Lustiges Komödienbüchlein von Franz Pocci München, 1859. Verlag der J. J. Lentner'schen Buchhandlung. (E. Stahl.) Als Manuscript gedruckt. Druck von E. Stahl. Inhalt Prinz Rosenroth und Prinzessin Lilienweiß. Casperl unter den Wilden. Heinrich von Eichenfels. Casperl in der Türkei. Blaubart. Casperl als Porträtmaler. Dornröslein. Prinz Rosenroth und Prinzessin Lilienweiß oder die bezauberte Lilie, romantisches Zauberspiel in drei Aufzügen. Personen. Die Fee Liebinniglich. König Goldkron. Prinzessin Lilienweiß, dessen Tochter. Prinz Rosenroth. Casperl Larifari, sein Knappe. Ritter Hugo von Felseck. Fräulein Emma von Hohenthal. Der böse Zauberer Negromanticus. Leopardus, Wächter des Zaubergartens. Dünkelmayer, Hofrath. Ein Bär. Der Drache Feuerrachen. Der Teufel. I. Aufzug. Wilde, felsige Gegend. Prinz Rosenroth sitzt erschöpft auf einem Felsblock. Nicht weit von ihm liegt Casperl auf dem Boden. Prinz Rosenroth. Ich bin ein unglücklicher Prinz; ein ganzes Jahr schon durchziehe ich die Welt, ohne das Ideal zu finden, welches ich erringen möchte, ja erringen muß! Wie viele Gefahren und Abenteuer habe ich schon überstanden und noch bin ich nicht am Ziele! Wie am Himmel ein helles Gestirn – so leuchtet mir das Bild der Prinzessin Lilienweiß von ferne; seine Strahlen dringen bis in das Innerste meines Lebens – aber unerreichbar ist daß himmlische Bild, wie mir däucht, und ich werde endlich aus Sehnsucht verschmachten! Ja, ich bin recht unglücklich! Casperl. Jetzt hören's a mal auf mit dem Lamentiren! Was soll denn ich nachher sagen? Sie haben alle Tag eine Portion Sehnsucht zum verzehren; aber ich hab gar Nix als Hunger und Durst und bin alleweil hundsmüd dabei. Ja, wie wir noch geritten sind, da war's doch passabel zum aushalten; aber seit sich uns're Rößeln die Fuß' abgelaufen haben vor lauter Hetzen und Jagen und seit wir z'Fuß auf Abenteuer ausgehen, ist's schier nimmer ausz'halten. – Was habn 'S denn alleweil mit der Prinzessin? Muß's denn grad die sein. Prinzessinen gibt's ja genug auf der Welt, reich und schön, die einen Mann brauchen können. Ich thät mir halt so Eine holen, und nachher hatt' die Seel an Ruh. Rosenroth. Casperl, du bist zwar ein treuer Kerl, aber das verstehst du nicht. – Wenn du nur genug zu Essen und zu Trinken hast, dann bist du auch zufrieden. Höheres als dieß begreifst du nicht. Casperl. Jetzt möcht ich aber doch wissen, ob denn's Essen und 's Trinken nit a Hauptsach ist? Das halt Leib und Seel' zusammen. Schaugen's Ihna nur in Ihren Rasirspiegel – auweh! Den hab'n wir beim letzten Kampf mit dem Riesen z'brochen! – Sie seh'n ja aus wie a Haring, ganz ausg'hungert und abgezehrt; es ist eine wahre Schand für an Prinzen von Geblüt. Und ich geh' auch z' Grund nach und nach, als wie ein Jagdhund, der auf seine letzten Fuß lauft. Ich halt's nimmeraus und lauf Ihnen doch nächstens einmal davon; nachher können's allein herumvagiren; auf d' letzt kommen wir noch mitenand auf'n Schub nach Haus, wenn uns ein Gendarm in dem elenden Zustand antrifft. Rosenroth. Schweig einmal mit deinem Geschwätz. Ich will dich nicht zurückhalten, wenn du mich verlassen willst. Casperl. So, und wer putzt Ihnen dann die Stiefel in der Früh, wenn ich nimma bei Ihnen bin? und wer macht den Caffé, wenn wir Ein' haben? und, wer stickt Ihnen die Panzerhosen? Rosenroth. Das sind Nebensachen. An derlei Kleinigkeiten des Lebens denkt ein Held nicht, der nach seinem Ideale strebt. Casperl. Und alleweil das Lineal da! Wenn's nur Einmal die Idee'n aus'n Kopf brächten! (Gähnt.) Auweh, jetzt werd' ich schon schläfrig. Nacht wird's auch und alleweil im Freien campiren! Das gibt wieder ein' Mordscarthar Morgen früh. Nur Einmal möcht' ich wieder – in – ein – Wirthhaus – kommen – – – (schläft ein.) (Es wird Nacht, der Mond steigt hinter den Felsen auf.) Rosenroth. Sei mir gegrüßt du stille Nacht, In der mein Herz in Sehnsucht wacht. Doch schlummer' ich ein aus Müdigkeit, So geb' der Traum mir das Geleit Zu der geliebten Lilienweiß, Die strahlet in der Sterne Kreis! O Mondenlicht senk dich herab Zu leuchten auf mein stilles Grab; Du, Traum, pflanz eine Lilie dann, Daß Rosenroth sanft ruhen kann! (Er schlummert ein. Es öffnet sich ein Felsen im Hintergründe; die Fee Liebinniglich erscheint im rothen Schimmer. Neben ihr Prinzessin Lilienweiß.) Die Fee. Was du ferne noch siehst prangen, Ja dein einziges Verlangen Sieh hier, deine Lilienweiß! Treu halt' aus und ringe ständig, Denn der Kampf ist unabwendig In des Erdenlebens Kreis! Wer nicht durch das Leid gedrungen, Hat auch keinen Sieg errungen Und pflückt keinen Lorbeerkranz; Aber wann der Kampf bestanden, Lösen sich des Schmerzes Banden Und es winkt des Himmels Glanz! (Die Erscheinung verschwindet unter sanfter Musikbegleitung.) Rosenroth (erwachend) . Himmlische Erscheinung, verweile! – Weh mir, es war wieder nur ein Traum! Aber das Engelsbild senkte den Balsam der Hoffnung in diese Brust und mit neuer Kraft gestählt erwache ich zum Bewußtsein meiner Berufung. (Es wird Tag.) Casperl (gähnend.) Gut g'schlafen hab' ich, aber jetzt sitz'n wir halt noch auf'm alten Fleck. Der Durst hat mich eing'schläfert und der Hunger hat mich wieder aufgeweckt. Das ist eine saubere Gesellschaft. Rosenroth. Auf Caspar! Laß uns unsern Weg weiter suchen! Die Hoffnung winkt und der Trost spannt die Segel meines Lebensschiffleins auf. Die Wimpel wehen! Folge mir! (geht ab.) Casperl. Ja die Gimpel gehen! Ich folge dir! (ab.) Verwandlung Der Zaubergarten des Negromanticus. Ein Blumenbeet, auf welchem unter anderen Blumen eine schöne weiße Lilie hervorragt; rechts eine Hundshütte, vor ihr liegt Leopardus knurrend. Leopardus (mit einem Leopardenfell angethan.) Negromanticus. Negromanticus. Was knurrst du Bestie? Hast du nicht gute Tage bei mir? Leopardus. Daß ich bei Tag an der Kette hänge und Nachts losgelassen werde? Daß ich nur drei Mal gefüttert werde und jedesmal 6 Pfund Rattenfleisch bekomme? Das heißt ihr gute Tage haben? Verflucht seid Ihr sammt eurer Zauberkunst! Lieber wär' ich ein Leopard in der ägyptischen Wüstenei geblieben. Negromanticus. Das ist also dein Dank, daß ich dich aus einem Thiere der Wüste in eine menschliche Figur verwandelt habe? Leopardus. Das dank' euch der Satan. Damals hatte ich meine Freiheit, jetzt lieg ich gefangen und muß ein Knecht sein, weil ihr mich brauchen könnt, da alle eu're Diener es nicht mehr bei euch aushalten konnten und davon liefen. Negromanticus. Dich kann ich nur als grimmigen Wächter brauchen aber nicht als Gärtner, der meine verzauberten Blumen pflegt. Daß der mir entlief und ich ihn trotz meiner Zauberkünste noch nicht ersetzen konnte, ist mir höchst unangenehm. Ich habe schon überall herumgeschrieben, aber 's will keiner zu mir. Jetzt muß ich die Blumen selbst gießen, sonst verschmachten sie und ich vermag sie nicht mehr in Menschen zu verwandeln. Leopardus. Das habt ihr von eurer Grausamkeit gegen die Frauenzimmer. Zuerst raubt ihr sie und dann, wenn sie euch nicht heirathen wollen, verzaubert ihr sie in Blumen. Wenn ich des Nachts vor meiner Hütte liege, höre ich oft ihren wehmüthigen Gesang; selbst mein Leopardenherz wird oft zu Tigerthränen gerührt und ich verbeiße meine Weichmüthigkeit immer an den alten Knochen, die ihr mir zu nagen gebt. Besonders die weiße Lilie da lamentirt am kläglichsten. Negromanticus. Schweig, Esel, das verstehst du nicht. Marsch, füll' mir die Gießkanne am Zauberbrunnen mit Eau de Cologne und bringe sie schnell her. (Leopardus ab.) (Streichelt die Lilie.) Ja mein liebes, sanftes Prinzeßchen Lilienweiß, es ist nur deine eigene Schuld, daß du nun als Blume dein schönes Häuptlein im Morgenwinde hin und her neigen mußt. Hättest du mich geheirathet, so wäre Alles gut und du wärst nun die Gemahlin des großen Zauberers Negromanticus. (Leopardus kömmt, mit einer großen Gießkanne zurück.) Leopardus. Da ist die Gießkanne. Jetzt schüttet d'rauf los auf die armen Dinger (knurrt). Negromanticus. (nimmt die Gießkanne und übergießt die Blumen.) Mit Wasser dem süßen Will ich euch begießen, Es soll auf euch fließen Zum Blühen und sprießen! Gebt mir nur ein Zeichen, Von Herzenserweichen, Ihr rothen, ihr bleichen, Gebt mir nur ein Zeichen. Damit Schmerzens-Klage Euch's Herz nicht zernage Gebt Antwort der Frage Die täglich ich sage: Welche von euch entschließt sich endlich, mich zu heirathen? – nun– –? Die Blumen sprechen: Keine, Keine, Keine! Negromanticus. Gut! so bleibt's dabei, ihr dummen Dinger. Ihr bleibt Blumen und ich bleib ledig. Verdammt! Es gibt aber noch andere Mittel euch zur Vernunft zu bringen. Wartet nur; jetzt will mich keine von euch zum Manne haben und auf einmal werdet ihr mich Alle wollen; aber da werd' ich nur Eine wählen und die Andern werden in Verzweiflung gerathen. (Die Blumen lachen.) Was? ihr untersteht euch zu lachen? Das ist impertinent! (Geht unter fortwährendem Gelächter der Blumen ab.) Leopardus (allein). Recht so! bravo! ihr Blümlein fein! Lacht nur den alten Narren aus. Hatte ich nur die Macht, euch wieder in Jungfräulein zu verwandeln, ich würde als Leopardus eine nach der andern aus lauter Liebe mit Haut und Haaren auffressen! Die Blumen. Wir danken schön! Leopardus. Merkt auf! Jetzt will ich euch Eins vorsingen. Lied (in Einem Tone gesungen mit Tamburin-Begleitung.) Leopard bin ich genannt, Weither aus dem Wüstenland Auf vier Beinen lief ich schnell Ehemals mit getupftem Fell! Jetzt lieg ich im Garten hier, Auf zwei Beinen statt auf vier Und als Wächter mancher Blum' Bringt die Langweil mich um. Zauberer Negromanticus Macht uns allen viel Verdruß, Pack' ihn einmal doch am Schopf, Freß' ihn bis zum letzten Knopf. Nun wie gefällt euch dies Lied? Es ist ein sogenanntes »Wüstenlied« mit einigen kleinen Abänderungen. Die Blumen. Gut, gut, schön, schön! Leopardus. Nun wird es bald Mittag, die Sonne sticht schon gewaltig. Ich will ein kleines Schläfchen machen. – (Er legt sich hin und schläft ein.) Unter leiser Musik stiegen Schmetterlinge herbei und setzen sich auf die Blumen, nur auf die Lilie nicht. Lilie. Allein muß ich sein Im Blumen-Hain Wer will mich erlösen Vom Zauber dem bösen? (Fee Liebinniglich erscheint von Wolken getragen) Fee. Geduld, Geduld! Liebinniglich Kömmt, Lilienweiß, zu trösten dich! Der Freudentag wird kommen Und alles Leid genommen! Geduld, Geduld in trüben Stunden Hat manchen Schmerz wohl überwunden; Ein krankes Herz, eine Dornenkron' Die bringen oft den schönsten Lohn! Drum sei getrost lieb Lilienweiß So wahr Liebinniglich ich heiß. Der Vorhang fällt. II. Aufzug. Zimmer im Pallaste des Königs Goldkron König sitzt, vor ihm Dünkelmayer. Dünkelmayer. Euer Majestät haben mich rufen lassen, womit kann meine Gelehrsamkeit dienen? König. Ihre Gelehrsamkeit werde ich demnächst nicht mehr gebrauchen können; denn was soll's mit Ihrer Astronomie, Geographie, Philologie, Chemie und Philosophie, wenn Sie noch nicht entdecken konnten, wo meine geliebte Tochter ist, die mir vor einem Jahre schon entführt wurde? Gütiger Himmel! Vielleicht ist dieses liebe Kind gar nicht mehr unter den Sterblichen! etwa schon von einem wilden Thiere gefressen! Es ist erschrecklich, was mein königliches Vaterherz oder mein väterliches Königsherz leidet! Wozu habe ich Sie angestellt, als daß mir Ihre Wissenschaft und Ihre Genie nützlich werden? Wozu habe ich Sie zum Hofrathe ernannt, wenn Sie keinen Rath zu geben wissen? Dünkelmayer. Es gibt Verhältnisse und Umstände, welche außerhalb der möglichen Errungenschaften aller wissenschaftlichen Forschungen sind, Majestät. – Aber dennoch bin ich überzeugt, daß ich einmal den Knoten zu lösen im Stande sein werde, wenn Allerhöchstdieselben mir Zeit gewähren. König. Zeit, Zeit und immer Zeit! Wie lange studiren und experimentiren Sie schon an der Aufgabe, die ich Ihnen gestellt habe? Dünkelmayer. Ich bin eben noch nicht damit fertig geworden, die Zirkel und Quadrate des Lebenshoroscopes der Prinzessin Lilienweiß, Königlichen Hoheit, dergestalt zu combiniren, daß ich an den Faden anknüpfen könnte, der mir den Schlüssel zur Lösung der eigentlichen Aufgabe bietet. Um dieß bewerkstelligen zu können, bedarf ich noch der Summe von 10,000 fl., damit ich mir die notwendigen Instrumente kann anfertigen lassen. Ich brauche noch einen Tubus, der zweitausendmal vergrößert, zur Beobachtung der Gestirne, ferner einige physikalische Substanzen der theuersten Gattung und verschiedene andere Gegenstände. König. Sie sollen haben, was Sie wollen, wenn es Ihnen dazu dient, zu entdecken, wo ich meine Tochter finden kann. Die letzte Perle aus meiner Krone, den letzten Diamant aus meiner Schatzkammer opfere ich; denn was sind all' diese Kleinodien gegen mein herrlichstes Kleinod, meine Tochter Lilienweiß! Eines aber sage ich Ihnen, Herr Hofrath, wenn Sie meine Aufgabe nicht bald erreichen, wenn Ihre Forschungen kein genügendes Resultat haben, so lasse ich Sie ohne Weiteres hängen und dieß ist mein letztes Wort; verstanden, Herr Hofrath? – (Geht zornig ab.) Dünkelmayer. (allein.) Hängen? mich hängen? Das wäre nicht übel! Nein, daß dieß nicht geschieht, dafür will ich sorgen. Hab' ich die 10,000 fl. vom Herrn Schatzmeister in Empfang genommen, so werd' ich mich augenblicklich aus dem Staube machen. Ich hab' mir außerdem ein hübsches Sümmchen bei Seite geschafft und so geht's herrlich. Mein Auskommen habe ich und König Goldkron mag sich um einen anderen Hofgelehrten umsehen, der ihn an der Nase herumführt. Ha, Ha, Ha, ich lach' mir dann in's Fäustchen. Casperl (guckt zur Thür herein.) Ist's verlaubt? Dünkelmayer. Wer ist da? Casperl. I bin's. Dünkelmayer. Wer sind Sie? Was wollen Sie? Casperl. G'horsamer Diener, g'horsamer Diener. Dünkelmayer. (Für sich.) Das ist eine drollige Figur, ein komischer Kerl. (Zu Casperl) Was wünschen Sie? Wie sind Sie da hereingekommen? Casperl. Auf meine zwei Füß. Dünkelmayer. Hat Sie der Portier eingelassen? Wissen Sie, wo Sie sind? Casperl. Wo ich bin? – Ja, wissen's; so viel ich weiß, bin ich in der Residenz Seiner Majestät des Königs Goldkron. Dünkelmayer. Allerdings, aber zu welchem Zweck? Casperl. Zweck oder Zwick – ich muß dem König was außerordentlich Wichtig's sagen. Dünkelmayer. Haben Sie sich zu einer Audienz melden lassen? Casperl. Zu was? Dünkelmayer. Zu einer Audienz, zu einer Aufwartung. Casperl. Ich bin kein Pudel, s' Aufwarten hab i net glernt. Dünkelmayer. Sonderbare Bemerkung. Sollte Ihnen das Hofceremoniel nicht bekannt sein? Casperl. Nix da, des Gschwatz wird mir z'lang. Sagn's mir lieber, wo ich den Herrn König finden kann? Dünkelmayer. Wenn ich weiß, wer Sie sind, so kann ich Ihnen Gelegenheit verschaffen, zu Seiner Majestät zu gelangen, denn ich bin Hofrath Dünkelmayer. Casperl. Hofrath Simpelmayer? Dünkelmayer. (Mit Nachdruck.) Dünkelmayer, Hofrath und Leibgelehrter des Königs. Casperl. Ach! das ist aber was Neus. Von einem Leibkutscher oder Leibschneider oder Leibstuhl hab i schon g'hört; aber von einem Leibgelehrten no nix. Das muß a curiose Anstellung sein. Dünkelmayer. Brechen wir ab – ich habe nicht viel Zeit zu verlieren. Casperl. I dank schön, abbrechen mag i net, i bleib vor der Hand lieber noch ganz. Dünkelmayer. Kurz und gut, zum Schlusse: Wer sind Sie? Casperl. Ich bin der Casperl Larifari und Leibbedienter beim Prinzen Rosenroth und soll dem König von meinem Herrn was ausrichten. Dünkelmayer. Da hat sich der Prinz Rosenroth einen sonderbaren Geschäftsträger gewählt. Ha, ha, ha – wirklich höchst sonderbar. Ein Bedienter und eine diplomatische Sendung? wie reimt sich das zusammen. Casperl. Ein Bedienter und eine zipflomatische Wendung? Dünkelmayer. Toller Mensch! – Nun denn; Seine Majestät kommen eben den Corridor herauf. Machen Sie ihm Ihr Compliment. Ich werde Seine Majestät darauf vorbereiten. (ab.) Casperl. Das ist aber a kurioser Kerl, der Simpelmayer da. Sapperement, jetzt kommt, glaub ich, der König. König. (Mit Krone und Scepter.) Wo ist der Abgesandte, den man mir eben gemeldet hat. Casperl. Unterthäniger Diener! König. Was wollen Sie? wo haben Sie Ihr Creditiv? Casperl. Kein Speditiv hab i net, aber was z'sagen hab i! König. Haben Sie meinen Minister des Auswärtigen noch nicht gesprochen? Casperl. Weder ein' Auswendigen noch ein' Inwendigen. Mich schickt halt der Prinz Rosenroth wegen der Prinzessin Lilienweiß! König. Wie? um meine Tochter handelt es sich? Casperl. Von einer Handelschaft ist keine Red. König. Warum kömmt Ihr Prinz nicht selbst zu mir? Casperl. Weil er kein g'scheid'n Aufzug hat, vor lauter Rumsuchen in der Welt um die Prinzessin Lilienweiß zu finden. Ja Sie glauben's gar nit, wie's uns zwei miserabel geht. – Wissen's was? Jetzt möcht i z'erst was z'essen und z'trinken, nachher sag' i mein Botschaft! König. O sprechen Sie, sprechen Sie zuvor! Vielleicht weiß Prinz Rosenroth etwas von meiner geliebten Tochter! Casperl. Nix weiß er, als daß die Prinzessin Lilienweiß in ein' Blumenstock verwandelt ist. König. Weh' mir! welche Nachricht! Casperl. Die Fee Liebinniglich hat's vorgestern meim Herrn im Traum verzählt, daß der böse Zauberer Negromantikus die Prinzessin g'raubt hat und in einen Lilienstock verzaubert, weil's ihn nit hat heirathen wollen. König. Gütige Götter! welches Schicksal! Casperl. So – das hab' ich Ihnen ausrichten sollen und jetzt werdn's schon wissen, was z'thun haben. A gut's Trinkgeld für'n Casperl, ein paar Flaschen Wein und was Gut's z'essen. Nachher sag' ich Ihnen noch was. König. Ein königliches Geschenk für diese Nachricht – wenn ihr Inhalt auch unerhört ist! Casperl. Was? unerhört? Sie hab'n ja g'hört, was ich Ihnen g'sagt hab'. König. Kommen Sie mit mir in mein Kabinet, um das Nähere zu besprechen, was in dieser Sache zu thun. Ich muß den edlen Prinzen sprechen. Casperl. Ja mir ist's schon recht; aber er traut sich nit rein, weil er g'flickte Hosen hat und ein zerrissenes Jabodl. König. Armer Prinz! (Beide ab.) Verwandlung. Wald. Prinz Rosenroth. Mein Diener Caspar bleibt so lange aus, daß ich vermuthen muß, er habe bei seines Sendung wieder einmal eine Ungeschicklichkeit begangen. Ich warte nun schon zwei Stunden und dieser Wald ist doch kaum eine halbe Stunde von dem Schlosse des Königs Goldkron entfernt. Ich selbst wage es noch nicht, mich dem Könige zu nähern, bis ich über meine Aufnahme Nachricht erhalten habe. (Es brummt in der Ferne.) Was hör' ich! In diesem Walde ist es nicht geheuer. Er ist voll wilder Thiere, ich muß auf einen Kampf bereit sein. Muth, Muth, Rosenroth! (Es brummt näher) Es scheint die Stimme eines Bären zu sein! Wehe mir, wenn ich ihn nicht erlege. Ein Bär (tritt ein). Brum, Brum, Brum! Rosenroth. Wage es nicht, dich mir zu nähern, oder mein ritterliches Schwert wird dich tödten. Bär. Halt ein, edler Prinz! Ich thue dir Nichts zu leid. Vernimm vielmehr, was ich dir sagen werde. Rosenroth. Wie erstaunt bin ich, daß du, ein wildes Thier der Wälder, mich mit menschlicher Stimme anredest! Bär. Ich bin eigentlich kein Bär, sondern deines Gleichen, ein Mensch und zwar der Ritter Hugo von Felseck. – Unter den Blumen im Garten des Zauberers Negromanticus steht in eine Rose verwandelt meine Braut, Fräulein Emma von Hohenthal. Da durch den Tod des bösen Zauberers alle Blumen wieder entzaubert werden und die unglücklichen Jungfräulein, die ihn nicht heirathen wollten, wieder ihre vorige Gestalt bekommen, suchte ich vor einiger Zeit den Negromanticus im Kampfe zu erlegen; allein wider seine große Zauberkunst vermag selbst ein ritterliches Schwert nicht zu siegen. Er verwandelte mich in einen Bären, wie du siehst, edler Prinz. Lasse dich also auf keinen Kampf mit ihm ein, um Prinzessin Lilienweiß zu befreien. Rosenroth. Furchtbares Geschick für einen Ritter so vornehmen Geschlechtes. Bär. Höre weiter! Nachdem ich in diese scheußliche Gestalt verzaubert war, sagte mir der Zauberer höhnisch: »Kühner Ritter, nun Bär, hättest du gewußt, daß die verzauberten Fräulein durch die Berührung mit einem Zweige der Wundereiche zu retten wären, ja meine Macht selbst dadurch gelähmt werden könne, so würdest du sicherlich den kühnen und erfolglosen Kampf mit mir nicht gewagt haben. Nun trage deine Qual in der Bärenhaut.« Dies die Worte des Zauberers. Rosenroth. O sage, theurer Ritter, sage, wo dieser Wunderbaum steht und wie ich einen Zweig desselben zu pflücken vermag. Bär. Die Eiche, welche die Fee Liebinniglich gepflanzt hat, steht einsam im schauerlichen Schlangenthale und ist von einem feuerspeienden Drachen bewacht, der an ihrem Stamme liegt. Wer diesen erlegt, gelangt zu seinem Zwecke. Rosenroth. Ha! diesen Kampf will ich bestehen! Entweder siege ich oder ich falle und der Tod wird mir nur willkommen sein. Bär. Ich will dir beistehen. Wenn du den Kopf des Drachen abgeschlagen hast, so werde ich das Blut aus dessen stumpfe saugen, damit ihm nicht zwei Köpfe hervorwachsen, was außerdem der Fall wäre. Rosenroth. Herrliches Unternehmen! Laß dich umarmen werthgeschätzter Ritter; wir wollen ewige Freundschaft schließen. (Sie umarmen sich) Bär. Auf denn! Mit vereinten Kräften werden wir wohl das Ungeheuer bezwingen. (Beide ab.) Casperl (tritt auf, einen großen Brief in der Hand.) No, wo is' er denn? Jetzt lauf i' schon a halbe Stund umanand und find' mein Herrn net. Wir hab'n uns ja da z'sammbstellt. Heda, Heda! Prinz Rosenroth! Wo sind's denn? Sitzen's etwa hinter einer Stauden? Der Casperl ist da! Nix is'! Weiß der Guckuck, wo der wieder hin ist, und ich soll ihm den Brief vom König Goldkron bringen! Hat er vielleicht wieder ein Abenteuer im Kopf? Der Geier soll so an Dienst holn, wo man's ganze Jahr kein Ruh hat! Jetzt darf ich wieder einen halben Tag rumlaufen bis ich ihn find, und derweil sitzt er ganz kommod in ein'm Wirthshäusl und ißt Bratl und Salat, während ich mir Lungl und Leber 'raus renn'. Schlipperment, ist das a Leben! (ruft) Prinz Rosenroth; Durchlaucht! (lauft ab.) Dünkelmaier. In diesem Walde will ich mich verbergen bis es Nacht wird und ich ungestört meinen Weg fortsetzen kann. Glücklich bin ich bis daher gekommen. Mein Geld hab ich mir in Banknoten umgewechselt und trage es bequem in der Brieftasche. Im nächsten Ort nehm' ich mir Extrapost – denn leider sind die Eisenbahnen noch nicht erfunden – und fahre bis Hamburg, wo ich mich nach Amerika einschiffen werde. Der alte König Goldkron wird mich wohl nicht verfolgen lassen; er denkt nur an seine verlorne Tochter! Ha, ha, ha! (will abgehen.) Teufel. Halt, Kamerad! Dünkelmayer. Wer ruft mir? Weh mir – man verfolgt mich! Teufel. Steh mir, ich bin dein guter Freund. Dünkelmayer. Ich kenne dich nicht, wie kannst du mein guter Freund sein. Wer bist du? Teufel. Ich bin der Leibhaftige und will eine kleine Luftfahrt nach Amerika machen; wenn du magst, kannst du mit mir reisen. Dünkelmayer. Auf dieß kömmt's mir auch nicht an! Recht so! Mit dem Teufel in Compagnie; da hab' ich nichts dagegen. Teufel. So setz' dich auf meinen Rücken; halte dich aber fest! (Dünkelmayer hängt sich an den Teufel und sie fahren durch die Luft.) Teufel. Brrrrrr! Der Vorhang fällt. III. Aufzug. Ein felsiges Thal. In der Mitte steht eine Eiche, zu deren Füssen der Drache Feuerrachen liegt. Drache. Obgleich es eigentlich nicht üblich ist, daß Drachen sprechen, so muß ich es doch thun, damit ihr wißt, woran ihr seid. Ich bin also der erschreckliche Drache Feuerrachen. Meine Mutter war die nächtliche böse Fee Schlangenblitz und mein Vater der Zauberer Negromanticus. Von Haus aus war ich eigentlich ein Papierdrache, den die Buben im Herbste auf den Wiesen fliegen ließen; allein nach und nach wuchs ich heran und gewann endlich meine dermalige Gestalt. Ich bin ein furchtbarer Kerl und wer mir in den Weg tritt, dem speie ich Feuer in's Gesicht, wie ihr auch gleich sehen werdet, wenn der gute Prinz Rosenroth einen Zweig von diesem Baume pflücken will, den ich auf Befehl meines Papas zu bewachen habe. Ach! wäre ich doch lieber in meiner Kindheit geblieben; als Papierdrache befand ich mich so wohlgemuth und heiter gestimmt, besonders, wenn ich durch die blaue Luft dahinflog und endlich wieder auf den grünen Rasen niedersank! Nun sind mir diese jugendlichen Gefühle fremd geworden, ich bin mir selbst zuwider. Meine Leidenschaften, die ich nicht bekämpft, mein böses Naturell, das ich nicht überwunden, haben mich complett ruinirt. Laßt euch das Warnung sein! Die beste Seele kann schlecht und verdorben werden! Dieß sagt euch der Drache Feuerrachen. Prinz Rosenroth und der Bär. Rosenroth. (das Schwert in der Hand.) Hier sind wir also im Schlangenthale angelangt. Bär. Und dort steht die Zaubereiche, an deren Wurzeln, der böse Drache liegt. Rosenroth. Heda, Drache! entferne dich, damit ich einen Zweig des Wunderbaumes brechen kann. Drache. Mein Platz ist hier und ich weiche nicht von der Stelle! Rosenroth. So werde ich dich dazu zwingen! (geht auf ihn los.) (Der Drache speit Feuer.) Rosenroth. Magst du auch wie ein Vulkan Feuer speien, es wird mich nicht hindern, dich zu vertreiben. (Casperl lauft mit einem Briefe herein.) Casperl. Ja was ist denn da wieder los? Alleweil Spetakel! Warten's a Bißl und lesen's zuerst den Brief! (Sieht Bär und Drachen.) Da dank ich gar schön; auf der ein' Seiten ein Drach und auf der andern ein Bär! Da lauf ich davon. Bär. Halt Freund! der Bär thut dir nichts zu Leid. Casperl. A! da Hab' ich Respekt, des ist ein Mal ein manirlicher Bär, gewiß sind Sie ein quieszirter Tanzbär und privatisiren jetzt. Rosenroth. Was steht in diesem Briefe? Vermuthlich ist er vom König Goldkron. Casperl. Ja, von dem ist er. Wie haben's jetzt das wieder errathen können? Sie sind halt ein Tausendsasa. Rosenroth. Sehr natürlich! Es wird die Antwort auf meine Anfrage sein, die ich dich stellen hieß. Casperl. Richtig, so ist's. Rosenroth (liest) »Edler Prinz! Sei mir jederzeit willkommen! Empfange zugleich mein königliches Wort, daß ich dir meine geliebte Tochter Lilienweiß zur Gemahlin gebe, sobald du sie aus den Händen des bösen Negromanticus befreit haben wirst!« »Goldkron, König.