Friedrich Nietzsche Menschliches, Allzumenschliches II Nietzsches Werke Taschen-Ausgabe Band IV Aus dem Nachlaß 1874-1878 1922 Alfred Kröner Verlag in Leipzig Einleitung. Die beiden vorliegenden Schriften sammt dem letzten Abschnitt aus dem Nachlaß sind in den Zwischenzeiten von meines Bruders trübstem Gesundheitszustand geschrieben. Schon im Frühjahr 1878, nach der Vollendung des I. Bandes von Menschliches, Allzumenschliches hatte er den Entschluß gefaßt, seine Professur an der Universität Basel aufzugeben; aber beide Freunde, Erwin Rohde sowohl als Karl von Gersdorff, legten so eifrig direkt und indirekt durch Andere gegen diesen Entschluß Protest ein, daß er sich noch einmal überreden ließ, in seinem Amte zu verbleiben. Auch begann er das Sommersemester 1878, nachdem er sich vier Wochen in Baden-Baden erholt hatte, mit einem recht guten Gesundheitszustand, sodaß er noch einmal frischen Muth faßte, mit Hilfe einer veränderten Lebensweise seine beiden Pflichten, sein Amt und seine eigenste, höhere Aufgabe mit einander durchzuführen. Es hatte sich erwiesen, daß das Klima von Basel besonders ungeeignet für ihn war; so wollte er sich dort nur ein Absteigequartier nehmen, die Woche über seine Collegien halten und alle Sonnabende in die so leicht zu erreichende Höhenluft der Schweizer Berge entfliehen. Bis Ende November 1878 hat ihm auch diese Lebensweise recht wohlgethan. Während dieser Zeit ist die erste Schrift dieses Bandes »Vermischte Meinungen und Sprüche« zum größten Theil entstanden, welcher er noch eine Nachlese von Aphorismen hinzufügte, die er den Niederschriften aus Sorrent und Rosenlauibad entnahm. Das Manuskript wurde von der trefflichen Freundin Frau Marie Baumgartner in Lörrach für den Druck abgeschrieben und von meinem Bruder geordnet und nachgeprüft. War es nun wiederum die Übermüdung seiner Augen oder hatte er sich sonst überarbeitet – kurzum, gegen Weihnachten wurde er wieder so von Schmerzen der Augen und des Kopfes gequält, daß er von nun an den festen Entschluß faßte, sich von Basel loszulösen. Eine Osterreise mit Aufenthalt in Genf brachte keine Erleichterung; und im Frühjahr 1879, bei Anfang des Sommersemesters, befiel ihn ein solcher Zustand der Schwäche, daß sein Arzt die höchste Besorgniß hatte und Jedermann glaubte, daß es mit seinem Leben bald zu Ende gehen müßte. Ich war damals in Naumburg bei meiner Mutter und wurde schnell zu ihm gerufen. Wir verließen Basel sogleich, um in der Nähe von Bern, Schloß Bremgarten, einen Höhenluftkurort, aufzusuchen. So elend wie damals habe ich meinen theuern Bruder nie gesehen; er entschloß sich auch, sein Abschiedsgesuch bei der Erziehungsbehörde einzureichen: »Der Zustand meiner Gesundheit, dessentwegen ich mich schon mehrere Male mit einem Gesuch an Sie wenden mußte, läßt mich heute den letzten Schritt thun und die Bitte aussprechen, aus meiner bisherigen Stellung als Lehrer an der Universität ausscheiden zu dürfen. Die inzwischen immer noch gewachsene äußerste Schmerzhaftigkeit meines Kopfes, die immer größer gewordene Einbuße an Zeit, welche ich durch die zwei- bis sechstägigen Anfälle erleide, die von Neuem (durch Herrn Schieß) festgestellte erhebliche Abnahme meines Sehvermögens, welche mir kaum noch zwanzig Minuten erlaubt ohne Schmerzen zu lesen und zu schreiben – dies Alles zusammen drängt mich einzugestehen, daß ich meinen akademischen Pflichten nicht mehr genügen, ja ihnen überhaupt von nun an nicht mehr nachkommen kann, nachdem ich schon in den letzten Jahren mir manche Unregelmäßigkeit in der Erfüllung dieser Pflichten, jedesmal zu meinem großen Leidwesen, nachsehen mußte. Es würde zum Nachtheile unserer Universität und der philologischen Studien an ihr ausschlagen, wenn ich noch länger eine Stellung bekleiden müßte, der ich jetzt nicht mehr gewachsen bin; auch habe ich keine Aussicht mehr in kürzerer Zeit auf eine Besserung in dem chronisch gewordenen Zustande meines Kopfleidens rechnen zu dürfen, da ich nun seit Jahren Versuche über Versuche zu seiner Beseitigung gemacht und mein Leben auf das Strengste danach geregelt habe, unter Entsagungen jeder Art – umsonst, wie ich mir heute eingestehen muß, wo ich den Glauben nicht mehr habe, meinem Leiden noch lange widerstehen zu können. So bleibt mir nur übrig, unter Hinweis auf § 20 des Universitäts-Gesetzes mit tiefem Bedauern den Wunsch meiner Entlassung auszusprechen, zugleich mit dem Dank für die vielen Beweise wohlwollender Nachsicht, welche die hohe Behörde mir vom Tage meiner Berufung an bis heute gegeben hat.« Die Regierung antwortete sehr herzlich bedauernd, doch ist das Schreiben verloren gegangen, sodaß ich nur einem aus Basel mir zugesandten Entwurf das Folgende entnehmen kann: »Indem wir Ihnen die Urkunde zustellen, womit der Regierungsrath Ihrem Entlassungsgesuche Folge giebt, sprechen wir unsererseits unsern wärmsten Dank aus für die treue Hingebung, womit Sie an unserer Universität und am Pädagogium gewirkt haben, so lange und so weit Ihnen dies nur immer möglich war. Wir geben auch der Hoffnung Raum, daß das Leiden, das zu unserm großen Bedauern Ihrer äußeren Thätigkeit für einstweilen ein Ziel gesetzt hat, in nicht allzulanger Zeit der stillen Wirkung der Zeit und der Ruhe weichen werde. Möge Ihre Geduld nicht auf eine allzu harte Probe gestellt werden!« Übrigens erholte sich mein Bruder merkwürdig schnell von diesem Zustand äußerster Hinfälligkeit; nach vier Wochen hatte er sich bereits so weit gekräftigt, daß er sich allein nach dem Engadin begeben konnte, während ich nach Basel gieng, um den ganzen Haushalt aufzulösen. Dabei muß ich mich noch jetzt verwundern, welches außerordentliche Vertrauen mir mein Bruder in Hinsicht auf seine Manuskripte damals bewiesen hat. Während des einen Tages, den wir noch zusammen in Basel verbrachten, ehe wir nach dem Luftkurort reisten, gab er mir noch Anweisungen, wie ich mit seiner Bibliothek und seinen Büchern verfahren sollte. Einen Theil seiner Bücher hatte er bereits verschenkt und verkauft, aber die Hauptmasse seiner Bibliothek war noch vorhanden und sollte in Kisten eingepackt bei Freunden eingestellt werden, mit Ausnahme von zwei gefüllten Koffern, die er auf die Reise mitnehmen wollte. Ganz schrecklich war mir, was er über seine Manuskripte bestimmte! Er hatte die Gewohnheit die Vorarbeiten zu seinen Schriften in feste Hefte zu schreiben; von diesen hatte er nun zwei Haufen gemacht, der eine sollte eingepackt, der andere verbrannt werden. »Was soll ich noch mit diesen Heften, ich bin nächstens entweder blind oder todt«, meinte er (während der schlimmen Leidenszeit war die Sehkraft sehr herabgesunken). Diese Bücher mit seiner lieben Handschrift verbrennen zu sollen, war mir ein unfaßbarer Gedanke. »Fritz«, sagte ich zögernd, »wie kann man diese festen Hefte verbrennen?« »Mit den Deckeln geht es natürlich nicht,« sagte er, nahm ein Federmesser und schnitt innen die Bänder durch, die das Heft mit dem Deckel verbanden. Zum Glück hatte er eines der Hefte ergriffen, in welchem Etwas stand von dem er zuvor gesagt hatte, daß es aufbewahrt werden sollte. »Siehst Du, Fritz, da wäre nun gleich etwas Falsches verbrannt worden,« meinte ich, »laß mich das Ganze erst noch einmal aussuchen«. Schließlich überließ er Alles, wie er sagte: »meiner Liebe und Klugheit«. Natürlich habe ich keine Zeile verbrannt, sondern alles von ihm zur Vernichtung Bestimmte sorgfältig eingepackt und nach Naumburg geschickt. Um den Vernichtungseifer meines Bruders zu verstehen, muß man sich vorstellen, wie grenzenlos unangenehm es ihm war, wenn Andere außer mir Einsicht in seine Manuskripte nahmen; selbst Prof. Overbeck, der sich damals zur Durchsicht seiner Papiere anbot, und welchem er sonst großes Vertrauen zeigte, wies er ziemlich schroff zurück. Es wäre ihm lieber gewesen Alles zu verbrennen, als diese Niederschriften in Anderer Hände zu wissen. Von Schloß Bremgarten gieng er zunächst nach Wiesen und Ende Juni nach St. Moritz im Engadin. Zum ersten Mal leuchteten der Glanz des Engadiner Himmels, die edeln heroischen Linien seiner Landschaft, die ganze Farbenpracht seiner Seen und seiner blüthenübersäten Wiesen und Abhänge in seine Leidenszeit hinein. Wie tief er davon entzückt war, wie er sich dieser Umgebung innigst verwandt fühlte, sagen zwei Aphorismen N. 295 u. 338 aus der zweiten Schrift dieses Bandes, dem »Wanderer und sein Schatten«, die er damals verfaßte und welche die ganze Höhenluft seiner Stimmungen aufgenommen hat. Er schrieb damals: »Vorgestern gegen Abend war ich ganz in Claude Lorrainsche Entzückungen untergetaucht und brach endlich in langes heftiges Weinen aus. Daß ich dies noch erleben durfte! Ich hatte nicht gewußt, daß die Erde dies zeige und meinte, die guten Maler hätten es erfunden. Das Heroisch-Idyllische ist jetzt die Entdeckung meiner Seele: und alles Bukolische der Alten ist mit einem Schlage jetzt vor mir entschleiert und offenbar geworden – bis jetzt begriff ich Nichts davon.« Mein Bruder pflegte später zu sagen: »Das Engadin hat mich dem Leben wiedergegeben«. Jedenfalls fand ich ihn im September, als ich in Chur mit ihm zusammentraf, zu meiner freudigsten Verwunderung außerordentlich erholt. Er war frisch und elastisch, hatte seine gesunde Gesichtsfarbe und stramme stattliche Haltung wiedergewonnen, sodaß ich meinem Erstaunen und Glück gar nicht genug Worte verleihen konnte. Wir wurden von der Zuversicht erfüllt, daß er wieder ganz gesund werden könnte; es waren schöne Tage, die wir in diesem Glauben verlebten! Zunächst kam freilich im Winter 1879/80, den er von Ende Oktober bis Anfang Februar in Naumburg verlebte, der schlimmste Rückfall seines Leidens, und als »der Wanderer und sein Schatten« am Schluß des Jahres 1879 veröffentlicht wurde, glaubte mein Bruder in der That, daß er nun bald vom Leben scheiden müßte; er nahm fast von allen Freunden in seinen Briefen Abschied. Im Februar 1880 aber raffte er sich mit ungeheurer Energie empor, verließ den düsteren niederdrückenden Norden und eilte dem Süden, der Genesung und den höchsten Werken seiner Schaffenskraft entgegen. Er begann einen hartnäckigen Kampf mit der Krankheit, die ihn zu vernichten drohte – und mit herrlichem Erfolg! Dadurch, daß er seine Kräfte nicht mehr zu zersplittern brauchte und seine Augen nicht mehr bei den Vorbereitungen zu den Collegien abzumühen hatte, war es ihm möglich seine alte Gesundheit wiederzugewinnen und trotzdem die ungeheuern Vorarbeiten zu seinen Hauptwerken zu bewältigen. Oh wie dankbar müssen wir sein für die folgenden neun Jahre intensiven Schaffens, denn während dieser Zeit war es ihm möglich sein höchstes Ideal aufzustellen und uns zu zeigen, was er wirklich war, nämlich einer der ganz großen Philosophen und Gesetzgeber, die in ihrer Wirkung unermeßlich sind, da sie der Menschheit ein neues Ziel geben. – Im Jahr 1886 fügte mein Bruder der neuen Ausgabe von den »Vermischten Meinungen und Sprüchen« und dem »Wanderer und sein Schatten«, die vorzügliche Vorrede hinzu, die uns von seiner inneren Entwicklung in jenen Jahren und darüber hinaus ein so deutliches Bild giebt. Auch hier steht gewissermaßen im Mittelpunkt sein Erlebniß mit Richard Wagner, und man könnte mit Leo Berg die Behauptung aufstellen, daß mein Bruder niemals über dieses Erlebniß hinweggekommen ist. Vielleicht könnte ich gerade hier in diesem Bande, wo auch die hinzugefügten Aufzeichnungen des Nachlasses allein dieses Verhältniß behandeln, eine Andeutung geben, warum es in dem Leben meines Bruders von solcher Bedeutung gewesen ist. Von frühester Jugend an war in meinem Bruder jene höchste Sehnsucht vorhanden nach einem vollkommenen Wesen, das er verehren konnte, und wenn er in »Also sprach Zarathustra« über die höchsten Exemplare der Menschheit klagt: »Wahrlich, auch den Größten fand ich – allzumenschlich«, so drückt er darin die tiefe Enttäuschung aus, die er den Verehrtesten gegenüber empfunden haben mag, besonders aber in Hinsicht auf Richard Wagner. Das soll aber kein Vorwurf gegen Richard Wagner sein, denn der Fehler lag auf der Seite meines Bruders, der ihn in einem zu verklärten Lichte sah. Man höre z. B. die ergreifenden Worte, die er im August 1869 an Freiherrn von Gersdorff über Wagner schreibt. »In ihm herrscht eine so unbedingte Idealität, eine solche tiefe und rührende Menschlichkeit, ein solcher erhabner Lebensernst, daß ich mich in seiner Nähe wie in der Nähe des Göttlichen fühle.« Einem solchen Bilde konnte die Wirklichkeit auf die Dauer nicht entsprechen. Aber gerade diese Enttäuschungen haben ihn veranlaßt, auf das Tiefste über das Problem der höheren Typen der Menschheit nachzudenken. Daran hat er sein ganzes Leben gearbeitet und selbst in den Jahren der Entstehung von »Menschliches, Allzumenschliches«, die man wohl eine Zeit der Skepsis nennen könnte, hat er, wie auf Seite 57 des vorliegenden Bandes steht, versucht an seinem Ideal, dem »schönen Menschenbilde« fortzudichten, um jene Fälle zu suchen und zu finden, »wo mitten in unserer modernen Welt und Wirklichkeit, wo ohne jede künstliche Abwehr und Entziehung von derselben, die schöne große Seele noch möglich ist, dort wo sie sich auch jetzt noch in harmonische, ebenmäßige Zustände einzuverleiben vermag, durch sie Sichtbarkeit, Dauer und Vorbildlichkeit bekommt und also, durch Erregung von Nachahmung und Neid, die Zukunft schaffen hilft«. Weimar , April 1906. Elisabeth Förster-Nietzsche. Vorrede.   1. Man soll nur reden, wo man nicht schweigen darf; und nur von Dem reden, was man überwunden hat, – alles Andere ist Geschwätz, »Litteratur«, Mangel an Zucht. Meine Schriften reden nur von meinen Überwindungen: »ich« bin darin, mit Allem, was mir feind war, ego ipsissimus ja sogar, wenn ein stolzerer Ausdruck erlaubt wird, ego ipsissi mum Man erräth: ich habe schon Viel – unter mir ... Aber es bedurfte immer erst der Zeit, der Genesung, der Ferne, der Distanz, bis die Lust bei mir sich regte, etwas Erlebtes und Überlebtes, irgend ein eigenes Faktum oder Fatum nachträglich für die Erkenntniß abzuhäuten, auszubeuten, bloßzulegen, »darzustellen« (oder wie man's heißen will). Insofern sind alle meine Schriften, mit einer einzigen, allerdings wesentlichen Ausnahme, zurück zu datiren – sie reden immer von einem »Hinter-mir« –: einige sogar, wie die drei ersten Unzeitgemäßen Betrachtungen, noch zurück hinter die Entstehungs- und Erlebnißzeit eines vorher herausgegebenen Buches (der »Geburt der Tragödie« im gegebenen Falle: wie es einem feineren Beobachter und Vergleicher nicht verborgen bleiben darf). Jener zornige Ausbruch gegen die Deutschtümelei, Behäbigkeit und Sprach-Verlumpung des alt gewordenen David Strauß, der Inhalt der ersten Unzeitgemäßen, machte Stimmungen Luft, mit denen ich lange vorher, als Student, inmitten deutscher Bildung und Bildungsphilisterei gesessen hatte (ich mache Anspruch auf die Vaterschaft des jetzt viel gebrauchten und mißbrauchten Wortes »Bildungsphilisterei« –); und was ich gegen die »historische Krankheit« gesagt habe, das sagte ich als Einer, der von ihr langsam, mühsam genesen lernte und ganz und gar nicht Willens war, fürderhin auf »Historie« zu verzichten, weil er einstmals an ihr gelitten hatte. Als ich sodann, in der dritten Unzeitgemäßen Betrachtung, meine Ehrfurcht vor meinem ersten und einzigen Erzieher, vor dem großen Arthur Schopenhauer zum Ausdruck brachte – ich würde sie jetzt noch viel stärker, auch persönlicher ausdrücken –, war ich für meine eigne Person schon mitten in der moralistischen Skepsis und Auflösung drin, das heißt ebenso sehr in der Kritik als der Vertiefung alles bisherigen Pessimismus –, und glaubte bereits »an gar Nichts mehr«, wie das Volk sagt, auch an Schopenhauer nicht: eben in jener Zeit entstand ein geheim gehaltenes Schriftstück »über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne«. Selbst meine Siegs- und Festrede zu Ehren Richard Wagner's, bei Gelegenheit seiner Bayreuther Siegesfeier 1876 – Bayreuth bedeutet den größten Sieg, den je ein Künstler errungen hat –, ein Werk, welches den stärksten Anschein der »Aktualität« an sich trägt, war im Hintergrunde eine Huldigung und Dankbarkeit gegen ein Stück Vergangenheit von mir, gegen die schönste, auch gefährlichste Meeresstille meiner Fahrt ... und thatsächlich eine Loslösung, ein Abschiednehmen. (Täuschte Richard Wagner sich vielleicht selbst darüber? Ich glaube es nicht. So lange man noch liebt, malt man gewiß keine solchen Bilder; man »betrachtet« noch nicht, man stellt sich nicht dergestalt in die Ferne, wie es der Betrachtende thun muß. »Zum Betrachten gehört schon eine geheimnißvolle Gegnerschaft , die des Entgegenschauens« – heißt es auf Seite 46 der genannten Schrift selbst [II, 447], mit einer verrätherischen und schwermüthigen Wendung, welche vielleicht nur für wenige Ohren war.) Die Gelassenheit, um über lange Zwischenjahre innerlichsten Alleinseins und Entbehrens reden zu können , kam mir erst mit dem Buche »Menschliches Allzumenschliches«, dem auch dies zweite Für- und Vorwort gewidmet sein soll. Auf ihm, als einem Buche »für freie Geister«, liegt Etwas von der beinahe heiteren und neugierigen Kälte des Psychologen, welche eine Menge schmerzlicher Dinge, die er unter sich hat, hinter sich hat, nachträglich für sich noch feststellt und gleichsam mit irgend einer Nadelspitze fest sticht : – was Wunders, wenn, bei einer so spitzen und kitzlichen Arbeit, gelegentlich auch etwas Blut fließt, wenn der Psychologe Blut dabei an den Fingern und nicht immer nur – an den Fingern hat? ...   2. Die Vermischten Meinungen und Sprüche sind, ebenso wie der Wanderer und sein Schatten, zuerst einzeln als Fortsetzungen und Anhänge jenes eben genannten menschlich = allzumenschlichen »Buchs für freie Geister« herausgegeben worden: zugleich als Fortsetzung und Verdoppelung einer geistigen Kur, nämlich der antiromantischen Selbstbehandlung, wie sie mir mein gesund gebliebener Instinkt wider eine zeitweilige Erkrankung an der gefährlichsten Form der Romantik selbst erfunden, selbst verordnet hatte. Möge man sich nunmehr, nach sechs Jahren der Genesung, die gleichen Schriften vereinigt gefallen lassen, als zweiten Band von Menschliches, Allzumenschliches: vielleicht lehren sie, zusammen betrachtet, ihre Lehre stärker und deutlicher, – eine Gesundheitslehre , welche den geistigeren Naturen des eben heraufkommenden Geschlechts zur disciplina voluntatis empfohlen sein mag. Aus ihnen redet ein Pessimist, der oft genug aus der Haut gefahren, aber immer wieder in sie hineingefahren ist, ein Pessimist also mit dem guten Willen zum Pessimismus, – somit jedenfalls kein Romantiker mehr: wie? sollte ein Geist, der sich auf diese Schlangenklugheit versteht, die Haut zu wechseln , nicht den heutigen Pessimisten eine Lektion geben dürfen, welche allesammt noch in der Gefahr der Romantik sind? Und ihnen zum Mindesten zeigen, wie man das – macht ? ...   3. – Es war in der That damals die höchste Zeit, Abschied zu nehmen : alsbald schon bekam ich den Beweis dafür. Richard Wagner, scheinbar der Siegreichste, in Wahrheit ein morsch gewordener, verzweifelnder Romantiker, sank plötzlich, hülflos und zerbrochen, vor dem christlichen Kreuze nieder ... Hat denn kein Deutscher für dieses schauerliche Schauspiel damals Augen im Kopfe, Mitgefühl in seinem Gewissen gehabt? War ich der Einzige, der an ihm – litt? Genug, mir selbst gab dies unerwartete Ereigniß wie ein Blitz Klarheit über den Ort, den ich verlassen hatte, – und auch jenen nachträglichen Schrecken, wie ihn Jeder empfindet, der unbewußt durch eine ungeheure Gefahr gelaufen ist. Als ich allein weiter gieng, zitterte ich; nicht lange darauf, und ich war krank, mehr als krank, nämlich müde, aus der unaufhaltsamen Enttäuschung über Alles, was uns modernen Menschen zur Begeisterung übrig blieb, über die allerorts vergeudete Kraft, Arbeit, Hoffnung, Jugend, Liebe; müde aus Ekel vor dem Femininischen und Schwärmerisch-Zuchtlosen dieser Romantik, vor der ganzen idealistischen Lügnerei und Gewissens-Verweichlichung, die hier wieder einmal den Sieg über einen der Tapfersten davongetragen hatte; müde endlich, und nicht am wenigsten, aus dem Gram eines unerbittlichen Argwohns, – daß ich, nach dieser Enttäuschung, verurtheilt sei, tiefer zu mißtrauen, tiefer zu verachten, tiefer allein zu sein als je vorher. Meine Aufgabe – wohin war sie? Wie? schien es jetzt nicht, als ob sich meine Aufgabe von mir zurückziehe, als ob ich nun für lange kein Recht mehr auf sie habe? Was thun, um diese größte Entbehrung auszuhalten? – Ich begann damit, daß ich mir gründlich und grundsätzlich alle romantische Musik verbot , diese zweideutige, großthuerische, schwüle Kunst, welche den Geist um seine Strenge und Lustigkeit bringt und jede Art unklarer Sehnsucht, schwammichter Begehrlichkeit wuchern macht. » Cave musicam « ist auch heute noch mein Rath an Alle, die Manns genug sind, um in Dingen des Geistes auf Reinlichkeit zu halten; solche Musik entnervt, erweicht, verweiblicht, ihr »Ewig-Weibliches« zieht uns – hinab! ... Gegen die romantische Musik wendete sich damals mein erster Argwohn, meine nächste Vorsicht; und wenn ich überhaupt noch Etwas von der Musik hoffte, so war es in der Erwartung, es möchte ein Musiker kommen, kühn, fein, boshaft, südlich, übergesund genug, um an jener Musik auf eine unsterbliche Weise Rache zu nehmen . –   4. Einsam nunmehr und schlimm mißtrauisch gegen mich, nahm ich, nicht ohne Ingrimm, dergestalt Partei gegen mich und für Alles, was gerade mir wehe that und hart fiel: – so fand ich den Weg zu jenem tapferen Pessimismus wieder, der der Gegensatz aller romantischen Verlogenheit ist, und auch, wie mir heute scheinen will, den Weg zu »mir« selbst, zu meiner Aufgabe. Jenes verborgene und herrische Etwas, für das wir lange keinen Namen haben, bis es sich endlich als unsre Aufgabe erweist, – dieser Tyrann in uns nimmt eine schreckliche Wiedervergeltung für jeden Versuch, den wir machen, ihm auszuweichen oder zu entschlüpfen, für jede vorzeitige Bescheidung, für jede Gleichsetzung mit Solchen, zu denen wir nicht gehören, für jede noch so achtbare Thätigkeit, falls sie uns von unsrer Hauptsache ablenkt, ja für jede Tugend selbst, welche uns gegen die Härte der eigensten Verantwortlichkeit schützen möchte. Krankheit ist jedesmal die Antwort, wenn wir an unsrem Rechte auf unsre Aufgabe zweifeln wollen, – wenn wir anfangen, es uns irgendworin leichter zu machen. Sonderbar und furchtbar zugleich! Unsre Erleichterungen sind es, die wir am härtesten büßen müssen! Und wollen wir hinterdrein zur Gesundheit zurück, so bleibt uns keine Wahl: wir müssen uns schwerer belasten, als wir je vorher belastet waren ...   5. – Damals lernte ich erst jenes einsiedlerische Reden, auf welches sich nur die Schweigendsten und Leidendsten verstehn: ich redete, ohne Zeugen oder vielmehr gleichgültig gegen Zeugen, um nicht am Schweigen zu leiden, ich sprach von lauter Dingen, die mich Nichts angiengen, aber so, als ob sie mich Etwas angiengen. Damals lernte ich die Kunst, mich heiter, objektiv, neugierig, vor Allem gesund und boshaft zu geben , – und bei einem Kranken ist dies, wie mir scheinen will, sein »guter Geschmack«? Einem feineren Auge und Mitgefühl wird es trotzdem nicht entgehn, was vielleicht den Reiz dieser Schriften ausmacht, – daß hier ein Leidender und Entbehrender redet, wie als ob er nicht ein Leidender und Entbehrender sei. Hier soll das Gleichgewicht, die Gelassenheit, sogar die Dankbarkeit gegen das Leben aufrecht erhalten werden, hier waltet ein strenger, stolzer, beständig wacher, beständig reizbarer Wille, der sich die Aufgabe gestellt hat, das Leben wider den Schmerz zu vertheidigen und alle Schlüsse abzuknicken, welche aus Schmerz, Enttäuschung, Überdruß, Vereinsamung und andrem Moorgrunde gleich giftigen Schwämmen aufzuwachsen pflegen. Dies giebt vielleicht gerade unsern Pessimisten Fingerzeige zur eignen Prüfung? – denn damals war es, wo ich mir den Satz abgewann: »ein Leidender hat auf Pessimismus noch kein Recht !«, damals führte ich mit mir einen langwierig-geduldigen Feldzug gegen den unwissenschaftlichen Grundhang jedes romantischen Pessimismus, einzelne persönliche Erfahrungen zu allgemeinen Urtheilen, ja Welt-Verurtheilungen aufzubauschen, auszudeuten ... kurz, damals drehte ich meinen Blick herum . Optimismus, zum Zweck der Wiederherstellung, um irgendwann einmal wieder Pessimist sein zu dürfen – versteht ihr das? Gleich wie ein Arzt seinen Kranken in eine völlig fremde Umgebung stellt, damit er seinem ganzen »Bisher«, seinen Sorgen, Freunden, Briefen, Pflichten, Dummheiten und Gedächtnißmartern entrückt wird und Hände und Sinne nach neuer Nahrung, neuer Sonne, neuer Zukunft ausstrecken lernt, so zwang ich mich, als Arzt und Kranker in Einer Person, zu einem umgekehrten, unerprobten Klima der Seele , und namentlich zu einer abziehenden Wanderung in die Fremde, in das Fremde, zu einer Neugierde nach aller Art von Fremdem ... Ein langes Herumziehn, Suchen, Wechseln folgte hieraus, ein Widerwille gegen alles Festbleiben, gegen jedes plumpe Bejahen und Verneinen; ebenfalls eine Diätetik und Zucht, welche es dem Geiste so leicht als möglich machen wollte, weit zu laufen, hoch zu fliegen, vor Allem immer wieder fort zu fliegen. Thatsächlich ein minimum von Leben, eine Loskettung von allen gröberen Begehrlichkeiten, eine Unabhängigkeit inmitten aller Art äußerer Ungunst, sammt dem Stolze, leben zu können unter dieser Ungunst; etwas Cynismus vielleicht, etwas »Tonne«, aber ebenso gewiß viel Grillen-Glück, Grillen-Munterkeit, viel Stille, Licht, feinere Thorheit, verborgenes Schwärmen – das Alles ergab zuletzt eine große geistige Erstarkung, eine wachsende Luft und Fülle der Gesundheit. Das Leben selbst belohnt uns für unsern zähen Willen zum Leben, für einen solchen langen Krieg, wie ich ihn damals mit mir gegen den Pessimismus der Lebensmüdigkeit führte, schon für jeden aufmerksamen Blick unsrer Dankbarkeit, der sich die kleinsten, zartesten, flüchtigsten Geschenke des Lebens nicht entgehn läßt. Wir bekommen endlich dafür seine großen Geschenke, vielleicht auch sein größtes, das es zu geben vermag, – wir bekommen unsre Aufgabe wieder zurück. – –   6. – Sollte mein Erlebniß – die Geschichte einer Krankheit und Genesung, denn es lief auf eine Genesung hinaus – nur mein persönliches Erlebniß gewesen sein? Und gerade nur mein »Menschlich-Allzumenschliches«? Ich möchte heute das Umgekehrte glauben; das Zutrauen kommt mir wieder und wieder dafür, daß meine Wanderbücher doch nicht nur für mich aufgezeichnet waren, wie es bisweilen den Anschein hatte –. Darf ich nunmehr, nach sechs Jahren wachsender Zuversicht, sie von Neuem zu einem Versuche auf die Reise schicken? Darf ich sie Denen sonderlich an's Herz und Ohr legen, welche mit irgend einer »Vergangenheit« behaftet sind und Geist genug übrig haben, um auch noch am Geiste ihrer Vergangenheit zu leiden? Vor Allem aber Euch , die ihr es am schwersten habt, ihr Seltenen, Gefährdetsten, Geistigsten, Muthigsten, die ihr das Gewissen der modernen Seele sein müßt und als Solche ihr Wissen haben müßt, in denen, was es nur heute von Krankheit, Gift und Gefahr geben kann, zusammen kommt, – deren Loos es will, daß ihr kränker sein müßt als irgend ein Einzelner, weil ihr nicht » nur Einzelne« seid ..., deren Trost es ist, den Weg zu einer neuen Gesundheit zu wissen, ach! und zu gehen, einer Gesundheit von Morgen und Übermorgen, ihr Vorherbestimmten, ihr Siegreichen, ihr Zeit-Überwinder, ihr Gesündesten, ihr Stärksten, ihr guten Europäer ! – –   7. – Daß ich schließlich meinen Gegensatz gegen den romantischen Pessimismus , das heißt zum Pessimismus der Entbehrenden, Mißglückten, Überwundenen, noch in eine Formel bringe: es giebt einen Willen zum Tragischen und zum Pessimismus, der das Zeichen ebenso sehr der Strenge als der Stärke des Intellekts (Geschmacks, Gefühls, Gewissens) ist. Man fürchtet, mit diesem Willen in der Brust, nicht das Furchtbare und Fragwürdige, das allem Dasein eignet; man sucht es selbst auf. Hinter einem solchen Willen steht der Muth, der Stolz, das Verlangen nach einem großen Feinde. – Dies war meine pessimistische Perspektive von Anbeginn, – eine neue Perspektive, wie mich dünkt? eine solche, die auch heute noch neu und fremd ist? Bis zu diesem Augenblicke halte ich an ihr fest, und, wenn man mir glauben will, ebensowohl für mich als, gelegentlich wenigstens, gegen mich ... Wollt ihr dies erst bewiesen? Aber was sonst wäre mit dieser langen Vorrede – bewiesen? Sils-Maria , Oberengadin, im September 1886. Erste Abtheilung: Vermischte Meinungen und Sprüche.   1. An die Enttäuschten der Philosophie . – Wenn ihr bisher an den höchsten Werth des Lebens geglaubt habt und euch nun enttäuscht seht, müßt ihr es denn jetzt gleich zum niedrigsten Preise losschlagen?   2. Verwöhnt . – Man kann sich auch in Bezug auf die Helligkeit der Begriffe verwöhnen: wie ekelhaft wird da der Verkehr mit den Halbklaren, Dunstigen, Strebenden, Ahnenden! Wie lächerlich und doch nicht erheiternd wirkt ihr ewiges Flattern und Haschen und doch nicht Fliegen- und Fangen-können!   3. Die Freier der Wirklichkeit . – Wer endlich merkt, wie sehr und wie lange er genarrt worden ist, umarmt aus Trotz selbst die häßlichste Wirklichkeit: so daß dieser, den Verlauf der Welt im Ganzen gesehen, zu allen Zeiten die allerbesten Freier zugefallen sind, – denn die Besten sind immer am besten und längsten getäuscht worden.   4. Fortschritt der Freigeisterei . – Man kann den Unterschied der früheren und der gegenwärtigen Freigeisterei nicht besser verdeutlichen, als wenn man jenes Satzes gedenkt, den zu erkennen und auszusprechen die ganze Unerschrockenheit des vorigen Jahrhunderts nöthig war und der dennoch, von der jetzigen Einsicht aus bemessen, zu einer unfreiwilligen Naivetät herabsinkt, – ich meine den Satz Voltaire's: » croyez-moi, mon ami, l'erreur aussi a son mérite. «   5. Eine Erbsünde der Philosophen . – Die Philosophen haben zu allen Zeiten die Sätze der Menschenprüfer (Moralisten) sich angeeignet und verdorben , dadurch, daß sie dieselben unbedingt nahmen und Das als nothwendig beweisen wollten, was von Jenen nur als ungefährer Fingerzeig oder gar als land- oder stadtsässige Wahrheit eines Jahrzehends gemeint war, – während sie gerade dadurch sich über Jene zu erheben meinten. So wird man als Grundlage der berühmten Lehren Schopenhauer's vom Primat des Willens vor dem Intellekt, von der Unveränderlichkeit des Charakters, von der Negativität der Lust – welche Alle, so wie er sie versteht, Irrthümer sind – populäre Weisheiten finden, welche Moralisten aufgestellt haben. Schon das Wort »Wille«, welches Schopenhauer zur gemeinsamen Bezeichnung vieler menschlichen Zustände umbildete und in eine Lücke der Sprache hineinstellte, zum großen Vortheil für ihn selber, soweit er Moralist war – da es ihm nun freistand, vom »Willen« zu reden, wie Pascal von ihm geredet hatte –, schon der »Wille« Schopenhauer's ist unter den Händen seines Urhebers, durch die Philosophen-Wuth der Verallgemeinerung, zum Unheil für die Wissenschaft ausgeschlagen: denn dieser Wille ist zu einer poetischen Metapher gemacht, wenn behauptet wird, alle Dinge in der Natur hätten Willen; endlich ist er, zum Zwecke einer Verwendung bei allerhand mystischem Unfuge, zu einer falschen Verdinglichung gemißbraucht worden – und alle Modephilosophen sagen es nach und scheinen es ganz genau zu wissen, daß alle Dinge Einen Willen hätten, ja dieser Eine Wille wären (was, nach der Abschilderung, die man nun diesem All-Eins-Willen macht, so viel bedeutet, als ob man durchaus den dummen Teufel zum Gotte haben wolle).   6. Wider die Phantasten . – Der Phantast verleugnet die Wahrheit vor sich, der Lügner nur vor Andern.   7. Licht-Feindschaft . – Macht man Jemandem klar, daß er, streng verstanden, nie von Wahrheit, sondern immer nur von Wahrscheinlichkeit und deren Graden reden könne, so entdeckt man gewöhnlich an der unverhohlenen Freude des also Belehrten, wie viel lieber den Menschen die Unsicherheit des geistigen Horizontes ist und wie sie die Wahrheit im Grunde ihrer Seele wegen ihrer Bestimmtheit hassen . – Liegt es daran, daß sie Alle insgeheim selber Furcht davor haben, daß man einmal das Licht der Wahrheit zu hell auf sie fallen lasse? Sie wollen Etwas bedeuten, folglich darf man nicht genau wissen, was sie sind ? Oder ist es nur die Scheu vor dem allzuhellen Licht, an welches ihre dämmernden, leichtzublendenden Fledermaus-Seelen nicht gewöhnt sind, so daß sie es hassen müssen?   8. Christen-Skepsis . – Pilatus, mit seiner Frage: was ist Wahrheit!, wird jetzt gern als Advokat Christi eingeführt, um alles Erkannte und Erkennbare als Schein zu verdächtigen und auf dem schauerlichen Hintergrunde des Nichts-wissen-könnens das Kreuz aufzurichten.   9. »Naturgesetz« ein Wort des Aberglaubens . – Wenn ihr so entzückt von der Gesetzmäßigkeit in der Natur redet, so müßt ihr doch entweder annehmen, daß aus freiem, sich selbst unterwerfendem Gehorsam alle natürlichen Dinge ihrem Gesetze folgen – in welchem Falle ihr also die Moralität der Natur bewundert –; oder euch entzückt die Vorstellung eines schaffenden Mechanikers, der die kunstvollste Uhr, mit lebenden Wesen als Zierrat daran, gemacht hat. – Die Notwendigkeit in der Natur wird durch den Ausdruck »Gesetzmäßigkeit« menschlicher und ein letzter Zufluchtswinkel der mythologischen Träumerei.   10. Der Historie verfallen . – Die Schleier-Philosophen und Welt-Verdunkler, also alle Metaphysiker feineren und gröberen Korns ergreift Augen-, Ohren- und Zahnschmerz, wenn sie zu argwöhnen beginnen, daß es mit dem Satze: die ganze Philosophie sei von jetzt ab der Historie verfallen, seine Richtigkeit habe. Es ist ihnen, ihrer Schmerzen wegen, zu verzeihen, daß sie nach Jenem, der so spricht, mit Steinen und Unflath werfen: die Lehre selbst kann aber dadurch eine Zeitlang schmutzig und unansehnlich werden und am Wirkung verlieren.   11. Der Pessimist des Intellekts . – Der wahrhaft Freie im Geiste wird auch über den Geist selber frei denken und sich einiges Furchtbare in Hinsicht auf Quelle und Richtung desselben nicht verhehlen. Deshalb werden ihn die Andern vielleicht als den ärgsten Gegner der Freigeisterei bezeichnen und mit dem Schimpf- und Schreckwort »Pessimist des Intellekts« belegen: gewohnt, wie sie sind, Jemanden nicht nach seiner hervorragenden Stärke und Tugend zu nennen, sondern nach Dem, was ihnen am fremdesten an ihm ist.   12. Schnappsack der Metaphysiker . – Allen Denen, welche so großthuerisch von der Wissenschaftlichkeit ihrer Metaphysik reden, soll man gar nicht antworten; es genügt sie an dem Bündel zu zupfen, welches sie, einigermaßen scheu, hinter ihrem Rücken verborgen halten; gelingt es dasselbe zu lüpfen, so kommen die Resultate jener Wissenschaftlichkeit, zu ihrem Erröthen, an's Licht: ein kleiner lieber Herrgott, eine artige Unsterblichkeit, vielleicht etwas Spiritismus und jedenfalls ein ganzer verschlungener Haufen von Armen-Sünder-Elend und Pharisäer-Hochmuth.   13. Gelegentliche Schädlichkeit der Erkenntniß . – Die Nützlichkeit, welche die unbedingte Erforschung des Wahren mit sich bringt, wird fortwährend so hundertfach neu bewiesen, daß man die feinere und seltnere Schädlichkeit, an der Einzelne ihrethalben zu leiden haben, unbedingt mit in den Kauf nehmen muß. Man kann es nicht verhindern, daß der Chemiker bei seinen Versuchen sich gelegentlich vergiftet und verbrennt. – Was vom Chemiker gilt, gilt von unsrer gesammten Cultur: woraus sich, nebenbei gesagt, deutlich ergiebt, wie sehr dieselbe für Heilsalben bei Verbrennungen und für das stete Vorhandensein von Gegengiften zu sorgen hat.   14. Philister-Nothdurft . – Der Philister meint einen Purpurfetzen oder Turban von Metaphysik am Nöthigsten zu haben und will ihn durchaus nicht schlüpfen lassen: und doch würde man ihn ohne diesen Putz weniger lächerlich finden.   15. Die Schwärmer . – Mit Allem, was Schwärmer zu Gunsten ihres Evangeliums oder ihres Meisters sagen, vertheidigen sie sich selbst, so sehr sie sich auch als Richter (und nicht als Angeklagte) gebärden, weil sie unwillkürlich und fast in jedem Augenblicke daran erinnert werden, daß sie Ausnahmen sind, die sich legitimiren müssen.   16. Das Gute verführt zum Leben . – Alle guten Dinge sind starte Reizmittel zum Leben, selbst jedes gute Buch, das gegen das Leben geschrieben ist.   17. Glück des Historikers . – »Wenn wir die spitzfindigen Metaphysiker und Hinterweltler reden hören, fühlen wir Anderen freilich, daß wir die ›Armen am Geist‹ sind, aber auch daß unser das Himmelreich des Wechsels, mit Frühling und Herbst, Winter und Sommer, und Jener die Hinterwelt ist – mit ihren grauen frostigen unendlichen Nebeln und Schatten.« – So sprach Einer zu sich bei einem Gange in der Morgensonne: Einer, dem bei der Historie nicht nur der Geist, sondern auch das Herz sich immer neu verwandelt und der, im Gegensatze zu den Metaphysikern, glücklich darüber ist, nicht »Eine unsterbliche Seele«, sondern viele sterbliche Seelen in sich zu beherbergen.   18. Drei Arten von Denkern . – Es giebt strömende, fließende, tröpfelnde Mineralquellen; und dem entsprechend drei Arten von Denkern. Der Laie schätzt sie nach der Masse des Wassers, der Kenner nach dem Gehalt des Wassers ab, also nach Dem, was eben nicht Wasser in ihnen ist.   19. Das Bild des Lebens . – Die Aufgabe, das Bild des Lebens zu malen, so oft sie auch von Dichtern und Philosophen gestellt wurde, ist trotzdem unsinnig: auch unter den Händen der größten Maler-Denker sind immer nur Bilder und Bildchen aus einem Leben, nämlich aus ihrem Leben, entstanden – und nichts Anderes ist auch nur möglich. Im Werdenden kann sich ein Werdendes nicht als fest und dauernd, nicht als ein »Das« spiegeln.   20. Wahrheit will keine Götter neben sich . – Der Glaube an die Wahrheit beginnt mit dem Zweifel an allen bis dahin geglaubten Wahrheiten.   21. Worüber Schweigen verlangt wird. – Wenn man von der Freigeisterei wie von einer höchst gefährlichen Gletscher- und Eismeer-Wanderung redet, so sind Die, welche den Weg nicht gehen wollen, beleidigt, als ob man ihnen Zaghaftigkeit und schwache Kniee zum Vorwurf gemacht hätte. Das Schwere, dem wir uns nicht gewachsen fühlen, soll nicht einmal vor uns genannt werden.   22. Historia in nuce . – Die ernsthafteste Parodie, die ich je hörte, ist diese: »im Anfang war der Unsinn, und der Unsinn war , bei Gott!, und Gott (göttlich) war der Unsinn.«   23. Unheilbar . – Ein Idealist ist unverbesserlich: wirft man ihn aus seinem Himmel, so macht er sich aus der Hölle ein Ideal zurecht. Man enttäusche ihn und siehe! – er wird die Enttäuschung nicht minder brünstig umarmen, als er noch jüngst die Hoffnung umarmt hat. Insofern sein Hang zu den großen unheilbaren Hängen der menschlichen Natur gehört, kann er tragische Schicksale herbeiführen und später Gegenstand von Tragödien werden: als welche es eben mit dem Unheilbaren, Unabwendbaren, Unentfliehbaren in Menschenloos und -Charakter zu thun haben.   24. Der Beifall selber als Fortsetzung des Schauspiels . – Strahlende Augen und ein wohlwollendes Lächeln ist die Art des Beifalls, welcher der ganzen großen Welt- und Daseinskomödie gezollt wird, – aber zugleich eine Komödie in der Komödie, welche die andern Zuschauer zum » plaudite amici « verführen soll.   25. Muth zur Langweiligkeit . – Wer den Muth nicht hat, sich und sein Werk langweilig finden zu lassen, ist gewiß kein Geist ersten Ranges, sei es in Künsten oder Wissenschaften. – Ein Spötter, der ausnahmsweise auch ein Denker wäre, könnte, bei einem Blick auf Welt und Geschichte, hinzufügen: »Gott hatte diesen Muth nicht; er hat die Dinge insgesammt zu interessant machen wollen und gemacht.«   26. Aus der innersten Erfahrung des Denkers . – Nichts wird dem Menschen schwerer als eine Sache unpersönlich zu fassen: ich meine, in ihr eben eine Sache und keine Person zu sehen: ja man kann fragen, ob es ihm überhaupt möglich ist, das Uhrwerk seines personenbildenden, personendichtenden Triebes auch nur einen Augenblick auszuhängen. Verkehrt er doch selbst mit Gedanken , und seien es die abstraktesten, so, als wären es Individuen, mit denen man kämpfen, an die man sich anschließen, welche man behüten, pflegen, aufnähren müsse. Belauern und belauschen wir uns nur selber, in jenen Minuten, wo wir einen uns neuen Satz hören oder finden. Vielleicht mißfällt er uns, weil er so trotzig, so selbstherrlich dasteht: unbewußt fragen wir uns, ob wir ihm nicht einen Gegensatz als Feind zur Seite ordnen, ob wir ihm ein »Vielleicht«, ein »Mitunter« anhängen können; selbst das Wörtchen »wahrscheinlich« giebt uns eine Genugthuung, weil es die persönlich lästige Tyrannei des Unbedingten bricht. Wenn dagegen jener neue Satz in milder Form einherzieht, sein duldsam und demüthig und dem Widerspruche gleichsam in die Arme sinkend, so versuchen wir es mit einer andern Probe unserer Selbstherrlichkeit: wie, können wir diesem schwachen Wesen nicht zu Hülfe kommen, es streicheln und nähren, ihm Kraft und Fülle, ja Wahrheit und selbst Unbedingtheit geben? Ist es möglich, uns elternhaft oder ritterlich oder mitleidig gegen dasselbe zu benehmen? – Dann wieder sehen wir hier ein Urtheil und dort ein Urtheil, entfernt von einander, ohne sich anzusehen, ohne sich auf einander zu zu bewegen: da kitzelt uns der Gedanke, ob hier nicht eine Ehe zu stiften, ein Schluß zu ziehen sei, mit dem Vorgefühle, daß im Falle sich eine Folge aus diesem Schlusse ergiebt, nicht nur die beiden ehelich verbundenen Urtheile, sondern auch die Ehestifter die Ehre davon haben. Kann man aber weder auf dem Wege des Trotzes und Übelwollens, noch auf dem des Wohlwollens jenem Gedanken Etwas anhaben (hält man ihn für wahr –), dann unterwirft man sich und huldigt ihm als einem Führer und Herzoge, giebt ihm einen Ehrenstuhl und spricht nicht ohne Gepränge und Stolz von ihm; denn in seinem Glanze glänzt man mit. Wehe Dem, der diesen verdunkeln will; es sei denn, daß er uns selber eines Tages bedenklich wird: – dann stoßen wir, die unermüdlichen »Königsmacher« ( king-makers ) der Geschichte des Geistes, ihn vom Throne und heben flugs seinen Gegner hinauf. Dies erwäge man und denke noch ein Stück weiter: gewiß wird Niemand dann von einem »Erkenntnißtriebe an und für sich« reden! – Weshalb zieht also der Mensch das Wahre dem Unwahren vor, in diesem heimlichen Kampfe mit Gedanken-Personen, in dieser meist versteckt bleibenden Gedanken-Ehestiftung, Gedanken-Staatenbegründung, Gedanken-Kinderzucht, Gedanken-Armen- und Krankenpflege? Aus dem gleichen Grunde, aus dem er die Gerechtigkeit im Verkehre mit wirklichen Personen übt: jetzt aus Gewohnheit, Vererbung und Anerziehung, ursprünglich , weil das Wahre – wie auch das Billige und Gerechte – nützlicher und ehrbringender ist als das Unwahre. Denn im Reiche des Denkens sind Macht und Ruf schlecht zu behaupten, die sich auf dem Irrthum oder der Lüge aufbauen: das Gefühl, daß ein solcher Bau irgend einmal zusammenbrechen könne, ist demüthigend für das Selbstbewußtsein seines Baumeisters; er schämt sich der Zerbrechlichkeit seines Materials und möchte, weil er sich selber wichtiger als die übrige Welt nimmt, Nichts thun, was nicht dauernder als die übrige Welt wäre. Im Verlangen nach der Wahrheit umarmt er den Glauben an die persönliche Unsterblichkeit, das heißt den hochmütigsten und trotzigsten Gedanken, den es giebt, verschwistert wie er ist mit dem Hintergedanken » pereat mundus, dum ego salvus sim! « Sein Werk ist ihm zu seinem ego geworden, er schafft sich selber in's Unvergängliche, Allem Trotz Bietende um. Sein unermeßlicher Stolz ist es, der nur die besten härtesten Steine zum Werke verwenden will, Wahrheiten also oder Das, was er dafür hält. Mit Recht hat man zu allen Zeiten als »das Laster des Wissenden« den Hochmuth genannt – doch würde es ohne dieses triebkräftige Laster erbärmlich um die Wahrheit und deren Geltung auf Erden bestellt sein. Darin, daß wir uns vor unsern eigenen Gedanken, Begriffen, Worten fürchten , daß wir aber auch in ihnen uns selber ehren , ihnen unwillkürlich die Kraft zuschreiben, uns belohnen, verachten, loben und tadeln zu können, darin, daß wir also mit ihnen wie mit freien geistigen Personen, mit unabhängigen Mächten verkehren, als Gleiche mit Gleichen – darin hat das seltsame Phänomen seine Wurzel, welches ich »intellektuales Gewissen« genannt habe. – So ist auch hier etwas Moralisches höchster Gattung aus einer Schwarzwurzel herausgeblüht.   27. Die Obskuranten . – Das Wesentliche an der schwarzen Kunst des Obskurantismus ist nicht, daß er die Köpfe verdunkeln will, sondern daß er das Bild der Welt anschwärzen, unsere Vorstellung vom Dasein verdunkeln will. Dazu dient ihm zwar häufig jenes Mittel, die Aufhellung der Geister zu hintertreiben: mitunter aber gebraucht er gerade das entgegengesetzte Mittel und sucht durch die höchste Verfeinerung des Intellekts einen Überdruß an dessen Früchten zu erzeugen. Spitzfindige Metaphysiker, welche die Skepsis vorbereiten und durch ihren übermäßigen Scharfsinn zum Mißtrauen gegen den Scharfsinn auffordern, sind gute Werkzeuge eines feineren Obskurantismus. – Ist es möglich, daß selbst Kant in dieser Absicht verwendet werden kann? ja daß er, nach seiner eignen berüchtigten Erklärung, etwas Derartiges, wenigstens zeitweilig, gewollt hat : dem Glauben Bahn machen, dadurch, daß er dem Wissen seine Schranken wies? – was ihm nun freilich nicht gelungen ist, ihm so wenig wie seinen Nachfolgern auf den Wolfs- und Fuchsgängen dieses höchst verfeinerten und gefährlichen Obskurantismus, ja des gefährlichsten: denn die schwarze Kunst erscheint hier in einer Lichthülle.   28. An welcher Art von Philosophie die Kunst verdirbt . – Wenn es den Nebeln einer metaphysisch-mystischen Philosophie gelingt, alle ästhetischen Phänomene undurchsichtbar zu machen, so folgt dann, daß sie auch unter einander unabschätzbar sind, weil jedes Einzelne unerklärlich wird. Dürfen sie aber nicht einmal mehr mit einander zum Zwecke der Abschätzung verglichen werden, so entsteht zuletzt eine vollständige Unkritik , ein blindes Gewährenlassen: daraus aber wiederum eine stetige Abnahme des Genusses an der Kunst (welcher nur durch ein höchst verschärftes Schmecken und Unterscheiden sich von der rohen Stillung eines Bedürfnisses unterscheidet). Je mehr aber der Genuß abnimmt, um so mehr wandelt sich das Kunstverlangen zum gemeinen Hunger um und zurück, dem nun der Künstler durch immer gröbere Kost abzuhelfen sucht.   29. Auf Gethsemane . – Das Schmerzlichste, was der Denker zu den Künstlern sagen kann, lautet: »könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen ?«   30. Am Webstuhle . – Den Wenigen, welche eine Freude daran haben, den Knoten der Dinge zu lösen und sein Gewebe aufzutrennen, arbeiten Viele entgegen (zum Beispiel alle Künstler und Frauen), ihn immer wieder neu zu knüpfen und zu verwickeln und so das Begriffne in's Unbegriffne, womöglich Unbegreifliche umzubilden. Was dabei auch sonst herauskomme – das Gewebte und Verknotete wird immer etwas unreinlich aussehen müssen, weil zu viele Hände daran arbeiten und ziehen.   31. In der Wüste der Wissenschaft . – Dem wissenschaftlichen Menschen erscheinen auf seinen bescheidenen und mühsamen Wanderungen, die oft genug Wüstenreisen sein müssen, jene glänzenden Lufterscheinungen, die man »philosophische Systeme« nennt; sie zeigen mit zauberischer Kraft der Täuschung die Lösung aller Räthsel und den frischesten Trunk wahren Lebenswassers in der Nähe; das Herz schwelgt, und der Ermüdete berührt das Ziel aller wissenschaftlichen Ausdauer und Noth beinahe schon mit den Lippen, so daß er wie unwillkürlich vorwärts drängt. Freilich bleiben andere Naturen, von der schönen Täuschung wie betäubt, stehen: die Wüste verschlingt sie, für die Wissenschaft sind sie todt. Wieder andere Naturen, welche jene subjektiven Tröstungen schon öfter erfahren haben, werden wohl auf's Äußerste mißmuthig und verfluchen den Salzgeschmack, welchen jene Erscheinungen im Munde hinterlassen und aus dem ein rasender Durst entsteht – ohne daß man nur Einen Schritt damit irgend einer Quelle näher gekommen wäre.   32. Die angebliche »wirkliche Wirklichkeit .« – Der Dichter stellt sich so, wenn er die einzelnen Berufsarten z. B. die des Feldherrn, des Seidenwebers, des Seemanns schildert, als ob er diese Dinge von Grund aus kenne und ein Wissender sei; ja bei der Auseinandersetzung menschlicher Handlungen und Geschicke benimmt er sich, wie als ob er beim Ausspinnen des ganzen Weltennetzes zugegen gewesen sei; insofern ist er ein Betrüger. Und zwar betrügt er vor lauter Nichtwissenden – und deshalb gelingt es ihm: diese bringen ihm das Lob seines ächten und tiefen Wissens entgegen und verleiten ihn endlich zu dem Wahne, er wisse die Dinge wirklich so gut wie der einzelne Kenner und Macher, ja wie die große Welten-Spinne selber. Zuletzt also wird der Betrüger ehrlich und glaubt an seine Wahrhaftigkeit. Ja die empfindenden Menschen sagen es ihm sogar in's Gesicht, er habe die höhere Wahrheit und Wahrhaftigkeit, – sie sind nämlich der Wirklichkeit zeitweilig müde und nehmen den dichterischen Traum als eine wohlthätige Ausspannung und Nacht für Kopf und Herz. Was dieser Traum ihnen zeigt, erscheint ihnen jetzt mehr werth , weil sie es, wie gesagt, wohlthätiger empfinden: und immer haben die Menschen gemeint, das werthvoller Scheinende sei das Wahrere, Wirklichere. Die Dichter, die sich dieser Macht bewußt sind, gehen absichtlich darauf aus, Das, was für gewöhnlich Wirklichkeit genannt wird, zu verunglimpfen und zum Unsichern, Scheinbaren, Unächten, Sünd-, Leid- und Trugvollen umzubilden; sie benützen alle Zweifel über die Grenzen der Erkenntniß, alle skeptischen Ausschreitungen, um die faltigen Schleier der Unsicherheit über die Dinge zu breiten: damit dann, nach dieser Umdunkelung, ihre Zauberei und Seelenmagie recht unbedenklich als Weg zur »wahren Wahrheit«, zur »wirklichen Wirklichkeit« verstanden werde.   33. Gerecht sein wollen und Richter sein wollen . – Schopenhauer, dessen große Kennerschaft für Menschliches und Allzumenschliches, dessen ursprünglicher Thatsachen-Sinn nicht wenig durch das bunte Leoparden-Fell seiner Metaphysik beeinträchtigt worden ist (welches man ihm erst abziehen muß, um ein wirkliches Moralisten-Genie darunter zu entdecken) – Schopenhauer macht jene treffliche Unterscheidung, mit der er viel mehr Recht behalten wird, als er sich selber eigentlich zugestehen durfte: »die Einsicht in die strenge Notwendigkeit der menschlichen Handlungen ist die Grenzlinie, welche die philosophischen Köpfe von den andern scheidet.« Dieser mächtigen Einsicht, welcher er zu Zeiten offen stand, wirkte er bei sich selber durch jenes Vorurtheil entgegen, welches er mit den moralischen Menschen ( nicht mit den Moralisten) noch gemein hatte und das er ganz harmlos und gläubig so ausspricht: »der letzte und wahre Aufschluß über das innere Wesen des Ganzen der Dinge muß nothwendig eng zusammenhängen mit dem über die ethische Bedeutsamkeit des menschlichen Handelns« – was eben durchaus nicht »nothwendig« ist, vielmehr durch jenen Satz von der strengen Nothwendigkeit der menschlichen Handlungen, das heißt der unbedingten Willens-Unfreiheit und -Unverantwortlichkeit, eben abgelehnt wird. Die philosophischen Köpfe werden sich also von den andern durch den Unglauben an die metaphysische Bedeutsamkeit der Moral unterscheiden: und das dürfte eine Kluft zwischen sie legen, von deren Tiefe und Unüberbrückbarkeit die so beklagte Kluft zwischen »Gebildet« und »Ungebildet«, wie sie jetzt existirt, kaum einen Begriff giebt. Freilich muß noch manche Hinterthüre, welche sich die »philosophischen Köpfe«, gleich Schopenhauern selbst, gelassen haben, als nutzlos erkannt werden: keine führt in's Freie, in die Luft des freien Willens; jede , durch welche man bisher geschlüpft ist, zeigte dahinter wieder die ehern blinkende Mauer des Fatums: wir sind im Gefängniß, frei können wir uns nur träumen , nicht machen. Daß dieser Erkenntniß nicht lange mehr widerstrebt werden kann, das zeigen die verzweifelten und unglaublichen Stellungen und Verzerrungen Derer an, welche gegen sie andringen, mit ihr noch den Ringkampf fortsetzen. – So ungefähr geht es bei ihnen jetzt zu: »also kein Mensch verantwortlich? Und Alles voll Schuld und Schuldgefühl? Aber irgend wer muß doch der Sünder sein: ist es unmöglich und nicht mehr erlaubt, den Einzelnen, die arme Welle im nothwendigen Wellenspiele des Werdens anzuklagen und zu richten – nun denn: so sei das Wellenspiel selbst, das Werden, der Sünder: hier ist der freie Wille, hier darf angeklagt, verurtheilt, gebüßt und gesühnt werden: so sei Gott der Sünder und der Mensch sein Erlöser : so sei die Weltgeschichte Schuld, Selbstverurtheilung und Selbstmord; so werde der Missethäter zum eigenen Richter, der Richter zum eigenen Henker.« – Dieses auf den Kopf gestellte Christenthum – was ist es denn sonst? – ist der letzte Fechter-Ausfall im Kampfe der Lehre von der unbedingten Moralität mit der von der unbedingten Unfreiheit – ein schauerliches Ding, wenn es mehr wäre als eine logische Grimasse , mehr als eine häßliche Gebärde des unterliegenden Gedankens – etwa der Todeskampf des verzweifelnden und heilsüchtigen Herzens, dem der Wahnsinn zuflüstert: »Siehe, du bist das Lamm, das Gottes Sünde trägt.« – Der Irrthum steckt nicht nur im Gefühle »ich bin verantwortlich«, sondern ebenso in jenem Gegensatze »ich bin es nicht, aber irgendwer muß es doch sein«. – Dies ist eben nicht wahr: der Philosoph hat also zu sagen, wie Christus, »richtet nicht!«, und der letzte Unterschied zwischen den philosophischen Köpfen und den andern wäre der, daß die ersten gerecht sein wollen, die andern Richter sein wollen.   34. Aufopferung . – Ihr meint, das Kennzeichen der moralischen Handlung sei die Aufopferung? – Denkt doch nach, ob nicht bei jeder Handlung, die mit Überlegung gethan wird, Aufopferung dabei ist, bei der schlechtesten wie bei der besten.   35. Gegen die Nierenprüfer der Sittlichkeit . – Man muß das Beste und das Schlechteste kennen, dessen ein Mensch fähig ist, im Vorstellen und Ausführen, um zu beurtheilen, wie stark seine sittliche Natur ist und wurde. Aber Jenes zu erfahren ist unmöglich.   36. Schlangenzahn . – Ob man einen Schlangenzahn habe oder nicht, weiß man nicht eher, als bis Jemand die Ferse auf uns gesetzt hat. Eine Frau oder Mutter würde sagen: bis Jemand die Ferse auf unsern Liebling, unser Kind gesetzt hat. – Unser Charakter wird noch mehr durch den Mangel gewisser Erlebnisse als durch Das, was man erlebt, bestimmt.   37. Der Betrug in der Liebe . – Man vergißt Manches aus seiner Vergangenheit und schlägt es sich absichtlich aus dem Sinn: das heißt, man will, daß unser Bild, welches von der Vergangenheit her uns anstrahlt, uns belüge, unserm Dünkel schmeichele – wir arbeiten fortwährend an diesem Selbstbetruge. – Und nun meint ihr, die ihr so viel vom »Sichselbstvergessen in der Liebe«, vom »Aufgehen des Ich in der anderen Person« redet und rühmt, dies sei etwas wesentlich Anderes? Also man zerbricht den Spiegel, dichtet sich in eine Person hinein, die man bewundert, und genießt nun das neue Bild seines Ich, ob man es schon mit dem Namen der anderen Person nennt – und dieser ganze Vorgang soll nicht Selbstbetrug, nicht Selbstsucht sein, ihr Wunderlichen! – Ich denke, Die, welche Etwas von sich vor sich verhehlen und Die, welche sich als Ganzes vor sich verhehlen, sind darin gleich, daß sie in der Schatzkammer der Erkenntnis einen Diebstahl verüben: woraus sich ergiebt, vor welchem Vergehen der Satz »erkenne dich selbst« warnt.   38. An den Leugner seiner Eitelkeit . – Wer die Eitelkeit bei sich leugnet, besitzt sie gewöhnlich in so brutaler Form, daß er instinktiv vor ihr das Auge schließt, um sich nicht verachten zu müssen.   39. Weshalb die Dummen so oft boshaft werden . – Auf Einwände des Gegners, gegen welche sich unser Kopf zu schwach fühlt, antwortet unser Herz durch Verdächtigung der Motive seiner Einwände.   40. Die Kunst der moralischen Ausnahmen . – Einer Kunst, welche die Ausnahmefälle der Moral zeigt und verherrlicht – dort wo das Gute schlecht, das Ungerechte gerecht wird –, darf man nur selten Gehör geben: wie man von Zigeunern ab und zu Etwas kauft, doch mit Scheu, daß sie nicht viel mehr entwenden, als der Gewinn beim Kaufe ist.   41. Genuß und Nicht-Genuß von Giften . – Das einzige entscheidende Argument, welches zu allen Zeiten die Menschen abgehalten hat, ein Gift zu trinken, ist nicht, daß es tödtete, sondern daß es schlecht schmeckte.   42. Die Welt ohne Sündengefühle . – Wenn nur solche Thaten gethan würden, welche kein schlechtes Gewissen erzeugen, so sähe die menschliche Welt immer noch schlecht und schurkenhaft genug aus: aber nicht so kränklich und erbärmlich wie jetzt. – Es lebten genug Böse ohne Gewissen zu allen Zeiten: und vielen Guten und Braven fehlt das Lustgefühl des guten Gewissens.   43. Die Gewissenhaften . – Seinem Gewissen folgen ist bequemer als seinem Verstande: denn es hat bei jedem Mißerfolg eine Entschuldigung und Aufheiterung in sich. Darum giebt es immer noch so viele Gewissenhafte gegen so wenig Verständige.   44. Entgegengesetzte Mittel, das Bitterwerden zu verhüten . – Dem einen Temperament ist es von Nutzen, seinen Verdruß in Worten auslassen zu können: im Reden versüßt es sich. Ein anderes Temperament kommt erst durch Aussprechen zu seiner vollen Bitterkeit: ihm ist es räthlicher, Etwas hinunterschlucken zu müssen: der Zwang, den Menschen solcher Art sich vor Feinden oder Vorgesetzten anthun, verbessert ihren Charakter und verhütet, daß er allzu scharf und sauer wird.   45. Nicht zu schwer nehmen . – Sich wund liegen ist unangenehm, aber doch kein Beweis gegen die Güte der Kur, nach der man bestimmt wurde, sich zu Bett zu legen. – Menschen, die lange außer sich lebten und endlich sich dem philosophischen Innen- und Binnenleben zuwandten, wissen, daß es auch ein Sich-wund-liegen von Gemüth und Geist giebt. Dies ist also kein Argument gegen die gewählte Lebensweise im Ganzen, macht aber einige kleine Ausnahmen und scheinbare Rückfälligkeiten nöthig.   46. Das menschliche »Ding an sich« . – Das verwundbarste Ding und doch das unbesiegbarste ist die menschliche Eitelkeit: ja, durch die Verwundung wächst seine Kraft und kann zuletzt riesengroß werden.   47. Die Posse vieler Arbeitsamen . – Sie erkämpfen durch ein Übermaaß von Anstrengung sich freie Zeit und wissen nachher Nichts mit ihr anzufangen als die Stunden abzuzählen, bis sie abgelaufen sind.   48. Viel Freude haben . – Wer viel Freude hat, muß ein guter Mensch sein: aber vielleicht ist er nicht der klügste, obwohl er gerade Das erreicht, was der Klügste mit aller seiner Klugheit erstrebt.   49. Im Spiegel der Natur . – Ist ein Mensch nicht ziemlich genau beschrieben, wenn man hört, daß er gern zwischen gelben hohen Kornfeldern geht, daß er die Waldes- und Blumenfarben des abglühenden und vergilbten Herbstes allen andern vorzieht, weil sie auf Schöneres hindeuten als der Natur je gelingt, daß er unter großen fettblättrigen Nutzbäumen sich ganz heimisch wie unter Bluts-Verwandten fühlt, daß im Gebirge seine größte Freude ist, jenen kleinen abgelegenen Seen zu begegnen, aus denen ihn die Einsamkeit selber mit ihren Augen anzusehen scheint, daß er jene graue Ruhe der Nebel-Dämmerung liebt, welche an Herbst- und Frühwinter-Abenden an die Fenster heranschleicht und jedes seelenlose Geräusch wie mit Sammt-Vorhängen ausschließt, daß er unbehauenes Gestein als übrig gebliebene, der Sprache begierige Zeugen der Vorzeit empfindet und von Kind an verehrt, und zuletzt, daß ihm das Meer mit seiner beweglichen Schlangenhaut und Raubthier-Schönheit fremd ist und bleibt? – Ja, Etwas von diesem Menschen ist allerdings damit beschrieben: aber der Spiegel der Natur sagt Nichts darüber, daß derselbe Mensch, bei aller seiner idyllischen Empfindsamkeit (und nicht einmal »trotz ihrer«), ziemlich lieblos, knauserig und eingebildet sein könnte. Horaz, der sich auf dergleichen Dinge verstand, hat das zarteste Gefühl für das Landleben einem römischen Wucherer in Mund und Seele gelegt, in dem berühmten » beatus ille qui procul negotiis «.   50. Macht ohne Siege . – Die stärkste Erkenntniß (die von der völligen Unfreiheit des menschlichen Willens) ist doch die ärmste an Erfolgen: denn sie hat immer den stärksten Gegner, die menschliche Eitelkeit.   51. Lust und Irrthum . – Der Eine theilt sich unwillkürlich durch sein Wesen an seine Freunde wohlthätig mit, der Andere willkürlich durch einzelne Handlungen. Obgleich das Erstere als das Höhere gilt , so ist doch nur das Zweite mit dem guten Gewissen und der Lust verknüpft – nämlich mit der Lust der Werkheiligkeit, welche auf dem Glauben an die Willkür unsres Gut- und Schlimmthuns, das heißt auf einem Irrthum ruht.   52. Es ist thöricht, Unrecht zu thun . – Eignes Unrecht, das man zugefügt hat, ist viel schwerer zu tragen als fremdes, das Einem zugefügt wurde (nicht gerade aus moralischen Gründen, wohlgemerkt –); der Thäter ist eigentlich immer der Leidende, wenn er nämlich entweder den Gewissensbissen zugänglich ist oder der Einsicht, daß er die Gesellschaft gegen sich durch seine Handlung bewaffnet und sich isolirt habe. Deshalb sollte man sich, schon seines inneren Glückes wegen, also um seines Wohlbehagens nicht verlustig zu gehen, ganz abgesehen von Allem, was Religion und Moral gebieten, vor dem Unrecht-Thun in Acht nehmen, mehr noch als vor dem Unrecht-Erfahren: denn Letzteres hat den Trost des guten Gewissens, der Hoffnung auf Rache, auf Mitleiden und Beifall der Gerechten, ja der ganzen Gesellschaft, welche sich vor dem Übelthäter fürchtet. – Nicht Wenige verstehen sich auf die unsaubere Selbstüberlistung, jedes eigne Unrecht in ein fremdes, ihnen zugefügtes umzumünzen und für Das, was sie selber gethan haben, sich das Ausnahmerecht der Nothwehr zur Entschuldigung vorzubehalten: um auf diese Weise viel leichter an ihrer Last zu tragen.   53. Neid mit oder ohne Mundstück . – Der gewöhnliche Neid pflegt zu gackern, sobald das beneidete Huhn ein Ei gelegt hat: er erleichtert sich dabei und wird milder. Es giebt aber einen noch tieferen Neid: der wird in solchem Falle todtenstill, und wünschend, daß jetzt jeder Mund versiegelt würde, immer wüthender darüber, daß dies gerade nicht geschieht. Der schweigende Neid wächst im Schweigen.   54. Der Zorn als Spion . – Der Zorn schöpft die Seele aus und bringt selbst den Bodensatz an's Licht. Man muß deshalb, wenn man sonst sich nicht Klarheit zu schaffen weiß, seine Umgebung, seine Anhänger und Gegner in Zorn zu versetzen wissen, um zu erfahren, was im Grunde Alles wider uns geschieht und gedacht wird   55. Die Vertheidigung moralisch schwieriger als der Angriff . – Das wahre Helden- und Meisterstück des guten Menschen liegt nicht darin, daß er die Sache angreift und die Person fortfährt zu lieben, sondern in dem viel schwereren, seine eigne Sache zu vertheidigen , ohne daß man der angreifenden Person bitteres Herzeleid mache und machen wolle. Das Schwert des Angriffs ist ehrlich und breit, das der Vertheidigung läuft gewöhnlich in eine Nadel aus.   56. Ehrlich gegen die Ehrlichkeit . – Einer, der gegen sich öffentlich ehrlich ist, bildet sich zu allerletzt Etwas auf diese Ehrlichkeit ein: denn er weiß nur zu gut, warum er ehrlich ist – aus demselben Grunde, aus dem ein Anderer den Schein und die Verstellung vorzieht.   57. Glühende Kohlen . – Glühende Kohlen auf des Andern Haupt sammeln wird gewöhnlich mißverstanden und schlägt fehl, weil der Andere sich ebenfalls im guten Besitze des Rechts weiß und auch seinerseits an das Kohlensammeln gedacht hat.   58. Gefährliche Bücher . – Da sagt Einer »ich merke es an mir selber: dies Buch ist schädlich.« Aber er warte nur ab und vielleicht gesteht er sich eines Tages, daß diesselbe Buch ihm einen großen Dienst erwies, indem es die versteckte Krankheit seines Herzens hervortrieb und in die Sichtbarkeit brachte. – Veränderte Meinungen verändern den Charakter eines Menschen nicht (oder ganz wenig); wohl aber beleuchten sie einzelne Seiten des Gestirns seiner Persönlichkeit, welche bisher, bei einer andern Constellation von Meinungen, dunkel und unerkennbar geblieben waren.   59. Geheucheltes Mitleiden . – Man heuchelt Mitleiden, wenn man über das Gefühl der Feindseligkeit sich erhaben zeigen will: aber gewöhnlich umsonst. Dies bemerkt man nicht ohne ein starkes Zunehmen jener feindseligen Empfindung.   60. Offner Widerspruch oft versöhnend . – Im Augenblick, wo Einer seine Differenz der Lehrmeinung in Hinsicht auf einen berühmten Parteiführer oder Lehrer öffentlich zu erkennen giebt, glaubt alle Welt, er müsse ihm gram sein. Mitunter hört er aber gerade da auf, ihm gram zu sein: er wagt es, sich selber neben ihn aufzustellen, und ist die Qual der unausgesprochenen Eifersucht los.   61. Sein Licht leuchten sehen . – Im verfinsterten Zustande von Trübsal, Krankheit, Verschuldung sehen wir es gern, wenn wir Anderen noch leuchten und sie an uns die helle Mondesscheibe wahrnehmen. Auf diesem Umwege nehmen wir an unserer eigenen Fähigkeit zu erhellen Antheil.   62. Mitfreude . – Die Schlange, die uns sticht, meint uns wehe zu thun und freut sich dabei; das niedrigste Thier kann sich fremden Schmerz vorstellen. Aber fremde Freude sich vorstellen und sich dabei freuen ist das höchste Vorrecht der höchsten Thiere und wieder unter ihnen nur den ausgesuchtesten Exemplaren zugänglich – also ein seltenes humanum : so daß es Philosophen gegeben hat, welche die Mitfreude geleugnet haben.   63. Nachträgliche Schwangerschaft . – Die, welche zu ihren Werken und Thaten gekommen sind, sie wissen nicht wie, gehen gewöhnlich hinterher um so mehr mit ihnen schwanger: wie, um nachträglich zu beweisen, daß es ihre Kinder und nicht die des Zufalls sind.   64. Aus Eitelkeit hartherzig . – Wie Gerechtigkeit so häufig der Deckmantel der Schwäche ist, so greifen billig denkende, aber schwache Menschen mitunter aus Ehrgeiz zur Verstellung und benehmen sich ersichtlich ungerecht und hart, um den Eindruck der Stärke zu hinterlassen.   65. Demüthigung . – Findet Jemand in einem geschenkten Sack Vortheil auch nur ein Korn Demüthigung, so macht er doch noch eine böse Miene zum guten Spiele.   66. Äußerstes Herostratenthum . – Es könnte Herostrate geben, welche den eignen Tempel anzündeten, in dem ihre Bilder verehrt werden.   67. Die Deminutiv-Welt . – Der Umstand, daß alles Schwache und Hülfsbedürftige zu Herzen spricht, bringt die Gewohnheit mit sich, daß wir Alles, was uns zu Herzen spricht, mit Verkleinerungs- und Abschwächungsworten bezeichnen – also, für unsere Empfindung, schwach und hülfsbedürftig machen .   68. Üble Eigenschaft des Mitleidens . – Das Mitleiden hat eine eigene Unverschämtheit als Gefährtin: denn weil es durchaus helfen möchte, ist es weder über die Mittel der Heilung, noch über Art und Ursache der Krankheit in Verlegenheit und quacksalbert muthig auf die Gesundheit und den Ruf seines Patienten los.   69. Zudringlichkeit . – Es giebt auch eine Zudringlichkeit gegen Werke; und sich als Jüngling schon nachahmend zu den erlauchtesten Werken aller Zeiten mit der Vertraulichkeit des Du und Du zu gesellen, beweist einen völligen Mangel an Scham. – Andre sind nur aus Ignoranz zudringlich: sie wissen nicht, mit wem sie es zu thun haben – so nicht selten junge und alte Philologen im Verhältniß zu den Werken der Griechen.   70. Der Wille schämt sich des Intellektes . – Mit aller Kälte machen wir vernünftige Entwürfe gegen unsre Affekte: dann aber begehen wir die gröbsten Fehler dagegen, weil wir uns häufig im Augenblick, wo der Vorsatz ausgeführt werden sollte, jener Kälte und Besonnenheit schämen, mit der wir ihn faßten. Und so thut man dann gerade das Unvernünftige, aus jener Art trotziger Großherzigkeit, welche jeder Affekt mit sich bringt.   71. Warum die Skeptiker der Moral mißfallen . – Wer seine Moralität hoch und schwer nimmt, zürnt den Skeptikern auf dem Gebiete der Moral: denn dort, wo er alle seine Kraft aufwendet, soll man staunen , aber nicht untersuchen und zweifeln. – Dann giebt es Naturen, deren letzter Rest von Moralität eben der Glaube an Moral ist: sie benehmen sich ebenso gegen die Skeptiker, womöglich noch leidenschaftlicher.   72. Schüchternheit . – Alle Moralisten sind schüchtern, weil sie wissen, daß sie mit Spionirern und Verräthern verwechselt werden, sobald man ihren Hang ihnen anmerkt. Sodann sind sie sich überhaupt bewußt, im Handeln unkräftig zu sein: denn mitten im Werke ziehen die Motive ihres Thuns ihre Aufmerksamkeit fast vom Werke ab.   73. Eine Gefahr für die allgemeine Moralität . – Menschen, die zugleich edel und ehrlich sind, bringen es zu Wege, jede Teufelei, welche ihre Ehrlichkeit ausheckt, zu vergöttlichen und die Wage des moralischen Urtheils eine Zeitlang stillzustellen.   74. Bitterster Irrthum . – Es beleidigt unversöhnlich, zu entdecken, daß man dort, wo man überzeugt war geliebt zu sein, nur als Hausgeräth und Zimmerschmuck betrachtet wurde, an dem der Hausherr vor Gästen seine Eitelkeit auslassen kann.   75. Liebe und Zweiheit . – Was ist denn Liebe anders als verstehen und sich darüber freuen, daß ein Andrer in andrer und entgegengesetzter Weise als wir lebt, wirkt und empfindet? Damit die Liebe die Gegensätze durch Freude überbrücke, darf sie dieselben nicht aufheben, nicht leugnen. – Sogar die Selbstliebe enthält die unvermischbare Zweiheit (oder Vielheit) in Einer Person als Voraussetzung.   76. Aus dem Traume deuten . – Was man mitunter im Wachen nicht genau weiß und fühlt – ob man gegen eine Person ein gutes oder ein schlechtes Gewissen habe – darüber belehrt völlig unzweideutig der Traum.   77. Ausschweifung . – Die Mutter der Ausschweifung ist nicht die Freude, sondern die Freudlosigkeit.   78. Strafen und belohnen . – Niemand klagt an, ohne den Hintergedanken an Strafe und Rache zu haben – selbst wenn man sein Schicksal, ja sich selber anklagt. – Alles Klagen ist Anklagen, alles Sich-freuen ist Loben: wir mögen das Eine oder das Andere thun, immer machen wir Jemanden verantwortlich.   79. Zweimal ungerecht . – Wir fördern mitunter die Wahrheit durch eine doppelte Ungerechtigkeit, dann nämlich, wenn wir die beiden Seiten einer Sache, die wir nicht im Stande sind zusammen zu sehen, hintereinander sehen und darstellen, doch so, daß wir jedesmal die andre Seite verkennen oder leugnen, im Wahne, Das, was wir sehen, sei die ganze Wahrheit.   80. Mißtrauen . – Das Mißtrauen an sich selber geht nicht immer unsicher und scheu daher, sondern mitunter wie tollwüthig: es hat sich berauscht, um nicht zu zittern.   81. Philosophie des parvenu . – Will man einmal eine Person sein, so muß man auch seinen Schatten in Ehren halten.   82. Sich rein zu waschen verstehen . – Man muß lernen, aus unreinlichen Verhältnissen reinlicher hervorzugehen, und sich, wenn es noth thut, auch mit schmutzigem Wasser waschen.   83. Sich gehen lassen . – Je mehr sich Einer gehen läßt, um so weniger lassen ihn die Andern gehen.   84. Der unschuldige Schuft . – Es giebt einen langsamen schrittweisen Weg zu Laster und Schurkenhaftigkeit jeder Art. Am Ende desselben haben Den, welcher ihn geht, die Insekten-Schwärme des schlechten Gewissens völlig verlassen, und er wandelt, obschon ganz verrucht, doch in Unschuld.   85. Pläne machen . – Pläne machen und Vorsätze fassen bringt viel gute Empfindungen mit sich; und wer die Kraft hätte, sein ganzes Leben lang Nichts als ein Pläne-Schmiedender zu sein, wäre ein sehr glücklicher Mensch: aber er wird sich gelegentlich von dieser Thätigkeit ausruhen müssen, dadurch, daß er einen Plan ausführt – und da kommt der Ärger und die Ernüchterung.   86. Womit wir das Ideal sehen . – Jeder tüchtige Mensch ist verrannt in seine Tüchtigkeit und kann aus ihr nicht frei hinausblicken. Hätte er sonst nicht sein gut Theil von Unvollkommenheit, er könnte seiner Tugend halber zu keiner geistig-sittlichen Freiheit kommen. Unsre Mängel sind die Augen, mit denen wir das Ideal sehen.   87. Unehrliches Lob . – Unehrliches Lob macht hinterdrein viel mehr Gewissensbisse als unehrlicher Tadel, wahrscheinlich nur deshalb, weil wir durch zu starkes Loben unsere Urteilsfähigkeit viel stärker bloßgestellt haben als durch zu starkes, selbst ungerechtes Tadeln.   88. Wie man stirbt, ist gleichgültig . – Die ganze Art, wie ein Mensch während seines vollen Lebens, seiner blühenden Kraft an den Tod denkt, ist freilich sehr sprechend und zeugnißgebend für Das, was man seinen Charakter nennt; aber die Stunde des Sterbens selber, seine Haltung auf dem Todtenbette ist fast gleichgültig dafür. Die Erschöpfung des ablaufenden Daseins, namentlich wenn alte Leute sterben, die unregelmäßige oder unzureichende Ernährung des Gehirns während dieser letzten Zeit, das gelegentlich sehr Gewaltsame des Schmerzes, das Unerprobte und Neue des ganzen Zustandes und gar zu häufig der An- und Rückfall von abergläubischen Eindrücken und Beängstigungen, als ob am Sterben viel gelegen sei und hier Brücken schauerlichster Art überschritten würden, – dies Alles erlaubt es nicht, das Sterben als Zeugniß über den Lebenden zu benutzen. Auch ist es nicht wahr, daß der Sterbende im Allgemeinen ehrlicher wäre als der Lebende: vielmehr wird fast Jeder durch die feierliche Haltung der Umgebenden, die zurückgehaltnen oder fließenden Thränen- und Gefühlsbäche zu einer bald bewußten bald unbewußten Komödie der Eitelkeit verführt. Der Ernst, mit dem jeder Sterbende behandelt wird, ist gewiß gar manchem armen verachteten Teufel der feinste Genuß seines ganzen Lebens und eine Art Schadenersatz und Abschlagzahlung für viele Entbehrungen gewesen.   89. Die Sitte und ihr Opfer . – Der Ursprung der Sitte geht auf zwei Gedanken zurück: »die Gemeinde ist mehr werth als der Einzelne« und »der dauernde Vortheil ist dem flüchtigen vorzuziehen«; woraus sich der Schluß ergiebt, daß der dauernde Vortheil der Gemeinde unbedingt dem Vortheile des Einzelnen, namentlich seinem momentanen Wohlbefinden, aber auch seinem dauernden Vortheile und selbst seinem Weiterleben voranzustellen sei. Ob nun der Einzelne von einer Einrichtung leide, die dem Ganzen frommt, ob er an ihr verkümmre, ihretwegen zu Grunde gehe – die Sitte muß erhalten, das Opfer gebracht werden. Eine solche Gesinnung entsteht aber nur in Denen, welche nicht das Opfer sind – denn dieses macht in seinem Falle geltend, daß der Einzelne mehr werth sein könne als Viele, ebenso daß der gegenwärtige Genuß, der Augenblick im Paradiese vielleicht höher anzuschlagen sei als eine matte Fortdauer von leidlosen oder wohlhäbigen Zuständen. Die Philosophie des Opferthiers wird aber immer zu spät laut: und so bleibt es bei der Sitte und der Sittlichkeit : als welche eben nur die Empfindung für den ganzen Inbegriff von Sitten ist, unter denen man lebt und erzogen wurde – und zwar erzogen nicht als Einzelner, sondern als Glied eines Ganzen, als Ziffer einer Majorität. – So kommt es fortwährend vor, daß der Einzelne sich selbst, vermittelst seiner Sittlichkeit, majorisirt .   90. Das Gute und das gute Gewissen . – Ihr meint, alle guten Dinge hätten zu allen Zeiten ein gutes Gewissen gehabt? – Die Wissenschaft, also gewißlich etwas sehr Gutes, ist ohne ein solches und ganz bar alles Pathos in die Welt getreten, vielmehr heimlich, auf Umwegen, mit verhülltem oder maskirtem Haupte einherziehend, gleich einer Verbrecherin, und immer mindestens mit dem Gefühle einer Schleichhändlerin. Das gute Gewissen hat als Vorstufe das böse Gewissen – nicht als Gegensatz: denn alles Gute ist einmal neu, folglich ungewohnt, wider die Sitte, unsittlich gewesen und nagte im Herzen des glücklichen Erfinders wie ein Wurm.   91. Der Erfolg heiligt die Absichten . – Man scheue sich nicht, den Weg zu einer Tugend zu gehen, selbst wenn man deutlich einsieht, daß Nichts als Egoismus – also Nutzen, persönliches Behagen, Furcht, Rücksicht auf Gesundheit, auf Ruf oder Ruhm – die dazu treibenden Motive sind. Man nennt diese Motive unedel und selbstisch: gut, aber wenn sie uns zu einer Tugend, zum Beispiel Entsagung, Pflichttreue, Ordnung, Sparsamkeit, Maaß und Mitte anreizen, so höre man ja auf sie, wie auch ihre Beiworte lauten mögen! Erreicht man nämlich Das, wozu sie rufen, so veredelt die erreichte Tugend, vermöge der reinen Luft, die sie athmen läßt, und des seelischen Wohlgefühls, das sie mittheilt, immerfort die ferneren Motive unseres Handelns, und wir thun dieselben Handlungen später nicht mehr aus den gleichen gröbern Motiven, welche uns früher dazu führten. – Die Erziehung soll deshalb die Tugenden, so gut es geht, erzwingen , je nach der Natur des Zöglings: die Tugend selber, als die Sonnen- und Sommerluft der Seele, mag dann ihr eignes Werk daran thun und Reife und Süßigkeit hinzuschenken.   92. Christenthümler, nicht Christen . – Das wäre also euer Christenthum! – Um Menschen zu ärgern , preist ihr »Gott und seine Heiligen«; und wiederum, wenn ihr Menschen preisen wollt, so treibt ihr es so weit, daß Gott und seine Heiligen sich ärgern müssen. – Ich wollte, ihr lerntet wenigstens die christlichen Manieren, da es euch so an der Manierlichkeit des christlichen Herzens gebricht.   93. Natureindruck der Frommen und Unfrommen . – Ein ganz frommer Mensch muß uns ein Gegenstand der Verehrung sein: aber ebenso ein ganzer aufrichtiger durchdrungener Unfrommer. Ist man bei Menschen der letzteren Art wie in der Nähe des Hochgebirgs, wo die kräftigsten Ströme ihren Ursprung haben, so bei den Frommen wie unter saftvollen, breitschattigen, ruhigen Bäumen.   94. Justizmorde . – Die zwei größten Justizmorde in der Weltgeschichte sind, ohne Umschweife gesprochen, verschleierte und gut verschleierte Selbstmorde. In beiden Fällen wollte man sterben; in beiden Fällen ließ man sich das Schwert durch die Hand der menschlichen Ungerechtigkeit in die Brust stoßen.   95. » Liebe «. – Der feinste Kunstgriff, welchen das Christenthum vor den übrigen Religionen voraus hat, ist ein Wort: es redete von Liebe . So wurde es die lyrische Religion (während in seinen beiden anderen Schöpfungen das Semitenthum der Welt heroisch-epische Religionen geschenkt hat). Es ist in dem Worte Liebe etwas so Vieldeutiges, Anregendes, zur Erinnerung, zur Hoffnung Sprechendes, daß auch die niedrigste Intelligenz und das kälteste Herz noch etwas von dem Schimmer dieses Wortes fühlt. Das klügste Weib und der gemeinste Mann denken dabei an die verhältnißmäßig uneigennützigsten Augenblicke ihres gesammten Lebens, selbst wenn Eros nur einen niedrigen Flug bei ihnen genommen hat; und jene Zahllosen, welche Liebe vermissen , von Eltern oder Kindern oder Geliebten, namentlich aber die Menschen der sublimirten Geschlechtlichkeit, haben im Christenthum ihren Fund gemacht.   