Jean Racine Britannicus (1669) Aus dem Französischen von Adolf Laun     Leipzig Verlag des Bibliographischen Instituts. (ca. 1890)   ══════════════   Personen         Nero , römischer Kaiser, Agrippina's Sohn. Britannicus , Sohn der Messalina und des Kaisers Claudius. Agrippina , Wittwe des Domitius Aenobarbus, Nero's Vater,         und aus zweiter Ehe Wittwe des Kaisers Claudius. Junia , Geliebte des Britannicus. Burrhus , Nero's Erzieher. Narciß , Erzieher des Britannicus. Albina , Agrippina's Vertraute. Wachen. Der Schauplatz ist zu Rom in einem Gemach von Nero's Palast.     Erster Aufzug. Erster Auftritt. Agrippina . Albina . Albina . Wie, während Nero sich dem Schlaf ergiebt, Mußt du hier harren, bis er aufgewacht? Muß Cäsars Mutter ohne ihr Gefolge Umirrend im Palast an seiner Thür Die Wache halten? Kehr', Gebieterin, In dein Gemach zurück. Agrippina .                             Ich darf, Albina, Mich keinen Augenblick von hier entfernen. Dieweil er schlummert, wird die Qual, die er Mir macht, genugsam mir die Zeit vertreiben. Was ich vorhergesagt, trifft ein. Es hat Sich Nero gegen den Britannicus Erklärt und macht voll Ungeduld vom Zwang Sich frei; der Liebe überdrüssig will Er nur sich noch gefürchtet sehn. Ihm steht Britannicus im Wege. Ich, Albina, Seh' ein, daß ich ihm täglich läst'ger werde. Albina . Wie? du, der er das Leben dankt, o Herrin, Die fernher ihn zum Thron berief? du, die Den Sohn des Claudius enterbte und 96 Den glücklichen Domitius zum Cäsar Ernannte? Alles spricht für Agrippina, Er ist dir seine Liebe schuldig. Agrippina .                                         Ja, Sofern er edel, sagt's ihm Alles, aber, Wenn undankbar, spricht Alles gegen mich. Albina . Wie, undankbar, o Herrin? Sein Verhalten Zeigt dir, wie sehr er seine Pflicht erkennt. Drei volle Jahre lang, was that, was sagt' er, Das Rom den besten Kaiser nicht verhieß? Seit er's beherrscht, glaubt Rom, es sei aufs Neue Zu seiner Konsuln Zeit zurückgekehrt; Er waltet wie ein Vater, ja, als Jüngling Kommt er dem Greis August an Tugend gleich. Agrippina . Die Leidenschaft macht mich nicht ungerecht, Ja, er beginnet, wo August geendet; Doch Künft'ges kann Vergangenes vernichten Und er da enden, wo August begann. Umsonst verstellt er sich; auf seinem Antlitz Les' ich den störrisch wilden Sinn der stolzen Domitier; zu dem Hochmuth ihres Blutes Fügt er den Stolz noch der Neronen, den Aus meinem Schooße er empfangen hat. Die Erstlingszeiten der Tyrannen künden Stets Glück. Caligula war eine Zeitlang Die Wonne Roms, doch als erlogne Güte In Wuth sich kehrte, ward die Wonne plötzlich Der Schrecken Roms. Indeß mich kümmert's nicht, Ob Nero treuen Sinnes einst der Zukunft Bewährter Tugend Beispiel hinterläßt, Nicht gab ich ihm des Staates Ruder in Die Hand, daß er es nach des Volkes Laune Und des Senates lenke. Sei er, wenn er will, 97 Des Vaterlandes Vater, doch vergess' Er nicht, daß Agrippina seine Mutter. Sprich aber, wie benennen wir den Frevel, Den uns des heut'gen Tages Licht enthüllte? Er weiß, verborgen konnt's ihm ja nicht bleiben, Wie Junia von Britannicus geliebt wird, Und er, der nur der Tugend Pfaden folgt, Läßt Junia heut um Mitternacht entführen. Weshalb? Treibt ihn der Haß, die Liebe, oder Reizt ihn die Freude nur, ihr Glück zu stören? Vielleicht ist's Bosheit gar, um für den Schutz, Den sie von mir genießen, sie zu strafen. Albina . Du liehest ihnen Schutz, Gebieterin? Agrippina . Ach ja, ich weiß es, theuere Albina, Daß ich ihr Unglück selbst beschleunigt habe, Daß von dem Thron, auf den sein Blut ihn rief, Britannicus durch mich geschleudert worden; Durch mich der Hand Octaviens beraubt, Gab sich Silan, der Bruder Junias, Auf welchen Claudius sein Aug' gerichtet, Und dessen Ahn Augustus war, den Tod. Nero verfügt jetzt über Alles; ich, zum Lohn, Muß nun die Wage halten zwischen ihm Und ihnen, daß Britannicus dereinst Sie halte zwischen mir und meinem Sohn. Albina . O Fürstin. welch ein Plan! Agrippina .                                       Ich suche für Den Sturm mir einen Hafen. Sonst entschlüpft Mir Nero, wenn ich ihn zurück nicht halte. Albina . Doch so viel Vorsicht gegen einen Sohn? 98 Agrippina . Ich hätt' ihn bald zu scheun, scheut' er mich nicht. Albina . Vielleicht ist noch kein Grund zur Furcht vorhanden. Zeigt Nero dir sich nicht mehr, wie er sollte? Trat doch die Wandlung uns noch nicht entgegen. Geheimniß blieb es zwischen dir und Cäsar. Doch welche Würde Rom ihm auch verleiht, Nicht eine, die er dir nicht zuerkennte; Für sich allein behält er Nichts zurück, Dein Nam' in Rom ist heilig wie der seine, Der traurenden Octavia wird kaum In Rom erwähnt. So ehrt' August, dein Ahn, Selbst Livien nicht, wie Nero dich verehrt; Befahl er doch, vor seiner Mutter her Die Fasces mit dem Lorbeerkranz zu tragen! Verlangst du mehr von seiner Dankbarkeit? Agrippina . Nicht so viel Ehrfurcht, aber mehr Vertraun; Zum Aerger nur reizt mich ein solch Geschenk, Die Ehren steigen, doch mein Ansehn fällt, Und lang schon ist die Zeit vorbei, wo Nero, Ein Jüngling noch, die Huldigung des Hofs, Der ihn verehrt', auf mich zu lenken suchte Und bei der Herrschaft Mühn auf mich sich stützte, Wo ich die Väter zum Palast berief Und, ungesehen, hinter einem Schleier, Des großen Körpers mächt'ge Seele war. Unsicher noch in dem, was Rom verlangte, War er noch trunken nicht von seiner Größe. Doch denk' ich immer noch des Unglückstags, Wo ihn zuerst sein Glanz verblendete, Wo die Gesandten aller Könige Ihm als dem Herrn des Weltalls huldigten, Und ich mit ihm zum Throne steigen wollte. Da – was am Unheil schuld, ich weiß es nicht – 99 Hat Nero kaum von ferne mich gesehn, Als düstren Groll sein Antlitz mir verräth, Und schlimme Ahnung mich sogleich befällt; Doch hüllt der Undankbare seine Mienen In falsche Ehrfurcht ein, steht auf und schiebt, Indem er mich in seine Arme schließt, Mich fort vom Thron, wo ich mich setzen wollte. Seit jenem Tag eilt Agrippinas Macht Mit raschem Schritt dem Untergange zu; Ein Schatten nur blieb noch davon, und Burrhus Und Seneca sind jetzt die Namen, die Man nennt, um deren Schutz man sich bewirbt. Albina . O gieb doch solchem Argwohn dich nicht hin; Warum ein tödtlich Gift im Busen nähren? Such' lieber dich mit Cäsar zu verständ'gen. Agrippina . Ich darf ihn nicht mehr ohne Zeugen sehn. Nur zur bestimmten Stund' und öffentlich Giebt er mir noch Gehör, und seine Antwort, Ja selbst sein Schweigen ist ihm vorgeschrieben. Zwei Wächter, meine Herrn und seine, stehn Dabei und lauschen wechselnd dem Gespräche, Doch weil er mich zu meiden sucht, verfolge Ich ihn nur mit noch größrem Eifer, denn, Albina, Nutzen gilt es jetzt zu ziehn Aus der Verwirrung, welche ihn beherrscht. Doch, horch! man kommt, ich will jetzt unverzüglich Zur Rechenschaft ihn ziehn ob der Entführung Und das Geheimniß seiner Seel' erlauschen. Sieh, Burrhus naht sich uns, er kommt von ihm. 100   Zweiter Auftritt. Agrippina . Burrhus . Albina . Burrhus . In Cäsars Auftrag möcht' ich, hohe Frau, Dir ein Gebot mittheilen, das vielleicht Zu Anfang dich bestürzt, doch ist es nur Die Folge einer klugen Handlungsweise, Mit der er dich bekannt zu machen wünscht. Agrippina . So lasse mich zu ihm, er selbst kann ja – Burrhus . Er hat für ein'ge Zeit sich unserm Blick Entzogen, beide Konsuln sind dir schon Durch eine Seitenthür zuvorgekommen, Doch, hohe Frau. sogleich will ich zu ihm. Agrippina . Nein, in geheimen wicht'gen Dingen möcht' Ich ihn nicht stören, aber willst du, daß Wir frei und offen mit einander reden? Burrhus . Die Lüge war mir immerdar ein Greuel. Agrippina . Denkt ihr noch lang den Kaiser zu verstecken, Darf ich ihm nur als eine Läst'ge nahn? Hab' ich euch darum nur so sehr erhöht, Damit ihr eine Mauer zwischen ihm Und mir erhebt, wagt keinen Augenblick Ihr ihn allein sich selbst zu überlassen? Wetteiferst du mit Seneca nur um Den Ruhm, wer mich aus seinem Angedenken Zuerst vertilgt? Gab ich ihn euch dazu, Daß ihr draus einen Undankbaren machtet, Daß unter seinem Namen ihr die Herrn Des Staates wäret? Wahrlich, nicht vermag ich, Je mehr ich sinne, mir zu denken, daß 101 Ihr mich zu eueren Geschöpfen rechnet. Du, dessen Ehrgeiz ich in den Legionen, Wo wenig Ruhm war, altern lassen konnte, Und ich, die Throneserbin meiner Ahnen, Die Tochter, Gattin, Mutter und die Schwester Von euren Herrn! Was wollt ihr denn? Denkt ihr, Ich hätte einen Kaiser eingesetzt, Nur um mir selbst drei Kaiser aufzubürden? Kein Kind ist Nero mehr; ich denke, Zeit Ist's endlich, daß zu herrschen er beginne. Wie lang noch wollt ihr, daß er vor euch zitt're? Kann er nicht sehn ohn' eures Auges Hülfe? Strahlt ihm der Ahnen Vorbild nicht entgegen? So nehm' er, wenn er will, August, Tiber Und meinen Vater, den Germanicus, Wenn er es kann, zum Muster und zum Vorbild. Ich wage nicht, zu solchen Helden mich Zu reihn, doch Tugenden vermag auch ich Ihm vorzuzeichnen und ihn mindestens Drin zu belehren, daß Vertraulichkeit Sich zwischen Unterthan und Kaiser nicht Geziemt. Burrhus .       Nur wegen Einer Handlung dachte Ich Cäsar zu entschuld'gen. Da du sonst Nichts von Rechtfert'gung hören willst, Ich aber für sein ganzes andres Leben Einstehen soll, so red' ich offen, wie's Dem Kriegsmann ziemt, der schlichte Wahrheit nicht Zu schminken weiß. Du hast des Kaisers Jugend Mir anvertraut, deß werd' ich stets gedenken; Doch schwur ich jemals dir, ihn zu verrathen Und einen Kaiser draus zu machen, der Nur zu gehorchen wüßte? Nein, nicht dir Allein hab' ich für ihn jetzt einzustehn, Er ist nicht bloß dein Sohn, er ist der Herr 102 Der Welt; dem Reiche schuld' ich Rechenschaft, Das wie sein Heil so sein Verderben auch In meiner Hand zu sehen glaubt. Ach, wenn's Nur galt, unwissend ihn zu lassen, gab's Denn andre nicht, als Seneca und mich, Ihn zu verführen? Warum hat man denn Der Schmeichler Schaar aus seiner Näh' entfernt, Und im Exil die ausgesucht, die ihn Verderben sollten? Claudius' Hof, so reich An Sklaven, hätte statt der zwei ihm tausend Geliefert, die sich nach der Ehre sehnten, Ihn zu erniedrigen; wie hätten sie In langer Kindheit ihn hinaltern lassen! Worüber klagst du, Fürstin? Sprich es aus. Man ehrt dich überall und schwört bei dir, Wie man bei Cäsar schwört. Zwar legt nicht mehr Der Kaiser täglich dir sein Reich zu Füßen, Indem er deines Hofstaats Schwarm vermehrt; Doch ist das, Fürstin, seine Pflicht? kann er Nicht anders seine Dankbarkeit beweisen? Soll Nero schüchtern, demuthsvoll nur stets Dem Namen nach August und Cäsar sein? Und daß ich's nur gesteh', Rom giebt ihm Recht. So lang geknechtet von drei Freigelaßnen Athmet es endlich wieder auf vom Joche Und schreibt die Freiheit her von Neros Herrschaft. Noch mehr! die Tugend selbst scheint neugeboren, Das Reich ist nicht mehr Beute seines Herrn, Das Volk wählt auf dem Marsfeld die Beamten, Cäsar die Feldherrn nach des Heeres Wunsch. Thraseas im Senat und Corbulo Beim Heer sind schuldlos noch, trotz ihres Ruhms. Die Wüsten, einst bewohnt von Senatoren, Sind's jetzt von denen, welche sie verriethen. Warum soll Cäsar unserm Rath nicht folgen, Wenn dieser Rath ihn nur zum Ruhme führt, 103 Wenn nur, so lange seine Herrschaft blüht, Rom immer frei und er allmächtig ist? Doch, Fürstin, Nero kann sich selbst schon leiten, Und ihm gehorch' ich, strebe nicht darnach, Ihn zu belehren; braucht er doch dem Beispiel Der Ahnen nur zu folgen, braucht, um recht Zu handeln, nur sich selber gleich zu sein! Wohl uns, wenn alle seine Tugenden Wie einer Kette Glieder sich vereinten, Und stets die ersten Jahre wiederbrächten! Agrippina . So trauest du der Zukunft nicht und glaubst, Daß Nero ohne dich verloren ist? Doch da du so, mit deinem Werk zufrieden, Ein Zeugniß giebst von seinen Tugenden, Sag', wie zum Jungfernräuber er geworden, Die Schwester des Silan entführen ließ? Galt's etwa meiner Ahnen Blut, das hell In Junien glänzt, durch diese Schmach zu schänden? Weß klagt er sie denn an, durch welchen Frevel Ward sie auf einmal Staatsverbrecherin? Sie, die, in Still' und Demuth auferzogen, Nero nicht sah, wenn er sie nicht entführte, Die ihm als eine Wohlthat danken würde Das Glück, daß sie ihn nicht zu sehen braucht! Burrhus . Ich weiß, es lastet kein Verdacht auf ihr, Doch Cäsar hat sie auch noch nicht verdammt, Und Nichts ist, was sie hier verletzen könnte In dem Palast, im Kreise ihrer Ahnen. Du weißt, sie hätte Rechte vorzulegen, Die ihren Gatten zum Empörer machten, Auch darf sich Cäsars Blut nur dem vermischen, Dem Cäsar selbst es anvertrauen will, Und selber würdest du's nicht billigen, 104 Daß über des Augustus Enkelin Man ohne ihn verfügt. Agrippina .                           