Johann Nepomuk Nestroy Die beiden Nachtwandler oder Das Notwendige und das Überflüssige Posse mit Gesang in zwei Akten Erstaufführung am 6. Mai 1836 Personenverzeichnis Lord Wathfield Malvina , seine Tochter Lord Howart , ihr Bräutigam Sebastian Faden , ein armer Seiler Fabian Strick , sein Geselle Frau Schnittling , eine Kräutlerin Babette , ihre Tochter, Fadens Geliebte Pumpf , ein Bandelkramer Hannerl , seine Schwester, eine Wäscherin, Stricks Geliebte Herr von Rauchengeld , ein zu Grund gegangener Rentier Mathilde und Emilie , seine Töchter Theres , deren Stubenmädchen Amtmann Geyer Krall , Schnell , Puff , Kniff und Fint , Gauner Ein Wirt Franz , Jakob , Michel und Joseph , Kellner Jackson , Jäger des Lord Howart John , Bedienter des Lord Howart Rasch , Schloßinspektor Anton und Georg , Bediente Bediente , Einwohner beiderlei Geschlechts, Gäste , Wächter Die Handlung spielt in einem Marktflecken und dem dazugehörigen herrschaftlichen Schlosse. I. Akt II. Akt Erster Akt Wohnzimmer in einem Wirtshause, rechts und links ein Tisch mit Lichtern, im Hintergrunde ein großes Fenster, rechts und links eine Türe Erste Szene Krall , Schnell und Puff sitzen am Tische links, Fint und Kniff am Tische rechts, alle trinken und sind mit den vier Kellnern im heftigsten Wortwechsel begriffen. Introduktion Die fünf Gauner Er soll uns traun, der dumme Wicht, Der Wirt wird sehn, was ihm geschiecht, Probiert's und kommt uns nur zu nah', Wir sitzen hier, wir bleiben da, Packt euch und macht euch auf die Sohl'n, Sonst soll euch all' der Teufel hol'n. Die vier Kellner (zugleich) Der hat gesagt, er leid't es nicht, Sie werd'n schon sehn, was noch geschiecht; Ich trau' mich ihnen nicht zu nah', Sie sind erpicht, sie bleiben da, Ich weiß nicht, was wir tuen soll'n, Wir gehn, den Wirt herauf zu hol'n. Krall Das ging' uns ab, um unser Geld werden wir uns aus dem Zimmer hinausschaffen lassen! Franz Die Herren können ja aber unten in der Wirtsstuben trinken. Krall 's Maul gehalten! Jakob Das Zimmer gehört nur für Passagier', die über Nacht bleiben, ich hätt' die Herren gar nicht herauflassen sollen. Fint Warum war Er so dumm! Michel Holen wir den Herrn herauf, der wird Ihnen's schon zeigen. Die Kellner Ja, das tun wir. (Alle durch die Türe rechts ab.) Puff (ihnen nachrufend) Wenn mir nur um den Wein nicht leid wär', so flieget euch das Glas an die Köpf'! Zweite Szene Die Vorigen ohne die Kellner Krall Ist also alles genau untersucht? Fint Das Zimmer (links deutend) geht in Hof vom Nachbarhaus, da ist nichts zu machen. Krall Also von hier durchs Fenster herein! Puff Ich hab' die Fensterreiber schon ausgeschraubt, daß man s' von auswendig aufdrucken kann. Schnell (ängstlich) Es kommt auf! Krall Schweig, dummer Bursch! (Zu Fint.) Ist es aber auch gewiß, daß er kommt? Fint In Kornberg war er zu Mittag, sein Jäger hat Verschiedenes ausgeplauscht, und von dem weiß ich, daß er hier übernachten will. Da bin ich also geschwind mit unserm Steierwagerl herüberg'fahr'n, das Aviso zu bringen. Krall 's ist doch kurios, daß er nicht gleich in sein Schloß fahrt. Fint Er hat zu seinem Jäger g'sagt, es ist immer gut, wenn ein neuer Gutsherr ein paar Tage früher, als man ihn erwartet, inkognito ankommt, um sich seine Leute anzuschauen. Krall Gut also, der Vogel fliegt uns ins Garn. Schnell Es kommt auf! Krall Wir kennen also jetzt das Lokale. Eine Leiter in Bereitschaft gehalten! Schnell Es kommt auf! Krall Und wenn wir merken, daß er sich schlafen legt, der englische Goldmann – Schnell Es kommt auf! Krall (zu Schnell) Daß dich der Satan –! Puff Der Wirt kommt! Dritte Szene Wirt ; die Vorigen Wirt Meine Herren, Sie machen mir hier Spektakel Krall Warum nicht gar, wir haben gezecht und gehn jetzt wieder unsere Wege. Wirt Ah, das is was anderes! Krall Hier ist Geld! (Gibt's hin.) Wirt Untertänigsten, Dank – denn sehen Sie, es is nur, wenn Passagiere kämen – Krall Sie haben kein anderes Zimmer für Passagiere als diese zwei? Wirt Nein! Schnell (ängstlich, beiseite) Es kommt auf! Wirt (für sich) Mir kommen diese Leut' so g'wiß verdächtig vor. (Laut.) Darf ich nicht fragen, mit wem ich die Ehre hab'? Krall Wir sind Viehhändler. Wirt (beiseite) Ich glaub', es is kein Wort wahr, was die sagen. Krall (zum Wirt) Sie scheinen zu zweifeln? Wirt O, ich bitte – Krall Es ist wirklich so, wir sind Viehhändler. Wirt (beiseite) Da bin ich schon verkauft, wenn ich mich mit die einlasset. Schnell (beiseite) Es kommt auf! Krall Also auf Wiedersehn, Herr Wirt! (Man hört ein Posthorn.) Wirt Reisende sind da! Krall Na, da machen wir grad a tempo Platz. Kniff , Fint , Puff Adieu! Schnell (für sich) Es kommt auf! (Alle bis auf den Wirt zur Türe rechts ab.) Vierte Szene Wirt , dann Franz Wirt Ich bin recht froh. Mir geschieht ordentlich leicht, daß die draußen sind beim Tempel. Franz (eilig zur Türe rechts herein) Ein vierspänniger Postzug ist da. Wirt Nur g'schwind heraufleuchten! Jakob (eilig zur Türe herein) Ein Engländer übernacht't bei uns, der Postknecht hat mir's g'sagt. Wirt Ein Engländer?! O, Glück über Glück! Ein Engländer reißt einen Wirt auf ein Vierteljahr heraus. Michel und Joseph (mit Lichtern zur Türe rechts herein) Der Passagier kommt! Wirt (zu Franz und Jakob) Alles abräumen da! (Die Kellner nehmen eilig Gläser und Flaschen von den Tischen.) Fünfte Szene Howart (im Reiseanzug), John , Jackson ; die Vorigen Howart Hier also werd' ich einquartiert? Wo ist der Wirt? Wirt Euer Lordischen Gnaden belieben vorlieb zu nehmen. John (mit dem Mantelsack) Das übrige bleibt im Wagen, Mylord? Howart Ja. Jackson (mit einer Schatulle) Wo befehlen Mylord, daß ich – Howart (auf den Tisch zeigend) Nur hieher gestellt! (Jackson hat die Schatulle auf den Tisch gestellt, John den Mantelsack abgelegt.) Wirt Was darf ich untertänigst in Rücksicht des Soupers –? Howart Sicher ist es doch in Ihrem Hause, Herr Wirt? Wirt Seit ich hier bin, weiß ich von keinem andern Halunken hier im Haus, außer einem Kellner, den ich schon lang fortgejagt hab'. Howart Soupieren werd' ich nichts. Ich sehne mich nach Ruhe. Wirt Wie es gefällig ist. (Beiseite.) Zahlen muß er doch das nämliche, ob er soupiert oder nicht. (Laut.) Dort ist das Schlafzimmer. (Zeigt zur Türe links.) Howart Ich bin sehr schläfrig. Wirt Dafür ist gesorgt. Es sind zwei Betten drin, kann auch noch ein drittes Bett – (laufend.) Howart Damit ich noch mehr schlafen kann? Wirt Nein, ich hab' nur geglaubt, wenn vielleicht dero Kammerdiener – Howart Nichts, ich will allein sein. Gute Nacht! Wirt (sich verbeugend) Wünsche den besten untertänigsten Schlaf. (Winkt den Kellnern und geht mit diesen ab. Jackson und John folgen, alles durch die Türe rechts ab.) Sechste Szene Howart Howart So wär' ich denn an dem Ort, den ich, ohne ihn zu kennen, zum künftigen Aufenthalt gewählt. Schön ist es hier, doch das gilt ja gleich, Malvinens Liebe würde mir ja auch eine Einöde zum Paradies schaffen. – Geliebte, nur wenige Meilen trennen mich jetzt von dir. – Wie schwül doch die Luft in diesem Zimmer ist, ich muß das Fenster öffnen. (Öffnet die Jalousien, man sieht den Vollmond am Himmel.) Nach welcher Weltgegend soll ich jetzt schauen, um die Richtung zu erraten, wo meine Malvina weilt? Ich sehe in den Mond, er ist der Freund der Liebenden, vielleicht blickt sie jetzt auch nach ihm, und unsere Blicke begegnen sich in seinem lieblichen Silberstrahle! (Sieht zum Fenster hinaus und tritt wieder zurück.) Je länger ich in Deutschland bin, desto mehr billige ich des alten Wathfields Geschmack, daß er hier sich ankaufte, und freue mich, daß er mich bewog, ein Gleiches zu tun. Ich bin so müde heute (setzt sich an den Tisch links) , die reine Bergluft wirkt sonderbar auf den, der jahrelang in London Steinkohlen- und Nebeldampf geatmet – morgen mit dem frühesten – wie glücklich – Malvina – (Schlummert sitzend ein.) (Im Orchester beginnt leise Musik und begleitet folgende Szene.) Siebente Szene Krall , Puff , Schnell (steigen leise zum Fenster herein); der Vorige Krall (ruft zum Fenster hinab) Fint! Kniff! Geht zu die Fenster an den Wirtshausstuben und gebt auf alles gut acht! Schnell (äußerst ängstlich) Es kommt auf! Puff (Howart erblickend) Da schlaft er! Krall Die Schatulle steht auf dem Tisch, das ist das, was wir brauchen, und dann schnell fort! (Geht leise zum Tisch und will die Schatulle nehmen.) Schnell (in der Angst zu laut) Es kommt auf! Howart (erwachend) Was gibt's hier? Puff (Howart packend und ein Messer ziehend) Keinen Laut, oder das Messer –! (Plötzliche Verwandlung im Charakter der Musik, welche aber immer leise fortfährt.) Achte Szene Faden (im ärmlichen Schlafrock und Schlafhaube steigt zum Fenster herein, er wandelt im Schlaf mit offenen Augen und allen eigentümlichen Bewegungen der Nachtwandler); die Vorigen Schnell (plötzlich furchtsam schreiend) Ein Geist! Ein Geist! Krall , Puff (im ersten Augenblick betroffen) Was ist das? Schnell (schreit immer ärger) Ein Geist! Krall Still! Du stürzst uns ins Unglück! Schnell (fast ohnmächtig) Ein Geist! Krall Auf das Geschrei werden Leut' kommen. – Geschwind fort! (Macht Miene, die Schatulle schnell mitzunehmen.) Howart (hält sie fest) Heda! Leute! (Die drei Gauner entfliehen eiligst durch das Fenster.) Neunte Szene Howart , Faden Howart Die Schurken fliehen, Gott sei Dank! Diese sonderbare Erscheinung hat mich gerettet. (Faden ist, ohne von allem, was um ihn her vorging, etwas zu bemerken, in seinem somnambulen Zustande ruhig nach vorne gewandelt.) Das ist – ja, ja, ich täusche mich nicht, ein Nachtwandler. Einer der feigen Schufte hielt ihn für ein Gespenst. Faden (im Schlafe sprechend und so spielend, als ob er wirklich alle die Gegenstände, von denen er spricht, vor sich sähe oder in den Händen hätte) Ich bin ein reicher Mann – seine Pfeifen, das is meine Hauptpassion – hier hab' ich eine – wie sich die anraucht, das is eine Pracht! – Ein wenig verstopft is s' (Tut, als ob er Feuer schlage.) Der Schwamm fängt so schlecht. Howart (für sich) Armer Schelm, du hast es wohl auch in deinem Leben zu keiner Meerschaumpfeife gebracht. Faden (nachdem er immer pantomimisch Feuer schlug) Endlich! (Fängt, ohne etwas in Händen zu haben, zu rauchen an.) Daß ich verheiratet bin, das g'fallt mir, wenn einem nur die Kinder nicht so viel Gall' macheten! – Rauft's schon wieder, ihr Bankerten! (Als ob er ein Kind von dem andern abwehrte.) Ob's du's gehn lassen wirst! Wart', ich will dich folgen lernen! (Tut, als ob er einem Kinde einen Schilling gäbe.) Du Nickel, du schlimmer! O, Vaterfreude, du bist süß! Howart (für sich) Er belustigt mich in seinem unheimlichen Zustande. Zehnte Szene Wirt (rechts hereineilend); die Vorigen Wirt Euer Gnaden! Der Wächter und ein Kellner haben ein Bandel Spitzbuben g'fangt, die da hereinsteigen haben wollen. (Faden erblickend.) Alle guten Gei- (Faden erkennend und sich sammelnd.) Das is ja – Howart Wer ist der Mensch? Wirt Ein armer Seilerer, der da 's dritte Haus von da logiert. Howart Vermutlich zahlreiche Familie und nichts zu leben? Wirt Nein, das is das beste, daß er noch Jungg'sell is. Daß er aber nachtwandelt, das is das ärgste. Faden Bildschöne Madeln das – adieu, Peppi – adieu, Nettel adieu! – Ich muß mein' Paraplui aufspannen, es regnet. (Wandelt während leiser Musikbegleitung des Orchesters zum Fenster hinaus.) (Mit dem letzten Ton der Musik vernimmt man von außen ein Posthorn.) Wirt Noch ein Postzug? – Das is mir noch nicht g'schehn, solang ich hier Wirt bin. (Eilt rechts ab.) Howart Mit der ersehnten Nachtruhe wird es in diesem Hause übel aussehen. Nun, was tut's –! Wirt (hereinstürzend) Nein, das ist unglaublich! Ganz England kommt heut' in meinem Hotel zusammen. Howart Ein Landsmann? Wirt Der reiche Lord is es, dem sechs Meilen von hier die Herrschaft Liliental gehört. Howart (freudig überrascht) Wär's möglich? Elfte Szene Wathfield , Malvina ; die Vorigen Wathfield (etwas altmodisch gekleidet, mit einer Zopfperücke, rasch eintretend) Seh' ich recht? Er ist's! Howart Lord Wathfield! (Malvina erblickend.) Meine Malvina! (Umarmt sie.) Malvina Eduard! Wirt Die kennen sich allerseits! Howart Herr Wirt, Sie sprechen keine Silbe von dem, was Sie hier gesehen, hier im voraus der Lohn Ihrer Verschwiegenheit. Wirt O, ich