Wilhelm Raabe Der gute Tag oder die Geschichte eines ersten Aprils I. Es ist eine Redensart: er, sie oder es hat seinen guten Tag; und es ist eine bedenkliche Redensart, denn es ist immer anzunehmen, daß das, was dann und wann seinen guten Tag hat, im Laufe der Woche oder gar des Jahres recht viele böse Tage habe. Erörtern wir dieses lieber nicht; – ich besaß einen Freund, der das kitzlige psycholo-physiolo-philosophische Fragen nannte und sich auch nicht darauf einließ. Er war glücklich verheiratet und bekam jedesmal seine böse Stunde, wenn ihn jemand der gesellschaftlichen Unterhaltung wegen aufforderte, doch einmal darüber nachzudenken und seinen Gedanken zum Besten der Menschheit Worte zu leihen. Nehmen wir also die Redensart, wie sie sich gibt! – Adelgunde – Fräulein Adelgunde (wir bohrten mit einer Nadel in den Kalender und trafen mit der Spitze den 30. Januar und diesen wohlklingenden Heiligen-Namen) hatte ihren guten Tag, und der Bäckerjunge war der erste, der's merkte und die liebliche Nachricht mit seinen frischen Semmeln durch das Haus verbreitete, d. h. grinsend sie auf seine Semmeln zugab. »Hu, heute ist sie aber mal gnädig!« verkündigte er von Stockwerk zu Stockwerk und hatte es leider nur zu eilig, um sich auf ausführlichere Berichte einlassen zu können. »Was hat ihr denn Schönes geträumt?« fragten sich die Hausbewohner und fügten hinzu: »Gestern war es aber auch zu arg!«, und darin hatten sie recht: gestern war es fast zu arg gewesen. Gestern hatte man den 31. März geschrieben, und heute schrieb man den 1. April: jeder denkende Mieter durfte sich das Seinige denken, aber nicht ungestraft. Ein Hausbesitzer oder gar eine jungfräuliche Hausbesitzerin, die steigern wollen, wissen sowohl für den Letzten wie für den Ersten im Quartal die gehörige Miene anzulegen; und wenn die Mieter gestern geahnet hatten, daß sie gesteigert werden würden, so gelangten sie heute, bei Tagesanbruch schon, durch den Bäckerjungen zur unumstößlichen Gewißheit und nahmen seine vergnügliche Meldung keineswegs mit gleich vergnüglichem Lächeln entgegen. Im Gegenteil! Und es war sogar recht anerkennenswert, daß sie ihm nicht sofort in gleicher Weise die Stimmung verdarben wie er ihnen. Es war nur etwas Leeres, Ödes in dem Blicke, mit welchem sie ihn ansahen, in dem Ton, mit welchem sie seinen Morgengruß erwiderten: die Milchfrau mußte auch noch kommen, und jedermann konzentrierte seine Spannkraft auf diese. Sie kam und sagte: »Nein aber wie vergnügt Fräulein heute morgen ist!«, und jedermann zog sich gebrochen in seine Gemächer zurück und hätte gern gegen sämtliche spätere Vorfälle des Tages seine Tür verriegelt; – etwas Gutes kommt ja doch selten, und wenn es ihm ernst ist, zu kommen, so hindert nichts es, auch durch den Schornstein herunterzufallen und mitten zwischen die Kinder oder auf den Schreibtisch oder Handwerkstisch zu purzeln. Zwischen die Kinder! Der witzige Familienvater, der ihrer sechs sein nannte, und zwar lauter Jungen, brummte mit einem betrübten Blick über den Frühstückstisch: »Wenn die alte Klapperschlange in ihre eigene Flanelljacke gebissen hätte und so ihr Gift losgeworden wäre, so ließe ich mit Vergnügen was draufgehen und machte euch einen guten Tag, Annchen. Aber so liegt das Ding nicht. Das schlägt nach einer andern Richtung in die Naturgeschichte: – gesteigert werden wir, und es bleibt nur die Frage, ob wir kündigen werden!« »Das mußt du wissen«, antwortete die Gattin, deckte sich sonach gegen alle später etwa einfallenden Schicksalsschläge moralisch den Rücken und verdünnte seufzend das, was die Milchfrau für unverdünnte Milch ausgab, um ein beträchtliches. Mit herabgezogenen Mundwinkeln sahen die sechs Rangen kläglich in das Blau, gänzlich gleichgültig gegen die Frage, ob sie das Phänomen nach der Newtonschen Farbentheorie oder nach der Goetheschen so erblickten. »Na, na«, sagte der Gatte, zur Gattin gewendet; gegen die Kinder gerichtet, sprach er: »Jaja, Mama steigert auch.« An sich selber richtete er den Ausruf: »O du barmherziger Rabenvater im Himmel, wenn ich was dazu tun kann, so komme ich das nächste Mal mit Flünken und Federn auf die Welt und baue mein Nest im Busch oder Baum oder unter einem Scheunendach oder alten Kirchendach. Einmal will ich doch das Vergnügen haben, zu sehen, daß meine Nachkommenschaft es gut hat! Der Herr bewahre mich vor unzutreffenden Gleichnissen; aber ich stelle mir vor, daß Uhu und Krähe gar keine schlimmen Nachbarn sind und daß mit Katze, Wiesel und Iltis sich recht gut leben läßt.« »Du solltest doch nicht solche Sachen vor den Kindern reden«, sagte die Mutter des Hauses, und der Vater brummte: »Rede ich nicht mit mir selber, Frau? Wenn ich allein wissen muß, was zu tun ist, so muß es mir auch freistehen, die Verhältnisse und Zustände nach allen Richtungen hin auf meine Weise und nach meinem Verständnis zu überlegen! Vor sechzehn Jahren sang ich: ›Wenn ich ein Vöglein wär‹ – und flog zu dir. Nun guck dir mal die sechs da an und rate selber mir, was ich heute singen soll!« »O Theodor!« rief die Gattin, den Ton können wir aber nicht durch Schrift und Druck nachmachen. II. »Was hat ihr denn Schönes geträumt?« hatte das Haus gefragt. In ihre Nachtjacke zu beißen, war ihr nicht im Traume eingefallen, wie der witzige Familienvater bemerkte. Träume kommen aus dem Magen; und nun wollen wir einmal sehen, was für Träume in der Nacht vom 31. März auf den 1. April aus dem Magen Fräulein Adelgundas gekommen sind. Den witzigen Familienvater haben wir kennengelernt; jetzt machen wir die Bekanntschaft des melancholischen, den Fräulein gleicherweise unter ihrem Dache zu den Ihrigen zählte. Wie alle Melancholiker erfreute er sich einer feinen Nase, und da es nach seiner Aussage am Abend des letzten Märzen ausgezeichnet aus der Küche des Fräuleins her gerochen hatte, so dürfen wir annehmen, daß die heftigen Äußerungen ihrer Gemütsstimmung ihrem Appetit keinen Schaden und Abbruch getan hatten. Der melancholische Familienvater besaß nur vier Kinder, und zwar lauter Mädchen; aber auf den Küchengeruch verstand er sich vielleicht grade deshalb besser als der witzige. Er war eine Autorität dafür und gehörte zu den angenehmen Leuten, die imstande sind, Elend, Groll und Verdruß zu verfressen. Melancholisch blieb er aber darum doch – wie seine Gattin dann und wann meinte und äußerte: um sich notdürftig aufrechtzuerhalten im irdischen Jammertale. – Ein gebratenes Täubchen ist das rechte Futter für jedweden Hausbesitzer am Abend vor dem Quartalwechsel, aber um wie vieles mehr für eine jungfräuliche Hausbesitzerin in den besten Jahren! Hat man einen Gast, so läßt man zwei oder drei, je nachdem, der reizenden Tierchen enthalsen und gewinnt zugleich diesem Gaste gegenüber einen Standpunkt, zartsinnige Gefühle in betreff des Kopfabreißens kundzugeben und zugleich seine Ansicht über die Frage der Abschaffung oder Beibehaltung der Todesstrafe richtigzustellen. Fräulein hatte keinen Gast, aber sämtliche Mietskontrakte ihrer Inquilinen auf einem Nebentischchen zur Hand. So vertilgte sie ihren Vogel der Venus trotz der behaglichsten Einsamkeit in der besten Gesellschaft und in herzlichster Unterhaltung. Ihr gutes Gewissen saß ja überdem mit ihr zu Tische und leistete ihr gleichfalls Gesellschaft, und zwar bis in ihren Schlummer hinein. Es ist ein köstlich Ding um ein gutes Gewissen; wer keins hat, wird es uns bestätigen. Weniger vielleicht der, welcher eines besitzt; denn gewöhnlich hat der dann so viel mit seinen Sorgen oder denen anderer Leute zu tun, daß er kaum imstande ist, seinen herrlichsten Rückhalt nach Gebühr zu würdigen und in Rechnung zu