Friedrich Nietzsche Der Wille zur Macht II Versuch einer Umwerthung aller Werthe Aus dem Nachlaß 1884/88 1922 Einleitung Ende Winter 1888 beendete mein Bruder die Gesammtconception seines Hauptwerkes, den »Willen zur Macht«, dessen Entstehung wir in der Einleitung und dem Nachbericht des IX. Bandes von Schritt zu Schritt verfolgt haben. Mit welchen Gefühlen mag nun der Autor dieses Werk abgeschlossen haben? Sicher mit den Empfindungen einer ungeheuren Erhebung, eines Siegesgefühls ohne Gleichen! Aber ebenso sicher mit einer unaussprechlichen Sehnsucht nach jenen höheren Menschen, denen dies Werk geweiht sein sollte. – Seit dem Zarathustra suchte er nach ihnen. »Wenn ich mich jetzt nach einer langen freiwilligen Vereinsamung wieder den Menschen zuwende: und wenn ich rufe: wo seid ihr, meine Freunde? – so geschieht dies um großer Dinge willen.« »Ich will einen neuen Stand schaffen: einen Ordensbund höherer Menschen , bei denen sich bedrängte Geister und Gewissen Raths erholen können; welche gleich mir nicht nur jenseits der politischen und religiösen Glaubenslehren zu leben wissen, sondern auch die Moral überwunden haben.« Welche Anschauungen sollten nun wohl diese von ihm gesuchten höheren Menschen haben oder zu welchen sollten sie geführt werden? Ich glaube, daß der Autor des »Willens zur Macht« ungefähr folgende Gedankengänge bei ihnen voraussetzte: Jahrtausende lang haben die außerordentlichen Menschen daran gearbeitet, die uns umgebende Welt sich erklärbar zu machen. Sie waren Schöpfer von Allem, was uns umgiebt – von Allem aber auch, was in uns lebt. Aber die Größten selbst wagten bisher nicht, sich selbst zuzumessen, daß sie mit ihrem Willen zur Macht sich die ganze Welt denkbar, fühlbar, erklärbar gemacht hatten. Das war ihre größte Bescheidenheit, daß sie all ihre höchsten Zustände als passiv erlitten und nicht als aktiv aufzufassen wagten. Deshalb wurden die lebenbejahenden Griechen, die ihre natürlichen Triebe verklärten und vergöttlichten, Schöpfer einer Götterwelt von Gestalten der größten Schönheit und Kraft, denen sie nicht nur ihre höchsten Augenblicke zuschrieben, sondern auch alles Furchtbare und Unerklärliche in ihrem Geschick aufbürdeten; – deshalb schufen die lebenverneinenden Christen, die ihre natürlichen Triebe in Laster verwandelt hatten, eine jenseitige Welt, wo ihre für das Leben unmöglichen Ideale Erfüllung und Belohnung finden sollten. Nun hat aber der Mensch immer mehr das Weltall und die Kräfte des Weltalls sich zu unterjochen gesucht, und je mehr er es versuchte, sich diese Welt erklärbar und dienstbar zu machen, desto mehr sah er auch, gerade vermöge der Methode der Wissenschaft, daß es die höchsten Geister der Menschen gewesen sind, die diese Welt für die Menschheit immer neu geschaffen haben, indem sie ihr immer wieder einen neuen Sinn unterlegten. Aber alles Das, was jene herrlichen Vorfahren schufen, war im Verhältniß zu dem, was sie wirklich für wahr hielten, d.h. was für ihre Lebensbedingungen wahr sein mußte. Nun fragt es sich jetzt: sind unsere heutigen Anschauungen noch den Lebensbedingungen, d.h. dem Aufwärtssteigen der Menschheit gemäß? Und wenn wir nun auch die größte Dankbarkeit für Alles festhalten, was die Religion, Moral und Philosophie bisher geschaffen hat, so fühlen wir doch, daß jetzt unserm Erkennen und unsern Lebensbedingungen außerdem noch andere und neue Werthe entsprechen müssen. Wir haben die bisherigen Werthe zwar für den Schwachen, Durchschnittlichen und Elenden als nützlich erkannt, aber schädlich für die einzelnen Hervorragenden, weil sie in ihrer Selbstsicherheit, in ihrer Kraft unsicher wurden und anstatt immer mehr zur Vollkommenheit zu gelangen, durch die bisher allein herrschenden Ideale der Mittelmäßigkeit zurückgehalten und entkräftet wurden; denn was für die Mittelmäßigen die größte Wohlthat sein kann, wird für die Höchsten oft zum Gift, – aber auch umgekehrt! So dachte sich der Autor des »Willens zur Macht«, daß die höheren Menschen, zu denen er sprechen wollte, denken sollten; an sie wollte er sich wenden und ihnen zurufen: Auf, auf, ihr höheren Menschen, schafft euch neue Wege und neue Werthe, die nur für die Höchsten und Stärksten gelten sollen und die Welt mit allem Schweren nicht verkleinern, sondern als das Beste und Wünschenswertheste erscheinen lassen. Eure Vorfahren haben die Welt nach ihren Gedanken gebaut, und weil ihre Geister noch mannigfach beengt waren, eine jenseitige Welt darüber erhoben und erschaffen. Nun macht ihr höchsten Menschen aus dieser unserer Erde eine verklärte heroische Welt voller Kämpfe und Siege in allem Geistigen und Körperlichen. Und aus euch selbst macht das Beste, was in eurer Macht liegt! macht euch zu Gottmenschen, die den Glauben an den Menschen wieder möglich machen! Denn dies war die Sehnsucht, die mein Bruder durch sein ganzes Leben verfolgt hat, daraufhin zielten alle seine Pläne und Absichten: daß der vollkommene, das Leben rechtfertigende Mensch , daß der Übermensch uns zu theil werde. »Was hält man sonst nicht aus von Noth, Entbehrung, bösem Wetter, Siechthum, Mühsal, Vereinsamung! Im Grunde wird man mit allem Übrigen fertig, geboren wie man ist, zu einem unterirdischen und kämpfenden Dasein; man kommt immer wieder einmal an's Licht, man erlebt immer wieder seine goldene Stunde des Siegs – und dann steht man da, wie man geboren ist, unzerbrechbar, gespannt, zu Neuem, zu noch Schwererem, Fernerem bereit, wie ein Bogen, den alle Noth immer nur noch straffer anzieht. – Aber von Zeit zu Zeit gönnt mir – gesetzt, daß es himmlische Gönnerinnen giebt, jenseits von Gut und Böse – einen Blick, gönnt mir Einen Blick nur auf etwas Vollkommenes, zu-Ende-Gerathenes, Glückliches, Mächtiges, Triumphirendes, an dem es noch etwas zu fürchten giebt! Auf einen Menschen, der den Menschen rechtfertigt, auf einen complementären und erlösenden Glücksfall des Menschen, um deswillen man den Glauben an den Menschen festhalten darf!« Aber auch für uns Mittelmäßige öffnet sich eine neue Welt von Glück, auch uns soll der das Leben rechtfertigende Mensch vor Augen stehen. Wir dürfen aber dabei den guten Muth zu uns selber haben, wir werden uns prüfen, worin wir unser Bestes leisten, wodurch wir unserm Leben so viel Werth wie nur möglich geben können; wir werden die »kleine Eitelkeit« ablegen und uns klar werden, daß wir nicht selbst Werke der höchsten Vollkommenheit leisten, auch nicht Führer und Entdecker sein können, und werden glücklich sein, daß wir vielleicht in einem »großen Typus untertauchen« dürfen. Unser Stolz wird wieder darin liegen, den Höchsten zu dienen, Schüler und Werkzeug zu sein, oder einer machtvollen, ausgezeichneten Institution anzugehören, z. B. Deutschlands Officiercorps oder Beamtenthum (auf beides hat der Philosoph Nietzsche immer wieder als auf unsern gerechtfertigtsten Stolz hingewiesen); oder zu jenen Gelehrten, Ärzten und Lehrern der alten und neuen Welt zu gehören, die gleichfalls die Instinkte unseres tüchtigen Militärs im Leibe haben und denen mein Bruder nachrühmt, »daß sie befehlen können und wieder auf eine stolze Weise gehorchen; daß sie in Reih und Glied stehen, aber fähig sind, jederzeit auch zu führen; daß sie die Gefahr dem Behagen vorziehen; das Erlaubte und Unerlaubte nicht in einer Krämerwage wiegen; dem Mesquinen, Schlauen, Parasitischen mehr feind sind, als dem Bösen«. Eine solche Gesinnung und Handlungsweise wollte der Philosoph Nietzsche wieder rechtfertigen oder dazu erziehen, – denn sie führt zur Höhe. Professor Simmel bemerkt dazu: »Es kommt bei Nietzsche darauf an, ›daß man gegen Mühsal, Härte, Entbehrung, selbst gegen das Leben gleichgültiger wird; daß die männlichen, die kriegs- und siegsfrohen Instinkte die Herrschaft haben über andere Instinkte, z. B. über die des Glücks' und anderswo: ›alle Denkweisen, welche nach Lust und Leid, d. h. nach Begleitzuständen und Nebensachen, den Werth der Dinge messen, sind Naivetäten, auf welche Jeder, der sich gestaltender Kräfte bewußt ist, nicht ohne Spott, auch nicht ohne Mitleid herabblicken wird.‹ Damit hat die sittliche Aufgabe eine ganz neue Formulirung erfahren. Kein Moralgesetz, das eine abstrakte Vernunft uns auferlegt, das den ganzen lebendigen Menschen einem einseitigen Ideal opferte, der Vernunft oder dem Gemüth, der Religion oder dem Staat; sondern auf die Kräfte und Eigenschaften, die die Gattung Mensch höher entwickeln, kommt alles an, – aber nicht darauf, ob das Ich oder das Du sich dabei wohlfühlt oder nicht. Der Altruismus, der nur nach dem Glücke des Nächsten fragt, darf so wenig ein Endziel sein, wie der Egoismus, der dem eigenen Glück nachläuft. Über die enge Alternative des gewöhnlichen sittlichen Bewußtseins: ob man für das eigene Wohl oder das des Anderen sorgen soll – geht Nietzsche weit hinweg. Die Vollendung des Menschen, die objektive Höhe seiner Qualitäten ist zum Ziel gemacht. Es ist ein völlig sachliches, über alle Subjektivität und ihre bloßen Gefühle erhobenes Ideal, dessen Inhalt freilich menschliche Qualitäten und ihre Steigerungen bilden. Daß die Menschen von adliger Gesinnung, von sieghafter Stärke des Leibes und der Seele, von vertieftem Denken und Wollen seien, das ist das objektiv Werthvolle, damit schließt sich die ethische Zielsetzung – nicht aber damit, daß diese Vollkommenheiten nun erst rückwirkend Jemanden »erfreuten«. Der Anspruch »sich auszuleben«, der unter der Berufung auf Nietzsche eine bloße Genußsucht zu verstecken pflegt, offenbart so seine ganze Rechtlosigkeit: das Recht, nach dem Glücke des Du nicht zu fragen, fordert, daß man auch nach dem Glück des Ich nicht frage, sondern nur nach den Beschaffenheiten der Seele, nach ihren Energien, ihren Tiefen, ihren Schönheiten, die unsere Gattung auf die Stufe höherer Vollendung führen und jenseits alles persönlichen Genießens oder Leidens stehen.« – Das Frühjahr 1888 verlebte mein Bruder zum ersten Mal in Turin. Er hatte zunächst nur an einen kurzen Aufenthalt gedacht, fühlte sich aber vom dortigen Klima so günstig beeinflußt, daß er dort längere Zeit Aufenthalt nahm. Von der Stadt selbst war er ganz entzückt und schreibt darüber an unsere Mutter: »Hier giebt es eine herrliche trockene Luft, die ich noch nicht in einer Stadt gefunden habe. Sehr anregend, sehr Appetit machend; es gab Tage, wo ich wie im Engadin zu sein glaubte. Die Nähe des Hochgebirges ist dabei der entscheidende Faktor: auf drei Seiten von Turin hat man die Schneealpen vor sich. Hübsch in der Ferne natürlich: aber doch so, daß man mitten in der Stadt direkt in die Hochgebirgs-Welt hineinschaut: wie als ob die Straßen darin endeten. – Turin ist eine prachtvolle und vornehme Stadt, mit schönen Plätzen und Palästen überhäuft. Eigentlich ist es die einzige Stadt, in der ich gern lebe. Ihr Stolz sind die herrlichen hochraumigen Portict. Säulen- und Hallengänge, die alle Hauptstraßen entlang laufen, so großartig, wie man im ganzen Europa seinen Begriff hat, überdies weit hin die Stadt durchziehend, in einer Gesammtausdehnung von 10020 Meter (d.h. zwei Stunden gut zu marschiren). Damit ist man gegen jedes Wetter geschützt: und eine Sauberkeit, eine Schönheit von Stein und Marmor, daß man wie in einem Salon zu sein glaubt.« Zunächst hatte er sich, wie er an Brandes schreibt, mit freudigster Arbeitskraft an den »Willen zur Macht« begeben und an eine neue Gruppirung des gesammten Stoffs gedacht, was sicherlich der beste Beweis seiner Unternehmungslust und Kraft war. Während dieser Arbeit aber wurde er plötzlich auf ein bestimmtes Thema hingewiesen. Indem er die Modernität prüfte, trat das Problem Richard Wagner ihm besonders nah. Er hatte zunächst beabsichtigt dieses Problem im ersten Buch des »Willens zur Macht« in dem Kapitel »Modernität« ausführlich zu behandeln, – daß er es herausgriff und zu einer besondern Schrift gestaltete, scheint verschiedene Ursachen gehabt zu haben. Diese ganze Angelegenheit soll in der Einleitung einer Einzelausgabe vom »Fall Wagner« und »Nietzsche contra Wagner« ausführlich dargestellt werden. Der »Wille zur Macht« hat sich in der vorliegenden, völlig neugestalteten Ausgabe so ausgedehnt (was nicht vorauszusehen war), daß für diese beiden Schriften im zehnten Band kein Raum mehr vorhanden ist. Mit der Conception des »Falls Wagner« vergiengen die letzten Wochen in Turin; da es aber im Anfang Juni in Turin einige sehr heiße Tage gab, so machte sich mein Bruder eilends nach Sils-Maria auf, von wo ihm die Nachricht gekommen war, daß auch dort bereits der Sommer eingezogen wäre. In der That traf er auch dort bei seiner Ankunft heißes, fast schwüles Wetter, dann aber kam ein plötzlicher Wetterumschlag; fünf Wochen lang gab es beständig Regen, düsteren Himmel und Kälte, Nachts fror es sogar manchmal, was meinem Bruder außerordentlich schlecht bekam. Sein Zimmer war nicht zu heizen, infolge dessen erkältete er sich stark und bekam eine heftige Influenza mit Augen- und Kopfschmerzen. Da er nun außerdem auf seine großen Wanderungen verzichten mußte und sich natürlich langweilte, so schrieb und las er den ganzen Tag und übermüdete seine armen Augen. Das Druckmanuskript zum »Fall Wagner« hat er zweimal vollständig abgeschrieben; das erstemal war es mit den von Kälte erstarrten Händen, schmerzenden Augen und »verflucht kritzeliger Feder« so schlecht geschrieben, daß weder der Verleger noch, wie er scherzhaft sagte, er selbst es lesen konnte. Diese ganze Zeit schadete der Gesundheit meines Bruders außerordentlich, denn seine ganze Constitution war, wie er immer sagte, auf hellen Himmel und Sonnenschein eingerichtet. Sobald nun das schöne Wetter wieder begann, nahm er seine Arbeit mit voller Arbeitslust, Kraft und verdoppeltem Eifer wieder auf. Es scheint fast unglaublich, was er bei Gunst und Ungunst der Witterung von Mai bis Dezember 1888 geschrieben hat. Wer die ungeheure Arbeit dieser Zeit verfolgt und der unbeschreiblichen Anstrengung seiner armen Augen sowie der mancherlei widrigen Zufälle und peinlichen Angriffe gedenkt, der wird begreifen, daß dieses letzte halbe Jahr die Kraft dieses wunderbaren Geistes verzehren mußte. Er beginnt im Mai 1888 mit einer neuen Anordnung des gesammten Materials zum »Willen zur Macht«, verfaßt den »Fall Wagner«, »die Götzendämmerung«, die »Dionysos-Dithyramben«, arbeitet im Sommer nochmals das Material zu seinem theoretisch-philosophischen Hauptwerk um, formt aus dem Inhalt des zweiten Buches des Willens zur Macht: Kritik des Christenthums, der Moral und der Philosophie, aus der Erkenntnißtheorie des dritten Buches und aus dem Wichtigsten des vierten Buches: Zucht und Züchtung, ein neues, weniger umfangreiches Werk, das er »Umwerthung aller Werthe« nennt. In wenigen Wochen schreibt er das I. Buch, den »Antichrist, Versuch einer Kritik des Christenthums«, und auch noch Vieles zu den nächsten Büchern: II. Der freie Geist, Kritik der Philosophie als einer nihilistischen Bewegung; III. Der Immoralist, Kritik der verhängnißvollsten Art von Unwissenheit, der Moral; IV. Dionysos, Philosophie der Ewigen Wiederkunft. Sodann verfaßt er eine Lebensbeschreibung »Ecce homo« , ausdrücklich nur für sich und seine Freunde, dazwischen »Nietzsche contra Wagner«. Von diesen aufgezählten Schriften enthält dieser zehnte Band noch die »Götzendämmerung«, den »Antichrist« und die »Dionysos-Dithyramben«. Alle drei Schriften sind von meinem Bruder nicht selbst veröffentlicht, doch hat er von der »Götzendämmerung« noch selbst die Korrekturen gelesen und sie druckfertig erklärt. Das Nähere über diese Schriften findet man im Nachbericht dieses Bandes. Ich lege besonderen Accent darauf hervorzuheben, daß mein Bruder den »Antichrist« nicht selbst veröffentlicht hat und daß er wahrscheinlich ursprünglich in einer milderen Tonart niedergeschrieben wurde. Ich will damit nicht behaupten, daß wenn diese Schrift von ihm selbst herausgegeben worden wäre, sie andere Grundzüge getragen hätte, aber ich glaube, daß, in einem ruhigeren Gemüthszustand verfaßt, der Inhalt vielmehr der Ausdrucksweise von »Jenseits von Gut und Böse« entsprochen haben würde. Dort vergaß er nämlich nie zu erwähnen, welche Wohlthat das Christenthum als Religion für die große Masse immer gewesen ist und noch sein kann. Es ist wohl wünschenswerth, über die Stellung meines Bruders zum Christenthum noch einiges Persönliche aus seinem Leben hinzuzufügen. Bei der zarten Rücksicht, die er auf seine Umgebung nahm, ist es begreiflich, daß er sich im Allgemeinen wenig darüber ausgesprochen hat. Er schreibt deshalb an Freiherrn von Gersdorff 1871: »Jene Auseinandersetzung über Religion und Philosophie, von der Du mir erzählst, gehört gewiß zu den traurigsten Nothwendigkeiten des Lebens: ist man einmal dazu getrieben, so wappne man sich mit Weisheit und Milde. Es ist so überaus schwer, bei solchen Anfechtungen von aller Bitterkeit sich frei zu halten: während doch, bei der großen Dunkelheit des Daseins, hier das eigentliche Bereich des Mitleidens ist. – Das ist die feste Brücke, die auch über solche Klüfte geschlagen werden kann. »Auch ist es eine edle Kunst, in solchen Dingen zur rechten Zeit zu schweigen . Das Wort ist ein gefährliches Ding und selten bei derartigen Anlässen das rechte. Wie Vieles darf man nicht aussprechen! Und gerade religiöse und philosophische Grundanschauungen gehören zu den pudendis . Es sind die Wurzeln unseres Denkens und Wollens: deshalb sollen sie nicht an's grelle Licht gezogen werden. –« Dazu hatte er eine wirkliche Vorliebe für aufrichtige fromme Christen. Gerade das Letztere werden ihm alle Die bezeugen, die mit ihm zusammen in Basel gewesen sind. Er stand den Frömmsten der Frommen, die mit ihrem Christenthum wirklich Ernst machten, in herzlicher Zuneigung gegenüber und sie ihm. Er schreibt deshalb: »Wenn ich dem Christenthum den Krieg mache, so steht mir dies zu, weil ich von dieser Seite aus keine Fatalitäten und Hemmungen erlebt habe, – die ernstesten Christen sind mir immer gewogen gewesen. Ich selber, ein Gegner des Christenthums de rigeur , bin ferne davon, es dem Einzelnen nachzutragen, was das Verhängniß von Jahrtausenden ist –.« Es war rührend, daß einer dieser aufrichtigsten Christen, Herr Adolf V...., mir einmal sagte, daß es ein Vorwurf für das gegenwärtige Christenthum wäre, daß ein Mensch wie mein Bruder kein frommer Christ sein könnte. Es hat ihm auch keine Ruhe gelassen, und einmal ist er noch um zehn Uhr nach dem Abendgebet zu meinem Bruder gekommen, um ihn zu bekehren. Aber diese ausgezeichneten frommen Menschen vergaßen, daß Alles, was sie ihm sagen konnten, er schon als Kind und Knabe ebenso tief und innig empfunden hatte. Er schreibt später einmal: »mit zwölf Jahren habe ich Gott in seinem Glanze gesehen«, – und vielleicht war gerade seine tiefe Frömmigkeit und Religiosität, die in dem gegenwärtigen Christenthum keine Befriedigung finden konnte, der Grund, daß er schon von seiner Jünglingszeit an ihm fern und immer ferner gegenüberstand. Er hat, wie er oft betonte, deshalb keine Kämpfe durchgemacht, aber es war ihm ungemein schmerzlich, den Glauben an Gott aufgeben zu müssen. »Vielleicht sind wir heute deshalb die gründlichsten Atheisten, weil wir am längsten uns gesträubt haben, es zu sein.« Und niemals ist mit innigeren Worten der Verlust des Glaubens an den christlichen Gott beklagt worden, als mein Bruder es gethan hat. Er schreibt deshalb im Frühjahr 1882: » Excelsior ! – Du wirst niemals mehr beten, niemals mehr anbeten, niemals mehr im endlosen Vertrauen ausruhen – du versagst es dir, vor einer letzten Weisheit, letzten Güte, letzten Macht stehen zu bleiben, und deine Gedanken abzuschirren – du hast keinen fortwährenden Wächter und Freund für deine sieben Einsamkeiten – du lebst ohne den Ausblick auf ein Gebirge, das Schnee auf dem Haupte und Gluthen in seinem Herzen trägt, – es giebt für dich keinen Vergelter, keinen Verbesserer letzter Hand mehr – es giebt keine Vernunft in dem mehr, was geschieht, keine Liebe in dem, was dir geschehen wird, – deinem Herzen steht keine Ruhestatt mehr offen, wo es nur zu finden und nicht mehr zu suchen hat, – du wehrst dich gegen irgend einen letzten Frieden, du willst die ewige Wiederkehr von Krieg und Frieden: – Mensch der Entsagung, in Alledem willst du entsagen? Wer wird dir die Kraft dazu geben? Noch hatte Niemand diese Kraft!« – Aber schon damals deutete er seine höchste Hoffnung an: welcher Gewinn für die Menschheit aus diesem schwersten Verlust entstehen könnte: »Es giebt einen See, der es sich eines Tages versagte, abzufließen, und einen Damm dort auswarf, wo er bisher abfloß: seitdem steigt dieser See immer hoher. Vielleicht wird gerade jene Entsagung uns auch die Kraft verleihen, mit der die Entsagung selber ertragen werden kann; vielleicht wird der Mensch von da an immer höher steigen, wo er nicht mehr in einen Gott ausfließt .« – Verhaßt waren ihm alle jene unklaren Auseinandersetzungen über das Christenthum, die in ihrem Urtheil auf Wissenschaftlichkeit Anspruch machten und dabei jede logische Schlußfolgerung vermissen ließen. Als er eines Tages von der Kanzel herab sozusagen Schopenhauerische Philosophie predigen hörte, – ich meine Schopenhauer in die christlichen Lehren und Vorstellungen hineininterpretirt –, konnte er sich bei aller Bewunderung für den Philosophen und jenen Prediger, den er als Persönlichkeit hochachtete, des peinlichen Gefühls nicht erwehren, daß damit doch eine Täuschung verbunden sei. Alle diese Künste, mit dem heutigen Christenthum die verschiedenartigsten religiösen Vorstellungen zu vermischen und sich deshalb damit einverstanden zu erklären, waren seiner intellektuellen Rechtschaffenheit zuwider. Jedenfalls ist eine der Wurzeln, aus welcher seine Stellung zum Christenthum hervorgewachsen ist, gerade diese seine ererbte Redlichkeit und Rechtschaffenheit. »Das Christenthum meiner Vorfahren zieht in mir seinen Schluß, – eine durch das Christentum selber großgezogene, souverän gewordene Strenge des intellektuellen Gewissens wendet sich gegen das Christentum: in mir richtet sich, in mir überwindet sich das Christenthum.« Er hat dem Christenthum viel Nachdenken geschenkt – so viel, daß er glaubte, seine Freunde und Bekannten damit zu ermüden; so schreibt er einmal an Peter Gast: »Mir fiel ein, lieber Freund, daß Ihnen an meinem Buche die beständige innerliche Auseinandersetzung mit dem Christenthume fremd, ja peinlich sein muß; es ist aber doch das beste Stück idealen Lebens, welches ich wirklich kennen gelernt habe; von Kindesbeinen an bin ich ihm nachgegangen, in viele Winkel, und ich glaube, ich bin nie in meinem Herzen gegen dasselbe gemein gewesen. Zuletzt bin ich der Nachkomme ganzer Geschlechter von christlichen Geistlichen.« Es ist vollständig unrichtig, daß mein Bruder das Christenthum gehaßt habe – ich meine jene milde und schöne Jesus-Lehre, die für den Mühseligen und Beladenen ein solcher Trost sein kann, die übrigens keine Glaubenslehre, sondern eine Anweisung zum Handeln ist, wie mein Bruder so richtig erkannt hat. Daher auch seine Vorliebe für den Katholicismus, der nicht nur eine Rangordnung der Seelen anerkennt, sondern auch »die guten Werke« betont und nicht wie der Protestantismus den Hauptaccent auf den so unkontrollirbaren »Glauben« legt. Er schätzte die Wirkung der religiösen Erhebung auf Schwache und Leidende gerade bei dem Christenthum und dem Buddhismus sehr hoch und findet dafür so schöne Worte: »Religion und religiöse Bedeutsamkeit des Lebens legt Sonnenglanz auf solche immergeplagte Menschen und macht ihnen selbst den eigenen Anblick erträglich: sie wirkt wie eine epikurische Philosophie auf Leidende höheren Ranges zu wirken Pflegt, erquickend, verfeinernd, das Leiden gleichsam ausnützend, zuletzt gar heiligend und rechtfertigend. Vielleicht ist am Christenthum und Buddhismus Nichts so ehrwürdig als ihre Kunst, noch den Niedrigsten anzulehren, sich durch Frömmigkeit in eine höhere Schein-Ordnung der Dinge zu stellen und damit das Genügen an der wirklichen Ordnung, innerhalb deren sie hart genug leben, – und gerade diese Härte thut noth! – bei sich festzuhalten.« Bis zum Ende seines Denkens hat er eine zarte Liebe für den Stifter des Christenthums behalten, und sein ganzer Zorn wendet sich gegen Paulus und Solche, die ihm ähnlich sind, welche er dafür verantwortlich macht, die milde Lehre des Bergpredigers für die Niedriggeborenen in ihr Gegentheil verkehrt zu haben, sie zu einer Weltreligion gemacht zu haben, die alle vornehmen Werthe und alle vornehm gearteten, starken und mächtigen Menschen schädigen mußte und geschädigt hat. Dafür kann er nicht Worte der Entrüstung genug finden! Deshalb schreibt er im »Jenseits von Gut und Böse«: »Wer aber mit umgekehrten Bedürfnissen, nicht epikureisch mehr, sondern mit irgend einem göttlichen Hammer in der Hand auf diese fast willkürliche Entartung und Verkümmerung des Menschen zuträte, wie sie der christliche Europäer ist (Pascal zum Beispiel), müßte er da nicht mit Grimm, mit Mitleid, mit Entsetzen schreien: »Oh, ihr Tölpel, ihr anmaaßenden mitleidigen Tölpel, was habt ihr da gemacht! War das eine Arbeit für eure Hände! Wie habt ihr mir meinen schönsten Stein verhauen und verhunzt! Was nahmt ihr euch heraus!« – Ich wollte sagen: das Christenthum war bisher die verhängnißvollste Art von Selbst-Überhebung. Menschen, nicht hoch und hart genug, um am Menschen als Künstler gestalten zu dürfen; Menschen, nicht stark und fernsichtig genug, um, mit einer erhabenen Selbst-Bezwingung, das Vordergrund-Gesetz des tausendfältigen Mißrathens und Zugrundegehns walten zu lassen ; Menschen, nicht vornehm genug, um die abgründlich verschiedene Rangordnung und Rangkluft zwischen Mensch und Mensch zu sehen: – solche Menschen haben, mit ihrem »Gleich vor Gott«, bisher über dem Schicksale Europa's gewaltet, bis endlich eine verkleinerte, fast lächerliche Art, ein Heerdenthier, etwas Gutwilliges, Kränkliches und Mittelmäßiges herangezüchtet ist, der heutige Europäer ...« Von Jahr zu Jahr steigerte sich die Besorgniß meines Bruders um die Zukunft der Menschheit, daß sie immer kleinlicher und kümmerlicher würde. Um also die zornige Stimmung begreifen zu können, die aus dem »Antichrist« spricht, muß man sich immer die zwei Hauptpunkte vor Augen halten, die die Empfindungen meines Bruders dem Christenthum gegenüber bestimmen. Der eine ist, daß durch die Aufrichtung des christlichen Ideals als alleiniges Ideal, den stärker gerathenen Ausnahmen und Glücksfällen des Typus Mensch der Untergang droht. »Was wir am Christenthum bekämpfen? Daß es die Starken zerbrechen will, daß es ihren Muth entmuthigen, ihre schlechten Stunden und Müdigkeiten ausnützen, ihre stolze Sicherheit in Unruhe und Gewissensnoth verkehren will, daß es die vornehmen Instinkte giftig und krank zu machen versteht, bis sich ihre Kraft, ihr Wille zur Macht rückwärts kehrt, gegen sich selber kehrt, – bis die Starken an den Ausschweifungen der Selbstverachtung und der Selbstmißhandlung zu Grunde gehen; jene schauerliche Art des Zugrundegehens, deren berühmtestes Beispiel Pascal abgiebt.« Er liebte Pascal als einen ihm Gleich-Gearteten; sein Zu-Grunde-gehen empfand er als das eines geliebten Freundes, ja als ob es ihn selbst bedrohe. Das Andere aber, was mein Bruder am Christenthum bekämpft, sind die unglücklichen Folgen der Lehre von der Gleichheit der Seelen vor Gott: »man hat die Menschheit den Satz von der Gleichheit erst religiös stammeln gelehrt, man hat ihr später eine Moral daraus gemacht: was Wunder, daß der Mensch damit endet, ihn ernst zu nehmen, ihn praktisch zu nehmen, – will sagen politisch, demokratisch, socialistisch, entrüstungspessimistisch.« Er machte diese Lehre des Christenthums sowohl für die französische Revolution verantwortlich, die den Glauben an bevorrechtete Menschen so tief erschüttert hat, als auch, wie wir aus sämmtlichen Aufzeichnungen sehen, für den gegenwärtigen Socialismus. (Man vergesse übrigens nicht, daß Goethe der französischen Revolution, sowie dem »Marterholz« mit fast gleichen Empfindungen wie Nietzsche gegenüberstand!) Dazu schwebte dem Autor des Antichrist immer jener entzückende Traum vor, was aus der Menschheit hätte werden können, wenn diese Lehre nicht allein seit 2000 Jahren über den Menschen geherrscht Hütte. Aber er verstand sehr wohl, daß es die Mächtigen jener Zeit selbst gewesen waren, die zur Entstehung und zu dieser höchsten Schätzung des Christenthums beigetragen hatten. Sie haben die höchste Macht so schlecht und in so verworfener Weise repräsentirt, daß der kleine, demüthige, tugendhafte Christ als das Werthvollere erscheinen mußte. Wären die römischen Imperatoren alle in der Art des Julius Cäsar gewesen, so würde sicherlich das Christenthum nie eine solche Macht gewonnen haben. (Der Christ durfte und sollte existiren, aber nicht als einziges Werthmaaß und höchstes Ideal.) Was der Philosoph des »Willens zur Macht« deshalb immer und immer lehrt, ist, daß die Vertreter der höchsten weltlichen sowie geistigen Mächte sich der ungeheuren Verantwortung bewußt sein sollen, daß sie am Marmor »Menschheit« arbeiten und das kostbarste Material auf Jahrhunderte, ja auf Jahrtausende hin verderben können. Man hat mir öfters gesagt, daß man diesen Zorn meines Bruders gegen das heutige Christenthum nicht begriffe, – gegen dieses lauwarme gegenwärtige Christenthum, das keinen Starken mehr zerbricht. Es muß wohl in den letzten dreißig, vierzig Jahren immer kraft- und machtloser geworden sein, denn wir haben es noch in unserer Kindheit und Jugend als Macht erlebt und auch starke und treffliche Menschen gekannt, die dadurch in ihrem Charakter gebrochen worden sind. Und deshalb zittert in dem wunderbaren Stil des »Antichrist« – ebenso wie im »Fall Wagner« – jene tiefe Erregung nach, die ein tiefes und religiöses Gemüth empfindet, wenn es sich gegen Das wendet, was ihm einmal das Höchste und Theuerste gewesen ist. Nun steht es ihm als Feind gegenüber, den er bekämpfen muß, weil es mit seinem Einfluß die Lehren zu vernichten droht, die der Menschheit neue Führer und Herren geben soll. – Und nochmals muß ich meinen Bruder als eine der frömmsten und religiösesten Naturen bezeichnen, mir fehlen die rechten Worte, um dies deutlich zu machen. Professor Raoul Richter hat dies aber in einer Vorlesung in ausgezeichnetster Weise gethan: »Es ist eine weit verbreitete Ansicht – bis vor kurzem war es die allein herrschende –, daß Nietzsches einzige Beziehung zur Religion die der erbitterten Feindschaft und Gegnerschaft gewesen sei. Wer von Nietzsche nur wenig weiß, weiß doch, daß er dem Christenthum den Krieg bis aufs Messer erklärte, daß er einem seiner Bücher den Titel »Antichrist« gab. Wer aber tiefer in das Wesenhafte aller Religionen zu sehen lernte und auch in Nietzsche's Werken nicht nur als flüchtiger Gast einkehrte, dem wird es immer deutlicher, daß diese Philosophie theoretisch den Boden für eine reinere Religionsauffassung geebnet hat; daß Nietzsche selbst eine hervorragend religiöse Persönlichkeit gewesen ist, die praktisch das auswirkte, was ihre innere Überzeugung war; und endlich, daß der religiöse Einfluß seines Werkes und seiner selbst bereits zu keimen beginnt. Diese Leistungen sind so groß, daß ihnen gegenüber der Kampf gegen die Landes- und Staatsreligion als von untergeordneter Bedeutung für die religiöse Aktualität Nietzsche's fast zurücktritt. »Ich behauptete: daß Nietzsche's Philosophie theoretisch den Boden für eine reinere Religionsauffassung geebnet habe. Wie ist das zu verstehen? Kurz gesagt dahin: daß sie den Kern der Religion befreite von allen unwesentlichen Zuthaten, Hüllen und Schalen, und damit darthat, daß, wenn auch all diese Zuthaten morsch, brüchig und unannehmbar geworden seien, der innerste Gehalt der Religion davon unberührt bleibe. Dieser innerste Gehalt aber ist kein Bekenntniß zu einer Anzahl von Dogmen, keine Zugehörigkeit zu einer Gemeinde, sondern jener innere Seelenzustand, in dem die Kräfte unseres Gemüths an die äußerste Grenze ihrer selbst gelangen, ist die Willens- und gefühlsmäßige Stellung des Menschen zum Zusammenhang alles Seienden, zur Totalität des Weltgeschehens. Diese Stellungnahme erhebt Nietzsche zur freiesten That der individuellen Persönlichkeit. Als solche macht er sie grundsätzlich unabhängig von der Organisation der Kirche, unabhängig von den Lehren des Stifters einer historischen, positiven Religion, unabhängig von dem Dasein eines Gottes, unabhängig von allgemeingültigen und verbindlichen Normen ... »Der nächste Schritt führt weiter: von der Form zum Inhalt dieser Religion. Wie denkt sich Nietzsche die Beschaffenheit des Weltzusammenhangs und wie stellt sich sein Wille zu dem so beschaffenen Weltganzen? Ihm ist, so lauft die Grundlinie seiner Metaphysik, diese Welt nicht das planvolle Werk eines Schöpfers, auf Vernünftigkeit und Zweckmäßigkeit angelegt, nicht das Wert eines sittlichen Weltordners, der in oder außer der Welt hauste; ... auch steigt ihm die Welt nicht in's Unendliche auf nach ihr eigenen innewohnenden Gesetzen zu immer höheren und höheren Entwicklungsstufen, sondern ihm ist die Welt ein ungeheures Spiel von Kräften, von miteinander ringenden lebendigen Willensmächten, deren einzelne Gruppirungen von Ewigkeit zu Ewigkeit wiederkehren. Die ganze anorganische Natur, Luft, Erde, Wasser, Berg und Thal, Sonne und Mond, sie sind so gut wie Pflanze, Thier und Mensch, von innen gesehen Verkörperungen des Willens zur Macht. Und der Weltproceß besteht in dem ewigen Kampf der einzelnen Willenselemente, die sich zeitweise zur gemeinsamen Ausbeute der anderen zu Organismen, wie die Zellen zum Menschenleib, zu Organisationen, wie die Menschen zu Völkern zusammenschließen. Wohl stellt der jetzige Mensch nicht den Höhepunkt in der Machtorganisation der Natur dar, und über ihn hinaus sind Höherbildungen, sind Übermenschen wohl denkbar, aber Mensch wie Übermensch ist in dem unendlichen Ablauf des rollenden Zeitenrades schon unendlich oft dagewesen und wird noch unendlich oft wiederkehren. »Und nun hat der religiöse Wille einer solchen Welt gegenüber Stellung zu nehmen von innen heraus. Da werden die eingangs erwähnten Möglichkeiten zu Wirklichkeiten. Denn wir stehen nun in der That vor einer bis auf's Mark entgotteten Welt. Und doch lehrt Nietzsche ihr gegenüber weder Gleichgültigkeit noch Verneinung. Ihm hat (nicht mein, nicht dein, nicht sein, sondern) das Leben den höchsten Werth. Daß die Kraft und Fülle in der Welt höher und höher steige, daß wir bewußt das thun, wozu unbewußt Alles drängt, das ist sein großes religiöses Bekenntniß. Amor fati , Liebe zum Unabwendbaren, ist die Formel dieser Losung. »Freilich durch Beweise kann man Niemandem die Anerkennung abringen, daß diese Lebensbejahung religiöses Verdienst, ihr Gegentheil religiöse Sünde sei; denn der Werth des Lebens wie aller Werth beruht auf individueller Willensentscheidung; und seine Anerkennung läßt sich nicht erzwingen wie die Anerkennung der Wirklichkeitsbeschaffenheit, in deren Beurtheilung die Menschen nur dort auseinandergehen, wo die Verwicklung des Gegenstandes den Erkenntnißapparat nicht frei sich entfalten läßt. Während der Intellekt aber, je klarer er sich auswirkt, um so mehr durch den Stoff gebundene und um so gleichartigere Ergebnisse erzeugt (und nur im Stadium der Unklarheit, in Irrthum und Ungewißheit, von Mensch zu Mensch verschiedene Resultate zeitigt), wird der Wille (der auf niederer Stufe in allen Subjekten ziemlich gleichgerichtet ist), je mehr er sich auf sich selbst besinnt, um so »freier« und von den Zielen anderer Wesen in seiner Richtung unabhängiger. Man kann also auch für die religiöse Weltbewerthung nicht allgemein gültige Vorschriften geben, sondern nur selbst mit dem Willen vorangehen und den Willen Anderer in derselben Richtung zu biegen suchen. »Und genau hier liegt der zweite beachtenswerthe Punkt in Nietzsche's Verhältniß zur Religion, der in die große Dimensionsfläche fällt, auf die allein wir hier Rücksicht nehmen. Nietzsche besaß die Begabung, auch den praktischen Schritt selbst zu vollziehen. Er entwickelte nicht nur gedanklich die Beschaffenheit des Weltgesetzes – von ihr sich ein Bild zu machen ist Vorbedingung für jede selbständige religiöse Stellungnahme –; er zergliederte nicht nur Wesen und Geltung unserer höchsten Werthungen im angegebenen Sinne, sondern er wurde auch, in unserer, nicht in seiner Sprache geredet, aus dem Philosophen zum Propheten. Die Gluthen, mit denen er sich selbst dem Weltganzen, wie er es sah, d. h. dem Leben in die Arme warf, die Beseligungen, die er dabei empfand, der unerbittliche Ernst und die in härtesten Leiden gestählte Unerschütterlichkeit, mit der er all sein Thun auf dieses Weltverhältniß einstellte, die niederschmetternde und zugleich emporreißende Wucht, mit der er in den Zarathustra-Predigten für seine Lehren warb, das alles legt Zeugniß dafür ab, daß wir in Nietzsche dem Gottesleugner einen hervorragend religiösen Typus, vielleicht den religiösen Typus unserer Zeit zu erblicken haben. »Und die Culturwirkung dieser Religiosität beginnt zu keimen. Unsere Zeit durchzieht ein religiöses Sehnen von wunderbarer Kraft; ein stilles aber heißes Verlangen, das erst in der jüngsten Zeit sich an die Oberfläche wagt. Freilich, die Behaglichen, die Abgenutzten, die gröbere und feinere Weltlichkeit, die verspüren von diesem Drange nichts. Aber wie vielen unter den innerlich führenden Geistern brennt diese Sehnsucht im Busen! Wo in der Wissenschaft, wo in der Kunst, wo im Leben die Ziele über die Augenblicksinteressen hinausgeworfen werden, da entdeckt man leicht den religiösen Funken, der nur des befreienden Windstoßes harrt, um sich zu entflammen; allen voran bei der Elite unserer deutschen Jugend, nicht der vergoldeten aber unserer goldenen Jugend. Doch diese Sehnsucht verzehrt sich bald selbst; denn ihr mangelt der Stoff, den sie verzehren kann. Nicht nur mit der Kirche, auch mit dem Inhalt des Christenthums, das diesen Namen verdient und nicht erborgt, hat die Mehrzahl der »freien Geister« gebrochen. Da bleibt ihnen für das religiöse Leben nichts mehr zurück; sie meinen mit der Ablehnung der positiven Religion die Religion überhaupt verloren zu haben. So entsteht auch unter den Besseren, mit denen allein wir es hier zu thun haben, oft eine religiöse Gleichgültigkeit, nicht aus Mangel an religiösem Bedürfniß, sondern an religiöser Befriedigung. In der Aufrüttlung dieses Indifferentismus, in der Entbindung jener schlummernden, religiösen Kräfte besteht die erste und größte Culturthat Friedrich Nietzsches. Er zeigte uns die Möglichkeit einer Religion ohne Cultus, ohne Kirche, ohne Christenthum, ohne Jenseits (im engeren Sinn), ohne Gott; er hat uns eine das diesseitige Leben bejahende Religion vorgetragen und vorgelebt. Und hat er auch die Sinnlosigkeit des Weltgeschehens übertrieben und die Fehler des Christenthums durch ein Vergrößerungsglas erblickt, so hat er doch gerade durch die Bewältigung der ungeheuren Spannung zwischen dem Glauben an eine entidealisirte Welt und der leidenschaftlichen Liebe zu dieser Welt, zwischen einer entschiedenen Verwerfung der positiven Religion und einem ebenso entschiedenen Bedürfniß nach religiöser Bethätigung es auch dem erklärtesten Freigeist ermöglicht, Religion zu haben und damit unserer hyperkritischen Zeit das gute Gewissen zur Religion zurückgegeben. »Und das ist nicht wenig, es ist sogar unendlich viel. Die religiöse Bethätigung ist die höchste Bethätigung des menschlichen Gemüthslebens, und da, wie immer mehr erhellt, das Gemüth, d. h. das Willens- und Gefühlsleben, den führenden Theil in unserem seelischen Dasein bedeutet, die höchste Funktion unseres geistigen Lebens überhaupt.