Wilhelm Raabe Deutscher Adel Eine Erzählung Erstes Kapitel Die Karl Achtermannsche Leihbibliothek gehört nicht zu den ersten der Stadt. In einer verhältnismäßig engen und wenig belebten Nebenstraße belegen, macht sie nicht den geringsten Anspruch auf äußerliche Eleganz, polierte Ladentische und Bücherbretter, Plüschsessel und Büsten berühmter Unterhaltungsschriftsteller vom alten Homer bis zum jüngsten – dem jüngsten – nun ja, lassen auch wir den Platz offen und allen noch mitstrebenden Kollegen die Gelegenheit, sich in Gips oder Biskuit an die Wand hinzuimaginieren! »Einen recht schönen Sokrates hatte ich da oben; aber geschrieben hat der Mann ja eigentlich gar nichts, und als er vor anderthalb Jahren nächtlicherweile mit Nagel und Konsole herunterkam, habe ich es noch für ein Glück halten müssen, daß er das Attentat nicht bei Tage verübte und mir auf den Kopf fiel. Die augenblicklich beliebten Autoren von beiden Geschlechtern halte ich mir immer der Bequemlichkeit wegen handgerecht; und jetzt, bitte, kommen Sie einmal selbst hier hinter den Ladentisch und sehen Sie selber, in was für einer literarhistorischen Gefahr ich geschwebt habe. Er hing gerade drüber«, sagte mir der alte Achtermann; ich aber hatte ihm sogar noch dankbar dafür zu sein, daß er hinzufügte: »Sie stehen dort auf der andern Seite, und darüber ist auch noch ein recht hübscher Platz, wenn es sich einmal wieder so macht, daß ich etwas für die Verschönerung des Lokals tun kann.« – Leihbibliothek von Karl Achtermann stand in halb verwischten Buchstaben über der Glastür, die auf die Straße hinausführte, und lud seit fast einem Menschenalter die Vorbeiwandelnden ein, billigst ihre laufenden geistigen Bedürfnisse zu befriedigen. Und – gottlob! – ein ziemlich anständiger Teil der Bevölkerung folgte der Einladung sogar »im Abonnement« – da war's noch billiger, abgesehen davon, daß der alte Achtermann dabei denn doch auch genauer wußte, wie er dran war. Ganz umsonst können es die Musen leider immer noch nicht tun; aber das muß man ihnen lassen, Rücksichten nehmen sie, und so billig wie die deutsche Nation ist noch keine andere auf Gottes Erdboden zu dem Rufe eines Kulturvolkes gekommen! So weit unsere Einsicht in die Sachlage reicht, ist Arthur Schopenhauer der allereinzige auf germanischem Geistesgebiete gewesen, dessen Freunde und gute Bekannte es nicht möglich machen konnten, seine Werke leihweise von ihm, und wenn auch nur »auf acht Tage«, zu erhalten. Zwei ganze Auflagen der »Welt als Wille und Vorstellung« hat der alte Bösewicht und »Egoist« dem Volke der Denker unter der Nase lieber zu Makulatur machen lassen! Reinewegs empörend bleibt es unter allen Umständen, und ein schwacher Trost kann für das deutsche Gemüt nur darin liegen, daß sich dieser Mensch auf seine holländische Abstammung stets viel zugute tat. – Das Geschäftslokal der Firma K. Achtermann bestand aus zwei Räumen. Der vordere, größere wurde durch die schon erwähnte Glastür und das Fenster zur Rechten derselben wenigstens in einer nicht unangenehmen Dämmerung erhalten. Der zweite, kleinere war vollständig dunkel, enthielt aber den kleinen Kanonenofen, der das Lokal heizte, und neben dem Ofen ein kurzes, zersessenes Sofa, sowie einen niedrigen Schrank zur Aufbewahrung von allerhand Haushaltungsgerätschaften. Mit schöner Wissenschaft waren natürlich beide Räumlichkeiten vollgepfropft, die hintere dunkle freilich mehr mit der veralteten, der abgängigen. Nimmer aber hatte ein öffentlicher Bibliothekar mehr einem sich ausgesponnen habenden melancholischen Spinnrich geglichen als Achtermann an dem heutigen Tage auf seinem Sofa, neben seinem Ofen, unter der abgängigen Literatur der letzten dreißig Jahre! Da saß er, kopfschüttelnd, vornübergebeugt, die Schultern aufwärts gezogen, die Hände zwischen den mageren Knieen zusammengelegt, die Zeitung des Tages unter die linke Achsel gekniffen. »Vor Paris nichts Neues!... Aber hier – über England wird es geschrieben: mit einem Zwanzigfrankenstück in der Tasche ist er in Puys bei Dieppe angekommen – unsere Ulanen dicht hinter ihm her – und dann hat er sich zu Bette gelegt und ist gestorben!... Sie mögen sagen und schreiben, was sie wollen; aber wenn man so mehr als ein Menschenalter durch seine Freude und sein Vergnügen an einem ordentlichen Kerl gehabt hat, und dazu in meiner Stellung gegen ihn gestanden hat, so fällt einem solch eine Zeitungsnachricht doch immer aufs Gemüte. Der Graf von Monte Christo mit zwanzig Franken in der Tasche und unseren Ulanen auf den Hacken! In Neuille, ebenfalls bei Dieppe, ist er nun auch schon begraben. Und wir vor Paris! Und vor Paris nichts Neues, wie Podbielski meldet. Nun sehe einmal ein Mensch an, wie es wieder schneit!« Er schüttelte sich, öffnete einen Augenblick die Klappe seines Ofens und sah zwinkernd in die Steinkohlenglut, schloß die Tür wieder mit Hülfe der Kohlenschaufel und blickte um das gewundene Rohr des Ofens nach dem Fenster und der Tür des vorderen Gemaches. Es schneite in der Tat recht munter, und der Wind warf das körnige Gestöber in rieselnden Schauern gegen die Scheiben. »Hm, hm, Alexander Dumas tot!« seufzte Achtermann. »Hm, hm, und daß sie das sicherlich heute in Paris noch nicht wissen, das gehört doch wahrhaftig auch zu den Merkwürdigkeiten dieses Jahres! Das nehme mir keiner übel, wenn ich heute in Versailles, im Hauptquartier, ein Wort mitzureden hätte, so schickte ich ganz gewiß einen Trompeter und einen Adjutanten mit einer weißen Fahne und der Nachricht zu den Vorposten. Da braucht man wirklich kein alter Leihbibliothekar zu sein, um die Wirkung vorauszuberechnen! Das geht denn doch in der Tat über die ›Drei Musketiere‹ und ›Die Dame von Montsoreau‹ hinaus, von den ›Memoiren eines Arztes‹ gar nicht einmal zu reden. Da war das Buch von dem Monsieur Hugo über den Rhein, das hat vieles getan, um uns und sie zu dieser jetzigen glücklichen Abrechnung zu bringen; aber meinem alten, braven Alexander soll man auch das Seinige lassen. Mein Gott, wir vor Paris – Alexander Dumas tot – und von Paris aus nichts Neues! Einerlei, man muß doch ein alter Leihbibliothekar und in diesen Geschichten groß geworden sein, um das alles sich zurechtlegen zu können, wie das auf- und ineinander paßt. Bei unsereinem soll man sich erkundigen, wenn man genau wissen will, was Historie und was Kulturhistorie ist. Herr Gott, ist das ein Winterwetter!« Es kamen einige Kunden, die abgefertigt wurden und beträchtliche Spuren ihrer Wege durch die Gassen auf dem Fußboden zurückließen. Verhältnismäßig hatte Achtermann gute Weile. »Der Krieg tut wohl auch das Seinige dazu, aber das Wetter heute morgen doch das meiste«, brummte er. Es hat alles seine Regeln auf Erden; man muß nur lange genug drauf studieren, um sie auswendig zu lernen. Wer ist mir jetzt auf den Beinen? Natürlich einzig die alten Fräuleins, die eine Jungfer zu schicken haben und die heutige Zeitung erst morgen mittag lesen. Nun, wir sind lange genug dabei, um auch einmal für ein stilles Jahr und eine ruhige Stunde dankbar sein zu können.« Er war an das Glasfenster seiner Tür getreten und wischte mit dem Ärmelaufschlag über die Scheibe vor seiner Nase, um sich wenigstens für einen Augenblick eine freiere Aussicht in die Straße zu schaffen. »Nun sehe einmal einer an!« rief er. »Kann es gemütlicher beschrieben werden?« Und mit einem Blick über die Schulter auf seine Büchergestelle: »Kann es einer besser geben?«... Das war freilich kaum möglich. Was hier in dieser Hinsicht augenblicklich geleistet wurde, war nicht zu übertreffen. »Le Bourget hat neulich nicht ärger im weißen Pulverdampf und Wirbel gelegen. Jaja, und Charles Dickens ist auch tot seit dem neunten Juni! Der richtige Schüd–de–rump ist's! Wahrhaftig, ein netter Ersatz für den gewohnten Dreck vor Weihnachten! Holla, ist denn dies Wassermann? Nun, das ist klar; was nicht ersaufen soll, das wird im Schneetreiben auch nicht umkommen. Na, nur herein, Alter; aber hübsch bescheiden – immer hübsch bescheiden! – alle Teufel, der halbe Winter hängt dem guten Kerl am Pelze! Jetzt besehe sich einer diese Kröte! Ist das eine Aufführung für einen treuen Hund, der seinen Herrn bei diesem Wetter vor Paris stehen hat? Soll ich dir wieder einmal ein Kapitel aus Snarleyyow vorlesen, um deine Moral zu verbessern und deine Begriffe von Anstand aufzufrischen?« Es war ein tölpischer, graugelber, ganz gemeiner Köter mit gekappten Ohren und gestutztem Schwanz, der blaffend in dem Schneegewirbel der Gasse aufgetaucht war, an der Tür der Leihbibliothek, Einlaß begehrend, gewinselt und gekratzt hatte und jetzt den alten Achtermann zärtlich, aber unbeholfen zudringlich umtanzte und umsprang. »Aber Fräulein?! Fräulein Natalie – auch Sie bei diesem sibirischen Orkan? O du meine Güte, geben Sie her Ihren Muff, geben Sie Ihre Musikmappe – schöpfen Sie Atem – kommen Sie zum Ofen. O liebes Kind, mußten Sie denn selbst bei diesem Wetter unterwegs sein?« Es war eine hochrote, hübsche, aber augenblicklich nicht bloß vom Wind und Schneegestöber aufgeregte junge Dame, die der Sturm dem Hunde nachgeblasen hatte. »Ich komme von drüben, Achtermann! – ja, ich muß mich einen Augenblick setzen! – Denken Sie sich, man hätte ihn soeben beinahe uns abgepfändet. Es ist doch ein wahres Glück, daß er kein teurer Leonberger, sondern nur als Künstler eine wertvolle Kreatur ist. Nur die Verachtung der Welt hat ihn Ihnen und uns gerettet. Die Frau Professorin liegt noch lachend auf ihrem Sofa, und ich – ich habe mein junges Leben in Ihrem sogenannten sibirischen Orkan dran gewagt, um Ihnen die neue heillose Geschichte brühwarm über die Straße zu tragen.« »Abpfänden?« fragte Achtermann verwundert. Zweites Kapitel Fräulein Natalie erzählte; – wir aber haben ja doch wohl die Geschichte angefangen zu erzählen, und so behalten wir für eine Weile noch das Wort und sagen noch ein wenig weiter von dem Leihbibliothekar Karl Achtermann, obgleich er eigentlich nicht die Hauptperson in unserm diesmaligen Berichte ist. Vor allen Dingen ist zu bemerken, daß er eine Privatwohnung, ziemlich eine halbe Meile von seinem Geschäftslokal gelegen, innehatte, ein drittes Stockwerk, in welchem er »mein Mann« – der »Vater Achtermann« und der »Papa« war und sowohl als Mann wie als Papa ein staatsbürgerlich häusliches Behagen genoß, das nichts zu wünschen übrig ließ – nämlich für die schadenfrohe, heimtückische, grinsende Nachbarschaft, die nicht selten Gelegenheit hatte zu bemerken: »Uh, diesmal haben sie ihn aber mal wieder gehabt!« Sie – sie, das waren Frau und Fräulein Achtermann. Erstere eine Matrone von fünfzig, letztere ein Kind – eine Tochter von achtundzwanzig Jahren; der Papa Achtermann selbst hatte seinen sechzigsten Geburtstag ganz in der Stille im März des laufenden Jahres begangen. Ganz in der Stille; denn daß sich jemand anders darum bekümmern konnte, war ihm eine so fremde Idee, daß sie ihm nicht einmal im Traume kam. Den Taufnamen der Mutter haben wir trotz aller angewandten Mühen nicht in Erfahrung bringen können, und so bleibt sie uns leider bis auf den letzten Bogen dieser Geschichte die Frau Achtermann und wird höchstens dann und wann zur anmutigen Abwechslung oder in erregten Seelenmomenten zur »Madam«. Die Tochter war wirklich und wahrhaftig auf den Namen Meta getauft worden und hört also auch durch das ganze Buch darauf. » Meta – fervidis Evitata rotis, alter Freund«, sagte Wedehop, den wir auch erst einige Seiten später genauer kennenlernen werden, zu dem Leihbibliothekar. »Ich weiß wahrhaftig nicht, was die jungen Leute gegen das junge Mädchen haben; aber sicher ist es, nimm es mir nicht übel, Achtermann, sie pflegen in ziemlich weitem Bogen drum herumzugehen; und Zeit wird es freilich, daß endlich einer von ihnen sich näher wagt, wenn auch auf die Gefahr hin, gründlich dabei auf den Sand gesetzt zu werden. Nun, du weißt: was ich dazu tun kann, der – rosigen Zauberin einen passenden Mann zu verschaffen, das tue ich, und so brauchst du die Hoffnung immerhin noch nicht ganz aufzugeben, sie ebenso glücklich – und – selbständig verheiratet zu wissen wie – wie – ihre gute Mama.« »O, halte du wenigstens dich nicht über uns auf, Wedehop!« seufzte dann Achtermann, und der Hausfreund ging und übersetzte grimmig aus den neuern und neuesten Sprachen der Unterhaltung und des Berufs seines Volkes zur Weltliteratur wegen weiter. Es gab vielleicht in der ganzen Stadt keinen zweiten Menschen, dessen Leben in so regelmäßiger Abwechslung von Ormuzd und Ahriman beherrscht wurde als das des Leihbibliothekars Achtermann. Bis auf den Sonntag und die hohen Feiertage, die Ahriman allein zugehörten, teilten sich das lichte und das dunkle Prinzip in das Dasein des Mannes mit fast peinlicher Achtung vor dem Prinzip des Rechtes und der Billigkeit. Von acht Uhr morgens an, wo er die Schwelle seines Geschäftslokales überschritt, bis zehn Uhr abends, wo er, nach langem Marsche durch die Stadt, wieder im Schoße seiner Familie sich vorfand, hielt das gute Grundwesen seine freundliche Hand über den Alten und lebte er im Lichte an dem dunkelsten Wintertage. Aber von zehn Uhr abends bis morgens siebenundeinhalb Uhr ließ sich Ahrimanes – nichts dreinreden. Um die letztangegebene Stunde erst ging Achtermann wieder vom Hause weg, und es war unbedingt schade, daß Zoroaster ihn nicht kennen und auf seinem Wege ihm das Geleit geben konnte: es würde dem weisen Perser wahrlich ein Vergnügen gewesen sein, ein fortlaufendes Abonnement bei ihm zu nehmen. Wir anderen unter den Gestirnen des Tages und der Nacht wandelnden Menschenkinder, denken wir uns aus unseren scheckigen Existenzen in die seinige hinein und – beneiden wir ihn, selbst in den Momenten, in welchen wir ihn auf diesen Blättern am meisten zu bedauern haben werden. Es öffnen wahrlich nicht alle, die eine Tür hinter sich zuziehen, eine andere, die in ein unbeschränktes Reich der Wunder, der Märchen und des Behagens führt und das alte Zauberwort: »Hinter mir Nacht, vor mir Tag!«, ganz und gar wahr macht!... Der Leihbibliothekar Karl Achtermann war Leihbibliothekar aus Beruf. »Wenn er nicht solch ein Phantastikus wäre, hätte er es auch gar nicht so lange ausgehalten!« sagte die Nachbarschaft, und ein Körnlein Wahrheit mochte auch hier wohl der öffentlichen Meinung zum Grunde liegen. Achtermann verlieh seine Bücher nicht bloß, sondern er las sie zum größten Teil selber, ehe er sie verlieh. Daß er ein ästhetisches Gewissen besaß, konnte man nicht behaupten; aber er gab darin seiner Nation nicht das mindeste nach. Was will der geplagte Mensch mehr, wenn die Wände um ihn her leben und der Sonnenstrahl, der durch das Fenster fällt, voll ist von Gestalten?! »So sind die Leute immer gewesen, und so sind sie heute noch«, seufzte Achtermann. »Seit unser Cervantes durch einen Barbier und einen in Salamanka graduierten spanischen Pastor in der Bücherstube zu Argamosilla hat aufräumen lassen, haben die Barbiere hier die Oberhand behalten; und so hat es sich wieder einmal erwiesen, daß kein kluger Mann irgendwas Gescheites aufs Tapet bringt für den Sonntag, ohne daß sich die Menschheit eine elenddumme Plage für jeglichen Alltag, den Gott werden läßt, daraus zurechtschneidet. Lies einmal das Kapitel nach in dem Ritter Don Quijote, Ulrich; und dann nimm dir nur ja recht zu Herzen, was uns eben der Herr Lizentiat – wollte sagen, der Herr Doktor und Professor der Ästhetik Mohn, der da jetzt vor der Tür seinen Regenschirm aufspannt, anzuhören gegeben hat. Er hat vollkommen recht, der Herr Doktor! Nimm Vernunft an, da es noch Zeit ist, mein Sohn; laß die Hände von all dem Blödsinn hier rund um uns her; und vor allen Dingen komme mir nicht wieder und sitze da nicht halbe Tage lang auf meiner Bücherleiter, um deine Phantasie zu vergiften und für den realen Tag durch und durch unbrauchbar zu werden.« »Der Tropf hat glücklicherweise seinen linken Gummischuh vergessen. Morgen früh werde ich ihm mit demselben mitten in seiner Schulstube irgendeine kleine Freude und jedenfalls eine Überraschung bereiten!« lachte der junge Mensch auf der Bücherleiter: es war aber volle acht Jahre her, seit jener fröhliche Sommerregen herunterkam, vor dem sich der Professor der Ästhetik Dr. Mohn durch Regenschirm und Gummischuhe zu sichern gesucht hatte. Für uns von besonderem Interesse ist das Faktum, daß der Tag ein Sonnabend war, dem naturgemäß ein Sonntag folgte. An jenem Sonntage vor acht Jahren nämlich taten der Leihbibliothekar Achtermann und der Student von der Bücherleiter eine sehr edle Tat. Sie erretteten Wassermann vom Ersaufen, und sie adoptierten ihn. »Die Steuer zahle ich; aber du nimmst das unglückselige Wesen mit nach Hause, Ulrich. Deine Mama wird nichts dagegen haben; ich aber wäre verloren, wenn ich das winselnde Geschöpf daheim aus der Tasche zöge und mir eine Tassenschale voll Milch von meiner Frau dafür ausbäte.« Wie angenehm so ein schöner Sommertag, an dem man noch dazu eine gute Tat verübt hat, aussieht! Frau und Fräulein Achtermann hatten aus einem sicherlich stichhaltigen Grunde, der ihr eigen Vergnügen betraf, den Gatten und Vater seinem eigenen überlassen. Von der Stadt her klangen die Glocken, welche zur Morgenkirche einluden, und die Szene fand an einem der Kanäle statt, die in weiterer Entfernung von der Stadt die Ebene durchgleiten und dann und wann aus grünlichen Fettaugen auf schleimiger Oberfläche die kümmerlichen Föhrenbestände wie in ekelnder Verzweiflung anstarren. Der Hund war damals höchstens zwölf Wochen alt und trug einen Strick um den Hals, an welchem ein Stein befestigt gewesen war. Dieser Stein hatte sich jedoch glücklicherweise aus der Schlinge gelöst, und die dem Untergange geweihte Kreatur war demzufolge für diesmal noch dem allgemeinen Tier- und Menschenlose entgangen. Durch die doch vorhandene Strömung war das Geschöpf vom linken Ufer zum rechten hinübergetragen worden. Am linken Ufer aber stand der bisherige Herr über Leben und Tod des Viehs und warf mit Schimpfworten, Obszönitäten, Steinen und Erdklößen sowohl nach dem winselnd ans Land kriechenden Hunde wie nach dem Herrn Leihbibliothekar Achtermann und dem Sekundaner Ulrich Schenck, der das Tier eben am Rückenfell packte und es völlig aufs Trockene zog. »Kümmern Sie sich gar nicht um den Lumpen, Herr Achtermann«, rief der Schüler. »Wäre der Graben nur zehn Fuß schmäler, so wäre ich bereits drüben scharf bei ihm und hätte dem Halunken die Seele zu zwei Dritteln aus dem Leibe getreten. Lassen Sie ihn nur schimpfen; nehmen Sie sich nur noch einen Moment lang vor seinen Würfen in acht; gleich habe ich unseren Fang in meinem Taschentuch, und wir können ruhig mit ihm dort in der Heide Kriegsrat halten, was wir weiter mit ihm beginnen sollen.« Das letzte »ihm« galt natürlich nicht dem wutentbrannten Strolch drüben am Bache, sondern dem atemlosen, keuchenden, wimmernden Hundevieh am diesseitigen Ufer. »Du – Herrgott! Der Kerl hat dich getroffen, Ulrich! Du blutest am Ohr! – – Kanaille! Mörder! Spitzbube!« schrie Achtermann, seinen Stock schüttelnd. »Selber Kanaille – selber Spitzbube – Hundedieb! Hundedieb!« brüllte es von drüben zurück. »Lassen Sie nur dem Hundemörder das Pläsier!« lachte der Sekundaner, kurz mit der Hand an der getroffenen Backe herfahrend. »So, Azorchen – Amichen – nicht weinen – nein, nicht weinen! Jetzt die vier Zipfel zusammen; – da haben wir dich in Sicherheit und – nun, Herr Achtermann, bringen wir uns langsam, ruhig und siegesbewußt ebenfalls in Sicherheit. Gut anderthalb Stunden hat der Kerl bis zur nächsten Brücke; o Herr Achtermann, wie wird sich Fräulein Meta freuen, wenn Sie ihr dieses allerliebste Tierchen hier im Taschentuch von unserem Morgenspaziergang mit nach Hause bringen!« »Ich?« stammelte der Leihbibliothekar, und daran knüpfte sich denn im Fichtengehölze das, was vorhin bereits über Steuerbezahlen usw. gesagt worden ist. »Nun, dann wird sich meine Mama freuen müssen über unsere gute Tat! Einer außer mir und Ihnen, Herr Achtermann, muß es; sonst könnten wir den schauderhaften Köter dreist sofort nur selber wieder ins Wasser werfen.« »Ich kenne deine Mama, Ulrich! Und für den Maulkorb komme ich auch auf. Sei jetzt nur ein guter Junge und nimm Vernunft an. Daß ich mit dem Tier unterm Arm nach Hause komme, ist doch keine Menschenmöglichkeit. Du hast es gut, Ulrich, du hast noch keine – Gesichter in deinem Leben kennengelernt; aber – werde nur erst mal so alt als ich; dann wirst du auch vielleicht davon zu reden wissen!« »Nun, ein Gesicht wird meine Mutter mir auch wohl schneiden, Herr Achtermann«, brummte Ulrich Schenck, und der Leihbibliothekar blieb stehen und sagte: »Höre, mein Junge, das laß dir gefallen, solange dir der liebe Gott die Gnade schenken will. Weißt du, Ulrich, manchmal wäre es mir doch recht lieb, wenn ich ganz genau wüßte, daß wir beide nicht zuviel Allotria miteinander trieben!« Es sind sieben bis acht Jahre seit dem schönen Sommersonntagmorgen vergangen, an dem Ulrich seiner freilich nicht von vornherein drauf gefaßten Mama das neue Familienmitglied im Taschentuche zutrug. Alle sind älter seit dem Tage geworden – der Hund, der Schüler, der Leihbibliothekar Achtermann und die Frau Professorin Schenck. Natalie Ferrari ist heute ein großes hübsches Mädchen, das völlig auf eigenen Füßen steht und auch stehen muß, was vor sieben oder acht Jahren alles auch noch nicht der Fall war. Das beste wird sein, daß wir sie jetzt, wo der Dezemberschnee des Jahres 1870 fort und fort lustig niederwirbelt, endlich ruhig ihren lachenden Bericht abstatten lassen über den Hund Wassermann, den städtischen Exekutor Trute und die Frau Professorin Schenck. Es hat sich überhaupt schon auf diesen ersten Seiten unseres Berichtes eine Erzählungsweise eingeschlichen, die uns durchaus nicht gefallen kann! Drittes Kapitel Der verständige Mensch, der Mensch des Begriffs, des Prinzips, des Systems, ändere es einmal! Wenn er es aber nicht zu ändern vermag, so tröste er sich mit uns, wenn ihm in den Begriff Regen die Sonne hineinscheint oder wenn es ihm in den Begriff Schnee hineinregnet: Wir können es auch nicht ändern! »Wenn Sie wünschen, daß ich ein Wort von alledem begreifen soll, Fräulein, so setzen Sie sich vor allen Dingen erst mal ruhig hin. Der Köter ist auch wie verrückt – gerade, als ob er noch nicht in den Jahren wäre, wo der heutige Mensch anfängt, eine Glatze sich zuzulegen!« brummte Achtermann. Die junge Dame warf aber nur ihre Notenmappe auf den ihr angebotenen Stuhl, faßte beide Hände des Alten und rief: »Sie haben ganz recht! Es ist auch eigentlich nur eine Geschichte zum Sich-Hinsetzen und Vor-Verdruß-Weinen. Eine Schändlichkeit ist es; und wenn die Frau Professorin nicht wirklich und wahrhaftig drüber gelacht hätte, so würde ich sicherlich nicht lachend über die Straße mich vom Winde haben herblasen lassen. Setzen kann ich mich nicht; aber – ruhig will ich sein! – Wahrhaftig, wie ein Rezitativ vom alten Bach oder Händel will ich es Euch vortragen: Von Kapharsalama eil ich herbei und bring euch überschwenglich Glück!... überschwenglich Glück? Danke freundlichst! Da habe ich ein halb Stündchen Zeit zum Atemschöpfen und denke, das lachst du einmal wieder mit der Mama Schenck weg – das Wetter ist auch ganz dazu geeignet, und – dem Herrn Ulrich vor Paris wird doch während der Zeit ganz gewiß nichts Schlimmes passieren. So lasse ich auch mich wie ein Schneefräulein aus dem Märchenbuch drüben die Treppe hinaufblasen, und es läßt sich auch ganz an, wie ich es mir hübsch und behaglich vorphantasiert habe. Die Frau Professorin liegt mit ihrer roten Wolldecke zugedeckt auf dem Sofa, Wassermann unter dem Tische und Droysens Yorck, aus Ihrer Bibliothek natürlich, Achtermann, aufgeschlagen und umgeklappt auf dem Tische. – ›Sieh, das ist nett von dir, Mädchen!‹ sagt die Mama; ›das Buch laß nur liegen, das ist nichts für deine Schnüffelnase; aber einen Bratapfel darfst du dir aus dem Ofen holen. Mädchen, was bringst du für eine Kälte mit!‹ – ›Den Bratapfel nehme ich mit Dank; aber weshalb das Buch nichts für mich ist, möchte ich doch gern wissen! He, wohl weil meine Herren Ahnen vor soundso viel ungezählten Generationen richtige schwarzgelockte Italiener waren und Rom eroberten oder verteidigten, he? Bin ich Ihnen vielleicht noch immer nicht blond genug geworden im Laufe der Jahrhunderte, gnädige Frau?‹ – ›Stachlig genug bist du vom Baum gefallen, du allerliebste Kastanie‹, lacht die Mama; ›das Buch aber vom General Yorck kriegt Achtermann nicht eher wieder in die Hände, bis ich meinen armen Jungen wieder gesund zu Hause habe. Er, mein Ulrich, hat mir ihn, ich meine den alten Yorck, noch herübergeholt kurz vor dem Ausmarsche. Was die Römerinnen und Spartanerinnen gelesen haben, während ihre Söhne im Felde standen, weiß ich nicht; aber ich käme um vor nervöser Aufregung an dem Herrn von Podbielski mit seinem ewigen: Nichts Neues vor Paris! ohne den General Yorck und die Zeitung jeden Morgen.‹ – ›Und ich? Ich bin Ihnen wohl zu gar nichts mehr nütze, Frau Professorin?‹ frage ich kläglich, und damit sind wir denn gottlob in die richtige Tonlage hineingefallen und rücken dichter zusammen und sind so behaglich und römisch und spartanisch, als es uns als zwei armen, angsthaften deutschen Frauenzimmern im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts nur irgend möglich ist.« »Hören Sie, Fräulein Natalie, wissen möchte ich wohl, von wem Sie eigentlich das Erzählen gelernt haben«, sagte an dieser Stelle der Leihbibliothekar und fügte hinzu: »Unsereiner lernt es allmählich, sich darauf zu verstehen.« »Von meinem Vater!« erwiderte die junge Dame, und eine Wolke legte sich dabei für einen Moment auf die heitere, von Gesundheit und dem Winterwetter leicht gerötete Stirn. »Die Ferrari haben stets ihre Worte gut zu setzen gewußt. An einem meiner Urgroßväter hat es schon der Alte Fritz gerühmt. Es steht in den Anekdoten von ihm, was sie sich gegenseitig gesagt haben. Unterbrechen Sie mich aber nicht, wenn Sie meine Geschichte zu Ende hören wollen, viele Zeit hab ich nicht mehr für Sie übrig, Herr Achtermann.« Der Leihbibliothekar machte nur eine bittende und beschwörende Handbewegung, und Natalie erzählte weiter: »Klopf, klopf geht es doch in alle guten Stunden und Augenblicke hinein – nicht wahr? Nicht wahr, da macht und kennt das Schicksal doch auch bei Ihnen keinen Unterschied der Person, Herr Achtermann?« »Bei mir? Unterschied der Person? Ach du lieber Himmel! Wissen Sie, Fräulein, die Anekdotenbücher vom König Friedrich sind mir momentan nicht so recht gegenwärtig; aber das sage ich Ihnen, angenehm würde es mir sein, wenn Ihr Herr Urgroßvater den Alten Fritz gefragt hätte, ob je das Schicksal, was das Anklopfen anbetrifft, bei ihm einen Unterschied der Person gemacht habe. Es gereichte der Menschheit immerhin zum Trost, wenn da auch der hätte nein sagen müssen.« »Point du tout, würde er gesagt haben. Gut; also wir sitzen aneinandergedrückt, als es an die Tür klopft. ›Sieh mal hin, Natalie, wer es ist‹, sagt die Frau Professorin; aber schon hat mir Wassermann die Mühe abgenommen, der Welt Elend und Abgeschmacktheit im Innern willkommen zu heißen. Auf allen vieren wütend festgestemmt, sieht er den Kerl an, der gar nicht gewartet hat, bis man ihn einlud einzutreten. – ›Herrgott, Trute; Sie wieder einmal?‹ ruft die Mama Schenck; ›ist denn noch nicht alles in Ordnung?‹ – ›Bis auf eine Kleinigkeit, Madam; – fünfzig Taler, Madam, – Schneidewind und Kompanie, Madam; aber ja auch nur pro forma, pro forma diesmal, Frau Professorin.‹ – Die Frau Professorin ist aufgestanden; ich, Natalie Ferrari, sitze fester als je in meinem Leben. Wassermann bellt sich fast die Seele aus dem Leibe, die Mama aber sagt ärgerlich: ›Zeigen Sie mir wenigstens Ihre Papiere, Trute.‹ – ›Mit dem größten Kummer und Verdruß, auf meiner Seelen Seligkeit, Madam!‹ ruft Trute; und ich und die Mama haben zitternd sozusagen nur eine Nase zwischen den dummen Stempelbogen. – ›Nun mache dir einmal einen vollständigen Begriff von dem – Ungeheuer – da – vor Paris!‹ ächzt die Frau Professorin. ›Das nennt man denn sein Vaterland verteidigen, wenn man vergnügt hingeht, über die Grenze rückt und seine Mutter so in den tagtäglichen Verdrießlichkeiten, die Ängste gar nicht gerechnet, sitzen läßt. Und das will denn nachher wohl gar noch von den Frau Müttern und allen möglichen weißgekleideten Jungfrauen unter Glockengeläut beim Siegerheimzug in Empfang genommen werden! Mädchen, ich sage dir, auf dich und mich soll er passen. Sie aber, Trute, Ihnen glaube ich es, daß es Ihnen leid tut. Da hängt der Schlüssel zu seiner Stube und Kammer hinter der Tür; habe die Freundlichkeit, Natalie, und begleite den guten Trute die Treppe hinauf, daß er sich noch einmal die leeren vier Wände ansieht – pro forma, das ist auch eine Redensart von dem bösen Jungen.‹« »Fräulein, entschuldigen Sie«, sagte Achtermann, sich über seinen Tisch vorbeugend. »›Das Geheimnis der alten Mamsell‹, Frau Geheimrätin? Leider augenblicklich in allen vorhandenen Exemplaren nicht zu Hause. Darf ich Ihnen vorschlagen –«. Was er vorschlug, kümmert uns nicht – wir haben es zu eilig dazu und Fräulein Natalie ebenfalls. Die Geheimrätin ging durch das abnehmende Schneegeriesel, und Natalie fuhr fort: »Ich sage Ihnen, Achtermann, es ist wahrhaftig die allerhöchste Zeit, daß wir wieder ein einiges Reich und vor allen Dingen einen Kaiser an die Spitze bekommen, damit man endlich einmal ganz genau und nicht bloß der Redensart nach erfährt, wo er wirklich sein Recht verloren hat! Übrigens, was denken Sie von meiner Situation mit dem Stubenschlüssel des jungen Herrn Schenck in der Hand und Trute und Wassermann hinter mir auf der Treppe? – ›Nehmen Sie es nur nicht übel, daß ich Sie umsonst bemühe, Fräulein‹, sagt Trute. – ›O es ist mir ein wahres Vergnügen‹, sage ich, und so kommen wir unter dem Dache an, und Wassermann kennt die betreffende Tür ganz genau und zeigt sie mir, indem er winselnd an ihr kratzt. – ›Ich kenne den Schlüssel, Fräulein, geben Sie mir das Bund. Ich weiß auch mit dem Schlosse Bescheid‹, verständigt mich dieser gefühllose städtische Zwangsmensch Trute, und lachen muß ich doch trotz meines Ärgers. Nicht wahr, Achtermann, Sie haben ihn ja wohl mit erzogen, diesen Herrn Ulrich? Uh, die Frau Professorin kann Ihnen nicht dankbar genug dafür sein, Achtermann! – Nun, da waren wir drin! Und ich muß sagen, ich habe doch die Hände in die Seiten stemmen müssen. ›Ja, sehen Sie, Fräulein, Sie lachen‹, sagt Trute, ›und ich kann es Ihnen auch eigentlich nicht verdenken; aber was soll ich denn tun? frage ich Sie.‹ – Wissen Sie, Achtermann, ein leerer Raum klingt hohl selbst im Sommer, aber ein leerer Raum, in welchem im Winter nicht geheizt ist, klingt noch viel hohler, aber dabei, wie ich gefunden habe, heller als im Sommer, was wohl in unserer eigenen Gänsehaut seinen Grund haben wird. Jammerschade war es, daß Trute aus der lächerlichen Öde heraus nicht nach Paris telegraphieren konnte. Ich sehe mir die Kohlenzeichnungen auf den Kalkwänden an und die literarischen und ästhetischen Anmerkungen drunter, drüber und dazwischen. – ›I, so soll denn doch –‹, schreit plötzlich Trute, ›bitt ich Sie, Fräulein, bin ich denn das? Soll ich denn das sein? Und worauf reite ich denn? Habe ich je in meinem Leben auf einem Kater geritten? Herrje, und nun gucken Sie mal her – Ihnen wie aus dem Gesichte geschnitten, Fräulein! – Na, ärgern Sie sich nur nicht auch; Ihnen hat er doch wenigstens nicht zu einer Fratze und Vogelscheuche veridealisiert. Das lasse ich mir schon gefallen, wenn man hinschwebt wie eine griechische Göttin. Nämlich, ich bin doch drei Jahre lang Aufseher im Neuen Museum gewesen und muß das kennen! Nein, aber jetzt hört doch alles auf! Den Herrn von Mühler, Exzellenz, kenne ich doch auch von meiner Aufseherschaft im Neuen Museum her – das ist er – das soll er sein, der links von der Ofenröhre! Sapperment, würde der sich freuen, wenn er sich so sehen könnte! Na, na, ich sage nichts mehr, als daß man die ganze Stadt herrufen sollte, um gegen Entree diese Fresken zu zeigen –‹« »O ja, es ist eine sehr gemischte Gesellschaft«, unterbrach Achtermann. »Rechts von der Kammertür sitze ich mit Frau und Tochter. Meine Frau möchte ich nicht sehen, wenn sie sich da in der Auffassung erblicken würde; und für meine Meta sage ich auch nicht gut, daß sie es für eine Schmeichelei nehmen würde. Aber fanden Sie nicht, daß er mich recht gut getroffen hat, Fräulein Natalie?« »Sie werden sich doch nicht einbilden, daß ich den Schmierereien noch einen Blick geschenkt habe, nachdem ich mir ebenfalls die Ehre drunter gegeben fand. Ich nenne das einfach eine Unverschämtheit und habe das auch der Frau Professorin gesagt. Narrenhände und so weiter, wie Sie wissen, Achtermann, wenn Sie Ihre Bücher gleichfalls mit Randzeichnungen und sonstigen Notizen zurückkriegen. Und wenn ich auf meine Kosten dem Herrn Ulrich Schenck seine Wände weißen lassen soll, morgen wird dem Skandal ein Ende gemacht!« »O Sie werden doch nicht, Fräulein?!« rief der Leihbibliothekar. »Ja, ich werde – darauf können Sie sich verlassen. Und Truten liegt auch daran, daß er seine Eselsohren verliert und von seinem Kater herunterkommt. Er kennt gottlob von seiner Aufseherschaft im Museum her mehr als einen geschickten Anstreicher; und, was das beste ist, die Mama hat gesagt: ›Ja, Kind, ich bin ganz deiner Meinung; morgen wollen wir dem Greuel ein Ende machen – er bedauerte es so schon häufig, daß er für seine – Ideen keinen Platz mehr finde. Wir wollen ihm eine Freude damit machen, Natalie, – morgen lassen wir weißen, Mädchen, daß er reines, freies Feld findet und von vorn anfangen kann, wenn er nach Hause kommt, der arme Junge.‹« Es war zu bedauern, daß gerade in diesem Moment ein ganzer Haufen Lektürekunden kam und dem herzlichen Lachen des alten Achtermann ein Ende machte. Als die Leute abgefertigt waren, hatte die junge Dame natürlich »nur noch fünf Minuten lang Zeit« und sagte: »Mit zwei eingetretenen Rohrstühlen, einem dreibeinigen Stehpult und einem Stiefelknecht vor dem Angesicht kann sich auch der grimmigste, abgefeimteste Stadtexekutor höchstens auf seinen Schein stellen und darauf herumtrampeln. Trute schob den seinigen wieder in die Brieftasche und sagte: ›Wenn es Ihnen gefällig ist, Fräulein, mir ist's recht, wenn wir wieder gehen. So leichten Herzens komme ich nicht von jeder Exekution weg, das sage ich Ihnen. Vergessen Sie aber um Gottes willen nicht, ja recht ordentlich zuzuschließen, auf daß uns nichts gestohlen werde; in Zahlen wäre der Verlust gar nicht zu taxieren.‹ Wir schlossen zu und stiegen wieder die Treppe hinunter. Als höflicher Mann nahm Trute natürlich auch von der Frau Professorin Abschied: ›Entschuldigen Sie nur gütigst, beste Madam; ich komme immer ja nur für andere, Frau Professorin.‹ Die Mama lacht in ihrer Weise; und in allseitigem Wohlgefallen würden wir nunmehr voneinander geschieden sein, wenn nur nicht gerade in diesem Moment dem Wassermann da eingefallen wäre, sich mausig zu machen. Es ist wirklich, als fiele es ihm jetzt ein, daß er sich, grade diesem guten Bekannten seines Herrn gegenüber, viel zu ruhig verhalten habe, und so kläfft er los und macht wahrhaftig Miene, dem guten Trute an den Hals zu fahren. – ›I, sehen Sie mal den Hund! In Paris wäre er viel wert; aber – weiß der Teufel (entschuldigen Sie, Achtermann), auch hier ist er ein Objekt, das ich mir zu gern mitnehmen möchte!‹ – ›Das werden Sie wohl bleiben lassen, Trute‹, sagt die Mama mit Grabesruhe; aber bei dem Mann in dem städtischen Uniformsrock erwachen mit einem Male alle schlechten Leidenschaften. Er kehrt sich nicht im geringsten weder an meine Entrüstung noch an die Grabesruhe der Mama Schenck. – ›Hier, mein Hündchen, mein gutes Tier – hier, hier, komm zum Onkel!‹ – Wer aber nicht kam, sondern nur wie toll unter dem Tischteppich hervorbellte, war Wassermann; wie Bazaine in Metz steckt er bald hier, bald da den Kopf unter der Decke hervor und tut – diesmal mit vollem Recht –, als ob er rein verrückt sei. Aber die Frau Professorin hat nun ihrerseits ihren Yorck von Wartenburg leise abermals auf den Tisch gelegt und ist von ihrem Sofa aufgestanden –« »Und sagt hoffentlich ganz ohne Aufregung: ›Scheren Sie sich gefälligst zum alten Achtermann hinüber, Trute, und erkundigen Sie sich bei dem, ob man einen preußischen Wehrmann im Felde pfänden dürfe?‹ Nicht wahr, Fräulein?« »›Nicht wahr, es hat sich wohl wieder einmal ein Liebhaber für das talentvolle Tier gefunden?‹ fragt die Frau Professorin. ›Nicht wahr, mein Sohn hat nicht umsonst anderthalb Jahre auf die Erziehung des Geschöpfes verwendet? Seien Sie aufrichtig, Trute; was hat man Ihnen mal wieder für es geboten? Öffne die Tür, Natalie, und schicke den Wassermann zum Nachbar Achtermann. Und im übrigen lassen Sie sich nicht eher hier wieder sehen, bis mein Sohn aus Paris zu Hause ist. Adieu, lieber Trute!‹ – Adieu, lieber Achtermann!