ziehen. Damit aber sind wir an dem Punkte angelangt, allwo wir den Leser und die Leserin schon längst gern gehabt hätten. Jetzt haben wir sie daselbst, wo wir Fräulein schon lange hatten: Fräulein nämlich besaß ein gutes Gewissen im eminentesten Grade (die deutschen guten Wörter hervorragend, ausgezeichnet usw. reichen lange nicht an dieses Fremdwort!), und sie wirkte damit in ihrem Kreise und in ihren Kreisen auf eine Art, die jede Konkurrenz ausschloß. Sehen wir jetzt zu, in welcher Gesellschaft von Phantasiebildern sie schlafen ging! Der liebe Gott hat es sehr gerecht so eingerichtet, daß man weder ein witziger noch ein melancholischer Familienvater noch das eheliche Weib eines von beiden zu sein braucht, um da mit großem Gefolge ins Bett zu steigen. – Die Welt und das Leben bei Sonnen-, Monden- und Sternenlicht zu sehen und zu schildern, will nichts bedeuten, aber beim Scheine eines Nachtlichts – das will etwas sagen. Nicht wahr, ihr, die ihr euere schönsten und euere schrecklichsten Stunden bei dem winzigen Schimmer hinfliegen oder -kriechen sahet? Fräulein Adelgunde sah eine geraume Weile in ihr Nachtlicht. Dann bildete sich ein Hof um dasselbe her, dann zog sich ein Nebel vor dasselbe, dann schloß sie die Augen – öffnete sie noch einmal und sah noch einmal die kleine Flamme scharf und klar. Nun fielen ihr die Augenlider von selber zu – dumpf, verworren gingen noch durch ihren Sinn die Sorgen über die Verwaltung ihres nicht unbeträchtlichen Vermögens, ihre sämtlichen Mietsleute – die morgenden, eingehenden Gelder und der schändliche Charakter und hängenswerte elende Mensch und photographische Künstler Louis Eigelmeier, der ihr grade vor einem Jahre durchgegangen war und ihr nichts zurückgelassen hatte als ein Lichtbild von sich, mit einer Empfehlung seiner und seiner Kunst auf der Rückseite, in ihrem Album. Fräulein Louise Stieglitz bewohnte jetzt die Gemächer oder das Gemach des Photographen – die Vorstellung machte Fräulein Adelgunde noch einmal ganz lebendig, wach und munter. »Da weiß ich aber, was ich tue!« sagte sie und entschlummerte, und ihre erste Liebe setzte sich an ihr Lager. Es gab so viele schlechte Charaktere in der Welt, und alle hatten sich grade in dieser Nacht vor dem ersten April verschworen, ihr in ihren Träumen ihre Aufwartung zu machen. Eben befand sie sich noch in dem voreinstigen photographischen Atelier Eigelmeiers und hatte Fräulein Louischen vor sich und sagte ihr ihre Meinung vom Grunde des Herzens aus. Was bei Tage ziemlich schwierig war, das wurde ihr augenblicklich merkwürdig leicht: sie duckte das liebe Kind ganz und gar – Louischen ließ wie ein Lamm alles über sich ergehen, und still nahm sie alles, was ihr mitgeteilt wurde, hin. Da – diesmal sich selber steigernd, und zwar in ihren Redensarten und Insinuationen – kam der erste »Wandel über ihren Traum«. Es hustete jemand am Fußende ihres Bettes; ihre hübsche kleine Mieterin hatte sich in Dunst und Nebel aufgelöst und war zu den übrigen Schatten der Nacht gegangen: da saß er – er! Ja, da saß er, der greuliche Mensch, von dem sie einst, vor langen, langen Jahren, aufgefordert wurde, sein Lebensglück durch das ihrige zu gründen, und der dann hingegangen war und – die deutsche Sprache besitzt gar keinen Ausdruck für sein Verhalten! – den Versuch, den Himmel auf Erden zu finden, mit einer andern, und zwar einer ihrer besten Freundinnen, gemacht hatte. Und in ihrem , ihrem eigenen Traume freute sich dieser Elende, sie so wohl zu sehen! Hüstelnd saß er auf dem Polsterstuhl, deutlich mit seiner Schnupftabaksdose im Scheine des Nachtlichts zu erkennen, und er war es unbedingt, obgleich er im Verlaufe der langen, langen Jahre auch nicht der nämliche geblieben war. Letzteres war ein Trost. Wenn nach den Lehren der Physiologie der Mensch von sieben zu sieben Jahren einen neuen Körper anzieht, so hatte die verräterische, treulose Seele dieses Unholds dreimal seit seinem Hochzeitstage das Kostüm gewechselt und schien jedesmal an einen Trödeljuden geraten und im Handel betrogen worden zu sein. Körperlich abgerissen, wackelnd-schemenhaft saß er da, und Fräulein Adelgunde fing an, sich ihrerseits zu freuen, ihn so wohl zu sehen, und ihm ihre Freude kundzugeben. »Wenn du – wenn Sie es wirklich sind, Herr Rat, so sehen Sie recht heruntergekommen aus. Sie scheinen sich wirklich nur den Umständen nach zu befinden. Läßt man Sie denn so allein gehen? Hat Ihre liebe Frau – hat die Frau Rätin eine Ahnung davon, wo Sie sich befinden? Wir sind noch im März, und Sie waren schon in Ihrer Jugend zu allerlei Erkältungen geneigt. Zugluft konntest du nie vertragen – Adolf!... Ach Adolf, nimm es mir nicht übel, aber du siehst jämmerlich, jämmerlich aus. Bist du wirklich fest überzeugt, daß du es bist und nicht etwa ein Magenkrampf oder ein rheumatisches Zahnweh deiner Frau?« Wackelnd wiegte sich der Schatten, den eine schönere Vergangenheit, den die Jugendzeit in diese Nacht warf, auf dem Stuhle; kläglich kichernd nickte der Schemen: »Ha ha, ich bin's, Gundchen; aber freilich wollte ich, daß ich's nicht wäre und ich mich in mir irrte. Ach ja, jünger wird man nicht; das Leben wächst einem nur zu rasch über den Kopf und der Schädel durch die Haare! – Nun, Julchen läßt dich recht schön grüßen und –« »Wenn Sie sich nicht auf der Stelle aus der Tür scheren, so schicke ich nach der Polizei!« rief die entrüstete Träumerin, und der zu einem Rheumatismus gewordene Jugendtraum – ging. Wie er sich mit dem Blutbann abzufinden verstand, können wir nicht sagen, aber vor der Polizei schien er einen heillosen Respekt zu haben. – Er ging, aber er zog die einstige Geliebte sich nach. »Dem habe ich es gesagt!« sagte sie und ging hinter ihm her. Hier war die Kammertür – hier die Stube. Adelgunde schritt die Treppe hinunter – zum Hause hinaus, dem Haus des Verbrechers zu, und – trat bei ihm ein in ihrem Traume! Was sie sah, können wir leider nicht angeben; nur was sie sagte, können wir auch hier mitteilen. »Der hat sich gebettet, wie ich es ihm gewünscht habe!« zischte sie mit höhnisch kichernder Schadenfreude. »So gut hätte er es bei mir auch gehabt!« seufzte sie; wir vermuten aber, daß sie meinte, er habe es vielleicht besser bei ihr haben können. Wie dem auch sei – süßer, befriedigender hatte Fräulein lange nicht geträumt. Doch wer hat je ein anmutig, behaglich, schmeichlerisch Traumbild anders festhalten können als im wachen Zustande?... Da die holde Nachtwandlerin sich einmal unterwegs befand, so ging sie weiter. Sie war eine geborene Berlinerin und kannte also so ziemlich alle Gassen von Berlin. Die Straße aber, welche sie jetzt beschritt, geleitet und geschoben von den nächtlichen Horen, kannte sie ausnehmend wohl. Der Mensch, den auf dem Stadtgerichte zu sehen sie seit längern Jahren von Zeit zu Zeit das Vergnügen hatte, wohnte drin und gewann in seinem Traume soeben den Prozeß, den er gegen sie führte. Diesmal nahm sie – Fräulein Adelgunde – die Gelegenheit wahr, sich mitternächtlicherweile jemandem an das Bett zu setzen, die Gardine zurückzuziehen und ihn durch ihre unvermutete Erscheinung in Erstaunen zu setzen und zum jähen Erstarren zu bringen. Es ist eine längst bekannte Erfahrung, daß man das, was man aus dem Grunde versteht, gern tut, con amore, wie der Kunstausdruck dafür lautet, und Fräulein verstand es aus dem Grunde, einem ihre Meinung zu sagen, und machte sich also gern ein Vergnügen daraus. Je bitterer sie sich ausließ, desto süßer wurde ihr Schlummer. Ihr Schutzengel sah sie auf ihrem Kissen wie ein Kind lächeln und lächelte gleichfalls: um an seine Engelhaftigkeit glauben zu können, müssen wir natürlich annehmen, daß