96. Das erfüllte Christenthum . – Es giebt auch innerhalb des Christenthums eine epikureische Gesinnung, ausgehend von dem Gedanken, daß Gott von dem Menschen, seinem Geschöpf und Ebenbilde, nur verlangen könne, was diesem zu erfüllen möglich sein müsse, daß also christliche Tugend und Vollkommenheit erreichbar und oft erreicht sei. Nun macht zum Beispiel der Glaube , seine Feinde zu lieben – selbst wenn es eben nur Glaube, Einbildung und durchaus keine psychologische Wirklichkeit (also keine Liebe) ist –, unbedingt glücklich , so lange er wirklich geglaubt wird (warum? darüber werden freilich Psycholog und Christ verschieden denken). Und so möchte das irdische Leben durch den Glauben, ich meine die Einbildung, nicht nur jenem Anspruche, seine Feinde zu lieben, sondern allen übrigen christlichen Ansprüchen zu genügen und die göttliche Vollkommenheit nach der Aufforderung »seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist« wirklich sich angeeignet und einverleibt zu haben, in der That zu einem seligen Leben werden. Der Irrthum kann also die Verheißung Christi zur Wahrheit machen.   97. Von der Zukunft des Christenthums . – Über das Verschwinden des Christenthums und darüber, in welchen Gegenden es am langsamsten weichen wird, kann man sich eine Vermuthung gestatten, wenn man erwägt, aus welchen Gründen und wo der Protestantismus so ungestüm um sich griff. Er verhieß bekanntlich alles das Selbe weit billiger zu leisten, was die alte Kirche leistete, also ohne kostspielige Seelenmessen, Wallfahrten, Priester-Prunk und -Üppigkeit; er verbreitete sich namentlich bei den nördlichen Nationen, welche nicht so tief in der Symbolik und Formenlust der alten Kirche eingewurzelt waren als die des Südens: bei diesen lebte ja im Christenthum das viel mächtigere religiöse Heidenthum fort, während im Norden das Christenthum einen Gegensatz und Bruch mit dem Altheimischen bedeutete und deshalb mehr gedankenhaft als sinnfällig von Anfang an war, eben deshalb aber auch, zu Zeiten der Gefahr, fanatischer und trotziger. Gelingt es, vom Gedanken aus das Christenthum zu entwurzeln, so liegt auf der Hand, wo es anfangen wird, zu verschwinden: also gerade dort, wo es auch am allerhärtesten sich wehren wird. Anderwärts wird es sich beugen, aber nicht brechen, entblättert werden, aber wieder Blätter ansetzen – weil dort die Sinne und nicht die Gedanken für dasselbe Partei genommen haben. Die Sinne aber sind es, welche auch den Glauben unterhalten, daß mit allem Kostenaufwand der Kirche doch immer noch billiger und bequemer gewirthschaftet werde als mit den strengen Verhältnissen von Arbeit und Lohn: denn welches Preises hält man die Muße (oder die halbe Faulheit) für werth, wenn man sich erst an sie gewöhnt hat! Die Sinne wenden gegen eine entchristlichte Welt ein, daß in ihr zu viel gearbeitet werden müsse, und der Ertrag an Muße zu klein sei: sie nehmen die Partei der Magie, das heißt – sie lassen lieber Gott für sich arbeiten ( oremus nos, deus laboret !).   98. Schauspielerei und Ehrlichkeit der Ungläubigen . – Es giebt kein Buch, welches Das, was jedem Menschen gelegentlich wohlthut, – schwärmerische, opfer- und todbereite Glücks-Innigkeit im Glauben und Schauen seiner »Wahrheit« – so reichlich enthielte, so treuherzig ausdrückte als das Buch, welches von Christus redet: aus ihm kann ein Kluger alle Mittel lernen, wodurch ein Buch zum Weltbuch, zum Jedermanns-Freund gemacht werden kann, namentlich jenes Meister-Mittel, Alles als gefunden, Nichts als kommend und ungewiß hinzustellen. Alle wirkungsvollen Bücher versuchen, einen ähnlichen Eindruck zu hinterlassen, als ob der weiteste geistige und seelische Horizont hier umschrieben sei und um die hier leuchtende Sonne sich jedes gegenwärtige und zukünftig sichtbare Gestirn drehen müsse. – Muß also nicht aus demselben Grunde, aus dem solche Bücher wirkungsvoll sind, jedes rein wissenschaftliche Buch wirkungsarm sein? Ist es nicht verurtheilt, niedrig und unter Niedrigen zu leben, um endlich gekreuzigt zu werden und nie wieder aufzuerstehen? Sind im Verhältniß zu Dem, was die Religiösen von ihrem »Wissen«, von ihrem »heiligen« Geiste verkünden, nicht alle Redlichen der Wissenschaft »arm im Geiste«? Kann irgend eine Religion mehr Entsagung verlangen, unerbittlicher den Selbstsüchtigen aus sich hinausziehen als die Wissenschaft? – – So und ähnlich und jedenfalls mit einiger Schauspielerei mögen wir reden, wenn wir uns vor den Gläubigen zu vertheidigen haben; denn es ist kaum möglich, eine Vertheidigung ohne etwas Schauspielerei zu führen. Unter uns aber muß die Sprache ehrlicher sein: wir bedienen uns da einer Freiheit, welche Jene nicht einmal, ihres eigenen Interesses halber, verstehen dürfen. Weg also mit der Kapuze der Entsagung! der Miene der Demuth! Vielmehr und vielbesser: so klingt unsere Wahrheit! Wenn die Wissenschaft nicht an die Lust der Erkenntniß, an den Nutzen des Erkannten geknüpft wäre, was läge uns an der Wissenschaft? Wenn nicht ein wenig Glaube, Liebe und Hoffnung unsere Seele zur Erkenntniß hinführte, was zöge uns sonst zur Wissenschaft? Und wenn zwar in der Wissenschaft das Ich nichts zu bedeuten hat, so bedeutet das erfinderische glückliche Ich, ja selbst schon jedes redliche und fleißige Ich, sehr viel in der Republik der Wissenschafts-Menschen. Achtung der Achtung-Gebenden, Freude Solcher, welchen wir wohlwollen oder die wir verehren, unter Umständen Ruhm und eine mäßige Unsterblichkeit der Person ist der persönliche Preis für jene Entpersönlichung, von geringeren Aussichten und Belohnungen hier zu schweigen, obschon gerade ihrethalben die Meisten den Gesetzen jener Republik und überhaupt der Wissenschaft zugeschworen haben und immerfort zuzuschwören pflegen. Wenn wir nicht in irgend einem Maaße unwissenschaftliche Menschen geblieben wären, was könnte uns auch nur an der Wissenschaft liegen! Alles in Allem genommen und rund glatt und voll ausgesprochen: für ein rein erkennendes Wesen wäre die Erkenntniß gleichgültig . – Von den Frommen und Gläubigen unterscheidet uns nicht die Qualität, sondern die Quantität Glaubens und Frommseins; wir sind mit Wenigerem zufrieden. Aber, werden Jene uns zurufen – so seid auch zufrieden und gebt euch auch als zufrieden! – worauf wir leicht antworten dürften: »In der That, wir gehören nicht zu den Unzufriedensten. Ihr aber, wenn euer Glaube euch selig macht, so gebt euch auch als selig! Eure Gesichter sind immer eurem Glauben schädlicher gewesen als unsere Gründe! Wenn jene frohe Botschaft eurer Bibel euch in's Gesicht geschrieben wäre, ihr brauchtet den Glauben an die Autorität dieses Buches nicht so halsstarrig zu fordern: eure Worte, eure Handlungen sollten die Bibel fortwährend überflüssig machen, eine neue Bibel sollte durch euch fortwährend entstehen! So aber hat alle eure Apologie des Christentums ihre Wurzel in eurem Unchristenthum; mit eurer Vertheidigung schreibt ihr eure eigne Anklageschrift. Solltet ihr aber wünschen, aus diesem eurem Ungenügen am Christenthum herauszukommen, so bringt euch doch die Erfahrung von zwei Jahrtausenden zur Erwägung: welche, in bescheidene Frageform gekleidet, so klingt: »wenn Christus wirklich die Absicht hatte, die Welt zu erlösen, sollte es ihm nicht mißlungen sein?«   99. Der Dichter als Wegzeiger für die Zukunft . – So viel noch überschüssige dichterische Kraft unter den jetzigen Menschen vorhanden ist, welche bei der Gestaltung des Lebens nicht verbraucht wird, so viel sollte, ohne jeden Abzug, Einem Ziele sich weihen, nicht etwa der Abmalung des Gegenwärtigen, der Wiederbeseelung und Verdichtung der Vergangenheit, sondern dem Wegweisen für die Zukunft: – und dies nicht in dem Verstande, als ob der Dichter gleich einem phantastischen Nationalökonomen günstigere Volks- und Gesellschafts-Zustände und deren Ermöglichung im Bilde vorwegnehmen sollte. Vielmehr wird er, wie früher die Künstler an den Götterbildern fortdichteten, so an dem schönen Menschenbilde fortdichten und jene Fälle auswittern, wo mitten in unserer modernen Welt und Wirklichkeit, wo ohne jede künstliche Abwehr und Entziehung von derselben, die schöne große Seele noch möglich ist, dort wo sie sich auch jetzt noch in harmonische, ebenmäßige Zustände einzuverleiben vermag, durch sie Sichtbarkeit, Dauer und Vorbildlichkeit bekommt und also, durch Erregung von Nachahmung und Neid, die Zukunft schaffen hilft. Dichtungen solcher Dichter würden dadurch sich auszeichnen, daß sie gegen die Luft und Gluth der Leidenschaften abgeschlossen und verwahrt erschienen: der unverbesserliche Fehlgriff, das Zertrümmern des ganzen menschlichen Saitenspiels, Hohnlachen und Zähneknirschen und alles Tragische und Komische im alten gewohnten Sinne würde in der Nähe dieser neuen Kunst als lästige archaisirende Vergröberung des Menschen-Bildes empfunden werden. Kraft, Güte, Milde, Reinheit und ungewolltes, eingeborenes Maaß in den Personen und deren Handlungen: ein geebneter Boden, welcher dem Fuße Ruhe und Lust giebt: ein leuchtender Himmel auf Gesichtern und Vorgängen sich abspiegelnd: das Wissen und die Kunst zu neuer Einheit zusammengeflossen: der Geist ohne Anmaßung und Eifersucht mit seiner Schwester, der Seele zusammenwohnend und aus dem Gegensätzlichen die Grazie des Ernstes, nicht die Ungeduld des Zwiespaltes herauslockend: – dies Alles wäre das Umschließende, Allgemeine, Goldgrundhafte, auf dem jetzt erst die zarten Unterschiede der verkörperten Ideale das eigentliche Gemälde – das der immer wachsenden menschlichen Hoheit – machen würden. – Von Goethe aus führt mancher Weg in diese Dichtung der Zukunft: aber es bedarf guter Pfadfinder und vor Allem einer weit größern Macht, als die jetzigen Dichter, das heißt die unbedenklichen Darsteller des Halbthiers und der mit Kraft und Natur verwechselten Unreife und Unmäßigkeit, besitzen.   100. Die Muse als Penthesilea . – »Lieber verwesen als ein Weib sein, das nicht reizt .« Wenn die Muse erst einmal so denkt, so ist das Ende ihrer Kunst wieder in der Nähe. Aber es kann ein Tragödien- und auch ein Komödien-Ausgang sein.   101. Was der Umweg zum Schönen ist . – Wenn das Schöne gleich dem Erfreuenden ist – und so sangen es ja einmal die Musen –, so ist das Nützliche der oftmals notwendige Umweg zum Schönen und kann den kurzsichtigen Tadel der Augenblicks-Menschen, die nicht warten wollen und alles Gute ohne Umwege zu erreichen denken, mit gutem Rechte zurückweisen.   102. Zur Entschuldigung mancher Schuld . – Das unablässige Schaffen-wollen und Nach-Außen-spähen des Künstlers hält ihn davon ab, als Person schöner und besser zu werden, also sich selber zu schaffen – es sei denn, daß seine Ehrsucht groß genug ist, um ihn zu zwingen, daß er sich auch im Leben mit Andern der wachsenden Schönheit und Größe seiner Werke immer entsprechend gewachsen zeige. In allen Fällen hat er nur ein bestimmtes Maaß von Kraft: was er davon auf sich verwendet – wie könnte dies noch seinem Werke zu Gute kommen? – Und umgekehrt.   103. Den Besten genug thun . – Wenn man mit seiner Kunst »den Besten seiner Zeit genug-gethan«, so ist dies ein Anzeichen davon, daß man den Besten der nächsten Zeit mit ihr nicht genug-thun wird : »gelebt« freilich »hat man für alle Zeiten« – der Beifall der Besten sichert den Ruhm.   104. Aus Einem Stoffe . – Ist man aus Einem Stoffe mit einem Buche oder Kunstwerk, so meint man ganz innerlich, es müsse vortrefflich sein, und ist beleidigt, wenn Andere es häßlich, überwürzt oder großthuerisch finden.   105. Sprache und Gefühl . – Daß die Sprache uns nicht zur Mittheilung des Gefühls gegeben ist, steht man daraus, daß alle einfachen Menschen sich schämen, Worte für ihre tieferen Erregungen zu suchen: die Mittheilung derselben äußert sich nur in Handlungen, und selbst hier giebt es ein Erröthen darüber, wenn der Andere ihre Motive zu errathen scheint. Unter den Dichtern, welchen im Allgemeinen die Gottheit diese Scham versagte, sind doch die edleren in der Sprache des Gefühls einsilbiger und lassen einen Zwang merken: während die eigentlichen Gefühls-Dichter im praktischen Leben meistens unverschämt sind.   106. Irrthum über eine Entbehrung . – Wer sich nicht von einer Kunst lange Zeit völlig entwöhnt hat, sondern immer in ihr zu Hause ist, kann nicht von ferne begreifen, wie wenig man entbehrt, wenn man ohne diese Kunst lebt.   107. Dreiviertelskraft . – Ein Werk, das den Eindruck des Gesunden machen soll, darf höchstens mit Dreiviertel der Kraft seines Urhebers hervorgebracht sein. Ist er dagegen bis an seine äußerste Grenze gegangen, so regt das Werk den Betrachtenden auf und ängstigt ihn durch seine Spannung. Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.   108. Den Hunger als Gast abweisen . – Weil dem Hungrigen die feinere Speise so gut und um Nichts besser als die gröbste dient, so wird der anspruchsvollere Künstler nicht darauf denken, den Hungrigen zu seiner Mahlzeit einzuladen.   109. Ohne Kunst und Wein leben . – Mit den Werken der Kunst steht es wie mit dem Weine: noch besser ist es, wenn man Beide nicht nöthig hat, sich an Wasser hält und das Wasser aus innerem Feuer, innerer Süße der Seele immer wieder von selber in Wein verwandelt.   110. Das Raub-Genie . – Das Raub-Genie in den Künsten, das selbst feine Geister zu täuschen weiß, entsteht, wenn Jemand unbedenklich von Jung an alles Gute, welches nicht geradezu vom Gesetz als Eigenthum einer bestimmten Person in Schutz genommen ist, als freie Beute betrachtet. Nun liegt alles Gute vergangner Zeiten und Meister frei umher, eingehegt und behütet durch die verehrende Scheu der Wenigen, die es erkennen: diesen Wenigen bietet jenes Genie, kraft seines Mangels an Scham, Trotz und häuft sich einen Reichthum auf, der selber wieder Verehrung und Scheu erzeugt.   111. An die Dichter der großen Städte . – Den Gärten der heutigen Poesie merkt man es an, daß die großstädtischen Kloaken zu nahe dabei sind: mitten in den Blüthengeruch mischt sich Etwas, das Ekel und Fäulniß verräth. – Mit Schmerz frage ich: habt ihr es so nöthig, ihr Dichter, den Witz und den Schmutz immer zu Gevatter zu bitten, wenn irgend eine unschuldige und schöne Empfindung von euch getauft werden soll? Müßt ihr durchaus eurer edlen Göttin eine Fratzen- und Teufelskappe aufsetzen? Woher aber diese Noth, dieses Müssen? – Eben daher, daß ihr den Kloaken zu nahe wohnt.   112. Vom Salz der Rede . – Niemand hat noch erklärt, warum die griechischen Schriftsteller von den Mitteln des Ausdrucks, welche ihnen in unerhörter Fülle und Kraft zu Gebote standen, einen so übersparsamen Gebrauch gemacht haben, daß jedes nachgriechische Buch dagegen grell, bunt und überspannt erscheint. – Man hört, daß dem Nordpol-Eise zu ebenso wie in den heißesten Ländern der Gebrauch des Salzes spärlicher werde, daß dagegen die Ebenen- und Küstenanwohner im Erdgürtel der mäßigeren Sonnenwärme am reichlichsten Gebrauch von ihm machen. Sollten die Griechen aus doppelten Gründen, weil zwar ihr Intellekt kälter und klarer, ihre leidenschaftliche Grundnatur aber um Vieles tropischer war als die unsrige, des Salzes und Gewürzes nicht in dem Maaße nöthig gehabt haben als wir?   113. Der freieste Schriftsteller . – Wie dürfte in einem Buche für freie Geister Lorenz Sterne ungenannt bleiben, er, den Goethe als den freiesten Geist seines Jahrhunderts geehrt hat! Möge er hier mit der Ehre fürlieb nehmen, der freieste Schriftsteller aller Zeiten genannt zu werden, in Vergleich mit welchem alle Anderen steif, vierschrötig, unduldsam und bäurisch-geradezu erscheinen. An ihm dürfte nicht die geschlossene klare, sondern die »unendliche Melodie« gerühmt werden: wenn mit diesem Worte ein Stil der Kunst zu einem Namen kommt, bei dem die bestimmte Form fortwährend gebrochen, verschoben, in das Unbestimmte zurückübersetzt wird, so daß sie das Eine und zugleich das Andere bedeutet. Sterne ist der große Meister der Zweideutigkeit – dies Wort billigerweise viel weiter genommen als man gemeinhin thut, wenn man dabei an geschlechtliche Beziehungen denkt. Der Leser ist verloren zu geben, der jederzeit genau wissen will, was Sterne eigentlich über eine Sache denkt, ob er bei ihr ein ernsthaftes oder ein lächelndes Gesicht macht: denn er versteht sich auf Beides in Einer Faltung seines Gesichtes; er versteht es ebenfalls und will es sogar, zugleich Recht und Unrecht zu haben, den Tiefsinn und die Posse zu verknäueln. Seine Abschweifungen sind zugleich Forterzählungen und Weiterentwicklungen der Geschichte; seine Sentenzen enthalten zugleich eine Ironie auf alles Sentenziöse, sein Widerwille gegen das Ernsthafte ist einem Hange angeknüpft, keine Sache nur flach und äußerlich nehmen zu können. So bringt er bei dem rechten Leser ein Gefühl von Unsicherheit darüber hervor, ob man gehe, stehe oder liege: ein Gefühl, welches dem des Schwebens am verwandtesten ist. Er, der geschmeidigste Autor, theilt auch seinem Leser etwas von dieser Geschmeidigkeit mit. Ja, Sterne verwechselt unversehens die Rollen und ist bald ebenso Leser, als er Autor ist; sein Buch gleicht einem Schauspiel im Schauspiel, einem Theaterpublikum vor einem andern Theaterpublikum. Man muß sich der Sternischen Laune auf Gnade und Ungnade ergeben – und kann übrigens erwarten, daß sie gnädig, immer gnädig ist. – Seltsam und belehrend ist es, wie ein so großer Schriftsteller wie Diderot sich zu dieser allgemeinen Zweideutigkeit Sterne's gestellt hat: nämlich ebenfalls zweideutig – und das eben ist ächt Sternischer Überhumor. Hat er Jenen, in seinem Jacques le fataliste , nachgeahmt, bewundert, verspottet, parodirt? – man kann es nicht völlig herausbekommen, – und vielleicht hat gerade dies sein Autor gewollt. Gerade dieser Zweifel macht die Franzosen gegen das Werk eines ihrer ersten Meister (der sich vor keinem Alten und Neuen zu schämen braucht) ungerecht . Die Franzosen sind eben zum Humor – und namentlich zu diesem Humoristisch-nehmen des Humors selber – zu ernsthaft. – Sollte es nöthig sein hinzuzufügen, daß Sterne unter allen großen Schriftstellern das schlechteste Muster und der eigentlich unvorbildliche Autor ist, und daß selbst Diderot sein Wagniß büßen mußte? Das, was die guten Franzosen und vor ihnen einzelne Griechen und Römer als Prosaiker wollten und konnten, ist genau das Gegentheil von Dem, was Sterne will und kann: er erhebt sich eben als meisterhafte Ausnahme über Das, was alle schriftstellerischen Künstler von sich fordern: Zucht, Geschlossenheit, Charakter, Beständigkeit der Absichten, Überschaulichkeit, Schlichtheit, Haltung in Gang und Miene. – Leider scheint der Mensch Sterne mit dem Schriftsteller Sterne nur zu verwandt gewesen zu sein: seine Eichhorn-Seele sprang mit unbändiger Unruhe von Zweig zu Zweig; was nur zwischen Erhaben und Schuftig liegt, war ihm bekannt; auf jeder Stelle hatte er gesessen, immer mit dem unverschämten wässrigen Auge und dem empfindsamen Mienenspiele. Er war, wenn die Sprache vor einer solchen Zusammenstellung nicht erschrecken wollte, von einer hartherzigen Gutmüthigkeit und hatte in den Genüssen einer barocken, ja verderbten Einbildungskraft fast die blöde Anmuth der Unschuld. Eine solche fleisch- und seelenhafte Zweideutigkeit, eine solche Freigeisterei bis in jede Faser und Muskel des Leibes hinein, wie er diese Eigenschaften hatte, besaß vielleicht kein anderer Mensch.   114. Gewählte Wirklichkeit . – Wie der gute Prosaschriftsteller nur Worte nimmt, welche der Umgangssprache angehören, doch lange nicht alle Worte derselben – wodurch eben der gewählte Stil entsteht –, so wird der gute Dichter der Zukunft nur Wirkliches darstellen und von allen phantastischen, abergläubischen, halbredlichen, abgeklungenen Gegenständen, an denen frühere Dichter ihre Kraft zeigten, völlig absehen. Nur Wirklichkeit, aber lange nicht jede Wirklichkeit! – sondern eine gewählte Wirklichkeit!   115. Abarten der Kunst . – Neben den ächten Gattungen der Kunst, der der großen Ruhe und der der großen Bewegung, giebt es Abarten – die ruhesüchtige, blasirte Kunst und die aufgeregte Kunst: beide wünschen, daß man ihre Schwäche für Stärke nehme und sie mit den ächten Gattungen verwechsele.   116. Zum Heros fehlt jetzt die Farbe . – Die eigentlichen Dichter und Künstler der Gegenwart lieben es, ihre Gemälde auf einen roth, grün, grau und goldig flackernden Grund aufzutragen, auf den Grund der nervösen Sinnlichkeit : auf diese verstehen sich ja die Kinder dieses Jahrhunderts. Dies hat den Nachtheil – wenn man nämlich nicht mit den Augen des Jahrhunderts auf jene Gemälde sieht –, daß die größten Gestalten, welche Jene hinmalen, etwas Flimmerndes, Zitterndes, Wirbelndes an sich zu haben scheinen: so daß man ihnen heroische Thaten eigentlich nicht zutraut, sondern höchstens heroisirende, prahlerische Unthaten.   117. Stil der Überladung . – Der überladene Stil in der Kunst ist die Folge einer Verarmung der organisirenden Kraft bei verschwenderischem Vorhandensein von Mitteln und Absichten. – In den Anfängen der Kunst findet sich mitunter das gerade Gegenstück dazu.   118. Pulchrum est paucorum hominum . – Die Historie und die Erfahrung sagt uns, daß die bedeutsame Ungeheuerlichkeit, welche die Phantasie geheimnißvoll anregt und über das Wirkliche und Alltägliche fortträgt, älter ist und reichlicher wächst als das Schöne in der Kunst und dessen Verehrung – und daß es sofort wieder in Überfülle ausschlägt, wenn der Sinn für Schönheit sich verdunkelt. Es scheint für die Mehr- und Überzahl der Menschen ein höheres Bedürfniß zu sein als das Schöne: wohl deshalb, weil es das gröbere Narkotikum enthält.   119. Ursprünge des Geschmacks an Kunstwerken . – Denkt man an die anfänglichen Keime des künstlerischen Sinnes und fragt sich, welche verschiedentlichen Arten der Freude durch die Erstlinge der Kunst, zum Beispiel bei wilden Völkerschaften, hervorgebracht werden, so findet man zuerst die Freude, zu verstehen , was ein Andrer meint ; die Kunst ist hier eine Art Räthselaufgeben, das dem Errathenden Genuß am eigenen Schnell- und Scharfsinn verschafft. – Sodann erinnert man sich beim rohesten Kunstwerk an Das, was Einem in der Erfahrung angenehm war und hat insofern Freude, zum Beispiel wenn der Künstler auf Jagd, Steg, Hochzeit hingedeutet hat. – Wiederum kann man sich durch das Dargestellte erregt, gerührt, entflammt fühlen, beispielsweise bei Verherrlichung von Rache und Gefahr. Hier liegt der Genuß in der Erregung selber, im Siege über die Langeweile. – Auch die Erinnerung an das Unangenehme, insofern es überwunden ist, oder insofern es uns selber als Gegenstand der Kunst vor dem Zuhörer interessant erscheinen läßt (wie wenn der Sänger die Unfälle eines verwegenen Seefahrers beschreibt), kann große Freude machen, welche man dann der Kunst zu Gute rechnet. – Feinerer Art ist schon jene Freude, welche beim Anblick alles Regelmäßigen und Symmetrischen, in Linien, Punkten, Rhythmen, entsteht; denn durch eine gewisse Ähnlichkeit wird die Empfindung für alles Geordnete und Regelmäßige im Leben, dem man ja ganz allein alles Wohlbefinden zu danken hat, wachgerufen: im Cultus des Symmetrischen verehrt man also unbewußt die Regel und das Gleichmaaß als Quelle seines bisherigen Glücks; die Freude ist eine Art Dankgebet. Erst bei einer gewissen Übersättigung an dieser letzterwähnten Freude entsteht das noch feinere Gefühl, daß auch im Durchbrechen des Symmetrischen und Geregelten Genuß liegen könne; wenn es zum Beispiel anreizt, Vernunft in der scheinbaren Unvernunft zu suchen: wodurch es dann, als eine Art aesthetischen Räthselrathens, wie eine höhere Gattung der zuerst erwähnten Kunstfreude dasteht. – Wer dieser Betrachtung weiter nachhängt, wird wissen, auf welche Art von Hypothesen hier zur Erklärung der aesthetischen Erscheinungen grundsätzlich verzichtet wird.   120. Nicht zu nahe . – Es ist ein Nachtheil für gute Gedanken, wenn sie zu rasch auf einander folgen; sie verdecken sich gegenseitig die Aussicht. – Deshalb haben die größten Künstler und Schriftsteller reichlichen Gebrauch vom Mittelmäßigen gemacht.   121. Rohheit und Schwäche . – Die Künstler aller Zeiten haben die Entdeckung gemacht, daß in der Rohheit eine gewisse Kraft liegt und daß nicht Jeder roh sein kann, der es wohl sein möchte; ebenso daß manche Arten von Schwäche stark auf das Gefühl wirken. Hieraus sind nicht wenig Kunstmittel-Surrogate abgeleitet worden, deren sich völlig zu enthalten selbst den größten und gewissenhaftesten Künstlern schwer wird.   122. Das gute Gedächtniß . – Mancher wird nur deshalb kein Denker, weil sein Gedächtniß zu gut ist.   123. Hungermachen statt Hungerstillen . – Große Künstler wähnen, sie hätten durch ihre Kunst eine Seele völlig in Besitz genommen und ausgefüllt: in Wahrheit, und oft zu ihrer schmerzlichen Enttäuschung, ist jene Seele dadurch nur um so umfänglicher und unausfüllbarer geworden, so daß zehn größere Künstler sich nun in ihre Tiefe hinabstürzen könnten, ohne sie zu sättigen.   124. Künstler-Angst . – Die Angst, man möchte ihren Figuren nicht glauben, daß sie leben , kann Künstler des absinkenden Geschmacks verführen, diese so zu bilden, daß sie sich wie toll benehmen: wie andererseits aus derselben Angst griechische Künstler des ersten Aufgangs selbst Sterbenden und Schwerverwundeten jenes Lächeln gaben, welches sie als lebhaftestes Zeichen des Lebens kannten, – unbekümmert darum, was die Natur in solchem Falle des Noch-lebens, des Fast-nicht-mehr-lebens bildet.   125. Der Kreis soll fertig werden . – Wer einer Philosophie oder Kunstart bis an das Ende ihrer Bahn und um das Ende herum nachgegangen ist, begreift aus einem innern Erlebniß, warum die nachfolgenden Meister und Lehrer sich von ihr, oft mit abschätziger Miene, zu einer neuen Bahn fortwandten. Der Kreis muß eben umschrieben werden – aber der Einzelne, und sei es der Größte, sitzt auf seinem Punkte der Peripherie fest, mit einer unerbittlichen Miene der Hartnäckigkeit, als ob der Kreis nie geschlossen werden dürfe.   126. Ältere Kunst und die Seele der Gegenwart . – Weil jede Kunst zum Ausdruck seelischer Zustände, der bewegteren, zarteren, drastischern, leidenschaftlichern, immer befähigter wird, so empfinden die späteren Meister, durch diese Ausdrucks-Mittel verwöhnt, ein Unbehagen bei den Kunstwerken der älteren Zeit, wie als ob es den Alten eben nur an den Mitteln gefehlt habe, ihre Seele deutlich reden zu lassen, vielleicht gar an einigen technischen Vorbedingungen; und sie meinen hier nachhelfen zu müssen – denn sie glauben an die Gleichheit, ja Einheit aller Seelen. In Wahrheit ist aber die Seele jener Meister selber noch eine andere gewesen, größer vielleicht, aber kälter und dem Reizvoll-Lebendigen noch abhold: das Maaß, die Symmetrie, die Geringachtung des Holden und Wonnigen, eine unbewußte Herbe und Morgenkühle, ein Ausweichen vor der Leidenschaft, wie als ob an ihr die Kunst zu Grunde gehen werde, – dies macht die Gesinnung und Moralität aller älteren Meister aus, welche ihre Ausdrucks-Mittel nicht zufällig, sondern nothwendig mit der gleichen Moralität wählten und durchgeisteten. – Soll man aber, bei dieser Erkenntniß, den später Kommenden das Recht versagen, die älteren Werke nach ihrer Seele zu beseelen? Nein, denn nur dadurch, daß wir ihnen unsere Seele geben, vermögen sie fortzuleben: erst unser Blut bringt sie dazu, zu uns zu reden. Der wirklich »historische« Vortrag würde gespenstisch zu Gespenstern reden. – Man ehrt die großen Künstler der Vergangenheit weniger durch jene unfruchtbare Scheu, welche jedes Wort, jede Note so liegen läßt, wie sie gestellt ist, als durch thätige Versuche, ihnen immer von Neuem wieder zum Leben zu verhelfen. – Freilich: dächte man sich Beethoven plötzlich wiederkommend und eins seiner Werke gemäß der modernsten Beseeltheit und Nerven-Verfeinerung, welche unsern Meistern des Vortrags zum Ruhme dient, vor ihm ertönend: er würde wahrscheinlich lange stumm sein, schwankend, ob er die Hand zum Fluchen oder Segnen erheben solle, endlich aber vielleicht sprechen: »Nun! Nun! Das ist weder Ich noch Nicht-Ich, sondern etwas Drittes – es scheint mir auch etwas Rechtes, wenn es gleich nicht das Rechte ist. Ihr mögt aber zusehen, wie ihr's treibt, da ihr ja jedenfalls zuhören müßt, – und der Lebende hat Recht, sagt ja unser Schiller. So habt denn Recht und laßt mich wieder hinab.«   127. Gegen die Tadler der Kürze . – Etwas Kurz-Gesagtes kann die Frucht und Ernte von vielem Lang-Gedachten sein: aber der Leser, der auf diesem Felde Neuling ist und hier noch gar nicht nachgedacht hat, sieht in allem Kurz-Gesagten etwas Embryonisches, nicht ohne einen tadelnden Wink an den Autor, daß er dergleichen Unausgewachsenes, Ungereiftes ihm zur Mahlzeit mit auf den Tisch setze.   128. Gegen die Kurzsichtigen . – Meint ihr denn, es müsse Stückwerk sein, weil man es euch in Stücken giebt (und geben muß)?   129. Sentenzen-Leser . – Die schlechtesten Leser von Sentenzen sind die Freunde ihres Urhebers, im Fall sie beflissen sind, aus dem Allgemeinen wieder auf das Besondere zurückzurathen, dem die Sentenz ihren Ursprung verdankt: denn durch diese Topfguckerei machen sie die ganze Mühe des Autors zu Nichte, so daß sie nun verdientermaßen anstatt einer philosophischen Stimmung und Belehrung besten oder schlimmsten Falls nichts als die Befriedigung der gemeinen Neugierde zum Gewinn erhalten.   130. Unarten des Lesers . – Die doppelte Unart des Lesers gegen den Autor besteht darin, das zweite Buch desselben auf Unkosten des ersten zu loben (oder umgekehrt) und dabei zu verlangen, daß der Autor ihm dankbar sei.   131. Das Aufregende in der Geschichte der Kunst . – Verfolgt man die Geschichte einer Kunst, zum Beispiel die der griechischen Beredsamkeit, so geräth man, von Meister zu Meister fortgehend, bei dem Anblick dieser immer gesteigerten Besonnenheit, um den alten und neu hinzugefügten Gesetzen und Selbstbeschränkungen insgesammt zu gehorchen, zuletzt in eine peinliche Spannung: man begreift, daß der Bogen brechen muß und daß die sogenannte unorganische Composition, mit den wundervollsten Mitteln des Ausdrucks überhängt und maskirt – in jenem Falle der Barockstil des Asianismus –, einmal eine Notwendigkeit und fast eine Wohlthat war.   132. An die Großen der Kunst . – Jene Begeisterung für eine Sache, welche du Großer in die Welt hineinträgst, läßt den Verstand Vieler verkrüppeln . Dies zu wissen demüthigt. Aber der Begeisterte trägt seinen Höcker mit Stolz und Lust: insofern hast du den Trost, daß durch dich das Glück in der Welt vermehrt ist.   133. Die aesthetisch Gewissenlosen . – Die eigentlichen Fanatiker einer künstlerischen Partei sind jene völlig unkünstlerischen Naturen, welche selbst in die Elemente der Kunstlehre und des Kunstkönnens nicht eingedrungen sind, aber auf das Stärkste von allen elementarischen Wirkungen einer Kunst ergriffen werden. Für sie giebt es kein aesthetisches Gewissen – und daher Nichts, was sie vom Fanatismus zurückhalten könnte.   134. Wie nach der neueren Musik sich die Seele bewegen soll . – Die künstlerische Absicht, welche die neuere Musik in Dem verfolgt, was jetzt, sehr stark aber undeutlich, als »unendliche Melodie« bezeichnet wird, kann man sich dadurch klar machen, daß man in's Meer geht, allmählich den sicheren Schritt auf dem Grunde verliert und sich endlich dem wogenden Elemente auf Gnade und Ungnade übergiebt: man soll schwimmen . In der bisherigen älteren Musik mußte man, im zierlichen oder feierlichen oder feurigen Hin und Wieder, Schneller und Langsamer, tanzen : wobei das hierzu nöthige Maaß, das Einhalten bestimmter gleichwiegender Zeit- und Kraftgrade von der Seele des Zuhörers eine fortwährende Besonnenheit erzwang: auf dem Widerspiele dieses kühleren Luftzuges, welcher von der Besonnenheit herkam, und des durchwärmten Athems musikalischer Begeisterung ruhte der Zauber jener Musik. – Richard Wagner wollte eine andere Art Bewegung der Seele , welche, wie gesagt, dem Schwimmen und Schweben verwandt ist. Vielleicht ist dies das Wesentlichste seiner Neuerungen. Sein berühmtes Kunstmittel, diesem Wollen entsprungen und angepaßt – die »unendliche Melodie« – bestrebt sich, alle mathematische Zeit- und Kraft-Ebenmäßigkeit zu brechen, mitunter selbst zu verhöhnen; und er ist überreich in der Erfindung solcher Wirkungen, welche dem älteren Ohre wie rhythmische Paradoxien und Lästerreden klingen. Er fürchtet die Versteinerung, die Krystallisation, den Übergang der Musik in das Architektonische – und so stellt er dem zweitaktigen Rhythmus einen dreitaktigen entgegen, führt nicht selten den Fünf- und Siebentakt ein, wiederholt dieselbe Phrase sofort, aber mit einer Dehnung, daß sie die doppelte und dreifache Zeitdauer bekommt. Aus einer bequemen Nachahmung solcher Kunst kann eine große Gefahr für die Musik entstehen: immer hat neben der Überreife des rhythmischen Gefühls die Verwilderung, der Verfall der Rhythmik im Versteck gelauert. Sehr groß wird zumal diese Gefahr, wenn eine solche Musik sich immer enger an eine ganz naturalistische, durch keine höhere Plastik erzogene und beherrschte Schauspielerkunst und Gebärdensprache anlehnt, welche in sich kein Maaß hat und dem sich ihr anschmiegenden Elemente, dem allzuweiblichen Wesen der Musik, auch kein Maaß mitzutheilen vermag.   135. Dichter und Wirklichkeit . – Die Muse des Dichters, der nicht in die Wirklichkeit verliebt ist, wird eben nicht die Wirklichkeit sein und ihm hohläugige und allzu zartknochichte Kinder gebären.   136. Mittel und Zweck . – In der Kunst heiligt der Zweck die Mittel nicht: aber heilige Mittel können hier den Zweck heiligen.   137. Die schlechtesten Leser . – Die schlechtesten Leser sind Die, welche wie plündernde Soldaten verfahren: sie nehmen sich Einiges, was sie brauchen können, heraus, beschmutzen und verwirren das Übrige und lästern auf das Ganze.   138. Merkmale des guten Schriftstellers . – Die guten Schriftsteller haben zweierlei gemeinsam; sie ziehen vor, lieber verstanden als angestaunt zu werden; und sie schreiben nicht für die spitzen und überscharfen Leser.   139. Die gemischten Gattungen . – Die gemischten Gattungen in den Künsten legen Zeugniß über das Mißtrauen ab, welches ihre Urheber gegen ihre eigne Kraft empfanden; sie suchten Hülfsmächte, Anwälte, Verstecke – so der Dichter, der die Philosophie, der Musiker, der das Drama, der Denker, der die Rhetorik zu Hülfe ruft.   140. Mund halten . – Der Autor hat den Mund zu halten, wenn sein Werk den Mund aufthut.   141. Abzeichen des Ranges . – Alle Dichter und Schriftsteller, welche in den Superlativ verliebt sind, wollen mehr als sie können.   142. Kalte Bücher . – Der gute Denker rechnet auf Leser, welche das Glück nachempfinden, das im guten Denken liegt: so daß ein Buch, welches sich kalt und nüchtern ausnimmt, durch die rechten Augen gesehen, vom Sonnenscheine der geistigen Heiterkeit umspielt und als ein rechter Seelentrost erscheinen kann.   143. Kunstgriff der Schwerfälligen . – Der schwerfällige Denker wählt gewöhnlich die Geschwätzigkeit oder die Feierlichkeit zur Bundesgenossin: durch die Erstere meint er sich Beweglichkeit und leichten Fluß anzueignen, durch die Letztere erweckt er den Schein, als ob seine Eigenschaft eine Wirkung des freien Willens, der künstlerischen Absicht sei, zum Zwecke der Würde, welche Langsamkeit der Bewegung fordert.   144. Vom Barockstile . – Wer sich als Denker und Schriftsteller zur Dialektik und Auseinanderfaltung der Gedanken nicht geboren oder erzogen weiß, wird unwillkürlich nach dem Rhetorischen und Dramatischen greifen: denn zuletzt kommt es ihm darauf an, sich verständlich zu machen und dadurch Gewalt zu gewinnen, gleichgültig ob er das Gefühl auf ebenem Pfade zu sich leitet oder unversehens überfällt – als Hirt oder als Räuber. Dies gilt auch in den bildenden wie musischen Künsten; wo das Gefühl mangelnder Dialektik oder des Ungenügens in Ausdruck und Erzählung, zusammen mit einem überreichen, drängenden Formentriebe, jene Gattung des Stiles zu Tage fördert, welche man Barockstil nennt. – Nur die Schlechtunterrichteten und Anmaßenden werden übrigens bei diesem Wort sogleich eine abschätzige Empfindung haben. Der Barockstil entsteht jedesmal beim Abblühen jeder großen Kunst, wenn die Anforderungen in der Kunst des classischen Ausdrucks allzugroß geworden sind, als ein Natur-Ereigniß, dem man wohl mit Schwermuth – weil es der Nacht voranläuft – zusehen wird, aber zugleich mit Bewunderung für die ihm eigenthümlichen Ersatzkünste des Ausdrucks und der Erzählung. Dahin gehört schon die Wahl von Stoffen und Vorwürfen höchster dramatischer Spannung, bei denen auch ohne Kunst das Herz zittert, weil Himmel und Hölle der Empfindung allzunah sind: dann die Beredsamkeit der starken Affekte und Gebärden, des Häßlich-Erhabenen, der großen Massen, überhaupt der Quantität an sich – wie dies sich schon bei Michelangelo, dem Vater oder Großvater der italiänischen Barockkünstler, ankündigt –: die Dämmerungs-, Verklärungs- oder Feuerbrunstlichter auf so starkgebildeten Formen: dazu fortwährend neue Wagnisse in Mitteln und Absichten, vom Künstler für die Künstler kräftig unterstrichen, während der Laie wähnen muß, das beständige unfreiwillige Überströmen aller Füllhörner einer ursprünglichen Natur-Kunst zu sehen: diese Eigenschaften alle, in denen jener Stil seine Größe hat, sind in den früheren, vorclassischen und classischen Epochen einer Kunstart nicht möglich, nicht erlaubt: solche Köstlichkeiten hängen lange als verbotene Früchte am Baume. – Gerade jetzt, wo die Musik in diese letzte Epoche übergeht, kann man das Phänomen des Barockstils in einer besondern Pracht kennen lernen und Vieles durch Begleichung daraus für frühere Zeiten lernen: denn es hat von den griechischen Zeiten ab schon oftmals einen Barockstil gegeben, in der Poesie, Beredsamkeit, im Prosastile, in der Skulptur ebensowohl als bekanntermaßen in der Architektur – und jedesmal hat dieser Stil, ob es ihm gleich am höchsten Adel, an dem einer unschuldigen, unbewußten, sieghaften Vollkommenheit gebricht, auch Vielen von den Besten und Ernstesten seiner Zeit wohlgethan: – weshalb es, wie gesagt, anmaßend ist, ohne Weiteres ihn abschätzig zu beurtheilen; so sehr sich Jeder glücklich preisen darf, dessen Empfindung durch ihn nicht für den reineren und größeren Stil unempfänglich gemacht wird.   145. Werth ehrlicher Bücher . – Ehrliche Bücher machen den Leser ehrlich, wenigstens indem sie seinen Haß und Widerwillen herauslocken, welchen die verschmitzte Klugheit sonst am besten zu verstecken weiß. Gegen ein Buch aber läßt man sich gehen, wenn man sich auch noch so sehr gegen Menschen zurückhält.   146. Wodurch die Kunst Partei macht . – Einzelne schöne Stellen, ein erregender Gesammt-Verlauf und hinreißende erschütternde Schluß-Stimmungen – so viel wird auch den meisten Laien von einem Kunstwerk noch zugänglich sein: und in einer Periode der Kunst, in der man die große Masse der Laien auf die Seite der Künstler hinüberziehen , also eine Partei, vielleicht zur Erhaltung der Kunst überhaupt, machen will, wird der Schaffende gut thun, auch nicht mehr zu geben: damit er nicht zum Verschwender seiner Kraft werde, auf Gebieten, wo Niemand ihm Dank weiß. Das Übrige nämlich zu leisten – die Natur in ihrem organischen Bilden und Wachsenlassen nachzuahmen – hieße in jenem Falle: auf Wasser säen.   147. Zum Schaden der Historie groß werden . – Jeder spätere Meister, welcher den Geschmack der Kunst-Genießenden in seine Bahn lenkt, bringt unwillkürlich eine Auswahl und Neu-Abschätzung der älteren Meister und ihrer Werte hervor: das ihm Gemäße und Verwandte, das ihn Vorschmeckende und Ankündigende in Jenen gilt von jetzt ab als das eigentlich Bedeutende an ihnen und ihren Werken – eine Frucht, in der gewöhnlich ein großer Irrthum als Wurm verborgen steckt.   148. Wie ein Zeitalter zur Kunst geködert wird . – Man lerne mit Hülfe aller Künstler- und Denker-Zaubereien die Menschen an, vor ihren Mängeln, ihrer geistigen Armut, ihren unsinnigen Verblendungen und Leidenschaften Verehrung zu empfinden – und dies ist möglich –, man zeige vom Verbrechen und vom Wahne nur die erhabene Seite, von der Schwäche der Willenlosen und Blind-Ergebnen nur das Rührende und Zu-Herzen-Sprechende eines solchen Zustandes – auch dies ist oft genug geschehen –: so hat man das Mittel angewendet, auch einem ganz unkünstlerischen und unphilosophischen Zeitalter schwärmerische Liebe zu Philosophie und Kunst (namentlich zu den Künstlern und Denkern als Personen) einzuflößen, und, in schlimmen Umständen, vielleicht das einzige Mittel, die Existenz so zarter und gefährdeter Gebilde zu wahren.   149. Kritik und Freude . – Kritik, einseitige und ungerechte ebenso gut wie verständige, macht Dem, der sie übt, so viel Vergnügen, daß die Welt jedem Werk, jeder Handlung Dank schuldig ist, welche viel und Viele zur Kritik auffordert: denn hinter ihr her zieht sich ein blitzender Schweif von Freude, Witz, Selbstbewunderung, Stolz, Belehrung, Vorsatz zum Bessermachen. – Der Gott der Freude schuf das Schlechte und Mittelmäßige aus dem gleichen Grunde, aus dem er das Gute schuf.   150. Über seine Grenze hinaus .– Wenn ein Künstler mehr sein will als ein Künstler, zum Beispiel der moralische Erwecker seines Volkes, so verliebt er sich, zur Strafe, zuletzt in ein Ungethüm von moralischem Stoff – und die Muse lacht dazu: denn diese so gutherzige Göttin kann aus Eifersucht auch boshaft werden. Man denke an Milton und Klopstock.   151. Gläsernes Auge . – Die Richtung des Talentes auf moralische Stoffe, Personen, Motive, auf die schöne Seele des Kunstwerks ist mitunter nur das gläserne Auge, welches der Künstler, dem es an der schönen Seele gebricht , sich einsetzt: mit dem sehr seltenen Erfolge, daß dies Auge zuletzt doch lebendige Natur wird, wenn auch etwas verkümmert blickende Natur, – aber mit dem gewöhnlichen Erfolge, daß alle Welt Natur zu sehen meint, wo kaltes Glas ist.   152. Schreiben und Siegen-wollen . – Schreiben sollte immer einen Sieg anzeigen, und zwar eine Überwindung seiner selbst , welche Anderen zum Nutzen mitgetheilt werden muß: aber es giebt dyspeptische Autoren, welche gerade nur schreiben, wenn sie Etwas nicht verdauen können, ja wenn dies ihnen schon in den Zähnen hängen geblieben ist: sie suchen unwillkürlich mit ihrem Ärger auch dem Leser Verdruß zu machen und so eine Gewalt über ihn auszuüben, das heißt: auch sie wollen siegen, aber über Andere.   153. » Gut Buch will Weile haben .« – Jedes gute Buch schmeckt herb, wenn es erscheint: es hat den Fehler der Neuheit. Zudem schadet ihm sein lebender Autor, falls er bekannt ist und Manches von ihm verlautet: denn alle Welt pflegt den Autor und sein Werk zu verwechseln. Was in diesem an Geist, Süße und Goldglanz ist, muß sich erst mit den Jahren entwickeln, unter der Pflege wachsender, dann alter, zuletzt überlieferter Verehrung. Manche Stunde muß darüber hinlaufen, manche Spinne ihr Netz daran gewoben haben. Gute Leser machen ein Buch immer besser und gute Gegner klären es ab.   154. Maaßlosigleit als Kunstmittel . – Künstler verstehen wohl, was es sagen will: die Maaßlosigleit als Kunstmittel zu benützen, um den Eindruck des Reichthums hervorzubringen. Es gehört Das zu den unschuldigen Listen der Seelenverführung, auf welche sich die Künstler verstehen müssen: denn in ihrer Welt, in der es auf Schein abgesehen ist, brauchen auch die Mittel des Scheins nicht nothwendig ächt zu sein.   155. Der versteckte Leierkasten . – Die Genies verstehen sich besser als die Talente darauf, den Leierkasten zu verstecken, vermöge ihres umfänglicheren Faltenwurfs; aber im Grunde können sie auch nicht mehr als ihre alten sieben Stücke immer wieder spielen.   156. Der Name auf dem Titelblatt . – Daß der Name des Autors auf dem Buche steht, ist zwar jetzt Sitte und fast Pflicht; doch ist es eine Hauptursache davon, daß Bücher so wenig wirken. Sind sie nämlich gut, so sind sie mehr werth als die Personen, als deren Quintessenzen; sobald aber der Autor sich durch den Titel zu erkennen giebt, wird die Quintessenz wieder von Seiten des Lesers mit dem Persönlichen, ja Persönlichsten diluirt und somit der Zweck des Buches vereitelt. Es ist der Ehrgeiz des Intellektes, nicht mehr individuell zu erscheinen.   157. Schärfste Kritik . – Man kritisirt einen Menschen, ein Buch am schärfsten, wenn man das Ideal desselben hinzeichnet.   158. Wenig und ohne Liebe . – Jedes gute Buch ist für einen bestimmten Leser und dessen Art geschrieben und wird eben deshalb von allen übrigen Lesern, der großen Mehrzahl, ungünstig angesehn: weshalb sein Ruf auf schmaler Grundlage ruht und nur langsam aufgebaut werden kann. – Das mittelmäßige und schlechte Buch ist es eben dadurch, daß es Vielen zu gefallen sucht und auch gefällt.   159. Musik und Krankheit . – Die Gefahr in der neuen Musik liegt darin, daß sie uns den Becher des Wonnigen und Großartigen so hinreißend und mit einem Anscheine von sittlicher Ekstase an die Lippen setzt, daß auch der Mäßige und Edle immer einige Tropfen zu viel von ihr trinkt. Diese Minimal-Ausschweifung, fortwährend wiederholt, kann aber zuletzt eine tiefere Erschütterung und Untergrabung der geistigen Gesundheit zu Wege bringen als irgend ein grober Exceß es vermöchte: so daß Nichts übrig bleibt als eines Tages die Nymphengrotte zu fliehen und, durch Meereswogen und Gefahren, nach dem Rauch von Ithaka und nach den Umarmungen der schlichteren und menschlicheren Gattin sich den Weg zu bahnen.   160. Vortheil für die Gegner . – Ein Buch voller Geist theilt auch an seine Gegner davon mit.   161. Jugend und Kritik . – Ein Buch kritisiren – das heißt für die Jungen nur: keinen einzigen produktiven Gedanken desselben an sich herankommen lassen und sich, mit Händen und Füßen, seiner Haut wehren. Der Jüngling lebt gegen alles Neue, das er nicht in Bausch und Bogen lieben kann, im Stande der Nothwehr und begeht jedesmal dabei, so oft er nur kann, ein überflüssiges Verbrechen.   162. Wirkung der Quantität . – Die größte Paradoxie in der Geschichte der Dichtkunst liegt darin, daß in Allem, worin die alten Dichter ihre Größe haben, Einer ein Barbar, nämlich fehlerhaft und verwachsen vom Wirbel bis zur Zehe, sein kann und dennoch der größte Dichter bleibt. So steht es ja mit Shakespeare, der, mit Sophokles zusammengehalten, einem Bergwerke voll einer Unermeßlichkeit an Gold, Blei und Geröll gleicht, während jener nicht nur Gold, sondern Gold in der edelsten Gestaltung ist, die seinen Werth als Metall fast vergessen macht. Aber die Quantität, in ihren höchsten Steigerungen, wirkt als Qualität. Das kommt Shakespeare zu Gute.   163. Aller Anfang ist Gefahr . – Der Dichter hat die Wahl, entweder das Gefühl von einer Stufe zur andern zu heben und es so zuletzt sehr hoch zu steigern – oder es mit einem Überfalle zu versuchen und gleich von Beginn an mit aller Gewalt am Glockenstrang zu ziehn. Beides hat seine Gefahren: im ersten Falle läuft ihm vielleicht sein Zuhörer vor Langeweile, im zweiten vor Schrecken davon.   164. Zu Gunsten der Kritiker . – Die Insekten stechen, nicht aus Bosheit, sondern weil sie auch leben wollen: ebenso unsere Kritiker; sie wollen unser Blut, nicht unseren Schmerz.   165. Erfolg von Sentenzen . – Die Unerfahrnen meinen immer, wenn ihnen eine Sentenz sofort durch ihre schlichte Wahrheit einleuchtet, sie sei alt und bekannt, und blicken dabei scheel auf den Urheber, als habe er das Gemeingut Aller stehlen wollen: während sie an gewürzten Halbwahrheiten Freude haben und dies dem Autor zu erkennen geben. Dieser weiß einen solchen Wink zu würdigen und erräth daraus leicht, wo es ihm gelungen und wo mißlungen ist.   166. Siegen-wollen . – Ein Künstler, der in Allem, das er unternimmt, über seine Kräfte hinausgeht, wird doch zuletzt, durch das Schauspiel des gewaltigen Ringens, das er gewährt, die Menge mit sich fortreißen: denn der Erfolg ist nicht immer nur beim Siege, sondern mitunter schon beim Siegen-wollen.   167. Sibi scribere . – Der vernünftige Autor schreibt für keine andere Nachwelt als für seine eigene, das heißt für sein Alter, um auch dann noch an sich Freude haben zu können.   168. Lob der Sentenz . – Eine gute Sentenz ist zu hart für den Zahn der Zeit und wird von allen Jahrtausenden nicht aufgezehrt, obwohl sie jeder Zeit zur Nahrung dient: dadurch ist sie das große Paradoxon in der Litteratur, das Unvergängliche inmitten des Wechselnden, die Speise, welche immer geschätzt bleibt, wie das Salz, und niemals, wie selbst dieses, dumm wird.   169. Kunstbedürfniß zweiten Ranges . – Das Volk hat wohl Etwas von Dem, was man Kunstbedürfniß nennen darf, aber es ist wenig und wohlfeil zu befriedigen. Im Grunde genügt hierfür der Abfall der Kunst: das soll man ehrlich sich eingestehen. Man erwäge doch nur zum Beispiel, an was für Melodien und Liedern jetzt unsere kraftvollsten, unverdorbensten, treuherzigsten Schichten der Bevölkerung ihre rechte Herzensfreude haben, man lebe unter Hirten, Sennen, Bauern, Jägern, Soldaten, Seeleuten und gebe sich die Antwort. Und wird nicht in der kleinen Stadt, gerade in den Häusern, welche der Sitz altvererbter Bürgertugend sind, jene allerschlechteste Musik geliebt, ja gehätschelt, welche überhaupt jetzt hervorgebracht wird? Wer von tieferm Bedürfnisse, von unausgefülltem Begehren nach Kunst in Beziehung auf das Volk, wie es ist , redet, der faselt oder schwindelt. Seid ehrlich! Nur bei Ausnahme-Menschen giebt es jetzt ein Kunstbedürfniß in hohem Stile – weil die Kunst überhaupt wieder einmal im Rückgange ist und die menschlichen Kräfte und Hoffnungen sich für eine Zeit auf andere Dinge geworfen haben. – Außerdem, nämlich abseits vom Volke, besteht freilich noch ein breiteres, umfänglicheres Kunstbedürfniß, aber zweiten Ranges , in den höheren und höchsten Schichten der Gesellschaft: hier ist Etwas wie eine künstlerische Gemeinde, die es aufrichtig meint, möglich. Aber man sehe sich die Elemente an! Es sind im Allgemeinen die feineren Unzufriednen, die an sich zu keiner rechten Freude kommen: der Gebildete, der nicht frei genug geworden ist, um der Tröstungen der Religion entrathen zu können, und doch ihre Öle nicht wohlriechend genug findet: der Halbedle, der zu schwach ist, den Einen Grundfehler seines Lebens oder den schädlichen Hang seines Charakters zu brechen, durch heroisches Umkehren oder Verzichtleisten: der Reichbegabte, der zu vornehm von sich denkt, um durch bescheidene Thätigkeit zu nützen, und zu träge zur ernsten aufopfernden Arbeit ist: das Mädchen, welches sich keinen genügenden Kreis von Pflichten zu schaffen weiß: die Frau, die durch eine leichtsinnige oder frevelhafte Ehe sich band und nicht genug gebunden weiß: der Gelehrte, Arzt, Kaufmann, Beamte, der zu zeitig in das Einzelne eingekehrt und seiner ganzen Natur niemals vollen Lauf gegönnt hat, dafür aber mit einem Wurm im Herzen seine immerhin tüchtige Arbeit Hut: endlich alle unvollständigen Künstler – dies sind jetzt die noch wahrhaften Kunstbedürftigen! Und was begehren sie eigentlich von der Kunst? Sie soll ihnen für Stunden und Augenblicke das Unbehagen, die Langeweile, das halbschlechte Gewissen verscheuchen und womöglich den Fehler ihres Lebens und Charakters als Fehler des Welten-Schicksals in's Große umdeuten – sehr verschieden von den Griechen, welche in ihrer Kunst das Aus- und Überströmen ihres eignen Wohl« und Gesundseins empfanden und es liebten, ihre Vollkommenheit noch einmal außer sich zu sehen: – sie führte der Selbstgenuß zur Kunst, diese unsere Zeitgenossen – der Selbstverdruß.   170. Die Deutschen im Theater . – Das eigentliche Theatertalent der Deutschen war Kotzebue; er und seine Deutschen, die der höheren sowohl als die der mittleren Gesellschaft, gehörten nothwendig zusammen, und die Zeitgenossen hätten von ihm im Ernste sagen dürfen: »in ihm leben, weben und sind wir«. Hier war nichts Erzwungenes, Angebildetes, Halb- und Angenießendes: was er wollte und konnte, wurde verstanden, ja bis jetzt ist der ehrliche Theater-Erfolg auf deutschen Bühnen im Besitze der verschämten oder unverschämten Erben Kotzebueischer Mittel und Wirkungen, namentlich soweit das Lustspiel noch in einiger Blüthe steht; woraus sich ergiebt, daß viel von dem damaligen Deutschthum, zumal abseits von der großen Stadt, immer noch fortlebt. Gutmüthig, in kleinen Genüssen unenthaltsam, thränenlüstern, mit dem Wunsche, wenigstens im Theater sich der eingebornen pflichtstrengen Nüchternheit entschlagen zu dürfen und hier lächelnde, ja lachende Duldung zu üben, das Gute und das Mitleid verwechselnd und in Eins zusammenwerfend – wie es das Wesentliche der deutschen Sentimentalität ist –, überglücklich bei einer schönen großmüthigen Handlung, im Übrigen unterwürfig nach Oben, neidisch gegen einander, und doch im Innersten sich selbst genügend – so waren sie, so war er. – Das zweite Theatertalent war Schiller: dieser entdeckte eine Klasse von Zuhörern, welche bis dahin nicht in Betracht gekommen waren; er fand sie in den unreifen Lebensaltern, im deutschen Mädchen und Jüngling. Ihren höheren, edleren, stürmischeren, wenn auch unklareren Regungen, ihrer Lust am Klingklang sittlicher Worte (welche in den dreißiger Jahren des Lebens zu verschwinden pflegt) kam er mit seinen Dichtungen entgegen und errang sich dadurch, gemäß der Leidenschaftlichkeit und Parteisucht jener Altersklasse, einen Erfolg, der allmählich auch auf die reiferen Lebensalter mit Vortheil einwirkte: Schiller hat im Allgemeinen die Deutschen verjüngt . – Goethe stand über den Deutschen in jeder Beziehung und steht es auch jetzt noch: er wird ihnen nie angehören. Wie könnte auch je ein Voll der Goethischen Geistigkeit im Wohl-Sein und Wohl-Wollen gewachsen sein! Wie Beethoven über die Deutschen weg Musik machte, wie Schopenhauer über die Deutschen weg philosophirte, so dichtete Goethe seinen Tasso, seine Iphigenie über die Deutschen weg. Ihm folgte eine sehr kleine Schaar Höchstgebildeter, durch Alterthum, Leben und Reisen Erzogener, über deutsches Wesen hinaus Gewachsener: – er selber wollte es nicht anders. – Als dann die Romantiker ihren zweckbewußten Goethe-Cultus aufrichteten, als ihre erstaunliche Kunstfertigkeit des Anschmeckens dann auf die Schüler Hegel's, die eigentlichen Erzieher der Deutschen dieses Jahrhunderts, übergieng, als der erwachende nationale Ehrgeiz auch dem Ruhme der deutschen Dichter zu Gute kam und der eigentliche Maaßstab des Volkes, ob es sich ehrlich an Etwas freuen könne, unerbittlich dem Urtheile der Einzelnen und jenem nationalen Ehrgeize untergeordnet wurde – das heißt, als man anfieng sich freuen zu müssen –, da entstand jene Verlogenheit und Unächtheit der deutschen Bildung, welche sich Kotzebue's schämte, welche Sophokles, Calderon und selbst Goethe's Faust-Fortsetzung auf die Bühne brachte und welche ihrer belegten Zunge, ihres verschleimten Magens wegen, zuletzt nicht mehr weiß, was ihr schmeckt, was ihr langweilig ist. – Selig sind Die, welche Geschmack haben, wenn es auch ein schlechter Geschmack ist! – Und nicht nur selig, auch weise kann man nur vermöge dieser Eigenschaft werden: weshalb die Griechen, die in solchen Dingen sehr sein waren, den Weisen mit einem Wort bezeichneten, das den Mann des Geschmacks bedeutet, und Weisheit, künstlerische sowohl wie erkennende, geradezu »Geschmack« ( sophia ) benannten.   171. Die Musik als Spätling jeder Cultur . – Die Musik kommt von allen Künsten, welche auf einem bestimmten Cultur-Boden, unter bestimmten socialen und politischen Verhältnissen jedesmal aufzuwachsen pflegen, als die letzte aller Pflanzen zum Vorschein, im Herbst und Abblühen der zu ihr gehörigen Cultur: während gewöhnlich die ersten Boten und Anzeichen eines neuen Frühlings schon bemerkbar sind; ja mitunter läutet die Musik wie die Sprache eines versunkenen Zeitalters in eine erstaunte und neue Welt hinein und kommt zu spät. Erst in der Kunst der Niederländer Musiker fand die Seele des christlichen Mittelalters ihren vollen Klang: ihre Ton-Baukunst ist die nachgeborne, aber ächt- und ebenbürtige Schwester der Gothik. Erst in Händel's Musik erklang das Beste von Luther's und seiner Verwandten Seele, der große jüdisch-heroische Zug, welcher die ganze Reformations-Bewegung schuf. Erst Mozart gab dem Zeitalter Ludwig des Vierzehnten und der Kunst Racine's und Claude Lorrain's in klingendem Golde heraus. Erst in Beethoven's und Rossini's Musik sang sich das achtzehnte Jahrhundert aus, das Jahrhundert der Schwärmerei, der zerbrochnen Ideale und des flüchtigen Glücks. So möchte denn ein Freund empfindsamer Gleichnisse sagen, jede wahrhaft bedeutende Musik sei Schwanengesang. – Die Musik ist eben nicht eine allgemeine überzeitliche Sprache, wie man so oft zu ihrer Ehre gesagt hat, sondern entspricht genau einem Gefühls-, Wärme- und Zeitmaaß, welches eine ganz bestimmte einzelne, zeitlich und örtlich gebundene Cultur als inneres Gesetz in sich trägt: die Musik Palestrina's würde für einen Griechen völlig unzugänglich sein, und wiederum – was würde Palestrina bei der Musik Rossini's hören? – Vielleicht, daß auch unsere neueste deutsche Musik, so sehr sie herrscht und herrschlustig ist, in kurzer Zeitspanne nicht mehr verstanden wird: denn sie entsprang aus einer Cultur, die im raschen Absinken begriffen ist; ihr Boden ist jene Reaktions- und Restaurations-Periode, in welcher ebenso ein gewisser Katholicismus des Gefühls wie die Lust an allem heimisch-nationalen Wesen und Urwesen zur Blüthe kam und über Europa einen gemischten Duft ausgoß: welche beide Richtungen des Empfindens, in größter Stärke erfaßt und bis in die entferntesten Enden fortgeführt, in der Wagnerischen Kunst zuletzt zum Erklingen gekommen sind. Wagner's Aneignung der altheimischen Sagen, sein veredelndes Schalten und Walten unter deren so fremdartigen Göttern und Helden – welche eigentlich souveraine Raubthiere sind, mit Anwandlungen von Tiefsinn, Großherzigkeit und Lebensüberdruß –, die Neubeseelung dieser Gestalten, denen er den christlich-mittelalterlichen Durst nach verzückter Sinnlichkeit und Entsinnlichung dazugab, dieses ganze Wagnerische Nehmen und Geben in Hinsicht auf Stoffe, Seelen, Gestalten und Worte spricht deutlich auch den Geist seiner Musik aus, wenn diese, wie alle Musik, von sich selber nicht völlig unzweideutig zu reden vermöchte: dieser Geist führt den allerletzten Kriegs- und Reaktionszug an gegen den Geist der Aufklärung, welcher aus dem vorigen Jahrhundert in dieses hineinwehte, ebenso gegen die übernationalen Gedanken der französischen Umsturz-Schwärmerei und der englisch-amerikanischen Nüchternheit im Umbau von Staat und Gesellschaft. – Ist es aber nicht ersichtlich, daß die hier – bei Wagner selbst und seinem Anhange – noch zurückgedrängt erscheinenden Gedanken- und Empfindungskreise längst von Neuem wieder Gewalt bekommen haben, und daß jener späte musikalische Protest gegen sie zumeist in Ohren hineinklingt, die andere und entgegengesetzte Töne lieber hören? so daß eines Tages jene wunderbare und hohe Kunst ganz plötzlich unverständlich werden und sich Spinnweben und Vergessenheit über sie legen könnten. – Man darf sich über diese Sachlage nicht durch jene flüchtigen Schwankungen beirren lassen, welche als Reaktion innerhalb der Reaktion, als ein zeitweiliges Einsinken des Wellenbergs inmitten der gesammten Bewegung erscheinen; so mag dieses Jahrzehnt der nationalen Kriege, des ultramontanen Martyriums und der socialistischen Beängstigung in seinen feineren Nachwirkungen auch der genannten Kunst zu einer plötzlichen Glorie verhelfen – ohne ihr damit die Bürgschaft dafür zu geben, daß sie »Zukunft habe«, oder gar, daß sie die Zukunft habe. – Es liegt im Wesen der Musik, daß die Früchte ihrer großen CuItur-Jahrgänge zeitiger unschmackhaft werden und rascher verderben als die Früchte der bildenden Kunst oder gar die auf dem Baume der Erkenntniß gewachsenen: unter allen Erzeugnissen des menschlichen Kunstsinns sind nämlich Gedanken das Dauerhafteste und Haltbarste.   172. Die Dichter keine Lehrer mehr . – So fremd es unserer Zeit klingen mag: es gab Dichter und Künstler, deren Seele über die Leidenschaften und deren Krämpfe und Entzückungen hinaus war und die deshalb an reinlicheren Stoffen, würdigeren Menschen, zarteren Verknüpfungen und Lösungen ihre Freude hatten. Sind die jetzigen großen Künstler meistens Entfesseler des Willens und unter Umständen eben dadurch Befreier des Lebens, so waren jene – Willens-Bändiger, Thier-Verwandeler, Menschen-Schöpfer und überhaupt Bildner, Um- und Fortbildner des Lebens: während der Ruhm der Jetzigen im Abschirren, Kettenlösen, Zertrümmern liegen mag. – Die älteren Griechen verlangten vom Dichter, er solle der Lehrer der Erwachsenen sein: aber wie müßte sich jetzt ein Dichter schämen, wenn man dies von ihm verlangte, – er, der selber sich kein guter Lehrer war und daher selbst kein gutes Gedicht, kein schönes Gebilde wurde, sondern im günstigen Falle gleichsam der scheue, anziehende Trümmerhaufen eines Tempels, aber zugleich eine Höhle der Begierden, mit Blumen, Stechpflanzen, Giftkräutern ruinenhaft überwachsen, von Schlangen, Gewürm, Spinnen und Vögeln bewohnt und besucht – ein Gegenstand zum trauernden Nachsinnen darüber, warum jetzt das Edelste und Köstlichste sogleich als Ruine, ohne die Vergangenheit und Zukunft des Vollkommenseins, emporwachsen muß? –   173. Vor- und Rückblick . – Eine Kunst, wie sie aus Homer, Sophokles, Theokrit, Calderon, Racine, Goethe ausströmt , als Überschuß einer weisen und harmonischen Lebensführung – das ist das Rechte, nach dem wir endlich greifen lernen, wenn wir selber weiser und harmonischer geworden sind: nicht jene barbarische, wenngleich noch so entzückende Aussprudelung hitziger und bunter Dinge aus einer ungebändigten, chaotischen Seele, welche wir früher als Jünglinge unter Kunst verstanden. Es begreift sich aber aus sich selber, daß für gewisse Lebenszeiten eine Kunst der Überspannung, der Erregung, des Widerwillens gegen das Geregelte, Eintönige, Einfache, Logische ein nothwendiges Bedürfniß ist, welchem Künstler entsprechen müssen , damit die Seele solcher Lebenszeiten sich nicht auf anderem Weg, durch allerlei Unfug und Unart, entlade. So bedürfen die Jünglinge, wie sie meistens sind, voll, gährend, von Nichts mehr als von der Langeweile gepeinigt, – so bedürfen Frauen, denen eine gute, die Seele füllende Arbeit fehlt, jener Kunst der entzückenden Unordnung. Um so heftiger noch entflammt sich ihre Sehnsucht nach einem Genügen ohne Wechsel, einem Glück ohne Betäubung und Rausch.   174. Gegen die Kunst der Kunstwerke . – Die Kunst soll vor Allem und zuerst das Leben verschönern , also uns selber den Anderen erträglich, womöglich angenehm machen: mit dieser Aufgabe vor Augen mäßigt sie und hält uns im Zaume, schafft Formen des Umgangs, bindet die Unerzogenen an Gesetze des Anstands, der Reinlichkeit, der Höflichkeit, des Redens und Schweigens zur rechten Zeit. Sodann soll die Kunst alles Häßliche verbergen oder umdeuten , jenes Peinliche, Schreckliche, Ekelhafte, welches trotz allem Bemühen immer wieder, gemäß der Herkunft der menschlichen Natur, herausbrechen wird: sie soll so namentlich in Hinsicht auf die Leidenschaften und seelischen Schmerzen und Ängste verfahren und im unvermeidlich oder unüberwindlich Häßlichen das Bedeutende durchschimmern lassen. Nach dieser großen, ja übergroßen Aufgabe der Kunst ist die sogenannte eigentliche Kunst, die der Kunstwerke , nur ein Anhängsel . Ein Mensch, der einen Überschuß von solchen verschönernden, verbergenden und umdeutenden Kräften in sich fühlt, wird sich zuletzt noch in Kunstwerken dieses Überschusses zu entladen suchen; ebenso, unter besonderen Umständen, ein ganzes Volk. – Aber gewöhnlich fängt man jetzt die Kunst am Ende an, hängt sich an ihren Schweif und meint, die Kunst der Kunstwerke sei das Eigentliche, von ihr aus solle das Leben verbessert und umgewandelt werden – wir Thoren! Wenn wir die Mahlzeit mit dem Nachtisch beginnen und Süßigkeiten über Süßigkeiten kosten, was Wunders, wenn wir uns den Magen und selbst den Appetit für die gute, kräftige, nährende Mahlzeit, zu der uns die Kunst einladet, verderben!   175. Fortbestehen der Kunst . – Wodurch besteht jetzt im Grunde eine Kunst der Kunstwerke fort? Dadurch, daß die Meisten, welche Mußestunden haben – und nur für Diese giebt es ja eine solche Kunst –, nicht glauben ohne Musik, Theater- und Galerien-Besuch, ohne Roman- und Gedichte-lesen mit ihrer Zeit fertig zu werden. Gesetzt, man könnte sie von dieser Befriedigung abhalten , so würden sie entweder nicht so eifrig nach Muße streben und der neiderregende Anblick der Reichen würde seltener – ein großer Gewinn für den Bestand der Gesellschaft; oder sie hätten Muße, lernten aber nachdenken – was man lernen und verlernen kann –, über ihre Arbeit zum Beispiel, ihre Verbindungen, über Freuden, die sie erweisen könnten: alle Welt, mit Ausnahme der Künstler, hätte in beiden Fällen den Vortheil davon. – Es giebt gewiß manchen kraft- und sinnvollen Leser, der hier einen guten Einwand zu machen versteht. Der Plumpen und Böswilligen halber soll es doch einmal gesagt werden, daß es hier wie so oft in diesem Buche dem Autor eben auf den Einwand ankommt, und daß Manches in ihm zu lesen ist, was nicht gerade darin geschrieben steht.   176. Das Mundstück der Götter . – Der Dichter spricht die allgemeinen höheren Meinungen aus, welche ein Volk hat, er ist deren Mundstück und Flöte – aber er spricht sie, vermöge des Metrums und aller anderen künstlerischen Mittel so aus, daß das Volk sie wie etwas ganz Neues und Wunderhaftes nimmt und es vom Dichter allen Ernstes glaubt, er sei das Mundstück der Götter. Ja, in der Umwölkung des Schaffens vergißt der Dichter selber, wo er alle seine geistige Weisheit her hat – von Vater und Mutter, von Lehrern und Büchern aller Art, von der Straße und namentlich von den Priestern; ihn täuscht seine eigene Kunst und er glaubt wirklich, in naiver Zeit, daß ein Gott durch ihn rede, daß er im Zustande einer religiösen Erleuchtung schaffe, – während er eben nur sagt, was er gelernt hat, Volks-Weisheit und Volks-Thorheit miteinander. Also: insofern der Dichter wirklich vox populi ist , gilt er als vox dei .   177. Was alle Kunst will und nicht kann . – Die schwerste und letzte Aufgabe des Künstlers ist die Darstellung des Gleichbleibenden, in sich Ruhenden, Hohen, Einfachen, vom Einzelreiz weit Absehenden; deshalb werden die höchsten Gestaltungen sittlicher Vollkommenheit von den schwächeren Künstlern selbst als unkünstlerische Vorwürfe abgelehnt, weil ihrem Ehrgeize der Anblick dieser Früchte gar zu peinlich ist: sie glänzen ihnen aus den äußersten Ästen der Kunst entgegen, aber es fehlt ihnen Leiter, Muth und Handgriff, um sich so hoch wagen zu dürfen. An sich ist ein Phidias als Dichter recht wohl möglich, aber, in Anbetracht der modernen Kraft, fast nur im Sinne des Wortes, daß bei Gott kein Ding unmöglich ist. Schon der Wunsch nach einem dichterischen Claude Lorrain ist ja gegenwärtig eine Unbescheidenheit, so sehr Einen das Herz darnach verlangen heißt. – Der Darstellung des letzten Menschen, das heißt des einfachsten und zugleich vollsten , war bis jetzt kein Künstler gewachsen; vielleicht aber haben die Griechen, im Ideal der Athene , am weitesten von allen bisherigen Menschen den Blick geworfen.   178. Kunst und Restauration . – Die rückläufigen Bewegungen in der Geschichte, die sogenannten Restaurationszeiten, welche einem geistigen und gesellschaftlichen Zustand, der vor dem zuletzt bestehenden lag, wieder Leben zu geben suchen und denen eine kurze Todten-Erweckung auch wirklich zu gelingen scheint, haben den Reiz gemüthvoller Erinnerung, sehnsüchtigen Verlangens nach fast Verlorenem, hastigen Umarmens von minutenlangem Glücke. Wegen dieser seltsamen Vertiefung der Stimmung finden gerade in solchen flüchtigen, fast traumhaften Zeiten Kunst und Dichtung einen natürlichen Boden: wie an steil absinkenden Bergeshängen die zartesten und seltensten Pflanzen wachsen. – So treibt es manchen guten Künstler unvermerkt zu einer Restaurations-Denkweise in Politik und Gesellschaft, für welche er sich, auf eigene Faust, ein stilles Winkelchen und Gärtchen zurechtmacht: wo er dann die menschlichen Überreste jener ihn anheimelnden Geschichtsepoche um sich sammelt und vor lauter Todten, Halbtodten und Sterbensmüden sein Saitenspiel ertönen läßt, vielleicht mit dem erwähnten Erfolge einer kurzen Todten-Erweckung.   179. Glück der Zeit . – In zwei Beziehungen ist unsere Zeit glücklich zu preisen. In Hinsicht auf die Vergangenheit genießen wir alle Culturen und deren Hervorbringungen und nähren uns mit dem edelsten Blute aller Zeiten, wir stehen noch dem Zauber der Gewalten, aus deren Schoße jene geboren wurden, nahe genug, um uns vorübergehend ihnen mit Lust und Schauder unterwerfen zu können: während frühere Culturen nur sich selber zu genießen vermochten und nicht über sich hinaussahen, vielmehr wie von einer weiter oder enger gewölbten Glocke überspannt waren, aus welcher zwar Licht auf sie herabströmte, durch welche aber kein Blick hindurch drang. In Hinsicht auf die Zukunft erschließt sich uns zum ersten Male in der Geschichte der ungeheure Weitblick menschlich-ökumenischer, die ganze bewohnte Erde umspannender Ziele. Zugleich fühlen wir uns der Kräfte bewußt, diese neue Aufgabe ohne Anmaßung selber in die Hand nehmen zu dürfen, ohne übernatürlicher Beistände zu bedürfen; ja, möge unser Unternehmen ausfallen, wie es wolle, mögen wir unsere Kräfte überschätzt haben, jedenfalls giebt es Niemanden, dem wir Rechenschaft schuldeten als uns selbst: die Menschheit kann von nun an durchaus mit sich anfangen, was sie will. – Es giebt freilich sonderbare Menschen-Bienen, welche aus dem Kelche aller Dinge immer nur das Bitterste und Ärgerlichste zu saugen verstehen; – und in der That, alle Dinge enthalten Etwas von diesem Nicht-Honig in sich. Diese mögen über das geschilderte Glück unseres Zeitalters in ihrer Art empfinden und an ihrem Bienen-Korb des Mißbehagens weiter bauen.   180. Eine Vision . – Lehr- und Betrachtungsstunden für Erwachsene, Reife und Reifste, und diese täglich, ohne Zwang, aber nach dem Gebot der Sitte von Jedermann besucht: die Kirchen als die würdigsten und erinnerungsreichsten Stätten dazu: gleichsam alltägliche Festfeiern der erreichten und erreichbaren menschlichen Vernunftwürde: ein neueres und volleres Auf- und Ausblühen des Lehrer-Ideals, in welches der Geistliche, der Künstler und der Arzt, der Wissende und der Weise hineinverschmelzen, wie deren Einzel-Tugenden als Gesammt-Tugend auch in der Lehre selber, in ihrem Vortrag, ihrer Methode zum Vorschein kommen müßten, – dies ist meine Vision, die mir immer wiederkehrt und von der ich fest glaube, daß sie einen Zipfel des Zukunfts-Schleiers gehoben hat.   181. Erziehung Verdrehung . – Die außerordentliche Unsicherheit alles Unterrichtswesens, auf Grund deren jetzt jeder Erwachsene das Gefühl bekommt, sein einziger Erzieher sei der Zufall gewesen, – das Windfahnenhafte der erzieherischen Methoden und Absichten erklärt sich daraus, daß setzt die ältesten und die neuesten Culturmächte wie in einer wilden Volksversammlung mehr gehört als verstanden werden wollen und um jeden Preis durch ihre Stimme, ihr Geschrei beweisen wollen, daß sie noch existiren oder daß sie schon existiren . Die armen Lehrer und Erzieher sind bei diesem widersinnigen Lärm erst betäubt, dann still und endlich stumpf geworden und lassen Alles über sich ergehen, wie sie nun wieder auch Alles über ihre Zöglinge ergehen lassen. Sie selbst sind nicht erzogen: wie sollten sie erziehen? Sie selbst sind keine gerad gewachsenen, kräftigen, saftvollen Stämme: wer sich an sie anschließen will, wird sich winden und krümmen müssen und zuletzt verdreht und verwachsen erscheinen.   182. Philosophen und Künstler der Zeit . – Wüstheit und Kaltsinn, Brand der Begierden, Abkühlung des Herzens – dies widerliche Nebeneinander findet sich im Bilde der höheren europäischen Gesellschaft der Gegenwart. Da glaubt der Künstler schon viel zu erreichen, wenn er durch seine Kunst neben dem Brande der Begierde auch einmal den Brand des Herzens aufflammen macht: und ebenso der Philosoph, wenn er bei der Kühle des Herzens, die er mit seiner Zeit gemein hat, auch die Hitze der Begierde durch sein weltverneinendes Urtheilen in sich und jener Gesellschaft abkühlt.   183. Nicht ohne Noth Soldat der Cultur sein . – Endlich, endlich lernt man, was nicht zu wissen Einem in jüngeren Jahren so viel Einbuße macht: daß man zuerst das Vortreffliche thun , zuzweit das Vortreffliche aufsuchen müsse, wo und unter welchen Namen es auch zu finden sei: daß man dagegen allem Schlechten und Mittelmäßigen sofort aus dem Wege gehe, ohne es zu bekämpfen , und daß schon der Zweifel an der Güte einer Sache – wie er bei geübterem Geschmacke schnell entsteht – uns als Argument gegen sie und als Anlaß, ihr völlig auszuweichen, gelten dürfe: auf die Gefahr hin, einige Male dabei zu irren und das schwerer zugängliche Gute mit dem Schlechten und Unvollkommnen zu verwechseln. Nur wer nichts Besseres kann, soll den Schlechtigkeiten der Welt zu Leibe gehn, als der Soldat der Cultur. Aber der Nähr- und Lehrstand derselben richtet sich zu Grunde, wenn er in Waffen einhergehen will und den Frieden seines Berufs und Hauses durch Vorsorge, Nachtwachen und böse Träume in unheimliche Friedlosigkeit umkehrt.   184. Wie Naturgeschichte zu erzählen ist . – Die Naturgeschichte, als die Kriegs- und Siegesgeschichte der sittlich-geistigen Kraft im Widerstande gegen Angst, Einbildung, Trägheit, Aberglaube, Narrheit, sollte so erzählt werden, daß Jeder, der sie hört, zum Streben nach geistig-leiblicher Gesundheit und Blüthe, zum Frohgefühl, Erbe und Fortsetzer des Menschlichen zu sein, und zu einem immer edleren Unternehmungs-Bedürfniß unaufhaltsam fortgerissen würde. Bis jetzt hat sie ihre rechte Sprache noch nicht gefunden, weil die spracherfinderischen und beredten Künstler – denn deren bedarf es hierzu – gegen sie ein verstocktes Mißtrauen nicht loswerden und vor Allem nicht gründlich von ihr lernen wollen. Immerhin ist den Engländern zuzugestehen, daß sie in ihren naturwissenschaftlichen Lehrbüchern für die niederen Volksschichten bewunderungswürdige Schritte nach jenem Ideale hin gemacht haben: dafür werden diese auch von ihren ausgezeichnetsten Gelehrten – ganzen vollen und füllenden Naturen – gemacht, nicht wie bei uns, von den Mittelmäßigkeiten der Forschung.   185. Genialität der Menschheit . – Wenn Genialität, nach Schopenhauer's Beobachtung, in der zusammenhängenden und lebendigen Erinnerung an das Selbst-Erlebte besteht, so möchte im Streben nach Erkenntniß des gesammten historischen Gewordenseins – welches immer mächtiger die neuere Zeit gegen alle früheren abhebt und zum ersten Male zwischen Natur und Geist, Mensch und Thier, Moral und Physik die alten Mauern zerbrochen hat – ein Streben nach Genialität der Menschheit im Ganzen zu erkennen sein. Die vollendet gedachte Historie wäre kosmisches Selbstbewußtsein.   186. Cultus der Cultur . – Großen Geistern ist das abschreckende Allzumenschliche ihres Wesens, ihrer Blindheiten, Verkrümmungen, Maaßlosigkeiten beigegeben, damit ihr mächtiger, leicht allzumächtiger Einfluß fortwährend durch das Mißtrauen, welches jene Eigenschaften einflößen, in Schranken gehalten werde. Denn das System alles Dessen, was die Menschheit zu ihrem Fortbestehen nöthig hat, ist so umfassend und nimmt so verschiedenartige und zahlreiche Kräfte in Anspruch, daß für jede einseitige Bevorzugung, sei es der Wissenschaft oder des Staates oder der Kunst oder des Handels, wozu jene Einzelnen treiben, die Menschheit als Ganzes harte Buße zahlen muß. Es ist immer das größte Verhängniß der Cultur gewesen, wenn Menschen angebetet wurden: in welchem Sinn man sogar mit dem Spruche des mosaischen Gesetzes zusammenfühlen darf, welcher verbietet, neben Gott andere Götter zu haben. – Dem Cultus des Genius und der Gewalt muß man, als Ergänzung und Heilmittel, immer den Cultus der Cultur zur Seite stellen: welcher auch dem Stofflichen, Geringen, Niedrigen, Verkannten, Schwachen, Unvollkommnen, Einseitigen, Halben, Unwahren, Scheinenden, ja dem Bösen und Furchtbaren eine verständnißvolle Würdigung und das Zugeständniß, daß dies Alles nöthig sei , zu schenken weiß; denn der Zusammen- und Fortklang alles Menschlichen, durch erstaunliche Arbeiten und Glücksfälle erreicht, und ebensosehr das Werk von Cyklopen und Ameisen als von Genie's, soll nicht wieder verloren gehen: wie dürften wir da des gemeinsamen tiefen, oft unheimlichen Grundbasses entrathen können, ohne den ja Melodie nicht Melodie zu sein vermag?   187. Die alte Welt und die Freude . – Die Menschen der alten Welt wußten sich besser zu freuen : wir, uns weniger zu betrüben ; jene machten immerfort neue Anlässe, sich wohl zu fühlen und Feste zu feiern, ausfindig, mit allem ihrem Reichthum von Scharfsinn und Nachdenken: während wir unsern Geist auf Lösung von Aufgaben verwenden, welche mehr die Schmerzlosigkeit, die Beseitigung von Unlustquellen im Auge haben. In Betreff des leidenden Daseins suchten die Alten zu vergessen oder die Empfindung in's Angenehme irgendwie umzubiegen: so daß sie hierin palliativisch zu helfen suchten, während wir den Ursachen des Leidens zu Leibe gehen und im Ganzen lieber prophylaktisch wirken. – Vielleicht bauen wir nur die Grundlagen, auf denen spätere Menschen auch wieder den Tempel der Freude errichten.   188. Die Musen als Lügnerinnen . – »Wir verstehen uns darauf, viele Lügen zu sagen« – so sangen einstmals die Musen, als sie sich vor Hesiod offenbarten. – Es führt zu wesentlichen Entdeckungen, wenn man den Künstler einmal als Betrüger faßt.   189. Wie paradox Homer sein kann . – Giebt es etwas Verwegeners, Schauerlicheres, Unglaublicheres, das über Menschenschicksal, gleich der Wintersonne, so hinleuchtet, wie jener Gedanke, der sich bei Homer findet: das ja fügte der Götter Beschluß und verhängte den Menschen Untergang, daß es wär' ein Gesang auch späten Geschlechtern . Also: wir leiden und gehen zu Grunde, damit es den Dichtern nicht an Stoff fehle – und dies ordnen gerade so die Götter Homer's an, welchen an der Lustbarkeit der kommenden Geschlechter sehr viel gelegen scheint, aber allzuwenig an uns, den Gegenwärtigen. – Daß je solche Gedanken in den Kopf eines Griechen gekommen sind!   190. Nachträgliche Rechtfertigung des Daseins . – Manche Gedanken sind als Irrthümer und Phantasmen in die Welt getreten, aber zu Wahrheiten geworden, weil die Menschen ihnen hinterdrein ein wirkliches Substrat untergeschoben haben.   