« Viertes Kapitel Das eine Lebewohl war so rasch dem anderen gefolgt, und so plötzlich hatte Fräulein Natalie Ferrari von dem Gründer und Eigentümer der Achtermannschen Leihbibliothek Abschied genommen, daß es gar nicht zum Verwundern war, wenn er erst nach einer längeren Pause imstande war, sich an den Hund zu wenden, und zwar mit den Worten: »Du bist mir ein schöner Patron mit – allen – deinen – Talenten! O, den Monsieur Ulrich sollte ich heute an deiner Stelle hier vor mir haben! Da kann man doch wahrhaftig sagen: wie der Herr, so der Hund! Ist das die Aufgabe des Menschen, in allen vier Fakultäten und sieben freien Künsten Rad zu schlagen und dann ruhig hinzugehen, Paris zu belagern und uns hier mit drei eingetretenen Rohrstühlen, einem dreibeinigen Stehpult, einem Dintenklecks auf dem Boden und einem Stiefelknecht in Holzkohlenzeichnung an der Wand abzumalen? Jetzt kann ich mir nur den ganzen Tag einbilden, ich steckte in seiner Haut und hätte mich heute so sträflich blamiert vor einer solchen Mutter und solcher ausgezeichneten jungen Dame wie Fräulein Natalie Ferrari!... Und die Frau Professorin hat wieder nur gelacht – und Fräulein Ferrari scheint sich auch recht amüsiert zu haben! Und ich weiß, ich weiß vor vielen Menschen, wie viele ungezählte Millionen dieses Lachen und dies Amüsement wert ist, aber unrecht ist's doch, sich so darauf zu verlassen und in den Tag hinein zu wirtschaften! Hut und Weide sollte man euch beiden kündigen, dir, Wassermann, so gut wie dem jungen Herrn da vor Paris! Ohne die Sorge, die man hat, daß selbst solchem Unkraut wie dieser Ulrich doch einmal aus Zufall ein Unglück zustoßen könne, wär's meinerseits gewiß schon längst geschehen. Ja, stelle dich nur auf die Hinterfüße, stelle dich nur tot, spring mir nur über den Stuhl und Ladentisch, komme du mir nur mit deinem Wedeln und Winseln: Prügel verdient ihr beide – du trotz deiner Künste und er trotz seinem Griechischen und Lateinischen und seiner Philologie und Philosophie und was er sich sonst von Wissenschaften hat anfliegen lassen, während er mit offenem Munde in der Sonne lag oder dem lieben Gott seinen Tag mit Spazierengehen stahl! Dem Halunken Trute werde ich aber doch meine Meinung wegen Amtsmißbrauch nicht vorenthalten, sobald ich ihm einmal von meiner Ladentür aus die Hand an den Kragen lege; – ach Gott, meine Frau! Weiß der Himmel, wieder einmal Mittag!«... Wie nichts in der Welt, so ist auch der ärgste Schneesturm nicht von Dauer. Es war fürs erste alles niedergeschüttet worden, was da oben im Widerstreit von Kalt und Warm aus der Feuchte sich zu Kristallen umgesetzt hatte; und durch die Spalten des wehenden Gewölks besah sich die Sonne kaltlächelnd die weiße, reinliche Stadt. Wer sich aber weder kalt- noch warmlächelnd den Leihbibliothekar Achtermann und den Hund Wassermann besah, das war die Frau Leihbibliothekarin, nachdem sie ihren Handkorb mit einem klirrenden Stoß auf den Boden niedergesetzt hatte. Frieden und Freundschaft, gleich dem Züricher Breitopf, bedeutete hier der schwach dampfende Essennapf wahrlich nicht, und mit dem glückhaften Schiff war der Omnibus, auf dem er den größten Teil des Weges hergeführt worden war, auch nicht zu vergleichen. »So?!« sprach die resolute Dame, die Arme in die Hüften stemmend. »Natürlich ganz wie ich mich schon vom Hause her darüber im voraus geärgert habe! Du und das Vieh! Das Vieh und du; wie aus einer Mutter Schoße! Das Lokal verunreinigt wie eine Meßmenagerie und ich mit dem Mittagessen durch das Unwetter unterwegens, um die Nichtsnutzigkeit weiter zu füttern und mir den Tod vor Gift und Galle an den Hals zu holen!... Achtermann, Achtermann, sagen tue ich nichts mehr, aber was ich tun werde, das will ich dir sagen. Die schnippische Gans, die Ferrari, ist mir da eben auch an der Ecke begegnet: der kann ich nicht mit Fliegentod aufwarten; aber wem ich damit dienen werde, dem werde ich jetzt den Tisch decken, und wenn's mich eine Groschenwurst für mein gutes Geld in den Handel kosten sollte.« »Aber Beste«, stammelte Achtermann, »ich bitte dich um alles in der Welt –« »Und da schnüffelt er mir wahrhaftig vor der Nase an dem Korbe herum!« schrie die zornentbrannte Gattin. »'raus, hinaus! heißt es für jetzt, für heute, und was es für morgen heißt – das – wird sich – finden!« Schon hatte sie niedergegriffen und den unglückseligen Gegenstand ihrer Erregung an dem Halsbande mit der Steuermarke gepackt. Der Griff war zu plötzlich – es würde gar nichts genützt haben, wenn sich die Liebe, die Angst oder der Schrecken mit einem Schrei hindernd dazwischen geworfen hätten. Achtermann stand nur starr, und schon war die Tür aufgerissen, und heulend flog das bedeutendste kanine Talent der Gegenwart hinaus in die Gasse und überschlug sich mehrere Male in dem gottlob immerhin weichen Schnee. »Jetzt mach rasch, Achtermann«, keuchte die Gattin, »ich habe nicht Lust, stundenlang auf deine leeren Teller zu warten.« Der Leihbibliothekar kroch neben seinem Ofen zu Tische, und – nachher wundern sich die Staatsanwälte immer noch über die Unzulänglichkeit der Wissenschaft, der Chemie, wenn sie nicht in jedem Falle des Gattenmordes imstande sind, sofort anzugeben, was für ein Gift in Anwendung gebracht wurde! Für uns aber tritt eine kuriose Frage heran, nämlich die: wer von diesem Moment an weitererzählen soll, wir oder der Hund – der Hund oder der deutsche Schriftsteller. Wir halten das Ohr hin und horchen hinaus: »Der Hund Wassermann natürlich!« Wir neigen den Kopf nach der andern Seite hinüber: »Bah, der deutsche Humorist!« Damit sind wir denn ziemlich so klug als zuvor. »Wir ersuchen dringend, die Stimmen zu zählen«, klingt es von der Partei des Hundes her. »Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen«, zitiert die Gegenpartei. »Sie würden mir einen unendlichen Gefallen erweisen, wenn Sie mir Ihre Meinung nicht vorenthalten würden, lieber Wedehop! Sie, der Sie uns alles übersetzen, werden wissen –« »Was?... Dummes Zeug! Nichts weiß ich; aber einen guten Magen habe ich gottlob, und die Milz ist auch noch so ziemlich in Ordnung, alter Kerl. Wäre ich ein Russe, Holländer oder Engländer und hätte Sie zu übersetzen, so würde ich selbstverständlich meine Stimme ebenfalls dem Wassermann geben; so aber als Glied des Volks der Denker frage ich erstens einfach: weshalb stellen Sie solche alberne Fragen? und – da Sie dieselben gestellt haben – gebe ich Ihnen ruhig den Rat: schreien Sie die Antwort tot, übertrumpfen Sie den verdammten Köter, überheulen, überwinseln Sie ihn; kurz, bleiben Sie kein Narr, sondern fangen Sie endlich einmal an – etwas für sich selber zu tun .« »Das ist freilich ein guter Rat, aber –« »Ihnen ist nicht zu helfen. Wissen Sie was? Ich gehe jetzt zu Tische und habe keine Zeit mehr. Hier aber sind wir vor Achtermanns Laden. Der Brave wird bereits gespeist haben; wünschen Sie ihm also eine gesegnete Mahlzeit und lassen Sie sich mal das Mémorial de Sainte-Hélène herunterreichen. Im vierten Bande Seite 391 bis 392 werden Sie finden, wie der große Kaiser Napoleon der Erste, das Individuum an sich, als persona dramatis, das heißt hinter der Schauspielermaske, dachte über das Abstimmen durch Majoritäten und Minoritäten unter den Vorkommnissen, Anlässen und Zudringlichkeiten des – täglichen Lebens. Selbst er ließ sich durch das größere Geschrei bestimmen und umstimmen; und so kann man es der Menge freilich nicht verdenken, wenn sie sich ihre Hauptwaffen gegen den einzelnen nicht nehmen lassen will und nötigenfalls, ihr heiligstes Recht im Busen tragend, einem Widersprechenden das Gehirn ausschlägt oder die Seele aus dem Leibe trampelt. Leben Sie wohl für jetzt, lieber Freund. Es hat mich recht gefreut; – auch unnütze Worte, kurz vor Tisch in den Wind gesprochen, sind imstande, den Appetit zu heben.« Fünftes Kapitel »Pavia«, sagte der Kaiser zu dem Grafen Las Cases, Pavia ist der einzige Ort, den ich jemals selber habe plündern lassen. Ich hatte es meinen Soldaten für vierundzwanzig Stunden versprochen; aber schon nach dreien konnte ich es nicht mehr aushalten und mußte der Sache ein Ende machen. Ich hatte nämlich nur zwölfhundert Mann bei mir, und das Geschrei der Bevölkerung (population), das zu mir herüberdrang, gewann die Oberhand. Hätte ich zwanzigtausend Mann mit mir gehabt, so würde natürlich ihr Lärm die Wehklage und das Geheul der Bevölkerung erstickt haben« – und so weiter. Wie in allem, was von einem großen Mann ausgeht, so liegt in dieser recht netten historischen Anekdote manches, was zum Nachdenken auffordert; aber etwas dergleichen ist auch in dem Undsoweiter verborgen, das wir bescheidentlich angehängt haben. Freund Wedehop hatte vollständig recht, als er uns auf die Stelle im Memorial aufmerksam machte, wenngleich nicht ganz in seinem Sinne. Pavia ließ der Kaiser Napoleon freilich nicht weiter plündern, aber seinen Weg durch die Welt ging er doch weiter ungeachtet aller Majoritäts- und Minoritätsvota, die ihm fernerhin auf demselbigen die Ohren klingen machten. Ob es dann seine Schuld war, daß ihn dieser Weg nach St.-Hélène führte, werden wir an dieser Stelle weniger als an irgendeiner andern zu entscheiden wagen. Wie dem auch sei, Wassermann bekommt nicht das Wort. Um es jedoch nicht gänzlich mit allen denen, die fest darauf gerechnet haben können, zu verderben, versprechen wir hiermit feierlichst, ihm es an allen den Stellen zu erteilen, wo er imstande sein wird, die Seelen unseres Publikums in unserm Interesse zu bewegen und zu rühren. – – – Die Welt hat sich unter der schweren Tagesarbeit, die ihr heute vielleicht mehr denn je auf die Schultern gelegt worden ist, allgemach ganz sachgemäß recht ins Werkeltägige verändert, und das sei unsere Entschuldigung, daß wir auch dieses Mal eine Werkeltagsgeschichte erzählen. Seht den Alexander in der Schlacht bei Issus, wie er in Pompeji, auf einem Fußboden abgebildet, aufgefunden wurde, und seht ihn heute (natürlich in einer andern Schlacht und anderer Uniform), wie er in den Gemäldeausstellungen aufgehängt und von irgendeinem Verein für historische Kunst als Eigentum erworben wird! Der Unterschied muß jedermann sofort in die Augen fallen. Seht dort den König! Wie stürmt er einher auf seinem Bukephalos an der Spitze der makedonischen Phalanx und der thessalischen Reiterei! Wie bohrt er allerhöchsteigenhändig den Speer in die Seite des Oxathres, des Bruders des Dareios, und wie persönlichst winkt ihm der fliehende Großkönig, den machtlosen Bogen in der Hand, ab: auch in Babylon wartet der Tod auf uns, nicht bloß auf der Landstraße unter den Mörderhänden des Bessus und Nabarzanes! Und nun schaut heute! Eine Menge Porträtköpfe, und darunter nicht wenige Zeitungskorrespondenten, drängen sich wohl ebenfalls im Vordergrunde; aber es ist noch sehr anzuerkennen, wenn sie sich nicht um den »Fourgon«, den Küchenwagen, drängen. Der Held als solcher ist nicht darunter; im Mittelgrunde hält er mit den Spitzen seines Generalstabes, auf ruhigem Gaul, den Feldstecher in der Hand. Und wir erblicken auf dem Bilde, was er an seinem stolzesten Siegestage durch jenes Fernglas sah: den heroischen Hintergrund nämlich. Die Bilder, die den »großen Schweiger« darstellen, wie er mit dem Degen in der Faust die pommerschen Grenadiere zum Angriff führt, lügen; er hat es selbst gesagt, daß er die Pommern nur strategisch in die Lücke seiner Schlachtlinie schob, und er ist doch jedenfalls ein ebenso großer Held und sicherlich ein größerer Kriegskundiger als jener aufgeregte junge Mann und Bukephalosbändiger auf dem klassischen Fußboden. Wir können eben nichts dagegen machen, daß die Welt und in ihr die Kunst, Feldzüge zu gewinnen, die Kunst, Bilder zu malen, und die Kunst, Geschichten zu erzählen, eine andere geworden ist. Stehen wir nur alle auf unserm Platze: Bürger, Künstler, Helden und Könige! Wer sich nicht irremachen läßt, kann auch heute noch sowohl vom Mittel- wie vom Vordergrunde aus den Lorbeer und das Lächeln der Götter und Menschen sich gewinnen. Von dem Hintergrunde reden wir nicht, denn an den halten wir uns, wie schon bemerkt, auch diesmal. Vor Paris! Und – »vor Paris nichts Neues!« meldete das Hauptquartier. Daß ein uns höchlichst interessierender Feldpostbrief um die Stunde, als das Telegramm abgelassen wurde, vor Paris geschrieben wurde, davon wußte man natürlich zu Versailles nichts. Konnte es auch nicht wissen, sowenig als der Schreiber eine Ahnung davon hatte, daß Fräulein Natalie Ferrari gerade in dem Augenblick, als er das Kuvert schloß, dem städtischen Exekutivbeamten Trute auf dringendes Ersuchen eine Tür öffnete, deren Schwelle der Kriegskorrespondent unter geschilderten Umständen gegen die junge Dame auf den Knieen, mit gefalteten Händen und in unausdrückbarster Verwirrung aller Gefühle verteidigt haben würde. Vor Paris. Man hat uns hundert- und aber hundertmal die Art und Weise, und unter welchen drolligen oder tragischen Umständen, Unbequemlichkeiten und Bequemlichkeiten damals von Paris aus nach Hause geschrieben wurde, geschildert, sowohl in Bild wie in Wort. Wir werden deshalb an dieser Stelle einfach den Wortlaut des uns und unsere Leser betreffenden Schreibens angeben. Die umgestürzte Tonne oder der Rokokospieltisch aus St. Cloud oder Malmaison sind uns wirklich nur das Nebensächliche. Daß wir endlich einmal wenigstens annähernd etwas genauer erfahren, mit wem wir es denn eigentlich zu tun haben, ist die Hauptsache. Nicht wahr, es sind ja wohl schon sieben Jahre seit dem Abschluß des Frankfurter Friedens verlaufen? – –   »Liebe Mutter! Wundervolle alte Mama! Was die achäischen Mütter ihren vor Troja liegenden Jungen an Güte, Genießbarem, Gestricktem und Gewebtem zukommen ließen, kann ich nicht sagen, aber Deine wollenen Socken und Unterhosen sind glücklich angekommen vor Paris, und mit behaglichst gehobenen Knieen stolziere ich bereits darin unsern sonderbaren Dardanern jenseits der Forts unter den blau und rot gefrorenen Nasen herum. Die feste Überzeugung, daß es die höchste Weisheit ist, dann und wann wieder zum Tier hinunterzugehen und Behagen und Unbehagen nur im allergegenwärtigsten Augenblick, ohne Vergangenheit und Zukunft, zu empfinden, hält mich außer Deiner heitern Liebe und Liebenswürdigkeit immerfort recht munter. Ich ersuche Dich heute zum hundertsten Male, Dir keine Sorgen um mich zu machen! Welch ein Glück ist es doch, daß wir beide, Du und ich, zu allen unsern Erlebnissen und Erfahrungen die nötige Phantasie, und zwar in der Richtung auf das Sonnige hin, auf die Welt mitgebracht haben! Du und ich und – – – Du erlaubst wohl, daß ich das ›und‹ anfüge und drei Gedankenstriche dahinterhänge. Wahrlich, wenn das wirklich die einzigen sind, die in den Erdengeschichten großartig mitspielen, die ihr Kreuz ruhig auf sich nehmen, in welcher Form es auch sei, so gehören wir beide (diesmal selbstverständlich von den drei Gedankenstrichen abgesehen) im hervorragenden Grade dazu. Ich denke an den Vater in diesem Augenblicke und denke mir ihn, wie er mit der Linken die Brille emporhebt, um über seine Philologica weg einen Blick auf Dich und mich zu werfen: ›Frau, du würdest mich ungemein verpflichten, wenn du den nichtsnutzigen Bengel da, den bodenlosen Ignoranten, den unsäglichen Faulpelz heute wenigstens einmal mit geringerem Gleichmut betrachten würdest. Nichts weiß er! Ich bitte dich, Beste, was sollen wir mit ihm anfangen, wenn sich zuletzt die Gewißheit bei mir einstellt, daß es seine feste Absicht ist, nichts wissen zu wollen?! Enterben kann ich ihn leider nicht; – du bist auf deine Pension und den Verkauf meiner Bibliothek als Professor der Schulweisheit an hiesiger Universität angewiesen; er –‹ Ich breche ab; der letzte Sonnenstrahl jenes Trauerjahres fällt gar zu elegisch auf das würdige, liebe Haupt, das sich von den Schriften auf dem großen, grünen Arbeitstische emporgerichtet hat, um noch einmal, zuletzt, einen zerstreuten Blick auf die Ärgernisse des Daseins, die niemandem erspart werden, zu werfen. Was würde der Vater sagen, wenn er heute Dich in Deinem verzauberten Winkel im dritten Stock und mich hier in dem halb zertrümmerten französischen Landhaus inmitten des deutschen Volkes in Waffen erblicken könnte? Wir kennen beide sein behagliches Kopfnicken – ich meine, unsere tapfern Herzen würde er uns wohl gelten lassen! ›Herangewachsen ist der Schlingel!‹ würde er murmeln. Ach, Mama, tapfere, helläugige, deutsche Heldenmutter, wenn ich nur nicht allzu genau wüßte, auf wessen Kosten und unter wessen lachend verborgenen Sorgen das breitschulterige, dickfellige, bärtige Phänomen hier im ›Repli‹ vor Paris in die Erscheinung getreten ist!... Was soll ich nun unter diesem Bumbum von hüben und drüben tun? Soll ich Dir noch einmal eine Generalbeichte aller meiner Sünden gegen mich und Dich ablegen, oder willst Du noch einmal Dein Lob von Deinem ›dummen Jungen‹ gesungen haben? Ich meine, liebe Mutter, ein stichhaltiger Trost wird Dir das Liebste sein, und so hebe ich meine Rechte vor dem weißen Häusergewirr, das da in der Ferne im hellen französischen Wintersonnenschein schimmert, und schwöre Dir feierlich: Ich komme als ein verständiger Mensch zurück! Beim Zeus, die Herren zu Versailles sollen mich nicht umsonst hier in die Kälte zur Abkühlung hingestellt haben. Wie eine Blume entsprießt mir die Moral ihrer strategischen Zwecke, Rück- und Vorsichten: Mama, ich kehre gebessert heim , wenn – sie mich nicht auf meinen guten Vorsätzen, wie auf einem Schilde des klassischen Altertums, aus der Schlacht hinter die Front tragen, was übrigens so leicht nichts zu sagen hat. Bum!... bumbum! Da liegt nun das lustige Paris; und die Kugeln hinüber und herüber reden eindringlich davon, daß selbst die besten, heitersten, gleichmütigsten Menschen nur deshalb in Verbindung miteinander stehen, um sich gegenseitig zu ärgern und zu quälen. Selbst wir beide, Mama, wie viele ungemütliche Stunden haben wir uns zubereitet: ich Dir durch eingeborensten Leichtsinn, Du mir durch die Gewissensbisse, Selbstvorwürfe Deinetwegen! Lache nur jetzt nicht; es hat wahrhaftig vieles, wovon Du nicht einmal eine Ahnung hattest, scharfnägelige Krallen in meiner Seele gehabt – Deinetwegen!... ›Wenn ich ihn nur jetzt an der Nase fassen könnte,‹ wirst Du sagen und dazu – in der Stille: ›Es ist doch eigentlich jammerschade, daß es so wenig Mütter in der Welt gibt, die sich solche unsinnige Briefe schreiben lassen können.‹ Nun aber auf Dein Gewissen, Mama: hast Du die gute, herzerweiternde Gelegenheit meiner Abwesenheit als Verteidiger des Vaterlandes und der edeln deutschen Frauen wahrgenommen, wie es sich gehört? Hast Du mich über die Gebühr gelobt Deinen Besuchen gegenüber? Kann ich mich fest darauf verlassen, daß Du mehr meine Hoffnungen für und Aussichten in die Zukunft als meine gegenwärtigen Schulden hervorgehoben hast? Wünscht – jemand – außer – Dir, daß ich mit gesunden Gliedern heimkomme? Würde – es – ihr vielleicht Spaß machen, wenn ich das Eiserne Kreuz mitbrächte? Kurz, Mama, liebe Mama, kann ich darauf rechnen, daß ich sie unter den weißgekleideten Jungfern beim Siegesheimzug mit einem Lächeln für mich vorfinden werde? Kurz, kürzer, am kürzesten: kommt sie häufig, während ich leider nicht da bin? wie geht es ihr? wie fühlt sie sich? – Kurz, kurz – Gott wie kurz das Papier in solchen Fällen ist! – wie geht es Natalien? Stehe Du hier mal bei dreizehn Grad Kälte im Mondschein hinter dem Zaune und lerne nicht das Behaglichere im Leben kennen! Bei den Göttern des warmen Ofens, bei den Göttinnen der Holzfeuerung, des Torfes und der Steinkohlen, die Schlauköpfe da drüben haben es gar nicht nötig, dann und wann ihre elektrischen Lichter auch über mich hinzuwerfen; ich weiß schon ohne das, wie hell einem unter Umständen ein Gedanke aufgehen kann. Ach, Mama, wir liegen hier in einer Häuslichkeit, aus der die Franktireurs kurz vor unserm Einzug unbedingt ein junges Paar in den Flitterwochen aufgestört haben. Hier habe ich mir ihren Klavierstuhl an ein leeres Mehlfaß gerückt; auf seinem Schreibtisch sitzt der Feldwebel Schulze und spuckt Wut über einer von euren Liebeszigarren; großer Gott, gütiger Himmel, Mama, welche Zustände sind doch oft notwendig, um den Menschen mit der Nase auf das Bessere zu stoßen!... Da stand ihr Piano. Dort in der hohlen Fensterhöhle pflegte sie ihre Blumen. Dort im Winkel stand jedenfalls eine Ottomane, auf der er mit der Zigarre, die Hände unter dem Hinterkopfe, lag und ihr zusah. Es gehört solch eine Verwüstung und solch eine bittere Kriegsniederlage dazu, um ihn ganz zu fassen, wie er sein Behagen hatte an ihrer Zierlichkeit und an den blauen Wölkchen über ihm und an dem Grün vor dem offenen Fenster und – dort an der hellen Stadt Paris in der Frühlingssonne! Wie lange ist es her, daß es Frühling war? Da schiebt sich der Füsilier Dickdrewe in die türlose Tür und sieht sich um nach dem letzten Rest handgerechten Brennholzes. Krack! Das war das letzte Bein ihres Erards, welches eben unter das Beiwachtfeuer und den Feldkessel mit der germanischen Erbsenwurstsuppe geschoben wurde. »Na, Herr Unteroffizier, heute kommt auch das letzte Schinkenbein dran! Aber propre, sage ich Ihnen; – in drei Brotsäcke voll Kartoffeln haben wir uns gestern mit den Rothosen zwischen dem Auflesen der Toten und Verwundeten geteilt.« O Natalie!... Ach, wenn Ihr wüßtet, welche Kämpfe um diesen letzten Schinkenknochen geführt worden sind, und welchen Heroismus Dein Sohn in denselben entwickelt hat: sie wäre auf der Stelle mein, wenn es nur im geringsten wahr ist, daß die Weiber das Heldenhafte an den Männern lieben. O man muß solche Kämpfe und Kocherei ausgestanden haben, um sich nach einem komfortabeln eigenen Herd und einer braven Frau dran zu sehnen. Im bittersten Ernst, Mutter, es ist diesmal Logik in diesem meinem Schreibebriefe, wenngleich immer noch verborgen unter der Dir leider gut genug bekannten Wort- und Bilderhüpferei. Ich wiederhole: laß mich mit gesunden Gliedmaßen nach Hause kommen und wundere Dich. Alte kurzweilige Mama, welch einen ernsthaften Sohn und Doktor der Philosophie wird Dir ein gütiges Schicksal aus allen den Märschen, Schlachten, Beiwachten und dem muntern, aber sehr ernsten Verkehr der Völker und Individuen zurückliefern! Ich sage weiter nichts mehr, um die Überraschung nicht vorzeitig abzuschwächen; aber eines will ich doch noch bemerken: ich habe die allergegründetste Hoffnung, meiner dermaleinstigen Gattin im Laufe der Zeiten den Titel und Rang einer wirklich Geheimen Hofrätin samt allen anhängenden Emolumenten, sowie auch Pensionsberechtigung bieten zu können. ›Wie kommt ein solcher Glanz in meine Hütte?‹ wirst Du fragen, und ich wollte nur, eine andere fragte mit Dir. Ja, fragt nur!... Etwas mußte ich Euch doch mitbringen von Paris! Diese deutschen Fürsten sind dann und wann gar so übel nicht. Behandelt man sie als Gentlemen, so kann man, wenn man Glück hat, recht brave und keineswegs unverständige Leute darunter treffen. Mit einigem guten Willen stellt man sich leicht auf einen sehr angenehmen Fuß mit ihnen; selbst nicht im Juden findet man im gegebenen Moment den Menschen heraus mit größeren Erstaunen über die Macht des Barocken in seiner Erscheinung als Tradition. Hoheit redet man den erhabenen Jüngling an, welcher das Vergnügen und die Ehre hatte, meine Bekanntschaft zu machen, und der an mir hängen blieb. Wir beide, Mama, die wir wissen, was es heißt: frei durch die Welt zu gehen, wir haben auch Erfahrung davon, was das Hängenbleiben im rechten Sinne bedeutet. O Natalie, Natalie – Fräulein Natalie Ferrari!... Na, kurz und gut, wenn ich nach Hause komme, werdet Ihr das Weitere ausführlich vernehmen; nur das will ich noch sagen, daß ich neulich, vielleicht zum ersten Male in meinem Leben, nicht nur amüsant, sondern auch belehrend war. Also – pflege Dich und den Wassermann, grüße Freund Achtermann, gib mir ausführlichste Nachricht von Euch allen . Läuft Dir Wedehop über den Weg, so stimme auch den alten Räsoneur heiter durch die Versicherung, daß ich seiner immer noch freundlichst gedenke und mir die möglichste Mühe gebe, ihm ins Handwerk zu pfuschen und allerlei gute Dinge aus dem Französischen ins Deutsche zu übersetzen: das Elsaß und Lothringen zum Exempel. Vor allen Dingen bleib gesund, Alte, und halte Dir immer vor die Seele, wie sehr wir zueinander gehören. Trochu empfiehlt sich Euch. Ducrot ebenfalls. Dein getreuer Sohn             U. Sch.«   »Das ist nun wiedermal der Junge, wie er leibt und lebt!« rief die Frau Professorin nach der ersten atemlosen Lektüre dieses Briefes. Trochu grüßt! Ducrot auch! O hätte ich nur den Narrenkopf hier und – gesund; ich würde ihm schon meine Meinung sagen. Was hat denn der Hund, der Wassermann? Ich glaube wahrhaftig, er riecht seinen Herrn aus dem Briefe heraus!... Wirklicher Geheimer Hofrat – deutsche Fürsten – das letzte Schinkenbein – Kartoffelgraben zwischen den Toten und Verwundeten – Natalie Ferrari!« Die alte Dame las das Schreiben zum zweiten Male, zum dritten Male und zum vierten Male. Dann sagte sie kopfschüttelnd: »Die Hauptfrage ist, ob ich den Unsinn dem Mädchen zum Lesen gebe?!« Sechstes Kapitel »... oder ihr nur die Hauptsache daraus mündlich mitteile. Es ist ein verständiges Mädchen, und in etwas habe ich ihn doch auch meinesteils mit der Nase darauf gestoßen. Seine leere Stube da oben kennt sie schon lange, und seine Verhältnisse zu Trute sind ihr auch nicht unbekannt; also würde es nur darauf ankommen, ob sie Phantasie genug besitzt, ihm in meinen und seinen Glauben an ihn hineinzufolgen. Herz genug hat sie dazu, und – auf ein paar schlaflose Nächte darf es sowieso einem Frauenzimmer in dieser argen Welt nicht ankommen. Wie aber überlegt man sich als Mutter eine ganz gehörige schriftliche Antwort an solch einen nichtsnutzigen Burschen, wenn man nachts wachend in seinem warmen Bette liegt und ihn sich da im Schützengraben unter dem Mont Valerien denkt?! Alles verschiebt dieser Krieg einem. O, den Brief hätte der Schlingel mir nur von der Universität schreiben sollen! Da würde ich ihm kühl morgens um neun Uhr nach einem recht ruhigen Schlaf gedient haben. Zu nichts kommt man jetzt der Ordnung nach. Weshalb der Wassermann neulich vom Nachbar Achtermann hinkend zurückgekommen ist, weiß ich auch noch nicht; Wedehop hat sich seit einem Jahrhundert nicht sehen lassen, und so sitze ich hier und lasse mich von meinem eigenen Fleisch und Blut ›kurzweilige Alte‹ betitulieren, in einer Welt, die freilich ihr möglichstes tut, einem die angstvollen Minuten ins Unendliche auszudehnen. Ja, ich werde der Natalie den Brief unbedingt zu lesen geben! Laß sie gleichfalls sehen, wie sie mit den Minuten, Stunden und Tagen des Lebens fertig wird; meine Schuld ist es ja nicht, daß ihr nicht erspart wird, was wir alle durchzumachen haben. Ich habe meinen lieben Seligen –« Sie brach ab, und einige Minuten des angstvollen Daseins gingen ihr unbewußt wieder einmal weich und sanft vorbei im Gedenken dessen, was – gewesen war. Es war längst Tauwetter eingetreten, der Tag war trübe und grau, sackartig wälzten sich die Wolken über jedweden mitteleuropäischen Horizont, und der Mitteleuropäer Achtermann ging spazieren in seiner Freistunde zwischen ein und zwei Uhr mittags, fühlte sich aber leider nicht imstande, das Wetter durch eigenste Seelenheiterkeit wenigstens für sich selber zu verbessern. »So sind die Leute!« seufzte er bei jedem Stoß, den er im Hin und Her der Bevölkerung der Stadt bekam, und gebrauchte damit jedesmal wieder die Redensart, mit welcher er sich wahrscheinlich der Hebamme in die Arme gelegt hatte und mit welcher er sich noch viel wahrscheinlicher dermaleinst der Totenfrau überliefern wird. Und unter vielen Sterblichen hatte er freilich genügende Gründe, diese Redensart nach den verschiedensten Richtungen hin zu gebrauchen und sich durch sie möglichst wieder ins gewohnte melancholische Seelengleichgewicht zu bringen. Ach, die Leute betrugen sich nur in den seltensten Fällen so gegen ihn, wie sie eigentlich sollten, und – so waren sie denn in der Tat so, wie – sie waren! Das Elend war schon am frühen Morgen angegangen. Des Lebens Miseren waren selbst ihm nicht seit längerer Zeit so schwer wie heute auf Kopf und Schultern gefallen. Frau und Tochter hatten ihn niederträchtiger denn je behandelt; sie hatten ihm selbst das ihm zukommende Quantum von Zichorienabsud vorenthalten und ihn also ohne Kaffee in den frostigen Morgen hinausgeschickt, und zwar unter dem Vorgeben, daß »der Herd nicht ziehe«. Dagegen mußte der Herd gegen Mittag wohl ein wenig zu gut gezogen haben, denn bis auf Napf, Teller, Löffel und Messer und Gabel war alles angebrannt gewesen, was man ihm zugetragen und vorgesetzt hatte. Sämtliche Romantik der zwanzigtausend Bände seiner Bibliothek kam nicht gegen die Öde in seinem Leibe und die Leere in seiner Seele auf. Fröstelnd, schaudernd gab er sie – die Bände – vom Morgen bis zum Mittag heraus oder nahm sie zurück. Und dazu wußte er nur allzu genau, daß ein gut Drittel dieser laufenden Literatur zu Krankenbetten ging oder von denselben herkam. Jeder Band schien ihm seinen ganz bestimmten epidemischen Duft an sich zu haben. Er hatte das selten so intensiv herausgerochen wie heute. »Brr!« hatte er jedesmal, wenn er wieder solch ein abgegriffen aus den Händen des Volkes der Denker und zartgesinnten Frauen heimkehrendes Buch an seinen Platz zurückstellte, gesagt und hinzugefügt: »So sind die Leute!« Gewöhnlich führte der Leihbibliothekar in dieser Mittagsstunde auf seinen Spazierwegen durch die Gassen der Stadt den Hund Wassermann mit sich. Der Köter pflegte sich jedesmal pünktlich zur richtigen Zeit einzustellen; aber heute war er ausgeblieben, wie wir bereits aus der Bemerkung der Frau Professorin wissen. Er hatte einerseits an der Lektüre des Feldpostbriefes teilgenommen, anderseits war ihm auch unbedingt das Wetter zu schlecht gewesen, zumal er, wie wir gleichfalls in Erfahrung brachten, immer noch von der letzten Begegnung mit der Frau Leihbibliothekarin her das linke Hinterbein unter den Bauch gezogen trug. Dem Leihbibliothekar Achtermann war selten ein Wetter zu schlecht, und so treffen wir auf ihn in der Friedrichsstraße unter seinem Regenschirm, und zwar gottlob in demselben Augenblick, wo der erste Sonnenblick in seinen Tag hineinleuchtete, und zwar unter einem andern Regenschirm hervor. Fräulein Natalie war's, die ihm an einer Straßenecke in den Weg trat, und zwar selbstverständlich mit der Frage: »Aber was ist denn das? Wo haben Sie denn Wassermann, Herr Achtermann?« »Gesegnete Mahlzeit, mein Fräulein! Ich freue mich – o ja, hm, hm, Wassermann?! Ei freilich.« Und der Alte blickte unwillkürlich über die Schulter nach dem braven Hunde aus, doch sofort wieder in das helle, muntere Mädchengesicht vor ihm: »Ei ja, Wassermann! Wissen Sie, Fräulein; im Grunde ist es doch keine Witterung, um selbst einen Hund zum Spaziergange aufzufordern, und so –« »Tragen Sie Ihre Griesgrämlichkeit mutterseelenallein in der Stadt zur Auslüftung herum. Nicht wahr, Sie fressen doch wenigstens Ihre Abonnenten nicht? Hu, jetzt machen Sie mir auf der Stelle ein Gesicht, dem man es auch ansieht, was für ein vergnügter alter Herr Sie sind und was für interessante Unterhaltung Sie tagtäglich vom Morgen bis zum Abend auszuleihen haben. Ich war eben auf dem Wege zu Ihnen, um mir ein hübsches Buch für den heutigen Abend zu holen. Ach, Sie können es freilich nicht wissen, Achtermann, wie lang und langweilig dann und wann meine Abende sich hinziehen.« Es flog ein Schatten bei den letzten Worten über das kluge Gesicht, der leider auf noch etwas anderes hindeutete als bloß lange und langweilige Winterabende. »Wer hätte gedacht, daß der alte Mann soviel Blut in sich hatte?« sagte Lady Macbeth. Wer konnte es diesem jungen Fräulein auf den ersten Blick ansehen, welche bittere Lebensnot unter dieser glatten, weißen Stirn tapfer zu den feinsten Gedankenfäden Jahre, Tage und Stunden hindurch zerzupft worden war und auch in den gegenwärtigen Tagen und Stunden noch zerzupft wurde? Natalie Ferrari lebte wahrlich nicht allein in der Welt, in der sie, wie die Redensart geht, allein stand. So wenig als wir andern hatte sie die Macht, nur nach Neigung und Behagen, wie es ihr gut dünkte, die Einsamkeit zu beleben. Ach, wenn man nur mit den Leuten rundum, wie sie sind, zu tun hätte, da ginge es noch an, da wird man am Ende wie mit den Feinden, so auch mit den Freunden fertig; aber, aber, wie wehrt man sich in der Einsamkeit gegen das, was nicht in Fleisch und Blut auftritt, sondern als Spuk der Vergangenheit und fast noch gespenstischer als unfaßbare, ungreifbare Zukunftssorgen aus dem Dunkel in den Lichtkreis der Winterlampe oder aus dem glänzenden Sommersonnenschein in den kühlen Schatten hineingreift und in beiden Fällen nicht bloß dem unerfahrenen jungen Mädchen, sondern auch dem gegerbtesten Lebensabenteurer eine Gänsehaut zuwege bringt? Das war ein langer Satz, den wir mit dem besten Willen nicht kürzer machen konnten; denn ihn uns ganz zu ersparen und unsere kleine Heldin bereits im ersten Kapitel zu verheiraten, ging unter den geschilderten Um- und Zuständen wirklich nicht an. Es wird sich aber alles zurechtfinden. Wir machen gottlob unsere Geschichten nicht – wir finden sie fertig und geben sie, wie wir sie finden. Fräulein Natalie zog ihren Regenschirm zu, schob ihr Winterhütchen mit unter den des Leihbibliothekars und nahm den Arm des Alten, doch ein »Lesebuch« für den heutigen Abend bekam sie diesmal nicht. Eben schloß Achtermann ihr höflich die Tür seines Geschäftslokals auf und lud sie ein einzutreten, als sich auf der andern Seite der Gasse in der Höhe das Fenster der Frau Professorin öffnete und die Frau Professorin herunterrief: »Natalie! Kind! Bitte, komm doch mal einen Augenblick herauf.« Höflichst grüßte Achtermann empor, den Hut weit von sich abschwenkend. »Ich komme!« rief Natalie Ferrari und sprang über die Gasse. Verschiedene Autoren würden in diesem Moment die Sonne aus den Wolken hervortreten lassen; wir jedoch können dies nicht machen. Wir könnten höchstens ein recht schlechtes Bild leisten, indem wir mitteilten, daß oben in dem Zimmer der Mama Schenck der alte Sonnenschein in dieser Geschichte den jungen in die Arme zog, ihm einen Kuß gab und dabei sagte: »Höre, Mädchen, ich habe mich hin und her besonnen, ob ich dir volle Mitteilung davon machen solle. Er hat nämlich einmal wieder einen ganz dummen Brief geschrieben.« »Wer? – Er? – Von Paris? – O Mama!« »Ja von vor Paris! Und ganz in denselben Ausdrücken wie der General von Podbielski. Was die Hauptsache anbetrifft, durchaus keine Neuigkeit. Mir wenigstens nicht. Mir in dieser Hinsicht durchaus nichts Neues vor Paris! Ach, mein Herz, du hast keine Ahnung davon – Ducrot grüßt dich bestens, Trochu empfiehlt sich dir – sieh, da halt ich das alberne Geschreibsel in die Luft, und jetzt soll es ganz bei dir stehen, ob du es mir zwischen dem Daumen und Zeigefinger wegziehen willst oder nicht. Daß ich nicht klug daraus werden könne, kann ich wohl nicht behaupten. Was du zu dem Unsinn sagst, möchte ich freilich recht gern wissen; aber – wie gesagt – es soll ganz auf dich ankommen, ob du das Ding lesen willst. Nämlich – es ist auch die Rede von dir darin, außer von dem Füsilier Dickdrewe, von dem Hauptquartier in Versailles und den Parisern in Paris. Er schreibt auch wieder mal von Besserung und Einkehren in sich selbst, und von welch wohltätigem Einfluß dieser Krieg für ihn sei. Da habe ich doch in meinem Verdruß und all der sonstigen Angst um den armen Kerl lachen müssen! Von einer Wirklichen Geheimen Hofrätin schreibt er, von idealen deutschen Fürsten – kurz, es ist ein Durcheinander, das wirklich lesenswert ist, und wie gesagt, hätte er nicht das Euch , womit er dich und mich meint, ein paar Male so dick unterstrichen, so würde ich es dir natürlich bereits vorgelesen haben. Also?! na?.. nun?! wie ist es, mein armes, liebes Herz?!« Fräulein Natalie streckte die Hand und zog sie wieder zurück. Es war unmöglich, daß sie je in ihrem Leben noch röter werden konnte als in diesem Augenblick. »Zähle lieber gar noch drei!« rief sie mit zitternder, halb weinerlicher, halb auch wohl ärgerlicher Stimme. »Oder soll ich selber vielleicht an den Knöpfen meines Mantels abzählen?« Die kleine Hand zuckte wiederum angsthaft vor: »Nun, so gib in Gottes Namen her!«... »Da!« sagte die Frau Professorin mit einem tiefen, aber entlastenden Seufzer. »Jawohl, in Gottes Namen!... Jetzt sieh zu, was du herausliesest. Der Junge schreibt zu allem übrigen eine Pfote, die er vor keinem seiner Schreiblehrer verantworten kann. Du bist ja wohl auch schon früher dabeigewesen, wenn er gekommen ist und mich gefragt hat: ›Sag mal, hast du eine Ahnung davon, was ich hier eigentlich geschrieben habe?‹« Siebentes Kapitel Der alte Achtermann hatte währenddem sein Geschäft von neuem eröffnet; – wir können einfach sagen: die Menschheit verlangt es eben, daß auch im Druck unter ihr umläuft, was sie tagtäglich an ihrem Leibe in der Wirklichkeit erlebt oder, besser gesagt, durchzumachen hat. Der Leihbibliothekar lieh seine Liebesgeschichten in jeglicher Form aus und nahm sie zurück. Blech, Gold und Talmi – seine Bücherständer waren für jedwedes Bedürfnis und Verständnis aufs reichlichste ausgerüstet, und als einer der berufensten Minister des Auswärtigen aller Herrscher von und in Traumland sah er beinahe jedem seiner Kunden das, was er brauchte, an der Nase ab. Aber daß es wenig sorgenvollere Posten als solche Ministerstellungen in irgendwelchem »Ressort« in der Welt gibt, sollte ihm auch binnen kurzem wieder zu erneuter Kenntnisnahme vorgelegt werden. Dutzendweise hatte er Zeitgenossen und Zeitgenossinnen samt ihren kultur- wie literarhistorisch oft recht merkwürdigen Wünschen nach Möglichkeit befriedigt entlassen. Bald oben, bald unten auf seiner Leiter hatte er jeglichem idealen wie realen, physischen wie metaphysischen Verlangen nach – Zerstreuung Genüge zu leisten gestrebt und dazwischen nach seinem Teekessel gehorcht, der allgemach auf seinem kleinen Kanonenofen im dunkeln Winkel ins Singen geriet, als ein neuer Schatten dessen, was sich nicht zum Traumland rechnete, seine Tür verdunkelte und einen Moment später sich über seinen Ladentisch lehnte. »Sieh – Wedehop!« rief er. »Gerade recht. Tu mir den Gefallen und gieße selber zum letztenmal auf. Der Kaffee wird eben fertig sein. ›Auf der Höhe‹ – dritter Band; – ›Problematische Naturen‹ – ich bin sofort hier oben fertig und komme herunter.