« – Wie ich schon erwähnte, hatte der Sommer 1888 in Sils-Maria eine für meines Bruders Constitution sehr ungünstige Witterung gehabt. Die kurze schöne Zeit benutzte er zur Ausarbeitung der »Götzendämmerung«, und einige besonders leuchtende Engadin-Tage zur Umarbeitung der »Dionysos-Dithyramben«. Sie erhielten damals ihre endgültige Fassung, zuweilen auch einen neuen Namen: »Die Lieder Zarathustra's, die er sich selbst zusang, daß er seine letzte Einsamkeit ertrüge«. Aber in der zweiten Woche des September wurde das Wetter im Engadin wieder so schrecklich, daß ihn die Regenströme zunächst abhielten, überhaupt abzureisen. Endlich machte er sich eilig nach Turin auf, wo er am 22. September anlangte. Er war gerade noch durch das Gebiet der norditalienischen Seen durchgeschlüpft, ehe eine große Überschwemmung den Verkehr auf längere Zeit unterbrach. Von Turin schreibt er: » wunderbare Klarheit, Herbstfarben, ein exquisites Wohlgefühl auf allen Dingen!« In diesem gesteigerten Wohlgefühl ergreift ihn ein wahres Arbeitsfieber, er schreibt an der »Umwerthung aller Werthe« und beginnt seine persönlichen Erinnerungen aufzuschreiben: » Ecce homo , Wie man wird was man ist.« Er fängt die neue Schrift am 15. Oktober 1888 an, mit jener jubelnden Dankbarkeit gegen das Leben, die trotz aller Leiden, trotz aller schmerzlichen Erfahrungen der tiefste Grund seines ganzen Wesens war. Sein Geist ist in der höchsten Spannung, es kam wie eine Art Hellsichtigkeit über ihn, der Schleier fällt von seinen Augen: er sieht sich selbst, er sieht sein ganzes Leben, Werden, Wachsen mit wunderbarster Deutlichkeit, aber fast wie ein fremdes an sich vorüberziehn. Er sieht sich so, wie ihn vielleicht in Zukunft die Menschheit überhaupt sehen wird. Der Bogen ist auf's höchste gespannt! – Jetzt hätten treue Freunde wie Freiherr von Gersdorff und Peter Gast oder Freiherr und Freifrau von Seydlitz kommen müssen, um ihn aus diesem Arbeitsfieber durch Musik und heitere geistreiche Unterhaltung herauszureißen, um den Bogen langsam, langsam wieder abzuspannen. Vor Allem hätte er seinen armen Augen Ruhe gönnen müssen, die seit Anfang Mai viele Hunderte von ersten, zweiten, dritten Niederschriften und die Druckmanuskripte von drei Werken schreiben mußten, und dazu noch die Correkturen lesen, was er sehr sorgfältig that, da er bis zuletzt immer noch im Text änderte und verbesserte. Aber Niemand kam ihm zu helfen – keinem Freunde sagte eine innere Stimme, wie nöthig er dem Freunde sei, keine Ahnung beschlich das liebende Mutterherz, daß sie sich zu dem geliebten Sohn aufmachen müsse! So blieb er allein, und anstatt daß liebevoller Zuspruch und allerhand Bemühungen ihm Freude und Erleichterung verschafften, trafen ihn in seiner Einsamkeit Angriffe auf Angriffe, die gerade in diesem hochgesteigerten Zustand einer unglaublichen geistigen Produktivität furchtbar wirken mußten. Wenn er auch wie ein Held mit der äußersten Anspannung der Tapferkeit gegen all diese Erfahrungen und bitteren Angriffe, die ihn zu vernichten drohten, ankämpfte, so konnte er doch nur durch Schlafmittel (nicht Opium und Morphium, sondern Chloral und ein mir unbekanntes Mittel) die tiefe Erregung und die schwermüthigen Nächte der Schlaflosigkeit mildern. In dem Schlußband der Biographie »Das Leben Friedrich Nietzsche's« und in dem Buch »Der einsame Nietzsche« sind all die namenlos traurigen Vorgänge ausführlich geschildert. – In den letzten Tagen des Jahres 1888 traf meinem Bruder infolge der Überarbeitung und Überanstrengung seiner Augen, der stärksten Gemüthserregung und des Gebrauchs verderblicher Schlafmittel, ein Schlaganfall. Eine Gehirnlähmung machte ihn von da an zu allein weiteren Schaffen unfähig, bis ein erneuter Schlaganfall am 25. August 1900 mir diesen geliebtesten Bruder, der selbst noch während der Zeit seiner geistigen Lähmung von dem Zauber der Güte und der Erhabenheit umflossen war, für immer entriß. Weimar , September 1906. Elisabeth Förster-Nietzsche. Drittes Buch. Princip einer neuen Werthsetzung. (Fortsetzung) III. Der Wille zur Macht als Gesellschaft und Individuum. 1. Gesellschaft und Staat.   716. Grundsatz: nur Einzelne fühlen sich verantwortlich . Die Vielheiten sind erfunden, um Dinge zu thun, zu denen der Einzelne nicht den Muth hat. Eben deshalb sind alle Gemeinwesen, Gesellschaften hundertmal aufrichtiger und belehrender über das Wesen des Menschen, als das Individuum, welches zu schwach ist, um den Muth zu seinen Begierden zu haben... Der ganze »Altruismus« ergiebt sich als Privatmann-Klugheit : die Gesellschaften sind nicht »altruistisch« gegen einander ... Das Gebot der Nächstenliebe ist noch niemals zu einem Gebot der Nachbar-Liebe erweitert worden. Vielmehr gilt da noch, was bei Manu steht: »Alle uns angrenzenden Reiche, ebenso deren Verbündete, müssen wir als uns feindlich denken. Aus demselben Grunde hinwiederum müssen uns deren Nachbarn als uns freundlich gesinnt gelten.« Das Studium der Gesellschaft ist deshalb so unschätzbar, weil der Mensch als Gesellschaft viel naiver ist, als der Mensch als »Einheit«. Die »Gesellschaft« hat die Tugend nie anders angesehen, als als Mittel der Stärke, der Macht, der Ordnung. Wie einfältig und würdig sagt es Manu: »Aus eigner Kraft würde die Tugend sich schwerlich behaupten können. Im Grunde ist es nur die Furcht vor Strafe, was die Menschen in Schranken hält und Jeden im ruhigen Besitz des Seinen läßt.«   717. Der Staat oder die organisirte Unmoralität, – inwendig : als Polizei, Strafrecht, Stände, Handel, Familie; auswendig : als Wille zur Macht, zum Kriege, zur Eroberung, zur Rache. Wie wird es erreicht, daß eine große Menge Dinge thut, zu denen der Einzelne sich nie verstehen würde? – Durch Zertheilung der Verantwortlichkeit, des Befehlens und der Ausführung. Durch Zwischenlegung der Tugenden des Gehorsams, der Pflicht, der Vaterlands- und Fürstenliebe. Durch Ausrechterhaltung des Stolzes, der Strenge, der Stärke, des Hasses, der Rache, – kurz aller typischen Züge, welche dem Heerdentypus widersprechen .   718. Ihr habt alle nicht den Muth, einen Menschen zu tödten, oder auch nur zu peitschen, oder auch nur zu –, aber die ungeheure Maschine von Staat überwältigt den Einzelnen, sodaß er die Verantwortlichkeit für Das, was er thut, ablehnt (Gehorsam, Eid u. s. w.). – Alles, was ein Mensch im Dienste des Staates thut , geht wider seine Natur. – insgleichen Alles, was er in Hinsicht auf den zukünftigen Dienst im Staate lernt , geht wider seine Natur. Das wird erreicht durch die Arbeitstheilung (sodaß Niemand die ganze Verantwortlichkeit mehr hat): der Gesetzgeber – und Der, der das Gesetz ausführt; der Disciplin-Lehrer – und Die, welche in der Disciplin hart und streng geworden sind.   719. Eine Arbeitstheilung der Affekte innerhalb der Gesellschaft: sodaß die Einzelnen und die Stände die unvollständige , aber eben damit nützlichere Art von Seele heranzüchten. Inwiefern bei jedem Typus innerhalb der Gesellschaft einige Affekte fast rudimentär geworden sind (auf die stärkere Ausbildung eines andern Affekts hin). Zur Rechtfertigung der Moral : die ökonomische (die Absicht auf möglichste Ausnutzung von Individual-Kraft gegen die Verschwendung alles Ausnahmsweisen), die ästhetische (die Ausgestaltung fester Typen sammt der Lust am eignen Typus); die politische (als Kunst, die schweren Spannungsverhältnisse von verschiedenen Machtgraden auszuhalten); die psychologische (als imaginäres Übergewicht der Schätzung zu Gunsten Derer, die schlecht oder mittelmäßig weggekommen sind, – zur Erhaltung der Schwachen).   720. Das furchtbarste und gründlichste Verlangen des Menschen, sein Trieb nach Macht – man nennt diesen Trieb »Freiheit« – muß am längsten in Schranken gehalten werden. Deshalb ist die Ethik bisher, mit ihren unbewußten Erziehungs- und Züchtungs-Instinkten, darauf aus gewesen, das Macht-Gelüst in Schranken zu halten: sie verunglimpft das tyrannische Individuum und unterstreicht, mit ihrer Verherrlichung der Gemeindefürsorge und der Vaterlandsliebe, den Heerden-Machtinstinkt.   721. Das Unvermögen zur Macht: seine Hypokrisie und Klugheit: als Gehorsam (Einordnung, Pflicht-Stolz, Sittlichkeit ...); als Ergebung, Hingebung, Liebe (Idealisirung, Vergötterung des Befehlenden als Schadenersatz und indirekte Selbstverklärung); als Fatalismus, Resignation; als »Objektivität«; als Selbsttyrannisirung (Stoicismus, Askese, »Entselbstung«, »Heiligung«): als Kritik, Pessimismus, Entrüstung, Quälgeisterei, – als »schöne Seele«, »Tugend«, »Selbstvergötterung«, »Abseits«, »Reinheit von der Welt« u. s. w. (– die Einsicht in das Unvermögen zur Macht sich als dédain verkleidend). Überall drückt sich das Bedürfniß aus, irgend eine Macht doch noch auszuüben, oder sich selbst den Anschein von Macht zeitweilig zu schaffen – als Rausch . Die Menschen, welche die Macht wollen um der Glücks-Vortheile willen, die die Macht gewährt: politische Parteien. Andre Menschen, welche die Macht wollen, selbst mit sichtbaren Nachtheilen und Opfern an Glück und Wohlbefinden: die Ambitiosen. Andre Menschen, welche die Macht wollen, bloß weil sie sonst in andre Hände fiele, von denen sie nicht abhängig sein wollen.   722. Kritik der »Gerechtigkeit« und »Gleichheit vor dem Gesetz«: was eigentlich damit weggeschafft werden soll? Die Spannung, die Feindschaft, der Haß. – Wer ein Irrthum ist es, daß dergestalt »das Glück« gemehrt wird: die Corsen z. B. genießen mehr Glück, als die Kontinentalen.   723. Die Gegenseitigkeit , die Hinterabsicht auf Bezahlt-werden-wollen: eine der verfänglichsten Formen der Werth-Erniedrigung des Menschen. Sie bringt jene »Gleichheit« mit sich, welche die Kluft der Distanz als unmoralisch abwerthet ...   724. Was »nützlich« heißt, ist ganz und gar abhängig von der Absicht , dem Wozu?; die Absicht, das »Ziel« wieder ist ganz und gar abhängig vom Grad der Macht. Deshalb ist »Utilitarismus keine Grundlage, sondern nur eine Folgen -Lehre und absolut zu keiner Verbindlichkeit für Alle zu bringen.   725. Einstmals hatte man die Theorie vom Staat als einer berechnenden Nützlichkeit: jetzt hat man die Praxis dazu ! – Die Zeit der Könige ist vorbei, weil die Völker ihrer nicht mehr würdig sind: sie wollen nicht das Urbild ihres Ideals im Könige sehn, sondern ein Mittel ihres Nutzens. – Das ist die ganze Wahrheit!   726. Versuch meinerseits, die absolute Vernünftigkeit des gesellschaftlichen Urtheilens und Werthschätzens zu begreifen (natürlich frei von dem Willen, dabei moralische Resultate herauszurechnen). : den Grad von psychologischer Falschheit und Undurchsichtigkeit, um die zur Erhaltung und Machtsteigerung wesentlichen Affekte zu heiligen (um sich für sie das gute Gewissen zu schaffen). : den Grad von Dummheit , damit eine gemeinsame Regulirung und Werthung möglich bleibt (dazu Erziehung, Überwachung der Bildungselemente, Dressur). : den Grad von Inquisition, Mißtrauen und Unduldsamkeit , um die Ausnahmen als Verbrecher zu behandeln und zu unterdrücken, – um ihnen selbst das schlechte Gewissen zu geben, sodaß diese innerlich an ihrer Ausnahmehaftigkeit krank sind.   727. Moral wesentlich als Wehr , als Vertheidigungsmittel; insofern ein Zeichen des unausgewachsenen Menschen (verpanzert; stoisch). Der ausgewachsene Mensch hat vor Allem Waffen : er ist angreifend . Kriegswerkzeuge zu Friedenswerkzeugen umgewandelt (aus Schuppen und Platten Federn und Haare).   728. Es gehört zum Begriff des Lebendigen, daß es wachsen muß, – daß es seine Macht erweitern und folglich fremde Kräfte in sich hineinnehmen muß. Man redet, unter der Benebelung durch die Moral-Narkose, von einem Recht des Individuums, sich zu vertheidigen ; im gleichen Sinne dürfte man auch von seinem Rechte anzugreifen reden: denn Beides – und das Zweite noch mehr als das Erste – sind Necessitäten für jedes Lebendige: – der aggressive und der defensive Egoismus sind nicht Sache der Wahl oder gar des «freien Willens«, sondern die Fatalität des Lebens selbst. Hierbei gilt es gleich, ob man ein Individuum oder einen lebendigen Körper, eine aufwärtsstrebende »Gesellschaft« in's Auge faßt. Das Recht zur Strafe (oder die gesellschaftliche Selbstvertheidigung) ist im Grunde nur durch einen Mißbrauch zum Worte »Recht« gelangt: ein Recht wird durch Verträge erworben, – aber das Sich-wehren und Sich-vertheidigen ruht nicht auf der Basis eines Vertrags. Wenigstens dürfte ein Volk mit ebensoviel gutem Sinn sein Eroberungsbedürfniß, sein Machtgelüst, sei es mit Waffen, sei es durch Handel, Verkehr und Colonisation, als Recht bezeichnen, – Wachsthums-Recht etwa. Eine Gesellschaft, die, endgültig und ihrem Instinkt nach, den Krieg und die Eroberung abweist, ist im Niedergang: sie ist reif für Demokratie und Krämerregiment ... In den meisten Fällen freilich sind die Friedensversicherungen bloße Betäubungsmittel.   729. Die Aufrechterhaltung des Militär-Staates ist das allerletzte Mittel, die große Tradition sei es aufzunehmen, sei es festzuhalten hinsichtlich des obersten Typus Mensch, des starken Typus . Und alle Begriffe , die die Feindschaft und Rangdistanz der Staaten verewigen, dürfen daraufhin sanktionirt erscheinen (z.B. Nationalismus, Schutzzoll).   730. Damit Etwas bestehn soll, das länger ist als ein Einzelner, damit also ein Werk bestehn bleibt, das vielleicht ein Einzelner geschaffen hat: dazu muß dem Einzelnen alle mögliche Art von Beschränkung, von Einseitigkeit u.s.w. auferlegt werden. Mit welchem Mittel? Die Liebe, Verehrung, Dankbarkeit gegen die Person, die das Werk schuf, ist eine Erleichterung: oder daß unsere Vorfahren es erkämpft haben: oder daß meine Nachkommen nur so garantirt sind, wenn ich jenes Werk (z.B. die πόλις) garantire. Moral ist wesentlich das Mittel, über die Einzelnen hinweg, oder vielmehr durch eine Versklavung der Einzelnen Etwas zur Dauer zu bringen. Es versteht sich, daß die Perspektive von Unten nach Oben ganz andere Ausdrücke geben wird, als die von Oben nach Unten. Ein Macht-Complex: wie wird er erhalten ? Dadurch, daß viele Geschlechter ihm sich opfern.   731. Das Continuum : »Ehe, Eigenthum, Sprache, Tradition, Stamm, Familie, Volk, Staat« sind Continuen niederer und höherer Ordnung. Die Ökonomik derselben besteht in dem Überschusse der Vortheile der ununterbrochenen Arbeit, sowie der Vervielfachung über die Nachtheile : die größeren Kosten der Auswechslung der Theile oder der Dauerbarmachung derselben. (Vervielfältigung der wirkenden Theile, welche doch vielfach unbeschäftigt bleiben, also größere Anschaffungskosten und nicht unbedeutende Kosten der Erhaltung.) Der Vortheil besteht darin, daß die Unterbrechungen vermieden und die aus ihnen entspringenden Verluste gespart werden. Nichts ist kostspieliger als ein Anfang . »Je größer die Daseinsvortheile, desto größer auch die Erhaltungs- und Schaffungskosten (Nahrung und Fortpflanzung); desto größer auch die Gefahren und die Wahrscheinlichkeit, vor der erreichten Höhe zu Grunde zu gehen.«   732. Bei den Ehen im bürgerlichen Sinne des Wortes, wohlverstanden im achtbarsten Sinne des Wortes »Ehe«, handelt es sich ganz und gar nicht um Liebe, ebenso wenig als es sich dabei um Geld handelt – aus der Liebe läßt sich keine Institution machen –: sondern um die gesellschaftliche Erlaubniß, die zwei Personen zur Geschlechtsbefriedigung an einander ertheilt wird, unter Bedingungen, wie sich von selbst versteht, aber solchen, welche das Interesse der Gesellschaft im Auge haben. Daß einiges Wohlgefallen der Betheiligten und sehr viel guter Wille – Wille zur Geduld, Verträglichkeit, Fürsorge für einander – zu den Voraussetzungen eines solchen Vertrags gehören wird, liegt auf der Hand; aber das Wort Liebe sollte man dafür nicht mißbrauchen! Für zwei Liebende im ganzen und starken Sinn des Wortes ist eben die Geschlechtsbefriedigung nichts Wesentliches und eigentlich nur ein Symbol: für den einen Theil, wie gesagt, Symbol der unbedingten Unterwerfung, für den andern Symbol der Zustimmung zu ihr, Zeichen der Besitzergreifung. – Bei der Ehe im adeligen, altadeligen Sinne des Wortes handelte es sich um Züchtung einer Rasse (giebt es heute noch Adel? Quaeritur ), – also um Aufrechterhaltung eines festen, bestimmten Typus herrschender Menschen: diesem Gesichtspunkt wurde Mann und Weib geopfert. Es versteht sich, daß hierbei nicht Liebe das erste Erforderniß war, im Gegentheil! und noch nicht einmal jenes Maaß von gutem Willen für einander, welches die gute bürgerliche Ehe bedingt. Das Interesse eines Geschlechts zunächst entschied, und über ihm – der Stand. Wir würden vor der Kälte, Strenge und rechnenden Klarheit eines solchen vornehmen Ehe-Begriffs, wie er bei jeder gesunden Aristokratie geherrscht hat, im alten Athen wie noch im Europa des 18. Jahrhunderts, ein wenig frösteln, wir warmblütigen Thiere mit kitzlichem Herzen, wir »Modernen«! Eben deshalb ist die Liebe als Passion – nach dem großen Verstande des Wortes – für die aristokratische Welt erfunden worden und in ihr: da, wo der Zwang, die Entbehrung eben am größten waren...   733. Zur Zukunft der Ehe: – eine Steuer-Mehrbelastung (bei Erbschaften), auch Kriegsdienst-Mehrbelastung der Junggesellen von einem bestimmten Alter an und anwachsend (innerhalb der Gemeinde); Vortheile aller Art für Väter, welche reichlich Knaben in die Welt setzen: unter Umständen eine Mehrheit von Stimmen; ein ärztliches Protokoll , jeder Ehe vorangehend und von den Gemeinde-Vorständen unterzeichnet: worin mehrere bestimmte Fragen seitens der Verlobten und der Ärzte beantwortet sein müssen (»Familien-Geschichte« –); als Gegenmittel gegen die Prostitution (oder als deren Veredelung): Ehen auf Frist, legalisirt (auf Jahre, auf Monate), mit Garantie für die Kinder; jede Ehe verantwortet und befürwortet durch eine bestimmte Anzahl Vertrauensmänner einer Gemeinde: als Gemeinde-Angelegenheit.   734. Auch ein Gebot der Menschenliebe .– Es giebt Fälle, wo ein Kind ein Verbrechen sein würde: bei chronisch Kranken und Neurasthenikern dritten Grades. Was hat man da zu thun? – Solche zur Keuschheit ermuthigen, etwa mit Hülfe von Parsifal-Musik, mag immerhin versucht werden: Parsifal selbst, dieser typische Idiot, hatte nur zu viel Gründe, sich nicht fortzupflanzen. Der Übelstand ist, daß eine gewisse Unfähigkeit, sich zu »beherrschen« (– auf Reize, auf noch so kleine Geschlechtsreize nicht zu reagiren) gerade zu den regelmäßigsten Folgen der Gesammt-Erschöpfung gehört. Man würde sich verrechnen, wenn man sich zum Beispiel einen Leopardi als keusch vorstellte. Der Priester, der Moralist spielen da ein verlorenes Spiel; besser thut man noch, in die Apotheke zu schicken. Zuletzt hat hier die Gesellschaft eine Pflicht zu erfüllen: es giebt wenige dergestalt dringliche und grundsätzliche Forderungen an sie. Die Gesellschaft, als Großmandatar des Lebens, hat jedes verfehlte Leben vor dem Leben selber zu verantworten, – sie hat es auch zu büßen: folglich soll sie es verhindern. Die Gesellschaft soll in zahlreichen Fällen der Zeugung vorbeugen: sie darf hierzu, ohne Rücksicht auf Herkunft, Rang und Geist, die härtesten Zwangs-Maßregeln, Freiheitsentziehungen, unter Umständen Castrationen in Bereitschaft halten. – Das Bibel-Verbot »du sollst nicht tödten!« ist eine Naivetät im Vergleich zum Ernst des Lebens-Verbots an die décadents : »ihr sollt nicht zeugen!«... Das Leben selbst erkennt keine Solidarität, kein »gleiches Recht« zwischen gesunden und entartenden Theilen eines Organismus an: letztere muß man ausschneiden – oder das Ganze geht zu Grunde. – Mitleiden mit den décadents , gleiche Rechte auch für die Mißrathenen – das wäre die tiefste Unmoralität, das wäre die Widernatur selbst als Moral!   735. Es giebt zart und kränklich angelegte Naturen, sogenannte Idealisten, die es nicht höher treiben können als bis zu einem Verbrechen, cru, vert : es ist die große Rechtfertigung ihres kleinen und blassen Daseins, eine Abzahlung für eine lange Feigheit und Verlogenheit, ein Augenblick wenigstens von Stärke: hinterdrein gehen sie daran zu Grunde.   736. Wir lernen in unsrer civilisirten Welt fast nur den verkümmerten Verbrecher kennen, erdrückt unter dem Fluch und der Verachtung der Gesellschaft, sich selbst mißtrauend, oftmals seine That verkleinernd und verleumdend, einen mißglückten Typus von Verbrecher ; und wir widerstreben der Vorstellung, daß alle großen Menschen Verbrecher waren (nur im großen Stile und nicht im erbärmlichen), daß das Verbrechen zur Größe gehört (– so nämlich geredet aus dem Bewußtsein der Nierenprüfer und aller Derer, die am tiefsten in große Seelen hinuntergestiegen sind –). Die »Vogelfreiheit« von dem Herkommen, dem Gewissen, der Pflicht – jeder große Mensch kennt diese seine Gefahr. Aber er will sie auch: er will das große Ziel und darum auch dessen Mittel.   737. Die Zeiten, wo man mit Lohn und Strafe den Menschen lenkt , haben eine niedere, noch primitive Art Mensch im Auge: das ist wie bei Kindern ... Inmitten unsrer späten Cultur ist die Fatalität und die Degenerescenz Etwas, das vollkommen den Sinn von Lohn und Strafe aufhebt ... Es setzt junge, starke, kräftige Rassen voraus, dieses wirkliche Bestimmen der Handlung durch Lohn- und Straf-Aussicht. In alten Rassen sind die Impulse so unwiderstehlich , daß eine bloße Vorstellung ganz ohnmächtig ist; – nicht Widerstand leisten können, wo ein Reiz gegeben ist, sondern ihm folgen müssen : diese extreme Irritabilität der décadents macht solche Straf- und Besserungs -Systeme vollkommen sinnlos. * Der Begriff »Besserung« ruht auf der Voraussetzung eines normalen und starken Menschen, dessen Einzel-Handlung irgendwie wieder ausgeglichen werden soll, um ihn nicht für die Gemeinde zu verlieren , um ihn nicht als Feind zu haben.   738. Wirkung des Verbots . – Jede Macht, die verbietet, die Furcht zu erregen weiß bei Dem, dem Etwas verboten wird, erzeugt das »schlechte Gewissen« (das heißt die Begierde nach Etwas mit dem Bewußtsein der Gefährlichkeit ihrer Befriedigung, mit der Nöthigung zur Heimlichkeit, zum Schleichweg, zur Vorsicht). Jedes Verbot verschlechtert den Charakter bei Denen, die sich ihm nicht willentlich unterwerfen, sondern nur gezwungen.   739. »Lohn und Strafe«. – Das lebt miteinander, das verfällt miteinander. Heute will man nicht belohnt sein, man will Niemanden anerkennen , der straft... Man hat den Kriegsfuß hergestellt: man will Etwas, man hat Gegner dabei, man erreicht es vielleicht am vernünftigsten, wenn man sich verträgt , – wenn man einen Vertrag macht. Eine moderne Gesellschaft, bei der jeder Einzelne seinen »Vertrag« gemacht hat: – der Verbrecher ist ein Vertragsbrüchiger ... Das wäre ein klarer Begriff. Aber dann könnte man nicht Anarchisten und principielle Gegner einer Gesellschaftsform innerhalb derselben dulden...   740. Das Verbrechen gehört unter den Begriff »Aufstand wider die gesellschaftliche Ordnung«. Man »bestraft « einen Aufständischen nicht: man unterdrückt ihn. Ein Aufständischer kann ein erbärmlicher und verächtlicher Mensch sein: an sich ist an einem Aufstande Nichts zu verachten, – und in Hinsicht auf unsere Art Gesellschaft aufständisch zu sein, erniedrigt an sich noch nicht den Werth eines Menschen. Es giebt Fälle, wo man einen solchen Aufständischen darum selbst zu ehren hätte, weil er an unsrer Gesellschaft Etwas empfindet, gegen das der Krieg noth thut: – wo er uns aus dem Schlummer weckt. Damit, daß der Verbrecher etwas Einzelnes thut an einem Einzelnen, ist nicht widerlegt, daß sein ganzer Instinkt gegen die ganze Ordnung im Kriegszustande ist: die That als bloßes Symptom. Man soll den Begriff »Strafe« reduciren auf den Begriff: Niederwerfung eines Aufstandes, Sicherheitsmaaßregel gegen den Niedergeworfenen (ganze oder halbe Gefangenschaft). Aber man soll nicht Verachtung durch die Strafe ausdrücken: ein Verbrecher ist jedenfalls ein Mensch, der sein Leben, seine Ehre, seine Freiheit riskirt, – ein Mann des Muths. Man soll insgleichen nicht die Strafe als Buße nehmen; oder als eine Abzahlung, wie als ob es ein Tauschverhältniß gebe zwischen Schuld und Strafe, – die Strafe reinigt nicht, denn das Verbrechen beschmutzt nicht. Man soll dem Verbrecher die Möglichkeit nicht abschließen, seinen Frieden mit der Gesellschaft zu machen: gesetzt, daß er nicht zur Rasse des Verbrecherthums gehört. In letzterm Falle soll man ihm den Krieg machen, noch bevor er etwas Feindseliges gethan hat (erste Operation, sobald man ihn in der Gewalt hat: ihn castriren). Man soll dem Verbrecher nicht seine schlechten Manieren, noch den niedrigen Stand seiner Intelligenz zum Nachtheil anrechnen. Nichts ist gewöhnlicher, als daß er sich selbst mißversteht (namentlich ist sein revoltirter Instinkt, die Rancune des déclassé oft nicht sich zum Bewußtsein gelangt, faute de lecture ), daß er unter dem Eindruck der Furcht, des Mißerfolgs seine That verleumdet und verunehrt: von jenen Fällen noch ganz abgesehen, wo, psychologisch nachgerechnet, der Verbrecher einem unverstandnen Triebe nachgiebt und seiner That durch eine Nebenhandlung ein falsches Motiv unterschiebt (etwa durch eine Beraubung, während es ihm am Blute lag). Man soll sich hüten, den Werth eines Menschen nach einer einzelnen That zu behandeln. Davor hat Napoleon gewarnt. Namentlich sind die Hautrelief-Thaten ganz besonders insignificant. Wenn Unsereiner kein Verbrechen, z.B. keinen Mord auf dem Gewissen hat – woran liegt es? Daß uns ein paar begünstigende Umstände dafür gefehlt haben. Und thäten wir es, was wäre damit an unserm Werthe bezeichnet? An sich würde man uns verachten, wenn man uns nicht die Kraft zutraute, unter Umständen einen Menschen zu tödten. Fast in allen Verbrechen drücken sich zugleich Eigenschaften aus, welche an einem Manne nicht fehlen sollen. Nicht mit Unrecht hat Dostoiewsky von den Insassen jener sibirischen Zuchthäuser gesagt, sie bildeten den stärksten und werthvollsten Bestandtheil des russischen Volkes. Wenn bei uns der Verbrecher eine schlecht ernährte und verkümmerte Pflanze ist, so gereicht dies unseren gesellschaftlichen Verhältnissen zur Unehre; in der Zeit der Renaissance gedieh der Verbrecher und erwarb sich seine eigne Art von Tugend, – Tugend im Renaissancestile freilich, virtù , moralinfreie Tugend. Man vermag nur solche Menschen in die Höhe zu bringen, die man nicht mit Verachtung behandelt; die moralische Verachtung ist eine größere Entwürdigung und Schädigung, als irgend ein Verbrechen.   741. Das Beschimpfende ist erst so in die Strafe gekommen, daß gewisse Bußen an verächtliche Menschen (Sklaven z.B.) geknüpft wurden. Die, welche am meisten bestraft wurden, waren verächtliche Menschen, und schließlich lag im Strafen etwas Beschimpfendes.   742. Im alten Strafrecht war ein religiöser Begriff mächtig: der der sühnenden Kraft der Strafe. Die Strafe reinigt: in der modernen Welt befleckt sie. Die Strafe ist eine Abzahlung: man ist wirklich Das los , für was man so viel hat leiden wollen . Gesetzt, daß an diese Kraft der Strafe geglaubt wird, so giebt es hinterdrein eine Erleichterung und ein Aufathmen , das wirklich einer neuen Gesundheit, einer Wiederherstellung nahe kommt. Man hat nicht nur seinen Frieden wieder mit der Gesellschaft gemacht, man ist vor sich selbst auch wieder achtungswürdig geworden, – »rein«... Heute isolirt die Strafe noch mehr als das Vergehen; das Verhängniß hinter einem Vergehen ist dergestalt gewachsen, daß es unheilbar geworden ist. Man kommt als Feind der Gesellschaft aus der Strafe heraus. Von jetzt ab giebt es einen Feind mehr. Das jus talionis kann dictirt sein durch den Geist der Vergeltung (d. h. durch eine Art Mäßigung des Rache-Instinktes); aber bei Manu z.B. ist es das Bedürfniß, ein Äquivalent zu haben, um zu sühnen , um religiös wieder »frei« zu sein.   743. Mein leidlich radikales Fragezeichen bei allen neueren Straf-Gesetzgebungen ist dieses: daß die Strafen proportional wehe thun sollen gemäß der Größe des Verbrechens – und so wollt ihr's ja alle im Grunde! – nun, so müßten sie jedem Verbrecher proportional seiner Empfindlichkeit für Schmerz zugemessen werden: – das heißt, es dürfte eine vorherige Bestimmung der Strafe für ein Vergehn, es dürfte einen Strafcodex, gar nicht geben ? Aber in Anbetracht, daß es nicht leicht gelingen möchte, bei einem Verbrecher die Grad-Scala seiner Lust und Unlust festzustellen, so würde man in praxi wohl auf das Strafen verzichten müssen? Welche Einbuße! Nicht wahr? Folglich – –   744. Ja die Philosophie des Rechts! Das ist eine Wissenschaft, welche wie alle moralische Wissenschaft noch nicht einmal in der Windel liegt! Man verkennt z.B. immer noch, auch unter frei sich dünkenden Juristen, die älteste und werthvollste Bedeutung der Strafe – man kennt sie gar nicht: und solange die Rechtswissenschaft sich nicht auf einen neuen Boden stellt, nämlich auf die Historien- und die Völker-Vergleichung, wird es bei dem unnützen Kampfe von grundfalschen Abstraktionen verbleiben, welche heute sich als »Philosophie des Rechts« vorstellen und die sämmtlich vom gegenwärtigen Menschen abgezogen sind. Dieser gegenwärtige Mensch ist aber ein so verwickeltes Geflecht, auch in Bezug auf seine rechtlichen Werthschätzungen, daß er die verschiedensten Ausdeutungen erlaubt.   745. Ein alter Chinese sagte, er habe gehört, wenn Reiche zu Grunde gehn sollen, so hätten sie viele Gesetze.   746. Schopenhauer wünscht, daß man die Schurken castrirt und die Gänse in's Kloster sperrt: von welchem Gesichtspunkte aus könnte das wünschbar sein? Der Schurke hat Das vor vielen Menschen voraus, daß er nicht mittelmäßig ist; und der Dumme Das vor uns , daß er nicht am Anblick der Mittelmäßigkeit leidet. Wünschbarer wäre es, daß die Kluft größer würde, also die Schurkerei und die Dummheit wüchse. Dergestalt erweiterte sich die menschliche Natur... Aber zuletzt ist eben Das auch das Nothwendige; es geschieht und wartet nicht darauf, ob wir es wünschen oder nicht. Die Dummheit, die Schurkerei wachsen: das gehört zum »Fortschritt«.   747. Es ist heute in der Gesellschaft eine große Menge von Rücksicht, von Takt und Schonung, von gutwilligem Stehenbleiben vor fremden Rechten, selbst vor fremden Ansprüchen verbreitet; mehr noch gilt eine gewisse wohlwollende Instinkt-Abschätzung des menschlichen Werthes überhaupt, welche sich im Vertrauen und Credit jeder Art zu erkennen giebt; die Achtung vor den Menschen – und zwar ganz und gar nicht bloß vor den tugendhaften Menschen – ist vielleicht das Element, welches uns am stärksten von einer christlichen Werthung abtrennt. Wir haben ein gut Theil Ironie, wenn wir noch Moral predigen hören; man erniedrigt sich in unsern Augen und wird scherzhaft, falls man Moral predigt. Diese moralistische Liberalität gehört zu den besten Zeichen unsrer Zeit. Finden wir Fälle, wo sie entschieden fehlt, so muthet uns das wie Krankheit an (der Fall Carlyle in England, der Fall Ibsen in Norwegen, der Fall des Schopenhauer'schen Pessimismus in ganz Europa). Wenn irgend Etwas mit unsrer Zeit versöhnt, so ist es das große Quantum Immoralität , welches sie sich gestattet, ohne darum von sich geringer zu denken. Im Gegentheil! Was macht denn die Überlegenheit der Cultur gegen die Uncultur aus? der Renaissance z. B. gegen das Mittelalter? – Immer nur Eins: das große Quantum zugestandener Immoralität. Daraus folgt, mit Notwendigkeit, als was alle Höhen der menschlichen Entwicklung sich dem Auge der Moral-Fanatiker darstellen müssen: als non plus ultra der Corruption (– man denke an Savonarola's Urtheil über Florenz, an Plato's Urtheil über das Perikleische Athen, an Luther's Urtheil über Rom, an Rousseau's Urtheil über die Gesellschaft Voltaire's, an das deutsche Urtheil contra Goethe).   748. Ein wenig reine Luft! Dieser absurde Zustand Europa's soll nicht mehr lange dauern! Giebt es irgend einen Gedanken hinter diesem Hornvieh-Nationalismus? Welchen Werth könnte es haben, jetzt, wo Alles auf größere und gemeinsame Interessen hinweist, diese ruppigen Selbstgefühle aufzustacheln? Und das in einem Zustande, wo die geistige Unselbständigkeit und Entnationalisirung in die Augen springt und in einem gegenseitigen Sich-Verschmelzen und -Befruchten der eigentliche Werth und Sinn der jetzigen Cultur liegt!... Und das »neue Reich«, wieder auf den verbrauchtesten und bestverachteten Gedanken gegründet: die Gleichheit der Rechte und der Stimmen. Das Ringen um einen Vorrang innerhalb eines Zustandes, der nichts taugt; diese Cultur der Großstädte, der Zeitungen, des Fiebers und der »Zwecklosigkeit« –! Die wirthschaftliche Einigung Europa's kommt mit Notwendigkeit – und ebenso, als Reaktion, die Friedenspartei ... Eine Partei des Friedens , ohne Sentimentalität, welche sich und ihren Kindern verbietet, Krieg zu führen; verbietet, sich der Gerichte zu bedienen; welche den Kampf, den Widerspruch, die Verfolgung gegen sich heraufbeschwört: eine Partei der Unterdrückten, wenigstens für eine Zeit; alsbald die große Partei. Gegnerisch gegen die Rach - und Nachgefühle . Eine Kriegspartei , mit der gleichen Grundsätzlichkeit und Strenge gegen sich, in umgekehrter Richtung vorgehend –.   749. Die europäischen Fürsten sollten sich in der That besinnen, ob sie unsrer Unterstützung entbehren können. Wir Immoralisten – wir sind heute die einzige Macht, die keine Bundesgenossen braucht, um zum Siege zu kommen: damit sind wir bei Weitem die Stärksten unter den Starken. Wir bedürfen nicht einmal der Lüge: welche Macht könnte sonst ihrer entrathen? Eine starke Verführung kämpft für uns, die stärkste vielleicht, die es giebt –: die Verführung der Wahrheit... Der »Wahrheit«? Wer legt das Wort mir in den Mund? Aber ich nehme es wieder heraus: aber ich verschmähe das stolze Wort: nein, wir haben auch sie nicht nöthig, wir würden auch noch ohne die Wahrheit zur Macht und zum Siege kommen. Der Zauber, der für uns kämpft, das Auge der Venus, das unsere Gegner selbst bestrickt und blind macht, das ist die Magie des Extrems , die Verführung, die alles Äußerste übt: wir Immoralisten – wir sind die Äußersten ...   750. Die verfaulten herrschenden Stände haben das Bild des Herrschenden verdorben. Der »Staat«, als Gericht übend, ist eine Feigheit, weil der große Mensch fehlt, an dem gemessen werden kann. Zuletzt wird die Unsicherheit so groß, daß die Menschen vor jeder Willenskraft, die befiehlt, in den Staub fallen.   751. »Der Wille zur Macht« wird in demokratischen Zeitaltern dermaaßen gehaßt, daß deren ganze Psychologie auf seine Verkleinerung und Verleumdung gerichtet scheint. Der Typus des großen Ehrgeizigen: das soll Napoleon sein! Und Cäsar! Und Alexander! – Als ob das nicht gerade die größten Verächter der Ehre waren! Und Helvétius entwickelt uns, daß man nach Macht strebt, um die Genüsse zu haben, welche dem Mächtigen zu Gebote stehn: – er versteht dieses Streben nach Macht als Willen zum Genuß! als Hedonismus!   752. Je nachdem ein Volk fühlt: »bei den Wenigen ist das Recht, die Einsicht, die Gabe der Führung u. s. w.« oder »bei den Vielen« – giebt es ein oligarchisches Regiment oder ein demokratisches . Das Königthum repräsentirt den Glauben an Einen ganz Überlegenen, einen Führer, Retter, Halbgott. Die Aristokratie repräsentirt den Glauben an eine Elite-Menschheit und höhere Kaste. Die Demokratie repräsentirt den Unglauben an große Menschen und an Elite-Gesellschaft: »Jeder ist Jedem gleich«. »Im Grunde sind wir allesammt eigennütziges Vieh und Pöbel.«   753. Ich bin abgeneigt 1) dem Socialismus, weil er ganz naiv vom »Guten, Wahren, Schönen« und von »gleichen Rechten« träumt (– auch der Anarchismus will, nur auf brutalere Weise, das gleiche Ideal); 2) dem Parlamentarismus und Zeitungswesen, weil das die Mittel sind, wodurch das Heerdenthier sich zum Herrn macht.   754. Die Bewaffnung des Volkes – ist schließlich die Bewaffnung des Pöbels.   755. Wie mir die Socialisten lächerlich sind, mit ihrem albernen Optimismus vom »guten Menschen«, der hinter dem Busche wartet, wenn man nur erst die bisherige »Ordnung« abgeschafft hat und alle »natürlichen Triebe« losläßt. Und die Gegenpartei ist ebenso lächerlich, weil sie die Gewaltthat in dem Gesetz, die Härte und den Egoismus in jeder Art Autorität nicht zugesteht. »›Ich und meine Art‹ will herrschen und übrigbleiben: wer entartet, wird ausgestoßen oder vernichtet« – ist Grundgefühl jeder alten Gesetzgebung. Man haßt die Vorstellung einer höheren Art Menschen mehr als die Monarchen. Anti-aristokratisch: das nimmt den Monarchenhaß nur als Maske –   756. Wie verrätherisch sind alle Parteien! – sie bringen Etwas von ihren Führern an's Licht, das von ihnen vielleicht mit großer Kunst unter den Scheffel gestellt ist.   757. Der moderne Socialismus will die weltliche Nebenform des Jesuitismus schaffen: Jeder absolutes Werkzeug. Aber der Zweck, das Wozu? ist nicht aufgefunden bisher.   