O, ich verstehe. Durch deine Stimme giebt mir Nero kund, Vergeblich stütze sich Britannicus Auf meine Wahl, es sei umsonst, daß ich, Um ihn von seinem Unglück abzulenken, Mit dem ersehnten Bund ihm schmeichele; Mich zu beschämen, will er jetzo zeigen, Daß Agrippina mehr versprach, als sie Vermag. Rom glaubt mich viel zu hoch begünstigt, Durch diese Schmach will er das Aug' ihm öffnen, Der Schrecken soll das Weltall lehren, nicht Mit meinem Sohn den Kaiser zu verwechseln. Es steht bei ihm, doch wag' ich ihm zu rathen, Daß er zuvörderst seinen Thron befest'ge, Und ihm zu sagen, daß, wenn er mich zwingt, Mein schwaches Ansehn gegen ihn zu richten, Das seine er gefährdet, und mein Name Vielleicht doch schwerer wiegt, als er sich denkt. Burrhus . Verdacht, o Fürstin, gegen seine Ehrfurcht? Flößt Alles, was er thut, dir Mißtraun ein? Glaubt er, du seist von Juniens Partei Und einverstanden mit Britannicus? Willst du die Stütze deiner Feinde werden, Und willst du so das Reich in Zwietracht stürzen? Mußt du denn stets in Angst und Sorge sein, Und wenn du deinen Sohn umarmst, soll's immer Erklärung, Auseinandersetzung geben? Laß endlich doch des Tadels Eifer ruhn, Sei nachsichtsvoll, wie's einer Mutter ziemt, Ertrage seine Kälte ohne Zorn Und gieb dem Hof nicht Anlaß, dich zu fliehn. 105 Agrippina . Wer würde Agrippina stützen wollen, Wenn Nero mir den Untergang verkündet, Wenn er mich bannt aus seinem Angesicht, Und Burrhus mir die Thür zu ihm versperrt? Burrhus . Ich seh', o Fürstin, daß jetzt Zeit zum Schweigen Und meine Offenheit dir lästig ist; Der Schmerz ist ungerecht, und alle Gründe, Wenn sie nicht schmeicheln, wecken nur Verdacht. Dort naht Britannicus, ich räum' das Feld; Du magst sein Unglück hören und beklagen, Und wirst vielleicht am meisten die darob Beschuld'gen, die der Kaiser nicht befragt.   Dritter Auftritt. Britannicus . Agrippina . Narciß . Albina . Agrippina . Wohin, wohin, o Prinz, in solcher Eile? Du wirfst dich blind in deiner Feinde Kreis, Was suchst du hier? Britannicus .                     Was ich hier such', o Götter? Hier der Palast umschließt mein Alles ja, Was ich verlor; von roher Kriegerschaar Ward schmählich Junia hierher geschleppt. Ha, welch ein Schreck muß ihren zarten Sinn Bei diesem Schauspiel überfallen haben! So wird sie mir geraubt! Ein streng Gesetz Trennt so zwei Herzen, die das Unglück einte; Man will nicht, daß wir, unsre Klagen mischend, Uns helfen, unser Elend zu ertragen. 106 Agrippina . Genug! Wie du empfind' ich die Beleid'gung, Mein Klagen kam dem deinen schon zuvor, Doch soll ohnmächt'ger Zorn mich meines Worts Nicht gegen dich entbinden. Hier kann ich Mich nicht erklären. Willst du mehr vernehmen, So komm zu Pallas, wo ich dich erwarte.   Vierter Auftritt. Britannicus . Narciß . Britannicus . Narciß, soll ich ihr glauben auf ihr Wort, Zur Richterin sie wählen zwischen mir Und ihrem Sohn? Was meinst du, ist sie nicht Dieselbe Agrippina, die mein Vater Zu meinem Unheil ehlichte, und die, Wenn ich dir glauben darf, sein Leben, das Für ihren Plan zu langsam sich verlief, Zuletzt in seinem Lauf beschleunigt hat? Narciß . Laß nur! Sie fühlt sich so wie du erbittert, Sie gab ihr Wort, dir Junien zu vereinen. Ein gleicher Schmerz und Vortheil möge euch Verbinden, denn dein Klagen tönet hier Umsonst. So lang man euch mit fleh'nder Stimme Nur Trauer, keinen Schreck verbreiten sieht, Und sich dein Schmerz in Worten nur entladet, Wird man dich sicher ewig klagen lassen. Britannicus . Du weißt, Narciß, ob ich der Knechtschaft Joch Gesonnen bin noch lange Zeit zu tragen; Du weißt, ob ich, durch meinen Sturz betäubt, Für immer auf den Thron, der mir gebührt, 107 Verzichte; doch ich stehe noch allein, Des Vaters Freunde, mir noch unbekannt, Sind wie zersprengt durch meines Unglücks Größe, Und meine Jugend hält auch die mir fern, Die mir im Herzen ihre Treue wahrten. Wie hat Erfahrung eines kurzen Jahres Mein traurig Loos mich schnell erkennen lassen! Wie seh' ich ringsumher verkaufte Freunde, Die eifrig lauernd meinen Schritten folgen, Die Nero zu dem schmählichen Geschäft, Ihm mein Geheimniß zu verhandeln, wählte! Narciß, tagtäglich werd' ich hier verrathen, Er kennet meine Pläne alle, hört Ein jedes meiner Worte, weiß wie du Um jede Regung meiner Brust. Glaubst du's Nicht auch? Narciß .               Ja, welch gemeine Seele, die . . . Verschwiegne Männer mußt du zu Vertrauten Dir wählen, dein Geheimniß nicht verschleudern. Britannicus . Ja, du hast Recht, doch solche Vorsicht ist Meist erst der großen Seelen letzte Kunst, Die lang sich täuschen; glauben will ich dir, Ich will, noch mehr, dir ganz allein nur glauben. Mein Vater, ich bin deß gedenk, hat mich Des Eifers, welcher dich belebt, versichert, Du bliebst allein von allen Freigelaßnen Mir treu, dein Auge, stets um mich besorgt, Hat schon vor mancher Klippe mich bewahrt. Geh', sieh, ob das Gerücht des neuen Sturmes In meinen Freunden Muth erweckte; forsche In ihrem Blick und horch' auf ihre Reden; Sieh, ob von ihnen Hülfe zu erwarten, Vor Allem suche klüglich zu erforschen, Wie Nero die Prinzessin hüten läßt, 108 Ob sie vom Schrecken sich erholte, und Ob mir's gestattet ist, mit ihr zu reden. Ich aber suche Neros Mutter auf Bei Pallas, meines Vaters Freigelaßnem, Gleich dir, ich will sie sehn, ich will ihr folgen, Will sie aufreizen und, wenn's möglich ist, Im Schutze ihres Namens weiter noch Gelangen, als sie selber wünschen mag. 109   Zweiter Aufzug. Erster Auftritt. Nero . Burrhus . Narciß . Wachen . Nero . Kein Zweifel, Burrhus; aber trotz des Unrechts Ist's doch die Mutter, ihre Launen will Ich ihr verzeihn, nur länger duld' ich nicht Den unverschämten Diener, der sie nährt. Des Pallas Rath vergiftet mir die Mutter, Und er verführt auch den Britannicus; Sie hören nur auf ihn, und säh' man nach, Man fände sie vielleicht bei ihm versammelt. Das ist zu viel, von beiden muß ich ihn Entfernen; fort, auf immer soll er fort. Ich will es, ich befehl's: des Tages Ende Soll ihn nicht mehr in Rom, am Hofe finden, Denn also heischt's des Landes Wohl. Narciß, Tritt näher zu mir her. (Zu den Wachen) Und ihr, entfernt euch. 110   Zweiter Auftritt. Narciß . Nero . Narciß . Den Göttern Dank, in deiner Hand ist Junia, Dies sichert heut dich vor den andern Römern; Aus ihrer eitlen Hoffnung aufgeschreckt, Beweinen sie beim Pallas ihre Ohnmacht. Was aber seh' ich, Herr? Du selber bist Bewegt, unruhig, scheinst bestürzter noch Als selbst Britannicus? Sag, was verkündet Mir diese düstre Trauer, dieser Blick, Der finster schweift? Es lächelt dir ja Alles, Und deinem Wunsch neigt sich das Glück. Nero .                                                                       Narciß, Es ist um mich geschehen! Nero liebt! Narciß . Du, Herr? Nero .                       Seit einem Augenblick, doch lieb' ich Für's ganze Leben, nein, was sag' ich, lieben? Ich bete Junien an. Narciß .                           Sie liebst du, Herr? Nero . Von Neubegier gespornt, war ich heut Nacht Zugegen, als sie kam. Sie war so traurig Und blickte auf mit feuchtem Aug', das heller Erstrahlte als die Waffen und die Fackeln. Wie war sie schmucklos schön im schlichten Kleide, Die Jungfrau, welche man dem Schlaf entrissen! Ich weiß nicht, war's die reizende Unordnung, Nacht, Fackelschein, Geschrei und dann die Stille, Der wilde Blick der trotzigen Entführer, Was ihre anmuthreiche Schüchternheit 111 Noch holder machte? Wie bezaubert war ich, Ich wollte reden, doch die Stimme stockte, Und regungslos, versenkt in langes Staunen, Ließ ich vorbei sie in ihr Zimmer schreiten Und trat ins meine. Dort in Einsamkeit Sucht' ich ihr Bild der Seele zu entfernen; Es war umsonst, sie trat mir stets vor Augen, Es war, als spräche ich mit ihr und wäre Von ihren Thränen, die ich selbst verschuldet, Entzückt! Mitunter fleht' ich, ach, zu spät! Sie um Vergebung an, es bald mit Seufzen Und bald mit Drohn versuchend. So, Narciß, Von dieser neuen Leidenschaft beherrscht, Sah ich mit wachem Aug' den Tag beginnen. Jedoch vielleicht denk' ich sie mir zu schön, Erschien sie in zu vortheilhaftem Lichte, – Was meinst du? Narciß .                     Wie war's möglich, Herr, daß sie So lange Zeit vor Nero sich verbarg? Nero . Du weißt es ja, Narciß. Sei's, daß ihr Groll Das Unglück, das den Bruder ihr geraubt, Mir zuschrieb oder daß ihr spröder Stolz Den Anblick ihres Jugendreizes uns Nicht gönnte, daß sie, ihrem Schmerze treu, Sich in der Dunkelheit verschloß und sich Der Schönheit Ruhm entzog, just diese Tugend, So neu an unserm Hofe, ist es, die Durch ihre Festigkeit mich reizt. Narciß, Dieweil hier keine einz'ge Römerin, Die nicht auf meine Liebe eitel wäre, Die seit dem Augenblicke, wo sie wagt Auf ihrer Augen Reiz zu baun, es nicht Versucht, an Cäsars Herz ihn zu erproben, Sieht die bescheidne Junia in dem, 112 Wonach die Andern streben, eine Schmach; Sie flieht und will sogar nicht einmal wissen, Ob Cäsar liebenswürdig ist und selbst Zu lieben weiß. Sag', ob Britannicus Sie liebt? Narciß .           Herr, zweifelst du daran? Nero .                                                         