er nicht wußte, warum. Hu, wie sagte Fräulein es dem prozessierenden Sünder! Ein Nachtlicht brannte nicht in seiner Kammer; aber wie wurde ihm dafür die Fackel des Jüngsten Gerichtes angesteckt! Durch den Weltbrand loderte blutigrot der Aktenfaszikel auf dem Berliner Stadtgericht – niemals war ein frechangrinsendes Philistergesicht so gründlich unter das Deckbett hinuntergeredet worden wie in diesem Falle! Adelgunde durfte wohl lächeln. – Zuerst verschwand das Kinn, dann der vergeblich nach Luft schnappende Mund des schnöden Gegners. Die Nase rutschte abwärts, es folgten die schreckensdummen und wutweit aufgerissenen Sehorgane, die weiße Zipfelmütze versank, und als der Zipfel der Zipfelmütze verschwunden war, fühlte Fräulein sich leicht wie ein Engel und bekam demgemäß auch Flügel in ihrem Traum. Sie veridealisierte sich so, wie sie sich schon längst in ihren wachen Zuständen ihre Persönlichkeit vorgestellt oder gedacht hatte. Ihr Schutzengel hatte gut lächeln! – Ein weißes Gewand von erklecklicher Länge, um die Hüften von einem himmelblauen Gürtel mit silberner Schnalle gehalten, umfloß sie. Auch ihre Locken umflossen sie sonderbarerweise mit einem Male. Doch die Hauptsache und das Wundervollste blieben die beiden Flügel, die ihr plötzlich aus den Schulterblättern hervorsproßten. Wohin des Engels leichter Fittich dringet, Da wird der Himmel wolkenlos und schön. Er ist von einem goldnen Kreis umringet, Wie wir des Nachts beim Blitze-Leuchten sehn. Er überlegt, wo er sich niederschwinget, Der Himmelsbote, um nicht irrzugehn, Und – Fräulein überlegte auch, aber mehr, wohin sie sich emporschwingen solle. Sie fächelte mit dem linken Flügel, sie fächelte mit dem rechten. Sie hob den rechten Fuß, sie hob den linken. Jetzt hob sie beide Fittiche und sich drei Fuß vom Boden. Ludovico Ariosto singt ferner. Wer fernhin reiset, der wird Dinge schauen, Entfernt von dem, was er vorher gemeint. Erzählt er dann, so will ihm niemand trauen, Für einen Lügner hält ihn Freund und Feind. Denn dem nur schenkt das dumme Volk Vertrauen, Was recht handgreiflich, klar und flach erscheint. Drum wird auch meinem Lied, ich kann mir's denken, Der Unerfahrne wenig Glauben schenken –, und gradeso wie er, denken wir; denn wird es uns etwa wer glauben, daß jemand, der plötzlich Flügel bekommt, dieselben sofort – nicht gebraucht und nicht fliegt? Es war aber doch so! Fräulein Adelgunde sah nach der Stubendecke, über die rechte Schulter, über die linke und nochmals gradeaus nach der Stubendecke. Es war beinahe der ängstlichste Moment in ihrer Traumnacht. Sollte sie es wagen und sich auf die Härte ihres Schädels verlassen?... Sie entfaltete die Fittiche – so weit als möglich. Sie hob sich auf den Zehen. Nein, sie wagte es doch lieber nicht, sie schlug ihre Flügel wieder zusammen, legte auch die Hände kreuzweise auf dem Busen übereinander und verließ ihren Prozeßfeind durch seine Tür. Sie glitt die Treppe hinunter aus seinem Hause und erhob sich als eine kluge und vorsichtige Jungfrau erst in der Gasse steilrecht gegen den sternblitzenden Nachthimmel. III. Wir machten diese Pause nur, um unsern Leser auf die poetische Steigerung aufmerksam machen zu können. Unsere Leserin aber fragen wir, ob sie jemals sonst schon etwas so reizend Poetisches gelesen habe. Wenn dieses, was wir bezweifeln, der Fall sein sollte, so haben wir es nicht geschrieben und also auch keinen Anspruch auf die dadurch hervorgerufene Wirkung. – Was den Prozeßgegner anbetraf, so erwachte der am Morgen des ersten April gänzlich konfus im Kopf und vollständig zerschlagen und gebrochen an und in den übrigen Körperteilen. Selten fand sich jemand nach einer Engelerscheinung so ganz und gar dazu berechtigt, seiner Umgebung zu verkünden, daß er seit langer Zeit nicht so schlecht geschlafen und so schrecklich geträumt habe. Wenn der Mann behauptete, daß ihm der leibhaftige Satan erschienen sei, so übertrieb er wohl ein wenig; aber – die Hand aufs Herz! – wer von uns schläft schlecht und träumt noch schlechter und ist dann imstande, dem lächelnden Morgen entgegenzulächeln und die Seinigen am jungen Tag mit dem Lerchengezwitscher häuslicher Behaglichkeit zu begrüßen? Fräulein Adelgundens guter Bekannter vom Stadtgericht zwitscherte jedenfalls nicht, sondern forderte mißmütig-matt seine Familienglieder auf, einmal herumzuriechen. Ihm selber roch's nach Schwefel, und als niemand unter den Seinigen dieses auch fand, blieb ihm nichts übrig, als weinerlich-verdrossen zu behaupten: die ganze Gesellschaft habe den Schnupfen, und zwar einen Stockschnupfen ersten Ranges. Da uns dieser erbärmliche Wicht aber sonst weiter nichts kümmert, so lassen wir ihn unmutig an seine Tagesgeschäfte gehen und haben wenig Mitgefühl zu zeigen, wenn er dabei von Zeit zu Zeit unwillkürlich zusammenschreckt und schaudert. – Wir zeigen gar nichts; denn ohnzweifelhaft befinden wir uns ja immer noch mitten in der Nacht und steigen mit Fräulein zu den Sternen empor. Rundum blitzt's und funkelt's, und da es eine schöne, heitere Nacht ist, sind die luftigen Wege ungemein belebt, und man kann manches auf ihnen erleben. »Fräulein! Fräulein! Sind Sie es?« kreischte, zeterte eine zweite Engelin, die der unsrigen entgegenkam oder eigentlich entgegengeführt wurde. In nicht geringem Grade zerzaust und in höchst fataler Begleitung erschien sie. Zwei geflügelte Gendarmen nämlich hatten sie in ihrer Mitte und hielten sie, ein jeglicher da, wo auf seiner Seite ihr der Fittich aus der Omoplate hervorwuchs. Auf Erden ist an einem solchen Schauspiel nichts Besonderes zu sehen; aber zwischen Erde und Himmel macht es sich ganz kurios und hinterläßt in jedem, der das Glück hatte, einer solchen polizeilichen Abführung beizuwohnen, einen unauslöschlichen Eindruck. »Hülfe – Barmherzigkeit! Fräulein, ich beschwöre Sie, legen Sie ein gut Wort für mich ein!« jammerte der Verbrecherengel; aber Adelgunde, ihn jetzt ungemein genau erkennend, sprach: »Ah, siehst du wohl?... Ah, habe ich es dir nicht hundertmal vorausgesagt?... Ah, habe ich dir nicht meine Meinung ins Dienstbuch geschrieben? Jetzt hast du's, wie du's gewollt hast! Siehst du; – o, es gibt also doch noch eine ewige Gerechtigkeit!... Meine Herren, erlauben Sie mir – einen Augenblick! – darf ich fragen, wohin Sie die Person befördern?« »An den Rand des Abyssos, des Abgrundes. Man läßt hier nicht ungestraft einen Weltball fallen. Erst wird sie die Planetoiden zusammenkehren, und das weitere wird sich nachher finden!« schnarrte einer der beiden himmlischen Begleiter. »Halten Sie uns nicht auf, Madam.« Das Wort Madam in ihrem Entzücken vollkommen überhörend, schrillte Fräulein: »Wenn Sie ihn kitten lassen (sie meinte den ruinierten Planeten) – ja auf ihre Kosten!« Und über die Schulter, im Vorbeigezerrtwerden, schrillte der Dienstmädchenengel zurück: »O Sie – Sie, wer sind Sie denn, wenn ich das bin, was ich bin?