Jules Michelet Die Liebe Übersetzt von Friedrich Spielhagen. Vorwort des Übersetzers zur zweiten Auflage Die Übersetzung eines Werkes, welches schon zur Zeit, als es nur erst im Original zu lesen war, von fast sämtlichen Organen unserer Kritik mehr oder weniger ausführlich besprochen wurde, mit einem Vorwort zu begleiten (noch dazu die zweite Auflage derselben – die erste war nach wenigen Wochen vergriffen), dürfte vielen genau so verdienstlich erscheinen, als: Wasser in den vollen Brunnen schöpfen. Dennoch bin ich der Aufforderung des Herrn Verlegers, dieser zweiten Auflage einige Worte der Verständigung vorauszuschicken, gern nachgekommen, einmal aus uneigennütziger Teilnahme an dem Schicksale eines Buches, dessen edle Tendenz vielfach verkannt, dessen praktischer Nutzen allgemein angezweifelt ist, und sodann auch in meinem eigenen Interesse, der ich die seit dem Erscheinen der ersten Auflage häufig an mich gestellte Frage: aber wie haben Sie nur dies Buch übersetzen können? ein- für allemal zu beantworten wünsche. Der Übersetzer befindet sich seinen Landsleuten gegenüber immer in der Lage jemandes, der eine ihm bekannte und liebe Person in eine geschlossene Gesellschaft einführt, zu der er selbst gehört. Wird sein Freund gefallen? wird er mißfallen? so fragt er sich nicht ohne einiges Herzklopfen, und er weiß, daß, wenn das erstere geschieht, wenn der Eingeführte durch seinen Geist, seinen Witz, seine Unterhaltungsgabe, seine weltmännischen Manieren sich schnell aller Herzen gewinnt, ihm selbst kein Wort des Lobes, kein Lächeln des Beifalls zu teil wird, daß aber im anderen Falle, wenn der Fremde durch seine ungewohnte Erscheinung, durch die Weise, wie er seine Ansichten äußert, durch diese Ansichten selbst mißfällt und anstößt – er die ganze Verantwortlichkeit seines gut gemeinten Schrittes wird tragen und zehnmal an einem Tage wird hören müssen: Wie konnten Sie nur diesen seltsamen Menschen bei uns einführen? Dieser letztere Fall ist nun, wie schon gesagt, gewissermaßen der meinige. Man hat sich von einer gewissen Seite nicht gescheut, Michelets Buch geradezu für ein unmoralisches Buch zu erklären; andere, die mit Lessing einen Unterschied machen zwischen unmoralisch und unsittlich, sprechen das Werk von dem ersteren Vorwurf frei, räumen aber ein, daß es vielfach gegen die Sitte verstoße; wieder andere, die noch feiner distinguieren, wollen die Moralität oder die Sittlichkeit nicht in Zweifel ziehen und beschränken sich darauf, es in hohem Grade indecent zu nennen. Auf diese Vorwürfe läßt sich in aller Kürze folgendes erwidern: Wenn: den Menschen die Binde von den Augen und die Gängelbänder von den Schultern streifen, gegen die Moralität verstößt, so ist Michelets Buch sehr unmoralisch; wenn: die Dinge da, wo es nötig ist, bei ihrem rechten Namen nennen, sich mit der Sittlichkeit nicht verträgt, so ist es bedenklich unsittlich; wenn an ein Werk, das selbstredend nur für Erwachsene geschrieben ist, derselbe Maßstab gelegt werden muß, mit welchem Schriften, die für junge Damen in Pensionen oder für unreife Knaben bestimmt sind, gemessen werden – so ist es entsetzlich indecent. Als die guten Leute und schlechten Musikanten Goethen wegen der sogenannten Indecenzen und Unsittlichkeiten in seinem Wilhelm Meister zur Rede stellten, schrieb Schiller an den Ersteren: »Sobald mir einer merken läßt, daß ihm in (poetischen) Darstellungen irgend etwas näher anliegt als die innere Notwendigkeit und Wahrheit, so gebe ich ihn auf. Könnte er (Jacobi) Ihnen zeigen, daß die Unsittlichkeit der Gemälde nicht aus der Natur des Objekts fließt, und daß die Art, wie Sie dasselbe behandeln, nur von Ihrem Subjekt sich herschreibt, so würden Sie allerdings dafür verantwortlich sein.« Dasselbe gilt auch hier. Ich gebe zu, daß die Sinnlichkeit in diesem Buche eine große Rolle spielt – aber thut sie das etwa in der Liebe nicht? gebe zu, daß gewisse Dinge besprochen werden, die wohl sonst nur in einem tête à tête der Gatten, oder in einer Konferenz mit dem Arzte zur Sprache kommen, daß Situationen angedeutet werden, die man allerdings sonst nur in lasciven Romanen findet – aber wenn jemand den Beweis führen kann, daß die so beschaffenen Dinge mutwillig von Michelet herbeigezogen wurden, daß er die so beschaffenen Situationen schildert, nicht um eine moralische Wahrheit damit zu veranschaulichen, sondern um die Sinne der Leser zu kitzeln – so will ich alle Vorwürfe über mich und meinen Autor ohne Murren ergehen lassen; denn wir haben sie reichlich verdient – der Ritter so gut wie der Knappe. Hören wir, was Michelet selbst über diesen häkligen Punkt sagt: »Wir sind auf der Schwelle dieses wichtigen Themas (die Kunst, das Leben durch die Liebe zu verlängern) stehen geblieben, obgleich wir sehr wohl wissen, daß die heuchlerische Decenz, mit der man einen Schleier darüber gedeckt und so alles der Laune preisgegeben hat, nichts zu reinigen, nichts zur Versittlichung beizutragen vermag. Indem man darauf verzichtete, die geheimen Beziehungen der Ehe aufzuklären, hat man daraus eine dunkle Welt, in welcher die grobe Natur alles ist, und die man deshalb verachten zu können glaubte, geschaffen. Man hat dann fälschlich behauptet, daß die Liebe entnervend wirke, während sie doch im Gegenteil eine unversiegliche Quelle der Kraft ist.« In Abrede stellen zu wollen, daß das sinnliche Element ein mächtiger Faktor in der Liebe ist, kann nur den Thoren oder den Heuchlern einfallen. Daß Michelet es also in Rechnung brachte, und bringen mußte, versteht sich von selbst, und nur dem Vorwurf dürfte er nicht entgehen, den physiologischen Teil seiner Aufgabe mit allzu großer Vorliebe bearbeitet zu haben. Dazu kommt noch der Übelstand, daß er nach Art der Laien, die mit den Resultaten einer fremden Wissenschaft experimentieren, bald zu viel, bald zu wenig sagt: zu viel für den Eingeweihten, zu wenig für die anderen; daß er ferner (auch nach Laienart) oft einen übermäßigen Wert auf Einzelheiten legt, die ihm riesengroß erscheinen, da er sie nicht aus dem Mittelpunkte des Ganzen herausbetrachtet; und daß es ihm dabei nicht selten begegnet, bloße Hypothesen für festgestellte Thatsachen anzusehen. Aus diesem Grunde habe ich geglaubt, einiges rein Physiologische, das diesen Stempel der Halbheit zu deutlich trug, auslassen zu müssen, so die Noten 3 und 4, zumal in denselben nicht viel vorkommt, was im Texte nicht wenigstens angedeutet wäre. Sodann aber habe ich auch, eingedenk des Goetheschen Wortes, daß eines sich nicht für alle schickt, durch das ganze Buch hindurch, wo es irgend thunlich war, gewisse Ausdrücke vermieden, von denen ich sehr wohl weiß, daß sie den in dieser Beziehung wenig verwöhnten Franzosen vollkommen harmlos erscheinen, aber die keuschen Ohren der Deutschen beleidigen würden. Hier muß ich gleich noch einige andere Punkte erwählten, die manchem, der mit französischem Wesen und französischer Sitte weniger vertraut ist, bei der Lektüre dieses Buches von der Liebe auffallen möchten. So dürfte es gleich von vornherein befremden, daß die französische Liebe mit der Ehe anfängt, oder, um es genauer auszudrücken, sich erst in der Ehe einstellt. Von jener bitter-süßen Empfindung, die das deutsche Volkslied schildert: Kein Feuer, keine Kohle Kann brennen so heiß, Als heimliche Liebe, Von der niemand nichts weiß; – von dem Luxus poetischer Sentimentalitäten, die der Deutsche, sofern er wirklich ein Deutscher ist, während der Zeit von dem Tage der Verlobung bis zu dem Hochzeitstage konsumiert, von all der Mondscheinspoesie auf Wasserfahrten und Landpartien, diesem liebeheißen Sehnen und entsagungsreichen Schmachten, dieser wunderlichen, echt-deutschen Mischung sinnlicher Glut und reinster platonischer Schwärmerei – von dem allen hat der praktische Franzose kaum eine Ahnung, das alles geht weit über seine Begriffe von dem, was man der Dame seines Herzens schuldig ist. Sich für sie im bois de Boulogne schlagen, vielleicht auch totschießen lassen – warum nicht? Aber wie der Ritter Toggenburg lange Jahre nach einem gewissen Fenster hinaufschauen, so lange, bis die (möglicherweise bereits verblühte) Liebliche unser eheliches Weib wird; die einmal Erkorene sich erkämpfen durch tausend Entbehrungen, tausend Hindernisse – wie seltsam! Hangen und Bangen in schwebender Pein, da doch wahrlich an galanten Abenteuern vom aristokratischen Salon im Faubourg St. Germain bis zum Garten Mabille hinab kein Mangel ist – wie wunderlich! Sich für Marie zu Tode grämen, während Amande, Heloise und Jeanneton ihre Reize (an denen sich vielleicht nur aussetzen läßt, daß sie käuflich sind) an ihn verschwenden – wie albern! Bekanntlich sind die meisten französischen Heiraten, was man Konvenienz-Heiraten nennt. Die französische Erziehung, sowohl der Knaben als der Mädchen, ist der dürre Boden, auf dem diese hohlen Nüsse vortrefflich gedeihen. Bei uns bleiben die Kinder, Knaben und Mädchen, so lange es irgend geht, in dem elterlichen Hause. Der Jüngling verläßt es selten früher, als bis der von ihm gewählte Beruf es dringend notwendig macht; das Mädchen bleibt bis zur Verheiratung. So wachsen Brüder und Schwestern, so wachsen die Nachbarskinder, die Kinder der bekannten Familien nebeneinander, miteinander auf. Aus der kindischen Neigung wird eine ernste, aus der Tanzstundenbekanntschaft eine heimliche Liebschaft – schließlich öffentliche Verlobung – Hochzeit. Da bringe nun einmal jemand eine Konvenienz-Ehe zustande! Ganz anders bei den Franzosen. Der Knabe wird, wenn er zwölf Jahre alt ist, in das College geschickt, das Mädchen ebenso in die Pension; und von da ab sehen sich die Nachbarskinder eigentlich erst wieder, wenn er ein Mann, und sie, die mit fünfzehn Jahren ins elterliche Haus zurückkehrte und ein oder zwei Jahre hinter dem Stuhle ihrer Mutter im Salon eine sehr bescheidene Rolle spielte, vielleicht eben mit einem Manne, der dem Alter nach ihr Vater sein könnte, verheiratet ist. Die junge Frau, der junge Mann finden sich ganz zufällig in einer Gesellschaft. Sie erinnern sich der gemeinsam verlebten Kinderjahre. »Wissen Sie noch, damals? ...« – »Ja, und als Sie nun hernach ...« Sie kommen tief ins Gespräch. Nur mit Bedauern brechen sie es ab, als jetzt der ältliche Herr mit der schon etwas kahlen Stirn (hoher Beamter, Bankier oder dergleichen) auf die junge Dame zutritt und ihr in kühlem Tone mitteilt: »Meine Liebe, der Wagen ist da!« »Besuchen Sie uns doch ja recht bald!« sagt die Dame beim Abschiede zu dem wiedergefundenen Gespielen ihrer Jugend. Natürlich verabsäumt er nicht, einer so freundlichen Einladung Folge zu leisten ... Der junge Mann kann der Konvenienz-Ehe sehr gefährlich werden. Diese Fundamentalverschiedenheiten französischen und deutschen socialen Lebens muß der Leser im Auge behalten, wenn ihn nicht manches in Michelets Buche befremden soll. So aber wird er die etwas frostige Sentimentalität des Kapitels »die Schäferhütte«, wo der Liebende zum erstenmal die Geliebte (?) spazieren führt (die Eltern folgen in einiger Entfernung!), erklärlich finden; wird es verstehen, warum die französische Braut an ihrem Hochzeitstage so namenlos verwirrt und aufgeregt ist; wird es begreifen, weshalb Michelet sagen kann: »Manche, die schon seit Monaten verheiratet ist, blieb in ihrem Herzen ein Mädchen«, einen Satz, den wir Deutsche füglich umkehren können: Manche, die sich erst in Monaten verheiraten wird, ist schon im Herzen eine Frau; wird es schließlich verstehen, warum in den ersten Jahren der französischen Ehe so vieles zur Sprache kommt, worüber deutsche Verlobte sich lange vor der Hochzeit verständigen konnten, und warum der Franzose der Liebhaber seiner Frau nicht ist, sondern wird. Und wenn sich so die gemütliche Seite des Verhältnisses bei den Franzosen erst in der Ehe entwickeln kann, so beginnt auch die geistige erst jetzt, kultiviert zu werden. »Das französische Mädchen«, sagt Michelet, »tritt eben vollständig unwissend in die Ehe«, und ein anderes Mal: »aber ach! die Ärmste ist Finsternis selbst«. Dies ist die Folge jener obenerwähnten Pensionserziehung, die meistens von Ordensschwestern, welche sich im besten Falle mehr durch Frömmigkeit als Gelehrsamkeit auszeichnen, geleitet wird; sodann der sklavischen Abhängigkeit, in welcher die französische Mutter (die französischen Mütter sind terribles M .) ihre Tochter hält, und des gänzlichen oder fast gänzlichen Mangels an Umgang mit jungen Leuten des andern Geschlechts. Ein deutsches Mädchen, das einen guten Schulunterricht genossen hat, im Hause ihrer Eltern, im Umgange mit Freundinnen, Brüdern, Freunden der Brüder u. s. w. tausendfache Gelegenheit gehabt hat, sich zu unterrichten, muß natürlich mit einem ganz anderen Fond von Kenntnissen ausgestattet, geistig ganz anders vorbereitet in die Ehe treten, so daß bei ihr von den »sieben Festungswerken der Seele«, die Michelet bei seiner jungen Französin zu überwinden findet, etwa nur eines, und vielleicht nicht einmal das vorhanden ist. Versucht nun aber der Franzose die Lacunen der Pensionserziehung bei seiner jungen Frau auszufüllen, welche Hindernisse treten ihm da entgegen! Will er selbst sie durch Überredung leiten, durch das lebendige Wort auf sie wirken, so steht ihm seine eigne trockne, scholastische College-Bildung im Wege; will er von Herzen zu Herzen sprechen, so findet er keine Worte für Empfindungen, die ihm selbst so neu sind; und will er die Dichter und Denker seiner Nation für sich sprechen lassen, so entdeckt er zu seinem Erstaunen, daß »das erste Buch, das wirklich für eine Frau geschrieben wäre, noch erst geschrieben werden muß«. So hart dieser Ausspruch klingt, er ist kaum übertrieben. Was, im ganzen Umfange der französischen Litteratur, soll denn der Gatte seiner jungen Gattin vorlesen oder zur Lektüre empfehlen, von Corneille und Racine an (bei denen sie einschlafen dürfte) bis zur Fanny von Feydeau oder den Memoiren der Phryne Mogador! Wohl haben wir Deutsche diesem französischen testimonium pauperitatis gegenüber Ursache, stolz zu sein auf eine Litteratur, in der Erscheinungen wie Heinses Ardinghello, dessen nackte Sinnlichkeit noch dazu in Vergleich mit der faunischen, kokett verschleierten Lüsternheit in den liaisons dangereuses , im Faux-Blas und in unzähligen anderen französischen Romanen sehr gesund und unschuldig ist, denn doch zu den Seltenheiten gehören. Und hier sind wir auch wohl an dem Punkte angekommen, der für Michelets Buch der Ausgangspunkt geworden ist. Angesichts dieser traurigen Versumpfung der neueren französischen Litteratur, dieser Litteratur des demi-monde mit ihren Cameliendamen, fils naturels etc. ruft er aus: »O, ein der Frau würdiges Buch, wo es finden? ein heiliges Buch, das zart und doch nicht entnervend wäre! das sie kräftigte, ohne sie hart zu machen, das sie nicht durch eitle Träume verwirrte! ein Buch, das sie nicht in die prosaische, drückende Wirklichkeit, nicht in die Dornen der Widersprüche schleuderte! ein Buch voll von dem Frieden Gottes«. Daß Michelet, als er sich niedersetzte, sein Buch über die Liebe zu schreiben, im Herzen seines Herzens darnach trachtete, darnach strebte, diese Lücke auszufüllen, das wird selber der nicht in Abrede stellen können, welcher behauptet, daß diese Absicht nur zum kleinsten Teile erreicht sei. Dennoch hat man sich von einer gewissen Seite nicht entblödet, die Reinheit dieser Absicht in Zweifel zu ziehen. »Liebt Herr Michelet das Geld? liebt Herr Michelet den Skandal?« so fragt eine (zufälligerweise diesmal französische) Stimme der großen und mächtigen Partei, deren praktische Moral sich in den Satz zusammendrängt: daß der Zweck die Mittel heilige. Es giebt keine schnödere Verleumdung. Wenn ein Mann in Frankreich über die Sittenlosigkeit, die seit den Tagen Ludwigs XIV., wie ein schleichendes Gift, die oberen Schichten der Gesellschaft zerfressen hat, und dort tiefer und tiefer in den socialen Körper sickert, empört ist; wenn ein Mann die Schmach einer Despotie, die auf der geistreichen, aber frivolen und charakterlosen Minorität, und auf der von den Pfaffen in trostloser Unwissenheit gehaltenen Majorität seiner Nation gleicherweise lastet, tief und bitter empfindet – so ist es Michelet; wenn ein Mann in Frankreich die schnöde Trias: Lüge, Dummheit und Tyrannei gründlich verabscheut und begriffen hat, daß in demselben Augenblick, in welchem die Binde des Aberglaubens von dem Auge seiner Brüder fällt, sie auch das Band, an welchem despotische Willkür sie gängelt, von den Schultern streifen können – so ist es wiederum Michelet. Er hat erkannt, daß »die Freiheit ein leerer Schall ist, so lange der Bürger nicht der Sitte des Sklaven entsagt«, daß »an dem Tage, an welchem die jungen Leute sich zu ernsten Sitten bekennen, die Freiheit gerettet ist.« Michelets Buch ist der mit Rosen bekränzte Dolch eines Republikaners, gezückt gegen die Brust des Despoten, und auf seinem Titelblatte könnte, wie auf Schillers Räubern, ein Leu, der die Pranken drohend erhebt, gezeichnet sein, mit der Unterschrift: in tyrannos ! Michelet spricht mit einer unter den jetzigen Verhältnissen staunenswerten Kühnheit von der Zeit der Freiheit, »die ja doch einmal auch für uns kommen wird«; von dem herrlichen Frühlingsmorgen, wo »die Witwe, die so lange in Dunkelheit lebte, die heiligen Farben, denen ihr Gatte im Leben folgte, schauen wird: strahlend im Glanze des neuen Tages wieder erscheinen am Friese der Tempel«. Um aber diesen Tag des Lichts herbeizuführen, dazu sieht Michelet nur ein Mittel. Nicht Tyrannenmord, nicht das blutige Werk einer Nacht, wenn uns der nächste Morgen moralisch nicht gebessert findet – »Es ist die Reform der Liebe und Familie, welche den anderen Reformen vorangehen muß und sie überhaupt erst möglich macht. Die Gesellschaft stützt sich auf die Familie und die Familie auf die Liebe. So ist die Liebe vor allem anderen«. Das ist Michelets Plan, ein im schönsten Sinne demokratischer und vielleicht praktischerer Plan, als der von Schiller in seinen Briefen über ästhetische Erziehung entwickelte: die Menschen durch die Schönheit zur Freiheit zu führen. Nein, nur wer die eigne freche Willkür bändigt und sich freudig dem moralischen Gesetz beugt, darf auch die Willkür im Staatsleben verdammen und das für alle gleiche Gesetz proklamieren – denn er begreift dessen Heiligkeit; nur wer die eignen blinden Begierden machtvoll beherrscht, ist es wert, der Bürger eines freien Staates zu sein – denn er allein ist dazu fähig. Der Wollüstling mag den Druck der Ketten fühlen, mag sie mit einer plötzlichen gewaltsamen Anstrengung zerbrechen – aber bewahren kann er die Freiheit nicht. Mit Männern wie Fiesko kann man wohl Tyrannen stürzen, aber sie sind die ersten, die der jungen Republik durch ihre Unfähigkeit, dem Gemeinwohl ihre phantastischen Wünsche zu opfern, gefährlich werden. So hat Michelet, indem er nur die moralische Freiheit zu wollen scheint, ein viel weiter hinaus liegendes Ziel im Auge, das er nicht erst zu nennen braucht, da der Weg, auf den er seine Mitbürger weist, direkt zu diesem Ziele führt. »Konzentriert eure Kraft oder geht unter!« Werdet moralische Menschen oder gebt die Hoffnung auf, jemals freie Menschen zu sein – das ist die Alternative, die er ihnen stellt. Er zeigt ihnen das gelobte Land der politischen Freiheit von fern; aber er verkündet ihnen prophetisch, daß dies frivole, kraftlose, verblendete Geschlecht nicht imstande ist, es zu erobern oder das eroberte zu bewahren, und daß dies Geschlecht in der Wüste der Sklaverei irren und immer umherirren wird, bis es einem besseren Platz gemacht hat, oder selbst ein besseres geworden ist. Michelets Buch ist der Aufschrei eines edlen Herzens, das die Schande seiner Nation bluten macht, ein feierlicher Protest gegen die Beglückungstheorien des Napoleonismus, und wenn die weltliche Tyrannei konsequent wäre, oder es wagte, konsequent zu sein, so müßte sie dieses Buch verbieten, wie die stets konsequente geistliche Tyrannei zu Rom es ganz kürzlich erst in die Totenlisten des index congregatione eingetragen hat. (S. Augsb. Ztg. v. 21. Apr.) Ein geistvoller Kritiker dieses Werkes in der Revue des deux Mondes hat die Bemerkung gemacht, daß Michelets Buch von dem nichtkatholischen Leser wohl kaum verstanden werden dürfte. Der Satz ist nicht ganz richtig formuliert. Es muß heißen: der zum Teil offene, zum Teil versteckte Angriff gegen den Katholizismus, der sich durch das ganze Buch zieht, wird von dem Nichtkatholiken kaum bemerkt, also auch kaum empfunden werden. Natürlich! Was für den einen eine bloße Wahrheit ist, enthält für den anderen eine schwere Anklage; was für diesen eine harmlose Bemerkung, ist für jenen bittere Satire, denn, wie Hamlet sagt: Der Gesunde hüpft und lacht, Dem Kranken ist's vergällt. Um es mit einem Worte zu sagen: Michelets Buch ist durch und durch protestantisch, ja, in gewissem Sinne hyperprotestantisch. Dieser Punkt bedarf einer genaueren Erörterung. Wir sahen oben, daß Michelet folgerichtig durch die moralische Freiheit zur politischen gelangen will, daß er den Staat auf die Familie, die Familie auf die Ehe, die Ehe auf die Liebe basiert. Wie denkt er sich nun diese Ehe? wie will er, daß diese Liebe sei? Die Liebe ist ihm kein Drama, sondern ein Epos; ein Fluß, nicht in dem Augenblicke seiner Überschwemmung, sondern in der Ausdehnung seines ganzen Laufs von der winzigen Quelle droben im Gebirge hinab ins ebene Land durch Saatgefilde und öde Strecken bis ins ewige Meer; eine Progression in infinitum , keine endliche, sondern eine unendliche Größe; eine Flamme, die jetzt heller, jetzt trüber brennt, aber immer brennt, immer weiter greift, bis sie allen Stoff verzehrt, bis sie den ganzen Menschen ergriffen hat, jede Faser des Leibes, jede Regung des Herzens, jeden Gedanken des Geistes; eine mächtige Alchymie, die aus den zweien eines macht, und zuletzt, um ihr Ziel ganz sicher zu erreichen, um den peinlichen Erdenrest, den das Leben unaufgelöst ließ, vollends zu vernichten, den Tod zu Hilfe ruft. Diese unendliche und in ihrem letzten Grunde mystische Liebe ist der genaue Gegensatz jener endlichen, gemeinen »Raupenliebe, die sich von Blume zu Blume schleppt, überall nur den Rand benagt und nie bis zur eigentlichen Süßigkeit dringt«. Sie ist der Polygamie des Orients und der noch viel schmachvolleren und verderblicheren Polygamie des Occidents unmöglich; sie kann nur gedeihen in der Monogamie, in der Vereinigung, dem Bunde zweier Liebenden, wo der Mann mit der Wahl seiner Gattin feierlich auf alle übrigen Frauen, die Frau mit der Wahl ihres Gatten feierlich auf alle übrigen Männer verzichtet; jedes in dem anderen den ausschließlichen Repräsentanten des Geschlechts sucht und findet. Soll das aber geschehen können, so müssen sie sich auch eben alles in allem sein, und so wird die Gattin nach und nach die Genossin, die Vertraute, die Freundin, die Mitarbeiterin ihres Gatten; der Gatte ebenso folgerichtig der Freund, der Lehrer, der Arzt, der Priester seiner Gattin. Der Priester! Ja! Er soll ihre engherzige, egoistische Liebe zur großherzigen, allgemeinen Menschenliebe steigern; er soll sie das große Wort, das heilige Wort der Neuzeit: Brüderlichkeit, an dem sie nur erst buchstabiert, lesen lehren; soll ihr lehren, daß: nicht der Glaube an die persönliche Fortdauer, oder an die unbefleckte Empfängnis Mariä, oder irgend ein anderes katholisches oder protestantisches, jüdisches oder mohammedanisches Dogma, sondern daß »das Recht und die Gerechtigkeit das oberste Prinzip des modernen Lebens ist . Ein höheres, umfassenderes Prinzip, als selbst die Liebe; denn die unparteiische, wohlwollende Gerechtigkeit hat alle Wirkungen der Liebe und ist die höhere Liebe, denn sie hat das Individuum zum Objekt und umfaßt doch zugleich das Gemeinwesen«. So tritt denn nicht über die Schwelle dieses Hauses, Mann im Talare! die Heilige, die drinnen stirbt, stirbt in den Armen ihres Gatten, ihres Priesters, ihre reine Seele aushauchend in einem letzten Kusse. Steh' auf aus deinem Beichtstuhl! du wartest vergeblich! Nicht zu dir, dem fremden Manne, wird sie flüchten, die junge Frau, in deine profanen Ohren ein Geheimnis zu stammeln, vor dem sie selbst errötet; schon birgt sie das brennende Antlitz an dem Busen ihres edlen Gemahls, und in der Unendlichkeit seiner Liebe hat sie bereits die Absolution gefunden. – Will aber so der Gatte (und er muß es wollen) seiner Gattin alles in allem sein; will aber so die Gattin (und sie muß es wollen) sich einer so heroischen Liebe würdig zeigen – so müssen sie auch ihr bestes Leben an die Erreichung des hohen Zieles setzen. Der ungeheure Gewinn erfordert eine ungeheure Anstrengung; der endliche Sieg kann nur durch einen fortgesetzten Kampf errungen werden – einen Kampf gegen eine Welt in Waffen: gegen die eigne Schlaffheit, den eignen Egoismus, die eigne Willkür, gegen die Neider und Feinde draußen, gegen das betäubende, verwirrende moderne Leben; ein Sieg, den zu behaupten nicht weniger Kraft erfordert als ihn zu erkämpfen. Dieser Appell an die eigne Kraft, dieses begeisterte Ringen nach einem wunderherrlichen Ziele, das uns kein Priester und kein Heiliger und keine Gnade vermitteln kann; dieser Gedanke, der sich durch das ganze Buch zieht, daß wir uns selbst helfen müssen, da sonst kein Gott uns helfen wird – ist es, weshalb ich es oben ein durch und durch protestantisches genannt habe. Viele Recensenten (und ich darunter) haben Michelet vorgeworfen, daß er zu wenig Gewicht auf das moralische Element lege, daß er vergessen zu haben scheine, wie die Ehe auf der Idee der Pflicht begründet ist. Ich gestehe, von dieser Ansicht, je länger ich mich mit dem Werke beschäftigte, immer mehr zurückgekommen zu sein. Ich glaube nicht, daß Michelet um eines Haares Breite weniger tief als wir durchdrungen ist von der Heiligkeit der Pflicht, daß er sich nicht ebenso willig wie wir anderen beugt vor dem kategorischen Imperativ. Aber er meint, wenn ich ihn anders recht verstehe: damit das Wort: Du sollst! nicht ein Wort bleibe, muß unser Sinnen und Trachten darauf gerichtet sein, zu bewirken, daß wir auch können, was wir sollen, d. h. wir müssen zur Einsicht gelangen, daß, wenn die Anfechtung einmal da ist, es meistens mit dem besten Willen von der Welt zu spät, und daß: wachen und beten, auf daß wir nicht in Anfechtung fallen, der Lebensweisheit A und O ist. Ich gebe zu, daß Michelet hier über das Ziel hinausgeschossen hat (ich nannte deshalb die Tendenz hyperprotestantisch); räume ein, daß er in seiner Antipathie gegen jedes starre Dogma, in seinem Unglauben an die Macht des Staates und der Kirche, eine Ehe zu schützen, in welcher die Gatten nicht in der stets regen, stets wachsenden Liebe das Heil suchen und finden – zu weit gegangen ist. Aber wir wollen auch in diesem Punkte nicht vorschnell richten. Viele Kritiker (und ich unter ihnen) haben Michelet wegen der vielen Regeln und Regelchen, deren strikte Beobachtung er seinen Gatten zur heiligsten Pflicht macht, verspottet, und behauptet, daß er auf diese Weise die Junggesellen nicht für die Ehe gewinnen, die Zahl der Ehen in Frankreich nicht vermehren werde. Wie aber, wenn ich einem Knaben, der etwa die lateinische Sprache lernen will, eine voluminöse Grammatik, von der ersten bis zur letzten Seite voll von Regeln und Ausnahmen, in die Hand gebe und ihm sage: alle diese Regeln und Ausnahmen mußt du im Kopf haben, bevor du hoffen kannst, ein fehlerfreies Exercitium zu liefern – habe ich recht oder nicht? Und, wenn jemand eine Reise unternehmen will und muß (wenn er anders die verlorene Gesundheit wiederzuerlangen wünscht), ist es nicht ehrlicher und verständiger, ihn auf die Schwierigkeiten und Gefahren des Weges aufmerksam zu machen, als ihn unvorbereitet ziehen zu lassen? Ist es nicht verständiger, den jungen Männern die Ehe zu schildern als das, was sie ist, die Ausführung der kompliziertesten Aufgabe, die dem Menschen gestellt werden kann, eine Aufgabe, die zu lösen er in jedem Augenblick Kopf und Herz auf dem rechten Fleck haben muß? als sie ihnen vorzuspiegeln als das was sie nicht ist, ein Eldorado, ein Elysium, voll Freuden und Wonnen ohne Ende? Doch was sage ich, auch das soll ja Michelet gethan, er soll ja diese Wonnen nur zu verlockend, zu verführerisch geschildert und überhaupt von der ersten bis zur letzten Seite den widerlichsten, cynischsten Materialismus gepredigt haben. Wenigstens behauptet dies (und noch ein gut Teil andere Lügen dazu) ein kürzlich in Paris erschienenes, über 400 Seiten starkes Buch, betitelt! L'amour. Renversement des propositions de M. Michelt par un libre penseur , welches wir nur deshalb hier nennen, um den Leser zu ersuchen, es nicht in die Hand zu nehmen, er müßte denn ein besonderes Verlangen haben, einen Tartüfe zu beobachten, in dem Augenblick, wo der Edle fühlt, daß ihm die scheinheilige Maske von dem Armensündergesicht gerissen wird. Leipzig , im Mai 1859. F. Spielhagen. Einleitung. I. Der vollständige Titel dieses Buches, der den Zweck, den Sinn und die Bedeutung desselben ausführlich angäbe, wäre: Die geistige Befreiung durch die wahre Liebe. Diese Frage, die Frage der Liebe, liegt, dunkel und unendlich, unter den Tiefen des menschlichen Lebens; ja, sie trägt die Grundvesten, auf denen das Leben ruht. Die Familie stützt sich auf die Liebe und die Gesellschaft auf die Familie. So ist die Liebe vor allem andern. Wie die Sitten, so der Staat. Die Freiheit wäre ein leerer Schall, wenn der Bürger Sklavensitten bewahrte. Wir suchen hier ein Ideal, aber ein Ideal, welches heute verwirklicht werden kann, nicht eins, das man für eine bessere Gesellschaft aufheben müßte. Es ist die Reform der Liebe und der Familie, die den anderen Reformen vorangehen muß und sie überhaupt erst möglich macht. * Eine Thatsache ist unbestreitbar. Inmitten so vieler intellektueller und materieller Fortschritte hat der moralische Sinn abgenommen; alles schreitet vorwärts, entwickelt sich; nur eins wird kleiner: der Geist. In diesem wahrhaft feierlichen Augenblicke, wo das über die ganze Erde ausgebreitete Netz der elektrischen Drähte im Begriff steht, ihre Gedanken zu zentralisieren und ihr es möglich machen wird, endlich einmal zum Bewußtsein ihrer selbst zu kommen – welchen Geist wollen wir ihr geben? Und was soll daraus werden, wenn das alte Europa, von dem sie alles erwartet, ihr nur einen geschwächten Geist darbietet? Europa ist jung und alt, in dem Sinne, daß es gegen seine Verderbnis die verjüngende Kraft aufrufen kann, die im Genie liegt. An Europa ist es, die Welt neu zu gestalten, indem es sich selbst neu gestaltet. Europa allein weiß und sieht und sieht voraus. Bewahre es sich nur die Willenskraft, und es ist noch nichts verloren. * Man kann sich nicht verhehlen, daß die Willenskraft in den letzten Zeiten gewaltige Veränderungen erlitten hat. Der Ursachen dafür giebt es viele. Ich will nur zwei derselben nennen, die moralisch und physisch zu gleicher Zeit sind, und die, indem sie direkt das Gehirn treffen und es abstumpfen, darauf ausgehen, alle unsere moralischen Kräfte zu paralisieren. Seit einem Jahrhundert ist die Herrschaft der Spirituosen und Narkotiken in fortwährendem und unaufhaltsamem Wachsen begriffen. Sie hat, je nach dem Charakter des Volkes, verschiedene Resultate gehabt. Hier hat sie den Geist verdüstert und ihn unheilbar barbarisiert; dort hat sie noch tiefer die physische Existenz unterwühlt und die Rasse selbst verschlechtert; – aber überall hat sie den Mann isoliert und ihm selbst an dem häuslichen Herde eine beklagenswerte Vorliebe für ungesellige Genüsse eingeflößt. Kein Bedürfnis mehr nach Geselligkeit, Liebe und Familie. Dafür die trübseligen Freuden eines polygamen Lebens, welches, da es dem Manne keine Lasten auferlegt und die Frau nicht schützt (wie die Polygamie des Orients), nur um so zerrüttender, willkürlicher, schrankenloser und durch den fortwährenden Wechsel aufreizender und entnervender ist. Man verheiratet sich immer seltener (die offiziellen Angaben beweisen es). Und, was kaum weniger ins Gewicht fällt, tritt die Frau in die Ehe, so ist es sehr spät. In Paris, wo sie früh reif und früh mannbar ist, verheiratet sie sich erst im fünfundzwanzigsten Jahre, verlebt also acht bis zehn Jahre des Wartens, sehr häufig des Elends, ja unvermeidlicher Unordnungen. Die Ehe hat wenig Festigkeit und schützt nicht vor Treubruch. Barbarischer Zustand, wo die Liebe nur ein Krieg gegen die Frau ist, in welchem man sich ihr Elend zu Nutze macht, sie erniedrigt und dann, zerrüttet, dem Hunger preisgiebt. * Jedes Jahrhundert ist durch eine Hauptkrankheit charakterisiert. Das dreizehnte war das des Aussatzes, das vierzehnte das der schwarzen Pest, das sechzehnte das der Syphilis, das neunzehnte ist an den beiden Polen des Nervenleidens angegriffen, in dem Gedanken und in der Liebe; beim Manne an dem entnervten, haltlosen, paralytischen Gehirn; bei der Frau an der mit schmerzhaften Geschwüren behafteten Gebärmutter. Dies Jahrhundert wird das Jahrhundert der Gebärmutterkrankheiten genannt werden – man kann es auch das des Elends, der Verlassenheit der Frau nennen – und ihrer Verzweiflung. Die Strafe ist diese: Die leidende Frau wird aus ihrem kranken Schoße nur einen Kranken gebären, der, wenn er leben bleibt, gegen die natürliche Stumpfheit ein verderbliches Mittel in der Abstumpfung durch Alkohol und Narkotiken suchen wird. Nehmen wir an, daß ein solcher Mensch unglücklicherweise sich fortpflanzt, so wird er von einer noch hinfälligeren Frau ein noch entnervteres Kind haben. Solchem Elend ist der Tod als Gegenmittel und gründliche Heilung vorzuziehen. * Man hat von Anfang des Jahrhunderts an vollkommen gefühlt, daß die Frage der Liebe die entscheidende Frage ist, welche unter den Grundvesten der Gesellschaft selbst abgehandelt wird. Wo die Liebe stetig und mächtig ist, da ist alles stark, solid und fruchtbar. Die gefeierten Utopisten, die über so viele andere Gegenstände (über die Erziehung z. B.) helles Licht verbreiteten, haben das Kapitel der Liebe nicht mit demselben Glück behandelt. Ich wage zu behaupten, daß sie hier nur eine geringe Unabhängigkeit des Geistes gezeigt haben. Ihre Theorien sind, obgleich der Form nach kühn, im Grunde darum nicht weniger sklavisch gegen die Wirklichkeit und ängstlich auf die Sitten der Zeit berechnet. Jene Männer fanden die Polygamie vor, und sie haben sich ihr unterworfen und für die Zukunft polygamische Utopien phantasiert. Um das wahre Gesetz in dieser Sache zu finden, hätten sie, ohne große moralische Untersuchungen anzustellen, einfach die Geschichte und die Natur befragen sollen. In der Geschichte sind die Menschenrassen genau auf Grund ihres monogamen Lebens physisch und moralisch stark. In der Naturgeschichte haben die höheren Tiergattungen eine Neigung zum Leben in der Ehe und verwirklichen es zum wenigsten für einige Zeit; und es ist gerade dies der vorzüglichste Grund ihres höheren Ranges. Man sagt, daß bei den Tieren die Liebe unstet und launisch, daß, andere Objekte der Lust zu suchen, für sie Naturzustand sei. Ich finde jedoch, daß, sobald nur eine gewisse Stabilität möglich ist und die Lebensmittel regelmäßig herbeigeschafft werden können, Ehen unter ihnen entstehen, zum mindesten zeitweilige, die nicht bloß durch die Liebe zu ihrer Brut, sondern ganz eigentlich durch die Liebe zustande kommen. Ich habe hundertmal diese Beobachtung gemacht, besonders in der Schweiz an einer Finkenfamilie. Als das Weibchen gestorben war, versank das Männchen in Verzweiflung und ließ die Jungen umkommen. Augenscheinlich war es Liebe und nicht väterliche Liebe, was es auf dem Neste festgehalten hatte. Sie war tot, und alles war vorbei. Die Nahrung ist in der späteren Jahreszeit weniger reichlich, und es nötigt viele Gattungen, ihre zeitweiligen Ehen aufzugeben. Die Gatten sind gezwungen, sich dann zu trennen, ihren Bereich der Beute und der Jagd auszudehnen, und sie können des Abends nicht mehr zu demselben Neste zurückkehren. So scheidet sie der Hunger, nicht ihr Wille. Die kleinen Fortschritte in der Industrie, welche eine feste Ehe stets herbeiführt, werden gehemmt, vereitelt. Wäre dem nicht so, sie würden bleiben. Es ist nicht die Wollust allein, welche sie hält; denn das befruchtete Weibchen gewährt solche nicht. Es ist der ganz eigentliche Instinkt der Geselligkeit, des gemeinsamen Lebens; die Lust, den ganzen Tag eine kleine Seele sich nahe zu fühlen, die auf euch rechnet, euch ruft, euer bedarf, euch (dich Fink, dich Nachtigall) durchaus nicht verwechselt mit einem andern derselben Gattung, nur euren Gesang hört und ihn oft durch ihre sanften, klagenden Rufe beantwortet, die gleichsam mit leiser Stimme gegeben werden (damit sie nur einer hört!), und die von ihrem Herzen zu deinem gehen. * In unseren Tagen ist man mit Nachdruck auf die Fragen der Liebe zurückgekommen. Geniale Schriftsteller haben sie teils in unsterblichen Romanen, teils in theoretischer, beredter, scharfer und strenger Form mächtig angeregt. Aus Gründen, die man erklärlich finden wird, enthalte ich mich eines weiteren Eingehens auf ihre Bücher. Ich erlaube mir nur trotz meiner Bewunderung und auf Sympathie ruhenden Achtung zu bemerken, daß man weder von der einen noch von der andern Seite tief genug in den Gegenstand eingedrungen ist. Seine beiden Seiten, die physiologische so gut wie die der praktischen Moral, sind noch nicht aufgehellt. Die Diskussion dauert fort, ohne daß man weiß oder zu bemerken sich herabläßt, daß sie sich um mehr als einen Punkt dreht, den die höchste Autorität, die der Thatsachen, für immer abgemacht und entschieden hat. Das in seinem wesentlichen Mysterium lange Zeit unbegriffene, verkannte Objekt der Liebe, die Frau, ist durch eine Reihe von Entdeckungen in den Jahren von 1827–1847 enthüllt worden. Wir kennen dieses heilige Wesen, das gerade darin, wo das Mittelalter es der Unreinheit beschuldigte, sich in Wahrheit als die Reinste der Reinen in der Natur zeigt. Die berechtigte Veränderlichkeit der Frau ist begriffen worden, und ebenso ihre Unveränderlichkeit, das, was den endgültig dauerhaften Charakter der Verbindung und der Ehe ausmacht. Wie ist es möglich, von der Frau zu sprechen, ohne etwas von alledem zu sagen? * Ein anderer wesentlicher Punkt ist der, daß die Liebe nicht, wie sie sagen oder zu verstehen geben, eine Krisis, ein Drama in einem Akte ist. Wäre sie nur das, so verlohnte sich ein so flüchtiges Ereignis kaum der Aufmerksamkeit. Sie wäre dann eine der ephemeren, oberflächlichen Krankheiten, die man sobald wie möglich loszuwerden sucht. Aber glücklicherweise ist die Liebe, und ich meine die treue, auf einen Gegenstand gerichtete, eine oft lange Reihenfolge sehr verschiedener Leidenschaften, welche das Dasein beleben und fort und fort erneuern. Wenn man die blasierten Klassen, welche der Tragödien, der plötzlichen, handgreiflichen Veränderungen bedürfen, beiseite läßt, so sehe ich, daß die Liebe manchmal ein ganzes Leben hindurch dieselbe bleibt, mit verschiedenen Graden der Intensität und äußeren Variationen, die ihr Wesen nicht berühren. Ohne Zweifel kann eine Flamme nicht brennen, ohne zu wechseln, sich zu heben, zu senken, wieder aufzusteigen, sich in Form und Farbe zu verändern. Aber die Natur hat dem vorgesehen. Die Frau verwandelt sich unaufhörlich in ihrer Erscheinung; eine Frau hat deren tausend. Dazu kommt, daß die Phantasie des Mannes leicht den Gesichtspunkt verrückt. Auf den für gewöhnlich dauerhaften und festen Grund der Gewohnheit zeichnet der Augenblick Veränderungen, welche die Neigung modifizieren und verjüngen. Nehmt nicht die Ausnahme, die vornehme, romantische Welt, sondern die Regel, die Mehrzahl, die Wirtschaften der Arbeiter. Ihr findet hier, daß der Mann, der um sieben, vielleicht um zehn Jahre älter ist als die Frau, und sich überdies mehr im Leben umgesehen hat, im Anfang seine junge Gefährtin bedeutend durch seine Erfahrung beherrscht, und sie ein wenig wie seine Tochter liebt. – Sehr schnell holt sie ihn ein oder eilt ihm voraus: die Mutterschaft, die häusliche Erfahrung vermehren ihre Wichtigkeit; sie gilt so viel wie er und sie wird wie eine Schwester geliebt. Aber wenn das Handwerk, die Arbeit den Mann abgenutzt haben, so wird die nüchterne, ernste Frau, der eigentliche gute Geist des Hauses, von ihm wie eine Mutter geliebt. Sie sorgt für ihn, sie pflegt ihn; er stützt sich auf sie und erlaubt sich oft, ein wenig das Kind zu spielen, wohl wissend, daß er in ihr eine so gute Pflegerin und eine sichtbare Vorsehung besitzt. Und das ist es nun, worauf sich bei den kleinen Leuten jene große und schreckliche Frage wegen der Superiorität des einen Geschlechts über das andere, eine so heikle Frage, so lange es sich um die Leute von gutem Ton handelt, reduziert. Es ist vor allem eine Altersfrage. Ihr seht sie am Tage nach der Hochzeit, wenn die Frau wie ein Kind erscheint, zu Gunsten des Mannes gelöst; später zu Gunsten der Frau. Wenn am Sonnabend-Abend der Mann seinen Wochenlohn bringt, so zieht sie ihr Wirtschaftsgeld ab (die Pflege der Kinder); sie läßt ihrem Manne das Geld für seine kleinen Vergnügungen. Sie denkt an alles; an sich denkt sie nicht. * Wenn man die Liebe eine Krisis nennt, so kann man die Loire auch eine Überschwemmung nennen. Aber bedenkt doch auch, daß dieser Fluß in seinem zweihundert Meilen langen Laufe, in seiner so vielfältigen, so verschiedenartigen Thätigkeit als Straße, als Bewässerer der Felder, als Reiniger der Luft u. s. w. auf tausenderlei Weise seine Wirkung äußert. Es heißt ihm Unrecht thun, wenn man ihn einzig von seiner leidenschaftlichen Seite auffaßt, wo man ihn am dramatischsten findet. Lassen wir sein zufälliges Drama, das wirklich nur untergeordnet ist, beiseite und nehmen wir ihn lieber in dem regelrechten Epos seines großen Lebens als Fluß, in seinen heilsamen und befruchtenden Einwirkungen, die nicht minder poetisch sind. In der Liebe ist der Augenblick des Dramas ohne Zweifel interessant; aber er ist zugleich der der Leidenschaft, wo wir eben nur zugegen sind und unsere Selbsttätigkeit sehr gering ist. Es ist wie der schäumende, wilde Bach im Gebirge, da wo sein Bett am schmalsten. Aber man muß ihn als Ganzes, in der ganzen Ausdehnung seines Laufes nehmen. Weiter oben ist er ein friedliches Bächlein; weiter unten wird er ein breiter, aber gelehriger Strom. Die Liebe ist keine Macht, welche der Bildung gänzlich unzugänglich wäre. Sie ist, wie jede andere Naturgewalt, ein Stoff für den Willen, für die Kunst, welche, sage man was man will, sie sehr leicht schafft und leicht durch die Situation, die äußeren Umstände und die Gewohnheiten modifiziert. * Wie soll der ältere, weiter vorgeschrittene, aufgeklärtere Mann die junge Frau einweihen? Wie soll die entwickelte und auf dem Höhepunkte der Anmut und Macht angelangte Frau es anfangen, das Herz des Mannes sich zu erhalten, wieder zu erobern? wie soll sie den Ermüdeten erquicken, verjüngen? ihm die Flügel geben, die ihn emportragen über das Elend des Lebens und des Handwerks? Welches ist die Macht des Mannes über die Frau und die der Frau über den Mann? Dies ist eine Wissenschaft und eine Kunst. Wir wollen das erste Wort sagen; andere mögen es ausführen. * Um das Vorhergehende zusammenzufassen: Man hat bis jetzt die Liebe nur in ihrem am wenigsten lehrreichen Momente genommen. Sie hat eine Seite, wo sie notwendig und tief erscheint, die naturgeschichtliche Seite, welche von unglaublicher Einwirkung auf ihre moralische Entwickelung ist. Dies ist übersehen worden. Sie hat eine Seite, wo sie frei und willkürlich ist, wo die praktische Moral auf sie einwirkt. Diese Seite hat man vernachlässigt. Dieses Buch ist ein erster Versuch, jene beiden Lücken auszufüllen. II. So lange die notwendige, unveränderliche Seite der Liebe nicht aufgehellt war, wußte man nicht genau, wo ihre Freiheit anfing, ihre spontane, persönliche und veränderliche Thätigkeit. Die Frau war ein Rätsel. Man konnte ohne Ende darüber schwatzen und das Für und Wider erörtern. Da trat unter diese Schwätzer einer und schnitt die Debatte ab: einer, der viel davon weiß, der Bruder der Liebe: der Tod. Diese beiden, scheinbar sich entgegengesetzten Mächte gehen immerdar zusammen. Sie streiten, aber mit gleichen Kräften. Die Liebe tötet den Tod nicht, der Tod tötet die Liebe nicht. Im Grunde verstehen sie sich vortrefflich. Sie erklären sich gegenseitig. Bedenkt, daß hier, wo es galt, das noch warme Leben zu, erfassen, nur der plötzliche, grausame Tod helfen konnte, der gewaltsame Tod. Er ist es vor allem, der uns belehrt. Die Hingerichteten haben das Geheimnis der Verdauung enthüllt, und die Frauen, die sich den Tod gaben, das der physischen Liebe und der Zeugung. Man mußte einen Ort haben, wo der gewaltsame Tod alltäglich war, wo der Selbstmord unaufhörlich der Beobachtung eine ungeheure Menge von Frauen lieferte, Frauen von jedem Alter, und die meisten in den Stadien ihrer Leiden: diese in dem Moment des Monats, wo die Natur sie exaltiert; jene, schwanger, die mit ihrem Kinde sterben wollten; Jungfrauen endlich, arme Blumen, die an der Liebe verzweifelten. Ich weiß nicht die ganze Zahl für Paris. Aber der Ort in Paris, wo man die Leichname derer ausstellt, welche nicht in ihrer Wohnung sterben, die Morgue, nimmt jährlich fünfzig auf. Das giebt fünfhundert in zehn Jahren! – eine ungeheure Zahl, wenn man ihre natürliche Zaghaftigkeit bedenkt und die außerordentliche Furcht, die sie vor dem Tode haben. Und in welchen Monaten ist dieser gewaltsame Tod der Frauen am häufigsten? In den schönen Monaten, wo sie bitterer ihre Verlassenheit empfinden, in den sonnigen Monaten, wo die Frau liebt. Denn es ist ein wesentlicher Punkt, daß die Liebe, die Zeugung von dem Manne mehr in den Festen des Winters und nach den fröhlichen Gelagen gesucht wird; von der Frau in der Zeit der Blumen, unter den reineren Einflüssen der verjüngten Natur, der Sonne und des Frühlings. Dann ertragen sie weniger leicht den Schmerz der Vereinsamung, ihr trostloses Elend, und sie wollen lieber sterben. Die statistischen Tabellen lassen das nicht erkennen. Sie rangieren ohne weiteres die Mehrzahl derer, die so in der Exaltation der Liebe sterben, unter die Rubrik: temporärer Wahnsinn. * Seit dem Anfang des Jahrhunderts war die Wissenschaft der großen Entdeckung auf der Spur. Geoffroy Saint-Hilaire und Serres begründeten die Lehre vom Embryo. Baër (1827) begann die Lehre vom Ei, ihm folgten Négrier und Coste. Im Jahre 1842 gab Pouchet von Rouen der Wissenschaft eine Form und stellte sie für die Zukunft in kühner Größe hin. Er hatte seine Beobachtungen fast nur an Tierweibchen angestellt, und nur beiläufig an der Frau selbst. Der geistreiche und gelehrte Coste und sein geschickter Mitarbeiter Gerbes (ein ausgezeichneter Anatom) hatten den Ruhm und das Glück, die ganze Wahrheit zu erkennen. Während eines Zeitraums von zehn Jahren ungefähr (seit der Errichtung des Lehrstuhls für die Ovologie bis zur Herausgabe des unvergleichlichen Atlas, der diese Entdeckungen vervollständigt), haben sie in dem Tode lesen können, und Hunderte von Frauen haben ihnen das tiefste Geheimnis der Liebe und des Schmerzes enthüllt. * Welches ist nun das Resultat dieser ernsten Betrachtung? Was gewinnen wir aus diesem ungeheuern und entsetzlichen Schiffbruch von Frauen, aus diesen Leichen, welche uns jedes Jahr die Vereinsamung, die Verlassenheit, die betrogene Liebe an den Strand spülen? Was aus diesem Schiffbruch bleibt, ist eine große Wahrheit, welche die Vorstellung, die man sich von der Frau machte, unberechenbar verändert. Gerade das, was das Mittelalter verhöhnte und schmähte und ihre Unreinheit nannte, ist ihre heilige Krisis; ist, was sie zu einem Gegenstande der Verehrung, was sie unendlich poetisch macht. Die Liebe hatte es immer geglaubt, und die Liebe hatte Recht. Die alberne Wissenschaft von früher hatte Unrecht. Aber die Frau schmachtet unter der Wucht einer ungeheuern Notwendigkeit . Die Natur begünstigt den Mann. Sie übergiebt sie ihm schwach, liebend, abhängig von einem fortwährenden Bedürfnis, geliebt und beschützt zu werden. Sie liebt von vornherein den, welchem Gott sie zuzuführen scheint. Um sich nicht vertrauensvoll hinzugeben, sich zu verteidigen, sich zu halten auf dieser abschüssigen Ebene, dazu bedarf sie weit mehr Seelenstärke, als wir jemals nötig haben, und zehnmal mehr Tugend. Welche Verpflichtung für uns! Die Natur verläßt sich bei der Hilflosigkeit ihrer unschuldigen Tochter auf den Adel des Mannes. * Aber dies ist noch mehr. Thatsachen, die aus einer anderen Quelle stammen (Lucas 2, 60), fangen an, es festzustellen, daß die Vereinigung in Liebe, der sich der Mann so leichtsinnig überläßt, für die Frau sehr viel tiefer und entscheidender ist, als man jemals glauben konnte. Sie giebt sich ganz und ohne Rückhalt. Das bei den Tierweibchen beobachtete Phänomen findet sich weniger regelmäßig, aber es findet sich doch bei der Frau. Die Befruchtung verändert sie nicht bloß vorübergehend. Die Witwe giebt ihrem zweiten Gatten häufig Kinder, die dem ersten ähneln. Das ist groß und furchtbar. – Das Resultat ist von ungeheuerm Gewicht für das Herz des Mannes. Wie! Die Natur hat so viel für ihn gethan, ihn bis zu diesem Grade begünstigt! Und er, der die Gesetze macht, er hat sich selbst begünstigt, er hat sich auf diese Weise gegen ein schwaches Wesen bewaffnet, das sich ihm hingeben muß! Wie groß müßte bei diesem doppelten Vorteil seine Milde gegen die Frau sein, wie zärtlich sein Schutz! Diese Ebbe und Flut ihrer Lebenskraft, diese gründliche Wiedererneuerung, die sie mit so viel Schmerzen erkauft, macht aus ihr das sanfteste, das bestimmbarste der Wesens sobald man sie liebt und schirmt und vor schlechten Einflüssen bewahrt. Jede Thorheit der Frau ist eine Dummheit des Mannes. Welche tiefe Harmonie, welche bewunderungswürdige Regelmäßigkeit beherrscht doch die große Bewegung des Lebens und der Ideen! Verwirrt, so scheint es, und ganz zufällig, drängen sich die Einzelheiten. Tretet weiter weg, seht das Ganze, und ihr seid mehr als überrascht, ergriffen von der wunderbaren Zweckmäßigkeit, mit welcher ganz verschiedene, scheinbar in gar keinem Zusammenhange stehende Dinge, von denen das eine das andere nicht kennt, aufeinander wirken und miteinander schaffen und bauen an dem ewigen Kunstwerk. In dieser Periode von zwanzig Jahren, wo durch die Wissenschaft die physische Abhängigkeit der Frau so schlagend dargethan wurde, brach sich ihre freie Persönlichkeit nicht weniger mächtig in der Litteratur Bahn. Auf jenes Naturgesetz, das sie dem Schmerz unterjocht und aus ihr eine leidende Sache macht, antwortet sie: Nein, ich bin eine Seele! So steht sie denn entschleiert da in ihrer Unterthänigkeit unter zwingende Gesetze, wie in ihrer freien Persönlichkeit. In demselben Maße, in welchem sie uns einerseits rührt, fordert sie andererseits unsere Achtung, unsere Bewunderung. Von zwei Seiten öffnet sich uns ein unerwartetes Glück, das Glück, inniger zu lieben – eine unendliche Perspektive in die Vertiefung der Liebe. Wer leugnete die neue Macht, welche die Frau entfaltet hat! Der größte Prosaist des Jahrhunderts ist eine Frau, Madame Sand. Sein glühendster Poet ist eine Frau, Madame Valmore. Den größten Erfolg in unseren Tagen hat das Buch einer Frau gehabt, der Roman der Madame Stowe. Er ist in alle Sprachen übersetzt, wird überall auf der Erde gelesen und ist für eine ganze Rasse das Evangelium der Freiheit geworden. * Wenn die ersten Worte der Frau Stimmen des Aufruhrs schienen, wer könnte ihn mißverstehen, diesen Schmerzensschrei der armen Kranken in der Aufregung ihres Erwachens? ... Liebt sie, hegt und pflegt sie! Ach, wie gern gäbe die stolzeste von ihnen allen Ruhm der Welt für einen Augenblick wahrer Liebe hin! Das Buch, in welches die Frau schreiben will, das einzige Buch – es ist das Herz des Mannes. In dieses Buch möchte sie schreiben mit flammenden, unverwischbaren Lettern. Der Glanz und der Lärm dieser litterarischen Erfolge haben uns die wirklich vorgegangenen Veränderungen zu groß erscheinen lassen. Die Frau blieb, was sie war. So wie die moderne Wissenschaft sie uns zeigt, mit der stets blutenden Wunde der Liebe in ihr, weich durch das Leiden, glücklich, wenn sie sich stützen kann – so war sie, so wird sie sein. Überall, wo sie auf sich beschränkt ist, wo die Welt sie nicht verdirbt, ist sie ein gutes, gelehriges Wesen, das sich gern unseren Gewohnheiten, die ihr oft sehr zuwider sind, fügt, das den rauhen Willen des Mannes schmeidigt, ihn civilisiert und veredelt. * Die Frauen und die Kinder bilden eine Aristokratie von Anmut und Reiz. Die Sklaverei des Handwerks erniedrigt den Mann und macht ihn oft einseitig und plump. Die Sklaverei der Frau ist nur die der Natur, ist keine andere als ihre Schwäche, ihre Hinfälligkeit, die sie rührend und poetisch machen. Correggio malte stets (und unersättlich) sehr junge Kinder in dem Augenblicke, wo, nachdem der Säugling das Stadium des rein vegetativen, willenlosen Daseins durchgemacht hat, in dem kleinen Wesen der erste Strahl seiner kleinen Freiheit aufblitzt. Sie zeigt sich dann in seinen netten Bewegungen mit unsäglicher Anmut. Das Kind ist anmutig, weil es sich frei fühlt, und weil es sich geliebt fühlt, weil es aus Instinkt weiß, daß es alles thun darf, was es will, und daß man es deshalb nur noch mehr lieben wird. Die Mutter ist nicht minder köstlich in diesem ersten Entzücken: »Ha! wie lebhaft es ist! ha! wie stark es ist! ... es kann mich schlagen!« So ruft sie. Sie ist glücklich; sie betet es an in seiner Widerspenstigkeit, in seinen reizenden Widersetzlichkeiten ... Liebt es darum seine Mutter weniger? Sie weiß sehr wohl das Gegenteil. Sieht es sie nur ein wenig erzürnt, so wirft es sich in ihre Arme. Wie, hat der Mann, bei dem ersten Aufleben der Persönlichkeit in der Frau, für sie nicht das sein können, was die Mutter für das Kind ist? Lange Zeit schien sie stumm, sagte nichts. Seht in dem indischen Schauspiel die Traurigkeit des Liebenden, wenn er kein Wort aus diesem schönen Munde bringen kann. Und wie weiß er, daß er geliebt wird? ist sie eine Person? ist sie eine Sache? »Im Namen derer, die du liebst, wirst du denn niemals sprechen?« ... »»Wie kann ich, o mein Gebieter! ...«« Dieses Schweigen und dieses Nichtwissen der Zustimmung und des verborgenen Gedankens ist im Grunde eine wahre Scheidung. Dies ist die Ursache jener so oft beschriebenen Traurigkeit, jener Wut, von der Lucrez spricht, jener Verzweiflung selbst in der Stunde der Lust. Endlich! sie spricht! ... O Wonne, sie ist ein Vernunftwesen! Aus dem dunkeln Schöße der Notwendigkeit hat ihre Freiheit sich hervorgerungen ... Sie kann hassen ... um so besser! denn sie kann auch lieben, so wollte ich sie. Dieser erste lebhafte und mächtige Aufschwung entzückt mich und macht mir keine Furcht. Verständigen wir uns, schöne Clorinde. Das wolle Gott nicht, daß ich jemals mit dir die Klingen kreuzte. Wie viel lieber will ich selbst verwundet sein! ... Aber ach! Du bist es ja schon. Natur, die strenge, wollte, daß du es immer wärest, auf daß man dich immer pflegen könnte. * Um es gerade heraus zu sagen (aber lassen wir es die Frauen nicht hören!), es war lächerlich von uns, zu zürnen und ärgerlich zu werden. Das Gefecht ist nur ein Scheingefecht. Sie haben nirgends das Feldgeschrei, das man in ihrem Namen ausgab, angenommen. Überall, wo sie nicht gefällige Freundinnen haben, die ihnen den Krieg predigen, sind sie sanft, friedliebend und wollen nichts, als geliebt sein. Aber sie wollen es mit aller Kraft, und dafür ist ihnen nichts zu kostbar. Eine Dame (Madame Gasparin) erklärt uns in einem schönen, beredten, mystischen, ebenso zärtlichen wie keuschen Buche, daß ihr Glück im Gehorchen besteht, daß sie wollen, der Mann sei stark, daß sie die lieben, welche befehlen, und die Festigkeit, die zum Befehlen gehört, nicht hassen. Diese Dame, die dein Apostel zu folgen glaubt, aber ihm mit dem Fluge eines jungen Herzens vorauseilt, versichert uns, daß ein träger, bloß leidender Gehorsam der Frau nicht genügt, daß sie aus Liebe gehorchen will, thätig, gehorchen selbst im voraus einem möglichen Wunsche, einem geahnten Gedanken, und ohne jemals zu sagen: Genug, außer in dem einen Fall, wo das Wohl des geliebten Wesens auf dem Spiele steht. Tiefe und wahre Enthüllung! Was die Frau quält, ist viel weniger die Tyrannei des Mannes, als seine Kälte; viel weniger das Gehorchen, als, nicht genug gehorchen zu können. Nur darüber beklagt sie sich. Keine fremde Schranke, kein Schutz von außen! Sie dienen nur dazu, die Gatten zu veruneinigen und die Frau elend zu machen. Nichts bleibt zwischen ihm und ihr. Sie geht zu ihm, stark durch ihre Schwäche, durch ihren unbeschützten Busen, durch dieses Herz, das für ihn schlägt ... Das ist ein Krieg für die Frauen. Der Stärkste wird hier besiegt werden. Wer hätte nun noch den Mut, darüber zu streiten, ob sie höher oder tiefer steht, als der Mann. Sie thut beides zu gleicher Zeit. Es ist mit ihr wie mit dem Himmel für die Erde; er ist oben, unten, ringsherum. Wir wurden in ihr geboren; wir leben von ihr; wir sind von ihr umhüllt; wir atmen sie; sie ist die Atmosphäre, das Element unseres Lebens. III. Dreimal in fünfundzwanzig Jahren hat sich die Idee dieses Buches, des tiefen socialen Bedürfnisses, dem es entgegenkommen würde, meinem Geiste in ihrer ganzen Wichtigkeit dargestellt. Das erste Mal, im Jahre 1836, als eine sehr trübe Flut in der Litteratur sich über uns ergoß, hätte ich gern die Geschichte sprechen lassen. Ich stand im besten Mannesalter. Aber die wesentlichen Thatsachen waren damals noch nicht veröffentlicht. Ich schrieb einige Seiten über die Frauen des Mittelalters und ließ es glücklicherweise dabei bewenden. Im Jahre 1844 war ich auf dem Lehrstuhle der Moral und Geschichte umgeben von dem Vertrauen der Jugend, und, ich wage es zu sagen, von den Sympathien aller. Ich sah und wußte viele Dinge. Ich kannte die öffentlichen Sitten. Ich fühlte die Notwendigkeit eines ernsten Buches über die Liebe. Im Jahre 1849, als eben unsere socialen Trauerspiele die Herzen zerrissen hatten, verbreitete sich eine fürchterliche Kälte in der Atmosphäre. Es schien, als ob alles Blut aus unsern Adern sich zurückgezogen hätte. Angesichts dieser Erscheinung, die das Verlöschen alles Lebens zu verkünden schien, wandte ich mich an die geringe Wärme, die noch da war; ich rief, mit den Gesetzen auf meiner Seite, zu einer Erneuerung der Sitten auf, einer Reinigung der Liebe und der Familie. * Die Gelegenheit von 1844 verdient, daß ich sie etwas näher beleuchte. Indem ich meine Erinnerung auffrische und die zahlreichen Korrespondenzen jener Zeit durchmustere, finde ich, daß das eigentümliche Vertrauen, welches mir das Publikum schenkte, daher kam, weil es in mir den wahren Einsiedler entdeckte, der, allem Koteriewesen fernstehend, unberührt von den Fragen der Zeit, sich in seine Gedanken eingeschlossen hielt. Diese Vereinsamung war indessen nicht ohne ihre Unbequemlichkeiten. Vor allem raubte sie mir das Verständnis für das, was der Augenblick heischte. Es ging mir oft wie den Kurzsichtigen, daß ich an diese oder jene Mauer, diesen oder jenen Grenzstein anstieß. Ich suchte und erfand oft alte, gefundene und bekannte Dinge. Dafür war ich aber auch jung geblieben. Ich hatte einen großem Wert als meine Schriften, als meine Vorlesungen. Ich brachte zu diesen geschichtlichen und moralischen Vorträgen eine noch ungebrochene Seele mit, eine große Frische des Geistes, eine wahre Einfalt des Herzens unter manchmal subtilen Formen, schließlich ein friedliebendes Gemüt in den Streit gegensätzlicher Meinungen. Woher kam das? Daher, daß ich, von meiner Zeit sehr wenig berührt, die Menschen nicht kannte (und die Bücher nicht eben sehr) und deshalb niemanden haßte. Meine Schlachten waren die einer Idee gegen eine andere. Das fesselte das Publikum. Es hatte noch nie einen so unwissenden Menschen angetroffen, d. h. einen Menschen, der so wenig von dem wußte, was man sich an allen Straßenecken erzählt. Da ich keine Kenntnis von den üblichen Formeln und den landläufigen Erklärungen besaß, die mir es leicht gemacht hätten, zu antworten, so war ich genötigt, alles aus mir selbst zu holen, aus mir selbst zu schöpfen, und ihnen, da ich sonst nichts hatte, von meinem Leben zu geben. Das wollten sie, und sie kamen. Viele enthüllten sich nur, scheuten sich nicht, geheime Wunden zu zeigen, brachten ihre blutenden Herzen. Männer, gegen die Spottlust der Menge stets in Mißtrauen gehüllt, öffneten sich mir ohne Schwierigkeit (ich habe niemals gelacht). Glänzende und deshalb um so unglücklichere Weltdamen, fromme, fleißige, strenge Frauen – ja, darf ich es sagen? selbst Ordensschwestern setzten sich über die thörichten Schranken der Schicklichkeit und Meinung weg, wie man es thut, wenn man krank ist. Seltsame, aber sehr kostbare, sehr rührende Korrespondenzen, die ich mit der Sorgfalt und Achtung, welche sie verdienen, aufbewahrt habe. Ich hatte mich niemals unter die Leute gemischt, die Leute waren zu mir gekommen. Ich gewann dabei große Einsichten. Geheimnisse unserer Natur, die ich niemals geahnt haben würde, wurden mir mit einemmale enthüllt. Ich wußte deren in wenigen Jahren mehr, als mir das monotone Schauspiel, welches die Salons Abend für Abend darbieten, im Leben gewährt hätte. Ich kannte und sah das Herz des Herzens. Aber um den Hilfesuchenden helfen zu können, war ich genötigt, viel sorgfältiger in meinem eigenen Herzen zu spähen und dort Mittel und Kräfte zu finden. Ich will mich nicht vermessen, zu behaupten, die häufige Berührung mit so vielen leidenden Seelen sei spurlos an mir vorübergegangen. Aber selbst die Erschütterung meiner eigenen Seele war von Nutzen. Der Eindruck, der wahre und tiefe Eindruck, den ihre Geständnisse auf mich machten, war manchmal ein Heilmittel für sie. Mehr als einer fand sich durch die Sympathie, die er bei mir wahrnahm, beruhigt. Ich hatte, in Ermangelung anderer Heilmittel, in meiner eigenen Bewegung gleichsam eine Kunst ohne Kunst, eine moralische Homöopathie. Ich schämte mich nicht, ein Mensch zu sein. Ein Arzt aus der Provinz, den ich nicht kannte, schrieb mir eines Tages, daß er soeben seine Braut verloren habe, die er in acht Tagen hatte heiraten wollen, und »daß er in Verzweiflung sei«. Er wollte nichts, verlangte nichts, außer: einem Manne, dem er Herz zutraute, zu sagen, »daß er in Verzweiflung sei«. Was darauf sagen, antworten? Welche Worte, ach! welchen Trost finden für einen so furchtbaren Schlag? Indessen wollte ich ihm auf der Stelle schreiben und that es, so gut ich konnte. Als ich mich inmitten dieser Arbeit, deren Nutzlosigkeit ich wohl fühlte, unterbrach, seinen Brief noch einmal zu lesen, fühlte ich darin eine solche Fülle untröstlichen Jammers, daß die Feder mir entfiel. Das war kein Brief, das war die Sache selbst, in ihrer ganzen einfachen Fürchterlichkeit; ich sah das ganze Schauspiel – und mein Papier wurde naß und mein Brief wurde verwischt. Aber, gleichviel, unlesbar, wie er war, siegelte ich ihn und so schickte ich ihn dem Manne. * Es war nichts Geringeres, als mein Herz, was ich dieser Menge gab. Was gab sie mir dafür als Entschädigung? In einer noch ziemlich frühen Stunde, als ich in meinem Zimmer arbeitete, läßt sich ein junger, ungeduldiger Mann nicht aufhalten, kommt bis zu meiner Thür, klopft, tritt ein. »Mein Herr,« sagt er zu mir, »entschuldigen Sie meine so ungewöhnliche Erscheinung; aber Sie werden darüber nicht ungehalten sein. Die Besitzer gewisser Cafés, gewisser bekannter Häuser, gewisser Tanzlokale beklagen sich über Ihre Vorlesungen. Ihre Etablissements, behaupten sie, verlieren dadurch viel. Die jungen Leute sind wie versessen auf ernsthafte Unterhaltungen; sie lassen von ihren Gewohnheiten ... Mit einem Worte, sie lieben auf eine andere Weise ... Jene Bälle laufen Gefahr, geschlossen zu werden. Alle, welche bis jetzt bei den Vergnügungen der jungen Leute gewinnen, glauben sich von einer moralischen Revolution, die sie ohne Zweifel ruinieren würde, bedroht.« Ich ergriff seine Hand und sagte: »Wenn das, was Sie mir da verkünden, sich verwirklichen sollte, so vernehmen Sie, daß es für mich der Triumph und der Sieg sein würde. Ich will keinen andern Erfolg. An dem Tage, wo die jungen Leute sich zu ernsten Sitten bekennen, ist die Freiheit gerettet. Sollte ein solches Resultat sich herausstellen, und durch meine Unterweisungen, so würde ich es wie die Krone meines Lebens tragen, um sie mit ins Grab zu nehmen.« Er entfernte sich. Ich aber, allein geblieben, sagte zu mir selbst: Dafür will ich nun, früher oder später, ihnen ein Geschenk machen. Ich werde ihnen das Buch der Befreiung von der moralischen Sklaverei schreiben, das Buch der wahren Liebe. * Ich war zu dieser Zeit weit entfernt, die Größe, die Schwierigkeit dieser gewaltigen und tiefen Aufgabe zu ahnen. Ich kannte vor allem die originellen, unerwarteten Wiedergeburten nicht, welche die Liebe in jedem neuen Zeitabschnitte hat. Die Vergangenheit drückte noch zu sehr auf mich; ich konnte mich von der Geschichte nicht frei machen. Ich war der Gefahr ausgesetzt, zu bleiben, was ich bis dahin gewesen war, ein gebildeter Dilettant. Ich wollte meine Zeit befreien, und meine Zeit war es, die mich befreite. Jene jungen, vertrauensvollen Seelen, die sich mir öffneten und klar vor mir lagen, enthüllten mir vieles. Sie haben mir, ohne es zu wissen, einen Teil des ungeheuern Schatzes von Thatsachen geliefert, aus denen dies Buch hervorgegangen ist. Aber nichts hat mir mehr genützt, als die Freundschaft derer, welchen man alles sagt, die Freundschaft der Ärzte. Ich habe einige der berühmtesten unseres Jahrhunderts genau gekannt. Ich bin zehn Jahre lang mehr als der Freund – ich wage, es zu sagen – der Bruder eines ausgezeichneten Physiologen gewesen, der sich in den Naturwissenschaften einen tiefempfänglichen Sinn für die moralischen Thatsachen bewahrte. Ich lerne viel von ihm über viele Dinge, besonders aber über die Liebe. Eines fiel mir vor allem bei diesem unendlich geistreichen und sehr zartsinnigen Manne auf – die berechnete Vollkommenheit seines häuslichen Lebens. Er hatte eine häßliche, unwissende, aber anmutige, reizende Frau, eine Savoyerin. Er hatte sie dahin gebracht, an seinen Ideen, seinen Untersuchungen, seinen Entdeckungen teilzunehmen. Er arbeitete ohne großen Aufwand von Instrumenten, ohne Laboratorium neben ihr an seinem häuslichen Herde; er erfand vereinfachte Apparate, um in seinem Zimmer oft komplizierte Untersuchungen anstellen zu können, die ihn, ins Große getrieben, fern von seinem Hause und von ihr gehalten und diese beständige Harmonie der Seelen unterbrochen hätten. Eine große Prüfung wurde ihm auferlegt. Jene Dame wurde infolge einer Frauenkrankheit wahnsinnig und delirierte ein oder zwei Jahre lang. Er behielt sie bei sich und setzte seine Arbeiten mitten in einer so grausamen Zerstreuung, einer so bittern Seelenpein fort. Ihr Wahnsinn war sanft genug, aber sie sprach sehr viel. Sie träumte mit offenen Augen. Sie wurde von leeren Schrecken gequält. Sie mischte seltsame Einfälle in jedes Gespräch und erschwerte es sehr, über etwas ungestört nachzudenken. Die Geduld ihres Gatten verleugnete sich nie. Eines Tages drückte ich ihm meine Verwunderung darüber aus. Er sagte zu mir: »In einem Irrenhause, wo man sie entweder schlecht behandelte oder ihre kleinen Wunderlichkeiten nicht ertrüge, würde sie wirklich wahnsinnig werden, und zwar unheilbar. Aber freundlich behandelt, nicht in Schrecken, in Erstaunen gesetzt, nur das Gesicht eines Freundes sehend, stets nur wohlbedachte Worte in logischer Folge hörend, wird sie ohne sonstige Heilmittel über kurz oder lang wieder gesunden.