bitte –! Howart Lassen Sie uns allein! Wirt Untertänigst! (Geht mit einem tiefen Bückling rechts ab.) Zwölfte Szene Wathfield , Malvina , Howart Wathfield Jetzt vor allem, lieber Howart, erklären Sie uns Ihr früheres Eintreffen; nach ihrem letzten Schreiben sollten Sie erst in zwei Tagen – Howart (mit einem Blick auf Malvina) Die Liebe wird meine Eile auch ohne Erklärung begreiflich finden, Ihnen aber, Mylord, kann ich noch den Grund beifügen, daß ich in meinem neuen Besitztum unerkannt so manches erforschen will. Wathfield Der Gedanke ist gut. Howart Wäre mir aber bald übel bekommen. Wissen Sie, daß hier vor wenig Minuten meine Geldschatulle, vielleicht auch mein Leben in Gefahr gewesen? Malvina Ist's möglich? Howart Spitzbuben stiegen hier ein, das Messer war schon über mich gezückt, da erscheint ein Nachtwandler, die Diebe halten ihn für einen Geist und fliehen. Wathfield Ein Somnambül? Howart So ist's. Ohne es zu wissen, war er mein Lebensretter, dafür sei es aber auch morgen mein erstes Geschäft, ihn glücklich zu machen. Wathfield Glücklich machen – was ist das wieder für ein übertriebener Ausdruck? Sie werden Ihren Retter belohnen, aber glücklich machen – wie können Sie wissen, ob Sie das imstande sind? Howart Sehr leicht. Ich bin reich, er ist ein armer Teufel! Wathfield Das sagt noch nichts. Sie sind noch immer der, der Sie waren, der glaubt, mit seinem Gelde alles auszuführen, der seine Worte nicht mißt, sondern sie unbesonnen in den Tag hineinwirft. Howart Und Sie, Mylord, verzeihen Sie, sind noch immer so pedantisch, so rechthaberisch, als Sie waren. Wathfield Ich Wollte, Sie wären ein Pedant. Unbesonnene Menschen taugen nicht für die Welt, nicht für das Leben, nicht einmal für den Eh'stand. Howart Sie reizen mich zum Widerspruche. Wathfield So versuchen Sie's, öffnen Sie der Begierde eines Menschen das Tor der Erfüllung, und Sie werden sehen, welch unabsehbares Heer von Wünschen er hineinsendet, und dann ist es erst noch die Frage, ob er sich dabei glücklich fühlt. Howart Sie halten der menschlichen Genügsamkeit eine schlechte Lobrede. Doch was den Vorwurf der Übereilung anbelangt, den geb' ich Ihnen zurück und beharre jetzt erst fest auf meinen Worten: ich will, was mir das Höchste ist, Malvina nicht eher meine Gattin nennen, bis ich meinen Retter vollkommen glücklich gemacht. Wathfield Unbesonnener Mensch! Hüten Sie sich, daß ich Sie nicht beim Wort nehme. Howart Ich will', Sie sollen es. Wathfield Malvina, begib dich zur Ruhe, meine Leute bewachen das Haus, du hast nichts zu fürchten. Malvina (mit einem mißbilligenden Blick) Gute Nacht, Eduard! – Sie setzen mich sehr leicht aufs Spiel. (Geht mit einem Lichte in die Türe links ab.) Howart (ihr nachrufend) Es ist kein Spiel, Malvina, ich bin meiner Sache gewiß. Wathfield (zu Howart) Wir haben noch manch Ernstes zu besprechen. Kommen Sie, wir wollen sehen, ob hier die Ingredienzien zu einem ordentlichen Punsche aufzutreiben sind. (Beide ab.) Verwandlung Ein Teil des Marktfleckens, im Hintergrunde ein ärmliches Haus mit einem Giebeldache, nämlich das Wohnhaus des Meister Faden, an das Haus schließt sich eine halbeingefallene Gartenmauer. Rechts mehr im Vordergrunde das Haus, in welchem die Kräutlerin Schnittling, links das Haus, in welchem der Bandelkramer Pumpf wohnt. Es ist früher Morgen. Dreizehnte Szene Strick (allein) Mit der Verwandlung beginnt das Ritornell des folgenden Liedes. Strick kommt arbeitend rückwärts aus der Kulisse, spannt die Schnur über die vor dem Hause stehenden Pflöcke und tritt dann, indem er eine Pause in der Arbeit macht, vor. Lied 1.     So viel is einmal wahr und g'wiß Daß für ein' Seilerer kein' Aussicht is, Auch von Vorwärtskommen is ka Red', Weil ein Seilerer allweil rückwärts geht, Auch ist der Umstand noch dabei, Ein Seiler find't nix fehlerfrei, Denn worauf sein Blick gerichtet is, Da hat's ein' Faden, so viel is g'wiß. 2. Zu was – die Frag' möcht' ich erheb'n – Hat uns d'Natur ein G'sicht gegeb'n? 's is traurig, jeder Seilerer siecht Die Welt in ein' verkehrten Licht; Kommt d' größte Schönheit der Natur, Wir wenden ihr den Rücken zur. Nur das hab'n wir voraus vor all'n, Unsereins kann nie auf d' Nasen fall'n. Die Welt is ab'draht als wie ein Strick – das is sehr natürlich, die Welt besteht aus einer Unzahl von Leben, jedes Leben is ein Faden und viel Faden machen ein' Strick. Wenn aber die Welt ab'draht is, warum soll ein Mensch, und noch dazu ein Seilerer, nicht auch ab'draht sein? Man will meinen Lebensfaden, mit Liebesgarn vermankelt, einfadeln und den Eh'standsknopf dranmachen, daß er gar nicht mehr auskann. Das wollen wir uns erst überlegen. Die Lieb' is a Spagat, der die Herzen, der Eh'stand ein Strick, der die Händ' zusamm'bind't. Der Spagat, der läßt sich noch zerreißen, aber der Strick – nein, nein! – da soll sich eher die schiefrige Rebschnur meines Herzens um den einschichtigen Spul'n der Junggesellenschaft wickeln, eh' mich in einer unüberlegten Heirat das Schiffseil der Desperation festhält. – Wo nur wieder der Meister bleibt! Der muß vor Tagesanbruch schon ausgegangen sein. Er vagiert immer herum, und auf mich kommt hernach der Verdacht. Der Meinigen hab'n d' Leut' schon g'sagt, daß s' mich öfters begegnen bei der Nacht – das war offenbar der Meister und nit ich. Sie hat mich einen Nachtschwärmer geheißen. Das ist wohl eine Schwärmerei! Ein Mensch, wie ich, der kaum in drei Wochen das Kapital auf eine Halbe Bier zusammenbringt, der liegt g'wiß immer um acht Uhr einundvierzig Minuten schon eine geraume Zeit im Bett. (Man hört im Hause links einen Lärm.) Was ist denn das für ein Gepolter im Bandelkramerquartier? Vierzehnte Szene Faden , Pumpf , Hannerl , dann Frau Schnittling ; der Vorige Pumpf (mit seinem Kram und den Hut auf dem Kopf, wirft Faden, welcher noch ganz in dem Anzug wie in der vorigen Szene, wo er als Nachtwandler erschien, zur Türe seines Hauses heraus) Solche Stückeln werd' ich mir ausbitten in mein' Haus. Faden Aber, lieber Pumpf, ich weiß gar nicht, wie mir g'schieht. Hannerl Ich kann mich gar nicht erholen von dem Schrecken. Pumpf Wenn ich nach Haus komm', werd' ich dir ein' Balsam geben. Frau Schnittling (mit Butten und Körben, tritt von den übrigen unbemerkt aus ihrer Haustüre) Hannerl Aber, Bruder, du wirst doch nicht glauben – Pumpf Nein, nix werd' ich glauben, wenn ich in der Fruh ein Mannsbild in dein' Zimmer find'. Hannerl Ich bin aufg'standen, zieh' mich an, schau' mich eher gar nicht um, auf einmal kommst du ins Zimmer und schreist: »Donnerwetter! Wer sitzt denn da im Schlafsessel drin?« – Ich schau' und seh' den Seilerermeister fest schlafend sitzen. Faden Ich hab' mich gestern um halber Neune z' Haus ins Bett g'legt, da is eine Hexerei vorgegangen. Pumpf Redt's eng nit so dumm aus, sonst red' ich mit der Ellen drein. Hannerl (halb weinend) Wenn das mein Geliebter hört! Strick (mit einem strafenden Blick vortretend) Der weiß's schon. Hannerl (erschrocken) Ach! Faden Wenn das meine Geliebte erfährt! Frau Schnittling Der werden wir's gleich sagen. (Geht in das Haus zurück.) Faden Ah, jetzt is's recht! Pumpf (zu Hannerl) Der Mussi Strick hat recht, wenn er dich plantiert. Strick So a Partie könnt' ein' glücklich machen. Hannerl (zu Strick) Aber, Fabian, ich bin unschuldig. Strick Ja, ungeheuer, ich g'spür's! Pumpf Von mir wirst aus 'n Haus g'jagt. Strick Und von mir wirst du sitzen gelassen. Pumpf Der ganzen Welt sag' ich's, was du für ein nichtsnutziges Ding bist. Strick Dem Zartgefühl deines Bruders verdank' ich meine Rettung. Hannerl Ich bin eine unglückliche Person! (Weint.) Fünfzehnte Szene Frau Schnittling , Babette ; die Vorigen Frau Schnittling Da, Töchterl, schau 'n an, dein' saubern Bräutigam! Faden Wettl, ich kann nix davor. Babette Geh mir aus den Augen, du falscher Ding! Es is unglaublich! Faden Ich kann's selber nicht begreifen, aber ich kann nix davor. Hannerl Ich muß durch einen unglücklichen Zufall 's Fenster offen 'lassen haben. Frau Schnittling Und er ist durch einen unglücklichen Zufall hineing'stiegen, und meine Tochter kann unglücklicherweise diese Zufälle nicht ertragen. Mit einem Wort, die G'schicht' hat ein End', Sie sauberer Meister Faden. Strick Ich kann wohl sagen: bei meiner Braut hat's ein' Faden gehabt. (Ab in den Hintergrund.) Faden Ich steh' da wie a Damerl. Es ist schrecklich! Wenn ich nur was davor könnt', aber so kann ich nit einmal was davor. Babette Jetzt war schon alles richtig, und der falsche Ding – ich muß weinen – Frau Schnittling Komm an das Mutterherz! – Da, trag den Spenat, (gibt ihr einen Korb) setz' dich a paar Tag' mit mir zum Stand, die Zerstreuung der großen Welt wird wohltätig auf dich wirken, auf deine gekränkte Seele. Laß den Kren nit fallen in der Verzweiflung. A Madel, die einige echte Zwanziger hat, die kann leidet einen falschen Siebzehner verschmerzen. (Geht mit der weinenden Babette im Hintergrund ab; im Abgehen.) Das könnt' mich haben, weinen wegen ein Mannsbild, das wär' grad der Müh' wert. (Beide ab.) Faden Mir steht der Verstand still, ich betracht' die G'schicht' von allen Seiten, und ich kann halt nix davor. Pumpf (zu Faden) Unsere Freundschaft hat von nun an ein End', Meister Sebastian! Faden Aber so laß dir nur sagen – Pumpf (zu Hannerl) Und du marschierst ins Haus hinein (Hannerl weinend ab.) Ich hätt' gute Lust (greift nach der Elle) – aber meine Amtsstunden fangen an. (Schreit.) Bandel Zwirn kauft's! (Abgehend.) Bandel Zwirn kauft's! (Ab im Hintergrund.) Faden (allein) Dahinter steckt eine klare Zauberei! Sechzehnte Szene Faden , Strick (kommt aus dem Hause im Hintergrunde mit dem Reisebündel auf dem Rücken) Strick Meister, ich geh'! Faden Fabian, willst mich also richtig verlassen? Strick Einen Meister, der die Liebe der Gesellen nicht ungeschoren läßt, den kann ich nicht brauchen. Faden Aber es is nicht dem so. Schau', Fabian, du hast Kummer und Not mit mir geteilt, ich sag' dir's offen, mir geht's schlecht. Wenn du mich verlaßt, ich weiß mir in dieser Hinsicht keinen so guten Esel mehr aufzutreiben als wie dich. Strick Wenn Sie meinen Wert einsehen, warum haben Sie mich gekränkt? Faden Aber sag' mir, glaubst du denn wirklich, daß ich – Strick Ich glaube von jedem Menschen das Schlechteste, selbst von mir, und ich hab' mich noch selten getäuscht. Faden Wo willst du denn hin? Strick Ich such' mir einen Meister, der a Weib hat, um mich zu rächen für die Unbild, die ich hier erlitten habe. Ades, eing'steckt hab' ich nix. Faden Wär' bei mir eine reine Unmöglichkeit. Strick Also – der G'sell' geht, (spöttisch das Haus zeigend, wo Hannerl wohnt) der Meister genieße seinen Triumph! (Ab im Hintergrund.) Siebzehnte Szene Faden Faden Jetzt steh' ich frisch. Ich hab' die Schnittlingische Wettl recht gern gehabt, ihr bissel Vermögen hätt' mich ein wenig herausgerissen aus mein' Elend, die Hochzeit war schon so viel als in der Ordnung, und jetzt auf einmal ist die Verbindung dieser beiden Häuser vernichtet. Die Geliebte verstoßt mich, der Freund verlaßt mich, 's Geld hat mich von jeher verlassen – ich steh' jetzt auf dem schönen Punkt, von dem schon viel' Leut' ins Wasser gesprungen sein. Achtzehnte Szene Wathfield , Howart (ersterer etwas altmodisch, letzterer modern, beide aber ganz schwarz gekleidet); der Vorige Howart (noch im Hintergrunde) Hier steht das Haus, so wie mir der Wirt beschrieben. (Faden erblickend.) Seh' ich recht –? Ja, der ist's –! Wathfield Nun gut, ich will ihn ansprechen. Faden (beide bemerkend, für sich) Was sein denn das für zwei schwarze Herren? Wathfield Meister Faden! Faden Was?! Euer Gnaden wissen, wie ich heiße? Wathfield Ich weiß alles. Faden Was? Da wird Ihnen also auch mein Malheur bekannt sein. Wathfield Mir ist nichts unbekannt. Faden Nichts? Mir is wieder sehr viel unbekannt, und darunter gehören auch Euer Gnaden. Wathfield Du verlangst zu wissen, wer ich bin? Wohlan, es sei! Ich bin ein mächtiges Wesen. Faden (erstaunt) Ein Wesen sein Sie? – Jetzt ist der ein Wesen! Wathfield Ein Geist –! Faden Jetzt hören S' auf! Sie wären ein Geist? Wathfield (mit starker Stimme) Ein Wink von mir, und es donnert über deinem Haupte. Faden Na, na, ich bitt', sich nicht zu inkommodieren. (Beiseite.) Es könnt' halt doch wahr sein. (Laut.) Was