758. Die Sklaverei in der Gegenwart : eine Barbarei! Wo sind Die, für welche sie arbeiten? Man muß nicht immer Gleichzeitigkeit der beiden sich complementirenden Kasten erwarten. Der Nutzen und das Vergnügen sind Sklaven-Theorien vom Leben: der »Segen der Arbeit« ist eine Verherrlichung ihrer selber. – Unfähigkeit zum otium ,   759. Man hat kein Recht weder auf Dasein, noch auf Arbeit, noch gar auf »Glück«: es steht mit dem einzelnen Menschen nicht anders, als mit dem niedrigsten Wurm.   760. Über die Massen müssen wir so rücksichtslos denken wie die Natur: sie erhalten die Art.   761. Auf die Noth der Massen sehen mit ironischer Wehmuth: sie wollen Etwas, das wir können – ah!   762. Die europäische Demokratie ist zum kleinsten Theil eine Entfesselung von Kräften. Vor Allem ist sie eine Entfesselung von Faulheiten, von Müdigkeiten, von Schwächen.   763. Aus der Zukunft des Arbeiters . – Arbeiter sollten wie Soldaten empfinden lernen. Ein Honorar, ein Gehalt, aber leine Bezahlung! Kein Verhältniß zwischen Abzahlung und Leistung ! Sondern das Individuum, je nach seiner Art , so stellen, daß es das Höchste leisten kann, was in seinem Bereich liegt.   764. Die Arbeiter sollen einmal leben wie jetzt die Bürger; – aber über ihnen, sich durch Bedürfnißlosigkeit auszeichnend, die höhere Kaste: also ärmer und einfacher, doch im Besitz der Macht. Für die niederen Menschen gelten die umgelehrten Wertschätzungen; es kommt darauf an, in sie die »Tugenden« zu pflanzen. Die absoluten Befehle; furchtbare Zwingmeister; sie dem leichten Leben entreißen. Die übrigen dürfen gehorchen : und ihre Eitelkeit verlangt, daß sie nicht abhängig von großen Menschen, sondern von »Principien« erscheinen.   765. »Die Erlösung von aller Schuld.« Man spricht von der »tiefen Ungerechtigkeit« des socialen Pacts: wie als ob die Thatsache, daß Dieser unter günstigen, Jener unter ungünstigen Verhältnissen geboren wird, von vornherein eine Ungerechtigkeit sei; oder gar schon, daß Dieser mit diesen Eigenschaften, Jener mit jenen geboren wird. Von Seiten der Aufrichtigsten unter diesen Gegnern der Gesellschaft wird decretirt: »wir selber sind mit allen unseren schlechten, krankhaften, verbrecherischen Eigenschaften, die wir eingestehen, nur die unvermeidlichen Folgen einer seculären Unterdrückung der Schwachen durch die Starken«; sie schieben ihren Charakter den herrschenden Ständen in's Gewissen. Und man droht, man zürnt, man verflucht; man wird tugendhaft vor Entrüstung, –, man will nicht umsonst ein schlechter Mensch, eine Canaille geworden sein. Diese Attitüde, eine Erfindung unsrer letzten Jahrzehnte, heißt sich, soviel ich höre, auch Pessimismus, und zwar Entrüstungs-Pessimismus. Hier wird der Anspruch gemacht, die Geschichte zu richten, sie ihrer Fatalität zu entkleiden, eine Verantwortlichkeit hinter ihr, Schuldige in ihr zu finden. Denn darum handelt es sich: man braucht Schuldige. Die Schlechtweggekommenen, die décadents jeder Art sind in Revolte über sich und brauchen Opfer, um nicht an sich selbst ihren Vernichtungs-Durst zu löschen (– was an sich vielleicht die Vernunft für sich hätte). Dazu haben sie einen Schein von Recht nöthig, d. h. eine Theorie, auf welche hin sie die Thatsache ihrer Existenz, ihres So-und-so-seins auf irgend einen Sündenbock abwälzen können. Dieser Sündenbock kann Gott sein – es fehlt in Rußland nicht an solchen Atheisten aus Ressentiment–, oder die gesellschaftliche Ordnung, oder die Erziehung und der Unterricht, oder die Juden, oder die Vornehmen, oder überhaupt Gutweggekommene irgendwelcher Art. »Es ist ein Verbrechen, unter günstigen Bedingungen geboren zu werden: denn damit hat man die Andern enterbt, bei Seite gedrückt, zum Laster, selbst zur Arbeit verdammt ... Was kann ich dafür, miserabel zu sein! Aber Irgendwer muß etwas dafür können, sonst wäre es nicht auszuhalten !«... Kurz, der Entrüstungs-Pessimismus erfindet Verantwortlichkeiten, um sich ein angenehmes Gefühl zu schaffen – die Rache ... »Süßer als Honig« nennt sie schon der alte Homer. – * Daß eine solche Theorie nicht mehr Verständniß, will sagen Verachtung findet, das macht das Stück Christenthum , das uns Allen noch im Blute steckt: sodaß wir tolerant gegen Dinge sind, bloß weil sie von fern etwas christlich riechen... Die Socialisten appelliren an die christlichen Instinkte, das ist noch ihre feinste Klugheit ... Vom Christenthum her sind wir an den abergläubischen Begriff der »Seele« gewöhnt, an die »unsterbliche Seele«, an die Seelen-Monade, die eigentlich ganz wo anders zu Hause ist und nur zufällig in diese oder jene Umstände, in's »Irdische« gleichsam hineingefallen ist, »Fleisch« geworden ist: doch ohne daß ihr Wesen dadurch berührt, geschweige denn bedingt wäre. Die gesellschaftlichen, verwandtschaftlichen, historischen Verhältnisse sind für die Seele nur Gelegenheiten, Verlegenheiten vielleicht; jedenfalls ist sie nicht deren Werk, Mit dieser Vorstellung ist das Individuum transscendent gemacht; es darf auf sie hin sich eine unsinnige Wichtigkeit beilegen. In der That hat erst das Christenthum das Individuum herausgefordert, sich zum Richter über Alles und Jedes aufzuweisen, der Größenwahn ist ihm beinahe zur Pflicht gemacht: es hat ja ewige Rechte gegen alles Zeitliche und Bedingte geltend zu machen! Was Staat! Was Gesellschaft! Was historische Gesetze! Was Physiologie! Hier redet ein Jenseits des Werdens, ein Unwandelbares in aller Historie, hier redet etwas Unsterbliches, etwas Göttliches: eine Seele ! Ein anderer christlicher, nicht weniger verrückter Begriff hat sich noch weit tiefer in's Fleisch der Modernität vererbt: der Begriff von der »Gleichheit der Seelen vor Gott« . In ihm ist das Prototyp aller Theorien der gleichen Rechte gegeben: man hat die Menschheit den Satz von der Gleichheit erst religiös stammeln gelehrt, man hat ihr später eine Moral daraus gemacht: was Wunder, daß der Mensch damit endet, ihn ernst zu nehmen, ihn praktisch zu nehmen! – will sagen politisch, demokratisch, socialistisch, entrüstungs-pessimistisch. * Überall, wo Verantwortlichkeiten gesucht worden sind, ist es der Instinkt der Rache gewesen, der da suchte. Dieser Instinkt der Rache wurde in Jahrtausenden dermaaßen über die Menschheit Herr, daß die ganze Metaphysik, Psychologie, Geschichtsvorstellung, vor Allem aber die Moral mit ihm abgezeichnet ist. Soweit auch nur der Mensch gedacht hat, so weit hat er den Bacillus der Rache in die Dinge geschleppt. Er hat Gott selbst damit krank gemacht, er hat das Dasein überhaupt um seine Unschuld gebracht : nämlich dadurch, daß er jedes So-und-So-sein auf Willen, auf Absichten, auf Akte der Verantwortlichkeit zurückführte. Die ganze Lehre vom Willen, diese verhängnißvollste Fälschung in der bisherigen Psychologie, wurde wesentlich erfunden zum Zweck der Strafe. Es war die gesellschaftliche Nützlichkeit der Strafe, die diesem Begriff seine Würde, seine Macht, seine Wahrheit verbürgte. Die Urheber jener Psychologie – der Willens-Psychologie – hat man in den Ständen zu suchen, welche das Strafrecht in den Händen hatten, voran in dem der Priester an der Spitze der ältesten Gemeinwesen: diese wollten sich ein Recht schaffen, Rache zu nehmen, – sie wollten Gott ein Recht zur Rache schaffen. Zu diesem Zwecke wurde der Mensch »frei« gedacht; zu diesem Zwecke mußte jede Handlung als gewollt, mußte der Ursprung jeder Handlung als im Bewußtsein liegend gedacht werden. Aber mit diesen Sätzen ist die alte Psychologie widerlegt. Heute, wo Europa in die umgekehrte Bewegung eingetreten scheint, wo wir Halkyonier zumal mit aller Kraft den Schuldbegriff und Strafbegriff aus der Welt wieder zurückzuziehen, herauszunehmen, auszulöschen suchen, wo unser größter Ernst darauf aus ist, die Psychologie, die Moral, die Geschichte, die Natur, die gesellschaftlichen Institutionen und Sanktionen, Gott selbst von diesem Schmutze zu reinigen, – in wem müssen wir unsre natürlichsten Antagonisten sehen? Eben in jenen Aposteln der Rache und des Ressentiments, in jenen Entrüstungs-Pessimisten par excellence , welche eine Mission daraus machen, ihren Schmutz unter dem Namen »Entrüstung« zu heiligen... Wir Anderen, die wir dem Werden seine Unschuld zurückzugewinnen wünschen, möchten die Missionare eines reinlicheren Gedankens sein: daß Niemand dem Menschen seine Eigenschaften gegeben hat, weder Gott, noch die Gesellschaft, noch seine Eltern und Vorfahren, noch er selbst, – daß Niemand schuld an ihm ist... Es fehlt ein Wesen, das dafür verantwortlich gemacht werden könnte daß Jemand überhaupt da ist, daß Jemand so und so ist, daß Jemand unter diesen Umständen, in dieser Umgebung geboren ist. – Es ist ein großes Labsal, daß solch ein Wesen fehlt ... Wir sind nicht das Resultat einer ewigen Absicht, eines Willens, eines Wunsches: mit uns wird nicht der Versuch gemacht, ein »Ideal von Vollkommenheit« oder ein «Ideal von Glück« oder ein »Ideal von Tugend« zu erreichen, – wir sind ebensowenig der Fehlgriff Gottes, vor dem ihm selber angst werden müßte (mit welchem Gedanken bekanntlich das alte Testament beginnt). Es fehlt jeder Ort, jeder Zweck, jeder Sinn, wohin wir unser Sein, unser So-und-so-sein abwälzen könnten. Vor Allem: Niemand könnte es: man kann das Ganze nicht richten, messen, vergleichen oder gar verneinen! Warum nicht? – Aus fünf Gründen, allesammt selbst bescheidenen Intelligenzen zugänglich: zum Beispiel, weil es nichts giebt außer dem Ganzen ... Und nochmals gesagt, das ist ein großes Labsal, darin liegt die Unschuld alles Daseins. 2. Das Individuum.   766. Grundfehler : die Ziele in die Heerde und nicht in einzelne Individuen zu legen! Die Heerde ist Mittel, nicht mehr ! Aber jetzt versucht man, die Heerde als Individuum zu verstehen und ihr einen höheren Rang als dem Einzelnen zuzuschreiben, – tiefstes Mißverständniß!! Insgleichen Das, was heerdenhaft macht, die Mitgefühle, als die werthvollere Seite unsrer Natur zu charakterisiren!   767. Das Individuum ist etwas ganz Neues und Neuschaffendes , etwas Absolutes, alle Handlungen ganz sein Eigen. Die Werthe für seine Handlungen entnimmt der Einzelne zuletzt doch sich selber: weil er auch die überlieferten Worte sich ganz individuell deuten muß. Die Auslegung der Formel ist mindestens persönlich, wenn er auch keine Formel schafft : als Ausleger ist er immer noch schaffend.   768. Das »Ich« unterjocht und tödtet: es arbeitet wie eine organische Zelle: es raubt und ist gewaltthätig. Es will sich regeneriren – Schwangerschaft. Es will seinen Gott gebären und alle Menschheit ihm zu Füßen sehen.   769. Jedes Lebendige greift so weit um sich mit seiner Kraft, als es kann, und unterwirft sich das Schwächere: so hat es seinen Genuß an sich. Die zunehmende »Vermenschlichung« in dieser Tendenz besteht darin, daß immer feiner empfunden wird, wie schwer der Andere wirklich einzuverleiben ist: wie die grobe Schädigung zwar unsre Macht über ihn zeigt, zugleich aber seinen Willen uns noch mehr entfremdet , – also ihn weniger unterwerfbar macht.   770. Welcher Grad von Widerstand beständig überwunden werden muß, um obenauf zu bleiben, das ist das Maaß der Freiheit , sei es für Einzelne, sei es für Gesellschaften: Freiheit nämlich als positive Macht, als Wille zur Macht angesetzt. Die höchste Form der Individual-Freiheit, der Souveränität wüchse demnach, mit großer Wahrscheinlichkeit, nicht fünf Schritt weit von ihrem Gegensatze auf, dort wo die Gefahr der Sklaverei gleich hundert Damoklesschwertern über dem Dasein hängt. Man gehe daraufhin durch die Geschichte: die Zeiten, wo das »Individuum« bis zu jener Vollkommenheit reif, das heißt frei wird, wo der classische Typus des souveränen Menschen erreicht ist: oh nein! das waren niemals humane Zeiten! Man muß keine Wahl haben: entweder obenauf – oder unten, wie ein Wurm, verhöhnt, vernichtet, zertreten. Man muß Tyrannen gegen sich haben, um Tyrann, d.h. frei zu werden. Es ist kein kleiner Vortheil, hundert Damoklesschwerter über sich zu haben: damit lernt man tanzen, damit kommt man zur »Freiheit der Bewegung«.   771. Der Mensch, mehr als jedes andre Thier, ursprünglich altruistisch : – daher seine langsame Entwicklung (Kind) und hohe Ausbildung, daher auch die außerordentliche, letzte Art von Egoismus. – Die Raubthiere sind viel individueller.   772. Zur Kritik der »Selbstsucht«. – Die unfreiwillige Naivetät des La Rochefoucauld, welcher glaubt, etwas Kühnes, Freies und Paradoxes zu sagen – damals war die »Wahrheit« in psychologischen Dingen Etwas, das erstaunen machte – Beispiel: »les grandes âmes ne sont pas celles qui ont moins de passions et plus de vertus que les âmes communes, mais seulement celles qui ont de plus grands desseins«. – Freilich: John Stuart Mill (der Chamfort den edleren und philosophischeren La Rochefoucauld des 18. Jahrhunderts nennt –) sieht in ihm nur den scharfsinnigsten Beobachter alles Dessen in der menschlichen Brust, was auf »gewohnheitsmäßige Selbstsucht« zurückgeht, und fügt hinzu: »ein edler Geist wird es nicht über sich gewinnen, sich die Nothwendigkeit einer dauernden Betrachtung von Gemeinheit und Niedrigkeit aufzulegen, es wäre denn, um zu zeigen, gegen welche verderblichen Einflüsse sich hoher Sinn und Adel des Charakters siegreich zu behaupten vermag.«   773. Morphologie der Selbstgefühle. Erster Gesichtspunkt: inwiefern die Mitgefühls - und Gemeinschafts-Gefühle die niedrigere, die vorbereitende Stufe sind, zur Zeit, wo das Personal-Selbstgefühl, die Initiative der Werthsetzung im Einzelnen noch gar nicht möglich ist. Zweiter Gesichtspunkt : inwiefern die Höhe des Collektiv-Selbstgefühls , der Stolz auf die Distanz des Clan's, das Sich-ungleich-fühlen, die Abneigung gegen Vermittelung, Gleichberechtigung, Versöhnung eine Schule des Individual-Selbstgefühls ist: namentlich insofern sie den Einzelnen zwingt, den Stolz des Ganzen zu repräsentiren : – er muß reden und handeln mit einer extremen Achtung vor sich, insofern er die Gemeinschaft in Person darstellt. Insgleichen: wenn das Individuum sich als Werkzeug und Sprachrohr der Gottheit fühlt. Dritter Gesichtspunkt : inwiefern diese Formen der Entselbstung thatsächlich der Person eine ungeheure Wichtigkeit geben: insofern höhere Gewalten sich ihrer bedienen: religiöse Scheu vor sich selbst Zustand des Propheten, Dichters. Vierter Gesichtspunkt : inwiefern die Verantwortlichkeit für das Ganze dem Einzelnen einen weiten Blick, eine strenge und furchtbare Hand, eine Besonnenheit und Kälte, eine Großartigkeit der Haltung und Gebärde anerzieht und erlaubt , welche er nicht um seiner selbst willen sich zugestehen würde. In summa : die Collektiv-Selbstgefühle sind die große Vorschule der Personal- Souveränetät . Der vornehme Stand ist der, welcher die Erbschaft dieser Übung macht.   774. Die maskirten Arten des Willens zur Macht: Verlangen nach Freiheit , Unabhängigkeit, auch nach Gleichgewicht, Frieden, Coordination . Auch der Einsiedler, die »Geistesfreiheit«. In niedrigster Form: Wille überhaupt dazusein, »Selbsterhaltungstrieb«. Die Einordnung , um im größeren Ganzen dessen Willen zur Macht zu befriedigen: die Unterwerfung , das Sich-unentbehrlich-machen, -nützlich-machen bei Dem, der die Gewalt hat; die Liebe , als ein Schleichweg zum Herzen des Mächtigeren, – um über ihn zu herrschen. Das Pflichtgefühl, das Gewissen, der imaginäre Trost, zu einem höheren Rang zu gehören, als die thatsächlich Gewalthabenden; die Anerkennung einer Rangordnung, die das Richten erlaubt, auch über die Mächtigeren; die Selbstverurtheilung; die Erfindung neuer Werthtafeln (Juden: classisches Beispiel).   775. Das Lob, die Dankbarkeit als Wille zur Macht. – Lob und Dankbarkeit bei Ernte, gutem Wetter, Sieg, Hochzeit, Frieden: – die Feste brauchen alle ein Subjekt, gegen welches hin sich das Gefühl entladet. Man will, daß Alles, was einem Gutes geschieht, einem angethan ist: man will den Thäter . Ebenso vor einem Kunstwerk: man begnügt sich nicht an ihm: man lobt den Thäter. – Was ist also Loben ? Eine Art Ausgleichung in Bezug auf empfangene Wohlthaten, ein Zurückgeben , ein Bezeigen unserer Macht, – denn der Lobende bejaht, urtheilt, schätzt ab, richtet : er gesteht sich das Recht zu, bejahen zu können , Ehre austheilen zu können. Das erhöhte Glücks- und Lebensgefühl ist auch ein erhöhtes Machtgefühl: aus dem heraus lobt der Mensch (– aus dem heraus erfindet und sucht er einen Thäter , ein » Subjekt « –). Die Dankbarkeit als die gute Rache : am strengsten gefordert und geübt, wo Gleichheit und Stolz zugleich aufrecht erhalten werden soll, wo am besten Rache geübt wird.   776. Zum »Macchiavellismus« der Macht. Der Wille zur Macht erscheint a) bei den Unterdrückten, bei Sklaven jeder Art als Wille zur » Freiheit «: bloß das Loskommen scheint das Ziel (moralisch-religiös: »nur seinem eignen Gewissen verantwortlich«; »evangelische Freiheit« u.s.w.); b) bei einer stärkeren und zur Macht heranwachsenden Art als Wille zur Übermacht; wenn zunächst erfolglos, dann sich einschränkend auf den Willen zur » Gerechtigkeit «, d.h. zu dem gleichen Maaß von Rechten , wie die herrschende Art sie hat; c) bei den Stärksten, Reichsten, Unabhängigsten, Muthigsten als » Liebe zur Menschheit«, zum »Volk«, zum Evangelium, zur Wahrheit, Gott; als Mitleid; »Selbstopferung« u.s.w.; als Überwältigen, Mit-sich-fortreißen, In-seinen-Dienst-nehmen, als instinktives Sich-in-Eins-rechnen mit einem großen Quantum Macht, dem man Richtung zu geben vermag : der Held, der Prophet, der Cäsar, der Heiland, der Hirt; (– auch die Geschlechtsliebe gehört hierher: sie will die Überwältigung, das In-Besitz-nehmen, und sie erscheint als Sich-hingeben. Im Grunde ist es nur die Liebe zu seinem »Werkzeug«, zu seinem »Pferd«, – seine Überzeugung davon, daß ihm das und das zugehört, als Einem, der im Stande ist, es zu benutzen). »Freiheit«, »Gerechtigkeit« und » Liebe «!!! –   777. Liebe. – Seht hinein: diese Liebe, dieses Mitleid der Weiber – giebt es etwas Egoistischeres?... Und wenn sie sich opfern, ihre Ehre, ihren Ruf, wem opfern sie sich? Dem Manne? Oder nicht vielmehr einem zügellosen Bedürfnisse? – Das sind genau so selbstsüchtige Begierden: ob sie nun Anderen wohlthun und Dankbarkeit einpflanzen... Inwiefern eine derartige Hyperfötation Einer Werthung alles Übrige heiligen kann!!   778. »Sinne«, »Leidenschaften«. – Die Furcht vor den Sinnen, vor den Begierden, vor den Leidenschaften, wenn sie so weit geht, dieselben zu widerrathen , ist ein Symptom bereits von Schwäche: die extremen Mittel kennzeichnen immer anormale Zustände. Was hier fehlt, resp. angebröckelt ist, das ist die Kraft zur Hemmung eines Impulses: wenn man den Instinkt hat, nachgeben zu müssen, d.h. reagiren zu müssen , dann thut man gut, den Gelegenheiten (»Verführungen«) aus dem Wege zu gehn. Ein »Anreiz der Sinne« ist nur insofern eine Verführung , als es sich um Wesen handelt, deren System zu leicht beweglich und bestimmbar ist: im entgegengesetzten Falle, bei großer Schwerfälligkeit und Härte des Systems, sind starke Reize nöthig, um die Funktionen in Gang zu bringen. Die Ausschweifung ist uns ein Einwand nur gegen Den, der zu ihr kein Recht hat; und fast alle Leidenschaften sind in schlechten Ruf Derentwegen gebracht, die nicht stark genug sind, sie zu ihrem Nutzen zu wenden –. Man muß sich darüber verstehn, daß gegen Leidenschaft eingewendet werden kann, was gegen Krankheit einzuwenden ist: trotzdem – wir dürften der Krankheit nicht entbehren, und noch weniger der Leidenschaften. Wir brauchen das Anormale, wir geben dem Leben einen ungeheuren choc durch diese großen Krankheiten. Im Einzelnen ist zu unterscheiden: 1) die dominirende Leidenschaft , welche sogar die supremste Form der Gesundheit überhaupt mit sich bringt: hier ist die Koordination der innern Systeme und ihr Arbeiten in Einem Dienste am besten erreicht, – aber das ist beinahe die Definition der Gesundheit! 2) das Gegeneinander der Leidenschaften, die Zweiheit, Dreiheit, Vielheit der »Seelen in Einer Brust«: sehr ungesund, innerer Ruin, auseinanderlösend, einen inneren Zwiespalt und Anarchismus verrathend und steigernd –: es sei denn, daß Eine Leidenschaft endlich Herr wird. Rückkehr der Gesundheit – 3) das Nebeneinander, ohne ein Gegeneinander und Füreinander zu sein: oft periodisch, und dann, sobald es eine Ordnung gefunden hat, auch gesund. Die interessantesten Menschen gehören hierher, die Chamäleons; sie sind nicht im Widerspruch mit sich, sie sind glücklich und sicher, aber sie haben keine Entwicklung, – ihre Zustände liegen neben einander, wenn sie auch siebenmal getrennt sind. Sie wechseln, sie werden nicht.   779. Die Quantität im Ziele in ihrer Wirkung auf die Optik der Werthschätzung: der große Verbrecher und der kleine . Die Quantität im Ziele des Gewollten entscheidet auch bei dem Wollenden selbst, ob er vor sich dabei Achtung hat oder kleinmüthig und miserabel empfindet. – Sodann der Grad der Geistigkeit in den Mitteln in ihrer Wirkung auf die Optik der Werthschätzung. Wie anders nimmt sich der philosophische Neuerer, Versucher und Gewaltmensch aus gegen den Räuber, Barbaren und Abenteurer! – Anschein des »Uneigennützigen«. Endlich vornehme Manieren, Haltung, Tapferkeit, Selbstvertrauen, – wie verändern sie die Werthung Dessen, was auf diese Art erreicht wird! * Zur Optik der Werthschätzung: Einfluß der Quantität (groß, klein) des Zweckes . Einfluß der Geistigkeit in den Mitteln . Einfluß der Manieren in der Aktion . Einfluß des Gelingens oder Mißlingens. Einfluß der gegnerischen Kräfte und deren Werth. Einfluß des Erlaubten und Verbotenen ,.   780. Die Kunstgriffe, um Handlungen, Maaßregeln, Affekte zu ermöglichen, welche, individuell gemessen, nicht mehr »statthaft«, – auch nicht mehr »schmackhaft« sind: die Kunst »macht sie uns schmackhaft«, die uns in solche »entfremdete« Welten eintreten läßt; der Historiker zeigt ihre Art Recht und Vernunft; die Reisen; der Exotismus; die Psychologie; Strafrecht; Irrenhaus; Verbrecher; Sociologie; die » Unpersönlichkeit « (sodaß wir als Media eines Collectivwesens uns diese Affekte und Handlungen gestatten – Richtercollegien, Jury, Bürger, Soldat Minister, Fürst, Societät, »Kritiker« –) giebt uns das Gefühl, als ob wir ein Opfer brächten...   781. Die Präokkupation mit sich und seinem »ewigen Heile« ist nicht der Ausdruck einer reichen und selbstgewissen Natur: denn diese fragt den Teufel danach, ob sie selig wird, – sie hat kein solches Interesse am Glück irgendwelcher Gestalt, sie ist Kraft, That, Begierde, – sie drückt sich den Dingen auf, sie vergreift sich an den Dingen. Christenthum ist eine romantische Hypochondrie Solcher, die nicht auf festen Beinen stehn. Überall, wo die hedonistische Perspektive in den Vordergrund tritt, darf man auf Leiden und eine gewisse Mißrathenheit schließen.   782. Die »wachsende Autonomie des Individuums«: davon reden diese Pariser Philosophen, wie Fouillée: sie sollten doch nur die race moutonnière ansehen, die sie selber sind. Macht doch die Augen auf, ihr Herren Zukunfts-Sociologen! Das Individuum ist stark geworden unter umgekehrten Bedingungen: ihr beschreibt die äußerste Schwächung und Verkümmerung des Menschen, ihr wollt sie selbst und braucht den ganzen Lügenapparat des alten Ideals dazu! ihr seid derart , daß ihr eure Heerdenthier-Bedürfnisse wirklich als Ideal empfindet! Der vollkommene Mangel an psychologischer Rechtschaffenheit!   783. Scheinbar entgegengesetzt die zwei Züge, welche die modernen Europäer kennzeichnen: das Individualistische und die Forderung gleicher Rechte : das verstehe ich endlich. Nämlich, das Individuum ist eine äußerst verwundbare Eitelkeit: – diese fordert, bei ihrem Bewußtsein wie schnell sie leidet, daß jeder Andere ihm gleichgestellt gelte, daß er nur inter pares sei. Damit ist eine gesellschaftliche Rasse charakterisirt, in welcher tatsächlich die Begabungen und Kräfte nicht erheblich auseinandergehn. Der Stolz, welcher Einsamkeit und wenige Schätzer will, ist ganz außer Verständniß; die ganz »großen« Erfolge giebt es nur durch Massen, ja man begreift es kaum noch, daß ein Massen-Erfolg immer eigentlich ein kleiner Erfolg ist: weil pulchrum est paucorum hominum. Alle Moralen wissen Nichts von »Rangordnung« der Menschen; die Rechtslehrer Nichts vom Gemeinde-Gewissen. Das Individual-Princip lehnt die ganz großen Menschen ab und verlangt, unter ungefähr Gleichen, das feinste Auge und die schnellste Herauserkennung eines Talentes; und weil Jeder Etwas von Talenten hat, in solchen späten und civilisirten Culturen, – also erwarten kann, sein Theil Ehre zurückzubekommen –, deshalb findet heute ein Herausstreichen der kleinen Verdienste statt wie niemals noch: es giebt dem Zeitalter einen Anstrich von grenzenloser Billigkeit . Seine Unbilligkeit besteht in einer Wuth ohne Grenzen nicht gegen die Tyrannen und Volksschmeichler, auch in den Künsten, sondern gegen die vornehmen Menschen, welche das Lob der Vielen verachten. Die Forderung gleicher Rechte (z. B. über Alles und Jeden zu Gericht sitzen zu dürfen) ist anti-aristokratisch. Ebenso fremd ist ihm das verschwundene Individuum, das Untertauchen in einen großen Typus, das Nicht-Person-sein-wollen: worin die Auszeichnung und der Eifer vieler hohen Menschen früher bestand (die größten Dichter darunter); oder »Stadt-sein« wie in Griechenland; Jesuitismus, preußisches Officier-Corps und Beamtenthum; oder Schüler-sein und Fortsetzer großer Meister: wozu ungesellschaftliche Zustände und der Mangel der kleinen Eitelkeit nöthig ist.   784. Der Individualismus ist eine bescheidene und noch unbewußte Art des »Willens zur Macht«; hier scheint es dem Einzelnen schon genug, freizukommen von einer Übermacht der Gesellschaft (sei es des Staates oder der Kirche). Er setzt sich nicht als Person in Gegensatz, sondern bloß als Einzelner; er vertritt alle Einzelnen gegen die Gesammtheit. Das heißt: er setzt sich instinktiv gleich an mit jedem Einzelnen; was er erkämpft, das erkämpft er nicht sich als Person, sondern sich als Vertreter Einzelner gegen die Gesammtheit. Der Socialismus ist bloß ein Agitationsmittel des Individualismus: er begreift, daß man sich, um Etwas zu erreichen, zu einer Gesammtaktion organisiren muß, zu einer »Macht«. Aber was er will, ist nicht die Societät als Zweck des Einzelnen, sondern die Societät als Mittel zur Ermöglichung vieler Einzelnen: – das ist der Instinkt der Socialisten, über den sie sich häufig betrügen (– abgesehen, daß sie, um sich durchzusetzen, häufig betrügen müssen). Die altruistische Moral-Predigt im Dienste des Individual-Egoismus: eine der gewöhnlichsten Falschheiten des neunzehnten Jahrhunderts. Der Anarchismus ist wiederum bloß ein Agitationsmittel des Socialismus ; mit ihm erregt er Furcht, mit der Furcht beginnt er zu fasciniren und zu terrorisiren: vor Allem – er zieht die Muthigen, die Gewagten auf seine Seite, selbst noch im Geistigsten. Trotzalledem: der Individualismus ist die bescheidenste Stufe des Willens zur Macht. * Hat man eine gewisse Unabhängigkeit erreicht, so will man Mehr: es tritt die Sonderung heraus nach dem Grade der Kraft: der Einzelne setzt sich nicht ohne Weiteres mehr gleich, sondern er sucht nach seines Gleichen , – er hebt Andere von sich ab. Auf den Individualismus folgt die Glieder- und Organbildung : die verwandten Tendenzen sich zusammenstellend und sich als Macht bethätigend: zwischen diesen Machtcentren Reibung, Krieg, Erkenntniß beiderseitiger Kräfte, Ausgleichung, Annäherung, Festsetzung von Austausch der Leistungen . Am Schluß: eine Rangordnung . Recapitulation: Die Individuen machen sich frei; sie treten in Kampf, sie kommen über »Gleichheit der Rechte« überein (– »Gerechtigkeit« als Ziel–); ist das erreicht, so treten die thatsächlichen Ungleichheiten der Kraft in eine vergrößerte Wirkung (weil im Großen Ganzen der Friede herrscht und viele kleine Kraft-Quanta schon Differenzen ausmachen, solche, die früher fast gleich null waren). Jetzt organisiren sich die Einzelnen zu Gruppen ; die Gruppen streben nach Vorrechten und nach Übergewicht. Der Kampf, in milderer Form, tobt von Neuem. Man will Freiheit , solange man noch nicht die Macht hat. Hat man sie, will man Übermacht; erringt man sie nicht (ist man noch zu schwach zu ihr), will man » Gerechtigkeit «, d. h. gleiche Macht .   785. Berichtigung des Begriffs »Egoismus« . – Hat man begriffen, inwiefern »Individuum« ein Irrthum ist, sondern jedes Einzelwesen eben der ganze Proceß in gerader Linie ist (nicht bloß »vererbt«, sondern er selbst –), so hat das Einzelwesen eine ungeheuer große Bedeutung . Der Instinkt redet darin ganz richtig. Wo dieser Instinkt nachläßt , – wo das Individuum sich einen Werth erst im Dienst für Andere sucht , kann man sicher auf Ermüdung und Entartung schließen. Der Altruismus der Gesinnung, gründlich und ohne Tartüfferie, ist ein Instinkt dafür, sich wenigstens einen zweiten Werth zu schaffen, im Dienste anderer Egoismen. Meistens aber ist er nur scheinbar : ein Umweg zur Erhaltung des eigenen Lebensgefühls, Werthgefühls .   786. Geschichte der Vermoralisirung und Entmoralisirung. Erster Satz: Es giebt gar keine moralischen Handlungen : sie sind vollkommen eingebildet. Nicht nur, daß sie nicht nachweisbar sind (was z. B. Kant zugab und das Christentum insgleichen), – sondern sie sind gar nicht möglich . Man hat einen Gegensatz zu den treibenden Kräften erfunden, durch ein psychologisches Mißverständnis;, und glaubt eine andere Art von ihnen bezeichnet zu haben; man hat ein primum mobile fingirt, das gar nicht existirt. Nach der Schätzung, welche überhaupt den Gegensatz »moralisch« und »unmoralisch« aufgebracht hat, muß man sagen: es giebt nur unmoralische Absichten und Handlungen. Zweiter Satz : Diese ganze Unterscheidung »moralisch« und »unmoralisch« geht davon aus, daß sowohl die moralischen als die unmoralischen Handlungen Akte der freien Spontaneität seien, – kurz daß es eine solche gebe, oder anders ausgedrückt: daß die moralische Beurtheilung überhaupt sich nur auf Eine Gattung von Absichten und Handlungen beziehe, die freien . Aber diese ganze Gattung von Absichten und Handlungen ist rein imaginär: die Welt, an welche der moralische Maaßstab allein anlegbar ist, existirt gar nicht: – es giebt weder moralische, noch unmoralische Handlungen. * Der psychologische Irrthum , aus dem der Gegensatz-Begriff »moralisch« und »unmoralisch« entstanden ist: »selbstlos«, »unegoistisch«, »selbstverleugnend« – Alles unreal , fingirt. Fehlerhafter Dogmatismus in Betreff des »ego« : dasselbe als atomistisch genommen, in einem falschen Gegensatz zum »Nicht-Ich«; insgleichen aus dem Werden herausgelöst, als etwas Seiendes. Die falsche Versubstanzialisirung des Ich : diese (in dem Glauben an die individuelle Unsterblichkeit) besonders unter dem Druck religiös-moralischer Zucht zum Glaubensartikel gemacht. Nach dieser künstlichen Loslösung und An-und-für-sich-Erklärung des ego hatte man einen Werth-Gegensatz vor sich, der unwidersprechlich schien: das Einzel- ego und das ungeheure Nicht-Ich . Es schien handgreiflich, daß der Werth des Einzel- ego nur darin liegen könne, sich auf das ungeheure »Nicht-Ich« zu beziehen, resp. sich ihm unterzuordnen und um seinetwillen zu existiren. – Hier waren die Heerden-Instinkte bestimmend: Nichts geht so sehr wider diese Instinkte, als die Souveränität des Einzelnen. Gesetzt aber, das ego ist begriffen als ein An-und-für-sich, so muß sein Werth in der Selbstverneinung liegen. Also: die falsche Verselbständigung des »Individuums«, als Atom ; die Heerden-Würdigung, welche das Atom- bleiben-wollen perhorrescirt und als feindlich empfindet; als Folgerung: Überwindung des Individuums durch Verlegung seines Ziels; nun schien es Handlungen zu geben, welche selbstverneinend waren: man phantasirte um sie eine ganze Sphäre von Gegensätzen herum; man fragte: in welchen Handlungen bejaht sich der Mensch am stärksten? Um diese (Geschlechtlichkeit, Habsucht, Herrschsucht, Grausamkeit u.s.w.) wurde der Bann, der Haß, die Verachtung gehäuft: man glaubte , daß es unselbstische Triebe giebt, man verwarf alle selbstischen, man verlangte die unselbstischen; Folge davon: was hatte man gethan? Man hatte die stärksten, natürlichsten, mehr noch, die einzig realen Triebe in Bann gethan, – man mußte, um eine Handlung fürderhin lobenswerth zu finden, in ihr die Anwesenheit solcher Triebe leugnen : – ungeheure Fälscherei in psychologicis . Selbst jede Art »Selbstzufriedenheit« hatte sich erst dadurch wieder möglich zu machen, daß man sich sub specie boni mißverstand und zurechtlegte. Umgekehrt: jene Species, welche ihren Vortheil davon hatte, dem Menschen seine Selbstzufriedenheit zu nehmen (die Repräsentanten des Heerden-Instinkts, z. B. die Priester und Philosophen), wurde fein und psychologisch-scharfsichtig, zu zeigen, wie überall doch die Selbstsucht herrsche. Christlicher Schluß: » Alles ist Sünde; auch unsre Tugenden. Absolute Verwerflichkeit des Menschen. Die selbstlose Handlung ist nicht möglich «. Erbsünde. Kurz: nachdem der Mensch seinen Instinkt in Gegensatz zu einer rein imaginären Welt des Guten gebracht hatte, endete er mit Selbstverachtung, als unfähig , Handlungen zu thun, welche »gut« sind. NB Das Christenthum bezeichnet damit einen Fortschritt in der psychologischen Verschärfung des Blicks: La Rochefoucauld und Pascal. Es begriff die Wesensgleichheit der menschlichen Handlungen und ihre Werth-Gleichheit in der Hauptsache (– alle unmoralisch ). * Nun machte man Ernst , Menschen zu bilden, in denen die Selbstsucht getödtet ist: – die Priester , die Heiligen . Und wenn man zweifelte an der Möglichkeit, »vollkommen« zu werden, man zweifelte nicht , zu wissen, was vollkommen ist. Die Psychologie des Heiligen, des Priesters, des »guten Menschen« mußte natürlich rein phantasmagorisch ausfallen. Man hatte die wirklichen Motive des Handelns für schlecht erklärt: man mußte, um überhaupt noch handeln zu können, Handlungen vorschreiben zu können, Handlungen, die gar nicht möglich sind, als möglich beschreiben und gleichsam heiligen . Mit derselben Falschheit , mit der man verleumdet hatte, hat man nunmehr verehrt und veridealisirt. Das Wüthen gegen die Instinkte des Lebens als »heilig«, verehrungswürdig. Die absolute Keuschheit, der absolute Gehorsam, die absolute Armuth: priesterliches Ideal. Almosen, Mitleiden, Aufopferung, Verleugnung des Schönen, der Vernunft, der Sinnlichkeit, moroser Blick für alle starken Qualitäten, die man hat: Laien -Ideal. * Man kommt vorwärts: die verleumdeten Instinkte suchen sich auch ein Recht zu schaffen (z. B. Luther's Reformation: gröbste Form der moralischen Verlogenheit unter der »Freiheit des Evangeliums«), – man tauft sie um auf heilige Namen; : die verleumdeten Instinkte suchen sich als nothwendig zu beweisen, damit die tugendhaften überhaupt möglich sind; man muß vivre, pour vivre pour autrui : Egoismus als Mittel zum Zweck; : man geht weiter, man sucht sowohl den egoistischen als den altruistischen Regungen ein Existenz-Recht zu geben: Gleichheit der Rechte für die einen, wie für die andern (vom Gesichtspunkt des Nutzens); : man geht weiter, man sucht die höhere Nützlichkeit in der Bevorzugung des egoistischen Gesichtspunktes gegenüber dem altruistischen: nützlicher in Hinsicht auf das Glück der Meisten oder die Förderung der Menschheit u. s. w. Also: ein Übergewicht an Rechten des Egoismus, aber unter einer extrem altruistischen Perspektive (»Gesammt-Nutzen der Menschheit«); : man sucht die altruistische Handlungsweise mit der Natürlichkeit zu versöhnen, man sucht das Altruistische auf dem Grunde des Lebens; man sucht das Egoistische wie das Altruistische als gleich begründet im Wesen des Lebens und der Natur; : man träumt von einem Verschwinden des Gegensatzes in irgend einer Zukunft, wo, durch fortgesetzte Anpassung, das Egoistische auch zugleich das Altruistische ist; : endlich, man begreift, daß die altruistischen Handlungen nur eine Species der egoistischen sind, – und daß der Grad, in dem man liebt, sich verschwendet, ein Beweis ist für den Grad einer individuellen Macht und Personalität. Kurz, daß man, indem man den Menschen böser macht, ihn besser macht, – und daß man das Eine nicht ohne das Andere ist... Damit geht der Vorhang auf vor der ungeheuren Fälschung der Psychologie des bisherigen Menschen. * Folgerungen: es giebt nur unmoralische Absichten und Handlungen; – die sogenannten moralischen sind also als Unmoralitäten nachzuweisen. Die Ableitung aller Affekte aus dem Einen Willen zur Macht: wesensgleich. Der Begriff des Lebens: – es drücken sich in dem anscheinenden Gegensatze (von »gut und böse«) Machtgrade von Instinkten aus, zeitweilige Rangordnung, unter der gewisse Instinkte im Zaum gehalten werden oder in Dienst genommen werden. – Rechtfertigung der Moral: ökonomisch u.s.w. * Gegen den zweiten Satz. Der Determinismus: Versuch, die moralische Welt zu retten, dadurch, daß man sie translocirt – in's Unbekannte. Der Determinismus ist nur ein modus , unsre Wertschätzungen eskamotiren zu dürfen, nachdem sie in der mechanistisch-gedachten Welt keinen Platz haben. Man muß deshalb den Determinismus angreifen und unterminiren : insgleichen unser Recht zu einer Scheidung einer An-sich-und Phänomenal-Welt bestreiten .   787. Die absolute Notwendigkeit ganz von Zwecken zu befreien : sonst dürfen wir auch nicht versuchen, uns zu opfern und gehen zu lassen! Erst die Unschuld des Werdens giebt uns den größten Muth und die größte Freiheit !   788. Dem bösen Menschen das gute Gewissen zurückgeben – ist das mein unwillkürliche« Bemühen gewesen? und zwar dem bösen Menschen, insofern er der starke Mensch ist? (Das Urtheil Dostoiewsky's über die Verbrecher der Gefängnisse ist hierbei anzuführen.)   789. Unsre neue »Freiheit«. – Welches Freiheitsgefühl liegt darin, zu empfinden wie wir befreiten Geister empfinden, daß wir nicht in ein System von »Zwecken« eingespannt sind! Insgleichen, daß der Begriff »Lohn« und »Strafe« nicht im Wesen des Daseins seinen Sitz hat! Insgleichen, daß die gute und die böse Handlung nicht an sich, sondern nur in der Perspektive der Erhaltungs-Tendenzen gewisser Arten von menschlichen Gemeinschaften aus gut und böse zu nennen ist! Insgleichen, daß unsre Abrechnungen über Lust und Schmerz keine kosmische, geschweige denn eine metaphysische Bedeutung haben! (– jener Pessimismus, der Pessimismus des Herrn von Hartmann, der Lust und Unlust des Daseins selbst auf die Wagschale zu setzen sich anheischig macht, mit seiner willkürlichen Einsperrung in das vorkopernikanische Gefängniß und Gesichtsfeld, würde etwas Rückständiges und Rückfälliges sein, falls er nicht nur ein schlechter Witz eines Berliners ist.)   790. Ist man über das »Warum?