« »Uf'h!« blies der Übersetzer, der unter manchem andern auch darin ein behaglich Selbstbewußtsein fand, daß er noch nie in seinem Leben einen Regenschirm selbst besessen oder von einem Bekannten geborgt hatte. Er hob den regennassen Filz von einer der breitesten, glänzendsten, kahlsten Stirnen Deutschlands, schüttelte ihn und schüttelte sich selber. Dem gastfreundlichen Ersuchen Achtermanns kam er, ohne weiter ein Wort zu verlieren, nach, indem er zuerst mit der Eisenzwinge seines Gehstockes die Kohlen im Ofen zu erhöhter Glut durcheinanderrüttelte, und stumm goß er sofort auch auf. Ächzend ließ er sich auf dem kleinen Sofa nieder, und rasch verbreitete sich ein Dampf und Duft im Lokal, der einzig und allein aus der feuchten Wolle aufsteigen konnte, die winterlich seinen kurzbeinigen, breitbäuchigen und breitschulterigen Leib überzog. »Es geht dir sonst gut, guter Wedehop?« fragte der Leihbibliothekar von seiner Leiter herab. »Uf'h!« Und dazu wurde ein Streichholz angezündet, und der Dampf einer gar nicht schlechten Zigarre fing an, sich mit dem übrigen Dunst und Dampfe zu vermischen. »Merkwürdig gut, Achtermann. Der pure umgekehrte Schubart: In einem finsteren Geklüfte Karmels Verkroch sich Ahasver; – es ist wahrhaftig für unsereinen eine Zeit zum Unterkriechen! Da übersetze euch jetzo einmal einer aus dem Französischen! Wahrhaftig, allgemach kommt mir die Überzeugung, daß, wenn das so fortgeht, es mit uns allen vorbei ist. Nichts Neues aus Paris! Es soll mich nur wundern, wie lange ein germanisch Gemüt das Elend aushalten kann.« »Gestatte mir eine Bemerkung, Wedehop«, sagte Achtermann, nunmehr gleichfalls in das Dunkel seines Geschäftsschlupfwinkels tretend. »Wenn jemand dich ganz genau kennt, so bin ich es. Das ist eben nur eine Schrulle von dir, durch jedes Wetter ohne Schirm zu laufen. Da sitzest du nun und dampfst und kannst nur für dein Inneres kein Ventil finden. Ich kenne dich viel besser, als du dich selber kennst; im tiefsten Grunde deines Herzens bist du fast nicht mehr und weniger als eine recht innige deutsche Mädchennatur, und es erbost dich nur, daß du es nicht bist und nächstens weißgekleidet unsere Sieger –« »Kerl«, schrie der Übersetzer aufspringend, »Mensch! Wirst auch du mir unter den Händen gar noch witzig? Da hört freilich alles auf, sagt Antonelli. Unterstreiche das Datum in deinem Kalender. Von dieser Stunde an mache ich es mir zum Lebenszweck, deiner Tochter einen Mann zu verschaffen. Ja, ich habe Gemüt, ich habe Herz, echtes, wirkliches Gemüt und Herz. Ich verheirate dir deine Meta, verlaß dich fest darauf. Da hast du meine Hand; – Achtermann, du bist ein prachtvoller alter Bursch und darfst dreist alle, die über dich wegsehen, zu mir schicken; ich werde dich, wie es sich gehört, in ihrer Achtung zurechtrücken.« »Du scheinst mir heute einmal wieder in einer deiner eigentümlichen Launen zu sein, guter Wedehop.« »Das bin ich auch, mein guter Achtermann. Es war eine Käserinde, an der ich gestern abend meinen letzten Schneidezahn einbüßte! Und auf ihn allein hatte ich mich noch zu verlassen dem Gurkensalat des kommenden Sommers gegenüber. Achtermann, Achtermann, je älter man wird, desto mehr merkt man, in welcher retardierenden Tragödie man seine Rolle zu spielen hat! O ja, was für eine stoische Fratze hat der Egoistischste durch die Tage zu schneiden, damit nachher irgendeine dumme Mitkreatur neidisch die Bemerkung von sich bläst: Das war noch, alles in allem genommen, wirklich einmal ein fideler Kerl! Beiläufig – um auf ein anderes Thema und Dasein zu kommen –, es wird dich vielleicht auch noch interessieren, daß unser Freund Paul Ferrari wieder im Lande ist.« »Wie?« fragte der Leihbibliothekar zerstreut. Er hatte wirklich nicht recht auf die letzten philosophischen Stoßseufzer seines Freundes Wedehop hingehört, sondern, in seine eigenen Gedanken versunken, Kleistertopf und Pinsel gehandhabt und neue reinliche Rückenschilde auf eine arg zerlesene Serie von Spindlers Werken geklebt. »Wie?... Nun höre einer den Menschen!« brummte ärgerlich der Übersetzer, seinen Stock auf den Boden stoßend. »Verläßt er sich jetzt darauf, daß ich gewöhnlich Blech schwatze, oder denkt er augenblicklich noch tiefer als gewöhnlich an Weib und Kind? Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir, daß du von ihm ausfahrest! Achtermann, ich teilte dir soeben mit, daß unser Freund, Schul- und Jugendgenosse Paul Ferrari glücklich wieder bei uns angelangt ist!« »Was?« rief der Leihbibliothekar. Er hatte wirklich nicht während der letzten Minuten über den Unterschied zwischen unglücklich und unbehaglich verheiratet zu sein nachgedacht. Seine Einbildungskraft hatte an dem letzten Schneidezahn Wedehops gehaftet; sie hatte einfach zwischen den Gurkenbeeten des kommenden Sommers gewandelt. Ihm war es nicht von der Natur gegeben, wie der absonderliche Vogel, dessen Namen der absonderliche Freund führte, von Ast zu Ast zu hüpfen! Der Kleisterpinsel entfiel seiner Hand: »Paul? Gütiger Himmel! Unser Paul? – Ferrari? Das ist unmöglich, Wedehop!« »So sagt ihr – ihr Philister, und habt deshalb den Vorzug vor – andern Leuten, alle Augenblicke das Unmögliche sehr möglich werden zu sehen. Wenn ihr's nur nicht stets so schauderhaft eilig mit euren Gemeinplätzen hättet! Entschuldigt euch nur ja nicht mit dem es überhaupt eilig habenden Jahrhundert: die Narrheit des Ganzen hebt niemals die des einzelnen auf. »Das ist unmöglich!« – wie oft zum Exempel bin ich nur seit Mitte des vergangenen Sommers über das dumme Wort halb aus der Haut gefahren –« »Um Gottes willen, lieber Freund, bleib jetzt einmal bei der Sache. Paul ist zurückgekommen? Du hast ihn gesehen? Du hast ihn gesprochen?« »Gesehen? Gesprochen? Angepumpt hat er mich auf der Stelle. Mich erblicken und dieses war eins. Ich habe selber wohl dann und wann der Menschheit meine Existenz auf ähnliche Weise in das Bewußtsein zurückgeführt, und nie nachher hat jemand, der an meinem Nochvorhandensein im Leben zweifelte, das Wort: Das ist unmöglich! wiederholt. Von dir wünscht er, daß du ihm das Wiederzusammentreffen mit oder, wenn du willst, das Wiederfinden seiner Tochter vermitteln möchtest. Ich habe ihm auf heute abend neun Uhr in Butzemanns Keller ein Zusammentreffen mit dir versprochen, und ich bin fest überzeugt, daß er seit dem Öffnen des Lokals dort auf dich harrt. Wo er die Nacht zugebracht hat, kann ich dir nicht sagen.« »Das ist alles, als wenn mir ein Stein vom Dache auf den Kopf fiele! Und eben springt Fräulein Natalie hinauf zur Frau Professorin; und wenn einer weiß, was für eine tapfere Heldin in dem Mäd – der jungen Dame steckt, so bin ich es, Wedehop; – von der Frau Professorin darf ich da natürlich nicht reden. Ich soll es sein, der das arme Mäd – Fräulein wieder aus all ihren so mühselig eingerichteten Lebensschlupfwinkeln aufscheucht? Und dann meine Frau?! Wie soll ich es nur möglich machen, um heute abend nach Butzemanns Keller –« »Das ist freilich des Teufels Küche!« grinste Wedehop. »Des Teufels Küche! Es wundert mich höchlichst, daß nicht schon lange einer unserer literarischen Arbeitgeber den Titel gefunden und ihn jauchzend, drei Bände angehängt, einem Verleger aufgehängt hat. Na, weißt du, ich hole dich ab aus deinem häuslichen Kreise; ich entreiße dich dem Schoße deiner Familie. Ich rede mit deiner Gattin. Ich habe es nicht leichtfertig ausgesprochen, daß ich deine gute Meta zu verheiraten gedenke. Punkt neun Uhr bin ich bei dir. Butzemanns Keller! Es ist meine feste Absicht, es dahin zu bringen, daß dich dein Weib selber jeden Abend nach Butzemanns Keller schickt.« »Was den heutigen Abend betrifft, so würdest du mir in der Tat einen Gefallen tun, wenn du das möglich machtest«, seufzte der Leihbibliothekar. »Nun, nun«, murmelte Wedehop, »wenn man auch selbst allgemach ein alter Junggesell geworden ist, so hat man doch seine Erfahrung darüber gewonnen, wie die Kreaturen aus der Arche Noäh zusammengehören und aufmarschieren, Löwe und Gemahlin, Affe und Gattin, Spinnerich und Frau. Sie heiratet Butzemann junior, das steht fest! Man will doch nicht ganz umsonst seine Nürnberger Naturgeschichte auf dem Christmarkt erstanden haben für die lieben Kinder seiner guten Bekannten und besten Freunde.« Die Aussicht, am heutigen Abend in verhältnismäßig so später Stunde von Wedehop aus seinem Familienkreise abgeholt zu werden, drängte, für einen Moment wenigstens, alles andere in der Seele Achtermanns zurück. Aber wie kurz sind immerdar die Augenblicke des Behagens auf dieser Erde! Der Zufall, der sonst doch alles möglich macht, hat eines noch nie fertiggebracht, nämlich ein Wohlsein und Sichwohlfühlen des Menschen von einer Ideenassoziation zur andern. »Aber sie will sich doch ein Buch von mir holen für den Abend!« rief der Leihbibliothekar. »Die Frau Professorin hat sie nur – für einen Augenblick heraufgerufen, und ich hatte ihr einen Band von Stifters ›Studien‹ bereits zurechtgelegt. Was soll ich ihr nun sagen? Ich bitte dich, Wedehop, was für ein Gesicht soll ich Fräulein Natalie jetzt machen?« Der Übersetzer erhob sich, trat an den Ladentisch und fing an, in den Katalogen des Geschäftes zu blättern: »Hm«, sagte er, »1177 Hölderlins gesammelte Werke. 6075 J. W. von Goethes sämtliche Werke, Ausgabe letzter Hand. Eines hatten die zwei Leute wenigstens gemeinschaftlich – der eine im Wahnsinn bei seinem Tischler in Tübingen, der andere als der Weiseste der Menschen und Großherzoglich Weimarischer Minister –: Sie legten sich regelmäßig sofort zu Bett, wenn das Leben zu scharf andrängte, – Gewährsleute: Wilhelm Waiblinger und Johann Peter Eckermann. Was du tun willst bis heute abend, wo ich dich abhole, ist in dein Belieben gestellt!« »Du saßest mit ihm nur auf derselben Schulbank«, murmelte Karl Achtermann; »aber Paul Ferrari und ich, ich und er, wir waren –« »Vögel aus demselben Nest der Lebensharmlosigkeit, nur daß den einen sein phantastisches Gefieder allzuleicht zu hoch über den gesunden Menschen- und Philisterverstand hinaustrug. So bist du denn Gatte deiner Gattin, Vater deiner Tochter und Inhaber dieses Sammelsuriums von bubbles und bouteilles des Menschengeistes geworden und leihst sie weiter aus, während der andere seine eigenen Seifenblasen, allem Abreden seiner guten Freunde zum Trotz, in die Lüfte blies und auf ihnen ritt, wie der Freiherr von Münchhausen auf seiner weltkulturhistorischen Kanonenkugel. Lies die Geschichten nach in deiner Bibliothek, Achtermann. Alles vergnügliche oder tragische Interesse, das wir soliden guten Leute und Staatsbürger an uns selber nehmen, haftet am letzten Ende doch einzig und allein in der spannungsvollen Teilnahme, die ihr von uns in Anspruch nehmt. Was in aller Welt würde mich auch sonst bewegen, heute abend auf Schlafrock und Pantoffeln zu verzichten, dich im harten Kampfe deinem Weibe zu entreißen und dich nach Butzemanns Keller zu schleppen? Es ist immer etwas, gleich dem Spiegel in der Putzstube zwischen zwei solchen Seitenstücken zu hängen wie du und unser guter Freund Paul Ferrari.« »Ein schöner Spiegel!« hätte dreist der alte Achtermann seufzen können. Er tat es jedoch nicht; er war aber nach einer andern Richtung hin in die Bilder seiner Phantasie versunken und hatte die recht witzigen des Übersetzers leider gänzlich überhört oder übersehen. »Ja, hole mich ab, Wedehop«, sagte er. »Tu mir den Gefallen. Wir sind von den frühesten Jahren an gute Freunde gewesen. Er soll nicht sagen können, daß ich mit ihm nichts mehr zu tun haben wollte, weil es mir besser ergangen sei als ihm.« Achtes Kapitel Der Leihbibliothekar stand hinter den trüben Glasscheiben seiner Ladentür und wischte mit dem Rockärmel drüber, um dem trüben Tage noch einen letzten Blick auf seinen Freund Wedehop abzugewinnen. Aber Wedehop war bereits um die Ecke verschwunden, und so wendete sich auch Achtermann wieder und sah sich seufzend in seinen Geschäftsräumen um. Ja, da stand es in den Fächern von Tannenholz, gebunden, numeriert, mehr oder weniger abgegriffen – alles, was mehr oder weniger der Menschheit über sorgenvoller ärgerliche oder nur lang sich hinschleppende Stunden hinweggeholfen hatte, und er verspürte nicht die mindeste Lust, sich durch einen Griff aufs Geratewohl auch wieder einmal selber in das gute Reich, das Zwischenreich, welches er so trefflich beherrschte, zu erheben und von seinem, ihm eben noch durch den Freund bestätigten Bürgerrecht darin Gebrauch zu machen. Er war ja selber durch den Straßenkot und das Tauwetter spazierengegangen; es blieb ihm also nichts übrig, als mit dem Knöchel des Zeigefingers die winterwetterlich juckende Nasenspitze zu reiben und zum Himmel emporzuschauen. »Von dem muß man es heute auch schriftlich oder gedruckt haben, um es glauben zu können, daß er einmal blau gewesen ist!« murmelte er. In demselben Augenblicke sah er auf die gegenüberliegende Haustür und wich zurück: »Da ist sie!«... Sie kam über die Gasse, rot wie eine Rose (das gewöhnlichste Bild ist und bleibt immer das beste). Sie fuhr mit dem Arm und Ellbogen mehrmals auf dem kurzen Wege vor dem Gesicht her. Sie sah auch zu dem grauen Winterhimmel empor, und halb weinerlich, halb lächerlich zuckte es um ihren hübschen Mund. Sie hatte die beste Absicht, so ruhig als möglich auszusehen, aber fertig brachte sie es nicht, und zu verlangen war es auch nicht von ihr. Sie tastete nach dem Türgriff, ehe sie ihn faßte; und dann gelang es ihr auch nicht, auf den ersten Griff die Tür zu öffnen. Die kleine, sonst so feste und geschickte Hand war in diesem Augenblick nicht mehr imstande, das Gewöhnlichste ruhig zu nehmen. »Lieber Herr Achtermann, ich brauche heute kein neues Buch mehr. Ich komme heute doch nicht zum Lesen! Adieu, Herr Achtermann!«... »Ach – Fräulein Na–!« Es war vergeblich, und der Gründer und Inhaber des K. Achtermannschen Geschäfts gab es auch sofort auf. Als er wiederum an seine Glastür trat, war Fräulein Natalie Ferrari um die nämliche Ecke verschwunden wie Freund Wedehop; und nachher war es gerade, als ob rein der Teufel in das deutsche Lesepublikum gefahren sei. »Ich bin fest überzeugt, sie lesen auch in Paris heute unter ihren Bedrängnissen weiter. So sind die Leute!« rief der Leihbibliothekar, und das Wort fiel in den einzigen Augenblick freiern Nachdenkens, der ihm bis zum späten Abend hin gegönnt wurde. »Der gute Paul!... Er ist also wieder da!« sagte er, als er am Abend in seinen abgetragenen Oberrock kroch. »In einer Beziehung hat Wedehop recht: aufeinander angewiesen sind wir von der Natur. Es ist nicht mehr zu zählen, wie oft er von Kindheitsbeinen an mir den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Wenn ich nur an die Prügel denke, die er verdient hatte und welche ich bekam! Von meinen Sparbüchsen hat er auch immer mehr gehabt als ich. Und dann – und dann –« Er dachte an Natalie Ferraris Mama, die auch nicht als solche in die Welt fiel, sondern ganz allgemach zu einem lachenden, lockigen Backfisch heranwuchs und mit den »übrigen Zeitgenossen« in die Tanzstunde ging. »Sie hatte ihr großes Vergnügen damals an Wedehop und mir. Und wie ich mich und ihn in der Erinnerung beim alten Thürnagel in der Leipziger Straße dahinhopsen sehe, kann ich ihr eigentlich einen Vorwurf aus ihrer Lust an uns nicht machen!« Damit schrob er die Gashähne zu, und das Reich der Romantik, soweit es in den Büchern gedruckt stand, versank im Dunkel. Kopfschüttelnd schloß er Läden und Tür und wanderte seinem häuslichen Herde zu. Es ist wahrhaftig nicht wahr, daß man einen vorsätzlichen Mord begangen und das Wissen davon unentdeckt zwanzig Jahre lang mit sich herumgetragen haben müsse, um erkennen zu lernen, was das Gewissen in des Menschen Brust bedeute. Aber wenn etwas das Furchtbare unseres Daseins in dieser Welt zum Bewußtsein bringen kann, so ist es die Erkenntnis davon, daß wir auch den Erinnyen zum Scherze in sie – die Welt hineingesetzt worden sind. Man konnte nicht sagen, daß es eine Todsünde sei, um neun Uhr abends von einem Freunde abgeholt zu werden, um einem andern Freunde in der Bedrängnis des Lebens womöglich beizustehen, aber – der Mensch rechne da mal mit seines Busens Tiefen! Was den sonst gar nicht so übeln Menschen Achtermann anbetraf, so kam der mit dem Gefühle, alle sieben Todsünden auf dem Gewissen zu haben, zu Hause an. Er hatte sich auch nicht im mindesten in seinen Ahnungen und Voraussetzungen getäuscht: erträglicher war die Stimmung gegen ihn an seinem Häuslichen Herde nicht geworden seit dem Morgen. Schlimmer war sie geworden. Ducrot ließ auch hier grüßen, und Trochu empfahl sich gleichfalls. Das naßkalte Wetter den Tag über war von dem übelsten Einfluß auf die Laren und Penaten des armen Leihbibliothekars gewesen. Wenn es am Morgen von schnöden Bemerkungen nur geträufelt hatte, so goß es jetzt von ihnen. Bäcker und Müller, Regen und Schnee jagten einander auch hier, und klatschend schlugen die wässerigen Flocken dem heimgekehrten Hausherrn auch innerhalb seiner vier Wände ins Gesicht. Gattin und Tochter taten ihr möglichstes, den Gatten und Vater mit dem Dache über dem Kopfe obdachlos zu machen. Den Tee hatten sie ihm selbstverständlich kalt gestellt, die Butter war gerade fünf Minuten vor seiner Heimkehr zu Ende gegangen. Seine Zähne waren leider Gottes nicht so hart als das Brot, welches er auf dem Tische fand. Das Messer hatte er sich selber aus der Küche zu holen, und zwar ohne Licht. Der Zucker wurde ihm natürlich zugeteilt; aber Pfeffer und Salz waren dagegen in wirklich verschwenderischem Überfluß vorhanden, und er hatte durchaus nicht nötig, selber sich damit zu bedienen; es waren die beiden einzigen Gewürze, die ihm willig handgerecht zugeschoben und dargereicht wurden. Daß er seine Damen im hellen Hauskriege mit dem Hausbesitzer und einen wenig erfreulichen Brief (geöffnet) des letztern neben seinem Teller vorfand, eröffnete seiner heimischen Behaglichkeit nur die bekannte Aussicht nach einer anderen Seite hin. Er kannte das wirklich schon, und so seufzte er nur im stillen: »So muß ich morgen schon wieder einmal mit dem guten Manne reden.« Neun Uhr! Die nahe Kirchenuhr zählte ihm die Schläge langsam zu. »Zieh mir endlich die Pantoffeln an, Achtermann!« schnarrte die Gattin. »Was soll denn das bedeuten, daß du mir den ganzen Abend in den Stiefeln herumläufst?« »Liebe«, stotterte der Vater der Familie, »du hast recht; aber – aber, wenn du nichts dagegen hast, so möchte ich –« »Du möchtest?... Was möchtest du denn wiedermal?« »Ja, das möchte ich gleichfalls wohl wissen«, rief Fräulein Meta, das dünne Gesicht so weit als möglich vorschiebend. »Ich – ich habe wirklich – noch – einen Weg –« »Auszugehen?« kreischte die Gattin, der mit vollem Rechte die Arme am Leibe niedersanken. Die Tochter zeigte den dünnen Hals noch mehr: »Wohin, Papa? Das muß ich sagen!« »Ich versichere euch –« »Du sagst uns auf der Stelle, was du vorhast, Achtermann! Das ist ja einmal wieder eine ganz neue Mode, und ich will auf der Stelle, auf der Stelle wissen, was das zu bedeuten hat.« »Ja, Mama, daß ich nicht neugierig bin, weißt du; aber dieses macht selbst die Beine hier unter meinem Stuhle wißbegierig. Papa, du mußt das freilich auf der Stelle sagen, was du vorhast. Nachher weiß ich denn schon, ob ich in meinen Gedanken recht gehabt habe, nämlich daß das Fräulein da drüben, die Klaviermamsell, das Fräulein Ferrari, wieder in der Geschichte auftritt.« Der Leihbibliothekar suchte vergeblich in allen Geschichten, die seine Bibliothek enthielt, durch das in- und ausländische romantische Alphabet, durch seinen Auerbach, Balzac, Clauren, Dumas, Eichendorff, Freytag, Goethe und Hesekiel, kurz durch sämtliche alte und neue Literaturpropheten mit all ihren Helden, Rittern, Räubern, idealen Künstlern, Juden und Gründern nach einem schneidigen lösenden Worte. Es blieb ihm aus, und er war geradeso verloren wie jeder andere Held auf seinen Bücherbrettern, wenn es nicht auch hier im letzten, schrecklichsten Moment kurz, aber deutlich an die Türe gepocht hätte. »Recht schönen guten Abend, Achtermann. Meine Damen – ich mache mir das Vergnügen!« sagte Wedehop. Er war seit längeren Jahren an irgendeinem Orte nicht so pünktlich erschienen und so zur richtigen Zeit. »Nun, was ein heißer Stein ist, weiß ich«, pflegte er zu sagen, »und was ein Tropfen darauf bedeutet, weiß ich auch, also komme ich stets ganz gemütlich als kompletter Platzregen, und wenn es nicht anders geht, auch mit dem nötigen Wind. Überall mit Haufen – einerlei, ob Grobheit oder Liebenswürdigkeit; das ist meine Maxime. Damit richtet man was aus. Alles, was unter dem Ganzen und Vollen bleibt, ist lächerlich und macht lächerlich. Laßt nur einen Dicken und einen Magern zu gleicher Zeit in die Tür kommen und seht, wer von beiden am meisten imponiert.« Dick trat der gute Wedehop durch jede Pforte, aber im gegenwärtig vorliegenden Falle auch unendlich liebenswürdig. Die Art und Weise aber, wie er den alten Freund seinem gemütlichen Neste entnahm und ihn seinen behaglichen Hausgöttern und -göttinnen entführte, steht etwas weiter hinten, wo er wirklich sein Wort wahr macht und Fräulein Meta Achtermann unter die Haube bringt. Butzemanns Keller spielt auch dabei mit – oh, selbstbewußte Charaktere überwältigen die Welt in jeglicher Art, Form und Darstellung nur dadurch, daß sie die feste Gewißheit in sich tragen, daß ihnen von außen her dabei geholfen werde. Freund Wedehop stand fest, nicht nur auf seinen Füßen, sondern auch auf der Gewißheit, daß Butzemanns Keller ein nicht geringes Interesse für Frau und Fräulein hinter seiner roten Laterne in sich trage. »Wir sind nur die Vermittler, wo wir uns groß, bedeutend, epochemachend zeigen, und nichts weiter. Frage Helden und Weise danach, sie werden bescheidentlich dir dasselbe gestehen, Achtermann. Dir ist das natürlich noch nicht klargeworden; aber ich gebe dir mein Wort darauf, deine Tochter heiratet hinein in Butzemanns Keller. Das Fatum hat es beschlossen, also wundere dich heut abend nicht weiter über die Liebenswürdigkeit deiner Frau gegen – mich.« Neuntes Kapitel Die Verhältnisse an der preußisch-russischen Grenze sind jedermann bekannt. Da sind die Grenzgräben gezogen, die Schlagbäume und die Wappenzeichen der beiden Reiche aufgerichtet. An jedem Übergange sind gewiegte Beamte aufgestellt, welche die Pässe revidieren und das Gepäck eines jeglichen auf das genaueste steueramtlich untersuchen. Kosaken auf der einen Seite, Gendarmen auf der anderen bereiten bei Tag und Nacht die Grenze; – es liegt den zwei soliden Staatsregierungen zu beiden Seiten viel daran, daß keine Maus ohne den Passierschein am Schwanze hinüber und herüber schlüpfe, und doch – welch ein weites Gebiet des unkontrollierbaren Hinübers und Herübers dehnt sich in der Praxis zwischen den beiden in der Theorie sich so scharf scheidenden großen Staaten! Wozu dies alles? Weil wir in diesem Buche auf einem ganz ähnlichen fraglichen Grenzterrain stehen und es bedauern müssen, wenn das nicht jedermann längst klargeworden sein sollte. Auch zwischen dem Gebiete des soliden alltäglichen, bürgerlichen Menschenverstandes und dem unendlichen Reiche des Abenteuers – Dschinnistan, Avalun – kurz, wie ihr es nennen wollt – erstreckt sich weitgedehnt ein strittiger Grund und Boden, auf dem das eben bezeichnete Hinüber und Herüber nur allzu gern allen Mächten, die gern »klar sehen«, ein Schnippchen schlägt oder einen Esel bohrt und sich nach Herzenslust und Leibesbedürfnis tummelt, allen auf dem Papier gezogenen Linien zum Trotz. Daß wir, was uns selber angeht, das heilige Rußland mit Avalun und das Königreich Preußen mit Dschinnistan vergleichen, gehört wohl auch schon ein wenig zur Kontrebande. Frei durch gehen! Ist das nicht das größte Wort, das in diesem in Stricken und Banden liegenden Menschenleben gesprochen werden kann? Jawohl, sie rühmen sich ihrer Selbständigkeit in allen Gassen, die armen Kinder der Erde; wenn ihnen das Glück gut ist, dürfen sie ihre Ketten vergoldet der Sonne entgegenhalten: bei den lachenden Göttern, wer geht frei durch? Niemand anders als derjenige, welcher Glück hat beim Schmuggel nach Avalun, der auf Seitenpfaden sich durch die Waldwildnis zwängt und geduckt bei Nacht über die Heide schleicht. So tragen wir auch unsern Packen und suchen damit den Grenzwächtern zu entgehen. So gehen wir den Schmugglerpfad durch das Dasein mit Natalie Ferrari und der Frau Professorin Schenck, mit dem Hunde Wassermann und seinem Herrn, dem Unteroffizier und jungen Ästhetiker Ulrich Schenck vor Paris, und – augenblicklich gehen wir mit Wedehop und dem Leihbibliothekar Karl Achtermann nach Butzemanns Keller: es hat sich ja das Gerücht verbreitet, daß die soliden, allein zur Existenz berechtigten Lebensmächte einen von uns abgefangen haben, daß Paul Ferrari wieder da ist und gegenwärtig in Butzemanns Keller anzutreffen sein wird. Es fällt wohl nicht allen gleich ein, daß, wenn ein Sünder festgenommen werden soll, auch er »zu Hülfe!« ruft?! – – – Es war eine der bekannten roten Laternen, die ihren Schein in die Mitternacht warf und andeutete, daß auch in dieser Gasse der Stadt die alte germanische Gastfreundschaft, wenn auch nur gegen bare Zahlung, noch walte. Butzemanns Keller war in bestimmten Kreisen ein ebenso bekanntes Lokal als Achtermanns Leihbibliothek in anderen. Ein solcher Ort, der den Ruf hat, »am längsten Licht zu haben«, verbreitet einen höchst anlockenden Schein durch alle Klassen der Gesellschaft, und Nachtschmetterlinge jeglicher Art, vom seltensten Falter bis zur bescheidensten Motte, sehen den Schimmer, sagen: »Aha, da ist noch offen!« und setzen sich fest um die verführerischen leuchtenden Gläser, werden auch nicht selten dort abgefangen von allerhand gleichfalls des Nachts mit Vorliebe surrenden Gespenstern, die häufig nur ihretwegen die Wohnung oder wohl auch das amtliche Überwachungsbüro und Wachtzimmer verlassen. Weiter zu beschreiben brauchen wir wohl das Lokal nicht? – »Frische Austern!« war im Schein der Laterne am Eingange zu lesen; eine gewundene Treppe führte hinabwärts zu den Räumen, wo nicht nur die Austern, sondern mancherlei anderes feucht, naß und trocken, heiß und kalt zu haben war bei Butzemann senior und – junior. Butzemann junior war es, der den Übersetzer und Leihbibliothekar in der vordern unterirdischen, von Tabaksqualm erfüllten Höhle empfing und begrüßte, – ein vierschrötiger, verdrossener Jüngling von ungefähr fünfundzwanzig Jahren und – Wedehops erklärter Liebling und Günstling. »Was einer ist, soll er recht sein«, sagte er, der Übersetzer. »Wissen Sie zum Exempel etwas Widerlicheres als einen dilettierenden Flegel, einen Pfuscher in der Flegelhaftigkeit? Und nun sehen Sie sich hier gefälligst meinen Freund Louis an. Ich sage ihnen – alles genial – alles echt – was? Wozu ihn die Natur bestimmt hat, das ist er – rein, voll, unbefangen. Sehen Sie diese kindlichen Züge bei Sonnenaufgang und -untergang, im Mondenschein oder in der Beleuchtung der Gaslampe über seinem Billard, sie bleiben stets die nämlichen, naiv-saugrob. Fordern Sie einmal des Spaßes wegen etwas, was sein Lokal nicht bietet, und hören Sie ihn reden, und dann – stellen Sie sich den Bengel als Geliebten, Verlobten, Gatten und Vater vor! Soll diese Art ausgehen? Non! trois fois non! wie er selber sich ausdrücken würde. Und ich gebe Ihnen mein heiliges Wort: unter den wenigen Aufgaben, die ich mir noch in der Welt gestellt habe, befindet sich vor allem die, das brutale Scheusal unter den Pantoffel zu bringen. Sie können jeden aus unserer Bekanntschaft danach fragen, ausgenommen meinen Freund Achtermann da.« »Ja, gehen Sie nur näher, meine Herren«, grolzte Butzemann junior. »Weswegen Sie kommen, weiß ich schon. Eigentlich ist's Papas Sache, und der hat ihn auch auf sich geladen. Im Hinterzimmer sitzt er schon seit heute morgen. Das sind solche alte Bekanntschaften, die unsereiner des Alten wegen nicht auffordern soll, draußen frische Luft zu schnappen! Gehen Sie nur durch; der Alte sitzt bei ihm, und der Spuckkasten steht beim Ofen.« Die zwei Herren gingen durch, das heißt durch den Tabaksqualm in die übervollen hintern Kellerhöhlungen. »Sie sind ein ganz lieber Mensch, Louis«, meinte der Übersetzer, im Vorwärtsgehen dem jüngern Inhaber und Teilhaber von Butzemanns Keller zärtlich auf die Schulter klopfend. »Das sagen Sie nur, weil Sie es nicht so meinen, Herr Doktor. Aber lassen Sie sich einmal den gemütlichsten Tisch im Geschäft auf so 'ne Art von zehn Uhr am Morgen bis jetzt fest belegen auf die Weise und bei den Zeiten, wo einem jeder Stuhl vollsitzt von wegen dem Kriege und den Telegrammen... ein Beefsteak mit Eiern? – gleich, mein Herr.« »Der Junge ist zu nett, Achtermann«, sagte Wedehop. »Ich brauche ihn nur anzusehen, um innerliche, bittere Tränen über mein Hagestolzenleben zu vergießen. Ja, so einen hab ich mir auch gewünscht. Ich sage dir, selbst als Schwiegersohn gönne ich ihn nur mit dem gelbsten Neide einem andern – doch – da sind wir, und – da – sitzt er: guten Abend, Butzemann, – guten Abend, Pablo!« Der Leihbibliothekar, der nicht so wie sein Begleiter an jede großstädtische Kneipenatmosphäre gewöhnt war, hatte seit dem Eintritt in diese unterirdischen Räume viel gehustet. Jetzt entging ihm der Atem fast ganz, doch nicht allein der Tabakswolken, der Küchendüfte und der verschiedensten Dünste, welche die verschiedenen Gäste mitgebracht hatten, wegen. »Ja«, sagte er, »Paul!« und drückte sich an den Rücken Wedehops und blickte ihm über die Schulter nach dem Manne auf dem schwarzen Ledersofa unter der einzelnen Gasflamme. »Guten Abend, meine Herren«, sprach Butzemann senior, sich erhebend. »Jetzt reden Sie einmal mit ihm; – sehen Sie, so liegt er mir nun mit dem Gesicht auf den Armen seit dem Lichtanstecken. Ich habe ja auch, wie ihr – Sie wissen, in alter Zeit, auf der Schulbank so bei ihm gelegen, und er hat mir immer durchgeholfen, selbst auf seine Prügel hin; und so habe ich denn heute auch den halben Tag bei ihm gesessen; jetzt aber bin ich zu Ende, und nun – reden Sie ihm zu, meine Herren, daß er wenigstens wieder aufwacht und ein vernünftig Wort von sich gibt.« Wedehop brummte nur: »Na, na!« Es war Achtermann, der rasch zutrat und dem Gentleman-Vagabunden die Hand auf die Schulter legte: »Lieber Ferrari, willst du?«... Der Angeredete hob den schweren Kopf. Ein regennasser, abgewetterter grauer Filzhut hing am Nagel über ihm, und ein Stock, seltsamerweise ein Ebenholzstöckchen mit feinziseliertem goldenen Knopf – ein Bettelmannsstab grimmigster Sorte – lag neben ihm auf dem Sitze. »Ah – was?!« sagte auch Paul Ferrari, mit rotunterlaufenen Augen auf die beiden eben eingetretenen Männer starrend. »Well, das ist freundlich von euch – du bist doch Karl – Karl Achtermann? Und du Wedehop – das ist schön – setzt euch: what will you drink?« »Fürs erste gar nichts, lieber Mann«, sagte der Übersetzer. »Sei so gut und laß mir auch ein – Beefsteak mit Eiern machen, Butzemann. Viel Zwiebeln, Alter!... Da hast du einen Stuhl, Achtermann, und nun – hier haben wir ihn denn, wie ich ihn dir heute nachmittag für den Abend versprach. Nur immer ruhig Blut, Kinder.« Es war ein einstmals unbedingt außergewöhnlich hübsches und feines Gesicht, aus welchem der Mann mit dem eleganten Bettelmannsstock die grauen Locken zurückstrich. Dazu strich er im gleichen Augenblick mit der Hand durch die Luft wie jemand, der viele von jeder Seite Zudrängende abzuwehren sucht: »Guten Abend, Achtermann.« »O, ich wollte – ich könnte das auch sagen, Paul!« stotterte der Leihbibliothekar und ließ dabei erst den Hut und dann den Regenschirm fallen. »Ja, guten Abend, Paul.« Er reichte die zuckende Hand hin, und der heimgekehrte Schulfreund sah ihn mit seinen kranken Augen eine geraume Weile an, ehe er diese brave, furchtsam Hand hastig griff und heiser sagte: »Sieh, sieh, alter Kerl. Ja, es war Wedehop, dem ich zuerst in der Straße begegnete. Wunderst du dich?... Ich mich auch – dann und wann –« »Ich wundere mich gar nicht, Paul«, seufzte Achtermann. »Aber – guter Paul – lieber Ferrari, aber, sieh, du weißt es ja, ich brauchte immer längere Zeit, um mich zu fassen, als – du und andere. Deine – dein Kind war auch heute nach Tisch bei mir, und – sie weiß auch noch von gar nichts –« »Deshalb setzen wir uns endlich und reden, wenn nicht Vernunft, so doch Verstand«, brummte Wedehop. »Seht euch Freund Butzemann an, der hat auch Phantasie; – da steht er und horcht wie auf ein fernes Hundegeheul und denkt: wenn doch endlich einer den Köter ins Haus lassen wollte. Ist es nicht so, Alter?« »Annähernd wohl, Doktor; wenn ich doch meine Meinung sagen soll.« »Oh, Wedehop!« stöhnte der Leihbibliothekar. »Ach was, dummes Zeug. Die Sache liegt einfach so: Wir haben ihn wieder – in unserer Mitte; er wird wieder einmal eine Generalbeichte ablegen, und nachher stellt sich in gewohnter Weise die Frage noch viel einfacher: was soll jetzt mit ihm werden? Setzen wir uns also; stehend machen wir die Geschichte doch nicht ab, Achtermann. Das ist recht, hängen Sie nur den Hut des – guten Achtermann an den Nagel, Butzemann. Wenn sich jede beliebige Maus in die Pyramide des Cheops hineinwühlt, so imponiert mir vorliegender Käse wenig. Vor allen Dingen laß jetzt den Mann da von seinen amerikanischen Fahrten Bericht erstatten. Nachher werden wir ja wohl weitergehen. Da kommt auch der Junior mit dem Beefsteak, und nun – laßt euch insgesamt ins Gedächtnis rufen, daß es mehr auf das Verdauen als das Hineinschlingen ankommt. Ich als Übersetzer muß das vor allen anderen wissen.« Kauend warf er von jetzt an für eine geraume Zeit seine Bemerkungen in die gedrückte Unterhaltung, die nun zwischen Karl Achtermann und Paul Ferrari stattfand. Da er aber wirklich nicht nur auf das Verschlingen, sondern auch auf das Verdauen sich verstand, so ist uns jedenfalls interessant zu hören, was er bemerkte, nachdem er den Teller zurückgeschoben hatte und satt war in mehr als einer Beziehung. »Weg mit der Bescherung, Junior – Butzemann junior. Räumen Sie ab, Jüngling – Schwiegersohn!« »Schwiegersohn?« murrte Herr Louis Butzemann. »Was soll denn das heißen, Herr Doktor?« »Daß es zu meinen lieblichsten Phantasien im Wachen und im Traume gehört, eine angenehme mannbare Tochter zu haben und Ihnen und ihr die Hände auf die – Häupter zu legen: So nehmt euch denn; – seid glücklich, Kinder!... Betrachten Sie mich immerhin als Ihren geistigen Schwiegervater, lieber Louis. Verlassen Sie sich darauf, ich verheirate Sie nicht bloß imaginär, und – nun zu euch anderen: Kerle, ich habe lange nicht so wie heute abend des Lebens Notdurft mit solchen Beschwerden heruntergewürgt als unter eurer katzenjämmerlichen Tafelmusik. Wüßte ich nicht, daß ich mich, Gott sei Dank, auf meinen Magen verlassen kann, so würde ich dem Gewinsel und Gewusel wahrhaftig schon früher ein Ende gemacht haben. Worauf läuft denn dieses alles nun hinaus? Einfach darauf, daß von hundert soliden germanischen und anderen Weltbürgern neunundneunzig sich beim Anblick und nach dem Anhören dieses verlorenen Subjektes da schaudernd abgewendet haben würden mit dem großen Worte: ›Wo man ihn eingräbt, tut er den ersten Nutzen auf der Erde, indem er sie düngt.‹« »Wedehop?!« rief der Leihbibliothekar bittend. »Ei natürlich, Wedehop!« mimte Wedehop nach. »Wünschest du mich noch ferner zu reizen, Achtermann, um noch deutlicher meine Meinung zu vernehmen? Nicht wahr, man kann sich nie genug mäßigen, sobald man anfängt, Vernunft zu sprechen? Aber jetzo bin ich einmal dabei und werde mich mit und ohne eure gütige Erlaubnis nicht darin stören lassen. Du würdest selbstverständlich ein Original sein, Paule, wenn es nicht Millionen deinesgleichen schon vor dir gegeben hätte. Das weiß der Henker, daß der Mensch das Maßgebende mit Vorliebe zuerst übersieht, und – so haben wir heute dich wiederum in unserer Mitte, wie du weggegangen bist – ganz derselbe, nur ein wenig wackeliger auf den Füßen, schwächer in den Knochen und wirbliger – ich will nicht sagen wo. Deine tausend Künste und Wissenschaften haben dir auch in Amerika nichts genutzt. Das Pulver hast du leider nur zuviel erfunden; einmal genügt die Entdeckung, und daß die Amerikaner auf dein letztes Phantasma, dein neues, die Verdauung regelndes und den Appetit schärfendes Universalpulver nicht anleckten, habe ich im voraus gewußt. Das war auch nur eine Idee aus zweiter Hand und hat bereits andere Schlauköpfe zu reichen Leuten gemacht und armen zu einem billigen Professor- oder Hofratstitel verholfen. Stecken Sie den Pfropfen auf die Flasche, Butzemann! Er soll jetzt nicht mehr trinken, sondern mich zu Ende hören! Wie häufig hast du wohl in deinem Leben die Wimpel nach dem Glück wehen lassen, Paule, und bist zu Schiffe gestiegen mit einem Bestallungsbrief für die Statthalterschaft von Eldorado in der Tasche? Nicht wahr, für so eine Art von Genie haben wir uns immer gehalten? Und deshalb verließen wir uns in Gottes und des Teufels Namen auf den alten Zauber, welcher dergleichen Hanswürste mit den Kindern und den Betrunkenen auf eine Stufe stellt, sie auf die Schulter patscht und beruhigend sagt: Fallt nur, so oft ihr wollt, man wird euch schon wieder aufhelfen!? Himmelelement und alle Milchsuppe, wer sich nicht wie ein Granitblock dem Pöbel in den Weg werfen kann, daß er murrend drum herumzulaufen hat, der soll einfach seine Alltags-Tagesarbeit tun und für sein Abendvergnügen ein Abonnement hier bei unserm Freunde Achtermann nehmen. Nicht wahr, Achtermann?