« Casperl. Punktum, Streusand d'rauf! aber auf den Punktum kommt's halt noch an, wegen der gewissen Befreiung. Rosenroth. Nun erst bin ich doppelt begeistert und mein Muth kennt keine Grenzen, da der schönste Lohn des Lebens mir entgegenwinkt! Heda, Drache! stell dich zum Kampfe! Drache. Ich bin bereit. (Er erhebt sich und schlägt mit den Flügeln.) (Casperl versteckt sich.) Rosenroth. Wohlan. (Er kämpft mit dem feuerspeienden Drachen, haut auf ihn ein; der Bär stürzt sich d'rauf.) Drache. Ich bin besiegt. Versinkt in den Boden. Ein papierener Drache fliegt auf und verschwindet oben; Rosenroth und Bär fallen sich in die Arme. Casperl (aus seinem Versteck hervortretend.) Ah! das ist aber schön! Herr Jegerl, der schöne Drach! Ich mein', ich bin auf der Oktoberfestwiesen. Juhe, Juhe! Duett. Rosenroth und Bär. Viktoria, Viktoria, Der Sieg ist nun errungen! Viktoria, Viktoria, Der böse Drach bezwungen! Viktoria, Viktoria! Rosenroth. Nun will ich den Zweig brechen, um Lilienweiß zu erlösen und als Braut heimzuführen! Bär. Und mich berühre dann auch mit dem Wunderzweige, damit ich von meiner Bärenhaut befreit werde. Casperl. Und mich rührn's a bißl an, damit ich eine Bärenhaut krieg, denn die brauch ich zu die Schlag, die ich allenfalls noch bekommen könnt. (Während alle drei sich der Eiche nähern, verwandelt sich die Szene in den Zaubergarten wie im ersten Aufzuge.) Zaubergarten des Negromanticus. Negromanticus und Leopardus. Negromanticus. So eben habe ich in meinen Zauberspiegel gesehen, daß mir eine große Gefahr droht. Auch ist mein Trinkglas zersprungen, was von übler Vorbedeutung ist. Ich muß alle meine Zauberkräfte zusammennehmen, um nicht zu unterliegen; auch auf dich zähle ich, Leopardus. Sei wacker und bleibe ein treuer Wächter. Jedenfalls suche zu verhüten, daß irgend Jemand diesen Garten betrete. Nach überstandener Gefahr werde ich dich dadurch belohnen, daß ich dir deine vorige Gestalt wieder gebe und als Leopard in die ägyptische Wüste laufen lasse. Leopardus. Ich danke dir im Voraus. Lieber aber war es mir dennoch, wenn du mich an eine Menagerie verkaufen würdest, wo ich meine alten Tage bei guter, regelmäßiger Fütterung beschließen könnte. Negromanticus. Auch gut, wenn es dir lieber ist! Nun geh' ich in mein Zauberkabinet, um mich mit allen Waffen zu rüsten, die mir meine Kunst bietet. Einstweilen sei wachsam und brülle, wenn ich kommen soll. (ab.) Leopardus (allein.) Nun, Gott sei's gedankt, erscheint vielleicht doch einmal der Augenblick, der mich aus dieser Sclaverei befreit! Aha! da kommt schon Etwas heran. Casperl (guckt herein). Ps, Ps guter Freund! Ich möcht' Ihnen a bißt was sag'n. Leopardus. Marsch da, hier darf Niemand herein! Casperl. Wenn ich aber Entrée zahl; auf a paar Sechser kommt's mir nit an. Leopardus. Hier wird man auch gegen Geld nicht eingelassen. Casperl. No, laßn's nur ein Wörtl mit sich red'n! Leopardus. Nichts da, oder ich erwürge dich! Casperl. Ich muß ja hinein, weil mein Herr auch bald nachkommt. Leopardus. Wage es nicht einzutreten, oder – Casperl (stolpert und fällt herein). Schaugen's – ich bin ja nicht hereingetreten, ich bin ja nur hereing'fall'n. (Steht auf.) Leopardus. Jeder Fremdling, der diesen Boden betritt, ist verloren, (ruft) Negromantikus! Ein Blitzstrahl verwandelt Casperl in einen Esel. So, da hast du den Lohn für deine Unverschämtheit. Als Esel kannst du die Disteln und sonstiges Unkraut dieses Gartens fressen! Nun ist wohl die Gefahr, von welcher Negromanticus gesprochen, vorüber. Ich will zu ihm und mir den versprochenen Lohn holen für meine Wachsamkeit. (ab) Casperl (als Esel) Ya, Ya, Ya! Prinz Rosenroth den Eichenzweig in der Hand und Ritter Hugo von Felseck treten ein. Felseck (wieder in ritterlicher Gestalt) Wie leicht ist mir, seit ich meine ritterliche Gestalt wieder habe. Der schwerste Turnierharnisch war mir nicht so lästig wie das abgelegte Bärenfell. Rosenroth. Sieh hier das Blumenbeet. Dieß werden wohl unsere verzauberten Fräulein sein! Chor der Blumen. Wir sind es, ja, wir Blumen aller Arten, Die schon so lange auf Erlösung warten. O kommt, befreit uns durch den Zweig der Eiche, Damit der böse Zauber von uns weiche. Doch eilt, damit zuvor wir uns vereinen, Eh' Negromanticus wird hier erscheinen; Wir neigen schon die Köpflein euch entgegen Und harren auf des Eichenzweiges Segen. Rosenroth. Wer könnte noch zögern, das süße Werk zu vollbringen? (Er naht sich den Blumen.) Göttliche Fee Liebinniglich! in deinem Namen berühre ich die Blumen, damit sie wieder Mädchen werden. (Er schwingt den Eichenzweig.) Sanfte Musik hinter der Scene, wie Harfenklänge. Die Blumen verwandeln sich in schöne Jungfrauen, Prinzessin Lilienweiß umarmt Rosenroth und Emma von Hohenthal den Ritter Felseck. Prinz Rosenroth. Seligster Augenblick meines Lebens! Felseck. Dank dir, liebliche Fee! Lilienweiß. O wie bin ich glücklich, meine vorige Gestalt wieder zu haben! Emma. Unser Blumenleben war höchst traurig! Lilienweiß. Wenn wir auch süßen Duft aushauchten, die Strahlen der Morgensonne sich lieblich auf uns senkten und die frischen Thautröpflein uns erquickten; es war doch nur ein Traumleben. Rosenroth. Nun seid Ihr befreit zu unserer Wonne! Laßt uns eilen, diesen Ort böser Zauberkünste zu verlassen. Geliebte Prinzessin, meine erste Pflicht ist es, Euch in die Arme Eures Vaters zurückzuführen! Felseck. Und Euch, mein Fräulein, biet' ich meine ritterliche Hand. Auf der Burg Hohenthal bei Euern Eltern soll nun ungesäumt unser Vermählungsfest gefeiert werden. (Alle wollen abgehen.) Casperl. (als Esel) Ya, Ya, Ya! Rosenroth. Sieh da! ein Esel, den wir gar nicht bemerkt hatten in der Freude unserer Herzen. Was willst du, armes Thier? Lilienweiß. Es ist ein verzauberter Mensch, der vor Kurzem in den Garten gedrungen war. Casperl. Ya, Ya, Ya! Rosenroth. Wer du immer bist, mein Eichenzweig soll auch dich erlösen. (Er berührt ihn.) Casperl (wieder in voriger Gestalt.) Schlipperement! das war aber doch a bißl z'viel: mich in einen Esel z'verwandeln! Rosenroth. Ei du bist's, mein guter Casperl? Casperl. Ja freilich bin ich's. Haben's mich denn nit erkannt, hab'n mich doch schon so oft ein' Esel g'heißen? Rosenroth. In der That nicht! – Doch, auf! laßt uns nicht säumen, fort von hier! (Alle ab, bis auf Casperl.) Casperl. Jetzt könnt' eigentlich die G'schicht gar sein, also mach' ich mein höfliches Compliment. (Es donnert.) Auweh! Da kommt noch a Donnerwetter hintend'rein, da geh' ich. (ab) Negromanticus (stürzt herein.) Bei allen Teufeln der Hölle! Ich bin besiegt! Wo sind meine Blumen? wo ist all meine Zaubergewalt? Ich fühle mich ohnmächtig und hilflos! (Blitz und Donner.) Weh mir! Sollte dieß Alles das Werk der Fee Liebinniglich sein? Liebinniglich erscheint in Wolken. Liebinniglich. Ja, böser Zauberer, es ist mein Werk, daß Lieb' und Treue gesiegt haben, und an der Zeit war es, daß dein böses Wirken zu Schanden geworden. Falle zurück in das höllische Element, dem du dich ergeben hattest! Nekromanticus versinkt unter Flammen. Der Vorhang fällt. Casperl unter den Wilden. Ein culturhistorisches Drama in zwei Aufzügen. Personen. Casperl Larifari . Gerstlmaier , reisender Naturforscher. Bürgermeister Zipfelberger . Schneck , Nachtwächter. Ein Trommler der Bürgergarde. Neptunus der Meergott. Mehrere wilde Insulaner in Tricôt. Ein Krocodil. Ein Delphin. I. Aufzug. Afrikanische Inselgegend, im Hintergrunde das Meer. Während der Ouverture, welche eine stürmische Musik sein muß, geht der Vorhang auf. Furchtbarer Sturm, Blitz und Donner. Ein Schiff wird auf den Wogen hin- und hergetrieben. Es schlägt ins Schiff ein, welches verbrennt und untergeht. Casperl schwimmt auf den Wellen und steigt ans Ufer, während das Gewitter allmählig aufhört. Casperl. Na, da Dank ich g'horsamst! Die Wasserparthie soll der Guckuck holen! Wie mir nur eingefallen ist, nach Amerika ausz'wandern? Ja richtig! weil mich mein Grethl so plagt und chicanirt hat. Eigentlich aber kann ich doch nix dafür; denn wie ich beim Grünenbaum am Hafen auf und abgangen bin und schon wieder hab' umkehren wollen, hat mich ein Schiffscapitän beim Kragen packt und hat mir auf Englisch, was i aber nit verstanden hab', g'sagt: »Ju, ju, most werden Matroserl, ei nimm ju auf mei Schipp!« I Hab g'meint, des »ju« bedeut't »Juhe« und bin glei mitgangen, weil i mir dacht hab, da werds lustig hergehn. Auweh zwick! Das ist aber bald anders word'n. Zuerst haben's mir freilich ein prächtigen Likör geben und ein Pfund Schinken und eine Portion gerösteten Wallfisch und zwölf Haring und da hab ich ein' Rausch kriegt; ich weiß nimmer, war's der Wallfisch oder der Branntwein, der mir in Kopf gstiegen ist – kurz wie ich wieder von meinem Dusl aufg'wacht bin, da hat der Capitän schon mit einer Stangen in die See g'stochen ghabt und ich war unter die Matrosen gepreßt, daß mir's Hören und Sehn vergangen ist. Ja, das glaubt kein Mensch, was so eine Matrosenpresserei fürchterlich ist! Von allen Seiten wird man gedruckt. Na, da sind wir halt so fortg'fahren, oben blau, unten blau, nix als Himmel und Wasser und wir mittendrein; mir ist's ganz blau vor die Augen word'n und englische Prügel hab ich auch genug kriegt, die thun grad so weh wie die boarischen. Endlich nach mehreren Tagen ist heut das Donnerwetter kommen, als wenn d' Welt untergehn wollt und wir Alle sammt'n Schiff. Ein Blitz, ein Schlag – jetzt war's vorbei; Gott sei Dank, hät' ich net's Schwimmen g'lernt, wie's mich amal aus'n Wirthshaus in's Wasser g'worfen haben, so hätten mich ohne Zweifel die Wellen des Oceans verschlungen; – doch hier bin ich gerettet – aber pudelnaß wie aus'n Faß! Grausames Geschick oder eigentlich Ungeschick; denn das ist doch eine Ungeschicklichkeit, wenn man so mir nix dir nix von den Wellen an ein unbekanntes Land geworfen wird! Ha, Verzweiflung! Denn da wird's schwerlich ein Wirthshäusel geben, die Gegend sieht mir nicht darnach aus! Auweh! da kommt schon ein ausgestopftes Krokodill auf mich losmarschirt! Ich mach' mich aus'm Staub. (Läuft hinaus.) Ein Krokodill marschirt über die Bühne, einige Papageien fliegen hin und her. Zwei Wilde kommen von verschiedenen Seiten herein. Erster Wilder. (Mit Pfeil und Bogen.) Kro kro! Zweiter Wilder. (Mit einer Lanze.) Pu pu pu! Erster Wilder. Mumulibutzili, Krokodilli! Zweiter Wilder. Schissi, schissi, stechi, stecht! Erster Wilder. Wuliwulipumdara. Zweiter Wilder. Hungerli, nix freßi ganzi Tagi. Erster Wilder. I a, Diaboliverfixti. Zweiter Wilder. Muri, schnüri, prdibirti! Erster Wilder. Kokolimu, kokalimu. Zweiter Wilder. Mu, Mu! (Beide ab) Professor Gerstlmaier. Wie Robinson mit einer Schürze von Palmblättern und einem großen rothen Paraplui. Gerstlmaier. Nun lebe ich schon ein Jahr auf dieser einsamen Insel unter dem achtundvierzigsten Grade südlicher Breite und widme mich unablässig dem Studium der Naturwissenschaft. Dank dem Zufall, daß mich die wilden Einwohner für ein höheres Wesen ansehen und als solches verehren, sonst hätten sie mich längst gefressen. Allein das ist ja der Vortheil der Männer der Wissenschaft, daß sie stets von einem verklärenden Nebeldunste umhüllt sind und von den Laien im Allgemeinen, im vorliegenden Falle in specie von den Menschen-Fressern, als Halbgötter angesehen werden müssen! Noch bin ich aber mit meinen Forschungen nicht zu Ende; unerachtet der genauesten mikroskopischen Beobachtungen gelang es mir noch nicht zu entdecken, ob die Excremente der Sepia annulata aus rein animalischen oder vegetabilischen Atomen bestehen, worüber ich bereits am achthundertsten Bogen einer ausführlichen Abhandlung arbeite. Noch ein paar Monate, und der preußische Dampfer Aquila, der mich hier auf Staatskosten ausgesetzt, wird mich wieder abholen. Es bleibt mir also nur noch kurze Zeit für meine Forschung. Wie dem auch sei, jedenfalls kehre ich, reich an Erfahrungen, mit einer Sammlung von 40,000 naturwissenschaftlichen Objekten nach Europa zurück. – Ei! was seh ich da kommen? Eine Art Papagei? Ein Psittacus formosus? – Die Species scheint mir neu. Ich will mich etwas verbergen und beobachten. (versteckt sich.) Casperl (tritt ein.) Schlapperdibix! das ist ja eine miserable Landschaft! Kein Wirthshaus weit und breit! Keine menschliche Seel! Nix als Affen, Papperln und sonstige Menagerievieher! Das ist ja zum verhungern. Hätt' ich nit a paar Schnecken g'funden – leider ohne Sauerkraut! – so war ich schon hin! Mein Magen kommt mir jetzt schon vor wie ein leerer Tabaksbeutel, mein Unterleib ist schon so eing'schrumpft, daß ich gar nimmer weiß, ob ich jemals einen Bauch g'hab thab! Ja, was wär denn das? – der Casperl ist doch mit zum hungern und dursten auf der Welt! Ha – Schreckenszeit! Und wie komm ich denn wieder fort und nach Haus zu meiner Grethl! Ringsrum Wasser und nix als Wasser! Wenns nur wenigstens Bier wär; allein dieses heimatliche Getränk scheint hier gänzlich unbekannt zu sein. Mich kommt schier die Verzweiflung an! Auweh, auweh! wenn ich verhungern müßt – nein, das hielt ich nit aus, da ging ich eher zu Grund! Gerstlmaier. (springt hervor und packt den Casperl.) Halt, du entkömmst mir nicht. Casperl. Herr Jemini! was ist denn das? Gerstlmaier (Casperl festhaltend.) Ein herrliches Exemplar. Casperl. Lassen's aus oder ich schlag aus! Gerstlmaier. Ah, ich habe mich geirrt: Psittacus garralus. Nur stillgehalten, Freundchen, bis ich dir die Flügel ein wenig gestutzt, damit du mir nicht mehr entkömmst. Casperl. Was fallt denn Ihnen ein? Flügelstutzen? Ich bin ja kein Vogel. Gerstlmaier. Das muß ich, als Gelehrter, besser wissen, wer du bist und zu welcher Species du gehörst. Casperl. Nix Species, ich bedank mich für den Speci, der mich stutzen will. Nix stutzen und nix dutzen heißt's bei uns zwei! Verstanden! Gerstlmaier. Nun, du scheinst mir ein zahmes Exemplar, das vielleicht schon europäische Bildung genossen hat und wieder über's Meer hiehergefiogen ist. Casperl. Bildung hab ich nicht genossen, aber Bratwürsteln und Blauskraut genug; nur hier zu Land heißt's Hunger leiden. Jetzt aber, wie kommen denn Sie daher in die abgelegene Insel, ich bin wirklich froh, daß ich eine menschliche Physionomie seh, obschon Sie wie a Narr ausschaun. Gerstlmaier. Es ist die Frage, wer der Narr ist. Er ist also wirklich kein Papagei? Casperl. War nit übel! Ich bin nicht nur kein Papagei, sondern der Casperl Larifari, pensionirtes Mitglied der europäischen Völkerwanderung und untergegangener Schiffsmatrose außer Dienst, nebenbei Privatier und Stiefelputzer, also wenn's mich als Bedienten brauchen können oder was, so steh ich zu Diensten, aber ich seh' mehr auf gute Kost, als auf schlechte Behandlung und Arbeit – so jetzt wissen 'S Alles, was 'S zu wissen brauchen und überhaupt, wenn Sie ein ordentlicher Gelehrter sein wollen, so geben's mir a Maß Bier als Drangeld. Gerstlmaier. Gut, gut – genug des Geplappers, drolliger Psittacus. Ich will dich in meine Dienste nehmen, denn ich werde dich wohl brauchen können in meiner Höhle. Casperl. Was in der Höll? Nein ich dank, da drin mag ich Nix zu thun haben, da is der Teufel und sein Großmutter! Gerstlmaier. Es ist ja nur eine Felsenhöhle, in der ich wohne und meine Sammlung von Naturalien aufbewahre. Casperl. So? Capitalien hab'n 'S, das laß ich mir g'falln; bei einem Capitalisten mag ich schon Budienter sein, da fallt bisweilen was ab. Gerstlmaier. So sind wir einig. Ich bin dein Herr und du bist mein Diener. Casperl. Ja, ich bin von nun an Ihr Kammerdiener oder vielmehr ihr Höhlendiener, weil Sie keine Kammer zu busitzen scheinen thun. Gerstlmaier. Ich werde Alles redlich mit dir theilen, obgleich die Bißen auf dieser Insel oft ziemlich schmal sind. Casperl. Und ich werde auch Alles redlich mit Ihnen theilen, besonders weil ich Nix hab; denn sonst thät ich's selber b'halten. Gerstlmaier. Nun kannst du gleich deinen Dienst antreten. Bleibe hier und warte bis ich von meinem wissenschaftlichen Spaziergang zurückkehre; dann sollst du etwa meine Beute heimtragen. Casperl. Wenn Sie einen Beutel haben, in welchem sich Geld bufindet, so können's mir'n lieber gleich jetzt geben. Gerstlmaier. Bleibe nur hier; sollten sich Einwohner dieser Insel nähern, so verstecke dich; denn du wärst verloren, im Falle sie dich entdecken würden. Casperl. Gehn's nur zu ich gib schon Acht auf mich. (Gerstlmaier geht ab.) Casperl. Das hab ich schon wieder g'merkt: des ist halt auch so ein gelehrter Hungerleider, wie mir's z'Haus gnug haben. Die sind überall z'finden, sogar auf dieser Insel da muß so einer rumlaufen. Aber jetzt will ich ein bißl ausrasten, des warme Klima thut mir gar nit gut; ich hab' schon einen Schlaf, als wenn ich 12 Maß Bier getrunken hätt. (setzt sich einen Baum gelehnt.) So – ah! da liegt man gar nicht übel auf dem indianischen Moos, so weich wie – im – Feder – bett. (schläft ein.) Die beiden Wilden schleichen herbei. Erster Wilder. Kro, kro, kro! Zweiter Wilder. Pu, Pu! Erster Wilder, Witzliwuzi. Zweiter Wilder. Wuziwitzli. Erster Wilder. Stritzliwixi. Zweiter Wilder. Karamalomilapitschipatschiwatschi! Erster Wilder. Witschiwatschi! Die Wilden fallen mit Geschrei über Casperl her. Casperl. Auweh, auweh, die Menschenfresser! Herr Professor, kommen's mir zu Hülf! Auweh! auweh! Erster Wilder. Fresst fraßi! Zweiter Wilder. Guti Bißi! Erster Wilder. Spißibrat! Zweiter Wilder. Kro, kro, kro! Die Wilden schleppen Casperl hinter die Scene, mittlerweile kömmt das Krokodill wieder und singt folgende Arie: Krokodill. Ich bin ein altes Krokodill Und leb dahin ganz ruhig und still Bald in dem Wasser, bald zu Land Am Ufer hier im warmen Sand. Gemüthlich ist mein Lebenslauf, Was mir in Weg kommt freß ich auf Und mir ist es ganz einerlei, In meinem Magen wird's zu Brei. Schon hundert Jahre leb ich jetzt, Und wenn ich sterben muß zuletzt, Leg ich mich ruhig in's Schilf hinein Und sterb im Abendsonnenschein. (marschirt ab) Die Wilden schieben eine Feuerstelle heraus mit flackernder Flamme, ein Bratspieß liegt darüber. Es kommen noch andere Wilde dazu unter scheppernder Musik tanzen sie und singen folgenden Chor: Spißi Spaßt Casperladi, Hicki, Hacki Carbonadi, Trenschi, Transchi, Apetiti, Fresst, Frassi, Fetti, Fitti. Schlicki, Schlucki Casperluki, Dricki Drucki mameluki, Michi, Machi Casperlores, Spißi Spaßi Tscha capores. Casperl wird gebunden an Händen und Füßen herausgeschleppt. Casperl. Auweh! auweh! potz Schlipperement, das wird mir zu arg. Ich bin ja ein Mensch und kein Kalbsbratl. Hört's auf, ihr rabenschwarzen verdächtigen Individuen! Hört's auf! – Ich gelobe, daß ich nie mehr eine Maß Bier trinken will, wenn ich diesmal ungerupft durchkomm! Furchtbarer Donnerschlag, die Wilden laufen auseinander. In den Wellen erscheint der Meergott Neptun. Ich habe deinen Schwur gehört, Mit welchem Rettung du begehrt, Sieh hier am Ufer den Delphin, Er trägt dich über's Meer dahin. Du kannst auf seinem Rücken schlafen, Er bringt dich sicher in den Hafen. Doch was du hast gelobet hier, Den Schwur halt wohl und trink kein Bier Ich bin die Gottheit der Gewässer, Das Wasser soll dir schmecken besser. Dieß sagt zu dir der Gott Neptun Und kehrt zurück in's Wasser nun. (versinkt.) Casperl (befreit von seinen Banden.) Adie, Adie, ich bedank mich halt recht schön für meine Errettung aus den Händen und Rachen dieser menschenfleischappetitlichen ungebildeten indianischen Wildlinge! (für sich) Aber ang'führt hab' ich den Wassermayer doch! Ich hab g'schwor'n daß ich nicht eine Maß Bier mehr trink; ja freilich nicht Eine , sondern möglichst mehrere , denn Eine Maß hat mir ohnehin nie g'langt! Nun, auf! in das theure Vaterland! Muthig will ich diesen ausländischen Karpfen besteigen und mich seiner Entführung anvertrauen! Leb wohl schönes Eiland, auf dem ich aber keine Eierspeis geßen' hab! Leb wohl Naturforscher! Er besteigt den Delphin, welcher unter sanfter Musik mit ihm fortschwimmt; Gerstlmaier erscheint auf einem Hügel am Ufer und schaut durch ein großes Perspektiv dem Casperl nach. Der Vorhang fällt. II. Aufzug. Stadt. (Morgendämmerung.) Nachtwächter Schneck mit Spieß und Laterne läuft herein und schellt an einer Haus-Thüre. Schneck. Aufg'macht! 'runterg'schaut! Aufpaßt! weckt's den Burgermeister auf! (schellt immer stärker.) Bürgermeister (mit der Zipfelmütze, öffnet ein Fenster und schaut herunter.) Was gibts da drunten? Was ist das für ein Spektakel? Wer untersteht sich so an meinem Haus zu läuten, daß ich aus Schrecken beinah aus'm Bett g'fallen war? Schneck. Ich bin's Herr Bürgermeister. Bürgermeister. Wer ist dieses unverschämte Ich? Schneck. Der Nachtwächter is. Bürgermeister. Was? Er ist es, Schneck? Was gibt's, was gibt's? Warum so früh eine Meldung? hätt's nit später auch Zeit g'habt? Schneck. Nein, Nein! Kommen Euer Gnaden nur herrunter ich hab was ungeheuer Wichtiges zu notiflixiren. Bürgermeister. Wart Er nur, ich komme gleich hinab. (macht das Fenster zu.) Schneck. Sipperement, sipperement, das ist eine G'schicht! Ich weiß gar nit, wo mir mein Nachtwachterkopf steht. Bürgermeister (im Schlafrock.) Also schnell, was ist besonderes g'scheh'n? Aber hätt' Er nicht das Rathscollegium zuerst aufwecken können? warum mich aus meiner amtlichen Ruhe stören? Schneck. Ich bin schon bei alle Rathsherrn g'wesen;aber der Herr Rath Faßlmayer hat's Podagra und kann nicht auf; der Rath Wurstmüller hat sich gestern, wie er vom Bier nach Haus gegangen ist, den Fuß überstaucht, weil er niederg'fallen ist; der Rath Grobhäusler ist im Kindbett, das heißt: seine Frau hat einen Buben kriegt; der kann nit aus'm Haus und der Marktschreiber ist gar nit hier; der ist gestern Nachmittags in's Gau fort und noch nit wieder z'rück. Er muß ein paar Kälber kaufen, weil er zum Kirchtag Wurst braucht. Bürgermeister. Das ist doch fatal, daß Gewerbe und andere Allotria's so oft mit den Amtsverpflichtungen colidiren! Also schnell, was gibt's? Schneck. Ja, Herr Bürgermeister! stellen S' Ihnen vor: wie ich da in der Zwielichten meinen letzten Nachtwachtergang mach' und über'n Markt geh', seh' ich aufeinmal einen furchtbar großen schwarzen Klumpen ober mir in der Luft. Ich hab glaubt es is der Teufel und hab mich gleich unter ein Obstlerstandl versteckt. Pumps! Bürgermeister (fährt zusammen.) Erschreck er mich doch nicht so! Schneck. Pumps hat's than, und wie ich hinschau, ist ein großer Vogel auf und davon g'flogen und auf'm Pflaster ist eine Gewaltsfigur g'legen, die einen furchtbaren Seufzer gethan hat. Bürgermeister. Nun und was weiter? Schneck. Ich hab mich vor Aengsten gar nimmer auskennt und bin davong'loffen. Nachher wie mir nach und nach die Courage wieder kommen ist, bin ich zu alle Rathsherrn 'rumgrennt, nu, das wissen S' ja und zuletzt Hab ich Ihnen in meiner Todesangst aufgeweckt. Bürgermeister. Allerdings ein furchtbares Ereigniß, das unser gutes Städtlein betroffen hat! Da muß Alles auf- g'weckt werd'n. Der Stadttrommler soll gleich herumtrommeln und Allarm schlagen, der Stadt- Thurmer soll blasen was er kann und an den Glocken anschlagen; lauf Er auch gleich zum Spritzenmeister, daß die große Feuerspritzen ausruckt; man kann nicht wissen, was g´schieht. Ich will unterdessen meinen Amtsrock anzieh'n; dann hol Er mich wieder ab; denn unter solchen Umständen allein auszugeh'n, das könnt gefährlich sein und wäre für den Bürgermeister auch nicht schicklich. So – jetzt lauf er, was er kann! Schneck. Ich lauf schon! Wenn mich nur das Ungeheuer nit frißt. (ab) Bürgermeister geht in`s Haus, unterdessen ist es Tag geworden. Bald darauf beginnt das Geläute vom Thurme und der Thurmwächter stößt in's Horn, der Stadttrommler marschirt über die Bühne und trommelt; der Lärm wird immer ärger. Casperl (läuft herein.) Schlipperdibix! das ist a Metten, ich kenn mich gar nit aus! Zuerst hat mich der indianische Stock- Fisch über's Meer getragen; an der europäischen Küste, i weiß nit wie's dort heißt – bin ich ausg'stieg'n, eigentlich abg'stiegen. Kaum hab ich ein bißl ausrasten wollen, denn mir war steinübel von der Seekrankheit, weil ich auf'm Meer Nix als Austern g'fress'n hab – so ist auf einmal ein ungeheurer Vogel herg'flogen, hat mich bei der Hosen packt und ist mit mir auf und davon bis er mich vor einer halben Stund mitten in das Stadtl auf's Pflaster niederg'setzt hat, daß Alles kracht hat. Jetzt fragt sich's: wo bin ich? Ich Hab mich vor lauter Ueberraschung nit umg'schaut und des Höllen-Spectakel macht mich ja ganz confus. Ah, da kommt der Trommler wieder, den will ich fragen. (Trommler nähert sich.) Heda, sind S' a bißl stat auf ein' Augenblick. Sag'n S' mir doch, was der Lärm bedeut't und wo ich bin? Trommler. Da müssen S' den Spritzenmeister fragen oder den Nachtwachter. Nach'n Reglement muß ich's Maul halten, wenn ich im Dienst bin. (trommelt weiter.) Casperl. Schlipperement! jetzt weiß ich so viel wie zuvor. Nachtwächter kommt um den Bürgermeister von seinem Hause abzuholen. Casperl. Heda! Guter Freund! Ich bitt Ihnen, sagen S' mir doch – – – Schneck. Pst, Pst! Ich muß den Herrn Bürgermeister abholen und da darf i nix red'n, weil ich im Dienst bin. Casperl. Brav! das sind a mal verschwiegene Leut! Das heißt man das Amtsgeheimniß halten. Bürgermeister kömmt mit dem Nachtwächter aus seinem Hause. Bürgermeister. Was ist da für ein verdächtiges Subjektum! Nachtwächter! gleich verarretiren! – Ei was seh' ich, das ist ja der Monsiö Casperl! Wo kommen denn Sie wieder her aus der Fremd? Casperl. Ah! Schnickel, Schneckerl! Das ist ja der Herr Burgermeister Zipfelberger! Juhe! Juhe! Jetzt bin ich also wieder z'Haus und weiß net wie! Bürgermeister. Die Madame Grethl hat schon sehr nach Ihnen geschmachtet, weil Sie so lang ausblieben sind. Die wär' vor Sehnsucht beinah g`storben. Casperl. Ei was? Da war ich lieber noch ein' halbe Stund länger ausblieben! Bürgermeister. Ja sag'n S`: wo warn S' denn die ganze Zeit über? Casperl. Auf der Wanderschaft weit hinten über's Meer. (Vornehmthuend) Zuerst war ich Matrosenhauptmann auf einem zwölfpfünder Dreimasterdampfschiff, dann war ich Seegeschöpf und Meerungeheuer; hierauf Insulaner, Naturaliensammler und Bratlaspirant; sodann wieder Seefahrer und schließlich Luftfahrer bis ich mich in meine liebe Vaterstadt per posteriorem wieder niedergelassen habe. Bürgermeister. Aber nein! Also sind Sie das Ungeheuer, welches heute Nacht auf dem Marktplatze niederfiel? Casperl. Dasjenige, welches nicht nur, sondern auch – Schneck. Die ganze Stadt in Allarm versetzt hat? Bürgermeister (zu Schneck.) Das heißt, weil Er ein Hasenfuß ist! Es ist erschrecklich! was werden die Leut von uns denken? Casperl. Vermuthlich was sie zuvor schon von dem hohen Magistrat gedacht haben: Nix Nar's! Bürgermeister. Genug davon! Nachtwächter jetzt geh er und sag er den Allarm wieder ab. Ich meinerseits will die Einwohnerschaft beruhigen. (ab) Casperl. Und ich werde die Sehnsucht meiner Grethl beruhigen, aber zuvor will ich auf die vielen Strapatzen 'nauf meinem Gevattersmann dem Wirth »zum blauen Bock« einen interessanten Besuch abstatten. Dieser ernste, bedeutungsvolle Gang ist mir vor Allem von Wichtigkeit. Nachtwächter! und du gehst derweil zu meiner Grethl und bereitest sie auf die Rückkehr ihres getreuen Gatten vor. (Im Schauspielerton.) Sag ihr, ja sag ihr, wölchen unsöglichen Gefahren ich entgangen bin! sag ihr, wie mein gattliches Hörz ihr aus dem blauen Bock entgegenschlögt! sag ihr, ihr sag, sag