So jung Kennt er sich selber kaum und sollte schon Den gift'gen Zauber eines Blickes kennen? Narciß . Die Liebe wartet nicht auf reife Jahre. Er liebt, kein Zweifel, seine Augen sind Durch ihren Reiz an Thränen schon gewöhnt; Er kommt schon jedem ihrer Wünsche nach, Und er versteht vielleicht schon zu bethören. Nero . Wie, sollt' er Einfluß auf ihr Herz besitzen? Narciß . Ich weiß nicht, aber das kann ich dir sagen, Ich sah ihn oft schon sich von hier entfernen, Das Herz voll Groll, den er vor dir verbarg. Er zürnte ob des Hofes Undank, der Ihn flieht, war deiner Größe überdrüssig Und seiner Knechtschaft; also zwischen Furcht Und ungeduld'ger Hoffnung schwankend, suchte Er Junien auf und kam zufrieden wieder. Nero . Weh ihm, wenn er ihr zu gefallen weiß, Narciß, es wär' ihr Haß ihm wünschenswerther! Nicht straflos reizt man Neros Eifersucht. Narciß . Du, Herr, was kann in Unruh' dich versetzen? Sie konnt' ihn wohl beklagen, Antheil nehmen An seinen Leiden, – hat sie keine Thränen 113 Bis jetzt doch außer seinen fließen sehn! Nun aber, Herr, wo ihr enttäuschtes Auge Den hohen Glanz, der dich umgiebt, betrachtet Und sieht, wie kronenlose Könige, Der Menge unbekannt, um dich sich reihn, Und wie selbst ihr Geliebter dir das Auge Zuwendet, und sich eines Blickes freut, Den du durch Zufall auf ihn fallen läßt, Kannst du, wenn du von deines Ruhmes Staffel Sie seufzend als die Siegerin begrüßest, Des schon errungnen Herzens sicher sein; Befiehl dann nur, daß man dich lieben soll, Und zweifle nicht daran, man wird dich lieben. Nero . Auf welche Qual muß ich gefaßt mich machen. Wie manche Widerwärtigkeit . . . . Narciß .                                                     Wie, Herr, Wer kann dich hindern? Nero .                                       Agrippina, Burrhus, Octavia, Seneca, ganz Rom, kurz Alle, Und drei in Tugend hingebrachte Jahre! Nicht daß ein Funke Zärtlichkeit mich etwa Noch an Octavien fesselte und Mitleid Mit ihrer Jugend mich erregte, – längst Bin ich der Sorgfalt müde, die sie mir Erweist, und mag nicht ihre Thränen sehn. Wie glücklich, könnte Ehescheidung bald Vom aufgedrungnen Joche mich befrein! Es scheint der Himmel selbst sie zu verdammen, Vier Jahr' schon quält sie ihn umsonst mit Wünschen, Doch ihre Tugend scheint ihn nicht zu rühren, Er ehrt, Narciß, mit keinem Pfand ihr Lager, Und einen Erben heischt das Reich vergebens. 114 Narciß . Drum, Herr, was zauderst du, sie zu verstoßen? Spricht Alles nicht, dein Herz, das Reich ihr Urtheil? Dein Ahn Augustus liebte Livien Und bald vereinte sie zwiefache Scheidung, Und dieser Scheidung dankst du deinen Thron. Tiberius, den die Heirath in sein Haus Gebracht, war kühn genug, vor seinen Augen Die Tochter zu verstoßen. Du, o Herr, Stehst deinen Wünschen ganz allein entgegen, Und wagst durch Scheidung nicht, dein Glück zu sichern. Nero . Ist Agrippinens Unversöhnlichkeit Dir nicht bekannt? Schon seh' ich es im Geist, Wie sie Octavien zu mir führt, wie sie Entflammten Augs des Bundes Heiligkeit, Den sie geknüpft, mir vor die Seele stellt, Und mit noch härtrem Schlag das Herz mir treffend, Beweise meines Undanks vor mir aufrollt. Wie trüg' ich solch ein läst'ges Zwiegespräch? Narciß . Bist du dein eigner Herr nicht und der ihre, Willst du vor ihrer Vormundschaft stets zittern? Leb' für dich selbst und herrsche auch für dich, Für sie zu herrschen, wäre doch zu viel; Du fürchtest, Herr – – – du fürchtest sie ja nicht. Verbanntest du nicht jüngst den stolzen Pallas, Pallas, deß Keckheit sie zu schützen wußte? Nero . Fern ihrem Blick weiß ich zu drohn, zu herrschen, Ich horch' auf deinen Rath und bill'ge ihn, Ich stachle gegen sie mich auf und suche Ihr Trotz zu bieten, aber laß mich dir Mein ganzes Innre ungeschminkt enthüllen: Sobald mein Mißgeschick mich zu ihr führt, Sei's, daß ich mich der Herrschaft ihres Blicks, 115 Der mich so lange meine Pflicht gelehrt, Nicht zu entziehn vermag, sei's, daß gedenkend So vieles Guten, ich im Stillen Alles Ihr unterwerfe, was ich von ihr habe, – Kurz, wie ich auch dagegen streb', es hilft Zu Nichts, mein Geist erzittert vor dem ihren, Und um von diesem Druck mich zu befrein, Flieh' ich sie überall, beleid'ge sie Sogar und stachle sie zum Aerger auf, Daß sie mich meide, so wie ich sie fliehe. Jedoch ich halt' dich auf, Narciß, geh' jetzt, Sonst denkt Britannicus an Hinterlist. Narciß . Nein, der verläßt sich ganz auf meine Treue; Auf sein Geheiß, so wähnt er, seh' ich dich Und forsche Allem nach, was ihn betrifft; Besonders aber brennt er, die Geliebte Zu sehn und hofft, ich helfe ihm dazu. Nero . Ich will'ge ein, bring' ihm die freud'ge Botschaft, Er soll sie sehn. Narciß .                       Herr, halte sie ihm fern. Nero . Ich habe meine Gründe. Du begreifst, Narciß, daß ich die Freude, sie zu sehn, Ihm hoch verkaufe, aber sage ihm, Daß dir die List gelang, daß ihm zu Liebe Man mich betrügt, und, ohne daß ich's weiß, Er sich ihr naht. Man öffnet; horch, sie kommt. Such' deinen Herrn auf, führe ihn hierher. 116   Dritter Auftritt. Nero . Junia . Nero . Du zitterst, Fürstin, deine Wang' entfärbt sich, Verkündet dir mein Auge schlimme Botschaft? Junia . Daß ich mich täuschte, Herr, verhehl' ich nicht. Ich sucht' Octavien hier und nicht den Kaiser. Nero . Ich weiß es, Fürstin, und nicht ohne Neid Seh' ich, wie du Octavien beglückst. Junia . Du, Herr? Nero .                   Meinst du, sie hätte hier allein Nur Augen, dich zu würdigen? Junia .                                                 O Herr, Wen anders soll ich denn anflehn und wen Um ein mir unbekannt Verbrechen fragen? Du, der's bestraft, du mußt es ja auch kennen. Ich fleh' dich an, sag' mir, was ich verbrochen. Nero . Wie, Fürstin, ist's denn eine kleine Sünde, Daß du mir deine Gegenwart verbirgst? Gab dir der Himmel diesen Schatz von Schönheit Nur, daß du ihn der Welt entziehen solltest? Britannicus, der Glückliche, soll er In Sicherheit und unsern Blicken fern Sich seiner Lieb' und deiner Reize freun? Warum hast du bis jetzt von solchem Glück Mich ausgeschlossen und mich mitleidslos An meinen Hof gebannt? Man spricht noch mehr: Du littest, heißt es, ohne drob zu zürnen, Daß er vor dir sein ganzes Herz enthülle; 117 Denn nimmer glaub' ich, daß die strenge Junia Mit Hoffnung ihm geschmeichelt hätte, ohne Mich drum zu fragen, daß sie liebte und Sich lieben ließe, wenn ich durch's Gerücht Davon allein nur Kunde haben sollte. Junia . Ich leugne nicht, o Herr, daß seine Seufzer Mir seines Herzens Wunsch verrathen haben, Sein Auge hat nicht stolz sich abgewendet Vom letzten einz'gen Sprößling eines einst Erlauchten Hauses. Er gedenkt vielleicht, Daß einst in beßrer Zeit sein Vater mich Für ihn bestimmt. Er liebt mich und gehorcht Dem Vater, seiner Mutter und auch dir, So hoff' ich, eure Wünsche stimmen ja . . . . Nero . Der Mutter Pläne sind nicht stets die meinen, Doch weiter Nichts von ihr und Claudius, Denn nicht nach ihrem Sinn bestimm' ich mich; Ich selbst, allein, hab' für dich einzutreten Und will dir selber einen Gatten wählen. Junia . Bedenkst du, Herr, daß jeder andre Bund Das Haus der Cäsarn, meiner Ahnen, schändet? Nero . Nein, Fürstin, der, den ich im Sinne habe, Kann seine Ahnen kühn zu deinen reihn, Du darfst dein Herz ihm ohn' Erröthen weihen. Junia . Wer, Herr, ist dieser Gatte? Nero .                                                 Ich bin's, Fürstin. Junia . Du? Nero .         Einen andren Namen nennt' ich dir, 118 Gäb's einen größeren als den des Nero. Ja, eine würd'ge Wahl dir anzubieten, Hab' ich den Hof, das Reich, ganz Rom durchforscht; Doch, Fürstin, wie ich stets aufs Neue spähe, In wessen Hände dieser Schatz zu legen, Find' ich, daß Cäsar einzig deiner würdig, Allein berufen ist, den Schatz zu hüten, Und daß er nur der Hand dich darf vertraun, In welche Rom die Weltherrschaft gelegt. Du selbst, denk' doch an deiner Kindheit Jahre! Dem Sohne hatte Claudius dich bestimmt, Doch war's zu einer Zeit noch, wo er hoffte, Ihn zu des Reiches Erben einzusetzen. Jetzt, wo die Gottheit sprach, darfst du nur noch Dich auf der Macht und Herrschaft Seite reihn; Doch wär's ein eiteles Geschenk für mich, Wenn nicht dein Herz damit verbunden wäre, Wenn deine Huld mir nicht die Sorgen scheuchte, Wenn, während ich Beneideter die Tage Und Nächte unruhvollem Treiben widme, Zu deinen Füßen nicht von Zeit zu Zeit Aufathmen darf. Octavia muß dich nicht Bekümmern. Rom giebt seine Stimme dir Wie ich, es stößt Octavien zurück Und macht von einer Ehe Band mich frei, Das nie die Götter anerkennen wollten. Bedenk's, erwäge, Fürstin, diese Wahl, Die eines Fürsten würdig, der dich liebt, Der Schönheit, die zu lang verborgen blieb, Des Weltalls, welchem du dich schuldig bist. Junia . Wohl hab' ich Grund, o Herr, erstaunt zu sein. Im Laufe eines Tages seh' ich mich Als Missethäterin hierher geführt, Und wie ich schreckerfüllt vor dir erscheine Und kaum auf meine Unschuld bauen mag, 119 Beutst du Octaviens Platz mir plötzlich an; Doch wag' ich dir zu sagen, daß ich weder Der Ehre Uebermaß, noch diese Schmach Verdiene. Wagst du, Herr, zu hoffen, daß Ein Mädchen, dem, als kaum es war geboren, Der Stamm erlosch, das in der Stille, sich In Gram verzehrend, nach der Tugend strebte, Die seinem Loos entsprach, daß es urplötzlich Aus Dunkelheit an einen Platz sich stelle, Der es den Augen einer Welt enthüllt, Die ich von ferne kaum ertragen konnte, In deren Licht schon eine Andre lebt? Nero . Ich sagte dir's schon: ich verstoße sie. Sei nicht so angstvoll, sei nicht zu bescheiden, Und sieh Verblendung nicht in meiner Wahl, Ich bürge dir für dich, giebst du dein Jawort. Denk' an das Blut, aus welchem du entsprungen, Und ziehe nicht den sichren Ruhm, den Cäsar Dir beut, dem Ruhm der Weigrung vor, drob du Doch einst noch bittre Reu' empfinden könntest. Junia . Der Himmel, Herr, kennt meines Herzens Tiefen. Nicht eitler Ehrgeiz ist es, der mich treibt; Ich würd'ge ganz die Größe des Gebotnen, Je höhren Glanz mir dieser Rang verleiht, Je mehr empfänd' ich auch die Schmach des Frevels, Die wahre Erbin drum beraubt zu haben. Nero . Das heißt ja große Sorg' um sie empfinden, Und Freundschaft, Fürstin, kann nicht weiter gehn; Doch täuschen wir uns nicht, und sein wir offen: Dich rührt die Schwester minder als der Bruder, Und was Britannicus betrifft . . . . Junia .                                                     Er wußte 120 Mein Herz zu rühren, ich verhehl' es nicht. Nicht klug, ich weiß, ist diese Offenheit, Doch sprach mein Mund stets, was das Herz empfand; Vom Hofe fern hab' ich nicht denken können, Ich müsse je mich in Verstellung üben. Ich liebe ihn, ich war ihm einst bestimmt, Als Herrschaft unserm Bund noch folgen sollte; Jedoch das Unglück, das ihn drum beraubt, Verlorne Ehren, des Palastes Oede, Die Flucht des Hofes, den sein Fall Von ihm entfernt, das Alles ist ein Band, Das Junien um so fester an ihn fesselt. Dir lächelt Alles, was du siehst, entgegen, In Lust verfließt dein immer heitrer Tag, Die Herrschaft ist ihr nie versiegter Quell, Und wenn ein Kummer ihn zuweilen trübt, Dann sucht die Welt dich zu erheitern, stets Bemüht, dir die Erinnrung zu verscheuchen. Britannicus jedoch ist einsam, und er sieht Nur mich, die Theil an seinen Leiden nimmt, Und Thränen sind die einz'ge Freude, die Bisweilen ihn sein Loos vergessen macht. Nero . Ja, diese Freude, diese Thränen sind's, Um die ich ihn beneide, die ein Andrer Mit seinem Leben mir bezahlen würde. Doch gönn' ich ihm ein mildres Loos, er wird Vor deinem Blick, Prinzessin, gleich erscheinen. Junia . Ich baute stets auf deinen Edelsinn. Nero . Den Eintritt könnte ich ihm hier verbieten, Doch wünsch' ich, der Gefahr zuvorzukommen, In die sein Groll ihn leicht verstricken könnte. Ich will nicht sein Verderben; besser ist's, Daß er sein Urtheil aus geliebtem Mund 121 Vernehme. Liegt an seinem Leben dir, So send' ihn fort von hier und laß ihn nicht Argwöhnen, daß ich eifersüchtig bin. Nimm das Gehäss'ge der Verbannung auf Dich selbst; durch Reden, Schweigen, mindestens Durch deine Kälte mache ihm begreiflich, Daß seine Sehnsucht, seine Hoffnung sich Wo anders hinzurichten hat. Junia .                                             