steht Euer Gnaden zu Befehl? Wathfield Das sollst du erfahren. Ich diene einem noch höheren Wesen – Faden Also sein Sie halt doch nur ein Bedienter? Wie können Sie sich denn hernach »Euer Gnaden« titulieren lassen? Bei uns auf der Welt sagt man zu einem Bedienten nur schlechtweg »Herr von«. Wathfield Schweig, Verwegener, und höre: jenes Wesen, mächtiger als ich, hat Wohlgefallen an dir gefunden und will sich deiner Dürftigkeit erbarmen. Faden (freudig überrascht) Ist's möglich? Lieber Geist, reden Sie weiter! Wathfield Du sollst selbst aussprechen, was du verlangst, um glücklich zu ein. Faden Ach, das wär' ja prächtig! Wo ist denn das Wesen? Wathfield Dort. (Zeigt auf Howart.) Nun sage – Faden Erlauben Sie, ich muß erst die Hand küssen. (Naht sich Howart und küßt ihm die Hand.) Euer geistigen Gnaden, das is alles zu viel. (Indem er auf Howarts Wink wieder vorwärts geht.) Sieht mir halt auch keinem rechten Geist gleich. Wathfield Nun sage ungescheut, was wünschest, was verlangst du, um glücklich zu sein? Faden Mein lieber Vizegeist, ich bin ein äußerst genügsamer Kerl, ich hab', solang ich denk', all'weil am Notwendigsten Mangel gelitten, darum verlang' ich mir auch nur das Notwendige, und ich bin der glücklichste Mensch. Wathfield Was begehrst du also zunächst? Faden Na, – a bißl a menschlich's Quartier, denn bei mir regnet's an siebzehn Orten beim Dach hinein, und 's Tags a zwei Zwanziger zum Verzehren, sonst wüßt' ich wirklich für 'n Augenblick nix. Wathfield Das sei dir gewährt. Auch deinen ferneren Wünschen sage ich Erfüllung zu; doch hüte dich, je das Überflüssige zu verlangen, denn du würdest dann auch das Notwendige verlieren und sänkest in deine vorige Armut zurück. Faden Ach Gott, ich bin mit 'n Notwendigen so glücklich, ich denk' an gar nix Überflüssiges. – Aber halten S' mich nicht bloß für ein' Narren? Is es denn auch wirklich wahr? Wathfield Du magst dich allsogleich überzeugen. Komm und fahre mit uns. Faden Was fahren? Warum nit gar! Das wäre schon was Überflüssiges, ich geh' z' Fuß. Erlauben S' mir, daß ich mein' Rock anzieh', das is notwendig. (Im Abgehen.) 's Tags zwei Zwanziger zum Verzehren, ich bin der glücklichste Kerl auf der ganzen Welt. (Geht in das Haus im Hintergrunde ab.) Neunzehnte Szene Die Vorigen ohne Faden Howart Nun, was sagen Sie, Mylord? Hab' ich recht oder Sie? Ist es nicht etwas Leichtes, so einen Menschen glücklich zu machen? Wathfield Geduld! Geduld! Das wird sich erst zeigen. Howart Das ist der genügsamste Mensch unter der Sonne. Nein, nein, Schwiegerpapa, gestehen Sie lieber gleich ein, daß Sie unrecht haben. (Lachend.) Sie haben Ihre Wette verloren. Wathfield Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Wir führen ihn also jetzt, so wie wir verabredet, in das Haus, welches an den Park stößt, der zu Ihrem Schlosse gehört, der Inspektor ist ins Vertrauen gezogen, wir wollen sehen, wie sich die Sache gestaltet. Zwanzigste Szene Faden (in einem ärmlichen Kaput und mit einem schlechten Hut); die Vorigen Faden So, da bin ich schon. Sie sind doch nicht bös, meine wertgeschätzten Geister, daß ich Ihnen so lang hab' warten lassen? Wathfield Folge uns jetzt! Wir haben ein kleines nettes Häuschen dem Eigentümer abgekauft, um es dir zu schenken, es ist dein. Faden (außer sich vor Freude) Das ist zu viel, das verdien' ich ja gar nicht! – Aber was hab ich denn sagen wollen – ja, eine Bitt' – eine Pris' Tabak hätt' ich gern, es ist notwendig, ich hab' so stark die Strauchen. Wathfield Hier, mein Freund, hier! (Präsentiert ihm die Dose.) Faden (nimmt Tabak) Untertänigen Dank – (will schnupfen) erlauben Sie, da hab' ich zu viel genommen auf eine Pris', da kann ich die Hälfte zurückgeben. (Gibt einen Teil des Tabaks in Wathfields Dose und schnupft den andern.) Das wär' schon überflüssig, und ich verlang' nur das Notwendige. Howart (leise zu Wathfield) Was sagen Sie dazu? Faden Und noch was, wenn ich bitten dürft', ich bin heut' noch mit 'm nüchternen Magen – Wathfield Du sollst sogleich mit einer Bouteille guten Wein und einem Stück Braten – Faden Warum nicht gar! Im Vorbeigehn wo ein Seidel Bairisch und um ein' Kreuzer a Glatte is genug für mich. Wathfield So komm! (Im Abgehen.) Du bist ja gar ein genügsamer Mensch. Faden Ja, ich sag' all'weil: nur das Notwendige, mehr verlang' ich mir nicht. (Ab mit Wathfield und Howart.) Einundzwanzigste Szene Hannerl (kommt aus dem Hause links) Hannerl Er ist fort, der abscheuliche Fabian, ohne Abschied zu nehmen, gibt er mir den Abschied. Was fang' ich jetzt an? Ich ging' in die weite Welt, wenn ich ein Mannsbild wär'; ich ging' unters Militär, wenn ich kein Frauenzimmer wär'; ich ging' – was nutzt das alles, für ein plantiertes Mädel gibt es keine Ressource. Es ist wahr, es mag gehn, wie es will, ein weibliches Herz ist rein nur für den Schmerz geschaffen. Lied 1.         Kaum zieht man die Kinderschuh' aus, Schleichen d'Liebhaber auch schon ums Haus, Das schmeichelt, man blinzelt nach all'n, Und mancher, der könnt' ein' recht g'fall'n, Doch der, den am liebsten man möcht', Der is g'wiß den Eltern nicht recht; Das is weiter kein Schmerz Für ein weibliches Herz. 2. Man heirat't dann, weil's schon sein muß, Das is erst der wahre Verdruß, Der galantest verliebteste Cher Wird als Eh'mann ein brummender Bär, Dann muß man auch sehn, wie der Mann Auf a andere schaut dann und wann; Das is weiter kein Schmerz Für ein weibliches Herz. 3. Und wenn erst man ledig muß bleib'n, Diese Kränkung is gar nicht zum B'schreib'n, Wenn d' Freundinnen Frauen schon sein, Und man steht all'weil noch ganz allein, Man hört dann das z'widere Wort »Alte Jungfer!« bald da und bald dort; Das is der schrecklichste Schmerz Für ein weibliches Herz. (Ab.) Verwandlung Die Bühne stellt einen Teil des herrschaftlichen Parkes vor, rechts im Vordergrunde eine Rasenbank. Zweiundzwanzigste Szene Herr von Rauchengeld , Mathilde , Emilie , Theres (treten promenierend auf) Herr von Rauchengeld Recht schön is es da. Hierher wird jetzt täglich viermal spazieren gegangen. Der Lord, der das Gut gekauft hat, kommt übermorgen an, es muß sich also bald ein Haushofmeister, ein Sekretär oder so was zeigen, der sich in euch verliebt. Ich hab' so ein gewisses Vorgefühl, daß ich euch auf meiner dasmaligen Spekulationsreis' ausheirat'. Mathilde Und ich habe das Vorgefühl, daß wir wieder so ledig nach Haus kommen, als wir her'kommen sind. Emilie Es is gar nicht möglich, daß sich ein Bräutigam find't, der so viel zahlt, als ihm der Papa aufbürden will. Mathilde Ein Mädel muß heutzutag froh sein, wenn sie, ohne daß solche Lasten auf ihr haften, einen Mann kriegt, aber wir sind ja gar übel dran. Herr von Rauchengeld Ob du still bist! Emilie Nein, die Schwester hat recht. Herr von Rauchengeld Was? Auch du red'st so? Du, der ich diese besonders schöne Gestalt verliehn? Is das mein Dank? Hast du denn gar keinen Sinn für das Edle, für das Erhabne? Du bist ausersehen, deinen Vater schuldenfrei zu machen! Is das nicht eine herrliche Bestimmung? Ich bin so viel als versetzt; wer mich mit zehntausend Gulden auslöst, der wird dein Gemahl. Theres (zu Emilien) Das ist doch äußerst schmeichelhaft, daß der Papa einen so hohen Wert auf Ihnen setzt. (Zu Herrn von Brauchengeld.) Ich aber für mein' Teil bin doch froh, daß ich eine Realität bin, auf der nichts haftet, daß ich meinem Freier meine Hand aus freier Hand vergeben kann. Herr von Rauchengeld Red't Sie auch schon wieder drein? Überhaupt, ich weiß nicht, was Sie alleweil mitzugehen hat mit meine Fräulein Töchter? Emilie Wir hab'n s' aber gern, die Theres. Mathilde Wir woll'n sie bei uns. Herr von Rauchengeld Und ich geb' sie euch zum Trotz aus 'n Dienst. Theres In diesem Fall müßt' ich das zarte Stillschweigen brechen, was ich bisher über den rückständigen Lohn beobachtet habe; Euer Gnaden werden nicht leicht ein zweites Stubenmädchen finden, die so wie ich über ein halbes Jahr bloß der Ehre wegen dient. Herr von Rauchengeld Ich leid' halt einmal das beständige Mitgehen nicht. (Für sich.) Im Anzug ist ohnedem kein Unterschied zwischen einem Stubenmädl und einer Fräule, die Gusto sind verschieden, wie leicht is es geschehn, daß ein' so eine Person eine Tochter verdunkelt. Ich begreif' überhaupt nicht, warum man nicht schon lang Stubenmädllivreen erfunden hat; so ein Stubenmädl mit Borten und Achselschnür', rote Aufschläg' – müßt' gar nicht schlecht stehn. Emilie (zu Herrn von Brauchengeld) Da kommt der reiche Amtmann, der seine Augen auf mich geworfen hat. Herr von Rauchengeld Richtig, der Geizhals! Stell' dir vor, der will was herunterhandeln, ich lass' aber nix nach bei dir. Setzt euch dort auf die Bank und tut, als ob ihr ihn gar nicht bemerktet's. (Sie setzen sich.) Dreiundzwanzigste Szene Geyer ; die Vorigen Geyer Na, wie steht's, Schwiegerpapa? Herr von Rauchengeld Oho! So weit sind wir noch nicht. Geyer Wir werden, lassen Sie nur ein gescheites Wort reden mit sich! Herr von Rauchengeld Ich weiß, was Sie wollen, aber – Geyer Aber, lieber Mann, Sie verlangen ja gar zu viel. Herr von Rauchengeld Zu viel? Ein Spottgeld für so a Mädl. Geyer Verzeihen Sie, man muß die Saiten nicht zu hoch spannen, am allerwenigsten, wenn man, wie Sie, lieber Mann, drei Töchter anzubringen hat. Herr von Rauchengeld Drei Töchter? Sie irren sich, die mit 'n Hut g'hört noch mein, das andere aber is keine Tochter, sondern nur eine weibliche Bedienung. (Zum Stubenmädl.) Theres, schickt sich denn das, daß man sich zu die Fräulen setzt? Theres (aufstehend) Die Fräulen hab'n 's g'schafft. Vierundzwanzigste Szene Faden (erscheint äußerst fröhlich im Hintergrunde); Die Vorigen Faden Jetzt hab' ich mein Häusel g'sehn, das is a Pracht, ich bin so glücklich, so glücklich – Emilie (ohne Faden bemerkt zu haben) Ich weiß nicht, was der Papa mit der Theres immer zu kommandieren hat, wir hab'n s' einmal so gern, als ob sie unsere Schwester wär' Herr von Rauchengeld Ich leid's aber nicht! Faden (Emilien bemerkend, für sich) Ha, was ist das für ein Geschöpf! (Ist von Emiliens Anblick ganz betroffen, und man sieht es ihm während des Folgenden an, daß er von der Liebe ergriffen wird.) Geyer (zu Herrn von Brauchengeld) Ereifern Sie sich nicht, lieber Mann – Faden (immer unbemerkt im Hintergrunde) Das is eine Schönheit! Geyer (zu Herrn von Brauchengeld) Und lassen Sie uns wieder auf unsere Angelegenheit kommen! Faden (wie oben) Das is das höchste, was die Natur erzeugt hat. Herr von Rauchengeld (zu Geyer) Ich hab' ausgeredet. Entschließen Sie sich, eh' ein anderer kommt. Faden (wie früher) Es geht in das Unaussprechliche! Geyer (ärgerlich zu Herrn von Brauchengeld) Nun, wenn Sie keinen billigen Vorschlag hören wollen – es muß ja nicht sein. Faden (wie oben) Diese Schönheit is zu arg! Herr von Rauchengeld (zu Geyer) Wie es gefällig is! Geyer (höhnisch zu Herrn von Brauchengeld) Wenn Sie die Fräulein Tochter noch ein paar Jahre herumführen, werden schon die Aktien fallen. Adieu, lieber Mann! (Links ab.) Faden (geht sinnend, die Hand vor die Stirne haltend, im Hintergrunde rasch auf und ab) Fünfundzwanzigste Szene Die Vorigen ohne Geyer Emilie (aufstehend) Da haben wir's! Er geht! Jetzt hat mich der Papa wieder um eine reiche Partie gebracht. Herr von Rauchengeld O, um dich is mir nicht bang, Töchterl! Emilie Aber mir wird bang. Ich zähl' jetzt schon verschiedene Sommer, auf einmal wird ein Herbst kommen, mit welchem zugleich mein eigener Herbst beginnt. Mathilde Wenn's der Vater so macht, müssen wir verblühn und wissen nicht, warum. Theres (zu Herrn von Brauchengeld) Und ich wär' auch schon lieber bei einer Frau im Dienst als bei zwei Fräul'n. Das sollte doch auch berücksichtigt werden. Faden Sie ist zu göttlich! Ich muß eine Annäherung riskieren. (Vortretend.) Gnädiges Fräulein, ich bitte – Emilie Theres, hat Sie kein' Groschen für den Bettelmann? Faden Bettelmann? – Doch ja, ich bin es, ich bettle um Ihre Gunst. Emilie (erstaunt) Was? Herr von Rauchengeld Was untersteht sich der Vagabund? Faden Aus dieser Stichelei seh' ich, Sie stoßen sich an meinem Anzug, welcher freilich an einigen Stellen etwas a jour is. Allein, das Kleid macht nicht immer den Mann. Herr von Rauchengeld Also wäre das etwan nur eine Verkleidung? (Sehr höflich.) Mit