Kreatur aussieht, als ob sie tagtäglich ihren Mord begehe! Auch einen Herrn vom Gerichte soll er totgeschlagen haben, und mich haben sie in Gansewinckel totschlagen wollen, weil ich nicht eingestehen wollte, daß dies armselige Skelett und Menschengerippe eine Bande von dreißig Mann hinter sich habe. Kein Sperling braucht sich doch vor ihm zu fürchten, wenn die Herren ihn in ihr Erbsenfeld stellen wollen; und jetzt, Cord – Unglücksjunge – sag's den Herren selber, wie es dir zumute ist; ich bin zu Ende in meinem Elend!« »Halt, Witwe Horacker«, rief der Kollege Eckerbusch, der sich an dem entsetzlichen Räuberhauptmann gar nicht satt sehen zu können schien, »was an Vorrat noch vorhanden ist, wird erst in ihn hineingestopft! Halten Sie ihm die Flasche an den Hals, Windwebel! O wenn ihn doch so meine Ida sehen könnte!... Geben Sie ihm gleich die ganze Flasche, Windwebel! Geben Sie ihm gleich die ganze Wurst... Mensch, Jammerbild, Horacker, sind Sie es denn wirklich?... In Öl wünsche ich ihn auch von Ihnen, Windwebel! – Jetzt liegt nun der Kollege Neubauer auf seinem Lotterbett und meint, er erlebe in seiner Phantasie was! Hat sich was!... O Horacker, Horacker!... Nehmen Sie sich Zeit, Horacker... es steht Ihnen alles bis auf den letzten Brocken zur Verfügung! O hätte ich doch die Proceleusmatica hier!« Der große Bandit schlang und schluckte, wie nur ein gänzlich Ausgehungerter das vermag. Dazu winselte und ächzte er leise gleich einem kranken Hunde. Zu sprechen vermochte er fürs erste noch nicht, aber die Tränen wischte er von Zeit zu Zeit mit dem zerrissenen Ärmel seiner Jacke von der hagern Backe und aus den roten entzündeten Augen. »Sie können sich auch setzen, wenn's Ihnen bequemer ist, Horacker«, schlug der Zeichenlehrer vor. »Hinter Ihnen steht der Stumpf. Langsam! So!... Nicht so hastig, nicht so hastig – – das ist ja ein wahres Glück, daß dieser Mensch nicht bei der Speisung der Fünftausend zugegen gewesen ist, der hätte das ganze Wunder umgedreht! Fünftausend Brote reichen hier nicht für einen, und ich habe nichts weiter bei mir als eine Düte mit Pfeffermünzküchelchen, die mir meine Frau in die Tasche gesteckt hat.« »Stopfen Sie sie ihm ein«, rief der Konrektor eifrig. Der große Räuber saß auf seinem Baumstumpf, von den zwei Schulkollegen zur Rechten und zur Linken bedient wie ein krankes Kind von seinen Wärterinnen. Das Räubermütterchen aber saß ihm gegenüber mit gefalteten Händen und sah ihn essen und trinken, schlucken und schlingen, schluchzte immerfort und wußte dazu kein Ende seiner Segenswünsche für die beiden guten Herren zu finden. Sie konnte weder ihrem Gram noch ihrem Behagen, weder ihrer Angst noch ihrer Dankbarkeit genugtun: wenn wir einmal in den Schluchten des Apennins den Schlaf Rinaldo Rinaldinis schliefen, so würden wir uns jedenfalls lieber von ihr als von der allerschönsten Rosa wecken lassen. Auf die Witwe Horacker ist immer Verlaß, und wenn ihr auch ganz Gansewinckel auf die Finger paßt; unter welchen Bedingungen dagegen die schöne Rosa zu den Karabiniers übergeht und sich vom Rittmeister derselben hinten aufs Pferd nehmen läßt, ist noch nicht ganz sicher ausgerechnet. »Cordchen! O Cordchen«, murmelte die alte Frau, »siehst du, siehst du – o wärest du doch eher wieder aus dem Holze gekommen!« Doch Cord Horacker stieß nur einen rauhen, fast tierischen Laut aus und sah scheu über die Schulter. »Herrgott!« rief die Alte. Es war ein Reh vielleicht, das fernab im Walde durch das Buschwerk rauschte und ihr den Angstruf abpreßte, trotz ihrer letzten Worte. Kein Mörder horchte je angsthafter als sie auf den Wind im Gezweig: das allerbeste Gewissen ist leider ja in dergleichen nervösen Aufregungen der Situation nicht gewachsen. Die Witwe griff einmal sogar nach dem Rockschoß des Konrektors Eckerbusch und ließ denselben erst wieder los, als der Kollege sich zwischen sie und den Meister Lampe stellte, der natürlich sofort kehrtummachte, als er die absonderliche Gesellschaft auf der Waldblöße zu Gesicht bekam. »Nur ruhig Blut, Frau«, sprach der alte Eckerbusch. »Da geht er hin nach der dritten Deklination lepus, leporis, lepori! Ganz Epicoenum! Ein grammatisches Genus, welches beide Geschlechter begreift, Sie und mich, Witwe Horacker!... Ja, gottlob, es war nur ein Hase; beruhigen Sie sich, Windwebel! Bleiben Sie sitzen, Lips Tullian!« Der Lips Tullian stammte aus dem Gellert des Pastor Winckler zu Gansewinckel, und zuerst jetzt ging dem Konrektor die Idee auf, seinen Räuber mit nach Gansewinckel zum Pastor Krischan Winckler zu führen. Er nannte das, verhältnismäßig erleichtert, »einen Gedanken«; und er hatte recht, es war einer. »Uh, die Herren sollten nur einen Tag und eine Nacht das Leben führen, das ich drei Wochen lang ausgestanden habe, es würde ihnen guttun«, ächzte jetzt Cord Horacker, zum erstenmal das Wort ergreifend, wenn man sein heiseres Keuchen so nennen wollte. »Der Mensch hat es zu gut im Arbeitshause. Weiter weiß ich nichts zu sagen.« »Ach Cordchen!« winselte die Witwe. »Zwei Jahre legen sie mir drauf, sowie sie mich wieder beim Fittich haben, und die alte Frau hat's auch nicht besser drum –« »Es war nämlich von wegen der Liebe, meine Herren, daß er durchgegangen ist!« schluchzte die Witwe Horacker dazwischen; und der Räuberhauptmann legte die Arme auf die Kniee und den Kopf auf die Arme. »Das lassen Sie sich nur von der Frau Pastorin in Gansewinckel erzählen und von dem Herrn Pastor; die haben ja alles aufs beste eingerichtet –« »Und hier sitze ich!« heulte Cord; der Konrektor Eckerbusch aber, dem es allgemach immer »fataler« zumute wurde, wendete sich mit einem höchst charakteristischen: »Nun Kollege? Begreifen Sie etwas, Kollege?« an den Zeichenlehrer. »Nur noch einen Moment, Herr Kollege!« murmelte Windwebel, von seinem Skizzenbuch emporsehend. »Nur noch drei Striche, und ich habe ihn. Tun Sie mir den Gefallen und heben Sie noch für eine Minute den Kopf in die Höhe, Horacker. Wie wird sich der Staatsanwalt freuen –« Der Staatsanwalt! Es würde besser gewesen sein, wenn der Kollege Windwebel dieses Wort nicht ausgesprochen hätte. Horacker der Räuber hob freilich daraufhin den Kopf in die Höhe, aber nur um den zeichnenden Künstler einen kürzesten Augenblick hindurch mit offenem Munde und weit aufgerissenen Augen anzustarren. Im nächsten Moment war er bereits aufgesprungen – war er fort – verschwunden – in drei Sätzen über den Baumstumpf, durch Heide und Ginster Hals über Kopf hinein in den Busch; – mit offenem Munde seinerseits und auch sehr weit geöffneten Augen durfte ihm der Zeichenlehrer nachstarren. Der Konrektor hatte in der Überraschung das Gleichgewicht auf seinem Sitzplatz verloren; die alte Frau stand mit hochgereckten Armen im höchsten Schrecken und zeterte nur: »Cord! Cordchen! Nimm Vernunft an!« Doch nur weit, weit und fern im Walde rauschte es noch, und Cord Horacker nahm nicht Vernunft an. »Da sehen Sie's nun«, jammerte die Witwe, »so war er immer. Jetzt kann ihm nun die ganze Welt wieder nachlaufen, ohne ihn einzufangen. So läuft er nun wieder gut seine vier Wochen lang, und alles, alles, was es Grauliches gibt, wird ihm und mir wieder in die Schuh geschoben! So war er immer, und ich sage, er hat's von seinem Vater, wenn mir auch da keiner glauben will. Ach lieber, lieber, liebster Gott, und ich bin seine Mutter und kenne ganz einzig und allein in der weiten Welt sein gutes Herze!« »Das ist ja eine ganz niederträchtige, eine ganz heillose Geschichte!« rief der Konrektor Eckerbusch, mit Mühe sich von neuem auf den Füßen feststellend. »Aber so sind Sie immer, Windwebel! Sie kennen doch Ihre eigenen Nerven! I, so wollte ich doch –« »Meine eigenen Nerven?« schrie Windwebel. »Ei, so soll doch ein heiliges Kreuzdonnerwetter dreinschlagen!« Und sein Taschenskizzenbuch mit dem Albumblatt für den Staatsanwalt rasch in die Tasche schiebend, griff er nach seinem Weißdornstock und sprang nun seinerseits mit einem Satze durch Heide, Ginster und Buschwerk dem Räuber Horacker nach. »Jetzo wollte ich aber meinerseits mehr denn je, daß wir den Kollegen Neubauer hier mit uns gehabt hätten!« stammelte der alte Eckerbusch, matt sich von neuem setzend. »Der würde sicherlich den Schlingel ganz dingfest gemacht haben, ehe und bevor er ihm den Chateau zur Stärkung gereicht hätte. Hm, hm, langweiliger ist's, aber seine Vorzüge hat es auch, wenn so ein recht verständiger Mensch mitgeht, wenn zwei solche Burschen wie ich und der Kollege Windwebel von ihren Frauen losgelassen werden und in die freie Natur hinausdürfen.« Achtes Kapitel Im Pfarrhause zu Gansewinckel hielt die geistliche Frau immer noch ihren Kopf mit beiden Händen in der Gartenlaube vor dem kalt gewordenen Kaffee und der Pfarrherr den seinigen in seiner Studierstube vor der Abschrift des Dokumentes, das seinen Bauern zu dem vorhin geschilderten ganz nichtswürdigen Triumph über ihren Seelenhirten verhalf. Die Idylle war dieselbe geblieben, das Dorf und die Pfarrei sahen immer noch so hübsch aus wie vorher; aber die Aufregung der Frau Billa und der Stupor des braven Krischan Winckler hatten sich durchaus nicht gesänftiget; sie hatten sich im Gegenteil um so mehr gesteigert, je tiefer man nachdachte und je farbiger man sich die entstehenden Verhältnisse ausmalte. Von Augenblick zu Augenblick versank die geistliche Hirtin hilfloser in die Zumutungen der Gemeinde, und je heftiger sich alle ihre Gefühle gegen diese Zumutungen sträubten, desto mächtiger arbeitete ihre Phantasie und malte ihr ihre Bauern samt den Weibern derselben vor die inneren Sinne. Sie, die Pastorin Winckler, ging sozusagen von Haus zu Haus im Dorfe und feierte den Neujahrstag im voraus. »Da freue sich nun noch mal einer drauf!« ächzte sie und gab zum zwanzigstenmal den Versuch auf, eine gefallene Masche an dem wollenen Winterstrumpf, den sie für ihren Alten da oben strickte, wieder aufzunehmen. »Wenn das Konsistorium kein Einsehen hat, erlebe ich für mein Teil das heilige Christfest nicht. Das weiß der Herr, daß ich mich nie geziert habe, in ihren Krankenstuben herumzukriechen und an ihren Wochenbetten zu sitzen; aber was eine Bosheit ist, bleibt eine Bosheit in alle Ewigkeit, und hier kenne ich mein Gansewinckel in- und auswendig. In Chorrock und Beffchen – Böxendal hinter sich! Und sie haben es schriftlich – schriftlich; und wenn ein Bauer sich auf was Schriftliches setzt, so weiß die Welt, was das heißen will. Da kann der Papst und der türkische Sultan kommen, der Alte Fritz und der Kaiser Napoleon; sie kriegen ihn nicht herunter, wenn sie nicht was Schriftlicheres aufzuweisen haben, und auch dann noch lange nicht! Da kenne ich Gansewinckel! In der Hinsicht lernen die Dummen im Dorfe immer noch zu von den Dümmern, und die Dümmsten sind die Klügsten und stehen am festesten auf ihrem Rechte. Böxendal singt, mein Alter gratuliert, ich komme um, und das hochlöbliche Konsistorium freut sich gar noch und spricht von einem innigern heilbringenden Verkehr zwischen dem Pastor und der Gemeinde. O, die Herren vom Konsistorium kenne ich auch!« »Wenn ich nur nicht das Konsistorium kennte«, seufzte in demselben Augenblick Krischan Winckler in seiner Studierstube. Er hatte das würdige Haupt eben aus den Händen genommen und die letzteren matt und schlaff auf die Papiere, die Kirchenregister und sonstigen Dokumente auf seinem Schreibtische gelegt. Er hatte sich mit allen auf seine Pfarrei bezüglichen Pergamenten umgeben und tastete sich von einem seiner Amtsvorfahren zum andern bis in die nebeligste Vergangenheit zurück, und aus seinem Fenster hatte er den Blick auf seine Kirche und auf die Grabsteine seiner Vorgänger im Amte, die Kirchenmauer entlang, bis in den Anfang des siebenzehnten Jahrhunderts. »Da liegen sie, und hier sitze ich!« rief er, und dann schlug er plötzlich mit der flachen Hand auf die vergilbten Schriftstücke, daß der Staub von ihnen aufflog, und schrie: »Wenn's mir selber mein Dämon eingeblasen hätte, um diese lumpigen vier Pfennige den Moder der Jahrhunderte aufzurühren, so wollte ich gar nichts sagen. Ja, wenn ich's nur selber mir eingebrockt hätte!... Jetzt leugnet sie da unten in der Laube es natürlich ab, daß sie mich zuerst auf diese verruchte Ablösungsidee gebracht hat, und nachher kommt denn obendrein die landläufige Anschauung und will einem weismachen, daß man, wenn einen die ganze Welt verläßt und keinen Trost mehr gibt, denselbigen immer noch am Busen seines treuen Weibes finde. Trost? Busen? Dummes Zeug! Hat sich was! Aber den Kerl möchte ich in diesem Moment hier mir gegenüberhaben, der mir vor zwei und einem halben Säkulo um den schnöden Mammon den heutigen Nachmittag zusammengebraut hat. Der arme Teufel!... Großer Gott, was für einen entsetzlichen Hunger muß der Mann gehabt haben!... Na, ich kenne ja auch die Einkünfte der Gansewinckler Pfarre – da unten an der Mauer liegt er wahrscheinlich auch, also mag er in Frieden ruhen... Im Frieden! Wie gerne ruhte – lebte ich auch im Frieden; aber ist es denn möglich in diesem zänkischen Jammertal?« Er seufzte schwer und schob sein schwarzes Käppchen hin und her. Sein Auge aber fiel auf seinen Lieblingströster, den alten Christian Fürchtegott, und so zitierte er denn: »Das Streiten lehrt uns die Natur, Drum, Bruder, recht' und streite nur; Du siehst, man will dich übertäuben; Doch gib nicht nach, setz alles auf Und laß dem Handel seinen Lauf, Denn Recht muß doch Recht bleiben«, und von neuem fiel seine Hand, jedoch diesmal zur Faust geballt, auf die Dokumente vor ihm: »Und leider Gottes haben sie recht, vollkommen recht, recht bis aufs letzte Tüpfelchen! Ich muß dran; Böxendal muß dran! Gansewinckel pfeift, und der Kantor singt, ich aber tanze; und nachher ruhe mir mal einer in Frieden in Gansewinckel, wenn nicht – da unten an der Kirchenmauer. Selbst der Konsistorialpräsident kriegte lebendig es nicht fertig, und wenn er mich übermorgen noch so süß, milde und pastoralklug anblinzeln wird: Mein teuerer Amtsbruder, danken Sie doch dem Höchsten dafür, daß sich Ihnen hierdurch kirchenamtlich ein neuer Weg zu den Herzen Ihrer Gemeindemitglieder eröffnet hat. – Schöne Herzen! Und für den neuen Weg danke ich auch ganz gehorsamst. Von meinem Standpunkt aus mag er da sagen, was er will; von seinem aus hat er natürlich recht – uh, wenn ich doch ihn am nächsten ersten Januar zu den Bauern von Gansewinckel aufs Gratulieren ausschicken könnte!« Dieser Gedanke, diese Idee oder Vorstellung, den Herrn Konsistorialpräsidenten an seiner Statt für die Gansewinckler Vierzeitengelder das erbauliche Äquivalent liefern und die von würdigen und frommen Vorvordern überlieferten Rechte und Pflichten der Kirche technetisch und metataktisch aufrechterhalten und an künftige Generationen weitergeben zu lassen, mußte wohl für den gegenwärtigen Pastor von Gansewinckel etwas ungemein Heiteres und Fröhliches an sich haben. Er trat an das Fenster und überflog mit einem lächelnden Blick die Reihe der Grabsteine an der Kirchenmauer. »Mehrere von ihnen würden mit Vergnügen aufstehen, um das zu sehen«, murmelte er, und die Erquickung, die er auf diesem Seitenpfade seines Sinnens fand, war so bedeutend, daß sie ihm gestattete, von neuem nach der erloschenen Pfeife zu greifen und mit ihr an den Tabakskasten zu treten. »Nachher hätten wir ihn denn natürlich zu Tisch hier auf der Pfarre«, brummte er weiter, »und da kenne ich meine gute Billa; – – ich möchte ihr wohl den Genuß gönnen, den Herrn Präsidenten nach dieser Gratulation zu Tisch bei sich zu haben.« »So komm doch endlich zum Kaffee, Mann! Kälter kann er nicht werden«, rief in diesem Augenblick die Stimme der eben Apostrophierten aus dem Garten herauf, und der Gansewinckler Pfarrer rief mit fast vollständig wiedergewonnenem Behagen in Ton und Ausdruck zurück: »Sogleich, Liebste! Ich überlege nur noch, ob ich Vossens Homer oder Vossens Luise mit herunterbringe, um den Verdruß gänzlich zu dämpfen.« Er drückte eben die letzten drei Fingerspitzen Knaster in den Pfeifenkopf, als ihn das Schicksal selber schon von neuem wieder unter den Daumen nahm: »Ne, Christianus Winckler, alter Knabe, später vielleicht, jetzt aber noch nicht! Der Mensch muß ja nicht immer weich und im Frieden sitzen wollen.« Ein lautes Getöse ließ sich von den untern Räumen des Hauses her vernehmen. Es folgten schwere Tritte erst auf der Flur und sodann auf der Treppe; und zwischen das dumpfe erboste Gepolter von Mannesstimmen klang es wie ein lautes Weinen eines jungen Weibes. »Nun bitte ich aber –« stammelte der Pfarrer von Gansewinckel, aber er hatte nicht die Zeit, seine Wünsche weiter kundzumachen. Schon wurde die Tür seiner Stube aufgerissen, und abermals hatte er das Vergnügen, sie vor sich zu sehen – die Ältesten seines Dorfes nämlich, die Dicksten, die Wohlhabendsten, kurz die, welche in der Gemeinde und dann und wann auf seiner Seele am schwersten wogen und lasteten. Da waren sie wieder: der Vorsteher Neddermeier und Degering und Klatermann und Kumlehn, und wie sie sonst mit ihren Höfen ihre Namen von ihren Vätern ererbt hatten. So drängten und schoben sie sich wiederum herein in das stille Studiergemach ihres gutmütigen Seelenhirten; und der Vorsteher, ein junges, zerzaustes Frauenzimmer von ungefähr achtzehn Jahren am Handgelenk sich nachzerrend, schrie: »Herr Pastor, jetzo oder niemalen haben wir Horackern fest! Das ist meine Meinung, Herr Pastor, – die Ihrige unbesehen. Jetzt gibt der Sägebock Baumöl; – diese hier – diese Landläuferin hier schafft uns den Vagabunden. Mach dein Kompliment, Mädchen, mach deinen Knicks, Lottchen Achterhang, und bedanke dich beim Herrn Pastor für gute Erziehung.« »Allbarmherziger Vater, Charlotte?! Lottchen?!« stammelte der gute Greis in einem Schrecken, in welchem er augenblicklich nach keiner Seite hin einen Halt und Stützpunkt fand. »Bist du es denn? Bist du es wirklich? Wie siehst du aus! Wo kommst du her? Und wie kommst du hierher?« Er stotterte, hülflos im Kreise herumgehend, den Namen seiner Frau, und das war das erste Moment rückkehrender Fassung. »Billa! Billa!« rief er sodann mit lautester Stimme aus dem Fenster in den Garten hinab, und das war das zweite Moment. »Jawohl«, sagte der vierschrötige Dorfgewaltige gröblich, »rufen Sie nur die Frau Pastorin. So haben wir sie, ich meine die Vagabundin, hinter Haneburgs Hecke im Busch gefunden, krummgedrückt hinter der Hecke, die Schürze voll von Haneburgs gestohlenen Mohrrüben, was gewiß ein feines Essen ist für ein Musterkind, Herr Pastor. Ja, sieh mal, so kommt es zurück ins Dorf, Ihr Musterkind, Herr Pastor, und da es uns partu nicht Rede stehen will, so haben wir gedacht, es ist das beste, wir bringen es Ihnen stantepe auf die Stube, Herr Pastor, denn Sie werden doch ja wohl noch immer damit umzugehen wissen und ihm auch jetzt die Zähne voneinanderbringen, wozu wir auch die Frau Pastorin höflich einladen, auf daß wir endlich mit Horacker zu Stuhle kommen; denn daß Horacker da, wo das Mädchen ist, nicht weit weg zu suchen ist, das wissen wir leider Gottes seit Erschaffung der Welt, nämlich seit sie beide das Dorf und die Gemeinde verschimpfieren. Wenn einer weiß, daß ich unrecht habe, so kann er's meinetwegen sagen.« »Ne, hier hat er recht!« brummten alle Bauern im Kreise; doch um so heller und verständlicher klang dann auch, grade in diesem Augenblick, die Stimme der Frau Pastorin Billa Winckler in dieses dumpf summende Gebrumm der Versammlung der guten Freunde, Nachbaren und Gemeindemitglieder hinein. Sie hatte sich Platz zu machen gewußt durch den Andrang auf dem Vorplatze, und nun stand auch sie in dem Stübchen ihres Gatten mit dem innigen Wunsche, ganz genau zu erfahren, was nun wieder vorgefallen sei. Selbstverständlich übersah sie die Hauptperson, die sie über den neuen Lärm auf einmal aufgeklärt haben würde, in der ersten Aufregung ganz und gar und mußte erst durch eine wortlose Handbewegung ihres Christian auf dieselbe aufmerksam gemacht werden. Mit einem langgezogenen Schreckensruf erhob Frau Billa die Hände. »Jesus Christus – Lottchen! Und wieder in derselben Verfassung, wie wir dich aufgelesen haben vor zehn Jahren! Mädchen, Mädchen, hat diesmal das Dorf wirklich recht gehabt und ich unrecht? Ist das der ordentliche Mensch, den ich aus dir gemacht habe? Mädchen, o Mädchen, wo kommst du her, und was willst du heute in diesen Lumpen und sonstiger Verwahrlosung in Gansewinckel?« Das unglückselige Geschöpf war aus Ermattung, Scham und jedenfalls aus überwältigendem Elend langsam an dem Lehnstuhl des Pastors niedergesunken und hatte schluchzend den Kopf auf die Arme gelegt; und ohne das Gesicht emporzuheben, schluchzte es jetzt weiter: »Der Herr Pastor Nöleke hat es ja aus der Zeitung vorgelesen, und – so komme ich von hinter Berlin her zu Fuße. Ja, ich habe mich versündigt gegen meine Herrschaft und gegen die Frau Pastorin Winckler und gegen den Herrn Pastor; – aber – ich habe nicht anders gekonnt. Ich bin in der Nacht wie ein Dieb weggelaufen, nachdem der Herr Pastor es am Morgen aus der Zeitung vorgelesen hatte.« »Kannst du einen Sinn da hereinbringen, Winckler?« fragte die Frau Billa, die Hände zusammenschlagend. »Wenn das Kind zu Fuß von Berlin gekommen ist, so kann es natürlich nicht bei vollem logischen Bewußtsein sein. Nun, Lottchen, besinne dich einmal, nimm dich zusammen; – sei noch einmal ein gutes Mädchen. Was hat der Kollege Nöleke aus der Zeitung vorgelesen?« Mit einer fast wilden Bewegung erhob das arme Ding das sonnverbrannte, hagere, nicht sehr reinliche, tränenüberströmte Gesicht aus dem vorquellenden Pferdehaar des alten Polsterstuhls auf und sah dem guten alten Krischan Winckler in sein Gesicht, als ob es den besten Trost des Erdenlebens da suche. »Daß sie Cord Horackern im Walde suchen! Daß Cord ein Räuber, daß Cord ein Mörder geworden ist! Und es ist aus einer Zeitung in die andere gegangen, und ich habe einen Brief in meiner Kammer auf meinem Koffer zurückgelassen und habe um Gottes willen um Verzeihung gebeten, weil ich ja gewiß und wahrhaftig niemand Schande machen will als mir selber. Und seit acht Tagen bin ich in keinem Bett gewesen und habe nichts zu essen gehabt, als was auf dem Felde wächst; nur ein Stück Brod hat mir einmal ein Kind gegeben und ein Soldat zwei Groschen auf der Chaussee, damit habe ich mir ein anderes Brod gekauft in einem Dorfe, als es dunkel war.« Die Frau Pastorin legte die Hände auf den Rücken, wendete sich halb und betrachtete sich stumm einen Moment den Vorsteher von Gansewinckel. Dann sprach sie merkwürdig gefaßt, während ihr Eheherr vollständig die Fassung verloren hatte und sämtliche Bauern die Nase zwischen den Zeigefinger und den Mittelfinger nahmen, um ihren Unglauben durch ein allgemeines Geschneuze kundzumachen. »Nun will ich Ihnen mal was sagen, Neddermeier, jetzt haben Sie das Lottchen Achterhang hier meinem Manne auf die Stube gebracht, und Sie konnten diesmal gar nichts Besseres tun. Wissen Sie aber, was jetzt das Zweitbeste ist, was Sie tun können?« »Ne!« sprachen alle Bauern im Chor. »Dann will ich es Ihnen gleichfalls eröffnen; Sie tun mir nämlich die Liebe an und lassen mich und den Pastor und das Mädchen fürs erste jetzo allein miteinander.« »Ja, aber Horacker, Frau Pastorin –« wollte der Vorsteher einwerfen. »Ich bin doch von Amts wegen –« »Von Amts wegen bin ich jetzt einzig und allein für das Lottchen Achterhang da. Ich allein! Verstehen Sie mich, Neddermeier? Ich bin nicht ohne Nutzen fast bis ans fünfundzwanzigjährige Amtsjubiläum ran Pastorin hier im Dorfe gewesen. Ja, gehen Sie nur leise auf der Treppe, Vorsteher; über das Neujahrsgratulieren sprechen wir beide auch noch ein Wörtchen zusammen. Da können auch alle andern lieben Freunde im Dorfe sich heute schon gratulieren; ich komme jedenfalls nächsten ersten Januar und werde nicht umsonst von Haus zu Haus im Dorfe gehen. O ich habe meine Wünsche und Sprüchlein heute schon parat! Ne, ne, die Geschichte ist mir auch ganz lieb so, wie sie ist; – die Gelegenheit hat mir immer gefehlt! Verlasset Euch darauf, Nachbaren; die Pastorei wird sich von jetzt an nichts mehr von der Gemeinde schenken lassen; – Ihr zahlt, und ich und mein alter lieber Christian da, wir kommen und bedanken uns. O ich habe mich seit langer Zeit auf nichts so sehr gefreut als auf den nächsten Neujahrstag! Für jetzt aber tut mir auch die Liebe an und geht nach Hause; wenn ich Sie, Vorsteher, auch für diesen jetzigen Fall heute noch brauchen sollte, so schicke ich...« Wenn nun der Pastor von Gansewinckel, Herr Christian Winckler, alles dieses, und zwar in einem ähnlichen Tone wie sein Eheweib vorgetragen haben würde, so würden wir uns ganz gehorsamst dafür bedanken, irgendeine Bürgschaft für den Erfolg der Rede zu übernehmen. Uns steht es sogar ganz fest, daß die Bauernschaft von Gansewinckel mehreres eingewendet, anderes anders aufgefaßt hätte und sicherlich fürs erste noch nicht gegangen wäre. So aber, auf die Rede ihrer Seelsorgerin, ging sie – drängte sie sich sogar in einen Klumpen – rückwärts schreitend aus der Tür und zur Treppe hin. Nur der Vorsteher wagte sich noch mit einem Wort hervor. »Daß Sie alles besser wissen als wir alle, Frau Pastorin, wissen wir alle; und wenn der Herr Pastor Ihrer Meinung ist, so sind wir's auch. Das gilt für Lotte Achterhang und Cord Horacker. Was nun das Vierzeitengeld betrifft, so haben wir das Ding nicht aufs Tapet gebracht, und wenn Herkommen Herkommen ist, so sind auch wir nur hierhergekommen mit unserm Schriftlichen von Vorvaterzeiten, weil doch, was dem einen recht, dem andern billig ist und nichts für umsonst in der Welt, und das wissen wir Bauern am besten – nichts für ungut. Sie aber, Frau Pastorin, sind mir immer angenehm auf dem Hofe wie ein Regenwetter zur richtigen Zeit, und gratulieren Sie mir, so gratuliere ich Ihnen; und mit unsern Deputaten und Leistungen und Pfarrzehnten und sonstigen Auflagen sind wir niemalen rückwärts gewesen, solange Gansewinckel steht. Was aber Recht ist, bleibt Recht, bis es anders ausgemacht wird, und daß ich als Vorsteher mich vors allgemeine Beste stelle, das ist meine verfluchte Pflicht. Das wäre mir ein richtiger gewählter und von der hohen Behörde bestätigter Ortsvorsteher, der ganz gutwillig hinginge und der Gemeinde den Kopf zwischen den Fäusten Knieen hielte, wenn mit einemmal ganz auf den Plotz einer kommt und ihr ihre gute Berechtigung an Pastor und Kantor aus der Nase ziehen will, woran seit tausend Jahren keiner gedacht hat.« »Schön, schön, Neddermeier!« keuchte Frau Billa. »Verlaßt Euch drauf; ich bin sicherlich am ersten Januar da, wenn mein lieber Alter hier verhindert sein sollte; und der Herrgott wird gewißlich meinen guten Wünschen Folge und Gedeihen schenken. Im Notfall nehme ich dann auch Böxendals Verpflichtung auf mich und singe Euch einen recht schönen Vers aus dem Gesangbuch. Nummer und Vers schwanen mir schon – lieber Gott – ›Ungezähmt sind meine Triebe, Unerleuchtet mein Verstand, Leer mein Herz von deiner Liebe, Meine Pflicht mir unbekannt‹, wie denn unter den Buß- und Bekehrungsstücken manch ein schönes Lied steht. Sprechen Sie mir von Ihrer Pflicht, Neddermeier, so spreche ich Ihnen auch davon; nichts für ungut!« »Hui... uh!« sagten alle Bauern draußen vor Krischan Wincklers Studierstube, und zum erstenmal ging ihnen eine Ahnung auf, daß sie sich durch das Neubeleben ihrer alten Pergamente und Gerechtsame von Kirchen wegen keine ganz sanfte Rute aufgebunden haben könnten. Sie verteilten sich merkwürdig geduckt zu ihren friedlichen Hütten und überließen wirklich fürs erste Lottchen Achterhang ihrem Pastor und ihrer Frau Pastorin. Kein Mensch muß müssen, sagt Lessing; aber hier mußten die Gansewinckler Bauern doch. Neuntes Kapitel Christian kannte seine Billa. Er hatte in den langen guten Jahren seines Ehestandes des öftern Gelegenheit gehabt, sie immer genauer kennenzulernen; man sollte meinen, wenn alles seine Grenze habe, so müsse das auch hier der Fall sein; allein dem war nicht so: Krischan Winckler wunderte sich immer noch von neuem über sein Weib. Die Gelegenheiten dazu rissen nicht ab. Augenblicklich saß er, vorgebeugt mit dem Oberleibe, die Füße unter den Stuhl gezogen und die Hände auf den Knieen, und sah auf sein Weib, lächelnd, aber mit einer Runzel mehr auf der ehrlichen, heitern Stirn, bewundernd mit der Neigung behaftet, sein Käppchen noch einmal von einem Ohr auf das andere zu schieben. Und als sich die Tür hinter seinem guten Freunde und Ortsvorsteher Neddermeier geschlossen hatte, sprach er: »Hm – ich muß es wieder sagen, Billa, du verstehst es.« »Das ist meine Ansicht auch, und ich tue mir auch etwas darauf zugute, aber das ist jetzt nicht die Hauptsache«, erwiderte die treue Gattin. »Jetzt komm du mal her, Lotte! Gesichterschneiden verbitte ich mir; also steh auf, zeige dem Herrn Pastor das Gesicht, das dir der liebe Gott hat anwachsen lassen, und sage uns kurz, was du zu sagen hast, nämlich ausführlich, wie es sich deinen christlichen Wohltätern gegenüber gehört. Hältst du mir hinter dem Berge, so kennst du mich und weißt, daß ich weiß, wie man einen dahinter vorlockt.« »Gott, o Gott!« schluchzte die Angeredete, das Gesicht womöglich noch tiefer in das Stuhlkissen des Pastors von Gansewinckel drückend. An ihrer Statt aber stand Krischan Winckler auf, legte beschwichtigend die Hand auf den Arm seiner Frau und sagte ganz leise: »Liebe, ich glaube, dieses verstehe ich am besten.