Wie, Herr, Solch strenges Urtheil soll ich ihm verkünden? Das Gegentheil schwor ich ihm tausendmal, Und könnt' ich es auch über mich gewinnen, Zum Ungehorsam mahnt' ihn doch mein Blick. Nero . In dem Gemach verborgen, seh' ich dich; Verschließe deine Lieb' in deinen Busen, Für mich wird deine Sprache stumm nicht sein Und deine Blicke selber werd' ich hören. Sein Untergang ist der gewisse Lohn Für jede Miene, jeden Seufzer, der, Ihm Liebe kündend, dir entschlüpfen wird. Junia . Ach, wenn ich's wagte, einen Wunsch zu nennen: Gestatte, Herr, daß ich ihn nicht mehr sehe.   Vierter Auftritt. Nero . Junia . Narciß . Narciß . Britannicus verlangt nach der Prinzessin, Er kommt. Nero .                 Er trete ein. 122 Junia .                                     O Herr! Nero .                                                    Ich lass' euch. Sein Loos hängt mehr von dir ab, als von mir. Bedenk', wenn du ihn siehst, daß ich dich sehe.   Fünfter Auftritt. Junia . Narziß . Junia . O theuerster Narciß, eil' ihm entgegen, Sag' ihm . . . Ich bin verloren, ha, er kommt!   Sechster Auftritt. Britannicus . Junia . Narziß . Britannicus . O Fürstin, welch ein Glück führt mich zu dir? Ich darf des holden Zwiegesprächs mich freun, Doch bange Ahnung störet meine Wonne. Ach, darf ich hoffen, dich aufs Neu' zu sehn, Muß auf verschlungnen Wegen ich ein Glück Mir rauben, das du täglich mir gewährtest? Welch eine Nacht, welch ein Erwachen! Konnten Dein Anblick, deine Thränen nicht einmal Der frechen Söldner rohe Schaar entwaffnen? Wo war ich, dein Geliebter? hielt ein Dämon Mich fern, daß ich vor deinem Angesicht Nicht sterben konnte? Hast du in Bestürzung Nicht stille Klagen zu mir hergesandt? O, meine Fürstin, hast du mich herbei Gewünscht und an den Gram gedacht, den du Mich kostest? – Ha, du redest nicht, – wie eisig 123 Ist dein Empfang! Soll das der Trost sein, den Du mir im Unglück bringst? Wir sind allein; Dieweil wir reden, wurde unser Feind Wo anders hingelockt und ist beschäftigt, – Laß mich den günst'gen Augenblick benutzen. Junia . Hier dieser Raum ist voll von seiner Macht, Selbst diese Mauern können Augen haben, Der Kaiser ist niemals abwesend hier. Britannicus . Seit wann, o Fürstin, bist du denn so zaghaft, Läßt deine Liebe schon sich Fesseln schmieden? Was ward aus diesem Herzen, das mir stets Geschworen, Nero selber solle uns Um unsrer Liebe Glück beneiden? Doch Verbann', o Fürstin, deine eitle Furcht! Die Treu' ist noch in aller Herzen nicht Erloschen, jeder scheint zum mindesten Mit Blicken meinen Groll zu billigen, Und Neros Mutter zeiget sich uns günstig. Rom selbst, unwillig über sein Verfahren . . . . Junia . Ach, Herr, du sprichst nicht, wie du denkst; du selbst Hast tausendmal mir eingestanden, daß Ganz Rom in seinem Lobe sich begegnet, Der Schmerz ist's wohl, der dich so reden heißt. Britannicus . Befremdend klingt dein Wort, ich muß gestehn; Nicht um sein Lob zu hören suchte ich Dich auf. Wie, meinen Kummer dir zu sagen, Erhasch' ich einen günst'gen Augenblick, Und diese theure Spanne Zeit, o Fürstin, Vergeht damit, daß du den Feind mir lobst, Der mich zu unterdrücken sucht, und dich An einem Tag dir selber untreu macht? Wie, selbst dein Blick hat Schweigen schon gelernt, 124 Was muß ich sehn? Du meidest schon den meinen? Gefällt dir Nero? Bin ich dir verhaßt? Ha, wenn ich's glaubte! – In der Götter Namen Zerstreu' die Sorg', in welche du mich stürzest. Sprich, leb' ich nicht in deinem Herzen mehr? Junia . Zieh dich zurück, o Prinz, der Kaiser kommt. Britannicus . Nach solchem Schlag, was hab' ich zu gewärt'gen?   Siebenter Auftritt. Junia . Nero . Narciß . Nero . Prinzessin . . . . Junia .                           Herr, ich darf, ich kann Nichts hören, Ich habe dir gehorcht, – laß mindestens Mich Thränen weinen, die er nicht mehr sieht.   Achter Auftritt. Nero . Narciß . Nero . Nun siehst du ihre heiße Leidenschaft, Sie zeigte selbst in ihrem Schweigen sich; Sie liebt den Nebenbuhler, das ist klar, Doch wird mir's eine Wonne sein, wenn ich Ihn zur Verzweiflung bring'. Ich mache mir Von seiner Qual ein reizend Bild. Schon sah ich, Wie er an der Geliebten zweifelte. Ich folge ihr. Mein Nebenbuhler harrt Auf dich, um seinem Ingrimm Lust zu machen. Geh' hin und quäle ihn mit neuem Argwohn, 125 Und während man vor meinen Augen ihn Beklagt und liebt, laß theuer ihn ein Glück, Das ihm verborgen blieb, bezahlen. Narciß (allein) .                                           Schon Zum zweiten Mal, Narciß, lacht dir das Glück Entgegen, bist du blind für seinen Wink? Nein, bis zum letzten Ziel will ich ihm folgen, Und ihr Verderben soll den Weg mir bahnen. 126   Dritter Aufzug. Erster Auftritt. Nero . Burrhus . Burrhus . Herr, Pallas wird gehorchen. Nero . Agrippina, Wie hat sie die Beschämung aufgenommen? Burrhus . Nicht zweifle, Herr, daß dieser Schlag sie trifft, In Klag' und Vorwurf sich ihr Schmerz ergießt; Seit lang schon droht ihr Groll hervorzubrechen, O blieb's doch nur beim nutzlos eitlen Klagen! Nero . Glaubst du sie fähig, einen Plan zu schmieden? Burrhus . Zu fürchten, Herr, ist Agrippina immer! Rom und dein Heer verehren ihre Ahnen, Germanicus, ihr Vater, stellt sich vor Die Seele Aller; sie erkennt, was sie Vermag. Du aber weißt, wie kühn sie ist, Und, was noch mehr Besorgniß mir erregt, Ist, daß du selbst in ihr den Ingrimm schürst Und gegen dich ihr Waffen in die Hand giebst. Nero . Ich, Burrhus? 127 Burrhus . Diese Liebe, welche dich . . . . Nero . Ha, ich verstehe dich, mein Herz hat mehr Darüber mir gesagt, als du vermagst Zu sagen. Lieben muß, ich muß sie lieben. Burrhus . Das denkst du dir; durch Widerstand gereizt Bangt dir vor einem Uebel, das, so lang Es im Entstehn, noch nicht gefährlich ist. Wenn nur dein Herz, auf seiner Pflicht beharrend, Mit seinem Feind sich nicht verständ'gen wollte! Wärst du des Ruhms der ersten Zeit gedenk, Octaviens, die Besseres verdiente, Und ihrer keuschen Liebe, die bei dir Den Stolz besiegte, miedest du vor Allen Den Anblick Juniens und wolltest dich Auf kurze Zeit entfernen, glaube mir: Wie mächtig auch der Reiz, der dich beherrscht, Man liebt nicht, Herr, wenn man nicht lieben will. Nero . Dir glaub' ich, Burrhus, wenn im Kampfgewühl Es gilt, zu stützen unsrer Waffen Ruhm; Auch wenn es gilt, im ruhigen Senat Des Reiches Schicksal zu erwägen, dann Verlass' ich mich auf dich, den Vielerfahrnen. Doch eine andre Wissenschaft ist Liebe, Und deinen strengen Sinn möcht' ich nicht gern Ins Kleinliche herunterziehn. Leb' wohl! Von Junien fern zu sein, ertrag' ich nicht. 128   Zweiter Auftritt. Burrhus (allein) . Ha, jetzt enthüllte sich des Kaisers Sinn. Die Wildheit, die ich schon gebändigt glaubte, Droht sich der letzten Fessel zu entled'gen, Sie steigt vielleicht zum Aeußersten empor. O Götter, was in solcher Noth beginnen? Von Rom entfernt kennt Seneca, der mir Mit seinem Rath beistehen sollte, noch Nicht die Gefahr; doch wie, wenn ich, indem Ich Agrippinens Zärtlichkeit erweckte? . . . Sie kommt, mein guter Stern führt sie mir zu.   Dritter Auftritt. Agrippina . Burrhus . Albina . Agrippina . Nun wohl, mein Argwohn, Burrhus, täuschte mich, Gar herrlich sind die Lehren, die du giebst! Verbannt wird Pallas, dessen einziges Verbrechen wohl darin bestand, daß er Zur Herrschaft deinem Herrn verholfen hat. Du weißt es ja, nie hätte Claudius, Den er beherrschte, ohne seinen Rath Nero an Kindesstatt erwählt. Man giebt Zur Gattin eine Nebenbuhlerin Ihm noch hinzu und spricht ihn frei vom Zwang Der ehelichen Treue, würdig ist Solch Handeln eines Lehrers, welcher, wie Er sagt, die Schmeichler haßt, und der, bestimmt, Des Jünglings heißen Trieb zu zügeln, Nun selber schmeichelt und in seinem Busen Verachtung für die Mutter und Vergessen Der Gattin nährt. 129 Burrhus . Gebieterin, du klagst Zu früh mich an, der Kaiser that bis jetzt Nichts Tadelnswerthes. Pallas selber schreibe Es zu, daß er verbannt wird; schon seit lange Erheischt sein Uebermuth solch eine Strafe, Und wider Willen thut der Kaiser nur, Was längst der Hof im Stillen schon verlangte. Das andre ist ein Unglück, aber nicht Unheilbar. Trocknen lassen sich die Thränen Octaviens, beruh'ge dich, du kannst Auf sanftrem Wege schneller ihr den Gatten Aufs Neue wiederbringen; Drohung macht Und heft'ges Zürnen ihn nur trotziger. Agrippina . Umsonst versucht man, mir den Mund zu schließen; Mein Schweigen reizt, ich seh's, euch zur Verachtung, Ich schonte allzu sehr mein eignes Werk. Nicht jede Stütze schwand mit Pallas mir; Der Himmel läßt, um meinen Sturz zu rächen, Mir Macht genug; der Sohn des Claudius Beginnt die Frevel zu empfinden, die In meinem Busen bittre Reu' erwecken. Ich werde, zweifle nicht daran, dem Heer Ihn zeigen und vor allen Kriegern Klage Ob seiner unterdrückten Kindheit führen, Auf daß mein Beispiel sie belehre, wie Sie ihren Irrthum sühnen. Hier ein Sohn Des Kaisers, Anspruch machend auf die Treue, Die seinem Haus geschworen ward, und ich Die Tochter des Germanicus, die redet; Dort aber wird man Aenobarbus' Sohn, Von Seneca und Burrhus, dem Tribunen, Gestützt, die beid' ich dem Exil entriß, Die mir vor Augen sich die Herrschaft theilen, Erblicken, ja man soll die Frevel alle, 130 Die uns gemeinsam sind, erfahren und Den Weg erkennen, den ich ihn geführt. Um sein' und eure Macht verhaßt zu machen, Will ich das Scheußlichste, was das Gerücht Verbreitet, anerkennen, Alles: Mord, Verbannung, ja Vergiftung selbst gestehn. Burrhus . Gebieterin, sie werden dir nicht glauben, Und in dem Zeugniß derer, die sich selbst Verklagt, nur Trug und Arglist sehn; ich aber, Der deinen Plan zuerst begünstigte, Der die Armee ihm Treue schwören ließ, Bereu' den gut gemeinten Eifer nicht. Er ist ein Sohn, der seinem Vater folgt. Als Claudius Nero adoptirte, hat er Die Rechte seines Sohnes und des deinen Verschmolzen. Rom hat freie Wahl gehabt, So hat es, ohne ungerecht zu sein, Tiberius gewählt, den Adoptivsohn Augusts, und von dem Rang, den er umsonst Erstrebte, ward Agrippa ausgeschlossen, Der doch aus seinem Blut entsprungen war. Die Macht, die sich auf solche Stützen baut, Du selber kannst sie heut nicht mehr erschüttern, Und folgt er mir, wird seine Güte bald, O hohe Frau, den Wunsch darnach dir nehmen. Wie ich begann, will ich mein Werk vollenden.   Vierter Auftritt. Agrippina . Albina . Albina . Gebieterin, wie reißt der Schmerz zum Zorn Dich fort. Daß es der Kaiser nie erführe! 