wem hab' ich die Ehre? Faden Ich bin nicht so arm, als ich ausschau'. Herr von Rauchengeld Wie hoch beläuft sich Dero Vermögen? Faden Ich hab' halt grad das Notwendige. Herr von Rauchengeld Und mit dem Notwendigen wagen Sie es, Ihre Augen zu meiner Tochter zu erheben? Faden (mit Selbstgefühl) Ich habe des Tags zwei Zwanziger zu verzehren. Herr von Rauchengeld Und da wollen Sie –? (Bricht in ein lautes Gelächter aus.) Hahahahaha! (Faden an der Hand fassend.) Wissen Sie, wie hoch dieses Mädl kommt? Die väterliche Einwilligung zur Heirat kostet zehntausend Gulden. Faden (wie vom Donner gerührt) Zehntausend Gulden –! Herr von Rauchengeld Jetzt lassen wir den Narren stehn und gehn ein wenig weiter. Mathilde Zahl' uns der Papa ein Frühstück! Herr von Rauchengeld Töchterln, recht gern, aber es is euch nicht gesund. Wann ich euch seit ein paar Jahren nicht so wenig z'essen gäbet, wo hätt's denn die schlanken Taillen her? Faden (wie aus einer Betäubung erwachend, zu Herrn von Brauchengeld) Sagen Sie mir, wird denn nichts g'handelt? Herr von Rauchengeld Kein Kreuzer! Faden Schaun S', Sie haben mehr Töchter, eine in d' andre sollten s' doch billiger sein. Herr von Rauchengeld (zu seinen Töchtern) Jetzt gehn wir, da scheint die Sonn' zu stark, setzen wir uns dort (rechts in die Szene deutend) in Schatten. Wenn sich so a Madl nur ein wenig abbrennt, 's könnt' mir gleich a Schaden von a paar tausend Gulden sein. Faden (für sich) Zehntausend –! (Zu Herrn von Brauchengeld.) Schaun Sie, wenn Sie so a neuntausendachthundert und etliche siebzig nachlasseten – Herr von Rauchengeld Er is ein Narr! Faden Ich sparet mir s' von meine zwei Zwanziger ab. Herr von Rauchengeld Such' Er sich eine Braut unter Mädeln bei 'n Stand, aber nicht unter Mädeln von Stand. Kommt's, Töchterln, kommt's! (Alle rechts durch den Vordergrund ab.) Sechsundzwanzigste Szene Faden Faden Da geht sie hin – dieser Gang – dieser interessante Zug in der Fersen –! Nein, das is das Non-plus-ultra in der Mädlerie! Und ich kann sie nicht besitzen! Das is ein verzweifelter Zustand! Diese Quantität Lieb' und nicht um ein' Groschen a Hoffnung! Siebenundzwanzigste Szene Strick (von links); der Vorige Strick Meister! Faden O lieber Strick! Strick Sie haben mein Lebensglück vernichtet, Sie haben mir den inneren Frieden ruiniert, Sie haben schmafumäßig an mir gehandelt, doch eine edle Seele nährt keinen Groll – (gerührt) hier ist die Hand zur Versöhnung. Faden (seine Hand nehmend, ohne viel auf das zu hören, was Strick sagte) O, Fabian, ich bin unglücklich. Strick Da geh' ich wieder. Ich bin bloß deswegen gekommen, weil ich g'hört hab', daß Sie glücklich sein. Faden Was du Glück nennst, das hab' ich; ich hab' recht gut zu leben. Strick Dann bleib' ich wieder da. Ich hab' die Not mit Ihnen geteilt, es ist jetzt meine heiligste Pflicht, auch in die guten Tag' Sie nicht zu verlassen. Faden Ganz etwas anders quält mich jetzt. Du weißt, ich hab' die Wettel geliebt, so wie man die Tochter einer Kräutlerin lieben kann – Strick Nichts von jener Zeit, Sie reißen in meinem Herzen halbvernarbte Wunden wieder auf. Faden Aber was die wahre Liebe ist, die reine Inflammierung des Gemüts, die echte, unverfälschte, herzkonservierende Magie der Natur – ich find' gar keine Ausdrücke, die verrückt genug wären, das zu schildern, was ich empfinde. Strick Wo wär' denn der Gegenstand? Faden Für mich so viel als gar nicht in der Welt, denn der Vater verlangt zehntausend Gulden für die bloße Einwilligung. Strick Das is ung'schauter zu teuer. Faden Nein, sie ist Millionen wert, aber wo hernehmen? – Ich hab' wohl so eine Art Schutzgeist, der mir versprochen hat, mich glücklich zu machen – Strick Im Ernst, sein Sie mit ein' Geist in Verbindung? Faden Und das mit was für ein'! Strick Na, da is ja g'holfen, so ein Geist muß Haar' lassen, wenn er sich mit ein' Sterblichen abgibt. Faden Ja, ich darf aber nur das Notwendige von ihm verlangen. Strick Na, das is ja genug, 's Madl is zu Ihrem Glück notwendig, 's Madl kost't zehntausend Gulden, also sind die zehntausend Gulden auch notwendig wie a Rub'n. Faden Fabian, du bist a gescheiter Kerl! (Im Hintergrunde erscheinen Wathfield und Howart.) Laß dich umarmen, du hast mir ein Licht aufgesteckt. Strick Wir wer'n denen Geistern schon zeigen, was all's notwendig is. Faden (sie erblickend) Still, da sind s' schon! Strick Das sein s'? Richtig, man merkt's, die ganze Luft hat auf einmal so einen überirdischen Regionduft. Achtundzwanzigste Szene Wathfield , Howart ; die Vorigen Wathfield (vortretend) Nun, wie steht's? Du scheinst einen Wunsch auf dem Herzen zu haben? Faden O ja, einen unsinnigen! Ich brauch' notwendig zehntausend Gulden, weil ich nur um diesen Preis die Geliebte zur Frau krieg'. Ich sag' Ihnen, ohne ihr bin ich der unglücklichste Mensch auf der weiten Welt, ich müßt' mir was antun. Wathfield Es ist viel, was du verlangst. Faden Ich bitt' Sie, für ein' Geist ist das ja a Bagatell! Wathfield Indessen, wenn diese Heirat zu deinem Glücke notwendig ist – (Geht zu Howart in den Hintergrund und spricht leise mit ihm.) Faden Wie ein Bissen Brot. Strick (im Vordergrund zu Faden) Warum red't er denn jetzt mit dem andern? Faden Das ist der Hauptgeist. Howart (schüttelt den Kopf und gibt Wathfield Geld) Strick Er beutelt den Kopf. Faden Aber ausrucken tut er doch! Wathfield (gibt Faden das Geld) Hier hast du, was dir zum Glücke notwendig, doch hüte dich, das Überflüssige zu verlangen! (Geht mit Howart ab.) Faden Ich küsse die Hand – ich bin außer mir – ich fall' in die Frais vor Freuden. Strick Das sind ein paar Mordgeister! Neunundzwanzigste Szene Faden , Strick , Herr von Rauchengeld , Emilie , Mathilde , Theres Herr von Rauchengeld Schaun wir doch wieder a bissel daher! (Zu Emilien.) Du hast recht, der Amtmann Geyer geht mir nicht aus 'n Kopf. Vielleicht kommt er wieder zurück, und wenn ich etwas nachlasset – Faden (vortretend) Erzeuger meiner Angebeteten, nimm hier den pflichtschuldigen Tribut des Bräutigams (gibt ihm das von Wathfield erhaltene Geld) und erhöre seine Bitte um schleunige Verabfolgung der Liebreizenden. Herr von Rauchengeld (die Banknoten besehend) Ich erstaune! Von Ihnen hab' ich das nicht erwartet. Theres (zu Emilien) Greifen Sie zu, Fräulein Emilie; wer so viel dem Vater spendiert, was hat von dem erst die Geliebte, die Frau zu hoffen? Sie machen eine brillante Partie, wer weiß, was unter dem zerissenen Rock für ein heimlicher Kapitalist steckt. Herr von Rauchengeld (führt ihm Emilie zu) Hier nehmen Sie sie hin, die teure Braut, und extra noch meinen väterlichen Segen als Zuwag'. Emilie (Faden ihre Hand reichend) Mein Herr, ich schätze mich glücklich – Faden (entzückt) Im Ernst? Ich geh' in d'Luft vor Freuden. Dreißigste Szene Geyer (eilig auftretend); die Vorigen Geyer (zu Herrn von Brauchengeld) Liebster Mann, ich habe mir die Sache reiflich überlegt, die Liebe ist ein närrisches Ding – hier ist die verlangte Summe. (Will ihm das Geld einhändigen.) Herr von Rauchengeld (erstaunt) Ich bedaure, aber 's Mädel ist schon vergeben. (Für sich.) Das wär' jetzt ein Augenblick zu einer Lizitation. Geyer (ergrimmt) Wie? Was? Wer ist mir zuvorgekommen? Herr von Rauchengeld (auf Faden zeigend) Hier, dieser unbekannte Kavalier. Geyer Was? Der miserable Pfuscher, der Seilerer? Herr von Rauchengeld Er hat das Kapital mir zu Handen erlegt. Geyer Er? Der povre Hungerleider? Der kann das Geld nur gestohlen haben, da wollen wir gleich ins klare kommen. (Zu Herrn von Brauchengeld.) Liebster Mann, Sie sollen Dinge hören, daß Ihnen die Haare zu Berge stehen. Der Mensch ist ein Lump. Ich gehe, doch bald komme ich wieder – ich bin außer mir vor Wut. (Eilt grimmig links ab.) Einunddreißigste Szene Die Vorigen ohne Geyer Herr von Rauchengeld Was hat der alles g'sagt? (Zu Faden.) Er scheint kein guter Freund von Ihnen zu sein. Faden (verlegen) Neid, Neid, nichts als Neid! Emilie Ein Seilerer, hat er g'sagt, sind Sie gewesen? Faden Dilettantismus, nichts als Dilettantismus! Ich hab' öfters aus Unterhaltung Spagat gemacht – aus Kurzweil – Liebe zur Kunst – Zweiunddreißigste Szene Pumpf , Nachbarsleute ; die Vorigen Pumpf Bruder Faden, ich sollt' eigentlich noch bös sein auf dich, aber du hast ein unbegreifliches Glück gemacht, das freut mich in die Seele hinein, der Zorn is verschwunden, und da bin ich mit alle Nachbarsleut', dir herzlich zu gratulieren. Die Nachbarsleute Wir gratulieren alle miteinand'! Faden (verlegen) Ich danke – wirklich – ich danke vielmals. Herr von Rauchengeld (zu seinen Töchtern) Er muß halt doch was Gemeines sein. Dreiunddreißigste Szene Hannerl ; die Vorigen ; Wathfield und Howart (erscheinen im Hintergrunde) Hannerl (eilig von links auftretend, zu Strick) Fabian! Fabian! Du verdienst es nicht, aber ich kann nicht anders, ich muß dich warnen. Dir droht Gefahr, der Amtmann red't dort mit die Wächter, ich hab' nichts als die Worte: »Einführen«, »Seilerer« und »Lump« verstanden, da hab' ich mir gleich 'denkt, das geht dich an, und lauf' daher – Strick O je! Das sein feuchte Masematten. Mein Meister is der Lump, von dem der Amtmann g'red't hat, das weißt du recht gut, tust aber, als wenn du mich warnen tät'st, red'st aber hübsch laut, damit er sich auch darnach richten kann. Entflieh, Schlange! Hannerl (weinend) Entsetzlich! Ich bin das Opfer eines Mißverständnisses. Pumpf Ja, ein Madl soll halt alleweil Fenster und Türen hübsch zusperren. Strick Meister, es könnt' halt doch Ernst werden mit 'n Einsperren, dort hinten stehn unsere zwei Geister, reden S' ein g'scheites Wort! Faden Du hast recht. (Spricht mit Wathfield leise, dieser sagt dann während des Folgenden ein paar Worte zu Howart, welcher eine Schreibtafel aus der Tasche zieht und auf ein Blatt mit Bleistift schreibt.) Emilie (zu ihrem Vater) Ich weiß nicht, was ich aus dem Menschen machen soll. Herr von Rauchengeld Ich auch nicht. übrigens, 's Geld hab' ich einmal, und folglich findet kein Rücktritt statt. Theres (zu Strick) Was schaut mich denn der Herr gar so an? Strick Sie ist in Diensten meiner künftigen Gebieterin, ich bin in Diensten Ihres künftigen Gebieters, ich werfe das bloß so hin, weil sich daraus verschiedene Entspinnungen gestalten könnten. Theres Kommt Zeit, kommt Rat! Vierunddreißigste Szene Geyer , Wächter ; die Vorigen Geyer (zu den Wächtern, auf Faden zeigend) Da steht der Verdächtige, der mit gestohlenen Geldern herumwirft. Aufs Amt mit ihm! (Die Wächter wollen auf Faden los.) Wathfield (gibt heimlich und schnell Faden den Zettel, welchen Howart geschrieben) Gebt das dem Amtmann! Faden (den Zettel nehmend) Herr Amtmann, lesen Sie erst das! Geyer (den Zettel nehmend und durchschauend) Das ist – (erstaunt) das ist die Schrift des neuen Gutsherrn, ich kenne sie von der Kaufurkunde aus. (Liest leise.) »Herr Amtmann Geyer, Meister Faden erfreut sich meiner unbegrenzten Gunst. Wenn ich ankomme und nicht höre, daß Sie ihm die größte Achtung erwiesen haben, sind Sie Ihres Dienstes entlassen. Lord Howart.