« Es ist ein ekler Anblick, wenn man eine Spinne die andere fressen sieht, sagt der am Schluß des vorigen Kapitels beregte Gotthold Ephraim in einem seiner Briefe antiquarischen Inhalts. Keine Spinne muß müssen, sagt er hier nicht. Ach, die Welt ist eben ohne jegliche Rücksicht auf das Sittengesetz und die Ästhetik ganz antiquarisch, d. h. vom Anfang an darauf gegründet, daß eine Spinne die andere frißt! Und dann ist da das kleine, so leicht gesprochene, so schnell geschriebene, so flüchtig ins Ohr klingende, gedruckt kaum ins Auge fallende Wörtchen: man! Wer ist man ? Man sieht nicht gern eine Spinne die andere verspeisen; – man ißt gern Austern; – man gründet ein Geschäft, durch welches man gern jedermann Konkurrenz macht bis zum Äußersten. Man hat gegründete Aussicht, demnächst im Amt vorzurücken, da man sagt, daß der Mann, dessen Platz man gern einnehmen möchte, schwerkrank am Nervenfieber liegt und sicher demnächst mit Hinterlassung einer großen Familie dran glauben wird. Man möchte unbeschreiblich gern das beste Bild in der Kunstausstellung aufhängen; man möchte im Wettkampf um die Herstellung des Monumentes des jüngst gestorbenen großen Menschen der Nation alle Mitbewerber schlagen; man möchte dies; man möchte das, und – man ist dazu berechtigt; denn wozu, fragt man, ist man sonst da in der Welt? Und man ist da – seltsamerweise! – Und dann und wann heißt man Cord Horacker oder Lotte Achterhang, und selbst wenn man tagtäglich im Dorfe zu hören bekommt, daß es besser sei, wenn man nicht da wäre, so glaubt man dieses noch lange nicht; dafür aber hat man einen grimmigen Hunger, und alles, was man außerhalb seiner Haut um sich her sieht, gehört einem andern. Im Pfarrhaus sagt man wohl: »Billa, du mußt dich einmal wieder um das Kind der Achterhang bekümmern, und ich habe mir auf heute nachmittag wieder einmal den Racker, den Cord Horacker, herbestellt. Schicke der Witwe doch meine abgelegte Winterhose – der Junge läuft mal wieder wie ein untätowierter Indianer herum, das geht so nicht! Das geht so nicht! Man kann es nicht mehr ansehen.« Aber im Dorfe sagt man um dieselbige Stunde: »Diese Nacht sind sie mir wieder im Kohl und unter den Kartoffeln gewesen. Lebendig schinden möchte man die Schwefelbande. Selbstschüsse darf man nicht legen, und in der Schlinge, wie die Hasen, fängt man sie nicht.« O über das schreckliche, das wundervolle, erhabene kleine Wort: m a n Es ist der fliegende lichtbeschienene Schaum der Oberfläche; es ist die unbewegte schwarze Tiefe. Fahren wir fort, die wir schaudernd und schämig, den Königen dieser Erde gleich, es nicht wagen, das Wort »Ich!« zu schreiben. – – – Man rechnet einem oft als greuliche Unverschämtheit an, was nur die zarteste Scheu vor Überhebung ist. Als an dem letzten Überbleibsel der ärmsten Häuslerfamilie des Dorfes hatte das Pfarrhaus vor Jahren ein gutes Werk an dem Lottchen getan. Aus argem Schmutz und völliger geistiger und körperlicher Verkommenheit hatten die zwei braven Leute, Christian Winckler und sein Weib Billa, das Kind in ihr Haus genommen und es erst im Feld und Garten, sodann aber in der Küche angestellt und das, was die Frau Pastorin »einen Menschen« nannte, aus ihm gemacht. Nur unter einer Zucht und in einer Lehre wie die der Frau Billa Winckler konnte das Erziehungsexperiment gelingen, und es gelang wider alles Erwarten von Gansewinckel. »Gedacht haben wir's nicht, aber fertig hat sie's gebracht – ein ganz nett Ding ist aus dem Vieh geworden!« sprach das Dorf. Ja, wenn Cord Horacker nicht gewesen wäre! Nachher hätte alles glatt ab- und weiterlaufen können. Aber Cord Horacker existierte und hatte bereits anderthalb Jahr existiert, ehe Lottchen Achterhang das Licht der Welt erblickte, und war von seinem Anfang an – wie ihre Eltern längst – ein Skandal für die ganze Gemeinde gewesen. Die Witwe Horacker hatte sich eines Tages allein mit ihrem Jungen in der Welt gefunden; und – Gesellschaft muß der Mensch haben, und wenn es auch die allerschlechteste wäre. – Die Witwe Horacker und die Familie Achterhang hielten sich zueinander, da sich sonst niemand weiter zu ihnen halten wollte. Man sucht sich nicht selber die Weise und Gelegenheit aus, unter welcher man die Nase in die Welt steckt. Daß Cord Horacker heute, im neunzehnten oder zwanzigsten Lebensjahre, aber überhaupt noch eine Nase aufzuweisen hatte, war schon an und für sich ein Mirakel. Seine Dorfgenossen, alt wie jung, hatten ihm oft, sehr oft darauf geschlagen, und dieses dann und wann bei recht mangelhafter Berechtigung dazu. Eine vaterlose Waise – klingt ganz hübsch, zumal wenn die Mama eine wohl oder auch nur annähernd behaglich gestellte Witwe ist; allein die nichtsnutzige Krabbe der Witwe Horacker durfte in Hunger, Frost und Krankheit weniger Anspruch darauf machen, rührend in ihrer Hülflosigkeit gefunden zu werden. So war es denn zuweilen nur die bittere Notwendigkeit, die den Jungen zwang, sich selber zu helfen, auch wohl der Süßigkeit der Rache wegen (andere Süßigkeiten kamen nicht viel an den armen Gesellen) eine kleine Tücke in den Handel zu geben. Unser Manuskript beweist es, daß wir nichts Übles von dem guten Pastorenhause zu Gansewinckel reden wollen; aber gegen ihre Neigungen vermögen wenige Menschen viel auszurichten. Und das Pastorenhaus hatte eben seine Neigung dem Lottchen zugewendet. Der Pastor Krischan Winckler machte sich nachher wenigstens Vorwürfe genug darüber, und kein anderes Glied seiner Herde erschien ihm so häufig als Cord in seinen Träumen, wenn er im Winter vom warmen Ofen bis zu dem verhangenen Fenster auf und ab wandelte, oder in der erquicklicheren Jahreszeit beim Spargelstechen. Jedesmal hielt er dann inne im Wandel oder Gartengeschäft: »Heute will ich doch auch wieder mal von wegen des Schlingels, des Cord, an Freund Trolle schreiben.« Die betreffende Staatsbehörde hatte nämlich zuletzt ihrerseits sich des verwahrlosten Knaben und der Gansewinckler Gemeinde angenommen. Sie hatte den alten Jungen genommen, ihn gewaschen, gekämmt, ihn in ein reinlich grau Kostüm gesteckt und behielt ihn zum Frommen der Weltentwicklung in der nächstgelegenen Besserungsanstalt unter scharfer Aufsicht bei genügender Arbeit und nur angemessener Kost. Man mußte es der hohen Behörde lassen; auch in geistiger Hinsicht vernachlässigte sie ihren schmalen Kostgänger nicht. Wenn der Gansewinckler Pfarrherr wirklich sein Vornehmen ausführte und an den Anstaltskollegen »von wegen Horackern« schrieb, so kam immer eine Antwort zurück, und die letzte lautete zum Schluß, nachdem der ehrwürdige Korrespondent im Anfang natürlich von allen möglichen andern Dingen gehandelt hatte: »Deinen Horacker anbelangend, kann ich Dir gottlob nur Gutes mitteilen. Das Subjekt macht und hält sich immer noch löblich. Auch die gewöhnliche Institutsmelancholie (in meiner persönlichen Abwesenheit notabene unter sich sind die Burschen heiter zur Genüge) hat sich bedeutend gelegt, und ich bin psychologisch und physiologisch mit dem Blicke seiner Augen ganz zufrieren, wenn ich ihm sage: Jetzt sieh mir grade ins Gesicht, Horacker! Verhoffe also, Dir seinerzeit ein durch Deinen unwürdigen alten Hallenser Stubenbursch, vulgo Hausknochen, der Menschheit zurückgewonnenes Individuum zuschicken zu können. Bitte dagegen vorher noch um eine neue Abschrift Deiner Rheumatismussalbe; die meinige habe ich auf der letzten Pastorenkonferenz weitergegeben und kann mich nicht entsinnen, wem. Mich der Kollega bestens empfehlend in alter Freund- und Blutsbruderschaft Dein Trollius .           P. scr. Hast Du lange nichts von dem Dritten in unserm Bunde, unserm guten Nöleke, hinter Berlin, vernommen? Ob er wohl auch so grauköpfig als wir beide geworden ist? Glaube und verhoffe es nicht; dahingegen manifestierte er bereits in Halle Anlage zu einer Glatze, und die wird er wohl jetzo recht ordentlich aufzuweisen haben. NB., erinnerst Du Dich wohl noch, wie er schmelzend die Flöte in den Mondschein hinein zu blasen pflegte und für den Heiligenschein S. Filippi di Neri schwärmte? Hat sich wohl beides gegeben.« Ei ja, Nöleke! Der Name ging vorhin schon durch unsern Bericht, und sein Träger ist von nicht geringer Wichtigkeit in dem letztern. – – – »Das hilft nun alles nichts, siehst du wohl, Christian. Daß du einiges am besten verstehst, bezweifle ich nicht; aber hier hilft fürs erste nichts, als daß wir es sich ausbrüllen lassen.« Also sprach die Frau Pastorin zu ihrem Gatten, nachdem er eine Viertelstunde zu der heimgekehrten Heimatlosen geredet hatte. »Alles Menschenmögliche soll ich freilich in der Welt erleben«, fuhr die gute Frau fort. »Was es gibt an Verdruß und Angst und Plage, das fällt mir hier in Gansewinckel auf den Kopf, und nachher kommt dann noch einer, wie neulich der Herr Oberlehrer Neubauer, den Eckerbusch mitbrachte, und will mir einreden, mein und dein Dasein, Winckler, sei eine Idylle – die reine Pfarrhausidylle! O ja, eine nette Idylle, Winckler!« »Der Oberlehrer Neubauer sah uns eben subjektiv an, Billa«, brummte der Pastor. »Er hat auch das Englische auf dem Gymnasio in der Stadt und liest wahrscheinlich gegenwärtig mit seinen Jungen den Vicar of Wakefield.« »Objektiv, substantiv oder perspektiv, das ist mir ganz einerlei. Ich sehe aber ohne Brille, dich, mich und Gansewinckel, und das dumme Ding hier mit dem Kopfe in deinem Lehnstuhl, Alter, gleichfalls. Du hast nun lange genug Vernunft gesprochen, ohne daß es was genutzt hat, Alterchen; und jetzo halte ich es nicht länger aus und werde mit der Unvernunft reden. Du hast mir deinen Gellert oft genug als Muster hingestellt. Hörst du, Lotte Achterhang, jetzt bitt ich's mir ernstlich aus, daß du endlich aufstehst, die Hände vom Gesicht nimmst und dich da auf den Stuhl am Ofen setzest und mir nach Möglichkeit fest in die Augen siehst. Durch albernes Geheule wird nie was in der Welt gebessert, und ein anständig Aussehen, einen gekämmten Kopf und einen heilen Rock wirst du dir auch nicht anheulen.« »Billa!« murmelte der geistliche Herr, den Kopf schüttelnd; doch die Gattin hatte in der Tat wieder das Wort fest gefaßt. »Ei was, Winckler! Siehst du, da steht sie und da sitzt sie! So Mädchen – die Hand von den Augen! Warte nur nicht noch länger ab, daß ich mich auch für dich auf einen Gesangbuchsvers besinne wie vorhin für den Vorsteher, den Gemeinderat und die andern aus dem Dorfe.« »Guter Gott, guter Gott«, winselte das arme Kind, jetzt mit beiden gefalteten Händen zwischen den Knieen und wirklich auf dem Stuhl am Ofen. »Ich will ja alles sagen wie ein Schriftgelehrter, wenn ich mich nur selber erst wieder besonnen hätte. Da steht dem Herrn Pastor sein Tabakskasten, und da hängt die Kreuzigung an der Wand, und da ist das Sofa, und unten im Haus ist mir durch meine Tränen Wackerlos begegnet und hat mich gewiß noch gekannt! Alles, alles im Haus ist noch so wie an dem Tage, als Sie mich in die Fremde taten, und nun komme ich so zurück durch Hitze und dunkle Nächte und die weite Welt – hinter Berlin her. Wie soll ich mich besinnen? Ich hätt's ja zu gern getan; jedes gute Wort vom Herrn Pastor ist mir wie eine glühende Kohle vom Herd auf dem Herzen gewesen, aber ich muß ja ersticken in meiner Schande, daß ich so , so wieder da bin! O du liebster Herrgott, ich bin ja nicht bei mir selber gewesen, seit dem Morgen, da ich mit dem Kaffeebrett hereinkam, als der Herr Pastor Nöleke alles aus der Zeitung vorlas. Ich habe den Präsentierteller noch auf den Tisch gesetzt, aber da ist mir der Boden unter den Füßen und die Decke über dem Kopfe weggekommen; – ach, wenn er mich, mich allein doch totgeschlagen hätte! Überleben tu ich's ja doch nicht, wenn sie ihn köpfen. Wenn ich hundert Jahre alt würde, so könnte ich den Morgen nicht überleben, als der Herr Pastor vorlas, daß hierzulande der Räuber Cord Horacker gesucht werde von der Polizei und den Gendarmen und Soldaten und von dem Aufgebot in den Dörfern. O lieber, lieber Herr Pastor und Frau Pastorin, ich will's keinem andern Menschen und gewiß keinem Mädchen und keiner Frau wünschen, daß sie auch erleben, was ich erlebt habe auf dem Wege hieher nach Gansewinckel! Nur ein einziges Mal habe ich mich unterwegs in einem Wasser besehen, aber dann nicht wieder; ich habe mich zu arg erschrocken.« »Na, ich werde dir nachher doch noch einmal den Spiegel vorhalten«, murrte die gute Hirtin, jedoch wahrscheinlich nur, um ihr steigend Mitgefühl hinter dem Brummwort zu verstecken. Christian Winckler versteckte dagegen sein Gefühl ganz und gar nicht. »Man weiß nicht, was man sagen soll; man sieht nur immer tiefer in die Natur und den Menschen hinein«, murmelte er. »Es ist ein Schrecken und ein Segen in dem Blick!« »Und je näher ich an Gansewinckel herangekommen bin, desto elender ist mir zumute geworden. Ich bin doch hier in meiner schlechten Jugend im Walde aufgewachsen sozusagen; aber gewußt habe ich nicht, wie dunkel er von seiner Natur aus ist, bis der erste Buchenbaum diesmal seinen Schatten auf mich hingeworfen hat. Da bin ich selbst wie ein Mörder und Dieb gewesen, und doch habe ich rufen müssen; – keiner kann wie ich wissen, wie es ist, wenn man so im Holze hat rufen müssen. Aber kein Cord Horacker hat Antwort gegeben; ich bin mit meiner Stimme ganz allein geblieben und dachte doch, alles wimmele von Gendarmen und Dragonern und – von ihm!« »Diese Geschichte wird noch mal gedruckt auf dem Jahrmarkt verkauft!« ächzte Frau Billa. »Ich kaufe sie mir selbst zum ewigen Angedenken, das steht fest.« »Der Wind, der Igel im Busch, der Rehbock, der mir über den Weg gegangen ist, sind fast mein Tod gewesen, denn es konnte doch Cord sein oder was Schlimmeres. Nun bin ich hier. Ich wollte mich erst in der Nacht ins Dorf schleichen; aber Haneburgs Hannchen ist meiner doch vorher ansichtig geworden, und da haben die Jungens geschrieen; und dann haben mich die Bauern bei hellem Tage gebracht, und das ganze Dorf ist hinter mir drein gewesen und hat sein Pläsier und seinen Hohn über mich und Cord Horacker gehabt. Und nun bin ich wieder hier um Gottes Barmherzigkeit willen, und ob Sie mir glauben werden, daß ich immer noch ein ehrlich Mädchen bin, und dieses auch an den Herrn Pastor Nöleke schreiben werden, kann ich nicht wissen und nicht bitten. Wenn ich von Cord Bescheid wüßte, so wollte ich gern sterben und vorher auch ohne Lohn beim Herrn Pastor Nöleke meine Schande abdienen; aber in mein Grab gehen kann ich nun nicht eher, als bis ich weiß, ob sie ihn schon haben und ob sie ihm seinen Kopf schon abgeschlagen haben. Nachher kann ich ruhig sein, glaube ich.« »Aber vorher wirst du doch wohl erst eine Tasse Kaffee trinken, du alberne Trine!« rief die Pfarrfrau von Gansewinckel mit merkwürdig belegter Stimme. »Winckler, ich bitte dich!« »Hat er seinen Kopf noch? Um Jesu Christi willen sagen Sie es mir doch erst!« schrie Lotte Achterhang, von neuem in die Kniee sinkend und mit wilder Energie die Hände gegen den Pfarrherrn und seine beßre Hälfte emporringend. »Du Närrchen, freilich hat er ihn noch!« schrie der Pastor mit gleichem Nachdruck. »Seinen nichtsnutzigen, dummen Tölpelkopf hat er freilich noch! Du hast es ja selbst gehört, durch dich erst hoffen sie den Schlingel bei dem Kamisol zu nehmen. Daß er dir nicht antwortete, als du nach ihm im Walde riefest, muß einen andern Grund haben als seine gewöhnliche Kopflosigkeit. Vielleicht war er zu weit weg. Er dreht ihnen – uns noch immer aus dem Holze eine Nase. – Billa, Billa, der Herr redet heute noch auf den Straßen der Welt! Er setzt sich immer noch zu den Sündern und Geistesarmen; – und wir, wir studieren auf den Universitäten und machen unsere Examina und kriegen unsere Anstellung, wenn wir nicht durchfallen, und ärgern uns an den Adiaphoris und streiten uns um die Parochialgebühren, weil wir nur mit der Kreiskasse zu tun haben möchten wegen unseres Gehaltes. Was wollen wir tun in diesem Jahrhundert, um uns wieder zurechtzufinden diesen Kindern gegenüber?« »Ich weiß es auch nicht; aber – aber ich halte es immer noch gar nicht für eine Geschichte aus diesem Jahrhundert«, sagte die gute geistliche Frau und schneuzte sich. Es war ihr krabbelnd vom Herzen in die Nase gestiegen. »Doch!... Ja!... Ja, wahrhaftig!... Gottlob ja, es ist doch eine aus ihm!« sprach Krischan, und dann stand er auf von seinem Stuhl und half seinem Lottchen Achterhang beim Aufstehen. Es hatte während der letzten Worte zwischen Mann und Frau das Vaterunser gesprochen und war eben bei der letzten Bitte angekommen. Der Pastor aber hatte recht mit seinem Ausruf. Man kann auch heute noch mancherlei Beruhigendes erfahren und erleben, man warte nur immer möglichst ruhig die nächste Stunde ab! Zehntes Kapitel Zum zweitenmal im Leben führte die Frau Pastorin Winckler ihr Lottchen ins Waschhaus zu einer gründlichen Reinigung vom Staub der Pfade dieser Welt. Doch diesmal besorgte sie das Geschäft mit Kamm und grüner Seife nicht selber, sondern reichte Kamm und Seife nur in die Tür; denn »jetzt war das Mädchen groß genug dazu«. Aber persönlich zugreifend steckte sie die in solcher absonderlichen Weise heimgekehrte in ein abgelegtes Kleid, welches »auch nicht auf diesen Zweck gewartet hatte«, und während alledem war – der gute Krischan endlich, endlich zu seinem kalten Kaffee in der Laube an der Hecke seines Gartens gekommen. Daß er kalt rauche, konnte man gleichfalls nicht mehr sagen, denn er blies tüchtige Dampfwolken in den Spätnachmittag und unter das Mückengesindel des Sommertages. Sowohl Vossens Luise wie Vossens Homer hatte er ruhig droben in seiner Stube im Bücherbrett belassen. Er bedurfte keineswegs mehr einer literarischen Stütze für die vorbeischreitende Stunde; die Sonne Homers lag ihm warm und gütig auf dem wackern, würdigen Graukopf; und das ist gerade das Wahre, daß es einen in solchem Moment gänzlich gleichgültig läßt, auf wie viele Ionier vor so langen Jahren die Sonne auch schien. »Ah!« seufzte der Pfarrherr von Gansewinckel, blies eine neue Wolke von sich und einen langen Atemzug derselben nach und legte die Hand auf die Zeitung von gestern, die ebenfalls auf dem Tische vorhanden war. Die Sonne Homers schien auch auf die Luxemburger Frage, doch nicht weniger auf die Frau Billa, die in diesem Augenblick, den Gartengang entlang, zwischen den Buchsbaumeinfassungen vom Hause herschritt, und der Pastor legte die Zeitung von gestern wieder hin. Sie, die Gattin, trat in die Laube, ließ sich auf die grüne Bank sinken, legte die Hände matt in den Schoß und seufzte: »So!« »Hm!« erwiderte der Pfarrherr. Nach einer geraumen Pause fuhr die Pastorin fort: »Sie war sehr hungrig. Das arme Geschöpf! Jetzt liegt's wie in Betäubung und schläft. Es ist uns unter den Händen eingeschlafen, mir und der Minna. Es ist nur ein Glück bei allem, daß wir ihr glauben können. Ja, ich glaube, daß sie uns nichts vorgelogen hat; was glaubst du, Christian?« »Ich glaube dir meine Ansicht bereits droben auf meiner Stube mitgeteilt zu haben, Beste. Ich glaube auch. Ich glaubte es gottlob vom ersten Wort des Kindes an.« »Hm!« sagte jetzt Frau Billa; dann aber richtete sie sich unter einem neuen tiefen Seufzer auf, griff nach ihrem Strickzeug und sprach: »Ja, wir sind doch im Grunde gute Leute, wie auch das Dorf darüber denken mag. Weißt du, Alter, uns fehlt nur eines, nämlich, ich müßte dir manchmal meine Brille und du mir die deinige leihen können. »Tun wir denn dieses nicht jeglichen Tag?« erlaubte sich der alte Herr zu fragen; doch die Gattin schüttelte den Kopf und versetzte: »Lange nicht oft genug!« Und es entstand wiederum eine Pause, während welcher die Frau Pastorin ihre Stricknadeln in Ordnung brachte und Krischan Winckler die Luxemburger Frage von neuem aufnahm. Nach fünf weitern Minuten legte der Pastor die Zeitung von neuem hin. »Billa!« »Was denn, lieber Alter?« »Ich werde dir das Resultat eines langen, wiederholten, reiflichen Nachdenkens vorlegen: Manches – vieles – sehr vieles würde uns in diesem Leben und hier in Gansewinckel nicht passiert sein, wenn uns nicht der Höchste in seiner Weisheit das Glück versagt hätte – eigene Kinder zu haben.« »Ach, du himmlischer Vater!« stammelte die Frau Billa Winckler; doch der Gatte fuhr fort, ohne sich durch den Ausruf stören zu lassen: »Eigene Kinder, liebes Weib! Wir sind eben eine Abnormität unter der Amtsbruderschaft! Wir haben Zeit – Muße, wie du es nennen willst, für alles. Wir sind leider Gottes ja immer nur uns selbst die Nächsten gewesen, und so haben wir uns nie anders helfen können, als uns des Fernern anzunehmen. Es ist etwas an dem Zölibat, Billa.« Die lutherische geistliche Frau faltete die Hände über ihrem Strickstrumpf. »Gregor der Siebente war nicht nur ein frommer, sondern auch ein kluger Mann, Billa. Er wußte der Menschen Schwächen zu taxieren. Wir, du und ich, als kinderlose Eheleute, wir leben wenigstens in einem halben Zölibat, und so ist es um so mehr unsere christliche Pflicht und Schuldigkeit, uns mit ganzer Seele den Aufgaben zu widmen, für die uns die Vorsehung besonders geeignet gefunden hat. Die Ratschlüsse des Schöpfers sind wunderbar, und die Wege, die er uns zur Selbstbefriedigung führt, verschieden.« Die Gattin hatte ihr Strickzeug vom Schoß über den Tisch gleiten lassen, legte beide Hände auf den Tisch und sah ihn, den Gatten, an, wie sie ihn nur einmal im Leben angesehen hatte, nämlich am zehnten Sonntage nach Trinitatis im Jahre nach Christi Geburt eintausendachthundertundsechsundfünfzig von ihrem Kirchenstuhl aus, als er mitten in seiner Predigt innehielt und statt des Sacktuchs eine ihrer weißen Nachthauben hervorzog, um sich damit die Stirn zu trocknen: »Krischan?!« »Ich sage, Billa, die Vorsehung –« »Und ich sitze hier starr und sage nur, mach's mit dem Doktor Luther ab, was du eben vom Papst und dem Zölibat gesprochen hast. Was das Konsistorium dazu sagen würde, mußt du selber am besten wissen; was aber die Vorsehung angeht, so sollst du ganz und gar recht haben, Winckler, sobald ich ganz genau weiß, daß sie bei dem, was sich zuträgt, auch mal einen persönlich im Auge hat und nicht immer einzig und allein das ganze Dorf.« »Billa?!... Aber Billa?« »Der Herr Doktor Neubauer stimmte für das ganze Dorf. Ich habe es wohl gehört, da ich ab und zu ging, als er neulich mit Freund Eckerbusch hier war. Ihr hieltet ihm natürlich das Widerspiel; aber es schien mir doch, wenn du es mir nicht übelnehmen willst, Alterchen, als wenn er euch alle beide ganz gehörig unterkriegte. Du gabest zuerst den Streit auf und gingest hin, um persönlich nach der Bowle zu sehen, und so weiß ich nicht, wie der Konrektor mit dem Herrn Oberlehrer fertig geworden ist und was sie ausgemacht haben über die Vorsehung, während ich Zucker schlug und du dich im Keller aufhieltest.« Der Pastor von Gansewinckel nahm die Luxemburger Frage vor die Nase und murmelte etwas von: einem oder einer einen Floh ins Ohr setzen. »Ja, murmele nur!« rief die Gattin, und wer weiß, was nun noch alles in der Gartenlaube an der Hecke des Gansewinckler Pfarrgartens verhandelt worden wäre, wenn nicht ein am heitern Sommernachmittagshimmel emporsteigendes neues Phänomen sowohl Philemon wie Baucis von neuem ganz und gar von den Füßen gehoben hätte. Dieses Phänomen trug einen leichten grauen Schulferienrock, einen breitkrempigen Strohhut und eine Brille in Horneinfassung. So kam es den Feldweg vom Walde her, und zwar eilig. Im Laufen trocknete es sich den Schweiß ab und schickte zu gleicher Zeit mit dem Taschentuch höchst aufgeregte Zeichen der Laube zu. »Ist denn das nicht Eckerbusch?« fragte die Frau Pastorin, und Christian Winckler, aufspringend und über seine Hecke schauend, rief: »Freilich ist er es, und zwar im Hundetrab, nein, im vollständigen Galopp! Billa, da ist noch etwas vorgefallen! Wie rennt der Alte! Was winkt er denn?... So sieh doch nur seine Hampelmännereien, Frau! Das ist ja ein wahres Glück, daß er seiner Sekunda nicht so als galoppierende Windmühle ins Auge und unter den Bleistift fällt.« Das geistliche Ehepaar winkte nun gleichfalls über die Hecke dem guten Freunde entgegen, und der Pastor öffnete ihm die Tür in der Hecke. Im vollen Laufe stürzte der Konrektor herein, den Hut, das Sacktuch und den Stock schwingend. »Menschenkinder! Menschenkinder, ei – nen Stuhl!« Er fiel auf den nächsten, vollständig zu Ende mit seinen Kräften. »Menschenkinder, was kann dem Menschen passieren! Was kann der Schulmann erfahren auf einem Ferienausfluge!« »Billa soll dir sofort ein Glas Grog bereiten! Du wirst Ida einen kranken Mann nach Hause bringen, wenn du nicht sofort, similia similibus, etwas ganz Heißes zu dir nimmst«, rief der Pastor. »Ja, erkälten Sie sich nicht, Eckerbusch«, rief die Pastorin. »Ich bin sofort in der Küche; aber erst – sagen Sie rasch, was ihnen eigentlich begegnet ist und was Sie sowohl als Mensch wie als Schulmann erfahren haben.« »Windwebel ist hinter ihm drein«, keuchte der Konrektor, allmählich wieder Atem schöpfend. »Um den Grog bitte ich in der Tat, beste Freundin. Ich und die Witwe haben unser möglichstes getan, ihn zurückzurufen. Eine halbe Stunde lang haben wir uns die Lungen aus dem Halse geschrieen: Windwebel! Horacker! Windwebel! Ho –« »– racker?!« stammelten Krischan Winckler und sein Weib Billa wie aus einem Munde. »Wer denn anders als Horacker? Horacker, der Räuberhauptmann!... Wir – Windwebel und ich und er und die Witwe haben zusammen eine Flasche Chateau Milon getrunken.« »Mit Horacker?« »Mit Horacker und Horackers Mutter, ganz vergnügt und friedlich, wie bei einem Picknick im Walde mit Damen und Kindern. Es ist mir selber jetzt wie ein Traum; aber ein Zweifel an der Wirklichkeit des Faktums bleibt mir doch nicht übrig. Es war so!... Wir würden auch einträchtiglich Arm in Arm zusammen ins Dorf herniedergestiegen sein, wenn nicht der Narr, der Windwebel, unbedachtsam den Schlafwandler angerufen und ihn mit dem Staatsanwalt in das Gehölz zurückgescheucht hätte. Nun ist er, der Kollege, hinter ihm, Horackern, dreingesprungen, als er uns entsprang – die Witwe ist auf ihrem Baumstumpf sitzengeblieben, wie ein anderer Klotz, und ich habe es endlich für das beste gehalten, hierher zu laufen und dich zu fragen, Christian, ob es nicht unsere Pflicht sei, noch einmal das Dorf aufzubieten und einen reitenden Boten nach der Stadt zu schicken.« »Jedenfalls dreht sich um mich das Weltall. Es ist in der Tat betäubend. Wir haben das Lottchen, und – er – hat den Cord – beinahe gehabt! So sage doch endlich etwas, Billa.« »Erst muß er vollkommen wieder bei Atem und bei klarer Besinnung sein, und dann noch einmal ganz von vorn an erzählen. Solange ich mich nicht um das Weltall drehe, sehe ich gern so klar wie möglich und lasse mir vor allen Dingen keine Traumgesichter aufbinden.« »Ganz wie die Proceleusmatica!« sprach der Konrektor Eckerbusch. »Wem Gott ein braves und kluges Weib beschert, der ist gepflanzet wie ein Baum an den Wasserbächen«, murmelte der Pfarrherr von Gansewinckel. »Manchmal auch wie eine Mühle!« murmelte der Konrektor; dieser aber bekam trotzdem seinen Grog und erzählte dem Pfarrhause von vorn an und ganz der Reihe nach, was ihm und seinem Kollegen Windwebel im Walde Sonderliches aufgestoßen war. Elftes Kapitel Wenn es nicht der Mensch war, der dem Auswurf der Menschheit durch die Nußbüsche nachsetzte, so war es ganz zweifelsohne der Künstler, der den malerischen deutschen Rinaldini bis auf ein Dritteil fertig auf dem Papiere hatte und sich eben den Rest nicht entgehen lassen konnte. Und die Natur hatte den Kollegen Windwebel mit den gehörigen Beinen für eine solche Jagd nach dem Pittoresken ausgestattet. Lang, fleischlos, aber muskelkräftig waren sie ihm tadellos für solche und ähnliche Aufgaben gewachsen; und er gebrauchte sie: »Halt den Dieb!« Vor sich in einer Entfernung von einigen hundert Bocksprüngen hörte er den Räuber rauschen; und über Bach und Morast, durch Gebüsch und Hochwald ging die Jagd immer tiefer hinein in die Wildnis. Trotz seiner langen Beine und trotz der Hinfälligkeit und Verkommenheit des armen Teufels vor ihm hatte der Zeichenlehrer all seine Spannkraft zusammenzunehmen. Aber nichts beflügelt die Schritte und die Siegesgewißheit des Verfolgers so sehr, als eben dieses Rauschen im Busch, die Angst des Ausreißenden, sei es Mensch oder Tier. Alle Jäger, Kriegsleute, Advokaten und schöne junge Damen wissen das und wissen daraufhin zu laufen; letztere natürlich nur mit Billigung und unter der Oberaufsicht der Mama. »Jetzt soll der Racker dran!« keuchte der Kollege. »Und wenn's mich den letzten Zipfel der Lunge kosten würde. He Horacker, Horacker, gib's auf, Canaille!« Das war nun wieder recht unpolitisch. So leise als möglich soll man hinter dem Jagdstück hersetzen. Einen Mund mit einem Schloß davor soll der Krieg, die Diebeshetze und die Liebe in der Fahne führen: in hoc signo vinces. Noch einmal beflügelte der letzte Zuruf die Schritte des Flüchtlings auf das bedenklichste für den Verfolger. Das Rascheln tönte ferner, und Windwebel hatte die Beine noch länger zu strecken, während er die Zähne zusammenbiß. Sie waren jetzt ziemlich tief in das Unwegsame geraten; rundumher war der Wald still, und die sinkende Sonne füllte ihn mit druckender Schwüle. Ohne sein mehrwöchentliches Fasten würde der Räuber auch diesmal wieder entkommen sein, doch alles, wie gesagt, hat sein Ende in der Welt, in dieser angstvollen Welt des Hintereinanderdreinlaufens. Noch fünf Minuten lang rannte der Bandit; allein auf einer neuen Waldblöße bekam ihn Windwebel zu Gesichte, und damit war der Wettlauf entschieden. Sie flogen beide mit langausgestreckten Hälsen über diese Blöße; dann bauete sich eine steile, von Heidelbeeren und Brombeeren überzogene Berglehne vor ihnen auf. Zwischen dem überwucherten Geröll eines alten verlassenen Steinbruchs ächzte Horacker noch zwanzig Fuß an dem Berge aufwärts, dann stürzte er zu Boden inmitten dieses Steinbruches, und Windwebel, über ihn hinschießend, gleichfalls, und zwar auf die Nase; aber der Räuber blieb liegen, wie er lag, während der Gymnasialzeichenlehrer so rasch als möglich wieder auf die Füße kam und mit der Nase zwischen dem Daumen, dem Zeigefinger, dem Mittelfinger und dem Ringfinger wütend ächzte: »Auch das noch für die Kunst!