131 Agrippina . Ha, mög' er nur sich meinen Blicken zeigen! Albina . Birg, bei den Göttern fleh' ich, deinen Groll! Willst du um der Geschwister willen, Fürstin, Die Ruhe deiner Tage opfern, willst du Cäsar in seiner Liebe selbst beschränken? Agrippina . Siehst du denn nicht, wie sehr man mich erniedrigt? Man giebt mir eine Nebenbuhlerin, Zerreiß' ich nicht dies unheilsvolle Band, Dann ist mein Platz besetzt, und ich bin Nichts. Octavia, die ein leerer Titel ehrte, Galt nichts am Hofe, welcher sie nicht kannte, Allein vertheilt' ich alle Gunst und Ehre, Und dafür ward mir jede Huldigung Der Ehrbegierigen zu Theil. Doch jetzt Hat eine Andre Cäsars Herz gewonnen, Sie wird der Gattin, der Geliebten Macht Besitzen; ach, so vieler Mühen Frucht, Die kaiserliche Pracht, kurz Alles wird Der Lohn für einen ihrer Blicke werden! Noch mehr, man meidet mich, und schon verlassen . . . Albina, den Gedanken trag' ich nicht, Und müßte ich der Götter Schicksalsspruch Beschleun'gen, Nero, der so undankbar, Nero . . . . doch sieh, es naht sein Nebenbuhler.   Fünfter Auftritt. Britannicus . Agrippina . Narciß . Albina . Britannicus . Nicht unbesiegbar sind die Feinde, Fürstin, Und unser Unglück findet Mitgefühl; Schon haben unsre Freunde, welche sich 132 Bis jetzt verborgen hielten, während wir Die Zeit mit eitlem Groll und Zorn verloren, Ob solcher Ungerechtigkeit erbost, Den Schmerz darüber dem Narciß vertraut, Und noch ist Nero nicht der ruhige Besitzer jener Undankbaren, die Er liebt zu Schmach und Hohn für meine Schwester. Wenn du noch immer deine Kränkung fühlst, Kann man den Eidvergeßnen noch zur Pflicht Zurückeführen; zugethan ist uns Die Hälfte des Senates, Sylla, Piso . . . Agrippina . Was sagst du mir, o Prinz! Des Adels Häupter? Britannicus . Wohl seh' ich, Fürstin, daß mein Wort dich kränkt, Daß zürnend, zitternd, unentschlossen du Schon zu erlangen fürchtest, was du wünschtest. Doch nein, du hast mein Unglück nur zu gut Begründet; fürchte nicht, daß sich für mich Ein muth'ger Freund erhebt, es blieb mir keiner, Du hast mit allzu kluger Vorsicht sie Seit lang bestochen und von mir entfernt. Agrippina . Gieb deinem Argwohn nicht so vielen Raum, Dein Heil hängt ab von unsrem Einverständniß. Ich gab mein Wort, und das genügt, ich werde Nichts widerrufen, wie die Feind' auch drohn. Der schuldbewußte Nero flieht umsonst Vor meinem Zorn, denn früher oder später Wird er die Mutter hören müssen. Wechselnd Werd' ich mit Zorn, mit Sanftmuth es versuchen, Ich werde, deine Schwester mit mir führend, Rings meine Furcht und ihr' Bekümmerniß Verbreitend, Aller Herz für sie gewinnen. Leb' wohl! Von allen Seiten werd' ich ihn Bestürmen, aber du vermeid' ihn, rath' ich. 133   Sechster Auftritt. Britannicus . Narciß . Britannicus . Hast du mir nicht mit einer falschen Hoffnung Geschmeichelt, darf ich deiner Botschaft traun, Narciß? Narciß . Ja, aber nicht an diesem Ort Wag' ich, dir das Geheimniß zu enthüllen; Laß uns hinausgehn, wen erwartest du? Britannicus . Wen ich erwarte, ach! Narciß . So sprich dich aus. Britannicus . Könnt' ich durch deine List noch einmal wieder Narciß . Wen sehn? Britannicus . Erröthen muß ich drob, jedoch Ich ginge ruh'ger meinem Loos entgegen. Narciß . Glaubst du sie treu nach Allem, was ich sagte? Britannicus . Nein, schuldig, undankbar erscheint sie mir Und würdig meines Zorns; doch wider Willen Fühl' ich, daß ich's nicht glaube, wie ich sollte. Mein Herz, in seiner Leidenschaft befangen, Sucht Gründ', entschuldigt und vergöttert sie. Wie wünscht' ich, daß ich nicht mehr zweifelte, Und daß ich ungestört sie hassen könnte! Wer glaubte, daß ein Herz, scheinbar so groß, Seit seiner Kindheit feind dem Trug des Hofs, So hohem Ruhm entsagt und gleich zu Anfang Verrath spinnt, wie ihn selbst der Hof nicht kennt? 134 Narciß . Wer weiß, ob sie dort in Verborgenheit Den Kaiser zu erobern nicht schon lange Bedacht gewesen. Wissend, daß ihr Reiz Wohl nicht verborgen blieb, floh sie vielleicht Nur, um gesucht zu werden, Nero durch Den mühevollen Ruhm zu reizen, daß Er einen Stolz besiegte, der bis dahin Für unbesiegbar galt. Britannicus . So kann ich sie Nicht sehn? Narciß . Herr, sie empfängt im Augenblick Die Liebeshuld'gung ihres neuen Freundes. Britannicus . So gehen wir! Was seh' ich? Ja sie ist's! Narciß . Ihr Götter, fort, daß ich's dem Kaiser melde.   Siebenter Auftritt. Junia . Britannicus . Junia . O eile, Prinz! Entflieh' dem Zorn, den ich Durch Widerstand auf dich heraufbeschworen. Nero ist aufgebracht; ich bin entflohn, Dieweil mit Reden seine Mutter ihn Zurückzuhalten sucht. Leb' wohl! Verschone Mein Herz, bewahr' dich für die Freude auf, Von jedem Vorwurf mich befreit zu sehn. Dein Bild schwebt immerdar vor meiner Seele, Und Nichts vermag, es daraus zu verbannen. Britannicus . Ich seh's, du wünschest, daß ich fliehe, Fürstin, 135 Damit du deiner Wünsche Ziel erreichst. Vor deiner neuen Liebe soll ich weichen, Mein Anblick macht im Stillen dich erröthen Und ließe deine Lust nicht ungestört. Nun wohl, ich gehe! Junia . Prinz, beschuld'ge nicht . . . . Britannicus . Du mußtest mindestens dich länger sträuben. Nicht murr' ich drob, daß niedre Neigung dich Dahin lenkt, wo des Glückes Fülle lächelt, Daß dich der Glanz der Herrschaft blenden konnte, Und du auf meiner Schwester Kosten sein Dich freuen wolltest, sondern daß, gleich Andern Der Größe zugethan, du doch so lange Gleichgültigkeit dagegen mir geheuchelt. Nein, ich gesteh' es, gegen solchen Schlag War mein verzweifelnd Herz noch nicht gerüstet. Ich sah, wie über meinem Untergang Der Frevel sich erhob, und wie der Himmel Im Bund mit meinen Feinden mich verfolgte. Doch damit war sein Groll noch nicht erschöpft, Ich sollt' auch noch von dir vergessen sein. Junia . Wie würd' in einem günst'gen Augenblick Ich deinen Argwohn dich bereuen lassen! Doch Nero drohet, und bei der Gefahr Denk' ich an Andres, als dich zu betrüben. Beruh'ge dich und höre auf zu klagen; Nero, der uns belauschte, hatte mir Verstellung anbefohlen. Britannicus . Wie, der Wüthrich? Junia . Als Zeuge unsres Zwiegesprächs bewachte Mit scharfem Aug' er jede meiner Mienen, 136 Bereit, den ersten Wink, der Einverständniß Verrieth, mit grimmem Zorn an dir zu rächen. Britannicus . Wie, Nero horchte, Fürstin? Aber, ach! Du mußtest mich nicht täuschen, und du konntest Mir doch mit einem Blick den Frevler nennen. Ist Liebe stumm, hat sie nur Eine Sprache? O welche Qualen konnt' ein einz'ger Blick Mir sparen. Ja du mußtest . . . . Junia . Schweigen mußt' ich, Um dich zu retten. Ach wie oft du zwingst Mich ja, es dir zu sagen wollt' ich dich Von meines Herzens Qualen unterrichten! Wie manche Seufzer hab' ich unterdrückt, Wie haschte ich nach deinem Blick, indem Ich ihn vermied! O, welche Qual zu schweigen Vor des Geliebten Angesicht, sein Seufzen Zu hören und ihn selber zu betrüben, Wo man mit einem Blicke trösten könnte! Doch wie viel Thränen hätte dieser Blick Hervorgerufen; ach, weil ich's bedachte, Ward ich bestürzt und unruhvoll und meinte, Mich nicht genugsam zu verstellen, bangte Vor meiner Wangen Blässe und dem Schmerz, Den meine Blicke allzu sehr verriethen; Mir war es stets, als tadelte mich Nero Voll Zorn, daß ich dir zu gefallen strebte, Als bärg' ich meine Liebe nicht genug Vor ihm, o Gott, ich hätte fast gewünscht, Dich nie geliebt zu haben. Prinz, er hat Für sich und uns nur allzu tief und klar In unser Beider Herz hineingeblickt. Aufs Neue fleh' ich: meide seinen Blick, Vielleicht darf ich einst klarer zu dir reden Und würde dir noch manch Geheimniß sagen. 137 Britannicus . Genug, Prinzessin, schon empfind' ich mein Verbrechen, deine Liebe und mein Glück. Bedenkst du, welches Opfer du mir bringst? Wann darf ich hoffen, daß zu deinen Füßen Ich mein Verbrechen sühne? (Er wirft sich Junia zu Füßen.) Junia . Was beginnst du? Steh' auf, o Prinz, dein Nebenbuhler naht.   Achter Auftritt. Nero . Junia . Britannicus . Nero . Fahr' fort in deiner reizenden Verzückung! Aus seinem Dank, Prinzessin, les' ich, wie Du gütig für ihn warst. Ich finde ihn Zu deinen Füßen, aber mir auch sollt' er Ein wenig danken: dieser Ort ist günstig, Und ich bin's, der dich hier verweilen läßt, Das süße Zwiegespräch ihm zu erleichtern. Britannicus . Ich kann ihr meine Freude, meinen Schmerz, Wo immer ihre Huld Gehör mir schenkt, Zu Füßen legen, und hier dieser Ort Hat Nichts, das mich befangen machen könnte. Nero . Muß Alles hier dich nicht dran mahnen, daß Man mir Gehorsam, Ehrfurcht schuldig ist? Britannicus . Hier diese Räume haben weder dich, Noch mich groß werden sehn, damit ich dir Gehorchen, aber du mir trotzen solltest. Sie dachten nicht, als wir geboren wurden, Domitius würd' als Herr einst zu mir sprechen. 138 Nero . So trat das Schicksal deinem Wunsch entgegen. Wie ich gehorchte, mußt jetzt du gehorchen, Und hast du noch zu folgen nicht gelernt, Du bist noch jung, man kann dich drin belehren. Britannicus . Wer soll es thun? Sprich. Nero . Rom, das ganze Reich. Britannicus . Hat Rom zu jedem Greu'l dir Recht verliehn, Zu Ungerechtigkeit, Gewaltsamkeit, Einkerkerung, Entführung, Ehescheidung? Nero . Rom lenkt die Neugier seiner Blicke nicht In das Geheimniß, das ich ihm verberge, Sei auch so rücksichtsvoll . . . . Britannicus . Man weiß, was es Darüber denkt. Nero . Es schweigt, so thu' auch du. Britannicus . So macht von jedem Zwang sich Nero frei? Nero . Nero wird deines Redens überdrüssig. Britannicus . Ein Jeder sollte seine Herrschaft segnen! Nero . Ob man mich liebt, ob haßt, man soll mich fürchten. Britannicus . Ich kenne Junia schlecht, wenn solcher Sinn Dir ihren Beifall je erwecken könnte. Nero . Fehlt mir die Kunst, ihr zu gefallen, weiß ich Doch freche Nebenbuhler zu bestrafen. 139 Britannicus . Was immer für Gefahr mir droht, ich werde Nur zittern, wenn sie sich mir feindlich zeigt. Nero . Das wünsche nur, so viel kann ich dir sagen. Britannicus . Ihr zu gefallen ist mein einz'ger Wunsch. Nero . Das wirst du, hat sie dir es doch versprochen. Britannicus . Ihr Wort zum mindesten belausch' ich nicht, Ich lass' sie offen über mich sich äußern, Versteck' mich nicht, um ihr den Mund zu schließen. Nero . Ha, ich verstehe dich. Herbei, ihr Wachen! Junia . O, was beginnst du! Ist's dein Bruder doch, O Herr, ein Liebender von Eifersucht Bethört, wie kann er deinen Neid erregen? Gestatte, daß, um euer Beider Herz Aufs Neu' zu einen, ich vor dir mich berge Und seinen Blicken mich entziehe, dann Wird mein Verschwinden euren Hader enden. Ich will mich zu der Vesta Jungfraun reihn. Mißgönn' ihm meine Unglücksseufzer nicht, Laß mich die Götter nur damit bestürmen. Nero . Ein rascher, seltsamer Entschluß, Prinzessin. Ihr Garden, führet sie in ihr Gemach, Bewacht Britannicus bei seiner Schwester. Britannicus . Ha, das ist Neros Kunst, sich Herzen zu Erobern! 140 Junia . Reiz' ihn nicht, flieh' vor dem Sturm. Nero . Ihr Wachen, ungesäumt folgt dem Befehle.   Neunter Auftritt. Nero . Burrhus . Burrhus . Was Himmel, seh' ich! Nero (ohne Burrhus zu bemerken) . So glüht ihre Flamme! Die Hand erkenn' ich, welche sie geschürt. Nur deshalb hat die Mutter sich vor mir Gezeigt und lange Reden mir gehalten, Um die gehäss'ge Sache zu betreiben. (Burrhus bemerkend) Sieh nach, ob meine Mutter hier noch weilt. Burrhus, sorg', daß sie im Palaste bleibe; Man gebe meine Wach' ihr, statt der ihren. Burrhus . Herr, ohne sie zu hören? Eine Mutter? Nero . Halt' ein! Ich weiß nicht, welchen Plan du spinnst, Doch findet Alles, was ich wünsch' und will, Bei dir seit Kurzem Widerspruch und Tadel. Du haftest mir für sie; wo nicht, so werden Mir Andere für sie und Burrhus haften. 