ihr, ihr sag, wie ich zittere und ziböbe im Hinblick auf den Rückblick des Wiederblicks unseres zörtlichen Wüdersöhens und der Umschlingung der weitausgebreiteten Umspannung der liebenden Armee treuer verhältnißmässiger Gattenliebe und öhlicher Umstände. O, sag ihr – – – Schneck. Hör' auf, Casperl, das kann ich mir ja nit Alles merken. Weißt was? ich geh' mit dir ins Wirthshäusl; da kannst mir's besser expliciren, nachher gehen wir miteinander zu deiner Grethl und die muß uns ein' Kaffé machen. Casperl. Einen Kaffé machen, sehr Kaffé mit einigen Bretzeln und sonst noch was zum Eintunken. Juhe! Jetzt bin ich wieder z'Haus! Ueber's Meer mag ich nimmer, ich bleib ein ruhiger Staatsbürger und nähre mich redlich. Der Vorhang fällt. Heinrich von Eichenfels. Drama in drei Aufzügen nach Chr. Schmids Erzählung mit einem Vorspiel. Personen. Graf Friedrich von Eichenfels. Gräfin Adelhaid. dessen Gemahlin. Heinrich, ihr Söhnlein. Margaretha, im Dienste der Gräfin. Görg, Gärtner im Schlosse des Grafen. Hannes, des Grafen Knappe. Juta, Zigeunermutter. Wolf, Mathes, Zigeuner. Schnaps, Hirtenjunge. Menrad, Einsiedler. Dienstleute des Grafen. Zigeuner etc. Vorspiel. Zimmer im Schlosse des Grafen. Gräfin Adelhaid an einem Tische mit weiblicher Arbeit beschäftigt, Margaretha, etwas rückwärts, sitzt und spinnt; ihr zur Seite eine Wiege mit Vorhängen gedeckt. Gräfin (zu Margareth.) Schläft der Bube? Margaretha. Nein, edle Frau; er ist wach und blickt mich mit seinen hellen Augen freundlich an, als wollt er sagen: Heut will ich euch zum Trotz mein Nachmittagsschläfchen nicht machen. Gräfin. Das schlimme Bürschlein! Laß uns Eins zusammen singen, vielleicht beliebts dem kleinen Herrn dann. Margaretha. Gewöhnlich geht's so. Ruhe thut ihm noth, denn er zappelt ja den ganzen Tag über. Gräfin. So fangen wir an: (singt; Margareth begleitet sie.) Wenn die Sonn' ist aufgestiegen Und die dunkle Nacht entfloh, Dann die Vöglein hoch auffliegen, Die da ruhten irgendwo, In den Nestern, auf den Bäumen In der Büsche grünen Räumen, Holla! auf ihr Vögelein! Auf, begrüßt den Sonnenschein! Wenn sie dann mit glüh'ndem Strahle Hoch einher am Himmel zieht, Senkt das Vöglein sich zu Thale Und in düstern Schatten flieht. Nur die Käfer summen leise Auf den Blumen ihre Weise. Sum, sum, sum lieb Käferlein, Sumse mir mein Büblein ein! Wenn die Sonne selbst sich neiget, Und der Abendstern dort prangt, Munter sich manch Vöglein zeiget Eh' es nach dem Nest verlangt, Schüttelt noch einmal die Flügel, Sonnt euch auf dem grünen Hügel, Singet hell: Gut Nacht, gut Nacht, Schlummert all bei Sternenpracht! Schläft er? Margaretha. Er schnarcht wie ein kleines Mäuslein. Gräfin. G'segn's ihm der liebe Gott, daß er wächst und gedeiht! (tritt an die Wiege.) Ach! wenn doch mein Friedrich den Knaben säh' wie er so lieblich schlummert! Ist doch nichts Lieberes, als der sanfte Athemzug eines schlafenden Kindleins! Margaretha. Ja der edle Herr, wo mag er jetzt Herberg haben ? Gräfin. Herberg? Ei was denkst du Margreth? Im Krieg da gibts selten Herberg. Das Bett ist Gottes freies Erdreich und die Zehrung ein Stück vertrocknetes Brod; ja oft fehlt's sogar am frischen Trank aus einer Quelle und Hunger und Durst sind zumeist der Ritter Feldgenossen. Margaretha. Mir ist's wohl lieber, ich bin ein Mädel; denn Spinnrocken und Kindswart find ein sanft Gewerb. Gräfin. Heut sind's gerade 3 Monate, daß mein Herr auszog auf des Herzogs Aufgebot gegen den Markgrafen. Margaretha. Was aber die fürnehmen Herren immer zu streiten haben? oft um ein Geringes. Gräfin. Dießmal gilt's wieder den Klosterzehend, und ist's vom Markgrafen fürwahr ein muthwillig Gebahren, denn der Zehent hat seit ältester Zeit dem Herzog gebührt. Margaretha. Und der Herr Graf muß ihm helfen mit seinen Reisigen. Gräfin. Ist's doch seine Schuldigkeit als dessen Lehensmann. Margaretha. Schuldigkeit hin oder her; ich blieb aber doch lieber daheim bei Weib und Kind. Gräfin. Ei! was Ehr und Pflicht gebieten, das muß immer s'erste sein. Machst's ja selbst so, Margreth, du möchst gewiß oft lieber in die Spinnstube zu den Mägden und Knechten gehen, zu plaudern und zu kosen, als hier an der Wiege sitzen und den Buben pflegen. Margaretha. Ihr habt wohl recht, edle Frau! Jeder soll das Seine thun, wie's Pflicht ist. (Trompetenstoß des Thurmwarts.) Gräfin. Der Thurmwart bläst; wird wohl ein Gast sein. Schau hinaus auf die Zugbrücke. Margaretha. (an's Fenster tretend.) Ein Reiter sprengt h'rüber! Herr Jesus! s'ist des Hannes Schimmel. Gräfin. Gott sei Dank; Botschaft von meinem Herrn! Margaretha. S'klappern schon die Hufe auf dem Pflaster im Schloßhof. Gräfin (will hinaus.) Mög's gute Kunde sein! Hannes (bestaubt und abgehetzt, tritt ein, stürzt auf die Gräfin und küßt ihr die Hand.) Gräfin. Grüß Gott, Hannes! was bringst du? Hannes. Edle Gräfin, es muß wohl gleich heraus, wie's ist. Gräfin. Mein Gott, was ist gescheh'n? Hannes. Der Graf liegt hart getroffen! Gräfin Verwundet? wie? wo? – o sag' Hannes! Vielleicht liegt er gar schon todt? Hannes. So arg ist's nit, Frau Gräfin; aber schlimm ist's doch! Gräfin. Sprich, ich muß es ja wissen, und wenn's das Aergste wäre! Hannes. 's war schon bald aus mit dem Streit; wir hatten mit den Marktgräffchen manch' harten Strauß gehabt und die Zeit ist uns kurz geworden – hin und herging 's scharf, aber wir legten sie nieder. Auf dem Heimweg, sechs Stunden von hier an der Waldmühle – ihr kennt sie ja – ergaben sich die mit dem rothen Fähnlein; ein Theil davon stieb auseinander; der Herzog gab unserm Herrn freundlich Urlaub und als wir abritten, rief er noch nach: Gott lohn's euch, Graf Friedrich! ohne euch wär's schlimm gegangen! da schwang der Graf sein Barettlein – ich hatt' ihm den Helm schon abgenommen – und ritt mit mir allein fröhlich von dannen, um bälder zu Euch zu kommen; der Troß sollte gemach nachzieh'n. Gräfin. Weiter, weiter – was ist's mit ihm? Hannes. Als wir eine Stund scharf geritten waren, spürten's die Gäule; des Grafens Hengst fing's hinken an. »Wollen die Bursche ein bißl ruhen lassen, zu viel ist zu viel,« sagt der Graf, sprang vom Gaul und legte sich in's Gras; dieweil lüft' ich die Sättel und gab den Roßen an einem Waldbrünnlein zu saufen. Holla, kracht's durch's Buschwerk her! s'waren Vier von den Markgräfschen; die stürmten meuchlings auf uns ein und schrie'n dabei: »Wollen dir noch die Zech zahlen, die du uns aufgerechnet hast, Graf Eichenfels! Wir zogen aus dem Leder; was wollen so ein paar Lumpen gegen des Grafens Arm und Schwert, und mein Kolben auch dazu? Wie's Wetter waren sie wieder weg, aber mein Herr strauchelt ein wenig und sank nieder; aus seiner Stirn quoll 's Blut 'raus! Herr Gott im Himmel, schrie ich! aber der Graf wollt's nit mehr hören. Gräfin. (Stößt einen Schrei aus.) Hannes. Ich lehnt' ihn an einen Baum, wusch ihm die böse Wunde mit hellem Wasser und band sie mit einem Tüchlein fest zu. Ein Glück war's, daß wir nit weit vom Köhlerwinkel waren, wo die Bauern den Meiler schüren – die kommen gleich auf mein Geschrei herbei und trugen ihn in's Dorf! da ließ ich ihn; die Pflege ist treu; ist auch gleich ein Knecht in's Kloster geritten, um den Pater Felix zu holen, der's Heilen versteht und ein guter Wundarzt ist. Ich aber saß auf, als wenn der Höllische hinter mir wär', und jagte heim, und nun thut, wie ihr glaubt, edle Frau! Gräfin. Da thut nur Eins noth! Ich muß zu meinem Friedrich; wie's auch sei. – Hannes laß mein Beiz-Rößlein aufzäumen, der Wilhelm soll auch satteln und mitreiten! Auf die Reiherbeiz geht's heut nicht! Herr im Himmel verleih die Gnade, daß ich meinen Herrn noch am Leben finde! (Hannes ab.) Margaretha. O theuere, gute Gräfin, was habt ihr für ein herbes Leid! Gräfin. Wie Gott will! – du aber sorg' mir für den Buben. Ich werde wohl ein paar Tage ausbleiben; denn, find' ich nicht einen Todten, wie ich zu Gott hoffe, bedarf's ja meiner Pflege, bis wir den Ritter auf's Schloß herbringen können. Derweil vertraue ich dir meinen Heinrich an; du sorgst ja gern für ihn, wie ich selbst. (Neigt sich über die Wiege) Leb' wohl, Herzensbub; deine Mutter segnet dich! Margaretha. Habt keine Sorge um euer Kind; ich halt's ja als ob's mein eigen Kleinod wäre! Lebt wohl; mögt ihr Alles besser finden, als wir jetzt meinen. Wie oft ist der Ritter schon verwundet worden! `s wird dießmal wohl auch nit so arg sein. Gräfin (abgehend.) Geb's Gott! Margaretha (allein.) (Schaut zum Fenster hinaus.) Arme Frau! Da steigt sie auf und sprengt fort! Der Wilhelm hinterdrein, daß das Feuer auffliegt! (Der Thurmwächter bläst.) Ja blas nur dein Stücklein zum Ausritt! Alter Narr, meinst wohl, es sei ein fröhlich' Jagen! Leg dein Horn weg und schweig lieber. Der gute Ritter! ach! wie grämt' ich mich halb zu todt, wär ihm ein Leids geschehen und müßten wir in schwarzer Woll' gehen; da wär auf lang alle Freud' aus Burg Eichenfels geschieden. – – So will ich aber das Beßte denken; Gott verläßt uns nicht! und so ein schöner, mannhafter Herr! Görg (guckt zur Thür herein.) Greth, was gibts im Schloß? Margaretha. Ei was soll's geben? Nichts Gut's. Görg. Ohe! – Grad steh' ich im Wurzgarten – Tre, Tre blast der Christoph vom Thurm herab; gleich raßelt die Kette an der Brück und 's sprengt was herein, bis ich über die Stieg vom Weiher heraufsteig und meinen Korb bei Seit gesetzt, – Tre, Tre blast 's wieder und fliegt auch schon die Frau Gräfin zum Thor hinaus. Margaretha. (Ihn nachäffend.) Tre, Tre, Tre – ja so ist's und weißt du warum? weil der Ritter zwei Meilen von hier auf dem Siechbett liegt und vielleicht an seinen Wunden stirbt. Görg. Da ist freilich kein Spaß zu machen! hätt' ich das gewußt! der arme Herr! – und denk dir aber, das paßt auch nit dazu; unten in der Schloßherberg lungern Zigeuner, ein lustig Gesindel; die fideln und tanzen, daß 's n' wahrer Jux ist! Margaretha. Jagt sie doch fort! Das Lumpengesindel will doch nur stehlen und seitabtreiben? Görg. Eine alte Hex ist dabei; die sagt aus der Hand wahr. Margaretha. Und was hat sie denn dir gesagt? Görg (wichtig.) Mir? – Ja mir – – Margaretha. Daß du ein Esel bist und bleibst. Görg. Oho! (Man hört Zigeunermusik und Geschrei.) Hörst du, da zieh'n sie ab; kannst sie von oben seh`n. Margaretha. Was geht mich das Volk an! – Ich möcht' lieber Trübsal blasen, statt den Dudlsack zu hören. Görg. Denk dir, haben auch so ein Höckerthier bei sich aus Afrika und d'rauf sitzt ein lust'ger Aff! Margaretha. Ei laß' mich mit dem Zeug und geh' deiner Wege. Görg. Auch recht! – wenn du aber willst, kannst sie da hinten beim kleinen Erker unten vorbeizieh`n seh'n. (ab) Margaretha (allein) Firlefanz, was kümmern mich die Zigeuner da unten? Man sollt solch' Gesindel nicht im Reiche dulden und wär' wohl gescheiter, wenn die Herzoge und Grafen und all' die edlen Ritter statt unter sich Krieg zu führen, zusammenhalten wollten, um dem Räuberwesen ein End zu machen, das keine Heerstrasse sicher läßt, geschweig' erst einzelne Gehöfte. (Die Musik kommt näher.) Nun geht's bald zum Thore hinaus, Gottlob! (an die Wiege) wirst wohl gar aus dem süßen Schlaf geweckt werden, Herzensgräflein? (schaut hinein) der schnarcht wie eine Säg! – da könnt ich doch ein bißl an den Erker schau'n; seh'n möcht ich doch die Bursche und gar das Höckerthier mit dem Affen drauf; bin ja gleich wieder da. (seitwärts ab.) Juta (lauscht zur Thür herein; da sie Niemand sieht, tritt sie vorsichtig ein.) Das wär das erste Mal, daß wir bei solch' vornehmen Besuch Nichts mitgenommen hätten. Gibt's da Nichts zu kripsen in so ei'm gräflichen Schloß? Kein Geschmeid, kein Linnen oder sonst was? – Den Spinnrocken laß ich stehen! Heiliger Crispin, heut wirst uns doch nit sitzen lassen! – Holla eine Kindswiegen! Könnten so ein Würmlein brauchen, wenn Eins d'rin läg. Zum Nachwuchs für unser Gelichter oder wenn's geht, gibt's gelegentlich ein hübsch Lösgeld, wenn man's nur klug anfangt. (Schlägt die Vorhänge der Wiege zurück.) Ei du allerliebster Schnack! schläfst ja zum Küssen! Du bist mir schon recht, (vorsichtig um sich blickend) Das Hausgesind gafft unten noch bei den Meinen, da wird wohl die Kindswärterin auch dabei sein. Wird mich doch Glück- und Geschick diesmal nicht sitzen lassen! So komm, herziges Käferlein! verlaß dein warm seiden Grafenbett und folg' mir in's kühle Felsenloch! Kannst dort auch schlafen. (Sie nimmt das Kind und birgt's unter ihrem Ueberwurf.) Hopsa, hopsa – nur nicht aufgewacht, damit's kein Geschrei gibt, will dir aber schon's Mäulchen zuhalten – fort, fort, sonst zieh'n sie ab und ich müßt' nachzotteln, das wär' verdächtig. (rasch ab.) Margaretha. Da bin ich wieder. Hat mich doch gefreut, daß ich's geseh'n hab. Das sind aber abscheuliche schwarze Gesichter und das Gehudel und Gedudel! (zum Fenster.) Ah, da wandern sie fort und die alte Hex läuft hintendrein, als wenn sie was vergessen hätt! So – jetzt sind sie draußen! Gute Fahrt durch's Land! – (gegen die Wiege.) Nun, Heinrich, jetzt wär's aber Zeit in den Garten hinab. (singt.) Wach auf, wach auf, 's ist Frühlingszeit, Wach auf, mein Lieb und sei bereit! Der Himmel ist so wunderblau, Die Blümlein winken auf der Au. – – (Will das Kind nehmen – sieht die Wiege leer.) (Schreit.) Herr Jesus – das Kind ist fort! Wer hat's? Wer hat's? – (ruft) Görg, Görg! Martha! Hannes! Kommt! Helft! helft! s' Gräflein ist weg! (Besinnt sich.) Ei was thu ich so? – vielleicht hat's die Martha in den Garten getragen. Wir hatten ja ausgemacht, den Abend drunten zu verplaudern, während das Kind im Grase liegt. Und doch! Ich weiß nicht, mir ist so bang, so absonderlich bang! Martha, Martha hast du den Heinrich? Martha, Martha! (ab) Ende des Vorspiels . I. Aufzug. Zigeunerhöhle. Vorne an einem kleinen Tisch sitzt Juta und flickt alte Kleider, neben ihr spielend Heinrich. In Gruppen lagern um ein Feuer, über dem ein Kessel hängt, die Zigeuner. Nach vorne Wolf und Mathes würfelnd. Wolf. Klipp, Klapp, ich hab's! Mathes (wirft.) Oho! Pasch! Wolf. Lump! wart ich krieg's doch! Mathes. So wirf g'scheut, Katzenaug! Wolf (wirft.) (hell auflachend) Sechs und Sechs! wirf besser! Mathes. Dem Spötter, ein Maulschell! (haut ihn über`s Gesicht.) Wolf (zieht`s Messer.) Bist'n Schuft, Hallunk'. Juta. Haltet Ruh, ihr Lumpen! Müßt ihr immer unsern frommen Hausfrieden stören? Wart't ich komm' euch! (hebt einen Stock auf) Ruh, sag ich, ihr Gäuche! Dem Ersten, der sich rührt, hau ich Eins auf die Diebsfinger, daß ihm das Stehlen auf vier Wochen vergeht! Wolf. Der Mathes hat angefangen. Mathes. Und Wolf hat nit aufg'hört. Juta. Ihr seid wie die Buben; s'ist n'Schand! Schaut nur meinen Herzensjung da an, der ist so sanft wie ein Lamm. Nehmt euch n'Beispiel d'ran; gelt Bübl? (herzt den Heinrich.) Wolf. Vornehm Blut! Juta. Still Bursch! – Zapft euch lieber vom Faß an, daß ihr gestern heimgebracht aus dem Kloster. Ich geb's frei – aber kein Hader! Wo bleibt denn wieder der Schnaps heut? Mathes. Der Schnaps ist ein Schlingel, ein Tagdieb; du schick'st ihn auf's Spioniren und er lungert unter den Waldbäumen irgendwo und schlaft mit dem Maulwurf um die Wett. (zapft das Faß an.) Wolf. Der Kerl braucht Prügel! he da eingeschenkt! der Kerl taugt nichts! (trinkt) der Kerl ist zu faul! (trinkt) Juta, dein' Gesundheit, alte Hex! Juta. Wart ich will dir die Hex! (haut ihm Eins über'n Rücken.) Wolf. Dank für die Bescherung! Uns wackere Männer klopft ihr und den Buben da herzt ihr, daß es eine Sünde ist – wenn's unter uns Sünden gäb. O du allersüß'stes Zuckerkind! (höhnt den Knaben.) (Heinrich weint.) Juta. Laß dich nicht irr machen, Herzkind! wein' nicht; laß die Kerls schwatzen. Du bist doch mein süßer Bub. Heinrich. Aber sie spotten und höhnen immer und ich thu' ihnen nichts zu leid. Wolf. Könnt'st auch nit, wenn du wolltest, Lungermäulchen. Juta. Ruh da! kein Wort mehr oder ich schick die Drud über euch die Nacht, daß ihr Jammer schreit. Mathes. Nein, Nein Alte! Davon wollen wir nichts wissen! Haben's schon ein paar mal g'spürt. Juta. So merkt's euch! – Holla aufgepaßt! Da kommt der Schnaps! (Schnaps tritt ein) Juta. Was gibt's draussen im Wald? Wolf. Hast du nichts für uns erschnuppert? Mathes. Keine Handelschaft zu machen, mit Kopfnüssen zahlbar? Schnaps. In der Waldschenke erfuhr ich, daß Kaufleute aus der Stadt nach Frankfurt zieh'n wollen, um Geschmeid und Langwaaren auf die Messe zu bringen. In ein paar Stunden kommen sie durch. Juta. Brav gemacht Schnapschen! Sollst für die fromme Botschaft ein gut Stück mehr haben vom Wildbraten. Auf denn, heilig Völklein! Legt euch an den Weg! Klug aber und fürsichtig! Geht nur alle mit. Ich will auch dabei sein, damit wir's gescheit machen. (Die Zigeuner brechen auf.) Wolf, du fährst links ab und du Mathes rechts seitwärts in's Geklüft, wo sie vorbei müssen. Wenn's um das Steineck geht, schneidet ihr den Vordern den Weg ab; die Andern packen hinten an. Zuerst aber braucht den Bogen. Wolf. Meine Pfeile sind frisch zugespitzt. Mathes. Und Steine gibt's dort genug zum Wurf. Juta. Ich steck mich in die verfall'ne Waldkapelle, da kann ich den Saumweg gut überschauen. Wenn ich pfeif, so geht's los. Schnaps, du hüt's Haus und sorgst für den Buben. Auf, Auf, Gesindel! (Alle ab bis auf Schnaps und Heinrich.) Heinrich. Nun laufen sie wieder fort; was thun sie denn? Schnaps Nichts Gutes, lieber Bub. Sollst es doch schon langst wissen, was da geschieht. Heinrich. Was weiß ich, armer Bub! Hätt' ich dich nicht, guter Schnaps, so war ich wie ein wildes Thier? Schnaps. Ja darum und nur dir zu lieb bin ich auch da geblieben; wäre sonst längst schon fortgelaufen. Aber du dauerst mich. Heinrich. Ich danke dir's tausendmal! Ach, wenn ich nur fort könnt' aus dem Loch; aber sie bewachen mich wie einen Schatz. Schnaps. Wie? einen Schatz? was weißt du von Schätzen? Heinrich. Hab' ich sie denn nicht oft genug vom Schatzgraben reden hören? Ach guter Schnaps, laß mich fort, führ mich hinaus in's Freie, in den schönen, grünen Wald, den ich kaum ein paarmal geseh'n hab'. Wie singen draußen die Vögel so fein! Schnaps. Du weißt's, ich kann nicht, ich darf nicht! Sie trauen mir nicht. Wenn ich allein bei dir zu Haus bleib, schließen sie von Aussen die eiserne Fallthüre und legen einen schweren Stein d'rüber und verrammeln sie. Heinrich. Aber, findet denn kein Mensch den Weg herein? Schnaps. Dafür ist gesorgt, wer würde sich durch das Gestein wagen? Ein Abgrund am andern! Das unterirdische Felsennest ist sicher und abgelegen. Und wird's bedenklich, so ziehen wir wieder an einen anderen Ort – Hätten sie mich nicht gefangen, als ich das Vieh hütete, das sie mir wegtrieben, ich hätt' auch nicht hergefunden und hätt's auch nicht gewollt. – Ach! könnt ich doch wieder ein ehrlicher Hirt sein! Mein Vieh wär mir lieber als dieß abscheuliche Volk! Heinrich. Und ich soll immer unter ihnen bleiben! Es ist erschrecklich! Wer weiß, wo sie mich herhaben, und was sie noch mit mir anfangen werden? Schnaps. Geraubt bist du worden, weiß Gott wo? du bist wohl auch ehrlicher Leute Kind! – Aber hör, ich werd' schläfrig! Mein Gang hat mich müd gemacht. Gib Ruh', denn will ich schlafen. S' wird wieder Lärm genug absetzen, wenn sie mit ihrer Beute heimkommen. Heinrich. Schlaf, lieber Schnaps; ich will mich still halten. Der liebe Gott, von dem du mir oft heimlich erzählt hast, wird uns doch einmal helfen. (Schnaps legt sich an einen Stein gelehnt und schläft.) Heinrich (ihn betrachtend.) Ja, schlaf nur deine Müdigkeit aus. Mir ist's nicht um's Schlafen. Ich armer Bub! wenn der Schnaps nicht wär, so hätt' ich keinen Menschen auf der Welt, der mich lieb hat; denn das seh' ich wohl ein, daß das keine rechte Lieb ist, die die Alte zu mir hat; und wenn der Schnaps nicht wär, so müßt ich glauben, daß es auf der ganzen Welt keine guten Menschen gäbe, sondern lauter böse und schlechte; und wenn der Schnaps nicht wär', so hätt' ich nie was vom lieben Gott erfahren; nur ihm hab' ich's zu danken, daß ich weiß, er hat Himmel und Erde erschaffen und alle Menschen und will, daß sie alle brav sind und zu ihm in den Himmel kommen, weil er der liebe himmlische Vater ist. O weh! wie traurig ist's für mich, daß ich immer unter diesen bösen Menschen sein muß! – Lieber Vater im Himmel ich bitt' dich, befreie mich aus diesem Gefängnisse! Es wäre gewiß keine Sünde, wenn ich einmal davon lief; aber wie das anfangen, da die Höhle rings umschlossen ist und keiner der vielen Gänge einen Ausweg hat? Einmal nur hört' ich die Juta zum Wolf sagen, als sie meinte, daß ich fest schlief: »Wolf, du allein weißt, daß dort am Ende des langen Ganges noch ein Loch ist, das in's Freie führt. Das ist mir zu gefährlich, denn es könnte doch einmal Einer hereinfinden, den wir nicht gern hier hätten. Geh und mach's zu; nimm alte Baumstämme und Steine und verramml's gut. Wenn wir Zwei einmal hinaus wollen, wissen's »wir doch.« So sagte die Alte zum bösen Wolf und das hab ich mir gemerkt. Jetzt, da die Andern wohl lang ausbleiben und der gute Schnaps schläft, könnt' ich doch einmal versuchen, ob ich nicht hinauskomme. Ich will das Lämpchen nehmen und den dunklen Gang hinaufgehen! Wenn der liebe Gott es will, daß ich die Freiheit erlange, so wird er mir's schon zeigen, wie ich's machen kann, und er wird mich draußen die Wege führen, die ich wandeln soll; denn ein böser Räuber, wie die da sind, will ich nicht werden. Nimmt die auf dem Tisch flehend« Lampe und will fort, wendet sich zum schlafenden Schnaps. Guter, lieber Schnaps! Wie leid thuts mir, daß ich dich nun verlasse, allein du willst und kannst mich nit fortführen! Das hast du ja eben deutlich gesagt; so muß ich denn allein entfliehen, wozu mir Gott verhelfen möge! Leb wohl! Vielleicht seh'n wir uns wieder. (Geht ab) Schnaps. (Allein.) Nach einiger Zeit erwachend. S' will nicht recht geh'n mit dem Schlafen. Ich hab Hunger und Durst; werd' schon wo einen Brocken hier finden und das Faß ist auch angezapft. (bemerkt, daß Heinrich nicht da ist.) He! wo bist du denn? Schlingel, hast dich etwa versteckt? (sucht in der Höhle umher.) Potz tausend! wo steckst du! Holla, Holla! Verschwindet im Hintergrunde. Der Vorhang fällt. II. Aufzug. Wald mit der Einsiedelei Menrads. Menrad. (aus der Hütte tretend.) Welch' ein herrlicher Frühlingstag! Wie die Sonne so schön durch das junge Blättergrün scheint! Dort ziehen Rehe still durch den Wald und die Vöglein singen ihr Morgenconcert! Wer sollte da nicht zum Schöpfer der Natur dankbar aufblicken und ihm ein Loblied bringen? Herr im Himmelreich dort oben, Laß dich preisen, laß dich loben, Der du Alles so gemacht! Der du läßt die Sonne scheinen An dem Himmelblau dem reinen, Mond und Sterne in der Nacht! Laß dir Dankgebete bringen Bei der Vöglein hellem Singen, Die auf leichten Zweigen ruh'n! Auf des Paradieses Stufen Hast dem Menschen du gerufen: »Was ich schuf, betracht es nun!« Doch der Mensch erlag dem Stolze, Bis dein Sohn am Kreuzesholze Alle Sünden auf sich nahm, Bis er wieder sie befreiet, Die da waren arg entzweiet, Ehe der Erlöser kam. Herr im Himmelreich dort oben, Laß dich preisen, laß dich loben, Daß du uns erschaffen hast! Daß du durch des Sohnes Leiden Uns aus Schmerzen führst zu Freuden, Uns gewährest süße Rast! Also ist's! die ganze Natur, meine ich immer, stimmt jeden Morgen in mein Gebet ein! Und da glauben die dummen Leute, so ein Einsiedler führe ein langweilig Leben und sei ein unnützer Bursch! Alle Menschen können und sollen freilich nicht Eremiten sein, allein wenn Einer wie ich in der Welt schon so viel durchgemacht hat, in Friedens- und Kriegszeiten, mag es ihm doch gegönnt sein, sich in seinen alten Tagen zur stillen Betrachtung und Erbauung in die Einsamkeit zurückzuziehen. Wem schadet's denn? Ich bin Niemand im Leben zur Last und wenn ich einmal sterbe, so geht auch nichts für die Welt verloren. Ich will jetzt in die Hütte gehen und meinen Morgentrunk thun, ein bischen Milch; dann geh' ich heilsame Kräuter sammeln, die der Apotheker bei mir holt; jetzt blühen deren so viel auf, daß es ringsum duftet, als ob die lieben Engelein mit dem Weihrauchfasse durch den Wald gezogen seien. (ab in die Hütte) Heinrich (mit zerrissenem Kleide, stürzt athemlos herein.) Gott im Himmel! ich kann nicht mehr – wie bin ich gelaufen! Die Angst verfolgt zu werden, hat mich gehetzt – weh mir, ich verschmachte! Mein Gott, laß mich nicht sterben! (sinkt bewußtlos nieder.) Menrad (mit einem Körbchen aus der Hütte tretend, bemerkt Heinrich anfänglich nicht) Menrad. Ah, das hat geschmeckt! was will ein Mensch mehr und Besseres als einen Schluck Milch und wenn er die nicht hat, einen Trunk aus der frischen Waldquelle? Als Kriegsknecht dacht ich meinerzeit freilich Anders! da hieß es: Wein her! Wein! – und ich war auch nicht besser d'ran als jetzt; danken wir Gott jederzeit für das, was wir haben; 's ist immer genug! – – Ei sieh! da schläft ein Knabe! Ich kenn ihn nicht; wo mag er herkommen in dieses stille Thal? Wie selten verirrt sich ein der Gegend Unkundiger zu mir! Will doch sehen (neigt sich zu Heinrich.) Was seh' ich? das arme Kind scheint krank und ohnmächtig! das ist nicht ein gesunder Schlaf, er athmet kaum. – Liebes Kind, was fehlt dir? – Er will nicht erwachen. Da muß ich helfen! Schnell frisch Wasser! (eilt ab, kömmt gleich mit Wasser zurück und netzt Heinrich's Stirn und Lippen. Heinrich bewegt sich und schlägt die Augen auf.) – Gut, Gut – das hat geholfen! Trink ein bischen, Knabe! (Heinrich trinkt und erwacht vollends aus der Ohnmacht, Menrad seht sich auf die Erde und legt Heinrich vor sich in seinen Schoß) Wie geht's nun Kleiner? Heinrich. Ich weiß nicht wie mir geschieht. Menrad. Hab' Muth! Es geschieht dir nichts Schlimmes; du bist in guter Hand. Trink noch einmal von dem frischen Quellwasser da; das wird dir gut thun. Heinrich. (trinkt wieder.) Ach das labt! ich danke schön. – Wie gut seid Ihr lieber Mann! Menrad. So – jetzt bist du wieder wohl, nicht wahr? Kannst wohl ein bischen auf den Füssen stehen? Heinrich. (versucht aufzustehen, sinkt nieder.) Ah! 