« »Du solltest einsehen, guter Wedehop, daß du hier eigentlich wohl ohne Ziel und Zweck sprichst«, flüsterte der Leihbibliothekar. »Weil der Mensch da schon wieder mit dem Kopfe auf den Armen liegt und uns demnächst im vollen Stupor anschnarchen wird. Alle Donnerwetter, was soll denn aber jetzt werden? Willst du ihn mit dir nach Haus nehmen oder soll ich's? Wir können ihn doch unmöglich jetzt, mitten in der Nacht, seinem armen lieben Kinde in die Tür schieben: Da haben Sie Ihren Papa, Fräulein, und nun – wünsche wohl zu schlafen!... Wie tapfer hat das kleine, brave Heldenmädchen ihr Leben eingerichtet und sich durchgeschlagen mit ihrem Pianino und ihrer Sticknadel, während der von neuem drüben in Mexiko sein Pulver verschoß!« »Wenn er für heute hier auf dem Sofa –«, wollte Butzemann senior gutmütig vorschlagen; aber Wedehop nahm ihm selbstverständlich sofort das Wort wieder ab. »– übernächtigen wollte, so würde dein Junge sicherlich mit Vergnügen die sonstige Bedienung und das Aufwecken besorgen. Danke, lieber Alter! Daß du zu uns gehörst, weißt du, und so habe ich darüber nichts weiter zu bemerken. Mein Sofa steht ihm auch zur Verfügung; aber das Mädchen – das kleine Mädchen mit seiner Musikmappe und seinem Resedatopf und seinem Kanarienvogel! Ich habe Michelets Buch über die Weiber übertragen, ich habe auch Feydeau übersetzt – La dame aux camélias – und übersetze weiter. Ich tue wahrhaftig mein möglichstes, das deutsche Volk zu bilden und zu bessern; aber – nachher komme mir denn auch einer und suche mir meine grünen Rasenflecke zu zertrampeln und meine Privatidylle über den Haufen zu werfen! Glaubt ihr, daß ich – ich – ich vor den anderen in der Laune sei, mir das gefallen zu lassen? Ich sage dir, Achtermann, wenn du dir von dem Geruch der Rose erzählen lassen willst, so frage den Schundkönig danach aus! Und jetzt werde ich elegisch und also mir selber zum Ekel und gehe nach Hause. Allons, Paul, aufgeguckt, Mensch! Butzemann, greifen Sie zu und helfen Sie mir, ihn auf die Beine zu bringen.« »Du willst ihn also mit dir nach Hause nehmen, Wedehop?« rief der Leihbibliothekar. »O wie danke ich dir, guter –« Der Übersetzer klopfte dem alten Freunde gemütlich auf die Schulter. »Alter Schäker, wer kann gegen seine Natur? Die deinige ist im Grunde durch dein ganzes Leben gewesen, den Leuten am meisten zu trauen, die ihre Worte auf die feinste Goldwaage zu legen verstehen. Weit damit gekommen bist du freilich nicht, sondern nur zu der schönen, aber kläglichen Redensart: Ja, so sind die Leute!... In der Tat, so alt sind wir doch gottlob noch nicht geworden, daß wir uns nicht jener Jahre entsinnen sollten, wo der da alles, was er hatte, mit uns teilte, und zwar ohne sich ein Verdienst daraus zu machen. Er war doch immer der Millionär unter uns, und weiß der Teufel, gepumpt wurde ihm auch dreimal lieber als uns, und er hat auch das redlich mit uns geteilt – mit mir zum wenigsten ganz gewiß, und also, Butzemann, entsende deinen süßen Knaben oder einen deiner Kellner nach einer Droschke. Dem kleinen Mädchen werden wir mit unserer Erfahrung, Achtermann, und mit anderer guter Leute Beihülfe wohl auch noch einmal über dies vergnügliche Wiedersehen hinweghelfen. Auf deine Frau Professorin zum Exempel rechte ich fest.« Axiom: Man kann zu Zeiten auch eine Nachtdroschke benutzen, um die zu Anfange dieses Kapitels erwähnte Grenzlinie zu kreuzen. Man kann sie aber auch überschreiten, indem man steht und eben dieser Droschke weinerlich-beruhigt mit halboffenem Munde nachstarrt wie der Leihbibliothekar Herr Karl Achtermann. – – Zehntes Kapitel Es war eine ereignisreiche Nacht. Sie konnten sich drüben in Frankreich und vorzüglich in ihrer Stadt Paris noch immer nicht darüber zu Ruhe geben, daß sie sich diesmal in dem Jahrhunderte durch so braven Allemand mit sa Gretchen , son lied et son meerschaum so gräßlich, so schändlich und scheußlich getäuscht hatten. Sie streckten immer wieder von neuem die Nasen in die böse Erdenwitterung hinaus, um sich immer von neuem die Versicherung hereinzuholen, daß dem wirklich so sei. Sie feuerten fiebernd erbost die ganze Nacht hindurch aus grobem und kleinem Geschütz und Gewehr; und leider Gottes trafen sie diesmal wirklich einen von diesen braven Deutschen, der wahrhaftig eben an eine ihrer übrigen illusions germaniques, nämlich an sein sourkraut, dachte und sich sofort nach Empfang der Kugel mit dem Gedanken an sein Gretchen zu Boden legen konnte. »Da haben wir's auch!... Herrgott, die Alte! Was wird die Alte zu Hause sagen?« Balzac schon kannte ihn, nämlich den Pariser Spießbürger aus der Rue Mouffetard, welcher, die Augen zudrückend, seinen Hinterlader auf die Barbaren im Winternebel losbrannte und so das Unheil anrichtete. Daß der Gute nie in Erfahrung brachte, wie werktätig er das Vaterland gerächt hatte, hatte nicht viel zu sagen; aber jammerschade war es, daß Honoré de Balzac nicht noch beschreiben konnte, wie der Held nach Hause kam und Madame es erzählte. Die Manen Paul de Kocks hatten zwar auch diesmal über dem Rückzuge hinter die Forts geschwebt – mais – »c'est égal mon pauvre chat – sublime, je vous dis! horrible!... Ah, bonne petite mère, c'est la trouée de Trochu, que nous avons faite dans cette nuit; – vive Gambetta! vive la France! vive Paris!«... Wie sich die Herren Vinoy, Ducrot, Trochu usw. zu dem Loch in der Hecke stellten, wollen wir nicht weiter berühren. Das gehört der Geschichte an; aber einen künftigen Wirklichen Geheimen Hofrat können wir uns nicht so mir nichts, dir nichts über den Haufen schießen lassen: das gehört unserer Geschichte an. Ein tüchtiges Loch in die ihn persönlich angehende Individuation des Willens der Welt hatte er sicherlich weg, der Herr Hofrat, und so verlor er denn, wie das in solchen Fällen gewöhnlich zu geschehen pflegt, für längere Zeit vollständig das Bewußtsein. Das Licht, welches das Ganze, um sich selber über sich selbst verwundern zu können, sich in dem Intellekt des Menschen ansteckt, erlosch, und – die übrigen augenblicklich zur Hand befindlichen Intellekte besorgten das Weitere, das heißt, sie nahmen mit dem Unteroffizier Schenck allerlei vor, wobei der Mensch in ihm mit Vergnügen auf alle die geistigen Kräfte verzichtete, die ihn in behaglicheren Stunden über den Stein und die Pflanze erhoben. »Aufgehoben und mitgenommen«, sagte in Lagny der Doktor Biberstein auf die uralte Frage: Wie? wo? was? »Nur ruhig, Mann! Die Kugel wird sich auch schon finden, die Splitterln kommen recht brav 'raus.« »Aufgehobe und mitgenomme!« sagte erst geraume Zeit nachher eine andere Stimme. »Liege Sie g'fälligst nur noch ein ganz bißle ganz stille, Herr. Sackerment, es ist die Sonne und nicht die Wolke, die den Regenbogen macht!... Das würde freilich a nettes Grau gebe, wenn dem nicht so wäre, wisse Sie. Jawohl, aufgehobe sind Se, und zwar gut. Mama ist im Nebenzimmer. Na denn in Gottes Name komme Se nur her, Mutterle!« – Jawohl – konfus! Wir könnten uns das Wort mit einer gewissen, gottlob nur selten von uns selber an uns selbst bemerkten Aufregung verbitten. Wer behält am häufigsten im Wirrwarr dieser Welt die Nase oben? Wahrlich nicht immer die, welche sich am meisten dessen zu rühmen pflegen. Was uns in diesem Kapitel persönlich betrifft, so gestehen wir gern, daß wir nicht die Nase, wie es sich gehörte, oben behielten, sondern daß es uns viele Mühe kostete, aus dem Strome der Ereignisse wieder ans feste Land zu kommen: wir wollen es aber eben nicht besser haben als die Leute, von denen wir erzählen. Ihnen ist es damals wahrhaftig noch schwerer geworden, wieder einen Schick in die Dinge zu bringen und zu einem ruhigen Atemholen zu gelangen, als uns heute auf dem vorliegenden Papierfetzen. O, wir sind gewaltige Helden, zu Fuß und zu Pferde, vor dem Schreibtische und, der liebe Herrgott weiß es allein, wo sonst noch vor: retten wir uns rasch aus der Vorstellung unserer Größe in den Humor einer andern Vorstellung, nämlich daß es im abgemessenen Laufe der Gestirne immer wieder von neuem Nacht wird und wir alle – alle Helden und Heldinnen eingeschlossen – mit seufzendem Behagen die Decke zurückschlagen und – einerlei ob mit dem linken oder rechten Fuße zuerst – ins Bett steigen. Hineinkriechen würde vielleicht das bessere Wort sein; es ist es jedenfalls sogar nach den größten gewonnenen Siegesschlachten für manchen Triumphator gewesen. Wenn es kommen soll, so kommt alles zusammen, und so auch diesmal. Die paar Tage, welche zwischen der Nachricht, die Natalie brachte, und derjenigen, welche von Lagny aus die Feldpost ablieferte, lagen, rechnen wir nicht. Der einzige Ruhige blieb Wassermann dabei, der fürs erste weder das glücklich und doch weinerlich aufgeregte Fräulein, noch die Frau Professorin, noch den Leihbibliothekar Achtermann begriff und am wenigsten den Doktor Wedehop, der ihm einen Jagdhieb überzog, aber beinahe zärtlich und dazu mit den Worten: »Freilich, was aus dem verfluchten Köter während unserer Abwesenheit werden soll, Frau Professorin, ist mir nicht klar. Achtermann dürfte ihn nur unter der Bedingung mit nach Hause bringen, daß Sie, liebste Frau, das Vieh schon seit Jahren auf die Diät des Königs Mithridates hin gefüttert hätten. Butzemann senior wäre wohl der Mann dazu, der ihn uns nicht verhungern ließe; aber da ist der Junge im Hause, und den habe ich, bei Aphrodite, weiß Gott, selber mehr auf die Katze als auf den Hund dressiert; Achtermann da weiß das. In Konstantinopel leben wir nicht, daß man ihn einfach hinaus auf die Gasse jagen und ihn der öffentlichen und allgemeinen Barmherzigkeit anvertrauen könnte.« »Einfach geht er mit mir, Herr Wedehop«, sagte Natalie. »Das sind doch wohl unsere geringsten Sorgen! Und dem Papa wird er gewiß auch Spaß machen und ihn ein wenig aufheitern.« Sie sagte das mit – einem leisen Erröten; der Übersetzer brummte etwas Unverständliches in den Bart. Wenn wir letzteres halbwegs ins Verständliche übersetzen wollen, so kommt ungefähr zum Vorschein: »Natürlich: love my dog, love myself! Daß sie sich alle Mühe geben wird, auch dies Vieh durchzufüttern, bezweifle ich gar nicht. Na, laßt mich nur die Hand auf den jungen Menschen da unten legen, so werde ich ihm schon ein Kollegium über des Lebens süßesten Ernst lesen. Der article de Paris, den er im Schulterblatt trägt, hat hoffentlich den Boden in der Hinsicht nicht übel aufgelockert. Wir wissen ebenfalls wohl noch davon zu singen, wie empfänglich wir für alles Moralische waren, wenn man uns abgeführt und der Doktor nach der Naht die obligate Wassersuppe verordnet hatte. Wir tragen den Schmiß da auch nicht ohne sittliche Nachwirkung quer über der Nase.« Laut aber sprach er: »Also den Vierfüßler wissen wir item versorgt. Daß Achtermann da ganz im Verborgenen nach dem Notwendigen sieht, ist weiter nicht zu erwähnen. Die Koffer stehen gepackt; nun tut mir endlich also auch die Liebe an und zieht nicht solche Jammergesichter – Sie vor allen, Frau Mama. Ich gebe Ihnen mein heiliges Ehrenwort darauf, wenn der Winckelspinner solch einen Brief wie diesen hier schreibt, so fahren wir morgen in das helle Vergnügen herein – darüber, daß – alles so gut abgelaufen ist. Ach ja, es wird auch mir ein Pläsier sein, endlich einmal wieder so 'nen schwäbischen Weinberg in den hellen Frühling hineinweinen zu sehen, und noch dazu in solch einen Siegesfrühling. Es wird meinen alten Augen guttun, und ich will nicht umsonst mit dem Winckelspinner vor dreißig Jahren Schmollis getrunken haben.« Die Frau Professorin, die wirklich während der Verhandlung über den Hund Wassermann und schon manche lange, bange Tages- und Nachtstunde durch mit im Schoße gefalteten Händen gesessen hatte, stand auf und nahm Natalie Ferrari in die Arme und küßte das liebe Mädchen. Am andern Morgen blieben die einen am Orte und reisten die andern ab: wir – wenn wir nun sagen wollten, daß das um die Zeit der Schneeglöckchen gewesen sei, so würden wir nicht nur andern, sondern auch uns selber erklecklich drollig-sentimental vorkommen. Sagen wir aber, daß das ausgesprochenste Tauwetter herrschte, ein grimmiger Dreck in den Straßen der Stadt langsam floß und Galanthus nivalis eben auf den Gartenbeeten und Hängen seine Knospen öffnete, so wird keiner die Notiz als außerhalb der Sphäre seiner Naturanschauung liegend, also lächerlich, finden. Die Menschen sind so, sagt der Leihbibliothekar Achtermann. Nun gab es glücklicherweise keinen bessern Reisebegleiter als Wedehop. Selbst die Frau Professorin, die doch überall frei durch ging, konnte sich keinen bessern wünschen; wie es denn anderseits eines der schönsten Erlebnisse, was einem Menschen, wie der Übersetzer, begegnen konnte, war, die Frau wohlbehalten durch das kriegsbewegte Germanien heil und bei vollständiger Fassung an Ort und Stelle zu bringen. Schade übrigens denn doch wieder, daß er nicht allein fuhr – derselbige Wedehop nämlich. Da hätten wir in anderer Weise recht was erleben können, und zwar von Station zu Station. Es gab vielleicht keinen zweiten Menschen in ganz Germanien, der überall so viele gute Bekannte sitzen hatte als dieser Übersetzer und dieses nach Paragraph zehn im zweiten Programm der Vorschule der Ästhetik passive Genie . Überall, und manchmal an den absonderlichsten Orten, saß ihm ein mehr oder weniger passiver oder aktiver Bruder in Apoll: hier auf seinen Manuskripten, dort als Advokat oder Amtsrichter und mehrfach auch als würdiger Handwerksmeister in Holz, Leder und Stein. Brave alte Kneipanten sämtlich, die überall das beste Getränke als Lokalkenner herausgefunden hatten und, gegen Südwesten hin, dann und wann sogar eigene Weinberge besaßen und damit umzugehen wußten. Solch ein Freund saß ihm natürlich auch in dem Schwabenneste, dem die Geschichte jetzo, dem großen Laufe der allgemeinen deutschen Geschichte folgend, zusteuert. Wir haben ihn bereits reden lassen: Winckelspinner heißt er; ungemein praktischer Arzt und sonstiger alter Praktikus ist er, und sein Garten erstreckt sich hinter seinem Hause den Berg hinauf. Die junge Donau aber rauscht ihm noch ganz bachartig vor der Tür jenseits der Landstraße, der Allee von Lindenbäumen und der Einfriedigungsmauer des Weges. Wein wächst da freilich nicht, aber Hopfen! »Wir können so spät ankommen, als es uns und der Völker-Eisenbahn-Konfusion beliebt, Frau Professorin, wir werden seine Tür immer offen finden und ihn parat mit dem beruhigendsten jüngsten Bulletin über den dummen Jungen, den Ulrich. Verlassen Sie sich drauf, Liebste«, sagte Wedehop, und sie kamen in der Tat ziemlich bei vorgeschrittener Nacht am Endpunkte ihrer Fahrt an; denn welche Eisenbahnzüge verspäteten sich nicht in dieser so außerordentlich unordentlichen Zeit?! »Richtig!... Seit zehn Jahren habe ich ihn nicht mit Augen gesehen; aber da steht er mit seiner Laterne und mit seiner Frau! Der gute Mann! würde Freund Achtermann sagen; ich aber sage das gar nicht. Das Ulmer Leckerle da im Muff und Pelzkragen an seiner Seite hat er mir reinewegs in Niedernau im Kursaale wegertanzt. Das wäre wirklich auch eine Frau für mich geworden, wenn es hätte sein sollen!... Hier, Winckelspinner! Hurra – hie Waiblingen! Grüß Gott, alter Mensch, das ist aber, weiß Gott, wahrhaftig freundlich von euch – um neun Uhr sollten wir fahrplanmäßig da sein, und jetzt geht's stark gegen elf. Na, was lange währt, wird gut, und hättet ihr uns – uns – verdrießliche Nachrichten an den Bahnhof zu bringen gehabt, so würdet ihr uns sicherlich damit lieber zu Hause in Empfang genommen haben. Das hier ist die Mutter!... Frau Doktor Winckelspinner – Frau Professor Schenck. Ja, gottlob, da sind wir endlich!« »Gnädige Frau, ich habe die Ehre«, sprach Doktor Winckelspinner. »Dies hier ist meine gnädige Frau. Mach dein Kompliment, Mariele. Alter Sünder, so um a Nüanxe bist du auch älter geworden.« »So um a nuisance, Winckelspinnerle! Aber das alte hübsche Französisch sprichst du immer noch. Nun, wie ist es, grauer Knabe; lassen wir die Damen auf dem Wege nach Hause genauere Bekanntschaft machen, oder warten wir das hier ab?« Die beste Bekanntschaft miteinander machten die beiden Damen glücklicherweise schon auf den ersten Blick beim Laternenschimmer des Doktors und dem flackernden Gaslichtschein des Bahnhofes. »O es ist so sehr freundlich!« schluchzte die Professorin. »Was habe ich Ihnen alles zu sagen! Und was habe ich zu fragen! Ihre Briefe – und mein Sohn –« »Ei freilich; wer hätte uns heute vor einem Jahre prophezeit, daß allerlei Leute auch auf diese Art vergnügt zueinander geraten könnten. Jetzt, Mariele, wisch ihr die Tränen ab, ich bekümmere mich derweilen ums übrige Gepäck. Nur ruhig, Frau; sackerment, wir haben ihn ja auch in diesem Moment ganz ruhig und fieberfrei im besten Schlaf im Kapitelsaal bei unseren seligen Deutschherren. Nächste Wochen holen wir ihn uns ohne Schaden ins Privatlogis, und zu Hause warten meine Mädle mit dem Nachtessen; dabei wollen wir uns denn ganz gemütlich in gewohnter Weise auf den Zahn fühlen, ob großdeutsch, ob kleindeutsch, Wedehopple –« »Alter Schwede!« sagte Wedehop, und ganz Neuvorpommern, seine engere Heimat, trat in dem Wort breitgrienend zutage. Der schwäbische Gastfreund bot der norddeutschen Dame den Arm, der Übersetzer den seinigen der süddeutschen; und so betraten sie die alte kleine Stadt mit ihrer wohlerhaltenen Mittelalterlichkeit. »Das ist der Marktplatz, gnädige Frau«, rief der Doktor, seine Laterne hochhaltend. »Schauen Sie ihn sich gefälligst fürs erste einmal bei nachtschlafender Zeit und Dunkelheit an. Bei Tage ist es keine Kunst, und da hat schon mancher Fremdling den Mund drüber aufgesperrt. Gucke Se, Frau, dort unter der Brücken, das ist sie, unsere Frau Done! Zu Wien glaubt es Ihne kei' Mensch und zu Ruschtschuck kei' Russ und kei' Türk, daß wir sie hier so als Forellenbach laufen haben. Dies hier ist a gar berühmter Brunnen im Reich; nur schad, daß ich mich mit der Laterne nicht obedrauf setze kann. Ein recht gesundes Wässerle seit tausend Jahre! Ich sage dir, Wedehopple, ich hab mich seit langem auf nichts so arg gefreut als auf den ersten Schoppe mit dir wieder. Jetzt hier um die Eck, wenn's beliebt, so haben wir das Nest schon hinter uns, und – da sind wir zu Hause, liebe Frau Professorin, und also nochmals willkomme in Schwaben, und möge es Ihnen recht gut bei uns gefalle!« »Das wünsche i au vom ganze Herze!« sagte die kleine rundliche Frau Dr. Winckelspinner, »machen wir nun auch nicht länger unnötige Komplimente auf der Schwellen. Ich denke, wir mache schon noch immer bessere Bekanntschaft allgemach, nicht wahr, liebe Frau Professere?! Nit wahr, das ist doch Ihr Titel, daß i mi nit irre?!« »Marie heiß ich auch. Marie Schenck. O ich bin Ihnen so dankbar für alles, was Sie meinem Sohn –« »Getan haben? Ach, da sein Sie nur still; bis jetzt ist's da nur mei' Ma' gewesen. Die nötige Krankensüpple hat doch das ganze deutsche Frauevolk gekocht, und wir habe au einen Bruderssohn da unten, aber der liegt eben bei Ihnen – in Danzig heißt man's.« – »Herrjele«, sprach anderthalb Stunden später die Schwäbin weiter, »was ischt's doch spät g'worden, und was habe sie doch alles diese Berliner auf den Buckel g'loge, und du auch, Mann! Wie die andere sich habe, weiß i freili nit; aber das Frauele hier ist doch ohne Widerrede recht nett und lieb und umgänglich.« »No, was habe ich denn gesagt? Ei, Mariele, um einen oder zwei Gerechte wollte unser Herrgott im Himmel sogar Sodom und Gomorrha verschonen mit seinem Zorn! Da ist nun der Wedehop wieder – a guter Kerle und mei' bester Freund in dene preußische Polargegende. Was wird des nun wieder a Gezerr gebe! Diese Sackermentsfranzose habe einem doch seine gemütlichste und altgewohnteste Parteistellung übern Haufe geworfen! Föderativ bin i und bleib i; schon der Schande wegen in der Krone am runden Präsidialtisch; denn denke dir mal, was die Leute von einem denke sollten, wenn man ihne so auf dem Teller brächte, daß es doch ziemlich anders g'kommen sei, als man es sich in dene Donnerstagssitzunge zusammengelegt habe. Natürlich gibt es da heute in dem verflixte Preuße manchen, mit dem sich hause läßt – besser vielleicht als mit unsere liebe Nachbarn rechts und links und über die Gassen. Das Malefiz-Vetterleswese, was wir uns von die freie Schweiz zuerst hergeholt und bei uns in Sicherheit gebracht habe – zum Exempel – – na, ich bin dir wohl zu hoch?«... »Gar nicht!« sagte die Frau Doktorin; »aber morge mit dem frühesten frage ich die preußische Dame, ob ihr Mann ihr je au solche Frage aufgehängt hat! Jetzt steig endlich zu Bett, Wilhelmle; wir habe heute nicht Donnerstag, und du kommst nicht aus deine dumme Parteiversammlung.« »Herrgott, wie doch solch a Krieg die allermöglichste Säfte in a gesunden Organismus in Bewegung bringt. Na ja, du hast recht, Alte, – träume was recht Liebliches und – mach es nicht zu arg mit deine Rippenstöße, wann ich dir auch vermittelst des Nasalsystems beweise will, daß mir wirklich daran liegt, dir a muntern, ausgeschlafenen Mann morgen früh in das neue Deutsche Reich nüberzubringe. Es war eben in die kurze Zeit doch schon eine harte Sitzung mit dem – Wedehop.« »Euch kenne i da schon lange, Alterle.« »Jawohl, so von Tübingen her. Niedernau nicht zu vergesse. Wir dich auch, Alte! No, daß ich nit zur Eifersucht in–kli–nie–re, weißt du, aber ein Glück ist es doch, daß er jetzt mit der norddeutsche Dame reist und der süße Auge mache kann.« Die Frau Doktor Winckelspinner hatte sich bereits auf das linke Ohr gelegt – »Da zieht se scho' ihre Register«, brummte der Doktor und drehte sich aufs rechte; die Frau Professorin allein schlief in dieser Nacht nicht, sondern nur gegen Morgen ein wenig. Fort und fort hörte sie die junge Frau Done vor dem Fenster über die Kiesel rauschen gleich dem allergewöhnlichsten Mühlbach. Ihre Seele war in dem Kapitelsaal der Deutschritter, und eine andere Seele aus dem deutschen Norden ging ihr nach und sah ihr über die Schulter und sah ihrerseits in einen Wirrwarr von glücklichen und kläglichen Bildern. Am Morgen gingen sie alle drei, nämlich der Doktor, die Frau Professorin und Wedehop, so früh, als es sich tun ließ, zur Komturei, und wir – befinden uns wieder am Anfang dieses Kapitels – ungefähr da, wo der Doktor Winckelspinner eben gesagt hat: »Mamale ist nebe a.« Elftes Kapitel In diesem Kapitel handelt es sich hauptsächlich um Mutter und Sohn, und ist es ein vornehmes Hauptstück. Zwei von den guten Naturen der armen Erde finden sich darin zu ihrer Freude noch einmal zusammen und haben wahrlich ihr Genügen aneinander, wenigstens für einen Teil der Zeit, oder wie ihr es nennen wollt: Stunden, Tage, Wochen. Der große Quirl im Brei kommt ja nie zur Ruhe, und so wird auch wohl doch von allen möglichen sonstigen Dingen die Rede sein müssen – von Freunden und Vaterland, von Frauenliebe (Fräulein Natalie Ferrari!) und dergleichen. Ingleichen von der schönen Gegend, der Landschaft, welche die junge Frau Done von ihren ersten lustigen Sprüngen an begleitet. Wir, das kriegsgewohnte, eiserne Geschlecht der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, wir, denen die Weltgeschichte eine ganz hübsche Musterkarte ihrer Schlachtenstücke donnernd um die Ohren schlug, wir kennen auch zur Genüge unsere Säle voll eiserner Bettstellen, Krankenwärter, barmherziger Schwestern, bleicher Gesichter und blutiger Lappen. Wir fahren aber auf dem Strahl der Morgensonne, welcher durch die verhangenen hohen Fenster dringt, in diesen Kapitelsaal der Komturei der seligen Deutschherren. Er ist uns, Gott sei Dank, nicht weniger realistisch als die Nacht, das Seufzen, Stöhnen und Sterben und der Eitergeruch. »Mein lieber Junge!«... »Du? Du! O, das ist schön!... Wie schön ist das – und um so schöner, als es gar nicht nötig war. Bist du wirklich da? Bist du gekommen? Hatte ich es dir nicht strengstens verboten, dir irgendwelche Sorgen um mich zu machen? Was macht dein Rheumatismus? Ging es denn gar nicht anders, mußtest du mir deine glückliche Hand – du weißt doch, dir geht nie was aus! – auch hierher bringen? Ich gebe dir mein Wort darauf, wenn ich dich in dem nichtswürdigen Katzenjammer herzitiert habe, so geschah es ganz ohne mein Wissen. Lieber Doktor, ich erlaube mir, Ihnen meine Mutter vorzustellen, das Genie der Liebenswürdigkeit, das auch nur alle Jahrhunderte einmal erscheint wie alle sonstigen Genialitäten. Also diese Belagerung von Paris ist dir auf die Länge auch langweilig geworden, Mama? Wedehop, was soll ich Ihnen sagen? Wie soll ich Ihnen danken? Versuchen Sie es um Gottes willen nicht, jemals Ihr Guthaben völlig von mir einziehen zu wollen. Und nun, wie geht es euch allen? Was macht unsere Gasse? Wie befindet sich Freund Achtermann? Wie – geht es –« »Hörst du jetzt endlich auf!« schluchzte die alte Dame. »Nun hören Sie ihn nur, meine Herren! Ist es nicht gerade, als ob wir einzig und allein deshalb hierher gekommen seien, um ihn ganz unnötig aufzuregen? Was geht dich mein – unser Befinden an, du heilloser Bursche? Hast du mir immer noch nicht genug Angst und Sorge gemacht? Natalie ist wohl und auch in Angst und Sorge um dich! Nicht wahr, weiter wolltest du doch nichts wissen? O – ich würde dir die Nachricht auch nicht vorenthalten haben; jetzt sei vernünftig und leg dich wieder hin. Ich fahre sonst auf der Stelle wieder nach Hause.« »Imstande wäre sie dazu«, murmelte der glückliche Sohn lächelnd. »O du Sparterin, ist je eine spartanische Mutter so mit ihrem Kinde umgegangen, wenn es sich an der Tischecke gestoßen hatte? Nun höre sie einer! Ich bin gar nicht sicher, daß sie nicht schon acht Nächte durch auf einer Fußdecke da vor der Tür geschlafen hat. So geben Sie mir doch endlich Ihre Hand, Doktor Wedehop; von allen Erdgeborenen waren Sie derjenige, welchen ich mir zum Cavaliere servente da für die alte Frau herausgesucht hätte. Was soll ich tun –« »Ein vernünftiger Kerl sein, Ulrich«, sagte Wedehop, »ein paar ruhige Worte mit sich reden lassen und sonst nicht den übrigen armen Teufeln hier rechts und links die Ruhe nehmen.« »Das ischt au wahr«, meinte Winckelspinner. »Es ischt drauße ein recht schöner Morgen, aber die Sonne ischt darum doch nicht dem einen so wie dem andern aufgegange!« Sie blickten alle nach rechts und nach links den weiten gewölbten Saal mit seinen gotischen Pfeilern und Fenstern entlang, und Herr Ulrich Schenck legte wirklich den Kopf wieder verhältnismäßig ruhig auf sein Kissen und hielt nur die Hand seiner Mutter um so fester. Glücklicherweise fletschte auf dem nächsten Bett ein gleichfalls allgemach wieder auf die Beine kommender Turko der Frau Professorin zutunlich vergnüglich die Zähne entgegen, und so vermochte sie es, nachdem sie dem Schwarzen gleichfalls zutunlich zugenickt hatte, die sonstigen Schrecknisse zu überwinden und, zu dem Sohne sich niederbeugend, ihm zuzuflüstern: » Sie läßt dich grüßen. Sie hat unsern Wassermann zu sich genommen; und – ihr Vater ist auch aus Amerika nach Hause gekommen.« »Und mein nichtsnutziger Brief?« »Kam grade zur richtigen Stunde, mein lieber, lieber Ulrich. Ich habe ihn ihr zu ihren übrigen Sorgen mit nach Hause gegeben. Liege still! Ich glaube sicher, sie findet aus dem dummen Gekritzel ihr Stück Sonnenschein heraus, und du kannst es nicht vor ihr verantworten, wenn du – jetzt nicht stilliegst.« Das konnte ihm jetzt nun gar nicht einfallen. Zuerst wenigstens richtete er sich noch einmal auf dem gesunden Ellenbogen empor und rief nach dem Bettgestell zur Linken hin: »Toupelard!« »Eh bin, môsieu Schenck?« klang es matt, aber mit dem allerechtesten Akzent von Lutetia Parisiorum zurück. »Je vous donne ma sacrée parole, on dansera à vos noces, comme aux miennes, mon ami.« »Croire et atteindre!... Mais par avance tous mes remerciments, môsieu Schenck.« Der Doktor Winckelspinner trat auch an das nächste Bett hinüber und legte die kühle Hand auf die nächste heiße Stirn: »Liege Se jetzt au nur still, Monsieur Toupelard, ich bitte Sie. Attendre heißt's, wenn nachher vom atteindre die Rede sein soll.« Er sagte das wiederum in seinem allerhübschesten« Französisch; allein der junge Pariser Voltigeur verstand ihn doch, und der zerschmetterte Fuß des armen Jungen half dazu auch wohl mit. Er blieb liegen, wie er lag, und summte nur in seinem Fieber zwischen den Zähnen durch: Sous l'herbe verte où je repose Me viendront des parfums de rose... Ah, ah, encore un petit verre, m'sieu Schenck.« »Den bringe wir übermorgen naus«, sagte der Doktor leise zu Wedehop. »Da handelt es sich bei der Hochgradigkeit der Körpertemperatur um keine andere Verbindung mehr als mit der kühlen Mutter Erde; – weiß der Teufel, 's ischt mir leid genu'! Wie es mit dem andern steht, hast du nun selber gesehn; wann kein Rückfall eintritt, dürfen wir ihn dreist uns in acht Tagen ins Privatloschis herüberhole. Wir nehme ihn diesmal noch mit hinüber in das neue Deutsche Reich. Jetzt aber nehmt für heute Abschied, ihr beide – ich meine Sie, Frau Professere, und den Herrn Sohn. Ihr Stüble ist fein sauber von meiner Alten hergerichtet, Sie junger Preiß, – auch die Aussicht auf des Nachbars Hopfestange ist recht angenehm, wie die Kenner behaupte. Ich komme gege Mittag und gege Abend noch einmal wieder wie gewöhnlich; aber die › Sie ‹, von der vorhi die Rede war, wolle wir heute lieber doch noch, mit aller Höflichkeit es zu sage, aus dem Spiel lassen. Die Frau Mutter kann mir ja auf dem Heimwege wenigstens mitteile, wie sie – das Freile meine i – mit Vorname heißt.« »Natalie!« murmelte der verwundete Verliebte in sein Kopfkissen. »I guck a mal! Das verspricht scho was! Sie hatt' ich aber gar nicht gefragt, Schenck. Also, bhüt Gott, und liege Sie still, morge früh so um dieselbige Stunde bringe ich die Mama wieder zur zweiten Visit. Natalie! A ganz edler Name. In Tettnang sitzt mir a alte Tante, die ihn auch an sich trägt, der man ihn aber, weiß Gott, nicht mehr ansieht. A wahres Untier, sage ich Ihne. Na, grüß Gott also, Schenck.« – Acht Tage später waren sie alle drei – Mutter, Sohn und Wedehop – glücklich unter dem gastlichen Dache des Hauses Winckelspinner untergekrochen. Die Lazarettverwaltung hatte gar nichts dagegen einzuwenden gehabt, daß der Rekonvaleszent dorthin übersiedle. Viel überzählige Betten gab es augenblicklich noch nicht in der Komturei der Deutschherren. Zwar wollte sich die Pariser Epicier-Kugel noch immer nicht finden lassen und noch weniger höflich von selber zur Ehre der chirurgischen Wissenschaft zum Vorschein kommen; aber saß sie auch wohl, so stellte der Patient sich doch gleichfalls allgemach wieder ein wenig fester auf den Füßen. »Sie werden sich vielleicht noch recht häufig über das Wurfgeschoß wundern, Freundle«, meinte Winckelspinner. »Das sind solche Sachen. Finden wir es, so finden wir es nicht immer da, wo wir es vermute. Spaziert's aus eigenem Antrieb hervor, so geht es auch häufig seinen eigenen Weg. Sitzt es gar zu behaglich im volle Fleisch und zwischen Ihr Knochegestell – no, nachher finde es vielleicht Ihre Erbe sechzig Jahre später und setze darüber a heroische Notiz ins Blättle – so ohngfähr ums Jahr eintausendneunhundertundeinunddreißig, wenn i recht rechne.« »Ich danke Ihnen recht freundlich für sämtliche tröstliche Aussichten, teurer Hospes, vorzüglich aber für diese letzte«, meinte der Königlich Preußische Unteroffizier. »Vor allen Dingen aber darf ich heute mich wieder von der Mama und der Mama Natur in den Mantel nehmen lassen und mit Fräulein Anna und Fräulein Sophiele den ewigen Äther aus erster Quelle schlürfen?« »Habe wenig dagege einzuwenden. Nur lieber noch nicht da vorn am Bach – der Donau, sondern besser hinten im Gartenhäusle. Zugwind und Feuchtigkeit würden Ihren ›moralischen Ernst‹, wie die Frau Mutter sich ausdrückt, freilich noch höher heben vermittelst eines recht braven Rheumatismus zu allem übrigen; aber ich meine doch, die letzten tonischen Mittel verspare wir au bis zuletzt – nit etwa?!« Dieses kleine, in eine »Klinge« des Berges hinter dem Hause des Doktors Winckelspinner eingenistete Gartenhaus gab in der Tat einen merkwürdig guten Schutz vor allerlei bösen Winden. Man hätte es den Abhängen der Rauhen Alb nicht zutrauen sollen! Gute Freunde, liebe Verwandte reden häufig von den Annehmlichkeiten des Endlich-einmal-unter-sich-Seins; aber um wirklich einmal so recht unter sich zu sein, dazu gehört mehr als das, was zu einer guten und ernsthaften Stimmung im Verlaufe des gewöhnlichen Taglebens zusammentreffen kann. Wenn etwas aus den Erregungen, der Aufregung des Daseins herausgerissen werden muß, so sind das unbestritten die Momente, in denen Menschen – die besten Bekannten – erstaunt erfahren, wieviel sie einander wert sind. So wie in diesen Tagen, bevor jenseits der Rauhen Alb die Reben anfingen zu weinen, war das selbst dieser Mutter und ihrem Taugenichts von Sohn noch nie so deutlich geworden. »'s ist die Möglichkeit! Das letzte Wort behält man nie!« sagte, glücklicherweise lächelnd, jedesmal der von den zweien, der dasmal das letzte Wort behalten hatte. Sie sprachen durchaus nicht im hohen Pathos miteinander. In einer Welt, wo soviel impotente Brutalität das erste und das letzte Wort behält, achteten sie zu ihrem eigenen Besten und Behagen auf jedes Leuchten aus der Tiefe oder von oben. »Wo ein Stern steht, sehe ich keinen Käse, aber auch umgekehrt nicht jedesmal da einen Stern, wo ein Philister die Zunge herausstreckt oder eine Träne hinweint«, sagte der Füsilier. »Wenn du nur endlich diese greulichen Bilder und Redensarten unterwegs ließest, Ulrich«, meinte dann seine Mutter. »Wenn ich nur wüßte, von wem du das hast?! Von deinem Vater gewiß nicht und von mir hoffentlich auch nicht.« »Vielleicht doch wohl am meisten von dir«, meinte der Sohn lächelnd. »Du aber kamst als Kirsche in die Welt, ich als Nuß. Laß mir also nur deine Redensarten in meinen Einkleidungen – ich werde doch noch daraufhin Wirklicher Geheimer Hofrat und renne meinem braven deutschen Tyrannen den Dolch der Wahrheit in die Brust.« »Jetzt bleib mir endlich mit deinem mythischen Geheimen Hofrat vom Leibe!« rief die Frau Professorin. »Nanu?« fragte der Sohn mit unnachahmlichem Berliner Ausdruck. »Mythisch? – Ich versichere dich, Alte, Durchlaucht ist und bleibt mein künftiger ästhetischer Arbeitgeber. Ich wiederhole dir, vor Paris –« »Und ich wiederhole dir, daß sie gesagt hat: ›Lächerlich lasse ich mich aber von ihm unter keinen Umständen machen, was ich auch sonst ihm zu Gefallen tun mag.‹« Ein Strahl sonnigen Lichtes glänzte über das abgemagerte Gesicht des Füsiliers, ein gleichfalls unnachahmlicher Ausdruck von Schalkhaftigkeit und glückseligstem Selbstbewußtsein. »Kann ich denn dafür, Mama? – ›Sagen Sie, Schenck‹, sagt in Bonn eines Abends ein ganz netter Kerl zu mir, ›meinen Kornak (weißt du, Mama, das ist so'n Indier, so'n indischer Elefantenkutscher und deutscher Bärenführer), meinen Kornak bin ich für morgen glücklich los; er poussiert beim Gouverneur die verwitwete Gräfin Ingelstrom; ich habe seit vorgestern offizielles Zahnweh; würden Sie viel dagegen einzuwenden haben, wenn ich Ihnen jetzt einen dummen Jungen aufbrummte?‹ – ›Ich würde mir ein Vergnügen daraus machen, Durchlaucht, Sie so glänzend als möglich abzuführen, verlassen Sie sich drauf‹, erwidere ich, – ›übrigens sind Sie gefordert, Herr, ohne weitere alberne Redensarten.‹ – Es war das erstemal, daß mir ein deutscher Fürstensohn die Hand drückte, und zwar zärtlich. Der Kornak, Hauptmann von Mullkamp, hat aber nicht bloß einmal das Licht halten müssen, wenn vierzehn Tage später noch der Medizinalrat abends kam, um noch einmal nach der Naht zu sehen. Unser neuliches Wiederzusammentreffen unter dem Mont Avron würde hoffentlich nur noch Natalie ergötzen, weil ich es der bis jetzt noch nicht mündlich schildern konnte. Heiter und wohlaffektioniert aber war's, das mußt du doch selber sagen. Einen zweiten Schmiß vor Paris wie den Bonnenser von mir besah der fürstliche Jüngling natürlich nicht, sie gaben da zu gut auf ihn acht nach gemachter Erfahrung. Aber nett war's doch, daß er, als ich den meinigen erhalten hatte und auf dem Rücken lag, kam, sich meine Adresse im Vaterlande ausbat und die Versicherung hinzufügte: ›Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, Schenck, Sie sollen mich nicht umsonst gezeichnet haben. Warten Sie nur gefälligst, bis Jules Favre Vernunft angenommen hat – den alten Thiers haben wir schon so weit, meint man, unter uns gesagt, drüben in der Präfektur in Versailles. In Deutschland sprechen wir uns wieder, und ich werde Ihnen die Bonner Quarte ganz gehörig anstreichen. Daß Papa unsern edlen Mullkamp zum Major gemacht, aber doch lieber bei sich zu Hause behalten hat, wird Sie selbst in Ihrem jetzigen Zustande heiter anmuten.‹« »Ja, in deinem damaligen Zustande, armer Junge! Was magst du dir wohl alles in den letzten Wochen zusammengeträumt und -gefiebert haben? Was würdest du angefangen haben, wenn du in diesem Fieber und diesem Geträume nicht mich und meine liebe Natalie gehabt hättest?« Der Sohn nahm leise mit der Linken die Hand der Mutter, die Rechte hing ihm noch immer, und leider noch für eine ziemlich lange Zeit, als recht unnütze Beilage in ihren Windeln und Binden am Leibe. »Sieh einmal, es läuft merklich schon wie ein grüner Schein da über die Wälder an den Bergen. Ein wenig früher wird's doch hierzulande Frühling als bei uns.« »Glaubst du? Ach, ich wollte nur, wir könnten einen Streifen von dem Sonnenschein dort von der Wiese, wo die Donau so hübsch um die Ecke kommt, aufnehmen, zusammenwickeln und nach Norden schicken.« »Das kannst du vor vielen Erdgeborenen immer noch am leichtesten, Mama! Setze dich und schreib ihr einen Brief und laß mich dabei dir über die Schulter sehen. Ich bin fest überzeugt, meinem liebenswürdigen Pariser Freunde würde es selber leid sein, wenn er eine Ahnung davon hätte, wie unbequem mir sein Blei gerade jetzt in der rechten Schulter sitzt. Feine Leute sind die Franzosen – hätte der Halunke eine Ahnung von meinen germanischen Seelenzuständen gehabt, so würde er gewißlich mit Vergnügen seinen Schuß mehr nach rechts hin abgegeben haben.