Karl Philipp Moritz Andreas Hartknopf Allegorischer Roman Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig Hier will ich still stehen, sagte mein lieber Andreas Hartknopf, da er sich plötzlich auf seiner Wanderschaft an einem breiten Graben befand und weder Weg noch Steg sah, der ihn hinüberführen konnte; und doch war es schon beinahe dunkle Nacht, und der Wind wehte scharf aus Norden ihm einen feinen Staubregen ins Gesicht, der schon seine Kleider bis auf die Haut durchnäßt hatte – er hat nun ausgewandert, der gute Hartknopf – aber mir deucht, ich sehe ihn noch da stehen mit seinem langen Knotenstocke, den messingnen Kamm in sein dickes schwarzbraunes Haar geschlagen, und seinen Rock mit den steifen Schößen von oben bis unten zugeknöpft. Er war eine gute Seele – ob er gleich in der Gottheit vier Personen annahm und glaubte, daß die ganze Welt aus alkalischem Salze geschaffen sei. Dies öffentliche Zeugnis von seinem Charakter und seinem Herzen, das gewiß ein Unparteiischer fällt, möge ihn gegen die Beschuldigungen retten, womit Bosheit und Verleumdung seinen Namen oft gebrandmarkt haben. Du guter Andreas Hartknopf magst wohl nicht gedacht haben, daß deine Freunde, die auch wie du an die Viereinigkeit und an die Schöpfung der Welt aus alkalischem Salze glaubten, und mit dir, wie du meintest, ein Herz und eine Seele waren, daß diese dein Gedächtnis nach deinem Tode so schändlich verunglimpfen würden. Ach, es war dir auch nicht an der Wiege gesungen, wie es dir einmal in der Welt ergehen sollte – daß du verstoßen, verjagt, von aller Welt verlassen umherirren, irgendwo ein freundliches Obdach suchen und es nicht finden solltest; daß du an die Türen deiner Brüder, deiner Freunde klopfen, und sie dir nicht aufgetan werden sollten; daß du – o nichts weiter! Meine Seele ergrimmt gegen die Menschen, wenn ich bedenke, daß sie den Edelsten unter sich ausstießen, den Diamanten, der auf diese harten Kieselsteine seinen unnachahmlichen Glanz hätte werfen können, wodurch sie auch bemerkt worden wären, wenn man ihn unter ihnen gesucht hätte! Oft unterhält sich meine Seele in einsamen Stunden mit dir in Gesprächen; ich sehe dich in meine kleine Kammer treten; wir sehen uns und sehen den Himmel aus dem geöffneten Fenster an – und ob wir gleich nur gegen ein altes Gemäuer blicken, so erhebt sich doch unser Herz, wenn die Sonne darauf scheint, und unsere Seelen ergießen sich gegeneinander in Liebe und Wärme, in süßen Gesprächen von Zukunft und Vergangenheit. Ich soll von dir reden, mein Guter! und ich rede mit dir – sieh, ich muß wieder Abschied von deinem Geiste nehmen, wenn ich von dir reden soll –das wird mir schwer. O habt Geduld mit mir meine Leser! es ist mir schwer geworden, mich von meinem Freunde zu trennen – ich sprach mit ihm, da ich mit euch sprechen sollte, denn ich wollte euch doch seine Geschichte erzählen. Hier will ich still stehen! sagte er also, da er plötzlich an dem breiten Graben stand, über den kein schmaler Steg ihn führte – er ging eine weite Strecke auf und ab, und fand keinen Weg hinüber – die Nacht brach immer tiefer herein, der Wind ging immer schärfer, und jagte schon den Regen in großen Tropfen meinem Wanderer ins Gesicht, hinter ihm war ein meilenlanger Wald – Hier will ich still stehen, sagte er noch einmal, weil ich nicht weiter kann – und das will sagte er mit einem gewissen Trotz, aber auch zugleich mit einer Erhabenheit der Seele, womit er dem Regen und dem Sturmwinde zu befehlen und über die Elemente zu herrschen schien. Ich will, was ich muß, war sein Wahlspruch bis an den letzten Hauch seines Lebens; es war seine höchste Weisheit, der er bis zum Tode getreu blieb; die ihn über die Dornenpfade seines Lebens sicher hinleitete, die ihm am Rande des Grabes noch einmal ihre freundschaftliche Rechte bot. Weil ich das nun alles weiß, und ich mich fast ebenso in seine Seele hineindenken kann, als in meine eigene Seele – so genau waren wir miteinander verwebt – so kann ich auch das alles von ihm erzählen, was gewiß sonst niemand von ihm würde erzählen können: wie seine ganze Seele dabei arbeitete, als er die Worte sagte: hier will ich stehen bleiben! Er fühlte dabei einen unwiderstehlichen Mut, womit er der Kälte, dem Regen, dem Winde, der Dunkelheit der Nacht und der Ohnmacht der menschlichen Natur selbst Trotz bot – er zog sich in sich selbst zurück, wie der Igel in seine Stacheln, wie die Schildkröte in ihr felsenfestes Haus. Seine Brust war mit ehernem Mut gestählt, sein Körper zum Leiden abgehärtet – die rauhen Elemente noch immer seine Freunde, denn sie behandelten ihn gütiger als die Menschen. Legen konnte er sich nicht, denn der Boden war vom Regen durchnäßt. Er stand und ging am Graben auf und nieder, dann stand er wieder eine Weile und pfiff die halbe Nacht hindurch im Winde sein Leibstückchen, daß es weit in die Ferne schallte, wo es der Wind hintrug. – Ein paar Eulen auf den nahen Bäumen fingen an, statt der Nachtigall, ihn zu begleiten, und ein paar Fledermäuse schwirrten statt der Lerchen ihm um den Kopf – und er ward nicht böse darüber, sondern ließ sich, da er es nicht besser haben konnte, den Wettgesang gerne gefallen und freute sich, daß selbst in der stillen Totennacht die Natur noch Funken von Leben sprüht. Sie machte ihm jetzt seine sonst so getreue, liebevolle, zwar etwas saure Miene – und er hätte ihr in der Dunkelheit der Nacht, durch eine sehr unerfreuliche Verzerrung seiner Gesichtszüge den Gruß sehr gut erwidern können – aber das tat er nicht, seine Stirne zog sich nicht in düstere Falten, sein Auge blieb so heiter, daß er sich vor der hellen Sonne nicht hätte schämen dürfen, wenn sie in diesem Augenblick sein Antlitz beleuchtet hätte. Indem er noch so da stand und pfiff, hörte er in der Ferne Menschenstimmen, und seine gute Laune, in die er sich hineingepfiffen hatte, erhielt beinahe einen kleinen Stoß. – Bald aber ermannte er sich wieder, und die Menschenstimmen klangen seinen Ohren beinahe wieder so lieblich als der Gesang der Eulen, mit denen er vorher in Gesellschaft des rauschenden Windes ein angenehmes Konzert aufgeführt hatte. Die Menschenstimmen tönten wild in die Nacht; der Laut war wie von stammelnden Zungen, und ihr Ausruf war wie der Ausruf derer, die voll süßen Weines sind. – Schon waren sie dicht heran, und es war doch schändlich! Die Eulen und Fledermäuse hatten meinem Hartknopf zur Gesellschaft mitgewacht – und diese Unmenschen – es waren ihrer zwei – He da! Landsmann, stammelte der eine, was wankt er hier noch so spät umher? – Ich kann nicht über den Graben. – I Narr, so schwimm er durch, lachte jener laut auf und stieß ihn in den Graben hinein. Hartknopf raffte sich im Fallen so gut er konnte zusammen, und siehe da, es war eine Grube wie die, worin weiland Josef von seinen mitleidigen Brüdern hinabgelassen wurde; es war ein Graben, worin kein Wasser war und durch welchen er gleich anfangs trocknen Fußes hätte durchgehen können, wenn er statt seiner philosophischen Resignation seine beiden Sinne, Gesicht und Gefühl, zusammengenommen hätte, um sich mittels seines Dornstockes und seiner gesunden Füße erst einen Durchgang durch den Graben zu erproben, ehe er sich entschloß, die Nacht über diesseits zu bleiben und mit seinem Pfeifen ein paar Eulen zu begleiten. Hartknopf kam nun auf der anderen Seite des Grabens wieder in die Höhe und machte auch nicht einmal in Gedanken seinem Beleidiger Vorwürfe, der ihm freilich wider Willen einen Dienst geleistet hatte, indem er ihm durch einen zwar etwas unsanften Stoß durch einen Graben half, wodurch ihm vorher alle seine Philosophie nicht hatte helfen können. Was aber noch mehr war, so machte Hartknopf sich selber nicht einmal Vorwürfe, daß er wie mit Blindheit geschlagen gewesen war. Das war nun einmal seine Art so: er hielt es für noch einen kindischen und läppischen Streich mehr, wenn man sich über irgendeinen kindischen und läppischen Streich, den man einmal gemacht hatte, die Haare ausraufen wollte. – Überhaupt hatte er sich, seitdem er anfing weise zu werden, die Reue abzugewöhnen versucht, die er nur für ein Arzneimittel der Toren hielt. Ich will, was ich muß, war sein Wahlspruch, wenn er von außen her getrieben wurde, und ich muß, was ich will, wenn ihn etwas von innen trieb. Gefühl seiner Kraft, insbesondere der widerstrebenden, war seine höchste Glückseligkeit. – Darum mochte er zuweilen gerne wider den Strom schwimmen, ob es ihm gleich sauer wurde, und wider die Wand rennen, ob er sich gleich den Kopf zerstieß. Darum war er auch die Nacht diesseits des Grabens geblieben, als er nur einige Wahrscheinlichkeit hatte, daß er nicht würde durchkommen können. Und er gefiel sich nun einmal so. Und weil ihm die Zeit nicht sehr übel verstrichen war, so würde er sich über jeden Ärger geärgert haben, den er in sich hätte über sich selbst aufsteigen lassen; darum ärgerte er sich dann am Ende lieber gar nicht. Er verdoppelte seine Schritte, um sich warm zu gehen, und befand sich ungleich besser, da er wieder auf der Landstraße war und mit Zweck und Absicht sich nach einer festen Richtung fortbewegen konnte, als vorher, da er gehen mußte um zu gehen und immer wieder auf denselben Fleck zurückkam. Dies führte ihn zu tiefsinnigen Betrachtungen über die geraden und über die krummen Linien, und inwiefern die gerade Linie gleichsam das Bild des Zweckmäßigen in unseren Handlungen sei, indem die Tätigkeit der Seele den kürzesten Weg nimmt – die krumme Linie hingegen das Schöne, Tändelnde und Spielende, den Tanz, das Spazierengehen bezeichnet. Indem waren die beiden besoffenen Kerle schon wieder hinter ihm, und faßten ihn brüderlich der eine unter dem rechten, der andere unter dem linken Arm – der unter dem linken Arm hatte ihn in den Graben gestoßen, und war wie der böse Schächer zur Linken am Kreuze, die Tugend und Weisheit ging in der Mitte. Die beiden besoffenen Kerle aber waren ein paar Weltreformatoren und Kosmopoliten – und der zur Linken war der Anführer einer kleinen Kosmopolitenbande, die im Lande umherzog und sich jetzt in dem kleinen Städtchen aufhielt, um ihr Gaukelspiel zu treiben und aus allen vier Ecken der Erde Menschen herbeizulocken, die sich vor ihrer großen Bude versammeln und ihre Marktschreier- und Taschenspielerkünste anstaunen sollten. Der Anführer zur Linken hatte große schwarze struppige Augenbrauen und borstiges Haar, und trug ein samtenes Kleid vom Schweiß und Blut der betrogenen Menschheit – er kniff meinen guten Hartknopf in den Arm, daß es ihm blau wurde, da er ihn untergefaßt hatte, und sagte: – Du alter Kauz, wie ist dir denn das Schwimmen bekommen? Daraus war dann zu schließen, daß er ihn nicht in einen trockenen, sondern mit Wasser gefüllten Graben hatte stoßen wollen, dieser Borstige. Der Kosmopolit zur Rechten war der reuige Schächer und sagte: – Lieber Bruder, wir hätten diesen Menschen schonen sollen – und hätten ihn nicht sollen in die Grube stoßen, worin kein Wasser war – der arme Mensch! – indem drückte er Hartknopf die Hand. Und dieser sagte halb im Schlummer: – Heute wirst du mit mir im Paradiese sein! Er meinte aber den Gasthof in dem Städtchen, das vor ihnen lag, worin er einzukehren pflegte, wo die Zöllner und Sünder herbergten und wohin jetzt sein sehnlichstes Wünschen ging. – Die Idee vom Paradiese schlug in den zwei Kosmopolitenköpfen wie ein Feuerfunken ein – sie hatte etwas so Erhabenes und Feierliches in der dunklen, schauervollen Nacht, so wenig Erhabenes sich auch mein guter, ehrlicher Hartknopf dabei gedacht hatte. Der Schächer zur Rechten und der Schächer zur Linken fühlten die ganze Macht der Worte, die sie nun wirklich auf sich abgezielt glaubten. Ihre Seelen wurden zerknirscht, Tränen entströmten ihren Augen; sie fingen an, sich wirklich für ein paar arme Schächer zu halten, welche in ihrem verkehrten Sinn die hohe Würde des Menschen beleidigt hätten. – Fühlst du das, lieber Bruder, sagte der zur Rechten – – Ich fühle es! antwortete der Linke mit bebender Stimme; laß uns hier niederfallen im Staube und den großen Allvater bitten, daß er uns vergebe die Sünden unserer Jugend und die Sünden unserer grauen Jahre; daß er nicht ansehe unsere Missetat, und uns nicht strafe, wie wir es verdient haben – denn wo willst du einen Reinen finden unter denen, da keiner rein ist; bewahre meinen Fuß – – – und so lang wie er war, lag der borstige Bebende ausgestreckt da, denn sein Gebet war schwarze Heuchelei und verflog in den Lüften. Er maß die Erde mit seiner Länge, denn er hatte sich an einer alten Stubbe am Weg sein Schienbein zerstoßen, daß es ihn bis in den Wirbel hinauf schmerzte. – Das sanfte Erbarmen meines Hartknopf mit seinem Beleidiger hob den Gefallenen wieder auf, und der Gefallene dankte ihm nicht, denn sein böser Geist hatte der Stubbe Hartknopfs Gestalt gegeben. Und der Gefallene sagte zu dem Schächer zur Rechten: – Mein Bruder, was meinst du, der Schurke da hat mir ein Bein untergeschlagen, um sich an mir zu rächen! – Ei so soll ihn ja auch – rief der reuige Schächer, und fing an, tüchtig auf meinen Hartknopf loszuschlagen, und der zur Linken war dabei sein treuer Rat und Assistent. Aber das Blättchen fing sich bald an zu wenden. Die Weisheit in der Mitte nahm ihren Dornenstock in die Hand, und schlug damit rechts und links um sich, und die Torheit taumelte an beiden Seiten von ihren wiederholten Schlägen zu Boden, und als mein Hartknopf die beiden Besoffenen nach Herzenslust durchgeprügelt hatte, so sagte er: – Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Und nun hob er sie beide wieder auf, und sie wanderten wieder einträchtig und brüderlich miteinander fort. Darüber brach der Tag an, und der Rausch in den Köpfen der beiden Kosmopoliten fing allmählich an zu verfliegen. – Ihr nächtlicher Zwist mit Hartknopf verlor sich in ein dunkles Schattenbild, und sie sahen jetzt seine offene Stirn und sein edles freies Auge, womit er sie im Glanz der aufgehenden Sonne anblickte, und schlugen beschämt ihre Augen nieder. Alle drei schienen stillschweigend in einen Vertrag eingewilligt zu haben, alles in der Nacht Vorgefallene in gänzlicher Vergessenheit zu begraben. Sie unterhielten sich miteinander über die Schönheit des Morgens, über die Pracht der aufgehenden Sonne und über den herrlichen Anblick der wiedererwachenden Natur, und ließen ihren strafenden Unwillen gegen diejenigen aus, die den schönsten Morgen in ihren Flaumfedern verschlafen könnten. – Dann fragten erst die zwei Kosmopoliten ihren nächtlichen Gefährten, wo er denn eigentlich herkomme und wo er eigentlich hin wolle? Beides wußte er nicht eigentlich zu beantworten. Er kam aus dem Abend und wanderte gerade gegen den Morgen zu, denn der Weg von Westen nach Osten hatte für ihn etwas Reizendes und Anziehendes, das sich zum Teil mit auf seine besonderen Meinungen gründete. – Da er nun in Süden und Norden ebensowenig Schätze zu holen hatte als in Osten und Westen, so nahm er seine Richtung immer nach Osten zu und richtete es gemeinhin so ein, daß er den ersten frühen Strahl der Sonne mit seinem Morgengebet begrüßen konnte. Welche Städte und Dörfer nun hier auf seinem Wege lagen, durch diese ging er oft hindurch, ohne nur nach ihrem Namen zu fragen; und wenn man ihn dann auch nicht nach seinem Namen fragte, sondern wie irgendein unbedeutendes Wesen, einen Hund oder eine Katze, ihn durchwandern ließ, ohne nur einen Blick auf ihn zu werfen, wie froh war er dann ! Als er aber durch das Land kam, wo man an den Toren die Geheimnisse des Herzens und seiner Taschen ausforschen wollte, ehe man ihn durchließ, so nahm er einen weiten, weiten Umweg, wenn er an eine Stadt kam, und mußte von seiner geliebten Direktionslinie nach Osten manche Abweichungen machen, ehe er wieder in sein Gleis kam. Dann schüttelte er den Staub von seinen Füßen über einer solchen Stadt, und freute sich, wenn er in irgendeine dürre sandige Heide kam, wo keine Spur von Taschendurchsuchenden und geheimniserforschenden Menschen zu sehen war und er nur wieder frei atmen konnte. Damit der Leser auch keinen Augenblick länger etwa den Gedanken hege, als habe sich Hartknopf von Osten gegen Westen hingebettelt, so muß ich versichern – denn ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß man dies auch nur von ihm denken könne – so muß ich dem Leser versichern, daß Hartknopf sich lieber auf irgendeiner Festung oder in irgendeinem Zuchthaus würde von selbst angegeben haben, um zu karren oder zu raspeln, ehe er das getan hätte. Auch brauchte er es nicht; denn er war seines Handwerks ein Grobschmied und ein Priester, und konnte sich also mit seiner Hände Arbeit sowohl als vom Evangelium nähren, das er den Leuten gern verkündete, die es hören wollten. Aber von der Predigt des Evangeliums nährte er sich nicht, sondern vom Schmiedehandwerk; denn er dachte, umsonst habe ich es empfangen, umsonst sollte ich es auch wiedergeben. – Ein Arkanum für die Schwindsucht, welches er besaß, will ich nicht einmal erwähnen; er besaß ein noch weit größeres Arkanum, den Leib des Menschen durch die Seele zu heilen – wie oft hat er hiervon Gebrauch gemacht! Er nährte sich aber so wenig davon als vom Evangelium, das er verkündigte – sondern der Schmiedehammer, den er mit seinem nervigen Arm wohl auf den Amboß zu führen wußte, verschaffte ihm Nahrung und Kleider; und wenn er dann mit dem Allernotwendigsten versehen war, so ließ er eine Weile seinen Arm wieder ruhen, um seinen Lauf gegen Osten fortzusetzen und seinen Weg, den er nahm, durch wohltätige Handlungen zu bezeichnen. Am heißen Mittag begegnete ihm dann die Sonne in ihrem Lauf und schien ihm als ihrem großen Nachahmer Beifall zuzulächeln. Das Geheimnis des Erdenlebens meines Hartknopfs ist mir heilig. Mit Ehrfurcht wage ich es, allmählich den Schleier wegzuziehen, der große, der Ewigkeit werte Taten vor dem Auge der Welt verhüllte, die dereinst im höchsten Glanze schimmern und die Taten der Könige verdunkeln werden. – Du hörest sein Säuseln wohl, aber du weissest nicht, von wannen er kommt, noch wohin er fähret. – – Der Fromme geht seinen Gang vor sich hin, so lange er hienieden wallt, ist in sich gekehrt und merkt auf jeden seiner Schritte die er tut. Seine Blicke schweifen nicht in Unruhe auf den Töchtern seines Landes, denn eine ist seine Braut, die verläßt er und sie ihn in Ewigkeit nicht; sie reicht ihm noch ihre sanfte Hand im finsteren Tal des Todes und geleitet ihn in bessere Welten hinüber, wo kein Kosmopolit den Wanderer mehr in einen Graben stößt und kein böser Geist mehr eine Stubbe in Hartknopfs Gestalt verwandelt, um ihm von zwei Weltreformatoren eine Tracht Schläge zuzuziehen. Wohin er eigentlich ging? fragten ihn also die zwei Weltreformatoren. Eigentlich habe er sich kein festes Ziel gesetzt, gab er zur Antwort, aber er wolle mit ihnen in das nächste Städtchen gehen und dort im Paradiese einkehren, wo der Gastwirt noch sein Herr Vetter sei. Das Städtchen aber, auf welches sie nun zugingen, hieß Gellenhausen und war Andreas Hartknopfs Geburtsort, den er jetzt besuchte, weil er auf seiner Direktionslinie nach Osten lag – denn er kam aus dem äußersten Ende von Westfalen und ging durch ganz Niedersachsen und Obersachsen immer auf das jetzige Polen zu, und nun war er bis an Gellenhausen gekommen, ohne bis jetzt daran zu denken, daß er da geboren war – bis er, noch den Abend