« Und das geschah denn auch. Ich glaube nicht, daß man ein merkwürdigeres Beispiel von Liebe aufweisen kann. Die jungen Leute glauben in jenem ersten Rausche der Leidenschaft für eine junge, reizende Geliebte, die nur mit Rosen geschmückt ist, Wunder, wie sehr sie lieben. »Sie würden ihr Leben für sie lassen.« Ich weiß nicht. Das Leben hinzugeben, ist oft sehr leicht und die Sache eines Augenblicks, aber die andauernde Milde einer über alles erhabenen Geduld, die jahrelang die Marter einer andauernden Unterbrechung erträgt; die ruhige Kraft, die, ohne zu ermatten, eine arme, irrende, von bösen Träumen gequälte Seele belehrt, beruhigt, wieder zu sich bringt – das ist vielleicht der größte und stärkste Beweis der Liebe. Was mich besonders überraschte, war der Gehorsam, den sie ihm in Sachen, die sie nicht begreifen konnte, leistete. Dies war die Wirkung der vollkommenen Vereinigung, in der sie bisher gelebt hatten, ein Beweis, wie ganz ihre Seele in ihm aufgegangen war. So hinfällig ihr Körper war, und obschon ihr Geist dem Verlöschen nahe, etwas lebte in ihr und überdauerte alles: das Gefühl der Verbindung, das Bedürfnis, zu gefallen – mit einem Worte: die Liebe. Aus diesem Fall und aus anderen ähnlichen begriff ich, daß es zwischen der Welt der Notwendigkeit, in der die Physiologen leben, und der Welt größerer oder geringerer Freiheit, wo die Moralisten sich aufhalten, eine gemischte Sphäre giebt, welche ich die der freiwilligen Notwendigkeit nennen möchte, das heißt eine Sphäre von Gewohnheiten, die im Anfang gewollt und frei sind und in der Folge durch die Liebe zu einer lieben Notwendigkeit und zweiten Natur werden. Dies zu schaffen, ist die große Aufgabe der Liebe. * Ein sehr berühmter Schriftsteller, der neuerdings diese Fragen behandelt hat, will, daß die Frau gehorche, und glaubt, daß sie schon infolge ihrer niedriger organisierten Natur gehorchen werde. Die Dame, von der ich oben sprach, hält sie in ihrem trefflichen Buche nicht für niedriger, will aber auch, daß sie gehorche. Gleich? und gehorchend? Wie vertragen sich diese zwei Worte? Sie spricht sich nicht deutlich genug darüber aus. Sie verläßt sich hierbei in etwas unbestimmter Weise auf die christlichen Gefühle, auf die Bibel und die göttliche Gnade. Dieser Punkt ist schwieriger, als beide glauben. Der Mann muß über die junge Frau und die Matrone über den Mann ein großes, sehr großes Übergewicht haben. Aber, um dies zu bewirken, um zwischen ihnen die wahre Einigkeit herzustellen, um vor allen Dingen den Gang und das Wachsen dieser Vereinigung der Herzen zu bestimmen, dazu bedarf es der Gewohnheit, eines Zusammenwirkens von Gewohnheiten. Und es giebt eine Methode, die dahin führen kann. Der materielle Rahmen des Lebens, alle die Formen materieller und moralischer Vereinigung tragen viel dazu bei. Wenn das Wort nicht durch leichtsinnige Werke entwertet wäre, so würde ich sagen: es bedarf einer Kunst zu lieben. Ich meine damit die Kunst, bis aufs äußerste zu lieben. Die Anfänge sind leicht. Aber ich glaube, daß, wenn diese Kunst der Natur zu Hilfe kommt, sie der Seele in jedem Alter und bis zum Tode das schafft, was ich (im fünften Buche) die Verjüngung der Liebe nenne. Ich glaube, die alten Frauen gründlich beseitigt zu haben. Sie werden nicht mehr vorkommen. * Soll ich über die Form noch ein Wort sagen? Sie schien mir bei einem durch und in sich selbst so gewichtigen Buche, bei einem in Wahrheit so neuen Gegenstande sehr untergeordnet. Ich habe vorausgesetzt, daß der bei der Sache beteiligte Leser (alle sind es) sich nicht am Stil ergötzen würde. Ich habe gar nicht daran gedacht. Fern sei von mir jeder Anspruch auf litterarisches Verdienst. Ich habe meinen Weg zurückgelegt, wie ich konnte, »laufend, schwimmend, kriechend, fliegend« (um Miltons Wort zu brauchen). Manchmal wende ich mich an alle, an das Publikum; oft an den einzelnen; oft auch lehre ich in der Form der Erzählung. Deswegen habe ich zwei junge Leute genommen, die ich verheirate, die ich durch ihr ganzes Leben begleite. Dennoch ist dieses Buch kein Roman. Ich habe kein Talent zu diesem Fache. Und dann hätte die Form des Romans das Unbequeme gehabt, zu sehr zu individualisieren. Meine beiden Liebenden haben keine Namen. Personen mit Namen (wie der Emil, die Sophie Rousseaus) thun den Ideen Gewalt an. Der Leser beschäftigt sich gerade mit dem Unnützen, mit dem scenischen Arrangement, dem Biographischen; er übersieht das Nützliche, den Inhalt. Ich habe es vorgezogen, das Paar nach Gutdünken allein zu lassen, sei es, um ein Wort über die Laster der Zeit zu sagen, sei es, damit an solchen Stellen, wo ich das Bedürfnis fühlte, meine Überzeugungen auszusprechen und meinen Glauben zu bekennen, ich diese oder jene Wahrheit mit meiner Person vertreten, in meinem Namen formulieren könnte. Soll das heißen, daß der junge Mann, der überall in dem Buche erscheint, nicht existiere? Durchaus nicht. Er existiert, und der stärkste Beweis dafür ist, daß ich im Begriff bin, zu ihm zu reden. IV. Du kennst das Museum des Louvre, und vielleicht hast du unter den Skulpturen die Befreiung der Andromeda gesehen. Diese Gruppe hat sehr gelitten, da sie hundertundfünfzig Jahre unter den Blumen von Versailles gestanden hat, mehr als einmal angestrichen und auf schmähliche Weise von barbarischer Hand abgekratzt wurde, so daß die Feinheit der Linien verschwunden ist. Gleichviel, schaffe sie im Geist wieder: zart, warm, lebendig, wie sie aus der begeisterten Hand Pugets hervorging. Dieser große Künstler, in welchem die leidende Seele eines kranken Jahrhunderts wohnte, war in der Provence geboren und verbrachte sein Leben angesichts der Hölle von Ludwigs XIV. Galeeren. Er hat stets nur unglückliche Gefangene gemeißelt. So ist sein Milon, der, im Baume gefangen, von dem Löwen zerrissen wird; so sein Atlas in Toulon – beide Werke trostlos ruiniert – so seine kleine Andromeda. Perseus hat soeben das Ungeheuer, welches sie verschlingen wollte, getötet. In einer Wallung unsäglicher Lust hebt er mit einem Finger die schwere eiserne Kette auf, die das junge Mädchen gefesselt hielt. Sie, ihrerseits, verwirrt, halb tot, weiß nicht, wo sie ist. Sie könnte sich nicht aufrecht halten, so sehr ist sie durch den rauhen Druck der Ketten und vor allem durch die Furcht entkräftet. Sie kann nicht weiter. Dieser Zustand äußerster Schwäche und gänzlicher Hingabe ist durchaus zum Vorteil des glücklichen Befreiers. Denn am Ende ist sie doch nicht tot; ihr kleines Herz schlägt, und für wen? man kann es sich denken. Die Augen geschlossen, hängt sie sich mit ihrer ganzen Last an ihn. Ihr noch stummer und doch so beredter, reizender Mund scheint zu sagen: »Nimm mich, fasse mich, trage mich ... Ich bin dein, sorge für mich ... Ich gebe mich dir, sei meine Vorsehung, mache mit mir, was du willst.« Ein liebliches, leidenschaftliches Werk, das in einer Beziehung albern ist, und doch auch gerade dadurch seine Leidenschaft beweist. Der Künstler hat uns so für seine Kleine zu interessieren gesucht, daß er sie ganz klein gemacht hat, von der Größe eines Kindes mit den Formen einer Frau. Sie scheint von einer andern Rasse als ihr Befreier, ein junger Mann von sehr hohem Wuchs, eher lang als groß, der schwächliche Herkules eines Epigonengeschlechts, wie ihn das frauenhaft gesinnte Jahrhundert Ludwigs XIV. sich denken mochte, und wie ihn das starke Altertum nie konzipiert hätte. Wie dem auch sein mag, dieser außerordentliche Künstler hat seinen Zweck erreicht. Er hat Liebe und Mitleid auf das wirkungsvollste dargestellt. Alle, welche dies Werk sehen, rufen gerührt: »O, wie glücklich ist dieser Perseus! ... Wie gern wäre ich an seiner Stelle gewesen und hätte das kleine Mädchen gerettet!« * Glücklich, wer eine Frau befreit! wer sie loslöst aus der physischen Notwendigkeit, in welche die Natur sie bannte, aus der Hilflosigkeit ihrer Einsamkeit, von so viel Leiden und Hindernissen! Glücklich, wer sie belehrt, erzieht, sie kräftigt, sie zu der Seinen macht! ... Er hat nicht nur sie befreit, er hat sich selbst befreit. In dieser gemeinsamen Befreiung hat der Mann ohne Zweifel die Initiative. Er ist stärker als sie, er ist gesünder (da er vor allem die große Krankheit, die Mutterschaft, nicht hat). Er hat eine kräftige Erziehung genossen. Er ist durch die Gesetze begünstigt. Die höheren Berufsarten kommen ihm zu; seine Einnahmen sind größer. Er ist nicht an die Scholle gefesselt; geht es ihm hier schlecht, so versucht er es an einem andern Orte. Die arme Andromeda muß, ach! auf ihrem Felsen sterben; und wäre sie geschickt genug, sich von ihm loszumachen, ihn zu verlassen, so würden wir sagen: »Sie ist eine Landstreicherin.« Aber, lieber Perseus, von wie vielen Sklavenbanden wird die Frau, nachdem du sie einmal befreit hast, dich befreien! Zählen wir sie einmal! Von der Sklaverei der Gemeinheit. Wenn du das Glück an deinem Herde findest, so wirst du des Abends nicht ausgehen, die Liebe zu suchen unter den qualmenden Lampen eines Balls, nicht die Seligkeit in der Gosse. Von der Sklaverei der Schwäche. Du wirst dich nicht einherschleppen, wie dein bejammernswerter Kamerad, jener junge, fette, bleiche, verbrauchte Greis, der die Frauen lachen macht. Die wahre Liebe wird dich schirmen und deine Kräfte zusammenhalten. Von der Sklaverei der Mutlosigkeit. Wer stark ist und Manneswerke thut, wer, wenn er zur Arbeit geht, ein geliebtes Wesen zu Hause läßt, das ihn liebt und nur an ihn denkt, hat schon deswegen allein ein fröhliches Herz, und ist den ganzen Tag guter Dinge. Von der Sklaverei des Geldes. Schreibe dir diese sehr exakte arithmetische Regel in deine Schreibtafel: Zwei Personen geben weniger aus als eine . Ich sehe eine Menge Junggesellen, die aus Furcht vor den Kosten der Ehe Junggesellen bleiben, und unendlich viel mehr ausgeben. Sie leben sehr teuer in den Cafés, in den Restaurationen, sehr teuer in den Schauspielhäusern. Die Havannacigarre, die ihr den ganzen Tag raucht, ist schon allein eine große Ausgabe. Weshalb raucht ihr? »Um zu vergessen,« antwortet ihr. Aber nichts ist verderblicher. Man darf niemals vergessen . Wehe dem, der das Unglück vergißt! er sucht niemals nach dem Heilmittel. Der Mann, der Bürger, der vergißt, stürzt sich, stürzt das Vaterland ins Verderben. Wie bevorzugt ist der, welcher zu Hause ein liebendes, treues Wesen hat, dem er alles sagen darf, die ihm die Leiden tragen hilft! Sie wird ihm das Vergessen, das Träumen unmöglich machen. Ihr sollt leiden, lieben, denken. Das ist des Mannes wahres Leben. Wenn die Frau keine Freundinnen hat, deren Rivalität sie verwirrt und sie zur Putzsucht verleitet, giebt sie gar nichts aus. Sie verringert alle eure Ausgaben, so daß die oben aufgestellte Berechnung nicht richtig war. Es muß nicht heißen »zwei Personen«, sondern »vier Personen geben weniger aus als eine «. Sie ernährt noch überdies zwei Kinder. Wenn die Ehe vernünftig, voraussehend ist, wenn die Familie nicht zu schnell wächst, so ist die Frau, weit entfernt davon, ein Hindernis für die freie Bewegung zu sein, im Gegenteil die natürliche und wesentliche Bedingung derselben. Warum wandert der Engländer, mit so großen: Nutzen für England selbst, so leicht aus? Weil seine Frau ihm folgt. Wenn man die verderblichen Klimata (wie Indien) ausnimmt, so kann man sagen, daß die englische Frau die ganze Erde mit kraftvollen englischen Kolonien bedeckt hat. Die Kraft der Familie schafft bei ihnen die Kraft und Größe des Vaterlandes. * Eine gute Frau, ein gutes Handwerk. Hast du das, junger Mann, so bist du frei; ich meine, du kannst gehen oder bleiben. Gehst du, ich meine für einige Zeit (denn ich kann nicht glauben, daß man Frankreich für immer verläßt), so wirst du dich sehr stark fühlen, denn du hast eine Welt von Liebe und Freiheit mit dir. Du wirst darauf achten, woher der Wind weht, und sprechen: »Mir gehört die Erde.« Bleibst du, so wirst du, durch die Liebe frei von Lastern und sinnlosen Ausgaben, über so viele arme geplagte Millionäre lachen und jene Menge verachten können, die sich vor der Glücksgöttin in den Staub wirft. Du wirst sagen: »Mögen sie doch ihr Leben verbrauchen im Jagen nach Schätzen. Ich liebe. Ich habe meinen Schatz gefunden.« * Ein Handwerk und eine Frau, das ist die erste Freiheit; alle anderen kommen aus ihr. Ich sage ein Handwerk, nicht eine Kunst des Luxus. Die treibt meinetwegen nebenbei. Desto besser. Aber zuvor bedarf es einer der Künste, die allen nützlich sind. Wer liebt und seine Frau ernähren will, hat keine Zeit, mit seiner Eigenliebe zu Rate zu gehen und die genaue Grenze zwischen Kunst und Handwerk aufzusuchen. Und diese Grenze ist noch dazu imaginär. Wer erkennt nicht, daß die meisten Handwerke, wenn man auf den Grund geht, wirkliche Zweige der Kunst sind? Das Schuster-, das Schneiderhandwerk stehen der Skulptur sehr nahe. Ja, soll ich es sagen? für einen Schneider, der die Natur fühlt, formt und berichtigt, würde ich drei klassische Bildhauer geben. * Denke an alle dieses, lieber Freund, gleichviel, ob du auf Schulen studierst oder sonst ein junger Arbeiter bist. Fange schon in den Tagen der Ruhe an, nachzudenken, dein Leben vorzubereiten, schon von weitem zu ordnen. Benutze diese Augenblicke, und wenn zufällig dies Buch in deine Hände fällt, lies ein paar Seiten daraus und denke darüber nach. Es hat, außer anderen Fehlern auch den, außerordentlich gedrängt gefaßt zu sein. Das wird später von anderen und besser nachgeholt werden. Wenn er, der dieses schreibt, still und heimlich in der Erde von seiner Arbeit ausruhen wird, dann wird ein besserer Kopf diese seine unvollkommene Skizze zu einem ausführlichen Werke erweitern und daraus vielleicht ein großes, fruchtbares, unsterbliches Buch machen. Aber da das alles doch nur immer wieder aus demselben Elemente geschaffen werden kann (aus der Liebe und dem Menschenherzen, welche dieselben sind in mir und dir), so kannst du selbst schon ans diesem trockenen Material dir zum voraus das Buch deines Lebens schreiben. Denke daran am Sonntag Abend, wenn die wilde Schar der lärmenden Freunde die Treppen hinunterstürmt und laut an deine Thür pocht und ruft: »Nun! wird's bald? ... Dieser Duckmäuser! ... Wir warten auf dich. Wir gehen in die Chartreuse, nach der Chaumière, zum Garten aux Lilas .. Wir haben Amande, Heloise und Jeanneton bei uns.« Antworte ihnen: »Später ... ich habe noch etwas zu thun.« Wenn du das sagst, so, versichere ich dir, wird zwischen den zwei bleichen Blumen, die du in dem Rauche von Paris auf deinem Fenster Pflegst, eine dritte erscheinen, eine Blume und dennoch eine Frau ... das leichte, schwankende Bild deiner zukünftigen Braut. * Sie ist noch ein wenig sehr jung. Sie zählt vielleicht dreizehn Jahre, du etwa zwanzig? Sie muß wachsen. Aber jugendlich, wie sie ist, wird sie dich, wenn du nur recht an sie denkst, besser bewahren, als dein Vater und deine Mutter. Denn sie ist streng, die Kleine; sie erlaubt dir keine Thorheiten. Wenn du zu einer solchen aufgelegt bist, so wird sie dir sehr deutlich, ohne zu sprechen, sagen: »Nein, mein Freund, bleibe und arbeite für mich.« Ich gebe dir diesen lieben Schatten zum Wächter und Mentor, zum Lehrer und Erzieher. Wenn sie siebzehn, achtzehn Jahre alt ist, werden die Rollen vertauscht werden. Als Gattin wird sie zu dir kommen und wird es sehr schön und sehr süß finden, daß du jetzt ihr Herr bist. Dann wirst du Gott danken, dessen erfinderische Güte für dich die Frau geschaffen hat – dies aus himmlischen Widersprüchen zusammengesetzte Wunder. Dies Buch soll sie dir durch Thatsachen erklären, nicht durch Hypothesen. Sie verändert sich und verändert sich nicht. Sie ist flatterhaft und treu. Sie verwandelt sich fortwährend in dem Halbdunkel der Anmut. Die, welche du heute Morgen liebtest, wird am Abend eine andere Frau sein. Eine Nonne, sagt man, vergaß sich dreihundert Jahre, während sie dem Gesänge der Nachtigall lauschte. Aber wer es verstünde, eine Frau in allen ihren Metamorphosen zu belauschen und zu beobachten, würde nicht aufhören, sich zu verwundern, würde seine Freude daran haben, sich darüber ärgern, aber niemals sich langweilen. Eine einzige könnte uns zehntausend Jahre beschäftigen. Und dennoch, trotz dieser Kraft, sich neu zu gestalten, ist die Macht der Liebe und ihre glückliche Notwendigkeit bei der Frau so groß, daß sie sich den geliebten Gegenstand ganz zu eigen macht, sich mit ihm durchdringt, bis sie er selbst wird. So nimmt sie stets beim Vorwärtsschreiten an Frauenanmut zu; aber der feste Mut ist männlich geworden. * Deshalb, wenn dieses Buch gründlich ist, und wenn du, ihm Schritt für Schritt folgend, deine Frau von äußeren Einflüssen frei und ihrer Natur treu bewahrst, so kann ich dir kühn das Wort sagen, welches alles zusammenfaßt: »Fürchte nicht, dich zu langweilen, denn sie wird sich unaufhörlich verändern. Fürchte nicht, dich vertrauensvoll hinzugeben, denn sie wird sich nicht verändern.« Erstes Buch Schaffung des geliebten Wesens I. Von der Frau Das Objekt der Liebe, die Frau, ist ein sehr eigentümliches Wesen, das viel mehr vom Manne verschieden ist, als es auf den ersten Blick scheint; ja, mehr als verschieden – entgegengesetzt, aber liebenswürdig entgegengesetzt, in einem süßen, harmonischen Widerstreite, der dem Leben seinen Reiz giebt. An und für sich bietet sie einen anderen Gegensatz dar, einen Kampf grundverschiedener Eigenschaften. Begünstigt durch ihre Schönheit, ihre Poesie, ihre lebhafte Intuition, ihre Sehergabe, wird sie nichtsdestoweniger von der Natur in der Sklaverei ihrer Schwäche und Hinfälligkeit gehalten. Jeden Monat nimmt sie einen Ausschwung, die arme Sibylle, und jeden Monat warnt sie die Natur durch den Schmerz und schlägt sie durch eine peinliche Krisis in die Fesseln der Liebe. Nichts thut sie, wie wir es thun. Sie denkt, sie spricht, sie handelt anders. Ihre Neigungen sind nicht unsere Neigungen. Ihr Blut fließt nicht, wie das unsere; auf Augenblicke stürzt es wie ein Gewitterschauer. Sie atmet nicht wie wir. In Voraussicht der Schwangerschaft und des späteren Aufsteigens der unteren Organe hat die Natur gewollt, daß ihr Atmen hauptsächlich ein Brustatmen sei. Aus dieser Notwendigkeit entspringt die größte Schönheit der Frau, das sanfte Wogen ihres Busens, das alle ihre Empfindungen mit stummer Beredsamkeit ausdrückt. Sie ißt nicht wie wir, weder eben so viel, noch dieselben Gerichte. Weshalb? Vor allem deshalb, weil sie nicht verdaut wie wir. Ihre Verdauung ist alle Augenblicke durch einen Umstand gestört: sie liebt mit allen ihren Eingeweiden. Die tiefe Schale der Liebe (die man das Becken nennt) ist ein Meer wechselnder Erregungen, welche die Regelmäßigkeit der nutritiven Funktionen stören. Diese inneren Verschiedenheiten offenbaren sich nach außen durch eine noch auffallendere. Die Frau hat eine Sprache für sich. Die Insekten und Fische sind stumm. Der Vogel singt; er möchte artikulieren. Der Mann hat die deutliche Sprache, das saubere, durchgeistigte Wort, die Klarheit der Rede. Aber die Frau hat zu dem Worte des Mannes und dem Gesange des Vogels eine ganz wunderbare Sprache, mit der sie jene Worte, jenen Gesang unterbricht: den Seufzer, den leidenschaftlichen Hauch. Unberechenbare Macht! Kaum zeigt sie sich, so ist das Herz davon erschüttert. Ihr Busen hebt sich, senkt sich, hebt sich wieder; sie kann nicht sprechen, und wir sind von vornherein überzeugt und gewonnen für alles, was sie will. Welche Beredsamkeit des Mannes wirkte wie das Schweigen der Frau? II. Die Frau ist eine Kranke. Oft, sehr oft, wenn ich am Strande des tiefen Meeres nachdenklich saß, beobachtete ich mit gespannter Aufmerksamkeit die erste, anfänglich dumpfe, dann merkliche, dann zunehmende, zuletzt ungeheure Regung, welche die Flut ans Ufer zurückruft. Ich war ergriffen, hingerissen von der gewaltigen Elektricität, welche auf diesem Heere von Wellen, deren Kämme leuchteten, wogte. Aber mit wie viel mehr Bewegung, mit welcher Andacht, welcher zärtlichen Ehrfurcht bemerkte ich die ersten sanften, verhaltenen, dann heftigen, schmerzhaften Zeichen der nervösen Zustände, welche periodisch die Ebbe und Flut dieses zweiten Oceans bezeichnen, den wir Frau nennen! Übrigens sind diese Zeichen so deutlich, daß sie sich selbst bei durchaus nicht vertrautem Umgange auf den ersten Blick zeigen, so sorgsam sie auch versteckt, verschleiert werden. Bei einigen, die stark scheinen (aber welche dann um so schwächer sind), hebt ein sichtbarer Aufruhr an, einem Sturm oder dem Beginne einer schweren Krankheit vergleichbar. Andere, bleich, tödlich angegriffen, lassen etwas wie die verderbliche Wirkung eines schäumenden Wassers, das unter der Oberfläche fortwühlt, ahnen. Bei den meisten scheint der weniger energische Einfluß eher heilsam; er verjüngt und erneuert, aber immer wird dies durch Leiden und durch eine moralische Unbehaglichkeit erkauft, welche auf seltsame Weise die Stimmung afficiert, die Willenskraft schwächt und aus der Frau eine ganz andere, ganz neue macht, selbst für den, welcher sie seit langer Zeit am besten kennt. Die gewöhnlichste Frau ist in diesem Zustande nicht ohne Poesie. Lange Zeit vorher und oft von der Mitte ihres Monats an, äußert sich bei ihr auf rührende Weise die bevorstehende Umgestaltung. Die Flut drängt schon heran, und das Wasser steigt. Sie ist bewegt oder still. Sie ist ihrer selbst nicht recht sicher. Oft kommen ihr Thränen, oft Seufzer. Schont sie, sprecht zu ihr so sanft wie möglich. Pflegt sie, umgebt sie mit Aufmerksamkeiten, aber ohne ihr beschwerlich zu fallen, und wo möglich ohne daß sie es merkt. Es ist ein leicht verletzlicher Zustand. Sie trägt in sich eine Macht, die stärker ist, als sie selbst, gleichsam eine schreckliche Gottheit. Seltsame, beredte Worte, die man durchaus nicht erwartet hätte, kommen ihr und setzen euch in Erstaunen. Aber was alles beherrscht (es wäre denn, daß man die Barbarei hätte, sie einzuschüchtern), ist ein Zuwachs von Zärtlichkeit, selbst von Liebe. Die Wärme des Bluts macht die Bewegung des Herzens lebhafter. »Ist das eine physische, notwendige Liebe?« Ja und nein. Die Einzelheiten verlaufen in einem unbestimmbaren Durcheinander, und das Ganze bleibt ein Rätsel. * Sie liebt, sie leidet, sie will die Stütze einer liebenden Hand. Das ist es, was mehr als irgend etwas die Liebe in dem Menschengeschlecht befestigt und die Vereinigung fixiert hat. Man hat oft gesagt, daß es die Schwäche des Kindes sei, welche, indem sie die Sorgen der Erziehung in die Länge zieht, die Familie geschaffen habe. Freilich, das Kind läßt die Mutter nicht fort, aber der Mann wird an den Herd durch die Mutter selbst gebannt, durch die Liebe zu der Frau, durch das Glück, welches er darin findet, sie beschützen zu können. Höher und tiefer stehend, als der Mann, gedemütigt durch die Natur, deren Hand schwer auf ihr liegt, und doch zu gleicher Zeit mit Träumen, Vorahnungen, tiefen Intuitionen begnadigt, die dem Manne niemals gekommen wären, hat sie ihn umstrickt, auf die unschuldigste Weise für immer verzaubert, und er – ist in diesem Zauberbann geblieben. Da habt ihr die Gesellschaft. Eine gebieterische Macht, eine liebenswürdige Tyrannei haben ihn bei ihr festgehalten. Diese stets wiederkehrende Krisis, dies Geheimnis von Liebe und Schmerz, das jeder Monat bringt, haben ihn gebannt. Ein Wort von ihr, und er blieb. Dieses Wort ist: »Ich liebe dich doch mehr, wenn ich krank bin.« Wenn sie die Sorgfalt, die Aufmerksamkeit einer guten Mutter, die sie pflegt und verwöhnt, nicht mehr hat, dann will sie einen guten Mann, dessen Güte sie benutzen und mißbrauchen kann. Sie bittet ihn, sie ruft ihn, mit und ohne Grund. Sie ist aufgeregt, sie fürchtet sich, sie schaudert, sie hat geträumt! Was weiß ich? Es wird noch diesen Abend oder in der Nacht ein Gewitter geben; sie fühlt es schon, sie hat es in sich: »Ich bitte dich, gieb mir die Hand ... Ich bedarf jemandes, der mir Mut einspricht.« »Aber ich muß zur Arbeit gehen ...« – »Komme doch bald zurück ... Heute kann ich nicht ohne dich fertig werden.« Man nennt die Frauen launisch, und doch ist nichts falscher. Sie sind im Gegenteil regelmäßig, wie die Natur, deren Mächten sie so sehr unterworfen sind. Wer den Zustand der Atmosphäre, die Zeit des Monats, endlich die Wirkung dieser beiden Faktoren auf ein Drittes kennt, wovon ich noch sprechen werde, kann mit größerer Sicherheit wahrsagen, als die Auguren des Altertums. Man ahnt fast mit Gewißheit, wie die Stimmung der Frau sein wird, ob heiter, ob traurig, worauf sich ihre Gedanken richten werden, ihr Sehnen und Träumen. An und für sich sind sie sehr gut, sehr sanft und zärtlich für den, welcher sie schirmt und schützt. Ihre Launen, ihre ärgerlichen Stimmungen sind fast immer krankhafte Zustände. Der ist sehr thöricht, der sich dabei aufhält. Man muß sie gerade dann nur noch mehr schonen, hegen und pflegen. Sie beruhigen sich wieder, beklagen jene bösen Stunden, entschuldigen sich oft unter Thränen, schlingen ihre Arme um euren Hals und sagen: »Du weißt es ja ... es ist nicht meine Schuld.« Ist dieser Zustand vorübergehend? Keineswegs. Überall, wo die Frau nicht durch übermäßige Arbeit ihr Geschlecht zu verleugnen gezwungen wird (wie unsere abgehärteten Bäuerinnen, die sich sehr bald zu Männern machen), überall, wo sie Frau bleibt, ist sie gewöhnlich in vier Wochen eine Woche lang krank. Aber die Woche, welche der kritischen Woche vorhergeht, ist schon voller Aufregung, und in den acht oder zehn Tagen, die der Woche folgen, bleibt eine Mattigkeit, eine Schwäche, die man sich nicht zu erklären wußte. Man weiß es jetzt. Es ist das Vernarben einer inneren Wunde, welche eigentlich das ganze Leiden bewirkt. So ist, streng genommen, die Frau von achtundzwanzig Tagen fünfzehn oder zwanzig Tage lang (man kann beinahe sagen, immer) nicht bloß eine Kranke, sondern eine Verwundete. Sie leidet fortwährend an der ewigen Wunde der Liebe. * Shakespeare sagt: »Das Mitleid, in der Gestalt eines kleinen Kindes.« Die Frauen werden das für einen trefflichen Ausdruck halten. Bei dem Worte Kind öffnet sich ihr ganzes Herz der Rührung. Aber wir Männer, die wir das Gewicht der Thatsachen richtiger messen, wir werden sagen, daß die leichtlebigen, unbekümmerten, von der Natur in hundert Dingen begünstigten, in ihrem jungen Wachstum und aufsteigenden Lebenslauf so mächtigen Kinder die Leiden unendlich weniger tief fühlen und nicht das vollkommene Bild des Mitleids sind. Wollt ihr ein unglückliches, wahrhaft unglückliches Wesen kennen, und das wahre Bild des Jammers? Es ist die Frau, die im Winter, in einer gewissen Zeit des Monats, leidend, und voller Furcht vor gewissen prosaischen Ereignissen, die oft in dieselbe Zeit fallen, gezwungen ist, auf den Ball zu gehen, unter eine leichtsinnige, fühllose Menge ... Ach! wo ist denn ihre Mutter? oder vielmehr ein liebender Mann, der sie hegt, für sie arbeitet, ihr es möglich macht, den Abend warm und behaglich vor dem Feuer zuzubringen. Er würde in solchen Tagen darauf dringen, daß sie früh zu Bette geht, und wenn er dann seine Arbeit fortsetzte, hörte er als Dank dies letzte, leise Wort: »Gott, dir gehört mein Herz, dir – und meinem Gatten!« III. Die Frau darf nur wenig arbeiten. Die eigentlichen Arbeiter, welche wissen, daß eine Sache in Gang bringen viel, oft beinahe alles ist, wissen auch, daß eine häufig unterbrochene Arbeit wenig lohnt. Die kränkliche und oft verhinderte Frau ist ein sehr schlechter Arbeiter. Ihre bewegliche Konstitution, die beständige Erneuerung, welche der Grund ihres Wesens ist, machen ihr eine lange andauernde Beschäftigung unmöglich. Es ist eine große Barbarei, sie den ganzen Tag auf dem Stuhle festzuhalten. Sie eignet sich wenig zur Arbeit, nicht einmal, wenn sie vollkommen gesund ist. Um wie viel weniger in der Schwangerschaft, dieser großen, schmerzensreichen Arbeit , welche ihr der Mann oft so leichtsinnig auferlegt! In den ersten vier Monaten, wo sich das noch schwimmende Kind für sie schmerzhaft bewegt, wie ein im Sturm rollendes Schiff; in den fünf Monaten, wo es seine Mutter trinkt und von ihrem Blute lebt; in den drei Monaten endlich, die mindestens nötig sind, um die armen, gequälten Eingeweide ein wenig zu stärken, – was wollt ihr, daß sie da thue? Und dann nach dieser fürchterlichen Anstrengung, wo sie den besten Teil ihrer selbst, ihr Blut, ihr Mark, ihr Leben gegeben hat, da wollt ihr sie zur Arbeit zwingen? Alles, was die Staatsökonomen u.a. von der Anwendung der Frau zur Arbeit gesagt haben, betrifft nur immer eine Ausnahme, einen kleinen, schwarzen Punkt Europas, unbemerkbar auf der Karten. Sie vergessen die ganze übrige Erde. Überall und zu allen Zeiten war und ist die Frau nur mit häuslichen Arbeiten beschäftigt, welche bei den wilden Völkerschaften (wo der Krieger seine Kräfte zu den großen Jagden zusammenhalten muß) ein wenig Ackerbau und Gärtnerei in sich begreifen. Und indem so die Frau wenig oder nichts thut, schafft sie die beiden Kostbarkeiten dieser Welt. Welche? Das Kind, den Menschen, die Schönheit, die Kraft der Rassen. Welche noch? Die Blüte des Menschen, die Blüte der Kunst, Milde und Humanität, die man Civilisation nennt. Alles dies entsprang von Anfang an aus der zarten, feinen und geduldigen Kultur, welche die Frau als Gattin und Mutter uns am häuslichen Herde angedeihen ließ. Die Frauen regen sich so viel, wie wir, nur in einer ganz anderen Weise. Ich kenne welche, die täglich zwölf Stunden arbeiten und nichts zu thun glauben. Eine der arbeitsamsten sagte bescheiden zu mir: »Ich lebe wie eine Prinzessin. Er ist es, der arbeitet; er ist es, der mich ernährt. Die Frauen sind zu nichts gut.« Dies Nichts meint eine sanfte, langsame, unterbrochene, willkürliche Arbeit, immer mit dem Hinblick auf diejenigen, welche sie liebt – auf ihren Gatten, ihr Kind. Diese Arbeit, die ihren Geist nicht absorbiert, ist wie die Kette des Gewebes ihrer Gedanken. An diese knüpft sie, gleichsam als Einschlag, allerlei häusliche Dinge, an die der zu beschäftigte Mann nicht gedacht hätte, oft auch ernste Träume von der Zukunft ihrer Kinder, manchmal auch höhere, umfassendere Gedanken – Humanität, Nächstenliebe. Es fragte jemand die berühmte und liebenswürdige Madame Stowe, wie sie ihren »Onkel Tom« gemacht habe. »Während ich meinen Kindern die Suppe kochte,« antwortete sie. Die Arbeit der Frau muß wiederum Liebe für sie sein, denn sie taugt zu nichts anderem. Welches ist ihr natürlicher Zweck, ihre Sendung? Die erste ist: zu lieben, die zweite: einen zu lieben, die dritte: immer zu lieben. Immer in gleicher Stärke, ohne es müde zu werden. Wenn die Welt nicht eingreift und die Frau verwirrt und umwandelt, so ist sie treu, treuer als der Mann. Sie liebt sehr gleichmäßig, in einem fortgesetzten, unaufhaltsamen Laufe, wie ein Fluß, ein Strom, wie eine schöne, einsame Quelle des Schwarzwaldes, die ich fragte, wie sie sich nenne, als ich im Juli 1841 daran vorbeikam. Sie antwortete: »Ich heiße Immer .« IV. Der Mann muß für Zwei verdienen. Sie schläft, deine arme Kleine; sie schläft, und es wäre sehr schade, sie zu wecken, denn sie träumt süß; man sieht es an der Bewegung ihrer Lippen. Sie träumt von Liebe, das heißt von dir. Es ist eben fünf Uhr; erlaube, daß sie im Bette bleibt (besonders in dieser Zeit des Monats) und ein wenig in den Morgen hineinschläft. Wenn wir indessen erraten könnten, was in diesem leichten Hauche schwebt, der auf ihrer Lippe weht! Was denkt sie? oder was will sie? »Ich weiß es nicht.« – Nun, so will ich es dir sagen: »Dir lebe ich, in dir lebe ich!« Das ist sehr einfach, aber es ist eine Welt. Eine vollständige Offenbarung liegt in diesem Worte, die ganze Formel der Natur, das Evangelium der Ehe. »Lieber! ich bin nicht stark. Ich kann nicht viel mehr, als dich lieben und pflegen. Ich habe nicht deine nervigen Arme, und wenn ich lange über eine verwickelte Sache nachdenke, so steigt mir das Blut zu Kopfe und mein Gehirn beginnt zu schlagen. Erfinden ist nicht eben meine Stärke, und die Initiative zu ergreifen, fällt mir schwer. Weshalb? Ich warte immer auf dich, blicke immer auf dich.« »Dir allein bleibe der Aufschwung, der Feuereifer, dir auch das Vermögen, die ausharrende Kraft – die Erfindung und die Ausführung. Deshalb wirst du der Schöpfer sein und mir mit deinem Geiste, mit deiner Kraft ein Nest bereiten.« »Ein Nest? O, mehr! Eine harmonische Welt voll Ordnung und süßem Frieden; eine Stadt des Glücks, wo ich nicht leiden sehe, wo ich nicht zu weinen brauche, wo das Glück aller mein Glück erst vollkommen macht. Denn siehe! was nützte mir dies weiche Nestchen, wenn ich allein glücklich wäre. Wenn bis dorthin der Jammer fremden Elends dränge, so würde ich mein eigenes Glück hassen müssen.« Und nun, da sie gesprochen hat, versuchen wir, ihren Gedanken zu formulieren. Und könnten wir nicht sagen, ihr Gesetz! Ja, es ist das Gesetz der Liebe. »Im Namen der Frau und kraft der Frau, Königin dieser Erde! Wir befehlen dem Manne, daß er die Erde umwandeln soll und daraus machen eine Stätte der Gerechtigkeit, des Friedens, des Glückes; und soll den Himmel hienieden schaffen.« »Und was wird sie mir dafür geben?« Sich selbst. Ihr Herz erweitert sich in dem Maße, als dein Heroismus wächst. Schaffe das Paradies für die anderen; sie wird dir das deinige zu bereiten wissen. * Das ist das Paradies der Ehe, daß der Mann für die Frau arbeitet, daß er das Nötige allein herbeischafft, daß er das Glück hat, für sie sich abmühen, für sie dulden zu können, daß er ihr die Mühe der Arbeit abnimmt und die Kränkungen der Welt erspart. Zerschlagen kommt er des Abends nach Hause. Die Arbeit, die plumpen Dinge und die böswilligen Menschen haben ihn angegriffen. Er hat gelitten, er hat an seiner Kraft eingebüßt, er ist nicht mehr der Mann, der heute Morgen über die Schwelle ging. Aber er findet in seinem Hause eine Welt voll Güte, eine so himmlische Ruhe, daß er fast an der Wirklichkeit aller der Bitternisse zweifelt, die er den Tag über erduldet hat: »Nein, das alles war nicht wirklich, war nur ein böser Traum. Die Wahrheit – bist du!« Das ist, mehr noch als die Fortpflanzung, die Mission der Frau: des Mannes Herz zu erquicken. Von ihm beschützt und ernährt, nährt sie ihn mit Liebe. Die Liebe ist ihre Arbeit, und eigentlich die einzige, die sie zu verrichten hat. Um sie ungebrochen für diese Arbeit verwerten zu können, hat die Natur sie so ungeschickt für die geringeren Arbeiten des Lebens geschaffen. Des Mannes Sache ist es, zu verdienen; ihre Sache, auszugeben. Das heißt: die Ausgaben besser zu regeln und zu besorgen, als es der Mann imstande gewesen wäre. Das heißt: ihm jede Ausgabe für Vergnügungen zu verleiden. Weshalb anderswo Vergnügen suchen? Und giebt es denn noch eins, außer in der geliebten Frau? »Die Frau ist das Haus,« sagt ein weises indisches Gesetz. Und besser noch sagt der indische Dichter: »Die Frau ist das Vermögen.« Die Erfahrung des Abendlandes erlaubt uns hinzuzufügen: »Und vor allem die arme Frau.« Sie hat nichts und bringt doch alles. V. Wie soll die Braut sein – reich oder arm? Sie soll sanft, gläubig, lenkbar und vor allem frischen Herzens sein. Das Übrige ist Nebensache. * Um mit dem Punkte anzufangen, der heutzutage der Hauptpunkt ist, mit dem Vermögen, so muß ich bekennen, niemals ein reiches Mädchen gesehen zu haben, welches gelehrig gewesen wäre. Fast alle treten vom Tage nach der Hochzeit an mit ungemessenen Ansprüchen hervor, vor allen mit dem, im Verhältnis zu ihrer Mitgift Ausgaben zu machen, und wo möglich darüber. Mancher, der sich bereichert zu haben glaubte, hat sich in Wirklichkeit ärmer gefunden, genötigt, wie er war, sich in die Wechselfälle der Spekulation einzulassen. Ich wagte vor zwölf Jahren, folgenden Grundsatz aufzustellen, der sich mehr und mehr bewahrheitet hat: »Wenn ihr euch ruinieren wollt, so heiratet eine reiche Frau.« * Darin liegt noch eine größere Gefahr, als die, sein Vermögen zu verlieren: die Gefahr, sich selbst zu verlieren, die Gewohnheiten verändern zu müssen, die euch zu dem machten, was ihr seid, die euch gaben, was an euch stark und originell ist. Mit dem, was man eine gute Heirat nennt, werdet ihr das Anhängsel einer Frau werden, eine Art von Prinzgemahl oder der Gatte einer Königin. Eine schöne, sehr schöne, vollkommen liebenswürdige und gutherzige Witwe sagte zu jemand: »Mein Lieber, ich habe fünfzigtausend Livres Rente, einfache, durchaus nicht weltliche Neigungen. Ich liebe Sie und werde thun, was Sie wollen ... Sie sind mein alter Freund, können Sie einen Fehler an mir finden?« – »Einen, Madame, Sie sind reich.« * »Wie! der Reichtum wäre ein Verbrechen?« Nein; alles, was ich hier sagen will, ist, daß die Frau, welche reicher als der Mann in die Ehe tritt, sich selten lenkbar zeigt. Sie wird nicht seine Ideen annehmen, seine Art zu leben, seine Gewohnheiten. Sie wird ihm die ihrigen aufnötigen: aus dem Manne wird sie ihre Frau machen, oder der Streit beginnt. Die unmerkliche, süße Vermischung seines und ihres Lebens wird nicht zustande kommen, das Ineinanderwachsen durch Annäherung unmöglich sein; es wird keine Ehe geben. Ist die Frau im Gegenteil ärmer, so ist sie reich an gutem Willen. Sie liebt und glaubt (das ist sehr viel! ...). Ist es alles? Es bedarf eines dritten, das sie nicht immer geben kann: sie muß den, welchen sie liebt, begreifen können. Ist der Unterschied des Standes, der Erziehung zu groß, sind mehrere Stufen zu überspringen, so ist die Schwierigkeit sehr bedeutend. Es bedarf dann vieler Zeit, großer Umsicht und einer Geduld, die ein viel beschäftigter Mann nicht immer hat. Man sieht und bewundert manchmal ein junges Landmädchen, das, unter glücklichen Sternen geboren, von Schönheit und Güte strahlt und dabei klug, unendlich rein, liebevoll, sanft und gelehrig ist. Wählt sie, heiratet sie – und ihr seid unangenehm überrascht, wenn ihr die unendliche Schwierigkeit wahrnehmt, die ihr habt, euch mit ihr zu verständigen. Und doch thut sie alles, was sie kann; sie merkt auf, sie will lernen; sie giebt sich euch ganz hin. Es hilft doch nichts. Euch zu folgen, wird ihr schwer; auch ist sie zu sanguinisch; – Landbewohner leiden, wenn sie aus ihren groben Arbeiten herausgerissen sind, an Überfülle des Blutes. Sie fühlt das alles nur zu wohl. Sie weint; sie ist ärgerlich auf sich selbst, »daß sie so dumm ist«. Aber sie ist durchaus nicht dumm. Sie ist sogar in allem, was in ihrem Gesichtskreise liegt, sehr klug. Der Fehler liegt nicht an ihr, sondern an euch, die ihr glaubtet, mit Leichtigkeit mehrere Grade der Einweihung durchmachen zu können. Dieses junge Mädchen konnte und mußte einen trefflichen Handwerker in der Stadt heiraten. Und die Tochter aus dieser Ehe, bei der die feinere Kultur durch die schon verfeinerte Rasse unterstützt wurde, hätte einen Gelehrten geheiratet. Sie hätte ihm folgen, ihn ohne Schwierigkeit begreifen können. Das würde eine geistige Ehe gegeben haben. Und wird das immer so sein? Nein; ich hoffe sehr das Gegenteil. Die Stände wie die Rassen vermischen sich mehr und mehr. Alle alten Schranken werden fallen vor dem allmächtigen Mittler, dem souveränen Gleichmacher: der Liebe. VI. Soll man eine Französin heiraten? Es ist nicht genug, daß die Frau liebt, nicht genug, daß sie begreift; sie muß auch etwas zurückgeben können: Funken um Funken, Gedanken um Gedanken. Deshalb würde ich, wenn es auf die Nation ankommt, die Französin allen Frauen der Welt vorziehen. Die Deutsche ist die Güte und Liebe selbst, von entzückender Reinheit und Kindlichkeit. Die keusche, einsame, träumerische, häusliche, so treue, so starke und zugleich so zärtliche Engländerin ist das Ideal einer Gattin. Die spanische Glut entzündet das Herz, und die Italienerin in ihrer Schönheit und Weichheit, ihrer lebhaften Phantasie, oft in ihrer rührenden Naivetät macht den Widerstand unmöglich; man ist hingerissen, besiegt. Aber wenn der Mann einer Seele bedarf, die der seinen durch Blitze des Verstandes und Blitze der Liebe antwortet, die sein Herz durch reizende Lebhaftigkeit, durch Fröhlichkeit, Keckheit, durch Frauenwort und Vogelgesang erquickt –, so muß er eine Französin haben. * Ein Umstand, der nicht übersehen werden darf, ist der, daß sie sehr früh reif ist. Eine Französin von fünfzehn Jahren ist für die Liebe im physischen und moralischen Sinne ebenso entwickelt, wie eine Engländerin von achtzehn Jahren. Dies beruht wesentlich auf der katholischen Erziehung und der Beichte, welche die Mädchen sehr schnell vorwärts bringt. Auch die bei uns so eifrig kultivierte Musik ist von großem Einfluß. Die Engländerin beschäftigt sich ebenfalls mit Musik; aber für sie ist es eine Arbeit. Die Deutsche und die Italienerin lieben die Musik um dieser selbst willen. Aber für die Französin ist die Musik nur die Liebe unter der Form der Kunst. Die Liebe kommt, die Musik verschwindet; das so viel benutzte Klavier steht verlassen. * Gewöhnlich hat die junge Französin nicht den frischen Teint, die auffällige Reinheit, den rührenden jungfräulichen Ausdruck des deutschen Mädchens. Beide Geschlechter behalten bei uns lange eine gewisse Trockenheit. Unsere Kinder sind ihren Jahren voraus, von feurigem, glühendem Blut. Man wird in Frankreich nicht jung geboren; aber man wird mit der Zeit jung. Die Französin verschönert sich auf erstaunliche Weise in der Ehe, während das nordische Mädchen in derselben verliert und oft ganz verwelkt. Man läuft bei uns keine große Gefahr, wenn man eine Häßliche heiratet. Meistens ist sie es nur, weil ihr die Liebe fehlte. Geliebt, wird sie eine andere; man erkennt sie nicht wieder. VII. Die Frau will die Festigkeit und Vertiefung der Liebe. Die Frau ist von den nutzlosen Schlachten, die man sich heutiges Tages in ihrem Namen liefert, ziemlich unberührt geblieben. Dieser große Kampf gegensätzlicher Meinungen erregt ihr Interesse nur obenhin. Steht sie höher oder tiefer als der Mann? Die Theorie ist in diesem Punkte weniger wichtig. Überall, wo die Frau ernst und fein und klug ist, ist sie die Herrin, beherrscht sie das Haus, die Geschäfte, selbst das Geld, disponiert sie über alles. Soll sie gehorchen? Ihr glaubt, sie werde sich widersetzen? Durchaus nicht. Sie lacht und schüttelt den Kopf. Sie weiß recht gut aus sich selbst, daß, je größer ihr Gehorsam, ihre Herrschaft desto sicherer ist. Was wünscht im Grunde die Frau? welches ist ihr geheimer Gedanke? der instinktive, undeutliche Gedanke, den, ohne ihn sich ganz klar zu machen, sie überall und zu jeder Zeit verfolgt? der Gedanke, welcher vollkommen ihre scheinbaren Widersprüche, ihre Klugheit und ihre Thorheit, ihre Treue und ihren Wankelmut erklärt? Sie will geliebt sein? Ohne Zweifel; aber dies Wort, so allgemein genommen, dringt nicht ins Herz der Sache. Sie will das physische Vergnügen? Ja, aber nicht eben sehr. In ihrer Eigenschaft als Kranke ist sie empfindlich und enthaltsam; zärtlicher, aber reiner als wir. Sie will innerhalb ihrer vier Pfähle herrschen, Herrin im Hause, Herrin im Bett, am häuslichen Herde, am Tische, in ihrer ganzen kleinen Welt sein. »Das ist es,« sagt die alte Perserin, »das ist es,« sagt Voltaire in seinen Erzählungen, »was den Damen zumeist gefällt.« Es ist wahr, aber es wird erst durch ein tieferes Gefühl erklärt, auf welches sich die drei obigen Punkte zurückführen lassen. Der geheime wesentliche Haupt- und Angelpunkt ist, daß jede Frau sich als ein mächtiges Zentrum von Liebe und Anziehungskraft fühlt, um das sich alles drehen soll. Sie will, daß der Mann sie mit unersättlicher Begierde, mit nie gestillter Neugier umfange. Sie hat das dunkle Gefühl, daß es in ihr unendliche Entdeckungen zu machen giebt, daß sie reich genug ist, die ausharrende Liebe, welche unaufhörlich weiter spürt und sucht, nicht vergebens suchen zu lassen, daß sie den Sucher fortwährend durch tausend unerwartete Offenbarungen von Anmut und Leidenschaft in Erstaunen setzen kann. Diese Hartnäckigkeit der Liebe, dieses eifrige, nimmersatte Streben, welches die Entdeckung des Unendlichen in einem einzigen Wesen verfolgt, bedingt eine sehr reine, ausschließliche Häuslichkeit, das heißt die Monogamie. Es giebt nichts Frostigeres, als ein Serail – eine Raupenliebe, die sich von Rose zu Rose schleppt, überall den Rand des Blattes benagt und nie bis zum Kelch dringt. Die Frau ist überall in der Geschichte die Todfeindin des polygamen Lebens gewesen. Sie will die Liebe eines Einzigen, aber sie will, daß es wahrhaft Liebe sei, eine unersättliche, unruhige Leidenschaft, die, wie die Flamme, fortwährend weiterschreitet und weiterschreiten will. Sie verzeiht es diesem Einzigen, diesem Bevorzugten nicht, daß es ihn so wenig kümmert, was sein Schatz wert sei; daß er thörichterweise schon am Tage nachher glaubt, er habe nun nichts mehr zu lernen. Daher die unglücklichen Versuche eines von Natur so treuen Wesens, das immer treu gewesen wäre, anderswo eine Seele zu finden, welcher mehr an ihrer Seele gelegen ist, welche tiefer in sie eindringt und ein reicheres Glück darin findet. Es gelingt ihr nicht. Der Liebhaber wie der Ehemann nippt bloß an dem tiefen Becher. Beide wissen nicht, daß auf seinem Grunde die größte Süßigkeit liegt. Der Mann begehrt, die Frau liebt. Er hat Hunderte von polygamen Religionen und Gesetzgebungen erfunden. Er wollte genießen und dauern; er suchte einmal das Vergnügen, sodann das Fortbestehen durch eine zahlreiche Familie. Die Frau wollte nichts, als lieben, angehören, sich hingeben. Wie groß ist ihre Liebe! wie groß ihr Widerstreben gegen die Unreinheit der Polygamie, die man ihr zur Pflicht machte! In dem indischen Mahabharata will sie nur einen lieben; sie wird dafür bestraft und stirbt. In dem persischen Zend-Avesta verlangt sie, als sie von den Magiern aufgefordert wird, zu sagen, was den Frauen gefällt, einen Schleier, hüllt sich darein und spricht: »Geliebt, gepflegt werden von dem Gemahl, Herrin sein im Hause.« Diese schöne Antwort mißfällt; man schlägt sie; sie stirbt. Aber ihre Seele schwebt zum Himmel und es ertönt ihr Ruf: »Ich bin rein!« * Ein sehr merkwürdiger Umstand bei diesen alten Offenbarungen des Frauenherzens ist, daß die Liebe darin allein, ohne den Gedanken der Fortpflanzung, erscheint. In der Liebe sieht sie die Liebe, ihren Geliebten, ihren Gatten. Das Kind wird dann auch kommen. Der Mann bekümmert sich viel mehr um das Fortbestehen des Geschlechts. Eine junge, sehr züchtige Dame (Madame de Gasparin) hat sich nicht gescheut, diesen zarten Punkt zu berühren und das Geheimnis der Frau zu enthüllen: Der Zweck der Ehe ist die Ehe; das Kind steht erst in zweiter Linie. Die Gattinliebe erheischt eine größere Entsagung, eine strengere Tugend, als die Mutterliebe; denn das Kind ist wieder die Mutter; die Mutter liebt sich selbst im Kinde. Sie hat dies einfach, naiv, mutig ausgesprochen. Sie hat nicht, wie die alte Perserin, einen Schleier verlangt; denn sie fühlte sich dicht genug umhüllt von ihrer Tugend, von jener edlen Jungfräulichkeit, welche die Gattin bewahrt und nie einbüßt. Ein sehr keusches Wort, ein Wort, das, genau genommen, im Interesse des Kindes liegt, ein Wort, welches es selber sagen würde, wenn es vor der Geburt spräche. Alles, was es wünschen muß, ist die vorhergehende Einigkeit derer, von denen es erzeugt wird. Leben sie in vollkommener Gemeinschaft der Herzen, so kann das Kind kommen; das Haus ist bereit, ein warmes Nestchen wird es aufnehmen. Käme es und fände nur die Scheidung in der Ehe, so würde es moralisch, vielleicht auch physisch zu Grunde gehen. Deshalb ist jede Frage über Familie und Erziehung einer anderen, die vorhergeht, untergeordnet: der Frage der Liebe, der wechselseitigen Durchdringung der Zwei, welche lieben und allmählich eines werden. * Das ist der Gedanke der Frau, wie er, unbefleckt von Heuchelei, in seinem heiligen Ernst lautet, im Gegensatz zu dem Vorurteil des Mittelalters, welches annahm, daß die Ehe nur das Kind zum Zwecke habe, und vergaß, daß die Mutter, bevor sie Mutter wird, Gattin und Gefährtin des Mannes ist. O, über die tiefe Unwissenheit! Sie wußten nicht, daß die Frau, selbst die, welche keine Kinder hat, auf hunderterlei Weise fruchtbar ist. Sie ist es für ihren Gatten, in welchem die einfachste, ohne daß beide es ahnen, Gefühle, Gedanken und zuletzt Gewohnheiten erzeugt. In jedem Augenblicke findet der abgehetzte Mann die verlorene geistige Spannkraft in der süßen Gesellschaft, in dem keuschen Busen seiner Frau wieder. Sie ist seine Tochter; sie giebt ihm seine Jugend, giebt ihm seine frische Kraft zurück. Sie ist seine Schwester; sie schreitet vor ihm her auf den rauhesten Pfaden; schwach, wie sie ist, kräftigt sie seine Kraft. Sie ist seine Mutter; sie umfängt ihn mit zärtlicher Fürsorge. Oft, in düsteren Stunden, wenn sein umflortes Auge den rechten Pfad nicht mehr unterscheiden, seinen Stern am Himmel nicht mehr erkennen kann, blickt er auf seine Frau – und in ihrem Auge leuchtet sein Stern. * Wir dürfen uns nicht durch die heutigen Sitten, den zügellosen Taumel, den blinden Rausch, von dem wir Zeuge sind, über das Wesen der Dinge täuschen lassen; man darf nicht auf diese Frauen, diese Klassen, diese Zeit allein sehen; man muß die Frau, wie sie war, ist und bleiben wird, im Auge behalten. Sie ist überall in der Geschichte das stabile Element. Der gesunde Menschenverstand sagt uns, weshalb. Nicht bloß, weil sie Mutter, weil sie identisch ist mit dem Hause und dem häuslichen Herde, sondern weil sie, im Vergleich mit dem Manne, einen ungeheuern, einen unverhältnismäßigen Einsatz in die gemeinschaftliche Kasse zahlt. Sie giebt sich ganz und ohne Rückhalt. Die Einfachste begreift, daß jede Veränderung gegen sie ist, daß sie bei jedem Wechsel sehr schnell sinkt, daß sie von dem ersten zum zweiten Manne schon fünfzig Prozent verliert. Und wie soll es beim dritten werden? wie beim zehnten? ach!... Wenn die Rollen vertauscht werden, wenn die Frau aus ihrer Ruhe heraustritt, und die Veränderung – ihre Erniedrigung und ihr Verderben – heischt, so ist das eine Verirrung, ein fürchterliches, unheimliches Symptom von Unglück und Verzweiflung. Diese Umkehrung der Frauennatur spricht weniger gegen sie, als gegen den, welcher ihr Unglück bewirkt; denn es ist die Schuld des Mannes. In dem erstaunlichen Schauspiel von fieberhafter Aufgeregtheit, das sie uns heute darbieten, in diesem Wahnsinn der Mode liegt viel weniger wirkliche Unbeständigkeit, als Eifersucht und Eitelkeit, oft auch Unruhe, wenn die Jugend und die Schönheit ihnen entschwinden und sie doch jeden Morgen wieder neu sein möchten. Diese erstaunlichen Veränderungen in dem Putz und in der Toilette sind sehr häufig die wunderlichen Launen eines kranken, thörichten Herzens, welches die Liebe an sich fesseln will. Es giebt sehr treue Frauen, die, um ihren Geliebten sich zu erhalten, unablässig bemüht sind, sich zu verwandeln, zu verkleiden. Sie würden es in der tiefsten Einsamkeit, in der Wüste, in einer Sennhütte der Alpen, wo sie mit ihm lebten, nicht anders machen. Erreichen sie damit ihren Zweck? Ich glaube es nicht. Die Eindrücke, welche unser Herz empfängt, werden durch diesen ewigen Wechsel viel mehr verwischt, als vertieft. Man fühlt sich versucht, ihnen zu sagen: »Liebe, verwandle dich nicht so schnell! Warum mein treues Herz zu einer ewigen Treulosigkeit zwingen? Gestern warst du so reizend? Ich hatte angefangen, diese entzückende Frau unentbehrlich zu finden! Und heute? Wo ist sie? schon verschwunden? ... Ach, wie sehne ich mich nach ihr! Gieb sie mir zurück! Zwinge mich nicht, die Veränderung so zu lieben.« Die Toilette ist ein großes Geheimnis. Es bedarf hier der Neuerung, aber nicht einer plötzlichen, nicht einer vollständigen, welche die Liebe nur verwirrt. Das Beiläufige verändert gar anmutig und reicht hin, um alles zu verwandeln. Eine Blume mehr oder weniger, ein Band, eine Spitze, eine Kleinigkeit, ein Nichts entzückt uns oft, und das Ganze scheint uns neu. Diese Veränderung ohne Veränderung spricht zum Herzen und sagt ohne Worte: »Immer eine andere und immer treu.« * Die Thorheiten, die vorübergehenden Epidemien des Luxus und der Mode erschüttern in unsern Augen nicht, was wir, in Hinblick auf die Gesamtheit der Zeitalter und Länder, als das wesentliche Gesetz des Frauenherzens, als den Grund ihrer Natur hingestellt haben. Sie will nicht nur die Liebe, sie will auch die Festigkeit, den leidenschaftlichen, unendlich begehrenden, spürenden Eifer, sich die Geliebte ganz zu eigen zu machen, die ewige Vertiefung der Liebe. Das will sie und sie will es mit Recht; denn dieses feurige Suchen würde in ihr stets eine frische, unerschöpfliche Quelle unerwarteter Seligkeit finden. * Folgendes Wort in einer Komödie, das man der Leichtfertigkeit zeihen möchte, scheint mir Aufmerksamkeit zu verdienen: Die Dame : Aufrichtig, wird dein Herr mir seine Liebe bewahren? Der Kammerdiener : Ach, Madame, er hat geschworen, daß, so lange Sie neue Reize entwickeln, seine Liebe ewig neu bleiben wird. Aber die Dame konnte antworten: Weshalb nicht? Wenn er treu ist, nicht wie ein Dummkopf mit monotoner Beharrlichkeit, sondern mit erfinderischer Liebe, die unersättlich darnach ist, die geliebte Frau immer tiefer zu erfassen, so kann sie, reich wie das Meer, verschwenderisch wie die Elektrisiermaschine mit Funken, seine Erwartung übertreffen. In ihr ist die strahlende Iris der Grazien, der Leidenschaft, des verschönenden Verlangens, des reizenden Sträubens. Welche Grenzen hat ihre Macht. Keine, als die der Natur. Sie ist die Natur. VIII. Du mußt deine Frau schaffen; es ist ihr eigener Wunsch. Die Frau von achtzehn Jahren wird willig die Tochter, ich meine, die gelehrige Gattin eines Mannes von achtundzwanzig oder dreißig Jahren sein. Sie vertraut sich ihm in allem an, glaubt leicht, daß er alles besser weiß, als sie, als alle Welt, besser als Vater und Mutter (die zu verlassen ihr Thränen, aber nicht eben große Mühe kostet). Sie glaubt alles, was er ihr sagt, und ihm ihr Herz, ihre Person überantwortend, ist sie weit davon entfernt, die seinen Unterschiede der Meinungen zu erörtern, die doch im Grunde sie auseinanderhalten könnten, und ohne sich das selbst klar zu machen, bekennt sie sich zu seiner Religion, seiner Philosophie. Sie glaubt und begehrt, ein durchaus neues Leben anzufangen, das mit dem alten in keiner Beziehung steht. Sie will mit ihm, durch ihn wiedergeboren werden: »Sei dieser Tag,« sagt sie, »der erste meiner Tage. Was du glaubst, das glaube auch ich; dein Volk soll mein Volk, und dein Gott soll mein Gott sein !« Herrlicher, unberechenbar wichtiger Augenblick für den Mann. Ihm liegt es ob, ihn dauernd zu machen. Er muß wollen, was sie will, muß sie beim Worte nehmen, sie umbilden, neugestalten, sie schaffen. Befreie sie aus ihrem Nichts, von allem, was sie verhindert zu sein, was sie ist, von ihrer traurigen Vergangenheit, von all den Erbärmlichkeiten der Erziehung und Familie. Übrigens ist es ihr eigener Vorteil, ist es das Interesse eurer Liebe. Weißt du, warum sie durch dich umgeschaffen werden will? Weil sie ahnt, daß du sie mehr lieben und immer mehr lieben wirst, wenn du sie zu der deinen und zu dir selbst machst. So nimm sie denn in deine Arme, an dein Herz, wie sie sich giebt, ein zärtliches kleines Kind. * Sie fühlt, sie weiß mit dem Seherblick der Frau, daß die Liebe in der Neuzeit nicht das liebt, was sie findet , wohl aber das, was sie selbst schafft . Wir sind Arbeiter, Schöpfer und Baumeister – die wahren Söhne des Prometheus. Wir wollen nicht eine fertige Pandora, sondern eine, die wir selber machen. Das ist es, was unseren Zeiten, die man erkaltet glaubt, Kräfte zur Liebe geben wird, die den früheren Epochen unbekannt waren, ganz neue Wiederbelebungen von Glut und Leidenschaft. Die Liebe der alten Zeiten für ein bestimmtes Ideal war beinahe schon in der Geburt tot; sie mußte sich bald gegen etwas abkühlen, das nicht ihr eigenes Werk war. Aber unsere moderne Liebe für ein entwicklungsfähiges Wesen, für ein lebendes, liebendes Werk, das wir Stunde für Stunde schaffen, für eine Schönheit, die uns wahrhaft gehört und sich zu jeder Höhe erhebt, die unserer Kraft erreichbar ist – welch unerschöpfliche Flamme muß daraus tagtäglich kommen ... Wie das? bei jeder Gelegenheit, sei sie heiter oder ernst, immer und überall. Es wird damit sein, wie mit jenen Feuermeeren, die unter einigen Landstrichen von China glühen. Schlage, grabe, wo du willst – und die Flamme lodert empor. IX. Wer bin ich, daß ich eine Frau schaffen könnte? Dies ist der furchtsame Einwurf, den mehr als einer machen wird. Die Männer, sonst so prahlerisch, gestehen hier ihre Schwäche. Die Schwierigkeit, die Unendlichkeit dieses Werkes beunruhigt sie. An ihnen Lippen, sehr wohl; ihnen die Lust einer Nacht verdanken, vortrefflich; aber die fleißige, beharrliche Erziehung einer Seele erschreckt sie, und sie ziehen sich zurück. »Ich bin nicht besonders dazu angethan. Mitgenommen von dem Leben, einer überstrengen Erziehung und durch die darauf folgende gewaltsame Reaktion der Ausschweifung, fühle ich mich wenig fähig, jene Jungfrau in die Hand zu nehmen, jenes junge Herz voller Liebe, das mich zu seinem Gott, zu seinem Schöpfer hienieden haben will ... Besitze ich denn genug Einsicht? ach! und auch nur Liebe genug? Habe ich mir den Sinn für die Liebe bewahrt?« »Nein, verachte dich nicht! mißtraue dir nicht! Wolle und beharre! Du kannst noch großes in der Liebe und im Leben. Die eitle Vergangenheit, die dich verfolgt, – das alles war keine Liebe. Du bist noch nicht so weit gekommen, sie auch nur zu ahnen. Dieser Sinn schläft; aber er ist vorhanden, er ist der Sparpfennig Gottes. Und selbst in der Prostituierten ist dieser Sinn noch nicht erstorben. Je tiefer der Abgrund, desto tiefer die Sehnsucht nach dem Himmel. * Wenn du in der beständigen Gesellschaft deiner Braut nichts außer dem bißchen Vergnügen suchen dürftest, so würde deine Seele bald erschlaffen; zwischen dich und sie würde sich die Langeweile setzen. Aber hier ist das nicht möglich. Siehe, mit welchem Vertrauen sie sich dir hingiebt, um ganz du selbst zu werden! Dieses Werk der Umwandlung, dieser süße Fortgang der Vermischung wird in eurer Verbindung die Flamme des ersten Tages Heller und Heller brennen machen. Und wie wäre es möglich, nicht immer mehr zu lieben, wenn du dich in ihr besser und reiner fühlst? wenn in jedem Augenblicke aus ihrem keuschen Herzen dir die Strahlen deiner ursprünglichen Natur, des schönen jungen Lichtes entgegenleuchten, welches an deiner Wiege glänzte, welches in dir verdunkelt war, und dir diese süße Seele jetzt nur noch schöner zurückgiebt? So wolle denn nicht, wenn sie mit vollem Herren kommt und sich dir geben will, thöricht zurücktreten und mit einer feigen und verdammenswerten Demut sagen: »Ich fühle mich nicht würdig.« Es steht dir gar nicht zu, so zu sprechen. In der Liebe giebt es nichts Halbes, nichts Mittelmäßiges. Wer die Frau nicht stark und mächtig umfängt, wird von ihr weder geachtet noch geliebt. Er langweilt sie und die Langeweile ist bei ihr nicht fern vom Haß. Sie entzieht sich ihm (zum wenigsten im Herzen), und nicht bloß sie, auch die Kinder; die ganze Familie wird einander fremd, feindselig. * Du fragst, welche Rechtstitel du hast, dich ihrer so ganz zu bemächtigen? Ich will sie dir nennen. Der erste und stärkste ist das lebhafte, überströmende Glück, welches sie selbst empfindet, in der Ehe sagen zu können: »Ich gehöre dir.« Sie fühlt sich dann frei, vorausgesetzt, daß du ihr Herr bist. Frei, wovon? soll ich es sagen? Von ihrer Mutter, die, trotz aller Liebe zu ihrer Tochter, sie bis zu ihrem zwanzigsten Jahre wie ein kleines Mädchen behandelt hat und bis zum dreißigsten immer so behandeln würde. Die französischen Mütter sind entsetzlich. Sie beten ihr Kind an, aber sie führen Krieg mit ihm, erdrücken es durch den Glanz, die Macht, den Reiz ihrer Persönlichkeit. Sie sind viel anmutiger, oft sogar viel hübscher, vor allem jünger, sehr jung. So lange ein Mädchen bei ihrer Mutter ist, kann sie jeden Abend das Vergnügen haben, die Männer unter sich sagen zu hören: »Die Kleine ist nicht übel, aber was ist sie im Vergleich mit der Mutter!« Reich oder arm – sie nähren sich meistens sehr schlecht, und sehr schlecht auch ihre Tochter. Aber die Mutter, die ganz Grazie, ganz Geist und Leben ist, kann der Frische entbehren. Die Tochter hätte sie nötig. Die knappe Kost läßt sie bleich, schmächtig und ein wenig mager. Die arme junge Dame verlängert nicht selten das undankbare Alter bis zur Ehe. Dann endlich wird sie, durch dich beglückt, vollere Formen bekommen, und sie wird dir ihre Schönheit verdanken. Wenn du dich viel mit ihr beschäftigst, wenn du sie sanft und doch mächtig in deine Liebe hüllst, so wird sie aufblühen, deine junge Rose, frischer noch und jungfräulicher, als zur Zeit ihrer traurigen Jugend. Schön sein, und es durch die Liebe sein, welches Glück! Ich verzichte darauf, das Übermaß ihrer Dankbarkeit zu schildern. Schön sein, ist denn das nicht für eine Frau das Paradies, ist es nicht alles? Wenn sie fühlt, daß sie ein so köstliches Geschenk dir verdankt, wie leicht wird sie dir in allem übrigen nachgeben; wie wird es sie entzücken, daß du Herr bist, alles entscheidest und bestimmst und ihr so oft als möglich die Anstrengung ersparst, wollen zu müssen! Sie wird die Wahrheit bald erkannt haben, daß du ihr Schutzengel bist, daß die zehn oder zwölf Jahre, die du mehr hast, deine Welterfahrung, dich tausend Dinge erkennen lassen, tausend Gefahren, gegen die ihre achtzehn Jahre, ihre halbe Gefangenschaft als junges Mädchen sie blind ließen, und in die sie aller Wahrscheinlichkeit nach kopfüber stürzen würde. Zum Beispiel: nach derselben Mutter, von der frei zu sein sie so oft wünschte, sehnt sich die Tochter jetzt, besonders im Augenblick des Scheidens. »Wenn wir alle zusammen leben könnten, Lieber...« Dieses Wort, dieser Wunsch entschlüpft sehr oft dem guten Herzen der jungen Frau. Der Gatte weiß besser als sie, daß nichts verderblicher wäre, daß alle dadurch elend würden und ein Leben voller Zwang und Zwietracht das notwendige Resultat. »Aber wenn ich zum wenigsten meine Bonne hätte, die mich so liebt und die so geschickt ist, meine Julie! Sie allein versteht es, mich anzukleiden ...« Auch hier ist er es, der sie von einem thörichten Schritte zurückhält. Er setzt es durch, daß man die gewandte und schlaue Kammerfrau nicht mitnimmt, die sie verzieht und der wahre Nebenbuhler des Mannes sein würde, ihm schmeichelnd, sie unter der Hand gegen ihn bearbeitend, die gefährliche Vertraute der kleinen Verdrießlichkeiten der jungen Frau, und nach und nach Herrin, die wahre Herrin im Hause. Glücklicherweise sieht der junge Mann das schon von weitem und erlangt es denn auch, daß man ihm erlaubt, die glatte Schlange nicht bei sich aufzunehmen. * Das sind sehr wichtige Punkte, bei denen die Meinungen ein wenig auseinandergehen. Manchmal wendet sie sich auch ab und vergießt einige Thränen, dabei immer zugebend, daß du mehr Erfahrung, daß du ohne Zweifel Recht hast. Und wenn du in diesen Dingen den Sieg davonträgst, wie viel leichter in den übrigen! Sie erkennt ohne Schwierigkeit, daß du in Geschäften, Geldsachen, Ideen weiter siehst und mehr weißt, und vor allem, daß dein Geist zu ganz anderen und bedeutenderen Anstrengungen befähigt ist. Der Umstand allein, einen Beruf, eine besondere Kunstfertigkeit zu haben, giebt dem Manne ein großes Übergewicht. Da bedarf es einer vorhergehenden Gymnastik, da muß man die Steifigkeit seiner Bewegungen gebrochen, seine Fähigkeiten zum Handeln geschult, bearbeitet, gekräftigt haben. Beim Schmieden schmiedet man sich selbst. Man lernt besonders bei der Gelegenheit, daß, um Erfolg zu haben, um ein Werk zu vollenden, Ausdauer, Gewissenhaftigkeit, der ernste Wunsch, es gut zu machen, und eine große Genauigkeit nötig sind. Die Frauen wären zu dieser Genauigkeit berufen und haben sie doch so selten. Das kommt daher, weil ihre Kraft, zu wollen, unausgebildet bleibt. Auch darf nicht verschwiegen werden, daß die junge Frau durch das Blut ein wenig ermüdet und oft aufgeregt ist. Jene züchtigen, reizenden Rosen, die so oft auf ihren Wangen erblühen, sind ihr Schmuck, aber auch ihre Schwäche. Sie machen sie wenig fähig zu einer fortgesetzten Aufmerksamkeit. Daher kommt es auch, daß diese deine geliebte Frau, wenn man sie nur gewähren ließe, nur zu sehr die Neigung hat, sich ganz auf dich zu stützen, dir zu sagen: »Denke für mich,« wie ein Kind, das schon nach zehn Schritten ermüdet, will, daß seine Mutter es trage. Aber das darf man nicht zugeben. Man muß die schöne Träge leiten, unterstützen, ihr aber nicht das Gehen ersparen. Hier oder nie, mein Freund, wirst du eine Gelegenheit haben, zu erfahren, ob du ein Mann von Geist bist. Das geliebte Kind stellt dir, ohne es selbst zu ahnen, die schwierigste der Aufgaben: ob du den scholastischen Formeln, in denen du erzogen bist, wirst entsagen; ob du die strenge, abstrakte Wissenschaft aus dem Zustande des durchsichtigen Krystalls in den Zustand des warmen Lebens wirst verwandeln, und aus dem Diamanten eine Blume machen können, sie deinem Kinde zu geben. O, der großen, der schönen Aufgabe! Wie schwierig ist sie, aber auch von welchem Nutzen für dich! Nur so kannst du erfahren, ob du wirklich etwas weißt, ob du wirklich in jener Wissenschaft Meister bist, die man dir überlieferte, die aber noch nicht mit dir verschmolzen, noch nicht auf deinem eigensten Wesen basiert war. Jetzt kannst du es erfahren, wenn deine Wissenschaft sich mit dem wärmsten Blute in deinen Adern vermischt haben, wenn sie glühend durch dein Herz, durch deine Liebe geströmt sein wird. * Ich bin weit entfernt von aller Streitsucht. Mein Herz ist hier zu voll, um eine Abschweifung zu machen und denen zu antworten, die dich dadurch entmutigen möchten, daß sie mit dem Lächeln der Überlegenheit sagen: es ist unmöglich, die moderne Wissenschaft, die noch so wenig Geschlossenheit hat, zu so lebensvoller Simplicität zurückzuführen, daß sie der Frau, dem Ungelehrten, dem Kinde überliefert werden könnte. Ein Wort wird genügen. Der moderne Geist hat nur zwei Seiten: Die Wissenschaften des Lebens , welche die der Liebe sind. Sie lehren uns, daß das Leben überall dasselbe ist, lehren uns die gemeinsame Abstammung, die Brüderlichkeit aller Wesen. Die Wissenschaften der Gerechtigkeit , welche die Nächstenliebe im höchsten Sinne, die unparteiische Liebe sind. Hier haben wir die Brüderlichkeit noch einmal. »Sind das zwei verschiedene Dinge?