141   Vierter Aufzug. Erster Auftritt. Agrippina . Burrhus . Burrhus . Ja, hohe Frau, in Muße kannst du dich Rechtfertigen, denn Cäsar willigt ein, Dich anzuhören. Hielt man im Palast Dich hier zurück, so war's vielleicht, weil er Mit dir sich unterreden wollte. Wie's Drum sei, so denk', wenn ich dir rathen darf, Nicht mehr dran, daß er dich beleidigte, Und reich' ihm lieber deine Hand entgegen. Vertheid'ge dich, doch such' ihn nicht zu reizen; Du siehst, auf ihn allein blickt nur der Hof. Obgleich dein Sohn, der, was er ist, dir dankt, Ist er dein Kaiser doch, du mußt gleich uns Der Macht dich beugen, die du ihm verliehn. Wie er dir drohet oder Huld erweist, So flieht der Hof dich oder sucht dich auf, Und seine Stütze ist es nur, nach der Er strebt, wenn er um deine sich bemüht. Doch sieh, der Kaiser. Agrippina . Laß uns jetzt allein. 142   Zweiter Auftritt. Nero . Agrippina . Agrippina (sich setzend) . Tritt näher, Nero, nimm bei mir hier Platz. Man will, ich soll dir wegen deines Argwohns Aufklärung geben. Freilich weiß ich nicht, Worin man mich bei dir hat angeschwärzt, Doch alle meine Frevelthaten will ich Vor dir aufrollen. Du regierst und weißt, Wie weit entfernt dich deine Abkunft Vom Throne hielt; die Rechte meiner Ahnen, Die Rom geweiht hat, waren ohne mich Unnütze Stufen dir. Als Messalina Durch ihren Untergang die Hand des Claudius Aufs Neue frei und streitig machte, strebte Ich unter so viel Schönen, die von ihm Gewählt zu werden hofften, und die sich Um seiner Freigelaßnen Stimme mühten, Nach seiner Hand nur mit dem einz'gen Wunsch, Dich auf den Thron zu setzen, welchen ich Besteigen würde, beugte meinen Stolz Und ging selbst Pallas bittend an. Sein Herr, Tag ein, Tag aus von meiner Hand geliebkost, Sog aus der Nichte Augen allgemach Die Liebe, die in ihm ich wecken wollte; Jedoch das Band des Bluts, das uns verknüpfte, Hielt ihn noch von verbotner Ehe fern: Er wagte nicht mit seines Bruders Tochter Sich zu vermählen. Da ward der Senat Bestochen, und ein milderes Gesetz Verlieh mir Claudius' Hand und legte Rom Zu meinen Füßen. Viel war dies für mich, Für dich noch Nichts. Da ließ auf meinen Spuren Ich dich ins Haus des Kaisers treten, machte Zum Eidam dich und gab dir seine Tochter. 143 Silanus, der sie liebte, ward verlassen Und zeichnete mit seinem Blut den Tag Des Unheils. Doch das Alles war noch Nichts; Denn hättest jemals du erwarten können, Daß Claudius seinem eignen Sohn den Eidam Vorziehen würde? Pallas mußte wieder Dazu verhelfen. Claudius nahm, von ihm Beredet, dich als Sohn an, und er nannte Dich Nero, wollte dich der höchsten Macht Noch vor der Zeit theilhaftig werden lassen. Da sah, wer des Vergangenen gedachte, Wie schon zu weit mein Plan gediehen war; Da rief was den Britannicus bedrohte, Den Groll bei seines Vaters Freunden wach. Doch ein'ge täuscht' ich durch Versprechungen Und machte von den Schlimmsten durchs Exil Mich frei; selbst Claudius, meiner Klagen müde, Hielt alle die von seinem Sohne fern, Die, ihr Geschick an seines knüpfend, ihm Aufs Neu' den Weg zum Thron eröffnen konnten. Ich that noch mehr, ich wählt' in meinem Kreise Die Männer, die ihn leiten sollten. Dir Im Gegentheil bestimmt' ich zu Erziehern Nur die, die Rom mit seinem Beifall ehrte; Taub für Kabalen folgt' ich nur dem Ruf Des Volks und zog aus dem Exil wie aus Dem Heer denselben Seneca und Burrhus, Die später freilich . . . . damals schätzte Rom Noch ihre Tugend . . . . Dann des Claudius Schätze Erschöpfend streut' ich Gaben ringsumher In deinem Namen, und der mächt'ge Reiz Der Spiele stimmte Volk und Heer für dich, Die ihrer frühern Liebe eingedenk in dir Germanicus verehrten, meinen Vater. Indeß schritt Claudius seinem Ende zu, Und da sein langverschloßnes Auge noch 144 Zuletzt sich öffnete, sah er den Irrthum, Und ließ, von Sorg' umdüstert für den Sohn, Der Klage Ruf vernehmen, ja er dachte Sogar, um sich die Freunde zu versammeln. Zu spät, denn schon in meiner Hand War der Palast, die Wachen und sein Lager. Ich ließ ihn nutzlos sich in Lieb' erschöpfen, Ich ward die Herrin seiner letzten Seufzer, Und unterm Schein, ihm Schmerzen zu ersparen, Verbarg ich ihm die Thränen seines Sohnes. Er starb . . . du weißt, wie das Gerücht Mich drob bezüchtigt hat. Ich aber hielt Die Kunde seines Todes noch zurück, Und während Burrhus ins Geheim für dich Den Eid der Huldigung vom Heer verlangte, Du unter meinem Schutz ins Lager gingst, Da rauchten die Altäre noch in Rom; Durch meine List betrogen, flehte noch Das Volk um des gestorbnen Herrschers Leben. Erst als der Legionen Huldigung In deiner Herrschaft dich befestigt hatte, Sah Rom den todten Kaiser, und das Volk Erfuhr mit Staunen in derselben Stunde Von seinem Tod und deiner Thronbesteigung. Das ist's, was ich dir mitzutheilen hatte, Das meine Frevel, aber dies mein Lohn: Sechs Monde kaum warst du erkenntlich für Die Früchte, die mein Mühen dir bereitet; Da schon vielleicht der Ehrfurcht müde, die Dir lästig ward, nahmst du die Miene an, Als kenntest du mich nicht. Ich sah, wie Burrhus Und Seneca, in dir den Argwohn nährend, Im Treulossein dich unterwiesen, wie Entzückt sie waren, sich in ihrer Kunst Von dir besiegt zu sehn; ich sah, wie Othon, Senecion, die jungen Wüstlinge, 145 Die allen deinen Lüsten schmeichelten, Sich dein Vertraun erwarben. Als nun aber, Durch all die Kränkung tief verletzt, von dir Ich Rechenschaft verlangte, hast du mir Mit neuer Schmähung, wie's die Zuflucht meist Beschämten Undanks ist, Antwort gegeben. Heut sag' ich Junien deinem Bruder zu, Und Beide freuen sich ob meiner Wahl, Doch was thust du? Bei Nacht entführt man Junien, Und sie wird gleich für dich ein Gegenstand Der Leidenschaft. Octavien sehe ich Aus deinem Herzen ausgetilgt und schon Beraubt des Platzes, den ich ihr erwählt; Pallas seh' ich verbannt, Britannicus In Haft; ja selbst an meiner Freiheit schon Vergreifst du dich, und Burrhus ist bereit, An mich die freche Hand zu legen. Jetzt, Wo du so vieler Frevel überführt bist, Kommst du, statt dir Vergebung zu erflehn, Und forderst mich sogar zur Rechenschaft. Nero . Ich weiß, daß ich die Herrschaft dir verdanke, Du brauchtest mir es nicht zu wiederholen, Und konntest, Fürstin, in Gelassenheit Mit sanftem Sinn auf meine Treue bauen. Jedoch dein ew'ger Argwohn, deine Klagen Bewirkten schon, daß Alle, die sie hörten, Ich wag' dir's im Vertrauen mitzutheilen, Vermuthen, meinen Namen hättest du Damals zum Vorwand nur gebraucht, um für Dich selbst zu wirken. »Wie«, so sagte man, »Die Ehren all', die Unterwürfigkeit, Ist das ein schwacher Lohn für ihre Wohlthat? Was hat der vielgeschmähte Sohn verbrochen? Hat sie ihn nur gekrönt, daß er gehorche, Ist er nur Namensträger ihrer Macht?« 146 Ich hätte, Fürstin, gern, wenn ich bis dahin Gefällig war, die Macht, die du von mir Verlangtest, dir auch ferner abgetreten; Doch Rom will einen Herrn und keine Herrin. Du hörtest, wie man mich der Schwäche zieh: Senat und Volk war drüber aufgebracht, Daß meine Stimme deinen Willen nur Verkündete; sie sagten: Claudius habe Mit seiner Macht auch den Gehorsam mir Vererbt. Du sahst, wie die erzürnten Krieger Unwillig vor dir her die Adler trugen, Beschämt, durch ein so würdelos Verfahren Die Helden zu erniedern, deren Bild Sie schmückte. Jede andre hätte sich Vor ihrem Wort zurückgezogen, du Jedoch, wenn du nicht herrschest, klagst und schiltst. Im Bunde mit Britannicus verstärkst Du ihn durch Juniens Partei, und Pallas Hält des Komplottes Fäden in der Hand. Such' ich dann nothgedrungen meine Ruhe Zu sichern, sieht man plötzlich dich in Haß Und Zorn erglühn, und schon sagt man im Lager, Daß du dem Heere meinen Nebenbuhler Vorstellen willst. Agrippina . Ich ihn zum Kaiser machen? Das, Undankbarer, hättest du geglaubt? Zu welchem Zweck? Was wär' damit gewonnen? Wie könnt' ich Ehr' und Rang an seinem Hof Davon erwarten? Ach, wenn schon, wo du Das Scepter führst, man mich nicht schont und mich Anklagen rings auf Schritt und Tritt begleiten, Wenn man des Kaisers Mutter selbst verfolgt, Wie wird es sein an einem fremden Hofe! Man würfe mir nicht eitle Klagen vor, Nicht halbgeborne, rascherloschne Pläne, 147 Nein, Frevel, die vor deinen Augen ich Für dich beging' und die ich eingestände. Du hintergehst mich nicht, denn ich durchschaue All deinen Trug, du bist ein Undankbarer Und warst es stets. Seit deiner frühsten Kindheit Hab' ich mit aller Sorg' und Zärtlichkeit Erlogne Liebeszeichen nur von dir Erringen können. Nichts erweichte dich. Längst hätte schon dein störrisches Gemüth In mir jedwede Lieb' ersticken sollen! Wie bin ich unglückselig! Warum muß Mein Mühn und Sorgen mich dir lästig machen! Ich habe, ach, nur Einen Sohn, ihr Götter, Die ihr mich hört, hab' ich je einen Wunsch Zu euch emporgesandt, der ihm nicht galt? Gewissensqualen, Furcht, Gefahren, Nichts Hat mich zurückgehalten, selbst Mißachtung Hab' ich von ihm ertragen und den Blick Vom mir verheißnen Unheil abgewandt. Ich that, was ich vermochte; du bestiegst Den Thron, das ist genug. So nimm nun auch Mir mit der Freiheit, die du mir geraubt, Das Leben, wenn du willst; doch hüte dich, Daß nicht das Volk, ob meinem Tod entrüstet, Dir wieder raubt, was mir so viel gekostet. Nero . So rede! Was verlangst du, daß ich thue? Agrippina . Bestrafe sie, die mich so frech verleumden, Beschwichtige Britannicus, laß Junien Nach ihrem Herzen sich den Gatten wählen, Gieb Beide frei, und Pallas möge bleiben; Gewähre mir's, zu jeder Stunde dich Zu sehn, und Burrhus, der uns jetzt behorcht, (Sie bemerkt Burrhus im Hintergrund der Bühne.) 148 Wag's nicht noch einmal, mich an deiner Thür Zurückzuhalten. Nero . Wohl, von jetzt an soll Mein Dank sich in die Herzen Aller prägen Und deine Macht verkünden. Jene Kälte, Die uns getrennt, schon muß ich hoch sie preisen, Denn sie wird unsrer Freundschaft Glut beleben. Was Pallas that, ich such' es zu vergessen, Und will mich mit Britannicus versöhnen. Was jene Liebe anbetrifft, die uns Verfeindete, so magst du drob entscheiden, Und deinem Urtheil unterwerf' ich mich. So bring' dem Bruder diese frohe Botschaft. Folgt, Wachen, den Befehlen meiner Mutter.   Dritter Auftritt. Nero . Burrhus . Burrhus . Herr, dieser Frieden, dies Umarmen beut Ein freudig Schauspiel meinen Augen dar. Du weißt, daß ich nie gegen sie gestimmt, Daß ich sie niemals dir entfremden wollte, Nie ihren ungerechten Zorn verdiente. Nero . Ich war, um offen gegen dich zu sein, Im Zorn, weil ich geglaubt, du seist mit ihr Im Einverständniß; doch ihr Haß erwirbt Aufs Neu' dir mein Vertraun. Sie triumphirt Zu früh, den Nebenbuhler zwar umarm' ich, Doch nur, ihn zu ersticken. Burrhus . Wie, o Herr? Nero . Das ist zu viel. Sein Untergang soll mich 149 Von Agrippina's Wuth befrein auf immer. So lang er lebt, leb' ich nur halb; sie hat Mit dem verhaßten Namen mich gequält, Ich will nicht, daß mit frevelhafter Kühnheit Sie meinen Platz noch einmal ihm verspreche. Burrhus . So wird sie bald Britannicus beweinen. Nero . Heut Abend brauch' ich ihn nicht mehr zu fürchten. Burrhus . Was aber flößt dir diesen Anschlag ein? Nero . Ruhm, Sicherheit, mein Leben, meine Liebe. Burrhus . Nein, Herr! Was du auch sagst, nie hat dein Busen So grausenvollen Plan erzeugen können. Nero . Burrhus! Burrhus . Aus deinem Mund muß ich ihn hören? Hast du ihn ohne Schauder fassen können? Denkst du daran, in welchem Blute du Dich baden willst? Ist Nero überdrüssig, Zu herrschen in dem Herzen seines Volks? Was wird man von dir sagen, sprich, was meinst du? Nero . Wie, stets gefesselt an vergangnen Ruhm, Soll solche Lieb' ich stets vor Augen haben, Wie sie der Zufall giebt und wieder nimmt, Soll, ihren Wünschen hold und feind den meinen, Ich Kaiser sein, nur ihnen zu gefallen? Burrhus . Genügt's nicht deinen Wünschen, Herr, wenn du Im Wohl des Staats dein eigen Werk erkennst? 