« Die Erscheinung verschwand: es ist eben ein Jammer, daß die schönsten Momente im Traum sowohl wie im Wachen es so unendlich eilig haben! Glücklicherweise aber schlug es eben erst zwei Uhr, und Fräulein schwebte weiter. Für uns, d. h. den Autor dieser Geschichte und die Leser derselben, hat es freilich schon allerlei geschlagen; das ist aber grade das Schöne dran – nämlich an der Geschichte. Wenn wir sie – nämlich Fräulein Adelgunde – die Liebenswürdigste ihres Geschlechts nennen wollten, würden wir alle übrigen ihres Geschlechtes grenzenlos beleidigen und mit vollem Rechte ihrer Mißachtung anheimfallen. Wir mäßigen deshalb unsern Enthusiasmus für die holde Träumerin soviel als möglich und teilen nur mit, daß sie sich ganz energisch unter die Liebenswürdigsten rechnete, dieses denn aber auch mit vollem Rechte. Wenn wir dieses nicht mitteilten, erwachte sie mit einem Ruck, brach den Traum ab, und war die Geschichte kurzab zu Ende, was doch jammerschade gewesen sein würde. Es sind der Welt auf diese Art schon genug gute Historien verlorengegangen; wir brauchen zum Exempel nur an diejenige zu erinnern, welche in der Nacht vor dem Abenteuer mit den Walkmühlen der gute Schildknappe Sancho Pansa seinem Herrn Don Quijote von dem Ziegenhirten Lope Ruiz und der schönen Schäferin Torralva erzählen wollte und mit welcher er leider, leider am Ufer des Flusses Guadiana steckenblieb. Ein Ziegenhirt, wenn auch nicht aus der spanischen Provinz Estremadura, dämmert auch uns jetzo auf. Er war mehr aus der preußischen Provinz Pommern, und was das Ziegenhüten anbetrifft, so bitten wir freundlichst, uns nicht bei jedem poetischen Bocksprung sofort an den Rockschößen zu fassen, zurückzuziehen und uns anzurufen: »Holla, Herr, sollte da wirklich der Weg zum Parnaß hinaufführen?« Unser Ziegenhirt war seines Zeichens ein junger Mann von anständigerm Berufe und wahrscheinlich auch anständigerm Äußern als der brave Lope Ruiz des guten Sancho Pansa. Die erste Geige strich er zwar nicht, weder im Leben noch im Königlichen Opernhause; aber er war ein angenehmer Cellist in seinen Mußestunden, und im Leben der letzte Sproß einer uralten respektabeln Hausbesitzerfamilie, deren unvordenklichster Ahnherr Pfahlbauer an der Spree gewesen war zu einer Zeit, als Berlin noch nicht einmal Kölln hieß. Jetzt hieß längst Kölln Berlin; wir aber nennen die Straße Berlins, in der er, Fräulein gegenüber, seinen angestammten Grundbesitz immer noch festhielt, nur deshalb nicht, um nicht alle übrigen Gassen rebellisch zu machen vor kulturhistorischem Neid und uns sämtliche Lokalgeschichtler auf den Hals zu ziehen: »Heda, Herr, geht da in der Tat der Weg in die Tiefen unserer deutschesten Vergangenheit?« – Sein Name – der unseres Jünglings – war Blankow, und er strich sein Cello dem Hause Adelgundas gegenüber in einer Weise, die ein Gemüt gleich dem ihrigen im Wachen wie im Traume »weit nach den Ufern des Ganges« mit sich fortzunehmen imstande war. Und sie – Fräulein – kannte seine Familie und seine Umstände ganz genau. Sie wußte, daß er um Weihnachten vierzig Jahre alt geworden war! Ach, es war ja nur ein Unbedeutendes, nicht der Rede Wertes, was sie von ihrer eigenen Lebenszeit am Anfang oder am vorläufigen Endpunkt zu streichen hatte, um ihm da so nahe, so unbeschreiblich merkwürdig nahe zu kommen! Sie hatte auch bereits gestrichen, und zwar ein ziemlich Stück ihrer lieblichen Kindheit. Sie hatte ihr Geburtsjahr vorgerückt und gern den Genuß ihrer heutigen Jugendlichkeit durch den Verlust unschuldiger, aber nun ein wenig abschmeckend gewordener Jugendtage erkauft. – Freundlich gehen wir über den uralten Kunstgriff hinweg und lassen sie bei dem Glauben, daß weder die Hausgenossenschaft noch die Nachbarschaft und vor allem nicht der Nachbar Blankow – vergleiche und nachrechne. – Doch nun – wo sucht das wohlorganisierte Herz und wo findet es Trost nach dem letzten Zusammentreffen mit dem oder der treulosen Geliebten? »Im Traum von einer schönern, treuern Welt natürlich!« Ganz richtig! Und so ging Fräulein Adelgunde in ihrem Traume zum Nachbar, d. h. sie schwebte zu ihm, sie umschwebte ihn. Im Traume wie im Wachen gibt's kein höheres Hochgefühl, als irgend jemand als sein guter Genius zu umschweben!... Dieses Hochgefühl genoß Fräulein jetzt im allergeläutertsten Grade. Sie fürchtete nicht mehr, anzustoßen. Sie hatte Raum für ihren Flügelschlag. Da uns aber noch nie ein Vers und nur sehr selten ein Reim gelungen ist, müssen wir leider darauf verzichten zu sagen, wie uns zumute ist. Uns zumute! Denn wir, wir versetzten uns noch niemals in unserer literarischen Existenz so ganz und gar – weder im Wachen noch im Traum – in die Situation wie jetzt! Wir gingen mit, wir flogen mit, wir schwebten mit – wir umschweben jetzt gleichfalls, wir fühlen uns gleichfalls im höchsten Grade als guter Genius, und um unsern Gefühlen Luft zu machen, haben wir nichts als Dinte, Feder und Prosa: das ist entsetzlich – die furchtbare Begier, außer uns zu geraten und durch die Decken zu gehen, hat uns nimmer in diesem Grade zum krampfigen Anklammern an unsern Schreibtisch gebracht!... »Ein Meteor! Halt, um Gottes willen – halt, halt, ein Meteor!« rief auf seinem Dache gegen drei Uhr morgens ein Berliner Sternkundiger, der die ganze Nacht über am ganzen funkelnden Sternenhimmel nichts Besonderes gesehen hatte. Man sage aber mal »Halt, halt!« zu einem Meteor! Es kam in einem Bogen blitzschnell, erst glänzend weiß, dann in Purpur, Rot, Gold und Grün flimmernd, dann wieder weiß hernieder und verschwand oder versank hinter einem Schornstein. Der Meteorolog berechnete auf der Stelle die Bahn der wunderbaren Lichterscheinung und den Winkel, unter welchem sie die Erde traf. Er warf auch fiebernd noch einige Vermutungen kurz aufs Papier. Am folgenden Morgen berichtigte er seine Beobachtung sowohl stilistisch wie sachgemäß – letzteres durch Nachschlagen einer ziemlichen Reihe von Fachwerken. Zu einem kleinen Aufsatz erweitert sendete er sie der Spenerschen Zeitung; die Redaktion kürzte sie, von ihrem Rechte Gebrauch machend, wieder ein wenig, und schon am zweiten April erfuhren die Berliner, was einer ihrer Mitbürger in der Nacht auf den Ersten des Monats gesehen hatte, und hatten nicht die geringste Ahnung davon, wie sie dahin geschickt wurden, wohin man eben die Leichtgläubigen an diesem fröhlichen Tage zu senden pflegt. IV. Was hatte dieser, übrigens wegen seiner Aufopferung für die Wissenschaft nicht genug zu belobende Astronom denn nun eigentlich gesehen? Selbstverständlich nichts weiter als die Quintessenz der Seele Adelgundas: ein vorüberflatternd Stück von dem bekannten Stoff, aus dem die Träume gemacht werden! Wenn die Redaktion der Spenerschen Zeitung sein »Eingesandt« ganz gestrichen hätte, so würde die Wissenschaft freilich kaum etwas dabei verloren haben, wohl aber wir, die wir uns nun wieder einmal seitenlang abgequält haben, uns und der Welt das Unerhörte sichtbar, das Unglaubliche möglich und das Unmögliche glaublich zu machen. Spiritismus nennt man das. Spiritist waren wir, Spiritist sind wir und Spiritist bleiben wir! Man kann uns sogar von gegnerischer Seite daraufhin totschlagen; denn der bornierte Mörder gibt uns ja doch nur die Gelegenheit, ihn nächtlicherweile, ja auch bei Tage, herauszuklopfen, an der Nase zu ziehen, mit Kalk von der Wand oder dem Stiefelknecht zu werfen und ihn also in der geistigsten Weise zu überzeugen, daß er sich irrte und wir recht hatten. Ein Mann und eine Frau von Geist oder besser der Geist eines Mannes oder einer Frau brauchen wahrhaftig nicht auf das Verdikt eines Geschworenengerichts zu warten: sie rächen sich selber, und zwar fein, indem sie ihren Gegner nicht nur um seinen Mittagsschlaf und seine Nachtruhe, sondern auch um den Rest seines vorgeblichen Verstandes bringen. Doch nun fort mit allem, was Geist, Seele, Spuk, Schaum oder Traum heißt! Der Morgen dämmerte ja längst; aus dem tiefsten, ruhigsten, traumlosesten Morgenschlummer erwachend, hatte Fräulein dreimal den jungen Tag angeniest: wir haben sie – wir haben sie wieder in der wirklichsten Wirklichkeit, und wir befinden uns wieder da, von wo wir ausgingen! Es war der erste April, und Fräulein hatte ihren guten Tag! V. Sie ging schmuck herfür aus ihrer Kammer und war lieblich anzuschauen. Ihre Augen waren wacker, ihre Heiterkeit machte den Eindruck alles Echten. Die große Tragödie wie das wahrhafte Volkslied bringen es nicht weiter in ihren Wirkungen. Auf den witzigen und den melancholischen Familienvater, ihre Frauen und Kinder sowie das ganze übrige Haus wirkte ihr Wesen wie ein Gemisch von beiden – Volkslied und Tragödie. Letztere aber hatte, des unvermeidlich heute sich in den Vordergrund drängenden Dialogs wegen, das Prä, wie – sich viele deutsche Honoratiorentöchter ausdrücken würden. »Na gottlob, ich habe es gut«, sagte der witzige und zugleich gewitzigte Familienvater. »Ich gehe aufs Büro und überlasse es meinem unglücklichen Weibe, mit ihr fertig zu werden. Bis zum Mittagsessen habe ich es gut; für die Nachmittag- und Abendgefühle kann ich freilich nicht einstehen. Na, wie sagt Macbeth? –   –   –   –   –   –   Komme, was kommen mag, Zeit rennt und Stund auch durch den schlimmsten Tag! Ich schicke meine eigene Lady Macbeth mit der Miete zu ihr, und ich hoffe und bin fest überzeugt, daß Ännchen sich, mir und uns nichts vergeben wird. O sie freute sich ja schon seit acht Tagen drauf, heute ihren Standpunkt zu behaupten!