191. Pro und Contra nöthig . – Wer nicht begriffen hat, daß jeder große Mann nicht nur gefördert, sondern auch, der allgemeinen Wohlfahrt wegen, bekämpft werden muß, ist gewiß noch ein großes Kind – oder selber ein großer Mann.   192. Ungerechtigkeit des Genie 's. – Das Genie ist am ungerechtesten gegen die Genie's, falls sie seine Zeitgenossen sind: einmal glaubt es sie nicht nöthig zu haben und hält sie deshalb überhaupt für überflüssig – denn es ist ohne sie, was es ist –, sodann kreuzt ihr Einfluß die Wirkung seines elektrischen Stroms: weshalb es sie sogar schädlich nennt.   193. Schlimmstes Schicksal eines Propheten . – Er arbeitete zwanzig Jahre daran, seine Zeitgenossen von sich zu überzeugen – es gelingt ihm endlich; aber inzwischen war es seinen Gegnern auch gelungen: er war nicht mehr von sich überzeugt.   194. Drei Denker gleich Einer Spinne . – In jeder philosophischen Sekte folgen drei Denker in diesem Verhältnisse auf einander: der Erste erzeugt aus sich den Saft und Samen, der Zweite zieht ihn zu Fäden aus und spinnt ein künstliches Netz, der Dritte lauert in diesem Netz auf Opfer, die sich hier verfangen – und sucht von der Philosophie zu leben.   195. Aus dem Verkehre mit Autoren . – Es ist eine eben so schlechte Manier, mit einem Autor umzugehn, wenn man ihn an der Nase faßt, wie wenn man ihn an seinem Horne faßt – und jeder Autor hat sein Horn.   196. Zweigespann . – Unklarheit des Denkens und Gefühlsschwärmerei sind ebenso häufig mit dem rücksichtslosen Willen, sich selber mit allen Mitteln durchzusetzen, sich allein gelten zu lassen, verbunden wie herzhaftes Helfen, Gönnen und Wohlwollen mit dem Triebe nach Helle und Reinlichkeit des Denkens, nach Mäßigung und Ansichhalten des Gefühls.   197. Das Bindende und das Trennende . – Liegt nicht im Kopfe Das, was die Menschen verbindet – das Verständnis; für gemeinsamen Nutzen und Nachtheil –, und im Herzen Das, was sie trennt – das blinde Auswählen und Zutappen in Liebe und Haß, die Hinwendung zu Einem auf Unkosten Aller und die daraus entspringende Verachtung des allgemeinen Nutzens?   198. Schützen und Denker . – Es giebt kuriose Schützen, welche zwar das Ziel verfehlen, aber mit dem heimlichen Stolz vom Schießstande abtreten, daß ihre Kugel jedenfalls sehr weit (allerdings über das Ziel hinaus) geflogen ist, oder daß sie zwar nicht das Ziel, aber etwas Anderes getroffen haben. Und ebensolche Denker giebt es.   199. Von zwei Seiten aus . – Man feindet eine geistige Richtung und Bewegung an, wenn man ihr überlegen ist und ihr Ziel mißbilligt, oder wenn ihr Ziel zu hoch und unserem Auge unerkennbar, also wenn sie uns überlegen ist. So kann dieselbe Partei von zwei Seiten aus, von Oben und von Unten her, bekämpft werden; und nicht selten schließen die Angreifenden aus gemeinsamem Haß ein Bündniß mit einander, das widerlicher ist als Alles, was sie hassen.   200. Original . – Nicht daß man etwas Neues zuerst sieht, sondern daß man das Alte, Altbekannte, von Jedermann Gesehene und Übersehene wie neu sieht, zeichnet die eigentlich originalen Köpfe aus. Der erste Entdecker ist gemeinhin jener ganz gewöhnliche und geistlose Phantast – der Zufall.   201. Irrthum der Philosophen . – Der Philosoph glaubt, der Werth seiner Philosophie liege im Ganzen, im Bau: die Nachwelt findet ihn im Stein, mit dem er baute und mit dem, von da an, noch oft und besser gebaut wird: also darin, daß jener Bau zerstört werden kann und doch noch als Material Werth hat.   202. Witz . – Der Witz ist das Epigramm auf den Tod eines Gefühls.   203. Im Augenblicke vor der Lösung . – In der Wissenschaft kommt es alle Tage und Stunden vor, daß Einer unmittelbar vor der Lösung stehen bleibt, überzeugt, jetzt sei sein Bemühen völlig umsonst gewesen, – gleich Einem der, eine Schleife aufziehend, im Augenblicke, wo sie der Lösung am nächsten ist, zögert: denn da gerade sieht sie einem Knoten am ähnlichsten.   204. Unter die Schwärmer gehen . – Der besonnene und seines Verstandes sichere Mensch kann mit Gewinnst ein Jahrzehend unter die Phantasten gehen und sich in dieser heißen Zone einer bescheidenen Tollheit überlassen. Damit hat er ein gutes Stück Wegs gemacht, um zuletzt zu jenem Kosmopolitismus des Geistes zu gelangen, welcher ohne Anmaßung sagen darf: »nichts Geistiges ist mir mehr fremd«.   205. Scharfe Luft . – Das Beste und Gesündeste in der Wissenschaft wie im Gebirge ist die scharfe Luft, die in ihnen weht. – Die Geistig-Weichlichen (wie die Künstler) scheuen und verlästern dieser Luft halber die Wissenschaft.   206. Warum Gelehrte edler als Künstler sind . – Die Wissenschaft bedarf edlerer Naturen als die Dichtkunst: sie müssen einfacher, weniger ehrgeizig, enthaltsamer, stiller, nicht so auf Nachruhm bedacht sein und sich über Sachen vergessen, welche selten dem Auge Vieler eines solchen Opfers der Persönlichkeit würdig erscheinen. Dazu kommt eine andre Einbuße, deren sie sich bewußt sind: die Art ihrer Beschäftigung, die fortwährende Aufforderung zur größten Nüchternheit schwächt ihren Willen , das Feuer wird nicht so stark unterhalten wie auf dem Herde der dichterischen Naturen: und deshalb verlieren sie häufig in früheren Lebensjahren als jene ihre höchste Kraft und Blüthe – und, wie gesagt, sie wissen um diese Gefahr. Unter allen Umständen erscheinen sie unbegabter, weil sie weniger glänzen, und werden für weniger gelten, als sie sind.   207. Inwiefern die Pietät verdunkelt . – Dem großen Manne macht man, in späteren Jahrhunderten, alle großen Eigenschaften und Tugenden seines Jahrhunderts zum Geschenk – und so wird alles Beste fortwährend durch die Pietät verdunkelt , welche es als ein heiliges Bild ansieht, an dem man Weihgeschenke aller Art aufhängt und aufstellt – bis es endlich ganz durch dieselben verdeckt und umhüllt wird und fürderhin mehr ein Gegenstand des Glaubens als des Schauens ist.   208. Auf dem Kopfe stehen . – Wenn wir die Wahrheit auf den Kopf stellen, bemerken wir gewöhnlich nicht, daß auch unser Kopf nicht dort steht, wo er stehen sollte.   209. Ursprung und Nutzen der Mode . – Die ersichtliche Selbstzufriedenheit des Einzelnen mit seiner Form macht die Nachahmung rege und erschafft allmählich die Form der Vielen , das heißt die Mode: diese Vielen wollen durch die Mode eben jene so wohlthuende Selbstzufriedenheit mit der Form und erlangen sie auch. – Wenn man erwägt, wie viel Gründe zur Ängstlichkeit und schüchternem Sichverstecken jeder Mensch hat und wie Dreiviertel seiner Energie und seines guten Willens durch jene Gründe gelähmt und unfruchtbar werden können, so muß man der Mode vielen Dank zollen, insofern sie jenes Dreiviertel entfesselt und Selbstvertrauen und gegenseitiges heiteres Entgegenkommen Denen mittheilt, welche sich unter einander an ihr Gesetz gebunden wissen. Auch thörichte Gesetze geben Freiheit und Ruhe des Gemüths, sofern sich nur Viele ihnen unterworfen haben.   210. Zungenlöser . – Der Werth mancher Menschen und Bücher beruht allein in der Eigenschaft, Jedermann zum Aussprechen des Verborgensten, Innersten zu nöthigen: es sind Zungenlöser und Brecheisen für die verbissensten Zähne. Auch manche Ereignisse und Übelthaten, welche scheinbar nur zum Fluche der Menschheit da sind, haben jenen Werth und Nutzen.   211. Freizügige Geister . – Wer von uns würde sich einen freien Geist zu nennen wagen, wenn er nicht auf seine Art jenen Männern, denen man diesen Namen als Schimpf anhängt, eine Huldigung darbringen möchte, indem er Etwas von jener Last der öffentlichen Mißgunst und Beschimpfung auf seine Schultern ladet? Wohl aber dürften wir uns »freizügige Geister« in allem Ernste (und ohne diesen hoch- oder großmüthigen Trotz) nennen, weil wir den Zug zur Freiheit als stärksten Trieb unseres Geistes fühlen und im Gegensatz zu den gebundenen und festgewurzelten Intellekten unser Ideal fast in einem geistigen Nomadenthum sehen – um einen bescheidenen und fast abschätzigen Ausdruck zu gebrauchen.   212. Ja die Gunst der Musen ! – Was Homer darüber sagt, greift in's Herz, so wahr, so schrecklich ist es: »herzlich liebt' ihn die Muse und gab ihm Gutes und Böses; denn die Augen entnahm sie und gab ihm süßen Gesang ein.« – Dies ist ein Text ohne Ende für den Denkenden: Gutes und Böses giebt sie, das ist ihre Art von herzlicher Liebe! Und Jeder wird es sich besonders auslegen, warum wir Denker und Dichter unsre Augen daran geben müssen .   213. Gegen die Pflege der Musik . – Die künstlerische Ausbildung des Auges von Kindheit an, durch Zeichnen und Malen, durch Skizziren von Landschaften, Personen, Vorgängen, bringt nebenbei den für das Leben unschätzbaren Gewinn mit sich, das Auge zum Beobachten von Menschen und Lagen scharf, ruhig und ausdauernd zu machen. Ein ähnlicher Neben-Vortheil erwächst aus der künstlerischen Pflege des Ohrs nicht: weshalb Volksschulen im Allgemeinen gut thun werden, der Kunst des Auges vor der des Ohres den Vorzug zu geben.   214. Die Entdecker von Trivialitäten . – Subtile Geister, denen Nichts ferner liegt, als eine Trivialität, entdecken oft nach allerlei Umschweifen und Gebirgspfaden eine solche und haben große Freude daran, zur Verwunderung der Nicht-Subtilen.   215. Moral der Gelehrten . – Ein regelmäßiger und schneller Fortschritt der Wissenschaften ist nur möglich, wenn der Einzelne nicht zu mißtrauisch sein muß, um jede Rechnung und Behauptung Anderer nachzuprüfen, auf Gebieten, die ihm ferner liegen: dazu aber ist die Bedingung, daß Jeder auf seinem eigenen Felde Mitbewerber hat, die äußerst mißtrauisch sind und ihm scharf auf die Finger sehen. Aus diesem Nebeneinander von »nicht zu mißtrauisch« und »äußerst mißtrauisch« entsteht die Rechtschaffenheit in der Gelehrten-Republik.   216. Grund der Unfruchtbarkeit . – Es giebt höchst begabte Geister, welche nur deshalb immer unfruchtbar sind, weil sie, aus einer Schwäche des Temperamentes, zu ungeduldig sind, ihre Schwangerschaft abzuwarten.   217. Verkehrte Welt der Thränen . – Das vielfache Mißbehagen, welches die Ansprüche der höheren Cultur dem Menschen machen, verkehrt endlich die Natur so weit, daß er für gewöhnlich starr und stoisch sich hält und nur noch für die seltenen Anfälle des Glücks die Thränen übrig hat, ja daß Mancher schon bei dem Genusse der Schmerzlosigkeit weinen muß: – nur im Glücke schlägt sein Herz noch.   218. Die Griechen als Dolmetscher . – Wenn wir von den Griechen reden, reden wir unwillkürlich zugleich von Heute und Gestern: ihre allbekannte Geschichte ist ein blanker Spiegel, der immer Etwas wiederstrahlt, das nicht im Spiegel selbst ist. Wir benützen die Freiheit, von ihnen zu reden, um von Anderen schweigen zu dürfen – damit Jene nun selber dem sinnenden Leser Etwas in's Ohr sagen. So erleichtern die Griechen dem modernen Menschen das Mittheilen von mancherlei schwer Mittheilbarem und Bedenklichem.   219. Vom erworbenen Charakter der Griechen . – Wir lassen uns leicht durch die berühmte griechische Helle, Durchsichtigkeit, Einfachheit und Ordnung, durch das Krystallhaft-Natürliche und zugleich Krystallhaft-Künstliche griechischer Werke verführen zu glauben, das sei Alles den Griechen geschenkt: sie hätten zum Beispiel gar nicht anders gekonnt als gut schreiben, wie dies Lichtenberg einmal ausspricht. Aber Nichts ist voreiliger und unhaltbarer. Die Geschichte der Prosa von Gorgias bis Demosthenes zeigt ein Arbeiten und Ringen aus dem Dunklen, Überladnen, Geschmacklosen heraus zum Lichte hin, daß man an die Mühsal der Heroen erinnert wird, welche die ersten Wege durch Wald und Sümpfe zu bahnen hatten. Der Dialog der Tragödie ist die eigentliche That der Dramatiker, wegen seiner ungemeinen Helle und Bestimmtheit, bei einer Volksanlage, welche im Symbolischen und Andeutenden schwelgte und durch die große chorische Lyrik dazu noch eigens erzogen war: wie es die That Homer's ist, die Griechen von dem asiatischen Pomp und dem dumpfen Wesen befreit und die Helle der Architektur, im Großen und Einzelnen, errungen zu haben. Es galt auch keineswegs für leicht, Etwas recht rein und leuchtend zu sagen; woher sonst die hohe Bewunderung für das Epigramm des Simonides, das ja so schlicht sich giebt, ohne vergoldete Spitzen, ohne Arabesken des Witzes – aber es sagt, was es zu sagen hat, deutlich, mit der Ruhe der Sonne, nicht mit der Effekthascherei eines Blitzes. Weil das Zustreben zum Lichte aus einer gleichsam eingeborenen Dämmerung griechisch ist, so geht ein Frohlocken durch das Volk beim Hören einer lakonischen Sentenz, bei der Sprache der Elegie, den Sprüchen der sieben Weisen. Deshalb wurde das Vorschriftengeben in Versen, das uns anstößig ist, so geliebt, als eigentliche apollinische Aufgabe für den hellenischen Geist, um über die Gefahren des Metrons, über die Dunkelheit, welche der Poesie sonst eigen ist, Sieger zu werden. Die Schlichtheit, die Geschmeidigkeit, die Nüchternheit sind der Volksanlage angerungen , nicht mitgegeben – die Gefahr eines Rückfalls in's Asiatische schwebte immer über den Griechen, und wirklich kam es von Zeit zu Zeit über sie wie ein dunkler überschwemmender Strom mystischer Regungen, elementarer Wildheit und Finsterniß. Wir sehen sie untertauchen, wir sehen Europa gleichsam weggespült, überfluthet – denn Europa war damals sehr klein –, aber immer kommen sie auch wieder an's Licht, gute Schwimmer und Taucher wie sie sind, das Volk des Odysseus.   220. Das eigentlich Heidnische . – Vielleicht giebt es nichts Befremdenderes für Den, welcher sich die griechische Welt ansieht, als zu entdecken, daß die Griechen allen ihren Leidenschaften und bösen Naturhängen von Zeit zu Zeit gleichsam Feste gaben und sogar eine Art Festordnung ihres Allzumenschlichen von Staatswegen einrichteten: es ist dies das eigentlich Heidnische ihrer Welt, vom Christenthume aus nie begriffen, nie zu begreifen und stets auf das Härteste bekämpft und verachtet. – Sie nahmen jenes Allzumenschliche als unvermeidlich und zogen vor, statt es zu beschimpfen, ihm eine Art Recht zweiten Ranges durch Einordnung in die Bräuche der Gesellschaft und des Cultus zu geben: ja Alles, was im Menschen Macht hat, nannten sie göttlich und schrieben es an die Wände ihres Himmels. Sie leugnen den Naturtrieb, der in den schlimmen Eigenschaften sich ausdrückt, nicht ab, sondern ordnen ihn ein und beschränken ihn auf bestimmte Culte und Tage, nachdem sie genug Vorsichtsmaßregeln erfunden haben, um jenen wilden Gewässern einen möglichst unschädlichen Abfluß geben zu können. Dies ist die Wurzel aller moralistischen Freisinnigkeit des Alterthums. Man gönnte dem Bösen und Bedenklichen, dem Thierisch-Rückständigen ebenso wie dem Barbaren, Vor-Griechen und Asiaten, welcher im Grunde des griechischen Wesens noch lebte, eine mäßige Entladung und strebte nicht nach seiner völligen Vernichtung. Das ganze System solcher Ordnungen umfaßte der Staat, der nicht auf einzelne Individuen oder Kasten, sondern auf die gewöhnlichen menschlichen Eigenschaften hin construirt war. In seinem Bau zeigen die Griechen jenen wunderbaren Sinn für das Typisch-Thatsächliche, der sie später befähigte, Naturforscher, Historiker, Geographen und Philosophen zu werden. Es war nicht ein beschränktes priesterliches oder kastenmäßiges Sittengesetz, welches bei der Verfassung des Staates und Staats-Cultus zu entscheiden hatte: sondern die umfänglichste Rücksicht auf die Wirklichkeit alles Menschlichen . – Woher haben die Griechen diese Freiheit, diesen Sinn für das Wirkliche? Vielleicht von Homer und den Dichtern vor ihm; denn gerade die Dichter, deren Natur nicht die gerechteste und weiseste zu sein pflegt, besitzen dafür jene Lust am Wirklichen, Wirkenden jeder Art und wollen selbst das Böse nicht völlig verneinen: es genügt ihnen, daß es sich mäßige und nicht Alles todtschlage oder innerlich giftig mache – das heißt, sie denken ähnlich wie die griechischen Staatenbildner und sind deren Lehrmeister und Wegebahner gewesen.   221. Ausnahme-Griechen . – In Griechenland waren die tiefen, gründlichen, ernsten Geister die Ausnahme: der Instinkt des Volkes gieng vielmehr dahin, das Ernste und Gründliche als eine Art von Verzerrung zu empfinden. Die Formen aus der Fremde entlehnen, nicht schaffen, aber zum schönsten Schein umbilden – das ist griechisch: nachahmen, nicht zum Gebrauch, sondern zur künstlerischen Täuschung, über den aufgezwungenen Ernst immer wieder Herr werden, ordnen, verschönern, verflachen – so geht es fort von Homer bis zu den Sophisten des dritten und vierten Jahrhunderts der neuen Zeitrechnung, welche ganz Außenseite, pomphaftes Wort, begeisterte Gebärde sind und sich an lauter ausgehöhlte Schein-, Klang- und Effekt-lüsterne Seelen wenden. – Und nun würdige man die Größe jener Ausnahme-Griechen, welche die Wissenschaft schufen! Wer von ihnen erzählt, erzählt die heldenhafteste Geschichte des menschlichen Geistes!   222. Das Einfache nicht das Erste, noch das Letzte der Zeit nach. – In die Geschichte der religiösen Vorstellungen wird viel falsche Entwicklung und Allmählichkeit hineingedichtet, bei Dingen, die in Wahrheit nicht aus und hinter einander, sondern neben einander und getrennt aufgewachsen sind; namentlich ist das Einfache viel zu sehr noch im Rufe, das Älteste und Anfänglichste zu sein. Nicht wenig Menschliches entsteht durch Subtraktion und Division und gerade nicht durch Verdopplung, Zusatz, Zusammenbildung. – Man glaubt zum Beispiel immer noch an eine allmähliche Entwicklung der Götterdarstellung von jenen ungefügen Holzklötzen und Steinen aus bis zur vollen Vermenschlichung hinauf: und doch steht es gerade so, daß, so lange die Gottheit in Bäume, Holzstücke, Steine, Thiere hinein verlegt und empfunden wurde, man sich vor einer Anmenschlichung ihrer Gestalt wie vor einer Gottlosigkeit scheute. Erst die Dichter haben, abseits vom Cultus und dem Banne der religiösen Scham , die innere Phantasie der Menschen daran gewöhnen, dafür willig machen müssen: überwogen aber wieder frömmere Stimmungen und Augenblicke, so trat dieser befreiende Einfluß der Dichter wieder zurück und die Heiligkeit verblieb nach wie vor auf Seite des Ungethümlichen, Unheimlichen, ganz eigentlich Unmenschlichen. Selbst aber Vieles von Dem, was die innere Phantasie sich zu bilden wagt, würde doch noch, in äußere leibhafte Darstellung übersetzt, peinlich wirken: das innere Auge ist um Vieles kühner und weniger schamhaft als das äußere (woraus sich die bekannte Schwierigkeit und theilweise Unmöglichkeit ergiebt, epische Stoffe in dramatische umzuwandeln). Die religiöse Phantasie will lange Zeit durchaus nicht an die Identität des Gottes mit einem Bilde glauben: das Bild soll das numen der Gottheit in irgend einer geheimnißvollen, nicht völlig auszudenkenden Weise hier als thätig, als örtlich gebannt erscheinen lassen. Das älteste Götterbild soll den Gott bergen und zugleich verbergen – ihn andeuten, aber nicht zur Schau stellen. Kein Grieche hat je innerlich seinen Apollo als Holz-Spitzsäule, seinen Eros als Steinklumpen angeschaut ; es waren Symbole, welche gerade Angst vor der Veranschaulichung machen sollten. Ebenso steht es noch mit jenen Hölzern, denen mit dürftigster Schnitzerei einzelne Glieder, mitunter in der Überzahl, angebildet waren: wie ein lakonischer Apollo vier Hände und vier Ohren hatte. In dem Unvollständigen, Andeutenden oder Übervollständigen liegt eine grausenhafte Heiligkeit, welche abwehren soll, an Menschliches, Menschenartiges zu denken. Es ist nicht eine embryonische Stufe der Kunst, in der man so Etwas bildet: als ob man in der Zeit, wo man solche Bilder verehrte, nicht hätte deutlicher reden, sinnfälliger darstellen können . Vielmehr scheut man gerade Eines: das direkte Heraussagen. Wie die Cella das Allerheiligste, das eigentliche numen der Gottheit birgt und in geheimnißvolles Halbdunkel versteckt, doch nicht ganz ; wie wiederum der peripterische Tempel die Cella birgt, gleichsam mit einem Schirm und Schleier vor dem ungescheuten Auge schützt, aber nicht ganz : so ist das Bild die Gottheit und zugleich Versteck der Gottheit. – Erst als außerhalb des Cultus, in der profanen Welt des Wettkampfes, die Freude an dem Sieger im Kampfe so hoch gestiegen war, daß die hier erregten Wellen in den See der religiösen Empfindung hinüberschlugen, erst als das Standbild des Siegers in den Tempelhöfen aufgestellt wurde und der fromme Besucher des Tempels freiwillig oder unfreiwillig sein Auge wie seine Seele an diesen unumgänglichen Anblick menschlicher Schönheit und Überkraft gewöhnen mußte, so daß, bei der räumlichen und seelischen Nachbarschaft, Mensch- und Gottverehrung in einander überklangen: da erst verliert sich auch die Scheu vor der eigentlichen Vermenschlichung des Götterbildes, und der große Tummelplatz für die große Plastik wird aufgethan: auch jetzt noch mit der Beschränkung, daß überall, wo angebetet werden soll, die uralte Form und Häßlichkeit bewahrt und vorsichtig nachgebildet wird. Aber der weihende und schenkende Hellene darf seiner Lust, Gott Mensch werden zu lassen, jetzt in aller Seligkeit nachhängen.   223. Wohin man reisen muß . – Die unmittelbare Selbstbeobachtung reicht lange nicht aus, um sich kennen zu lernen: wir brauchen Geschichte, denn die Vergangenheit strömt in hundert Wellen in uns fort; wir selber sind ja Nichts als Das, was wir in jedem Augenblick von diesem Fortströmen empfinden. Auch hier sogar, wenn wir in den Fluß unseres anscheinend eigensten und persönlichsten Wesens hinabsteigen wollen, gilt Heraklit's Satz: man steigt nicht zweimal in denselben Fluß. – Das ist eine Weisheit, die allmählich zwar altbacken geworden, aber trotzdem ebenso kräftig und nahrhaft geblieben ist, wie sie es je war: ebenso wie jene, daß, um Geschichte zu verstehen, man die lebendigen Überreste geschichtlicher Epochen aufsuchen müsse – daß man reisen müsse, wie Altvater Herodot reiste, zu Nationen – diese sind ja nur festgewordene ältere Culturstufen , auf die man sich stellen kann –, zu sogenannten wilden und halbwilden Völkerschaften namentlich, dorthin wo der Mensch das Kleid Europa's ausgezogen oder noch nicht angezogen hat. Nun giebt es aber noch eine feinere Kunst und Absicht des Reisens, welche es nicht immer nöthig macht, von Ort zu Ort und über Tausende von Meilen hin den Fuß zu setzen. Es leben sehr wahrscheinlich die letzten drei Jahrhunderte in allen ihren Culturfärbungen und -Strahlenbrechungen auch in unsrer Nähe noch fort: sie wollen nur entdeckt werden. In manchen Familien, ja in einzelnen Menschen liegen die Schichten schön und übersichtlich noch über einander: anderswo giebt es schwieriger zu verstehende Verwerfungen des Gesteins. Gewiß hat sich in abgelegenen Gegenden, in weniger bekannten Gebirgsthälern, umschlossenern Gemeinwesen ein ehrwürdiges Musterstück sehr viel älterer Empfindung leichter erhalten können und muß hier aufgespürt werden: während es zum Beispiel unwahrscheinlich ist, in Berlin, wo der Mensch ausgelaugt und abgebrüht zur Welt kommt, solche Entdeckungen zu machen. Wer, nach langer Übung in dieser Kunst des Reisens, zum hundertäugigen Argos geworden ist, der wird seine Io – ich meine sein ego – endlich überall hinbegleiten und in Ägypten und Griechenland, Byzanz und Rom, Frankreich und Deutschland, in der Zeit der wandernden oder der festsitzenden Völker, in Renaissance und Reformation, in Heimat und Fremde, ja in Meer, Wald, Pflanze und Gebirge die Reise-Abenteuer dieses werdenden und verwandelten ego wieder entdecken. – So wird Selbst-Erkenntniß zur All-Erkenntniß in Hinsicht auf alles Vergangene: wie, nach einer anderen, hier nur anzudeutenden Betrachtungskette, Selbstbestimmung und Selbsterziehung in den freiesten und weitest blickenden Geistern einmal zur All-Bestimmung, in Hinsicht auf alles zukünftige Menschenthum, werden könnte.   224. Balsam und Gift . – Man kann es nicht gründlich genug erwägen: das Christenthum ist die Religion des altgewordenen Alterthums, seine Voraussetzung sind entartete alte Culturvölker; auf diese vermochte und vermag es wie ein Balsam zu wirken. In Zeitaltern, wo die Ohren und Augen »voller Schlamm« sind, so daß sie die Stimme der Vernunft und Philosophie nicht mehr zu vernehmen, die leibhaft wandelnde Weisheit, trage sie nun den Namen Epiktet oder Epikur, nicht mehr zu sehen vermögen: da mag vielleicht noch das aufgerichtete Marterkreuz und die »Posaune des jüngsten Gerichts« wirken, um solche Völker noch zu einem anständigen Ausleben zu bewegen. Man denke an das Rom Juvenal's, an diese Giftkröte mit den Augen der Venus: – da lernt man, was es heißt, ein Kreuz vor der »Welt« schlagen, da verehrt man die stille christliche Gemeinde und ist dankbar für ihr Überwuchern des griechisch-römischen Erdreichs. Wenn die meisten Menschen damals gleich mit der Verknechtung der Seele, mit der Sinnlichkeit von Greisen geboren wurden: welche Wohlthat, jenen Wesen zu begegnen, die mehr Seelen als Leiber waren und welche die griechische Vorstellung von den Hadesschatten zu verwirklichen schienen: scheue, dahinhuschende, zirpende, wohlwollende Gestalten, mit einer Anwartschaft auf das »bessere Leben« und dadurch so anspruchslos, so still-verachtend, so stolz-geduldig geworden! – Dies Christenthum als Abendläuten des guten Alterthums, mit zersprungener müder und doch wohltönender Glocke, ist selbst noch für Den, welcher jetzt jene Jahrhunderte nur historisch durchwandert, ein Ohrenbalsam: was muß es für jene Menschen selber gewesen sein! – Dagegen ist das Christenthum für junge, frische Barbarenvölker Gift ; in die Helden-, Kinder- und Thierseele des alten Deutschen zum Beispiel die Lehre von der Sündhaftigkeit und Verdammniß hineinpflanzen, heißt nichts Anderes als sie vergiften; eine ganz ungeheuerliche chemische Währung und Zersetzung, ein Durcheinander von Gefühlen und Urtheilen, ein Wuchern und Bilden des Abenteuerlichsten mußte die Folge sein und also, im weiteren Verlaufe, eine gründliche Schwächung solcher Barbarenvölker. – Freilich: was hätten wir, ohne diese Schwächung, noch von der griechischen Cultur! was von der ganzen Cultur-Vergangenheit des Menschengeschlechts! – denn die vom Christenthume unangetasteten Barbaren verstanden gründlich mit alten Culturen aufzuräumen: wie es zum Beispiel die heidnischen Eroberer des romanisirten Britannien mit furchtbarer Deutlichkeit bewiesen haben. Das Christenthum hat wider seinen Willen helfen müssen, die antike »Welt« unsterblich zu machen. – Nun bleibt auch hier wieder eine Gegenfrage und die Möglichkeit einer Gegenrechnung übrig: wäre vielleicht, ohne jene Schwächung durch das erwähnte Gift, eine oder die andere jener frischen Völkerschaften, etwa die deutsche, im Stande gewesen, allmählich von selber eine höhere Cultur zu finden, eine eigene, neue? – von welcher somit der Menschheit selbst der entfernteste Begriff verloren gegangen wäre? – So steht es auch hier wie überall: man weiß nicht, christlich zu reden, ob Gott dem Teufel oder der Teufel Gott mehr Dank dafür schuldig ist, daß Alles so gekommen ist, wie es ist.   225. Glaube macht selig und verdammt . – Ein Christ, der auf unerlaubte Gedankengänge geräth, könnte sich wohl einmal fragen: ist es eigentlich nöthig , daß es einen Gott, nebst einem stellvertretenden Sündenlamme, wirklich giebt , wenn schon der Glaube an das Dasein dieser Wesen ausreicht, um die gleichen Wirkungen hervorzubringen? Sind es nicht überflüssige Wesen, falls sie doch existiren sollten? Denn alles Wohlthuende, Tröstliche, Versittlichende, ebenso wie alles Verdüsternde und Zermalmende, welches die christliche Religion der menschlichen Seele giebt, geht von jenem Glauben aus und nicht von den Gegenständen jenes Glaubens. Es steht hier nicht anders als bei dem bekannten Falle: zwar hat es keine Hexen gegeben, aber die furchtbaren Wirkungen des Hexenglaubens sind dieselben gewesen, wie wenn es wirklich Hexen gegeben hätte. Für alle jene Gelegenheiten, wo der Christ das unmittelbare Eingreifen eines Gottes erwartet, aber umsonst erwartet – weil es keinen Gott giebt, ist seine Religion erfinderisch genug in Ausflüchten und Gründen zur Beruhigung: hierin ist es sicherlich eine geistreiche Religion. – Zwar hat der Glaube bisher noch keine wirklichen Berge versetzen können, obschon dies ich weiß nicht wer behauptet hat; aber er vermag Berge dorthin zu setzen, wo keine sind.   226. Tragikomödie von Regensburg . – Hier und da kann man mit einer erschreckenden Deutlichkeit das Possenspiel der Fortuna sehen, wie sie an wenig Tage, an Einen Ort, an die Zustände und Meinungen Eines Kopfes das Seil der nächsten Jahrhunderte anknüpft, an dem sie diese tanzen lassen will. So liegt das Verhängniß der neueren deutschen Geschichte in den Tagen jener Disputation von Regensburg: der friedliche Ausgang der kirchlichen und sittlichen Dinge, ohne Religionskriege, Gegenreformation schien gewährleistet, ebenso die Einheit der deutschen Nation; der tiefe milde Sinn des Contarini schwebte einen Augenblick über dem theologischen Gezänk, siegreich, als Vertreter der reiferen italiänischen Frömmigkeit, welche die Morgenröthe der geistigen Freiheit auf ihren Schwingen wiederstrahlte. Aber der knöcherne Kopf Luther's, voller Verdächtigungen und unheimlicher Ängste, sträubte sich: weil die Rechtfertigung durch die Gnade ihm als sein größter Fund und Wahlspruch erschien, glaubte er diesem Satze nicht im Munde von Italiänern: während diese ihn, wie es bekannt ist, schon viel früher gefunden und durch ganz Italien in tiefer Stille verbreitet hatten. Luther sah in dieser scheinbaren Übereinstimmung die Tücken des Teufels und verhinderte das Friedenswerl, so gut er konnte: wodurch er die Absichten der Feinde des Reiches ein gutes Stück vorwärts brachte. – Und nun nehme man, um den Eindruck des schauerlich Possenhaften noch mehr zu haben, hinzu, daß keiner der Sätze, über welche man sich damals in Regensburg stritt, weder der von der Erbsünde, noch der von der Erlösung durch Stellvertretung, noch der von der Rechtfertigung im Glauben, irgendwie wahr ist, oder auch nur mit der Wahrheit zu thun hat, daß sie alle jetzt als undiskutirbar erkannt sind: – und doch wurde darüber die Welt in Flammen gesetzt, also über Meinungen, denen gar keine Dinge und Realitäten entsprechen; während in Betreff von rein philologischen Fragen, zum Beispiel nach der Erklärung der Einsetzungs-Worte des Abendmahls, doch wenigstens ein Streit erlaubt ist, weil hier die Wahrheit gesagt werden kann. Aber wo Nichts ist, da hat auch die Wahrheit ihr Recht verloren. – Zuletzt bleibt nichts übrig zu sagen, als daß damals allerdings Kraftquellen entsprungen sind, so mächtig, daß ohne sie alle Mühlen der modernen Welt nicht mit gleicher Stärke getrieben würden. Und erst kommt es auf Kraft an, dann erst auf Wahrheit, oder auch dann noch lange nicht – nicht wahr, meine lieben Zeitgemäßen?   227. Goethe's Irrungen . –Goethe ist darin die große Ausnahme unter den großen Künstlern, daß er nicht in der Bornirtheit seines wirklichen Vermögens lebte, als ob dasselbe an ihm selber und für alle Welt das Wesentliche und Auszeichnende, das Unbedingte und Letzte sein müsse. Er meinte zweimal etwas Höheres zu besitzen, als er wirklich besaß – und irrte sich, in der zweiten Hälfte seines Lebens, wo er ganz durchdrungen von der Überzeugung erscheint, einer der größten wissenschaftlichen Entdecker und Lichtbringer zu sein. Und ebenso schon in der ersten Hälfte seines Lebens: er wollte von sich etwas Höheres, als die Dichtkunst ihm schien – und irrte sich schon darin. Die Natur habe aus ihm einen bildenden Künstler machen wollen – das war sein innerlich glühendes und versengendes Geheimniß, das ihn endlich nach Italien trieb, damit er sich in diesem Wahne noch recht austobe und ihm jedes Opfer bringe. Endlich entdeckte er, der Besonnene, allem Wahnschaffnen an sich ehrlich Abholde, wie ein trügerischer Kobold von Begierde ihn zum Glauben an diesen Beruf gereizt habe, wie er von der größten Leidenschaft seines Wollens sich losbinden und Abschied nehmen müsse. Die schmerzlich schneidende und wühlende Überzeugung, es sei nöthig, Abschied zu nehmen , ist völlig in der Stimmung des Tasso ausgeklungen: über ihm, dem »gesteigerten Weither«, liegt das Vorgefühl von Schlimmerem als der Tod ist, wie wenn sich Einer sagt: »nun ist es aus – nach diesem Abschiede; wie soll man weiter leben, ohne wahnsinnig zu werden!« – Diese beiden Grundirrthümer seines Lebens gaben Goethe Angesichts einer rein litterarischen Stellung zur Poesie, wie damals die Welt allein sie kannte, eine so unbefangene und fast willkürlich erscheinende Haltung. Abgesehn von der Zeit, wo Schiller – der arme Schiller, der keine Zeit hatte und keine Zeit ließ – ihn aus der enthaltsamen Scheu vor der Poesie, aus der Furcht vor allem litterarischen Wesen und Handwerk heraustrieb, erscheint Goethe wie ein Grieche, der hier und da eine Geliebte besucht, mit dem Zweifel, ob es nicht eine Göttin sei, der er keinen rechten Namen zu geben wisse. Allem seinem Dichten merkt man die anhauchende Nähe der Plastik und der Natur an: die Züge dieser ihm vorschwebenden Gestalten – und er meinte vielleicht immer nur den Verwandlungen Einer Göttin auf der Spur zu sein – wurden ohne Willen und Wissen die Züge sämmtlicher Kinder seiner Kunst. Ohne die Umschweife des Irrthums wäre er nicht Goethe geworden: das heißt, der einzige deutsche Künstler der Schrift, der jetzt noch nicht veraltet ist – weil er eben so wenig Schriftsteller als Deutscher von Beruf sein wollte.   228. Reisende und ihre Grade . – Unter den Reisenden unterscheide man nach fünf Graden: die des ersten niedrigsten Grades sind solche, welche reisen und dabei gesehen werden – sie werden eigentlich gereist und sind gleichsam blind; die nächsten sehen wirklich selber in die Welt; die dritten erleben Etwas in Folge des Sehens; die vierten leben das Erlebte in sich hinein und tragen es mit sich fort; endlich giebt es einige Menschen der höchsten Kraft, welche alles Gesehene, nachdem es erlebt und eingelebt wurden ist, endlich auch nothwendig wieder aus sich herausleben müssen, in Handlungen und Werken, sobald sie nach Hause zurückgekehrt sind. – Diesen fünf Gattungen von Reisenden gleich gehen überhaupt alle Menschen durch die ganze Wanderschaft des Lebens, die niedrigsten als reine Passiva, die höchsten als die Handelnden und Auslebenden ohne allen Rest zurückbleibender innerer Vorgänge.   229. Im Höher-Steigen . – Sobald man höher steigt als Die, welche Einen bisher bewunderten, so erscheint man eben Denen als gesunken und herabgefallen: denn sie vermeinten unter allen Umständen, bisher mit uns (sei es auch durch uns) auf der Höhe zu sein.   230. Maaß und Mitte . – Von zwei ganz hohen Dingen: Maaß und Mitte, redet man am besten nie. Einige Wenige kennen ihre Kräfte und Anzeichen, aus den Mysterien-Pfaden innerer Erlebnisse und Umkehrungen: sie verehren in ihnen etwas Göttliches und scheuen das laute Wort. Alle Übrigen hören kaum zu, wenn davon gesprochen wird, und wähnen, es handele sich um Langeweile und Mittelmäßigkeit: Jene etwa noch ausgenommen, welche einen anmahnenden Klang aus jenem Reiche einmal vernommen, aber gegen ihn sich die Ohren verstopft haben. Die Erinnerung daran macht sie nun böse und aufgebracht.   231. Humanität der Freund- und Meisterschaft . – »Gehe du gen Morgen: so werde ich gen Abend ziehen« – so zu empfinden ist das hohe Merkmal von Humanität im engeren Verkehre: ohne diese Empfindung wird jede Freundschaft, jede Jünger- und Schülerschaft irgendwann einmal zur Heuchelei.   232. Die Tiefen . – Tiefdenkende Menschen kommen sich im Verkehr mit Anderen als Komödianten vor, weil sie sich da, um verstanden zu werden, immer erst eine Oberfläche anheucheln müssen.   233. Für die Verächter der »Heerden-Menschheit« . – Wer die Menschen als Heerde betrachtet und vor ihnen so schnell er kann flieht, den werden sie gewiß einholen und mit ihren Hörnern stoßen.   234. Hauptvergehen gegen den Eitlen . – Wer einem Anderen in der Gesellschaft Gelegenheiten macht, sein Wissen, Fühlen, Erfahren glücklich darzulegen, stellt sich über ihn und begeht also, falls er nicht als Höherstehender von Jenem ohne Einschränkung empfunden wird, ein Attentat auf dessen Eitelkeit – während er gerade derselben Befriedigung zu geben glaubte.   235. Enttäuschung . – Wenn ein langes Leben und Thun sammt Reden und Schriften von einer Person öffentlich Zeugniß ablegt, so pflegt der Umgang mit ihr zu enttäuschen, aus doppeltem Grunde: einmal weil man zu viel von einer kurzen Zeitspanne Verkehrs erwartet – nämlich alles Das, was erst die tausend Gelegenheiten des Lebens sichtbar werden ließen –, und sodann weil jeder Anerkannte sich keine Mühe giebt, im Einzelnen noch um Anerkennung zu buhlen. Er ist zu nachlässig – und wir sind zu gespannt.   236. Zwei Quellen der Güte . – Alle Menschen mit gleichmäßigem Wohlwollen behandeln und ohne Unterschied der Person gütig sein kann ebensosehr der Ausfluß tiefer Menschenverachtung als gründlicher Menschenliebe sein.   237. Der Wanderer im Gebirge zu sich selber . – Es giebt sichere Anzeichen dafür, daß du vorwärts und höher hinauf gekommen bist: es ist jetzt freier und aussichtsreicher um dich als vordem, die Luft weht dich kühler, aber auch milder an – du hast ja die Thorheit verlernt, Milde und Wärme zu verwechseln –, dein Gang ist lebhafter und fester geworden, Muth und Besonnenheit sind zusammen gewachsen: – aus allen diesen Gründen wird dein Weg jetzt einsamer sein dürfen und jedenfalls gefährlicher sein als dein früherer, wenn auch gewiß nicht in dem Maaße, als Die glauben, welche dich Wanderer vom dunstigen Thale aus auf dem Gebirge schreiten sehen.   238. Ausgenommen der Nächste . – Offenbar steht mein Kopf nur auf meinem eigenen Halse nicht recht; denn jeder Andere weiß bekanntlich besser, was ich zu thun und zu lassen habe: nur mir selber weiß ich armer Schelm nicht zu helfen. Sind wir nicht Alle wie Bildsäulen, denen falsche Köpfe aufgesetzt wurden? Nicht wahr, mein geliebter Nachbar? – Doch nein, du gerade bist die Ausnahme.   239. Vorsicht . – Mit Personen, denen die Scheu vor dem Persönlichen fehlt, muß man nicht umgehen oder unerbittlich ihnen vorher die Handschellen der Convenienz anlegen.   240. Eitel erscheinen wollen . – Im Gespräche mit Unbekannten oder Halbbekannten nur ausgewählte Gedanken äußern, von seinen berühmten Bekanntschaften, bedeutenden Erlebnissen und Reisen reden, ist ein Anzeichen davon, daß man nicht stolz ist, mindestens daß man nicht so scheinen möchte. Die Eitelkeit ist die Höflichkeits-Maske des Stolzen.   241. Die gute Freundschaft . – Die gute Freundschaft entsteht, wenn man den Anderen sehr achtet und zwar mehr als sich selbst, wenn man ebenfalls ihn liebt, jedoch nicht so sehr als sich, und wenn man endlich, zur Erleichterung des Verkehrs, den zarten Anstrich und Flaum der Intimität hinzuzuthun versteht, zugleich aber sich der wirklichen und eigentlichen Intimität und der Verwechslung von Ich und Du weislich enthält.   242. Die Freunde als Gespenster . – Wenn wir uns stark verwandeln, dann werden unsere Freunde, die nicht verwandelten, zu Gespenstern unserer eignen Vergangenheit: ihre Stimme tönt schattenhaft-schauerlich zu uns heran – als ob wir uns selber hörten, aber jünger, härter, ungereifter.   243. Ein Auge und zwei Blicke . – Dieselben Personen, welche das Naturspiel des Gunst- und Gönnersuchenden Blicks haben, haben gewöhnlich auch, in Folge ihrer häufigen Demüthigungen und Rachegefühle, den unverschämten Blick.   244. Die blaue Ferne . – Zeitlebens ein Kind – das klingt sehr rührend, ist aber nur das Urtheil aus der Ferne; in der Nähe gesehen und erlebt, heißt es immer: zeitlebens knabenhaft.   245. Vortheil und Nachtheil im gleichen Mißverständniß . – Die verstummende Verlegenheit des feinen Kopfes wird gewöhnlich von Seiten der Unfeinen als schweigende Überlegenheit gedeutet und sehr gefürchtet: während die Wahrnehmung von Verlegenheit Wohlwollen erzeugen würde.   246. Der Weise sich als Narren gebend . – Die Menschenfreundlichkeit des Weisen bestimmt ihn mitunter, sich erregt, erzürnt, erfreut zu stellen , um seiner Umgebung durch die Kälte und Besonnenheit seines wahren Wesens nicht weh zu thun.   247. Sich zur Aufmerksamkeit zwingen . – Sobald wir merken, daß Jemand im Umgange und Gespräche mit uns sich zur Aufmerksamkeit zwingen muß, haben wir einen vollgültigen Beweis dafür, daß er uns nicht oder nicht mehr liebt.   248. Weg zu einer christlichen Tugend . – Von seinen Feinden zu lernen ist der beste Weg dazu, sie zu lieben: denn es stimmt uns dankbar gegen sie.   249. Kriegslist des Zudringlichen . – Der Zudringliche giebt auf unsre Conventionsmünze in Goldmünze heraus und will uns dadurch nachträglich nöthigen, unsre Convention als Versehen und ihn als Ausnahme zu behandeln.   250. Grund der Abneigung .– Wir werden manchem Künstler oder Schriftsteller feindlich, nicht weil wir endlich merken, daß er uns hintergangen hat, sondern weil er nicht feinere Mittel für nöthig befand, um uns zu fangen,   251. Im Scheiden . – Nicht darin, wie eine Seele sich der andern nähert, sondern wie sie sich von ihr entfernt, erkenne ich ihre Verwandtschaft und Zusammengehörigkeit mit der andern.   252. Silentium . – Man darf über seine Freunde nicht reden: sonst verredet man sich das Gefühl der Freundschaft.   253. Unhöflichkeit . – Unhöflichkeit ist häufig das Merkmal einer ungeschickten Bescheidenheit, welche bei einer Überraschung den Kopf verliert und durch Grobheit dies verbergen möchte.   254. Verrechnung in der Ehrlichkeit . – Das bisher von uns Verschwiegene erfahren mitunter gerade unsere neuesten Bekannten zuerst: wir meinen dabei thörichterweise, es sei unser Vertrauens-Beweis die stärkste Fessel, mit welcher wir sie festhalten könnten, – aber sie wissen nicht genug von uns, um das Opfer unseres Aussprechens so stark zu empfinden, und verrathen unsere Geheimnisse an Andere, ohne an Verrath zu denken: so daß wir vielleicht darüber unsere alten Bekannten verlieren.   255. Im Vorzimmer der Gunst . – Alle Menschen, die man lange im Vorzimmer seiner Gunst stehen läßt, gerathen in Gährung und werden sauer.   256. Warnung an die Verachteten . – Wenn man unverkennbar in der Achtung der Menschen gesunken ist, so halte man mit den Zähnen an der Scham im Verkehre fest: sonst verräth man den Andern, daß man auch in seiner eigenen Achtung gesunken ist. Der Cynismus im Verkehre ist ein Anzeichen, daß der Mensch in der Einsamkeit sich selber als Hund behandelt.   257. Manche Unkenntniß adelt . – In Hinsicht auf die Achtung der Achtung-Gebenden ist es vortheilhafter, gewisse Dinge ersichtlich nicht zu verstehen. Auch die Unwissenheit giebt Vorrechte.   258. Der Widersacher der Grazie . – Der Unduldsame und Hochmüthige mag die Grazie nicht und empfindet sie wie einen leibhaft sichtbaren Vorwurf gegen sich; denn sie ist Toleranz des Herzens in Bewegung und Gebärde.   259. Beim Wiedersehen . – Wenn alte Freunde nach langer Trennung einander wiedersehen, ereignet es sich oft, daß sie sich bei Erwähnung von Dingen theilnahmvoll stellen, die für sie ganz gleichgültig geworden sind: und mitunter merken es Beide, wagen aber nicht den Schleier zu heben – aus einem traurigen Zweifel. So entstehen Gespräche wie im Todtenreiche.   260. Nur Arbeitsame sich zu Freunden machen . – Der Müßige ist seinen Freunden gefährlich: denn weil er nicht genug zu thun hat, redet er davon, was seine Freunde thun und nicht thun, mischt sich endlich hinein und macht sich beschwerlich: weshalb man kluger Weise nur mit Arbeitsamen Freundschaft schließen soll.   261. Eine Waffe doppelt so viel als zwei . – Es ist ein ungleicher Kampf, wenn der Eine mit Kopf und Herz, der Andre nur mit dem Kopfe für seine Sache spricht: der Erstere hat gleichsam Sonne und Wind gegen sich und seine beiden Waffen stören sich gegenseitig: er verliert den Preis – in den Augen der Wahrheit . Dafür ist freilich der Sieg des Zweiten mit seiner Einen Waffe selten ein Sieg nach dem Herzen aller andern Zuschauer und macht bei ihnen unbeliebt.   262. Tiefe und Trübe . – Das Publikum verwechselt leicht Den, welcher im Trüben fischt, mit Dem, welcher aus der Tiefe schöpft.   263. An Freund und Feind seine Eitelkeit demonstriren . – Mancher mißhandelt aus Eitelkeit selbst seine Freunde, wenn Zeugen zugegen sind, denen er sein Übergewicht deutlich machen will: und Andere übertreiben den Werth ihrer Feinde, um mit Stolz darauf hinzuweisen, daß sie solcher Feinde werth sind.   264. Abkühlung . – Die Erhitzung des Herzens ist gewöhnlich mit der Krankheit von Kopf und Urtheil verbunden. Wem für einige Zeit an der Gesundheit des Letzteren gelegen ist, der muß also wissen, was er abzukühlen hat: unbesorgt für die Zukunft seines Herzens! Denn ist man überhaupt der Erwärmung fähig, so wird man auch wieder warm werden und seinen Sommer haben müssen.   265. Zur Mischung der Gefühle . – Gegen die Wissenschaft empfinden Frauen und selbstsüchtige Künstler Etwas, das aus Neid und Sentimentalität zusammengesetzt ist.   266. Wenn die Gefahr am größten ist . – Man bricht das Bein selten, so lange man im Leben mühsam aufwärts steigt – aber wenn man anfängt, es sich leicht zu machen und die bequemen Wege zu wählen.   267. Nicht zu zeitig . – Man muß sich in Acht nehmen, nicht zu zeitig scharf zu werden, – weil man zugleich damit zu zeitig dünn wird.   268. Freude am Widerspänstigen . – Der gute Erzieher kennt Fälle, wo er stolz darauf ist, daß sein Zögling wider ihn sich selber treu bleibt: da nämlich, wo der Jüngling den Mann nicht verstehen darf oder zu seinem Schaden verstehen würde.   269. Versuch der Ehrlichkeit . – Jünglinge, die ehrlicher werden wollen als sie waren, suchen sich einen anerkannt Ehrlichen zum Opfer, das sie zuerst anfallen, indem sie sich zu seiner Höhe hinaufzuschimpfen suchen – mit dem Hintergedanken, daß dieser erste Versuch jedenfalls ungefährlich sei; denn gerade Jener dürfe die Unverschämtheit des Ehrlichen nicht züchtigen.   270. Das ewige Kind . – Wir meinen, das Märchen und das Spiel gehöre zur Kindheit: wir Kurzsichtigen! Als ob wir in irgend einem Lebensalter ohne Märchen und Spiel leben möchten! Wir nennen's und empfinden's freilich anders, aber gerade dies spricht dafür, daß es das Selbe ist – denn auch das Kind empfindet das Spiel als seine Arbeit und das Märchen als seine Wahrheit. Die Kürze des Lebens sollte uns vor dem pedantischen Scheiden der Lebensalter bewahren – als ob jedes etwas Neues brächte –, und ein Dichter einmal den Menschen von zweihundert Jahren, den, der wirklich ohne Märchen und Spiel lebt, vorführen.   271. Jede Philosophie ist Philosophie eines Lebensalters . – Das Lebensalter, in dem ein Philosoph seine Lehre fand, klingt aus ihr heraus, er kann es nicht verhüten, so erhaben er sich auch über Zeit und Stunde fühlen mag. So bleibt Schopenhauers Philosophie das Spiegelbild der hitzigen und schwermüthigen Jugend – es ist keine Denkweise für ältere Menschen; so erinnert Plato's Philosophie an die mittlern dreißiger Jahre, wo ein kalter und ein heißer Strom auf einander zuzubrausen pflegen, so daß Staub und zarte Wölkchen und, unter günstigen Umständen und Sonnenblicken, ein bezauberndes Regenbogenbild entsteht.   272. Vom Geiste der Frauen . – Die geistige Kraft einer Frau wird am besten dadurch bewiesen, daß sie aus Liebe zu einem Manne und dessen Geiste ihren eigenen zum Opfer bringt und daß trotzdem ihr auf dem neuen, ihrer Natur ursprünglich fremden Gebiete, wohin die Sinnesart des Mannes sie drängt, sofort ein zweiter Geist nachwächst.   273. Erhöhung und Erniedrigung im Geschlechtlichen . – Der Sturm der Begierde reißt den Mann mitunter in eine Höhe hinauf, wo alle Begierde schweigt: dort wo er wirklich liebt und noch mehr in einem besseren Sein als besserem Wollen lebt. Und wiederum steigt ein gutes Weib häufig aus wahrer Liebe bis hinab zur Begierde und erniedrigt sich dabei vor sich selber. Namentlich das Letztere gehört zu dem Herzbewegendsten, was die Vorstellung einer guten Ehe mit sich zu bringen vermag.   274. Das Weib erfüllt, der Mann verheißt . – Durch das Weib zeigt die Natur, womit sie bis jetzt bei ihrer Arbeit am Menschenbilde fertig wurde; durch den Mann zeigt sie, was sie dabei zu überwinden hatte, aber auch, was sie noch Alles mit dem Menschen vorhat . – Das vollkommene Weib jeder Zeit ist der Müßiggang des Schöpfers an jedem siebenten Tage der Cultur, das Ausruhen des Künstlers in seinem Werke.   275. Umpflanzung . – Hat man seinen Geist verwendet, um über die Maaßlosigkeit der Affekte Herr zu werden, so geschieht es vielleicht mit dem leidigen Erfolge, daß man die Maaßlosigkeit auf den Geist überträgt und fürderhin im Denken und Erkennen-wollen ausschweift.   276. Das Lachen als Verrätherei . – Wie und wann eine Frau lacht, das ist ein Merkmal ihrer Bildung: aber im Klange des Lachens enthüllt sich ihre Natur, bei sehr gebildeten Frauen vielleicht sogar der letzte unlösbare Rest ihrer Natur. – Deshalb wird der Menschenprüfer sagen wie Horaz, aber aus verschiedenem Grunde: ridete puellae .   277. Aus der Seele der Jünglinge . – Jünglinge wechseln in Bezug auf dieselbe Person mit Hingebung und Unverschämtheit ab: weil sie im Grunde nur sich in dem Andern verehren und verachten, und zwischen beiden Empfindungen in Bezug auf sich selber hin und her taumeln müssen, so lange sie noch nicht in der Erfahrung das Maaß ihres Wollens und Könnens gefunden haben.   278. Zur Verbesserung der Welt . – Wenn man den Unzufriedenen, Schwarzgalligen und Murrköpfen die Fortpflanzung verwehrte, so könnte man schon die Erde in einen Garten des Glücks verzaubern. – Dieser Satz gehört in eine praktische Philosophie für das weibliche Geschlecht.   279. Seinem Gefühle nicht mißtrauen . – Die frauenhafte Wendung, man solle seinem Gefühle nicht mißtrauen, bedeutet nicht viel mehr als: man solle essen, was Einem gut schmeckt. Dies mag auch, namentlich für maaßvolle Naturen, eine gute Alltagsregel sein. Andere Naturen müssen aber nach einem anderen Satze leben: »du mußt nicht nur mit dem Munde, sondern auch mit dem Kopfe essen, damit dich nicht die Naschhaftigkeit des Mundes zu Grunde richte.«   280. Grausamer Einfall der Liebe . – Jede große Liebe bringt den grausamen Gedanken mit sich, den Gegenstand der Liebe zu tödten, damit er ein für alle Mal dem frevelhaften Spiele des Wechsels entrückt sei: denn vor dem Wechsel graut der Liebe mehr als vor der Vernichtung.   281. Thüren . – Das Kind sieht ebenso wie der Mann in Allem, was erlebt, erlernt wird, Thüren: aber Jenem sind es Zugänge , Diesem immer nur Durchgänge .   282. Mitleidige Frauen . – Das Mitleiden der Frauen, welches geschwätzig ist, trägt das Bett des Kranken auf offnen Markt.   283. Frühzeitiges Verdienst . – Wer jung schon sich ein Verdienst erwirbt, verlernt gewöhnlich dabei die Scheu vor dem Alter und dem Älteren, und schließt sich damit, zu seinem größten Nachtheile, von der Gesellschaft der Reifen, Reife Gebenden aus: so daß er trotz frühzeitigerem Verdienste länger als Andre grün, zudringlich und knabenhaft bleibt.   284. Bausch- und Bogen-Seelen . – Die Frauen und die Künstler meinen, daß wo man ihnen nicht widerspreche, man nicht widersprechen könne; Verehrung in zehn Punkten und stillschweigende Nichtbilligung in anderen zehn scheint ihnen neben einander unmöglich, weil sie Bausch- und Bogen-Seelen haben.   285. Junge Talente . – In Hinsicht auf junge Talente muß man streng nach der Goethischen Maxime verfahren, daß man oft dem Irrthume nicht schaden dürfe, um der Wahrheit nicht zu schaden. Ihr Zustand ist gleich den Krankheiten der Schwangerschaft und bringt seltsame Gelüste mit sich: welche man ihnen, so gut es gehen will, befriedigen und nachsehen sollte, um der Frucht willen, die man von ihnen hofft. Freilich muß man, als Krankenwärter dieser wunderlichen Kranken, die schwere Kunst der freiwilligen Selbst-Demüthigung verstehen.   286. Ekel an der Wahrheit . – Die Frauen sind so geartet, daß alle Wahrheit (in Bezug auf Mann, Liebe, Kind, Gesellschaft, Lebensziel) ihnen Ekel macht – und daß sie sich an Jedem zu rächen suchen, welcher ihnen das Auge öffnet.   287. Die Quelle der großen Liebe . – Woher die plötzlichen Leidenschaften eines Mannes für ein Weib entstehen, die tiefen, innerlichen? Aus Sinnlichkeit allein am wenigsten: aber wenn der Mann Schwäche, Hülfsbedürftigkeit und zugleich Übermuth in Einem Wesen zusammen findet, so geht Etwas in ihm vor, wie wenn seine Seele überwallen wollte: er ist im selben Augenblick gerührt und beleidigt. Auf diesem Punkte entspringt die Quelle der großen Liebe.   288. Reinlichkeit . – Man soll den Sinn für Reinlichkeit im Kinde bis zur Leidenschaft entfachen: später erhebt er sich, in immer neuen Verwandlungen, fast zu jeder Tugend hinauf und erscheint zuletzt, als Compensation alles Talents, wie eine Lichthülle von Reinheit, Mäßigkeit, Milde, Charakter – Glück in sich tragend, Glück um sich verbreitend.   289. Von eitlen alten Männern . – Der Tiefsinn gehört der Jugend, der Klarsinn dem Alter zu: wenn trotzdem alte Männer mitunter in der Art der Tiefsinnigen reden und schreiben, so thun sie es aus Eitelkeit, in dem Glauben, daß sie damit den Reiz des Jugendlichen, Schwärmerischen, Werdenden, Ahnungs- und Hoffnungsvollen annehmen.   290. Benutzung des Neuen . – Männer benutzen Neu-Erlerntes oder -Erlebtes fürderhin als Pflugschar, vielleicht auch als Waffe: aber Weiber machen sofort daraus einen Putz für sich zurecht.   291. Recht haben bei den zwei Geschlechtern . – Giebt man einem Weibe zu, daß es Recht habe, so kann es sich nicht versagen, erst noch die Ferse triumphirend auf den Nacken des Unterworfenen zu setzen, – es muß den Sieg auskosten; während Mann gegen Mann sich in solchem Falle gewöhnlich des Rechthabens schämt. Dafür ist der Mann an das Siegen gewöhnt, das Weib erlebt damit eine Ausnahme.   292. Entsagung im Willen zur Schönheit . – Um schön zu werden, darf ein Weib nicht für hübsch gelten wollen: das heißt, es muß in neunundneunzig Fällen, wo es gefallen könnte, es verschmähen und hintertreiben zu gefallen, um Ein Mal das Entzücken Dessen einzuernten, dessen Seelenpforte groß genug ist, um Großes aufzunehmen.   293. Unbegreiflich, unausstehlich . – Ein Jüngling kann nicht begreifen, daß ein Älterer seine Entzückungen, Gefühls-Morgenröthen, Gedanken-Wendungen und -Aufschwünge auch einmal durchlebt habe: es beleidigt ihn schon zu denken, daß sie zweimal existirt hätten, – aber ganz feindselig stimmt es ihn zu hören, daß um fruchtbar zu werden, er jene Blüthen verlieren, ihren Duft entbehren müsse.   294. Partei mit der Miene der Dulderin . – Jede Partei, die sich die Miene der Dulderin zu geben weiß, zieht die Herzen der Gutmüthigen zu sich hinüber und gewinnt dadurch selber die Miene der Gutmüthigkeit – zu ihrem größten Vortheil.   295. Behaupten sicherer als beweisen . – Eine Behauptung wirkt stärker als ein Argument, wenigstens bei der Mehrzahl der Menschen: denn das Argument weckt Mißtrauen. Deshalb suchen die Volksredner die Argumente ihrer Partei durch Behauptungen zu sichern.   296. Die besten Hehler . – Alle regelmäßig Erfolgreichen besitzen eine tiefe Verschlagenheit darin, ihre Fehler und Schwächen immer nur als anscheinende Stärken zum Vorschein zu bringen; weshalb sie dieselben ungewöhnlich gut und deutlich kennen müssen.   297. Von Zeit zu Zeit . – Er setzte sich in das Stadtthor und sagte zu Einem, der hindurchgieng, dies eben sei das Stadtthor. Jener entgegnete, es sei das eine Wahrheit, aber man dürfe nicht zu viel Recht haben, wenn man Dank dafür haben wolle. Oh, antwortete er, ich will auch keinen Dank; aber von Zeit zu Zeit ist es doch sehr angenehm, nicht nur Recht zu haben, sondern auch Recht zu behalten.   298. Die Tugend ist nicht von den Deutschen erfunden . – Goethe's Vornehmheit und Neidlosigkeit, Beethoven's edle einsiedlerische Resignation; Mozart's Anmuth und Grazie des Herzens, Händel's unbeugsame Männlichkeit und Freiheit unter dem Gesetz, Bach's getrostes und verklärtes Innenleben, welches nicht einmal nöthig hat, auf Glanz und Erfolg zu verzichten, – sind denn dies deutsche Eigenschaften? – Wenn aber nicht, so zeigt es wenigstens, wonach Deutsche streben sollen und was sie erreichen können.   299. Pia fraus oder etwas Anderes . – Möchte ich mich irren: aber mich dünkt, im gegenwärtigen Deutschland werde eine doppelte Art von Heuchelei für Jedermann zur Pflicht des Augenblicks gemacht: man fordert ein Deutschthum aus reichspolitischer Besorgniß, und ein Christenthum aus socialer Angst, Beides aber nur in Worten und Gebärden und namentlich im Schweigenkönnen. Der Anstrich ist es, der setzt so viel kostet, so hoch bezahlt wird: die Zuschauer sind es, derentwegen die Nation ihr Gesicht in deutsch» und christenthümelnde Falten legt.   300. Inwiefern auch im Guten das Halbe mehr sein kann als das Ganze . – Bei allen Dingen, die auf Bestand eingerichtet werden und immer den Dienst vieler Personen erfordern, muß manches weniger Gute zur Regel gemacht werden, obschon der Organisator das Bessere und Schwerere sehr gut kennt: aber er wird darauf rechnen, daß es nie an Personen fehle, welche der Regel entsprechen können , – und er weiß, daß das Mittelgut der Kräfte die Regel ist, – Dies sieht ein Jüngling selten ein und glaubt dann, als Neuerer, Wunder wie sehr er im Rechte, und wie seltsam die Blindheit der Anderen sei.   301. Der Parteimann . – Der ächte Parteimann lernt nicht mehr, er erfährt und richtet nur noch: während Solon, der nie Parteimann war, sondern neben und über den Parteien oder gegen sie sein Ziel verfolgte, bezeichnender Weise der Vater jenes schlichten Wortes ist, in welchem die Gesundheit und Unausschöpflichkeit Athen's beschlossen liegt: »alt werd' ich und immer lern' ich fort.«   302. Was, nach Goethe, deutsch ist . – Es sind die wahrhaft Unerträglichen, von denen man selbst das Gute nicht annehmen mag, welche Freiheit der Gesinnung haben, aber nicht merken, daß es ihnen an Geschmacks - und Geistes-Freiheit fehlt. Gerade dies ist aber, nach Goethe's wohlerwogenem Urtheil, deutsch . – Seine Stimme und sein Beispiel weisen darauf hin, daß der Deutsche mehr sein müsse als ein Deutscher, wenn er den andern Nationen nützlich, ja nur erträglich werden wolle – und in welcher Richtung er bestrebt sein solle, über sich und außer sich hinaus zu gehen.   303. Wann es noth thut, stehen zu bleiben . – Wenn die Massen zu wüthen beginnen und die Vernunft sich verdunkelt, thut man gut, sofern man der Gesundheit seiner Seele nicht ganz sicher ist, unter einen Thorweg unterzutreten und nach dem Wetter auszuschauen.   304. Umsturzgeister und Besitzgeister . – Das einzige Mittel gegen den Socialismus, das noch in eurer Macht steht, ist: ihn nicht herauszufordern, das heißt selber mäßig und genügsam leben, die Schaustellung jeder Üppigkeit nach Kräften verhindern und dem Staate zu Hülfe kommen, wenn er alles Überflüssige und Luxus-Ähnliche empfindlich mit Steuern belegt. Ihr wollt dies Mittel nicht? Dann, ihr reichen Bürgerlichen, die ihr euch »liberal« nennt, gesteht es euch nur zu, eure eigne Herzensgesinnung ist es, welche ihr in den Socialisten so furchtbar und bedrohlich findet, in euch selber aber als unvermeidlich gelten laßt, wie als ob sie dort etwas Anderes wäre. Hättet ihr, so wie ihr seid, euer Vermögen und die Sorge um dessen Erhaltung nicht, diese eure Gesinnung würde euch zu Socialisten machen: nur der Besitz unterscheidet zwischen euch und ihnen. Euch müßt ihr zuerst besiegen, wenn ihr irgendwie über die Gegner eures Wohlstandes siegen wollt. – Und wäre jener Wohlstand nur wirtlich Wohlbefinden! Er wäre nicht so äußerlich und neidherausfordernd, er wäre mittheilend er, wohlwollender, ausgleichender, nachhelfender. Aber das Unächte und Schauspielerische eurer Lebensfreuden, welche mehr im Gefühl des Gegensatzes (daß Andere sie nicht haben und euch beneiden) als im Gefühle der Kraft-Erfüllung und Kraft-Erhöhung liegen – eure Wohnungen, Kleider, Wagen, Schauläden, Gaumen- und Tafel-Erfordernisse, eure lärmende Opern- und Musikbegeisterung, endlich eure Frauen, geformt und gebildet, aber aus unedlem Metall, vergoldet, aber ohne Goldklang, als Schaustücke von euch gewählt, als Schaustücke sich selber gebend: – das sind die giftträgerischen Verbreiter jener Volkskrankheit, welche als socialistische Herzenskrätze sich jetzt immer schneller der Masse mittheilt, aber in euch ihren ersten Sitz und Brüteherd hat. Und wer hielte diese Pest jetzt noch auf? –   305. Taktik der Parteien . – Wenn eine Partei merkt, daß ein bisher Zugehöriger aus einem unbedingten Anhänger ein bedingter geworden ist, so erträgt sie dies so wenig, daß sie durch allerlei Aufreizungen und Kränkungen versucht, Jenen zum entschiedenen Abfall zu bringen und zum Gegner zu machen: denn sie hat den Argwohn, daß die Absicht, in ihrem Glauben etwas Relativ -Werthvolles zu sehen, das ein Für und Wider, ein Abwägen und Ausscheiden zuläßt, ihr gefährlicher sei als ein Gegnerthum in Bausch und Bogen.   306. Zur Stärkung von Parteien . – Wer eine Partei innerlich starken will, biete ihr Gelegenheit, um ersichtlich ungerecht behandelt werden zu müssen; dadurch sammelt sie ein Capital guten Gewissens, das ihr vielleicht bis dahin fehlte.   307. Für seine Vergangenheit sorgen . – Weil die Menschen eigentlich nur alles Alt-Begründete, Langsam-Gewordene achten, so muß Der, welcher nach seinem Tode fortleben will, nicht nur für Nachkommenschaft, sondern noch mehr für eine Vergangenheit sorgen: weshalb Tyrannen jeder Art (auch tyrannenhafte Künstler und Politiker) der Geschichte gern Gewalt anthun, damit diese als Vorbereitung und Stufenleiter zu ihnen hin erscheine.   308. Partei-Schriftsteller . – Der Paukenschlag, mit welchem sich junge Schriftsteller im Dienste einer Partei so wohl gefallen, klingt Dem, welcher nicht zur Partei gehört, wie Kettengerassel und erweckt eher Mitleiden als Bewunderung.   309. Gegen sich Partei ergreifen . – Unsere Anhänger vergeben es uns nie, wenn wir gegen uns selbst Partei ergreifen: denn dies heißt, in ihren Augen, nicht nur ihre Liebe zurückweisen, sondern auch ihren Verstand bloßstellen.   310. Gefahr im Reichthum . – Nur wer Geist hat, sollte Besitz haben: sonst ist der Besitz gemeingefährlich . Der Besitzende nämlich, der von der freien Zeit, welche der Besitz ihm gewähren könnte, keinen Gebrauch zu machen versteht, wird immer fortfahren , nach Besitz zu streben: dieses Streben wird seine Unterhaltung, seine Kriegslist im Kampf mit der Langeweile sein. So entsteht zuletzt, aus mäßigem Besitz, welcher dem Geistigen genügen würde, der eigentliche Reichthum: und zwar als das gleißende Ergebniß geistiger Unselbständigkeit und Armuth. Nur erscheint er eben ganz anders, als seine armselige Abkunft erwarten läßt, weil er sich mit Bildung und Kunst maskiren kann: er kann eben die Maske kaufen . Dadurch erweckt er Neid bei den Ärmeren und Ungebildeten – welche im Grunde immer die Bildung beneiden und in der Maske nicht die Maske sehen – und bereitet allmählich eine sociale Umwälzung vor: denn vergoldete Rohheit und schauspielerisches Sich-Blähen im angeblichen »Genusse der Cultur« giebt Jenen den Gedanken ein »es liegt nur am Gelde«, – während allerdings etwas am Gelde liegt, aber viel mehr am Geiste .   311. Freude im Gebieten und Gehorchen . – Das Gebieten macht Freude wie das Gehorchen, Ersteres wenn es noch nicht zur Gewohnheit geworden ist, Letzteres aber wenn es zur Gewohnheit geworden ist. Alte Diener unter neuen Gebietenden fördern sich gegenseitig im Freude-machen.   312. Ehrgeiz des verlornen Postens . – Es giebt einen Ehrgeiz des verlornen Postens, welcher eine Partei dahin drängt, sich in eine äußerste Gefahr zu begeben.   313. Wann Esel noth thun . – Man wird die Menge nicht eher zum Hosiannah-rufen bringen, bis man auf einem Esel in die Stadt einreitet.   314. Partei-Sitte . – Eine jede Partei versucht, das Bedeutende, das außer ihr gewachsen ist, als unbedeutend darzustellen; gelingt es ihr aber nicht, so feindet sie es um so bitterer an, je vortrefflicher es ist.   315. Leer-werden . – Von Dem, der sich den Ereignissen hingiebt, bleibt immer weniger übrig. Große Politiker können deshalb ganz leere Menschen werden und doch einmal voll und reich gewesen sein.   316. Erwünschte Feinde . – Die socialistischen Regungen sind den dynastischen Regierungen jetzt immer noch eher angenehm als furchteinflößend, weil sie durch dieselben Recht und Schwert zu Ausnahme-Maaßregeln in die Hände bekommen, mit denen sie ihre eigentlichen Schreckgestalten, die Demokraten und Anti-Dynasten, treffen können. – Zu Allem, was solche Regierungen öffentlich hassen, haben sie jetzt eine heimliche Zuneigung und Innigkeit: sie müssen ihre Seele verschleiern.   317. Der Besitz besitzt . – Nur bis zu einem gewissen Grade macht der Besitz den Menschen unabhängiger, freier; eine Stufe weiter – und der Besitz wird zum Herrn, der Besitzer zum Sklaven: als welcher ihm seine Zeit, sein Nachdenken zum Opfer bringen muß und sich fürderhin zu einem Verkehr verpflichtet, an einen Ort angenagelt, einem Staate einverleibt fühlt – Alles vielleicht wider sein innerlichstes und wesentlichstes Bedürfniß.   318. Von der Herrschaft der Wissenden . – Es ist leicht, zum Spotten leicht, das Muster zur Wahl einer gesetzgebenden Körperschaft aufzustellen. Zuerst hätten die Redlichen und Vertrauenswürdigen eines Landes, welche zugleich irgendworin Meister und Sachkenner sind, sich auszuscheiden, durch gegenseitige Auswitterung und Anerkennung: aus ihnen wiederum müßten sich, in engerer Wahl, die in jeder Einzelart Sachverständigen und Wissenden ersten Ranges auswählen, gleichfalls durch gegenseitige Anerkennung und Gewährleistung. Bestünde aus ihnen die gesetzgebende Körperschaft, so müßten endlich, für jeden einzelnen Fall, nur die Stimmen und Urtheile der speziellsten Sachverständigen entscheiden und die Ehrenhaftigkeit aller Übrigen groß genug und einfach zur Sache des Anstandes geworden sein, die Abstimmung dabei auch nur Jenen zu überlassen: so daß im strengsten Sinne das Gesetz aus dem Verstande der Verständigsten hervorgienge. – Jetzt stimmen Parteien ab: und bei jeder Abstimmung muß es hunderte von beschämten Gewissen geben – die der Schlecht-Unterrichteten, Urtheils-Unfähigen, die der Nachsprechenden, Nachgezogenen, Fortgerissenen. Nichts erniedrigt die Würde jedes neuen Gesetzes so, als dieses anklebende Schamroth der Unredlichkeit, zu der jede Partei-Abstimmung zwingt. Aber, wie gesagt, es ist leicht, zum Spotten leicht, so Etwas aufzustellen: keine Macht der Welt ist jetzt stark genug, das Bessere zu verwirklichen, – es sei denn, daß der Glaube an die höchste Nützlichkeit der Wissenschaft und der Wissenden endlich auch dem Böswilligsten einleuchte und dem jetzt herrschenden Glauben an die Zahl vorgezogen werde. Im Sinne dieser Zukunft sei unsere Losung: »Mehr Ehrfurcht vor dem Wissenden! Und nieder mit allen Parteien!«   319. Vom »Volke der Denker« (oder des schlechten Denkens) . – Das Undeutliche, Schwebende, Ahnungsvolle, Elementarische, Intuitive – um für unklare Dinge auch unklare Namen zu wählen –, was man dem deutschen Wesen nachsagt, wäre, wenn es thatsächlich noch bestünde, ein Beweis, daß seine Cultur um viele Schritte zurückgeblieben und noch immer von Bann und Lust des Mittelalters umschlossen wäre. – Freilich liegen in einer solchen Zurückgebliebenheit auch einige Vortheile: die Deutschen wären mit diesen Eigenschaften – wenn sie dieselben, nochmals gesagt, jetzt noch besitzen sollten – zu einigen Dingen, und namentlich zum Verständniß einiger Dinge befähigt, zu welchen andere Nationen alle Kraft verloren haben. Und sicher geht viel verloren, wenn der Mangel an Vernunft – das heißt eben das Gemeinsame in jenen Eigenschaften – verloren geht: aber hier giebt es auch keine Einbuße ohne den höchsten Gegengewinn, so daß jeder Grund zum Jammern fehlt, vorausgesetzt, daß man nicht wie Kinder und Leckerhafte die Früchte aller Jahreszeiten zugleich genießen will.   320. Eulen nach Athen . – Die Regierungen der großen Staaten haben zwei Mittel in den Händen, das Volk von sich abhängig zu erhalten, in Furcht und Gehorsam: ein gröberes, das Heer, ein feineres, die Schule. Mit Hülfe des ersteren bringen sie den Ehrgeiz der höheren und die Kraft der niederen Schichten, soweit beide thätigen und rüstigen Männern mittlerer und minderer Begabung zu eigen zu sein pflegen, auf ihre Seite; mit Hülfe des andern Mittels gewinnen sie die begabte Armut, namentlich die geistig-anspruchsvolle Halbarmut der mittleren Stände für sich. Sie machen vor Allem aus den Lehrern allen Grades einen unwillkürlich nach »Oben« hin blickenden geistigen Hofstaat: indem sie der Privatschule und gar der ganz und gar mißliebigen Einzelerziehung Stein über Stein in den Weg legen, sichern sie sich die Verfügung über eine sehr bedeutende Anzahl von Lehrstellen, auf welche sich nun fortwährend eine gewiß fünfmal größere Anzahl von hungrig und unterwürfig blickenden Augen richten, als je Befriedigung finden können. Diese Stellungen dürfen ihren Mann aber nur kärglich nähren: so unterhält sich in ihm der Fieberdurst nach Beförderung und schließt ihn noch enger an die Absichten der Regierung an. Denn eine mäßige Unzufriedenheit zu pflegen ist immer vortheilhafter als Zufriedenheit, die Mutter des Muthes, die Großmutter des Freisinns und des Übermuthes. Vermittelst dieses leiblich und geistig im Zaume gehaltenen Lehrerthums wird nun, so gut es gehen will, alle Jugend des Landes auf eine gewisse, dem Staate nützliche und zweckmäßig abgestufte Bildungshöhe gehoben: vor Allem aber wird jene Gesinnung fast unvermerkt auf die unreifen und ehrsüchtigen Geister aller Stände übertragen, daß nur eine vom Staate anerkannte und abgestempelte Lebensrichtung sofort gesellschaftliche Auszeichnung mit sich führt. Die Wirkung dieses Glaubens an Staats-Prüfungen und -Titel geht so weit, daß selbst unabhängig gebliebenen, durch Handel oder Handwerk emporgestiegenen Männern so lange ein Stachel der Unbefriedigung in der Brust bleibt, bis auch ihre Stellung durch eine begnadigende Verleihung von Rang und Orden von Oben her bemerkt und anerkannt ist, – bis man »sich sehen lassen kann«. Endlich verknüpft der Staat alle jene hundert und aberhundert ihm zugehörigen Beamtungen und Erwerbsposten mit der Verpflichtung , durch die Staatsschulen sich bilden und abzeichnen zu lassen, wenn man je in diese Pforten eingehen wolle: Ehre bei der Gesellschaft, Brod für sich, Ermöglichung einer Familie, Schutz von Oben her, Gemeingefühl der gemeinsam Gebildeten – dies Alles bildet ein Netz von Hoffnungen, in welches jeder junge Mann hineinläuft: woher sollte ihm denn das Mißtrauen angeweht sein! Ist zu guterletzt gar noch bei Jedermann die Verpflichtung, einige Jahre Soldat zu sein, nach Ablauf weniger Generationen, zu einer gedankenlosen Gewohnheit und Voraussetzung geworden, auf welche hin man frühzeitig den Plan seines Lebens zurechtschneidet: so kann der Staat auch noch den Meistergriff wagen, Schule und Heer, Begabung, Ehrgeiz und Kraft durch Vortheile in einander zu flechten, das heißt den höher Begabten und Gebildeten durch günstigere Bedingungen zum Heere zu locken und mit dem Soldatengeiste des freudigen Gehorsams zu erfüllen: so daß er vielleicht dauernd zur Fahne schwört und durch seine Begabung ihr einen neuen, immer glänzenderen Ruf verschafft. – Dann fehlt Nichts weiter als Gelegenheit zu großen Kriegen: und dafür sorgen, von Berufswegen, also in aller Unschuld , die Diplomaten, sammt Zeitungen und Börsen: denn das »Volk«, als Soldatenvolk, hat bei Kriegen immer ein gutes Gewissen, man braucht es ihm nicht erst zu machen.   321. Die Presse . – Erwägt man, wie auch jetzt noch alle großen politischen Vorgänge sich heimlich und verhüllt auf das Theater schleichen, wie sie von unbedeutenden Ereignissen verdeckt werden und in ihrer Nähe klein erscheinen, wie sie erst lange nach ihrem Geschehen ihre tiefen Einwirkungen zeigen und den Boden nachzittern lassen, – welche Bedeutung kann man da der Presse zugestehn, wie sie jetzt ist, mit ihrem täglichen Aufwand von Lunge, um zu schreien, zu übertäuben, zu erregen, zu erschrecken, – ist sie mehr als der permanente blinde Lärm , der die Ohren und Sinne nach einer falschen Richtung ablenkt?   322. Nach einem großen Ereigniß . – Ein Volk und Mensch, dessen Seele bei einem großen Ereigniß zu Tage gekommen ist, fühlt gewöhnlich darauf das Bedürfniß nach einer Kinderei oder Rohheit , ebenso aus Scham als um sich zu erholen.   323. Gut deutsch sein heißt sich entdeutschen . – Das, worin man die nationalen Unterschiede findet, ist viel mehr, als man bis jetzt eingesehen hat, nur der Unterschied verschiedener Culturstufen und zum geringsten Theile etwas Bleibendes (und auch dies nicht in einem strengen Sinne). Deshalb ist alles Argumentiren aus dem National-Charakter so wenig verpflichtend für Den, welcher an der Umschaffung der Überzeugungen, das heißt an der Cultur arbeitet. Erwägt man zum Beispiel, was Alles schon deutsch gewesen ist , so wird man die theoretische Frage: was ist deutsch? sofort durch die Gegenfrage verbessern: »was ist jetzt deutsch?« – und jeder gute Deutsche wird sie praktisch, gerade durch Überwindung seiner deutschen Eigenschaften, lösen. Wenn nämlich ein Volk vorwärts geht und wächst, so sprengt es jedesmal den Gürtel, der ihm bis dahin sein nationales Ansehen gab; bleibt es stehen, verkümmert es, so schließt sich ein neuer Gürtel um seine Seele; die immer härter werdende Kruste baut gleichsam ein Gefängnis herum, dessen Mauern immer wachsen. Hat ein Volk also sehr viel Festes, so ist dies ein Beweis, daß es versteinern will und ganz und gar Monument werden möchte: wie es von einem bestimmten Zeitpunkte an das Ägypterthum war. Der also, welcher den Deutschen wohlwill, mag für seinen Theil zusehen, wie er immer mehr aus Dem, was Deutsch ist, hinauswachse. Die Wendung zum Undeutschen ist deshalb immer das Kennzeichen der Tüchtigen unseres Volkes gewesen.   324. Ausländereien . – Ein Ausländer, der in Deutschland reiste, mißfiel und gefiel durch einige Behauptungen, je nach den Gegenden, in denen er sich aufhielt. Alle Schwaben, die Geist haben, – pflegte er zu sagen – sind kokett. – Die anderen Schwaben aber meinten noch immer, Uhland sei ein Dichter und Goethe unmoralisch gewesen. – Das Beste an den deutschen Romanen, welche jetzt berühmt würden, sei, daß man sie nicht zu lesen brauche: man kenne sie schon. – Der Berliner erscheine gutmüthiger als der Süddeutsche, denn er sei allzu sehr spottlustig und vertrage deshalb Spott: was Süddeutschen nicht begegne. – Der Geist der Deutschen werde durch ihr Bier und ihre Zeitungen niedergehalten: er empfehle ihnen Thee und Pamphlete, zur Kur natürlich. – Man sehe sich, so rieth er, doch die verschiedenen Völker des altgewordenen Europa daraufhin an, wie ein jedes eine bestimmte Eigenschaft des Alters besonders gut zur Schau trägt, zum Vergnügen für Die, welche vor dieser großen Bühne sitzen: wie die Franzosen das Kluge und Liebenswürdige des Alters, die Engländer das Erfahrene und Zurückhaltende, die Italiäner das Unschuldige und Unbefangene mit Glück vertreten. Sollten denn die anderen Masken des Alters fehlen? Wo ist der hochmüthige Alte? Wo der herrschsüchtige Alte? Wo der habsüchtige Alte? – Die gefährlichste Gegend in Deutschland sei Sachsen und Thüringen: nirgends gäbe es mehr geistige Rührigkeit und Menschenkenntniß, nebst Freigeisterei, und Alles sei so bescheiden durch die häßliche Sprache und die eifrige Dienstbeflissenheit dieser Bevölkerung versteckt, daß man kaum merke, hier mit den geistigen Feldwebeln Deutschlands und seinen Lehrmeistern in Gutem und Schlimmem zu thun zu haben. – Der Hochmuth der Norddeutschen werde durch ihren Hang, zu gehorchen, der der Süddeutschen durch ihren Hang, sich's bequem zu machen, in Schranken gehalten. – Es schiene ihm, daß die deutschen Männer in ihren Frauen ungeschickte, aber sehr von sich überzeugte Hausfrauen hätten: sie redeten so beharrlich gut von sich, daß sie fast die Welt und jedenfalls ihre Männer von der eigens deutschen Hausfrauen-Tugend überzeugt hätten. – Wenn sich dann das Gespräch auf Deutschland's Politik nach Außen und Innen wendete, so pflegte er zu erzählen – er nannte es: verrathen –, daß Deutschlands größter Staatsmann nicht an große Staatsmänner glaube. – Die Zukunft der Deutschen fand er bedroht und bedrohlich: denn sie hätten verlernt, sich zu freuen (was die Italiäner so gut verstünden), aber sich durch das große Hazardspiel von Kriegen und dynastischen Revolutionen an die Emotion gewöhnt , folglich würden sie eines Tages die Erneute haben. Denn dies sei die stärkste Emotion, welche ein Voll sich verschaffen könne. – Der deutsche Socialist sei eben deshalb am gefährlichsten, weil ihn keine bestimmte Noth treibe; sein Leiden sei, nicht zu wissen, was er wolle; so werde er, wenn er auch viel erreiche, doch noch im Genusse vor Begierde verschmachten, ganz wie Faust, aber vermuthlich wie ein sehr pöbelhafter Faust. »Den Faust-Teufel nämlich, rief er zuletzt, von dem die gebildeten Deutschen so geplagt wurden, hat Bismarck ihnen ausgetrieben: nun ist der Teufel aber in die Säue gefahren und schlimmer als je vorher!«   325. Meinungen . – Die meisten Menschen sind Nichts und gelten Nichts, bis sie sich in allgemeine Überzeugungen und öffentliche Meinungen eingekleidet haben – nach der Schneider-Philosophie: Kleider machen Leute. Von den Ausnahme-Menschen aber muß es heißen: erst der Träger macht die Tracht ; hier hören die Meinungen auf, öffentlich zu sein, und werden etwas Anderes als Masken, Putz und Verkleidung.   326. Zwei Arten der Nüchternheit . – Um Nüchternheit aus Erschöpfung des Geistes nicht mit Nüchternheit aus Mäßigung zu verwechseln, muß man darauf Acht haben, daß die erstere übellaunig, die andere frohmüthig ist.   327. Verfälschung der Freude .– Keinen Tag länger eine Sache gut heißen, als sie uns gut scheint, und vor Allem: keinen Tag früher – das ist das einzige Mittel, sich die Freude ächt zu erhalten: die sonst allzuleicht fade und faul im Geschmacke wird und jetzt für ganze Schichten des Volkes zu den verfälschten Lebensmitteln gehört.   328. Der Tugend-Bock . – Beim Allerbesten, was Einer thut, suchen Die, welche ihm wohlwollen, aber seiner That nicht gewachsen sind, schleunigst einen Bock, um ihn zu schlachten, wähnend, es sei der Sündenbock – aber es ist der Tugend-Bock.   329. Souverainetät . – Auch das Schlechte ehren und sich zu ihm bekennen, wenn es Einem gefällt , und keinen Begriff davon haben, wie man sich seines Gefallens schämen könne, ist das Merkmal der Souverainetät, im Großen und Kleinen.   