« seines Lebens mit sich im Reinen, so giebt man dessen Wie? leichten Kaufs dahin. Es ist selbst schon ein Zeichen von Unglauben an Warum, an Zweck und Sinn, ein Mangel an Willen , wenn der Werth von Lust und Unlust in den Vordergrund tritt und hedonistisch-pessimistische Lehren Gehör finden; und Entsagung, Resignation, Tugend, »Objektivität« können zum Mindesten schon Zeichen davon sein, daß es an der Hauptsache zu mangeln beginnt.   791. Es gab bisher noch keine deutsche Cultur. Gegen diesen Satz ist es kein Einwand, daß es in Deutschland große Einsiedler gab (– Goethe z.B.): denn diese hatten ihre eigene Cultur. Gerade aber um sie herum, gleichsam wie um mächtige, trotzige, vereinsamt hingestellte Felsen, lag immer das übrige deutsche Wesen als ihr Gegensatz , nämlich wie ein weicher, mooriger, unsicherer Grund, auf dem jeder Schritt und Tritt des Auslandes »Eindruck« machte und »Formen« schuf: die deutsche Bildung war ein Ding ohne Charakter, eine beinahe unbegrenzte Nachgiebigkeit.   792. Deutschland, welches reich ist an geschickten und wohlunterrichteten Gelehrten, ermangelt in einem solchen Maaße seit langer Zeit der großen Seelen, der mächtigen Geister, daß es verlernt zu haben scheint, was eine große Seele, was ein mächtiger Geist ist: und heutzutage stellen sich, beinahe mit gutem Gewissen und aller Verlegenheit bar, mittelmäßige und dazu noch übelgerathene Menschen an den Markt und preisen sich selber als große Männer, Reformatoren an; wie z. B. Eugen Dühring thut, wahrhaftig ein geschickter und wohlunterrichteter Gelehrter, der aber doch fast mit jedem Worte verräth, daß er eine kleinliche Seele herbergt und durch enge neidische Gefühle zerquetscht wird; auch daß nicht ein mächtiger, überschäumender, wohlthätig-verschwenderischer Geist ihn treibt, – sondern der Ehrgeiz! In diesem Zeitalter aber nach Ehren zu geizen, ist eines Philosophen noch viel unwürdiger als in irgend einem früheren Zeitalter: jetzt wo der Pöbel herrscht, wo der Pöbel die Ehren vergiebt!   793. Meine »Zukunft« : – eine stramme Polytechniker-Bildung. Militärdienst: sodaß durchschnittlich jeder Mann der höheren Stände Officier ist, er sei sonst, wer er sei. IV. Der Wille zur Macht als Kunst.   794. Unsre Religion, Moral und Philosophie sind décadence -Formen des Menschen. – Die Gegenbewegung: die Kunst.   795. Der Künstler -Philosoph. Höherer Begriff der Kunst. Ob der Mensch sich so ferne stellen kann von den andern Menschen, um an ihnen zu gestalten ? (– Vorübungen: 1. der sich selbst Gestaltende, der Einsiedler; 2. der bisherige Künstler, als der kleine Vollender, an einem Stoffe.)   796. Das Kunstwerk, wo es ohne Künstler erscheint, z.B. als Leib, als Organisation (preußisches Officiercorps, Jesuitenorden). Inwiefern der Künstler nur eine Vorstufe ist. Die Welt als ein sich selbst gebärendes Kunstwerk – –   797. Das Phänomen »Künstler« ist noch am leichtesten durchsichtig : – von da aus hinzublicken auf die Grundinstinkte der Macht , der Natur u.s.w.! Auch der Religion und Moral! »Das Spiel«, das Unnützliche – als Ideal des mit Kraft Überhäuften, als »kindlich«. Die »Kindlichkeit« Gottes, παϊς παίξωυ.   798. Apollinisch – dionysisch . – Es giebt zwei Zustände, in denen die Kunst selbst wie eine Naturgewalt im Menschen auftritt, über ihn verfügend, ob er will oder nicht: einmal als Zwang zur Vision, andrerseits als Zwang zum Orgiasmus. Beide Zustände sind auch im normalen Leben vorgespielt, nur schwächer: im Traum und im Rausch. Aber derselbe Gegensatz besteht noch zwischen Traum und Rausch: beide entfesseln in uns künstlerische Gewalten, jede aber verschieden: der Traum die des Sehens, Verknüpfens, Dichtens; der Rausch die der Gebärde, der Leidenschaft, des Gesangs, des Tanzes.   799. Im dionysischen Rausche ist die Geschlechtlichkeit und die Wollust: sie fehlt nicht im apollinischen. Es muß noch eine Tempo-Verschiedenheit in beiden Zuständen geben ... Die extreme Ruhe gewisser Rauschempfindungen (strenger: die Verlangsamung des Zeit- und Raumgefühls) spiegelt sich gern in der Vision der ruhigsten Gebärden und Seelen-Arten. Der classische Stil stellt wesentlich diese Ruhe, Vereinfachung, Abkürzung, Concentration dar, – das höchste Gefühl der Macht ist concentrirt im classischen Typus. Schwer reagiren: ein großes Bewußtsein: kein Gefühl von Kampf   800. Das Rauschgefühl, thatsächlich einem Mehr von Kraft entsprechend: am stärksten in der Paarungszeit der Geschlechter: neue Organe, neue Fertigkeiten, Farben, Formen; – die »Verschönerung« ist eine Folge der erhöhten Kraft. Verschönerung als Ausdruck eines siegreichen Willens, einer gesteigerten Coordination, einer Harmonisirung aller starken Begehrungen, eines unfehlbar perpendikulären Schwergewichts. Die logische und geometrische Vereinfachung ist eine Folge der Krafterhöhung: umgekehrt erhöht wieder das Wahrnehmen solcher Vereinfachung das Kraftgefühl ... Spitze der Entwicklung: der große Stil. Die Häßlichkeit bedeutet décadence eines Typus , Widerspruch und mangelnde Coordination der inneren Begehrungen, – bedeutet einen Niedergang an organisirender Kraft, an »Willen«, psychologisch geredet. Der Lustzustand, den man Rausch nennt, ist exakt ein hohes Machtgefühl ... Die Raum- und Zeit-Empfindungen sind verändert: ungeheure Fernen werden überschaut und gleichsam erst wahrnehmbar ; die Ausdehnung des Blicks über größere Mengen und Weiten; die Verfeinerung des Organs für die Wahrnehmung vieles Kleinsten und Flüchtigsten; die Divination , die Kraft des Verstehens auf die leiseste Hülfe hin, auf jede Suggestion hin: die »intelligente« Sinnlichkeit –; die Stärke als Herrschaftsgefühl in den Muskeln, als Geschmeidigkeit und Lust an der Bewegung als Tanz, als Leichtigkeit und Presto; die Stärke als Lust am Beweis der Stärke, als Bravourstück, Abenteuer, Furchtlosigkeit, Gleichgültigkeit gegen Leben und Tod ... Alle diese Höhen-Momente des Lebens regen sich gegenseitig an; die Bilder- und Vorstellungswelt des einen genügt, als Suggestion, für den andern: – dergestalt sind schließlich Zustände in einander verwachsen, die vielleicht Grund hätten, sich fremd zu bleiben. Zum Beispiel: das religiöse Rauschgefühl und die Geschlechtserregung (– zwei tiefe Gefühle, nachgerade fast verwunderlich coordinirt. Was gefällt allen frommen Frauen, alten? jungen? Antwort: ein Heiliger mit schönen Beinen, noch jung, noch Idiot). Die Grausamkeit in der Tragödie und das Mitleid (– ebenfalls normal coordinirt...). Frühling, Tanz, Musik: – alles Wettbewerb der Geschlechter, – und auch noch jene Faustische »Unendlichkeit im Busen«. Die Künstler, wenn sie Etwas taugen, sind (auch leiblich) stark angelegt, überschüssig, Kraftthiere, sensuell; ohne eine gewisse Überheizung des geschlechtlichen Systems ist kein Raffael zu denken ... Musik machen ist auch noch eine Art Kindermachen; Keuschheit ist bloß die Ökonomie eines Künstlers, – und jedenfalls hört auch bei Künstlern die Fruchtbarkeit mit der Zeugungskraft auf ... Die Künstler sollen Nichts so sehen, wie es ist, sondern voller, sondern einfacher, sondern stärker: dazu muß ihnen eine Art Jugend und Frühling, eine Art habitueller Rausch im Leben eigen sein.   801. Die Zustände, in denen wir eine Verklärung und Fülle in die Dinge legen und an ihnen dichten, bis sie unsre eigene Fülle und Lebenslust zurückspiegeln: der Geschlechtstrieb; der Rausch; die Mahlzeit; der Frühling; der Sieg über den Feind, der Hohn; das Bravourstück; die Grausamkeit; die Ekstase des religiösen Gefühls. Drei Elemente Vornehmlich: der Geschlechtstrieb , der Rausch , die Grausamkeit , – alle zur ältesten Festfreude des Menschen gehörend, alle insgleichen im anfänglichen »Künstler« überwiegend. Umgekehrt: treten uns Dinge entgegen, welche diese Verklärung und Fülle zeigen, so antwortet das animalische Dasein mit einer Erregung jener Sphären , wo alle jene Lustzustände ihren Sitz haben: – und eine Mischung dieser sehr zarten Nuancen von animalischen Wohlgefühlen und Begierden ist der ästhetische Zustand . Letzterer tritt nur bei solchen Naturen ein, welche jener abgebenden und überströmenden Fülle des leiblichen vigor überhaupt fähig sind; in ihm ist immer das primum mobile . Der Nüchterne, der Müde, der Erschöpfte, der Vertrocknende (z.B. ein Gelehrter) kann absolut Nichts von der Kunst empfangen, weil er die künstlerische Urkraft, die Nöthtigung des Reichthums nicht hat: wer nicht geben kann, empfängt auch Nichts. » Vollkommenheit «: – in jenen Zuständen (bei der Geschlechtsliebe in Sonderheit) verräth sich naiv, was der tiefste Instinkt als das Höhere, Wünschbarere, Werthvollere überhaupt anerkennt, die Aufwärtsbewegung seines Typus; insgleichen nach welchem Status er eigentlich strebt . Die Vollkommenheit: das ist die außerordentliche Erweiterung seines Machtgefühls, der Reichthum, das notwendige Überschäumen über alle Ränder.   802. Die Kunst erinnert uns an Zustände des animalischen vigor ; sie ist einmal ein Überschuß und Ausströmen von blühender Leiblichkeit in die Welt der Bilder und Wünsche; andrerseits eine Anreizung der animalischen Funktionen durch Bilder und Wünsche des gesteigerten Lebens; – eine Erhöhung des Lebensgefühls, ein Stimulans desselben. Inwiefern kann auch das Häßliche noch diese Gewalt haben? Insofern es noch von der siegreichen Energie des Künstlers Etwas mittheilt, der über dies Häßliche und Furchtbare Herr geworden ist; oder insofern es die Lust der Grausamkeit in uns leise anregt (unter Umständen selbst die Lust, uns wehe zu thun, die Selbstvergewaltigung: und damit das Gefühl der Macht über uns).   803. »Schönheit« ist deshalb für den Künstler Etwas außer aller Rangordnung, weil in der Schönheit Gegensätze gebändigt sind, das höchste Zeichen von Macht, nämlich über Entgegengesetztes; außerdem ohne Spannung: – daß keine Gewalt mehr noth thut, daß Alles so leicht folgt, gehorcht, und zum Gehorsam die liebenswürdigste Miene macht – das ergötzt den Machtwillen des Künstlers.   804. Biologischer Werth des Schönen und des Häßlichen . – Was uns instinktiv widersteht , ästhetisch, ist aus allerlängster Erfahrung dem Menschen als schädlich, gefährlich, mißtrauen-verdienend bewiesen: der plötzlich redende ästhetische Instinkt (im Ekel z. B.) enthält ein Urtheil . Insofern steht das Schöne innerhalb der allgemeinen Kategorie der biologischen Werthe des Nützlichen, Wohlthätigen, Leben-steigernden: doch so daß eine Menge Reize, die ganz von ferne an nützliche Dinge und Zustände erinnern und anknüpfen, uns das Gefühl des Schönen, d. h. der Vermehrung von Machtgefühl geben (– nicht also bloß Dinge, sondern auch die Begleitempfindungen solcher Dinge oder ihre Symbole). Hiermit ist das Schöne und Häßliche als bedingt erkannt; nämlich in Hinsicht auf unsre untersten Erhaltungswerthe. Davon abgesehen ein Schönes und ein Häßliches ansetzen wollen, ist sinnlos. Das Schöne existirt so wenig als das Gute, das Wahre. Im Einzelnen handelt es sich wieder um die Erhaltungsbedingungen einer bestimmten Art von Mensch: so wird der Heerdenmensch bei anderen Dingen das Werthgefühl des Schönen haben, als der Ausnahme- und Über-Mensch. Es ist die Vordergrunds-Optik , welche nur die nächsten Folgen in Betracht zieht, aus der der Werth des Schönen (auch des Guten, auch des Wahren) stammt. Alle Instinkt-Urtheile sind kurzsichtig in Hinsicht auf die Kette der Folgen: sie rathen an, was zunächst zu thun ist. Der Verstand ist wesentlich ein Hemmungsapparat gegen das Sofort-Reagiren auf das Instinkt-Urtheil: er hält auf, er überlegt weiter, er sieht die Folgenkette ferner und länger. Die Schönheits- und Häßlichkeits-Urtheile sind kurzsichtig (– sie haben immer den Verstand gegen sich –): aber im höchsten Grade überredend; sie appelliren an unsre Instinkte, dort, wo sie am schnellsten sich entscheiden und ihr Ja und Nein sagen, bevor noch der Verstand zu Worte kommt. Die gewohntesten Schönheits-Bejahungen regen sich gegenseitig auf und an ; wenn der ästhetische Trieb einmal in Arbeit ist, krystallisirt sich um »das einzelne Schöne« noch eine ganze Fülle anderer und anderswoher stammender Vollkommenheiten. Es ist nicht möglich, objektiv zu bleiben, resp. die interpretirende, hinzugebende, ausfüllende, dichtende Kraft auszuhängen (– letztere ist jene Verkettung der Schönheits-Bejahungen selber). Der Anblick eines »schönen Weibes« ... Also 1) das Schönheits-Urtheil ist kurzsichtig , es sieht nur die nächsten Folgen; 2) es überhäuft den Gegenstand, der es erregt, mit einem Zauber , der durch die Association verschiedener Schönheits-Urtheile bedingt ist, – der aber dem Wesen jenes Gegenstandes ganz fremd ist . Ein Ding als schön empfinden heißt: es nothwendig falsch empfinden – (weshalb, beiläufig gesagt, die Liebesheirath die gesellschaftlich unvernünftigste Art der Heirath ist).   805. Zur Genesis der Kunst . – Jenes Vollkommen-machen, Vollkommen-sehen , welches dem mit geschlechtlichen Kräften überladenen cerebralen System zu eigen ist (der Abend zusammen mit der Geliebten, die kleinsten Zufälligkeiten verklärt, das Leben eine Abfolge sublimer Dinge, »das Unglück des Unglücklich-Liebenden mehr werth als irgend Etwas«): andrerseits wirkt jedes Vollkommene und Schöne als unbewußte Erinnerung jenes verliebten Zustandes und seiner Art zu sehen – jede Vollkommenheit , die ganze Schönheit der Dinge erweckt durch contiguity die aphrodisische Seligkeit wieder. ( Physiologisch : der schaffende Instinkt des Künstlers und die Vertheilung des Semen in's Blut...) Das Verlangen nach Kunst und Schönheit ist ein indirektes Verlangen nach den Entzückungen des Geschlechtstriebes, welche er dem Cerebrum mittheilt. Die vollkommen gewordne Welt, durch »Liebe«.   806. Die Sinnlichkeit in ihren Verkleidungen: 1) als Idealismus (»Plato«), der Jugend eigen, dieselbe Art von Hohlspiegel-Bild schaffend, wie die Geliebte im Speciellen erscheint, eine Inkrustation, Vergrößerung, Verklärung, Unendlichkeit um jedes Ding legend –: 2) in der Religion der Liebe: »ein schöner junger Mann, ein schönes Weib«, irgendwie göttlich, ein Bräutigam, eine Braut der Seele –: 3) in der Kunst, als »schmückende« Gewalt: wie der Mann das Weib sieht, indem er ihr gleichsam Alles zum Präsent macht, was es von Vorzügen giebt, so legt die Sinnlichkeit des Künstlers in Ein Objekt, was er sonst noch ehrt und hochhält – dergestalt vollendet er ein Objekt (»idealisirt« es). Das Weib, unter dem Bewußtsein, was der Mann in Bezug auf das Weib empfindet, kommt dessen Bemühen nach Idealisirung entgegen, indem es sich schmückt, schön geht, tanzt, zarte Gedanken äußert: insgleichen übt sie Scham, Zurückhaltung, Distanz – mit dem Instinkt dafür, daß damit das idealisirende Vermögen des Mannes wächst. (–Bei der ungeheuren Feinheit des weiblichen Instinkts bleibt die Scham keineswegs bewußte Heuchelei: sie erräth, daß gerade die naive wirkliche Schamhaftigkeit den Mann am meisten verführt und zur Überschätzung drängt. Darum ist das Weib naiv – aus Feinheit des Instinkts, welcher ihr die Nützlichkeit des Unschuldigseins anräth. Ein willentliches die-Augen-über-sich-geschlossen-halten ... Überall, wo die Verstellung stärker wirkt, wenn sie unbewußt ist, wird sie unbewußt.)   807. Was der Rausch Alles vermag, der »Liebe« heißt und der noch etwas Anderes ist als Liebe! – Doch darüber hat Jedermann seine Wissenschaft. Die Muskelkraft eines Mädchens wächst, sobald nur ein Mann in seine Nähe kommt; es giebt Instrumente, dies zu messen. Bei einer noch näheren Beziehung der Geschlechter, wie sie z.B. der Tanz und andre gesellschaftliche Gepflogenheiten mit sich bringen, nimmt diese Kraft dergestalt zu, um zu wirklichen Kraftstücken zu befähigen: man traut endlich seinen Augen nicht – und seiner Uhr! Hier ist allerdings einzurechnen, daß der Tanz an sich schon, gleich jeder sehr geschwinden Bewegung, eine Art Rausch für das gesammte Gefäß-, Nerven- und Muskel-System mit sich bringt. Man hat in diesem Falle mit den combinirten Wirkungen eines doppelten Rausches zu rechnen. – Und wie weise es mitunter ist, einen kleinen Stich zu haben!... Es giebt Realitäten, die man nie sich eingestehen darf; dafür ist man Weib, dafür hat man alle weiblichen pudeurs ... Diese jungen Geschöpfe, die dort tanzen, sind ersichtlich jenseits aller Realität: sie tanzen nur mit lauter handgreiflichen Idealen; sie sehen sogar, was mehr ist, noch Ideale um sich sitzen: die Mütter!... Gelegenheit, Faust zu citiren... Sie sehen unvergleichlich besser aus, wenn sie dergestalt ihren kleinen Stich haben, diese hübschen Kreaturen, – oh wie gut sie das auch wissen! sie werden sogar liebenswürdig, weil sie das wissen! – Zuletzt inspirirt sie auch noch ihr Putz; ihr Putz ist ihr dritter kleiner Rausch: sie glauben an ihren Schneider wie sie an ihren Gott glauben: – und wer widerriethe ihnen diesen Glauben! Dieser Glaube macht selig! Und die Selbstbewunderung ist gesund! – Selbstbewunderung schützt vor Erkältung. Hat sich je ein hübsches Weib erkältet, das sich gut bekleidet wußte? Nun und nimmermehr! Ich setze selbst den Fall, daß es kaum bekleidet war.   808. Will man den erstaunlichsten Beweis dafür, wie weit die Transfigurationskraft des Rausches geht? – Die »Liebe« ist dieser Beweis: Das, was Liebe heißt in allen Sprachen und Stummheiten der Welt. Der Rausch wird hier mit der Realität in einer Weise fertig, daß im Bewußtsein des Liebenden die Ursache ausgelöscht und etwas Andres sich an ihrer Stelle zu finden scheint, – ein Zittern und Aufglänzen aller Zauberspiegel der Circe... Hier macht Mensch und Thier keinen Unterschied; noch weniger Geist, Güte, Rechtschaffenheit. Man wird fein genarrt, wenn man fein ist; man wird grob genarrt, wenn man grob ist: aber die Liebe, und selbst die Liebe zu Gott, die Heiligen-Liebe »erlöster Seelen«, bleibt in der Wurzel Eins: ein Fieber, das Gründe hat sich zu transfiguriren, ein Rausch, der gut thut über sich zu lügen... Und jedenfalls lügt man gut, wenn man liebt, vor sich und über sich: man scheint sich transfigurirt, stärker, reicher, vollkommener, man ist vollkommener... Wir finden hier die Kunst als organische Funktion: wir finden sie eingelegt in den engelhaftesten Instinkt »Liebe«: wir finden sie als größtes Stimulans des Lebens, – Kunst somit als sublim zweckmäßig auch noch darin, daß sie lügt... Aber wir würden irren, bei ihrer Kraft, zu lügen, stehen zu bleiben: sie thut mehr, als bloß imaginiren: sie verschiebt selbst die Werthe. Und nicht nur daß sie das Gefühl der Werthe verschiebt: der Liebende ist mehr werth, ist stärker Bei den Thieren treibt dieser Zustand neue Waffen, Pigmente, Farben und Formen heraus: vor Allem neue Bewegungen, neue Rhythmen, neue Locktöne und Verführungen. Beim Menschen ist es nicht anders. Sein Gesammthaushalt ist reicher, als je, mächtiger, ganzer , als im Nichtliebenden. Der Liebende wird Verschwender: er ist reich genug dazu. Er wagt jetzt, wird Abenteurer, wird ein Esel an Großmuth und Unschuld; er glaubt wieder an Gott, er glaubt an die Tugend, weil er an die Liebe glaubt: und andrerseits wachsen diesem Idioten des Glücks Flügel und neue Fähigkeiten und selbst zur Kunst thut sich ihm die Thür auf. Rechnen wir aus der Lyrik in Ton und Wort die Suggestion jenes intestinalen Fiebers ab: was bleibt von der Lyrik und Musik übrig? ... L'art pour L'art vielleicht: das virtuose Gequak kaltgestellter Frösche , die in ihrem Sumpfe desperiren ... Den ganzen Rest schuf die Liebe...   809. Alle Kunst wirkt als Suggestion auf die Muskeln und Sinne, welche ursprünglich beim naiven künstlerischen Menschen thätig sind: sie redet immer nur zu Künstlern, – sie redet zu dieser Art von seiner Beweglichkeit des Leibes. Der Begriff »Laie« ist ein Fehlgriff. Der Taube ist keine Species des Guthörigen, Alle Kunst wirkt tonisch , mehrt die Kraft, entzündet die Lust (d. h. das Gefühl der Kraft), regt alle die feineren Erinnerungen de» Rausches an, – es giebt ein eigenes Gedächtniß, das in solche Zustände hinunterkommt: eine ferne und flüchtige Welt von Sensationen kehrt da zurück. Das Häßliche, d. h. der Widerspruch zur Kunst, Das, was ausgeschlossen wird von der Kunst, ihr Nein : – jedesmal, wenn der Niedergang, die Verarmung an Leben, die Ohnmacht, die Auflösung, die Verwesung von fern nur angeregt wird, reagirt der ästhetische Mensch mit seinem Nein . Das Häßliche wirkt depressiv : es ist der Ausdruck einer Depression. Es nimmt Kraft, es verarmt, es drückt... Das Häßliche suggerirt Häßliches; man kann an seinen Gesundheitszuständen erproben, wie unterschiedlich das Schlechtbefinden auch die Fähigkeit der Phantasie des Häßlichen steigert. Die Auswahl wird anders, von Sachen, Interessen, Fragen. Es giebt einen dem Häßlichen nächstverwandten Zustand auch im Logischen: – Schwere, Dumpfheit. Mechanisch fehlt dabei das Gleichgewicht: das Häßliche hinkt, das Häßliche stolpert: – Gegensatz einer göttlichen Leichtfertigkeit des Tanzenden. Der ästhetische Zustand hat einen Überreichthum von Mittheilungsmitteln , zugleich mit einer extremen Empfänglichkeit für Reize und Zeichen. Er ist der Höhepunkt der Mittheilsamkeit und Übertragbarkeit zwischen lebenden Wesen, – er ist die Quelle der Sprachen. Die Sprachen haben hier ihren Entstehungsherd: die Tonsprachen sogut als die Gebärden- und Blicksprachen. Das vollere Phänomen ist immer der Anfang: unsere Vermögen sind subtilisirt aus volleren Vermögen. Aber auch heute hört man noch mit den Muskeln, man liest selbst noch mit den Muskeln. Jede reife Kunst hat eine Fülle Convention zur Grundlage: insofern sie Sprache ist. Die Convention ist die Bedingung der großen Kunst, nicht deren Verhinderung ... Jede Erhöhung des Lebens steigert die Mittheilungs-Kraft, insgleichen die Verständniß-Kraft des Menschen. Das Sich-hineinleben in andere Seelen ist ursprünglich nichts Moralisches, sondern eine physiologische Reizbarkeit der Suggestion: die »Sympathie« oder was man »Altruismus« nennt, sind bloße Ausgestaltungen jenes zur Geistigkeit gerechneten psychomotorischen Rapports ( induction psycho-motrice meint Ch. Frèré). Man theilt sich nie Gedanken mir: man theilt sich Bewegungen mit, mimische Zeichen, welche von uns auf Gedanken hin zurückgelesen werden.   810. Im Verhältniß zur Musik ist alle Mittheilung durch Worte von schamloser Art; das Wort verdünnt und verdummt; das Wort entpersönlicht; das Wort macht das Ungemeine gemein.   811. Es sind die Ausnahme-Zustände, die den Künstler bedingen: alle, die mit krankhaften Erscheinungen tief verwandt und verwachsen sind: sodaß es nicht möglich scheint, Künstler zu sein und nicht krank zu sein. Die physiologischen Zustände, welche im Künstler gleichsam zur »Person« gezüchtet sind und die an sich in irgendwelchem Grade dem Menschen überhaupt anhaften: 1) der Rausch : das erhöhte Machtgefühl; die innere Nöthigung, aus den Dingen einen Reflex der eignen Fülle und Vollkommenheit zu machen; 2) die extreme Schärfe gewisser Sinne: sodaß sie eine ganz andre Zeichensprache verstehn – und schaffen, – dieselbe, die mit manchen Nervenkrankheiten verbunden erscheint –; die extreme Beweglichkeit, aus der eine extreme Mitteilsamkeit wird; das Redenwollen alles Dessen, was Zeichen zu geben weiß –; ein Bedürfniß, sich gleichsam loszuwerden durch Zeichen und Gebärden; Fähigkeit, von sich durch hundert Sprachmittel zu reden, – ein explosiver Zustand. Man muß sich diesen Zustand zunächst als Zwang und Drang denken, durch alle Art Muskelarbeit und Beweglichkeit die Exuberanz der inneren Spannung loszuwerden: sodann als unfreiwillige Coordination dieser Bewegung zu den inneren Vorgängen (Bildern, Gedanken, Begierden), – als eine Art Automatismus des ganzen Muskelsystems unter dem Impuls von Innen wirkender starker Reize –; Unfähigkeit, die Reaktion zu verhindern ; der Hemmungsapparat gleichsam ausgehängt . Jede innere Bewegung (Gefühl, Gedanke, Affekt) ist begleitet von Vaskular-Veränderungen und folglich von Veränderungen der Farbe, der Temperatur, der Sekretion. Die suggestive Kraft der Musik, ihre »suggestion mentale« ; – 3) das Nachmachen-müssen : eine extreme Irritabilität, bei der sich ein gegebenes Vorbild contagiös mittheilt, – ein Zustand wird nach Zeichen schon errathen und dargestellt ... Ein Bild, innerlich auftauchend, wirkt schon als Bewegung der Glieder –, eine gewisse Willens -Aushängung...(Schopenhauer!!!!) Eine Art Taubsein, Blindsein nach Außen hin, – das Reich der zugelassenen Reize ist scharf umgrenzt. Dies unterscheidet den Künstler vom Laien (dem künstlerisch-Empfänglichen): letzterer hat im Aufnehmen seinen Höhepunkt von Reizbarkeit; ersterer im Geben, – dergestalt, daß ein Antagonismus dieser beiden Begabungen nicht nur natürlich, sondern wünschenswerth ist. Jeder dieser Zustände hat eine umgekehrte Optik, – vom Künstler verlangen, daß er sich die Optik des Zuhörers (Kritikers –) einübe, heißt verlangen, daß er sich und seine schöpferische Kraft verarme ... Es ist hier wie bei der Differenz der Geschlechter: man soll vom Künstler, der giebt, nicht verlangen, daß er Weib wird, – daß er » empfängt «. Unsre Ästhetik war insofern bisher eine Weibs-Ästhetik, als nur die Empfänglichen für Kunst ihre Erfahrungen »was ist schön?« formulirt haben. In der ganzen Philosophie bis heute fehlt der Künstler... Das ist, wie das Vorhergehende andeutete, ein nothwendiger Fehler: denn der Künstler, der anfienge, sich zu begreifen, würde sich damit vergreifen , – er hat nicht zurück zu sehen, er hat überhaupt nicht zu sehen, er hat zu geben. – Es ehrt einen Künstler, der Kritik unfähig zu sein, – andernfalls ist er halb und halb, ist er »modern«.   812. Ich setze hier eine Reihe psychologischer Zustände als Zeichen vollen und blühenden Lebens hin, welche man heute gewohnt ist, als krankhaft zu beurtheilen. Nun haben wir inzwischen verlernt, zwischen gesund und krank von einem Gegensatze zu reden: es handelt sich um Grade, – meine Behauptung in diesem Falle ist, daß, was heute »gesund« genannt wird, ein niedrigeres Niveau von Dem darstellt, was unter günstigen Verhältnissen gesund wäre –, daß wir relativ krank sind... Der Künstler gehört zu einer noch stärkeren Rasse. Was uns schon schädlich, was bei uns krankhaft wäre ist bei ihm Natur – – Aber man wendet uns ein, daß gerade die Verarmung der Maschine die extravagante Verständnißkraft über jedwede Suggestion ermögliche: Zeugniß unsre hysterischen Weiblein. Die Überfülle an Säften und Kräften kann so gut Symptome der partiellen Unfreiheit, von Sinnes-Hallucinationen, von Suggestions-Raffinements mit sich bringen, wie eine Verarmung an Leben –, der Reiz ist anders bedingt, die Wirkung bleibt sich gleich ... Vor Allem ist die Nachwirkung nicht dieselbe; die extreme Erschlaffung aller morbiden Naturen nach ihren Nerven-Excentricitäten hat Nichts mit den Zuständen des Künstlers gemein: der seine guten Zeiten nicht abzubüßen hat ... Er ist reich genug dazu: er kann verschwenden, ohne arm zu werden. Wie man heute »Genie« als eine Form der Neurose beurtheilen dürfte, so vielleicht auch die künstlerische Suggestiv-Kraft, – und unsre Artisten sind in der That den hysterischen Weiblein nur zu verwandt!!! Das aber spricht gegen »heute«, und nicht gegen die »Künstler«. Die unkünstlerischen Zustände: die der Objektivität , der Spiegelung, des ausgehängten Willens... (das skandalöse Mißverständniß Schopenhauer's , der die Kunst als Brücke zur Verneinung des Lebens nimmt)... Die unkünstlerischen Zustände: der Verarmenden, Abziehenden, Abblassenden, unter deren Blick das Leben leidet: – der Christ.   813. Der moderne Künstler, in seiner Physiologie dem Hysterismus nächstverwandt, ist auch als Charakter auf diese Krankhaftigkeit hin abgezeichnet. Der Hysteriker ist falsch, – er lügt aus Lust an der Lüge, er ist bewunderungswürdig in jeder Kunst der Verstellung –, es sei denn, daß seine krankhafte Eitelkeit ihm einen Streich spielt. Diese Eitelkeit ist wie ein fortwährendes Fieber, welches Betäubungsmittel nöthig hat und vor keinem Selbstbetrug, vor keiner Farce zurückschreckt, die eine augenblickliche Linderung verspricht, ( Unfähigkeit zum Stolz und beständig Rache für eine tief eingenistete Selbstverachtung nöthig zu haben – das ist beinahe die Definition dieser Art von Eitelkeit.) Die absurde Erregbarkeit seines Systems, die aus allen Erlebnissen Krisen macht und das »Dramatische« in die geringsten Zufälle des Lebens einschleppt, nimmt ihm alles berechenbare: er ist keine Person mehr, höchstens ein Rendezvous von Personen, von denen bald diese, bald jene mit unverschämter Sicherheit herausschießt. Eben darum ist er groß als Schauspieler: alle diese armen Willenlosen, welche die Ärzte in der Nähe studiren, setzen in Erstaunen durch ihre Virtuosität der Mimik, der Transfiguration, des Eintretens in fast jeden verlangten Charakter.   814. Künstler sind nicht die Menschen der großen Leidenschaft, was sie uns und sich auch vorreden mögen. Und das aus zwei Gründen: es fehlt ihnen die Scham vor sich selber (sie sehen sich zu, indem sie leben ; sie lauern sich auf, sie sind zu neugierig) und es fehlt ihnen auch die Scham vor der großen Leidenschaft (sie beuten sie als Artisten aus). Zweitens aber ihr Vampyr, ihr Talent, mißgönnt ihnen meist solche Verschwendung von Kraft, welche Leidenschaft heißt. – Mit einem Talent ist man auch das Opfer seines Talents: man lebt unter dem Vampyrismus seines Talents. Man wird nicht dadurch mit seiner Leidenschaft fertig, daß man sie darstellt: vielmehr, man ist mit ihr fertig, wenn man sie darstellt. (Goethe lehrt es anders; aber es scheint, daß er hier sich selbst mißverstehen wollte, – aus delicatezza .)   815. Zur Vernunft des Lebens . – Eine relative Keuschheit, eine grundsätzliche und kluge Vorsicht vor Eroticis selbst in Gedanken, kann zur großen Vernunft des Lebens auch bei reich ausgestatteten und ganzen Naturen gehören. Der Satz gilt in Sonderheit von den Künstlern , er gehört zu deren bester Lebens-Weisheit. Völlig unverdächtige Stimmen sind schon in diesem Sinne laut geworden: ich nenne Stendhal, Th. Gautier, auch Flaubert. Der Künstler ist vielleicht seiner Art nach mit Nothwendigkeit ein sinnlicher Mensch, erregbar überhaupt, zugänglich in jedem Sinne, dem Reize, der Suggestion des Reizes schon von fern her entgegenkommend. Trotzdem ist er im Durchschnitt, unter der Gewalt seiner Aufgabe, seines Willens zur Meisterschaft, thatsächlich ein mäßiger, oft sogar ein keuscher Mensch. Sein dominirender Instinkt will es so von ihm: er erlaubt ihm nicht, sich auf diese oder jene Weise auszugeben. Es ist ein und dieselbe Kraft, die man in der Kunst-Conception und die man im geschlechtlichen Actus ausgiebt: es giebt nur Eine Art Kraft. Hier zu unterliegen, hier sich zu verschwenden ist für einen Künstler verrätherisch: es verräth den Mangel an Instinkt, an Wille überhaupt, es kann ein Zeichen von décadence sein, – es entwerthet jedenfalls bis zu einem unausrechenbaren Grade seine Kunst.   816. Verglichen mit dem Künstler, ist das Erscheinen des wissenschaftlichen Menschen in der That ein Zeichen einer gewissen Eindämmung und Niveau-Erniedrigung des Lebens (– aber auch einer Verstärkung, Strenge, Härte, Willenskraft). Inwiefern die Falschheit, die Gleichgültigkeit gegen Wahr und Nützlich beim Künstler Zeichen von Jugend, von »Kinderei« sein mögen... Ihre habituelle Art, ihre Unvernünftigkeit, ihre Ignoranz über sich, ihre Gleichgültigkeit gegen »ewige Werthe«, ihr Ernst im »Spiele«, – ihr Mangel an Würde; Hanswurst und Gott benachbart; der Heilige und die Canaille... Das Nachmachen als Instinkt, commandirend. – Aufgangs-Künstler – Niedergangs-Künstler: ob sie nicht allen Phasen zugehören?... Ja!   817. Würde irgend ein Ring in der ganzen Kette von Kunst und Wissenschaft fehlen, wenn das Weib, wenn das Werk des Weibes darin fehlte? Geben wir die Ausnahme zu – sie beweist die Regel – das Weib bringt es in Allem zur Vollkommenheit, was nicht ein Werk ist, in Brief, in Memoiren, selbst in der delikatesten Handarbeit, die es giebt, kurz in Allem, was nicht ein Metier ist, genau deshalb, weil es darin sich selbst vollendet, weil es damit seinem einzigen Kunst-Antrieb gehorcht, den es besitzt, – es will gefallen ... Aber was hat das Weib mit der leidenschaftlichen Indifferenz des echten Künstlers zu schaffen, der einem Klang, einem Hauch, einem Hopsasa mehr Wichtigkeit zugesteht, als sich selbst? der mit allen fünf Fingern nach seinem Geheimsten und Innersten greift? der keinem Dinge einen Werth zugesteht, es sei denn, daß es Form zu werden weiß (– daß es sich preisgiebt, daß es sich öffentlich macht –). Die Kunst, so wie der Künstler sie übt – begreift ihr's denn nicht, was sie ist: ein Attentat auf alle pudeurs? ... Erst mit diesem Jahrhundert hat das Weib jene Schwenkung zur Litteratur gewagt (– vers la canaille plumière écrivassière, mit dem alten Mirabeau zu reden): es schriftstellert, es künstlert, es verliert an Instinkt. Wozu doch? wenn man fragen darf.   818. Man ist um den Preis Künstler, daß man Das, was alle Nichtkünstler »Form« nennen, als Inhalt, als »die Sache selbst« empfindet. Damit gehört man freilich in eine verkehrte Welt: denn nunmehr wird einem der Inhalt zu etwas bloß Formalem, – unser Leben eingerechnet.   819. Der Sinn und die Lust an der Nuance (– die eigentliche Modernität), an Dem, was nicht generell ist, läuft dem Triebe entgegen, welcher seine Lust und Kraft im Erfassen des Typischen hat: gleich dem griechischen Geschmack der besten Zeit. Ein Überwältigen der Fülle des Lebendigen ist darin, das Maaß wird Herr, jene Ruhe der starken Seele liegt zu Grunde, welche sich langsam bewegt und einen Widerwillen vor dem Allzu-Lebendigen hat. Der allgemeine Fall, das Gesetz wird verehrt und herausgehoben: die Ausnahme wird umgekehrt beiseite gestellt, die Nuance weggewischt. Das Feste, Mächtige, Solide, das Leben, das breit und gewaltig ruht und seine Kraft birgt – das »gefällt«: d. h. das correspondirt mit Dem, was man von sich hält.   820. In der Hauptsache gebe ich den Künstlern mehr Recht als allen Philosophen bisher: sie verloren die große Spur nicht, auf der das Leben geht, sie liebten die Dinge »dieser Welt«, – sie liebten ihre Sinne. »Entsinnlichung« zu erstreben: das scheint mir ein Mißverständniß oder eine Krankheit oder eine Cur, wo sie nicht eine bloße Heuchelei oder Selbstbetrügerei ist. Ich wünsche mir selber und allen Denen, welche ohne die Ängste eines Puritaner-Gewissens leben – leben dürfen, eine immer größere Vergeistigung und Vervielfältigung ihrer Sinne; ja wir wollen den Sinnen dankbar sein für ihre Feinheit, Fülle und Kraft und ihnen das Beste von Geist, was wir haben, dagegen bieten. Was gehen uns die priesterlichen und metaphysischen Verketzerungen der Sinne an! Wir haben diese Verketzerung nicht mehr nöthig: es ist ein Merkmal der Wohlgerathenheit, wenn Einer, gleich Goethe, mit immer größerer Lust und Herzlichkeit an »den Dingen der Welt« hängt: – dergestalt nämlich hält er die große Auffassung des Menschen fest, daß der Mensch der Verklärer des Daseins wird, wenn er sich selbst verklären lernt.   821. Pessimismus in der Kunst? – Der Künstler liebt allmählich die Mittel um ihrer selber willen, in denen sich der Rauschzustand zu erkennen giebt: die extreme Feinheit und Pracht der Farbe, die Deutlichkeit der Linie, die Nuance des Tons: das Distinkte, wo sonst, im Normalen, alle Distinktion fehlt. Alle distinkten Sachen, alle Nuancen, insofern sie an die extremen Kraftsteigerungen erinnern, welche der Rausch erzeugt, wecken rückwärts dieses Gefühl des Rausches; – die Wirkung der Kunstwerke ist die Erregung des kunstschaffenden Zustands, des Rausches. Das Wesentliche an der Kunst bleibt ihre Daseins- Vollendung, ihr Hervorbringen der Vollkommenheit und Fülle; Kunst ist wesentlich Bejahung, Segnung, Vergöttlichung des Daseins ... Was bedeutet eine pessimistische Kunst ? Ist das nicht eine contradictio ? – Ja. – Schopenhauer irrt, wenn er gewisse Werke der Kunst in den Dienst des Pessimismus stellt. Die Tragödie lehrt nicht »Resignation«... Die furchtbaren und fragwürdigen Dinge darstellen ist selbst schon ein Instinkt der Macht und Herrlichkeit am Künstler: er fürchtet sie nicht... Es giebt keine pessimistische Kunst... Die Kunst bejaht. Hiob bejaht. – Aber Zola? Aber die Goncourts? – Die Dinge sind häßlich, die sie zeigen: aber daß sie dieselben zeigen, ist aus Lust an diesem Häßlichen ... Hilft Nichts! ihr betrügt euch, wenn ihr's anders behauptet. – Wie erlösend ist Dostoiewsky!   822. Wenn meine Leser darüber zur Genüge eingeweiht sind, daß auch »der Gute« im großen Gesammt-Schauspiel des Lebens eine Form der Erschöpfung darstellt: so werden sie der Consequenz des Christenthums die Ehre geben, welche den Guten als den Häßlichen concipirte. Das Christentum hatte damit Recht. An einem Philosophen ist es eine Nichtswürdigkeit zu sagen »das Gute und das Schöne sind Eins«; fügt er gar noch hinzu »auch das Wahre«, so soll man ihn prügeln. Die Wahrheit ist häßlich. Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehn .   823. Mit der Kunst gegen die Vermoralisirung kämpfen. – Kunst als Freiheit von der moralischen Verengung und Winkel-Optik; oder als Spott über sie. Die Flucht in die Natur, wo ihre Schönheit mit der Furchtbarkeit sich paart. Conception des großen Menschen. – Zerbrechliche, unnütze Luxus-Seelen, welche ein Hauch schon trübe macht, »die schönen Seelen« . – Die verblichenen Ideale aufwecken in ihrer schonungslosen Härte und Brutalität, als die prachtvollsten Ungeheuer, die sie sind. – Ein frohlockender Genuß an der psychologischen Einsicht in die Sinuosität und Schauspielerei wider Wissen bei allen vermoralisirten Künstlern. – Die Falschheit der Kunst, – ihre Immoralität an's Licht ziehen. – Die »idealisirenden Grundmächte« (Sinnlichkeit, Rausch, überreiche Animalität) an's Licht ziehen.   