« Der schlimmste Tag! Ja, so schlecht-mißtrauisch ist die Welt, selbst der echtesten, ursprünglichsten Herzensnaivetät gegenüber, was sich alle die merken mögen, welche darin, dadurch und darauf ihr Wirken gründen, und was allen denen recht gibt, die das Gegenteil tun und also behaglich und meistens auch in guten Geldverhältnissen durch die böse Welt kommen. – Viel eiliger denn sonst goß der witzige Familienvater den Trunk der Zichorie hinunter; auch die Zeitung las er heut nicht im Kreise der Seinigen; er schob sie in die Brusttasche und nahm sie mit nach dem Büro. Er ging oder lief vielmehr, und sein Weib sah ihm nach, aber nicht wie sonst nach ihrer lieben Gewohnheit aus dem Fenster; denn dazu ärgerte sie sich diesmal doch ein wenig zu sehr über ihn. Währenddem wuchsen Fräulein die Schwingen, von denen sie in ihren nächtlichen Träumen getragen worden war, immer mehr nach innen; je weiter der Tag vorrückte, desto gehobener empfand sie sich; und als sie gegen elf Uhr den Schritt des melancholischen Familienvaters vor ihrer Tür vernahm, war hier eine Steigerung kaum noch möglich. Der melancholische Familienvater sollte das Glück genießen, der erste zu sein, der mit der Miete kam . Er war sonst das, was man einen vierschrötigen Passagier nennt; aber jetzt schlich er her wie ein naschend Kind, was er gar nicht nötig gehabt hätte; denn er war höchlichst willkommen und durfte dreist den größten Löffel mitbringen, um den Rahm der heutigen frommen Denkart Fräuleins abzuschöpfen. Es blieb für die andern Hausgenossen immer noch genug übrig, und selbst das Ausscharren des Topfes konnte noch einer ganzen Familie den Appetit für lange Wochen verderben. Der bängliche Näscher klopfte an, und Fräulein rief: »Herein!« Sie hatte schon auf ihn gewartet und sich auf ihn gefreut, und nicht auf ihn allein. Sie erwartete heute noch manchen Besuch aus ihrem Hause und freute sich darauf. »Ah, Herr Kaesewieter, wie glücklich machen Sie mich endlich einmal!« hauchte sie lächelnd. »Daß es Ihnen, Ihrer lieben Frau und den süßen Kleinen nach Wunsch geht, weiß ich freilich aus dem ewigen muntern Lärmen und Getrappel über meinem Kopfe; aber Sie, Herr Kaesewieter, sieht man dessenungeachtet so selten, daß man wahrhaftig mit Sehnsucht den ersten Tag im Vierteljahr herbeiwünscht.« »Was Sie sagen, Fräulein!« rief Herr Kaesewieter trübsinnig, und matt fügte er hinzu: »Jaja – ei freilich; es mag wohl Leute geben, die gern den Tag jede Woche einmal erlebten. Das ist aber nicht bloß Geschmackssache, sondern es kommt da vielmehr auf den Standpunkt an. Mein Standpunkt ist's leider nicht! Übrigens, Fräulein, komme ich –« »Bitte, nehmen Sie doch gefälligst Platz, Herr Kaesewieter«, flötete Fräulein Adelgunde, und der melancholische Familienvater nahm, seine Brieftasche hervorziehend, wirklich Platz; – er seufzte, der Stuhl seufzte; Fräulein aber saß sanft, weich, unsagbar milde auf dem Sofa, legte eine ihrer Stricknadeln an den leise vibrierenden Nasenflügel, nickte ermutigend und räusperte sich – das größtmöglichste Zutrauen erweckend. – Herr Kaesewieter räusperte sich gleichfalls und fing an, seine Talerscheine aufzuzählen. Eine Erfrischung wurde ihm zwar nicht dabei angeboten; aber er durfte dreist an dem Daumen lecken und nach einem bänglichen Griff an die immer trockener werdende Kehle einen feuchten Blick zur Stubendecke hinaufsenden. Grade über seinem Kopfe hielt dort oben seine Gattin krampfhaft den Atem an und die Köpfe ihrer vier kleinen Mädchen an sich gedrückt. Auf die Gefahr hin, die armen Würmer selber zu ersticken, erstickte sie jeden Laut derselben, um des tödlichen Genusses dieses Lauschens willen. »Jetzt ist er dabei! jetzt ist er am Werke!« stöhnte sie. »Jetzt muß es sich entscheiden!«... Und es entschied sich. – Donnernd wurde drunten ein Stuhl gerückt. Dumpf dröhnend erschallte des Gatten Stimme. Dazwischen ein recht helles Gekreisch! Eine Tür wurde aufgerissen und mit Macht zugeschlagen. Fräulein hatte gesteigert. – Der Schritt des Gatten polterte auf der Treppe; – da war er, und zwar nicht im mindesten mehr melancholisch, sondern in lustigster Wut und Raserei. Nun durfte er sich auf das Sofa setzen, und er tat's; das heißt, krachend warf er sich drauf: kein Sanguiniker hätte ihm das im höchsten Jubel so nachgemacht. »Das Spiel des Lebens sieht sich heiter an, Wenn man den sichern Schatz im Herzen trägt, Und froher kehr ich, wenn ich es gemustert , Zu meinem schönern Eigentum zurück –, lispelte drunten Fräulein, ruhig weiterstrickend. Sie hatte nicht einmal ein Auge fallen lassen. Eine Parze konnte sie um ihre Seelenruhe beneiden. Droben schrie der Vater Kaesewieter: »Hu, der Satan!... Weib, wir ziehen aus!«....... Auch wir ziehen aus; d. h. frische Luft oder auch nur andere Luft wird uns zu einem unerläßlichen Bedürfnis. Wir verlassen das Haus, atmen in der menschenwimmelnden Gasse (ja selbst da!) aus tiefer Brust und suchen den witzigen Familienvater in seiner Schreibstube auf. Eine Erfrischung da zu hoffen, wo sie sonst niemand sucht, ist immer etwas Seltenes. Seltene Menschen sind immer etwas Rares in der Welt, und es ist an und für sich hübsch und eine wahre Erfrischung, sich plötzlich mitten unter solchen zu finden und sich dreist zu ihnen rechnen zu dürfen. Doch auch auf dem Büro herrschte eine gedrückte Stimmung und war die Luft schwül. Scritto nel tempo del scirocco, während des Schirokko geschrieben, sagen die Italiener von einem langweiligen Buch: wie geistreich, munter und vergnüglich zu lesen mußten nun die Akten und Protokolle ausfallen, die heute an diesem schirokkohaften ersten April in diesen ernsten Räumen geschrieben und aufgenommen wurden. Die außergewöhnliche Zerstreutheit, an welcher unser witziger Freund litt, erregte jedoch die Aufmerksamkeit weder des Chefs noch der Kollegen noch der Subalternen. Sie litten alle an bedenklicher Zerstreutheit bis auf einen bucklichten Registrator, der selber Hausbesitzer war. Es wurde die Geschichte eines jeden erzählt. Sie horchten alle mit mehr als halbem Ohre nach Hause, bis natürlich auf obenerwähnten Registrator, nach welchem selbstverständlich seine Inquilinen hinzuhorchen hatten. Worte verlieh sonderbarerweise fürs erste keiner seinen innern Schmerzen; dagegen hatte aber auch nur selten einer von ihnen einen so regen innerlichen Verkehr mit seiner Frau daheim gehalten wie jetzt. Ach ja, weit davon ist nicht immer gut vor dem Schuß, und jetzt in der Epoche der weittragenden Geschütze eigentlich gar nicht mehr. Der witzige Familienvater, der auch Landwehroffizier war und in seinem Klub als Autorität für Dreyse, Mauser, Chassepot, Martini, Henri, Schneider, Werder usw. usw. galt, wußte das nur zu genau. »Gott, ich werde Anna nicht aus den Gedanken los«, murmelte er. »Jetzt wird sie wohl im Werke sein und unser Schicksal sich entscheiden! Gütiger Himmel, wenn sie sich nur einmal in ihrem Leben mäßigt und recht höflich ist! Vielleicht wär's doch besser gewesen, daß ich Urlaub für heute morgen genommen hätte. Ich würde wenigstens mit dem andern Geschlecht verhandelt haben, und so wär's mir in diesem Bewußtsein leichter geworden, meinen Gefühlen Zwang anzutun. O Gott, Gott, was so 'ne Mietserhöhung eine rasante Flugbahn hat!