« – – – Es war ein kühler Fleck an dem heißen Tage, diese in den Sandstein des Berges hineingearbeitete Höhlung. Die Vegetation hatte bereits seit langem wieder Besitz davon genommen und die Spuren der menschlichen Tätigkeit nach Möglichkeit verwischt. Buschwerk beschattete den Ort von den Felsentrümmern herab. Große Farrenkräuter wucherten zwischen dem Moose der Steine, und von einer Seite tröpfelte und perlte es feucht hernieder; ein winziges Quellchen hatte sich seinen Weg durch den Schutt und das Geröll gebahnt und suchte ihn in Miniaturwasserfällen weiter zu Tal. Auch die hohen Buchen weiter aufwärts der Berglehne warfen noch einen Teil ihres erfrischenden Schattens auf den Platz. »Die landschaftliche Umgebung paßte mir«, sagte der Kollege Windwebel, auf einem der Steinblöcke sich niederlassend und mit dem Auge des Künstlers umherschauend. Er saß; aber zu seinen Füßen lag der Räuber Horacker immer noch mit dem Gesichte im feuchten Grase und Moose, die Füße weit von sich streckend, mit den Händen sich an die alte Mutter Erde anklammernd, – »gerade als ob er sich gutwillig hingelegt habe, um das ihm Gebührende von mir in Empfang zu nehmen«, wie der immer noch atemlose Künstler meinte. »Lust hätte ich wohl dazu, und die Haselgerten wachsen mir gleichfalls in die Hand. Horacker, Sie Ungeheuer, liegen Sie nicht zu verlockend da; bauen Sie nicht allzu fest auf meine angeborene Gutmütigkeit. Ich kenne die Leute zu Dutzenden, die in meinem Fall bereits in voller Tätigkeit auf Ihrem Hinterteil sich befänden. Wälzen Sie sich wenigstens auf die Seite, Mensch!« »U – uh!« stöhnte der Verbrecher, das Gesicht womöglich noch tiefer in den Erdboden vergrabend. »Jawohl uh, uh, uh! War das der Dank für den guten Tropfen, auf den man Ihretwegen verzichtete, Sie Lump? Was für eine Tarantel stach Sie plötzlich, Horacker? Kennen Sie eine Tarantel?... Eben teilt man noch seinen letzten Bissen mit solch einer Kreatur, und im nächsten Augenblicke – geht sie hin – geht sie durch und zwingt einen, mitten in den Hundstagen, ihr nachzurennen –« »Es passiert gewiß nicht noch einmal! Von diesem Platze stehe ich nicht wieder auf!« ächzte der Räuber, in den Grund beißend. »Sie stehen nicht wieder auf von diesem Platze?« »Nein, lieber Herre. Gehen Sie nur ruhig ins Dorf und holen Sie die Bauern; ich bleibe Ihnen sicher liegen. Gehen Sie dreist nach der Stadt und holen Sie Ihre Gendarmen und Ihren Herrn Staatsanwalt; ich lasse mich abholen wie einen Klotz. Ich schwöre es bei dem allmächtigen Gott, ich habe es satt und laufe nicht weiter.« »Dann hätten Sie mir auch diese letzte Jagd sparen können, Horacker«, brummte der Kollege, mit einem Farrenkrautwedel sich soviel Kühlung als möglich zufächelnd. »Sie sind ja ein ganz gemütlicher Hahn, Horacker; – ein Gewissen haben Sie wohl nie gehabt?« Der Räuber schluchzte leise in das Moos und Gras hinein, und der Zeichenlehrer sah mit immer ratloserer Miene auf den armen Kerl hin. »Am Ende geht das denn doch über allen Spaß«, murmelte er. »›Zähle immer erst langsam fünfzehn, ehe du mir auffliegst‹, sagt Hedwig, ›wir fallen ja immer noch früh genug in das Lachen der Leute hinein, Viktor!‹ Und das Herze hat recht – selbstverständlich. Nun hat mich hier meine Leichtfüßigkeit wieder einmal in eine recht nette Situation gebracht. Gütiger Himmel, was fange ich jetzt mit diesem Narren an? Das ist ja fast noch schlimmer als ein ausgesetzter Säugling vor der Tür einer alten Jungfer! Der Specht da oben in der Tanne ist der einzige Vernünftige hier; er bekümmert sich eben nur um sein Geschäft und hat noch nicht ein einziges Mal einen Seitenblick auf uns hier im Loche geworfen. Und kein Mensch weit und breit, den man um seine Meinung fragen könnte... Wenn ich nur den Kollegen Eckerbusch zur Hand hätte, aber der sitzt und tröstet die Witwe Horacker, wenn er nicht bereits ruhig mit ihr auf dem Wege zum Gansewinckler Pastor ist. Muß es denn gerade stets unsereiner sein, der alle halbe Stunde einmal in derlei Verdrießlichkeit, um es nicht stärker auszudrücken, hineinplumpst?! O Hedwig, Hedwig, so hat er mich richtig in den Klauen, der Räuber Horacker, und du hast mich nicht ohne Grund vor ihm gewarnt beim Abmarsch!« Er nahm den Kopf in beide Hände und versuchte es, zu überlegen. Zu dem Schweiße der Anstrengung und des heißen Tages trat ihm beinahe auch noch der Angstschweiß auf die Stirn; Cord Horacker blieb liegen, wie er lag. »Wenn er mir nicht unter der Nase aus purer Bosheit verendet, höre ich ihn nächstens schnarchen. Dieser Mensch ist zu allem imstande! Horacker – heda! Holla, Horacker; zum allerletzten Male fordere ich Sie nun auf, mir wenigstens noch einmal Ihr liebes Gesicht zu zeigen. Horacker, ich prügle Sie wirklich, wenn Sie sich nicht wenigstens noch mal fünf Minuten lang auf die Seite drehen.« Dieser Nachdruck half endlich. Der fühllose Bösewicht stöhnte wiederum aus tiefster Seele und wendete sich halb auf die Seite, dem Zeichenlehrer somit seine ungewaschene, verwilderte, abgehungerte Physiognomie zukehrend. »Nachher spreche mir einer noch von einem andern Menschheitsjammer!« murmelte der Kollege Windwebel. »Den Doktor, den Apotheker und ein paar barmherzige Schwestern, aber nicht die Gendarmerie und die Gansewinckler Bauernschaft haben wir hier nötig. Hm, Horacker – Cordchen, einen Schluck Rotwein kann ich Euch leider nicht mehr bieten; – nun sagen Sie, das war also Ihre Frau Mutter, die alte Dame, die Sie am Jackenzipfel uns aus der Wüste zuführte?« Da heulte der Räuber unter strömenden Tränen heraus: »Hier ist mein einzigster Hosenträger, der noch am Knopf hält; – den andern gab ich schon bei einer andern Jagerei im Busch gelassen. Hinge ich nicht schon längst dran am ersten bequemen Ast, wenn die Alte – und – noch – eine andere nicht wäre?« »Noch eine andere?« flötete Windwebel. »O wenn doch jetzt der Kollege Neubauer hier säße! Dem Kollegen Neubauer gönnte ich den Genuß im ganzen und vollen, und der Kerl wäre auch der richtige Mann, sich nicht die geringste Nuance des Erlebnisses entgehen zu lassen. Das wäre ein Stoff für eine Idylle! Daraus würde sich etwas machen lassen in Hexametern! Noch eine andere?« »Ja, noch eine andere!« knirschte der Räuber zwischen den Zähnen. »Mein Lottchen! Ob sich was draus machen läßt, weiß ich nicht; aber es – das Lottchen Achterhang und die alte Frau und ich, wir sind drei. Die ganze andere Welt rechne ich nicht mehr.« »Grüße mein Lottchen, Freund«, murmelte der Zeichenlehrer und zeigte sich durch das Zitat wenigstens als ein klassisch gebildeter Mensch in seiner Ratlosigkeit. »Also ihr drei seid eins?... Ich wollte, ich hätte Hedwig hier; aber die steckt zu Hause frische Gardinen auf.« Ein heller, lieblicher Strahl aus seinem zierlichen jungen Heimwesen glänzte in die unbehagliche Verstörtheit der Stunde. Windwebel schüttelte sich, und dann schlug er mit der Faust auf den nächsten Steinblock und rief: »Wenn ich Verse drauf machen könnte, würde es mir sicherlich gleichfalls gemütlicher zumute sein; aber selbst mein Skizzenbuch gebe ich hier auf. Horacker, wir sitzen leider Gottes gänzlich ungestört, Ihren Atem haben Sie zum Teil auch allgemach wiedergewonnen, es drängt mich immer mehr, mehr an Ihre Harmlosigkeit als an Ihre Ruchlosigkeit zu glauben. Erzählen Sie mir von sich und Ihrem Lottchen. In das Arbeitshaus kann jeder kommen; aber auf die korrupte Idee, in einer Gegend und unter einer Bevölkerung wie die unsrige sich als Räuberbande zu konstituieren, fällt doch ein gewöhnlicher Mensch nicht jeden Tag. Ich schwatze nicht aus der Schule; darauf können Sie sich verlassen, mein Bester.« »Und Sie gehören gewiß und wahrhaftig nicht zum Gerichte?« »Wie wir Ihnen vorhin bereits mitteilten – durchaus nicht! Zu einem Schulmeister hat uns der liebe Gott in seinem Zorn gemacht.« »Und mich zu einem Schinderhannes, obgleich ich auf die Schneiderei gelernt habe!« rief Cord Horacker und setzte sich aufrecht: »Liebster, lieber Herre, was kann einer dafür, wenn einer was wird, was er werden soll? In die Schule und in die Kirche gehen hilft gar nichts dagegen.« »Ich wünsche den Kollegen Neubauer immer inniger hierher«, murmelte Windwebel. »Er nennt mich, weil er das n grammatisch für richtiger hält: Herr Zeichnenlehrer; und er ist ein Philosoph und versteht sich auf alle Nuancen in der Welt. Er würde mir sagen können, was er von diesem Philosophen da hält.« »Ich will es Ihnen selber sagen, was ich von mir halte, so gut ich es eben weiß, Herr Lehrer«, sagte Horacker. »Andere Leute kennen einen doch nicht ganz genau, nicht einmal die Herren Gerichtsherren, nicht einmal der Herr Pastor Winckler. – In die Besserungsanstalt aber kam ich von Rechts wegen. So einem wie unsereinem ist das am Ende auch ganz egal, und wie ich das Mädchen kenne, so wär's dem auch einerlei, zumal da es doch auf meine Besserung auch für es abgesehen war. Ich habe auch mit Vergnügen die Schneiderkunst in der Anstalt gelernt, obgleich ich von Natur nicht dazu angestiftet bin im Dorfe. O, ich wollte mir heute schon dadurch forthelfen in der Welt und meiner Alten auch. Sehen Sie, lieber Herr, unsereiner hat manchmal auch seine Gedankenspiele, wenn die auch nicht so fein sind als die der gelehrten Leute und der reichen Bauern. Das ist wie Hanfzwirn und Seidenzwirn; Zwirn bleibt's doch; und der Herr Korrigendenpastor hat mir selber mit abwickeln helfen, daß ich erst in meinem Sinn und dann nachher auch in der Wirklichkeit wieder ein ordentlicher Mensch würde. Nämlich da wäre ich, wenn ich mit einem guten Zeugnis herausgekommen wäre, zuerst in die weite Welt gegangen auf die Wanderschaft, damit daß ich den Arbeitshausgeruch aus dem Rocke verloren hätte, – o, und es hätte mir schon gelingen sollen! Dann hätte ich mir in der Fremde, und wenn's in dem Amerika hätte sein müssen, eine gute Reihe harter Taler zusammengearbeitet, und wenn das Mädchen auf mich gewartet hätte, wie es mir das tausendmal fest versprochen hat, so – ja so – so –« Das Denken an das, was hätte sein können, überwältigte den armen Schlucker vollständig. Er weinte bitterlich und wischte sich die hellen Tränen mit den hagern Schmutzhänden und dem Jackenärmel ab. Körperlich verschönerte er sich gar nicht dadurch; aber geistig wurde er immer hübscher in den Augen Windwebels. »Nehmen Sie sich Zeit, Horacker«, sagte der Zeichenlehrer. »Unsereiner hat's auch nicht ohne seine Kämpfe zu seiner Stellung in der Welt gebracht. Ach Schatz, lieber Schatz, die Wanderschaft Ist kein Spazierengehn!« »Kennen Sie den Vers auch? Ja, Sie haben wohl gut singen! Sie haben ein Taschentuch in der Tasche, mit dem Sie sich bedienen können; mein Lottchen hatte sich grade das erste halbe Dutzend in seinem Leben gekauft, als mich der Dragoner nach der Stadt abholte.« »Vierhundert Taler Gehalt und ein Taschentuch in der Tasche!« murmelte der Kollege Windwebel. »O hätte ich doch Hedwig hier!« Und er sah die Sonne über die Blumentöpfe in sein Fenster scheinen und vernahm leise das fröhliche Stimmchen, das ihm nachrief: »Du hast doch nichts vergessen, Viktor? Gestern bist du ohne Halstuch ausgegangen!« – Er hatte wirklich von neuem Gelegenheit, sich mit dem Taschentuch die Stirn zu trocknen, denn es ging auch ihm mancherlei durch den Sinn, was von früheren, ziemlich verwahrlosten Jahren redete, wo auch er auf der Wanderschaft war unter der festen Überzeugung, daß er es doch noch zu etwas bringen werde in der Welt. »Erzählen Sie weiter, Kollege«, sagte er ein wenig zerstreut, und der Räuber fuhr fort in seiner Generalbeichte. »Was alles der Mensch auf seiner Haut und in seiner Seele erdulden mag, das war mir so ziemlich bekannt, und Gansewinckel hatte mir das Maß dazu genommen, seit ich drin jung wurde. Hunger, Durst, Frost, Hitze, Wehtage, Grobheit, Prügel und Verschimpfierung war mir allgemach wie auf den Leib gearbeitet; aber auf eines war ich noch nicht eingerichtet, nämlich verrückt zu werden. Und da war ich nahe dran, grade als es sich mit mir zum besten wenden wollte. Was hätten Sie denn gesagt, wenn da einer gekommen wäre und hätte Ihnen ins Ohr geflüstert: ›Hier sitzest du, Rindvieh, und besserst dich auf Staatsunkosten, und draußen geht sie in der Freiheit herum und kümmert sich den Teufel um dich. O konträr, sie lacht nur über dich und heißt dich einen Zuchthäusler, von dem ein rechtliches Mädchen, das jeden Tag heiraten kann, nicht schlecht genug denken kann. – Der Pastor Winckler und die Frau Pastorin haben ein für dich Lumpen viel zu feines, frommes Ding aus ihr fertiggebracht – Cord Horacker, sie pfeift jetzt nur noch auf dich!‹ – – Nun sagen Sie wohl, bester Herr Lehrer: ›Weshalb haben Sie sich denn nicht genauer erkundigt, Horacker?‹, aber – erkundigen Sie sich mal in einer Besserungsanstalt genauer! – Der Herr Direktor und der Herr Inspektor und der Herr Prediger und die Aufseher sind doch auch nur Menschen, und keiner sitzt ganz in dem andern. Alles ist mit Worten auszurichten in der Welt, das Gute und das Schlechte – das Schlechte und Schlimme aber zuerst. Fragen Sie nur mal als ein Korrigende Ihren Direktor oder Prediger nach Ihrem Mädchen und hören Sie die Antwort, die Sie kriegen. Nachher wenden Sie sich doch lieber an den Halunken, der Ihnen, ohne daß Sie ihn bitten, ins Ohr flüstert, und wenn er auch nur lügt, weil es ihm selber schlecht geht und er selber rabiat ist. Der mich rabiat gemacht hat, liegt am Nervenfieber auf dem Kirchhof; aber ich bin durchgegangen, um mit meinen eigenen Augen zu sehen und mit meinen eigenen Ohren zu hören, wie mein Lottchen zu mir stehe und daß er gelogen habe. Wenn er noch lebte, müßte ich ihn wie einen tollen Hund totschlagen, und es ist sein Glück, daß er weg ist. Lieber Herr, der Mensch erträgt mit Pläsier, daß man über ihn weint; aber daß man über ihn lacht, verträgt er nicht; und sie haben zu viel über mich gelacht in der Anstalt, hinter dem Rücken des Herrn Predigers und des Herrn Direktors und des Herrn Inspektors, und so bin ich hier und liege hier um des Lachens wegen, und ist das nun nicht schrecklich und lächerlich?! Sagen Sie selber.« »Sie sind ein ganz kurioser Gesell, Horacker«, sprach der Zeichenlehrer, seinen Banditen mit dem Kinn in der Hand höchst ernsthaft betrachtend. Er, Viktor Windwebel, gehörte gleichfalls zu den Leuten, über die man sich »königlich amüsierte«, und zwar auch bei Gelegenheiten, wo ihm gar nicht lächerlich zumute war; und also war er jedenfalls wohlberufen, an dieser Stelle ein überlegtes Urteil abzugeben. »Lächerlich kommen Sie mir eigentlich nicht vor!« meinte er. Er sah sich auf seinem Wege durch die Welt und fand allerlei sauern, süßen und bittern Nachgeschmack auf der Zunge. Man wird nicht ohne allerhand Anstöße ein mittelmäßiger Maler und ein guter Zeichenlehrer. »O Hedwig, was haben wir beide umeinander ausgehalten!« wimmerte er. »Mein armes, kleines Mädchen, wie hat das Fatum uns den Weg in unser Behagen und unsere vier Pfähle mit Dornen besteckt! Was würde noch heute aus uns in dem nichtswürdigen Neste da hinter dem Busche werden ohne den alten Eckerbusch? Dem Kegelklub würde es heute noch den allergrößesten Spaß machen, uns in die Wildnis hinauszulachen, mich als Rinaldo und dich als meine Rosa! Ja, es ist so, Horacker; auch ich habe mit dem alten Wedekind und den andern Herren im Klub über Sie gelacht; – geben Sie mir die Hand, Kollege; für unsereinen ist das Leiden, daß es viel zuviel verständige Menschen auf der Erde gibt; hätten wir die Oberhand, wären wir in der Mehrzahl, so würde es sicherlich ordentlicher, ruhiger und solider da zugehen. Jetzt aber tun Sie mir den Gefallen und rappeln Sie sich auf! Es wird wirklich Zeit, daß wir nach Gansewinckel herunterspazieren und die Welt nehmen, wie sie ist, und die Leute drin, wie sie sind.« »Ich komme dem Herrn Pastor nicht wieder unter die Augen und der Frau Pastorin noch viel weniger. Ich bleibe hier liegen!« heulte Cord. »Weil alles, was der Kollege Ihnen im Arbeitshause zugeblasen hatte, erstunken und erlogen war? Weil die guten Leute im Pfarrhause sich den weichsten Sitz in ihrem Himmel an Ihnen und Ihrem Lottchen verdient haben?« »Herr, Sie sind schlimmer als alle andern und wollen das wohl gar noch Erbarmen nennen!« schluchzte der Räuber. »Grade weil alles erstunken und erlogen war und grade weil das arme Lottchen durch die Güte des Herrn Pastors und der Frau Pastorin drei Meilen hinter Berlin auf mich wartet bei guten Leuten, bin ich jetzo wie der Stein da und wie der Himbeerbusch dort und will mich selber gar nicht mehr fühlen, und will gar nichts mehr, und bleibe liegen, bis sie mich tot abholen. Meine Mutter hätte mich doch längst aus dem Walde ins Dorf hinuntergebracht, wenn's angegangen wäre! Mit einem Vierteljahr und ein paar Wochen heraus, frei und ein ehrlicher Kerl – und – jetzt so! In den Mäulern der Leute, von den Gendarmen gehetzt, schimpfiert über alle Umgegend weg als Mörder und Mordbrenner! – – Und da soll einem dann nicht alles einerlei sein?!« »Wenn ich nur wüßte, was ich an seiner Stelle täte!« sagte der Kollege Windwebel in der Tiefe seiner Seele zu sich selber; laut sprach er: »Sie sind ein Esel, Horacker. Nehmen Sie es mir nicht übel.« »Das können Sie leicht sagen«, stöhnte der Räuberhauptmann und schien die beste Absicht zu haben, die Nase von neuem tief in das Moos und Gras des alten Steinbruchs zu drücken. »Sie sind ein Honoratiore und wissen ebensogut als ein Gansewinckler fetter Bauer, wie Sie sich helfen können. Mich aber bringen keine zehn Pferde mehr aus meinem Elend in die Höhe, und sechs Landdragoner sollen zum mindesten dazu gehören, um mich nach der Stadt zu schaffen, und wenn ich auch nur ein verhungerter Schneider bin. O Lottchen, mein Lottchen!« »Meine Hedwig hat auch über ihn gelacht, jedesmal wenn ich ihr eine neue Geschichte von ihm nach Hause brachte«, rief der Zeichenlehrer. »Der Kollege Konrektor hatte die Absicht, ihn im Winter auf dem Liebhabertheater im Kasino vorzuführen, und jetzt – sitze ich hier so mit ihm!... Also, Horacker, Sie wollen nicht mit mir ruhig und vernünftig in das Dorf hinuntergehen?« Horacker schüttelte stumm den Kopf. »Gut! Auf dem Buckel kann ich Sie nicht hinschleppen; ich gehe also allein nach Gansewinckel und zeige der Frau Pastorin an, wo Sie zu finden sind. Die kann Ihnen ja dann den Kantor Böxendal, Ihren alten Schulmeister, herausschicken, um Sie nach Hause zu holen.« »Den Herrn Kantor?« stotterte Horacker, der Räuberhauptmann. »Den braven Kollegen Böxendal. Er hat Sie ja auch noch in der Schule gehabt... Was? Sie wollen doch lieber mit mir gehen?« »Ja! Lieber als mit dem alten Böxendal!« heulte Horacker dumpf; und der Kollege Windwebel sprach: »Sehen Sie, das ist brav von Ihnen. Sie sind ja ein wahrer Prachtkerl; wenn auch nicht der erste, den vermittelst der Phantasie die Courage von hintenher überkommt!« Zwölftes Kapitel Um fünf Uhr nachmittags ungefähr war der Konrektor Eckerbusch vom Walde her in den Pfarrgarten hineingehüpft. Eine Viertelstunde später war der Vorsteher Neddermeier vom Pastor Christian Winckler über die Hecke weg angerufen worden, um die allerjüngste Neuigkeit in Sachen Horackers zu vernehmen; und um sechs und ein halb Uhr abends bereits sagte eine Gansewinckler Feldmaus unter dem Tore der Kreisstadt zu einer natürlich sehr schreckhaft die Ohren spitzenden Stadtmaus: »Wissen Sie es denn noch nicht? Horacker hat heute bei uns im Holze einen alten Schulmeister totgeschlagen!« Wir aber, ehe wir die entsetzliche Nachricht in ihrer Verbreitung über das eben noch im Abendsonnenschein ruhig hindämmernde Gemeinwesen und in allen ihren Wirkungen auf dasselbe weiterverfolgen, haben uns doch noch ein wenig eingehender mit den Vorgängen in der Gansewinckler Pfarrei zu beschäftigen. Das ist gerade das Nette an jeglichem Gerüchte, daß man es ruhig sich selber überlassen kann; es wuchert im Guten wie im Bösen weiter auch ohne das Zutun dessen, der sich durch es weder in seinen Geschäften noch in seinen Meinungen und Ansichten stören lassen will. Augenblicklich waren sie im Pastorengarten dabei, Windwebel zu loben, und zwar ausbündig. »Es ist ein guter Mensch«, sagte die Frau Pastorin. »Das ist er«, bekräftigte ihr Ehegespons. »Eigentlich ist es ein zu guter Kerl!« meinte Eckerbusch. »Ich sage euch, seit er an unserm illustren Gymnasio angestellt worden ist, habe ich mich ihm gegenüber von Tag zu Tag mehr in die Gefühle, Ängste und Nöte einer alten Wartefrau hineingearbeitet. So habe ich ihn in der Phantasie immer hinten am Hosenbund und suche ihn vor Schaden zu behüten. ›Nehmen Sie sich in acht, Windwebel! Beinahe hätten Sie wieder auf der Nase gelegen. Da hätten Sie sich aber schon wieder an dem Philister da gestoßen! Richtig, jetzt purzelt er mir über den Kollegen Neubauer! Habe ich es nicht gesagt?‹ – Und so wie ich mit ihm, so hat meine Alte mit seiner Jungen ihre liebe Not; – was aber den Kollegen Neubauer mit angeht, so gratuliere ich seiner zukünftigen Frau, der Edle wird sich an seinem silbernen Hochzeitstage sicherlich an die Mücke erinnern, die ihn biß, als er seine Liebeserklärung machte.« »Na, endlich verschone uns einmal mit deinem ewigen Kollegen Neubauer, Eckerbusch!« rief der Gansewinckler Pfarrherr sogar ein wenig unwirsch. »Mit Wonne, wenn er mich nur verschonen wollte; aber der Bursch hat ja eine ebenso innige Zuneigung zu mir gefaßt, als ich zu Windwebel. Ihn habe ich im Wachen und im Traum als Wartefrau hinter mir – den Sackermenter! Der Narr ist noch nicht ein einzigmal im Leben zu dem Bewußtsein gelangt, wie viele gute Stunden der Mensch durch seine eigene Schuld verliert; hat er aber auch gar nicht nötig, denn sein Vergnügen hat er doch; nämlich dadurch, daß er andern Leuten alle guten Augenblicke so oft als möglich verdirbt. Ein Heidenspaß aber ist sein Verkehr mit meiner Proceleusmatica, und deshalb allein schon wird er stets zu meinen liebsten Hausfreunden zählen. Es ist zu himmlisch, wie die beiden in ihrem Umgang mit Liebenswürdigkeit, Gift, Ironie und Wut aufeinander einzuwirken suchen.« »Und dann machen Sie wohl auch immer noch Anspruch drauf, ein guter Mensch zu sein, Eckerbusch?« fragte Frau Billa Winckler. »O, ich sollte Ihre Ida sein!« »Was meinst du dazu, Krischan?« meinte der Herr Konrektor, und der Pastor hielt sich wiederum, doch diesmal lächelnd, an das Käppchen auf seinem Kopfe, wendete sich an den noch immer in der Laube gegenwärtigen Vorsteher und fragte: »Nicht wahr, mein lieber Nachbar und Freund, daß wir in einer Welt der Wunderlichkeit und Verwirrung leben, wissen wir, daß es aber nicht gar zu schwer ist, sich am Ende drin zurechtezufinden, wissen wir hoffentlich auch?« »Wie gut wir zwei uns anjetzo bald ein halb Jahrhundert lang ineinander zurechtegefunden haben, Herr Pastor, das ist mir, Ihnen und der Gemeinde, Ihre liebe Frau eingeschlossen, freilich Gott sei Dank bekannt, und ich erhoffe, daß es auch fernerhin so bleiben wird.« »I, sehen Sie mal, Neddermeier«, schloß die Frau Pastorin. »Nun, ich hoffe, daß es Ihr Ernst ist, Vorsteher. Mir wird es lieb sein, und Sie kennen mich auch draufhin, daß ich meinesteils stets mein möglichstes tue, Frieden und Eintracht aufrechtzuerhalten. Jetzt aber wieder zu Horacker!« »Ja, das wird freilich vorderhand das wichtigste sein«, meinte der Vorsteher. »Alles zu seiner Zeit; – wenn's zu Neujahr ein Knitterfrost wird, brauch ich drum in den Hundstagen noch lange nicht zu heizen.« »Sollten wir nicht doch am Ende dem Herrn Zeichenlehrer mit einigen ruhigen und ordentlichen Gemeindemitgliedern in den Wald nachfolgen, Neddermeier?« fragte der Pastor. »Ne!« sprach mit dem größtmöglichen Nachdruck der biedere Vorsteher von Gansewinckel. »Hübsch ist es von dem Herrn, daß er, wie die Herrschaften sagen, dem Spitzbuben nachgesetzt ist; aber darum jedoch auch soll er nun ihn auch allein bringen, wenn's möglich ist. Es ist einem ja eine wahre Beruhigung, daß sich auch einmal ein anderer die Beine nach ihm abstrappeziert. Für das Dorf stehe ich, daß es dazu das Seinige getan hat, – da ist in der Hinsicht keiner unter uns, der sich nicht das Allgemeine Ehrenzeichen verdient hat. Wenn nun einer aus purem Wohlgefallen und Herzensgüte sich auf die Jagd nach solchem Racker gibt, so ist es nach meiner Meinung seine eigene Liebhaberei, und in seiner Liebhaberei soll man niemanden verstören, wenn's nicht damit auf einen Gemeindeschaden oder sonstige Beunruhigung hinausläuft. Durchgehen wird uns der Herr Lehrer wohl nicht mit der Canaille, wenn er sie wirklich packt. Er soll sie uns nur ruhig bringen; nachher wissen wir schon amtlich, was wir mit ihr anzufangen haben.« »Das Kind schläft wohl immer noch?« fragte der Pastor sein Weib, das während der längeren Rede des Vorstehers ins Haus gesehen und gehorcht hatte und nun wieder in die Laube zurückkehrte. »Wie eine Tote!« war die Antwort. »Nachher wird das Aufwachen um so vergnügter sein, wenn der Herr Lehrer mit dem Halunken ankommt und wir beides Vagabundenpack miteinander konfrontieren werden«, meinte der Vorsteher, und – »Wir werden Sie sicherlich dazu herbitten, Neddermeier«, sprach die Frau Pfarrherrin von Gansewinckel mit einer ganz merkwürdigen Höflichkeit, die der Brave aber leider nur nach der einen, und zwar der höflichen Seite hin zu würdigen wußte. Daß der Konrektor Eckerbusch in dem Gansewinckler Pfarrhause eine eigene lange Pfeife stehen hatte, verstand sich von selber. Augenblicklich hatte er dieselbe bereits zum zweiten Male gefüllt und dampfte stark weiter, immerfort mit der Hand das aromatische Gewölk von den Augen wegfächelnd, um über die Hecke nach dem Walde hin auszuschauen; und der Wald warf immer längere Schatten über die Wiesen und Felder, die ihn umgrenzten. »Wenn mir nur die Alte, die da sicherlich immer noch auf ihrem Baumstumpf hockt, aus dem Sinne wollte!« seufzte der alte Eckerbusch. »Da meint der Mensch, er habe sich nun wohl allgemach in der Verdrießlichkeit und der Mangelhaftigkeit des Tages mit dem nötigen Humor sowohl zum Weiterleben wie zum Abschiednehmen versorgt und eingerichtet; aber hat sich was! – Alle Augenblicke kommt etwas Funkelnagelneues, auf welches er durchaus noch nicht gefaßt war. Dagegen sind die Streiche, die das Wetter dem Witterungskundigen spielt, gar nichts! Nun sitze ich hier, nachdem ich mich acht Tage lang auf das Hiersitzen gefreut habe, und habe auf dieses nichtswürdige Pfefferkorn von altem Weibe beißen müssen! Und dann das kleine Mädchen da im Hause, dessen Historie ihr mir vorgetragen habt; soll das den Sommerabend etwa behaglicher machen?... Und Windwebel!... Wenn ich nicht seiner kleinen Frau für ihn verantwortlich wäre, so möchte er meinetwegen laufen, so weit er wollte; aber das würde eine schöne Geschichte werden, wenn ich ohne ihn nach Hause käme. Leute, ich sage euch, es braucht jemand durchaus nicht an Gespenster zu glauben und kann im richtigen Moment und in der rechten Stimmung doch am ersten besten weißen Handtuch hinter der Tür oder der nächsten alten Weide irre werden. Was ist denn die Glocke?... Menschenkinder – wenn – er ihn umgebracht hätte?!« »Aber Eckerbusch?!« rief das Gansewinckler Pastorenhaus. »Gut stehe ich nicht dafür!« sprach der Vorsteher von Gansewinckel. »Seht ihr wohl, der da übernimmt schon keine Bürgschaft«, fuhr der Konrektor mit dem Zeigefinger deutend immer erregter und hastiger fort. »Ich will gar nicht sagen, daß er's aus dem Blutdurst, den ihm die Gegend und Umgegend zutraut, getan hat; aber traue einmal einer einem Menschen in der Verwirrung! Ho, fragt da nur meine Jungen, wozu der Gutmütigste in der Aufregung fähig ist! Bei vollständig klarer Besinnung warf ich auch noch keinem den Vater Zumpt, den Onkel Madvig oder meinen Cicero de officiis an den Kopf.« »Jawohl, dieses kenne ich auch, dieses verhält sich so«, versicherte der Vorsteher gravitätisch. »Unsereiner nimmt aber gewöhnlich lieber die Mistgabel oder einen Zaunpfahl, um der Welt Verstand beizubringen.« »Mein Mann nimmt in solchen Fällen das Wort Gottes, die Heilige Schrift, Neddermeier«, rief die Frau Pastorin. »Ich aber, lieber Eckerbusch, ich und Ida, wir nehmen alle unsere Geduld zusammen und suchen durch Vernunftgründe einzuwirken, Eckerbusch!« »Wenn nur nicht jede Bestie von Untier, die auf zwei Beinen geht und Nase, Auge und Maul am richtigen Flecke hat, sofort dächte, sie sei ein Mensch«, brummte der Vorsteher. »Jetzo unter uns Verständigen haben Sie gut reden, Frau Pastorin; aber es kommt alles zu seiner Zeit und nach seinem Gesetz, die Fliegen im August und die Wütenhaftigkeit, wenn sich sonst der Mensch keinen Rat mehr weiß. Erinnern Sie sich nur, Frau Pastorin –« »Ich werde es Sie sofort wissen lassen, wenn ich mich in Ihr Wissen und Weissagen verliebt haben werde, Neddermeier«, entgegnete Frau Billa Winckler scharf, schneidig und kurz. »Bitte, Sie waren mit Ihren Beängstigungen noch nicht zu Ende, Eckerbusch. Aus was für einem Grunde, meinen Sie, könnte Horacker unserm Freunde Windwebel den Hals umgedreht haben?« »Aus heller, purer Angst, Beste! Ich versetze mich ganz in seine Haut hinein und überlege, wozu ich nach allen seinen Erlebnissen und in seiner elendigen Verkommenheit fähig sein würde. Sie kennen mich, Winckler kennt mich, und ich kenne euch beide. Wer aber kennt überhaupt das Tier auf zwei Beinen, von dem der Vorsteher eben sprach? Jagen Sie mich, liebe Freundin, oder lassen Sie sich jagen, und jeder von uns zweien wäre imstande, wenn es möglich wäre, seinen eigenen Kopf dem Verfolger zwischen die Füße zu werfen, um ihn zum Stolpern zu bringen. Nun setze ich den Fall, dieser unglückselige Horacker glaubt in meinem langbeinigen Kollegen Windwebel das jüngste Gericht und unsern Freund Wedekind obendrein hinter sich zu haben; – Verzweiflung packt ihn, und er packt den Kollegen! Gütiger Himmel, was sollte ich seinem allerliebsten Weibchen sagen, wenn ich nach Hause käme ohne ihn? Und meine eigene Frau!... Medius fidius, würde die mir ein Gesicht machen, wenn ich ihren Freund Windwebel nicht mit hellen Knochen und ganzer Haut heimbrächte! Mehercle, ein anderes ist es, auf der Kegelbahn über einen unzurechnungsfähigen Menschen mit den übrigen Philistern zu lachen, und ein anderes ist's –« »Im Gansewinckler Pastorengarten drum ausgelacht zu werden«, sprach die Frau Pastorin. »Nehmen Sie es mir nicht übel, Eckerbusch, aber die Welt hat wirklich eine Kuriosität an Ihnen, und die Regierung begreife ich nicht; es ist jedenfalls sehr unrecht von ihr, daß sie, wie Christian da sagt, die Konrektoren eingehen lassen will.