150 Jetzt gilt's, zu wählen, denn du bist noch frei; Bis heut, noch tugendhaft, kannst du es bleiben Die Bahn ist offen, Nichts hält dich zurück: Du kannst von Tugend hin zur Tugend schreiten. Doch wenn du deiner Schmeichler Lehren folgst, Dann eilst du von Verbrechen zu Verbrechen, Mußt Frevel stets durch neue Frevel stützen, Und mußt im Blut die blut'gen Hände waschen. Britannicus wird sterbend noch den Eifer Der Freunde wecken, welche gern für ihn Partei ergreifen; diese Rächer werden Aufs Neu' Vertheid'ger finden, welche selbst Nach ihrem Tod Nachfolger haben werden. Du schürst ein nie zu löschend Feuer an. Des Weltalls Schreck, mußt du das Weltall fürchten, Stets strafen, stets bei deinen Plänen zittern Und Feind' in allen Unterthanen sehn. Ach, Herr, läßt dich die glückliche Erfahrung Der ersten Jahre deine Unschuld hassen? Denkst du des Glücks, das sie bezeichnete? Wie ruhig, Himmel, flossen sie dir hin! O, welche Wonne war's, dir selbst zu sagen: »In diesem Augenblick liebt, segnet man Mich überall, bei meinem Namen zittert Das Volk nicht, und der Himmel höret ihn In seinen Klagen nicht, in düstrem Haß Flieht's nicht vor meinem Angesicht, rings seh' ich Die Herzen Aller mir entgegen fliegen.« Das war einst deine Wonne, welch ein Wechsel! Selbst der Verworfnen Blut war dir noch kostbar. Einst drang, noch weiß ich's, der Senat in dich, Das Todesurtheil eines Frevlers zu Bestät'gen, doch du widersetztest dich Dem strengen Rechtsspruch, klagtest dich im Herzen Zu großer Härte an und riefest aus, Indem du seufztest ob der Herrscher Loos: 151 »O hätt' ich nie des Schreibens Kunst gelernt!« Nein, folge mir, o Herr, sonst wird der Tod Des Unheils bittern Anblick mir ersparen, Ich werde deinen Ruhm nicht überleben. Wenn du so schwarze That vollführen willst. (Indem er sich Nero zu Füßen wirft) Ich bin bereit, o laß zuvor dies Herz Durchbohren, das darein nicht will'gen kann; Ruf' sie herbei, die es dir eingegeben, Sie mögen zitternd ihre Mörderhand . . . . Doch meine Thränen rühren meinen Kaiser, Ich seh's, vor ihrer Wuth bangt seiner Tugend, Verliere keine Zeit und nenne mir Die Schurken, die dir solches rathen konnten; Ruf' deinen Bruder und in seinem Arm Vergiß . . . . Nero . Ha, was verlangst du? Burrhus . Nein, er haßt Dich nicht, er wurde schwer verleumdet. Mir Ist seine Unschuld klar. Ich bürge dir Dafür, daß er gehorchen wird; ich eile, Das frohe Wiedersehen zu beschleun'gen. Nero . Ihr mögt in meinem Zimmer mich erwarten.   Vierter Auftritt. Nero . Narciß . Narciß . Herr, für den Tod, der so verdient ist, hab' ich Gesorgt: das Gift steht schon bereit, Locusta Hat ihre Sorgfalt mir zu Lieb' verdoppelt. Sie ließ selbst einen Sklaven daran sterben; Das Schwert zerschneidet nicht so rasch ein Leben, Als dieses Gift, das sie mir anvertraute! 152 Nero . Genug, Narciß! Ich kenne deinen Eifer, Doch wünsch' ich nicht, daß du schon weiter gehst. Narciß . Dein Haß auf den Britannicus, wird er Schon schwächer? Du verbietest . . . . Nero . Man versöhnt uns. Narciß . Ich denke nicht, dich davon abzulenken; Doch, Herr, vor Kurzem ward er eingekerkert, Und diese Kränkung wird noch lange Zeit An seinem Herzen nagen. Nichts ist so Geheim, daß es die Zeit nicht einst enthüllte. Erfahren wird er's schon, daß ich ein Gift Ihm reichen sollte, das auf dein Geheiß Bereitet wurde. Mögen ihn die Götter Ablenken, doch er thut vielleicht, was du Zu thun nicht wagst. Nero . Man bürgt mir für sein Herz, Ich werde suchen, meins zu überwinden. Narciß . Und wird der Ehebund mit Junien Das Band der neuen Freundschaft werden? Herr, Gedenkst du solch ein Opfer ihm zu bringen? Nero . Du machst dir zu viel Sorg' um mich. Narciß, Ich rechne ihn nicht mehr zu meinen Feinden. Narciß . Das war's, o Herr, was Agrippina hoffte, Sie hat aufs Neue Herrschaft über dich. Nero . Was meinst du, rede! Hat sie sich geäußert? Narciß . Sie hat sich dessen laut genug gerühmt. 153 Nero . Wie? Narciß . Eines Augenblickes nur bedürf's, Mit dir allein zu sein, dann würde man Auf diesen großen Lärm und lauten Zorn Ein ganz bescheidnes Schweigen folgen sehn; Du würdest selbst zuerst zum Frieden neigen Und froh sein, wenn sie gütig Alles nur Vergessen wollte. Nero . Aber sprich, Narciß, Was soll ich thun? An Neigung fehlt mir's nicht, Die Frechheit zu bestrafen. Gälte hier Mein Wunsch, so würd' auf diesen Siegestaumel Bald ew'ge Reue folgen; aber was Wird dann des ganzen Weltalls Sprache sein? Soll ich den Pfad der Tyrannei betreten? Soll Rom, die Ehrentitel mir entziehend, Von nun an mich nur noch Giftmischer heißen? Als Brudermord wird man der Rache That Bezeichnen. Narciß . Wirst du dich um ihre Launen Bekümmern? Hast du jemals, Herr, geglaubt, Sie würden schweigen? Ziemt dir's, ihren Reden Dein Ohr zu leihn? Willst du die eignen Wünsche Vergessen und nur dir allein nicht glauben? Doch, Herr, die Römer scheinst du nicht zu kennen. Sie sind in ihren Reden nicht so scharf; All' diese Vorsicht schwächt nur deine Macht. Sie glaubten gar zuletzt, sie hätten's wohl Verdient, daß man sie fürchte; schon seit lange Sind sie ans Joch gewöhnt und küssen gern Die Hand, die sie in Ketten schlägt, du wirst Sie stets um deine Liebe buhlen sehn. 154 Tiberius war ihres Knechtsinns müde; Ich selbst, nur mit entlehnter Macht bekleidet, Die Claudius mit der Freiheit mir verlieh, Hab' hundertmal, als noch mein Ruhm was galt, Erprobt, wie viel sie zu ertragen wissen. Vor der Vergiftung scheuest du zurück? Dem Bruder gieb den Tod, verlaß die Schwester. Rom, so verschwenderisch mit seinen Opfern, Wird, wären sie auch schuldlos, doch Verbrecher An ihnen finden; zu den Unglückstagen Wird man die Tage rechnen, wo die Beiden Geboren sind. Nero . Narciß, ich kann es nicht. Ich gab mein Wort dem Burrhus, und ich muß Es halten. Nicht zum zweiten Mal will ich Der Tugend Waffen gegen mich verleihn; Umsonst bekämpf' ich seine Gründe alle, Nicht ruhig ist mein Herz, wenn ich ihn höre. Narciß . Herr, Burrhus denkt nicht immer, was er sagt, Und seine Tugend ist zu klug, als daß Sie nicht stets für sein Ansehn sorgen sollte. Sie haben Alle nur die eine Sorge, Durch diesen Schlag die Stützen ihrer Macht Geschwächt zu sehn. Du wärst dann frei, o Herr, Und ihre Kniee müßten jene Stolzen Gleich uns dir beugen. Ist dir's unbekannt, Was sie zu äußern frech sich unterfangen? »Nero ist für die Herrschaft nicht geschaffen, Er spricht und handelt nur, wie's ihm gesagt wird. Das Herz lenkt Burrhus, Seneca den Geist, Sein ganzer Ehrgeiz, seine höchste Tugend Ist, einen Wagen durch die Bahn zu lenken, Den Preis, der sein nicht würdig, zu erkämpfen, Sich selber Rom zum Schauspiel darzubieten, 155 Als Sänger auf der Bühn' um Ruhm zu buhlen, Und für sein Lied sich Beifall zu erhaschen, Den seine Krieger ihm von Zeit zu Zeit Auch durch Gewaltthat zu verschaffen wissen.« Herr, wirst du sie nicht bald zum Schweigen bringen? Nero . Narciß, komm, daß wir drüber uns berathen. 156   Fünfter Aufzug. Erster Auftritt. Britannicus . Junia . Britannicus . Prinzessin, ja, wer hätt' es je geglaubt! Nero harrt meiner im Gemach, mich zu Umarmen! lud des Hofes Jugend ein Und will durch heitren Festesglanz die Freundschaft, Die uns aufs Neue einet, laut verkünden. Er tilgt aus seiner Brust die Liebe, die So grimmen Hasses Quelle ward, und legt Mein Schicksal ganz in deine Hände. Mir, Obgleich aus meiner Ahnen Rang verstoßen, Mit deren Beute er sich schmückt, scheint er, Seitdem er meiner Liebe nicht mehr feindlich, Den Ruhm zu gönnen, daß ich dir gefalle. Drum, ich gesteh's, verzeih' ich ihm im Stillen Und lass' ihm ohne Kummer alles Andre. So trennt denn Nichts mich mehr von deinen Reizen, So darf in diesem Augenblick ich ruhig In diese Augen schauen, die dem Schreck Und auch den Seufzern trotzten, die das Reich Und auch den Kaiser mir geopfert haben. Ach, Fürstin, welch Bedenken hält aufs Neue Inmitten meiner Wonne dich zurück? Wie kommt's, daß, während du mir horchst, dein Auge, 157 Dein traurig Auge hin zum Himmel blickt? Was fürchtest du? Junia . Ich weiß es selber nicht, Ich fürchte . . . . Britannicus . Liebst du mich? Junia . Das fragst du noch? Britannicus . Der Kaiser stört nicht länger unser Glück. Junia . Doch bürgst du mir, daß er es ernstlich meint? Britannicus . Wie, ahnest du versteckten Haß bei ihm? Junia . Er liebte mich und schwur dir Untergang, Er fliehet mich und sucht dich auf. Ist solch Ein Wandel eines Augenblickes Werk? Britannicus . Das, Fürstin, ist ein Kunststück Agrippinens, Sie glaubte, daß mein Sturz sie mit sich zöge: Dank ihrem eifersücht'gen Wahne haben Die schlimmsten Feinde just für uns gekämpft. Ich trau' der Freude, welche sie mir zeigte, Ich trau' dem Burrhus, glaub' selbst seinem Herrn. Unfähig ist er des Verraths, er haßt Ganz offen oder höret auf zu hassen. Junia . Herr, schließ' von deinem Herzen nicht auf seines, Ihr wandelt Beide ganz verschiedne Bahnen. Ich kenne Nero und den Hof nur erst Seit einem Tage, aber, darf ich's sagen? Fern scheint mir Alles, was an diesem Hof Man sagt, von dem, was man hier denket, Herz Und Mund sind selten einverstanden. Ach, 158 Wie leichten Sinns verräth man Treu' und Glauben! Welch fremder Aufenthalt für dich und mich! Britannicus . Sei seine Freundschaft wahr, sei sie verstellt, Doch wenn du Nero scheust, ist selbst er frei Von Furcht? Nein, nein, durch keinen feigen Frevel Wird er Senat und Volk zum Aufruhr reizen. Gewiß, er sieht sein letztes Unrecht ein, Ja, selbst Narciß bemerkte seine Reue. Ach, Fürstin, hätt' er dir gesagt, wie sehr . . . . Junia . Doch, Prinz, verräth Narciß dich nicht? Britannicus . Warum Verlangst du denn, ich solle ihm nicht trauen? Junia . Ach, Prinz, mir ahnt, daß es dein Leben gilt. Verdächtig scheint mir Alles, überall Fürcht' ich Bestechung, Nero fürcht' ich, fürchte Das Unglück, das mir folgt. Von düstrer Ahnung Erfüllt, seh' ich mit Sorge, daß du dich Von mir entfernst. O Götter, wenn die Ruhe, In welcher du dich wiegst, Gefahr enthielte, Die deinem Leben droht! Wenn Nero, zornig Auf unser Einverständniß, sich die Nacht Erkoren, seine Rache zu verbergen, Wenn er den Schlag bereitete, dieweil Ich dich hier seh', wenn ich zum letzten Mal Mit dir hier Zwiesprach' führte, ach, mein Prinz! Britannicus . Du weinst, geliebte Fürstin? Solchen Antheil Nimmst du an mir, an einem Tage, wo Nero, von seiner Größ' erfüllt, dein Auge Mit seinem Glanz zu blenden meint? Hier, wo Mich jeder flieht und jeder ihn verehrt, Ziehst du dem Glanz des Hofs mein Unglück vor? 159 Wie, heut an diesem Tag', an diesem Orte Schlugst du ein Reich aus, um mit mir zu weinen? O trockne, Fürstin, diese edlen Thränen! Heimkehrend werd' ich deinen Kummer bald Zerstreun, durch längeres Verweilen hier Würd' ich Verdacht erwecken. Lebe wohl! Das Herz von Lieb' erfüllt, werd' ich inmitten Des Jubels einer lustberauschten Jugend Nur meine schöne Fürstin sehn, mit ihr Nur sprechen. Lebe wohl! Junia . O Prinz! Britannicus . Man harrt Auf mich, ich muß von hier. Junia . So warte doch Zum mindesten so lang, bis man dich ruft.   