vorher, ehe er an den breiten Graben kam, die hohe Turmspitze in der Ferne schimmern sah, welche die einzige in dem Städtchen war und mit ihrer Pracht alle übrigen Häuser, die in einem Klümpchen zusammengedrängt dalagen, verdunkelte und beschämte. Das Städtchen hatte sich auch in dem Turm ganz verbaut, und der Magistrat von Gellenhausen wäre beinahe darüber bei den höchsten Landesgerichten in Inquisition gekommen. Das war aber nun einmal die Art dieses Städtchens, daß es schimmern wollte, von jeher – davon zeugten noch die Überreste eines alten Walles, worauf ein paar ungeheure Kanonen gepflanzt waren, und ein Prediger, der ein Buch geschrieben hatte unter dem Titel »Die sich entknospende Frühlingsrose oder die Hoffnung des Christen jenseits des Grabes«, wo sie nicht eher ruhten, bis sie ihn in ihr Städtchen zogen, wo er auf dem Kirchhof bei Mondschein Predigten hielt und die Jünglinge und Mädchen des Dorfes auf den Grabhügeln ihrer Väter um sich her versammelte, um ihnen die sich entknospende Frühlingsrose vorzupredigen. Nun wird man sich auch leicht erklären können, wie sich in dem Städtchen eine Kosmopolitenbande einnisten konnte – nachdem eine herumwandernde Gruppe Komödianten schon die Hälfte von dem Hab und Gut der armen Einwohner mit sich hinweggenommen hatte. Das Philanthropin in Dessau existierte damals schon seit einigen Jahren und hatte in den Köpfen der Deutschen einen Schwindel hervorgebracht, der sich damals noch in vollem Wirbel umherdrehte. Und so wie bei der Theaterepoche, die sich nun auch allmählich ihrem Ende nähert, mancher ehrliche Handwerksmann sich mit in den Wirbel hineinziehen ließ, und den Leisten mit dem tragischen Kothurn vertauschte, so waren auch Hartknopfs beide Begleiter, der eine zur Rechten, namens Küster, wirklich ein Küster, und der borstige zur Linken, namens Hagebuck, ein ehrsamer Schuster gewesen, der eine höhere Flamme in sich lodern fühlte und glaubte, daß er gar wohl fähig sei, in den Köpfen der Menschen ein Licht anzuzünden, deren Füßen er jetzt Schuhe anmessen mußte. Er hatte nämlich seines großen Handwerksgenossen Jakob Boehmes Schriften gelesen; dadurch war zuerst der Funke in ihm angefacht worden – denn es war ihm einmal, da er gerade den Pechdraht zog, als ob ihm eine Stimme vom Himmel zurief: Hagebuck! und er sagte; Herr, was ists? – Da rief ihm die Stimme weiter zu; Laß deinen Pechdraht liegen, und wirf deinen Pfriemen von dir, und gehe hin in ein Land, das ich dir zeigen will! Er nahm darauf plötzlich von seinem Meister Abschied, welcher seinen verstörten Mienen nach zu urteilen, glaubte, er sei toll im Kopf geworden, ihm seinen Lohn auszahlte und froh war, daß er ihn los wurde. Denn er war manchmal des Nachts bei Mondschein auf dem Dach herumgeklettert und hätte das Haus wegen eines üblen Spuks beinahe in üblen Ruf gebracht. Dies war aber ein Fehler, der ihm noch aus seiner Kindheit anklebte; denn er war einer der unheilbarsten Nachtwandler, die es gegeben hat, und auch einer der geschicktesten, so daß er, wenn man ihn nicht bei seinem Taufnamen rief, auf einer Dachspitze tanzen konnte. Hans Hagebuck schnürte also sein Bündel, steckte seinen Jakob Boehme in die Tasche und wanderte auf Dessau zu. – Hier verkannte man seine Talente nicht, und er fand Gelegenheit, den Unterricht des Philanthropins zu genießen, und studierte Basedows Elementarwerke in der deutschen Übersetzung, daß ihm der Kopf rauchte; der Erfolg davon war, daß er binnen einem Jahr sich schon stark fühlte, wieder ein Lehrer der Menschheit zu werden und in dem Städtchen Gellenhausen, wohin man ihn rief, ein Philanthropinum nach dem Muster Dessaus zu errichten. Sein Mitgehilfe war, wie schon gesagt, ein Küster, welcher zugleich Küster hieß. Er war aber wegen seines tumultarischen Charakters seines Dienstes entsetzt worden; denn er wollte sich nicht in die gewöhnliche Ordnung der Dinge fügen, seinem Pastor nachzutreten, sondern er wollte ihm an der Seite gehen und den Pastor wie seinen Freund und Kollegen betrachten; er meinte, sie wollten zusammen in brüderlicher Eintracht auf ihr Zeitalter wirken und dem alten Vorurteil entgegenkämpfen. – Der Herr Pastor verstand aber keinen Spaß und verbat sich dergleichen Familiarität von seinem Untergebenen; und da der Küster einmal andere Lieder in der Kirche anschlug als der Pastor ihm gesagt hatte, so machte dieser einen Bericht an das Konsistorium, worin er dieses nebst mehreren gröblichen Vergehen gegen die Subordination anzeigte – und wovon die Folge war, daß dieser Küster, welcher zugleich Küster hieß, seines Dienstes entsetzt wurde. Er hatte die Basedowschen Schriften gelesen und die Weltreformiersucht spukte ihm auch im Kopf – er reiste also geradewegs nach Dessau und machte Bekanntschaft mit dem Schuhknecht Hagebuck, der soeben nach Gellenhausen abreisen wollte. Ihre Seelen begegneten sich schon in ihren Blicken; sie umarmten sich schon, da sie kaum einander nennen konnten – und ihr Freundschaftsbündnis war auf ewig geschlossen. Um es aber noch fester und feierlicher zu machen, ließen sie sich im Gasthof zum goldenen Szepter eine Bouteille Pontak Bordeauxwein geben und tranken Brüderschaft, nachdem sie vorher aus dem Basedwoschen Liederbuche das Lied über die Freundschaft gesungen hatten. Und nun ging es denn geradewegs auf Gellenhausen zu. – Da war nun viel aufzuräumen – da regierte noch recht der alte Schlendrian im Schulwesen, da herrschte noch der Stock und die Rute, da wurden noch Vokabeln auswendig gelernt: – aber wie bald war das alles ganz anders und Stock und Rute wie weggeblasen! Bald wurde eine Meritentafel in der Kirche mit dem hohen Turm aufgehängt, und jeder Junge in Gellenhausen, mochte er auch sein wer er wollte, bekam für jede edle Tat, die er getan hatte, einen goldenen Punkt darauf – und es kamen plötzlich so viele edle Taten zum Vorschein, daß ganz Gellenhausen darüber erstaunte. Wer erst eine gewisse Anzahl solcher goldener Punkte hatte, der bekam ein Ordensband, und da galt, wie billig, kein Ansehen der Person, mochte der Junge auch barfuß gehen und die Schweine hüten, so bekam er doch ein Ordensband. – Der Rektor des Städtchens nannte zwar die Hagebuck- und Küstersche Anstalt eine Klippschule, weil kein Latein gelehrt wurde, und schlug ein Schnippchen dazu, allein sein Beutel und seine Küche empfanden es, daß diese neue Klippschule in Gellenhausen etwas mehr sagen wolle; da flogen Braten und Weinflaschen und Zuckerhüte den beiden Weltreformatoren ins Haus, als ob sie mit dem leidigen Drachen ein Bündnis gehabt hätten. Aber machten denn diese beiden allein die ganze Kosmopolitenbande aus? – Nein, es gehörte noch ein Schneider und ein Friseur dazu, die sie unterwegs aufgerafft hatten. Der Friseur mußte ihnen alle Morgen auf philantropische Weise ihr abgeschnittenes Haar im Nacken in runde Locken kräuseln, um der Natur getreu zu bleiben, und dann erklärte er zugleich den kleinsten Kindern die Kupfer des Basedowschen Elementarwerks. Der Schneider flickte ihnen ihre Kleider mit der Nadel, und ihre Reden mit seinem Witz aus – er war zugleich ein großer Kinderfreund und lehrte Kinder von vier Jahren lesen, ohne daß sie erst buchstabieren lernten. Es wurden nun Spaziergänge, Wettrennen, gymnastische Übungen angestellt – wie stauntest du, Gellenhausen, da du zuerst deine hoffnungsvolle Jugend unter den Augen ihrer Herren Lehrer sich öffentlich balgen sahst! Da du sie zum ersten Mal mit Knüppeln vor den Toren exerzieren und mit klingendem Spiel in deine Tore einziehen sahst! Da du zuerst den Knaben mit dem Ordensbande auf der Brust hinter den Schweinen hergehen, und sie nun menschenfreundlich und liebevoll von ihm behandelt sahst! Aber wie stauntest du, mein Hartknopf, da du mit deinen beiden Gefährten in die Tore deiner Geburtsstadt eingingst und die ganze nunmehr philanthropisch gewordene Jugend deiner Vaterstadt, angeführt von ihren anderen beiden Lehrern, dem Schneider und dem Friseur, in bester Ordnung entgegenkam und deine beiden besoffenen Gefährten mit einem lauten gellenden Freudenschrei bewillkommte; und wie deine beiden Gefährten umhalst und liebkost, und im Triumph durch die Stadt bis zu ihrer Wohnung in dem neuen Erziehungshause geführt wurden, das eines der ansehnlichsten Gebäude in der Stadt war. Der Triumph, womit Hagebuck und Küster eingeholt wurden, bezog sich auf eine Wette, die sie angestellt hatten, daß sie innerhalb von vierundzwanzig Stunden sieben Meilen ca. 50 km zu Fuß hin und her gehen wollten. Diese Wette hatten sie nun gewonnen, indem sie von dem Orte, der sieben Meilen weit von Gellenhausen lag, Brief und Siegel mitbrachten, daß sie dagewesen waren. – Solche Wetten wurden öfter angestellt, um dadurch einen edlen Wetteifer zu fördern – und Hagebuck und Küster glaubten auch, schon des Beispiels wegen, solche Taten machen zu müssen, damit es nicht schiene, als ob sie selbst ihren Körper nicht abzuhärten und das nicht auszuüben suchten, was sie doch anderen predigten. – Nun schien aber vorzüglich das zu Fuß Wandern so etwas philanthropinisch Weltbürgerliches zu sein, daß sie nicht mit Unrecht glaubten, es verdiene wohl durch ihr eigenes Beispiel den Menschen angepriesen zu werden. – Hagebuck hatte von seinen Wanderschaften als Schuhknecht her noch eine große Geläufigkeit in seinen Füßen, ob er gleich mit den Knien etwas einwärts ging, so daß er noch ziemlich munter auf den Beinen war, da Küster schon anfing, ziemlich schachmatt zu werden – endlich aber, da es gegen Abend ging, konnten sie beide nicht mehr fort, und hatten doch noch beinahe 5 Meilen vor sich. War es nun diesen Leuten, die es sich um das Beste der Menschheit so sauer werden ließen, wohl zu verdenken, wenn sie, da sie sich mit ein wenig Wein erquicken wollten, des Guten zu viel taten und die übrigen fünf Meilen in einem weg auf die lustigste Art hintaumelten, die sie sonst auf die langweiligste Art hätten gehen müssen? Und hatten sie gleich im betrunkenen Mut den armen Hartknopf in einen Graben geworfen, so hatten sie ihm doch nachher wieder brüderlich unter die Arme gegriffen; und hatten sie ihm gleich für sein Mitleid gegen den Gefallenen mit Schlägen gelohnt, so hatten sie ihm doch auch wieder verziehen, da er ihnen doppelt und dreifach vergalt, was ihre blinde Rachsucht an ihm ausübte. Und Hagebuck –denn man muß doch auch dem Teufel Gerechtigkeit widerfahren lassen – war, seine Heuchelei und Verstellung und seine menschenfeindliche Gemütsart abgerechnet, die aus seinen schwarzen Augenbrauen hervorleuchtete, ein Mensch, der niemandem leicht etwas zu leide tat – ausgenommen, wenn es ihm Nutzen brachte, oder er sich etwa einmal einen kleinen Spaß machen wollte, wie mit Hartknopf, den er in den Graben stieß. – Der einzelne Mensch war ihm wie nichts – den unversehens in einen Graben zu stoßen und in den Arm zu kneifen, indem er sich brüderlich stellte, daraus machte er sich nichts. Aber die ganze Menschheit konnte er liebevoll umfassen, gegen die schlug sein Herz, wie er sagte, mit mächtigen Schlägen. Für die opferte er, indem er in vierundzwanzig Stunden sieben Meilen hin und zurück ging, seine Kräfte auf. Dessen ungeachtet aber fehlte es ihm nicht an einem wirklich unternehmenden Geiste, und er pflegte sich deswegen auch oft mit Luther, und seinen Kollegen Küster mit Melanchthon zu vergleichen; und als er auf der Reise nach Gellenhausen begriffen war, so dachte er sich alle die Schwierigkeiten, die dort von der Geistlichkeit des Ortes seinem Reformatorengeschäfte würden entgegengesetzt werden, und konnte sich nicht enthalten, seinem großen Vorgänger Luther die merkwürdigen Worte nachzusprechen; wenn auch in Gellenhausen so viele Teufel als Ziegel auf den Dächern wären, so wolle er doch den Sieg behalten. Er verstand aber unter den kleinen Teufeln die Menge der Vorurteile, die er nun in Gellenhausen besiegen und was er sonst noch ausrichten würde, so daß sein Angedenken noch nach Jahrhunderten nicht verloschen sein sollte. Küster war eine gute schwache Seele, der allem Beifall gab und alles für Orakelsprüche hielt, was sein Herr und Meister Hagebuck nur über seine Lippen strömen ließ. – Wenn Hagebuck diktierte, so faßte Küsters Feder seine Worte wie die Worte eines Heiligen auf, und brachte sie mit zitternder Hand zu Papier, daß ja nicht eine Silbe davon verloren ginge. Dann brach er oft in laute, freudige Ausrufe über die hohe Weisheit aus, die in Hagebucks Worten lag, welche er das Glück hatte niederzuschreiben. Er war Hagebucks getreues Echo – wenn dieser diktierte, so schrieb er und las ihm seine Worte wieder vor; wenn dieser auf den Stock und auf die Rute schimpfte, so schalt er auf das Auswendiglernen der Vokabeln; wenn dieser seinen undankbaren Zeitgenossen fluchte, daß sie ihn nicht zum allgemeinen Weltreformatoren mit einem Gehalt ernennen wollten, so seufzte er über das undankbare Gellenhausen, welches doch, wie ich vorher bemerkt habe, was Viktualien anbetraf, sich nichts weniger als undankbar bewies. Wenn Hagebuck mit dem höchsten Pathos eine Rede über Menschenglück und Menschenwohlfahrt hielt, und seine Hände fochten und alle seine Muskeln angestrengt waren, so sah Küster wie das Amen zu der Predigt dazu aus – und er war auch wirklich das Ja und Amen von allen Reden, die Hagebuck je in seiner Gegenwart gehalten hat. Man verwundere sich nicht, daß dieser Küster, da er noch wirklicher Küster war, sich gegen seinen Pastor so übermütig betrug – das Herz des Pastors war ein noch stolzeres – aber Hagebucks Genius war stärker als Küsters Genius, und sein Übermut verwandelte sich gegen diesen in Ehrfurcht und Anhänglichkeit, welche immer bei dem Schwächeren gegen den Stärkeren stattfindet, wenn der Stärkere einmal sein Herr geworden ist. Diese beiden Leute wurden nun, wie gesagt, im Triumph in Hartknopfs Vaterstadt eingeholt, und um Hartknopf bekümmerte sich keine Seele als ein alter Pudel, der seinem Herrn Vetter, dem Gastwirt Knapp im Paradiese gehörte, und auch vor Alter schon auf einem Auge blind und auf zwei Füßen lahm war. Dieser sprang auf und liebkoste Hartknopf, da er vor der Türe des Gasthofs stand und das uralte Schild besah, wo noch der Cherubim mit dem flammenden Schwert stand und unsere beiden ersten Eltern nackt und bloß dem schönen Paradiese den Rücken zukehrten. Hier stand Hartknopf – denn die beiden Weltbürger, mit denen er gewandert war, hatten nicht zu ihm gesagt: bleibe bei uns, denn es will Mittag werden, und dich wird wohl hungern; sondern sie sagten; behüt ihn Gott, mein Freund! da sie von ihm Abschied nahmen, und gaben ihm nicht die Hand vor den Leuten, sondern nickten ihm nur ein wenig mit dem Kopfe, und Hagebuck nickte ihm bloß mit seinen schwarzen Augenbrauen zu. Und Hartknopf kehrte nun nach einer langen mühseligen Wanderschaft in seinem Geburtsorte im Paradiese ein. Hier fand er doch Freunde und Bekannte wieder – erstlich den alten lahmen Pudel, und dann seinen Herrn Vetter Knapp, die ihn beide herzlich bewillkommten. Der Herr Vetter Knapp war ein Mann von kurzen Antworten, und seine Rede war im eigentlichen Verstande Ja! Ja! Nein! Nein! – wenn man ihn aber auf den rechten Punkt brachte, wo er zu Hause war und wo ihm seine Sache am Herzen lag, so sprach er mit einem Fluß der Rede, wo er kein Aufhören finden konnte. Also; H. – Lieber Herr Vetter Knapp, kennt er mich noch? K. – Ja! Ja! (indem er ihm die Hand schüttelte) H. – Lebt seine Frau noch? K. – Nein! Nein! (indem er sich die Augen wischte) H. – Kann ich die Nacht hier herbergen? K. – Ja! Ja! (indem er ihn in seine beste Stube führte) Knapp besorgte zu essen und zu trinken für seinen Vetter, und beide setzten sich nun zu Tisch und sprachen in zwei Stunden kein Wort miteinander, denn Hartknopf kannte seinen Vetter noch von alters her. – Endlich fing Hartknopf an: – Lieber Vetter, wer sind denn eigentlich die beiden, die mich da unterwegs begleitet haben, der Hagebuck und der Küster, und was machen diese Leute hier? K. – Ja! Ja! mein Freund, da ließe sich viel von reden, aber er weiß, das ist nun einmal meine Sache nicht – es tut einem in der Seele weh, wenn man den Narreteien und dem Unwesen so zusieht. Erst hat sich der Magistrat in dem großen spitzen Turm verbaut – was die Feldschlangen auf dem Walle sollen, das weiß der liebe Gott – und nun läßt er da ein paar Landläufer herüberkommen, die uns allen die Köpfe toll machen. Seh er einmal meine beiden Nachbarsjungen: die Jungen sehen aus wie die Narren mit ihren roten Ordensbändern, die sie um ihre schäbigen Kamisöhler hängen haben; der eine hat einmal einen gefangenen Vogel wieder fliegen lassen, und der andere hat für einen Hund gebeten, der Prügel haben sollte – dafür haben sie nun beide den Orden gekriegt. Alles wohl gut – aber die Jungen wissen nun einmal, was für ein Aufhebens gemacht wird, wenn sie so etwas tun; da werden ihnen nichts als kleine Geschichten erzählt, wo dergleichen edle Handlungen zu Dutzenden drin vorkommen; anstatt daß sie nun denken sollten, das müßte schon so sein, das verstünde sich schon von selbst, lernen sie etwas ganz Besonderes daraus machen und tun vor ihren Eltern und erwachsenen Leuten groß damit. Liebet Vetter, was soll das? – Die alten Tafeln, worauf die 10 Gebote standen, haben sie in unserer Kirche abgenommen und dafür eine Tafel mit Punkten hingehängt – sehe er nur, das heißt eine Meritentafel, da stehen die Namen der Jungen oben angeschrieben, und wer die meisten Meriten hat, der hat auch die meisten goldenen Punkte. Nun sage er mir, was kann so ein Junge wohl für Meriten haben? Wenn wir von Moral reden wollen, so sind doch die 10 Gebote eine recht kurze und nachdrückliche Moral – warum sollten wir sie denn nun wegen der goldenen Punkte abschaffen? Der Mensch behält alles so leicht an den Zahlen, er zählt sich so gern etwas an den Fingern ab –: mit den 10 Geboten war man nun einmal so schön eingerichtet; man durfte nur sagen, du muß nicht wider das siebente, wider das sechste, wider das achte Gebot sündigen, und jedermann verstand einen gleich – die neue Moral ist zu weitläufig, Herr, für uns gemeines Volk! Wir müssen etwas kurz und bündig haben, das wir auf den Fingern abzählen können, und das uns immer zur rechten Zeit wieder einfällt, wenn wirs brauchen. – Wer die fünf Species rechnen kann, der hat soviel rechnen gelernt, als er fürs Haus braucht, und wer die fünf Hauptstücke von Luthers Katechismus im Kopfe und im Herzen hat, der hat auch soviel Christentum und Moral gelernt, als er fürs Haus braucht. – Was die drei Glaubensartikel anbetrifft, so ist mir der erste von Gott dem Vater immer der erbaulichste gewesen, der mich erschaffen hat und noch erhält, der mir Vernunft, Augen, Ohren, und alle Sinne gegeben hat, und der ein Schöpfer Himmels und der Erden ist. Die anderen beiden Glaubensartikel lasse ich aber auch in ihren Würden, ob ich sie gleich nicht so ganz verstehe wie den ersten. Hier hatte nun Herr Knapp eine Saite auf Hartknopfs Seele berührt, die sogleich einen hellen und sanften Ton von sich gab, welcher den, der ihn hörte, auf eine Weile in angenehme Schwärmereien einwiegte, bis auf einmal seine trockene Laune wieder da war, die den horchenden Träumer aus seinem Schlummer weckte und ihn wieder auf den gegenwärtigen Lebensfleck zurückbrachte. Was die Glaubensartikel anbetrifft, mein lieber Vetter, sagte Hartknopf, was die anbetrifft, so