« Nein, sie sind nur eines. Die beiden großen Tempel Gottes, an denen wir seit dreihundert Jahren bauen, sie gipfeln zusammen, sie sind nur ein Tempel in der höchsten Höhe, sie umarmen sich, wo sie dem Himmel am nächsten sind. Je mehr sich das Recht vertieft hat, je humaner es geworden ist, um desto inniger hat sich die Brüderlichkeit, welche die Gerechtigkeit lehrt, mit der Brüderlichkeit vereinigt, welche die Natur- und medizinischen Wissenschaften, die Wissenschaften des Lebens, der Liebe und des Erbarmens anstreben. Das ist die moderne Wissenschaft, die eine, ungeteilte, zweigeschlechtliche. Du erkennst sie durch die Gerechtigkeit und die Wahrheit, durch die Ordnung und die Harmonie. Und sie , deine junge Schülerin, sie fühlt sie durch die Zärtlichkeit, durch das Erbarmen. So ist die Liebe eure gemeinschaftliche Lehrerin. * Junger Mann, nicht wahr? du willst geliebt sein? die Frau erobern? Nun wohl! dann sei Mann! Ich meine, bewahre dir über der (nötigen und nützlichen) Einseitigkeit des Berufs das hohe Gefühl für die lebensvolle Einheit, die Allliebe für das All. Dadurch allein wirst du es wert bleiben, geliebt zu sein; groß und edel und voller Macht über die Frau, die nur Liebe und Leben ist. Wenn du zum Beispiel die Rechte studierst, geh des Abends, geh des Sonntags in den Tempel der Natur, ich meine in den Jardin des plantes . Dein Freund, der junge Arzt, führe dich an den Seciertisch, lehre dir, was der Tod ist. Und wenn du Arzt bist, auch dann halte manchmal inne. Du siehst der Leiden nur zu viele. Lerne ihre socialen Veranlassungen kennen. Unterrichte dich dann und wann über die große Heillehre der Billigkeit, der bürgerlichen Ordnung, welche die Hospitäler entvölkern würde, über das auf Gerechtigkeit basierte Gemeinwohl, welches in der Beglückung seiner Bürger seine Heilkraft sucht und findet. * Und sei überzeugt, mein Freund, daß du hier verstanden wirst; denn deine Frau ist ganz Erbarmen, ganz Zärtlichkeit und des Glaubens voll. O, wie gern glaubt sie dir, wenn du zu ihr trittst, das Herz voll von neuen, verjüngenden, rührenden Wahrheiten! Wunderlicher Kontrast! deine Jungfrau, deine Braut von sechzehn Jahren kommt, wenn du auf ihren Geist, ihre byzantinische Erziehung siehst, zu dir alt und welk, mit den Runzeln des Mittelalters. Du, im Gegenteil, der Bürger einer neuen Zeit, in deinen Ansichten, deiner Wissenschaft, deinen Ideen, du trittst zu ihr – frisch und stark, voll blühender Jugend. – Unglaubliche Macht der Liebe, und wie – wie sehr wirkt sie zu deinem Glück! Durch einen unschuldigen Irrtum, der in ihrer Liebe und Dankbarkeit seinen Grund hat, schreibt sie dir alles zu, was der Geist der Zeiten hervorbrachte. Sie liebt dich um Linnés und des enthüllten Geheimnisses der Pflanzen willen. Sie liebt in dir die funkelnden Diamanten des Himmels, die Galilei entdeckte. Sie liebt in dir selbst noch die Wissenschaften des Todes, die uns das tiefe Mysterium der Liebe erschlossen und im Widerspruch mit der barbarischen Impietät des Mittelalters gesagt haben: »Die Frau ist rein.« Finde dich darein, mein Freund. Von dir kommt alles, du hast das Verdienst von allem. Du hast jedes Ding gemacht und jede Wissenschaft. Sie wagt es nicht, zu denken; ihre Liebe denkt für sie; denn da du ihr Schöpfer bist, so bist du auch der Schöpfer der Welt; Welt und Gott, alles versinkt in dir. Zweites Buch. Einweihung und Vereinigung. I. Die Schäferhütte. Die Thorheiten der Liebenden verdienen Aufmerksamkeit. Ihr, die ihr weise seid, verachtet nicht die Worte der Närrischen. Diese Unschuldigen haben mitten in ihrem Wahnsinn weise Orakel verkündet. Hört diesen jungen Mann, der zum erstenmal, im Mai, auf dem Lande, die schüchterne Geliebte spazieren führt. Die Eltern folgen in einiger Entfernung. Er scheint die ganze Natur, die Erde und den Himmel bei einem so großen Glücke anzurufen. Aber Himmel und Erde, und, was sage ich, die Braut selbst – alles scheint versunken in einem neuen Entzücken. Was sah er denn? Die Hütte des Schäfers. »Ach, das war mein Wunsch! ... Eng und einsam – das ist die Wohnung, die mir der Traum als unsere Wohnung zeigte ... Niemals sich trennen müssen, zusammen umherschweifen, dem großen Haufen entrinnen, jeder unreinen Berührung ausweichen, uns hüllen in das Geheimnis unserer Liebe, in selige Vergessenheit!« * Junger Mann, deine Tollheit ist gar nicht so toll. Das Häuschen, das über die Felder rollt, ist freilich eine zu spartanische Wohnung für deine zarte Gefährtin, aber dein Instinkt offenbart dir wenigstens eine große Wahrheit, die viele andere sehr spät und auf ihre Kosten lernen. Säe nicht auf den Weg. Pflanze nicht in den Gießbach. Liebe nicht im Gewühl der Thoren. * Was vermag man über die Frau in der Gesellschaft? Nichts. In der Einsamkeit? Alles. * Übrigens ist vielleicht sie es weniger, die so bewacht werden muß, als du selbst. Je einsamer sie ist, je mehr du mit ihr lebst, desto inniger fließen eure Herzen ineinander. Aber sobald sie Gesellschaft hat, und ich verstehe darunter die beste, – ihre Mutter, ihre Schwester, eine achtungswerte Freundin, – so fürchtest du gerade deshalb weniger, dich von ihr zu entfernen, und das Band wird sich lösen. »Sie ist mit ihrer Mutter, ich will meine Freunde besuchen. Sie ist mit ihrer Schwester, ich will in diese oder jene Gesellschaft gehen.« Und dann wird der Strudel der Gesellschaft dich erfassen; du wirst noch lieben – ja; aber immer weniger. Glaubst du, daß, wenn du am Abend ermüdet, blasiert, zerstreut nach Hause kommst, du dieselbe Frau und dieselbe Liebe an deinem Herde finden wirst? * »So werden wir denn also, nach deinem Sinne, in der Ehe das Leben eines Einsiedlers, eines Gefangenen führen? Die Frau eingeschlossen, allein; der Mann nur aus dem Hause kommend, wenn die Geschäfte es erheischen? Das ist nicht Leben mehr, das ist der Tod im voraus. Machen wir vor der Hochzeit unser Testament; das Hochzeitsbett ist ein Grab. Keine Freunde mehr, kein Vaterland. Mit dem Bürger ist es vorbei. Die Liebe und der häusliche Herd werden sich an die Stelle des Staates setzen.« So meine ich es nicht. Ich hoffe auf eine ganz andere, reine, freie, starke Gesellschaft, wo an der Tafel der Brüderlichkeit die Gattin, die Mutter, die Jungfrau den ersten Platz einnehmen, wo bei den Festen die reizende Schar unserer Frauen, mit Blumen bekränzt, an der Seite unserer Würdenträger glänzen wird. Die Frau, die Königin der Menge, die zarte, strenge Richterin der öffentlichen Sitten, wird die schöne, rührende Zier der Republiken der Zukunft sein. Das alles liegt vielleicht noch in weiter Ferne. So laßt mich denn, bis die Zukunft Gegenwart wird, Dinge verhandeln, die möglich und praktisch sind, die einzigen, die unsere Zeit verträgt. * Die Einsamkeit, die ich für die Frau will, ist nicht das Haus des alten, eifersüchtigen Arnulf, der Agnes unter Schloß und Riegel hält und sie mit Argusaugen bewacht, zum wenigsten Agnes' Körper und dabei ihr Herz erstickt und ihren Geist lähmt. Ich will vor allem, daß Agnes einen jungen Gatten habe, nach ihrem Alter. Ich habe das Verhältnis angegeben; achtundzwanzig Jahre zu achtzehn. Um von diesem Verhältnis abzuweichen, bedarf es sehr besonderer, sehr eigentümlicher, sehr seltener Umstände, die sich finden können, aber sich sehr selten finden. Ich will vollkommene Freiheit für Agnes. Wenn die Frau von Natur schwach ist und ihre Leiden sie dienstbar machen so ist die Liebe ihre Erlösung, die Ehe ihre allmähliche Freiwerdung. In der Ehe wird sie des Mannes Gleichen, oft mit der Zeit sein Vorbild. »Ihre Größe? ich bitte euch. – Gerade so hoch, wie mein Herz.« (Shakespeare.) * Indessen ist diese Einsamkeit ganz relativ. Die Liebe ist ein so mächtiges Wesen, daß sie jeden Umstand beherrscht. Sie kann zur Not allein sein inmitten eines ganzen Volkes. Sie ist rein, wenn ringsumher die Pest haust. Ein Palast, eine Hütte, ein Thron, ein Laden – das alles ist für sie einerlei. Freilich dürfen wir nicht vergessen, daß sie sich gegen die Hindernisse der Welt nur durch ein redliches Herz, ein arbeitsames Leben, eine Reihenfolge von Arbeiten, die den Tag ausfüllen und heiligen, halten kann. Wer hat nicht im düstersten, traurigsten Quartier von Paris (in der Rue des Lombards etwa) eine schöne, reichgeborene Frau gesehen, die ungeachtet ihrer vortrefflichen Erziehung und großen Mitgift ihr Leben in dem Hintergrunde eines Kaufladens, in einem kleinen Kabinett, damit verbringt, daß sie schreibt und rechnet, anordnet und zwanzig Commis in Atem erhält. Ihr junger Gatte läuft den ganzen Tag umher und besorgt die Geschäfte außer dem Hause. Des Abends sieht man sich. Die Frau, nachdem sie ihre Bücher geschlossen und alle Welt verabschiedet hat, begiebt sich in das Wohnzimmer. Keine Vereinigung inniger, keine Ehe glücklicher! Liebt er sie? Nein, er betet sie an. Dieses dunkle, abscheuliche Gewölbe ist für sie die romantische Schäferhütte. * Doch wenn ich einen Wunsch für dich hegen darf, so ist es der, daß deine junge Frau, dieses Wesen voller Poesie, weniger mit Zahlen und Wechseln beschäftigt sei, daß du selbst nicht den ganzen Tag fern von ihr hinbringen müssest. Die Einigkeit ist schön und stark in einem solchen Falle; aber ist sie auch tief? Gleicht sie nicht ein wenig der engen Association zweier Geschäftsmänner? Giebt es ein wahres Ineinanderfließen der Herzen so ganz mit äußeren Interessen beschäftigter Personen, wenn auf dem ehelichen Lager selbst, unter dem Flüstern der Liebe, die junge Frau Besinnung genug hat zu der Bemerkung: »Vergiß nicht, Lieber, daß morgen der einunddreißigste ist –?« * Die Liebe ist ohne Zweifel eine Flamme, ein Verlangen, eine Seligkeit, die man überall fühlen kann; aber sie will auch gepflegt sein. Es bedarf einiger Zeit, einiger Sammlung, damit man sich kennen lernen, sich begreifen, damit man Tag für Tag, Grad um Grad die Durchdringung der Seelen inniger machen könne. Wenn ich träume, wenn ich Wünsche hege (und ich habe deren oft für alle), so erflehe ich für die, welche lieben und selbst inmitten des großen Haufens lieben würden, die Einsamkeit, die allein in die Künste der Liebe einweiht; zum mindesten einige stille Jahre, die ihnen die Vereinigung der Herzen möglich machen, bevor sie in die Welt und den Kampf des Lebens zurückkehren. * Ich sehe es im Geist, das einsame Häuschen – nicht gerade eine Schäferhütte, aber auch nicht viel größer: zwei Stockwerke, drei Räume in jedem. Keine Dienstboten, oder höchstens ein gutes Landmädchen, das die freundliche junge Frau bald lieben, und ihr die gröberen Arbeiten abnehmen wird. Ich möchte dies Häuschen ein wenig von der Stadt, in die dich deine Geschäfte jeden Tag führen, entfernt haben. In hübscher, sonniger Lage, mit einem großen Obst- und einem kleinen Ziergarten, wo sie ein wenig arbeiten kann. Vor allem viel Wasser, und, wenn es möglich ist, quellend und sprudelnd. Dir liegt es ob, dies alles bis in die kleinsten Einzelheiten hinein zu besorgen, zu stellen, zu ordnen. Verlasse dich darin nicht auf die weiblichen Mitglieder der Familie, die behaupten werden, diese Sachen viel besser zu verstehen. Du, der du so viel Interesse dabei hast, du wirst allein den allerliebsten, behaglichen Käfig zurechtmachen, um dein Vögelchen zu locken, den Wunsch in ihm zu erwecken, gefangen zu werden, als deine Gefangene zu leben, um endlich deine Königin zu sein. Hole dir Weisheit von der Biene. Sie sagt dir: »Ich lege zwei Eier von gleicher Güte in zwei verschiedene Zellen, die Königszelle, die Arbeiterzelle. Zwei ganz verschiedene Bienen gehen hervor aus diesen verschiedenen Wiegen.« Wie das Nest, so der Vogel. Die Umgebung, die Umstände, die Gewohnheiten machen uns zu dem, was wir sind. * O, ein Nest! ein wahres Nest! ... ein lieber, süßer Gedanke! zu süß, um hier so obenhin abgefertigt zu werden. Ich will dir das Haus nicht zeigen, so lange es noch leer ist. Ein wie anderes wird es alsbald werden, an dem Tage, wo jemand (ich sage nicht, wer) kommen und es mit ihrer holden Gegenwart verzaubern und es mit ihren schönen Augen durchleuchten wird. Kleines, sehr kleines Häuschen! und doch, wenn die Liebe es erbaut hat, wie gut wird es zusammengesetzt, wie sinnreich, wie kunstvoll geordnet sein, daß das junge Herz sich von, allen Seiten gefangen fühlt, daß die ganze Einrichtung in ihre freie Neigung die süße, mächtige Nötigung der Gewohnheit webt und so alles sie der Liebe in die Arme führt. II. Die Heirat »Hector, so bist du Vater mir nun und würdige Mutter! Bist mein liebender Bruder, du bist mein blühender Gatte.« Ilias. Dies ist nicht bloß das Wort Andromaches; es ist das ewige Wort der Frau bei diesem großen Schritte. Sie sagt es vorläufig aus ihrem überfließenden Herzen heraus. Sie sagt es auch aus dem richtigen, wahren Gefühl ihrer Situation. Sie fühlt sehr wohl, daß er von jetzt an ihr alles, ihr einziger Beschützer ist. Und was die Ceremonien anbetrifft, mit welchen die Kirche und das Gesetz sie zu beschützen scheinen, so legt sie keinen Wert darauf. In Wahrheit ist die Kraft dieses so wichtigen Aktes die, daß sie sich ohne Rückhalt, ohne Garantie und ohne die Möglichkeit der Umkehr hingegeben hat. Wenn keine Liebe da ist, wenn sie nicht in die zartesten Hände fällt, so werden alle gesetzlichen Garantien ihre Situation nur bedenklicher machen. Alle diese papiernen Schranken sind nichtig, oder vielmehr, indem sie den, welchem ihre Person übergeben ist, erkälten und beleidigen, werden sie ihr nur Gefahren bringen. Alberner Gedanke, von vornherein einen Krieg in der Ehe zu entflammen und zu wähnen, daß das Gesetz zu jeder Stunde des Tages, der Nacht dazwischentreten und selbst noch auf dem ehemaligen Lager zwischen den Gatten Wache halten kann. Gegen den, welcher die Frau in so unzerreißbar festen Banden hält und ihr die Anstrengung, die Gefahr der Mutterschaft auferlegen kann, giebt es keinen, gar keinen Rückhalt und keine andere Garantie als die Liebe. Die Ceremonien, die Feierlichkeit und die Öffentlichkeit sind ohne Zweifel sehr gut. Aber der Kern der Sache ist der Geist. Wie die alten römischen Rechtslehrer sagen: »die Ehe ist Zustimmung ,« der Akt des Willens, der Freiheit, die sich entäußert. Gegenseitige Hingabe der Herzen, aber Opferung der Schwächeren, die sich, Seele und Leib, dem Stärkeren anvertrauend, nichts zurückbehält, alles hingiebt, und alles den Wechselfällen der Zukunft anheimstellt. * Sehr ungleichmäßiger Vertrag! ... Weder das Gesetz der Kirche, noch das Gesetz des Staates haben sich ernstlich bemüht, die Natur desselben zu modifizieren. Beide sind in Wahrheit der Frau sehr feindlich gesinnt. Die Kirche ist geradezu gegen die Frau und kann ihr die Sünde Evas nicht vergessen. Sie hält sie für die fleischgewordene Versuchung und die innige Freundin des Dämons. Sie duldet die Ehe, während sie dem Cölibat, als dem Leben der Reinheit, den Vorzug giebt, denn unrein ist die Frau. Diese Lehre ist so ganz und gar die des Mittelalters, daß alle, welche den Geist desselben aus dem Grabe heraufbeschwören möchten (gegen die Autorität der Chemie) behaupten, daß gerade während ihrer heiligen Krisis das Blut der Frau unrein sei. Wie die Physik, so die Gesetzgebung. Was soll die Frau, wenn sie bis zu diesem Punkte erniedrigt ist, dann noch anderes sein, als gehorsame Sklavin des reineren Wesens, welches der Mann ist? Sie ist der Körper, er ist der Geist. Das bürgerliche Gesetz ist nicht viel weniger rauh. Es erklärt die Frau auf immer für unmündig und belegt sie mit einem fortwährenden Bann. Der Mann ist zu ihrem Vormund eingesetzt; aber wenn es sich um Fehler handelt, die sie begehen, um Strafen, mit denen man sie heimsuchen kann – da behandelt man sie auf einmal als Mündige, die für ihre Handlungen – und wie sehr! – verantwortlich ist. Es ist dies übrigens der Widerspruch in allen alten, barbarischen Gesetzen. Die Frau wird wie eine Sache übergeben und wie eine Person bestraft. * »Aber zum wenigsten ist die Familie für sie und hat den ernstlichen Willen, sie zu schützen.« Ich kann das nicht finden. Ich habe eine Menge theoretischer Freiheitsfreunde gekannt, welche, an diesem Punkte angekommen, alle ihre schönen Grundsätze vergaßen und ihre Töchter, ohne viel zu fragen, mit diesem oder jenem alten, reichen Herrn verheirateten, den sie durchaus nicht wollten. Es versteht sich von selbst, daß das schwache Geschöpf nicht widerstehen kann, wenn Vater, Mutter, die ganze Familie auf einmal sie bestürmen. Sie wird sich ergeben und bis zu dem verhängnisvollen Tage drängen lassen. Dieser Tag aber trifft sie schlecht vorbereitet. Alle Mütter bilden sich ein, alle sagen mit einer Art von Emphase: »O, ich liebe meine Tochter so sehr!« Was thun sie für dieselbe? Nichts. Sie bereiten sie weder geistig noch körperlich auf die Ehe vor. Ein einziger Punkt ist lobenswert. Sie bewachen sie gewöhnlich sehr gut (und besser, als die Männer es glauben). Sie wollen, daß sie frisch und jungfräulich und wo möglich unwissend in die Ehe komme, und daß der Gatte entzückt sei, sie bis zu dem Grade naiv zu finden. Und in Wahrheit, das setzt ihn in Erstaunen (ihn, der nur verlorene Frauen gekannt hat), so sehr, daß er sie für eine Heuchlerin hält. Diese Unwissenheit ist indessen sehr natürlich und begreiflich, unter einer argwöhnischen und eifersüchtigen Mutter, besonders, wenn das Kind keine jungen Freundinnen gehabt hat, die sie unterrichteten. Aber es liegt Gefahr in der vollkommenen Unwissenheit; die Unschuldige ist gerade dadurch mehr als einem Zufall ausgesetzt. Die Mutter sollte sie aufklären, unterrichten in dem Augenblicke, wo das Kind zur Jungfrau wird. Es ist zum mindesten ihre heilige Pflicht, sie vor der Hochzeit vollständig einzuweihen, auf daß sie zum voraus wohl wisse, wozu sie ihre Einwilligung giebt, was sie auf sich nimmt. Eine Zustimmung ist nur da frei und vollkräftig, wo das zum voraus bekannt ist, wozu man seine Zustimmung giebt. Weiß sie am Morgen wohl, was sie für den Abend verspricht? Ist sie in diesem Augenblicke eine Person, die man um ihre Einwilligung fragt, oder eine Sache, die man eben ausliefert? Weiß sie vor allem, daß der Gatte sich das maßlose Recht aneignen wird, sich (auf ein zweifelhaftes Zeichen hin) zum Richter über ihre moralische Vergangenheit, ihr gutes Verhalten, ihre Reinheit, ihre Tugend aufzuwerfen! * Sie ist physisch und moralisch gleich schlecht vorbereitet. Man bekümmert sich zu sehr um das Kleid, nicht genug um das Mädchen. Vater, Mutter, Freundinnen und der Bräutigam selbst vergessen in der Aufregung der gleichgültigen Vorbereitungen und der tausend Nichtigkeiten gerade die, um deretwillen der ganze Wirrwarr angerichtet wird. Wie befindet sie sich in diesem Momente der Unruhe, an dem Vorabend einer so großen Prüfung? Einmal schläft sie wenig. Man wird aus Geckerei glauben, vor Ungeduld. Für gewöhnlich ist das Gegenteil der Fall. Das, wonach wir uns am meisten sehnten, erfüllt uns, wenn es herannaht, oft mit Furcht und Traurigkeit, besonders wenn es sich darum handelt, sich auf einmal herauszureißen, alle seine Gewohnheiten aufzugeben, wenn man sich an dem Ufer eines so unendlichen unbekannten Meeres sieht. Es ist sehr natürlich, daß sie unruhig und aufgeregt ist, daß sie manchmal ein wenig Fieber hat, daß die Cirkulation ihres Blutes unregelmäßig oder sehr heftig, die Ernährung dagegen langsam und schwer von statten geht. Man denkt an anderes. Oft trifft sie der Augenblick sehr leidend, furchtsam, in einem Zustande schmerzlicher Plethorie, der sanfte, zärtliche Fürsorge erheischte. * Junger Mann, lies dies doch ja, wenn du allein bist und nicht mit jenem Wildfang von Genossen, den ich hinter dir sehe, und dir über deine Schulter blickt. Wenn du allein liesest, wirst du gut lesen, du wirst dein Herz fühlen, und die Heiligkeit der Natur wird dich rühren. Hier hast du die reine, die wahre Religion. Wenn du hierin einen Spaß, einen Gegenstand für deine Scherze finden könntest ... dann magst du meinetwegen auch beim Tode deiner Mutter lachen. Bei der Hochzeit ist dein Glück namenlos, aber auch wie ernst! Halte es heilig. Öffne dein Herz dem Gefühl der hohen Verpflichtung, die du zu übernehmen im Begriff stehst, der unendlichen Zärtlichkeit, die sie von dir heischt, welche zu dir kommt, ganz allein und voll unendlichen Vertrauens. Allein, mein Freund! denn, du sahst es, die Kirche beschützt sie kaum, das Gesetz nicht besser. Und die Familie, ach! hat es sich wenig angelegen sein lassen, ihr an diesem peinlichen Tage eine Stütze zu sein. Sie stützt sie nicht, sondern führt sie dir zu, giebt sie dir ... überantwortet sie deinem Richterspruch. Aber ich, ich verlasse mich ihretwegen auf dich, und bin sicher, daß, wo alles fehlt, du alles sein wirst, Vaterland, Priester und Mutter, daß sie in dir die Garantie dieses dreifachen Priestertums finden wird. * Das ist all ihr Denken, Glauben und Hoffen, während sie schüchtern und so schön und bleich in ihrem frischen Putz herankommt. Sie fühlt wohl, daß sie nicht mehr in ihrem Hause und auch noch nicht bei dir ist. Sie schwankt zwischen zwei Welten. Wohin geht sie, und was will man von ihr? Sie weiß es nicht so ganz. Sie weiß nicht viel mehr, als daß sie sich in aller Demut des Herzens hingiebt. Ihr einziges Glück ist der Gedanke, daß sie von nun an in deiner Hand ist. Wird es ihr dort gut, wird es ihr schlecht gehen? und wie wirst du sie behandeln? Das ist nicht ihre, das ist deine Sache. Nichts zurückzubehalten, zu dir zu kommen, allein, ohne Schutz, dich zu lieben, sich ganz hinzugeben – das ist ihre ganze Wehr und Waffe. * »Möge der Himmel und die Erde für mich beten und weinen!« Wort Christoph Columbus' beim Eintritt in die unbekannte Welt. III. Die Hochzeit. Die Stunde ist da. Ihre Mutter verläßt sie und vergießt einige Thränen. Ich für mein Teil verlasse sie noch nicht. Ich habe dir ein Wort zu sagen, welches ihre Mutter nicht weiß. Werde nicht ungeduldig und schelte nicht auf mich. Ich bin es nicht, der dich zurückhält. Sie ist ohne Furcht eingetreten, sie liebt dich so sehr! Sie hat die bescheidene Zuversicht, welche die Unschuld giebt; aber schließlich ist sie doch in großer Aufregung – schreibe das auf Rechnung der Natur. .. Ihr armes kleines Herz schlägt so stark, daß man sein Schlagen sieht ... Lassen wir sie, ich bitte dich, sich einen Augenblick erholen, zu Atem kommen ... Das Wort ist aber dies: Ich mache und bestimme dich zu ihrem Beschützer gegen dich selbst. Ja, gegen dich! Ereifere dich nicht ... Gegen dich, denn zu dieser Stunde bist du ihr Feind. Ein sanfter, ehrfurchtsvoller und zärtlicher Feind. Halten wir uns nicht bei den Fadheiten auf, die uns nun ein Weltmann über die guten Manieren, welche die wohlerzogenen Leute früher und jetzt hatten und haben, zum besten geben würde. Ich weiß, daß die meisten durch das Leben, durch die große, zu große Erfahrung im Vergnügen abgekühlt anlangen. Aber für die Verlebtesten ist es eine Sache der Selbstliebe, der ungeduldigen Eitelkeit. Das kann weit führen. Und ich verlasse mich hier auf das herbe, aber unumwundene Wort der Naturkunde: »Das männliche Tier ist sehr grausam.« Ein Wort, das unglücklicherweise durch die Medizin und Chirurgie bestätigt wird, die man oft genug wegen der Folgen konsultiert, und die, kalt wie sie sind, ihre Entrüstung nicht zurückhalten können über die unkeusche Wut, die eine so heilige Stunde beflecken kann. * Hier ist ein zweiter, sehr ernster Punkt von unberechenbarer Wichtigkeit. Weißt du wohl, daß du in diesem Augenblicke der Aufregung zwischen zwei sehr verschiedenen Ideen geteilt bist? Du begreifst weder dich, noch sie. Diese weiße Statue, die du mit den Augen verschlingst, die so rührend fürchtet, furchtsam zu erscheinen, und auf den bleichen Lippen ein Lächeln zu bewahren sucht ... du bildest dir ein, sie zu kennen? Und dennoch ist sie dir ein Rätsel. * Diese hier ist die moderne Frau, die eine Seele und einen Geist hat. Die antike Frau war nur ein Körper. Da die Ehe in jenen Zeiten nur ein Mittel war, Kinder zu zeugen, so wählte man zur Gattin ein kräftiges, rotbäckiges Mädchen (rot und schön sind synonym in den barbarischen Sprachen). Sie sollte viel Blut haben und bereit sein, solches zu vergießen. Man machte viel Lärmens davon. Das Sakrament der Ehe war eine Bluttaufe. In der modernen Ehe, welche vor allem die Vereinigung der Seelen ist, ist die Seele das Wesentliche. Die zarte, ätherische Frau, die wir Modernen träumen, ist nicht mehr jenes rotbäckige Mädchen. Das Nervenleben ist bei ihr alles. Ihr Blut ist nur noch Bewegung und Leben. Es ist in ihrer lebhaften Einbildungskraft, der Rastlosigkeit ihres Gehirns; es ist in ihrer nervösen Anmut, die etwas Krankhaftes hat; es ist in ihrer bewegten, manchmal geistsprühenden Rede; es ist vor allem in jenem tiefen Liebesblick, der bald entzückt und hinreißt, bald verwirrt und noch öfter rührt, zum Herzen dringt und uns Thränen entlocken könnte. Das ist es, was wir lieben, erträumen, erstreben, ersehnen. Und nun, in der Ehe, vergessen wir mit wunderlicher Inkonsequenz das alles, und wollen jenes Mädchen der kraftvollen Rassen, jenes Landmädchen, welches noch dazu in unsern Städten, müßig und überfüttert, die rote Quelle des Lebens in Überfluß haben soll. Das Vorherrschen der Nerventhätigkeit, die Abnahme der Blutthätigkeit ist übrigens ein Faktum unserer Zeit. Wenn der berühmte Broussais wiederkäme, wo fände er in unserer Generation (ich meine in den kultivierten Klassen) jene Ströme von Blut, die er, nicht ohne Erfolg, den Adern der damaligen Menschen entzog? Eine Veränderung von Grund auf – zum Guten? zum Schlechten? darüber läßt sich streiten. Aber sicher ist, daß der Mensch sich verfeinert hat und Geist geworden ist. Eine ununterbrochene Folge von großen Werken und Entdeckungen hat diese letzten dreißig Jahre bezeichnet. Alles hat sich verändert, auch die Frau. Sie hat gelesen und sich kultiviert, schlecht, wenn du willst, aber doch kultiviert. Sie hat von unseren Gedanken gelebt. Die junge Dame hat daraus ein Geheimnis gemacht, aber wer liest es nicht in ihren Augen, in ihren oft zu ausdrucksvollen Zügen, in ihrer krankhaften Zartheit? Deine Verlobte hat nichts mehr gefürchtet, als jene derben Reize zu zeigen, auf die du heute mit einemmale so große Stücke hältst. Du sprachst so schön von reiner Liebe; sie hätte am liebsten sich zu einem Engel des Lichts gemacht. Sie hat geglaubt, du schmachtetest hienieden nach einem Wesen aus besseren Sphären und wünschtest ihr nur noch Flügel. Und übrigens sind gerade die, welche die Prüfung am wenigsten zu fürchten haben, die reiner als rein dazu gelangen, aber unschuldig und vollkommen unwissend, oft die, welche erst recht beunruhigen und in Bestürzung versetzen. So sehr verliert der Mann an diesem Tage den freien Blick, oft weniger durch die Liebe, als durch Stolz und Mißtrauen! Eine rührende Scham, eine nervöse Erregtheit, die frauenhaft kindischen und in diesen Augenblicken so natürlichen Ängstlichkeiten werden auf der Stelle in der bedenklichsten Weise ausgelegt. Man stürzt sich in diese oder jene quälende Vermutung. »Es ist kein Zweifel, sie scheut diese Prüfung ... Sie verzögert so lange als möglich ein Geständnis, das sie nicht zu machen wagt!« Im Anfang versteht sie es nicht; aber wenn sie endlich seinen Gedanken faßt – o dann, wie groß ihre Indignation, ihr Schmerz! ... Sie erstickt, kann nicht mehr weinen ... Sie, die ihn so liebte, die ihm alles gesagt hätte, wenn etwas zu sagen gewesen wäre, sie durch Mißtrauen so tödlich zu beleidigen ... Das ist genug, um für immer zu hassen! Bedenke doch der Mann wohl, daß, wenn er die Frau in diesen Augenblicken richtet, sie ihn wieder richtet. Sie ist dann unendlich empfindlich, zärtlich, aber um so leichter verletzbar. Sie empfängt in ihres Herzens Herzen einen bleibenden Eindruck, der ihre Liebe leben macht – oder tötet. * O, welch seltsame, erstaunliche, grausame Veränderung! Er behauptete, so sehr zu lieben, und hat nicht einmal Mitleid! Er liest nicht einmal auf ihrem Antlitz, daß (was häufig vorkommt) sie infolge der Aufregung in der That sehr krank ist. Seit sie ankam, wurde ihr das Atmen so schwer. Dann stieg höher und höher die nervöse Flut, oft bis zu einem Zustande, der durch seine stürmische Heftigkeit erschreckt. Manchmal, was noch schlimmer ist, stellen sich Übelkeiten ein; die Besonnenste ist von Grund auf erschüttert. Ihre Lage ist entsetzlich, ihre Angst fürchterlich. Mitleid, Mitleid für sie! sei gut, sei zart ... Begreife sie doch nur, pflege sie, beruhige sie. Sie muß fühlen, daß du nicht ihr Feind bist, im Gegenteil ihr Freund, und der ergebenste, der ihr ganz und gar gehört. Sei klug, gewandt, voller Achtung, und voller Einsicht in ihre Lage. Beruhige, beruhige sie! Du mußt also zu ihr sprechen: »Ich bin dein, ich bin du selbst. Ich leide mit dir ... Sieh in mir deine Mutter, deine Wärterin. Verlaß dich ganz auf mich ... Du bist meine Frau und du bist mein Kind.« Kostbarer Augenblick, wo er, welcher sich in die Mutter, die Krankenwärterin verwandelt, das Unrecht des Liebhabers wieder gut macht. Der ruhig gewordene Geist beruhigt den Körper, und während sich der Strom der Nerven allmählich legt, sprechen die gute Natur, die weibliche Gelehrigkeit zu euren Gunsten; sie leidet und möchte euch doch gern heiter sehen. Wenn sie nicht beruhigen kann, wenn sie noch zu schüchtern ist, wird sie euch aus Zärtlichkeit oder Schwäche allerliebste Vertraulichkeiten erlauben. Sie wird, von euch bewacht, ruhig an eurer Seite einschlafen. Das Erwachen wird ein so süßes sein. IV. Das Erwachen. – Die junge Herrin vom Hause. Das Erwachen auf dem Lager, das Entzücken des jungen Mannes, der gestern allein war und sich heute zu Zweien sieht, der (und er traut seinen Augen kaum) diesen reizenden Kopf, dies süße Geschöpf betrachtet, das da wehrlos unter seinem Schutze ruht ... das ist zu viel für die menschliche Natur, und die Stärksten ertragen es nicht ... Keine Sprache, nicht einmal Thränen vermögen das auszudrücken ... Manchmal erleichtert sich das Herz im Gebet und dankt Gott und der Natur. Manchmal mischt sich auch ein wildes Gefühl des Stolzes in die Liebe und wird kaum zurückgehalten: »Ich habe sie! ich bin ihr Herr! ... Ist es denn wahr? Sie ist mein!« Aber diesem blinden Entzücken des Triumphes folgt ein edleres Gefühl, der heiße Wunsch, der etwas wiederzuschenken, die euch so unendliche Seligkeit bereitet hat ... »O, Sonne, Mond und alle Sterne! Das ist wenig! ... All mein Blut! Das ist nicht genug! ...« Das Herz drängt sich ihm aus der Brust, bietet sich ihr dar, giebt sich ihr: »Nimm mich, nimm mich hin! ... Nimm meine Seele, nun und immerdar, nimm mein ganzes Wesen, all mein Denken, all mein Sehnen ...« Die Gesetze der Alten haben diesen Augenblick ergriffen und den Mann feierlich ermahnt, diese Stunde zu weihen und zu verewigen, sein Herz dadurch zu erleichtern, daß er die Zukunft der Frau sicher stellte. Das ist es, was man die Morgengabe nannte. »Der Mann wird sein Leben für seine Liebe geben und glauben, nichts gegeben zu haben.« * Und auch ich, junger Mann, ich halte dich hier auf, und auch ich will von dir eine Gabe fordern. Bist du reich! hast du Landgüter, Wälder, Paläste? Wohl, behalte sie für dich ... Diese hier ist erhaben über dergleichen. Was ich für sie fordere, ist nur dein Wort, dein Versprechen, daß du deine Frau ehren, ihr nie wieder sein willst, was du gestern einen Augenblick lang warst. Möge dir ihre Jugend, ihre Schwäche, ihr sanfter Gehorsam eben so heilig sein, wie das greise Alter deines Vaters und sein strenges Wort ... Erröte, daß du gegen deine Natur hart und heftig gewesen bist, und gegen wen? gegen sie! daß du den unwürdigen Gedanken gehabt hast: ich bin stark und sie ist schwach ... stark, ihr gegenüber, die sich vertrauensvoll hingibt, stark gegen die Liebe, gegen Gott! Der Tag kommt, und die Ermüdete ist wieder eingeschlafen ... Wie sie daliegt, bleich, in sich zusammengesunken ... Man sieht es, sie hat sehr gelitten. Dieser harte moralische Kampf war zu viel für sie! Und welche grausame Wunde, in dem angebeteten Geliebten einen rauhen, gebieterischen Herrn gefunden zu haben! ... Er sagt zu sich: »Ich bin unzufrieden mit mir! Ich war toll. Ich habe mir selbst geschadet. Vor meiner Heftigkeit hatte ich ihr Herz so ganz, war ich ihrer Neigung so gewiß! ... Wird sie es vergessen? Wird sie es vergeben? ... Und wenn sie aufhörte, mich zu lieben?« Er kennt sie sehr wenig, wenn er an ihr zweifelt. Sie erwacht, öffnet die Augen mit einem halben, traurigsanften Lächeln, blickt um sich, und dann verbirgt sie, wie ein furchtsames Kind, einen Augenblick ihr Gesicht ... Ist sie wirklich sehr erzürnt? ... Nein, eher ein wenig verschämt ... Weshalb? Weil sie gelitten, und es scheint, sie hat große Neigung, ihn des Bösen wegen um Verzeihung zu bitten, das sie ihm getan hat. Sie will Frieden, sie will Liebe, und sie selbst macht Frieden, indem sie ihre kleine Hand in seine legt, mit einem Seufzer und diesem einen Wort: »Du Lieber! ...« Wer könnte da widerstehen? ... Es übermannt ihn; eine Träne benetzt seine Wimper ... Sie sieht es, umarmt ihn und macht ihm schmachtend diesen sanften Vorwurf, der einer Liebkosung gleichkommt: »Wie heftig du bist! Man kann dir nicht widerstehen ... O; du bist mein Herr, und ich liebe dich ... Aber ich fühle mich sehr matt. Meinst du, daß ich aufstehen könnte?« Sie ist langsam, sie ist träge, ein wenig schwerfällig diesen Morgen, sie, das schlanke, flüchtige Reh. Dennoch erhebt sie sich, die junge Dame, aber züchtig und sich streng verhüllend. Sie läßt sich so bald wie möglich in eine Chaiselongue sinken, wo sie, matt und zerschlagen, sich strecken kann. Und beim ersten Blick in den Spiegel: »Mein Gott, wie häßlich bin ich!« Lebhafter Widerspruch; aber sie wiederholt es. Sie bei Tische vor einem frivolen Publikum, vor spottlustigen Freunden, eifersüchtigen Freundinnen, neugierigen Brüdern und Schwestern erscheinen zu lassen, wäre eine Barbarei. Spart ihr diese Ausstellung. Wie dankbar wird sie euch dafür sein, daß ihr dem vorgesehen, ihr Ruhe und Einsamkeit verschafft habt! Selbst eine Mutter setzt dann in Verlegenheit. Wie sehr man sich freut, sie zu sehen, man antwortet ihr nicht gern auf diese oder jene Frage; denn das Geheimnis gehört von jetzt an Zweien. Sie kann nicht eine gute, vertrauensvolle Tochter sein, ohne zu viel von ihrem Manne zu sagen. »Nein, beruhige dich, fürchte nichts. Niemand wird kommen ... Stärke, kräftige dich durch dieses leichte, warme Frühstück ... dann mußt du mir die Freude machen, dir dein Haus, deinen Garten zeigen zu dürfen.« In diesem Augenblick sollte es mir nun leid thun, wenn ihr ein reiches Mädchen geheiratet hättet. Sie sind so schwer zufriedenzustellen! Die hübschesten Sachen entlocken ihr kaum ein Lächeln, und dieses Lächeln sagt deutlich genug: »Nicht übel, aber ich habe es schon viel schöner gesehen.« Diejenige im Gegenteil, die nur an Schönheit, Geist und Tugend reich ist, die in ihrer Bescheidenheit mit dieser großen Mitgift nichts mitzubringen glaubt, die ein ärmliches Leben mit einem behaglicheren Zustande vertauscht – sie ist allerliebst in ihrer Freude, ihrer naiven Überraschung, in dem Vergnügen, welches sie empfindet, alles zu beschauen, zu berühren, sich anzueignen, zu sagen: »Da wären wir denn also bei uns.« Und wieder: »Reizendes Häuschen, ... es ist an alles gedacht. Wahrhaftig, man möchte sagen, daß alles dies für eine Frau eingerichtet und besorgt sei.« Glaubt doch nicht, daß es das Teure und Kostbare ist, was einer Frau gefällt und ihr zum Herzen spricht! Durchaus nicht. Was ihnen am meisten behagt, ist, was die Dinge so recht eigentlich der Hausfrau in die Hand giebt, was es ihnen möglich macht, die Gegenstände zu rangieren, aufzubewahren, wohl zu verpacken und zu verteilen mit der Ordnung und Nettigkeit, wie die Frau es liebt: große Wandgelasse, tiefe Schubladen, tüchtige eichene Schränke, um Wäsche und Leinenzeug unterzubringen. Geheime Kästchen und Fächer lieben sie alle, besonders die, welche nichts zu verbergen haben. Verschieden gestaltete Möbel, Sitze von allen Formen und jeder Höhe, bis zu den niedrigen Kinderstühlen, das gefällt ihnen und mit Recht. Die Frau, welche viel sitzt, muß wenigstens die Stellung bei der Arbeit verändern können; das sind die Freiheiten einer freiwilligen Gefangenen. Gute Teppiche (die übrigens nicht kostbar zu sein brauchen), aber dick, mit weichen Unterlagen doppelt und dreifach gefüttert, überall hin verbreitet, auf den Treppen selbst, sind dem kleinen Frauenfuß gerade recht, der den zarten Widerstand, die Heimlichkeit und weiche Elasticität derselben so wohl zu schätzen weiß. Und überdies haben sie den Vorteil, ihr die Nähe des Feuers weniger nötig zu machen. Keine Öfen, sondern Kamine. Ofen und Migräne sind gleichbedeutend. Das Feuer von Holz: es ist heiterer, gesünder. Der unendliche unsichtbare Kohlenstaub schadet dem Manne, welcher aus- und eingeht, wenig, desto mehr aber der Frau, die meistens auf die Stube beschränkt ist und zuletzt ihre Lungen damit anfüllt. Glücklicher Augenblick, wo man ihr die Schlüssel in die Hand giebt! Ein sicheres Mittel, sie ökonomisch zu machen (wenn sie allein bleibt, ihrer natürlichen Klugheit überlassen), ist, daß sie alles unter ihren Händen hat und die Ausgaben selbst besorgt. Von dem Augenblick an giebt es für sie keine kindischen Gelüste mehr. Wenn etwas sie besonders reizt, so sagt sie: ich könnte es wohl kaufen ... morgen ... und morgen denkt sie nicht mehr daran. Vergessen wir indessen nicht, daß ein Mädchen aus dem besten Hause manchmal eine verschwenderische Mutter verläßt, die sie verzogen hat, oder eine despotische, die ihr untersagte, sich um die häuslichen Angelegenheiten zu bekümmern, und sie über den wahren Wert der Dinge und des Geldes in Unwissenheit ließ. Da ist denn dringend nötig, daß man sie unterrichtet und sie lehrt, sich vor den Betrügereien der Verkäufer, den Diebstählen der Dienstboten u.s.w. zu schützen. Übrigens wird sie es sehr gut finden, wenn der Gatte, indem er ihr nach und nach die Bestimmung der Einzelheiten überläßt, die Leitung der Interessen des Hauses im großen und ganzen, die Aufstellung des Budgets für sich behält. Sie lieben nicht eben die Männer, die alledem entsagen. Mit allerliebstem Widerspruchsgeist verlangen sie, Herrinnen zu sein, und dabei, daß der Mann Herr, das heißt, daß er stark und würdevoll sei. Sie finden oft ein Vergnügen darin, ihn selbst in Frauensachen um Rat zu fragen, und wollen, daß er befehle, entscheide. Es liegt eine gewisse Wollust in diesem Gehorchen, in diesem Gefühl, daß jemand sie ganz und gar besitzt, sie mit seiner fürsorglichen Kraft umfängt und vielleicht auch manchmal seine Macht etwas empfinden läßt. Kommen wir zum Hause zurück und steigen wir in den Garten hinab. Und zuvor, könntet ihr der kleinen Frau nicht mit einigen Pfeilern, einem leichten Zinkdach zwischen dem Hause und dem Garten eine kleine offene Galerie schaffen, einen kleinen Portikus für den Winter, wo sie bei schönem Wetter in der Sonne arbeitet oder sich ergeht; einen anderen für den Sommer, wo sie im Schatten näht, stickt und liest, vor einem Bassin beim Plätschern des Springbrunnens? Ein kleiner Zufluchtsort, der so wenig kostet und für unser wechselndes Klima so notwendig ist! Wie das alles sich verändert hat! Wie reizend dieser einsame Garten durch sie geworden ist! Welch süßes Licht ihn überströmt und verklärt! Wahrlich! die Dinge sind keine Dinge mehr. Alles hat sich beseelt, um sie zu begrüßen, zu segnen. Da ist kein Stein in der Mauer, der sich nicht freute, sie zu sehen. Die Blumen schauen sie an mit den freundlichen Kinderaugen und bewundern sie. Die Kräuter da unten tief an der Erde blühen auf, wenn ihr Fuß sie berührt. Auch sie ist entzückt, bezaubert von dem Orte. Hier ist sie nun, hier will sie bleiben. Nie wird sie verlangen, daß dieser Zauber sich wieder löse. Versunken in Liebesgedanken, läßt sie dich sprechen, ohne zu antworten; sie trinkt den Thau deiner Worte, wie der stumme Rasen das Wasser der plätschernden Quelle. Ihr bewegter, stummer Mund ist voller Beredsamkeit; beredter noch ihr bewegter Busen, der so sanft sich hebt und senkt und wieder hebt. Sie stützt sich im Gehen auf deinen Arm, und indem sie sich nach und nach, die Hände faltend, dir ganz überläßt, sich an dich hängt, macht sie sich beinahe schwer ... Es ist Zärtlichkeit ohne Zweifel, auch Müdigkeit und die Hitze des Tages ... Das holde Kind läßt sich gehen, läßt sich ein wenig tragen, indem sie mit einem Seufzer sagt: »Ach, wie ist mir wohl bei dir!« * V. Je enger der häusliche Kreis, desto besser. Liebe erweckt Gegenliebe und nimmt stetig zu. Das Geheimnis, sich sehr zu lieben, besteht darin, sich sehr viel miteinander zu beschäftigen, viel zusammen zu leben, so nahe wie möglich, so viel wie möglich. »Wie! und wenn man sich langweilte, so wäre das Gegenteil der Fall, so würde man anfangen, sich zu hassen?« Ja, wenn ein Wechsel von Einsamkeit und dem Treiben draußen, wenn das wirre, müßige, in Kontraste zerstückelte Leben die Seele nicht zur Ruhe kommen läßt; aber nicht, wenn eine einige, einfache, zwischen Liebe und Arbeit geteilte Existenz die eitlen Zerstreuungen ausschließt und euch mehr und mehr in die beständige Vereinigung zusammendrängt, wo der eine nur in dem anderen, durch den anderen, mit dem anderen denkt, lebt und genießt. In der alten Stadt Zürich hörte der Magistrat, wenn zwei in Unfrieden lebende Ehegatten kamen, auf Scheidung anzutragen, sie nicht an. Bevor er seinen Spruch gab, schloß er sie drei Tage in ein Zimmer ein, in welchem sich nur ein Bett, ein Tisch, eine Schüssel, ein Glas befand. Man reichte ihnen die Nahrung, ohne sie zu sehen, ohne mit ihnen zu sprechen. Wenn man ihnen nach drei Tagen das Zimmer öffnete, wollte keines von ihnen mehr von dem anderen geschieden sein. Schon die Verteilung unserer Zimmer in den modernen Häusern macht eine Vereinigung unmöglich. Diese Menge von kleinen Räumen teilt den Haushalt, zersplittert die Familie, isoliert die Gatten. Dafür bringt uns das Übereinandertürmen von Stockwerken in den ungesunden Kasernen, in die wir uns einschließen, alle Augenblicke mit Fremden in Berührung. Der Herr arbeitet in seinem Zimmer, Madame langweilt sich oder schwatzt mit Frauen, die sich Freundinnen nennen, – auch in ihrem Zimmer Er muß eine Arbeitsstube haben; sie ein Boudoir (Schmollwinkel) – sehr bezeichnend; zwei Schlafstuben, so daß man sich zu jeder Stunde ignorieren und ausweichen, sich zur Not voreinander abschließen kann. Kaum daß sie der Speisesaal, das Wohnzimmer auf Augenblicke vereinigt; aber die Besucher, die Gäste nehmen sie in Anspruch und gönnen ihnen keine Ruhe; man hat nicht nötig, sich zu sprechen, kaum, sich zu sehen. Ich rate den Gatten, klüglicherweise Riegel an ihre respektiven Thüren machen zu lassen um sich voreinander sicher zu stellen. Weshalb die Scheidung wieder einführen? eine solche Ehe kommt auf dasselbe hinaus. * Ach! sollte nicht, wer liebt, die Wohnung des Tischlers, meines Nachbars, beneiden, der überhaupt nur ein Zimmer hat! Während er hobelt, singt seine Frau, die Wäscherin ist und den ganzen Tag plättet. Manchmal vergaß ich, was ich vorhatte, um ihrer starken, wohlklingenden, frischen und reinen Stimme zuzuhören. Sie sang manchmal sehr laut und störte mich ein wenig, aber doch sagte ich: »Singe, singe, arme kleine Lerche!« * »Ein Tischler – da mag das gehen. Aber meine Arbeiten sind so bedeutender Natur, behandeln so wichtige Gegenstände ... Ich, ich bin ein Denker. Jede Störung zieht mich ab von meinen tiefen Meditationen.« Tiefe Meditationen. Sehr tief; zu tief – vielleicht auch hohl. Eure Werke, die Werke dieser Zeit, sind meistens unfruchtbar, geistreich, ich gebe es zu, aber so leblos, so trocken, so selten rein menschlich. Der Autor verliert in jedem Augenblicke die Welt des Herzens und des gesunden Menschenverstandes aus den Augen. Ein wahrhaft menschliches Werk, ein starker, lebhafter Gedanke, ein Gedanke, der Nerv hat, – läßt sich nicht so leicht verwirren. Sein mächtiger Schwung reißt mit sich fort, und eignet sich an und assimiliert sich alles, was ihn hätte stören können. Um wie viel leichter, wenn das, was man Störung nennt, das Herz eures Herzens ist, eure Liebe und die geliebte Frau. Alles das ist nur eines, macht nur eines. Kann sie von einer Arbeit abziehen? kann eine Arbeit von ihr abziehen? Beides ist unmöglich. In den scheinbar entlegensten Gegenstand mischt sie sich noch durch die Wärme der Liebe, welche von ihr in ihn überströmen wird. * Ich habe die niederländischen Gemälde gern; ich finde dort in jedem Augenblick jenes reizende Durcheinander von Studium und Häuslichkeit, durch welches diese geadelt, jenes erwärmt und befruchtet wird. Jedermann hat im Louvre den heiligen Joseph von Rembrandt gesehen. Aber ich bin nicht minder entzückt von seinem kleinen Philosophen. Bei einem bleichen Sonnenuntergänge sitzt ein Greis nahe an einem Fenster, in welchem ein großes Buch liegt; er liest nicht mehr, aber er meditiert und brütet über seinen Gedanken. Scheinbar hat er die Augen geschlossen, aber er sieht alles. Er sieht die gute Dienerin, welche das Feuer anschürt. Er sieht seine Hausfrau (die sich kaum von dem dunkeln Hintergrunde abhebt) die gewundene Treppe herabkommen. Man ahnt, daß diese friedlichen Bilder sich mit dem Frieden seiner Gedanken mischen. Hinter ihm enthält ein verschlossener Keller einige Fäßchen alten, guten Weines, der manchmal sein gutes altes Herz erfreut. Da habt ihr den vollen Menschen, der die Weinlese seines Lebens gehalten hat und nun den Most in Wein verwandelt. Wenn jenes Buch die Bibel ist, so bin ich überzeugt, daß der gute Mann sich das beste daraus nimmt. Er ist dazu angethan, Tobias, Ruth und die Patriarchen zu verstehen. Er wird seine Zeit nicht über eitlen und unfruchtbaren Dingen verlieren, und nicht, wie gewisse andere, nach dem Geschlecht der Engel forschen. Derselbe Mann hätte in einer Klosterzelle wie Skotus oder St. Thomas die Bibel kommentiert, mit subtiler Gelehrsamkeit jedes Härchen spaltend und alles Leben sorgfältig tötend. Hier ist das Gegenteil der Fall, und weshalb? Der Haushalt, die Familie, die Liebe führen ihn stets zu der Wirklichkeit zurück. Alles, was in der Geschichte jener grauen Tage zum Herzen spricht, das wird in ihm wieder jung und neu, denn er belebt es mit seinem Herzen. Ein Umstand, den zu beobachten uns entzückt, und den ich oft voller Freude bei meinen fleißigsten Freunden gesehen habe, ist die unendliche Zartheit, mit welcher die junge Frau in einem engen Lokale geht und kommt und sich um den Arbeitenden herum bewegt, ohne ihn jemals zu stören. Jeder andere hätte es gethan; aber » Sie ,« sagt er, »sie ist niemand ...« In der That, sie ist er selbst noch einmal, eine zweite, bessere Seele. Sie hält ihren Atem zurück und geht auf den Zehen. Leicht, wie sie ist, schwebt sie über den Boden. Sie hat solche Achtung vor der Arbeit! ... O, mit Bewunderung muß es uns erfüllen, zu sehen, welch zartes, seines und vor allem liebevolles Wesen die Frau ist, sie, die keinen Augenblick gerne ohne den Geliebten zubringt. Wenn er sie duldet, wird sie still, ganz still, nähend oder stickend in einem Winkel sitzen bleiben. Wo nicht, so wird sie tausend Gründe finden, die es ihr notwendig machen, in das Zimmer zu kommen. »Was thut er? und wie weit ist er? ... Er arbeitet vielleicht zu viel! er wird sich krank machen!« Dies alles beschäftigt sie fortwährend. Es giebt sehr viele Studien, wo sie sehr viel mehr hinzubringt, als sie zu nehmen imstande ist. Glaubt ihr, daß die reizende Elektricität, die von ihr ausströmt, wenn sie vorbeigeht und ihr Gewand euch leicht streift, für den Künstler, den Schriftsteller verloren ist? In die unfruchtbare, trockene Arbeit, die nicht von der Stelle wollte, mischt sich dieser Duft aus der Blume der Liebe, der alles wieder belebt. So legen die alten italienischen Gemälde in einen Totenschädel die Centifolie. Der Tod selbst verliert dadurch sein Schreckliches. Wie glücklich macht es ihn, zu fühlen, daß sie da ist! ... Er thut, als ob er sie nicht sähe. Er bleibt über seine Arbeit gebeugt, wie darin versunken ... Aber sein Herz strömt über und er ruft: »O Liebe, o Holde, o meine Rose, komm nur frei heran ... Deine harmonischen Bewegungen, deine melodische Stimme, die mein Ohr entzückt, – sie entzücken auch mein Werk, und es wird deine Anmut, das Feuer meines bebenden Herzens haben.« »Noch hatte ich dich nicht in diesem Zimmer gesehen, als ich deine Nähe an der Wärme meiner Arbeit spürte, an dem neuen, hellen Lichte, das sich in meiner Seele entzündete.« »Und nach tausend Jahren wird man sagen: O des lebensvollen, liebevollen, noch glühenden Werkes! ... Aber das macht, sie war bei ihm!« VI. Die Tafel. Alles muß zum voraus geordnet und bedacht sein, damit eine so große Wandelung sanft sei für die junge Frau und ihre Diät als Mädchen wenig und langsam verändert werde. Man muß sich wohl hüten, sie auf einmal von den Früchten, welche die meisten jungen Mädchen vorziehen, übergehen zu lassen zu der derben Nahrung des Mannes. Sie würde davon krank werden. Nichts ist unsinniger, als was wir so häufig in Nachahmung der Engländer thun sehen, eine müßige, viel sitzende Frau mit schweren Fleischspeisen zu ernähren, die kaum für den Arbeiter, für den thätigen Mann, der immer in Bewegung ist, notwendig sind; eine aufregende Diät, welche die Frau nur dadurch erträgt, daß sie die größere Aufregung der geistigen Getränke hinzufügt. Von da an datiert sich der Verfall ihrer Schönheit – ihr schnelles, vorzeitiges Verblühen – datiert sich der endliche tiefe Verfall der Rasse. Du mußt deiner jungen Französin die Gewohnheiten der Kindheit bewahren, dieselben nur allmählich verbessern und dafür Sorge tragen, daß sie es vom ersten Tage an in ihrem neuen Hause so findet, wie sie es bei ihrer Mutter hatte. Du hast dafür gesorgt, ich bin dessen gewiß, ich kenne ja dein Herz. Seit langem weißt du durch ihre Mutter, ihre Amme, durch den Hausarzt vielleicht, wie ihre physische Natur beschaffen ist. Um ihr das Nestchen Wohl zu bereiten, mußte dir alles bekannt sein: ihre Gewohnheiten, der durchschnittliche Zustand ihrer Gesundheit, ihre kleinen Unpäßlichkeiten, alle ihre Umstände als Frau. Man muß sogar, ohne eine lästige Nachforschung zur Schau zu tragen, die Familiengeschichte ein wenig durchgehen, wie die Rasse ist, aus der sie stammt; muß die Krankheiten kennen lernen, die dort vorgekommen sind und wieder vorkommen könnten. Von dieser Kenntnis wird die Regelung ihrer Lebensweise abhängen und so viel wie möglich eure Nahrung, deine Vorliebe für Gerichte, die ihr gut bekommen und ihre Gesundheit bewahren können. Viele und gerade die liebenswürdigsten kommen sehr schwächlich in die Ehe, zu sehr verfeinert durch die Rasse, kränklich von Geburt, oder infolge der schlechten Diät. Der, welcher eine so zarte Blume in sein Haus aufnimmt, sieht häufig, daß sie nicht fähig ist, die Last der Mutterschaft zu tragen. Bevor man von ihr ein Kind haben kann, muß man sie selbst erst kräftigen, das arme Kind, und machen, daß sie wirklich Frau wird. Man muß erst ihre Mutter sein, bevor man ihr Gatte sein kann. * Mütter und Wärterinnen begehen oft die Thorheit, daß sie die Kinder zu viel essen lassen, auf die Gefahr hin, sie krank zu machen. Wenn sich eins bis zur Indigestion vollstopft, so sind sie entzückt: »Das schlägt bei ihm an,« sagen sie. Ich habe das wunderliche Schauspiel gesehen, daß leidenschaftliche Mütter ihren Sohn baten und nötigten, über das Maß zu essen und zu trinken, und dann bei jedem Bissen die Lust bezeigten, die sie selbst dabei empfanden. Sie waren gierig für ihn, lüstern für ihn. Die Liebe hat ähnliche Wirkungen. Als ich eines Tages bei einem außerordentlich mäßigen Freunde zu Mittag speise, sehe ich, daß er beim Nachtisch in eine gewisse Bewegung gerät: einem Feinschmecker zu vergleichen, dem man sein Lieblingsgericht bringt. Hier war keine Ursache, kein Vorwand dazu. Ich saß ihm gerade gegenüber und bemerkte, daß seine junge Frau eine Frucht aß, welche sie sehr liebte. Er starrte diese Frucht an, wurde rot, geriet in Verwirrung. Ich begriff den Zusammenhang. Er selbst machte kein Geheimnis daraus. »Ihr Vergnügen fühlte ich so sehr mit, daß ich mich nicht beherrschen konnte ... Ich lebe in ihr, und alles, was sie empfindet, empfinde ich selbst noch viel mehr.« Dies sind zu starke Regungen der Natur, die man wohlthut, vor der Frau zu verbergen. Es müßte sie verwirren. Eine solche Physische Identität der Begierden und Funktionen würde dem schwachem Teile schädlich werden. Sie würde in deiner Flamme schmelzen. Sei ruhig, ich bitte dich, mäßige dich, sei weise, schone sie, überstürze nichts. * Wie grundtief ist diese Vereinigung bei Tische, vor allem in einer kleinen Wirtschaft, wo man zu Zweien ißt, wo die Dienerschaft nicht dazwischentritt, oder doch kaum! Der Mann ernährt seine Frau, bringt jeden Tag, wie der Vogel der Legende, das Brot Gottes seiner geliebten Einsiedlerin. Und die Frau ernährt den Mann. Seinem Bedürfnis, seiner Arbeit, seinem ihm bekannten Temperament paßt sie die Nahrung an und ihre Liebe hat nicht weniger Anteil an der Bereitung der Speisen, als Feuer und Salz; er spürt es, daß die geliebte Hand dies Gericht bereitet hat. So ernähren sie sich denn gegenseitig. Jeder von ihnen fühlt entzückt, daß keins seiner Atome ihm gehört, daß Tag für Tag alles durch das geliebte Wesen erneuert und wiederbelebt wird. Aus dem Gesetz, welches wir hart und gemein fanden, aus des Leibes Nahrung und Notdurft, weiß die Natur das süßeste Band für uns zu weben, eine tiefe Poesie der Herzen, welche die Vereinigung zur Einigkeit macht. Wer könnte entscheiden, ob die Gatten mehr durch diese ruhige, sanfte Vermählung sich vermischen, oder durch das Entzücken der Lust? In der gegenseitigen Ernährung, wie in der Fortpflanzung, findet gleicherweise ein Tausch, eine Auswechselung des Wesens statt. * Da sitzen sie denn an der Tafel einander gegenüber und essen zum erstenmale zusammen. Da sitzest du nun vor ihr, entzückt und kaum imstande, die Augen von ihr abzuwenden. Sie hat während deiner kurzen Abwesenheit an dich gedacht; sie hat hübsch sein wollen; sie ist ein wenig geschmückt. Und womit? mit einer Kleinigkeit, einer Gartenblume etwa, die sie in ihr Haar gesteckt hat. Schon dieser eine Tag hat sie gefördert; sie ist ein anderes Wesen; ihre Farbe ist ein wenig lebhafter geworden. Das hübsche, leidende Mädchen ist eine anziehende Frau; sie lächelt mit bescheidenem Ernst, sie ist schon ganz Madame . Sie ist nicht eben hungrig. Ein wenig Gemüse, Früchte, Milchspeise – das mag sie gern. Dein Fleischessen zieht sie durchaus nicht an. Sie schaudert vor dem Tode, vor dem Blute zurück; sehr natürlich, ist sie doch selbst die Blume des Lebens. Deswegen besonders muß sie jenes Landmädchen haben, von dem ich vorhin sprach. Sie bereitete dir gern selbst deine Speisen, aber eine blutige Küche würde sie mit zu großem Abscheu erfüllen. Auch ist sie für die groben Arbeiten zu zart, die für die junge, rüstige Bäuerin nichts sind, und derselben noch Zeit genug für den Garten lassen. Die Küche ist Heilkunst, die beste Heilkunst, die vorbeugende. Deswegen ist sie die rechte Arbeit für die Gattin, die allein wirklich weiß, was der Mann bedarf, und seine Arbeit kennt. Mit allem, was sauber ist und für sie nichts Abstoßendes hat, mit allem, was ihre hübsche Hand nicht rauh macht, mit allem, was mit der Hand selbst berührt werden muß, ist es wünschenswert und angenehm, daß sie sich selbst befasse. Diese Pasteten, diese Kuchen, diese Cremes können nur von der bereitet werden, die man liebt, und nach der man verlangt. VII. Sie müssen sich selbst bedienen. Ich schreibe nicht für die Reichen, die ihr Leben nach Belieben mit tausend langweiligen und gefährlichen, sonst ganz bedeutungslosen Dingen verwirren, die vor ihren Dienstboten (lies: ihren Feinden) leben, die, von hassenden und spottenden Augen bewacht, essen, schlafen und lieben. Bei ihnen giebt es keine Herzlichkeit, kein Geheimnis, keinen häuslichen Herd. Und unglücklicherweise kann ich auch nicht für die Armen schreiben, die keine Zeit und keine Freiheit haben, die durch die Wucht der Verhältnisse beherrscht und erdrückt werden, bei denen die unaufhörliche Arbeit die Stunden regelt und hetzt. Was kann man dem raten, der nicht frei ist? Ich schreibe für die, welche ihr Leben mit einer gewissen Freiheit einrichten können, für den Armen, den die häusliche Arbeit vor Not schützt, und für die freiwilligen Armen, das heißt für die wohlhabenden Leute, die Verstand genug haben, einfach ohne Dienerschaft zu leben und das wahre Glück der Häuslichkeit zu genießen. * »Zu Zweien leben und nicht zu Dreien,« ist ein wesentlicher Grundsatz, wenn man den Frieden des Hauses bewahren will. Ein Mädchen vom Lande, das zur Hilfe da ist, stört das Beisammensein nicht. Wenn ihr das Glück habt, ein kleines Hans zu bewohnen, so wird sie in dem Erdgeschoß ihre Küche, ihren Waschraum nahe beim Eßzimmer haben und selten in den ersten Stock hinaufkommen. Dieses Mädchen ist nicht immer allein; ihre Herrin kommt, vorzüglich während eurer Abwesenheit, zu ihr hinab und spricht mit ihr freundlich über Dinge, die das Fassungsvermögen einer Bäuerin nicht übersteigen. Sie lehrt sie lesen, stutzt sie ein wenig zurecht. Auch hat sie den Garten, die Katze, den Hund, die Hühner, mit denen sie sich amüsiert und ganz allein unterhält, wie sie es auf dem Lande zu thun pflegte. Das brave Mädchen, brav wie es ist, ist darum nicht weniger Mädchen, das heißt neugierig. Deshalb wird sie, wenn sie zu ihrem Zimmer im Giebel des Hauses hinaufsteigt, nicht verfehlen, das Auge an das Schlüsselloch zu legen und zu behorchen, was man drinnen spricht. Eine Doppelthür und ein kleines Vorzimmer müssen deshalb das Gemach von der Treppe, wo sie hin und wider geht, lauscht und beobachtet, scheiden. »Aber,« sagt uns die Dame, »wie kann mir dieses Bauermädchen meine Julie ersetzen, meine so geschickte Kammerfrau, die sich auf alles versteht?« »Geschickt? Aber Sie sind es nicht weniger. Ei, meine schöne Träge, seien Sie gerechter gegen sich selbst. Was die Gegenstände der Toilette anbelangt, so vertraue ich da gänzlich Ihren zierlichen Händen. Die Frau hat in diesen Dingen einen unerschöpflichen Schatz von Geist und Erfindsamkeit.« Und wenn es denn wirklich für andere zarte Dienste einer Kammerfrau bedarf, so will ich ihnen eine vorschlagen, die es nur zu gern ist, und deren Eifer hundertmal größer sein wird, als der Juliens, Lisettens und wie sie sonst heißen mögen, die berühmtesten ihrer Zukunft – eine, die überdies nicht böswillig ist, Sie nicht bei den Nachbarinnen verklatschen wird, nicht über Sie mit einem Liebhaber lachen, nicht, während Sie sprechen, die Zunge hinter Ihrem Rücken herausstrecken wird u. s. w. »Aber wo ist denn diese Perle? Ich nehme sie, gerade so eine brauche ich ...« Wo sie ist? Dicht neben Ihnen. Hier, o Königin, ist Ihr Unterthan, der bittet, zu diesem Dienste zugelassen zu werden; er wird zu einem höheren Range aufzurücken glauben, wenn Sie ihn zur Würde und zum Titel eines Kammerdieners erheben, zur feudalen Stellung eines Kämmerlings, Kammerherrn, Haushofmeisters, ingleichen eines Hausarztes (zum mindesten für die Diätetik); denn sein Eifer hat keine Grenzen. Alle diese Hofämter will er umsonst auf sich nehmen und noch überdies neben den Dienstleistungen der Männer die der Frauen thun, stolz und geehrt, Madame, wenn Ihre Majestät seine ergebensten Dienste anzunehmen geruhen. »Aber er ist zu sehr beschäftigt, er hat keine Zeit. Ich würde mich schämen, ihn für meine Person zu solchen Dingen in Anspruch zu nehmen ... Auch muß ich gestehen, alle diese kleinen Frauenangelegenheiten wollen mit Muße, gemächlich, nicht übereilt gethan sein. Alles dies muß ein wenig in die Länge gezogen und mit kleinen Plaudereien untermischt werden. Der Mann, welcher wahrhaft Mann ist, will alles überstürzen und nur schnell zum Ziele gelangen. Wir würden nichts Gescheites zustande bringen. Seine Dienstleistungen würden auf Liebkosungen hinauslaufen. Meine Toilette würde dadurch mehr gestört als gefördert werden.« Geheimnis für Geheimnis, Madame, Geständnis für Geständnis. Wißt, daß der beschäftigtste Mann sehr viel Zeit hat, überflüssige Zeit, sobald es sich um ein wirkliches Vergnügen handelt. Ich weiß nicht, welcher Römer – Feldherr, Konsul, Politiker, König der Welt mit einem Worte, wie es jene Leute waren – sehr Wohl die Zeit fand, jeden Morgen der Behandlung beizuwohnen, die man seinem Kinde angedeihen ließ, beobachtete, wie man sich bei seiner physischen Erziehung benahm, es waschen, ankleiden sah u. s. w. Heinrich IV. verabsäumte trotz seiner vielen Geschäfte an keinem Tage, sich genauen schriftlichen Bericht von allem erstatten zu lassen, was den Dauphin, der eben geboren war, betraf; ließ Stunde für Stunde durch einen geschickten Arzt konstatieren, wie das Kind aß, schlief, verdaute u. s. w. Unsere großen Männer von heute, die mehr beschäftigt sind, als die Imperatoren und Konsuln Roms, mehr beschäftigt als Heinrich IV., finden Zeit, täglich vier Stunden auf der Börse, im Justizpalast, im Café, was weiß ich? zu schwatzen; dann wo möglich noch sechs Stunden (ohne zuzuhören) im Theater zu schwatzen ... Nein, an Zeit fehlt es nicht. Sie fehlt nicht für die eitlen und albernen Gesellschaften, aus denen man gähnend und stets hohler zurückkommt. Sie fehlt nur zum Glücklichsein. Und hier ist nun ein Mann, der behauptet, daß er glücklich sein würde, wenn ihr ihm eine Stunde schenktet, mit der ihr nichts anzufangen wißt. Ihr seid sein Kind, sein Dauphin, sein Schauspiel, seine Oper, seine reizende göttliche Komödie . Göttliche – ich nehme das Wort nicht zurück. Ich schließe das aus der Andacht, mit welcher er Dingen beiwohnt, die ihr für niedrig oder kindisch haltet. Ihr lacht; er lacht nicht. An dem Tage, an welchem ihr ihm den Zutritt zu eurem Ankleidezimmer gewährt, seht ihr ihn verwirrt, ergriffen von religiöser Scheu. Niemals trat ein frommer Indier nach einer langen Pilgerfahrt in andächtigerer Stimmung in die heilige Pagode. Neugierig, aber vor allem zärtlich, erfüllt von einem ehrfurchtsvollen Verlangen, im voraus bewundernd, anbetend ... O! fürchtet euch doch nicht vor ihm! Welche Frau, und war sie noch so ergeben, betrachtete euch jemals mit so parteilichem Auge? ... Glaubt ihr, daß diese Julie, diese so sehr bedauerte, so schmeichlerische, zuthunliche Julie (ich sage es ganz leise) nicht an eurer allerschönsten Person diesen oder jenen kleinen Makel bemerkt, daß sie nicht darüber gelacht habe? Das Auge dieses Mannes ist im Gegenteil so beschaffen, daß er nur Vollkommenes, durchaus Schönes sieht. Wie sein Blick auf euch ruht! und wie dieser Blick schmeichelnd und liebevoll ist – und das alles so rein! Es giebt nichts Reineres, als die wahre Liebe. Montaigne sagt irgendwo, daß der Anblick von Leuten, die sich wohl befinden, die Gesundheit mitteile und bewirke, daß man sich ebenfalls wohl befinde. Ich ändere daran nur ein Wort; ich sage, daß es der Blick der Liebe ist, der Glück bringt und die Schönheit erblühen macht. Daher kommt es, daß die junge Frau sich so schnell reizend entfaltet. Der Blick der Liebe hat sie getroffen. Heiliges Wesen, fürchte nichts! Du wirst angebetet, und wenn du dir das Herz rein erhältst, wirst du es immer sein. Ja, so lange dieses Auge voll Feuer und zugleich voll Ehrfurcht auf dir ruht, kannst du niemals von deiner göttlichen Höhe herabsteigen. Du wirst deinen Altar nicht verlieren; du wirst eine Gottheit bleiben. * Ach! (spricht sie bei sich, denn sie würde es keinem Ohr anzuvertrauen wagen), ach! wie es anfangen, eine Gottheit zu bleiben! Und ist es nicht die natürliche Wirkung eines so vertrauten Umgangs, wo man der zärtlichen Aufmerksamkeit dessen, den man liebt, in keinem Augenblicke entgehen kann, daß man die gewöhnlichen und niedrigen Seiten des Lebens aufdeckt? Wer ist sicher, die vierundzwanzig Stunden des Tages poetisch zu sein? nicht durch die unerbittliche Natur von dem hohen Ideal zur Prosa herabgestürzt zu werden? Und Prosa ist noch zu viel gesagt. Bei einem fortwährenden Gegenüber mag die Stolzeste sich verhüllen, wie sie will; in irgend einem unvorhergesehenen Moment kommt die Menschlichkeit zum Vorschein, und sie ist gedemütigt. Wahrer Mädchenaberglauben! Tiefe, vollständige Unwissenheit über die Wirklichkeit der Dinge! Die, welche die Liebe kennen, wissen sehr wohl, daß der Hochzeitsstrauß sich dadurch nicht entblättert. Keines dieser natürlichen, unschuldigen Dinge wirft einen Makel auf die Geliebte. Wenn ihr wissen wollt, wie die Frau von dem Ideal zur Prosa herabsinkt, so will ich es euch sagen. Nicht dadurch, daß sie sich als Frau zeigt, daß sie sich naiv zu dem bekennt, was wir sind, zur Menschheit – sondern dadurch allein, daß sie sich kalt und eitel zeigt, dadurch, daß sie vor diesem Auge, welches so blind ist in gewissen Dingen und so scharfsichtig in anderen, ihre moralische Haltlosigkeit aufdeckt. Man glaubt, daß die Übersättigung die Liebe töte; man sieht es nicht ein, daß diese Übersättigung viel häufiger nicht aus dem Zuviel, sondern aus dem Zuwenig hervorgeht; aus dem Gefühl, daß man nicht bis zu dem Herzen der Geliebten kommen, nicht die Seele erfassen wird, die leer und eitel und oberflächlich ist; daß man graben wird, ohne auf den Grund zu gelangen. Dieses Mädchen, gestern so geputzt, das sich bis zum Tage ihrer Hochzeit keine Mühe verdrießen ließ, um zu gefallen, ist heute als Frau bei ihrer Toilette wie paralysiert. Kaum, daß sie einige Sorgfalt auf sich verwendet. Aber die Neuvermählten werden eingeladen; heute Abend großer Ball! Im Nu ist sie, als gelte es eine zweite Hochzeit, lebendig, munter, voll Eifer und niemals genug geputzt. Die so gläubige und noch eben so blinde Liebe bekommt hier die Gabe des zweiten Gesichts; sie übersetzt diese Nachlässigkeit der ruhigen Tage in: »Genug und zu viel für meinen Mann«; und diesen Putz für den Ball in: »Ich will gefallen, aber vorzüglich den anderen.