« Nun lachte der Pastor von Gansewinckel, Christian Winckler, auch; aber es kam doch gedrückt heraus. Er hatte sonst ein gutes, braves, lautes Lachen an sich; und zu reden und sein Wort ins Gespräch zu geben wußte er auch. Heute jedoch war und blieb er still und seufzte mehr, als daß er sprach und lachte. Was er sagte, machte immer den Eindruck, als ob er dabei an hunderterlei andere Dinge denke, und er dachte doch nur an eines. Mühsam erhob er sich nun, ließ den Freund im muntern Gefecht mit der Gattin, und schlich seufzend und kopfschüttelnd dem Hause zu; sie aber – sprachen sofort von ihm. Als er dann zurückkam und schweigsam seinen Platz wieder einnahm, warteten sie gewissermaßen scheu, daß er die Unterhaltung von neuem aufnehme, und hatten längere Zeit zu warten. Endlich bemerkte er: »Das Kind schläft immer noch; aber sehr, sehr unruhig.« »Als ich vorhin bei ihm war, lag es still«, meinte Frau Billa. Dreizehntes Kapitel Nun wird uns aber unsere Geschichte selber fast zu bunt und sozusagen zu einer auf uns einstürzenden Wand! Die vielfarbigen Mauerstücke poltern über uns her, und fast vergebens arbeiten wir keuchend und lehnen uns mit Buckel und Ellenbogen an, um nicht unter dem flimmernden Schutt begraben zu werden. O, was waren voreinst die Holländer auf den Molukken für kluge Handelsleute! Sie verbrannten lieber eine ganze Ernte Muskatnüsse, ehe sie das edle Gewürz im Preise sinken ließen. Nehmen wir uns ein Exempel an ihnen, und behalten wir wenigstens zwei Drittel von den guten Dingen, die uns in diesem jetzigen Kapitel in die Hände wachsen, für uns! Mäßigen wir uns, mäßigen wir uns in der Fülle der Ereignisse und vor allen Dingen in der Schilderung derselben! Seien wir so glaubwürdig, wie wir wahr sind; es werden ihrer immer doch genug vorhanden sein, die ein ehrlicher Handwerk als wir zu treiben glauben. Merkwürdig freilich bleibt es dabei, wieviel ihrer sind, die in jeglicher Frage, welche sie aufwerfen, in allem, was sie sonst sagen und als ihre Ansicht hinstellen, ganz unbefangen und natürlich auch ganz unbewußt zur Familie Windmacher gerechnet zu werden wünschen; wir rechnen vom Staat bezahlte Leute, sehr respektable, wohlsituierte Leute dazu, Leute, die das Ihrige vor sich gebracht haben, und die um keinen Preis den Kopf irgendeines beliebigen andern auf den Schultern tragen möchten, aber seinen Rock noch weniger. »Horacker hat wieder gemordet! Ein Mann aus Gansewinckel hat's eben dem Färber Burmester am Neuen Tor erzählt!... Horacker hat einen alten Schulmeister totgeschlagen!... Horacker hat zwei Schulmeister totgeschlagen!« »Haben sie es denn schriftlich bei sich gehabt, daß sie Schulmeister waren, Herr Nachbar?...« »Kann ich Ihnen nicht sagen, Nachbar; vielleicht hat man es ihnen angesehen.« »Ja, sie haben sie mit eingeschlagenen Köpfen im Dickicht gefunden – es ist was Schreckliches gewesen! Und einen Zettel am Busch, auf welchem der Mörder sich noch lustig über sie macht.« »Eine alte Frau aus Dickburen hat sie beim Holzstehlen gefunden, und dann hat man sie auf Tragbahren ins Dorf getragen. – Einer soll noch eine Viertelstunde gelebt haben, und der Vorsteher von Gansewinckel hat selber eben die Scheußlichkeit zu Pferde in die Stadt gebracht, und der Bürgermeister und die Herren vom Gerichte wissen auch schon davon, ich aber möchte wohl wissen, was sie jetzt sagen und ob dieses noch der Menschheit angehört?! Ist das Zivilisation? Ist dieses überhaupt nur menschenmöglich bei den Steuern, die wir zahlen? Und der Bildung in den Schulen? Bitt ich Sie, wozu hilft mir denn der Staat und die Polizei, wenn es ihnen vielleicht gar noch Spaß macht, daß Ihnen so was mitten in unserm Jahrhundert immer noch passieren kann? Ja, fegen Sie mal nicht zu richtiger Minute vor Ihrer Tür, da brauchen Sie freilich nicht zu zweifeln, daß es eine von Gott eingesetzte Obrigkeit über Ihnen gibt!... Na, zuletzt bin ich es gar nicht, der es Horackern verdenkt, wenn er es immer bunter macht!« »Da haben Sie wohl recht; aber zuallerletzt möchte man doch seinen eigenen Hund beneiden, der ruhig und unbesorgt spazierengehen kann, wenn er seine Steuermarke am Halse hängen hat!...« Also ging die grause Mär mit den dazugehörigen und daraus erwachsenden Kommentationen herum in dem in holdestem Abendsonnenschein daliegenden Städtchen. Seit den böhmischen Schlachten des verflossenen Jahres hatte Fama auf dieser Erdstelle nicht wieder derartig von allen ihren Organen Gebrauch gemacht. Von Haus zu Haus, von Gasse zu Gasse flog das Gerücht, nur dann und wann ein Haus oder ein Individuum überspringend wie eine Feuersbrunst bei heftigem Winde. Und sie, die nimmer schlafend spähet, sie, die jüngste Tochter der Erde, im Zorn von ihr geboren zur Rache an den Göttern, des Mordes der braven Söhne, ihrer lieben Giganten, wegen, sie, Pheme, die Göttin der Sage und des Rufes, erspähte richtig auch unsere wirkliche Freundin Hedwig Windwebel und flüsterte ihr den jüngst erzeugten Unsinn in das Ohr. »O Gott, mein Viktor!« rief die kleine Frau, mit den Olympiern für den Sturz der Riesen büßend. » Er ist es ja, der mit dem Herrn Konrektor hinaus ist in den Wald!« Bewahren wir den Namen des guten Freundes, der ihr die Mitteilung machte, der Nachwelt auf. Ühleke hieß der Mensch, und er durfte wohl mit den Wirkungen seiner Nachricht zufrieden sein. Es ist immer etwas für einen Esel, durch das Weitergeben eines Gerüchtes auch einmal interessant zu werden und sich selber so vorzukommen. Mit zitternder Hand ihr Sonnenschirmchen zuziehend, sah die arme Kleine noch einen Augenblick in das behaglich wohlwollend heimtückische Philistergesicht, um sodann auf schwankenden Füßen von dannen zu stürzen; selbstverständlich nicht nach der eigenen Wohnung, sondern nach dem Hause des Konrektors Eckerbusch. »Die arme Frau«, sprach kopfschüttelnd der biedre Freund und Nachbar, der Davoneilenden nachstierend. »Na, ich für mein Teil halte die ganze Geschichte immer doch noch für dummes Zeug. Die Leichtgläubigkeit der Leute ist zu groß! Na, morgen wird ja wohl das Ausführlichere im Tageblatt stehen; ich für mein Teil kann darauf warten; mir für meine Person eilt's nicht damit, aber – neugierig ist man freilich immer doch ein bißchen.« Ein bißchen neugierig wie alles, was in der Weltgeschichte oder einer Geschichte wie diese hier Epoche machen soll, sah die Nase, welche die Frau Konrektor Eckerbusch über das Blumenbrett vor ihrem Fenster erhob, auch aus. Aber was auch der alte graue Sünder, der Kollege Eckerbusch, darüber sagen mochte. es war eine der wackersten Nasen in Stadt und Land und dazu, wie wir bereits wissen, keineswegs unbekannt in Stadt und Land. »Was ist denn das auf einmal für ein Köpfezusammenstecken und Gerenne und Gelaufe?« fragte die Frau Ida, die Hornbrille von dem Nasenbein abhebend und das Strickzeug im Schoße ruhen lassend. »Mein Gott, es brennt doch nicht irgendwo? Nein – gottlob! –, denn da würde man ja doch wohl auch schon die Glocke und das Tuthorn gehört haben. Jesus, was fällt denn dem Kinde, der Windwebeln, mal wieder ein? Der predige eine Vernunft und einen sedaten Schritt in der Gasse! Nun sieh, wie sie wieder stürzt; und doch hab ich es ihr schon hundertmal gesagt, daß sie sich dadurch nur das ganze Nest auf die Hacken bringt. O, die und mein Mann! Von ihrem eigenen Mann will ich gar nicht reden; denn bei dem versteht sich das Gezappel von selber. Nun, sie ist wenigstens auf dem Wege hierher, und so werden wir denn in Ruhe zu hören bekommen, was dem Sommerabend auf einmal durch den Sinn gefahren ist.« Und ein Weib, das ruhig seinen Strickstrumpf wieder aufnahm, obgleich es von seinem Fenster aus die ganze Welt in Aufregung versetzt sah, nannte der alte Eckerbusch seine Proceleusmatica: Und in der Tat ein wenig verwildert – schreckensbleich in das Zimmer der Matrone stürzend, rief die jugendliche Kollegin mit kaum halb wiedergewonnener Stimme: »Liebste – beste – Frau Konrektorin – Sie sitzen hier, und ich vergehe!... Horacker!... Zwei Schullehrer totgeschlagen! – Und mein Mann und Ihr Mann – o hätte ich doch den meinigen heute zu Hause behalten! O mein Viktor, mein Viktor, mein armer Viktor!... Sie haben sie beide, von Horacker totgeschlagen, mitten im Holze gefunden!« »Dummheit!« sprach die alte Dame, stramm sich mit dem Oberkörper aufrichtend. »Da scheint es sich ja diesmal um eine wirklich ganz ausbündige Dummheit unter den Leuten zu handeln. Wissen Sie was, Närrchen? Wenn Sie sich auch gesetzt und vollständig Atem geschöpft haben, dann erzählen Sie's mir ganz genau, was für einen Unsinn Sie sich haben aufbinden lassen. Zuerst also mit einem Wort; von wem haben Sie ihn?« Auf den nächsten Stuhl sinkend atmete Hedwig den Namen des Unglücksvogels heraus, und – »Ühleke!« wiederholte die Frau Konrektorin Eckerbusch mit wahrhaft vernichtender Verachtung über diesen Namen. »Nun, Kleine, den Mann hätte ich mir unbedingt ebenfalls dazu herausgesucht, wenn es doch einmal sein mußte, daß die Menschheit ihre Einfalt an mir auslasse.« »Aber er hat es ja nicht aus sich selber!« schluchzte das unglückliche junge Weib, mit gerungenen Händen von neuem aufspringend. »Sehen Sie doch nur aus dem Fenster! Sie sehen es ja in jeder Haustür, daß die ganze Stadt hinter ihm steht. Gucken Sie nur, wie die Leute nach Ihnen gucken! Sind das Gesichter und Mienen, bei denen man stillsitzen kann? O Gott, Gott, wenn es nur nicht schon seit Monaten schwer und bange über mir gehangen hätte!« »Albernheiten, Kind!« murrte die alte Dame halb sympathisch, halb ärgerlich. »Wegen der letztern Zustände habe ich Ihnen schon längst geraten, alle unnötigen Aufregungen nach Möglichkeit zu vermeiden. Ich bitte Sie, Hedwig, nehmen Sie doch Vernunft an. Wie können Sie sich einbilden, daß mein Mann – der alte Eckerbusch, auf einem Spaziergange zum Pastor Winckler in Gansewinckel totgeschlagen werden könne? Die Idee ist zu lächerlich!« »Aber mir nicht! Mein Mann ist mit ihm gegangen, und meinen Viktor kenne ich. Kein Mensch wird es komisch von ihm finden, daß er in Mörderhände geraten ist; jedermann wird es ihm glauben, und ich – o ich, ich komme um!« »Ich auch allgemach; aber vor Ärgernis«, murmelte die Matrone. »Sehen Sie – sehen Sie nur, da läuft schon der Auditor Nagelmann mit dem Wachtmeister Fünfrad. Die Steine, die Wände und Fenster und jede Tür schreien es mir von allen Seiten zu. Dort – dort, wie sie in Müllers Laden sich drängen und die Hände zusammenschlagen. O Viktor – mein Viktor!« »Passiert ist was«, murmelte die alte Dame. »Was aber, das mag der liebe Gott wissen. Nun, wir wollen es sogleich in Erfahrung bringen. Wenn es nur nicht wieder ein Streich von meinem Alten ist. Er sah mir diesmal noch viel verdächtiger aus als sonst beim Abschiednehmen. Der Herr behüte uns, wenn er es ist, der uns wieder einmal durch eine neue Eskapade in die Mäuler der Leute gebracht hat. Oh, er hat sicherlich wieder einen Unsinn ausgehen lassen; – ich habe es schon lange gemerkt, es war ihm schon lange viel zuwenig von ihm die Rede in der Stadt!... Es ist kein Zweifel, nun haben wir's wieder mal! Linchen – Lin – chen!« Sie hatte nicht nötig, zum drittenmal nach der Jungfer zu rufen, denn dieselbe stürzte bereits mit rotem Kopfe ins Zimmer. »Bist du da, Linchen? – Gut, so laufe mal hinüber zum Kaufmann Müller und frage mit einem Kompliment von mir –« »Ich bin ja schon da gewesen – o du liebster Herrgott, Frau Konrektorin«, jammerte das Mädchen. »O Gott, Gott, Gott, es ist alles richtig so, wie es erzählt wird. Unser armer Herr! Im Wirtshause in Gansewinckel liegt er auf dem Tische ausgestreckt. Der Förster vom Birkenhofe hat ihn im Holze gefunden, aber mit ausgelaufenem Gehirn; und der Herr Windwebel hat zwanzig Schritte weit von ihm gelegen und ist noch viel schlimmer zugerichtet gewesen. Einer von ihnen hat aber noch eine halbe Stunde gelebt und hat es zu Papiere gegeben, daß Horacker es gewesen ist. Die Landreiter sitzen schon auf, und das Gericht hat eine Extrafuhre beim Posthalter bestellt; und heute mittag hat er mich noch von wegen des Kalbsbratens belobt, unser armer Herr, – oh, wer uns das doch da vorausprophezeit hätte, Frau Konrektorin! – Selbst die Soße war ihm diesmal recht; aber es hat auch die letzte für ihn sein sollen.« »Wenn er dies hörte, ginge er mir auseinander vor Vergnügen«, sprach die Proceleusmatica. »Das Gehüpfe hier in meiner Stube möchte ich dann sehen!... Du liebster Himmel, hätte ich nur nicht das Kind da in halber Ohnmacht und in ganzen Krämpfen und noch dazu in ihren Umständen!... Aber Hedwig, so nehmen Sie doch endlich Vernunft an, und betragen Sie sich als eine verständige Frau! Begreifen Sie es denn noch immer nicht, daß es einzig und allein mein Alter ist, der hinter diesem Aprilwitz steckt?« »Und von meinem – wo meiner jetzt liegt, haben sie bei Müllers nichts gesagt?« rief die jammernde junge Frau, mit beiden zitternden Händen den Arm Linchens umklammernd. »Nein, Frau Zeichenlehrerin, aber doch wahrscheinlich auch im Wirtshause. Als der Bote von Gansewinckel abgegangen ist, ist erst unser Herr, der Herr Konrektor, im Dorfe angekommen gewesen.« »Ah!« stöhnte Frau Hedwig jetzo, mit dem tränenüberströmten Gesicht der guten ältern Kollegin an den Busen sinkend. »Sie pensionieren ihn mir für diesen Aufruhr, ob er von ihm herrührt oder nicht«, murmelte Frau Ida. »Diesmal schlagen sie ihren Haken ein und werden ihn los, als wonach sie sich schon jahrelang gesehnt haben! Und weit und breit kein kühler Kopf, der einem in dieser Tollheit unter die Arme greift, – nicht einmal ein Doktor für dies arme Närrchen hier!... Das Kind kriegt's am Ende fertig, mich auch rappelig zu machen... Ich will nicht sagen, was alles ich für einen kühlen, vernünftigen Menschen geben würde.« »Da geht der Herr Stadtrat Bockböse, fragen Sie doch den nur, Frau Konrektorin«, rief Linchen am Fenster. »Sie wissen ja, ich kenne ihn – ich kam aus seinem Dienste hierher –, das ist ein kühler Mann, und sein drittes Wort zu Hause an die Frau Stadträtin ist: Ich lasse mir den Kopf nicht warm machen.« »Der Schafskopf! Nächstens machen sie Ühleken zum Bürgermeister«, sagte die Kollegin Eckerbusch, setzte die jüngere Kollegin sanft auf dem Sofa nieder, schob ihr Linchen vom Fenster weg und sah nunmehr selber nach einem kühlen Kopfe über ihre Rosen- und Geraniumstöcke weg aus. »Guten Abend, lieber Stadtrat. Ein Wort – was halten Sie denn von dem dummen Gerede in der Stadt?« »Ich, Frau Konrektorin? Nun – Sie wissen, ich halte mir gern so lange als möglich die Stirn kalt; aber – leider – sagt man diesmal wirklich so!« »Bitte, empfehlen Sie mich Ihrer lieben Frau«, erwiderte die Proceleusmatica, wendete sich zu den beiden in dem Gemache zurück und rief: »Da habt Ihr es! Hab ich ihn nicht richtig taxiert?« In ihrer Seele aber setzte sie dumpfgrimmig hinzu: »Irgendwo hört der Mensch einmal auf, und diesen vergnügten Abend vergebe ich meinem Alten nicht.« In demselben Augenblick bog der Kollege Neubauer um die Marktecke und kam ausnahmsweise ganz zur rechten Zeit – auch für die Kollega, Frau Ida Eckerbusch. Der Mensch lebt wahrlich nicht in dem Getöse, was er um sich herum macht oder hört, sondern in der Stille, die er sich in seinem Busen erhält; und wer den Herrn Oberlehrer Neubauer mit den Händen auf dem Rücken, unbewegter Miene und ruhig-hellen Auges dahingehen sah, der mußte sich sagen, daß hier in der Tat ein Mann schreite, der sich schon aus Prinzip seine Gemütsruhe unerschüttert zu erhalten wünschte. Den letzterzeugten Hexameter der Sechsundsechsiade auf der Rückfläche der linken Hand nachfingernd und das Wort Predsmirzitz nochmals nachkostend hineinskandierend, kam der Kollege um die Ecke, wenn nicht so schön, so doch mit der gesamten göttlichen Verachtung des Fernhintreffers Apollo um die Nasenflügel. »Da kommt der Kollege Neubauer!« rief die Frau Konrektorin Eckerbusch, zum allererstenmal bei seinem Anblick aufatmend. »Der kommt mir wie gerufen! Der ist wahrscheinlich außer mir wirklich noch der einzig kühle Mensch in der Stadt! Der Mann ist mir bis dato immer ein Greuel gewesen; aber – so geht es! Das Schicksal hat mir ihn wahrscheinlich nur deshalb hierher ans Gymnasium geschickt, um mir an ihm zu beweisen, was alles zu einer Birne für den Durst werden kann... Herr Oberlehrer! Herr Kollege! Herr Kollege! Ich bitte, auf einen kürzesten Augenblick. – Nun aber, Hedwig, nehmen Sie sich zusammen, machen Sie sich und mich nicht lächerlich vor dem Doktor Neubauer. Sie kennen ihn so gut als ich; also seien Sie ein liebes, verständiges Kind; – da haben Sie ein frisches Taschentuch, jetzt trocknen Sie sich Ihre Tränen und sehen Sie wie eine räsonnable Frau aus. Ich höre ihn schon auf der Treppe – tapp, tapp! Das ist der einzige Mensch, der sich nicht aus seinem Tempo bringen läßt. So – das ist recht, Kleine! Für mich selber habe ich den Mann wahrhaftig nicht gerufen. Klopf, klopf! Da ist er!... Herein, lieber Neubauer! Oh – der alte Sünder, der Werner, soll mir nur nach Hause kommen!« Der Oberlehrer Dr. Neubauer, durch den merkwürdig freundlichen Anruf vom Fenster der Kollegin Eckerbusch auf seinem poetischen Wege nach Sadowa aufgehalten, hatte natürlich erst nach allen vier Weltgegenden hin umgeschaut, ehe er sich dem Orte zuwendete, von welchem ihm die Bitte erscholl, doch einmal heraufzukommen. Den hohen schwarzen Hut erhebend und wieder sinken lassend, hatte er das wohlgelockte Haupt geneigt: »Mit dem größten Vergnügen.« Dazu aber zitierte er: »Ja, glauben muß ich Armer, was unglaublich scheint, Sabellerbannspruch dröhnet dumpf ins Herz hinein, Und wie von Marsermurmel ist zersprengt mein Haupt: Was will sie denn? « Er zitierte aber lateinisch, während er die Treppe im Hause des Kollegen Eckerbusch emporstieg. »Ich habe Sie eigentlich nur dieses Kindes wegen heraufgebeten, lieber Doktor«, sagte Frau Ida. »Mein Vernunftreden hilft zu nichts. Nun reden Sie ihr einmal zu, Neubauer. Für diesmal sind Sie mein Mann; und als Sie da eben um die Ecke bogen, war's, als ob ganz Griechenland und Rom mir zuriefen: Wir hätten gleich zu ihm geschickt! Von vornherein hätten wir zu ihm geschickt.« »Sie sind zu freundlich, liebe Frau Kollegin«, sprach der Oberlehrer mit seinem liebenswürdigsten Lächeln. »Und sobald ich weiß –« »Sehen Sie doch nur das Kind an. Da liegt es außer sich wegen des umlaufenden albernen Gerüchtes.« »Welches Gerüchtes wegen, wenn ich fragen darf, meine Damen?« »Daß Horacker ihr ihren Mann totgeschlagen hat und mir meinen Eckerbusch obendrein«, sagte die alte Dame, den Herrn Oberlehrer doch ein wenig von der Seite ansehend. »Wirklich? Ich habe zu einiger Verwunderung dieses soeben auch vernommen«, erwiderte der Kollege, den Halskragen zurechtzupfend. »Nun, hoffentlich bestätigt sich das Gerücht nicht.« Die Frau Hedwig wimmerte leise; Frau Ida starrte den Kollegen mit immer größern Augen an: »Sie halten die Geschichte nicht wie wir – wie ich, für eine nichtswürdige, niederträchtige, abgeschmackte Fabel?« »Sie erlauben wohl, daß ich mich setze, beste Frau«, sagte der Doktor Neubauer sanft und tonlos. »Wann war es doch, als wir zuletzt über Horacker scherzten? Wenn ich nicht irre, neulich abend; Ihr Herr Gemahl, unser guter Konrektor, gab uns nachher noch in seiner schalkhaften Weise seinen vielbelachten geklemmten Kater zum besten! Sie, verehrte Kollegin, wenn ich mir erlauben darf, Sie so zu nennen, – sind hoffentlich überzeugt, daß ich mich Ihrer Meinung in betreff dieses drolligen Abenteuers vollkommen anschließe; aber –« »Aber?« rief Frau Ida Eckerbusch, nur mühsam ihre Ungeduld im Zaume haltend. »Aber in der Tat, wie ich auf meinem Wege durch die Stadt, natürlich ohne der Sache viel Aufmerksamkeit zu schenken, ebenfalls vernommen habe, stieg der Herr Staatsanwalt samt seinem Protokollführer eben vor der Posthalterei in den Wagen, um nach Gansewinckel hinauszufahren.« Einen hellen Schrei stieß die junge Frau heraus und lief mit gerungenen Händen durch die Stube. »Habe ich es nicht gesagt?« rief Jungfer Linchen; die Kollegin Eckerbusch aber sprach grimmig lächelnd: »Nehmen Sie es mir nicht übel, Neubauer, aber ein bißchen zu gelassen bleiben Sie mir jetzt doch! Ich hätte es mir übrigens gleich denken können, daß Sie auch in diesem Falle schlimmer als alle andern sein würden.« »Ich halte es nicht aus! O ich halte es nicht mehr aus!« jammerte die arme Hedwig. »Ich fahre auch nach Gansewinckel! Ich will auch nach Gansewinckel – ich laufe zu Fuße nach Gansewinckel! Oh, mein Viktor, mein lieber, lieber Viktor!« »Ihr habt sämtlich euern Kopf drauf gesetzt, mich verrückt zu machen«, rief die alte Dame. »Ist es denn möglich, daß die Menschheit so dumm und zugleich so boshaft sein kann?« »Boshaft im höchsten Grade – dumm auch«, flüsterte der Herr Oberlehrer womöglich noch milder und freundlicher. »Man muß nur Philologie studieren, man braucht nur ein Schulmann zu sein, um täglich die Erfahrung – nicht zu machen, sondern sie zu vermehren.« »Nach Gansewinckel, o Gott, nach Gansewinckel!« wimmerte Frau Hedwig; und jetzt fing auch Frau Ida Eckerbusch an, die Hände zu ringen und im Zimmer auf und ab zu laufen. »Ich habe manches in meinem Leben und mit Eckerbusch erlebt; aber dieses habe ich doch nicht für möglich gehalten«, rief sie. »Wie ein Fieber steigt einem das Geschwätz zu Kopfe! Und Sie, Neubauer, hätte ich alte Närrin auch ruhig seines Weges weiter storchbeineln lassen sollen. Da Sie aber einmal da sind, so halte ich Sie auch, mein Guter, und – Sie fahren mit nach Gansewinckel! « Schon hing ihr das junge Weib des Zeichenlehrers Viktor Windwebel am Halse und schluchzte krampfhaft: »O ja, ja, ja – bitte, gleich, gleich – lassen Sie uns gleich fahren, lassen Sie uns fahren, wie wir sind!« Und die alte Dame, einen matronenhaft sachverständigen Blick auf die niedliche, jammergeschlagene, tränenfeuchte, zitternde Flitterwöchnerin werfend, murmelte: »Sie reibt sich auf, und ich habe sie zu lieb, um nachher alle Verantwortlichkeiten allein zu tragen.« Laut sprach sie ärgerlich-weinerlich: »So beruhigen Sie sich doch jetzt, Gänschen. Ich sage es Ihnen ja: wir fahren. Ich will Ihnen zuliebe wirklich einmal so dumm sein wie die übrigen. Uh, finde ich aber meinen alten Eulenspiegel noch am Leben, so... Besorgen Sie auch uns auf der Stelle einen Wagen, Kollege Neubauer.« Der Kollege Neubauer, der sich allen menschlichen Insinuationen in göttlicher Indifferenz gewachsen glaubte, stand augenblicklich gänzlich fassungslos. »Ich? Ich, meine Beste? Mich wollen Sie mit sich hinausnehmen nach Gansewinckel?« »Ja, Sie, Neubauer! Sie werden uns zwei arme Würmer unter solchen Umständen sicherlich nicht allein in die Nacht und den Wald voll von Mördern und Horackers hinauskutschieren lassen. Einen Trost will ich mir doch an Ihrem Gesichte auf dem Wege gegenüberhaben. Beeilen Sie sich; – Fricke soll uns fahren. Linchen, geh lieber gleich mit dem Herrn Doktor, daß sie ihm ja nicht die grüne Karrete mit den gelben Rädern aufhängen.« Vierzehntes Kapitel »Allmächtiger, erfüllen sich nicht alle meine Ahnungen?! Da kommen sie doch mit ihr angerumpelt!« rief die Frau Konrektorin, als die »Grüngelbe« trotz erhobener Verwahrung mit dumpfem Gepolter um die Ecke wackelte. »Hab ich es mir nicht gedacht? Aber das Schandfuhrwerk paßt eigentlich ganz zu der übrigen Affäre und Expedition.« »Der Herr Posthalter lassen sich höflichst entschuldigen, Frau Konrektorin; es war aber unsere letzte Kutsche auf dem Hofe«, rief Fricke vom Bocke zu dem Fenster hinauf. »Aber ich vergarantiere eine gute Schmiere, und die Polster hab ich auch gestern geklopft und in der Sonne gehabt. Keine Spur mehr von Motten; keine Idee mehr von Festkleben auf dem Sitze.« »Wir haben unser möglichstes getan, Frau Konrektorin«, rief Linchen, von ihrem Sitze neben Fricke herabspringend, »ich und der Herr Oberlehrer. Mit der Braunen ist der Herr Staatsanwalt Wedekind fort, und eine ist zu einer Hochzeit und eine zu einer Taufe, und an der mit den blauen Kissen ist der Sattler. Der Herr Doktor Neubauer sitzen drin.« Der Herr Doktor Neubauer saßen freilich drin und steckten jetzo ein ziemlich klägliches Gesicht aus dem Fenster der Grüngelben. »Der Kutscher meint, wir würden kaum noch vor Dunkelwerden in Gansewinckel anlangen, meine Damen.« »Meinetwegen möchte es jetzt schon stichdunkel sein«, brummte die alte Dame aus ihrem Fenster hernieder. »Das vierrädrige Untier ist doch mein Tod; die Schande, drin durch die Straßen rumpeln zu müssen, nicht einmal gerechnet. O Eckerbusch, Eckerbusch! Daß du mir nur ja ordentlich auf das Haus achtgibst, Mädchen. In fünf Minuten sind wir drunten bei Ihnen, Kollege. Nehmen Sie ein Tuch von mir, Hedwig; unmöglich können wir mit diesem Stadt- und Landskandal noch bei Ihnen vorfahren.« »Ich will nur so rasch, so rasch als möglich zu meinem Mann«, schluchzte die Kollegin Windwebel. »Ich jetzt auch!« sprach mit Energie die Frau Ida; und nach zehn Minuten saßen sie wirklich ebenfalls in der Grüngelben, hatten den Oberlehrer Neubauer ergeben, verdrossen sich gegenüber und fuhren ab und dem Tore zu, nachdem die Frau Konrektorin vorher noch gefragt hatte: »Weshalb habt Ihr nicht wenigstens das Verdeck niedergeschlagen, Fricke? Ersticken soll man auch wohl noch bei dem wunderschönen Abend?« »Kriegen Sie's mal herunter«, hatte Fricke erwidert. »Probieren Sie einmal an der Equipage, was gegen ihren Willen ist. Alles an der Kreatur bockt, als ob's lebendig wäre. Keine Idee von Nachgiebigkeit, Frau Konrektorin. So ein Machwerk setzt am Ende geradesogut als unsereiner seinen Kopf auf seine Pensionierung. Na, die Räder sind ja gottlob noch so ziemlich in Ordnung, und mit Gottes Hülfe – na, ho – hott, hott – da sind wir schon unterwegs!« Sie waren unterwegs; und die halbe Stadt nahm teil an ihrer Abfahrt, und zwar ohne diesmal der alten, stadtbekannten Grüngelben die gewohnten Glossen und Scherze mit zum Tor hinaus zu geben. Die Gemüter waren doch zu sehr nach einer andern Richtung hingerissen, und diese Fahrt der beiden Frauen in den Abend hinein erhöhte selbstverständlich die Erregung um ein beträchtliches; Horacker hatte, wie wir wissen, schon mehr als einmal die Gefühle von Stadt und Land merkwürdig umgequirlt, aber so wie diesmal doch noch nie. Alles – Freund wie Feind, war in den Gassen, durch welche die Grüngelbe polterte, an den Fenstern und Türen. Man fing bereits an, die Ermordeten über die Gebühr zu loben; uns aber ist es nur Bedürfnis, das zu wiederholen, was Ühleke in höchster Verwunderung meinte. »Jeses, nun höre einer mal an«, sagte er. »Ich meinesteils habe den Herrn Konrektor Eckerbusch doch auch gekannt und ästimiert, aber nach dem, was sie sonst von ihm gehalten und gesprochen haben und wie sie sich über ihn mokiert haben, habe ich wirklich bis heute nicht gewußt, was für eine Zierde, was für ein braver und gelehrter Mann er gewesen ist! Es würde ihn gewißlich selber freuen, wenn er jetzo noch vernehmen könnte, wie gut man über ihn überall denkt und wie leid er uns allen tut. Da kann man die Welt schon ihr Pläsier und Amüsement an sich haben lassen, wenn das nachher so kommt!... Höre sie nur einer!... Und auch die Frau Konrektorin tut mir leid, und dann die arme junge Frau; – der Herr Zeichenlehrer war freilich noch ein bißchen neu bei uns. Es ist aber ein Trost, daß sie den neuen Herrn Oberlehrer Neubauer in dem alten grünen und gelben Chausseeschrecken bei sich haben; das ist ein klarer Kopf, sagt man, und wird sie nach dem Buch zu trösten wissen. Guck nur, was an Gymnasiastikern in der Stadt in den Ferien vorhanden ist, läuft hinter dem alten Rumpelkasten her und säße am liebsten hintenauf; bloß weil er sich so viel Liebe unter ihnen erworben hat. Na, dies ist das letzte! Wenn dies Horackern nicht den Boden einschlägt, dann kann er dreist und ruhig nächsten Sonntag den Herrn Generalsuper'denten auf dem Wege nach der Kirche kaltmachen! Die arme kleine Dame sehe ich bis an mein seliges Ende zittern und beben. Für die sitzt dieser so sehr kluge und gelobte neue Herr Oberlehrer auch mit zu meinem eigenen Troste mit im Wagen.« Wir lassen die Stadt und Ühleke und folgen der »Schäse«, wie Fricke das Ding zu allem übrigen auch noch bezeichnete. Die Kreatur, der Rumpelkasten, der Chausseeschrecken, die grüngelbe Stadtschande rollte jetzt ziemlich glatt auf der guten Landstraße, der Staubwolke, die der Herr Staatsanwalt hinter sich aufwirbelte, nach. Es schlug eben dreiviertel auf acht; noch schwebte die Sonne über dem Horizonte, aber nicht lange mehr. Der Abend war wundervoll; jedoch eine dahin bezügliche Bemerkung zu machen, war der Oberlehrer Dr. Neubauer nicht imstande. Er begann die Reiseunterhaltung überhaupt nicht; die Situation, in welche er so plötzlich und unvermutet hineingeraten war, stimmte durchaus nicht mit ihm; es gehört schon viel Menschenelend dazu, um an die Gefühle eines Ironikers, der sich selber lächerlich vorkommt, heranzureichen. Und der Herr Doktor kam sich sogar ungemein abgeschmackt vor. Er hätte ohne die geringsten Gewissensbisse die beiden Weibspersonen da erdrosseln können. In mehreren Residenzen Deutschlands besaß er gleich ihm von der Trivialität der Alltagswelt frei entbundene Freunde aus den besten Ständen, und sein Ärger ließ sie ihm alle in die Grüngelbe lächeln. Schaudernd hüstelte er hinter dem feinen weißen Taschentuche nach einem abermaligen Blick in das kluge, aber durchaus nicht aristokratische Gesicht der ältern Kollegin. »Hätte ich denn nicht tun können, als habe sie einen andern gerufen?« dachte er und dachte geradeso wie, zum Exempel, Sie, liebe Nachbarin und verehrter Herr Nachbar, wenn Sie gleichfalls einem freundschaftlichen Winke zu bereitwillig Folge geleistet hatten und es bereueten. »Von heute an höre ich in diesem verruchten Neste nichts mehr. Ja noch mehr! Hier gelobe ich mir, selbst nicht einmal den Mund mehr –« »Soll ich Ihnen sagen, Neubauer, was Sie in diesem Augenblick denken?« fragte die Frau Konrektorin ganz unvermutet. »Ich?... Sie?