scheint er mir darin auf einem recht guten Weg zu sein, daß er den von Gott Vater für den erbaulichsten hält, und die anderen beiden doch auch in ihren Würden läßt. – Lieber Vetter! der Vater wäre nicht Vater, wenn der Sohn nicht wäre – der Vater muß durch den Sohn erkannt werden, wie der Gedanke durch das Wort; das Wort ist das Kleid, das den Gedanken umhüllt, aber ohne das Wort wäre der Gedanke nicht; das Wort ist allmächtig. Es war im Anfang und war bei Gott, und Gott war das Wort, und durch das Wort ist alles gemacht, was gemacht ist. Lieber Vetter, unser ganzes Leben und Sein drängt sich in ein großes Wort zusammen, aber ich kann es nicht buchstabieren – dies Wort hat den Himmel gewölbt, es hat aus der dunklen Mitternacht die Morgensterne hervorgerufen. Es geht aus von Vater, Sohn und Geist, so wie der Geist von Vater und Sohn, und der Sohn vom Vater allein ausgeht. Vier sind, die da zeugen im Himmel: der Vater, der Sohn, der Geist und das Wort, und diese vier sind eins. Das Wort aber ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, als eine Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes Gottes, und – Vetter, wir können sie noch alle Tage sehen, und dürfen sie nicht weit suchen. – Die Weisheit steht auf der Gasse und spricht; kommet her zu mir, und lernet von mir; ich will euch Worte des Lebens sagen! Die Worte des Lebens aber tönen sanft und voll, und wer sie einmal gehört und sein Ohr daran gewöhnt hat, dem tönen sie sein ganzes Leben hindurch in einem fort und sind der harmonische Takt zu allem, was er denkt, und spricht, und tut. – – Wer auf diesen Takt horcht, dessen Blut fließt leicht in seinen Adern, seine Seele ist immer heiter, sein Auge beständig offen für den Lichtstrom, der sich aus Gottes Schöpfung hinein ergießt; sein Schlummer ist sanft, sein Erwachen froh – sein Tod wie gewünschter Schlaf in der schwülen Mittagshitze – Vetter, wir sind das höchste, was wir sagen können – die Welt um uns her ist unendlich groß, und uns ist doch hier so wohl zwischen seinen vier Pfählen – nun laß er uns auch eine Pfeife Tabak stopfen, und hört er, sein Junge schreit! Hartknopf hatte gleichsam den ersten Buchstaben von dem großen Wort gesagt und glaubte, sein Vetter würde vielleicht mit dem zweiten Buchstaben einfallen – weil er aber dies nicht tat, so lenkte er bald wieder ein, und sagte; laß er uns doch eine Pfeife Tabak stopfen, und; hört er nicht wie sein Junge schreit? Der Junge schrie aber erbärmlich, weil ihm einer von den barfüßigen philanthropischen Buben, der aber schon ein Ordensband trug, bei den Haaren herumzauste. Er hatte diesen Burschen mit seinem Ordensband ausgehöhnt, und der verstand keinen Spaß, sondern fing an, von seinem gymnastischen Unterricht jetzt praktischen Gebrauch zu machen, und hatte den kleinen zehnjährigen Knapp zur Erde nieder, welches ihm nicht schwer fiel, da er selbst schon ein großer Tölpel von 16 Jahren war. Vater Knapp lief hinaus und rettete seinen Sohn aus den Fäusten des großen Hagebuck'schen Zöglings, den er mit einigen fühlbaren Verweisen entließ, und mit seinem zerzausten und zerschlagenen Jungen zu seinem Vetter Hartknopf in die Stube trat. – Da haben wir nun die Früchte, sagte er; so muß mein armer Junge es oft entgelten, wenn ich mich über die Albernheit aufhalte, und ihn nach meiner Weise ziehe – und wenn das Wesen noch lange so fortdauert, so werden wir doch am Ende noch alle zu Narren werden. Auf einmal fuhr der Geist des Eifers in Hartknopf, als solle er die Käufer und Verkäufer aus dem Tempel austreiben, und er stieß mit seinem Dornenstock heftig auf die Erde und sagte: – Vetter, das soll hier gewiß nicht so bleiben. Nun pflegte aber Hartknopf nichts zu sagen, was er nicht halten konnte. –Als sie sich des Abends zu Tische setzten, wurden Rettiche aufgetragen wovon Hartknopf ein Liebhaber war; und da man nun das Salzfaß brachte, rückte es Hartknopf vor sich hin und fing darüber leise an zu beten, so daß sich sein Vetter darüber wunderte und ihn um die Ursache dieses Beginnens fragte, worauf Hartknopf aber weiter nichts antwortete, als daß das Salz eine vorzügliche Gabe Gottes sei, wofür man ihm also auch mit einer vorzüglich aufmerksamen Hinsicht auf die Sache danken müsse. – Dabei schien es nun dem Vetter Knapp, als ob Hartknopf immer noch starr auf das Salzfaß hinsah, und mit seinen Augen gleichsam in das Allerinnerste dieser ihm heiligen und geweihten Körner einzudringen suchte. Mit dem Blick noch immer auf das Salzfaß geheftet, fing er an, von den gegeneinander wirkenden Kräften in der Natur, von Neuheit und Vergangenheit zu reden – und Knapp sah auch aus einem sympathetischen Zug bald auf das Salz und bald wieder auf seinen Vetter, der mit einer Art von heiliger Ehrfurcht das Salz auf die Rettichscheiben zu streuen schien, indem er sprach – und der in jedem Salzkorn auf seiner Zunge einen hohen Sinn, eine wundersame Bedeutung gleichsam zu schmecken schien. Da sie nun gegessen hatten, so gingen sie in der Stadt umher und besahen sich bekannte Plätze, wo Hartknopf als Kind gespielt hatte. – Die Hütte, wo zuletzt Hartknopfs Eltern wohnten, war eingefallen; sie gingen auf den Kirchhof, um ihre Grabhügel zu sehen. Es war Mondschein – da stand der Verfasser der sich entknospenden Frühlingsrose und stellte auf den Gräbern der Toten eine dramatische Übung an. Es hatte nämlich eine Anzahl Jünglinge und Mädchen jeder eine von den Personen, die in Klopstocks Messiade vorkommen und die Reden, welche sie sagt, auswendig gelernt. Der Frühlingsrosenentknosper hatte das Ganze in eine Art von dramatischer Form gebracht, und er selbst spielte dann natürlich die Hauptperson, den Auferstandenen, um den die Weiber weinten und klagten, und der ihnen dann plötzlich erscheint. Diesen Abend wurden die Jünger von Emaus aufgeführt, wovon Hagebuck den einen und Küster den andern, der Stifter des Spiels selbst aber Christum vorstellte. Das Parterre war eine Reihe von Grabhügeln, worauf die Zuschauer saßen, und eine Reihe von Lindenbäumen, hinter welchen die spielenden Personen hervorkamen, waren die Kulissen. Die Beleuchtung machte, wie gesagt, der Mond. Sie hatten nun die Reden aus der Messiade auswendig gelernt. Hagebuck machte den etwas lebhaften und Küster den sanfteren Jünger, und gerade da der eine sagt: bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag . . . . kamen Knapp und Hartknopf auf den Kirchhof gewandert, und die beiden Jünger von Emaus erkannten Hartknopf, mit dem sie die Nacht gewandert hatten, und ob sie ihn nun gleich in so unangenehmer Gesellschaft kommen sahen – denn der Gastwirt Knapp war ihnen immer ein Dorn im Auge gewesen – so nötigten sie ihn doch im Ernst bei ihnen zu bleiben und mit ihnen vorlieb zu nehmen; denn es wurde wirklich, da es soweit kam, daß die beiden Jünger von Emaus ihren unbekannten Gefährten zum Essen einluden, ein artig besetzter Tisch unter einen der Lindenbäume gebracht, und Parterre und Theater floß nun in eins zusammen. Die bisherigen Zuschauer setzten sich alle an den Tisch und waren nun Personen mit im Spiele. Jesus brach das Brot und dankte, aber er verschwand nicht, nachdem er sich zu erkennen gegeben hatte, sondern ließ es sich mit den übrigen recht gut schmecken, und Hartknopf und sein Vetter mußten sich auch mit an den Tisch setzen, eher ließ man ihnen keine Ruhe. – Die beiden Jünger von Emaus gingen frei aus. Um desto herzhafter aber fingen sie an zu zechen, denn für gute Leute, sang Hagebuck, ist der gute Wein, und dabei machte er Hartknopf ein schiefes Maul zu – denn sooft ihn Hartknopf ansah, so war es immer, als wenn der Hahn zum zweiten Male gekräht hätte. Der Blick durchschaute Hagebucks Geist und Seele, aber er war schon zu hart zum Schmelzen; er ging nicht hinaus und weinte bitterlich, sondern, da er sich nicht anders mehr zu helfen wußte, machte er Hartknopfen ein schiefes Maul zu. – Die Verzerrung seiner Muskeln dabei war krampfhaft und fürchterlich – – Du wirst der Schlange den Kopf zertreten, und sie wird dich in die Ferse stechen. – – Hartknopf saß erst da, still und unbemerkt, und schwieg. Die Sonne war untergesunken, das Gespräch lenkte sich auf Tod und Unsterblichkeit. Hartknopf sagte ein paar Worte darüber, die der einfältigste Bauer auch hätte sagen können, so kunstlos und ungelehrt waren sie – und doch ward eine allgemeine Stille, da er gesprochen hatte, und es getraute sich eine Weile niemand weiterzureden, so groß war die Herrschaft über die Gemüter, die Hartknopf angeboren zu sein schien. Man stand nun vom Tische auf, die Gesellschaft zerstreute sich nach und nach und ganz zuletzt taumelten dann die Jünger von Emaus auch wohlbebezecht von dannen. Hartknopf und sein Vetter blieben auf dem Kirchhof allein; der Mond ging auf und beleuchtete die hohe Spitze des Kirchturms und die alten langen Fenster der Kirche. Die beiden Vettern suchten den Grabhügel, wo Hartknopfs Eltern lagen. Sie fanden ihn endlich unter vielen heraus – er war schon beinahe durch die Zeit geebnet. Der Staub darunter war eingesunken, und der Hügel mit. Nahe dabei lag ein alter, abgehauener Baumstamm; sie wälzten ihn heran und setzten sich darauf. Nicht weit von hier, sagte Knapp, und zeigte über zwei fremde Gräber hinweg, nicht weit von hier liegt meine Frau – fünfzehn Jahre lang habe ich mit ihr glücklich gelebt, und von den fünfzehn Jahren gereut mich auch kein Tag. Ich habe sie doch gehabt, sagte er, sollte ich denn nun murren, daß ich sie nicht mehr habe? Ebensowenig, wie er heute murren kann, daß es nicht mehr gestern ist, antwortete Hartknopf. – Was heißt haben? Wir haben den Tag nicht eher, als bis er vorbei ist. Niemand schätze sich glücklich bis seine letzte Stunde da ist. – Wohl dem, der dann sagen kann; ich habe gelebt. – Seine Frau hat gelebt, laß er sie in Frieden ruhen! – Mir ist so wohl ums Herz, da ich mit ihm rede, sagte Knapp, erzähl er mir doch nun auch seine Lebensgeschichte, wie es ihm seither ergangen ist – er geht doch nun wohl schon stark in die Vierziger, und in der Zeit von zwanzig Jahren kann einem schon vielerlei begegnen. Denn er mochte doch wohl ungefähr ein Bursche von 19 Jahren sein, da er als Geselle hier auswanderte! Aber das muß ich sagen, viel Sorge und Kummer muß er die Zeit her nicht gehabt haben, sein Gesicht hat sich fast gar nicht verändert – ja! – ja! ein Handwerk hat einen goldenen Boden, es läßt niemand sinken, das habe ich immer gesagt, wenn sein Vater sich die Grille in den Kopf setzte ihn studieren zu lassen. Hätte sein Vater weniger über Büchern gesessen und das verwünschte Laborieren unterwegs gelassen, so wäre ihm Haus und Hof nicht in Rauch aufgegangen; so hätte er zuletzt nicht in der alten Hütte wohnen und in Kummer und Elend sterben müssen. – Er hätte dann auch nicht auswandern dürfen, lieber Andreas, und hätte bei fremden Leuten nicht sein Brot suchen dürfen. – – Das ist doch im Grunde einerlei – er hat sich doch nun was versucht, und wird sich schon durchgeschlagen haben. Aber es ist jammerschade um die schöne Schmiede, die sein Vater hier hatte – gut war es, daß meine Schwester es nicht erlebte, wie sie verkauft wurde! Es war ein schmuckes Mädchen, da sie seinen Vater heiratete. Indem sie noch so miteinander sprachen, kam ein alter Greis gebückt auf seinem Stabe im Mondschein dahergeschlichen, bot ihnen einen guten Abend, gesellte sich zu ihnen und setzte sich auf dem Grabhügel bei ihnen nieder. Es war der Rektor Emeritus von der lateinischen Schule in Gellenhausen, Hartknopfs ehemaliger Lehrer, der jetzt von einem Gnadengelde von jährlich fünfzig Talern kümmerlich lebte. Die Belohnung seiner treuen Dienste erwartete ihn dort oben und nicht hienieden auf Erden. Er erkannte sogleich seinen ehemaligen Schüler und eilte mit offenen Armen auf ihn zu. So sehe ich dich denn wieder, mein Getreuer, und sehe dich weise und glücklich, das sagt mir dein Blick und deine Farbe! – Und dieser Händedruck, sagte Hartknopf, und der alte Rektor Emeritus erkannte das Zeichen ihres ehemaligen Bundes der Weisheit und Tugend, den sie ungeachtet der Verschiedenheit des Alters zu einer ewigen Freundschaft geschlossen hatten. – In dem Augenblick fühlte er sich hoch begeistert – die Vergangenheit stand mit diesem Zeichen plötzlich in ihrer ganzen Klarheit wieder vor seiner Seele da. – Es ist voll Mittag! sagte Hartknopf. – Es ist hoch Mitternacht! antwortete der Greis. Und Knapp sagte; es ist Zeit, daß wir nach Hause gehen; denn die Luft fängt an kühl zu werden. – Seine Geschichte, Vetter, ein andermal! Morgen Abend wollen wir uns hier wiederfinden, sagte der Emeritus, und zu Knapp; Gute Nacht, Herr Gevatter! denn Knapps zehnjähriger Sohn war sein Pate. Darauf schieden sie voneinander. Und Knapp und Hartknopf gingen nach Hause und legten sich nieder. So ward aus Morgen und Abend Hartknopfs erster Tag in seinem Geburtsort. Hartknopfs erstes Erwachen an seinem Geburtsort Als Hartknopf am anderen Morgen die Augen aufschlug, stand ein kleines Kammerfenster offen, und er konnte durch dasselbe in der Ferne einen Hügel sehen, worauf das Gellenhausische Hochgericht stand. Von diesem Hügel hatte man in der ganzen Gegend umher die reizendste Aussicht – gleichsam als wenn man dem Verbrecher, der hier das Ende seiner Tage finden sollte, noch zur doppelten Strafe vorher alle Herrlichkeit der Erde zeigen wollte, die er nun auf einmal mit gesundem Leibe verlassen mußte. Auf diesem Hügel mit dem Galgen hatte Hartknopf oft gespielt und mit den andern Knaben des Ortes Ball geschlagen. Von diesem Galgenhügel hatte er zuerst in Gottes schöne Welt geblickt, und seinen Vater oft gefragt, was dieser offne Torweg unter freiem Himmel bedeuten sollte, und wozu man die Lumpen und schwarzen Knochen darinnen aufgehangen hätte? – Übrigens diente ihm das Bild dieses Galgens in der Folge zum Kommentar über die Geschichte Simsons, und kam ihm vor die Seele, so oft er las, daß Simson ein Stadttor ausgehoben und auf einen Berg getragen habe. Diese Eindrücke waren so fest bei ihm geworden, daß sich ihm, so oft er einen Galgen sah, das Bild einer reizenden Gegend, und so oft er eine reizende Gegend sah, das Bild eines Galgens unwillkürlich aufdrängte. Jetzt, da er nun denselben Galgen wiedersah, an dessen Vorstellung sich alle die süßen Erinnerungen aus seiner Kindheit anknüpften, wurde er plötzlich mit einer unaussprechlichen Wehmut erfüllt. Was damals blühte, fing nun schon an zu welken – was damals welkte, war nicht mehr – Er stand auf, schlug seinen messingnen Kamm in sein Haar, knöpfte seinen Rock von oben bis unten zu und sah, ob sein Vetter noch schlief. Und denn ließ er ihn ruhig schlafen und wanderte an seinem Stabe in der kühlen Morgenluft dem geliebten Hügel zu, und der alte einäugige Pudel begleitete ihn. Es war noch früh am Tage, die Türen waren alle verschlossen und Gellenhausen lag noch im tiefsten Schlummer begraben. – Da war ein Ziehbrunnen, nicht weit von der ehemaligen Wohnung seiner Eltern. Beim Anblick desselben war ihm sonderbar zu Mute; es war ihm plötzlich, als ob er einen Blick hinter den undurchdringlichen Vorhang getan hätte, der irgendein vergangenes Dasein von seinem gegenwärtigen Dasein trennte. Er erinnerte sich an einen Zustand, der diesem ganz gleich war, und wußte doch nicht diese Erinnerung an Zeit und Ort zu knüpfen. – Endlich fiel ihm ein, daß seine Mutter in seiner frühesten Kindheit ihn, wenn er die Frage tat, woher er gekommen sei, immer den Brunnen nicht weit vom Hause als den Urquell seines Daseins genannt habe. So oft er nun die Worte Brunnen oder Brunnquell hörte, entstand jene sonderbare Empfindung in seiner Seele, die man immer zu haben pflegt, wenn man sich an etwas aus den Jahren seiner allerfrühesten Kindheit erinnert. Nach Hartknopfs Meinung hatte es auch mit dieser Erinnerung eine ganz eigene Bewandtnis, und er hegte hierüber seine ganz besonderen Gedanken. »Die allerfrüheste Kindheit war ihm gleichsam der Lethefluß, aus welchem wir Vergessenheit aller unsrer vorigen Zustände trinken – der Faden, der unser gegenwärtiges Dasein an irgendein vergangenes anknüpfte, meinte er, sei hier so dünn gesponnen, daß ihn das Auge fast nicht mehr bemerken könne; durch eine starke Hinsicht aber entdeckte man zuletzt doch etwas davon, so wie man oft am gestirnten Himmel, indem man seine Blicke fest darauf heftete, immer da einen Stern nach dem anderen entdeckte, wo man vorher nur das Blaue sah. » – Aber nun hat man einen Stern gesehen, und ist fest überzeugt, daß man ihn gesehen hat, und sucht allenthalben mit den Augen, ohne ihn wiederfinden zu können. – So zählte Hartknopf viele Augenblicke in seinem Leben, wo ihm über gewisse Dinge plötzlich ein Licht in seiner Seele aufging, aber es war auch ebensoschnell wieder verschwunden – allein er wußte denn doch, daß er dieses Licht gesehen hatte, und wenn es gleich verschwand, so ließ es doch immer einen sanften Schimmer, ein in der Ferne dämmerndes Abendrot zurück, welches über jede Stunde seines Lebens einen stillen Reiz verbreitete, der ihn in süße Ahndungen und Träumereien einwiegte, das er sich dann gerne gefallen ließ, weil er, wie er sagte, doch nichts damit zu versäumen hätte. Aber das Wiedersehen dieses Ziehbrunnens ging ihm über alles – er betrachtete ihn lange und fest, und er war derselbe, wo er als Kind von zwei Jahren auf den niedrigen Rand geklettert war und seine Mutter mit Geschrei und Schelten herzu eilte, um ihn aus der Gefahr zu retten – dieser heilige Brunnen, den sich seine ersten Gedanken als den Ursprung seines Daseins gedacht hatten, in dessen Bilde gleichsam alle die folgenden unzähligen Bilder seiner Seele zusammenströmten. Verkleinert schien sich zwar das Bild zu haben; der große Ziehbaum, der in der Luft schwebende Eimer, hatten ihn ein Gespenst geschienen, das beinahe bis an die Wolken reichte. Mögen nun Hartknopfs Grillen hierüber gewesen sein, welche sie wollen, ein Ziehbrunnen in einer Landschaft macht immer einen sonderbar schwer zu erklärenden Effekt. Sei es nun das Einfache in dem Baue oder sonst etwas, wodurch das Auge auf eine vorzügliche Art gerührt wird, so gibt es immer dem Ganzen das Ansehen des Altertums und der simplen Natur. Eine Zugbrücke hat in der Wirkung für mich etwas ähnliches mit jenem Bilde. Ich denke mir dabei weite Reisen – ferne Stadt – Anfang, Ende, – kurz, es gibt einige körperliche Gegenstände, bei deren Anblick wir eine dunkle Übersicht unseres ganzen Lebens und vielleicht unseres ganzen Daseins erhalten. – Diese Gegenstände mögen freilich bei einem jeden wieder andere sein. Was mir Hartknopf oft von Ziehbrunnen erzählt hat, das habe ich ihm wieder von der Zugbrücke gesagt, und unsere beiderseitigen Bemerkungen treffen in Ansehung der Wirkung, die diese Gegenstände auf uns taten, richtig zusammen. Wenn wir oft so miteinander aus dem Innersten unserer Seelen heraus sprachen, so war es eine Zeitlang, als ob wir unsere Ichheit miteinander vertauscht hätten, wir fühlten uns ineinander, die innerste Folge der Gedanken des Einen war für den anderen nicht mehr verschlossen. – Auf diese Weise unterhielten wir uns ohne Sprache. Es herrschte zwischen uns ein bedeutendes geistvolles Stillschweigen, das der Engländer »a silent conversation« nennt – und welches man aus unseren faden Gesellschaftszirkeln zu verscheuchen sucht, indem man dieses heilige Stillschweigen