's geht noch nicht armer Bursch. Bist wohl recht weit gelaufen? Und wie ist dein Gewand zerrissen! du mußt ja gefallen sein, und deine Händchen sind wund; wie dauerst du mich! Sag' was ist dir geschehen? Woher kömmst du in diesem erbärmlichen Zustande? Heinrich (richtet sich auf.) Ach! guter Mann, woher ich komm? Ich weiß es selbst nicht. Menrad. Sonderbare Antwort. Heinrich. Bisher lebte ich nur in dunklen Höhlen und sah kaum ein paar Mal das Tageslicht. Ich wüßt auch gar Nichts von der Welt draußen und vom lieben Gott oben im Himmel, wenn mir der gute Schnaps nicht heimlich davon erzählt hätte. Menrad. Deine Reden sind mir Räthsel, liebes Kind; aber sage: wer waren denn die Menschen, bei denen du dich bisher aufgehalten hast? Heinrich. Es müssen böse Leute gewesen sein, denn Schnaps warnte mich vor ihnen. Ein altes Weib pflegte mich – von allen Anderen gefürchtet. Menrad. Bist du schon lange unter ihnen gewesen? Heinrich. Ich weiß es nicht anders; aber Schnaps sagte mir, ich sei ein gestohlenes Kind. Menrad. (Für sich.) Ah, nun komm ich auf eine Spur. Vielleicht gar die Zigeuner-Bande, welche sich hier und dort im Lande umthut? (zu Heinrich.) Sage Kind waren die bösen Menschen etwa Räuber? Heinrich. Allerdings, wie Schnaps sagte und ich selbst auch beobachtete. Sie brachten oft des Nachts viele schöne Sachen in die Höhle, nicht selten auch Menschen, die sie peinigten und wieder losließen. Ach, was mußte ich Alles ansehen, während ich scheinbar am Feuer schlief! Gestern Nachts, als sie Alle fort waren, floh ich. Menrad. Gott sei's gedankt, daß du entkamst und daß dein Schutzengel dich geleitet hat! Nun komm in meine Hütte, um auszuruhen und dich mit Speis und Trank zu erquicken. Heinrich. Gern will ich's. Wenn mich nur Niemand verfolgt! Menrad. Für deine Sicherheit laß mich sorgen und sei ruhig! (Beide ab in die Einsiedelei.) Der Knappe Hannes. (Im Hereingehen in die Culissen rufend.) Halt dich ruhig Bursch! reiß nicht am Zaum, kannst an den Buchenblättern knuppern, mein Rapp! So, hab mir schier die Bein steif geritten, bin deßhalb 'n bißt abgeseß'n und hab den Rappen angebunden. Muß doch im Vorbeireiten meinen alten Kriegsgesellen wieder einmal heimsuchen. Der ist nun schier heilig worden und ich bin noch der alte weltliche Hanns mit Blechhaube und Stoßdolch – er trägt die Kapuz! Heda, Menrad, frommer Einsiedel (klopft an die Thüre) Schläfst, alter Waldvogel? Raus mit dir! wollen Eins von vergangenen Streichen plaudern. Menrad (zum Fensterchen heraus.) Ps, Ps! Mach kein so Höllenspektakel, Hannes; bei mir schläft Einer, der der Ruhe bedarf; darfst ihn nicht wecken. Hannes. Oho! mitleidige Barmherzigkeit! beherbergst etwan einen durstigen Musikanten, der im Lande herumstrolcht? Menrad (tritt aus der Einsiedelei.) Still da! Ein armer Knab ist bei mir eingekehrt. Hannes. Ein armer Knab! Woher, Wohin? Brauchen keine Buben, die ledig umherstreifen; gib mir einen Trunk, alter Gesell! Hast wohl wieder nichts als Wasser und immer Wasser! Menrad. Dir thät's wohl Noth öfter am frischen Waldquell zu schöpfen, als stets vor dem Zapfen zu liegen! Hannes. Das Wasser gehört für die frommen Einsiedel, der Wein für die frommen Knappen und sonstigen edlen Gesellen mit Helm und Schwert. Zur Zeit und da ich nichts Anderes habe, beliebt es mir meine Kehle mit Wasser zu erfrischen, denn ich bin gewaltig durstig. Menrad. Du greifst freilich nach jeder Gelegenheit, deine Leibtugend, den Durst, geltend zu machen. Hannes. Bin heut beim Frühroth schon in's Kloster hinüber geritten mit einer Bothschaft von meinem Herrn und Hab noch vier Stunden heim. Menrad. (gibt ihm zu trinken.) Da trink, geseg'n dir's Gott! Hannes. (trinkt.) Danke für die herrliche Bewirthung! Was kost's? Menrad. Spottvögel beherberg' ich umsonst. Hannes. Um Wasser werden auch die nit allzugern bei dir einkehren. Menrad. Wie's beliebt, aber nimm die Lehr' dazu: Wie Mancher wäre schon um ein Tröpflein Wasser froh gewesen. Hannes. Also war's, als wir zusammen im gelobten Land lagen, weißt's noch, alter Kamerad! Menrad. Ei wie sollt' ich's vergessen haben? die Hitze und der Durst wollten uns beinah umbringen. Hannes (singt.) Wir lagen allsammt im dürren Sand Als wie die Fisch auf trocknem Land, Schier mußten wir verschmachten: Kein Wein, kein Wasser, kein' Flüssigkeit Wohin wir schauten weit und breit. – An's Sterben nur wir dachten! (rep. zu zwei.) Auf einmal, Gott sei's noch gedankt, Ein Zug her durch die Wüste wankt, Saumthiere und Kamele! Die brachten uns den beßten Wein In vielen Schläuchen groß und klein, Das stärkte uns're Seele. (rep. zu zwei.) Wir legten uns gleich auf die Bäuch, Voll Andacht vor die lieben Schläuch, Daß uns're Herzen lachten. Zieh keiner in's gelobte Land, Der nicht stets einen Trunk zur Hand Sonst könnt er leicht verschmachten! (rep. zu zwei.) Menrad. Du bist und bleibst ein gott'slästerischer Kerl! Hannes. Und wenn ich hundert Jahr alt werd, mein Spruch bleibt: Ein guter Trunk zur rechten Zeit Hat stets ein jedes Herz erfreut! Menrad. (um sich blickend.) Still, Hanns! da seh' ich ein paar Bursche durch die Kluft kommen, die mir nit gefallen; s'könnt meinem armen Knaben gelten. Hannes. Holla! seh'n nit zum Beßten aus. Menrad. Laß uns bei Seit' treten und lauschen. (beide ab.) Wolf, Mathes (vorsichtig eintretend.) Wolf. Das ist eine Galgenhetz! Mathes. Um den Buben da! Wolf. Und wie er nur den Schleichweg zur Höhle hinausgefunden hat? Mathes. Blitz und Donner und Hagel und alle Wetterelement sollen d'rein schlagen, daß wir ihm nachlaufen müssen. Wolf. Weißt ja, daß Juta viel an ihm gelegen ist. Mathes. Bis hieher geht seine Spur. Wolf. Vielleicht hat er sich zum Einsiedel geflücht't. Mathes. Das kriegen wir bald heraus. (Hannes und Menrad springen heraus) Hannes. Das kriegen wir bald heraus! (stoßt Mathes mit dem Dolch nieder.) Menrad. (fällt über Wolf her.) Bin auch noch bei Kräften. Wolf. Vermaledeit! Hannes. (beispringend.) Haben wir euch, Halunken? Sollst leben, aber dich binden wir fest. Menrad (während sie Wolf fesseln.) So fängt man die Vögel. Wolf. 's ist keine Kunst. Hannes. Euch eure Künste zu vertreiben! Menrad. Geh' Hannes! – laß uns den Kerl in meine Klause bringen. Hannes. Und dann zum Grafen; denn die zwei sind ja von dem Gesindel, auf das wir längst fahnden. (ab in die Einsiedelei, den Wolf mitschleppend.) Ende des zweiten Aufzuges. III. Aufzug. Zimmer im Schlosse des Grafen von Eichenfels. Graf und Gräfin von Aichenfels. Graf. Theure Adelhaid! dein trüber Blick, den ich schon mit Beginn des heutigen Tages bemerkte, sagt mir, daß unsre Gedanken sich begegnen; denn auch ich bin tief bewegt. Gräfin. Du weißt es, lieber Gemahl; heute jährt es sich wieder, daß wir unsern Heinrich verloren haben! Graf. Gerade acht Jahre sind es, als ich verwundet des Abends auf die Burg gebracht wurde, daß unser Kind aus diesen Mauern verschwunden, ohne daß wir jemals seine Spur wieder auffinden konnten. Gräfin. So ist's! Gott hat durch seine Gnade und den Ablauf der Zeit allerdings unsern Schmerz gemildert; allein der Gedanke bleibt dennoch peinigend, was wohl mit Heinrich geschehen sein mag? Graf. Lieber möge er todt, als in Hände gekommen sein, die ihn auf schlechte Wege geleitet haben! Gräfin. Ach! sein Verlust muß uns immer schrecklich bleiben; weiß der Himmel, wo das arme Kind nun ist? Vielleicht Hunger und Durst und allem Elend preis gegeben! der Gedanke ist fürchterlich! Graf. Tröste dich, theueres Weib! Wo immer Heinrich sein mag, Gottes Auge überwacht ihn, sein heiliger Engel schützt ihn und unser unablässiges Gebet wird nicht verhallt sein, ohne daß der Vater aller Menschen es gehört hätte. Gräfin. Dieß ist auch mein einziger Trost, obgleich wir stets Arges befürchten mußten, da der zurückgelassene Brief der aus Angst und Verzweiflung entflohenen Wärterin Margaretha die Vermuthung aussprach, Heinrich sei von den durchziehenden Zigeunern aus der Wiege geraubt worden. Graf. Allerdings, und trotz meiner augenblicklichen Nachforschungen gelang es damals nicht, den vermeintlichen Räuber meines Kindes zu erreichen. Gott weiß, in welche Höhlen der Gebirge, in welche Tiefen der großen unwirthsamen Wälder sie sich verborgen hatten! Ein Schimmer von Hoffnung bleibt mir aber dennoch, daß die Schändlichen in Erwartung eines bedeutenden Lösegeldes doch einmal irgend eine Gelegenheit suchen werden, an uns von unserem Sohne Kunde gelangen zu lassen. Gräfin. Und warum sollte dieß nicht schon längst geschehen sein? Diese Zweifel zerfleischen mein Mutterherz und lassen mich an deiner Hoffnung verzweifeln. Graf. Wie dem auch sei; laß uns auf Gott vertrauen! Seine Fügung lenkt stets Alles zum Beßten. – Bevor ich in das Zimmer trat, erhielt ich Nachricht, daß man wieder Zigeunern auf der Spur sei, die vor ein paar Tagen einen Zug Kaufleute überfallen und ausgeraubt hatten. – Eine alte Zigeunerin, die in der zerfallenen Waldkapelle den Ausgang des Ueberfalles abgewartet, wurde von meinen Reisigen gefangen. Ich habe befohlen, daß man sie zum Verhöre hieherbringe. Entferne dich unterdessen, liebe Adelhaid. Gräfin. Ich will auf mein Zimmer gehen. (ab.) Graf (allein.) Immer und immer hoffnungslos! und wenn ich auch meine Adelhaid zu trösten suche, so ist es stets vergebens! Mir selbst baute ich nur ein Gebäude von Scheingründen auf – Vorspiegelungen der hoffenden Liebe! Mein Kind ist und bleibt verloren! Holla, wer kömmt? (Ein Knappe bringt Juta gefesselt herein.) Knappe. Hier ist die alte Hexe, edler Herr! Soll ich sie nicht gleich todt schlagen? Graf. Mit dem Todtschlagen hat's noch immer Zeit. Woher – alte Schlange? Juta. Ich bin eine arme Zigeunerin und lebe vom Bettel; der Hunger ist mein Gefährt' auf allen Wegen. Graf. Man kennt euch wohl! Bös' Gesindel seid ihr, das ehrlichen Leuten auf dem Wege lauert. – Habt's erst wieder bewiesen bei den Kaufleuten, die ihr ausgeplündert. Juta. Das gilt mir nicht; ich bin unschuldig! Graf. Mit gefangen, mitgehangen! du wärst mir die rechte Unschuld mit deinen Katzenaugen. Gestehe Alles oder ich laß dich in die Marterkammer werfen. Juta. Ach! gnädiger Herr! wir Zigeuner sind ein verstoßen Volk; was bleibt uns übrig, als zu wandern und in Wäldern zu schlafen, da uns kein Mensch aufnimmt? Graf. Das ist eure Schuld! – Fort mit dir auf die Folter! Juta (wirft sich auf die Knie.) Ach, edler Ritter, laß mich nicht foltern, ich bin ein armes, schwaches, altes Weib! Alles will ich euch gestehen; ja ich will euch mehr sagen, als ihr von mir zu vernehmen glaubtet! Nur laßt mich nicht foltern! Graf. So sprich – aber die Wahrheit! Juta. Beim maro dad, der uns heilig ist, ich spreche wahr. Aber laßt mich frei! – Acht Jahre sind's ungefähr als wir hier auf eurer Burg durchzogen und dem Gesinde Kurzweil trieben; ich stahl mich ab, da fand ich ein schönes weißes Knäblein in der Wiege. – – Graf (sie unterbrechend.) Gott im Himmel – hier ein Knäblein? Juta. Ein schönes, weißes Knäblein – ich – ich – Graf. Weiter, weiter, verfluchtes Weib! Juta. Ich – Ich – Graf. Denk der Folter! Juta. Ich nahms mit mir, weil's mir so wohl gefiel und ich wollt's lieb haben. – Graf. Mein Heinrich! Juta. Ich nahm's und zog's auf mit guten Bissen und pflegt's gut und strich ihm seine seine Sammthaut und – – Graf. Was und – –? Juta. Eben wollt ich's euch wiederbringen das liebe Kind um ein gering Lösgeld, da war's fort; fort aus unserm Schlupfwinkel, weiß nicht wohin – Graf. Verfluchtes Lügenmaul! wo ist mein Kind? Juta. Tödtet mich – ich weiß es nicht! Graf. Fort mit dir in den Kerker! s'wird sich bald zeigen, ob du's nicht weißt; fort, fort! (Knappe führt Juta ab.) Graf. Weh mir! Ein Schimmer von Hoffnung und auch der ist dahin! Meine Sinne sind schier verwirrt! Auf, Auf! – wohin aber, wohin? Ich muß wieder der Alten nach; sie muß mir auf die Spur helfen, wenn anders ihre Kunde nicht Lüge war. (ab.) Verwandlung. Burghof. Hannes mit Wolf, dieser in Fesseln. Hannes. Da sind wir, Hallunk; jetzt geht's dlr an den Diebskragen. Siehst du den Galgen da drüben auf dem dürren Anger? dort wirst du bald in den Lüften hangen und zappeln, bis dir der Teufel den Hals am Strick abgedreht hat. Wolf. Hol dich der Henker mit deinem losen Maul! Hannes. Ich hab ein loses Maul; aber dich losen Kerl laß ich nicht los; hörst du's? Wolf. Was helfen mir deine Witz- und Spitzworte? Saufen möcht' ich; die Kehle ist mir trocken wie ein leerer Krug! Hannes. Beiß dich in die Zunge, so kann'st deinen Durst mit eigenem Blut löschen! – Aber wo nur der Einsiedel mit dem Buben bleibt? Bei denen geht's freilich langsamer. Aha! da kommen sie. Menrad und Heinrich treten ein. Menrad. Gott zum Gruß! wir sind müd und matt. Heinrich. Sind wir auf des Grafen von Eichenfels Burg? Menrad. Ja, mein Kind. Zu ihm wollte ich dich ja bringen. Heinrich. Wie herrlich ist's doch hier! Menrad. Geh, Hannes! führ deinen Gefangenen hinein und melde dem Grafen, daß wir zwei da im Hofe harren. Hannes. Meinetwegen! – Komm Galgenvogel, laß dich in deinen Käfig bringen. (ab mit Wolf.) Menrad. Heinrich. Menrad. Von nun an, guter Junge, sollst du nicht mehr bei bösen Menschen in dunklen Höhlen wohnen. Heinrich. Wie froh bin ich, wenn man mich aufnimmt! Menrad. Habe keine Sorge, du bist nun gerettet für immer? Graf (eilt herein.) Der Himmel sei gepriesen! – Mein Kind! (Stürzt auf Heinrich.) Ja, du bist's, mein Sohn, es ist kein Zweifel mehr! Menrad. Hat es sich wirklich so erwiesen? Graf. Das Geständniß der alten Zigeunerin und dieß goldene Kreuzlein, das sie mit dem Kinde aus der Wiege gestohlen hatte und stets bei sich führte – Alles, Alles trifft zusammen! Mein Gott, welches Glück! Heinrich. Ich, euer Sohn? Gräfin (stürzt herein) Ja, du unser Sohn! (umarmt ihn) So hat Gott unser Flehen erhört. Preis ihm und Dank! Heinrich. Nun bin ich kein armes verlassenes Kind mehr! Ich habe liebe Eltern! Ich will gewiß recht gut und folgsam sein. Gräfin. Herzig Kind! Lieber Heinrich! Heinrich. Wenn ich nur auch den guten Schnaps hier hätte! Ihm hab' ich ja zu danken, daß ich nicht ganz verwildert wurde. Graf. Mit der Zigeunerhorde ist auch ein Hirtenjunge gefangen worden, der mit ihnen gelebt hat. Heinrich. O der ist's, wie freu' ich mich! Graf. Er soll bei dir bleiben, sein Leben lang. Allein jetzt laßt uns vor Allem in die Burgkapelle gehen. In frommer Andacht wollen wir Gott für seinen Segen danken. (Es läutet vom Kaptellenthürmchen.) Gräfin. Und ich will eine Stiftung machen für arme verlassene Waisenknaben. Menrad. Gottes Fügung wunderbar Gottes Liebe hell und klar – Alles lehrt uns, in Gedanken, Worten, Werken Ihm zu danken, Ihm, der unser Aller denkt, Unser Aller Schicksal lenkt! Der Vorhang fällt. Casperl in der Türkei. Ein constantinopolitanisches Lustspiel in zwei Aufzügen. Personen. Der Sultan Schurimuri. Mumurikarbatschi, Hofprofos. Pfeifistopfiri, Pfeifenstopfer. Mimikatzi, Leibmohrin. Kislarfagotschi, Kapellmeister. Casperl Larifari. Ein türkischer Trommler. I. Act. Gemach des Sultans. Sultan Schurimuri sitzt auf dem Thron und raucht aus einer langen Pfeife. Schurimuri. Potztausend Mond und Sternhagelelement, geht die Pfeife schlecht! Wieder nicht ordentlich geputzt! Ich muß ja zieh'n, daß mir der Athem ausgeht! beim großen Propheten Mahomet, ich bin schlecht bedient. Jetzt hab' ich dem Sclaven Pfeifistopfici erst 50 auf die Fußsohlen geben lassen und doch sorgt er nicht besser für meine Tabakpfeifen! Ich bin noch als zu gut und nachsichtig mit dem Sklavengesindel. Muß wieder ein Paar spießen lassen, dann wird's schon besser geh'n. Mumurikarbatschi! Hofprofos! herein! bring mir den Pfeifistopfici! Augenblicklich! – Ihr Hunde, ich will euch mores lehren! Mumurikarbatschi und Pfeifistopfici. Pfeifistopfici. Großer Sultan! Stern des Orients! Sonne des Occidents! Verzeih! Ich vernahm in deinem Rufe, daß du ungehalten bist! Schurimuri. Elender! warum hat die Pfeife keinen Zug? fehlt's am Röhrl? Pfeifistopfici. Allmächtigster! An meiner Sorgfalt hat es nicht gefehlt! Ich habe die Pfeife heute beim Sonnen- Aufgange geputzt. Schurimuri. Einerlei. Vielleicht war der Tabak zu naß. Kurz und gut: Es muß wieder einmal ein Exempel statuirt werden. Mumurikarbatschi! führe den Burschen in das Wichszimmerl Nro. 121, dort hat er 100 Streiche in Empfang zu nehmen und auf Stempelbogen abzuquittiren. Mumurikarbatschi. Wie du befiehlst, Erhabenster, so soll es geschehen. Fort mit dir, Sklave! Pfeifistopfici (fällt auf die Knie.) Erbarmen, großer Sultan! Verschone deinen treuesten Sclaven mit der Strafe, die er nicht verdient zu haben zu glauben sich untersteht. Schurimuri. Was? Remonstriren auch noch? – Noch Ein Wort, und ich lasse dich hängen! Pfeifistopfici. Mir! – (Ab mit Mumurikarbatschi.) Schurimuri. Es ist nicht zum aushalten! Wie hab ich mich jetzt echauffirt! Nichts als Aerger und Verdruß! Ich will meine Leibsclavin, die Mohrin Mimikatzi, rufen, damit sie mich etwas besänftige. Sie soll mir ein Lied mit Guitarre-Begleitung vorsingen. Mimikatzi! Mimikatzi! Mimikatzi (mit einer Guitarre) Was befiehlt mein hoher Gebieter. Schurimuri. Zuerst streichle mir ein wenig den Bart; dann singe mir das Lied von der Lottosblume. Mimikatzi (streichelt ihn, dann singt sie.) Einsam blüht die Lottosblume Und drei Nummern träumt sie still, Rathe, wer gewinnen will! Ach du dunkle Lottosblume, Du, der schönsten Blätter voll, Sag mir, was ich setzen soll! Und es haucht die Lottosblume In der milden Abendluft Die drei Nummern aus in Duft! Schurimuri (heftig.) Wie heißen die drei Nummern? Ich will sie in die Lotterie sehen. Ein Terno war' nicht übel. Mimikatzi (singt.) Frage nicht die Lottosblume! Wenn die Ziehung ist vorbei, Dann weißt du sie alle drei! Schurimuri. Ich will aber die Nummern vorher wissen, oder ich laß dich und die Lotterieblume köpfen. Wozu ist die Lottosblume gewachsen, als daß sie mir die Nummern vorhersagt? Mimikatzi. Großer Sultan! Das Lied ist zu Ende; es ist ein sinniger Räthselspruch aus den Weisheitsbüchern des Myrza Schaffy. Schurimuri. Dummes Zeug! Ich will keine Räthsel! fort mit dir falsche Katze! In dem tiefsten Kerker sollst du schmachten, bis dir die Nummern eingefallen sind. Fort! oder ich vergesse mich und werf' dir meinen Pantoffel an den Kopf. (Mimikatzi ab.) So hat sich denn heute Alles verschworen, mich zu ärgern! Heda! Heda! türkische Musik will ich haben. Spielt mir den Marsch von dem großen Propheten auf! Wo ist mein Kapellmeister Kislar-Fagotschi? Fagotschi (stürzt herein.) Großer Sultan, verzeihe! Die große Trommel hat ein Loch im Fell! Der Halbmond hat einen geschwollenen Backen! Die Trompeten leiden an Verstopfung! Es ist mir heute unmöglich ein Stück aufführen zu lassen! Schurimuri. Auch das noch! Beim Allah, ich möchte wüthend werden, wäre es für den Großsultan nicht unschicklich! Augenblicklich soll die Trommel gestickt werden! dem Halbmond gebe man Ueberschläge oder Schläge allein, damit er kurirt werde! Die Trompeten sollen zum Abführen einnehmen, Verstopfungen leid' ich nicht! Fagotschi. Alles soll pünktlich vollzogen werden. Doch vernimm, erhabener Sultan: So eben haben deine Wachen einen Fremdling arretirt, der in dem sultanischen Hofgarten aufgefunden wurde. Man fürchtet, es sei ein Spion. Vielleicht gewährt es dir einige Unterhaltung, ihn vor deinen allerdurchlauchtigsten Augen stranguliren zu lassen. Gut! schleppt ihn herbei, damit ich einen Spaß habe auf meinen vielen Aerger. Schnell, schnell! (Fagotschi ab.) Schurimuri. Ich wollte mir heute ein sanftes, stilles Vergnügen veranstalten; allein es scheint, das Muhamed der große Prophet es anders bestimmt hat. Gut! So will ich Blut sehen! Ah, da kommt der Fremdling; zuvor will ich mich mit ihm unterhalten. Casperl (wird hereingestoßen.) Das bitt' ich mir aus! das ist keine Manier, einen Reisenden zu so behandeln! Schurimuri. Wie kömmst du hieher! Wer hat dir gestattet meinen Hofgarten zu betreten? Casperl. Wie ich herkomm'! No das sehn's ja. Man hat mich verirritirt. Und in Ihren Hopfengarten bin ich hineinkommen, ich weiß nit wie. So auf einem Spaziergang am Phosphorus hintennüber und vornherein um's Eck. Schurimuri. Wer bist du, Hund? was wolltst du hier? Casperl. Erhabener Türkenkopf, nix will ich hier. Raus möcht ich wieder. Schurimuri. Du scheinst mir ein englischer Spion. Eine rothe Jacke und gelbe Hosen sind englische Uniform. Casperl. Die hab ich schon mit auf die Welt bracht, wie mir meine Mama g'sagt hat. Schurimuri. Ha! Verstellung! diplomatische Kniff! Casperl. Was? ein zipflomatischer Pfiff? Schurimuri. Weise deinen Paß vor! Casperl. Einen Spaß kann ich gleich vorweisen. (Macht dem Sultan eine Verbeugung von rückwärts.) Schurimuri. Was soll dieß heißen? Ist dieß englische Sitte? Casperl. Das heißt man bei uns ein Compliment von der Chocoladi-Seiten, verstanden? Schurimuri. Aha! du hast dich verrathen. Lady ist ein englisches Wort. Schurke, gestehe, oder ich lasse dich stranguliren! Wer bist du? Ich laße dich mit glühenden Zangen zwicken. Casperl. Zwicken spiel ich nit ungern, aber Tarocken ist mir noch lieber. Schurimuri (bei Seite.) Ha! er spricht von Maroko? (Laut) Edler Prinz! seid Ihr vielleicht der Fürst von Maroko, den ich längst zum Besuche erwarte? Casperl. Oho! jetzt war ich gar ein Prinz (bei Seite.) Aber ich muß ihm doch was sagen, sonst könnt's wenigstens Prügl absehen. (In Positur und affektirtem Tone) Erhabener Großtürke, ich bin kein Prinz, sondern ein reisender Professor à la botanique , ich mache in Blumen! Ich bin Doktor der Blimiblamifophie! Schurimuri. Darüber bin ich sehr erfreut. Ich habe längst einen Botanicus gesucht, zur Aufsicht über meine Hofgärten, Treibhäuser und Holländerkästen. Casperl. Ja, ich habe mich auch sehr auf die Mistbetteln gelegt, busonders habe ich mich mit der Cultur der Sommerradi buschäftigöt. Schurimuri. Diese Pflanze ist mir neu. Erklären Sie mir. Casperl. Diese Pflanze oder Radi, ist ein Worzelgewächs, welches sehr gut zum Bier schmeckt. Man schneidet dasselbe in Schoiben, welche man mit Salz zu guniessen pflegt. Schurimuri. (für sich) Dieser Fremdling scheint wirklich große Kenntniß der Botanik zu besitzen. (Zu Casperl.) Wenn sie wollen, Herr Professor, so nehme ich Sie als Hofgartenbostandschi? Casperl. Bostandschi! Was ist das für ein Thier? Schurimuri. Sie haben die Leitung der sämmtlichen Gärten und stehen im Range eines Pascha's von zwei Roßschweifen mit weißem Turban! Casperl. Ich wünschte lieber einen Federbuschen! Schurimuri. Meine Beamten tragen keine Federbüsche sondern nur Roßschweife. Casperl. Auch gut, allein ein Eichkatzlschweif würde mich noch mehr freuen. Schurimuri. Nun, von heute an bist du mein Diener! Casperl. O sehr ja! allein vor der Hand empfinde ich ein loises Gefühl von bedoitendem Hunger. Schurimuri. Beim großen Propheten! Dein gemeiner Trieb soll gestillt werden. Man führe den Hofgartenbostandschi in die Hofküche und füttere ihn. Marsch! dann wieder zu mir herauf! (Casperl ab.) Jetzt mein Glockenspiel! Ich will etwas schlummern! Der Vorhang fällt II. Act. Garten. Casperl hat einen ungeheuern Turban auf, an welchem ein Eichkätzlschweif hängt. Casperl. Also bin ich wirklich constantinopolitanischer Hofgartner! Mir wär' alles recht: Schlafen kann ich so viel ich will; z'essen hab' ich auch g'nug, aber mit dem Trinken, da sieht's schlecht aus. Nix als Lemonad und Mandelmilch! Der Wein ist in der mahonitanischen Religion verboten. Bisweilen laßt mir der Oberkellermeister ein Flaschl zukommen; denn der Großsultl sauft heimlich, was er nur grad mag; aber die Sclaven und sonstigen Unterthanen krieg'n Schläg, wenn sie sich untersteh'n, einen Wein zu verkosten. Wenn's aber Niemand sieht, g'schieht's doch; grad' als wie bei uns z'Haus mit die Fasten- Speisen. Jetzt soll ich wieder bei meine Radiplantaschen nachschau'n. Wenn ich dem Sultl in vier Wochen nicht einen Mordssommerradi auf die Hoftafel liefere, so werde ich karbatscht. Das ist aber unmöglich. Also entweder »Karbatschi« oder heimliche Flucht! Aber wie? Ueberall steh'n Schildwachen! Lauter Heiduken und Mameluken! die lassen Niemand hinaus! Holla! was kommt da? Ein Muhrin? Eine kohlpechrabenschwarze Sclavin! Ha! – – ich will sie belauschen. (Versteckt sich.) Mimikatzi. Ich unglückliche Mimikatzi! Wann werde ich aus dieser türkischen Sclaverei, befreit werden? Zwei Jahre bin ich schon hier im Serail des Sultans eingesperrt! Ein schändlicher Sclavenhändler hat mich schwarz, lakirt, obschon ich von Haus aus eine Weiße bin, weil er erfahren hatte, daß der Sultan Schurimuri eine schwarze Leibsclavin gesucht hat. O wär ich in meiner Heimath! Fänd' sich doch ein Retter, der mich entführen wollte! Casperl (stürzt ihr zu Füssen.) Der Retter ist da! Auch ich möchte entführt werden! Entführen Sie mich, dann bin ich entführt, und entführe ich Sie, so sind Sie entführt! Zweimal zwei ist vier, also sind wir nachher alle zwei entviert. Mimikatzi. Unverschämter! wie haben Sie mich erschreckt! Casperl. O schrecken Sie nicht er! weder Er noch Sie! Sagen Sie Du zu Ihrem Rötter und Ritter! Ja wir wollen Hand in Hand diese Mauern überstoigen; ein Schiff steht bereit uns aufzunöhmen und durch das schwarze Meer hinaus werde ich dich hinausschwärzeln! Mimikatzi. Edler Unbekannter! Du flößest mir Vertrauen ein. Casperl. O nein! es gibt hier keine Flöße, sondern nur Sögelschiffe – allein dennoch! – – Mimikatzi. Wer bist du, der du dich der Unschuld annimmst? Casperl. Ich habe noch keine Unschuld angenommen, allein der Augenblick ist günstig. Wenn der Mond mitternächtlich durch die Wolken bricht, wenn die Mitternachtstunde schauerlich auf den Wolken zittert, dann erwarte mich hier! Mimikatzi. Es sei? Um Mitternacht finde ich mich hier ein! Ich werde die Wachen zu bestechen suchen. Casperl. O ja! und ich werde alles Mögliche aufbieten um unerkannt zu bleiben. Ich werde mich in den dunklen Schleier der Nacht einhüllen. Ha! – laß uns nun das Nähere besprechen! Fort von hier, denn der Sultl wird jetzt seinen Abendspaziergang machen. (Beide ab.) Schurimuri. Ein recht angenehmer Abend heute Abend! Wenn nur die verdammten Schnacken nicht wären; die verderben mir immer meine Promenad. Und da hilft gar Nichts, nicht einmal das Tabakrauchen. Ich glaub' die Bestien sind den Rauch schon gewohnt und machen sich nichts mehr d'raus. Ich werde mir eine eigene Leibschnackenwache organisiren, die mir die Schnacken vertreibt. Es ist wirklich unerhört, daß ein solcher Potentat wie ich, der Großsultan, von so einem miserablen Gesindel insultirt werden kann! Vielleicht weiß der Hofgartenbostandschi ein Mittel dagegen. Holla, wo bist du? (pfeift.) Casperl. Was schaffen Euer Hoheit? Schurimuri. Schaffe du mir die Schnacken da weg. Casperl. Dös wird gleich gescheh'n sein. (Für sich.) Jetzt wär' die G'legenheit da, den Lümmel todtzuschlagen. Couraschi! (Laut.) Haben denn Euer Großtürkl noch nichts von der neuerfundenen Schnackenvertilgungsmaschin gehört? Schurimuri. In der That noch Nichts. Casperl. Ha, so warten 'S a Bißl. Dös werd'n wir gleich hab'n. (Geht hinaus.) Schurimuri. Bin doch wirklich begierig, was das für eine Maschinerie ist. Ei, ei, ei! gewiß recht sinnreich! Casperl. (kommt mit einem großen Prügel herein.) Sehn 'S, da hab'n mir's schon. Jetzt pass'n 'S auf. Wie sich ein Schnack auf Ihre Nasen setzt, nachher sag'n 'S nur: »Pim.