« stotterte der in der Aufreihung seiner guten Vorsätze so plötzlich Unterbrochene. »Ich – würde mit dem größten Interesse –« »Gut! Wenn Sie aber nachher sagen: Eckerbuschen, Sie haben unrecht, so lügen Sie einfach. Nämlich Sie überlegen sich ganz simpel, wie gerade Sie – Sie mit in diese Geschichte hineingeraten – solch ein oberhalb allem stehender, kluger und nur aus Zufall zu uns geratener junger Mensch!... Wie komme ich denn dazu? denken Sie; ich aber sage Ihnen, ich habe Sie gerade deshalb mitgenommen, und wenn ich die Wahl gehabt hätte, so würde ich mir doch keinen andern als Sie ausgesucht haben, und jetzt machen Sie nur ruhig ein vergnügtes Gesicht! Sie kommen nicht davon, heute zahlen Sie mir Ihren Beitrag, sowohl für die Komödie wie für das Trauerspiel.« »Meine Beste –« »O mein Guter, der Kultus soll Sie nicht umsonst zu uns geschickt haben. Dazu sind ja die Menschen auf Erden, daß sie voneinander was lernen; und da Bescheidenheit ein Schmuck ist, so sage ich Ihnen ganz offen, daß ich einen Menschen wie Sie bis jetzt freilich noch nicht kannte, aber daß es mir eine wahre Freude ist, Sie bei jeder Gelegenheit besser kennenzulernen. Was ich und mein Alter Ihnen dagegen an uns zu bieten haben, steht Ihnen längst zu freier Verfügung, und daß Sie auch bereits recht lustig davon Gebrauch gemacht haben, wissen Sie ja selber am besten.« Der Herr Doktor hatte als ein eleganter Philologe in Berlin, Heidelberg, Karlsruhe und München mit den allerfeinsten Leuten verkehrt. Wirkliche Geheimräte hatten ihn »mein Lieber« genannt, wirkliche Geheimrätinnen »lieber Doktor«, und Komtessen hatten von ihm als »unserm jungen interessanten Gelehrten« geredet. Nun nannte ihn diese schauderhafte Person, die Konrektorin Eckerbusch, »mein Guter«, und er hatte in diesem Moment nicht eine Waffe gegen die scheußliche Alte. Gebückt, mit zusammengezogenen Schultern saß er in der schwülen Kutschenatmosphäre und schlug im Buche seiner Welterfahrung fieberhaft hastig Blatt um Blatt um, ohne was zu finden, wodurch sich der Absurdität imponieren ließ. Diesmal – hier in der Grüngelben auf dem Wege nach Gansewinckel, war die Proceleusmatica jedem seiner Geheimräte, jeglicher seiner Komtessen, seiner christlichen und hebräischen Bankiersdamen und Geheimrätinnen gewachsen; das fürchterliche alte Weib hätte selbst den Juvenal und M. Henri Heine – von den allermodernsten Satirikern gar nicht zu reden – aus der Fassung gebracht! Der geklemmte Kater des Kollegen Eckerbusch war gar nichts gegen den geklemmten Oberlehrer, wie ihn die Frau Kollegin zur Darstellung zu bringen wußte, und zwar Knie gegen Knie mit dem dargestellten Opfer. Uh, das war eine Fahrt! Und diese alte Spinne, diese Canidia, diese Giftmischerin, schien sich wahrhaftig schon monatelang darauf gefreut und darauf vorbereitet zu haben! Da sie einmal angefangen hatte, ihre Meinung zu sagen, so hörte sie eine geraume Zeit hindurch nicht damit auf. »Hab ich es nicht von Anfang an gewußt, was für eine Rhapsodin im Sinne der Alten ich an ihr erwischt habe? Nicht wahr, Kollege, die versteht sich aufs Improvisieren? Das nenne ich dreist ein Talent, das sich auf offenem Markte und nicht bloß in der Kutsche hören lassen darf?! Nicht wahr, Neubauer, das fließt doch noch über die Sechsundsechsias hinaus?« – also würde, die Hände reibend, der alte Eckerbusch gekichert haben, wenn er dabeigewesen wäre. Der Herr Doktor Neubauer, der dabei war, war fürs erste nicht imstande, irgend etwas auszusprechen als in der Tiefe seiner Seele das Wort: »Ich würde einen Taler Trinkgeld an den versoffenen Kerl auf dem Bock wenden, wenn er uns in den Graben kippte!« Dieses aber äußerte er als innigen Vorsatz und Wunsch natürlich in dem nämlichen Augenblick, als sich Frau Ida zum ersten Male von ihm ab und zu der armen kleinen, scheu in ihre Ecke geduckten Begleiterin wendete: »Und nun, mein Herz, wie befinden Sie sich denn?« »O gut, gut! Wenn wir nur erst angekommen wären.« »Gut? Gut? Jawohl, das sieht man Ihnen freilich an!... Und nun, Neubauer, frage ich Sie noch einmal, spüren Sie immer noch keine Gewissensbisse? Tut es Ihnen noch immer gar nicht leid, daß Sie das Letzte dazu getan haben, dieses arme Geschöpf, das arme, liebe, alberne Kind hier, das von Rechts wegen jetzo ganz still und behaglich auf seinem Sofa liegen müßte, in die Nacht, in die Wildnis, in die Dummheit hinausgeelendet zu haben? Haben Sie wirklich keine Mutter gehabt? Sind Sie wirklich reinewegs vom Monde in die Philologie, in die Poetenkunst mit Hexametern und in diesen neuen Norddeutschen Bund ausgewachsen heruntergefallen?« Der Kollege Neubauer verspürte nichts als einen heftigen Stoß der Grüngelben und den noch heftigeren Wunsch, die Frau Kollegin und Konrektorin Ida Eckerbusch ohrfeigen zu dürfen. »Ich bitte Sie, was habe ich denn –« »Nichts haben Sie! Ihre Autorität, Ihre merkwürdige Autorität haben Sie nicht auf meiner vernünftigen Seite in die Waagschale werfen wollen. Ihren Spaß haben Sie, wie gewöhnlich, sich mit uns machen wollen, und da sitze ich denn jetzt mit Ihnen und mit der Kleinen mitten in der besagten Dummheit, und hier haben wir den Wald und die einbrechende Dämmerung! O warten Sie nur, mein Guter, der Stoß war noch nichts! Jetzo geht der Weg erst an; – o, Sie sollen mir an diese Pläsierfahrt nach Gansewinckel mit der Konrektorin Eckerbusch noch denken, lieber Kollege!« Sie hatten in der Tat den Wald erreicht, und die Landstraße war nicht so gut geblieben, als sie im Anfange versprochen hatte; – noch viel weniger aber war sie besser geworden. Sie gewann mehr und mehr eine ausnehmende Ähnlichkeit mit dem Wege des Lasters, der, dem Liede nach, gleichfalls im Anfange ein »breiter Weg durch Auen« ist, dessen Fortgang jedoch allerlei Gefahren bringt und dessen Ende in »Nacht und Grauen« ausläuft. Zärtlich und sorglich legte jetzt die alte Dame den Arm um die jüngere Schutzbefohlene. »Nur ruhig, ruhig, Kind! Fricke kennt mich und weiß, wen er fährt. Und mit wem er's zu tun kriegte unter Umständen, weiß er glücklicherweise gleichfalls. Heda, Fricke!« Sie hatte sich bei dem letzten Worte aus dem Wagenfenster gebogen, und Fricke beugte sich von seinem Sitz zurück und zu ihr nieder: »Was soll's denn, Frau Konrektorin?« »Hier sind wir nun im Holze, Alter; und nun geht's los, daß das Wegebauamt sich seines Weges recht herzlich schämen sollte; und dann, Fricke, was bedeutet denn das Quietschen hinter mir von unten her?« »Seien Sie ganz ruhig, Frau Konrektorin. Das Gequietsch kommt nicht von Ihnen und aus dem Wagen. Ich hab's von hier auch allbereits vernommen; es ist nur das infame linke Hinterrad; aber wir haben die verdammte brüchige Speiche recht ordentlich verschienen lassen vom Stellmacher. Der Weg läuft ja auch noch ganz schmeidig hin, und erst von Förster Rauhwedders Kreuze an setzen Sie sich, Frau Konrektorin, mit den beiden andern Herrschaften wohl gefälligst ein bißchen fester auf den Sitz. Da spielt das Wasserrinnsel vom Berg linker Hand einem oft den leidigen Satan.« »Dich soll man auch nur im höchsten Notfall um Trost angehen«, brummte die alte Dame, mit einer abermaligen Vermahnung zum Langsamfahren und sonstiger Vorsicht den Kopf zurückziehend. »Seien Sie ganz still, Frau Konrektorin«, rief ihr Fricke noch nach. »Ich kenne mich ja als befahrenen Kutscher an der Stelle! Wenn es zum Schlimmsten kömmt, lege ich uns ganz sanfte links hin an den Berg. Rechts herunter den Berg, Hals über Kopf in den Fallgrund paßt es mir selber weniger.« Nun war Förster Rauhwedders Kreuz zu jeder Zeit ein bedenkliches Zeichen am Wege, für diesmal ein höchst bedenkliches. Vor ungefähr fünfzehn Jahren war an dieser Stelle der reitende Förster Rauhwedder, von einem Wilddieb erschossen, aufgefunden worden, und das hohe schwarze Gedenkzeichen reckte an dem Mordort immer noch seine unheimlichen Arme aus dem Gebüsch, das längst wieder den voreinst freigelegten Rundplatz überzogen hatte. Aber gerade dies halbe Versteckenspiel machte das Ding noch schreckhafter, und niemand aus der Gegend zog des Weges hier, ohne unwillkürlich mit dem Blick zur Seite das Kreuz im Busch zu suchen, und sobald er's gefunden hatte, lieber doch gradaus zu sehen und an etwas anderes zu denken als an die greuliche, verjährte Untat. »Nun muß mir auch das noch am Wege stehen!« seufzte Frau Ida Eckerbusch leise. »Ich für meine Person mache mir trotz hundert Horackers und der Abenddämmerung nicht das mindeste draus; was mich anbetrifft, so fahre ich mit ruhigem Gewissen durch jeglichen Wald voll Mörderkreuze, und wäre es selbst das neapolitanische Räubergebirge mit dem Namen wie ein Schnupfen – die Abruzzen meine ich. Aber die Kleine da, mit diesem abgeschmackten Horacker auf der Seele, hätte ich doch gern darüber weg. Nun, hoffentlich macht es sich durch rechtzeitige Geistesablenkung!« »Fricke!« rief in dem nämlichen Moment der Herr Oberlehrer Neubauer, sich seinerseits aus dem Wagenfenster lehnend. »Was steht Ihnen zu Befehl, Herr Doktor?« »Sobald wir an der Mordstätte sind, ich meine an dem Denkmal jenes totgeschossenen Jägersmannes, so halten Sie freundlichst einen Augenblick –« Mit einem leisen Jammerton sah die junge Frau die ältere Freundin an und faßte ihren Arm. »Ich wünsche der Vorsicht wegen auszusteigen und neben dem Wagen herzugehen. Möglichenfalls, meine Damen, kann ich dann werktätiger zugreifen, wenn es sich darum handelt, dieses wirklich immer seltsamere Töne von sich gebende Fuhrwerk auf die linke oder rechte Seite zu legen. Begriffen, Kutscher?« »Sehr wohl, Herr Doktor! Sehr schön, Herr Oberlehrer!« rief Fricke vom Bocke rückwärts; die Frau Konrektorin Eckerbusch aber, die während der letzten anderthalb Augenblicke vor Ärger und Entrüstung wortlos gesessen hatte, gewann es – das Wort nämlich – in verdoppelter Energie zurück. »Nirgends wird angehalten! Niemand steigt aus! Hören Sie, Fricke? Verstehen Sie? Verstehen – Sie – mich?« rief sie aus ihrem Fenster. »Sie fahren zu und halten nicht eher als in Gansewinckel vor dem Pastorenhause. Haben Sie mich verstanden, Fricke? Den Wagen hier habe ich bestellt, und der Herr Oberlehrer bleibt auf seinem ihm angewiesenen Platze, ob die Karrete hinten oder vorn bricht, hinten oder vorn quiekt.« »Sehr schön, Frau Konrektorin«, schnarrte Fricke zurück, und der Herr Oberlehrer blieb in der Tat sitzen, aber mit einem Gesicht, wie es Pallas Athene nur dem dümmsten seiner und ihrer Schulbuben im Stadium der alleräußersten Perplexität und Hirnleere verlieh. »Aber meine Beste –« »Jawohl, mein Guter, die ganze Welt hat mich bis jetzt als eine ausnehmend ruhige und phlegmatische Frau gekannt, und mein Mann hat mir nur deshalb allein den kribbligen Spitznamen ausgesucht; aber hier sollte ja selbst unser Vater im Himmel die Geduld verlieren. Weil mir das Kind da in seiner närrischen Angst halb vergeht, scheint Ihnen die Gelegenheit natürlich immer günstiger, sich Ihre frivolen Späße mit uns zu machen. Nicht wahr, am liebsten holten Sie Rauhwedders Kreuz uns in die Kutsche herein? O kommen Sie mir nur damit! Das sage ich Ihnen aber gleichfalls, Kollege Neubauer: wo die Güte und Barmherzigkeit aufhört, fängt der Witz noch lange nicht an, und wenn dieses eben ein Witz sein sollte, so haben dergleichen leider Gottes ziemlich viele Leute bei der Hand. Sie brauchen sich, das weiß der Himmel, nur ja nicht einzubilden, daß Sie allein mit einem Privilegium dazu begabt worden seien. Haben Sie mich verstanden, guter Doktor?« Das war nun eine Frage! Der gute Doktor, der es sonst natürlich unter allen Umständen für sehr gemein hielt, zu pfeifen, pfiff leise die erste beste Melodie, die ihm zwischen die Zähne kam. Auf eine Antwort und genügende Rede zur Wahrung oder vielmehr zur Wiederaufrichtung seiner Würde und Selbstachtung besann er sich wiederum vergeblich. Die Frau Konrektorin Eckerbusch aber widmete sich für die nächste Viertelstunde einzig und allein ihrer Begleiterin. »Kümmere dich nicht um das alberne Kreuz, Herz«, flüsterte sie. »Und um den nüchternen, frivolen Gesellen da auf dem Rücksitz noch weniger. Mit unsern Männern hat der selige Förster Rauhwedder nicht das geringste zu tun – den Bösewichtern werden wir in einem Stündchen schon selber ihr Kreuz nach Gebühr aufladen. Den Neubauer aber hat mir die Rachegöttin in Person in diese unsere Grüngelbe gesetzt; auf die Gelegenheit, ihn so mir gegenüberzuhaben, habe ich schon lange gepaßt. Und wenn er von nun an auch meinetwegen mit verdoppeltem Hohn auf meines Alten Pensionierung wartet – es ist mir ganz einerlei! Laß ihn nur sich hinsetzen auf unsern Stuhl! Laß ihn nur nach seinem Belieben fertig werden mit dem Konrektor Eckerbusch; mit der alten Eckerbuschin soll er fürs erste noch nicht fertig sein! Da schwatzen sie immer drauflos, daß der Schulmeister die Schlacht bei Königgrätz neulich gewonnen habe; aber nun frage ich dich, Hedwig: Welcher denn? Der alte oder der junge? Meines Wissens nach doch einzig und allein der alte!... Das soll sich erst ausweisen, was für ein Siegergeschlecht die neuen heraufziehen mit ihrem ›Stramm, stramm, stramm; Alles über einen Kamm.‹ Mir und meinem Alten kann's ja einerlei sein. Wir haben gottlob den Humor dazu, uns an vielem zu freuen; aber die armen Jungen dauern mich, die nun den Exerziermeister in irgendeiner Form ihr ganzes Leben lang nicht loswerden, von der Wiege über die Schule hinaus bis in ihr numeriertes kühles Grab. O, ich weiß es gut genug, daß sie mir meinen alten Werner den Letzten der gelehrten Mohikaner nennen, und daß er der letzte Konrektor ist, weiß ich auch. Zum dritten aber weiß ich ganz genau, daß er schon als Untersekundaner mit auf die Wartburg hinaufgestiegen wäre, wenn er damals das Postgeld und die sonstigen Moneten zu der Fahrt hätte aufbringen können und sie ihn mit hinaufgelassen hätten, und daß dazu vielleicht mehr heller Sinn, Nachdenken und Freudigkeit gehörten, als heute mit hunderttausend andern in Reih und Glied in gleichem Schritt und Tritt zu marschieren.« »Ich will nur meinen lieben, lieben Viktor gesund wiederhaben! Ich kann nur an meinen Viktor und an Horacker denken«, stöhnte Frau Hedwig Windwebel; worauf Frau Ida ganz abrupt sich gegen den Oberlehrer wendete, und zwar mit der sehr unvermuteten hellen und ruhigen Frage: »Weshalb sitzen Sie denn so mundfaul da, lieber Neubauer? Sie haben ja Ihren braven Horacker munter zur Hand, und um jemand anders brauchen Sie sich doch keine Sorge zu machen.« Nun waren es in der Tat lauter Proceleusmatici gewesen, in denen sich der Strom ihrer seltsam abschweifenden Beruhigungsrede ergossen hatte; aber trotz dem Flüstertone hatte der Doktor doch einen guten Teil davon an den Fingern nachskandieren können, möglicherweise nicht zum prosodischen Schaden der Sechsundsechsiade. Es war ein Mirakel, wie der Oberlehrer auch in dem Tone und Ausdruck seiner Antwort einem vollständig moralisch zerschmetterten Knaben seiner Klasse ähnelte; und ein Mirakel war es, daß er dabei nicht mit der Rückseite seiner Hand erst über die Augen und sodann unter der Nase herfuhr. »Haben Sie doch, verehrteste Frau, bis hieher die Unterhaltung aufs beste geführt«, lallte er. »Ich konnte doch einzig und allein nur hören – hören – immer hören. Wer versteht es gleich Ihnen, so das Angenehme mit dem Belehrenden zu verbinden? Wäre die Luft hier im Wagen nicht so unsäglich schwül, so würde ich diese drollige Fahrt unter den heitersten Erinnerungen meines Lebens aufbewahren. Aufbewahren werde ich sie aber sicherlich.« »Das hoffe ich«, sprach die Kollegin Eckerbusch; und der Kollege Neubauer bewegte im innersten Busen den innigsten Wunsch, der nichtswürdigen alten Hexe auf der Stelle den Hals umdrehen zu dürfen. »Und das nennt sie ihr Phlegma!« murmelte er. »Und was nenne ich denn nachher das meinige?« So kamen sie glücklich und wohlbehalten an Rauhwedders Kreuze vorbei. Der geduckte Oberlehrer warf nur einen Blick darauf hin; aber die Frau Ida setzte sich sofort sehr aufrecht und meinte,. »Geben Sie sich keine Mühe, Kollege, – wir haben auch noch unsere Augen im Kopfe.« Die Dämmerung nahm immer mehr zu; der Abendwind, wenngleich warm und sanft, fing doch an im Walde zu rauschen, Eulen und Fledermäuse begannen ihren Flug, ihre Jagdreviere absuchend, und Fricke auf dem Bocke sprach: »Es soll mich doch wundern, von welchem da hinter mir ich heute abend das ordentlichste Trinkgeld verdiene. Na, es war ja eine recht hübsche, lebhafte Unterhaltung und Katzbalgerei unterwegens, was die Frau Konrektor anbetraf; aber anjetzo scheint auch da die Mühle angehalten zu sein. Das ist ja merkwürdig still und ordentlich in der Karre geworden, und ich sage nur, wenn's mir nicht um die kleine, verweinte Frau wäre, so hätte ich jetzo wohl Lust, hier vom Bocke aus die Rede auf Horackern zu bringen. Den Herrn Konrektor kenne ich aber daraufhin; das wird ein Hauptspaß, wenn ich ihm mit dieser seiner häuslichen Kompanei angefahren komme und er sich nicht das mindeste davon vermuten läßt. Nicht um das allerordentlichste Trinkgeld möchte ich diesmal die Gesellschaft nicht gefahren haben! Na, in einer Viertelstunde sind wir ja mit Gottes Hülfe in Gansewinckel beim Pastor Winckler. Und das beste mit oder ohne Horacker ist, daß das da ein recht ehrwürdig und anständlich Haus ist, wo sie einen nicht trocken vorm Hause halten lassen, sondern eine Einsicht haben und wissen, was sich schickt, und daß es sich nicht schickt, nur an sein Pläsier inwendig in der Stuben zu denken. So 'n richtiger alter Kutscher tut doch immer das Seinige zu so 'nem freudigen Wiedersehen über Land; nämlich die Hauptsache tut er dazu; und das Geküsse nachher und das ›mein Herz‹ hier und ›mein Herz‹ da, und das ›Seid Ihr denn endlich da?‹ – das können sie besorgen und doch die Jungfer mit'n Präsentierteller an den Bock hinausschicken; im Winter mit was Warmen und heute abend mit dem, was die Gelegenheit gibt. Wer's nicht mag, der kann ja danken.« Wenn wir nun über jeden Puff und Knuff, den unser Kleeblatt in der Grüngelben körperlich sowohl wie geistig auf der fernern Fahrt, d. h. im letzten Sechstel der abenteuerlichen Expedition noch auszustehen hatte, Buch führen wollten, so würden wir sicherlich nicht vor Mitternacht mit der heitern Gesellschaft in Gansewinckel anlangen. Und es drängt uns doch allgemach sehr, daselbst anzukommen. Ob Mondschein im Kalender stand, können wir nicht sagen; aber der Himmel wie die Erde hatten sich nach und nach ganz in holdeste Sommernachtsdämmerung gehüllt, was den Wald und den Weg freilich grade nicht heller machte. Dazu lief die Landstraße einige Male ziemlich scharf bergab und noch dazu dann jedesmal um eine scharfe Waldecke. Dazu gab wie die Wildnis so der »nichtswürdige Kutschwagen« immer unheimlichere Töne von sich, und als der letztere einmal so beängstigend »Krack!« sagte, daß sogar der Herr Oberlehrer Neubauer »O lieber Jesus!« rief und Frau Hedwig Windwebel laut aufkreischte, sagte Frau Ida Eckerbusch: »Was zu arg ist, ist zu arg! Bald bin ich so weit, daß ich diesem Schlingel von Horacker mit Vergnügen die Leiter halten werde, wenn man ihn wegen seiner Übeltaten an den Galgen hängt!« »Gansewinckel, meine Herrschaften!« rief Fricke vom Bock. Der Doktor fuhr rechts, die Kollegin links mit dem Kopfe aus dem Fenster, und beide sahen ein Licht vor sich durch die Bäume flimmern. »O mein Viktor!« murmelte die junge Frau. »Na, Eckerbusch – Eckerbusch!« brummte die alte Dame. Der Kollege Neubauer nieste, was manche Leute jedesmal dann tun, wenn sie sich seelisch erleichtert fühlen. Fünfzehntes Kapitel Ein richtiger Geschichtenerzähler ist doch noch ein ganz anderer Potentat als vordem solch ein bramarbasierender König von Hispanien mit seinem lumpigen: In meinem Reiche geht die Sonne nicht unter! Daß die wirkliche Sonne, die wahre Weltsonne in unserm Reiche nie ganz untergehen darf, versteht sich von selber; und die andere – ja die andere, die lassen wir eben nach unserm Belieben auf- und untergehen. In diesem Augenblick scheint sie noch, wenn auch im Sinken, auf Gansewinckel und auf das schwarze Sammetkäppchen unseres gegenwärtigen Patriarchen beider Indien, nämlich des Gansewinckler Pastors Krischan Winckler. Es ist noch keine halbe Minute vergangen, seit er aus dem Hause zurückkam und die Gesellschaft in der Gartenlaube benachrichtigte: »Das Kind schläft immer noch, aber sehr unruhig.« »Als ich vorhin bei ihm war, lag es ganz still«, hat die Frau Billa bemerkt; und wir – wir folgen dem schönen, roten feurigen Strahl, den unsere zwei Sonnen in ein niedrig Fensterchen des Pastorenhauses zu Gansewinckel, ein Fensterchen dicht unter der Dachrinne, senden. Da liegt das Kind, das eben ganz still lag und im Moment darauf recht unruhig schlief; – – in dem Augenblick, wo wir ihm nahe treten, liegt es wieder still, aber mit offenen Augen – auf der Seite, die Hände vor sich gefaltet, ganz regungslos. Es sieht; aber was sieht es? Wer weiß uns das Rechte zu sagen über diesen furchtbaren Ernst im Auge der Tiere, der Kinder und des Volkes, diesen schrecklichen Ernst, der uns Gebildete gewöhnlich nur dann wirklich überrascht und für längere Zeit bedenklich stimmt, wenn wir ihm in dem Auge eines Unglücklichen oder einer Unglücklichen unseres eigenen Standes begegnen? Lottchen Achterhang sah gradeaus in den schönen Strahl, der von dem Meer von Sonnenuntergangsglanz da draußen über Wald und Feld, die Dächer des Dorfes, die Bäume des Pfarrgartens in die kleine Kammer glitt. Zerstückelte Bilder von wirklich Gewesenem und Geschehenem und dann wieder von bloß Erträumtem drängten sich durch ihren armen Kopf. Und je toller dieser Bildertanz war, desto unglaublicher erschien es ihr, daß sie je wieder Hand und Fuß arbeitsam, werklustig, diensteifrig, eilig, hastig, fröhlich werde rühren können wie vor so langer, langer Zeit. Ja, vor so langer Zeit! Wie fern lag das alles zurück, was gewesen war, ehe sie diesen schrecklichen Weg antrat über die weiten, weiten Länder voll fremder Völker, von jenseits Berlin her bis hierher – zurück nach Gansewinckel, bis hinein in dies Kämmerchen, das ja auch vor so langer, langer, undenklicher Zeit ihr angewiesen Bereich gewesen war. Jetzt fühlte sie ihre Füße, die auf der endlosen schrecklichen Landstraße sich so brav gehalten hatten. Sie schmerzten nun sehr; – und die Sonne unterwegs hatte es fast zu gut gemeint – die Nächte waren freilich um so kälter trotz dem Sommer und dunkler trotz der Sterne gewesen. Was sagte doch der alte Mann, der sich in der verfallenen Ziegelhütte mit einem Male aus dem Stroh aufrichtete? »Er redete mich mit seiner heisern Stimme ›Kamerad!‹ an, in der grauen, frostigen Morgendämmerung. Vielleicht hatte er es in seinem eigenen Elend gar nicht so schlimm gemeint mit seiner heisern Stimme; aber es war doch ein schrecklich Laufen durch das hohe feuchte Kornfeld auf dem schmalen Wege...« »Das war der Weg, wo der Hamster sich aufrecht hinstellte und schnatterte und gegen mich anspringen wollte...« »Es sind schlimme Tiere, wenn sie böse sind, hat Cord gesagt, aber der wußte all solch Ungeziefer zu nehmen; – das war noch das einzige, wofür ihn das Dorf gelten ließ...« »Da schrie ich und rannte quer durch den Acker und trat das Korn nieder – der liebe Gott mag mir die Sünde verzeihen! Und der Nebel war so dicht. Da war doch die heiße Sonne wieder ein Labsal, als sie von neuem herauskam...« »Jetzt stehe auch ich schon in den Zeitungen! Ganz gewiß! Der Herr Pastor Nöleke muß mich hineingesetzt haben! Ach Cord, Cord – jetzt werden wir gottlob beide zusammen mit den andern Spitzbuben in der weiten Welt gesucht!... Mein lieber Cord!« »Also, bis hierher und nicht weiter, Sie Ungetüm?!« rief ganz um die nämliche Tageszeit der Zeichenlehrer Herr Viktor Windwebel unter den letzten Bäumen des Waldes, sich mit beiden Händen auf den Griff seines Stockes stützend. »Da sieht man mal wieder recht, was für ein Jammer es ist, wenn man einen Menschen zu gut auswendig kennenlernt! Ohne dieses würden mir Euer Liebden sicherlich immer noch Prügel zu verdienen scheinen. Nun, Mutter Horacker, was meinen Sie denn? Nehmen wir Rücksicht auf seine schamhafte Blödigkeit, oder zerren wir ihn ohne alle Rücksicht weiter?« Das greise, zerlumpte Mütterchen, das den schlotternden Räuber auf der andern Seite mit seinen letzten Kräften aufrecht hielt, blickte den Zeichenlehrer mit einem gar kläglich bittenden Ausdruck an und meinte: »O liebster Herre, Sie lachen ja doch nur über uns, weil Sie in Ihrer Seele über uns weinen, Sie dürfen dreist Ihr ganzes Leben lang Ihren Spaß über mich haben – Sie will ich doch nicht vergessen in meiner Sterbestunde wegen Ihrer Güte. Was haben Sie für eine Mühe gehabt mit dem Jungen – und mit mir in den Kauf den ganzen Weg über von Mäusebergs Bruche her! Wer in der weiten Welt sonst hätte so wenig wie Sie dafür genommen, solch einem Schmutzfinken, solch einem Lüderjahn, ja solch einem armen Menschen so ohne Ekel unter den Arm zu greifen? Aber dafür denken Sie an mich, wenn es Ihnen selber mal schlecht geht und schlimm zu Sinn ist; ja lieber, lieber Herr, wenn Sie an keinen König und keinen Kaiser mehr denken mögen, dann denken Sie nur an die Witwe Horacker!... Und jetzt, lieber Herre, tun Sie das Letzte an uns in der Barmherzigkeit: lassen Sie uns hier sitzen, mich und meinen Cord, gehen Sie die paar Schritte allein nach dem Dorfe und zeigen Sie dem Herrn Pastor an, daß wir da sind !« Der Kollege Windwebel nieste, was dann und wann jemand aus sonderbarer Verlegenheit tut, jedoch ohne sich im mindesten seelisch dadurch zu erleichtern. übrigens war es nicht zu leugnen, daß er von Mäusebergs Bruche an noch seine liebe Not mit seinem Freunde Horacker gehabt hatte; und ohne die Witwe wäre die Drohung mit Böxendal doch mehrfach nicht kräftig genug gewesen, den Lumpen weiter zu bringen. Aber sie fanden die alte Frau noch auf dem Baumstumpf, . und das war am Ende doch die beste Hülfsgenossenschaft, die der Kollege auf seinem Wege nach Gansewinckel mit dem Räuber antreffen konnte. Die Alte gab ihre Tränen zur Aufmunterung im reichlichsten Maße drein, als sie sofort von der »andern Seite« zugriff. »Hätte ich uns drei, wie wir damals Arm in Arm einherstolperten, in Lebensgröße in Öl, so wärest du heute die Frau eines der berühmtesten Männer der deutschen Nation, Hedwig!« hat nachher noch oftmals der Zeichenlehrer, sein Skizzenbuch durchblätternd, geseufzt. Wahrscheinlich jedoch nur, um noch einmal die Erwiderung zu vernehmen. »Du bist mir auch so recht, Viktorchen.« – Mit Stolpern, Fallen und Aufstehen gelangten sie, wie wir nun schon wissen, an den Rand des Waldes, und der Zeichenlehrer hatte nicht ein einziges Mal Zeit gefunden, sich mit den Lokalfarben und sonstigen Dinten der Landschaft zu beschäftigen. Erst das Licht, das vom freien Felde durch die letzten Baumstämme leuchtete, entrang ihm unwillkürlich den Ausruf: »Gott, wie erquicklich!« Was dann gesprochen wurde, haben wir berichtet. Der Räuberhauptmann lag wiederum lang ausgestreckt mit der Nase auf dem Boden, die Witwe Horacker kauerte neben ihm, immerfort einen Zipfel seiner Jacke haltend, und der Zeichenlehrer Windwebel erklärte sich – nachdem er zur Erleichterung geniest hatte – bereit, voranzugehen und Seiner Ehrwürden Christian Winckler zu verkünden, daß, wie die Witwe Horacker sagte, »wir da sind«. – – – Langsamen Schrittes, erregt und stets noch über die Schulter zurückblickend nach dem zurückbleibenden Paar, stieg der Kollege vom Waldrande in den gegen das Dorf und zu der Heckentür des Pfarrgartens hinführenden Hohlweg hernieder. Aber sein Gang beflügelte sich um so mehr, als er das Holz weiter hinter sich ließ. Er hatte seinen langen Beinen am heutigen Nachmittage schon manches zugemutet; jetzo aber muteten sie ihm etwas zu, sie fingen ihm an von selber zu fliegen, und erst viel später hat er sich gefragt: »Wenn ich nur wüßte, weshalb ich damals so gelaufen bin?« Seine langen Beine liefen in der Tat mit ihm weg und sein noch viel längerer Schatten ebenso eilig ihm vorauf. »Da kommt er! Und wie ich es mir gedacht habe – solus! und als ob der Böse hinter ihm sei!« rief plötzlich der Kollege Konrektor Eckerbusch, von der Bank in der Laube emporfahrend, und alle fuhren ihm nach und mit den Köpfen in gespanntester, aufgeregtester Erwartung über die Hecke. »Er stürzt!... Da liegt er!... Nein, gottlob!... Da ist er!« Der Pfarrherr von Gansewinckel hatte seine Gartenpforte so weit als möglich auf- und dabei fast aus den Angeln gerissen; mit einem letzten, sechs Schritt weiten Satze schwang sich der neue Ankömmling, den Hut schwingend, herein: »Hurra!!!« »Was?... Hurra?...« fragte die anwesende Gesellschaft. »Hurra!« wiederholte Windwebel, und dann stürzten sie sich sämtlich auf ihn, packten ihn hier und da, zogen ihn hierhin und dorthin, während ein jeder schrie: »So laßt ihn doch! Laßt ihn doch zu Atem kommen!« Am gierigsten, ja sozusagen am giftigsten, bohrte natürlich der alte Eckerbusch auf ihn ein. Der hatte ihm seine beiden Daumen sofort in die obersten Knopflöcher der beiden Rockklappen geschoben und sich, wie es schien, auf Nimmerwiederloslassen an ihm festgekrallt. Und als ihn alle übrigen endlich freigegeben hatten, sägte er noch immer mit ihm – vorwärts und rückwärts schiebend, in die ereignisschwangere Gegenwart hinein: »Haben Sie ihn wirklich, Kollege?« »Ich habe ihn!« »Ah!« sagte das Gansewinckler Pfarrhaus. »Wo haben Sie ihn?« ächzte der Kollege Eckerbusch, und Frau Billa, von neuem ganz nahe sich andrängend und den Gastfreund am Rockflügel nehmend, rief: »Ja, das möchte ich auch wohl wissen. So lassen Sie doch aber das Schütteln, Eckerbusch!... Und Sie, lassen Sie uns nun nicht länger zappeln, Windwebel! Wo haben Sie ihn, wenn Sie ihn, wie Sie sagen, haben?« Nach Luft schnappend deutete der Zeichenlehrer mit einem seiner Daumen über die Schulter gegen den Wald hin, und sämtliche Augen folgten der Richtung. »Ah!« sprach die Gesellschaft zum zweiten Male, aber jetzo mit einem so drolligen Gemisch der verschiedenartigsten Gefühle und Empfindungen, daß es an dieser Stelle mehr als an irgendeiner andern bedauert werden muß, daß eben sämtliche Leser nicht persönlich bei der Geschichte anwesend gewesen sind. »Und darum schreien Sie so?