« (Alle heften neugierig den Blick auf Geyer, dieser ist wie vom Donner gerührt.) Ich erstarre! Da bleibt nichts übrig als Devotion. Herr von Rauchengeld (zu Emilien) Jetzt wird sich's gleich zeigen. Geyer (nähert sich Faden ehrerbietig) Mein Verehrtester – mein – ich weiß nicht, wie ich sagen soll – ich bitte um die Gunst, dero Hand – (küßt Faden die Hand.) Alle (im höchsten Staunen) Was ist das? Theres (zu Emilien) Hab' ich's nicht g'sagt, er is ein großes Tier? Strick (beiseite) So ein Geist is a Passion. Faden (für sich) Ich weiß zwar nicht, wie ich zu solchen Ehren komm', aber (laut) , Schwiegerpapa, geliebte Braut, folgen Sie mir allerseits in mein Haus zum Verlobungsfest! Strick Sämtliche Völkerschaften rufen: Es lebe Bräutigam und Braut! Alle Es lebe Bräutigam und Braut! Quodlibet Chor Wunderbar, was hier alles vorgegangen, Licht darüber zu verlangen Stehn wir zu befangen, Zu fragen keiner waget. Strick Kommt man auf a Falschheit bei seiner Amour, Da ist es das Beste, man lacht nur dazur, Verzweiflung und Seufzer kein' Kreuzer nit taug'n, Es gibt ja noch Mad'ln g'nug mit schöne Aug'n; Plantiert ein' die Katherl, was liegt an der G'schicht'? Die Mariandel, die hat auch a bildsaubers G'sicht, Na, und gift't sich die Urschel, is d' Sopherl in Wut, Dafür is d'Lenerl halt wiederum gut. Theres Ach, was kann man Schöners finden, Als wenn Herzen sich eng verbinden, Rosenketten sie zart umwinden, Ach, und ich steh' immer noch ganz allein! Faden Mich umgaukeln süße Träume, Fröhlich hebt sich meine Brust, In die schönsten Himmelsräume Zaubert mich der Liebe Lust. Süß sind Mand'ln und Zibeben, Gut für 'n Magen is a Sterz, Doch der Liebe süßes Leben Is die Leibspeis' für mein Herz. Hannerl Lalala etc. (Jodler) Strick Ich möchte ein Konsilium anstellen über mich. Faden Sei Ritter ohne Furcht und Tadel und mach' kein solches G'sicht. Strick Nein, so was bringt ein Vieh um, mein Herz klopft fürchterlich! Faden Ein Reitpferd ohne Sattel is d' Lieb', traut man sich nicht. Theres und Hannerl Stets trösten Männer sich gar leicht, Alle Kenner sagen, Die Kenner sagen: Sie sind seicht. Hannerl Welch Qual, welche Leiden! Lieb' ihn noch, er will scheiden. Theres und Hannerl zugleich: Theres Leiden statt der Freuden Man durch sie erreicht. Hannerl Er will scheiden, Denn nichts sein Herz erweicht. Theres Herbe Qual nur und Leiden Geben sie statt Freuden. Chor Was sich liebt, necket sich, Heute trifft's dich, morgen mich, Doch im Streit – schnell verzeiht Man, wenn 's Herz gebeut. Strick Ich hab' durchaus nicht den Mag'n – Hannerl Nein, du tust zu arg mich plag'n – Strick Solche Sachen zu vertrag'n! Hannerl Scham dich, is das ein Betrag'n? Strick Ha, ich quäle sie so, quäl' sie so – Hannerl Ha, er quälet mich so, quälet mich so – Strick und Hannerl In einem fort, in einem fort, Ja, ein Hieb ist jedes Wort; Ja, ein Hieb sei jedes Wort. Chor Hochzeit gibt's heut', ah, das is g'scheit! Juche, Hochzeit gibt's heut', ah, das is g'scheit! Theres Süßer Trost, belebend, entzückend, erhebend, Kehrt ins Herz zurück. Flieht der Sehnsucht Leiden, Bald blühen nur Freuden Und himmlisches Glück, Blüht mir, Gattenglück! Strick und Faden Gar nichts gleicht dem Glück der Neuvermählten, Wenn die bunten Kränze Amor flicht, Wandelt man am Arme der Erwählten Stets auf Rosen und Vergißmeinnicht. Hannerl Kein Gedanke hat noch entweihet Meines Busens reine Triebe, Grausam lohnst du meine Liebe, Nie verletzt' ich meine Pflicht. Strick Möglich is's wohl, aber wahrscheinlich nicht, No, möglich is's wohl, aber wahrscheinlich nicht. Theres Ha! Ha! Bei solchen Sachen Da muß ich wirklich lachen. Hahahahaha! – Pumpf Dieser Lacher is so spitzig, wie a Gabel, Gleich der Elster in der Fabel Wetzt sie überall den Schnabel, Schau' d'Mamsell doch nur auf sich! Theres und Strick Ha, die Impertinenzen Sind ja über alle Grenzen, Die Geduld wird mir zu knapp, Zorn erfüllt die Herzenskammer, Dieser kecke Bandelkramer, So was ging' mir grad noch ab. Theres Doch, wozu soll ich hier streiten! Theres und Hannerl Wie sie zanken, wie sie streiten! 's schickt sich ja nicht vor den Leuten, Ziehn wir auf die guten Saiten, Da der Hochzeitsjubel winkt. Strick , Faden und Pumpf Lassen wir das dumme Streiten, 's schickt sich ja nicht vor den Leuten, Ziehn wir auf die guten Saiten, Da der Hochzeitsjubel winkt. Chor Meidet jetzo alles Streiten, Es schickt sich ja nicht vor den Leuten, Ziehet auf die guten Saiten, Da der Hochzeitsjubel winkt. Lalalala etc. etc. Der Vorhang fällt. Zweiter Akt Die Bühne stellt ein einfaches, aber nettes Zimmer vor mit zwei Seitentüren, im Hintergrunde eine verborgene Tapetentür, seitwärts im Hintergrunde ein großes Fenster, durch welches man die Aussicht auf einen prächtigen Palast hat. Erste Szene Inspektor Rasch , mehrere Bediente , darunter Anton und Georg Chor Der gnäd'ge Herr kann sich verlassen Auf unsre Pfiffigkeit, Wir alle sind pflichtschuld'germaßen Auf seinen Wink bereit, Auch plaudert keiner etwas aus, Man bringt aus uns kein Wort heraus. (Nach der Musik.) Rasch Ihr wißt also alles, was ihr zu tun habt? Anton Akkurat, der Herr Inspektor können ohne Sorgen sein. Rasch Die Hauptsache ist, daß ihr euch so betragt, daß er euch für keine menschlichen Bedienten, sondern für dienstbare Geister hält. Georg Das treffen wir schon. Rasch Und über die Ankunft des gnädigen Herrn – Anton Strengste Verschwiegenheit. (Die Tapetentür im Hintergrunde öffnete sich, Wathfield und Howart treten ein, man sieht durch die Tapetentür in ein kleines, rotbehangenes, abenteuerlich geschmücktes Kabinett, in welchem sich ein Tischchen und ein Stuhl befindet. Die Bedienten entfernen sich, als Wathfield und Howart eingetreten sind, durch die Tapetentür.) Zweite Szene Howart , Wathfield , Rasch Howart (zu Rasch) Ich bin mit Ihren Anordnungen sehr wohl zufrieden, Inspektor. Die Verbindung dieses Hauses mit einem Gartenhaus meines Parkes macht es mir leicht, den närrischen Meister Faden bei dem Glauben an eine zauberhafte Erscheinung zu erhalten. Wathfield Halten Sie nur immer viel Geld in Bereitschaft, es wird von Nöten sein. Howart Ach, es wird nicht so arg werden, der Mensch ist genügsam, die Liebe hat ihn zu einer etwas großen Forderung getrieben, nun aber, hoffe ich, wird er zufrieden sein. Wathfield Wir wollen sehen, ich nehme Sie fest beim Wort: was zu seinem Glücke notwendig ist, dürfen Sie ihm nicht verweigern. Rasch (hat durchs Fenster gesehen) Da kommt er eben! Howart Dann entfernen wir uns, Inspektor! (Howart und Rasch in die Tapetentür ab, welche sich wieder schließt.) Dritte Szene Wathfield ; Faden (tritt mit Strick zur Türe links ein; man hört ihn früher aufsperren) Faden Sie werden gleich da sein! Strick Ich g'freu' mich schon aufs Stubenmädl. Faden (Wathfield erblickend) Has, was is das? Wie is denn das möglich? Sie sein da herein und ich hab' zugesperrt, wie ich fort'gangen bin? Wathfield Hast du vergessen, daß ich ein überirdisches Wesen bin? Versperrte Türen hindern mich nicht. Strick So ein Geist hätt's kommod, wenn er ein Dieb wurd'. Faden Is recht g'scheit, daß Sie da sein, ich hab' ein Anliegen. Sie werden einsehen, (auf seinen Anzug deutend) mit dem G'wand tut's es nicht als Bräutigam, ich brauchet halt – Wathfield Ja, ja, das ist notwendig. Strick (zu Faden) Sie, wegen mir sagen S' auch was, mein Rock ist das Muster der Schleußigkeit. Faden (zu Wathfield) ja, der muß doch auch als was erscheinen. Strick G'sell' kann ich nicht mehr sein, denn gearbeitet wird doch nix mehr werden unter solchen Verhältnissen. Faden Nein, Arbeit verlang' ich keine mehr, denn das wär' überflüssig, und ich darf nur das Notwendige verlangen. (Zu Wathfield.) Den da lassen wir halt als einen honetten Bedienten erscheinen. Wathfield Gut, gut, das geht in einem hin. (Schlägt an die Tapetentür, welche sich öffnet, man sieht darin Howart am Tisch sitzen.) Faden (erstaunt zurückprallend, zu Strick) Du, da schau' her! Strick Das ist dem Geist sein Kaminett. Howart (überreicht Wathfield eine Börse, die Tapetentür schließt sich mit einem seltsamen Geräusch) Wathfield (Faden die Börse gebend) Hier hast du, was du brauchst. Faden Ja, aber etwas hab' ich noch vergessen! Es schaut so schofel aus, wenn der Mensch keine Uhr hat, das is doch notwendig. Wathfield (klopft an die Tapetentür, welche sich wie früher mit Geräusch öffnet) Strick (zu Faden) Sehen S', nur brav begehren, die Geister müssen schwitzen! Howart (überreicht Wathfield seine Uhr) Faden Da schau' her, die prächtige goldene Uhr! Wathfield (überreicht Faden die Uhr) Hier hast du, was du verlangt. Strick (zu Howart) Wenn S' einmal a silberne haben mit einer Arbesketten, lassen S' mich rekommandiert sein! (Die Tapetentür will sich wieder schließen.) Faden Erlauben Sie, lassen S' die Tür noch ein wenig offen! (Die Tür bleibt geöffnet, zu Wathfield.) Sie werden mir da gewiß nicht unrecht geben, es muß doch in allem auf der Welt Harmonie sein, wenn der Mensch schon einmal so eine prachtvolle Uhr hat und hat kein' Ring, das steht so wild. Strick So g'wiß geschleckt Faden Um meiner Braut mit Anstand die Hand zu reichen, muß ich notwendig einen Ring am Finger haben, und wenn's auch nur ein brillantener wär', ich bin sonst in einer Verlegenheit, die mich völlig unglücklich macht. Wathfield Wenn das ist, so will ich deinen Wunsch erfüllen. (Geht zu Howart, welcher ihm schweigend einen Brillantring überreicht.) Strick Ich hätt' wieder eine Passion auf eine Busennadel, aber mir gibt er nix, der Geist! Wathfield (Faden den Ring gebend) Bist du nun zufrieden? Faden O, ungeheuer! (Die Tür schließt sich mit Geräusch.) Strick (zum Fenster sehend) Die schwiegervaterische Familie kommt! Faden Meine Braut! Das gift't mich, daß ich jetzt mein neues G'wand noch nicht hab'. Vierte Szene Herr von Rauchengeld , Mathilde , Emilie , Theres ; Die Vorigen Herr von Rauchengeld (mit einem sehr kleinen Bündel unterm Arm) Da sind wir alle miteinand'. Faden G'freut mich unendlich! Mein Haus ist nicht groß, aber dafür is es klein und nett. Mathilde (etwas spöttisch) Ein äußerst bescheidenes Quartier! Emilie Beinah' zu bescheiden! Herr von Rauchengeld Wir werden uns schon zusamm'separieren, daß wir Platz haben alle. Theres (zu Emilien) Geben Sie acht, das Quartier is Verstellung so wie sein Anzug. Faden (welcher Emilien zärtlich betrachtet) Ich kann's halt noch gar nicht fassen, Sie sind mir zu schön! Mir geht's wie einer Fledermaus, die in der Sonn' fliegt. Wann Sie nur ein Alzel wilder wären, daß ich's aushalten könnt'. Emilie Schmeichler! Strick Ich find', sie is nicht übel, die Emilie, aber von zehntausend Gulden is da keine Spur. Herr von Rauchengeld Ich hab' unsere Wohnung im Wirtshaus aufgegeben, wir sind da und loschieren uns gleich ein bei Ihnen mit Sack und Pack. Faden Wo haben Sie denn Ihre Bagage? Herr von Rauchengeld Meine Kleider und meine Wäsch' hab' ich alles da in dem Binkel. (Zeigt das kleine Bündel vor, das er trägt.) Faden Und die Garderob' von die Fräulein Töchter? Herr von Rauchengeld Die kommt bei Gelegenheit einmal nach. Strick Mir scheint, die Madeln haben nix, als wie s' gehn und stehn. Faden (Wathfield beiseiteziehend) Sie, Geist, für die Familie werd' ich notwendig einiges brauchen. Wathfield Ja, ja, das seh' ich. Faden Mit a paar tausend Gulden sein s' ja alle gehörig herausstaffiert. Herr von Rauchengeld (auf Wathfield zeigend) Wer ist denn dieser Herr, wenn ich fragen darf? Faden Ein meiniger Spezi. Herr von Rauchengeld Ah, freut mich! Faden (heimlich zu Wathfield) Bestellen wir jetzt derweil das Notwendige, das Geld holen wir nachher aus 'n Zauberkabinett, wenn wir allein sein, denn ich möcht' nicht, daß der Schwiegervater sieht, daß ich einen Geist hab'. Wathfield Gut, gehen wir! Faden Ich bitt', sich indessen die Zeit nicht lang werden zu lassen, ich hab' einiges zu besorgen. (Emilien die Hand küssend.) Schöne Braut – adieu! (Geht mit zärtlich schmachtenden Blicken mit Wathfield ab.) Fünfte Szene Die Vorigen ohne Wathfield und Faden Herr von Rauchengeld Ich weiß nicht, mir kommt das alles so rätselhaft vor, als wie d' letzten Blatteln im Krakauer Kalender. Emilie Wenn aber nicht bald eine Auflösung erscheint, die sich hören läßt, so lös' ich die eingegangene Verbindung auf. Herr von Rauchengeld Wär' mir nicht lieb, wenn ich 's Geld wieder hergeben müßt', übermorgen ist Hochzeit und bleibt Hochzeit, damit Punktum. (Zu Strick.) Aber Er, Freund, Er könnt' uns manche beruhigende Auskunft geben, wenn Er wollt'. Strick Ja, freilich, ich bin aber Dienstbot' und folglich verschwiegen. Emilie In dem Quartier bleib' ich auf kein' Fall. Ich hab' mir eingebild't, eine vornehme Frau zu werden, ich hab' mir Luftschlösser gebaut, so schön, als wie der Palast da drüben, und jetzt – Mathilde Ja, das wäre freilich was anders g'wesen. Na, vielleicht bekomm' ich einen, der mir einige Millionen zu Füßen legt. Herr von Rauchengeld Versteht sich, ich bin froh, wenn du einen kriegst, der mir die Kost gibt. Emilie Theres, wenn meine Schwester ein größeres Glück macht als ich, das wär' mein Tod. Theres Ruhig! Ruhig! (Zu Strick) Freund, ich seh' Ihm's in Gesicht an, Sein Herr hat heimliche Schätze. Strick Ja, wenn Sie mir's in Gesicht ansieht, dann laßt sich nix mehr leugnen. Wir haben eine unversiegbare Goldquelle. Emilie (freudig überrascht) Hör' ich recht? Ist's wirklich so? Strick Bei uns darf man nur Haferl sagen. Herr von Rauchengeld Für diese Nachricht schenk' ich Ihm – (Strick hält die Hand