« Schurimuri. Gut! wollen doch sehen! Aha! da ist schon so eine unverschämte Bestie. Pim! Casperl (schlägt ihn auf die Nase.) Pim! Schurimuri. Oho! das war ich! gib etwas mehr Acht! Schon wieder Einer! Pim! Casperl. Pim, Pim! (schlägt ihn zu Boden.) Schurimuri. Auweh! Das ist eine couriose Maschine! Casperl (immer zuhauend.) Pim, Pim, Pim! – so hast noch nit genug? Schurimuri. Weh' mir! zu Hülfe, zu Hülfe! der Schurke schlagt mich todt! Casperl. Pim, Pim, Pim, Pim! (schlägt ihn todt.) So – die Schnackenjagd ist vorbei! Der murt nimmer! den brauch ich nimmer zu fürchten! jetzt hol' ich die weiße Muhrin, 's kommt ohnehin gleich der Zapfenstreich. (Ab.) (Ein türkischer Trommler marschirt über die Bühne und trommelt den Zapfenstreich. Es wird Nacht. Der Mond geht auf. Es schlägt Mitternacht.) Mimikatzi. Die Stunde der Befreiung schlägt! Alles ist vorbereitet. Die Wachen sind bestochen. Wenn nur mein Retter nicht ausbleibt! Ps! Ps! Ps! (in einen Mantel gehüllt, eine große Laterne in der Hand.) Hier bin ich! – Es ist zwar sehr pressant, daß wir fortkommen, allein auf dem Theater ist es üblich, daß man vorher noch eine Stund lang discutirt und dem Publikum sagt, daß man geschwind fort soll! Also höre und fasse dich: (Deklamiernd.) Ringsum decket die Nacht mit schwarzen Flügeln die Erde, Und der schweigende Mond zittert auf bläulicher Fluth. Hier aus den Büschen vernimmst du der Nachtigall heimliches Liedchen, Und aus thaufeuchtem Gras zirpet die Grill' ihren Sang. Schlummernde Wächter auf zinnenumkränzten Thürmen dort schnarchen, Hundegebell auch erschallt, Kater auf Dächern miau'n. Fern auf den wogenden Wellen vernehm' ich der Ruder Geplätscher, Und es harret der Kahn, der uns zur Rettung bereit. Funkelnde Sterne erleuchten die Bahn auf schwankender Welle, Schweigend entflieh'n wir dem Ort; Freiheit verheißt uns die Nacht! Während der letzten Worte fällt langsam der Vorhang. Blaubart. Ein furchtbares Spektakelstück aus dem finstern Mittelalter in drei Aufzügen. Personen. Ritter Blaubart . Casperl Larifari , sein Knappe. Wolf von Bluteck , Hugo von Hohenfels , Ritter. Herr von Geldsack , reicher Gutsbesitzer von Rosenthal. Bertha , Anna , dessen Töchter. Knappen. I. Aufzug. Gemach in Blaubart's Burg. Casperl. Jetzt schlagt's grad zwölf Uhr und noch is er von der Bärenjagd nicht z'Haus kommen. Da jagt wohl Ein Bär den Andern! Nein, wenn ich das voraus gewußt hätt'; in diesen Dienst wär ich nicht, um eine Million getreten. Das ist ja ein furchtbarer Kerl, mein Herr, der Blaubart! Wer's bei dem aushalten könnt, der müßt ein'n ordentlichen Magen haben. Ein Wüthrich ist er, wie die ganze Ritterschaft des Mittelalters nicht aufzuweisen hat. Was thut er gestern wieder? Mein Colleg, der Knappe Kuno soll ihm seinen Abendtrunk bringen, stolpert im Hereingeh'n, schlagt das chinesische Porzellangeschirr zusamm', überstaucht sich den linken Fuß und fallt auf d' Nasen hin! Potz tausend Schlipperement! der Blaubart wird ganz wüthig, nimmt sein Spadir von der Wand und sticht den armen Kuno durch und durch als wie ein Rebhühnl am Bratspieß und schreit: werft den Kerl in den Burggraben! Nachher ruft er mich herein, gibt mir gleich eine G'waltsohrfeigen und befiehlt mir, ihm seinen Nachttrunk zu bringen, damit er sein' Aerger vertrinken kann. Da hat er zwölf Maß Bier g'soffen und ist in's Bett gangen, als wenn gar Nix g'scheh'n war! (Jagdhörner ertönen) Hopsa – da is er schon! Jetzt heißt's aufpassen! Was wird er heut wieder für saubere Cameraden mitbringen? Das ist immer a hübsche Geschäft beinand. (Tritte und Lärm draußen.) Blaubart und Bluteck treten ein. Blaubart. Wein her! Bier her! in Fässern! Bluteck. Ich könnte das höllische Meer aussaufen, solch ein' Durst hab ich! Blaubart. Wird's was, oder soll ich dreinhau'n, daß dir der Kopf wegfliegt? Casperl (zitternd.) Gleich, gleich, edler Ritter! (ab.) Blaubart. Das war einmal eine Jagd! der Bär hat uns warm gemacht! Bluteck. Mich hatt' er schon um den Leib und drückte mir seine Tatzen in's Zwergfell, daß mir das Blut aus den Augen spritzte! Wärst du mir nicht zu Hilfe gekommen, so wär's um mich all gewesen. Blaubart. Ich stieß ihm mein Schwert in den Bauch zu rechter Zeit noch! – Holla, wo bleibt der Kerl mit dem Wein? (schlägt auf den Tisch.) Bluteck. Du bist schlecht bedient! Mußt dem Lumpen eine Lektion geben, damit er sich besser auf die Füße macht. Blaubart Hast recht! – Weißt du was? Ich laß ihn in die Bärenhaut einnähen. Bluteck. Recht so! da gibt's was zur Kurzweil! (Casperl bringt ungeheure Humpen herein.) Blaubart. Her damit, Faulthier! Casperl. Bitt um Verzeihung; ich hab den Kellerschlüssel nit gleich g'funden! Blaubart. Was Kellerschlüssel? Marsch hinaus! (stößt Casperl hinaus und ruft zur Thüre hinaus.) Näht mir den Burschen in's Bärenfell; dann soll er uns wieder bedienen! Casperl. Auweh! Auweh! ich bitt, ich bitt! (ab.) Blaubart. Ha, ha, ha! Ist auch noch nicht da gewesen, daß ein Esel als Bär erscheint. Jetzt, Bruder, laß dir's schmecken! Stoß an! das Waidwerk soll leben! Bluteck. Das Waidwerk soll leben und der Wein soll leben! Blaubart. Komm, singen wir Ein's! (singt.) Auf, ihr Ritter, auf zur Hatz! Fürchtet keines Bären Tatz, Fürchtet keines Wolfes Zahn! Auf zur Jagd in Waldesbahn! Bluteck (singt.) Jagt den Eber, jagt den Hirsch, Jagt das Einhorn auf der Pirsch! Hussa, holla, – was da lauft! Wenn ihr heimkommt, Brüder, sauft! Blaubart. Hetzt die Gäule, hetzt die Hund' Ueber Berg- und Waldesgrund! Hussa, Holla, die wilde Jagd Stürmet durch die dunkle Nacht! Bluteck. Hackelberg ist unser Mann, Der die höllische Jagd ersann, Der da hetzt mit Ries' und Zwerg! Vivat! hoch der Hackelberg! Blaubart. Vivat! der wilde Jäger soll leben! Bluteck. Hoch, hoch! Blaubart. Die Humpen sind leer! Aufgetischt, Eingeschenkt! (Casperl in der Bärenhaut bringt wieder gefüllte Humpen. Ungeheures Gelächter der beiden Ritter.) Casperl. Da bin ich wieder, wie 'S befohlen haben. Aber das ist doch ein Bißl gar zu arg, mich in eine Bärenhaut zu practiziren; das ist ja grad als ob ich ein Narr im Zwangshemd wär'! Blaubart. Halt's Maul, oder ich laß noch die Rüden auf dich Hetzen! Ha, ha, ha! Bluteck. Jetzt magst du uns auch einen Bärentanz aufführen! Casperl. Was? tanzen soll ich auch noch, und kann kaum gehen in der engen Bärenhosen? Ich bitt' unterthänig! Blaubart. Rühr' dich Bursch! tanz, oder ich schlag dir die Knochen ab. Bluteck. Wir brummen den Bärentanz dazu. (Blaubart und Bluteck singen brummend und stampften mit den Füssen. Casperl tanzt.) Ei so tanz mein lieber Bär, Wickel wackel hin und her, Wickel wackel auf und ab In dem alten Bärentrab! (Casperl fällt hin; Gelächter der Ritter.) Blaubart. Steh auf, mein lieber Bär, und laß dir die Haut abzieh'n. Marsch hinaus! (Casperl ab.) Bluteck. Jetzt Freund, ein ernstes Wort! Blaubart. Laß los, Herzensfreund! was hast du? Bluteck. Sollst wieder ein Weib nehmen! bist jetzt schon zum sechsten Mal Wittwer; 'S wär an der Zeit das siebente zu frei'n! Blaubart. Gut gesprochen, Bruder; ich will's bedenken, obgleich mir meine sechs ersten Frauen höllisch Verdruß gemacht. Bluteck. Oder du ihnen; denn sie sind wohl Alle Gram gestorben. Warst wohl zu jäh mit ihnen. Blaubart. Firlefanz, Firlefanz! Bluteck. Wie's immer sei; für solch ehrsames Haus ziemt sich eine Hausfrau. Blaubart. Schon recht; aber wo Eine finden im heiligen deutschen Reich? Bluteck. Nimm die Rothenburgerin. Blaubart. Ist mir zu alt. Bluteck. Hol' dir die Marthe von der Mainau. Blaubart. Ist mir zu jung. Bluteck. Weißt was? Frag beim alten Geldsack an, der hat der Töchterlein zwei. Eine davon wird dir wohl taugen. Blaubart. Der Vorschlag ist nit schlecht. Holla! Bertha ist ein Jungfräulein nach meinem Sinn. Hat so zechte Vergißmeinnichtäuglein und wallend Haar wie Flachs. Bluteck. Soll ich für dich werben? Blaubart. Nein, Bruder, der Casper, so dumm er scheint, ist ein schlauer Kund; der soll mein Botschafter sein. Bluteck. Ha, ha, ha! Sonderbarer Einfall! Blaubart. Das gibt noch zuerst einen Mordspaß! Er soll als mein Brautwerber beim Alten einreiten und ich dann selbst hinter ihm drein. Und macht der Geldsack Federlesen, so raub' ich mir die Braut und du hilfst mir dazu. Bluteck. Gut so, ich bin dabei! Hand drauf; – Jetzt reit ich heim. Blaubart. Und ich lehr den Caspar seine Botschaft. Leb wohl. (Bluteck ab) Blaubart. He, Caspar! herein! Casperl (schaut zur Thüre herein.) Ich mag nit. Ich bitt um mein' Entlassung. Blaubart. Ei was, Bursch; nimm dir den Spaß nit so zu Herzen. Casperl. Ich trau mir nit 'rein, das war weiter kein Spaß für mich. Ich bin noch bocksteif. Blaubart. Bei meinem blauen Bart – 's soll dir nichts gescheh'n! Casperl. Wenn's wahr ist. (tritt ein.) Blaubart. Hör, Casper: du bist ein gescheiter Kerl, du mußt meinen Brautwerber machen. Casperl. Ein' Blaufärber soll ich machen? das kann i nit; ich hab die Färberei nit g'lernt. Blaubart. Du sollst mir eine Braut holen. Casperl. 's Kraut soll ich holen? das ist 'm Gärtner sein G'schäft. Blaubart. Hör doch! Ich will wieder heirathen und da schick' ich dich zum alten Geldsack hinüber, den sollst du fragen, ob er mir seine ältere Tochter zur Frau geben will. Casperl. Ah! da hab' ich Respekt! das ist emal eine honorable Commission. Soll ich gleich aufsitzen? Blaubart. Hol dir den alten Schecken aus dem Stall und mach dein Geschäft gut. Casperl. Aber a Geld brauch ich auch dazu. Blaubart. Da hast du sechs Batzen und dem Fräulein bringe einen schönen Rosenstrauß in meinem Namen. Casperl. In Ihrem Namen ist ja kein Rosenstrauß! Blaubart. Tölpel! Mache deine Sache fein und artig, wie sich's gehört. Ich folg dir auf dem Fuße und hol mir die Antwort und die Braut. Casperl. (Beide ab.) Verwandlung Gemach im Schloß Rosenthal. Bertha (liest.) Anna (stickt.) Anna. Du liest dir noch die Augen heraus; das ewige Lesen! Es kann dir nicht gut sein! Bertha. Schwester, laß mich! Es gibt nichts Schöneres, Reizenderes als die alten Ritterromane. Ach! wenn mich nur so ein Ritter entführen wollte! Denke dir eine schauerliche Mondnacht; Sturmgeheul ringsum, der Ritter reitet heimlich unter mein Fenster; er wirft eine Strickleiter herauf, holt mich herab, setzt mich auf seinen schäumenden Rappen hinter sich; ich klammere mich fest an ihn und wir jagen fort, fort – – Anna. Fort, fort – – und was hernach? das Ende vom Liede, daß die Entführte unglücklich würde. Bertha. Schwester, du hast keinen romantischen Sinn, du kennst nur Küche und Keller. Anna. Warum hast du die Werbung des edlen Hugo von Hohenfels von dir gewiesen? Bertha. Ei! eine gewöhnliche Brautwerbung! das war mir zu alltäglich, ich liebe nur das Außergewöhnliche. Anna. Deine extravagante Richtung wirst du noch zu büssen haben. Bertha. Verschone mich mit deinen Predigten. Ich bin ohnedieß die Aeltere. Anna. Und ich vielleicht die Klügere. Bertha. Ich verbitte mir das. Anna. Ha, ha, ha! – o du romantische Heldin! Bertha (weint.) Geldsack tritt ein. Geldsack (taub.) Berth'chen, warum weinst du? Bertha. Ich laß mich nicht verspotten. Geldsack. Was ist wieder versotten worden? Muß doch alltäglich Etwas in der Küche fehlen! Anna. Ich wollt ihr nur von ihren Thorheiten abrathen. Geldsack. Was der Braten? und ich hatte mich so auf die Hammelskeule gefreut! Bertha. Vater, Anna ist die jüngere von uns beiden und braucht mich nicht immer zu corrigiren. Geldsack. Gut, laßt den Hammel fricassiren, wenn er verbraten ist. Schmeckt auch so nicht übel. Apropos Kinder, wißt ihr was Neues? So eben ist ein Diener des Ritters Blaubart eingeritten, der mir eine Botschaft zu bringen hat. Bertha. Vielleicht eine Einladung zum Thee? Anna. Mir ist der Blaubart recht zuwider. Er hat so etwas Unheimliches an sich, und der abscheuliche, lange, blaue Bart. Bertha. Gerade der gefällt mir. Originell, abenteuerlich-ritterlich! Anna. Und hat schon sechs Weiber gehabt. Die Welt erzählt sich Arges von ihm. Bertha. Die Welt, die Welt und immer die Welt; die auch Nichts von der Romantik wissen will, wie du! Anna. Jedes hat seine Meinung. Halte du es, wie du willst; ich bleibe bei meiner Ansicht. Ich mag einmal den Blaubart nicht. Geldsack. Entfernt euch jetzt, Mädchen. Ich will die Botschaft des Ritters Blaubart entgegennehmen. (Bertha und Anna ab.) (Casperl tritt unter Verbeugungen ein.) Geldsack. Wen hab ich die Ehre bei mir zu sehen? Casperl. Ich bin des Ritters Blaubart Abgesandter. Geldsack. Ah! freut mich! ein Verwandter des Ritters Blaubart? Casperl. O nein, aber vielmehr desto weniger, jedoch einerseits hergeschickt auf dem alten Schecken. Geldsack. Ich weiß längst, daß Ritter Blaubart ein wackerer Recke ist. Was haben Sie mir von ihm zu bringen? Casperl. Zu bringen hab ich nichts, allein etwas zu fragen. Geldsack. Beklagen? wie? Sollte ich Herrn Blaubart zu einer Klage Veranlassung gegeben haben? Casperl. Schlipperement, ist der Kerl taub! Da muß ich besser schrei'n (schreit.) Ich soll Sie um Etwas fragen. Geldsack. Oho! schreien Sie nicht so, ich höre recht gut. Casperl. Brav! das hab ich gemerkt. Geldsack. Nun, womit kann ich dem Ritter Blaubart dienen? Casperl. Jetzt will ich gleich deutlicher reden (schreit:) Mein Herr möchte eine von Ihre Mamselln heirathen. Geldsack. Wenn ich weiß worin, so will ich sehr gerne meinen Rath geben. Casperl. Nix rathen allein, heirathen! Geldsack. Ich verstehe Sie nicht. Ich bitte sich deutlicher ausdrücken zu wollen. Casperl. Na, jetzt hab' ich's satt, (schreit ihm in die Ohren.) Wenn Sie so talket sind und nix versteh'n, nachher halt ich lieber 's Maul. Geldsack. Ihren Gaul hab' ich nicht gesehen. Casperl (höchst ungeduldig, schreit furchtbar.) Sie sind ein alter, tauber Esel! Geldsack. Wie? Hab ich recht verstanden? Was fällt Ihnen ein? Welche Insolenz! Casperl. Insolvenz hin, Insolvenz her! Mit Ihnen ist nix anz'fangen. Ich geh und sag's mei'm Herrn. Geldsack. Mit solch einem Flegel kann ich nicht verkehren. Ich muß mich entfernen. Ein impertinenter Kerl das. (ab.) Casperl. Was thu ich jetzt? Wenn ich dem Blaubart keine Antwort bring', so schlagt er mich zuerst todt und nachher prügelt er mich noch recht durch. Wenn ich nur an ein' Domestiken kommen könnt, um Etwas zu erfratscheln! Bertha (tritt vorsichtig ein.) Ps, Ps! Casperl. Aha, kommt schon Eine. Ps, Ps! Bertha. Sind Sie vielleicht Ritter Blaubarts Bote? Casperl (stets im affektirten Ton.) O ja, Madmoisell! Und Sie sind vielleicht Stubenmädl oder sonstiges dienendes Wösen bei Herrn von Geldbeutel! Bertha. Ich bin dessen Tochter Bertha. Casperl (mit Reverenzen.) Ha! so schoint das Schücksal mir die Hand zum Bunde sölbst entgögenzubieten! Bertha. Wie so? Sprechen Sie etwas leise, damit uns Niemand hört. Casperl. Jetzt soll ich loise sprechen und vorher hab' ich wie ein Mordbrenner geschrie'n und hat mich doch Niemand g'hört. Bertha. Ich war im Nebenzimmer und habe Alles vernommen. Casperl. Als ich Ihrem Herrn Vater in die Ohren lüspelte? Bertha. O sagen Sie, hat vielleicht Blaubart Absichten auf mich? Casperl. O ja! Er sichtigt sehr ab. Bertha. Wie glücklich bin ich, einem solchen Ritter zu gefallen. Casperl. (in seinem gewöhnlichen Tone.) Bedau're, wenn Sie heut schon niederg'fallen sind, allein ich bin jetzt vor lauter Discuriren so durstig word'n, daß ich ein ungemeines Verlangen nach dem Geldsack'schen Braustübl habe. Bertha. Kommen Sie mit mir. In der Laube am Erkerthurme können wir ungestört unser Gespräch fortsetzen und ich werde Ihnen etwas zu Essen und zu Trinken bringen. Casperl. Nicht Etwas, denn das wäre gemein, sondern Viel, vielmehr sehr Viel. Bertha. Kommen Sie! (Beide ab.) Verwandlung. Freier Platz vor dem Schlosse des Herrn von Geldsack. Es dämmert und wird allmählich dunkel. Mondschein. Blaubart. Bluteck . Blaubart. So, Bruder, jetzt sind wir da. Ich harre der Botschaft meines Knappen, den ich zu Geldsack geschickt habe. Bluteck. Ohne Zweifel wird er das Jawort bringen. Wer wollte es wagen die Hand des mächtigen Ritters Blaubart auszuschlagen? Blaubart. Ich wollte es auch Niemanden rathen. Bluteck. Wenn aber dennoch? Blaubart. Dann würde ich List oder Gewalt anwenden. Ich habe es mir nun einmal in den Kopf gesetzt, eine Tochter des alten Geldsack zu freien. Bluteck. Auch ist die Mitgift nicht zu verachten. Blaubart. Ah! da kömmt mein Bote. Casperl (mit einer Blendlaterne) Da bin ich, gestrenger Herr Ritter. Blaubart. Was bringst du für Kunde? Casperl. Nix bring ich von einem Hunde. Blaubart. Ist mein Antrag genehm? Casperl. Mit dem Alten hab ich nix ausrichten können. Blaubart. Hölle und Teufel! Casperl. Aber das betreffende Individuum scheint anbeißen zu wollen. Bluteck. Wie so? Casperl. (hochdeutsch.) In jönem öpheuumrankten Oerker, wo die Turtel- Tauben nisten, vernahm ich das Jawort der Mamsell Bertha, welche die Infamität begöhen will, sich von Ihnen entführen zu lassen. Blaubart. Ha! Wonne! Diese Nacht noch soll die That vollbracht werden. Bluteck. Ein ritterlich Abenteuer. Casperl. Jetzt passen'S auf! Wenn der Stille Mond die Mitternachtstunde schlägt und der Zeiger der Thurm- Uhr sich in die Wolken hüllt, erwartet Sie das Fräulein am hintern Kammerfenster und wird mit dem Schnupftüchel wöhen. Blaubart. Da ist nicht mehr lange zu harren. Es schlägt Mitternacht. Bluteck. Eben schlägt die Stunde. Bertha erscheint am Fenster und weht mit einem weißen Tuche. Blaubart. Und dort seh' ich schon die Flagge der Liebe. Schnell Caspar hole eine Leiter. Casperl. Ja ich weiß nit wo? Ich müßt nur einen Rauchfangkehrer begegnen. Aber 's Fräulein hat gesagt, sie wirft Ihnen den Schlüssel 'runter. Blaubart nähert sich dem Schlosse. Bertha wirft einen großen Schlüssel herab, welchen Blaubart aufhebt. Er geht in's Schloß. Casperl. Sie, Herr Ritter! Wenn der Alte was merkt, so kriegt mein Herr Prügel. Bluteck. Ha, ha, ha! Blaubart schützt sein Schwert. Casperl. Wenn's Schläg' absetzt, so lauf ich davon. Bluteck. Da kommen sie schon. Blaubart mit Bertha kommen aus dem Schlosse. Blaubart. Edles Fräulein, nun seid Ihr mein. Bertha. Auf ewig, edler Ritter! Blaubart. Meine Roße stehen hier ganz nah. Laßt euch auf den Sattel heben, durch die stille Nacht hin auf meine Burg zu jagen. Bluteck. Immer zu, edles Fräulein! Solltet ihr verfolgt werden, so decke ich Euch den Rücken. Blaubart und Bertha ab. Bluteck. So Caspar, wir reiten langsam hinterdrein. Casperl. Dank gar schön, ich werd' schon ein Hunds-Trappel reiten, damit ich eher heimkomm. Bluteck. Wie du magst. Mich dürstet nach einem Kampfe mit Verfolgern! Casperl. Wie's Ihnen beliebt, ein Jeder hat sein G'schmack. Mich durst's nach was Anderm! (ab.) Der Vorhang fällt. II. Aufzug. Halle auf Blaubarts Burg mit der Durchsicht auf einen Söller. Blaubart. Jetzt hab ich also meine siebente Frau. Ha! sollte auch diese fallen müssen? Noch keine hab ich gefunden, die nicht einen Fehler gehabt, der mir unerträglich war und weßhalb ich sie dem Tode geweiht habe. Die erste war schön aber mürisch; die zweite war nicht mürisch aber herrisch; die dritte war nicht herrisch, aber ihre Taubensanftmuth langweilte mich endlich; die vierte war nicht übel, aber sie war eifersüchtig; die fünfte hatte alle guten Eigenschaften, allein sie war häßlich; die sechste endlich konnte keinen guten Caffé machen; und alle – eine wie die andere – waren neugierig wie die Affen und dieses Laster brachte ihnen die wohlverdiente Strafe. Jetzt hängen ihre Leichen in dieser Kammer, wo ich ihnen die Köpfe mit meinem Schwerte abschlug. Ich will doch sehen, ob Bertha, der ich nun mein sanftes Herz gewidmet habe, die Probe der Neugierde bestehen wird? Es wäre mir sehr leid, wenn auch sie schwach wäre und das Opfer meiner unerschütterlichen Grundsätze würde; denn ein ächter Ritter muß seinen Grundsätzen treu bleiben und mein Beschluß steht fest, jedes meiner Weiber zu tödten, welches den Versuchungen der Neugierde nicht zu widerstehen vermag. Potz tausend! ich habe noch nicht gefrühstückt! Holla! den Kaffe will ich haben! Bertha, geliebtes Weib, wo bleibst du? Bertha tritt ein. Casperl bringt das Frühstück. Casperl. Hab die Ehre guten Morgen zu wünschen! Wünsch wohl geruht zu haben. (Ab.) Bertha. Guten Morgen, lieber Blaubart! Blaubart. Hast du gut geschlafen, mein Täubchen? Bertha. Wie im Himmel, theurer Gatte. Blaubart. Es freut mich, wenn du dich bei mir zufrieden fühlst. Ich werde auch mein Möglichstes thun, dich glücklich zu machen. Nichts soll dir fehlen. Wünsche nur, und Alles soll dir zu Gebot stehen. Bertha. Du bist zu gut, theurer Blaubart. Solch ein Glück verdiene ich wahrlich nicht! Blaubart. Ich habe bereits heute mit dem Frühesten schon an deinen Vater einen Brief geschrieben, in welchem ich wegen deiner Entführung um Entschuldigung bitte und habe ihn mit deiner Schwester zum Essen eingeladen, damit du Gesellschaft hast. Bertha. Wie so, Geliebter? Sollte mir deine Gesellschaft nicht genügen? Blaubart. Leider habe ich heute auch eine Nachricht erhalten, welche mich sogleich zu einem Geschäfte von hier abruft. Ich muß ausreiten und werde erst morgen Abend wieder zurückkommen. Bertha. O, wie leid thut mir dieß! Schon am ersten Tage unserer Ehe willst du mich verlassen? Blaubart. Es muß sein? Wir Ritter vom ächten Schrott und Korn haben ein bewegtes Leben. Daran mußt du dich gewöhnen. Mein Roß ist schon gesattelt und ich werde gleich aufsitzen. Bertha. So lebe wohl, lieber, lieber Gemahl, komme aber so bald als möglich wieder zurück zu deiner Bertha! Blaubart. Nun höre: Hier übergebe ich dir die Schlüssel zu allen Räumen der Burg. Der ist der Kellerschlüssel; dieser schließt die Vorrathskammer; der große da, sperrt meine Cassa. Das kleine goldene Schlüsselchen öffnet das Schloß der Thüre dieses Nehengemaches, welches Niemand betreten darf, als ich allein, selbst mein Weib nicht; denn ich habe darin Kostbarkeiten aufbewahrt, die kein Mensch sehen darf, den ich nicht selbst einlasse. Wage es nicht, etwa aus Neugierde aufzuschließen und in das Gemach einzudringen! Selbst dein Leben könnte in Gefahr kommen. Merk' dir's wohl! Keine Neugier! Unterdrücke den ersten Gedanken der Versuchung, welcher in dir auftauchen wollte! – Denk daran! Bertha. O, wie kannst du befürchten, daß ich deinen Befehl nicht genau befolgen werde? Ich bin gar nicht neugierig! Was geht mich dieß Gemach mit all seinen Schätzen an? Du bist mein einziger Schatz! Blaubart. Gut, wenn's dabei bleibt; allein du könnt'st dennoch in Versuchung gerathen. Bertha. Nichts mehr davon! Verlasse unbekümmert die Burg. Ich werde genug zu thun haben, alle andern Schlüssel zu gebrauchen und überall in der Burg nachzusehen. Blaubart. Thu' das, bald bin ich wieder hier. Leb' wohl! Bertha. Laß dich hinab begleiten, lieber Mann? (Beide ab.) Casperl (tritt ein, einen Besen in der Hand.) Das ist aber curios! Gestern hat er seine Bertha entführt, heut' Nacht hat er sich einen Rausch angetrunken und jetzt in allerfruh reit't er schon wieder davon. Mir ist's recht. Ich werde mich mittlerweile an das wichtige Geschäft der Abstaubung dieses Zimmers begeben. Daß wir Domestiken aber überhaupt abstauben müssen, find ich ungeheuer dumm. Erstens deßwegen, weil wir lieber gar nix zu thun hätten, als Kost und Lohn einzunehmen; zweitens, weil der Staub eigentlich überall liegen bleiben soll, damit der Mensch alleweil die Erinnerung vor Augen habe, daß er selber nix als Staub und Aschen ist. Meine muralische Betrachtung geht aber dahin aus: (singt.) Man sollte gar nicht mehr abstauben, Weil wir daran nur müssen glauben, Daß Staub wir sind bis über d'Ohren, Zu Aschen wird, was je geboren. Doch Eines muß ich stets beachten Und täglich bei mir selbst betrachten: Den Staub löscht man auf allen Straßen, Die man bespritzt mit Etwas Nassen. Drum weil ich, Mensch, aus Staub bestehe, Ist's Pflicht daß ich in's Wirthshaus gehe, Den Staub zu löschen und die Aschen, So nacheinander aus der Flaschen. Da heißt's alleweil: der Casperl thut nix als saufen, ja – weil niemand den wahren Grund dieser meiner unausgesetzten Thätigkeit einsieht. Das Trinken oder Durstlöschen ist eigentlich nur das memento muri , daß der Mensch Staub ist und wieder Staub wird, also ist nach saufologischen Grundsätzen das Trinken die Staubbewußtseinserinnerungsangelegenheit, folglich: je mehr Einer trinkt, desto muralischer ist er. Wenn Ihnen das nit eingeht, so – kann ich Sie nur bedauern und muß Ihnen meine stille Verachtung zeigen. – Da kommt die gnädige Frau! Bertha (tritt ein.) Ah, du bist ein fleißiger Diener, Casperl. Du reinigst das Gemach. Casperl. O sehr! Dieser Staubbesen kommt den ganzen Tag nicht aus meiner Hand. Er ist gleichsam das Zunftzeichen und die Standarten meines Lebensberufes – (für sich) so lang mich mein Herrschaft sieht. (Laut) Aber wie ich bemerke, haben sich Euer Gnaden auch schon fleißig umgethan im Hauswesen. Bertha. Als Hausfrau muß ich doch Einsicht nehmen von Allem, was ich zu verwalten habe. Casperl. Und der ungeheure Bund Schlüssel! Wird er Ihnen denn nit zu schwer? Bertha. Ha, ha, ha! wie könnten einer guten Hausfrau ihre Verpflichtungen zur Last werden? Casperl. Da schauen 'S einmal! Was ist denn das für ein wundernettes goldenes Schlüsserl? Das gehört gwiß zum Geldkasten, wo die Dukaten drin liegen. Bertha. Das ist der einzige Schlüssel, von dem ich keinen Gebrauch machen darf. Casperl. Oho? war nit übel! Ja warum hat ihn nachher der g'streng Herr Ritter nit lieber in sei'm Gilettaschl b'halt'n? Bertha. Das ist seine Sache. Er will es einmal so. Casperl. Das scheint mir eine reine Schicanederie und eine Buleidigung, grad so, als wenn mir Einer ein' Bierkrug zum Trinken vorsetzen thät, in dem Nix drin wär. Eine Buleidigung und Blamasch! Das thät ich einmal nit leiden. Bertha. Der Schlüssel sperrt dieß Seitengemach auf, in welches weder ich noch sonst Jemand hineindarf. Casperl. Das hielt ich nit aus, wenn ich den Schlüssel dazu hätt! So jetzt machen 'S was wollen. G'horsamer Diener. (ab.) Bertha. Eigentlich hat Casperl so unrecht nicht. Es ist in der That eine Kränkung für mich und Mangel an Achtung, die mir mein Gemahl schuldig ist. (denkt nach.) Und was könnte denn wohl in diesem geheimen Zimmer sein, welches selbst die Hausfrau, die Ehefrau nicht betreten darf? Pure Männerlaune! Ich werde gewiß stets meine Pflichten als Gattin streng erfüllen; ob es aber auch zu ihnen gehört, Launen und Willkür zu ertragen, das ist wohl sehr die Frage. – – Ein geschlossenes Gemach! Vielleicht mit alten Tabakspfeifen gefüllt, abgelegten Kleidern und dergleichen? »Kostbarkeiten,« sagte er im Weggehen! Was für Kostbarkeiten? – – Nein, es ist eine Quälerei, eine Tyrannei meines Mannes, die ich am ersten Tage unsere Ehe nicht dulden kann, nicht dulden darf; denn wie ging's dann vielleicht weiter mit mir? Seine Tyrannei würde zunehmen von Tag zu