« ächzte Frau Billa Winckler. »Hm, hm«, murmelte der Pastor loci, an seinem Käppchen rückend, und fügte lächelnd nach einigem Nachdenken hinzu: »Ei freilich, dort haben auch wir ihn in der Tat schon seit drei Wochen.« »Ne, so was!« sprach Neddermeier, der Ortsvorsteher. »Ja, so sind die Herren aus der Stadt! Aber diesen Witz hat Böxendal, unser Kantor, auch schon losgelassen, Herr Zeichenprofessor.« Was den Konrektor Eckerbusch anbetraf, so setzte der mit einem letzten Stoß den Kollegen fast in die Hecke des Gartens, ließ seinen Rockkragen mit einem letzten grimmigen Ruck los und setzte sich selber – ganz stumm. »Ich bitte dringend um etwas Anfeuchtendes. Es ist mir absolut unmöglich, mich vorher auf irgendwelche Einzelheiten einzulassen. Das Nachlaufen war gar nichts, Herr Kollege; aber das Herschleppen – ich sage Ihnen, meine Herrschaften, das hatte seine Schwierigkeiten«, sprach der Kollege Windwebel mit aller Würde eines großen, aber noch verkannten Vollbringens. »Schleift, schiebt, hebt, schleppt, zieht und zerrt ihn mir einmal gefälligst von Mäusebergs Bruch bis dort an den Rand des Urwaldes. Ohne die Beihülfe der Witwe würde augenblicklich kaum noch etwas von mir übrig sein.« Sechzehntes Kapitel Er, nämlich der liebe Windwebel, hatte sich sehr geirrt in der Wirkung seiner letzten Worte. Wenn er, bevor er sich eines weitern äußerte, stumm die trockene Zunge gezeigt haben würde, so sind wir versichert, daß wenigstens Frau Billa Winckler noch einen Rest von Interesse für ihn selber zur Verfügung gehabt hätte. So aber hatte er alle freundschaftliche und gastfreundliche Teilnahme gründlich von sich abgelenkt und einem andern zugewendet. Sie fielen nur von neuem über ihn her, aber wahrlich nicht mit den Erquickungen, die Tisch, Haus und Keller boten; – wahrlich nicht seinetwegen stürzten sie sich zum zweiten Male auf ihn, und zwar in ganz bedeutend gesteigerter Erregung: »Wie? Wo? Was?... Ne, so was!... Ist es denn möglich!... Windwebel, Sie flunkern uns nichts vor?... Sie sind gewiß, daß nicht der heiße Tag, daß kein Waldspuk dabei im Spiel ist?« »Ja, schütteln Sie mich nur; – alles, was abfällt, steht zu ihrer Verfügung«, lachte der Kollege Zeichenlehrer. »Stellen Sie mich auch auf den Kopf, wenn es gefällig ist; das Faktum bleibt doch unumstößlich stehen: Ich bin's, der's gewesen ist! Ich war es, der ihn brachte! Dort am Rande des Waldes sitzt er mit seiner Mama; und nun – laßt endlich ein verständiges Wort mit euch reden.« »Reden Sie! Reden Sie, Windwebel!« riefen der Pastor, die Frau Pastorin und der Konrektor Eckerbusch wie aus einem Munde; der Vorsteher sprach zum drittenmal: »Ne, so was!« Der Kollege Windwebel aber trocknete sich von neuem den Schweiß ab, und vergnügt von einem zum andern blickend, hielt er in der Tat eine kleine Ansprache, seltsamerweise dieselbige zum größten Teil an den Vorsteher richtend. »Lieber Neddermeier«, sagte er, »wenn mein seliger Vater sich über die Menschen, oder noch schlimmer, über einen Menschen ärgerte, so pflegte er fürchterlich zu schimpfen. Kein Wort war ihm zu hoch und keines zu tief, keines zu gut und keines zu schlecht, um seinem Ingrimm Luft zu machen. Uh, der Alte wußte mit den Injurien umzugehen; ganz Gansewinckel konnte ihm nur mit dem Kopfe zwischen den Schultern angeschlichen kommen! Und doch frage ich Sie, Vorsteher, wie schimpfte er? Ganz einfach: › Wir nichtswürdigen Bestien kommen da wieder einmal aus der Schule?! Wir verfluchtes Pack! Wir heillose Halunken! Wir abgeschmackte Narren!‹ – Das war das Schöne, daß er sich nicht ausschloß, nie ausschloß und immer mit in der Schule gewesen sein wollte. Ich aber bin meines Vaters Sohn, Herr Neddermeier. Nun bin ich aber mit dem grausamen Räuberhauptmann Horacker Arm in Arm aus der Schule und aus dem Holze gekommen, und wir (die Witwe Horacker eingeschlossen) haben uns zusammen ausgesprochen, und wir sind zu dem Resultat gelangt, daß es für uns und alle am besten sein würde, wenn man weiter kein unnötiges Aufsehen errege, vor allen Dingen keinen Lärm im Dorfe schlage, den Gemeinderat und die liebe mutwillige Jugend unsertwegen nicht nach dem Walde hinauf bemühe – kurz, wenn man uns nehme, wie wir uns jetzt in aller Freiwilligkeit gegeben haben, nämlich ganz in der Stille.« »Ohne allen Skandal«, brummte der Konrektor Eckerbusch. »Fahren Sie fort, Kollege; ich lerne Sie eben wieder einmal von einer andern Seite kennen.« »Ohne allen Skandal.« »Lieber Windwebel, darf ich Ihnen, ehe Sie weitersprechen, wirklich nicht erst eine Erquickung anbieten?« fragte die Frau Pastorin loci mit wahrhaft mütterlicher Zärtlichkeit. »Ich bitte! Also – ohne allen Skandal als ganz arme Sünder, lieber Vorsteher. Sie sind in diesem Moment und in dieser Angelegenheit der wichtigste Mann im Norddeutschen Bunde, und nur an Ihnen liegt es nun, das Beste dazu zu tun und den Hecht ans Land zu bringen, indem Sie uns Gansewinckel ganz und gar vom Halse halten und selber Ihren Hut hinlegen und sich so fest als möglich auf den Stuhl da setzen. Er hat es sich ausgebeten, daß der Herr Pastor allein kommt, um ihn zu holen. Kommt das Dorf mit, so geht er wieder ab und durch und nimmt uns mit der Angel auch die Leine mit. Ihm in den Teich nachgucken kann dann, wer will; ich für mein Teil nehme meine Puppe und gehe nach Hause.« »Darf ich dich bitten, Billa, mir meinen Hut und Stock zu holen!« sprach der Gansewinckler Pastor. »Ich bin schon auf dem Wege, Alter!« rief die Gattin, die wirklich bereits auf dem Wege war. Neddermeier brummte: »Ich sitze hier ja wohl recht gut, insoweit ich Sie verstanden und begriffen habe. Was ich mir bringen lassen kann, hole ich mir gewißlich nicht selber, Herr Zeichenpräzeptor.« Der Konrektor Eckerbusch schritt, seine Brillengläser mit dem Taschentuche putzend, zwischen den Buchsbaumeinfassungen des nächsten Gartenpfades auf und ab. Er ruminierte; – wir aber, wenn wir das lateinische Wörterbuch nachschlagen, finden daselbst: rumen der Schlund – ruminare wiederkäuen, etwas hin und her bedenken, erwägen, reiflich überlegen. Er ruminierte hörbar, bis er plötzlich mit einem Ruck die Brille wieder aufsetzte, sich weitbeinig und fest vor dem Wandergenossen aufstellte, ihn abermals an den Rockklappen faßte und mit Nachdruck sprach: »Kollege, ich gratuliere von neuem unserm Lehrerkollegio zu der an Ihnen gemachten Akquisition!« Und Kinn, Nase und bebrillte Äugelein gen Himmel richtend, setzte er, sich mit seinem Wohlgefallen an den abendlichen Zeus wendend, hinzu: »Nein, er ist ein ganz kurioser Kerl!« Vier bedächtige, verständige, wohlüberlegende Männer ließ die Frau Billa in der Gartenlaube zurück, sich selber natürlich auf dem Wege schon und noch mehr vom Eintritt in das Haus an allen Eingebungen des Augenblicks und des Gemüts überlassend. Nach seinem Hut und seinem Stock hatte sie ihr Christian ausgeschickt; sie aber wäre wahrlich kein Weib, wie unser Herrgott es will, gewesen, wenn sie sich einfach darauf beschränkt hätte, das zu holen und zu bringen, was man ihr aufgetragen hatte. Sie verlor einen Pantoffel auf der Treppenstufe der Hauspforte und nahm sich nicht die Zeit, sich nach ihm zu bücken und ihn wieder anzuziehen. Alles hatte Zeit, nur ihr Bedürfnis nicht; ihren Gefühlen Raum zu schaffen! Worte – Lärm – Skandal, Feuer im Dorf! Ei ja, da saß der Biedermann, der Vorsteher – da saß der wackere Nachbar Neddermeier ruhig genug bei den andern Herren in der Laube und wartete sogar ausnehmend phlegmatisch auf den Hut und Stock seines geistlichen Hirten. Horacker? Was sollte er, Neddermeier, sich jetzt noch viel Mühe geben, Lärm zu machen in Gansewinckel? »Horacker!« ächzte die Frau Pastorin unter der Haustür. In die Küchentür hinein rief sie nur: »Daß sich mir keines hier von der Stelle rührt; in einer Viertelstunde bringt ihn mein Mann! Wenn was kommen soll, so kommt alles über einen Haufen!« Damit war sie bereits auf der Treppe, die zu dem Oberstock des Hauses emporführte; im nächsten Augenblick griff sie in der Stube ihres Alten den Hut vom Nagel und den Stock aus dem Winkel. Es führte eine andere, noch mehr leiterartige Treppe zu den Dachkammern und Bodenräumen des alten Dorfpfarrhauses; und einen Moment bedachte sich Frau Billa, mit der Hand auf dem gebrechlichen Geländer; aber die Versuchung war zu mächtig. »Wenn sie nur noch schliefe!« flüsterte die Gute. »Am besten wäre es, wenn das dumme, närrische Ding ruhig weiterschliefe. Das Gezeter fehlte mir gerade noch.« Und schon war sie auch die zweite Treppe emporgeschlichen und öffnete so leise als möglich die Tür des Kämmerchens. Vorsichtig schob sie den Kopf hinein – »Ach du lieber Himmel!« rief sie, als sie dem aufrecht sitzenden Lottchen geradeaus in die weit offenen Augen sah. »Hab ich es mir doch gedacht! Munter wie eine Eule, wenn's Abend wird!« Es war aber auch Abend geworden. Der purpurne Strahl lebendigen Lichtes war aus der kleinen Kammer entwichen; und Lottchen Achterhang hatte schon seit längerer Zeit aufrecht auf dem Bettrande gesessen. Freund Wedekind mit seiner Begleitung war eben an Förster Rauhwedders Gedächtniskreuze vorbeigerollt, die Frau Konrektorin Eckerbusch mit ihrer Gesellschaft in der Grüngelben erreichte eben, von der Stadt her, den Rand des Waldes; und es liegt uns viel daran, in den Zeitbestimmungen möglichst genau zu sein; wie wir denn auch die Leser auffordern, uns durch eigenes Nachrechnen und Zurückblättern ein wenig zu Hülfe zu kommen. Wenn der Staatsanwalt in Gansewinckel anlangt, befindet sich Krischan Winckler eben mit Horacker und der Witwe Horacker vom Waldrande auf dem Wege dahin. Wenn die Frau Konrektorin mit dem Kollegen Neubauer und der Kollegin Windwebel ankommt, so hat er – der Arm der Gerechtigkeit – ihn – den Verbrecher – bereits beim Kragen; und die Geschichte ist, wie viele Leute sagen werden, eigentlich so ziemlich zu Ende. »Wenn ich meinen Hut haben will, meine Herren, so werde ich, wie ich glaube, ihn mir selber holen müssen, wenn ich nicht noch ziemlich lange auf ihn warten soll«, sagte der Pastor zu Gansewinckel. Der Pastor Krischan Winckler wartete auf seinen Hut, unsere Leser und Leserinnen warten auf das Ende unseres Berichtes; und – einem ruhig in den Wirrwarr der Welt und des Lebens Hineinschauenden macht seine Umgebung immer den Eindruck, als warte sie auf etwas. Und worauf wartet sie? Natürlich nur auf das Eintreten oder Hereinfallen irgendeiner, oft merkwürdig geringfügigen und nahegelegenen, aber stets unbedingt notwendigen Tatsache. Das und das, dieses und jenes nur braucht zu geschehen, sich zu ereignen, und man wird von da an in alle Ewigkeit hinein sehr vergnügt und vollkommen zufrieden mit sich und der Welt zu allem übrigen Verkehr auf Erden bereit sich finden lassen: wir aber, wir haben gefunden, daß es stets einen gewaltigen Eindruck macht, ein Menschenwesen zu finden, das nicht wartet, ja das nur den Eindruck macht, als ob es nicht auf etwas warte. Vorzüglich die Augen eines solchen ruhig gewordenen Individuums pflegen stutzig zu machen; es ist etwas drin, was auch dem gewöhnlichen. dem gleichgültigen Betrachter auffällt und ihn zwingt, seine Überraschung auszusprechen. »Mein Leben, Mädchen, wie siehst du mich an?« rief Frau Billa Winckler. Eine Antwort ließ sich schwer auf die Frage geben; die Frau Pastorin erwartete aber eine solche auch gar nicht. »Das ist Verrücktheit, einen so dumm anzustieren, Kind. Hab ich dich darum ausschlafen lassen, damit du alberne Trine mir solch ein Jüngstes-Gericht-Gesicht schneidest? Courage, Mädchen – Lottchen! Wenn du wieder auf den Beinen bist, so komme herunter in die Küche; ein ordentliches Abendessen wird dir besser als alles andere tun. Was den albernen Jungen, den Cord – deinen Schlingel, den Horacker, angeht, so hat der wahrscheinlich sofort deine Ankunft in Gansewinckel gerochen. Droben an der Waldecke sitzt er und ziert sich nur noch ein bißchen, noch weiter herunter zu kommen. Seit die Jungfer Schnelle meinen Alten zum letzten Trost rufen ließ, als ihr der Doktor ein Lavement verordnet hatte, ist so was nicht dagewesen. Mädchen – der Herr Pastor möchte persönlich kommen und ihn holen, hat er hersagen lassen, und drunten in der Laube wartet mein Alter auf seinen Stock und seinen Hut. Meiner Meinung nach genügte der Stock allein; ich würde mit demselbigen hinter dem Rücken ganz einfach geduldig, still und ruhig meine Zeit an der Gartentür abpassen.« »Billa, wo bleibst du denn?« rief in diesem Moment die außergewöhnlich ungeduldige Stimme des sonst so geduldigen guten Hirten. »Hier!... Im Augenblick!« rief die Hirtin zurück, und in aller Eile trippelte sie die Treppen wieder abwärts, ohne sich danach umzusehen, in welcher Verfassung sie, aller ihrer Gutmütigkeit zum Trotz, ihren Schützling auf dem Bettrande zurückließ. Glücklicherweise hatte auch der Pastor Christian keine Ahnung hiervon, als er so schnell, wie es ihm die Jahre erlaubten, auf dem Feldwege dem Walde zustieg. Die beiden Augen, die vorhin auf nichts mehr warteten, hatten sich jetzt für eine geraume Zeit ganz geschlossen. Siebenzehntes Kapitel Nun fängt die Idylle mehr als an irgendeiner andern Stelle an, einem wirklich schönen Buche zu gleichen. Ein solches muß nämlich so geschrieben sein, daß ihm weder eine Handvoll Druckfehler noch eine miserable Ausstattung noch alberne Reklamen und dumme Kritiken etwas anhaben können. Aus allem Wust und Unsinn, aus der Welt Verständnislosigkeit, aus allem umdrängenden Wirrwarr von Haß, Neid, Ärger und Zorn taucht es immer von neuem auf, freudig und unbefangen, und – nun sehe einmal einer Gansewinckel daliegen! Sieht es nicht noch immer aus wie eine Idylle? Bleibt es nicht ein holdselig Ding trotz allem, was wir daraus und darüber zu berichten hatten? Welche Leidenschaft kam nicht zu ihrem bösen Rechte, den Nachmittag über? Von welcher Schandtat war im Laufe der holden, lächelnden Stunden nicht die Rede, und welche von den vielleicht doch von uns übersehenen traute sich das diesen Erdenwinkel bewohnende Menschenvölklein nicht selber zu? Haben wir etwa nicht von Vergewaltigung, Raub und Mord vernommen? Summte es nicht von Eifersucht und Liebesgram durch das Vögelgezwitscher? Sahen wir das gelbe Auge der Schadenfreude nicht durch das Blättergrün flimmern? Streckte nicht selbst die Vergangenheit aus vermoderten Pergamenten ihre hagern, staubigen Tatzen hervor und griff, Ärgernis, Böswilligkeit von Haus zu Haus schaffend, in die liebliche Sommerwitterung hinein. Wurde nicht fast zuviel Hunger und Herzeleid auf einem langen Wege von »hinter Berlin her« erduldet, und – wurde nicht zwischen dem allen durch an der Sechsundsechsiade gedichtet, und zwar von dem Kollegen Oberlehrer Dr. Neubauer? Fast zu viele Fermente in dem episch-tragischen Sude, zu viele Errata in der Idylle, und doch, doch, welch eine Idylle! Welch ein wolkenloser Äther über der Welt Kribbelkrabbel; und hier und da durch ein Herz welch ein kühl und friedlich Wehen aus einer ganz merkwürdig andern Welt ohne Errata, Reklamen und Kritik! »Wie konstruieren Sie die Verba der Affekte und Affektsäußerungen: gaudeo, deiector, admiror, glorior, gratulor und gratias ago, Windwebel?« fragte der Konrektor »träumerisch«, und Windwebel erwiderte lachend: »Da fragen Sie mich zuviel.« »Sequens! Weißt du es noch, Winckler?« Und der Pastor von Gansewinckel sprach gleichfalls lächelnd: »Mit quod, wenn ich nicht irre, Eckerbusch. »Oder dem Akkusativ cum infinitivo. Leute, welch ein wundervoller Abend! Zu Käse mit Zucker möchte man werden, wenn man sich genau überlegt, daß man sich da hinsetzt und seine Schulhefte korrigiert, das Universum rundum voll von Schnitzern und Schönheit! Übergeschnappt? Nein, nur außergewöhnlich bewegt und seelenvergnügt! Sie schieben das natürlich auf Ihre Landluft, Vorsteher, obgleich Sie so gut als ich wissen, daß der weise Seneka in einer seiner Episteln sagt: Ideo peccamus, quia de partibus vitae omnes deliberamus, de tota nemo deliberat.« »Ich schiebe nichts auf nichts, Herr Konrektor«, sprach Neddermeier. »Und was die Episteln angeht, so kenne ich die nur von unserm Kantor, unserm Herrn Pastor in und aus dem Neuen Testamente her. Fragen Sie mich ganz ruhig deutsch, wenn Sie wollen, daß ich auf Ihr Lateinisches antworten soll.« »Deshalb fehlen wir, weil wir über des Lebens Einzelheiten alle uns den Kopf zerbrechen, um das Ganze aber niemand sich kümmert«, sprach der Kollege Eckerbusch. »Soll das etwa ein Stich auf mich als Ortsvorsteher hier im Dorfe sein?« fragte Neddermeier. »Bewahre! Nur auf mich hat es der heimtückische Heide Lucius Annäus gemünzt. Sehen Sie nur, wie der Pastor da lacht. O, der hat gut lachen.« Die Sonne war hinter den Wald hinabgesunken; aber die süße Helle des Sommerabends blieb noch eine Weile in der Luft hängen. Der Staatsanwalt Wedekind und das arme kleine Mädchen, die Frau Hedwig Windwebel, rollten Gansewinckel zu; aber Krischan Winckler bekam zuletzt doch seinen Hut und Stock, und zwar mit den Worten: »So! Jetzt geh mit Gott, Alter; und laß uns nicht zu lange warten. Es wird wirklich Zeit, daß der Komödie ein Ende gemacht wird. Dem Lottchen habe ich bereits angedeutet, daß du nun die Sache in die Hand genommen hast, Winckler.« Dieses letzte Wort hätte den guten Mann beinahe doch noch für eine Weile aufgehalten; aber nach einem bedenklichen Blick auf seine Frau und einem zweiten Blick zu dem kleinen Fenster unter dem Dache empor schritt er ohne weiteres Abschiednehmen rasch aus der Gartentür. »So deutlich als heute habe ich in meinem ganzen Dasein noch nicht zu merken gekriegt, wie kahl und jämmerlich mancher Fleck auf Erden aussehen würde, wenn kein Unkraut darauf wüchse, Kollege«, sprach der Konrektor zu dem Zeichenlehrer gewendet. »Grün bleibt doch immer grün! Nun guck einer, wie er dahinstiefelt auf dem Feldwege. Ich bin fest überzeugt, es gibt in Gansewinckel kein braves Gartengemüse, kein solides Feldgewächs, was ihm in diesem Momente solch ein wehmütig Pläsier macht als dieses nichtsnutzige Zeug, das ihm zwischen seinem Kohl und seinen Rüben aufwucherte. Der Satan hat es ihm dazwischengesäet, Neddermeier? Sagen Sie ihm das einmal! Ich lasse meinen Kopf drauf, er dient Ihnen mit dem graden Gegenteil und bedankt sich bei seinem Herrgott für das Vergnügen, und – bei den unsterblichen Göttern, ich auch! Und der Teufel bleibe hier still sitzen! Lieber drei Tage Karzer! Holla, Winckler!« Schrie's, griff seinerseits von neuem nach Hut und Stock, die er sich glücklicherweise nicht holen zu lassen brauchte, und stiefelte dem greisen Freunde nach. »Natürlich!« sprach Frau Billa. »Mir soll keiner behaupten, daß ich nicht schon lange darauf gewartet habe!« Wir aber, warten wir nun mit ihr, dem Vorsteher und dem Kollegen Windwebel ruhig in der Laube auf die Ankunft des Staatsanwalts, oder gehen wir mit dem Pastor und dem Konrektor Eckerbusch? De tota vita deliberamus! Wir gehen mit dem Herrn Konrektor und dem Pastor. »Holla, Winckler!« rief der Konrektor. »Bei besserer Überlegung bin ich in diesem Falle gegen Trennung von Kirche und Schule, wie auch sonst meine Meinung darüber sein mag. Da bin ich und gehe mit dir. Weshalb auch nicht?« »Wenn Horacker keine Einwendungen dagegen erhebt«, sagte der Pfarrherr lächelnd, den eiligen kurzbeinigen Freund erwartend und ihm dann den Arm bietend. »Ich nehme, wie du weißt, mein Lieber, auf allen Wegen deine Begleitung mit Vergnügen an.« »Und wir sind schon im Laufe der Jahre auf manchem Wege zusammen Arm in Arm gewandelt, Christian, du zwar meistens als Mentor und ich als Telemach, aber dann und wann doch auch umgekehrt. Wie hättest du es ohne mich so lange in Gansewinckel und ich es ohne dich ebenso lange da in dem verfluchten Nest hinterm Walde ausgehalten!« »Wir haben einander freilich dann und wann in allerlei Not und Ungemach beigestanden, Werner.« »Und weißt du, was das Schönste dabei ist, alter Bursch?« »Nun?« fragte der Pastor einigermaßen erwartungsvoll. »Daß man keinem von beiden die erlittenen Drangsale ansieht.« »Glaubst du?« fragte der Pastor sehr zweifelhaft. »Ich glaube es nicht bloß, ich weiß es ganz gewiß. Übrigens geht kaum eine Woche vorüber, ohne daß jemand mir sein Vergnügen an meinem muntern Äußern und Innern in der schmeichelhaftesten Weise kundgibt. Wir sind jung geblieben; – ich versichere dich, Krischan Winckler, wir sind jung geblieben, der Vergänglichkeit aller Dinge, unsere Weiber nicht ausgeschlossen, zum Trotz!« »Und wieviel von dieser merkwürdigen Jugend kommt auf die Rechnung unserer guten Frauen, mein Lieber?« »Nun sieh einmal; daran hab ich noch nicht einmal gedacht!« sprach der Kollege Eckerbusch, auf der Stelle stehenbleibend und nachdenklich die Hände vor dem Unterleibe übereinanderlegend. »Vivat die Proceleusmatica!« »Du gibst mir doch recht, lieber Freund?« »Selbstverständlich! Erst gestern noch hab ich die Liebliche vorgekriegt und sie auf allerlei, was ihr am Jüngsten Gericht passieren kann als Fleisch von meinem Fleische, aufmerksam gemacht.« »Zum Exempel?« »Zum Exempel habe ich ihr gesagt: ›Denke an deinen Tod, Ida. Denke daran, daß es eine ewige Gerechtigkeit gibt. Hast du wohl schon darüber nachgedacht, was du antworten wirst, wenn dich dermaleinst unser Herrgott fragt: ›Nun, Ida Eckerbusch, geborene Weniger, wie hast du denn das Glück benutzt, daß ich dir so einen fidelen Menschen zum Manne gab?‹« »Und was hat sie dir geantwortet, Werner Eckerbusch?« »Uh, die Alte!« stöhnte der Konrektor. »Ging sie hin, um in der Stille über die Frage nachzudenken?« »Nachdem sie die Tür hinter sich zugeschlagen hatte? Nein, diesmal nicht. Sie wurde ganz ruhig grob, hielt mir den Finger unter die Nase und erwiderte: ›Bitte, mein Kind, guck mal!‹ – ›Na?‹ sage ich. – ›Ja‹, sagt sie und macht mir den Eindruck, als ob ich Klotho, Lachesis und Atropos, alle drei Parzen zugleich, in ihrer Person zum Traualtar geführt habe, – ›ja, Eckerbusch, betrachte einmal, wie ich mir so peu à peu im Laufe der Zeit den Trauring weggearbeitet habe, bloß damit du ganz ungestört deinen Narrheiten nachlaufen und mich und dich zum Hanswurst machen konntest‹.« »Vortrefflich!« rief der Pfarrer von Gansewinckel, seinerseits stehenbleibend. »Wenigstens gut gegeben. Jaja, Christian, wir haben uns nicht ohne genügende Gründe auf unsere Liebhabereien – ich mich auf die Witterungskunde und du dich auf den Christian Fürchtegott Gellert gelegt. Den auch sonst ganz unzuverlässigen Wetterkerl in Haparanda konnte ich nun augenblicklich nicht zu Hülfe rufen; aber glücklicherweise klopfte eben der Kollege Neubauer an, und so rief ich eilig ›Herein!‹ und half mir dadurch aus der Verlegenheit, daß ich dem idealen Knaben alles mögliche ästhetische, gefühlige, literarische Prozellan an den Kopf warf und um die Ohren fliegen ließ.« »Und als er sich wieder empfohlen hatte, Werner?« »Empfahl ich mich selbstverständlich ebenfalls so rasch als möglich und ging ab zum Kegeln. Offen gestanden aber, preiswürdig schob ich diesmal nicht, und mehr als ein Sandhase und Pudel kam auf die Rechnung des närrischen Weibsbildes zu Hause.« »Und als du wieder nach Hause kamest?« »O, da hatte ich alle Taschen so voll Stadtklatsch und Horackerhistorien, daß von unsern Privataffären nicht mehr die Rede war.« Horackerhistorien! Das Wort führte sie eine Weile lang wieder in einem raschern Tempo dem Walde zu, und zwar nachdenklich stumm, bis Winckler mit einem Male sagte: »In der Stadt geht es noch an; aber was würde aus mir hier in Gansewinckel ohne meine Billa geworden sein? Es sind da fast zu viele Bedingungen, die ich mit in den Kauf nehmen muß, um mein Leben nur dann und wann für mich zu haben. Müßte ich mit allen einzelnen Widerwärtigkeiten zu rechnen anfangen, so wäre ich von Grund aus verloren, selbst mit dem Professor Gellert in der Tasche. Was für ein Glück ist das nun, daß der eine Mensch da mit Behagen in seinem Elemente plätschert, wo dem andern sofort der Atem entgeht! Ohne eine Tribulation von außen her hält es meine gute Billa höchstens eine Woche lang aus. In der zweiten Woche erscheint sie unbedingt mit einem Tuche um die Stirn und leidet an nervösem Kopfweh; jedoch meistens nur bis spätestens zum Mittwoch, denn bis dahin hat sich gewöhnlich gefunden, was uns fehlte; wir wissen wieder, daß wir noch einmal irgend etwas auszufechten haben auf Erden; das weiße Tuch verschwindet, und die Kriegsfahne weht jedenfalls bis zum Sonnabend, wo ich meine Predigt mache und es bis jetzt, Gott sei Dank, noch immer still im Hause gewesen ist. – Ach ja, lieber Eckerbusch, so spukt uns immer und immer gegen unsern besten Willen in das Wichtige das Unwichtigere, das Gleichgültige hinein. Nun nimm einmal wieder diese vertrackte Gratulations- und Vierzeitengeldergeschichte! Hier gehen wir, um diesen bejammernswerten Cord Horacker in die Zivilisation zurückzuholen; das ganze Herz ist mir voll von diesem so eigenartigen Menschenelend, und doch – doch werde ich die Frage nicht los: auf welche Weise werden wir mit dieser Dummheit fertig werden, wie werden wir uns aus diesem neuen, lächerlich erbärmlichen Dorngestrüpp loswickeln? Hier gehen wir, eine der vielen gewaltigen Erdentragödien nach besten schwachen Kräften abzuwickeln, und mit wahrer Angst denke ich fortwährend daran: jetzt sitzt sie nun wieder da unten in der Laube dem Neddermeier gegenüber. Ach, Werner, wir tragen eben den Frieden wie ein Gewand –« »An dem wir vorn flicken, während es hinten entzweireißt. Ich kenne deine Schlafröcke, Christianus! Du sitzest sie durch, und Billa setzt die Flecken dann und wann nebenzu. Ei wohl, es ist ein kurios Ding um den Frieden in diesem irdischen Jammertale. Der Stoff hält sich eben nicht. Ich für meine Person trage ihn in den muntersten, buntesten Mustern; aber die Wattierung kommt mir wahrhaftig auch nicht bloß an den Ellenbogen zum Vorschein. Ja, die Wattierung! Die Bilder und Vergleiche drängen sich da, und wir wollen lieber abbrechen, Krischan, ohne den Kultus und das Konsistorium in die Schneiderei hereinzuziehen. Was nun aber deinen jetzigen Krakeel mit deiner frommen Gemeinde angeht, so kannst du dich immer noch glücklich schätzen, daß du mich nicht als Vollköter oder Kotsassen unter deinen Lämmern mitzuzählen hast. Du solltest mir schon, wie Mose zu dem Herrn, um der Frösche willen schreien. Diese Geschichte paßt mir ganz und gar in meine Humore, und der Kollege Böxendal würde jedenfalls vor einem Kenner seinen Neujahrsgesang anstimmen. Da steh ich ganz auf der Seite des Vorstehers und deiner Bauern. O, ihr solltet mir schon kommen, ihr solltet mir wahrlich nicht die Parochialgebühren ohne die von den Altvordern stipulierte geistige und künstlerische Gegenleistung schlucken, das versichere ich dich.« »Ist durchaus nicht nötig, Eckerbusch«, sprach der Pfarrherr von Gansewinckel, dem Begleiter auf die Schulter klopfend. »Da brauche ich deine weitere Versicherung nicht; ich würde wahrlich deine Stimme laut genug im Sumpfchor durchhören. Sehr grün und breitmäulig würdest du mir aus dem Schilfe vorgucken; und um dich zum Unterducken zu bewegen, würde Billa freilich wohl an Ida schreiben müssen. Aber da sind wir am Walde angelangt; – brechen wir ab von dieser Verdrießlichkeit. Da kommt die Witwe hergehinkt; – o Werner, was sollte ich nun diesem Horacker gegenüber beginnen, wenn mir nicht mein Weib, meine Billa, das Lottchen zu einem so braven Mädchen herangezogen hätte?!« Der Pastor von Gansewinckel hatte da eine nachdenkliche und verfängliche Frage gestellt; der Konrektor aber gelangte nicht einmal zum kürzesten Besinnen auf eine Antwort; denn die Witwe Horacker hinkte sehr rasch herbei, tränenüberströmt, schluchzend, winselnd. »Herr Pastor! Herr Pastor! Da ist er!... O guten Abend, Herr Pastor! Haben Sie uns wirklich und wahrhaftig auch diese Güte angetan und sind herausgekommen? Da liegt er, wie er's dem andern guten Herrn versprochen hat, und will alles über sich ergehen lassen. Was sagen Sie nun?« »Was ist mir Hekuba?« murmelte der Konrektor, der etwas sagen mußte . »Um Gottes willen, beruhigen Sie sich – beruhigen Sie sich nur, alte Dame! Alles läuft ja noch gut aus!... Da frage noch mal einer, was hier Hekuba ist, wenn so was in dieser Welt herumläuft!« Der Gansewinckler Pastor, der von der Witwe gefragt worden war, erwiderte nichts; er nahm nur sanft ihre Hand und trat mit ihr unter die ersten Bäume des Waldes zurück. »Cord!... Cordchen!« kreischte die Witwe Horacker, und der zu Kreuze kriechende, zu Kreuze gekrochene arme Sünder wimmerte: »Hier!« »Da bist du freilich, Cord«, sprach der Pastor, »und das Herz blutet mir, wenn ich dich ansehe.« »Piget, pudet, poenitet, taedet atque miseret«, brummte der Konrektor, den Oberkörper hin und her wiegend. »Ein nettes Durcheinander von Gefühlserregungen! Alles mit dem Akkusativ der affizierten Person! O du lieber Gott!« Die erste Fledermaus flatterte durch das Abendgrau; Horacker erhob sich aus dem Grase auf die Kniee und streckte die abgemagerten Arme aus: »Der lustige Herr hat's Ihnen richtig bestellt, daß mir nun alles einerlei ist vor Hunger und Elend? Ich bedanke mich, daß Sie ihm geglaubt haben, Herr Pastor, und herausgekommen sind ohne die Bauern. Da steht die Mutter und heult! Nun sagen Sie mir nur alles auf einmal raus! Die ganze Welt kann nun auch auf mich losschlagen – meinetwegen. Aus Pläsier bin ich kein schlechter Kerl geworden; aber da ich es nun einmal geworden bin, so will ich es auch sein!... Verflucht soll –« Der Pastor von Gansewinckel hatte den einen der hagern Arme seines Gansewinckler verlorenen Sohnes am Handgelenk gepackt. »Cord Horacker!« rief er, und die ruchlose Kreatur hob den andern Ellbogen über den Kopf, als ob nun wirklich der Schlag erfolgen werde, der ihr ein verdientes Ende mache. Aber der Schlag erfolgte nicht. Krischan Winckler nahm seinen Stab unter den Arm, klopfte dem Sünder auf die Schulter und sagte: »Weshalb du dich an mich gewendet hast, wirst du wissen, mein armer Junge. Wir gehen ruhig zusammen in das Dorf hinunter, du, der Herr da, die Mutter und ich. Den Herrn da kennst du bereits, mich auch. Wer soll verflucht sein, Cord Horacker? Die ganze Welt? Zu der gehöre ich auch als ein alter Mann, der gekommen ist, um mit dir zu reden wie ein guter Kamerad zu dem andern – wie ein Vater zu seinem Sohne –« »Zu seinem Schlingel von Sohne!