« Da sprach er wahr; denn in dem nämlichen Augenblick schlug die Kugel ein auf seinem Bürotisch und wirbelte ihm sämtliche vorliegende Schriftstücke und Schreibereien um den Kopf. »Papa, die Mama schickt hier den Brief an dich«, sagte eine Kinderstimme ihm zur Seite. »Sie war sehr böse und ganz rot im Gesichte und hat arg gescholten, als sie ihn geschrieben hat. Und sie hat gesagt: wir wären nur ein Vorwand.« »Ihr wäret nur ein Vorwand!« wiederholte der witzige Vater mit jenem Lächeln, das dem Boshaften, dem heimtückisch Schadenfrohen auf dem Gesichte des Feindes lieber ist als das qualverzerrteste Zucken der Verzweiflung. »Da haben wir's!« setzte er hinzu. »Daß was schuld daran sein mußte, wußte ich wohl!« »Was ist denn, Kollege? Um Gottes willen, was ist denn vorgefallen, Kollege?« fragten die Kollegen im Kreise. »Gekündigt!« sprach der witzige Familienvater dumpf, und durch alle Räumlichkeiten des Amtsgebäudes verbreitete sich von Mund zu Mund und von Ohr zu Ohr die Nachricht: »Dem Assessor ist gekündigt!« Aus seinem Kabinette, die Hände auf dem Rücken, die Feder hinter dem Ohr, trat sorgenvoll interessiert der Chef. Sämtliche Kanzleiverwandte legten die Federn nieder, und wer schnupfte, war am besten dran, denn er konnte eine Prise nehmen. Sie bildeten sämtlich eine Gruppe um den Assessor und schüttelten teilnehmend die Köpfe. Was allmählich daraus werden sollte, wußte keiner zu sagen; aber ihr innigstes Mitgefühl konnten sie sämtlich aussprechen, und dieses taten sie denn auch. Ganz im Hintergrund, seiner Stellung in der bürokratischen Rangliste gemäß, stand der bucklichte Registrator. Auch dieser schüttelte offiziell den Kopf und murmelte sein Beileid mit; allein im geheimen rieb er sich die Hände, und er rieb sie sich noch, als alle übrigen längst wieder an ihre Geschäfte gegangen waren. »Gekündigt!... der Kinder wegen!« ächzte der witzige Assessor und Königliche Familienva– nein, umgekehrt, der Königliche Assessor und witzige Familienvater, als der Kreis sich gelöst hatte und er sich mit dem Söhnchen und dem Billett der Gattin relativ allein fand. »Scher dich nach Hause, du Schlingel!« schrie er; doch dann zeigte er, daß er wirklich seine Gefühle zu bändigen verstand. »Nein – halt, Fritzchen! Da hast du zehn Silbergroschen – den besten Konditor auf deinem Wege kennst du – nimm der Mama eine Düte Pfannkuchen mit nach Hause und sage, ich käme ihnen und dir so rasch als möglich nach. Gewehr über – marsch, marsch, Junge!« »Hurra!« schrie der muntere Knabe, der nunmehr den Wunsch empfand, alle Tage solch einen Brief von der Mama dem Papa aufs Büro tragen zu dürfen; und sein Vater, ihm nachsehend, sprach: »Die neuen Römer sind wir, das ist keine Frage; aber wissen möchte ich doch, wie diese Verhältnisse bei den alten Römern gewesen sind. Vielleicht finde ich bei Mommsen etwas darüber. Mommsen müßte das eigentlich wissen.« Ehe er aber bei Mommsen nachschlug, überflog er hinter einem Aktendeckel das Billett seiner Gattin zum zweiten Male, und wir sehen ihm über die Schulter. »Papa«, schrieb Ännchen, »bei allem Verdruß ist es ein Glück, daß Du nicht zu Hause bliebst und die Miete hinbrachtest; denn jetzt wärest Du längst zwischen zwei Schutzleuten auf dem Wege nach der Hausvogtei. Ich kenne Dich und Deinen Charakter und danke Gott, daß er Dich durch mich vor diesem öffentlichen Ärgernis bewahrt hat. Du würdest sicherlich einen Mord an ihr begangen haben, während ich ihr doch nur die Wahrheit sagte! O Theodor, was war das für eine Szene! Du weißt, daß ich mir vieles bieten lassen kann, ehe ich heftig werde; aber hier mußte ja einem Engel die Geduld reißen, und wenn sie mich verklagt und mir noch zu allen übrigen Impertinenzen einen öffentlichen Skandal über den Hals bringt, so kann ich nichts dafür, nicht das geringste, und Du mußt für mich auftreten vor Gericht und für mich zeugen. Ich schreibe in fliegender Eile und schicke Dir unser Fritzchen mit dem Brief; aber ich bitte Dich inständigst, laß es nur den armen Jungen nicht entgelten, daß er mit den andern fünf als Vorwand genommen und dann noch obendrein eine Heiduckenbande genannt worden ist! Für seine Kinder steht selbst ein Tiger wie eine Löwin auf – oh, und ich habe es ihr gesagt! wie habe ich es ihr zu wissen gegeben!... Also, Papa, das Lange und das Kurze vom Liede ist, daß wir gekündigt sind und am ersten Juli ziehen werden. Schriftlich ist es mir unmöglich, Dir die Einzelheiten mitzuteilen, denn alle Glieder zittern mir noch; – also, mündlich das Nähere. Deine Anna. P. Scr. Tu mir die einzige Liebe an und komm heute einmal gleich nach Hause. Verzichte nur ein allereinziges Mal auf Deinen Frühschoppen oder Stehseidel, oder wie Ihr die gräßliche Sitte und Angewohnheit sonst nennt. Wir haben auch eine sehr schöne gefüllte Kalbsbrust. Geh gleich vom Gerichte nach Hause! Deine A. Nachschrift!!! Bitte, Theodor, komm bald!!!«   Der witzige Familienvater, der Mann dieser Frau, die ihm da eben geschrieben hatte, ließ den Aktendeckel fallen, legte den Brief seines Weibes zusammen, und dann sah er an allen vier Wänden entlang und sprach: »Es ist mir ganz einerlei, was wir heute zu Mittag essen.« Er sagte das so tonlos, so gleichgültig-schlaff, daß selbst der bucklichte Registrator, der seinen Vorgesetzten nicht aus dem Auge und Ohr ließ, das Wort nur auf einen schon seit längerer Zeit verdorbenen Magen beziehen konnte. Recht schade war es für ihn, den Registrator, daß er nicht auch vernehmen konnte, was sein Vorgesetzter leise mit sich verhandelte. Wir saßen in seiner Seele und erhalten der Welt und unsern Lesern seinen Gedankengang natürlich. »Nächstens werde ich zum Dichter«, sagte der Assessor. »Wer da nicht zuletzt zum Poeten wird, den will ich sehen. ›Sooft du kommst, er soll dir offen sein!‹ Die Vorstellung ist zu verlockend für alle Obdachlosen, und es wundert mich nur, daß es dem Magistrat nicht schon längst eingefallen ist, durch Organisierung unentgeltlicher Reimschulen dem Wohnungsmangel gründlich ein Ende zu machen. Hurra, was mich anbetrifft, so bin ich heraus! Sowie ich nach Hause komme, falze ich einen Bogen Konzeptpapier, besinge mein Lamm, mein Täubchen, mein braves Weib, mein Ännchen und reiche somit und sofort schriftlich mein Gesuch um freie Wohnung im Olymp beim Vater Jupiter ein!