« Nun wohl, das kühlt ihn ab, und mit seinem frommen Glauben ist es vorbei. Gemeines, leichtsinniges Weib! Hier ist das Ideal gefallen, um sich nie wieder zu erheben. Der Eindruck ist ein ganz entgegengesetzter, wenn der gerührte Beobachter für das Beisammensein diese oder jene zarte Sorgfalt in der Toilette, für die Stunden der Einsamkeit dieses oder jenes Zeichen unschuldiger Gefallsucht wahrnimmt. »Für die anderen nichts, alles für dich,« das ist der Sinn davon. Wo die Empfindung so lebhaft spricht, bedarf es keiner Worte. Die Liebe fühlt sich hier auf einem sicheren Boden und wird dort starke und tiefe Wurzeln treiben. Fürchtet nichts für das Ideal; es wird sich fort und fort durch die Poesie und durch die Wirklichkeit befestigen. Aber weshalb sie unterscheiden? Beide sind eines, wenn man liebt. O, erkaltetes Geschlecht! schwache, furchtsame Frauen, wie wenig kennt ihr eure eigene Macht! wie wenig wißt ihr, wie kräftig die Liebe ist, und wie sie über dergleichen lacht; wie wenig Gewicht hat für sie, was euch so viel Sorge macht! Alles ist Poesie in der Häuslichkeit und alles Natürliche geadelt in dem geliebten Wesen. Alles, was er für die Geliebte thut, kleidet den Stolzesten gut, und sie, des Hauses Königin, verrichtet Königswerke, sie thue, was sie wolle. Sie sind eines des anderen Diener, aber mit diesem Unterschied: sie dient überall der Wirtschaft und dem Hause; er ihr selbst. Demütige Verrichtungen! Nennt sie lieber stolze, huldvolle, gnadenreiche! Erinnert euch der guten Theorie des Vasallentums: Die Würden richten sich nach der Gelegenheit, welche sie geben, der königlichen Person zu nahen und ihr zu dienen, nicht in Sachen des Staates, sondern in Sachen der Person. * VIII. Diätetik. Junger Mann mit deinem treuen und liebevollen Herzen, wisse von vornherein, daß es deine heiligste Pflicht ist, dir von Anfang an den naiven Glauben deiner jungen Gattin, ihre achtzehn Jahre, den herrlichen Reichtum an gutem Willen, den sie mitbringt, zu nutze machen, um dich ihrer im moralischen und physischen Sinne vollkommen zu bemächtigen, indem du ihren Körper nimmst, und ihren Geist, – ihren Geist, um ihn zu befruchten, aufzuklären, zu erweitern, – ihren Körper, um ihn zu stärken, ihn vorzubereiten auf den großen Kampf, den sie bald zu bestehen haben wird, ich meine auf die harte Prüfung der Mutterschaft. Eure Gemeinschaft ist weit über das Maß alles dessen, was du geträumt und geahnt hast. Das geistige und das körperliche Dasein werden sich so bei euch vermischen, daß dir die gleichgültigsten Dinge, zwischen ihr und dir, wunderbar merkwürdig in Leid und Lust werden. Auch den scheinbar geringfügigsten Umstand darfst du nicht für zu geringfügig, keine Kleinigkeit für zu klein halten. Alles ist von den größten Folgen für eure Zukunft. * Beeile dich, ihr Herr zu werden; denn in kurzem, ich sage es dir voraus, wird sie deine Herrin sein, zum mindesten durch die Gewohnheit, und wird dich so auf alle Weise fesseln. Ja, je sanfter, lenkbarer, demütiger die Frau ist, desto mehr umstrickt sie, fesselt sie, durch leichte, unsichtbare, schwache Bande, die aber von unglaublicher Macht sind. Im Anfang sind sie ein federleichtes, anmutiges Netz, wie die Sommerfäden, die im Winde fliegen und doch, einmal hängen geblieben, so fest haften. Dann sind sie wie die Ranken der Rebe, die kleinen, unendlich zarten Händchen, die sie ausstreckt, und die doch schon so gut zu greifen verstehen. Zuletzt, mein Freund, werden sie wirken mit der Kraft der Schlingpflanze, die den einmal erfaßten Eichstamm so drückt und zwängt, daß sie einschneidet, und mit ihm zusammenwächst. Das Beil vermöchte hier nichts mehr; willst du die Pflanze entfernen, mußt du ins Herz des Baumes schlagen. Nun wohl, dies alles ist nichts im Vergleich mit einer Frau, die, bei der Einsamkeit eures Lebens, von euch genährt, euch nährt, die euch durch das Haus, den Herd, das Bett, die Kinder, zuletzt durch die Gemeinsamkeit fast aller Ideen fesselt, die, sich euren Launen fügend, euch durch ihre Gefälligkeit, ihre Schmiegsamkeit einnimmt, und euch für einen Augenblick der Leidenschaft die Unendlichkeit einer reinen Liebe giebt. »Um so besser,« sagst du, »möge sie mich fesseln! das erschreckt mich nicht im mindesten; ich wünsche es sogar ...« Gut; aber du thust wohl, meinem Rate zu folgen und sobald als möglich diese frische, gewaltige Kraft, die in wenigen Jahren ohne besondern Aufwand von Kunst oder Schlauheit dich besiegen und in sich ziehen wird, zu der deinen zu machen. Dies nun würde das größte Unglück für euch beide sein, wenn du ihr nicht deinen Geist, ich meine den modernen Geist, eingehaucht hast. Denn trotz alledem, junger Mann, daß das Leben deine erste Frische abstreifte, bist du doch viel mehr als sie im Besitze der Wahrheit. Die Arme, ach, ist die Finsternis selbst. Sie hat streng genommen nichts gelernt, als was sie wieder vergessen muß. Ihr gutes Herz, ihre jungfräuliche Natur, ihre Reize würden nur dazu dienen, euch beide, euer Kind und eure Zukunft zu verderben, wenn du nicht alsbald die Autorität der Wissenschaft und besseren Erkenntnis geltend machst. Nicht umsonst hat das Genie des menschlichen Geschlechts seit drei Jahrhunderten in deine Hand (die starke Manneshand) den Schatz der Gewißheit gelegt. Heute oder nie mache davon Gebrauch, mein Freund, du mußt es zu deinem eigenen Heil! Großer Gott, was sollte aus dir werden, wenn du sie in kurzer Zeit der Vergangenheit abermals verfallen, in aller Unschuld dein Gegner werden, dich, nicht mit Worten, aber mit Thränen und Seufzern bekriegen sähest? ... Ich bitte dich, laß ihr nicht den Zügel, bleibe fest. Um euer beider geistiges und physisches Wohl, sei Herr (sie verlangt es, will es), unterwerfe sie! Umgieb sie mit dir selbst, mit deinem festen, unwandelbaren, weitsichtigen Gedanken wie mit einer neuen Atmosphäre. * Du darfst nicht vergessen, daß ihr bald (möglicherweise in neun Monaten) die schwerste Prüfung, die der Menschennatur auferlegt ist, werdet zu bestehen haben. Ich sage ihr , denn in jenem Momente wirst du ebenso viel leiden wie sie. Die Qual der gezwungenen Unthätigkeit, der gänzlichen Ohnmacht lassen den Mann in solchen Augenblicken mehr als Todespein empfinden. Dann wirst du Blut weinen, und nichts thun können. Deine Kraft, das Feuer deines Herzens, deine Gebete, deine Furcht, deine wahnsinnige Angst werden ihr nichts helfen. Du mußt schon im voraus, schon in diesen noch stillen Tagen, an die Möglichkeiten und die Gefahren jenes fürchterlichen Tages denken. Deshalb gieb sorgfältig auf alles acht. Die zu sehr zersplitterte Aufmerksamkeit eines Arztes, der dann und wann kommt, und oft an andere Dinge denkt, kann dich nicht beruhigen. O, wie viel mehr vertraue ich deinem scharfen Auge, dem zweiten Gesicht der Liebe, ihrem festen, klaren Blick, der unverrückbar an dem geliebten Wesen haftet und es ganz umspannt! Aber die Frau ist, physisch betrachtet, ein durchaus flüssiges Wesen von einer wunderbaren Beweglichkeit. So verschiedenartige Symptome drängen einander, daß sie den Blick verwirren. Verlasse dich nicht auf dein Gedächtnis. Es wird das beste sein, daß du dir ein kleines Tagebuch ihres physischen Lebens hältst. Wenn man es auf Heinrichs\ IV. Befehl für Ludwig\ XIII. gethan hat; wenn das Leben dieses jämmerlichen Königs in seinen prosaischen Details Tag für Tag aufgezeichnet ist, weshalb solltest du es nicht für deine reizende Frau können, die so poetisch, so rein ist, und an deren jungen gebrechlichen Leben dein eigenes Leben hängt. Du darfst sie nicht mit diesen Einzelheiten behelligen. Es ist nicht eben notwendig, daß sie zu genau die rege Besorgnis der stets unruhigen, und meist ohne Grund unruhigen Liebe sehe. Das könnte ihr viel von ihrer Heiterkeit rauben. Thue es für dich, damit es eine Erinnerung und Richtschnur für dich sei. Dieser feste Grund von Erfahrung und Beobachtung wird dich bald in stand setzen, zu bestimmen, wie am nächsten Tage, manchmal in den nächsten Tagen, ihre Gesundheit, ihre Stimmung sein wird. Und das ist ein großer Vorteil. Du wirst so viel besser ihre Launen ertragen, die meistens nur in krankhaften Zuständen ihren Grund haben. Du wirst nichts fordern, außer zur rechten, zur zärtlichen Stunde. In diesem Grade für ihr physisches Leben interessiert, mußt du in einem allmählichen, aber unaufhörlichen und geduldigen Fortgang sie ganz und gar umstricken, dich nach und nach des ganzen Details bemächtigen. Aber keine Überstürzung! Nichts ist heiliger, nichts will zarter behandelt sein als das Schamgefühl einer jungen Frau. Man klagt sie zu schnell und meistens mit Unrecht an. Es ist nicht Kälte, nicht Ziererei, aber die Liebevollste, die Ergebenste ist manchmal bis zum wirklichen Leiden nervös. Sie sind wie die höher und zarter organisierten Vögel. Ich besaß einmal eine Nachtigall, die mich sehr gern hatte; aber sie konnte es nicht ertragen, daß ich mich ihr näherte; sie zitterte vor der Berührung. Indessen schafft der intime Umgang unvermeidliche Verlegenheiten. Die dem Geliebten, dem zärtlichen Freunde, dem wohlwollenden Zeugen verweigerte Vertraulichkeit wird andern weniger würdigen und sichern Personen zugestanden werden müssen. Wenn Madame de Gasparin den Damen rät, sich nicht in dem, was sie »die traurige Wahrheit der gefallenen Natur« nennt, sehen zu lassen, so denkt sie nicht daran, daß die dem Gatten nicht erzeigte Gunst für die Kammerfrau bleiben wird. »Das ist etwas anderes!« Keineswegs. Es ist der Anfang, die Gelegenheit zu einer gewissen gegenseitigen Vertrautheit, die eurer Einigkeit gefährlicher ist, als ihr glaubt. Für reine Herzen ist alles rein. Um diesen zarten Punkt freimütig zu behandeln, wollen wir es aussprechen, daß es viel besser ist, wenn diese Vertraulichkeit, die doch früher oder später eintreten wird, nicht, durch Nachlässigkeit oder Sichgehenlassen, bei alten Gatten eintrete, sondern bald nach der Hochzeit zwischen den Liebenden. Und das ganz einfach und harmlos. Man läuft dabei keine Gefahr. Die dann exaltierte Liebe nimmt alles von dem geliebten Wesen hin, betet alles an, und ist dankbar für die Überwindung, die ihm dies Vertrauen kostet. Dies ist der rechte Augenblick, um diese kleinen Schranken zu überspringen, die man doch einmal und dann in weniger günstigen Augenblicken überspringen muß. Es wird kein Monat vergehen, bis sich diese Gelegenheit bietet. Wenn sie leidet, soll sie den Gatten wegschicken und dafür die Mutter rufen? Soll diese bei einer so einfachen Sache einen Arzt, einen Fremden kommen lassen, dem die junge Dame voller Verlegenheit die kleinen Geheimnisse sagen muß, die sie selbst ihrem Manne nicht sagt? Oft wird sie sich ihrer alten dummen Wärterin anvertrauen, irgend einer albernen guten Frau , die, um zu helfen, gefährliche Reizmittel anrät. Und wer soll sich denn in die Sache mischen, wenn nicht der, dessen Interesse dabei so groß ist? Diese Krisis, die (wie heute erwiesen) nur die Krisis der Liebe ist, welche die Befruchtung verstattet, kommt doch nur für die Liebe. Auch hat, im Gegensatz zu dem groben und barbarischen Vorurteil, welches die Frau dann absonderte, ein Liebender nie begreifen können, daß sie nur ein Gegenstand des Abscheus sein könne. Er hat sie immer für rein gehalten. Ihre rührende, vertrauensvolle Zärtlichkeit, ihre bezeichnende Mattigkeit sagen in diesen Augenblicken: »Ich leide, und leide für dich.« * Sie bedarf eines zärtlichen, vertrauten Wächters, der alles weiß, ihr in allem helfen kann. Denn sie ist so vielfach ausgesetzt. Wenn sie frör, wenn man ihr Kummer bereitete, und sie weint, wenn ihre Verdauung gestört wird – so würde alles gefährdet sein. Was sie nicht zu sagen wagt, muß man fühlen, ahnen. Ihre Furcht, zu mißfallen, ist so groß; sie sind auf eine so traurige Weise von der alten, durch die Wissenschaft widerlegten Idee der Unreinheit durchdrungen. Es ist die erste Pflicht der Liebe, sie darüber aufzuklären. Arme Märtyrer der Scham! Die geringsten Dinge scheinen ihnen gewichtig und bedenklich. Kurz nach der Hochzeit erscheint sie sehr rot, der Kopf ist ihr schwer, die Augen sind geschwollen. »Was hast du? – Nichts.« Sie wagt nicht, es zu sagen. Das dauert eine Woche. Sie ist blaß und schwach. Noch eine Woche. Aber sie schweigt noch immer. Man weiß, daß sie nicht schwanger ist. »Schicken wir nach dem Arzte,« sagt die Mutter. Es ist leicht ohne Arzt zu erkennen, daß die neue, vielleicht ein wenig derbere Nahrung zuerst Überfüllung, sodann, als Gegensatz, Abspannung und Schwäche bei ihr bewirkt hat. Eine Erfrischung würde hinreichen, alles in Ordnung zu bringen. Verordnet der Arzt sie, so neigt man bescheiden das Haupt und thut, was er befiehlt. Bittet und dringt der Gatte darauf, so wird man rot und ärgerlich. »Gott bewahre, man ist nicht unmäßig gewesen, hat keinen Exceß begangen.« Man muß sanft, geduldig, diskret sein, nichts überstürzen; dann wird sie in der Stille alles thun, was ihr wollt, innerlich glücklich, nicht dem feierlichen Examen des Doktors ausgesetzt zu sein. * Aber das sind doch große Armseligkeiten und wunderliche Kleinigkeitskrämereien (sagt die Dame, die dieses Buch liest. Sie mag es für einen Augenblick schließen und schmollen). Aber ist denn die Liebe, die Ehe in der That ein so gänzliches Aufgeben der freien Persönlichkeit? Gehört man sich selbst denn wirklich gar nicht mehr? Und kann es nicht geschehen, daß man gerade durch diese große Fürsorge die Geliebte langweilt, und ihr beschwerlich fällt? Ohne Zweifel bedarf es dabei der Gewandtheit, des Takts und jenes Feingefühls, welches das Herz lehrt. Der, welcher von wahrer Liebe erfüllt ist, der die Geliebte um ihrer selbst, nicht um seinetwillen liebt, wird sie mit seiner Sorge umfangen, ohne sie zu ängstigen. Sie fühlt nicht das Gewicht der Luft, die sie atmet; und warum nicht? weil die Luft drinnen und draußen ist. Mit der Liebe ist es dasselbe. Die, welche die Liebe im Herzen hat, findet es nur süß, sie um sich her zu fühlen, sie wie die notwendige Luft, wie das Element, in welchem sie atmet, überall anzutreffen. Dieses Gefühl wird ihr notwendig, und wenn ihr diese zärtliche Sorgfalt, die ihr Quälerei nennt, einen Augenblick fehlte, so würde sie das sehr unglücklich machen. Übrigens ist in diesen ersten Monaten die Behandlung nicht sehr schwierig. Fast immer entfaltet sich das physische Leben, durch die Hoffnung und das Glück so schön begünstigt, auf das Erfreulichste. Die Blume, die das Köpfchen hängen ließ, erhebt sich zu unerwarteter Pracht und Anmut. Alles, was man jetzt zu wünschen hat, und auch nicht zu ungeduldig wollen darf, ist, daß sie ein wenig kräftiger wird. Ein Leben auf dem Lande, ein wenig Arbeiten, ein wenig Nähen (sehr wenig im Anfang); ein Hin- und Herwandeln in dem großen Garten; wenig Sitzen. Baden in sonnedurchleuchtetem, beinahe kaltem Wasser. Auch daß sie sich an einen einsamen, sichern, bequemen Orte im Freien bade, ist zu wünschen. Alles wäre gut, wenn ihre weiße Haut lebhafte und braune Farbentöne annähme. Die Pflanzen, die im Schatten wachsen, sind blaß und welk. Unsere Kleider erhalten uns unglücklicherweise so, indem sie uns von der Mutter des Lebens, der Sonne, trennen. IX. Von der geistigen Befruchtung. »Das Kind darf nicht kommen, bevor nicht seine Wiege schicklich hergerichtet ist.« Das will sagen, es ist nicht wünschenswert, daß die Vereinigung zu früh fruchtbar sei, sondern daß die Frau, die ja selbst die erste Wiege des Kindes sein soll, sich von der Aufregung ihrer neuen Situation erhole. Sie muß eine Frist zwischen diesem Drama und jenem Drama haben. Die Hochzeit, die in euren Augen ein so angenehmes Ereignis war, ist für sie eine Prüfung gewesen und zu oft dauert diese Prüfung noch fort. Laßt sie zu Atem kommen. Gönnt ihr eine Zwischenzeit der Ruhe, in welcher dieses zarte Leidenswesen ohne die Dornen des Anfangs und ohne die Unbequemlichkeiten der Schwangerschaft auch einmal einen Augenblick ungetrübten Glücks genießen kann. Und übrigens ist dieser Augenblick sehr notwendig, sehr kostbar. Denn jetzt soll sich eure geistige Ehe, die kaum begonnen hat, wirklich vollziehen. Jetzt wird deine Frau, innig mit deinem Gedanken vertraut, und ihrerseits darüber träumend und brütend, ohne daß sie selbst es weiß, das neue Wesen vorbereiten, welches kommen soll, und welches ja nur dieser Gedanke in dem Schöße der lieben Träumerin ist, in der eure Liebe zu Fleisch und Blut wird. Du glaubst diese Vereinigung schon erreicht zu haben? deine Frau zu besitzen? Wie weit bist du noch davon entfernt! Besitzen? Nicht eine oder ein paar Nächte können dir das Recht einräumen, dieses Wort anzuwenden. Besitzen? selbst nicht einmal jene Verblendung der Liebe kann dir ihn geben, welche bewirkt, daß sie alle Ideen ihres Geliebten, sie mögen ihr noch so fremd sein, gelten läßt und alles leicht glaubt, was er ihr auch sage. Wirklich, die Sache geht nicht so schnell. Von zwei verschiedenen Welten ausgehend (fast immer ist sie von ihrer Mutter in reaktionären Gedanken erzogen worden), könnt ihr nicht in einem Augenblick zur Vereinigung gelangen. Die alten Vorurteile, mit denen man sie großgezogen hat, von denen sie sich befreit zu haben schien, können eines Tages wieder erwachen, um euch zu scheiden. Dein Stolz sagt, nein. Sie, die im Grunde liebevoller ist, und ihre Liebe so heilig hält, und sie so gern bewahren möchte, sie dringt mit einem glücklichen Instinkt darauf, die Vermählung der Seelen inniger und immer inniger zu machen. * »Ich arbeite dir zur Seite und sehe dich arbeiten. Aber das ist nicht genug für mich. Das, was du thust, ist mir ein Rätsel und ich möchte dich begreifen. Ich fühle, daß du während dieser Stunde mich, obgleich ich gegenwärtig, vergissest, und daß ich fast beständig aus deinen Gedanken verbannt bin ... Das schmerzt mich. Und warum kann ich nicht an deiner Arbeit teilnehmen, dir helfen? Das würde mich so glücklich machen! »Aber wie wenig bin ich dazu befähigt! Weit entfernt, deine Gedanken begreifen zu können, vermag ich nicht einmal meine eigenen zu enträtseln. Wenn du in mich dringst, dir mein Herz zu öffnen, kann ich kein Wort finden ... Dann beklagst du dich und hältst mich für kalt ... Ach, und wie mit Unrecht! ... Ich weiß nicht, welcher Zwang, welche Fessel mir aus meiner Vergangenheit geblieben ist. Fehlt mir der Geist, oder pressen sich meine Zähne nur so zusammen? aber zu sprechen vermag ich nicht ... Sprich du zu mir, der du so gut sprichst; befreie mich von mir selbst; unterrichte mich, gieb mir eine Seele.« So ungefähr spricht die junge, intelligente Gattin. Sie hat den ernstlichen Wunsch, sich mit ihm zu vermählen, und das auf zweierlei Weise, wenn es geht. Sein technisches Leben, die spezielle Kunst, Wissenschaft, das Handwerk, welches er treibt, würde sie nicht zurückstoßen. (Eine hat secieren helfen; eine andere astronomische Tabellen kopiert u.s.w.) Aber es ist vor allem das eigentliche Geistesleben ihres Gatten, die höchsten, allgemeinsten Ideen, die sie zu begreifen und sich anzueignen wünscht. Sie will seinen Glauben, seine Philosophie. Da ist sie nun, deine gelehrige Schülerin. Glückliches Verhältnis! herrliche Güter der Natur! Diese junge Seele beklagt sich nur darüber, daß sie nicht genug unterworfen, daß sie nicht genug die deine ist. Mit Geist und Herz erbietet sie sich zu allem, was du willst. Ihr höchster Ehrgeiz ist, sich hinzugeben, dir nur immer mehr zu gehören. * Nichts ist süßer, als einer Frau zu lehren. Sie bildet einen vollkommenen Gegensatz zu der Ungelehrigkeit, der geheimen oder offenen Widerspenstigkeit des Kindes. Ruft ein Kind zu seiner Lehrstunde; es läuft davon, was es laufen kann. Sie verfrüht sich womöglich, sie ist eifrig, glücklich, unersättlich nach euren Worten, voller Glauben, und voller Achtung für die Kenntnis dessen, den sie liebt. Ja, wenn sie nicht das geliebte, das anmutige Wesen, die Freude des Herzens und der Augen wäre, sie würde durch ihre Gelehrigkeit allein die liebenswürdigste Schülerin sein. Bemerkt, wie sie sich in der Sache gefällt, in dieser Rolle, die sie so jung macht. Sie ist entzückt, dies noch von euch entgegenzunehmen, wie eure Liebkosungen, wie alles, weil es von euch kommt. Sie ist empfindlich für den milden Zuspruch, das Lob, mit welchem ihr sie ermuntert; empfindlich gegen den Tadel. Sie läßt sich gern ein wenig schelten. Wenn ihr aber sehr streng seid, und sie: Madame nennt, so gerät sie in Verwirrung und ist dem Weinen nahe. Sie wirft sich an die Brust des Lehrers, das beendigt die Stunde. »Für heute war es genug, und wir lesen nicht weiter.« * Bei diesem reizenden Unterricht ist nur eines zu beklagen. Wollt ihr, daß ich es euch sage? Es ist, daß sie oft gar nicht aufgemerkt, gar nichts verstanden, oder etwas ganz anderes verstanden hat. Nicht, als ob sie nicht sehr intelligent, oft sehr geistreich wäre. Aber sie ist es unendlich mehr in allem, was ihr aus ihr selbst, weniger in dem, was ihr von anderen kommt. Seltsam, daß ein Wesen, das von Natur so receptiv ist, geistig sehr schwer befruchtet wird, selbst wenn es noch so willig ist. * Der wunderliche Titel eines spanischen Buchs aus dem sechzehnten Jahrhundert hat mich oft nachdenklich gemacht: »Die sieben Festungswerke des Schlosses der Seele«. Sieben? das ist nicht genug. Sie sind unzählig, diese Werke. Ihr erobert eins, oder zwei, und glaubt: nun sei alles gut und der Platz genommen ... Durchaus nicht, andere Wälle türmen sich dahinter auf, über die man hinweg muß. Und das Sonderbare an der Sache ist, daß es sich hier um einen Platz handelt, der nichts lieber will, als sich ergeben. * Das Hindernis liegt durchaus nicht in ihrem Willen. Es liegt in ihrer Erziehung; Es liegt in ihrer Natur als Frau; Und besonders in deiner Ungeschicklichkeit. * Wenn die Erziehung des Knaben rauh ist, so ist die der Mädchen fast immer negativ und unfruchtbar. Ich spreche nicht von den weltlichen, verzogenen Mädchen, die mit fünfzehn Jahren Damen sind. Aber auch die, welche besser erzogen werden, läßt man, indem man in das andere Extrem verfällt, wie eine Pflanze im Keller aufwachsen. Dadurch bleiben sie oft gedrückt und linkisch. Es bedarf der Zeit, damit sie ein wenig Mut, Kraft und Selbstvertrauen gewinnen. Durch die Liebe und die Überzeugung des Geliebtseins kommt ihnen die Anmut zurück, und mit der Anmut die lebhafte Empfänglichkeit des Geistes. Sie werden wieder fähig, den Samen der Lehre in sich aufzunehmen, geistig fruchtbar zu sein. * Aber wie diesen Samen ausstreuen? Es ist sehr selten, daß der Mann fühlt, was gerade für ein so gutes, ihm so verschiedenes Wesen paßt. Entweder er predigt, hält lange Reden, ermüdet sie und sieht nicht, daß sie seinen Deduktionen nicht folgt, daß sie sich vergeblich zum Hören zwingt. Oder er ist bescheidener, läßt sich aus dem Spiel, wünscht durch Lektüre, durch Bücher auf sie zu wirken, – und bedenkt nicht, daß das erste Buch, das wirklich für eine Frau geeignet wäre, noch erst geschrieben werden muß. * Es giebt nicht eins, das von Anfang bis zu Ende für eine junge Frau paßte. Man muß in den besten aussuchen, was sich am besten für sie schickt Das modifiziert sich ins Unendliche, je nach den Umständen und den Anlagen. Die zu verschiedenartige und nicht sorgfältig abgemessene Lektüre hat auf sie den traurigsten Einfluß. Sie sind weder durch ihre Konstitution, noch durch ihre Erziehung irgendwie vorbereitet, alle Arten von unverdauter Nahrung zu sich zu nehmen. Die Natur, welche sie für eine viel wichtigere und zartere Sache bestimmte, hat ihnen nicht jene rohe Kraft des Geistes gegeben, die Eisen, Steine, Gifte zermalmt und verdaut, aus allem Nahrung zieht und wie Mithridates von einer fortwährenden Vergiftung leben könnte. Und wenn ich von Giften spreche, meine ich nicht einmal unmoralische Dinge. Ihre Reinheit würde sie zurückweisen. Ich spreche hauptsächlich von den durch ihre Nichtigkeit selbst ungesunden, von den gemeinen, unnützen Dingen, die den Geist prosaisch machen. Der Mann ist zu der täglichen ermüdenden Arbeit verdammt, sich über tausend Dinge zu informieren, die Welt der Einzelheiten zu erschöpfen, alles zu wissen, alles zu untersuchen, bis in die schmutzigsten Kanäle der Erfahrung: aber daraus folgt nicht, daß er dahin auch das geliebte, heilige Wesen, welches ihm der Himmel selbst aufbewahrte, schleppen darf. * O, ein der Frau würdiges Buch! ... wo es finden? ein heiliges Buch, das zart und doch nicht entnervend wäre! ein Buch, das sie kräftigte, ohne sie hart zu machen, das sie nicht durch eitle Träume verwirrte! ein Buch, das sie nicht in die langweilige, drückende Wirklichkeit, in die Dornen des Widerspruchs und der Disharmonie schleuderte! ein Buch voll von dem Frieden Gottes! * Verschont mich hier mit eurem großen Streit über die Gleichheit der Geschlechter. Die Frau ist uns nicht nur ebenbürtig, sondern uns in vielen Punkten überlegen. Früher oder später wird sie alles wissen. Hier gilt es zu entscheiden, ob sie alles in dem Frühling ihrer Liebe wissen soll! ... O, wie viel würde sie dadurch verlieren! ... Jugendfrische und Poesie! will sie das alles von vornherein wegwerfen! ist ihr so viel daran gelegen, alt zu sein! Es ist ein Unterschied zwischen Wissen und Wissen. Das Wissen der Frau muß zu jeder Zeit ein anderes sein, als das des Mannes. Es ist weniger die Wissenschaft, was ihr notthut, als die höchste Blüte des Wissens, seine lebendige Quintessenz. Wir leugnen durchaus nicht, daß eine junge Frau, streng genommen, alles lesen und kennen lernen darf, alle Prüfungen bestehen mag, die der Geist des Mannes durchkämpft, und trotzdem tugendhaft bleiben kann. Wir behaupten nur, daß ein durch die Lektüre der Romane um seine Frische gebrachter Geist, der gewöhnlich von dem Alkohol der Theater, von dem gebrannten Wasser der Gerichtssitzungen lebt, nicht geradezu korrumpiert, aber vergröbert, gewöhnlich und gemein werden wird, wie der Pflasterstein. Dieser Stein ist ein guter Stein. Man brauchte ihn nur zu zertrümmern, um zu sehen, daß er drinnen weiß ist. Aber das hindert nicht, daß seine Oberfläche bejammernswert unsauber ist, überall von demselben Anblick, wie die Gosse der Straße, deren Schmutz ihn überspritzt. Ist dies nun, Madame, ein Ideal, welches Sie für die wünschenswert halten, die der Tempel des Mannes, der Altar seines Herzens sein soll, von wo er alle Tage die Flammen der reinen Liebe forttragen kann? * Wohl, geben wir der Frau alles; ich habe nichts dagegen. Aber lassen wir ihr daneben eines: Lassen wir ihr ihre Frische und Reinheit; ihren Reiz als junge Gattin, die erste Blume der Jugend und der moralischen Jungfräulichkeit. Lassen wir ihr das, ich bitte euch, und lassen wir ihr es so lange wie möglich. Welchen Ersatz könnte man ihr dafür bieten? Welcher Schatz menschlicher Weisheit könnte sie dafür entschädigen, daß sie aufgehört hat, ein Traum des Paradieses zu sein? Und das verfliegt so schnell, und morgen wird es nicht mehr sein. Sie ist noch immer gut und schön, tugendhaft und gebildet, ich glaub' es wohl. Es fehlt nur ein Etwas, ein Hauch, den ein Hauch zerstört ... es fehlt der Duft der Seele. * Ihr habt gewiß oft auf der duftenden Pfirsich, der Nebenbuhlerin der Rose, jenen seinen, zarten Flaum bemerkt ... Wohl, das ist es nicht. Das ist noch zu materiell, dieser leichte Flaum läßt sich fassen, abwischen. Ich meine etwas anderes, das sich der Prüfung entzieht, einen weißlich schimmernden Reif, von dem der dunkle Purpur einer saftigen Frucht eingehüllt ist. Rührt nicht daran, haltet euch in der Entfernung; denn der leichteste Hauch nimmt schon die Frische weg. Dies ist der einzige Gegenstand, dem ich die innere Jungfräulichkeit, welche die junge Gattin im Heiligtum ihres Herzens bewahrt, vergleichen möchte – den Duft, der dieses reine, gute, zärtliche Herz umhüllt. * Ist dieser Duft eine Blume, eine Anmut, ein Reiz der Schönheit, der unsern Geist bezaubert? O, er ist mehr. Er beschützt und bedeckt, was die stärkste Stütze des Manneslebens sein wird, eine Frucht von Zärtlichkeit, unendlicher Güte, eine Frucht der Jugend und der unerschöpflichen Lebenskraft. Der Mann muß das Unglück, die Widerwärtigkeiten des Lebens durchmachen, er muß die Steppen durchmessen, die Wüste dieser Welt, muß über Felsen, Steine, Kiesel schreiten, die oft seine Füße blutig machen werden. Aber jeden Abend wird er neue Lebenskraft aus dieser süßen, mit dem Thau des Himmels erfüllten Frucht trinken; jeden Morgen wird er sich beim Sonnenaufgang gestärkt und erquickt erheben. * Das muß man bewahren. X. Von der moralischen Zeitigung. Ich hörte einmal folgende Unterredung zwischen zwei jungen Eheleuten. Sie wohnten auf dem Lande. Er kam aus der Stadt zurück, wohin ihn ein Geschäft geführt hatte: »O, wie lange du geblieben bist; ich habe so auf dich gewartet!« – »Ich habe dir dies mitgebracht.« – »Danke, erzähle mir von dir ...« – »Unsere Angelegenheiten stehen so und so.« – »Gut, erzähle mir von dir.« – »Man hat mir dieses, jenes gesagt; ich habe den und den getroffen.« – »Gut, aber erzähle mir von dir ...« Das ist in seiner ganzen Naivetät das Herz der jungen Frau, wenigstens im Anfang. Die Neuigkeiten kümmern sie nicht sehr. Der Lauf der Welt, die Fülle winziger Ereignisse, die uns ungeheuer scheinen und morgen vergessen sein werden, bleiben ihr gleichgültig. Und wenn du ihr davon erzählst, so kann sie nicht einmal zuhören. Aus Schicklichkeit nimmt sie für einen Augenblick den Schein an. Aber sie hält es nicht lange dabei aus. Der Geist ist anderswo und das Auge träumt. Sie lebt wie außerhalb der Zeit in der Ewigkeit ihrer Liebe. * Ohne Zweifel will sie eine Wissenschaft, eine einzige; sie will Eines kennen lernen; und dieses Eine ist das Herz ihres Gatten. Aber das kann unendlich sein. Ein Mannesherz könnte zur Not eine ganze Welt enthalten. Und weil sie denn keine andere Nahrung will, so ist es an dir, dies Herz zu erweitern, daß alles Gute, Schöne, Edle darin Platz hat. Sie wird dann alles freudig entgegennehmen. ... Die Dame von Fayel aß davon und sprach: »Ich habe es so gut gefunden, daß ich etwas anderes nicht mehr essen werde.« * Die vollständige Verantwortlichkeit für die Entwickelung der Frau ruht heute auf dem, welcher sie liebt. Eine öffentliche Bildung giebt es nicht mehr. Wo sind die großen nationalen Feste des Altertums, welche das ganze Jahr hindurch die Unterhaltung am häuslichen Herde ausmachten? Und was die religiösen Feste anbetrifft, die wir aus dem Mittelalter mit herübergeschleppt haben, so gestehen selbst die Gläubigen die Lauheit, welche man zu ihnen mitbringt, ein, und geben ihre Ohnmacht zu. Ist die Kultur der Bücher ein Ersatz dafür? Keineswegs. Die Menge und die Zerstückelung der Journalartikel u. s. w., die den Geist zersplittern, das alles hat die Frauen angeekelt und viele wollen nicht mehr lesen. So bleibt denn nur das lebendige Buch, die Persönlichkeit des Mannes, das Wort des Geliebten. Die Liebe ist mehr als je aufgefordert, ihren großen Titel eines Heilands der Welt zu verdienen. * Es handelt sich einzig darum, durch die Liebe alles, was in dem jungen Wesen an Liebe, Anmut, Gedanken ruht, zu erwecken. Es schlummert in ihr ein Ocean, der in Bewegung gesetzt werden muß. Die Einfachste wird auf diesen Ruf mit einem unerwarteten Reichtum der Natur antworten. Der, welcher ohne Egoismus nur darauf bedacht war, alles, was er für groß und schön hält, ihr mitzuteilen, wird sich beglückt finden, daß sie alles ihm allein zurückerstattet, und ihn mit den wachsenden Kräften ihrer erhöhten Liebe liebt. Man muß sie da ergreifen, wo sie wirklich ist, bei ihrer natürlichen Neigung: immer mehr und mehr zu lieben. Man muß ihr großherzig in der schwachen, passiven, so beschränkten Liebe, welche sie für dich hat, den sympathetischen Aufschwung der großen allgemeinen Liebe des Lebens und der Natur geben, und nach und nach zuletzt die Kraft der thätigen Liebe, der Nächstenliebe, der socialen Verbrüderung. Sie ist jung, aber von diesem Tage an mußt du sie machen und schaffen für die guten Dinge Gottes, sie vorbereiten, zu werden, was die Frau wahrhaft ist, eine Kraft, die Harmonie, Trost, Hilfe und Heil spendet. Sie kann mit achtzehn Jahren noch nicht alle diese Werke thun, aber sie kann das Gefühl, den Begriff davon erlangen. Vieles Positive, das sie heute schon lernen kann, wird ihr später von Nutzen sein. Dies alles muß mit Maß, ohne Übereilung vorbereitet werden. Es handelt sich weniger um eigentliche Wissenschaft, konsequent betriebene Studien, als darum, ihr gelegentlich lebendige Keime zuzuführen, die, von deinem Herzen in ihr Herz übertragen, dort sprossen und sich mit ihr identifizieren werden. * Es ist ohne Zweifel nicht leicht, diese stille, brütende und zeitigende Kraft, die in der Frau liegt, zu beobachten. Die Kraft des Mannes besteht im Abstrahieren, im Teilen; aber die Kraft der Frau ist gerade, daß sie nicht abstrahieren kann, daß sie jede Sache, jede Idee ungeteilt und lebendig in sich hegt und trägt, und sie nur eben dadurch desto lebendiger, fruchtbarer macht. Die Natur versagt ihr das Teilen und Trennen. Die Frau ist die Einheit selbst. Sie soll ein lebendiges Wesen hervorbringen, das heißt ein einiges, ganzes. Sie kann nicht sagen: Zwei. »Ich und mein Geliebter, das ist dasselbe,« so sagt sie. – Und wenn sie ihm ein Kind schenkt, so macht das immer noch nicht Drei. In ihr ist keine Teilung, keine Mehrheit. Die Drei machen nur wieder Eins. Euer Gehirn, die Rüstkammer der feinsten Stahlklingen, hat Messer, um alles zu teilen. Anatomie, Krieg, Kritik, das ist der Kopf des Mannes. Aber die Frau ist anders organisiert. Der Frieden des Himmels, der Gottesfrieden, die Vereinigung, die völlige Einigkeit, das sind ihre Liebesträume, der Schatz ihres Busens. Woher wollt ihr denn, daß sie eure Einteilungen nehme, sich der zweischneidigen Waffe der Analyse bemächtige? Wenn einer eurer subtilen Gedanken zu ihr dringt, so ist es dadurch, daß sie ihn um euretwillen in sich aufnimmt, ihn hegt, ihn konzipiert, und aus der Idee ihr Kind macht. * Was der Träumerei der Frau einen ganz besonders fruchtbaren Charakter giebt, ist die Weise, wie sich für sie, nicht nach der künstlichen Einteilung des Kalenders, sondern nach natürlichen Perioden, der Monat teilt. Ihr Monat von ungefähr achtundzwanzig Tagen wiederholt sich in ihr identisch mit denselben Erscheinungen, denselben Phasen der Ascension, der Krisis und der Zwischenzeit. Diese wenig veränderten Phasen bringen für den folgenden Monat einen moralischen Zustand, der mit dem in den korrespondierenden Phasen des vorhergehenden analog ist, und oft dieselben Gedanken. Diese mehr als einmal wiederholten, von Monat zu Monat bestärkten Gedanken nehmen endlich bei ihr eine Form an, beherrschen ihr ganzes Wesen, erfüllen ihre ganze Fähigkeit der Liebe und Leidenschaft. Dies kann man an der Frau beobachten, die der Strudel der Gesellschaft nicht fortwährend aus ihrer Einsamkeit und aus sich selbst treibt. Diese Wiederkehr derselben Gedanken macht sie zu dem treuen Wesen, in welchem die Bildung des Herzens durch die Natur unterstützt wird; und, wenn man nur ein wenig nachhilft, selbst zu einem entwicklungsfähigen Wesen, welches, wenn es den Keim einmal in sich aufgenommen hat, ihm in jeder neuen Epoche einen neuen Grad von Leben und Wärme verleiht. Alles ist Poesie bei der Frau, aber vorzüglich dieses rhythmische, in regelmäßigen Perioden harmonische, durch die Natur gleichsam skandierte Leben. Für den Mann ist im Gegenteil die Zeit ohne wahre Einteilung; sie erscheint ihm stets als eine andere. Seine Monate sind keine Monate. In seinem Leben ist kein Rhythmus. Es fließt dahin, wie die Prosa, ungebunden, aber unendlich beweglich, ohne Aufhören Keime schaffend, meistens freilich, ohne sie zur Reife zu bringen. Wenige Männer, die zwei Geschlechter haben, und in denen sich dennoch die männliche Kraft am herrlichsten offenbart, haben die Gabe der Empfängnis. * Was wir soeben über das rhythmische Leben gesagt haben, beherrscht ihre ganze Erziehung und macht dieselbe zu einer von der des Mannes wesentlich verschiedenen. Man muß sich bei ihr in acht nehmen, nichts zur Unzeit thun, sondern gelehrig der Natur folgen. Nehmt ihr Rücksicht auf sie, so nimmt sie Rücksicht auf euch. Welchen Vorteil gewährt es zum Beispiel, jeden Versuch moralischer Einweihung in der Ascensionsphase ihres Blutlebens, beim Steigen der Flut zu beginnen, wenn ihre Sensibilität von einer reicheren Kraft, einem höheren Geiste belebt ist! In der Krisis selbst und in der Mattigkeit, die sie zurückläßt, darf man im Gegenteil die Frau nicht mit neuen Dingen ermüden, sondern muß sie die einmal empfangenen Gedanken wieder durchdenken, durchträumen lassen. Darauf sollte die Aufmerksamkeit der klugen Mutter, der besonnenen Lehrerin, welche das Mädchen zu unterweisen beginnt; darauf die Sorge des Liebenden, des Gatten, der den Unterricht der jungen Frau fortsetzt, gerichtet sein. Die Befruchtung des Geistes, wie die des Körpers, will, daß man nichts, außer zur rechten Zeit, in den günstigen Augenblicken, thue. Es bedarf hier einer fortgesetzten Aufmerksamkeit. Keine Übereilung, keine Ungeduld, sondern Beobachtung der Zeit, der Stunde, des Augenblicks! * Sie kommt dem allen auf eine überraschende Weise entgegen. Die junge Frau, welche die Welt nicht schon am ersten Tage in ihren Strudel zieht, sondern der die Einsamkeit die völlige Sammlung dieser ersten Epoche läßt, verlangt nichts, als zu glauben, und will alles, was ihr Gatte will. Sie ist in diesem Zustande unendlich rührend. Die neue Lage, die von Anfang an die Wonne des Mannes ausmacht, birgt für sie beinahe immer peinliche Seiten. Er ist glücklich; sie wird es sein. Aber sie ist deshalb nicht weniger erfüllt von einer uneigennützigen Zärtlichkeit. Man kann von der ersten Zeit an mit ihr über die großen Verhältnisse des Lebens sprechen, und ernstlich ihre moralische Eroberung beginnen. Ihr werdet kleinlich finden, was ich jetzt sagen will; aber hier ist nichts kleinlich. Nicht bloß die Epoche des Monats muß beobachtet und die aufsteigende Phase allen vorgezogen werden, auch der Zustand der Atmosphäre ist eine wichtige Sache. Ich möchte nicht, daß du für diesen Herzenserguß, diese Gefühlsmitteilung, diesen Ideenaustausch ungeschickterweise den Augenblick wähltest, wo ein heraufziehendes Gewitter sie beängstigt. Die Elektricität des in ihr aufsteigenden Lebensstromes, verbunden mit der der Luft, mit dem unheimlichen Pfeifen des nahenden Sturmes ist genug und mehr als genug, um sie anderweitig in Anspruch zu nehmen. Die erste Hälfte der Zeit vor der Krisis bei einem Zustande behaglicher Ruhe ist die geheiligte Zeit, in der ich wünsche, daß du dich ihr über die großen, entscheidenden Dinge, bei denen der erste Eindruck von der äußersten Wichtigkeit ist, mitteiltest. Wenig im Anfang, ein Wort, ein Keim, ein erstes Aufleuchten des Gedankens in einer traulichen, durchaus nicht feierlichen Stunde. Wenn dein Herz wirklich ihr Herz gerührt hat, wenn dein Gedanke wirklich in sie gedrungen ist, so wird die nahe Krisis des Monats, selbst wenn sie peinlich sein sollte, nichts verlöschen. Im Gegenteil, durch den Schmerz vertieft sich nur der Gedanke bei der Frau. Die gezwungene Muße, die ihr zuweilen der Schmerz auferlegt, nährt auf wunderbare Weise die Keime, welche ihr Geist empfangen hat. * Selbst wenn sie noch leidet, in der bewegten Woche, welche der Krisis folgt, und in der Woche Zwischenzeit, wo sie ganz ruhig ist, beschäftigt sie sich gern und ihre Hände arbeiten willig. Der Gedanke ebenfalls. Dieses beides geht bei der Frau Hand in Hand. Nähen, Stricken, Sticken sind ausgezeichnete Beschäftigungen, welche die Thätigkeit ihres Geistes erhöhen. Diese allerliebsten Arbeiten werden sich gegen alle Anstrengung der Maschinen halten. Kein billiger Kauf, keine Schönheit der Ausführung wiegt die Arbeit auf, welche die langen Stunden einer keuschen, fleißigen Frau ausfüllt. Sie hat ihre Sanftmut, ihre Liebe, ihre Träume mit hineingewebt; diese Dinge fühlen sich warm an: es ist die Wärme eines liebenswürdigen Herzens. * Die Französinnen, die man mehr als andere Frauen beweglich nennt, treiben diese doppelte Arbeit gern zu gleicher Zeit. Ihr Traum ist keine verschwommene, vage Träumerei; er nähert sich schon mehr dem Gedanken. Manchmal zur Abwechselung verhüllt sie die Lieblingsidee, die sie bei sich fortspinnt, mit kleinen, halblauten Gesängen, die in keiner Beziehung dazu stehen. Dann aber beweist ein lebhafter Ausdruck, der momentan hervorbricht, zur Genüge, daß unter dein leichten Liede, dem eintönigen Refrain etwas ganz Anderes, Ernstes, Leidenschaftliches verborgen war. Die Französin liebt die sklavische Abhängigkeit nicht, welche Frauen anderer Länder so gern zur Schau tragen. Wenn sie von Herzen eine gehorsame Gefangene ist, ganz versunken in den Gedanken ihrer Liebe, so bewahrt sie dennoch eine formelle Unabhängigkeit in ihrem Auftreten. Manchmal könnte man sich dadurch täuschen lassen. Ein Wort, das wahrhaft aus eurem Herzen kam, hat sie nicht beachtet, als ihr es ihr gestern Abend sagtet, und ihr haltet es für weggeworfen. Glaubt es nicht, sie bewahrt es; es hat sie den ganzen Tag beschäftigt. Und des Abends, nach dem Essen, beim flackernden Feuer des Kamins, rückt sie ihren Stuhl näher an den euren und sagt es euch wieder in ihrer Weise, in ihrer Frauensprache, scheinbar ein anderes und dennoch dasselbe. Wer weiß? Dies Wort mag Wurzel schlagen, und in der nächsten Periode, begünstigt durch die Flut des Lebensstromes, wird es von neuen Gefühlen und Gedanken bereichert aufblühen, wärmer, lebendiger und liebevoller als im ersten Monat. * Um so nachzugeben, ohne nachzugeben, um ohne Verwirrung die Fülle ihrer Liebe und ihre geistige Unterwerfung auszusprechen, muß ihr sanfter Stolz eine günstige Zeit finden, gute Stunden, wo die Natur selbst nachgiebt und die Waffen niederlegt. Dazu ist die Nacht besser als der Tag, manchmal auch die Dämmerung. Manches hätte man am Mittag nicht gesagt, aber man sagt es des Abends bei einem minder hellen Lichte. Manches läßt sich nicht in der Entfernung sagen, aber man sagt es willig in der Nähe, flüstert es ohne Scheu ins Ohr. Herr von Sénencour, welcher den Rat giebt, nicht ein Lager zu teilen, vergißt (was bei einem so ernsten Denker überraschen muß), daß bei jeder ersten, wichtigen Mitteilung gerade das Bett der Vermittler der Seelen ist. Es ist nicht zur Ruhe allein da, nicht zur Lust allein; es ist der verschwiegene Vertraute, der freundliche Zwischenträger aller Gedanken und Worte, die sich anderswo nicht sagen ließen. Es ist der große Vereiniger, sagen wir besser: eine Vereinigung. Die religiösen Fragen zum Beispiel, die zartesten von allen, beschwören oft, wenn sie im hellen Tageslicht, bei Tische oder sonst angeregt werden, Wolken zwischen den Gatten herauf, oft ernstliche Mißhelligkeiten, viel weniger des Nachts, viel weniger auf dem Lager. Alles erscheint dann milder. Am Tage war man betroffen über die scheinbaren Gegensätze; in der Nacht verschwinden die Ecken. Ungeachtet der äußeren Verschiedenheiten findet man sich im Grunde vereinigt durch die eheliche Liebe und durch die Liebe Gottes. * Das sehr große Bett früherer Zeiten, das die Hälfte des Zimmers einnahm, sehr niedrig, fast mit dem Fußboden gleich war und durch dicke Teppiche ringsherum noch größer wurde, ist außerordentlich bequem. Es begünstigt die abendlichen, die morgendlichen Unterhaltungen, die Beziehungen süßer Freundschaft, ebenso wie der Liebe, die vertrautesten Worte, oft die am wenigsten vorbedachten, die unversehens hervorbrechen, und die man vielleicht niemals seinem Herzen entlockt haben würde, hätte man sie von dem einen Ende des Zimmers nach dem andern sprechen müssen. Diese Ungebundenheit in den Augenblicken der Ruhe und des Wachens, die Leichtigkeit der Unterhaltung mit lauten Worten und in stummer Rede sind eine natürliche Aufforderung zur Mitteilung für eine junge zarte Seele, die lange noch, nachdem ihr glaubt, sie zu besitzen, im Widerspruch mit ihrer Liebe etwas Gezwungenes, Zurückhaltendes, Verschlossenes behält. Ist es Scham, ist es Stolz? Sie wüßte es selbst nicht zu sagen. Wie dem aber auch sei, der Mann ist selten fein genug, es recht zu fühlen. Und dennoch ist das Eis nicht ganz gebrochen. Manche, die seit Monaten verheiratet ist, blieb im Herzen ein Mädchen. Ihr natürlicher Adel will einen moralischen Grund, damit sie sich ganz hingeben könne. Das tritt nun ein, wenn sie ein treffliches Gefühl des Mannes, irgend einen ernsten, warmen, starken, großen Gedanken, der in ihm aufblitzte, schön gefunden und sich angeeignet hat. Und wer hätte nicht dergleichen Momente? Die Schlechtesten selbst haben solche Silberblicke. Dann ist sie gewonnen. Die süße Wärme der Liebe, die ihr bis ins Herz gedrungen ist, giebt ihr ein wenig mehr Mut, und am Abend, wenn er sich selbst schon der Ruhe hingiebt, findet er sie zu seiner freudigsten Überraschung sehr wach. Lebhaft und zärtlich spricht diese Stumme mit einemmale. Es ist Nacht. Am Tage hätte sie nicht zu sprechen gewagt; aber es ist nicht selten, daß sie jetzt beredt wird. Sie ist glücklich; sie glaubt, daß er wirklich gut, würdig, Gott wohlgefällig sei, und in Gott liebt sie ihn ja. Ihr Herz fließt über, und sie ist sein Weib. Denn für sie hat zu dieser Stunde die Ehe begonnen. Jetzt kann sie seinen Namen tragen. Von dem jungen Mädchen von gestern hören wir nichts mehr; heute wurde die Gattin geboren. Drittes Buch. Von dem Fleischwerden der Liebe. I. Empfängnis. Die Liebe ist etwas sehr Hohes, sehr Edles bei der Frau. Sie setzt ihr Leben dabei aufs Spiel. Jedesmal, daß sie sich zur Vereinigung in Liebe versteht und der Begierde des Mannes nachgiebt, nimmt sie es auf sich, für ihn zu sterben. Was wagt er? Nichts, höchstens daß er ein wenig mehr arbeiten und ein Kind ernähren muß. Was wagt sie? Alles. Nicht bloß wird sie die Krisis eines furchtbaren Schmerzes, in welcher ihr Leben an einem Faden hängt, sondern auch die Möglichkeit eines langsamen Sterbens und von tausend Gebrechlichkeiten, die so grausam sind, daß der Urheber selbst davor zurückschaudern könnte, auf sich nehmen. Junger Mann, der du die Liebe für eine so allerliebste, leichte Sache hältst, nimm und lies, ich bitte dich, ein einziges der Bücher, die dir die weitschichtige, fürchterliche Litteratur der Entbindung und der Krankheiten, die ihr folgen, darbietet. Bei der bloßen Aufzählung wirst du die Arme sinken lassen, bei der Beschreibung wird dir der Schweiß auf die Stirn treten, und wenn du bis zu dem grauenhaft sinnreichen chirurgischen Detail der Operationen durchdringst, die wohl quälen, aber nicht heilen, wird das Buch deinen Händen entfallen. Was sie ertragen, diese armen, schwachen Kreaturen, mit ihrem Leibe, ihrem Fleische, das kannst du, der starke Mann, nicht einmal in Gedanken ertragen. Die Liebe ist die Schwester des Todes. So hat man gesagt und oft wiederholt. Aber wer hat noch ergründet, bis zu welchem Grade sie die Schwester des Schmerzes ist? Möge dies strenge Wort auf der Schwelle der schönen Welt der Liebe, in die du durch einen Triumphbogen aus Blumenkränzen einzutreten glaubtest, eingegraben sein... Lies dieses Wort, nicht um zurückzuschrecken (es ist das Gesetz der Natur), sondern um endlich die erhabene Schönheit der Frau zu begreifen. Sie nimmt alle Gefahren auf sich, den Tod, die Unendlichkeit des Schmerzes, um ihm, den sie liebt, die Unendlichkeit des Genusses, das Leben von Jahrhunderten in einem Augenblick, den Abriß der Ewigkeit zu geben. »Sei glücklich, und möge ich sterben! sei glücklich, und möge ich ewig deshalb leiden!« Das ist das Wort, das sie im Herzen hat. Und sie hat die Großmut, es nicht auszusprechen; es würde dich zu sehr betrüben, es würde deine Wonne erstarren machen, wenn dieses herbe Wort des Todes, das in der Tiefe ihrer Gedanken schlummert, unter deinen Küssen über ihre Lippe käme ... Nein, sie will das alles für sich behalten ... Dir der Himmel, dir die Lust! Für sie das Wetterleuchten und die Schrecken der Zukunft. * Uneigennütziges Opfer! Es ist eine alberne, sehr gewöhnliche Eitelkeit der Männer, zu glauben, daß die Frau ihnen nachgiebt, weil die physische Liebe sie besiegt. Dieser Irrtum ist bei ganz jungen Leuten zu entschuldigen, aber er ist sehr lächerlich bei allen, die nur ein wenig Erfahrung haben. Wer die Frauen kennt, weiß sehr gut, daß sie fast immer nur Gefälligkeit und Güte mitbringen. In unseren zivilisierten Zeiten ist der Reiz zur Lust bei ihnen sehr gering. Diese Kälte verdanken sie zwei Ursachen, einmal der unendlichen Masse nervöser Kraft, die sie in Anmut und Sprechen ausgeben, und sodann, zu häufig, dem krankhaften Verluste, den sie selbst in den Zwischenräumen der regelmäßigen natürlichen Krisen erleiden. Um die Sache gerade heraus zu sagen, und wäre es auf Kosten des Männerstolzes, die Frauen geben fast immer nach, ohne irgend verblendet zu sein, um ihre Bestimmung als Frau zu erfüllen, um sich der Liebe des Mannes zu vergewissern und sich eine Familie zu schaffen; sie geben nach aus Zärtlichkeit für ihn, aus dem sehr edlen Bedürfnis, das ihnen innewohnt, sich für andere zu opfern. * Der große Physiolog Burdach, unser berühmter Meister, macht folgende sehr schöne und sehr wahre Bemerkung: »Bei den Tiergeschlechtern erscheint die edle Natur des Weibchens darin, daß sie die Begattung nur um der Fortpflanzung willen sucht.« Und dann ein anderer Zug: »Das Männchen ist grausam vor dem Genuß in der Blindheit seiner wilden Begierde, und wenn das Weibchen grausam ist, so ist es nur nach dem Genuß und in der Mutterschaft, um ihre Jungen zu verteidigen.« Das Kind ist die Wiedererstattung, die kostbare Vergeltung der Leiden und der Gefahren, denen Trotz zu bieten die Liebe von der Frau heischt: Es ist für sie: »der Preis der Lust,« wie es Vergil so edel ausdrückt. Aber auch ohne diese Hoffnung weiß die Gattin sich zu weihen. Fruchtbar oder nicht, sie übernimmt ihre erste Frauenpflicht, die Pflicht, das Herz des Mannes zu erfrischen, zu verjüngen. Sie ist die Quelle des Lebens (Genesis), aber sie ist es in einem doppelten Sinne: wenn sie es nicht dem Kinde giebt, so giebt sie es dem Gatten. Wie wenig hat die schmähliche und subtile Wissenschaft der Scholastiker, die so ins Blaue hinein von Dingen gesprochen haben, ihren heiligen Ernst erkannt. Sie fanden nur ein Fröhnen des Genusses darin und waren blind für das Ernste, für die Gefahr, für das Opfer, den eigentlichen Kern der Sache, für den grundtiefen Austausch des Lebens, welches ihr eigentliches Mysterium ist. Unser Jahrhundert, das Jahrhundert der Arbeit, weiß sehr wohl, daß der Arbeiter, der Produzent in jeder Hinsicht, der von seinem Leben, von seinem Geiste zusetzt, notwendig in der Natur den Ersatz dafür suchen muß. Die Gattin weiß sehr wohl, daß sie die Natur selbst ist, das heißt die Wiedererstattung, der Trost, das Glück, die Lust. Sie ist der Preis des Tages, der Abendfrieden, die Ruhe. In ihr allein findet er Vergessenheit – Vergessenheit tief wie der Tod, die ihn alle Tage neu gebärt. Was macht ihn denn wieder leben, wenn nicht sie? Aber wie giebt sie ihm das Leben wieder? Dadurch, daß sie das ihrige wagt. Sie sieht, daß er blind ist in seinem Entzücken, und doch macht sie ihn zum Herrn über ihr Schicksal, doch giebt sie ihm alle Macht über sich. Die großartige Ruhe eines Herzens, das seine Pflicht thut, läßt sich durch die Folgen nicht beirren. Sie lächelt in Frieden; wagt sie doch nur ihr Leben! Und sie liebt ihn deshalb nicht weniger ... Was sage ich? liebt ihn mehr noch um ihres Opfers, ihrer Gefahr willen. Alles, was er an Wollust nimmt, giebt sie ihm doppelt in Liebe zurück. * Die Gelehrten und die Thoren werden euch sagen, daß alles dies instinktiv sei, daß die Frau in ihrer Hingebung nur dem Rausche der Natur folge u. s. w. Gewöhnlich ist gerade das Gegenteil der Fall. Der stürmische Drang ist bei ihr gering, desto größer ihre Ruhe, ihre Zärtlichkeit. Der Mann liebt im Rausche, sie bei vollständigem Bewußtsein. Ich schäme mich, es niederschreiben zu müssen; aber die Sache ist am Ende zu wahr, als daß man sie verschweigen könnte. Die Liebe des Mannes zeigt sich zu oft am Abend, in der sehr niedrigen Aufregung, in die ihn ein reichliches Bankett, vorzüglich in den Festlichkeiten des Herbstes und Winters, versetzt, wenn die Ernte eingebracht, der Speicher gefüllt und die Weinlese beendigt ist. Daher die so häufigen Konzeptionen in den Wintermonaten, die auf unwürdige Weise, ohne Liebe, der unterwürfigen, nicht um ihren Willen befragten Frau zugemutet wurden. Wenn im Gegenteil sie zuweilen das süße Feuer verspürt, so ist es in den ruhigen und poetischen Stunden, bei dem frohen Erwachen des Morgens, im Frühling besonders, wenn Gott will, daß man liebe, wenn ein Hauch der Fruchtbarkeit, welche die Pflicht der Natur ist, die Frau und die Blume belebt. * Wehe den Kindern der Finsternis, den Söhnen der Trunkenheit, die neun Monate vor ihrer Geburt eine Schmach waren, die der Mutter angethan wurde! Wer aus der nächtlichen Orgie hervorgeht, aus der wahren Vergessenheit der Liebe, aus einer Entweihung des geliebten Wesens, wird ein trauriges, elendes Dasein hinschleppen. Aber es ist ein großer, ein mächtiger Segen, empfangen zu sein im Lichte, wenn die Liebe sich nicht in Wüstheit an das Geschlecht wendet, nicht an eine beliebige Frau, sondern an diese einzige Frau, an dieses Herz, welches ihr gehört; wenn die Liebe spricht: »Sie und keine andere«; wenn der Liebende sich in dem Lächeln der Geliebten, in ihren klaren Augen, die ihm das Morgenlicht zurückstrahlen, spiegelt; in ihrer reizenden Überraschung, in ihrer naiven Wonne, die da sagt: »Ich träumte gerade von dir!« Die tiefe, vollkommene Übereinstimmung der Herzen, der feine Sinn, welchen sich die Liebe in ihrem dunkelsten Momente, in diesem Leuchten aus der Finsternis, für das geliebte Wesen bewahrt – sie reifen eine göttliche Frucht: den Sohn der Freiheit, des Lichts. Beide wollten. Es ist kein Zweifel, daß die Heroen aus der höchsten freiwilligen Liebe hervorgingen. * Es ist Tag geworden; er ist aufgebrochen, die Arbeit hat ihn abgerufen. Die junge Gattin erhebt sich, in bescheidener Würde und doch sich selbst ein wenig fremd. »Bin ich es denn wirklich? ... Doch, ja ... Wunderbar, ich habe meine Pflicht gethan, dennoch fühle ich mich verwirrt.« »O, wie wenig Ursache hast du dazu, du heller Diamant! Wer von uns kann sich solcher Reinheit rühmen!« so sagen die letzten Sterne, die zu dieser Stunde verbleichen. Sie schauen lächelnd auf die Unschuldige, die sich, still und doch bewegt, in ihrem kleinen Garten ergeht. Die schönen durchsichtigen Wasser der Quelle, von der sie ein wenig Kühlung heischt, diese Wasser, in denen sich der Himmel spiegelt, sie sagen: »Jungfrau, wollte Gott, unsere Flut, in der du dich rein zu baden glaubst, wäre so rein wie dein Busen!« »Und doch,« so spricht sie leise, als fürchtete sie, von sich selbst gehört zu werden, »bin ich nicht zu glücklich gewesen? ... Habe ich in jenem feierlichen Augenblicke, der vielleicht eine unendliche Zukunft barg, meine Seele rein bewahrt? Gott hat es gewollt, Gott hat es gethan. Hatte ich Gottes nicht vergessen?« »Liebe Schwester,« sagen die Blumen und neigen sich vor ihr zur Erde, »wen sollte die Lieblichkeit deiner Seele nicht rühren? ... Thue, wie wir, o frische Blume! Enthülle ruhig deinen unschuldigen Busen, neide dem Thau des Himmels nicht den keuschen Kelch. Wir sind und bleiben rein nach der Liebe, wie vor der Liebe.« * II. Die Schwangerschaft und der Stand der Gnade. Wir sagten: die Frau ist wahrhaft das fruchtbare Leben. Was sie denkt, ist ein lebendiges Wesen; ihre Idee ist ein Kind. Wir wissen jetzt, warum diese Worte sie so kalt fanden, jene so voller Leben. Sie ist nur zugänglich, empfänglich für die Idee, welche zu Fleisch und Blut werden kann. Die ergreift sie, macht sie zur ihrigen, vertieft sie, wie einen Traum, begabt sie mit ihrem Verlangen. Nun braucht nur ein Hauch der Liebe ihn zu berühren, so gewinnt dieser Traum einen Körper, wird ein Kind. Aus dem Abstrakten, dem Allgemeinen, dem Kollektiven, das du ihr gabst, macht sie ein Individuum. Du sprachst zu ihr von dem Vaterlande, von der freien, heroischen Republik. Sie hat den Heros geträumt. Den Heros der Tat, der Kunst, der Wissenschaft, den Neuerer, den Schöpfer, von mächtigem Arm und segensreicher Hand, der dem menschlichen Geschlechte unsägliche Wohltaten spenden wird. Das alles freilich dunkel und verwirrt. Sie weiß es selbst nicht so ganz, was sie will; sie verläßt sich auf die Vorsehung. Gott wird wissen, was zu tun ist; aber der Mutter genügt es, und sie ist beinahe überzeugt davon: das Kind ist ein Wunder, ein Retter, ein Messias. * Sie wagte niemals, davon zu sprechen, nicht einmal auf dem Lager, nicht einmal zur ermutigenden Stunde, wo die holde Nacht alles einhüllt und so vieles zu sagen verstattet. Sie wagte es nicht. Denn, wenn er gelacht hätte! Welch grausamer Mißton in ihrem schönen Traum! ... Nein, diese erhabene Hoffnung ist das einzige, was die Frau dem Geliebten nicht zu sagen wagt. Sie schämt sich ein wenig ihres göttlichen Romans. Ich will es euch im Vertrauen sagen: das war es, was sie an jenem Tage bewegte, als ihr Gatte vor der Zeit nach Hause kam, sie ernst und aufgeregt fand, als ob sie bei etwas ertappt wäre, was sie gern verheimlicht hätte. Er forschte, er hätte es gern gewußt, aber sie umarmte ihn schweigend. Sie, die so verständig, so weise ist, sie ist selbst erstaunt über den unwillkürlichen Schwung, den ihre Einbildungskraft erhalten hat. Sie weiß nicht, daß diese Torheit die größte Weisheit ist. Ist es doch dieser heilige Wahnsinn der Mutter, ihr Wille, das Kind zu einem Gott zu machen, was uns zu dem Wenigen macht, das wir sind. Das Beste, was wir in uns fühlen, hat sie durch diesen Traum in uns gelegt. Und wer immer stark auf Erden ist, wurde es, weil sie ihn im Himmel empfangen hat. * Das war, wenn ich es sagen darf, die geheime Konzeption der Frau, solange sie noch frei und leicht die Herrin ihres Gedankens war, vor der Nacht, wo der starke Gott, der allmächtige Verwirklicher, sie in ihrem Himmelstraum ergriff und mit seinem Sturm sie niederbeugte. Plötzlich ist sie eine andere. Sie fühlt eine drückende Hitze und dann wieder Frost, ein Schauder erfaßt sie. Ihr schöner Hals schwillt; ihr Busen ist bewegt, er wallt, aber diesmal flutet die Woge nicht wieder zurück; die Brüste runden sich, und tiefer zeichnet sich ein Schatten – eine geheimnisvolle Rundung. Ein schmerzliches Geschwollensein macht sie schwerfällig. Das Gehirn selbst wird ein wenig geschwächt; diese ätherische Seele wird einen Augenblick durch den Körper entkräftet und herabgezogen. Sie hat nicht mehr die vollkommene Herrschaft über ihre Bewegungen. Sie schwankt, sie taumelt, sie schwimmt ... Kann das überraschen? ... Er selbst, der blinde Urheber dieses Wunders, ist beinahe nicht weniger verwirrt. Er ist bewegt, entzückt und doch voller Unruhe, wie er sie so auf das große Meer, wohin er ihr nicht mehr folgen kann, hinausfahren sieht. Er kann sie nicht mehr schützen, kann nichts mehr für sie tun ... Wie entsetzlich für den, welcher liebt! ... Da sieht er sie nun vor sich, wie sie Tag für Tag der Vollendung dieses Mysteriums näher rückt. Er kann nur Wünsche hegen, beten, die Hände falten, wie der Gläubige vor dem Altar. Eine grenzenlose Ehrfurcht vor diesem lebendigen Tempel hat ihn erfaßt. Vor dieser göttlichen Hülle, die eine unbekannte Welt birgt, träumt er schweigend; und wenn er lächelt, so ist es ein Lächeln unter Thränen. Keiner wird ihn der Schwäche zeihen. Wenn man je eine religiöse Stimmung ehren muß, so ist es gewiß in diesem Falle. Hier stehen wir wirklich vor dem größten Wunder, einem unbestreitbaren Wunder, einem Wunder, das durchaus nicht absurd und darum nicht weniger dunkel ist. Jedes Wesen ist ein solches, von unübersteiglichen Schranken umgebenes Wunder. Und doch ist diese Schranke überstiegen. Und wenn die Geburt des Kindes ein Wunder ist, so ist es die Umwandlung der Mutter nicht minder. Die Gattin, die empfangen hat, macht aus sich einen Mann. Überwältigt von der männlichen Kraft, die sie einmal gepackt hat, wird sie ihr mehr und mehr nachgeben. Der Mann wird sie erobern, durchdringen; sie wird mehr und mehr er werden. Ein, zwei Jahre werden genügen, um auf ihre Lippe einen leichten, reizenden Flaum zu hauchen, wie die Blüte der Kornähre. Auch ihre Stimme wird sich verändern. Oft verliert sie die hohen Töne, oft bekommt sie dafür tiefe (aber von welcher Weichheit!). Und wie viele andere Veränderungen. In ihrem Wesen, in ihren Bewegungen manifestiert sich, ihr selbst unbewußt, die unfreiwillige Nachahmung dessen, den sie im Herzen ihres Herzens trägt. Ihr braucht sie gar nicht zu kennen, wenn ihr sie nur gehen, sprechen, lachen seht, werdet ihr (trotz der Zartheit und der größeren Schüchternheit der Formen) sagen: »Ich erkenne ihn in seiner Frau wieder; sie ist er.« * Tiefe, wunderbare Vereinigung! Besonders in den ersten Monaten der Schwangerschaft, wo das neue Leben, das sich in ihr entwickelt, sich für sie nur erst durch die dumpfe Aufregung einer großen Fluktuation manifestiert, bringt sie alles mit dem in Bezug, der sie verwundet hat, durch den sie leidet, und den sie nur um desto mehr liebt. Drinnen fühlt sie ihn, wie er brennt, wie er sich regt; draußen erfaßt sie ihn als ihre einzige Stütze, sie lehnt sich auf ihn, beklagt sich bei ihm, ist wie an ihn gefesselt. Sie will (und er will es noch mehr als sie), daß er sie beklage, daß er sie verziehe, mit der zärtlichsten Sorgfalt umgebe. Dafür giebt sie sich ihm ganz hin, ist sie ganz und gar ein gutes, gehorsames Mädchen. Sie wird sein Töchterlein, sie läßt sich verziehen wie ein kleines Kind. Wenn sie sich auch im Anfang etwas dagegen sträubt, wenn es ein wenig gegen ihren Willen geschieht, was läßt sich dabei thun? Sie hat weder die Kraft, noch den Willen, sich zu weigern; sie unterwirft sich, weil er es doch am Ende selbst verlangt, und sie thut es ohne große Mühe; denn sie findet es im Grunde sehr süß. Während die Ankunft des Kindes erwartet wird, kann sie es ja wohl an seiner Seite sein. Und, seltsam, sie, die noch eben so ernst gestimmt war, sie gefällt sich ganz wohl in dieser neuen Rolle. Sie weiß, daß der Geliebte die Freiheiten, welche die Frau an ihrem unschuldigen Kleinen reizend finden wird, bei der Geliebten köstlich findet. Sie weiß, daß alles von ihr entzückt, daß er so glücklich ist über das dolce far niente , in welchem ihr Leben verfließt; und sie schließt die Augen, um ihm dies Glück ungestört zu lassen. Zu den Sonderbarkeiten, die den Frauen dann natürlich sind, gehört auch die, daß sie sich zu Zeiten gern isolieren, verstecken, um sich selbst den Beweis zu liefern, daß sie durchaus unabhängig sind, und der geliebte Tyrann, der ihnen überall mit dem Herzen folgt, sie nicht zu sehr fesselt. Er gehorcht, er entfernt sich und lächelt höchstens. Sie, ihrerseits, weiß wohl, daß er alles sieht, in dem er nichts zu sehen scheint. Was thut es? sie weiß ihm Dank, daß er so gut, so bescheiden ist. Reizendes, unschuldiges Spiel, wo keiner den andern täuscht. Ist es lächerlich? o nein! laßt ihnen diese Kindschaft des Standes der Gnade. * Um dir die Wahrheit zu sagen, liebes junges Weib, so thut dieser Mann, wenn er dich verzieht, eben nichts Besonderes, denn wir sind alle wie er. Wir alle (ich meine nicht die Freunde, sondern die Vorübergehenden, die Menschen, alle Kreaturen, die ganze Natur) stimmen darin überein, dich mit Liebe zu empfangen, mit Segenswünschen zu begleiten. Wo du auch eintreten mögest, du bist in deinem Hause. Nimm die Früchte, die Blumen, wozu immer deine Neigung dich treibt. Es wird uns Glück bringen und wir werden dessen froh sein. Geh nicht weiter, liebes junges Weib, sprich bei mir vor, ich bitte dich. Bestiehl mich, gieb mir den Vorzug ... Ich weiß nicht, welcher alte Brauch den schwangeren Frauen verstattete, drei Äpfel oder drei Birnen zu nehmen. Das ist zu wenig, bitte, den ganzen Garten, nimm! Aber ich Ungeschickter, was habe ich gesagt? ... Ich habe alles verdorben. Sie trat herein, und siehe, jetzt schämt sie sich, will nichts mehr, wendet sich ab ... Ihr allerliebstes Schmollen will sagen: »Aber er durfte nichts sehen.« Ich bin ärgerlich auf mich ... sie hört mich nicht mehr an; sie geht, geht fort, errötend und die Augen niederschlagend. * Das Verstohlene bei der Sache war es, was sie reizte. Sie weiß ja, daß alles ihr gehört, daß sie alles thun kann, was sie will, und daß alles gut und schön ist. Sie bringt unendlich mehr, als sie mit fortnehmen kann; sie bringt Frieden und Liebe, einen Hauch der Glückseligkeit. Man kann sie nicht ansehen, ohne zu lächeln, aber es ist ein seliges Lächeln; denn man hat las Glück selbst gesehen und fühlt sich den ganzen Tag glücklich. Wo sie den Fuß hinzusetzen würdigt, weicht ihr das Gesetz. Und das Gesetz bittet, sie möge nur befehlen. Ihre Laune ist Gesetz, ihre Phantasie Weisheit, ihre Thorheit Vernunft. * Wenn sie sündigte (aber sie kann es nicht!), diese unschuldige Tochter Gottes, so wäre für unsere zur Milde gestimmten Herzen ihr Fehltritt nur ein Reiz mehr. Ihr einziger kleiner Fehler, den man wohl rügen müßte, besteht darin, daß sie, im Innern von einem so kleinen, aber so gierigen Wesen geplagt, selbst gierig ist, und wenn sie sich selbst vertraute, wenn sie es wagte, so würde sie diesem blinden Triebe folgen. Man freut sich, sie viel, stets, oft heimlich essen zu sehen. Nicht ganz mit Recht, denn es könnte ihr schaden. Ihr Gatte sollte sie bitten, sich ein wenig in acht zu nehmen. Er giebt sich der Lust, ihr Leben bereichert, ihre Schönheit sich köstlich entfalten zu sehen, zu sehr hin. Denn nicht nur ihre Taille rundet sich. Ihre schönen Arme, ihre weißen Schultern, ihr Busen, alles schwillt in üppigen Linien, ihr ganzes Wesen steht in Blüte. * »Es war am St. Jakobstage, im Jahre 1825, glaube ich, zu St. Cloud, bei einer alten Freundin, der ich einen Besuch abstattete. Die Gattin des liebenswürdigen Malers, Frau B., die in der Nachbarschaft wohnte und wie ein Kind des Hauses war, trat, ohne sich anmelden zu lassen, ein. Als die Thür sich schnell öffnete, schien mir plötzlich das ganze Zimmer von Licht und Blumen angefüllt. Sie legte ihren Strohhut ab und einen mächtigen Blumenstrauß, den sie draußen gesammelt hatte. Obgleich sie sehr merkbar schwanger war, hatte sie das alles in einem Augenblick mit der Lebhaftigkeit eines jungen Mädchens und eines verzogenen Kindes, das sicher ist, von allen gelobt zu werden, gethan.« »Sie war von sehr hohem Wuchs, stark und in der Fülle des Lebens. Die mächtige Elektricität, die von ihr aus alles überströmte, verhinderte mich, zu hören, was sie sagte. Was ich am besten verstand, war ein Strahl von Leben, Glück und Güte, der ihr aus den Augen leuchtete.« »Ich senkte die meinigen und fühlte mich traurig. Dennoch hob ich sie wieder und betrachtete sie noch einmal. Dann, mir wieder Herz fassend, nahm ich Abschied und machte mich zu Fuß nach Paris auf den Weg ...« »Jener Hymnus des Orients, der wahre Gesang des Unendlichen, rauschte durch den Sturm meiner Seele. »Ich hatte ein Gesicht Gottes gehabt ...« »O Sonne, o Meer, o Rose ...« »Der Kreis des Daseins erfüllt sich und schließt sich in dir.« * III. Die Schwangerschaft. – Der Nebenbuhler. Unter Freunden muß man wahr sein. Ich muß es dir frei heraus, ohne Umschweife sagen: du hast einen Nebenbuhler.– Sie liebt dich, wird dich immer lieben; aber finde dich nur darein, du bist nicht mehr ihr erster Gedanke. Unter den Sonderbarkeiten, die wir an ihr bemerkten, war die größte (welche freilich nicht bei allen Frauen gleich stark auftritt) die, daß sie in der ersten Zeit, wo sie sich so ganz von dir eingenommen und erobert sah, kleine Widerspruchslaunen, kindische Rechthabereien und Oppositionsgelüste blicken ließ. Die instinktive Freiheit machte sich schüchtern gegen die Übermacht der Liebe geltend. Die Liebe lachte darüber, und dachte dies, wie alles Übrige, in sich hinein zu ziehen. Du glaubtest es, und täuschtest dich. Wie bei ihr alles lebendig ist, so war dieser schüchterne Widerstand auch nur das neue Leben, das in ihrem Schoße keimte. Die reizende kleine Empörung war nur dein Kind. * Es ist ein lebendes Wesen mehr, eine Seele, ein Wille, der diese liebe Seele, die niemals einen andern Willen haben zu können glaubte, als den deinigen, verdoppelt und momentan auch verwirrt. Es ist da, es pocht auf sein Recht. Aus dem Grunde des Milchmeeres, der Finsternis, darin es schläft, wirkt es schon, schafft es schon. Bald beherrscht es seine Welt, diese arme, leidende, erregte Welt, die es einschließt, und schon im fünften Monat hat es an die Thür gepocht und deutlich gesagt; »Hier bin ich!« »Ich habe es gefühlt!« ruft sie, und hält die zitternde Hand auf die Stelle. »Es regt sich, es lebt ... Da wieder bewegt es sich ... O, mein Kind, du bereitest mir Schmerz ... aber, großer Gott, auch welche Seligkeit!