Tag und ich wäre dann bald nicht mehr Blaubarts Gattin, sondern seine Sklavin. Neugierde! – Was Neugierde? Ich bin gar nicht neugierig; allein wenn es meine Weibesehre und Würde betrifft, müssen alle Rücksichten in den Hintergrund treten. Ich will nur ein bischen durch's Schlüsselloch gucken. Vielleicht bekomm ich Etwas zu sehen von den einfältigen, geheimen Kostbarkeiten. (Sieht durch's Schlüsselloch einer Seitenthür.) Ich kann nichts unterscheiden; es ist mir wie ein Nebel vor den Augen. Das ist ärgerlich, sehr ärgerlich! Nun, was wird's denn sein, wenn ich geöffnet und mich ein wenig umgesehen habe in dem Tempel des Heiligthums. Immer und immer müssen die Männer sich Etwas vorbehalten. Es ist wirklich schändlich, wie sie uns Frauen behandeln! Gerade als wenn wir nur Mägde wären. Komm nur liebes goldenes Schlüsselchen; du sollst nicht umsonst mit den Uebrigen am Schlüsselringe hängen. Laß einmal sehen! (steckt den Schlüssel an) (Zögernd.) Wird mir doch ganz sonderbar zu Muth. Blaubart hat mir's so streng untersagt. Warum? War es nothwendig? Hätte er nur den Schlüssel bei sich behalten! – es ist und bleibt eine grausame Männerlaune! Ich wag's und habe ein Recht dazu. (Sperrt auf und tritt hinein; nach kurzer Pause furchtbarer Schrei und sie stürzt verzweifelt heraus.) Herr im Himmel! ich bin verloren! – Weh mir! weh mir! (sinkt zusammen) – – – Wie ist mir? War's ein Traum? Was hab' ich gesehen? Es ist fürchterlich! die Leichen meiner Vorgängerinnen an der Wand hangen! zu ihren Füssen ihre Köpfe! Alles voll Blut! Schauerlich! Schauerlich! (Pferdegetrappel im Hof unten.) Ach! Blaubart kömmt! Was fang' ich an? – – zusperren, zusperren! – Wenn er mich in diesem Zustande findet! wo ist der Schlüssel? wo? wo? – Ich hab' ihn fallen lassen. Schnell, schnell, daß ich wieder zuschliesse! – (Stürzt hinein und wieder heraus, den Schlüssel in der Hand) Da ist er – aber blutbefleckt! Rasch die Thüre zu! (stürzt ab, man hört Tritte) Er kömmt! weh mir! ich muß Fassung gewinnen. (Eilt hinaus.) (Blaubart tritt stürmisch ein.) Blaubart. Heda! wo ist mein Weib! Bertha, Bertha! – Warum ist sie nicht hier? – – Will doch sehen, ob auch sie mich getäuscht hat. Du sanftes Täubchen nicht wahr mein Geschäft war bald abgemacht; vielleicht zu früh für dich? (ruft) Bertha, liebes Weibchen, komm doch in die Arme deines Gemahls. Bertha (tritt befangen ein) Ei, schon zurück, lieber Blaubart? Blaubart (mit Verstellung.) Ja, liebes Weibchen! Als ich ein paar Stunden geritten war, kam mir ein Bote entgegen, der mir die Kunde brachte, daß das Geschäft abgemacht sei und daß man meiner Gegenwart nicht mehr bedürfe. Da bin ich denn heimgejagt, um baldigst bei dir zu sein. Bertha. O, wie freut es mich, daß du wieder da bist! Blaubart. So, so? Aber du bist so sonderbar. Bist du vielleicht nicht ganz wohl? du siehst blaß aus, als wärst du krank. Bertha. O nein, ich bin ganz wohl und es fehlt mir gar Nichts, lieber Mann. Blaubart. Du zitterst am ganzen Leibe. Hast du Fieber? Bertha. Nein, es ist die freudige Ueberraschung, die mich bewegt, dich so bald wieder zu sehen. Blaubart. Eine curiose Art, sich zu freuen. (Im gebieterischen Tone) Gib mir die Schlüssel zurück. Bertha (zitternd). Hier sind sie. Blaubart. Es sind nicht alle. Bertha. Ich wüßte nicht, daß Einer fehlte. Blaubart. Wo ist der goldene, der dieß Gemach aufsperrt. Bertha. Er muß dabei sein. Blaubart (immer zorniger.) Er ist nicht dabei. Her damit! Bertha (stotternd) Ei, ja, ich hatte ihn bei Seite gelegt, weil du befahlst – – – hier, da – – Blaubart. Was stotterst du (nimmt den Schlüssel) Wie? Ein Flecken darauf? Bertha. Ein Flecken? ich wüßte nicht wie? Blaubart (wüthend.) Ha, Schlange! ich weiß es! du warst ungehorsam, du warst neugierig, du hast das Gemach betreten, hast das Schicksal derjenigen gesehen, welchen du nun folgen sollst. Weh dir, Treulose! die Strafe, ist verhängt. Morgen wirst du sterben! (Bertha sinkt mit einem Schrei um.) Der Vorhang fällt. III. Aufzug. Halle wie im vorigen Aufzuge. Casperl (um seine Mütze eine große Trauerschleife.) Jetzt heißts den Kopf hängen! Arme Bertha! Unglückliche gnädige Frau! Nein, daß ich in einem solchen Trauerspiel mitspielen müßt', das hätt' ich niemals geglaubt! – Ich lauf davon! das heißt: ich thät's, wenn ich könnt, aber der Kerl laßt mich nit fort; eher schlagt er auch mich noch todt, wie er's jetzt seiner Frau angekündigt hat. Sein großes Ritterschwert hab' ich ihm schon schleifen müßen heut. Das gibt eine furchtbare G'schicht! Wenn die nicht vor's nächste Schwurgericht kommt, so ist keine Gerechtigkeit mehr auf Erden! – Auweh! da kommt sie ja ganz erbärmlich! (weint) Ich glaub's gern. Ich geh, das halt ich nicht aus. (ab.) Bertha. Anna. (Erste in Trauerkleidern und mit fliegendem Haare, auf den Arm ihrer Schwester gestützt.) Anna. Arme Schwester! setz dich hier, du kannst ja kaum weiter. Bertha. Den Tod vor mir! Furchtbares Schicksal! Solch' eine grausame Strafe für ein kleines Vergehen! Anna. Siehst du nun, wohin dich deine romantische Entführungs-Geschichte gebracht hat? Bertha. O schweige! In diesem Augenblicke – Anna. Verzeih mir. Habe Muth, liebe Schwester! Mein Brief an Hugo von Hohenfels ist jetzt in dessen Händen. Bald wird der Retter deines Lebens hier sein. Bertha. Gebe es Gott! – Wenn nicht, so muß ich sterben. Anna. Wenn die Stunde naht, welche Blaubart als deine letzte bestimmt hat, werde ich mich auf jenen Söller begeben, um die Strasse zu beobachten, auf welcher Hugo mit seinen Reisigen hieherreitet. Vielleicht wird es dir möglich, dir von deinem grausamen Gatten Aufschub zu erflehen, bis die Retter da sind und er es nicht mehr wagen wird, dir ein Leid zu thun. Bertha. Blaubart wird aber alle Zugbrücken aufziehen und alle Thore schliessen lassen. Niemand wird in Burg eindringen können. Anna. Der gute Casperl hat mir versprochen, das kleine Pförtlein aufzuschliessen, zu welchem eine geheime Hintertreppe führt. Da herein wird Hugo hieher gelangen. Bertha. Gebe es der gütige Himmel. (Man hört Schritte.) Weh mir! Blaubart: – Entferne dich schnell und verbirg dich auf dem Söller. Anna (umarmt sie.) Leb wohl! theuere Schwester! Bertha. Leb wohl! theuere Schwester! (Anna ab.) (Blaubart tritt heftig ein.) Blaubart. Noch eine halbe Stunde – – zur Ewigkeit! Bertha. (gefaßt.) Ich weiß es. Blaubart. Wenn du willst, kannst du jetzt noch in die Burgkapelle gehen, um dich auf den Tod vorzubereiten. Bertha (stürzt ihm zu Füssen.) Wenn du ein menschlich Herz hast, so erbarme dich mein! Ist denn mein Verbrechen so groß, daß es wirklich mit dem Tode bestraft werden muß? Ein Augenblick weiblicher Schwäche! Blaubart. Es bleibt dabei. Neugierig warst du, ungehorsam warst du – und dieß schon am ersten Tage unseres ehelichen Lebens. Was hätte ich am zweiten, dritten und in folgenden Tagen zu erwarten? Blaubart kennt kein Mitleid, wenn er einmal Strafe beschlossen hat. Gerade so wie du, haben es deine Vorgängerinen gemacht. Keine – wie du – hat die Prüfung bestanden. Deßhalb mußten Alle, Alle durch mein Schwert sterben. Ich übe mein Hausrecht; wer hindert mich daran? Bertha. Erbarmen, Erbarmen! Ich will dir in der Zukunft beweisen, daß ich deine Befehle zu achten weiß. Schone meiner! Blaubart. Nichts da! Was nützen mich Versprechungen für die Zukunft? Leere Seifenblasen sind es. Ich halte mich an das, was geschehen ist. Hättest du es zuvor bedacht und darnach gehandelt. Es ist zu spät. Blaubart sagt es: es bleibt dabei! Fort in die Kapelle; wenn die Glocke ertönt, so komm wieder hieher. Es ist das Zeichen zum Vollzuge der Strafe. Hörst du? Bertha. Ich höre. Gott stärke mich! (ab.) Blaubart. (Ruft) Caspar! Caspar! Wo steckt der Bursch? Casperl (tritt ein.) Da bin ich, g'strenger Ritter. Blaubart. Sind meine Befehle vollzogen? Casperl. Ja, Alles ist verlogen. Blaubart. Die Brücke aufgezogen? Casperl. Die Stücke aufgebogen. Blaubart. Die Thore gesperrt. Casperl. Die Ohren aufgesperrt. Blaubart. Daß Niemand in die Burg kann, bis ich wieder zu öffnen befehle! Auf den östlichen Thurm soll die schwarze Fahne aufgepflanzt werden. Casperl. Auf'm Thurm kann man ja nix pflanzen, die Rahnen muß man im Garten pflanzen. Blaubart. Jetzt geh! der Castellan soll läuten! (Casperl ab.) Ha! ich dürste nach Blut! Nun soll mein Kunstcabinet wieder um eine Figur vermehrt werden. Sechs hängen schon oben; jetzt kömmt die siebente dazu. Soll's etwa gar ein Dutzend abgeben nach und nach? (Die Thurmglocke erschallt.) Das Zeichen! (ruft) Mein Schwert! (ab.) Bertha tritt ein. Anna zeigt sich im Hintergründe auf dem Söller. Bertha. Anna, theure Anna! siehst du nichts? Anna (ruft herunter.) Nichts, Nichts, Schwester, seh' ich als den Staub der Sonnenstrahlen und das Gras an der Heerstraße vom Wind bewegt! Bertha. Weh mir! – ich bin verloren! Blaubart (ein großes Schwert in der Hand tritt ein.) Dein Richter naht! Fasse dich! Bertha. Nur einen Augenblick noch, ich beschwöre dich! Blaubart. Noch fünf Minuten, dann ist die Zeit um. Bertha. Anna, Schwester! siehst du noch Nichts? Blaubart. Was soll deine Schwester sehen? Anna. Nichts, Nichts, Schwester, sehe ich, als den Staub, den eine Heerde Schafe aufwühlt! Bertha. Weh mir! ich bin verloren! Blaubart. Es ist der letzte Augenblick. Nur noch zwei Minuten. Bertha. Anna, liebe Anna! siehst du noch Nichts? Blaubart. Was, in drei Guckucks Namen – was soll deine Schwester sehen? Anna. Ich sehe, ich sehe – gütiger Himmel er ist's! Bertha. Hülfe! Rettung! (fällt in Ohnmacht.) Blaubart. Wer ist's (geht auf Bertha zu) Fasse dich! (Will auf sie das Schwert zücken; zugleich stößt der Thurmwart ins Horn) Was gibt's? Was bedeutet des Wärters Zeichen? (Lärm von Außen.) Hölle und Teufel! wer wagt's? Verrätherei! Hugo von Hohenfels und Casperl dringen mit Knappen ein und stürzen auf Blaubart. Hugo. Fluch dir, elender Mörder! Blaubart. Verdammt! (will sich zur Wehre setzen, wird aber niedergemacht.) Hugo. Stirb! Teufel von einem Menschen! Blaubart. Weh! ich bin zum Tod getroffen! (Er fällt. Ein Teufel erscheint aus der Versenkung und reißt ihn unter Flammen hinab.) Hugo. Der Himmel hat gerichtet! Bertha du bist gerettet. Bertha. (aus der Ohnmacht erwachend.) Wie ist mir? Wo bin ich? Hugo. In den Armen deines Hugo, den du verschmäht hast. Bertha. O nein, o nein! Ich gehöre meinem Retter auf ewig. Anna (die herbeigeeilt ist.) Dank dem Himmel, theure Schwester! – Wo ist aber der schändliche Blaubart? Casperl. Den hat der Teufel g'holt! –Vivat hoch der Herr Ritter Hugo von Hohenfels und Fräulein Bertha sollen leben hoch! hoch! dreimal hoch! (Vortretend.) Diese Geschicht ist zwar gut ausgegangen; aber wer weiß, was ein Andermal geschieht, wenn man der Neugierd nicht widerstehen kann? Nehmen 'S Ihnen's zur Lehr, und jetzt gehen 'S nach Haus und legens S' Ihnen in's Bett! Ich wünsch recht gute Nacht! Der Vorhang fallt. Casperl als Porträtmaler. Ein malerisches Lustspiel. Personen. Schmierpinsel , Porträtmaler. Casperl , sein Farbenreiber und Stiefelwichser. Eine Madame , die sich malen lassen will. Polizei-Commissär Karrnpichler. Maleratelier mit Staffeleien und Gemälden. Casperl reibt Farben. Casperl. Tausendschlipperement, ist das eine Arbeit! da bin ich schön ankommen! Hab ein Purträtmaler werden wollen und bis dato hab ich's nur zum Farbenreiber bracht! die Kenntniß der Farben, sagt mein Herr, das ist die Hauptsach! bist du einmal mit den Farben vertraut, dann kannst du weiter schreiten! – Jetzt reib ich aber schon drei Jahr und's ist mir alleweil roth und blau vor'n Augen, daß ich nächstens einmal blind werd. Ich hab's satt. (singt.) Ich möcht einmal was Anders treiben Als immer und allweil Farben reiben; Vor lauter Farbenreiberei Werd ich noch krumm und lahm dabei! Was ist das für ein sauer's Leben, Nur Farben und kein Bier daneben! Vor Durst und Hunger werd' ich hin, Zuletzt sauf ich noch Terpentin. Mei'm Herrn, dem regent's nur Dukaten, Ich krieg kaum Einmal's Jahr an Braten; Die Farben freß ich selber z'samm, Und endlich noch die Bilderrahm! (Es klopft an der Thüre.) Aha! kommt vermutlich eine Kundschaft, die sich abportrutiren lassen will. Gut und grad recht! Mein Herr bleibt den ganzen Tag aus bei der großen Künstlerfestivität, die's dem Landschaftsmaler Eichbaum geben, weil er einen Orden kriegt hat. Nun werd' ich als Künstler auftreten und meinen Prinzipal den berühmten Purträtmaler Schmierpinsel vorstellen; laß mir aber gleich vorher Etwas auf die Hand geben, denn das ist die Hauptsach dabei. Also Kurag' Casperl! Herein, herein! (Eine ältliche aufgeputzte Madame tritt ein.) Habe ich das Vergnügen, den berühmten Herrn Schmierpinsel zu treffen? Casperl. (in affectirtem Hochdeutsch.) Ja und vielmehr sehr ja allerdings! Ich bin nicht so fast Schmierpinsel als berühmt und deßhalben zu einem so außerordentlichen Renomage gelungen, daß ich alle diejenigen für ungeheuer dumm zu halten Gelegenheit gefunden habe, die sich nicht von mir haben ab- und anschmieren lassen. Madame. (Für sich) Welch' sprudelnde Genialität! eigenthümlich und originell! (zu Casperl) wie sehr bin ich erfreut, den größten Künstler seines Zeitalters kennen zu lernen! Casperl. Dünstler hin, Dünstler her! Mein Beströben geht vorzüglich da hinaus oder vielmehr da hinein, wo das Bedürfniß zur Menschheit spricht und der Verstand still zu stöh'n anfangen möchte! Ich bin nehmlich ein Genie! – Aber, was steht Ihnen zu Diensten, Madame! Madame. Ich wünsche mein Porträt von Ihrer Meisterhand ausgeführt. Casperl. Ich bedauere Sie nicht ausführen zu können, denn ich muß zu Haus bleiben; allein – Madame. Sie scherzen! Casperl. Ich schwärze nicht; denn man braucht auch andere Farben zum Malen als schwarz, insoferne der Purträtgegenstand nicht ein afrikanischer Mohr ist. Madame. (Für sich) Wie liebenswürdig humoristisch! – (zu Casperl) Wann könnte ich die erste Sitzung haben? Casperl. Die erste Schwitzung können's gleich jetzt anfangen. Platzen Sie sich nur gefälligst auf diesen Stuhlsessel. Madame. In welcher Stellung werden sie mich auffassen? Casperl. Erstens in keiner Stellung, weil sie nicht stehen, sondern sitzen, und zweitens weder auffassen noch viel weniger anfassen. Madame. Ich meine: welche Position Sie wählen? Casperl. Nix Oposition, da wird nix draus! Madame. Versteh'n Sie mich denn nicht, als Mann vom Fach? – Von welcher Seite werden Sie mich malen? Casperl. Jedenfalls von vorn. Madame. (Für sich) Sonderbar! Jeder Künstler muß doch seinen Sparn haben! Casperl. Was? zum Narren haben? das verbitt' ich mir. Madame. Verzeih'n Sie, Herr Schmierpinsel; Sie haben mich mißverstanden. Casperl. Wenn Sie eine Miß sind, so müssen Sie jedenfalls eine Engländerin sein und die können recht blechen, was mir sehr angenehm ist – – Oha! jetzt hätt' ich mich beinah verschnappt! Madame. Wie meinen Sie das? Casperl. Nemlich so oder so: Vor ich zu malen anfang, werd' ich Sie um einen baaren Vorschuß für Farben, Leinwand und Terpentinöl ersuchen; sonst fang' ich gar nicht an. Madame. Zweifeln Sie an meiner Noblesse? Casperl. Nobleß hin, Nobleß her! das ist einmal bei mir der Brauch, wenn sich Jemand will malen lassen. Madame. Es kömmt mir darauf nicht an. Wie viel wünschen Sie? (zieht die Börse hervor.) Casperl. (Für sich) Zwölf Paar Bratwurst machen 48 Kreuzer, 8 Maß Bier – 45 Kreuzer, 6 Batzenweckeln 24 Kreuzer, 2 Pfund Käs 32 Kreuzer – und noch was dazu – (laut) no geben S' mir halt fünf Gulden. Madame. (Für sich) Ein sonderbarer Mensch! Mit Künstler- Naturen muß man Nachsicht haben. (Zu Casperl) Hier haben Sie zwei Ducaten! Casperl (macht einen Freudensprung.) Juhe! – (besinnt sich) Verzeih'n S' Madame; es kommt mir manchmal so ein lustiger Humor an. Madame. Sie sind eben ganz Naturkind, Künstler in ursprünglicher Originalität. Casperl. Meine Uhr hat keinen Sprung; denn ich bin Nichtbusitzer einer Uhr. – doch, wenn'S gefällig ist, so wollen wir anfangen. Madame (setzt sich.) Vermutlich werden Sie mich zuvor skizziren? Casperl. Wie? sprizziren? Wir malen nicht mit Spritzen, sondern mit Bemseln. (hochmüthig) Nur gemeine Zimmeranstreicher budienen sich bisweilen der Spritze zum Marmoriren. Madame. Machen Sie einstweilen den Contur? Casperl. Das begreift sich, daß ich Sie nicht ohne Montur purträtire. Madame. Wie finden Sie mein Profil? Casperl. O, sehr viel! Madame. Man hat mir schon öfters das Compliment gemacht, ich hätte ganz griechische Züge. Casperl. O ja! wenn die Falten, die Sie im Gesicht haben, griechisch sind, so hab' ich nix dagegen. Madame (gereizt.) Ihr Künstlerhumor fängt an, etwas insolent zu werden! Casperl. Insolvent bin ich immer; denn ich hab nie ein Geld. (Er hat mittlerweile einen abscheulichen Kopf mit Eselsohren auf die Leinwand gezeichnet.) Madame (aufstehend.) Laßen Sie mich doch einmal den Entwurf sehen. (Besieht das Bild). Schändlich! schändlich! – das ist empörend! Wie konnten Sie es wagen – –? Casperl. Halten Sie's Maul, Madame! Mein Vorschuß hab' ich und jetzt können's abmarschiren! Madame. Ihr Benehmen ist unerhört! (gibt ihm eine Ohrfeige.) Casperl. Für die Abschlagszahlung dank ich! (Er nimmt das Bild und schlägt es ihr über den Kopf.) Madame. Hülfe, Hülfe! (Nach einem Handgemeng stößt sie der Casperl hinaus.) Casperl. So, die hat ihr Purträt und ich meine Ducaten. Jetzt nur gleich in mein eigentliches Attulier – nemlich in das Wirthshaus! Unterdessen kommt wohl mein Herr nach Haus und wird seinen Künstlerfestrausch ausschlafen. Juhe! Prrrrrr! (ab.) Maler Schmierpinsel tritt ein. Schmierpinsel. (sinkt auf eint« Stuhl hin.) Der Gram tödtet mich noch! Ich möchte vor Neid bersten! diesen Eichbaum so zu erheben! Ein Landschaftsmaler, der nur Ochsen und Schafe als Staffage malt, während ich die menschliche Individualität wiedergebe! O es ist schändlich! Eichbaum mit dem Verdienstorden des »goldnen Pinsels« geschmückt und ich noch nicht! Vergebens also habe ich die Frau Ministerin mit ihren vier häßlichen Fratzen gemalt! vergebens den alten Präsidenten mit seiner Burgundernase um einen Spottpreis! Alles umsonst! und dieser Eichbaum ist durchgedrungen! Ha! vermuthlich weil seine Schwester Kammerjungfer der Ministerin ist. So sind aber die Menschen! Wahres Verdienst, ächte Genialität übersehen sie aus Nebengründen; Mittelmäßigkeit, die sich zu schmiegen weiß, erheben sie! Ich möchte meine Pallette zerbrechen und meinen Pinseln oder mir selbst die Haare ausreissen! (Es klopft.) Weh mir! in dieser Stimmung einen Besuch! – Herein! (Polizei Commissär Karrnpichler tritt ein. Er stottert) Schmierpinsel. Wen habe ich die Ehre, bei mir zu sehen? Polizeicommissär. I-i-ich bin der Po-po-po-lizei-Commissär Ka-ka-ta-karrnpi-pi-pi-pi-pichler. Schmierpinsel. Was steht einer hohen Polizei zu Diensten? Polizeicommissär. Ma-ma-ma-man hat in Erfa-fa-fahrung gebrrr-racht, da-da-daß Sie eine Da-da-da-dame mißhandelt haben. Schmierpinsel. Wie? ich – eine Dame mißhandelt? Wie kann die Polizei so Etwas von mir muthmaßen? Polizeicommissär. Das Ge-ge-ge-richt mu-mu-mu-muthmasset nie, es weiß Alles gewi-wi-wi-wiß! Ma-ma-man hat A-A-A-Anzeige erhalten. Schmierpinsel. Wer hat es gewagt mich zu verläumden? ich bitte um Beweise. Polizeicommissär. Die Be-be-be-Beweise sind, daß die Da-Dame selbst Anzeige gema-ma-macht hat und einen E-ee-eselskopf in die A-A-A-Amtsstube gebracht hat! Schmierpinsel. Was habe ich mit dergleichen zu thun? Was geht das mich an, wenn eine Dame mit einem Eselskopf auf die Polizei kömmt? Polizeicommissär. Die Dame behaupte-te-te-te-te-te, daß Sie diesen E-e-selsko-ko-kopf als ihr Porträ-trä-trä-trät gemalt und sie dann zur Thü-thü-thü-Thüre hinausgewo-wo-wo-worfen haben, und ich bin beauftragt, Sie deßwegen zu arre-re-re-re-retiren. Der Herr Po-po-po-po-polizei-Direkto-to-to-tor wird selbst die Co-co-co-co-confronta-ta-ta-ta-tion vornehmen. Schmierpinsel. Gut, ich bin bereit. Gehen wir! (Beide ab.) Casperl. (kömmt betrunken aus dem Wirthßhaus zurück.) Unter allen Künsten ist doch die Trinkkunst die erste, denn bei der geht Alles in den Menschen hinein und man hat Etwas davon und müd wird man auch nit dabei. Ma' setzt sich ruhig nieder und trinkt nacheinander still fort und wenn der rechte Arm vom heben müd wird, so nimmt man den linken, und so kann Einer alleweil abwechseln! Wenn's für die Kunst eine Belohnung gab, da bekam' ich gewiß den ersten Preis; aber das ist noch keinem Potentaten eing'fallen, eine solche Kunst zu belohnen! diesen Hebel der Industrie läßt man unbelohnt! Wenn aber die Kunst verloren ging, nachher möcht' ich wissen, wie's mit Wein- und Bierfabrikanten stund! Ich werd über die G'schicht eine Abhandlung schreiben und die schick ich an eine Nudlversität ein; vielleicht haben die Herren doch ein Einsehen und geb'n mir a Prämie. Ich hab schon oft g'hört, daß die Professoren selber der Kunst nit Feind sind, wenn's d'rauf ankommt. Aber wenn ich nur's Schreiben könnt'! Da laßt's mich sitzen. So muß ich halt meine gelehrte Abhandlung Jemanden dictiren. Der Hausknecht vom »silbernen Kübel« drüben, der kann schreiben und hilft mir schon aus der Noth! (Schmierpinsel tritt ein) Casperl. Aha, mein Herr! G'horsamster Diener. Wie haben's Ihnen unterhalten beim Künstlerfest? Schmierpinsel. Nichts davon. Ich habe mit dir ein Wörtchen zu reden. Casperl. No, so reden S' halt. Wir haben schon oft miteinander discurirt. Schmierpinsel (nimmt ihn beim Ohr.) Was hast du wieder getrieben, während ich fort war? Casperl. Nix hab ich getrieben, Ich hab nur Farben g'rieben. Schmierpinsel. Laß deine Späße! Ich weiß Alles. Casperl. No, wenn S' Alles wissen, warum fragen S' nachher? Schmierpinsel. Welch' empörendes Benehmen hinter dem Rücken deines Herrn! Casperl. Hinter Ihrem Rücken war ich gar nit; während Sie gegessen und getrunken haben, hab ich gehungert und gedurst't; denn wenn ich hinter Ihren Rücken g'wesen war', so hätten S' mir vielleicht auch ein' Bissen oder ein' Schluck zukommen lassen, also hab' ich aber hinter Ihrem Rücken gar Nix anfangen können, weil ich Ihren Rücken gar net g'sehn hab. Das ist eine pure Verläumdung hinter seinem Rücken so einen treuen, ordentlichen Dienstboten, wie ich bin! (fängt zu weinen an) das hab ich nicht verdient, das thut mir weh. Schmierpinsel. Es kann aber nicht anders sein. Wer sollte denn in meiner Stube gewesen sein, als du? Casperl (weint immer heftiger.) Ich weiß gar Nix, als daß ich ein armer, verstossener Dienstbot bin. Ich kann bei Ihnen nimmer bleiben. Schmierpinsel. Aber Casperl, sei gescheit! War denn während meiner Abwesenheit nicht eine Dame hier? Casperl. Ja! Schmierpinsel. Und was ist gescheh'n? Casperl. Ihr Purträt hab' ich gmacht. Schmierpinsel. Aha! jetzt kommt's heraus! Casperl. Was kommt heraus? Schmierpinsel. Deine Narrheit, deine Grobheit! Casperl. Oho! 