« murmelte der Konrektor Eckerbusch. »Als ob ich diesen Ton nicht kennte und nicht wüßte, was er nützt! Aber nur zu; – ich komme mir ganz doppelt vor: stehe vor den Bänken und rede dem Jungen ins Gewissen, und – sitze mit dem Räuberhauptmann hier auf der Bank und lasse mich in aller Zerknirschung rühren und herumkriegen.« »Nun komm, Cord Horacker«, sagte der Pfarrherr, lächelnd sich überlegend, daß er noch nie so deutlich wie jetzt empfunden habe, welch ein schlechter Redner er sei, und daß sicherlich die Schuld an ihm selber liegen müsse, wenn seine Pfarrkinder ihn so häufig in einer leeren Kirche predigen ließen. »Komm, mein Kind, wir wollen dir wo möglich ohne überflüssige Worte aus der Not und dem Elend, aus dem Walde auf den gebahnten Weg helfen. Es wird Dämmerung; da unten zünden sie nun bald die Lichter an. Sieh noch einmal zurück, und dann laß uns wieder zu den Menschen gehen, wie sie sind; es ist am besten so. Das Dorf kocht seine Abendsuppe und lauert dir nicht auf. Da sitzt meine Frau und der Herr Zeichenlehrer Windwebel –« »Und der Vorsteher Neddermeier und Jungfer Lotte Achterhang«, rief der Kollege Eckerbusch; und Horacker der Räuber klammerte sich an den Arm Christian Wincklers. »O du mein Gott, das Lottchen?!« rief die Witwe Horacker. »Sie ist ihrer Herrschaft deinetwegen fortgelaufen«, schnarrte Eckerbusch. »Wenn du wieder ein anständiger, ordentlicher Mensch geworden bist, so sollst du das Recht haben, dich bei ihr dafür zu bedanken. Allons, nach Hause! Wie ich für mein Teil heute noch nach Hause kommen werde, das mögen die Götter wissen.« »Mutter, Mutter, hört Sie denn dieses?« schluchzte Cord. »Ja, mein Junge.« »Ist es denn wahr, gewißlich wahr, Herr Pastor?« »Es ist wahr, ihr ganz heillosen Vagabunden! Sie hat uns sehr in Verwunderung gesetzt. Ich aber hoffe, daß du als ein braver alter Mann sterben wirst, nachdem du ein langes gutes Leben durch Zeit gehabt hast, dem närrischen Mädchen das Leben leicht und die Wege eben und sanft zu machen.« Nun stiegen sie gottlob wirklich endlich abwärts durch die Felder voll zirpender Heimchen. Der Rauch stieg gradauf empor aus den Schornsteinen des Dorfes Gansewinckel, und es roch angenehm nach allerhand angenehmen Dingen. Der Kollege Eckerbusch sog zu verschiedenen Malen den Duft mit großem Vergnügen ein. – Achtzehntes Kapitel »Die Schuhe trägst du mir auf der Stelle aus dem Hause und wirfst sie in den Dorfbach zu dem übrigen abgelegten Lederzeug der Gemeinde. Es ist zwar bald genug der alten Stiefel und Topfscherben, und ich habe mich auch manch liebes Mal drüber geärgert, wenn ich drüber wegmuß; aber diese unglückseligen Lederfetzen mag ich selbst bei unserm Kehricht nicht wissen. Du schaffst sie mir auf der Stelle aus dem Hause in den Bach; drei Tage lang bleibt mir das arme Geschöpf ja doch still im Bett.« Also hatte Frau Billa Winckler ungefähr eine Stunde nach der Ankunft Lottchen Achterhangs zu ihrer jetzigen Magd gesprochen, und selbstverständlich war ihr Gebot ausgeführt worden. Die beiden Schuhe, das heißt die kläglichen Reste davon, – die beiden Schuhe, in denen das »arme Geschöpf« seinen weiten Weg zurückgelegt hatte, lagen längst in der Dorfgasse im Dorfbach bei den andern abgelegten Fußbekleidungen von Gansewinckel; und noch nie, selbst in keiner Zeit auf dem Wege von hinter Berlin her, hatte das Kind in dem Dachkämmerchen ein Paar Schuhe – seine Schuhe, ja auch diese beiden Schuhe in seinen Gedanken so nötig gehabt wie jetzt. Über ein Schlachtfeld nach einem Gaul zu rufen und ein Königreich dafür zu bieten, klingt wohl tragischer, ist es jedoch unter Umständen für den in eigener Tragödie auf der Lebensbühne Auftretenden keineswegs. Ein Königreich für ein Pferd – die ganze Welt für ein paar Schuhe! – Wir wissen, daß die frühere Magd des Pfarrhauses unter dem Eindruck der atemlosen Benachrichtigung von dem Bevorstehenden die Augen fest geschlossen hatte, daß die Frau Pastorin aber mit derselben Eile das Kämmerchen verlassen hatte, wie sie es betrat. Die zwei Freunde Winckler und Eckerbusch wandelten längst in der beschriebenen Weise und unter dem gleichfalls mitgeteilten anmutigen Gespräch zum Holze hinauf, ehe sich Lottchen Achterhang wieder auf die Erde und ihre Angelegenheiten besann: »Sie bringen ihn!« – – Da saß sie aufrecht, und ihre Augen waren nun von neuem weit geöffnet; aber die erstaunliche Ruhe des Nichtwartens war wahrlich nicht mehr in ihnen. Mit zitternden, tastenden Händen griff das Mädchen nach den Kleidern, die ihr aus der Garderobe der weiblichen Bewohnerschaft des Hauses zusammengesucht worden waren. Sie stand schwankend und schwindelnd auf den Füßen; jedoch ohne die geringste Müdigkeit und Schwäche in den armen, doch so übermüdeten Gliedmaßen. »Sie bringen ihn!«... Sie bringen ihn!... Sie murmelte das Wort immerfort, während sie sich mit bebendem Herzen und zitternder Hand ankleidete; und wer von uns hat sich nicht schon in diesem Worte ganz und gar zum Volke gezählt und sich nicht mitten unter dem Volke wie die andern auf die Zehen gestellt: »Jetzt bringen sie ihn!« Wann hat der Ruf in Wut oder Hohn, in Liebe oder Haß, im Scherz oder Ernst je seine Wirkung auf die Masse und den einzelnen verfehlt? Wer ist nicht schon mit ganzer Seele und mit ganzem Gemüte irgendwie und irgendwo dabeigewesen, wenn – sie ihn endlich brachten?! Selbst auf der Schaubühne verfehlt der Moment, im Trauerspiel wie in der Posse, auch in dem schlechtesten Stück selten seine Wirkung auf das Publikum vom Parkett bis zu der höchsten Galerie; aber jede wirkliche Haustür und Straßenecke, jeder Kirchhof, jeder Markt und jede Gerichtsstätte bieten freilich ein ganz anderes Theatrum für diesen lauten Ruf, dies Geflüster: »Jetzt bringen sie ihn!« Es duldet einen kaum dabei auf dem Stuhl, an der Hobelbank, dem Küchenherd oder dem Schreibtisch. Der weise Sokrates ging immer hin, wenn sie jemand brachten; Kant legte sofort die Feder nieder und trat ans Fenster; der Schreiber dieses reckt stets bei der Gelegenheit den Hals so lang als möglich über die Köpfe der vor ihm Stehenden empor; – Lottchen Achterhang in dem ganz speziellen Fall kümmerte sich nicht um ihre fehlenden Schuhe, fühlte ihre wunden Füße gar nicht auf der steilen Treppe, als sie, mit beiden Händen an den Ohren, hinabschlüpfte, um auch – dabeizusein, wenn – sie ihn brachten. Von niemand im Hause wurden ihre leisen Fußtritte vernommen. Unentdeckt gelangte sie über die Hausflur, und so stand sie denn plötzlich (»wie ein Gespenst!« meinte nachher die Frau Pfarrerin) in der Laube vor den beiden Herren, dem Vorsteher Neddermeier und dem Zeichenlehrer Windwebel, entlockte der Frau Billa ein leises Gekreisch und weinte und brachte nur sehr unverständlich mit größester Mühe die Worte heraus: »O bitte, bitte, lassen Sie mich dabeisein, wenn er gebracht wird! O bitte, bitte, bitte. Ich komme um, wenn ich nicht dabeisein darf.« »O mein Leben, welch ein Aufzug! Aber Lottchen?« rief die Frau Pastorin, sobald sie sich zum notdürftigsten ob der unvermuteten, und doch nur allein durch sie selber herbeschworenen Erscheinung gefaßt hatte. »Mädchen, wie siehst du aus? Wie kannst du mir so unter die Leute gehen? Das ist ja ein Elend, daß wir keinen Spiegel da oben in der Kammer haben! Das ist ja schlimmer als ein Schuhu! Auf der Stelle packst du dich wieder ins Haus und kriechst ins Bett. Lachen Sie nicht, Neddermeier, das rate ich ihnen, und wenn Sie tausendmal meinen Kleiderschrank da auf einer Vogelscheuche wiedererkennen! Liebster Herr Windwebel, ich bitte Sie um Gottes willen!« Der Vorsteher rieb sich mit den Handknöcheln die Nase und lachte wirklich nur, wie er in der Gegenwart und auf das Wort seiner Seelenhirtin zu lachen wagte, das heißt, er grinste ausnehmend. Es war wiederum der ungebändigt laut auflachende Kollege Windwebel, der die richtige Lösung für die trostlose Situation fand. »Das also ist das Kind – der Schatz – die Jungfer Lotte Achterhang?« rief er, stufenweise aus der größesten Heiterkeit in den größesten Ernst übergehend. »Das ist das berühmte Lottchen? Nun, dann paßt es ganz zu meinem Freund und Fang in der Wildnis, und mir – ist es schön genug ausstaffiert! Nein, Schatz, mein Herz, mein gutes Mädchen, du bist natürlich die Hauptperson, und unter allen Umständen – dabei! Kein anderer hat hier ein größer Recht dazu, und die Frau Pastorin hat auch gar nichts dagegen, daß du dabei bist, wenn er mit dem Herrn Pastor kommt. Gebracht aber wird er nicht, Lottchen; da ich auf das Vergnügen verzichtet habe, ihn zu bringen. Geholt wird er, und zwar vom Herrn Pastor; und nun gucke du nur dreist mit uns über die Hecke. Wer weiß, Neddermeier, wann sie uns einmal in irgendeiner Weise bringen? Mir würde es unbedingt ein Trost sein, wenn Hedwig dann dabei wäre, liebe Frau Billa.« »So will ich dir wenigstens ein Paar alte Pantoffeln holen, Mädchen«, rief die Pfarrherrin von Gansewinckel. »Das muß wohl mein Schicksal sein, Lotte! Du weißt, es ist nicht das erstemal, daß du mir barfüßig vor die Nase läufst. Auf meinem Kleiderschrank stehen ein Paar abgelegte von meinem Manne.« »Na jetzt aber Vivat! Da kommt, mein Seel, der Triumphzug richtig her vom Gehölze!« rief der Vorsteher nach der Höhe des Feldweges deutend. »Der Herr Konrektor vorauf mit der Fahne – ja, so gehört es sich für diese Gelegenheit! Soll ich nun vielleicht auch noch die Illumination im Dorfe ansagen?« Und der abgelegten Pantoffeln des guten Christians wurde fürs erste nicht weiter gedacht. Auf der Höhe des Feldes tauchte der Kollege Eckerbusch zuerst auf; und was der Vorsteher eine Triumphfahne nannte, das war nur der Hut, den der Kollege hoch in der Luft auf dem Knopfe seines Stockes als ein Signal des letzten, vollständigen Gelingens der Expedition trug. Hinter dem Konrektor schritt der Pastor, den Sünder Horacker am Arm führend, und den Beschluß des Zuges machte die Witwe Horacker. Scharf zeichneten sich die vier Gestalten auf dem graublauen, nach jener Weltgegend hin ruhig klaren Abendhimmel ab. Auch der Kollege Windwebel schwang wieder einmal seinen Hut in die Luft: »Hurra!« »Nun sage mir einer, was ich sagen soll!« sprach die Frau Pastorin, gänzlich willenlos sich an die fernern Ereignisse hingebend. »Ich nenne es doch und dessenungeachtet einen greulichen Umstand«, brummte Neddermeier; und Lottchen Achterhang – ging wiederum durch, und zwar mit einer Hast, als ob der lange böse Weg von »hinter Berlin her« nicht bereits hinter ihr liege. »Lassen Sie sie – bitte!« rief Windwebel, die Hand fassend, mit der Frau Billa Winckler nach dem flatternden Rock des Mädchens greifen wollte. Auf dem Feldwege hatte auch der Pastor seinen Gemeindetaugenichts freigelassen und war mit dem Konrektor stehengeblieben, während Cord lief. Die Witwe Horacker setzte sich auf einen Ackergrenzstein und nahm den Kopf zwischen die Hände; – solch eine alte, durchs ganze Leben einem eingedrückte und angequälte Gewöhnung wird man eben so leicht nicht wieder los, und die durchgreifendsten Menschenerzieher und Moralisten erziehen und moralisieren da oft ganz und gar vergeblich an sich selber. Und es ist doch ein zart und schön Wesen um die Flamme und das Licht in dieser Welt von Lehm und Ton! Fünf Minuten ließen sie allesamt dem Vagabundenpaar Zeit, um sich zu grüßen; und es sind wenige Kunstwerke auf der Erde vorhanden, die sich mit dem Lächeln, mit welchem der alte Winckler und der alte Eckerbusch dem Dinge zusahen, vergleichen lassen; wir aber beschreiben es nur, wie uns die Feder in die Hand hineingewachsen ist: »O – du!« schluchzte Lottchen Achterhang. »Ja, siehst du wohl – o du?!« heulte Horacker, der Räuberhauptmann; und dann schienen sie vollständig fertig zu sein; uns aber überkommt das bedenkliche Gefühl, als hätten wir im Laufe der Zeiten viel Worte unnütz an manch einem Orte verloren. Ja, seht ihr?!... Unser einziger Trost ist jetzt, daß alle Vorsicht und Fürsorge nichts geholfen hat, daß das ganze Dorf plötzlich doch weiß, daß Horacker wieder da ist, und daß wir mit unsern Privatgefühlen uns unbeachtet unter den Gefühlen der Menge verlieren können. Wer aber war es, der Gansewinckel nun doch aus der Feierabendruhe durch den Ruf auf die Beine brachte: »Sie haben ihn! Sie bringen ihn! Sie haben Horacker, Horacker ist wieder da!« Niemand hätte natürlich bei etwaiger spätern Nachfrage eine Auskunft zu geben gewußt. Ein Schlag in den Sumpf bringt mit einem Male sämtliche Frösche zum Schweigen; ein Steinwurf nach dem Düngerhaufen alle Spatzen zum lautkreischenden Aufflattern. Es kam sozusagen alles in Gansewinckel wieder auf die Füße, und zwar mit den Menschen das Vieh! Aus den Häusern stürzte alt und jung; sämtliche Hunde der Gemeinde waren wie außer sich, in den Ställen brüllte das Rindvieh; die müdesten Ackergäule erhoben die Köpfe. Gänse und Enten zischten und schnatterten, und ein jeglicher Bauerhahn führte seine bereits zu Bett gegangenen Damen wieder die Hühnerstiege hinunter, um gleichfalls an der allgemeinen Aufregung teilzunehmen und zu erkunden, was denn eigentlich vorgefallen sei. »Juchhe, er ist da! Und daß das Lottchen Achterhang, die Musterprinzessin, noch obendrein und ganz von freien Stücken hergelaufen gekommen ist, das ist das allerschönste!... Im Pfarrhause sitzen sie beide; – die Frau Pastorin hat gesagt, es sei eine wahre Rührung, und den Herrn Pastor kennen wir; aber der Vetter Neddermeier ist gottlob auch noch vorhanden, um sich der Sache anzunehmen. Morgen werden sie wohl ganz woanders sitzen, und der Mensch hat endlich mal wieder Ruhe vor ihnen.« »Im Pfarrhause sitzt er, mein hochverehrter Herr«, sprach der Kantor Böxendal, mit aller küsterlichen Gravität und Höflichkeit an den Wagenschlag des ins Dorf einfahrenden Staatsanwalts tretend. »Ich kenne ihn von Jugend auf; er hat meinen Unterricht genossen, und daß er den Herrn Konrektor Eckerbusch und Herrn Zeichenlehrer Windwebel totgeschlagen habe, war nur ein Gerücht. Ich bin fünfzig Jahre allhier Lehrer, geehrter Herr, und kenne sie alle – o ja, kenne sie alle – alle!« »Nach der Pfarre!« rief Freund Wedekind seinem Kutscher zu, und sich zu seinem jungen juristischen Begleiter wendend, sprach er: »Sie kennen den alten Winckler in Gansewinckel noch nicht? Nun, dann werden Sie ihn mit Vergnügen kennenlernen und künftig nie einer amtlichen oder außeramtlichen Spritze zu ihm aus dem Wege zu gehen suchen. Ich bin gleichfalls seit langen Jahren Beamter hier in der Gegend und kenne sie alle – o ja, ich kenne sie alle – alle. Weder Horacker noch Krischan Winckler sind die Schlimmsten unter ihnen!... Und Freund Eckerbusch! Und der Hasenfuß, der Zeichenlehrer – wie heißt er doch – Freund Windwebel!... Das wird ein ganz außergewöhnlich gemütlicher Abend, verlassen Sie sich auf mein Wort, lieber Freund. Mir in meiner Stellung geht nichts in der Welt über solch eine Exkursion in den braven Voß, den alten Gellert, den Vater Gleim und den Wandsbecker Boten hinein. Sie freilich, Kollege Nagelmann, sind noch jung, schwärmen für Heine und haben in der Tat erst noch einige Jahre älter zu werden, um für eine Amtstour wie diese ganz reif zu sein.« Neunzehntes Kapitel Im großen und ganzen verhält sich die Menschheit den Weltgeschichten gegenüber wie eine gute Hausfrau ihren häuslichen Vorkommnissen. Pathos kommt nur in sie hinein, wenn die Feiertagsglocke läutet und der Kuchen auf dem Tische steht oder wenn der Sarg auf die schwarzen Bänke gestellt wird. Dann geht es los; aber bis dahin rackert sie sich sehr unpathetisch ab und würde es auch gar nicht in diesem bänglichen Dasein aushalten, wenn dem nicht so wäre. Dem einzelnen freilich kommt dann und wann das Pathos schon unter den Vorbereitungen auf die großen Stunden und Krisen des Lebens. Werfen wir noch einen Blick in die dreiviertel Stunden nach der Ankunft des Staatsanwalts in das Dorf einwackelnde andere Kutsche: seit Fricke vom Bock sich niederbeugend mit dem Peitschenstiel auf das erste Licht in der Dämmerung von Gansewinckel gewiesen hat, ist Frau Hedwig Windwebel vollständig außer sich. Gänzlich von ihren Gemütsbewegungen überwältigt, liegt sie in den Armen der Frau Konrektorin Eckerbusch, die, im höchsten Grade gleichfalls aufgeregt, ihrem Pathos gleichfalls Raum gibt, aber ihrem ganz eigenen Pathos. »Sie schwitzen, Neubauer, ich auch! Schwitzen Sie nur gefälligst weiter, Kollege; ich wollte, Sie müßten bis heute übers Jahr Angstschweiß schwitzen! Hier hängt mir das Kind ohnmächtig am Halse, und was zu arg ist, das ist zu arg. Hedwig, Hedwig, nur noch fünf Minuten lang Fassung! In fünf Minuten fahren wir den zwei frivolen Landstreichern auf die Köpfe, und meine Ansprache weiß ich gottlob auswendig. Verlassen Sie sich drauf, Neubauer; habe ich Ihnen den Weg über heiß gemacht, so werde ich jetzo auch meinen alten Katilina in der Laube im Pastorengarten drankriegen. Er soll schon in jeder Cicerostunde an mich und den heutigen Abend gedenken.« »Ich auch!« murmelte der unglückliche Oberlehrer und Reisebegleiter. »Zugrunde geht ein jeder; aber wünschenswert bleibt es, daß es auf die einem jeglichen gemäße Art und Weise geschieht. Daß ich an dieser Lamia, dieser Venefica zugrunde gehe, ist bei Gott zuviel, ist Götterhohn, ist Parzenheimtücke!« Lauter, aber ungemein schüchtern sprach er: »Sie werden in der Laube kein Wort zuviel sagen, teuere Frau Kollegin, und jedes Wort werden Sie mir aus der Seele reden.« »Was werde ich? Dummes Zeug! Nichts werde ich Ihnen aus der Seele reden! Wie mir der Schnabel gewachsen ist, werde ich sprechen. – Halt, Fricke! Halt Er einmal an. Heb den Kopf in die Höhe, Hedwig! Da sitzen die ersten beiden Gansewinckler auf den Bohlen bei der Sägemühle. Heda, ihr da! Hier mal her! Wer von euch kann mir Auskunft geben, was hier heute mit Horacker passiert ist?« Es war ein Gansewinckler Liebespärchen, das der schrille, inquisitorische Anruf der Proceleusmatica von dem Eichenstamm bei der Sägemühle aufscheuchte und das nach einigem Zögern auch wirklich durch die Dämmerung an den Wagen herantrat: »Na, was soll's nun? Haben Sie uns vielleicht gerufen?« »Wie es mit Horacker steht, frage ich.« »O mit Horacker!... Den haben sie, Madam! Der sitzt!« »Der sitzt?« »Ja, in der Küche im Pfarrhause. Das wissen Sie doch wohl, daß das Lottchen Achterhang auch von hinter Berlin her mit einem Male wieder dagewesen ist? Es sitzt auch in der Frau Pastorin ihrer Küche.« »Und der Herr Pastor und die Frau Pastorin? Und die – die Herren – aus der Stadt?« »Die sitzen alle bei der Lampe in der Laube an der Gartenhecke. Das ist ja ihr Vergnügen so.« »Sämtlich lebendig?« »Man hört sie ziemlich weit über das Feld hin. Sie gehören wohl auch dazu?« »Ein wenig!« sprach die Kollegin Eckerbusch. »Fahrt zu, Fricke, und fahrt womöglich leise. Was eine Überraschung sein soll, das muß auch eine bleiben bis zum Ende. Nun, Hedwig?« Die kleine Frau antwortete fürs erste nicht. Sie schluchzte ganz leise an der Brust der guten alten Freundin, bis sie sich mit einem Male aufrichtete, gradesetzte und mit einem langen, tiefen Seufzer rief: »O, es ist abscheulich; aber – ich bin zu glücklich!...« Nach einer Pause setzte sie hinzu: »Ich werde es Viktor aber doch sagen.« »Ei sehen Sie mal, Liebe!? Habe ich es Ihnen nicht schon gesagt? Qwusqwe abbuttereh Patienziam Catilinam? Sie werden es noch lernen müssen, Herz, mit mehr Ruhe als heute Patience im Ehestand zu legen. Seien Sie aber mal ein halb Jahrhundert an unserm Gymnasium mit angestellt, so werden Sie Ihr Leben allmählich wohl auch wegkriegen und Ihre alten Griechen, Römer und sonstigen Klassiker zitieren lernen. Es ist leider Gottes leichter, als man es sich als junges Mädchen vorstellt. Nun, Sie junger Klassiker da auf dem Vordersitz?!« Der junge Klassiker auf dem Vordersitz, Rhapsode der Sechsundsechsias, Oberlehrer und Doktor der Philosophie Neubauer, hatte sich gleichfalls aufrechter hingesetzt. Die Arme über dem Busen ineinanderschlagend, überlegte er folgendes: »Scheußlich! Wahrhaft lächerlich scheußlich! Aber auch dieser entsetzliche Nachmittag war mir an meiner Wiege vorausgesungen. Zusammengepfercht mit diesen beiden abgeschmackten Kreaturen, Knie an Knie mit all dieser Weiberimpertinenz und Thalamusverzweiflung habe ich den bestens motivierten Selbstmord nicht begangen, und totus, teres atque rotundus, unversehrt, glatt und rund geht der Weise auch aus diesem Gezeter und Gewinsel hervor. Aber nun kriege mich eine dran! Vates sum et poeta, ein Herzenskündiger und Dichter; – geheiratet wird nicht – nie – nimmer! So führt das Schicksal die Berufenen durch die Trivialität der Tage zur Erkenntnis. Ein vollständig liebenswürdiger Ehemann kann nur der sein, welcher seinen ganzen Egoismus in seiner Frau konzentriert, und so ist ein wirklicher Poet noch nie ein ganz und gar liebenswürdiger Gatte gewesen, sondern gewöhnlich ganz das Gegenteil. Schützet auch fürderhin euern Sohn, alle ihr Musen; die alte Schachtel und Stadtkupplerin da laßt mir jetzt nur noch einmal kommen mit ihren Andeutungen, Anspielungen, Vorschlägen und Insinuationen! Bei einem lächelnden Abwehren wird es wahrlich in Zukunft nicht verbleiben. Trocken werde ich ihr meine Meinung über ihr insipides Geschlecht sagen, und – so bin ich jedenfalls nicht ganz ohne Nutzen von diesen zwei Gänsen mit nach Gansewinckel geschleift worden.« Währenddessen war Fricke weiter durch das friedliche Dorf gefahren und fuhr nun durch den Dorfbach, und zwar über die armen Schuhe, die Lottchen Achterhang auf ihrem mitleidswürdigen Wege durchgelaufen hatte. Noch ein Ruck, Knarren und Ächzen, und die Grüngelbe hielt vor dem Gansewinckler Pastorenhause. – Frau Hedwig Windwebel hatte schon längst den Griff der Wagentür mit zuckender Hand gehalten. Ehe die beiden Gäule zum Stillstand gebracht waren, hatte sie die Tür aufgeworfen und war im Begriff, zuerst sich hinauszustürzen, als sie von der ältern Kollegin am Rock ergriffen und zurückgezogen wurde: »Sachte, Kindchen! Daß er noch da ist, wissen Sie ja jetzt auch; und jetzt lassen Sie ruhig zuerst den Herrn Kollegen aussteigen; es ist immer ein Trost, einen gewandten, liebenswerten Menschen als Kavalier bei sich zu haben. Vorsichtig, Neubauer! nehmen Sie mir die Kleine in acht!... So, da stehen wir, und Sie fahren ohne alles Aufsehen so still als möglich nach dem Kruge, Fricke. Euch aber, Kinder, bitte ich nun um Gotteswillen, verderbt mir den Effekt nicht; leise, leise durch das Haus, Hedwig. Auf den Zehen – bitte, auf den Zehen, Neubauer, daß wir ihnen wie der Weltuntergang über den Hals kommen. O, jetzt will ich ihn beproceleusmaticussen! Sie machen ganz hübsche Verse und Gedichte, Kollege, also bitte ich Sie, gehen Sie auf den Zehen, tun Sie mir die Liebe an und gehen Sie leise, wie die Rache kommt, auf daß Sie uns nachher recht ordentlich in der Poesie und Metrik anbringen können. Die ganze Gesellschaft sitzt richtig in der Laube und denkt mit keinem Gedanken an uns, und es würde ein Jammer sein, wenn sie uns nun noch zuallerletzt auf dem Hausflur vorauswitterten. Leise, Kinder, leise, auf daß wir doch irgend etwas für die Blamage haben und teilweise wenigstens auf die Kosten für den Weg kommen. Sie sitzen, Gott sei es gedankt, bei der Lampe, daß ich das Gesicht meines Alten sehen kann. Du lieber Himmel, bis jetzt habe ich wahrhaftig gar nicht gewußt, daß es solche Gefühle wie die meinigen jetzt in solcher Vollkommenheit in der Welt gibt!« »Ich auch nicht! Ach Gott, ich bin zu glücklich!« schluchzte Frau Hedwig. »So halte deine liebe Seele nur noch einen einzigen, winzigen Augenblick zusammen, Herz. Was in ihr vorgeht, brauchst du mir nicht weitläufig auseinanderzusetzen. Ja, wir haben sie noch auf dem Halse, und sie werden uns das Leben hoffentlich noch recht lange sauer machen. Bitte, auf den Zehen, Neubauer, und dann wie ein Donnerschlag ihnen über die Köpfe.« »Sie wissen, wie ich alle Ihre Gefühle teile, und mit welchem Vergnügen ich allen Ihren Intentionen folge«, lächelte der Kollege Neubauer, und es war gottlob wieder sein altes Lächeln. Es muß auch solche Lächler geben, und es wäre wirklich recht schade gewesen, wenn es ihm auf dieser Fahrt nach Gansewinckel gänzlich abhanden gekommen wäre und ihn niemals wieder dem Kreise seiner Bekanntschaft so unwiderstehlich angenehm und behaglich gemacht hätte. Nun schlichen sie in der Tat über die Flur des Gansewinckler Pastorenhauses: die beiden Damen voran, der Kollege hintendrein! Ungehört und ungesehen gelangten sie durch das Haus. Niemand sprang zu ihrer Begrüßung vor, und wir – wir lassen sie schleichen und halten es für das beste, uns gleichfalls mit den übrigen in der Laube von ihnen überraschen zu lassen. Daß es auf dem Wege Rechtens geschieht, davon sind wir sämtlich hoffentlich fest überzeugt. – Sie brachten ihn inmitten einer bunten Gruppe in die Laube des Pfarrgartens und somit wieder unter Menschen – Horacker nämlich. Sie umdrängten ihn alle und hätten ihn beinahe wieder einmal, noch einmal, über den Haufen geworfen. Eine Hauptperson jedoch – das Lottchen nämlich, ließ sich nicht von ihm abdrängen; sie hielt ihn umfaßt und aufrecht, auch dem Vorsteher Neddermeier und der Frau Billa gegenüber. »Entsetzlich! So habe ich ihn mir doch nicht gedacht!« kreischte die letztere, die Hände über dem Kopfe zusammenschlagend. »Menschenkind, Menschenkind, das sollte ja einen Stein erbarmen, wie du aussiehst! Christian, ich bitte dich! Vorsteher – Sie, Eckerbusch, ist es denn möglich?« »Es ist sehr vieles in der Welt möglich; wir in unserer Abgeschiedenheit erfahren nur nicht immer etwas davon«, sagte der weise alte Eckerbusch. »Fragen Sie nur Windwebel darnach; der ist weit herumgekommen.« »Er muß gleichfalls auf der Stelle zu Bett! Es muß augenblicklich ein Bote nach dem Doktor geschickt werden; und du, Lotte, da du, was auch ein Wunder ist, noch oder wieder auf den Beinen bist, laß nur sofort in der Küche von neuem unterheizen, und so viel Wasser als möglich aufstellen. Halt! wir wollen lieber gleich im Waschhause Feuer anmachen. In der Küche soll mir sofort für eine Hühnersuppe gesorgt werden. Laß nur gleich drei abkehlen; denn dies sollte doch wirklich einen Stock zum Heulen bringen; mein Lebtage denke ich nicht wieder in der Kirche an etwas anderes beim Gleichnis vom verlorenen Sohn, Christian!« »Im Spritzenhause wird er wohl am sichersten aufgehoben sein, bis er nach der Stadt an die Behörden avisieret ist«, meinte der Vorsteher; aber schon war er beiseite geschoben – der Vorsteher Neddermeier nämlich. »Im Spritzenhause?!... Hätten Sie selber ihn sich aus dem Holze geholt, meinetwegen. Im Spritzenhause? Fürs erste habe ich ihn hier auf der Pfarre. Im Spritzenhause! O ja, zu Neujahr können wir ja darüber weiterreden; aber jetzo setzen Sie sich gefälligst wieder hin, Vorsteher, und kümmern Sie sich nicht um Dinge, die Sie augenblicklich gar nichts angehen. Setze Sie sich auch, Horackern; Sie ist die Mutter, und ich weiß wahrhaftig, was das heißt unter diesen Umständen. Drängt doch nicht alle so heran! Sei vernünftig, Lotte. Sprich du ihr doch zu, Christian.« Das versuchte nun Christian Winckler nach bestem Vermögen, und auch Eckerbusch und Windwebel gaben manch gutes Wort dazu; aber es blieb eine Viertelstunde lang doch nur ein Hineinreden in ein verworren Getöse. Die Hausgenossenschaft nahm natürlich vom ersten Moment an den innigsten Anteil an allen Vorgängen; und dann brach – – wie gesagt, auch das Dorf herein: »Horacker ist wieder da!« Kopf an Kopf guckte es über die Hecke, und der Gemeinderat kam, Böxendal kam, und Lottchen Achterhang schluchzte nicht ohne einigen Grund: »O Cord, lieber Cord, wenn sie uns umbringen, so bringen sie uns beide um. Schäme dich nur nicht, Cord; ich schäme mich auch nicht. Laß sie uns nur totschlagen: ich bin auch nur dazu so weit hergekommen, als du aus der Zeitung vorgelesen wurdest, Cord. Der Herr Pastor und die Frau Pastorin sind mein Zeuge.« »Ich bezeuge gar nichts, als daß du eine Gans bist, Lotte –« »Und ein gutes Mädchen«, fiel der Pfarrer von Gansewinckel ein, »und jetzt, lieber Neddermeier, wer von uns beiden ist wohl am ersten imstande, unsere guten lieben Nachbaren und Freunde zu versichern, daß sie jetzt alles gesehen haben, was fürs erste hier zu sehen war, – daß unser Horacker in der Tat wieder zu uns zurückgekehrt ist und daß Sie und ich unbedingt dafür sorgen werden, daß er nicht ohne Nutzen für sich und die Gemeinde – ja, nicht ohne Nutzen –« »Diese Abwechselung in unser idyllisches Dasein bracht hat!« rief der Konrektor Eckerbusch. »Erlaube, Krischan, – bemühen Sie sich nicht, Vorsteher; ich wünsche endlich doch auch einmal wieder zu einem Worte zu kommen! Führen Sie den Räuberhauptmann, den Furcifer Rinaldini und seine Rosa ruhig ab in die Küche, nehmen Sie die Witwe Horacker mit; – atzen Sie, waschen und frisieren Sie ganz ruhig das Untier, wie Ihr freundliches Herz Sie treibt, Frau; – die paar freundlichen Worte, die hier coram publico, vor dem Dorf und dem umliegenden Universo, zu sprechen sind, nehme ich auf mich. Helfen Sie mir auf die Bank, Windwebel, daß die Leute mich auch sehen können.« »Unsereiner ist doch heute wie gar nicht auf der Welt«, brummte Neddermeier. »Wenn du es wünschest, lieber Eckerbusch«, sprach der Pastor ein wenig bedenklich, »so rede du.« »Ja, reden Sie, Eckerbusch! Sprechen Sie mir mal recht aus der Seele, alter Freund. Sie kann ich gebrauchen!« rief die Frau Pastorin, den Räuber und mit ihm das Lottchen, die Witwe, sowie Pfarrknecht und Pfarrmagd dem Hause zuziehend. »Steigen Sie dreist auf den Tisch und sprechen Sie deutlich, Eckerbusch!« rief sie noch von den Stufen der in den Garten führenden Tür zurück, und – Eckerbusch stand bereits auf dem Tische und redete wirklich recht verständlich zu dem versammelten Gansewinckel. »Die Vorsehung hat ihn persönlich an dem Tage zu uns geschickt«, sprach späterhin noch sehr häufig das Gansewinckler Pfarrhaus. »Er versteht es.