824. Die moderne Falschmünzerei in den Künsten: begriffen als nothwendig , nämlich dem eigentlichsten Bedürfniß der modernen Seele gemäß . Man stopft die Lücken der Begabung , noch mehr die Lücken der Erziehung , der Tradition , der Schulung aus. Erstens: man sucht sich ein weniger artistisches Publikum, welches unbedingt ist in seiner Liebe (– und alsbald vor der Person niederkniet). Dazu dient die Superstition unseres Jahrhunderts, der Aberglaube vom »Genie«. Zweitens: man haranguirt die dunklen Instinkte der Unbefriedigten, Ehrgeizigen, Sich-selbst-Verhüllten eines demokratischen Zeitalters: Wichtigkeit der Attitüde . Drittens: man nimmt die Proceduren der einen Kunst in die andere, vermischt die Absicht der Kunst mit der der Erkenntnis; oder der Kirche oder des Rassen-Interesses (Nationalismus) oder der Philosophie – man schlägt an alle Glocken auf einmal und erregt den dunklen Verdacht, daß man ein Gott sei. Viertens: man schmeichelt dem Weibe, den Leidenden, den Empörten, man bringt auch in der Kunst narcotica und opiatica zum Übergewicht. Man kitzelt die Gebildeten, die Leser von Dichtern und alten Geschichten.   825. Die Scheidung in »Publikum« und »Cönakel«: im ersten muß man heute Charlatan sein, im zweiten will man Virtuose sein und Nichts weiter! Übergreifend über diese Scheidung unsere specifischen »Genie's« des Jahrhunderts, groß für Beides; große Charlatanerie Victor Hugo's und Richard Wagner's, aber gepaart mit soviel echtem Virtuosenthum , daß sie auch den Raffinirtesten im Sinne der Kunst selbst genug thaten. Daher der Mangel an Größe : sie haben eine wechselnde Optik, bald in Hinsicht auf die gröbsten Bedürfnisse, bald in Hinsicht auf die raffinirtesten.   826. Die falsche »Verstärkung« : – 1) im Romantismus: dies beständige espressivo ist kein Zeichen von Stärke, sondern von einem Mangelgefühl; 2) die pittoreske Musik, die sogenannte dramatische, ist vor Allem leichter (ebenso wie die brutale Colportage und Nebeneinanderstellung von faits und traits im Roman des Naturalismus); 3) die »Leidenschaft« eine Sache der Nerven und der ermüdeten Seelen; so wie der Genuß an Hochgebirgen, Wüsten, Unwettern, Orgien und Scheußlichleiten, – am Massenhaften und Massiven (bei Historikern z.B.); thatsächlich giebt es einen Cultus der Ausschweifung des Gefühls (–wie kommt es, daß die starken Zeiten ein umgekehrtes Bedürfniß in der Kunst haben – nach einem Jenseits der Leidenschaft?). 4) die Bevorzugung der aufregenden Stoffe ( Erotica oder Socialistica oder Pathologica ): Alles Zeichen, für wen heute gearbeitet wird, für Überarbeitete und Zerstreute oder Geschwächte. Man muß tyrannisiren , um überhaupt zu wirken .   827. Die moderne Kunst als eine Kunst zu tyrannisiren . – Eine grobe und stark herausgetriebene Logik des Lineaments ; das Motiv vereinfacht bis zur Formel: die Formel tyrannisirt. Innerhalb der Linien eine wilde Vielheit, eine überwältigende Masse, vor der die Sinne sich verwirren; die Brutalität der Farben, des Stoffes, der Begierden. Beispiele: Zola, Wagner; in geistigerer Ordnung Taine. Also Logik, Masse und Brutalität .   828. In Hinsicht auf die Maler : tous ces modernes sont des poètes qui ont voulu être peintres . L'un a cherché des drames dans l'histoire, l'autre des scènes de moeurs, celui-ci traduit des religions, celui-là une philosophie . Jener ahmt Raffael nach, ein Anderer die ersten italienischen Meister; die Landschafter verwenden Bäume und Wolken, um Oden und Elegien zu machen. Keiner ist einfach Maler; alle sind Archäologen, Psychologen, In-Scene-Setzer irgend welcher Erinnerung oder Theorie. Sie gefallen sich an unsrer Erudition, an unsrer Philosophie. Sie sind, wie wir, voll und übervoll von allgemeinen Ideen. Sie lieben eine Form nicht um Das, was sie ist, sondern um Das, was sie ausdrückt . Sie sind die Söhne einer gelehrten, gequälten und reflektirenden Generation – tausend Meilen weit von den alten Meistern, welche nicht lasen und nur daran dachten, ihren Augen ein Fest zu geben.   829. Im Grunde ist auch Wagner's Musik noch Litteratur, so gut es die ganze französische Romantik ist: der Zauber des Exotismus (fremder Zeiten, Sitten, Leidenschaften), ausgeübt auf empfindsame Eckensteher. Das Entzücken beim Hineintreten in das ungeheure ferne ausländische vorzeitliche Land, zu dem der Zugang durch Bücher führt, wodurch der ganze Horizont mit neuen Farben und Möglichleiten bemalt war ... Die Ahnung von noch ferneren unaufgeschlossenen Welten; der dédain gegen die Boulevards ... Der Nationalismus nämlich, man lasse sich nicht täuschen, ist auch nur eine Form des Exotismus ... Die romantischen Musiker erzählen, was die exotischen Bücher aus ihnen gemacht haben: man möchte gern Exotica erleben, Leidenschaften im florentinischen und venetianischen Geschmack: zuletzt begnügt man sich, sie im Bilde zu suchen ... Das Wesentliche ist die Art von neuer Begierde, ein Nachmachen-wollen, Nachleben-wollen, die Verkleidung, die Verstellung der Seele ... Die romantische Kunst ist nur ein Nothbehelf für eine manquirte »Realität«. Der Versuch, Neues zu thun : Revolution, Napoleon. Napoleon, die Leidenschaft neuer Möglichleiten der Seele, die Raumerweiterung der Seele. Ermattung des Willens; umso größere Ausschweifung in der Begierde, Neues zu fühlen, vorzustellen, zu träumen, – Folge der exzessiven Dinge, die man erlebt hatte: Heißhunger nach excessiven Gefühlen... Die fremden Litteraturen boten die stärksten Würzen.   830. Winckelmann's und Goethe's Griechen, Victor Hugo's Orientalen, Wagner's Edda-Personnagen, Walter Scott's Engländer des dreizehnten Jahrhunderts – irgendwann wird man die ganze Komödie entdecken! es war Alles über alle Maaßen historisch falsch , aber – modern.   831. Zur Charakteristik des nationalen Genius in Hinsicht auf Fremdes und Entlehntes. – Der englische Genius vergröbert und vernatürlicht Alles, was er empfängt; der französische verdünnt, vereinfacht, logisirt, putzt auf; der deutsche vermischt, vermittelt, verwickelt, vermoralisirt; der italienische hat bei Weitem den freiesten und feinsten Gebrauch vom Entlehnten gemacht und hundertmal mehr hineingesteckt als herausgezogen: als der reichste Genius, der am meisten zu verschenken hatte.   832. Die Juden haben in der Sphäre der Kunst das Genie gestreift, mit Heinrich Heine und Offenbach, diesem geistreichsten und übermüthigsten Satyr, der als Musiker zur großen Tradition hält und für Den, der nicht bloß Ohren hat, eine rechte Erlösung von den gefühlsamen und im Grunde entarteten Musikern der deutschen Romantik ist.   833. Offenbach: französische Musik mit einem Voltaire'schen Geist, frei, übermüthig, mit einem kleinen sardonischen Grinsen, aber hell, geistreich bis zur Banalitat (– er schminkt nicht –) und ohne die mignardise krankhafter oder blond-wienerischer Sinnlichkeit.   834. Wenn man unter Genie eines Künstlers die höchste Freiheit unter dem Gesetz, die göttliche Leichtigkeit, Leichtfertigkeit im Schwersten versteht, so hat Offenbach noch mehr Anrecht auf den Namen »Genie« als Wagner. Wagner ist schwer, schwerfällig: Nichts ist ihm fremder als Augenblicke übermüthigster Vollkommenheit wie sie dieser Hanswurst Offenbach fünf, sechs Mal fast in jeder seiner bouffonneries erreicht. Aber vielleicht darf man unter Genie etwas Anderes verstehen. –   835. Zum Kapitel »Musik« . – Deutsche und französische und italienische Musik. (Unsre politisch niedrigsten Zeiten die fruchtbarsten . Die Sklaven?) – Das culturhistorische Ballet: hat die Oper überwunden. – Schauspieler-Musik und Musiker-Musik. – Ein Irrthum, daß Das, was Wagner geschaffen hat, eine Form sei: – es ist eine Formlosigkeit. Die Möglichkeit des dramatischen Baues ist nun noch zu finden. – Rhythmisches. Der »Ausdruck« um jeden Preis. Hurenhafte Instrumentation. – Zu Ehren von Heinrich Schütz. –Zu Ehren Mendelssohn's: ein Element Goethe darin und nirgends sonst! (ebenso wie ein andres Element Goethe in der Rahel zur Vollendung kam; ein drittes in Heinrich Heine.)   836. Die deskriptive Musik ; der Wirklichkeit es überlassen, zu wirken ... Alle diese Arten Kunst sind leichter, nachmachbarer ; nach ihnen greifen die Gering-Begabten. Appell an die Instinkte; suggestive Kunst.   837. Über unsre moderne Musik . – Die Verkümmerung der Melodie ist das Gleiche wie die Verkümmerung der »Idee«, der Dialektik, der Freiheit geistigster Bewegung, – eine Plumpheit und Gestopftheit, welche sich zu neuen Wagnissen und selbst zu Principien entwickelt; – man hat schließlich nur die Principien seiner Begabung, seiner Bornirtheit von Begabung . »Dramatische Musik« Unsinn! Das ist einfach schlechte Musik... Das »Gefühl«, die »Leidenschaft« als Surrogate, wenn man die hohe Geistigkeit und das Glück derselben (z. B. Voltaire's) nicht mehr zu erreichen weiß. Technisch ausgedrückt, ist das »Gefühl«, die »Leidenschaft« leichter – es setzt viel ärmere Künstler voraus. Die Wendung zum Drama verräth. daß ein Künstler über die Scheinmittel noch mehr sich Herr weiß, als über die echten Mittel. Wir haben dramatische Malerei, dramatische Lyrik u. s. w.   838. Wir entbehren in der Musik einer Ästhetik , die den Musikern Gesetze aufzuerlegen verstünde und ein Gewissen schüfe; wir entbehren, was eine Folge davon ist, eines eigentlichen Kampfes um »Principien« – denn als Musiker lachen wir über die Herbart'schen Velleitäten auf diesem Gebiete ebenso sehr, als über die Schopenhauer's. Thatsächlich ergiebt sich hieraus eine große Schwierigkeit: wir wissen die Begriffe »Muster«, »Meisterschaft«, »Vollkommenheit« nicht mehr zu begründen – wir tasten mit dem Instinkte alter Liebe und Bewunderung blind herum im Reich der Werthe, wir glauben beinahe, »gut ist, was uns gefällt« ... Es erweckt mein Mißtrauen, wenn ganz unschuldig Beethoven allerwärts als »Classiker« bezeichnet wird: ich würde streng aufrecht erhalten, daß man in anderen Künsten unter einem Klassiker einen umgekehrten Typus, als der Beethoven's ist, begreift. Aber wenn gar noch die vollkommene und in die Augen springende Stil-Auflösung Wagner's, sein sogenannter dramatischer Stil als »Vorbild«, als »Meisterschaft«, als »Fortschritt« gelehrt und verehrt wird, so kommt meine Ungeduld auf ihren Gipfel. Der dramatische Stil in der Musik, wie ihn Wagner versteht, ist die Verzichtleistung auf Stil überhaupt, unter der Voraussetzung, daß etwas Anderes hundertmal wichtiger ist als Musik, nämlich das Drama. Wagner kann malen, er benutzt die Musik nicht zur Musik, er verstärkt Attitüden, er ist Poet; endlich, er hat an die »schönen Gefühle« und »gehobenen Busen« appellirt gleich allen Theaterkünstlern – mit dem Allen hat er die Frauen und selbst die Bildungs-Bedürftigen zu sich überredet: aber was geht Frauen und Bildungs-Bedürftige die Musik an! Das hat Alles kein Gewissen für die Kunst: das leidet nicht, wenn alle ersten und unerläßlichsten Tugenden einer Kunst zu Gunsten von Nebenabsichten (als ancilla dramaturgica ) mit Füßen getreten und verhöhnt werden. Was liegt an aller Erweiterung der Ausdrucksmittel, wenn Das, was da ausdrückt, die Kunst selbst, für sich selbst das Gesetz verloren hat! Die malerische Pracht und Gewalt des Tons, die Symbolik von Klang, Rhythmus, Farbentönen der Harmonie und Disharmonie, die suggestive Bedeutung der Musik, die ganze mit Wagner zur Herrschaft gebrachte Sinnlichkeit der Musik – das Alles hat Wagner an der Musik erkannt, herausgezogen, entwickelt. Victor Hugo hat etwas Verwandtes für die Sprache gethan: aber schon heute fragt man sich in Frankreich im Fall Victor Hugo's, ob nicht zum Verderb der Sprache... ob nicht, mit der Steigerung der Sinnlichkeit in der Sprache, die Vernunft, die Geistigkeit, die tiefe Gesetzlichkeit in der Sprache heruntergedrückt worden ist? Daß die Dichter in Frankreich Plastiker, daß die Musiker in Deutschland Schauspieler und Cultur-Anpinseler geworden sind – sind das nicht Zeichen der décadence ?   839. Es giebt heute auch einen Musiker-Pessimismus, selbst noch unter Nicht-Musikern. Wer hat ihn nicht erlebt, wer hat ihm nicht geflucht, dem unseligen Jüngling, der sein Clavier bis zum Verzweiflungsschrei martert, der eigenhändig den Schlamm der düstersten graubraunsten Harmonien vor sich herwälzt? Damit ist man erkannt , als Pessimist... Ob man aber damit auch als »musikalisch« erkannt ist? Ich würde es nicht zu glauben wissen. Der Wagnerianer pur sang ist unmusikalisch; er unterliegt den Elementarkräften der Musik ungefähr wie das Weib dem Willen seines Hypnotiseurs unterliegt – und um dies zu können , darf er durch kein strenges und feines Gewissen in rebus musicis et musicantibus mißtrauisch gemacht sein. Ich sagte »ungefähr wie« –: aber vielleicht handelt es sich hier um mehr als ein Gleichnis;. Man erwäge die Mittel zur Wirkung, deren sich Wagner mit Vorliebe bedient (– die er zu einem guten Theile sich erst hat erfinden müssen): sie ähneln in einer befremdlichen Weise den Mitteln, mit denen der Hypnotiseur es zur Wirkung bringt (– Wahl der Bewegungen, der Klangfarben seines Orchesters; das abscheuliche Ausweichen vor der Logik und Quadratur des Rhythmus; das Schleichende, Streichende, Geheimnißvolle, der Hysterismus seiner »unendlichen Melodie«). – Und ist der Zustand, in welchen z. B. das Lohengrin-Vorspiel den Zuhörer und noch mehr die Zuhörerin versetzt, wesentlich verschieden von der somnambulischen Ekstase? – Ich hörte eine Italienerin nach dem Anhören des genannten Vorspiels sagen, mit jenen hübsch verzückten Augen, auf welche sich die Wagnerianerin versteht: »come si dorme con questa musica« –   840. Religion in der Musik . – Wieviel uneingeständliche und selbst unverstandne Befriedigung aller religiösen Bedürfnisse ist noch in der Wagner'schen Musik! Wie viel Gebet, Tugend, Salbung, »Jungfräulichkeit«, »Erlösung« redet da noch mit! ... Daß die Musik vom Worte, vom Begriffe absehen darf – oh wie sie daraus ihren Vortheil zieht, diese arglistige Heilige, die zu Allem zurückführt, zurückverführt , was einst geglaubt wurde! ... Unser intellektuelles Gewissen braucht sich nicht zu schämen – es bleibt außerhalb – wenn irgend ein alter Instinkt mit zitternden Lippen aus verbotenen Bechern trinkt ... Das ist klug, gesund und, insofern es Scham vor der Befriedigung des religiösen Instinktes verräth, sogar ein gutes Zeichen ... Heimtückische Christlichkeit: Typus der Musik des »letzten Wagner«.   841. Ich unterscheide den Muth vor Personen, den Muth vor Sachen und den Muth vor dem Papier. Letzterer war z. B. der Muth David Straußens. Ich unterscheide nochmals den Muth vor Zeugen und den Muth ohne Zeugen: der Muth eines Christen, eines Gottgläubigen überhaupt kann niemals Muth ohne Zeugen sein, – er ist damit allein schon degradirt. Ich unterscheide endlich den Muth aus Temperament und den Muth aus Furcht vor der Furcht: ein Einzelfall der letzteren Species ist der moralische Muth. Hierzu kommt noch der Muth aus Verzweiflung. Wagner hatte diesen Muth. Seine Lage hinsichtlich der Musik war im Grunde verzweifelt. Im fehlte Beides, was zum guten Musiker befähigt: Natur und Cultur, die Vorbestimmung für Musik und die Zucht und Schulung zur Musik. Er hatte Muth: er schuf aus diesem Mangel ein Princip, – er erfand sich eine Gattung Musik. Die »dramatische Musik«, wie er sie erfand, ist die Musik, welche er machen konnte , – ihr Begriff sind die Grenzen Wagner's. Und man hat ihn mißverstanden! – Hat man ihn mißverstanden? .. Fünf Sechstel der modernen Künstler sind in seinem Falle. Wagner ist ihr Retter: fünf Sechstel sind übrigens die »geringste Zahl«. Jedesmal, wo die Natur sich unerbittlich gezeigt hat und wo andrerseits die Cultur ein Zufall, eine Tentative, ein Dilettantismus blieb, wendet sich jetzt der Künstler mit Instinkt, was sage ich? mit Begeisterung an Wagner: »halb zog er ihn, halb sank er hin«, wie der Dichter sagt.   842. »Musik« – und der große Stil. – Die Größe eines Künstlers bemißt sich nicht nach den »schönen Gefühlen«, die er erregt: das mögen die Weiblein glauben. Sondern nach dem Grade, in dem er sich dem großen Stile nähert, in dem er fähig ist des großen Stils. Dieser Stil hat Das mit der großen Leidenschaft gemein, daß er es verschmäht, zu gefallen; daß er es vergißt, zu überreden; daß er befiehlt; daß er will ... Über das Chaos Herr werden, das man ist; sein Chaos zwingen, Form zu werden: logisch, einfach, unzweideutig, Mathematik, Gesetz werden – das ist hier die große Ambition. – Mit ihr stößt man zurück; Nichts reizt mehr die Liebe zu solchen Gewaltmenschen, – eine Einöde legt sich um sie, ein Schweigen, eine Furcht wie vor einem großen Frevel ... Alle Künste kennen solche Ambitiöse des großen Stils: warum fehlen sie in der Musik? Noch niemals hat ein Musiker gebaut wie jener Baumeister, der den Palazzo Pitti schuf... Hier liegt ein Problem. Gehört die Musik vielleicht in jene Cultur, wo das Reich aller Art Gewaltmenschen schon zu Ende gieng? Widerspräche zuletzt der Begriff großer Stil schon der Seele der Musik, – dem »Weibe« in unsrer Musik? ... Ich berühre hier eine Cardinal-Frage: wohin gehört unsre ganze Musik? Die Zeitalter des classischen Geschmacks kennen nichts ihr Vergleichbares: sie ist aufgeblüht, als die Renaissance-Welt ihren Abend erreichte, als die »Freiheit« aus den Sitten und selbst aus den Menschen davon war: – gehört es zu ihrem Charakter, Gegenrenaissance zu sein? Ist sie die Schwester des Barockstils, da sie jedenfalls seine Zeitgenossin ist? Ist Musik, moderne Musik nicht schon décadence ? ... Ich habe schon früher einmal den Finger auf diese Frage gelegt: ob unsre Musik nicht ein Stück Gegenrenaissance in der Kunst ist? ob sie nicht die Nächstverwandte des Barockstils ist? ob sie nicht im Widerspruch zu allem classischen Geschmack gewachsen ist, sodaß sich in ihr jede Ambition der Classicität von selbst verböte? Auf diese Werthfrage ersten Ranges würde die Antwort nicht zweifelhaft sein dürfen, wenn die Thatsache richtig abgeschätzt worden wäre, daß die Musik ihre höchste Reife und Fülle als Romantik erlangt –, noch einmal als Reaktions-Bewegung gegen die Classicität. Mozart – eine zärtliche und verliebte Seele, aber ganz achtzehntes Jahrhundert, auch noch in seinem Ernste ... Beethoven der erste große Romantiker, im Sinne des französischen Begriffs Romantik, wie Wagner der letzte große Romantiker ist ... beides instinktive Widersacher des classischen Geschmacks, des strengen Stils, – um vom »großen« hier nicht zu reden.   843. Die Romantik : eine zweideutige Frage, wie alles Moderne. Die ästhetischen Zustände zwiefach. Die Vollen und Schenkenden im Gegensatz zu den Suchenden, Begehrenden.   844. Ein Romantiker ist ein Künstler, den das große Mißvergnügen an sich schöpferisch macht – der von sich und seiner Mitwelt wegblickt, zurückblickt.   845. Ist die Kunst eine Folge des Ungenügens am Wirklichen ? Oder ein Ausdruck der Dankbarkeit über genossenes Glück ? Im ersten Falle Romantik , im zweiten Glorienschein und Dithyrambus (kurz Apotheosen-Kunst ): auch Raffael gehört hierhin, nur daß er jene Falschheit hatte, den Anschein der christlichen Weltauslegung zu vergöttern. Er war dankbar für das Dasein, wo es nicht specifisch christlich sich zeigte. Mit der moralischen Interpretation ist die Welt unerträglich. Das Christenthum war der Versuch, die Welt damit zu »überwinden«: d. h. zu verneinen. In praxi lief ein solches Attentat des Wahnsinns – einer wahnsinnigen Selbstüberhebung des Menschen angesichts der Welt – auf Verdüsterung, Verkleinlichung, Verarmung des Menschen hinaus: die mittelmäßigste und unschädlichste Art, die heerdenhafte Art Mensch, fand allein dabei ihre Rechnung, ihre Förderung , wenn man will. Homer als Apotheosen-Künstler ; auch Rubens. Die Musik hat noch keinen gehabt. Die Idealisirung des großen Frevlers (der Sinn für seine Größe ) ist griechisch; das Herunterwürdigen, Verleumden, Verächtlichmachen des Sünders ist jüdisch-christlich.   846. Romantik und ihr Gegenstück . – In Hinsicht auf alle ästhetischen Werthe bediene ich mich jetzt dieser Grundunterscheidung: ich frage in jedem einzelnen Falle »ist hier der Hunger oder der Überfluß schöpferisch geworden?« Von vornherein möchte sich eine andre Unterscheidung besser zu empfehlen scheinen – sie ist bei Weitem augenscheinlicher – nämlich die Unterscheidung, ob das Verlangen nach Starr-werden, Ewig-werden, nach »Sein« die Ursache des Schaffens ist, oder aber das Verlangen nach Zerstörung, nach Wechsel, nach Werden . Aber beide Arten des Verlangens erweisen sich, tiefer angesehn, noch als zweideutig, und zwar deutbar eben nach jenem vorangestellten und mit Recht, wie mich dünkt, vorgezogenen Schema. Das Verlangen nach Zerstörung, Wechsel, Werden kann der Ausdruck der übervollen zukunftsschwangern Kraft sein (mein Terminus dafür ist, wie man weiß, das Wort »dionysisch«); es kann aber auch der Haß der Mißrathnen, Entbehrenden, Schlechtweggekommenen sein, der zerstört, zerstören muß, weil ihn das Bestehende, ja alles Bestehen, alles Sein selbst, empört und aufreizt. »Verewigen« andrerseits kann einmal aus Dankbarkeit und Liebe kommen: – eine Kunst dieses Ursprungs wird immer eine Apotheosen-Kunst sein, dithyrambisch vielleicht mit Rubens, selig mit Hafis, hell und gütig mit Goethe, und einen homerischen Glorienschein über alle Dinge breitend; – es kann aber auch jener tyrannische Wille eines Schwer-Leidenden sein, welcher das Persönlichste, Einzelnste, Engste, die eigentliche Idiosynkrasie seines Leidens noch zum verbindlichen Gesetz und Zwang stempeln möchte und der an allen Dingen gleichsam Rache nimmt, dadurch daß er ihnen sein Bild, das Bild seiner Tortur aufdrückt, einzwängt, einbrennt. Letzteres ist romantischer Pessimismus in der ausdrucksvollsten Form: sei es als Schopenhauer'sche Willens-Philosophie, sei es als Wagner'sche Musik.   847. Ob nicht hinter dem Gegensatz von Classisch und Romantisch der Gegensatz des Aktiven und Reaktiven, verborgen liegt? –   848. Um Classiker zu sein, muß man alle starken, anscheinend widerspruchsvollen Gaben und Begierden haben: aber so, daß sie miteinander unter Einem Joche gehen; zur rechten Zeit kommen, um ein Genus von Litteratur oder Kunst oder Politik auf seine Höhe und Spitze zu bringen (: nicht nachdem dies schon geschehen ist ...): einen Gesammtzustand (sei es eines Volkes, sei es einer Kultur) in seiner tiefsten und innersten Seele widerspiegeln, zu einer Zeit, wo er noch besteht und noch nicht überfärbt ist von der Nachahmung des Fremden (oder noch abhängig ist ...); kein reaktiver, sondern ein schließender und vorwärts führender Geist sein, Ja sagend in allen Fallen, selbst mit seinem Haß. »Es gehört dazu nicht der höchste persönliche Werth?« ... Vielleicht zu erwägen, ob die moralischen Vorurtheile hier nicht ihr Spiel spielen, und ob große moralische Höhe nicht vielleicht an sich ein Widerspruch gegen das Classische ist? ... Ob nicht die moralischen Monstra nothwendig Romantiker sein müssen, in Wort und That? ... Ein solches Übergewicht Einer Tugend über die anderen (wie beim moralischen Monstrum) steht eben der classischen Macht im Gleichgewicht feindlich entgegen: gesetzt, man hätte diese Höhe und wäre trotzdem Classiker, so dürfte dreist geschlossen werden, man besitze auch die Immoralität auf gleicher Höhe: dies vielleicht der Fall Shakespeare (gesetzt, daß es wirklich Lord Bacon ist).   849. Zukünftiges. – Gegen die Romantik der großen »Passion« . – Zu begreifen, wie zu jedem »classischen« Geschmack ein Quantum Kälte, Lucidität, Härte hinzugehört: Logik vor Allem, Glück in der Geistigkeit, »drei Einheiten«, Concentration, Haß gegen Gefühl, Gemüth, esprit , Haß gegen das Vielfache, Unsichere, Schweifende, Ahnende so gut als gegen das Kurze, Spitze, Hübsche, Gütige. Man soll nicht mit künstlerischen Formeln spielen: man soll das Leben umschaffen, daß es sich nachher formuliren muß . Es ist eine heitere Komödie, über die erst jetzt wir lachen lernen, die wir jetzt erst sehen : daß die Zeitgenossen Herder's, Winckelmann's, Goethe's und Hegel's in Anspruch nahmen, das classische Ideal wieder entdeckt zu haben ... und zu gleicher Zeit Shakespeare! – Und dasselbe Geschlecht hatte sich von der classischen Schule der Franzosen auf schnöde Art losgesagt! als ob nicht das Wesentliche so gut hier wie dorther hätte gelernt werden können! ... Aber man wollte die »Natur«, die »Natürlichkeit«: oh Stumpfsinn! Man glaubte, die Classicität sei eine Art Natürlichkeit! Ohne Vorurtheil und Weichlichkeit zu Ende denken, auf welchem Boden ein classischer Geschmack wachsen kann. Verhärtung, Vereinfachung, Verstärkung, Verböserung des Menschen: so gehört es zusammen. Die logisch-psychologische Vereinfachung. Die Verachtung des Détails, des Complexen, des Ungewissen. Die Romantiker in Deutschland protestirten nicht gegen den Classicismus, sondern gegen Vernunft, Aufklärung, Geschmack, achtzehntes Jahrhundert. Die Sensibilität der romantisch-Wagner'schen Musik: Gegensatz der classischen Sensibilität . Der Wille zur Einheit (weil die Einheit tyrannisirt: nämlich die Zuhörer, Zuschauer), aber Unfähigkeit, sich in der Hauptsache zu tyrannisiren: nämlich in Hinsicht auf das Werk selbst (auf Verzichtleisten, Kürzen, Klären, Vereinfachen). Die Überwältigung durch Massen (Wagner, Victor Hugo, Zola, Taine).   850. Der Nihilismus der Artisten . – Die Natur grausam durch ihre Heiterkeit; cynisch mit ihren Sonnenaufgängen. Wir sind feindselig gegen Rührungen . Wir flüchten dorthin, wo die Natur unsere Sinne und unsre Einbildungskraft bewegt; wo wir Nichts zu lieben haben, wo wir nicht an die moralischen Scheinbarkeiten und Delikatessen dieser nordischen Natur erinnert werden; – und so auch in den Künsten. Wir ziehen vor, was nicht mehr uns an »Gut und Böse« erinnert. Unsre moralistische Reizbarkeit und Schmerzfähigkeit ist wie erlöst in einer furchtbaren und glücklichen Natur, im Fatalismus der Sinne und der Kräfte. Das Leben ohne Güte. Die Wohlthat besteht im Anblick der großartigen Indifferenz der Natur gegen Gut und Böse. Keine Gerechtigkeit in der Geschichte, keine Güte in der Natur: deshalb geht der Pessimist, falls er Artist ist, dorthin in historicis , wo die Absenz der Gerechtigkeit selber noch mit großartiger Naivetät sich zeigt, wo gerade die Vollkommenheit zum Ausdruck kommt –, und insgleichen in der Natur dorthin, wo der böse und indifferente Charakter sich nicht verhehlt, wo sie den Charakter der Vollkommenheit darstellt ... Der nihilistische Künstler verräth sich im Wollen und Bevorzugen der cynischen Geschichte, der cynischen Natur .   851. Was ist tragisch? – Ich habe zu wiederholten Malen den Finger auf das große Mißverständniß des Aristoteles gelegt, als er in zwei deprimirenden Affekten, im Schrecken und im Mitleiden, die tragischen Affekte zu erkennen glaubte. Hätte er Recht, so wäre die Tragödie eine lebensgefährliche Kunst: man müßte vor ihr wie vor etwas Gemeinschädlichem und Anrüchigem warnen. Die Kunst, sonst das große Stimulans des Lebens, ein Rausch am Leben, ein Wille zum Leben, würde hier, im Dienste einer Abwärtsbewegung, gleichsam als Dienerin des Pessimismus gesundheitsschädlich (– denn daß man durch Erregung dieser Affekte sich von ihnen »purgirt«, wie Aristoteles zu glauben scheint, ist einfach nicht wahr). Etwas, das habituell Schrecken oder Mitleid erregt, desorganisirt, schwächt, entmuthigt: – und gesetzt, Schopenhauer behielte Recht, daß man der Tragödie die Resignation zu entnehmen habe (d. h. eine sanfte Verzichtleistung auf Glück, auf Hoffnung, auf Willen zum Leben), so wäre hiermit eine Kunst concipirt, in der die Kunst sich selbst verneint. Tragödie bedeutete dann einen Auflösungsproceß: der Instinkt des Lebens sich im Instinkt der Kunst selbst zerstörend. Christentum, Nihilismus, tragische Kunst, physiologische décadence : das hielte sich an den Händen, das käme zur selben Stunde zum Übergewicht, das triebe sich gegenseitig vorwärts – abwärts ... Tragödie wäre ein Symptom des Verfalls. Man kann diese Theorie in der kaltblütigsten Weise widerlegen: nämlich indem man vermöge des Dynamometers die Wirkung einer tragischen Emotion mißt. Und man bekommt als Ergebnis; was zuletzt nur die absolute Verlogenheit eines Systematikers verkennen kann: – daß die Tragödie ein tonicum ist. Wenn Schopenhauer hier nicht begreifen wollte , wenn er die Gesammt-Depression als tragischem Zustand ansetzt, wenn er den Griechen (– die zu seinem Verdruß nicht »resignirten« ...) zu verstehen gab, sie hätten sich nicht auf der Höhe der Weltanschauung befunden: so ist das parti pris , Logik des Systems, Falschmünzerei des Systematikers: eine jener schlimmen Falschmünzereien, welche Schopenhauern, Schritt für Schritt, seine ganze Psychologie verdorben hat (: er, der das Genie, die Kunst selbst, die Moral, die heidnische Religion, die Schönheit, die Erkenntniß und ungefähr Alles willkürlich-gewaltsam mißverstanden hat).   852. Der tragische Künstler. – Es ist die Frage der Kraft (eines Einzelnen oder eines Volles), ob und wo das Urtheil »schön« angesetzt wird. Das Gefühl der Fülle, der aufgestauten Kraft (aus dem es erlaubt ist Vieles muthig und wohlgemuth entgegenzunehmen, vor dem der Schwächling schaudert ) – das Macht gefühl spricht das Urtheil »schön« noch über Dinge und Zustände aus, welche der Instinkt der Ohnmacht nur als hassenswerth , als »häßlich« abschätzen kann. Die Witterung dafür, womit wir ungefähr fertig werden würden, wenn es leibhaft entgegenträte, als Gefahr, Problem, Versuchung, – diese Witterung bestimmt auch noch unser ästhetisches Ja. (»Das ist schön« ist eine Bejahung ). Daraus ergiebt sich, in's Große gerechnet, daß die Vorliebe für fragwürdige und furchtbare Dinge ein Symptom für Stärke ist: während der Geschmack am Hübschen und Zierlichen den Schwachen, den Delikaten zugehört. Die Lust an der Tragödie kennzeichnet starke Zeitalter und Charaktere: ihr non plus ultra ist vielleicht die divina commedia. Es sind die heroischen Geister, welche zu sich selbst in der tragischen Grausamkeit Ja sagen: sie sind hart genug, um das Leiden als Lust zu empfinden. Gesetzt dagegen, daß die Schwachen von einer Kunst Genuß begehren, welche für sie nicht erdacht ist, was werden sie thun, um die Tragödie sich schmackhaft zu machen? Sie werden ihre eigenen Werthgefühle in sie hinein interpretiren: z.B. den »Triumph der sittlichen Weltordnung« oder die Lehre vom »Unwerth des Daseins« oder die Aufforderung zur »Resignation« (– oder auch halb medicinische, halb moralische Affekt-Ausladungen à la Aristoteles). Endlich: die Kunst des Furchtbaren, insofern sie die Nerven aufregt, kann als Stimulans bei den Schwachen und Erschöpften in Schätzung kommen: das ist heute z.B. der Grund für die Schätzung der Wagner'schen Kunst. Es ist ein Zeichen von Wohl- und Machtgefühl, wie weit Einer den Dingen ihren furchtbaren und fragwürdigen Charakter zugestehen darf; und ob er überhaupt »Lösungen« am Schluß braucht. Diese Art Künstler-Pessimismus ist genau das Gegenstück zum moralisch-religiösen Pessimismus, welcher an der »Verderbniß« des Menschen, am Räthsel des Daseins leidet: dieser will durchaus eine Lösung, wenigstens eine Hoffnung auf Lösung. Die Leidenden, Verzweifelten, An-sich-Mißtrauischen, die Kranken mit Einem Wort, haben zu allen Zeiten die entzückenden Visionen nöthig gehabt, um es auszuhalten (der Begriff »Seligkeit« ist dieses Ursprungs). Ein verwandter Fall: die Künstler der décadence, welche im Grunde nihilistisch zum Leben stehen, flüchten in die Schönheit der Form, – in die ausgewählten Dinge, wo die Natur vollkommen ward, wo sie indifferent groß und schön ist ... (– Die »Liebe zum Schönen« kann somit etwas Anderes als das Vermögen sein, ein Schönes zu sehen, das Schöne zu schaffen: sie kann gerade der Ausdruck von Unvermögen dazu sein.) Die überwältigenden Künstler, welche einen Consonanz-Ton aus jedem Konflikte erklingen lassen, sind die, welche ihre eigene Mächtigkeit und Selbsterlösung noch den Dingen zu Gute kommen lassen: sie sprechen ihre innerste Erfahrung in der Symbolik jedes Kunstwerkes aus, – ihr Schaffen ist Dankbarkeit für ihr Sein. Die Tiefe des tragischen Künstlers liegt darin, daß sein ästhetischer Instinkt die ferneren Folgen übersieht, daß er nicht kurzsichtig beim Nächsten stehen bleibt, daß er die Ökonomie im Großen bejaht, welche das Furchtbare, Böse, Fragwürdige rechtfertigt, und nicht nur – rechtfertigt.   853. Die Kunst in der »Geburt der Tragödie«. I. Die Conception des Werks, auf welche man in dem Hintergrunde dieses Buches stößt, ist absonderlich düster und unangenehm: unter den bisher bekannt gewordnen Typen des Pessimismus scheint keiner diesen Grad von Bösartigkeit erreicht zu haben. Hier fehlt der Gegensatz einer wahren und einer scheinbaren Welt: es giebt nur Eine Welt, und diese ist falsch, grausam, widersprüchlich, verführerisch, ohne Sinn ... Eine so beschaffene Welt ist die wahre Welt. Wir haben Lüge nöthig, um über diese Realität, diese »Wahrheit« zum Sieg zu kommen, das heißt, um zu leben ... Daß die Lüge nöthig ist, um zu leben, das gehört selbst noch mit zu diesem furchtbaren und fragwürdigen Charakter des Daseins. Die Metaphysik, die Moral, die Religion, die Wissenschaft – sie werden in diesem Buche nur als verschiedne Formen der Lüge in Betracht gezogen: mit ihrer Hülfe wird an's Leben geglaubt . »Das Leben soll Vertrauen einflößen«: die Aufgabe, so gestellt, ist ungeheuer. Um sie zu lösen, muß der Mensch schon von Natur Lügner sein, er muß mehr als alles Andere Künstler sein. Und er ist es auch: Metaphysik, Religion, Moral, Wissenschaft – Alles nur Ausgeburten seines Willens zur Kunst, zur Lüge, zur Flucht vor der »Wahrheit«, zur Verneinung der »Wahrheit«. Das Vermögen selbst, dank dem er die Realität durch die Lüge vergewaltigt, dieses Künstler-Vermögen des Menschen par excellence – er hat es noch mit Allem, was ist, gemein. Er selbst ist ja ein Stück Wirklichkeit, Wahrheit, Natur: wie sollte er nicht auch ein Stück Genie der Lüge sein! Daß der Charakter des Daseins verkannt werde – tiefste und höchste Geheim-Absicht hinter Allem, was Tugend, Wissenschaft, Frömmigkeit, Künstlerthum ist. Vieles niemals sehn, Vieles falsch sehn, Vieles hinzusehn: oh wie klug man noch ist, in Zuständen, wo man am fernsten davon ist, sich für klug zu halten! Die Liebe, die Begeisterung, »Gott« – lauter Feinheiten des letzten Selbstbetrugs, lauter Verführungen zum Leben, lauter Glaube an das Leben! In Augenblicken, wo der Mensch zum Betrognen ward, wo er sich überlistet hat, wo er an's Leben glaubt: oh wie schwillt es da in ihm auf! Welches Entzücken! Welches Gefühl von Macht! Wie viel Künstler-Triumph im Gefühl der Macht!... Der Mensch ward wieder einmal Herr über den » Stoff «, – Herr über die Wahrheit! ... Und wann immer der Mensch sich freut, er ist immer der Gleiche in seiner Freude: er freut sich als Künstler, er genießt sich als Macht, er genießt die Lüge als seine Macht ... II. Die Kunst und nichts als die Kunst! Sie ist die große Ermöglicherin des Lebens, die große Verführerin zum Leben, das große Stimulans des Lebens. Die Kunst als einzig überlegene Gegenkraft gegen allen Willen zur Verneinung des Lebens, als das Antichristliche, Antibuddhistische, Antinihilistische par excellence. Die Kunst als die Erlösung des Erkennenden, – Dessen, der den furchtbaren und fragwürdigen Charakter des Daseins sieht, sehen will, des Tragisch-Erkennenden. Die Kunst als die Erlösung des Handelnden, – Dessen, der den furchtbaren und fragwürdigen Charakter des Daseins nicht nur sieht, sondern lebt, leben will, des tragisch-kriegerischen Menschen, des Helden. Die Kunst als die Erlösung des Leidenden, – als Weg zu Zuständen, wo das Leiden gewollt, verklärt, vergöttlicht wird, wo das Leiden eine Form der großen Entzückung ist. III. Man sieht, daß in diesem Buche der Pessimismus, sagen wir deutlicher der Nihilismus, als die »Wahrheit« gilt. Aber die Wahrheit gilt nicht als oberstes Werthmaaß, noch weniger als oberste Macht. Der Wille zum Schein, zur Illusion, zur Täuschung, zum Werden und Wechseln (zur objektivirten Täuschung) gilt hier als tiefer, ursprünglicher, »metaphysischer« als der Wille zur Wahrheit, zur Wirklichkeit, zum Schein: – letzterer ist selbst bloß eine Form des Willens zur Illusion. Ebenso gilt die Lust als ursprünglicher als der Schmerz: der Schmerz erst als bedingt, als eine Folgeerscheinung des Willens zur Lust (des Willens zum Werden, Wachsen, Gestalten, d.h. zum Schaffen : im Schaffen ist aber das Zerstören eingerechnet). Es wird ein höchster Zustand von Bejahung des Daseins concipirt, aus dem auch der höchste Schmerz nicht abgerechnet werden kann: der tragisch-dionysische Zustand. IV. Dies Buch ist dergestalt sogar antipessimistisch: nämlich in dem Sinne, daß es Etwas lehrt, das stärker ist als der Pessimismus, das »göttlicher« ist als die Wahrheit: die Kunst . Niemand würde, wie es scheint, einer radicalen Verneinung des Lebens, einem wirklichen Nein thun noch mehr als einem Neinsagen zum Leben ernstlicher das Wort reden, als der Verfasser dieses Buches. Nur weiß er – er hat es erlebt, er hat vielleicht nichts Anderes erlebt! – daß die Kunst mehr werth ist, als die Wahrheit. In der Vorrede bereits, mit der Richard Wagner wie zu einem Zwiegespräche eingeladen wird, erscheint dies Glaubensbekenntniß, dies Artisten-Evangelium: »die Kunst als die eigentliche Aufgabe des Lebens, die Kunst als dessen metaphysische Thätigkeit...« Viertes Buch. Zucht und Züchtung. I. Rangordnung. 1. Die Lehre von der Rangordnung.   854. Ich bin dazu gedrängt, im Zeitalter des suffrage universel , d.h. wo Jeder über Jeden und Jedes zu Gericht sitzen darf, die Rangordnung wieder herzustellen.   855. Rang bestimmend, Rang abhebend sind allein Macht-Quantitäten: und nichts sonst.   856. Der Wille zur Macht. – Wie die Menschen beschaffen sein müßten, welche diese Umwerthung an sich vornehmen. Die Rangordnung als Machtordnung: Krieg und Gefahr die Voraussetzung, daß ein Rang seine Bedingungen festhält. Das grandiose Vorbild: der Mensch in der Natur – das schwächste, klügste Wesen sich zum Herrn machend, die dümmeren Gewalten sich unterjochend.   857. Ich unterscheide einen Typus des aufsteigenden Lebens und einen andern des Verfalls, der Zersetzung, der Schwäche. Sollte man glauben, daß die Rangfrage zwischen beiden Typen überhaupt noch zu stellen ist? ...   858. Über den Rang entscheidet das Quantum Macht, das du bist; der Rest ist Feigheit.   