« »Ach, wenn wir sie doch hier hätten! Ich meine, auch diese Berlinerin müßte unseren Freunden hier im tiefsten Herzensgrunde gefallen.« »Wenn du schreibst, Mama, so gib dem alten Achtermann einen Wink von meiner herzinnigen Neigung, ihm den Hals umzudrehen. Kann er nicht einen um den andern Tag uns Nachricht von dort geben? Gefühl hat der Kerl gar nicht. Das hat der graue Sünder längst über seiner eigenen Bibliothek ausgeweint.« »Lästere nicht, Ulrich«, rief die Frau Professorin, »da kommt das Sophiele und hält was Weißes in die Luft. Lieb Mädchen, nimm dir Zeit!« Es war das älteste Winckelspinnerle – Dr. Winckelspinners Älteste, die den Schreibebrief, der gerade eben jetzt vom Leihbibliothekar Achtermann anlangte, in Sprüngen den nordischen Gästen in das Gartenhaus zutrug. Das frische Kind hätte sich dreist Zeit nehmen dürfen; und das sonnige Lachen um ihren Mund und die Äuglein stimmte ebensowenig zu dem Inhalt des Briefes wie der Sonnenschein auf der Wiese, wo die Frau Done um den Berghang hüpfte. »Papa ist mit dem Herrn Doktor Wedehop zum Frühschoppe nach dem Hirsch, und der Herr Doktor hat gsagt, er wolle sich lieber von der Frau Professere erzähle lasse, was in dem Brief stehe; er habe jetzt keine Zeit, den Wuscht zu lese, und Mama läßt anfragen, ob dem Herrn Schenck sei Frühstückssüpple jetzt gefällig sei und recht käme? Den Papa würd's recht freue, wenn der Herr Schenck sich nit wieder so gar arg dagege wehre wollte.« »Fräulein Sophie, Sie wissen doch, daß Sie und Ihre Mama mich zu allem bringen ohne die geringste Gegenwehr!« lachte der junge Invalide. Währenddem öffnete seine Mutter den Brief Achtermanns und überflog ihn flüchtig; – sie wußte also augenblicklich, wie es dort um und in den Menschen aussah, und sie sah ihren Sohn zögernd an. Der Brief war an den Übersetzer gerichtet und lautete wie folgt: »Mein guter Wedehop! Daß es bei Euch dort droben von Tag zu Tag besser geht, ist mein einziger Trost in den Zuständen, in denen Ihr mich hier zurückgelassen habt. Ich bitte Dich dringend, wenn es irgend möglich ist, mir umgehend zu melden, wann Ihr mit unserm guten Ulrich hierher zurückzukehren hofft. Die Menschen holen noch immer ihre Lektürebücher bei mir, und gedruckte fremde Unruhe und fremdes Elend bleibt ihnen allfort interessant – ich habe noch nie so deutlich darüber nachgedacht, wie interessant doch dieses ist, als wie gerade jetzt. Also kurz und bündig – was beiläufig gesagt, wie Du sagst, durchaus nicht in mir liegt –, es geht kopfüber, kopfunter, sowohl in meinem engern Familienkreise als wie auch außerhalb desselbigen, wenn ich mich so ausdrücken darf, mein bester Freund. Ich erinnere mich als annähernd gleich voller Unruhe nur jener acht Tage, wo die Frau Professorin wegen Verreisung mit unserm Ulrich mir unsern braven Wassermann zur Obhut anvertraut hatte. Er kam mit einem heftigen Erbrechen ab, was damals meine Frau und meine Tochter Meta recht in Erstaunen gesetzt hat. Ich kostete ihm wie einem Prinzen aus dem ritterlichen Mittelalter alles vor und hätte eigentlich doch auch unwohl werden müssen. Die Sache ist mir heute noch unbegreiflich; – gottlob aber, daß ich wenigstens diesmal zu allem übrigen nicht auch auf den guten Hund zu achten habe. Er befindet sich wohl und war heute mit unserm Freunde Paul Ferrari in meinem Geschäftslokal. – Dem guten armen Paul geht es leider nicht so gut wie ihm. Du lieber Gott, in was für einer Welt leben wir doch! Da fange ich mit dem Geringsten an, mit mir und dem braven Wassermann. Was ist es mit uns am Ende, wenn's zum Schlimmsten kommt? Du liebster Himmel, und noch dazu bei solch einem Kriege, wie wir ihn eben durchgefochten haben! Aber der arme Paul und seine Tochter! Unsere teure Natalie!... Seit sie am Tage Eurer Abreise mit ausgebreiteten Armen in mein Lokal kam und mir einen Kuß gab, weil sie ihren Vater wiederhatte, hat sie ihm gegenüber das Lächeln nicht ein einzigmal von den Lippen verloren: wenn ich an die Frau Professorin Schenck schriebe und nicht an Dich, mein guter Wedehop, so würde ich sagen, daß es eine Geschichte zum Weinen ist. Ihr solltet sie nun in ihrem leeren Stübchen sitzen sehen – dem Papa gegenüber freundlich, wie keine Fürstin auf Erden sein kann. Und: er ist verrückt! Ich schreibe und unterstreiche das mit Schauder und Beben! Er ist bankerott an Leib und Seele, und er hat sich Wassermann zugewöhnt, und der Hund geht wirklich mit ihm, und wir suchen beide des Abends in den Kneipen, allwo er unsern Hund unseres Ulrichs Kunststücke aufführen läßt und dann den Gästen den Hut hinhält. Meiner guten Frau ist es leider nie ganz recht, daß dieses natürlich auch mein Leben und vorzüglich des Abends viel unregelmäßiger macht. Ich würde es wohl auch nicht durchführen, wenn nicht der Herr Louis Butzemann mir freundlicherweise eine große Hülfe wäre. Er ist sehr freundlich gegen mich und hat in der Tat einigen Einfluß auch auf meine Meta. Er kennt gottlob auch, ich möchte sagen aus Instinkt, die Orte, an denen unser armer Paul zu suchen ist. Wir geben uns die möglichste Mühe, ihn – ich meine unsern Jugendfreund – einzig und allein nach Butzemanns Keller zu gewöhnen; aber leider ist uns das noch nicht vollständig gelungen. Sein Kind! Sein armes, armes Kind! Laß diesen Brief Herrn Ulrich nicht lesen, Wedehop; ich ersuche Dich dringend darum! Aber was würde ich darum geben, wenn wir jetzt die Frau Professorin hier hätten! Ich weiß nicht, wie sie uns helfen könnte, aber helfen könnte sie uns, das ist gewiß. Ob Du also der Frau Professorin diesen Brief zur Lektüre übergeben willst, das stelle ich hiermit Deinem Ermessen anheim, lieber Wedehop. Ich schreibe da Worte, die nur das allerwenigste von dem ausdrücken, was ich eigentlich zu sagen habe, und gerade deshalb ist es mir gerade in diesem gegenwärtigen Moment um so klarer, wieviel die wirklichen Menschen auf dieser Erde durch ein Wort oder nur einen stummen Blick oder durch ein Achselzucken Gutes und Böses ausrichten können. Wenn wir jetzt wen hier nötig haben, so ist das unseres jungen Freundes Ulrich Mutter; denn sie allein geht überall frei durch – ich weiß keinen andern Ausdruck dafür und Ihr wahrscheinlich auch nicht. Nimm es mir nicht übel, daß ich auch dieses wieder unterstreiche, obgleich ich weiß, daß du dergleichen Aufforderungen zum Aufmerken auf geschriebene oder gedruckte Worte gerade nicht liebst. Ich brauche ja nur an die vielen Bücher zu denken, aus denen ich meine notdürftige Existenz ziehe, um klar vor Augen zu haben, wie viele Leute unnützlich schreiben und unterstreichen: ich weiß nicht, ob ich jetzt dumm rede; aber meiner augenblicklichen Überzeugung nach läßt sich eine Bergpredigt oft in ein einzig Wort fassen, und wer die Welt nicht bergetief unter sich liegen hat, der sollte eigentlich gar nicht reden, sondern sich lieber vor dem Echo fürchten, das ihm andernfalls möglicherweise entgegenschallen kann –« Der Unteroffizier Ulrich Schenck legte, als er an dieser Stelle des Briefes, kurzatmig, mit zusammengebissenen Lippen, angelangt war, das Blatt nieder, und wir tun desgleichen. Was noch folgte, las der Unteroffizier freilich noch oft genug: Freund Achtermann schilderte ins genauere Nataliens Leben, Zustände und Hülfsmittel; uns aber liegt diesmal nichts daran, durch Tränen zu lachen, und – wir schreiben sein Schreiben nicht weiter ab. Zwölftes Kapitel Anstatt dessen reisen wir und fahren mit dem Frühling, der mit uns reist, vom Süden nach dem Nordosten. »Das nenne wir nur a kurzen Besuch«, sagte die Familie Winckelspinner. »Und da sollen wir denn wohl gar noch versichern, daß er uns gar lieb gewesen ist? Natürlich den betrübten Grund mit dem Herrn Ulrich in Abrechnung gebracht.« Ganz speziell zu Wedehop sprach der Doktor: »Davon, daß ich dich verflixten Nationalvereinler, Bettelpreiße und Erfolganbeter endlich wieder los werde, will i weniger sage. Hast mir mal wieder manchen guten Trunk durch deine dumme, nichtswürdige Redensarten und Berliner Korporalslogik versäuert! Der Herr sei dir aber gnädig, falle ich dir demnächst mal in deine sogenannte abgeschmackte, nichtsnutzige deutsche Hauptstadt auf den Hals! Weischt du, i bring's fertig – i komm, und i zwing's und bring dir meinen Vetter aus Wien mit – weißt du, in Heidelberg nannten wir ihn den Bisamberger, wahrscheinlich weil er verflucht wenig von Bisam an sich hatte; – nachher, denk ich, bringen wir die Sachen endlich zum Austrag, und da du dann Gastfreundschaft zu üben hast, verhoff ich, daß du mir au zuletzt mal zum Wort komme läßt.« »Das wußt ich wohl, daß ich hier am Orte in diesem Erdenleben meine letzte Rührungsträne vergießen würde«, erwiderte Wedehop. »Betrachte dir das edle Naß in meinem Auge, Alter. In diesem Tropfen spiegelst du dich wider, und dein Wort habe ich dazu, und auf dich in Berlin freue ich mich unbändig; jetzt aber muß ich hinein in den Wagen – guck nur, wie sie mir den armen Jungen in Watte gewickelt haben.« »Halt ihm nur noch ein wenig die Schulter weich«, meinte der schwäbische Doktor. »Zuviel des Guten geschieht da fürs erste noch nicht.« Auch der Abschied der Frau Professorin von den weiblichen Mitgliedern der Familie Winckelspinner würde nun möglichst ausführlich zu schildern sein, und um so ausführlicher, als die Eisenbahnschaffner zuletzt ganz grob dabei wurden. Sie – die zweite Marie und ihre zwei Töchter – schoben der reisenden Frau Marie einen ganzen April von Sonnen- und Regenschauern in den Eisenbahnwagen, und was sie ihr an Proviant mitgaben auf die Rückfahrt nach dem kahlen, hungrigen Norden, das ging lange nicht in einen Korb und eine Tasche. Einen Gruß an die Namensschwester der Base in Tettnang gaben die beiden Fräulein von der Donau der Mama Schenck nicht mit zur Spree; das tat die Mama Winckelspinner allein, und zwar aus wirklich gutem und unbefangenem Herzen mit der bravsten Teilnahme an dem fernern Wohl und Wehe ihres jungen, »ganz netten und natürlichen und gar nit dummen« invaliden Gastes. »Macht es allesamt gut und schreibt uns bald, daß alles gut ausgelaufen ischt. I für mein Teil habe die beste Hoffnung, denn i hab in meinem Leben auch schon die Erfahrung gewonnen daß sich die Leute ganz unnötig und für nichts und wieder nichts die Haare ausg'rauft habe –« »Na aber, Frau Doktere, – i will nit unhöflich sei, aber – zum Donner –«, schnarrte der Schaffner und schlug die Tür des Wagens zu. »Grüß Gott, Wedehop! Grüß Gott, Herr Ulrich! Schreibt bald – wir bleibe hoffentlich im briefliche Verkehr –« »Das waren ganz gemütliche Wochen«, seufzte Wedehop bei der Ausfahrt aus dem ersten Tunnel. Es hatte sich seltsamerweise in der Dunkelheit ein merkwürdig intensiver Duft von Kirschengeist verbreitet, und der Übersetzer suchte etwas angerötet nach einem Kork zwischen den Füßen seines Gegenübers, seines jungen Freundes Schenck: »Dem alten Unglücksuhu Achtermann werde ich einiges mitzuteilen haben, wenn mich der Herrgott glücklich nach Hause kommen läßt, was ich bei meiner jetzigen Stimmung einigermaßen zu bezweifeln mich berechtigt fühle. Eins steht fest, für 'ne ziemliche Zeit verlier ich das Geplatsche des alten Brunnens, Rauschen nennen es die Lyriker, auf dem Markt vor dem Ratskeller da hinter uns nicht aus dem Gehör. Mein einziger Trost für heute aber bleibt, daß der Freund Winckelspinner eine größere Neigung und Neugier auf Berlin hat, als er ›ums Verrecke wille‹ in besagtem Ratskeller kundgeben würde. Wir sehen uns alle noch einmal wieder, Frau Professorin.«   Und nun. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . »Nu aber wird's klar! Jetzt guck einer det olle Weltgebäude an! Is es die Möglichkeit? Die Sonne!... Da steigt se grade bei Pannemanns uffs Dach; – das muß ich schon sagen, den Leuten passiert doch immer alles Gute zuerst; aber – einerlei! Da ist sie wieder! Sie ist mich wahrhaftig noch vorhanden in das Universum – die Sonne!« »Wo? wo? wo?« schreit ein ganzer Chorus verschiedenartigster Stimmen, und der glückliche erste Entdecker des belebenden Strahls wird an den Rockschößen vom Fenster zurückgezogen, wird am Ellbogen genommen und beiseite geschoben; denn alt und jung will so rasch und rücksichtslos als möglich an dem wohltuenden Ereignis teilnehmen und gleichfalls einen Blick auf des Nachbars Dach und den ersten Frühlingssonnenstrahl nach sechs langen Regen- und Nebelwochen werfen. Ein Gewimmel von spannungsvollen, erregten Gesichtern drängt sich vor und erlebt wirklich auch noch einmal das Glück, erst die Sonne auf Pannemanns Dache zu sehen und sie also vielleicht auch noch, trotz der großen Konkurrenz, auf der eigenen Nase und den ausgestreckten Händen zu fühlen. »Und wie warm schon!« ruft das älteste Glied der Familie und hält vielleicht den jüngsten Sprößling derselben in den behaglichen Schein; – dann niest der Säugling, und es ist Frühling geworden – selbst in Berlin. – – – Durch die frohe Lichtbotschaft von oben wurde noch ein Paar gegrüßt, dem es nicht leicht zu werden schien, seinen Weg durch das muntere Gassentreiben zu finden, ein Paar, das jetzt, der Sonne zum Trotz, einzig und allein unsere ganze Teilnahme in Anspruch nimmt. Es ist Natalie und ihr Vater, und das Licht der Sonne können wir viel eher missen als das bange, liebe Leuchten aus den Augen der jungen Dame, wenn an einer Straßenbiegung das Gedränge zu arg wird oder der kranke, unzurechnungsfähige Mann über einen andern Anlaß ungeduldiger als gewöhnlich. Die Sonne vermag es nicht, den armen Teufel und Pulvererfinder in ein besseres Licht zu stellen; es ist eine bedeutende Veränderung zum Schlimmern mit ihm vorgegangen, und Paul Ferrari hat es wahrlich mehr denn je nötig, daß jemand acht auf ihn gebe und das Gedränge des Lebens von ihm abhalte, sei's durch die Kraft seiner Ellenbogen oder, wie jetzt, durch einen stummen bittenden Blick aus unruhvollen, angstvollen Augen. Dem armen vielfindigen Paul ist ganz naturgemäß am letzten Ende jeder Weg auf der Erde zu einem Kreuzweg geworden, auf dem er alle drei Schritte lang steht und umherstarrt und kindisch und krankhaft zaudert und nur durch die liebendste, geduldigste Gewalt zum Weiterschwanken überredet werden kann. Vielleicht – hoffentlich! – führt Frau Natalie Schenck dermaleinst ihre Kinder durch diese selben Gassen spazieren, und zu dem Behufe ist sie heute in der besten, wenn auch trostlosesten Schule. Gleich einem Kinde, das hier nicht über den Rinnstein weiterwill, weil es aus demselben eine Glasscherbe aufzuheben wünscht, das hier sich an einem Puppenladen festklammert und zehn Schritte weiter aus völlig unenträtselbarem Grunde stehenbleibt und mit Geheul gegen Bitten und Flehen, gegen Drohungen und Versprechungen, gegen Zerren und Schieben den passivsten, aber nachdrücklichsten Widerstand leistet, – gleich einem solchen Kinde war jetzt der Schul- und Bankgenosse Wedehops und Achtermanns geworden. Seine Tochter hatte ihre liebe Not mit ihm; wir aber haben dieses für alles mögliche dienende Wort von der »lieben Not« in der bittersten, grimmigsten Bedeutung zu nehmen. Der Hund Wassermann aber schien aufs genaueste in alle Verhältnisse eingeweiht zu sein; er hielt sich dicht auf den Fersen des Paares, ging mit gesenktem Kopf und wenig wedelndem Schwanze, und wenn er aufsah, so sah er sich sofort auch wie mißtrauisch nach allen Seiten um und lud durch seine Miene gewißlich niemand ein, ihm näher zu treten, als irgend nötig war. Es blieben genug Leute stehen, die dem häßlichen Köter, dem schönen Mädchen und dem weinerlichen, eigensinnigen, zusammengefallenen Manne verwundert nachblickten. – »Papa, wäre es dir nicht auch lieb, wenn wir nun bald wieder zu Hause wären?« »Nein, nein! Bei dir zu Hause ist es zu kalt und dunkel, Natalie. Faß mich nicht so fest an; ich bin alt genug, um allein meinen Weg zu finden. Hast du nicht mit mir hinaus in die Sonne gehen wollen?... Das nennt ihr hier nun Sonne! Damn me! Ich Dummkopf! Weshalb bin ich denn eigentlich wieder hier? In Verakruz schien die Sonne wirklich; ich will auch wieder zurück – mich friert, und alles ist mir ekelhaft; – Hundepack! – ekelhaftes, verfluchtes Hundepack – alles!« »U-ih!« seufzte Wassermann mit einem wahrhaft menschlichen Ausdruck im Gewinsel. »Papa! O Papa – lieber Papa!« »Habe ich dich gemeint? Warte, bis ich dich mit deinem Namen nenne, und laß meine Hand los, ich kann allein gehen. Ja, es ist mir lieb, wenn du vorausgehst und nach dem Ofen siehst. Ich komme mit der Bestie hier langsam nach.« »Vater, als wir von Hause fortgingen –« Mr. Paul Ferrari drehte sich um, versetzte mit dem schon erwähnten Ebenholzstöckchen dem Hund Wassermann einen Jagdhieb und pfiff ihm dazu, als ob er eine halbe Stunde Weges entfernt laufe. Die junge Dame hielt den Arm ihres Papas immer noch fest; und wiederum blieben Leute stehen, um den ferneren Verhandlungen zwischen Vater und Tochter lächelnd zuzusehen, und ein frecher Gesell mit einem Nasenklemmer sagte: »Bravo, alter Herr. Nur nicht nachgeben! Gehen Sie dreist voran, Fräulein; wir kommen gleich nach. Papachen hat doch auch seinen Willen, und wir kommen gewiß und wahrhaftig gleich nach.« Vor Scham und Aufregung glühend, stand Natalie ratlos. Der rat-, rand- und bandlose Vater lächelte wie blödsinnig und nickte dem rohen Menschen zu wie seinem besten Freunde und Ratgeber: »Jaja; der Herr sagt es auch. Geh voraus, Mädchen; wir kommen gleich nach.« Die Leser wissen, daß zu Anfang dieser Geschichte der Krieg noch im vollen Gange war; wir haben sie vor das belagerte Paris geführt und sie, wenigstens von weitem, die große Kanonade hören lassen. Schreckliche Schlachten sind auch seitdem geschlagen worden, und das deutsche Volk ist gottlob Sieger geblieben bis zum Ende; der Friede ist geschlossen, und der Triumpheinzug der Sieger steht vor der Tür; aber Fräulein Natalie Ferrari steht hier an der Straßenecke in einem Gefecht, das keinem der neulich in Frankreich vorgefallenen, was die Hartnäckigkeit in Abwehr, Festhalten und Angriff anbetrifft, weicht. Und nicht bloß hier an der Straßenecke! Die kleine Heldin kämpft ihren Streit aus zu Hause wie in der Gasse; und wir gehen mit ihr nach Hause und helfen ihr, auch ihren Vater dorthin zurückzuführen, und wir helfen ihr, als sie einen kurzen Augenblick lang sich besiegt glaubt von dem erbarmungslosen Gegner Welt und nahe daran ist zu sagen: »O, ich wollte, ich wäre tot!« – – »Ich bringe ihn Sie mit nach Hause, Fräulein, wenn Sie's gefälligst erlauben wollen; ich habe doch 'nen Weg nach der Richtung«, sagte ein durchaus nicht melodisches Organ über die Schulter Natalies. »Und dem Kerl da schlage ich die Zähne in den Hals, wenn er noch ein einziges Wort zu Ihnen spricht, Fräulein Ferrari.« »O Herr Butzemann, Sie sind es!« rief Natalie, und er war es wirklich, Butzemann senior aus Butzemanns Keller, der dem armen Mädchen zu Hülfe kam. »Na, Herr Ferrari, dann geben Sie mich man Ihren Arm. Heute abend wird's vielleicht etwas fideler, aber jetzt gehen wir mal alle einen Weg, Sie und ich und Fräulein Tochter und der Köter. Das ist ja ein ganz angenehmes Zusammentreffen! Unsereiner kommt doch immer viel zu wenig aus der Dusternis und dem Keller raus ins Licht und an die frische Luft – das weiß der liebe Gott! Fräulein, ich habe Sie auch eine Postkarte vom Doktor Wedehop. Denken Sie mal, er denkt selbst bei die Weinländer da in Hinterindien oder Süddeutschland an Butzemanns Keller und erinnert sich seiner schmerzlich. Was sagen Sie dazu?« »O, ich bin Ihnen so dankbar, so dankbar, Herr Butzemann!« »Gar keine Ursache. Nicht die geringste. Sehen Sie mich erst mal an im Wichs. Erkennen Sie mich, fassen Sie mir hier in diesem Schniepel? I, sehen Sie mal, das haben Sie wohl gar noch nicht beobachtet? Ja, es sind so ungefähr zirka ihre fünfundzwanzig, nämlich Jahre, her, als ich in diesem Gebäude meine Gattin – meine Luise in Weiß und mit Myrten zum Altare abholte. Du liebster Himmel, wenn ich heute daran denke, und wie es immer ganz dasselbige bleibt mit die Menschheit und der eine so dumm ist als der andere und ich hier an der Ecke auf Sie und den Papa treffe, wo ich eben hingehe, weil der Herr Doktor Wedehop diesmal den Kuddelmuddler gemacht und die Liebenden zusammengebracht hat! Bei mir war's damals der Schlächtermeister Töldke, unser Nachbar gegenüber, der eine Hypothek auf meines seligen Vaters Anwesen hatte und ganz genau wußte, was meine anjetzo auch Selige einmal zu kriegen hatte. Na, na, gebohrt hat der Doktor lange genug an meinem Jungen, und daß ich gegen meinen alten guten Freund Achtermann nichts einzuwenden habe, das können Sie sich wohl vorstellen, Fräulein. Also, in Gottes Namen, los dafür! Die jungen Leute sind in Ordnung miteinander, und bei Ihnen gegenüber, Fräulein, erwarten mich jetzt offiziell als Vater von das unmündige Wurm die Eltern – ich will lieber sagen, die Madam mit das betränte Lamm, meine ganz demnächst zukünftige Schwiegertochter Meta. – Fallen Ihnen da nicht die Arme am Leibe herunter?« Ja, war das noch der Mund, der so ganz vor kurzem noch gesagt hatte: »O, ich wollte, ich wäre tot!« – und der jetzt in so drolliger Weise aufgefordert wurde einzugestehen, daß das Leben, aller Privatstimmungen ungeachtet, ununterbrochen seinen Fortgang nehme und allerhand Allerlei in gewohnter Weise munter drin nebeneinanderher laufe?! Noch reichte Fräulein Natalie dem braven Butzemann mit einem etwas weinerlichen Lächeln die Hand; aber im nächsten Augenblick schon sagte sie leise: »Ach, wenn mich die Frau Professorin so sähe!«, und sofort rief sie laut und mit dem alten sieghaften Augenzwinkern: »Wie freue ich mich, daß wir gerade heute einen Weg gehen, Herr Butzemann! Nun sehen nur auch Sie recht munter aus – bitte! Seinen Verdruß hat jeder in der Welt, selbst bei den besten Dingen, die einem in den Weg gelegt werden. Papa, jetzt müssen wir rechts!... Und ich wünsche Ihnen so herzlich – wirklich vom ganzen Herzen Glück – und nun sehen Sie selbst nur recht vergnügt aus; guten Leuten – Papa, bitte, laß nur Herrn Butzemann deinen Arm, er kennt den Weg! – geht es immer gut. Ich wollte nur, Fräulein Achtermann erlaubte, daß ich –« »Ein heiliges Donnerwetter soll dreinschlagen, wenn sie mich da drüben jetzt noch mit einem einzigsten Worte gegen Sie kommen, Fräulein!« schnarrte Butzemann hervor. »Dafür komme ich Ihnen anjetzt in die Familie und stehe Ihnen gut. Ich sage nichts weiter, aber das sage ich Ihnen, bei so 'nem Verkehr, wie ich ihn bis zirka ans fünfzigste Jubiläum in meiner Wirtschaft, im Keller – Butzemanns Keller, Fräulein! – genossen habe, da lernt man sich ausdrücken, wenn's notwendig ist; und wenn ihnen mein Flegel von Junge zuguterletzt gut genug gewesen ist, so sollen sie sich nur ja nicht einbilden, daß sie mir nicht mit in den Handel kriegen. Na, da paß auf: die sollen schon erfahren, wie es sich zu zweien drischt; und der Achtermann, das Unglückswurm, den heirate ich persönlich jetzt – mir an! – Verstehen Sie wohl, Fräulein? Und nun, Herr Ferrari, jetzt hier nur noch um die allerletzte Ecke; und – da stehen wir denn, jeder vor seiner Schicksalstür.« »Dann bringe du mich die Treppe hinauf, Natalie. Ja, ich gehe zu Bette – es ist das beste«, lallte Herr Paul Ferrari. Die junge Dame drückte noch einmal diesem wahren Freund Butzemann die Hand. Butzemann aber stand da in seinem schwarzen Hochzeitsfrack von »Anno Toback« und sah dem Paar nach, und grimmig und bärbeißig genug sah er dabei aus. Es gehörte schon ein gewisses gleich vierschrötiges Etwas dazu, um ihm noch weiter in die Quere zu kommen. »In die richtige Stimmung wären wir gottlob!« brummte er. »Siehste, Butzemann, da hast du dir mal wieder die ganze Nacht durch unnötige Sorge gemacht von wegen zu großer Flüssigkeit und Weichmütigkeit an unrichtiger Stelle und Stunde. Na, denn nur dreiste gleichfalls die Treppe 'nauf und dreidrähtig rin ins Familienglück! Als Großvater kannste dir ja immer noch beizudenken und dir'n Ventil für deinen alten Freund und Schulkumpan Karl offenhalten. ›Stimmung! Das ist die Hauptsache‹, sagt Doktor Wedehop, der mich übrigens auch nur erst mal wieder zum erstenmal in meinen Keller kommen soll!... Na, nu in Gottes Namen.« Auch er schritt ins Haus, und in einem der oberen Stockwerke fuhren zwei Frauenköpfe mit möglichstes Raschheit vom Fenster zurück, und zur Tochter sprach die Mutter: »Jetzt denke an alles, was ich dich gesagt habe, Meta, und nimm dir zusammen. Ich höre ihn schon schnaufen im ersten Stock. Achtermann, dich rate ich, daß du mich kein unnötiges Wort dazwischensprichst und daß du mir einfach einzig und allein auf mich dein Auge hältst.« »Meine Liebe –«, lallte der Leihbibliothekar. Auch das ereignete sich nun ganz anders, als wie es ihm seine Abonnenten oder sonstigen Zufallskunden aus seiner Bibliothek tagtäglich abholten! Seine Liebe aber wendete sich mit dem sonnigsten Brautmutterlächeln gegen die Tür. »Herein! Bitte, treten Sie gefälligst herein, Herr Butzemann. Wir haben Ihnen schon längst erwartet!« – – – Wir folgen jener leider viel geringern Zahl von Lesern, die den ferneren Vorgängen in der Familie Achtermann für jetzt nicht weiter anzuwohnen wünscht: wir selber haben in dieser Hinsicht selbstverständlich weder Wunsch noch Abneigung; wir gehen immer, wohin wir müssen: wenigen nach und hoffentlich zuletzt denn doch auch vielen vorauf. Es hatte ihrerseits die arme Natalie noch viel Mühe gekostet, den Papa die Treppe hinauf und in das leere Stübchen zu bringen, von dem Freund Achtermann in unserm vorigen Kapitel dem Freund Wedehop geschrieben hat. Und nachdem der alte Tunichtgut noch einiges von schofeler Welt, Canaillen, Hundepack und unkindlicher Impertinenz gemurmelt hatte, hatte er sich mit seinem ruinierten Nervensystem in der kleinen Kammer neben der Stube auf das Bett fallen lassen und war in fiebernde Bewußtlosigkeit hinübergeschlummert. Wassermann hatte ihn fallen sehen, war einen Augenblick lang unter das Bett gekrochen, aber sofort nach besserer Überlegung wieder drunten hervor. Da stand er wedelnd neben dem jungen Mädchen am Fenster und leckte ihr mit tröstendem Gewinsel die Hand. »O Wassermann«, seufzte Natalie, »was sollen wir anfangen? Morgen holen sie uns auch unser Piano weg.« Ein mattes Lächeln überflog bei den letzten Worten das müde Gesicht: »Danach fragst du freilich nicht, du unmusikalisch Vieh! Ach, und wie hab ich neulich in – Ulrichs Zimmer gelacht über Trutens Gesicht. Ach Gott, und – der – arme Junge hatte doch wenigstens den großen Dintenklecks noch auf dem Boden zurückgelassen. Sie sagen gottlob alle, daß er trotz allem was gelernt hat in wissenschaftlicher Hinsicht; aber ich – ich habe gar nichts gelernt; und jetzt ohne die Frau Professorin verlerne ich auch noch, den Mut nicht zu verlieren. O, es ist zum Weinen, so dumm es ist. Es ist wirklich, wirklich zum Weinen – und – so – natürlich wie Regen und Schnee und – alles schlechte Wetter auf der Erde!« »Weshalb haben Sie denn bei uns nicht vorgeguckt, Fräulein?« fragte in diesem Augenblick eine Stimme in der geöffneten Tür. »Sie denken natürlich auch nur an Ihre jungen Beine; aber steigen Sie erst mal mit fünfundsechzig die Treppe! Der Briefträger hat einen Brief für Sie bei uns abgegeben, während Sie ausgegangen waren.« Der Brief war von der Frau Professorin und lautete in der Übersetzung aus dem gerührtesten, bewegtesten und ängstlichsten Herzen in Feder, Dinte und Papier: »Was schreibt uns Achtermann da, Kind? Daß ihm Wedehop noch ausführlich antwortet, glaube ich nicht; ich aber teile Dir mit, daß Ulrich in acht Tagen reisen darf und daß ich seit Empfang Eures dummen Schreibens, d. h. seit einer Viertelstunde, bereits in der Phantasie meine Siebensachen zusammensuche. Ich komme zu Dir, Kind; – schone vor allen Dingen Deine Gesundheit! Wir grüßen Dich alle . Deine alte Freundin Marie Schenck.«         Dreizehntes Kapitel Das Blatt zitterte in der Hand des jungen Mädchens; auf dem Bette wendete sich der Pulvererfinder auf die andere Seite und murmelte: »Zwanzigtausend Schachteln. Rechnen wir den Peso de Plata zu einem Taler... Stimmt doch nicht! Lumperei – zehn Silbergroschen; – zwanzig – zwanzigtausend Schachteln, zwanzigtausend Pesos! Hierher, Wassermann, – mach dein Kompliment den Herren und zeig, daß du rechnen kannst. Wie nehmen Sie den Dollar, Señor?« Der Hund hatte auf den Anruf hin den Kopf gewendet, aber er ging nicht zu dem Bette, sondern hielt sich womöglich noch dichter zu der jungen Dame am Fenster und schien in deren Mienenspiel lesen zu wollen als ein kluger Hund, der wirklich das Rechnen verstand. »Das Datum! – o das glückselige Datum!... der Poststempel! Sonnabend – Sonntag – am Montag – o Gott, das ist ja alles einerlei – siehst du wohl, du närrischer Hund, hab ich es dir nicht immer gesagt, daß wir zuletzt doch nicht auf uns allein angewiesen wären?« Die Sonne schlüpfte weiter, d. h. die Erde, die alte Wolkenversammlerin, tat's auf ihrem Wege um die Sonne; aber auch das war ganz einerlei: Fräulein Natalie Ferrari im Weitergleiten durch die Drangsale des Erdenlebens hatte sich lange nicht so leicht getragen gefühlt als in diesem Augenblicke, wo ihr junger Nacken so schwere Last zu schleppen hatte. Sie wünschte nicht mehr, einzuschlafen, um nicht wieder aufzuwachen; aber sie mußte sich unbedingt setzen. Aus dem Kämmerchen nebenan kam wiederum die wüste Stimme, die ihren Namen mit dem leer-kindischen Tone ärgerlicher Verstörtheit rief: »Gib mir zu trinken, Natalie! Dreißigtausend Schachteln – dreißigtausend Etiketten – Professor Ferrari!... Don Pablo Ferrari! O ich will wieder nach Amerika – nach Mexiko – in die Sonne; aber – zu trinken will ich – hörst du denn nicht, Mädchen?« »Gleich, Papa! Da bringe ich dir schon ein Glas Wasser. O, habe nur Geduld – nur noch eine kurze Zeit Geduld, lieber Papa –« Der Vater hatte sich halb aufgerichtet und das dargereichte Glas genommen. Er trank und zuerst mit großer Gier. »Aguardiente!« schrie er plötzlich und schleuderte das Glas in weitem Bogen durch die Tür in das Zimmer, dicht an der Schulter seines Kindes vorbei. »Verflucht sei die ganze dumme Welt!« »Nanu?!« sagte Gott sei Dank in demselben Augenblick eine Stimme, deren Nachhall wir noch nicht aus den Ohren verloren haben. Und dahinterher oder besser darüberweg und über die Schulter Butzemann seniors weg rief Achtermann matt entsetzt: »Aber, mein Gott?... Fräulein?... mein guter Paul!« »Stille, Achtermann, Vetter – Schwiegerbruder! Wenn's denn einmal sein soll, denn aber auch feste. Vivat die Division Kummer! Und nun sagen Sie mal, Sie alter Bazaine da auf dem Bette, sind Sie denn reinewegs verrückt geworden, daß Sie zu allem andern mir hier so noch mit's kostspielige Inventar herumschmeißen?« Der Papa Ferrari saß aufrecht auf dem Bette seines Kindes; er hob auch die Beine wieder herunter und starrte die beiden Männer nichtssagend an. Achtermann trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter: »Lieber Freund – wir sind es. Beruhige dich nur, du wirst auch teilnehmen, wenn ich dir sage –« »Sagen Sie gar nichts, Vetter«, schnarrte Butzemann; geben Sie einfach dem Fräulein den Brief vom Herrn Doktor Wedehop und lassen Sie mir das übrige bemerken. Ich habe schon drüben vom Fenster aus meinen Trost an Ihnen gehabt, Fräulein Ferrari. Da steht die Dame und sieht her, habe ich mich gesagt; und jetzt werden Sie bemerken, Fräulein: Det ging ja rascher, als ich dachte, Herr Butzemann! – Ja, gottlob; es ging glatter und schlanker ab, als ich selber dachte. Fragen Sie nur Achtermann; – mein Junge sitzt bei ihr, und ich habe ihm schon gesagt: ›Na, Junge – Louis – denn bin ich hier ja wohl nicht mehr nötig; – ich danke für Kuchen, aber ein Glas Wein nehme ich wohl noch mit auf den Weg, und zwar auf Ihr Wohl, Madam Achtermann.‹ – ›Auf Ihr Wohl, Herr Butzemann, und auf lange glückliche Jahre, Herr Butzemann‹, sagt sie; und so stoßen wir an und unterdrücken alle Ahnungen davon, daß wir wohl noch manch liebes Mal miteinander anstoßen können. Aber das Eisen schmiede ich doch, solange es warm ist, und meine: ›Dies ist der glücklichste Moment meines Lebens, Meta, und du, Louis, und Sie, Madam Achtermann, und du, alter Schulkamerad Karl Achtermann, und jetzt tun Sie mir auch einen Gefallen, Mama und Frau Schwester, und schicken Sie auch auf der Stelle ein Stück von diesem glückseligen Verlobungsnapfkuchen nach drüben zum Fräulein Natalie und machen Sie mich kein Gesicht dazu wie die Katze, wenn sie in den Blitz sieht.‹ – Ich versichere Sie, Fräulein; sie sieht mich an und ruft: ›Achtermann, en Stück von die Vossische!‹ – Das habe ich denn selber in der Tasche, und – auf meine Ehre, sie wickelt mir mit einem Blick von Liebenswürdigkeit ein, wie ich nicht vor möglich gehalten habe, und spricht: ›Da! Und grüßen Sie das Fräulein recht schön von mir, und du, Achtermann, bring ihr nur dem Doktor seinen Brief und bestelle mein höfliches Kompliment, und Meta hätte endlich ja gesagt und wäre eine glückliche Braut, und – Fräulein Ferrari wären zur Hochzeit freundlichst gebeten!‹ – Sehen Sie, Fräulein Ferrari, so verbessern die glücklichen Momente im Dasein die Stimmung der Menschheit, und mein alter Kamerad Karl Achtermann wird von heute morgen ab nicht mehr an die Tür umgeholt, wenn er Ihnen ein gutes Wort bringen will. – Meinen Lümmel von Jungen kenne ich gewiß nach allen seinen Verdiensten; aber das hätte ich mir doch nicht eingebildet, daß er auch in die Richtung auf Sie, Fräulein Natalie, mal brauchbar werden könnte.« Die junge Dame reichte diesem vierschrötigen wahren Freunde die Hand, dem Freunde Achtermann hätte sie nur zu gern die andere gegeben; aber in der hielt sie schon den Brief Wedehops, und der Leihbibliothekar war auch zu angsthaft um seinen Freund Paul Ferrari beschäftigt, um ihr was anderes als den Rücken zuzukehren. Nicht wahr, es war der heilige Augustin, der sich immer wünschte, Christum in carne, Paulum in ore, Romam in flore gesehen und gehört zu haben? Wir unseresteils haben uns stets gewünscht, einmal so recht unsern Freund Wedehop in flore, im Flor, in seiner Blüte zu erblicken, und hier – endlich – in und mit diesem seinem Briefe gelangen wir zur Erfüllung unseres Wunsches; und der Genuß wird wahrlich dadurch nicht geringer, daß wir dabei unserer Freundin Natalie über die Schulter zu sehen haben.   »Grauer, nichtswürdiger, internationaler, alter Welt- und Allerweltsliteraturverplemperer! Dich werde ich mir kaufen. Ich, der ich, die Götter wissen es, wenig für Luxusartikel auszugeben pflege, ich werde mir diesen Luxus gestatten. O Du heilloser alter Uhu, mußt Du Deinen dürren Federvieh-Schatten langgestreckt auch über anderer Leute kärglichen Sonnenschein wegwerfen? Dich könnte man wahrhaftig als Zeiger auf eine Uhr des Verdrusses hinstellen; aber – ich werde Dich jetzo mit Deiner Erlaubnis ein wenig richtigstellen, alter Junge. Heule mir morgen mehr! Nehme ich es einer Nachtigall nicht übel, wenn sie mir im hellgrünen Frühlingswalde auf den Hut –, so kannst Du mir lange mit den Äußerungen Deiner bänglichen Natur und Seele (wofür Du, die Sache philosophisch genommen, doch nichts kannst!) gewogen bleiben. Übrigens komme ich soeben mit dem Winckelspinner vom Hirsch herein und finde Deinen Brief; verzeihe also gütigst, wenn in meiner Rückantwort dann und wann noch einiges vorkommen sollte, was Dir nicht in den Katalog paßt – Deiner Begriffe von Rücksichtsnehmungen und Zartfühligkeiten nämlich. Jedem Stern, der sich schneuzt, mein Taschentuch zu leihen, dazu bin ich zu zartfühlig und habe zu sehr mein Behagen daran. Wozu gehen wir Könige in die Tragödie, wozu haben wir Aristokraten unsere Loge im Welttheater, als um unseresgleichen im Pech zu sehen und also des täglichen Spaßes der Unsterblichen an unseren Feiertagen teilhaftig zu werden!?... Den Frühschoppen, den Du mir heute versäuert hast, werde ich Dir gedenken; von Rechts wegen müßte ich Dir dafür Deine süße Meta noch gut anderthalb Jahre länger auf dem Halse lassen. ›Um Christi willen, junger Krieger, sind Sie verrückt geworden?‹ fragte Winckelspinner, als wir in sein Gartenhaus treten. ›Was Teufel ist Ihnen denn auf einmal in die Rekonvaleszenz gefahren?