für eine Beleidigung des Wohlstandes hält. – O mein Hartknopf, wenn ich einst aus diesem fieberhaften Traume des Lebens zu deiner Umarmung erwache, durch was für unbekannte Wege werden dann unsere Gedanken zueinander gelangen, und sich miteinander unterreden? wenn das Gewölbe der Ohren in Staub zerfallen, dies feuchte Kristall des Auges vertrocknet, und diese Lippe verwest ist? wenn diese Brust nicht mehr atmet, um mit dem sanften Hauche der Luft den Gedanken zu bekleiden, daß er sich mitteilt von außen, und in dem Geiste des Hörenden sich vervielfältigt? Sollte dann eine ewige Kluft zwischen unseren Gedanken befestigt sein? Sollte es unmöglich sein, daß sie unmittelbar zueinander gelangen könnten – – – o mein Hartknopf, dann wärest du für mich verloren, und für mich wäre eine ewige melancholische Einsamkeit – – – aber wir haben uns einst ohne Sprache verstanden, da selbst unsere Augen verschlossen waren. Diese Minuten sollen mir heilig sein, an dieser Stütze will ich mich festhalten wenn manchmal in trüben Stunden mein Glaube und meine Zuversicht wankt! – – Hartknopf eilte nun weiter dem Tore zu, welches auf den Galgenberg führte. Er sah die breite Heerstraße vor sich, auf welcher er seine erste Wanderschaft als Schmiedeknecht angetreten hatte. – Hier fühlte er sich in seiner ganzen jugendlichen Stärke wieder – die weite Welt lag wieder vor ihm, wie damals – auch führte der Weg zum Galgen gerade nach Osten zu. Er war auch auf seiner ersten Wanderschaft schon einige Meilen nach Osten fortgerückt, hatte sich aber nachher wieder weit gegen Westen geschlagen; da ging ihm denn die Sonne seines Glücks unter, aber sie ging in seiner Seele desto herrlicher wieder auf. – Das Erdreich fing an sich zu heben, der Horizont wurde immer weiter – Türme von Dorfkirchen und einzelne Häuser, die Hartknopf alle bekannt waren, stellten sich nacheinander seinem Auge wieder dar; die ganze Gegend schien ihn, wie ihren alten Freund und Bekannten, wieder zu begrüßen. Gellenhausen lag tief im Tale, und er konnte bis in die Straßen hinabsehen. Endlich wälzte sich die Sonne mit einem Feuerberge umgeben am Himmel herauf und rötete zuerst die Spitze des Galgens auf dem Hügel, und dann die Spitze des hohen Turms in Gellenhausen. Endlich kam sie nun gerade hinter den Galgen zu stehen, der Hartknopf wieder, so wie ehemals in seiner Kindheit, wie Simsons großes Tor vorkam und eine Ehrenpforte zu sein schien, wodurch die majestätische Sonne ihren feierlichen Durchzug halten wollte. Gerade unter dem Galgen war der weiteste Prospekt, und mit welchem Entzücken nun Hartknopf dastand und die Wonne des Wiedersehens und der Wiedererinnerung genoß, vermag ich nicht zu beschreiben. – Er faltete seine Hände zu Gott empor, der ihn bis hierher geführt habe. So stand Hartknopf und betete, sein Gesicht gegen Osten gewandt, zu dem Erhalter des Weltalls, in der stillen Einsamkeit unter dem Hochgerichte zu Gellenhausen. Dieser Hügel war sein Altar, und die ganze Natur sein Tempel. Auf den Altären in den Kirchen, die mit Menschenhand gebaut sind, steht zum Schmucke ein Kreuz; diesen großen Altar schmückte ein Galgen, an welchem vielleicht schon so mancher als ein Opfer der unerbittlich strafenden Gerechtigkeit unschuldig gelitten hatte. Und hätte auch nur ein einziger Unschuldiger daran gelitten, so war dies Holz dadurch schon eingeweiht. Ach, und die Schuldigen, die hier einen schmählichen und schändlichen Tod fanden – wer hat das Labyrinth ihrer von Kindheit verflochtenen Schicksale durchschaut? welcher Richter in die innersten Falten ihrer Herzen geblickt? wer den Übergang von dem Gedanken zur Tat bemerkt? Bemerkt, von welchen Gegenständen während dieses Übergangs Lichtstrahle sich ins Auge, Töne ins Ohr sich stahlen? ob der Himmel heiter oder trübe war, die Sonne sich hinter einer Wolke verbarg oder sanft dem noch nicht gewordenen Verbrecher ins Auge glänzte? – Wie manchen hat der Anblick der vollen Natur, der Anbruch des Morgens von einer Tat zurückgehalten, worüber seine Seele in nächtlicher Stille gebrütet hatte? – Ja, wer hat schon sein ganzes Herz durchschaut, um ein Richter seiner eigenen Handlungen sein zu können? – Verzeihe mir, Herr, die verborgenen Fehler! sagte Hartknopf. Indem sah er sich um, und hinter ihm stand sein alter Rektor Emeritus, der sich eben von einem Husten erholte, den ihm das Aufsteigen auf den Berg und die kühle Morgenluft verursacht hatten. – Sie setzten sich nieder und fingen, ihr Antlitz gegen Osten gekehrt, folgendes Gespräch an: Hartknopfs Unterredung mit seinem alten Lehrer unter dem Galgen von Gellenhausen Der Emeritus – Ich glaubte dich hier zu finden, mein lieber Andreas, und ich sehe, daß ich mich nicht geirrt habe. Mit Entzücken lese ich heute noch wie gestern in deinem Auge, in deinen blühenden Wangen, auf deiner heiteren Stirn, daß unser Bund der Weisheit und Tugend noch fest steht, und daß er feststehen wird, wenn diese meine morsche Hütte längst zerfallen ist. Sonnen sind untergegangen und Sonnen sind aufgegangen, seit ich dich nicht mehr gesehen habe, Menschen sind in Staub gesunken und Menschen sind geworden, der Schnee hat oft diese Täler und Hügel bedeckt und ist wieder von den Strahlen der Sonne hinweggeschmolzen, seit ich dich nicht gesehen habe. Dennoch ist der Faden, womit sich meine Gedanken an deine knüpften, nicht abgerissen. – Wir sprachen, da wir vor einundzwanzig Jahren zuletzt auf diesem Hügel voneinander Abschied nahmen, von meiner alten messingnen Studierlampe mit dem grünen Schirm. Da wollen wir also wieder anfangen; – wie doch so ein Ding ausdauern kann! die Lampe steht dir noch unversehrt auf dem Schrank hinter der Türe, und doch ist sie noch wenig oder gar nicht abgenützt. Wie manchen Abend hat sie uns beiden Weisheit und Wahrheit durch das Auge in die Seele geleuchtet, und der grüne wohltätige Schirm milderte ihren Schein, daß unser Auge nicht ermüdete. Du hast nachher wohl bei mancherlei Lampen gesessen, aber ich bin dieser einen getreu geblieben – du sollst sie auch wieder sehen! – Lieber Andreas, was ist diese Hülle von Staub? Dieser hinfällige Körper, den eine alte Studierlampe überlebt? Es ist doch schade, daß dieser kunstreiche Bau des Auges, durch welches Licht und Wahrheit in die Seele strömt, eher wieder in Staub versinken soll als die Lampe, die ihm leuchtete. Diese Hand ließ es ihr nie an Öl und Docht gebrechen, und in kurzem wird sie verwest sein – was wären wir, lieber Andreas, wenn das, was wir unsere Hülle nennen, unser ganzes Ich wäre? – Aber es kann nicht so sein –: und es ist nicht so. Du sollst mich auf meinem Totenbette beobachten, wenn meine Augen brechen und meine Lebensgeister hinsinken, und indem meine Brust zu atmen aufhört, werde ich dir noch einen Druck mit der Hand geben – das soll dir sagen, daß ich noch bin, in dem Augenblicke, da ich aufhöre zu leben. (Er gab darauf Hartknopf die Hand, auf die Art, wie er sie ihm auf dem Totenbette geben wollte – und Hartknopf vergoß keine Träne, da er den Emeritus so reden hörte, sondern es leuchtete vielmehr eine himmlische Heiterkeit und Zuversicht aus seinen Augen hervor. Der Händedruck hatte etwas Erhabenes, Nerven- und Seelenerschütterndes, und eine überzeugende Kraft, die mehr als der bündigste Syllogismus wirkte.) Hartknopf – O mein Elias – dies war sein Taufname, und daß sie den Bund schlossen, hatte der Rektor Hartknopf ihn immer so zu nennen befohlen – laß deinen Geist zweifach auf mir, deinem Jünger, wohnen, wenn du auffährst! Ich will dir nachblicken, so weit ich kann, aber, laß auch deine Gedanken mit meinen sich zusammenfinden! – wenn du noch bist, so muß das geschehen – wenn ich dich nicht mehr höre und nicht mehr sehe, so muß doch mein Geist mit deinem Geiste noch Umgang pflegen. Wenn ich rede, mußt du mir antworten, wenn ich dich rufe, mußt du nicht ferne sein. Der Emeritus – Ja, um wieder auf die Lampe zu kommen, weißt du auch, wie wir einmal beim Shakespeare saßen – der schönen Shakespeareabende hast du dich gewiß oft erinnert –, wir lasen den Othello. Wir sahen eine Welt von Leidenschaften vor unserer Seele aufsteigen, und unsere Erwartung der schrecklichsten Katastrophe war aufs höchste gespannt, als plötzlich die Lampe verlosch. Wir legten uns mißvergnügt zu Bett – – und wenn nun das Öl in dieser Lebenslampe versiegt, und der Docht vertrocknet ist, und die leuchtenden Sterne dieser Augen auf immer verloschen sind, dann ist auf einmal der sonst so feste Zusammenhang so vieler Dinge für uns abgeschnitten. Wir legten uns damals mißvergnügt zu Bett, als die Lampe verloschen war – weil wir den Zusammenhang einer bloßen Phantasie, einer Schöpfung der Einbildungskraft nicht weiter verfolgen konnten. – O mein Freund, wie gut ist es, sich nicht zu tief in den Lebenstext hineinzulesen, immer auf der Warte zu stehen, um bereit zu sein, sobald die Ordre zum Aufbruch gegeben und das große Feldsignal aufgesteckt wird, das wir kennen. – Ist es dir nicht oft im Traume gewesen, mein lieber Andreas, als ob du das Erwachen fürchtetest; und wenn du erwachtest, wünschtest du dann nicht einmal wieder einzuschlafen, um nur den Faden von dem abgerissenen Traum wieder anzuknüpfen – aber wenn du recht erwacht, und deiner selbst dir völlig wieder bewußt warst, mußtest du da nicht über dein Beginnen lächeln? Sieh, so lange, bis wir erst recht und vollkommen von diesem Lebensschlafe erwacht sind, werden wir auch noch immer wünschen, den schönen Traum wieder anzuknüpfen, der durch den Tod unterbrochen wird. Aber wenn uns erst die Schlummerkörner aus den Augen gewischt sind, dann werden wir ins Freie schauen – dann werden wir uns in der Wahrheitswelt erst wieder zu orientieren suchen, so wie wir beim Erwachen aus dem Schlafe nach irgendeinem Fenster oder einer Türe fest hinblicken, und uns die Gegenstände rund um uns her merken, um uns zu überzeugen, daß wir nicht mehr träumen, sondern wachen. Dann wird der Zusammenhang der Dinge, den wir überschauen, den gegenwärtigen ebenso übertreffen, als wie der Tag die Nacht an Klarheit übertrifft. – Warum sollte diese Stufenfolge nicht stattfinden, mein Lieber? Mir hat geträumt, daß ich aus einem Traume erwacht sei, und ich habe im Traum über meinen Traum nachgedacht – und beim Erwachen konnte ich über beide nachdenken. – Der Traum war wegen seiner größeren Deutlichkeit eine Art von Erwachen gegen den ersten – dies anscheinende Erwachen aber war doch wieder nur ein Traum gegen das ordentliche Erwachen. Nur dies ordentliche Erwachen, wer sagt uns, daß es gegen eine noch deutlichere Einsicht in den Zusammenhang der Dinge uns nicht wieder wie ein Traum dereinst vorkommen wird? – Je mehr Zusammenhang, je mehr Wahrheit – je mehr Ordnung, je mehr Licht. – Wie vieles ist uns hier noch dunkel und verwirrt –; es kann unmöglich das rechte Wachen sein. Indem der Emeritus noch so sprach, wurden auf einmal seine Augen starr, und seine Lippen bewegten sich nicht mehr – Hartknopf erschrak –, allein der entzückte Greis kam bald wieder zu sich, drückte Hartknopf die Hand und sagte; – Das war eine sonderbare Empfindung – indem ich eben jetzt so lebhaft dachte, daß dies unmöglich das rechte Wachen sein könnte, so war es mir gerade, als wenn einem im Traum einfällt, daß man träumt; man pflegt dann zu erwachen. – Mir deucht, ich war jetzt auf dem Wege zu erwachen, aber weil ich dich vor mir sah, so war mir der Traum zu süß; ich mochte ihn noch nicht fahren lassen, und der Faden, welcher zu zerreißen drohte, ist noch einmal wieder angeknüpft. Ich gab dir aber doch die Hand, wenn er etwa reißen sollte – bald wird er reißen, das fühle ich wohl, mein Lieber! Hartknopf vergoß wiederum keine Träne, da er dies hörte, sondern sein Antlitz schien sich bei diesen Gesprächen zu verklären, so wie das Antlitz seines Lehrers und Meisters. Hier war wohl ein rechtes Tabor – obgleich ein Galgen die höchste Spitze des Berges schmückte, so hätte man doch wohl sagen können: hier ist gut sein, hier laßt uns Hütten bauen, denn das Verwesliche war hier im Begriff anzuziehen das Unverwesliche – und der unsterbliche Geist durchbrach hier seine Hülle, und strahlte aus Augen und Stirn hervor. Der Emeritus schwieg, und Hartknopf hub an mit halbgedämpfter Stimme zu singen: Wenn ich einst aus jenem Schlummer, Welcher Tod heißt aufersteh, Und von dieses Lebens Kummer Frei, den schönen Morgen seh – O, dann wach ich anders auf, Schon am Ziel ist dann mein Lauf, Träume sind des Pilgers Sorgen, Großer Tag, an deinem Morgen! Dies war schon seit einiger Zeit Hartknopfs Morgenlied gewesen, und dies Lied war nun gleichsam die Musik zu dem großen Text, den der Emeritus soeben abgehandelt hatte. Darum schlug es in dessen Seele Feuer. Er ließ es sich dreimal von Hartknopf wieder vorsingen, da war es seinem Gedächtnis eingeprägt, das lange schon Neues zu lernen aufgehört hatte, um nur das Alte noch mühsam zusammenzuhalten. Die erhabene Melodie zu diesem Gesang scheint wie das Feuer des Prometheus einer anderen höheren Sphäre entwandt zu sein, mit solcher unbekannten Empfindung füllt sie die Seele, und macht das Herz zerschmelzen. – Erst hatte sie sich sanft und stufenweise gehoben, bis sie sich bald in höhere Regionen zu verlieren schien, aus denen sie dann beruhigt, gestärkt und getröstet mit festem Tritt wieder herabstieg, um sich aufs neue im höheren Fluge mit Jauchzen emporzuschwingen – sanft hinwegzugleiten über diese niedrige Welt – mit Lächeln herabzuschauen auf die Sorgen und mühevollen Arbeiten der Bewohner dieser Erde – und dann in einem einzigen großen Gefühl der erweiterten Ichheit allen Kummer des Lebens mit einem Mal zu versenken. O es liegt ein großes Geheimnis in dem Fall dieser melodischen Töne, die so, wie sie auf und ab steigen, die Sprache der Empfindungen reden, welche Worte nicht auszudrücken vermögen. – Welch ein weitläufiges Gebiet von Ideen liegt hier außerhalb der Grenzen der Sprache; wo ist der neue Kolumbus, der diesen bisher noch leeren und unbeschriebenen Raum auf der großen Karte menschlicher Kenntnisse durch neue Entdeckungen ausfüllt? – – Wo ein Aas ist, versammeln sich die Adler Indem Hartknopf und der Emeritus noch im tiefen Gespräch begriffen waren, hörten sie Fußtritte den Berg herauf und wunderten sich, daß sie so früh schon Gesellschaft bekamen – als sie von der westlichen Seite die beiden Weltreformatoren Hagebuck und Küster hinaufklimmen sahen, welche mit einem Trupp der Gellenhausischen Jugend die Sonne wollten aufgehen sehen; sie waren aber ein wenig zu spät gekommen. Sie kamen mit viel Geräusch und Lärm, und Hartknopf und der Emeritus zogen sich in eine kleine Bucht am Abhange des Hügels zurück und überließen ihren Platz den Weltreformatoren. Diese nahmen ihn denn auch feierlich in Besitz; Hagebuck ließ seine Zöglinge sich im Kreise umherstellen und zeigte ihnen von dieser Höhe alle Herrlichkeiten der Welt – darauf stellte er sich hin und hielt eine Rede an den ganzen Erdkreis, den er aufforderte, das Licht, welches ihm nun so wohltätig aufgesteckt würde, willig anzunehmen, und die Nacht der Vorurteile fahren zu lassen. Hierauf redete er von dem Berge die Stadt Gellenhausen an, daß sie doch ihr wahres Wohl nicht verkennen, und sich dem wohltätigen Einflusse der allgemein sich verbreitenden Aufklärung nicht widersetzen möchte; dann redete er die Gellenhausische Jugend an, daß sie dies erhabene Schauspiel des Aufgangs der Sonne doch recht empfinden sollte – und nun fing er an, ein Gedicht in Hexametern auf den Sonnenaufgang vorzulesen, welches sich anhub: O seht, wie die blitzende Sonn' im Strahlengewande emporsteigt, In majestätischer Pracht, ihr Völker, grüßt ihr entgegen, Jud', und Türke, und Christ, und selbst der schwärzeste Neger Sei vom Danke belebt, daß ihm der Sonn' Antlitz zulächelt. Indem nun Hagebuck noch weiter fortlesen wollte, zog sich auf einmal ein trüber Nebelschleier vor die Sonne, der schon lange im Ansteigen begriffen war und sie nun ereilte. Dadurch ward Hagebuck sein ganzes Konzept verdorben, denn das Gedicht war ganz lokal, und es sollte nun eins nach dem anderen darankommen; Hügel, Bäche, Täler, wie sie allmählich vom Strahl der Sonne vergoldet werden, und wie nun der Tau auf den Blumen blitzte. Das war nun alles vergeblich – der Tau blitzte nicht mehr auf den Blumen, die Spitzen der Hügel wurden nicht mehr vergoldet; Hagebuck machte eine lange Pause und wartete, daß der Nebel sich wieder wegziehen sollte – aber der Nebel zog sich nicht wieder weg. Darüber wurde Hagebuck verdrießlich, und als ihm der alte lahme Pudel des Gastwirts Knapp, der Hartknopf begleitet hatte, zu nahe kam, so gab er ihm mit dem Fuß einen Stoß, daß das arme Tier nach einem langen Schrei verschied. Das war also an diesem Morgen des Pudels letzter Gang gewesen. Daß er von Hagebuck den unsanften Stoß erhielt, kam bloß daher, weil er dem Gastwirt Knapp angehörte, der Hagebuck beständig ein Dorn im Auge war – denn er warnte das Volk, und sooft Hagebuck mit ihm reden wollte, war seine Rede beständig Ja! Ja! Nein! Nein! gewesen. – Hartknopf hatte in seiner Bucht den Schrei des Hundes vernommen, und der Emeritus hatte den Stoß gesehen. Da ergrimmte Hartknopf im Geiste und sprang auf, packte den erschrockenen Hagebuck bei der Brust und sagte: – Unmensch, was hat dir der Hund getan, daß du ihn totgetreten hast? – Er ist mir zu nahe gekommen – – er hat mich gebissen – stammelte Hagebuck zitternd und zagend. – Er ist dir nahe gekommen, aber er ist dir nicht zu nahe gekommen und hat dich auch nicht gebissen, erwiderte Hartknopf und schüttelte ihn noch stärker. – Um Gottes Willen laß mich, flehte Hagebuck, und mach mich nicht zuschanden vor dem Volk! Ich will dir für deinen Hund ein Stück Geld bezahlen – mußte er denn nicht so bald verrecken – – Daß du verdammt seist mit deinem Gelde, sagte Hartknopf, und stieß ihn von sich, daß er einige Schritte rückwärts taumelte, dann seinen Haufen wieder um sich versammelte, und schnell mit ihm den Berg hinunter eilte. – Und als er nun unten am Fuße des Berges war, mußten sich alle niedersetzen, und er hielt ihnen eine Vorlesung von der boshaften Rachsucht, und stellte ihnen Hartknopf zum Beispiel auf – und von der Großmut und der süßen Pflicht zu verzeihen, wozu er die Beispiele größtenteils aus seinem eigenen Leben hernahm. – Oben auf dem Berg war nun das Feld wieder rein. Hartknopf und der Emeritus nahmen nach einer Weile ihren Platz wieder ein. Und der Nebel verzog sich, sobald Hagebuck verschwunden war, und die Sonne glänzte wieder in aller ihrer Klarheit. Dies wäre nun freilich so etwas Zufälliges, daß es kaum bemerkt zu werden verdiente – wenn nicht in der Seele des Menschen eine gewisse Harmonie und Disharmonie mit der sie umgebenden Natur stattfände, so daß bei dem einen alle äußeren Veränderungen in der Natur in die natürlich aufeinander folgenden Veränderungen seines Ichs harmonisch eingreifen, und hingegen bei dem anderen eine ewige Dissonanz aller äußeren Umstände mit seinem inneren Wünschen und Bestreben stattfindet. – Hartknopfs Seele traf immer wie eine richtig gestellte Uhr mit dem Laufe der Sonne, mit Abend und Morgen, mit der Abwechslung der Jahreszeiten, mit Sturm und Regen sowohl als mit dem Säuseln des Westwindes auf einen Punkte zusammen – und ebenso war es auch bei dem Emeritus Elias. Sie gaben wie nicht zu schlaff und nicht zu stark gespannte