« VI. Es soll eines der merkwürdigsten und erhebendsten Schauspiele gewesen sein, den Kaiser Napoleon, den Ersten des Namens, nach gewonnener Schlacht mit den Händen auf dem Rücken um sein Wachtfeuer spazieren zu sehen. Das können wir dem Leser und der Leserin nicht zeigen; wohl aber etwas annähernd Stillvergnügt-Selbstbewußtes, nämlich Fräulein , so ungefähr zwischen zwölf und ein Uhr mittags. Auch sie schritt mit den Händen auf dem Rücken hin und her, wenngleich nicht vor einem Beiwachtfeuer, sondern vor dem runden Tisch in ihrem Parthenon, ihrem Jungferngemach. Wie der fränkische Imperator hatte sie es verstanden, alle ihre Geschütze im richtigen Moment auf den richtigen Punkt zu konzentrieren, und jedesmal hatte sie den Gegner oder die Gegnerin dadurch klein gekriegt«. Nicht eine Bataille hatte sie gewonnen, sondern ein halb Dutzend. Vom Keller bis zum dritten Stock hatte sie jeden in die Höhe gesetzt, und was die Gefühle eines jeden im Hause gegen sie anbetraf, so ließen die kaum noch sich steigern, wie wir den Beweis dafür durch Vorlegung von Frau Ännchens Brief auch schriftlich gegeben zu haben glauben. Nach allen Dimensionen hatte Fräulein bis jetzt ihren guten Tag ausgenutzt, und ein dumpfer, aber melodischer Klang, der von drüben, von der gegenüberliegenden Seite der Gasse her sich summend in ihre Phantasien schlang, machte dieselben noch holder und lieblich-ahnungsvoller. Drüben strich Nachbar Blankow das Cello; und mitten in ihr zärtliches Horchen hinein sprach Fräulein: »Wenn die Person mich noch zehn Minuten länger vergeblich warten läßt, so steige ich zu ihr hinauf. Ich begreife noch heute nicht, was mich damals bewogen hat, die Kreatur in mein Haus aufzunehmen. Daß ich sie aber noch bis zum ersten Juli drin behalten muß, das wird mein Tod sein, wenn ich sie nicht durch die Polizei loswerde. Na, das Leben werde ich ihr mit oder ohne Polizei bis zum nächsten Quartalwechsel nach Noten und ohne Noten sauer zu machen wissen; darauf kann sie sich verlassen. Sie?... Es! das naseweise, abscheuliche Geschöpf!« Ob die volkstümliche Redensart: nach Noten – durch des Nachbars harmonische Kunst hervorgerufen wurde, können wir nicht sagen; aber jedenfalls war hier das dunkle Wölkchen vorhanden, das selbst am sonnigsten Sommertage zur Wolke werden kann und an einem ersten April sogar die unumstößliche Kalenderberechtigung hat, binnen fünf Minuten das ganze Himmelsgewölbe zu überspannen und das alte, gleichfalls volkstümliche Wort vom Aprilwetter, soweit es in seinen Kräften steht, vollgültig zu erhalten. Noch ein Mieter hatte seine Aufwartung nicht gemacht, und dieser Mieter war eine Mieterin und wohnte zuoberst des Hauses, unter dem Dache; und jetzt reiben wir uns die Hände, denn wir sind da angelangt, wo wir uns haben wollten, deutlicher gesagt, längst gern gehabt hätten. Nachher werden sich hoffentlich viele andere Leute freuen, mit uns dagewesen zu sein, nämlich unter Fräuleins Dache. Wenn man uns aber darauf aufmerksam macht, daß wir eine Befriedigung durch ganz dieselben Worte an einer frühern Stelle kundgegeben haben, so behaupten wir, daß wir uns dessenungeachtet durchaus nicht wiederholen. Daß wir die Gelegenheit beschreiben, kann man dagegen nicht von uns verlangen; denn da wollten wir doch beinahe lieber zählen, wie oft sie bereits beschrieben worden ist. Aber der Mensch – der Mensch soll immer neu sein, gleichwie kein Blatt dem andern vollkommen ähnlich sein soll; – wenn wir nicht irren, gibt es darüber eine Anekdote, in der Leibniz und die Kurfürstin Sophie Charlotte die handelnden und zählenden Personen sind: wir können uns aber irren. – Unter Fräuleins Dache ging ein anderes Fräulein, gleichfalls mit den Händen auf dem Rücken, gleichfalls hin und her, soweit es der Raum und das abgeschrägte Dach erlaubten. Ein Blondinchen war es, wenig über zwanzig Jahre alt, zierlich-elastisch, wohlformiert und durchaus nicht unlieblich anzuschauen, obgleich es heute seinen schlimmen Tag hatte. Es können eben nicht alle auf einmal ihren guten haben, denn da würde dann freilich eine schöne Welt daraus werden – brr! Danken wir der Vorsehung, daß sie dieses einzurichten weiß und die Stimmungen in der Menschen Gemütern wechseln läßt gleich dem Wetter. Sterben müssen wir wohl doch; aber wir brauchen uns doch nun nicht, wie es ist, totzugähnen. Vivat die Vorsehung! Dieses alles sagte und dachte das Fräulein unter dem Dache nicht. Die junge Dame beschäftigte sich vorwiegend mit dem Fräulein unten im Hause, summte zu ihren leichten Schritten leise einen Marsch und blieb nur von Zeit zu Zeit stehen, um einen Blick in das Spiegelchen zu werfen, das an der Wand neben einem Kinderbett hing. Unser zweites Fräulein durfte sich am Morgen beim Erwachen recken und dehnen, wie sie wollte: sie paßte noch hinein in die Kinderbettlade. Und sie war doch so sehr erwachsen! Sie war ein ganz gewiegtes Kind, Fräulein Adelgundas alleroberste Mieterin! Und jetzt blieb sie wieder stehen, legte die linke Hand auf die Brust, streckte die Rechte weit aus und sagte mit merkwürdiger Deutlichkeit: »Auf diesen ersten April hab ich mich schon zwei Monate lang gefreut. Gott, o Gott, Schiller und Franz wissen es gar nicht, wie sehr sie recht haben, wenn sie sagen: Das Spiel des Lebens sieht sich heiter an, Wenn man den sichern Schatz im Herzen trägt –, ich habe ihn, ich trage ihn, und ich kündige; und sie wird sich wundern! Du liebstes Leben, ich kann es gar nicht mit Worten ausdrücken, wie dankbar ich Franz bin. Ganz Berlin muß sich wundern, und – oh! – wie sich die alte Katze da unten wundern wird! Ach, ich weiß es gar nicht, ich kann es gar nicht sagen, wie dankbar ich dem lieben Gott bin; aber – ich lasse mich auch kirchlich trauen, das schwöre ich hier heilig und fest! Oh, wie sie sich wundern wird! Es könnte Katzen, Drachen und unverheiratete Hausbesitzerinnen regnen, und ich würde das Spiel des Lebens doch nur heiter ansehen! Aber es wäre auch zu undankbar gegen Franz, wenn ich es nicht täte.« Sie sprach zu dem Fensterchen in dem schrägen Dache und warf eine entzückte Kußhand nach einem gegenüberliegenden Dachfenster, obgleich da drüben niemand zu erblicken war, der sie ihr zurückwerfen konnte. Wie häufig dieses früher geschehen war, können wir ebenfalls nicht zählen oder berechnen, und kann auch das keiner von uns verlangen. Selbst wenn das Zählen und Rechnen unsere starke Seite wäre, würden wir uns nicht darauf einlassen, und in diesem Falle am allerwenigsten. »Wie bringe ich es ihr nun bei, daß sie den höchsten Genuß davon hat?« fragte sich die Kleine, wieder einmal vor ihrem Spiegel. »Platze ich damit heraus, oder komme ich ihr langsam damit angeschlichen, daß ihr die Überraschung nicht schadet?! Ei was, man macht es doch immer umgekehrt, als man es sich vorgenommen hat, und je fester, desto umgekehrter. Na, ich kann's abwarten, wie sich die Gelegenheit gibt; aber Zeit wird es jetzt; wenn ihre Sehnsucht nach mir so unbändig ist wie meine nach ihr, so hält sie es auch nicht länger aus, ohne nervös zu werden.« Noch einen allerletzten Blick in den Spiegel und dann die Treppen hinunter gleich einem Stieglitz, der in seinem Bauer von einem Stänglein auf das andere hinüberspringt! – »Ich störe doch nicht, Fräulein?« zwitscherte das junge lächelnde Vöglein, und Fräulein hielt in ihrem Marsche inne; – eine Wolke zog vor die Aprilsonne, und es wurde dunkel über ganz Berlin. »Bitte, Fräulein Stieglitz! Sie wissen, heute kommen mir alle meine Hausgenossen recht.« Es war ein unverkennbarer Nachdruck auf das Wort »alle« gelegt, und Fräulein Louischen fand denselbigen auch sofort heraus und legte, den Mund wie zu einem Pfiff spitzend, ein winziges, aber wunderhübsches Geldtäschchen auf den Tisch. Und da ihr kein Stuhl angeboten wurde, so ließ sie sich ganz unbefangen auf das Sofa sinken und lispelte: »So angegriffen wie heute habe ich mich lange nicht gefühlt. Das Wetter ist es nicht, und Sie werden es auch kaum erraten, was es ist.« »Hm!« meinte die jungfräuliche Bürgerin von Berlin. »Nein, Sie erraten es nicht; aber ich will's Ihnen sagen, was mich so hinfällig gemacht hat... O, Fräulein, wenn Sie wüßten, was für eine schreckliche Nacht ich durchlebt habe! So schlimm wie in der letzten Nacht hab ich noch nie, nie, niemals vor einem Quartalwechsel geträumt.