's ist erst die Frag: wer grob war. Meine Höflichkeiten nehmen die Leut halt für Grobheiten, das ist nit meine Schuld. Schmierpinsel. Kurz und gut. Man wird deinen Schlingeleien und Flegeleien ein Ende machen. Ich erwarte den Herrn Polizeicommissär und der wird ein Protokoll mit dir aufnehmen und du wirst der Strafe nicht entgehen. Casperl. Mir ist's recht; denn ich bin unschuldig. Schmierpinsel. Das wird sich zeigen. (ab.) Casperl (allein.) Jetzt heißt's Schlag kriegen, oder sich 'rauslügen; und geht's gar nit, so schlag ich den Commissarius todt und lauf nachher davon. Da kommt er schon! Polizeicommissär Karrnpichler. Casperl. Polizeicommissär. Ah, Monsieur Casperl, ko-ko-ko-kommen wir wie-wie-wie-wieder einmal zusammen? Casperl. Freut mich ungemein; (für sich) der Kerl red't aber! Polizeicommissär. Ich we-we-werde jetzt ein Prrrrrrotokoll aufnehmen mit Ihnen. Casperl. Gut! so nehmen Sie halt ein Prrrrrrotikoll auf. Aber was ist denn eigentlich ein Prrrrrrotikoll? Das müßen's mir zuvor expluciren. Polizeicommissär. Das we-we-we-werden Sie gleich sehen, Monsieur Casperl, – wa-wa-was ist das. (Zieht Papier, Feder und Tinte heraus und fängt zu schreiben an) Casperl. No, da bin ich aber begierig! Polizeicommissär. Zuvor Na-na-na-na-namen und Sta-sta-sta-stand. Casperl. Das versteh ich nit. Polizeicommissär. Wie-wie-wie- Sie heißen? Casperl (ihn nachäffend.) Ich heiße Ca-Ca-Ca-Ca-Casperl Larifari. Polizeicommssär. La-La-La-La-Larifari. Weiter: Stand –das heißt: Wa-wa-wa-was Sie sind? Casperl. Wa-wa-wa-wa-wa-wartens a bißl; da muß ich mich erst b'sinnen – – – – Polizeicommssär. Nun, wi-wi-wirds bald? Casperl. Ich bin Budlbienter beim Herrn Maler Schmierpinsel und privilegirter Farbenreiber. Polizeicommssär. Gut! – Gebo-bo-bo-boren? Casperl. Allerdings, sonst war ich nicht auf der Welt. Polizeicommssär. Ich frage wo-wo-wo-wo-und wa-wa-wa-wann? Casperl. Halten's, daß Ihnen's Radl nit laufend wird! Ich bin ein sogenanntes Findelkind; meinen Vater hab ich net gekannt und meine Mutter hab' ich nit g'sehn. Der Ort meiner Geburt liegt zwischen St. Niklas und Nimmermannstag, grad eine Viertelstund hinter dem ersten April. Polizeicommissär. Ma-ma-ma-man verbittet sich alle Spasse vor Gege-ge-gerichtspersonen. Casperl. Ich mach aber kein G'spaß. Polizeicommissär. Wie-wie-wie-wie verhält sich der Vorfall mit der Dame, die sich bei Ihnen hat ma-ma-ma-malen wollen la-lassen? Casperl. Die G'schicht war so: da hab ich einen Pinsel genommen, (er nimmt einen großen Pinsel) und hab'n in eine Farb eintaucht (tunkt den Pinsel in Farben) und hab die Madam abgemalt, wie jetzt den Herrn Po-po-po-polizeico-co-co-commissär. (Schmiert dem Polizeicommissär das Gesicht voll Farbe.) Polizeicommissär. No-no-no-no, wa-wa-wa-was ist denn da-da-da-das – –? Casperl (immer schmierend.) Jetzt machen S', daß hinauskommen, miserabler Protokollist, sonst schütt ich Ihnen auch noch den Terpentin über'n Kopf! (Balgerei, der Polizeicommissär entflieht.) (singt) Trallirala, trallirala, Zu was wär'n denn die Farben da? Jetzt bin ich schnell ein Maler wor'n, Hab g'malt den Kerl bis über d'Ohren! Ich geb das Farbenreiben auf, Pallett und Pinsel mir gleich kauf! (zum Publikum) Und woll'n Sie schön bemalet sein, So kommen's nur zu mir herein! Der Vorhang fällt. Dornröslein. Romantisch-humoristisches Märchen in drei Aufzügen. Personen König Purpur. Königin Hermeline , dessen Gemahlin. Prinzessin Röslein , ihre Tochter. Minnamunt , ein Königssohn. Lautenklang , Dichter. Christoph , dessen Diener. Die gute Fee, Sconea. Wiltrud, Scohlint , böse Fee'n. Eine alte Frau. Ein Herold. Der Riese Schlafdorn . I. Aufzug. Romantischer Wald. Lautenklang mit einem Lorbeerkranz geschmückt tritt ein, Christoph folgt ihm. Lautenklang. Sei mir gegrüßt, o Wald romant'scher Dichtung, Wo mystisch Dunkel oder helle Lichtung Dem Eingeweihten je nach Stimmung winkt! Gegrüßt seid Tannengrün und schlanke Buchen, Bei euch will ich die inn're Ruhe suchen, Wenn müd' gehetzt der Leib auf's Moos hinsinkt. Umarmt mich, schlingt um mich die üpp'gen Zweige, Wenn ich mein Haupt ermattet auf euch neige; Versenken will ich mich in's tiefe Grün; Zur stillen Klause soll der Wald mir werden, Daß ich vergessen kann die irdischen Beschwerden, Vergessen all' den Tand mit seinen Müh'n. Christoph. Auch recht, nun sind wir einmal wieder im beliebten grünen Wald – immerhin eine Abwechslung mit dem Stubenhocken! Allein ob da heraußen oder ob dort drinnen, überall sperren wir das Maul auf. Ihr, mein theurer Herr, um Lieder zu singen, ich meinerseits um, in Ermanglung von etwas Anderem, Mücken zu schnappen. Vielleicht fallen mir hier doch ein paar reife, lebensmüde Haselnüsse in den Rachen, die einigermaßen meinen ausgehungerten Verdauungs- Werkzeugen Beschäftigung geben. Was hab ich an Euern schönen Poesien? Das sind nur Luftbilder und Träume, von welchen kein mit Vernunft begabtes zweibeiniges Thier satt wird! Lautenklang. Weh mir! unsäglich ist mein inn'res Leiden, Vergebens such' ich längst nach einem Stoff, Nach einem Stoff, der sich zum Drama eignet; Bisher schuf ich nur immer Lyrisches: Sechs Bände liegen auf in allen Laden, Doch hat der Lesekreis längst g'nug daran; Dramatisches verlangt von mir die Welt, Und bring' nicht bald ein Stück ich für die Bühne, So ist's gescheh'n um meinen alten Ruhm. Schon will der Kranz auf meinem Haupte welken, Ein Blatt um's andere wird dürr und bleich, Und endlich steh' ich da mit kahlem Scheitel – Wohl selber gar vergessen und vergriffen! Christoph. Das war einmal ein vernünftig Wort! Der Stoff, ja der Stoff! der ist und bleibt die Hauptsache. Allein unsere Ansichten darüber sind sehr verschieden. Mit Euerm Stoff locke ich keinen hungrigen Hund unter dem Ofen heraus; aber mein Stoffbegriff ist praktisch. Stoff, wie ihn unser lieber Herrgott geschaffen hat; Stoff der zur Erhaltung der Menschheit da ist: Eßbares, Trinkbares und dergleichen. Ich will Euch Euern Stoff lassen, laßt Ihr mir den Meinen, oder gebt mir vielmehr Solchen. Aber Euch scheint der Stoff in jedweder Beziehung ausgegangen zu sein; denn wir hungern alle zwei, so daß wir nächstens zum Urstoff zurückkehren und Speise der Würmer werden, wenn es nicht bald anders kömmt. Ich halt's nicht mehr aus; ich werd' so dünn wie ein Blatt Papier; dann könnt Ihr wirklich auf mich selbst einen Reim schreiben. Lautenklang (in sich versunken) Wohin, wohin soll ich das Dichterauge wenden? Historisches ist ziemlich abgethan; Verlassen ist auch der romant'sche Boden, Man liebt die Märchen nimmer und dergleichen; Hat Classisches sich nicht auch überlebt, Seit Göthe seine Iphigenia schrieb? Der Dichter soll nach Realistik greifen Und auf culturhistor'schem Felde schweifen. Woher dieß nehmen, da die Phantasie, Gewohnt in duftigen Räumen auszuschweben, Nicht gern den Pegasus zur Erde senkt Und lieber ihn durch lichte Höhen lenkt? Ihr Musen und ihr Nymphen dieses Haines, Die ihr im Abendgolde über Wiesen schwebt, Helft, wenn ihr je den euern mich genannt, Wenn ihr mich je als Dichter habt erkannt! (Ab) Christoph. Da geht er wieder! Wenn es aber so fort geht, so geht mir die Geduld aus, und ich werde aus dem Dienst gehen. War er mir nicht den Lohn seit zwei Jahren schuldig, so wäre ich schon längst wieder mein eigener Herr und könnte mich auf mich selbst verlassen; allein besagter Umstand versetzt mich in die Nothwendigkeit, als ein lebendiges Schuldenregister ihm auf allen Schritten zu folgen und mich an seinen poetischen Brocken zu nähren, die er hie und da fallen läßt. Nun will ich unter einem schattigen Busche meinen alten Freund den Schlaf suchen, damit er mir meinen Erzfeind den Hunger vertreibe; bisweilen aber hält der leere Magen Schildwache und läßt den Freund nicht herein! O Elend und Jammer! Und dieß soll die Poesie des Lebens sein, daß immer Etwas zu hoffen bleibe! Mit der Hoffnung aber hat sich noch kein Mensch auf Erden seinen Hunger g'stillt! (Ab.) (Wiltrud, Scohlint sich begegnend.) Scohlint. Wiltrud, auch du bist nicht zum Fest geladen? Wiltrud. Wie du! Man hat uns Beide, scheint's, vergessen. Scohlint. Ei was, vergessen? nein! man hielt uns zu gering. Wiltrud. Sind wir nicht auch so gut wie all die Andern? Scohlint. Och meint' es wohl: denn als zu der Berathung Auch wir zum König waren eingeladen Mit allen Fee'n des Landes, auszusinnen Ein Mittel, daß ein Kind ihm werd' geboren. Weil die Frau Kön'gin keine Hoffnung gebe – – Wiltrud. Als mit den And'ren wir zu Rathe saßen, Ward uns're Stimme wichtig auch befunden. Ich rieth zu jenem Kraut – – Scohlint. Und ich, du weißt es, Lieh meinen mag'schen Stein, bewährt nicht selten Zum Segen für die kinderlosen Eh'n. Wiltrud. Nur, weil wir Feeen sind des zweiten Ranges, Hielt man uns ferne von dem Jubelfeste, Wo nun die And'ren alle sich ergötzen, Für ihre Künste Huldigung empfangend. Scohlint. So ist's und ungestraft soll dieß gescheh'n? Was meinst du? Wiltrud. Zum Gespött sind wir den And'ren, Daß uns der König Purpur nicht geachtet; So mög' entgelten er's an seinem Kind. Beschenkt ward's Töchterlein, das heißersehnte, Mit vielen Gaben von den Zauberinnen. Nun wohl! da wir zum Fest nicht sind geladen, Laß uns statt Segen Fluch als Weihe spenden! Scohlint. So sei's und sorgsam wollen wlr's bedenken. In meine Höhle komm, dort das Orakel Des alten Satanas klug zu befragen. Den Kessel füllen wir mit giftigen Kräutern, Mit Schlangenfett und Salamandergeifer. Wiltrud. Ein Büschel Haar' riß gestern ich am Galgen Vom Haupte dem Gehängten und dem Mägdlein, Das sich aus Gram ertränkt, schnitt aus dem Leibe Das Herz ich, zwei bewährte Zaubermittel, Des Teufels Spruch aus Gischt und Dampf zu lesen. Scohlint. Fort denn! Es mag sich unsre Kunst bewähren! (Beide verschwinden) Lautenklang (stürzt heraus.) O Wonne! Gunst der Musen, ich erkenn' es, Hat heute mich in diesen Wald geführt. Was diese bösen Fee'n hier besprachen, Ist eines Drama's herrliche Gestaltung. Nun rasch der Spur nach! nimmer will ich säumen, In den Pallast des Königs einzudringen. Dort ist der Schauplatz für die ganze Handlung; Dort muß der Stoff sich bald zum Knoten winden! (zu Christoph) Komm Freund, bei König Purpur mich zu melden; Ich folge dann, als Dichter angekündigt; Zum Hofpoeten mag er mich ernennen Und zum Leibnarren dich! Komm laß uns eilen! (ab.) Christoph. Wie? mich zum Narren? mich traurige, ausgehungerte Figur? die beiden Hexen haben ihn närrisch gemacht, wie es scheint. Allein – – dennoch wär's zu bedenken. Ein würziger Rauch duftet mir jetzt schon aus dem Kamine der Königsburg entgegen. Kommt! laßt uns den Spuren des Stoffes nachgehen, denn das Schloß eines Königs muß jedenfalls in gutem Geruch stehen. Ich werde baldigst mit Koch und Kellermeister Freundschaft schließen. All' meinen Mutterwitz will ich hervorholen, um mich diesen beiden edlen Dienstmannen angenehm zu machen. So wahr ich Christoph heiße, man soll mich bald den lieben, guten Christoph heißen und mich auf den Händen tragen wie einen klugen Sittich, den man mit Zucker füttert! Verwandlung. Zimmer im Pallaste des Königs Purpur. König Purpur und Königin Hermeline. Purpur. Wie glücklich sind wir liebe Hermeline! Ein Kind, ein Kind liegt vor uns in der Wiege! Hermeline. Wie athmet's lieb, wie blickt es mit den Aeuglein, Wie schmücket Rosenduft die vollen Wangen! Dem Himmel Dank, der uns nach langem Hoffen Die Segensgabe endlich hat bescheert. Purpur. Dem Himmel Dank, doch auch den weisen Frau'n, Durch deren Rath und Mittel wir errungen, Wonach wir lang gestrebt; denn was Natur Und auch Magie vermag, das boten sie! Hermeline. Bei all dem Glück jedoch, bei all der Freude Bin ich ob eines Umstandes sorgenvoll. Purpur. Sprich, was beengt das Herz? Hermeline. Du weißt: wir dachten Der beiden Zauberfrauen nicht; Wiltrude, Scohlint, die luden wir zur Feier nicht, Und ihre Rache könnt' gefährlich werden. Purpur. Ei was? wer hätt' auch gern die bösen Weiber Bei unserm Freudenfeste denn geduldet? Und lobten nicht die Andern uns darum, Daß wir mit der Gesellschaft sie verschont? Hermeline. Doch sie auch waren hier zu Rath gesessen Im Kreis der weisen Frau'n und sprachen mit; So hatten sie ein Recht auch, theilzunehmen, Als von den Zinnen Freudenbanner wehten. Purpur. Was hätten sie gebracht? Nur Zwiespalt, Hader! Dieß ist ihr Element; die guten Fee'n Beschenkten unser Kind mit schönen Gaben; Was hätten jene beiden denn zu bieten Aus ihrer dunklen Höhle Zauberreich? Hermeline. Wie's immer sein mag, mich beschweret Angst Und Sorge d'rum, vielleicht weil ich ein Weib bin; Als Mann magst du dergleichen wohl bewält'gen. Purpur. Beschwichtige dein Mutterherz; bedenke, Daß unser Röslein schützt die Fee Sconea, Die Heil dem Kinde sprach, als es erwachte Zum Leben und den ersten Lichtstrahl schaute. (Herold tritt ein.) Herold. Verzeiht, o Herr! wenn Euch mein Eintritt stört Doch ihr befahlt ja, daß, man immer melde, Wenn sich der Königsburg ein Fremder naht. Purpur. Was gibt's? Herold. Ein Wand'rer harret vor dem Thor, Er bittet Einlaß sich, um euch zu huldigen. Es schmückt sein Haupt ein grüner Lorbeerkranz, An seiner Schulter hangt das Saitenspiel. Ein Sänger ist's, wie er sich selber nennt. Purpur. Willkommen sei er; solche Gäste lieb ich, Und Sang und Klang kömmt mir zur rechten Stunde. Herold. Auch folgt ein Diener ihm, ein droll'ger Kauz, Der dir als Schalksnarr gute Schwänke bringt. Purpur. So laß sie beide ein; ich will sie seh'n. (Herold ab.) Hermeline. Die Fremden nah'n, ich geh' zu unserm Kinde, Dem lieben Röslein! und wie oft geschieht's! Ja nimmer müde wird der Mutter Liebe, Zu herzen und zu küssen! Purpur. Geh, bald folg ich. (Hermelin« ab.) Doch zum Empfang will ich den Thron besteigen Und mich mit meinem Purpurmantel schmücken; Die Krone setz' ich auf und nehm' den Scepter, Denn solchen Käuzen muß man imponiren. Und tritt der Dichter vor mich, um die Schläfe Den Lorbeerkranz, ziemt mir das Diadem. Die Blätter welken, doch das güldne Stirnband Trotzt auch dem Zahn der Zeit; ja, in den Gräbern Ziert noch der Könige Schädel manche Krone Und sonft'ger Schmuck von fürstlichem Geschmeid. (Setzt sich im königl. Schmuck auf den Thron.) (Herold führt Lautenklang und Christoph ein.) (Lautenklang läßt sich auf ein Knie nieder und legt die Laute vor den Thron hin. Christoph macht fortwährend Complimente.) Lautenklang. Ich neig' mich ehrfurchtsvoll vor dir, o König; Und lege meine Laute dir zu Füssen Greif wieder ich nach ihr, wenn du's befiehlst, Sei's, um der Majestät ein Lied zu weih'n! Purpur Erhebe dich, willkommen sei! ich liebe Den Sang. Greif in die Saiten, mich zu grüssen Nach Sänger Art. Lautenklag Es sei, wenn du's erlaubst! (singt zur Laute.) Hast du mich auch nicht gerufen, Tret ich kühn hier an die Stufen Deines Throns mit meinem Sang! Frei sind wir, des Liedes Meister, Unterthan sind uns die Geister, Die gebannt der Laute Klang! Kronen goldne Strahlen senken Nieder und die Scepter lenken Volkesschaaren; welche Pracht! Majestätisch wie die Sonne – Zieht einher sie voller Wonne – Leuchtet eines Königs Macht. Alle demuthvoll sich neigen Vor dem Herrscher, Alle schweigen, Schier geblendet von dem Licht! Nur der Sänger laut verkündet, Was der Glanz in ihm entzündet, Was aus seiner Seele spricht! Und was er dann frei gesungen, Durch die Hallen ist's gedrungen, Tönt in alle Welt hinaus! »Heil des Königs goldner Krone, »Die da strahlet auf dem Throne – »Heil des Königs ganzem Haus!« (Verneigt sich tief.) Purpur. (von» Throne herabsteigend.) Ihre Huldigung hat mich sehr erfreut. Sie scheinen mir ein Mann von Talent zu sein. Wie heißen Sie? Lautenklang. Majestät, mein Name ist Lautenklang. Purpur. Ein schöner Name für einen Sänger! Ihr Geburtsort? Lautenklang. Eine kleine Provinzialstadt in Deutschland und ich bin der Sohn eines armen Schuhmachers. Purpur. Es gibt sehr viele Schuhmacher in Deutschland. Christoph (vorlaut.) O ja, und auch viele Schneider aller Gattung, erhabene Majestät. Lautenklang. Schweig und rede nicht zur Unzeit. Purpur. O lassen Sie ihn. Er ist wohl Ihr Diener? Christoph. Zu dienen bin ich sein Diener. Mein Name ist Christoph. Auch ich bin in einer erbärmlichen kleinen Stadt des ungeheuern deutschen Reiches geboren, eine Art Abkömmling des alten Hermann, in welchem schon der Keim zu mir, seinem dereinstigen Enkel, lag. Purpur. Bravo, bravo! Ihr Humor gefällt mir. Waren Sie vielleicht schon Schauspieler? Christoph. Ei bewahre! Unter das Comödiantenvolk mischt sich ein Mann wie ich nicht. Ich habe bisher nur auf der großen Weltbühne mitagirt, mitgelitten, mitgehungert, mitgedurstet und mit meinem Herrn Stoff gesucht, möglichst viel Stoff! Lautenklang. Verzeih'n Euer Majestät diesem ungeschliffenen Burschen. Christoph. O, ich bin ein ungeschliffener Diamant, welcher Witz bei einer Gelegenheit in einem Gedichte meines Herrn vorkömmt. Hört nur: (pathetisch deklamirend.) Dort in Brasilien ein Diamant Liegt unbeachtet in dem Sand, Den noch kein menschlich Wesen fand Gleich der Corall' am Meeresstrand. – da hab'n wirs schon – Dort leuchtet hell ein Diamant An meines Mädchens Busenband, Und die Coralle am Gewand, Die beide schliff des Menschen Hand. – Jetzt kommt's eigentlich – So ist Natur denn wohl verkannt, Der Werth nur an den Schliff gebannt? Dort in Brasilien ein Diamant Und die Corall am Meeresrand! Habt Ihr den Witz verstanden? – Ja, ich bin auch ein verkanntes Genie, wie der ungeschliffene Diamant in Brasilien! Lautenklang. Ich bitte Euer Majestät das ungeeignete Benehmen dieses Hanswursten nicht zu beachten; sollten jedoch Allerhöchstdieselben eines Hofpoeten bedürfen, so wage ich es, meine Dienste anzubieten. Purpur. Ich bin gar nicht abgeneigt, Ihrem Gesuche Gehör zu geben, um so mehr da der Meistersänger, den ich an meinem Hofe hatte, an Mittelaltersschwäche gestorben ist; auch waren seine Leistungen nicht mehr zeitgemäß, weßhalb ich ihn längst pensionirt hatte. Lautenklang. Unendlich glücklich wäre ich, könnten meine geringen Kräfte Eurer Majestät dienlich sein. Meine Ansprüche sind in jeder Beziehung höchst bescheiden. Christoph. Ei, der lügt! – Still, still! Je mehr wir kriegen, desto besser! Purpur. Gut denn, es sei! Von heut an sind Sie in meinen Diensten. Sie sollen mit Ihrer Stellung zufrieden sein. Und ihr Diener kann auch bleiben. Ich ernenne ihn zum Hofnarren extra statum . Christoph. Extra statum oder extra status , das heißt eine Extrastatur, wohlgenährt und überhaupt gut gehalten! Purpur. Auch Er wird zufrieden sein. Doch verbitte ich mir alle plumpen Spässe, denn ich dulde nur den feinen Humor. Christoph. Einen feinen Rumor hab' ich noch nicht gehört. Wenn's einmal wo einen Rumor gibt, da muß es schnallen und krachen. Purpur (zu Lautenklang.) Kommen Sie, Lautenklang! Ich will Sie der Königin vorstellen. Sie können gleich Ihr Talent in Anwendung bringen und ein Gedicht auf die Geburt meiner Tochter Prinzessin Röslein schreiben. Lautenklang. Herrlicher Stoff zu einem graziösen Schlummer- oder Wiegenliede! (Purpur und Lautenklang ab.) Christoph. »Sein oder nicht sein – das ist die Frage.« Wo wird hier zu Land ein gutes Wirthshaus sein oder nicht sein, in welchem man von dem anstrengenden Hofleben einigermassen bisweilen stillvergnügt ausruhen kann? Trinken, »schlafen und nichts weiter?! denn wer zu viel getrunken hat, schlaft gern. Also ist's trinken schlafen. Daß aber »ein Schlaf« das Herzweh und »die tausend Stöße endigt, dieß ist ein Ziel auf's Innigste zu wünschen!« – »Schlafen, vielleicht auch träumen?« Neulich träumte mir, ich hätte Prügel bekommen. »Stolze Mißhandlungen!« Ich erwachte und »stöhnte und schwitzte unter Lebensmüh!« Ha, Schicksal! »das unentdeckte Land – nemlich das Wirthshaus – von deß Bezirk kein Wanderer wiederkehrt« ohne daß er seine Zeche hätte bezahlen müssen – dieß Land oder dieß Haus vielmehr sei der Zweck meiner »Unternehmungen voll Mark und Nachdruck!« (Ab.) Königin Hermeline, ihr Kind Prinzessin Röslein auf den Armen tragend. Hermeline. O herzig Kleinod laß dich an mich drücken So inniglich! bist ja ein Theil von mir, Das beßte wohl aus meinem eignen Ich, Ja selbst mein »Ich,« gleichwie der Blume Duft, Der aus dem Kelch sich hebt so würzig rein, Zu ihr gehört. Denn wär' die Rose Rose, Haucht' nicht ihr rother Mund so süßen Ruch? Wär' Lilie Lilie, stünd sie duftlos da? So bist du mein und ich bin wieder dein: Ein Leben und Ein Sinn, schier unzertrennlich! Und doch, wie bang ist mir, blick ich dich an Und schaust du auf zu mir mit deinen Sternlein, Die aus dem Himmel mein so lieblich leuchten. Ein dunkler Schleier liegt auf dir, ich seh's; Ich möchte weg ihn küssen, doch er bleibt, Umhüllt die Zukunft mir in trüben Nebel. Ich fühl' es! Drohend sah ich jene Frau'n Vor mir steh'n oft in dunkler Nächte Traum! (König Purpur mit Lautenklang eintretend.) Purpur. Ich suchte dich, o Königin. Hermeline. Hier bin ich! Purpur. Und hier ein Gast, der Hausgenosse worden: Der Dichter Lautenklang, mein Hofpoet, Mög' er der Königin willkommen sein. Hermeline. Ist nicht die Poesie des Lebens Schönstes? Sie windet Blumen in den dunklen Kranz, Der ernst sich oft um unsre Stirne wölbt; Ist sie nicht auch der Regenbogenschimmer, Der düstre Lebenswolken überspannt? Lautenklang. Ihr zeichnet sinnig, edle Königin, In schönen Bildern, was ich tief empfinde. Fürwahr, ich tret in's Reich der Poesie; Der Dichter hat die Heimath hier gefunden, Die er vergebens sich so lang gesucht; Die Welt ist öd' und kalt sind alle Herzen, Verschlossen höh'rem Sinn nach Irdischem trachtend. Purpur. Vortrefflich! – Ja die Kön'gin war geneigt Der Poesie und ihren Jüngern stets. Lautenklang. Gestattet, daß der Königin ich bringe In einer Dichtung meine Huldigung, Indem ein kleines Lied ich schnell ersinne, Dem Kind geweiht, das auf dem Arm sie wiegt. (Singt zur Laute.) Mit Blumen aller Arten Und süßen Duft und Hauch Blüht in des Frühlings Garten Ein kleines Röslein auch. Erwärmt vom Sonnenstrahle, Erfrischt vom Tröpflein Thau, Ein Sitz dem Bienemahle, Gewiegt von Lüftlein lau. (Es hebt sich ein Sturm.) Hermeline. Weh uns! hört ihr den Sturm sich jetzt erheben? Wenn er dem Kind nur nichts zu Leide thut! Purpur. Grundloses Bangen! Setzt den Sang nur fort. Lautenklang (singt weiter.) So blüht's und schaut in's Leben, Und mög es wohl gedeih'n! Gott woll' dem Röslein geben Den hellsten Sonnenschein! (Der Sturm wird mächtiger.) Hermeline. Hört's nur! sie nah'n, die ich im Traum geseh'n! Purpur. Wer naht? dich schreckt die Angst vor dem Gewitter, Verlaß den Ort und leg das Kind zur Ruh! (Wiltrud und Scohlint erscheinen.) Wiltrud. Wir sind's, wir sind's, die ungebet'nen Gäste, Die ihr vergessen habt bei eurem Feste. Scohlint. Wir sind's, wir sind's, zu bringen unsre Gaben; Wir bieten euch das Beßte, was wir haben. Hermeline und Purpur. Weh uns, da sind die bösen Zauberfrau'n! Wiltrud. Wir reichen eurem Kind als Weihgeschenk Den Fluch, dem seinerzeit Erfüllung folgt. Scohlint. Daß Röslein sich an einer Spindel sticht, Wenn fünfzehn Mal der Mai sie hat begrüßt. Wiltrud. Und mit dem Stich fällt sie in tiefen Schlaf, Ihr selbst auch und was lebt im Königshaus. Scohlint. Ein Dornstrauch wird umwuchern den Pallast: »Dornröslein« sei fortan das Kind genannt! Wiltrud und Scohlint. Hört's König Purpur, Königin Hermelin: Den Fluch schenkt euch das Zauberschwesternpaar! (Ein Donnerschlag.) Der Vorhang fällt. II. Aufzug. Trompetenstoß. Der Herold tritt auf. Herold. Hört's alle, holde Mägdlein, schöne Frauen, Was König Purpur mich hieß kund euch thun: Von heut an darf man keine Spindel schauen, Und eu're Hände soll'n vom Spinnen ruh'n. Ihr möget weben, stricken oder näh'n, Wie's Frau'n und Fräulein ziemt, doch nie gesehen Werd' eine Spindel mehr; ich sag' es zweimal euch, Damit ihr's Alle, Alle hört im Reich. Die Rocken werft in's Feuer und kauft den Faden Zum Linnenzeuge außer Land im Laden. Dieß ist des Königs strenges Aufgebot; Wer nicht gehorcht, den trifft alsbald der Tod. D'rum wagt nicht, etwa heimlich gar zu spinnen, Nicht Eine wird der Strafe dann entrinnen. Hört's Alle! Wenn ich rede, aufgepaßt! Sorgt, daß ihr auf der That nicht seid erfaßt. Was ich verkünde in des Königs Namen, Ist streng Gesetz und dabei bleibt es. Amen! Trompetenstoß. (Ab.) Romantischer Wald (wie im ersten Aufzuge.) Lautenklang sitzt schreibend unter einem Baum; Christoph unfern von ihm aus einer Flasche trinkend. Lautenklang. Der Stoff ist exponirt, der Knoten auch Geschürzt und die Verwicklung soll nicht fehlen; Einheit des Ortes, wie's die Regel will. Was liegt noch an der Zeit? die fünfzehn Jahre, Die nun verflossen, deckt der Zwischenakt. Ich lebte mittlerweile gut am Hof des Königs, Nichts fehlte mir in jeglicher Beziehung. Dornröslein wuchs heran zur schönen Jungfrau, Und hat die Kinderschuhe abgelegt. Bisher hat mir der Held im Stück gefehlt, Als Kind war die Prinzessin zu passiv; Tritt sie aktiv von nun an in das Leben, So ist mir auch die Hauptperson gegeben. Begierig bin ich selbst, wie sich's gestaltet, Und wie sich der dramat'sche Knoten löst; Denn ist Prinzessin Röslein eingeschlafen – Was soll geschehen, wird sie nicht aufgeweckt? Wohlan, ich kehr' zurück in's Königsschloß, Daß nicht ein Augenblick'chen sei versäumt. Der Catastrophe harrend, die sich naht. (Vertieft sich in seine Dichtung.) Christoph. Der Stoff ist lobenswerth, allein mit Schrecken bemerke ich, daß nun auch das Vacuum eingetreten ist. Die Flasche ist leer. Leerheit! von jeher hab ich dich gehaßt. Von einem dummen Kerl sagt man er sei ein leerer Kopf, so halte ich denn eine leere Flasche auch für eine Dummheit. Uebrigens kann ich zufrieden sein; denn meine Geschäfte waren bisher nicht anstrengend, insoferne nicht auch die Erfüllung der Selbsterhaltungspflicht zur Last werden kann, denn am Essen und Trinken hab ich's keinerzeit fehlen lassen. Ich habe mich dadurch als einen ächten Hofmann scalifizirt. Nun bin ich aber neugierig, wann einmal der große allgemeine Schlaf beginnt, den uns die allerliebsten zwei Blocksbergbewohnerinen prophezeit haben, oder: wann die Prinzessin sich an der Spindel stechen wird? Deßhalb hat auch der König alle Spindeln im Lande verbieten lassen; allein, was einmal sein soll, das wird sein. Mir wär's einerlei, ein paar Jahre zu verschlafen; doch mein Herr sagt: Wie die Geschichte losgeht, läuft er davon und betrachtet sich Alles romantisch von Weitem. Auch gut! Wenn nur der Stoff nicht ausgeht! Lautenklang. Es fließt mir heute wirklich aus der Feder Und leicht schreib ich fünffüß'ge Jamben hin, Doch leider ist mein Tintenfäßchen leer! He, Christoph, hast du's denn nicht aufgefüllt? Christoph. Das versteht sich – gefüllt, schwarz bis an den Rand! Aber ich möchte euch rathen, wenn ihr mit Tinte schreiben wollt, dieß zu Haus zu thun. Die Tintenklexer gehören in die Stube, und wollen die Dichter singen, so sollen sie es wie die Vöglein machen. Aber – freilich das will Alles geschrieben sein, damit der Nachwelt auch nicht eine Silbe verloren gehe! Kommt, laßt uns heimgehen! 