‹ Ich für mein Teil sehe Deinen dummen Brief, den ich freilich besser erst selber hätte lesen sollen, in der Hand der Frau Professorin und sehe sie selber an: Alle Hagel, er krächzt!... Der Unglücksvogel hat gekrächzt! Und ich bin ein Esel gewesen und habe den beiden Kreaturen sein Gekrächze im Kuvert hingeschickt und bin mit dem Winckelspinner nach dem Hirsch hinausgestiegen, um mir endlich einmal wieder die Sonne auf die Glatze scheinen zu lassen! Heilige Schwerenot, ich sehe den Jungen an und die Frau und dann nach einer dringenden Aufforderung Dich – nämlich in Deinem Briefe. Leihbibliothekarisches Ungeheuer, habe ich darum auf die Anfertigung von Originalmanuskripten verzichtet und mich auf die Übersetzerei vom Unsinn anderer Leute geworfen, um Dir und mir, und dem Jungen und der Frau, die Familie Winckelspinner gar nicht gerechnet, durch ein ganzes Buch erstgenannter Literatursorte die vernunft- und verstandesgemäße Einreihung verschobener Ideen und Anschauungen ins große Weltganze jetzt frisch besorgen zu müssen?! Mensch, ich liefere Dir das Manuskript – originalissime; – zeige es aber keinem Menschen, Fräulein Natalie Ferrari ausgenommen, – beim Verlust von drei Vierteln deiner Abonnenten. Ja, grüße die kleine Heldin und sage ihr, zwanzigtausend Wedehöppe sehen in diesem Augenblick durch die Brille des einen, den sie vorhin von seinem Frühschoppen aufgestört hat, auf sie, und rufe ihr ins Gedächtnis zurück, daß für ein Mädchen, zu Ehren und im Rechte Evas, die Nase, die sie im Gesichte trägt, wichtiger ist als alles, was ihr um dieselbe spielen oder auf derselbigen tanzen kann. Ferner, daß dem Menschen soundso viel behagliche Augenblicke für seinen Wandel im Irdischen zugeteilt sind und daß es nicht das geringste hilft, sich dergleichen durch Planmachen, Selbstvorwürfe, Nachgedanken und allerhand sonstige Künstlichkeiten selber anfertigen zu wollen. Ferner, quanto mas moros, tanto mas honores – je mehr Mohren, desto mehr Ehren (Nb. ein spanisch Sprichwort, wie denn diese edlen Spanier mit ihrer Spruchweisheit überhaupt gar nicht zu verachten sind), womit ich übrigens auf die Hauptsache, nämlich unsern ganz speziellen Mohren, meinen braven Freund Pablo, die schwarze Seele, kommen werde. Da wir binnen kurzem nun doch wieder bei Euch anlangen werden, so ist im Grunde wenig mehr darüber zu sagen, als – gebt ihn Butzemann in die Kost, d. h. wendet Euch in allem, was ihn betrifft und womit er Euch das Leben sauer macht, an Butzemann und fragt den um Rat, bis ich wieder bei Euch bin, um seine Pflege zu übernehmen. Sämtliche Auslagen werden eins ins andere gerechnet. Du weißt, Achtermann, daß es eine Zeit und in derselben mehr als ein Quartal gegeben, durch welches der ›gute‹ Paul mich mit durchzufuttern hatte. Er hat – gottlob! – häufig genug seinen letzten Kredit mit mir geteilt, und daß er mit seinem Wechsel auf das Ganze dieses erbärmlichen fidelen Daseins ein wenig früher fertig geworden ist als wir anderen, wollen wir ihm, seiner mannigfaltigen sonstigen guten Eigenschaften wegen, freundlich zugute halten. Mittelstraße Nr. 23 im vierten Stock wohnt die Witwe eines königlichen Tafeldeckers mit dem ominösen Namen Dambach, sie hat die Schlüssel, nämlich zu meinen Gemächern, und ersuche ich Dich inständigst, mein ›Guter‹, sofort einmal nachzusehen, zu welchen von hier aus leider nicht zu überblickenden Zwecken die gelbliche Person sie – meine Appartements meine ich – augenblicklich verwendet. Laß es auf den Schopenhauerschen Kriminalprozeß ankommen; schmeiß alles heraus, was nicht hineingehört, denn mir schwanen Monstrositäten weiblich-wirtschaftlicher Unverschämtheit in dieser Hinsicht. Nur wenn Du die Person selber hinauszuwerfen hättest, so mäßige Dich a posteriori. Das unsterbliche Wort: obit anus, abit onus ist doch nur ein vergänglicher Trost gegen eine rechtskräftige zwanzigjährige Veralimentierung eines gebrochenen Armes wegen; den Hals darfst Du der Bestie meinetwegen dreist brechen. Doch nun zum Wichtigeren! Sieh Dich um in den ›Salongs‹! Spaßhafter, silberbärtiger Literaturtrödler, main basse auf den Trödel! Nb. soweit ihn die verführerische Witwe Dambach nicht als ihr Eigentum in Anspruch nimmt. Für sämtliche anwesende fremdländische Unterhaltungslektüre und sonstige schöne Wissenschaften (bergehoch in dem Ofenwinkel!) wirst Du selbstverständlich selber den höchsten Preis zahlen. Altes Silber, goldene Tressen und Pretiosen werden wahrscheinlich erst gesucht werden müssen (brich nur den Kleiderschrank auf, wenn die Wittib den Schlüssel nicht gutwillig hergibt!) – meine Autographensammlung liegt in meinem Schreibtisch in der Schublade linker Hand in einer Kollegienmappe und ist sicherlich das Ihrige dem Liebhaber wert. Du findest Eure beliebtesten deutschen Lieblingsschriftsteller ziemlich vollständig von About bis Miß Yonge vor. Los auf die Verfasserin des ›Erben von Redclyffe‹, Achtermann! Versilbere die englische Maid, versilbere Dumas fils, versilbere den Marquis von Foudras und M. Xavier von Montepin, versilbere Mrs. Oliphant und gib Ouida in den Kauf. Baroneß Tautphoeus wirst Du, wenn ich nicht irre, gleichfalls finden; versilbere sie und vergiß mir vor allen Dingen nicht, Miß Thackeray zu versilbern. Für Madame George Sand findet sich sicherlich jemand, der was aufwendet; auf Turgenjew brauche ich Dich wohl nicht erst aufmerksam zu machen! Was meine Garderobe anbetrifft, so ist Scholem nomine Brühl noch vorhanden: ich ersuche Dich aber dringend, dem lateinischen Juden ja scharf genug mit meinem Zorn (Verachtung hilft bei ihm nicht!) an die Nieren zu gehen; – er kennt mich aber seit längeren Jahren, und mehr brauche ich nicht zu sagen. Gib ihm die Versicherung, in vierzehn Tagen sei ich wieder zu Hause, um ihm im Notfall als Engel über den Hals und an die Hüfte zu geraten und ihn von der Furt Jabbok und der Stätte Pniel lendenlahm und hinkend nach Hause zu schicken. Karl, durch eigene Schwere drückt das Genie die Welt herunter und sich in das Gedächtnis der Menschen. Versilbere dreist alles, was nicht zu mir gehört. Komme ich nach Hause, so werden die Talente sämtlicher europäischer Nationen mit all ihren möglichen und unmöglichen Beilagen und Beigewichten sich es zur Ehre rechnen, mir während meiner Abwesenheit aus Eurem Kreise munter fort in die Taschen geschrieben zu haben. Fräulein Natalie soll nicht lachen, obgleich ich sie gar zu gern lachen sehe. ›Dazu bin ich zu sehr Dame‹, sagte neulich verschämt mein Freund Butzemann senior, als man ihm zumutete, eine heikle Geschichte nachzuerzählen; aber – ich – ich bin zu nichts zu sehr Dame! Mit verdoppeltem Eifer werde ich fortarbeiten an der Weiterbildung meines Volkes – des deutschen nämlich. Aber nun im Ernst, mein guter Achtermann (Du siehst, ich unterstreiche dann und wann auch wohl einmal!), Dein Brief kam mir im höchsten Grade widerwärtig; aber da er leider auch durch eigene Schwere wirkt, so mußte er eben wohl geschrieben werden, und ich erteile Dir hiermit bedingungslose kritische Absolution. Die zwei andern werden dir ihre Gefühle zarter ausdrücken... Verrückt war er immer. Und wenn er früher der Gesellschaft seine eigenen Kunststücke vormachte und jetzt unsern guten Wassermann die seinigen in den Kneipen produzieren läßt, so sehe ich dabei keinen Unterschied. Helfen kann hier nur Freund Butzemann senior. Bis wir nach Haus kommen, wird in Butzemanns Keller dem armen Teufel Lokal und Publikum (letzteres gewählt!) zur Verfügung gestellt. Das Herumlaufen in der Stadt hat natürlich aufzuhören; wenn Du aber für mich, Deinen guten Freund Wedehop, einmal eine behagliche Stellung als Direktor einer Anstalt für Nervenkranke und Geistesabwesende ausfindest, so lege augenblicklich die Hand darauf. Ich bin der Mann dafür. Wenn dieses manuskriptale Schreiben bei Dir anlangt, so ist das liebe Kind, der sanfte Louis, sowie Deine Meta und Deine teure Frau wahrscheinlicherweise bereits unschädlich gemacht, und die beiden letzteren werden Dir nicht mehr so scharf wie sonst auf die Wege passen. Alter, Du wirst dafür sorgen, daß unsere Republik unter gegenwärtigen trostlosen Zuständen den möglichst geringsten Schaden erleide! Du wirst den Hund Wassermann und den Pulvererfinder Don Pablo Ferrari allabendlich abholen und nach Butzemanns Keller dirigieren. Du wirst Bravo klatschen und zum erstenmal aus Deinem eigenen Dasein ein Gedicht machen, alter Romantiker. Butzemann senior, der in letzterer Hinsicht von jeher mehr geboten hat, als ihm die Welt- und Literaturgeschichte über ihren Heroen, Goldlack und Sonnenuntergängen zutrauten, sammelt, d. h. er macht die Menschheit, oder wenn Du in diesem Falle lieber willst: das Publikum, dem armen Teufel gegenüber so unschädlich als möglich. Es steht mancher Weise in Erz und Bronze auf unseren Märkten, aber Regenschauer, Philisterwitz und üble Nachreden gehen an keinem von ihnen so machtlos vorüber wie an meinem Freund Butzemann. Daraufhin kenne ich ihn. Was aber nun fangen wir mit dem Kerl, dem Paul, nachher an? Wie gehen die Nächte hin mit dem Menschenkinde, bis wir wieder bei Euch sind? Das ist die Frage, vor der selbst die Frau Professorin in ratlosem Zittern steht. ›Ich fahre morgen früh und reise die Nächte durch!‹ brüllte der Narr, mein M. Ulric. Ich aber sage, Ihr werdet, bei Euren Köpfen, dafür sorgen, daß er nie anders als hängend zwischen Dir, Achtermann, und meinem Freund Louis nach Hause kommt. Ich nehme die Folgen davon auf mich. Der Mensch, der seinen eigenen Körper wie eine Flöte zu spielen weiß, kennt auch im großen und ganzen die Griffe auf jedem andern Instrument. Wassermann liegt dann vor dem Bett, und zwar ohne Maulkorb. Fräulein Natalie schläft in ihrem Stübchen auf dem Sofa, und Du, Achtermann, schläfst mir gar nicht, außer bei Tage in Deinem Geschäftslokal. Du achtest mir auf das Fenster gegenüber und hast Deinen und des Kindes Hausschlüssel sofort zur Hand. Die Wüste dieser Welt ist groß; aber die Sphinx oder der Sphinx, der nur mit der Nase aus dem Sande und seinen Wirbeln aufragt, ist doch noch größer als die Wüste. Bitte, bilde Dir gütigst die nächsten Nächte durch einmal ein, Du seiest solch ein Sphinx, und bleibe uns wach! Das beste bleibt, wir kommen so rasch als möglich. Dein Wedehop.«         Natalie Ferrari legte die Stirn an die Fensterscheiben und weinte. Es war aber ein adelig stolzes Gefühl von Kraft und Weisheit in den Tränen und in dem Überlegen, wieviel Kraft und Weisheit doch unter den wunderlichsten Hüllen rundum auf Erden sitze, gehe und stehe und überall lächelnd die treue offene Hand herhalte. Vierzehntes Kapitel Und nun ein Wort über guten Rat und wohlmeinenden Trost bester Freunde aus der Ferne! Ist da wirklich viel Unterschied zwischen dem Trost und Rat, der uns aus nächster Nähe und mündlich gegeben wird? Unbrauchbar der laufenden Stunde gegenüber ist beides meistens, und gute Worte werden nicht bloß in den Wind gesprochen, sondern auch geschrieben. Das erste und das letzte Wort hat hier wie in allen Erdenangelegenheiten die laufende Stunde, im Guten wie im Schlimmen. Wie viele tat- und trostlose Stunden liefen noch zwischen der gegenwärtigen und der Heimkehr der Frau Professorin, ihres fiebernden Ulrichs und des zwar keine Originaldruckmanuskripte, aber dagegen recht originale Schreibebriefe liefernden Freundes Wedehop! Es führt alles immer auf den uralten, einzig richtigen Trost hin, daß alle Stunden vorübergehen, daß die Uhr in der Westentasche des auf dem Schlachtfelde gefallenen Heros fortpickt, daß es auch nach den allergrößten Katastrophen fortfährt, ein Viertel, Halb und Dreiviertel zu schlagen, kurz, daß dem Dinge ein Ende eigentlich nicht abzusehen ist und daß jedenfalls alle Zukunft gradesoweit von uns abliegt als alle Vergangenheit. Und somit sollen sie alle leben, denen der gute Rat und Trost vom Herzen kommt, sei es mündlich oder schriftlich, sei es aus der Nähe oder der Ferne. Wer hat je zuviel davon bekommen, wenn er im ersten Verdruß über die Mangelhaftigkeit und Überleidigkeit auch noch so sehr die Achseln zuckte?! Auf den Tag, von dem wir im vorigen Kapitel sprachen, folgte eine böse Nacht, in der Natalie trotz aller treuen Freunde und freidurchgehenden Seelen ganz allein auf sich und Wassermann angewiesen war. Von drüben schickten sie noch ein Stück Verlobungskuchen herüber; und der Leihbibliothekar schlüpfte zwei- oder dreimal herüber und stöhnte jedesmal ängstlicher: »O Gott! o Gott!« Aber wir erzählen diesmal überhaupt von adeligen Geschlechtern, und das deutsche Fräulein mit dem welsch klingenden Namen gehörte wahrlich in eine der erlauchtesten Familien. »Sie hat es glorreich durchgefressen«, sprach nachher Wedehop, und dann seufzte Frau Marie Schenck: »O Gott!«, jedoch in einem andern Tone als Freund Achtermann. Es ging ein gewisses Frösteln im Sonnenschein der alten Dame dabei durch die Glieder; aber sie lächelte doch und nickte, nicht den andern, sondern sich selber zu: »Ich kenne die Leute, mit denen ich umgehe; wie sollte ich sie nicht kennen, die ich mir am nächsten habe kommen lassen?! Man kennt die Photographiegesichter in den Familienalbums und weiß, wann man sich über ein anständiges zu freuen hat.« Von dem armen Paul besaß die Frau Professorin verschiedene Gesichter aus verschiedenen Lebensepochen in ihrem Album. Es hätte aber ein größerer Künstler als der feurige Ball im Weltraum dazu gehört, um das Andenken des Mannes vorurteilsfrei auf einem Blatt Papier festzuhalten. Es fand sich keiner; – wir existieren alle nur in den Vorurteilen, welche die Sonne über uns hat oder – die andern über uns haben. Es ging reißend schnell bergab. Paul Ferrari lachte in dem Augenblick, als seine Tochter dem Leihbibliothekar den Brief Wedehops zurückgab, so sehr mit dem Ausdruck des vollkommensten Blödsinns, daß nicht nur die anwesenden Menschen zusammenfuhren, sondern auch der Hund erschrak und den verlorenen Mann auf dem Bette wie einen Fremden heftig anbellte; und dann geschah das, was in solchen Krisen meistens einzutreffen pflegt: der Gott trat aus den Wolken, und die gemeinste, allbekannteste, verbrauchteste Hülfe erwies sich als die ausgiebigste und wirksamste. »Sehen Sie mal, Fräulein, ich bin Ihr Mann für alles«, sagte Butzemann senior. »Daß Sie mir selbst bei diesen pressanten Umständen als Ihren Vater betrachten sollen, kann ich nicht verlangen, außerdem, daß Sie ihn leider Gottes schon da liegen haben; aber unter die Arme werde ich Ihnen greifen und will kein größer Vergnügen in meinem Leben gehabt haben. Erschrecken Sie nicht – dieses ist Madam Naucke. Mit Vornamen heißt sie Blanka, und damit servierte sie bei mir vor zirka fünfzehn Jahren, das heißt, damals noch bei meiner Seligen, und – auf meiner Seelen Seligkeit, Fräulein, da können Sie sich auf das Attest und die Schule verlassen. Fragen Sie die Frau selber. Nicht wahr, Blanka, alles für eine solide Hand obendrauf?! Nicht wahr, Madam Naucke, wir zwei wissen, was wir in jenen Tagen erfahren haben an Redensarten und reeller Moral und Erziehung und dann und wann einer Küchengerätschaft an den Kopf?! Zieren Sie sich nicht, Blanka; von Ihrem Renommee in Ihrer Nachbarschaft will ich weiter nichts sagen; aber, bitte, zeigen Sie doch einmal dem Fräulein Ihre Handgelenke. Nicht wahr, eine Droschke erster Klasse haben wir noch nie angerufen? Die halten wir einfach an! Ein Griff in die Speichen von eins von die Hinterräder, und das Karrukkulumwitä, wie der Herr Doktor Wedehop sagt, steht – ich sage Ihnen, steht feste. Nun aber, Fräulein, Scherz beiseite; woran denken Sie, daß ich in die beiden letzten Nächte einzig und allein gedacht habe? An die Verlobung von meinem Lümmel von Jungen? I Gott bewahre! An mich auf dem Altenteil und Fräulein Meta drüben ans Büffet? I bewahre mich der liebe Gott! Schlaflose Nächte haste und behältste, Butzemann, habe ich mir gedacht, also wende ihnen endlich mal nützlich an; und da bin ich denn so hier auf die Madam Naucke gefallen – reinewegs Ihretwegen, Fräulein. – Für Sie weiß ich was, Blanka, habe ich heute morgen gesagt; jetzt setzen Sie mal gefälligst Ihre Siegeshaube auf und werfen Sie sich in Paradeanzug und kommen Sie mit. – ›Mit Ihnen, Herr Butzemann, durch Wasser und Feuer, und ich danke auch schön für die Karte von unserm Louis und den Korb mit die wunderschönen Reste‹, sagt det Kind, und so gehen wir zuerst bei Achtermann vor und sehen uns seine Tränen über den guten Einfall an, und – frei lesen bis in die Puppen kann sie jetzt auch bei ihm, und so – sind wir denn hier, und jetzt, Blanka, Madam Naucke, legen Sie den Hut ab und sehen Sie sich den Patienten in der Kammer da an. Betrachten Sie sich ihn mit Ihre gewohnten Ruhe, als Friedrich Karl um Metz und Seine Majestät um Paris, bis die Bande klein beigibt. Nämlich Sie weichen und wanken mich nicht von dem Posten, bis die übrigen Herrschaften zurück sind. Nachher kann man ja weitergehen.« Die Handgelenke der in so wirksamer Weise vorgestellten guten Frau besah sich Natalie Ferrari grade nicht; wohl aber sah sie ihr in die gutmütig-schlauen Augen, und Blanka sagte: »Es ist ein Glück, daß Sie Herrn Butzemann schon kennen, Fräulein; denn was sollten Sie sonst wohl von mir denken. Wissen Sie, das ist nun immer mit ihm, wie wenn beim Platzregen mit eine Stange in der verstopften Dachrinne raufgefahren wird. Die Hauptsache aber ist und das Hauptsächlichste, daß ich gerne für Sie da bin, wenn ich Ihnen in irgendwas von Nutzen sein kann. Paroledonnöreken, Fräulein; daß sie mich neulich als passendste Spezialitätin von die barmherzigen Schwestern aus bei die ganz gesunde Jungens, die verwundeten Turkos meine ich, aufgestellt haben, braucht Sie nicht abzuschrecken. Das Inwendige von die Nuß ist immer die Delikatesse. Hat wer gute Zähne, so kann ich ihm auch schon ganz süße sein; und wenn Herr Butzemann da das nicht an sich selber in vergangene schöne Jahre zu manchen bösen Zeiten und Muff und Jammerstunden zu seiner Erkenntnis gebracht hätte, sehen Sie, so wäre ich in dieser Minute wohl nicht hier; und jetzt, Herr Butzemann, halten Sie mich endlich mal den Mund und lassen Sie mich wirklich den Hut ablegen und das Fräulein reden. Na, Sie da, lieber Herr, ich bin die Witwe Naucke, und wie geht es Ihnen denn heute? Besser? Nun, sehen Sie, das ist ja ein recht guter Anfang für unsere Bekanntschaft! – Schlimm? Ach was, bilden Sie sich doch keine Dummheiten ein, Herr Geheimer Rat! Wer sich in die Welt umgesehen hat, der kennt nachgerade alles.« »Schießen Sie noch fünftausend Taler ein, Herr Kompagnon, und wir sind glatt durch«, murmelte der kranke Mann. »Det stimmt!« sprach Blanka. »Fünftausend Taler? Mit dem größten Vergnügen! Aber nur immer hübsch stille liegen, Herr Geheimer Finanzrat; ich und Fräulein sehen derweilen die Bücher nach. So – nun liegt das Kopfkissen recht, und nun, liebes Fräulein, wenn Sie erlauben, lassen Sie mir Sie mal die dummen Tränen da wegwischen. Sehen Sie, Herr Butzemann kennt mir wirklich, sonst hätte er mir Ihnen nicht gebracht.« Und so wurde denn Frau Blanka Naucke für diese Tage die beste Hülfe, die das Schicksal für die arme Natalie in ihrer höchsten Not im Rückhalt gehabt hatte. »Das ist so mit das Leben. Woher stammt denn die Kindersterblichkeit, als weil wir nicht mit neun Leben geboren werden wie die Katzen, und die versäuft man. Geschmorte Pflaumen waren der Traum meiner Jugend, und heute koch ich sie meinen Kindern, aber nicht wegen mir. Da bin ich mal zu einer Gräfin rekommandiert, die meinte, Karpfen und Kartoffeln seien ihre Seele. Sie haben ihr bei Fackeln in ihr Erbbegräbnis begraben. Ich sage immer, so'n Platzregen, der mir bis auf die Haut durchnäßt, ärgert mich gar nicht, denn – das ist das Leben; aber was mir ärgern kann, das ist solche dumme Dachrinne, die mich auf den Kopf gießt; denn das sind die dummen Redensarten. Fräulein, was helfen Sie alle Generale und Professoren, Könige und Kaiser und Republikpräsidenten auf einer solchen Erde, wo wir das erste und das letzte Wort haben? Meine Schwester ist Hebamme, mein seliger Mann wartete bei Hochzeiten auf, und ich – na, verlassen Sie sich drauf, ich habe dem alten Butzemann versprochen – ich bleibe bei Ihnen und tue mein Menschenmöglichstes.« Glücklicherweise rauscht die junge Frau Done immer noch in der Ferne, und die Märchenweiblein sitzen und spinnen ihre goldenen und silbernen Fäden weiter, und was das beste ist, die Eisenbahnzüge gehen wieder ganz regelmäßig. Wie groß würde wohl unter den Menschen die Kindersterblichkeit sein, wenn das Märchen nicht dem Menschen als Ersatz für die neun Leben gegeben wäre, welche die alte Mutter nicht bloß den Katzen, sondern aller ihren andern Kindern auf den Weg mitgeben will?! Fünfzehntes Kapitel Es gab in der ganzen Stadt vielleicht keinen zweiten Menschen mit so ausgesprochenem Talent für häusliches Behagen als den Leihbibliothekar Karl Achtermann und wenige, die weniger davon zu genießen bekamen als er. Wie andere vor einem wissenschaftlichen Problem, einer philosophischen Antinomie stehen, so stand er fortwährend im dauernden Halberstarren vor der unglaublichen, aber ganz einfachen Wahrnehmung, daß es eigentlich nie die wohlmeinenden Charaktere, die Leute mit den besten Absichten sind, welche die glücklichen Lebensläufe führen. Das Schicksal sucht und findet gottlob seine Heroen nicht immer unter den Männern mit dem eisernen Willen. Das würde wahrhaftig eine noch viel nettere Welt geben, als sie schon ist, wenn dem nicht so wäre! Die alten wohltönenden Griechen, die ihre neun Musen mit Vorliebe die Pimpleïden nannten, haben für unsere deutsche »Seelenunerschütterlichkeit« ihr treffliches Wort Ataraxia, und über das Starke im Milden, über das Feste im Weichen, kurz über die Ataraxia unseres Freundes Achtermann wäre an dieser Stelle wohl noch manches zu sagen, wenn uns jene eben berufenen Pimpleïden in diesem Augenblicke nicht vollständig mit ihrem Beistande im Stiche gelassen hätten. Sie schlagen sich, die lockigen Häupter zwischen die Schultern gezogen, kleinlaut hinter die Lorbeerbüsche in dem Moment, wo uns die Aufgabe zuteil wird, den Seelenzustand des Leihbibliothekars in der Minute zu schildern, wo – ja – wo der Müller aufwacht, weil sein Rad stillsteht. Freund Wedehop hatte sein Versprechen verblüffend glänzend gehalten, und – die Damen des Hauses Achtermann hatten nicht mehr Zeit, sich um alles zu bekümmern, was den sogenannten Herrn des Hauses, den Gatten und den Vater betraf. »Lerne endlich einmal, für dir selber zu sorgen, Achtermann«, sprach die Gattin. »Du siehst, wie wir jetzt alle Hände voll haben.« »Jawohl, Papa«, sagte die Tochter, »einige Rücksicht könntest du in dieser Zeit nun wohl auch einmal auf uns nehmen! Louis ist da ganz meiner und der Mama Meinung und drückt sich nur etwas stärker aus.« Der Leihbibliothekar drückte die Hand auf die linke Brustseite und atmete wie ein Kind in einem glücklichen Traume, hütete sich aber wohl, die Frauen zu unterbrechen. »Der Vetter Butzemann meint, das wäre gar nichts für mich und Meta, das lange Fahren auf dem Omnibus mit dem Eßkorb jeden Tag, Achtermann«, fuhr die Gattin fort. »Und für ein junges Mädchen schickt es sich eigentlich auch nicht, dich jeden Abend vom Geschäft abzuholen. Louis ist ganz dagegen. Ich habe es also mit Butzemann ausgemacht, daß du von jetzt an alle Mittage dein Kuvert bei ihm belegt hast, und was das Nachhausekommen betrifft, so solltest du endlich alt genug geworden sein, um deinen Weg alleine zu finden. Es ist wirklich zu lächerlich! In jeder Zeitung liest man von dem deutschen Heldenmute, und wie Hunderttausende geblutet haben, und dieser Mann verlangt auf Schritt und Tritt, daß ihn Weib und Kind hinten am Rockschoß halten und aufrecht halten. Aber das sage ich dich, Achtermann, und es ist auch mein letztes Wort: jetzt, wo wir an die Aussteuer zu denken haben, bist du so gut und bist zum erstenmal die zweite Person! Verstanden?« Verstanden?! – Muß man denn immer verstehen in dem Augenblicke, wo die Götter einmal gütig lächeln und ein linderer Hauch über die heißen, brennenden Lebenswunden weht? Es ist wahrhaftig durchaus nicht notwendig – es ist gar nicht nötig; – im Gegenteil – ganz im Gegenteil! Je dummer der Mensch im Behagen, im Glücke aussieht, desto besser ist's für ihn. Je verwunderlicher und unbegreiflicher ihm die Geschichte vorkommt, mit desto größerer Sicherheit darf er eine Hypothek daraufhin aufnehmen, mit desto unbedingterer Sicherheit darf seine Umgebung ihm und seinem unbegriffenen und natürlich auch »unverdienten« Glücke vertrauen. Ganz entsetzlich dumm sah in diesen Tagen der Leihbibliothekar Karl Achtermann aus, hielt sich dann und wann auf dem kleinen Sofa neben seinem Ofen in seinem Lokal den Kopf, gab, diesen Kopf schüttelnd, seine Romantik in das deutsche Publikum und – ging umher und machte, vollständig verständnislos, den besten Gebrauch von diesen seinen ersten guten Stunden seit langen, langen Jahren. Das einzige, was ihm ganz klar war, war, daß er sich zu beeilen habe, um zu genießen. Die Dummen – Hans im Glück! – halten eben den Augenblick: es sind die Klugen, die schlau in ihr gegenwärtiges Wohlbehagen Hineinschauenden, die auf den nächsten Tag, die folgende Woche, ja sogar auf das kommende Jahr rechnen und ihre Rechnung ohne den Wirt machen. Daß er der jungen Freiheit in seiner Weise genoß, verstand sich von selber. Andere Leute würden wohl anders über diese guten unbeaufsichtigten Stunden verfügt haben und anders um die harte Schule des Lebens herumgegangen sein. Er ging nicht seine eigenen vergnüglichen Wege, sondern er blieb auf denen des Kummers, der Not, Sorge und Angst seiner Freunde. »Sie, Madam Achtermann, nennen meinen alten Schulkameraden Paul Ferrari einen Tagedieb, Landstreicher und Halunken«, sagte Butzemann senior. »Sie nennen seine Fräulein Tochter eine hochnäsige, eingebildete Gans. Das können Sie. Ich kann nichts dagegen machen, wenn ich auch mancherlei dagegen sagen kann. Das aber sage ich: hübsch ist es von Achtermann, daß er an die zwei Leute seinen Narren gefressen hat. Wenn Ihre Meta es noch fertigbringt und sich meinen Jungen daraufhin zurechtzieht, sehen Sie, so gratuliere ich uns beiden und ihr heute schon im voraus. Ich in meinem Keller habe lange Verzicht darauf geleistet; – dazu muß man aber unter die Bücher sitzen und alle schönen Gefühle von die Herren Poeten und sonstigen Schriftsteller ins Publikum verleihen. Schillers Gedichte und ein Glas Schlummerpunsch sind was ganz Verschiedenes; und es ist ganz was anderes, ob Sie einer Goethens Werke oder ein Beefsteak mit Kartoffeln abfordert und es nachher wieder zurückschickt, weil er nicht gesagt hat, daß er es ohne Zwiebeln will, was doch kein Mensch abriechen kann. Übrigens geht es drüben recht herzlich schlecht; und es ist recht gut, daß mein alter Kamerade und jetziger Schwiegerbruder Karl dort die bessere Seite von die Menschennatur vertritt und alle seine Freistunden bis in die tiefe Nacht hinein da versitzt. Na, seien Sie nur still, liebe Madam und geehrte Kusine, morgen sollen ja wohl die Herrschaften mit dem jungen Herrn endlich zu Hause anlangen. Nachher sind wir beide wieder schöne raus.« – So war es. Der Leihbibliothekar versaß seine Nächte am Bette des armen Paul, seines leider zu talentreichen Schulgenossen. Es war ein halb Dutzend arger Nächte; aber bis an sein eigenes, gottlob auch heute noch nicht eingetretenes ruhiges Ende durfte der gute Mann auf den schönen Nachklang derselbigen dreist rechnen. »Wozu bin ich denn eigentlich hier, wenn Sie wieder alles auf sich nehmen, Fräulein?« fragte manchmal Frau Blanka Naucke. »Sie tun wahrhaftig das Ihrige im reichen Maße, und jetzt sollen Sie sich hinlegen und schlafen. O, Herr Achtermann und ich, wir verstehen es schon, einander die Stunden zu verkürzen.« Dem war wirklich so. Sie verstanden das, der alte Leihbibliothekar und die junge Dame, wie sie einander gegenübersaßen, den Kranken zu Ruhe sprachen, ihm die Kissen zurechtlegten und flüsternd miteinander redeten über des Lebens Fährlichkeiten und – Freuden. »Damit der Mensch weiß, was er ist, und damit er's annähernd genau sich selber und andern beschreiben kann, muß er in eigenen Hausangelegenheiten selber nach der Hebamme und der Totenfrau gelaufen sein«, hatte Madam Naucke gesagt. »Damit der Mensch erfährt, was Geburt, Leben und Tod eigentlich bedeuten, braucht er nur das Buch umzudrehen, Fräulein Natalie, – die Auflösung steht immer verkehrt gedruckt unter dem Rätsel«, sagte Herr Achtermann, der dies pythische Orakulum wahrscheinlich in einem seiner vielen Bücher gefunden hatte und dem es unbedingt imponiert haben mußte. »Ulrich hat gesagt, die besten Philosophen gäben die Rätsel des Daseins nur etwas interessanter auf; vom Lösen sei gar die Rede nicht«, sagte Natalie, und – »Da mag er wohl recht haben!« schloß der Leihbibliothekar, und dann – durchblätterten sie eben seinen letzten Katalog; und die alte Magie, der Zauber der Phantasie, der vom Anfang an einzig und allein den Menschen in der Welt festhält, die holde, bunte Lüge, die liebe Zwillingsschwester der Wahrheit, trat wieder ihre volle Herrschaft an, pour corriger la fortune und der bittern Wirklichkeit die Volte zu schlagen. Des französischen Wortes bedient sich unser guter Wedehop außerdem gern, wenn vom literarischen Reklamemachen die Rede ist, Fräulein«, meinte Achtermann beiläufig. – Wir könnten noch manche weise, kluge und wohl auch spaßhafte Bemerkungen über diese schweren Tage und Nächte zusammentragen; wir könnten auch einiges über die Bemerkungen der liebenswürdigen Musikenthusiastinnen, deren Klavierstunden bei der jungen Lehrerin ausfielen, und die zierlichen Billetts, in denen ihre Mütter sich nach dem Grunde bei Fräulein Natalie Ferrari erkundigten, mitteilen; allein – wozu? Daß alle Krisen des Lebens mehr Anlaß geben, Anmerkungen darüber zu machen, als die glatt und ohne außergewöhnliche Aufregungen hingleitenden Tage, weiß ja jeder; und wie die Nachbarschaft und die sonstige Welt sich zu solchen Krisen zu stellen pflegt, das weiß ein jeder gleichfalls. Der Tag ist da, an welchem Wedehop, Herr Ulrich und die Frau Professorin Marie Schenck wieder zu Hause anlangen und von der Frau Done, aus dem Hirsch, aus dem Franzosenkriege, der Belagerung der Stadt Paris und dem Kapitelsaal der Deutschherren und – was die Frau Marie anbetrifft – aus dem schönen, freien, mutigen Dasein nicht nur ihre Erfahrungen, denn das will nie viel bedeuten, – sondern ihren besten guten Willen zu Hülfe bringen, und das ist immer die Hauptsache. Wie es aber dem gesamten deutschen Volke erst später klarwurde, daß es nicht so aus dem Kriege herausgekommen war, wie es hineingegangen war, so erfuhren auch diese braven Leute erst nach und nach, und zwar keineswegs durch fortwährendes Nachdenken über sich selber, sondern vielmehr stoß- und schubweise, daß sie anders nach Hause gelangten, als sie ausgefahren waren. Vor allem war dies der Fall mit unserm lieben Freunde, Herrn Ulrich Schenck, der übrigens auch wohl die meisten Gründe haben mochte, angestrengt und auch fortdauernd über sich nachzusinnen. Das Dasein ist ein biegsamer Stab, der uns in die Hände gegeben wird, auf daß wir den Versuch machen, einen Reif daraus zu biegen. Jeder probiert's auf seine eigene Weise, und leider haben dabei nur wenige Zeit, auf die Überlegung, den Überdruß, die zitterige Hast oder das Phlegma zu achten, mit denen die Nachbarn am selbigen Werke beschäftigt sind. Durch welche sonderbaren Attitüden wir gewöhnlichen Leute und Alltagskerle bei unsern Versuchen Heiterkeit zu erwecken imstande sind, ist wohl gleichgültig; aber daß die Völker dann und wann ihre erlauchtesten Geister, Helden, Dichter und Weise bei den ihrigen komisch finden dürfen, grenzt doch wohl ans Tragische. Glücklicherweise halten die Frauen auch hier auf ein anständig Maß der Erregung und Bewegung, und so macht sich wenigstens die schönere Hälfte des Menschengeschlechts bei dem ernsthaften Spiel seltener lächerlich. Auch in diesem Buche vom deutschen Adel ist das der Fall. Sechzehntes Kapitel Daß sie bei der Beaufsichtigung, Wartung und Pflege des kranken Mannes an alles dachten, nur nicht an sein zuletzt so sehr intim gewordenes Verhältnis zu dem treuen und fast zu gescheiten Köter, dem braven Wassermann; war wohl zu entschuldigen. Wer kann eben an alles denken? Daß sich das entschuldbare Versäumnis in so seltsamer Weise rächen sollte, wie es geschah, war freilich nicht abzusehen. Unsere Pflicht ist es vor allen Dingen, jetzt etwas mehr über das Verhältnis des wunderlichen Pulvererfinders zu dem Hunde und umgekehrt des wunderlichen Hundes zu dem »Kommissionsrat« zu sagen, ehe wir in unserer Erzählung pragmatisch weitergehen. Es waren dem nervenkranken Mann viel zuviel Menschen um ihn her beschäftigt. Er aber hielt sie selbstverständlich sämtlich für seine Feinde und traute niemand, wenn er's gleich schlau genug zu verbergen wußte und sich ihre heuchlerischen Liebesbezeugungen, ihr tröstend Zureden usw. wehrlos gefallen lassen mußte. In seinem armen zerfetzten Gehirn ging es zu bunt her, als daß er selbst seiner Tochter zärtliche Angst und Sorge für Wahrheit nehmen konnte. Die übrigen alle wußten gar nicht, wie häufig sie schon in Lebensgefahr geschwebt hätten, wenn dem Verwirrten ein Messer oder eine andere Waffe zur Verfügung gewesen wäre. Daß Madam Naucke unerdrosselt davonkam, wird für alle Zeiten ihrem Schutzengel als eine große Leistung angerechnet werden müssen. Aber der Hund Wassermann? »Nur still, Alter! Du kennst sie ja auch! Schlau, schlau! Fein, fein! Gib du nur auch Achtung und paß ihnen auf die Finger: wir kriegen sie doch noch, und sie sollen uns diesmal noch nicht unterkriegen. Du bist mein guter Hund – mein gut Hündchen – so, so – ja, da leckst du mit deiner guten Zunge! Bleib du nur bei mir; ich mache doch noch was Rechtes aus uns beiden. Paul Ferrari und Kompanie!... Nun guck, wie die Bestie, die dicke Person da, im Stuhl liegt und schnarcht! Fahr ihr an die Waden – nein, nein, laß! Bleib hier – hier unter dem Bette, daß ich dich abreichen kann. Sie merkt schon wieder Unrat, die Dicke, und sie schickt dich vor die Tür, und am Ende nehmen sie dich mir gar noch und lassen dich gar nicht wieder herein, und dann bin – ich – freilich – verloren – verloren – bankerott, bankerott!« Das war das Verhältnis zwischen dem kranken Mann und dem Hund, und so knirschte und winselte der erstere unter seiner Decke und entballte seine Faust nur, um sie dem andern auf den Kopf zu legen oder zum Lecken hinzuhalten unter den Bettrand, oder wenn das Tier die Vorderpfoten auf den Bettrand legte und den neuen Freund leise und wie tröstend anwinselte. Und sie merkten gar nichts von diesem Verhältnis. Was sie oberflächlich davon beobachteten, erfreute sie sogar, und sie sagten: »Der Hund ist ein wahrer Segen!« Und Natalie sagte seufzend in ihrem Herzen: »Das hat sich Ulrich auch nicht gedacht, als er einst dem armen Tier den Strick mit dem Stein vom Halse losband.« Als dann das von keinem von ihnen Erwartete eintrat, waren sie sämtlich außer sich, und wer von uns wäre das nicht gewesen?! – – – Die Frühlingssonne lag nun mit ihrem vollsten Glanze in den Gassen, und die Gassen waren so voll Menschen, daß man sich schon darunter verlieren konnte, wenn man es nur mit der gehörigen »Schlauheit« anfing. Der Leihbibliothekar machte drüben bei der jungen Nachbarin seinen frühen Morgenbesuch, ehe er sich zu dem gewohnten Tagewerk nach seinem Lokal verfügte. »Also morgen – morgen, Liebste!« sagte er und meinte die Rückkehr der Frau Professorin. Natalie errötete nicht. Sie hatte zu viel ertragen die letzte Zeit hindurch und zu sehr sich nach Hülfe und Trost sehnen müssen. Kaum hörbar sagte sie: »Ja, gottlob!«... Lauter fügte sie dann hinzu: »Selbst Wassermann scheint eine Vorahnung davon zu haben. Er ist die Nacht hindurch viel unruhiger gewesen als der Papa. Der hat, Gott sei Dank, recht gut geschlafen. Reden Sie nur mit ihm, lieber Freund; Sie werden sich recht darüber freuen, wie ruhig er heute spricht. O, wenn es doch so weiterginge! Ich wäre zu glücklich! Und wir wollten alle, alle so glücklich und dankbar sein!« Sie sahen glücklicherweise, und doch leider, nicht das Gesicht, das Herr Paul Ferrari unter seiner Decke zog. Er hatte kein Wort von dem Gespräch verloren. »Ja, wartet nur!« meinte er heimtückisch grinsend hinter seiner Faust. »Und jetzt wollt ihr mir noch mehr über den Hals kommen mit eurer Zärtlichkeit? He, he! Also morgen? Oh yes, good morning! Wartet nur.« Dabei tätschelte er wieder den Kopf des Hundes neben seinem Lager. »Du bist da, und wir verstehen uns. Nur ruhig, daß wir sie erst ganz sicher haben und unseres Weges gehen können. Ferrari und Kompanie! O wir finden ihn schon, unsern Weg. Du und ich – nicht wahr, du und ich?!« Der Hund leckte die fieberheiße Hand seines Kompagnons, und dann trat Achtermann in die Kammer: »Nun, guter Paul, ich freue mich ungemein zu vernehmen, daß es dir, unberufen, gut geht. Siehst du wohl, es ist so, wie ich jeden Augenblick mir, und in der letzten Zeit auch häufig dir, gesagt habe: Ruhe, Ruhe und immer wieder Ruhe! Was hättest du alles in deinem Leben und mit deinen Talenten erreichen können, wenn du nur ein wenig mehr Ruhe gehabt hättest!« »He?« fragte der kranke Mann mit den vielen Talenten. Und mit der Logik der Verrückten, vor der schon mancher Professor der Psychiatrie ratlos gestanden hat, fragte er weiter: »Und was hast du mit deiner Ruhe erreicht, Karlchen?« »Fräulein Natalie, er ist wirklich gottlob viel besser«, flüsterte der Leihbibliothekar der jungen Dame zu. »Hören Sie ihn nur! Haben Sie das eben wohl gehört? Ja, Sie haben recht – ein merkwürdiger Umschwung –, auch seine Augen sind ganz anders als gestern noch. Ich sage es ja: die Frau Professorin bringt stets Glück mit. Lassen Sie sie nur erst ganz wieder bei uns sein, und Sie werden sehen, daß sich alles endlich aufs beste ausgleicht. Aber meine Frau winkt von drüben!... Ja, ich gehe schon, meine Liebe! – Sie wissen, wie ich zu jeder Stunde bei Ihnen bin, Fräulein Natalie; aber verlassen Sie sich darauf, heute abend um neun Uhr – hoffe ich – wie gewöhnlich vorsehen zu können und Sie armes Kind und die gute Frau Naucke auf ein paar Stündchen abzulösen.« – Er ging auf den Zehen und unter dem Eindruck, daß sein Jugendfreund in seiner geistigen Verwirrung immer noch viel klüger als er sei. Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, gab auch Blanka ihre Ansicht und Meinung kund. »Daß gewissermaßen eine Verwandlung mit dem Herrn Rat vorgegangen ist, ist richtig. Herr Achtermann hat recht, und Sie haben recht, Fräulein. Wie wir hoffen, auch zum Bessern; das aber gerade ist der Punkt, mein liebes Kind, worüber die Herren Gelehrten nur lieber dann und wann auch mal unsereins ans Wort lassen sollten. Nämlich die Sache ist so: keine Illusionen, sondern immer 'n Posten vor die Gewehre, wie meiner Schwester Ältester, der Vizefeldwebel, sagt. Es sind Racker! Unsere lieben Patienten dieser Art meine ich. Besser ist er – der da! –, aber verlassen Sie sich darauf, er hat wiedermal mehr im Sinne, als wir wissen, und das ist's hauptsächlich, was ihn jetzt so hell macht. Ich muß das kennen; dazu ist man ja eben mit Liebe und Neigung in seinem Beruf. Diese Patienten werden immer dann am muntersten, wenn sie wieder was ganz Neues im Sinne haben. Das ist meine Erfahrung, und also sage ich weiter nichts als: lassen Sie uns ja auch fernerhin recht hübsch auf ihn passen!