« Und von dieser Stunde an ist dies nun ihr Gedanke. Er wird sie nicht wieder verlassen. Von ihm träumen, ihm folgen, seinen Bewegungen nachspüren – darin besteht jetzt ihr Leben. Er bleibt nicht aus beim Stelldichein. Er ist ihr unzertrennlicher Liebhaber. Aber wenn sie ungetreu ist, treibt sie kein verstecktes Spiel; sie spricht ohne Unterlaß von ihm. Wie könnte es anders sein? Diese fortschreitende Schaffung eines Wesens in einem andern Wesen ist so verschlingend, daß sie nichts in sich hat, wohin sie sich zurückziehen, wo sie sich vor ihm verteidigen könnte. Und sie denkt auch nicht daran. Denn wenn seine heftigen Bewegungen ihr auch in jedem Augenblick Schmerzen verursachen, so genießt sie dennoch die tiefe Einigkeit dieser Ehe. Die Regungen der süßen Frucht sind nicht immer schmerzlich. Sie bildet sich leicht ein, daß es schon seine Mutter liebet. Sie sagt dir alles, oder doch beinahe alles. Du bist der glückliche Vertraute ihrer unschuldigen Liebe. Du nimmst teil daran, und willst der dritte sein. Aber wie wenig bedeutest du von jetzt an in ihrem Leben, das so von einem andern Wesen ausgefüllt ist! Es ist jetzt das herrschende, ausschließliche Interesse. Und was es will, das will man; und was es fürchtet, das fürchtet man. Vier Monate vor seiner Geburt beherrscht er das Haus. * Der Gatte steht immer dem Vater nach, muß ihm nachstehen. Jede Gewohnheit, jedes Vergnügen wird in dieser Zeit geopfert. Wer möchte sie betrüben, ihr unbequem fallen. ihr Schmerz verursachen? ... warum kann man sie nicht lieber mit Gegenständen der Freude umgeben, sie erheitern, daß sie stets glücklich ist und lächelt? Laßt uns das um jeden Preis erreichen. Aber der Mensch bleibt immer Mensch. Man ändert nicht so leicht sein Leben von Grund aus. Daher kleine Regungen – nicht gerade von Eifersucht in einem Herzen, wie das deinige – aber einer gewissen Traurigkeit, und auch wohl einige leise Klagen. Sie hörte sie lieber nicht. Zum erstenmale weicht sie aus, scheint taub, entfernt sich. Sie geht nicht weit, sie flieht nicht eben eilig, ihre Furcht, eingeholt zu werden, ist nicht groß. Und sich halb umwendend, sagt sie mit einem zärtlichen und doch ein wenig mutwilligen Lächeln: »Aber, mein Freund, wenn es nun nicht haben will, daß ich dich liebe? Was soll ich thun?« – Sie wollte dich auf die Probe stellen. Die Probe ist vielleicht hart. Sie sieht dich traurig und beeilt sich, dich zu trösten. Zwischen zwei Pflichten geteilt, erfüllt sie die eine, ohne die andere zu verletzen. Wenn nur er nicht leidet, nichts dagegen hat, der kleine Tyrann, so wird sie in allem willig gehorchen, und, weit entfernt, sich zu beklagen, also sprechen: »O, wie glücklich bin ich! du ja nur bist es, den ich in ihm liebe. Und durch ihn wird mir das Glück, dir noch inniger anzugehören«. In der Liebe ist alles würdevoll und königlich. Ihre freien Sklavendienste, ihre selbstgewollten Demütigungen lassen sie nur noch mehr so erscheinen. Die Frau war niemals königlicher, als in der Entsagung, womit sie die Forderungen einer unerbittlichen Zärtlichkeit erfüllt. Unruhig und bewegt, aber rein, stellt sie alles Gott an Heim. Ihre Schmerzen, daß Hereindrohen der nahen Gefahr erwecken in ihr die ernstesten Gedanken. Wenn du in den Augenblicken einer nur zu egoistischen Lust, wo du sie (die edle Sklavin voll Ergebenheit und Opferfreudigkeit) umfängst, ihren Blick verstehen könntest, so möchtest du wohl ein wenig Reue verspüren, ihn so ruhig, so edel, so voll von dem Lichte des Himmels zu finden. Sie ist ängstlich, furchtsam in diesen letzten Tagen – ohne Zweifel –, aber vor allem fürchtet sie, Böses zu thun. Sie fühlt dunkel, daß sie das Werkzeug einer unaufhörlichen Schaffung ist, und daß, wenn sie dem Kinde ihr Blut und ihr Leben giebt, sie ihm nicht minder ihre Seele überliefert. Daher diese beständige, diese rührende Besorgnis, ihre Seele rein und heilig zu bewahren. Wollte der Himmel, man könnte ihr ein Buch geben, das sie aufrecht erhielte; man könnte ihr ein gutes Gebet lehren, nicht um Gott anzuflehen, daß er die Gesetze der Natur verändere, im Gegenteil: sie will nichts, als sich diesen Gesetzen fügen, sich der großen Ordnung einreihen, thun, was Gott will. Auf diesem Pfade nun, den sie einsam und zitternd geht, wärst du ihre wahre Stütze, wenn du die Liebe durch die Liebe bändigen könntest, und sie nicht fortwährend zur Erde herab zögest. Der Augenblick ist furchtbar ernst. Ihr Tag ist nahe. Denke daran, verschone sie! ... O, wird der Tod sie verschonen? Habe Mitleid mit uns, o Tod! * IV. Die Niederkunft. Wenn ihr auf Erden ein Bild der Angst sehen wollt, betrachtet jenen Mann in diesem großen Augenblick. Eine naive, aufrichtige Angst, die zu stark ist, um unterdrückt werden zu können, und die sich durch Zeichen äußert, die lächerlich erscheinen würden, wenn sie nicht so sehr rührend wären. Ich habe sehr stolze Männer gesehen, die sich ihren Schnurrbart ausrissen. Niedergeschlagen, bleich, entkräftet, flößten sie Mitleid ein. Die Wöchnerin mußte mitten aus ihren Schmerzen heraus rufen: »Fasse doch Mut, Mann, und sei kein solcher Hasenfuß!« Die Frau lebt in dem Kinde, aber der Mann lebt in der Frau. In dieser fürchterlichen Stunde preßt er sie, hält er sie mit beiden Händen, wie etwas, das sich ihm zu entziehen droht. Aber seine Hände halten nichts ... Sie steht unter einer ganz andern Macht, die sie nach ihrer Seite und wie stark! zieht. Auf Augenblicke schaut sie die Welt an, wo sie noch weilt, die Unruhe ihrer Umgebung, diesen Mann, der außer sich ist ... aber es ist ihr, als ob sie schon vom anderen Ufer herüberschaute. Die Krisis zieht sich in die Länge. Der Arzt schüttelt den Kopf, er kommt, er geht, er ist nicht zufrieden. Der andere folgt ihm wie sein Hund. Die Furcht hat ihn sehr leutselig gemacht. Seine Kriecherei, seine Schmeicheleien, seine lebhafte und plötzliche Freundschaft für den Mann, den er oft kaum kennt, aber der sein Leben in der Hand hat, – das alles ist wunderlich zu beobachten. Er, der sonst so eifersüchtig ist, er ist es nicht mehr. Er enthüllt ohne Zögern die liebe, ihm heilige Gestalt. Er fragt nicht einmal, ob sie durch diese Profanation leidet. Er nimmt eine strenge Miene an, schilt sie wegen ihrer schamhaften Weigerung. Mit einem Worte, er ist albern, kindisch und wie verrückt. * Sie hat ihm über diesen Punkt die vernünftigsten Vorstellungen gemacht. Aber die Furcht ist taub. Sie hat ihm gesagt, daß in diesem großen Frauenwerk eine Frau allein eine nützliche Hilfe ist, daß dagegen der Anblick eines Mannes vielleicht das größte Hindernis werden kann – ein Hindernis, daß für manche vollständig unüberwindlich bleibt, so daß sie darüber sterben können. Bedenkt, daß meistens alle Hilfe sich darauf reduziert, mit verschränkten Armen zuzusehen. Wenn das Kind nicht gut zum Vorschein kommt, wenn es der Kunst bedarf, so ist die kleine Hand einer Frau, ihre Geschicklichkeit, ihre Gewohnheit, sehr kleine Gegenstände zu berühren, doch sicherlich hilfreicher, als die Faust des Mannes. Die Frau ist die beste Pflegerin der Frau. Weshalb? Weil sie die Kranke und der Arzt zu gleicher Zeit ist, weil sie leicht bei einer andern die Übel begreift, an denen sie selbst leidet, die Prüfungen, die sie selbst durchgemacht hat. Die Ärzte kennen ihre Wissenschaft sehr wohl, aber die Kranke sehr schlecht. Es sind äußerst wenige, die sich ganz in ein so zartes, so geheimnisvolles Wesen, bei dem das Nervenleben alles ist, hineinversetzen können. Unsere Ärzte sind eine außerordentlich aufgeklärte Klasse, und nach meiner Ansicht weitaus die vorzüglichste in Frankreich. Keine andere weiß so viel, und so viel Positives. In keiner findet sich so viel Geist und Charakter. Dennoch aber hat ihre rauhe männliche Erziehung auf der Universität und in den Hospitälern, ihre harte chirurgische Wissenschaft, auf die ihr Land mit Stolz sieht, – alle die Eigenschaften haben in diesem Falle eine schlimme Folge. Sie bewirken in ihnen ein Erlöschen jener feinen Gefühligkeit, die allein alles einzelne des weiblichen Mysteriums verstehen, vorhersehen, ahnen könnte. Wer, als die Frau selbst, könnte ohne Impietät den Schoß der Frau berühren, dieses Wunder, wo die Natur sich in Zartheit erschöpft hat. Die Schuld liegt nicht an den Ärzten, die mir dies, glaube ich, nachfühlen werden. Sie liegt an der Schwäche des Mannes, der in solchen Augenblicken weibischer ist, als die Frau; sie liegt an dem Gatten, den nur die Gegenwart des Doktors beruhigen kann. Dagegen habe ich nichts. Obgleich so viele berühmte Hebammen uns wohl zufrieden stellen, obgleich das Beispiel ganz Europas, wo sie überall vorgezogen werden, ebenfalls unsere Frucht beseitigen könnte, so hindert ja nichts, daß der Arzt zu Rate gezogen werde, vorausgesetzt immer, daß er nicht handelnd eingreife, und selbst nicht zu nahe sei. Sein direktes Eingreifen ist viel mehr geeignet, die Natur zu paralysieren, als zu unterstützen. Die Frauen müssen gehört werden. Wohl, sie sagen es gerade heraus, wenn man es wagt, über einen so zarten Punkt in sie zu dringen, daß alle ihre Kraft in diesem Akte äußerster Anstrengung in der Freiheit der Anstrengung besteht, und daß diese Freiheit Null ist, sobald ein Mann im Zimmer. Es resultieren daraus alle Augenblicke Gezwungenheiten, sich widersprechende Bewegungen. Man will und will nicht. Man agiert und reagiert. Nun werdet ihr sagen, daß sie unrecht haben, daß sie es sich bequem machen und in einer solchen Krisis ihre vorurteilsvolle Scham, ihre Furcht vor Lächerlichkeiten, die sie so demütigen, vergessen sollten. Aber sie sind doch nun einmal so und man muß sie so nehmen. Und der wäre doch wahrlich ein Thor, der mit dem besten Willen, ihnen zu helfen, sie dabei der größten Gefahr aussetzte. * Doch brechen wir ab ... Es ist geschehen ... Ein unerhörter Schrei, der nicht von dieser Welt ist, der, scheint es, einer andern Sphäre angehört, ein scharfer, schneidender, wilder Schrei dringt in unser Ohr. Eine kleine blutige Masse liegt da ... Und das ist nun der Mensch! ... Willkommen, armer Schiffbrüchiger. Sie war erschöpft hingesunken, aber sie öffnet lebhaft die Augen: »O, mein Kind, da bist du also!« Und die Hand nach dem Manne, der mehr tot als lebendig ist, ausstreckend: »Ich war resigniert ... Ich hätte den Tod, der mir von dir kam, nicht gescheut«. * Es ist ein mächtiger Bund, der heute zwischen ihnen geschlossen ist, eine sehr ernste Ehe, dieser Kontrakt des Schmerzes. Sie liebt ihn und ist an ihn jetzt durch ein Band gefesselt, welches die Lust nie geknüpft hätte, sie liebt ihn, und ist von ihm durch ein unauslöschliches Zeichen gezeichnet; sie liebt ihn um des Blutes willen, daß sie vergießt, um ihres zerrissenen Fleisches willen, um der fürchterlichen Abspannung willen, in der das Gerüste der Knochen selbst sich zu lösen drohte. Er, er liebt sie um der Todesangst willen, die er, hilflos, mehr zerschmettert als sie selbst, ausgestanden hat. Die Schwache hat den Starken besiegt. Auch sie hat ihn in ihrer Weise mit einem unauslöschlichen Zeichen der Angst und des Schmerzes gezeichnet. Welcher Bund, zusammen tot zu sein, ich meine, zusammen den Tod so nahe gesehen, so nahe gefühlt zu haben! * Und das ist noch nicht zu Ende. Die Furcht darf noch nicht schlafen gehen. Da liegt sie nun in ihren Gewändern, bleich und rührend, so rührend schön. Ach, wenn ihr ganz die fürchterliche Wirklichkeit kanntet, die diese Schönheit bedeckt! Du darfst vor nichts zurückbeben, Mann! Diese Eindrücke sind heilsam. Es ist nötig, daß du den großen Meister im Schmerz, die Liebe, wohl kennen lernest ... »Nein,« wirst du sagen, »schone unser! Lasse uns unsere Poesie; das Schreckliche ist nicht poetisch. Was würde aus ihr selbst, wenn man ihr das abstoßende Bild ihrer zerrissenen Eingeweide zeigte?« Wohl! ersparen wir ihr diesen Anblick, aber du, du mußt ihn ertragen; und es wird gut für dich sein. Nichts überwältigt die Sinne so sehr. Wer nicht durch dieses traurige Schauspiel abgehärtet und blasiert ist, bleibt seiner selbst kaum Herr, wenn er eine genaue Abbildung des Uterus nach der Entbindung sieht. Ein Schauder ergreift ihn und kältet ihn bis ins Mark ... Das war der Eindruck, den dieser unbeschreibliche Anblick auf mich machte, als ich zum erstenmal die ausgezeichneten Kupfer von Bourgery's Buche sah. Eine vortreffliche Abbildung in dem Atlas von Cosie und Gerbes gewährt von demselben Organ einen weniger furchtbaren Anblick, der aber bis zu Thränen rührt. Man sieht es, wenn die Gebärmutter aus ihrem unendlichen Gewebe roter Fasern, die wie Seide, wie Purpurhaare erscheinen, Blutthränen weint. Diese Blätter von Gerbes, und die meisten nicht einmal mit Unterschriften versehen, dieser wunderbare, einzige Atlas ist ein Tempel der Zukunft, der in einer späteren, besseren Zeit alle Herzen mit religiöser Andacht erfüllen wird. Man muß niederknien, bevor man dies zu schauen wagt. Das große Geheimnis der Zeugung war noch nie in der Kunst mit seinem ganzen Reiz, mit seiner wahren Heiligkeit erschienen. Ich kenne den außerordentlichen Künstler nicht. Ich bin ihm dankbar, ohne das. Jeder vom Weibe Geborne muß ihm dankbar sein. Er hat uns die Form, die Farbe, aber viel mehr noch, die Zartheit, die tragische Anmut von alledem, die tiefe Bewegung gegeben. Ist es durch die äußerste Genauigkeit? oder hat er es gefühlt? ich weiß es nicht, aber den Eindruck macht es. O Heiligtum der Anmut, angethan, alle Herzen zu reinigen, welche Dinge enthüllst du uns? Wir lernen vor allem daraus, daß die Natur, die so viel Schönheiten an der Außenseite verschwendete, die größten für das Innere aufsparte. Die ergreifendsten sind verborgen, wie vergraben in den Tiefen des Lebens selbst. Und man lernt daraus auch noch, daß die Liebe etwas Sichtbares ist. Die Zärtlichkeit, mit der uns unsere Mütter überhäufen, ihre köstlichen Liebkosungen und die Süßigkeit ihrer Milch – das alles erkennt, fühlt, ahnt man und betet man an in diesem unaussprechlichen Heiligtum der Liebe und des Schmerzes. V. Wochenbett und erster Ausgang. Vor dem Wochenbett und während desselben ist die Unterhaltung der Krankenwärterinnen, Ammen, Nachbarinnen u. s. w. gewöhnlich schädlich und gefährlich für die Kranke. Sie sind redselig und ungeschickt, schwatzen ins Gelag hinein und beunruhigen oft durch unerquickliche Einfälle den schon erschütterten Geist. Manchmal sind es Klatschereien, üble Nachreden und hundert kleine Dummheiten, die eine schädliche Aufregung verursachen. Manchmal sind es tragische Ereignisse, trübe Prophezeiungen, Wundergeschichten, alberne Rezepte u. s. w. u. s. w. Zu keiner Zeit hätte sie dergleichen hören mögen, sie würde ihnen Schweigen geboten haben. Jetzt aber, in ihrem geschwächten, passiven Zustande, macht es einen nur zu starken Eindruck auf sie. Sie behält ihn für sich. Das alles, wohl verstanden, während der Abwesenheit des Gatten, unter den Frauen. Er tritt ins Gemach, man schweigt. Und doch wäre die erste Bedingung, um ihr wieder aufzuhelfen, die größte Ruhe des Geistes. Das Eindringen einer Fremden in einer solchen Zeit taugt nichts, um wie viel weniger das einer geschwätzigen, dummen, unzarten Person, die, auf ihre Autorität als Krankenwärterin fußend, die Hausordnung umstößt, sich bedienen läßt und mehr Umstände macht, als die Kranke selbst. Die gewöhnliche Dienerin, das gute, einfache, sanfte, gehorsame Landmädchen, die buchstäblich und ohne darüber ihre weisen Bemerkungen zu machen, den Anordnungen des Arztes Folge leistet, hätte auf alle Fälle mehr geleistet. Man würde Ruhe gewonnen haben, und alles wäre beim alten geblieben. Aber der eigentliche Krankenwärter, der mir am meisten Vertrauen einstößt, ist ohne Frage der Gatte selbst. Mit Hilfe jenes Mädchens kann er leicht alles verrichten. Ich weiß sehr wohl, daß er beschäftigt ist, daß er nur wenig Zeit hat. Er muß, muß sich Zeit schaffen – jetzt oder nie. Hier gilt es Urlaub nehmen; vertagen, aufschieben, was sich nur immer vertagen und aufschieben läßt. Die Gefahr ist noch nicht vorüber, ja sie ist vielleicht noch größer. Freilich, ihr seht sie lächelnd und schön und geschmückt in ihrem Bett. Das hindert nicht, daß sie noch immer an dem Rande des Grabes weilt. Zur Unzeit geöffnete Thüren oder Fenster, eine Nahrung, die ihr in dem kritischen Momente des Fiebers gereicht wird, irgend etwas, das sie nachteilig aufregt, reicht hin, um sie tödlich zu erschüttern. Wenige Stunden, und alles wäre vorbei. Selbst die ergebene Dienerin könnte in ihrer Unwissenheit oder in allzu großem Gehorsam gegen die Laune der Kranken wahrend deiner Abwesenheit etwas sehr Schlimmes anrichten. In der That, ich traue niemand außer dir. Wisse vor allem, daß deine Gegenwart allein das beste Heilmittel ist. Bist du da, so ist sie still, ganz beruhigt; sie schläft ein. Bist du nicht da, so ist ihr nicht wohl; wenn sie schläft, so ist es nur mit einem Auge. Sie fühlt, daß sie die Wärterin, die da ist, sie zu bewachen, ihrerseits wieder bewachen muß. Selbst die treue, aber ein wenig ungeschickte Dienerin macht sie ungeduldig. Und selbst, wenn diese gewandt und ein Ausbund von guten Eigenschaften wäre, so ersetzte sie dich noch immer nicht. Für hundert kleine Liebesdienste bedarf sie eben der geliebten Hand und keiner anderen. Sie muß den Mann, für den sie leidet, in der Nähe haben und ihn auch ein wenig leiden lassen; sie will dir klagen können und von dir beklagt werden, und kurz, wenn sie auch nichts bedarf, nichts spricht, selbst schläft, muß sie doch wissen, daß du da bist. * Aber werde ich nicht zu ungeschickt sein? ...« Nein, du wirst es nicht sein. Du kennst deine Talente und dein Verdienst noch nicht. Wenn du dich nicht durch einen lächerlichen Stolz sogenannter Manneswürde (der in diesem Falle nicht allein lächerlich, sondern strafbar ist) zurückhalten läßt, so versichere ich dir, daß du eine unerwartete Geschicklichkeit, eine nicht gewöhnliche Gewandtheit, die den erfahrensten Krankenwärterinnen Scham und Neid einstoßen könnte, entwickeln wirst. Es ist ein wenig, sehr wenig zu thun und sehr viel nicht zu thun und zu vermeiden. Der Arzt hat dir den Weg bezeichnet, und wo es not thut, wird deine Frau selbst mit wenigen Worten aushelfen können. Es wird ihr Vergnügen gewähren, dich anzuleiten, und ein noch größeres und eine wahre Unterhaltung, dich in Thätigkeit zu sehen. Die Ungeschicklichkeit eines andern würde sie unruhig machen, aber die deinige wird sie in die beste Laune versetzen; deine Geduld wird sie entzücken und in ihr eine vortreffliche Stimmung voll Freudigkeit, selbst Heiterkeit, hervorrufen ... Was thut's? Ein Mann von Geist, der liebt, ist in einem solchen Falle zu glücklich, wenn er sieht, daß diese Eindrücke so vorteilhaft auf ihre Gesundheit wirken. Wenn deine Eitelkeit darunter leiden sollte, desto besser! Du verdienst das und noch manches dazu. Wer ist denn schuld, wenn nicht du? Wenn man so viel für dich gelitten hat, so ist es nur gerecht, daß du auch deinerseits leidest, daß du auch ein wenig Buße thust. Und da fällt es dir nun so schwer, eine reizende Frau zu pflegen, die sich ohne dieses Ereignis dir vielleicht niemals so gänzlich hätte anvertrauen mögen. Segne dein Schicksal. Wie viele Männer würden es beneidenswert finden! Alles, was von ihr kommt, ist Gnade für dich. * Erhebe dich, mein Freund, zu der Höhe der Situation. Ein gutes Herz und ein guter Mut wissen jedes Ding so anzufassen, daß es ihnen zur Ehre gereicht. Ein von Natur bedeutender, wahrhaft adliger Mensch adelt jedes Amt und verleiht eine gewisse Würde, eine gewisse Anmut selbst solchen Dingen, die in den Händen anderer wenig dazu angethan schienen. Welches Glück für sie! und wie wird es sie beruhigen und entzücken, dich so voller Eifer zu sehen, dich zu allem verwenden zu können! Offen gestanden, die arme kleine Frau, wenn sie manchmal über dich lacht, ist auch ein wenig lächerlich. Weißt du, was in der äußersten Gefahr ihre größte Furcht war (eine Furcht, die allen Frauen gemeinsam ist – darin sind sie sich alle gleich)? Der Tod? Nein. Und selbst wenn sie seine Schrecken empfunden hätte, so beherrschte sie doch noch ein anderer Gedanke. Welcher? Ich muß es dir wohl sagen, du würdest von selbst nicht darauf kommen; die Furcht, zu mißfallen, irgendwie anzustoßen, unangenehm zu werden. Wem? Allen, dem Arzte, der Wärterin, selbst ihrem Dienstmädchen, die wie ihr Kind ist und für die sie so viel rücksichtsvolle Güte hat. Es ist das erste Mal, daß sich die junge Dame vollständig an das Bett gefesselt und nicht imstande sieht, sich selbst zu helfen. Gegen niemand fühlt sie sich ganz frei, alles setzt sie in Verlegenheit. Was sollte aus ihr werden, wenn sie dich nicht hätte? Es ist nur zu wahr, daß selbst die beste, zarteste, liebenswürdigste Herrin niemals versichert sein kann, daß ihr nicht dies oder jenes von ihrer Dienerin übel ausgelegt wird. Die gefährliche und rührende Lage, in welcher sie sich jetzt befindet, verhindert jene nicht, ein saures Gesicht zu machen. Die Kranke fühlt das alles sehr wohl, und es giebt nur ein Wesen, bei dem sie sicher ist, daß sie ihm stets reizend und liebenswürdig erscheint. Eines der merkwürdigsten Spiele, welche die Liebe, die allmächtige Herrscherin, mit uns treibt, besteht darin, alle Dinge zu verwandeln, besonders die Sinne auszutauschen und Lügen zu strafen. Alles, was ohne Zweifel dem nicht Liebenden mißfallen würde, ist wohlgefällig für den Liebenden. Wer hat Recht? Ich weiß es nicht. Sind unsere kalten, stumpfen, dumpfen Sinne, die dies und jenes und beinahe alles unangenehm finden, gewiß, gegen diesen höheren Sinn, welchem alle Manifestationen der Natur lieb und angenehm sind, Recht zu haben? Der Kupferstich eines Künstlers aus dem siebzehnten Jahrhundert, des scherzhaften Abraham Roß, drückt dies sehr naiv aus. Die hübsche Frau liegt im Bett (ohne Zweifel vor kurzer Zeit erst niedergekommen), krank, aber augenscheinlich heiter. Ihre alte, brummige Dienerin entfernt sich, über die kleinen Unbequemlichkeiten des Amtes einer Krankenwärterin sich beklagend. Aber ein anderer tritt an ihre Stelle. Es ist der Gatte, ein junger, eleganter Kavalier im großen Kostüme seiner Zeit, mit gesteifter Krause, Federhut, Stiefeln und Sporen – eine gebräunte spanische, determinierte, militärische Gestalt, bewaffnet nicht mit dem Degen, sondern mit dem heilbringenden Attribut seines neuen Berufs – so steht er da, stolz, und rüstet sich zum Werk. Übrigens voller Feuer und Leben, die Haare in der Luft flatternd, schön wie ein Mann, der sich auf den Feind stürzt. Man sieht Wohl, daß dieser hier vor nichts zurückschreckt, daß er alles zum Austrag bringen wird, daß er weiß und will und kann, was er soll. * Nichts vermögen, alles von der Hand des Geliebten erwarten; ihm einzig und allein das ganze Leben anvertrauen, jede Nahrung nur von ihm empfangen – das ist eine noch innigere Vereinigung zweier Wesen, als selbst die der Mutter mit dem Kinde in ihrem Schoße. Denn das Kind that nichts und empfing alles, ohne zu wollen. Aber hier möchte sie nicht einmal etwas thun; sie will empfangen und empfängt und genießt mit ganzer Seele, von ganzem Herzen diesen Zustand der Kindheit. Er ist ihre ganze Welt; sie lebt und webt nur in ihm. Ihre schönen, liebevollen, schmachtenden Augen folgen ihm überall, wenn er im Zimmer auf den Fußspitzen kommt und geht. Nur aus seiner Hand nimmt sie den Trank, nur aus seiner Hand bald auch die Speise. Selbst die Organe des tierischen, unwillkürlichen Lebens, wie zum Beispiel der Magen, haben sich so daran gewöhnt, daß sie kein Bedürfnis fühlen, wenn er es nicht befriedigen kann. »Er ist nicht da... ich will warten.« Eine ausgezeichnete Folge dieses Doppellebens besteht darin, daß das Wohlsein der einen Hälfte von dem wohlthätigsten Einfluß auf das Befinden der anderen ist. Sie liebt ihn wegen ihrer Schwäche, ihrer Krankheit; er liebt sie wegen seiner Gesundheit, seines fröhlichen, hoffnungsreichen Lebens. Der Gesunde, Fröhliche, Vertrauensvolle beherrscht den anderen; er reißt ihn wie durch den Einfluß eines höheren Magnetismus mit sich fort und erfüllt ihn mit frischer Lebenskraft. * Welche Freude, wenn sie wieder aufstehen kann, wenn er ihr den Garten zeigt und die Veränderungen, die er für sie machte, wenn die Sonne ihr wieder lacht, selbst ihre Tiere sich freuen, sie wiederzusehen, wenn zum erstenmale ihr Lehnstuhl wieder an den Tisch gerückt wird und ihr Platz, der so traurig leer stand, der Platz der jungen Hausfrau, wieder ausgefüllt ist! Das Gleichgewicht, die Harmonie kommen zurück, und immer durch dich. Und die Genesende heftet lange ihren Blick auf dich und schöpft in deinen Augen Freude, Gesundheit, Kraft und jene Harmonie, die das wahre Leben ist, und zärtlich spricht sie: »Mein ganzes Sein ruht in dir.« * Was könnte man doch thun für sie, die so viel gelitten hat? Nur Eines würde eine Entschädigung für sie sein. Wir sind noch zu sehr Barbaren; aber dies wird sicherlich ein Sakrament der kommenden Zeiten werden. Eine Dame hat mir folgende Idee mitgeteilt: »Nichts beglückt die Mutter mehr,« sagte sie, »als wenn sie, nach Verlauf von vierzig Tagen oder noch später, die Kammer verlassend, am Arme ihres Gatten, in Begleitung der ganzen Familie, aller Verwandten, aller Freunde, auf ihren Armen ihr Kind zum Altar (den ein Gesetz des Jahres 91 in dem Gemeindehause zu errichten befiehlt) trüge, es dem Magistrat nännte und es so in die Republik aufnehmen ließe und ins Leben einführte.« »Ich bin überzeugt, daß diesem Gefolge von Freunden jeder als Freund folgen würde. Da wäre kein Vorübergehender, der sich nicht dem Zuge anschlösse, um die Mutter zu ehren, um ihr zu danken, daß sie Mutter ist, ihr Glück und Segen zu wünschen.« * Sie kehren heim, und ihre dem Gatten wieder zugewendete Zärtlichkeit zeigt sich in einem Überströmen von Liebe und Dankbarkeit. »Da bin ich wieder in unserem Hause. Ich lebe, du hast mir das Leben gegeben, du hast mir mein Kind geschenkt!« Und wie sie so im Sonnenscheine sitzen, er zu ihren Füßen, beugt sie sich zu ihm nieder, die weiße Rose, und spricht: »Und was soll ich nun dir geben? Du hast mich ja ganz; ich habe nichts mehr für mich behalten ... Dennoch, wenn ich etwas vermag, sag' es ... Fordere selbst das Unmögliche von mir, und ich werde es thun.« »Du willst es? ... Nun wohl! ich bitte dich« ... »O, alles, was du willst.« – »Laß mich noch klarer in deiner Seele lesen.« – »Und wie? du bist mein zweites Ich; wir haben aufgehört, Zwei zu sein.« Aber er besteht darauf: »Du hast mir deine Vergangenheit enthüllt, was du thatest, littest, wolltest ... Wie liebte ich dich deshalb um so mehr? Was ich heute von dir fordere, sind deine Gedanken der Zukunft ... Versprich mir, daß du mir deine Träume, deinen Unmut, wenn du je Veranlassung dazu hättest, deine Launen (wer ist ohne die?), deinen Kummer, die Gründe zur Klage, die ich dir geben könnte, sagen willst ... Und wenn das Schicksal wollte, daß eine andere Liebe in dir aufdämmerte, daß deine Ruhe für einen Augenblick getrübt würde – o, dann, wenn du dich krank fühlst, nimm mich zu deinem Arzt! Du wirst bei mir Mitleid und Nachsicht ohne Ende finden. Wir wollen zusammenthun, was wir an Kraft besitzen. Vereinigt werden wir auch dann in dieser Prüfung den Beistand Gottes und der Vernunft nicht vergebens suchen.« Sie lächelt. »War es das? O, Lieber, wie leicht ist, was du verlangst, für sie, die nur an dich denkt!« Dann ihn umschlingend in innigster Umarmung, eins mit ihm, spricht sie: »Du warst mein Geliebter, mein Gatte; ich habe dir meine Person und mein Leben gegeben, ja mehr, mein früheres Leben; ich habe dir alle meine kleinen Geheimnisse gesagt. Du bist mein Arzt gewesen, meine liebevolle Wärterin, meine nachsichtige Pflegerin. So siehst du mich denn, jedes Atom in mir, als ob ein Strahl der Sonne mir Leib und Seele durchleuchtete. Und was kannst du dort sehen? Dich selbst. Ich fühle mich in dich verwandelt. Wie solltest du nicht sehen, was in dieses Herz käme, das deines ist? Die schwächsten Keime, das erste Dämmern eines Gefühls – du wirst es mit mir schauen, früher noch als ich.« Und, ihre Hände in die seinen legend: »Seele meiner Seele, sei gewiß, du wirst meine Seele erkennen, noch bevor sie gedacht hat.« Viertes Buch. Von dem Hinschwinden der Liebe. I. Der Säugling. Trennung. Das Haus ist ein anderes, belebter, lauter. Ein neues Centrum ist da, die Wiege, und alles dreht sich darum. Das Säuglingsalter, die unendliche Unschuld des kleinen Wesens verbreiten ihren Zauber über alles. Mitleid und Zärtlichkeit unterwerfen ihm die Familie. Der Vater dient der Mutter, diese dem Kinde. Es ist eine Welt, scheinbar gegen den Lauf der Welt, aber so wie die Liebe, wie Gott es will: der Starke thut hier alles für den Schwachen, und die Herrschaft ist bei dem Kleinsten. Auch ist das Haus weniger verschlossen, weniger einsam. Das Kind leidet, schreit, was thun? Man ruft andere zur Hilfe herbei. Die Mutter stillt; aber es ist unmöglich, daß sie, schwach und zart wie sie ist, allen Anforderungen genüge. Man bedarf einer zweiten Dienerin, die, das Kind auf den Armen, fortwährend inmitten der Familie ist, alles sieht und hört. Später wird sie mit hinein sprechen und durch das Kind eine wichtige Person werden. Nun ist es vorbei mit der Einsamkeit. Die erste Dienerin lebte für sich, zählte nicht. Früher waren sie Zwei, jetzt sind es ihrer Fünf. Und eine noch wichtigere Veränderung. Die Mutter findet in dieser Wiege ihre Welt, die andere ist für sie verschwunden. So muß es sein, und es ist gut für das Kind, daß es so ist. Das hilflose Wesen würde untergehen, wenn nicht die Mutter ganz in ihm aufginge. Der Vater mag diese Zurücksetzung schwer empfinden; dennoch reißt es ihn zur Anbetung hin. Sie ist so schön, so rührend in diesem Zustande süßer Trunkenheit, liebevoller Unruhe, daß er zu sich selbst sagt: »Ich erkenne sie kaum wieder! ... Bis jetzt hatte ich sie noch nicht gesehen, hatte kaum eine Ahnung ihres eigentlichen Wesens.« Wenn sie, bebend über ihren Sohn gebeugt, ein himmlisches Lächeln in diese blöden Augen spiegelt, so verwandelt der Lichtglanz, der von ihr auf ihn überstrahlt, alles rings umher; kein Herz kann sich dem entziehen, jeder wird hingerissen ... (Correggio in Dresden und Solari im Louvre.) Die Liebe hat die Liebe überholt. Sie gedachte sich selbst zu wiederholen, sich noch einmal zu schaffen, und sie hat mehr gethan, als sie wollte. Sie hat, ohne es zu wissen, einen Gott erzeugt, und es bleibt ihr nichts übrig, als ihn anzubeten. Soll das indessen heißen, daß dies Wunder den zum Nichts verdammte, der doch alles in allem, der Wunderthäter ist? Nein, die mitleidige Natur erbarmt sich der ersten Liebe. In dem Augenblicke, wo die Frau dem, welchen sie liebt, so entfremdet scheint, gehört sie ihm nur noch mehr. Die tiefe Imprägnation, die ihr durch ihn geworden ist, besteht fort und wird nur immer tiefer und tiefer werden. Die thätige Liebe, mit der sie ihr Kind umfängt, thut der passiven, unwillkürlichen und um desto mehr unbesiegbaren Liebe, von der sie ganz eingenommen ist, keinen Abbruch. Sie denkt weniger an den Gatten, liebt ihn weniger in Gedanken, aber mehr mit ihrem Blute, mit ihrem umgewandelten Wesen. Während dieser Vergessenheit, die sie zu trennen scheint, schreitet die Umwandlung vorwärts, die sie immer inniger vereinigt. Das ist noch nicht alles. Die Lebensflut steigt. Die so verschiedenartigen, bald freudigen, bald schmerzlichen Erregungen des Stillens, in die sich manchmal eine Empfindung geheimnisvoller Wonne mischt, die sie bis ins Innerste durchschauert, bewirken (durch einen sechsten Sinn, der sich nicht definieren läßt), daß für sie die Liebe zu ihrem Kinde und die Liebe zu ihrem Gatten ineinanderfließen. Das Kind regt sie wunderbar auf, und sie blickt den Vater an. Wenn die liebliche Quelle sanft und gleichmäßig rinnt, wenn das Kind seiner Mutter nicht beschwerlich fällt und nur den Überfluß ihrer Fülle von ihr heischt, versinkt sie in eine Art von Verzückung, einen Halbtraum, wo ihr Leben und das Leben jener für sie nicht mehr unterscheidbar sind. Sie vermag sich nicht mehr als Individuum zu denken; sie ist in allen Dreien zu gleicher Zeit, und vorzüglich in den Beiden, welche sie liebt. * Wenn sie in dieser Seligkeit der Kontemplation überhaupt denkt, so ist es, um dich mit ihm zu vergleichen: – dich, den sie im innersten Herzen trägt, und dich, der vor ihr in der Wiege liegt. »O, wie er dir gleicht!« das ist ihr ewiges Wort. Und es ist ihr voller Ernst. Es ist für sie eine zärtliche Wollust der Entsagung, zu sprechen: »Ich habe ihn empfangen, und er ist ganz dein Werk. Ich habe beinahe nichts dazu gethan. Deine Züge, deine Seele bis auf deine Bewegungen, du hast fast alles in ihn gelegt ... du selbst warst dieser Flammenstrahl.« Freunde, Nachbarn, Dienstboten, jedes in seiner Weise, verfehlen nicht, dem beizustimmen; jedes hebt einen besonderen Zug hervor. »Der Mund hauptsächlich – nein, es sind die Augen.« Bei diesem fröhlichen Christfest verstattet das kleine Wesen durch seine unbestimmten Züge und tausend zweifelhafte Schatten, je nach der Stunde und dem Gesichtspunkte, jede Illusion. Es ruft wach und reproduziert alles, was man will. Diesen Gedanken eines schönen Tages, diesen nächtlichen Vorfall, diese körperliche Eigentümlichkeit, die nur Einem bekannt ist, alles bringt es harmlos an den Tag. Ah, dieses Mal im Gesicht, ich kenne es wohl! Das allerliebste Grübchen in seiner Wange, ich habe es auch sonst schon gesehen ... Wenn seine Brauen sich zusammenziehen, ich weiß, weshalb; es ist nicht seine Schuld ... So entzückt sie das Kind, eine lebendige Geschichte, die ihnen alle ihre Geheimnisse, selbst solche Dinge, die sie schon wieder vergessen hatten, erzählt. Wie sollten sie ihn nicht lieben, diesen reizenden Vertrauten, der da weiß, was man niemals ausspricht, und den Augenblick entzückendster Lust in himmlischer Reinheit darstellt! Ein treues, unbewegliches Bild, hat es diesen Blitz eines Momentes, der die Zukunft in sich barg, fixiert und bewahrt. So gut hat es ihn bewahrt, so ganz ist es selbst der lebendige Blitz, die verkörperte Lust, daß sein Anblick das Entzücken wieder wachruft. Wenn sie sich noch nicht liebten, so wäre es hinreichend, die Flamme wieder anzuschüren. Sein Vater glüht bei dieser Erinnerung. Sie selbst errötet, sie ist bewegt, sie hebt die liebetrunkenen Augen und senkt sie wieder. Aber zuletzt kommt sie doch zuerst ein wenig zur Besinnung und (war sie jemals reizender?) bittet: »Schone unser ... denke an deinen Sohn!« * Er ist gerührt, und beide vereinigen an der Wiege ihre Seelen und gedenken gemeinschaftlich der Zukunft. Wie wird es sein an dem schönen Tage, wo das Kind freier um sich schauen, wo seine Händchen sich bewegen werden, es den ersten Schritt versuchen wird? Welche Gefühle, welche Worte werden sie auszutauschen haben! Was haben sie nicht alles sich zu sagen, und wie sehr ist es nötig, daß sie sich verstehen! Das Kind ist für sie die Quelle tausend neuer notwendiger gegenseitiger Bezüge; oder besser, es ist die lebendige Vereinigung der beiden. Eine süße und heilige Vereinigung, bei welcher dennoch das Stillen des Kindes eine halbe Trennung zur traurigen Pflicht macht. Der Arzt, die Mutter haben nicht nötig, dem Gatten noch lange zuzureden. Die Liebe zu seiner Frau, die Liebe zu seinem Kinde sprechen deutlich genug für ihn. Er entfernt sich, aber so wenig wie möglich, und er bleibt noch in demselben Zimmer. Vorläufig wird er sich ausbetten. Dabei bleibt es nicht. Die Mutter selbst entfernt ihn aus zärtlicher Fürsorge noch weiter. Das Kind schreit, und wie könnte der Vater, wenn er des Nachts wachen muß, am Morgen zur rechten Zeit an die Arbeit gehen? Sie bittet, dringt in ihn; er sträubt sich ein wenig. »Aber, Lieber, wenn du krank würdest? ... Wir haben ja nur dich.« Das ist ein triftiger, unwiderleglicher Grund. Der arme Mann bescheidet sich. Verbannt aus der lieben Gesellschaft, in der er bis jetzt zu jeder Stunde lebte, verbannt aus einer ganzen Welt reizender Vertraulichkeiten, die dieses Leben wahrhaft zauberisch machten, geht Adam aus dem Paradiese. * Des Abends zum wenigsten, bei der Rückkehr von der Arbeit, wurde ihm der Genuß, den Gesang einer Frau zu hören, den Gesang dieser geliebten Stimme. Auch hier zeigt sich die Trennung. Denn ihr genügt jetzt das Kind; es ist ihr Gesang, ihre Musik. Tag und Nacht in diesem einen Gedanken versunken, bedarf sie nichts weiter. »Lieber, ich habe keine Stimme mehr. Die Niederkunft hat sie mir geraubt ...« Da steht das Instrument, ein undankbares, aber nicht monotones Instrument, das Klavier, an dem sie so viele Jahre zugebracht hat. O, wie wenig scheinen ihr heute seine harten Tasten den unendlichen Harmonien zu entsprechen, die sie im Herzen hegt, wie die Orgel einer Kathedrale, die abgrundtiefe Liebe einer Mutter! Wenn der Mann sich des vergessenen Instrumentes erinnerte, wenn er sie bäte, wieder einmal zu spielen, so würde sie ohne Zweifel einen Versuch machen; an Bereitwilligkeit fehlt es ihr nie ... Aber es geht nicht. Seit den vielen Monaten hat das Klavier sehr gelitten, und die beste Saite ist zersprungen. II. Die Liebe zur Veränderung. Dieses Buch über die Liebe kann und soll nicht ein zweites Buch über die Mutterliebe enthalten. So muß ich denn hier, so leid es mir thut, die reizende Entwickelung der Erziehung, welche das Kind der Frau nicht weniger, als die Frau dem Kinde zu teil werden läßt, in der Feder behalten. Um auf das Kind wirken zu können, wird sie selbst wieder Kind, fängt wieder an zu lallen, ahmt ihm nach, damit es ihr wieder nachahmt. Wundervolles Schauspiel, in welchem sie eine so außerordentliche Geduld, manchmal beinahe Genie zeigt. Ohne diese gewaltige Anstrengung wäre es nicht möglich, das Kind dem Leben zu erobern; wir alle nehmen von da unsern Ausgang; nur durch diese Geduld der Frau, sich zum Kinde zu machen, werden wir zu Menschen. Ihr fragt hoch herab, weshalb die Frau, deren Entwickelung so früh abschließt, keine Kunst für sich gefunden habe? Deshalb nicht, weil sie die Kraft ihrer besten Jahre zusammennehmen mußte für eine höhere Kunst, für die Kunst, den Menschen zu schaffen, in euch die geistige Entwickelung zu beginnen, die mächtigen Fähigkeiten, die euch so stolz machen, ihr Undankbaren! Diese unglaubliche Energie, die sie entwickelt, um die Schranke zwischen ihr und jenem Dinge, aus dem sie eine Person machen will, aus dem Wege zu räumen, um mit einem Stummen sich zu unterhalten, ihm einige Zeichen des Verständnisses zu entlocken, kurz, zu bewirken, daß das Wort und der Geist, die Menschlichkeit in ihm aufblühe – ist über die Kraft des Mannes. Er unterstützt die Komödie wohl, nimmt für einen Augenblick, für eine Stunde vielleicht, selbst daran teil, und das ist schon viel. Wenn sie dieselbe Sache zwanzig-, dreißigmal wiederholt, so findet ihr das sehr gut, sehr hübsch und angenehm in ihrem Munde, und ihre anmutigen kleinen Kunstgriffe, das Kind zu unterhalten und aufzuwecken, unterhalten manchmal auch das große Kind. Aber wenn die Sache tausendmal wiederkehrt, millionenmal, am Tage und des Nachts, und immer, und beinahe immer dieselbe, so giebt er sich den Anschein, als höre er zu, als nehme er daran teil, und kann es nicht, und denkt an anderes. Diese vier Jahre (diese acht Jahre, wenn ein zweites, ein drittes Kind hinzukommen) werden eine stets wachsende Trennung zwischen den besten Eheleuten hervorbringen. Die Frau, welche ganz von ihrer Aufgabe als Amme, als Erzieherin in Anspruch genommen wird, bleibt wesentlich dieselbe, ja sie zieht den Kreis ihrer Ideen enger. Der Mann im Gegenteil vergrößert im Fortgang der Zeit, durch das Wachsen seiner Geschäfte, infolge auch der Einsamkeit, in welcher ihn seine Frau läßt, welche von den Kindern absorbiert wird – vergrößert, sage ich, den Kreis seiner Thätigkeit, seiner Verbindungen. Mehr und mehr giebt er dem gewaltigen Strudel, der fürchterlichen Beweglichkeit unsers modernen Lebens nach, welches den Einzelnen ergreift, zersetzt, zu Staub zermalmt, mit ihm spielt und ihn in die Lüfte zerstreut. Dies ist das normale Verhältnis, welches jede, auch die beste Ehe zeigt. Die Frau (auch die beste) schließt sich in einen ganz engen Kreis ein, der Mann (auch der beste) zersplittert sich in dem Grenzenlosen. Die Leidenschaft des Mannes muß eine große, eine gewaltige sein, wenn eine solche Entfremdung, eine so ungeheure Divergenz die Einigkeit nicht vernichten soll. Und wie soll diese in ihrer Sphäre musterhafte Frau, diese bewunderungswürdige Mutter gegen ihren Gegner, die Welt und ihre Mannigfaltigkeit kämpfen, gegen diese betäubende, blendende moderne Welt? Keine Individualität kommt gegen einen solchen Gegner auf, der ihr tausend verschiedene Kräfte auf einmal entgegensetzt. Sie ist schön, anziehend, sie verleiht dem häuslichen Leben einen hohen Reiz. Aber die ungeheure Beweglichkeit unsers Lebens, die uns auf Feuerflügeln von Kontinent zu Kontinent trägt, giebt dem Manne den Erdball zum Wohnhaus und blendet ihn im Vorüberfliegen mit tausend Schönheiten aus der Menschenwelt und der Natur, die ihn mindestens zerstreuen. Ich nehme an, daß sie selbst geistreich sei, diese Frau, interessant, stets eine andere. Aber die tausendarmige Riesin, die Presse, bringt allstündlich dem Manne die Neuigkeiten der ganzen Welt, immer neue Ereignisse, Begebenheiten, Thaten, welche die neuen Ideen auch des fruchtbarsten Geistes weniger anziehend erscheinen lassen. Diese brutale Zersplitterung der Aufmerksamkeit durch materielle Thatsachen übersättigt das Gehirn und stumpft es ab. Und folgt sie nun, wenn sie es vermag, dem wechselnden, unterhaltenden Kaleidoskop der Mode, so läßt sie sich auf den ungewissesten Wettstreit mit der Veränderung selbst und allen ihren unvorhersehbaren Zufällen ein. Und kann sie kämpfen, das zarte Wesen, mit den gewaltsamen Reizmitteln, den geistigen Getränken, diesen dem Geiste feindlichen Geistern, dieser Barbarei einer Civilisation, die nur Kraftstücke will, künstlichen Aufschwung und Strohfeuer des Enthusiasmus statt wahrer Begeisterung ? Wir sagten: zwei brutale und wilde Kräfte, die sich in die Herrschaft der Welt teilen, führen grausamen Krieg mit der Liebe: 1. Das rasende Bedürfnis nach Neuem, welches lange Zeit durch die Monotonie des Mittelalters zurückgehalten, seitdem hervorgebrochen ist, und sich heute rächt und mit der Heftigkeit einer Reaktion durch alle Mittel zu gleicher Zeit Befriedigung sucht. 2. Wir haben diesen Umschwung herbeigewünscht, mit Begeisterung begrüßt, und schon fühlen wir uns von ihm erdrückt. Ermüdet, geblendet, abgestumpft und angeekelt durch diese tolle Jagd, diesen Hexentanz, der ihm seine Kraft raubt, flüchtet sich der Mann feigerweise in die entgegengesetzte, noch verderblichere Abspannung, in den bleiernen Rausch, in die zerflossene, unfruchtbare Träumerei, in den Rauch des Tabaks und die Abstumpfung der geistigen Getränke. * Wie sehr hätte hier die Frau Ursache, sich zu beklagen! ... Der Mann – und ich meine nicht den durch die Leidenschaft verblendeten, sondern im Gegenteil den nüchternen, der in vollkommener Klarheit lebt – wird leicht begreifen, daß die zwiefache Trunkenheit, die beiden Excesse, welche dadurch, daß sie sich das Gegengewicht halten, die Weisheit möglich machen, in den Armen der Frau unendlich viel heilsamer und belebender gefunden werden können, als in jenem Scheindasein. In ihr ist der süßeste Rausch, in ihr der tiefste Schlaf. Die Abstumpfung und Lähmung des Gehirns, welche euch den nächsten Tag zum voraus verderben, sind traurige Mittel, zu vergessen, im Vergleich mit denen, die sie euch gewährt hätte – dem Abendfrieden, der süßen Ruhe und dem noch süßeren Erwachen an ihrer Seite. Und was jene unendliche Zerstreuung durch die tausend Dinge betrifft, die euch nach tausend Seiten zerren, die vielen neuen Bücher, in denen nichts Neues steht, die vielen Eisenbahnen, die zu keinem Ziele führen – das alles, soll ich es aussprechen, kommt mir vor wie eine große Verschwörung, euren Geist zu meucheln, ihn mit einer Welt von unverdauten Dingen zu überschütten, unter denen er sich nicht mehr wird regen können. So stürzten über Herculanum an einem Tage über fünfzig Fuß Asche. So ist eine Wiese der Loire die ich kenne, nachdem sie bei der bekannten Überschwemmung mit zweihundert Fuder Steine übersäet wurde, seitdem verlassen und zu nichts mehr gut. Rette deine Seele vor einem ähnlichen Verderben, schirme sie gegen eine solche Überschwemmung. Schütze sie durch die Liebe, bewahre sie durch die Weisheit. Antworte dem trüben Meere, das an dich herandrängt, und dir so viele schöne Dinge anbietet, daß alles das wertlos ist im Vergleich mit dem Schatze, den zwei Gatten, die ihre Liebe nicht erkalten lassen, besitzen: Der Schatz des Mannes, ein Nichts, ein Unendliches, ein Atom von Feuer, welches uns lieben, handeln, schaffen macht; mit einem Worte: der Funken des Prometheus. Der Schatz der Frau, die Sanftmut eines reinen Herzens, welches dein Hafen ist, das Meer nährender Milch, die ewige Verjüngung. Das alles unter dem Reiz der Bescheidenheit und Jungfräulichkeit, heiliger Einfalt, göttlicher Kindheit. Wenn du des Abends nach Hause kehrst, und sie dir entgegenkommt, den Kleinen auf dem Arm, verbanne, mein Freund, verscheuche die Wolke, welche die Wirkung so vieler Dinge, von denen du den Tag über dich gedrückt fühltest, um deine Augen, um dein Herz gelagert hatten. Nach dieser Phantasmagorie, dieser bösen Zauberlaterne, durch die so viele trübe Schatten huschten, öffne deine Sinne wieder der Wirklichkeit. Möge diese Mutter mit ihrem Kinde, ihr reizendes Lächeln, ihre Freude, dich wiederzusehen, ihr zärtlicher Kuß und ihre stumme Umarmung dich rein machen und deine Augen klar, daß du erkennest, wie lieblich das Leben ist. Nehmt, ich bitte euch, eure gemütlichen Unterredungen wieder auf. die durch deine Geschäfte, durch ihre Mutterschaft, durch die Pflege des Kindes ein wenig gestört waren. Und grolle ihr nicht! War es denn ihre Schuld? Was hat sie nicht gelitten, als dieses gierige, unerbittliche Kind, dem sie ihr Blut, ihre Milch gab, ihre zarten Nerven zerriß! ... Du liebst sie, ich weiß es, du freust dich ihrer entfalteten Schönheit, wie sie jetzt dasteht, die Mutter mit dem Säugling an ihrer Brust. Ihr habt euch als dieselben wiedergefunden. Stört denn wirklich dieser arme Kleine euer trauliches Beisammensein? Er ist doch ein sehr harmloser Nebenbuhler. So tragt euch denn gegenseitig, oder vielmehr liebt euch jetzt zu Dreien. Bald wird er heranwachsen und seine Mutter nicht mehr gänzlich in Anspruch nehmen. Noch einige Jahre, und er wird ihr entfliehen und, verlassen von ihm, wird sie kommen, sich in deinen Armen auszuweinen. III. Die junge Mutter wird von ihrem Sohn getrennt. Ich habe Thränen im Herzen, aus mehr als einem Grunde. Ich bin nicht unempfindlich für meine Zeit, und ich fühle ihre tödlichen Wunden ... Aber das alles, was mich gegen Privatgefühle abstumpfen könnte, läßt mir doch ein Stückchen vom Herzen, und das blutet um, was ich so oft sah, um die Mutter, die man von ihrem Kinde trennt, die Mutter, der man plötzlich ihr Kind raubt. Ach! wie kann der Mann diese Barbarei begehen? Weil er Voraussicht hat, antwortet ihr. Wenn das Kind nicht in die Schule geschickt wird, wie soll es einst die Prüfungen bestehen, welche der Staat heischt? »Weshalb Examina?« sagt die Mutter. Wie, Madame, Sie sind so klug und wissen nicht, daß dies die einzige Mauer ist, die uns noch bleibt? Ohne Examina ist alles Gunst und Gnade, absolute Herrschaft des Königs der Könige, ich meine: des Kammerdieners. * Acht, zehn Jahre sind verflossen. Mehrere Kinder wurden geboren, einige davon starben; um so geliebter das, welches blieb. Und von diesem einzigen Kinde soll sie sich trennen. Man zögert einige Zeit, ihrethalben. Aber die Zeit verrinnt, der Vater dringt auf Trennung, und die Trennung wird vollzogen. O, wie sehr verschieden ist die Sache für die beiden, wie ungleich ist das Opfer! Er, durch Arbeiten, Geschäfte in Anspruch genommen und zerstreut, leidet kaum. Aber ihr raubt man das Leben. Das Kind hatte Lektüre, Kunst, alles, was früher das Mädchen beschäftigte, auf die Seite geschoben. Nun geht es fort, und eine grenzenlose Leere breitet sich wie eine Wüste um die Ärmste. Sie ist allein in dem öden Hause. Wenn der Vater abwesend ist, so benutzt sie die größere Freiheit, um in jedem Zimmer zu weinen. Dort wurde er geboren, hier spielte er, dort lernte er lesen. Bei Tische ist es noch schlimmer. Sie will gute Miene machen, ihren Mann nicht betrüben, sich stark zeigen. Sie wagt nicht, jenen leeren Platz anzusehen. Und doch, so oder so, haben ihre Augen sich darauf gerichtet... Schluchzend eilt sie aus dem Zimmer. Was bleibt ihr? Du. Du umarmst sie, tröstest sie. Aber das ist nicht genug für ein so krankes Herz. Dies Herz ist weit fort, in jener rauhen Schule; es teilt die plötzliche, grausame Veränderung der Lage. Die Unbeweglichkeit für ein bis zu diesem Augenblick so freies Geschöpf, die undankbare abstrakte Arbeit, die lieblose, heftige Zurechtweisung – wen trifft denn alles das, wenn nicht die Mutter, der er schreibt, und alles erzählt? Ich wage nicht, ihre Schmerzen zu schildern; ich habe Mütter gesehen, die darüber in Verzweiflung versanken. Und das ist noch nicht alles; das Schlimmste ist dies. Man gewöhnt sich an jede Lage; nach Verlauf eines Jahres fühlt er sich weniger unglücklich; er hat Freundschaften geschlossen; er spielt mit Leidenschaft in den kurzen Stunden der Erholung. Und wenn seine Mutter nach einer Woche ungeduldiger Erwartung, in der sie jede Stunde zählte, in tiefer Bewegung anlangt, ihn zu umarmen, so findet sie ihn kalt und zerstreut, sichtlich mit andern Dingen beschäftigt. Sie hat sein Spiel unterbrochen, sie wird ihn um die Stunde bringen; sie spricht zu ihm und er hört nur das Geschrei seiner Kameraden, die sich ohne ihn belustigen... O, wie grausam das ihr Herz zerreißt! Sie fühlt, wie überflüssig sie ihm schon geworden ist; sie hat ihn belästigt, und er hat sie mit Vergnügen scheiden sehen. Sie geht fort, sie weint nicht, der Schmerz hat sie starr gemacht. Aber nach Hause zurückgekommen, bricht sie zusammen ... »Mein Gott, was hast du?« Sie kann nicht sprechen, kaum atmen ... Welcher Schlag! Sie hat ihren Sohn verloren, ihre Liebe von zehn Jahren ... und eine auf Erden verlorene Liebe – die kommt nicht wieder. Sie ist rein, sie ist gut; sie stützt sich auf ihren Gatten. Es kommt ihr nicht in den Sinn, eine andere Hilfe, einen andern Trost zu suchen. – Günstiger Augenblick für ihn. wenn er ihn zu ergreifen verstände! Und das ist fast nie der Fall; zu vieles hat sich verändert. Zuerst in ihm. Der Mann hat eine gewaltige Strecke Weges zurückgelegt in diesen Jahren, in welchen sie nur an die Kinder dachte. Tausend Prüfungen hat er durchgemacht. Er nähert sich dem wenig poetischen Alter, welches man das gesetzte nennt (vierzig Jahre), und das meistens schon kalt und steril ist. Ist er derselbe geblieben, dieser Mann? Ich will es gern annehmen. Aber wäre er auch ein ganz besonderer Mann, eine Ausnahme, hätte das Leben seinen Kern nicht berührt, jedenfalls hat es die Blüte des Herzens abgestreift, jenen seinen, zarten Sinn, der ihn das Glück einer so süßen Wiedervereinigung fühlen ließe. Und auch sie hat sich verändert. Wie sehr zu ihrem Vorteil! Ich berufe mich auf Van Dyck. Angenehm im zwanzigsten Jahre, ist sie anbetungswürdig im achtundzwanzigsten. Seltsam! sie ist so zu sagen in eine andere Rangordnung eingetreten. Die erste Jugendschönheit erreicht fast niemals die eigentliche Vollendung. Die Rose war ein wenig bürgerlich, aber königlich ist diese Lilie. Die Zartheit, die makellose Farbe, die hohe Reinheit ihres Teints sagen zur Genüge, daß keine niedrige Leidenschaft dieses Heiligtum berührt hat. Die sichtliche Unschuld läßt sie in ihrer Schwermut noch anziehender erscheinen. Sie leidet, und doch hat sie nichts Böses gethan. »Was fehlt ihr nur?« fragt man. »Sollte ihr Mann sie unglücklich machen? – Nein, aber ihr Sohn ist auf der Schule. Das ist ihre Krankheit.« Man lächelt, und dieser wenig begriffene Kummer, den man kindisch findet, giebt doch noch einem Zweifel Raum. Sie hat noch einen andern Kummer. So glaubt jeder leicht, und alle möchten sie gar zu gern trösten. * Das hält schwer. Sie hat ein Grauen vor der großen Welt, die Menge und ihre leeren Zerstreuungen stoßen sie ab. Wenn ihr Mann sie hineinzieht, kommt sie nur melancholischer zurück. »Ach, warum doch unsere alten Gewohnheiten aufgeben! Traurig oder heiter, zu Hause ist es doch besser.« Wie sehr hat sie recht! wie verständig ist sie! Und bist du wohl weise? Wonach verlangt denn ihr Herz? Nach Liebe und wieder nach Liebe. Ist die Liebe in dir erloschen? Nein, nur abgekühlt, nur zerstreut. Wenn du von Zerstreuung sprichst, so will sie gerade das Gegenteil. Sie verlangt nach Konzentration. Der Herd ist ein wenig vernachlässigt, die noch glühenden Kohlen liegen hier und da. Nun wohl, es gilt, sie zusammenzuraffen; und das genügt, den Funken zur Flamme anzufachen. Willst du lieben, sehr lieben, das heißt glücklich sein? ergreife sie in diesem Momente, die reizende Frau, die zu dir zurückkommt, sich in deine Hand giebt. Fasse sie, dränge dich fest an sie, lebe viel mit ihr, und lasse sie nicht allein. So viele lebensvolle Fibern, die vormals von dir zu ihr, von ihr zu dir verwebt waren, werden sich wieder berühren und eure Einigkeit wiederherstellen. Ich muß es dir nur sagen. Sie ist jetzt reicher an Anmut und Liebe als je. Das Leiden und der Schmerz haben eine neue Frau aus ihr gemacht, indem sie herrliche Quellen des Gefühls, tiefe, für dich unerhörte Quellen des Genusses, einer Lust, von der du keine Ahnung hattest, in ihr erweckten! Köstlicher Schatz! Und wie thöricht ist der, welcher die Welt einladet, daran teilzunehmen, wenn dieser Schatz nur ein einziges Herz sucht, sich ihm hinzugeben! * Die Welt! die weite, weite Welt! ... Bei diesem Worte fühlte sie sich traurig, die junge Frau, und ich traure mit ihr. Das Unendliche, das Unbekannte liegt vor uns. Was werden wir dort finden? Tausend Ahnungen bestürmen uns. Dieses Buch floß gemächlich dahin, und ich vermochte nicht, es aufzuhalten, Es machte zu frei von der glücklichen Voraussetzung eines einsamen Lebens, einer kleinen harmonischen Welt Gebrauch. Aber wie kann man sich vor der großen verschließen? Sie verstattet es nicht. Kommst du nicht zu ihr, so kommt sie zu dir, sie braust heran bis an die Schwelle, wie die Woge eines finstern Oceans. Und keine Thür kann sie zurückhalten. Wer bist du, der du so drohend anpochst? Bist du das Vaterland, die Republik? Bist du die gewaltige Liebe, für welche die Heroen mehr als ihr Leben, für welche sie ihr Herz opferten? ... Ha, bist du das, dann mag die Thür weit sich öffnen! nein, sie stürze, und die Mauern stürzen mit ihr ... Denn wir sind dein, wir gehören dir, Leib und Gut, Geist und Leben. Und diese hier, Frau, wie sie ist, oder besser, weil sie Frau ist, wird uns nicht Lügen strafen. Im Gegenteil. Freundlich und gut gegen die Einzelnen, hat sie ebenso viel Liebe wie wir für die Nationen. Aber, o Welt! du bist durchaus nicht diese Welt voll Hoheit und Licht. Du bist die Verwirrung und das Chaos. »Und wäre ich es, so werde ich dennoch eintreten, ihr mögt wollen oder nicht. Ich bin euer Schicksal. Ihr verschließt mir die Thür; aber ihr atmet mich, ich bin rings in der Luft. Ihr könnt mir nicht aus dem Wege gehen. Drinnen oder draußen, überall findet ihr mich. »Ich bin die Verwirrung und die Gefahr, freilich, aber eben deswegen bin ich die heilsame Prüfung; in mir liegt eine Pflicht, die ihr unerschrocken auf euch nehmen müßt. Mein wahrer Name ist: Der Kampf des Lebens. « * IV. Die Welt. Ist der Wert des Mannes gesunken? Das Haus ist nicht mehr das kleine Haus, welches wir zu Anfang geschildert haben. Es hat sich durch die Macht der Verhältnisse vergrößert. Die Kinder, die Verbindungen, die Geschäfte, die Interessen haben die Existenz in jedem Sinne erweitert. Trotz ihrer herzlichen Einigkeit sind unsere Gatten doch gezwungen, dieses gefährliche Dritte, welches sie auszuschließen strebten, die große, fremde, unbekannte Welt, anzuerkennen. Freilich, man mußte sich in einen größern Kreis mischen, wo sich die Thätigkeit des Mannes frei entfalten konnte. Endlich vielleicht, und das ist das Schlimmste, sind unsere Gatten durch eben diese Thätigkeit, oder durch den bloßen Verlauf der Zeit, durch Erbschaft u. s. w. reich geworden. Bedenkt, daß in Frankreich gerade das fehlt, was die Grundlage des englischen Lebens ist und was dort die Familie wirklich zu einer Familie macht; ich meine die Thür und der Riegel daran. In unserm Lande existiert beides nicht. Dort ist die Einsamkeit, eine freie, gern gesehene Einsamkeit, die Regel; hier ist sie die Ausnahme, etwas Besonderes und sehr selten. Ohne vorgestellt, empfohlen zu sein, hat jeder Mensch, auf sein bloßes Menschsein hin, freien Zutritt. Die Inschrift, die man, ohne daß sie dort geschrieben zu stehen brauchte, über jeder englischen Thür liest, heißt: »Ich kenne dich nicht.« Über der französischen liest man: »Haben Sie die Güte, einzutreten.« Dieses schöne Vertrauen, welches der Nation zur Ehre gereicht, hat eine schlimme Folge. Diejenigen, denen man den Zutritt nicht gestattet, glauben, daß man nur mit ihnen eine Ausnahme macht, und werden Feinde. Diejenigen, welche man mit einiger Zurückhaltung, mit einer natürlichen, gerechtfertigten Vorsicht zuläßt, werden noch gefährlichere Feinde, weil sie, in die Festung aufgenommen, doppelt verderblich werden können. Sie bringen das trojanische Roß mit hinein. Die am meisten Verletzten, die Feindlichsten, sind gewöhnlich die Verwandten, welche, ohne die geringste Verbindung in Ideen und Gefühlen, nichtsdestoweniger auf Vertrauen Anspruch machen. Die Frau, die, mit ihrem Gatten so innig verbunden, nur ihm ihre Gedanken mitteilt, kann sicher sein, alle Frauen der Familie gegen sich zu haben. Mutter, Schwestern, Cousinen – alle sind ihr feindlich gesinnt, und führen einen Guerillakrieg gegen sie. Ihre Jugendfreundinnen, welche die alte Verbindung nie ganz aufgaben, wünschen ihr nichts Gutes und vergeben ihr nicht, daß sie sich sicher auf der geraden Straße hielt. Wenn sie nicht mit ihr brechen, so geschieht es einzig deshalb, um dieses eigentümliche Haus, diese seltsame Person beobachten zu können; sie hoffen stets, daß früher oder später auch sie sich schwach zeigen, und dann um so abhängiger werden wird, als sie vorher tugendhaft war. Sie muß aufs Äußerste das böse Gerede, den Lärm fürchten, und so wäre sie die Sklavin der guten Freundinnen, die sich ihres Geheimnisses zu bemächtigen wußten. Man findet sie noch immer naiv, jung im Herzen (das Kind hatte sie ganz absorbiert), sehr harmlos trotz ihrer achtundzwanzig Jahre; dennoch verzweifelt man nicht daran, sie einmal schwach zu sehen. Dazu bedarfs der Gewandtheit, vor allem der Geduld, wie auf der Jagd, der geduldigen Schlauheit des Wilden. Mit diesen löblichen Eigenschaften können die Neidischen aufwarten. Auf die Zeit kommt es ihnen nicht an, wenn sie nur auf die Länge ein wenig weiter gekommen sind. Vorläufig in ganz unschuldigen Dingen. In einer harmlosen Unterhaltung über Modesachen berührt man gelegentlich noch einiges andere. Man läßt so im Gespräch, ganz unbedacht, ein Wort über den Gatten fallen, macht seinen kleinen Scherz über diese oder jene kleine Schwäche, und erschüttert so den Glauben der Frau, die bis zu diesem Momente, wenigstens aus Gewohnheit, blind war und ihn beinahe für vollkommen hielt. * Er läßt es an Grund zur Klage nicht fehlen. Es ist nicht zu leugnen, daß der Mann in der Mitte des Lebens (achtunddreißig Jahre will ich sagen), der von den Geschäften in Anspruch genommene, an seinen Beruf gefesselte, in seiner Laufbahn sehr einseitig gewordene Mann, auffallend an Wert verloren hat. Er hat seine Thätigkeit begrenzt, seinen Geist konzentriert, er ist stärker, aber nicht mehr harmonisch. Die Schönheit, die er mit zwanzig, fünfundzwanzig Jahren hatte, wo sein Geist, sein Herz sich noch für alles interessierten, und sich für alles erwärmen konnten, diese jugendliche Größe, die in den Augen seiner Frau ihn gerade so verführerisch erscheinen ließ – hat er sie bewahrt? Ich zweifle daran. Warum wurde er geliebt? Weil sie in ihm das Unendliche sah. Aber gerade die Kraft der Einseitigkeit, die ihm allein in seinem Berufe, seiner Kunst oder seiner Wissenschaft Erfolg verschaffte, hat ihn beschränkt, hat ihm die Unendlichkeit, diese große Illusion der Liebe, geraubt. Dies ist ein Geständnis, das wir den Frauen schuldig waren. Es ist nur zu wahr, der Mann hat an Wert verloren. Nur zu wahr. Er war ein Mann, als sie ihn liebte; zehn, zwölf Jahre später ist er ein berühmter Advokat, ein ausgezeichneter Arzt, ein großer Architekt – das ist schön; aber für die Frau war es unendlich schöner, als er ein Mann war, das heißt, alles, als sein Gedanke die Welt umfaßte, seine Hoffnung keine Grenze kannte, er über den Dingen schwebte. Aber jetzt möge auch die Frau, die das Glück hienieden spendet, uns gerecht richten. Was wäre aus dem Mann geworden, wenn er aus seiner luftigen Höhe nicht herabgestiegen wäre, die Wirklichkeit zu erfassen. Sie mögen richten. Aber ein großer Geist verwirft sie. »Die Frau«, sagt er, »kann nicht gerecht sein.« Sie ist ganz Liebe, es ist wahr; die Liebe, so scheint es, ist Gunst, willkürliche Gnade. Indessen, wer möchte bestreiten, daß es auch in der Liebe eine großmütige Anerkennung, ein zärtliches tiefes Mitgefühl für die Anstrengung des Willens, die Würde der Arbeit, welche den verdienten Erfolg möglich macht, giebt? Welche Frau hat kein Gefühl für den Ruhm? Selbst für den relativen Ruhm. Er existiert für das Handwerk so gut wie für die Kunst. Er ist in dem kleinsten Kreise eben so bemerkbar, wie in der weiten Sphäre der Nation oder der Menschheit. Die Frau empfindet ihn sehr lebhaft, interessiert sich ausnehmend für ihn, läßt sich gern durch ihn rühren. Sie leidet nicht, daß man am Ruhme ihres Gatten zweifle. Und wenn er ein Hufschmied wäre, so wagt es nicht, in ihrer Gegenwart zu behaupten, daß er nicht der beste Hufschmied sei. Sie wollen also den Ruhm, Madame, den Erfolg, wollen, daß dieser Mann sich durch Werke auszeichne, die allein seine Kraft bekunden. Nur geben Sie sich nicht immer Rechenschaft von den sehr schwierigen Bedingungen, den hartnäckigen, manchmal gewaltsamen, äußersten, und ich möchte sagen verzweifelten Anstrengungen, durch welche man den Erfolg erkauft. Von diesen Bedingungen ist für den Mann die härteste, daß er durch die Anstrengung an dem Organe, dessen er sich zumeist bedient, gezeichnet wird. Wer das Eisen hämmert, und wäre er ein Genie in seiner Kunst, und wäre er ein Gott, wird unfehlbar eine zu hohe rechte Schulter bekommen. Was wollen Sie dagegen thun? Verbieten Sie ihm nur zur rechten Zeit sein Handwerk. Und wer in irgend einer andern Art schmiedet, wird auch das Zeichen seines Handwerks, irgend eine moralische oder physische Deformität zu tragen haben. Das Schlimmste ist, daß die brachliegenden Kräfte verkommen. Wenn der Künstler sich davor nicht hütete, immer nur den Teil forcierte, der kolossal wird, und die andern verkrüppeln ließe, so könnte er schließlich ein Ungeheuer werden, – freilich ein erhabenes Ungeheuer. * Der antike Mensch blieb schön und stark, und für ihn war der Fortschritt der Zeit ein Fortschritt der Schönheit. Ulysses kehrt im fünfzigsten Jahre von Troja heim, kehrt heim von einer langen, fürchterlichen Seereise, auf der er so viel gelitten hat, und er ist derselbe Ulysses, so ganz, daß er allein den Bogen spannt, den die jungen Freier kaum zu heben vermögen. Seine Penelope erkennt ihn an seiner Stärke und an seiner majestätischen, durch das Unglück gereiften Schönheit. Wie ist das möglich? Er hat sich durch den energischen Gebrauch aller seiner Gaben erhalten. Er ist der harmonische Mann geblieben, der zu dem Kriege gegen Troja auszog. Und nun nehmt den modernen Mann, wer er immer sei, von der besten Geburt, mit den vortrefflichsten Gaben ausgestattet, groß durch Genie, durch Willenskraft. Er sieht sich im zwanzigsten Jahre einer ungeheuren, furchtbaren Maschine gegenüber, mit Abteilungen und Unterabteilungen für Künste, Wissenschaften, Professionen, durch die er hindurch muß, wenn er es zu Etwas bringen will. Der Zweck des Lebens ist nicht mehr derselbe. Ullysses war zum Handeln geboren, er handelte und blieb schön. Dieser Mann ist zum Schaffen geboren, die Specialität absorbiert ihn, das Werk ist schön, und der Künstler läuft Gefahr, häßlich zu werden. Habt deshalb Mitleid mit ihm, ihr Frauen! Bringt diese ungeheure Anstrengung in Rechnung. Und wenn wir dabei verlieren, das Menschengeschlecht aber gewinnt, so sehet das Werk an, und etwas weniger den Künstler. Ihr gebet bereitwillig eurem Kinde von eurer Schönheit. Nun wohl! Wir geben unsere Schönheit diesem Werke, unserm intellektuellen Kinde, aber ach! beinahe immer zu reichlich und ohne etwas für uns zu behalten. * Was wäre es nun, wenn wir blieben, was wir waren, schön durch unsere allseitige Fähigkeit, durch unsere glänzende Beweglichkeit, auf der leuchtenden Schwelle der Wissenschaften, ohne jemals in ihre dunkeln Tiefen zu dringen? Wir blieben, nicht der antike Mensch in dem schönen Gleichmaß des Ulysses, sondern der angenehme universelle Mann, der in allen Sätteln fest ist, blieben das, was das Jahrhundert Ludwig's XIV. bewunderte und empfahl, was man » l'honnête homme « nannte. Das war der Edelmann, der an nichts Hand anlegte, aber darauf versessen war, gut und fein zu urteilen. Wir würden das heute einen gebildeten Dilettanten nennen. So sind die Helden Molières, Philinthe und vielleicht auch Clitendre. Ein vollendeter Salonkönig, ein Kenner in allen Dingen, von den Damen gern gesehen, um sein Urteil befragt, bewundert. Er versteht sich auf alles im Allgemeinen . Er gefällt ihnen, weil er ihnen gleicht. Sie wissen und thun alles (wenn sie etwas thun) im Allgemeinen . Sie bleiben auf dem Standpunkte des Liebhabers , denn sie haben nicht die Kraft, die Werke tiefen Ernstes, die Meisterwerke herkulischer Anstrengung zu begreifen. Wir hüten uns wohl, von ihnen diese fürchterlichen Arbeiten, welche nur durch das Märtyrertum der Kunst möglich werden, zu verlangen. Ihr Ruhm liegt in den lebendigen Werken, die über alle Kunst erhaben sind; von ihnen kommt der Funken, der uns zu unsern Werken entflammt. Mit den Männern ist es etwas anderes. Unsere Zeit würde nicht zufrieden sein, wenn sie Philinthe oder Clitendre blieben. Der moderne Mann, dieses gewaltige Wesen, muß ohn' Unterlaß zeugen. Aber wenn die Frau nur mit Schmerzen gebiert, wenn sie neun Monate leiden, und manchmal zwanzig oder dreißig Stunden schreien muß, – so verlangen die großen Werke des Mannes oft neun Jahre, zwanzig Jahre. Und wieviel erstickte Seufzer, wieviel unterdrückte Klagen! Das Hah! des Zimmermanns, der Ruf, der dem Hiebe der Axt die rechte Kraft giebt, – wir rufen ihn alltäglich, allstündlich. * Sie lieben die Energie und die großen Resultate, den Anfang und das Ende, aber da sie den Weg, der zum Ziele führt, nicht ebenso kennen, weder die notwendige Zeit noch die Kontinuität der Anstrengung zu schätzen wissen, und wähnen, daß sich alles durch geniale Sprünge, durch glückliche, liebenswürdige Zufälle erreichen lasse, so haben sie nur für die Erfolge des Improvisators Sinn. Ein glücklicher Advokat, der ihnen jeden Abend einen Erfolg mit nach Hause bringt, ein glänzender Journalist, der sie mit seinem Kunstfeuerwerk blendet, – das sind die Leute, die sie lieben. Aber in großen Dingen verlangt selbst die Improvisation Zeit, und viel Zeit. Michel Angelos Improvisation, die rapid genug war, um für die Ausmalung einer ganzen Kirche hinzureichen, kostete ihm sechs oder sieben Jahre unausgesetzten einsamen Studiums. Bedenkt, daß es eine zu häufige Wirkung großer Arbeiten und großer Anstrengungen ist, den Arbeiter stumm zu machen. Wer handelt oder schafft, schwatzt wenig. »Thaten, und keine Worte.