Saiten in dem großen Konzert der Schöpfung immer den rechten Ton an, ihnen konnte nichts mehr unerwartet kommen, nichts den Frieden ihrer Seelen stören; sie waren in dem großen Zusammenhang der Dinge und an sich selbst gesichert. – Als hingegen Hagebuck seine Hexameter deklamieren wollte, so zog sich auf einmal ein Nebelstreifen vor die Sonne; und es war auf einmal zwischen ihm und der Natur eine gänzliche Dissonanz, die der arme lahme Pudel noch vermehrte, den er auch dafür in den Staub niedertrat. Was hätte er wohl mit der ganzen Natur getan, wäre er in diesem Augenblick ihr Herr gewesen? – Aber er fühlte seine Ohnmacht, da Hartknopf ihn schüttelte – und knirschte in der Tiefe seiner Seele, daß er die Macht des Gerechten anerkennen, und vor ihm wieder im Staub versinken mußte. Wohl dem, wer sich mit der großen Natur so steht, wie Hartknopf und der Emeritus! – der darf nicht Pest, nicht Teuerung, nicht Überschwemmung fürchten – nicht Krankheit, nicht Verwesung. Er schlummert auf dem Schoß und in dem Schoß der Erde, wie das Kind im Schoß der Mutter. – – Der alte lahme einäugige Pudel lag nun da in süßer Ruhe – er mußte in seinem Leben oft Hunger und Kälte ausstehen, mußte manchen Fußtritt erdulden, aber keiner war ihm doch so hart gefallen als der von Hagebuck, welcher seinem sinkenden Alter den Rest gab. – Eine Leichenpredigt auf einen alten lahmen und einäugigen Pudel Wohl Dir! sagte Hartknopf, da er mit untergeschlagenen Armen, den Kopf gesenkt, auf die Leiche herunter sah, und; wohl dir! stimmte der Emeritus ein. – Sie scharrten darauf mit ihren Stäben so gut sie konnten ein Loch in die Erde, legten den Pudel sanft hinein, und scharrten mit den Füßen einen kleinen Hügel von Erde über ihn zusammen. Darauf gingen sie Hand in Hand den Berg herunter, und wanderten wieder dem Tore zu; und als sie nun bald am Tore waren, kam ihnen der Gastwirt entgegen und fragte, ob sein Pudel nicht bei ihnen wäre; denn er pflegte sonst immer des Morgens vor sein Bett zu kommen und ihn durch sein sanftes Bellen zu wecken – und heute hatte er die Zeit verschlafen. – Sei er unbekümmert, sein Pudel verschläft auch die Zeit, sagte Hartknopf, er liegt in guter Ruhe. Der Scharfrichter Hagebuck hat ihn auf dem Galgenberg durch einen sanften Stoß vom Leben zum Tode befördert und wir haben ihn ehrlich begraben, dessen kann er versichert sein. Will er ihm auch ein Epitaphium setzen, so will ich ihm den Fleck zeigen, wo er liegt. – Ja! ja! sagte der Gastwirt Knapp, er hat gut reden. Der Pudel ist ihm wohl freilich nicht so ans Herz gewachsen – aber er wird doch auch zurückdenken können, daß ich und der Pudel ihm noch das Geleite gaben, da er auf Wanderschaft ging, und das ist doch keine kleine Zeit her – wodurch wächst einem denn eine Sache ans Herz, als durch die Zeit! Zwar, er hat während der Zeit keinen weiteren Umgang mit dem Pudel gehabt und hat auch durch Briefe nichts von ihm erfahren – mich aber hat er jeden Morgen frühzeitig geweckt, indem er vor mein Bett kam und sanft bellte. – Lieber Vetter, der Hund ist meine Uhr gewesen; ich konnte mich nach ihm richten, wenn es Essenszeit war. Dann scharrte er an der Türe, und ich fand immer, daß es gerade die rechte Zeit zum Essen war. Daß er mir zweimal das Leben gerettet hat, wird er wissen, oder weiß er es nicht, so will ich es ihm erzählen. – – Ich weiß es, er hat es mir gestern erzählt, sagte Hartknopf. – Nun, so wird er doch auch wissen, daß er dabei das erste Mal lahm wurde und das zweite Mal ein Auge verlor – darum laß er meinen Pudel in Frieden ruhen, und spotte nicht mit dem Epithaphium! – Ich spotte nicht, sagte Hartknopf, sondern wenn er will, so will ich ihm selbst eine Grabschrift machen helfen, die wollen wir aufschreiben und wie eine Fahne an einen Stock heften, daß sie Hagebuck morgen früh mit seinen Zöglingen lesen kann. Der einäugig und lahm Hier sein Ende nahm, War einäugig und lahm, Weil er zweimal seinem Herrn In Todesnot zu Hilfe kam. Ein Schuft erschlug ihn, Sein Herr beweint ihn, Die Erde deckt ihn. Sie deck ihn leicht! – Schreib er mir das doch auf, Vetter, sagte Knapp und Hartknopf schrieb es ihm auf. Drauf tröstete der Emeritus seinen Gevatter Knapp über den Verlust seines Pudels und sagte: der Pudel sei gleichsam ein Emeritus oder ein ausgedienter gewesen, der denn auch einmal in Ruhe zu sein wünschte. – Aber er war doch gewiß ein sehr meritierter Emeritus, erwiderte Knapp, war er es nicht? – Allerdings, sagte der Emeritus, das verlorene Auge war sein Stern, und das lahme Bein sein Ordensband – – Das Gleichnis hinkt, sagte Hartknopf. – Laß es hinken! erwiderte der Emeritus. Der hohe Beruf eines Gastwirts Während diesen Gesprächen waren sie wieder bis an den Gasthof zum Paradiese gekommen. Der Emeritus nahm Abschied und ging nach Hause, er wohnte aber nicht weit um die Ecke an der Kirche zu, in einem alten Schulhause, wo ein kleines Fenster in seiner Kammer auf den Kirchhof zu ging. An diesem Fenster hatte er den Abend vorher die dramatische Übung mit angesehen, und darauf hatte er Hartknopf mit seinem Vetter Knapp kommen sehen und war zu ihnen hinuntergeeilt. Man wird sich wundern, daß Hartknopf nicht gleich bei seiner Ankunft nach dem Emeritus fragte – aber er war nicht von vielen Fragen, und der Emeritus war ihm in seinem Herzen sicher genug, er mochte nun leben oder tot sein. Seinen Vetter Knapp aber fragte er jetzt, wie er denn gelebt hätte, und ob er auch den hohen Beruf eines Gastwirts nach all seinen Kräften zu erfüllen gesucht hätte. Knapp meinte, er hätte noch weit mehr tun können, er wollte aber das Versäumte noch so viel wie möglich wieder nachzuholen suchen. Weiter sagte er nichts. – Da nun des guten Knapps Bescheidenheit ihn so stumm macht, so muß ich wohl das Wort für ihn nehmen, und etwas weniges von seiner Lebensweise beibringen, das ihn dem Leser bemerkenswerter macht, als er ihm bisher vielleicht geschienen hat. Ich habe schon bemerkt, daß im Gasthof zum Paradiese die Zöllner und Sünder, die Niedrigsten aus dem Volke herbergten – wer zu Roß oder Wagen kam, der kehrte schwerlich im Paradiese ein, wenn nicht die drei Kronen oder der goldene Hirsch schon besetzt waren. Aber der ermüdete Wanderer fand hier eine sichere und wohlfeile Herberge – der Handwerksbursche, der mit seinem Felleisen belastet oft mit leerem Beutel und leerem Magen bloß wandert um zu wandern und den strengen Zunftgesetzen ein Genüge zu tun, die ihn aus seiner süßen Heimat, von seiner verlobten Braut und den Gespielen seiner Jugend auf eine Anzahl Jahre verbannt – damit er einst bei seiner Zurückkunft von der großen Glocke in Erfurt, von dem Münster in Straßburg und dem großen Faß zu Heidelberg zu erzählen wisse. – Diese und höchstens einmal ein Fuhrmann oder irgendein in Fortunas Ungnade gefallener Erdensohn, dem vielleicht in besseren Tagen selbst der goldene Hirsch oder die drei Kronen eine zu schlechte Herberge gewesen wären, kehrten jetzt hier im Paradiese ein und nahmen willig mit einer Streue vorlieb, die ihnen der Gastwirt Knapp so gut und bequem wie irgendeiner machen ließ und ihnen, wenn der Schläfer nicht zu viele waren, gerne noch ein Kopfkissen dazu gab. In welchem Lichte aber wird der Gastwirt Knapp erscheinen, wenn ich sage, daß von all denen, die je bei ihm herbergten, keiner war, der nicht besser wieder aus dem Paradiese ging, als er hereingekommen war – da war kein Bettler, kein Zigeuner, den Knapp nicht mit liebevollem Auge sah; keinen, den er als einen wildfremden Menschen nicht seiner Aufmerksamkeit wert geachtet hätte. – Knapp hätte nicht dürfen ein Gastwirt werden, wenn er nicht gewollt hätte; es standen ihm in seiner Jugend tausend Wege offen. Auch fehlte es ihm nicht an Kopf – er hatte die Lateinschule besucht – der Emeritus, der jetzt Gevatter zu seinem Sohne war, war auch sein Lehrer gewesen, und mit dem hatte er überlegt, was für eine Lebensart er wählen sollte. Und sein Hang floß über von Mitleid gegen den armen verachteten Wanderer; gegen den herumziehenden Erdensohn, um den sich niemand bekümmert; dem niemand mit Rat und Trost zu Hilfe eilt; gegen den Bettler am Wege, dem der mitleidige Vorübergehende eine Gabe in den Hut wirft, aber ihn seines Zuspruchs nicht würdigt oder nicht Zeit hat sich aufzuhalten, weil seine Geschäfte ihn zu etwas anderem rufen, als der im Elend versunkenen Menschheit wieder aufzuhelfen. – Mögen andere für die Glücklichen sorgen, sagte Knapp zu sich selber, daß sie noch glücklicher werden, durch schöne Gemälde, schöne Statuen und schöne Gedichte, wenn ich nur etwas dazu beitragen kann, daß die Unglücklichen nach ihrer Art ein wenig glücklicher werden, durch Gesundheit, Zufriedenheit und Arbeit. – Das große Gebäude der menschlichen Glückseligkeit müssen doch auch einige von unten angreifen, wenn es nicht einmal plötzlich zertrümmern soll. Gesundheit, Arbeit und Zufriedenheit sind doch die große feste Basis, worauf alle die leichteren Zierrate von schönen Gemälden, Statuen und Gedichten ruhen müssen, wenn wir uns ihrer mit gutem Gewissen freuen sollen. So dachte Knapp oft in einsamen Stunden, und so hatte ihn der Emeritus denken gelehrt. – Nun faßte er bald seinen Entschluß, kaufte sich den Gasthof zum Paradiese, dessen voriger Eigentümer gestorben war und mit dem sich keiner gern befassen wollte, weil er gemeinhin die Bettelherberge genannt wurde, und hier stellte er sich nun freudig auf seinen Posten, fing das große Geschäft seines irdischen Lebens an und wartete den täglichen Zufluß der verworfensten und verachtetsten Menschenklasse mit der Treue und der Gewissenhaftigkeit eines vom Himmel bestellten Wärters der menschlichen Glückseligkeit ab. – Wo er noch einen Funken nicht ganz erstorbenen Menschengefühls entdeckte, den suchte er wieder anzublasen – und durch Übung brachte er es in dieser Kunst gewiß sehr weit. Ob er gleich noch kein Adept war, wie Hartknopf und der Emeritus, und die andere Hälfte des großen Wortes nicht deutlich hatte buchstabieren können, und obgleich seine Rede ja! ja! nein! nein! war, sobald er nicht mehr Worte nötig fand – das Wort war ihm so heilig, wie es Hartknopf nur immer sein konnte, ob er es gleich nicht als die vierte Person in der Gottheit verehrte. Darum war er so sparsam mit seinen Worten, um sich gleichsam alle Kraft und allen Nachdruck der Rede zu dem Augenblick aufzusparen, wo er in der Seele eines Menschen gleichsam eine neue Schöpfung bewirkte und das Licht von der Finsternis scheiden wollte. – Wie es bei einem Meisterwerke, wenn es vollkommen sein soll, fast mehr darauf ankommt, daß der Künstler die wenigen Flecken, die etwa noch darin sind, auszutilgen wisse, als daß er immer mehr neue Schönheit hinzufügt, wodurch vielleicht das Ganze mehr verliert, als gewinnt – so scheint derjenige auch den sichersten Weg gewählt zu haben, dessen Bemühung in seinem Leben dahin geht, in dem großen Meisterwerke des größten Künstlers mehr dem entgegen zu arbeiten, wodurch das Ganze entstellt zu werden scheint, als neue künstliche Verzierungen zu demselben hinzuzufügen. – Denn was ist Pracht und Zierrat gegen Reinlichkeit? Heißt doch Mundus nicht umsonst die Welt. – Wer auf die Weise bloß negativ zu Werke geht, wird freilich nicht den Ruf eines Weltreformators davontragen – aber ihn wird das selige Gefühl beglücken, daß er mit seinen Bestrebungen in den Plan der ewigwirkenden Liebe harmonisch einstimmt. – Er fühlt es, daß jeder Stein des Anstoßes, den er wegräumt, Gewinn für das Ganze ist, und weiß es, daß ein einziger ausgetilgter Fleck aus diesem großen Gemälde es der Vollkommenheit näher bringt als der zierlichste Rahmen, worin es eingefaßt wird. O ihr Menschenfreunde, die ihr den Willen und Kraft habt, außer euch zu wirken, stellt euch doch wie Knapp und Hartknopf und der Emeritus, und wie der gute Pestalozzi in der Schweiz, unten an, wenn ihr wirken wollt – das sinkende Gebäude braucht Stützen, und nicht Statuen. – Wollt ihr anders wirken, so ist es um den wahren Frieden eurer Seele, um den schönen Takt eures Lebens, wodurch ihr allein in das große Ganze eingreift, es ist um eure echten inneren Werte geschehen! – Knapp hatte sich in der Welt unten angestellt, und es wird ihn in jener Welt gewiß nicht gereuen. Er hat hier unten im Paradiese manchen Hungrigen umsonst gespeist, manchen Durstigen umsonst getränkt, und manchen Bekümmerten getröstet und aufgerichtet; dafür wird er einst in jenem Paradiese dort oben wieder getröstet werden. – Durch die tägliche Übung hatte sich Knapp eine solche Fertigkeit in der Beurteilung der Menschen erworben, daß er immer nach wenigen Minuten mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit schließen konnte, ob an einem Menschen noch etwas zu tun sei oder nicht – aber wie ungern gab er dennoch alle Hoffnung zur Besserung auf! Mußte er sie aufgeben, so machte ihn das auf viele Tage traurig und niedergeschlagen; er schob die Schuld immer mehr auf den Arzt als auf die Krankheit. Er verzweifelte nicht daran, selbst für den Seelenschaden, der am unheilbarsten schien, ein Heilmittel zu finden. – Darauf ging sein Dichten und Trachten sein ganzes Leben lang – denn er fühlte es nur allzuwohl, daß nicht Hunger und Durst, nicht Lahmheit und Blindheit die wahren Übel des Lebens ausmachen; sondern daß ein eingewurzelter Neid, eingewurzelter Eigennutz die eigentlichen Flecken sind, welche diese schöne Schöpfung Gottes entstellten. – Diese Flecken, wo er nur konnte, auszutilgen, das war ihm mehr wert, als große Schätze zu gewinnen – und unter Tausenden ist es ihm bei zwei Menschen gelungen, wovon der eine taub und der andere ein verarmter holländischer Seelenverkäufer war, der in seinem Alter in Deutschland sein Brot erbetteln mußte und nun auch nach Gellenhausen kam, wo er im Paradiese einkehrte und der Gastwirt Knapp seine Seele vom Verderben rettete. An diesen beiden Menschen machte aber auch Knapp sein Meisterstück –denn er hielt selbst ihre Krankheit für unheilbar –; den Tauben und Stummen, weil er nicht durch die Sprache auf ihn wirken konnte, und den ehemaligen Seelenverkäufer, weil er schon ein Greis war, und in seinem Alter die schwere Hand des Schicksals, die ihn darnieder drückte, sein hartes Herz nicht hatte erweichen können. Knapps unaufhörlichen Bemühungen gelang es, den Seelenverkäufer so weit zu bringen, daß er sich nicht freute, da dem Nachbar ein Haus abbrannte; über einen Dachdecker, der den Tag vor seiner Hochzeit vom Dach herunterstürzte und sich den Kopf zerschmetterte, sogar eine mitleidige Träne weinte; und anfing, ein Vergnügen daran zu finden, mit Knapps einäugigem und lahmen Pudel zuweilen sein Brot zu teilen. Der Taube und Stumme war sehr verhärtet. Ungeachtet nie in sein Ohr die Sprache des Verführers dringen konnte, so hatte doch Neid und Eigennutz so tiefe Wurzeln in ihm geschlagen, daß er der Blume den Sonnenschein, der Herde, die sich unter einem Baum gelagert hatte, den Schatten mißgönnte; alle seine Mienen und Bewegungen waren widerwärtig und liefen auf Zerstörung und Verderben hinaus. – Es war rührend anzusehen, wie Knapp sich oft stundenlang mit einer eisernen Geduld damit beschäftigen konnte, dem Taubstummen durch die Zeichensprache nur erst einige schwache Begriffe von Sanftmut und Menschenliebe beizubringen, die sein Herz bis jetzt noch gar nicht gekannt hatte. Dies waren denn die beiden unheilbar Scheinenden, an deren Herzen Knapp gleichsam eine Art von Wunderkur verrichtet hatte. – – Die Art nun, wie er mit ihnen zu Werke gegangen ist, verdiente freilich wohl allgemein bekannt zu werden – allein die Beschreibung davon würde ein eigenes Buch erfordern, und doch vielleicht unvollkommen und unverständlich bleiben; denn wer kann Knapps Mienen, Knapps Auge und jede seiner Bewegungen beschreiben, und den sanften liebevollen Händedruck, womit er seine Reden begleitete? – Wenn in einer besseren Welt dereinst des Taubstummen Zunge gelöst sein wird, mit welch lautem Jubelgeschrei wird er da noch seinem Erretter danken; und der Seelenverkäufer, dessen Seele durch Knapp vor dem Verderben gerettet wurde, wo wird er Worte hernehmen, um seinen Dank zu stammeln! Und alle die getrösteten Betrübten, die traurig und niedergeschlagen in dem Gasthaus zum Paradiese einkehrten, und vergnügt und fröhlich wieder von dannen gingen; wenn sie einst antreten und sagen werden: dieser hat unsere Tränen auf Erden abgetrocknet; – mit welchen gekrönten Häuptern würde der Gastwirt Knapp wohl dann tauschen? Wenn die gekrönten Häupter nun dastehen werden, beschämt und niedergeschlagen, und Millionen um sie her, die auf Erden von ihnen mit eisernem Szepter beherrscht und um alle die unschuldigen natürlichen Freuden des Lebens, um die Rechte der Menschheit gebracht wurden; und wie eine in ihren einzelnen Teilen unbedeutende Masse, in ein Ganzes umgeformt, wie etwa Holz und Steine behauen und beschnitten werden, um zusammen ein Gebäude auszumachen wodurch jedes einzelne erst brauchbar wird? Weh euch dann, die ihr die Menschen ihres einzelnen echten Wertes beraubt, um Lücken mit ihnen auszustopfen; wenn ihr es nötig fandet, Moraste mit ihnen auszudämmen, damit dem stampfenden Roß ein Weg zum Feinde gebahnt sei – die ihr um einer Chimäre, um eines allgemeinen abstrakten Begriffes willen, den ihr Staatskörper nennt, den Menschen nicht mehr um seiner selbst, sondern um dieser Chimäre, um dieses abstrakten Dinges willen wollt existieren lassen! Also damit es einen Staat gebe, müssen so viele Tausende auf alle Ansprüche Verzicht tun, wozu sie ihre angestammte Menschenwürde berechtigt? Sie müssen sich von Jugend auf gewöhnen zu denken, daß sie nur um anderer willen, keiner aber um ihretwillen da ist, und daß sie keinen eigenen für sich bestehenden Wert haben. O wenn einst alle diese willkürlich angenommenen Unterschiede verschwunden sind und nun wieder jene allgemeine natürliche Gleichheit herrscht, wodurch ein jeder in seinem wahren Lichte erscheint, nachdem aller Flitterstaat von Titeln und Ordensbändern hinweggenommen ist; wie wird alsdann der Gastwirt Knapp unter vielen Tausenden hervorleuchten! Wer wird dann wohl zweifeln, daß dieser getreue Knecht über vieles wird gesetzt werden, nachdem er hier über weniges getreu gewesen ist. Dazu war Knapp ein Pädagoge, wie es nur wenige gibt. Ohne den Emile und Basedows Elementarwerk gelesen zu haben, war er auf gewisse Geheimnisse in der Erziehungskunst gefallen, welche dicke Bände von Erziehungstheorien unnötig machen würden, wenn sie bekannt wären – aber sie lassen sich ebensowenig vollkommen beschreiben als seine Methode, einen eingewurzelten Schaden der Seele zu heilen. Knapps zehnjähriger Sohn aber wird einmal aufstehen und wirken, und alle Philanthropine beschämen, wenn er anfangen wird, das im Großen auszuüben, was sein Vater im Kleinen tat. Knapps Sohn wird einst seines Vaters Andenken durch seine Taten auf die Nachwelt fortpflanzen, wenn es schon längst in Gellenhausen erloschen ist. Des Gastwirts Knapp Pädagogik Knapp erzog seinen Sohn auf seine eigene Weise und nicht nach der Weise Hagebucks, des Weltreformatoren. Sobald er gehen konnte, setzte er ihm ein Ziel und setzte ihm allerlei Hindernisse, als Blöcke, Stühle und dergleichen in den Weg, wodurch er sich den kürzesten Weg zum Ziele durcharbeiten mußte. Wenn er ein Kartenhäuschen baute, so hielt er ihn an, es immer wieder zu bauen, wenn es