« Nicht wahr, sie hätten die Frau an mancher Seelenheilanstalt und Universität mit dem Titel »Herr Geheimer Sanitätsrat« recht wohl gebrauchen können?! – Der Leihbibliothekar Achtermann war seit lange nicht seinem Geschäfte so leicht und elastisch wie an diesem Morgen zugewandert. Man hat solche fröhliche Stimmungen, vorzüglich aber hat man sie nach längerem schwerem Gedrücktsein und vieler Beängstigung. Sie kommen und sind da, und der Mensch genießt sie in einem halben Wunder, und wenn er ganz offen sein will, auch nur mit halbem Vertrauen. Unser alter Freund gehörte nicht zu den Charakteren, die am liebsten die Welt als ein Pulverfaß sähen, um in jedem ärgerlichen Moment sofort ein brennend Schwefelholz hineinwerfen zu können. An dem heutigen Tage nun gar schien ihm jeder Winkel der winkelvollen Erde zu lachen, und allen denen, die da kamen und seine Bücher holten oder sie ihm wiederbrachten, hätte er gar gern ein gutes Wort mit auf den Weg gegeben. Er empfing sie wenigstens alle mit seinem freundlichsten Lächeln und entließ sie unter dem wohlwollendsten Händereiben. Es war heute alles angenehm, und vorzüglich der Blick alle zehn Minuten über die Gasse und an dem gegenüberliegenden Hause empor. »Den Besten«, sagte er, »wird es immer leicht, uns andere zu trösten und stets das richtige Wort für jede Gelegenheit zu finden. Laß sie, die das vermögen, auf längere oder kürzere Zeit oder auf immer weggegangen sein, und man merkt sofort, woraus eigentlich das Erdenleben, trotz aller großartigsten Weltgeschichte rundum, besteht. Die rechten Leute sprechen ein Wort, und es ist gut und es wird still. Sie lachen, und man klopft sich vor die Stirn und fragt sich: wie kann man nur so dumm sein, sich über das und das zu ärgern oder zu betrüben? Ja, und wenn sich die vom hohen Adel der Erde dann einmal selber nicht helfen können, weil sie nicht acht darauf geben, dann – haben wir armen Schlucker freilich das große Maul. Ja, was wissen wir denn vom hohen Adel unter uns? Nichts, gar nichts! Wenn wir etwas davon wüßten, so würde die Welt wohl ein wenig anders aussehen.« Nachher kam der Mittag, und Weib und Tochter kamen nicht mehr mit dem Eßkorb. Sie hatten zuviel zu tun zu Hause mit der Aussteuer. Der Gatte und Vater brauchte sich augenblicklich nicht mehr vor seinem eigenen Appetit zu fürchten – er aß in Butzemanns Keller zu Mittag! Gottes Segen über den alten trojanischen Onkel Pandarus, unsern Freund Wedehop! Das war freilich etwas anderes als der Tragkorb vom häuslichen Herde her samt den dazugehörigen magenverderbenden, schlundzusammendrückenden domestikalen Redensarten und Bemerkungen! Und dazu schienen die Kneipen von Tag zu Tag voller zu werden. Der Herzschlag des Volkes ging immer noch hoch, und die Unterhaltung und der Durst und die Meinungsverschiedenheit entsprachen überall dem Herzschlage. »Karl, ich sage dir, das ist die Zeit für mir und unsereinen«, sprach Butzemann, der wie ein schwitzender Halbgott im Gewühl stand und dem Freunde persönlich das Salz, den Senf, den Pfeffer und das Öl zuschob. »Nicht wahr, das Filet ist dich recht, Alter? Ja, eine merkwürdige, glorreiche Zeit, Achtermann! Auf den grünen Salat mache ich dir aufmerksam; er ist noch eine Speziellität in jetziger Epoche. Aber nun bitte ich dir auch, sieh dir mal um! Da ist der Dicke dort unter der Uhr. Seit Wörth kommt der Kerl jeden Tag, und ich habe Moltken, Fritzen, den König, Friedrich Karl und den alten Steinmetz in einer Person an ihm und möchte ihn um alles nicht missen. Und nun guck da gegenüber unter Bismarcken in Gips; das ist nämlich mein Privat-Bismarck in Fleisch und Blut, und er rückt mich hier das neue Deutsche Reich ganz gehörig zurechte. Laß dir deshalb nicht abhalten von's Filet; aber guck, da kommt eben wieder einer, der das Seinige bei mir wiegt. Das ist mein Simson – ich meine den Reichstagspräsidenten, nicht den mit die Philister, die Füchse und die Schwärmer an die Schwänze. Iß ruhig zu, Achtermann; seine Glocke bringt der Herr Geheime Registrator nicht mit, und zur Ordnung rufe ich nur hier dann und wann. Du staunst? Ja, staune nur! Jaja, sämtliche große Leute habe ich jetzo hier ins Lokal vertreten; es ist manchmal in schlaflosen Nächten von wegen meines Asthma selber manchmal mein blaues Wunder. Du wunderst dir? Ja, wundere dir nur! Alles geht jetzt mit, Karl; denn was soll man machen? Kerle fallen einem herein, die meine Hochselige gewiß nicht zweimal ins Lokal geduldet hätte; aber die große Zeit nimmt alles mit, und – ich auch! Weshalb auch nicht? Wenn alles blüht, weshalb sollte denn Butzemanns Keller und Weizen nicht auch blühen? Es kommt ja doch einmal alles an unsere Kinder!... Meine Herren, Ihr Tisch ist wie gewöhnlich reserviert! Louis, mach den Herren Platz und sieh mich nach dem Rechten für sie, hörst du?! Na, laß nur. Hier will ich doch lieber selber nach's Rechte sehen. Nehmen Sie Platz, meine Herren. Louis, sieh du da mal lieber nach unserm Virchow und Lasker, die liegen sich wiedermal nett in den Haaren. Soll ich Sie niederhelfen, Herr Kamerad?« Das letzte Wort war an einen jungen Mann gerichtet, der an einem Krückstock mühsam die Treppe herabgehumpelt war, und zwar in Begleitung einiger anderer jüngerer und älterer Leute, die entweder eine Binde um den Kopf oder den Arm in der Binde trugen. »Rücken Sie hier zu dem Herrn Bibliothekar; der stört Sie nicht und weiß auch ein vernünftig Wort zu reden«, sprach Butzemann senior zu den neuen Gästen. »Es lebe das Vaterland!« »Ja, es lebe das Vaterland!« rief Achtermann. »Wir alle wollen leben! Ich sehe tagtäglich die Leute zu Hunderten bei mir; aber wieviel es gibt und wie sie alle zu uns gehören, das merkt man doch erst in solchen Zeiten wie jetzt, mein guter Butzemann –« »Und an solchen Orten wie bei mir.« »Auch da. Meine Herren, ich wünsche Ihnen einen guten Appetit! Mein guter Butzemann, ich sitze hier heute wirklich mit so leichtem Herzen, daß es eine wahre Erquickung ist. Unser Paul – ich versichere dich, ich habe ihn seit seiner Heimkehr nicht so ruhig und verständig gefunden als an diesem Morgen. Ich hoffe auch da wirklich und wahrhaftig jetzt das Allerbeste.« Der erfahrene Mann des Kellers zog die Schultern in die Höhe, wie sie Madam Naucke emporgehoben hatte. Er erwiderte aber weiter nichts und war auch nicht dazu imstande. Das freundliche Kind, sein Louis, schien diesmal leider nur Öl in die zwischen seinem Lokal-Lasker und Privat-Virchow aufgeloderte Flamme gegossen zu haben. Er hatte selber zu gehen, um den zwischen beiden ausgebrochenen parlamentarischen Konflikt in möglichstes Güte durch ein mehr oder weniger gelungenes Kompromiß auszugleichen. Dann kam der Nachmittag und brachte für den Leihbibliothekar die gewohnte Geschäftstätigkeit. Dann kam der Abend und brachte die rosige Meta mit der Benachrichtigung: »Papa, du brauchst auch heute abend nicht auf mich und die Mama zu rechnen. Wenn du dich da drüben wieder zum Narren machen und halten lassen willst, so können wir nichts dagegen machen. Tu also, was du willst, sagt Mutter. Louis meint auch, daß es wirklich das beste und bequemste sei, wenn man jetzt schon sich's angewöhnte, nicht mehr Rücksicht als nötig aufeinander zu nehmen.« »Schön, mein Kind. Wo werdet ihr denn den Abend zubringen? Du weißt, wie lieb es mir ist, wenn ich euch heiter und angenehm aufgehoben weiß.« »Ja, das weiß ich. Adieu also«, sprach das Töchterlein und ging. Dann kam die Nacht. – Siebenzehntes Kapitel Es war eine ruhige Nacht, und durch ihre Stille keuchte ächzend und mit verhältnismäßiger Langsamkeit der lange Eisenbahnzug, der die Freunde nach Hause brachte. Es war ein großer Rekonvaleszentenzug; Herr Ulrich Schenck war nicht der einzige darauf, der noch einen Nachklang des Wundfiebers in den Knochen und Nerven spürte. Wedehop schlief. Er hatte auf jeder Station die ganze unendliche Wagenreihe sozusagen bemuttern müssen, und was in dieser Beziehung durch gute Reden und stärkende oder erfrischende Getränke zu leisten war, das war von ihm geleistet worden. Sämtliche Verpflegungskomitees unterwegs ließen sich seine Visitenkarte zum Andenken geben und hätten noch lieber seine Photographie genommen: » Der ist wirklich gut!« hatten sie mit einigem Erstaunen sämtlich gemeint, und zwar in allen deutschen Dialekten, die das Schienengeleise von Südwest nach Nordost durchschnitt. Die besten Reden und Trostworte machen auf die Länge aber doch auch die Kehle des tröstenden Menschenbruders nicht feuchter; und so hatte dieser »Wirklich gute Berliner«, was die Getränke anbetraf, natürlich sich selber auch nicht außer acht gelassen; – und – einer kann nicht alles allein: Wedehop schlief wie ein toter Sieger gegen Ende der nächtlichen Fahrt. Dagegen wachten Mutter und Sohn, die zu Anfange der Fahrt geschlafen hatten. Sie sprachen auch leise miteinander; für uns aber tritt wieder einmal der Fall ein, den man sich so schwer klarmacht, nämlich daß man, je mehr man in der Seele eines andern Bescheid weiß, desto schwieriger von seiner Kenntnis durch Wort und Schrift Rechenschaft ablegen kann: immer vorausgesetzt, daß es sich, praemissis titulis, wirklich um Menschen und nicht bloß um Leute handelt. Auf die Titel kommt's stets wenig an, sie dürfen dreist weggelassen werden – im erstern Fall, wenn, wie gesagt, von Menschen die Rede ist. – Wir müßten die Umdrehungen der Räder unter ihrem rollenden Wagen zählen können, wenn wir die Gedanken und auch Gedankenspiele dieser Mutter und ihres Sohnes in dieser schlummerlosen Nacht nachrechnen wollten, vorzüglich gegen die Zeit der Morgendämmerung. »Mama«, sagte der Junge z. B., » eines bringe ich außer dem gelähmten Flügel aus dem allerneuesten welthistorischen Wirrsal mit: die Überzeugung, daß wir das deutsche Volk sind und bleiben, ob es sich auch jeder noch so bequem in seiner eigenen Ansicht macht. Das außergewöhnliche Ereignis führt da nicht bloß den einzelnen, sondern auch die Menge in die Schule – der große Krieg nicht bloß den einzelnen, sondern die ganze Blase –« – Blase?« fragte die Frau Professorin. »Das ist ein statistisch-studentischer Ausdruck für mehr als drei – Volk – Nation – kurz den ganzen momentan vorhandenen Haufen oder Rummel, wenn du lieber willst, Mama. Nimm ihn mir nicht übel, den Ausdruck nämlich, – Wedehop schläft. Aber was ich sagen wollte, also was ich als edles, unsterbliches deutsches Volk mit bedeute, das kann ich ja wohl ruhig auch fernerhin in den Schoß der Götter legen; aber als ein individuelles Geschöpf hätte ich es doch nie für möglich gehalten, daß ich je so nervenschwach wie heute nach Hause kommen würde! Zeus auf dem Ida hat sich nie so hinter den Ohren gekratzt wie ich jetzt. O, beim Zeus, ich weiß ganz genau, wie es dann und wann auch im Olymp aussieht und was ein Götter-Katzenjammer zu bedeuten hat!« »Mein armes Kind, wir werden dich allgemach schon wieder auf die Beine bringen. Ich und –« »Natalie! Meine süße, tapfere, menschliche, nervenstarke Natalie! Ach, Mama, der brave Pariser Epicier mit seiner nichtswürdigen Gewürzkugel ist es nicht. Es ist auch nicht die Angst um das arme Mädchen – ihres Vaters wegen –, was mir das Näherkommen und das, was ich noch an heilen Gliedern nach Haus bringe, so zitterig macht. Der dumme Brief ist es! Der Brief, den ich ihr und dir damals schrieb mit ganz gesunden Gliedern, mit der Aussicht auf das belagerte und vielleicht mit Sturm genommene Paris, mit der Hol's-der-Teufel-Stimmung aus all den Schlachten in den Knochen! Ich kann doch auch wohl, wenn ich mir Mühe gebe, einen vernünftigen Brief schreiben! Was wird sie nun von mir denken? Was wird sie sagen? Wird sie mir überhaupt etwas sagen? O Mama, so kam der arme Sünder vom Träbernfressen. So muß man nach Hause kommen, um bis ins Mark hinein zu erfahren, daß der Mensch als Individuum gegen Individuum und nicht als einzelner gegen die Masse steht, um seine Neigungen und Abneigungen bis ins Tiefste durchzukämpfen! Da drüben unter den vierzig Millionen Franzosen habe ich vielleicht durch einen Druck des Fingers mein zweites Ich in romanischer Fassung aus dem Buche des Lebens weggeputzt; und ich sage dir, wenn ich das hier schriftlich hätte, vom Maire von Paris unterschrieben und untersiegelt, so würde es mir doch ungeheuer gleichgültig sein. Weshalb stand der Esel, der M. Ulric Tavernier, gerade da! Ja sogar eine gewisse Genugtuung könnte ich verspüren, denn ich kenne mich viel zu gut, um allzuviel Wert auf mein Ich in gegenwärtiger germanischer Fassung zu legen, – Nun aber Natalie?! Weshalb mußte sie denn gerade da stehen oder vielmehr tagtäglich mit ihrer Musikmappe zu dir kommen, Mama?... Ich habe sie nun so herzlich lieb –« »Und der alte Goethe sagt: Höchstes Glück der Erdenkinder Ist nur die Persönlichkeit; und was ihr Persönchen anbetrifft, so ist da wirklich nicht das allergeringste dran auszusetzen; nicht wahr, mein Kind?« Der junge Mann lachte trotz seiner wohlbegründeten Beängstigungen: »O ihr unsterblichen Götter!« »Nun denn«, lächelte die Mutter im schwachen Schein der Wagenlaterne, »so versuche ich es noch einmal, ein halb Stündchen weiter über meine reuigen Anwandlungen und in meine guten Vorsätze weg- und hineinzuschlafen. Wir kommen jedenfalls währenddem auch hier dem Wendepunkt immer näher; ich gebe dir mein Wort darauf.« »Hast du das – was das Schlafen anbetrifft – in den Krisen deines Lebens stets so gemacht, Mama?« »Ja. Ich habe gottlob immer einen guten, ruhigen Schlaf gehabt. Zu jeder Stunde des Tages und der Nacht. In der Schlacht und im Frieden. Da hat selbst der erste Napoleon nichts vor der Frau Marie Schenck vorausgehabt auf seinen Schlachtfeldern.« »Gens nobilissima sumus!« murmelte der Sohn. »Ein adelig Geschlecht sind wir!« Und er überlegte mit grimmigem Bangen, was er zu tun und zu lassen habe, um diesen alten Adel, soviel es an ihm lag, aufrechtzuerhalten. Da fanden sich denn freilich allerlei Gedanken ein, die fähig waren, einen Menschen wach zu erhalten. Gesprochen wurde lange Zeit durch nichts weiter; aber die Räder drehten sich, der Zug donnerte über Brücken und auch einigemal durch das Eingeweide eines Berges. Er schnob durch die Täler und vorüber an großen und kleinen Ortschaften – immer weiter, zuletzt durch die weite Ebene und die Morgendämmerung. Sie waren wohl berufen, diese beiden Menschen, frei durch zu gehen; aber den Rädern unter ihnen hatten sie sich doch anheimzugeben. Wir wären oder würden allesamt wahnsinnig, wenn es uns nicht gegeben wäre, im ewigen Sturm, der uns umtreibt, dann und wann an Windstille zu glauben und das, was nie ist und sein kann, für ein Wirkliches zu nehmen. Diese beiden Reisenden, Mutter und Sohn, schliefen nicht; sie träumten mit offenen Augen von der Stille und Sicherheit des Daseins. Es schlief aber der Herr Leihbibliothekar Achtermann am Bett des mexikanischen Pulvererfinders – es schlief Natalie Ferrari auf ihrem kleinen Sofa, und Madam Naucke schlummerte sanft im Kreise ihrer Familie in der eigenen Behausung. Punkt Mitternacht ging ihnen allen der Kommissionsrat Señor Pablo durch, und zwar in Begleitung des Hundes Wassermann. Es war merkwürdig, wie gern der kluge Hund mit ihm ging! Auch Kinder, Verrückte und Tiere gehen wohl frei durch. Uns verständige Leute sollte jedesmal, wenn wir den Weg nicht zu finden wissen, ein Grauen ob dieser Tatsache ankommen. Achtzehntes Kapitel Wir haben selber mitgesessen und wissen es ganz genau, wie weit in jener Krieges- und Siegeszeit das deutsche Volk in seinen Kneipen in den lichten Morgen und das neue Reich hinein saß. Unter den väterlichsten Regimenten war die Polizeistunde zu einem Mythos, einem fernst abliegenden Mythos geworden. Spätere Geschlechter werden es wahrscheinlich nicht für möglich halten; aber es war doch so: die Polizei saß mit und triumphierte, angenehm aufgeregt, gleich der übrigen germanischen Menschheit. Wie alle übrigen Lokale der Stadt war auch Butzemanns Keller nach Mitternacht noch bis zum Überfließen voll, jedoch um diese Zeit voll einer anderen Gesellschaft als die, welche der Leihbibliothekar in der Stunde seines Mittagsessens dort traf. Butzemanns Moltke und Bismarck, sein Friedrich Karl und sein Steinmetz schliefen zu Hause den Schlaf ihrer Wichtigkeit. Sein Simson, Lasker und Virchow gleichfalls. Sein Zentrum lag auf seinem Zentrum, vorausgesetzt, daß es sich nicht auf die rechte oder die linke Seite gedreht hatte. Unter den Enthusiasten der Zeit und Weltlage drängten sich andere Faktoren und Repräsentanten des öffentlichen Wesens und der Tagesgeschichte jetzt, d. h. nach Mitternacht, ein, bemächtigten sich der Plätze eines großen Teils jener solideren Elemente der politischen Bewegung, stemmten die Ellbogen auf und schrieen weniger nach der Speisekarte als nach Getränk, und zwar von den stärkeren Arten. Auch Damen wurden nunmehr wohl mitgebracht, und die Inhaber des Lokals, Vater und Sohn, sowie ihre Leute, hatten sicherlich einige Ursache, dann und wann auf ihre Bestecke oder auf den Überrock des letzten, ihnen genau bekannten Stammgastes am Nagel zu achten. An manchem Tische ging es manchmal selbst dem sonst alles vertragen könnenden guten Kinde, Herrn Louis Butzemann, zu bunt her; und so war es denn durchaus dem Verkehr angemessen, als plötzlich dem Vater Butzemann inmitten dieses Getümmels die Arme hinter seinem Schenktische am Leibe herniedersanken und er stammelte: »Zum Donnerwetter – Achtermann?! Träume ich das oder träumst du es?... Lou-ih! Gucke mich – ist denn dieses – aber Achtermann, Karl! Bist du es denn mit Leib und Seele, oder bist du 's als Geist allein?« »Ja, Achtermann, Achtermann, Achtermann!« kreischte der Leihbibliothekar im Gegensatz zu dem Schenkwirte mit hocherhobenen Armen. »Wacht er oder schläft er? Träumt er das – Achtermann?! Das ist freilich die Frage. – Lachen Sie nur, meine Herren! Butzemann, er ist weg – fort – und ich Unglückseliger bin schuld daran!« Der vierschrötige Kellerbesitzer hielt den zitternden alten Freund mit der einen Faust an der Schulter aufrecht. Mit der andern Hand holte er wie mechanisch eine Flasche vom Gestell zur Seite herab. »Kerl?!... Karl?! Du bei mir um Klokke eins? Geht die Welt unter oder kommt mich hier eine neue herauf und läßt mir durch dich grüßen? Louis, ein Likörglas! Er rutscht mich hier unter der Hand zusammen. Rasch, Bengel; und schieb ihm einen Stuhl unter. Meine Herren, bitte, drängen Sie nicht zu sehr heran und herum. Es ist nichts weiter als ein guter Freund und Verwandter von mir, der mich auf einmal an Nachtwandelei zu leiden scheint.« »Die Welt geht mir freilich unter, Butzemann«, stöhnte der Leihbibliothekar. »Hier hat er also seinen Weg nicht her genommen? Das war meine letzte Hoffnung – und – jetzt – kann – ich – auch verrückt werden. O Gott, ich wollte, ich wäre es schon!« »Schlürfe mich erst mal diesen Giftstoff; er wird dir guttun. So!... Nicht wahr? Jetzt fühlst du dir schon wohler. Ich nehme auch einen – der Harmonie wegen. Schön! Und nun äußere dir, Achtermann, und zwar verständnisvoll, wenn's auch zum letztenmal in deinem Leben sein sollte.« Die Hände ringend, schluchzte der Leihbibliothekar: »Wie er es möglich gemacht hat, wird mir in alle Ewigkeit ein Rätsel bleiben. Alexander Dumas père hat so was nicht erfunden, wenn ich auch immer noch ein Gefühl habe, als hätte ich es bloß irgendwo einmal gelesen. O Gott, o Gott, wäre es nur so! Aber es ist ja gräßlicherweise eine zu wirkliche Gewißheit! Ich saß in dem Lehnstuhl vor seinem Bette; Fräulein Natalie schlummerte in der Stube nebenan auf dem Sofa. Daß sie einen Totenschlaf schlief, war wohl natürlich; aber – ich! Ich! Ich! Ich armselige, nichtsnutzige Nachtmütze! Ja, ich unglückseliger Mensch, ich trage die Schuld, und alles, was auf diese entsetzliche Nacht folgen wird, fällt mir zu. – Jetzt weiß ich auch wieder, was mir träumte, während ich die Augen sperrangelweit hätte offenhalten sollen. Es war, als sei meine ganze Bibliothek rings um mich her lebendig geworden. Der Blumen Rache kennst du wohl nicht, Butzemann, – du auch nicht, mein guter Sohn Louis?! Was hilft es mir also, euch zu schildern, um wieviel beängstigender mein Traum war. O, und er hat denn auch mit etwas bei weitem Schrecklicherem als dem bloßen Tode durch Blütenduft geendigt. So hat er es fertiggebracht, in Rock und Hosen zu kommen –« »Halt mal«, sprach Butzemann senior. »Fasse dir doch mal ein bißchen orthographischer. Wer hat dies fertiggebracht?« »Paul Ferrari! Unser guter Paul!« jammerte der Leihbibliothekar. »Und er hat auch den Hausschlüssel an seinem Nagel hinter der Tür gefunden; und Wassermann – und das ist das Unbegreiflichste nach meiner grenzenlosen Unachtsamkeit! –, Wassermann hat keinen Muck von sich gegeben, sondern muß sich gleichfalls auf den Zehen mit fortgeschlichen haben, und als ich auffahre und um Hülfe schreien will, weil mir die ganze deutsche Literatur von fünfzehn bis dreißig auf den Hals fällt, da habe ich in Wahrheit Grund, um Hülfe zu schreien. Das Bett vor mir ist leer! Die Stubentür steht halb offen! Wassermann ist fort! Paul ist weg, und ich – ich stehe taumelnd und weiß weiter nichts, als das arme, unglückliche Kind, unsere Natalie, aus dem Schlafe durch mein Geschrei zu wecken!!!« »Weiter blieb dir diesmal wirklich wohl nichts übrig!« brummte Butzemann nach einer geraumen Pause. »Halt noch mal 'nen Moment.« Er stellte die Flasche mit dem »süßen Gift« wieder an ihren Platz und holte eine andere herab, die einen stärkern, bitterern Trank enthielt. Bedächtig füllte er sein Spitzglas, ließ den Inhalt langsam die Kehle hinabfließen und sprach: »Für dir ist das nichts, Achtermann. Übrigens war die Idee, ihn hier zu suchen, eigentlich gar so übel nicht. Wenn du ganz von selber drauf gekommen bist, so mache ich dir mein Kompliment und hätte es dich, offen gestanden, nicht zugetraut. Recht hast du aber, Karl, die Sache will reiflich überlegt werden, also –« Er goß sich noch ein Glas ein und ließ es dem andern nachgleiten. »Wie du es anfaßtest, sehe ich; aber mir ist doch gegenwärtig das Fräulein die Hauptsache, Karl! Ihn werden wir auf die eine oder andere Weise schon wiederkriegen, aber – das Fräulein! Mich kränkt bei der ganzen Sache das liebe Fräulein – und noch dazu in diese nachtschlafende Stunde, wo keiner sein eigen Kind gern in Not weiß. Louis, vielleicht können wir dir hier endlich mal nützlich verwenden; doch davon später! Vor allen Dingen jetzt, Achtermann, was hast du mit dem Fräulein angefangen? Wo hast du es gelassen, währenddem du jetzt hier deinen Gefühlen Luft machst?« »Das Fräulein?... Fräulein Natalie?! Das Fräulein sitzt auf dem Bezirkspolizeibüro. Es ist fürchterlich; und ich habe ihr versprochen, sie dort wieder abzuholen.« »Das sieht dir ähnlich«, schnarrte Butzemann senior, die Faust schwer auf seinen Schenktisch fallen lassend. »Meine Herren, da Sie allesamt an uns teilgenommen haben und gesehen haben, daß auch der beste Restaurationsbesitzer mal seine Privataffären haben kann, so werden Sie mich gütigst in diesem Momang begreifen, wenn ich leider sagen muß: Polizeistunde, meine Herren und Damen!... Ich schließe die Bude für heute oder eigentlich für gestern; aber mit dem frühesten bitte ich mir wieder die Ehre aus! Butzemann ist mein Name. Sollte Ihnen unterwegs, was man nicht wissen kann, ein desolater ältlicher Herr in den schlechtesten Jahren und mit einem gelben Köter bei sich begegnen, so haben Sie eben genug gehört, um zu wissen, daß mich fünf Taler Finderlohn in diesem Falle nicht zuviel sein können. Louis, laß dir von den Herrschaften zahlen und schraub das Gas aus. Donner und Doria, das wird denn wohl wiedermal eine Nacht, in der Morpheus seine Arme vergeblich nach einem ausstreckt. Na, dafür ist man denn Wirt und weiß, was zu's Metier gehört. – Haben Sie alle gezahlt? Ja? Bon! Denn komm her, Louis mein Sohn; hole mich Hut und Stock und bringe dich deine Mütze mit. Dir traue ich für diese heillose Geschichte eine Nase zu wie keinem von uns! Nun ahne mich mal, mein Junge, wo er wohl am ersten seine Schritte hingelenkt haben kann, da er nicht hier bei uns hereingefallen ist.« »Nach auswärts«, brummte und meinte verdrossen gröblich der freundliche Jüngling. »Der ist nach Amerika oder nach Mexiko wieder oder sonst wohin, aber so weit als möglich. Und wenn ich mich an seine Stelle hindenke, mit vernünftigem Verstande, so überschlüge ich drei Stationen zu Fuße, ehe ich auf der vierten das Billett zum Ausreißen per Dampfachse löste.« Der Vater Butzemann betrachtete sich sein Kind, als ob er eine erkleckliche Summe für die Erlaubnis dazu gegeben hätte. »Na?!« sagte er, und erst nach einer ziemlichen Weile fügte er hinzu: »Da wäre es mich doch lieb, wenn du so spät als möglich von diese deine Welterfahrnisse Gebrauch machen wolltest, mein Sohn!« Für sich sprach er: »Das ist mich ja ein wahrer Segen, daß ihn Achtermanns Meta da feste hat! Alle Teufel, da sollte man ja wirklich auf alle elterliche Gartenkultur verzichten!« Lauter, doch immer noch sehr betroffen, wendete er sich an den Leihbibliothekar und meinte: »Also wird es vor allen Dingen jetzt das erste sein müssen, daß wir die junge Dame wieder von deinem Revierleutnant abholen; denn was sie da eigentlich sitzen soll, sehe ich gar nicht ein.« »Oh!« ächzte der Leihbibliothekar. »Und du, Louis, du bleibst mich hier und bleibst mich wach, bis wir zurückkommen. Mit deine schönen Grundsätze mag ich dich diesmal doch lieber nicht zur Begleitung. Neue Gäste läßt du mich nicht mehr ein, und wenn sie dir noch so arg den Pariser Einzugsmarsch an die Tür trommeln. Hörst du?... Und jetzt komm, Achtermann. Ich denke, in der freien Luft wird dir auch wohl ein bißchen besser und frischer zumute werden.« So traten sie hinaus in die dem Morgen zutreibende Nacht. »Ah! is das 'ne Erquickung!« seufzte Butzemann, die kühle Luft mit Behagen einziehend. »Das weiß doch nur so'n unterirdischer Kellerkosake, als wie unsereiner nach seinem vollen Gehalt geeicht, zu würdigen!« Den Leihbibliothekar aber fröstelte in seinem Fieber, und er schauderte zusammen und schüttelte sich. »Eine ganz verfluchte Geschichte ist es«, brummte Butzemann. »Grenzt ziemlich nahe an die von die Nähnadel im Heuwagen! Da suche mich mal jemand, der nicht sein gut Dutzend Ulanenregimenter sich vorauf auf alle Wege zum Umgucken schicken kann. Na, die Vorsehung und die Güte Gottes sind auch was wert in solchen Fällen. Das habe ich wenigstens immer gefunden! Marsch, Alter! Das Fräulein, das Fräulein! Ich kriege es nicht fertig, sie mir in diese nichtswürdige Situation hereinzudenken, und wenn der Revierleutnant noch so höflich ist und ihr sogar, zum Henker, seinen Stuhl angeboten hat, was mich weniger glaublich als möglich vorkommt.« Ihre Schritte hallten beängstigend hohl wider in den menschenleeren Straßen. Der Leihbibliothekar hätte wohl jeden Nachtwächter, der ihnen aufstieß, nach dem Flüchtling ausforschen mögen; aber Butzemann meinte ganz richtig: »Das hilft dich zu gar nichts, Achtermann. Die haben auf ganz was anderes zu passen als darauf, daß du deine Pflicht und Krankenwacht verschläfst. Die Vorsehung – ich sage, die Vorsehung – das ist das einzige, was uns jetzt aus der Patsche helfen kann.« In demselbigen Augenblick sprach an einer Straßenecke, um die sie eben biegen wollten, eine rauhe, sozusagen gesättigte Stimme im zitierenden Pathos: »Die Sonn erscheint hier, wo mein Degen hinweist; – – – Zwei Monde noch, und höher gegen Norden Steigt ihre Flamm empor, und grade hier Steht hinterm Kapitol der hohe Ost.« Im grauen Morgendunst deutete eine breitschulterige Schattengestalt mit dem Wanderstabe auf den schattenhaft sich vom grauen Himmelsgewölbe abhebenden Rathausturm, und Achtermann stieß einen Schrei aus: »Wedehop!... Oh, die Vorsehung!« »Wie?... Wo? was?« schallte es zurück. »Täuschen mich meine Sinne? Träume ich das oder träumt mich ein anderer? Achtermann!« Zwei andere Gestalten traten rasch um die Ecke. »Madame mère, ist das ein Wüstengesicht im Sande der Mark, oder kann so etwas wirklich sein? Ulrich, ich bitte dich!... Und Butzemann auch?!« »Ja, Butzemann auch, Doktor! Das ist nochmal recht hübsch von Ihnen, daß sich das so macht. Achtermann hier nennt es eben die Vorsehung, Frau Professorin. Wie Sie und der junge Herr da es nennen wollen, steht bei Ihnen; aber nett ist das von Ihnen – da ist kein Zweifel!« Es war ein Glück, daß die Mutter und der nervenschwache Sohn im Schein der Gassenlaterne und in diesem Morgennebel nicht bloß auf die verstörten Mienen ihres alten Freundes Achtermann stießen, sondern daß sie vom einen auf den andern sehen konnten, nämlich auch unserm Freunde aus dem Keller in das gutmütige, breite, stoisch-philosophische Gesicht. Mit Interjektionen war hier aber nichts weiter auszurichten. Sie trafen sich an dieser Straßenecke, wie es von Anfang an oder dem, was der kurzsichtige Mensch so nennt, bestimmt war. Worüber noch Tage, Wochen, Monate, ja Jahre lang von ihnen allen gesprochen werden sollte, das hatten sie fürs erste in den Raum von fünf Minuten kurz zusammenzufassen; und was in dieser Hinsicht eigentlich unmöglich war, das erwies sich wieder einmal als das Selbstverständlichste und Natürlichste. Sie brauchten nicht einmal fünf Minuten, um sich gegenseitig das Notwendige mitzuteilen. Neunzehntes Kapitel Der Polizei-Revierleutnant und sein Revier! Es gibt Hunderttausende, die sitzen in ihren kleinen stillen Städten, auf ihren Dörfern, und das Rotkehlchen singt ihnen vor ihrem Fenster, und sie hören den Kuckuck in ihren Morgenschlaf hinein. Sie hören die Hähne, vielleicht auf dem eigenen Hofe; und wenn einmal ein Hund in ihrer Nachbarschaft den Mond anbellt, so haben sie am folgenden Morgen ein Gesprächsthema, das sich nach rechts und links zum Nachbar hinübertragen läßt, eine Unterbrechung der gewohnten Stille, deren man gedenken kann, wenn der Mond am folgenden Abend von neuem aufgeht. Auch im Winter der Schnee, wenn er gegen das Kammerfenster dieser glücklichen Leute rieselt, ist ein ganz ander Ding als der Schnee, der durch das Revier des Revierleutnants nächtlicherweile getrieben wird. Wir aber, wir erzählen an dieser Stelle besonders für die Leute mitten im idyllischen Grün, die keine Ahnung davon haben, was ein großstädtisches Polizeibüro in den ersten Stunden nach Mitternacht bedeutet. Zu bedauern ist nur, daß wir nicht die Frau Marie ihnen davon erzählen lassen können. Sie, die doch in so vielen Dingen Bescheid wußte, hatte diesen Ort zu solcher Stunde auch noch nie betreten – von den besonderen Umständen, die sie jetzt dahin führten, gar nicht zu reden. Sie schilderte nachher mündlich sehr gut; – viel besser, als wir es hier schriftlich vermögen. Die beiden Herren, M. Ulrich und Wedehop, waren mehr als einmal drin gewesen. Butzemann »kannte die Geschichte auch«; und – die Frau Professorin Schenck ergriff plötzlich nicht den Arm ihres Sohnes oder den Wedehops oder Butzemanns Arm, sondern den Arm des Leihbibliothekars Achtermann und zog diesen, den übrigen vorauf, in die Tür. Hinter ihnen drängte sich ebenso hastig der künftige Geheime Kunstrat, während Wedehop und Butzemann, wenn auch teilnahmsvoll erregt, so doch ruhiger als solider Rückhalt auf dem Fuße folgten. Und so – fanden sie Natalie Ferrari im Lichtkreise der Lampe über dem Schreibpult des Leutnants, diesem laterna-magica-haften Lichtkreise, durch den sich soviel Elend und Jammer, so manche Schande und so manches Verbrechen, so buntes, drolliges, possenhaftes Leben schob – auch nicht anders, als ob es, nur ein wenig farbiger auf Glastafeln gemalt, durchgeschoben werde. Sie fanden das arme Mädchen in ziemlich ruhiger Unterhaltung mit dem Herrn Leutnant. Dieser Herr, unter dessen Nase vorüber so manche Dinge gingen, von denen sich gottlob die meisten Leute, wie gesagt, nichts träumen lassen, hatte sich ihr, wie sie, freilich erst Wochen später, sich äußerte, als ein gar nicht übler Mann kundgegeben. »Was er anfangs, als ich ihm so verstört auf den Hals fiel, von mir denken mochte, kann ich nicht sagen. Außer mir war ich natürlich, Mama (o der Schrei, mit dem mich Achtermann aus dem Schlafe aufjagte, gellt mir heute noch in den Ohren!), und so erschien er mir, ich meine, der Herr Leutnant, zuerst unbeschreiblich rücksichtslos. Sie hatten ihm aber auch zu gleicher Zeit einen betrunkenen jungen Engländer und ein unglückliches Geschöpf, das jemandem die Uhr aus der Tasche gezogen haben sollte, zugeschleppt, und so sprachen wir zuerst alle drei auf einmal auf ihn hinein, und ich glaube fast, ich ebenso laut wie die andern und jedenfalls auch so unverständlich. Arme Frauenzimmer bleiben wir doch stets, ob wir um Mitternacht eine Uhr gestohlen haben oder nicht; und ich hatte geradesogut den Kopf verloren wie eine Mutter mit sechs Kindern bei einem nächtlichen Brande. Es war ein wahres Glück, daß ich in allen meinen Kleidern auf dem Sofa gelegen hatte, als mich der arme Achtermann durch sein Geschrei weckte. Ich sage dir, Mama, ich wäre mit ihm gelaufen, wie ich sein mochte, ohne mich nur eine Sekunde lang auf den nötigen Anstand zu besinnen!... O Mama, dem Herrn Revierleutnant müssen wir noch in einer hübschen, höflichen Art irgendeine Liebe antun. Wäre er verheiratet, so hätte ich schon längst seiner Frau eine Visite gemacht; da er es aber nicht ist, so mußt du zu ihm gehen, oder Ulrich muß ihm noch einmal persönlich danken für seine freundliche Ruhe in jener Nacht, nachdem wir den englischen Gentleman besorgt und auch das arme Mädchen mit der Uhr abgefertigt hatten. Jetzt, wo ich alle meine Sinne wieder ordentlich beieinander habe, ist es mir um so unbegreiflicher, wie geschickt und tröstlich er sich und mir damals meinen Zustand klarzumachen wußte! – ›Mein Fräulein‹, sagte er, ›von Buffon haben Sie wohl gehört; – er war ein großer Naturgeschichtskundiger und brauchte nur einen Knochen, um sich das ganze ausgestorbene Tier daraus wieder zurechtzukonstruieren; uns von der Polizei (erschrecken Sie nicht!) genügt das Faktum, daß Ihr Herr Papa den Hund mitgenommen hat, um Ihnen die beruhigendste Versicherung geben zu können, daß wir beide wiedersehen werden (nicht wahr, Wassermann heißt der Steuerpflichtige?) und den Herrn Papa, wie ich hoffe, hoffentlich nicht unwohler als vorher. Bitte, nehmen Sie Platz, Fräulein. Nicht da auf jener Bank! Erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen Stuhl anbiete. Sehen Sie, ich spreche nicht ohne Erfahrung: wer an das – absolute Weggehen aus unserer löblichen Zivilisation denkt, der nimmt keinen Begleiter mit und am allerwenigsten einen Hund – verlassen Sie sich drauf. Der aufgeregte Herr (Achtermann nannten Sie ihn?) will hier wieder vorgelaufen kommen; erwarten wir ihn also; ich würde gewiß selber – meiner Schwester nicht anraten, in einer abnormen Lage gleich der Ihrigen wieder nach Hause zu gehen. Bleiben Sie hier, bis dieser Herr Achtermann Sie abholt; sehen Sie einmal unsern Apparat arbeiten, das wird vielleicht Ihre Nerven etwas beruhigen; ich würde sagen: es wird Sie ein wenig zerstreuen, wenn das das richtige Wort wäre.‹ – Mama, ich bin geblieben und habe den Apparat in jene schreckliche Nachtwelt hinein arbeiten sehen, und – oh, könnte ich dir doch ganz deutlich sein! – meine Nerven haben sich wirklich und wahrlich nach und nach beruhigt. Ich habe auf Achtermann gewartet – nur dann und wann mit dem Taschentuch zwischen den Zähnen, des dummen Schluchzens wegen – bis – ihr kamt!«... » Bis ihr kamt!