« Die glänzenden Gaben, die man vielleicht besaß, so lange man sich an der Oberfläche hielt, verliert man in der ernsten, gebieterischen Arbeit, welche jede Kunst verlangt, sobald man Resultate will. Der elendeste Schwätzer kann dem tiefsinnigsten Erfinder den Rang ablaufen, und ihn zum Schweigen bringen. Ich habe manchmal das seltsame Schauspiel gehabt, zu sehen, wie ein Fant in einem Kreise lachlustiger Damen einen armen genialen Mann, einen von den wenigen, die dem Jahrhundert ihren Namen aufdrücken werden, meisterte und belehrte, ihn über seine eigne Kunst zurechtsetzte, ihn aufforderte gründlicher zu studieren. * In den eigentlichen Geschäften ist es noch schlimmer. Nichts von Geschäften in der Gegenwart einer Frau. Sie selbst will die eigentliche, wesentliche Angelegenheit sein, und jede andere ist ihr verhaßt. Sie weiß beinahe nie den Geist, das Talent, die großen Fähigkeiten zu schätzen, die oft in der Behandlung der Geschäfte entfaltet werden. Sie will von alledem nichts wissen. Beim ersten Worte, das man von seinen Projekten, seinen Arbeiten, von dem, was man für die Familie thut und hofft, fallen läßt, gähnt sie oder wendet sich ab. Mit einem Worte, sie wollen reich sein, aber die Mittel dazu wollen sie nicht. Was soll der Mann thun? Er arbeitet oft nur ihrethalben. Mancher könnte bei seiner Genügsamkeit und Freiheit von kostspieligen Neigungen, wie so viele andere, in jener unabhängigen, leichten Lage, die man in Frankreich so sehr liebt, verharren. Seine Heirat, sein beträchtlicherer Hausstand, die Kinder haben ihn an die Arbeit gefesselt, an die undankbare Arbeit, von der er nicht einmal sprechen darf. Sie kommt und geht, müßig und die Nase rümpfend, während er sich in der Arbeit aufreibt, allein in Wahrheit, und die Dornen des Lebens für sich allein behaltend. * Wie kommt es, erlaube ich mir zu fragen, daß die Romane, die den Anspruch machen, ein treuer Spiegel unserer Sitten zu sein, nie ein Wort von alledem sagen? Warum sind alle die Leute, die man dort sieht, Ehemänner, Liebhaber, gleichviel, Müßiggänger, die ohne Zweifel von ihren Renten leben? Warum nehmen die Damen und Herren Autoren für gewöhnlich zu ihren Helden Taugenichtse , man verstatte mir diesen derben und gerechten Volksausdruck, Faulenzer und Leute, die in der Wolle sitzen? Warum? weil sie bei all ihren langen demokratischen Diskursen eine Schwäche haben für die Leute comme il faut , für die Menschenspezies, Adel genannt. Ich sehe mit Bedauern in unserer Zeit soviel Genie auf diese traurige Gattung des Romans verschwendet, soviel Talent dazu verwendet, unsere Wunden zu sondieren und zu verschlimmern. Der Roman hat uns gelehrt, uns selbst zu beweinen: er hat die Geduld erschöpft. Er hat bewirkt, daß die moralischen Schäden und Gebrechen, die gewissen Klassen eigen sind, verallgemeinert wurden. Von sechsunddreißig Millionen Franzosen hatten fünfunddreißig nicht die mindeste Ahnung von allem, was diese großen Künstler geschildert haben. Übrigens ist diese krankhafte Litteratur auf die gesunden Seelen nur von geringer Wirkung. Sie macht nur die noch kränker, die schon krank sind. Sie ist für die kleine Häuslichkeit, mit der wir uns beschäftigen, nicht eben gefährlich. Die junge Frau, die nicht in der ersten Jugend schon durch die mystische Poesie und die religiöse Zweideutigkeit eine Frühreife erlangt hat und verdorben und überreizt wurde, ist nicht zur Romanlektüre vorbereitet. Eine gesunde, keusche und starke Liebe, dann die Mutterliebe, zwei mächtige Tugendwächter, haben sie vor der Ansteckung bewahrt. Sie hätte Balzac nicht verstanden, oder ihn mit Unwillen weggeworfen. In seinem Buche von der Ehe, das er selbst ein Skelett nennt, würde sie einen Leichnam erblickt haben. Durch Niedrigkeit gewinnt man sie nicht. Die Freundinnen, die an ihr herumspüren und sie gern zu Fall bringen möchten, verfehlen nicht, ihr ein Buch der Sand heimlich zuzustecken. Was findet sie darin? daß der Liebhaber nicht mehr taugt als der Ehemann. Der Ehemann ist oft unwürdig in ihren Büchern, aber der Liebhaber ist stets erbärmlich. Was sage ich: infam, verächtlich, verabscheuenswert! Raimund, welcher der armen Indiana seine Thür verschließt; Indiana, ohne ein anderes Obdach als den Tod, umherirrend – stärkeres ist doch wohl nie geschrieben, um vom Ehebruch abzuschrecken. Indessen darf man in dem schmerzensreichen Werke dieser großen Schriftstellerin kein Kapitel vereinzelt betrachten. Man muß das Ganze vor Augen haben. Der Gatte zeige das seiner Frau, und erkläre ihr die leitende Idee. Es ist im allgemeinen ein historisches Denkmal der Schwäche unserer Zeit, eine heftige Anklage der Verflachung der Charaktere (in unsern vornehmen Klassen). Eine für das Große geborene und zu großen Ansprüchen berechtigte Frau hat nach starken Charakteren gesucht und keine gefunden. Sie hat laut gesagt, was alle denken, daß der Wert des Mannes (Gatte, Geliebter, gleichviel) abgenommen hat, daß ihnen ein solcher Mann nicht genügt. Wenn ihr keine Lust habt, auf diesen an euch ergangenen Ruf zu antworten und eure Energie zusammenzunehmen, so habt ihr allen Grund, euch vor diesen Büchern zu fürchten. Aber die Männer, die alle Tage in Thaten und Gedanken ihre Kraft beweisen, die das neue Leben schaffen, oder ihres aufs Spiel setzen, fürchten sich vor den Romanen nicht. Sie wissen sehr wohl, daß ihre Frauen den ganzen Tag die vortrefflichen Schilderungen lesen können, die Madame Sand von den Ehemännern gemacht hat, und sie dennoch nicht in den Gemälden wiedererkennen werden, die ihnen nicht gleichen. Ich schreibe dies in der Stadt der schönsten Frauen Frankreichs. Ihre Männer verlassen sie allnächtlich, um auf den Fischfang zu gehen. Überdies fahren sie noch alle Jahre auf sechs Monate nach Neufoundland, wo viele von ihnen umkommen. Nun wohl, in dieser Stadt weiß man nichts von unehelichen Kindern, nichts von Ehebrechern, nichts von galanten Abenteuern. Spricht man einmal ein wenig über eine Frau, und das unter achtzehntausend Seelen, so ist es in den reicheren Klassen und über eine aus der Bourgeoisie. Außerordentlich mäßig, sind sie dennoch von üppigen Formen, von einer großartigen Schönheit, von starker, zu Männerwerken tüchtiger Hand. Abends klopfen sie Flachs, Tags laufen sie auf den Felsen in einer unerschrockenen Nacktheit, die einen Maler entzücken würde. Und dabei scheinen sie nicht zu wissen, daß ein Herr nebenbei auch noch ein Mann ist. Sie baden ihn, wenn's sein muß, wie sie einen Säugling baden würden. Sie würden sich gegen einen Feind vortrefflich schlagen, wie es ihre Mütter denn schon gethan haben, welche mit unbewaffneten Händen Engländer gefangen nahmen. Hier giebt es keinen Roman. Die Poesie des Ozeans reicht vollkommen aus; er spielt ihnen nur zu viele Trauerspiele. Aber, das versichere ich euch, alle Romane der Welt können ruhig hieher kommen. Die Männer werden sie ihren Frauen gern gestatten, denn zwei Umstände schützen sie. Der eine, wie man hinreichend in der Stadt an den zahlreichen Witwentrachten sieht, ist die Idee des Todes, die Idee der Gefahr, die man dort läuft; das läßt das Herz nicht niedrig werden. Der andere ist die Kraft, die Überlegenheit des Mannes, der alle Tage mehr Gefahren besteht, als der Soldat je zu bestehen hat. Daraus resultiert eine vollkommene Sicherheit. Sie wissen, daß ihre braven Ehehälften sich nicht täuschen lassen und die rechten Männer sehr wohl herausfinden können. Dieser originelle Ort, wo der mächtige, frische, heilsame Meerwind den Menschen Heroismus ins Herz weht, ist der Ort, wo England und die Vendée zusammentreffen, – Granville, seit 93 mit Recht la Victoire genannt. V. Die Fliege und die Spinne. Wenn ich den sonderbaren Eifer der Frauen sehe, mit dem sie gegen andere Frauen Krieg führen, die äußerste Befriedigung, welche intime Freundinnen darin finden, eine Freundin ins Verderben zu stürzen, so möchte ich leicht für die Ehe, die dieses Buch schildert, besorgt sein. Aber eines beruhigt mich. Ungeachtet der veränderten Lage, welche das Band hätte lockern können, teilen sie sich alles mit, vertrauen sie einander alles an, ihre Thaten und ihre Gedanken. Das gemeinschaftliche Mahl und Bett geben selbst dem Beschäftigtsten schickliche Gelegenheiten und Stunden. Geschäfte und Ideen, er teilt ihr alles mit, und sie ist ihm dankbar für seine Bemühung, ihr selbst solche Dinge begreiflich zu machen, die eigentlich außer ihrer Sphäre liegen. Sie rechnet ihm diese Anstrengung, sein Leben mit ihr vollkommen zu teilen, sehr hoch an. Sie sieht darin seine ausdauernde Liebe, die so viele Hindernisse überwindet; sie sieht darin seine zärtliche Rücksicht für die Gattin, die Mutter. Dadurch fühlt sie sich in ihren eigenen Augen erhoben und geehrt. Eine so starke und so ernste Liebe macht die ihrige nicht minder tief und unabhängig von den ganz äußerlichen Einflüssen der Laune und Stimmung, erinnert sie daran, ebenfalls gewissenhaft alles zu sagen. Sie nimmt es ernst mit dem Versprechen, das sie (Ende des dritten Buches) ablegte, ihm alle Gefühle und Bewegungen ihres Herzens anzuvertrauen. Manchmal wird es ihr nicht leicht, ihr Wort zu halten. Jung und innerlich noch immer Jungfrau, kostet es ein wenig Mühe, diese oder jene flüchtige Idee, diesen Traum, diese Illusion der Natur, von der auch die Verständigste heimgesucht wird, zu gestehen. Aber sie hat es einmal versprochen. Ein richtiger Instinkt sagt ihr, daß im vollen Lichte unter den Augen ihres Gatten zu leben ihr bester Schutz ist. Sie hat eine geheime Ahnung von den Schlingen, die sie umgeben. Sie maßt sich nicht an, alles zu wissen. Bis jetzt durch ihr Kind von der Welt getrennt, ist es das Sicherste für sie, keinen Schritt in diese Welt zu thun, ohne sich dabei auf die Erfahrung dessen zu stützen, der dieselbe nie verlassen hat, stets auf dem Kampfplatze der Geschäfte und Interessen geblieben ist. Fast alle Frauen fallen durch ihren Stolz. Sie scheuen sich, anzuerkennen, daß der Mann, welcher gezwungen ist, so viele komplizierte Angelegenheiten zu entwickeln, der stets im vollen Kampfe lebt, unendlich viel positiver ist als sie. Man muß es wohl in den Geschäften sein, wenn man sich jeden Tag ins Verderben und seine Familie ins Elend stürzen kann, täuscht man sich nur um eine Linie oder um eines Haares Breite. Die Frauen sind sehr fein, sagt man. Aber mit Ausnahme derer, welche viel unter die Leute gekommen sind, haben sie diese Feinheit nur in Sachen des Gefühls, durchaus nicht in den Angelegenheiten des Lebens. Sie leben in der That auf das Geratewohl. In den gefährlichsten Augenblicken überlassen sie dem Zufalle sehr viel. Und wenn sie jemand um Rat fragen, so sind es meistens solche Personen, vor denen sie sich hüten sollten. Die Besseren fängt man gerade durch ihren Gatten am häufigsten. Sie sind eitel für ihn, ehrgeizig für ihn, und gerade von der Seite weiß man ihnen beizukommen. Ist er mächtig, einflußreich, so sieht sich die Frau, sie mag wollen oder nicht, von einem Hofe umgeben. Sie findet an diesem Glänze, der ein Widerschein ihres Gatten ist, Gefallen. Sie sieht (nicht einmal, sondern zehnmal) angesehene, geachtete, oft fromme Damen, die sie in Wohlthätigkeitsvereinen u. s. w. oft getroffen hat, bei sich erscheinen, um ihnen ihren Sohn zuzuführen, einen jungen interessanten Mann, der schon imstande ist, ihrem Gatten zu dienen, seinen Ansichten huldigt, ganz in seine Fußstapfen tritt. Er hat bis jetzt in der Einsamkeit seinen Studien obgelegen. Es fehlt ihm noch der rechte Schliff. Aber er ist so sanft, so lenkbar! Er brauchte nur in die Gesellschaft eingeführt, ein wenig angeleitet, belehrt zu werden, und seine Bildung wäre vollendet. Ist die Sache einmal glücklich soweit gelangt, so spielt das Stück vortrefflich weiter. Man spricht nur von dem jungen Manne. Es scheint, als ob die Rollen verteilt wären. Eine Verwandte, die sich am Vormittage melden ließ, bringt zufällig die Rede auf ihn. Sie hat ihn gesehen, sie findet ihn allerliebst. Und am Abend sagt eine Freundin so leichthin: »Ich bin ganz verliebt in den Menschen«. Die Kammerfrau, die noch kühner ist, wird bald das Eis brechen und, während sie ihrer Gebieterin das Haar macht, ihr zu sagen wagen, daß der junge Herr vor Liebe stirbt. Vormals bestach man Lisetten und bezahlte ihre Worte; heute hat man das nicht mehr nötig. Sie weiß sehr gut, daß, wenn die Dame einmal in die Intrigue verwickelt ist, sich einmal bloßgegeben, ein Geheimnis sich hat entlocken lassen, sie die Herrin ihrer Herrin sein wird, das Haus in Kontribution setzen und nach Belieben schalten und plündern kann. Und wie viel schneller geht man noch, wenn der Mann, anstatt beschützen zu können, selber eines Beschützers bedarf! wenn er ein Unterbeamter ist, der Beförderung wünscht, ein Industrieller von geringen Mitteln, der nicht vorwärts kann, wenn ihm nicht ein Kapitalist unter die Arme greift. In diesem Falle ist die Verführung kühn, unverschämt. Sie scheut vor nichts zurück, geht mutig darauf los, auf die Gefahr hin, die junge Frau zu beleidigen. Die gute Freundin, die Vertraute, eine Frau, die schon Erfahrung hat, und der sie in aller Unschuld diesen oder jenen kleinen Herzenskummer beichtete, wird ihr sagen, daß sie sich allerdings nicht wundere, wenn sie, die so schlecht verheiratet sei, sich langweile, daß der Mann wirklich traurig beschränkt, in der That sehr beschränkt sei, daß er sie für immer in der Dunkelheit lassen werde. Sie spricht soviel davon, daß die kleine Frau mit ihrem guten Herzen, mit der Anhänglichkeit, die sie doch im Grunde für ihren Mann bewahrte, auf das Empfindlichste verletzt ist. Sie widerspricht, sie gerät in Hitze, und die Ungeschickte muß andere Segel aufziehen. Man muß dem armen Manne, der, wie jeder anerkennen wird, sehr fleißig ist, zu Hilfe kommen. Es müßte sich jemand seiner annehmen, der Energie, Kraft und Kredit hätte, der ihn nur erst von der Erde aufhöbe; hernach würde er schon von selber stiegen können. Eine erste Hilfe thue ja so viel! Die Methode, zwei Leute ineinander verliebt zu machen, die im Leben nicht daran gedacht hätten, ist uralt und deshalb nicht weniger sicher. Es genügt, jedem der Beteiligten zu sagen, daß der andere in ihn verliebt sei. Wenn nun der Beschützer und die Dame durch einen glücklichen Zufall, an dem es niemals fehlt, in Berührung gebracht sind, so handeln beide, wie man es wollte; die junge Frau verfehlt selten, durch eine unbedeutende Koquetterie, die sie für unschuldig hält und im Interesse ihres Gatten sich erlauben zu können glaubt, das über sie Gesagte zu rechtfertigen. Aber man weiß, daß sie liebt, weiß, daß sie nicht weiter gehen würde, daß man ihr nicht einmal mit Sicherheit ein Geständnis machen dürfte. Man würde Gefahr laufen, alles zu verderben und sie entschlüpfen zu sehen. Handeln ist sicherer, als sprechen. Frechheit, ein halber Gewaltstreich bringen oft die Sache zum Austrag. * Man wird sagen, das ist nicht möglich. Man glaubt, daß dergleichen Schändlichkeiten nur in den niedrigsten Klassen begangen werden, und täuscht sich darin sehr. Die Sache kommt nur zu häufig vor. Aber die Damen von gutem Tone sind in solchen Fällen bedeutend diskreter. Sie behalten die traurige Geschichte für sich und verbeißen ihren Schmerz und ihre Thränen. Manchmal, lange nachher, kommt die Sache, so oder so, an den Tag. Viele Fälle der Art sind auf sehr glaubwürdigen Wegen zu meiner Kenntnis gelangt. Ich trage kein Verlangen, die schmählichen Einzelheiten vor das Publikum zu bringen. Jedesmal ist es die Geschichte von der Spinne, welche die Fliege in ihr Netz zieht und umgarnt. Ein wesentlicher Punkt in diesen Fällen ist der, daß das arme Geschöpf keineswegs den Verrat beabsichtigte, daß von eigentlichem Willen wenig oder gar keine Rede war, daß man im Gegenteil durch die That (die gezwungene, halb gezwungene That) den Willen korrumpierte. Ein anderer Punkt, der bemerkt zu werden verdient, ist, daß die Freundin, welche ihre Freundin verriet, die Umstände ihres Lebens in Beziehung auf Gesundheit, Temperament u.s.w. kannte, und daß diese Kenntnis es ihr leicht machte, zu ermessen, was man wagen durfte, sie die Situationen, die Augenblicke finden ließ, wo die Frau stets schwächer, stets für irgend welche Erregungen, für Überraschung, zum mindesten für Schrecken, empfänglicher ist als sonst. Und der dritte Punkt, daß die Sache desto leichter ist, je unwahrscheinlicher, unvorhergesehener, je traurig absurder sie ist. Man wird sagen: der Unwille wird dann um so größer sein. Allerdings, aber die Überraschung ist stärker, zerschmetternder, entnervender. Der Wille, der gar nicht vorbereitet ist, kommt auch nicht in Frage. * Sie weint, will alles sagen, und thut nichts. Die Freundin zeigt ihr die Gefahr einer so fürchterlichen Entdeckung, und das bei einer Sache, die doch nun einmal nicht rückgängig gemacht werden kann. Wie groß wird die Wut, der Zorn des Gatten sein! Wird er sie für gezwungen, wird er sie für treulos halten? Er wird von jenem Manne Genugthuung fordern, der viel gewandter, viel geübter in den Waffen ist, und der ihn, um die Sache wieder gut zu machen, totschießen wird. »Meine Liebe, um deines Mannes willen, bitte ich dich, sage nichts. Wer weiß? Es kann sein Tod sein, und stürbe er auch nur vor Gram. Deine Kinder sind ruiniert, eure Existenz ist in Gefahr ... Dieser Mann hat soviel Macht, zu schaden! Er ist sehr böswillig, wenn er haßt und man ihn zum äußersten treibt. Aber es läßt sich nicht leugnen, für die, welche er liebt, ist er sehr eifrig. Er wird wieder gut machen wollen, dich beschwichtigen wollen ... Er wird alles für deine Familie, für die Zukunft deiner Kinder thun.« Und wahrhaftig, am nächsten Tage kommt man, der jungen Dame zu verkünden, daß der Glückliche über sein Glück in Verzweiflung ist, daß er sich töten wird, falls man ihm nicht vergiebt. Denn nur ihr Herz wollte er erobern. Schon hat er für den Gatten gewirkt. Er brennt vor Begierde, ihm zu dienen. Niemals sah man soviel guten Willen. »Liebes Kind, was geschehen ist, ist geschehen. Ach, wir Frauen, wir müssen ja so vieles dulden und verschweigen! Ich weiß auch davon zu reden ... Aber was hilft's, in diesem irdischen Jammerthale muß man Duldung, Demut und – Vergebung lernen, liebes Kind. Man darf sich so gehässigen Gefühlen nicht hingeben, gegen seinen Feind nicht unversöhnlich sein. Und wahrhaftig, der arme Mann ist in einem entsetzlichen Zustande. Er ist wie wahnsinnig – du würdest Mitleid mit ihm haben.« Solche Beredsamkeit führt ein Rendezvous herbei, das diesmal freiwillig ist. Mit dem Interesse für die Familie hat die Verführung angefangen. Es folgt jetzt eine leidenschaftliche Scene, eine gut gespielte Komödie von Schmerz und Verzweiflung. Große Versprechungen, ewige Ergebenheit für den Gatten. Das Ganze so pathetisch, daß selbst die Freundin Thränen der Rührung vergießt. Die Rührung steckt an. Die junge Frau ist nicht unerbittlich ... Wie weit geht die Verzeihung? Indessen zieht sich die Angelegenheit in die Länge; von den großen Versprechungen ist noch keine erfüllt. Sie stirbt vor Kummer und Reue. Man speist sie mit irgend welcher Entschuldigung ab. Endlich, da es mit den Entschuldigungen nicht mehr geht, benutzt die Freundin ihre Ungeduld. »Aber, Liebe, ich würde schreiben ... Ja, wahrhaftig, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, ich würde ihn an sein Wort erinnern, ich würde ihn erröten machen, ich würde ihm sagen, daß nach dem, was er gethan hat, nach allem, was Sie ihm vergeben haben, nach soviel neuen Beweisen Ihrer Güte, sein Vergessen schändlich ist.« Dies oder etwas der Art, schwarz auf weiß von der Unvorsichtigen nach dem Diktat der Freundin niedergeschrieben, liefert sie für immer. Der gute Freund und die vortreffliche Freundin halten sie jetzt sicher. Sie hat einen Herrn. An dem und dem Tage, zu der und der Stunde, an dem und dem Orte wünscht man sie zu sprechen, und sie kommt. Die Furcht, die sie vor dem Skandal hat, und eine gewisse magnetische Gewalt, wie die, welche den Vogel zur Schlange zieht, lassen sie erscheinen – wenn auch in Thränen. So findet man sie noch viel schöner. Man lacht. Was die Versprechungen betrifft, so denkt man eben nicht sehr daran. Und wenn er genug von der Sache hat, ist sie dann wenigstens frei? Durchaus nicht. Die Freundin hat den Brief; sie lockt mit neuen unwahrscheinlichen, albernen Versprechungen. Gleichviel. Verkauft und wieder verkauft, muß sie weiter und weiter, am Ende sich auch gar einen andern Beschützer gefallen lassen, der, behauptet man, mehr für sie thun wird und oft auch nichts thut. Eine entsetzliche Sklaverei, die so lange dauert, als sie jung und schön ist, die sie tiefer und tiefer verstrickt, sie erniedrigt und verderbt. Ach, warum hat sie nicht den Mut, lieber alles zu wagen, sich ihrem Gatten in die Arme zu werfen, ihm alles zu sagen! Wie heftig auch der erste Zornesausbruch wäre, sie würde sicherlich bei ihm mehr Mitleid finden. Aber dieses Leben voller Schande hat das Wenige von Kraft und Entschiedenheit, das sie ursprünglich besaß, gebrochen. Sie beugt sich unter das Joch und kann es von Tag zu Tag weniger abschütteln. Wenn einmal ihre Tyrannin, die so schon nicht eben allzu zart ist, sie durch ein bitteres, ironisches Wort noch tiefer verletzt und aufstachelt, wenn sie sich für einen Moment emporrafft und sagt: »Ich will alles gestehen«, – so antwortet jene: »Aber, meine Liebe, man wird lachen. Man wird dir nicht glauben, und wenn man dir glaubt, wird man erst recht lachen«. – »Es giebt eine Gerechtigkeit, Madame.« – »Irrtum, liebes Kind! Die Geschworenen wollen in solchen Dingen Beweise, klarer als die Sonne. Mehr als einer wird den Schuldigen beneiden. So denkt man nun einmal in Frankreich. Man geht stets von der Ansicht aus, daß die, welche am meisten widersteht, doch, und wäre es auch nur für einen Augenblick, ihre Zustimmung gab. Was willst du? So hat man stets gedacht und darum hat man auch stets gelacht.« Leider ist das nur zu wahr. Die, welche dies lesen, welche die heutigen Sitten beobachten und den Eifer sehen, mit dem so viele Frauen die Schande suchen, werden, glaube ich, sagen: »Es bedarf so vieler Umstände gar nicht«. Sie wissen nicht oder wollen nicht wissen, was dennoch wahr ist, aber nicht so auf der Oberfläche liegt; wollen nicht wissen, daß sehr viele Frauen den ersten Schritt aus ihrer Pflicht nur gegen ihren Willen thun; daß sie, ohne ihr Wissen, geschickt in die unbekannte Gefahr verlockt und getrieben wurden; daß man sie mit einem Worte überraschte, ihnen Gewalt anthat. Ich verstehe darunter so eine halbe Gewalt, die eben hinreicht, die Schwache, die zu weit gegangen ist, die sich gefangen sieht, und nun den Kopf verliert, zu beherrschen. Von dem Momente an glaubt sie, daß alles unwiederbringlich verloren ist, und sie wird fallen und wieder fallen. »Sie hat eingewilligt,« wird man sagen. »Man kann beweisen, daß sie ihm durch diese oder jene Leichtfertigkeit, Koquetterie, durch ein unvorsichtiges Augenspiel entgegengekommen ist.« – Es wäre sehr hart, darauf hin zu richten. War das eine ernstgemeinte Aufmunterung, eine Verpflichtung zur Schande? Gefallen wollen sie immer, das weiß man. Sie begehen den Fehler, zu glauben, daß die Männer großmütig sind, daß der, von dem sie etwas nicht Unbilliges, und noch dazu für ihre Familie, erbitten, sich durch einen Blick belohnt glauben wird. Ist es denn in der That so gar nichts, eine Frau zu verpflichten, ihr jene zärtliche Empfindung abzunötigen, welche die Unschuldigste gern der Dankbarkeit zugesteht? Wenn das Unglück will, daß ihr Fehltritt Folgen hat, so urteilt man nur um so härter: es ist doch klar, daß sie eingewilligt hat. Altes Vorurteil, dessen Falschheit jetzt bewiesen ist. Die Natur hat gar nichts mit der Einwilligung zu thun. Die Epoche entscheidet darüber. In vierzehn Tagen auf achtundzwanzig sind die Folgen beinahe gewiß; der vollständigste Widerspruch des Willens, der Schmerz, die Verzweiflung sind wirkungslos. * Es thut nur leid, daß ich den Cervantes, dessen gesunden Sinn ich sonst überall so bewundernswert finde, um eines tadeln muß. Er hat in der Probe, welche sein König Sancho der Dirne, als Klägerin, abverlangt, dem gemeinen Vorurteil geschmeichelt und das Lachen der Thoren zu erregen gesucht. Die Kraft, welche sie vor dem Tribunal bei der Verteidigung einer Börse mit Geld am hellen Tage und in einer Umgebung, wo sie nichts zu fürchten brauchte, entwickelt, beweist durchaus nicht, daß sie in der Nacht, überrascht und erschreckt, ihre Ehre ebensogut hätte verteidigen können. Ein altes schwäbisches Gesetz, das nach der anderen Seite freilich zu weit geht, hat sehr gut begriffen, daß die Überraschung in einem solchen Falle alles ist und das Verbrechen schon ganz und gar in der Kühnheit des Angriffs, darin liegt, daß man Hand an ein furchtsames Wesen legte, welches schon zum voraus durch das Übermaß der Aufregung besiegt war. Es verdammt den zum Tode, der Hand an eine Jungfrau gelegt und sie zerzaust hat ( discapilata ). * Diejenigen, welche im materialistischen Sinne zu beweisen glauben, daß die Frau sich verteidigen könne, sprechen von ihr wie von einer kalten, trägen, unerregbaren Sache, wie von einem Stein, einem Stücke Holz. Aber jeder Physiolog, jeder Arzt und wer immer dieses arme, nervöse Wesen, das ein Hauch schaudern macht, das die Natur schwach wollte und jeden Monat durch den Schmerz entwaffnet, kennt, wird sagen: die Natur will auch, daß sie stets beschützt werde, daß sie einhergehe als eine Heilige, Unverletzliche, daß alle ihre Partei ergreifen und ihre Klagen mit Ernst anhören. Uns kommt es zu, sie zu verteidigen, denn sie selbst vermag es nicht. Lassen wir den Scholastikern die alberne Ansicht, welche eine genaue Linie, einen vollkommenen Gegensatz, einen Abgrund zwischen Einwilligen und Nichteinwilligen aufsteckt. In einer so aus dem Einstufst des Körpers und der Seele gemischten, aus Freiheit und Notwendigkeit zusammengesetzten Angelegenheit giebt es unzählige Nuancen und wer weiß wie viele Zwischenzustände, wo man, ohne einzuwilligen, nachgiebt. Ich habe mein Leben lang die Rechte des Geistes gegen den widerlichen Materialismus unserer Zeit verteidigt. Hier indessen gilt es, Worte der Gerechtigkeit und des gefunden Menschenverstandes (nicht des Materialismus) zu sprechen und zu behaupten, daß der Körper allerdings mitwirkt, daß in unseren: Falle zwei Handlungen sich kreuzen, wechselweise in den Vordergrund treten, in einer außerordentlichen, unberechenbaren Schnelligkeit durcheinander schwirren. Man kann nicht von unserer Willenskraft wie von einem eisernen Riegel sprechen, der sich einfach vorschieben oder wegziehen ließe. So liegt die Sache nicht. Sie ist ein gut Teil komplicierter. Viel gerechter wäre es, diese Kraft mit einem Dinge zu vergleichen, das eines mehr und weniger fähig ist, etwa mit einem in wer weiß wie viele Grade teilbaren Thermometer. Um die wahre Moralität einer Handlung und den Grad der Schuld bemessen zu können, muß man untersuchen, welches der Grad des Willens und welches der Grad der Notwendigkeit, die sich fast immer hineindrängt, dabei war. Ohne diese aufmerksame Schätzung kann der beste Richter irren, zu schwach oder zu streng sein. Eine, die er freispricht, hat gewollt und provociert, eine andere, die er verurteilt, hat Gewalt erlitten, hat nicht zugestimmt, nicht einmal mit dem dreißigsten Teile des Willens. »Und die übrigen neunundzwanzig Teile, welche die Handlung entschieden haben, wie rechnest du die?« – Rechnet zwanzig davon auf die Überraschung, auf die Furcht, sich in einer starken und zur Not grausamen Hand zu wissen (denn wovor scheut diese Wut zurück?). Dann, wenn der Widerstand dauert, rechnet acht oder neun Grade auf eine Brutalität, mit der es die wilde Ungeduld nicht eben genau nimmt, auf irgend einen heftigen Schmerz, der paralisiert. Dazu kommt die Aufregung, denn die Ärmste ist nicht von Stein. Wenn nun auf diesen Schmerz plötzlich eine nicht schmerzliche Empfindung folgt, so ist das für sie, was für den Verurteilen die Gnade auf dem Schaffott ist. Und darauf beschränkt sich nun dieses unglückliche dreißigstel unfreiwilliger Willigkeit, diese behauptete Zustimmung. Ist der Schuldige darum weniger schuldig? Er ist es nur um so mehr; gerade dies, weit entfernt, sein Verbrechen zu mildern, macht es entsetzlich. Es hat die Seele geschändet. * Ein weiser Beamter sagte, daß die Gerichtshöfe in allen Frauensachen und in noch manchen anderen, zur genauen Bestimmung, wie weit der Wille und wie weit die Notwendigkeit gehe, des permanenten Beistandes einer ärztlichen Jury bedürften. Es genüge keineswegs, hier und da einmal für einen materiellen Umstand einen Sachverständigen herbeizurufen. Man müßte stets die sehr dunkle Hauptfrage, den Grund des Willens, in das klarste Licht setzen. Hier bedarf es des Beistandes der physiologischen Wissenschaften. Wenn die Ärzte ausgemacht haben, wieviel das Physische, Materielle, Notwendige damit zu thun hatte, mag der Richter sein Gewissenswerk, den Tadel, die Züchtigung der Seele, die Heilmethode der Strafe und Besserung beginnen. Im Mittelalter, wo alle Wissenschaft theologisch war, trug die Magistratsperson Sorge, den geistlichen , das heißt gelehrten Richter an seiner Seite zu haben, der ihn mit seinem besseren Wissen unterstützen könnte. Heute, daran zweifeln wir nicht, werden unsere Richter mehr und mehr das Verlangen tragen, sich durch die Wissenschaft erleuchten zu lassen, die ihnen wenigstens die Hälfte der Angelegenheit klar machen kann. Ich verstehe darunter den Beistand des Arztes, des Physiologen, der, ohne sich einen zu großen Einfluß anmaßen zu wollen, dennoch von dem größten Nutzen sein und dem Richter den Faden an die Hand geben wird, an welchem dieser in das Labyrinth des Willens einzudringen vermag. * VI. Die Versuchung. Wenn ich von diesen tragischen, dem kleinen Haushalt, mit dem wir es hier zu thun haben, fremden Dingen gesprochen habe, so geschah es, um die unvorsichtigen Fliegen vor den Kunstgriffen der Spinne zu warnen; so geschah es, um die, welche ihre Frau vernachlässigen, beinahe vergessen und nachher über ihr trauriges Schicksal bestürzt sind, daran zu erinnern, daß sie selbst die Veranlassung, und sehr mit Recht bestraft sind. Diejenigen im Gegenteil, welche sich wenig voneinander entfernen, die zusammenhalten, jeden Tag ihre Gedanken austauschen, haben diese Komplotte nicht eben zu fürchten. Sie sehen dieselben zum voraus, unterhalten sich ruhig über Dinge, die ihnen nur ein Lächeln des Mitleids und der Verachtung entlocken. Es bringt der Frau große Ehre, sich inmitten dieser allgemeinen Verderbnis rein und frei zu erhalten, während ihre Verwandtinnen und Jugendfreundinnen fast alle eine schmähliche Sklaverei erdulden. – Sie geben sich anfänglich den Anschein, die junge Frau wunderlich und lächerlich zu finden. Das läßt sich noch ertragen. Und endlich müssen sie sich wohl zufrieden geben, wenn sie fest und unerschütterlich bleibt. Die öffentliche Stimme, das Urteil gleichgültiger und unbeteiligter Personen weisen ihr ihren moralischen Rang an. Ohne es zu wissen und zu wollen, gewinnt sie sich in ihrer einfachen Würde trotz ihrer Jugend ein Ansehen. Man schätzt ihren Rat, man achtet die Personen, die sie bei sich empfängt. Verschwiegen, wie sie ist, deutet sie indessen ausdrücklich an, daß sie von Geheimnissen verschont zu bleiben wünscht, die sie ihrem Gatten nicht mitteilen dürfte. * Kann sie die Vorteile einer solchen Stellung erkennen, ohne einen gewissen Stolz darüber zu empfinden? Schwerlich; aber dieser Stolz berührt nicht unangenehm. Man sieht in ihm nur den bescheidenen Ernst einer jungen Dame, die, von ihrem Gatten geehrt, die Königin seines Herzens so gut wie des Hauses ist, die in ihrer Sphäre herrscht, und in der Sphäre des Mannes, in den Geschäften, Bescheid weiß, oft um Rat gefragt wird und oft nützlichen Rat erteilt. Selbst auf dem idealen Gebiete und in der allgemeinen Unterhaltung glänzt die Frau von dreißig Jahren mit ihrem klaren, reinen Geiste, der nie in die gemeinen Regionen hinab zu steigen brauchte, oft von einem Lichte, das man bei dem einseitigen und ein wenig abgehetzten Manne von vierzig Jahren vergeblich suchen würde. Sie steht in der Blüte ihrer Kraft. Das fühlt man an der stillen Größe, die jetzt der Charakter ihrer Schönheit ist. Ihre Formen sind von reizender Fülle, niemals war ihre Haut weißer, das zarte Rot ihrer Jugend ist bei ihr zurückgekehrt. Obgleich stets mäßig, sind ihr Speise und Trank doch nicht gleichgültig. Sie sollte mehr spazieren gehen, aber sie hat so viel im Hause zu thun, daß sie es selten verläßt, und ihre seßhafte Lebensweise bewirkt, daß sie etwas vollblütig ist. Sie errötet leicht, manchmal ohne Ursache. Das Blut steigt ihr plötzlich zu Kopf, ihre schönen Augen glänzen dann mehr als nötig. Sie lebt und genießt das Leben in einer Weise, die jeder anderen langweilig vorkommen würde. Es ist eine kleine Lüsternheit an ihr, daß sie manchmal allein in den Garten geht, sich eine Frucht pflückt, dann noch eine, dann mehrere. Warum thut sie es heimlich, da sie doch die Herrin ist und sich nur selbst bestiehlt? Sie liebt die Behaglichkeit ein wenig und ist eine Langschläferin. Ihr manchmal schwerer Schlaf ist dennoch nicht immer ruhig. Ihren Gatten, wenn er des Morgens erwacht und sie betrachtet, beunruhigt das. Was thun? Augenscheinlich träumt sie oder vielmehr ihr junges, feuriges, edles Blut träumt für sie. Die mutwillige Fee der Träume treibt gerade mit den Verständigsten ihr Spiel; sie neckt des Nachts mit ihren Thorheiten die, welche den Tag über gar keine begehen. Aber diese Frau ist so peinlich gewissenhaft, daß sie, kaum erwacht, sich überwindet, alles zu sagen; wenn sie ihre Beichte hergestammelt hat, losgesprochen und umarmt ist, fühlt sie sich wieder glücklich und vollkommen heiter, und denkt nicht weiter daran. Das physische Leben erwacht oft spät bei der Frau, zu der Zeit, welche gerade die meiste Ruhe zu verheißen schien, wenn ihre Gesundheit, nachdem die Jugendkrankheiten und die ersten Prüfungen der Mutterschaft hinter ihr liegen, vollkommen befestigt ist. Alles ist ins rechte Geleise gebracht, alles geht in der vollkommensten Ordnung, die äußeren Verhältnisse sind besser als sonst, das Kind ist ein wenig herangewachsen und befindet sich wohl auf der Schule; das Herz der Mutter ist wieder ruhig geworden, die treffliche Gattin hat sich ganz in den Gatten gefunden, kennt seine guten Eigenschaften wie seine Schwächen und beherrscht ihn etwas – mit einem Worte, die ganze Existenz geht so sicher und unmerklich, wie ein Eisenbahnzug mit mäßiger Geschwindigkeit! ... Aber wie! wenn es nur einer Kleinigkeit bedürfte, um ihn aus den Schienen zu schleudern? Unsere Kaufmannsfrauen, die intelligentesten Frauen Frankreichs, deren Leben so öffentlich ist, als ob sie in einem Hause von Glas lebten, und die infolge dessen sehr leicht zu beobachten sind, veranlassen mich zu einer Bemerkung: Viele unter ihnen, deren Wandel im übrigen tadellos ist, haben eine Schwäche für ihren besten Commis. Man weiß das und sagt nun ohne weiteres: auf Kosten ihres Gatten; aber das ist nicht immer wahr. Wenn man tiefer in die Sache dringt, das häusliche Verhältnis gründlicher kennen lernt, findet man oft, daß er nicht weniger geliebt wird, daß die Vorliebe der Frau sich dem zuwendet, den er selbst liebt und schätzt, den er, nicht ohne Grund, für den Treuesten seiner Getreuen hält. Ich habe diese Ladenidylle öfters beobachtet. Eine unschuldige Idylle scheint es, aber die doch gefährlich ist, denn sie spielt an einem Abgrunde. Der junge Mann, der mit innerer Befriedigung sich so von beiden vorgezogen sieht, kann es im Anfang sehr ehrlich meinen; er liebt sie, hebt sie kaum in seiner Neigung hervor. Aber die Sachen nehmen dennoch ihren Fortgang, und die schönen Augen seiner Herrin, die ihn mehr und mehr verwirren, lassen ihm das Leben sehr elend erscheinen. Bald sind sie es alle drei. Die Idylle verwandelt sich in eine Tragödie, und die Tragödie hat ihre Katastrophe – Verführung, Scheidung, manchmal Selbstmord. Bemerken wir hierbei einen Umstand, der bis jetzt sehr wenig beachtet, aber sehr wahr ist. Eine gute Frau von treuem, zärtlichem Herzen irrt, wenn sie das Unglück hat, fast immer nach der Seite ab, nach welcher sich auch der Gatte neigt, ich meine, sie begünstigt den, welchen der Mann ebenfalls begünstigt, den er sich zu eigen, aus dem er sein zweites Ich macht. – Auf der anderen Seite ist die Gattin, weit entfernt, einen Mann zu lieben, der ihren Gatten überragt, ihm sehr feindlich gesinnt; neidisch auf seinen größeren Glanz; sie haßt denselben, streitet wider ihn und läßt sich keineswegs irgendwie bestechen. Ich habe das in unsern Bürgerklassen nicht zehnmal, sondern hundertmal beobachtet. Die Schlechteren dagegen, die Treulosen, die nicht aus Schwäche sündigen, sondern mit vollem Bewußtsein, verfehlen nicht, den Feind des Gatten aufzusuchen und an sich zu locken, dessen scheinbare oder wirkliche Überlegenheit den Gatten demütigen, lächerlich machen, ihn mit Schmach und Hohn überschütten wird. Wen lieben sie im Grunde? Weder den einen, noch den anderen. Ihr Fall ist nicht Sache der Liebe, sondern purer Eitelkeit; es ist ihr Stolz, dem sie ihre Ehre opfern. Sie haben kein Herz und das erklärt alles. Auch erheben sie sich selten wieder. Wo das Herz fehlt, da ist keine Rettung. * Um auf unsere junge Freundin zurückzukommen, die so sicher in ihrer moralischen Harmonie ruht und so eng mit ihrem Gatten verbunden ist, so kann bei ihr eine Störung dieser Harmonie nur eine Überraschung des Herzens sein, an welcher er selbst vielleicht nicht ganz unschuldig ist. Die Situation des Gatten, ihre Tugenden, die Großherzigkeit des vortrefflichen Mannes können auf die unschuldigste Weise ein Ereignis herbeiführen, das nicht gefährlich, aber schmerzlich für sie ist, können ihr armes Herz bluten machen und sie daran erinnern, daß auch sie eine Frau wird. Ein Neffe des Gatten, der plötzlich zur Waise wurde, fiel ihnen zu, als er zehn Jahre alt war; man hat sich beeilt, ihn kommen zu lassen. Er kam (von Peau oder Bayonne), ein anmutiges Bëarner Kind, nicht im mindesten schüchtern, voller Liebenswürdigkeit und Mutwillen. Die junge Frau, die damals noch sehr jung war, hat ihn trotz ihrer zwanzig Jahre wie eine Mutter empfangen, hat eine Mutter mit ihm beweint, inniger beweint, als er selbst, hat ihn mit Liebkosungen überhäuft. Man hat ihn auf die Schule geschickt; in jedem Jahr kommt er in den Ferien nach Hause, stets lebhafter, liebenswürdig, sanft und doch keck und durchaus nicht daran zweifelnd, daß die Welt ihm gehöre. Er ist zwölf, fünfzehn, achtzehn Jahre alt, wird stets sehr liebevoll aufgenommen, als wäre er des Kindes älterer Bruder. Man neidet ihm durchaus nicht (ebensowenig wie dem Kleinen) die unschuldigen Liebkosungen. Nur die Wirkung ist nicht ganz dieselbe. Eines Tages, als sie sich mit ihm vor den Augen des Gatten hascht, holt er sie natürlich sehr bald ein, umfängt sie ... Sie soll sich durch einen Kuß auslösen; warum nicht ... Aber es bleibt nicht bei dem einen Kuß; beim zweiten verliert sie den Kopf, erwidert ihn mehr, als er ihn giebt; sie bleibt einen Augenblick kraftlos, atemlos in seinen Armen. Er ist sehr rot, sie ist sehr bleich. Er bringt lachend die zitternde Taube zurück. Der Gatte lacht ebenfalls, sie keineswegs; sie ist wie im Fieber, und das Fieber verläßt sie den ganzen Tag nicht. Seit diesem Tage, wie man es sich denken kann, fängt sie an, ein wenig Furcht zu haben, und wird vorsichtiger. Er seinesteils entwickelt sich in der ganzen Lebhaftigkeit südlicher Grazie, er spricht und erzählt auf das Geistreichste und Anmutigste, schneidet vielleicht ein wenig auf; aber man glaubt ihm immer. Der Eindruck ist lebhaft für die Dame des Nordens; der Kontrast mit dem ernsten, vielbeschäftigten Manne, der wenig aus sich herausgeht und sein Feuer für die That und die großen Resultate zusammenhält, könnte nicht größer sein. Die gern gesehene Ankunft des jungen Mannes ist ein Fest für das Haus, und alles scheint verwandelt. Es ist, als ob die Sonne heller leuchtete, und das ist ein Lärmen und Lachen. (Man hört das sehr wenig, wo wahres Glück zu Hause ist.) Sie? nun sie lacht und ist traurig. Dieser Widerspruch fällt ihr selbst auf und beunruhigt sie. Sie fühlt sich nicht eben Wohl, und während die Herren zusammen ausgehen, bleibt sie zurück; sie will sich sammeln, sich über sich selbst klar werden. Da ist sie nun in dem kleinen Garten, demselben Garten, in welchem sie sich vor zehn Jahren an dem heiligen Tage, wo sie schwanger wurde, nicht weniger bewegt, obgleich so rein, in der ersten Morgenfrühe erging. Da ist sie nun unter denselben Blumen, die soviel teil an ihr nahmen und ihr schwuren, daß sie unschuldig sei. »Aber was würden sie heute sagen? Ich habe nichts Böses gethan, nichts Schlimmes gewollt ... ich würde es meinem Gatten gesagt haben. Dennoch bin ich unruhig; ich fühle mich nicht wohl ... Und doch, ich habe ihm nichts zu sagen.« – »Sehr viel, Madame!« – »Wer sprach da? Es ist niemand hier, nur ich und die Rose. Wie prächtig sie ist, wie rot, rot von Feuer, scheint es mir. Spricht sie durch ihre Farbe, und was will sie sagen?« * VII. Eine Rose als Ratgeberin. Pflücke sie nicht, junge Frau! das würde sie stumm machen. Weggenommen vom Busen der Natur würde sie an deinem Busen verwelken, dich mit ihrem Duft nur verwirren und berauschen. Beuge dich zu ihr nieder und horche. Also spricht sie zu dir: »Du kommst und gehst; du wurdest beweglich geschaffen; ich bleibe auf meinem Stamme. Du bewunderst mich, die königliche Rose, in meiner Ruhe. So bin ich, weil ich mir selbst treu bleibe.« »Ich bin kein Spielding, es in die Haare zu stecken. Ich bin ein ernstes Wesen, eine mächtige Lebenskraft, Geschöpf und Schöpferin zu gleicher Zeit, ich habe ein Mysterium zu erfüllen. Mein Dasein ist kurz; ich muß mich beeilen, meine große Aufgabe zu vollenden, die Fortdauer eines göttlichen Geschlechts, die Unsterblichkeit der Rose. Und so, junge Frau, bin ich eine Rose Gottes.« »Ich halte fest an meinem Stamm, und so bleibe ich stark. Erlasse mir die Ehre, an deinem Busen zu sterben. Laß mich rein und fruchtbar ... und sei es, wie ich!« – »O, wie wahr du gesprochen hast! Wie gern ich dir gleichen möchte, sein möchte wie du eine Rose Gottes! ...« »Aber, meine Rose, im Ernst, meinst du denn, daß ich es ihm gestehen soll? ... Und was gestehen? Eine Wolke, einen Nebel, den ich selbst kaum durchschauen kann, ein Nichts ... Und damit es mir wieder leicht werde, soll ich ihm das Herz zerreißen? ...« – »Du versprachst, alles zu sagen ...« – »O Rose, du weißt, wie die Blumen, nicht, wie die Frauen lieben! In dem Augenblick, wo ich meine Neigung gestanden habe, wird sie urplötzlich mächtig auflodern ... Sie enthüllen heißt sie vergrößern –«. »O, wie krank du bist! du schützest dies Geheimnis, du hegst es, du herzest es, wie du ein Kind hegen und herzen würdest. Du zitterst, daß es an den Tag kommt, daß die helle Sonne es bescheint ... Und du hast recht, junge Frau, denn nichts ist zarter. In dem Augenblick, wo eine heimliche Liebe ausgesprochen wird, ist sie gefährdet. Sie flackert auf, aber um zu erlöschen. Diese Profanation bringt ihr kein Heil ... Wenn es sich darum handelte, sie einer Freundin, einem guten, langmütigen Vater zu bekennen, so würdest du eilen ... du würdest die Wollust haben, davon sprechen, sie nähren zu können; deine Thränen würden ein Verbrechen mehr sein ... Du mußt sie dem Opfer beichten, dem, welcher davon leiden wird, mußt dies Schmerzensgeheimnis mit ihm teilen. Mag sein Herz bluten, auch deines wird bluten, und so nur kannst du gesunden. Der goldene Traum hat seine Flügel verloren. Du wirst dich wiederfinden in der Wahrheit, in dem unendlichen Schmerz seines verwundeten Herzens ... Du bist gut und liebevoll; das Mitleid wird dir deine Liebe wiedergeben.« * Sie gehorcht. Sie nimmt alle ihn Kraft und Mut zusammen. Beim Frühstück, wo der junge Mann nicht zugegen ist, will sie alles sagen. Sie setzt sich, schwach, erschöpft, wie eine Verurteilte! Aber ihr Herz schlägt zu stark, die Zunge ist wie festgewachsen! ... Endlich, mit einer letzten Anstrengung, fragt sie ihren Gatten, ob dieses müßige Leben wohl gut für seinen Neffen sei. Ob es nicht Zeit sein dürfte, ihm eine Stelle zu verschaffen, ihn sobald als möglich in die Lage, in die Verbindungen zu bringen, die ihm wenigstens die Laufbahn eröffnen und ebnen ... Er sieht sie verwundert an. Wir können ihn doch unmöglich gleich wieder fortschicken? ... Ich bemerkte allerdings, daß du sehr kalt gegen ihn warst ... Sollte er dir zuwider sein? – »O, nein!« – »So liebst du ihn?« – »Mein Gott, wenn das ...« Eine Centnerlast zu heben, hätte ihr nicht soviel Mühe gekostet ... Sie sinkt wie ohnmächtig in ihren Stuhl zurück ... Beide sind bleich wie der Tod ... Aber er, stark im tödlichen Schmerze seines verwundeten Herzens, weiß ihr Dank für ihre heroische Wahrhaftigkeit. Er fürchtet nur das eine für sie, daß der Riesenkampf der Tugend und der Liebe sie töte. Er drückt ihr lebhaft die Hand; sie trennen sich schweigend. Aber wie ein Feuer, von dem man die Asche entfernt, so lodert ihre Leidenschaft jetzt empor; ihre Verwirrung, ihre innere Erschütterung lassen sich nicht verbergen. Die Liebe ist ein so mächtiges Ding, daß sie, entdeckt, durch den bloßen Reflex alles in Flammen setzt. Das kälteste Herz entzündet sich, der unendliche Stolz, die wilde Freude, das ungeheure Entzücken der Entdeckung entfachen bei dem am wenigsten vorbereiteten jungen Manne augenblicklich das Feuer der Leidenschaft. Welchen Ausdruck sie in diesem Falle, wo sie durch die Zweideutigkeit einer erlaubten, sozusagen kindlichen Liebe begünstigt wurde, annahm, lassen wir dahingestellt sein. Aber die arme, geängstigte, zum Widerstande in einem solchen Kampfe zu schwache Frau wirft sich, als es endlich Nacht geworden, kaum auf dem Lager, weinend und schluchzend in die Arme ihres Gatten. Er umarmt sie, versucht vergebens, sie zu beruhigen, zu trösten. Erst nach langer Zeit, nach einem Strom von Thränen, während sie ihn noch immer umfangen hält, nicht von ihm lassen will, vermag sie zu sagen: »Verstoße mich nicht. Habe Mitleid mit mir, halte mich ... Ich fühle, daß ich versinke ... So schwach ist mein Wille, daß er von Stunde zu Stunde weniger vermag und sich nur bald ganz entziehen wird ... Was sage ich? Er ist es ja, der mich zu ihm hinzieht und ich habe nur noch Kraft, mich ins Wasser zu stürzen ... O, wie wenig hatte ich Ursache, stolz zu sein; ich bin dafür bestraft. Ich bin schwächer, als es unser Kleiner in der Wiege war ... Ich bitte dich, nimm mich wie ein Kind und behandle mich wie ein Kind, denn weiter bin ich nichts. Du warst bis jetzt zu gut gegen mich; sei streng, sei mein Herr! Züchtige mich. Der gezüchtigte Leib wird meine Seele heilen ... Ich muß dich fürchten können. Töte meinen Willen! ... ich mag nichts mehr von ihm; ich gebe ihn dir ... Du bist mein eigentlicher Wille und mein guter Geist. Aber verlaß mich nun und nirgends, daß ich bei allem dich fragen kann, ob ich es will, ob ich es wollen darf.« Diese tiefe Erniedrigung einer unschuldigen, tadellosen Frau erfüllt mit innigem Schmerz den, der sie liebt. Ach! sie so tief fallen zu sehen, diese Reinheit, diese Hoheit! ... Er verbirgt seine große Erschütterung, und bemüht sich, zu lächeln: »›Beste, es genügt nicht, daß du das von nur verlangst, du mußt auch machen, daß ich es kann ... O, fühlst du denn nicht, daß dein geliebter Leib mir nicht minder heilig ist, wie das Grab meiner Mutter? Woher nähme ich die Kraft zu einer solchen Grausamkeit?‹« »Aber wenn es mir wohlthut, Lieber, wenn es mich rettet! Die Furcht, sagt Salomo, ist der Anfang der Weisheit. Ich fühle, daß ich fürchten, daß ich gedemütigt werden muß. Ich werde dich nur um so mehr lieben. Madame ***, die du doch gewiß für keck und stolz genug halten wirst, sagte neulich zu mir: Die Frau, die sich einmal unter die Hand ihres Gatten gebeugt, und die Wucht dieser Hand gefühlt, die um Gnade gebeten, gefleht hat, ist ihm nur um so mehr zugethan für diesen Beweis seiner strengen Liebe, für die Erinnerung dessen, was geschehen ist, und was wieder geschehen kann.« »›Nein, wir werden nicht zu dieser Barbarei einer früheren Zeit zurückkehren. Großer Gott! ich hätte ein beseeltes, vernünftiges Wesen geheiratet und ich sollte daraus eine Sache, ein Nichts machen! Ich wage nicht, daran zu denken. Aber, Beste, wie tief auch deine Niedergeschlagenheit sein mag, bedenke doch nur selbst, daß der Wunsch meiner Liebe, das, was ich mit so herzlichem Eifer erstrebt, gewollt, gefördert habe, gerade darin bestand, in das Innerste, Allerheiligste deiner Seele zu dringen ... Was würde daraus, wenn ich dich erhörte, deinen Willen bräche, dich durch die Furcht erniedrigte? Gerade dann verlöre ich auf immer meine liebste Hoffnung. Wie kann ich Wahrheit von einem sklavischen Geschöpf erwarten, das einmal vor mir gezittert hat, das, so tief erniedrigt, sich nicht wieder erheben könnte, vielleicht sich nicht einmal erheben möchte? ... Die Seele des Menschen ist nur zu leicht geneigt, sich selbst aufzugeben, sich wohl in ihrer Schmach zu fühlen, darin eine Wollust zu suchen und zu finden.‹« »Und wenn ich deinen Willen tötete, womit wolltest du mich denn lieben? ... Nein, ich will, daß du mehr und mehr ein freier Mensch werdest, frei gegen mich, wenn es sein muß.« »›Das habe ich angestrebt, aber nicht hinreichend. Nicht beständig genug habe ich deinen Geist gebildet, dein Herz genährt. Und deshalb diese schlimme Stunde ... Wer trägt die Schuld? Die Arbeit, die Geschäfte, die Sorge, die ich um dein Vermögen, um das Vermögen unserer Kinder trug. Thor, der ich war! Über der Familie vergaß ich die Familie! ... Und um, ich weiß nicht welches Gut war ich in Gefahr, mein größtes Gut, den Himmel, der mir beschieden war, dich, mein teuerstes Kleinod, zu verlieren ... Dank dir, dank für diesen grausamen Schlag, der mich zu mir selbst bringt. Ach, ohne ihn wäre ich nicht mehr Mann. Ich finde mich wieder, ich fühle, ich erkenne mich wieder durch den Schmerz. Auch du sollst mich wiederfinden. Wir wollen uns nie mehr verlassen. Und du wirst mich lieben müssen, denn ich werde deine Liebe verdienen ...‹« »›Was aber dieses Kind betrifft, so würde es, wenn es nicht schon mein wäre, es jetzt geworden sein. Wer deinen Blick auf sich ziehen, deine liebe Seele einen Augenblick beschäftigen konnte, ist ein Kind der Wahl, das dieses herrlichen Glücks ewig eingedenk sein muß. Er soll mein Sohn sein. Ich werde thun, was in meinen Kräften steht, daß er so hoch steige, wie er kann. Fern, soll er mir immer nahe sein, und nirgends soll er meine schützende Hand vermissen. Wenn er mir schreibt und mir von dir spricht, so wird es eine Freude für mich sein. Mag eine so herrliche Erinnerung sein Herz rein und würdig bewahren, mag sie verhindern, daß er jemals niedrig denke.‹« * Die Kranke war nicht eine von denen, die gesund zu werden fürchten. Sie ließ ihren Gatten nicht in diesem blinden, großmütigen Vertrauen einschlafen, verstattete ihm keinen Aufschub, bat dringend um augenblickliche Entfernung. Sie fühlte recht gut, daß in solchen Dingen weder Verzögerung, noch Halbheit herrschen darf. Eine vorübergehende Trennung, die häufige Besuche erlaubt hätte, würde gefährlicher gewesen sein, als ein beständiger Aufenthalt. Schüchterner als Rousseaus Julie, hätte sie die Barke des Saint-Preux und die Felsen von Meillerie gefürchtet. Nein, sie wollte und forderte, daß das Messer tief schnitt, und sollte es ihr ins Herz schneiden. Aber es überrascht sie, daß der, welcher doch von dieser Operation am meisten hätte leiden müssen, sich leichten Herzens dazu versteht. Der Zauber des Unbekannten, der Reise, eines neuen Lebens, einer schnellen und glänzenden Carriere, die eine liebevolle Fürsorge noch beschleunigen wird, das alles sind süße Tropfen in den Wermut der Trennung. Die lebhafte südliche Phantasie verträgt sich oft sehr gut mit einer andern Gabe, die man mit jener für unvereinbar halten sollte, mit dem sehr nüchternen Sinn für das Reelle und den Vorteil. Trotz ihrer Tugend und ihres Mutes kränkt es sie doch innig, daß er ihr so leicht gehorcht. Ihr Gatte sieht, wie tief sie leidet. Ein anderer hätte nur seinen Stolz verletzt gefühlt. Aber er, der sie so liebt, teilt ihren Schmerz. Nichts wäre durch die Trennung geschehen, wenn diese kranke Liebe fortdauerte und dauernd wüchse. Was hülfe es, sie nach außen zu schützen, wenn die Wunde drinnen giftig würde? Wenn ihr Schmerz hätte stumm bleiben müssen, wenn sie nicht hätte wagen dürfen, den Kummer ihrer Liebe und jenes seltsame Mitleid, das der Mensch bei großen Opfern mit sich selbst fühlt, auszusprechen, so wäre sie verloren gewesen. Wäre ihr Gatte der gewöhnlichen Versuchung der Eifersüchtigen gefolgt, hätte er sie aus der Welt entfernt, sie in die Einsamkeit geschleppt, so würde er nur ihre Wünsche erfüllt haben. Hätte er sie auf die höchste Höhe eines Turmes, auf die Spitze eines Felsens verbannt, oder in das Schloß der fieberhauchenden Maremmen, in welchem Dantes Pia sich verzehrt, sie würde es ihm gedankt haben. Wollte er, daß ihr Traum nicht endigte, so mußte er das thun. In der Einsamkeit ihrer Gefangenschaft hätte sie die Seligkeit der Thronen vollauf genießen können. Er thut gerade das Gegenteil. Er urteilt ganz richtig, daß, wenn die Illusion fortdauert, es deshalb ist, weil der so schnell entfernte Gegenstand ihrer Neigung gerade dadurch, daß er wie ein blendender Strahl an ihr vorüberfuhr, für sie all seinen Reiz bewahren konnte. Weit entfernt, sie der Poesie einsamer Träumerei ungestört zu überlassen, meint er, daß er seine Kranke in die wahre Welt zurückführen, in das Licht der Wirklichkeit bringen müsse, überzeugt, daß jenes falsche, phantastische Bild diese Berührung nimmermehr aushalten kann. Eine der gewöhnlichsten Ursachen jener Illusionen und Übertreibungen der Liebe besteht darin, zu glauben, daß der oder die Geliebte ein Wunder und einzig in seiner Art ist, durch irgend einen Vorzug, den man in der Folge, wenn man ein wenig mehr von der Welt gesehen hat, als etwas ganz Gewöhnliches erkennt. Ein junger Mann sieht in Paris ein schönes Mädchen, die ihm durch die Regelmäßigkeit ihrer Züge auffällt. Er ist entzückt. Er heiratet, und ist dann neugierig, die Heimat seiner Frau kennen zu lernen, die Stadt Arles, ihren Geburtsort. Dort findet er überall das Wesen, das er einzig glaubte. Das Wunder ist alltäglich. Es ist die Schönheit eines ganzen Volkes, die Schönheit von Arles, was er geliebt hat; und der junge Mann ist abgekühlt. Ebenso sieht eine Spanierin, die niemals aus ihrem Lande gekommen ist, und sich der liebenswürdigsten Unwissenheit erfreut, einen jungen Engländer in der ersten Blüte rosenroter Jugend, wie man sie eben nur im Norden findet, mit seinem Erzieher anlangen. Der Sohn Albions verdreht ihr den Kopf. Schließt sie ein, und sie wird darüber sterben. Das Gegenteil ist zu thun. Man muß ihr Deutschland, oder unsere Normandie, England, den ganzen Erdstrich der blonden Schönheit zeigen, wo es Millionen von Frauen und Kindern, selbst von jungen Männern giebt, die ebenso weiß, ebenso rosig sind, wie der, welchen sie für einzig hielt. Hat sie diese Frische auf reizlosen, selbst trivialen Gesichtern gesehen, so wird sie finden, daß dieser gewöhnliche Vorzug einer ganzen Rasse nicht hinreicht, einen Engel auszumachen. Das Verführerische des Südens für uns Nordländer beschränkt sich nicht bloß darauf. Dieser oder jener Mann aus Lille, Rouen, Straßburg scheint unwiderstehlich. Ist es durch sein eigenes Verdienst? Keineswegs, nur durch seine Rasse, allein dadurch, daß er in seinem Auge, in seiner Rede die Sonne der Provence, die Grazie von Bëarn, das Pikante des Gascogners hat. Die mittelmäßigsten Menschen dieser begünstigten Gegenden bewirken, wenn ihr sie nach dem Norden verpflanzt, die erstaunlichste Illusion. Bei einem offiziellen Mittagsessen, welches sehr viele Unbekannte vereinigte, kam ich einem Südländer gegenüber zu sitzen, dessen prächtige Augen leuchteten; es war kaum möglich, seinen Blick auszuhalten. In diesen Augen lagen wer weiß wie viele Romane in dem Geschmack des Ariost, etwas unbeschreiblich Glänzendes, eine Leichtigkeit, die dennoch Feuer sprühte, zuweilen eine Art von göttlichem Wahnsinn. Ich fragte endlich nach seinem Namen. Es war ein obskurer Mensch, ein Deputierter vom Centrum, der nie ein Wort in der Kammer sprach, sonst überall ein Schwätzer. Mit einem Worte, bei diesem Kunstfeuerwerk war die Rasse alles, der Mann nichts. * Gerade nach dem Süden führt unser kluger Gatte die kranke junge Dame. Er läßt ihr keine Zeit, sich in Resignation und Schmerz zu hüllen. Er dringt auf einen Wechsel der Luft, auf eine Veränderung der Gewohnheiten. Der schöne Himmel und die großartige Natur des römischen Frankreichs erheben und stärken das Herz. Rousseau hat wundervoll erzählt, wie zu einer Zeit, als er sich tief niedergeschlagen fühlte, der bloße Anblick, der strenge, grandiose Anblick des Pont du Gard ihn aufrichtete. Wieviel mehr vermag noch das erhabene Schauspiel der Pyrenäen! Ihre jungfräulichen Gletscher, ihre fleckenlosen Schneefelder reinigen Auge und Seele. Aber die intelligente, seine Dame vergißt über der Natur die Menschen nicht. Sie findet überall in diesen Landen ihren jungen entfernten Geliebten. Zuerst leidet sie darunter. Dieselbe Lebhaftigkeit, dieselbe Grazie, dieselbe glänzende, fließende Rede. Noch mehr. Sie findet selbst das wieder, wovon sie glaubte, daß es ihm allein, und dem Augenblick und der Situation gehört habe – dieses reizende Feuer des Blicks, der manchmal Funken sprüht, manchmal so innig ist, sich in ein halb tragisches Dunkel hüllt, welches so rührt und doch gar nichts wahrhaft Ernstes in sich hat. Der junge Mann war unterhaltend, schwatzte vortrefflich. Das thun sie alle hier, manche mit wahrer Meisterschaft. Ein beliebiger Handlungsreisender wird, um euch zu bewegen, von seinem Wein zu kaufen, mehr Diplomatie entwickeln, als zehn Talleyrand. Ihr zaudert? Das Crescendo seiner lebhaften Beredsamkeit wird ein Sturmwind, eine Trombe; ein Gebirgswasser der Pyrenäen, das seine Ufer mit sich fortreißt. Der junge Mann erhebt sich bis zum Pathos, bis zum Erhabenen, man kann ihm nicht widerstehen. Wenn er wieder auf der Straße ist, wird er euch auslachen. Eine Nation von Münchhausen! und doch wie liebenswürdig! denn sie lügen, ohne zu lügen, weil es ihre Natur so will. Macht ihnen keinen Vorwurf über ihre Aufschneiderei. Sie haben das Vorrecht der Poeten. Es liegt das so tief in ihnen, in ihrem Blut, daß sie bei jeder Gelegenheit, ohne das mindeste Interesse, sie mögen wollen oder nicht, aufschneiden. Ich habe welche gekannt, die ganze Tage lang einen Strom von Fakten entrollten, die niemanden täuschen konnten, die als Fakta falsch waren, aber eine ideale Wahrheit hatten, und die, wenn sie in der Wirklichkeit nicht vorkommen, so doch auf dem glänzenden Theater der schöpferischen Phantasie existierten. Das erste Mal, wenn wir Nordländer dieses Wunder erblicken, sind wir geblendet, überwältigt. Das hatte die junge Dame erfahren, als sie es bei einem einzelnen sah. Aber da sie es jetzt bei dem großen Haufen, in einem ganzen Volke findet, beruhigt sie sich, kommt sie wieder zu sich und lächelt. Der Gott wird wieder Mensch; ein Mensch, wie er sich auch sonst noch findet. Er läßt sich klassifizieren, unterordnen, in eine Gattung, eine Art bringen. Wenn das himmlische Wesen verschwunden ist, bleibt ein junger, etwas leichtsinniger Mensch, auf den sich nicht allzusicher bauen läßt, doch immerhin ein junger Mensch von einigem Verdienst. VIII. Heilung des Herzens. Sind der Ehebruch der Frau und der Ehebruch des Mannes gleich strafbar? Ja, als Treulosigkeit, Verletzung des Gelübdes. Nein, in tausend anderen Beziehungen. Der Verrat der Frau hat ungeheure Folgen, welche der des Mannes nicht hat. Die Frau verrät nicht bloß ihren Gatten, sie giebt sein Leben, seine Ehre preis; sie bewirkt, daß man mit Fingern auf ihn zeigt, ihn auspfeift, Spottlieder und Karikaturen auf ihn macht; sie bringt ihn in die Alternative, getötet zu werden, einen Menschen zu töten, oder lächerlich zu bleiben; es ist beinahe dasselbe, als ob sie einem Meuchelmörder zur Nacht den Schlüssel auslieferte. Für die ganze übrige Zeit seines Lebens wird er moralisch gemordet sein. Weiß er doch nicht, ob das Kind wirklich sein Kind ist! Muß er doch eine zweifelhafte Nachkommenschaft großziehen, ausstatten, oder dem Publikum die Unterhaltung eines Prozesses gewähren, in welchem er, mag er verlieren oder gewinnen, immer seinem Namen eine lächerliche Berühmtheit sichert. Es ist Wahnsinn, zu behaupten, die Frau habe nicht mehr Verantwortlichkeit als der Mann. – Der Mann ist eine thätige Kraft, welche die Familie erhält, aber sie ist das Herz der Familie. Sie allein weiß das Geheimnis derselben; sie allein hütet das Allerheiligste der häuslichen Religion, sie allein bestimmt über alle Zukunft. Sie allein kann die Legitimität der Nachkommenschaft feststellen. Die Lüge einer Gattin kann die Geschichte auf tausend Jahre hinaus verfälschen. Was ist die Frau, wenn nicht unser lebendiger Tempel, unser Heiligtum, unser Altar, wo die Flamme des Gottes brennt, die den Mann alltäglich zu neuer Lebenskraft erwärmt. Liefert sie dieses Heiligtum dem Feinde aus, läßt sie die Flamme stehlen, welche das Leben ihres Gatten ist, so ist das schlimmer, als wenn sie ihm das Messer ins Herz bohren hälfe. Keine Strafe wäre groß genug, wenn sie wüßte, was sie thut. * In den meisten Fällen hat sie keine Ahnung davon. Der vorbedachte, aus Haß hervorgehende, auf Hohn abzweckende Verrat ist äußerst selten. Der erste Fehltritt wenigstens ist fast immer ein Zufall, eine ganz negative Schwäche, weniger eine That, als eine Ohnmacht, zu handeln und zu widerstehen. Die sanguinischen Frauen sind leicht hingerissen, und leiden zu gewissen Zeiten an einem wahren Schwindel. Bei den lymphatischen Naturen ist die Willenskraft außerordentlich gering; sie sind gewohnt, nachzugeben; sie wissen, daß sie so am anmutigsten sind, und das macht, daß sie aus dem Nachgeben nicht herauskommen. Eine Bitte abzuschlagen fällt ihnen zu schwer. Die, welche die Sünde nicht verhärtet hat, büßen ihren Fehltritt oft durch die fürchterlichsten Gewissensbisse. Ich erinnere mich zweier merkwürdiger Fälle. Eine sehr schöne, reiche, glückliche Dame, die vierzig Jahre tadellos gelebt hatte, einen trefflichen Gatten und schon erwachsene Kinder hatte, giebt sich eines Morgens, müde augenscheinlich eines allzu gleichförmigen Glücks, einem Manne hin, den sie nicht liebt. Ihre Unerfahrenheit in der Sünde verrät sie. Ihre Scham, in diesem Alter gefallen zu sein, die Schande vor ihren Kindern drücken sie zu Boden; sie stirbt nach vier Monaten. Eine junge Dame von fünfundzwanzig Jahren, lebhaft, stolz, elegant, mit edlen, strengen Zügen, die eine reine Seele widerspiegelten, hatte zu ihrem Unglück eine schöne, herzgewinnende Stimme, die man stets in den Gesellschaften, in den Salons hören wollte. Ein Duett verrückt ihr den Kopf; sie wurde ein Opfer ihres Kunstrausches, keineswegs der Leidenschaft. Ihr Herz gehörte ihrem jungen, liebenswürdigen Gatten, der sie anbetete. Zerschmettert von ihrem Unglück, suchte sie ihn noch in derselben Stunde auf, sagte ihm alles, und daß sie sich das Leben nehmen würde, wenn er kein Mittel fände, ihr Verbrechen zu sühnen. Aber der Schlag hatte ihn betäubt, er konnte sich nicht überwinden, sie zu züchtigen. In diesem fürchterlichen Kampfe fing sie an zu singen. Sie hatte den Verstand verloren. Ich war damals noch sehr jung; aber diese Erinnerung hat sich nie bei mir verwischt. Ich sah sie in einer Irrenanstalt, diesem grauenhaften Schlunde des Wahnsinns und des Schmerzes, in den sie die Ärzte geworfen hatten. Ihr Gatte kam alle Tage, schwur ihr unter Thränen. daß er ihr verziehen habe, daß sie wieder rein und unschuldig sei, wie ehemals. Aber sie begriff ihn nicht. Nur mit ihren Kräften schwand ihre Raserei; die Kur hatte sie vernichtet. Man kann sagen, daß sie die Anstalt tot verließ, und sie starb denn auch kurze Zeit darauf. Es ist ärgerlich, daß man dasselbe Wort, das so ernste Wort Ehebruch, auf zwei sehr verschiedene Dinge anwendet, auf den schlimmen Verrat derjenigen, die ihren Gatten zum Narren hat, die ihn wirklich beschimpfen will, und auf den leichten Fehltritt einer Unverständigen, die nicht eher weiß, daß sie fällt, als wenn sie gefallen ist. Eine Dame erwartet in großer seelischer und physischer Aufregung und lebhafter Ungeduld ihren Gatten von einer Reise zurück. Das Abendessen steht für ihn bereit, aber er hat nicht kommen können; er sendet einen eifrigen Freund, sie davon zu benachrichtigen, sie zu beruhigen. Trotz des schauderhaften Wetters langt der Freund an, natürlich bis auf die Haut durchnäßt. Diese Aufopferung rührt sie; sie giebt ihm trockene Kleider, giebt ihm zu essen, läßt ihn sich niederlegen. Sie reicht ihm einen feurigen Wein, den ihr Gatte allein zu trinken pflegt, und dessen gefährliche Kraft sie nicht kennt. Kurz, beide verlieren den Kopf; der bekümmerte Freund eilt, den Gatten aufzusuchen, sagt, daß er zu jeder Genugthuung bereit sei. Was ist zu thun? »Der wahre Schuldige,« sagt der Gatte, »ist der Wein. Aber auch ich bin schuldig; es giebt Stunden, wo man eine Frau nicht warten lassen darf.« Regen und Sturm (und der Sturm des Blutes), die abendlichen Unterhaltungen, die hübschen Spiele auf dem Lande mit Freunden, Verwandten, jungen Leuten, die man wie Kinder behandelt, sind nur zu häufige Gelegenheiten. Die junge übermütige Dame mit ihrem allzulustigen Gelächter verschafft der Kühnheit einen günstigen Augenblick. Wer hat daran gedacht? Wer hat mit Absicht gehandelt? Niemand. Weinend kommt sie zurück. Aber was fast immer die Untreue entscheidet, ist die Langeweile, das Übermaß von Langeweile, welches die Männer ihren Frauen zumuten. Das viel beschäftigtere Leben des Mannes ist gewöhnlich viel unterhaltender. Ist es nicht traurig, in unsern Provinzialstädten eine junge, seit zwei Jahren verheiratete Frau, wenn die Vesperglocke läutet, ausgehen zu sehen, um in der Gesellschaft von fünf oder sechs alten Weibern zu gähnen? Wie oft ist es mir auf der Reise, wenn ich in eine deutsche Stadt kam, begegnet, daß ich in einem Erker zwischen Blumen und Vögeln ein süßes Frauengesicht sah, das die Vorübergehenden in ihrem Fensterspiegel beobachtete. O, wie schmachtend sie war! »Sie wird nicht genug geliebt«, sprach ich bei mir: »Wo ist denn ihr Gatte? In einer rauchigen Bierkneipe. Unterdessen verrinnt das Leben; und sein Haus umschließt vergebens die herrlichste der Gottesgaben.