« »Wenn es Ihnen recht ist, Fräulein, so verschonen Sie mich mit Ihren Träumen«, erwiderte Fräulein scharf und spitzig, aber nichtsdestoweniger plötzlich ihrer eigenen Träume sich mit seltsamer Deutlichkeit erinnernd. »O nein, bitte; ich muß Ihnen doch davon erzählen. Sie steigerten mich nämlich so schrecklich –« »Ich steigerte Sie?« »Ja, entsetzlich. Und ich lag zu Ihren Füßen und weinte, und dann stand ich mit einemmal wieder auf den Beinen, und es war mir so vergnügt zumute, und dann sprang ich um Sie herum und sagte: ›Wissen Sie, Fräulein‹, sagte ich, ›mich können Sie ruhig für das Lamm ansehen, von dem in meinem Kinderfreund steht: Es schien sich vor dem Scheren Wie andre nicht zu scheun, Denn frühe Leiden lehren Einmal geduldig sein!‹« »Sie imper–« »O nein; das stand nicht in meinem Kinderfreund, und ich sagte das auch nicht. Denken Sie aber – wissen Sie, was ich tat?« »Nun?« » Ich kündigte!« »Ei, was Sie sagen?!« rief Fräulein Adelgunde (es geht uns immer ein Stich durch die Seele, wenn wir diesen Namen niederschreiben müssen!), wider ihren Willen fortgerissen von der so sehr lebendigen Darstellung. »Ja, ich kündigte, und nachher tat mir das dann so sehr, sehr leid; denn so glückliche Stunden und Tage, wie ich da oben in dem fürchterlichen Loche unter Ihrem Dache zugebracht habe, werde ich wohl niemals wieder in meinem Leben erleben.« Fräulein Adelgunde war kalt geworden, kalt wie das unerbittliche Fatum, das auch manchmal mancherlei Sottisen anhören muß und stets nur kurzweg durch die Tat darauf antwortet. »Sie kündigten? Wahrhaftig?« fragte sie; doch das Weitere gehört zweifellos in ein siebentes Kapitel. Diese schöne Zahl stimmt auffallend mit der gegenwärtigen Stimmung und den nächstfolgenden Äußerungen und Vorgängen. VII. »Sie kündigten? Wahrhaftig? Ei sehen Sie doch einmal an!« sagte Fräulein höhnisch. »Jaja, der Mensch träumt manchmal recht dummes, einfältiges, lächerliches Zeug zusammen. Was mich anbetrifft, meine Lie–be, so hat mir gleichfalls allerlei Kurioses geträumt, doch mit Ihrer liebenswürdigen Visage bin ich glücklicherweise wenigstens bei Nacht verschont geblieben. Dagegen aber habe ich, beim Erwachen, mich Ihrer, mein Fräulein, und alles dessen, was ich an Unverschämtheiten von Ihnen während Ihres Aufenthalts in meinem Hause zu erdulden hatte, auf der Stelle erinnert. Sie kündigten? Sie kündigten mir in Ihrem Traume? Na, so sage ich Ihnen denn hiermit, daß ich Ihnen gleichfalls kündige, aber gottlob ganz und gar im Wachen und mit allen fünf gesunden Sinnen hell und klar beieinander. So!... Und jetzt, meine ich, stehen wir endlich wieder auf dem richtigen Standpunkte gegeneinander.« Eine Komödiantin ersten Ranges war sie, wenn sie auch nicht zum Theater gehörte, – nämlich die jüngere junge Dame. Sie schlug die Hände wie in völliger Verzweiflung zusammen und ließ einen etwas schrillen Jammerten hören. »Mein Stübchen! O Himmel, mein süßes, liebes Stübchen! Fräulein, ich bitte Sie wieder auf den Knieen und jetzt auch im Wachen, tun Sie es nicht, bringen Sie es nicht über Ihr gutes Herz, verjagen Sie mich nicht aus meinem Dachstübchen! Es hat ja die Aussicht auf seine Dachstube, in welcher ihn sein Vater vor langen Jahren so oft eingesperrt hat, wenn dem alten Unhold die Liebe des armen Kindes zur Kunst, zur Musik, zu der Violine zuviel wurde!« »Wie – meinen – Sie?« fragte das ältere Fräulein, die noch nie in ihrem Dasein so sehr aufgehorcht hatte. Das jüngere Fräulein erhob sich aus dem Sofa, schlüpfte dicht an die Herrin des Hauses hinan, hätte ihr beinahe in schwesterlich-zärtlicher Zutraulichkeit den Arm um die Schulter gelegt und flüsterte, mit dem Taschentuche vor dem Munde, der Nase und halb vor den Augen: »Nicht wahr, Sie versetzen sich in meine Gefühle und lassen mich wohnen bleiben? Nicht wahr, Sie kündigen mir nicht, wenn ich Ihnen alles sage?... Ach, Fräulein, an dem Fenster drüben lernte ich ihn ja zuerst kennen und er mich an dem meinigen! Er ist so ein liebes schwärmerisches Gemüt und versetzt sich so gern in seine Jugendzeit zurück, und dann steigt er jedesmal in seine Dachstube hinauf und verriegelt sich darin und legt sich ins Fenster und sieht hinauf in den blauen Himmel nach den weißen Wolken oder nach dem Mond und nach den holden Sternen, und da hat er dann natürlich auch mich gesehen und kennengelernt, und so hat sich die Bekanntschaft gemacht und ist immer intimer geworden. Aufs Geld kommt es ihm nicht an und mir auch nicht. Ich habe keins, wie Sie wissen, Fräulein, und er sagt, er habe genug für uns beide und für noch mehr als uns beide. Meine Stellung als Buchhalterin bei Madam Schimon muß ich natürlich aufgeben; aber darauf kommt es mir ihm zuliebe unter diesen Umständen denn auch nicht an. Heute wollte er die Karten in der Verwandtschaft und Nachbarschaft umhersenden. Hat er Ihnen vielleicht schon eine herübergeschickt?« Es war von keinem der beiden Fräuleins zu verlangen, daß sie sehr fest auf den Füßen stand, und von dem ältern Fräulein am wenigsten. Und wenn die jüngere Träumerin während dieses Zwiegesprächs allgemach immer rosiger geworden war, so konnte man das von der ältern grade nicht behaupten. Käsebleich ist zwar kein hübsches Wort, aber ein recht bezeichnendes, und so ungefähr käsebleich sah Fräulein Adelgunde aus, als sie sich zu der unwahren Bemerkung zusammenfaßte: »Ich verstehe Sie durchaus nicht, mein Fräulein.« »Dann haben Sie also noch keine Karte bekommen, mein Fräulein! O, und er wollte Ihnen auf meine Bitte doch die erste schicken! Darf ich...?« Es lag alles in diesem: Darf ich? – ! Kein Dramatiker hat je die Quintessenz seiner Tragödie oder Komödie so gedrängt in ein Schlußwort eingebündelt und eingeschnürt. Das liebe Kind wartete die Erlaubnis nicht ab; es griff nach seinem Geldtäschchen, öffnete es mit einem mutwilligen, fröhlichen Seitenblick und legte auf die Decke des runden Tisches das viereckige Stück Glanzpappe, auf welchem sich Herr Franz Blankow, Partikulier, und Fräulein Louise Stieglitz als Verlobte empfahlen. Und Fräulein Louischen Stieglitz empfahl sich noch einmal, und zwar so rasch als möglich, nachdem sie von der Tür aus noch mitgeteilt hatte, daß diesmal Franz im Laufe des Tages die Hausmiete schicken werde. Sie, die kleine Buchhalterin aus der Dachstube, kannte ihre Hausherrin. Sie mußte wohl eine mehr als doppelte Buchführung über sie gehalten haben und wartete es nicht ab, daß sie aus ihrer Betäubung wieder zur Besinnung komme. Seine Augen behält doch jedermann ganz gern im Kopfe, und vorzüglich solch eine junge Braut, die sich fest vorgenommen hat, als junge Frau noch manches Jahr hindurch mancherlei und auch das Haus gegenüber in der Gasse nicht aus denselbigen zu lassen! – – – – – – –   Na, jetzt möchtet ihr nun wohl schrecklich gern wissen, was das Haus – der witzige Familienvater und seine Anna, der melancholische Familienvater und seine Gattin, die Leute im Keller und die übrigen Leute, die wir mitnahmen, wie sie eben durch das Leben mitgenommen werden – dazu sagten?!!... Jawohl, überlegt nur, daß ihr nicht mehr als acht Silbergroschen oder nach der neuen Währung achtzig Reichspfennige für den Kopf jährlich für euere durch Schrift und Druck zu befriedigenden Fragen an die Weltentwicklung übrig habt, und regelt eure Ansprüche danach! Wir, der Autor , aber haben heute ausnahmsweise auch unsern guten Tag , ziehen die »Spendierhosen« an und teilen noch mit, wie sich der melancholische Familienvater äußerte. »Was haben wir denn davon?« fragte er und wandte das »wir« nicht gleich dem Erzähler nur aus eingeborenster Schüchternheit an. Er hätte dreist fragen dürfen: »Was habe ich denn davon?«