auf) meine Freundschaft. Strick (sehr gleichgültig) Ich dank', es muß nicht gleich sein. Emilie Hör' Er mich an! Wenn sich meine Wünsche bis zu diesem Palais versteigen, würde er –? Strick Er liebt Sie inniglich, mit einer bedeutenden Glut. Emilie Das ist wahr! Strick Er halt't Ihnen für die erste Schönheit der Welt, also benutzen Sie diese Verblendung! Emilie (ganz entzückt) Wie ich herumstolzieren werde in die Prunkgemächer, die orientalischen Teppiche – die damastnen Tapeten – haushohe Spiegel – Papa, das Palais muß ich haben! (Ihn zum Fenster führend.) Da sehen Sie das prachtvolle Gebäude! Herr von Rauchengeld Von der awigen Seiten muß es sich noch schöner ausnehmen. Schauen wir's von dem Zimmer aus an, und wenn's uns g'fallt, 's kost't ja nur ein Wort. (Zeigt nach der Türe rechts.) Emilie O kommen Sie, Papa! Herr von Rauchengeld Siehst, Töchterl, wie ich für dein Glück besorgt war. (Mit Emilien und Mathilden in die Tür rechts ab. Sechste Szene Strick , Theres Strick Man laßt uns allein! Theres Und was folgt da draus? Strick Daraus könnte sehr viel folgen. Dieser Moment könnte die Grundsteinlegung sein zu einem Liebestempel, welcher für die Ewigkeit gebaut wär'. Theres Eh' man sich auf einen solchen Riesenbau einläßt, muß man ja doch vorher das Terrain rekognoszieren. Strick So betrachte also vorläufig diese Umschlingung meiner liebenden Arme als die erste geometrische Ausmessung! (Will sie umarmen.) Theres (zurückweichend) Oho, nicht so voreilig, ich werf' mich einem Mann nicht sogleich an den Hals, dazu schätz' ich mich zu hoch. Strick Na, ja, das ist – hm, schätzen kann sich ein Frauenzimmer so hoch sie will, aber es soll ja keine vergessen, daß sie drei Termine hat, den Termin der Jugend, den Termin der Hübschigkeit, welcher sich noch etwas über die Jugend hinaus terminiert, und den Termin des Altwerdens; geht sie bei die ersten zwei Termine nicht ab, so wird sie beim dritten unter dem Schätzungswerte hintangegeben. Theres (spöttisch) Er hätt' wirklich sollen ein Schätzmeister werden! Strick Dieses können wir Männer alle, wir wissen eine jede zu schätzen, nur dann erst, wenn man s' hat, tritt der Fall ein, daß man s' nicht zu schätzen weiß. Theres So weit wollen wir's also gar nicht kommen lassen. Strick Ich red' ja nur von die andern Männer, ich – ich bin ja eine Ausnahme. Siebente Szene Faden , Wathfield , dann Herr von Rauchengeld , Emilie und Mathilde ; die Vorigen Faden (in einem reichgestickten Kleide mit Wathfield zur Türe links zurückkommend) Sachen haben wir jetzt b'stellt, das is schon eine Pracht. Emilie (mit Herrn von Brauchengeld und Mathilde aus der Türe rechts kommend) Ich höre die süße Stimme meines Bräutigams! Faden Ich sehe die Engelsgestalt der Geliebten! Emilie Ich fühle den zarten Druck seiner Hand! Faden Ich schmecke den Vorgeschmack von himmlischer Seligkeit! Emilie Und wie schön Sie aussehen! Faden Nicht wahr? Ja, wenn ich zusamm'g'stampert bin, da gib ich eine starke Anmahnung an den verstorbenen Adonis. Emilie Sebastian, können Sie Ihrer Braut eine Bitt' versagen? Faden Nein, Emilie! (Für sich.) Wie schön sich diese beiden Namen machen, Emilie und Sebastian! Strick (für sich) Paßt z'samm' als wie Vanili und Primsenkäs. Emilie (zu Faden) Ich fordere einen Beweis Ihrer Liebe. Faden Fordere kühn, sprich ohne Scheu, wie dir der Schnabel wuchs! Emilie Kaufen Sie mir den Palast dort drüben! Faden (betroffen) Emilie, das ist stark! Emilie Wie? Sie weigern sich? Faden Es ist unmöglich, die Paläst' sind in dieser Jahreszeit zu teuer, und meine stabilen Revenüen sind ja nur zwei Zwanziger des Tags. Emilie Sie wollen mich zum Besten haben – aber es wird Sie furchtbar gereuen. Der Gram wird meine Gesundheit untergraben, sie wird wanken und hinstürzen in den Abgrund des Todes. An das Fenster werd' ich mich hinsetzen alle Tag', mit weinenden Augen hinübersehen auf das Palais – und so sitz' ich eine Leiche eines Morgens da, nach dem Haus drüben noch das bleiche – Faden Halt ein, das is zu viel! Du sollst den Palast haben. Emilie (freudig) Gewiß? Kann ich darauf bauen? Faden Drauf bauen? Nein, er ist ja ohnedem drei Stock hoch. Geh jetzt ins Freie, Emilie, du bist angegriffen, lüfte dich ein wenig aus, und wenn du nach Haus kommst, so wird der Palast schon da sein. Emilie (zärtlich) Ich werde sehen, ob du Wort hältst, geliebter Bastiano! Kommen Sie, Papa! (Zur Türe links ab.) Mathilde Da bin ich doch neugierig. (Folgt ihrer Schwester mit Theresen.) Herr von Rauchengeld (zu Faden) Sehen Sie, sie hat schon wieder keinen Groll mehr auf Ihnen, o, das is ein edles Herz! (Emilien nachrufend.) Lauf nicht so, Töchterl, lauf nicht so! (Folgt ihr zur Türe links nach.) Achte Szene Faden , Strick , Wathfield , dann Howart Faden (zu Strick) Mir wird angst und bang'. Strick Kurasch! Die Macht der Geister kennen wir, jetzt heißt's halt probieren, was wir über die Geister für eine Macht haben. Nur keck! Wathfield (zu Faden) Du hast vorschnell viel versprochen. Faden Reden S' nit lang und rufen S' Ihren Prinzipal! Wathfield (schlägt an die Tapetentüre, welche sich mit Geräusch öffnet, man sieht Howart wie früher am Tisch sitzend) Dein Schützling, mächtiger Gebieter, hat einen Wunsch dir vorzutragen. Howart Sprich, was verlangst du? Faden Euer Exzellenz werden mir meine Freiheit nicht übelnehmen, weil Sie schon einmal einen Narren an mir g'fressen haben – ich brauchet halt notwendig den Palast da drüben. Howart (etwas unwillig aufstehend und vortretend) Wie? Was? Hast du vergessen, daß ich dir nur das zum Glücke Notwendige zugesagt? Faden Ich bitt' Sie, meine Braut stirbt, wenn ich ihr den Wunsch nicht erfüll'. Strick Folglich ist der Palast notwendig, drum machen S' keine langen G'schichten und fahren S' füra damit! Howart Was kümmern mich die übertriebenen Wünsche deiner Braut? Faden Der Wunsch is nicht übertrieben, ihre Reize verdienen noch viel mehr als das. Es is noch recht schön von ihr, daß sie sich mit dem Palast behelfen will. Sie haben mir versprochen, Sie werden mich glücklich machen (halbweinerlich) , und jetzt machen Sie mich erst recht unglücklich durch Ihre Schmutzigkeit. Strick Schamen S' Ihnen, so G'schichten z' machen wegen ein bisserl Palast! Sein Sie ein Geist, der eine Ehr' im Leib hat? Howart (zu Wathfield) Finden Sie, daß das Begehren auch zum Notwendigen gehört? Wathfield Bei seiner Liebe zur übermütigen Emilie, ja. Howart Ich kann aber doch nicht – Wathfield Sie müssen, Sie haben Ihr Wort verpfändet, bei Malvinens Besitz haben Sie's geschworen, ihn glücklich zu machen. Howart (mit unterdrücktem Ärger) So sei's denn! Faden Jetzt deliberieren S' nicht lang, und sagen S' ja; mir wär' leid, wenn ich Ihnen da ein Reprament geben müßt'. Strick Wir wären auf d' Letzt' gezwungen, grob zu sein. Howart Dein Begehren ist erfüllt, ungenügsamer Mensch! Faden Räsonieren S' nicht, ich sag's Ihnen! Strick (beiseite) Wie er sich gift't wegen dem G'schloß, und es nutzt ihm nix. Howart Du wirst das gerichtliche Instrument erhalten, worin der neue Gutsherr, Lord Howart, das Schloß dir abtritt. (Geht in sein Kabinett, die Türe schließt sich.) Faden (zu Wathfield) Jetzt kommen S' nur g'schwind, sonst reut's ihn! Bringen wir schleunigst alles in Ordnung, daß sie nit früher nach Haus kommt. Wathfield Du bist ungezähmt in deinen Wünschen, hüte dich, je das Überflüssige zu verlangen. Faden Hör'n S' auf, das fallt mir ja so nit ein. Ich bin ja zufrieden, wenn ich nur das Notwendige hab'. (Mit Wathfield zur Türe links ab.) Neunte Szene Strick Strick Mein Herr hat ein Glück g'macht, das muß man sag'n; aber es is doch noch nicht das wahre! Daß seine Wünsche so erfüllt werden, das is eine scharmante Sach', aber daß er alles überflüssige vermeiden muß, das is doch wieder ein gewaltiges Hakerl. Es gibt halt nichts Vollkommenes unter der Sonne, überall is ein Umstand dabei. Lied 1.                     Es heiratet einer a Madl mit Geld, Von der halben Million nit a Groschen ihr fehlt, Ein jeder, der d' Sach' überhaps nur betracht't, Wird sag'n: der Mensch hat a unsinnig's Glück g'macht. Doch darf er vom Geld keinen Kreuzer anrühr'n, Er darf ihr nur helfen, d' Interessen verziehr'n, Für das muß er kuschen, sie übt Tyrannei – So is überall halt a Umstand dabei. 2. Ein andrer hat a Frau, wie die Venus so schön, Wenn er mit ihr spazier'n geht, so bleibt alles stehn, Die ganze Welt schaut mit Bewundrung sie an Und alles schreit: »Das is ein glücklicher Mann!« Doch sie steigt stets um kokettierenden Blicks. Der Mann sagt: »Pfui, 's schickt sich nit!« s'nutzt aber nix, Sie hat allweil Liebhaber zwei oder drei – So is überall halt a Umstand dabei. 3. Der hat a Quartier, das is völlig a Pracht, Doch ein Eh'paar ober ihm zankt und rauft Tag und Nacht, Der hat a brav's Weib, der könnt' sag'n – »Gott sei Dank!« Doch sechs Monat' ist s' kränklich, a halb's Jahr ist s' krank. Der hat ein' Freund, der ist ihm all's in der Welt, Doch der Freund sagt in ein' fort: »Geh, leih mir a Geld, Wenn ich amal zum Vermögen komm', zahl' ich dir's glei!« – So is überall halt a Umstand dabei. 4. Die hat einen Mann, wie a Lamperl so gut. Den ganzen Tag hört man kein unfreundlich's Wurt, Er ist fleißig beim G'schäft, macht kein unwillig's G'sicht Und tut alles, was er ihr in d' Augen ansiecht, Doch wenn's anfangt, Abend z' werd'n, geht er allmal aus Und kommt in der Nacht als a B'soffner nach Haus, Wie sie da nur ein' Muxer macht, prügelt er s' glei'- So is überall halt a Umstand dabei. 5. D'Leut wünschen sich Kinder, erreichen das Glück, Da preisen s' das Schicksal mit dankbarem Blick, Sie hab'n a paar Madln, wie d' Engel so schön, Und Bub'n, die so schlank wie die Kerzen dastehn, Doch d' Kinder werd'n groß, da hab'n d'Eltern a Not, D' Bub'n kommen mit dreißig Jahr' noch zu kein' Brot, Mit die Mädeln ist's wieder a andre Kei'rei – So is überall halt a Umstand dabei. 6. Es singt mancher au'm Theater so öfters a Lied, Und wie er was singt, wird er stark applaudiert, Der das hört, der sagt: »No, der Mensch kann glücklich sein, Er hat einen Beifall, der is allgemein!« Doch strengt man die Ohr'n mit Genauigkeit an, Vernimmt man dazwischen manch anderen Ton, Es zischen beständig a zwei oder drei – So is überall halt a Umstand dabei. 7. Jüngst steigst ein Paarl ganz nobel in Wag'n, »In d' Brigittenau fahrst!« zum Fiaker tun s' sag'n. Der Fiaker fahrt lustig und denkt in der Still': »Das ist mir a Herrschaft, die handeln nit viel«, Doch draußt bei der Au schreit der Herr: »Kutscher, halt! Wir gehn jetzt, weil's schön ist, zu Fuß durch den Wald!« Der Kutscher lacht heimlich und denkt: »Bei die zwei, Da is doch gewiß auch a Umstand dabei!