Zweiter Auftritt. Agrippina . Britannicus . Junia . Agrippina . Was zauderst du? O eile, Prinz, von hinnen, Nero voll Ungeduld vermißt dich schon, Der Jubel der Geladnen harrt nur noch, Um auszubrechen, daß ihr euch umarmt. Laß diese Sehnsucht nicht so lange schmachten, Und wir, Prinzessin, gehn wir zu Octavien. Britannicus . Geh', schöne Junia, mit zufriednem Sinn, Sie zu umarmen, welche deiner harrt, Sobald mir's möglich, hohe Frau, kehr' ich Zurück, für dein Bemühn dir Dank zu sagen. 160   Dritter Auftritt. Agrippina . Junia . Agrippina . War's Täuschung oder sah ich, daß dein Auge Beim Lebewohl mit Thränen sich umhüllte? Darf ich nicht wissen, was dich so bestürzt? Traust du dem Frieden nicht, den ich bewirkte? Junia . Konnt' ich nach allen Qualen dieses Tags Mein aufgeregtes Herz so schnell beruh'gen? Kaum kann ich mich in diese Wunder finden Und Hindernisse fürcht' ich selbst für das, Was deine Güt' erstrebt; denn wandelbar, O hohe Frau, ist Alles hier am Hofe, Und Sorg' und Angst begleiten stets die Liebe. Agrippina . Genug, ich sprach, und Alles ist verändert, Zum Argwohn räumt' ich jeden Grund hinweg. Ich bürge für den Frieden, den mir Nero Betheuert, den mit sicherm Pfand er mir Verbürgt hat. Hättest du die Zärtlichkeit Gesehn, mit der er sein Versprechen mir, Wie oft! erneute, wie mit seinen Armen Er mich umschlang und sie beim Abschiednehmen Nicht losließ! wie gefäll'ge Güte sich Auf seinem Angesicht verbreitete, Wie er zu Heimlichkeiten sich herabließ Und sich als Sohn erwies, der frei und offen An seiner Mutter Brust den Stolz vergißt! Bald aber ward sein Antlitz wieder ernst Wie eines Kaisers, der sich mit der Mutter Beräth, und sein erhabenes Vertraun Hat manch Geheimniß mir enthüllt, auf dem Das Loos der Sterblichen beruht. Nein, nein, Ich muß es hier zu seinem Ruhm bekennen, 161 Sein Herz umfaßt mit nichten schwarze Tücke, Und unsre Feinde nur, die ihn verderbten, Mißbrauchten seine Weichheit gegen uns. Doch jetzt geht endlich ihre Macht zur Neige, Und Rom soll Agrippina kennen lernen. Der Ruf von meiner Gunst lockt schon die Schmeichler, Doch wollen wir nicht hier die Nacht erwarten. Auf, zu Octavien! Laß uns ihr den Rest Des Tages weihn, der um so glücklicher, Als er mir wie ein Unglückstag erschien. Was hör' ich, welch verworrner Lärm, was ist? Junia . O Himmel, rette den Britannicus!   Vierter Auftritt. Agrippina . Junia . Burrhus . Agrippina . Burrhus, halt' ein! Wohin? Sag', was bedeutet . . . . Burrhus . Britannicus, es ist um ihn geschehn! Junia . Weh' mir! Agrippina . Er stirbt! Burrhus . Gebieterin, er ist Vielmehr schon todt. Junia . Verzeih', ich eil', ich will Ihm helfen, wenn ich kann, wo nicht, ihm folgen. 162   Fünfter Auftritt. Agrippina . Burrhus . Agrippina . Ha, welch ein Frevel, Burrhus! Burrhus . Hohe Frau, Ich überleb' es nicht. Fort muß ich, fort Von Hof und Kaiser. Agrippina . Wie, nicht vor dem Blut Des Bruders hat er sich gescheut? Burrhus . Geheim Ward dieser Plan vollführt. Kaum sieht der Kaiser Den Bruder kommen, als er sich erhebt Und ihn umarmt, dieweil rings Alles schweigt. Da nimmt er eine Schale in die Hand Und spricht: »Um unter glücklichen Auspicien Den heut'gen Tag zu schließen, gieße ich Hier dieser Schale erste Tropfen aus; Die ich zu diesem Opfer ruf', ihr Götter, O zeigt euch günstig dem Versöhnungsbund.« Dieselben Worte spricht Britannicus, Narciß füllt drauf die Schal' in seiner Hand, Doch hat die Lippe kaum den Rand berührt, Das Eisen thut so mächt'ge Wirkung nicht, O Herrin, da entweicht dem Aug' der Tag, Und kalt und leblos sinkt er auf den Pfühl. Von diesem Schlag sind Alle wie erstarrt, Und Manche fliehn mit Angstgestöhn von hinnen; Die aber, die des Hofs gewohnter sind, Sie modeln ihr Gesicht nach Cäsars Blicken, Der liegt auf seinem Polster ausgestreckt Und scheint von Staunen keineswegs ergriffen. 163 »Das Uebel«, spricht er, »das euch Sorge macht, Hat oft und zwar stets ohne schlimme Folgen, Als er ein Kind noch war, ihn heimgesucht.« Narciß müht sich umsonst, betrübt zu scheinen, Die häm'sche Freude zeigt sich doch bei ihm; Ich, mög' auch Cäsar meine Kühnheit strafen, Drang durch's Gedränge des verhaßten Hofs Und ging, um gramgebeugt Britannicus, Den Kaiser zu beweinen und das Reich. Agrippina . Er kommt. Sieh, ob ich's bin, die's ihm gerathen.   Sechster Auftritt. Nero Agrippina . Burrhus . Narciß . Nero (Agrippina bemerkend) . Ihr Götter! Agrippina . Nero, halt', zwei Worte nur Für dich. Britannicus ist todt, ich weiß, Woher der Streich kam, wer der Mörder ist. Nero . Wer ist es, Fürstin? Agrippina . Du. Nero . Wer? Ich soll's sein? Wie, eines solchen Argwohns bist du fähig? Kein Unheil giebt's, deß ich nicht schuldig bin! Ja, wenn man deinen Worten Glauben schenkt, Hab' ich des Claudius Leben auch verkürzt. Du liebtest seinen Sohn, sein Tod mag dich Erschüttern. Doch ich kann nicht für die Schläge Des Schicksals bürgen. 164 Agrippina . Nein, Britannicus Verschied an Gift. Narciß hat es vollführt, Du aber bist's, der's ihm befohlen hat. Nero . Wer, Fürstin, wagte solch ein Wort zu sagen? Agrippina . Wie, Herr, verletzt dich der Verdacht so sehr? Narciß . Britannicus, Gebieterin, trug sich Mit Plänen insgeheim, die wohl geeignet, Dir bittren Kummer zu erwecken. Höher Noch als nach Juniens Hand ging sein Bestreben. Für deine Güte hätt' er dich bestraft, Er täuschte dich, und grollend dachte er Dich früher oder später ans Vergangene Zu mahnen. Sei's, daß wider deinen Willen Das Schicksal dir gedient, sei's, daß die Ränke, Die seinem Leben drohten, Cäsar kannte Und sich dabei auf meine Treue stützte, Laß immerhin die Thränen deinen Feinden, Sie mögen drin das schlimmste Unheil sehn, Doch du . . . . Agrippina (zu Nero) . Fahr' nur so fort! Mit solchen Dienern Wirst du durch deiner Thaten Glanz berühmt Dich machen. Fahre fort, nach solchem Schritt Darfst du zurück nicht weichen. Deine Hand Hat mit des Bruders Blut begonnen, bald, Ich seh's, wirst du sie an die Mutter legen. Gar herzlich bin ich dir verhaßt, ich weiß es; Du möchtest dich von meines Wohlthuns Joch Befrein, ich aber will, daß selbst mein Tod Dir nutzlos sei. Glaub' nicht, daß ich im Sterben Dich ruhig lasse; Rom, der Himmel dort, Das Leben selbst, das du von mir empfingst, 165 Sie sollen überall und immer sich Vor deiner Seele Augen stellen. Stets Wird Furien gleich Gewissensangst dir folgen, Umsonst wirst du durch neue Uebelthaten Sie zu beschwicht'gen dich bemühn; es wird Die Wuth, zu der du stets aufs Neu' dich spornst, Mit einem frischen Mord dein Leben zeichnen. Doch hoff' ich, daß der Himmel, endlich müde Der Frevel, mit so vielen andern Opfern Auch dich verderben wird. Nachdem du dich Mit ihrem und mit meinem Blut bedeckt, Wirst du gezwungen sein, mit eigner Hand Das deine zu vergießen; künftigen Geschlechtern wird dein Name selber noch Für blut'ge Tyrannei ein Vorwurf sein. Das sagt mir über dich mein Herz voraus. Leb' wohl, du magst nun gehn! Nero . Folg' mir, Narciß. Agrippina . Wie ungerecht, o Himmel, war mein Argwohn: Burrhus verdammt' ich, um Narciß zu glauben. Sahst du die Wuth der Blicke, welche Nero Beim Scheiden mir als Lebewohl gesandt? Es ist um uns geschehn, Nichts hält ihn mehr; Der Schlag, mit dem man drohte, wird mich treffen, Und wird auch dich zugleich mit mir zerschmettern. Burrhus . Ich, Fürstin, lebte schon um einen Tag Zu lange. Hätte seine Hand doch nur An mir zuerst die neue Wuth erprobt, Und mich nicht allzu sehr durch diesen Frevel Des Reiches künft'ges Unglück ahnen lassen! Nicht das Verbrechen ist's allein, was mich Verzweifeln macht, die Eifersucht vermochte 166 Ihn gegen seinen Bruder aufzustacheln; Doch weißt du, was am tiefsten mich betrübt? Nero hat seinen Bruder sterben sehn Und hat die Wange nicht dabei entfärbt! Er hat schon des Tyrannen kalten Blick, Der sich im Frevel seit der Kindheit übte. So mög' er, hohe Frau, sein Werk vollenden Und einen läst'gen Diener morden, der Ihn zu erdulden nicht vermag! Ach, weit Entfernt, mich seinem Ingrimm zu entziehen, Wird mir der schnellste Tod der liebste sein.   Letzter Auftritt. Agrippina . Burrhus . Albina . Albina . Gebieterin, o Herr, eilt hin zum Kaiser Und rettet ihn vor seiner eignen Wuth: Von Junien sieht er ewig sich getrennt! Agrippina . O rede, hat sie selber sich getödtet? Albina . Sie ist, um Cäsar ewig zu betrüben, Ihm eine Todte, ohne todt zu sein. Du weißt, wie sie von hier sich wegbegeben; Es schien, als ob sie zu Octavien wollte, Doch bald verlor sie sich in fernen Gängen, Wo meine Blick' ihr nicht mehr folgen konnten. Sie eilt bestürzt aus dem Palaste fort; An des Augustus Standbild angelangt, Netzt sie mit Thränen seine Marmorstufen Und hält das Bild mit ihrem Arm umschlungen. »O Fürst«, so ruft sie aus, »bei diesem Knie, Das ich umschlinge, hilf, beschütze jetzt 167 Den letzten Sprößling deines Stammes! Rom Sah heut in deiner kaiserlichen Burg Den einz'gen Enkel fallen, der dir glich. Ich soll nach seinem Tod ihm treulos werden; Doch um die Treu' ihm ewig zu bewahren, Bring' ich mich jetzt den ew'gen Göttern dar, Zu denen deine Tugend dich gesellt.« Das Volk, von diesem Anblick tief ergriffen, Eilt rings herbei und schaart sich um sie her; Es weint mit ihr, es klagt um ihren Kummer Und nimmt einstimmig sie in seinen Schutz. Man führt sie hin zum Tempel, wo seit Jahren Roms Jungfraun sich dem Dienst des Altars weihn Und treu den Schatz des heil'gen Feuers hüten, Das immerdar für unsre Götter brennt. Der Kaiser sieht, was dort geschieht, doch wagt Er nicht die Schaaren zu zerstreun. Narciß Jedoch ist kühner, strebt ihm zu gefallen Und stürzet ohne Scheu auf Junien hin. Schon faßt er sie mit Frevlerhand, da strafen Des Frechen Rohheit tausend Todesstreiche, Und Junia wird bespritzt von seinem Blute. Nero, von dem bewältigt, was geschieht, Läßt ihn in derer Hand, die ihn umzingeln; Er kehrt in sein Gemach zurück, dieweil Vor seinem düstren Schweigen jeder flieht, Nur Juniens Name tönt von seinen Lippen. Er wandelt unstät hin und her, sein Blick Ist unruhvoll und wagt zum Himmel nicht Sich zu erheben, ja, man fürchtet selbst, Daß, wenn die Nacht, vereint mit Einsamkeit, Der Seele düstre Stimmung noch vermehrt, Und du ihn ohne Hülf' und Zuspruch lässest, Im Schmerz er an sein eigen Leben greift. O eil', es drängt, in jäher Wallung könnte Er sich vernichten! 168 Agrippina . Nur Gerechtigkeit Wär's, was er an sich übte; aber, Burrhus, Sehn wir, wie weit sein Seelenaufruhr geht, Und ob die Reu' sein Herz verwandeln wird, Ob er jetzt denkt in andrem Sinn zu handeln. Burrhus . O Götter, wär's der letzte seiner Frevel!   ══════════════