's ist bald Essenszeit. Lautenklang. Gemeinen Sinnes bleibst du stets doch, Christoph! Es wäre Zeit, daß du nach Hö'h'rem trachtest; Hast du denn gar Nichts noch von mir gelernt? Christoph. O sehr ja! die Sache verhält sich also: Wir Beide suchten Stoff. Nun, das wißt Ihr aber – denn Ihr habt's ja oft selbst gesagt – daß der Mensch aus Leib und Geist besteht. Ihr sucht Stoff für den Geist und ich für den Leib, da hat jeder feinen Theil und kann dem andern aushelfen. Lautenklang. Pro domo spricht der Cicero nicht übel! Fürwahr, gesunde Logik fehlt dir nicht, Als humoristisch Element zu brauchen. Christoph. Jetzt macht Ihr gar ein Element aus mir; da hätten wir also fünf Elemente: Feuer, Wasser, Luft, Erde und ich dazu! Wieder eine neue Erfindung. Bringt sie dem König Purpur, kriegt vielleicht ein Ritterkreuz oder so was. Lautenklang. Ein Orden mir? was denkst du denn, mein Freund? Den Rittern und den Kriegern ist der Schmuck Und Ehrenzeichen ihrer schönen Thaten. Dem Dichter blüht des Lorbeerbaumes Blatt; Wind' es zum Kranz und schmück damit sein Haupt, Mehr will er nicht – er fühlt sich reich belohnt. Christoph. Geht mit Eurem Lorbeer! Von dem kann kein Dichter leben. Lorbeer, Lorbeer – aber Etwas dabei! So denkt ihr Dichter wohl selbst alle! Lautenklang. Unziemlich sehr ist, was du sagst, d'rum schweige! Ich will in's Königsschloß zurück nun eilen. (Beide ab.) Königin Hermeline und Prinzessin Röslein, welche vorausläuft, einen Schmetterling zu haschen. Hermeline. Pfui, Röslein! Was läufst du so rasch voraus? Röslein. Ach, Mutter sieh den schonen Schmetterling! Ich möcht' ihn fangen. Hermeline. Das schickt sich nicht für dich. Du bist kein Kind mehr; bedenke, daß du nun ein Jungfräulein bist. Die sollen nicht den Schmetterlingen nachlaufen, sondern hübsch anständig spazieren geh'n. Röslein. Die Jungfräulein sollen also keine Freude mehr haben? Da wär' ich lieber ein Kind geblieben. Hermeline. Jedes Alter hat seine Freuden. Du bist an deinem fünfzehnten Geburtstage dem ganzen Hofe vorgestellt worden; war dieß nicht ein schönes Vergnügen für dich? Auch darfst du von nun an mit uns an der großen Tafel speisen. Röslein Da wollt ich lieber nur Beeren mit den Vöglein im Wald essen, wenn mir alle Kindesfreuden verboten würden. Sieh doch, liebe Mutter, wie herrlich es hier ist! Leuchtet der Sonnenschein nicht mächtiger als der güldene Thron im Schloße? Ist der Gesang der Vögel nicht lieblicher als das Geschwätz der Hofdamen? Das Grün der Blätter, die Farbe der Blumen – übertrifft dieß Alles nicht den Schmuck des Hofes? Hermeline. Ich begreife nicht, wie du zu diesen Grundsätzen kommst. Röslein. Du redest mir von Grundsätzen, liebe Mutter! davon weiß ich fürwahr Nichts. Ich fühle nur mein Herz sich aufthun, wenn ich heraustrete in Gottes herrliche Natur. Es wird mir so fromm zu Muth; ich möchte immer hinknie'n und beten. Hermeline. Das ist recht hübsch und lobenswerth, allein die Schranken des Anstandes soll und darf eine Prinzessin nie überschreiten. Ich glaube immer, daß die Vorlesungen des Hofdichters Lautenklang dir den Kopf verdrehen. Du wirst mir zu phantastisch; du wirst zu sehr der Wirklichkeit und der Convenienz entrückt. Ich werde diesem schädlichen Einflüsse zu steuern wissen. Röslein. Also auch dieß soll eine verbotene Freude sein, daß ich mich an den Gedichten des Herrn Lautenklang erfreue? Ist die Poesie eine Sünde? Hermeline. An und für sich nicht, allein sie kann es werden, wenn sie ein jugendliches Gemüth zu sehr aufregt. Müller's Vorträge sollen sich von nun an darauf beschränken, dir die deutsche Literaturgeschichte kurz darzustellen; die Periode der Romantiker soll dir nur im Auszug gegeben werden. Ihre Achtung paßt nicht mehr für unsere Zeit und man sollte mehr auf die Entwicklung des Verstandes wirken. Herz und Phantasie – – Röslein. Laß mir mein Herz, liebe Mutter! laß mir das Reich der Phantasie! Hermeline. Pfui, Röslein! Es schickt sich überhaupt durchaus nicht für ein Mädchen, Phantasie zu haben; vielweniger für eine Prinzessin. Ich verbitte mir solche Idee'n! hörst du? Ein für Allemal! Röslein (weint.) Bin ich denn nicht gehorsam in allen Dingen? Hab ich dir schon Kummer gemacht durch mein Herz und seine Träume? Hermeline. Nein, liebes Kind; allein es ist einer Mutter Pflicht, dich vor Extravaganzen zu warnen. Ich mein' es so gut mit dir. Röslein. (Fällt Hermelinen um den Hals.) Liebe Mutter, wie lieb ich dich! – – Ich möchte mich dort in den Schatten legen und etwas schlummern, darf ich wohl? Hermeline. Wir sind hier ungeseh'n; außerdem wäre es nicht schicklich. Ich erlaub es dir. (Röslein setzt sich und schlummert ein.) Hermeline. Ja, schlummere immerhin, mein theures Kind, Und träume dich in's Reich der Phantasie! Nur allzubald vielleicht wird an dein Herz Des Lebens Wirklichkeit mit derben Schlag Anpochen rauh, so daß des Trostes Zuflucht Dir nur dein inn'rer Reichthum bieten mag! O herbe Außenwelt für Jung und Alt, Die oft in Zwiespalt jagt des Lebens Mächte, Wenn Herzensdrang und Sehnen mit der starren Beschränkung äusserer Gewalten ringen! Und solchen Kampf möcht' ich der Tochter sparen Abschneiden möcht' ich rechter Zeit die Sehnsucht, Die schlummernd in des Kindes Blüthenkelch Still ruht als des Verlangens Dämmerschein, Weil ihr so oft nur bitt're Täuschung folgt. Doch wie? – vergaß' ich ganz der Fee'n Drohung, Die sich in diesem Jahre soll erfüllen? Weh mir! denk' ich daran, bricht's Mutterherz Zusammen schier, »Dornröslein« heißt der Fluch! – Sconea, milde Fee, die du in erster Stunde Dem Kinde Huld und Schutz hast angelobt, Vermocht ich's, dich mit Mutterstimm' zu rufen Und Mutterschmerz dir an das Herz zu legen! (Es ertönt liebliche Musik.) Sconea. (in ros'gem Schimmer erscheinend.) Die Fee Sconea hört, ruft Mutterliebe! Dein Rösleln schütz' ich, wie ich es verheißen. Doch jeder Fee'nspruch muß sich erfüllen, Denn in ihm liegt der mächt'gen Weihe Kraft; Gut oder bös – es ist des Zaubers Recht. D'rum kann ich auch des Fluchs Gewalt nicht hemmen. Der auf dem Haupte deines Kindes ruht: Der Spindel Stich wird langen Schlaf ihr bringen – Mein Segen aber bringt einst Morgenroth. Der Blume Kelch, in myst'scher Ruh geschlossen, (Ein Bild des Schlummers) wird sich Einmal öffnen, Des Duftes Blüthenhauch wird ihm entsteigen Gleich einem Minnelied zur Maienzeit. Getrost sei denn, gedenke meiner Worte: Des Zaubers Fluch wird sich in Segen wandeln! Verschwindet.) Hermeline. Dank dir, o holde Fee, die du, ein Engel, Mir milden Thau auf meine Wunde träufelst. Ich will vertrau'n dir; muthig seh' entgegen Ich dem Geschick, das unvermeidlich ist. Röslein (erwacht.) Wo bin ich? Mutter, welch' ein schöner Traum Hat mich gegrüßt: denk dir, ich war ein Blümlein, Das einsam still in einem Garten stand; Ein böser Sturm erhob sich, mich zu brechen, Da kam ein Engel, trug mich in den Himmel. Hermeline. Fürwahr, mein Kind, du sah'st ein herrlich Bild; Doch laß' den Schlummer jetzt und seine Spiele. Wir geh'n zurück, es steht schon hoch die Sonne. Röslein. Sag, Mutter, was ist Leben, was ist Traum? Zerschäumt das Leben nicht in luft'gen Träumen, Und wird der Traum nicht einst der Wahrheit Leben? Hermeline. Komm, laß das eitle Fragen, liebes Kind. (Beide ab.) (Wiltrud und Scohlint fahren durch die Luft von zwei Seiten herab.) Scohlint. Wiltrud! Wiltrud. Scohlint! Scohlint. Nun muß es sich erfüllen! Wiltrud. Die Zeit ist um! Wie aber wird's geschehen, Die Spindel ist im ganzen Land verpönt? Scohlint. Ei, blinde Hexe daß du's noch nicht weißt! Die taube Alte, die im Königsschloß, Vergessen schier, im grauen Erker wohnt Und unbeachtet an der Spindel sitzt – – Wiltrud. Bei Satans Dreifuß – daran dacht' ich nicht. Wie aber lenken Röslein wir zu ihr? Scohlint. Oft steigt das Mägdlein heimlich auf die Zinnen Der Königsburg, um still hinauszuschau'n Mit träumerischem Blick ins weite Land. Ihr Auge wandert mit den Silberflüssen, Versenkt mit ihnen sich in tiefe Seen Und hanget gern am Tiefblau ferner Berge. Ein Stufengang führt sie vorbei am Pförtlein Des Erkers, wo die alte Spinn'rin schnurrt. Wiltrud. Und wahr muß werden, was wir angedroht; Der Giftqualm rauscht' es aus dem Hexenkessel, Der Zauberspiegel zeigt es uns im Bild. Scohlint. Darum Geduld, Geduld! Es kann nicht fehlen; Ein Mal lockt sie der Spindel Schnurren doch Und in die Falle geht sie! Wiltrud. Laß' uns bleiben Dem Orte nah, am Sieg uns zu erfreu'n, Der sicher ist. Scohlint. Der Augenblick ist da. (Beide verschwinden.) Gemach im Schlosse des Königs. Honig Purpur. Der Herold. Herold. Vollzogen ist, was du befahlst, ich meld es: Nachdem dein Aufgebot verkündigt ward, Füllt bald darauf der Marktplatz sich mit Weibern Und Mägdlein jeden Standes, haufenweise Die Spindlein beizubringen. Von den Burgen Des Reiches schleppen Boten schwerbeladen Das Frau'ngeräth, das dein Geheiß verpönt. Allüberallher folgt man dem Befehle; Noch brennen Scheiterhaufen zur Vertilgung. Wie manch Gespinnst ward schleunig abgebrochen, Wie mancher Faden ward entzwei gerissen; Ungern zwar mocht's gescheh'n, doch es geschah; Wer wollte widersetzen sich der Drohung Des Königs, die sein Herold hat verkündigt? Purpur. So kann beruhigt ich sein; denn wenn im Lande Nicht Eine Spindel mehr, wie wär es möglich. Daß Röslein sich an einer Spindel stäche? Bei aller Milde ist oft Strenge nöthig, Wenn sich's um Dinge handelt, die gefährlich. Du weißt's: des Volkes Wohl liegt mir am Herzen, Doch auch der Dynastie bin ich verpflichtet, Die seit Jahrhunderten dieß Reich beherrscht. Spinnt nicht das Weibervolk, so bleibt noch Andres Genug zu thun im Haus und in der Küche, Und 's ist kein Grund vorhanden zur Beschwerde. Herold. So denk auch ich, mein König; 's ist kein Zweifel, Daß Ihr in eu'rem Rechte seid, und sollte Es Einer wagen, etwa drob zu murren, Den Kopf zu schütteln, schlagt den Kopf ihm ab, Damit er schweige, mag er sein, wer immer. Purpur. Geh' nun zur Königin, entbiet sie her, Damit ihr mütterliches Herz ich ganz beschwicht'ge. Herold. Wie ihr befehlt! (geht ab.) Purpur. (allein.) Der Sorge war ich ledig! Was ist ein König doch mit Kümmernissen Jedweder Art bedroht! Ist hier geordnet, Taucht wieder dort ein neu Geschäft empor. Bald ist's der Staat, bald ist's das eig'ne Haus Und sonst'ge Angelegenheit: Krieg oder Frieden, Verwaltung jeder Art nimmt stets in Anspruch. Sieh da, die Kön'gin! Hermeline (tritt ein) Purpur. Sei zur guten Stunde Willkommen mir. Nun leg' die Sorgen ab. Gescheh'n ist, was zu thun war, frei das Feld. Hermeline. Dein trefflich Herz erkenn' daran ich wieder, Daß deine Weisheit Fürsorg hat getroffen. Nicht Eine Spindel mehr im ganzen Land? Purpur. Nicht Eine, dafür sorgt die Polizei! – Doch Röslein? Hermeline. Lautenklang ist grad' bei ihr. Ich trug ihm auf, sie nicht zu exaltiren Durch Schwärmerei und durch romantisch Wesen. Kulturhistorisch soll er auf sie wirken, Damit ihr Geist in richt'gen Schranken bleibe, Nicht etwa frei hin schweife in Regionen, Die ihre zarten Nerven afficiren. Purpur. Vortrefflich! selber muß ich dir gesteh'n: Des Dichters Richtung bin ich müd und satt. Auf gute Art werd' ich ihn bald entfernen Von meinem Hof und geb' ihm die Pension. Der Zeiten Umschwung hab' auch ich erfaßt, Begriffen was die Welt jetzt will. Der Fortschritt Läßt sich nicht hemmen und man will Reales; Romant'sche Träumerei'n sind aus der Mode, Mir liegt daran, das Technische zu fördern. Die Spindel hab ich abgeschafft, Maschinen Zum Spinnen sind ein trefflicher Ersatz; So treff' zwei Fliegen ich mit Einem Schlag. Gefährliches entfernend führ' ich ein, Was aller Welt jetzt Nutzen bringen mag. Hermeline. So fügt zum allgemeinen Beßten sich, Was eig'ne Zwecke fördert. Purpur. Meine Räthe Versamml' ich nun, Staatszwecke zu verhandeln Und in zwei Stunden geht's zum Abendtisch. (Beide ab.) Verwandlung. Enges Erkerstübchen. Eine alte Frau sitzt an der Spindel und spinnt. Zu ihren Füssen ein knurrender Kater. Die Alte (singt.) Ich sinn' und spinne manches Jahr Den Faden fein wie Frauenhaar; Die Welt dreht sich in Einem fort, Doch Alles bleibt am alten Ort. Sie dreht sich fort im Schwindel Wie in der Hand die Spindel. Als Eva Adam nahm zum Mann, Sie auch das Spinnen gleich begann; Sie spann und webte Hemdlein schon Für Kain, ihren ersten Sohn. Die Welt dreht sich im Schwindel Wie in der Hand die Spindel. Und also that das erste Weib, Es spann zu seinem Zeitvertreib, Und dieß war bei den Andern all, Die ihm nachfolgen, auch der Fall. Die Welt dreht sich im Schwindel Wie in der Hand die Spindel. (Röslein guckt zur halbgeöffneten Thür herein.) Die Alte (singt fort.) Ihr Mägdlein lernt das Spinnen gut; Die Spindel sticht, da fließet Blut. Ihr lieben schönen Jungfräulein, Das Spinnen will gelernt auch sein. Die Welt dreht sich im Schwindel Wie in der Hand die Spindel. Röslein. (eintretend.) Ei wie schön du singst? Alte. Wer ist da? Ein lieb Jungfräulein! Wie kömmst du herauf in mein einsames Loch? Röslein. Ich bin dem Schnurren deiner Spindel gefolgt. Alte. Das freut mich, denn ich habe schon viele Jahre kein menschlich Wesen geseh'n. Röslein. Wie kömmt das, gutes Weib? Alte. Ich bin ein altes Hofmeubel, das längst aus den Gemächern entfernt wurde. Röslein. Du bist ja ein menschlich Wesen. Alte. So halb und halb, wie man's nehmen will. Ich bin die Spindel, mit der die Mutter des Königs Purpur spann. Als die starb, ward ich da herauf gestellt und schnurre aus alter Gewohnheit noch immer so fort. Röslein. Ei wie? Sorgt Niemand für dich? Alte. Siehst du den Kater? Er ist mein Freund und fangt Mäuse, die wir zusammen verzehren. Röslein. Pfui! wer wird auch Mäuse essen? Alte. Liebes Kind, es ist Alles nur Gewohnheit. Wenn es üblich wäre, Mäuse auf die Tafel zu setzen, so würden sie aller Welt schmecken. Ißt man doch viele andere Thiere, die nicht so appetitlich und sauber, sind wie die niedlichen Mäuslein. Röslein. Ich könnte mich doch nicht daran gewöhnen. Sieh da, was hast du für eine schöne goldene Spindel! Alte. Gib Acht, gutes Mädchen, du könntest dich daran stechen; denn sie ist an beiden Enden spitz. Röslein. Ach, ich möchte gar zu gern auch ein bißchen spinnen. Alte. Hast recht, das Spinnen ist was Schönes. Sieh nur die Spinnen, wie sie die Fäden ihres Netzes bilden und die Raupe, wie sie sich einspinnt und aus ihrer Puppe der bunte Schmetterling ersteht; und wie die Vöglein ihre Nester spinnen – kurz Alles spinnt und spinnt und spinnt – – (Unterdessen hat Röslein nach der Spindel gelangt.) Röslein. (mit einem Schmerzensschrei.) Weh mir! ich habe mich gestochen! (Die Alte und ihr Kater verschwinden unter wehmüthiger schnurrender Musik. Es wird plötzlich dunkel, Röslein sinkt bewußtlos nieder.) Wiltrud und Scohlint erscheinen, jede eine brennende Fakel in der Hand. Beide sprechen in feierlichem Tone: So schlummere, schlummere manches Jahr, Dornröslein mit dem goldnen Haar; Schlaf gut, du allerliebstes Kind, Gerächt sind Wiltrud und Scohlint. Und all' ihr Andern in dem Haus, Vom König bis zur kleinen Maus, Schlaft alle; denn so will's der Fluch, Der Zauberinen Rachespruch! Wer wird euch wecken aus der Nacht, Die wir in dieses Schloß gebracht? Für euch gibt's wohl kein Morgenroth Und euer Schlummer ist der Tod! (Sconea erscheint im hellen Schimmer, die Fakeln der bösen Fee'n erlöschen.) Sconea. Sconea spricht's: es währt die Nacht Nicht ewig! wie die Blum erwacht, Geküßt vom ersten Sonnenstrahl, Wird Röslein auch geweckt einmal. Die Minne thut's mit holdem Mund Und sie zerstört der Rache Bund. (Die bösen Fee'n versinken.) Unter leisem Donner fällt der Vorhang. III. Aufzug. Wald. Im Hintergrunde das verzauberte Königsschloß, von Dornrosengesträuch und anderen Gewächsen überwuchert. Vorn eine Einsiedelei, neben deren Pförtlein eine Laute hängt. Auf der andern Seite die Höhle des Riesen, Schlafdorn. Lautenklang. (Mit langem weißen Barte, im Eremitengewande, den Lorbeerkranz auf dem Haupte.) Nun harr' ich hier so lange schon der Lösung, Daß meinem Sinn der Jahre Zahl entschwand; Still leb' ich in der Hütte, die ich mir Aus Stämmen selbst gebaut; Einsiedlern gleich Hab ich mir Waldesnahrung angewöhnt; Der kühle Felsquell ist mein Trunk, ich ruhe Des Nachts auf Moos. So alt bin ich geworden, Daß mein ergrauter Bart berührt den Boden. Kahl ist mein Haupt, der Lorbeer nur bedeckt es; doch ist mein Herz noch jung und frisch mein Geist, Und täglich greif' ich in das Saitenspiel Und täglich singe ich ein neues Lied. Daß aber dieß mein Drama nicht vollendet, Daß ich am dritten Aufzug steh'n geblieben Und Alles um mich schläft, betrübt mich tief, Denn endlich wirkt's sogar auf's Publikum. Ich bitt Euch: habt Geduld, es kann nicht fehlen, Daß sich der Stoff vor Euch noch ganz entwirre; Denn so, wie 's jetzt steht, kann und darf's nicht bleiben; Ein solch Fragment würd' nimmer Euch genügen. Nicht denkbar ist ein ew'ger Schlaf; Erwachen Ist jedem Schlummernden gewiß, denn geistig Leben Verbürgt es durch die inn're Wesenheit: Dem tiefsten Schlafe folgt einmal Erwachen. Der Riese Schlafdorn, in Felle gekleidet mit hoher Nachtmütze, mit einer Keule bewaffnet tritt aus seiner Höhle. Schlafdorn. Was predigst du wieder, alter Narr? Ich bin deines Geleiers satt. Hör' einmal auf, wenn du willst, daß ich gute Nachbarschaft halte. Entweder fabelst du unverständlich Zeug oder klimperst auf deiner alten Leyer. Du änderst ja doch Nichts an der Geschichte. Dornröslein und Alles, was im Königsschlosse lebte und webte, schläft ein für allemal bis zum jüngsten Tag. Lautenklang. Unmöglich ist 's! 's war gegen alle Regel: Der Knoten, der geschürzt – er muß sich lösen! Du alter Hamster, kannst es nicht versteh'n; Du hast ein Drama wohl noch nie geseh'n. Exposition, Verwicklung und Entwirrung – Dieß sind die Elemente solcher Dichtung. Schlafdorn. Du faselst immer von Dichtung und wir befinden uns mitten in der Wahrheit des Lebens. Das weiß ich am Beßten, seit mich die Fee'n Wiltrud und Scohlint als Wächter hier aufgestellt haben. Dir bin ich freilich ein Dorn im Aug. Ich selbst hätte auch an der Geschichte längst genug; denn es ist kein Spaß, weiß der Himmel, wie lange schon und wie lange noch mit der Keule als Schildwache dazusteh'n, damit kein Sterblicher das verhexte Schloß betrete. Lautenklang. Und trotzdem wird's gescheh'n; des Wächteramts Wirst ledig du, ich kann es dir verheißen. Schlafdorn. Wird sich zeigen, wer recht behält. Da, nimm eine Prise Tabak. Ich muß Tag und Nacht schnupfen, damit ich nicht einschlafe, obgleich ich mir durch langjährige Uebung das Schlafen schon ganz abgewöhnt habe. Lautenklang. Ei laß' mich! Jeder treib' es wie er will: Den Bären gleich magst du beliebig brummen, Die Laute spiel' ich, weil es mir gefällt; Und wenn du meine Lieder nicht willst hören, Bleib in der Höhle, lege dich auf's Ohr. Schlafdorn. Ich thu's und will in meinem Loch da drinnen ein wenig ausruh'n; aber schlafen darf und kann ich nicht. So oft ich mich niederlege, beugt sich der Zipfel meiner Nachmütze herab und kitzelt mich unter der Nase; das ist eine verfluchte Hexerei, die die beiden Fee'n veranstaltet haben; und fortlaufen kann ich auch nicht, denn ihr Zauber hat mich an diesen Ort gebannt. Es ist wirklich ein miserables Leben für einen Riesen aus der Urzeit. So – jetzt leyre so viel du willst. (Ab in die Höhle.) Lautenklang. Nun komm herab, mein theures Saitenspiel! Dem Herzquell soll ein innig Lied entströmen; Ihr Vöglein tragt hinaus es in die Welt, Damit es von den Lüften niederschalle, Begeisternd und erhebend irgendwo! (Er nimmt die Laute und singt.) Im Walde steht ein altes Schloß, D'rin schläft ein König und sein Troß, Er sitzt auf einem Thron von Gold, Zu Füssen ihm ein Mägdlein hold. Dornröslein, schön wie keine Maid, So voll an Reiz und Lieblichkeit, Dornröslein schläft, das holde Kind, Mit Vater, Mutter und Gesind. Die Kunde lebt im ganzen Land Und dennoch keiner hier sich fand; Kein Ritter, der mit Muth zum Streit Die Königstochter hätt' befreit. Greift nach dem Schwert und nach dem Schild! Bahnt euch den Pfad durch Dornen wild! Ein Kuß auf Rösleins Purpurmund Lös't allen Zauber zu der Stund. Ein alter Sänger singt das Lied, Der von dem Leben gerne schied. Wenn nur Dornröslein war befreit – Dann schied er in die Ewigkeit! (Hängt die Laute wieder neben das Pförtlein der Hütte.) Wie viel der Lieder, ach, hab ich gesungen, Und zur Befreiung ist nicht Ein's gelungen; Am Ende muß ich selber noch verzagen Und hauch mein Leben aus in lyr'schen Klagen. O wär' ein Ritter ich mit Schwert und Harnisch! Mein armes Lied, es bannt den Zauber nicht; Wohl eilt's empor in wunderbarer Macht Und schwebet klingend über Berg und Thal; Zu schüchtern ist's, fliegt nicht in's Zauberschloß. Geheimnißvoll nur naht sich Herz zum Herzen, Wenn es die Minne will, löst sich der Zauber. (Ab in die Hütte.) Verwandlung. Gaststube einer Schenke an der Heerstrasse. An der Wand hängt Dornrösleins Bildniß. Christoph (alt und taub.) Wie sich die Zeiten ändern! Vormals war ich der Diener eines Poeten am Hofe eines Königs und repräsentirte den Humor ich war eigentlich der Lustigmacher – – da brach die Nacht herein. Wir floh'n; ich verlor meinen guten Herrn und mit ihm meinen guten Humor. Lautenklang zog in die Einsamkeit und harrt am Fuße des verzauberten Königsschlosses, bis die Nacht des Schlafes entweicht! Und ich, was bin ich jetzt? Ein alter Bursch, den die Last der Jahre taub gemacht; ich habe mich sozusagen überlebt, kein Mensch frug mehr nach mir. Da bin ich denn in der Schenke in Dienst getreten; man nährt mich und ich zehre nebenbei an alten Schwänken. Der Gäste sind wenig; die Umgegend ist verrufen wegen der Nähe des verhexten Königsschlosses. (Es pocht an dem Thore.) Holla! ein Gast; etwa so ein Schnapphahn, deren wir nicht selten beherbergen. (Minnamunt geharnischt tritt ein.) (Unter der Thüre.) Minnamunt. Führt mein Roß in den Stall, reibt ihm den Schweiß ab und schüttet ihm auf. (In der Stube.) Heda! wo ist der Wirth? Ich bin müde und Mich dürstet. Gebt mir einen Imbiß. Christoph. Bei uns wird Niemand gebißen, wir sind zahmes Volk, edler Ritter. Minnamunt. Reicht mir einen Humpen! Christoph. Ei, was meint Ihr! Wir sind keine Lumpen. Der Wirth ist ein ehrlicher Mann und ich bin noch ehrlicher als er. Aber taub bin ich – also vergebt, wenn ich Euch nicht gleich verstehe. Minnamunt (laut.) Einen Becher Wein! Christoph. Ein verständlich Wort. Gleich sollt Ihr bedient sein. (ab.) Minnamunt (wirft sich auf einen Stuhl.) Wie lange schon suche ich das verzauberte Schloß und die schlafende Prinzessin! Ich muß sie finden! Ueberall vernehm' ich die Kunde davon – mein ritterlicher Sinn verlangt nach solchen Abenteuern – aber Niemand konnte mir noch Näheres von dieser Volkssage erzählen. (Christoph bringt Krug und Humpen.) Christoph. Nun löscht Euern Durst, edler Herr. Minnamunt. Du bist wohl der Diener in diesem Gasthofe. Christoph. So lange wohl, daß ich nicht mehr weiß wie oft das Jahr mittlerweile umgelaufen. Minnamunt. Also bist du schon lange in diesem Hause. Christoph. Wie gesagt und ich war sonst ein lustiger Bursch, allein die Zeit hat mich beim Schopf genommen und hat mich derb geschüttelt wie der Wind einen alten Baum. Minnamunt. Da weißt du vielleicht auch Etwas von dem verzauberten Königsschloß, das in dieser Gegend sein soll. Christoph. Allerdings auch. Es sind nur ein paar Stunden hin, aber kein vernünftiger Mensch traut sich in die Nähe zu kommen, denn der Wald ringsum ist voll von Heren und Teufeln! Minnamunt. Ha gerade recht für einen Ritter, der auf Abenteuer ausgeht. Christoph. Ich sage Euch, daß es hier im Hause gar nicht theuer ist, weder des Abends, noch Mittags noch Morgens. Die Gäste loben den Preis und sagen stets: Wenn auch euer Wein sauer ist, so ist er doch wohlfeil und nach meiner dummen Ansicht ist ein saurer Wein immer besser schlecht bezahlt als ein guter mit Verdruß getrunken. Minnamunt. Du kannst mir wohl den Weg angeben, der zu dem Zauberwalde führt? Christoph. Ob ich's nicht kann! Da schaut einmal zum Fenster hinaus. Rechts um die alte Eiche dort, dann links durch den Sumpf, dann gradaus über die lange Wiese, dann obenauf über den Hügel, auf dem der Galgen steht, und abwärts durch den Fluß, dann etwas mehr rechts und dann wieder links um den Tannenwald und noch drei Stunden geritten oder gegangen – dann seid Ihr auf dem rechten Wege. Seht hier an der Wand das Bild. Es ist die schlafende Prinzessin, das liebe schöne Dornröslein! Minnamunt. Himmel, welche Schönheit! Christoph. Köhler haben es einst am Gemäuer gefunden, dort unter der Dornhecke, die das Schloß überwuchert hat. Das arme, liebe Dornröslein! (weint.) Minnamunt. O reizendes Bild, wie bin ich von dir begeistert! Dornröschen, dich muß ich erlösen! Dich muß ich besitzen! Christoph. Hütet Euch, edler junger Herr, Euch in so namhafte Gefahr zu begeben! Mit Riesen und Heren ist kein Spaß zu machen. Minnamunt. Gleichviel! Es läßt mir keine Ruhe mehr! Auf, Auf! Zu ihr, zu ihr! und sollt ich mit allen Teufeln um sie kämpfen müssen! (Stürzt hinaus.) Christoph. Armer junger Held! Fürwahr, ich meine, daß ist so Einer wie mein guter Herr war, so eine romantische Natur, die auch Stoff sucht. Gott schütz' ihn! Mag er mit Riesen kämpfen, ich leg' mich auf die faule Haut. Ich denke ich werde bald einschlafen und kein verliebter Prinz wird mich wecken. Also gute Nacht! (ab.) Verwandlung. Dekoration wie am Anfange des Aktes. Mondschein. Schlafdorn. (mit seiner Keule auf- und abgehend wie eine Schildwache.) (Singt.) Keine Ruh bei Tag und Nacht, Nichts was mir Vergnügen macht; Immer auf und abzugeh'n, Unabläßig Wache steh'n! Selbst der Mond wacht nur die Nacht, Wenn er scheint in seiner Pracht; Unter Tags in's Bett er geht, Weil die liebe Sonn' aufsteht. Auch die Sterne wandeln hin, Wenn das Morgenroth erschien, Ruhen aus von ihrem Gang Bei der Vögel Morgensang. Schlafen möcht' auch ich einmal; Ist doch's Wachen eine Qual! Hol' der Teufel die Hexerei Und die Feeen alle zwei! Schmählicher Dienst für einen Riesen aus der beßten Riesenfamilie! Eines schlafenden Mägdleins wegen dasteh'n und wachen! Schickten mir die beiden Zauberschwestern nicht täglich ein Faß Meth und ein Kalb zur Nahrung, so hielt ich's wirklich nicht aus. Mein sanfter Nachbar, der Sänger, schläft ruhig in seiner Hütte, das Morgenlied der Waldvögel weckt ihn täglich, während ich mich die Nacht über am Heulen der Wölfe und am Geächze der Eulen zu erfreuen habe. (Ein Flug Raben schwirrt durch die Luft und läßt sich auf im Bäumen nieder.) Holla, ihr lieben Vögelein mit schwarzem Gefieder, was wollt ihr da? Wenn ihr auffliegt gilt's eine Botschaft; was habt ihr mir zu verkünden? Die Raben. Wir kräh'n und kräh'n, Daß wir dort geseh'n Den Minnamunt geh'n; Wir kräh'n und kräh'n, Bald wird es gescheh'n, Bald wird es gescheh'n – Krah, krah, krah! (fliegen fort.) Schlafdorn. Was wird gescheh'n ihr weisen Vögel? fort sind sie! – Aber dorther kracht's durch's Gebüsch; es klingt wie Eisen, es blitzt wie Stahl im Mondschein. Wer da? der Riese wacht! Minnamunt (tritt ein.) 'S ist Minnamunt mit Schwert und Schild; Er will erlösen die Jungfrau mild; Er will zerbrechen des Zaubers Macht, Als Freier kömmt er in dieser Nacht! Schlafdorn. Steck dein Schwert ein, Minneheld! Wage dich nicht an den Riefen! Minnamunt Mein Schild ist fest, mein Schwert ist gut, Das will sich färben mit Riesenblut! Stell dich zum Kampf, ich bin bereit – Der Morgen graut, 's ist an der Zeit! Schlafdorn. Willst du, so sei's! (sie kämpfen.) Lautenklang (aus der Hüte tretend.) Was weckt mich aus dem Schlummer? Wie, ein Kampf? So ist ein Streiter endlich hier erschienen, Den meine Klänge haben hergerufen! Muth! edler Kämpfer!Muth! Heil deinem Schwertel Mög dich ein Lied begeistern für den Sieg! (Er nimmt die Laute und singt.) Die Schönheit ruft's: Komm, wecke mich! Sie winket und erwartet dich, Die Minne hart im Zauberschloß: Auf, Ritter, auf! besteig dein Roß! Greif nach dem Schwerte, hell und blank, Zu kämpfen um der Minne Dank! Schlafdorn. Halt ein, Ritter! Ich bin vom Kampfe müd. Laß uns ruh'n! Dann beginnen wir wieder; dein Arm ist stark. Minnamunt. Mein Arm ist stark, mein Schwert ist gut, Das will sich färben im Riesenblut! Lautenklang (singt fort.) Wenn du ein starker Held auch bist, So traue nicht des Riesen List, Dornröslein liegt in Schlummers Macht, Dornröslein dir im Traume lacht! Die Sonn' geht auf, drum kämpfe fort, Der schönste Preis ist Minne dort! (Sie kämpfen wieder, während sich die Bühne vom Morgenroth erhellt, fällt der Riese im Kampf. Ein wunderbarer Klang ertönt.) Lautenklang. Heil dir! du hast gesiegt, jetzt eil' in's Schloß; Dornröslein schlummert in des Königs Schooß. Minnamunt. Wohlan es sei! Es winkt der schönste Lohn! Mein Schwert haut mir die Bahn durch's Dorngeheg. (Er eilt in das verzauberte Schloß.) Lautenklang. Gesegnet sei, du junger Held, zu pflanzen Des Sieges Banner auf die Zinnen dort! Vollbracht hast du das Schwerste, freue dich An deiner That! Nun hole dir die Krone! Dank dir, o himmlisches Geschick! die Lösung naht! Geschlossen ist der mag'sche Ring der Minne, Das Seherlied des Sängers hat's verkündet. Donnerschlag. Die Hülle des Schlosses fällt, welches im hellen Morgenlichte dasteht. Auf einer breiten Treppe steigen herab: Minnamunt , Dornröslein führend, König Purpur und Königin Hermeline mit Gefolge. Zugleich erscheint Sconea auf rosigen Wolken. Sconea. Heil euch! der böse Zauber ist gelöst! Mein Segen ruht auf Euch; der Schlaf entwich, Die Nacht entfloh, nun winkt das Morgenroth – Erfreuet euch nach langen Schlummers Noth! (Verschwindet wieder.) Minnamunt. Dornröslein ist nun mein! Das Röslein blühe, Die Dornen bleiben in der Nacht zurück Gleich einem Traume, der entschwunden ist. Dornröslein. Ja ich bin dein, mein holder Minnamunt, Da mich geweckt der reine Minne-Kuß! Dein bin ich für die irdische Lebenszeit, Und dein gehör' ich für die Ewigkeit! Lautenklang. Zu gutem Ende führt der edle Kampf Des Lebens; ja, er führt einmal zum Heil! Zur Wahrheit ward's! Nun stirbt der Sänger Der Laute Saiten springen und es bricht Sein Herz; dort oben winken lichte Höh'n. (Er sinkt zusammen.) Lebt wohl! im Reich der ew'gen Poesie Seh'n wir uns wieder! Heil euch, lebet wohl! (Er stirbt) Alle gruppiren sich um ihn. Der Vorhang fällt.