859. Vortheil eines Abseits von seiner Zeit. – Abseits gestellt gegen die beiden Bewegungen, die individualistische und die collektivistische Moral, – denn auch die erste kennt die Rangordnung nicht und will dem Einen die gleiche Freiheit geben wie Allen. Meine Gedanken drehen sich nicht um den Grad von Freiheit, der dem Einen oder dem Anderen oder Allen zu gönnen ist, sondern um den Grad von Macht, den Einer oder der Andere über Andere oder Alle üben soll, resp. inwiefern eine Opferung von Freiheit, eine Versklavung selbst, zur Hervorbringung eines höheren Typus die Basis giebt. In gröbster Form gedacht: wie könnte man die Entwicklung der Menschheit opfern, um einer höheren Art, als der Mensch ist, zum Dasein zu helfen? –   860. Vom Range. Die schreckliche Consequenz der »Gleichheit« – schließlich glaubt Jeder das Recht zu haben zu jedem Problem. Es ist alle Rangordnung verloren gegangen.   861. Eine Kriegserklärung der höheren Menschen an die Masse ist nöthig! Überall geht das Mittelmäßige zusammen, um sich zum Herrn zu machen! Alles, was verweichlicht, sanft macht, das »Volk« zur Geltung bringt oder das »Weibliche«, wirkt zu Gunsten des suffrage universel , d. h. der Herrschaft der niederen Menschen. Aber wir wollen Repressalien üben und diese ganze Wirthschaft (die in Europa mit dem Christenthum anhebt) an's Licht und vor's Gericht bringen.   862. Es bedarf einer Lehre, stark genug, um züchtend zu wirken: stärkend für die Starken, lähmend und zerbrechend für die Weltmüden. Die Vernichtung der verfallenden Rassen. Verfall Europa's. – Die Vernichtung der sklavenhaften Werthschätzungen. – Die Herrschaft über die Erde, als Mittel zur Erzeugung eines höheren Typus. – Die Vernichtung der Tartüfferie, welche »Moral« heißt (das Christenthum als eine hysterische Art von Ehrlichkeit hierin: Augustin, Bunyan). – Die Vernichtung des suffrage universel : d. h. des Systems, vermöge dessen die niedrigsten Naturen sich als Gesetz den höheren vorschreiben. – Die Vernichtung der Mittelmäßigkeit und ihrer Geltung. (Die Einseitigen, Einzelne – Völker; Fülle der Natur zu erstreben durch Paarung von Gegensätzen: Rassen-Mischungen dazu.) – Der neue Muth – keine apriorischen Wahrheiten ( solche suchten die an Glauben Gewöhnten!), sondern freie Unterordnung unter einen herrschenden Gedanken, der seine Zeit hat, z. B. Zeit als Eigenschaft des Raumes u. s. w. 2. Die Starken und die Schwachen.   863. Der Begriff »starker und schwacher Mensch« reducirt sich darauf, daß im ersten Falle viel Kraft vererbt ist – er ist eine Summe: im andern noch wenig – (– unzureichende Vererbung, Zersplitterung des Ererbten). Die Schwäche kann ein Anfangs -Phänomen sein: » noch wenig «; oder ein End -Phänomen: »nicht mehr «. Der Ansatz-Punkt ist der, wo große Kraft ist , wo Kraft auszugeben ist. Die Masse, als die Summe der Schwachen , reagirt langsam ; wehrt sich gegen Vieles, für das sie zu schwach ist, – von dem sie keinen Nutzen haben kann; schafft nicht , geht nicht voran. Dies gegen die Theorie, welche das starke Individuum leugnet und meint »die Masse thut's«. Es ist die Differenz wie zwischen getrennten Geschlechtern: es können vier, fünf Generationen zwischen dem Thätigen und der Masse liegen– eine chronologische Differenz. Die Werthe der Schwachen sind obenan, weil die Starken sie übernommen haben, um damit zu leiten .   864. Warum die Schwachen siegen. In summa : die Kranken und Schwachen haben mehr Mitgefühl , sind »menschlicher« –: die Kranken und Schwachen haben mehr Geist , sind wechselnder, vielfacher, unterhaltender, – boshafter: die Kranken allein haben die Bosheit erfunden. (Eine krankhafte Frühreife häufig bei Rhachitischen, Skrophulosen und Tuberkulosen –.) Esprit : Eigenthum später Rassen: Juden, Franzosen, Chinesen. (Die Antisemiten vergeben es den Juden nicht, daß die Juden »Geist« haben – und Geld. Die Antisemiten – ein Name der »Schlechtweggekommenen«.) Die Kranken und Schwachen haben die Fascination für sich gehabt: sie sind interessanter als die Gesunden: der Narr und der Heilige – die zwei interessantesten Arten Mensch... in enger Verwandtschaft das »Genie«. Die großen »Abenteurer und Verbrecher« und alle Menschen, die gesündesten voran, sind gewisse Zeiten ihres Lebens krank : – die großen Gemüthsbewegungen, die Leidenschaft der Macht, die Liebe, die Rache sind von tiefen Störungen begleitet. Und was die décadence betrifft, so stellt sie jeder Mensch, der nicht zu früh stirbt, in jedem Sinne beinahe dar: – er kennt also auch die Instinkte, welche zu ihr gehören, aus Erfahrung: – für die Hälfte fast jedes Menschenlebens ist der Mensch décadent . Endlich: das Weib! Die Eine Hälfte der Menschheit ist schwach, typisch-krank, wechselnd, unbeständig, – das Weib braucht die Stärke, um sich an sie zu klammern, und eine Religion der Schwäche, welche es als göttlich verherrlicht, schwach zu sein, zu lieben, demüthig zu sein –: oder besser, es macht die Starken schwach, – es herrscht , wenn es gelingt, die Starken zu überwältigen. Das Weib hat immer mit den Typen der décadence , den Priestern, zusammen conspirirt gegen die »Mächtigen«, die »Starken«, die Männer –. Das Weib bringt die Kinder beiseite für den Cultus der Pietät, des Mitleids, der Liebe: – die Mutter repräsentirt den Altruismus überzeugend . Endlich: die zunehmende Civilisation, die zugleich nothwendig auch die Zunahme der morbiden Elemente, des Neurotisch-Psychiatrischen und des Criminalistischen mit sich bringt. Eine Zwischen-Species entsteht, der Artist, von der Criminalität der That durch Willensschwäche und sociale Furchtsamkeit abgetrennt, insgleichen noch nicht reif für das Irrenhaus, aber mit seinen Fühlhörnern in beide Sphären neugierig hineingreifend: diese specifische Culturpflanze, der moderne Artist, Maler, Musiker, vor allem Romancier, der für seine Art, zu sein, das sehr uneigentliche Wort »Naturalismus« handhabt... Die Irren, die Verbrecher und die »Naturalisten« nehmen zu: Zeichen einer wachsenden und jäh vorwärts eilenden Cultur, – d.h. der Ausschuß, der Abfall, die Auswurfstoffe gewinnen Importanz, – das Abwärts hält Schritt . Endlich: der sociale Mischmasch , Folge der Revolution, der Herstellung gleicher Rechte, des Aberglaubens an »gleiche Menschen«. Dabei mischen sich die Träger der Niedergangs-Instinkte (des Ressentiments, der Unzufriedenheit, des Zerstörer-Triebes, des Anarchismus und Nihilismus), eingerechnet der Sklaven-Instinkte, der Feigheits-, Schlauheits- und Canaillen-Instinkte der lange unten gehaltenen Schichten in alles Blut aller Stände hinein: zwei, drei Geschlechter darauf ist die Rasse nicht mehr zu erkennen, – Alles ist verpöbelt . Hieraus resultirt ein Gesammtinstinkt gegen die Auswahl , gegen das Privilegium jeder Art, von einer Macht und Sicherheit, Härte, Grausamkeit der Praxis, daß in der That sich alsbald selbst die Privilegirten unterwerfen: – was noch Macht festhalten will, schmeichelt dem Pöbel, arbeitet mit dem Pöbel, muß den Pöbel auf seiner Seite haben, – die »Genies« voran: sie werden Herolde der Gefühle, mit denen man Massen begeistert, – die Note des Mitleids, der Ehrfurcht selbst vor Allem, was leidend, niedrig, verachtet, verfolgt gelebt hat, klingt über alle andern Noten weg (Typen: Victor Hugo und Richard Wagner). – Die Heraufkunft des Pöbels bedeutet noch einmal die Heraufkunft der alten Werthe . Bei einer solchen extremen Bewegung in Hinsicht auf Tempo und Mittel, wie sie unsre Civilisation darstellt, verlegt sich das Schwergewicht der Menschen: der Menschen, auf die es am meisten ankommt, die es gleichsam auf sich haben, die ganze große Gefahr einer solchen krankhaften Bewegung zu compensiren; – es werden die Verzögerer par excellence , die Langsam-Aufnehmenden, die Schwer-Loslassenden, die Relativ-Dauerhaften inmitten dieses ungeheuren Wechselns und Mischens von Elementen sein. Das Schwergewicht fällt unter solchen Umständen nothwendig den Mediokren zu: gegen die Herrschaft des Pöbels und der Excentrischen (beide meist verbündet) consolidirt sich die Mediokrität , als die Bürgschaft und Trägerin der Zukunft. Daraus erwächst für die Ausnahme-Menschen ein neuer Gegner – oder aber eine neue Verführung. Gesetzt, daß sie sich nicht dem Pöbel anpassen und dem Instinkte der »Enterbten« zu Gefallen Lieder singen, werden sie nöthig haben, »mittelmäßig« und »gediegen« zu sein. Sie wissen: die mediocritas ist auch aurea , – sie allein sogar verfügt über Geld und Gold (– über Alles, was glänzt ...)... Und noch einmal gewinnt die alte Tugend, und überhaupt die ganze verlebte Welt des Ideals eine begabte Fürsprecherschaft... Resultat: die Mediokrität bekommt Geist, Witz, Genie, – sie wird unterhaltend, sie verführt. * Resultat . – Eine hohe Cultur kann nur stehen auf einem breiten Boden, auf einer stark und gesund consolidirten Mittelmäßigkeit. In ihrem Dienste und von ihr bedient arbeitet die Wissenschaft – und selbst die Kunst. Die Wissenschaft kann es sich nicht besser wünschen: sie gehört als solche zu einer mittleren Art Mensch, – sie ist deplacirt unter Ausnahmen, – sie hat nichts Aristokratisches und noch weniger etwas Anarchistisches in ihren Instinkten. – Die Macht der Mitte wird sodann aufrecht gehalten durch den Handel, vor Allem den Geldhandel: der Instinkt der Großfinanciers geht gegen alles Extreme, – die Juden sind deshalb einstweilen die conservirendste Macht in unserm so bedrohten und unsicheren Europa. Sie können weder Revolutionen brauchen, noch Socialismus, noch Militarismus: wenn sie Macht haben wollen und brauchen, auch über die revolutionäre Partei, so ist dies nur eine Folge des Vorhergesagten und nicht im Widerspruch dazu. Sie haben nöthig, gegen andere extreme Richtungen gelegentlich Furcht zu erregen – dadurch daß sie zeigen, was Alles in ihrer Hand steht. Aber ihr Instinkt selbst ist unwandelbar conservativ – und »mittelmäßig«... Sie wissen überall, wo es Macht giebt, mächtig zu sein: aber die Ausnützung ihrer Macht geht immer in Einer Richtung. Das Ehren-Wort für mittelmäßig ist bekanntlich das Wort »liberal« . * Besinnung . – Es ist unsinnig, vorauszusetzen, daß dieser ganze Sieg der Werthe antibiologisch sei: man muß suchen, ihn zu erklären aus einem Interesse des Lebens , zur Aufrechterhaltung des Typus »Mensch« selbst durch diese Methodik der Über herrschaft der Schwachen und Schlechtweggekommenen –: im andern Falle existirte der Mensch nicht mehr? – Problem – – – Die Steigerung des Typus verhängnißvoll für die Erhaltung der Art ? Warum? – Es zeigen die Erfahrungen der Geschichte: die starken Rassen decimiren sich gegenseitig : durch Krieg, Machtbegierde, Abenteuer; die starken Affekte: die Vergeudung – (es wird Kraft nicht mehr capitalisirt, es entsteht die geistige Störung durch die übertriebene Spannung); ihre Existenz ist kostspielig, kurz – sie reiben sich unter einander auf –; es treten Perioden tiefer Abspannung und Schlaffheit ein: alle großen Zeiten werden bezahlt ... Die Starken sind hinterdrein schwächer, willenloser, absurder, als die durchschnittlich-Schwachen. Es sind verschwenderische Rassen. Die » Dauer « an sich hätte ja keinen Werth: man möchte wohl eine kürzere, aber werth reichere Existenz der Gattung vorziehen. – Es bliebe übrig, zu beweisen, daß selbst so ein reicherer Werthertrag erzielt würde, als im Fall der kürzeren Existenz; d.h. der Mensch als Aufsummirung von Kraft gewinnt ein viel höheres Quantum von Herrschaft über die Dinge, wenn es so geht, wie es geht... Wir stehen vor einem Problem der Ökonomie – – –   865. Eine Gesinnung, die sich »Idealismus« nennt und die der Mittelmäßigkeit nicht erlauben will, mittelmäßig zu sein, und dem Weibe nicht, Weib zu sein! – Nicht uniformiren! Uns klar machen, wie theuer eine Tugend zu stehen kommt : und daß Tugend nichts durchschnittlich-Wünschenswerthes, sondern eine noble Tollheit, eine schöne Ausnahme, mit dem Vorrecht, stark -gestimmt zu werden...   866. Die Notwendigkeit zu erweisen, daß zu einem immer ökonomischeren Verbrauch von Mensch und Menschheit, zu einer immer fester in einander verschlungenen »Maschinerie« der Interessen und Leistungen eine Gegenbewegung gehört. Ich bezeichne dieselbe als Ausscheidung eines Luxus-Überschusses der Menschheit: in ihr soll eine stärkere Art, ein höherer Typus an's Licht treten, der andre Entstehungs- und andre Erhaltungsbedingungen hat als der Durchschnitts-Mensch. Mein Begriff, mein Gleichniß für diesen Typus ist, wie man weiß, das Wort »Übermensch«. Auf jenem ersten Wege, der vollkommen jetzt überschaubar ist, entsteht die Anpassung, die Abflachung, das höhere Chinesenthum, die Instinkt-Bescheidenheit, die Zufriedenheit in der Verkleinerung des Menschen, – eine Art Stillstands-Niveau des Menschen. Haben wir erst jene unvermeidlich bevorstehende Wirthschafts-Gesammtverwaltung der Erde, dann kann die Menschheit als Maschinerie in deren Diensten ihren besten Sinn finden: – als ein ungeheures Räderwerk von immer kleineren, immer feiner »anzupassenden« Rädern; als ein immer wachsendes Überflüssig-werden aller dominirenden und commandirenden Elemente; als ein Ganzes von ungeheurer Kraft, dessen einzelne Faktoren Minimal-Kräfte, Minimal-Werthe darstellen. Im Gegensatz zu dieser Verkleinerung und Anpassung der Menschen an eine specialisirtere Nützlichkeit bedarf es der umgekehrten Bewegung, – der Erzeugung des synthetischen, des summirenden, des rechtfertigenden Menschen, für den jene Machinalisirung der Menschheit eine Daseins-Vorausbedingung ist, als ein Untergestell, auf dem er seine höhere Form zu sein sich erfinden kann. Er braucht die Gegnerschaft der Menge, der »Nivellirten«, das Distanz-Gefühl im Vergleich zu ihnen; er steht auf ihnen, er lebt von ihnen. Diese höhere Form des Aristokratismus ist die der Zukunft. – Moralisch geredet, stellt jene Gesammt-Maschinerie, die Solidarität aller Räder, ein Maximum in der Ausbeutung des Menschen dar: aber sie setzt Solche voraus, derentwegen diese Ausbeutung Sinn hat. Im anderen Falle wäre sie thatsächlich bloß die Gesammt-Verringerung, Werth -Verringerung des Typus Mensch, – ein Rückgangs-Phänomen im größten Stile. – Man sieht, was ich bekämpfe, ist der ökonomische Optimismus: wie als ob mit den wachsenden Unkosten Aller auch der Nutzen Aller nothwendig wachsen müßte. Das Gegentheil scheint mir der Fall: die Unkosten Aller summiren sich zu einem Gesammt-Verlust: der Mensch wird geringer: – sodaß man nicht mehr weiß, wozu überhaupt dieser ungeheure Proceß gedient hat. Ein Wozu? ein neues Wozu? – das ist es, was die Menschheit nöthig hat.   867 Einsicht in die Zunahme der Gesammt-Macht: ausrechnen, inwiefern auch der Niedergang von Einzelnen, von Ständen, von Zeiten, Völkern einbegriffen ist in diesem Wachsthum. Verschiebung des Schwergewichts einer Cultur, Die Unkosten jedes großen Wachsthums: wer sie trägt! Inwiefern sie jetzt ungeheuer sein müssen .   868. Gesammt-Anblick des zukünftigen Europäers: derselbe als das intelligenteste Sklaventhier, sehr arbeitsam, im Grunde sehr bescheiden, bis zum Exceß neugierig, vielfach, verzärtelt, willensschwach, – ein kosmopolitisches Affekt- und Intelligenzen-Chaos. Wie möchte sich aus ihm eine stärkere Art herausheben? Eine solche mit classischem Geschmack? Der klassische Geschmack: das ist der Wille zur Vereinfachung, Verstärkung, zur Sichtbarkeit des Glücks, zur Furchtbarkeit, der Muth zur psychologischen Nacktheit (– die Vereinfachung ist eine Konsequenz des Willens zur Verstärkung; das Sichtbar-werden-lassen des Glücks, insgleichen der Nacktheit, eine Konsequenz des Willens zur Furchtbarkeit ...). Um sich aus jenem Chaos zu dieser Gestaltung emporzukämpfen – dazu bedarf es einer Nöthigung : man muß die Wahl haben, entweder zu Grunde zu gehn oder sich durchzusetzen . Eine herrschaftliche Rasse kann nur aus furchtbaren und gewaltsamen Anfängen emporwachsen. Problem: wo sind die Barbaren des zwanzigsten Jahrhunderts? Offenbar werden sie erst nach ungeheuren socialistischen Krisen sichtbar werden und sich consolidiren, – es werden die Elemente sein, die der größten Härte gegen sich selber fähig sind, und den längsten Willen garantiren können.   869. Die mächtigsten und gefährlichsten Leidenschaften des Menschen, an denen er am leichtesten zu Grunde geht, sind so gründlich in Acht gethan, daß damit die mächtigsten Menschen selber unmöglich geworden sind oder sich als böse , als »schädlich und unerlaubt« fühlen mußten. Diese Einbuße ist groß, aber nothwendig bisher gewesen: letzt, wo eine Menge Gegenkräfte großgezüchtet sind durch zeitweilige Unterdrückung jener Leidenschaften (von Herrschsucht, Lust an der Verwandlung und Täuschung) ist deren Entfesselung wieder möglich: sie werden nicht mehr die alte Wildheit haben. Wir erlauben uns die zahme Barbarei: man sehe unsre Künstler und Staatsmänner an.   870. Die Wurzel alles Üblen : daß die sklavische Moral der Demuth, Keuschheit, Selbstlosigkeit, absoluten Gehorsams, gesiegt hat – die herrschenden Naturen wurden dadurch 1) zur Heuchelei, 2) zur Gewissensqual verurtheilt, – die schaffenden Naturen fühlten sich als Aufrührer gegen Gott, unsicher und gehemmt durch die ewigen Werthe. Die Barbaren zeigten, daß Maaßhalten-können bei ihnen nicht zu Hause war: sie fürchteten und verlästerten die Leidenschaften und Triebe der Natur: – ebenso der Anblick der herrschenden Cäsaren und Stände. Es entstand andrerseits der Verdacht, daß alle Mäßigung eine Schwäche sei, oder Alt- und Müdewerden (– so hat La Rochefoucauld den Verdacht, daß »Tugend« ein schönes Wort sei bei Solchen, welchen das Laster keine Lust mehr mache). Das Maaßhalten selber war als Sache der Härte, Selbstbezwingung, Askese geschildert, als Kampf mit dem Teufel u. s. w. Das natürliche Wohlgefallen der ästhetischen Natur am Maaße, der Genuß am Schönen des Maaßes war übersehen oder verleugnet , weil man eine anti-eudämonistische Moral wollte. Der Glaube an die Lust im Maaßhalten fehlte bisher – diese Lust des Reiters auf feurigem Rosse! – Die Mäßigkeit schwacher Naturen mit der Mäßigung der starten verwechselt! In summa : die besten Dinge sind verlästert worden, weil die Schwachen oder die unmäßigen Schweine ein schlechtes Licht darauf warfen – und die besten Menschen sind verborgen geblieben – und haben sich oft selber verkannt .   871. Die Lasterhaften und Zügellosen : ihr deprimirender Einfluß auf den Werth der Begierden . Es ist die schauerliche Barbarei der Sitte, welche, im Mittelalter vornehmlich, zu einem wahren »Bund der Tugend« zwingt – nebst ebenso schauerlichen Übertreibungen über Das, was den Werth des Menschen ausmacht. Die kämpfende »Civilisation« (Zähmung) braucht alle Art Eisen und Tortur, um sich gegen die Furchtbarkeit und Raubthier-Natur aufrecht zu erhalten. Hier ist eine Verwechslung ganz natürlich, obwohl vom schlimmsten Einfluß: Das, was Menschen der Macht und des Willens von sich verlangen können, giebt ein Maaß auch für Das, was sie sich zugestehen dürfen. Solche Naturen sind der Gegensatz der Lasterhaften und Zügellosen: obwohl sie unter Umständen Dinge thun, derentwegen ein geringerer Mensch des Lasters und der Unmäßigkeit überführt wäre. Hier schadet der Begriff der » Gleichwerthigkeit der Menschen vor Gott « außerordentlich; man verbot Handlungen und Gesinnungen, welche, an sich, zu den Prärogativen der Starkgerathenen gehören, – wie als ob sie an sich des Menschen unwürdig wären. Man brachte die ganze Tendenz der starken Menschen in Verruf, indem man die Schutzmittel der Schwächsten (auch gegen sich Schwächsten) als Werth-Norm aufstellte. Die Verwechslung geht so weit, daß man geradezu die großen Virtuosen des Lebens (deren Selbstherrlichkeit den schärfsten Gegensatz zum Lasterhaften und Zügellosen abgiebt) mit den schimpflichsten Namen brandmarkte. Noch jetzt glaubt man einen Cesare Borgia mißbilligen zu müssen; das ist einfach zum Lachen. Die Kirche hat deutsche Kaiser auf Grund ihrer Laster in Bann gethan: als ob ein Mönch oder Priester über Das mitreden dürfte, was ein Friedrich der Zweite von sich fordern darf. Ein Don Juan wird in die Hölle geschickt: das ist sehr naiv. Hat man bemerkt, daß im Himmel alle interessanten Menschen fehlen? ... Nur ein Wink für die Weiblein, wo sie ihr Heil am besten finden. – Denkt man ein wenig consequent und außerdem mit einer vertieften Einsicht in Das, was ein »großer Mensch« ist, so unterliegt es keinem Zweifel, daß die Kirche alle »großen Menschen« in die Hölle schickt –, sie kämpft gegen alle »Größe des Menschen«.   872. Die Rechte, die ein Mensch sich nimmt, stehn im Verhältniß zu den Pflichten, die er sich stellt, zu den Aufgaben; denen er sich gewachsen fühlt . Die allermeisten Menschen sind ohne Recht zum Dasein, sondern ein Unglück für die höheren.   873. Mißverständnis; des Egoismus : von Seiten der gemeinen Naturen, welche gar nichts von der Eroberungslust und Unersättlichkeit der großen Liebe wissen, ebenso von den ausströmenden Kraft-Gefühlen, welche überwältigen, zu sich zwingen, sich an's Herz legen wollen, – der Trieb des Künstlers nach seinem Material. Oft auch nur sucht der Thätigkeitssinn nach einem Terrain. – Im gewöhnlichen »Egoismus« will gerade das »Nicht- ego «, das tiefe Durchschnittswesen , der Gattungsmensch seine Erhaltung – das empört, falls es von den Seltneren, Feineren und weniger Durchschnittlichen wahrgenommen wird. Denn diese urtheilen: »wir sind die Edleren ! Es liegt mehr an unserer Erhaltung, als an der jenes Viehs!«   874. Die Entartung der Herrscher und der Herrschenden Stände hat den größten Unfug in der Geschichte gestiftet! Ohne die römischen Cäsaren und die römische Gesellschaft wäre das Christenthum nicht zur Herrschaft gekommen. Wenn die geringeren Menschen der Zweifel anfällt, ob es höhere Menschen giebt, da ist die Gefahr groß! Und man endet zu entdecken, daß es auch bei den geringen, unterworfenen, geistesarmen Menschen Tugenden giebt und daß vor Gott die Menschen gleich stehn: was das non plus ultra des Blödsinns bisher auf Erden gewesen ist! Nämlich die höheren Menschen maßen sich selber schließlich nach dem Tugend-Maaßstab der Sklaven – fanden sich » stolz « u.s.w., fanden alle ihre höheren Eigenschaften als verwerflich. Als Nero und Caracalla oben saß, entstand die Paradoxie »der niedrigste Mensch ist mehr werth , als der da oben!« Und ein Bild Gottes brach sich Bahn, welches möglichst entfernt war vom Bilde der Mächtigsten, – der Gott am Kreuze!   875. Der höhere Mensch und der Heerden-Mensch. Wenn die großen Menschen fehlen , so macht man aus den vergangenen großen Menschen Halbgötter oder ganze Götter: das Ausbrechen von Religion beweist, daß der Mensch nicht mehr am Menschen Lust hat (– »und am Weibe auch nicht« mit Hamlet). Oder: man bringt viele Menschen auf Einen Haufen, als Parlamente und wünscht, daß sie gleich tyrannisch wirken. Das »Tyrannisirende« ist die Thatsache großer Menschen: sie machen den Geringeren dumm.   876. Bis zu welchem Grade die Unfähigkeit eines pöbelhaften Agitators der Menge geht, sich den Begriff »höhere Natur« klar zu machen, dafür giebt Buckle das beste Beispiel ab. Die Meinung, welche er so leidenschaftlich bekämpft – daß »große Männer«, Einzelne, Fürsten, Staatsmänner, Genies, Feldherrn die Hebel und Ursachen aller großen Bewegungen sind – wird von ihm instinktiv dahin mißverstanden, als ob mit ihr behauptet würde, das Wesentliche und Werthvolle an einem solchen »höheren Menschen« liege eben in der Fähigkeit, Massen in Bewegung zu setzen: kurz in ihrer Wirkung ... Aber die »höhere Natur« des großen Mannes liegt im Anderssein, in der Unmittheilbarkeit, in der Rangdistanz, – nicht in irgend welchen Wirkungen: und ob er auch den Erdball erschütterte.   877. Die Revolution ermöglichte Napoleon: das ist ihre Rechtfertigung. Um einen ähnlichen Preis würde man den anarchistischen Einsturz unsrer ganzen Civilisation wünschen müssen. Napoleon ermöglichte den Nationalismus: das ist dessen Entschuldigung. Der Werth eines Menschen (abgesehen, wie billig, von Moralität und Unmoralität: denn mit diesen Begriffen wird der Werth eines Menschen noch nicht einmal berührt) liegt nicht in seiner Nützlichkeit: denn er bestünde fort, selbst wenn es Niemanden gäbe, dem er zu nützen wüßte. Und warum könnte nicht gerade der Mensch, von dem die verderblichsten Wirkungen ausgingen, die Spitze der ganzen Species Mensch sein: so hoch, so überlegen, daß an ihm Alles vor Neid zu Grunde gienge?   878. Den Werth eines Menschen darnach abschätzen, was er den Menschen nützt oder kostet oder schadet : das bedeutet ebensoviel und ebensowenig, als ein Kunstwerk abschätzen je nach den Wirkungen , die es thut. Aber damit ist der Werth des Menschen im Vergleich mit anderen Menschen gar nicht berührt. Die »moralische Wertschätzung«, so weit sie eine sociale ist, mißt durchaus den Menschen nach seinen Wirkungen. Ein Mensch mit seinem eigenen Geschmack auf der Zunge, umschlossen und versteckt durch seine Einsamkeit, unmittheilbar, unmittheilsam, – ein unausgerechneter Mensch, also ein Mensch einer höheren, jedenfalls anderen Species: wie wollt ihr den abwerthen können, da ihr ihn nicht kennen könnt, nicht vergleichen könnt? Die moralische Abwerthung hat die größte Urtheils-Stumpfheit im Gefolge gehabt: der Werth eines Menschen an sich ist unterschätzt , fast übersehen , fast geleugnet . Rest der naiven Teleologie : der Werth des Menschen nur in Hinsicht auf die Menschen .   879. Die moralische Präoccupation stellt einen Geist tief in der Rangordnung: damit fehlt ihm der Instinkt des Sonderrechts, das a parte , das Freiheits-Gefühl der schöpferischen Naturen, der »Kinder Gottes« (oder des Teufels –). Und gleichgültig, ob er herrschende Moral predigt oder sein Ideal zur Kritik der herrschenden Moral anlegt: er gehört damit zur Heerde – und sei es auch als deren oberster Nothbedarf, als »Hirt«.   880. Ersatz der Moral durch den Willen zu unserem Ziele, und folglich zu dessen Mitteln .   881. Zur Rangordnung . – Was ist am typischen Menschen mittelmäßig ? Daß er nicht die Kehrseite der Dinge als nothwendig versteht: daß er die Übelstände bekämpft, wie als ob man ihrer entrathen könne; daß er das Eine nicht mit dem Anderen hinnehmen will, – daß er den typischen Charakter eines Dinges , eines Zustandes, einer Zeit, einer Person verwischen und auslöschen möchte, indem er nur einen Theil ihrer Eigenschaften gutheißt und die andern abschaffen möchte. Die »Wünschbarkeit« der Mittelmäßigen ist Das, was von uns Anderen bekämpft wird: das Ideal gefaßt als Etwas, an dem nichts Schädliches, Böses, Gefährliches, Fragwürdiges, Vernichtendes übrig bleiben soll. Unsere Einsicht ist die umgekehrte: daß mit jedem Wachsthum des Menschen auch seine Kehrseite wachsen muß, daß der höchste Mensch, gesetzt daß ein solcher Begriff erlaubt ist, der Mensch wäre, welcher den Gegensatz-Charakter des Daseins am stärksten darstellte, als dessen Glorie und einzige Rechtfertigung ... Die gewöhnlichen Menschen dürfen nur ein ganz kleines Eckchen und Winkelchen dieses Naturcharakters darstellen: sie gehen alsbald zu Grunde, wenn die Vielfachheit der Elemente und die Spannung der Gegensätze wächst, d. h. die Vorbedingung für die Größe des Menschen . Daß der Mensch besser und böser werden muß, das ist meine Formel für diese Unvermeidlichkeit. Die Meisten stellen den Menschen als Stücke und Einzelheiten dar: erst wenn man sie zusammenrechnet, so kommt ein Mensch heraus. Ganze Zeiten, ganze Völker haben in diesem Sinne etwas Bruchstückhaftes; es gehört vielleicht zur Ökonomie der Menschen-Entwicklung, daß der Mensch sich stückweise entwickelt. Deshalb soll man durchaus nicht verkennen, daß es sich trotzdem nur um das Zustandekommen des synthetischen Menschen handelt: daß die niedrigen Menschen, die ungeheure Mehrzahl bloß Vorspiele und Einübungen sind, aus deren Zusammenspiel hie und da der ganze Mensch entsteht, der Meilenstein-Mensch, welcher anzeigt, wie weit bisher die Menschheit vorwärts gekommen. Sie geht nicht in Einem Striche vorwärts; oft geht der schon erreichte Typus wieder verloren (– wir haben z. B. mit aller Anspannung von drei Jahrhunderten noch nicht den Menschen der Renaissance wieder erreicht, und hinwiederum blieb der Mensch der Renaissance hinter dem antiken Menschen zurück).   882. Man erkennt die Überlegenheit des griechischen Menschen, des Renaissance-Menschen an, – aber man möchte ihn ohne seine Ursachen und Bedingungen haben.   883. Die » Reinigung des Geschmacks « kann nur die Folge einer Verstärkung des Typus sein. Unsre Gesellschaft von heute repräsentirt nur die Bildung; der Gebildete fehlt . Der große synthetische Mensch fehlt: in dem die verschiedenen Kräfte zu Einem Ziele unbedenklich in's Joch gespannt sind. Was wir haben, ist der vielfache Mensch, das interessanteste Chaos, das es vielleicht bisher gegeben hat: aber nicht das Chaos vor der Schöpfung der Welt, sondern hinter ihr: – Goethe als schönster Ausdruck des Typus (– ganz und gar kein Olympier !).   884. Händel, Leibniz, Goethe, Bismarck – für die deutsche starke Art charakteristisch. Unbedenklich zwischen Gegensätzen lebend, voll jener geschmeidigen Stärke, welche sich vor Überzeugungen und Doktrinen hütet, indem sie eine gegen die andere benutzt und sich selber die Freiheit vorbehält.   885. Soviel habe ich begriffen: wenn man das Entstehen großer und seltener Menschen abhängig gemacht hatte von der Zustimmung der Vielen (einbegriffen, daß diese wüßten , welche Eigenschaften zur Größe gehören, und insgleichen, auf wessen Unkosten alle Größe sich entwickelt) – nun, es hätte nie einen bedeutenden Menschen gegeben! – Daß der Gang der Dinge unabhängig von der Zustimmung der Allermeisten seinen Weg nimmt: daran liegt es, daß einiges Erstaunliche sich auf der Erde eingeschlichen hat.   886. Die Rangordnung der Menschen-Werthe. – a) Man soll einen Menschen nicht nach einzelnen Werken abschätzen. Epidermal-Handlungen . Nichts ist seltener als eine Personal -Handlung. Ein Stand, ein Rang, eine Volks-Rasse, eine Umgebung, ein Zufall – Alles drückt sich eher noch in einem Werke oder Thun aus, als eine »Person«. b) Man soll überhaupt nicht voraussetzen, daß viele Menschen »Personen« sind. Und dann sind manche auch mehrere Personen, die meisten sind keine . Überall, wo die durchschnittlichen Eigenschaften überwiegen, auf die es ankommt, daß ein Typus fortbesteht, wäre Person-Sein eine Vergeudung, ein Luxus, hätte es gar keinen Sinn, nach einer »Person« zu verlangen. Es sind Träger, Transmissions-Werkzeuge. c) Die »Person« ein relativ isolirtes Faktum; in Hinsicht auf die weit größere Wichtigkeit des Fortflusses und der Durchschnittlichkeit somit beinahe etwas Widernatürliches . Zur Entstehung der Person gehört eine zeitige Isolirung, ein Zwang zu einer Wehr- und Waffen-Existenz, etwas wie Einmauerung, eine größere Kraft des Abschlusses; und, vor Allem, eine viel geringere Impressionabilität , als sie der mittlere Mensch, dessen Menschlichkeit contagiös ist, hat. Erste Frage in Betreff der Rangordnung : wie solitär oder wie heerdenhaft Jemand ist. (Im letztern Falle liegt sein Werth in den Eigenschaften, die den Bestand seiner Heerde, seines Typus sichern; im andern Falle in Dem, was ihn abhebt, isolirt, vertheidigt und solitär ermöglicht .) Folgerung : man soll den solitären Typus nicht abschätzen nach dem heerdenhaften, und den heerdenhaften nicht nach dem solitären. Aus der Höhe betrachtet, sind beide nothwendig; insgleichen ist ihr Antagonismus nothwendig, – und Nichts ist mehr zu verbannen, als jene »Wünschbarkeit«, es möchte sich etwas Drittes aus beiden entwickeln (»Tugend« als Hermaphroditismus). Das ist so wenig »wünschbar«, als die Annäherung und Aussöhnung der Geschlechter. Das Typische fortentwickeln , die Kluft immer tiefer aufreißen ... Begriff der Entartung in beiden Fällen: wenn die Heerde den Eigenschaften der solitären Wesen sich nähert, und diese den Eigenschaften der Heerde, – kurz, wenn sie sich annähern . Dieser Begriff der Entartung ist abseits von der moralischen Beurtheilung.   887. Wo man die stärkeren Naturen zu suchen hat. – Das Zugrundegehen und Entarten der solitären Species ist viel größer und furchtbarer: sie haben die Instinkte der Heerde, die Tradition der Werthe gegen sich; ihre Werkzeuge zur Verteidigung, ihre Schutz-Instinkte sind von vornherein nicht stark, nicht sicher genug, – es gehört viel Gunst des Zufalls dazu, daß sie gedeihen (– sie gedeihen in den niedrigsten und gesellschaftlich preisgegebensten Elementen am häufigsten, wenn man nach Person sucht, dort findet man sie, um wie viel sicherer als in den mittleren Klassen!). Der Stände- und Klassenkampf, der auf »Gleichheit der Rechte« abzielt, – ist er ungefähr erledigt, so geht der Kampf los gegen die Solitär-Person . (In einem gewissen Sinne kann dieselbe sich am leichtesten in einer demokratischen Gesellschaft erhalten und entwickeln : dann, wenn die gröberen Vertheidigungs-Mittel nicht mehr nöthig sind und eine gewisse Gewöhnung an Ordnung, Redlichkeit, Gerechtigkeit, Vertrauen zu den Durchschnittsbedingungen gehört.) Die Stärksten müssen am festesten gebunden, beaufsichtigt, in Ketten gelegt und überwacht werden: so will es der Instinkt der Heerde. Für sie ein Régime der Selbstüberwältigung, des asketischen Abseits oder der »Pflicht« in abnützender Arbeit, bei der man nicht mehr zu sich selber kommt.   888. Ich versuche eine ökonomische Rechtfertigung der Tugend. – Die Aufgabe ist, den Menschen möglichst nutzbar zu machen und ihn, soweit es irgendwie angeht, der unfehlbaren Maschine zu nähern: zu diesem Zwecke muß er mit Maschinen-Tugenden ausgestattet werden (– er muß die Zustände, in welchen er machinal-nutzbar arbeitet, als die höchstwerthigen empfinden lernen: dazu thut noth, daß ihm die anderen möglichst verleidet, möglichst gefährlich und verrufen gemacht werden). Hier ist der erste Stein des Anstoßes die Langeweile , die Einförmigkeit , welche alle machinale Thätigkeit mit sich bringt. Diese ertragen zu lernen – und nicht nur zu ertragen –, die Langeweile von einem höheren Reiz umspielt sehen lernen: dies war bisher die Aufgabe alles höheren Schulwesens. Etwas lernen, das uns nichts angeht; und eben darin, in diesem »objektiven« Thätigsein, seine »Pflicht« empfinden; die Lust und die Pflicht von einander getrennt abschätzen lernen – das ist die unschätzbare Aufgabe und Leistung des höheren Schulwesens. Der Philologe war deshalb bisher der Erzieher an sich : weil seine Thätigkeit selber das Muster einer bis zum Großartigen gehenden Monotonie der Thätigkeit abgiebt; unter seiner Fahne lernt der Jüngling »ochsen«: erste Vorbedingung zur einstmaligen Tüchtigkeit machinaler Pflichterfüllung (als Staats-Beamter, Ehegatte, Bureau-Sklave, Zeitungsleser und Soldat). Eine solche Existenz bedarf vielleicht einer philosophischen Rechtfertigung und Verklärung mehr noch, als jede andere: die angenehmen Gefühle müssen von irgend einer unfehlbaren Instanz aus überhaupt als niedrigeren Ranges abgewerthet werden; die »Pflicht an sich«, vielleicht sogar das Pathos der Ehrfurcht in Hinsicht auf Alles, was unangenehm ist, – und diese Forderung als jenseits aller Nützlichkeit, Ergötzlichkeit, Zweckmäßigkeit redend, imperativisch ... Die machinale Existenzform als höchste, ehrwürdigste Existenzform, sich selbst anbetend (– Typus: Kant als Fanatiker des Formalbegriffs »du sollst«).   889. Die ökonomische Abschätzung der bisherigen Ideale, – d.h. Auswahl bestimmter Affekte und Zustände, auf Unkosten anderer ausgewählt und großgezüchtet. Der Gesetzgeber (oder der Instinkt der Gesellschaft) wählt eine Anzahl Zustände und Affekte aus, mit deren Thätigkeit eine reguläre Leistung verbürgt ist (ein Machinalismus von Leistungen nämlich als Folge von den regelmäßigen Bedürfnissen jener Affekte und Zustände). Gesetzt, daß diese Zustände und Affekte Ingredienzen des Peinlichen enthalten, so muß ein Mittel gefunden werden, dieses Peinliche durch eine Werthvorstellung zu überwinden, die Unlust als werthvoll, also in höherem Sinne lustvoll empfinden zu machen. In Formel gefaßt: »wie wird etwas Unangenehmes angenehm?« Zum Beispiel wenn in der Kraft, Macht, Selbstüberwindung unser Gehorsam, unsre Einordnung in das Gesetz, zu Ehren kommt. Ausgleichen unser Gemeinsinn, Nächstensinn, Vaterlandssinn, unsre »Vermenschlichung«, unser »Altruismus«, »Heroismus«. Daß man die unangenehmen Dinge gern thut – Absicht der Ideale .   890. Die Verkleinerung des Menschen muß lange als einziges Ziel gelten: weil erst ein breites Fundament zu schaffen ist, damit eine stärkere Art Mensch darauf stehen kann. (: Inwiefern bisher jede verstärkte Art Mensch auf einem Niveau der niedrigeren stand – – –)   891. Absurde und verächtliche Art des Idealismus, welche die Mediokrität nicht medioker haben will und, statt an einem Ausnahme-Sein einen Triumph zu fühlen, entrüstet ist über Feigheit, Falschheit, Kleinheit und Miserabilität. Man soll das nicht anders wollen ! und die Kluft größer aufreißen! – Man soll die höhere Art zwingen , sich abzuscheiden durch die Opfer, die sie ihrem Sein zu bringen hat. Hauptgesichtspunkt: Distanzen aufreißen, aber keine Gegensätze schaffen . Die Mittelgebilde ablösen und im Einfluß verringern: Hauptmittel, um Distanzen zu erhalten.   892. Wie dürfte man den Mittelmäßigen ihre Mittelmäßigkeit verleiden! Ich thue, man sieht es, das Gegentheil: jeder Schritt weg von ihr führt – so lehre ich – in's Unmoralische .   893. Der Haß gegen die Mittelmäßigkeit ist eines Philosophen unwürdig: es ist fast ein Fragezeichen an seinem » Recht auf Philosophie«. Gerade deshalb, weil er die Ausnahme ist, hat er die Regel in Schutz zu nehmen, hat er allem Mittleren den guten Muth zu sich selber zu erhalten.   894. Wogegen ich kämpfe: daß eine Ausnahme-Art der Regel den Krieg macht, – statt zu begreifen, daß die Fortexistenz der Regel die Voraussetzung für den Werth der Ausnahme ist. Zum Beispiel die Frauenzimmer, welche, statt die Auszeichnung ihrer abnormen Bedürfnisse zur Gelehrsamkeit zu empfinden, die Stellung des Weibes überhaupt verrücken möchten.   