« (Links ab.) Verwandlung Saal im Schlosse mit Bogen Zehnte Szene Mehrere Bediente , Georg , Anton , dann Herr von Rauchengeld , Mathilde , Emilie , Theres , Wathfield , Howart , Faden (Die Bedienten treten aus den Bogen hervor,) Anton (aus der Seite rechts) Sie kommen schon! Sie sind schon da! Georg (zu den übrigen) Nur tiefe Komplimente geschnitten! (Die Bedienten stellen sich alle an der Türe auf und verneigen sich.) Herr von Rauchengeld , Faden , Emilie , Mathilde , Theres , Wathfield (alle geputzt bis auf den letzteren, treten links ein; Howart erscheint im Hintergrunde; die Bedienten geben ab) Faden Nun, wie sind Sie zufrieden, schöne Braut? Emilie O, außerordentlich! Ich bin entzückt! Mathilde (für sich) Ein herrliches Schloß! Wie meine Schwester zu so einem Glück kommt – ich wollt' nichts sagen, wenn ich es wär'! Herr von Rauchengeld Thildi, sei bescheiden, verleg' du dich auf die romantische Lieb', dann bist du mit einer Hütten zufrieden! Faden Wenn Sie die geringste Ausstellung haben, nur sagen, jedes Zimmer, was Ihnen nicht recht is, werf' ich bei der Tür hinaus. Emilie Sie sind zu gütig. Welchen Flügel des Schlosses werden Sie mir einräumen, den rechten oder den linken? Faden Nehmen Sie meinetwegen alle zwei Flügeln, ich bin mit einem Biegel zufrieden. Und was befehlen Sie in Rücksicht Ihrer Equipage? Haben Sie lieber Schimmeln oder Pferd'? Emilie O, das is ein Wunsch von mir, an dem mein ganzes Glück hängt. Faden (zärtlich) Ihr Glück ist das meinige, befehlen Sie! Emilie Apfelschimmeln hätt' ich gar so gern. Faden Apfelschimmeln? Sollen Sie haben von der besten Gattung! (Zu Wathfield.) Zwei Maschanskerschimmeln für meine Braut! Sie werden einsehen, es is notwendig, der Besitzerin eines solchen Schlosses kann man einen Lieblingswunsch nicht versagen. Wathfield Gut! Emilie Jetzt will ich die übrigen Gemächer in Augenschein nehmen. Auf baldiges Wiedersehen! (Mit Mathilde, Theres und Herrn von Brauchengeld ab zur Seite rechts.) Faden Adieu! (Sieht ihr nach.) Ein Zimmer weit muß ich sie doch begleiten. (Folgt ihr.) Elfte Szene Howart , Wathfield Howart Wenn ich dem Menschen noch durch acht Tage das Notwendige geben soll, so kann ich anfangen, meine Besitzungen in England zu verkaufen. Wathfield Sehen Sie nun Ihre Unbesonnenheit ein, als Sie sagten, es wäre Ihnen ein Leichtes, diesen Menschen vollkommen glücklich zu machen? Howart Ja freilich, aber was soll ich jetzt tun? Wathfield (kalt die Achsel zuckend) Abwarten, bis er das Überflüssige verlangt. Howart Auf das warte ich mit Ungeduld. Wie er sich unterfängt, etwas Überflüssiges zu verlangen, so habe ich schon veranstaltet, daß zwei Raketen als Blitze durch dieses Zimmer fahren, Trompeten und Trommeln ertönen und alle meine Bedienten, als Furien verkleidet, erscheinen, um ihn recht in Angst zu jagen – doch was nützt das alles, wenn Sie alle seine Wünsche für notwendig erklären? Wathfield Bis jetzt hat er nur begehrt, was in seinen Verhältnissen zu seinem Glücke nötig war. Zwölfte Szene Faden , dann Georg ; die Vorigen Faden (von rechts zurückkommend, zu Wathfield) Unter andern, Geist, grad sagt mir die Emilie, wir müssen große Tafel haben, der Schwiegervater hat die Gäst' eing'laden, ich kann da nicht ausweichen. Wathfield Das seh' ich ein; dein Wunsch wird erfüllt. Georg (von links auftretend, zu Faden) Es verlangt jemand, mit Euer Gnaden zu sprechen. Faden Wer? Georg Ein gemeiner Mensch mit seiner Schwester. Faden Ist sie auch gemein? Tut nichts, man lasse die beiden Gemeinen herein! (Georg geht nach dem Bogen links und läßt Pumpf und Hannerl eintreten.) Dreizehnte Szene Pumpf , Hannerl ; die Vorigen Pumpf Grüß' dich Gott, Bruder Faden. (Zu Hannerl.) Komm nur, komm nur und sei nit so scheuch! (Zu Faden.) Eine Pracht hat's bei dir, 's Madel ist orndlich geblendet. Faden (zu Hannerl) Nicht wahr, es ist nicht übel, das Quartier? Hannerl (verlegen) Außerordentlich nicht übel! Pumpf Bruder, ich komm' in einer Angelegenheit – Faden Na, sag' nur: wo fehlt's? Pumpf Mir fehlt gar nichts, aber der Seilerer Radl – Faden Der mich am Sonntag auf d' Nacht im Wirtshause so 'prügelt hat? Pumpf Der nämliche. Faden Dem kann nix fehlen, denn nach die Schläg' zu urteilen, ist der Mann in seiner besten Kraft. Pumpf Ja, g'sund is er wohl, aber er is gut g'standen für sein' Schwagern mit fünfhundert Gulden. Jetzt muß er zahlen, hat nix und soll halt eing'sperrt werden. Faden Ah, da werden wir gleich – (zu Wathfield und Howart) , ich weiß nit, ob das in Ihrem Geisterland auch so is, aber ich bin ein geborner Wiener, uns ist das notwendig zum Glücke, daß wir einem armen Teufel was Guts tun. Nur g'schwind ausg'ruckt! (Howart nimmt das Geld aus der Brieftasche.) Jetzt muß ich wieder zu ihr; b'hüt' di Gott, Pumpf, such' mich bald wieder ham, und der Radl soll mir nur alleweil fleißig schreiben, wie der un'blachte Spagat im Preis is, das interessiert mich ungeheuer. (Zur Seite rechts ab.) Howart (zu Wathfield) Sein gutes Herz söhnt mich wieder aus mit seiner Ungenügsamkeit. (Zu Pumpf.) Hier, mein Freund! (Gibt ihm das Geld und geht mit Wathfield im Hintergrunde ab.) Vierzehnte Szene Pumpf , Hannerl Pumpf Das ist der Kassierer von ihm! Siehst du, das ist der Unterschied zwischen reiche und arme Leut', reiche Leut' haben einen schwarzen Kassier, arme Leut' haben eine schwarze Kasse; aber ein guter Kerl ist er, der Faden! Wenn er mir nur nicht eing'stiegen wär', das kann ich ihm noch nicht – Hannerl O, ich bin so unglücklich durch den Zufall. Pumpf Ach was, Zufall! jetzt werden wir halt schaun, daß wir den Strick finden und daß wir 'n wieder gut machen. Da kommt er! Wie schaut denn der aus? Fünfzehnte Szene Strick (von links, in einer Karikaturgalalivree mit gepudertem Haar); die Vorigen Strick Man hat mir eine Besuchvisite gemeldet. Pumpf Lieber Strick, wie geht's Ihm denn? Strick Ah, sieh da, das ist ja, wenn ich nicht irre, der Bänderverkäufer Pumpf? Pumpf Na, uns wird Er doch kennen! Strick Ich erinnere mich im dunkeln. Hannerl Fabian, willst mich denn nicht mehr kennen? Strick (pikant) An Sie erinnere ich mich auch im dunkeln. Ist Sie nicht die, zu der einer einstieg, den man am Morgen fand, wie er im Lehnstuhl schlief, und ihn zur Türe hinauswarf? Hannerl Fabian, ich leg' dir hundert Schwüre ab – Strick Wozu diese Schwierigkeiten! Mit jedem Wort häufen sich deine Vergehungen. Pumpf Sei der Mussi Strick nit so hartherzig! Ich werd' Ihm was sagen, dann wird Er nit so unversöhnlich sein. Wir haben von unserm Vettern in Oberöstreich a paar tausend Gulden geerbt, also g'scheit, heirat's euch und seid's glücklich! Strick Man will mich durch ihren Mammon blenden, aber er blendet mich nicht, der Mammon! Ich kann den Flecken nicht dulden auf meiner Ehre, meine Kameraden würden nicht mehr dienen mit mir. Pumpf Larifari! Ich war eigentlich der Dummkopf, daß ich einen solchen Lärm g'schlagen hab'. Ja, jetzt red't's euch aus miteinand', Liebesleut' muß man unter vier Augen lassen, wenn sie sich ausgleichen sollen. Ich geh'. (Im Abgehen.) Bandel Zwirn kauft's! (Faßt sich.) O, verdammt, ich mach' da ein G'schrei im Haus, ich bin halt in Gedanken alleweil bei mein' G'schäft. (Geht links ab.) Sechzehnte Szene Strick , Hannerl Hannerl Fabian, bist du denn ganz taub für meine Worte? Strick Versuch' es, mich zu erschüttern durch eitles Flehn! Du wirst aber sehen, ich steh' da wie der Fels im Meer. Hannerl Solche Reden muß ich anhören! Strick Das sind die Folgen einer einzigen Einsteigung! Hannerl Du bist ein Barbar! Strick Ich selbst stehe, mehreres abgerechnet, fleckenlos da, drum hab' ich auch keine Schonung für fremde Fehler. Hannerl Schau', wir sind in einem Orte geboren, du bist im Hause meines Vetters erzogen – Strick Was kümmert mich die Geburt? Und was die Erziehung anbelangt – es ist mir ein Leichtes, zu beweisen, daß ich keine genossen habe. Hannerl Wir haben uns geliebt – und jetzt diese Abneigung! Strick Abneigung nennst du es nur? Es ist mehr; was ich für dich fühle, das ist schon Nationalhaß. Hannerl Fabian, du könntest unmöglich so sein, du hast mit einer andern eine Liebschaft ang'fangt! Strick Was nicht is, kann noch wer'n! Siebzehnte Szene Theres (kommt aus der Seite rechts); die Vorigen Theres Na, brav, Er unterhalt't sich ja da recht gut! Mir macht Er Liebesanträge und mit einer andern – Strick Das ist keine Geliebte, es ist eine gekränkte Wäscherin – sonst nichts! Theres Ja, wer's glaubt! Strick (sie beiseite führend) Du zweifelst? Dann wird's es nicht tun mit uns; die mich liebt, die muß ein' starken Glauben haben. Terzett (Im grandiösen italienischen Stil gehalten, von Seite des Strick parodierend vorzutragen.) (Maestoso) Hannerl Das ist also jene, Nach der dein Herz begehrt? Die wird deine Schöne? Das ist der Mühe wert! Die? Die? Das ist der Mühe wert! Theres Ich fange an zu munkeln, 's preßt mir ein Lachen aus, D'Mamsell will mich verdunkeln, Versteht sich, so schaun s' aus! Strick Mich fangt schon an zu schauern Bei dieser G'schicht', 's is wahr, 's wird gar nicht mehr lang dauern, So fahr'n sie sich in d' Haar'. Hannerl , Theres Die Falschheit bringt mich noch in Wut, Der Kuckuck zähme da sein Blut! Strick Sie sind bedeutend in der Wut, 's ist jede eine schlimme Trud! (Andante) Alle drei D' {Männer, Madeln} sind falsch, das ist bekannt, Wie in der Stadt so auf 'n Land, 's kommt auf ein' Kuß A Menge Verdruß, D' Lieb' schafft nur Freud', Ja, da hat's Zeit. (Allegro stretto) Strick Die Kränkung der Liebe Macht 's Leben uns trübe Und füllet den Busen Mit Wahnsinn und Schmerz. (Unisono) Hannerl , Theres Vergebliche Klagen! Man muß es ertragen, Warum schlägt im Busen Ein zärtliches Herz? Alle drei Zerstört ist die Zukunft im süßesten Keime, Vernichtet auf ewig die wonnigen Träume, 's glauben viele, d' Lieb' zaubert in Himmel uns hin, Ja, d' Hand von der Butten, 's sein Weinbeerln drin. (Jodler a tre) (Theres rechts, Hannerl links, Strick durch den Hintergrund ab.) Achtzehnte Szene Georg , Anton , Bediente , dann die Gäste Georg Nur g'schwind die Tafel g'richt't, die Gäst' sind schon alle beisamm'. Anton Ich werd's gleich melden. (Rechts ab, während dem Ritornell des folgenden Chores wird eine elegant gedeckte Tafel vorgetragen; wenn dies geschehen, kommen die Gäste aus dem Hintergrunde.) Chor der Gäste Geladen von dem Herrn vom Haus, Erscheinen wir allhier, Die Tafel winkt mit Saus und Braus, Geschmückt in reicher Zier. Es herrsche Frohsinn, Heiterkeit, Der Jubel schalle weit und breit! Neunzehnte Szene Die Vorigen ; Faden , Herr von Rauchengeld , Emilie , Mathilde , Wathfield (treten am Schluße des Chores ein; während dem Nachspiel des Chorstückes setzen sich alle Anwesenden zur Tafel, Wathfield am Ende links, die Bedienten servieren). Später kommt Strick . Herr von Rauchengeld Das erste Glas auf das Wohlsein des Bräutigams! Alle Er lebe hoch! (Tusch von innen.) Strick (seitswärts vortretend) Kurios! Unsere Dienerschaft sind lauter dienstbare Geister, wenn man s' aber fressen sieht im Vorzimmer, man schwört, es sein Bediente von der irdischen Rasse. Mit genauer Not hab' ich ein paar Fasanbiegeln erwischt. Faden (steht auf und tritt seitwärts ärgerlich gegen den Vordergrund) Es ist wirklich was Unerträgliches! (Hat immer die Blicke auf Wathfield geheftet.) Strick Was denn? Faden Ach, es gift't ein', so oft man hinschaut. Strick ja, was denn? Faden Das geht dich nix an! Strick Ach, das is es? ja, das is aber auch was Ärgerliches! Faden (setzt sich wieder an seinen Platz) Herr von Rauchengeld Auf mein Töchterl aber dürfen wir nicht vergessen, die müssen wir auch leben lassen. Alle Sie lebe hoch! (Leeren die Gläser, Tusch von innen.) Herr von Rauchengeld (zu Georg) Bedienter! Gib Er mir noch a sechs Austern herüber, aber lauter Weibeln, die Mandeln sind bei weitem nicht so fett. Mathilde Der Papa ist ein ungeheurer Austernesser. Herr von Rauchengeld (beiseite, zu Mathilden) Brav, Thildi, nur aufschneiden! Ich hab' mir mein Lebtag können keine spendieren. Wathfield (zu Herrn von Brauchengeld) Welche Gattung Austern ziehen Sie vor? Herr von Rauchengeld Ja, die besten sind auf alle Fäll' die g'schoppten. Faden (steht auf und geht wieder ärgerlich vor) Mir is 's ganze Essen ruiniert dadurch! Strick Aber, Meister, was is's denn? Faden Halt 's Maul! Emilie (aufstehend und zu Faden gehend) Was fehlt Ihnen, lieber Sebastian? Faden Es geniert mich etwas. Schaun S' da mein' schwarzen guten Freund an, in einer so noblen modernen Gesellschaft sitzt er mit einem altmodischen Haarzopfe da. Strick Bis die Tafel aus is, werden alle Haarzöpf' haben. Faden Sei Er still! Emilie (zu Faden) Sie haben recht, das ist ein fataler Anblick! Faden Ach, so was Widerliches, so was Ärgerliches, so was Unausstehliches! Emilie Nun kommen Sie aber wieder zur Tafel, mir schmeckt nichts, wenn Sie nicht an meiner Seite sitzen. (Geht wieder zum Tisch) Faden Sogleich, meine Holde! (Für sich.) 