330. Der Wirkende ein Phantom, keine Wirklichkeit . – Der bedeutende Mensch lernt allmählich, daß er, sofern er wirkt , ein Phantom in den Köpfen Anderer ist, und geräth vielleicht in die feine Seelenqual, sich zu fragen, ob er das Phantom von sich zum Besten seiner Mitmenschen nicht aufrecht erhalten müsse.   331. Nehmen und geben . – Wenn man Einem das Geringste weg (oder vorweg) genommen hat, so ist er blind dafür, daß man ihm viel Größeres, ja das Größte gegeben hat.   332. Der gute Acker . – Alles Abweisen und Negiren zeigt einen Mangel an Fruchtbarkeit an: im Grunde, wenn wir nur gutes Ackerland wären, dürften wir Nichts unbenutzt umkommen lassen und in jedem Dinge, Ereignisse und Menschen willkommenen Dünger, Regen oder Sonnenschein sehen.   333. Verkehr als Genuß . – Hält sich Einer, mit entsagendem Sinne, absichtlich in der Einsamkeit, so kann er sich dadurch den Verkehr mit Menschen, selten genossen, zum Leckerbissen machen.   334. Öffentlich zu leiden verstehen . – Man muß sein Unglück affichiren und von Zeit zu Zeit hörbar seufzen, sichtbar ungeduldig sein: denn ließe man die Andern merken, wie sicher und glücklich in sich man trotz Schmerz und Entbehrung ist, wie neidisch und böswillig würde man sie machen! – Aber wir müssen Sorge dafür tragen, daß wir unsre Mitmenschen nicht verschlechtern; überdies würden sie uns in jenem Falle harte Steuern auferlegen, und unser öffentliches Leiden ist jedenfalls auch unser privater Vortheil .   335. Wärme in den Höhen . – Auf den Höhen ist es wärmer, als man in den Thälern meint, namentlich im Winter. Der Denker weiß, was Alles dies Gleichniß besagt.   336. Das Gute wollen, das Schöne können . – Es genügt nicht, das Gute zu üben, man muß es gewollt haben und, nach dem Wort des Dichters, die Gottheit in seinen Willen aufnehmen. Aber das Schöne darf man nicht wollen, man muß es können , in Unschuld und Blindheit, ohne alle Neubegier der Psyche. Wer seine Laterne anzündet, um vollkommene Menschen zu finden, der achte auf dies Merkmal: es sind Die, welche immer um des Guten willen handeln und immer dabei das Schöne erreichen, ohne daran zu denken. Viele der Besseren und Edleren bleiben nämlich, aus Unvermögen und Mangel der schönen Seele, mit allem ihrem guten Willen und ihren guten Werken, unerquicklich und häßlich anzusehen; sie stoßen zurück und schaden selbst der Tugend durch das widrige Gewand, welches ihr schlechter Geschmack derselben anlegt.   337. Gefahr der Entsagenden . – Man muß sich hüten, sein Leben auf einen zu schmalen Grund von Begehrlichkeit zu gründen: denn wenn man den Freuden entsagt, welche Stellungen, Ehren, Genossenschaften, Wollüste, Bequemlichkeiten, Künste mit sich bringen, so kann ein Tag kommen, wo man merkt, statt der Weisheit , durch diese Verzichtleistung den Lebens-Überdruß zum Nachbarn erlangt zu haben.   338. Letzte Meinung über Meinungen . – Entweder verstecke man seine Meinungen oder man verstecke sich hinter seine Meinungen. Wer es anders macht, der kennt den Lauf der Welt nicht oder gehört zum Orden der heiligen Tollkühnheit.   339. » Gaudeamus igitur .« – Die Freude muß auch für die sittliche Natur des Menschen auferbauende und ausheilende Kräfte enthalten: wie käme es sonst, daß unsere Seele, sobald sie im Sonnenschein der Freude ruht, sich unwillkürlich gelobt »gut sein!« »vollkommen werden!« und daß dabei ein Vorgefühl der Vollkommenheit, gleich einem seligen Schauder, sie erfaßt?   340. An einen Gelobten . – So lange man dich lobt, glaube nur immer, daß du noch nicht auf deiner eignen Bahn, sondern auf der eines Andern bist.   341. Den Meister lieben . – Anders liebt der Gesell, anders der Meister den Meister.   342. Allzuschönes und Menschliches . – »Die Natur ist zu schön für dich armen Sterblichen« – so empfindet man nicht selten: aber ein paar Mal, bei einem innigen Anschauen alles Menschlichen, seiner Fülle, Kraft, Zartheit, Verflochtenheit, war es mir zu Muthe, als ob ich sagen müßte, in aller Demuth: »auch der Mensch ist zu schön für den betrachtenden Menschen!« – und zwar nicht etwa nur der moralische Mensch, sondern jeder.   343. Bewegliche Habe und Grundbesitz . – Wenn Einen das Leben einmal recht räuberhaft behandelt hat, und an Ehren, Freuden, Anhang, Gesundheit, Besitz aller Art nahm, was es nehmen konnte, so entdeckt man vielleicht hinterdrein, nach dem ersten Schrecken, daß man reicher ist als zuvor. Denn jetzt erst weiß man, was Einem so zu eigen ist, daß leine Räuberhand daran zu rühren vermag; so geht man vielleicht aus aller Plünderung und Verwirrung mit der Vornehmheit eines großen Grundbesitzers hervor.   344. Unfreiwillige Idealfiguren . – Das peinlichste Gefühl, das es giebt, ist, zu entdecken, daß man immer für etwas Höheres genommen wird, als man ist. Denn man muß sich dabei eingestehen: irgend Etwas an dir ist Lug und Trug, dein Wort, dein Ausdruck, dein Auge, deine Handlung – und dieses trügerische Etwas ist so nothwendig wie deine sonstige Ehrlichkeit, hebt aber deren Wirkung und Werth fortwährend auf.   345. Idealist und Lügner . – Man soll sich auch von dem schönsten Vermögen – dem, die Dinge in's Ideal zu heben – nicht tyrannisiren lassen: sonst trennt sich eines Tages die Wahrheit von uns mit dem bösen Wort »du Lügner von Grund aus, was habe ich mit dir zu schaffen?«   346. Mißverstanden werden . –Wenn man als Ganzes mißverstanden wird, so ist es unmöglich, ein einzelnes Mißverstandenwerden von Grund aus zu heben. Dies muß man einsehen, um nicht überflüssige Kraft in seiner Verteidigung zu verschwenden.   347. Der Wassertrinker spricht . – Trinke deinen Wein nur weiter, der dich dein Lebenlang gelabt hat, – was geht es dich an, daß ich ein Wassertrinker sein muß? Sind Wein und Wasser nicht friedfertige brüderliche Elemente, die ohne Vorwurf bei einander wohnen?   348. Aus dem Lande der Menschenfresser . – In der Einsamkeit frißt sich der Einsame selbst auf, in der Vielsamkeit fressen ihn die Vielen. Nun wähle.   349. Im Gefrierpunkt des Willens . – »Endlich einmal kommt sie doch, jene Stunde, die dich in die goldene Wolke der Schmerzlosigkeit einhüllen wird: wo die Seele ihre eigene Müdigkeit genießt und glücklich im geduldigen Spiele mit ihrer Geduld den Wellen eines See's gleicht, die an einem ruhigen Sommertage, im Wiederglanze eines buntgefärbten Abendhimmels, am Ufer schlürfen, schlürfen und wieder stille sind – ohne Ende, ohne Zweck, ohne Sättigung, ohne Bedürfnis, – ganz Ruhe, die sich am Wechsel freut, ganz Zurückebben und Einfluthen in den Pulsschlag der Natur.« Dies ist Empfindung und Rede aller Kranken: erreichen sie aber jene Stunden, so kommt, nach kurzem Genusse, die Langeweile. Diese aber ist der Thauwind für den eingefrornen Willen: er erwacht, bewegt sich und zeugt wieder Wunsch auf Wunsch. – Wünschen ist ein Anzeichen von Genesung oder Besserung.   350. Das verleugnete Ideal .–Ausnahmsweise kommt es vor, daß Einer das Höchste erst dann erreicht, wenn er sein Ideal verleugnet: denn dies Ideal trieb ihn bisher zu heftig an, so daß er in der Mitte der jedesmaligen Bahn außer Athem kam und stehen bleiben mußte.   351. Verrätherische Neigung . – Man beachte es als Merkmal eines neidischen, aber höher strebenden Menschen, wenn er sich von dem Gedanken angezogen fühlt, daß es dem Vortrefflichen gegenüber nur Eine Rettung giebt: Liebe.   352. Treppen-Glück . – Wie der Witz mancher Menschen nicht mit der Gelegenheit gleichen Schritt hält, so daß die Gelegenheit schon durch die Thüre hindurch ist, während der Witz noch auf der Treppe steht: so giebt es bei Anderen eine Art von Treppen-Glück, welches zu langsam läuft, um der schnellfüßigen Zeit immer zur Seite zu sein: das Beste, was sie von einem Erlebniß, einer ganzen Lebensstrecke zu genießen bekommen, fällt ihnen erst lange Zeit hinterher zu, oft nur als ein schwacher, gewürzter Duft, welcher Sehnsucht erweckt und Trauer – als ob es möglich gewesen wäre – irgendwann – in diesem Element sich recht satt zu trinken: nun aber ist es zu spät.   353. Würmer . – Es spricht nicht gegen die Reife eines Geistes, daß er einige Würmer hat.   354. Der siegreiche Sitz . – Eine gute Haltung zu Pferd stiehlt dem Gegner den Muth, dem Zuschauer das Herz, – wozu willst du erst noch angreifen? Sitze wie Einer, der gesiegt hat!   355. Gefahr in der Bewunderung . – Man kann aus allzugroßer Bewunderung für fremde Tugenden den Sinn für seine eignen und, durch Mangel an Übung, zuletzt diese selbst verlieren, ohne die fremden dafür zum Ersatz zu erhalten.   356. Nutzen der Kränklichkeit . – Wer oft krank ist, hat nicht nur einen viel größeren Genuß am Gesundsein, wegen seines häufigen Gesundwerdens: sondern auch einen höchst geschärften Sinn für Gesundes und Krankhaftes in Werken und Handlungen, eigenen und fremden: so daß zum Beispiel gerade die kränklichen Schriftsteller – und darunter sind leider fast alle großen – in ihren Schriften einen viel sichreren und gleichmäßigeren Ton der Gesundheit zu haben pflegen, weil sie besser als die körperlich Robusten sich auf die Philosophie der seelischen Gesundheit und Genesung und ihre Lehrmeister: Vormittag, Sonnenschein, Wald und Wasserquelle, verstehen.   357. Untreue, Bedingung der Meisterschaft . – Es hilft Nichts: Jeder Meister hat nur Einen Schüler – und der wird ihm untreu – denn er ist zur Meisterschaft auch bestimmt.   358. Nie umsonst . – Im Gebirge der Wahrheit kletterst du nie umsonst: entweder du kommst schon heute weiter hinauf oder du übst deine Kräfte, um morgen höher steigen zu können.   359. Vor grauen Fensterscheiben . – Ist denn Das, was ihr durch dies Fenster von der Welt seht, so schön, daß ihr durchaus durch kein anderes Fenster mehr blicken wollt – ja selbst Andere davon abzuhalten den Versuch macht?   360. Anzeichen starker Wandlungen . – Es ist ein Zeichen, wenn man von lange Vergessenen oder Todten träumt, daß man eine starke Wandlung in sich durchlebt hat und daß der Boden, auf dem man lebt, völlig umgegraben worden ist: da stehen die Todten auf und unser Alterthum wird Neuthum.   361. Arznei der Seele . – Still-liegen und Wenig-denken ist das wohlfeilste Arzneimittel für alle Krankheiten der Seele und wird, bei gutem Willen, von Stunde zu Stunde seines Gebrauchs angenehmer.   362. Zur Rangordnung der Geister . – Es ordnet dich tief unter Jenen, daß du die Ausnahmen festzustellen suchst, Jener aber die Regel.   363. Der Fatalist . – Du mußt an das Fatum glauben, – dazu kann die Wissenschaft dich zwingen. Was dann aus diesem Glauben bei dir herauswächst – Feigheit, Ergebung oder Großartigkeit und Freimuth –, das legt Zeugniß von dem Erdreich ab, in welches jenes Samenkorn gestreut wurde, nicht aber vom Samenkorn selbst – denn aus ihm kann Alles und Jedes werden.   364. Grund vieler Verdrießlichkeit . – Wer im Leben das Schöne dem Nützlichen vorzieht, wird sich gewiß zuletzt, wie das Kind, welches Zuckerwerk dem Brode vorzieht, den Magen verderben und sehr verdrießlich in die Welt sehen.   365. Übermaaß als Heilmittel . – Man kann sich seine eigne Begabung dadurch wieder schmackhaft machen, daß man längere Zeit die entgegengesetzte übermäßig verehrt und genießt. – Das Übermaaß als Heilmittel zu gebrauchen ist einer der feineren Griffe in der Lebenskunst.   366. »Wolle ein Selbst.« – Die thätigen, erfolgreichen Naturen handeln nicht nach dem Spruche »kenne dich selbst«, sondern wie als ob ihnen der Befehl vorschwebte: wolle ein Selbst, so wirst du ein Selbst. – Das Schicksal scheint ihnen immer noch die Wahl gelassen zu haben; während die Unthätigen und Beschaulichen darüber nachsinnen, wie sie jenes Eine Mal, beim Eintritt, in's Leben, gewählt haben .   367. Womöglich ohne Anhang leben . – Wie wenig Anhänger zu bedeuten haben, begreift man erst, wenn man aufgehört hat, der Anhänger seiner Anhänger zu sein.   368. Sich verdunkeln . – Man muß sich zu verdunkeln verstehen, um die Mückenschwärme allzulästiger Bewunderer loszuwerden.   369. Langeweile . – Es giebt eine Langeweile der feinsten und gebildetsten Köpfe, denen das Beste, was die Erde bietet, schaal geworden ist: gewöhnt daran, ausgesuchte und immer ausgesuchtere Kost zu essen und vor der gröberen sich zu ekeln, sind sie in Gefahr Hungers zu sterben – denn des Allerbesten ist nur Wenig da, und mitunter ist es unzugänglich oder steinhart geworden, so daß es auch gute Zähne nicht mehr beißen können.   370. Die Gefahr in der Bewunderung . – Die Bewunderung einer Eigenschaft oder Kunst kann so stark sein, daß sie uns abhält, nach ihrem Besitz zu streben.   371. Was man von der Kunst will . – Der Eine will vermittelst der Kunst sich seines Wesens freuen, der Andere will mit ihrer Hülfe zeitweilig über sein Wesen hinaus, von ihm weg. Nach beiden Bedürfnissen giebt es eine doppelte Art von Kunst und Künstlern.   372. Abfall . – Wer von uns abfällt, beleidigt damit vielleicht nicht uns, aber sicherlich unsere Anhänger.   373. Nach dem Tode . – Wir finden es gewöhnlich erst lange nach dem Tode eines Menschen unbegreiflich, daß er fehlt: bei ganz großen Menschen oft erst nach Jahrzehenden. Wer ehrlich ist, meint bei einem Todesfalle gewöhnlich, daß eigentlich nicht viel fehle und daß der feierliche Leichenredner ein Heuchler sei. Erst die Noth lehrt das Nöthig-sein eines Einzelnen, und das rechte Epitaph ist ein später Seufzer.   374. Im Hades lassen . – Viele Dinge muß man im Hades halbbewußten Fühlens lassen und nicht aus ihrem Schatten-Dasein erlösen wollen, sonst werden sie, als Gedanke und Wort, unsere dämonischen Herren und verlangen grausam nach unsrem Blut.   375. Nähe des Bettlerthums . – Auch der reichste Geist hat gelegentlich den Schlüssel zu der Kammer verloren, in der seine aufgespeicherten Schätze ruhen, und ist dann dem Ärmsten gleich, der betteln muß, um nur zu leben.   376. Ketten-Denker . – Einem, der viel gedacht hat, erscheint jeder neue Gedanke, den er hört oder liest, sofort in Gestalt einer Kette.   377. Mitleid . – In der vergoldeten Scheide des Mitleidens steckt mitunter der Dolch des Neides.   378. Was ist Genie ? – Ein hohes Ziel und die Mittel dazu wollen.   379. Eitelkeit der Kämpfer . – Wer keine Hoffnung hat, in einem Kampfe zu siegen, oder ersichtlich unterlegen ist, will um so mehr, daß die Art seines Kämpfens bewundert werde.   380. Das philosophische Leben wird mißgedeutet .– In dem Augenblicke, wo Jemand anfängt mit der Philosophie Ernst zu machen, glaubt alle Welt das Gegentheil davon.   381. Nachahmung . – Das Schlechte gewinnt durch die Nachahmung an Ansehen, das Gute verliert dabei – namentlich in der Kunst.   382. Letzte Lehre der Historie . – »Ach daß ich damals gelebt hätte!« – das ist die Rede thörichter und spielerischer Menschen. Vielmehr wird man, bei jedem Stück Geschichte, das man ernstlich betrachtet hat, und sei es das gelobteste Land der Vergangenheit, zuletzt ausrufen: »nur nicht dahin wieder zurück! Der Geist jener Zeit würde mit der Last von hundert Atmosphären auf dich drücken, des Guten und Schönen an ihr würdest du dich nicht erfreuen, ihr Schlimmes nicht verdauen können.« – Zuverlässig wird die Nachwelt ebenso über unsere Zeit urtheilen: sie, sei unausstehlich, das Leben in ihr unlebebar gewesen. – Und doch hält es Jeder in seiner Zeit aus? – Ja und zwar deshalb, weil der Geist seiner Zeit nicht nur auf ihm liegt, sondern auch in ihm ist. Der Geist der Zeit leistet sich selber Widerstand, trägt sich selber.   383. Großheit als Maske . – Mit Großheit des Benehmens erbittert man seine Feinde, mit Neid, den man merken läßt, versühnt man sie sich beinahe: denn der Neid vergleicht, setzt gleich, er ist eine unfreiwillige und stöhnende Art von Bescheidenheit. – Ob wohl hier und da, des erwähnten Vortheils halber, der Neid als Maske vorgenommen worden ist, von Solchen, welche nicht neidisch waren? Vielleicht; sicherlich aber wird Großheit des Benehmens oft als Maske des Neides gebraucht, von Ehrgeizigen, welche lieber Nachtheile erleiden und ihre Feinde erbittern wollen als merken lassen, daß sie sich innerlich ihnen gleich setzen.   384. Unverzeihlich . – Du hast ihm eine Gelegenheit gegeben, Größe des Charakters zu zeigen, und er hat sie nicht benutzt. Das wird er dir nie verzeihen.   385. Gegen-Sätze . – Das Greisenhafteste, was je über den Menschen gedacht worden ist, steckt in dem berühmten Satze »das Ich ist immer hassenswerth«; das Kindlichste in dem noch berühmteren »liebe deinen Nächsten, wie dich selbst«. – Bei dem einen hat die Menschenkenntnis; aufgehört, bei dem andern noch gar nicht angefangen.   386. Das fehlende Ohr . – »Man gehört noch zum Pöbel, so lange man immer auf Andere die Schuld schiebt; man ist auf der Bahn der Wahrheit, wenn man immer nur sich selber verantwortlich macht; aber der Weise findet Niemanden schuldig, weder sich noch Andere.« – Wer sagt dies? – Epiktet, vor achtzehnhundert Jahren. – Man hat es gehört, aber vergessen. – Nein, man hat es nicht gehört und nicht vergessen: nicht jedes Ding vergißt sich. Aber man hatte das Ohr nicht dafür, das Ohr Epiktet's. – So hat er es also sich selber in's Ohr gesagt? – So ist es: Weisheit ist das Gezischel des Einsamen mit sich auf vollem Markte.   387. Fehler des Standpunktes, nicht des Auges . – Man steht sich selber immer einige Schritte zu nah; und dem Nächsten immer einige Schritte zu fern. So kommt es, daß man ihn zu sehr in Bausch und Bogen beurtheilt und sich selber zu sehr nach einzelnen gelegentlichen unbeträchtlichen Zügen und Vorkommnissen.   388. Die Ignoranz in Waffen . – Wie leicht nehmen wir es, ob ein Andrer von einer Sache weiß oder nicht weiß, – während er vielleicht schon bei der Vorstellung Blut schwitzt, daß man ihn hierin für unwissend halte. Ja, es giebt ausgesuchte Narren, welche immer mit einem vollen Köcher von Bannflüchen und Machtsprüchen einhergehen, bereit, Jeden niederzuschießen, der merken läßt, es gebe Dinge, worin ihr Urtheil nicht in Betracht komme.   389. Am Trinktisch der Erfahrung . – Personen, welche aus angeborner Mäßigkeit jedes Glas halbausgetrunken stehen lassen, wollen nicht zugeben, daß jedes Ding in der Welt seine Neige und Hefe habe.   390. Singvögel . – Die Anhänger eines großen Mannes pflegen sich zu blenden, um sein Lob besser singen zu können.   391. Nicht gewachsen . – Das Gute mißfällt uns, wenn wir ihm nicht gewachsen sind.   392. Die Regel als Mutter oder als Kind . Ein anderer Zustand ist der, welcher die Regel gebiert, ein andrer der, welchen die Regel gebiert.   393. Komödie . – Wir ernten mitunter Liebe und Ehre für Thaten oder Werke, welche wir längst wie eine Haut von uns abgestreift haben: da werden wir leicht verführt, die Komödianten unserer eigenen Vergangenheit zu machen und das alte Fell noch einmal über die Schultern zu werfen – und nicht nur aus Eitelkeit, sondern auch aus Wohlwollen gegen unsere Bewunderer.   394. Fehler der Biographen . – Die kleine Kraft, welche noth thut, einen Kahn in den Strom hineinzustoßen, soll nicht mit der Kraft dieses Stromes, der ihn fürderhin trägt, verwechselt werden: aber es geschieht fast in allen Biographien.   395. Nicht zu theuer kaufen . – Was man zu theuer kauft, verwendet man gewöhnlich auch noch schlecht, weil ohne Liebe und mit peinlicher Erinnerung – und so hat man einen doppelten Nachtheil davon.   396. Welche Philosophie immer der Gesellschaft noth thut . – Der Pfeiler der gesellschaftlichen Ordnung ruht auf dem Grunde, daß ein Jeder auf Das, was er ist, thut und erstrebt, auf seine Gesundheit oder Krankheit, seine Armut oder Wohlstand, seine Ehre oder Unansehnlichkeit, mit Heiterkeit hinblickt und dabei empfindet » ich tausche doch mit Keinem «. – Wer an der Ordnung der Gesellschaft bauen will, möge nur immer diese Philosophie der heiteren Tauschablehnung und Neidlosigkeit in die Herzen einpflanzen.   397. Anzeichen der vornehmen Seele . – Eine vornehme Seele ist die nicht, welche der höchsten Aufschwünge fähig ist, sondern jene, welche sich wenig erhebt und wenig fällt, aber immer in einer freieren durchleuchteteren Luft und Höhe wohnt.   398. Das Große und sein Betrachter . – Die beste Wirkung des Großen ist, daß es dem Betrachter ein vergrößerndes und abrundendes Auge einsetzt.   399. Sich genügen lassen . – Die erlangte Reife des Verstandes bekundet sich darin, daß man dorthin, wo seltene Blumen unter den spitzigsten Dornenhecken der Erkenntniß stehen, nicht mehr geht und sich an Garten, Wald, Wiese und Ackerfeld genügen läßt, in Anbetracht, wie das Leben für das Seltene und Außergewöhnliche zu kurz ist.   400. Vortheil in der Entbehrung . – Wer immerdar in der Wärme und Fülle des Herzens und gleichsam in der Sommerluft der Seele lebt, kann sich jenes schauerliche Entzücken nicht vorstellen, welches winterlichere Naturen ergreift, die ausnahmsweise von den Strahlen der Liebe und dem lauen Anhauche eines sonnigen Februartages berührt werden.   401. Recept für den Dulder . – Dir wird die Last des Lebens zu schwer? – So mußt du die Last deines Lebens vermehren. Wenn der Dulder endlich nach dem Flusse Lethe dürstet und sucht, – so muß er zum Helden werden, um ihn gewiß zu finden.   402. Der Richter . – Wer Jemandes Ideal geschaut hat, ist dessen unerbittlicher Richter und gleichsam sein böses Gewissen.   403. Nutzen der großen Entsagung . – Das Nützlichste an der großen Entsagung ist, daß sie uns jenen Jugendstolz mittheilt, vermöge dessen wir von da an leicht viele kleine Entsagungen von uns erlangen.   404. Wie die Pflicht Glanz bekommt . – Das Mittel, um eine eherne Pflicht im Auge von Jedermann in Gold zu verwandeln, heißt: halte immer etwas mehr als du versprichst.   405. Gebet zu Menschen . – »Vergieb uns unsere Tugenden« – so soll man zu Menschen beten.   406. Schaffende und Genießende . – Jeder Genießende meint, dem Baume habe es an der Frucht gelegen; aber ihm lag am Samen. – Hierin besteht der Unterschied zwischen allen Schaffenden und Genießenden.   407. Der Ruhm aller Großen . – Was ist am Genie gelegen, wenn es nicht seinem Betrachter und Verehrer solche Freiheit und Höhe des Gefühls mittheilt, daß er des Genie's nicht mehr bedarf! – Sich überflüssig machen – das ist der Ruhm aller Großen.   408. Die Hadesfahrt . – Auch ich bin in der Unterwelt gewesen, wie Odysseus, und werde es noch öfter sein; und nicht nur Hammel habe ich geopfert, um mit einigen Todten reden zu können, sondern des eignen Blutes nicht geschont. Vier Paare waren es, welche sich mir, dem Opfernden nicht versagten: Epikur und Montaigne, Goethe und Spinoza, Pinto und Rousseau, Pascal und Schopenhauer. Mit diesen muß ich mich auseinandersetzen, wenn ich lange allein gewandert bin, von ihnen will ich mir Recht und Unrecht geben lassen, ihnen will ich zuhören, wenn sie sich dabei selber untereinander Recht und Unrecht geben. Was ich auch nur sage, beschließe, für mich und Andere ausdenke: auf jene Acht hefte ich die Augen und sehe die ihrigen auf mich geheftet. – Mögen die Lebenden es mir verzeihen, wenn sie mir mitunter wie die Schatten vorkommen, so verblichen und verdrießlich, so unruhig und ach! so lüstern nach Leben: während Jene mir dann so lebendig scheinen, als ob sie nun, nach dem Tode, nimmermehr lebensmüde werden könnten. Auf die ewige Lebendigkeit aber kommt es an: was ist am »ewigen Leben« und überhaupt am Leben gelegen! Zweite Abtheilung: Der Wanderer und sein Schatten. Der Schatten : Da ich dich so lange nicht reden hörte, so möchte ich dir eine Gelegenheit geben. Der Wanderer : Es redet: – wo? und wer? Fast ist es mir, als hörte ich mich selber reden, nur mit noch schwächerer Stimme als die meine ist. Der Schatten (nach einer Weile): Freut es dich nicht, Gelegenheit zum Reden zu haben? Der Wanderer : Bei Gott und allen Dingen, an die ich nicht glaube, mein Schatten redet; ich höre es, aber glaube es nicht. Der Schatten : Nehmen wir es hin und denken wir nicht weiter darüber nach, in einer Stunde ist Alles vorbei. Der Wanderer : Ganz so dachte ich, als ich in einem Walde bei Pisa erst zwei und dann fünf Kameele sah. Der Schatten : Es ist gut, daß wir Beide auf gleiche Weise nachsichtig gegen uns sind, wenn einmal unsere Vernunft stille steht: so werden wir uns auch im Gespräche nicht ärgerlich werden und nicht gleich dem Andern Daumenschrauben anlegen, falls sein Wort uns einmal unverständlich klingt. Weiß man gerade nicht zu antworten, so genügt es schon, Etwas zu sagen: das ist die billige Bedingung, unter der ich mich mit Jemandem unterrede. Bei einem längeren Gespräche wird auch der Weiseste einmal zum Narren und dreimal zum Tropf. Der Wanderer : Deine Genügsamkeit ist nicht schmeichelhaft für Den, welchem du sie eingestehst. Der Schatten : Soll ich denn schmeicheln? Der Wanderer : Ich dachte, der menschliche Schatten sei seine Eitelkeit; diese aber würde nie fragen: »soll ich denn schmeicheln?« Der Schatten : Die menschliche Eitelkeit, soweit ich sie kenne, fragt auch nicht an, wie ich schon zweimal that, ob sie reden dürfe; sie redet immer. Der Wanderer : Ich merke erst, wie unartig ich gegen dich bin, mein geliebter Schatten: ich habe noch mit keinem Worte gesagt, wie sehr ich mich freue , dich zu hören und nicht bloß zu sehen. Du wirst es wissen, ich liebe den Schatten, wie ich das Licht liebe. Damit es Schönheit des Gesichts, Deutlichkeit der Rede, Güte und Festigkeit des Charakters gebe, ist der Schatten so nöthig wie das Licht. Es sind nicht Gegner: sie halten sich vielmehr liebevoll an den Händen, und wenn das Licht verschwindet, schlüpft ihm der Schatten nach. Der Schatten : Und ich hasse das Selbe, was du hassest, die Nacht; ich liebe die Menschen, weil sie Lichtjünger sind und freue mich des Leuchtens, das in ihrem Auge ist, wenn sie erkennen und entdecken, die unermüdlichen Erkenner und Entdecker. Jener Schatten, welchen alle Dinge zeigen, wenn der Sonnenschein der Erkenntniß auf sie fällt, – jener Schatten bin ich auch. Der Wanderer : Ich glaube dich zu verstehen, ob du dich gleich etwas schattenhaft ausgedrückt hast. Aber du hattest Recht: gute Freunde geben einander hier und da ein dunkles Wort als Zeichen des Einverständnisses, welches für jeden Dritten ein Räthsel sein soll. Und wir sind gute Freunde. Deshalb genug des Vorredens! Ein paar hundert Fragen drücken auf meine Seele, und die Zeit, da du auf sie antworten kannst, ist vielleicht nur kurz. Sehen wir zu, worüber wir in aller Eile und Friedfertigkeit mit einander zusammenkommen. Der Schatten : Aber die Schatten sind schüchterner als die Menschen: du wirst Niemandem mittheilen, wie wir zusammen gesprochen haben! Der Wanderer : Wie wir zusammen gesprochen haben? Der Himmel behüte mich vor langgesponnenen, schriftlichen Gesprächen! Wenn Plato weniger Lust am Spinnen gehabt hätte, würden seine Leser mehr Lust an Plato haben. Ein Gespräch, das in der Wirklichkeit ergötzt, ist, in Schrift verwandelt und gelesen, ein Gemälde mit lauter falschen Perspektiven: Alles ist zu lang oder zu kurz. – Doch werde ich vielleicht mittheilen dürfen, worüber wir übereingekommen sind? Der Schatten : Damit bin ich zufrieden; denn Alle werden darin nur deine Ansichten wiedererkennen: des Schattens wird Niemand gedenken. Der Wanderer : Vielleicht irrst du, Freund! Bis jetzt hat man in meinen Ansichten mehr den Schatten wahrgenommen als mich. Der Schatten : Mehr den Schatten als das Licht? Ist es möglich? Der Wanderer : Sei ernsthaft, lieber Narr! * Gleich meine erste Frage verlangt Ernst. –   1. Vom Baum der Erkenntniß . – Wahrscheinlichkeit, aber keine Wahrheit: Freischeinlichkeit, aber keine Freiheit, – diese beiden Früchte sind es, derentwegen der Baum der Erkenntniß nicht mit dem Baum des Lebens verwechselt werden kann.   2. Die Vernunft der Welt . – Daß die Welt nicht der Inbegriff einer ewigen Vernünftigkeit ist, läßt sich endgültig dadurch beweisen, daß jenes Stück Welt , welches wir kennen – ich meine unsre menschliche Vernunft –, nicht allzu vernünftig ist. Und wenn sie nicht allezeit und vollständig weise und rationell ist, so wird es die übrige Welt auch nicht sein; hier gilt der Schluß a minori ad majus, a parte ad totum , und zwar mit entscheidender Kraft.   3. »Am Anfang war.« – Die Entstehung verherrlichen – das ist der metaphysische Nachtrieb , welcher bei der Betrachtung der Historie wieder ausschlägt und durchaus meinen macht, am Anfang aller Dinge stehe das Werthvollste und Wesentlichste.   4. Maaß für den Werth der Wahrheit . – Für die Höhe der Berge ist die Mühsal ihrer Besteigung durchaus kein Maaßstab. Und in der Wissenschaft soll es anders sein! – sagen uns Einige, die für eingeweiht gelten wollen –, die Mühsal um die Wahrheit soll gerade über den Werth der Wahrheit entscheiden! Diese tolle Moral geht von dem Gedanken aus, daß die »Wahrheiten« eigentlich nichts weiter seien, als Turngeräthschaften, an denen wir uns wacker müde zu arbeiten hätten, – eine Moral für Athleten und Festturner des Geistes.   5. Sprachgebrauch und Wirklichkeit . – Es giebt eine erheuchelte Mißachtung aller der Dinge, welche thatsächlich die Menschen am wichtigsten nehmen, aller nächsten Dinge . Man sagt zum Beispiel »man ißt nur, um zu leben,« – eine verfluchte Lüge , wie jene, welche von der Kindererzeugung als der eigentlichen Absicht aller Wollust redet. Umgekehrt ist die Hochschätzung der »wichtigsten Dinge« fast niemals ganz ächt: die Priester und Metaphysiker haben uns zwar auf diesen Gebieten durchaus an einen heuchlerisch übertreibenden Sprachgebrauch gewöhnt, aber das Gefühl doch nicht umgestimmt, welches diese wichtigsten Dinge nicht so wichtig nimmt wie jene verachteten nächsten Dinge. – Eine leidige Folge dieser doppelten Heuchelei aber ist immerhin, daß man die nächsten Dinge, zum Beispiel Essen, Wohnen, Sich-Kleiden, Verkehren, nicht zum Objekt des stätigen unbefangenen und allgemeinen Nachdenkens und Umbildens macht, sondern, weil dies für herabwürdigend gilt, seinen intellektuellen und künstlerischen Ernst davon abwendet; so daß hier die Gewöhnheit und die Frivolität über die Unbedachtsamen, namentlich über die unerfahrene Jugend, leichten Steg haben: während andererseits unsere fortwährenden Verstöße gegen die einfachsten Gesetze des Körpers und Geistes uns Alle, Jüngere und Ältere, in eine beschämende Abhängigkeit und Unfreiheit bringen, – ich meine in jene im Grunde überflüssige Abhängigkeit von Ärzten, Lehrern und Seelsorgern, deren Druck jetzt immer noch auf der ganzen Gesellschaft liegt.   6. Die irdische Gebrechlichkeit und ihre Hauptursache . – Man trifft, wenn man sich umsieht, immer auf Menschen, welche ihr Lebenlang Eier gegessen haben, ohne zu bemerken, daß die länglichten die wohlschmeckendsten sind, welche nicht wissen, daß ein Gewitter dem Unterleib förderlich ist, daß Wohlgerüche in kalter, klarer Luft am stärksten riechen, daß unser Geschmackssinn an verschiedenen Stellen des Mundes ungleich ist, daß jede Mahlzeit, bei der man gut spricht oder gut hört, dem Magen Nachtheil bringt. Man mag mit diesen Beispielen für den Mangel an Beobachtungssinn nicht zufrieden sein, um so mehr möge man zugestehen, daß die allernächsten Dinge von den Meisten sehr schlecht gesehen, sehr selten beachtet werden. Und ist dies gleichgültig? – Man erwäge doch, daß aus diesem Mangel sich fast alle leiblichen und seelischen Gebrechen der Einzelnen ableiten: nicht zu wissen, was uns förderlich, was uns schädlich ist, in der Einrichtung der Lebensweise, Vertheilung des Tages, Zeit und Auswahl des Verkehres, in Beruf und Muße, Befehlen und Gehorchen, Natur- und Kunstempfinden, Essen, Schlafen und Nachdenken; im Kleinsten und Alltäglichsten unwissend zu sein und keine scharfen Augen zu haben – Das ist es, was die Erde für so Viele zu einer »Wiese des Unheils« macht. Man sage nicht, es liege hier wie überall an der menschlichen Unvernunft : vielmehr – Vernunft genug und übergenug ist da, aber sie wird falsch gerichtet und künstlich von jenen kleinen und allernächsten Dingen abgelenkt . Priester und Lehrer, und die sublime Herrschsucht der Idealisten jeder Art, der gröberen und feineren, reden schon dem Kinde ein, es komme auf etwas ganz Anderes an: auf das Heil der Seele, den Staatsdienst, die Förderung der Wissenschaft, oder auf Ansehen und Besitz, als die Mittel, der ganzen Menschheit Dienste zu erweisen, während das Bedürfnis; des Einzelnen, seine große und kleine Noth innerhalb der vierundzwanzig Tagesstunden etwas Verächtliches oder Gleichgültiges sei. – Sokrates schon wehrte sich mit allen Kräften gegen diese hochmüthige Vernachlässigung des Menschlichen zu Gunsten des Menschen und liebte es, mit einem Worte Homer's, an den wirklichen Umkreis und Inbegriff alles Sorgens und Nachdenkens zu mahnen: Das ist es und nur Das, sagte er, »was mir zu Hause an Gutem und Schlimmem begegnet«.   7. Zwei Trostmittel . – Epikur, der Seelen-Beschwichtiger des späteren Alterthums, hatte jene wundervolle Einsicht, die heutzutage immer noch so selten zu finden ist, daß zur Beruhigung des Gemüths die Lösung der letzten und äußersten theoretischen Fragen gar nicht nöthig sei. So genügte es ihm, Solchen, welche »die Götterangst« quälte, zu sagen: »wenn es Götter giebt, so bekümmern sie sich nicht um uns«, – anstatt über die letzte Frage, ob es Götter überhaupt gebe, unfruchtbar und aus der Ferne zu disputiren. Jene Position ist viel günstiger und mächtiger: man giebt dem Andern einige Schritte vor und macht ihn so zum Hören und Beherzigen gutwilliger. Sobald er sich aber anschickt das Gegentheil zu beweisen – daß die Götter sich um uns kümmern –, in welche Irrsale und Dorngebüsche muß der Arme gerathen, ganz von selber, ohne die List des Unterredners, der nur genug Humanität und Feinheit haben muß, um sein Mitleiden an diesem Schauspiele zu verbergen. Zuletzt kommt jener Andere zum Ekel, dem stärksten Argument gegen jeden Satz, zum Ekel an seiner eigenen Behauptung; er wird kalt und geht fort mit der selben Stimmung, wie sie auch der reine Atheist hat: »was gehen mich eigentlich die Götter an! hole sie der Teufel!« – In anderen Fällen, namentlich wenn eine halb physische, halb moralische Hypothese das Gemüth verdüstert hatte, widerlegte er nicht diese Hypothese, sondern gestand ein, daß es wohl so sein könne: aber es gebe noch eine zweite Hypothese, um die selbe Erscheinung zu erklären: vielleicht könne es sich auch noch anders verhalten. Die Mehrheit der Hypothesen genügt auch in unserer Zeit noch, zum Beispiel über die Herkunft der Gewissensbisse, um jenen Schatten von der Seele zu nehmen, der aus dem Nachgrübeln über eine einzige, allein sichtbare und dadurch hundertfach überschätzte Hypothese so leicht entsteht. – Wer also Trost zu spenden wünscht, an Unglückliche, Übelthäter, Hypochonder, Sterbende, möge sich der beiden beruhigenden Wendungen Epikur's erinnern, welche auf sehr viele Fragen sich anwenden lassen. In der einfachsten Form würden sie etwa lauten: erstens, gesetzt es verhält sich so, so geht es uns nichts an; zweitens: es kann so sein, es kann aber auch anders sein.   8. In der Nacht . – Sobald die Nacht hereinbricht, verändert sich unsere Empfindung über die nächsten Dinge. Da ist der Wind, der wie auf verbotenen Wegen umgeht, flüsternd, wie Etwas suchend, verdrossen, weil er's nicht findet. Da ist das Lampenlicht, mit trübem röthlichem Scheine, ermüdet blickend, der Nacht ungern widerstrebend, ein ungeduldiger Sklave des wachen Menschen. Da sind die Athemzüge des Schlafenden, ihr schauerlicher Takt, zu der eine immer wiederkehrende Sorge die Melodie zu blasen scheint, – wir hören sie nicht, aber wenn die Brust des Schlafenden sich hebt, so fühlen wir uns geschnürten Herzens, und wenn der Athem sinkt und fast in's Todtenstille erstirbt, sagen wir uns »ruhe ein Wenig, du armer gequälter Geist!« – wir wünschen allem Lebenden, weil es so gedrückt lebt, eine ewige Ruhe; die Nacht überredet zum Tode. – Wenn die Menschen der Sonne entbehrten und mit Mondlicht und Öl den Kampf gegen die Nacht führten, welche Philosophie würde um sie ihren Schleier hüllen! Man merkt es ja dem geistigen und seelischen Wesen des Menschen schon zu sehr an, wie es durch die Hälfte Dunkelheit und Sonnen-Entbehrung, von der das Leben umflort wird, im Ganzen verdüstert ist.   9. Wo die Lehre von der Freiheit des Willens entstanden ist . – Über dem Einen steht die Nothwendigkeit in der Gestalt seiner Leidenschaften, über dem Andern als Gewohnheit zu hören und zu gehorchen, über dem Dritten als logisches Gewissen, über dem Vierten als Laune und muthwilliges Behagen an Seitensprüngen. Von diesen Vieren wird aber gerade da die Freiheit ihres Willens gesucht, wo Jeder von ihnen am festesten gebunden ist: es ist, als ob der Seidenwurm die Freiheit seines Willens gerade im Spinnen suchte. Woher kommt dies? Ersichtlich daher, daß Jeder sich dort am meisten für frei hält, wo sein Lebensgefühl am größten ist, also, wie gesagt, bald in der Leidenschaft, bald in der Pflicht, bald in der Erkenntniß, bald im Muthwillen. Das, wodurch der einzelne Mensch stark ist, worin er sich belebt fühlt, meint er unwillkürlich, müsse auch immer das Element seiner Freiheit sein: er rechnet Abhängigkeit und Stumpfsinn, Unabhängigkeit und Lebensgefühl als nothwendige Paare zusammen. – Hier wird eine Erfahrung, die der Mensch im gesellschaftlich-politischen Gebiete gemacht hat, fälschlich auf das allerletzte metaphysische Gebiet übertragen: dort ist der starke Mann auch der freie Mann, dort ist lebendiges Gefühl von Freude und Leid, Höhe des Hoffens, Kühnheit des Begehrens, Mächtigkeit des Hassens das Zubehör der Herrschenden und Unabhängigen, während der Unterworfene, der Sklave, gedrückt und stumpf lebt. – Die Lehre von der Freiheit des Willens ist eine Erfindung herrschender Stände.   10. Keine neuen Ketten fühlen . – So lange wir nicht fühlen , daß wir irgend wovon abhängen, halten wir uns für unabhängig: ein Fehlschluß, welcher zeigt, wie stolz und herrschsüchtig der Mensch ist. Denn er nimmt hier an, daß er unter allen Umständen die Abhängigkeit, sobald er sie erleide, merken und erkennen müsse, unter der Voraussetzung, daß er in der Unabhängigkeit für gewöhnlich lebe und sofort, wenn er sie ausnahmsweise verliere, einen Gegensatz der Empfindung spüren werde. – Wie aber, wenn das Umgekehrte wahr wäre: daß er immer in vielfacher Abhängigkeit lebt, sich aber für frei hält, wo er den Druck der Kette aus langer Gewohnheit nicht mehr spürt ? Nur an den neuen Ketten leidet er noch: – »Freiheit des Willens« heißt eigentlich nichts weiter, als keine neuen Ketten fühlen.   11. Die Freiheit des Willens und die Isolation der Facta . – Unsere gewohnte ungenaue Beobachtung nimmt eine Gruppe von Erscheinungen als Eins und nennt sie ein Factum: zwischen ihm und einem andern Factum denkt sie sich einen leeren Raum hinzu, sie isolirt jedes Factum. In Wahrheit aber ist all unser Handeln und Erkennen keine Folge von Facten und leeren Zwischenräumen, sondern ein beständiger Fluß. Nun ist der Glaube an die Freiheit des Willens gerade mit der Vorstellung eines beständigen, einartigen, ungetheilten, untheilbaren Fließens unverträglich: er setzt voraus, daß jede einzelne Handlung isolirt und untheilbar ist; er ist eine Atomistik im Bereiche des Wollens und Erkennens. – Gerade so wie wir Charaktere ungenau verstehen, so machen wir es mit den Facten: wir sprechen von gleichen Charakteren, gleichen Facten: beide giebt es nicht . Nun loben und tadeln wir aber nur unter dieser falschen Voraussetzung, daß es gleiche Facta gebe, daß eine abgestufte Ordnung von Gattungen der Facten vorhanden sei, welcher eine abgestufte Werthordnung entspreche: also wir isoliren nicht nur das einzelne Factum, sondern auch wiederum die Gruppen von angeblich kleinen Facten (gute, böse, mitleidige, neidische Handlungen u. s. w.) – beide Male irrthümlich. – Das Wort und der Begriff sind der sichtbarste Grund, weshalb wir an diese Isolation von Handlungen-Gruppen glauben: mit ihnen bezeichnen wir nicht nur die Dinge, wir meinen ursprünglich durch sie das Wahre derselben zu erfassen. Durch Worte und Begriffe werden wir jetzt noch fortwährend verführt, die Dinge uns einfacher zu denken, als sie sind, getrennt von einander, untheilbar, jedes an und für sich seiend. Es liegt eine philosophische Mythologie in der Sprache versteckt, welche alle Augenblicke wieder herausbricht, so vorsichtig man sonst auch sein mag. Der Glaube an die Freiheit des Willens, das heißt der gleichen Facten und der isolirten Facten, – hat in der Sprache seinen beständigen Evangelisten und Anwalt.   12. Die Grundirrthümer . – Damit der Mensch irgend eine seelische Lust oder Unlust empfinde, muß er von einer dieser beiden Illusionen beherrscht sein: entweder glaubt er an die Gleichheit gewisser Facta, gewisser Empfindungen: dann hat er durch die Vergleichung jetziger Zustände mit früheren und durch Gleich- oder Ungleichsetzung derselben (wie sie bei aller Erinnerung stattfindet) eine seelische Lust oder Unlust; oder er glaubt an die Willens-Freiheit , etwa wenn er denkt »dies hätte ich nicht thun müssen«, »dies hätte anders auslaufen können«, und gewinnt daraus ebenfalls Lust und Unlust. Ohne die Irrthümer, welche bei jeder seelischen Lust und Unlust thätig sind, würde niemals ein Menschenthum entstanden sein – dessen Grundempfindung ist und bleibt, daß der Mensch der Freie in der Welt der Unfreiheit sei, der ewige Wunderthäter , sei es, daß er gut oder böse handelt, die erstaunliche Ausnahme, das Überthier, der Fast-Gott, der Sinn der Schöpfung, der Nichthinwegzudenkende, das Lösungswort des kosmischen Räthsels, der große Herrscher über die Natur und Verächter derselben, das Wesen, das seine Geschichte Weltgeschichte nennt! – Vanitas vanitatum homo .   13. Zweimal sagen . – Es ist gut, eine Sache sofort doppelt auszudrücken und ihr einen rechten und einen linken Fuß zu geben. Auf Einem Bein kann die Wahrheit zwar stehen; mit zweien aber wird sie gehen und herumkommen.   14. Der Mensch der Komödiant der Welt . – Es müßte geistigere Geschöpfe geben, als die Menschen sind, bloß um den Humor ganz auszukosten, der darin liegt, daß der Mensch sich für den Zweck des ganzen Weltendaseins ansieht und die Menschheit sich ernstlich nur mit Aussicht auf eine Welt-Mission zufrieden giebt. Hat ein Gott die Welt geschaffen, so schuf er den Menschen zum Affen Gottes , als fortwährenden Anlaß zur Erheiterung in seinen allzulangen Ewigkeiten. Die Sphärenmusik um die Erde herum wäre dann wohl das Spottgelächter aller übrigen Geschöpfe um den Menschen herum. Mit dem Schmerz kitzelt jener gelangweilte Unsterbliche sein Lieblingsthier, um an den tragischstolzen Gebärden und Auslegungen seiner Leiden, überhaupt an der geistigen Erfindsamkeit des eitelsten Geschöpfes seine Freude zu haben – als Erfinder dieses Erfinders. Denn wer den Menschen zum Spaße ersann, hatte mehr Geist als dieser, und auch mehr Freude am Geist. – Selbst hier noch, wo sich unser Menschenthum einmal freiwillig demüthigen will, spielt uns die Eitelkeit einen Streich, indem wir Menschen wenigstens in dieser Eitelkeit etwas ganz Unvergleichliches und Wunderhaftes sein möchten. Unsere Einzigkeit in der Welt! ach, es ist eine gar zu unwahrscheinliche Sache! Die Astronomen, denen mitunter wirklich ein erdentrückter Gesichtskreis zu Theil wird, geben zu verstehen, daß der Tropfen Leben in der Welt für den gesammten Charakter des ungeheuren Oceans von Werden und Vergehen ohne Bedeutung ist: daß ungezählte Gestirne ähnliche Bedingungen zur Erzeugung des Lebens haben wie die Erde, sehr viele also, – freilich kaum eine Handvoll im Vergleich zu den unendlich vielen, welche den lebenden Ausschlag nie gehabt haben oder von ihm längst genesen sind: daß das Leben auf jedem dieser Gestirne, gemessen an der Zeitdauer seiner Existenz, ein Augenblick, ein Aufflackern gewesen ist, mit langen, langen Zeiträumen hinterdrein, – also keineswegs das Ziel und die letzte Absicht ihrer Existenz. Vielleicht bildet sich die Ameise im Walde ebenso stark ein, daß sie Ziel und Absicht der Existenz des Waldes ist, wie wir dies thun, wenn wir an den Untergang der Menschheit in unserer Phantasie fast unwillkürlich den Erduntergang anknüpfen: ja wir sind noch bescheiden, wenn wir dabei stehn bleiben und zur Leichenfeier des letzten Menschen nicht eine allgemeine Welt- und Götterdämmerung veranstalten. Der unbefangenste Astronom selber kann die Erde ohne Leben kaum anders empfinden als wie den leuchtenden und schwebenden Grabhügel der Menschheit.   15. Bescheidenheit des Menschen . – Wie wenig Lust genügt den Meisten, um das Leben gut zu finden, wie bescheiden ist der Mensch!   16. Worin Gleichgültigkeit noth thut . – Nichts wäre verkehrter, als abwarten wollen, was die Wissenschaft über die ersten und letzten Dinge einmal endgültig feststellen wird, und bis dahin auf die herkömmliche Weise denken (und namentlich glauben!) – wie dies so oft angerathen wird. Der Trieb, auf diesem Gebiete durchaus nur Sicherheiten haben zu wollen, ist ein religiöser Nachtrieb , nichts Besseres, – eine versteckte und nur scheinbar skeptische Art des »metaphysischen Bedürfnisses«, mit dem Hintergedanken verkuppelt, daß noch lange Zeit keine Aussicht auf diese letzten Sicherheiten vorhanden und bis dahin der »Gläubige« im Recht ist, sich um das ganze Gebiet nicht zu kümmern. Wir haben diese Sicherheiten um die alleräußersten Horizonte gar nicht nöthig , um ein volles und tüchtiges Menschenthum zu leben: ebensowenig als die Ameise sie nöthig hat, um eine gute Ameise zu sein. Vielmehr müssen wir uns darüber in's Klare bringen, woher eigentlich jene fatale Wichtigkeit kommt, die wir jenen Dingen so lange beigelegt haben: und dazu brauchen wir die Historie der ethischen und religiösen Empfindungen. Denn nur unter dem Einfluß dieser Empfindungen sind uns jene allerspitzesten Fragen der Erkenntniß so erheblich und furchtbar geworden: man hat in die äußersten Bereiche, wohin noch das geistige Auge dringt, ohne in sie einzudringen, solche Begriffe wie Schuld und Strafe (und zwar ewige Strafe!) hineinverschleppt: und dies um so unvorsichtiger, je dunkler diese Bereiche waren. Man hat seit Alters mit Verwegenheit dort phantasirt, wo man Nichts feststellen konnte, und seine Nachkommen überredet, diese Phantasien für Ernst und Wahrheit zu nehmen, zuletzt mit dem abscheulichen Trumpfe: daß Glauben mehr werth sei, als Wissen. Jetzt nun thut in Hinsicht auf jene letzten Dinge nicht Wissen gegen Glauben noth, sondern Gleichgültigkeit gegen Glauben und angebliches Wissen auf jenen Gebieten! – Alles Andere muß uns näher stehen als Das, was man uns bisher als das Wichtigste vorgepredigt hat – ich meine jene Fragen: wozu der Mensch? Welches Loos hat er nach dem Tode? Wie versöhnt er sich mit Gott? und wie diese Curiosa lauten mögen. Ebensowenig wie diese Fragen der Religiösen gehen uns die Fragen der philosophischen Dogmatiker an, mögen sie nun Idealisten oder Materialisten oder Realisten sein. Sie allesammt sind darauf aus, uns zu einer Entscheidung auf Gebieten zu drängen, wo weder Glauben noch Wissen noth thut; selbst für die größten Liebhaber der Erkenntniß ist es nützlicher, wenn um alles Erforschbare und der Vernunft Zugängliche ein umnebelter trügerischer Sumpfgürtel sich legt, ein Streifen des Undurchdringlichen, Ewig-Flüssigen und Unbestimmbaren. Gerade durch die Vergleichung mit dem Reich des Dunkels am Rande der Wissens-Erde steigt die helle und nahe, nächste Welt des Wissens stets im Werthe. – Wir müssen wieder gute Nachbarn der nächsten Dinge werden und nicht so verächtlich wie bisher über sie hinweg nach Wolken und Nachtunholden hinblicken. In Wäldern und Höhlen, in sumpfigen Strichen und unter bedeckten Himmeln – da hat der Mensch, als auf den Culturstufen ganzer Jahrtausende, allzulange gelebt, und dürftig gelebt. Dort hat er die Gegenwart und die Nachbarschaft und das Leben und sich selbst verachten gelernt – und wir, wir Bewohner der lichteren Gefilde der Natur und des Geistes, bekommen jetzt noch, durch Erbschaft, etwas von diesem Gift der Verachtung gegen das Nächste in unser Blut mit.   17. Tiefe Erklärungen . – Wer die Stelle eines Autors »tiefer erklärt«, als sie gemeint war, hat den Autor nicht erklärt, sondern verdunkelt . So stehen unsre Metaphysiker zum Texte der Natur; ja noch schlimmer. Denn um ihre tiefen Erklärungen anzubringen, richten sie sich häufig den Text erst daraufhin zu: das heißt, sie verderben ihn. Um ein curioses Beispiel für Textverderbniß und Verdunkelung des Autors zu geben, so mögen hier Schopenhauer's Gedanken über die Schwangerschaft der Weiber stehen. Das Anzeichen des steten Daseins des Willens zum Leben in der Zeit, sagt er, ist der Coitus: das Anzeichen des diesem Willen auf's Neue zugesellten, die Möglichkeit der Erlösung offenhaltenden Lichtes der Erkenntnis, und zwar im höchsten Grade der Klarheit, ist die erneuerte Menschwerdung des Willens zum Leben. Das Zeichen dieser ist die Schwangerschaft, welche daher frank und frei, ja stolz einhergeht, während der Coitus sich verkriecht wie ein Verbrecher. Er behauptet, daß jedes Weib , wenn beim Generationsakt überrascht, vor Scham vergehn möchte, aber » ihre Schwangerschaft, ohne eine Spur von Scham, ja mit einer Art Stolz, zur Schau trägt .« Vor Allem läßt sich dieser Zustand nicht so leicht mehr zur Schau tragen, als er sich selber zur Schau trägt; indem Schopenhauer aber gerade nur die Absichtlichkeit des Zur-Schau-Tragens hervorhebt, bereitet er sich den Text vor, damit dieser zu der bereit gehaltenen »Erklärung« passe. Sodann ist Das, was er über die Allgemeinheit des zu erklärenden Phänomens sagt, nicht wahr: er spricht von »jedem Weibe«; viele, namentlich die jüngeren Frauen, zeigen aber in diesem Zustande, selbst vor den nächsten Anverwandten, oft eine peinliche Verschämtheit; und wenn Weiber reiferen und reifsten Alters, zumal solche aus dem niederen Volke, in der That sich auf jenen Zustand etwas zu Gute thun sollten, so geben sie wohl damit zu verstehen, daß sie noch von ihren Männern begehrt werden. Daß bei ihrem Anblick der Nachbar und die Nachbarin oder ein vorüber gehender Fremder sagt oder denkt: »sollte es möglich sein –«, dieses Almosen wird von der weiblichen Eitelkeit bei geistigem Tiefstände immer noch gern angenommen. Umgekehrt würden, wie aus Schopenhauer's Sätzen zu folgern wäre, gerade die klügsten und geistigsten Weiber am meisten über ihren Zustand öffentlich frohlocken: sie haben ja die meiste Aussicht, ein Wunderkind des Intellekts zu gebären, in welchem »der Wille« sich zum allgemeinen Besten wieder einmal »verneinen« kann; die dummen Weiber hätten dagegen allen Grund, ihre Schwangerschaft noch schamhafter zu verbergen als Alles, was sie verbergen. – Man kann nicht sagen, daß diese Dinge aus der Wirklichkeit genommen sind. Gesetzt aber, Schopenhauer hätte ganz im Allgemeinen darin Recht, daß die Weiber im Zustande der Schwangerschaft eine Selbstgefälligkeit mehr zeigen, als sie sonst zeigen, so läge doch eine Erklärung näher zur Hand als die seinige. Man könnte sich ein Gackern der Henne auch vor dem Legen des Eies denken, des Inhaltes: Seht! Seht! Ich werde ein Ei legen! Ich werde ein Ei legen!   18. Der moderne Diogenes . – Bevor man den Menschen sucht, muß man die Laterne gefunden haben. – Wird es die Laterne des Cynikers sein müssen?   19. Immoralisten . – Die Moralisten müssen es sich jetzt gefallen lassen, Immoralisten gescholten zu werden, weil sie die Moral seciren. Wer aber seciren will, muß tödten: jedoch nur, damit besser gewußt, besser geurtheilt, besser gelebt werde; nicht, damit alle Welt secire. Leider aber meinen die Menschen immer noch, daß jeder Moralist auch durch sein gesammtes Handeln ein Musterbild sein müsse, welches die Anderen nachzuahmen hätten: sie verwechseln ihn mit dem Prediger der Moral. Die älteren Moralisten secirten nicht genug und predigten allzuhäufig: daher rührt jene Verwechselung und jene unangenehme Folge für die jetzigen Moralisten.   20. Nicht zu verwechseln . – Die Moralisten, welche die großartige, mächtige, aufopfernde Denkweise, etwa bei den Helden Plutarch's, oder den reinen, erleuchteten, wärmeleitenden Seelenzustand der eigentlich guten Männer und Frauen als schwere Probleme der Erkenntniß behandeln und der Herkunft derselben nachspüren, indem sie das Complicirte in der anscheinenden Einfachheit aufzeigen und das Auge auf die Verflechtung der Motive, auf die eingewobenen zarten Begriffs-Täuschungen und die von Alters her vererbten, langsam gesteigerten Einzel- und Gruppen-Empfindungen richten, – diese Moralisten sind am meisten gerade nun denen verschieden , mit denen sie doch am meisten verwechselt werden: von den kleinlichen Geistern, die an jene Denkweisen und Seelenzustände überhaupt nicht glauben und ihre eigne Armseligkeit hinter dem Glanze von Größe und Reinheit versteckt wähnen. Die Moralisten sagen: »hier sind Probleme«, und die Erbärmlichen sagen: »hier sind Betrüger und Betrügereien«; sie leugnen also die Existenz gerade Dessen, was Jene zu erklären beflissen sind.   21. Der Mensch als der Messende . – Vielleicht hatte alle Moralität der Menschheit in der ungeheuren inneren Aufregung ihren Ursprung, welche die Urmenschen ergriff, als sie das Maaß und das Messen, die Wage und das Wägen entdeckten (das Wort »Mensch« bedeutet ja den Messenden, er hat sich nach seiner größten Entdeckung benennen wollen!). Mit diesen Vorstellungen stiegen sie in Bereiche hinauf, die ganz unmeßbar und unwägbar sind, aber es ursprünglich nicht zu sein schienen.   22. Princip des Gleichgewichts . – Der Räuber und der Mächtige, welcher einer Gemeinde verspricht, sie gegen den Räuber zu schützen, sind wahrscheinlich im Grunde ganz ähnliche Wesen, nur daß der Zweite seinen Vortheil anders als der Erste erreicht: nämlich durch regelmäßige Abgaben, welche die Gemeinde an ihn entrichtet, und nicht mehr durch Brandschatzungen. (Es ist das nämliche Verhältnis wie zwischen Handelsmann und Seeräuber, welche lange Zeit ein und dieselbe Person sind: wo ihr die eine Funktion nicht räthlich scheint, da übt sie die andere aus. Eigentlich ist ja selbst jetzt noch alle Kaufmanns-Moral nur die Verklügerung der Seeräuber-Moral: so wohlfeil wie möglich kaufen – womöglich für Nichts als die Unternehmungskosten –, so theuer wie möglich verkaufen). Das Wesentliche ist: jener Mächtige verspricht, gegen den Räuber Gleichgewicht zu halten; darin sehen die Schwachen eine Möglichkeit zu leben. Denn entweder müssen sie sich selber zu einer gleichwiegenden Macht zusammenthun oder sich einem Gleichwiegenden unterwerfen (ihm für seine Leistungen Dienste leisten). Dem letzteren Verfahren wird gern der Vorzug gegeben, weil es im Grunde zwei gefährliche Wesen in Schach hält: das Erste durch das Zweite und das Zweite durch den Gesichtspunkt des Vortheils; Letzteres hat nämlich seinen Gewinn davon, die Unterworfenen gnädig oder leidlich zu behandeln, damit sie nicht nur sich, sondern auch ihren Beherrscher ernähren können. Thatsächlich kann es dabei immer noch hart und grausam genug zugehen, aber verglichen mit der früher immer möglichen völligen Vernichtung athmen die Menschen schon in diesem Zustande auf. – Die Gemeinde ist im Anfang die Organisation der Schwachen zum Gleichgewicht mit gefahrdrohenden Mächten. Eine Organisation zum Übergewicht wäre räthlicher, wenn man dabei so stark würde, um die Gegenmacht auf einmal zu vernichten : und handelt es sich um einen einzelnen mächtigen Schadenthuer, so wird dies gewiß versucht . Ist aber der Eine ein Stammhaupt oder hat er großen Anhang, so ist die schnelle entscheidende Vernichtung unwahrscheinlich und die dauernde lange Fehde zu gewärtigen: diese aber bringt der Gemeinde den am wenigsten wünschbaren Zustand mit sich, weil sie durch ihn die Zeit verliert, für ihren Lebensunterhalt mit der nöthigen Regelmäßigkeit zu sorgen, und den Ertrag aller Arbeit jeden Augenblick bedroht sieht. Deshalb zieht die Gemeinde vor, ihre Macht zu Vertheidigung und Angriff genau auf die Höhe zu bringen, auf der die Macht des gefährlichen Nachbars ist, und ihm zu verstehen zu geben, daß in ihrer Wagschale jetzt gleich viel Erz liege: warum wolle man nicht gut Freund mit einander sein? – Gleichgewicht ist also ein sehr wichtiger Begriff für die älteste Rechts- und Morallehre; Gleichgewicht ist die Basis der Gerechtigkeit. Wenn diese in roheren Zeiten sagt: »Auge um Auge, Zahn um Zahn«, so setzt sie das erreichte Gleichgewicht voraus und will es vermöge dieser Vergeltung erhalten : so daß, wenn jetzt der Eine sich gegen den Andern vergeht, der Andere keine Rache der blinden Erbitterung mehr nimmt. Sondern vermöge des jus talionis wird das Gleichgewicht der gestörten Machtverhältnisse wiederhergestellt : denn ein Auge, ein Arm mehr ist in solchen Urzuständen ein Stück Macht, ein Gewicht mehr . – Innerhalb einer Gemeinde, in der Alle sich als gleichgewichtig betrachten, ist gegen Vergehungen, das heißt gegen Durchbrechungen des Princips des Gleichgewichts, Schande und Strafe da: Schande, ein Gewicht, eingesetzt gegen den übergreifenden Einzelnen, der durch den Übergriff sich Vortheile verschafft hat, durch die Schande nun wieder Nachtheile erfährt, die den früheren Vortheil aufheben und überwiegen . Ebenso steht es mit der Strafe: sie stellt gegen das Übergewicht, das sich jeder Verbrecher zuspricht, ein viel größeres Gegengewicht auf, gegen Gewaltthat den Kerkerzwang, gegen Diebstahl den Wiederersatz und die Strafsumme. So wird der Frevler erinnert , daß er mit seiner Handlung aus der Gemeinde und deren Moral- Vortheilen ausschied: sie behandelt ihn wie einen Ungleichen, Schwachen, außer ihr Stehenden; deshalb ist Strafe nicht nur Wiedervergeltung, sondern hat ein Mehr , ein Etwas von der Härte des Naturzustandes ; an diesen will sie eben erinnern .   23. Ob die Anhänger der Lehre vom freien Willen strafen dürfen ? – Die Menschen, welche von Berufswegen richten und strafen, suchen in jedem Falle festzustellen, ob ein Übelthäter überhaupt für seine That verantwortlich ist, ob er seine Vernunft anwenden konnte , ob er aus Gründen handelte und nicht unbewußt oder im Zwange. Straft man ihn, so straft man, daß er die schlechteren Gründe den besseren vorzog: welche er also gekannt haben muß. Wo diese Kenntniß fehlt, ist der Mensch nach der herrschenden Ansicht unfrei und nicht verantwortlich: es sei denn, daß seine Unkenntniß, zum Beispiel seine ignorantia legis , die Folge einer absichtlichen Vernachlässigung des Erlernens ist; dann hat er also schon damals, als er nicht lernen wollte was er sollte, die schlechteren Gründe den besseren vorgezogen und muß jetzt die Folge seiner schlechten Wahl büßen. Wenn er dagegen die besseren Gründe nicht gesehen hat, etwa aus Stumpf- und Blödsinn, so pflegt man nicht zu strafen: es hat ihm, wie man sagt, die Wahl gefehlt, er handelte als Thier. Die absichtliche Verleugnung der besseren Vernunft ist jetzt die Voraussetzung, die man beim strafwürdigen Verbrecher macht. Wie kann aber Jemand absichtlich unvernünftiger sein, als er sein muß? Woher die Entscheidung, wenn die Wagschalen mit guten und schlechten Motiven belastet sind? Also nicht vom Irrthum, von der Blindheit her, nicht von einem äußeren, auch von keinem inneren Zwange her? (Man erwäge übrigens, daß jeder sogenannte »äußere Zwang« nichts weiter ist, als der innere Zwang der Furcht und des Schmerzes.) Woher? fragt man immer wieder. Die Vernunft soll also nicht die Ursache sein, weil sie sich nicht gegen die besseren Gründe entscheiden könnte? Hier nun ruft man den »freien Willen« zur Hülfe: es soll das vollendete Belieben entscheiden, ein Moment eintreten, wo kein Motiv wirkt, wo die That als Wunder geschieht, aus dem Nichts heraus. Man straft diese angebliche Beliebigkeit , in einem Falle, wo kein Belieben herrschen sollte: die Vernunft, welche das Gesetz, das Verbot und Gebot kennt, hätte gar keine Wahl lassen dürfen, meint man, und als Zwang und höhere Macht wirken sollen. Der Verbrecher wird also bestraft, weil er vom »freien Willen« Gebrauch macht: das heißt weil er ohne Grund gehandelt hat, wo er nach Gründen hätte handeln sollen. Aber warum that er dies? Dies eben darf nicht einmal mehr gefragt werden: es war eine That ohne »darum?« ohne Motiv, ohne Herkunft, etwas Zweckloses und Vernunftloses. – Eine solche That dürfte man aber , nach der ersten oben vorangeschickten Bedingung aller Strafbarkeit, auch nicht strafen ! Auch jene Art der Strafbarkeit darf nicht geltend gemacht werden, als wenn hier Etwas nicht gethan, Etwas unterlassen, von der Vernunft nicht Gebrauch gemacht sei: denn unter allen Umständen geschah die Unterlassung ohne Absicht ! und nur die absichtliche Unterlassung des Gebotenen gilt als strafbar. Der Verbrecher hat zwar die schlechteren Gründe den besseren vorgezogen, aber ohne Grund und Absicht: er hat zwar seine Vernunft nicht angewendet, aber nicht, um sie nicht anzuwenden. Jene Voraussetzung, die man beim strafwürdigen Verbrechen macht, daß er seine Vernunft absichtlich verleugnet habe, – gerade sie ist bei der Annahme des »freien Willens« aufgehoben. Ihr dürft nicht strafen, ihr Anhänger der Lehre vom »freien Willen«, nach euern eigenen Grundsätzen nicht! – Diese sind aber im Grunde Nichts, als eine sehr wunderliche Begriffs-Mythologie; und das Huhn, welches sie ausgebrütet hat, hat abseits von aller Wirklichkeit auf seinen Eiern gesessen.   24. Zur Beurtheilung des Verbrechers und seines Richters . – Der Verbrecher, der den ganzen Fluß der Umstände kennt, findet seine That nicht so außer der Ordnung und Begreiflichkeit, wie seine Richter und Tadler: seine Strafe aber wird ihm gerade nach dem Grad von Erstaunen zugemessen, welches jene beim Anblick der That als einer Unbegreiflichkeit befällt. – Wenn die Kenntniß, welche der Vertheidiger eines Verbrechers non dem Fall und seiner Vorgeschichte hat, weit genug reicht, so müssen die sogenannten Milderungsgründe, welche er der Reihe nach vorbringt, endlich die ganze Schuld hinwegmildern. Oder, noch deutlicher: der Vertheidiger wird schrittweise jenes verurtheilende und strafzumessende Erstaunen mildern und zuletzt ganz aufheben, indem er jeden ehrlichen Zuhörer zu dem inneren Geständniß nöthigt: »er mußte so handeln, wie er gehandelt hat; wir würden, wenn wir straften, die ewige Nothwendigkeit bestrafen.« – Den Grad der Strafe abmessen nach dem Grad der Kenntniß , welchen man von der Historie eines Verbrechens hat oder überhaupt gewinnen kann , – streitet dies nicht wider alle Billigkeit?   25. Der Tausch und die Billigkeit . – Bei einem Tausche würde es nur dann ehrlich und rechtlich zugehen, wenn Jeder der Beiden so viel verlangte, als ihm seine Sache werth scheint, die Mühe des Erlangens, die Seltenheit, die aufgewendete Zeit u. s. w. in Anschlag gebracht, nebst dem Affektionswerthe. Sobald er den Preis in Hinsicht auf das Bedürfnis des Andern macht, ist er ein feinerer Räuber und Erpresser. – Ist Geld das eine Tauschobjekt, so ist zu erwägen, daß ein Frankenthaler in der Hand eines reichen Erben, eines Tagelöhners, eines Kaufmannes, eines Studenten ganz verschiedene Dinge sind: Jeder wird, je nachdem er fast Nichts oder Viel that, ihn zu erwerben, Wenig oder Viel dafür empfangen dürfen – so wäre es billig: in Wahrheit steht es bekanntlich umgekehrt. In der großen Geldwelt ist der Thaler des faulsten Reichen gewinnbringender als der des Armen und Arbeitsamen.   26. Rechtszustände als Mittel . – Recht, auf Verträgen zwischen Gleichen beruhend, besteht, so lange die Macht Derer, die sich vertragen haben, eben gleich oder ähnlich ist; die Klugheit hat das Recht geschaffen, um der Fehde und der nutzlosen Vergeudung zwischen ähnlichen Gewalten ein Ende zu machen. Dieser aber ist ebenso endgültig ein Ende gemacht, wenn der eine Theil entschieden schwächer als der andere geworden ist: dann tritt Unterwerfung ein, und das Recht hört auf , aber der Erfolg ist derselbe wie der, welcher bisher durch das Recht erreicht wurde. Denn jetzt ist es die Klugheit des Überwiegenden, welche die Kraft des Unterworfenen zu schonen und nicht nutzlos zu vergeuden anräth: und oft ist die Lage des Unterworfenen günstiger, als die des Gleichgestellten war. – Rechtszustände sind also zeitweilige Mittel , welche die Klugheit anräth, keine Ziele.   27. Erklärung der Schadenfreude . – Die Schadenfreude entsteht daher, daß ein Jeder in mancher ihm wohl bewußten Hinsicht sich schlecht befindet, Sorge oder Neid oder Schmerz hat: der Schaden, der den Andern betrifft, stellt diesen ihm gleich , er versöhnt seinen Neid. – Befindet er gerade sich selber gut, so sammelt er doch das Unglück des Nächsten als ein Kapital in seinem Bewußtsein auf, um es bei einbrechendem eigenen Unglück gegen dasselbe einzusetzen: auch so hat er »Schadenfreude«. Die auf Gleichheit gerichtete Gesinnung wirft also ihren Maaßstab aus auf das Gebiet des Glücks und des Zufalls: Schadenfreude ist der gemeinste Ausdruck über den Sieg und die Wiederherstellung der Gleichheit, auch innerhalb der höheren Weltordnung. Erst seitdem der Mensch gelernt hat, in anderen Menschen seines Gleichen zu sehen, also erst seit Begründung der Gesellschaft giebt es Schadenfreude.   28. Das Willkürliche im Zumessen der Strafen . – Die meisten Verbrecher kommen zu ihren Strafen wie die Weiber zu ihren Kindern. Sie haben zehn- und hundertmal dasselbe gethan, ohne üble Folgen zu spüren: plötzlich kommt eine Entdeckung und hinter ihr die Strafe. Die Gewohnheit sollte doch die Schuld der That, derentwegen der Verbrecher gestraft wird, entschuldbarer erscheinen lassen: es ist ja ein Hang entstanden, dem schwerer zu widerstehen ist. Anstatt dessen wird er, wenn der Verdacht des gewohnheitsmäßigen Verbrechens vorliegt, härter gestraft, die Gewohnheit wird als Grund gegen alle Milderung geltend gemacht. Umgekehrt: eine musterhafte Lebensweise, gegen welche das Verbrechen um so fürchterlicher absticht, sollte die Schuldbarkeit verschärft erscheinen lassen! Aber sie pflegt die Strafe zu mildern. So wird Alles nicht nach dem Verbrecher bemessen, sondern nach der Gesellschaft und deren Schaden und Gefahr: frühere Nützlichkeit eines Menschen wird gegen seine einmalige Schädlichkeit eingerechnet, frühere Schädlichkeit zur gegenwärtig entdeckten addirt, und demnach die Strafe am höchsten zugemessen. Wenn man aber dergestalt die Vergangenheit eines Menschen mit straft oder mit belohnt (dies im ersten Fall, wo das Weniger-Strafen ein Belohnen ist), so sollte man noch weiter zurückgehn und die Ursache einer solchen oder solchen Vergangenheit strafen und belohnen, ich meine Eltern, Erzieher, die Gesellschaft u. s. w.: in vielen Fällen wird man dann die Richter irgendwie bei der Schuld betheiligt finden. Es ist willkürlich, beim Verbrecher stehen zu bleiben, wenn man die Vergangenheit straft: man sollte, falls man die absolute Entschuldbarkeit jeder Schuld nicht zugeben will, bei jedem einzelnen Fall stehn bleiben und nicht weiter zurückblicken: also die Schuld isolieren und sie gar nicht mit der Vergangenheit in Verknüpfung bringen, – sonst wird man zum Sünder gegen die Logik. Zieht vielmehr, ihr Willens-Freien, den notwendigen Schluß aus eurer Lehre von der »Freiheit des Willens« und dekretirt kühnlich: » keine That hat eine Vergangenheit .«   29. Der Neid und sein edlerer Bruder . – Wo die Gleichheit wirklich durchgedrungen und dauernd begründet ist, entsteht jener, im Ganzen als unmoralisch geltende Hang, der im Naturzustande kaum begreiflich wäre: der Neid . Der Neidische fühlt jedes Hervorragen des Anderen über das gemeinsame Maaß und will ihn bis dahin herabdrücken – oder sich bis dorthin erheben: woraus sich zwei verschiedene Handlungsweisen ergeben, welche Hesiod als die böse und die gute Eris bezeichnet hat. Ebenso entsteht im Zustande der Gleichheit die Indignation darüber, daß es einem Anderen unter seiner Würde und Gleichheit schlecht ergeht, einem Zweiten über seiner Gleichheit gut: es sind dies Affekte edlerer Naturen. Sie vermissen in den Dingen, welche von der Willkür des Menschen unabhängig sind, Gerechtigkeit und Billigkeit, das heißt: sie verlangen, daß jene Gleichheit, die der Mensch anerkennt, nun auch von der Natur und dem Zufall anerkannt werde; sie zürnen darüber, daß es den Gleichen nicht gleich ergeht.   30. Neid der Götter . – Der »Neid der Götter« entsteht, wenn der niedriger Geachtete sich irgendworin dem Höheren gleichsetzt (wie Ajax) oder durch Gunst des Schicksals ihm gleichgesetzt wird (wie Niobe als überreich gesegnete Mutter). Innerhalb der gesellschaftlichen Rangordnung stellt dieser Neid die Forderung auf, daß ein Jeder kein Verdienst über seinem Stande habe, auch daß sein Glück diesem gemäß sei und namentlich daß sein Selbstbewußtsein jenen Schranken nicht entwachse. Oft erfährt der siegreiche General den »Neid der Götter«, ebenso der Schüler, der ein meisterliches Werk schuf.   31. Eitelkeit als Nachtrieb des ungesellschaftlichen Zustandes . – Da die Menschen ihrer Sicherheit wegen sich selber als gleich gesetzt haben, zur Gründung der Gemeinde, diese Auffassung aber im Grunde wider die Natur des Einzelnen geht und etwas Erzwungenes ist, so machen sich, je mehr die allgemeine Sicherheit gewährleistet ist, neue Schößlinge des alten Triebes nach Übergewicht geltend: in der Abgrenzung der Stände, in dem Anspruch auf Berufs-Würden und -Vorrechte, überhaupt in der Eitelkeit (Manieren, Tracht, Sprache u. s. w.). Sobald einmal die Gefahr des Gemeinwesens wieder fühlbar wird, drücken die Zahlreicheren, welche ihr Übergewicht nicht im Zustande der allgemeinen Ruhe durchsetzen konnten, wieder den Zustand der Gleichheit hervor: die absurden Sonderrechte und Eitelkeiten verschwinden auf einige Zeit. Stürzt aber das Gemeinwesen ganz zusammen, geräth Alles in Anarchie, so bricht sofort der Naturzustand, die unbekümmerte, rücksichtslose Ungleichheit hervor, wie dies auf Korkyra geschah, nach dem Berichte das Thukydides. Es giebt weder ein Naturrecht, noch ein Naturunrecht.   32. Billigkeit . – Eine Fortbildung der Gerechtigkeit ist die Billigkeit, entstehend unter Solchen, welche nicht gegen die Gemeinde-Gleichheit verstoßen: es wird auf Fälle, wo das Gesetz Nichts vorschreibt, jene feinere Rücksicht des Gleichgewichts übertragen, welche vor- und rückwärts blickt und deren Maxime ist »wie du mir, so ich dir«. Aequum heißt eben »es ist gemäß unserer Gleichheit ; diese mildert auch unsere kleinen Verschiedenheiten zu einem Anschein von Gleichheit herab und will, daß wir Manches uns nachsehen, was wir nicht müßten «.   33. Elemente der Rache . – Das Wort »Rache« ist so schnell gesprochen: fast scheint es, als ob es gar nicht mehr enthalten könne, als Eine Begriffs- und Empfindungs-Wurzel. Und so bemüht man sich immer noch, dieselbe zu finden: wie unsere Nationalökonomen noch nicht müde geworden sind, im Worte »Werth« eine solche Einheit zu wittern und nach dem ursprünglichen Wurzel-Begriff des Werthes zu suchen. Als ob nicht alle Worte Taschen wären, in welche bald Dies, bald Jenes, bald Mehreres auf einmal gesteckt worden ist! So ist auch »Rache« bald Dies, bald Jenes, bald etwas mehr Zusammengesetztes. Man unterscheide einmal jenen abwehrenden Zurückschlag, den man fast unwillkürlich auch gegen leblose Gegenstände, die uns beschädigt haben, (wie gegen bewegte Maschinen) ausführt: der Sinn unserer Gegenbewegung ist, dem Beschädigen Einhalt zu thun, dadurch, daß wir die Maschine zum Stillstand bringen. Die Stärke des Gegenschlags muß mitunter, um dies zu erreichen, so stark sein, daß er die Maschine zertrümmert; wenn dieselbe aber zu stark ist, um vom Einzelnen sofort zerstört werden zu können, wird dieser doch immer noch den heftigsten Schlag ausführen, dessen er fähig ist, – gleichsam als einen letzten Versuch. So benimmt man sich auch gegen schädigende Personen bei der unmittelbaren Empfindung des Schadens selber; will man diesen Akt einen Rache-Akt nennen, so mag es sein; nur erwäge man, daß hier allein die Selbst-Erhaltung ihr Vernunft-Räderwerk in Bewegung gesetzt hat, und daß man im Grunde nicht an den Schädiger, sondern nur an sich dabei denkt: wir handeln so, ohne wieder schaden zu wollen, sondern nur um noch mit Leib und Leben davonzukommen . – Man braucht Zeit , wenn man von sich mit seinen Gedanken zum Gegner übergeht und sich fragt, auf welche Weise er am empfindlichsten zu treffen ist. Dies geschieht bei der zweiten Art von Rache: ein Nachdenken über die Verwundbarkeit und Leidensfähigkeit des Andern ist ihre Voraussetzung: man will wehethun. Dagegen sich selber gegen weiteren Schaden sichern liegt hier so wenig im Gesichtskreis des Rache-Nehmenden, daß er fast regelmäßig den weiteren eigenen Schaden zu Wege bringt und ihm sehr oft kaltblütig vorher entgegensieht. War es bei der ersten Art von Rache die Angst vor dem zweiten Schlage, welche den Gegenschlag so stark wie möglich machte: so ist hier fast völlige Gleichgültigkeit gegen Das, was der Gegner thun wird ; die Stärke des Gegenschlags wird nur durch Das, was er uns gethan hat , bestimmt. Was hat er denn gethan? Und was nützt es uns, wenn er nun leidet, nachdem wir durch ihn gelitten haben? Es handelt sich um eine Wiederherstellung : während der Rache-Akt erster Art nur der Selbst-Erhaltung dient. Vielleicht verloren wir durch den Gegner Besitz, Rang, Freunde, Kinder – diese Verluste werden durch die Rache nicht zurückgekauft, die Wiederherstellung bezieht sich allein auf einen Nebenverlust bei allen den erwähnten Verlusten. Die Rache der Wiederherstellung bewahrt nicht vor weiterem Schaden, sie macht den erlittenen Schaden nicht wieder gut, – außer in Einem Falle. Wenn unsere Ehre durch den Gegner gelitten hat, so vermag die Rache sie wiederherzustellen . Sie hat aber in jedem Falle einen Schaden erlitten, wenn man uns absichtlich ein Leid zufügte: denn der Gegner bewies damit, daß er uns nicht fürchtete . Durch die Rache beweisen wir, daß wir auch ihn nicht fürchten: darin liegt die Ausgleichung, die Wiederherstellung. (Die Absicht, den völligen Mangel an Furcht zu zeigen, geht bei einigen Personen so weit, daß ihnen die Gefährlichkeit der Rache für sie selbst – Einbuße der Gesundheit oder des Lebens oder sonstige Verluste – als eine unerläßliche Bedingung jeder Rache gilt. Deshalb gehen sie den Weg des Duells, obschon die Gerichte ihnen den Arm bieten, um auch so Genugthuung für die Beleidigung zu erhalten: sie nehmen aber die gefahrlose Wiederherstellung ihrer Ehre nicht als genügend an, weil sie ihren Mangel an Furcht nicht beweisen kann.) – Bei der ersterwähnten Art der Rache ist es gerade die Furcht, die den Gegenschlag ausführt: hier dagegen ist es die Abwesenheit der Furcht, welche wie gesagt durch den Gegenschlag sich beweisen will . – Nichts scheint also verschiedener als die innere Motivirung der beiden Handlungsweisen, die mit Einem Wort »Rache« benannt werden: und trotzdem kommt es sehr häufig vor, daß der Rache-Übende in Unklarheit ist, was ihn eigentlich zur That bestimmt hat; vielleicht, daß er aus Furcht und um sich zu erhalten den Gegenschlag führte, hinterher aber, als er Zeit hatte, über den Gesichtspunkt der verletzten Ehre nachzudenken, selber sich einredet, seiner Ehre halber sich gerächt zu haben: – dieses Motiv ist ja jedenfalls vornehmer als das andere. Dabei ist noch wesentlich, ob er seine Ehre in den Augen der Anderen (der Welt) beschädigt sieht oder nur in den Augen des Beleidigers: im letzteren Falle wird er die geheime Rache vorziehen, im ersteren aber die öffentliche. Je nachdem er sich stark oder schwach in die Seele des Thäters und der Zuschauer hineindenkt, wird seine Rache erbitterter oder zahmer sein; fehlt ihm diese Art Phantasie ganz, so wird er gar nicht an Rache denken, denn das Gefühl der »Ehre« ist dann bei ihm nicht vorhanden, also auch nicht zu verletzen. Ebenso wird er nicht an Rache denken, wenn er den Thäter und die Zuschauer der That verachtet : weil sie ihm keine Ehre geben können, als Verachtete, und demnach auch keine Ehre nehmen können. Endlich wird er auf Rache in dem nicht ungewöhnlichen Falle verzichten, daß er den Thäter liebt: freilich büßt er so in dessen Augen an Ehre ein und wird vielleicht der Gegenliebe dadurch weniger würdig. Aber auch auf alle Gegenliebe Verzicht leisten ist ein Opfer, welches die Liebe zu bringen bereit ist, wenn sie dem geliebten Wesen nur nicht wehethun muß : dies hieße sich selber mehr wehethun, als jenes Opfer wehethut. – Also: Jedermann wird sich rächen, er sei denn ehrlos oder voll Verachtung oder voll Liebe gegen den Schädiger und Beleidiger. Auch wenn er sich an die Gerichte wendet, so will er die Rache als private Person: nebenbei aber noch, als weiterdenkender, vorsorglicher Mensch der Gesellschaft, die Rache der Gesellschaft an Einem, der sie nicht ehrt . So wird durch die gerichtliche Strafe sowohl die Privatehre als auch die Gesellschaftsehre wiederhergestellt : das heißt – Strafe ist Rache. – Es giebt in ihr unzweifelhaft auch noch jenes andere zuerst beschriebene Element der Rache, insofern durch sie die Gesellschaft ihrer Selbst-Erhaltung dient und der Nothwehr halber einen Gegenschlag führt. Die Strafe will das weitere Schädigen verhüten, sie will abschrecken . Auf die Weise sind wirklich in der Strafe beide so verschiedene Elemente der Rache verknüpft , und dies mag vielleicht am meisten dahin wirken, jene erwähnte Begriffsverwirrung zu unterhalten, vermöge deren der Einzelne, der sich rächt, gewöhnlich nicht weiß, was er eigentlich will.   34. Die Tugenden der Einbuße . – Als Mitglieder von Gesellschaften glauben wir gewisse Tugenden nicht ausüben zu dürfen, die uns als Privaten die größte Ehre und einiges Vergnügen machen, zum Beispiel Gnade und Nachsicht gegen Verfehlende aller Art – überhaupt jede Handlungsweise, bei welcher der Vortheil der Gesellschaft durch unsere Tugend leiden würde. Kein Richter-Collegium darf sich vor seinem Gewissen erlauben, gnädig zu sein: dem König als einem Einzelnen hat man dies Vorrecht aufbehalten; man freut sich, wenn er Gebrauch davon macht, zum Beweise, daß man gern gnädig sein mochte, aber durchaus nicht als Gesellschaft. Diese erkennt somit nur die ihr vortheilhaften oder mindestens unschädlichen Tugenden an (die ohne Einbuße oder gar mit Zinsen geübt werden, zum Beispiel Gerechtigkeit). Jene Tugenden der Einbuße können demnach in der Gesellschaft nicht entstanden sein, da noch jetzt, innerhalb jeder kleinsten sich bildenden Gesellschaft der Widerspruch gegen sie sich erhebt. Es sind also Tugenden unter Nicht-Gleichgestellten, erfunden von dem Überlegenen, Einzelnen, es sind Herrscher -Tugenden, mit dem Hintergedanken: »ich bin mächtig genug, um mir eine ersichtliche Einbuße gefallen zu lassen, dies ist ein Beweis meiner Macht« – also mit Stolz verwandte Tugenden.   