« Die Flatterhaftesten sind oft gerade die, welche das größte Bedürfnis nach Liebe haben, und, mächtig und stark geliebt, die Treuesten der Treuen gewesen wären. Unsere Französinnen begnügen sich zum großen Teil nicht mit dem frostigen, regelrechten Ehestandsleben, das die Frauen des Nordens zufriedenstellt. Diese machen, sanft und ergeben wie sie sind, wenig Ansprüche, und wenn die Ehe für sie nur ein äußerliches Verhältnis, ein einfaches Beisammensein ist, so seufzen sie, und das ist ihre ganze Klage. Aber unsere Frauen wollen alles oder nichts. Die französische Frau ist die schlimmste oder beste; sie will, daß die Vereinigung vollständig sei, oder sie verzichtet ganz und gar darauf. Man glaubt fälschlich, und manchmal glaubt sie es selbst, daß sie ein unaufhörliches Bedürfnis nach Unterhaltung und Zerstreuung habe. Eigentlich findet gerade das Gegenteil statt. Sie kennen sich selbst sehr wenig. Die, welche von einer Vergnügung zur andern rennen, betäuben sich wohl, aber sie gestehen, daß dieses Leben sie leer läßt. Ihr wahres Bedürfnis war, sehr geliebt zu werden und zugleich sehr beschäftigt zu sein. Selbst die Kaufmannsfrau, die, momentan beschäftigt, in ihrem Comptoir festgehalten wird, entbehrt der Aufregung der außerhäuslichen Geschäfte, die ihren Gatten den halben Tag auf der Straße halten. Man denke sich eine junge hübsche Kaufmannsfrau, im Hintergrunde eines feuchten Gewölbes, in einer dunkeln, engen Straße von Lyon. Ihr Gatte liebt sie; nur bringt er den Tag in Geschäften, den Abend im Café zu. Sie verschmachtet in diesem lebendigen Grabe. Kann man sich wundern, daß sie dem Freunde, oder dem jungen Käufer, der so oft vorspricht, ein aufmerksames Ohr schenkt? Wenn der Gatte sie wahrhaft liebt, so muß er einen Entschluß fassen, Mitleid mit ihr haben, sie von diesem Orte wegnehmen. Es ist gar nicht einmal nötig, daß er mit ihr die Stadt verläßt. Oft ist es genug, nur aus der Tiefe in die Höhe auszuwandern, und aus der Nacht in das Licht. Diese im Comptoir zu sehr ausgesetzte, und mehr durch ihre Situation, als mit Absicht leichtfertige kleine Frau kann sehr gut im Zimmer, hoch oben im vierten Stock, arbeiten, von wo sie die grünen Hügel, oder, was noch besser wäre, einen Ausläufer der Alpen sehen kann, – ein Anblick, der ihr Herz erheben und reinigen wird. »Ist das alles?« Nein, das ist das wenigste. Der Hauptpunkt ist, daß man sie liebt, sich mit ihr beschäftigt, ihr nicht den Rücken zuwendet, wenn man sie gelangweilt sieht, daß man Verständnis hat für ihr Leid. Sie wird dankbar dafür sein, und sich endlich auszusprechen wagen. Sie wird zu euch sagen: »Ich bin bis zum Tode betrübt«; das heißt soviel, als: »ich will Liebe«. Aber wohlgemerkt! sie will Liebe, nicht einen Geliebten. Die Liebe hat so viele Objekte! Es kann die Liebe eines Kindes, die Liebe einer Idee, einer wichtigen That sein, die Liebe eines ganz neuen Lebens, das die Kräfte herausfordert und beschäftigt. Hier hilft keine Halbheit. Glaubt nur nicht, daß irgend eine vorübergehende kleine Zerstreuung, Schauspiele, Landpartien u. s. w., diesem Seelenzustande genügen. Nein, es bedarf einer Leidenschaft, oder einer durchgreifenden Veränderung des Lebens. * Was auch kommen mag, und selbst wenn sie fiele, verlaßt, o, verlaßt niemals das Weib eurer Jugend! Hat sie gefehlt, so bedarf sie euer nur um so mehr. Wenn sie sich demütig und reuig zeigt, so muß man sie als eine Kranke behandeln, sie pflegen, sie vor den profanen Blicken der Menge verbergen. Wenn schlechte Einflüsse sie verdorben haben, so muß man sie ohne Verzug entfernen, sie in eine bessere Umgebung bringen, muß mit Kraft und Mäßigung handeln, sie allmählich bessern. Euer ist sie, sie habe gethan, was sie wolle. Die Gemeinschaft des Namens, die innige, vollständige Vereinigung des physischen Lebens, macht die Scheidung illusorisch. Die einmal befruchtete, geschwängerte Frau wird ihren Gatten überall hin mit sich nehmen. Das ist bewiesen. Wie lange dauert die erste Befruchtung? Zehn Jahre? zwanzig Jahre? das ganze Leben? soviel ist gewiß, daß sie sehr häufig dem zweiten Gatten Kinder giebt, die dem ersten gleichen. Sie hat sich in der Ehe so ganz hingegeben; was soll sie denn noch daraus fortnehmen? Der Mann ist im Verhältnis zur Frau durch die Natur und das Gesetz so begünstigt, daß es ihm Sache der Großmut sein sollte, niemals die Scheidung zu verlangen. Wenn sie die Scheidung fordert, sie, die dabei verliert und nur verliert, so ist das etwas so Überraschendes, daß es toll erscheint, den Fall ausgenommen, wo grausame Behandlung von seiten ihres Gatten die Trennung notwendig macht. Ihr könnt sie nicht verlassen. Denn welche Gefahr für sie, wenn ihr Geliebter, der sie bei sich aufnimmt, allmählich zu seinem Abscheu in der so ganz in euch verwandelten Frau euch überall wiederfindet, eure Stimme, eure Worte, eure Gesten! Sie gehört euch so ganz, daß, selbst wenn sie von dem Liebhaber schwanger wird, es dennoch meistens euer Kind ist, das eure Züge trägt. Er wird die Strafe leiden, zu sehen, daß er in Wahrheit nichts von ihr haben, und in dem wichtigsten Punkte, dem der Zeugung, sie nicht treulos machen konnte. Und wie nun, wenn die Unglückliche bald verlassen und verstoßen würde! wenn sie, die ihre Häuslichkeit verloren hat, nicht einmal Schutz fände unter dem Dache dessen, der von ihr nichts wollte, als die Wollust eines Augenblicks! ... Setzt kein Weib, das ihr geliebt habt, das euer war, und euer ist, den Wechselfällen einer so unsicheren Zukunft aus! Selten begeht sie selbst das Wagestück; selten, wenn sie nicht zu sehr mißhandelt wird, verläßt sie ihr Haus, das Haus ihrer Gewohnheiten, vielleicht, ohne daß sie selbst es weiß, ihrer Liebe. Es ist wunderlich, aber gewiß: mehr als eine, die einer Laune nachgab, hängt doch mehr an ihrem Gatten, als an dem Manne, an welchem sie vorübergehend Geschmack fand, und wenn sie endgültig wählen müßte, so wählte sie doch lieber den, dem sie sich als Jungfrau gab, den, welchen sie in ihrem Blute hat, und dessen Leben ihr Leben ist. * Das beste Mittel ist, auszuwandern. Redet mir nicht von euren Interessen; zerschneidet das Tau und fahrt von dannen, bringt sie auf einige Zeit in fremde Länder. Sprecht das schnöde Wort nicht nach, das man heutzutage nur zu oft hört: »Nur keinen Skandal ... Ich werde sie bei mir behalten, thue sie, was sie wolle, und werde mich anderweitig entschädigen. Ich werde sie durch meine Aufmerksamkeit quälen, ich will ihn tagtäglich martern durch den Gedanken, daß er sie mit mir teilen muß ...« Nein, es bedarf einer gründlichen Heilung; durch die Nacht der Leiden führt der Weg zum Licht des neuen, reinen Lebens. Sieht sie sich erst einmal, fern von ihrer alten Umgebung, in einer neuen Gesellschaft, hört sie eine fremde Sprache, fühlt sie, daß sie allein steht und niemand hat als euch, so wird sie sich verwandelt finden. Mit ihm, der für sie arbeitet, der sie ernährt, der ihr außerdem nie ihr Unglück zurückruft, das Leben nicht verbittert, sie gut und sanft behandelt, wie am Tage nach der Hochzeit, wird sie wirklich eine andere werden, und von ihrer früheren Welt nur noch die dumpfe Erinnerung an einen bösen Traum haben. In ganz anderen Verhältnissen, wo tausend neue Bedürfnisse entstehen, werdet ihr alle beide euch verjüngen. Ihr hättet in Europa zwei Kinder gehabt; dort werdet ihr vielleicht zwölf haben. Eure hübsche, energische, leidenschaftliche Frau würde unbezähmbar geblieben sein, und hätte euch ins Verderben gestürzt. Dort wird sie euer rettender Engel. Eine vortreffliche, mutige, arbeitsame Hausfrau, wird sie euer Vermögen begründen helfen. Sie wird euch mit ganz neuer Liebe lieben, weil ihr ein ganz neues Leben ihr gegeben habt, und auf eure alten Tage könnt ihr heimkehren zum Vaterlande. * IX. Heilung des Körpers. Ein berühmter Chirurg, der die Frauen aus Erfahrung sehr genau kannte, macht die Bemerkung, daß sie in der ersten Jugend oft ein wenig kalt sind, dafür aber in der Mitte des Lebens, beim Eintritt in die Periode der Abnahme, ein wahres Bedürfnis haben, geliebt zu werden. Vom zweiunddreißigsten, fünfunddreißigsten Jahre an, zehn Jahre vor dem normalen Aufhören, fließt das Blut weniger regelmäßig, daher häufige Kongestionen, Krankheiten, stürmische Träume, leidenschaftliches Bedürfnis nach Liebe. Er entfernt sich, der Blinde, läuft jungen, leichtsinnigen Dirnen nach, die sich über ihn lustig machen und ihm doch im Grunde so wenig bieten können! Sein wahres Reich, das tiefe Herz, die intelligente, poetische Seele seiner Frau – vergißt er, der Thor! Und welche köstliche Speise hätte sie ihm bieten können! Die Frucht der Früchte, die Pfirsich, wird nur noch süßer durch den Biß der Wespe, und ebenso die Frau durch den Schmerz. Der Mann, der Augen hat, zu sehen, weiß den Augenblick sehr wohl zu schätzen, wo der Ausdruck seine höchste Schönheit erreicht, wo dieses Geschöpf der Liebe, schon demütiger geworden unter der Hand der Natur, die so schwer auf ihr liegt und ihr ein Alter voller Leiden bereitet, weniger den Glanz sucht und mehr das wahre Glück erstrebt. Und besonders die Frau, deren Leben ganz Tugend und Pflichterfüllung war, die an der Schale der Liebe nur nippte und sich nicht durch die berauschende Süßigkeit des Trankes zu Thorheiten verleiten ließ, ist unendlich rührend zu dieser Stunde, wo sie die Liebe fliehen sieht und seufzend spricht: »Wie, schon vorbei! ...« * Abgesehen von der Krankheit des Nordens, der Schwindsucht, welche eine Wirkung des Klimas ist, giebt es nur zwei Hauptkrankheiten in Europa, die sehr genau mit unseren Leidenschaften, unserer Art zu denken, unserem Willen zusammenhängen. Der Mann will stark sein , und er wählt die Mittel schlecht und übertreibt sie. Er ißt und trinkt viel zu viel. Alle seine Krankheiten haben ihren Ursprung in den Verdauungsorganen. Die Frau will geliebt sein . Sie leidet an dem Organe der Liebe und der Mutterschaft. Alle ihre Krankheiten sind direkt oder indirekt Krankheiten des Uterus. Wenn man mit Ernst und Gründlichkeit in dem Leben der Kranken zurückgeht, so gelangt man meistens zu dem Resultat, daß jenes Brustübel, jene Unterleibskrankheit, die man in gar keinem Zusammenhange mit dieser Ursache wähnt, zehn, fünfzehn Jahre vorher durch einen Kummer des Herzens vorbereitet wurden. In der Frau ist nichts niedrig, nichts gemein, alles poetisch. Die Frau ist fast immer krank durch die Leere ihres Herzens, der Mann durch Überfüllung des Magens. Nichts hat einen tieferen Sinn, als jenes Wort, das man häufig von ihr hört und über das man lacht: »Woher kommt dein Kopfweh, Zahnweh, deine Kolik?« – »Weil man mich nicht liebt, wie ich es wünsche.« * Nachdem ich so das Wort des Rätsels ausgesprochen und durch den Sumpf meines achten Kapitels (Ehebruch und Scheidung) glücklich hindurch bin, kann ich, wie mein Herz es wünscht, zurückkehren zu unserem Ideal, der Frau, die tugendhaft blieb, zu ihr, die, sich auf ihren Gatten stützend und ihm nichts verheimlichend, glücklich an der Klippe vorüberfuhr. Wir sahen, wie sie selbst aus ihrem Traume sich losreißen konnte, wie ihr das trügerische Ideal zerflatterte. Soll das heißen, daß ihr keine Erinnerung daran blieb? Nein. Die Tugendhafteste leidet durch einen solchen Verlust, gesteht sich nur mit Schmerzen, daß sie geliebt hat, ohne wieder geliebt zu werden. Freilich weiß sie sich von ihrem Gatten geliebt. Sie hat die Kraft und Zärtlichkeit seines Herzens erfahren; aber selbst von dieser Seite erwächst ihr ein Leid. Sie fühlt, daß sie von ihrem Throne herabgestiegen ist, daß er sich nicht verbergen konnte, wie sie nicht das himmlische Wesen ist, der Engel des Herrn, an den er einstens glaubte; und schließlich muß sie sich doch selber sagen, daß sie ohne ihn gefallen wäre, daß sie seines Schutzes nicht entraten konnte. Sie plagt sich mit dem Zweifel: »Habe ich nicht wenigstens in Gedanken gesündigt? ... Oder (welche Schmach!) thut es mir nicht leid, nicht gesündigt zu haben?« So zwischen zwei Neigungen gestellt, von bangen Zweifeln geplagt, in der Ebbe und Flut eines schlecht geheilten Herzens, nehmen ihre Kräfte ab, wird sie siech und bleich. Nach dem Sturme des Blutes und der Seele folgt eine große Ermattung. Man sieht die Krankheit kommen. * Außer mit unseren individuellen Leiden haben wir alle heutzutage noch mit irgend einem alten, unbekannten abzurechnen, das wir von unseren Vätern geerbt haben. Ein Leiden, das in den Tagen unserer Kraft nicht zum Vorschein kommt, belauert uns, erwartet geduldig den Tag unserer Schwäche, um dann zu unserem Schrecken, zu unserer Beschämung oft in der überraschendsten Gestalt triumphierend hervorzubrechen. Mein Buch ist kein Idyll. Der junge leichtsinnige Mann, die zarte junge Dame, denen es zufällig in die Hände fallen sollte, werden ihren Mut zusammennehmen müssen. Denn in seiner Aufrichtigkeit wird es nicht vor der Natur zurückbeben. Und übrigens ist das, was wir jetzt besprechen, keine Abschweifung; es ist der Kern der Sache und die eigentliche Probe der Liebe. Die Liebe, von der die fünfzehnjährigen Kinder träumen, die zarte Iris, die lilienweiße, rosenrote Liebe, ist kaum Liebe. Es ist die Oberfläche der Begier, ein leichtes Schaudern der Sinne. Aber die Liebe, von der es heißt: »sie ist stark, wie der Tod«, ist eine ganz andere, kräftigere. Stellen wir sie kühn, nicht dem Tode, stellen wir sie, was vielleicht noch härter ist, der Krankheit gegenüber. Welcher? Der oft erblichen, schicksal-gesendeten Krankheit, an der sie unschuldig ist, die arme, gedemütigte Frau. Die Reinste, Tugendhafteste hat nichtsdestoweniger davon einen Keim in ihrem Blute, der sie früher oder später verraten wird. Diese reine Lilie, diese blonde, blendende Schönheit (die Nereide des Rubens, wenn ihr wollt, im Louvre) kann sehr bald die Skrofeln sich wieder öffnen sehen, die sie als Kind hatte. Jene andere mit den feurigen, tiefen Blicken, mit dem dunkeln Teint, die euer Herz in Flammen setzt, ach! der Liebespfeil, der euch trifft in ihrem entzückenden Lächeln, es ist vielleicht der Krebs, der an ihrem Busen frißt, und ihren Blick so geisterhaft schön macht. Man erzählt, daß der glänzende Spanier Raimundus Lullus mit seiner Liebe eine Dame verfolgte, die ihn wieder liebte, ihm aber nichts zugestand. In seiner trunkenen Begier folgt er ihr bis in eine Kirche. Dort, indigniert, kühn gemacht durch das Dämmerlicht (ihre Kirchen sind sehr dunkel), wendet sie sich um und entblößt ihm ihre zerfressene Brust. Was denkt ihr, daß er that? Er entfloh und wurde aus einem Ritter ein Doktor, Prediger und schlechter Scholast. Er liebte nicht. Wie hätte ihn, liebte er wahrhaft, eine solche Entdeckung nur noch mehr gefesselt! welch starkes Band, welche Gelegenheit, seinen Opfermut zu zeigen und, möchte ich sagen, welcher neue Reiz für seine Liebe! ... Zur Ehre unsrer Zeit hat sich ein ausgezeichneter Denker in einem ähnlichen Falle nur noch mehr in seiner Liebe bestärken lassen. Je größer das Unglück des unschuldigen Opfers war, desto mehr hat er sie mit seiner Liebe umfangen. Rührende Vorsorge wurde getroffen, sie vor allen Menschen zu verhüllen, fast vor sich selbst. O, wie groß ihre Liebe dafür sein muß! ... Von allen Herzen, die hoch genug schlagen, so etwas zu verstehen, wird ihnen diese liebevolle Einsamkeit inmitten dieser liebeleeren Welt, in der sie sich gegen das Geschick und die Natur aneinander Preßten, beneidet werden. Und ist dies nicht der wahre Tempel, den sich die Liebe, die den Tod überwindet, hienieden bauen wollte? Die Frau wurde zum Leiden geboren. Sie erträgt der Leiden mehr als wir und erträgt sie besseren Mutes. Aber das Unerträgliche ist, daß die Krankheit, diese grausame Offenbarung menschlicher Gebrechlichkeit, tausend niedrige, traurige, keineswegs anmutige Seiten aufdeckt. Jede Frau hat eine Zeit, einen Augenblick gehabt, wo man sie für göttlich hielt, wo sie beinahe selbst sich der Erde entrückt glaubte. Das Andenken dieser Zeit verläßt sie nicht, adelt sie in ihren eigenen Augen. Selbst das Drama der Niederkunft, das sie vorübergehend ans Bett fesselte, erhält sie noch sehr poetisch. Die Krankheit, ach! hat diese Wirkungen nicht. Sie schleppt sich hin, schwer und bleiern, und stellt geflissentlich zur Schau, was die Natur so sorgsam verbirgt. Wenn sich die Sache verheimlichen läßt, so duldet die Kranke schweigend. Aber es scheint, daß die Krankheit ein hämisches Vergnügen daran findet, sich nach außen beliebig durch widerliche Erscheinungen, durch tückische Efflorescenzen, die sie erst recht hervorheben, zu manifestieren. Irgend welche unglückliche Blütchen, die kommen und wiederkommen, eine lebendige Flechte, die unter dem Haar entsteht – das reicht hin, um die Ärmsten zur Verzweiflung zu bringen. Ich habe eine junge, blendend schöne Dame von diesem letzteren Übel befallen sehen; sie wäre fast darüber gestorben. Jeder Zeuge ist von dem Augenblicke an peinlich. Die Kammerfrau wird ferngehalten, fortgeschickt. Wenn der Gatte in sie dringt, so weint die Kranke: »Ich schäme mich... das Mädchen hätte es überall ausgeplaudert ...« – »Weine nicht, ich selbst will dich pflegen, niemand soll es erfahren ...« – »Aber wenn ich dir selbst unangenehm werden sollte – denn gerade deinethalben leide ich am meisten.« Ein tiefer, schmerzlicher Grund der Krankheiten jener Frauen, welche die erste Jugend hinter sich haben, ist der Zweifel an ihrer Macht. Dieser Zweifel schwindet von dem Tage an, wo ihr Gatte, der jetzt in dem Alter des Ehrgeizes und der Erfolge steht, vielleicht ein bedeutender Mann ist, gegen ihr Erwarten alles liegen läßt, alles opfert, sie pflegt, und glücklich ist, daß er sie Pflegen kann und ihr so beweist, daß sie noch immer sein liebster, einziger Gedanke ist. »Aber es ist wahrhaftig ein Jammer, zu sehen, daß du dich in diesem Maße aus deiner Laufbahn bringen lassest, deine großen Angelegenheiten hintanstellst, um dich mit diesen Erbärmlichkeiten abzugeben. Ich mache mir Gewissensbisse darüber. Bitte, laß mich.« Sie sagt es, aber sie lächelt und ist glücklich. * Die Krankheit ist die Disharmonie, die Gesundheit ist die Harmonie. Die erste Sorge muß darauf gerichtet sein, die äußere Harmonie um die Kranke her zu schaffen. Die werdet ihr nie erlangen, wenn Nachbarinnen, Freundinnen, Verwandtinnen den ganzen Tag ihre Ratschläge gegen die einigen geltend zu machen suchen, ihre Ärzte herbeibringen, euch in der Krisis selbst durchkreuzen und in dem erreglichen Geist der Kranken alle Augenblicke Zweifel wachrufen. Diese Zweifel sind an sich schon eine böse Krankheit, welche die andere verlängert und verschlimmert. So lange sie nicht beseitigt sind, ist an Genesung nicht zu denken. Es bedarf der Einsamkeit und großer Ruhe. In dem Organismus tritt eine Abspannung ein, welche bei den meisten Übeln der Anfang der Genesung ist. Beinahe immer war es eine überspannte Idee, eine Leidenschaft, die die Nerven übermäßig anstrengte, die allgemeine Harmonie zerstörte. Von den Ursachen, die das Übel bewirkten, entfernt, schwächer und ein wenig abgemagert, tritt man gern mit Leib und Seele in einen Zustand ruhiger Sammlung. Man beurteilt die Dinge richtiger, man kommt von der Überspannung zurück. Man tadelt sich, man strebt nach höherem Werte, nach einem Leben in vollkommener Übereinstimmung mit der allgemeinen Harmonie und dem Willen Gottes. Man begreift, daß man selbst nicht ganz unschuldig an seiner Krankheit ist. Man nimmt sie als ein Unabweisliches hin, man unterwirft sich und hört auf, die Natur anzuklagen. Und eher läßt sie uns nicht los. Der, welcher sich nicht mehr gegen die Krankheit ereifert, nicht mehr mit Ungeduld der Genesung entgegenharrt, ist in Wahrheit der Genesung viel näher. Aber nichts stärkt die Geduld der Kranken so sehr, als das Gefühl, daß ihr Leben jetzt ganz auf dem ruht, von dem getragen wird, der ihre ganze Welt ist. In diesem langen Beisammensein, welches ihr die süße Einsamkeit der ersten Zeiten ihrer Ehe zurückruft, wird ihr die Krankheit selbst lieb, und die Seele thut sich auf, wie eine schöne, lange verschlossene Blüte. Am Abend, ehe die Lichter angezündet sind, legt sie in deine Hand ihre kleinen, ein wenig abgemagerten Hände und schüttet dir ihr ganzes Herz aus. Sie spricht mit dir wie mit sich selbst. Du küssest ihr die Hände. Sie merkt nicht darauf, fährt fort zu reden, und sagt dir alles, was man sonst nicht eben sagt, und was eine schwache Frau dennoch wohl sagen möchte: ihre Träume, ihre Furcht vor dem Tode. »Wenn ich sterben sollte? ... Ich möchte doch noch so gern bei dir bleiben. Gott wird sich unser erbarmen.« Das führt sie weiter und weiter; sie gesteht dies und das, irgend ein großes Unrecht, das sie bis jetzt verschwiegen hatte ... Wahrhaftig, sie hat alles gesagt und eine förmliche Beichte abgelegt. »Nun, und das ist alles?« – »Ich meine, es ist mehr als zuviel ... Wenn ich etwas anderes begangen habe, so erinnere ich mich desselben wenigstens nicht mehr ... Aber was ist dir, Lieber, daß du meine Hände mit deinen Thränen benetzest?« Indessen ist es völlig Nacht geworden. Vom Himmel leuchtet kein Mond, aber die funkelnden Sterne geben Licht genug. Sie ist müde. Sie entschläft, ohne deine Hand loszulassen, und sie schläft viel besser seit diesem Tage; denn die Harmonie der Seele ist ihr wiedergekommen. * Die Ehe ist Beichte. Die Einigkeit, der Frieden der beiden Herzen hat damit begonnen, daß eines dem anderen alles sagte. Und auch nur dadurch kann man den verlorenen Frieden wiedererlangen, die Harmonie der Seele, welche die des Körpers zur Folge hat. Sich einem dritten, einem Fremden anvertrauen, der denn doch immer ein Mann ist und bleibt, heißt ihn versuchen, sich selbst versuchen, heißt von einem Seelensturme in den anderen kommen. Damit die erregte Seele, der kranke Körper, das ganze arme leidende Wesen die volle Ruhe wiedergewinne, muß seine Hälfte, die ja alle Leiden teilt, ihm die Unendlichkeit der Liebe und des Mitleids erschließen, und, ohne darauf zu dringen, ein volles Bekenntnis herbeiführen. Hat sie sich einmal nach dieser Seite hin erleichtert, so muß man die furchtsame Seele aufzurichten suchen. Bedenkt, daß ihr vor dem Tode bangt. Sprechen wir es klar aus und hüllen wir uns nicht in einen falschen Heroismus. Euch, die ihr in dem Dienste des gnädigen Gottes der Natur erzogen seid, ist es leicht, dem allgemeinen Schicksal mutig ins Antlitz zu sehen. Aber sie, die in dem Dogma von den ewigen Höllenstrafen groß geworden ist, fühlt, obgleich sie von euch andere Ideen angenommen hat, dennoch in ihrem jetzigen leidenden Zustande böse Nachwirkungen jener Lehre. Sie verschweigt das nicht und flüchtet sich, wie ein schwaches Kind, an eure Brust. Seid jetzt für sie ebenso stark wie zärtlich. Werdet nicht schwach mit ihr; haltet eure Thränen zurück, sie muß in euch eine feste Stütze finden. Erweitert ihre durch den Schmerz gepreßte, durch die Furcht beklemmte Frauenseele zu der großen Harmonie, wo wir, unterthan dem gerechten, ewigen Gesetze des Alls, das Leben wollen müssen, wie den Tod. Ich weiß sehr wohl, welche Überwindung es euch kosten wird, diesen Tod, dessen Name euch in diesem Augenblicke so furchtbar ist, als Gottessache gläubig hinzunehmen! Aber, glaubt es, er verschont oft die, welche ihm mit Sanftmut entgegensehen. Wenn die liebe Seele, die sich ganz auf euch stützt und an eurem Herzen lebt, den Gedanken, dort zu sterben, wenn Gott es fordern sollte, annimmt, so darf sie um so mehr darauf rechnen, leben zu bleiben. Die Hoffnung auf Unsterblichkeit trägt nicht wenig zu unserer irdischen Erhaltung bei. Möchten wir uns doch die Kraft und das Ansehen, welche uns für diese ernsten Stunden nötig sind, bewahren! Möchten wir uns jene Reinheit des Herzens, jenen Adel der Gesinnung erhalten, die es uns möglich machen, für das geliebte Weib der rechte Beichtiger und Priester zu sein! daß die, welche der Altar des Mannes war und ihm so oft unendliche Seligkeit gewährte, ihn an diesem Tage als ihren Mittler wiederfindet, der ihr die Verzeihung des Himmels bringt. Aber wäret ihr auch weniger würdig, währet ihr nicht rein geblieben von dem Schmutze der Welt auf eurem Wege durch den Markt des Lebens, die Liebe wird euch wieder rein machen, ihre Flamme das alles verzehren. Und in einem Winkel eures Herzens werdet ihr das Hohe und Göttliche wiederfinden, also, daß ihr die Schwache, die sich heute an euch klammert, halten könnt mit starker Hand. Euer ist sie, euch nur hat sie zum Leben und zum Sterben. An euch ist es, zu bewirken, daß sie lebe, oder in euren Armen sich zu Gott aufschwinge. * Was unterscheidet den Priester vom Arzte? Ich habe es nie ausfindig machen können. Jede Heilkunst ist blind und blöde und nichtig, wenn sie nicht mit der vollständigen Beichte, mit der Resignation und der Wiedervereinigung mit der allgemeinen Harmonie beginnt. Wer vermag das bei einer Frau? Nur der, welcher sie schon vorher kennt und ihr zweites Ich ist. Er ist ihr geborener Arzt für Leib und Seele und niemand sonst. Das beides ist bei ihr nicht zu trennen. Daran möge der junge Mann denken, darauf möge er sich vorbereiten. Ein wie mächtiger Sporn für das Studium der moralischen und Naturwissenschaften muß für ihn in dem Gedanken liegen, Welch unendliches Glück es ihm einst gewährt, alles für die Geliebte sein zu können! * In Zukunft wird die von so viel toten und unfruchtbaren Elementen befreite Erziehung Jahre medizinischer Studien in sich begreifen. Der jetzige Zustand ist lächerlich. Wer lebt, muß vor allem einmal wissen, was das Leben ist, wie man es erhält, wie man es heilt. Überdies sind diese Studien eine so herrliche Übung für den Geist, daß man den, welcher sich ganz und gar nicht um sie bekümmert hat, kaum einen Menschen nennen kann. Selbst um dem Arzte auseinandersetzen zu können, was unser Leiden ist, muß man selbst (zu drei Teilen) Arzt sein. Die meisten werden euch sagen, daß man sich selbst oder seine Familie nicht behandeln kann, was auf dasselbe hinauskommt, als ob man sagte, daß man die am wenigsten behandeln kann, die man am besten kennt. Ich verlasse mich in dieser Sache viel lieber auf den Ausspruch eines Arztes aus dem Süden: »Niemals werde ich zugeben, daß mein Sohn oder meine Frau von jemand anders als von mir behandelt werde. Nicht, als ob nicht viele meiner Kollegen geschickter wären, als ich. Aber hier habe ich vor ihnen den gewaltigen Vorteil, die zu behandelnde Person ganz genau zu kennen: das von mir erzeugte Kind bin ich, und die Frau, die auf die Dauer sich in mich verwandelt hat, bin wieder ich.« * Die Individualität gewinnt immer mehr Bedeutung. Die so sehr unwissende Heilkunst früherer Zeiten heilte dennoch oft, und weshalb? weil alles in Klassen eingeteilt war: die Kranken und die Krankheiten. Man konnte damals, wenn ich mich so ausdrücken darf, nach der Schablone kurieren. Die Klasse und der Beruf bestimmten das Temperament und deuteten schon von vornherein das Übel und das Mittel dagegen an. Die Klassen haben aufgehört und mit ihnen die Heilkunst nach Klassen. Alles hat sich verwandelt; kein Mensch gleicht mehr dem anderen; jeder ist speziell, originell, individuell , sehr kompliziert, keineswegs zum voraus zu bestimmen. Es bedarf eines großen Studiums, einer langen Folge von Beobachtungen, eines außerordentlichen Eifers, um dies Individuum zu fassen. In den großen Städten aber fehlt das den Ärzten, und vor allem fehlt ihnen die Zeit. Dieses Rätsel, das Individuum ist für den unheilbar, der es nicht vollkommen, von der Sohle bis zum Scheitel und durchweg in seiner Gegenwart, in seiner Vergangenheit kennt, für den, der nicht gleichsam in ihm lebt und sein zweites Ich ist. Je mehr ihr aber eins mit ihm seid, desto besser könnt ihr es heilen. Wenn ihr nun lange mit dieser Frau gelebt habt, wenn eure durch die Gewohnheit und die Liebe identisch gewordene Existenz in jedem Augenblick Phänomene in euch hervorbringt, die denen, welche in ihr vorkommen, analog sind, so daß eure Funktionen die ihrigen enthüllen, so seid ihr sehr weit in dieses Wesen eingedrungen, könnt mit ziemlicher Gewißheit bestimmen, welches ihr harmonischer, welches ihr gestörter Zustand ist, welches das gegenwärtige Übel, welches die mögliche Rückkehr zur Gesundheit. Ihr seid ihre Gesundheit; sie ist eure Krankheit. Die Heilung besteht für sie in der Rückkehr zur Harmonie mit euch. * »Was ist die Frau? Die Krankheit.« (Hippokrates.) – Was ist der Mann? Der Arzt. Der größte Doktor, den ihr von draußen hereinruft, ist nach einigen Fragen vollkommen befriedigt. Von der Kranken kennt er nur die Krisis; aber das ist nichts: man muß ihr Leben kennen. Wieviel Zeit, wie großer Geduld und auch welches Genies von seiner Seite bedürfte es, damit sie ein vollständiges Bekenntnis ablegte! Aber würde sie auch zu antworten wissen? zu antworten wagen? ... Oft muß er sich mit sehr wenigem begnügen. Der Gatte im Gegenteil weiß alles. Ihr lacht; ich behaupte, daß die Allerverstellteste, die ihm gewisse Dinge soviel wie möglich verbirgt, im ganzen doch nicht verhindern kann, daß er sie, allein durch das Beisammenleben, gründlich kennt. Mit allen fünf Sinnen hat er sie in jeder äußerlichen Manifestation erfaßt: er kennt sie in jedem inneren Vorkommnis, ihre Monate, ihre Tage, ihre Stunden, ihre Gewohnheiten, ihre Launen. Er weiß ihre Gedanken voraus; er weiß, daß sie diese oder jene kleine Begierde haben wird. Wer vermag ein so entsetzliches Detail zu beherrschen? Nur der, welcher liebt oder geliebt hat, der in seiner Unersättlichkeit alles und jedes empfunden, bemerkt hat, selbst was sie selbst vergaß. Dazu kommt noch, daß seine Einwirkung auf sie sehr groß ist. Durch das gemeinsame Leben, durch die Befruchtung und die tiefe Umgestaltung, welche diese mit sich bringt, hat er diese Frau geschaffen. Der Gatte ist in diesem Sinne ebenso sehr Vater der Gattin, als des Kindes. Er hat sie geschaffen; er kann sie von neuem schaffen. Wenigstens vermag er es, wenn es überhaupt jemand vermag. Der allmächtige Schöpfer, die Liebe, ist auch der allmächtige Erneuerer. Wäre sie auch erschlafft und lau geworden, mit welcher Kraft, welcher Wärme erhebt sie sich unter solchen Verhältnissen! Wer sollte die kranke Frau nicht lieben, wer ihr nicht das ganze Herz wiedergeben! Und gesetzt, sie wäre etwas leichtsinnig gewesen, dies arme, leidende Wesen, wer vermöchte sich jetzt daran zu erinnern? Gedemütigt durch die unerbittliche Natur, so voller Furcht, zu mißfallen, ist sie in Wahrheit reizender als je. Für alles, selbst die unschuldigsten Dinge, bittet sie euch um Verzeihung. Ihre lebhafte Dankbarkeit läßt sie die holdesten Worte finden, die euch Thränen ins Auge locken. Ihr Herz ist ein ganz anderes geworden. Es ist bekannt, daß die Krankheit, diese strenge Schule der Natur, die Sitte verfeinert, wie keine menschliche Kultur es vermocht hätte. Zärtlichkeit, zitternde Scham, kindliche Furcht – so ist die Frau in diesen Augenblicken. Wie sollte man sie nicht lieben! Wie rührend ist dieser Kampf zwischen Liebe und Scham! Freilich muß die letztere nachgeben, wenn man Mittel anzuwenden gezwungen ist, die der Schrecken der Frauen sind, wenn zum Beispiel ein Zugpflaster appliziert werden soll. Wenn man ihr ihren Willen ließe, würde sie lieber sterben; aber mehr als den Tod fürchtet sie, durch ihren Ungehorsam zu beleidigen. »Und doch, in diesem Zustande sich vor ihm sehen zu lassen! ... ihm alle Tage diese Prüfung aufzuerlegen! ... ach, das ist das Ende der Liebe!« Die Ärmste ist durch dieses tägliche sich Beugen unter die geliebte Hand so gedemütigt, daß es ihr gar nicht mehr einfällt, anzunehmen, er könne in ihr noch immer eine Frau sehen. Alles, was sie noch verlangt, ist Mitleid. Mit der Liebe, glaubt sie, ist es vorbei. Groß ist deshalb ihre Überraschung, tief ihre Rührung, wenn sie sieht, daß die Flamme noch immer brennt; wenn sie erkennt, daß die Liebe in ihrer erhabenen Unwissenheit alles wissen und alles sehen kann und dennoch ist, als wüßte sie nichts, als sähe sie nichts. Dann beginnt sie jene Macht des Herzens zu begreifen, die alles modelt und verwandelt, wie sie will, jene Unabhängigkeit der Liebe, die man für die Sklavin der Natur hält, und die doch ebenso gut ihre Königin ist. * »Wie, ich kann noch gefallen! Wie, meine Liebkosungen beglücken, meine Küsse lohnen ihn noch!« Jetzt fühlt sie sich wieder stark. Sie ist wieder in ihre Herrschaft eingesetzt; die Gesundheit wird nicht auf sich warten lassen. Von der Geliebten ist alles unschätzbar, alles entzückt und alles ist liebenswürdig. Die Liebe saugt sie durch alle Sinne ein. Ihr physisches Leben in seiner Ganzheit, ohne irgend etwas auszunehmen, bezaubert uns immerdar. Daraus geht für sie ein Zustand unendlicher Heiterkeit, tiefen Glückes hervor, derselbe Stand der Gnade, den man in der Schwangerschaft beobachtet; aber wieviel weniger günstig sind die Umstände hier! Zu sehen, das alles, was sie selbst mit Scham und Furcht erfüllte, was sie ihm geflissentlich zu verbergen suchte, für ihn ein Glück und ein Genuß ist, daß er ihr dient, nicht mit Ungeduld, sondern mit Begierde und Entzücken – dies Wunder rettet sie. Sie wird leben bleiben, trotz dem Schicksal und der Natur. Fünftes Buch. Wiederverjüngung der Liebe. I. Zweite Jugend der Frau. Wie streng ist die Natur gegen die Frau! Der Mann, welcher zehn Jahre voraus hat, ist in der Fülle seiner Kraft, gestählt durch das Leben, thätig, schöpferisch. Ihr Stern aber ist schon im Sinken. Und jetzt, obgleich die Krankheit glücklich überwunden, ist sie nicht mehr, was sie war. Die Leiden haben sie gereift: aber die Blüte ist dahin. Träume, melancholische Stunden trüben das frohe Gefühl der wiedergewonnenen Gesundheit. Sie seufzt; weshalb? Ist sie doch so schön, so rührend, so vollendet! Denn die Zeit, die große Künstlerin, die Großmeisterin in Sachen der Schönheit, hat der ihrigen jene höchste Vollendung gegeben, die uns unwiderstehlich hinreißt. Gewiß; aber selbst dieser Reiz beweist nur, wie sehr sie angegriffen ist. Die schon weniger regelmäßige Cirkulation des Blutes verkündigt ihr (freilich erst von weitem), daß sie von jener Krisis der Liebe, die das Wesen der Frau ausmacht, von jenem wunderbaren Rhythmus, der ihr, Monat für Monat, die Zeit maß, geheilt werden wird. Der Mann dagegen, der nicht von der Ebbe und Flut des Lebensstromes gelitten hat, der von der Liebe nur die Rosen pflückte, nicht wie sie bis zum Schaffen, bis zum Sterben liebte, hat im Vergleich mit ihr ein prosaisches Leben gelebt. Er hat gearbeitet, machtvoll, gewaltig gearbeitet, aber auch durch Schlaf und Nahrung die verlorene Kraft ersetzt. Ihm ist das Gleichgewicht der Ausgabe und Einnahme ungestört geblieben. Er ist, was er war, vielleicht noch mehr. Wenn er keine Ausschweifungen zu bereuen hat, so findet man ihn mit vierzig Jahren und darüber viel kräftiger, als vorher. Die Wechselfälle, denen die Gesundheit in jüngeren Jahren unterworfen ist, hat er hinter sich; er hat sich gegen das Leben abgehärtet, steht darin festgewurzelt. Und da es von da ab wie von selbst geht, da er lebt, ohne zu wissen, daß er lebt (was eben der Zustand höchsten Wohlseins ist), so arbeitet er jetzt oft viel mehr, viel besser, mit einer Sicherheit, einer Unfehlbarkeit der Ausführung, die eine jüngere Hand niemals besitzt. Selbst bei den genialsten Menschen, bei denen, welche ihr Leben in befruchtender Fülle für das Menschengeschlecht ausströmten, sehen wir, daß ihre großen, epochemachenden Werke nicht vor diesem Alter erschienen. Molière schreibt dann seinen Tartüffe, Rousseau seinen Emile und den Contrat social . Noch später veröffentlicht Voltaire sein erstes wahrhaft geniales Werk, durch welches die moderne Geschichtschreibung geschaffen wurde. Ebenso brachten auf dem Gebiete der Politik Sully, Richelieu, Colbert nichts Großes vor dem vierzigsten Jahre zu Wege. Alles in allem kann man sagen, daß in dem Alter, in welchem die Frau ihr Hauptwerk gethan hat, und die schöpferische Kraft bald einbüßen wird, oder schon eingebüßt hat, der Mann die seine mit souveräner Macht ausübt. Und das in jedem Sinne, in der Liebe, in den Geschäften und in der Sphäre des Gedankens. Und so wäre denn für die Frau alles vorbei? ... Mit Nichten. Die Liebenswürdigkeit ihres Herzens und ihrer Schönheit, die Anmut, die herrliche Klarheit ihres Geistes, die Großheit ihrer Gesichtspunkte und ihres Charakters, die sie oft in diesem Alter auszeichnen, alles verkündet, daß sie zu einem geheimnisvollen, weniger sichtbaren und weniger erklärbaren, und vielleicht nur desto innigeren Werke, das auf ein rührendes, heiliges Ziel abzweckt, berufen ist. Was für ein Werk ist dies? Wir wissen es nicht. Das aber versichere ich euch zum voraus, es ist ein Werk der Liebe. Für die Liebe hat sie gelebt, für die Liebe wird sie sterben, für eine stets höhere, stets heiligere Liebe. Wollt ihr wissen, welches ihr eigentlicher Kummer ist? Nicht die Wechselfälle einer weniger gleichmäßigen Gesundheit, nicht die hinschwindende Jugend, nicht die Aussicht auf eine freudlosere Zukunft, nicht einmal der Tod, den sie nahe genug gesehen hat, und der mit seinen dunkeln Schatten in der Ferne droht. Was sie traurig macht, ist die halbe Scheidung, die trotz ihm, trotz ihr, einfach durch die Macht der Verhältnisse zwischen ihnen entstanden ist. Er, der früher alles verließ und alles opferte für sie, liebt sie gewiß noch, sie zweifelt nicht daran; aber das hindert nicht, daß er nach ihrer Genesung sich wieder ganz in die Geschäfte, in die Arbeit, in den Kampf des Lebens gestürzt hat. Er wird älter und hat keine Zeit mehr zu verlieren. Je reiner ein Mann seine Seele bewahrt hat, desto thätiger ist er, desto ungeduldiger, vorwärts zu schreiten, zu wirken, zu schaffen. Auf den Ruhm ist sein Blick gewandt, gleichviel auf welchen. Die Virtuosität, die er in der Ausführung weitschichtiger Pläne bewährte, der beständige Erfolg, das Glück, welches nur den Menschen mit mächtiger Willenskraft hold ist – alles dies ist der Ruhm und die Ehre des Mannes und ist auch der Stolz der Frau. Aber es ist auch oft gerade das, was sie in dieser Zeit des Lebens beunruhigt. Er sagte einst: »Du wirst mich lieben müssen, denn ich werde groß sein«. Er hat sein Wort gehalten; er ist es jetzt durch den Erfolg. Er weiß es wohl, wieviel sie indirekt dazu beigetragen hat. Niemals hätte er, ohne das Glück, ohne den Frieden des Herzens, ohne das sanfte Ruhekissen seiner erschöpften Seele, das er in ihr fand, sich Tag für Tag zu solchen Anstrengungen aufraffen können. Sie hat seine Triumphe vorbereitet. Und so ist er nun einflußreich, mächtig, im Fahrwasser der wichtigsten Angelegenheiten. Die Woge hat ihn gehoben und trägt ihn. Er segelt mit vollem Winde, mit voller Flut. Sie, am Ufer sitzend, bewundert ihn, aber sie folgt ihm nicht. Manchmal sogar trüben sich ihre Augen, und es will ihr nicht so ganz einleuchten, daß diese Fahrt groß und glücklich sei. Glücklich? Ist sie es denn für dies treue, liebevolle Herz, das seufzend spricht: »Er ist dort, weit von dir ... Warum bin ich nicht bei ihm?« Hohn des Schicksals! Als sie jünger war und weniger einsichtsvoll, im Grunde auch weniger zärtlich, als sie sich nur eben lieben ließ, nichts weiter war, als ein schönes Geschöpf Gottes, ein angenehmes Ding, hatte sie das Glück, in scheinbar innigster Vereinigung mit ihm zu leben, und jetzt, da sie eine Seele, ein Vernunftwesen ist, jetzt, da ihr erweitertes Herz einen unermeßlichen Schatz von Liebe bewahrt, halten das Glück, der Erfolg sie wie getrennt von ihm. So nahe und doch so fern! ... Ein Tag des Ruhmes vielleicht ... und morgen ist es vorbei mit dem Leben! Wenn sie ihn vor sich sieht, so stark, so voller Feuer, so fest ruhend auf seiner Kraft, in der königlichen Schönheit und fröhlichen Mannheit, mit welcher die Natur ihre Lieblinge, von denen sie noch viel erwartet, ausstattet, bewundert sie, träumt sie, ist sie glücklich ... und traurig. Die Jugend, die Kraft der Liebe – er hat sie ganz. Und sollte der auf die That gerichtete Strom des Lebens nicht auch von den rosigen Träumen einer früheren Zeit angestrahlt sein? Alle denken, alle wähnen, daß der Schatz, den sein Haus umschließt, diese sanfte, rührende Schönheit, diese hohe Vollkommenheit, ihn nicht immer fesseln werden. Von allen Seiten bemüht sich die Welt: verderbte Männer, kokette Frauen – den Mann, der Erfolge errang, zu verwirren und einzunehmen, und jedes Mittel: Intrigue, Schlauheit, Kühnheit, Lästerung, Spott, Ironie, was weiß ich – ist ihnen dabei recht. Weiß sie von dieser Sündflut nichts, die arme Taube in der Arche ihres stillen Hauses? O, doch! sie sieht gerade genug davon, daß ihr das Herz recht schwer wird. Was kann sie dabei thun? Sich hinaus wagen auf den trüben Ocean jener Welt mag sie nicht, und die Welt ihrerseits, die sich an sie herandrängte, und sie zu rein fand, als daß sie etwas von ihr hätte hoffen können, läßt sie stehen und sucht sich eine leichtere Beute. Einsam und um so demütiger, wagt sie nicht, sich mit den Schönheiten des Tages zu vergleichen. Aufrichtig und nicht ohne Bangigkeit bewundert sie die herrlichen Amazonen, die sie nur von weitem sieht. Königinnen? Prinzessinnen? große Damen sicherlich, sausen sie vorüber auf ihren stolzen Rossen. Sie hält sich zum voraus für besiegt. »Ach, welche Tugend, welche Weisheit, welche heroische Liebe vermöchte diesen Alcinen, diesen triumphierenden Clorinden zu widerstehen? Arme Hermine! ...« Sie sieht nicht, was ihr Gatte in nächster Nähe sieht, – das Elend, die moralische Häßlichkeit dieses ganzen Treibens. All die Mühe, die man sich neuerdings gegeben hat, um das traurige Idol des Tages, die femme entretenue , dieses unedle Mittelding zwischen Dame und Dirne, herauszuputzen, hat es nicht schön machen können. In der Isidora noch von einer gewissen Idealität, obgleich voll der herbsten Kontraste, ist sie in der Kameliendame sehr gründlich realistisch geworden. Die Geschicklichkeit und das Talent des Malers haben die widerwärtige Disharmonie einer Person nicht zu beseitigen vermocht, die, eine schwache Brustkranke, doch, nach seinem eigenen Ausdruck, »wie ein Lastträger trinkt und flucht«. Wenn der Gatte zufällig bei einem Freunde dessen traurige Maitresse sieht, die unter all ihrer Eleganz so grob und schmutzig ist, wird er seiner Gattin für immer treu sein. O, wie sehr hat Rousseau recht, wenn er einen Unterschied macht zwischen Frau und Dame! ... Ist dies ein Unterschied des Ranges? des Vermögens? Keineswegs. Es ist ein Vorzug des Herzens. Ich habe eine alte Wäscherin gekannt, die Dame und mehr als Dame war, und den ersten Thron der Welt geziert haben würde. Eines Tages, als er auch wieder bei jenem Freunde gewesen ist, und gesehen hat, wie sehr der Ärmste von seiner kleinen Maitresse, die nicht reden kann, ohne vorher getrunken zu haben, gelangweilt und belästigt wird, findet er beim Nachhausekommen seine Frau umgeben von ernsten Männern, die in Geschäften gekommen waren. Jene Männer müssen den klaren Verstand, den hohen Geist der Dame bewundern. »Was ist das?« fragt sich der Gatte. »Wer hat sie das gelehrt? ... Sie weiß alles, ohne es gelernt zu haben.« Wie rührend ist sie in diesem Augenblicke! Ich habe manchmal das Glück gehabt, bei solchen Gelegenheiten die herrliche Natur der Frau zu beobachten, wenn sie ihrem Gatten zu Hilfe kommen wollte, wenn sie seine Gedanken, seine Angelegenheiten zu den ihren machte, sich dafür begeisterte, seine Ansichten mit einem Feuer verteidigte, mit dem er es nie vermocht hätte. Weit entfernt, zu widersprechen, ging ich auf ihren Gedanken ein, und fast immer gelang es mir, ein oder das andere Wort einfließen zu lassen, welches den Gatten in ihren Augen ehrte, und ihre Vereinigung festigte. Ich habe stets im Leben eine hohe Achtung vor der Liebe gehabt und den Wunsch, ihre Macht zu erhöhen. Stellt euch den glücklichen Gatten in dem Augenblicke vor, wo er unerwartet hinzukommt und sie für ihn streiten sieht. Welch' reizende Überraschung! Es ist Shakespeares Desdemona mit dem Helm auf dem Haupte. Er umarmt sie lächelnd, und spricht, wie Othello: »O, meine schöne Kriegerin!« Streiten und disputieren ist nichts. Wie glücklich wäre sie, wenn sie ihm ernstlich helfen könnte. Und ist sie nicht sein jüngerer Bruder? Sie hat seine Bewegungen, seine Gesten, selbst ihre Handschrift gleicht der seinen. Wenn er manchmal spät zu Bett gegangen ist und am Morgen länger geschlafen hat, findet er sie beim Erwachen nicht mehr. An seinem Pulte sitzt jemand, der sich erhob, um schon um vier Uhr die dringenden Briefe zu beantworten. Augenscheinlich jemand, der in seine Gedanken eingeweiht ist, und alles kennt oder ahnt. Ein Zögling vielleicht? ein liebenswürdiger kleiner Schreiber? Nennt sie, wie ihr wollt. Sie vereinigt in sich die beiden Geschlechter, und hat in ihrer schüchternen Kühnheit etwas von dem Anziehenden des jungen Mannes und des Kindes. Aber der gelehrige Schüler wird, sobald der Gatte es wünscht, auch wieder die liebevolle und nur noch gehorsamere Gattin. Am Morgen beim Erwachen findet er sie nicht, wird unruhig, ruft sie. Der Schreiber wirft die Feder weg und beeilt sich, dem Rufe zu folgen. Er ist gerührt, und zieht sie sanft an sich. Sie aber setzt sich keusch auf den Rand des Bettes. In heiliger Begeisterung möchte er ihr sein Herz ausschütten, ihr endlich das Geheimnis seiner Kunst mitteilen, den Schlüssel seiner großen Unternehmungen in die Hand geben: »Warum kann ich nicht für dich die Zeit, die lange Reihenfolge der Arbeiten und Gedanken, mit denen wir so teuer die Resultate unseres Lebens erkaufen, aufheben! dir ohne Mühe die Welt und die Wissenschaft erschließen, alles in einem Kusse mitteilen!« Aber beim ersten Worte sieht er das Mirakel sich verwirklichen. Gott verleiht der Reinheit eine wunderbare Gabe der Intuition. Ihr gerader Sinn, der keine Lüge, keine verderbliche Sophistik je verfälschte, läßt sie alsbald den tiefsten Grund des verworrenen Rätsels schauen. Wie ist er überrascht! wie ist sie glücklich! In ihrer kindlichen Lebhaftigkeit ruft sie: »Ich habe dich also verstanden!« Aber alles, was sie berührt, geht verschönert aus ihrer Hand hervor. Schüchtern versucht sie, zu wiederholen, was er gesagt hat; was trocken und nüchtern schien, bekleidet sie mit der Anmut der Frau, mit der Frische der Natur. Es ist, als ob der öde Strand des Meeres sich plötzlich mit Blumen bedeckte. Reizende Entdeckung, zu sehen, wie zum erstenmale unter einem liebevollen Auge das unendliche Mysterium der Anmut, das eine gewisse Scham der früheren Jahre sie immer verbergen ließ, sich so herrlich offenbart. Diese knospengleich verschlossene Jungfräulichkeit, die sich bis jetzt nie öffnen wollte, sie thut sich jetzt auf und bietet der überraschten Liebe die duftende, leuchtende Blume der Seele. II. Das Walten der züchtigen Hausfrau. Wenn man sie so sieht, wie sie als gehorsame, gelehrige, aufmerksame Schülerin den Ideen des Gatten folgt und an seinen Lippen hängt, so könnte man glauben, daß er ganz und gar die Initiative habe; und doch ist das Gegenteil der Fall. Jetzt, wo sie er selbst ist, ganz erfüllt von ihm, ganz verwandelt in ihn, jetzt, wo sie seine Seele (und noch dazu seine rein bewahrte Seele) ist, liegt es ganz im Interesse des Mannes, daß sie schalte und walte, daß sie im Hause herrsche. Um es gerade heraus zu sagen, er vermag es nicht mehr. Der Strudel des Lebens, das stete Wachsen seiner Geschäfte lassen ihn nicht mehr los, und die kleine Welt seines Hauses wird ihm beinahe fremd. Dies ist die Wirkung des Fortganges der Zeit, der Einseitigkeit, welche uns der spezielle Beruf aufnötigt, es ist die Wirkung des Erfolges; der Mann entfernt sich, wie vom Schwindel gepackt, immer mehr von sich selbst. Was sollte aus ihm werden, wenn er sich ganz dieser centrifugalen Kraft überließe? Wenn der Mittelpunkt ihm fehlte, der feste Punkt, zu dem zurückzukehren ihn die erschöpfte Natur doch tagtäglich zwingt? wenn dieser Punkt zu schwanken begönne, und ihm weder Stütze noch Rast gewährte? Was dann geschieht, kann man in all den Häusern beobachten, wo die Gattin des Mannes treueste Wächterin, das heilige Feuer des Herdes erkalten läßt. Seltsame Inkonsequenz unserer Zeit! Handelt es sich darum, zu glänzen, zu erobern, sein Glück zu machen, so sind sie alle, was sie Realisten nennen, d. h. grobe Materialisten. Gilt es, die thätigen Kräfte, durch die man glänzt und erobert, zu erneuern, zu unterhalten, so sind sie sorglos, wie ein Spiritualist, der dem Körper nichts, dem Geiste alles verdanken zu müssen glaubt. Unsere Nahrung wird uns für gewöhnlich durch unsre Dienstboten, durch unsre Feinde bereitet; oder so aufs Geratewohl durch die großen Küchen, welche täglich Tausende von Menschen, bei denen Gesundheit, Temperament, Beschäftigung, Lage – alles verschieden ist, genau auf dieselbe Weise ernähren. Und doch ist diesem Gift, was jenem heilsam. Wenn ihr den Körper (der doch das notwendige Werkzeug eurer Thatkraft ist) also verachtet, so habt doch wenigstens Achtung vor eurem Gedanken, eurem Willen, die Tag für Tag von eurer Diät beeinflußt werden. Ihr steht unter der Herrschaft eurer Köchin. Die ungesunde, aufregende Nahrung, die sie euch heute Abend gegeben hat, wird in der Nacht euren Magen beschweren und infolgedessen euren Geist. Morgen oder übermorgen wird diese schlechte Nahrung übereilte, heftige, was weiß ich, vielleicht leichtfertige Entschließungen, irgend eine große Thorheit zu Wege bringen. Ich behaupte, ihr Börsenmänner, daß der Einfluß, den eure Nahrung auf euch übt, mehr als irgend ein Kalkül euch zu Haussiers oder Baissiers macht. Mir, der ich stets ein Anwalt der Rechte des Geistes gewesen bin, kommt es wohl zu, hier diese Wahrheiten des gesunden Menschenverstandes, zu denen sich, wenn man sie hört, alle bekennen, und die zu realisieren doch keinem einfällt, auszusprechen. Der bösen Circe, welche die Menschen in Tiere verwandelt, muß man die gute, welche die Tiere in Menschen umschaffen kann, entgegenstellen. Die gute Circe ist die liebevolle, voraussichtige Gattin, die Tag aus Tag ein dein physisches Leben mit zärtlicher Sorgfalt überwacht, die keine schönere, edlere, heiligere Pflicht kennt, als die Pflege des geliebten Mannes. Sie wird einen wichtigen Brief, eine dringende Arbeit, mit der sie in deinem Interesse, zu deiner Hilfe beschäftigt war, im Stich lassen, wenn es sich um das höhere Werk, die Bereitung deines Mittagessens, handelt. Sie wird sich nicht so ohne weiteres auf die einfältige, gleichgültige Köchin verlassen, die deinem Magen schwerverdauliche oder kraftlose Nahrungsstoffe, die nur deinen Gaumen kitzeln, ohne zum Ersatz der verbrauchten Kräfte beizutragen, bietet. Sie wird ihre schönen Hände nicht für zu schön halten, wo es sich um solche Zwecke handelt. Ist doch dein Leben ihr Leben; hat sie doch das größte Interesse daran, daß du frisch und kräftig bleibst. Wem gilt denn das erste Lächeln des Mannes, wenn er sich nach des Tages Last einmal wieder behaglich fühlt? ... An dir ist es, ihre Sorge mit Liebe zu bezahlen. Sie hat die vollständige Bilanz deines Lebens fortwährend im Auge, im Gedächtnis, im Herzen; sie weiß besser als irgend ein anderer, was du in der Arbeit, im Sprechen an Kräften ausgiebst, und mißt dir darnach deine häuslichen Freuden zu. O, wie sehr Recht hast du, wenn du sie, nicht ohne ein wenig dabei zu brummen, sehr genau nennst. Womit nimmt sie es denn am genauesten? mit dem Gelde? nein, vor allem mit dem, wovon sie am wenigsten spricht, und was sie selbst doch am meisten angeht. Sie ist dein gewissenhafter Arzt, der den Krankheiten geschickt vorzubeugen weiß, stets besorgt ist, stets moderiert, und besonders darüber wacht, daß du wenig ausgiebst, immer die ausgegebene Kraft reichlich ersetzest, und so stets einen Überschuß an Kräften für deine Arbeiten hast. Das Feuer deines Blicks, die Spannkraft deines Lebens, die energische Thätigkeit, um deretwillen dich die Welt bewundert, hast du der uneigennützigen Liebe zu verdanken. In allen Liebeswerken ist sie wohl erfahren. Sie weiß sehr gut, wieviel Nahrungsstoff die Speisen enthalten, weiß, welche schnell, welche langsam, aber desto nachhaltiger wirken. Sie weiß auch, daß, wenn die kräftigere, aufregendere Nahrung, welche sie dir für die Tage größerer Anstrengungen aufspart, den rechten Dienst leisten soll, die Organe durch eine leichtere Diät vorher zu dieser größeren Thätigkeit vorbereitet sein müssen. * So sehr läßt sich die Gattin dies alles angelegen sein, daß sie oft mehr seinem Essen zusieht als selber ißt. Trotz all ihrer Achtung vor ihm traut sie ihm doch nicht ganz. Der Mann, wenn er am Abend nach Hause kommt, ist selbstredend zu sehr geneigt, die verlorene Kraft zu ersetzen, wie es eben geht. Wir Männer, die wir auf das energische Schaffen angewiesen sind, haben sämtlich gewisse barbarische Seiten; wir wollen Stärkungsmittel, wollen sie aber oft im Übermaß. Sie, die nicht ermüdet, und deshalb um so nüchterner und vorsichtiger ist, braucht oft ihre Gewandtheit, damit er sich dieser natürlichen Neigung nicht zu sehr überläßt; ja sie täuscht ihn ein wenig, wenn es sein muß. Man rühmt die Frauen, die sich auf Kunstgriffe nicht verstehen; ich wünsche, daß sie sich recht darauf verstehen; daß sie reich sind an jener unschuldigen Schlauheit, die sie zu unserm Glück die Liebe lehrt. Um ihn auf andere Gedanken zu bringen, wird sie, keusch und rein wie sie ist, und so sehr darauf bedacht, ihn zu schonen, keinen Anstand nehmen, sich selbst zu weihen. Ist er doch alles in allem ihr Pflegling; und wenn das Kind nicht artig ist, so darf sie ja auch wohl ohne Harm ein wenig das Kind spielen. Diese zärtliche Zuvorkommenheit überrascht ihn, entzückt ihn, schmeichelt nebenbei auch seiner Eitelkeit und läßt ihn glauben, daß auch die Vernünftigste manchmal schwache Augenblicke habe, und gerade dann thut die einsichtsvolle Güte ihr wohlbedachtes Werk des Mentors und Arztes. * Die Frauen kennen ihre eigene Macht nicht, oder verschmähen es, sie zum Wohl ihrer Familie anzuwenden. Und doch ist es gewiß, daß sie mit einem Ehemann, der sich einer gleichmäßigen Gesundheit erfreut, der außer dem Hause kein Verhältnis hat, auch keins haben will, zu gewissen Zeiten machen können, was sie wollen. Die Begierde ist bei dem Manne ungeduldig und heftig und deshalb um so leichter zu befriedigen. Die häufig kranke, durch ihre Wochenbetten und durch den regelmäßigen Verlust an Lebenskraft erschöpfte Frau, bringt selten die so wesentlich verschiedene Natur des Mannes, dessen Kraft konzentriert bleibt, und bei dem mithin das Verlangen erst sehr spät im Leben nachläßt, in Rechnung. Dennoch ermüdet, langweilt er sie bald. Seinem Wunsche kommt sie nicht entgegen, hat manchmal nur ein mitleidiges Lächeln dafür. Mit einem Worte, sie wissen es so gut einzurichten, daß er, anstatt eine schon verblühte Frau zu quälen, sich eine junge Maitresse anschafft. Wer hat, gegen die Damen, die Kameliendame geschaffen? Ihre eigene Prüderie. * Wenn am Abend der Gatte ein zärtliches Wort wagt, antwortet sie: »Wie leichtfertig! Du scherzest wohl!« – Nein, Madame, oft ist ihm gar nicht scherzhaft zu Mute, er leidet, es ist ihm ein Bedürfnis, zu vergessen. Es bedarf des süßen Trostes, welchen die Frau den Arbeiten des Mannes schuldig ist. Für euch kämpft er den harten Kampf des Lebens, von dem ihr nur die Ruhe und den Genuß habt. Es ist ihm Bedürfnis, die Sorgen seiner Geschäfte, die Ungerechtigkeit und Willkür seines Chefs, die Intriguen und Verleumdungen seiner Nebenbuhler zu vergessen. Ein Kuß von euch, ein Wiedererwachen von Zärtlichkeit, Teilnahme an seinem Kummer, mit einem Worte jene innige Vereinigung, die seine ermüdete Seele erquicken würde – das ist es, was er bedurfte. »Aber, lieber Freund, in unserm Alter (sie sind vielleicht vierzig Jahre), wenn man erwachsene Kinder hat ... das wird wirklich lächerlich.« Er hat sie den ganzen Abend hindurch einem anmaßlichen Dummkopf gegenüber, an den sie ihre süßesten Blicke verschwendete, die Junge und Angenehme spielen sehen. Nun ist sie mit einemmale alt. Gut, er nimmt sie beim Wort; und wird sich anderswo zu entschädigen suchen. Er geht fort, nicht bloß verkürzt um das, was ihm zukam, sondern tief gekränkt. Oft kann man von diesem Abend die Scheidung datieren. Er flieht – nein, er haßt sie. Der Übergang ist oft sehr schnell. Morgen wird er sich eine Schauspielerin kaufen und sich in ein neues Leben stürzen. Wehe der Frau! wehe den Kindern! Sie sagt vielleicht: »Weshalb beschuldigt man mich? Ich weiß sehr wohl, wozu mich die Gebote Gottes und der Kirche, das Gelöbnis der Ehe verpflichten. Ich war ihm Kinder schuldig; ich habe ihm welche gegeben. Wenn es sein muß, bin ich stets bereit, meine Pflicht zu erfüllen; ich thue, was ich thun muß, aber nichts für das bloße Vergnügen, nichts für die Laune eines Augenblicks«. Und glaubt ihr denn, daß dem Gatten diese traurige Passivität genügt, daß es ihn nicht bis ins Herz erkältet, wenn ihr seinem heißen Verlangen nur kalte Ironie entgegenzusetzen wißt? O, Einsamkeit! Scheidung in vollster Vereinigung! Verzweiflung ... Welches Cölibat wäre einer solchen Ehe nicht vorzuziehen! * Sie ist keusch dem Ehemann gegenüber? Ist es ausgemacht, daß sie dem Hausfreund verweigert, was sie dem Gatten vorenthält? Hören Sie, Madame, die Sie die Lust in so genauen Dosen abzumessen verstehen, aufmerksam folgende kleine Geschichte an: Die Mutter fragt das Kind, wieviel Zuckerwerk es haben will ... » Zuviel .« – Man hatte dem Kinde jedesmal, so oft man ihm was gab, gesagt, daß, was darüber, zuviel sei. Und gerade dies Zuviel wollte es haben. In der Liebe ist es nicht anders; genug genügt ihr nie. Und dies Zuviel , das euch erschreckt, ist für eine kluge, liebenswürdige und liebevolle Frau so wenig! Manchmal ist es eine so unbedeutende Kleinigkeit, daß man um sie zu bitten sich scheuen würde; eine bloße Kinderei. Je angestrengter, sorgenvoller das Leben des Mannes draußen in der rauhen Welt ist, desto mehr bedarf er im Hause der Liebe. Die verständigste Frau weiß, daß solche Stunden ihre Rechte haben. Sie weiß, daß er sie deshalb nicht für weniger keusch, weniger ernst halten wird. Im Gegenteil, je mehr er weiß, wie sehr sie es ist, desto mehr weiß er ihr Dank für den Kontrast. Er erkennt darin nicht ohne Rührung ihre Zärtlichkeit. Es überrascht ihn aufs Freudigste, wenn dieser liebe Genosse, dessen Eifer für sein Wohl er kennt, alles im Stich läßt und nur daran denkt, wie sie ihn trösten, zerstreuen, erheitern kann. Er lacht, aber er ist gerührt. Ein zärtliches Wort, eine unerwartete Liebkosung, ein Minimum von Schalkheit und Mutwillen, in dem sich das junge Mädchen einmal wieder zeigt, ist von unwiderstehlicher Wirkung. Dagegen hält kein Ernst und kein Kummer Stand. Nie erhellte sich das launische Meer, wenn in seinen düstersten Momenten ein plötzlicher Windstoß den dichten Wolkenschleier zerriß, so köstlich. Die Frau hat nicht wie wir unter der Monotonie der Berufspflichten zu leiden, und so bleibt sie zu jeder Zeit geistig frisch und kräftig. Die Einfachste zeigt oft einen überraschenden Reichtum natürlicher Gaben, verborgene, geheime Schönheiten, weiß so lebhafte, reizende Antworten zu geben, erscheint plötzlich in ihren Bewegungen so jung und anmutig, wie ihr Gatte sie in zehn, zwanzig Jahren nicht gesehen hat. III. Sie verfeinert den Geist und giebt uns die Begeisterung wieder. Die Wilden fürchten die Liebe: »Sie macht unsere Sehnen schlaff«, sagen sie. Freilich, wenn man nüchtern auf eine Jagd von hundert Meilen über Schneegefilde aufbrechen muß, wie es ihnen manchmal begegnet, oder selber von einem feindlichen Stamme wie ein Wild gehetzt wird, so thut man sehr wohl, seine Kraft zusammen zu halten. Anders in unseren civilisierten Zuständen. Wenn die Liebe die brutale Kraft und die sinnliche Phantasie, welche unter dem Einflusse des Blutes das Gehirn mit ihren wüsten Bildern füllt, schwächt, so begünstigt sie dafür die höheren Fähigkeiten. Der Umgang mit einer reinen, geliebten Frau, deren Herz dem Herzen begegnet, verleiht uns etwas von ihrem keuschen Geiste, von ihrer sanften Heiterkeit, begünstigt die harmonische Stimmung der Seele. Der Aufruhr des Blutes und seine Begleiterin, jene sinnliche, barbarische Einbildungskraft, werden gebändigt, und die phantastischen Wolken, mit denen sie den Geist verdüstern, zerstreut, so daß wir die Wahrheit in ihrem klaren Lichte erkennen. Beobachtung, Analyse, Logik, diese Dreiheit der schaffenden Geisteskräfte, haben ihre vollständige Freiheit und Wirksamkeit. Alles, was eine Folge hat, alles, wozu man nur durch lange Gedankenreihen, durch Auflösung vieler zusammenhängender Probleme, durch stetiges Fortschreiten vom Bekannten zum Unbekannten gelangt, will einen vollständig harmonischen Seelenzustand, und der ist unmöglich, wenn der Sturm des Blutes uns aus der genau vorgezeichneten Bahn schleudert. Die fieberhaften Spiegelungen, die er vor unsern getrübten Blicken erstehen läßt, erzeugen eine hirnverbrannte Poesie oder eine traurige Subtilität, bringen uns rechts und links vom Wege ab und verrücken uns in jedem Augenblick das sichere Ziel der Wahrheit. Nichts ist trübseliger, als der ungesunde, rein negative Zustand vollständiger Enthaltsamkeit, ein Zustand wahrhafter Ohnmacht, denn die Kraft annulliert und verzehrt sich selbst. Ohne Zweifel ist die Begier und die männliche Kraft der große Hebel, die Wucht des Stoffes zu bewältigen. Aber damit diese Kraft fruchtbar sei, muß ihre Rauheit, ihre Herbheit sich mit der Zartheit und Milde der weiblichen Fähigkeiten paaren. Reizendes Wunder der Natur! Der erfinderische Kopf, welcher heute auf seinem Wege zum Resultat aufgehalten wurde, an eines jener Probleme kam, die sich durchaus nicht lösen lassen wollen, der alles versucht, die Sache von allen Seiten betrachtet, und sie zuletzt voller Verzweiflung hat fallen lassen, setzt sich traurig des Abends an das flackernde Feuer zu seiner Gattin. Sie sieht wohl, wie verstimmt er ist: »Aber was hast du? Ich will, ich kann dich nicht so sehen. Laß die Sache einmal ruhen! vergiß, was dich quält, sei glücklich!« Und grade dieser Augenblick glücklicher Vergessenheit verändert alles. Sein Blick wird wieder klar, seine Kraft neu; frischer Mut zur Ausführung belebt ihn. Er ist ein anderer Mann geworden. Wodurch? Durch den magnetischen Einfluß der Frau, ihre natürliche Grazie, ihre liebenswürdige Leichtigkeit, die sie allein mitteilt, was in ihre Nähe kommt. Jetzt lächelt er über das Hindernis, das so leicht zu beseitigen ist, und das ihm gestern unüberwindlich schien. * Während eines Aufenthalts in Montpellier sah ich mit Rührung ein unscheinbares, bekleckstes Blatt, auf dem, unter manchen wirren Strichen und Linien, oben am Rande folgende Verse des alten Dichters von Pugets Hand standen: Casta placent superis. Casta cum mente venito, Et manibus puris sumito fontis aquam. Es überkam mich ein Gefühl, als ob ich in eine große Kirche, in ein römisches Grab, in das Amphitheater von Arles träte. Augenscheinlich weiht hier dieser Mann, der die schwere Mission hatte, der kranken Seele seines Jahrhunderts einen Ausdruck zu geben, bevor er an sein Tagewerk geht, seinem Gotte, seiner Kunst das Opfer seiner freiwilligen Enthaltsamkeit. Er fühlt, daß er verantwortlich ist, und er will stark und würdig sein. Jedes seiner Werke ist ein Seufzer. Brütet er über seinem gefangenen Milon? über seinen zerschmetterten, schmerzensreichen Giganten von Toulon? träumte er seine kleine Andromeda, die der Schmerz noch im Augenblicke der Befreiung ohnmächtig macht? Ich weiß es nicht. Aber das weiß ich, daß er in jenem Momente sich sammelte und konzentrierte und von der reinen Liebe Kraft erflehte für die Ausführung seiner unsterblichen Werke, die stets die Herzen mit Liebe und Mitleid erfüllen werden. Die menschliche Kunst hat keinen Fortgang und keine Macht, als dadurch, daß sie der göttlichen nachahmt. Was that diese und thut sie noch jeden Augenblick? Aus dem großen Strome des Lebens schafft die Liebe die Generationen, den ganzen aufsteigenden Fortschritt der Gattungen. Und aus einem Tropfen dieses Stromes schuf sie und schafft sie die Welt der Poesie, den Fortschritt der Idee. Um welchen Preis ist diese Konzentration der Lebenskräfte durch die Enthaltsamkeit fruchtbar für die Werke des Gedankens? Einzig dann, wenn sie frei ist. Dann und nur dann ist ein Opfer wirklich ein Opfer. Die Freiheit allein ist verdienstvoll, die Freiheit allein fruchtbar. Die von Mauern bewachte, die gezwungen keusche Liebe ist tot. Sie wendet sich gegen sich selbst. Ihre Flamme gereicht ihr nur zur Qual und kann nimmer mächtig auflodern. Das Mittelalter, die goldene Zeit des Cölibats, hat Großes nur durch verheiratete Männer geschaffen. Dante war verheiratet und Abälard. Die Maurer, welche die dieser Gesellschaft entsprechende Kunstform fanden und ausführten, lebten in Familien um ihre Kirchen, und die Geheimnisse der Arbeit, mit der sie im Laufe von Jahrhunderten diese großartigen Werke schufen, vererbten sich von Vater auf Sohn. Die Ehe allein verschafft uns durch die reine Liebe die Harmonie der Seele und durch die freiwillige Enthaltsamkeit die Begeisterung, und nur durch beständige Harmonie und momentane Begeisterung können Werke des Genies geschaffen werden. Aber die Schönheit und Wirksamkeit dieses Opfers besteht in seiner Freiheit; es muß hervorgegangen sein aus der Verständigung, der vollständigen Einigkeit der Liebenden. In diesem Falle ist die Frau sehr uneigennützig. Sie will, daß der Mann stark und produktiv sei. Die individuelle Liebe opfert sich der großen Liebe und nimmt so teil an ihrer Größe. Die beiden Seelen sind hier eins, die dankbare Nachkommenschaft darf sie nicht trennen. Puget war verheiratet, und man fühlt es seinen lebensvollen Werken an, was sie ihm kosteten; man ahnt darin das reine, liebevolle Herz einer Frau, welche wollte, daß seine Kunst seine Liebe sei, daß er in den Marmor jene Liebe, jene Überfülle des Lebensgeistes hauchte, den er sonst ihr gegeben hätte. Sie war nicht neidisch auf die kleine Andromeda, sie opferte sich ihrer Rivalin. Als der große Künstler, heiliger Begeisterung voll, sich erhob und jene Zeilen schrieb, die man oben gelesen hat, glaubte ich die Stimme seiner reinen Gattin zu hören: Bester, denke an die Kleine; liebe sie, denn sie ist mein Kind. * Wohl hatte er recht, zu schreiben: »Die Keuschheit ist den Göttern wohlgefällig«. Sie hilft uns, Gott ähnlich werden und schaffen, wie er. Aber die Keuschheit ist nicht die Vereinsamung des Troglodyten. Sie wird durch den Kontakt mit einer keuschen Frau vermehrt. Ihr Lächeln verscheucht die trüben, wüsten Träume, die unsre Seele während der Nacht geängstigt und beschämt hatten. Wir flüchten an ihren Busen, wie ein geängstigtes Kind in die Arme der Mutter, und erheben uns mit neuem Mut zu neuem Leben. Die keusche Frau, in welcher der Mann sein eigentliches Heiligtum findet, die ihm im Herzen verbunden ist, die denkt und will, wie er, birgt in sich ein wunderbares Geheimnis geistiger Befruchtung, das man bisher noch nicht recht gewürdigt hat. Was man von jenem Sohne der Erde erzählt, der, um neue Kraft zu gewinnen, nur die Mutter Erde zu berühren brauchte, verwirklicht sie buchstäblich. Sie ist wahrhaft die zärtliche, gute, heilige Natur, die durch die bloße Berührung, durch die Kraft der Liebe die Flut geistigen Lebens erweckt. Beschäftigt dich ein großer Gedanke – teile ihr denselben mit am Abend oder in der Nacht. Glücklich über dein Vertrauen, glücklich über ihre Hoffnung, dich noch größer zu sehen, zittert ihr Herz vor Freude, umarmt sie dich innig ... Habe Ehrfurcht vor dem heiligen Augenblick. Dein Herz ist reich und voll; bewahre es so. Erhebe dich in all der königlichen Würde, die der in sich fühlt, der sich geliebt weiß; in dem stolzen, herrlichen Bewußtsein, deine Liebe ganz mit dir fortzutragen. Wer seinen Gott berührt hat, ist glücklich und stark für den ganzen Tag. Opferfreudigkeit, Paradieseslust! zwei Gewalten, und beide in dir ... Das sind Augenblicke, wo der Mann spricht: »Heute bin ich mächtig, und kann ich, was ich will«. So lassen sich die Reuß und die Rhone, jene pfeilschnellen Ströme, nicht aufhalten in ihrem Lauf von den schönen Seen, die sie durchfließen. Sie vergrößern so nur ihre Kraft. Beim Austritt ist ihnen alles möglich. In ihrem köstlichen Blau tragen sie den Widerschein dieser erhabenen Landschaften und des hohen Himmels, der sich in ihren Wassern spiegelte. * IV. Es giebt keine alte Frau. Vasari hat ein bemerkenswertes Wort über Giotto, den Vater der italienischen Kunst, gesagt: »Er gab zuerst in den Köpfen der Herzensgüte einen Ausdruck«. Dieser Lichtglanz der Güte ist die Seele der modernen Kunst. Ihre Werke sprechen in dem Maße zu unseren Herzen, als sie diese Güte zum Ausdruck bringen. Als Gemälde bewundert man wohl die edlen Madonnen Raphaels; aber wer fühlte jemals für sie ein Gefühl der Liebe? Dagegen rührt uns die Magdalena des Titian (einfacher Kopf, in Venedig), ein liebes, schönes, kräftiges, nicht allzu junges Fischermädchen, so durch ihre Thränen, daß man sich versucht fühlt, auszurufen: »Wer konnte je so harten Herzens sein, dies gute Wesen zu betrüben! Sprich, sage, was du willst! Ich möchte dich so gern trösten«. Titian malt mit Vorliebe schöne Damen von dreißig Jahren. Rubens geht ohne Bedenken bis zum vierzigsten und drüber. Van Dyck kennt kein Alter; bei ihm ist die Kunst frei geworden. Rembrandt, der mächtige Zauberer, thut mehr: mit einer Bewegung, einem Blick, einem Lichtstrahl reißt er alles hin. Leben, Güte; Licht! wessen bedarf es mehr, uns zu entzücken. »Wie war das Sujet?