895. Die Vermehrung der Kraft , trotz des zeitweiligen Niedergehens des Individuums: ein neues Niveau begründen; eine Methodik der Sammlung von Kräften, zur Erhaltung kleiner Leistungen, im Gegensatz zu unökonomischer Verschwendung; die zerstörende Natur einstweilen unterjocht zum Werkzeug dieser Zukunfts-Ökonomik; die Erhaltung der Schwachen, weil eine ungeheure Masse kleiner Arbeit gethan werden muß; die Erhaltung einer Gesinnung, bei der Schwachen und Leidenden die Existenz noch möglich ist; die Solidarität als Instinkt zu pflanzen gegen den Instinkt der Furcht und der Servilität; der Kampf mit dem Zufall, auch mit dem Zufall des »großen Menschen«.   896. Der Kampf gegen die großen Menschen, aus ökonomischen Gründen gerechtfertigt. Dieselben sind gefährlich, Zufälle, Ausnahmen, Unwetter, stark genug, um Langsam-Gebautes und -Gegründetes in Frage zu stellen. Das Explosive nicht nur unschädlich entladen, sondern womöglich seiner Entladung vorbeugen : Grundinstinkt aller civilisirten Gesellschaft.   897. Wer darüber nachdenkt, auf welche Weise der Typus Mensch zu seiner größten Pracht und Mächtigkeit gesteigert werden kann, der wird zu allererst begreifen, daß er sich außerhalb der Moral stellen muß: denn die Moral war im Wesentlichen auf das Entgegengesetzte aus, jene prachtvolle Entwicklung, wo sie im Zuge war, zu hemmen oder zu vernichten. Denn in der That consumirt eine derartige Entwicklung eine solche ungeheure Quantität von Menschen in ihrem Dienst, daß eine umgekehrte Bewegung nur zu natürlich ist: die schwächeren, zarteren, mittleren Existenzen haben nöthig, Partei zu machen gegen jene Glorie von Leben und Kraft, und dazu müssen sie von sich eine neue Schätzung bekommen, vermöge deren sie das Leben in dieser höchsten Fülle verurtheilen und womöglich zerstören. Eine lebensfeindliche Wendung ist daher der Moral zu eigen, insofern sie die Typen des Lebens überwältigen will.   898. Die Starken der Zukunft. – Was theils die Noth, theils der Zufall hier und da erreicht hat, die Bedingungen zur Hervorbringung einer stärkeren Art: das können wir jetzt begreifen und wissentlich wollen: wir können die Bedingungen schaffen, unter denen eine solche Erhöhung möglich ist. Bis jetzt hatte die »Erziehung« den Nutzen der Gesellschaft im Auge: nicht den möglichsten Nutzen der Zukunft, sondern den Nutzen der gerade bestehenden Gesellschaft. »Werkzeuge« für sie wollte man. Gesetzt, der Reichthum an Kraft wäre größer, so ließe sich ein Abzug von Kräften denken , dessen Ziel nicht dem Nutzen der Gesellschaft gälte, sondern einem zukünftigen Nutzen. Eine solche Aufgabe wäre zu stellen, je mehr man begriffe, inwiefern die gegenwärtige Form der Gesellschaft in einer starten Verwandlung wäre, um irgendwann einmal nicht mehr um ihrer selber willen existiren zu können : sondern nur noch als Mittel in den Händen einer stärkeren Rasse. Die zunehmende Verkleinerung des Menschen ist gerade die treibende Kraft, um an die Züchtung einer stärkeren Rasse zu denken: welche gerade ihren Überschuß darin hätte, worin die verkleinerte Species schwach und schwächer würde (Wille, Verantwortlichkeit, Selbstgewißheit, Ziele-sich-setzen-können). Die Mittel wären die, welche die Geschichte lehrt: die Isolation durch umgekehrte Erhaltungs-Interessen, als die durchschnittlichen heute sind; die Einübung in umgekehrten Werthschätzungen; die Distanz als Pathos; das freie Gewissen im heute Unterschätztesten und Verbotensten. Die Ausgleichung des europäischen Menschen ist der große Proceß, der nicht zu hemmen ist: man sollte ihn noch beschleunigen. Die Notwendigkeit für eine Kluftaufreißung, Distanz, Rangordnung ist damit gegeben: nicht die Notwendigkeit, jenen Proceß zu verlangsamen. Diese ausgeglichene Species bedarf, sobald sie erreicht ist, einer Rechtfertigung : sie liegt im Dienste einer höheren souveränen Art, welche auf ihr steht und erst auf ihr sich zu ihrer Aufgabe erheben kann. Nicht nur eine Herren-Rasse, deren Aufgabe sich damit erschöpfte, zu regieren: sondern ein Rasse mit eigener Lebenssphäre , mit einem Überschuß von Kraft für Schönheit, Tapferkeit, Kultur, Manier bis in's Geistigste; eine bejahende Rasse, welche sich jeden großen Luxus gönnen darf –, stark genug, um die Tyrannei des Tugend-Imperativs nicht nöthig zu haben, reich genug, um die Sparsamkeit und Pedanterie nicht nöthig zu haben, jenseits von Gut und Böse; ein Treibhaus für sonderbare und ausgesuchte Pflanzen.   899. Unsre Psychologen, deren Blick unwillkürlich nur an den Symptomen der décadence hängen bleibt, lenken immer wieder unser Mißtrauen wider den Geist. Man sieht immer nur die schwächenden, verzärtelnden, verkränkelnden Wirkungen des Geistes: aber es kommen nun ??? Tabelle neue Barbaren : die Cyniker die Versucher die Eroberer Vereinigung der geistigen Überlegenheit mit Wohlbefinden und Überschuß von Kräften.   900. Ich zeige auf etwas Neues hin: gewiß, für ein solches demokratisches Wesen giebt es die Gefahr des Barbaren, aber man sucht sie nur in der Tiefe. Es giebt auch eine andere Art Barbaren , die kommen aus der Höhe: eine Art von erobernden und herrschenden Naturen, welche nach einem Stoffe suchen, den sie gestalten können. Prometheus war ein solcher Barbar.   901. Hauptgesichtspunkt : daß man nicht die Aufgabe der höheren Species in der Leitung der niederen sieht (wie es z. B, Comte macht –), sondern die niedere als Basis , auf der eine höhere Species ihrer eigenen Aufgabe lebt, – auf der sie erst stehen kann . Die Bedingungen, unter denen eine starke und vornehme Species sich erhält (in Hinsicht auf geistige Zucht), sind die umgekehrten von denen, unter welchen die »industriellen Massen«, die Krämer à la Spencer stehn. Das, was nur den stärksten und fruchtbarsten Naturen freisteht zur Ermöglichung ihrer Existenz – Muße, Abenteuer, Unglaube, Ausschweifung selbst –, das würde, wenn es den mittleren Naturen freistünde, diese nothwendig zu Grunde richten– und thut es auch. Hier ist die Arbeitsamkeit, die Regel, die Mäßigkeit, die feste »Überzeugung« am Platze, – kurz die »Heerdentugenden«: unter ihnen wird diese mittlere Art Mensch vollkommen.   902. Zu den herrschaftlichen Typen. – Der »Hirt« im Gegensatz zum »Herrn« (– ersterer Mittel zur Erhaltung der Heerde; letzterer Zweck , weshalb die Heerde da ist).   903. Zeitweiliges Überwiegen der socialen Werthgefühle begreiflich und nützlich: es handelt sich um die Herstellung eines Unterbau's , auf dem endlich eine stärkere Gattung möglich wird. – Maaßstab der Stärke: unter den umgekehrten Wertschätzungen leben können und sie ewig wieder wollen. Staat und Gesellschaft als Unterbau: weltwirthschaftlicher Gesichtspunkt, Erziehung als Züchtung .   904. Einsicht, welche den »freien Geistern« fehlt : dieselbe Disciplin, welche eine starke Natur noch verstärkt und zu großen Unternehmungen befähigt, zerbricht und verkümmert die mittelmäßigen: – der Zweifel, – la, largeur de coeur , – das Experiment, – die Independenz.   905. Der Hammer. Wie müssen Menschen beschaffen sein, die umgekehrt werthschätzen? – Menschen, die alle Eigenschaften der modernen Seele haben, aber stark genug sind, sie in lauter Gesundheit umzuwandeln? – Ihr Mittel zu ihrer Aufgabe.   906. Der starke Mensch, mächtig in den Instinkten einer starken Gesundheit, verdaut seine Thaten ganz ebenso, wie er die Mahlzeiten verdaut; er wird mit schwerer Kost selbst fertig: in der Hauptsache aber führt ihn ein unversehrter und strenger Instinkt, daß er Nichts thut, was ihm widersteht, so wenig als er Etwas thut, das ihm nicht schmeckt.   907. Könnten wir die günstigsten Bedingungen voraussehen, unter denen Wesen entstehen von höchstem Werthe! Es ist tausendmal zu complicirt, und die Wahrscheinlichkeit des Mißrathens sehr groß: so begeistert es nicht, darnach zu streben! – Skepsis. – Dagegen: Muth, Einsicht, Härte, Unabhängigkeit, Gefühl der Verantwortlichkeit können wir steigern, die Feinheit der Wage verfeinern und erwarten, daß günstige Zufälle zu Hülfe kommen.   908. Bevor wir an's Handeln denken dürfen, muß eine unendliche Arbeit gethan sein. In der Hauptsache aber ist das kluge Ausnützen der gegebenen Lage wohl unsere beste, rathsamste Thätigkeit. Das wirkliche Schaffen solcher Bedingungen, wie sie der Zufall schafft, setzt eiserne Menschen voraus, die noch nicht gelebt haben. Zunächst das persönliche Ideal durchsetzen und verwirklichen! Wer die Natur des Menschen, die Entstehung seines Höchsten begriffen hat, schaudert vor dem Menschen und flieht alles Handeln: Folge der vererbten Schätzungen!! Daß die Natur des Menschen böse ist, ist mein Trost: es verbürgt die Kraft!   909. Die typischen Selbstgestaltungen. Oder: die acht Hauptfragen. 1) Ob man sich vielfacher haben will oder einfacher? 2) Ob man glücklicher werden will oder gleichgültiger gegen Glück und Unglück? 3) Ob man zufriedner mit sich werden will oder anspruchsvoller und unerbittlicher? 4) Ob man weicher, nachgebender, menschlicher werden will oder »unmenschlicher«? 5) Ob man klüger werden will oder rücksichtsloser? 6) Ob man ein Ziel erreichen will oder allen Zielen ausweichen (wie es z.B. der Philosoph thut, der in jedem Ziel eine Grenze, einen Winkel, ein Gefängniß, eine Dummheit riecht)? 7) Ob man geachteter werden will oder gefürchteter? Oder verachteter? 8) Ob man Tyrann oder Verführer oder Hirt oder Heerdenthier werden will?   910. Typus meiner Jünger. – Solchen Menschen, welche mich Etwas angehn, wünsche ich Leiden, Verlassenheit, Krankheit, Mißhandlung, Entwürdigung, – ich wünsche, daß ihnen die tiefe Selbstverachtung, die Marter des Mißtrauens gegen sich, das Elend des Überwundenen nicht unbekannt bleibt: ich habe kein Mitleid mit ihnen, weil ich ihnen das Einzige wünsche, was heute beweisen kann, ob Einer Werth hat oder nicht, – daß er Stand hält.   911. Glück und Selbstzufriedenheit des Lazzaroni oder »Seligkeit« bei »schönen Seelen« oder schwindsüchtige Liebe bei herrnhuterischen Pietisten beweisen Nichts in Bezug auf die Rangordnung der Menschen. Man müßte, als großer Erzieher, eine Rasse solcher »seligen Menschen« unerbittlich in das Unglück hineinpeitschen. Die Gefahr der Verkleinerung, des Ausruhens ist sofort da: – gegen das spinozistische oder epikureische Glück und gegen alles Ausruhen in contemplativen Zuständen. Wenn aber die Tugend das Mittel zu einem solchen Glück ist, nun, so muß man auch Herr über die Tugend werden .   912. Ich sehe durchaus nicht ab, wie Einer es wieder gut machen kann, der versäumt hat, zur rechten Zeit in eine gute Schule zu gehen. Ein Solcher kennt sich nicht; er geht durch's Leben, ohne gehen gelernt zu haben; der schlaffe Muskel verräth sich bei jedem Schritt noch. Mitunter ist das Leben so barmherzig, diese harte Schule nachzuholen: jahrelanges Siechthum vielleicht, das die äußerste Willenskraft und Selbstgenügsamkeit herausfordert: oder eine plötzlich hereinbrechende Nothlage, zugleich noch für Weib und Kind, welche eine Thätigkeit erzwingt, die den erschlafften Fasern wieder Energie giebt und dem Willen zum Leben die Zähigkeit zurückgewinnt . Das Wünschenswerteste bleibt unter allen Umständen eine harte Disciplin zur rechten Zeit , d. h. in jenem Alter noch, wo es stolz macht, Viel von sich verlangt zu sehn. Denn dies unterscheidet die harte Schule als gute Schule von jeder anderen: daß Viel verlangt wird; daß streng verlangt wird; daß das Gute, das Ausgezeichnete selbst, als normal verlangt wird; daß das Lob selten ist, daß die Indulgenz fehlt; daß der Tadel scharf, sachlich, ohne Rücksicht auf Talent und Herkunft laut wird. Eine solche Schule hat man in jedem Betracht nöthig: das gilt vom Leiblichsten wie vom Geistigsten: es wäre verhängnißvoll, hier trennen zu wollen! Die gleiche Disciplin macht den Militär und den Gelehrten tüchtig: und näher besehn, es giebt keinen tüchtigen Gelehrten, der nicht die Instinkte eines tüchtigen Militärs im Leibe hat. Befehlen können und wieder auf eine stolze Weise gehorchen; in Reih und Glied stehen, aber fähig jederzeit, auch zu führen; die Gefahr dem Behagen vorziehn; das Erlaubte und Unerlaubte nicht in einer Krämerwage wiegen; dem Mesquinen, Schlauen, Parasitischen mehr feind sein, als dem Bösen. – Was lernt man in einer harten Schule? Gehorchen und Befehlen .   913. Das Verdienst leugnen : aber Das thun, was über allem Loben, ja über allem Verstehn ist.   914. Neue Formen der Moralität: Treue-Gelübde im Vereinen über Das, was man lassen und thun will, ganz bestimmte Entsagung von Vielem . Proben, ob reif dazu.   915. Ich will auch die Asketik wieder vernatürlichen : an Stelle der Absicht auf Verneinung die Absicht auf Verstärkung ; eine Gymnastik des Willens; eine Entbehrung und eingelegte Fastenzeit jeder Art, auch im Geistigsten; eine Casuistik der That in Bezug auf unsre Meinung, die wir von unsern Kräften haben; ein Versuch mit Abenteuern und willkürlichen Gefahren. ( Dîners chez Magny : lauter geistige Schlecker mit verdorbenem Magen.) – Man sollte Prüfungen erfinden auch für die Stärke im Wort-halten-können.   916. Was verdorben ist durch den Mißbrauch, den die Kirche damit getrieben hat: 1) die Askese : man hat kaum noch den Muth dazu, deren natürliche Nützlichkeit, deren Unentbehrlichkeit im Dienste der Willens-Erziehung an's Licht zu ziehen. Unsre absurde Erzieher-Welt, der der »brauchbare Staatsdiener« als regulirendes Schema vorschwebt, glaubt mit »Unterricht«, mit Gehirn-Dressur auszukommen; ihr fehlt selbst der Begriff davon, daß etwas Anderes zuerst noth thut – Erziehung der Willenskraft ; man legt Prüfungen für Alles ab, nur nicht für die Hauptsache: ob man wollen kann, ob man versprechen darf: der junge Mann wird fertig, ohne auch nur eine Frage, eine Neugierde für dieses oberste Werthproblem seiner Natur zu haben; 2) das Fasten : in jedem Sinne, – auch als Mittel, die seine Genußfähigkeit aller guten Dinge aufrechtzuerhalten (z.B. zeitweise nicht lesen, keine Musik mehr hören, nicht mehr liebenswürdig sein; man muß auch Fasttage für seine Tugend haben); 3) das » Kloster «: die zeitweilige Isolation mit strenger Abweisung z.B. der Briefe; eine Art tiefster Selbstbesinnung und Selbst-Wiederfindung, welche nicht den «Versuchungen« aus dem Wege gehen will, sondern den »Pflichten«: ein Heraustreten aus dem Cirkeltanz des Milieu's; ein Abseits von der Tyrannei der Reize und Einströmungen, welche uns verurtheilt, unsre Kraft nur in Reaktionen auszugeben, und es nicht mehr erlaubt, daß sie sich häuft bis zur spontanen Aktivität (man sehe sich unsre Gelehrten aus der Nähe an: sie denken nur noch reaktiv , d. h, sie müssen erst lesen, um zu denken); 4) die Feste . Man muß sehr grob sein, um nicht die Gegenwart von Christen und christlichen Werthen als einen Druck zu empfinden, unter dem jede eigentliche Feststimmung zum Teufel geht. Im Fest ist einbegriffen: Stolz, Übermuth, Ausgelassenheit; der Hohn über alle Art Ernst und Biedermännerei; ein göttliches Jasagen zu sich aus animaler Fülle und Vollkommenheit, – lauter Zustände, zu denen der Christ nicht ehrlich Ja sagen darf. Das Fest ist Heidenthum par excellence . 5) der Muth vor der eigenen Natur : die Kostümirung in's »Moralische«. – Daß man keine Moral-Formel nöthig hat, um einen Affekt bei sich gutzuheißen : Maaßstab, wie weit Einer zur Natur bei sich Ja sagen kann, – wie viel oder wie wenig er zur Moral recurriren muß. 6) der Tod , – Man muß die dumme physiologische Thatsache in eine moralische Notwendigkeit umdrehn. So leben, daß man auch zur rechten Zeit seinen Willen zum Tode hat !   917. Sich stärker fühlen – oder anders ausgedrückt: die Freude – setzt immer ein Vergleichen voraus (aber nicht nothwendig mit Anderen, sondern mit sich, inmitten eines Zustands von Wachsthum, und ohne daß man erst wüßte , inwiefern man vergleicht –). Die künstliche Verstärkung: sei es durch aufregende Chemika, sei es durch aufregende Irrthümer (»Wahnvorstellungen«): z.B. das Gefühl der Sicherheit , wie es der Christ hat; er fühlt sich stark in seinem Vertrauendürfen, in seinem Geduldig- und Gefaßt-sein-dürfen: er verdankt diese künstliche Verstärkung dem Wahne, von einem Gott beschirmt zu sein; z.B. das Gefühl der Überlegenheit : wie wenn der Kalif von Marokko nur Erdkugeln zu sehen bekommt, auf denen seine drei vereinigten Königreiche vier Fünftel der Oberfläche einnehmen; z.B. das Gefühl der Einzigkeit : wie wenn der Europäer sich einbildet, daß der Gang der Cultur sich in Europa abspielt, und wenn er sich selber eine Art abgekürzter Weltproceß scheint; oder der Christ alles Dasein überhaupt um das »Heil des Menschen« sich drehen macht. – Es kommt darauf an, wo man den Druck, die Unfreiheit empfindet: je nachdem erzeugt sich ein andres Gefühl des Stärker-seins . Einem Philosophen ist z.B. inmitten der kühlsten, transmontansten Abstraktions-Gymnastik zu Muthe wie einem Fisch, der in sein Wasser kommt: während Farben und Töne ihn drücken; gar nicht zu reden von den dumpfen Begehrungen, – von Dem, was die Andern »das Ideal« nennen.   918. Ein kleiner tüchtiger Bursch wird ironisch blicken, wenn man ihn fragt: »Willst du tugendhaft werden?« – aber er macht die Augen auf, wenn man ihn fragt: »Willst du stärker werden, als deine Kameraden?« – * Wie wird man stärker? – Sich langsam entscheiden; und zähe festhalten an Dem, was man entschieden hat. Alles Andere folgt. Die Plötzlichen und die Veränderlichen : die beiden Arten der Schwachen. Sich nicht mit ihnen verwechseln; die Distanz fühlen – bei Zeiten! Vorsicht vor den Gutmüthigen! Der Umgang mit ihnen erschlafft. Jeder Umgang ist gut, bei dem die Wehr und Waffen, die man in den Instinkten hat, geübt werden. Die ganze Erfindsamkeit darin, seine Willenskraft auf die Probe zu stellen ... Hier das Unterscheidende sehn, nicht im Wissen, Scharfsinn, Witz. Man muß befehlen lernen, bei Zeiten, – ebensogut als gehorchen. Man muß Bescheidenheit, Takt in der Bescheidenheit lernen: nämlich auszeichnen, ehren, wo man bescheiden ist; ebenso mit Vertrauen – auszeichnen, ehren. * Was büßt man am schlimmsten? Seine Bescheidenheit; seinen eigensten Bedürfnissen kein Gehör geschenkt zu haben; sich verwechseln; sich niedrig nehmen; die Feinheit des Ohrs für seine Instinkte einbüßen; – dieser Mangel an Ehrerbietung gegen sich rächt sich durch jede Art von Einbuße : Gesundheit, Freundschaft, Wohlgefühl, Stolz, Heiterkeit, Freiheit, Festigkeit, Muth. Man vergiebt sich später diesen Mangel an echtem Egoismus nie: man nimmt ihn als Einwand, als Zweifel an einem wirklichen ego .   919. Ich wollte, man fienge damit an, sich selbst zu achten : alles Andere folgt daraus. Freilich hört man eben damit für die Andern auf: denn Das gerade verzeihen sie am letzten. »Wie? Ein Mensch, der sich selbst achtet?« – Das ist etwas Anderes, als der blinde Trieb, sich selbst zu lieben : Nichts ist gewöhnlicher, in der Liebe der Geschlechter wie in der Zweiheit, welche »Ich« genannt wird, als Verachtung gegen Das, was man liebt: – der Fatalismus in der Liebe.   920. »Ich will das oder das«; »ich möchte, daß das oder das so wäre«; »ich weiß, daß das oder das so ist« – die Kraftgrade: der Mensch des Willens , der Mensch des Verlangens , der Mensch des Glaubens .   921. Die Mittel, vermöge deren eine stärkere Art sich erhält. Sich ein Recht auf Ausnahme-Handlungen zugestehen; als Versuch der Selbstüberwindung und der Freiheit. Sich in Zustände begeben, wo es nicht erlaubt ist, nicht Barbar zu sein. Sich durch jede Art von Askese eine Übermacht und Gewißheit in Hinsicht auf seine Willensstärke verschaffen. Sich nicht mittheilen; das Schweigen; die Vorsicht vor der Anmuth. Gehorchen lernen, in der Weise, daß es eine Probe für die Selbst-Aufrechterhaltung abgiebt. Casuistik des Ehrenpunktes in's Feinste getrieben. Nie schließen »was Einem recht ist, ist dem Andern billig«, – sondern umgekehrt! Die Vergeltung, das Zurückgeben- dürfen als Vorrecht behandeln, als Auszeichnung zugestehn. Die Tugend der Anderen nicht ambitioniren.   922. Mit was für Mitteln man rohe Völker zu behandeln hat und daß die »Barbarei« der Mittel nichts Willkürliches und Beliebiges ist, das kann man in praxi mit Händen greifen, wenn man mit aller seiner europäischen Verzärtelung einmal in die Notwendigkeit versetzt wird, am Congu oder irgendwo Herr über Barbaren bleiben zu müssen.   923. Die Kriegerischen und die Friedlichen . – Bist du ein Mensch, der die Instinkte des Kriegers im Leibe hat? Und in diesem Falle bliebe noch eine zweite Frage: bist du ein Angriffskrieg« oder ein Widerstandskrieger von Instinkt? Der Rest von Menschen, Alles, was nicht kriegerisch von Instinkt ist, will Frieden, will Eintracht, will »Freiheit«, will »gleiche Rechte« –: das sind nur Namen und Stufen für Ein und Dasselbe. Dorthin gehn, wo man nicht nöthig hat, sich zu wehren, – solche Menschen werden unzufrieden mit sich, wenn sie genöthigt sind, Widerstand zu leisten: sie wollen Zustände schaffen, wo es überhaupt keinen Krieg mehr giebt. Schlimmsten Falls sich unterwerfen, gehorchen, einordnen: immer noch besser als Krieg führen, – so räth es z. B. dem Christen sein Instinkt. Bei den geborenen Kriegern giebt es Etwas wie Bewaffnung in Charakter, in Wahl der Zustände, in der Ausbildung jeder Eigenschaft: die »Waffe« ist im ersten Typus, die Wehr im zweiten am besten entwickelt. Die Unbewaffneten, die Unbewehrten: welche Hülfsmittel und Tugenden sie nöthig haben, um es auszuhalten, – um selbst obzusiegen.   924. Was wird aus dem Menschen, der keine Gründe mehr hat, sich zu wehren und anzugreifen? Was bleibt von seinen Affekten übrig, wenn die ihm abhanden kommen, in denen er seine Wehr und seine Waffe hat?   825. Randbemerkung zu einer niaiserie anglaise . – »Was du nicht willst, daß dir die Leute thun, das thue ihnen auch nicht.« Das gilt als Weisheit; das gilt als Klugheit: das gilt als Grund der Moral, – als »güldener Spruch«. John Stuart Mill (und wer nicht unter Engländern?) glaubt daran! ... Aber der Spruch hält nicht den leichtesten Angriff aus. Der Calcul: »thue Nichts, was dir selber nicht angethan werden soll« verbietet Handlungen um ihrer schädlichen Folgen willen: der Hintergedanke ist, daß eine Handlung immer vergolten wird. Wie nun, wenn Jemand, mit dem »Principe« in der Hand, sagte: »gerade solche Handlungen muß man thun, damit Andere uns nicht zuvorkommen, – damit wir Andere außer Stand setzen, sie uns anzuthun«? – Andrerseits: denken wir uns einen Corsen, dem seine Ehre die vendetta gebietet. Auch er wünscht keine Flintenkugel in den Leib: aber die Aussicht auf eine solche, die Wahrscheinlichkeit einer Kugel halt ihn nicht ab, seiner Ehre zu genügen ... Und sind wir nicht in allen anständigen Handlungen eben absichtlich gleichgültig gegen Das, was daraus für uns kommt? Eine Handlung zu vermeiden, die schädliche Folgen für uns hätte, – das wäre ein Verbot für anständige Handlungen überhaupt. Dagegen ist der Spruch werthvoll, weil er einen Typus Mensch verräth: es ist der Instinkt der Heerde , der sich mit ihm formulirt, – man ist gleich, man nimmt sich gleich: wie ich dir, so du mir. – Hier wird wirklich an eine Äquivalenz der Handlungen geglaubt, die, in allen realen Verhältnissen, einfach nicht vorkommt. Es kann nicht jede Handlung zurückgegeben werden: zwischen wirklichen »Individuen« giebt es keine gleichen Handlungen , folglich auch keine »Vergeltung« ... Wenn ich Etwas thue, so liegt mir der Gedanke vollkommen fern, daß überhaupt dergleichen irgend einem Menschen möglich sei: es gehört mir ... Man kann mir Nichts zurückzahlen, man würde immer eine »andere« Handlung gegen mich begehen.   926. Gegen John Stuart Mill. – Ich perhorrescire seine Gemeinheit, welche sagt »was dem Einen recht ist, ist dem Andern billig«; »was du nicht willst u.s.w., das füg' auch keinem Andern zu«; welche den ganzen menschlichen Verkehr auf Gegenseitigkeit der Leistung begründen will, sodaß jede Handlung als eine Art Abzahlung erscheint für Etwas, das uns erwiesen ist. Hier ist die Voraussetzung unvornehm im untersten Sinne: hier wird die Äquivalenz der Werthe von Handlungen vorausgesetzt bei mir und dir; hier ist der persönlichste Werth einer Handlung einfach annullirt (Das, was durch Nichts ausgeglichen und bezahlt werden kann –). Die »Gegenseitigkeit« ist eine große Gemeinheit; gerade daß Etwas, das ich thue, nicht von einem Andern gethan werden dürfte und könnte , daß es keinen Ausgleich geben darf (– außer in der ausgewähltesten Sphäre der »meines-Gleichen«, inter pares –), daß man in einem tieferen Sinne nie zurückgiebt, weil man etwas Einmaliges ist und nur Einmaliges thut , – diese Grundüberzeugung enthält die Ursache der aristokratischen Absonderung von der Menge , weil die Menge an »Gleichheit« und folglich Ausgleichbarkeit und »Gegenseitigkeit« glaubt.   927. Die Krähwinkelei und Schollenkleberei der moralischen Abwerthung und ihres »nützlich« und »schädlich« hat ihren guten Sinn; es ist die notwendige Perspektive der Gesellschaft, welche nur das Nähere und Nächste in Hinsicht der Folgen zu übersehen vermag. Der Staat und der Politiker hat schon eine mehr übermoralische Denkweise nöthig: weil er viel größere Complexe von Wirkungen zu berechnen hat. Insgleichen wäre eine Weltwirtschaft möglich, die so ferne Perspektiven hat, daß alle ihre einzelnen Forderungen für den Augenblick als ungerecht und willkürlich erscheinen dürften.   928. »Seinem Gefühle folgen?« – Daß man, einem generösen Gefühle nachgebend , sein Leben in Gefahr bringt, und unter dem Impuls eines Augenblicks: das ist wenig werth und charakterisirt nicht einmal. In der Fähigkeit dazu sind sich Alle gleich – und in der Entschlossenheit dazu übertrifft der Verbrecher, Bandit und Corse einen honnetten Menschen gewiß. Die höhere Stufe ist: auch diesen Andrang bei sich zu überwinden und die heroische That nicht auf Impulse hin zu thun, – sondern kalt, raisonnable , ohne das stürmische Überwallen von Lustgefühlen dabei ... Dasselbe gilt vom Mitleid: es muß erst habituell durch die raison durchgesiebt sein; im anderen Falle ist es so gefährlich wie irgend ein Affekt. Die blinde Nachgiebigkeit gegen einen Affekt, sehr gleichgültig, ob es ein generöser und mitleidiger oder feindseliger ist, ist die Ursache der größten Übel. Die Größe des Charakters besteht nicht darin, daß man diese Affekte nicht besitzt, – im Gegentheil, man hat sie im furchtbarsten Grade: über daß man sie am Zügel führt... und auch Das noch ohne Lust an dieser Bändigung, sondern bloß weil ...   929. »Sein Leben lassen für eine Sache« – großer Effekt. Aber man läßt für Vieles sein Leben: die Affekte sammt und sonders wollen ihre Befriedigung. Ob es das Mitleid ist oder der Zorn oder die Rache – daß das Leben daran gesetzt wird, verändert Nichts am Werthe. Wie Viele haben ihr Leben für die hübschen Weiblein geopfert – und selbst, was schlimmer ist, ihre Gesundheit! Wenn man das Temperament hat, so wählt man instinktiv die gefährlichen Dinge: z. B. die Abenteuer der Spekulation, wenn man Philosoph; oder der Immoralität, wenn man tugendhaft ist. Die eine Art Mensch will Nichts riskiren, die andre will riskiren. Sind wir Anderen Verächter des Lebens? Im Gegentheil, wir suchen instinktiv ein potenzirtes Leben, das Leben in der Gefahr ... Damit, nochmals gesagt, wollen wir nicht tugendhafter sein, als die Anderen. Pascal z.B. wollte Nichts riskiren und blieb Christ: das war vielleicht tugendhaft. – Man opfert immer.   930. Wie viel Vortheil opfert der Mensch, wie wenig »eigennützig« ist er! Alle seine Affekte und Leidenschaften wollen ihr Recht haben – und wie fern vom klugen Nutzen des Eigennutzes ist der Affekt! Man will nicht sein »Glück«; man muß Engländer sein, um glauben zu können, daß der Mensch immer seinen Vortheil sucht. Unsre Begierden wollen sich in langer Leidenschaft an den Dingen vergreifen –, ihre aufgestaute Kraft sucht die Widerstände.   931. Nützlich sind die Affekte allesammt, die einen direkt, die andern indirekt; in Hinsicht auf den Nutzen ist es schlechterdings unmöglich, irgend eine Werthabfolge festzusetzen, – so gewiß, ökonomisch gemessen, die Kräfte in der Natur allesammt gut, d. h. nützlich sind, so viel furchtbares und unwiderrufliches Verhängnis; auch von ihnen ausgeht. Höchstens könnte man sagen, daß die mächtigsten Affekte die werthvollsten sind: insofern es keine größeren Kraftquellen giebt.   932. Die wohlwollenden, hülfreichen, gütigen Gesinnungen sind schlechterdings nicht um des Nutzens willen, der Von ihnen ausgeht, zu Ehren gekommen: sondern weil sie Zustände reicher Seelen sind, welche abgeben können und ihren Werth als Füllegefühl des Lebens tragen. Man sehe die Augen des Wohlthäters an! Das ist das Gegenstück der Selbstverneinung, des Hasses auf das moi , des »Pascalismus«.   933. Summa : die Herrschaft über die Leidenschaften, nicht deren Schwächung oder Ausrottung! – Je größer die Herren-Kraft des Willens ist, um soviel mehr Freiheit darf den Leidenschaften gegeben werden. Der »große Mensch« ist groß durch den Freiheits-Spielraum seiner Begierden und durch die noch größere Macht, welche diese prachtvollen Unthiere in Dienst zu nehmen weiß. Der »gute Mensch« ist auf jeder Stufe der Civilisation der Ungefährliche und Nützliche zugleich: eine Art Mitte; der Ausdruck im gemeinen Bewußtsein davon, vor wem man sich nicht zu fürchten hat und wen man trotzdem nicht verachten darf . Erziehung: wesentlich das Mittel, die Ausnahme zu ruiniren zu Gunsten der Regel. Bildung: wesentlich das Mittel, den Geschmack gegen die Ausnahme zu richten zu Gunsten des Mittleren. Erst wenn eine Cultur über einen Überschuß von Kräften zu gebieten hat, kann sie auch ein Treibhaus für den Luxus-Cultus der Ausnahme, des Versuchs, der Gefahr, der Nuance sein: – jede aristokratische Cultur tendirt dahin .   934. Lauter Fragen der Kraft: wie weit sich durchsetzen gegen die Erhaltungsbedingungen der Gesellschaft und deren Vorurtheile? – wie weit seine furchtbaren Eigenschaften entfesseln, an denen die Meisten zu Grunde gehen? – wie weit der Wahrheit entgegengehen und sich die fragwürdigsten Seiten derselben zu Gemüthe führen? – wie weit dem Leiden , der Selbstverachtung, dem Mitleiden, der Krankheit, dem Laster entgegengehen, mit dem Fragezeichen, ob man darüber Herr werden wird? (– was uns nicht umbringt, macht uns stärker ...) – endlich: wie weit der Regel, dem Gemeinen, dem Kleinlichen, Guten, Rechtschaffenen, der Durchschnitts-Natur Recht geben bei sich, ohne sich damit vulgarisiren zu lassen? ... Stärkste Probe des Charakters: sich nicht durch die Verführung des Guten ruiniren zu lassen. Das Gute als Luxus, als Raffinement, als Laster . 3. Der vornehme Mensch.   935. Typus : Die wahre Güte, Vornehmheit, Größe der Seele, die aus dem Reichthum heraus: welche nicht giebt, um zu nehmen, – welche sich nicht damit erheben will, daß sie gütig ist; – die Verschwendung als Typus der wahren Güte, der Reichthum an Person als Voraussetzung.   936. Aristokratismus . Die Heerdenthier-Ideale – jetzt gipfelnd als höchste Werthansetzung der »Societät«: Versuch, ihr einen kosmischen, ja metaphysischen Werth zu geben. – Gegen sie vertheidige ich den Aristokratismus . Eine Gesellschaft, welche in sich jene Rücksicht und Delikatesse in Bezug auf Freiheit bewahrt, muß sich als Ausnahme fühlen und sich gegenüber eine Macht haben, gegen welche sie sich abhebt, gegen welche sie feindselig ist und herabblickt. Je mehr ich Recht abgebe und mich gleichstelle, umso mehr gerathe ich unter die Herrschaft der Durchschnittlichsten, endlich der Zahlreichsten. Die Voraussetzung, welche eine aristokratische Gesellschaft in sich hat, um zwischen ihren Mitgliedern den hohen Grad von Freiheit zu erhalten, ist die extreme Spannung, welche aus dem Vorhandensein des entgegengesetzten Triebes bei allen Mitgliedern entspringt: des Willens zur Herrschaft ... Wenn ihr die starken Gegensätze und Rangverschiedenheiten wegschaffen wollt, so schafft ihr die starke Liebe, die hohe Gesinnung, das Gefühl des Für-sich-seins auch ab. * Zur wirklichen Psychologie der Freiheits- und Gleichheits-Societät. – Was nimmt ab ? Der Wille zur Selbstverantwortlichkeit , Zeichen des Niedergangs der Autonomie; die Wehr - und Waffentüchtigkeit , auch im Geistigsten: die Kraft zu commandiren; der Sinn der Ehrfurcht , der Unterordnung, des Schweigen-könnens; die große Leidenschaft , die große Aufgabe, die Tragödie, die Heiterkeit.   937. Augustin Thierry las 1814 Das, was de Montlosier in seinem Werke De la monarchie française gesagt hatte: er antwortete mit einem Schrei der Entrüstung und machte sich an sein Werk. Jener Emigrant hatte gesagt: Race d'affranchis, race d'esclaves arrachés de nos mains, peuple tributaire, peuple nouveau, licence vous fut octroyée d'être libres, et non pas à nous d'être nobles; pour nous tout est de droit , pour vontre tout est de grâce , nous ne sommes point de votre communauté; nous sommes un tout par nous-mêmes.   938. Wie sich die aristokratische Welt immer mehr selber schröpft und schwach macht! Vermöge ihrer noblen Instinkte wirft sie ihre Vorrechte weg und vermöge ihrer verfeinerten Über-Cultur interessirt sie sich für das Volk, die Schwachen, die Armen, die Poesie des Kleinen u. s. w.   839. Es giebt eine vornehme und gefährliche Nachlässigkeit, welche einen tiefen Schluß und Einblick gewährt: die Nachlässigkeit der selbstgewissen und überreichen Seele, die sich nie um Freunde bemüht hat, sondern nur die Gastfreundschaft kennt, immer nur Gastfreundschaft übt und zu üben versteht – Herz und Haus offen für Jedermann, der eintreten will, seien es nun Bettler oder Krüppel oder Könige. Dies ist die echte Leutseligkeit: wer sie hat, hat hundert »Freunde«, aber wahrscheinlich keinen Freund.   940. Die Lehre μηδέν άγαν wendet sich an Menschen mit überströmender Kraft, – nicht an die Mittelmäßigen. Die έγχράτεια und άσχησις ist nur eine Stufe der Höhe: höher steht die »goldene Natur«. » Du sollst « – unbedingter Gehorsam bei Stoikern, in den Orden des Christenthums und der Araber, in der Philosophie Kant's (es ist gleichgültig, ob einem Oberen, oder einem Begriff). Höher als » du sollst « steht: » Ich will « (die Heroen); höher als »ich will« steht: » Ich bin « (die Götter der Griechen). Die barbarischen Götter drücken nichts von der Lust am Maaß aus, – sind weder einfach, noch leicht, noch maasvoll.   941. Der Sinn unsrer Gärten und Paläste (und insofern auch der Sinn alles Begehrens nach Reichtümern) ist: die Unordnung und Gemeinheit aus dem Auge sich zu schaffen und dem Adel der Seele eine Heimath zu bauen . Die Meisten freilich glauben, sie werden höhere Naturen, wenn jene schönen ruhigen Gegenstände auf sie eingewirkt haben: daher die Jagd nach Italien und Reisen u. s. w., alles Lesen und Theater-Besuchen. Sie wollen sich formen lassen – das ist der Sinn ihrer Cultur-Arbeit! Aber die Starken, Mächtigen wollen formen und nichts Fremdes mehr um sich haben ! So gehen auch die Menschen in die große Natur, nicht um sich zu finden, sondern um sich in ihr zu verlieren und zu vergessen. Das » Außer-sich-sein « als Wunsch aller Schwachen und Mit-sich-Unzufriedenen.   942. Es giebt nur Geburtsadel, nur Geblütsadel. (Ich rede hier nicht vom Wörtchen »von« und dem Gothaischen Kalender: Einschaltung für Esel.) Wo von »Aristokraten des Geistes« geredet wird, da fehlt es zumeist nicht an Gründen, Etwas zu verheimlichen; es ist bekanntermaaßen ein Leibwort unter ehrgeizigen Juden. Geist allein nämlich adelt nicht; vielmehr bedarf es erst Etwas, das den Geist adelt . – Wessen bedarf es denn dazu? Des Geblüts.   943. Was ist vornehm ? – Die Sorgfalt im Äußerlichsten, insofern diese Sorgfalt abgrenzt, fernhält, vor Verwechslung schützt. – Der frivole Anschein in Wort, Kleidung, Haltung, mir dem eine stoische Härte und Selbstbezwingung sich vor aller unbescheidenen Neugierde schützt. – Die langsame Gebärde, auch der langsame Blick. Es giebt nicht zu viel werthvolle Dinge: und diese kommen und wollen von selbst zu dem Werthvollen. Wir bewundern schwer. – Das Ertragen der Armuth und der Dürftigkeit, auch der Krankheit. – Das Ausweichen vor kleinen Ehren, und Mißtrauen gegen Jeden, welcher leicht lobt: denn der Lobende glaubt daran, daß er verstehe, was er lobe: verstehen aber – Balzac hat es verrathen, dieser typisch Ehrgeizige – comprendre c'est égaler. – Unser Zweifel an der Mittheilbarkeit des Herzens geht in die Tiefe; die Einsamkeit nicht als gewählt, sondern als gegeben. – Die Überzeugung, daß man nur gegen Seines-Gleichen Pflichten hat, gegen die Andern sich nach Gutdünken verhält: daß nur inter pares auf Gerechtigkeit zu hoffen (leider noch lange nicht zu rechnen) ist. – Die Ironie gegen die »Begabten«, der Glaube an den Geburtsadel auch im Sittlichen. – Immer sich als Den fühlen, der Ehren zu vergeben hat: während nicht häufig sich Jemand findet, der ihn ehren dürfte. – Immer verkleidet: je höherer Art, um so mehr bedarf der Mensch des Incognito's. Gott, wenn es einen gäbe, dürfte, schon aus Anstandsgründen, sich nur als Mensch in der Welt bezeigen. – Die Fähigkeit zum otium , der unbedingten Überzeugung, daß ein Handwerk in jedem Sinne zwar nicht schändet, aber sicherlich entadelt. Nicht »Fleiß« im bürgerlichen Sinne, wie hoch wir ihn auch zu ehren und zu Geltung zu bringen wissen, oder wie jene unersättlich gackernden Künstler, die es wie Hühner machen, gackern und Eier legen und wieder gackern. – Wir beschützen die Künstler und Dichter und wer irgend worin Meister ist: aber als Wesen, die höherer Art sind, als diese, welche nur Etwas können, als die bloß «produktiven Menschen«, verwechseln wir uns nicht mit ihnen. – Die Lust an den Formen; das In-Schutz-nehmen alles Förmlichen, die Überzeugung, daß Höflichkeit eine der großen Tugenden ist; das Mißtrauen gegen alle Arten des Sich-gehen-lassens, eingerechnet alle Preß- und Denkfreiheit, weil unter ihnen der Geist bequem und tölpelhaft wird und die Glieder streckt. – Das Wohlgefallen an den Frauen, als an einer vielleicht kleineren, aber feineren und leichteren Art von Wesen. Welches Glück, Wesen zu begegnen, die immer Tanz und Thorheit und Putz im Kopfe haben! Sie sind das Entzücken aller sehr gespannten und tiefen Mannsseelen gewesen, deren Leben mit großer Verantwortlichkeit beschwert ist. – Das Wohlgefallen an den Fürsten und Priestern, weil sie den Glauben an eine Verschiedenheit der menschlichen Werthe selbst noch in der Abschätzung der Vergangenheit zum Mindesten symbolisch und im Ganzen und Großen sogar tatsächlich aufrecht erhalten. – Das Schweigen-können: aber darüber kein Wort vor Hörern. – Das Ertragen langer Feindschaften: der Mangel an der leichten Versöhnlichkeit. – Der Ekel am Demagogischen, an der »Aufklärung«, an der »Gemütlichkeit«, an der pöbelhaften Vertraulichkeit. – Das Sammeln kostbarer Dinge, die Bedürfnisse einer hohen und wählerischen Seele; Nichts gemein haben wollen. Seine Bücher, seine Landschaften. – Wir lehnen uns gegen schlimme und gute Erfahrungen auf und verallgemeinern nicht so schnell. Der einzelne Fall: wie ironisch sind wir gegen den einzelnen Fall, wenn er den schlechten Geschmack hat, sich als Regel zu gebärden! – Wir lieben das Naive und die Naiven, aber als Zuschauer und höhere Wesen; wir finden Faust ebenso naiv als sein Gretchen. – Wir schätzen die Guten gering, als Heerdenthiere: wir wissen, wie unter den schlimmsten, bösartigsten, härtesten Menschen oft ein unschätzbarer Goldtropfen von Güte sich verborgen hält, welcher alle bloße Gutartigkeit der Milchseelen überwiegt. – Wir halten einen Menschen unserer Art nicht widerlegt durch seine Laster, noch durch seine Thorheiten. Wir wissen, daß wir schwer erkennbar sind, und daß wir Alle Gründe haben, uns Vordergründe zu geben.   