35. Casuistik des Vortheils . – Es gäbe keine Casuistik der Moral, wenn es keine Casuistik des Vortheils gäbe. Der freieste und feinste Verstand reicht oft nicht aus, zwischen zwei Dingen so zu wählen, daß der größere Vortheil nothwendig bei seiner Wahl ist. In solchen Fällen wählt man, weil man wählen muß, und hat hinterdrein eine Art Seekrankheit der Empfindung.   36. Zum Heuchler werden . – Jeder Bettler wird zum Heuchler; wie Jeder, der aus einem Mangel, aus einem Nothstand (sei dies ein persönlicher oder ein öffentlicher) seinen Beruf macht. – Der Bettler empfindet den Mangel lange nicht so, als er ihn empfinden machen muß, wenn er vom Betteln leben will.   37. Eine Art Cultus der Leidenschaften . – Ihr Düsterlinge und philosophischen Blindschleichen redet, um den Charakter des ganzen Weltwesens anzuklagen, von dem furchtbaren Charakter der menschlichen Leidenschaften. Als ob überall, wo es Leidenschaft gegeben hat, es auch Furchtbarkeit gegeben hätte! Als ob es immerfort in der Welt diese Art von Furchtbarkeit geben müßte! – Durch eine Vernachlässigung im Kleinen , durch Mangel an Selbst-Beobachtung und Beobachtung Derer, welche erzogen werden sollen, habt ihr selber erst die Leidenschaften zu solchen Unthieren anwachsen lassen, daß euch jetzt schon beim Worte »Leidenschaft« Furcht befällt! Es stand bei euch und steht bei uns, den Leidenschaften ihren furchtbaren Charakter zu nehmen und dermaßen vorzubeugen, daß sie nicht zu verheerenden Wildwassern werden. – Man soll seine Versehen nicht zu ewigen Fatalitäten aufblasen; vielmehr wollen wir redlich mit an der Aufgabe arbeiten, die Leidenschaften der Menschheit allesammt in Freudenschaften umzuwandeln.   38. Gewissensbiß . – Der Gewissensbiß ist, wie der Biß des Hundes gegen einen Stein, eine Dummheit.   39. Ursprung der Rechte . – Die Rechte gehen zunächst auf Herkommen zurück, das Herkommen auf ein einmaliges Abkommen . Man war irgendwann einmal beiderseitig mit den Folgen des getroffenen Abkommens zufrieden und wiederum zu träge, um es förmlich zu erneuern; so lebte man fort, wie wenn es immer erneuert worden wäre, und allmählich, als die Vergessenheit ihre Nebel über den Ursprung breitete, glaubte man einen heiligen, unverrückbaren Zustand zu haben, auf dem jedes Geschlecht weiterbauen müsse . Das Herkommen war jetzt Zwang , auch wenn es den Nutzen nicht mehr brachte, dessentwegen man ursprünglich das Abkommen gemacht hatte. – Die Schwachen haben hier ihre feste Burg zu allen Zeiten gefunden: sie neigen dahin, das einmalige Abkommen, die Gnadenerweisung zu verewigen .   40. Die Bedeutung des Vergessens in der moralischen Empfindung .– Dieselben Handlungen, welche innerhalb der ursprünglichen Gesellschaft zuerst die Absicht auf gemeinsamen Nutzen eingab, sind später von anderen Generationen auf andere Motive hin gethan worden: aus Furcht oder Ehrfurcht vor Denen, die sie forderten und anempfahlen, oder aus Gewohnheit, weil man sie von Kindheit an um sich hatte thun sehen, oder aus Wohlwollen, weil ihre Ausübung überall Freude und zustimmende Gesichter schuf, oder aus Eitelkeit, weil sie gelobt wurden. Solche Handlungen, an denen das Grundmotiv, das der Nützlichkeit, vergessen worden ist, heißen dann moralische : nicht etwa weil sie aus jenen anderen Motiven, sondern weil sie nicht aus bewußter Nützlichkeit gethan werden. – Woher dieser Haß gegen den Nutzen, der hier sichtbar wird, wo sich alles lobenswerthe Handeln gegen das Handeln um des Nutzens willen förmlich abschließt? – Offenbar hat die Gesellschaft, der Herd aller Moral und aller Lobsprüche des moralischen Handelns, allzu lange und allzu hart mit dem Eigen-Nutzen und Eigen-Sinne des Einzelnen zu kämpfen gehabt, um nicht zuletzt jedes andere Motiv sittlich höher zu taxiren als den Nutzen. So entsteht der Anschein, als ob die Moral nicht aus dem Nutzen herausgewachsen sei; während sie ursprünglich der Gesellschafts-Nutzen ist, der große Mühe hatte, sich gegen alle die Privat-Nützlichkeiten durchzusetzen und in höheres Ansehen zu bringen.   41. Die Erbreichen der Moralität . – Es giebt auch im Moralischen einen Erb-Reichthum: ihn besitzen die Sanften, Gutmüthigen, Mitleidigen, Mildthätigen. welche Alle die gute Handlungsweise , aber nicht die Vernunft (die Quelle derselben) von ihren Vorfahren her mitbekommen haben. Das Angenehme an diesem Reichthum ist, daß man von ihm fortwährend darreichen und mittheilen muß, wenn er überhaupt empfunden werden soll, und daß er so unwillkürlich daran arbeitet, die Abstände zwischen moralisch-reich und -arm geringer zu machen: und zwar, was das Merkwürdigste und Beste ist, nicht zu Gunsten eines dereinstigen Mittelmaßes zwischen Arm und Reich, sondern zu Gunsten eines allgemeinen Reich- und Überreich-werdens. – So wie hier geschehen ist, läßt sich etwa die herrschende Ansicht über den moralischen Erbreichthum zusammenfassen: aber es scheint mir, daß dieselbe mehr in majorem gloriam der Moralität, als zu Ehren der Wahrheit aufrechterhalten wird. Die Erfahrung mindestens stellt einen Satz auf, welcher, wenn nicht als Widerlegung, jedenfalls als bedeutende Einschränkung jener Allgemeinheit zu gelten hat. Ohne den erlesensten Verstand, so sagt die Erfahrung, ohne die Fähigkeit der feinsten Wahl und einen starken Hang zum Maaßhalten werden die Moralisch-Erbreichen zu Verschwendern der Moralität: indem sie haltlos sich ihren mitleidigen, mildthätigen, versöhnenden, beschwichtigenden Trieben überlassen, machen sie alle Welt um sich nachlässiger, begehrlicher und sentimentaler. Die Kinder solcher höchst moralischen Verschwender sind daher leicht – und, wie leider zu sagen ist, bestenfalls – angenehme schwächliche Taugenichtse.   42. Der Richter und die Milderungsgründe . – »Man soll auch gegen den Teufel honnett sein und seine Schulden bezahlen«, sagte ein alter Soldat, als man ihm die Geschichte Faustens etwas genauer erzählt hatte, »Faust gehört in die Hölle!« – »Oh ihr schrecklichen Männer!« rief seine Gattin aus, »wie ist das nur möglich! Er hat ja Nichts gethan als keine Tinte im Tintenfaß gehabt! Mit Blut schreiben ist freilich eine Sünde, aber deshalb soll ein so schöner Mann doch nicht brennen?«   43. Problem der Pflicht zur Wahrheit . – Pflicht ist ein zwingendes, zur That drängendes Gefühl, das wir gut nennen und für indiskutirbar halten (– über Ursprung, Grenze und Berechtigung desselben wollen wir nicht reden und nicht geredet haben). Der Denker hält aber Alles für geworden und alles Gewordene für diskutirbar, ist also der Mann ohne Pflicht, – so lange er eben nur Denker ist. Als solcher würde er also auch die Pflicht, die Wahrheit zu sehen und zu sagen, nicht anerkennen und dies Gefühl nicht fühlen; er fragt: woher kommt sie? wohin will sie? aber dies Fragen selber wird von ihm als fragwürdig angesehen. Hätte dies aber nicht zur Folge, daß die Maschine des Denkers nicht mehr recht arbeitet, wenn er sich beim Akte des Erkennens wirklich unverpflichtet fühlen könnte? Insofern scheint hier zur Heizung das selbe Element nöthig zu sein, das vermittelst der Maschine untersucht werden soll. – Die Formel würde vielleicht sein: angenommen es gäbe eine Pflicht, die Wahrheit zu erkennen, wie lautet die Wahrheit dann in Bezug auf jede andere Art von Pflicht? – Aber ist ein hypothetisches Pflichtgefühl nicht ein Widersinn?   44. Stufen der Moral . – Moral ist zunächst ein Mittel, die Gemeinde überhaupt zu erhalten und den Untergang von ihr abzuwehren; sodann ist sie ein Mittel, die Gemeinde auf einer gewissen Höhe und in einer gewissen Güte zu erhalten. Ihre Motive sind Furcht und Hoffnung : und zwar um so derbere, mächtigere, gröbere, als der Hang zum Verkehrten, Einseitigen, Persönlichen noch sehr stark ist. Die entsetzlichsten Angstmittel müssen hier Dienste thun, solange noch keine milderen wirken wollen und jene doppelte Art der Erhaltung sich nicht anders erreichen läßt (zu ihren allerstärksten gehört die Erfindung eines Jenseits mit einer ewigen Hölle). Weitere Stufen der Moral und also Mittel zum bezeichneten Zwecke sind die Befehle eines Gottes (wie das mosaische Gesetz); noch weitere und höhere die Befehle eines absoluten Pflichtbegriffs mit dem »du sollst«, – Alles noch ziemlich grob zugehauene, aber breite Stufen, weil die Menschen auf die feineren, schmäleren ihren Fuß noch nicht zu setzen wissen. Dann kommt eine Moral der Neigung , des Geschmacks , endlich die der Einsicht – welche über alle illusionären Motive der Moral hinaus ist, aber sich klar gemacht hat, wie die Menschheit lange Zeiten hindurch leine anderen haben durfte.   45. Moral des Mitleidens im Munde der Unmäßigen . – Alle Die, welche sich selber nicht genug in der Gewalt haben und die Moralität nicht als fortwährende im Großen und Kleinsten geübte Selbstbeherrschung und Selbstüberwindung kennen, werden unwillkürlich zu Verherrlichern der guten, mitleidigen, wohlwollenden Regungen, jener instinktiven Moralität, welche keinen Kopf hat, sondern nur aus Herz und hülfreichen Händen zu bestehen scheint. Ja es ist in ihrem Interesse, eine Moralität der Vernunft zu verdächtigen und jene andere zur alleinigen zu machen.   46. Cloaken der Seele . – Auch die Seele muß ihre bestimmten Cloaken haben, wohin sie ihren Unrath abfließen läßt: dazu dienen Personen, Verhältnisse, Stände oder das Vaterland oder die Welt oder endlich – für die ganz Hoffährtigen (ich meine unsere lieben modernen »Pessimisten«) – der liebe Gott.   47. Eine Art von Ruhe und Beschaulichkeit . – Hüte dich, daß deine Ruhe und Beschaulichkeit nicht der des Hundes vor einem Fleischerladen gleicht, den die Furcht nicht vorwärts und die Begierde nicht rückwärts gehen läßt: und der die Augen aufsperrt, als ob sie Münder wären.   48. Das Verbot ohne Gründe . – Ein Verbot, dessen Gründe wir nicht verstehen oder zugeben, ist nicht nur für den Trotzkopf, sondern auch für den Erkenntnißdurstigen fast ein Geheiß: man läßt es auf den Versuch ankommen, um so zu erfahren, weshalb das Verbot gegeben ist. Moralische Verbote, wie die des Dekalogs, passen nur für Zeitalter der unterworfenen Vernunft: jetzt würde ein Verbot »du sollst nicht tödten« »du sollst nicht ehebrechen«, ohne Gründe hingestellt, eher eine schädliche als eine nützliche Wirkung haben.   49. Charakterbild . – Was ist das für ein Mensch, der von sich sagen kann: »ich verachte sehr leicht, aber hasse nie. An jedem Menschen finde ich sofort Etwas heraus, das zu ehren ist und dessentwegen ich ihn ehre: die sogenannten liebenswürdigen Eigenschaften ziehen mich wenig an«.   50. Mitleiden und Verachtung . – Mitleiden äußern wird als ein Zeichen der Verachtung empfunden, weil man ersichtlich aufgehört hat, ein Gegenstand der Furcht zu sein, sobald Einem Mitleiden erwiesen wird. Man ist unter das Niveau des Gleichgewichts hinabgesunken, während schon jenes der menschlichen Eitelkeit nicht genugthut, sondern erst das Hervorragen und Furchteinflößen der Seele das erwünschteste aller Gefühle giebt. Deshalb ist es ein Problem, wie die Schätzung des Mitleids aufgekommen ist, ebenso wie erklärt werden muß, warum jetzt der Uneigennützige gelobt wird: ursprünglich wird er verachtet oder als tückisch gefürchtet .   51. Klein sein können . – Man muß den Blumen, Gräsern und Schmetterlingen auch noch so nah sein wie ein Kind, das nicht viel über sie hinweg reicht. Wir Älteren dagegen sind über sie hinausgewachsen und müssen uns zu ihnen herablassen; ich meine, die Gräser hassen uns, wenn wir unsere Liebe für sie bekennen. – Wer an allem Guten Theil haben will, muß auch zu Stunden klein zu sein verstehen.   52. Inhalt des Gewissens . – Der Inhalt unseres Gewissens ist Alles, was in den Jahren der Kindheit von uns ohne Grund regelmäßig gefordert wurde, durch Personen, die wir verehrten oder fürchteten. Vom Gewissen aus wird also jenes Gefühl des Müssens erregt (»dieses muß ich thun, dieses lassen«), welches nicht fragt: warum muß ich? – In allen Fällen, wo eine Sache mit »weil« und »warum« gethan wird, handelt der Mensch ohne Gewissen; deshalb aber noch nicht wider dasselbe. – Der Glaube an Autoritäten ist die Quelle des Gewissens: es ist also nicht die Stimme Gottes in der Brust des Menschen, sondern die Stimme einiger Menschen im Menschen.   53. Überwindung der Leidenschaften . – Der Mensch, der seine Leidenschaften überwunden hat, ist in den Besitz des fruchtbarsten Erdreiches getreten; wie der Colonist, der über die Wälder und Sümpfe Herr geworden ist. Auf dem Boden der bezwungenen Leidenschaften den Samen der guten geistigen Weile säen , ist dann die dringende nächste Aufgabe. Die Überwindung selber ist nur ein Mittel , kein Ziel; wenn sie nicht so angesehen wird, so wächst schnell allerlei Unkraut und Teufelszeug auf dem leer gewordenen fetten Boden auf, und bald geht es auf ihm voller und toller zu als je vorher.   54. Geschick zum Dienen . – Alle sogenannten praktischen Menschen haben ein Geschick zum Dienen: das eben macht sie praktisch, sei es für Andere oder für sich selber. Robinson besaß noch einen besseren Diener, als Freitag war: das war Crusoe.   55. Gefahr der Sprache für die geistige Freiheit . – Jedes Wort ist ein Vorurtheil.   56. Geist und Langeweile . – Das Sprüchwort: »Der Magyar ist viel zu faul, um sich zu langweilen« giebt zu denken. Die feinsten und thätigsten Thiere erst sind der Langenweile fähig. – Ein Vorwurf für einen großen Dichter wäre die Langeweile Gottes am siebenten Tage der Schöpfung.   57. Im Verkehr mit den Thieren . – Man kann das Entstehen der Moral in unserem Verhalten gegen die Thiere noch beobachten. Wo Nutzen und Schaden nicht in Betracht kommen, haben wir ein Gefühl der völligen Unverantwortlichkeit; wir tödten und verwunden zum Beispiel Insekten oder lassen sie leben und denken für gewöhnlich gar Nichts dabei. Wir sind so plump, daß schon unsere Artigkeiten gegen Blumen und kleine Thiere fast immer mörderisch sind: was unser Vergnügen an ihnen gar nicht beeinträchtigt. – Es ist heute das Fest der kleinen Thiere, der schwülste Tag des Jahres: es wimmelt und krabbelt um uns, und wir zerdrücken, ohne es zu wollen, aber auch ohne Acht zu geben, bald hier bald dort ein Würmchen und gefiedertes Käferchen. – Bringen die Thiere uns Schaden, so erstreben wir auf jede Weise ihre Vernichtung , die Mittel sind oft grausam genug, ohne daß wir dies eigentlich wollen: es ist die Grausamkeit der Gedankenlosigkeit. Nützen sie, so beuten wir sie aus : bis eine feinere Klugheit uns lehrt, daß gewisse Thiere für eine andere Behandlung, nämlich für die der Pflege und Zucht, reichlich lohnen. Da erst entsteht Verantwortlichkeit. Gegen das Hausthier wird die Quälerei gemieden; der eine Mensch empört sich, wenn ein Anderer unbarmherzig gegen seine Kuh ist, ganz in Gemäßheit der primitiven Gemeinde-Moral, welche den gemeinsamen Nutzen in Gefahr sieht, so oft ein Einzelner sich vergeht. Wer in der Gemeinde ein Vergehen wahrnimmt, fürchtet den indirekten Schaden für sich: und wir fürchten für die Güte des Fleisches, des Landbaues und der Verkehrsmittel, wenn wir die Hausthiere nicht gut behandelt sehen. Zudem erweckt Der, welcher roh gegen Thiere ist, den Argwohn, auch roh gegen schwache, ungleiche, der Rache unfähige Menschen zu sein; er gilt als unedel, des feineren Stolzes ermangelnd. So entsteht ein Ansatz von moralischem Urtheilen und Empfinden: das Beste thut nun der Aberglaube hinzu. Manche Thiere reizen durch Blicke, Töne und Gebärden den Menschen an, sich in sie hineinzudichten , und manche Religionen lehren im Thiere unter Umständen den Wohnsitz von Menschen- und Götterseelen sehen: weshalb sie überhaupt edlere Vorsicht, ja ehrfürchtige Scheu im Umgange mit den Thieren anempfehlen. Auch nach dem Verschwinden dieses Aberglaubens wirken die von ihm erweckten Empfindungen fort und reifen und blühen aus. – Das Christenthum hat sich bekanntlich in diesem Punkte als arme und zurückbildende Religion bewährt.   58. Neue Schauspieler . – Es giebt unter den Menschen keine größere Banalität als den Tod; zuzweit im Range steht die Geburt, weil nicht Alle geboren werden, welche doch sterben; dann folgt die Heirat. Aber diese kleinen abgespielten Tragikomödien werden bei jeder ihrer ungezählten und unzählbaren Aufführungen immer wieder von neuen Schauspielern dargestellt und hören deshalb nicht auf, interessirte Zuschauer zu haben: während man glauben sollte, daß die gesammte Zuschauerschaft des Erdentheaters sich längst aus Überdruß daran an allen Bäumen aufgehängt hätte. So viel liegt an neuen Schauspielern, so wenig am Stück.   59. Was ist »obstinat« ? – Der kürzeste Weg ist nicht der möglichst gerade, sondern der, bei welchem die günstigsten Winde unsere Segel schwellen: so sagt die Lehre der Schifffahrer. Ihr nicht zu folgen, das heißt obstinat sein: die Festigkeit des Charakters ist da durch Dummheit verunreinigt.   60. Das Wort »Eitelkeit« . – Es ist lästig, daß einzelne Worte, deren wir Moralisten schlechterdings nicht entrathen können, schon eine Art Sittencensur in sich tragen, aus jenen Zeiten her, in denen die nächsten und natürlichsten Regungen des Menschen verketzert wurden. So wird jene Grundüberzeugung, daß wir auf den Wellen der Gesellschaft viel mehr durch Das, was wir gelten , als durch Das, was wir sind , gutes Fahrwasser haben oder Schiffbruch leiden – eine Überzeugung, die für alles Handeln in Bezug auf die Gesellschaft das Steuerruder sein muß – mit dem allgemeinsten Worte »Eitelkeit«, » vanitas « gebrandmarkt: eines der vollsten und inhaltreichsten Dinge mit einem Ausdruck, welcher dasselbe als das eigentlich Leere und Nichtige bezeichnet, etwas Großes mit einem Diminutivum, ja mit den Federstrichen der Caricatur. Es hilft Nichts, wir müssen solche Worte gebrauchen, aber dabei unser Ohr den Einflüsterungen alter Gewohnheit verschließen.   61. Türkenfatalismus . – Der Türkenfatalismus hat den Grundfehler, daß er den Menschen und das Fatum als zwei geschiedene Dinge einander gegenüberstellt: der Mensch, sagt er, könne dem Fatum widerstreben, es zu vereiteln suchen, aber schließlich behalte es immer den Sieg, weshalb das Vernünftigste sei, zu resigniren oder nach Belieben zu leben. In Wahrheit ist jeder Mensch selber ein Stück Fatum; wenn er in der angegebenen Weise dem Fatum zu widerstreben meint, so vollzieht sich eben darin auch das Fatum; der Kampf ist eine Einbildung, aber ebenso jene Resignation in das Fatum; alle diese Einbildungen sind im Fatum eingeschlossen. – Die Angst, welche die Meisten vor der Lehre der Unfreiheit des Willens haben, ist die Angst vor dem Türkenfatalismus: sie meinen, der Mensch werde schwächlich resignirt und mit gefalteten Händen vor der Zukunft stehen, weil er an ihr Nichts zu ändern vermöge: oder aber, er werde seiner vollen Launenhaftigkeit die Zügel schießen lassen, weil auch durch diese das einmal Bestimmte nicht schlimmer werden könne. Die Thorheiten des Menschen sind ebenso ein Stück Fatum wie seine Klugheiten: auch jene Angst vor dem Glauben an das Fatum ist Fatum. Du selber, armer Ängstlicher, bist die unbezwingliche Moira , welche noch über den Göttern thront, für Alles, was da kommt; du bist Segen oder Fluch und jedenfalls die Fessel, in welcher der Stärkste gebunden liegt; in dir ist alle Zukunft der Menschen-Welt vorherbestimmt, es hilft dir Nichts, wenn dir vor dir selber graut.   62. Advokat des Teufels . – »Nur durch eigenen Schaden wird man klug , nur durch fremden Schaden wird man gut « – so lautet jene seltsame Philosophie, welche alle Moralität aus dem Mitleiden und alle Intellektualität aus der Isolation des Menschen ableitet: damit ist sie unbewußt die Sachwalterin aller irdischen Schadhaftigkeit. Denn das Mitleiden hat das Leiden nöthig, und die Isolation die Verachtung der Anderen.   63. Die moralischen Charaktermasken . – In den Zeiten, da die Charaktermasken der Stände für endgültig fest, gleich den Ständen selber gelten, werden die Moralisten verführt sein, auch die moralischen Charaktermasken für absolut zu halten und sie so zu zeichnen. So ist Molière als Zeitgenosse der Gesellschaft Ludwig's XIV. verständlich; in unserer Gesellschaft der Übergänge und Mittelstufen würde er als ein genialer Pedant erscheinen.   64. Die vornehmste Tugend . – In der ersten Aera des höheren Menschenthums gilt die Tapferkeit als die vornehmste der Tugenden, in der zweiten die Gerechtigkeit, in der dritten die Mäßigung, in der vierten die Weisheit. In welcher Aera leben wir ? In welcher lebst du ?   65. Was vorher nöthig ist . – Ein Mensch, der über seinen Jähzorn, seine Gall- und Rachsucht, seine Wollust nicht Meister werden will und es versucht, irgendworin sonst Meister zu werden, ist so dumm wie der Ackermann, der neben einem Wildbach seine Äcker anlegt, ohne sich gegen ihn zu schützen.   66. Was ist Wahrheit? – Schwarzert (Melanchthon): »Man predigt oft seinen Glauben, wenn man ihn gerade verloren hat und auf allen Gassen sucht, – und man predigt ihn dann nicht am schlechtesten!« – Luther : Du redest heut' wahr wie ein Engel, Bruder! – Schwarzert : »Aber es ist der Gedanke deiner Feinde, und sie machen auf dich die Nutzanwendung.« – Luther : So war's eine Lüge aus des Teufels Hinterm.   67. Gewohnheit der Gegensätze . – Die allgemeine ungenaue Beobachtung sieht in der Natur überall Gegensätze (wie z. B. »warm und kalt«), wo keine Gegensätze, sondern nur Gradverschiedenheiten sind. Diese schlechte Gewohnheit hat uns verleitet, nun auch noch die innere Natur, die geistig-sittliche Welt, nach solchen Gegensätzen verstehen und zerlegen zu wollen. Unsäglich viel Schmerzhaftigkeit, Anmaßung, Härte, Entfremdung, Erkältung ist so in die menschliche Empfindung hineingekommen, dadurch, daß man Gegensätze an Stelle der Übergänge zu sehen meinte.   68. Ob man vergeben könne ? – Wie kann man ihnen überhaupt vergeben, wenn sie nicht wissen, was sie thun! Man hat gar Nichts zu vergeben. – Aber weiß ein Mensch jemals völlig , was er thut? Und wenn dies immer mindestens fraglich bleibt, so haben also die Menschen einander nie Etwas zu vergeben, und Gnade-üben ist für den Vernünftigsten ein unmögliches Ding. Zu allerletzt: wenn die Übelthäter wirklich gewußt hätten, was sie thaten – so würden wir doch nur dann ein Recht zur Vergebung haben, wenn wir ein Recht zur Beschuldigung und zur Strafe hätten. Dies aber haben wir nicht.   69. Habituelle Scham . – Warum empfinden wir Scham, wenn uns etwas Gutes und Auszeichnendes erwiesen wird, das wir, wie man sagt, »nicht verdient haben«? Es scheint uns dabei, daß wir uns in ein Gebiet eingedrängt haben, wo wir nicht hingehören, wo wir ausgeschlossen sein sollten, gleichsam in ein Heiliges oder Allerheiligstes, welches für unsern Fuß unbetretbar ist. Durch den Irrthum Anderer sind wir doch hineingelangt: und nun überwältigt uns theils Furcht, theils Ehrfurcht, theils Überraschung, wir wissen nicht, ob wir fliehen, ob wir des gesegneten Augenblickes und seiner Gnaden-Vortheile genießen sollen. Bei aller Scham ist ein Mysterium, welches durch uns entweiht oder in der Gefahr der Entweihung zu sein scheint; alle Gnade erzeugt Scham. – Erwägt man aber, daß wir überhaupt niemals Etwas »verdient haben«, so wird, im Fall man dieser Ansicht innerhalb einer christlichen Gesammt-Betrachtung der Dinge sich hingiebt, das Gefühl der Scham habituell : weil einem Solchen Gott fortwährend zu segnen und Gnade zu üben scheint. Abgesehen von dieser christlichen Auslegung wäre aber auch für den völlig gottlosen Weisen, der an der gründlichen Unverantwortlichkeit und Unverdienstlichkeit alles Wirkens und Wesens festhält, jener Zustand der habituellen Scham möglich: wenn man ihn behandelt, als ob er dies und jenes verdient habe, so scheint er sich in eine höhere Ordnung von Wesen eingedrängt zu haben, welche überhaupt Etwas verdienen , welche frei sind und ihres eigenen Wollens und Könnens Verantwortung wirklich zu tragen vermögen. Wer zu ihm sagt »du hast es verdient«, scheint ihm zuzurufen »du bist kein Mensch, sondern ein Gott«.   70. Der ungeschickteste Erzieher . – Bei Diesem sind auf dem Boden seines Widerspruchsgeistes alle seine wirklichen Tugenden angepflanzt, bei Jenem auf feiner Unfähigkeit, Nein zu sagen, also auf seinem Zustimmungsgeiste: ein Dritter hat alle seine Moralität aus seinem einsamen Stolze, ein Vierter die seine aus seinem starken Geselligkeitstriebe aufwachsen lassen. Gesetzt nun, durch ungeschickte Erzieher und Zufälle wären bei diesen Vieren die Samenkörner der Tugenden nicht auf den Boden ihrer Natur ausgesäet worden, welcher bei ihnen die meiste und fetteste Erdkrume hat: so wären sie ohne Moralität und schwache unerfreuliche Menschen. Und wer würde gerade der ungeschickteste aller Erzieher und das böse Verhängnis dieser vier Menschen gewesen sein? Der moralische Fanatiker, welcher meint, daß das Gute nur aus dem Guten, auf dem Guten wachsen könne.   71. Schreibart der Vorsicht . – A: Aber, wenn Alle dies wüßten, so würde es den Meisten schädlich sein. Du selber nennst diese Meinungen gefährlich für die Gefährdeten, und doch theilst du sie öffentlich mit? B: Ich schreibe so, daß weder der Pöbel, noch die populi, noch die Parteien aller Art mich lesen mögen. Folglich werden diese Meinungen nie öffentliche sein. A: Aber wie schreibst du denn? B: Weder nützlich noch angenehm – für die genannten Drei.   72. Göttliche Missionäre . – Auch Sokrates fühlt sich als göttlicher Missionär: aber ich weiß nicht, was für ein Anflug von attischer Ironie und Lust am Spaßen auch selbst hierbei noch zu spüren ist, wodurch jener fatale und anmaßende Begriff gemildert wird. Er redet ohne Salbung davon: seine Bilder, von der Bremse und dem Pferd, sind schlicht und unpriesterlich, und die eigentlich religiöse Aufgabe, wie er sie sich gestellt fühlt, den Gott auf hunderterlei Weise auf die Probe zu stellen , ob er die Wahrheit geredet habe, läßt auf eine kühne und freimüthige Gebärde schließen, mit der hier der Missionär seinem Gotte an die Seite tritt. Jenes Auf-die-Probe-Stellen des Gottes ist einer der feinsten Compromisse zwischen Frömmigkeit und Freiheit des Geistes, welche je erdacht worden sind. – Jetzt haben wir auch diesen Compromiß nicht mehr nöthig.   73. Ehrliches Malerthum . – Raffael, dem viel an der Kirche (sofern sie zahlungsfähig war), aber wenig, gleich den Besten seiner Zeit, an den Gegenständen des kirchlichen Glaubens gelegen war, ist der anspruchsvollen ekstatischen Frömmigkeit mancher seiner Besteller nicht einen Schritt weit nachgegangen: er hat seine Ehrlichkeit bewahrt, selbst in jenem Ausnahme-Bild, das ursprünglich für eine Prozessions-Fahne bestimmt war, in der Sixtinischen Madonna. Hier wollte er einmal eine Vision malen: aber eine solche, wie sie edle junge Männer ohne »Glauben« auch haben dürfen und haben werden, die Vision der zukünftigen Gattin, eines klugen, seelisch-vornehmen, schweigsamen und sehr schönen Weibes, das ihren Erstgeborenen im Arme trägt. Mögen die Alten, die an das Beten und Anbeten gewöhnt sind, hier, gleich dem ehrwürdigen Greise zur Linken, etwas Übermenschliches verehren: wir Jüngeren wollen es, so scheint Raffael uns zuzurufen, mit dem schönen Mädchen zur Rechten halten, welche mit ihrem auffordernden, durchaus nicht devoten Blicke den Betrachtern des Bildes sagt: »Nicht wahr? Diese Mutter und ihr Kind – das ist ein angenehmer einladender Anblick?« Dies Gesicht und dieser Blick strahlt von der Freude in den Gesichtern der Betrachter wieder; der Künstler, der dies Alles erfand, genießt sich auf diese Weise selber und giebt seine eigene Freude zur Freude der Kunst-Empfangenden hinzu. – In Betreff des »heilandhaften« Ausdrucks im Kopfe eines Kindes hat Raffael, der Ehrliche, der keinen Seelenzustand malen wollte, an dessen Existenz er nicht glaubte, seine gläubigen Betrachter auf eine artige Weise überlistet; er malte jenes Naturspiel, das nicht selten vorkommt, das Männerauge im Kindskopfe, und zwar das Auge des wackeren, hülfereichen Mannes, der einen Nothstand sieht. Zu diesem Auge gehört ein Bart; daß dieser fehlt und daß zwei verschiedene Lebensalter hier aus Einem Gesichte sprechen, dies ist die angenehme Paradoxie, welche die Gläubigen sich im Sinne ihres Wunderglaubens gedeutet haben: so wie es der Künstler von ihrer Kunst des Deutens und Hineinlegens auch erwarten durfte.   74. Das Gebet . – Nur unter zwei Voraussetzungen hatte alles Beten – jene noch nicht völlig erloschene Sitte älterer Zeiten – einen Sinn: es müßte möglich sein, die Gottheit zu bestimmen oder umzustimmen, und der Betende müßte selber am Besten wissen, was ihm noth thue, was für ihn wahrhaft wünschenswerth sei. Beide Voraussetzungen, in allen anderen Religionen angenommen und hergebracht, wurden aber gerade vom Christenthum geleugnet; wenn es trotzdem das Gebet beibehielt, bei seinem Glauben an eine allweise und allvorsorgliche Vernunft in Gott, durch welche eben dies Gebet im Grunde sinnlos, ja gotteslästerlich wird, – so zeigte es auch darin wieder seine bewunderungswürdige Schlangen-Klugheit; denn ein klares Gebot »du sollst nicht beten« hätte die Christen durch die Langeweile zum Unchristenthum geführt. Im christlichen ora et labora vertritt nämlich das ora die Stelle des Vergnügens : und was hätten ohne das ora jene Unglücklichen beginnen sollen, die sich das labora versagten, die Heiligen! – aber mit Gott sich unterhalten, ihm allerlei angenehme Dinge abverlangen, sich selber ein Wenig darüber lustig machen, wie man so thöricht sein könne, noch Wünsche zu haben, trotz einem so vortrefflichen Vater, – das war für Heilige eine sehr gute Erfindung.   75. Eine heilige Lüge . – Die Lüge, mit der auf den Lippen Arria starb ( Paete, non dolet ), verdunkelt alle Wahrheiten, die je von Sterbenden gesprochen wurden. Es ist die einzige heilige Lüge , die berühmt geworden ist; während der Geruch der Heiligkeit sonst nur an Irrthümern haften blieb.   76. Der nöthigste Apostel . – Unter zwölf Aposteln muß immer einer hart wie Stein sein, damit auf ihm die neue Kirche gebaut werden könne.   77. Was ist das Vergänglichere, der Geist oder der Körper ? – In den rechtlichen, moralischen und religiösen Dingen hat das Äußerlichste, das Anschauliche, also der Brauch, die Gebärde, die Ceremonie, am meisten Dauer : sie ist der Leib , zu dem immer eine neue Seele hinzukommt. Der Cultus wird wie ein fester Wort-Text immer neu ausgedeutet; die Begriffe und Empfindungen sind das Flüssige, die Sitten das Harte.   78. Der Glaube an die Krankheit, als Krankheit . – Erst das Christenthum hat den Teufel an die Wand der Welt gemalt; erst das Christenthum hat die Sünde in die Welt gebracht. Der Glaube an die Heilmittel, welche es dagegen anbot, ist nun allmählich bis in die tiefsten Wurzeln hinein erschüttert: aber immer noch besteht der Glaube an die Krankheit , welchen es gelehrt und verbreitet hat.   79. Rede und Schrift der Religiösen . – Wenn der Stil und Gesammtausdruck des Priesters, des redenden und schreibenden, nicht schon den religiösen Menschen ankündigt, so braucht man seine Meinungen über Religion und zu Gunsten derselben nicht mehr ernst zu nehmen. Sie sind für ihren Besitzer selber kraftlos gewesen, wenn er, wie sein Stil verräth, Ironie, Anmaßung, Bosheit, Haß und alle Wirbel und Wechsel der Stimmungen besitzt, ganz wie der unreligiöseste Mensch; – um wieviel kraftloser werden sie erst für seine Hörer und Leser sein! Kurz, er wird dienen, dieselben unreligiöser zu machen.   80. Gefahr in der Person . – Je mehr Gott als Person für sich galt, um so weniger ist man ihm treu gewesen. Die Menschen sind ihren Gedankenbildern viel anhänglicher, als ihren geliebtesten Geliebten: deshalb opfern sie sich für den Staat, die Kirche und auch für Gott – sofern er eben ihr Erzeugniß, ihr Gedanke bleibt und nicht gar zu persönlich genommen wird. Im letzteren Falle hadern sie fast immer mit ihm: selbst dem Frömmsten entfuhr ja die bittere Rede »mein Gott, warum hast du mich verlassen!«   81. Die weltliche Gerechtigkeit . – Es ist möglich, die weltliche Gerechtigkeit aus den Angeln zu heben – mit der Lehre von der völligen Unverantwortlichkeit und Unschuld Jedermannes: und es ist schon ein Versuch in gleicher Richtung gemacht worden, gerade auf Grund der entgegengesetzten Lehre von der völligen Verantwortlichkeit und Verschuldung Jedermannes. Der Stifter des Christentums war es, der die weltliche Gerechtigkeit aufheben und das Richten und Strafen aus der Welt schaffen wollte. Denn er verstand alle Schuld als »Sünde«, das heißt als Frevel an Gott und nicht als Frevel an der Welt; andererseits hielt er Jedermann im größten Maaßstabe und fast in jeder Hinsicht für einen Sünder. Die Schuldigen sollen aber nicht die Richter ihres Gleichen sein: so urtheilte seine Billigkeit. Alle Richter der weltlichen Gerechtigkeit waren also in seinen Augen so schuldig wie die von ihnen Verurtheilten, und ihre Miene der Schuldlosigkeit schien ihm so heuchlerisch und pharisäerhaft. Überdies sah er auf die Motive der Handlungen und nicht auf den Erfolg, und hielt für die Beurtheilung der Motive nur einen Einzigen für scharfsichtig genug: sich selber (oder wie er sich ausdrückte: Gott).   82. Eine Affektation beim Abschiede . – Wer sich von einer Partei oder Religion trennen will, meint, es sei nun für ihn nöthig, sie zu widerlegen. Aber dies ist sehr hochmüthig gedacht. Nöthig ist nur, daß er klar einsieht, welche Klammern ihn bisher an diese Partei oder Religion anhielten und daß sie es nicht mehr thun, was für Absichten ihn dahin getrieben haben und daß sie setzt anderswohin treiben. Wir sind nicht aus strengen Erkenntnißgründen auf die Seite jener Partei oder Religion getreten: wir sollen dies, wenn wir von ihr scheiden, auch nicht affektiren .   83. Heiland und Arzt . – Der Stifter des Christenthums war, wie es sich von selber versteht, als Kenner der menschlichen Seele nicht ohne die größten Mängel und Voreingenommenheiten und als Arzt der Seele dem so anrüchigen und laienhaften Glauben an eine Universalmedicin ergeben. Er gleicht in seiner Methode mitunter jenem Zahnarzte, der jeden Schmerz durch Ausreißen des Zahnes heilen will; so zum Beispiel indem er gegen die Sinnlichkeit mit dem Rathschlage ankämpft: »Wenn dich dein Auge ärgert, so reiße es aus.« – Aber es bleibt doch noch der Unterschied, daß jener Zahnarzt wenigstens sein Ziel erreicht, die Schmerzlosigkeit des Patienten; freilich auf so plumpe Art, daß er lächerlich wird: während der Christ, der jenem Rathschlage folgt und seine Sinnlichkeit ertödtet zu haben glaubt, sich täuscht: sie lebt auf eine unheimliche, vampyrische Art fort und quält ihn in widerlichen Vermummungen.   84. Die Gefangenen . – Eines Morgens traten die Gefangenen in den Arbeitshof: der Wärter fehlte. Die Einen von ihnen giengen, wie es ihre Art war, sofort an die Arbeit, Andere standen müßig und blickten trotzig umher. Da trat Einer vor und sagte laut: »Arbeitet so viel ihr wollt oder thut Nichts: es ist Alles gleich. Eure geheimen Anschläge sind an's Licht gekommen, der Gefängnißwärter hat euch neulich belauscht und will in den nächsten Tagen ein fürchterliches Gericht über euch ergehen lassen. Ihr kennt ihn, er ist hart und nachträgerischen Sinnes. Nun aber merkt auf: ihr habt mich bisher verkannt: ich bin nicht, was ich scheine, sondern viel mehr: ich bin der Sohn des Gefängnißwärters und gelte Alles bei ihm. Ich kann euch retten, ich will euch retten; aber, wohlgemerkt, nur Diejenigen von euch, welche mir glauben , daß ich der Sohn des Gefängnißwärters bin; die Übrigen mögen die Früchte ihres Unglaubens ernten.« »Nun, sagte nach einigem Schweigen ein älterer Gefangener, was kann dir daran gelegen sein, ob wir es dir glauben oder nicht glauben? Bist du wirklich der Sohn und vermagst du Das, was du sagst, so lege ein gutes Wort für uns Alle ein: es wäre wirklich recht gutmüthig von dir. Das Gerede von Glauben und Unglauben aber laß bei Seite!« »Und, rief ein jüngerer Mann dazwischen, ich glaub' es ihm auch nicht: er hat sich nur Etwas in den Kopf gesetzt. Ich wette, in acht Tagen befinden wir uns gerade noch so hier wie heute, und der Gefängnißwärter weiß Nichts .« »Und wenn er Etwas gewußt hat, so weiß er's nicht mehr«, sagte der Letzte der Gefangenen, der jetzt erst in den Hof hinabkam, »der Gefängnißwärter ist eben plötzlich gestorben.« – »Holla, schrieen Mehrere durcheinander, holla! Herr Sohn, Herr Sohn, wie steht es mit der Erbschaft? Sind wir vielleicht jetzt deine Gefangenen?« – »Ich habe es euch gesagt, entgegnete der Angeredete mild, ich werde Jeden freilassen, der an mich glaubt, so gewiß als mein Vater noch lebt.« – Die Gefangenen lachten nicht, zuckten aber mit den Achseln und ließen ihn stehen.   85. Der Verfolger Gottes . – Paulus hat den Gedanken ausgedacht, Calvin ihn nachgedacht, daß Unzähligen seit Ewigkeiten die Verdammniß zuerkannt ist und daß dieser schöne Weltenplan so eingerichtet wurde, damit die Herrlichkeit Gottes sich daran offenbare: Himmel und Hölle und Menschheit sollen also da sein, – um die Eitelkeit Gottes zu befriedigen! Welch grausame und unersättliche Eitelkeit muß in der Seele Dessen geflackert haben, der so Etwas sich zuerst oder zuzweit ausdachte! – Paulus ist also doch Saulus geblieben – der Verfolger Gottes .   86. Sokrates . – Wenn Alles gut geht, wird die Zeit kommen, da man, um sich sittlich-vernünftig zu fördern, lieber die Memorabilien des Sokrates in die Hand nimmt als die Bibel, und wo Montaigne und Horaz als Vorläufer und Wegweiser zum Verständniß des einfachsten und unvergänglichsten Mittler-Weisen, des Sokrates, benutzt werden. Zu ihm führen die Straßen der verschiedensten philosophischen Lebensweisen zurück, welche im Grunde die Lebensweisen der verschiedenen Temperamente sind, festgestellt durch Vernunft und Gewohnheit und allesammt mit ihrer Spitze hin nach der Freude am Leben und am eignen Selbst gerichtet; woraus man schließen möchte, daß das Eigenthümlichste an Sokrates ein Antheilhaben an allen Temperamenten gewesen ist. – Vor dem Stifter des Christenthums hat Sokrates die fröhliche Art des Ernstes und jene Weisheit voller Schelmenstreiche voraus, welche den besten Seelenzustand des Menschen ausmacht. Überdies hatte er den größeren Verstand.   87. Gut schreiben lernen . – Die Zeit des Gut-redens ist vorbei, weil die Zeit der Stadt-Culturen vorbei ist. Die letzte Grenze, welche Aristoteles der großen Stadt erlaubte – es müsse der Herold noch im Stande sein, sich der ganzen versammelten Gemeinde vernehmbar zu machen –, diese Grenze kümmert uns so wenig, als uns überhaupt noch Stadtgemeinden kümmern, uns, die wir selbst über die Völker hinweg verstanden werden wollen. Deshalb muß jetzt ein Jeder, der gut europäisch gesinnt ist, gut und immer besser schreiben lernen: es hilft Nichts, und wenn er selbst in Deutschland geboren ist, wo man das Schlecht-schreiben als nationales Vorrecht behandelt. Besser schreiben aber heißt zugleich auch besser denken; immer Mittheilenswertheres erfinden und es wirklich mittheilen können; übersetzbar werden für die Sprachen der Nachbarn; zugänglich sich dem Verständnisse jener Ausländer machen, welche unsere Sprache lernen; dahin wirken, daß alles Gute Gemeingut werde und den Freien Alles frei stehe; endlich, jenen jetzt noch so fernen Zustand der Dinge vorbereiten , wo den guten Europäern ihre große Aufgabe in die Hände fällt: die Leitung und Überwachung der gesammten Erdcultur. – Wer das Gegentheil predigt, sich nicht um das Gutschreiben und Gut-lesen zu kümmern – beide Tugenden wachsen mit einander und nehmen mit einander ab –, der zeigt in der That den Völkern einen Weg, wie sie immer noch mehr national werden können: er vermehrt die Krankheit dieses Jahrhunderts und ist ein Feind der guten Europäer, ein Feind der freien Geister.   88. Die Lehre vom besten Stile . – Die Lehre vom Stil kann einmal die Lehre sein, den Ausdruck zu finden, vermöge dessen man jede Stimmung auf den Leser und Hörer überträgt; sodann die Lehre, den Ausdruck für die wünschenswertheste Stimmung eines Menschen zu finden, deren Mittheilung und Übertragung also auch am meisten zu wünschen ist: für die Stimmung des von Herzensgrund bewegten, geistig freudigen, hellen und aufrichtigen Menschen, der die Leidenschaften überwunden hat. Dies wird die Lehre vom besten Stile sein: er entspricht dem guten Menschen.   89. Auf den Gang Acht geben . – Der Gang der Sätze zeigt, ob der Autor ermüdet ist; der einzelne Ausdruck kann dessenungeachtet immer noch stark und gut sein, weil er für sich und früher gefunden wurde: damals als der Gedanke dem Autor zuerst aufleuchtete. So ist es häufig bei Goethe, der zu oft diktirte, wenn er müde war.   90. Schon und noch . – A: Die deutsche Prosa ist noch sehr jung: Goethe meint, daß Wieland ihr Vater sei. B: So jung und schon so häßlich! C: Aber – soviel mir bekannt, schrieb schon der Bischof Ulftlas deutsche Prosa; sie ist also gegen 1500 Jahre alt. B: So alt und noch so häßlich!   91. Original-deutsch . – Die deutsche Prosa, welche in der That nicht nach einem Muster gebildet ist und wohl als originales Erzeugniß des deutschen Geschmacks zu gelten hat, dürfte den eifrigen Anwälten einer zukünftigen, originalen, deutschen Cultur einen Fingerzeig geben, wie etwa, ohne Nachahmung von Mustern, eine wirklich deutsche Tracht, eine deutsche Geselligkeit, eine deutsche Zimmereinrichtung, ein deutsches Mittagsessen aussehen werde. – Jemand, der längere Zeit über diese Aussichten nachgedacht hatte, rief endlich in vollem Schrecken aus: »Aber, um des Himmels Willen, vielleicht haben wir schon diese originale Cultur – man spricht nur nicht gerne davon!«   92. Verbotene Bücher . – Nie Etwas lesen, was jene arroganten Vielwisser und Wirrköpfe schreiben, welche die abscheulichste Unart, die der logischen Paradoxie haben: sie wenden die logischen Formen gerade dort an, wo Alles im Grunde frech improvisirt und in die Luft gebaut ist. (»Also« soll bei ihnen heißen »du Esel von Leser, für dich giebt es dies ›also‹ nicht – wohl aber für mich« – worauf die Antwort lautet: »du Esel von Schreiber, wozu schreibst du denn?«)   93. Geist zeigen . – Jeder, der seinen Geist zeigen will, läßt merken, daß er auch reichlich vom Gegentheil hat. Jene Unart geistreicher Franzosen, ihren besten Einfällen einen Zug von dédain beizugeben, hat ihren Ursprung in der Absicht, für reicher zu gelten, als sie sind: sie wollen lässig schenken, gleichsam ermüdet vom beständigen Spenden aus übervollen Schatzhäusern.   94. Deutsche und französische Litteratur . – Das Unglück der deutschen und französischen Litteratur der letzten hundert Jahre liegt darin, daß die Deutschen zu zeitig aus der Schule der Franzosen gelaufen sind – und die Franzosen, späterhin, zu zeitig in die Schule der Deutschen.   95. Unsere Prosa . – Keines der jetzigen Culturvölker hat eine so schlechte Prosa wie das deutsche; und wenn geistreiche und verwöhnte Franzosen sagen: es giebt keine deutsche Prosa – so dürfte man eigentlich nicht böse werden, da es artiger gemeint ist, als wir's verdienen. Sucht man nach den Gründen, so kommt man zuletzt zu dem seltsamen Ergebniß, daß der Deutsche nur die improvisirte Prosa kennt und von einer anderen gar keinen Begriff hat. Es klingt ihm schier unbegreiflich, wenn ein Italiäner sagt, daß Prosa gerade um so viel schwerer sei als Poesie, um wie viel die Darstellung der nackten Schönheit für den Bildhauer schwerer sei als die der bekleideten Schönheit. Um Vers, Bild, Rhythmus und Reim hat man sich redlich zu bemühen – das begreift auch der Deutsche und ist nicht geneigt, der Stegreif-Dichtung einen besonders hohen Werth zuzumessen. Aber an einer Seite Prosa wie an einer Bildsäule arbeiten? – es ist ihm, als ob man ihm Etwas aus dem Fabelland vorerzählte.   96. Der große Stil . – Der große Stil entsteht, wenn das Schöne den Sieg über das Ungeheure davonträgt.   97. Ausweichen . – Man weiß nicht eher, worin bei ausgezeichneten Geistern das Feine ihres Ausdrucks, ihrer Wendung liegt, wenn man nicht sagen kann, auf welches Wort jeder mittelmäßige Schriftsteller beim Ausdrücken derselben Sache unvermeidlich gerathen sein würde. Alle großen Artisten zeigen sich beim Lenken ihres Fuhrwerks zum Ausweichen, zum Entgleisen geneigt – doch nicht zum Umfallen.   98. Etwas wie Brod . – Brod neutralisirt den Geschmack anderer Speisen, wischt ihn weg: deshalb gehört es zu jeder längeren Mahlzeit. In allen Kunstwerken muß es Etwas wie Brod geben, damit es verschiedene Wirkungen in ihnen geben könne: welche, unmittelbar und ohne ein solches zeitweiliges Ausruhen und Pausiren aufeinanderfolgend, schnell erschöpfen und Widerwillen machen würden, so daß eine längere Mahlzeit der Kunst unmöglich wäre.   99. Jean Paul . – Jean Paul wußte sehr viel, aber hatte keine Wissenschaft, verstand sich auf allerlei Kunstgriffe in den Künsten, aber hatte keine Kunst, fand beinahe Nichts ungenießbar, aber hatte keinen Geschmack, besaß Gefühl und Ernst, goß aber, wenn er davon zu kosten gab, eine widerliche Thränenbrühe darüber, ja er hatte Witz, – aber leider für seinen Heißhunger darnach viel zu wenig: weshalb er den Leser gerade durch seine Witzlosigkeit zur Verzweiflung treibt. Im Ganzen war er das bunte, starkriechende Unkraut, welches über Nacht auf den zarten Fruchtfeldern Schiller's und Goethe's aufschoß; er war ein bequemer, guter Mensch, und doch ein Verhängniß, – ein Verhängniß im Schlafrock.   100. Auch den Gegensatz zu schmecken wissen . – Um ein Werk der Vergangenheit so zu genießen, wie es seine Zeitgenossen empfanden, muß man den damals herrschenden Geschmack, gegen den es sich abhob , auf der Zunge haben.   101. Weingeist-Autoren . – Manche Schriftsteller sind weder Geist noch Wein, aber Weingeist: sie können in Flammen gerathen und geben dann Wärme.   102. Der Mittler-Sinn . – Der Sinn des Geschmacks, als der wahre Mittler-Sinn, hat die anderen Sinne oft zu seinen Ansichten der Dinge überredet und ihnen seine Gesetze und Gewohnheiten eingegeben. Man kann bei Tische über die feinsten Geheimnisse der Künste Aufschlüsse erhalten: man beachte, was schmeckt, wann es schmeckt, wonach und wie lange es schmeckt.   103. Lessing . – Lessing hat eine ächt französische Tugend und ist überhaupt als Schriftsteller bei den Franzosen am fleißigsten in die Schule gegangen: er versteht seine Dinge im Schauladen gut zu ordnen und aufzustellen. Ohne diese wirkliche Kunst würden seine Gedanken, so wie deren Gegenstände, ziemlich im Dunkel geblieben sein, und ohne daß die allgemeine Einbuße groß wäre. An seiner Kunst haben aber Viele gelernt (namentlich die letzten Generationen deutscher Gelehrten) und Unzählige sich erfreut. Freilich hätten jene Lernenden nicht nöthig gehabt, wie so oft geschehen ist, ihm auch seine unangenehme Ton-Manier, in ihrer Mischung von Zankteufelei und Biederkeit, abzulernen. – Über den »Lyriker« Lessing ist man jetzt einmüthig: über den »Dramatiker« wird man es werden.   104. Unerwünschte Leser . – Wie quälen den Autor jene braven Leser mit den dicklichten, ungeschickten Seelen welche immer, wenn sie woran anstoßen, auch umfallen und sich jedesmal dabei wehe thun!   105. Dichter-Gedanken . – Die wirklichen Gedanken gehen bei wirklichen Dichtern alle verschleiert einher, wie die Ägyptierinnen: nur das tiefe Auge des Gedankens blickt frei über den Schleier hinweg. – Dichter-Gedanken sind im Durchschnitt nicht so viel werth, als sie gelten: man bezahlt eben für den Schleier und die eigene Neugierde mit.   106. Schreibt einfach und nützlich . – Übergänge, Ausführungen, Farbenspiele des Affekts, – alles Das schenken wir dem Autor, weil wir dies mitbringen und seinem Buche zu Gute kommen lassen, falls er selber uns Etwas zu Gute thut.   107. Wieland . – Wieland hat besser als irgend Jemand deutsch geschrieben und dabei sein rechtes meisterliches Genügen und Ungenügen gehabt (seine Übersetzungen der Briefe Cicero's und des Lucian sind die besten deutschen Übersetzungen); aber seine Gedanken geben uns Nichts mehr zu denken. Wir vertragen seine heiteren Moralitäten ebenso wenig wie seine heiteren Immoralitäten: Beide gehören so gut zu einander. Die Menschen, die an ihnen ihre Freude hatten, waren doch wohl im Grunde bessere Menschen als wir, – aber auch um ein gut Theil schwerfälligere, denen ein solcher Schriftsteller eben noth that. – Goethe that den Deutschen nicht noth, daher sie auch von ihm keinen Gebrauch zu machen wissen. Man sehe sich die Besten unserer Staatsmänner und Künstler daraufhin an: sie Alle haben Goethe nicht zum Erzieher gehabt – nicht haben können.   108. Seltene Feste . – Körnige Gedrängtheit, Ruhe und Reife – wo du diese Eigenschaften bei einem Autor findest, da mache Halt und feiere ein langes Fest mitten in der Wüste: es wird dir lange nicht wieder so wohl werden.   109. Der Schatz der deutschen Prosa . – Wenn man von Goethe's Schriften absieht und namentlich von Goethe's Unterhaltungen mit Eckermann, dem besten deutschen Buche, das es giebt: was bleibt eigentlich von der deutschen Prosa-Litteratur übrig, das es verdiente, wieder und wieder gelesen zu werden? Lichtenberg's Aphorismen, das erste Buch von Jung-Stilling's Lebensgeschichte, Adalbert Stifter's Nachsommer und Gottfried Keller's Leute von Seldwyla, – und damit wird es einstweilen am Ende sein.   110. Schreibstil und Sprechstil . – Die Kunst zu schreiben verlangt vor Allem Ersatzmittel für die Ausdrucksarten, welche nur der Redende hat: also für Gebärden, Accente, Töne, Blicke. Deshalb ist der Schreibstil ein ganz anderer, als der Sprechstil, und etwas viel Schwierigeres: – er will mit Wenigerem sich ebenso verständlich machen wie jener. Demosthenes hielt seine Reden anders als wir sie lesen: er hat sie zum Gelesenwerden erst überarbeitet. – Cicero's Reden sollten, zum gleichen Zwecke, erst demosthenisirt werden: jetzt ist viel mehr römisches Forum in ihnen, als der Leser vertragen kann.   111. Vorsicht im Citiren . – Die jungen Autoren wissen nicht, daß der gute Ausdruck, der gute Gedanke sich nur unter Seinesgleichen gut ausnimmt, daß ein vorzügliches Citat ganze Seiten, ja das ganze Buch vernichten kann, indem es den Leser warnt und ihm zuzurufen scheint: »Gieb Acht, ich bin der Edelstein und rings um mich ist Blei, bleiches, schmähliches Blei!« Jedes Wort, jeder Gedanke will nur in seiner Gesellschaft leben: das ist die Moral des gewählten Stils.   112. Wie soll man Irrthümer sagen ? –Man kann streiten, ob es schädlicher sei, wenn Irrthümer schlecht gesagt werden oder so gut wie die besten Wahrheiten. Gewiß ist, daß sie im erstern Fall auf doppelte Weise dem Kopfe schaden und schwerer aus ihm zu entfernen sind; aber freilich wirken sie nicht so sicher wie im zweiten Falle: sie sind weniger ansteckend.   113. Beschränken und vergrößern . – Homer hat den Umfang des Stoffes beschränkt, verkleinert, aber die einzelnen Scenen aus sich wachsen lassen und vergrößert – und so machen es später die Tragiker immer von Neuem: jeder nimmt den Stoff in noch kleineren Stücken als sein Vorgänger, jeder aber erzielt eine reichere Blüthenfülle innerhalb dieser abgegrenzten, umfriedeten Gartenhecken.   114. Litteratur und Moralität sich erklärend .– Man kann an der griechischen Litteratur zeigen, durch welche Kräfte der griechische Geist sich entfaltete, wie er in verschiedene Bahnen gerieth und woran er schwach wurde. Alles Das giebt ein Bild davon ab, wie es im Grunde auch mit der griechischen Moralität zugegangen ist und wie es mit jeder Moralität zugehen wird: wie sie erst Zwang war, erst Härte zeigte, dann allmählich milder wurde, wie endlich Lust an gewissen Handlungen, an gewissen Conventionen und Formen entstand, und daraus wieder ein Hang zur alleinigen Ausübung, zum Alleinbesitz derselben: wie die Bahn sich mit Wettbewerbenden füllt und überfüllt, wie Übersättigung eintritt, neue Gegenstände des Kampfes und Ehrgeizes aufgesucht, veraltete in's Leben erweckt werden, wie das Schauspiel sich wiederholt und die Zuschauer des Zuschauens überhaupt müde werden, weil nun der ganze Kreis durchlaufen scheint – – und dann kommt ein Stillestehen, ein Ausathmen: die Bäche verlieren sich im Sande. Es ist das Ende da, wenigstens ein Ende.   115. Welche Gegenden dauernd erfreuen . – Diese Gegend hat bedeutende Züge zu einem Gemälde, aber ich kann die Formel für sie nicht finden, als Ganzes bleibt sie mir unfaßbar. Ich bemerke, daß alle Landschaften, die mir dauernd zusagen, unter aller Mannigfaltigkeit ein einfaches geometrisches Linien-Schema haben. Ohne ein solches mathematisches Substrat wird keine Gegend etwas künstlerisch-Erfreuendes. Und vielleicht gestattet diese Regel eine gleichnißhafte Anwendung auf den Menschen.   116. Vorlesen . – Vorlesen können setzt voraus, daß man vortragen könne: man hat überall blasse Farben anzuwenden, aber die Grade der Blässe in genauen Proportionen zu dem immer vorschwebenden und dirigirenden, voll und tief gefärbten Grundgemälde, das heißt nach dem Vortrage derselben Partie zu bestimmen. Also muß man dieses Letzteren mächtig sein.   117. Der dramatische Sinn . – Wer die feineren vier Sinne der Kunst nicht hat, sucht Alles mit dem gröbsten, dem fünften zu verstehen: dies ist der dramatische Sinn.   118. Herder . – Herder ist alles Das nicht, was er von sich wähnen machte (und selber zu wähnen wünschte): kein großer Denker und Erfinder, kein neuer treibender Fruchtboden mit einer urwaldfrischen unausgenutzten Kraft. Aber er besaß in höchstem Maaße den Sinn der Witterung, er sah und pflückte die Erstlinge der Jahreszeit früher als alle Anderen, welche dann glauben konnten, er habe sie wachsen lassen: sein Geist war zwischen Hellem und Dunklem, Altem und Jungem und überall dort wie ein Jäger auf der Lauer, wo es Übergänge, Senkungen, Erschütterungen, die Anzeichen inneren Quellens und Werdens gab: die Unruhe des Frühlings trieb ihn umher, aber er selber war der Frühling nicht! – Das ahnte er wohl zu Zeiten, und wollte es doch sicher selber nicht glauben, er, der ehrgeizige Priester, der so gern der Geister-Papst seiner Zeit gewesen wäre! Dies ist sein Leiden: er scheint lange als Prätendent mehrerer Königthümer, ja eines Universalreiches gelebt zu haben und hatte seinen Anhang, welcher an ihn glaubte: der junge Goethe war unter ihm. Aber überall, wo zuletzt Kronen wirklich vergeben wurden, gieng er leer aus: Kant, Goethe, sodann die wirklichen ersten deutschen Historiker und Philologen nahmen ihm weg, was er sich vorbehalten wähnte, – oft aber auch im Stillsten und Geheimsten nicht wähnte. Gerade wenn er an sich zweifelte, warf er sich gern die Würde und die Begeisterung um: dies waren bei ihm allzu oft Gewänder, die viel verbergen, ihn selber täuschen und trösten mußten. Er hatte wirklich Begeisterung und Feuer, aber sein Ehrgeiz war viel größer! Dieser blies ungeduldig in das Feuer, daß es flackerte, knisterte und rauchte – sein Stil flackert, knistert und raucht – aber er wünschte die große Flamme, und diese brach nie hervor! Er saß nicht an der Tafel der eigentlich Schaffenden: und sein Ehrgeiz ließ nicht zu, daß er sich bescheiden unter die eigentlich Genießenden setzte. So war er ein unruhiger Gast, der Vorkoster aller geistigen Gerichte, die sich die Deutschen in einem halben Jahrhundert aus allen Welt- und Zeitreichen zusammenholten. Nie wirklich satt und froh, war Herder überdies allzuhäufig krank: da setzte sich bisweilen der Neid an sein Bett, auch die Heuchelei machte ihren Besuch. Etwas Wundes und Unfreies blieb an ihm haften: und mehr als irgend einem unserer sogenannten »Classiker« geht ihm die einfältige wackere Mannhaftigkeit ab.   119. Geruch der Worte . – Jedes Wort hat seinen Geruch: es giebt eine Harmonie und Disharmonie der Gerüche und also der Worte.   120. Der gesuchte Stil . – Der gefundene Stil ist eine Beleidigung für den Freund des gesuchten Stils.   121. Gelöbniß . – Ich will keinen Autor mehr lesen, dem man anmerkt, er wollte ein Buch machen: sondern nur jene, deren Gedanken unversehens ein Buch wurden.   122. Die künstlerische Convention . – Dreiviertel Homer ist Convention; und ähnlich steht es bei allen griechischen Künstlern, die zu der modernen Originalitätswuth keinen Grund hatten. Es fehlte ihnen alle Angst vor der Convention; durch diese hiengen sie ja mit ihrem Publikum zusammen, Conventionen sind nämlich die für das Verständniß der Zuhörer eroberten Kunstmittel, die mühvoll erlernte gemeinsame Sprache, mit welcher der Künstler sich wirklich mittheilen kann. Zumal wenn er, wie der griechische Dichter und Musiker, mit jedem seiner Kunstwerke sofort siegen will – da er öffentlich mit einem oder zweien Nebenbuhlern zu ringen gewöhnt ist –, so ist die erste Bedingung, daß er sofort auch verstanden werde: was aber nur durch die Convention möglich ist. Das, was der Künstler über die Convention hinaus erfindet, das giebt er aus freien Stücken darauf und wagt dabei sich selber daran, im besten Fall mit dem Erfolge, daß er eine neue Convention schafft . Für gewöhnlich wird das Originale angestaunt, mitunter sogar angebetet, aber selten verstanden; der Convention hartnäckig ausweichen heißt: nicht verstanden werden wollen. Worauf weist also die moderne Originalitätswuth hin?   123. Affektation der Wissenschaftlichkeit bei Künstlern . – Schiller glaubte, gleich anderen deutschen Künstlern, wenn man Geist habe, dürfe man über allerlei schwierige Gegenstände auch wohl mit der Feder improvisiren . Und nun stehen seine Prosa-Aufsätze da – in jeder Beziehung ein Muster, wie man wissenschaftliche Fragen der Aesthetik und Moral nicht angreifen dürfe – und eine Gefahr für junge Leser, welche, in ihrer Bewunderung des Dichters Schiller, nicht den Muth haben, vom Denker und Schriftsteller Schiller gering zu denken. – Die Versuchung, welche den Künstler so leicht und so begreiflicherweise befällt, auch einmal über die gerade ihm verbotene Wiese zu gehen und in der Wissenschaft ein Wort mitzusprechen – der Tüchtigste nämlich findet zeitweilig sein Handwerk und seine Werkstätte unausstehlich –, diese Versuchung bringt den Künstler so weit, aller Welt zu zeigen, was sie gar nicht zu sehen braucht, nämlich daß es in seinem Denkzimmerchen eng und unordentlich aussieht – warum auch nicht? er wohnt ja nicht darin! –, daß die Vorrathsspeicher seines Wissens theils leer, theils mit Krimskrams gefüllt sind – warum auch nicht? es steht dies sogar im Grunde dem Künstler-Kinde nicht übel an –, namentlich aber, daß selbst für die leichtesten Handgriffe der wissenschaftlichen Methode, die selbst Anfängern geläufig sind, seine Gelenke zu ungeübt und schwerfällig sind – und auch dessen braucht er sich wahrlich nicht zu schämen! – Dagegen entfaltet er oftmals keine geringe Kunst darin, alle die Fehler, Unarten und schlechten Gelehrtenhaftigkeiten, wie sie in der wissenschaftlichen Zunft vorkommen, nachzuahmen , im Glauben, dies eben gehöre, wenn nicht zur Sache, so doch zum Schein der Sache; und dies gerade ist das Lustige an solchen Künstler-Schriften, daß hier der Künstler, ohne es zu wollen, doch thut, was seines Amtes ist: die wissenschaftlichen und unkünstlerischen Naturen zu parodiren . Eine andere Stellung zur Wissenschaft als die parodische sollte er nämlich nicht haben, soweit er eben der Künstler und nur der Künstler ist.   124. Die Faust-Idee . – Eine kleine Nähterin wird verführt und unglücklich gemacht; ein großer Gelehrter aller vier Fakultäten ist der Übelthäter. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugegangen sein? Nein, gewiß nicht! Ohne die Beihülfe des leibhaftigen Teufels hätte es der große Gelehrte nicht zu Stande gebracht. – Sollte dies wirklich der größte deutsche »tragische Gedanke« sein, wie man unter Deutschen sagen hört? – Für Goethe war aber auch dieser Gedanke noch zu fürchterlich; sein mildes Herz konnte nicht umhin, die kleine Nähterin, »die gute Seele, die nur einmal sich vergessen«, nach ihrem unfreiwilligen Tode in die Nähe der Heiligen zu versetzen; ja selbst den großen Gelehrten brachte er, durch einen Possen, der dem Teufel im entscheidenden Augenblick gespielt wird, noch zur rechten Zeit in den Himmel, ihn, »den guten Menschen« mit dem »dunklen Drange«: – dort im Himmel finden sich die Liebenden wieder. – Goethe sagt einmal, für das eigentlich Tragische sei seine Natur zu conciliant gewesen.   125. Giebt es »deutsche Classiker« ? – Sainte-Beuve bemerkt einmal, daß zu der Art einiger Litteraturen das Wort »Classiker« durchaus nicht klingen wolle: wer werde zum Beispiel so leicht von »deutschen Classikern« reden! – Was sagen unsre deutschen Buchhändler dazu, welche auf dem Wege sind, die fünfzig deutschen Classiker, an die wir schon glauben sollen, noch um weitere fünfzig zu vermehren? Scheint es doch fast, als ob man eben nur 30 Jahre lang todt zu sein und als erlaubte Beute öffentlich dazuliegen brauche, um unversehens plötzlich als Classiker die Trompete der Auferstehung zu hören! Und dies in einer Zeit und unter einem Volke, wo selbst von den sechs großen Stammvätern der Litteratur fünf unzweideutig veralten oder veraltet sind, – ohne daß diese Zeit und dieses Volk sich gerade dessen zu schämen hätten! Denn jene sind vor den Stärken dieser Zeit zurückgewichen – man überlege es sich nur mit aller Billigkeit! – Von Goethe, wie angedeutet, sehe ich ab, er gehört in eine höhere Gattung von Litteraturen, als »National-Litteraturen« sind: deshalb steht er auch zu seiner Nation weder im Verhältnis des Lebens, noch des Neuseins, noch des Veraltens. Nur für Wenige hat er gelebt und lebt er noch: für die Meisten ist er Nichts als eine Fanfare der Eitelkeit, welche man von Zeit zu Zeit über die deutsche Grenze hinüberbläst. Goethe, nicht nur ein guter und großer Mensch, sondern eine Cultur , Goethe ist in der Geschichte der Deutschen ein Zwischenfall ohne Folgen: wer wäre im Stande, in der deutschen Politik der letzten 70 Jahre zum Beispiel ein Stück Goethe aufzuzeigen! (während jedenfalls darin ein Stück Schiller, und vielleicht sogar ein Stückchen Lessing thätig gewesen ist). Aber jene andern Fünf! Klopstock veraltete schon bei Lebzeiten auf eine sehr ehrwürdige Weise; und so gründlich, daß das nachdenkliche Buch seiner späteren Jahre, die Gelehrten-Republik, wohl bis heutigen Tag von Niemandem ernst genommen worden ist. Herder hatte das Unglück, daß seine Schriften immer entweder neu oder veraltet waren; für die feineren und stärkeren Köpfe (wie für Lichtenberg) war zum Beispiel selbst Herder's Hauptwerk, seine Ideen zur Geschichte der Menschheit, sofort beim Erscheinen etwas Veraltetes. Wieland, der reichlich gelebt und zu leben gegeben hat, kam als ein kluger Mann dem Schwinden seines Einflusses durch den Tod zuvor, Lessing lebt vielleicht heute noch, – aber unter jungen und immer jüngeren Gelehrten! Und Schiller ist jetzt aus den Händen der Jünglinge in die der Knaben, aller deutschen Knaben gerathen! Es ist ja eine bekannte Art des Veraltens, daß ein Buch zu immer unreiferen Lebensaltern hinabsteigt. – Und was hat diese Fünf zurückgedrängt, so daß gut unterrichtete und arbeitsame Männer sie nicht mehr lesen? Der bessere Geschmack, das bessere Wissen, die bessere Achtung vor dem Wahren und Wirklichen: also lauter Tugenden, welche gerade durch jene Fünf (und durch zehn und zwanzig Andere weniger lauten Namens) erst wieder in Deutschland angepflanzt worden sind, und welche jetzt als hoher Wald über ihren Gräbern neben dem Schatten der Ehrfurcht auch etwas vom Schatten der Vergessenheit breiten. – Aber Classiker sind nicht Anpflanzer von intellektuellen und litterarischen Tugenden, sondern Vollender und höchste Lichtspitzen derselben, welche über den Völkern stehen bleiben, wenn diese selber zu Grunde gehen: denn sie sind leichter, freier, reiner als sie. Es ist ein hoher Zustand der Menschheit möglich, wo das Europa der Völker eine dunkle Vergessenheit ist, wo Europa aber noch in dreißig sehr alten, nie veralteten Büchern lebt : in den Classikern.   126. Interessant, aber nicht schön . – Diese Gegend verbirgt ihren Sinn, aber sie hat einen, den man errathen möchte: wohin ich sehe, lese ich Worte und Winke zu Worten, aber ich weiß nicht, wo der Satz beginnt, der das Räthsel aller dieser Winke löst, und werde zum Wendehals darüber, zu untersuchen, ob von hier oder von dort aus zu lesen ist.   127. Gegen die Sprach-Neuerer . – In der Sprache neuern oder alterthümeln, das Seltene und Fremdartige vorziehen, auf Reichthum des Wortschatzes statt auf Beschränkung trachten, ist immer ein Zeichen des ungereiften oder verderbten Geschmacks. Eine edele Armut, aber innerhalb des unscheinbaren Besitzes eine meisterliche Freiheit zeichnet die griechischen Künstler der Rede aus: sie wollen weniger haben, als das Volk hat – denn dieses ist am reichsten in Altem und Neuem – aber sie wollen dies Wenige besser haben. Man ist schnell mit dem Aufzählen ihrer Archaismen und Fremdartigkeiten fertig, aber kommt nicht zu Ende im Bewundern, wenn man für die leichte und zarte Art ihres Verkehrs mit dem Alltäglichen und scheinbar längst Verbrauchten in Worten und Wendungen ein gutes Auge hat.   128. Die traurigen und die ernsten Autoren . – Wer zu Papier bringt, was er leidet , wird ein trauriger Autor: aber ein ernster , wenn er uns sagt, was er litt und weshalb er jetzt in der Freude ausruht.   129. Gesundheit des Geschmacks . – Wie kommt es, daß die Gesundheiten nicht so ansteckend sind wie die Krankheiten – überhaupt, und namentlich im Geschmack? oder giebt es Epidemien der Gesundheit? –   130. Vorsatz . – Kein Buch mehr lesen, das zu gleicher Zeit geboren und (mit Tinte) getauft wurde.   131. Den Gedanken verbessern . – Den Stil verbessern – das heißt den Gedanken verbessern, und gar Nichts weiter! – Wer dies nicht sofort zugiebt, ist auch nie davon zu überzeugen.   132. Classische Bücher . – Die schwächste Seite jedes classischen Buches ist die, daß es zu sehr in der Muttersprache seines Autors geschrieben ist.   133. Schlechte Bücher . – Das Buch soll nach Feder, Tinte und Schreibtisch verlangen: aber gewöhnlich verlangen Feder, Tinte und Schreibtisch nach dem Buche. Deshalb ist es jetzt so wenig mit Büchern.   134. Sinnesgegenwart . – Das Publikum wird, wenn es über Gemälde nachdenkt, dabei zum Dichter, und wenn es über Gedichte nachdenkt, zum Forscher. Im Augenblick, da der Künstler es anruft, fehlt es ihm immer am rechten Sinn, nicht also an der Geistes-, sondern an der Sinnesgegenwart.   135. Gewählte Gedanken . – Der gewählte Stil einer bedeutenden Zeit wählt nicht nur die Worte, sondern auch die Gedanken aus, – und zwar Beide aus dem Üblichen und Herrschenden : die gewagten und allzufrisch riechenden Gedanken sind dem reiferen Geschmack nicht minder zuwider als die neuen tollkühnen Bilder und Ausdrücke. Später riecht Beides – der gewählte Gedanke und das gewählte Wort – leicht nach Mittelmäßigkeit, weil der Geruch des Gewählten sich schnell verflüchtigt und dann nur noch das Übliche und Alltägliche daran geschmeckt wird.   136. Hauptgrund der Verderbniß des Stils . – Mehr Empfindung für eine Sache zeigen wollen, als man wirklich hat , verdirbt den Stil , in der Sprache und in allen Künsten. Vielmehr hat alle große Kunst die umgekehrte Neigung: sie liebt es, gleich jedem sittlich bedeutenden Menschen, das Gefühl auf seinem Wege anzuhalten und nicht ganz an's Ende laufen zu lassen. Diese Scham der halben Gefühls-Sichtbarkeit ist zum Beispiel bei Sophokles auf das Schönste zu beobachten; und es scheint die Züge der Empfindung zu verklären, wenn diese sich selber nüchterner giebt, als sie ist.   137. Zur Entschuldigung der schwerfälligen Stilisten . – Das Leicht-Gesagte fällt selten so schwer in's Gehör, als die Sache wirklich wiegt – das liegt aber an den schlecht geschulten Ohren, welche aus der Erziehung durch Das, was man bisher Musik nannte, in die Schule der höheren Tonkunst, das heißt der Rede , übergehen müssen.   138. Vogelperspektive . – Hier stürzen Wildwasser von mehreren Seiten einem Schlunde zu: ihre Bewegung ist so stürmisch und reißt das Auge so mit sich fort, daß die kahlen und bewaldeten Gebirgshänge ringsum nicht abzusinken, sondern wie hinabzufliehen scheinen. Man wird beim Anblick angstvoll gespannt, als ob etwas Feindseliges hinter Alledem verborgen liege, vor dem Alles flüchten müsse, und gegen das uns der Abgrund Schutz verliehe. Diese Gegend ist gar nicht zu malen, es sei denn, daß man wie ein Vogel in der freien Luft über ihr schwebe. Hier ist einmal die sogenannte Vogelperspektive nicht eine künstlerische Willkür, sondern die einzige Möglichkeit.   139. Gewagte Vergleichungen . – Wenn die gewagten Vergleichungen nicht Beweise vom Muthwillen des Schriftstellers sind, so sind sie Beweise seiner ermüdeten Phantasie. In jedem Falle aber sind sie Beweise seines schlechten Geschmackes.   140. In Ketten tanzen . – Bei jedem griechischen Künstler, Dichter und Schriftsteller ist zu fragen: welches ist der neue Zwang , den er sich auferlegt und den er seinen Zeitgenossen reizvoll macht (sodaß er Nachahmer findet)? Denn was man »Erfindung« (im Metrischen zum Beispiel) nennt, ist immer eine solche selbstgelegte Fessel. »In Ketten tanzen«, es sich schwer machen und dann die Täuschung der Leichtigkeit darüber breiten, – das ist das Kunststück, welches sie uns zeigen wollen. Schon bei Homer ist eine Fülle von vererbten Formeln und epischen Erzählungsgesetzen wahrzunehmen, innerhalb deren er tanzen mußte: und er selber schuf neue Conventionen für die Kommenden hinzu. Dies war die Erziehungs-Schule der griechischen Dichter: zuerst also einen vielfältigen Zwang sich auferlegen lassen, durch die früheren Dichter; sodann einen neuen Zwang hinzuerfinden, ihn sich auferlegen und ihn anmuthig besiegen: so daß Zwang und Sieg bemerkt und bewundert werden.   141. Fülle der Autoren . – Das Letzte, was ein guter Autor bekommt, ist Fülle; wer sie mitbringt, wird nie ein guter Autor werden. Die edelsten Rennpferde sind mager, bis sie von ihren Siegen ausruhen dürfen.   142. Keuchende Helden . – Dichter und Künstler, die an Engbrüstigkeit des Gefühls leiden, lassen ihre Helden am meisten keuchen: sie verstehen sich auf das leichte Athmen nicht.   143. Der Halb-Blinde . – Der Halb-Blinde ist der Todfeind aller Autoren, welche sich gehen lassen. Diese sollten seinen Ingrimm kennen, mit dem er ein Buch zuschlägt, aus welchem er merkt, daß sein Verfasser fünfzig Seiten braucht, um fünf Gedanken mitzutheilen: jenen Ingrimm darüber, den Rest seiner Augen fast ohne Entgelt in Gefahr gebracht zu haben. – Ein Halb-Blinder sagte: alle Autoren haben sich gehen lassen. – »Auch der heilige Geist?« – Auch der heilige Geist. Aber der durfte es; er schrieb für die Ganz-Blinden.   144. Der Stil der Unsterblichkeit . – Thukydides sowohl wie Tacitus – Beide haben beim Ausarbeiten ihrer Werke an eine unsterbliche Dauer derselben gedacht: dies würde, wenn man es sonst nicht wüßte, schon aus ihrem Stile zu errathen sein. Der Eine glaubte seinen Gedanken durch Einsalzen, der Andre durch Einkochen Dauerhaftigkeit zu geben; und Beide, scheint es, haben sich nicht verrechnet.   145. Gegen Bilder und Gleichnisse . – Mit Bildern und Gleichnissen überzeugt man, aber beweist nicht. Deshalb hat man innerhalb der Wissenschaft eine solche Scheu vor Bildern und Gleichnissen; man will hier gerade das Überzeugende, das Glaublich -Machende nicht und fordert vielmehr das kälteste Mißtrauen auch schon durch die Ausdrucksweise und die kahlen Wände heraus: weil das Mißtrauen der Prüfstein für das Gold der Gewißheit ist.   146. Vorsicht . – Wem es an gründlichem Wissen gebricht, der mag sich in Deutschland ja hüten, zu schreiben. Denn der gute Deutsche sagt da nicht: »er ist unwissend«, sondern: »er ist von zweifelhaftem Charakter«. – Dieser übereilte Schluß macht übrigens den Deutschen alle Ehre.   147. Bemalte Gerippe . – Bemalte Gerippe: das sind jene Autoren, welche Das, was ihnen an Fleisch abgeht, durch künstliche Farben ersetzen möchten.   148. Der großartige Stil und das Höhere . – Man lernt es schneller großartig schreiben, als leicht und schlicht schreiben. Die Gründe davon verlieren sich in's Moralische.   149. Sebastian Bach . – Sofern man Bach's Musik nicht als vollkommener und gewitzigter Kenner des Contrapunktes und aller Arten des fugirten Stiles hört, und demgemäß des eigentlichen artistischen Genusses entrathen muß, wird es uns als Hörern seiner Musik zu Muthe sein (um uns grandios mit Goethe auszudrücken), als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf . Das heißt: wir fühlen, daß hier etwas Großes im Werden ist, aber noch nicht ist : unsere große moderne Musik. Sie hat schon die Welt überwunden, dadurch, daß sie die Kirche, die Nationalitäten und den Contrapunkt überwand. In Bach ist noch zu viel crude Christlichkeit, crudes Deutschthum, crude Scholastik; er steht an der Schwelle der europäischen (modernen) Musik, aber schaut sich von hier nach dem Mittelalter um.   150. Händel . – Händel, im Erfinden seiner Musik kühn, neuerungssüchtig, wahrhaft, gewaltig, dem Heroischen zugewandt und verwandt, dessen ein Volk fähig ist, – wurde bei der Ausarbeitung oft befangen und kalt, ja an sich selber müde; da wendete er einige erprobte Methoden der Durchführung an, schrieb schnell und viel und war froh, wenn er fertig war, – aber nicht in der Art froh, wie es Gott und andere Schöpfer am Abende ihres Werktags gewesen sind.   151. Haydn . – Soweit sich Genialität mit einem schlechthin guten Menschen verbinden kann, hat Haydn sie gehabt. Er geht gerade bis an die Grenze, welche die Moralität dem Intellekt zieht; er macht lauter Musik, die »keine Vergangenheit« hat.   152. Beethoven und Mozart . – Beethoven's Musik erscheint häufig wie eine tiefbewegte Betrachtung beim unerwarteten Wiederhören eines längst verloren geglaubten Stückes »Unschuld in Tönen«: es ist Musik über Musik. Im Liede der Bettler und Kinder auf der Gasse, bei den eintönigen Weisen wandernder Italiäner, beim Tanze in der Dorfschenke oder in den Nächten des Carnevals, – da entdeckt er seine »Melodien«: er trägt sie wie eine Biene zusammen, indem er bald hier bald dort einen Laut, eine kurze Folge erhascht. Es sind ihm verklärte Erinnerungen aus der »besseren Welt«: ähnlich wie Plato es sich von den Ideen dachte. – Mozart steht ganz anders zu seinen Melodien: er findet seine Inspirationen nicht beim Hören von Musik, sondern im Schauen des Lebens, des bewegtesten südländischen Lebens: er träumte immer von Italien, wenn er nicht dort war.   153. Recitativ . – Ehemals war das Recitativ trocken; jetzt leben wir in der Zeit des nassen Recitativs ; es ist in's Wasser gefallen, und die Wellen reißen es, wohin sie wollen.   154. »Heitere« Musik . – Hat man lange die Musik entbehrt, so geht sie nachher wie ein schwerer Südwein allzuschnell in's Blut und hinterläßt eine narkotisch betäubte, halbwache, schlaf-sehnsüchtige Seele; namentlich thut dies gerade die heitere Musik, welche zusammen Bitterkeit und Verwundung, Überdruß und Heimweh giebt und Alles wie in einem verzuckerten Giftgetränk wieder und wieder zu schlürfen nöthigt. Dabei scheint der Saal der heiter rauschenden Freude sich zu verengern, das Licht an Helle zu verlieren und bräuner zu werden: zuletzt ist es Einem zu Muthe, als ob die Musik wie in ein Gefängniß hineinklinge, wo ein armer Mensch vor Heimweh nicht schlafen kann.   155. Franz Schubert . – Franz Schubert, ein geringerer Artist als die andern großen Musiker, hatte doch von Allen den größten Erbreichthum an Musik. Er verschwendete ihn mit voller Hand und aus gütigem Herzen: so daß die Musiker noch ein paar Jahrhunderte an seinen Gedanken und Einfällen zu zehren haben werden. In seinen Werken haben wir einen Schatz von unverbrauchten Erfindungen; Andre werden ihre Größe im Verbrauchen haben. – Dürfte man Beethoven den idealen Zuhörer eines Spielmannes nennen, so hätte Schubert darauf ein Anrecht, selber der ideale Spielmann zu heißen.   156. Modernster Vortrag der Musik . – Der große tragisch-dramatische Vortrag in der Musik bekommt seinen Charakter durch Nachahmung der Gebärden des großen Sünders , wie ihn das Christenthum sich denkt und wünscht: des langsam Schreitenden, leidenschaftlich Grübelnden, des von Gewissensqual Hin- und Hergeworfenen, des entsetzt Fliehenden, des entzückt Haschenden, des verzweifelt Stillestehenden – und was sonst Alles die Merkmale des großen Sünderthums sind. Nur unter der Voraussetzung des Christen, daß alle Menschen große Sünder sind und gar Nichts thun, als sündigen, ließe es sich rechtfertigen, jenen Stil des Vortrags auf alle Musik anzuwenden: insofern die Musik das Abbild alles menschlichen Thun und Treibens wäre, und als solches die Gebärdensprache des großen Sünders fortwährend zu sprechen hätte. Ein Zuhörer, der nicht genug Christ wäre, um diese Logik zu verstehen, dürfte freilich bei einem solchen Vortrage erschreckt ausrufen: »Um des Himmels willen, wie ist denn die Sünde in die Musik gekommen!«   157. Felix Mendelssohn . – Felix Mendelssohn's Musik ist die Musik des guten Geschmacks an allem Guten, was dagewesen ist: sie weist immer hinter sich. Wie könnte sie viel »Vor-sich«, viel Zukunft haben! – Aber hat er sie denn haben wollen ? Er besaß eine Tugend, die unter Künstlern selten ist, die der Dankbarkeit ohne Nebengedanken: auch diese Tugend weist immer hinter sich.   158. Eine Mutter der Künste . – In unserem skeptischen Zeitalter gehört zur eigentlichen Devotion fast ein brutaler Heroismus des Ehrgeizes ; das fanatische Augenschließen und Kniebeugen genügt nicht mehr. Wäre es nicht möglich, daß der Ehrgeiz, in der Devotion der Letzte für alle Zeiten zu sein, der Vater einer letzten katholischen Kirchenmusik würde, wie er schon der Vater des letzten kirchlichen Baustils gewesen ist? (Man nennt ihn Jesuitenstil.)   159. Freiheit in Fesseln – eine fürstliche Freiheit . – Der letzte der neueren Musiker, der die Schönheit geschaut und angebetet hat, gleich Leopardi, der Pole Chopin, der Unnachahmliche – alle vor und nach ihm Gekommenen haben auf dies Beiwort kein Anrecht – Chopin hatte dieselbe fürstliche Vornehmheit der Convention, welche Raffael im Gebrauche der herkömmlichsten einfachsten Farben zeigt, – aber nicht in Bezug auf Farben, sondern auf die melodischen und rhythmischen Herkömmlichkeiten. Diese ließ er gelten, als geboren in der Etiquette , aber wie der freieste und anmuthigste Geist in diesen Fesseln spielend und tanzend – und zwar ohne sie zu verhöhnen.   160. Chopin's Barcarole . – Fast alle Zustände und Lebensweisen haben einen seligen Moment. Den wissen die guten Künstler herauszufischen. So hat einen solchen selbst das Leben am Strande, das so langweilige, schmutzige, ungesunde, in der Nähe des lärmendsten und habgierigsten Gesindels sich abspinnende; – diesen seligen Moment hat Chopin, in der Barcarole, so zum Ertönen gebracht, daß selbst Götter dabei gelüsten könnte, lange Sommerabende in einem Kahne zu liegen.   