auch zehnmal umfiel, und dann am Ende belohnte er ihn für seine Geduld mit einem wurmstichigen Apfel. Als er etwas mehr heranwuchs, lehrte er ihn die große Kunst, nicht zwei Wege nach etwas zu tun, was man auf einem Wege holen kann; oder, was man mit einem grausamen Sprichwort nennt, mit einer Klappe zwei Fliegen schlagen. Er lehrte ihn fünf Weingläser in der Hand zwischen den Fingern tragen, und beim An- und Ausziehen lehrte er ihn zu gleicher Zeit beide Hände brauchen, so daß er sich mit einem Male beide Schuhe aufschnallen konnte. Sein Haar mußte er zuweilen lange unausgekämmt lassen und es sich dann am Ende selbst auskämmen, wenn es ganz ineinander geraten war. Sobald er dann ungeduldig wurde, riß er sich selbst und verursachte sich Schmerzen: wenn er aber geduldig einen Schopf Haar nach dem anderen vornahm, um das verwirrte auseinanderzubringen, so konnte er den Schmerz vermeiden – auf die Weise mußte er sich in der Geduld üben. Er lehrte ihn bei jeder Gelegenheit die Kürze des Lebens zu empfinden, und machte ihn aufmerksam auf den Seigerschlag. Er machte ihn allmählich mit dem Tode in der ganzen Natur bekannt, von dem kleinsten verwelkten Grashalm bis zum verdorrten Eichbaum, und von dem zertretenen Wurme bis zu den ehrwürdigen Überresten des zerstörten Baues menschlicher Körper. Und wie hat dieser Sohn seinem Vater die Lehre nicht verdankt! Diesem von Kindheit an auf seiner Seele fest eingeprägten Bild des Todes verdankt er den sicheren und ruhigen Genuß aller der Freuden seines Lebens – dies ist es allein, was ihn standhaft in Gefahren, mutig und unerschrocken bei allen Vorfällen seines Lebens gemacht hat. Dies ist die Ursache, warum er auch nie eine Viertelstunde lang den quälenden Überdruß der Langeweile schmeckte: wie kann ein Mensch Langeweile haben, dem der Tod zur Seite steht? Dieser feste Gedanke heiterte ihn in den trübsten Stunden seines Lebens auf – denn wenn kein Wechsel ihm mehr bevorzustehen schien, so blieb ihm doch diese einzige große Veränderung gewiß. Der feste Gedanke an den Tod war es, der ihm den Genuß jeder Freude verdoppelte und jeden Kummer ihm versüßte. Der wollustreiche Gedanke des Aufhörens drängte seine ganze Lebenskraft immer in dem gegenwärtigen Augenblick zusammen und machte, daß er in einzelnen Tagen mehr als andere Menschen in Jahren lebte. – – Niemand hat wohl mehr in ihrer Fülle und ungetrübter alle einzelnen Vergnügungen des Lebens, die jedem Alter zukommen, genossen, als der Sohn des Gastwirts Knapp – weil er wußte, daß er keinen Augenblick zu versäumen hatte, weil ihm jeder Tag, jede Stunde ein Ganzes war. – Besonders war ihm immer die gegenwärtige Stunde lieb und der Seigerschlag das angenehmste Geräusch in seinem Ohr; denn es wurde ihm dadurch merklich, wie er den Lebensstrom hinunterschiffte und alles in unaufhörlicher Bewegung blieb. Durch jeden Seigerschlag wurde der Reiz des Lebens wieder aufgefrischt, und wenn ein Tag, eine Woche, ein Jahr verflossen war, so empfand er die Wonne des Lebens in immer größerem Maße. – Er kannte keinen Verlust der Zeit, denn für jede Minute seines Lebens hatte er Weisheit und Selbstzufriedenheit eingekauft. So wie ohne Tod kein Leben ist, so ist ohne wahres Gefühl des Todes auch kein wahres Gefühl des Lebens – aus der dunklen Mitternacht bricht das Morgenrot hervor, und aus dem Schatten der Nacht bildet sich der schöne Tag. O pflanzt den Gedanken an den Tod fest in die junge Seele, ihr Pädagogen unserer Zeiten, und ihr werdet wieder Männer statt Knaben ziehen. Euer ganzes Gebäude wird sich fester auf diese Basis stützen; wenn die Menschen erst wissen werden, daß sie leben, dann erst werden sie jeden Augenblick ihres Lebens nutzen – und wenn sie jeden Augenblick ihres Lebens nutzen, dann erst ist euer Werk gekrönt. Denn hin und wieder eine wohlangewandte Stunde oder ein wohlangewandter Tag ist mehr ein Werk des Zufalls, als ein Werk der Kunst. – Die Lebenskunst muß durch alle Stunden und Minuten durchgehen, wie die Regel durch das Werk. Dazu ist nötig, daß der Mensch in jedem Augenblick wisse und empfinde, daß er lebe, welches ohne den festen Gedanken an den Tod unmöglich ist. Wer sich aber den einmal zu eigen gemacht hat, der kann sein memento mori mit ebenso unumwölkter und heiterer Stirn sagen, womit er im Kreise seiner Freunde ein fröhliches Trinklied singt. Hierin bestand also vorzüglich Knapps Pädagogik, und dann auch noch darin, daß er seinen Sohn empfinden lehrte, wie töricht es sei, einen Stein, an dem man sich gestoßen hat, mit einem Stocke zu schlagen, oder sich gegen den Regen, die Kälte und den Sturmwind aufzulehnen. Er lehrte ihn früh die Notwendigkeit, sich der unvernünftigen Stärke zu unterwerfen. – – Am meisten aber suchte er seine Lebensgeister beständig in Bewegung zu halten und war in dem Augenblick am aufmerksamsten auf ihn, wo er mit dem Finger Figuren in den Sand zeichnete oder mit Kreide auf den Tisch malte oder die Gestalt der Wolken am Himmel zu aufmerksam betrachtete. Das ABC ließ er ihn lernen, da er zehn Jahre alt war, und vor dem vierzehnten Jahre durfte er den Namen Gottes nicht aussprechen. Etwas von Nägeln und Schlössern Was Wunder nun, daß Hartknopf seine Wanderung gegen Osten eine Zeitlang unterbrach, da er hier solch einen Vetter und solch einen Freund an dem Emeritus gefunden hatte – obgleich Hagebuck und Küster und der empfindsame und aufgeklärte Prediger ihm nicht so sehr behagen konnten, daß er um ihretwillen länger in Gellenhausen geblieben wäre. Mit der Erzählung seiner Schicksale aber, die er seinem Vetter Knapp versprochen hatte, hielt er es etwas hart – hie und da einmal ein Stück aus seinem Leben, wo er es nützlich und schicklich fand, das war alles, was man aus ihm herausbringen konnte. Ich werde also wohl auch für ihn nun das Wort nehmen müssen, wenn der Leser etwas erfahren soll. Woher ich nun aber mehr von ihm weiß und erfahren habe als Knapp und der Emeritus, und in was für Verhältnissen ich mit ihm gestanden habe; und wie es mir gelungen ist, seine Freundschaft in dem Grade zu erwecken, daß er mich in das Innerste seiner Seele hat blicken lassen, davon sollte ich wohl ein Wörtchen beibringen. Es wird aber zu seiner Zeit geschehen. – So viel habe ich schon verraten, daß Hartknopf seines Handwerks ein Priester und ein Grobschmied war – seiner leiblichen Geburt nach war er ein Grobschmied, seiner geistlichen Geburt nach aber ein Priester, von Kindheit auf geweiht, kein Unheiliges anzurühren, um einst in Unschuld und Reinheit des Herzens in dem großen Tempel des Heiligen und Wahren als ein Priester Gottes zu dienen. Thubalkain Nach 1 Mos. 4, 22 Erfinder der Erz- und Eisenarbeit war sein großer Ahnherr – man fand diesen Namen in sein Petschaft eingegraben, und auf seinem Taschenmesser stand er auch, das er sich selbst geschmiedet hatte; denn Messer konnte er auch schmieden. Da er noch ein Kind war, lernten seine zarten Hände zuerst mit dem großen schweren Hammer spielen, den er kaum zu heben vermochte. Aber sein Arm wurde früh nervig und stark; bald mußte unter seinen wiederholten Schlägen der Amboß seufzen und das glühende Eisen geschmeidig werden. – Der Nagel war das erste, was durch seine Hände aus der unförmigen Masse Bildung und Form erhielt, die Fugen des Losen zu befestigen, das Zertrennliche unzertrennbar zu machen und auf diese Weise eine Schöpfung neuer Wesen zusammenzuzwängen, worüber die alte Natur erstaunt, wenn sie aus der Tiefe der grauen Vorzeit auf die neuen Geburten emporschaut, die in ihrem Schöße entstanden sind. – Daß der Mensch, von ihr gezeugt, in ihre Eingeweide herabstieg und das Eisen hervorgrub, womit er sie zu einer neuen Geburt beschwängerte; daß aus den Wäldern und Steinbrüchen Städte mit Palästen und Türmen sich erhoben, Schiffe auf dem Rücken des Meeres emporstiegen; der aufgerissenen Erde der Saamen eingestreut, und volle Ernten aus ihrem Schoß hervorgezwängt wurden; daß der zersägte Eichenstamm sich zum Stuhle krümmte und zum Tisch erhob, auf dessen glatter Fläche Auge und Hand sanft hingleitet. Das mächtige Schloß verwahrt und schützt das Eigentum und hat Gemeinschaft und Absonderung in des Menschen Willkür gesetzt. Ist es nicht Thubalkain, der verschlossene Türen öffnet?– – Ihm klingt auch das frohe Spiel der Sensen am schwülen Erntetag; ihm tönt das Gehämmer vor den dampfenden Feueröfen; ihm das Leben und die Wirksamkeit der Künstler und Arbeiter in allerlei Stein und Erz. Ihn preisen die Chöre der arbeitsamen Sänger mehr als die Flötenspieler. Aber ach, die Schärfe des Eisens wendet sich – die Geister der gefällten Eichenstämme seufzen durch die Lüfte, und verkünden Unheil über das Menschengeschlecht. Das Spiel der Sensen ertönt nicht mehr – Feuerschlünde öffnen sich – die Bombe kracht – Schwerter wühlen in menschlichen Eingeweiden – Ketten klirren laut – Despoten lachen, Sklaven heulen. – Die Chöre der arbeitsamen Sänger stehen einsam und weinen, in das Gewand der Trauer gehüllt, und singen Klagelieder, und seufzen: Thubalkain! – Was soll ich aus dem Jungen machen? fragte Hartknopfs Vater den Emeritus. – Nichts als einen Grobschmied, war des Emeritus Antwort, und Hartknopfs Vater schüttelte den Kopf. – Er hat doch so ein vortreffliches Ingenium! – Desto besser! sagte der Emeritus. – – Der Emeritus kam alle Tage in des alten Hartknopfs Schmiede. Sie wurde von ihm zum Heiligtum der Weisheit und höherer Geheimnisse eingeweiht; der junge Hartknopf saß da zu seinen Füßen und sog die süßen Lehren von seinen Lippen ein. Unter ihm bildete sich sein Geist, und wuchs mit seinem Körper, den die Arbeit abhärtete und gesund erhielt. – Aber leider wich der alte Hartknopf von der rechten Straße ab – nur noch ein Schritt, so wäre er vor dem gefährlichen Abgrunde vorbeigewesen; aber er tat ihn nicht, und nun konnte nichts ihn retten. – Er eilte unaufhaltsam seinem Verderben zu – Gold, Gold, Gold! war sein einziger Gedanke, vom frühen Morgen an bis in die späte Mitternacht, und das edle Eisen war verdrängt. – Mitleidig streckte der Emeritus noch seine Hände nach ihm aus und wollte ihn retten. Aber vergebens, er versank in dem Abgrund, vor dem ihn sein Freund so oft gewarnt hatte. Der Unglückliche mußte im Elend sterben – sein Vermögen war im Rauche aufgegangen, die Schmiede verkauft, und in einer armseligen Hütte mußte er seinen Erlöser, den Tod, erwarten. – Dieser kam, und er empfing ihn mit freudigem Entzücken, nachdem der Emeritus noch vorher seine Beichte gehört und ihm im Namen Gottes die Absolution erteilt hatte. Da der Emeritus den Vater nicht hatte retten können, so hatte er doch den Sohn zu retten gesucht; und sobald der Vater anfing zu laborieren, trieb er, daß der Sohn auf die Wanderschaft gehen mußte, da er erst 19 Jahre alt war – und dies war auch hohe Zeit, wenn er nicht an eben der Klippe scheitern sollte, woran sein Vater gescheitert war. – Auri sacra fames schrieb der alte Emeritus mit ein wenig Bleistift auf des alten Hartknopfs Leichenstein – O du verfluchter Durst nach Gold! von welchem Satan stammst du? War es nicht jener gefallene Geist, der statt sein Auge zu Gott, seinem Urheber, emporzuheben, nur immer auf das goldene Estrich des Himmels heftete, ehe die Hand des Ewigen ihn in den Abgrund hinunterschleuderte? Ein jeder, der die echte Weisheit suchte, kam an diesen Scheideweg – wenige vermieden den zur Linken –: denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt. Hier liegt der Grenzstein, der die Weisheit von der Torheit scheidet –ein ungeheurer Klumpen Gold. Wer ihn mit Gleichmut betrachtet und vorübergeht, den hat die Weisheit schon in der Wiege angelächelt und ihn zu ihrem Schüler eingeweiht; den leitet sein guter Genius zum Ziele hin und läßt ihn den echten Stein der Weisen finden, den Hartknopfs Vater vergeblich gesucht hatte, weil sein Sohn ihn finden sollte. Der den Vater verworfen hatte, der hatte den Sohn auserwählt – es mußte ein solcher Vater sein, um einen solchen Sohn zu zeugen! Aber auch eine solche Mutter, wie Hartknopfs Mutter eine war, sanft und mild wie das Abendrot. Sie welkte dahin, nachdem sie diesen einzigen Sohn geboren hatte; sie hatte mit ihm ihr Ziel erreicht: Denn nach Unsterblichkeit sehnt sich nur der Himmelsgeborne Aber Vernichtung ist süß dem müden Waller im Staube. Wäre Hartknopfs Vater an dem Goldklumpen vorbeigegangen – – doch er ist es nun einmal nicht – seine Asche ruhe in Frieden! Tausende sind wie er von der rechten Bahn abgewichen, und weichen noch täglich davon ab; denn blendend und lockend ist die Frucht des Baumes, von dem du nicht essen sollst, wenn du nicht willst eines doppelten Todes sterben. Gold siegt über die Kraft des Eisens, sprengt Schlösser auf; hält Schwerter in den Scheiden; löst das Verbundene auf und bindet das Gelöste wieder; bildet Armeen; baut Städte; läßt Paläste himmelan steigen; befestigt Könige auf ihren Thronen und stürzt sie herab. Welch ein allmächtiges Spielwerk ist das Gold in der Hand des Sterblichen! Was Wunder, daß Thoren bis zu ihrem letzten Atemzuge die Hände darnach ausstreckten und Weise Mühe haben, hier nicht Thoren zu sein! Was Wunder, daß oft selbst der mißverstandene Bund der Weisheit und der Tugend im Chor der arbeitenden Sänger nach diesem höchsten Gut zu streben heischt, wie ein Irrlicht durch seinen falschen Schimmer auch zuweilen das Auge des Vorsichtigen blendet und ihn in Sümpfe und Moraste führt, wo sein Fuß keinen Grund mehr findet, und er ohne Rettung versinken muß. Verstopft euer Ohr, ihr Schüler der Weisheit, vor dem heiseren Geschrei der falschen Wegweiser, die euch zu dem Quell führen wollen, woraus Gold unter dem dreifach gefalteten rötlichen Quaderstein in hellen Strömen hervorquillt. Horcht nicht auf ihre Stimme! Der Goldstrom ist nicht rein, die Quelle ist getrübt, und der rötliche Quaderstein ist mit falscher Farbe angestrichen. Ein Betrüger hat ihn hingewälzt; den rechten hat eine unsichtbare Hand hinweggenommen. Hartknopfs Gesellenjahre Als Schmiedeknecht wanderte Hartknopf in Erfurt ein, als Kandidat der Theologie wanderte er wieder aus, ohne daß er deswegen aufgehört hätte, ein Schmied zu sein. In einem halben Jahre hatte er sich so viel gespart, daß er füglich ein halbes Jahr ohne Arbeit leben konnte – und diese Zeit über befriedigte er den brennenden Durst nach Wissenschaft, der ihm schon so manche Träne gekostet hatte. Freilich hatte er vom Emeritus in Gellenhausen mehr gelernt, als ihn alle Doktoren in Erfurt lehren konnten; aber es war ihm doch auch nun um die Ausbreitung des Geistes, es war ihm um das Extensive zu tun, da er es in dem Intensiven schon ziemlich weit gebracht hatte. Er hörte Mathematik, Geschichte, Naturlehre, und so weiter; aber er las mehr, als er hörte. – Die Erfurter Universitätsbibliothek mag wohl lange ihren geringen Schatz nicht so gründlich gebraucht gesehen haben, als es von Hartknopf geschah. Hartknopf machte erstaunliche Fortschritte; denn zu allem, was er begann, brachte er ein Licht mit, das ihm der Emeritus angezündet hatte, und wodurch es ihm da schnell Tag wurde, wo es anderen lange Nacht bleibt, ehe sie sich durch die Finsternisse durchgearbeitet haben. Er lebte übrigens in Erfurt sehr verborgen – und ich habe ihn dort im Jahre 177* bei einem gewissen Doktor Sauer, der nun tot ist, kennengelernt. Möge die Asche des Doktors Sauer in Frieden ruhen! Er verdiente wohl von Hartknopf gekannt zu werden, ob ihn gleich die Welt nicht gekannt hat. Welche herrlichen Talente, welch ein Umfang von Kenntnissen sind mit diesem herrlichen Manne begraben worden, der die Bewunderung seiner Zeitgenossen hätte sein können, wenn der edle Sprößling in seiner Jugend nicht zerknickt worden wäre! Solch ein Kopf mit solch einem Herzen vereinigt, mußte ohne eine Spur hinter sich zu lassen unrühmlich in die Verwesung übergehen. Er wohnte in einer kleinen Gasse, in eines Schusters Haus, und da man seinen Sarg hinaustrug, fragte nicht einmal ein Nachbar: wen begräbt man denn da? Und keine Träne wurde ihm nachgeweint. Hier lernte ich Hartknopf dem Leibe nach und zum Teil dem Geiste nach kennen – die eigentliche Bekanntschaft unserer Seelen aber fällt in das Jahr 178*, zwei Jahre vor seinem Märtyrertod. Als ich ihn nun bei dem Doktor Sauer zuerst erblickte, war es mir, als sähe ich einen Unsterblichen hereintreten. Er kam aber in der Dämmerung, da es Feierabend war, und hatte sein Schurztuch vor – denn es war damals gerade sein Arbeitshalbjahr –: da er dem Doktor Sauer die Hand gab, war es, als wollte er mit seinem starken nervigen Arm das zerknickte Rohr wieder aufrichten; jedes seiner Worte goß neuen Mut in die Seele des Darniederliegenden; denn die Führer seiner Jugend, da sie ihn Bescheidenheit lehren wollten, hatten unglücklicherweise das Selbstzutrauen, diese unentbehrliche Stütze des schwachen Sterblichen, seinen Händen entwunden. Hartknopf wollte sie ihm wiedergeben, aber auch die Hände waren schon gelähmt, die sie ergreifen und festhalten sollten. Unaufhaltsam sank der Hilflose hinab; die Kräfte seines Geistes und seines Körpers verzehrten sich in sich selber. Um nicht vor Hunger umzukommen, mußte er das elende Geschmiere eines marktschreierischen Arztes für ein Spottgeld ins Lateinische übersetzen; und dieser erwarb sich dennoch, bei der Welt, die einmal betrogen sein will, Ruhm und Ehre damit, und wurde mit einem ansehnlichen Gehalt irgendwo als Brunnenarzt befördert, während der ehrliche Sauer die Zöllner und Sünder heilte und für das Geld, welches er mit den Übersetzungen verdient hatte, noch die Arzneien anschaffte, die er statt Bezahlung von den Kranken zunehmen, ihnen noch unentgeltlich dazu gab. Der Schwung seines Geistes in einigen vortrefflichen Gedichten wurde einem elenden Geschmiere von Wochenschrift zuteil, das ein Buchdrucker herausgab, für welchen Sauer zuweilen als Korrektor Tagelöhnerarbeit verrichtete. Endlich schien ihm die Glückssonne ein wenig zu lächeln; der Stadthalter von Dahlberg lernte ihn kennen und dachte auf seine Beförderung, als der Tod ihn weit schneller und besser beförderte wie alle Fürsten und ihre Stadthalter hätten tun können. Ok..rd, wo du auch seist, der du von ungefähr dies liest, erinnere dich mit mir des guten Sauers, mit dem wir manche frohe Stunde verbracht, der dich auch Weisheit lehrte, und laß uns seinem Andenken noch eine freundschaftliche Träne weinen! Hast du je den Schmiedegesellen bei ihm gesehen, so erinnere dich, wenn du kannst, seiner Gestalt und seiner Rede, und wisse, daß dieser mein Hartknopf war. Nachdem ich ihn das erste Mal beim Doktor Sauer gesehen hatte, sprach ich ihn nur noch einige Male; denn er verließ bald darauf Erfurt, wo er sich eine geraume Zeit aufgehalten hatte, ohne daß man sich um ihn bekümmerte – da es sonst in Erfurt, weil die Universität sehr klein ist, für einen der sich mit den Wissenschaften beschäftigt, schon ziemlich schwer ist, ganz unbemerkt zu bleiben. Nun war aber Hartknopf ordentlich als Student inskribiert; weil er jedoch nach dem ersten halben Jahr nur noch selten in die öffentlichen Vorlesungen ging, keine Studentengesellschaft besuchte, und überhaupt sich nicht viel öffentlich sehen ließ, so betrachtete man ihn, als ob er gar nicht dagewesen wäre. Der Doktor Froriep stellte damals mit einigen Studenten Predigtübungen in der Universitätskirche an, welche in der Woche bei verschlossenen Türen gehalten