« – »Daß sie ihm ohne gegründete Ursachen in den obern Regionen so sehr aufsässig sind, ist doch wohl auch nicht anzunehmen«, pflegte der alte Krischan kopfschüttelnd und lächelnd hinzuzufügen. »Nämlich daß er zu reden versteht, wenn er will, das ist ja bekannt.« Daß der Herr Konrektor Eckerbusch mit dem Talent begabt war, allerlei menschliche und tierische Kreaturen nachzuahmen und sie in Leid und Freude zur Darstellung zu bringen, ist uns gleicherweise bekannt: einem krähenden Hahn hatte er noch nie so sehr geglichen als jetzt in diesem spannungsvollen Moment. »Gansewinckler!« krähte er los. »Anwesende Bevölkerung von Gansewinckel; in Kaschmir, wo die Wiege der Menschheit stand – ne, das ist doch wohl ein wenig zu weit hergeholt und würde uns ebenso ein wenig zu weit wegführen! Denn nicht bloß um zu reden, rede ich zu euch, sondern auch um von euch angehört und womöglich verstanden zu werden. Daß ihr allesamt, soviel ihr euch die Nase putzt oder euch putzen laßt, gewiegte Leute seid, weiß die Welt, und in Kaschmir haben wir nichts zu suchen. Also, liebe Freunde und alte gute Bekannte, tut mir die Liebe und haltet wenigstens fünf Minuten lang den Mund. Vor allen Dingen drängelt nicht zu sehr, und ihr da jenseits der Hecke laßt das Johlen, und dann laßt mir wenigstens einen Augenblick lang die Jungfern in Ruhe; das Kreischen und Gekicher kann kein Mensch aushalten. Wo ist Böxendal?« »Hier, Herr Konrektor Eckerbusch«, sprach der Gewünschte aus dem Haufen hervor. »Womit kann ich Ihnen dienen?« »Treten Sie gefälligst hervor, Kollege, – kommen Sie gefälligst näher hier an den Tisch. Auf den Stuhl will ich Sie aus pädagogischen Rücksichten nicht steigen lassen. Sie, der Sie durch Generationen das Dorf von der Rückseite kennen und erzogen haben, muß ich unbedingt in diesem Moment mir gegenüberhaben. Erlauben Sie mir, lieber Kollege, daß ich auf Sie hindeute und die Anwesenden frage: Kennt ihr ihn?... Ich sehe Gesichter um mich, welche ›Ja‹ sagen. ich sehe trotz der zunehmenden Dämmerung mehr als einen, der die Schultern zusammenzieht und mit der Hand nach dem – Rücken greift, und glaube nicht, daß dieses ›Nein!‹ heißen soll. Gansewinckler! Hier unter den Augen eueres würdigen, wohlverdienten Herrn Lehrers, hier vor der Nase meines werten, lieben Kollegen, eueres trefflichen, von seinen vorgesetzten Behörden so hoch und von euch leider Gottes lange nicht genug geschätzten Herrn Kantors Böxendal habt ihr wirklich die bodenlose – Unbefangenheit, euch über meinen Freund und euern profugus Horacker zu erheben?! Hier vor Böxendals Nase wagt ihr es wirklich, von Halunken, Schubbejacks, Spitzbuben, Taugenichtsen zu reden?! Reden Sie, lieber Böxendal!« »Mein hochverehrter Herr Konrektor, wenn ich behaupten sollte –« »Sagen Sie kein Wort, Kollege! Ich weiß, was Sie sagen wollen, und das genügt. Jetzo ist es freilich Abend, und die Dunkelheit nimmt zu; aber ich bin wahrhaftig oft genug bei Tage, bei hellem, lichtem Tage, sonntags und alltags, hier nach Gansewinckel herausgekommen zu meiner Erquickung, und ich habe mich jedesmal erquickt. Ich kenne die Visagen rundum hier in der Dämmerung sämtlich. Treuherzige Natürlichkeit, biedere Offenherzigkeit, ungeschminkte Ehrlichkeit, ursprüngliche Einfalt, ungesuchte Artigkeit und vorzüglich Unschuld und Tugend lächeln mich vor allem an; und – mein werter Kollege Böxendal – oft, oft, wenn auch ich gezwungen war – weil es gar nicht anders ging – drunterzuhauen, habe ich an Sie gedacht und – Stärke aus dem Gedanken an Sie geschöpft, Kraft mir draus geholt! O Ho – racker und kein Ende! Hier stehe ich und frage euch noch einmal in aller Güte: Kennt ihr den alten Eckerbusch? Wollt ihr nun gefälligst euch ohne Aufsehen einer hinter dem andern wegschleichen oder wünscht ihr wirklich, daß ich noch deutlicher werde? Da sehe ich zum Exempel den Vetter Schaper grinsen. Na na, soll ich dem mal genauer auseinandersetzen, was ein Holzhandel ist und daß doch auch so ein alter Stadtschulmeister am Ende noch den Unterschied zwischen Malter und Klafter kennt? – Da geht er hin nach Hause!... Kinder, Kinder, daß ich in den Literaturen Bescheid wissen muß, das seht ihr mir an der Brille an; aber was Dorfgeschichten sind, weiß ich auch recht gut, und vergeblich bin ich nicht meine ganze Lebenszeit hindurch zu euch hinaus gelustwandelt. Wißt ihr, was dabei herauskommt, wenn man einen Schulmeister zu sehr ärgert? Da steht Böxendal, mein Kollege. Sprechen Sie mal, Kollege.« »Wenn ich behaupten dürfte, verehrter –« »Hintenauf! Da haben Sie vollständig recht! Und mit Nachdruck. Ich bin da ganz Ihrer Ansicht. Jawohl, meine Lieben, auch ich könnte auf der Stelle von diesem Tische heruntersteigen und auch mehr als eine Dorfgeschichte schreiben, und zwar nach Gebühr, Recht und Billigkeit und mit Nachdruck mehr als einem von euch hintenauf!... Herrje, Base Guckup, sehe ich Sie auch einmal wieder? Habe ich das Vergnügen? Nun, meine Frau läßt Sie recht schön grüßen, und wenn Sie mal wieder einen recht alten, tranigen Gänserich zu verhandeln hätten, so möchten Sie doch ja – da geht sie hin; und ich erfahre auch heute noch nicht, wie sie es eigentlich angefangen hat, die unmenschliche Menge Kleie zur Verbesserung des Gewichtes dem unglücklichen, nichtswürdigen Gerippe von Vandalenkönig in den Bauch zu praktizieren! O ja, Horackern haben wir gottlob wieder; aber ich erblicke da in der zunehmenden Dunkelheit hier und da jemanden, der uns leider Gottes noch niemals abhanden gekommen ist; und damit bin ich auf dem Punkte angekommen, allwo ich den Vorsteher, meinen alten Freund Neddermeier, der sich da eben hinter dem Ohre kratzt und mir recht gibt, die Frage vorlege, von wem in seiner Gemeinde hier in Gansewinckel er mit Gewißheit weiß, daß er dermaleinst als Engel auffliegen werde?! Nehmen Sie sich Zeit zum Besinnen, Neddermeier, und vergessen Sie ja nicht sich selber in der Berechnung.« »Herr Konrektor, in meinem ganzen Leben –« »Ist es Ihnen noch nicht so klar wie jetzt geworden, daß die Statistik eine ganz besondere, eine ganz kuriose Wissenschaft ist. Windwebel, der Pastor steht hinter Ihnen – treten Sie beiseite und lassen Sie mir meinen alten Freund Krischan Winckler heran –« »Jetzt aber bitte ich dich, Eckerbusch« – rief der Gansewinckler Pfarrherr, kam aber auch nicht weiter. »Bitte mich nicht, sondern sei versichert, daß es ein wahres Glück für deine Gemeinde ist, daß die Finsternis der Nacht die beschämten Wangen der dir anvertrauten Herde deinen Blicken allgemach entzogen hat. Gansewinckler, wer von euch jetzo noch sich wegschleichen will, der tue es rasch; denn nunmehr werde ich ein Wort über den einzigen Engel unter euch reden – da geht er schon hin, wahrscheinlich um in der Küche nachzusehen, was sie da eigentlich mit Horacker anfangen! – Und die Nacht kann nicht zu dunkel werden, um euere Schande zu bedecken, ihr dreidoppelten Horackers von Gansewinckel!... Gottlob, daß er gleichfalls abgegangen ist! – Nun sind wir unter uns, und einer braucht sich seinetwegen keinen Zwang mehr aufzuerlegen. Also – noch einmal zu euch, Geliebte! Was? Einem Menschen wie dem, der uns da eben den Rücken wendet, weil er sein Lob nicht anhören will, wollt ihr das Vergnügen, an euerem irdischen und ewigen Heile zu arbeiten, noch ein bißchen mehr verderben? Wollt ihr sein Leben, das er unter euch abzuarbeiten hat, noch sauerer machen, als ihr es ihm bis dato gemacht habt?! Weil er nach seinem braven Herzen kein Mammonsgelüst fürderhin sich zwischen ihn und euere hartgesottenen Sündergemüter drängen lassen will, kommt ihr ihm mit euern alten Papieren und Gerechtsamen? Rückt ihr seinem guten Weibe, euerer euch von Gott vorgesetzten Seelenhirtin, auf die Stube und verderbt ihr den Charakter noch mehr?! Verlassen Sie sich drauf, Kollege Böxendal, ich helfe Ihnen zu Neujahr singen. Verlaßt euch darauf, meine Teuern rund um den Tisch, zu Silvester bin ich da und gratuliere mit! Mit einem Stück Papier werde ich wahrhaftig nicht zwischen euch und meinen alten Freund Krischan Winckler kommen. Habe ich etwa nicht auch Theologie zustudiert, und hing es nicht etwa nur an einem Haar, daß – ich, der alte Konrektor Eckerbusch, Pastor allhier zu Gansewinckel wurde? Wahrlich ich sage euch: wie ein anderer dann und wann sich sehnt, mit der Sonne über dem Kopfe sich im Gras, Klee und Thymian zu wälzen, so lechze ich bei dieser Gelegenheit, mich wieder mal so recht in – was andres zu legen... Da gehen sie hin!... Alle! Und sie wissen alle recht gut, weshalb sie sich wegschleichen!... Wollen Sie wirklich uns auch schon verlassen, Neddermeier?« »Wenn ich gewiß wüßte, daß Sie mich noch nötig hätten, so bliebe ich wohl noch – alle Wetter noch mal!« brummte der Vorsteher. »Sie können's freilich, Herr Konrektor; das muß Ihnen jedermann lassen. Aber da ja wenigstens Horacker jetzo in guten Händen ist, so meine ich, wir lassen das übrige auf sich beruhen; denn da ist meine Meinung, daß da jede Partie sich Zeit nimmt und erst einen Affokaten und dann Ihr Gewissen fragt.« Er ging und nahm den Rest des Dorfes mit. »Mir haben Sie vollkommen aus meiner Seele gesprochen, verehrter Herr Konrektor«, sprach der Kantor Böxendal. »Sie wissen wirklich, was der Mensch ist und welche große Geduld der Herrgott, sein Schöpfer, mit ihm haben muß. Sie wissen genau, wo der Punkt ist, allwo die Rachsucht in die Dämlichkeit übergeht, und nur zwei Punkte tun mir leid.« »Und was für zwei Punkte, Herr Kantor?« rief der Kollege Windwebel. »Erstens, lieber Herr, daß wir den alten Unrat überhaupt umgewendet haben; und zweitens, daß meine Frau nicht anwesend war, um dieses mit anzuhören. Auch sie ist außer sich.« »Ob unsere Weiber in dieser Stunde wohl gleichfalls außer sich sind? Was meinen Sie, Windwebel?« fragte Eckerbusch. »Die Proceleusmatica hätte ich übrigens in der Tat ebenfalls gern hier gehabt, um – dieses anzuhören.« »Wie kommen wir nach Hause? Wann kommen wir nach Hause? Und was werde ich meinem armen Mädchen sagen?« murmelte der jüngere Ehegatte in nicht ungerechtfertigter Beängstigung. »Da fragen Sie doch lieber erst ihr Gewissen und nachher erst – mich!« grinste der ältere, abgehärtetere Bösewicht, dieser – mit einem Wort, dieser »Eckerbusch«, den leider »die ganze Stadt richtig taxierte«, wie die soeben innig herbeigesehnten bessern fünf Sechstel seines Daseins dann und wann behaupteten. Aber seine Gartenlampe unter weißer, geschlossener Glaskuppel tragend, tritt jetzt der Pastor wieder aus dem Hause. Er leuchtet in den lieblichen Sommerabend hinein und verbirgt sein Erstaunen, seinen Garten leer und den Freund Eckerbusch, den Kollegen Windwebel und seinen Kantor allein noch in der Laube vorzufinden, nicht. Er leuchtet nach allen vier Weltgegenden hin und sodann mit hochgezogenen Augenbrauen seinem Freunde Eckerbusch in freundliche, aber etwas verkniffene Antlitz. Zögernd setzt er zuletzt seine Lampe auf dem Tische ab; und endlich sagt er: »Unser Horacker schlingt noch immer. Ich sah ihn fressen, und der Anblick hielt mich fest. Was aber ist hier vorgegangen, lieber Böxendal? – Eckerbusch, ich befürchte –« »Befürchten Sie nichts, Herr Pastor«, rief der Kantor. »Es war nur schade, daß Sie nicht blieben, als der verehrte Herr Konrektor auf Sie kam! Ich bin überzeugt, auch die Frau Pastorin würde sich gefreut haben, wenn sie es mit angehört hätte. Die Leute sind ganz still nach Hause gegangen, nachdem der Herr Konrektor über Sie und mich, sowie auch über das Vierzeitengeld das Notwendige bemerkt hatte, und es war wirklich Zeit, daß die Gemeinde endlich einmal auf das Notwendige aufmerksam gemacht wurde.« »Ich habe ganz einfach dich unmenschlich herausgestrichen, Krischan, und deiner Bocksherde, deiner Gansewinckler Bauernschande mit möglichstem Phlegma angedeutet, daß ich an deiner Stelle ihr sicherlich die Pansflöte in einem andern Tempo vorblasen würde. Wie du siehst, hat das Wort meines Mundes gefruchtet. Daß deine Frau nicht anwesend war, tut mir selber leid.« Der Pfarrherr schob immer bänglicher das Käppchen auf dem Schädel hin und her: »Bist du ganz sicher, Eckerbusch, daß du mir da kein Gericht zusammengerührt hast, an welchem ich bis zu meiner Emeritierung zu würgen haben werde?« Der Konrektor murmelte etwas von »Reisbrei mit Orgelklang«, und bedenklich war es jedenfalls, daß jetzt plötzlich auch Böxendal, aus würdigst-ernstem Nachsinnen sich erhebend, mit gravitätischem Kopfschütteln um die Erlaubnis bat, sich gleichfalls nach Hause begeben zu dürfen. Er ging. Er schritt hinweg und machte von der Tür der Kantorei aus, wie erzählt wurde, dem einfahrenden Staatsanwalt die ersten Mitteilungen über die augenblicklichen Zustände Gansewinckels. »Nun, eine Beruhigung wenigstens nimmt mir keiner«, sagte der Pastor. »Wir haben meinen armen Horacker in Sicherheit, und das ist die Hauptsache. Das übrige wird sich mit Gottes Hülfe und dem alten Gellert wohl auch allgemach zurechtlegen lassen. Ich danke Ihnen vor allen nochmals recht freundlich, lieber Windwebel.« »Mir?« fragte der Zeichenlehrer im äußersten verwundert. – – – »In Ihrer Küche haben Sie ihn sitzen, Frau Billa?« fragte nur ein wenig später am Abend der Staatsanwalt. »Famos! Und hoffentlich hat sich ganz Gansewinckel durch Okularinspektion überzeugt, daß wir ihn haben?! Die ganze Umgegend müßte man eigentlich von Amts wegen herzurufen!... Guten Abend, Eckerbusch. Guten Abend, mein bester Herr Windwebel; – das sieht hier ja ganz gemütlich aus, Winckler! Weiß denn der Vorsteher Bescheid, meine Herren?« »Den hat Eckerbusch längst nach Hause geschickt«, rief die Frau Pastorin. »So sicher wie in seinem Spritzenhaus ist er unter unsern vier Augen gleichfalls aufgehoben, außerdem daß auch seine Mutter und mein Lottchen mit auf ihn passen. Was will denn Neddermeier mit seinem Spritzenhause, was ich nicht ebensogut besorge zum Besten der öffentlichen Sicherheit und allgemeinen Moralität?« »Sie scheinen mir in der Tat nicht zu wissen, Beste, was man in der Stadt behauptet.« »Nun?« »Man weiß es sogar ganz gewiß, daß er nicht nur den Herrn Konrektor Eckerbusch, sondern auch den Herrn Zeichenlehrer Windwebel totgeschlagen hat.« Der Konrektor Eckerbusch tat einen Sprung; der Kollege Windwebel jedoch setzte sich: »Barmherziger Himmel – Hedwig! « »Lassen Sie uns demnach zur Aufnahme des Protokolls schreiten, Nagelmann«, sprach der Staatsanwalt, sich melancholisch zu seinem jüngern juristischen Amtsgenossen wendend. »Den Vorsteher werden wir uns doch wohl wieder herzitieren lassen müssen; meinen Sie nicht? Man führe mir den Verbrecher vor!... Das ist in der Tat ein balsamischer Abend, Winckler.« Zwanzigstes Kapitel »Leise, leise, leise«, flüsterte die Proceleusmatica. »Sie haben auch sonst mehreres von einem Leisetritt an sich, Neubauer, also – auch diesmal auf den Zehen wie ein blutdürstiger Indianer, Kollege. Einer in die Fußtapfen des andern, Hedwig, und dann – über sie her wie drei Tigertiere... Da sitzen sie um die Lampe – weiß Gott, und der Staatsanwalt schon mit einer Zitrone in der Hand, die Billa mit dem Zuckerhammer; und mein Alter hat selbstverständlich den Punschlöffel und das große Wort. Was sagt er? Von mir spricht er? Und er stößt deinen Windwebel mit dem Ellbogen an und deutet mit der Schulter ins Unbestimmte?... Kind, sie mokieren sich sogar noch über uns! Keinen Zwang mehr! Alle drauf los! Du auf den Deinen, ich auf den Meinen, und Sie, Neubauer, auf die ganze Bande!... O ihr Sünder, ihr ruchlosen, gewissenlosen, gottverlassenen Sünder, haben wir euch? Das nennt ihr Totgeschlagensein? Eine von deinen Hanswurstereien nenne ich es, Eckerbusch, und du – du – ja, du hast den Bauern instruiert und in die Stadt geschickt und dich als gemordet ausgegeben, Eckerbusch! O daß ich darauf nicht gleich gefallen bin!« Jedenfalls waren sie drüber hergefallen, und die Überraschung war vollkommen gelungen. Nimmer hatte die friedliche Laube des Pfarrgartens zu Gansewinckel einen solchen Aufstand gesehen. Schluchzend und totküssend hing Frau Hedwig Windwebel an ihres Viktors Halse. Am Kragen hielt Frau Ida ihren Eckerbusch. Der Staatsanwalt saß mit seiner halbierten Zitrone in den Händen sprachlos. Christian Winckler saß einfach starr, Nagelmann dienerte im Dunkel, und Frau Billa Winckler erhob die Hände zum dunkeln, wenn auch wolkenlosen Gansewinckler Äther: »Dies geht über alles, was ich heute erlebte! Kommt ihr durch die Luft? Fallt ihr aus der Nacht herunter?« »O Hedwig, mein Herz, mein Kind, mein armes süßes Weib, ich weiß es ja jetzt – seit einer halben Stunde –, wie du dich um mich hast ängstigen müssen!« stammelte Windwebel. »Es hat dir doch nichts geschadet?« »Nein, nein, o nein, ich bin so glücklich; ich habe dich ja noch!« schluchzte die junge Frau. »Dümpfe mich nicht, Alte. Du hast mich ja ebenfalls noch«, grinste Eckerbusch. »Gestehe es, daß du den Gansewinckler Spitzbuben aufgewiegelt, instruiert, angestempelt und zu dem Schabernack uns in die Stadt geschickt hast.« »Bereuen Sie es noch, lieber Nagelmann, zufällig, pflicht- und berufsmäßig heute abend mit mir nach Gansewinckel hinausgefahren zu sein?« wendete sich der alte Wedekind an seinen jungen juristischen Begleiter. »Hab ich es Ihnen nicht gesagt, daß man bei meinem Freund Krischan immer mit – Leuten zusammentrifft?« »O Viktor«, flüsterte Hedwig, »war es nicht eigentlich doch zu böse von dir?« Der Kollege Windwebel suchte von seinem Halse die umklammernden Hände seines Weibes gleichfalls, wenn auch sanft zu lösen; es gelang ihm aber fürs erste sowenig wie seinem Konrektor. »Dümpfe mich nicht? Freilich werde ich dich ›dümpfen‹!« rief die Frau Konrektorin. »Habe ich dich noch? Leider habe ich dich noch, du – du, o du – Ho – racker! Frage den Neubauer da, was ich gelitten habe um dich frivolen Sünder, und frage ihn, was er unterwegs bis hierher ausgestanden hat, und dann – verlange noch einmal, daß ich jetzt schon mit dir fertig sein soll. O, und das will den Jungen Weisheit, ein gediegenes Wesen, Ordnung und – kurz und gut Verstand beibringen?! Ja, frage nur deinen Kollegen Neubauer, wie ich ihm unterwegs ein Mal über das andere in mehr als einer Hinsicht Abbitte geleistet habe.« Der Oberlehrer Dr. Neubauer war bis jetzt noch nicht imstande, seinerseits in den Lärm einzugreifen. Er pflegte grundsätzlich da zu schweigen, wo er seinen Charakter nicht vollständig intakt aufrechterhalten konnte. Nur die höchste Bildung sieht in jeder Lage und unter jeglichem Geschrei, Gewirr und Gewinsel das eigene Leben als eigenes Kunstwerk und behält den Faden in der Hand, an welchem, sonderbarerweise, das Schicksal auch sie hält. Der Kollege Neubauer blieb auch auf die soeben mittelbar an ihn gerichtete Frage lächelnd stumm und ließ sich ruhig von dem immer vergnügter werdenden Gansewinckler Pastor die Hand zum Willkommen schütteln. »Sie lieben ihn nicht zu süß, Doktor«, rief der Pastor, seine Punschschale im Auge behaltend. »Nein, das ist zu wundervoll, wie das alles so herrlich zusammentrifft. Sie lieben ihn auch nicht allzu süß, Frau Ida; – die Frau Hedwig soll mit Zucker nachhelfen dürfen. Kinder, es ist zu herrlich! Seit ich endlich diesen Horacker von der Seele los bin, fühle ich mich als ein ganz anderer Mensch.« »Nein, zu süß liebt sie ihn nicht!« ächzte Eckerbusch, immer noch unter dem Griffe seiner Proceleusmatica. »Wundervoll ist es, herrlich ist's – gar nicht auszudrücken. Umfahe mich, Geliebte, aber laß endlich meinen Hals los!... Was? Unter dem Auge des Gesetzes?... Ist's denn des Blutvergießens noch immer nicht genug? Wedekind, ich bitte dich einzuschreiten; – Nagelmann, Sie kommen noch zu einem zweiten Protokoll. Hier, nehmen Sie mir den Löffel ab; wie kann ein Mensch mit frisch abgerissener Nase die nötige Aufmerksamkeit für das Getränk behalten?« »So mime doch – agiere doch deinen Mops mit Leibweh! Oh, heute abend werde ich mit dafür sorgen, daß deine Lieblingsrolle naturgetreu ausfällt! Nicht wahr, ein altes Weib, das eine lebendige Gans rupft, ist auch eine von deinen Hauptleistungen? Das Gegacker sollst du wunderhübsch machen, sagt Neubauer, und auch meine Stimme täuschend fertigbringen, wenn ich nicht zugegen bin. Gott sei Dank, diesmal bin ich zugegen, Eckerbusch, und werde dir zeigen, daß ich mich in der Tat aufs Rupfen verstehe.« »Hülfe, Winckler! Zu Hülfe, Staatsanwalt! Geistlich wie weltlich Schwert, zu Hülfe! Wedekind, sie macht wahrhaftig Ernst!« rief der Konrektor nach Atem schnappend. »Grüßt den Kerl zu Haparanda recht schön von mir, wenn ich verzappelt habe, und – nur nicht zuviel Zitronen in den Napf, Wedekind; es kann sonst keiner morgen früh vor Kopfweh aus den Augen sehen! Uff, da hast du einen Kuß, Alte; und nun laß es genug sein, der Mensch da verdirbt uns sonst das ganze Gebräu.« »Und nun vor allen Dingen schönsten guten Abend«, sprach die Proceleusmatica, mit wahrhaft strahlendem Gesicht beide Hände im Kreise herumreichend. »Kinder, die Geschichte ist im Grunde glorreich, und schon die beiden Windwebel da zu sehen, wiegt den Weg auf. Wir sind in der Grüngelben gekommen, Eckerbusch, und haben sie nach dem Kruge geschickt. Die ganze Stadt sah uns abfahren; aber mein Trost ist, daß wir Neubauer mitgenommen haben, der wird morgen der Welt alles ins rechte Licht rücken.« »Ich werde mein möglichstes tun, Frau Kollegin«, sprach der Kollege; und dann fing man in Wahrheit an, einander zu begrüßen, wie es sich gehörte. – Wir haben beschrieben, wie Cord Horacker und sein Lottchen sich nach der bösen Trennung wiederfanden, sich wieder zusammenfanden auf dem Feldwege, der aus dem Walde und aus der Schlimmen, der grimmigen Welt gegen ihr Heimatdorf hinlief; die gebildeten Leute fanden sich nicht so wortlos nach ihrer drolligen Trennung voneinander wieder. Unendliches hatten sie sich zu sagen, und Nagelmann und Neubauer waren am Ende die einzigen, welche Herren ihrer Gefühle blieben und welchen hie und da ein verständnisvoller Wink genügte, um sich gegenseitig auf die Hauptpunkte im Gelärm des Gefühlsaustausches aufmerksam zu machen. »Ich habe das Meinige mit den beiden Weibsbildern erlebt, das kann ich Sie versichern«, flüsterte Neubauer Nagelmann zu. »Wie ich eigentlich zu diesem Vergnügen gekommen bin, ist mir immer noch ein Rätsel. Die graue Unholdin hat mich aufgehoben, abgeführt und hier niedergesetzt, ohne mich nur für den kürzesten Moment aus der Betäubung herauszulassen. Die Person hat unbedingt einmal in einem Ei des Vogels Roch gelegen und ist von einem Vogel Greif ausgebrütet worden; ich aber habe mich nie so sehr als unmündiger Säugling gefühlt als heute abend in ihren Tatzen oder Klauen.« »Auch Sie, Doktor?« »Ja, auch ich!... In dem Geisteszustande, in welchem ich mich augenblicklich befinde, kostet mich das Geständnis nicht das geringste. Zerrüttung – ja, Zerrüttung ist das Wort! Bitte, entschuldigen Sie mich wenigstens für vier Wochen wegen chronischer Unzurechnungsfähigkeit, und suchen Sie meinen Zustand auch bei den übrigen Herren unseres Kreises zu vertreten. Vor allen Dingen jedoch setzen Sie mir jetzt auseinander, was Sie bewegen konnte, sich dergestalt amts- und berufsmäßig lächerlich zu machen?« Einen vorsichtigen Blick warf Nagelmann auf seinen Vorgesetzten, ehe er Auskunft gab. Doch der Staatsanwalt teilte mit wahrhaft gastronomisch-sentimentaler Rührung seine Aufmerksamkeit zwischen den Zärtlichkeitsbezeugungen des jungen Ehepaares und der Zubereitung des Getränkes, welche letztere ihm allgemach allein zugefallen war. Er hatte kein Ohr und kein Auge für den jüngeren Kollegen übrig, und dieser flüsterte ungestraft zurück: »Wir fahren seit längerer Zeit sämtliche Ortschaften unseres Bezirks nach seiner Lieblingsschnupftabaksdose ab. Er hat dieselbe irgendwo stehen lassen, weiß aber durchaus nicht, wo. Es würde mir in der Tat bald angenehm sein, wenn er die Hoffnung, sie doch noch wiederzufinden, endlich aufgeben wollte.« »Und Horacker?« »Bah!« lächelte Nagelmann, verächtlich die Schultern hebend. »Horacker?! Sie erlauben mir, daß ich auch dieses Wort auf Ihre Geisteszerrüttung schiebe. Bei Regenwetter würden wir sicherlich nicht nach ihm ausgefahren sein! – Da kennen Sie Wedekind schlecht. Übrigens, dieser Ortsbonze scheint mir in der Tat kein übles Exemplar seiner Gattung zu sein. Alle diese grauköpfigen muntern Kerle hier herum hängen merkwürdig freundschaftlich miteinander zusammen. Daß wir jetzigen Leute diese heitern, naiven Zustände aufrechterhalten werden, scheint mir leider unwahrscheinlich. Was halten Sie davon, Neubauer?« Diesmal zuckte der Oberlehrer Dr. Neubauer die Achseln, aber stumm. »Auf der Rückfahrt trete ich Ihnen meinen Platz bei meinem Herrn Chef ab, und Sie überlassen mir dafür den Ihrigen bei der kleinen Windwebel. Die Kollega Eckerbusch und den Zeichenlehrer nehme ich in den Handel; der Konrektor fährt sicherlich mit meinem Staatsanwalt. Wollen Sie, Neubauer?« »Sämtliche Witze und Redensarten der beiden Burschen sind mir zwar bereits bekannt; aber – ich nehme doch den Tausch an«, seufzte der Philologe. »Hm, wer kann sagen, welch ein Gott mir da den Gatten jenes schauderhaften alten Weibes gegenübersetzt? Jedenfalls werde ich die Gelegenheit benutzen, es ihm zu loben. Ich für mein Teil, lieber Nagelmann, werde sicherlich das Meinige tun, die harmlosen Zustände der Vergangenheit weiter fortzuführen.« »Meine Herrschaften und liebste Freunde«, rief gottlob der Staatsanwalt Wedekind, sich mit einem gefüllten Glase in der Hand erhebend, »auf das Wohl aller! Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß das Gemisch, soweit ich imstande bin zu urteilen, den gegebenen Mitteln entspricht. Füllen auch Sie sämtlich die Gläser, und probieren Sie gefälligst, auf daß sich aus aller Fülle der Individualitäten ein möglichst objektives Resultat und Verdikt ergebe. Ich sehe im Kreise herum, und Behagen erfüllt meine Seele; ich erblicke die alten Bekannten und fordere die jüngern Leute zu ihrem eigenen Besten auf, gleich uns das Leben nur an den richtigen Stellen tragisch zu nehmen. (Meine Dose habe ich neulich wohl nicht bei dir stehen lassen, Winckler?) Meine Pflicht erfordert freilich, daß ich mir morgen früh durch den Vorsteher Neddermeier unsern gemeinschaftlichen Freund Horacker zur Stadt liefern lasse; doch ihn tragisch zu nehmen, erfordert unsere Pflicht nicht, wie auch Sie wissen, lieber Nagelmann. Hoffentlich sehe ich dich gleichfalls bei den doch notwendigen Verhandlungen in betreff des endlich glücklich wieder erhaschten Verbrechers, Winckler, und lade dich hiermit ein, nachher bei mir zu Mittag zu speisen. Sie haben sämtlich sich die Gläser von meiner werten Gastfreundin, unserer Frau Billa, füllen lassen? Gut; so erlaube ich mir, dieses mein zweites Glas auf das Wohl der Damen zu leeren – bringen Sie doch dem wackern kleinen Mädchen, Ihrem Lottchen, auch eins, Hospita, und sagen Sie der armen braven Kreatur, der alte Wedekind fahre nie zufällig amtsmäßig über Land, ohne den vorliegenden Sachen auf den Grund zu gehen, und lasse gewöhnlich in seinen Akten auch die Vernunft mitsprechen. Eckerbusch, auch du wirst morgen bei mir essen; die drei übrigen Herren sind gleichfalls geladen.« »Darauf läuft's doch immer hinaus,« sprach die Frau Konrektorin in dem gedehnten Rhythmus, den die Welt und der Kollege Eckerbusch an ihr gewohnt war. »Übrigens wünsche auch ich jetzt endlich dieses Untier, euern Horacker, persönlich kennenzulernen. Du hast ihn unterm Verschluß, Billa?« »In meiner Äpfelkammer. Er ist dem Staatsanwalt da ebenfalls unter den Händen eingeschlafen. Seine Mutter und meine Lotte halten Wache bei ihm. Wollen Sie ihn auch sich betrachten, kleine Frau?« »Wenn Sie erlauben«, sagte Hedwig Windwebel mit einem Blick auf ihren Viktor, der nur bedeuten konnte: finde ich dich aber auch noch hier, wenn ich zurückkomme? – Und so gingen denn die drei Frauen, um Horacker den Räuber im Schlaf liegen zu sehen; wir aber können es nicht oft genug wiederholen: es war eine liebliche Nacht, die angenehmste des ganzen Jahres achtzehnhundertsiebenundsechzig. Als sie, die drei guten Seelen, in die Obstkammer des Gansewinckler Pastorenhauses traten, legte die Witwe Horacker ganz erbärmlich bittend den Finger auf den Mund. Eine kleine Öllampe beleuchtete das aus Stroh und allerlei Kissen und Decken bereitete Lager, auf dem man den greulichen Sünder in vollständiger Gefühllosigkeit und Erstarrung hatte hinfallen lassen. Er lag wahrlich im tiefen Schlaf, und neben ihm mit dem Kopfe im Schoße der sehr wachen Witwe schlief Lottchen Achterhang ebenso fest – jetzt wiederum tierisch fest nach der schweren Mühsal und Angst der letzten Tage; und draußen füllten Duft und Sommerwonne und leises Blätterrauschen die Welt und füllte der Kollege Neubauer, der Dichter der Sechsundsechsias, von neuem die Gläser. »O lieber Himmel!« flüsterten die zwei Kolleginnen aus der Stadt, und die Proceleusmatica fügte ganz verschüchtert hinzu: »So habe ich mir den Anblick doch nicht vorgestellt, Billa.« Die junge Frau schluchzte leise hinter ihrem Taschentuche in abgebrochenen Tönen: »Und – mein Viktor – hat ihn –« »Nun, Kinder«, sprach so bestimmt als möglich und mit den Händen auf dem Rücken die Gansewinckler Pfarrherrin, »ich hoffe, Kinder, heute übers Jahr ist doch alles besser abgelaufen, als wir jetzt meinen. Heule Sie nur nicht, Horackern; was wir drei hier dazu tun können, das wird sicher geschehen. Seine Zeit in der Besserungsanstalt wird er zwar absitzen müssen, sagt Wedekind; aber das schadet ihm auch nicht das geringste, da weiß ich alle in der Gemeinde zu taxieren; und Ihr Junge, Horackern, ist nicht der ärgste, dem mein Alter zum neuen Jahr gratulieren wird; also lasse Sie das Heulen, Horackern.« »Ja, lasse Sie das Heulen, Witwe Horackern«, sprach die Kollegin Eckerbusch. »Ich will nicht umsonst nach Gansewinckel gekommen sein, und ich gebe Ihr mein Wort drauf, mein Alter soll gleichfalls sein Vergnügen heute nicht ohne die gehörigen Gegenleistungen gehabt haben! Er soll mir hier heran, und zwar mit Rat und mit Tat.«