161. Robert Schumann . – Der »Jüngling«, wie ihn die romantischen Liederdichter Deutschland's und Frankreich's um das erste Drittel dieses Jahrhunderts träumten, – dieser Jüngling ist vollständig in Sang und Ton übersetzt worden – durch Robert Schumann, den ewigen Jüngling, so lange er sich in voller eigner Kraft fühlte: es giebt freilich Momente, in denen seine Musik an die ewige »alte Jungfer« erinnert.   162. Die dramatischen Sänger . – »Warum singt dieser Bettler?« – Er versteht wahrscheinlich nicht zu jammern. – »Dann thut er Recht: aber unsere dramatischen Sänger, welche jammern, weil sie nicht zu singen verstehen – thun sie auch das Rechte?«   163. Dramatische Musik . – Für Den, welcher nicht sieht, was auf der Bühne vorgeht, ist die dramatische Musik ein Unding; so gut der fortlaufende Commentar zu einem verloren gegangenen Texte ein Unding ist. Sie verlangt ganz eigentlich, daß man auch die Ohren dort habe, wo die Augen stehen; damit ist aber an Euterpe Gewalt geübt: diese arme Muse will, daß man ihre Augen und Ohren dort stehen lasse, wo alle anderen Musen sie auch haben.   164. Sieg und Vernünftigkeit . – Leider entscheidet auch bei den aesthetischen Kriegen, welche Künstler mit ihren Werken und deren Schutzreden erregen, zuletzt die Kraft und nicht die Vernunft. Jetzt nimmt alle Welt als historische Thatsache an, daß Gluck im Kampfe mit Piccini Recht gehabt habe: jedenfalls hat er gesiegt ; die Kraft stand auf seiner Seite.   165. Vom Principe des Vortrags in der Musik . – Glauben denn wirklich die jetzigen Künstler des musikalischen Vortrags, das höchste Gebot ihrer Kunst sei, jedem Stück so viel Hochrelief zu geben, als nur möglich ist, und es um jeden Preis eine dramatische Sprache reden zu lassen? Ist dies, zum Beispiel auf Mozart angewendet, nicht ganz eigentlich eine Sünde wider den Geist, den heiteren, sonnigen, zärtlichen, leichtsinnigen Geist Mozart's, dessen Ernst ein gütiger und nicht ein furchtbarer Ernst ist, dessen Bilder nicht aus der Wand herausspringen wollen, um die Anschauenden in Entsetzen und Flucht zu jagen. Oder meint ihr, Mozartische Musik sei gleichbedeutend mit »Musik des steinernen Gastes«? Und nicht nur Mozartische, sondern alle Musik? – Aber ihr entgegnet, die größere Wirkung spreche zu Gunsten eures Princips – und ihr hättet Recht, wofern nicht die Gegenfrage übrig bliebe, auf wen da gewirkt worden sei, und auf wen ein vornehmer Künstler überhaupt nur wirken wollen dürfe ! Niemals auf das Volk! Niemals auf die Unreifen! Niemals auf die Empfindsamen! Niemals auf die Krankhaften! Vor Allem aber: niemals auf die Abgestumpften!   166. Musik von Heute . – Diese modernste Musik, mit ihren starken Lungen und schwachen Nerven, erschrickt immer zuerst vor sich selber.   167. Wo die Musik heimisch ist . – Die Musik erlangt ihre große Macht nur unter Menschen, welche nicht diskutiren können oder dürfen. Ihre Förderer ersten Ranges sind deshalb Fürsten, welche wollen, daß in ihrer Nähe nicht viel kritisirt, ja nicht einmal viel gedacht werde; sodann Gesellschaften, welche, unter irgend einem Drucke (einem fürstlichen oder religiösen) sich an das Schweigen gewöhnen müssen, aber um so stärkere Zaubermittel gegen die Langeweile des Gefühls suchen (gewöhnlich die ewige Verliebtheit und die ewige Musik); drittens ganze Völker, in denen es keine »Gesellschaft« giebt, aber um so mehr Einzelne mit einem Hang zur Einsamkeit, zu halbdunklen Gedanken und zur Verehrung alles Unaussprechlichen: es sind die eigentlichen Musikseelen. – Die Griechen, als ein red- und streitlustiges Volk, haben deshalb die Musik nur als Zukost zu Künsten vertragen, über welche sich wirklich streiten und reden läßt: während über die Musik sich kaum reinlich denken läßt. Die Pythagoreer, jene Ausnahme-Griechen in vielen Stücken, waren, wie verlautet, auch große Musiker: dieselben, welche das fünfjährige Schweigen, aber nicht die Dialektik erfunden haben.   168. Sentimentalität in der Musik . – Man sei der ernsten und reichen Musik noch so gewogen, um so mehr vielleicht wird man in einzelnen Stunden von dem Gegenstück derselben überwunden, bezaubert und fast hinweggeschmolzen: ich meine: von jenen allereinfachsten italiänischen Opern-Melismen, welche, trotz aller rhythmischen Einförmigkeit und harmonischen Kinderei, uns mitunter wie die Seele der Musik selber anzusingen scheinen. Gebt es zu oder nicht, ihr Pharisäer des guten Geschmacks: es ist so, und mir liegt jetzt daran, dieses Räthsel, daß es so ist, zum Rathen aufzugeben und selber ein Wenig daran herumzurathen. – Als wir noch Kinder waren, haben wir den Honigseim vieler Dinge zum ersten Mal gekostet, niemals wieder war der Honig so gut wie damals, er verführte zum Leben, zum längsten Leben, in der Gestalt des ersten Frühlings, der ersten Blumen, der ersten Schmetterlinge, der ersten Freundschaft. Damals – es war vielleicht um das neunte Jahr unseres Lebens – hörten wir die erste Musik, und das war die, welche wir zuerst verstanden , die einfachste und kindlichste also, welche nicht viel mehr als ein Weiterspinnen des Ammenliedes und der Spielmannsweise war. (Man muß nämlich auch für die geringsten »Offenbarungen« der Kunst erst vorbereitet und eingelernt werden: es giebt durchaus keine »unmittelbare« Wirkung der Kunst, so schön auch die Philosophen davon gefabelt haben.) An jene eisten musikalischen Entzückungen – die stärksten unseres Lebens – knüpft unsere Empfindung an, wenn wir jene italiänischen Melismen hören: die Kindes-Seligkeit und der Verlust der Kindheit, das Gefühl des Unwiederbringlichsten als des köstlichsten Besitzes – das rührt dabei die Saiten unsrer Seele an, so stark wie es die reichste und ernsteste Gegenwart der Kunst allein nicht vermag. – Diese Mischung aesthetischer Freude mit einem moralischen Kummer, welche man gemeinhin jetzt »Sentimentalität« zu nennen pflegt, etwas gar zu hoffährtig, wie mir scheint – es ist die Stimmung Faustens am Schlusse der ersten Scene – diese »Sentimentalität« der Hörenden kommt der italiänischen Musik zu Gute, welche sonst die erfahrenen Feinschmecker der Kunst, die reinen »Aesthetiker«, zu ignoriren lieben. – Übrigens wirkt fast jede Musik erst von da an zauberhaft , wo wir aus ihr die Sprache der eigenen Vergangenheit reden hören: und insofern scheint dem Laien alle alte Musik immer besser zu werden, und alle eben geborene nur wenig werth zu sein: denn sie erregt noch keine »Sentimentalität«, welche, wie gesagt, das wesentlichste Glücks-Element der Musik für Jeden ist, der nicht rein als Artist sich an dieser Kunst zu freuen vermag.   169. Als Freunde der Musik .– Zuletzt sind und bleiben wir der Musik gut, wie wir dem Mondlicht gut bleiben. Beide wollen ja nicht die Sonne verdrängen, – sie wollen nur, so gut sie es können, unsere Nächte erhellen. Aber nicht wahr? scherzen und lachen dürfen wir trotzdem über sie? Ein Wenig wenigstens? Und von Zeit zu Zeit? Über den Mann im Monde! Über das Weib in der Musik!   170. Die Kunst in der Zeit der Arbeit . – Wir haben das Gewissen eines arbeitsamen Zeitalters: dies erlaubt uns nicht, die besten Stunden und Vormittage der Kunst zu geben, und wenn diese Kunst selber die größte und würdigste wäre. Sie gilt uns als Sache der Muße, der Erholung: wir weihen ihr die Reste unserer Zeit, unserer Kräfte. – Dies ist die allgemeinste Thatsache, durch welche die Stellung der Kunst zum Leben verändert ist: sie hat, wenn sie ihre großen Zeit- und Kraft-Ansprüche an die Kunst-Empfangenden macht, das Gewissen der Arbeitsamen und Tüchtigen gegen sich, sie ist aus die Gewissenlosen und Lässigen angewiesen, welche aber, ihrer Natur nach, gerade der großen Kunst nicht zugethan sind und ihre Ansprüche als An- Maaßungen empfinden. Es dürfte deshalb mit ihr zu Ende sein, weil ihr die Luft und der freie Athem fehlt: oder – die große Kunst versucht, in einer Art Vergröberung und Verkleidung, in jener anderen Luft heimisch zu werden (mindestens es in ihr auszuhalten), die eigentlich nur für die kleine Kunst, für die Kunst der Erholung, der ergötzlichen Zerstreuung das natürliche Element ist. Dies geschieht jetzt allerwärts; auch die Künstler der großen Kunst versprechen Erholung und Zerstreuung, auch sie wenden sich an den Ermüdeten, auch sie bitten ihn um die Abendstunden seines Arbeitstages, – ganz wie die unterhaltenden Künstler, welche zufrieden sind, gegen den schweren Ernst der Stirnen, das Versunkene der Augen einen Sieg errungen zu haben. Welches ist nun der Kunstgriff ihrer größeren Genossen? Diese haben in ihren Büchsen die gewaltsamsten Erregungsmittel, bei denen selbst der Halbtodte noch zusammenschrecken muß; sie haben Betäubungen, Berauschungen, Erschütterungen, Thränenkrämpfe: mit diesen überwältigen sie den Ermüdeten und bringen ihn in eine übernächtige Überlebendigkeit, in ein Außer-sich-sein des Entzückens und des Schreckens. Dürfte man, wegen der Gefährlichkeit ihrer Mittel, der großen Kunst, wie sie jetzt, als Oper, Tragödie und Musik, lebt, – dürfte man ihr als einer arglistigen Sünderin zürnen? Gewiß nicht: sie lebte ja selber hundertmal lieber in dem reinen Element der morgendlichen Stille und wendete sich an die erwartenden, unverbrauchten, kraftgefüllten Morgen-Seelen der Zuschauer und Zuhörer. Danken wir ihr, daß sie es vorzieht, so zu leben, als davonzufliehen: aber gestehen wir uns auch ein, daß für ein Zeitalter, welches einmal wieder freie, volle Fest« und Freudentage in das Leben einführt, unsere große Kunst unbrauchbar sein wird.   171. Die Angestellten der Wissenschaft und die Anderen . – Die eigentlich tüchtigen und erfolgreichen Gelehrten könnte man insgesammt als »Angestellte« bezeichnen. Wenn, in jungen Jahren, ihr Scharfsinn hinreichend geübt, ihr Gedächtniß gefüllt ist, wenn Hand und Auge Sicherheit gewonnen haben, so werden sie von einem älteren Gelehrten auf eine Stelle der Wissenschaft angewiesen, wo ihre Eigenschaften Nutzen bringen können; späterhin, nachdem sie selber den Blick für die lückenhaften und schadhaften Stellen ihrer Wissenschaft erlangt haben, stellen sie sich von selber dorthin, wo sie noth thun. Diese Naturen allesammt sind um der Wissenschaft willen da: aber es giebt seltnere, selten gelingende und völlig ausreifende Naturen, »um derentwillen die Wissenschaft da ist« – wenigstens scheint es ihnen selber so –: oft unangenehme, oft eingebildete, oft querköpfige, fast immer aber bis zu einem Grade zauberhafte Menschen. Sie sind nicht Angestellte, und auch nicht Ansteller, sie bedienen sich dessen, was von Jenen erarbeitet und sichergestellt worden ist, in einer gewissen fürstenhaften Gelassenheit und mit geringem und seltenem Lobe: gleichsam als ob Jene einer niedrigern Gattung von Wesen angehörten. Und doch haben sie eben nur die gleichen Eigenschaften, wodurch diese Anderen sich auszeichnen, und diese mitunter sogar ungenügender entwickelt: obendrein ist ihnen eine Beschränktheit eigenthümlich, die Jenen fehlt, um derentwegen es unmöglich ist, sie an einen Posten zu stellen und in ihnen nützliche Werkzeuge zu sehen, – sie können nur in ihrer eigenen Luft , auf eigenem Boden leben. Diese Beschränktheit giebt ihnen ein, was Alles von einer Wissenschaft »zu ihnen gehöre«, das heißt, was sie in ihre Luft und Wohnung heimtragen können; sie wähnen immer ihr zerstreutes »Eigenthum« zu sammeln. Verhindert man sie, an ihrem eigenen Neste zu bauen, so gehen sie wie obdachlose Vögel zu Grunde; Unfreiheit ist für sie Schwindsucht. Pflegen sie einzelne Gegenden der Wissenschaft in der Art jener Anderen, so sind es doch immer nur solche, wo gerade die ihnen nöthigen Früchte und Samen gedeihen; was geht es sie an, ob die Wissenschaft, im Ganzen gesehen, unangebaute oder schlecht gepflegte Gegenden hat? Es fehlt ihnen jede unpersönliche Theilnahme an einem Problem der Erkenntniß; wie sie selber durch und durch Person sind, so wachsen auch alle ihre Einsichten und Kenntnisse wieder zu einer Person zusammen, zu einem lebendigen Vielfachen, dessen einzelne Theile von einander abhängen, in einander greifen, gemeinsam ernährt werden, das als Ganzes eine eigne Luft und einen eignen Geruch hat. – Solche Naturen bringen, mit diesen ihren personenhaften Erkenntniß-Gebilden, jene Täuschung hervor, daß eine Wissenschaft (oder gar die ganze Philosophie) fertig sei und am Ziele stehe; das Leben in ihrem Gebilde übt diesen Zauber aus: als welcher zu Zeiten sehr verhängnißvoll für die Wissenschaft und irreführend für jene vorhin beschriebenen, eigentlich tüchtigen Arbeiter des Geistes gewesen ist, zu andern Zeiten wiederum, als die Dürre und die Ermattung herrschten, wie ein Labsal und gleich dem Anhauche einer kühlen, erquicklichen Raststätte gewirkt hat. – Gewöhnlich nennt man solche Menschen Philosophen .   172. Anerkennung des Talents . – Als ich durch das Dorf S. gieng, fieng ein Knabe aus Leibeskräften an, mit der Peitsche zu knallen, – er hatte es schon weit in dieser Kunst gebracht und wußte es. Ich warf ihm einen Blick der Anerkennung zu, – im Grunde that mir's bitter wehe . – So machen wir es bei der Anerkennung vieler Talente. Wir thun ihnen wohl, wenn sie uns wehe thun.   173. Lachen und Lächeln . – Je freudiger und sicherer der Geist wird, umsomehr verlernt der Mensch das laute Gelächter; dagegen quillt ihm ein geistiges Lächeln fortwährend auf, ein Zeichen seines Verwunderns über die zahllosen versteckten Annehmlichkeiten des guten Daseins.   174. Unterhaltung der Kranken . – Wie man bei seelischem Kummer sich die Haare rauft, sich vor die Stirn schlägt, die Wange zerfleischt oder gar wie Ödipus die Augen ausbohrt: so ruft man gegen heftige körperliche Schmerzen mitunter eine heftige bittere Empfindung zu Hülfe, durch Erinnerung an Verleumder und Verdächtiger, durch Verdüsterung unserer Zukunft, durch Bosheiten und Dolchstiche, welche man im Geiste gegen Abwesende schleudert. Und es ist bisweilen dabei wahr: daß ein Teufel den andern austreibt, – aber man hat dann den andern. – Darum sei den Kranken jene andere Unterhaltung anempfohlen, bei der sich die Schmerzen zu mildern scheinen: über Wohlthaten und Artigkeiten nachzudenken, welche man Freund und Feind erweisen kann.   175. Mediokrität als Maske . – Die Mediokrität ist die glücklichste Maske, die der überlegene Geist tragen kann, weil sie die große Menge, das heißt die Mediokren, nicht an Maskirung denken läßt –: und doch nimmt er sie gerade ihretwegen vor,– um sie nicht zu reizen, ja nicht selten aus Mitleid und Güte.   176. Die Geduldigen . – Die Pinie scheint zu horchen, die Tanne zu warten: und beide ohne Ungeduld: – sie denken nicht an den kleinen Menschen unter sich, den seine Ungeduld und seine Neugierde auffressen.   177. Die besten Scherze . – Der Scherz ist mir am willkommensten, der an Stelle eines schweren, nicht unbedenklichen Gedankens steht, zugleich als Wink mit dem Finger und Blinzeln des Auges.   178. Zubehör aller Verehrung . – Überall, wo die Vergangenheit verehrt wird, soll man die Säuberlichen und Säubernden nicht einlassen. Der Pietät wird ohne ein wenig Staub, Unrath und Unflath nicht wohl.   179. Die große Gefahr der Gelehrten . – Gerade die tüchtigsten und gründlichsten Gelehrten sind in der Gefahr, ihr Lebensziel immer niedriger gesteckt zu sehen und, im Gefühle davon, in der zweiten Hälfte ihres Lebens immer mißmuthiger und unverträglicher zu werden. Zuerst schwimmen sie mit breiten Hoffnungen in ihre Wissenschaft hinein und messen sich kühnere Aufgaben zu, deren Ziele mitunter durch ihre Phantasie schon vorweggenommen werden: dann giebt es Augenblicke wie im Leben der großen entdeckenden Schiffahrer, – Wissen, Ahnung und Kraft heben einander immer höher, bis eine ferne neue Küste zum ersten Male dem Auge aufdämmert. Nun erkennt aber der strenge Mensch von Jahr zu Jahr mehr, wie viel daran gelegen ist, daß die Einzelaufgabe des Forschers so beschränkt wie möglich genommen werde, damit sie ohne Rest gelöst werden könne und jene unerträgliche Vergeudung von Kraft vermieden werde, an welcher frühere Perioden der Wissenschaft litten: alle Arbeiten wurden zehnmal gemacht, und dann hatte immer noch der Elfte das letzte und beste Wort zu sagen. Je mehr aber der Gelehrte dieses Räthsel-Lösen ohne Rest kennen lernt und übt, um so größer wird auch seine Lust daran: aber ebenso wächst auch die Strenge seiner Ansprüche in Bezug auf Das, was hier »ohne Rest« genannt ist. Er legt Alles bei Seite, was in diesem Sinne unvollständig bleiben muß, er gewinnt einen Widerwillen und eine Witterung gegen das Halb-Lösbare, – gegen Alles, was nur im Ganzen und Unbestimmteren eine Art Sicherheit ergeben kann. Seine Jugendpläne zerfallen vor seinem Blicke: kaum bleiben einige Knoten und Knötchen daraus übrig, an deren Entknüpfung jetzt der Meister seine Lust hat, seine Kraft zeigt. Und nun, mitten in dieser so nützlichen, so rastlosen Thätigkeit überfällt ihn, den Ältergewordenen, plötzlich und dann öfter wieder ein tiefer Mißmuth, eine Art Gewissens-Qual: er sieht auf sich hin, wie auf einen Verwandelten, als ob er verkleinert, erniedrigt, zum kunstfertigen Zwergen umgeschaffen wäre, er beunruhigt sich darüber, ob nicht das meisterliche Walten im Kleinen eine Bequemlichkeit sei, eine Ausflucht vor der Mahnung zur Größe des Lebens und Gestaltens. Aber er kann nicht mehr hinüber , – die Zeit ist um.   180. Die Lehrer im Zeitalter der Bücher . – Dadurch, daß die Selbst-Erziehung und Verbrüderungs-Erziehung allgemeiner wird, muß der Lehrer in seiner jetzt gewöhnlichen Form fast entbehrlich werden. Lernbegierige Freunde, die sich zusammen ein Wissen aneignen wollen, finden in unserer Zeit der Bücher einen kürzeren und natürlicheren Weg, als »Schule« und »Lehrer« sind.   181. Die Eitelkeit als die große Nützlichkeit . – Ursprünglich behandelt der starke Einzelne nicht nur die Natur, sondern auch die Gesellschaft und die schwächeren Einzelnen als Gegenstand des Raub-Baues: er nützt sie aus, so viel er kann, und geht dann weiter. Weil er sehr unsicher lebt, wechselnd zwischen Hunger und Überfluß, so tödtet er mehr Thiere, als er verzehren kann, und plündert und mißhandelt die Menschen mehr, als nöthig wäre. Seine Machtäußerung ist eine Racheäußerung zugleich gegen seinen pein- und angstvollen Zustand: sodann will er für mächtiger gelten, als er ist, und mißbraucht deshalb die Gelegenheiten: der Furchtzuwachs, den er erzeugt, ist sein Machtzuwachs. Er merkt zeitig, daß nicht Das, was er ist , sondern Das, was er gilt , ihn trägt oder niederwirft: hier ist der Ursprung der Eitelkeit . Der Mächtige sucht mit allen Mitteln Vermehrung des Glaubens an seine Macht. – Die Unterworfenen, die vor ihm zittern und ihm dienen, wissen wiederum, daß sie genau so viel werth sind, als sie ihm gelten : weshalb sie auf diese Geltung hinarbeiten und nicht auf ihre eigene Befriedigung an sich. Wir kennen die Eitelkeit nur in den abgeschwächtesten Formen, in ihren Sublimirungen und kleinen Dosen, weil wir in einem späten und sehr gemilderten Zustande der Gesellschaft leben: ursprünglich ist sie die große Nützlichkeit , das stärkste Mittel der Erhaltung. Und zwar wird die Eitelkeit um so größer sein, je klüger der Einzelne ist: weil die Vermehrung des Glaubens an Macht leichter ist, als die Vermehrung der Macht selber, aber nur für Den, der Geist hat – oder, wie es für Urzustände heißen muß, der listig und hinterhaltig ist.   182. Wetterzeichen der Cultur . – Es giebt so wenig entscheidende Wetterzeichen der Cultur, daß man froh sein muß, für seinen Haus- und Gartengebrauch wenigstens Ein untrügliches in den Händen zu haben. Um zu prüfen, ob Jemand zu uns gehört oder nicht – ich meine zu den freien Geistern –, so prüfe man seine Empfindung für das Christenthum. Steht er irgendwie anders zu ihm als kritisch , so kehren wir ihm den Rücken: er bringt uns unreine Luft und schlechtes Wetter. – Unsere Aufgabe ist es nicht mehr, solche Menschen zu lehren, was ein Scirocco-Wind ist; sie haben Mosen und die Propheten des Wetters und der Aufklärung: wollen sie diese nicht hören, so –   183. Zürnen und strafen hat seine Zeit . – Zürnen und strafen ist unser Angebinde von der Thierheit her. Der Mensch wird erst mündig, wenn er dies Wiegengeschenk den Thieren zurückgiebt. – Hier liegt einer der größten Gedanken vergraben, welche Menschen haben können, der Gedanke an einen Fortschritt aller Fortschritte. – Gehen wir einige Jahrtausende mit einander vorwärts, meine Freunde! Es ist sehr viel Freude noch den Menschen vorbehalten, wovon den Gegenwärtigen noch kein Geruch zugeweht ist! Und zwar dürfen wir uns diese Freude versprechen, ja als etwas Notwendiges verheißen und beschwören, im Fall nur die Entwicklung der menschlichen Vernunft nicht stille steht ! Einstmals wird man die logische Sünde, welche im Zürnen und Strafen, einzeln oder gesellschaftsweise geübt, verborgen liegt, nicht mehr über's Herz bringen: einstmals, wenn Herz und Kopf so nah bei einander zu wohnen gelernt haben, wie sie jetzt noch einander ferne stehen. Daß sie sich nicht mehr so ferne stehen wie ursprünglich, ist beim Blick auf den ganzen Gang der Menschheit ziemlich ersichtlich; und der Einzelne, der ein Leben innerer Arbeit zu überschauen hat, wird mit stolzer Freude sich der überwundenen Entfernung, der erreichten Annäherung bewußt werden, um darauf hin noch größere Hoffnungen wagen zu dürfen.   184. Abkunft der »Pessimisten« . – Ein Bissen guter Nahrung entscheidet oft, ob wir mit hohlem Auge oder hoffnungsreich in die Zukunft schauen: dies reicht in's Höchste und Geistigste hinauf. Die Unzufriedenheit und Welt-Schwärzerer ist dem gegenwärtigen Geschlechte von den ehemaligen Hungerleidern her vererbt . Auch unfern Künstlern und Dichtern merkt man häufig an, wenn sie selber auch noch so üppig leben, daß sie von keiner guten Herkunft sind, daß sie von unterdrückt lebenden und schlecht genährten Vorfahren Mancherlei in's Blut und Gehirn mitbekommen haben, was als Gegenstand und gewählte Farbe in ihrem Werke wieder sichtbar wird. Die Cultur der Griechen ist die der Vermögenden und zwar der Altvermögenden: sie lebten ein paar Jahrhunderte hindurch besser als wir (in jedem Sinne besser, namentlich viel einfacher in Speise und Trank): da wurden endlich die Gehirne so voll und fein zugleich, da floß das Blut so rasch hindurch, einem freudigen, hellen Weine gleich, daß das Gute und Beste bei ihnen nicht mehr düster, verzückt und gewaltsam, sondern schön und sonnenhaft heraustrat.   185. Vom vernünftigen Tode . – Was ist vernünftiger, die Maschine stillzustellen, wenn das Werk, das man von ihr verlangte, ausgeführt ist, – oder sie laufen zu lassen, bis sie von selber stille steht, das heißt bis sie verdorben ist? Ist Letzteres nicht eine Vergeudung der Unterhaltungskosten, ein Mißbrauch mit der Kraft und Aufmerksamkeit der Bedienenden? Wird hier nicht weggeworfen, was anderswo sehr noth thäte? Wird nicht selbst eine Art Mißachtung gegen die Maschinen überhaupt verbreitet, dadurch, daß viele von ihnen so nutzlos unterhalten und bedient werden? – Ich spreche vom unfreiwilligen (natürlichen) und vom freiwilligen (vernünftigen) Tode. Der natürliche Tod ist der von aller Vernunft unabhängige, der eigentlich unvernünftige Tod , bei dem die erbärmliche Substanz der Schale darüber bestimmt, wie lange der Kern bestehen soll oder nicht: bei dem also der verkümmernde, oft kranke und stumpfsinnige Gefängnißwärter der Herr ist, der den Punkt bezeichnet, wo sein vornehmer Gefangener sterben soll. Der natürliche Tod ist der Selbstmord der Natur, das heißt die Vernichtung des vernünftigen Wesens durch das unvernünftige, welches an das Erstere gebunden ist. Nur unter der religiösen Beleuchtung kann es umgekehrt erscheinen: weil dann, wie billig, die höhere Vernunft (Gottes) ihren Befehl giebt, dem die niedere Vernunft sich zu fügen hat. Außerhalb der religiösen Denkungsart ist der natürliche Tod keiner Verherrlichung werth. – Die weisheitsvolle Anordnung und Verfügung des Todes gehört in jene jetzt ganz unfaßbar und unmoralisch klingende Moral der Zukunft, in deren Morgenröthe zu blicken ein unbeschreibliches Glück sein muß.   186. Zurückbildend . – Alle Verbrecher zwingen die Gesellschaft auf frühere Stufen der Cultur zurück, als die ist, auf welcher sie gerade steht; sie wirken zurückbildend. Man denke an die Werkzeuge, welche die Gesellschaft der Nothwehr halber sich schaffen und unterhalten muß: an den verschmitzten Polizisten, den Gefängnißwärter, den Henker; man vergesse den öffentlichen Ankläger und den Advokaten nicht; endlich frage man sich, ob nicht der Richter selber und die Strafe und das ganze Gerichtsverfahren in ihrer Wirkung auf die Nicht-Verbrecher viel eher niederdrückende, als erhebende Erscheinungen sind: es wird aber nie gelingen, der Nothwehr und der Rache das Gewand der Unschuld umzulegen: und so oft man den Menschen als ein Mittel zum Zwecke der Gesellschaft benutzt und opfert, trauert alle höhere Menschlichkeit darüber.   187. Krieg als Heilmittel . – Matt und erbärmlich werdenden Völkern mag der Krieg als Heilmittel anzurathen sein, falls sie nämlich durchaus noch fortleben wollen: denn es giebt für die Völker-Schwindsucht auch eine Brutalitäts-Kur. Das ewige Leben-wollen und Nicht-sterben-können ist aber selber schon ein Zeichen von Greisenhaftigkeit der Empfindung: je voller und tüchtiger man lebt, um so schneller ist man bereit, das Leben für eine einzige gute Empfindung dahin zu geben. Ein Volk, das so lebt und empfindet, hat die Kriege nicht nöthig.   188. Geistige und leibliche Verpflanzung als Heilmittel . – Die verschiedenen Culturen sind verschiedene geistige Klimata, von denen ein jedes diesem oder jenem Organismus vornehmlich schädlich oder heilsam ist. Die Historie im Ganzen, als das Wissen um die verschiedenen Culturen, ist die Heilmittellehre , nicht aber die Wissenschaft der Heilkunst selber. Der Arzt ist erst recht noch nöthig, der sich dieser Heilmittellehre bedient, um Jeden in sein ihm gerade ersprießliches Klima zu senden – zeitweilig oder aus immer. In der Gegenwart leben, innerhalb einer einzigen Cultur, genügt nicht als allgemeines Recept, dabei würden zu viele höchst nützliche Arten von Menschen aussterben, die in ihr nicht gesund athmen können. Mit der Historie muß man ihnen Luft machen und sie zu erhalten suchen; auch die Menschen zurückgebliebener Culturen haben ihren Werth. – Dieser Kur der Geister steht zur Seite, daß die Menschheit in leiblicher Beziehung darnach streben muß, durch eine medicinische Geographie dahinterzukommen, zu welchen Entartungen und Krankheiten jede Gegend der Erde Anlaß giebt, und umgekehrt welche Heilfaktoren sie bietet: und dann müssen allmählich Völker, Familien und Einzelne so lange und so anhaltend verpflanzt werden, bis man über die angeerbten physischen Gebrechen Herr geworden ist. Die ganze Erde wird endlich eine Summe von Gesundheits-Stationen sein.   189. Der Baum der Menschheit und die Vernunft . – Das, was ihr als Übervölkerung der Erde in greisenhafter Kurzsichtigkeit fürchtet, giebt dem Hoffnungsvolleren eben die große Aufgabe in die Hand: die Menschheit soll einmal ein Baum werden, der die ganze Erde überschattet, mit vielen Milliarden von Blüthen, die alle neben einander Früchte werden sollen, und die Erde selbst soll zur Ernährung dieses Baumes vorbereitet werden. Daß der jetzige noch kleine Ansatz dazu an Saft und Kraft zunehme, daß in unzähligen Canälen der Saft zur Ernährung des Ganzen und des Einzelnen umströme – aus diesen und ähnlichen Aufgaben ist der Maßstab zu entnehmen, ob ein jetziger Mensch nützlich oder unnütz ist. Die Aufgabe ist unsäglich groß und kühn: wir Alle wollen dazu thun, daß der Baum nicht vor der Zeit verfaule! Dem historischen Kopfe gelingt es wohl, das menschliche Wesen und Treiben sich im Ganzen der Zeit so vor die Augen zu stellen, wie uns Allen das Ameisen-Wesen mit ihren kunstvoll gethürmten Haufen vor Augen steht. Oberflächlich beurtheilt, würde auch das gesammte Menschenthum gleich dem Ameisenthum von »Instinkt« reden lassen. Bei strengerer Prüfung nehmen wir wahr, wie ganze Völker, ganze Jahrhunderte sich abmühen, neue Mittel ausfindig zu machen und auszuprobiren , womit man einem großen menschlichen Ganzen und zuletzt dem großen Gesammt-Fruchtbaume der Menschheit wohlthun könne; und was auch immer bei diesem Ausprobiren die Einzelnen, die Völker und die Zeiten für Schaden leiden, durch diesen Schaden sind jedesmal Einzelne klug geworden, und von ihnen aus strömt die Klugheit langsam auf die Maßregeln ganzer Völker, ganzer Zeiten über. Auch die Ameisen irren und vergreifen sich; die Menschheit kann recht wohl durch Thorheit der Mittel verderben und verdorren, vor der Zeit, es giebt weder für Jene, noch für Diese einen sicher führenden Instinkt. Wir müssen vielmehr der großen Aufgabe in's Gesicht sehen , die Erde für ein Gewächs der größten und freudigsten Fruchtbarkeit vorzubereiten , – einer Aufgabe der Vernunft für die Vernunft!   190. Das Lob des Uneigennützigen – sein Ursprung . – Zwischen zwei nachbarlichen Häuptlingen war seit Jahren Hader: man verwüstete einander die Saaten, führte Heerden weg, brannte Häuser nieder, mit einem unentschiedenen Erfolge im Ganzen, weil ihre Macht ziemlich gleich war. Ein Dritter, der durch die abgeschlossene Lage seines Besitzthums von diesen Fehden sich fernhalten konnte, aber doch Grund hatte, den Tag zu fürchten, an dem einer dieser händelsüchtigen Nachbarn entscheidend zum Übergewicht kommen würde, trat endlich zwischen die Streitenden, mit Wohlwollen und Feierlichkeit: und im Geheimen legte er auf seinen Friedensvorschlag ein schweres Gewicht, indem er Jedem einzeln zu verstehen gab, fürderhin gegen Den, welcher sich wider den Frieden sträube, mit dem Andern gemeinsame Sache zu machen. Man kam vor ihm zusammen, man legte zögernd in seine Hand die Hände, welche bisher die Werkzeuge und allzu oft die Ursache des Hasses gewesen waren, – und wirklich, man versuchte es ernstlich mit dem Frieden. Jeder sah mit Erstaunen, wie plötzlich sein Wohlstand, sein Behagen wuchs, wie man jetzt am Nachbar einen kaufs- und verkaufsbereiten Händler, anstatt eines tückischen oder offen höhnenden Übelthäters, hatte, wie selbst, in unvorhergesehenen Nothfällen, man sich gegenseitig aus der Noth ziehen konnte, anstatt, wie es bisher geschehen, diese Noth des Nachbars auszunutzen und auf's Höchste zu steigern; ja es schien, als ob der Menschenschlag in beiden Gegenden sich seitdem verschönert hätte: denn die Augen hatten sich erhellt, die Stirnen sich entrunzelt, Allen war das Vertrauen zur Zukunft zu eigen geworden, – und Nichts ist den Seelen und Leibern der Menschen förderlicher, als dies Vertrauen. Man sah einander alle Jahre am Tage des Bündnisses wieder, die Häuptlinge sowohl wie deren Anhang: und zwar vor dem Angesicht des Mittlers, dessen Handlungsweise man, je größer der Nutzen war, den man ihr verdankte, immer mehr anstaunte und verehrte. Man nannte sie uneigennützig – man hatte den Blick viel zu fest auf den eigenen, seither eingeernteten Nutzen gerichtet, um von der Handlungsweise des Nachbars mehr zu sehen, als daß sein Zustand in Folge derselben sich nicht so verändert habe wie der eigene: er war vielmehr derselbe geblieben, und so schien es, daß Jener den Nutzen nicht im Auge gehabt habe. Zum ersten Male sagte man sich, daß die Uneigennützigkeit eine Tugend sei: gewiß mochten im Kleinen und Privaten sich oftmals bei ihnen ähnliche Dinge ereignet haben, aber man hatte das Augenmerk für diese Tugend erst, als sie zum ersten Male in ganz großer Schrift, lesbar für die ganze Gemeinde, an die Wand gemalt wurde. Erkannt als Tugenden, zu Namen gekommen, in Schätzung gebracht, zur Aneignung anempfohlen sind die moralischen Eigenschaften erst von dem Augenblicke an, da sie sichtbar über Glück und Verhängniß ganzer Gesellschaften entschieden haben: dann ist nämlich die Höhe der Empfindung und die Erregung der inneren schöpferischen Kräfte bei Vielen so groß, daß man dieser Eigenschaft Geschenke bringt, vom Besten, was Jeder hat: der Ernste legt ihr seinen Ernst zu Füßen, der Würdige seine Würde, die Frauen ihre Milde, die Jünglinge alles Hoffnungs- und Zukunftsreiche ihres Wesens; der Dichter leiht ihr Worte und Namen, reiht sie in den Reigentanz ähnlicher Wesen ein, giebt ihr einen Stammbaum und betet zuletzt, wie es Künstler thun, das Gebilde seiner Phantasie als neue Gottheit an – er lehrt sie anbeten. So wird eine Tugend, weil die Liebe und die Dankbarkeit Aller an ihr arbeitet, wie an einer Bildsäule, zuletzt eine Ansammlung des Guten und Verehrungswürdigen, eine Art Tempel und göttlicher Person zugleich. Sie steht fürderhin als einzelne Tugend da, als ein Wesen für sich, was sie bis dahin nicht war, und übt die Rechte und die Macht einer geheiligten Übermenschlichkeit aus. – Im späteren Griechenland standen die Städte voll von solchen vergottmenschlichten Abstractis (man verzeihe das absonderliche Wort um des absonderlichen Begriffs willen); das Volk hatte sich auf seine Art einen platonischen »Ideenhimmel« inmitten seiner Erde hergerichtet, und ich glaube nicht, daß dessen Inwohner weniger lebendig empfunden wurden, als irgend eine althemerische Gottheit.   191. Dunkel-Zeiten . – »Dunkel-Zeiten« nennt man solche in Norwegen, da die Sonne den ganzen Tag unter dem Horizonte bleibt: die Temperatur fällt dabei fortwährend langsam. – Ein schönes Gleichniß für alle Denker, welchen die Sonne der Menschheits-Zukunft zeitweilig verschwunden ist.   192. Der Philosoph der Üppigkeit . – Ein Gärtchen, Feigen, kleine Käse und dazu drei oder vier gute Freunde, – das war die Üppigkeit Epikur's.   193. Die Epochen des Lebens . – Die eigentlichen Epochen im Leben sind jene kurze Zeiten des Stillstandes, mitten inne zwischen dem Aufsteigen und Absteigen eines regierenden Gedankens oder Gefühls. Hier ist wieder einmal Sattheit da: alles Andere ist Durst und Hunger – oder Überdruß.   194. Der Traum . – Unsere Träume sind, wenn sie einmal ausnahmsweise gelingen und vollkommen werden – für gewöhnlich ist der Traum eine Pfuscher-Arbeit –, symbolische Scenen- und Bilder-Ketten an Stelle einer erzählenden Dichter-Sprache; sie umschreiben unsere Erlebnisse oder Erwartungen oder Verhältnisse mit dichterischer Kühnheit und Bestimmtheit, daß wir dann Morgens immer über uns erstaunt sind, wenn wir uns unserer Träume erinnern. Wir verbrauchen im Traume zu viel Künstlerisches – und sind deshalb am Tage oft zu arm daran.   195. Natur und Wissenschaft . – Ganz wie in der Natur werden auch in der Wissenschaft die schlechteren unfruchtbareren Gegenden zuerst gut angebaut – weil hierfür eben die Mittel der angehenden Wissenschaft ungefähr ausreichen. Die Bearbeitung der fruchtbarsten Gegenden setzt eine sorgsam entwickelte, ungeheure Kraft von Methode, gewonnene Einzel-Resultate und eine organisirte Schaar von Arbeitern, gut geschulten Arbeitern, voraus; – dies Alles findet sich erst spät zusammen. – Die Ungeduld und der Ehrgeiz greifen oft zu früh nach diesen fruchtbarsten Gegenden; aber die Ergebnisse find dann gleich Null. In der Natur würden sich solche Verluste dadurch rächen, daß die Ansiedler verhungerten.   196. Einfach leben . – Eine einfache Lebensweise ist jetzt schwer: dazu thut viel mehr Nachdenken und Erfindungsgabe noth, als selbst sehr gescheidte Leute haben. Der Ehrlichste von ihnen wird vielleicht noch sagen: »Ich habe nicht die Zeit, darüber so lange nachzudenken. Die einfache Lebensweise ist für mich ein zu vornehmes Ziel; ich will warten, bis Weisere, als ich bin, sie gefunden haben.«   197. Spitzen und Spitzchen .– Die geringe Fruchtbarkeit, die häufige Ehelosigkeit und überhaupt die geschlechtliche Kühle der höchsten und cultivirtesten Geister, sowie der zu ihnen gehörenden Klassen, ist wesentlich in der Ökonomie der Menschheit: die Vernunft erkennt und macht Gebrauch davon, daß bei einem äußersten Punkte der geistigen Entwickelung die Gefahr einer nervösen Nachkommenschaft sehr groß ist: solche Menschen sind Spitzen der Menschheit – sie dürfen nicht weiter in Spitzchen auslaufen.   198. Keine Natur macht Sprünge . – Wenn der Mensch sich noch so stark fortentwickelt und aus einem Gegensatz in den andern überzuspringen scheint: bei genaueren Beobachtungen wird man doch die Verzahnungen auffinden, wo das neue Gebäude aus dem älteren herauswächst. Dies ist die Aufgabe des Biographen: er muß nach dem Grundsatze über das Leben denken, daß keine Natur Sprünge macht.   199. Zwar reinlich . – Wer sich mit reingewaschenen Lumpen kleidet, kleidet sich zwar reinlich, aber doch lumpenhaft.   200. Der Einsame spricht . – Man erntet als Lohn für vielen Überdruß, Mißmuth; Langeweile – wie dies Alles eine Einsamkeit ohne Freunde, Bücher, Pflichten, Leidenschaften mit sich bringen muß – jene Viertelstunden tiefster Einkehr in sich und die Natur. Wer sich völlig gegen die Langeweile verschanzt, verschanzt sich auch gegen sich selber: den kräftigsten Labetrunk aus dem eigenen innersten Born wird er nie zu trinken bekommen.   201. Falsche Berühmtheit . – Ich hasse jene angeblichen Naturschönheiten, welche im Grunde nur durch das Wissen, namentlich das geographische, etwas bedeuten, an sich aber dem schönheitsdurstigen Sinne dürftig bleiben: zum Beispiel die Ansicht des Montblanc von Genf aus – etwas Unbedeutendes ohne die zu Hülfe eilende Gehirnfreude des Wissens; die näheren Berge dort sind alle schöner und ausdrucksvoller – aber »lange nicht so hoch«, wie jenes absurde Wissen, zur Abschwächung, hinzufügt. Das Auge widerspricht dabei dem Wissen: wie soll es sich im Widersprechen wahrhaft freuen können!   202. Vergnügungs-Reisende . – Sie steigen wie Thiere den Berg hinauf, dumm und schwitzend; man hatte ihnen zu sagen vergessen, daß es unterwegs schöne Aussichten gebe.   203. Zu viel und zu wenig . – Die Menschen durchleben jetzt Alle zu viel und durchdenken zu wenig: sie haben Heißhunger und Kolik zugleich und werden deshalb immer magerer, so viel sie auch essen. – Wer jetzt sagt: »ich habe Nichts erlebt« – ist ein Dummkopf.   204. Ende und Ziel . – Nicht jedes Ende ist das Ziel. Das Ende der Melodie ist nicht deren Ziel; aber trotzdem: hat die Melodie ihr Ende nicht erreicht, so hat sie auch ihr Ziel nicht erreicht. Ein Gleichniß.   205. Neutralität der großen Natur . – Die Neutralität der großen Natur (in Berg, Meer, Wald und Wüste) gefällt, aber nur eine kurze Zeit: nachher werden wir ungeduldig. »Wollen denn diese Dinge gar Nichts zu uns sagen? Sind wir für sie nicht da?« Es entsteht das Gefühl eines crimen laesae majestatis humanae .   206. Die Absichten vergessen . – Man vergißt über der Reise gemeinhin deren Ziel. Fast jeder Beruf wird als Mittel zu einem Zwecke gewählt und begonnen, aber als letzter Zweck fortgeführt. Das Vergessen der Absichten ist die häufigste Dummheit, die gemacht wird.   207. Sonnenbahn der Idee . – Wenn eine Idee am Horizonte eben aufgeht, ist gewöhnlich die Temperatur der Seele dabei sehr kalt. Erst allmählich entwickelt die Idee ihre Wärme, und am heißesten ist diese (das heißt sie thut ihre größten Wirkungen), wenn der Glaube an die Idee schon wieder im Sinken ist.   208. Wodurch man Alle wider sich hätte . – Wenn jetzt Jemand zu sagen wagte: »wer nicht für mich ist, der ist wider mich«, so hätte er sofort Alle wider sich. – Diese Empfindung macht unserm Zeitalter Ehre.   209. Sich des Reichthums schämen . – Unsere Zeit verträgt nur eine einzige Gattung von Reichen, solche, welche sich ihres Reichthums schämen . Hört man von Jemandem »er ist sehr reich«, so hat man dabei sofort eine ähnliche Empfindung wie beim Anblick einer widerlich anschwellenden Krankheit, einer Fett- oder Wassersucht: man muß sich gewaltsam seiner Humanität erinnern, um mit einem solchen Reichen so verkehren zu können, daß er von unserm Ekelgefühle Nichts merkt. Sobald er aber gar sich Etwas auf seinen Reichthum zu Gute thut, so mischt sich zu unserm Gefühle die fast mitleidige Verwunderung über einen so hohen Grad der menschlichen Unvernunft: so daß man die Hände gen Himmel erheben und rufen möchte »armer Entstellter, Überbürdeter, hundertfach Gefesselter, dem jede Stunde etwas Unangenehmes bringt oder bringen kann , in dessen Gliedern jedes Ereigniß von zwanzig Völkern nachzuckt, wie magst du uns glauben machen, daß du dich in deinem Zustande wohlfühlst! Wenn du irgendwo öffentlich erscheinst, so wissen wir, daß es eine Art Spießruthenlaufens ist, unter lauter Blicken, welche für dich nur kalten Haß oder Zudringlichkeit oder schweigsamen Spott haben. Dein Erwerben mag leichter sein als das der Anderen: aber es ist ein überflüssiges Erwerben, welches wenig Freude macht, und dein Bewahren alles Erworbenen ist jedenfalls jetzt ein mühseligeres Ding als irgend ein mühseliges Erwerben. Du leidest fortwährend , denn du verlierst fortwährend. Was nützt es dir, daß man dir immer neues künstliches Blut zuführt: deshalb thun doch die Schröpfköpfe nicht weniger weh, die auf deinem Nacken sitzen, beständig sitzen! – Aber, um nicht unbillig zu werden, es ist schwer, vielleicht unmöglich für dich, nicht reich zu sein: du mußt bewahren, mußt neu erwerben, der vererbte Hang deiner Natur ist das Joch über dir – aber deshalb tausche uns nicht und schäme dich ehrlich und sichtlich des Joches, das du trägst: da du ja im Grunde deiner Seele müde und unwillig bist, es zu tragen. Diese Scham schändet nicht.«   210. Ausschweifung in der Anmaßung . – Es giebt so anmaßende Menschen, daß sie eine Größe, welche sie öffentlich bewundern, nicht anders zu loben wissen, als indem sie dieselbe als Vorstufe und Brücke, die zu ihnen führt, darstellen.   211. Auf dem Boden der Schmach . – Wer den Menschen eine Vorstellung nehmen will, thut sich gewöhnlich nicht genug damit, sie zu widerlegen und den unlogischen Wurm, der in ihr sitzt, herauszuziehen: vielmehr wirft er, nachdem der Wurm getödtet ist, die ganze Frucht auch noch in den Koth , um sie den Menschen unansehnlich zu machen und Ekel vor ihr einzuflößen. So glaubt er das Mittel gefunden zu haben, die bei widerlegten Vorstellungen so gewöhnliche »Wiederauferstehung am dritten Tage« unmöglich zu machen. – Er irrt sich, denn gerade auf dem Boden der Schmach , inmitten des Unflathes, treibt der Fruchtkern der Vorstellung schnell neue Keime. – Also: ja nicht verhöhnen, beschmutzen, was man endgültig beseitigen will, sondern es achtungsvoll auf Eis legen , immer und immer wieder, in Anbetracht daß Vorstellungen ein sehr zähes Leben haben. Hier muß man nach der Maxime handeln: »Eine Widerlegung ist keine Widerlegung.«   212. Loos der Moralität . – Da die Gebundenheit der Geister abnimmt, ist sicherlich die Moralität (die vererbte, überlieferte, instinkthafte Handlungsweise nach moralischen Gefühlen ) ebenfalls in Abnahme: nicht aber die einzelnen Tugenden, Mäßigkeit, Gerechtigkeit, Seelenruhe, – denn die größte Freiheit des bewußten Geistes führt einmal schon unwillkürlich zu ihnen hin und räth sie sodann auch als nützlich an.   213. Der Fanatiker des Mißtrauens und seine Bürgschaft . – Der Alte : Du willst das Ungeheure wagen und die Menschen im Großen belehren? Wo ist deine Bürgschaft? – Pyrrhon : Hier ist sie: ich will die Menschen vor mir selber warnen, ich will alle Fehler meiner Natur öffentlich bekennen und meine Übereilungen, Widersprüche und Dummheit vor aller Augen bloßstellen. Hört nicht auf mich, will ich ihnen sagen, bis ich nicht eurem Geringsten gleich geworden bin, und noch geringer bin, als er; sträubt euch gegen die Wahrheit, so lange ihr nur könnt, aus Ekel vor Dem, der ihr Fürsprecher ist. Ich werde euer Verführer und Betrüger sein, wenn ihr noch den mindesten Glanz von Achtbarkeit und Würde an mir wahrnehmt. – Der Alte : Du versprichst zu viel, du kannst diese Last nicht tragen. – Pyrrhon : So will ich auch dies den Menschen sagen, daß ich zu schwach bin und nicht halten kann, was ich verspreche. Je größer meine Unwürdigkeit, um so mehr werden sie der Wahrheit mißtrauen, wenn sie durch meinen Mund geht. – Der Alte : Willst du denn der Lehrer des Mißtrauens gegen die Wahrheit sein? – Pyrrhon : Des Mißtrauens, wie es noch nie in der Welt war, des Mißtrauens gegen Alles und Jedes. Es ist der einzige Weg zur Wahrheit. Das rechte Auge darf dem linken nicht trauen, und Licht wird eine Zeitlang Finsternis; heißen müssen: dies ist der Weg, den ihr gehen müßt. Glaubt nicht, daß er euch zu Fruchtbäumen und schönen Weiden führe. Kleine harte Körner werdet ihr auf ihm finden, – das sind die Wahrheiten: Jahrzehente lang werdet ihr die Lügen händevoll verschlingen müssen, um nicht Hungers zu sterben, ob ihr schon wisset, daß es Lügen sind. Jene Körner aber werden gesäet und eingegraben, und vielleicht, vielleicht giebt es einmal einen Tag der Ernte: Niemand darf ihn versprechen , er sei denn ein Fanatiker. – Der Alte : Freund, Freund! Auch deine Worte sind die des Fanatikers! – Pyrrhon : Du hast Recht! ich will gegen alle Worte mißtrauisch sein. – Der Alte : Dann wirst du schweigen müssen. – Pyrrhon : Ich werde den Menschen sagen, daß ich schweigen muß und daß sie meinem Schweigen mißtrauen sollen. – Der Alte : Du trittst also von deinem Unternehmen zurück? – Pyrrhon : Vielmehr – du hast mir eben das Thor gezeigt, durch welches ich gehen muß. – Der Alte : Ich weiß nicht –: verstehen wir uns jetzt noch völlig? – Pyrrhon : Wahrscheinlich nicht. – Der Alte : Wenn du dich nur selber völlig verstehst! – Pyrrhon dreht sich um und lacht. – Der Alte : Ach Freund! Schweigen und Lachen – ist das jetzt deine ganze Philosophie? – Pyrrhon : Es wäre nicht die schlechteste. –   214. Europäische Bücher . – Man ist beim Lesen von Montaigne, La Rochefoucauld, La Bruyère, Fontenelle (namentlich der dialogues des morts ), Vauvenargues, Chamfort dem Alterthum näher als bei irgendwelcher Gruppe von sechs Autoren anderer Völker. Durch jene Sechs ist der Geist der letzten Jahrhunderte der alten Zeitrechnung wieder erstanden – sie zusammen bilden ein wichtiges Glied in der großen noch fortlaufenden Kette der Renaissance. Ihre Bücher erheben sich über den Wechsel des nationalen Geschmacks und der philosophischen Färbungen, in denen für gewöhnlich jetzt jedes Buch schillert und schillern muß, um berühmt zu werden: sie enthalten mehr wirkliche Gedanken als alle Bücher deutscher Philosophen zusammengenommen: Gedanken von der Art, welche Gedanken macht, und die – ich bin in Verlegenheit zu Ende zu definiren; genug, daß es mir Autoren zu sein scheinen, welche weder für Kinder noch für Schwärmer geschrieben haben, weder für Jungfrauen noch für Christen, weder für Deutsche noch für – ich bin wieder in Verlegenheit, meine Liste zu schließen. – Um aber ein deutliches Lob zu sagen: sie wären, griechisch geschrieben, auch von Griechen verstanden worden. Wie viel hätte dagegen selbst ein Plato von den Schriften unserer besten deutschen Denker, zum Beispiel Goethe's und Schopenhauer's, überhaupt verstehen können , von dem Widerwillen zu schweigen, welchen ihre Schreibart ihm erregt haben würde, nämlich das Dunkle, Übertriebene und gelegentlich wieder Klapperdürre, – Fehler, an denen die Genannten noch am wenigsten von den deutschen Denkern und doch noch allzuviel leiden (Goethe, als Denker, hat die Wolke lieber umarmt, als billig ist, und Schopenhauer wandelt nicht ungestraft fast fortwährend unter Gleichnissen der Dinge statt unter den Dingen selber). – Dagegen, welche Helligkeit und zierliche Bestimmtheit bei jenen Franzosen! Diese Kunst hätten auch die feinohrigsten Griechen gutheißen müssen, und Eines würden sie sogar bewundert und angebetet haben, den französischen Witz des Ausdrucks: so Etwas liebten sie sehr, ohne gerade darin besonders stark zu sein.   215. Mode und modern . – Überall, wo noch die Unwissenheit, die Unreinlichkeit, der Aberglaube im Schwange sind, wo der Verkehr lahm, die Landwirthschaft armselig, die Priesterschaft mächtig ist, da finden sich auch noch die Nationaltrachten . Dagegen herrscht die Mode , wo die Anzeichen des Entgegengesetzten sich finden. Die Mode ist also neben den Tugenden des jetzigen Europa zu finden: sollte sie wirklich deren Schattenseite sein? – Zunächst sagt die männliche Bekleidung, welche modisch und nicht mehr national ist, von Dem, der sie trägt, aus, daß der Europäer nicht als Einzelner noch als Standes- und Volksgenosse auffallen will, daß er sich eine absichtliche Dämpfung dieser Arten von Eitelkeit zum Gesetz gemacht hat: dann daß er arbeitsam ist und nicht viel Zeit zum Ankleiden und Sich-putzen hat, auch alles Kostbare und Üppige in Stoff und Faltenwurf im Widerspruch mit seiner Arbeit findet; endlich daß er durch seine Tracht auf die gelehrteren und geistigeren Berufe als die hinweist, welchen er als europäischer Mensch am nächsten steht oder stehen möchte: während durch die noch vorhandenen Nationaltrachten der Räuber, der Hirt oder der Soldat als die wünschbarsten und tonangebenden Lebensstellungen hindurchschimmern. Innerhalb dieses Gesammt-Charakters der männlichen Mode giebt es dann jene kleinen Schwankungen, welche die Eitelkeit der jungen Männer, der Stutzer und Nichtsthuer der großen Städte hervorbringt, also Derer, welche als europäische Menschen noch nicht reif geworden sind . – Die europäischen Frauen sind dies noch viel weniger , weshalb die Schwankungen bei ihnen viel größer sind: sie wollen auch das Nationale nicht und hassen es, als Deutsche, Franzosen, Russen an der Kleidung erkannt zu werden, aber als Einzelne wollen sie sehr gern auffallen; ebenso soll Niemand schon durch ihre Bekleidung im Zweifel gelassen werden, daß sie zu einer angeseheneren Klasse der Gesellschaft (zur »guten« oder »hohen« oder »großen« Welt) gehören, und zwar wünschen sie nach dieser Seite hin gerade um so mehr voreinzunehmen, als sie nicht oder kaum zu jener Klasse gehören. Vor Allem aber will die junge Frau Nichts tragen, was die etwas ältere trägt, weil sie durch den Verdacht eines höheren Lebensalters im Preise zu fallen glaubt: die ältere wiederum möchte durch jugendlichere Tracht so lange täuschen, als es irgend angeht, – aus welchem Wettbewerb sich zeitweilig immer Moden ergeben müssen, bei denen das eigentlich Jugendliche ganz unzweideutig und unnachahmlich sichtbar wird. Hat der Erfindungsgeist der jungen Künstlerinnen in solchen Bloßstellungen der Jugend eine Zeitlang geschwelgt, oder um die ganze Wahrheit zu sagen – hat man wieder einmal den Erfindungsgeist älterer höfischer Culturen, sowie den der noch bestehenden Nationen, und überhaupt den ganzen costümirten Erdkreis zu Rathe gezogen und etwa die Spanier, die Türken und Altgriechen zur Inscenirung des schönen Fleisches zusammengekoppelt: so entdeckt man endlich immer wieder, daß man sich doch nicht zum Besten auf seinen Vortheil verstanden habe; daß, um auf die Männer Wirkung zu machen, das Versteckspielen mit dem schönen Leibe glücklicher sei, als die nackte und halbnackte Ehrlichkeit; und nun dreht sich das Rad des Geschmackes und der Eitelkeit einmal wieder in entgegengesetzter Richtung: die etwas älteren jungen Frauen finden, daß ihr Reich gekommen sei, und der Wettkampf der lieblichsten und absurdesten Geschöpfe tobt wieder von Neuem. Je mehr aber die Frauen innerlich zunehmen und nicht mehr unter sich, wie bisher, den unreifen Altersklassen den Vorrang zugestehen, um so geringer werden diese Schwankungen ihrer Tracht, um so einfacher ihr Putz: über welchen man billigerweise nicht nach antiken Mustern das Urtheil sprechen darf, also nicht nach dem Maaßstabe der Gewandung südländischer See-Anwohnerinnen, sondern in Berücksichtigung der klimatischen Bedingungen der mittleren und nördlichen Gegenden Europa's, derer nämlich, in welchen jetzt der geist- und formerfindende Genius Europa's seine liebste Heimat hat. – Im Ganzen wird also gerade nicht das Wechselnde das charakteristische Zeichen der Mode und des Modernen sein, denn gerade der Wechsel ist etwas Rückständiges und bezeichnet die noch ungereiften männlichen und weiblichen Europäer: sondern die Ablehnung der nationalen, ständischen und individuellen Eitelkeit . Dem entsprechend ist es zu loben, weil es kraft- und zeitersparend ist, wenn einzelne Städte und Gegenden Europa's für alle übrigen in Sachen der Kleidung denken und erfinden, in Anbetracht dessen, daß der Formensinn nicht Jedermann geschenkt zu sein pflegt; auch ist es wirklich kein allzu hochfliegender Ehrgeiz, wenn zum Beispiel Paris, so lange jene Schwankungen noch bestehen, es in Anspruch nimmt, der alleinige Erfinder und Neuerer in diesem Reiche zu sein. Will ein Deutscher, aus Haß gegen diese Ansprüche einer französischen Stadt, sich anders kleiden, zum Beispiel so wie Albrecht Dürer sich trug, so möge er erwägen, daß er dann ein Costüm hat, welches ehemalige Deutsche trugen, welches aber die Deutschen ebensowenig erfunden haben, – es hat nie eine Tracht gegeben, welche den Deutschen als Deutschen bezeichnete; übrigens mag er zusehen, wie er aus dieser Tracht heraus schaut und ob etwa der ganz moderne Kopf nicht mit all seiner Linien- und Fältchenschrift, welche das neunzehnte Jahrhundert hineingrub, gegen eine Dürerische Bekleidung Einsprache thut. – Hier, wo die Begriffe »modern« und »europäisch« fast gleich gesetzt sind, wird unter Europa viel mehr an Länderstrecken verstanden, als das geographische Europa, die kleine Halbinsel Asien's, umfaßt: namentlich gehört Amerika hinzu, soweit es eben das Tochterland unserer Cultur ist. Andererseits fällt nicht einmal ganz Europa unter den Cultur-Begriff »Europa«; sondern nur alle jene Völker und Völkertheile, welche im Griechen-, Römer-, Juden- und Christenthum ihre gemeinsame Vergangenheit haben.   216. Die »deutsche Tugend« . – Es ist nicht zu leugnen, daß vom Ausgange des vorigen Jahrhunderts an ein Strom moralischer Erweckung durch Europa floß. Damals erst wurde die Tugend wieder beredt; sie lernte es, die ungezwungenen Gebärden der Erhebung, der Rührung finden, sie schämte sich ihrer selber nicht mehr und ersann Philosophien und Gedichte zur eigenen Verherrlichung. Sucht man nach den Quellen dieses Stromes: so findet man einmal Rousseau, aber den mythischen Rousseau, den man sich nach dem Eindrucke seiner Schriften – fast könnte man wieder sagen: seiner mythisch ausgelegten Schriften – und nach den Fingerzeigen, die er selber gab, erdichtet hatte (– er und sein Publikum arbeiteten beständig an dieser Idealfigur). Der andere Ursprung liegt in jener Wiederauferstehung des stoisch-großen Römerthums, durch welche die Franzosen die Aufgabe der Renaissance auf das Würdigste weitergeführt haben. Sie giengen von der Nachschöpfung antiker Formen mit herrlichstem Gelingen zur Nachschöpfung antiker Charaktere über: so daß sie ein Anrecht auf die allerhöchsten Ehren immerdar behalten werden, als das Volk, welches der neueren Menschheit bisher die besten Bücher und die besten Menschen gegeben hat. Wie diese doppelte Vorbildlichkeit, die des mythischen Rousseau und die jenes wiedererweckten Römergeistes, auf die schwächeren Nachbarn wirkte, sieht man namentlich an Deutschland: welches in Folge seines neuen und ganz ungewohnten Aufschwunges zu Ernst und Größe des Wollens und Sich-Beherrschens zuletzt vor seiner eigenen neuen Tugend in Staunen gerieth und den Begriff »deutsche Tugend« in die Welt warf, wie als ob es nichts Ursprünglicheres, Erbeigneres geben könnte als diese. Die ersten großen Männer, welche jene französische Anregung zur Größe und Bewußtheit des sittlichen Wollens auf sich überleiteten, waren ehrlicher und vergaßen die Dankbarkeit nicht. Der Moralismus Kant's – woher kommt er? Er giebt es wieder und wieder zu verstehen: von Rousseau und dem wiedererweckten stoischen Rom. Der Moralismus Schiller's: gleiche Quelle, gleiche Verherrlichung der Quelle. Der Moralismus Beethoven's in Tönen: er ist das ewige Loblied Rousseau's, der antiken Franzosen und Schiller's. Erst »der deutsche Jüngling« vergaß die Dankbarkeit, inzwischen hatte man ja das Ohr nach den Predigern des Franzosenhasses hingewendet: jener deutsche Jüngling, der eine Zeitlang mit mehr Bewußtheit, als man bei andern Jünglingen für erlaubt hält, in den Vordergrund trat. Wenn er nach seiner Vaterschaft spürte, so mochte er mit Recht an die Nähe Schiller's, Fichte's und Schleiermacher's denken: aber seine Großväter hätte er in Paris, in Genf suchen müssen, und es war sehr kurzsichtig zu glauben, was er glaubte: daß die Tugend nicht älter als dreißig Jahre sei. Damals gewöhnte man sich daran, zu verlangen, daß beim Worte »deutsch« auch noch so nebenbei die Tugend mitverstanden werde: und bis auf den heutigen Tag hat man es noch nicht völlig verlernt. – Nebenbei bemerkt, jene genannte moralische Erweckung hat für die Erkenntnis ; der moralischen Erscheinungen, wie sich fast errathen läßt, nur Nachtheile und rückschreitende Bewegungen zur Folge gehabt. Was ist die ganze deutsche Moralphilosophie, von Kant an gerechnet, mit allen ihren französischen, englischen und italiänischen Ausläufern und Nebenzüglern? Ein halbtheologisches Attentat gegen Helvetius, ein Abweisen der lange und mühsam erkämpften Freiblicke oder Fingerzeige des rechten Weges, welche er zuletzt gut ausgesprochen und zusammengebracht hat. Bis auf den heutigen Tag ist Helvetius in Deutschland der bestbeschimpfte aller guten Moralisten und guten Menschen.   217. Classisch und romantisch . – Sowohl die classisch als die romantisch gesinnten Geister – wie es diese beiden Gattungen immer giebt – tragen sich mit einer Vision der Zukunft: aber die Ersteren aus einer Stärke ihrer Zeit heraus, die Letzteren aus deren Schwäche .   218. Die Maschine als Lehrerin . – Die Maschine lehrt durch sich selber das Ineinandergreifen von Menschenhaufen, bei Aktionen, wo Jeder nur Eins zu thun hat: sie giebt das Muster der Partei-Organisation und der Kriegsführung. Sie lehrt dagegen nicht die individuelle Selbstherrlichkeit: sie macht aus Vielen eine Maschine, und aus jedem Einzelnen ein Werkzeug zu einem Zwecke. Ihre allgemeinste Wirkung ist: den Nutzen der Centralisation zu lehren.   219. Nicht seßhaft . – Man wohnt gerne in der kleinen Stadt; aber von Zeit zu Zeit treibt gerade sie uns in die einsamste unenthüllteste Natur: dann nämlich, wenn jene uns einmal wieder zu durchsichtig geworden ist. Endlich gehen wir, um uns wieder von dieser Natur zu erholen , in die große Stadt. Einige Züge aus derselben – und wir errathen den Bodensatz ihres Bechers, – der Kreislauf, mit der kleinen Stadt am Anfange, beginnt von Neuem. – So leben die Modernen: welche in Allem etwas zu gründlich sind, um seßhaft zu sein gleich den Menschen anderer Zeiten.   220. Reaktion gegen die Maschinen-Cultur . – Die Maschine, selber ein Erzeugniß der höchsten Denkkräfte, setzt bei den Personen, welche sie bedienen, fast nur die niederen, gedankenlosen Kräfte in Bewegung. Sie entfesselt dabei eine Unmasse Kraft überhaupt, die sonst schlafen läge, das ist wahr; aber sie giebt nicht den Antrieb zum Höhersteigen, zum Bessermachen, zum Künstlerwerden. Sie macht thätig und einförmig – das erzeugt aber auf die Dauer eine Gegenwirkung, eine verzweifelte Langeweile der Seele, welche durch sie nach wechselvollem Müßiggänge dürsten lernt.   221. Die Gefährlichkeit der Aufklärung . – Alles das Halbverrückte, Schauspielerische, Thierisch-Grausame, Wollüstige, namentlich Sentimentale und Sich-selbst-Berauschende, was zusammen die eigentlich revolutionäre Substanz ausmacht und in Rousseau, vor der Revolution, Fleisch und Geist geworden war, – dieses ganze Wesen setzte sich mit perfider Begeisterung noch die Aufklärung auf das fanatische Haupt, welches durch diese selber wie in einer verklärenden Glorie zu leuchten begann: die Aufklärung, die im Grunde jenem Wesen so fremd ist und, für sich waltend, still wie ein Lichtglanz durch Wolken gegangen sein würde, lange Zeit zufrieden damit, nur die Einzelnen umzubilden: so daß sie nur sehr langsam auch die Sitten und Einrichtungen der Völker umgebildet hätte. Jetzt aber, an ein gewaltsames und plötzliches Wesen gebunden, wurde die Aufklärung selber gewaltsam und plötzlich. Ihre Gefährlichkeit ist dadurch fast größer geworden als die befreiende und erhellende Nützlichkeit, welche durch sie in die große Revolutions-Bewegung kam. Wer dies begreift, wird auch wissen, aus welcher Vermischung man sie herauszuziehen, von welcher Verunreinigung man sie zu läutern hat: um dann, an sich selber , das Werk der Aufklärung fortzusetzen und die Revolution nachträglich in der Geburt zu ersticken, ungeschehen zu machen.   222. Die Leidenschaft im Mittelalter . – Das Mittelalter ist die Zeit der größten Leidenschaften. Weder das Alterthum noch unsere Zeit hat diese Ausweitung der Seele: ihre Räumlichkeit war nie größer, und nie ist mit längeren Maaßstäben gemessen worden. Nie physische Urwald-Leiblichkeit von Barbarenvölkern und die überseelenhaften, überwachen, allzuglänzenden Augen von christlichen Mysterien-Jüngern, das Kindlichste, Jüngste und ebenso das Überreifste, Altersmüdeste, die Rohheit des Raubthiers und die Verzärtelung und Ausspitzung des spätantiken Geistes – alles Dies kam damals an Einer Person nicht selten zusammen: da mußte, wenn Einer in Leidenschaft gerieth, die Stromschnelle des Gemüthes gewaltiger, der Strudel verwirrter, der Sturz tiefer sein als je. – Wir neueren Menschen dürfen mit der Einbuße zufrieden sein, welche hier gemacht worden ist.   223. Rauben und sparen . – Alle geistigen Bewegungen gehen vorwärts, in Folge deren die Großen zu rauben , die Kleinen zu sparen hoffen können. Deshalb gieng zum Beispiel die deutsche Reformation vorwärts.   224. Fröhliche Seelen . – Wenn auf Trunk, Trunkenheit und eine übelriechende Art von Unflätherei auch nur von ferne hingewinkt wurde, dann wurden die Seelen der älteren Deutschen fröhlich, – sonst waren sie verdrossen; aber dort hatten sie ihre Art von Verständniß-Innigkeit.   225. Das ausschweifende Athen . – Selbst als der Fischmarkt Athen's seine Denker und Dichter bekommen hatte, besaß die griechische Ausschweifung immer noch ein idyllischeres und feineres Aussehen, als es je die römische oder die deutsche Ausschweifung hatte. Die Stimme Juvenal's hätte dort wie eine hohle Trompete geklungen: ein artiges und fast kindliches Gelächter hätte ihm geantwortet.   226. Klugheit der Griechen . – Da das Siegen- und Hervorragen-wollen ein unüberwindlicher Zug der Natur ist, älter und ursprünglicher als alle Achtung und Freude der Gleichstellung, so hat der griechische Staat den gymnastischen und musischen Wettkampf innerhalb der Gleichen sanktionirt, also einen Tummelplatz abgegrenzt, wo jener Trieb sich entladen konnte, ohne die politische Ordnung in Gefahr zu bringen. Mit dem endlichen Verfalle des gymnastischen und musischen Wettkampfes gerieth der griechische Staat in innere Unruhe und Auflösung.   227. » Der ewige Epikur .« – Epikur hat zu allen Zeiten gelebt und lebt noch, unbekannt Denen, welche sich Epikureer nannten und nennen, und ohne Ruf bei den Philosophen. Auch hat er selber den eigenen Namen vergessen: es war das schwerste Gepäck, welches er je abgeworfen hat.   228. Stil der Überlegenheit . – Studentendeutsch, die Sprechweise des deutschen Studenten, hat ihren Ursprung unter den nicht-studierenden Studenten, welche eine Art von Übergewicht über ihre ernsteren Genossen dadurch zu erlangen wissen, daß sie an Bildung, Sittsamkeit, Gelehrtheit, Ordnung, Mäßigung alles Maskeradenhafte aufdecken und die Worte aus jenen Bereichen zwar fortwährend ebenso im Munde führen, wie die Besseren, Gelehrteren, aber mit einer Bosheit im Blicke und einer begleitenden Grimasse. In dieser Sprache der Überlegenheit – der einzigen, die in Deutschland original ist – reden nun unwillkürlich auch die Staatsmänner und die Zeitungs-Kritiker: es ist ein beständiges ironisches Citiren, ein unruhiges, unfriedfertiges Schielen des Auges nach Rechts und Links, ein Gänsefüßchen- und Grimassen-Deutsch.   229. Die Vergrabenen . – Wir ziehen uns in's Verborgene zurück: aber nicht aus irgend einem persönlichen Mißmuthe, als ob uns die politischen und socialen Verhältnisse der Gegenwart nicht genugthäten, sondern weil wir durch unsere Zurückziehung Kräfte sparen und sammeln wollen, welche später einmal der Cultur ganz noth thun werden, je mehr diese Gegenwart diese Gegenwart ist und als solche ihre Aufgabe erfüllt. Wir bilden ein Kapital und suchen es sicher zu stellen: aber, wie in ganz gefährlichen Zeiten, dadurch, daß wir es vergraben .   230. Tyrannen des Geistes . – In unserer Zeit würde man Jeden, der so streng der Ausdruck Eines moralischen Zuges wäre, wie die Personen Theophrast's und Molière's es sind, für krank halten, und von »fixer Idee« bei ihm reden. Das Athen des dritten Jahrhunderts würde uns, wenn wir dort einen Besuch machen dürften, wie von Narren bevölkert erscheinen. Jetzt herrscht die Demokratie der Begriffe in jedem Kopfe, – viele zusammen sind der Herr: Ein einzelner Begriff, der Herr sein wollte , heißt jetzt, wie gesagt, »fixe Idee«. Dies ist unsere Art, die Tyrannen zu morden, – wir winken nach dem Irrenhause hin.   231. Gefährlichste Auswanderung . – In Rußland giebt es eine Auswanderung der Intelligenz: man geht über die Grenze, um gute Bücher zu lesen und zu schreiben. So wirkt man aber dahin, das vom Geiste verlassene Vaterland immer mehr zum vorgestreckten Rachen Asiens zu machen, der das kleine Europa verschlingen möchte.   232. Die Staats-Narren . – Die fast religiöse Liebe zum Könige gieng bei den Griechen auf die Polis über, als es mit dem Königthum zu Ende war. Und weil ein Begriff mehr Liebe erträgt, als eine Person, und namentlich dem Liebenden nicht so oft vor den Kopf stößt, wie geliebte Menschen es thun ( – denn je mehr sie sich geliebt wissen, desto rücksichtsloser werden sie meistens, bis sie endlich der Liebe nicht mehr würdig sind, und wirklich ein Riß entsteht), so war die Polis- und Staats-Verehrung größer, als irgend je vorher die Fürsten-Verehrung. Die Griechen sind die Staats-Narren der alten Geschichte – in der neueren sind es andere Völler.   233. Gegen die Vernachlässigung der Augen . – Ob man nicht bei den gebildeten Klassen England's, welche die Times lesen, alle zehn Jahre eine Abnahme der Sehkraft nachweisen könnte?   234. Große Werke und großer Glaube . – Jener hatte die großen Werke, sein Genosse aber hatte den großen Glauben an diese Werke. Sie waren unzertrennlich: aber ersichtlich hieng der Erstere völlig vom Zweiten ab.   235. Der Gesellige . – »Ich bekomme mir nicht gut« sagte Jemand, um seinen Hang zur Gesellschaft zu erklären. »Der Magen der Gesellschaft ist stärker als der meinige, er verträgt mich«.   236. Augen-Schließen des Geistes . – Ist man geübt und gewohnt, über das Handeln nachzudenken, so muß man doch beim Handeln selber (sei dieses selbst nur Briefschreiben oder Essen und Trinken) das innere Auge schließen. Ja, im Gespräch mit Durchschnittsmenschen muß man es verstehen, mit geschlossenen Denker-Augen zu denken , – um nämlich das Durchschnitts-Denken zu erreichen und zu begreifen. Dieses Augen-Schließen ist ein fühlbarer, mit Willen vollziehbarer Akt.   237. Die furchtbarste Rache . – Wenn man sich an einem Gegner durchaus rächen will, so soll man so lange warten, bis man die ganze Hand voll Wahrheiten und Gerechtigkeiten hat und sie gegen ihn ausspielen kann, mit Gelassenheit: so daß Rache üben mit Gerechtigkeit üben zusammenfällt. Es ist die furchtbarste Art der Rache: denn sie hat keine Instanz über sich, an die noch appellirt werden könnte. So rächte sich Voltaire an Piron, mit fünf Zeilen, die über dessen ganzes Leben, Schaffen und Wollen richten: soviel Worte, soviel Wahrheiten; so rächte sich derselbe an Friedrich dem Großen (in einem Briefe an ihn, von Ferney aus).   238. Luxus-Steuer . – Man kauft in den Läden das Nöthige und Nächste und muß es theuer bezahlen, weil man mitbezahlt, was dort auch feil steht, aber nur selten seine Abnehmer hat: das Luxushafte und Gelüstartige. So legt der Luxus dem Einfachen, der seiner enträth, doch eine fortwährende Steuer auf.   239. Warum die Bettler noch leben . – Wenn alle Almosen nur aus Mitleiden gegeben würden, so wären die Bettler allesammt verhungert.   240. Warum die Bettler noch leben . – Die größte Almosenspenderin ist die Feigheit.   241. Wie der Denker ein Gespräch benutzt . – Ohne Horcher zu sein, kann man viel hören, wenn man versteht, gut zu sehen, doch sich selber für Zeiten aus den Augen zu verlieren. Aber die Menschen wissen ein Gespräch nicht zu benutzen; sie verwenden bei Weitem zu viel Aufmerksamkeit auf Das, was sie sagen und entgegnen wollen, während der wirkliche Hörer sich oft begnügt vorläufig zu antworten und Etwas als Abschlagszahlung der Höflichkeit überhaupt zu sagen , dagegen mit seinem hinterhaltigen Gedächtnisse Alles davonträgt, was der Andere geäußert hat, nebst der Art in Ton und Gebärde, wie er es äußerte. – Im gewöhnlichen Gespräche meint Jeder der Führende zu sein, wie wenn zwei Schiffe, die neben einander fahren und sich hier und da einen kleinen Stoß geben, beiderseits im guten Glauben sind, ihr Nachbarschiff folge oder werde sogar geschleppt.   242. Die Kunst, sich zu entschuldigen . – Wenn sich Jemand vor uns entschuldigt, so muß er es sehr gut machen: sonst kommen wir uns selber leicht als die Schuldigen vor und haben eine unangenehme Empfindung.   243. Unmöglicher Umgang . – Das Schiff deiner Gedanken geht zu tief, als daß du mit ihm auf den Gewässern dieser freundlichen, anständigen, entgegenkommenden Personen fahren könntest. Es sind da der Untiefen und Sandbänke zu viele: du würdest dich drehen und wenden müssen und in fortwährender Verlegenheit sein, und Jene würden alsbald auch in Verlegenheit gerathen – über deine Verlegenheit, deren Ursache sie nicht errathen können.   244. Fuchs der Füchse . – Ein rechter Fuchs nennt nicht nur die Trauben sauer, welche er nicht erreichen kann, sondern auch die, welche er erreicht und Anderen vorweggenommen hat.   245. Im nächsten Verkehre . – Wenn Menschen auch noch so eng zusammengehören: es giebt innerhalb ihres gemeinsamen Horizontes doch noch alle vier Himmelsrichtungen, und in manchen Stunden merken sie es.   246. Das Schweigen des Ekels . – Da macht Jemand als Denker und Mensch eine tiefe, schmerzhafte Umwandlung durch und legt dann öffentlich Zeugniß davon ab. Und die Hörer merken Nichts! glauben ihn noch ganz als den Alten! – Diese gewöhnliche Erfahrung hat manchen Schriftstellern schon Ekel gemacht: sie hatten die Intellektualität der Menschen zu hoch geachtet und gelobten sich, als sie ihren Irrthum wahrnahmen, das Schweigen an.   247. Geschäfts-Ernst . – Die Geschäfte manches Reichen und Vornehmen sind seine Art Ausruhens von allzulangem gewohnheitsmäßigem Müßiggang : er nimmt sie deshalb so ernst und passionirt, wie andere Leute ihre seltenen Muße-Erholungen und -Liebhabereien.   248. Doppelsinn des Auges . – Wie das Gewässer zu deinen Füßen eine plötzliche schuppenhafte Erzitterung überläuft, so giebt es auch im menschlichen Auge solche plötzliche Unsicherheiten und Zweideutigkeiten, bei denen man sich fragt: ist's ein Schaudern? ist's ein Lächeln? ist's Beides?   249. Positiv und negativ . – Dieser Denker braucht Niemanden, der ihn widerlegt: er genügt sich dazu selber.   250. Die Rache der leeren Netze . – Man nehme sich vor allen Personen in Acht, welche das bittre Gefühl des Fischers haben, der nach mühevollem Tagewerk am Abend mit leeren Netzen heimfährt.   251. Sein Recht nicht geltend machen . – Macht ausüben kostet Mühe und erfordert Muth. Deshalb machen so Viele ihr gutes, allerbestes Recht nicht geltend, weil dies Recht eine Art Macht ist, sie aber zu faul oder zu feige sind, es auszuüben. Nachsicht und Geduld heißen die Deckmantel-Tugenden dieser Fehler.   252. Lichtträger . – In der Gesellschaft wäre kein Sonnenschein, wenn ihn nicht die geborenen Schmeichelkatzen mit hineinbrächten, ich meine die sogenannten Liebenswürdigen.   253. Am mildthätigsten . – Wenn der Mensch eben sehr geehrt worden ist und ein Wenig gegessen hat, so ist er am mildthätigsten.   254. Zum Lichte . – Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen. – Vor wem man glänzt, den läßt man gerne als Licht gelten.   255. Die Hypochonder . – Der Hypochonder ist ein Mensch, der gerade genug Geist und Lust am Geiste besitzt, um seine Leiden, seinen Verlust, seine Fehler gründlich zu nehmen: aber sein Gebiet, auf dem er sich nährt, ist zu klein; er werdet es so ab, daß er endlich die einzelnen Hälmchen suchen muß. Dabei wird er endlich zum Neider und Geizhals – und dann erst ist er unausstehlich.   256. Zurückerstatten .– Hesiod räth an, dem Nachbar, der uns ausgeholfen hat, mit gutem Maaße und womöglich reichlicher zurückzugeben, sobald wir es vermögen. Dabei hat nämlich der Nachbar seine Freude, denn seine einstmalige Gutmüthigkeit trägt ihm Zinsen ein; aber auch Der, welcher zurückgiebt, hat seine Freude, insofern er die kleine einstmalige Demüthigung, sich aushelfen lassen zu müssen, durch ein kleines Übergewicht, als Schenkender, zurückkauft.   257. Feiner als nöthig . – Unser Beobachtungssinn dafür, ob Andere unsere Schwächen wahrnehmen, ist viel feiner, als unser Beobachtungssinn für die Schwächen Anderer: woraus sich also ergiebt, daß er feiner ist, als nöthig wäre.   258. Eine lichte Art von Schatten . – Dicht neben den ganz nächtigen Menschen befindet sich fast regelmäßig, wie an sie angebunden, eine Lichtseele. Sie ist gleichsam der negative Schatten, den Jene werfen.   259. Sich nicht rächen ? – Es giebt so viele feine Arten der Rache, daß Einer, der Anlaß hätte sich zu rächen, im Grunde thun oder lassen kann, was er will: alle Welt wird doch nach einiger Zeit übereingekommen sein, daß er sich gerächt habe . Sich nicht zu rächen steht also kaum im Belieben eines Menschen: daß er es nicht wolle , darf er nicht einmal aussprechen, weil die Verachtung der Rache als eine sublime, sehr empfindliche Rache gedeutet und empfunden wird. – Woraus sich ergiebt, daß man nichts Überflüssiges thun soll – –   260. Irrthum der Ehrenden . – Jeder glaubt einem Denker etwas Ehrendes und Angenehmes zu sagen, wenn er ihm zeigt, wie er von selber genau auf denselben Gedanken und selbst auf den gleichen Ausdruck gerathen sei; und doch wird bei solchen Mittheilungen der Denker nur selten ergötzt, aber häufig gegen seinen Gedanken und dessen Ausdruck mißtrauisch: er beschließt im Stillen, Beide einmal zu revidiren. – Man muß, wenn man Jemanden ehren will, sich vor dem Ausdruck der Übereinstimmung hüten: sie stellt auf ein gleiches Niveau. – In vielen Fällen ist es die Sache der gesellschaftlichen Schicklichkeit, eine Meinung so anzuhören, als sei sie nicht die unsrige, ja als gienge sie über unsern Horizont hinaus: zum Beispiel wenn der Alte, Alterfahrene einmal ausnahmsweise den Schrein seiner Erkenntnisse aufschließt.   261. Brief . – Der Brief ist ein unangemeldeter Besuch, der Briefbote der Vermittler unhöflicher Überfälle. Man sollte alle acht Tage eine Stunde zum Briefempfangen haben und darnach ein Bad nehmen.   262. Der Voreingenommene . – Jemand sagte: ich bin gegen mich voreingenommen , von Kindesbeinen an: deshalb finde ich in jedem Tadel etwas Wahrheit und in jedem Lobe etwas Dummheit. Das Lob wird von mir gewöhnlich zu gering und der Tadel zu hoch geschätzt.   263. Weg zur Gleichheit . – Einige Stunden Bergsteigens machen aus einem Schuft und einem Heiligen zwei ziemlich gleiche Geschöpfe. Die Ermüdung ist der kürzeste Weg zur Gleichheit und Brüderlichkeit – und die Freiheit wird endlich durch den Schlaf hinzugegeben.   264. Verleumdung . – Kommt man einer eigentlich infamen Verdächtigung auf die Spur, so suche man ihren Ursprung nie bei seinen ehrlichen und einfachen Feinden ; denn diese würden, wenn sie so Etwas über uns erfänden, als Feinde keinen Glauben finden. Aber Jene, denen wir eine Zeitlang am meisten genützt haben, welche aber, aus irgend einem Grunde, im Geheimen sicher darüber sein dürfen, Nichts mehr von uns zu erlangen, – Solche sind im Stande, die Infamie in's Rollen zu bringen: sie finden Glauben, einmal weil man annimmt, daß sie Nichts erfinden würden, was ihnen selber Schaden bringen könnte; sodann weil sie uns näher kennen gelernt haben. – Zum Tröste mag sich der so schlimm Verleumdete sagen: Verleumdungen sind Krankheiten Anderer, die an deinem Leibe ausbrechen; sie beweisen, daß die Gesellschaft Ein (moralischer) Körper ist, sodaß du an dir die Kur vornehmen kannst, die den Anderen nützen soll.   265. Das Kinder-Himmelreich . – Das Glück des Kindes ist ebenso sehr ein Mythus wie das Glück der Hyperboreer, von dem die Griechen erzählten. Wenn das Glück überhaupt auf Erden wohnt, meinten diese, dann gewiß möglichst weit von uns, etwa dort am Rande der Erde. Ebenso denken die älteren Menschen: wenn der Mensch überhaupt glücklich sein kann, dann gewiß möglichst fern von unserem Alter, an den Grenzen und Anfängen des Lebens. Für manchen Menschen ist der Anblick der Kinder, durch den Schleier dieses Mythus hindurch, das größte Glück, dessen er theilhaftig werden kann; er geht selber bis in den Vorhof des Himmelreichs, wenn er sagt »lasset die Kindlein zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich«. – Der Mythus vom Kinder-Himmelreich ist überall irgendwie thätig, wo es in der modernen Welt etwas von Sentimentalität giebt.   266. Die Ungeduldigen . – Gerade der Werdende will das Werdende nicht: er ist zu ungeduldig dafür. Der Jüngling will nicht warten, bis, nach langen Studien, Leiden und Entbehrungen, sein Gemälde von Menschen und Dingen voll werde: so nimmt er ein anderes, das fertig dasteht und ihm angeboten wird, auf Treu und Glauben an, als müsse es ihm die Linien und Farben seines Gemäldes vorweg geben, er wirft sich einem Philosophen, einem Dichter an's Herz und muß nun eine lange Zeit Frohndienste thun und sich selber verleugnen. Vieles lernt er dabei: aber häufig vergißt ein Jüngling das Lernens- und Erkennenswertheste darüber – sich selber; er bleibt zeitlebens ein Parteigänger. Ach, es ist viel Langeweile zu überwinden, viel Schweiß nöthig, bis man seine Farben, seinen Pinsel, seine Leinewand gefunden hat! – Und dann ist man noch lange nicht Meister seiner Lebenskunst – aber wenigstens Herr in der eigenen Werkstatt.   