« »Herrlich.« – »Und schön?« – »Ich erinnere mich dessen nicht mehr: ich habe es vollständig vergessen.« Die unwissende Kunst des Mittelalters geht von der falschen Voraussetzung aus, daß Jugend und Schönheit absolut identisch seien. Um die Mutter Christi zu malen, nehmen sie junge, unbewegliche, dumme Mädchen. Die großen Maler der Neuzeit, einsichtsvolle Beobachter, haben sehr wohl erkannt, daß die Schönheit, wie alles auf der Welt, Zeit gebraucht, um zu reifen, um sich zu vollenden. Sie haben zuerst das dem Altertum unbekannte Geheimnis entdeckt, daß das Gesicht und der Körper keineswegs zu gleicher Zeit den Höhepunkt der Schönheit erreichen. Das erstere ist oft verwelkt, wenn der letztere in voller Blüte steht. Es ist eine Grausamkeit gegen die Frauen, wenn man sie gerade nach dem beurteilt, was zuerst verblüht, nach dem Gesicht. Aber vorzüglich bei uns in Frankreich, wo die Physiognomie so lebhaft ist, wo das schnelle Auge, der graziöse, lachende, beredte Mund fortwährend in Bewegung sind, haben die sehr früh geübten Muskeln eine Geschmeidigkeit, eine Leichtigkeit, die jene feste, starre Form der nordischen Schönheit ausschließt. Eine Französin hat tausend Variationen der Physiognomie, tausend Mienenspiele wo die Deutsche zehn hat. Deswegen verblüht ihr Gesicht schnell. Ist damit gesagt, daß in unserer Rasse das Fleisch weniger fest ist? Keineswegs. Es ist nicht selten, daß der Körper fünfundzwanzig und das Gesicht vierzig Jahre hat. Falten bilden sich um das Auge, auf der Wange, während der ganze übrige Körper in reizendster Fülle blüht. Diese Formenfülle hat nicht, wie man glauben könnte, bloß materielle Wirkungen, sondern auch moralische. Sie ist ganz besonders geeignet, den Ausdruck der Güte zu erhöhen und zur Geltung zu bringen, welchen die Frau sehr häufig bekommt, wenn sie, nachdem das stürmische Alter weiblicher Eroberungssucht und gelegentlicher Kränkungen hinter ihr liegt, ganz dem Zuge ihres guten Herzens folgt. Ihre weißen Arme, ihr mehr gerundetes, außerordentlich zartes Kinn, ein gewisses Etwas von Milde und Weichheit, das über ihr ganzes Wesen verbreitet ist, erweckt in uns ein wohlthuendes Gefühl der Mutterschaft; nicht der ausschließlichen einer jungen Frau, die ganz in dem Kinde aufgeht und oft sehr kalt ist für die ganze übrige Welt, sondern einer unendlichen Güte für alle. Liebe liegt in dem Blicke, Mitleid in dem feuchten Auge, in der bewegten Brust, wenn es etwas Gutes zu thun, ein Unglück zu lindern giebt. Es ist ein schlimmes Zeichen für eine Zeit, wenn die Männer kein Gefühl mehr haben für die Schönheit der Güte. Schmachvolle Zeiten, wo sie, ohne Bedürfnis nach Gegenliebe, eigentlich nur der individuellen Lust fröhnen und diese von der Jugend heischen ... Diese Barbaren werden dafür bestraft und das auf mehr als eine Weise. Sie versinken immer tiefer in Barbarei, werden immer unfeiner in Sprache und Sitten. Ein Geschlecht, das nicht durch edle Frauen gebildet wird, ist ein Geschlecht von Tölpeln. Die egoistische, harte, grausame Lust dörrt aus, wie der Branntwein. Wo sie Platz gegriffen hat, ist alles verloren – ein auf ewig unfruchtbares Land. Und was haben sie denn schließlich von ihren unglücklichen jugendlichen Opfern? Ach! nur, worin jene Ärmsten einzig reich sind: Schmerzen und Leiden! Was aber die glänzenden, übermütigen Töchter des Luxus und des Lärms, der Theater und Maskeraden, die euch so gründlich aussaugen, anbetrifft, so fragt es sich noch sehr, ob diese Schönen bei ihren tollen Bacchanalen, ihrem Hölleleben, ihren schlummerlosen Nächten, in einem wahren Urteile des Paris den Sieg davontragen würden über die Dame, die stets ein ruhiges Leben führte, stets verständig und keusch war. Unsere unverschämten Löwinnen dürsten in einem solchen Vergleiche trotz ihrer zwanzig Jahre, die sie weniger haben, oft sehr gedemütigt werden. * Und dann: eine Dame ist eben eine Dame. Ihre natürliche Eleganz, die Harmonie ihres ganzen Wesens ergreifen uns viel tiefer, als es die demi -Dame vermöchte, bei der die Harmonie durch irgend ein häßliches Detail sehr unangenehm gestört ist. Im Mittelalter war die Schloßfrau, welche der blonde Page auf den Knien bediente, oder der er die Schleppe trug, unfehlbar jung und schön. Ihr weihte er die Erstlinge seiner Liebe. Und so ist es zu allen Zeiten gewesen. Es wird noch heute geschehen, daß die vornehme Dame, die während ihrer Toilette ihrem jungen Diener einen Auftrag ohne Scheu geben zu können glaubt – und wäre sie beinahe alt – dem armen Menschen das Herz schlagen macht. Wer täuscht sich nun? Jener Jüngling oder ihr? Vielleicht ihr. Er fühlt mit richtigem Instinkt, daß jener Dame, die ihren äußeren Glanz, irgend welche sichtbare Vorzüge verloren haben mag, doch eine große Macht blieb, die sie immer noch ausüben kann. Es giebt keine alte Frau . Wenn sie liebt und wenn sie gut ist, so gewährt jede zu jeder Zeit dem Manne unendliches Glück. Mehr, als das unendliche Glück eines Augenblicks, oft die Unendlichkeit der Zukunft. Ihr über ihn hinwehender Hauch ist eine Himmelsgabe. Alle, die ihn nachher sehen, sagen, ohne sich die Sache erklären zu können: »Was ist es mit ihm? ... Er ist damit geboren«. Es gab vor Rousseau wer weiß wie viele Rousseaus, die alle ebenso beredte Deklamatoren, ebenso scharfsinnige Kasuisten waren. Und keiner hat die Welt fortgerissen. Ihn umweht der Hauch einer Frau mit Liebe – die halb eine mütterliche war, und Jean Jacques wurde durch diesen Hauch. * V. Herbstgefühl. Gegen Ende des Septembers (in dem Augenblick, wo ich dies schreibe) ist das Jahr reif. Es hat, nicht bloß weil die Ernten eingeheimst sind, sondern auch in seiner ganzen Harmonie, in seiner Temperatur, in dem vollkommenen Gleichgewicht der Nächte und Tage, seine Höhe erreicht. Der Himmel gleicht darin der Erde. Am Morgen verschleiern ihn Nebel; die Sonne läßt sich Zeit, als ob sie eben nicht mehr viel zu thun hätte. Und so hat auch der Mensch abgeschlossen. Es ist einem, als ob es Sonntag, als ob es Abendruhe wäre. Und was ist denn der Herbst anders, als der Abend des Jahres? Schöne, zugleich freundliche und ernste Jahreszeit! Hier und da zeigen sich noch einige Blumen, aber sie legen sich eine nach der andern schlafen. Das Maßlieb hält noch aus. Die prächtige, kalte Georgine kämpft den ganzen Oktober hindurch gegen die Morgenfröste. Die Schwalben kreisen in der Luft, und locken. Überall im Norden bereitet sich der Storch, nachdem er ernstlich auf einem Fuße stehend die Reise bedacht hat, unsere Dächer zu verlassen. Alle diese ernsten Eindrücke sind noch ernster in den dem Meere benachbarten Landschaften, denen der Blick auf die See verschlossen ist, die aber ihre mächtige Stimme hören. Die Erde ist schon zur Ruhe gegangen und hört in Schweigen die Klagen und die Zornausbrüche des alten Oceans, der mit feierlichen Kadenzen Woge auf Woge heranwälzt. Tiefe, geheimnisvolle Stimme, die man weniger mit dem Ohr, als im innersten Busen hört, die weniger mächtig an den Strand, als an das Herz des Menschen donnert. Melancholische Musik! Ist es doch wie ein regelmäßiges Schwingen des Pendels der Zeit! Ich sehe eine Dame (dieselbe, welche dieses Buch begrüßte, als sie jung war, und die es jetzt bis an die Schwelle des Alters geführt hat), ich sehe sie nachdenklich umherwandeln in einem kleinen, früh seines Blumenschmucks beraubten Garten, der aber wohl geschützt ist, wie die Gärten hinter den Felsenküsten von Frankreich, oder den Dünen von Holland. Die exotischen Gewächse sind schon ins Treibhaus geschafft. Die lichter gewordenen Bäume lassen einige Statuen durchschimmern, auf denen der Blick jetzt, da die Blumen verblüht sind, mit um so größerem Wohlgefallen ruht. Der Luxus der Kunst kontrastiert ein wenig mit dem sehr einfachen Anzug der anspruchslosen, ernsten Dame. Ihr schwarz- oder grauseidenes Kleid ist kaum durch eine dunkelrote Schleife ein wenig aufgeputzt. Trotz ihrer Schmucklosigkeit ist die Erscheinung dennoch elegant. Elegant für ihren Gatten, schmucklos zum Vorteil der Armen. Wie sie das Ende der Allee erreicht hat, kehrt sie um. Wir können sie jetzt sehen. Aber sah ich sie nicht schon in den Museen von Amsterdam und dem Haag? Sie erinnert mich an eine Dame Philipps von Champagne. Gerade so frei und offen, so ehrlich blickte jene, intelligent genug, und dennoch einfach, lange nicht schlau genug, sich der schlimmen Künste der Welt zu erwehren. Die Erinnerung an das Bild dieser Dame ist mir dreißig Jahre lang im Gedächtnis geblieben; und immer taucht es wieder auf, und beunruhigt mich, und macht mich fragen: »Wie hieß sie nur? was hat sie erlebt? hat sie ein wenig Glück auf Erden gekannt? ... Und wie ist sie mit dem Leben fertig geworden?« Dies Bild erinnert mich an ein anderes Porträt, von van Dyck, eine sehr zarte, kränklich aussehende Dame. Das matte Weiß ihrer wunderbar zarten Haut schmückt einen leidenden Körper. In ihren großen Augen liegt eine unendliche Melancholie. Die Melancholie des Alters? des Herzenskummers? vielleicht auch des Klimas? Es ist der weite, unbestimmte Blick jemandes, der für gewöhnlich vor seinen Augen den Ocean des Nordens hatte, das unendliche, graue, nur von dem Flug des Sturmvogels belebte Meer. * Aber kommen wir zurück auf die Dame im Garten. Wenn ich nicht ihre ernsten Betrachtungen zu stören fürchtete, würde ich sagen: »Auch Sie sind melancholisch, Madame! ... Sie, die Sie so weise, so bescheiden sind – was haben Sie?« »Was ich habe? ich? was alle bewegt in diesem Augenblick, eine Sehnsucht in die weite Ferne, ein Bedürfnis, mich auf und davon zu schwingen. Aber ach! die Schwingen fehlen mir! des Schwans weiße Segel, der Schwalbe pfeilschnelle Flügel. Ich hänge, und wie stark! an der Erde ... Gott ruft mich, und doch bin ich hier wie festgebannt ... Und der mich bannt, ist wieder Gott. Wie glücklich sind die Vögel! sie ziehen in Scharen, familienweise in die Ferne. Wir stellen fast immer einer nach dem andern die einsame Wanderung nach dem Jenseits an. Man lebte zu Zweien und macht allein die unbekannte Reise. Diese Trauer, diese Befürchtung bringt das Alter denen, die lieben. Ich glaube, hoffe und vertraue. Ich werde nur sterben, um zu leben. Und dennoch! wenn es ein Leben wäre ohne Wiedersehen? ...« »Und wollen Sie wissen, was weiter mich beängstigt? ... Es thut mir weh, daß ich noch immer so unvollkommen bin. – Er nennt mich sein Heiligtum ... Wie wenig verdiene ich diesen Namen! ... wie gern hätte ich für ihn der Kindheit Unschuld, einen keuschen Schatz der Weisheit, einen Ruheort, der das Paradies seines Herzens gewesen wäre, bewahrt. Wie gern hätte ich in diesem seinen Garten täglich einige Dornen entfernt und eine Blume mehr dafür gepflanzt! Aber Wünschen ist nicht Vollbringen und ich bin noch weit vom Ziele ...« Das sind ihre Zweifel, ihre Fragen und Antworten, während sie im Garten auf und nieder wandelt; die Bedenken, die ihre schöne, reine Stirn, welche die Zeit noch nicht zu berühren wagte, für einen Augenblick furchten. Ist das alles? ... Sind es nur Gedanken der Zukunft, nur das hohe Streben nach dem Ideal, die diese Traurigkeit erzeugten? ... Ich, der ich Sie kenne, Madame, der ich Ihnen mit den Blicken gefolgt bin von Ihrer Kindheit an, wage zu behaupten, daß Ihr Herz noch einen anderen Kummer birgt und verheimlicht. Ohne Zweifel fürchten Sie, Ihren Gatten zu betrüben? Oder ist es wahr, daß eine Frau auch noch in späteren Jahren gewisse Dinge zu gestehen sich scheut? »Sie wollen es wissen? ... Nun wohl; was mich betrübt und ängstigt, ist – daß ich morgen eine alte Frau sein werde ...« »Ich bin nicht so thöricht, mich wider den Willen Gottes aufzulehnen. Wie gern wollte ich altern, stände ich allein! Aber ich liebe und werde noch immer geliebt. Die Liebe ist ein doppeltes Geheimnis. Sie ist nicht bloß Geist. Das Glück, das mir ein treuer, zärtlicher, noch immer jugendkräftiger Gatte bereitet, drückt mich, denn ich fühle den Fortschritt der Zeit. Seinethalben möchte ich ein Etwas von dem bewahren, was ihn entzückte. Ich war ihm stets, – wie oft hat er es mir versichert! – die Quelle der Jugend und die Lust des Lebens. Seine Illusion blieb, nicht die meine. Ich wage nicht, ihm meine Gedanken, meine Unruhe zu gestehen. Wenn ich schweige, wenn ich eine Huldigung, deren ich so wenig würdig bin, hinnehme, so klage ich mich an, und bin böse auf mich, weil ich mir falsch und eitel vorkomme. Seine Zärtlichkeit, seine Anbetung demütigen mich; es ist mir, als gelte sein Entzücken nicht mir, sondern einer anderen.« »Wohl! glauben Sie, Madame, die rührende Demut, die unruhige Zärtlichkeit, die dankbare Liebe, die gern einen Himmel von Seligkeit zurückgeben möchte, sind der wahre Sporn der Liebe. Je älter der Mann wird, desto mehr fühlt er, daß die Reizendste in Wahrheit die ist, welche am tiefsten fühlt, die sich ganz hingiebt, und es beklagt, nicht mehr geben zu können.« »Und das erklärt auch die glühende Beständigkeit, die Sie in Erstaunen setzt. Wer sollte eine bescheidene, einfache Frau, die ihren eigenen Wert nicht kennt, und stets glaubt, daß man nur gütig gegen sie ist, nicht lieben? Welches Glück, sie zu enttäuschen! und wer sollte nicht stets das Bedürfnis fühlen, ihren Mut aufzurichten!« »Was bedauern Sie? die oberflächliche Schönheit der Farbe, der Züge, die Ihnen durch einen Zufall der Geburt ward, ein Reflex Ihrer Mutter, eine Gunst des Jugendalters, die allen gleicherweise zu teil wird? Aber die seltene, rein individuelle Schönheit, mit der Sie jetzt geschmückt sind, das ist ihr eigenes Werk, ist Ihre sichtbare Seele, die Sie selbst schufen durch ein keusches Leben, durch eine edle, beständige Harmonie. Es ist das Licht der Liebe, wie in dem durchscheinenden Alabaster das süße, treue Licht der Lampe, die mit uns in der Nacht wacht.« * Wann werden denn endlich die Menschen begreifen, daß jeder sein eigener Schöpfer ist? daß es jedes einzelnen Sache ist, sich selbst schön zu machen? Sokrates war von Geburt der wahre Satyr; und durch sein tiefes Denken, durch die bildende Kraft der Vernunft, der Tugend, der Liebe verschönerte er sein Antlitz so, daß es zuletzt göttlich erschien, daß der Phädon sich an diesem göttlichen Licht entzündete. Ich habe dieses Phänomen an einem meiner ausgezeichnetsten Freunde, dem ersten Linguisten dieses Jahrhunderts, beobachtet. In seiner Jugend hatte er die gedrückte Häßlichkeit eines kleinen normannischen Bauers, aber sein machtvoller Wille, seine ungeheuren, genialen, tiefen Studien gaben den Zügen seines Antlitzes eine wunderbare Zartheit. Die persische Feinheit, all die subtile Schärfe abendländischer Kritik umschwebte seine Lippen, während das Genie Indiens in der leuchtenden Schönheit seiner großen Stirn – groß genug, eine Welt zu enthalten – erglänzte. Ja, soll ich es frei heraus sagen, Madame! Sie waren hübsch, aber schön waren Sie nicht; jetzt sind Sie schön. Und warum? Weil Sie geliebt haben. Andere lassen sich lieben; aber Sie haben selber geliebt, und stets Ihre Liebe durch Güte, Keuschheit, Treue und Opferfreudigkeit geschmückt. Dafür hat die Liebe Sie schön gemacht. Das Gemüt der besten Menschen, Männer und Frauen, ist anfänglich einer noch grünen, herben Frucht zu vergleichen. Die Kinder, sei es aus Unwissenheit oder sonst, sind grausam. Junge Leute, wenn sie nicht grausam sind, haben ein viel kälteres Herz, als sie selbst glauben. Jede Begier scheint ihnen Liebe. Die Wärme des Bluts, des Temperaments nennen sie Zärtlichkeit. Aber alle Augenblicke straft eine brüske, barsche, heftige Regung, irgend ein verächtlicher, selbstgefälliger Ausdruck des Gesichts die Anmut Lügen und sagt: »Das Herz ermangelt noch der Liebe«. Es bedarf der Zeit, der Prüfungen, mit Sanftmut ertragener Schmerzen, es bedarf der Liebe, der treuen Liebe, um die Anmut des Herzens zu schaffen; und auch, was die genaue Übersetzung davon ist, die Anmut der Rede und der Erscheinung, der Gesten und Bewegungen. Das ist die wahre, reizende Jugend, die sehr spät eintritt. Noch waren Sie nicht jung, Madame, aber Sie werden es täglich mehr. * Ich glaube, man hat bisher wenig darauf geachtet, daß eine Menge anmutiger und liebenswürdiger, d.h. jugendlicher Eigenschaften für die Jugend gar nicht erreichbar sind. Die Jungfrau, in ihrer halben äußerlichen Gefangenschaft und ganzen innerlichen Befangenheit, in Anspruch genommen von der erwarteten Veränderung ihrer Situation, denkt an die Liebe und die Heirat, d.h. an sich selbst; sie hat weder das Bedürfnis nach Nächstenliebe, noch die Anmut, die diese verleiht. Die junge Frau, die ihre Kinder stillt, oder doch sich viel mit ihnen beschäftigt, ist mit ganzer Seele in der Kinderstube, und wenn sie den Armen giebt, sagt sie: »Betet für meinen Sohn«. Für die aber, deren Herz von dieser (immerhin liebenswürdigen) Einseitigkeit frei ist, ist jedes leidende Geschöpf das geliebte Kind. Sie strahlt von Zärtlichkeit und thätiger Menschenliebe. Sie schränkt sich selbst ein, aber sie ist gastfrei, und möchte, daß an ihrem reichlichen, einfachen Mahle das ganze Himmelreich, alle Armen, sich niedersetzen könnten. Wenn sie nicht zu ihr kommen, kommt sie zu ihnen, sie giebt viel, und tröstet noch mehr. Sie weint mit den Weinenden. O, wie schön ist sie dann! ... Wie gern möchte ich ihre Hand küssen! Alle Augenblicke ertappt sie ihr Mann auf frischer That der Nächstenliebe. Da ist es ein Genesender, ein anderes Mal eine Frau, die, von dem Wochenbett erstanden, zu der Helferin in der Not kommt, und ihren Dank und ihre Thränen bringt. Beide setzen die Gute in Verlegenheit. Ihre Danksagungen und Segenswünsche bringen die verborgene Lieblichkeit ihrer Seele an den Tag, und jene schamhafte Nächstenliebe, die ihre Schwäche nicht einzugestehen wagt. Der Gatte lächelt: »Ertappe ich dich wieder einmal!« Aber der Augenblick, wo jeder Mann sich in sie verlieben müßte, ist, wenn sie, umgeben von einem Kreise junger Leute beiderlei Geschlechts, soviel Güte und Gewandtheit darauf verwendet, die jungen Mädchen zur Geltung zu bringen. Sie weiß diesen armen Stummen irgend ein graziöses Wort zu entlocken, ihnen durch einen Blick, eine Bewegung Mut einzusprechen. Sie ist so weit entfernt von Eifersucht! Sie liebt sie und durch ihre Liebe erweckt sie wieder Liebe in Herzen, die am wenigsten daran gedacht hätten. Und die hübsche Kleine, die vor Schüchternheit nicht zu sprechen, sich nicht zu regen wagt, zieht sie zu sich, streichelt und herzt sie wie ein furchtsames Täubchen ... Und wie reizend erscheint das Kind dann! Aber in ihren Augen liegt der Himmel! * VI. Ist die Einigkeit erreicht? Wir haben eine Wahrheit, die man bisher nicht recht begriffen hatte, aufgehellt: Der Fortgang der Zeit, die Reihenfolge der Lebensalter, die man der Liebe verderblich glaubte, sind nur ihre natürliche und notwendige Entwickelung. Jedes Alter führt ihr neue Kräfte zu; jedes festigt in seiner Weise das Band. Es war ein Sommerfaden im Anfang und ist zuletzt ein Tau, das den stärksten Stürmen Trotz bietet. * So siegt die Liebe denn vollständig; die Zeit ist ihre Dienerin, arbeitet für sie; und wir könnten dies Buch schließen. Noch nicht. Eine letzte Schwierigkeit erhebt sich. Die allmächtige Siegerin hat ein Hindernis, das in ihr selbst liegt. Und vielleicht gerade deshalb ein übersteigliches Hindernis. Wie sich vereinigen, wenn man eines ist? – Um sich zu vereinigen, muß man zwei bleiben. So lange das Leben dauert, wird in der vollständigsten Vereinigung noch immer ein ungelöster Rest bleiben. Die Frau bleibt immer Frau; und sie wird nur desto mehr geliebt werden. Trotz aller Verständigkeit behält sie kindliche Seiten, und man wird sie deshalb anbeten. Sie möchte so gern jeden Unterschied aufheben. Welch rührendes Schauspiel, zu sehen, wie sie sich prüft, sich fragt, was sie noch sonst thun könnte, ihm zu gefallen, ihm sich noch inniger anzuschließen, sich noch mehr mit ihm zu vereinigen. Ein einziges Hindernis: sie ist Frau. Und immer bleibt etwas, das sie trennt. Eine Trennung, die durch das Alter, durch den Willen, die wachsende Liebe verringert wird, aber doch noch nicht ganz verschwunden ist. Die Frau ist die Schönheit. Viel Zärtlichkeit, ein wenig Schwäche, Scham, Schüchternheit, Schwanken, eine Scheu, die Sache fest ins Auge zu fassen, tausend liebliche Wellenlinien (in Haltung und Bewegung ebenso wie in den Formen) – das sind die Ingredienzien der Schönheit und der Anmut. Das alles ist aber das genaue Gegenteil von der geraden Linie der Billigkeit und Gerechtigkeit, welche die Bahn des Mannes bezeichnet. Die Frau steht immer über oder unter der Gerechtigkeit. Liebe, Heiligkeit, Heroismus, Großmut, Ehre – sie fühlt das alles vortrefflich – aber das Recht bei weitem nicht so scharf. Und doch ist das Recht, die Gerechtigkeit das oberste Prinzip des modernen Lebens. Ein höheres, umfassenderes Prinzip, als die Liebe; denn die unparteiische, wohlwollende Gerechtigkeit (wie sie es sein muß, um ihr Wesen zu erschöpfen) hat alle Wirkungen der Liebe und ist die höhere Liebe, denn sie hat das Individuum zum Objekt und umfaßt doch zugleich das Gemeinwesen. Wenn die Frau hie und da in den alten Zeiten sich bis zu dieser Höhe erhob, so geschah das durch einen Aufschwung, den man dem Geschlecht als solchem nicht zumuten darf. Wie es ihre große Mission auf Erden ist, das Leben im Individuum zu Fleisch und Blut werden zu lassen, so ist ihr das Individuum alles, die Masse nichts. Die Nächstenliebe der Frau ist das Almosen, das sie dem reicht, der sie eben darum anspricht, das Brot, das sie dem Hungernden giebt, der eben ihr Mitleid erregt. Und die Nächstenliebe des Mannes ist das Gesetz, welches allen die freie Entfaltung ihrer Fähigkeiten sichert, sie frei und stark und fähig macht, selber für ihren Unterhalt zu sorgen und würdig zu leben. * Betrachten wir das etwas näher; beobachten wir, wie langsam sie in den modernen Geist eindringt. Welches Herz ist liebevoller, als das Herz einer Frau? Ihre Güte umfaßt die ganze Natur. Alles, was leidet, was schwach ist, liebt sie, beschützt sie. Wie sanft sie ist gegen ihre Dienstboten! Sie befiehlt sogar nur (und dies ist ein neuer Zug, der sich früher nicht finden dürfte), indem sie motiviert, erklärt, mit einer rührenden Rücksicht, die ich das Schamgefühl der Gleichheit nennen mochte. Aber die ihr wirklich gleich sind, die nicht beschützt sein wollen, die nichts fordern, als daß man eben gerecht gegen sie ist, sind ihr weniger angenehm. Ihre Zartheit (nicht die aristokratische, sondern die Zartheit der feinen Frau) leidet durch ihre rauhe Berührung. Das geheiligte Wort der Neuzeit, Brüderlichkeit, buchstabiert sie, aber sie liest es noch nicht. Manchmal scheint sie erhaben über die Tugenden der Neuzeit. Sie ist mehr als gerecht, ist ritterlich und über Gebühr edelmütig. Aber der übertriebene Edelmut zerstört die Gerechtigkeit selbst. * Ihr Gatte, der ihr sonst alles sagt, ist heute Nacht sehr unruhig – schlaflos, ohne ihr seine Aufregung zu erklären. Es giebt in unserm Leben voll Kampf harte und peinliche Dinge, mit deren trauriger Bekanntschaft man so gern die Frauen verschont. Sie sind ganz Sanftmut, Liebe, Verzeihung; von der Liebe des Guten kann man zu ihnen sprechen, aber wie von dem Haß des Bösen? von den Fällen, wo Gerechtigkeit und Ehre uns bis an die Zähne bewaffnet zu sein gebieten? von dem heiligen Zorn des Gerechten? Ihnen davon sprechen, hieße ihnen das Herz schwer machen. Aber sein Schweigen beunruhigt sie. Geduldig harrt und hofft und wartet sie die ganze Nacht. Endlich am Morgen nimmt sie bescheiden seine Hand und fragt ihn, ob er krank sei? Nun spricht er, verbirgt ihr nicht länger die Kämpfe, die er durchgemacht hat, den moralischen Zweikampf, der ihn heute ruft. Er ist heute in die Notwendigkeit versetzt, seinen Nebenbuhler zu stürzen, oder selber zu fallen. Er hat eine tödliche Waffe gegen den Feind in Bereitschaft; ein Geheimnis, dessen Enthüllung den Kampf zwischen ihnen entscheiden muß. Er kann ihn verderben und muß es. Denn jener ist der Mann einer Partei, der Feind des Gemeinwohls ... »Ja, aber er ist dein Feind ...« – »Das hat auch mich zurückgehalten«, erwidert er. »Und doch, was thun? Wenn ich mich opfre, so verrate ich das Gesetz, die Gerechtigkeit ...« »Ach, mein Freund! wie bedaure ich es, nicht mehr jung und schön, nicht mehr so zu sein, wie an jenem Morgen, als du mir unser Kind schenktest! ... Meine Liebe ist noch dieselbe; ach! warum ist meine Macht es nicht auch! .. Ich schwöre dir, ich würde dich so festhalten, daß es dir nimmer möglich wäre, mich heute zu verlassen ...« »Was willst du, daß ich thun soll? In einer Stunde ist alles entschieden. Durch meine Abwesenheit verliere ich alles, verderbe ich mich selbst; verschaffe ich der Ungerechtigkeit den Sieg ...« »Aber du rettest deinen Feind ... Sei groß ... und sei gut ... sei es für mich! Bringe mir dies schöne Opfer. Es würde mich wieder an meine Jugend glauben machen.« Er ist gerührt. Sie ist so demütig, so reizend in ihrer Bescheidenheit, ihrem Edelmut! Sie, die nie etwas für sich erbitten konnte, sie, die ganz Entsagung, ganz Opferfreudigkeit ist, sie bittet zum erstenmal ... Wie hart ist er, ihr nicht zu willfahren, ihr nicht beweisen zu können, wie sehr man sie ehrt und liebt! Sie weint; scheint tief gekränkt ... Wie stark ist die Verführung! Und doch: die Gerechtigkeit ruft, das Vaterland, die Vernunft! Liebe, Liebe! Du weißt noch nicht, was es heißt: gerecht sein! ... VII. Tod und Trauer. Schritt haltend mit dem Fortgang meines Daseins, hat mein Gedanke, der unermüdliche Wanderer durch die Geschichte und das Leben, dennoch zwei Gipfel erreicht, auf denen er sich gern niederläßt, um von ihnen herab die Erde zu betrachten. Diese beiden Gipfel sind der Tod und die Liebe. Von diesem Standpunkte aus erscheint die Erde sehr klein. Die Breite des Raumes ist nichts, und selbst die Länge der Zeit, die Verschiedenheit der Jahrhunderte scheint weniger bedeutend. Unter den verschiedenen Masken erkennt man doch immer den Menschen, wie er von Anfang war, wie er ewig sein wird. Das hindert mich nicht, hinabzusteigen in die Ebenen und meine Ernte zu halten auf den Gefilden der Geschichte der Menschen und der Natur. Aber ich mache es wie die Schweizer. Des Winters arbeite ich im Thale; wenn die Arbeit gethan ist, ersteige ich wieder die einsamen Gipfel, die meinen Geist beruhigen, weil ich von ihnen herab mit einem Blick den Kampf der Dinge und die tiefe Einigkeit der scheinbaren Gegensätze umspannen kann. * Vom Tode geht dieses Buch aus, zum Tode kehrt es zurück. Man las auf den ersten Seiten: Der gewaltsame Tod hat uns die Frau (also die Liebe) in dem organischen Mysterium, von dem alles seinen Ausgang hat, offenbart. Der Tod, dieses Buches unsichtbarer treuer Gefährte, hat sich zweimal darin, aber nur von fern, gezeigt und ohne zu treffen. Aber schon so konnte er den Knoten der Liebe fester schürzen, als es sonst möglich gewesen wäre. Einmal schien es, als ob er beim Drama der Niederkunft handelnd auftreten wollte; das zweite Mal schwebte er an dem Bett der Kranken vorüber, und seine Kraft, die Herzen zu vereinigen, zeigte sich darin, daß diesmal eine dauernde Flamme der Liebe daraus hervorbrach, die wir ihre Verjüngung genannt haben. Aber der Tod hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen. Er hält dafür, daß das Leben, welches man für die einzige Bedingung des Daseins hält, doch gewisse Dinge am Dasein verhindere. Er behauptet, daß, wenn noch ein leiser Unterschied zwischen den beiden Seelen besteht, wenn die Frau mit Notwendigkeit sich der Anmut weiht, der Mann dagegen der Gerechtigkeit, dies die Schuld des Lebens sei. Er sagt, daß er allein imstande sei, diese letzte Schranke aus dem Wege zu räumen, daß die Liebe, die es nicht vermag, die vollständige Vereinigung herbeizuführen, der Hilfe ihres ernsten Bruders, des Todes, bedürfe. * Dem Manne kommt es zu, zu sterben, der Frau, seinen Tod zu beweinen. Die allgemeine Erfahrung zeigt es. Die kränkliche Frau, deren Leben oft so trauervoll und thränenreich ist, bleibt Witwe. Es ist schön für den Mann, vorher zu sterben, jung zu sterben, wenigstens in voller Thatkraft. Sein Bild lebt so fort! Beklagen wir nicht ihn! aber sie! ... Der vielbeschäftigte, durch die Arbeit in Anspruch genommene Mann fühlte sein Leid, wäre er der Zurückbleibende, weniger, oder weniger lange. Aber wie tief trifft sie der Schlag! Man wagt kaum daran zu denken. * Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern, daß meine Großmutter, als es in der Nacht nach dem Tage, an welchem mein Großvater beerdigt war, regnete, mit einem Ton, der mich noch jetzt nach vierzig Jahren zu Thränen rührt, ausrief: »Mein Gott, es regnet auf ihn«. Daran läßt sich nichts ändern; es ist das Wort der Natur. Es wird von allen gesagt und wieder gesagt werden, vielleicht nur leise, vielleicht von Thränen erstickt, jedenfalls aber gedacht werden. Wenn unser Herz unbeteiligt ist, und unsre Liebe gering, haben wir gut stolz und heroisch sein. Wir senken dann nicht unsre liebsten Hoffnungen, ja unser Leben mit ins offne Grab. Da wird es uns leicht, den Kopf hoch zu halten. Aber wenn der Schmerz unser Herz zusammenschnürt und uns an die Kehle packt, ist es aus mit unserm Stoicismus. Wir sprechen nur: »Es regnet auf ihn«. Ist denn der Körper eine bloße Hülle, nur ein Kleid, wie sie sagen? Er, der täglich neue Lebensflut trank, der in den unzerstörbaren Knochen die Spuren jeder Leidenschaft, jeder Thätigkeit zeigt, der nach tausend Jahren seine zarten Zähne, die man einst bewunderte, seine schönen Haare, die lebendige Seide, mit der liebe Hände so gern spielten, bewahrt, er hat eine so große Bedeutsamkeit, daß wir das Herz wohl entschuldigen können, wenn es in ihm das geliebte Wesen selbst, welches nun nicht mehr ist, sieht und ausruft: »Es regnet auf ihn!« * Es ist im Dezember. Trüb scheint die Sonne über die bereifte Landschaft. Das vormals so belebte Haus ist heute still und schauert beim kalten Hauch des Windes. Der Kamin, um den sich sonst so viele frohe Gesichter drängten, steht verwaist und hat keine rechte erquickende Wärme für die einsame Witwe, die sich fröstelnd nach dem Feuer beugt. In einem Winkel des Zimmers stehen zwei Sitze leer, und werden nun für immer leer stehen: der Lehnsessel, den er, wenn er nach Hause kam, an ihren Stuhl heranschob, in welchem er ihr die Angelegenheiten des verflossenen Tages, die Pläne für den morgenden mitteilte: – und ganz nahe dabei der kleine Rohrsessel, auf dem das Kind herbeirutschte, sich zwischen Vater und Mutter schob, ihr Gespräch unterbrach und den ernsten Gesichtern ein freundliches Lächeln abgewann. Was blieb von ihr? ein Schatten. Ihre schönen Haare bedecken halb ihre abgemagerte Stirn. Sie ist noch immer elegant, und scheint sogar größer mit ihrer wie vormals schlanken, jugendlichen Taille, wie sie nun mit gesenkten Augen durch die verlassenen Zimmer schreitet. Was gilt ihr jetzt ihr reizendes Gesicht, die schönen Augen, welche die Herzen entzündeten und in denen für ein treues Herz das ganze Schicksal lag! Sie verhüllt alles, soviel als möglich. Aber zwei Schönheiten bleiben, die selbst junge Damen mit Neid erfüllen konnten. Die eine, das Attribut der Reinheit, welches Gott der keuschen Frau, die durch das Leben ohne Schuld gewandelt ist, gern verleiht: der durchsichtige Teint, den nie eine Wolke trübt. Die andere Schönheit, die unsre Witwe schmückt und ihr unter ihrem Trauergewande und ihren schwarzen Schleiern einen geheimnisvollen Reiz verleiht, den sie in der Zeit ihrer Triumphe nicht hatte, ist ihr wunderbar süßer und mächtiger Blick. O, wie ist doch das Auge die wahre Schönheit, eine Schönheit, die uns treu bleibt, die selbst die Zeit zu achten gezwungen ist. Was sage ich? durch sie noch erhöht wird! Leiden und Kummer mögen jeden anderen Reiz zerstört haben; mit dem Blicke aber ist es, wie mit dem Herzen: beide werden durch die Leiden nur verschönert. Sie verläßt das halb erloschene Feuer, und nähert sich dem Fenster. Es ist ihr lieb, daß der kurze Tag zu Ende geht. Die Hände über dem Herzen, dessen Stimme sie lauscht, faltend, schaut sie hinaus auf die trauernde, winterliche Landschaft. Bald erglänzt der nördliche Himmel von blinkenden Sternen. Der Tod, das Alter, der Winter, der in diesen leuchtenden Nächten so eisig haucht, diese drei düsteren, strengen Gewalten, drängen die ewige Flamme der Liebe nur zurück in das arme, schaudernde Herz. »Die Welt, die Jugend und ihre Lust waren nur ein halbes Wachen, ein wirrer Traum, in dem meine Liebe nimmer zur Klarheit kommen konnte ... Heute, da ich dir ganz gehöre, ist für mich der Tag angebrochen!« VIII. Die Liebe über das Grab hinaus. Du wachst zu lange, du weinst zu viel, Geliebte! ... Schon verbleichen die Sterne, der Morgen dämmert herauf. Ruhe endlich! Die Hälfte deiner selbst, die zu deinem Leide nun nicht mehr ist, und die du vergeblich in deinen öden Zimmern, auf deinem verwitweten Lager suchst, wird zu dir in deinen Träumen sprechen ... O, wieviel hatte ich dir doch zu sagen! ... und habe dir im Leben nur so wenig sagen können ... Beim ersten Wort hat Gott mich abgerufen. Kaum, daß ich Zeit hatte, zu sprechen: ich liebe ! Um dir mein Herz auszuschütten, bedarf ich der Ewigkeit. Ein schönes Konzert begann unter uns. Der himmlische Künstler hatte aus unser beider Herzen ein herrliches Instrument gemacht. Wenn die Saite bei den ersten Tönen sprang, wenn der Tod, der uns eine so kreischende Dissonanz scheint, die Leier hat verstummen machen, o, glaube doch ja nicht, Geliebte, daß es jetzt aus ist mit ihrer Musik, daß Gott sie verächtlich beiseite geworfen hat. Nein, das hohe Lied ist unterbrochen; aber es wird wieder anheben mit gewaltigerem Tone, wenn wir, befreit von dieser niederen Erde, droben schweben in Licht und Freiheit. Du weißt ja, daß kein Atom des Körpers, mit dem meine Seele bekleidet war, verloren ist. Jedes der Elemente, aus denen er bestand, sucht seines Gleichen und kehrt zu seiner Wahlverwandtschaft zurück. Wieviel mehr muß dann die Seele selbst, die harmonische Kraft, welche die Einheit des Körpers ausmachte, fortleben! Sie lebt fort, als eine, ungeteilte, denn das ist ihre Natur. Sie bleibt und wird immer mehr, was sie schon war, eine Anziehungskraft. Was sich um sie im irdischen Leben bewegte, strömt infolge der Analogie der Natur und der Assimilation der Liebe unaufhaltsam zu ihr zurück. Ich warte auf dich; das Bedürfnis der Vereinigung, welches meine Seele mit fortnahm, läßt mich zu jeder Zeit mein besseres Ich, das noch aus Erden zurückbleibt, erwarten. * Es mußte so kommen. Erinnere dich an unsere Liebesqualen, an den immer neuen, weil nie befriedigten Wunsch, unsre Seelen auszutauschen; wie selbst die Lust es nicht vermochte, und dieses Gefühl wie ein Schatten unser Glück trübte. Blicke, Worte, des Liebestammelns Raserei – nichts, nichts vermochte diese Schranke fortzuräumen. Welche Schranke? Wir wußten es selbst nicht. Stets sagte das Herz: »Später!« und »das ist es noch nicht«. Die Liebe wollte nichts wissen von den Grenzen, die der Natur gesteckt sind. Ihr Kummer war, daß sie, die aus dem Licht Geborene, die nur das eine geliebte Wesen kannte, so bald der Finsternis verfiel; daß in diesem Vergessen die Persönlichkeit verschwand, versank; daß sie in dem Augenblicke höchsten Entzückens nicht wußte, ob denn sie es wirklich sei! ... Deswegen diese Trauer, dieser Zweifel, diese Bitterkeit: »Was ist denn diese Ungewisse, unvollständige Liebe, der es vor den Augen trübe wird, die die Idee ihrer selbst verliert, sobald sie ihr heiß ersehntes Ziel erreicht? ... Gerade wenn unsre Seelen am innigsten der gänzlichen Vereinigung entgegenglühten, war alles zerflattert und zerstoben, und schmerzlich fragte sich das Herz: war dies nun die ersehnte lichtvolle Vereinigung, oder war es ein Zurücksinken in des Chaos nur von dem Blitz der Lust durchzuckte Nacht? »So mischte sich in diese schmerzensreichen Wonnen ein unerwartetes Drittes: Der Gedanke an den Tod. Er war nicht furchtbar, dieser Gedanke, nur melancholisch und nicht ohne einen gewissen Reiz. Der Tod sprach: ›Fürchtet euch nicht!... Das, was euch bis jetzt als Tod erschien, die momentane Vergessenheit höchster Lust, war noch nicht der rechte Tod. Nur ich kann euch die wahre Freiheit bringen, nur von mir befreit, könnt ihr euch aufwärts schwingen von Stufe zu Stufe durch die leuchtenden Welten, und, selber teilhaft der Freiheit des Lichts, ohne einen Augenblick die Sonnenklarheit der Liebe einzubüßen, zusammenfließen in einen ›flammenden Strahl‹. * »So werden wir uns aufschwingen. Aber wie? wodurch! ... Suche das einfachste Mittel; es wird das Mittel sein, welches Gott will. Denn wie des Menschen Kunst tappend ihren Weg sucht und durch tausend mühsame Komplikationen und Umschweife sich weiterarbeitet, so geht Gottes Kunst gerade, schnell und sicher. In der moralischen, wie in der physischen Welt sucht und findet sich, was wahlverwandt ist. Wäre das nicht, so würden unendliche Kräfte sich durch Zerstreuung vernichten. Und diese Welt, deren Harmonie in vielen greifbaren Dingen so sichtbar ist, sie sollte im Unsichtbaren gerade das Gegenteil sein, eine Disharmonie, schlechter als des rohesten Arbeiters unvollkommenste Entwürfe? »Hatten wir auf Erden die vollkommene Ähnlichkeit erreicht? Unsre Versuche waren vergeblich. Die Blindheit meiner Begier, die Hingebung deiner Liebe hielten uns tausend Pforten der Seele verschlossen, durch die wir unsre Vereinigung hätten erreichen können. Du kanntest in mir nur einen Mann. Und doch waren mehrere in mir. Die Stille deiner Witwenschaft, und die Kraft deiner Erinnerung, werden dich sie nach und nach erkennen lassen, und in der Unendlichkeit einer Seele, die dir gehört, und noch immer dein höchstes Gut ist, wirst du mehr als eine glückliche Entdeckung machen. Sammle deine Kraft, deine Gedanken! In deinen: Herzen lebendig, von deiner Liebe bebrütet, werden sie eine Frucht zeitigen, die aus der Geisterwelt in dir erzeugt ward. Ich leide, weil ich dich leiden sehe. Aber eine solche Assimilation kann nur durch den Schmerz, durch die blutende Wunde geschehen. Meine Seele trinkt dies Blut, und so kannst du nicht länger leben. Eine unbesiegbare Kraft der Anziehung wird dich eines Morgens ergreifen da unten, wo dein Herz nicht mehr ist, und wird dich wie ein Blitz dahin tragen, wo es ist, wo ich bin. Sahst du eine Feder von einer Last gedrückt? Ist die Last entfernt, so schnellt die Feder in die Höhe, darf frei ihrer Natur folgen. Ich bin deine Natur, dein eigentliches Leben. Ist die Last von dir genommen, so kommst du zurück zu mir. »Was auf dir lastet, ist die Verschiedenheit, die noch immer zwischen uns besteht. O, ich bitte dich, werde ich! ... Dann erst wirst du ganz mein sein. »Dein jetziges Leben ist Kummer. Aber ich will, daß es kein unthätiger Kummer sei. Bleibe nicht starr und kalt sitzen am Marmor eines Grabmals. Deine Trauer sei groß, meiner würdig, aus deinen Thränen mögen andere neuen Thatenmut trinken. »Ich sehe die Männer, meine Freunde, verwirrt durch meinen Tod; denn sie wissen nicht, daß ich noch mitten unter ihnen bin. Ich sehe, wie ihre Schar auseinander flieht, als ob ich wirklich im Grabe wäre. An dir ist es, Verzweiflung und Vergessenheit von ihnen abzuwehren. An dir ist es, zu sprechen: ›Er lebt noch!‹ »Wenn du es sagst, werden sie es glauben. Mein Haus, das auch ihr Haus war, soll sie zusammenrufen und ihre Einigkeit bewahren. In ihrer Ungewißheit, ihrem Schwanken wird es ihnen ein Bedürfnis sein, meinen Herd zu sehen, an seiner Flamme ihre Begeisterung wieder zu entzünden: du aber warst meines Herdes heiliges Feuer. »Du wirst die Hüterin meines Geistes sein. Wer weiß? Durch dich wird er neue Wurzeln schlagen, daß sich noch mehre unter seiner Krone sammeln können. Mancher, den ich mit der rauhen Kraft des männlichen Genius nicht gewinnen konnte, wird zu mir kommen, wenn er mich im rührenden Bilde einer durch Schmerz und Hoffnung verklärten Frau wiederfindet.« * So ist die Witwe, so das Witwentum. Es ist des Gatten verweilender Geist, der in dieser seiner treuen Hälfte noch von sich zeugt und so durch die Erinnerung und das Vorgefühl den Übergang zweier Welten bildet. Feierlicher, heiliger Zustand, wo die Seele, zum Aufschwung bereit, schon glänzt von dem Lichte höherer Sphären! ... Und jeder, der dieser Frau naht, fühlt die Heiligkeit, spürt den sanften Hauch der Toten, die keinen Krieg mehr führen hienieden, und nichts wollen, als noch ein wenig Gutes schaffen. – Wie gern möchte ich hier verweilen! Aber dieses Priestertum der Witwe gehört den Religionen der Zukunft. Genug für diesmal! So folge ich ihr denn nicht in die alten Verbindungen, die sie zusammenhält, noch in die neuen Freundschaften, die sie dem erweckt hat, der nicht mehr auf Erden weilt, indem sie seinem Geist durch jene mütterliche, belehrende Liebe weitere und weitere Geltung verschaffte. Wenn der Gatte keine Werke hinterlassen hat, die für ihn sprechen, sondern Thaten, die stets dem Streit der Meinungen unterworfen sind, wenn er speziell seine Kräfte in den Kämpfen des öffentlichen Lebens aufwendete, – dann, gerade dann muß er dringend wünschen, daß eine befreundete Seele über seinem Andenken wache, es pflege, die ersten herben Urteile abwehre, ihm die Berufung an die kommende Zeit, die Auferstehung des Ruhms bereite. Er kommt für ihn, der unter der Hut eines treuen Zeugen warten kann. Eines Morgens wird es Licht. Und die Witwe, die so lange im Schatten lebte und wie mit ihm begraben war, sieht die heiligen Farben, denen er im Leben folgte, strahlend im Glänze des neuen Tages, wiedererscheinen an dem Friese der Tempel. Und sie, die jetzt eine Greisin ist, hat die süße Überraschung, rings um sich her sagen zu hören, gleich als lebte er noch: »Er ist ein Gerechter!« Von allen Seiten kommen junge Leute, die ihn nicht kannten, und wollen seine Kinder sein. Wie leid thut es ihnen, daß sie jung sind, daß sie ihn nicht gesehen haben. Man fragt und forscht bei ihr, die das Glück hatte, die Zeugin seines Lebens zu sein. Schon gehört sie einer vergangenen Zeit an. Sie erlebt noch die Morgendämmerung seiner Unsterblichkeit. Der Altar des dahingegangenen Gerechten wird für die neuen Geschlechter ein Gegenstand religiöser Verehrung. Da ist kein junger Mann, der nicht dorthin käme, die Witwe zu ehren. Sie finden eine anmutige Frau, die ihnen kaum der Zeit anzugehören scheint, die für sie schon eine längst vergangene ist. Was sie noch immer anmutig erscheinen läßt, ist die Liebe, von der ihr Herz voll ist, die Güte, die sie für alle hegt, ihre bescheidene Sanftmut, ihre Sympathie für die junge Welt, ihr Wunsch für ihr Wohlergehen. Sie ist noch schön durch ihre Liebe, und schön durch die Erinnerung an den Mann, dessen Ruhm auch sie überschattet. Mehr als ein Jüngling von zwanzig Jahren bedauert, so spät geboren zu sein; er kommt und kommt wieder und nur ungern entfernt er sich, dem Schicksal zürnend, das uns so mutwillig trennt, und aus Herzensgrunde sprechend: »Das ist die Frau, die ich geliebt haben würde! ...« Noten und Erläuterungen. Was die Liebe gewesen ist bei den Alten und Neuen; Was sie heute sein könnte, unter unseren Verhältnissen, wenn man sie als das Mittel zur moralischen Reform ansieht, welche einzig die übrigen Reformen möglich macht; Endlich, was sie werden wird in einer Welt der Gerechtigkeit und des Lichts, wie sie doch einmal für uns kommt: Das war der ganze Vorwurf dieses Buches. Ich gebe davon heute nur den zweiten Teil. In den ersten und dritten fallen natürlich eine Menge religiöser, sozialer und politischer Fragen, auf die ich diesesmal nicht eingehen kann. Der zweite Teil, der hier vorliegt, ist die Liebe an sich , beschränkt auf das scheinbar Individuelle, in ihrem Fortgange, der, so könnte man glauben, außer allem Zusammenhange ist. Aber auf dem moralischen Gebiete steht nichts so isoliert da. Hier schafft sie die Häuslichkeit, und sie schafft dieselbe in dauerhafter Weise; denn sie macht daraus etwas Lebendiges, der Erweiterung und des Fortschritts Fähiges. Das Feuer verlischt, wenn es nicht frei brennen kann, der Baum stirbt ab, wenn er nicht wachsen darf. Wird die Liebe in ihrer natürlichen Bewegung nicht gehemmt, bleibt sie frei von den leeren Aufregungen, die sie entnerven und unfruchtbar machen, so wird sie den Fortgang haben, den sie so oft schon hatte, wird sich glorreich entwickeln und die Nationen befruchten, wie schon mehrmals in der Geschichte. * Was mir vor allem leid thut in dem Augenblicke, wo ich dies so kurze und so unvollständige Buch beendige, ist, daß ich diesmal die Kapitel, welche man schicklich »Erziehung und Kultur oder moralische Disziplin« überschreiben könnte, nicht habe ausführen können. Ich habe hier nach meinem schwachen Vermögen die Anfänge einer neuen Kunst gegeben. Einer neuen und wie notwendigen Kunst! Denn die Familie, welche heutzutage von der Religion und vom Staate so wenig unterstützt wird, muß alle Nahrung für ihr inneres Leben aus der Liebe saugen, muß beständig aus ihren unversieglichen Quellen schöpfen. Wie soll man in den heiligen Momenten vor und nach der Hochzeit zu der Frau sprechen? Wie sie für immer fesseln in jenen gläubigen Stunden, wo sie auf alles so willig hört, alles so willig annimmt? Wie sie später, wenn ihr Herz, von Trübsinn und Langeweile bedrückt, hin und her schwankt, wieder fesseln? Das hätte eine längere Entwickelung verdient. In den Kapiteln » Geistige Befruchtung und Zeitigung « hätte ich gern Beispiele der wahren Kultur der Liebe gegeben. Vorläufig habe ich einmal auf einen wichtigen Punkt hingedeutet, indem ich nachwies, wie wesentlich die Erziehung der Frau von der unseren durch die Notwendigkeit, auf den Rhythmus ihres Lebens und die eigentümliche Weise ihrer Zeiteinteilung Rücksicht zu nehmen, abweicht. In den Kapiteln » Versuchung und Heilung des Herzens « hätte ich die oft sehr einfachen Mittel, wodurch man die Liebe auf andere Gedanken bringen und heilen kann, vervielfältigen mögen. Meistens ist der Geliebte in einem solchen Falle wirklich Nebensache; der Augenblick entscheidet alles; die liebende Frau hat ein Bedürfnis, zu lieben; sie ist nur halb verliebt, aber sie will Liebe – Liebe! Die Liebe für ein Kind, für eine Idee, für eine neue Gegend, für eine wichtige Angelegenheit würde hinreichen, sie zu beruhigen. Häufig auch geschieht es, daß eine Unerfahrene sich für ein ganz untergeordnetes Verdienst begeistert. Sie würde zur Vernunft zurückkommen im Augenblick, wo ihr das wahre Verdienst, die echte Überlegenheit zu Gesicht käme. Auch hätte ich gern die wichtigen Kapitel entwickelt, wo ich zeigte, wie die Frau, nachdem sie den ganzen ihr gebührenden Einfluß erlangt hat, als liebevolle Gattin und zugleich halb als jugendliche Mutter des Gatten über das rechte Verhältnis zwischen dem Verbrauch und dem Ersatz seiner Kräfte wacht, oft den Aufruhr seiner Sinne stillt, den Funken des Prometheus in ihm entfacht, ihm jetzt Lust und jetzt wieder die Vollkraft, immer aber Glück schafft. (Buch V, Kap. II und III.) Hier nun müßten die moralischen und physischen Wissenschaften im Verein die fruchtbarste der Künste schaffen, die Kunst, das Leben durch die Liebe zu verlängern . Wir sind auf der Schwelle dieses wichtigen Gegenstandes stehen geblieben, obgleich wir sehr wohl wissen, daß die heuchlerische Decenz, mit der man den Schleier darüber gedeckt und womit man alles der Laune preisgegeben hat, nichts zu reinigen, nichts zu moralisieren vermag. Indem sie darauf verzichtete, die geheimen Beziehungen der Ehe aufzuklären, hat sie daraus eine dunkle Welt, wo die grobe Natur alles ist, und die man deshalb verachten zu können glaubte, gemacht. Man hat dann fälschlich behauptet, daß die Liebe entnervend wirke, während sie doch im Gegenteil eine unversiegliche Quelle der Kraft ist. Vor einiger Zeit predigte ein glänzender, von den Studenten hoch verehrter Chirurg, nach den Lehren eines großen rauhen Meisters, seinen Schülern die Inferiorität der Frau, die Herrschaft des Mannes, die Eitelkeit der Liebe u. s. w. Er glaubte, sie emanzipieren zu können, wenn er ihnen die Lust verächtlich machte. Ein großer Physiolog, einer meiner Freunde, der auch zugegen war, sagte zu ihm: »Nehmen Sie sich in acht, die Theorien jenes Mannes unvorsichtig zu verbreiten. Jene jungen Leute werden nur zu leicht die äußerliche Roheit annehmen, nicht aber die sittliche Strenge, nicht die tiefe Zärtlichkeit, die jener für das Heiligtum seiner Häuslichkeit aufbewahrt. Sie werden den herben Sittenrichter, der, um recht zu treffen, übers Ziel hinausschießt, nicht begreifen. Darf ich zu Ihnen als Arzt sprechen? Jene Lehre der Frauenverachtung ist aufs äußerste gefährlich; sie wird nicht die Enthaltsamkeit, sondern umgekehrt die Flatterhaftigkeit, die direkt zur Entnervung führt, zur Folge haben«. * Um auf die Lücken dieses Buches zurückzukommen, so hätte ich gern die Frau in die Geheimnisse der moralischen Kultur, die sie mit sich selbst vornehmen kann, eingeweiht. Der Gatte, ihre Stütze, als sie noch jung war, kommt später, wenn der Strudel der Welt ihn ergriffen hat, des Abends zerschlagen und mit müdem Herzen nach Hause. An ihr ist es, in ihrem Herzen das Paradies zu schaffen, dessen belebende Quellen ewig zu seiner Erfrischung fließen. In ihrer Liebe, in den unschuldigen Stimmen der Natur, die Gott ihr verständlich macht, wird sie Nahrung für diese Quellen finden. »Eine Rose als Ratgeberin!« Wie gern hätte ich diese Rose recht oft, recht lange, recht ausführlich sprechen lassen! Sie hat der Frau unserer Tage soviel zu sagen! Und sie, mit ihrem seinen Ohre, mit ihrem zarten Herzen, kann sie so gut verstehen! Natur, die große Lehrerin der Harmonie, wird ihr im Namen Gottes raten, fest an dem Stamme zu halten, der sie trägt, nur da blühen zu wollen. Was hülfe es ihr, wollte sie für, ach! so kurze Zeit in einem Strauße neben anderen Schwestern glänzen? Verachte ihn nicht, diesen Mann! Ist er gleich nicht der sinnende Weise einer goldenen Zeit, der schlanke Kämpfer, der Heros des Altertums, bedenke, liebe Tochter, daß er dafür nach der anderen Seite ein viel Mächtigerer ist! er ist der energische Arbeiter, er ist der starke Schöpfer einer wunderbaren Welt von Wissenschaft, Industrie und Reichtum, die erst gestern aus seiner glühenden Thätigkeit hervorging. Er hat alles verändert. Neben der Natur hat er noch eins mit seinem Genie und seiner Kraft geschaffen. Du sitzest da, du (wenn du zu den wohlhabenden Klassen gehörst), die schöne Lilie auf dem Felde, und schauest und genießest. »Aber wie? mein Gatte ist Kaufmann, Industrieller, Arbeiter ...« So ist er ein Schöpfer von Reichtum ... »Ein Schriftsteller, Maler ...« So ist er ein Schöpfer von Werken der Kunst. Und wende dich, wohin du willst, jeder Beruf ist heutzutage Kunst. Bei dieser allgemeinen Anstrengung häufen sich Ideen, Werke, Reichtümer auf fabelhafte Weise. Mag dieses oder jenes Mittel auch prosaisch sein ... sieh auf die Größe des Resultats. Dein Gatte, der moderne Mensch, hat nichts vorgefunden, hat alles selbst geschaffen. Wenn unsere Väter wiederkommen könnten, sie würden sich entsetzen, sie würden sich auf die Knie werfen vor ihren gewaltigen Söhnen. Schaue mit Achtung, mit Liebe und auch mit Mitleid auf ihn, den Märtyrer der Arbeit! Achte nicht kindisch auf den Staub, mit dem dein glorreicher Prometheus vielleicht sein Gewand besteckt hat. Blicke auf seine bleiche Stirn. In dem Strahlenglanze, der sie umgiebt, siehst du den Schweiß, ach, wie so oft! den Schweiß des Blutes tropfen. Aber auch er hat eine heilige Pflicht. Er darf sich nicht von der Wut der Arbeit soweit hinreißen lassen, daß sie ihn verschlingt, daß er nur den engen Schienenweg seiner Bahn (sie sei, welche sie sei) sieht, daß er über den Einzelheiten erblindet. Es giebt nichts Kleines, das weiß ich wohl. Um Erfolg zu haben, ist die minutiöse Sorgfalt notwendig; ohne sie ist kein Resultat möglich. Aber der Arbeiter muß größer bleiben als sein Werk. Und auch nur dann kann das Werk selbst groß sein. Wenn er sich die hohe Idee desselben bewahrt, wird er die Macht über die Frau nicht verlieren. Sie ist dem treu und hold, der groß und stark ist. Und der bleibt groß, sein Beruf sei, welcher er wollender den Zusammenhang desselben mit der übrigen Welt nicht verliert. Darüber hätte ich hier in diesem trauten Orte, wo die tiefe Stimme des Meeres melodisch meine Meditationen begleitete, gern noch mehr geschrieben. Aber da erinnert mich ein kleines Mädchen von sechs oder sieben Jahren, daß es nun genug sei. Man schöpfte am Strande Wasser zu Bädern. Das Kind, eines Fischers Tochter, stand dabei und schaute zu. »Woran denkst du, Kleine?« fragte ich sie. »Es ist doch seltsam mit dem Meere,« antwortete sie. »Wieviel sie auch herausschöpfen, es wird darum doch nicht weniger.« Gerade derselbe Gedanke beschäftigte auch mich in dem Augenblicke. Aber ich meinte ein anderes Meer. Ich schöpfte, was ich vermochte, in diesem unergründlichen, uferlosen Meere. Ich habe es so wenig erschöpft, daß es noch immer gleich unergründlich ist. * Note 1. Überblick des Ganzen. Wenn wir am Ende des Buches nicht seinen Anfang vergessen haben, müssen wir uns an eine Eigentümlichkeit der Liebe erinnern. In den verschiedenen Stadien der Ehe glaubte sie ihr Ziel erreicht, glaubte sie das Unendliche erschöpft zu haben. Allerdings, aber die Seele war noch nicht, was sie sein konnte; so war ihre Unendlichkeit auch noch nicht die rechte. Wenn die junge Frau von zwanzig Jahren mit solchem Feuer sagte: »Nimm mich ganz; ich gebe mich dir ganz zu eigen«, so war das keine Lüge; aber was gab sie? Noch wenig. Sie gab eben, was sie hatte. (Buch II.) Wenn die Befruchtung ihr ganzes Wesen so tief veränderte, daß ihre Stimme, ihr Gang, soviel unwillkürliche Zeichen zu sagen schienen: »In mir ist alles er «, so war ohne Zweifel das Unendliche erreicht. – Erreicht? Ja, die physische, nicht die freie Unendlichkeit der Seele. (Buch III.) Es fehlte noch etwas, wozu die Frau wahrhaft erst in ihrer zweiten Jugend imstande ist, wenn sie mit einem Aufschwunge des Herzens sich losreißt aus dem passiven Zustande, in welchem sie bis dahin fast stets verharrte, anfängt, selbstthätig zu handeln, sich zu ihm macht, nicht durch die blinde Notwendigkeit der Befruchtung, sondern durch den Willen, durch die Liebe. (Buch V.) Ais zu dieser Zeit trennte die Gatten die Arbeit. Die Frau konnte des Gatten nur in bestimmten Stunden habhaft werden. Jetzt gehört ihr jede Stunde, Tag und Nacht. Er kann sich nicht mehr von ihr trennen. Sie ist sein junger, lieber Genoß, in dem er Ernst und Scherz, alles, was er will, findet, die sich für ihn verwandelt. Sie ist Viola, sie Rosalinde, ein lieber Freund am Morgen, Frau am Abend, ein Engel zu jeder Zeit. Gehorsam, wie sie ist, Hat sie dennoch, wenn es sein muß, die Initiative. Und wenn der Mann in seinen Geschäften, seiner Gedankenarbeit schwankt und zaudert, wenn sein verstörter Geist sucht und sucht und nicht findet, dann ist sie da, und der böse Zauber schwindet, und er lächelt selbst über die nächtlichen Gespenster. Ein Kuß giebt ihm die verlorene Spannkraft wieder. Haben wir hier nicht jenen absoluten Austausch des Wesens, den wir suchten, gefunden? Wenn die schwache Frau die Seele des Mannes so wohl begriffen, sich so ganz zu eigen gemacht hat, daß sie ihm dieselbe zur Not zurückgeben kann, und wenn sie dem männlichen Genius in Stunden der Schwäche das giebt, was sie selbst von Natur gar nicht besitzt, die Zeugungskraft – scheint dies nicht das Wunder der vollständigen Vereinigung zu sein? Nein – es giebt noch eine tiefere Durchdringung, und das ist, wenn die Gatten sich in einem Liebesgedanken begegnen, einem und demselben Gedanken der allumfassenden Nächstenliebe, das, das ist der Triumph der Liebe! Nächstenliebe! o welch ein herrliches Ding! Alles andere ist untergeordnet: Anmut, Geist, Verstand haben nur Wert durch sie. Selbst wenn sie allein ist, ist sie allmächtig. Es ist gar nicht selten, daß man eine Frau begehrt, weil sie gut ist, und aus keinem anderen Grunde. Tiefe Harmonie unseres Wesens! Das Herz will durch die physische Vereinigung die moralische Schönheit erreichen, von der es gerührt wurde. * Die Liebe ist Sache des Gehirns. Jeder Begierde lag eine Idee zu Grunde. Oft freilich eine sehr verwirrte Idee, eine Idee, welche von einem Körperzustande (Wärme, Trunkenheit u. s. w.) unterstützt, angefeuert wurde, aber die nichtsdestoweniger vorausging. Deshalb ist ein einfacher Wechsel der Umgebung, des Klimas, der Gewohnheiten oft genügend, um alles zu verwandeln. Einer, der sich mit seiner Frau in der Niederung langweilt, würde sie in den Alpen lieben. Rousseau sagt, daß ihn der Anblick des Pont du Gard tugendhaft machte. Ein anderer findet beim Anblick des lago maggiore , des Kolosseums, des Vesuvs seine Liebe wieder. Wieviel lebhafter würde die Flamme der Liebe auflodern, wenn dem einen oder dem andern der Gatten ein Glück begegnete, das den Glücklichen auch zugleich schön macht! Zum Beispiel eine heroische That, ein Triumph der Überzeugung oder dergleichen. Ich glaube, wer eine schöne, kühne That vollbringt, ein Leben mit Gefahr seines eignen rettet, altert nimmer in den Augen seiner Gattin. Die Liebe gewinnt aus solchen Verhältnissen ungeheure Kräfte, einen Strom poetischen Lebens, den man niemals erwartet hätte. * Note 2. Ist der Autor zu entschuldigen, wenn er noch an die Liebe glaubt? Ich sagte, daß der Gegenstand dieses Buches sich mir mehrmals aufgedrängt habe, 1836 durch die Geschichte, 1844 durch meine Sympathien für die Jugend, deren Leben ein Selbstmord ist, 1849 durch das soziale Unglück. Ich fühlte, daß hier des Übels Grund und auch sein Heilmittel lag. Mein entmutigter Geist hielt mir die öffentlichen Sitten entgegen, und ich sprach zu mir: »Was kann es nützen?« Indessen schienen meinem Ohre die fürchterlichen, unwiderleglichen offiziellen Zahlen, von denen ich Kenntnis erhielt, wie eine Totenglocke zu schallen und zu verkündigen, daß das Geschlecht selbst, die physische Basis dieses Volkes angegriffen sei. – Um nur einiges anzuführen: In den Jahren 1831–37 belief sich die Zahl der jungen Leute, die zum Militärdienst untauglich befunden wurden, Zwerge, Bucklige, Hinkende u. s. w., nur auf 460,000, in den folgenden sieben Jahren vermehrte sie sich um 31,000 u. s. w. Die Heiraten haben abgenommen, und in manchen Jahren auf eine erschreckende Weise: 1851 neun Tausend weniger als im vorhergehenden Jahre, 1852 sieben Tausend weniger als 1851 (also 16,000 weniger als 1850) u. s. w. – Die offiziellen statistischen Tabellen von 1856 weisen aus, daß die Einwohnerzahl sich vermindert hat oder auf derselben Höhe bleibt. – Die Witwer verheiraten sich noch wieder, nicht so die Witwen. – Dazu rechnet die ungeheure Zahl der Frauen, die sich selbst das Leben nehmen, vor Elend sterben u. s. w. Ist Europa weniger krank als Frankreich? Ich kann es nicht finden. Das Leben Europas war bis jetzt das Leben der Welt. Stirbt Europa, so stirbt der Erdball. Das von Irland und tausend wüsten Elementen überflutete Amerika wird durch seine barbarischen Elemente zur Eroberung der katholischen und barbarischen Welt getrieben, und läuft Gefahr, einzubüßen, was es noch Jugendliches hat und zur Erfrischung des Menschengeschlechts beitragen könnte. Ich weiß, daß Europa beim Verfall des Römischen Reiches eine Art Verfinsterung durchgemacht hat. Aber die Weltlage war damals anders und in einem Punkte der heutigen entgegengesetzt. Dem politischen Sturze ging ein tiefes Sinken, eine ungeheure Entkräftung des Geistes voraus. Heute umgekehrt entwickelt sich die Macht des erfinderischen Genius seit den drei letzten Jahrhunderten, die das Werk von zehntausend Jahren gethan haben, in gewaltiger Progression. Woher diese Wunder der Thatkraft, des Fleißes und der Erfindsamkeit? Es sind die Blitze von dem gewaltigen Turme, an welchem alle Wissenschaften bauen. – Der Blinde nennt ihn Babel, weil er, mit der Nase auf einem Stein, nicht den Nachbarstein sieht, geschweige denn den Turm. Unberechenbare Macht! nicht der Intelligenz bloß, auch des Lebens, auch der Thatkraft! Jede intellektuelle Wahrheit äußert ihre Wirkung auf dem praktischen Gebiete. Wie kann dies Geschlecht bei so vollständigem Bewußtsein der Welt und seiner selbst sterben? Als das Römische Reich zusammenbrach, geschah es in Finsternis. Vor der Nacht des Todes hatte es die Nacht des Geistes schon bedeckt. Wenn der moralische Sinn schwächer geworden ist, so ist dies nicht eine Folge der Abnahme der geistigen Kräfte. Das Gehirn selbst ist nicht angegriffen, aber sympathisch und mit der Enervation der niederen Organe enerviert. Wir haben noch eine gewaltige Kraft, aber sie ist auf erstaunliche Weise zerstreut und zerfahren. Dies Buch will darauf hinaus: Konzentriert eure Kraft oder sterbt . Die Konzentration der Lebenskraft aber ist vor allem bedingt durch die Festigkeit des häuslichen Herdes. Wenn ihr euch selbst verachten und die Hände in den Schoß legen wollt, so ist alles aus. Wir sind verderbt, ja. Aber das verdorbene Wasser kann wieder trinkbar gemacht werden. Unsere heroischen Väter waren auch keine Heilige. Die Idee der Revolution traf sie jämmerlich im Schlamme watend. Da richtet sich ihr Blick gen Himmel, und von der ewigen Schönheit ergriffen, erkennen sie sich selbst nicht mehr. Die Flügel waren ihnen über Nacht gekommen. Ist dieses Volk im ganzen jetzt weniger wert, als zur Zeit Meiner Jugend? Ich finde das Gegenteil. Ich habe von jener Zeit nur noch den Eindruck einer entsetzlichen Nüchternheit. Wer hatte damals Sinn für Natur? Wo hörte man Vogelgesang? sah man Blumen blühen? Jetzt hat jede Hütte einen Rosenstrauch vor der Thüre, jedes Dachstübchen oben im siebenten Stock eine Blume vor dem Fenster. Der Bahnwärter, der seine Station nicht verlassen darf, benutzt die Zeit zwischen den Zügen, sich einen Garten anzulegen. In meinem sechzigjährigen Leben habe ich eine der deutlichsten Manifestationen des höheren Seelenlebens, den Kultus der Toten, die Sorgfalt für die Gräber, entstehen und wachsen sehen. Im Jahre 1810 war ich zwölf Jahre alt und meine Erinnerungen aus jener Zeit sind vollkommen klar. Ich erinnere mich, daß ein Kirchhof zu jener Zeit eine arabische Wüste war, wohin äußerst selten ein Besucher sich verirrte. Heute sind die Kirchhöfe Gärten voll von Blumen und Monumenten. Ohne Zweifel trägt das Wachsen des Reichtums viel dazu bei, aber auch das reicher gewordene Herz. Der Tod ist der Bruder der Liebe. Diese beiden Religionen sind verwandt, unzerstörbar, ewig. Und wenn der Tod noch lebt, weshalb sollte dann die Liebe gestorben sein? Ich glaubte im Winter 1856 nicht, daß das erkaltete Publikum auf Vogelgesang hören würde, auf ein ungeduldiges Rotkehlchen, das sich herausmachte, bevor noch der Schnee geschmolzen war. Aber es hörte doch darauf. Noch mehr zweifelte ich, ob sich das leise Summen eines Ameisenhaufens werde Gehör verschaffen können. Aber man vernahm es wohl, und mancher, sagen sie, fühlte sich gerührt. Wie konnte diese dunkle Welt unscheinbarer Insekten solchen Eindruck machen? Man erkannte, daß die allgegenwärtige Liebe auch diese dunkle Welt erhellt. So ließ ich denn die Hoffnung nicht sinken, trotz alledem. Und das Übermaß selbst des Übels hat mir Mut gemacht. Müssen soviel Thorheiten, soviel tolle Ausgaben nicht aufhören, und wäre es auch nur aus Erschöpfung? Auch die Langeweile macht sich bemerkbar. Gewinnen die beiden Gatten durch die Scheidung? Madame erprobt nur zu sehr die durch George Sand konstatierte Wahrheit: »daß der Liebhaber gerade so langweilig ist, wie der Ehemann«. Auf der anderen Seite amüsiert sich der Gatte auch nicht besonders. Freudenmädchen giebt es nicht mehr, nur noch Töchter des Jammers. Und dann, wenn die vornehme Welt sich nicht bessern sollte, so giebt es dreißig Millionen Franzosen, hundert oder zweihundert Millionen Europäer, die durchaus nicht zu dieser Welt gehören, nichts von der Börse wissen, nichts von gewissen Bällen, nichts von der Maitressenwirtschaft. Wenn noch zweihundert Millionen Menschen für die Liebe bleiben, so ist das ein hinreichend großes Publikum. Die Liebe kann nicht sterben. Sie will alles reformieren; unter anderen auch dich, junger Mann. Du möchtest dich gern herausreißen: aber du wagst es nicht bei dem schwindelköpfigen Laufe des heutigen Lebens. Welches auch seine Form sei, du wirst darin einige unumstößliche Thatsachen finden. Du bedarfst in diesem sturmbewegten Meere eines treuen Genossen. Du wirst ihn nicht finden, wie du ihn brauchst; aber dies Buch soll dir eine Anweisung sein, wie du ihn dir schaffen kannst. Die Mutter kann nicht zum voraus wissen, welches die Rolle ihrer verheirateten Tochter im Leben sein wird, und kann sie demzufolge nicht darauf vorbereiten. Heutzutage ist alles persönlich. Die Ehe variiert ins Unendliche nach dem Charakter u. s. w. des Gatten. In einzelnen Ständen ist die Frau Mitarbeiterin . In anderen, wie in den Künsten assistiert und inspiriert sie, assoziiert sie sich dem Gedanken. Bei den dornenvollsten endlich, in den Klassen der Männer der That, der Geschäftsmänner, ist sie die natürliche und einzig mögliche Vertraute , die moralische Stütze, der Trost. Wenn du sie nicht vernachlässigst, wenn du sie auf der Höhe der Situation erhältst, wenn du eine vollständige Vereinigung ermöglichst, wirst du mit Bewunderung sehen, wieviel Kraft ein Wesen entwickeln kann, das man in gewissen Ständen für vollkommen unnütz ansieht. In einer Welt, in welcher alles schwankt, bedarf man eines festen Punktes, auf den man sich stützen kann. Dieser Punkt aber ist der häusliche Herd. Der Herd ist kein Stein, wie die Leute sagen, sondern ein Herz, und zwar das Herz einer Frau. Ende.