's ist schrecklich, was der Mensch auf dieser Welt für Unannehmlichkeiten ertragen muß! (Setzt sich wieder an seinen Platz.) Herr von Rauchengeld jetzt bemerk' ich aber erst, daß, ich einen großmächtigen Bock geschossen hab'. In drei Tagen is schon die Hochzeit, folglich hätten die G'sundheiten nicht separiert getrunken werden sollen, den Fehler müssen wir verbessern. Es lebe das Brautpaar! Alle Das Brautpaar! Vivat! (Leeren die Gläser.) Faden (mißlaunig) Ich dank' – ich dank' –! (Springt unwillig auf.) Ich halt's nicht länger aus, es geniert mich zu stark! Alle Was ist geschehn? Faden Noch nichts, aber es muß etwas geschehn! (Auf Wathfield zeigend.) Der Haarzopfen muß herunter! Wathfield Wie? Was? Faden Er geniert mich – ich leid' ihn nicht, und wenn Sie nicht gutwillig ihn hergeben, so werden meine Bedienten mit Gewalt – Strick Ich nehm's Transchiermesser – Wathfield Was fällt Ihnen ein? Faden Nichts, als was ich das Recht hab', zu verlangen: Herunter mit dem Haarzopfen, ich will's, es is notwendig! Wathfield (mit starker Stimme) Nein, Freund, das ist überflüssig! (Er winkt, ein Blitzstrahl fährt durch den Saal, es donnert, im Hintergrunde verbreitet sich ein roter Schein, und Howart tritt vor. Die ganze Gesellschaft läuft, mit einem Schrei aufspringend, erschrocken zur Seite links davon, die Bedienten ziehen sich, wie der Blitzstrahl fährt, in die Kulissen rechts.) Zwanzigste Szene Howart , Wathfield , Faden , Strick Howart (zu Faden) Übermütiger Tor, der auch den kleinsten Wunsch sich nicht versagen kann, gedenkst du meiner Worte noch? Sie sollen in Erfüllung gehen! Du hast das Überflüssige verlangt, verliere nun selbst das Notwendige und kehre zur vorigen Armut wieder! (Winkt und geht mit Wathfield durch den Hintergrund ab. Rauschende Musik fällt ein, Bediente, als Furien verkleidet, erscheinen von beiden Seiten, ziehen dem erschrockenen Faden und Strick schnell die eleganten Röcke aus, geben ihnen ihre ärmlichen Jacken wieder und treiben sie unter folgendem kurzen Chore, die Fackeln schwingend, zur linken Seite fort.) Chor Vernehmet ihr sein mächtig Wort? Hinaus! Hinaus! Flieht diesen Ort! (Wie Faden und Strick fort sind, kommen Bediente von rechts und räumen lachend während dem Nachspiel des Chores die Tafel schnell fort.) Verwandlung Die Bühne stellt wieder denselben Teil des Marktfleckens wie im ersten Akte mit den Häusern des Bandelkrämers, der Kräutlerin und des Seilerers vor. Es ist spät abends. Einundzwanzigste Szene Frau Schnittling und Babette (kommen aus dem Hintergrunde und stellen die leeren Körbe, die sie zurückbringen, an ihrem Hause nieder) Babette Ich kann mich halt nicht trösten, ich mag tun, was ich will, jeder Korb, den ich anschau', erinnert mich an den Korb, den ich ihm hab' geben müssen, jedes grüne Blattel mahnt mich schrecklich daran, daß sich bei mir 's Blattel gewendet hat. Frau Schnittling Es wird sich geben, es muß sich geben, es hat sich alles noch auf der Welt gegeben. Babette O, d' Frau Mutter weiß nicht, was Liebe ist! Frau Schnittling Versteht sich, als ob unsereins ein Eckstein wär'! A Kräutlerin hat etwan keine Empfindungen! Unter die Heringköpf' gibt es so gut schwärmerische Gedanken als unter die Gros de Naple-Hüt'. Babette (links in die Szene schauend) Da kommt die, die an mein' Unglück schuld is. Zweiundzwanzigste Szene Hannerl (traurig ihrem Hause zugehend); die Vorigen Hannerl Ich geh' herum wie ein verlorenes Hendl; wenn nur der Bruder schon z' Haus wär', alleinig glaub' ich grad, es druckt mir 's Herz ab. Frau Schnittling (höhnisch zu Hannerl) Das wird doch eine Betrübnis sein! Hat er sich also nicht beschwalbeln lassen von der Jungfer? Schau', schau', wie der Wind geht. Ich hab' schon a etliche kennt, die zwei haben woll'n, nachher haben s' gar keinen kriegt. Hannerl Lass' mich d' Frau in Ruh! Ein Mädel ausspotten, die eh' unglücklich ist, das zeigt recht a schlechts Herz! Frau Schnittling O, du Herzerl, du! Vom Herz ist da gar keine Red'. Ich hab' Ihr meine Meinung g'sagt; keine Kräutlerin behalt't ihre Meinung bei sich, und ich werd' wegen der Jungfer auch noch keinen neuen Brauch aufbringen. Hannerl (nach links deutend) Ha, da kommen s' alle zwei! Was muß da g'schehn sein? Wie schaun die wieder aus? Frau Schnittling (verwundert hinblickend) Ah, jetzt verschlagt's mir die Sprach'. (Alle drei ziehen sich lauschend zurück.) Dreiundzwanzigste Szene Faden , Strick ; die Vorigen Strick Da sein wir wieder bei unserm Stammschloß. Faden (desperat) Ich möcht' mir d' Haar' ausreißen. Strick Wenn der Meister a Lehrbub' wär', so tät' ich Ihm die Müh' ersparen. Faden Wie hab' ich so übermütig sein können? Was hat mir der unschuldige Zopfen getan? Strick Ich hab' alleweil g'sagt, bescheiden sein im Glück, nur bescheiden! Aber der Meister hat schon so was Marogantes an sich. Faden Mehr als alles kränkt mich der Brief (zieht ein kleines Blatt hervor) , den mir meiner Braut ihr Stubenmädel im Vorbeischusseln zug'steckt hat, wie wir daher'gangen sind. 's Glück hat ein End', schreibt sie mir, ihr war nur drum z' tun, a reiche Frau z' werden, es is alles aus. Es war nicht Liebe, es war nur Eigennutz von ihr. Strick Das ist schon der dritte Grad von Vernaglung, daß Sie das jetzt erst einsehen. Faden Ich hab' jetzt gar nix mehr, du wirst auch nit viel haben. Strick Ich bin nur einen halben Tag Bedienter g'west, was kann ein Anfänger viel machen? Ich hab' Ihnen halt um dreißig Gulden betrogen, die will ich jetzt ehrlich mit Ihnen teilen. Faden Das is edel, aber ich hab' eine andere Idee. Wir legen uns jetzt schlafen, morgen früh fangen wir zum arbeiten an, und wenn wir einen Strick fertig haben, so hängen wir uns alle zwei dran auf. Strick Ich weiß nicht, ob ich von der Partie sein werde. Der Meister kann sich leicht aufhängen, aber bei mir kommt's zu hoch. (Ab ins Haus im Hintergrunde.) Faden Das wird a traurige Nacht werden! O, Unglück ohnegleichen! Doch ich hab's verdient – um einen Zopfen hab' ich es verdient! (Schlägt sich mit der Hand vor die Stirne und geht ebenfalls ins Haus ab.) Vierundzwanzigste Szene Frau Schnittling , Babette , Hannerl Hannerl Das is mir unbegreiflich! Frau Schnittling Die Herrlichkeit hat nit gar z' lang gedauert! Babette (mitleidig) Und wie s' ausgeschaut haben! Hannerl Die armen Narren! Frau Schnittling (links in die Szene sehend) Was kommt denn da für ein Quark? (Ziehen sich zurück, der Mond fängt an aufzugehen.) Fünfundzwanzigste Szene Herr von Rauchengeld , Emilie , Mathilde , Theres , Geyer ; die Vorigen Herr von Rauchengeld Die zehntausend Gulden können mir also in keinem Fall mehr genommen werden? Geyer In keinem Fall, liebster Mann, verlassen Sie sich auf mich, sub conditione, daß die Fräule Tochter – Emilie Ich werde die Ihrige – Herr von Rauchengeld Sub conditione einer dem Vater zu verabreichenden lebenslänglichen Atzung. Emilie Der Abstand ist freilich groß. Theres Sie werden halt doch eine reiche Frau! Mathilde (für sich) Die Schwester kriegt zwei Partien in einem Tag, und ich gar keine; wenn das gerecht ist, so weiß ich's nicht. Geyer Gut ist es aber doch, wenn der Seilerer heute noch als freier Mensch allen seinen Rechten auf Ihre Tochter entsagt, wir wollen ihn gleich – denn morgen wird er arretiert, er muß Rechenschaft geben über die verdächtigen zwei Fremden, die einen solchen Rumor auf dem Schlosse angefangen haben, und über seine Verbindung mit ihnen. Herr von Rauchengeld (links in die Szene sehend) Da kommen s' Ihnen grad in 'n Wurf! (Alle treten etwas beiseite.) Sechsundzwanzigste Szene Wathfield , Howart , Malvina ; die Vorigen Wathfield Sie sind noch ziemlich gut weggenommen, mein lieber Howart! Howart Weil nur Malvina mir verziehen hat! Malvina Ich hoffe, Sie werden mich nie wieder aufs Spiel setzen, und nun reißen Sie den armen Menschen aus seiner verzweifelten Lage, jetzt erst müßte ihm seine Armut schrecklich sein. Howart Sogleich! (Will durch das Haus im Hintergrunde ab.) Geyer (ihm entgegentretend) Halt! Wächter, herbei! (Zwei Wächter, denen Geyer schon früher in die Szene zugewinkt, treten an und nehmen Howart in die Mitte.) Howart Was will man von mir? Wathfield und Malvina (erschrocken) Was ist das? Geyer Er ist verdächtig, lieber Mann! (Zu einem dritten Wächter, welcher eben kommt, auf Wathfield zeigend.) Der wird auch festgehalten! (Der Wächter stellt sich mit der Hellebarde zu ihm.) Die Dirne mag entlaufen! Haben wir euch, ihr saubern Vögel? Wir kennen euch schon, das hohe Amt munkelt von Falschmünzern, Räubern, Geisterbannern und diversen Filou-Gattungen. Wathfield Wenn ich aber – Howart Ha, da ist er! (Zeigt nach Fadens Haus, alle sehen bin und erschrecken.) Siebenundzwanzigste Szene Faden (tritt unter leiser Musikbegleitung, welche durch einen Teil der folgenden Szene fortwährt, in seinem ersten Negligé aus dem Bodenfenster des Hauses und wandelt somnambül das Gesimse entlang); die Vorigen Alle Was ist das? Babette (in heftigster Bewegung) Das is mein – Howart Still, still, nur ja nicht beim Namen nennen, bis er auf sicherem Boden ist! Die Mondsüchtigen fallen, wenn man ihren Namen ruft. Babette Jetzt geht mir ein Licht auf – du bist unschuldig, er is unschuldig – das war ein schrecklicher Irrtum! Frau Schnittling Sixtes, sixtes, jetzt wandelt der Nacht! Faden (ist über die verfallene Mauer herabgestiegen, kommt nach dem Vordergrund und spricht im Schlaf) Adieu! Adieu! Es ist doch gut, wenn man ein Seilerer is. (Macht die Pantomime, als ob er sich eben aufhängen wollte.) Die Emilie is eine falsche Katz – meine Wettel is ein Engel – und ich war ein Stockfisch – Babette (ihre Gefühle nicht mehr unterdrücken könnend) Sebastian! Faden Ha! (Erwacht und sinkt der herzueilenden Frau Schnittling in die Arme; in diesem Augenblick schweigt die Musik.) Frau Schnittling Erholen Sie sich, Herr Schwiegersohn, erholen Sie sich! Faden Was is denn vorgegangen mit mir? (Babette erblickend.) Du bist da? O, verzeihe mir! Wettel, sei kein obstinates Mädel! Babette O, mein Sebastian! (Die leise Musik fällt wieder ein.) Wathfield Dort schaut hin! Dort schaut hin! Alle Da kommt noch einer! Achtundzwanzigste Szene Strick (kommt aus dem andern Bodenfenster, ebenfalls somnambül); die Vorigen Hannerl (im höchsten Staunen) Das ist ja mein – Howart Still, um Himmels willen! Strick (ersteigt den Giebel des Daches, macht von da einen Schritt auf den Rauchfang, nimmt aus demselben einen Schinken heraus, druckt ihn ans Herz und blickt dabei sehnsüchtig in den Mond) Hannerl (sich in der Angst vergessend) Fall nit, Fabian, fall nit! Strick Ha! (Erwacht und fällt in den Rauchfang hinunter.) Alle Ach! Zu Hilfe! Zu Hilfe! Hannerl (desperat ins Haus laufend) Jetzt ist er weg, mein Fabian! (Frau Schnittling und Babette laufen ins Haus, Pumpf kommt mit vielen Nachbarsleuten.) Die Nachbarn Was gibt's denn da? (Einige davon gehen ins Haus ab.) Pumpf Was ist denn das für ein G'schrei? (Ebenfalls in des Seilerers Haus ab.) Wathfield So ein Schornstein geht schräge, es kann ihm unmöglich viel geschehen sein. Faden (Howart und Wathfield erblickend) O je, da sein meine Geister! Howart Du irrst; die Täuschung mag entschwinden. Du bist als Nachtwandler zufällig mein Retter geworden, dafür gebe ich dir nun das Häuschen wieder, was du heute übermütig schon verschmäht. Wathfield Und ich füge ein kleines Kapital zum besseren Betriebe seines Geschäftes hinzu. Faden Ist's möglich –?! Die Nachbarsleute (erstaunt auf Howart sehend) Was is denn der Herr? Howart Euer neuer Gutsherr bin ich, Lord Howart. Alle Ah! Geyer Mich trifft der Schlag! (Howart zu Füßen sinkend.) Euer Gnaden, ich erstarre! Howart Das dürft Ihr nicht, mein Amtmann muß rührig sein. Steht auf! (Reicht ihm die Hand, welche Geyer mit devoter Zerknirschung küßt. Frau Schnittling, Pumpf, Babette, Hannerl und die Nachbarsleute bringen Strick, der vom Rauchfang ganz schwarz geworden ist, aus dem Hause.) Pumpf Da is er also ganzer. Strick (auf den Faden zueilend) Meister, jetzt hör' ich grad, daß wir Nachtwandler sein. Das war der ganze Verdacht! Hannerl, ich hab' dir Unrecht getan, zum Lohn will ich jetzt deine ganze Erbschaft mit dir teilen. Geyer Nun gibt es ja Hochzeiten die schwere Menge. Howart (Malvinas Hand ergreifend) Ich selbst will euch mit gutem Beispiel vorangehen. Alle Vivat! (Allgemeine Gruppe.) Faden (zu Hannerl und Babette) Weiber, ihr dürft's achtgeben auf uns! Strick Es ist ein kurioser Zustand – übrigens, die Nachtwandlerei is auch ohne Mondsucht viel häufiger auf der Welt, als man glaubt. Schlußgesang Strick Der Verstand is das Licht unsers Lebens, darum: Wer keinen hat, wandelt im Finstern stets um. Auch 's Geld ist a wichtige Sach' heutzutag', Und der Mensch, bei dem 's allweil schwarz ist im Sack, Für den is das Leben dann, sei's, wie es sei, Auch nichts als a beständige Nachtwandlerei. Chor (wiederholt das Ende der Strophe) Strick Auch wir wandeln allweil auf d' Nacht da herum Und reden dabei einmal g'scheit, einmal dumm, Und soll dieser Zustand kein trauriger sein, Brauchen wir statt 'n Mond einen anderen Schein, Der Stern Ihrer Huld muß uns leuchten dabei, Sonst tut's es nicht mit unsrer Nachtwandlerei. Chor (wiederholt) Der Vorhang fällt.