267. Es giebt keine Erzieher . – Nur von Selbst-Erziehung sollte man als Denker reden. Die Jugend-Erziehung durch Andere ist entweder ein Experiment, an einem noch Unerkannten, Unerkennbaren vollzogen, oder eine grundsätzliche Nivellirung, um das neue Wesen, welches es auch sei, den Gewohnheiten und Sitten, welche herrschen, gemäß zu machen : in beiden Fällen also Etwas, das des Denkers unwürdig ist, das Werk der Eltern und Lehrer, welche einer der verwegenen Ehrlichen nos ennemis naturels genannt hat. – Eines Tages, wenn man längst, nach der Meinung der Welt, erzogen ist, entdeckt man sich selber : da beginnt die Aufgabe des Denkers: jetzt ist es Zeit, ihn zu Hülfe zu rufen – nicht als einen Erzieher, sondern als einen Selbst-Erzogenen, der Erfahrung hat.   268. Mitleiden mit der Jugend . – Es jammert uns, wenn wir hören, daß einem Jünglinge schon die Zähne ausbrechen, einem andern die Augen erblinden. Wüßten wir alles Unwiderrufliche und Hoffnungslose, das in seinem ganzen Wesen steckt, wie groß würde erst der Jammer sein! – Weshalb leiden wir hierbei eigentlich? Weil die Jugend fortführen soll, was wir unternommen haben, und jeder Ab- und Anbruch ihrer Kraft unserem Werke, das in ihre Hände fällt, zum Schaden gereichen will. Es ist der Jammer über die schlechte Garantie unserer Unsterblichkeit: oder wenn wir uns nur als Vollstrecker der Menschheits-Mission fühlen, der Jammer darüber, daß diese Mission in schwächere Hände, als die unsrigen sind, übergehen muß.   269. Die Lebensalter . – Die Vergleichung der vier Jahreszeiten mit den vier Lebensaltern ist eine ehrwürdige Albernheit. Weder die ersten 20, noch die letzten 20 Jahre des Lebens entsprechen einer Jahreszeit: vorausgesetzt, daß man sich bei der Vergleichung nicht mit dem Weiß des Haares und Schnees und mit ähnlichen Farbenspielen begnügt. Jene ersten zwanzig Jahre sind eine Vorbereitung auf das Leben überhaupt, auf das ganze Lebensjahr, als eine Art langen Neujahrstages; und die letzten zwanzig überschauen, verinnerlichen, bringen in Fug und Zusammenklang, was nur Alles vorher erlebt wurde: so wie man es, in kleinem Maaße, an jedem Sylvestertage mit dem ganzen verflossenen Jahre thut. Zwischen inne liegt aber in der That ein Zeitraum, welcher die Vergleichung mit den Jahreszeiten nahe legt: der Zeitraum vom zwanzigsten bis zum fünfzigsten Jahre (um hier einmal in Bausch und Bogen nach Jahrzehenten zu rechnen, während es sich von selber versteht, daß Jeder nach seiner Erfahrung diese groben Ansätze für sich verfeinern muß). Jene dreimal zehn Jahre entsprechen dreien Jahreszeiten: dem Sommer, dem Frühling und dem Herbste, – einen Winter hat das menschliche Leben nicht, es sei denn, daß man die leider nicht selten eingeflochtenen harten, kalten, einsamen, hoffnungsarmen, unfruchtbaren Krankheitszeiten die Winterzeiten des Menschen nennen will. Die zwanziger Jahre: heiß, lästig, gewitterhaft, üppig treibend, müde machend, Jahre, in denen man den Tag am Abend, wenn er zu Ende ist, preist und sich dabei die Stirn abwischt: Jahre, in denen die Arbeit uns hart, aber nothwendig dünkt, – diese zwanziger Jahre sind der Sommer des Lebens. Die dreißiger dagegen sind sein Frühling : die Luft bald zu warm, bald zu kalt, immer unruhig und anreizend: quellender Saft, Blätterfülle, Blüthenduft überall: viele bezaubernde Morgen und Nächte: die Arbeit, zu der der Vogelsang uns weckt, eine rechte Herzens-Arbeit, eine Art Genuß der eigenen Rüstigkeit, verstärkt durch vorgenießende Hoffnungen. Endlich die vierziger Jahre: geheimnißvoll, wie alles Stillestehende; einer hohen, weiten Berg-Ebene gleichend, an der ein frischer Wind hinläuft; mit einem klaren, wolkenlosen Himmel darüber, welcher den Tag über und in die Nächte hinein immer mit der gleichen Sanftmuth blickt: die Zeit der Ernte und der herzlichsten Heiterkeit – es ist der Herbst des Lebens.   270. Der Geist der Frauen in der jetzigen Gesellschaft . – Wie die Frauen jetzt über den Geist der Männer denken, erräth man daraus, daß sie bei ihrer Kunst des Schmückens an Alles eher denken, als den Geist ihrer Züge oder die geistreichen Einzelnheiten ihres Gesichts noch besonders zu unterstreichen: sie verbergen Derartiges vielmehr und wissen sich dagegen, zum Beispiel durch eine Anordnung des Haars über der Stirn, den Ausdruck einer lebendig begehrenden Sinnlichkeit und Ungeistigkeit zu geben, gerade wenn sie diese Eigenschaften nur wenig besitzen. Ihre Überzeugung, daß der Geist bei Weibern die Männer erschrecke, geht so weit, daß sie selbst die Schärfe des geistigsten Sinnes gern verleugnen und den Ruf der Kurzsichtigkeit absichtlich auf sich laden; dadurch glauben sie wohl die Männer zutraulicher zu machen: es ist, als ob sich eine einladende sanfte Dämmerung um sie verbreite.   271. Groß und vergänglich . – Was den Betrachtenden zu Thränen rührt, das ist der schwärmerische Glückes-Blick, mit dem eine schöne junge Frau ihren Gatten ansieht. Man empfindet alle Herbst-Wehmuth dabei, über die Größe sowohl, als über die Vergänglichkeit des menschlichen Glückes.   272. Opfer-Sinn . – Manche Frau hat den intelletto del sacrifizio und wird ihres Lebens nicht mehr froh, wenn der Gatte sie nicht opfern will: sie weiß dann mit ihrem Verstande nicht mehr wohin? und wird unversehens aus dem Opferthier der Opferpriester selber.   273. Das Unweibliche . – »Dumm wie ein Mann« sagen die Frauen: »feige wie ein Weib« sagen die Männer. Die Dummheit ist am Weibe das Unweibliche .   274. Männliches und weibliches Temperament und die Sterblichkeit . – Daß das männliche Geschlecht ein schlechteres Temperament hat, als das weibliche, ergiebt sich auch daraus, daß die männlichen Kinder der Sterblichkeit mehr ausgesetzt sind, als die weiblichen, offenbar weil sie leichter »aus der Haut fahren«: ihre Wildheit und Unverträglichkeit verschlimmert alle Übel leicht bis in's Tödtliche.   275. Die Zeit der Cyklopenbauten . – Die Demokratisirung Europa's ist unaufhaltsam: wer sich dagegen stemmt, gebraucht doch eben die Mittel dazu, welche erst der demokratische Gedanke Jedermann in die Hand gab, und macht diese Mittel selber handlicher und wirksamer: und die grundsätzlichsten Gegner der Demokratie (ich meine die Umsturzgeister) scheinen nur deshalb da zu sein, um durch die Angst, welche sie erregen, die verschiedenen Parteien immer schneller auf der demokratischen Bahn vorwärts zu treiben. Nun kann es einem angesichts Derer, welche jetzt bewußt und ehrlich für diese Zukunft arbeiten, in der That bange werden: es liegt etwas Ödes und Einförmiges in ihren Gesichtern, und der graue Staub scheint auch bis in ihre Gehirne hinein geweht zu sein. Trotzdem: es ist möglich, daß die Nachwelt über dieses unser Bangen einmal lacht und an die demokratische Arbeit einer Reihe von Geschlechtern etwa so denkt, wie wir an den Bau von Steindämmen und Schutzmauern – als an eine Thätigkeit, die notwendig viel Staub auf Kleider und Gesichter breitet und unvermeidlich wohl auch die Arbeiter ein wenig blödsinnig macht; aber wer würde deswegen solches Thun ungethan wünschen! Es scheint, daß die Demokratisirung Europa's ein Glied in der Kette jener ungeheuren prophylaktischen Maaßregeln ist, welche der Gedanke der neuen Zeit sind und mit denen wir uns gegen das Mittelalter abheben. Jetzt erst ist das Zeitalter der Cyklopenbauten! Endliche Sicherheit der Fundamente, damit alle Zukunft auf ihnen ohne Gefahr bauen kann! Unmöglichkeit fürderhin, daß die Fruchtfelder der Cultur wieder über Nacht von wilden und sinnlosen Bergwässern zerstört werden! Steindämme und Schutzmauern gegen Barbaren, gegen Seuchen, gegen leibliche und geistige Verknechtung ! Und dies Alles zunächst wörtlich und gröblich, aber allmählich immer höher und geistiger verstanden, so daß alle hier angedeuteten Maaßregeln die geistreiche Gesammtvorbereitung des höchsten Künstlers der Gartenkunst zu sein scheinen, der sich dann erst zu seiner eigentlichen Aufgabe wenden kann, wenn jene vollkommen ausgeführt ist! – Freilich: bei den weiten Zeitstrecken, welche hier zwischen Mittel und Zweck liegen, bei der großen, übergroßen, Kraft und Geist von Jahrhunderten anspannenden Mühsal, die schon noth thut, um nur jedes einzelne Mittel zu schaffen oder herbeizuschaffen, darf man es den Arbeitern an der Gegenwart nicht zu hart anrechnen, wenn sie laut dekretiren, die Mauer und das Spalier sei schon der Zweck und das letzte Ziel; da ja noch Niemand den Gärtner und die Fruchtpflanzen sieht, um derentwillen das Spalier da ist.   276. Das Recht des allgemeinen Stimmrechtes .– Das Volk hat sich das allgemeine Stimmrecht nicht gegeben, es hat dasselbe, überall, wo es jetzt in Geltung ist, empfangen und vorläufig angenommen: jedenfalls hat es aber das Recht, es wieder zurückzugeben, wenn es seinen Hoffnungen nicht genugthut. Dies scheint jetzt allerorten der Fall zu sein: denn wenn bei irgend einer Gelegenheit, wo es gebraucht wird, kaum Zweidrittel, ja vielleicht nicht einmal die Majorität aller Stimmberechtigten an die Stimm-Urne kommt, so ist dies ein Votum gegen das ganze Stimmsystem überhaupt. – Man muß hier sogar noch viel strenger urtheilen. Ein Gesetz, welches bestimmt, daß die Majorität über das Wohl Aller die letzte Entscheidung habe, kann nicht auf derselben Grundlage, welche durch dasselbe erst gegeben wird, aufgebaut werden; es bedarf nothwendig einer noch breiteren: und dies ist die Einstimmigkeit Aller . Das allgemeine Stimmrecht darf nicht nur der Ausdruck eines Majoritäten-Willens sein: das ganze Land muß es wollen. Deshalb genügt schon der Widerspruch einer sehr kleinen Minorität, dasselbe als unthunlich wieder bei Seite zu stellen: und die Nichtbetheiligung an einer Abstimmung ist eben ein solcher Widerspruch, der das ganze Stimmsystem zum Falle bringt. Das »absolute Veto« des Einzelnen oder, um nicht in's Kleinlicht zu verfallen, das Veto weniger Tausende hängt über diesem System, als die Consequenz der Gerechtigkeit: bei jedem Gebrauche, den man von ihm macht, muß es, laut der Art von Betheiligung, erst beweisen, daß es noch zu Recht besteht .   277. Das schlechte Schließen .– Wie schlecht schließt man, auf Gebieten, wo man nicht zu Hause ist, selbst wenn man als Mann der Wissenschaft noch so sehr an das gute Schließen gewöhnt ist! Es ist beschämend! Und nun ist klar, daß im großen Welttreiben, in Sachen der Politik, bei allem Plötzlichen und Drängenden, wie es fast jeder Tag herausführt, eben dieses schlechte Schließen entscheidet: denn Niemand ist völlig in dem zu Hause, was über Nacht neu gewachsen ist; alles Politisiren, auch bei den größten Staatsmännern, ist Improvisiren auf gut Glück.   278. Prämissen des Maschinen-Zeitalters . – Die Presse, die Maschine, die Eisenbahn, der Telegraph sind Prämissen, deren tausendjährige Conclusion noch Niemand zu ziehen gewagt hat.   279. Ein Hemmschuh der Cultur . – Wenn wir hören: dort haben die Männer nicht Zeit zu den produktiven Geschäften; Waffenübungen und Umzüge nehmen ihnen den Tag weg, und die übrige Bevölkerung muß sie ernähren und kleiden, ihre Tracht aber ist auffallend, oftmals bunt und voll Narrheiten; dort sind nur wenige unterscheidende Eigenschaften anerkannt, die Einzelnen gleichen einander mehr als anderwärts oder werden doch als Gleiche behandelt; doch verlangt und giebt man Gehorsam ohne Verständniß: man befiehlt, aber man hütet sich zu überzeugen; dort sind die Strafen wenige, diese wenigen aber sind hart und gehen schnell zum Letzten, Fürchterlichsten; dort gilt der Verrath als das größte Verbrechen, schon die Kritik der Übelstände wird nur von den Muthigsten gewagt; dort ist ein Menschenleben wohlfeil, und der Ehrgeiz nimmt häufig die Form an, daß er das Leben in Gefahr bringt, – wer dies Alles hört, wird sofort sagen: »es ist das Bild einer barbarischen, in Gefahr schwebenden Gesellschaft .« Vielleicht daß der Eine hinzufügt: »es ist die Schilderung Sparta's«; ein Anderer wird aber nachdenklich werden und vermeinen, es sei unser modernes Militärwesen beschrieben, wie es inmitten unsrer andersartigen Cultur und Societät dasteht, als ein lebendiger Anachronismus, als das Bild, wie gesagt, einer barbarischen, in Gefahr schwebenden Gesellschaft, als ein posthumes Werk der Vergangenheit, welches für die Räder der Gegenwart nur den Werth eines Hemmschuhs haben kann. – Mitunter thut aber auch ein Hemmschuh der Cultur auf das Höchste noth: wenn es nämlich zu schnell bergab oder, wie in diesem Falle vielleicht, bergauf geht.   280. Mehr Achtung vor den Wissenden ! – Bei der Concurrenz der Arbeit und der Verkäufer ist das Publikum zum Richter über das Handwerk gemacht: das hat aber keine strenge Sachkenntniß und urtheilt nach dem Scheine der Güte. Folglich wird die Kunst des Scheines (und vielleicht der Geschmack) unter der Herrschaft der Concurrenz steigen, dagegen die Qualität aller Erzeugnisse sich verschlechtern müssen. Folglich wird, wofern nur die Vernunft nicht im Werthe fällt, irgendwann jener Concurrenz ein Ende gemacht werden, und ein neues Princip den Sieg über sie davontragen. Nur der Handwerksmeister sollte über das Handwerk urtheilen, und das Publikum abhängig sein vom Glauben an die Person des Urtheilenden und an seine Ehrlichkeit. Demnach keine anonyme Arbeit! Mindestens müßte ein Sachkenner als Bürge derselben dasein und seinen Namen als Pfand einsetzen, wenn der Name des Urhebers fehlt oder klanglos ist. Die Wohlfeilheit eines Werkes ist für den Laien eine andere Art Schein und Trug, da erst die Dauerhaftigkeit entscheidet, daß und inwiefern eine Sache wohlfeil ist; jene aber ist schwer und von dem Laien gar nicht zu beurtheilen. – Also: was Effekt auf das Auge macht und wenig kostet, das bekommt jetzt das Übergewicht, – und das wird natürlich die Maschinenarbeit sein. Hinwiederum begünstigt die Maschine, das heißt die Ursache der größten Schnelligkeit und Leichtigkeit der Herstellung, auch ihrerseits die verkäuflichste Sorte: sonst ist kein erheblicher Gewinn mit ihr zu machen; sie würde zu wenig gebraucht und zu oft stille stehen. Was aber am verkäuflichsten ist, darüber entscheidet das Publikum, wie gesagt: es muß das Täuschendste sein, das heißt Das, was einmal gut scheint und sodann auch wohlfeil scheint . Also auch auf dem Gebiete der Arbeit muß unser Losungswort sein: »Mehr Achtung vor den Wissenden!«   281. Die Gefahr der Könige . – Die Demokratie hat es in der Hand, ohne alle Gewaltmittel, nur durch einen stätig geübten gesetzmäßigen Druck, das König- und Kaiserthum hohl zu machen: bis eine Null übrig bleibt, vielleicht, wenn man will , mit der Bedeutung jeder Null, daß sie, an sich Nichts, doch an die rechte Seite gestellt, die Wirkung einer Zahl verzehnfacht. Das Kaiser- und Königthum bliebe ein prachtvoller Zierrat an der schlichten und zweckmäßigen Gewandung der Demokratie, das schöne Überflüssige, welches sie sich gönnt, der Rest alles historisch ehrwürdigen Urväterzierrates, ja das Symbol der Historie selber – und in dieser Einzigkeit etwas höchst Wirksames, wenn es, wie gesagt, nicht für sich allein steht, sondern richtig gestellt wird. – Um der Gefahr jener Aushöhlung vorzubeugen, halten die Könige jetzt mit den Zähnen an ihrer Würde als Kriegsfürsten fest: dazu brauchen sie Kriege, das heißt Ausnahmezustände, in denen jener langsame, gesetzmäßige Druck der demokratischen Gewalten pausirt.   282. Der Lehrer ein nothwendiges Übel . – So wenig wie möglich Personen zwischen den produktiven Geistern und den hungernden und empfangenden Geistern! Denn die Mittlerwesen fälschen fast unwillkürlich die Nahrung, die sie vermitteln: sodann wollen sie zur Belohnung für ihr Vermitteln zu viel für sich , was also den originalen, produktiven Geistern entzogen wird: nämlich Interesse, Bewunderung, Zeit, Geld und Anderes. – Also: man sehe immerhin den Lehrer als ein nothwendiges Übel an, ganz wie den Handelsmann: als ein Übel, das man so klein wie möglich machen muß! – Wenn vielleicht die Noth der deutschen Zustände jetzt ihren Hauptgrund darin hat, daß viel zu Viele vom Handel leben und gut leben wollen (also dem Erzeugenden die Preise möglichst zu verringern und dem Verzehrenden die Preise möglichst zu erhöhen suchen, um am möglichst großen Schaden Beider den Vortheil zu haben): so kann man gewiß einen Hauptgrund der geistigen Nothstände in der Überfülle von Lehrern sehen: ihretwegen wird so wenig und so schlecht gelernt.   283. Die Achtungssteuer . – Den uns Bekannten, von uns Geehrten, sei es ein Arzt, Künstler, Handwerker, der Etwas für uns thut und arbeitet, bezahlen wir gern so hoch als wir können, oft sogar über unser Vermögen: dagegen bezahlt man den Unbekannten so niedrig es nur angehen will; hier ist ein Kampf, in welchem Jeder um den Fußbreit Landes kämpft und mit sich kämpfen macht. Bei der Arbeit des Bekannten für uns ist etwas Unbezahlbares , die in seine Arbeit unsertwegen hineingelegte Empfindung und Erfindung: wir glauben das Gefühl hiervon nicht anders als durch eine Art Aufopferung unsererseits ausdrücken zu können. – Die stärkste Steuer ist die Achtungssteuer . Je mehr die Concurrenz herrscht und man von Unbekannten kauft, für Unbekannte arbeitet, desto niedriger wird diese Steuer, während sie gerade der Maaßstab für die Höhe des menschlichen Seelen- Verkehres ist.   284. Das Mittel zum wirklichen Frieden . – Keine Regierung giebt jetzt zu, daß sie das Heer unterhalte, um gelegentliche Eroberungsgelüste zu befriedigen; sondern der Verteidigung soll es dienen. Jene Moral, welche die Nothwehr billigt, wird als ihre Fürsprecherin angerufen. Das heißt aber: sich die Moralität und dem Nachbar die Immoralität vorbehalten, weil er angriffs- und eroberungslustig gedacht werden muß, wenn unser Staat nothwendig an die Mittel der Nothwehr denken soll; überdies erklärt man ihn, der genau ebenso wie unser Staat die Angriffslust leugnet und auch seinerseits das Heer vorgeblich nur aus Nothwehrgründen unterhält, durch unsere Erklärung, weshalb wir ein Heer brauchen, für einen Heuchler und listigen Verbrecher, welcher gar zu gern ein harmloses und ungeschicktes Opfer ohne allen Kampf überfallen möchte. So stehen nun alle Staaten jetzt gegen einander: sie setzen die schlechte Gesinnung des Nachbars und die gute Gesinnung bei sich voraus. Diese Voraussetzung ist aber eine Inhumanität , so schlimm und schlimmer als der Krieg: ja, im Grunde ist sie schon die Aufforderung und Ursache zu Kriegen, weil sie, wie gesagt, dem Nachbar die Immoralität unterschiebt und dadurch die feindselige Gesinnung und That zu provociren scheint. Der Lehre von dem Heer als einem Mittel der Nothwehr muß man ebenso gründlich abschwören als den Eroberungsgelüsten. Und es kommt vielleicht ein großer Tag, an welchem ein Volk, durch Kriege und Siege, durch die höchste Ausbildung der militärischen Ordnung und Intelligenz ausgezeichnet und gewöhnt, diesen Dingen die schwersten Opfer zu bringen, freiwillig ausruft: » wir zerbrechen das Schwert « – und sein gesammtes Heerwesen bis in seine letzten Fundamente zertrümmert. Sich wehrlos machen, während man der Wehrhafteste war , aus einer Höhe der Empfindung heraus, – das ist das Mittel zum wirklichen Frieden, welcher immer auf einem Frieden der Gesinnung ruhen muß: während der sogenannte bewaffnete Friede, wie er jetzt in allen Ländern einhergeht, der Unfriede der Gesinnung ist, der sich und dem Nachbar nicht traut und halb aus Haß, halb aus Furcht die Waffen nicht ablegt. Lieber zu Grunde gehn als hassen und fürchten, und zweimal lieber zu Grunde gehn als sich hassen und fürchten machen , – dies muß einmal auch die oberste Maxime jeder einzelnen staatlichen Gesellschaft werden! – Unsern liberalen Volksvertretern fehlt es, wie bekannt, an Zeit zum Nachdenken über die Natur des Menschen: sonst würden sie wissen, daß sie umsonst arbeiten, wenn sie für eine »allmähliche Herabminderung der Militärlast« arbeiten. Vielmehr: erst wenn diese Art Noth am größten ist, wird auch die Art Gott am nächsten sein, die hier allein helfen kann. Der Kriegsglorien-Baum kann nur mit Einem Male, durch einen Blitzschlag zerstört werden: der Blitz aber kommt, ihr wißt es ja, aus der Wolke und aus der Höhe. –   285. Ob der Besitz mit der Gerechtigkeit ausgeglichen werden kann . – Wird die Ungerechtigkeit des Besitzes stark empfunden – der Zeiger der großen Uhr ist einmal wieder an dieser Stelle –, so nennt man zwei Mittel, derselben abzuhelfen: einmal eine gleiche Vertheilung und sodann die Aufhebung des Eigenthums und den Zurückfall des Besitzes an die Gemeinschaft. Letzteres Mittel ist namentlich nach dem Herzen unserer Socialisten, welche jenem alterthümlichen Juden darüber gram sind, daß er sagte: du sollst nicht stehlen. Nach ihnen soll das siebente Gebot vielmehr lauten: du sollst nicht besitzen. – Die Versuche nach dem ersten Recepte sind im Alterthum oft gemacht worden, zwar immer nur in kleinem Maaßstabe, aber doch mit einem Mißerfolg, der auch uns noch Lehrer sein kann. »Gleiche Ackerloose« ist leicht gesagt! aber wie viel Bitterkeit erzeugt sich durch die dabei nöthig werdende Trennung und Scheidung, durch den Verlust von altverehrtem Besitz, wie viel Pietät wird verletzt und geopfert! Man gräbt die Moralität um, wenn man die Grenzsteine umgräbt. Und wieder, wie viel neue Bitterkeit unter den neuen Besitzern, wie viel Eifersucht und Scheelsehen, da es zwei wirklich gleiche Ackerloose nie gegeben hat, und wenn es solche gäbe, der menschliche Neid auf den Nachbar nicht an deren Gleichheit glauben würde. Und wie lange dauerte diese schon in der Wurzel vergiftete und ungesunde Gleichheit! In wenigen Geschlechtern war durch Erbschaft hier das eine Loos auf fünf Köpfe, dort waren fünf Loose auf einen Kopf gekommen: und im Falle man durch harte Erbschafts-Gesetze solchen Mißständen vorbeugte, gab es zwar noch die gleichen Ackerloose, aber dazwischen Dürftige und Unzufriedene, welche Nichts besaßen, außer der Mißgunst auf die Anverwandten und Nachbarn und dem Verlangen nach dem Umsturz aller Dinge. – Will man aber, nach dem zweiten Recepte, das Eigenthum der Gemeinde zurückgeben und den Einzelnen nur zum zeitweiligen Pächter machen, so zerstört man das Ackerland. Denn der Mensch ist gegen Alles, was er nur vorübergehend besitzt, ohne Vorsorge und Aufopferung, er verfährt damit ausbeuterisch, als Räuber oder als lüderlicher Verschwender. Wenn Plato meint, die Selbstsucht werde mit der Aufhebung des Besitzes aufgehoben, so ist ihm zu antworten, daß, nach Abzug der Selbstsucht, vom Menschen jedenfalls nicht die vier Cardinaltugenden übrig bleiben werden, – wie man sagen muß: die ärgste Pest könnte der Menschheit nicht so schaden, als wenn eines Tages die Eitelkeit aus ihr entschwände. Ohne Eitelkeit und Selbstsucht – was sind denn die menschlichen Tugenden? Womit nicht von ferne gesagt sein soll, daß es nur Namen und Masken von Jenen seien. Plato's utopistische Grundmelodie, die jetzt noch von den Socialisten fortgesungen wird, beruht auf einer mangelhaften Kenntniß des Menschen: ihm fehlte die Historie der moralischen Empfindungen, die Einsicht in den Ursprung der guten nützlichen Eigenschaften der menschlichen Seele. Er glaubte, wie das ganze Alterthum, an Gut und Böse, wie an Weiß und Schwarz: also an eine radikale Verschiedenheit der guten und der bösen Menschen, der guten und der schlechten Eigenschaften. – Damit der Besitz fürderhin mehr Vertrauen einflöße und moralischer werde, halte man alle Arbeitswege zum kleinen Vermögen offen, aber verhindere die mühelose, die plötzliche Bereicherung; man ziehe alle Zweige des Transports und Handels, welche der Anhäufung großer Vermögen günstig sind, also namentlich den Geldhandel, aus den Händen der Privaten und Privatgesellschaften – und betrachte ebenso die Zuviel- wie die Nichts-Besitzer als gemeingefährliche Wesen.   286. Der Werth der Arbeit . – Wollte man den Werth der Arbeit darnach bestimmen, wie viel Zeit, Fleiß, guter oder schlechter Wille, Zwang, Erfindsamkeit oder Faulheit, Ehrlichkeit oder Schein darauf verwendet ist, so kann der Werth niemals gerecht sein; denn die ganze Person müßte auf die Wagschale gesetzt werden können, was unmöglich ist. Hier heißt es »richtet nicht!« Aber der Ruf nach Gerechtigkeit ist es ja, den wir jetzt von Denen hören, welche mit der Abschätzung der Arbeit unzufrieden sind. Denkt man weiter, so findet man jede Persönlichkeit unverantwortlich für ihr Produkt, die Arbeit: ein Verdienst ist also niemals daraus abzuleiten, jede Arbeit ist so gut oder schlecht, wie sie bei der und der notwendigen Constellation von Kräften und Schwächen, Kenntnissen und Begehrungen sein muß. Es steht nicht im Belieben des Arbeiters, ob er arbeitet: auch nicht, wie er arbeitet. Nur die Gesichtspunkte des Nutzens , engere und weitere, haben Werthschätzung der Arbeit geschaffen. Das, was wir jetzt Gerechtigkeit nennen, ist auf diesem Felde sehr wohl am Platz als eine höchst verfeinerte Nützlichkeit, welche nicht auf den Moment nur Rücksicht nimmt und die Gelegenheit ausbeutet, sondern auf Dauerhaftigkeit aller Zustände sinnt und deshalb auch das Wohl des Arbeiters, seine leibliche und seelische Zufriedenheit in's Auge faßt, – damit er und seine Nachkommen gut auch für unsere Nachkommen arbeiten und noch auf längere Zeiträume, als das menschliche Einzelleben ist, hinaus zuverlässig werden. Die Ausbeutung des Arbeiters war, wie man jetzt begreift, eine Dummheit, ein Raub-Bau auf Kosten der Zukunft, eine Gefährdung der Gesellschaft. Jetzt hat man fast schon den Krieg: und jedenfalls weiden die Kosten, um den Frieden zu erhalten, um Verträge zu schließen und Vertrauen zu erlangen, nunmehr sehr groß sein, weil die Thorheit der Ausbeutenden sehr groß und langdauernd war.   287. Vom Studium des Gesellschafts-Körpers . – Das Übelste für Den, welcher jetzt in Europa, namentlich in Deutschland, Ökonomik und Politik studieren will, liegt darin, daß die thatsächlichen Zustände, anstatt die Regeln zu exemplificiren, die Ausnahme oder die Übergangs - und Ausgangsstadien exemplificiren. Man muß deshalb über das thatsächlich Bestehende erst hinwegsehen lernen und zum Beispiel den Blick fernhin auf Nordamerika richten, – wo man die anfänglichen und normalen Bewegungen des gesellschaftlichen Körpers noch mit Augen sehen und aufsuchen kann, wenn man nur will ,– während in Deutschland dazu schwierige historische Studien oder, wie gesagt, ein Fernglas nöthig sind.   288. Inwiefern die Maschine demüthigt . – Die Maschine ist unpersönlich, sie entzieht dem Stück Arbeit seinen Stolz, sein individuell Gutes und Fehlerhaftes , was an jeder Nicht-Maschinenarbeit klebt, – also sein Bißchen Humanität. Früher war alles Kaufen von Handwerkern ein Auszeichnen von Personen , mit deren Abzeichen man sich umgab: der Hausrath und die Kleidung wurde dergestalt zur Symbolik gegenseitiger Wertschätzung und persönlicher Zusammengehörigkeit, während wir jetzt nur inmitten anonymen und unpersönlichen Sklaventhums zu leben scheinen. – Man muß die Erleichterung der Arbeit nicht zu theuer kaufen.   289. Hundertjährige Quarantäne . – Die demokratischen Einrichtungen sind Quarantäne-Anstalten gegen die alte Pest tyrannenhafter Gelüste: als solche sehr nützlich und sehr langweilig.   290. Der gefährlichste Anhänger . – Der gefährlichste Anhänger ist Der, dessen Abfall die ganze Partei vernichten würde: also der beste Anhänger.   291. Das Schicksal und der Magen . – Ein Butterbrod mehr oder weniger im Leibe des Jockey's entscheidet gelegentlich über Wettrennen und Wetten, also über Glück und Unglück von Tausenden. – So lange das Schicksal der Völker noch von den Diplomaten abhängt, werden die Mägen der Diplomaten immer der Gegenstand patriotischer Beklemmung sein. Quousque tandem –   292. Sieg der Demokratie . – Es versuchen jetzt alle politischen Mächte, die Angst vor dem Socialismus auszubeuten, um sich zu stärken. Aber auf die Dauer hat doch allein die Demokratie den Vortheil davon: denn alle Parteien sind jetzt genöthigt, dem »Volke« zu schmeicheln und ihm Erleichterungen und Freiheiten aller Art zu geben, wodurch es endlich omnipotent wird. Das Volk ist vom Socialismus, als einer Lehre von der Veränderung des Eigenthumerwerbes, am entferntesten: und wenn es erst einmal die Steuerschraube in den Händen hat, durch die großen Majoritäten seiner Parlamente, dann wird es mit der Progressivsteuer dem Kapitalisten-, Kaufmanns- und Börsenfürstenthum an den Leib gehen und in der That langsam einen Mittelstand schaffen, der den Socialismus wie eine überstandene Krankheit vergessen darf. – Das praktische Ergebniß dieser um sich greifenden Demokratisirung wird zunächst ein europäischer Völkerbund sein, in welchem jedes einzelne Volk, nach geographischen Zweckmäßigkeiten abgegrenzt, die Stellung eines Cantons und dessen Sonderrechte innehat: mit den historischen Erinnerungen der bisherigen Völker wird dabei wenig noch gerechnet werden, weil der pietätvolle Sinn für dieselben unter der neuerungssüchtigen und versuchslüsternen Herrschaft des demokratischen Princips allmählich von Grund aus entwurzelt wird. Die Correkturen der Grenzen, welche dabei sich nöthig zeigen, werden so ausgeführt, daß sie dem Nutzen der großen Cantone und zugleich dem des Gesammtverbandes dienen, nicht aber dem Gedächtnisse irgendwelcher vergrauten Vergangenheit. Die Gesichtspunkte für diese Correkturen zu finden wird die Aufgabe der zukünftigen Diplomaten sein, die zugleich Culturforscher, Landwirthe, Verkehrskenner sein müssen und keine Heere, sondern Gründe und Nützlichkeiten hinter sich haben. Dann erst ist die äußere Politik mit der inneren unzertrennbar verknüpft: während jetzt immer noch die Letztere ihrer stolzen Gebieterin nachläuft und im erbärmlichen Körbchen die Stoppelähren sammelt, die bei der Ernte der Ersteren übrig bleiben.   293. Ziel und Mittel der Demokratie . – Die Demokratie will möglichst Vielen Unabhängigkeit schaffen und verbürgen, Unabhängigkeit der Meinungen, der Lebensart und des Erwerbs. Dazu hat sie nöthig, sowohl den Besitzlosen als den eigentlich Reichen das politische Stimmrecht abzusprechen: als den zwei unerlaubten Menschenklassen, an deren Beseitigung sie stätig arbeiten muß, weil Diese ihre Aufgabe immer wieder in Frage stellen. Ebenso muß sie Alles verhindern, was auf die Organisation von Parteien abzuzielen scheint. Denn die drei großen Feinde der Unabhängigkeit in jenem dreifachen Sinne sind die Habenichtse, die Reichen und die Parteien. – Ich rede von der Demokratie als von etwas Kommendem. Das, was schon jetzt so heißt, unterscheidet sich von den älteren Regierungsformen allein dadurch, daß es mit neuen Pferden fährt: die Straßen sind noch die alten, und die Räder sind auch noch die alten. – Ist die Gefahr bei diesen Fuhrwerken des Völkerwohls wirklich geringer geworden?   294. Die Besonnenheit und der Erfolg . – Jene große Eigenschaft der Besonnenheit, welche im Grunde die Tugend der Tugenden, ihre Urgroßmutter und Königin ist, hat im gewöhnlichen Leben keineswegs immer den Erfolg auf ihrer Seite: und der Freier würde sich getäuscht finden, der nur des Erfolgs wegen sich um jene Tugend beworben hätte. Sie gilt nämlich unter den praktischen Leuten für verdächtig und wird mit der Hinterhaltigkeit und heuchlerischen Schlauheit verwechselt: wem dagegen ersichtlich die Besonnenheit abgeht, – der Mann, der rasch zugreift und auch einmal danebengreift, hat das Vorurtheil für sich, ein biederer, zuverlässiger Geselle zu sein. Die praktischen Leute mögen also den Besonnenen nicht, er ist für sie, wie sie meinen, eine Gefahr. Andererseits nimmt man den Besonnenen leicht als ängstlich, befangen, pedantisch – die unpraktischen und genießenden Leute gerade finden ihn unbequem, weil er nicht leichthin lebt wie sie, ohne an das Handeln und die Pflichten zu denken: er erscheint unter ihnen wie ihr leibhaftes Gewissen, und der helle Tag wird bei seinem Anblick ihrem Auge bleich. Wenn ihm also der Erfolg und die Beliebtheit fehlen, so mag er sich immer zum Troste sagen: »so hoch sind eben die Steuern , welche du für den Besitz des köstlichsten Gutes unter Menschen zahlen mußt, – er ist es werth!«   295. Et in Arcadia ego . – Ich sah hinunter, über Hügel-Wellen, gegen einen milchgrünen See hin, durch Tannen und altersernste Fichten hindurch: Felsbrocken aller Art um mich, der Boden bunt von Blumen und Gräsern. Eine Heerde bewegte, streckte und dehnte sich vor mir; einzelne Kühe und Gruppen ferner, im schärfsten Abendlichte, neben dem Nadelgehölz; andere näher, dunkler; Alles in Ruhe und Abendsättigung. Die Uhr zeigte gegen halb Sechs. Der Stier der Heerde war in den weißen, schäumenden Bach getreten und gieng langsam widerstrebend und nachgebend seinem stürzenden Laufe nach: so hatte er wohl seine Art von grimmigem Behagen. Zwei dunkelbraune Geschöpfe, bergamasker Herkunft, waren die Hirten: das Mädchen fast als Knabe gekleidet. Links Felsenhänge und Schneefelder über breiten Waldgürteln, rechts zwei ungeheure beeiste Zacken, hoch über mir, im Schleier des Sonnenduftes schwimmend – Alles groß, still und hell. Die gesammte Schönheit wirkte zum Schaudern und zur stummen Anbetung des Augenblicks ihrer Offenbarung; unwillkürlich, wie als ob es nichts Natürlicheres gäbe, stellte man sich in diese reine scharfe Lichtwelt (die gar nichts Sehnendes, Erwartendes, Vor- und Zurückblickendes hatte) griechische Heroen hinein; man mußte wie Poussin und sein Schüler empfinden: heroisch zugleich und idyllisch. – Und so haben einzelne Menschen auch gelebt , so sich dauernd in der Welt und die Welt in sich gefühlt , und unter ihnen einer der größten Menschen, der Erfinder einer heroisch-idyllischen Art zu philosophiren: Epikur.   296. Rechnen und messen . – Viele Dinge sehen, mit einander erwägen, gegen einander abrechnen und aus ihnen einen schnellen Schluß, eine ziemlich sichere Summe bilden, – das macht den großen Politiker, Feldherrn, Kaufmann: also die Geschwindigkeit in einer Art von Kopfrechnen. Eine Sache sehen, in ihr das einzige Motiv zum Handeln, die Richterin alles übrigen Handelns finden, macht den Helden, auch den Fanatiker – also eine Fertigkeit im Messen mit Einem Maaßstabe.   297. Nicht unzeitig sehen wollen . – So lange man Etwas erlebt, muß man dem Erlebniß sich hingeben und die Augen schließen, also nicht darin schon den Beobachter machen. Das nämlich würde die gute Verdauung des Erlebnisses stören: anstatt einer Weisheit trüge man eine Indigestion davon.   298. Aus der Praxis des Weisen . – Um weise zu werden, muß man gewisse Erlebnisse erleben wollen , also ihnen in den Rachen laufen. Sehr gefährlich ist dies freilich; mancher »Weise« wurde dabei aufgefressen.   299. Die Ermüdung des Geistes . – Unsere gelegentliche Gleichgültigkeit und Kälte gegen Menschen, welche uns als Härte und Charaktermangel ausgelegt wird, ist häufig nur eine Ermüdung des Geistes: bei dieser sind uns die Anderen, wie wir uns selber, gleichgültig oder lästig.   300. » Eins ist noth .« – Wenn man klug ist, ist Einem allein darum zu thun, daß man Freude im Herzen habe. – Ach, setzte Jemand hinzu, wenn man klug ist, thut man am Besten, weise zu sein.   301. Ein Zeugniß der Liebe . – Jemand sagte: »Über zwei Personen habe ich nie gründlich nachgedachte es ist das Zeugniß meiner Liebe zu ihnen.«   302. Wie man schlechte Argumente zu verbessern sucht . – Mancher wirft seinen schlechten Argumenten noch ein Stück seiner Persönlichkeit hinten nach, wie als ob jene dadurch richtiger ihre Bahn laufen würden und sich in gerade und gute Argumente verwandeln ließen; ganz wie die Kegelschieber auch nach dem Wurfe noch mit Gebärden und Schwenkungen der Kugel die Richtung zu geben suchen.   303. Die Rechtlichkeit . – Es ist noch wenig, wenn man in Bezug auf Rechte und Eigenthum ein Muster-Mensch ist; wenn man zum Beispiel als Knabe nie Obst in fremden Gärten nimmt, als Mann nicht über ungemähte Wiesen läuft, – um kleine Dinge zu nennen, welche wie bekannt, den Beweis für diese Art von Musterhaftigkeit besser geben als große. Es ist noch wenig: man ist dann immer erst eine »juristische Person«, mit jenem Grad von Moralität, deren sogar eine »Gesellschaft«, ein Menschen-Klumpen fähig ist.   304. Mensch ! – Was ist die Eitelkeit des eitelsten Menschen gegen die Eitelkeit, welche der Bescheidenste besitzt, in Hinsicht darauf, daß er sich in der Natur und Welt als »Mensch« fühlt!   305. Nöthigste Gymnastik . – Durch den Mangel an kleiner Selbstbeherrschung bröckelt die Fähigkeit zur großen an. Jeder Tag ist schlecht benutzt und eine Gefahr für den nächsten, an dem man nicht wenigstens einmal sich Etwas im Kleinen versagt hat: diese Gymnastik ist unentbehrlich, wenn man sich die Freude, sein eigener Herr zu sein, erhalten will.   306. Sich selber verlieren . – Wenn man erst sich selber gefunden hat, muß man verstehen, sich von Zeit zu Zeit zu verlieren – und dann wieder zu finden: vorausgesetzt daß man ein Denker ist. Diesem ist es nämlich nachtheilig, immerdar an Eine Person gebunden zu sein.   307. Wann Abschied nehmen noth thut . – Von Dem, was du erkennen und messen willst, mußt du Abschied nehmen, wenigstens auf eine Zeit. Erst wenn du die Stadt verlassen hast, siehst du, wie hoch sich ihre Thürme über die Häuser erheben.   308. Am Mittag . – Wem ein thätiger und stürmereicher Morgen des Lebens beschieden war, dessen Seele überfällt um den Mittag des Lebens eine seltsame Ruhesucht, die Monden und Jahre lang dauern kann. Es wird still um ihn, die Stimmen klingen fern und ferner; die Sonne scheint steil auf ihn herab. Auf einer verborgenen Waldwiese sieht er den großen Pan schlafend, alle Dinge der Natur sind mit ihm eingeschlafen, einen Ausdruck von Ewigkeit im Gesichte – so dünkt es ihm. Er will Nichts, er sorgt sich um Nichts, sein Herz steht still, nur sein Auge lebt, – es ist ein Tod mit wachen Augen. Vieles sieht da der Mensch, was er nie sah, und soweit er sieht, ist Alles in ein Lichtnetz eingesponnen und gleichsam darin begraben. Er fühlt sich glücklich dabei, aber es ist ein schweres, schweres Glück. – Da endlich erhebt sich der Wind in den Bäumen, Mittag ist vorbei, das Leben reißt ihn wieder an sich, das Leben mit blinden Augen, hinter dem sein Gefolge herstürmt: Wunsch, Trug, Vergessen, Genießen, Vernichten, Vergänglichkeit. Und so kommt der Abend herauf, stürmereicher und thatenvoller, als selbst der Morgen war. – Den eigentlich thätigen Menschen erscheinen die länger währenden Zustände des Erkennens fast unheimlich und krankhaft, aber nicht unangenehm.   309. Sich vor seinem Maler hüten . – Ein großer Maler, der in einem Porträt den vollsten Ausdruck und Augenblick, dessen ein Mensch fähig ist, enthüllt und niedergelegt hat, wird von diesem Menschen, wenn er ihn später im wirklichen Leben wiedersieht, fast immer nur eine Caricatur zu sehen glauben.   310. Die zwei Grundsätze des neuen Lebens . – Erster Grundsatz : man soll das Leben auf das Sicherste, Beweisbarste hin einrichten: nicht wie bisher auf das Entfernteste, Unbestimmteste, Horizont-Wolkenhafteste hin. Zweiter Grundsatz : man soll sich die Reihenfolge des Nächsten und Nahen, des Sicheren und weniger Sicheren feststellen, bevor man sein Leben einrichtet und in eine endgültige Richtung bringt.   311. Gefährliche Reizbarkeit . – Begabte Menschen, die aber träge sind, werden immer etwas gereizt erscheinen, wenn einer ihrer Freunde mit einer tüchtigen Arbeit fertig geworden ist. Ihre Eifersucht ist rege, sie schämen sich ihrer Faulheit – oder vielmehr, sie befürchten, der Thätige verachte sie gegenwärtig noch mehr, als sonst. In dieser Stimmung kritisiren sie das neue Werk – und ihre Kritik wird zur Rache, zum höchsten Befremden des Urhebers.   312. Zerstören der Illusionen . – Die Illusionen sind gewiß kostspielige Vergnügungen: aber das Zerstören der Illusionen ist noch kostspieliger – als Vergnügen betrachtet, was es unleugbar für manchen Menschen ist.   313. Das Eintönige des Weisen . – Die Kühe haben mitunter den Ausdruck der Verwunderung, die auf dem Wege zur Frage stehen bleibt. Dagegen liegt im Auge der höheren Intelligenz das nil admirari ausgebreitet wie die Eintönigkeit des wolkenlosen Himmels.   314. Nicht zu lange krank sein . – Man hüte sich, zu lange trank zu sein: denn bald werden die Zuschauer durch die übliche Verpflichtung, Mitleiden zu bezeigen, ungeduldig, weil es ihnen zu viel Mühe macht, diesen Zustand lange bei sich aufrecht zu erhalten – und dann gehen sie unmittelbar zur Verdächtigung eures Charakters über, mit dem Schlusse: »ihr verdient es krank zu sein, und wir brauchen uns nicht mehr mit Mitleiden anzustrengen.«   315. Wink für Enthusiasten . – Wer gern hingerissen werden will und sich leicht nach Oben tragen lassen möchte, soll zusehen, daß er nicht zu schwer werde, das heißt zum Beispiel, daß er nicht viel lerne und namentlich von der Wissenschaft sich nicht erfüllen lasse. Diese macht schwerfällig! – nehmt euch in Acht, ihr Enthusiasten!   316. Sich zu überraschen wissen . – Wer sich selber sehen will, so wie er ist, muß es verstehen, sich selber zu überraschen , mit der Fackel in der Hand. Denn es steht mit dem Geistigen so, wie es mit dem Körperlichen steht: wer gewohnt ist, sich im Spiegel zu schauen, vergißt immer seine Häßlichkeit: erst durch den Maler bekommt er den Eindruck derselben wieder. Aber er gewöhnt sich auch an das Gemälde und vergißt seine Häßlichkeit zum zweiten Male. – Dies nach dem allgemeinen Gesetze, daß der Mensch das Unveränderlich– Häßliche nicht erträgt : es sei denn auf einen Augenblick; er vergißt es oder leugnet es in allen Fällen. – Die Moralisten müssen auf jenen »Augenblick« rechnen, um ihre Wahrheiten vorbringen zu dürfen.   317. Meinungen und Fische . – Man ist Besitzer seiner Meinungen, wie man Besitzer von Fischen ist, – insofern man nämlich Besitzer eines Fischteiches ist. Man muß fischen gehen und Glück haben, – dann hat man seine Fische, seine Meinungen. Ich rede hier von lebendigen Meinungen, von lebendigen Fischen. Andere sind zufrieden, wenn sie ein Fossilien-Cabinet besitzen – und, in ihrem Kopfe, »Überzeugungen«.   318. Anzeichen von Freiheit und Unfreiheit . – Seine nothwendigen Bedürfnisse so viel wie möglich selber befriedigen, wenn auch unvollkommen, das ist die Richtung auf Freiheit von Geist und Person . Viele, auch überflüssige Bedürfnisse sich befriedigen lassen, und so vollkommen als möglich, – erzieht zur Unfreiheit . Der Sophist Hippias, der Alles was er trug, innen und außen, selbst erworben, selber gemacht hatte, entspricht eben damit der Richtung auf höchste Freiheit des Geistes und der Person. Nicht darauf kommt es an, daß Alles gleich gut und vollkommen gearbeitet ist; der Stolz flickt schon die schadhaften Stellen aus.   319. Sich selber glauben . – In unserer Zeit mißtraut man Jedem, der an sich selber glaubt; ehemals genügte es, um an sich glauben zu machen. Das Recept, um jetzt Glauben zu finden, heißt: »Schone dich selber nicht! Willst du deine Meinung in ein glaubwürdiges Licht setzen, so zünde zuerst die eigene Hütte an!   320. Reicher und ärmer zugleich . – Ich kenne einen Menschen, der als Kind schon sich gewöhnt hatte, gut von der Intellektualität der Menschen zu denken, also von ihrer wahren Hingebung in Bezug auf geistige Dinge, ihrer uneigennützigen Bevorzugung des als wahr Erkannten und dergleichen, dagegen von seinem eigenen Kopfe (Urtheil, Gedächtniß, Geistesgegenwart, Phantasie) bescheidene, ja niedrige Begriffe zu haben. Er machte sich Nichts aus sich, wenn er sich mit Anderen verglich. Nun wurde er im Laufe der Jahre erst einmal und dann hundertfach gezwungen, in diesem Punkte umzulernen, – man sollte denken zu seiner großen Freude und Genugthuung. Es gab auch in der That Etwas davon; aber »doch ist, wie er einmal sagte, eine Bitterkeit der bittersten Art beigemischt, welche ich im früheren Leben nicht kannte: denn seit ich die Menschen und mich selber gerechter schätze, scheint mir mein Geist weniger nütze; ich glaube damit kaum noch etwas Gutes erweisen zu können, weil der Geist der Anderen es nicht anzunehmen versteht: ich sehe jetzt die schreckliche Kluft zwischen dem Hülfreichen und dem Hülfebedürftigen immer vor mir. Und so quält mich die Noth, meinen Geist für mich haben und allein genießen zu müssen, so weit er genießbar ist. Aber geben ist seliger als haben : und was ist der Reichste in der Einsamkeit einer Wüste !«   321. Wie man angreifen soll . – Die Gründe, um derentwillen man an Etwas glaubt oder nicht glaubt, sind bei den allerseltensten Menschen überhaupt so stark, als sie sein können . Für gewöhnlich hat man, um den Glauben an Etwas zu erschüttern, durchaus nicht nöthig, ohne Weiteres das schwerste Geschütz des Angriffs vorzufahren; bei Vielen führt es schon zum Ziele, wenn man den Angriff mit etwas Lärm macht: so daß oft Knallerbsen genügen. Gegen sehr eitle Personen reicht die Miene des allerschwersten Angriffs aus: sie sehen sich sehr ernst genommen – und geben gern nach.   322. Tod . – Durch die sichere Aussicht auf den Tod könnte jedem Leben ein köstlicher, wohlriechender Tropfen von Leichtsinn beigemischt sein – und nun habt ihr wunderlichen Apotheker-Seelen aus ihm einen übelschmeckenden Gift-Tropfen gemacht, durch den das ganze Leben widerlich wird!   323. Reue . – Niemals der Reue Raum geben, sondern sich sofort sagen: dies hieße ja der ersten Dummheit eine zweite zugesellen. – Hat man Schaden gestiftet, so sinne man darauf, Gutes zu stiften. Wird man wegen seiner Handlungen gestraft, dann ertrage man die Strafe mit der Empfindung, damit schon etwas Gutes zu stiften: man schreckt die Anderen ab, in die gleiche Thorheit zu verfallen. Jeder gestrafte Übelthäter darf sich als Wohlthäter der Menschheit fühlen.   324. Zum Denker werden . – Wie kann Jemand zum Denker werden, wenn er nicht mindestens den dritten Theil jeden Tages ohne Leidenschaften, Menschen und Bücher verbringt?   325. Das beste Heilmittel . – Etwas Gesundheit ab und zu ist das beste Heilmittel des Kranken.   326. Nicht anrühren ! – Es giebt schreckliche Menschen, welche ein Problem, anstatt es zu lösen, für Alle, welche sich mit ihm abgeben wollen, verfitzen und schwerer lösbar machen. Wer es nicht versteht, den Nagel auf den Kopf zu treffen, soll ja gebeten sein, ihn gar nicht zu treffen.   327. Die vergessene Natur . – Wir sprechen von Natur und vergessen uns dabei: wir selber sind Natur, quand même –. Folglich ist Natur etwas ganz Anderes als Das, was wir beim Nennen ihres Namens empfinden.   328. Tiefe und Langweiligkeit . – Bei tiefen Menschen wie bei tiefen Brunnen dauert es lange, bis Etwas, das in sie fällt, ihren Grund erreicht. Die Zuschauer, welche gewöhnlich nicht lange genug warten, halten solche Menschen leicht für unbeweglich und hart – oder auch für langweilig.   329. Wann es Zeit ist, sich Treue zu geloben . – Man verläuft sich mitunter in eine geistige Richtung, welcher unsre Begabung widerspricht; eine Zeitlang kämpft man heroisch wider die Fluth und den Wind an, im Grunde gegen sich selbst: man wird müde, keucht; was man vollbringt, macht Einem keine rechte Freude, man meint zu viel bei diesen Erfolgen eingebüßt zu haben. Ja, man verzweifelt an seiner Fruchtbarkeit, an seiner Zukunft, mitten im Siege vielleicht. Endlich, endlich kehrt man um – und jetzt weht der Wind in unser Segel und treibt uns in unser Fahrwasser. Welches Glück! Wie siegesgewiß fühlen wir uns! Jetzt erst wissen wir, was wir sind und was wir wollen, jetzt geloben wir uns Treue und dürfen es – als Wissende.   330. Wetterpropheten . – Wie die Wolken uns verrathen, wohin hoch über uns die Winde laufen, so sind die leichtesten und freiesten Geister in ihren Richtungen vorausverkündend für das Wetter, das kommen wird. Der Wind im Thale und die Meinungen des Marktes von Heute bedeuten Nichts für Das, was kommt, sondern nur für Das, was war.   331. Stätige Beschleunigung . – Jene Personen, welche langsam beginnen und schwer in einer Sache heimisch werden, haben nachher mitunter die Eigenschaft der stätigen Beschleunigung, – sodaß zuletzt Niemand weiß, wohin der Strom sie noch reißen kann.   332. Die guten Drei . – Größe, Ruhe, Sonnenlicht – diese Drei umfassen Alles, was ein Denker wünscht und auch von sich fordert: seine Hoffnungen und Pflichten, seine Ansprüche im Intellektuellen und Moralischen, sogar in der täglichen Lebensweise und selbst im Landschaftlichen seines Wohnsitzes. Ihnen entsprechen einmal erhebende Gedanken, sodann beruhigende , drittens aufhellende – viertens aber Gedanken, welche an allen drei Eigenschaften Antheil haben, in denen alles Irdische zur Verklärung kommt: es ist das Reich, wo die große Dreifaltigkeit der Freude herrscht.   333. Für die »Wahrheit« sterben . – Wir würden uns für unsere Meinungen nicht verbrennen lassen: wir sind ihrer nicht so sicher. Aber vielleicht dafür, daß wir unsere Meinungen haben dürfen und ändern dürfen.   334. Seine Taxe haben . – Wenn man gerade so viel gelten will, als man ist , muß man Etwas sein, das seine Taxe hat. Aber nur das Gewöhnliche hat seine Taxe. Somit ist jenes Verlangen entweder die Folge einsichtiger Bescheidenheit – oder dummer Unbescheidenheit.   335. Moral für Häuserbauer . – Man muß die Gerüste wegnehmen, wenn das Haus gebaut ist.   336. Sophokleismus .– Wer hat mehr Wasser in den Wein gegossen als die Griechen! Nüchternheit und Grazie verbunden – das war das Adels-Vorrecht des Atheners zur Zeit des Sophokles und nach ihm. Mache es nach, wer da kann! Im Leben und Schaffen!   337. Das Heroische . – Das Heroische besteht darin, daß man Großes thut (oder etwas in großer Weise nicht thut), ohne sich im Wettkampfe mit Anderen, vor Anderen zu fühlen. Der Heros trägt die Einöde und den heiligen unbetretbaren Grenzbezirk immer mit sich, wohin er auch gehe.   338. Doppelgängerei der Natur . – In mancher Natur-Gegend entdecken wir uns selber wieder, mit angenehmem Grausen; es ist die schönste Doppelgängerei. – Wie glücklich muß Der sein können, welcher jene Empfindung gerade hier hat, in dieser beständigen sonnigen Oktoberluft, in diesem schalkhaft glücklichen Spielen des Windzuges von Früh bis Abend, in dieser reinsten Helle und mäßigsten Kühle, in dem gesummten anmuthig ernsten Hügel-, Seen- und Wald-Charakter dieser Hochebene, welche sich ohne Furcht neben die Schrecknisse des ewigen Schnees hingelagert hat, hier, wo Italien und Finnland zum Bunde zusammengekommen sind und die Heimat aller silbernen Farbentöne der Natur zu sein scheint: – wie glücklich Der, welcher sagen kann: »es giebt gewiß viel Größeres und Schöneres in der Natur, dies aber ist mir innig und vertraut, blutsverwandt, ja noch mehr.«   339. Leutseligkeit des Weisen . – Der Weise wird unwillkürlich mit den andern Menschen leutselig umgehen wie ein Fürst und sie, trotz aller Verschiedenheit der Begabung, des Standes und der Gesittung, leicht als gleichartig behandeln: was man, sobald es bemerkt wird, ihm sehr übel nimmt.   340. Gold . – Alles, was Gold ist, glänzt nicht. Die sanfte Strahlung ist dem edelsten Metalle zu eigen.   341. Rad und Hemmschuh . – Das Rad und der Hemmschuh haben verschiedene Pflichten, aber auch eine gleiche: einander wehe zu thun.   342. Störungen des Denkers . – Auf Alles, was den Denker in seinen Gedanken unterbricht (stört, wie man sagt), muß er friedfertig hinschauen, wie auf ein neues Modell, das zur Thür hereintritt, um sich dem Künstler anzubieten. Die Unterbrechungen sind die Raben, welche dem Einsamen Speise bringen.   343. Viel Geist haben . – Viel Geist haben erhält jung : aber man muß es ertragen, damit gerade für älter zu gelten, als man ist. Denn die Menschen lesen die Schriftzüge des Geistes ab als Spuren der Lebenserfahrung , das heißt des Viel- und Schlimm gelebt -habens, des Leidens, Irrens, Bereuens. Also: man gilt ihnen für älter sowohl als für schlechter , als man ist, wenn man viel Geist hat und zeigt.   344. Wie man siegen muß . – Man soll nicht siegen wollen, wenn man nur die Aussicht hat, um eines Haares Breite seinen Gegner zu überholen. Der gute Sieg muß den Besiegten freudig stimmen, er muß etwas Göttliches haben, welches die Beschämung erspart.   345. Wahn der überlegenen Geister . – Die überlegenen Geister haben Mühe, sich von einem Wahne frei zu machen: sie bilden sich nämlich ein, daß sie bei den Mittelmäßigen Neid erregen und als Ausnahme empfunden werden. Thatsächlich aber werden sie als Das empfunden, was überflüssig ist und was man, wenn es fehlte, nicht entbehren würde.   346. Forderung der Reinlichkeit .– Daß man seine Meinungen wechselt, ist für die einen Naturen ebenso eine Forderung der Reinlichkeit, wie die, daß man seine Kleider wechselt: für andere Naturen aber nur eine Forderung ihrer Eitelkeit.   347. Auch eines Heros würdig . – Hier ist ein Heros, der Nichts gethan hat als den Baum geschüttelt, sobald die Früchte reif waren. Dünkt euch dies zu wenig? So seht euch den Baum erst an, den er schüttelte.   348. Woran die Weisheit zu messen ist . – Der Zuwachs an Weisheit läßt sich genau nach der Abnahme an Galle bemessen.   349. Den Irrthum unangenehm sagen . – Es ist nicht nach Jedermanns Geschmack, daß die Wahrheit angenehm gesagt werde. Möge aber wenigstens Niemand glauben, daß der Irrthum zur Wahrheit werde, wenn man ihn unangenehm sage.   350. Die goldene Losung . – Dem Menschen sind viele Ketten angelegt worden, damit er es verlerne, sich wie ein Thier zu gebärden: und wirklich, er ist milder, geistiger, freudiger, besonnener geworden, als alle Thiere sind. Nun aber leidet er noch daran, daß er so lange seine Ketten trug, daß es ihm so lange an reiner Luft und freier Bewegung fehlte: – diese Ketten aber sind, ich wiederhole es immer und immer wieder, jene schweren und sinnvollen Irrthümer der moralischen, der religiösen, der metaphysischen Vorstellungen. Erst wenn auch die Ketten-Krankheit überwunden ist, ist das erste große Ziel ganz erreicht: die Abtrennung des Menschen von den Thieren. – Nun stehen wir mitten in unserer Arbeit, die Ketten abzunehmen, und haben dabei die höchste Vorsicht nöthig. Nur dem veredelten Menschen darf die Freiheit des Geistes gegeben werden; ihm allein naht die Erleichterung des Lebens und salbt seine Wunden aus; er zuerst darf sagen, daß er um der Freudigkeit willen lebe und um keines weiteren Zieles willen; und in jedem anderen Munde wäre sein Wahlspruch gefährlich: Frieden um mich und ein Wohlgefallen an allen nächsten Dingen . – Bei diesem Wahlspruch für Einzelne gedenkt er eines alten großen und rührenden Wortes, welches Allen galt, und das über der gesammten Menschheit stehen geblieben ist, als ein Wahlspruch und Wahrzeichen, an dem Jeder zu Grunde gehen soll, der damit zu zeitig sein Banner schmückt, – an dem das Christenthum zu Grunde gieng. Noch immer, so scheint es, ist es nicht Zeit , daß es allen Menschen jenen Hirten gleich ergehen dürfe, die den Himmel über sich erhellt sahen und jenes Wort hörten: »Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen an einander.« – Immer noch ist es die Zeit der Einzelnen . * Der Schatten : Von Allem, was du vorgebracht hast, hat mir Nichts mehr gefallen als eine Verheißung: ihr wollt wieder gute Nachbarn der nächsten Dinge werden. Dies wird auch uns armen Schatten zu Gute kommen. Denn, gesteht es nur ein, ihr habt bisher uns allzugern verleumdet. Der Wanderer : Verleumdet? Aber warum habt ihr euch nie vertheidigt? Ihr hattet ja unsere Ohren in der Nähe. Der Schatten : Es schien uns, als ob wir euch eben zu nahe wären, um von uns selber reden zu dürfen. Der Wanderer : Delikat! Sehr delikat! Ach, ihr Schatten seid »bessere Menschen« als wir, das merke ich. Der Schatten : Und doch nanntet ihr uns »zudringlich« – uns, die wir mindestens Eines gut verstehen: zu schweigen und zu warten – kein Engländer versteht es besser. Es ist wahr, man findet uns sehr, sehr oft in dem Gefolge des Menschen, aber doch nicht in seiner Knechtschaft. Wenn der Mensch das Licht scheut, scheuen wir den Menschen: so weit geht doch unsere Freiheit. Der Wanderer : Ach, das Licht scheut noch viel öfter den Menschen, und dann verlaßt ihr ihn auch. Der Schatten : Ich habe dich oft mit Schmerz verlassen: es ist mir, der ich wißbegierig bin, an dem Menschen Vieles dunkel geblieben, weil ich nicht immer um ihn sein kann. Um den Preis der vollen Menschen-Erkenntniß möchte ich auch wohl dein Sklave sein. Der Wanderer : Weißt du denn, weiß ich denn, ob du damit nicht unversehens aus dem Sklaven zum Herrn würdest? Oder zwar Sklave bliebest, aber als Verächter deines Herrn ein Leben der Erniedrigung, des Ekels führtest? Seien wir Beide mit der Freiheit zufrieden, so wie sie dir geblieben ist – dir und mir! Denn der Anblick eines Unfreien würde mir meine größten Freuden vergällen; das Beste wäre mir zuwider, wenn es Jemand mit mir theilen müßte , – ich will keine Sklaven um mich wissen. Deshalb mag ich auch den Hund nicht, den faulen, schweifwedelnden Schmarotzer, der erst als Knecht des Menschen »hündisch« geworden ist und von dem sie gar noch zu rühmen pflegen, daß er dem Herrn treu sei und ihm folge wie sein – Der Schatten : Wie sein Schatten, so sagen sie. Vielleicht folgte ich dir heute auch schon zu lange? Es war der längste Tag, aber wir sind an seinem Ende, habe eine kleine Weile noch Geduld! Der Rasen ist feucht, mich fröstelt. Der Wanderer : Oh, ist es schon Zeit zu scheiden? Und ich mußte dir zuletzt noch wehe thun; ich sah es, du wurdest dunkler dabei. Der Schatten : Ich erröthete, in der Farbe, in welcher ich es vermag. Mir fiel ein, daß ich dir oft zu Füßen gelegen habe wie ein Hund, und daß du dann – Der Wanderer : Und könnte ich dir nicht in aller Geschwindigkeit noch Etwas zu Liebe thun? Hast du keinen Wunsch? Der Schatten : Keinen, außer etwa den Wunsch, welchen der philosophische »Hund« vor dem großen Alexander hatte: gehe mir ein wenig aus der Sonne, es ist mir zu kalt. Der Wanderer : Was soll ich thun? Der Schatten : Tritt unter diese Fichten und schaue dich nach den Bergen um; die Sonne sinkt. Der Wanderer : – Wo bist du? Wo bist du? Aus dem Nachlaß. Gedanken über Richard Wagner, Musik und Bayreuth.   (1874/78.) I. Gedanken über Richard Wagner. (Aus dem Januar 1874.)   295. Richard Wagner in Bayreuth . Ursachen des Mißlingens. Darunter vor Allem das Befremdende. Mangel an Sympathie für Wagner. Schwierig, complicirt. Doppelnatur Wagner's. Affekt Ekstase. Gefahren. Musik und Drama. Das Nebeneinander. Das Präsumptuöse. Späte Männlichkeit – langsame Entwicklung. Wagner als Schriftsteller. Freunde (erregen neue Bedenken). Feinde (erwecken keine Achtung, kein Interesse für das Befehdete). Das Befremden erklärt: vielleicht gehoben?   296. Wagner versucht die Erneuerung der Kunst von der einzigen noch vorhandenen Basis aus, vom Theater aus: hier wird doch wirklich noch eine Masse aufgeregt und macht sich Nichts vor wie in Museen und Concerten. Freilich ist es eine sehr rohe Masse, und die Theatrokratie wieder zu beherrschen hat sich bis jetzt noch als unmöglich erwiesen. Problem: soll die Kunst ewig sektirerisch und isolirt fortleben? Ist es möglich, sie zur Herrschaft zu bringen? Hier liegt Wagner's Bedeutung, er versucht die Tyrannis mit Hülfe der Theatermassen. Es ist wohl kein Zweifel, daß Wagner als Italiäner sein Ziel erreicht haben würde. Der Deutsche hat keine Achtung vor der Oper und betrachtet sie immer als importirt und als undeutsch. Ja das ganze Theaterwesen nimmt er nicht ernst.   297. Es liegt etwas Komisches darin: Wagner kann die Deutschen nicht überreden, das Theater ernst zu nehmen. Sie bleiben kalt und ungemüthlich – er ereifert sich, als ob das Heil der Deutschen davon abhienge. Jetzt zumal glauben die Deutschen ernsthafter beschäftigt zu sein, und es kommt ihnen wie eine lustige Schwärmerei vor, daß Jemand der Kunst so feierlich sich zuwendet. Reformator ist Wagner nicht, denn bis jetzt ist Alles beim Alten geblieben. In Deutschland nimmt Jeder seine Sache ernst, da lacht man über Den, der für sich allein das Ernstnehmen prätendirt. Einwirkung der Geldkrisen. Allgemeine Unsicherheit der politischen Lage. Zweifel an der besonnenen Leitung der deutschen Geschicke. Zeit der Kunstaufregungen (Liszt u. s. w.) vorüber. Eine ernste Nation will sich einige Leichtfertigkeit nicht verkümmern lassen, die Deutschen nicht in den theatralischen Künsten. Hauptsache: die Bedeutung der Kunst, wie sie Wagner hat, paßt nicht in unsre gesellschaftlichen und arbeitenden Verhältnisse. Daher instinktive Abneigung gegen das Ungeeignete.   298. Die Bedeutung, die Wagner der Kunst zuschreibt, ist nicht deutsch . Hier fehlt es selbst an einer dekorativen Kunst. Alle öffentliche Schicklichkeit für Kunst fehlt. Im Wesentlichen gelehrtenhaft oder ganz gemein. Hier und da vereinzelte Begierde zum Schönen. Musik steht einzig da. Aber selbst diese hat nicht vermocht, eine Organisation zu schaffen: nicht einmal die importirte Theatermusik abzuhalten. * Jemand, der heute im Theater klatscht, schämt sich morgen darüber: denn wir haben unsern Hausaltar, Beethoven, Bach – da bleicht die Erinnerung.   299. Wagner fand das Publikum sehr verschiedenartig ausgebildet, anders in der Beurtheilung, anders für Musik. Er nahm es als Einheit und erklärte seine Ausbrüche von Neigung als aus Einer Wurzel kommend, d. h. er setzte voraus, daß der Effekt durch gleiche Portionen von Einzeleffekten zusammenaddirt sei. So und so viel Freude an der Musik, ebensoviel an der Schauspielkunst, ebensoviel am Drama. Nun lernt er, daß eine große Schauspielerin diese Rechnung in Verwirrung bringt – zugleich aber steigert sich sein Ideal – was wird die Wirkung erst für eine Höhe erreichen, wenn eine gleich große Musik u. s. w. entspricht?   300. Das erste Problem Wagner's: »warum bleibt die Wirkung aus, da ich sie empfange?« Dies treibt ihn zu einer Kritik des Publikums, des Staates, der Gesellschaft. Er setzt zwischen Künstler und Publikum das Verhältniß von Subjekt und Objekt – ganz naiv.   301. Wagner ist eine gesetzgeberische Natur: er übersieht viel Verhältnisse und ist nicht im Kleinen befangen, er ordnet Alles im Großen und ist nicht nach der isolirten Einzelheit zu beurtheilen – Musik, Drama, Poesie, Staat, Kunst u. s. w. Die Musik ist nicht viel werth, die Poesie auch nicht, das Drama auch nicht, die Schauspielkunst ist oft nur Rhetorik – aber Alles ist im Großen eins und auf einer Höhe.   302. Wagner's Begabung ist ein aufwachsender Wald , kein einzelner Baum.   303. Die Heiterkeit Wagner's ist das Sicherheitsgefühl Dessen, der von den größten Gefahren und Ausschweifungen zurückkehrt, in's Begrenzte und Heimische; alle Menschen, mit denen er umgeht, sind solche begrenzte Abschnitte aus seinem eigenen Laufe (wenigstens empfindet er Nichts mehr an ihnen), deshalb kann er hier heiter und überlegen sein, denn hier kann er mit allen Nöthen, Bedenken spielen .   304. Die eine Eigenschaft Wagner's: Unbändigkeit, Maaßlosigkeit, er geht bis auf die letzte Sprosse seiner Kraft, seiner Empfindung. Die andre Eigenschaft ist eine große schauspielerische Begabung, die versetzt ist, die sich in andern Wegen Bahn bricht als auf dem ersten nächsten: dazu nämlich fehlt ihm Gestalt, Stimme und die nöthige Bescheidung.   305. Wagner ist ein geborner Schauspieler, aber gleichsam wie Goethe ein Maler ohne Malerhände. Seine Begabung sucht und findet Auswege. Nun denke man sich diese versagten Triebe zusammen wirkend.   306. Wenn Goethe ein versetzter Maler, Schiller ein versetzter Redner ist, so ist Wagner ein versetzter Schauspieler. Er nimmt besonders die Musik hinzu –   307. Wagner steht zur Musik wie ein Schauspieler: deshalb kann er gleichsam aus verschiednen Musikerseelen sprechen und ganz diverse Welten (Tristan, Meistersinger) nebeneinander hinstellen.   308. Die Einfachheit in der Anlage der Dramen zeigt den Schauspieler. * Wagner schätzt das Einfache der dramatischen Anlage, weil es am stärksten wirkt . Er sammelt alle wirksamen Elemente, in einer Zeit, die sehr rohe und starke Mittel wegen ihrer Stumpfheit braucht. Das Prächtige, Berauschende, Verwirrende, das Grandiose, das Schreckliche, Lärmende, Häßliche, Verzückte, Nervöse, – Alles ist im Recht. Ungeheure Dimensionen, ungeheure Mittel. Das Unregelmäßige, der überladene Glanz und Schmuck macht den Eindruck des Reichthums und der Üppigkeit. Er weiß, was auf unsre Menschen noch wirkt: dabei hat er sich »unsre Menschen« noch idealisirt und sehr hoch gedacht.   309. Als Schauspieler wollte er den Menschen nur als den wirksamsten und wirklichsten nachahmen: im höchsten Affekt. Denn seine extreme Natur sah in allen andern Zuständen Schwäche und Unwahrheit. Die Gefahr der Affektmalerei ist für den Künstler außerordentlich. Das Berauschende, das Sinnliche, Ekstatische, das Plötzliche, das Bewegtsein um jeden Preis – schreckliche Tendenzen!   310. Sein Zurückfliehen zur Natur, das heißt zum Affekt, ist deshalb verdächtig, weil der Affekt am wirkungsreichsten ist. Falsch die Möglichkeit einer Kunst, die reine Improvisation ist: das ist der deutschen Musik entgegen doch nur ein naiver Standpunkt. Die organische Einheit liegt bei Wagner im Drama, durchdringt aber deshalb nicht die Musik (oft nicht), ebensowenig den Text. Der behält den Eindruck des Improvisirten (das nur bei den vollendeten Künstlern etwas Gutes ist, nicht bei werdenden: aber es täuscht immer und erweckt den Eindruck des Reichthums).   311. Unmäßigkeit und Schrankenlosigkeit galt ihm wohl als Natur.   312. Man muß nicht unbillig sein und nicht von einem Künstler die Reinheit und Uneigennützigkeit verlangen, wie sie ein Luther u. s. w. besitzt. Doch leuchtet aus Bach und Beethoven eine reinere Natur. Das Ekstatische ist bei Wagner oft gewaltsam und nicht naiv genug, zudem durch starke Contraste zu stark in Scene gesetzt.   313. Die Sehnsucht nach der Ruhe, Treue – aus dem Unbändigen, Grenzenlosen – im fliegenden Holländer. * Im Tannhäuser sucht er eine Reihe von ekstatischen Zuständen an einem Individuum zu motiviren: er scheint zu meinen, erst in diesen Zuständen zeige sich der natürliche Mensch. In den Meistersingern und in Theilen seiner Nibelungen kehrt er zur Selbstbeherrschung zurück: er ist darin größer als in dem ekstatischen Sichgehenlassen. Die Beschränkung steht ihm wohl. Ein Mensch, der durch seinen Kunsttrieb disciplinirt wird.   314. Gefahren der dramatischen Musik für die Musik. Gefahren des musikalischen Dramas für den dramatischen Dichter. Gefahren für den Sänger.   315. Zwischen Musik und Sprache ist eine Verbindung möglich, die wirklich organisch ist: im Lied. Oft auch in ganzen Scenen. Es ist ein Ideal, das Drama und die Musik in ein solches Verhältniß zu bringen: Vorbild im antiken Chortanz. Aber das Ziel ist sofort viel zu hoch genommen: denn wir haben noch keinen Stil der Bewegung, keine ebenso reiche Ausbildung der Orchestik, wie es unsere Musik hat. Die Musik aber in den Dienst einer naturalistischen Leidenschaftlichkeit zwingen, löst sie auf und verwirrt sie selbst und macht sie später unfähig, die gemeinsame Aufgabe zu lösen. Daß uns eine solche Kunst, wie die Wagner's, auf's Höchste gefällt, daß sie eine unendliche Ferne der Kunstentwicklung noch aufzeigt, ist kein Zweifel. Aber der deutsche Formensinn! Wenn nur die Musik nicht schlecht wird und die Form ausbleibt! Im Dienste Hans-Sachsischer Gebärden muß die Musik entarten. (Beckmesser.) * Die Musik zu Beckmesser ist superlativisch; sie kann Keinen mehr ausdrücken, der mehr geprügelt und geschunden ist. Man hat ordentlich Mitleid, wie wenn ein Bucklichter verhöhnt wird.   316. Der Weg vom Tanz bis zur Symphonie kann nicht übersprungen werden: was bleibt übrig als ein naturalistisches Gegenstück der unrhythmischen wirklichen Leidenschaft. Aber mit der unstilisirten Natur kann die Kunst Nichts anfangen. Excesse der bedenklichsten Art im Tristan, zum Beispiel die Ausbrüche am Schluß des zweiten Aktes. Unmäßigkeit in der Prügelscene der Meistersinger. Wagner fühlt, daß er in Hinsicht der Form die ganze Rohheit des Deutschen hat und will lieber unter Hans Sachsens Panier kämpfen als unter dem der Franzosen oder der Griechen. Unsre deutsche Musik (Mozart, Beethoven) hat aber die italiänische Form in sich aufgenommen, wie das Volkslied, und entspricht deshalb mit ihrem feingegliederten Reichthum der Linien nicht mehr der bäuerlich-bürgerlichen Rüpelei.   317. Die Sprache auf den stärksten Ausdruck gesteigert – Stabreim. Orchester ebenfalls. Die Deutlichkeit der Sprache ist nicht das Höchste, sondern die berauschende Kraft der Ahnung .   318. Im Großen ist Wagner gesetzmäßig und rhythmisch, im Einzelnen oft gewaltsam und unrhythmisch.   319. Das Aufhören der großen rhythmischen Perioden, das Übrigbleiben der Taktphrasen macht allerdings den Eindruck der Unendlichkeit, des Meers: aber es ist ein Kunstmittel, nicht das reguläre Gesetz, zu dem es Wagner stempeln möchte. Wir haschen zuerst danach, suchen uns Perioden, werden immer wieder getäuscht, und endlich wirft man sich in die Wellen.   320. Bei manchen Harmonien hat er etwas Angenehm-Widerstrebendes, wie beim Drehen eines Schlüssels in einem complicirten Schlosse.   321. Ob man bei Wagner von prächtiger »Aktfigurenmusik« reden könnte? Ihm schwebt das Bild des sichtbar werdenden Innern, des als Bewegung anzuschauenden Gemüthsprocesses vor – dem will er entsprechen: höchst schopenhauerisch den Willen direkt zu fassen. Musik als Abbild einer Existenz durch das Nacheinander.   322. Gefahr, daß in den Bewegungen und Handlungen des Dramas die Motive für die Bewegung der Musik liegen, daß sie geleitet wird. Es ist nicht nöthig, daß Eins von Beiden leitet – im vollkommnen Kunstwerk haben wir das Gefühl des nothwendigen Nebeneinanders.   323. Wagner bezeichnet als den Irrthum im Kunstgenre der Oper, daß ein Mittel des Ausdrucks , die Musik, zum Zwecke, der Zweck des Ausdrucks aber zum Mittel gemacht war. Also die Musik gilt ihm als Mittel des Ausdrucks – sehr charakteristisch für den Schauspieler. Jetzt war man bei einer Symphonie gefragt: wenn die Musik hier Mittel des Ausdrucks ist, was ist der Zweck? Der kann also nicht in der Musik liegen: Das, was seinem Wesen nach Mittel des Ausdrucks ist, muß nun Etwas haben, was es ausdrücken soll: Wagner meint das Drama. Ohne dies hält er die Musik allein für ein Unding: es erweckt die Frage »warum der Lärm?«. Deshalb hielt er die neunte Symphonie für die eigentliche That Beethoven's, weil er hier durch Hinzunahme des Wortes der Musik ihren Sinn gab, Mittel des Ausdrucks zu sein. Mittel und Zweck – Musik und Drama – ältere Lehre. Allgemeines und Beispiel – Musik und Drama – neuere Lehre. Ist die Letztere wahr, so darf das Allgemeine ganz und gar nicht abhängig vom Beispiel sein, das heißt: die absolute Musik ist im Recht, auch die Musik des Dramas muß absolute Musik sein. Nun ist das immer noch mehr ein Gleichniß und Bild – es ist nicht völlig wahr, daß das Drama nur ein Beispiel zur Allgemeinheit der Musik ist: Gattung und Species, worin doch? Als Bewegung von Tönen gegenüber den Bewegungen nun Gestalten (um hier nur vom mimischen Drama zu reden). Nun können aber auch die Bewegungen einer Gestalt das Allgemeinere sein: denn sie drücken innerliche Zustände aus, die viel reicher und nüancirter sind als ihr Bewegungsresultat am äußern Menschen: weshalb wir so oft eine Gebärde mißverstehen. Überdies ist unendlich viel Conventionelles an allen Gebärden – der völlig freie Mensch ist ein Phantasma. Läßt man aber die Bewegtheit der Gestalt fahren und redet vom bewegten Gefühl, so sollte nun die Musik das Allgemeine, das bewegte Gefühl der und jener Person das Specielle sein. Die Musik aber ist eben das bewegte Gefühl des Musikers in Tönen ausgedrückt, also jedenfalls eines Individuums. Und so war es immer (wenn man von der rein formalistischen Tonarabesken-Lehre absieht). So hätte man den vollen Widerspruch: ein ganz specieller Ausdruck des Gefühls als Musik, ganz bestimmt – und daneben das Drama, ein Nebeneinander von Ausdrücken ganz bestimmter Gefühle, der dramatischen Personen, durch Wort und Bewegung. Wie können diese sich je decken? Wohl kann der Musiker den Vorgang des Dramas selbst nachempfinden und als reine Musik wiedergeben (Coriolanouverture). Dieses Abbild hat aber dann zum Drama selbst allerdings den Sinn einer Verallgemeinerung, die politischen Motive, Gründe, Alles ist weggelassen und nur der dumme Wille redet. In jedem andern Sinne ist dramatische Musik schlechte Musik. Nun aber die verlangte Gleichzeitigkeit und der genaueste Parallelismus! des ganzen Vorgangs, im Musiker und im Drama. Da stört nun die Musik den Dramatiker, denn sie braucht, um Etwas auszudrücken, Zeit, oft zu einer einzigen Regung des Dramas eine ganze Symphonie . Was macht währenddem das Drama? Wagner benutzt dazu den Dialog, überhaupt die Sprache . Da kommt nun eine neue Macht und Schwierigkeit hinzu: die Sprache. Diese redet in Begriffen. Auch diese haben ihre eignen Zeitgesetze : Mimus, Begriffswelt, Musik, jedes drückt das zu Grunde liegende Gefühl in andern Zeitmaaßen aus. Im Wortdrama regiert die Macht, die die meiste Zeit braucht, der Begriff. Deshalb ist die Aktion oft ein Ruhen, plastisch, Gruppen. Besonders in der Antike: die ruhende Plastik drückt einen Zustand aus. Der Mimus wird also bedeutend durch das Wortdrama bestimmt. Nun braucht der Musiker ganz andere Zeiten, und eigentlich sind ihm gar keine Gesetze vorzuschreiben: eine angeschlagene Empfindung kann bei dem einen Musiker lang, bei dem andern kurz sein. Welche Forderung nun, daß hier die Begriffssprache und die Tonsprache neben einander hergehen! Nun enthält aber die Sprache selbst ein musikalisches Element. Der stark empfundene Satz hat eine Melodie, die auch ein Bild der allgemeinsten Willensregung dabei ist. Diese Melodie ist künstlerisch verwendbar und ausdeutbar, in's Unendliche. Die Vereinigung aller dieser Faktoren scheint unmöglich: der eine Musiker wird einzelne durch das Drama erregte Stimmungen wiedergeben und mit dem größten Theil des Dramas sich nicht zu helfen wissen: daher dann wohl das Recitativ und die Rhetorik. Der Dichter wird dem Musiker nicht zu helfen vermögen und dadurch sich selbst nicht helfen können: er wünscht nur so viel zu dichten, als man singen kann. Davon hat er aber nur ein theoretisches Bewußtsein, kein innerliches. Der Schauspieler muß vor Allem wieder als Sänger eine Menge thun, was nicht dramatisch ist, den Mund aufsperren u. s. w.; er braucht conventionelle Manieren. Nun würde sich Alles verändern, wenn der Schauspieler einmal zugleich Musiker und Dichter wäre. Er benutzt Gebärde, Sprache, Sprachmelodie und dazu noch die anerkannten Symbole des Musikausdrucks. Er setzt eine sehr reich entwickelte Musik voraus, die schon für eine Unzahl Regungen einen festeren erkennbaren und wiederkehrenden Ausdruck gewonnen hat. Durch diese Musikcitate erinnert er den Zuhörer an eine bestimmte Stimmung, in der der Schauspieler sich gedacht wissen will. Jetzt ist wirklich die Musik ein »Mittel des Ausdrucks« geworden: steht deshalb künstlerisch auf einer niedern Stufe, denn sie ist nicht mehr organisch in sich. Nun wird der musikalische Meister immer noch die Symbole in der kunstvollsten Weise verflechten können: aber weil der eigentliche Zusammenhang und Plan jenseits und außerhalb der Musik liegt, kann sie nicht organisch sein. Aber es würde unbillig sein, dies dem Dramatiker vorzuwerfen. Er darf zu Gunsten des Dramas die Musik als Mittel gebrauchen, wie er die Malerei als Mittel gebraucht. Solche Musik, rein an sich, ist der gemalten Allegorie zu vergleichen: der eigentliche Sinn liegt nicht im Bilde, deshalb kann es sehr schön sein.   324. Alles Große, zumal Neue, ist gefährlich: meistens tritt es auf, als ob es einzig berechtigt wäre.   325. Goethe zweifelte auch nicht Das zu können , was ihm gefiel. Sein Geschmack und sein Können giengen parallel. Das Präsumptuöse. Was auf Wagner stark wirkte, das wollte er auch machen. Von seinen Vorbildern verstand er nicht mehr, als er auch nachahmen könnte. Schauspieler-Natur.   326. Wagner ist eine regierende Natur, nur dann in seinem Elemente, nur dann gewiß mäßig und fest: die Hemmung dieses Triebes macht ihn unmäßig, excentrisch, widerhaarig.   327. Wagner ist für einen Deutschen zu unbescheiden; man denke an Luther, unsre Feldherrn.   328. Der Mensch, der dieser ungeheuren Entzückungen und Selbstentäußerungen sich fähig fühlt, behält schwerlich Bescheidenheit, denn nur der Wissende ist zum Bescheiden aufgefordert, der Unwissende-Begeisterte ist unbegrenzt. Cult des Genius kommt hinzu, durch Schopenhauer genährt.   329. Wagner ist moderner Mensch und vermag sich nicht durch den Glauben an Gott zu ermuthigen und zu befestigen. Er glaubt nicht in der Hand eines guten Wesens zu stehen, aber er glaubt an sich. Keiner ist mehr gegen sich ganz ehrlich, der nur an sich glaubt. Wagner beseitigt alle seine Schwachen, dadurch, daß er sie der Zeit und den Gegnern aufbürdet.   330. Er entladet sich seiner Schwächen, dadurch daß er sie der modernen Zeit zuschiebt: natürlicher Glaube an die Güte der Natur, wenn sie frei waltet. Er mißt Staat, Gesellschaft, Tugend, Volk, Alles an seiner Kunst: in unbefriedigtem Zustande wünscht er, daß die Welt zu Grunde gehe. * Schuld und Unrecht abwälzend – weil er immer wächst, so vergißt er das Unrecht schnell: auf der neuen Stufe erscheint es ihm bereits gering und verharscht. Kann sich über Alles trösten, wie Schopenhauer.   331. Die künstlerische Kraft veredelt den unbändigen Trieb und engt ihn ein, concentrirt ihn (zu dem Wunsch, dies Werl möglichst vollkommen zu gestalten). Sie veredelt die ganze Natur Wagners. Immer reckt sie sich wieder nach höheren Zielen aus, so hoch als sie nur sehen kann: immer besser werden diese Ziele, endlich auch immer bestimmter und dadurch näher. So scheint der gegenwärtige Wagner dem Wagner von Oper und Drama, dem Socialisten, nicht mehr zu entsprechen: das frühere Ziel scheint höher, ist aber nur ferner und unbestimmter. Seine jetzige Auffassung des Daseins, Deutschlands u. s. w. ist tiefer, obwohl sie viel conservativer ist.   332. Es ist ein Glück, daß Wagner nicht auf einer höheren Stelle, als Edelmann, geboren ist und nicht auf die politische Sphäre verfiel. * Er hat sich vom Nachdenken über politische Möglichkeiten nicht frei gehalten: zu seinem Unglücke auch mit dem König von Bayern, der ihm erstens sein Werk nicht ausführte, zweitens es durch vorläufige Aufführungen halb preisgab und drittens ihm einen höchst unpopulären Ruf schaffte, weil man die Ausschreitungen dieses Fürsten Wagner allgemein zuschreibt. Ebenso unglücklich ließ er sich mit der Revolution ein: er verlor die vermögenden Protektoren, erregte Furcht und mußte wiederum den socialistischen Parteien als ein Abtrünniger erscheinen: Alles ohne jeden Vortheil für seine Kunst und ohne höhere Notwendigkeit, überdies als Zeichen der Unklugheit, denn er durchschaute die Lage 1848 gar nicht. Drittens beleidigte er die Juden, die jetzt in Deutschland das meiste Geld und die Presse besitzen. Als er es that, hatte er keinen Beruf dazu: später war es Rache. * Ob er mit seinem großen Vertrauen, welches er in Bismarck setzte, Recht hatte, wird eine nicht zu ferne Zukunft lehren.   333. Die Jugend Wagner's ist die eines vielseitigen Dilettanten, aus dem nichts Rechtes werden will.   334. Er lief seinem Amte davon, weil er nicht mehr dienen mochte.   