« Bis zu ihrem letzten Atemzug wird Frau Natalie Schenck alle ihre höchsten Begriffe von freiem, erlösendem Aufatmen, von glücklichem Erwachen aus schwersten Träumen, von Äther überm Bergesgipfel, von frischestem Wehen über sonniges Meer mit diesen drei Worten in Verbindung bringen. Der Herr Revierleutnant, der so manche sonderbare Szene an sich vorbeigehen sah und sie meistens möglichst rasch zu vergessen strebte, bemühte sich merkwürdigerweise, diese im Gedächtnis festzuhalten, und es gelang ihm auch. Ein recht freundliches Verhältnis zu braven Leuten, das weit über ein höflich Grüßen über die Straße weg hinausging, knüpfte sich späterhin daran. – Nun hatten sie wohl beide, – Ulrich und Natalie –, und nicht allein aus der Bibliothek ihres alten Freundes Achtermann heraus, sich ihre Phantasien über die inhaltvollste, wunderbarste Stunde ihres Lebens zurechtgemacht. Daß sie grade den Mond dazu hatten scheinen lassen, daß sie das Ganze mit Abendrot und Waldduft übergossen hatten, braucht nicht behauptet zu werden; aber das ist gewiß, daß sie die feierlich-schönen Momente nicht in diese übelduftende, anrüchige, verrauchte Polizeistube und in diese sonderbare Stunde des trübe anbrechenden Morgens verlegten. Einen verwundeten, verbundenen, gelähmten Arm des glücklichen Liebenden hatten sie sich wohl auch nicht als unumgänglich notwendig dazu gedacht; aber sie nahmen alles hin, wie es ihnen gegeben wurde, und gaben sich einander nicht nur vor Mutter und Freunden, sondern auch, da es nicht anders sein konnte, vor dem Revier-Polizeileutnant und seinen behelmten, rapportierenden und sehr große Augen machenden Untergebenen. Als Leutchen, die ihrer Jugend zum Trotz stellenweise zu den verständigen Menschen in diesem Erdendurcheinander gerechnet werden konnten, verließen sie sich unter Umständen ohne alle Naseweisheit auch auf die Weisheit der Vorvordern. Sie taten diesmal wohl daran; sie konnten gar nicht besser tun. Es sind die Vorvordern, die es schon längst ausfindig gemacht haben, daß Zeit und Umstände auf niemand warten. Wenn wir hier endlich auch einmal das Wort nehmen dürfen, so sagen wir nur unsere Meinung, nämlich, daß es gar keine richtigere Stunde und gar keinen bessern Ort geben konnte, um sich zu gegenseitiger Hülfe und Aufrichtung im modernen Leben die Hände zu reichen. Und sie reichten sich dieselben ohne weitere Umstände und ohne alle Ziererei. Der Herr Polizeileutnant sah über sein Pult weg ihren ersten Kuß an; daß er wegsah, konnte man nicht von ihm verlangen. Der eben gegenwärtige rapportierende Schutzmann schien grüßend die Hand an den Helm legen zu wollen, besann sich jedoch aber noch und schob ihn nur auf das eine Ohr, um sich grinsend bequemer hinter dem andern kratzen zu können. Viele Worte machten sie nicht dabei. Dazu waren die Stunde und der Ort und die Umstände, die sie hergeführt hatten, durchaus nicht günstiger als andere Stunden, Örter und Umstände. Die Mama wischte sich verstohlen eine Träne ab; Butzemann, der ja eben auch »sein einziges Kind ins Ungewisse weggegeben« hatte, versetzte sich schnaufend ganz in die Situation; und Achtermann – Achtermann wußte eigentlich gar nicht, was da »eigentlich vorging«, und das ist ein Glück für uns; denn als er später dahinterkam, erreichte seine Unzurechnungsfähigkeit ihren Gipfel, und es ist nie angenehm, mit einem unzurechnungsfähigen Menschen zu tun zu haben. Der Kühlste, der Zurechnungsfähigste blieb natürlich Wedehop, der sich denn auch als der erste von neuem an den Leutnant wendete, und zwar mit den Worten: »Nicht wahr, das ist doch endlich einmal etwas anderes, lieber Herr? Mal, sozusagen, eine niedliche Episode in Ihrer Geschäftspraxis!... Erquickend – rührend, was?... Wird einiger poetischen Auffassungsgabe bedürfen, um in Ihrem diesmaligen Berichte nach oben klargestellt zu werden und morgen in den Blättern unter der Rubrik ›Lokale Vorfälle‹ im rechten Lichte zu erscheinen?! Mein Name ist Wedehop; darf ich Ihnen eine Prise anbieten?« Der Revierleutnant griff lächelnd in die dargebotene Dose: »Wenn ich nicht irre, so habe ich bereits das Vergnügen gehabt, Herr Doktor –« »Wirklich? Das freut mich! Lassen Sie uns jedenfalls die Bekanntschaft erneuern. Jaja, ich glaube mich jetzt auch zu erinnern: unsere ersten Beziehungen datieren aus der Konfliktszeit. Nun, wir waren beide damals noch jünger und grüner als heute. Ich bin in den kurzen Jahren fast ein wenig zu sehr in die Breite und ins Verständige gegangen. Aber nun, lieber Herr und Freund, geben Sie uns offen Ihre Meinung. Ist in dieser Nacht unsererseits noch irgend etwas zu tun oder zu lassen, um diesen – jenen – jenen andern betrübten Zwischenfall zum besten zu wenden?« Der Revierleutnant zuckte die Achseln, und flüsternd sprach Wedehop zu ihm: »Es ist auch meine Meinung, daß nicht die geringste Aussicht vorhanden ist, daß wir des armen Kerls vor Sonnenaufgang wieder habhaft werden.« Der Revierleutnant zuckte wieder die Achseln und bestätigte, ebenfalls flüsternd, dem Übersetzer seine Ansicht durch eine kurze, bündige Auseinandersetzung der Sachlage. Mit der gewohnten Sonorität, die schon an und für sich viel Beruhigendes an sich hatte, wenn eben nicht das Gegenteil erforderlich war, richtete Wedehop das Wort von neuem an die Freunde: »Meine Herrschaften, unser guter Herr Leutnant hier – wie Achtermann da sagen würde – ist der festen Überzeugung, daß wir ruhig nach Hause gehen können, ohne uns mehr als die nötigsten Sorgen zu machen. Daß sich unser armer Freund – Papa und Schwiegerpapa wiederfinden wird, steht zweifellos fest; aber wir – wir können augenblicklich nicht das mindeste dazu beitragen. Ulrich, gib acht, d. h. gib deiner lieben Braut den Arm! O bitte, Fräulein Natalie, lassen Sie die Stuhllehne los! Die Mama wird Ihnen sagen, daß niemand so zur richtigen Minute vom Schicksal vom Schwarzwald hergeschickt wird, wenn es nicht für den augenblicklich zu lösenden Fall das Beste im Sinne hat.« – »Stimmt!« brummte Butzemann senior. »Mein süßes Herz!« flüsterte Ulrich. »Du mußt meinen gesunden Arm nehmen! Nun müssen wir wohl zusammengehen, wie es sich geschickt hat, mein armes Mädchen. Es ist eine schlimme, aber schöne Nacht!« »Ich bleibe bei dir, mein Kind«, sagte die Frau Marie. »Du nimmst mich mit nach deinem trostlosen Nestchen. Ulrich geht mit Wedehop; und Herr Butzemann bringt unsern guten, alten Achtermann nach Haus. Es ist wohl eine schlimme Nacht; aber wir wollen uns tapfer halten, Natalie. Zu Narren soll uns das Glück nicht machen, wie es uns auch schüttelt und rüttelt. Und was den Jungen da betrifft, so hab ich's mir genau überlegt, ehe ich ihn dir nahe kommen ließ.« Zwanzigstes Kapitel Drei Tage und drei Nächte gingen hin, ohne daß die Polizei, die Freundschaft und die Liebe etwas ausrichteten, obgleich sie alle drei ihr möglichstes taten. Der Papa Ferrari war verschwunden und blieb es. Je mehr man ihn suchte, auf desto falschere Fährten geriet man; die Polizei jedoch hielt ihr Wort aufrecht: »Der Hund wird uns Nachricht bringen, wenn alle übrigen Stricke reißen. Kommt der allein , nun so wissen wir leider jedenfalls genau, woran wir sind. Solange der ausbleibt, sind sie beide noch beisammen, und vielleicht – tut dann dem Herrn die frische Luft gut, und sie kommen auch beide von dieser Eskapade zurück, und zwar, den Umständen nach, so wohl und wohlbehalten als möglich.« Sie kamen beide zurück ; und nicht die Liebe, die Freundschaft und auch nicht die Polizei stießen auf sie und brachten sie ganz heim, sondern Butzemann junior war's. – Es war ungefähr gegen zehn Uhr morgens. Der Morgen war frisch, aber sonnig, der Leihbibliothekar Achtermann in seiner Bibliothek Leiter auf, Leiter ab aufs eilfertigste beschäftigt. Von dem uns bekannten dunkeln Winkel des Lokals, von dem ebenso bekannten zersessenen Ledersofa her erklang ein eigentlich ununterbrochenes Gemurr, Geseufz, Gestöhn und Geächz her, als ob da der geplagteste und unbedingt der verdrießlichste Erdenbewohner seinen Sitz genommen habe und von dort aus sich über der Welt Elend, Jammer und Nichtsnutzigkeit Luft mache. Wedehop saß ganz einfach dort und war noch immer nicht zu Ende mit seinen Betrachtungen über die kürzlich verlaufenen Tage wie über den laufenden gegenwärtigen. »Dazu bleibt man bis über sein fünfzigstes Jahr hinaus Junggeselle, um sich darin in alle solche schändlichen Haushalts- und Familienangelegenheiten fremder Leute verwickeln lassen zu müssen!« »Oh, oh, mein guter Wedehop!« rief der Bibliothekar in der Mitte seiner Leiter. »Sagten Sie wirklich: ›Was sich der Wald erzählt‹, mein liebes Fräulein?« »Was sich der Wald erzählt!« brummte es aus der dunkeln Ecke. »Großer Gott! Das wäre freilich auch meine Lektüre.« »Ich empfehle mich, mein Fräulein«, sagte der Leihbibliothekar am Fuße seiner Leiter höflichst. Die Tür schloß sich hinter der mit ihrer Lektüre in dem Jahr 1850 zurückgebliebenen jungen Leserin, und Achtermann wendete sich an den Freund im Winkel: »Es freut mich immer, wenn ich solch ein Buch wieder herausgeben kann in den heutigen Tag. Dich aber, mein guter Wedehop, begreife ich in der Tat nicht mit deiner – deiner schroffen Bemerkung.« »Schroffe Bemerkung?... Schroffe Bemerkung ist gut! Jetzt aber halt einmal endlich den Mund und laß mich ausreden. Hab ich dir etwa schon gesagt, daß es mir kein Vergnügen mache? He?!... Vergnügen? Na ja, ein schönes Vergnügen freilich! Deine ›gute‹ Tochter bin ich zwar endlich vom Herzen los, und sie, du, deine Frau und dein ›guter‹ Sohn Louis, ihr seid sämtlich so glücklich gemacht, wie ihr es verdient; aber was will das sagen gegen diese zwei anderen jungen Geschöpfe, die ich jetzt mit ihrem verlorenen Papa und Schwiegerpapa auf dem Halse habe? Ich sage dir, dreimal lieber den Kuppler spielen, wie in deinem kläglichen Falle, als einmal so ein durch die Lappen aller seiner Verpflichtungen für beide Familienseiten gegangenes Familienhaupt mit Würde, Trost, Lehrhaftigkeit und Zutraulichkeit ersetzen zu müssen. Und das muß ich, dein guter Wedehop, mein guter Achtermann!«... »Oh, oh!« stöhnte der Leihbibliothekar. »Das Wort Universum ist groß«, brummte es aus dem Winkel hervor, »aber das Wort ›Universal-Schwiegervater‹ ist noch viel größer, und – so fühle ich mich. Eine Maus, die ihr Loch nicht finden kann, ist gar nichts gegen mich. – Die alte Dame da oben macht sich musterhaft unter den fatalen Zuständen; aber auf die Nerven sind sie ihr allgemach doch gefallen, und mit Recht. Das arme Bräutchen – diesmal gebrauche ich das Wort ›arm‹ wirklich im tragischen Sinn –, meine wackere Natalie hat eigentlich gar keine Nerven mehr; und der auch sonst ganz unzurechnungsfähige Mensch Ulrich ist unter sotanen Verhältnissen im Grunde gar kein Mensch mehr, sondern, wie es sich ja auch vom ersten Aufbrechen des Welteis versteht bei derartigen anständigen Naturen – der reine pure Esel. Deine eigene Zerfahrenheit kennst du, Achtermann, also ich – ich allein bin's, der, wie er die deutsche Literatur durch seine Übersetzungskünste erwärmt, ernährt und auf den Beinen erhält, so euch alle – zum Henker, da fahre mal einer fort, wie er angefangen hat, also kurzum: der hölzerne Löffel bin ich im Brei, und meiner Rührigkeit habt ihr es zu danken, daß ihr nicht anbrennt! Währenddem aber bleiben wir gottlob das, was wir sind: ein ausgezeichnet Sammelsurium deutschen Volkstums – nennen wir es dreist deutschen Adels! « »Ach, wenn ich doch nur ein allereinzigstes Mal eine Viertelstunde ganz und gar in deiner Seele sitzen könnte, Wedehop«, seufzte Achtermann. »Nachher, glaube ich, würde ich das Leben auch wohl von einem so hohen Standpunkt aus ansehen können; und jedenfalls würde ich es genauer wissen, wie du es eigentlich nimmst, ob im Ernst oder im Spaß!« Der Übersetzer unterdrückte das Wort »Schafskopf!«. Statt dessen seufzte auch er und sagte sodann: »O du glückseliger Nachtwandler! Alter Metempsychositissimus! Bist du nicht dein halbes Dasein durch den Unsinn – wollte ich sagen: den Inhalt deiner Bücher da gelustwandelt? Ich habe das nur übersetzt und mich dabei geärgert, während du dich amüsiert hast! Ich tausche gleich mit dir und sitze mit Wollust meine noch übrige Lebenszuchthauszeit in deinem Fell und Fleisch oder, wie du es nennst, in deiner Seele ab.« Der Leihbibliothekar machte nur den Mund auf. Zu einer weiteren Bemerkung kam er nicht; denn in diesem Augenblick wurde auch die Tür seines Geschäftslokals geöffnet, und Herr Louis – Butzemann junior – erschien auf der Schwelle (welches letztere ebenfalls eine Redeweise aus Achtermanns Büchern ist!) und sprach mit gewohnter Vergrelltheit: »Meine Herren – na, jetzt liegt er bei uns! Das Vieh ist schon drüben bei der Frau Professor'n. Bis an die Ecke ging es mit mir; da riß es aus und fuhr wie 's Donnerwetter da in die Tür. Sie werden sich also da oben wohl schon ihren Reim darauf gemacht haben.« Die beiden Herren (auch Wedehop!) waren zugesprungen und hielten den jungen Mann am Arm, jeder von ihnen auf einer Seite. »Menschenkind«, schrie Wedehop, »bist du wirklich überzeugt, daß du genau weißt, was du da sagst?« »Wie kommen Sie mir vor?« brummte Louis mit gewohnter Liebenswürdigkeit zurück. »Wenn ich mal was sage, so sage ich was. Wann habe ich mal nicht gewußt, was ich sage, Herr Doktor? Zwei Stunden sind es her! Der Alte, der mich viel zu oft für meine Privatbeine seine Wege machen läßt, schickt mich da wiedermal aus dem Halleschen Tor. Von wegen des Einzugsgetränkes, sagt er. Denn, sagt er, wer kann es wissen, wann es ihnen einfällt, hereinzutriumphieren, und wer einem dann das Getränke vor die Nase wegnimmt?... Nun ist meine Privatmeinung: an dem Tage läuft alles herunter, was naß ist; aber der Alte steift sich eben auf sein altes Renommee von Butzemanns Keller und schlägt mit der Faust auf: An dem großen Tage großartig!... Dann hätte er aber auch selber an die Quelle zum Lieferanten gehen können. Nicht wahr?... Frage ich Sie, Schwiegervater, wozu ist man denn eigentlich Braut und Bräutigam, wenn man immer noch keine einzige freie Stunde für sich selber hat? No, sage ich, Butzemann junior, alles hat mal sein Ende, Louis; und so strolche ich denn los, und es ist wenigstens eine Aussicht, daß man auf dem Tugendpfade und Wege nach 'ner Brauerei ist und auch unterwegens an mehr als einem Orte seinen guten Bekannten und Freund hinterm Büffet hat. Bon! Aber wer nicht aus dem Halleschen Tor herausgekommen ist, das bin ich. Muß ich grade um die Ecke biegen, als er mir auf die Arme fällt!... Und wie?... nämlich mit Gefolge. Nicht wahr, da kam ich Ihnen denn gerade recht, meine Herren? – Ist das eine Polizei! Keine Pickelhaube zu sehen, so weit das Auge und der Tumult reicht!... Halb Berlin hat er hinter sich und um sich: Pietsch kommt! Nicht wahr, recht kam ich Ihnen da grade, meine Herren?... Ja, ist das 'ne Polizei?... Da war es denn wohl am besten, daß man sich auf seine eigene Autorität und vier Fäuste verließ – die Stiefelsohlen mitgerechnet! Und, na, Sie kennen mich: packe ich zu, so packe ich feste; – schmeiße ich einen raus aus das Lokal, so fliegt er so lange, bis er niederkommt; und wenn ich jemanden leise meine richtige Meinung sage, so soll mich der schon noch vier Wochen später die Ohren mit Baumwolle verstopfen!... Meine Herren, wie ich bin, müssen Sie mich nehmen, und so sage ich Ihnen, lernen Sie Louis Butzemann kennen, wenn es sich um ein Renkontre mit die Allgemeinheit, so meine ich, mit dem, was einem in der Straße zu anderthalbhundert auf einmal begegnet, handelt. Meine Herren, das ging alles; aber das Schlimme war der richtige faule Kunde, unser Herr Ferrari, oder wie Sie die unglückselige Kreatur sonst nennen wollen. O du meine Güte, hat mich das Gewächse den Weg mit ihm nach Hause schwer gemacht!... Der Hund ist grade verhungert genug, um sedate nachzuschleichen. Na, kurz und gut, wenn Sie jetzt wollen, so steht es bei Ihnen, ob Sie sich jetzt beide bei uns genauer ansehen wollen. Wir haben den einen im Separatzimmer platt auf dem Kanapee und den andern, alle viere von sich gestreckt, platt unter dem Tische vor dem Sofa. Hier sind sie beide; aber meinen Alten und sein Gesicht vergesse ich mein Lebtage nicht, als ich ihn ihm die Treppe hinunter zuschob. Da kam der Alte wirklich endlich einmal aus der Fassung. Den Spaß lasse ich mir mit Vergnügen kalt stellen und nächste Woche wieder aufwärmen.« »Aber der Hund?... Eben soll er Ihnen ja voraufgelaufen sein zur – Frau Professorin Schenck!« schrie Wedehop. »No, natürlich! Kann er denn nicht beides? Mit dem ersten besten, was ihm in der Küche in die Hand fiel, hat ihm der Alte aufgewartet. Es war ja ein wahres Wunder, daß ich ihm nicht die Serviette habe vorbinden müssen. Drei Portionen Wiener Schnitzeln bis auf die Glasur vom Teller! Na, ich denke, ich habe Ihnen ein Vergnügen durch meine frohe Botschaft gemacht, und jetzt gucken Sie so, als hätten Sie selber Appetit auf mir!« Der Leihbibliothekar Achtermann saß schwindelnd und atemlos, Wedehop jedoch brachte es noch fertig, seinen »muffigen Liebling« auf die Schulter zu klopfen: »Küssen kann ich Sie leider nicht, Louis; denn ich weiß doch nicht genau, ob das Meta'n recht sein würde. Aber küssen möchte ich Sie – Sie Tautropfen in der Blume der Menschheit! Da schimpfe mir nun nochmal einer und räsoniere über das Schicksal, daß es sich meistens in seinen Werkzeugen vergreife!« Es war aber wirklich gar keine Zeit zu weiteren überflüssigen Reden und Redensarten; denn Wassermann hatte in der Tat schon drüben seine Bestellung abgegeben. Ulrich Schenck stürzte herein, den einen Zipfel seiner Armbinde zwischen den Zähnen, den andern in der Hand. Die Botschaft schien ihn grade bei der Festerschürzung dieses seines tragischen Knotens getroffen zu haben. »Die Mutter folgt mir auf dem Fuße!« rief er. »Natalie – o mein Mädchen!... Wedehop? Wassermann? Und da sind Sie, Herr Butzemann? Was, was ist geschehen? Woher kommt Wassermann? Was haben wir für Nachrichten?« »Nur ruhig Blut, junger Mann, – die besten!« brummte Wedehop. »Das habe ich ihm ja auch gesagt!« rief die Frau Professorin, in Hut und Mantel in die Tür tretend. »Da hast du deinen Hut, Ulrich. Laß mich den Knoten knüpfen; bedenke, wie nötig du von jetzt an beide Arme haben wirst!« Sie sah ein wenig betroffen auf den ihr bis jetzt noch unbekannten Jüngling, der ihr als Herr Butzemann junior vorgestellt wurde; und Herr Butzemann junior nahm nunmehr wirklich die Mütze vom Kopfe und sagte: »Ja, Madam, er liegt bei uns. Grade so auf dem Hunde wie der da.« Dieses war von so einem bedeutungsvollen Hinweis auf den armen Wassermann, welcher der Frau Marie nicht von der Seite wich, begleitet, daß jedermann daraufhin sich das unselige, zum Gerippe herabgemagerte Tier noch einmal ansah. »Dann gehen wir so rasch als möglich«, schloß die Frau Marie, und der Leihbibliothekar Karl Achtermann schloß für heute sein Geschäft ganz. Er würde es selbst seiner Gattin vor der Nase geschlossen haben. Viele sensations-, gefühls- und stimmungsbedürftige Abonnenten hatten erstaunt, verdrießlich und – mit dem Vorsatze, anderswo auf diese ihre geistigen Bedürfnisse zu abonnieren, vor der verriegelten Tür umzukehren. Aber für den alten Achtermann hatte dieses so wie irgend etwas, was in seinen Büchern stand, nicht die geringste Bedeutung. »Die Herren gehen wohl vorauf«, sagte die Frau Marie. »Ich nehme eine Droschke und bringe Natalie mit. Auch du gehst mit den anderen, lieber Ulrich. Achtermann, achten Sie auf ihn; – Wedehop, Sie auch.« »O wohl«, brummte Wedehop. »Vorhin noch habe ich von meiner grünen Salatzeit, wie Ihre höchstselige Majestät von Ägypten sagte, geredet. Daß ich so 'ne Art Tragödie darin auch gesündigt habe, habe ich bis jetzt schämig verschwiegen. Jetzt gestehe ich es und bekenne, daß der vierte und fünfte Akt dümmer sind als das Dümmste, was ich je nachher bei anderen in diesem Fache gelesen habe. Es ist aber ein Unterschied zwischen der Theorie und der Praxis. Meine Herren, die Frau Professorin hat in der verständigsten Weise über uns verfügt. Leihen Sie mir Ihren Arm, Louis, mein fröhlicher Knabe. Man merkt doch, daß man die letzte Zeit hindurch mancherlei durchgemacht hat. O mein lieber Sohn Louis, vorhin sprach der Büchermensch da den Wunsch aus, einmal eine halbe Stunde in meiner Seele sitzen zu können: uh, was gäbe ich drum, wenn ich die nächsten Stunden durch in Ihrem Temperament sitzen könnte, Louis! Achtermann, nehmen Sie den Franzosensieger unterm Arm. Ruhig, ruhiger, Ulrich! Sie sollten doch von uns allen die sicherste Erfahrung haben, daß die Welt nicht sogleich untergeht.« Der junge Mann hatte den Arm Achtermanns genommen; aber führen ließ er sich nicht. Er zog den alten Herrn hastig den übrigen voran, und sie hatten Mühe, ihm zu folgen. Nach zwanzig Minuten trafen sie allesamt vor der Tür von Butzemanns Keller zusammen. Die Droschke, welche die Frau Marie und Natalie Ferrari hergeführt hatte, hielt eben an; und Ulrich Schenck kam grade noch zur rechten Zeit, um das erste Wort an seine Braut richten zu können. »Was hat Mama dir gesagt?« »Sie wäre bei mir, und ich sollte Mut haben.« »O, und was soll ich dir nun sagen? Ich, der –« »Daß du auch bei mir bleiben willst.« Sie stiegen nun die enge Treppe hinab, die zu den düsteren, dumpfigen Vergnügungsräumen führte. »Führe du Natalie«, flüsterte die Frau Professorin ihrem Sohne zu; »aber nimm deinen Arm in acht. Wie ist es nur möglich, daß Menschen es hier zum Aushalten finden?« »Wollen Sie meinen Arm nehmen, liebe Frau?« fragte Wedehop, trotz aller Grimmigkeit der Situation unwillkürlich doch grinsend. »Nein, ich danke, lieber Freund. Es ist ein wüster Weg; aber ich werde ihn meinesteils schon allein finden.« Schon drang ihnen aus dem nächsten Raum der Lärm der Zechenden entgegen; dichter Tabaksqualm erfüllte auch den durch eine Gasflamme erleuchteten Gang, der zu der Tür des ersten Schenkzimmers führte. »Hier, meine Herrschaften, nicht da, wenn's beliebt«, sagte der alte brave Kneipenhalter Butzemann senior. »Hier herein – hier herein. Meine Damen, ich würde mit Vergnügen Ihretwegen das ganze Lokal nötigenfalls mit Gewalt geräumt haben; aber Sie wissen nicht, was unsereiner von wegen seines Renommees an moralischem Zwang auszustehen hat! Schließe ich einen Tag, so kann ich dreist den Schlüssel für Zeit und Ewigkeit an den Hauswirt abgeben. Hier herein, wenn ich bitten darf, – so haben Sie wenigstens nichts mit's offizielle Geschäft Butzemann zu tun – das Maul kann ich ihnen leider nicht verstopfen.« Er öffnete eine niedrige, schwarze Tür, die in ein Seitengemach, von wenig mehr Rauminhalt als eine Kabine auf einem Auswandererschiff, führte. »Persönlich ist mich der werte Besuch natürlich die größte Ehre; aber – leider Gottes – ich kann Ihnen nicht zu bessern Illusionen verhelfen, als ich Ihnen zu bieten habe. O mein Fräulein – o, beste Madam, sehen Sie, da liegt denn der Unglücksmensch, und – es ist – fast für eine Gnade zu halten – daß – Sie zu spät kommen! Ach mein armes, liebes Mädchen!« Natalie Ferrari hatte sich mit einem Schrei über die auf dem Bette Butzemann juniors ausgestreckte Leiche ihres Vaters geworfen. »Down at last!« murmelte der Übersetzer. Das war das letzte Wort eines Mannes, der durch seine Phantasie Vieles und Großes auf dieser Erde ausgerichtet hat. Charles Dickens rief es, als er vom Schlage getroffen zusammenbrach. Ob er mit so viel Phantasie in diese Welt hineingeboren worden war wie der Pulvererfinder Paul Ferrari, das steht dahin. – Die zwei übrigen phantasievollen Schulbankgenossen, Achtermann und Butzemann senior, sagten anfangs gar nichts. Achtermann geriet aus seinem Schrecken in ein heftiges Schluchzen, und Butzemann schüttelte den Kopf. Es fiel ein matter Widerschein von dem hellen Sonnentage draußen in die unheimliche Höhle. Aus den Kneipenräumen drang der Lärm der Gäste her, und eine Drehorgel mischte sich von der Kellertür aus mit greulichem Hohn auch noch drein; sie hatten aber sämtlich keine Zeit, darauf zu achten und irgendeinen Ton, ein Geräusch des Lebens für unpassend zu halten. »Ja, so ist er nun an dem Orte gestorben, wo es ihm beschieden war«, sagte Butzemann, leise die Hand der Frau Marie in seine harte, breite Tatze nehmend. Er sprach das leise, und noch leiser fügte er, dicht am Ohr der alten Dame, hinzu: »Wenn unsereiner so von seinem Büffet aus in die Fidelität und das ewige Gerenne und Keine-Zeit-Haben der Menschheit hereinsieht, dann wird er mit der Zeit zu einem Vieh und einem Philosophen. So'n Mittelding von beiden! Bei mich persönlich zwar liegen zwei Drittel vons Gewicht nach die erste Seite hin; aber eins habe ich mich doch nach und nach abdestilliert: Schuld haben sie beide nicht, weder der Mensch noch sein Schicksal, – sie passen nur immer ganz genau aufeinander. Ihr Herr Sohn da, neben dem armen Fräulein, wird Ihnen das, wenn er noch etwas mehr erlebt haben wird, gewiß gelehrter und besser sagen können.« Von der anderen Seite schob Wassermann seine feuchte Schnauze der Frau Professorin in die Hand. »Wir sind eine wunderliche Gesellschaft auf dieser Erde!« sagte die Mama, und dann wandte sie sich zu ihren Kindern. – Schon hatte Ulrich seine Verlobte von dem Leichnam des Vaters aufgehoben; aber was er ihr sagte, hatte viel weniger logischen Zusammenhang und philosophischen Inhalt als die weisen Worte Butzemanns. Gelehrter klang es wahrhaftig auch nicht. »Mein armes altes Mädchen!« flüsterte er, und scheu streichelte er dabei das weiche Haar auf dem jungen Kopfe an seiner zerschossenen Schulter. Alle seine Anwartschaften auf die Direktion der ästhetischen Neigungen sämtlicher fürstlichen Thronfolger seiner Nation hätte er ohne alles Besinnen für ein festes Dach über seinem Kopfe und eine Dorfschulmeisterschaft im Spreewalde dahingegeben. »Jetzt komm zu mir, Natalie«, sagte die Mama. »Die Männer sind die Totengräber, und das Amt müssen wir ihnen schon überlassen; – wir aber – wollen den Kopf hochhalten und – die Welt aufrecht!« »Hier, hier soll ich ihn jetzt allein lassen? O, ich kann es nicht!« »In guten, treuen Händen lässest du ihn. Ach, frage den Ulrich, in was für Händen so manche Mutter ihr Kind, so manches Kind seinen Vater hat lassen müssen auf den Schlachtfeldern und im feigen Hinterhalt. Wir sind nachdenklich deutsches Volk, und es ist kein anderes, das so gut und ehrfurchtsvoll mit den Toten umzugehen weiß.« »Und das ist ein großes und gutes Wort; und wenn es wahr ist, so wollen wir uns mehr darauf einbilden als auf alle unsere übrigen merkwürdigen Vorzüge«, brummte Wedehop. »Ist Madam Naucke schon benachrichtigt?« wendete er sich an Butzemann unhörbar für die anderen, und Butzemann nickte: »Natürlich, obgleich ich es nicht gedacht hätte, als ich ihr da hinters Büffet hatte, daß ich auf ihr auch mal unter solchen Umständen reflektieren müßte. Tun Sie aber das Ihrige, Doktor, daß der junge Herr mit dem jungen Fräulein jetzt so bald als möglich das Lokal verläßt. Mir kommt selber ein Grauen an, wenn ich uns alle hier so zusammennehme.« Auf Ulrich Schenck war in diesen Augenblicken noch einmal weniger denn je zu zählen. Wedehop nahm ihn beiseite und sagte: »Draußen scheint die Sonne, und die Droschke habe ich vor der Tür halten lassen. Ihr geht jetzt! Und du nimmst dich zusammen! Geh jetzt zum erstenmal nicht zu sanft mit ihr um – zu ihrem Besten. Wozu schickt man euch denn sonst in die Schulstuben und auf die Schlachtfelder hinaus? Damit ihr lernen sollt, mit dem Menschen als solchem umzugehen! Glaubt ihr etwa, ihr lernt das im Ballsaal oder Konzertsaal, oder wenn die Sonne schön auf- oder untergeht im Theater oder im Meer oder auf der grünen Bergwiese? Die alte Frau hat recht; aber du bist jung und gehst besser mit den Frauen. Für das übrige werden wir sorgen, wir Alten.« Und so geschah es, da es nicht anders sein konnte; gegen sich selber aber bemerkte der Übersetzer aus so vielen Sprachen der gebildeten erdbewohnenden Nationen: »Da wären wir denn!... Es gehört nur eine klare Darlegung des ganz Gewöhnlichen dazu, um den Schein des Außergewöhnlichen in der Welt festzuhalten. Was ist es denn eigentlich an der Zeit? Zwölf Uhr! Jetzt sitzt nun der Winckelspinner da oben an der Donau beim Frühschoppen im Hirsch und politisiert drauflos, schlägt mit der biedern Faust auf den Tisch und ist imstande, sich auf den Kopf zu stellen, vorausgesetzt, daß er den Gegner mit demselbigen in den Erdboden hineindrücken kann. Ach du lieber Gott, und ich sitze hier bei dir, alter Butzemann; aber als ein politisch Tier ist mir in diesem Moment mein Dasein wahrhaftig nicht bewußt. Da sitzt Achtermann, völlig gleichgültig dagegen, wie Europa heute über sieben Jahre aussehen wird. Und – hier liegt unser Freund Paul: – dies war der klügste Römer unter allen; – aber – weiter als wir drei andern hat er's auch erst vor kaum anderthalb Stunden gebracht. – Nicht auf dem haufenvollen Schlachtfelde, sondern vor der einzelnen Leiche gewinnt man das richtige Verständnis für das Menschenlos. Nichts Neues aus Afrika, nichts Neues vor Paris, nichts Neues in Butzemanns Keller. Aber die alte Frau, die da eben ihre beiden Kinder mit sich in die Sonne hinausgenommen hat, hat doch ein braves, stolzes Wort gesprochen: Es ist deutscher Adel, den Tod nicht zu ernst zu nehmen und die Toten mit Ernst und Respekt zu behandeln. Und da kommt die Frau Naucke. Kommen Sie nur her, Blanka.« Epilog Wer es bis jetzt immer noch nicht gemerkt hat, daß unser Freund Wedehop, wenn er nur wollte, ein ganz gescheiter Kerl sein konnte, dem wird in dieser Beziehung und durch dieses Buch nicht mehr zu helfen sein. Da er sich nicht auf die Anfertigung von Originalmanuskripten geworfen hatte, so hatte er von Mund zu Ohr viel häufiger guten und brauchbaren Rat für andere übrig als viele ebenso geistreiche oder gar noch geistreichere Leute. Daß er viel in der Welt umherfuhr, wenigstens auf deutschem Boden, und zu Zeiten und an Orten auftauchte, wann und wo man es am wenigsten hätte vermuten sollen, nannte er eine »individuelle Veranlagung zur gemütlichen Anteilnahme am germanischen Dasein«, nannten andere Leute dann und wann – anders. So kam er ungefähr zwei Frühlinge nach dem des Jahres achtzehnhunderteinundsiebenzig, um uns einen Gruß vom Neckar und der jungen Frau Done zu bringen, und sagte, merkwürdigerweise ziemlich erstaunt: »Also da sitzen Sie?! Zeigen Sie mir gefälligst doch einmal Ihre Zunge!... Belegt im hohen Grade. – Lassen Sie mich Ihren Puls fühlen!... Sehr matt!... Alle Teufel, sogar intermittierend! Nun, das deutet wenigstens unter Umständen auf ein längeres Leben. Wohl bekomm's Ihnen.« »Der Ort tut da nichts zur Sache.« »Wem sagen Sie das, mein Guter? Mir? Ich bitte Sie; hat mir jemals irgendein Buch, welches ich in unser geliebtes Deutsch zu verlieren hatte, viel zur Sache getan? Nehmen Sie die Injurie, die ich Ihnen zu sagen habe, für genossen an. Sie waren ja sogar schon im Tumurkielande; – glauben Sie etwa, wenn ich Ihnen jetzt den Rat gebe, ein wenig ins Freie zu gehen, – ich wollte Sie abermals nach Afrika oder Rom oder – beim Satan, einerlei wohin ins Klassische oder Exotische schicken?!... Nicht mal in den grünen deutschen Wald (als ob andere Völkerschaften keine ebenso grünen Wälder hätten!), auch nicht auf die grüne Wiese, wenn ich Sie gleich da zu uns, d. h. den übrigen Wiederkäuern rund um diesen nichtswürdigen Planeten zählen darf. – Nach dem ersten besten Eisenbahnknotenpunkt sollen Sie mir!!« »Mein bester Doktor –« »Da haben Sie wirklich endlich einmal wieder recht. Ihr bester Doktor bin ich in diesem Moment ohne allen Zweifel. Was meinen Sie zum Exempel zu Lehrte?... Börßum ist Ihnen freilich noch etwas näher, und ich selber habe dort eben anderthalb Stunden gesessen und kann es höchlichst empfehlen. Kreiensen ist ein wenig totgelegt, sonst würde ich Ihnen Kreiensen vorschlagen.« Selber halb totgelegt durch den Menschen, hielt ich mir den Kopf mit beiden Händen; er aber fuhr mit unentwegter Ernsthaftigkeit fort: »Haben Sie sich wohl schon einmal das Wort ›Kriegsschauplatz‹ genauer überlegt?... Schauplatz! 's ist wundervoll!... Soldaten bezahlen die Hälfte... Kreiensen, Börßum, Lehrte, Mars-la-Tour. Immer steht da ein höchst ungemütlicher Bahnhof; und nun bitte ich Sie, die schöne Natur gänzlich beiseite zu lassen: die Pachtung ist immer an den Mindestfordernden vergeben, und die schöne Natur hilft uns armen Sündern längst nicht so gefällig über die faule Minute hinweg, als ihr Poeten von Gottes Gnaden es uns einzubilden euch abquält. Von Gottes Gnaden sollen Sie auch diesmal die Vergünstigung haben, sich mit einer Zigarre zu einer Tasse Kaffee vor die Restauration setzen zu dürfen und bis zum nächsten rückfahrenden Zuge in das närrische Allerweltsgetümmel hineinzugaffen. Nennen Sie dies Mittel gegen alles Allerweltsunbehagen nicht trivial. Es ist das beste, was es gibt. Und nun leben Sie auch für dieses Mal recht wohl. Ich fühle des Lebens Überdruß mir selber bis an die Gurgel heraufsteigen, wenn ich Sie so ansehe. Soll ich etwa aus purer Gefälligkeit Ihnen zu einem Spiegel werden? Adieu.« Er ging, fuhr ab, und – – – da sitzen wir! Büchen heißt der Ort, Station Büchen im Herzogtum Lauenburg. Mölln ist eine der nächsten Stationen, wenn nicht die nächste. In Mölln oder Möllen ist ein ungemein berühmter Kirchhof; aber Büchen ist für uns heute doch noch der angenehmere Ort und dazu ein Eisenbahnknotenpunkt ganz und gar im Sinne unseres Freundes Wedehop. Da sitzen wir in dem beruhigenden Bewußtsein, nur aus psychiatrischen Gründen nach Büchen gefahren und durchaus nicht verpflichtet zu sein, weiterzufahren. Da sitzen wir und blasen nach jenem klugen Ratschlag den Rauch unserer Zigarre in die Fahr-, Lauf-, Renn- und Gepächschlepp-Hast des letzten Drittels dieses neunzehnten Jahrhunderts hinein, und mit jedem Schritt, den wir nicht mitzumachen haben, »wird unsere Seele stiller«. Gottlob, die Kriegs-, Kranken- und Gefangenenzüge der Jahre siebenzig und einundsiebenzig sind bereits historische Erinnerungen; es ist wieder das ganz gewöhnliche und gewohnte Tagesgetöse, das wir vor Augen haben und als Beruhigungsmittel gebrauchen dürfen. Und jetzt sagt plötzlich in der Tür der Restauration hinter uns eine Stimme: »Siehst du, mein Engel, da gelangen wir nun in das Reich der roten Grütze. Es hat auch einigen roten Saft gekostet, ehe wir es, soweit es uns gehört, glücklich den Klauen und Löffeln der Fremden abgerungen haben. Darf ich euch auf seiner Grenzschwelle mit dem eminenten Genuß aufwarten?« »Nein, jetzt lieber noch nicht!« rufen zwei muntere Frauenstimmen unisono, und wir kennen alle drei Organe und wenden uns rasch und überrascht um. Da steht in der Pforte der Bahnhofshalle zwischen einer jungen und einer ältern Dame ein junger Mann; und eine Wärterin oder Amme trägt hinter der Gruppe ein jährig Wickelkind im Arm; und dieses Baby trägt unverkennbar eine ganz merkwürdige Ähnlichkeit mit einem unserer besten Bekannten zur Schau. »Aber Schenck!... Sind Sie dies denn wirklich, Schenck?« »Und mit Familie – wie Sie sehen«, erwidert mit höchster Gravität der Wirkliche Geheime Hofrat, Herr Ulrich Schenck. »Sie wundern sich; ich aber wundere mich ebenfalls. Was für ein glücklicher Wind setzte Sie denn gerade in diesem Moment auf dieser Bank hier ab?« Ist man verpflichtet, stets mit einem stichhaltigen Grunde auf jede Verwunderung seiner Nebenmenschen zu antworten? Durchaus nicht. – Übrigens aber gehörte glücklicherweise der junge Ehemann selber viel zu sehr in den allgemeinen Reisetrubel hinein und hatte viel zuviel mit seinem Gepäck, seinen drei Regenschirmen und zwei Sonnenschirmen, kurz mit seiner ganzen »Familie«, die Amme eingeschlossen, zu schaffen, als daß er imstande gewesen wäre, seinerseits durch Fragen lästig zu werden. Was mich anbetrifft, so gewann ich ihm wirklich noch zehn Minuten von seinen Verpflichtungen gegen Weib und Kind und sonst alles, was sein war, ab, ehe der Zug nach Ratzeburg weiterging. »Wir haben uns ein mildes Seebad ausgesucht und sind auf Travemünde gefallen. Ihnen geht es hoffentlich nach Wunsch, lieber Herr und Freund?« »Jawohl! Aber was fragen Sie danach? Sie sehen mir nicht aus –« »Sehen Sie sich vor allen Dingen meinen Jungen an. Gleich geht's weiter, Natalie; reich ihn mal herüber. Der alte Freund interessiert sich wirklich für ihn.« Halben Leibes in das Kupee hineinhängend, besehe ich mir – über den Jungen weg – die Mama, den Papa und die Großmama freilich mit dem größten Interesse. Der jugendliche quatschlige Weltbürger gefällt mir zwar ganz wohl, aber noch viel besser gefallen mir die junge glückliche Mutter und die muntere, hell- und klugäugige Großmutter. Daß ich ihre Geschichten und Zustände so sehr genau kenne, tut vieles – doch wir haben nicht viel Zeit zum Austausch unserer Gefühle: »Ich freue mich, Ulrich.« »Ich auch, mein guter Alter.« »Das klingt ja ganz wie Freund Achtermann! Hat er die Tage des Trübsals und der Verwirrung überwunden wie ihr?« »Meta Ach – Butzemann ist ebenfalls eine Mama«, sagt Frau Natalie errötend. – Die Frau Professorin lacht: »Ja, dieser Wedehop! Er hat seine Sache doch ganz ausgezeichnet gemacht. Unser Freund Louis ist ihm vielleicht nicht ganz so dankbar, als es sich gebührt, aber – die beiden Schwiegerväter! O Sie sollten die beiden Schwiegerväter sehen. – Ulrich, du hast doch den armen Wassermann möglichst behaglich in seinem Reisebehälter untergebracht?« »Nach Möglichkeit, Mama, und er findet sich ganz ruhig auch hier in das Unabänderliche«, sagt der Geheime Hofrat; ich aber rufe: »Ei freilich! Wassermann! Also er geht mit nach Travemünde?« »Die ganze Familie!« Wir haben immer weniger Zeit; die Schaffner fangen bereits an, die Wagentüren zuzuschlagen: »Wollen Sie erlauben, mein Herr?« »Gleich, Kondukteur. Also für jetzt noch ein letztes Wort, liebste Freunde. Auf Ehre und Gewissen, Frau Natalie, – Sie sind doch wirklich Wirkliche Geheime Hofrätin? Wedehop hat es mir fest versichert.« Diesmal lacht die junge Frau, ohne zu erröten. »O dieser Wedehop!.. . Doktorin der Philosophie bin ich, und zwar auf eine Abhandlung Ulrichs über die Lübecker Ziegelbauten hin. Mein Mann schwärmt für Lübeck, und es schwärmt natürlich für ihn. Wissen Sie, was deutsches Kunstgewerbe ist? Wenn nicht, so sehen Sie uns an. Es ist die höchste Zeit, daß es nach diesem glorreichen Kriege wieder auf den Damm kommt, sagt Ulrich, und so haben wir es uns denn fürs erste als Lebensaufgabe gestellt, es theoretisch (auch das ist ein Wort von Ulrich) wenigstens auf den Damm zu bringen. Wir reisen dafür und halten Vorlesungen; wir schreiben darüber, und es ernährt uns so ziemlich. Mama, die über alles nachgedacht hat, meint, dieses hätte sie wirklich nicht für möglich gehalten.« Jetzt lachte der deutsche Ästhetiker Ulrich Schenck: »Auf den alten braven Jungen, meinen fürstlichen Freund, Kommilitonen, Kriegskameraden und Gönner lasse ich aber doch nichts kommen. Was kann er denn dazu, daß er mich augenblicklich nur bei dem Theaterwesen seines Papas in Verwendung bringen kann? – Jetzt reist er in Italien, um sich von den Strapazen des Feldzuges wiederaufzurichten. Er hätte mich nur zu gern mit sich genommen; aber die da kam ihm zuvor, und dafür kann ich nichts! Nicht wahr, Natalie?... Laßt mir diese Hoheit nur erst an die Regierung gelangen! Weiter sage ich nichts.« Weiter sagte er in der Tat nichts. Der Schaffner schlug jetzt – und sogar ein wenig gröblich – die Wagentür zu. Da fuhren sie hin, und ich blieb, um eine halbe Stunde später auch zu fahren, jedoch nach der entgegengesetzten Richtung. Sonnenlicht über die Lübische Bucht! Soviel als möglich davon! Wer stimmt nicht mit in den freundlichen Wunsch ein?