wurden. – Hier hat auch Hartknopf, wie ich weiß, einmal gepredigt, ich glaube aber schwerlich, daß sich der Doktor Froriep seiner erinnern wird; denn wenn er in sich zurückgezogen dastand, so hielt man ihn für einen äußerst unbedeutenden Menschen. Nachdem ich ihn erst beim Doktor Sauer gesehen hatte, saß ich am Sonntagabend einmal oben am Steigerwald und las in Klopstocks Messiade. Der Steiger ist ein Wald nahe bei Erfurt, auf einer Anhöhe, von welcher man die ganze Stadt übersehen kann, die mit ihrer unbeschreiblichen Menge Gärten rund umher einen sehr schönen Prospekt macht. Hier lag ich also im Grase hingestreckt und erwartete, indem ich in Klopstocks Messiade, die Erzählung von den beiden Jüngern von Emaus las, den Untergang der Sonne. Indem kam Hartknopf den schrägen Abhang heraufgegangen, seinen blauen Sonntagsrock mit gelben Knöpfen und steifen Schößen von oben bis unten zugeknöpft und seinen Dornenstock in der Hand, grüßte mich und setzte sich neben mich. – Und ich machte schnell mein Buch zu und wollte es einstecken, denn es war mir, als ob ich mich, ich weiß selbst nicht aus was für Ursachen, vor ihm schämte. Ich fühlte mich auf einmal so klein, so schwach in seiner Gegenwart –da ich mir noch kurz vorher gar nicht so vorgekommen war – sein Blick durchdrang mein Innerstes und schlug mich nieder. Aber heilig soll mir der Abend sein, so lange ich lebe. Das Gespräch lenkte sich von der Schönheit des Abends bald auf die Schönheit und Aufrichtigkeit der Seele, die einen solchen Abend nur allein empfinden kann, wenn sie von allen Schlacken der Eitelkeit und Selbsttäuschung gesäubert, die schöne Natur wie ein reiner und heller Spiegel in sich darstellt. Es war ja wohl recht schön, am Steiger die Sonne untergehen zu sehen und dabei in Klopstocks Messiade zu lesen – aber die Scene mußte nicht gleichsam herbeigezwungen werden, bloß um dann nachher, auch nur zu sich selber, sagen zu können; ich habe am Steiger die Sonne untergehen sehen und Klopstocks Messiade dabei gelesen – ich bin doch gewiß kein gemeiner Mensch; so etwas läßt doch schön im Leben, wenn man zurückschaut. – O unbegreifliche Eitelkeit! Nicht genug, daß du andere durch falschen Schimmer zu täuschen suchst, willst du vor dir selbst mit Zwang eine dir nicht angemessene Rolle spielen! Die Sonne mit dem Buch in der Hand untergehen zu sehen ist dir Arbeit, nicht Genuß; du machst die Scene, sie fügt sich nicht von selbst; deine Seele ist nicht aufrichtig, deine Empfindungen sind erkünstelt, der Abdruck der schönen Natur in dir ist verfälscht! Dies ist ungefähr der Inhalt von dem, was ich an dem Abend von Hartknopf gelernt habe. – Es ist ein sehr angenehmer Spaziergang bei Erfurt nach den sogenannten drei Brunnen, wo sich der Weg zwischen Gärten und Gebüsch in mancherlei Krümmungen hinschlängelt, indes sich von allen Seiten her kleine Bäche ergießen, an deren schmalen Ufern man hinwandelt. Hinter sich hat man dann die alten hohen Klöster und Türme der Stadt, die mit der erstaunlichen Menge blühender Gärten einen so angenehmen Kontrast macht. Hier trafen wir uns einmal um Mitternacht, da der Vollmond am Himmel stand; und Hartknopf war doch gewiß keiner der empfindsamen Nachtwandler, die über dem Anschauen des Mondes ihr Tagewerk versäumen. Er hatte seit einiger Zeit angefangen, die Kunst des großen Baumeisters in dem gestirnten Himmel zu bewundern. Er hatte sich wirklich astronomische Kenntnisse erworben und kam jetzt mit einem kleinen Tubus in der Hand eine Anhöhe hinunter, auf welcher er einige Stunden zugebracht hatte. – Er hatte eine besondere Gabe, dergleichen Kenntnisse mitzuteilen. Seine Astronomie war keine leere Namenerkenntnis von Sternbildern; es war ein mächtiges Eingreifen der Gedanken in den großen Weltplan, wovon nur so ein kleiner Teil von unseren Sinnen erfaßt wird. Ich sitze im Zimmer – ein Strahl der Sonne fällt hinein und macht einen Strich der Staubwolke sichtbar, die sich auf und nieder wälzt. In dem erleuchteten Strich schwimmen unzählige Sonnenstäubchen und drehen sich teils umeinander, teils ein jedes um seine eigene Achse. Der Bewohner eines solchen Sonnenstäubchens schaut über sich und sieht eine unzählige Menge ähnlicher kleiner Körper, die sich alle in einem und ebendemselben Lichtstrahl drehen, und ruft mit Verwunderung und Erstaunen aus; o du unendliches Weltgebäude, wer mißt dich? Ich öffne das Fenster und sehe den Himmel an, der nächtlich mit Millionen Sternen besät ist, die sich alle wie unser Erdball in einem großen Lichtmeer wälzen; und rufe mit Verwundern aus: o du unendliches Weltgebäude, wer mißt dich – Und ein höheres Wesen lächelt vielleicht, indem es alle diese Welten mit einer Hand zusammenfaßt, über meinen Ausruf, so wie ich über den Ausruf des Weltbürgers auf einem Sonnenstäubchen. Man denke nicht, daß Hartknopf lehrte wenn er so sprach – nein, das war gewiß seine Sache nicht. Er warf nur Vermutungen hin, gab Winke, hüllte die herrlichen Wahrheit in demütige Zweifel ein, ließ aus der Dunkelheit der Zweifel allmählich das Licht hervorbrechen, und wußte Empfindung und Gedanken auf eine so wunderbare Art zu verflechten, daß man kaum mehr zu unterscheiden wußte, ob man die Wahrheit aus Liebe zu ihr, oder aus fester Überzeugung annahm. War ich je in einem Augenblick meines Lebens fest und unerschütterlich von der Fortdauer meines Geistes überzeugt, so war ich es in jener Nacht, wo ich mit Hartknopf spazierenging. Und oft habe ich mich noch nachts an der Erinnerung von jener Überzeugung, die ich doch damals wirklich hatte, festgehalten, wenn meine Zuversicht wieder wanken wollte. Ich habe oft Youngs Nachtgedanken gelesen, aber keinen Schatten von der Empfindung haben sie in meiner Seele hervorgebracht, welche damals Hartknopfs kurzes Gespräch in mir erweckte. Young ist in vielen Stellen erhaben, auch zuweilen rührend und seelenschmelzend; aber er war in den Zeiten der Lieblingsdichter meines Herzens, wo meine Seele selbst verstimmt war – er hatte die Nacht aus der Natur herausgeschnitten und sie einzeln ausgestellt; er hat die Finsternis vom Lichte gesondert; er hat uns in einem voll gerüttelten Maße die Schrecken des Todes aufgetischt, daß wir auf einmal den Gaumen unseres Geistes daran laben sollen. Hartknopf lehrte mich die Nacht lieben, ohne den Tag zu scheuen, und den Tag ohne die Nacht zu scheuen. Finsternis und Licht, Tod und Leben, Ruhe und Bewegung mußten in sanfter Mischung sich ineinander verschwimmen. – Der Blick zum Himmel gekehrt, mußte sich von neuem Licht gestärkt wieder zur Erde senken, um dort und hier Gegenwart und Zukunft in schöner Harmonie miteinander zu vereinen. – O wie ich damals an seinen Lippen hing! Es war eine warme Sommernacht; wir saßen auf einem Rosenhügel; zu unseren Füßen rauschte ein Bach, über uns hing ein grünes Gesträuch; in der Ferne sah man das Karthäuserkloster. Der Himmel umschloß uns von oben. – So war alles zusammen bis auf die innersten Gedanken unserer Seelen ein vollendetes Ganzes. Ich fühlte mein Dasein zum ersten Mal; fühlte mich in diese große Kette eingezwängt; sicher, fest und unerschüttert. Ich ward zum ersten Male auf den rechten Lebensfleck geführt – Ich lernte die große Weisheit: des Alles im Moment. Ich ward zu neuem geistigen Leben geboren. Von dem Augenblick an war es ruhig in meiner Seele. – Die tobenden Stürme des Ehrgeizes legten sich; die Furcht verschwand, die Hoffnung wurde Zuversicht. Die Stille der Seele hatte einen wohltätigen Einfluß auf meinen Körper; mein Pulsschlag war wieder sanft und regelmäßig, leicht und ungehindert strömte das Blut in frohen Kreisen fort. Mein kränklicher Körper wurde durch die Seele geheilt; ich fühlte mich an Leib und Geist neugeboren. Diese Nacht war es, wo ich Hartknopf dem Geist nach kennen lernte. Das heißt, sein Geist war mir nun gesichert, er mochte abwesend oder gegenwärtig, tot oder lebend sein – ich blickte durch den Geist in seine Augen, so wie ich vorher durch die Augen in seinen Geist geblickt hatte. Unsere Zusammenkunft in dieser Nacht schien ein Werk des Zufalls – aber sie war es nicht; denn ich möchte doch nicht gern die notwendige Glückseligkeit meines Lebens an etwas schuldig sein, das sich eben so leicht nicht hätte fügen können, als es sich gefügt hat. Nein, in eben dem ewigen Zusammenhang, worin mein ganzes Dasein begründet ist, worin ich mich so gesichert fühle, war auch jener Augenblick meines Lebens fest gegründet, wo sich Hartknopfs Seele gegen die meinige aufschloß; und ich weiß es gewiß, daß er mir nicht entgehen konnte. Hartknopf fand mich der Mitteilung seines Geistes wert, welches er gewiß nicht getan haben würde, wenn seine erste Lektion am Steigerwalde bei mir nicht angeschlagen hätte. Aber er sah, daß meine Seele aufrichtig war; daß ich mich der törichten Verstellung und des törichten Zwanges schämte; daß ich die Nacht nicht herausgegangen war, um zwischen der Natur und mir gleichsam eine feierliche Scene zu veranstalten; sondern daß ich diesmal einem lockenden Ruf gefolgt war, und daß mein Herz sich willig öffnete, um den reinen Lichtstrom aus ihr aufzunehmen. Ich war so gestimmt, daß ich mich an der Figur eines Blattes auf den Wipfeln der Bäume ergötzen konnte und alles aus meinen Gedanken verbannt war, was diese schöne Ordnung der Natur, die sich jetzt unverfälscht in mir ausdrückte, hätte stören können. Diese wohltätige Stimmung bemerkte Hartknopf sogleich und nutzte sie mit solcher Macht, daß er, ehe ich es noch selbst wußte, eine neue Schöpfung in mir hervorgebracht hatte. Das Licht hatte sich von der Finsternis gesondert, der Morgen war angebrochen. Das verwirrte Chaos der Ideen, die von Jugend auf in meine Seele geströmt waren, ordnete sich plötzlich zu einem schönen Ganzen. Selbst das, was ich glaubte, unnütz und umsonst gelernt und in Büchern gelesen zu haben, fand hier seinen angewiesenen Platz – und da war nichts mehr, das nicht in den schönen Plan gehört hätte. Die Fluten, die vorher sich mit dem Erdreich vermischt und es schlammig und bodenlos gemacht hatten, sonderten sich jetzt in Meere und Flüsse und stellten das Antlitz des Himmels dar, der sich darin spiegelte, und die Erde ward fest und hart, daß Menschen und Tiere darauf wandeln und Bäume und Pflanzen darauf emporschießen konnten. Wahrlich ich sage dir, es sei denn, daß jemand geboren werde aus dem Wasser und Geist, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Wer nicht den ganzen Nutzen von dem, was er gelernt, getan, gedacht, gelebt hat, in einem Moment zusammenziehen kann, bei dem ist die neue Schöpfung noch nicht vorgegangen, und noch nicht alles so geordnet, wie es soll. – Der Moment ist und bleibt letzter Punkt, wohin alle Weisheit der Sterblichen streben kann und muß – alles andere ist Chimäre und Einbildung. O wer leiht mir Hartknopfs Sprache, womit er in meine Seele rief: es werde Licht! Wer lenkt meine Feder, daß sie nur ein schwaches Bild jener unnachahmlichen Sprache durch gemalte Töne auf das Papier entwerfe. Göttliche Kunst, die du die Gedanken des schwachen Sterblichen auf kommende Geschlechter hinüberträgt, wenn sein Mund schon lange im Grabe verschlossen ist – o, engst du den Geist ein, der sich dir hingibt; der den zusammengedrängten Lichtstrahl schwächt, damit er sich weiter verbreite. Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig. Hartknopf nahm eine Flöte aus der Tasche und begleitete die herrlichen Rezitative seiner Lehren mit angemessenen Akkorden – er übersetzte, indem er phantasierte, die Sprache der Empfindungen: denn dazu diente ihm die Musik. Oft, wenn er den Vorsatz gesprochen, so blies er den Nachsatz mit seiner Flöte dazu. Er atmete die Gedanken, so wie er sie in die Töne der Flöte hauchte, aus dem Verstande ins Herz hinein. Bewaffnetes Auge, bewaffneter Mund, bewaffnete Hand, pflegte er wohl zu sagen; der Tubus, die Flöte und der Hammer. Auf dem Klavier hat er sich manche verworrene Idee herausgespielt und ins Klare gebracht. Sein Studium aber ging darauf, die Musik zur eigentlichen Sprache der Empfindungen zu machen, wozu sich die artikulierten Töne nicht sowohl schickten, als die unartikulierten; die das Ganze nicht erst zerstückten, um es dann wieder zusammenzustellen, sondern die es gleich, so wie es ist, ganz und in seiner Fülle lassen. Er verstand die Kunst, durch die Musik auf die Leidenschaften zu wirken – darum trug er immer seine Flöte bei sich in der Tasche, und durch unablässige Übung hatte er es soweit darin gebracht, daß er oft durch ein paar Griffe, die er wie von ungefähr tat, aufgebrachte Gemüter besänftigen, Bekümmerte aufrichten und den Verzagten neue Hoffnung einflößen konnte. Es war weiter nichts Künstliches bei der Sache, als daß der gewählte Ton gerade einfallen mußte, wo er sollte. Und dann war es oft eine simple Kadenz oder Tonfall, welche die wunderbare Wirkung hervorbrachte. Ein jeder wird einige Male wenigstens im Leben die Bemerkung gemacht haben, daß irgendein sonst ganz unbedeutender Ton, den einer etwa in der Ferne hört, bei einer gewissen Stimmung der Seele einen ganz wunderbaren Effekt auf seine Seele tut; es ist, als ob auf einmal tausend Erinnerungen, tausend dunkle Vorstellungen mit diesem Ton erwachten, die das Herz in eine unbeschreibliche Wehmut versetzen. – Da hatte nun Hartknopf der Natur auf die Spur zu kommen und das in Kunst zu verwandeln gesucht, was sich sonst nur zuweilen, wie durch Zufall, ereignet. Freilich mußte er den schon etwas kennen, auf welchen seine Töne dergleichen Wirkung hervorbringen sollten; aber er lernte auch wieder durch die Wirkung, welche diese Töne machten, allmählich das Herz dessen immer besser kennen, mit dem er umging. Das Höchste in der Musik liegt in der Kenntnis ihrer einfachsten Elemente. Hartknopf wäre ein großer Musiker gewesen, auch wenn er nie hätte Flöte blasen und nie das Klavier spielen lernen. Er verband aber mit Fleiß ein Blasinstrument mit einem Saiteninstrument, Das Blasinstrument ist ganz Ausdruck der Empfindung, das Saiteninstrument schon zum Teil den Ideen gewidmet – durch die Saiteninstrumente entwickelte sich Hartknopf, was er durch Blasinstrumente im ganzen empfunden hatte. Die Blasinstrumente sind dem Herzen näher. Die Violine ahmt durch die geschleiften Töne die Blasinstrumente nach und macht gleichsam den Übergang zwischen ihnen und den mit immer wiederholten Unterbrechungen vibrierenden Saiteninstrumenten. Daß durch gleiche Taktteile Ernst und Würde, durch ungleiche lebhafte Empfindungen, durch drei oder vier kurze Töne zwischen zwei längeren Fröhlichkeit, durch ein oder zwei kurze Töne vor einem langen Wildheit und Ungestüm, durch das Schwerfällige ausgedrückt wird – wie geht das zu? worin liegt hier die Ähnlichkeit zwischen den Zeichen und der bezeichneten Sache? Wer das herausbringt, der ist imstande, ein Alphabet der Empfindungssprache zu verfertigen, woraus sich tausend herrliche Werke zusammensetzen lassen. – Ist nicht die Musik der Sterblichen eine Kinderklapper, sobald sie sich nicht an die große Natur hält, sobald sie die nicht nachahmt? Musik und Astronomie war Hartknopf nah miteinander verknüpft. Er lehrte mich in jener Nacht einen Teil der Astronomie bloß durch unnachahmliche Töne seiner Flöte, die eines Kenners Ohr gewiß würden beleidigt haben, weil sie sogar einfach waren. Eigentlich geschah dies aber nur, weil er das Klavier nicht zur Hand hatte, durch das lehrte er sonst die meisten Wissenschaften und vorzüglich auch Lebensweisheit und Moral. Noch ein sehr merkwürdiger Gegenstand seiner Beobachtung, in Ansehung der Musik, waren die verschiedenen Veränderungen des Pulsschlages bei den verschiedenen Veränderungen der Leidenschaften. Mit der Musik verband er aber auch die Dichtkunst im hohen Grade, und nahm seine Zuflucht oft zu ihr, wenn er kranke Seelen heilte. O dann flossen die Worte im metrischen Silbenfall von seinen Lippen! Nicht, daß er so ein Wunderdichter gewesen wäre, der gleich aus dem Stegreif auf jeden Vorfall in Versen etwas Vortreffliches hätte sagen können – sondern alles, was er von anderen vortrefflich Gesagtes auswendig wußte, hatte er sich in seiner Seele so gemerkt, daß er es immer zur rechten Zeit in Bereitschaft hatte. – Und so wie fleißigen Bibellesern manchmal ein auswendig gelernter Spruch gerade zur rechten Zeit einfällt, wo er ihnen mitten in der Verzweiflung Trost und Mut einflößt – so brauchte Hartknopf die Dichtkunst, wozu sie eigentlich da ist, zur Veredelung und Erhebung des Geistes, zur Beruhigung der Leidenschaften. Sie diente ihm oft nach vielen mißlungenen Versuchen zu einer heilsamen Seelenarznei, wo alles andere fehlschlug. – Darum war auch unter den Alten Horaz sein Lieblingsdichter, weil er mit wohlabgemessenem, reizendem Silbenfall den rechten Takt des Lebens lehrt, und sein Lieblingsgedicht unter den Neueren war Wielands Musarion. Hartknopf machte zwar selbst auch Verse – allein er tat es nur, um irgendeine Pflicht zu erfüllen, wie Sokrates einst kurz vor seinem Tode sich noch durch den Genius, der ihm immer zur Seite war, gedrungen fühlte, einige Aesopische Fabeln in Verse zu bringen. Seine größte Stärke aber bestand in der Deklamation; diese hatte er so in der Gewalt, daß er sich des Fremden, was er vorlas, gleichsam bemächtigte und es sich zu eigen machte. Es war ihm auch im Grunde nichts fremd, was irgendein unverfälschtes Produkt des Geistes war – sondern so, wie die Strahlen der Sonne ein gemeinschaftliches Gut sind, dessen sich alle Sterblichen freuen, so schienen ihm auch die Strahlen des Geistes, sie mögen sich nun ausbreiten wie und wo sie wollen, ein gemeinschaftliches Gut denkender und vernünftiger Wesen zu sein, dessen sie alle ohne Rückhalt froh werden sollten. – Dieser Gedanke machte, daß Hartknopf auch nie einen Funken von Neid empfand, sooft er etwas las, was ihm Bewunderung und Erstaunen einflößte, indem er sich nicht zutraute, daß er es selbst würde haben hervorbringen können. Er nahm dem ungeachtet an der Ehre des menschlichen Geistes teil, und vergaß, wie ein echter Republikaner, sein eigenes Individuum in der Vorstellung von der großen Geisterrepublik, mit welcher verbunden er nur sich selber schätzte und seiner eigenen Existenz einen Wert beilegte. Denn unter allen sogenannten philosophischen Systemen war ihm das des Egoisten das abgeschmackteste von der Welt, ob er gleich als Knabe einige Male Anfälle von dieser subtilen Raserei gehabt hatte – da es ihm einfiel, alle die Wesen außer ihm wären eigentlich nur Traumbilder, die in ihm da wären, und er wäre das einzige einsame Wesen in dieser öden Welt; die denn wie eine Schaumblase mit ihm aufgestiegen sei und auch mit ihm wieder in das Nichts versinken würde. Wie gesagt, er hatte nur als Knabe diese Anfälle, und da er ein Mann geworden war, dachte er wie ein Mann. Er drückte seinem Nachbar freundschaftlich die Hand und blickte seinen Freunden getrost ins Auge, ohne sie nur eine Minute lang für Traumbilder oder Wesen seiner Einbildungskraft zu halten. Ich begreife kaum, wie man den Gedanken des eigentlichen Egoismus nur einen Augenblick lang, ohne sich der Raserei zu nähern, ertragen kann. – Es ist das Allerfürchterlichste und Schrecklichste, ohne Hilfe, ohne Rettung, sich selbst mit tausend Gefahren und dem Untergang drohenden Ungeheuern zu überlassen. Ich kann mich selbst nicht mehr in den Arm eines Freundes entfliehen – denn der Arm des Freundes ist eine Täuschung meiner Sinne, ein mir verhaßtes Selbst, und doch, wer rettet mich vor den fürchterlichen Gedanken? Doch kann ich in alle Ewigkeit von dem wirklichen Dasein irgendeines Wesens überzeugt werden, so wie ich es von mir bin – keinen Augenblick lang kann ich das Ich eines Wesens außer mir sein; wie kann ich da wissen, ob dieses Wesen auch ein Ich ist, ob es je den Gedanken Ich gehabt hat? Das waren die Anfälle von Egoismus in Hartknopfs Knabenalter. Seit jenem feierlichen Tage aber, da er sich in die große Republik der Geister aufgenommen fühlte, verschwanden alle diese Zweifel wie Nebel vor der Sonne – es war ein Geist, der durch ihn und den Emeritus und Knapp auf die Menschen wirkte, eine reine Flamme, die den Erdkreis erleuchtete, aber verschieden in tausend Farben und Gestalten der Dinge, die unter ihrem wohltätigen ununterbrochenen Einfluß erst Bildung und Form erhalten. Diesen seinen Geist fand Hartknopf im Emeritus und dem Gastwirt Knapp, nicht aber in Hagebuck und Küster wieder – diese reine Flamme, die ihn selbst durchglühte, grüßte er in Wielands Musarion, in Homers Gesängen, in Horazens Briefen, in Rousseaus Emile, in Mendelsohns Phädon und würde sie in Lessings Nathan dem Weisen begrüßt haben, hätte er ihn je gelesen. – In Youngs Nachtgedanken hatte er sie nicht gefunden; auch würde er sie nicht in dem Buche über Irrtum und Wahrheit gefunden haben, wenn es ihm je zu Gesichte gekommen wäre. Dies Wiederfinden desselben Geistes, der ihn durchwehte, in anderen, war der erhabene Egoismus, zu welchem er sich emporschwang, der die Seele seiner Freundschaft war und ihm zugleich seine Unsterblichkeit sichern half: denn er fühlte, daß er sich nie selbst verlieren konnte. Er fand sich wieder, wohin er blickte. Meine Zusammenkunft mit Hartknopf in einem Karthäuserkloster Das war das letzte Mal, daß ich ihn in Erfurt sah, und hier war es, wo er mir das letzte memento mori in die Seele warf, das seither nie wieder durch irgendeinen Freudenschall daraus verdrängt ist. Ob es denn etwa Karthäuser in der Welt geben mag, damit wir, weil doch alles vollständig sein soll, auch ein lebendiges Bild des Todes vor uns haben, worin wir uns spiegeln sollen? – denn ein solches Bild ist ein Karthäusermönch, so wie sein Kloster das klare Bild des Grabes. Es war am Festtage des heiligen Bruno, da wir uns von ungefähr und doch auch nicht von ungefähr, so wie die Nacht in den grünen Gängen nach den drei Brunnen, hier zusammentrafen. – Es war des Nachmittags, die Sonne schien hell ins Kirchenfenster, und beleuchtete den Kranz des Altarblattes und die grünen Blätter des duftenden Zitronenbaumes, womit die Kirche an diesem Festtage geschmückt war. Die Mönche saßen in zwei Reihen auf ihren erhabenen Sitzen, und vor jedem Sitz stand ein grüner Orangenbaum in einem mit Erde gefüllten Behältnis. Die Mönche saßen noch, ihre weißen Kappen über das Gesicht gezogen, in feierlicher Stille da, und die Bäume warfen einen sanften Schatten auf ihr langes weißes Gewand, dessen weite Ärmel herunterhingen. Dumpf und traurig, in tiefen Tönen hob darauf ihr Gesang an; dann warfen sie sich auf ihr Antlitz nieder und zogen, indem sie anbeteten, ihre Kappen über die Gesichter herunter. – Da standen Greise mit kahlem Scheitel und Jünglinge mit blassen Wangen, die einst geblüht hatten. – Vor dem Altar hängt von oben ein Seil herunter, woran die Glocke gezogen wird; und sowie der erste Mönch hereintritt, tut er den ersten Zug an dem Seil und überreicht es seinem Nachfolger, der den zweiten tut, so daß alle an dem Läuten teilnehmen und alle in diesem Tempel dienen, ohne sich bedienen zu lassen. – Ebenso ist es auch wieder beim Weggehen. Hartknopf war nicht umsonst hier; er besuchte einen neunzehnjährigen Jüngling, dem der Freund seiner Jugend an seiner Seite vom Blitz erschlagen wurde, und der dadurch einen Ekel an aller Freude des Lebens bekommen hatte, welcher ihn hierher trieb, wo er dem Grabe entgegenwelkte. Bei ihm gelang es Hartknopf, das zerknickte Rohr wieder aufzurichten – er erhielt auf sein dringendes Anhalten vom Prior die Erlaubnis, den Jüngling in seiner Zelle zu besuchen; und dieser ließ sich durch den erhabenen Ton seiner Stimme, durch seinen mitleidsvollen Blick bewegen ihn anzuhören; und da er ihn erst anhörte, so fesselte ihn Hartknopf schnell mit starken Banden der erbarmenden Liebe und Freundschaft. Solch ein Ton war noch nie in des armen Jünglings Ohr gedrungen, seit er seinen Freund verloren hatte. Hartknopf brachte ihm diesen wieder, und sicherte ihm sein Dasein, und nun wurde der Jüngling allmählich ruhig. Aber Hartknopf hütete sich wohl, bei dem lebend Begrabenen den Reiz des Lebens zu sehr wieder aufzufrischen – er lehrte ihn, in sich selber, in tausend kleinen Beschäftigungen seine Glückseligkeit zu finden, die er vorher nicht gekannt hatte. Hartknopf folgte in der Behandlung dieses Jünglings der Natur, welche den Mangel des einen Sinnes dadurch einigermaßen zu ersetzen sucht, daß sie die ganze Kraft in einem anderen Sinne zusammendrängt, der dadurch bis zu einem außerordentlichen Grade erhöht wird. – So suchte Hartknopf bei diesem Jüngling den Mangel des Entzückens, welches nur die Mitteilung gewährt, in dem Umgange mit seinem edleren Ich, in die große Beschäftigung mit seinem eigenen Geist zurückzudrängen – er lehrte ihn in sich eine Welt finden, da die Welt außer ihm auf immer vor ihm verschlossen war. Trauben von den Dornen, und Feigen von den Disteln lesen, war Hartknopfs Wahlspruch, sooft er etwas bemerkte, was aus dem großen Plan der Natur hinweggerückt zu sein schien. – Hier ist das Künsteln nötig, sagte er, um das Verdorbene wieder gut zu machen. Was ein Unvernünftiger zu seinen schlechten Endzwecken hervorgebracht hat, kann der Vernünftige immer noch zu einem besseren Endzweck nützen. – Die Unvernunft kann nichts so sehr verderben, daß die Vernunft es nicht sollte wieder gutmachen können. Die Unvernunft reißt nieder, damit die Vernunft wieder etwas zu bauen hat, so bleibt alles in Tätigkeit. Wer sich einmal lebendig begraben will, der tut immer noch am besten, wenn er sich in ein Karthäuserkloster begräbt, wo er sich doch sein Grab selbst nach Gefallen ausschmücken und sich, wenn es ihm beliebt, darin umwenden kann, ob er gleich auch nicht wieder heraus darf. Oft, wenn ich aus meinem Stubenfenster über die alte Stadtmauer nach dem Karthäuserkloster hinüberblickte, fühlte ich eine geheime Sehnsucht nach diesen stillen Hütten, die ihren sehr guten Grund in meinem damaligen Verhältnis gegen die Welt und gegen die Menschen hatte. Die Karthäuser wohnen nicht wie andere Mönche in einem Haus, wo ein jeder seine besondere Zelle hat, sondern ein jeder Mönch hat hier sein eigenes kleines Haus, das nur ein Stockwerk hat und mit einer hohen Mauer umgeben ist, innerhalb welcher ein kleiner Garten bei jedem dieser Häuser befindlich ist. Die einzelnen Häuser sind durch die hohen umgebenden Mauern so voneinander abgesondert, daß man durch keine Türe von einem ins andere, wohl aber aus allen gemeinschaftlich in die Kirche und den Speisesaal kommen kann. Auf diesen Gängen ist es also allein, wo sich die Mönche begegnen und sich durch ihr unverbrüchliches memento mori miteinander unterhalten. Ein jeder hat in seinem Hause seine eigene kleine Einrichtung, baut selbst seinen kleinen Garten, spaltet sich selber sein Holz zum Brennen, hat auch wohl eine Drechsel- oder Hobelbank, womit er sich die Zeit verkürzt und seinem Körper eine heilsame Bewegung gibt. Sein Lager ist auf der bloßen Erde, zu seinen Füßen steht ein Totenskelett und ein harter Block dient ihm als Kopfkissen. Dreimal die Nacht über muß er sich des süßen Schlafes erwehren, wenn ihn bei vollem Einbruch der Finsternis, um Mitternacht und gegen Morgen die Stunde zum Gebet weckt. Einmal im Jahr am Fest des Ordensstifters bekommt er Fleisch zu essen und Wein zu trinken, der sonst nie seine Lippen berühren darf. Bei Tisch herrscht ein unverbrüchliches Stillschweigen. Keiner, der sich aus der Welt in diese geweihten Mauern geflüchtet hat, darf eine Erlösung daraus hoffen, wenn ihn je sein Entschluß wieder reuen sollte. Und wenn er es wagen würde, diese Mauern zu überspringen, dann würde, wenn man ihn ergriffe, ein schreckliches Schicksal ihn erwarten, und wäre er vorher noch nicht lebend begraben gewesen, so würde er es dann sein. Hartknopf hatte sich diesen Karthäusermönch ausgesucht, um an ihm seine Weisheit zu versuchen; denn hier war es, wo sie die Probe halten mußte. Wenn es eine wahre Weisheit gibt, so muß sie lehren, wie man auch als Karthäusermönch, sobald man es einmal ist, auf seine Art glücklich werden kann. Freilich ist es besser, wenn sie einen schon vorher gelehrt hat, daß man nie ein Karthäusermönch werden müsse – aber was hilft das Bessere, wenn das Schlechtere nun einmal da ist. Das Schlechtere, was da ist, muß doch wohl mehr die Aufmerksamkeit des Weisen an sich ziehen als das Bessere, was nicht da ist. – Aber die Afterweisen, die Weltreformatoren, die Hagebucks schwärmen in den Zaubergefilden des Besseren, was nicht da ist, mit ihrer müßigen Phantasie umher und lassen indessen auf dem verwilderten Acker des wirklichen festen Erdbodens, auf den sie treten, Dornen und Disteln wachsen. Das tat nun Hartknopf nicht – der suchte die Dornen und Disteln auszujäten, wo er sie nur fand; und aus der Seele des Jünglings hatte er einen sehr schmerzenden Dorn gezogen, indem er ihm seinen vom Blitz erschlagenen Freund wiedergab, und ihm in sich eine Welt zeigte, die ihn für die Ausschließung der äußeren Welt schadlos hielt. Dieser junge Mensch konnte nun mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit berechnen, daß er sein ganzes Leben hindurch keinen Tag Langeweile haben würde, wenn er den Weg verfolgte, den ihm Hartknopf vorgezeichnet hatte. Ja er mußte sich sogar ein ziemlich langes Leben wünschen, wenn er in diesem Leben einige beträchtliche Fortschritte tun wollte, die ihm dort zustatten kommen könnten. Und das war es, was ihm fast immer Angst und Furcht gemacht hatte; nicht der Gedanke des Todes, der war ihm angenehm und erquickend, sondern der Gedanke an die unerträgliche Last des Lebens – an alle die leeren Stunden, die er mit nichts auszufüllen wußte, oder wo doch die Quellen, mit denen er sie auszufüllen strebte, immer so bald versiegten. Auch in das einsamste, von der Welt abgeschiedenste Leben, das der Nacht des Grabes am nächsten kam, läßt sich noch, wie mich Hartknopf gelehrt hat, eine unnennbare Seligkeit des Genusses legen. – Ebenso wie dem die Ewigkeit nie zu lange werden könnte, der von den Millionen Welten, die aus dem Firmament leuchten, eine nach der anderen im ungehemmten Flug bereiste und die unendliche Verschiedenheit des Wesens all dieser Welten nach und nach kennenlernte – ebensowenig kann dem die Dauer seiner irdischen Tage zu lang erscheinen, der nur einen Blick in sich selbst, in seine innere Welt getan und die unermeßlichen Gefilde des Denkens überschaut, die sich da vor seinem Blick öffnen. Und diese Wonnen des Denkens, des in sich Blickens, kann doch auch der dunkelste Kerker dem unsterblichen Geist nicht rauben. Selbst der Verlust des süßen Augenlichts kann den Tag nicht verfinstern, der noch immer in der Seele des Weisen und Denkers strahlt – nicht den Tag, der in Homers, in Miltons und Ossians Seele glänzte, da sie die Geschichte der Vorwelt sangen. Hartknopf sprach: es werde Licht! und es ward Licht in der trüben Seele des Jünglings. Die Morgendämmerung des reinen Denkens brach hervor; Nebel der Vorurteile wälzten sich allmählich von den hellen Horizonten hinweg –und bei all dem blieb feste Resignation in Ansehung dessen, was einmal nicht zu ändern war. Hartknopf lehrte den Jüngling die Reue überwinden – er ließ ihn einen Blick in die notwendige Verbindung der Kette der menschlichen Schicksale tun, welcher Trost in seine Seele goß. Er sprach sich selber frei, ohne das Schicksal anzuklagen. Er unterwarf sich der Notwendigkeit und lernte sie lieben. – Und Hartknopf sah an alles, was er hervorgebracht hatte, und siehe da, es war sehr gut – Darum glänzte sein Auge so heiter, als ich ihn am Feste des heiligen Bruno in der Kirche des Karthäuserklosters traf. – Er sah in den Mienen des Jünglings edle Lebenslust, Entschlossenheit und Standhaftigkeit nicht nur auf den kommenden Tag, sondern auf kommende Jahre – und nun sah er mich da stehen, in dem er seine neue Schöpfung angefangen, aber noch nicht vollendet hatte. Er fand diesen Ort zu einem wichtigen Fortschritt schicklich. – Er sagte mir mit einer so kalten, festen und trockenen Miene, daß ich sterben müsse, wie es mir noch nie in meinem Leben gesagt wurde, wie ich es mir selbst noch nicht gesagt hatte – es war, als hätte er mich mit diesem Blick von Haut und Fleisch entblößt. Und indem er meine Hand dabei anfaßte und schnell wieder fahren ließ – – fuhr mir der Gedanke an die Verwesung durch die Seele, und erschütterte mein Innerstes – – also; Staub, wie der, auf den ich trete; ohne Gestalt, ohne Form, ohne Umriß in der ganzen Welt gleich; und eins die Totenasche aller Sterblichen, wenn sie sich zusammenmischt – – die Schaumblase ist zerplatzt – dem Bilde ist sein Umriß genommen – – abgeschieden von der Welt stehen hier die geweihten Opfer des Todes, in das weiße Sterbegewand gehüllt, und singen sich selbst ihren Grabgesang – – hinweg mit dem täuschenden Schleier! Hier ist nicht der Jüngling mit der umgekehrten Fackel! – hier ist schreckliche, schändliche Verwesung – das Meisterstück der Schöpfung liegt zertrümmert da, und der Wurm nagt an seinen Überresten – sind denn Augen, wodurch der Geist geblickt hat, weniger wert, als Augen von Glas geschliffen? daß diese modern, wenn jene dauern? – – ist es möglich, daß dieser Körper, den ich an mir trage, der so nahe in mein Ich verwebt ist, einst ein Auswurf der Schöpfung werde? – Nicht nur möglich, sondern gewiß; so gewiß, daß es jetzt schon wirklich ist – und ich sollte nicht vor mir selber zurückbeben? vor mir selber? Wer bin ich? Wo bin ich selber? Wo nimmt mein eigentliches Ich seinen Anfang? Wo hört es auf? Wo verschwimmt es in die umgebende Welt? Kann ich nicht alles mit in den Kreis meines Daseins ziehen, und kann ich nicht alles wieder herausdenken? Wo nimmt mein Ich seinen Anfang? Hartknopf faßte meine Hand und ließ sie schnell wieder fahren, wie die Hand eines Toten. – – Eins muß mir heraushelfen, sonst bin ich auf ewig in diesem Labyrinth verloren. Das höchste Studium des Psychologen sind die Hilfsverben. Hab ich denn eine Hand? Hab ich denn einen Körper? so wie ich ein Kleid, eine Wohnung habe? – Hab ich eine Denkkraft? Wo hört denn das Haben auf? Wo nimmt das Sein seinen Anfang? Ich habe – ich bin. Was hab ich? Was bin ich? Das ist der Aufschluß: Ich habe alles, was ich bin; aber ich bin nicht alles, was ich habe. Haben ist der mehrumfassende Begriff. Haben bezeichnet: zusammenhängen. Sein bezeichnet den stärksten Grad des Zusammenhanges – den letzten Knoten, worin sich alles zusammenschlingt. Das Haben nähert sich dem Sein, je stärker der Zusammenhang wird. Alles was ich mein nenne, oder was ich besitze, nenne ich deswegen mein, weil es in näherem Zusammenhang mit mir, als mit sonst irgendetwas in der Welt steht. Das Kleid, das ich trage, ist mehr mein, schmiegt sich näher an mein Ich als das Haus, worin ich wohne, und der Körper wieder mehr als das Kleid, das ich trage, und der Gedanke, womit ich mir meinen Körper vorstelle, wieder mehr als der Körper selbst. Der Zusammenhang wird immer fester, immer in sich gedrängter. Das Haben verliert sich unmerklich ins Sein. Das Sein ist der Stift in dem Wirbel – ohne Mittelpunkt ist kein Zirkel, ohne Sein ist kein Haben. Ich kann nicht so gut mehr sagen; ich habe eine Denkkraft oder ein denkendes Wesen, als ich sagen kann; ich habe einen Körper – ich bin ein denkendes Wesen. Könnte je der innere Zusammenhang meiner Gedanken aufgelöst werden, so wie der Bau meines Körpers zerstört wird, dann würde ich aufhören zu sein. – Hartknopf faßte meine Hand und ließ sie wieder fallen, wie die Hand eines Toten –- und ich schauderte nicht mehr zurück vor der Verwesung, denn ich fühlte mich in mich selbst zurückgedrängt, fest und unerschütterlich, mein Körper war außer mir; war ein gleichgültiger Gegenstand meiner Betrachtung. Je enger der Zirkel von außen her um mich wird, je mehr diese Denkkraft in sich selber zurückgedrängt wird, desto fester wird der innere Zusammenhang meiner Gedanken in sich selber: desto fester und unerschütterlicher das Gefühl meines Daseins. Der Karthäusermönch, den Hartknopf die Weisheit des Lebens lehrte, war fast bis aufs Grab umschränkt, so wenig Zusammenhang mit der äußeren Welt blieb ihm übrig, und er fand dennoch Fülle des Daseins in sich selber. Zu guter Letzt lehrte mich Hartknopf noch ein Lied an die Weisheit, bei welchem Worte und Melodie so wahr, so passend, so aus der Seele gehoben; der sanfte Gang der Töne ein so lebhaftes Bild des ruhigen abgemessenen Lebensschrittes; und die Harmonie des Ganges so herzeindringend ist; daß einige Verse aus diesem Lied gesungen, gleich einem wohltätigen Zauber, manchmal eine plötzliche Veränderung in meinem Gemüt hervorgebracht und meine empörten Leidenschaften wieder besänftigt haben. Denn an jedes Wort, an jeden Ton in diesem herrlichen Liede, war mir irgendeine von Hartknopfs großen Lehren geknüpft, die nun alle mit einem Male in meiner Seele erwachten – und durch die einfache und doch gedankenvolle Melodie in ein simples System gebracht, so leicht und ohne Mühe von mir umfaßt werden konnten, wie die Wölbung meines Ohres jeden sanften Ton auffing, den die berührte Saite meines Herzens wie ein getreues Echo wiedergab. Das Lied an die Weisheit, das mich Hartknopf lehrte, und das jetzt auch in einer wohlbekannten Sammlung steht, hieß: O du, durch die wir auf der Bahn des Lebens Zum großen Ziele freudig gehn, Und einst am Grab in Aussicht, nicht vergebens Den steilen Pfad erstiegen sehn Durch die ein beifallgebendes Gewissen Uns Glück und stillen Frieden beut, Und Blümchen lockt hervor zu unsern Füßen Und auf die Dornenpfade streut; Geleite mich die Dornenbahn des Lebens Getrost und mutig fernerhin, Und lehre mich, daß ich zu Licht vergebens Durch Licht nicht auserkoren bin! Mein Leben sei ein steter sanfter Friede Und Wohlklang, wie das Saitenspiel! Nie meine Hand zum Bau des Tempels müde, Vollendung meiner Arbeit Ziel! Geordnet sei mein Leben nach dem Maße Des simplen Ganzen der Natur, So wird die Müh' auf dieser Wanderstraße Zur Freude einer Blumenflur. Hell vor uns her blickt schon im Morgensterne Elysium aus Mitternacht, Auf meine Brüder, schaut froh in die Ferne, Die lohnend uns entgegenlacht! Senkt nie den Blick auf die Beschwerden nieder Dort ist der Quell, und dort ist Heil! Der Geist streb auf, kehr lichterhellter wieder Und nehm verklärt am Lichte teil! Die Weisheit, welche Hartknopf seine Schüler lehrte, ist einzig fest, und unerschütterlich; sie heißt; Resignation. Der diese Weisheit lehrte, erprüfte sie, da er den Emeritus und den Gastwirt Knapp zu ihrer Hinrichtung auf den Rabenstein zu Gellenhausen begleitete, den sie auf Satan Hagebucks Anstiften besteigen mußten. Er besiegelte sie fünf Jahre nachher mit seinem Martyrertode. Mors ultima linea rerum est