335. Ich habe oft unsinniger Weise bezweifelt, ob Wagner musikalische Begabung habe.   336. Keiner unserer großen Musiker war in seinem 28. Jahre noch ein so schlechter Musiker wie Wagner   337. Seine Natur theilt sich allmählich: neben Siegfried-Walther-Tannhäuser tritt Sachs-Wotan. Er lernt den Mann zu begreifen, sehr spät. Tannhäuser und Lohengrin sind Ausgeburten eines Jünglings.   338. Wagner hat sich so gewöhnt, in verschiedenen Künsten zugleich zu empfinden, daß er für neue Musik völlig unempfindlich ist: so daß er sie theoretisch verwirft. Ebenso für Dichtungen. Daraus viele Mißhelligkeiten mit Zeitgenossen.   339. Es kommt ihm gar leine Pietät entgegen, der echte Musiker betrachtet ihn als einen Eindringling, als illegitim.   340. Die »falsche Allmacht« entwickelt etwas »Tyrannisches« in Wagner. Das Gefühl ohne Erben zu sein – deshalb sucht er seiner Reformidee die möglichste Breite zu geben und sich gleichsam durch Adoption fortzupflanzen. Streben nach Legitimität. Der Tyrann läßt keine andre Individualität gelten als die seinige und die seiner Vertrauten. Die Gefahr für Wagner ist groß, wenn er Brahms u. s. w, nicht gelten läßt: oder die Juden.   341. Seine Begabung als Schauspieler zeigt sich darin, daß er es nie im persönlichen Leben ist. Als Schriftsteller ist er Rhetor, ohne die Kraft, zu überzeugen.   342. In seinen Wertschätzungen der großen Musiker gebraucht er zu starke Ausdrücke, zum Beispiel nennt er Beethoven einen Heiligen. Auch ist, das Hinzuziehn der Worte in der neunten Symphonie als Hauptthat zu schildern, ein starkes Stück. Er erregt Mißtrauen durch sein Lob wie durch seinen Tadel. Das Zierliche und Anmuthige sowie die reine Schönheit, der Wiederglanz einer völlig gleichschwebenden Seele geht ihm ab: aber er sucht sie zu diskreditiren.   343. Shakespeare und Beethoven nebeneinander – der kühnste wahnsinnigste Gedanke.   344. Wagner als Schriftsteller giebt nicht sein Bild treu wieder. Er componirt nicht: das Gesammte kommt nicht zur Anschauung: im Einzelnen schweift er ab, ist dunkel, und nicht harmlos und überlegen. Er hat keine heitere Anmaaßung. Es ist ihm alle Anmuth, Zierlichkeit versagt, auch dialektische Schärfe.   345. Eine besondere Form des Ehrgeizes Wagner's war es, sich mit den Größen der Vergangenheit in Verhältniß zu setzen: mit Schiller-Goethe, Beethoven, Luther, der griechischen Tragödie, Shakespeare, Bismarck. Nur zur Renaissance fand er kein Verhältniß; aber er erfand den deutschen Geist, gegen den romanischen. Interessante Charakteristik des deutschen Geistes nach seinem Vorbilde.   346. Wagner wird setzt wohl der unbefangenste Schätzer der deutschen kleinen Tugenden und Beschränktheiten sein, denn er sieht sie unterliegen und conspirirt mit ihnen gegen Das, was jetzt siegt.   347. Wie erwarb sich Wagner die Anhänger ? Sänger, die als Dramatiker interessant wurden und eine ganz neue Möglichkeit zu wirken bekamen, vielleicht bei geringerer Stimme. Musiker, die bei dem Meister des Vortrags lernten: der Vortrag muß so genial sein, daß er über das Werl selbst zu keinem Bewußtsein bringt. Orchestermusiker im Theater, die sich früher langweilten. Musiker, die Berauschung oder Bezauberung des Publikums auf direkte Weise betrieben und die die Farbeneffekte des Wagner'schen Orchesters erlernten. Alle Arten von Unzufriednen, die bei jedem Umsturz Etwas für sich zu gewinnen hofften. Menschen, die für jeden sogenannten »Fortschritt« schwärmen. Solche, die sich bei der bisherigen Musik langweilten und nun ihre Nerven kräftiger bewegt fanden. Menschen, die sich für alles Verwegne und Kühne fortreißen lassen. – Er hatte bald die Virtuosen für sich, bald einen Theil der Componisten; – entbehren kann ihn kaum Einer oder der Andre. Litteraten mit allen unklaren Reformbedürfnissen. Künstler, die die Art unabhängig zu leben bewundern.   348. Wagner als Denker ist gleich so hoch als Wagner als Musiker und Dichter.   349. Die Kunst sammelt einmal Alles zusammen, was sie noch für Reize hat, bei den modernen Deutschen – Charakter, Wissen, Alles kommt zusammen. Ein ungeheurer Versuch, sich zu behaupten und zu dominiren – in einer kunstwidrigen Zeit. Gift gegen Gift: alle Überspannungen richten sich polemisch gegen große kunstwidrige Kräfte. Religiöse, philosophische Elemente mit hineingezogen, Sehnsucht nach dem Idyllischen, Alles, Alles.   350. Man muß eben bedenken, was für eine Zeit sich hier eine Kunst schafft: ganz ungebunden, athemlos, unfromm, habsüchtig, formlos, unsicher in den Fundamenten, fast desperat, unnaiv, durch und durch bewußt, unedel, gewaltsam, feige.   351. Man sollte durch das Mißlingen Wagner nicht noch mehr aufreizen; man macht ihn zu grimmig.   352. Eine Art Gegenreformation; die transcendente Betrachtung ist äußerst geschwächt worden, Schönheit, Kunst, Liebe zum Dasein sehr vulgarisirt, unter den Nachwirkungen des protestantischen Geistes. Idealisirtes Christentum katholischer Art.   353. Wagner's Kunst ist überfliegend und transcendental, was soll unsre arme deutsche Niedrigkeit damit anfangen! Sie hat Etwas wie Flucht aus dieser Welt, sie negirt dieselbe, sie verklärt diese Welt nicht. Deshalb wirkt sie nicht direkt moralisch, indirekt quietistisch. Nur um seiner Kunst eine Stätte in dieser Welt zu bereiten, sehen wir ihn beschäftigt und aktiv: aber was geht uns ein Tannhäuser, Lohengrin, Tristan, Siegfried an! Das scheint aber das Loos der Kunst zu sein, in einer solchen Gegenwart, sie nimmt der absterbenden Religion ein Theil ihrer Kraft ab. Daher das Bündniß Wagner's und Schopenhauers. Es verräth, daß vielleicht bald einmal die Cultur nur noch in der Form klosterhaft abgeschiedener Sekten existirt: die sich zu der umgebenden Welt ablehnend verhalten. Der schopenhauerische »Wille zum Leben« bekommt hier seinen Kunstausdruck: dieses dumpfe Treiben ohne Zweck, diese Ekstase, diese Verzweiflung, dieser Ton des Leidens und Begehrens, dieser Accent der Liebe und der Inbrunst. Selten ein heitrer Sonnenstrahl, aber viel magische Zaubereien der Beleuchtung. In einer solchen Stellung der Kunst liegt ihre Stärke und Schwäche: es ist so schwer, von dort her zu dem einfachen Leben zurückzukehren. Die Verbesserung des Wirklichen ist nicht mehr das Ziel, sondern das Vernichten oder das Hinwegtäuschen des Wirklichen. Die Stärke liegt in dem sektirerischen Charakter: sie ist extrem und verlangt von dem Menschen eine unbedingte Entscheidung. – Ob wohl ein Mensch besser zu werden vermag durch diese Kunst und durch Schopenhauer's Philosophie? Gewiß in Betreff der Wahrhaftigkeit. Wenn nur in einer Zeit, in der die Lüge und Convention so langweilig und uninteressant ist, die Wahrhaftigkeit nicht so interessant wäre! So unterhaltend! Ästhetisch reizvoll!   354. Nicht zu vergessen: es ist eine theatralische Sprache, die Wagner's Kunst redet; sie gehört nicht in's Zimmer, in die camera . Es ist eine Volksrede, und die läßt sich ohne eine starke Vergröberung selbst des Edelsten nicht denken. Sie soll in die Ferne wirken und das Volkschaos zusammenkitten. Zum Beispiel der Kaisermarsch. Sehr viele Mißgriffe liegen daran, daß der Beurtheilende von seiner partiellen Kunst (Haus-Kunst) ausgeht.   355. Es ist ernstlich möglich, daß Wagner den Deutschen die Beschäftigung mit den einzelnen vereinzelten Künsten verleidet. Vielleicht sogar läßt sich aus seiner Nachwirkung das Bild einer einheitlichen Bildung gewinnen, das durch Zusammenaddiren einzelner Fertigkeiten und Kenntnisse nicht erreicht werden kann.   356. Er hat das Gefühl der Einheit im Verschiedenen – deshalb halte ich ihn für einen Culturträger . II. Aus den Vorarbeiten zu »Richard Wagner in Bayreuth« (1875/76.)   357. Es giebt vielleicht ein paar ganz unaufmerksame Leute, die jetzt noch gar Nichts von Bayreuth und den Dingen, welche sich jetzt an diesen Namen knüpfen, wissen: und dann zahllose, die viel Falsches davon wissen und erzählen. Aber auch das Wahre und Herrliche, was davon zu berichten bliebe, wie matt lebt es in den Empfindungen und Worten Derer, die ehrlich genug sind, es anzuerkennen: und wiederum, wie unaussprechbar muß es den Andern erscheinen, welche ganz von dem Feuer jenes Geistes durchglüht sind, der hier zum ersten Mal zu der Menschheit reden will. Zwischen den Schwachempfindenden und den Sprachlosen stehe ich selber in der Mitte: dies zu bekennen ist weder vermessen noch allzubescheiden, sondern nur schmerzlich: weshalb gerade Das, braucht Niemand zu wissen. Wohl aber entnehme ich aus meiner Mittenstellung ein Gefühl von Pflicht, zu reden und Einiges deutlicher zu sagen, als es bis jetzt in Bezug auf diese Ereignisse geschehen ist. Ich verzichte aus Noth darauf, die sehr verschiedenen Erwägungen, zu denen ich mich gedrängt fühle, in Form und Zusammenhang zu bringen: man könnte wohl den Eindruck eines Ganzen und Geschlossenen mit einiger Kunst der Täuschung hervorbringen: ich will ehrlich bleiben und sagen, daß ich es jetzt nicht besser machen kann, als ich es hier mache, ob ich es freilich schlecht genug mache.   358. Ich wüßte nicht, auf welchem Wege ich je des reinsten sonnenhellen Glücks theilhaftig geworden wäre, als durch Wagner's Musik: und dies, obwohl sie durchaus nicht immer vom Glück redet, sondern von den furchtbaren und unheimlichen unterirdischen Kräften des Menschentreibens, von dem Leiden in allem Glücke und von der Endlichkeit unseres Glücks; es muß also in der Art, wie sie redet, das Glück liegen, das sie ausströmt. – Man rechne nur nach, woran Wagner seine eigentliche Lust und Wonne hat, an was für Scenen, Konflikten, Katastrophen – da begreift man, was er ist und was die Musik für ihn ist. Wotan's Verhältniß zu Siegfried ist etwas Wundervolles, wie es keine Poesie der Welt hat: die Liebe und die erzwungene Feindschaft und die Lust an der Vernichtung. Dies ist höchst symbolisch für Wagner's Wesen: Liebe für Das, wodurch man erlöst, gerichtet und vernichtet wird; aber ganz göttlich empfunden!   359. – Diese Treue gegen sich selbst oder gegen ein höheres Selbst, eines weiblichen zu einem männlichen ist das innerste Problem Wagner's: von da aus versteht er die Welt . Man denke nur an die Überfülle von Talenten, die Alle für sich wollen ! Die Treue ist bei Wagner sogar der universalere Begriff, unter den die Liebe fällt, die Geschlechts-, Geschwister-, Kindesliebe. Das ganze Thema der Treue ist bei ihm ausgeschöpft: das Herrlichste ist wohl Brünnhilde, die gegen den Befehl Wotan's Wotan Treue bewahrt und dadurch die Erlösung der Welt möglich macht – ein mythischer Gedanke vom höchsten Range und ganz ihm zu eigen. Da ist aber auch das Gefühl der erlittenen Untreue das Furchstbarste, was je ein Künstler erdacht hat: der Schwur »bei des Speeres Spitze« durch Brünnhilde das Herzzerschneidendste, was es giebt; wie mit Tigertatzen fällt uns da die Leidenschaft an. Die vielen tragischen Möglichkeiten, die in der Treue liegen, hat Wagner für die Kunst erst entdeckt .   360. Die Liebe im Tristan ist nicht schopenhauerisch, sondern empedokleisch zu verstehen, es fehlt ganz das Sündliche, sie ist Anzeichen und Gewähr einer ewigen Einheit. In Wagner sind gefährliche Neigungen : das Maaßlose (wie leicht hätte sein Genie sich zersplittern können! Aber es ist wie bei den Griechen, als Künstler ist er σὠφϱων, als Mensch nicht); die Neigung zu Pomp und Luxus (durch die fortwährende Entbehrung aufgestachelt, das Loos aller Künstler); das Eifersüchtige (er ist gezwungen zu einem Sich-messen an allen andern Kräften, namentlich Künstlern, um das Wagnerhafte, aber Embryonische an ihnen zu entdecken und so sich doch als nothwendig zu fühlen; wenn er aber der Entwicklung auf sich hin Notwendigkeit zumißt, so sieht er die andern Entwicklungen als Ab- und Nebenwege, auch Irrwege an, als entzogene Kräfte, als Vergeudung, und zürnt darüber; er zürnt auch dem Ruhme, der solchen Irrsteinen gefolgt ist, weil es seinem Wege den Sonnenschein und seinem Werke die Fruchtbarkeit nimmt); das Vielgewandte, Vielverstehende (das Lesen in fremden Individuen, das Überschauen läßt kaum einen recht menschlichen Verkehr zu, wie man auch mit einem Weisen nicht umgehen kann. Einzig naht ihm die Liebe, aber diese blind, während er sieht . So gewöhnt er sich, sich lieben zu lassen und dabei zu herrschen: er hilft Andern vor der Verzweiflung); List und Kunst der Täuschung (zahllose vorgeschobene Motive, Auswege, gleichsam Nothbehelfe im Drama seines Lebens, die er blitzschnell findet und anwendet); immer Recht haben (sein Unrecht bezieht sich höchstens auf die Form, den Grad, oder das gesammte Material war ihm nicht bekannt). – Alle diese Gefahren sind die Gefahren des Dramatikers , besonders gesteigert durch seinen Kampf, der um die Mittel nicht verlegen sein läßt. Er hat Etwas von seinen Helden , sie sündigen nicht. – Nun liegt die Religion der Musik um sein ganzes Wesen: er fühlt es, wie Verträge, Macht, Glanz, Kampf und Sieg nicht beseligt, wie alles mächtige Wollen ungerecht macht, und so nennt er die Liebe das Höchste. Die empedokleische. Er will ja helfen, nützen, erretten – und dies verurtheilt ihn zu einem solchen Leben der Leidenschaft und des Ungenügens.   361. Es giebt nichts Hoffnungsloseres, als von solchen complicirten und seltenen Zuständen der Seele zu Anderen zu sprechen, wenn diese nicht selbst durch die Erinnerung an eigne ähnliche, wenn auch vielfach schwächere Zustände und durch ein beschauliches Suchen in ihrem Innern dem Sprechenden auf halbem Wege entgegenkommen; solche bereite Zuhörer aber vorausgesetzt, halte ich es allerdings für möglich, den ganz eigenen und einzigartigen Eindruck einer großen Begabung allmählich so deutlich für die Empfindung auszuprägen, daß wir von der entscheidenden Sicherheit dieses Eindrucks auf uns unwillkürlich auf jenen Zustand zurückschließen, in welchem der Künstler sich zum Schaffen gedrängt fühlt d. h. den Eindruck der Welt auf sich als einen Anruf seiner eigensten Kraft empfindet. Auf ein Mitwissen um diesen Zustand kommt aber Alles an, und jede Beschäftigung mit der Kunst kann nur dies Ziel haben, zuletzt einen Eingang zu jenen verborgenen Seelen-Mysterien zu entdecken, in denen das Kunstwerk geboren wird. Der Künstler ist gerade nur als Mittheilender über diese Mysterien Künstler, er will uns durch seine Art zu sprechen und sich mitzutheilen zu Miteingeweihten machen: er will mit seinem Werke auf Etwas hinweisen, was vor dem Werk, hinter dem Werk ist.   362. Wagner's Kampf im Kunstwerk . – Rienzi: Gegensatz zur »Ordnung«, der Reformator. Holländer: das Mythische gegen das Historische. Tannhäuser, Lohengrin: das Katholische gegen das Protestantische (das Romantische gegen die Aufklärung). Meistersinger: Gegensatz zur Civilisation, das Deutsche gegen das Französische. Tristan: Gegensatz zur Erscheinung, das Metaphysische gegen das Leben. Nibelungen: freiwilliges Verzichten der bisherigen Weltmächte, Gegensätze von Weltperioden – mit Umwandlung der Richtung und der Ziele. So erscheint er fast als restaurativer Typus ? – Logische Trägheit. Fühlen, Ahnen. Die Unbewußtheit, Instinktivität. – Aber alles Dies ist nur als Schein zu nehmen: sein Charakter ist progressiv .   363. Die Zukunft der Kunst (wenn die Menschheit ihr Ende begreift). Ich könnte mir auch eine vorwärts blickende Kunst denken, die ihre Bilder in der Zukunft sucht. Warum giebt es solche nicht? Die Kunst knüpft an die Pietät an.   364. Wenn Wagner bald den christlich-germanischen Mythus, bald Schiffahrer-Legenden, bald buddhaistische, bald heidnisch-deutsche Mythen nimmt, bald protestantisches Bürgerthum, so ist deutlich, daß er über der religiösen Bedeutung dieser Mythen frei steht und dies auch von seinem Zuhörer verlangt; so wie die griechischen Dramatiker darüber frei standen, und schon Homer. Auch Äschylus wechselte nach Belieben seine Vorstellungen, selbst von Zeus. Fromm ist ein Dichter niemals. Es giebt keinen Cultus, keine Furcht, Angst und Schmeichelei vor den Göttern, man glaubt nicht an sie . Der Grieche, der im Bühnenhelden in abergläubischer Weise den Gott sah, war nicht der Zuschauer, den Äschylus wollte. Die Religiosität der Götzen und Fetische muß vorüber sein, wenn Jemand so frei in Vorgängen denken soll, als Dichter. Wagner fand einen ungeheuren Zeitpunkt vor, wo alle Religion aller früheren Zeiten in ihrer dogmatischen Götzen- und Fetischwirkung wankt : er ist der tragische Dichter am Schluß aller Religion, der »Götterdämmerung«. So hat er die ganze Geschichte sich dienstbar gemacht, er nimmt die Historie als sein Denkbereich in Anspruch: so ungemein ist sein Schaffen, daß er durch alles Gewordene nicht erdrückt wird, sondern nur in ihm sich auszusprechen vermag. – In welchem Lichte sieht er nun alles Gewordene und Vergangene? – Die wunderbare Bedeutung des Todes ist hier voranzustellen: der Tod ist das Gericht , aber das frei gewählte, das ersehnte Gericht, voll schauerlichen Liebreizes, als ob es mehr sei als eine Pforte zum Nichts. Der Tod ist das Siegel auf jede große Leidenschaft und Heldenschaft, ohne ihn ist das Dasein Nichts werth. Für ihn reif sein ist das Höchste, was erreicht werden kann, aber auch das Schwierigste und durch heroisches Kämpfen und Leiden Erworbene. Jeder solche Tod ist ein Evangelium der Liebe , und die ganze Musik ist eine Art Metaphysik der Liebe; sie ist ein Streben und Wollen in einem Reich, welches dem gewöhnlichen Blick wie das Reich des Nichtwollens erscheint, ein sich Baden im Meere der Vergessenheit, ein rührendes Schattenspiel vergangener Leidenschaft.   365. Es sind Elemente da in Wagner, die reaktionär erscheinen: das Mittelalterlich-christliche, die Fürstenstellung, das Buddhaistische, das Wunderhafte. Von hier aus mag er manchen Anhänger gewonnen haben. Es sind seine Mittel sich auszudrücken , die Sprache, die noch verstanden wird, aber einen neuen Inhalt bekommen hat. Diese Dinge sind bei dem Künstler künstlerisch, nicht dogmatisch zu nehmen. Auch das National-Deutsche gehört hierzu. Er sucht für das Kommende im Gewesenen die Analogien, so erscheint ihm das Deutsche Luther's, Beethoven's und seiner selbst, das Deutsche und seine großen Fürsten als Bürgschaften, daß etwas Analoges von Dem, was er für nöthig in der Zukunft hält, einmal da war; Tapferkeit, Treue, Schlichtheit, Güte, Aufopferung, wie er alles Dies in der herrlichen Symbolik seines »Kaisermarsches« zusammen gesagt hat – das ist sein Deutschthum. Er sucht den Beitrag , den die Deutschen der kommenden Cultur geben werden [Das ist freilich nicht der »Historismus« der Gelehrten Deutschlands, wie Hillebrand meint. Denn das ist wirklich Reaktion und Lügengeist und Optimismus]. Sondern in dem großen unbefriedigten Herzen, das weit größer ist als eine Nation – das nennt er deutsch: man nennt es vulgärer Weise das Kosmopolitische des Deutschen, das ist aber nur die Carrikatur. Die Deutschen sind nicht national, aber auch nicht kosmopolitisch, die größten Deutschen; nur ihre Feinde haben ihnen den dummen Wahn, man müsse beschränkt sein, eingeimpft. Um die Erbschaft der Vergangenheit antreten zu können, müssen wir uns auch verpflichtet fühlen, ihre Schulden zu bezahlen. Man muß gut machen, was sie versäumt und verbrochen hat: das ist der billige Dank dafür, daß wir an Dem Theil haben dürfen, was sie gewonnen und errungen hat.   366. Jetzt freilich hat der widerliche Betrieb unserer gebildeten Musikanstalten jenen größten Skandal nicht verhindert, welchen die Deutschen in der Kunst begangen haben – daß ein großer Krieg eine »Volksweise« als seinen musikalischen Ausdruck fand wie »die Wacht am Rhein«; ein so süßliches und gemeines Ding, daß jeder Landsknecht eines deutschen Heeres davor ausgespuckt hätte. Und dann die Pflege des Männergesanges, wo man das glacirte Volkslied, mit zuckriger Harmonie und Tempokünsten einlernt! und deutsche Sängerfeste feiert, unserer großen Musik in's Gesicht lachend!   367. Daß die Kunst nicht die Frucht des Luxus von Klassen oder Einzelnen ist, sondern gerade einer vom Luxus befreiten Gesellschaft zugehört und seine Entstehung zu verdanken hat, ist der neue Gedanke. Wie eine solche Gesellschaft beschaffen sein müsse, zeigt im mythischen Bilde Wagner in den Nibelungen: wo die Götter vernichtet, die Macht und das Geld seine fluchbeladene Bahn zu Ende gelaufen ist, wo der Geist der Treue, Liebe unter den Menschen herrscht. Die bisherige Kunst ist die Frucht des Luxus (doch nicht die kirchliche); auch die Musik hat einen Antheil daran gehabt und einen spielerischen Charakter erhalten, bis sie durch Beethoven zur Besinnung kam und von Wagner gereinigt wurde. Denn er ist der kathartische Mensch für die Kunst. Es sind wirklich die Armen und Schlechtbegüterten, auch die Wenig-Unterrichteten, an denen Wagners Kunst ihren festesten Schutz hat. – Wagner hat ganz Recht: wo die Politiker und die Weisen aufhören, da fängt der Künstler an, als Seher und Ahner der neuen Gedanken. Die nächste ungeheure Sphäre, die zu erobern ist, ist die Erziehung: und erst wenn eine genügende Masse Menschen so im Widerspruche zu allen bestehenden Mächten sich fühlen, werden sie auch die Schulter gegen das Gebälk stemmen. Es ist eine sektirerische Kunst und wird eine sektirerische Erziehung sein: aber mit dem höchsten Streben, über die Sekte hinauszukommen. Es liegt in ihrem Wesen, nicht eine Grenze, eine Klasse abzusondern, nur durch äußere Gewalt kann sie eine Zeit Sekte sein. So lange es noch Menschen giebt, die nicht neu erzogen sind, haben die Neu-Erzogenen zu leiden.   368. Die sich Zurückhaltenden, aus Desperation wie Jakob Burckhardt.   369. Die gewohnte Leichtfertigkeit – oder ist es gar die thörichte Überhebung der modernen Menschen? – bringt es mit sich, daß den tief spürenden, der reichsten Erfahrung nachgehenden Einreden Plato's gegen die Kunst jetzt kein Gehör mehr geschenkt wird; wer aber noch belehrbar ist, muß sehr bestimmt einsehen, daß das Walten einer mächtigen Kunst auch eine Menge Gefahren mit sich führt, und daß gerade die größten Künstler eine Nachwirkung gehabt haben, welche den besorgtern Denkern fast bei jedem neuen Erscheinen solcher Mächte Furcht einflößen muß. Allzu leicht erscheint es so, als ob die Kunst die Ziele des thätigen Lebens selber hinzustellen hätte, und mit gefährlichstem Mißverstande wird dann der Künstler als unmittelbarer Erzieher verstanden. Wird dagegen seine wundervolle Aufgabe mit Recht so begriffen, daß er für das kämpfende und zielesetzende Leben einzuweihen hat, so ist man ebenso im Recht, ihn sich auf das Schärfste vom Leben selber abgetrennt zu denken und seinen Nachwirkungen ein Strombett anzuweisen, welches nicht den Gang des Lebens durchkreuzt und bestimmt. Man würde Plato's Meinung treffen, wenn man mit einiger Härte darauf bestünde, daß es gleichgültig sei, was ein Künstler in socialer und politischer Hinsicht denke: daß es zum Beispiel für die Athener ohne Gewicht sein mußte, ob Äschylus sich für oder gegen die Beschränkung des Areopag erklärte; ja ich glaube sogar, erst dadurch, daß man in dem Künstler gerade etwas Überzeitliches verehrt, wird man sich gegen das Gefährliche, das in seiner direkten Wirkung auf die Zeit liegt, einigermaaßen schützen können. Ich will in diesem Zusammenhange darauf aufmerksam machen, daß es überaus nahe liegt, und deshalb gefährlich ist, Wagner nicht als Künstler zu verstehen, oder anders ausgedrückt: aus seinen Kunstwerken bestimmte Winke über die Gestaltung des Lebens entnehmen zu wollen. Es liegt das so nahe, weil Wagner selber in verschiedenen Perioden den Versuch gemacht hat, bestimmte Antworten auf die Frage nach dem Zusammenhang seiner Kunst mit dem Leben zu finden. Es giebt Aufsätze von ihm, die ganz von dem magischen Lichte eines seiner Kunstwerke überströmt sind – und jedes Kunstwerk hat ein ihm eigentümlich gefärbtes Licht.   370. Das Improvisatorische . Wagner hat zur Erklärung Shakespeare's darauf hingewiesen, wie er als improvisirender Schauspieler zu denken sei, der die Besonnenheit habe, seine Improvisationen zu fixiren; und ähnlich bezeichnet er sich als Musiker. »Selbstentäußerung« als Wesen dieser Kunst – Eingehen in fremde Seelen, Lust an dieser Vertauschung; ein solcher Seelenwechsel bei dem Musiker ist nun ein Phänomen höchster Art: das Nicht-Subjektive des Musikers etwas ganz Neues. So stellt Wagner die Meistersinger neben den Tristan: von einer solchen Möglichkeit hatten die älteren Musiker gar keine Vorstellung: wenn diese nicht ihre Stimmung, ihre Leidenschaft aussprechen wollten, waren sie steif oder spielten mit den überkommenen melodischen Typen. Besonders muß man Acht geben, wie mitunter die Musik entschieden im Gegensatz zu Wagner's persönlicher Stimmung steht: so ist Hagen als Hochzeitrufer eine der verwegensten Selbstentäußerungen Wagner's. Es versuche nur Einer das nachzumachen, nachdem er erst mit der Seele Partei ergriffen hat! Das Höchste ist vielleicht Mime. Und dann sehe man, wenn es Wunderthaten giebt, wie sehr da die Musik an diese Wunder glaubt : zum Beispiel wenn Siegfried sein Schwert schmiedet, wozu eine Kraft der Entäußerung von der Zeit gehört, wovon unsre »Dichter« auch keine Ahnung haben. Wenn Diese Wunder vorbringen, so schwindeln sie; wie unsre Philosophaster schwindeln, wenn sie sich in »Mystik« tauchen. Das ist aber der Fluch der jetzigen Philosophirer, daß sie sich mit ihrem phantasieleeren, nüchternen und zugleich verworrenen Kopfe anstellen, als seien sie zur Mystik überhaupt befähigt; weshalb zu rathen ist, Jedem, der mystische Wendungen macht, als einem unehrlichen Gesellen sechs Schritt fern zu bleiben. Am wenigsten bedenklich ist es, wenn es nur Verlegenheits-Mystik ist, dort wo der Verstand unsicher wird, das Auge sich trübt, und der Besonnene sich zurückzieht; fast jeder Denker streift an solche Grenzen an. Wagner taucht in fremde Köpfe, Sinne, Zeiten hinein und hinab und macht uns Nichts vor. Ein Riese, ein Höhlenwurm, Rheintöchter – das wäre Alles für unsre »Dichter« Lügnerei und läppische Tändelei: sie haben den Zauber nicht im Leibe, um die Natur zu beseelen und das Belebte in der Welt zu mehren! Es sei nur auf einen Augenblick – aber er war diesen Augenblick verwandelt, und trug den Eindruck davon: man höre, wie die Kröte kriecht!   371. Wie Wagner es versteht, abzuschließen , zeigt seine Beschäftigung mit der deutschen Mythologie. Alle Gelehrten haben nur für ihn gearbeitet; jetzt nachdem das Werk der Wiederauferstehung des deutschen Mythus vollendet ist, ist jene Gelehrten-Gattung überflüssig geworden. Und so sollen sich Gelehrte überflüssig machen lassen! Nur im Hinblick auf solche endgültige Beseitigung ihrer Gattung durch einen Genius arbeiten sie ja! Als Solche, die auf Erlösung hoffen, verzaubert zur unterirdischen, sonnenlosen, mühsamen Arbeit! – Wer hätte jetzt noch viel über Äschylus und Sophokles zu sagen! Das Größere ist da, der Inbegriff auch ihrer Kunst, zugleich die höchste Rechtfertigung der Verehrung, welche sie genossen haben, fast auf Treu und Glauben hin. Ebenso ist die Religionsgeschichte an einen Wendepunkt gestellt, ebenso die Kunstgeschichte: eine ungeheure Summe von Wissen kann man jetzt wegwerfen, nachdem das erlösende Wort gesprochen ist; ein guter Theil von Gelehrsamkeit und Geschichte (Ästhetik namentlich) ist veraltet, zum Trödel geworden. – Wie es Andere verstehn, nicht abzuschließen, zeigt z. B. die Beschäftigung mit dem deutschen Märchen, das war durch Gelehrte wieder entdeckt und den alten Weibern und Kindern abgelauscht worden. Statt nun den hohen Grad von Erniedrigung zu empfinden, der in der Verwandlung des Männer-Mythus zum Alt-Weiber-Märchen liegt, und diesen Bann zu brechen, beschäftigte man sich mit alberner Kindlichkeit mit künstlerischer Verarbeitung des Märchens, wie z. B. Schwind: und unsre blasirten Großstädter thaten kindlich! Die ganze deutsche Romantik war eine Gelehrten-Bewegung, man wollte gern in's Naive zurück, und wußte, daß man's so gar nicht war. Wer jetzt nicht heldenhaft ist, kann nicht in's Einfache und Naive hindurch; aber Jene meinten, durch Verweichlichung, Vergreisung, Altjungferhaftes und eine Art von absichtlicher »zweiter Kindheit« dahin zu kommen. Man muß dem Volksliede nicht nachsingen, sondern vor singen können, um ein volksthümlicher Sänger zu sein. Und das versteht Wagner, er ist volksthümlich in jeder Faser.   372. Wie durch Wagner die ästhetischen Gegensätze: subjektiv, objektiv, romantisch, classisch, naiv, sentimentalisch ganz aufgehoben sind; sie passen nicht.   373. Die lange C dur-Symphonie von Schubert ist langweilig, weil die einzelnen Sätze nur scheinbar im Ganzen, in Wahrheit nur im Kleinen, Einzelnen ihre Berechtigung haben. Das Einzige, was diese Musiker gewirkt haben, ist, daß sie eine Menge von Ausdrucksformen zugänglicher, verbreiteter gemacht haben, besonders auch im Liede.   374. ... Beispiel an der neunten Symphonie Beethoven's; hier giebt der erste Satz den Gesammtton und -Wurf der Leidenschaft und ihres Ganges. Das braust immer fort, die Reise durch Wälder, Klüfte, Ungeheuer: da braust in der Ferne der Wasserfall, da stürzt er in mächtigen Sprüngen hinab, mit einem ungeheuren Rhythmus in seinem Donner. Ruhe auf der Reise , ist der zweite Satz ( Selbstbesinnung der Leidenschaft und Selbstgericht ), mit Vision einer ewigen Ruhe, welche über alles Wandern und Jagen wehmüthig-selig niederlächelt. Der dritte Satz ist ein Moment aus der höchsten Flugbahn der Leidenschaft: unter den Sternen ist ihr Lauf, unruhig, kometenhaft, irrlichthaft, gespenstisch-unmenschlich, eine Art von Abirrung, die Rastlosigkeit , inneres flackerndes Feuer, ermüdend, quälendes Vorwärtsziehen, ohne Hoffen und Lieben: höhnisch derb mitunter, wie ein nie Ruhe findender Geist herumschweift, auf Gräbern. Und nun der vierte Satz: herzzerschmetternder Aufschrei: die Seele trägt ihre Last nicht mehr, sie hält den ruhelosen Taumel nicht aus, sie wirft selbst die Vision ewiger Ruhe von sich, die in ihr auftaucht, sie knirscht, sie leidet schrecklich. Da erkennt sie ihren Fluch: ihr Allein sein, ihr Losgelöstsein, selbst die Ewigkeit des Individuums ist ihr nur Fluch. Da hört sie, die einsame Seele, eine Menschenstimme, die zu ihr wie zu allen Einzelnen redet, und zwar als zu Freunden und zur Freude der Vielsamkeit auffordert. Das ist ihr Lied. Und nun stürmt das Lied von der Leidenschaft für das Menschliche überhaupt herein mit seinem eignen Gange und Fluge: der aber nie so hoch gewesen wäre, wenn nicht die Leidenschaft des nächtlich fortstürmenden einzelnen Vereinsamten so groß gewesen wäre. Es knüpft sich die Mitleidenschaft an die Leidenschaft des Einzelnen an, nicht als Contrast, sondern als Wirkung aus jener Ursache. –   375. Wagner's Musik macht den Eindruck erhabener Arbeit , im Vergleich zu der flacheren Manier der Älteren.   376. Der rhythmische Sinn im Großen . Die Anlage jedes Wagner'schen Dramas ist von einer Einfachheit, welche noch größer ist als die der antiken Tragödie; und dabei ist die dramatische Spannung die höchste. Dies liegt in der Wirkung der großen Formen, ihrer Gegensätze, ihrer einfachen Bindungen, das ist das Antike an dem Bau dieser Dramen. – Man durchdenke die Einleitungen der drei einzelnen Akte, das Verhältniß der drei Akte zu einander: hier zeigt sich eine schlichte Größe des Baumeisters, welche in der neueren Dichtung überhaupt nicht ihres Gleichen hat. Die Spannung beruht auf den Höhenverhältnissen der Leidenschaften, niemals auf dem Effekt des neuen und überraschenden Schauspiels. Ich wünschte mir den Grad von rhythmischer Augen-Begabung, um über das ganze Nibelungenwerk in gleicher Weise hinschauen zu können, wie es in einzelnen Werken mir mitunter gelingt: aber ich ahne da noch eine besondere Gattung rhythmischer Freuden des höchsten Grades. Die Rheintöchterscene mit Siegfried im vorletzten Akt des letzten Dramas und die Rheintöchterscene mit Alberich im ersten Akt des ersten Dramas; der Liebesjubel der sich Findenden, Siegfried's und Brünnhildens, im letzten Akt des Siegfried und der Abschiedsjubel der sich Trennenden im ersten Akt der Götterdämmerung u. s. w. Dann wieder die Nornenscene im Anfange des ersten Akts (Vorspiels) der Götterdämmerung. Im Tristan Liebessehnsucht im zweiten Akt, Todessehnsucht im dritten Akt. Im einzelnen Akt ist der Schluß oftmals (Tristan 1, Walküre 1, Siegfried 1) ein Sichstürzen eines Stromes mit immer schnellerem Rauschen, die zunehmende Breite und zugleich Schnelligkeit der Empfindung, mit der höchsten Sicherheit. Andere Akte haben eine Katastrophe und darauf eine Erschütterung und Stillstehen der Empfindung über das Ungeheure, was geschehen: so Marke im zweiten Akt des Tristan, der Zug der Mannen mit Siegfried's Leiche.   377. Das Überflüssige in der Kunst: selbst das Gute einer bestimmten Art soll einmal da sein. Der Reichthum der Kunst in der Mannigfaltigkeit der Formen und Wiederholungen hat den Nachtheil, die Form zu verbrauchen, abzustumpfen. Weshalb man sehr streng gegen Nachahmer sein soll. Die griechische Tragödie war vorbei, als die Dilettanten darüber herfielen. – Das Schönste ist die Unnachahmbarkeit Shakespeare 's und Wagner 's. Das heißt: in vielen Dingen, Mitteln der Wirkung, werden sie sofort massenhaft nachgeahmt, und es giebt jetzt keinen begabten Componisten, der nicht bereits wagnerisches Gepräge hätte, in den Melismen, der Harmonik, der freien langen Melodie u. s. w. Die Gefahr von solcher Nachahmung ist sogar sehr groß, wie bei Michel Angelo. Um so stärker muß man sich von der Zusammengehörigkeit der wagnerischen Mittel und Zwecke überzeugen, um es fast mit Ekel zu empfinden, wenn dann die Mittel isolirt zu ganz andern und kleinen Zwecken verwendet werden. Wagner muß auf Musiker die Wirkung haben, daß er diese zu Virtuosen der Ausübung und zu strengen Lehrmeistern macht; aber das wahnsinnige Componiren sollte er ihnen verleiden . Besonders ist die Gefahr des Naturalismus groß, nach Wagner. Das Erschreckende, Berauschende u. s. w. seiner selbst wegen erstrebt. Eine ungeheure Fülle von Mitteln ist ja da.   378. Wenn die heutigen Musiker, die Gegner Wagner's sind, die große Form affektiren, sind sie nicht mehr ehrlich, sondern wollen täuschen. Besten Falls sind sie fleißig und lernen Das, was von der Musik zu lernen ist: im Vertrauen darauf, daß die »Gebildeten« den schwierigen Unterschied zwischen Original und Copie, zwischen Erlernbarem und Unlernbarem nicht merken, schaffen sie darauf los. Ihnen Allen sei, wenn sie durchaus componiren wollen, die kleinste Form anempfohlen, Etwas was ich mit freiem Ausdrucke das musikalische Epigramm nennen möchte, dafür reicht vielleicht der Witz und die Gestaltungskraft, und sie können ehrlich sein; dabei kann noch Herrliches entstehn, wie bei den Griechen, die sich auch auf die kleinste Form warfen, als die großen vorweggenommen waren.   379. Zukunft von dem Bayreuther Sommer : Vereinigung aller wirklich lebendigen Menschen: Künstler bringen ihre Kunst heran, Schriftsteller ihre Werke zum Vortrage, Reformatoren ihre neuen Ideen. Ein allgemeines Bad der Seelen soll es sein: dort erwacht der neue Genius, dort entfaltet sich ein Reich der Güte. III. Rückblicke auf die Zeit der Freundschaft mit Richard Wagner. (Sommer 1878.) Aus einer Vorrede zu einem ungedruckten Buch.   1. Ich wünsche, daß billig denkende Menschen dieses Buch als eine Art Sühne dafür gelten lassen, daß ich früher einer gefährlichen Ästhetik Vorschub leistete: deren Brauch war, alle ästhetischen Phänomene zu »Wundern« zu machen. Ich habe dadurch Schaden angestiftet, unter den Anhängern Wagner's und vielleicht bei Wagner selbst, der Alles gelten läßt, was seiner Kunst höhern Rang verleiht, wie begründet und wie unbegründet es auch sein mag. Vielleicht habe ich ihn durch meine Zustimmung seit seiner Schrift über »die Bestimmung der Oper« zu größerer Bestimmtheit verleitet und in seine Schriften und Werke Unhaltbares hineingebracht. Dies bedaure ich sehr.   2. Über Wagner wie über Schopenhauer kann man unbefangen reden, auch bei ihren Lebzeiten –: ihre Größe wird, was man auch gezwungen ist, in die andere Wagschale zu legen, immer siegreich bleiben. Um so mehr ist gegen ihre Gefährlichkeit in der Wirkung zu warnen.   3. Wirkung meiner Schriften : dagegen sehr skeptisch . Ich sah Parteien . »Ich will warten, bis Wagner eine Schrift anerkennt, die gegen ihn gerichtet ist«, sagte ich.   (Geburt der Tragödie. Schopenhauer als Erzieher.) 4. Wie wurmstichig und durchlöchert das Menschenleben sei, wie ganz und gar auf Betrug und Verstellung aufgebaut, wie alles Erhebende, wie die Illusionen, alle Lust am Leben dem Irrthum verdankt werden – und nur insofern der Ursprung einer solchen Welt nicht in einem moralischen Wesen, vielleicht aber in einem Künstler-Schöpfer zu suchen sei, wobei ich meinte, daß einem solchen Wesen durchaus keine Verehrung im Sinne der christlichen (welche den Gott des Guten und der Liebe aufstellt) gebühre, und sogar die Andeutung nicht scheute, ob dem deutschen Wesen diese Vorstellung, wie sie gewaltsam inoculirt ist, auch gewaltsam wieder entrissen werden könnte. Dabei meinte ich in Wagner's Kunst einen Weg zu einem deutschen Heidenthum entdeckt zu haben, mindestens eine Brücke zu einer specifisch unchristlichen Welt- und Menschenbetrachtung. »Die Götter sind schlecht und wissend und sie verdienen den Untergang, der Mensch ist gut und dumm – er hat eine schöne Zukunft und erreicht sie, wenn Jene erst in ihre endliche Dämmerung eingegangen sind« – so werde ich damals mein Glaubensbekenntniß formulirt haben. Damals glaubte ich, daß die Welt vom ästhetischen Standpunkt als ein Schauspiel und als Poesie von ihrem Dichter gemeint sei, daß sie aber als moralisches Phänomen ein Betrug sei: weshalb ich zu dem Schlusse kam, daß nur als ästhetisches Phänomen die Welt sich rechtfertigen lasse.   5. Wenn ich auf den Gesammtklang der älteren griechischen Philosophen hinhorchte, so meinte ich Töne zu vernehmen, welche ich von der griechischen Kunst, und namentlich von der Tragödie gewohnt war zu hören. In wie weit dies an den Griechen, in wie weit aber auch nur an meinen Ohren (den Ohren eines sehr kunstbedürftigen Menschen) lag, – das kann ich auch jetzt noch nicht mit Bestimmtheit aussprechen.   6. Darstellung der Geburt der Tragödie : schwebende Wolken-Guirlanden, weiße bei Nachthimmel, durch welche Sterne hindurchschimmern – undeutlich allzudeutlich geisterhaft erhelltes Thal.   7. Der Vergleich der Symphonie, dritter Act Tristan, in der »Geburt der Tragödie« undeutlich und hochtrabend, wie ich damals nach Wagner's Vorbilde mich auszudrücken liebte. Bei Schopenhauer zuerst im Großen ihn festhaltend gegen das Einzelne, später im Einzelnen gegen das Ganze.   8. Der Schopenhauerische Mensch trieb mich zur Skepsis gegen alles Verehrte, Hochgehaltene, bisher Vertheidigte (auch gegen Griechen, Schopenhauer, Wagner), Genie, Heilige, Pessimismus der Erkenntniß. Bei diesem Umweg kam ich auf die Höhe , mit den frischesten Winden. – Die Schrift über Bayreuth war nur eine Pause, Zurücksinken, ein Ausruhen . Dort gieng mir die Unnöthigkeit von Bayreuth für mich auf.   9. Ich glaubte mich Wunder wie fern von Philosophie und gieng in Nebel und Sehnsucht vorwärts. – Plötzlich –   10. Mein Fehler war der, daß ich nach Bayreuth mit einem Ideal kam: so mußte ich denn die bitterste Enttäuschung erleben. Die Überfülle des Häßlichen, Verzerrten, Überwürzten stieß mich heftig zurück.   11. Wagner's Nibelungenring sind strengste Lesedramen , auf die innere Phantasie rechnend. Hohes Kunstgenre, auch bei den Griechen.   12. Epische Motive für die innere Phantasie: viele Scenen wirken viel schwächer in der Versinnlichung (der Riesenwurm und Wotan).   13. Diese wilden Thiere mit Anwandlungen eines sublimirten Zart- und Tiefsinns haben Nichts mit uns zu thun. Dagegen zum Beispiel Philoktet. Wotan, wüthender Ekel: mag die Welt zu Grunde gehn. Brünnhilde liebt: mag die Welt zu Grunde gehn. Siegfried liebt: was schiert ihn das Mittel des Betrugs (ebenso Wotan). Wie ist mir das Alles zuwider!   14. Anwandlung der Schönheit : Rheintöchterscene, gebrochene Lichter, Farbenüberschwang, wie bei der Herbstsonne, Buntheit der Natur, glühendes Roth, Purpur, melancholisches Gelb und Grün fließen durcheinander.   15. Am wenigsten stimme ich Denen bei, welche mit Decorationen, Scene, Maschinerie in Bayreuth unzufrieden waren. Viel zu viel Fleiß und Erfindung war darauf verwandt, die Phantasie in Fesseln zu schlagen, bei Stoffen, die ihren epischen Ursprung nicht verleugnen. Aber der Naturalismus der Geberde , des Gesanges , im Vergleich zum Orchester!! Was für geschraubte, erkünstelte, verdorbene Töne, was für eine falsche Natur hörte man da!   16. Einzelne Töne von einer unglaubwürdigen Natürlichkeit wünsche ich nie wieder zu hören; ja sie auch nur vergessen zu können (Materna).   17. Wie auf unsern Theatern Helden mit Lindwürmern kämpfen und wir an ihr Heldenthum glauben sollen, trotzdem wir sehen – also sehen und doch glauben – so auch bei ganz Bayreuth.   18. Warum fehlten die Gelehrten in Bayreuth? Sie hatten es nicht nöthig . Das hätte ich ihnen früher zum Vorwurf gemacht. Jetzt –   19. Den Untergang der letzten Kunst erleben wir: Bayreuth überzeugte mich davon.   20. Im Böhmerwald erhob ich mich über die Phase .   21. Mein Gemälde Wagner's gieng über ihn hinaus, ich hatte ein ideales Monstrum geschildert, welches aber vielleicht im Stande ist, Künstler zu entzünden. Der wirkliche Wagner, das wirkliche Bayreuth war nur wie der schlechte allerletzte Abzug eines Kupferstichs auf geringem Papier. Mein Bedürfniß, wirkliche Menschen und deren Motive zu sehen, war durch diese beschämende Erfahrung ungemein angereizt.   22. Dies sah ich ein, mit Betrübniß, Manches sogar mit plötzlichem Erschrecken. Endlich aber fühlte ich, daß ich, gegen mich und meine Vorliebe Partei ergreifend, den Zuspruch und Trost der Wahrheit vernehmen würde; – ein viel größeres Glück kam dadurch über mich, als das war, welchem ich jetzt freiwillig den Rücken wandte.   23. Montaigne : »Wer einmal ein rechter Thor gewesen, wird niemals wieder recht weise werden«. Das ist, um sich hinter den Ohren zu krauen.   24. Ich sagte als Student: »Wagner ist Romantik, nicht Kunst der Mitte und Fülle, sondern des letzten Viertels: bald wird es Nacht sein«. Mit dieser Einsicht war ich Wagnerianer, ich konnte nicht anders, aber ich kannte es besser.   25. Ich war verliebt in die Kunst, mit wahrer Leidenschaft, und sah zuletzt in allem Seienden Nichts als Kunst – im Alter, wo sonst vernünftigermaaßen andre Leidenschaften die Seele ausfüllen.   26. Goethe : »Das Sehnsüchtige, das in mir lag, das ich in früheren Zeiten vielleicht zu sehr gehegt und bei fortschreitendem Leben kräftig zu bekämpfen trachtete, wollte dem Manne nicht mehr ziemen, und er suchte deshalb die volle endliche Befriedigung.« Schluß?   27. »Verwundet hat mich, der mich erweckt.«   28. Ich habe das Talent nicht, treu zu sein und, was schlimmer ist, nicht einmal die Eitelkeit, es zu scheinen.   29. Wer Etwas vollbringt, das über den Gesichts- und Gefühlskreis der Bekannten hinausliegt, – Neid und Haß als Mitleid, – die Partei betrachtet das Werk als Entartung, Erkrankung, Verführung. Lange Gesichter.   30. Erziehung , zwei Haupt-Epochen: 1) Schleier-Zuziehen, 2) Schleier-Aufheben. Fühlt man sich hinterdrein wohl, so war es die rechte Zeit.   31. Ich will es nur gestehen: ich hatte gehofft, durch die Kunst könne den Deutschen das abgestandene Christenthum völlig verleidet werden – deutsche Mythologie als abschwächend, gewöhnend an Polytheismus. Welcher Schrecken über die Restaurations -Strömungen!!   32. Wozu sind Wagner's Thorheiten und Ausschweifungen und die seiner Partei nutz ? Oder sind sie nützlich zu machen ? Er trägt eine lärmende Glocke durch sie mit herum. Ich wünsche ihn nicht anders.   33. Ich sah in Wagner den Gegner der Zeit, auch in Dem, wo diese Zeit Größe hat, und wo ich selber in mir Kraft fühlte. Eine Kaltwasserkur schien mir nöthig. Ich knüpfte an die Verdächtigung des Menschen an, an seine Verächtlichkeit, die ich früher benützte, um mich in jene übermüthigen metaphysischen Träume zu heben. Ich kannte den Menschen gut genug, aber ich hatte ihn falsch gemessen und beurtheilt: der Grund zum Verwerfen fehlte.   34. Weder so heftig am Leben leiden, noch so matt und emotionsbedürftig, daß uns Wagner's Kunst nothwendig , als Medium, wäre. – Dies ist der Hauptgrund der Gegnerschaft , nicht unlautere Motive: man kann Etwas, wozu uns kein Bedürfniß treibt, was wir nicht brauchen , nicht so hoch schätzen.   35. Wagner's Kunst nicht mehr nöthig haben oder noch nöthig haben. Ungeheure Antriebe sind in ihr: sie treibt über sich hinaus .   36. Goethe : »Byron's Kühnheit, Keckheit und Grandiosität, ist das nicht Alles bildend? Wir müssen uns hüten, es stets im entschieden Reinen und Sittlichen suchen zu wollen. Alles Große bildet, sobald wir es gewahr werden.« Dies auf Wagner's Kunst anzuwenden.   37. Man wird es Wagner nie vergessen dürfen, daß er in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in seiner Weise (die freilich nicht gerade die Weise guter und einsichtiger Menschen ist) die Kunst als eine wichtige und großartige Sache in's Gedächtniß brachte.   38. Wagner gegen die Klugen, die Kalten, die Zufriednen – hier seine Grüße – unzeitgemäß – gegen die Frivolen und Eleganten. – Aber auch gegen die Gerechten, Mäßigen, an der Welt sich Freuenden (wie Goethe), gegen die Milden, Anmuthigen, die wissenschaftlichen Menschen – hier seine Kehrseite.   39. Unsere Jugend empörte sich gegen die Nüchternheit der Zeit. Sie warf sich auf den Cultus des Excesses, der Leidenschaft, der Extasen, der schwärzesten herbsten Auffassung der Welt.   40. Wagner rennt der einen Verrücktheit nach, die Zeit einer andern; Beide im selben Tempo, ebenso blind und unbillig.   41. Ich kann Glocken läuten: Schrift über Richard Wagner.   42. Wiederschöpfung des Portraits aus Ahnung, angesichts der Werke. »Richard Wagner in Bayreuth«, wie das Werk das Bild des Lebenden verzaubert – es giebt Idealbildung.   43. Mein Irrthum über Wagner ist nicht einmal individuell, sehr Viele sagten, mein Bild sei das richtige. Es gehört zu den mächtigen Wirkungen solcher Naturen, den Maler zu täuschen. Aber gegen die Gerechtigkeit vergeht man sich ebenso durch Gunst als durch Abgunst.   44. Wagner's Natur macht zum Dichter , man erfindet eine noch höhere Natur. Eine seiner herrlichsten Wirkungen, welche gegen ihn zuletzt sich wendet. So muß jeder Mensch sich über sich erheben, die Einsicht über sein Können sich erheben: der Mensch wird zu einer Stufenfolge von Alpenthälern, immer höher hinauf.   45. Ich habe dabei das Loos der Idealisten getragen, welchen der Gegenstand, aus dem sie so viel gemacht haben, dadurch verleidet wird. Ideales Monstrum: der wirkliche Wagner schrumpft zusammen.   Wagner's Natur. 46. Ich zweifle nicht, daß dieselben Dinge, in einen dicken süßen Brei eingehüllt, williger geschluckt werden. – Wahrheiten über Wagner.   47. Den Gang der inneren Entwicklung Wagner's zu finden sehr schwer – auf seine eigne Beschreibung innerer Erlebnisse ist Nichts zu geben. Er schreibt Parteischriften für Anhänger.   48. Ob Wagner im Stande ist, über sich selbst Zeugniß abzulegen??   49. Menschen, die vergebens versuchen, aus sich ein Princip zu machen: wie Wagner.   50. Es ist schwer, im Einzelnen Wagner angreifen und nicht Recht zu behalten, seine Kunstart, Leben, Charakter, seine Meinungen, seine Neigungen und Abneigungen, Alles hat wunde Stellen. Aber als Ganzes ist die Erscheinung jedem Angriff gewachsen.   51. Unklarheit der letzten Ziele, unantike Verschwommenheit.   52. Alle »Ideen« Wagner's werden sofort zur Manie, er wird durch sie tyrannisirt . Wie sich nur ein solcher Mann so tyrannisiren lassen kann ! Zum Beispiel durch seinen Judenhaß. Er macht seine Themata wie seine »Ideen« todt durch eine wüthende Lust an der Wiederholung. Das Problem der übergroßen Breite und Länge, – er plagt uns durch sein Entzücken.   53. » C'est la rage de vouloir penser et sentir au delà de sa force « (Doudan). Die Wagnerianer.   54. Wagner, dessen Ehrgeiz noch größer ist als seine Begabung, hat in zahllosen Fällen gewagt, was über seine Kraft geht – aber es erweckt fast Schauder. Jemanden so unablässig gegen das Unbesiegbare – das Fatum in ihm selber – anstürmen zu sehen.   55. Immer auf den extremsten Ausdruck bedacht – bei jedem Wort ; aber das Superlativische schwächt ab.   56. Es giebt Etwas, das im höchsten Grade das Mißtrauen gegen Wagner wachruft: das ist Wagner's Mißtrauen. Das wühlt so stark, daß ich zweimal zweifelte, ob er Musiker sei.   57. Der Satz: »gegen das Vortreffliche giebt es keine Rettung als die Liebe«, recht wagnerisch. Tiefe Eifersucht gegen alles Große, dem er neue Seiten abgewinnen kann, – Haß gegen Das, wo er nicht heran kann: Renaissance, französische und griechische Kunst des Stils.   58. Eifersucht gegen alle Perioden des Maaßes : er verdächtigt die Schönheit, die Grazie, er spricht dem »Deutschen« nur seine Tugenden zu und versteht auch alle seine Mängel darunter.   59. Wagner hat nicht die Kraft, die Menschen im Umgange frei und groß zu machen: Wagner ist nicht sicher, sondern argwöhnisch und anmaßend. Seine Kunst wirkt so auf Künstler, sie ist neidisch gegen Rivalen.   60. Plato's Neid . Er will Sokrates für sich in Beschlag nehmen. Er durchdringt ihn mit sich, meint ihn zu verschönen, (ϰαλὸς Σωϰϱἁτη) allen Sokratikern zu entziehn, sich als Fortlebenden zu bezeichnen. Aber er stellt ihn ganz unhistorisch dar, auf die gefährlichste Kante: wie Wagner es mit Beethoven und Shakespeare macht.   61. Ein Dramatiker spielt, wenn er von sich redet, eine Rolle, es ist unvermeidlich. Wagner, der von Bach und Beethoven redet, redet als Der, als welcher er gelten möchte. Aber er überredet nur die Überzeugten, seine Mimik und sein eigentliches Wesen streiten gar zu ingrimmig gegen einander.   62. Bei Goethe ist der größte Theil der Kunst in sein Wesen übergegangen. Anders unsre Theaterkünstler, die im Leben unkünstlerisch sind und nur Theatermaterial beschaffen. Tasso.   63. Was ist Frivolität? Ich verstehe sie nicht. Und doch ist Wagner im Widerspruch zu ihr erwachsen.   64. Wagner kämpft gegen die »Frivolität« in sich, zu der ihm, dem Unvornehmen (gegen Goethe) die Freude an der Welt wurde.   65. Wagner hat den Sinn der Laien, die eine Erklärung aus einer Ursache für besser halten. So die Juden: eine Schuld, so ein Erlöser. So vereinfacht er das Deutsche, die Cultur; falsch aber kräftig.   66. Dies Alles hat sich Wagner oft genug im heimlichen Zwiegespräch selber eingestanden: ich wollte, er thäte es auch öffentlich. Denn worin besteht die Größe eines Charakters, als darin, daß er, zu Gunsten der Wahrheit, im Stande ist, auch gegen sich Partei zu ergreifen?   Wagner's Deutschthum.   67. Das Undeutsche an Wagner. Es fehlt die deutsche Anmuth und Grazie eines Beethoven, Mozart, Weber, das flüssige, heitere Feuer ( Allegro con brio ) Beethovens, Weber's. Der ausgelassene Humor ohne Verzerrung. Mangel an Bescheidenheit, die lärmende Glocke, Hang zum Luxus. Kein guter Beamter wie Bach. Gegen Nebenbuhler nicht Goethisch ruhig.   68. Wer wollte Wagner auf den Gipfel seiner Eitelkeit folgen, den er immer dort erreicht, wenn er vom deutschen Wesen redet; übrigens der Gipfel seiner Unklugheit: denn wenn Friedrich's des Großen Gerechtigkeit, Goethe's Vornehmheit und Neidlosigkeit, Beethoven's edle Resignation, Bach's duftig verklärtes Innenleben, wenn Schaffen ohne Rücksicht auf Glanz und Erfolg, ohne Neid die eigentlich deutschen Eigenschaften sind, sollte Wagner nicht fast beweisen wollen, daß er kein Deutscher sei?   69. Anmuth und Innigkeit gesellt sind auch deutsch .   70. Furchtbare Wildheit, das Zerknirschte, Vernichtete, der Freudenschauer, die Plötzlichkeit, kurz die Eigenschaften, welche den Semiten innewohnen! – Ich glaube, semitische Rassen kommen der Wagnerischen Kunst verständnißvoller entgegen als die arischen.   71. Stelle Taine's über die Semiten. – Übrigens habe ich den Leser irregeführt: die Stelle gilt gar nicht Wagner, – Sollte Wagner ein Semite sein? Jetzt verstehn wir seine Abneigung gegen die Juden.   Psychologie der Kunst Wagner's.   72. Schopenhauer ist Optimist, wenn er sagt: »es giebt zwei Geschichten : die politische und die der Litteratur und Kunst . Jene ist die des Willens , diese die des Intellekts . Daher ist jene durchweg beängstigend, ja schrecklich ... Die andere hingegen ist überall erfreulich und heiter .« (Parerga II Capitel 24, Über Lesen und Bücher, Anhang verwandter Stellen.) Oho! Ho!   73. Die Liebe für Wagner's Kunst in Bausch und Bogen ist genau so ungerecht als die Abneigung in Bausch und Bogen.   74. Zeit : elementarisch, nicht durch Schönheit verklärte Sinnlichkeit (wie die der Renaissance und der Griechen), Wüstheit und Kaltsinn sind die Voraussetzungen, gegen welche Wagner und Schopenhauer kämpfen, auf welche sie wirken: der Boden ihrer Kunst . Brand der Begierde, Kälte des Herzens. Wagner will Brand des Herzens, neben dem Brand der Begierde, Schopenhauer will Kühle der Begierde, neben der Kühle des Herzens (der Schopenhauer des Lebens, nicht der der Philosophie).   75. Es ist wirklich die Kunst der Gegenwart : ein ästhetisches Zeitalter würde sie ablehnen. Feinere Menschen lehnen sie auch jetzt ab. Vergröberung alles Ästhetischen. – Gegen Goethe's Ideal gehalten tief zurückstehend. Der moralische Contrast dieser hingebenden glühend-treuen Naturen Wagner's wirkt als Stachel , als Reizmittel: selbst diese Empfindung ist zur Wirkung benutzt.   76. Was aus unserer Zeit drückt Wagner aus? Das Nebeneinander von Rohheit und zartester Schwäche, Naturtrieb-Verwilderung und nervöser Über-Empfindlichkeit, Sucht nach Emotion aus Ermüdung und Lust an der Ermüdung. – Dies verstehen die Wagnerianer.   77. Betäubung oder Rauschwirkung gerade aller Wagnerischen Kunst. Dagegen will ich die Stellen nennen, wo Wagner höher steht, wo reines Glück ihm entströmt.   78. Ich nannte »sittlichste Musik« die Stelle, wo es am extatischesten zugeht. Charakteristisch!   79. Völlige Abwesenheit der Moral bei Wagner's Helden. Er hat jenen wundervollen Einfall, der einzig in der Kunst ist: der Vorwurf des Sünders an den Schuldlosen gerichtet, Tristan an Marke: »o König, das kann ich dir nicht sagen«.   80. Schopenhauer verherrlicht im Grunde doch den Willen (das Allmächtige, dem Alles dient), Wagner verklärt die Leidenschaft als Mutter alles Großen. Wagner's Wirkung auf die Jugend .   81. Das creatürliche Leben , das wild genießt, an sich reißt, an seinem Übermaaße satt wird und nach Verwandlung begehrt – gleich bei Schopenhauer und Wagner, Der Zeit entsprechend bei Beiden, keine Lüge und Convention, leine Sitte und Sittlichkeit mehr thatsächlich – ungeheures Eingeständniß, daß der wildeste Egoismus da ist – Ehrlichkeit, Berauschung , nicht Milderung .   82. Die Heftigkeit der erregten Empfindung und die Länge der Zeitdauer stehen im Widerspruch. Dies ist ein Punkt, worin der Autor selber keine entscheidende Stimme hat: er hat sich langsam an sein Werk gewöhnt und es in langer Zeit geschaffen: er kann sich gar nicht unbefangen auf den Standpunkt des Aufnehmenden versetzen. Schiller machte denselben Fehler, Auch im Alterthum wurde viel zurecht geschnitten.   83. Was wirkt noch ? Princip der Maler und Musiker und Dichter. Sie fragen sich selber zuerst, aus der Zeit, wo sie nicht produktiv waren.   84. Die Angst, daß man den Wagnerischen Figuren nicht glaubt, daß sie leben : sie geberden sich deshalb so toll.   85. An unkünstlerische Menschen sich wendend, mit allen Hilfsmitteln soll gewirkt werden, nicht auf Kunstwirkung , sondern auf Nervenwirkung ganz allgemein ist es abgesehn.   86. Was sich Alles als Kraft, Inspiration, Gefühls-Überfluß geben möchte: Kunstmittel der Schwäche (des Überreizten, Künstlichen), um zu täuschen. Der Luxus der Mittel, der Farben, der Ansprüche, des Symbolischen. Das Erhabene als das Unbegreifliche, Unausschöpfliche in Bezug auf Größe. Appell an alles andere Große.   87. Anscheinende Kunst für Alle bei Wagner, weil gröbere und feinere Mittel zugleich. Doch aber an bestimmte musikalisch-ästhetische Erziehung gebunden, namentlich an moralische Gleichgültigkeit.   88. Bei Wagner ehrgeizigste Combination aller Mittel zur stärksten Wirkung: während die echten Musiker still die einzelnen Arten fortbildeten.   89. Die Dramatiker entlehnen – ihr Hauptvermögen– künstlerische Gedanken aus dem Epos. Wagner auch noch aus der klassischen Musik. Dramatiker sind construktive Genies, nicht auffindende und originale wie die Epiker. Das Drama steht tiefer als das Epos : roheres Publikum, demokratisch.   90. Wer auf Kunst der Inspiration rechnet, muß aus verwandten Gebieten viel zu Hilfe nehmen, um seine Kunst durchzusetzen, ewig ergreifen, erschüttern, der Besinnung und des Urtheils berauben, an die tiefsten Nöthe und Erfahrungen erinnern.   91. Wagner hat kein rechtes Vertrauen zur Musik : er zieht verwandte Empfindungen heran, um ihr den Charakter des Großen zu geben. Er stimmt sich selber an Andern , er läßt seinen Zuhörern erst berauschende Getränke geben, um sie glauben zu machen, die Musik habe sie berauscht .   92. Da ich Wagner mit Demosthenes verglichen habe, muß ich auch den Gegensatz hervorheben. Den größten rednerischen Improvisator, Demades, schätzte man über Demosthenes. »Ein Mensch, der aus Worten, und zwar aus bitteren und künstlichen, besteht«, sagte Äschines von Demosthenes.   93. Alles Ausgezeichnete hat mittlere Natur. Wagner ist Musil für eine überreife Musikperiode.   94. Barockstil – es muß gesagt werden.   95. Dieselbe Summe von Talent und Fleiß, die den Classiker macht, macht, eine Spanne Zeit zu spät , den Barockkünstler.   96. Der griechische Dithyrambus ist der Barockstil der Dichtkunst.   97. Die Verhäßlichung der menschlichen Seele erfolgt ebenso nothwendig, wie der Barockstil auf den classischen – in ganzen Zeitaltern.   98. Wagner's Kunst auf Kurzsichtige berechnet – allzugroße Nähe nöthig (Miniatur), zugleich aber fernsichtig, aber kein normales Auge.   99. Wenn die Natur nicht von euch zur Komödie gemacht worden wäre, so würdet ihr nicht an Gott glauben: das Theatralische, Maschinenwesen, die Coulissen und Überraschungen.   Widersprüche im Begriff des musikalischen Dramas.   100. Man höre den zweiten Akt der Götterdämmerung ohne Drama: es ist verworrene Musik, wild wie ein schlechter Traum und so entsetzlich deutlich, als ob sie vor Tauben noch deutlich reden wollte. Dies Reden, ohne Etwas zu sagen , ist beängstigend. Das Drama ist die reine Erlösung. – Ist das ein Lob , daß diese Musik allein unerträglich ist (von einzelnen absichtlich isolirten Stellen abgesehn), als Ganzes ? – Genug, diese Musik ist ohne Drama eine fortwährende Verleugnung aller höchsten Stilgesetze der älteren Musik: wer sich völlig an sie gewöhnt , verliert das Gefühl für diese Gesetze. Hat aber das Drama durch diesen Zusatz gewonnen ? Es ist eine symbolische Interpretation hinzugetreten, eine Art philologischen Commentars, welcher die innere freie Phantasie des Verstehens mit Bann belegt – tyrannisch! Musik ist die Sprache des Erklärers , der aber fortwährend redet und uns keine Zeit läßt: überdies in einer schweren Sprache, die wieder eine Erklärung fordert. Wer einzeln sich erst die Dichtung (Sprache!) eingelernt hat, dann sie mit dem Auge in Action verwandelt hat, dann die Musik-Symbolik herausgesucht und verstanden hat und ganz sich hineinlebt, ja in alles Dreies sich verliebt hat, – der hat dann einen ungemeinen Genuß. Aber wie anspruchsvoll ! Aber es ist unmöglich, außer für kurze Augenblicke, – weil zu angreifend, diese zehnfache Gesammtaufmerksamkeit von Auge, Ohr, Verstand, Gefühl, höchste Thätigkeit des Aufnehmens, ohne jede produktive Gegenwirkung! – Dies thun die Wenigsten: woher doch die Wirkung auf so Viele ? Weil man intermittirt mit der Aufmerksamkeit, ganze Strecken stumpf ist, weil man bald auf die Musik, bald auf das Drama, bald auf die Scene allein Acht giebt – also das Werk zerlegt . – Damit ist aber über die Gattung der Stab gebrochen: nicht das Drama, sondern ein Augenblick ist das Resultat, oder eine willkürliche Auswahl. Der Schöpfer einer neuen Gattung hat Acht hier zu geben! Nicht die Künste immer nebeneinander , – sondern die Mäßigung der Alten, welche der menschlichen Natur gemäß ist.   101. Das psychologische Gesetz in der Entwicklung der Leidenschaft (Handlung, Rede, Geberde,) und der musikalischen Symphonie decken sich nicht: die Wagnerische Behauptung kann als widerlegt gelten, durch seine Kunst. – Alles Große ist da, wo die Musik dominirt, oder dort, wo die Dramatik dominirt – also nicht im Parallelismus.   102. Es entschlüpfen ihm kurze Stellen guter Musik: fast immer im Widerspruch zum Drama.   103. Widerspruch im vorausgesetzten Zuhörer. Höchst künstlerisch als Empfänger und völlig unproduktiv ! Die Musik tyrannisirt die Empfindung durch allzupeinliche Ausführung des Symbolischen, die Bühne tyrannisirt das Auge. Etwas Sklavenhaft-Unterthäniges und doch ganz Feuer und Flamme zugleich bei dieser Kunst – deshalb eine Parteizucht sonder Gleichen nöthig. Deshalb Judenthum u. s. w. als Hetzpeitsche.   104. Mehrere Wege zur Musik stehen noch offen (oder standen noch offen, ohne Wagner's Einfluß). Organische Gebilde als Symphonie mit einem Gegenstück als Drama (oder Mimus ohne Worte?) und dann absolute Musik , welche die Gesetze des organischen Bildens wiedergewinnt und Wagner nur benutzt als Vorbereitung. Oder Wagner überbieten: dramatische Chormusik , Dithyrambus. Wirkung des Unisono. Musik aus geschlossenen Räumen in's Gebirge und Waldgehege.   105. Wagner hat den Gang unterbrochen, unheilvoll, nicht wieder die Bahn zu gewinnen. Mir schwebte eine sich mit dem Drama deckende Symphonie vor. Vom Liede aus sich erweiternd. Aber die Oper, der Effekt, das Undeutsche zog Wagner anderswohin. Alle nur denkbaren Kunstmittel in der höchsten Steigerung.   Die Musik Wagner's.   106. Wir stehen der Musik zu nahe, wir deuten nur hin, spätere Zeiten werden unsre Schriften über Musik gar nicht verstehen.   107. Beethoven hat es besser gemacht als Schiller, Nach besser als Klopstock, Mozart besser als Wieland, Wagner besser als Kleist.   108. Wagner erinnert an die Lava, die ihren eignen Lauf durch Erstarrung hindert und plötzlich sich durch Blöcke gehemmt fühlt, die sie selbst bildet. Kein Allegro con fuoco für ihn.   109. Richard Wagner sieht die Musik zu den Empfindungen, welche er beim Anblicken dramatischer Scenen hat; nach dieser Musik zu schließen ist er der ideale Zuschauer eines Dramas.   110. Seine Seele singt nicht, sie spricht , aber so wie die höchste Leidenschaft spricht. Natürlich ist bei ihm der Ton, Rhythmus, Geberdenfall der Rede; die Musik ist dagegen nie ganz natürlich, eine Art erlernter Sprache mit mäßigem Vorrath von Worten und einer andern Syntax.   111. Ich vergleiche mit Wagner's Musik, die als Rede wirken will, die Relief-Skulptur, die als Malerei wirken will. Die höchsten Stilgesetze sind versetzt, das Edelste kann nicht mehr erreicht werden.   112. Das Wogende, Wallende, Schwankende im Ganzen der Wagnerischen Musik.   113. Wagner's Musik interessirt immer durch irgend Etwas: und so kann bald die Empfindung, bald der Verstand ausruhen. Diese gesammte Anspannung und Erregung unseres Wesens ist es, wofür wir so dankbar sind. Man ist schließlich geneigt, ihm seine Fehler und Mängel zum Lobe zu rechnen, weil sie uns selber produktiv machen.   114. Bei Wagner's Verwerfung der Formen fällt Einem Eckermann ein: »es ist keine Kunst geistreich zu sein, wenn man vor Nichts Respekt hat.«   115. Seine Werke erscheinen wie gehäufte Massen großer Einfälle , man wünscht einen größeren Künstler herbei, sie zu behandeln .   116. Auch in der Musik giebt es eine Logik und eine Rhetorik als Stilgegensätze. Wagner wird Rhetor, wenn er ein Thema behandelt. Tiefgehendes Mißtrauen gegen seine musikalische Erfindung in der Dialektik. Er maskirt auf alle Weise den Mangel.   117. Seiner Musik fehlt, was seinen Schriften fehlt: Dialektik. Dagegen Kunst der Amplifikation sehr groß.   118. Nach einem Thema ist Wagner immer in Verlegenheit, wie weiter. Deshalb lange Vorbereitung, Spannung. Eigene Verschlagenheit, seine Schwächen als Tugenden umzudeuten, so das Improvisatorische.   119. Wagner kann mit seiner Musik nicht erzählen , nicht beweisen , sondern überfallen, umwerfen, quälen, spannen, entsetzen; – was seiner Ausbildung fehlt, hat er in sein Princip genommen. Die Stimmung ersetzt die Composition: er geht zu direkt zu Wege.   120. Armuth an Melodie und in der Melodie bei Wagner. Die Melodie ist ein Ganzes mit vielen schönen Proportionen, Spiegelbild der geordneten Seele. Er strebt darnach: hat er eine Melodie, so erdrückt er sie fast in seiner Umarmung.   121. Problem: der Musiker, dem der Sinn für Rhythmus abgeht. Hebräischer Rhythmus (Parallelismus), Überreife des rhythmischen Gefühls, auf primitive Stufen zurückgreifend. Mitte der Kunst vorüber.   122. Wie Meister Ervin von Steinbach von seinen französischen Mustern und Meistern abhängig ist, frei und sie überragend, so Wagner von den Franzosen und Italiänern.   123. Die große Oper aus französischen und italiänischen Anfängen. Spontini, als er die Vestalin schuf, hatte wohl noch keine Note eigentlich deutsche Musik gehört. Tannhäuser und Lohengrin – für sie hat es noch keinen Beethoven, allerdings einen Weber gegeben. Bellini, Spontini, Auber gaben den dramatischen Effekt ; von Berlioz lernte er die Orchestersprache; von Weber das romantische Colorit.   124. Die Kunst der Orchester-Farben mit feinstem Ohre den Franzosen, Berlioz abgehört (frühzeitig).   125. Tannhäuser und Lohengrin keine gute Musik. Das Ergreifende, Rührende wird eben durchaus nicht von der reinsten und höchsten Kunst am sichersten erreicht. Vergröberung .   126. Es fehlt die natürliche Vornehmheit, die Bach und Beethoven haben, die schöne Seele (selbst Mendelssohn); eine Stufe tiefer.   127. Wagner ahmt sich vielfach selber nach – Manier. Deshalb ist er auch am schnellsten unter Musikern nachgeahmt worden. Es ist leicht.   128. Wagner kämpft gegen das Monumentale, aber glaubt an das allgemein Menschliche! Stil-Tradition: hier will er monumentalisiren , wo es am wenigsten erlaubt ist – im Tempo!   129. Mendelssohn , an dem sie die Kraft des elementaren Erschütterns (beiläufig gesagt: das Talent des Juden des alten Testaments) vermissen, um an Dem, was er hat, Freiheit im Gesetz und edle Affekte unter der Schranke der Schönheit, einen Ersatz zu finden.   130. Liszt , der erste Repräsentant aller Musiker, kein Musiker : der Fürst, nicht der Staatsmann. Hundert Musikerseelen zusammen, aber nicht genug eigne Person, einen eignen Schatten zu haben.   131. Heilsamste Erscheinung ist Brahms , in dessen Musik mehr deutsches Blut fließt als in der Wagner's, – womit ich viel Gutes, jedoch keineswegs allein Gutes gesagt haben möchte.   Wagner's Schriften.   132. Wagner, der in seinen Prosaschriften mehr bewundert als verstanden werden will.   133. Wagner hat in seinen Schriften nicht Größe, Ruhe, sondern Anmaßung. Warum?   134. Wagner's Stil . – Die allzuzeitige Gewöhnung, über die wichtigsten Gegenstände ohne genügende Kenntnisse mitzureden, hat ihn so unbestimmt und unfaßbar gemacht: dazu der Ehrgeiz, es dem witzigen Feuilleton gleich zu thun, – und zuletzt die Anmaßung, die sich gern mit Nachlässigkeit paart: »siehe, Alles war sehr gut.«   135. Schrecken, bis zu welchem Grade ich selbst an Wagner's Stil Vergnügen haben konnte, der so nachlässig ist, daß er eines solchen Künstlers nicht würdig ist.   136. Ich habe gesagt, man könne sehr viel über die Entstehung des Kunstwerks aus Wagners Schriften lernen. Nämlich die tiefe Ungerechtigkeit, Selbstlust und Überschätzung, die Verachtung der Kritik u. s. w.   Die Wagnerianer.   137. Bei Wagner blinde Verleugnung des Guten (wie Brahms ), bei der Partei sehende Verleugnung.   138. Statt in's Leben überzuströmen, fördert die Wagnerische Kunst bei den Wagnerianern nur die Tendenzen, zum Beispiel religiöse, nationale.   139. Wagner's Kunst für Solche, welche sich eines wesentlichen Fehlers in ihrer Lebens-Führung bewußt sind: entweder eine große Natur durch niedrige Thätigkeit eingeklemmt zu haben oder durch Müßiggang vergeudet oder durch Conventions-Ehen u. s. w. Weltflüchtig ist hier = Ich-flüchtig .   140. Wagnerianer wollen Nichts an sich ändern, leben im Verdruß über Fades, Conventionelles, Brutales – die Kunst soll zeitweilig magisch sie darüber hinausheben. Willensschwäche.   141. Wagner's Kunst für Gelehrte, die nicht Philosophen zu werden wagen: Mißbehagen über sich, gewöhnlich dumpfe Betäubung – von Zeit zu Zeit im Gegentheile baden.   142. Bei Ungenügen stellt sich leicht Geist- Vergiftung ein: so bei den Zielen der Bayreuther Blätter. Schluß:   143. Mir ist zu Muthe, als ob ich von einer Krankheit genesen sei: ich denke mit unaussprechlicher Süßigkeit an Mozart's Requiem. Einfache Speisen schmecken mir wieder.   144. Das »Lied an die Freude« (22. Mai 1872) eine meiner höchsten Stimmungen. Erst jetzt fühle ich mich in dieser Bahn. – »Frei wie seine Sonnen fliegen, wandelt Brüder eure Bahn!« – Was für ein gedrücktes und falsches Fest war das von 1876. Und jetzt qualmt aus den »Bayreuther Blättern« Alles gegen das Lied an die Freude.   145. Aber hinterdrein wurde mir der Blick für die tausend Quellen in der Wüste geöffnet. Jene Periode sehr nützlich gegen eine vorzeitige Altklugheit. Jetzt tagte mir das Alterthum und Goethe's Einsicht der großen Kunst: und jetzt erst konnte ich den schlichten Blick für das wirkliche Menschenleben gewinnen: ich hatte die Gegenmittel dazu, daß kein vergifteter Pessimismus daraus wurde. Schopenhauer wurde »historisch«, nicht als Menschenkenner.   146. Ich hatte die Lust an den Illusionen satt. Selbst in der Natur verdroß es mich, einen Berg als ein Gemüthsfaktum zu sehen. – Endlich sah ich ein, daß auch unsere Lust an der Wahrheit auf der Lust der Illusion ruht.   147. Entwicklung des Sophokles verstehe ich durch und durch – der Widerwille gegen den Pomp und Prunkeffekte.   148. Was wird aus einer Kunst, die an ihr Ende gekommen ist? Sie selbst stirbt ab, – die von ihr gegebene Wirkung kommt andern Gebieten zu Gute, ebenso die nunmehr, bei ihrem Ende , freiwerdende, nicht verwendete Energie. Wo also zum Beispiel?   149. Einsicht in die Ungerechtigkeit des Idealismus , darin daß ich mich für meine getäuschten Erwartungen an Wagner rächte.   150. Ich sehe die Leidenden, die in die Höhenluft des Engadin sich begeben. Auch ich sende die Patienten in meine Höhenluft – welcher Art ist ihre Krankheit?   151. Ein Zeichen von der Gesundheit der Alten, daß auch ihre Moral-Philosophie diesseits der Grenze des Glücks blieb. Unsere Wahrheits-Forschung ist ein Exceß: dies muß man einsehen .   152. Plato's Abwendung von der Kunst symbolisch-typisch am Schluß.   153. Die höchste Aufgabe am Schluß , Wagner und Schopenhauer öffentlich zu danken und sie gleichsam gegen sich Partei nehmen zu machen.   154. Ich rathe Jedem, sich vor gleichen Pfaden (Wagner und Schopenhauer) nicht zu fürchten. Das ganz eigentlich unphilosophische Gefühl, die Reue, ist mir ganz fremd geworden.   Wagner's Wirkungen.   155. Wir müssen der falschen Nachwirkung Wagner's widerstreben. Wenn er, um den Parsifal schaffen zu können, genöthigt ist, aus den religiösen Quellen her neue Kräfte zu pumpen, so ist dies kein Vorbild, sondern eine Gefahr.   156. Ich habe die Besorgniß, daß Wagners Wirkungen zuletzt in den Strom einmünden, der jenseits der Berge entspringt und der auch über Berge zu fließen versteht. Nachbericht. Von den beiden Aphorismensammlungen, die den zweiten Band des »Menschlichen, Allzumenschlichen« ausmachen, stammt Vieles, seiner Conception und ersten Aufzeichnung nach, schon aus dem Sommer und Herbst 1876 sowie dem folgenden Winter. Besonders aus den Sorrentiner Niederschriften ist Vieles benutzt, das im ersten Bande des »Menschlichen, Allzumenschlichen« noch keinen Raum gefunden hatte. Die » Vermischten Meinungen und Sprüche «, von denen dieses in erster Linie gilt, arbeitete mein Bruder in den letzten Monaten des Jahres 1878 in Basel aus; eine befreundete Dame, Frau M. B., stellte auf Grund seiner endgültigen Niederschriften ein sorgfältiges Druckmanuskript her, das der Autor nochmals durcharbeitete. Von Mitte Januar bis Ende Februar 1879 wurde das Werk bei Richard Oschatz in Chemnitz gedruckt und, im Verlag von Ernst Schmeitzner daselbst, in der zweiten Hälfte des März ausgegeben unter dem Titel »Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister. Anhang: »Vermischte Meinungen und Sprüche.« Der Anschluß an das ein Jahr zuvor erschienene Buch »Menschliches, Allzumenschliches« sollte ursprünglich, noch enger als durch diesen Titel, durch Weiterzählung der Aphorismennummern, ja sogar der Seitenzahlen ausgedrückt werden. Auch noch eine andere Verknüpfung ward geplant, aber gleichfalls wieder aufgegeben: Das Buch »Menschliches, Allzumenschliches« war in seiner ersten Auflage »dem Andenken Voltaire's geweiht zur Gedächtnisfeier seines Todestages, des 30. Mai 1778«; in Anknüpfung hieran gab der Autor während des Druckes der »Vermischten Meinungen und Sprüche« deren ursprünglich letztem Aphorismus 407 den Schluß: (– Nennen wir an dieser Stelle noch einmal den Namen Voltaire. Welches wird einmal seine höchste Ehre sein, ihm erwiesen von den freiesten Geistern zukünftiger Geschlechter? Seine »letzte Ehre« – – –). Diesen Schluß strich der Autor während der Correktur, und an seine Stelle trat Aphorismus 408 »Die Hadesfahrt«. Die Ausarbeitung der andren Aphorismensammlung » Der Wanderer und sein Schatten « geschah im Frühjahr und Sommer 1879, besonders während eines längeren, im letzten Drittel des Juni begonnenen Aufenthaltes zu St. Moritz, daher auch ursprünglich der Titel »St. Moritzer Gedankengänge« lauten sollte. Im Anfang September 1879 sandte mein Bruder seine revidirten Niederschriften von dort aus nach Venedig an Herrn Peter Gast, der während dieses Monats die Herstellung dieses Druckmanuskriptes besorgte. Dieses wurde, nachdem der Verfasser es nochmals durchgesehen, corrigirt und vermehrt hatte, von Ende Oktober bis Ende November in derselben Officin wie die »Vermischten Meinungen und Sprüche« gedruckt, und um die Jahreswende erschien »Der Wanderer und sein Schatten. Chemnitz 1880. Verlag von Ernst Schmeitzner.« Die Rückseite des Titelblattes trug den ursprünglich für die Vorderseite bestimmten Satz »Zweiter und letzter Nachtrag zu der früher erschienenen Gedankensammlung »Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister.« Nachdem E. W. Fritzsch in Leipzig den Verlag der Schriften meines Bruders zurückerworben hatte, wurden die noch vorhandenen Exemplare beider Aphorismensammlungen vereinigt als »Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister. Zweiter Band. Neue Ausgabe mit einer einführenden Vorrede.« Diese Vorrede, geschrieben im September 1886 in Sils-Maria, wurde mit dem neuen Haupttitel und den beiden neuen Untertiteln – »Erste Abtheilung: »Vermischte Meinungen und Sprüche«. Zweite Abtheilung: »Der Wanderer und sein Schatten« – bei C. G. Röder in Leipzig gedruckt, und der so gebildete zweite Band »Menschliches, Allzumenschliches« erschien zugleich mit der neuen Ausgabe des ersten Bandes im Oktober 1886. Die Disposition, nach welcher mein Bruder den Inhalt des ersten Bandes vom »Menschlichen, Allzumenschlichen« in neun Capitel geordnet hat, ist ebenfalls für die beiden Aphorismensammlungen des zweiten Bandes maßgebend gewesen, die ja auch, wie oben dargestellt, ursprünglich als »Anhang« und »Nachtrag« zu jenem erschienen. Der Autor selbst hat diesen inneren Parallelismus äußerlich nicht bemerkbar gemacht, sondern dem Leser überlassen, den Inhalt beider Schriften als fortlaufende Ergänzung und Erweiterung des Hauptwerks zu erkennen. Einer der früheren Herausgeber zerlegte die beiden Theile des zweiten Bandes gleichfalls in je neun Capitel und versuchte deren Verwandtschaft mit den Capiteln des ersten Bandes dadurch zu kennzeichnen, daß er ihnen Überschriften gab, die sich an die des ersten Bandes nüancirend anlehnen. Im Anschluß an die dabei von ihm getroffene Eintheilung möge folgende Tabelle auch hier den Parallelismus der Dispositionen der beiden Bände »Menschliches, Allzumenschliches« veranschaulichen: Band I Band II Vermischte Meinungen Wanderer 1. Von den ersten und letzten Dingen Aph. 1-32 Aph. 1-17 2. Zur Geschichte der moralischen Empfindungen Aph. 33-91 Aph. 18-71 3. Das religiöse Leben Aph. 92-98 Aph. 72-86 4. Aus der Seele der Künstler und Schriftsteller Aph. 99-178 Aph. 87-170 5. Anzeichen höherer und niederer Cultur Aph. 179-230 Aph. 171-233 6. Der Mensch im Verkehr Aph. 231-269 Aph. 234-264 7. Weib und Kind Aph. 270-293 Aph. 265-274 8. Ein Blick auf den Staat Aph. 294-324 Aph. 275-294 9. Der Mensch mit sich allein Aph. 325-408 Aph. 295-350 Bei den Aphorismen aus dem Nachlaß » Gedanken über Richard Wagner, Musik und Bayreuth « muß ich besonders aus die Jahreszahlen aufmerksam machen. Im Januar 1874 hat er, wie er an Rohde schreibt, zuerst versucht »mit der größten Kälte der Betrachtung« das Problem des Bayreuther Unternehmens zu prüfen. Er fügt hinzu: »Dabei habe ich viel gelernt und glaube jetzt Wagner viel besser zu verstehen als früher.« Diese kühle Prüfung, wobei er sich seiner eigenen Ueberzeugung in Hinsicht auf Wagner erst wirklich bewußt wurde, that aber damals seiner Liebe und Verehrung zum Meister noch keinen Abbruch, wenigstens glaubte er es, daß es möglich sei im Einzelnen Wagner's Ansichten und Absichten zu kritisiren, weil Wagner als Ganzes genommen jedem Angriff gewachsen wäre. Die zurückgebliebenen Aufzeichnungen zu »Richard Wagner in Bayreuth« 1875/76 bringen die Empfindungen eines Gesammturteils über Wagner zum Ausdruck und sind deshalb weniger kritisch, sondern zum größten Teil von warmer Begeisterung erfüllt. Dann folgten die Aufführungen der Festspiele im Sommer 1876, die meinem Bruder deutlich die vollständige Unverträglichkeit seiner eigenen Ansichten mit der Kunst Wagner's bewies, was jene wenigen Wochen Zusammenseins im Herbst 1876 in Sorrent und die Zusendung des Parsifal-Textes in noch höherem Grade zeigten. Darüber erzählt die Einleitung zum dritten Band der Taschenausgabe Ausführlicheres. Die Rückblicke aus dem Sommer 1878 führen uns das Bestreben meines Bruders vor Augen, sich selbst klar zu machen, was ihm an Wagner von Anfang an fremd gewesen war und weshalb sich schließlich ihre Wege so vollständig trennen mußten. Weimar , Februar 1906. Elisabeth Förster-Nietzsche