944. Was ist vornehm? – Daß man sich beständig zu repräsentiren hat. Daß man Lagen sucht, wo man beständig Gebärden nöthig hat. Daß man das Glück der großen Zahl überläßt: Glück als Frieden der Seele, Tugend, comfort , englisch-engelhaftes Krämerthum à la Spencer. Daß man instinktiv für sich schwere Verantwortungen sucht. Daß man sich überall Feinde zu schaffen weiß, schlimmsten Falls noch aus sich selbst. Daß man der großen Zahl nicht durch Worte, sondern durch Handlungen beständig widerspricht.   945. Die Tugend (z. B. als Wahrhaftigkeit) als unser vornehmer und gefährlicher Luxus; wir müssen nicht die Nachtheile ablehnen, die er mit sich bringt.   946. Kein Lob haben wollen: man thut, was einem nützlich ist oder was einem Vergnügen macht oder was man thun muß .   947. Was ist Keuschheit am Manne? Daß sein Geschlechts-Geschmack vornehm geblieben ist; daß er in eroticis weder das Brutale, noch das Krankhafte, noch das Kluge mag.   948. Der » Ehr-Begriff «: beruhend auf dem Glauben an »gute Gesellschaft«, an ritterliche Hauptqualitäten, an die Verpflichtung, sich fortwährend zu repräsentiren. Wesentlich: daß man sein Leben nicht wichtig nimmt; daß man unbedingt auf respektvollste Manieren hält, seitens Aller, mit denen man sich berührt (zum Mindesten so weit sie nicht zu » uns « gehören); daß man weder vertraulich, noch gutmüthig, noch lustig, noch bescheiden ist, außer inter pares ; daß man sich immer repräsentirt .   949. Daß man sein Leben, seine Gesundheit, seine Ehre auf's Spiel setzt, das ist die Folge des Übermuthes und eines überströmenden, verschwenderischen Willens: nicht aus Menschenliebe, sondern weil jede große Gefahr unsre Neugierde in Bezug auf das Maaß unsrer Kraft, unsres Muthes herausfordert.   950. »Geradezu stoßen die Adler.« – Die Vornehmheit der Seele ist nicht am wenigsten an der prachtvollen und stolzen Dummheit zu erkennen, mit der sie angreift , – »geradezu«.   951. Krieg gegen die weichliche Auffassung der » Vornehmheit «! – ein Quantum Brutalität mehr ist nicht zu erlassen: so wenig als eine Nachbarschaft zum Verbrechen. Auch die »Selbstzufriedenheit« ist nicht darin; man muß abenteuerlich auch zu sich stehen, versucherisch, verderberisch, – Nichts von Schönseelen-Salbaderei –. Ich will einem robusteren Ideale Luft machen.   952. »Das Paradies ist unter dem Schatten der Schwerter« – auch ein Symbolon und Kerbholz-Wort, an dem sich Seelen vornehmer und kriegerischer Abkunft verrathen und errathen.   953. Die zwei Wege . – Es kommt ein Zeitpunkt, wo der Mensch Kraft im Überfluß zu Diensten hat: die Wissenschaft ist darauf aus, diese Sklaverei der Natur herbeizuführen. Dann bekommt der Mensch Muße : sich selbst auszubilden , zu etwas Neuem, Höherem. Neue Aristokratie . Dann werden eine Menge Tugenden überlebt , die jetzt Existenzbedingungen waren. – Eigenschaften nicht mehr nöthig haben, folglich sie verlieren. Wir haben die Tugenden nicht mehr nöthig : folglich verlieren wir sie (– sowohl die Moral vom »Eins ist noth«, vom Heil der Seele, wie der Unsterblichkeit: sie waren Mittel, um dem Menschen eine ungeheure Selbstbezwingung zu ermöglichen , durch den Affekt einer ungeheuren Furcht  : : :). Die verschiedenen Arten Noth , durch deren Zucht der Mensch geformt ist: Noth lehrt arbeiten, denken, sich zügeln. * Die physiologische Reinigung und Verstärkung. Die neue Aristokratie hat einen Gegensatz nöthig, gegen den sie ankämpft: sie muß eine furchtbare Dringlichkeit haben, sich zu erhalten. Die zwei Zukünfte der Menschheit : 1) die Konsequenz der Vermittelmäßigung; 2) das bewußte Abheben, Sich-Gestalten. Eine Lehre, die eine Kluft schafft: sie erhält die oberste und die niedrigste Art (sie zerstört die mittlere). Die bisherigen Aristokraten, geistliche und weltliche, beweisen Nichts gegen die Nothwendigkeit einer neuen Aristokratie. 4. Die Herren der Erde.   954. Eine Frage kommt uns immer wieder, eine versucherische und schlimme Frage vielleicht: sei sie Denen in's Ohr gesagt, welche ein Recht auf solche fragwürdige Fragen haben, den stärksten Seelen von heute, welche sich selbst auch am besten in der Gewalt haben: wäre es nicht an der Zeit, je mehr der Typus »Heerdenthier« jetzt in Europa entwickelt wird, mit einer grundsätzlichen künstlichen und bewußten Züchtung des entgegengesetzten Typus und seiner Tugenden den Versuch zu machen? Und wäre es für die demokratische Bewegung nicht selber erst eine Art Ziel, Erlösung und Rechtfertigung, wenn Jemand käme, der sich ihrer bediente – dadurch daß endlich sich zu ihrer neuen und sublimen Ausgestaltung der Sklaverei (– das muß die europäische Demokratie am Ende sein) jene höhere Art herrschaftlicher und cäsarischer Geister hinzufände, welche sich auf sie stellte, sich an ihr hielte, sich durch sie emporhübe? Zu neuen, bisher unmöglichen, zu ihren Fernsichten? Zu ihren Aufgaben?   955. Der Anblick des jetzigen Europäers giebt mir viele Hoffnung: es bildet sich da eine verwegene herrschende Rasse, auf der Breite einer äußerst intelligenten Heerden-Masse. Es steht vor der Thür, daß die Bewegungen zur Bildung der letzteren nicht mehr allein im Vordergrund stehen.   956. Dieselben Bedingungen, welche die Entwicklung des Heerdenthieres vorwärts treiben, treiben auch die Entwicklung des Führer-Thiers.   957. Es naht sich, unabweislich, zögernd, furchtbar wie das Schicksal, die große Aufgabe und Frage: wie soll die Erde als Ganzes verwaltet werden? Und wozu soll »der Mensch« als Ganzes – und nicht mehr ein Volk, eine Rasse – gezogen und gezüchtet werden? Die gesetzgeberischen Moralen sind das Hauptmittel, mit denen man aus dem Menschen gestalten kann, was einem schöpferischen und tiefen Willen beliebt: vorausgesetzt, daß ein solcher Künstler-Wille höchsten Ranges die Gewalt in den Händen hat und seinen schaffenden Willen über lange Zeiträume durchsetzen kann, in Gestalt von Gesetzgebungen, Religionen und Sitten. Solchen Menschen des großen Schaffens, den eigentlich großen Menschen, wie ich es verstehe, wird man heute und wahrscheinlich für lange noch umsonst nachgehen: sie fehlen ; bis man endlich, nach vieler Enttäuschung, zu begreifen anfangen muß, warum sie fehlen und daß ihrer Entstehung und Entwicklung für jetzt und für lange nichts feindseliger im Wege steht, als Das, was man jetzt in Europa geradewegs » die Moral« nennt: wie als ob es leine andere gäbe und geben dürfte, – jene vorhin bezeichnete Heerdenthier-Moral, die mit allen Kräften das allgemeine grüne Weide-Glück auf Erden erstrebt, nämlich Sicherheit, Ungefährlichkeit, Behagen, Leichtigkeit des Lebens und zu guterletzt, »wenn Alles gut geht«, sich auch noch aller Art Hirten und Leithämmel zu entschlagen hofft. Ihre beiden am reichlichsten gepredigten Lehren heißen: »Gleichheit der Rechte« und »Mitgefühl für alles Leidende« – und das Leiden selber wird von ihnen als Etwas genommen, das man schlechterdings abschaffen muß. Daß solche »Ideen« immer noch modern sein können, giebt einen üblen Begriff von dieser Modernität. Wer aber gründlich darüber nachgedacht hat, wo und wie die Pflanze Mensch bisher am kräftigsten emporgewachsen ist, muß vermeinen, daß dies unter den umgekehrten Bedingungen geschehen ist: daß dazu die Gefährlichkeit seiner Lage in's Ungeheure wachsen, seine Erfindungs- und Verstellungs-Kraft unter langem Druck und Zwang sich emporkämpfen, sein Lebens-Wille bis zu einem unbedingten Willen zur Macht und zur Übermacht gesteigert werden muß, und daß Gefahr, Härte, Gewaltsamkeit, Gefahr auf der Gasse wie im Herzen, Ungleichheit der Rechte, Verborgenheit, Stoicismus, Versucher-Kunst, Teufelei jeder Art, kurz der Gegensatz aller Heerden-Wünschbarkeiten zur Erhöhung des Typus Mensch nothwendig ist. Eine Moral mit solchen umgekehrten Absichten, welche den Menschen in's Hohe statt in's Bequeme und Mittlere züchten will, eine Moral mit der Absicht, eine regierende Kaste zu züchten – die zukünftigen Herren der Erde – muß, um gelehrt werden zu können, sich in Anknüpfung an das bestehende Sittengesetz und unter dessen Worten und Anscheine einführen. Daß dazu aber viele Übergangs- und Täuschungsmittel zu erfinden sind und daß, weil die Lebensdauer Eines Menschen beinahe Nichts bedeutet in Hinsicht auf die Durchführung so langwieriger Aufgaben und Absichten, vor Allem erst eine neue Art angezüchtet werden muß, in der dem nämlichen Willen, dem nämlichen Instinkte Dauer durch viele Geschlechter verbürgt wird – eine neue Herren-Art und -Kaste – dies begreift sich ebenso gut, als das lange und nicht leicht aussprechbare Und-so-weiter dieses Gedankens. Eine Umkehrung der Werthe für eine bestimmte starke Art von Menschen höchster Geistigkeit und Willenskraft vorzubereiten und zu diesem Zwecke bei ihnen eine Menge in Zaum gehaltener und verleumdeter Instinkte langsam und mit Vorsicht zu entfesseln: wer darüber nachdenkt, gehört zu uns, den freien Geistern – freilich wohl zu einer neueren Art von »freien Geistern«, als die bisherigen: denn diese wünschten ungefähr das Entgegengesetzte. Hierher gehören, wie mir scheint, vor Allem die Pessimisten Europa's, die Dichter und Denker eines empörten Idealismus, insofern ihre Unzufriedenheit mit dem gesammten Dasein sie auch zur Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen Menschen mindestens logisch nöthigt; insgleichen gewisse unersättlich-ehrgeizige Künstler, welche unbedenklich und unbedingt für die Sonderrechte höherer Menschen und gegen das »Heerdenthier« kämpfen und mit den Verführungsmitteln der Kunst bei ausgesuchteren Geistern alle Heerden-Instinkte und Heerden-Vorsichten einschläfern; zudritt endlich alle jene Kritiker und Historiker, von denen die glücklich begonnene Entdeckung der alten Welt – es ist das Werk des neuen Columbus, des deutschen Geistes – muthig fortgesetzt wird (– denn wir stehen immer noch in den Anfängen dieser Eroberung). In der alten Welt nämlich herrschte in der That eine andere, eine herrschaftlichere Moral als heute; und der antike Mensch, unter dem erziehenden Banne seiner Moral, war ein stärkerer und tieferer Mensch als der Mensch von heute, – er war bisher allein »der wohlgerathene Mensch«. Die Verführung aber, welche vom Alterthum her auf wohlgerathene, d.h. auf starke und unternehmende Seelen ausgeübt wird, ist auch heute noch die feinste und wirksamste aller antidemokratischen und antichristlichen: wie sie es schon zur Zeit der Renaissance war.   958. Ich schreibe für eine Gattung Menschen, welche noch nicht vorhanden ist: für die »Herren der Erde«. Im Theages Plato's steht es geschrieben: »Jeder von uns möchte Herr womöglich aller Menschen sein, am liebsten Gott «. Diese Gesinnung muß wieder da sein. Engländer, Amerikaner und Russen – – –   959. Die Urwald-Vegetation »Mensch« erscheint immer, wo der Kampf um die Macht am längsten geführt worden ist. Die großen Menschen. Urwald-Thiere die Römer.   960. Es wird von nun an günstige Vorbedingungen für umfänglichere Herrschafts-Gebilde geben, deren Gleichen es noch nicht gegeben hat. Und dies ist noch nicht das Wichtigste: es ist die Entstehung von internationalen Geschlechts-Verbänden möglich gemacht, welche sich die Aufgabe setzen, eine Herren-Rasse heraufzuzüchten, die zukünftigen »Herren der Erde«; – eine neue, ungeheure, auf der härtesten Selbst-Gesetzgebung aufgebaute Aristokratie, in der dem Willen philosophischer Gewaltmenschen und Künstler-Tyrannen Dauer über Jahrtausende gegeben wird: – eine höhere Art Menschen, die sich, dank ihrem Übergewicht von Wollen, Wissen, Reichthum und Einfluß, des demokratischen Europa's bedienen als ihres gefügigsten und beweglichsten Werkzeugs, um die Schicksale der Erde in die Hand zu bekommen, um am »Menschen« selbst als Künstler zu gestalten. Genug, die Zeit kommt, wo man über Politik umlernen wird. 5. Der große Mensch.   961. Mein Augenmerk darauf, an welchen Punkten der Geschichte die großen Menschen hervorspringen. Die Bedeutung langer despotischer Moralen: sie spannen den Bogen, wenn sie ihn nicht zerbrechen.   962. Ein großer Mensch, – ein Mensch, welchen die Natur in großem Stile aufgebaut und erfunden hat – was ist das? Erstens: er hat in seinem gesammten Thun eine lange Logik, die ihrer Länge wegen schwer überschaubar, folglich irreführend ist, eine Fähigkeit, über große Flächen seines Lebens hin seinen Willen auszuspannen und alles kleine Zeug an sich zu verachten und wegzuwerfen, seien darunter auch die schönsten, »göttlichsten« Dinge von der Welt. Zweitens: er ist kälter, härter, unbedenklicher und ohne Furcht vor der »Meinung«; es fehlen ihm die Tugenden, welche mit der »Achtung« und dem Geachtet-werden zusammenhängen, überhaupt Alles, was zur »Tugend der Heerde« gehört. Kann er nicht führen, so geht er allein; es kommt dann vor, daß er Manches, was ihm auf dem Wege begegnet, angrunzt. Drittens: er will kein »theilnehmendes« Herz, sondern Diener, Werkzeuge; er ist, im Verkehre mit Menschen, immer darauf aus, Etwas aus ihnen zu machen. Er weiß sich unmittheilbar: er findet es geschmacklos, wenn er vertraulich wird; und er ist es gewöhnlich nicht, wenn man ihn dafür hält. Wenn er nicht zu sich redet, hat er seine Maske. Er lügt lieber, als daß er die Wahrheit redet: es kostet mehr Geist und Willen. Es ist eine Einsamkeit in ihm, als welche etwas Unerreichbares ist für Lob und Tadel, eine eigene Gerichtsbarkeit, welche keine Instanz über sich hat.   963. Der große Mensch ist nothwendig Skeptiker (womit nicht gesagt ist, daß er es scheinen müßte), vorausgesetzt, daß Dies die Größe ausmacht: etwas Großes wollen und die Mittel dazu. Die Freiheit von jeder Art Überzeugung gehört zur Stärke seines Willens. So ist es jenem »aufgeklärten Despotismus« gemäß, den jede große Leidenschaft ausübt. Eine solche nimmt den Intellekt in ihren Dienst; sie hat den Muth auch zu unheiligen Mitteln; sie macht unbedenklich; sie gönnt sich Überzeugungen, sie braucht sie selbst, aber sie unterwirft sich ihnen nicht. Das Bedürfniß nach Glauben, nach irgend etwas Unbedingtem in Ja und Nein ist ein Beweis der Schwäche; alle Schwäche ist Willensschwäche. Der Mensch des Glaubens, der Gläubige ist nothwendig eine kleine Art Mensch. Hieraus ergiebt sich, daß »Freiheit des Geistes«, d.h. Unglaube als Instinkt, Vorbedingung der Größe ist.   964. Der große Mensch fühlt seine Macht über ein Volk, sein zeitweiliges Zusammenfallen mit einem Volke oder einem Jahrtausende: – diese Vergrößerung im Gefühl von sich als causa, und voluntas wird mißverstanden als »Altruismus« –: es drängt ihn nach Mitteln der Mittheilung: alle großen Menschen sind erfinderisch in solchen Mitteln. Sie wollen sich hineingestalten in große Gemeinden, sie wollen Eine Form dem Vielartigen, Ungeordneten geben, es reizt sie das Chaos zu sehn. Mißverständniß der Liebe. Es giebt eine sklavische Liebe, welche sich unterwirft und weggiebt: welche idealisirt und sich täuscht, – es giebt eine göttliche Liebe, welche verachtet und liebt und das Geliebte umschafft, hinaufträgt. Jene ungeheure Energie der Größe zu gewinnen, um, durch Züchtung und andrerseits durch Vernichtung von Millionen Mißrathener, den zukünftigen Menschen zu gestalten und nicht zu Grunde zu gehn an dem Leid, das man schafft und dessen Gleichen noch nie da war! –   965. Die Revolution, Verwirrung und Noth der Völker ist das Geringere in meiner Betrachtung, gegen die Noth der großen Einzelnen in ihrer Entwicklung. Man muß sich nicht täuschen lassen: die vielen Nöthe aller dieser Kleinen bilden zusammen keine Summe, außer im Gefühle von mächtigen Menschen. – An sich denken, in Augenblicken großer Gefahr: seinen Nutzen ziehn aus dem Nachtheile Vieler: – das kann bei einem sehr hohen Grade von Abweichung ein Zeichen großen Charakters sein, der über seine mitleidigen und gerechten Empfindungen Herr wird.   966. Der Mensch hat, im Gegensatz zum Thier, eine Fülle gegensätzlicher Triebe und Impulse in sich groß gezüchtet: vermöge dieser Synthesis ist er der Herr der Erde. – Moralen sind der Ausdruck lokal beschränkter Rangordnungen in dieser vielfachen Welt der Triebe: sodaß an ihren Widersprüchen der Mensch nicht zu Grunde geht. Also ein Trieb als Herr, sein Gegentrieb geschwächt, verfeinert, als Impuls, der den Reiz für die Thätigkeit des Haupttriebes abgiebt. Der höchste Mensch würde die größte Vielheit der Triebe haben, und auch in der relativ größten Stärke, die sich noch ertragen läßt. In der That: wo die Pflanze Mensch sich stark zeigt, findet man die mächtig gegen einander treibenden Instinkte (z.B. Shakespeare), aber gebändigt.   967. Ob man nicht ein Recht hat, alle großen Menschen unter die bösen zu rechnen? Im Einzelnen ist es nicht rein aufzuzeigen. Oft ist ihnen ein meisterhaftes Versteckenspielen möglich gewesen, so daß sie die Gebärden und Äußerlichkeiten großer Tugenden annahmen. Oft verehrten sie die Tugenden ernsthaft und mit einer leidenschaftlichen Härte gegen sich selber, aber aus Grausamkeit, – dergleichen täuscht, aus der Ferne gesehen. Manche verstanden sich selber falsch; nicht selten fordert eine große Aufgabe große Qualitäten heraus, z. B. die Gerechtigkeit. Das Wesentliche ist: die Größten haben vielleicht auch große Tugenden, aber gerade dann noch deren Gegensätze. Ich glaube, daß aus dem Vorhandensein der Gegensätze, und aus deren Gefühle, gerade der große Mensch, der Bogen mit der großen Spannung, entsteht.   968. Im großen Menschen sind die specifischen Eigenschaften des Lebens – Unrecht, Lüge, Ausbeutung – am größten. Insofern sie aber überwältigend gewirkt haben, ist ihr Wesen am besten mißverstanden und in's Gute interpretirt worden. Typus Carlyle als Interpret.   969. Im Allgemeinen ist jedes Ding soviel werth, als man dafür bezahlt hat. Dies gilt freilich nicht, wenn man das Individuum isolirt nimmt; die großen Fähigkeiten des Einzelnen stehen außer allem Verhältniß zu Dem, was er selbst dafür gethan, geopfert, gelitten hat. Aber sieht man seine Geschlechts-Vorgeschichte an, so entdeckt man da die Geschichte einer ungeheuern Aufsparung und Capital-Sammlung von Kraft, durch alle Art Verzichtleisten, Ringen, Arbeiten, Sich-Durchsetzen. Weil der große Mensch soviel gekostet hat und nicht, weil er wie ein Wunder, als Gabe des Himmels und »Zufalls« dasteht, wurde er groß: – »Vererbung« ein falscher Begriff. Für Das, was Einer ist, haben seine Vorfahren die Kosten bezahlt.   970. Gefahr in der Bescheidenheit. – Sich zu früh anpassen an Aufgaben, Gesellschaften, Alltags- und Arbeits-Ordnungen, in welche der Zufall uns setzt, zur Zeit, wo weder unsere Kraft, noch unser Ziel uns gesetzgeberisch in's Bewußtsein getreten ist; die damit errungene allzufrühe Gewissens-Sicherheit, Erquicklichkeit, Gemeinsamkeit, dieses vorzeitige Sich-Bescheiden, das sich als Loskommen von der inneren und äußeren Unruhe dem Gefühl einschmeichelt, verwöhnt und hält in der gefährlichsten Weise nieder; das Achten-lernen nach Art von »Seinesgleichen«, wie als ob wir selbst in uns kein Maaß und Recht hätten, Werthe anzusetzen, die Bemühung, gleichzuschätzen gegen die innere Stimme des Geschmacks, der auch ein Gewissen ist, wird eine furchtbare feine Fesselung: wenn es endlich keine Explosion giebt, mit Zersprengung aller Bande der Liebe und Moral mit Einem Male, so verkümmert, verkleinlicht, verweiblicht, versachlicht sich ein solcher Geist. – Das Entgegengesetzte ist schlimm genug, aber immer noch besser: an seiner Umgebung leiden, an ihrem Lobe sowohl wie an ihrer Mißbilligung, verwundet dabei und unterschwürig werden, ohne es zu verrathen; unfreiwillig-mißtrauisch sich gegen ihre Liebe vertheidigen, das Schweigen lernen, vielleicht indem man es durch Reden verbirgt, sich Winkel und unerrathbare Einsamkeiten schaffen für die Augenblicke des Aufathmens, der Thränen, der sublimen Tröstung – bis man endlich stark genug ist, um zu sagen: »was habe ich mit euch zu schaffen?« und seines Weges geht.   971. Menschen, die Schicksale sind, die, indem sie sich tragen, Schicksale tragen, die ganze Art der heroischen Lastträger: oh wie gerne möchten sie einmal von sich selber ausruhn! wie dürsten sie nach starken Herzen und Nacken, um für Stunden wenigstens loszuwerden, was sie drückt! Und wie umsonst dürsten sie!... Sie warten; sie sehen sich Alles an, was vorübergeht: Niemand kommt ihnen auch nur mit dem Tausendstel Leiden und Leidenschaft entgegen, Niemand erräth, inwiefern sie warten... Endlich, endlich lernen sie ihre erste Lebensklugheit – nicht mehr zu warten; und dann alsbald auch ihre zweite: leutselig zu sein, bescheiden zu sein, von nun an Jedermann zu ertragen, Jederlei zu ertragen – kurz, noch ein wenig mehr zu ertragen , als sie bisher schon getragen haben. 6. Der höchste Mensch als Gesetzgeber der Zukunft.   972. Gesetzgeber der Zukunft . – Nachdem ich lange und umsonst mit dem Worte »Philosoph« einen bestimmten Begriff zu verbinden suchte – denn ich fand viele entgegengesetzte Merkmale –, erkannte ich endlich, daß es zwei unterschiedliche Arten von Philosophen giebt: 1) solche, welche irgend einen großen Thatbestand von Werthschätzungen (logisch oder moralisch) feststellen wollen; 2) solche, welche Gesetzgeber solcher Werthschätzungen sind. Die Ersten suchen sich der vorhandenen oder vergangenen Welt zu bemächtigen, indem sie das mannichfach Geschehende durch Zeichen zusammenfassen und abkürzen: ihnen liegt daran, das bisherige Geschehen übersichtlich, überdenkbar, faßbar, handlich zu machen, – sie dienen der Aufgabe des Menschen, alle vergangenen Dinge zum Nutzen seiner Zukunft zu verwenden. Die Zweiten aber sind Befehlende ; sie sagen: »So soll es sein!« Sie bestimmen erst das »Wohin« und »Wozu«, den Nutzen, was Nutzen der Menschen ist; sie verfügen über die Vorarbeit der wissenschaftlichen Menschen, und alles Wissen ist ihnen nur ein Mittel zum Schaffen. Diese zweite Art von Philosophen geräth selten; und in der That ist ihre Lage und Gefahr ungeheuer. Wie oft haben sie sich absichtlich die Augen zugebunden, um nur den schmalen Raum nicht sehen zu müssen, der sie vom Abgrund und Absturz trennt: z. B. Plato, als er sich überredete, das »Gute«, wie er es wollte, sei nicht das Gute Plato's, sondern das »Gute an sich«, der ewige Schatz, den nur irgend ein Mensch, Namens Plato, auf seinem Wege gefunden habe! In viel gröberen Formen waltet dieser selbe Wille zur Blindheit bei den Religionsstiftern: ihr »du sollst« darf durchaus ihren Ohren nicht klingen wie »ich will«, – nur als dem Befehl eines Gottes wagen sie ihrer Aufgabe nachzukommen, nur als »Eingebung« ist ihre Gesetzgebung der Werthe eine tragbare Bürde, unter der ihr Gewissen nicht zerbricht. Sobald nun jene zwei Trostmittel, das Plato's und das Muhammed's,dahingefallen sind und kein Denker mehr an der Hypothese eines »Gottes« oder »ewiger Werthe« sein Gewissen erleichtern kann, erhebt sich der Anspruch des Gesetzgebers neuer Werthe zu einer neuen und noch nicht erreichten Furchtbarkeit. Nunmehr werden jene Auserkornen, vor denen die Ahnung einer solchen Pflicht aufzudämmern beginnt, den Versuch machen, ob sie ihr wie als ihrer größten Gefahr nicht noch »zur rechten Zeit« durch irgend einen Seitensprung entschlüpfen möchten: zum Beispiel indem sie sich einreden, die Aufgabe sei schon gelöst, oder sie sei unlösbar, oder sie hätten keine Schultern für solche Lasten, oder sie seien schon mit andern, näheren Aufgaben überladen, oder selbst diese neue ferne Pflicht sei eine Verführung und Versuchung, eine Abführung von allen Pflichten, eine Krankheit, eine Art Wahnsinn. Manchem mag es in der That gelingen auszuweichen: es geht durch die ganze Geschichte hindurch die Spur solcher Ausweichenden und ihres schlechten Gewisses. Zumeist aber kam solchen Menschen des Verhängnisses jene erlösende Stunde, jene Herbst-Stunde der Reife, wo sie mußten , was sie nicht einmal »wollten«: – und die That, vor der sie sich am meisten vorher gefürchtet hatten, fiel ihnen leicht und ungewollt vom Baume, als eine That ohne Willkür, fast als Geschenk.   973. Der menschliche Horizont . – Man kann die Philosophen auffassen als Solche, welche die äußerste Anstrengung machen, zu erproben , wie weit sich der Mensch erheben könne, – besonders Plato: wie weit seine Kraft reicht. Aber sie thun es als Individuen; vielleicht war der Instinkt der Cäsaren, der Staatengründer u.s.w. größer, welche daran denken, wie weit der Mensch getrieben werden könne in der Entwicklung und unter »günstigen Umständen«. Aber sie begriffen nicht genug, was günstige Umstände sind. Große Frage: wo bisher die Pflanze »Mensch« am prachtvollsten gewachsen ist. Dazu ist das vergleichende Studium der Historie nöthig.   974. Ein Faktum, ein Werk ist für jede Zeit und jede neue Art von Mensch von neuer Beredsamkeit. Die Geschichte redet immer neue Wahrheiten .   975. Objektiv, hart, fest, streng bleiben im Durchsetzen eines Gedankens – das bringen die Künstler noch am besten zu Stande; wenn Einer aber Menschen dazu nöthig hat (wie Lehrer, Staatsmänner u.s.w.), da geht die Ruhe und Kälte und Härte schnell davon. Man kann bei Naturen wie Cäsar und Napoleon Etwas ahnen von einem »interesselosen« Arbeiten an ihrem Marmor, mag dabei von Menschen geopfert werden, was nur möglich. Auf dieser Bahn liegt die Zukunft der höchsten Menschen: die größte Verantwortlichkeit tragen und nicht daran zerbrechen . – Bisher waren fast immer Inspirations-Täuschungen nöthig, um selbst den Glauben an sein Recht und seine Hand nicht zu verlieren.   976. Weshalb der Philosoph selten geräth. Zu seinen Bedingungen gehören Eigenschaften, die gewöhnlich einen Menschen zu Grunde richten: eine ungeheure Vielheit von Eigenschaften, er muß eine Abbreviatur des Menschen sein, aller seiner hohen und niedern Begierden: Gefahr der Gegensätze, auch des Ekels an sich; er muß neugierig nach den verschiedensten Seiten sein: Gefahr der Zersplitterung. er muß gerecht und billig im höchsten Sinne sein, aber tief auch in Liebe, Haß (und Ungerechtigkeit); er muß nicht nur Zuschauer, sondern Gesetzgeber sein: Richter und Gerichteter (insofern er eine Abbreviatur der Welt ist); äußerst vielartig, und doch fest und hart. Geschmeidig.   977. Der eigentlich königliche Beruf des Philosophen (nach dem Ausdruck Alkuin's des Angelsachsen): prava corrigere, et recta corroborare, et sancta sublimare .   978. Der neue Philosoph kann nur in Verbindung mit einer herrschenden Kaste entstehen, als deren höchste Vergeistigung. Die große Politik, Erdregierung in der Nähe; vollständiger Mangel an Principien dafür.   979. Grundgedanke: die neuen Werthe müssen erst geschaffen werden – das bleibt uns nicht erspart ! Der Philosoph muß uns ein Gesetzgeber sein. Neue Arten. (Wie bisher die höchsten Arten [z. B. Griechen] gezüchtet wurden: diese Art »Zufall« bewußt wollen )   980. Gesetzt, man denkt sich einen Philosophen als großen Erzieher, mächtig genug, um von einsamer Höhe herab lange Ketten von Geschlechtern zu sich hinaufzuziehen: so muß man ihm auch die unheimlichen Vorrechte des großen Erziehers zugestehen. Ein Erzieher sagt nie, was er selber denkt: sondern immer nur, was er im Verhältnis; zum Nutzen Dessen, den er erzieht, über eine Sache denkt. In dieser Verstellung darf er nicht errathen werden; es gehört zu seiner Meisterschaft, daß man an seine Ehrlichkeit glaubt. Er muß aller Mittel der Zucht und Züchtigung fähig sein: manche Naturen bringt er nur durch Peitschenschlage des Hohnes vorwärts, Andere, Träge, Unschlüssige, Feige, Eitle, vielleicht mit übertreibendem Lobe. Ein solcher Erzieher ist jenseits von Gut und Böse; aber Niemand darf es wissen.   981. Nicht die Menschen »besser« machen, nicht zu ihnen auf irgend eine Art Moral reden, als ob »Moralität an sich«, oder eine ideale Art Mensch überhaupt, gegeben sei: sondern Zustände schaffen , unter denen stärkere Menschen nöthig sind , welche ihrerseits eine Moral (deutlicher: eine leiblich-geistige Disciplin), welche stark macht , brauchen und folglich haben werden! Sich nicht durch blaue Augen oder geschwellte Busen verführen lassen: die Größe der Seele hat nichts Romantisches an sich . Und leider gar nichts Liebenswürdiges !   982. Man muß von den Kriegen her lernen: 1) den Tod in die Nähe der Interessen zu bringen, für die man kämpft – das macht uns ehrwürdig; 2) man muß lernen, Viele zum Opfer bringen und seine Sache wichtig genug nehmen, um die Menschen nicht zu schonen; 3) die starre Disciplin, und im Krieg Gewalt und List sich zugestehn.   983. Die Erziehung zu jenen Herrscher -Tugenden, welche auch über sein Wohlwollen und Mitleiden Herr werden: die großen Züchter-Tugenden (»seinen Feinden vergeben« ist dagegen Spielerei), den Affekt des Schaffenden auf die Höhe bringen – nicht mehr Marmor behauen! – Die Ausnahme- und Macht-Stellung jener Wesen (verglichen mit der der bisherigen Fürsten): der römische Cäsar mit Christi Seele.   984. Seelengröße nicht zu trennen von geistiger Größe. Denn sie involvirt Unabhängigkeit ; aber ohne geistige Größe soll diese nicht erlaubt sein, sie richtet Unfug an, selbst noch durch Wohlthun-wollen und »Gerechtigkeit«-üben. Die geringen Geister haben zu gehorchen , – können also nicht Größe haben.   985. Der höhere philosophische Mensch, der um sich Einsamkeit hat, nicht weil er allein sein will, sondern weil er Etwas ist , das nicht Seinesgleichen findet: welche Gefahren und neuen Leiden sind ihm gerade heute aufgespart, wo man den Glauben an die Rangordnung verlernt hat und folglich diese Einsamkeit nicht zu ehren und nicht zu verstehen weiß! Ehemals heiligte sich der Weise beinahe durch ein solches Beiseite-gehen für das Gewissen der Menge, – heute sieht sich der Einsiedler wie mit einer Wolke trüber Zweifel und Verdächtigungen umringt. Und nicht etwa nur von Seiten der Neidischen und Erbärmlichen: er muß Verkennung, Vernachlässigung und Oberflächlichkeit noch an jedem Wohlwollen herausempfinden, das er erfährt, er kennt jene Heimtücke des beschränkten Mitleidens, welches sich selber gut und heilig fühlt, wenn es ihn, etwa durch bequemere Lagen, durch geordnetere, zuverlässigere Gesellschaft, vor sich selber zu »retten« sucht, – ja er wird den unbewußten Zerstörungstrieb zu bewundern haben, mit dem alle Mittelmäßigen des Geistes gegen ihn thätig sind, und zwar im besten Glauben an ihr Recht dazu! Es ist für Menschen dieser unverständlichen Vereinsamung nöthig, sich tüchtig und herzhaft auch in den Mantel der äußeren, der räumlichen Einsamkeit zu wickeln: das gehört zu ihrer Klugheit. Selbst List und Verkleidung werden heute noth thun, damit ein solcher Mensch sich selber erhalte, sich selber oben erhalte, inmitten der niederziehenden gefährlichen Stromschnellen der Zeit. Jeder Versuch, es in der Gegenwart, mit der Gegenwart auszuhalten, jede Annäherung an diese Menschen und Ziele von Heute muß er wie seine eigentliche Sünde abbüßen: und er mag die verborgene Weisheit seiner Natur anstaunen, welche ihn bei allen solchen Versuchen sofort durch Krankheit und schlimme Unfälle wieder zu sich selber zurückzieht.   986.                   »– Maledetto colui che contrista un spirto immortal!« Manzoni (Conte di Caemagnola, II. Akt).   987. Die schwierigste und höchste Gestalt des Menschen wird am seltensten gelingen: so zeigt die Geschichte der Philosophie eine Überfülle von Mißrathenen, von Unglücksfällen, und ein äußerst langsames Schreiten; ganze Jahrtausende fallen dazwischen und erdrücken, was erreicht war; der Zusammenhang hört immer wieder auf. Das ist eine schauerliche Geschichte – die Geschichte des höchsten Menschen, des Weisen . – Am meisten geschädigt ist gerade das Gedächtniß der Großen, denn die Halb-Gerathenen und Mißrathenen verkennen sie und besiegen sie durch »Erfolge«. Jedes Mal, wo »die Wirkung« sich zeigt, tritt eine Masse Pöbel auf den Schauplatz; das Mitreden der Kleinen und der Armen im Geiste ist eine fürchterliche Ohrenmarter für Den, der mit Schauder weiß, daß das Schicksal der Menschheit am Gerathen ihres höchsten Typus liegt . – Ich habe von Kindesbeinen an über die Existenzbedingungen des Weisen nachgedacht, und will meine frohe Überzeugung nicht verschweigen, daß er jetzt in Europa wieder möglich wird – vielleicht nur für kurze Zeit.   988. – Diese neuen Philosophen, sie beginnen mit der Darstellung der thatsächlichen Rangordnung und Werth-Verschiedenheit der Menschen, – sie wollen, ach, gerade das Gegentheil einer Anähnlichung, einer Ausgleichung: sie lehren die Entfremdung in jedem Sinne, sie reißen Klüfte auf, wie es noch keine gegeben hat, sie wollen, daß der Mensch böser werde als er je war. Einstweilen leben sie noch selber einander fremd und verborgen. Es wird ihnen aus vielen Gründen nöthig sein, Einsiedler zu sein und selbst Masken vorzunehmen, – sie werden folglich schlecht zum Suchen von Ihresgleichen taugen. Sie werden allein leben und wahrscheinlich die Martern aller sieben Einsamkeiten kennen. Laufen sie sich aber über den Weg, durch einen Zufall, so ist darauf zu wetten, daß sie sich verkennen oder wechselseitig betrügen.   989. Les philosophes ne sont pas faits pour s'aimer. Les aigles ne volent point en compagnie. Il faut laisser cela aux perdrix, aux étourneaux ... Planer au-dessus et avoir des griffes, voilà le lot des grands génies. Galiani.   990. Ich vergaß zu sagen, daß solche Philosophen heiter sind und daß sie gerne in dem Abgrund eines vollkommen hellen Himmels sitzen: – sie haben andere Mittel nöthig, das Leben zu ertragen, als andere Menschen; denn sie leiden anders (nämlich ebensosehr an der Tiefe ihrer Menschen-Verachtung, als an ihrer Menschen-Liebe), – Das leidendste Thier auf Erden erfand sich – das Lachen .   991. Über das Mißverständniß der »Heiterkeit«. Zeitweilige Erlösung von der langen Spannung; der Übermuth, die Saturnalien eines Geistes, der sich zu langen und furchtbaren Entschlüssen weiht und vorbereitet. Der »Narr« in der Form der »Wissenschaft«.   992. Neue Rangordnung der Geister: nicht mehr die tragischen Naturen voran.   993. Es ist mir ein Trost, zu wissen, daß über dem Dampf und Schmutz der menschlichen Niederungen es eine höhere, hellere Menschheit giebt, die der Zahl nach eine sehr kleine sein wird (– denn Alles, was hervorragt, ist seinem Wesen nach selten): man gehört zu ihr, nicht weil man begabter oder tugendhafter oder heroischer oder liebevoller wäre, als die Menschen da unten, sondern – weil man kälter, heller, weitsichtiger, einsamer ist, weil man die Einsamkeit erträgt, vorzieht, fordert als Glück, Vorrecht, ja Bedingung des Daseins, weil man unter Wollen und Blitzen wie unter seines Gleichen lebt, aber ebenso unter Sonnenstrahlen, Thautropfen, Schneeflocken und Allem, was nothwendig aus der Höhe kommt und, wenn es sich bewegt, sich ewig nur in der Richtung von Oben nach Unten bewegt. Die Aspirationen nach der Höhe sind nicht die unsrigen. – Die Helden, Märtyrer, Genies und Begeisterten sind uns nicht still, geduldig, fein, kalt langsam genug.   994. Absolute Überzeugung: daß die Werthgefühle oben und unten verschieden sind; daß zahllose Erfahrungen den Unteren fehlen , daß von Unten nach Oben das Mißverständnis; nothwendig ist.   995. Wie kommen Menschen zu einer großen Kraft und zu einer großen Aufgabe? Alle Tugend und Tüchtigkeit am Leib und an der Seele ist mühsam und im Kleinen erworben worden, durch viel Fleiß, Selbstbezwingung, Beschränkung auf Weniges, durch viel zähe, treue Wiederholung der gleichen Arbeiten, der gleichen Entsagungen: aber es giebt Menschen, welche die Erben und Herren dieses langsam erworbenen vielfachen Reichthums an Tugenden und Tüchtigkeiten sind – weil, auf Grund glücklicher und vernünftiger Ehen und auch glücklicher Zufälle, die erworbenen und gehäuften Kräfte vieler Geschlechter nicht verschleudert und versplittert, sondern durch einen festen Ring und Willen zusammengebunden sind. Am Ende nämlich erscheint ein Mensch, ein Ungeheuer von Kraft, welches nach einem Ungeheuer von Aufgabe verlangt. Denn unsere Kraft ist es, welche über uns verfügt: und das erbärmliche geistige Spiel von Zielen und Absichten und Beweggründen nur ein Vordergrund – mögen schwache Augen auch hierin die Sache selber sehn.   996. Der sublime Mensch hat den höchsten Werth, auch wenn er ganz zart und zerbrechlich ist, weil eine Fülle von ganz schweren und seltenen Dingen durch viele Geschlechter gezüchtet und beisammen erhalten worden ist.   997. Ich lehre: daß es höhere und niedere Menschen giebt, und daß ein Einzelner ganzen Jahrtausenden unter Umständen ihre Existenz rechtfertigen kann – das heißt ein voller, reicher, großer, ganzer Mensch in Hinsicht auf zahllose unvollständige Bruchstück-Menschen.   998. Jenseits der Herrschenden, losgelöst von allen Banden, leben die höchsten Menschen: und in den Herrschenden haben sie ihre Werkzeuge.   999. Rangordnung : Der die Werthe bestimmt und den Willen von Jahrtausenden lenkt, dadurch daß er die höchsten Naturen lenkt, ist der höchste Mensch .   1000. Ich glaube, ich habe Einiges aus der Seele des höchsten Menschen errathen ; – vielleicht geht Jeder zu Grunde, der ihn erräth: aber wer ihn gesehn hat, muß helfen, ihn zu ermöglichen . Grundgedanke: wir müssen die Zukunft als maaßgebend nehmen für alle unsere Werthschätzung – und nicht hinter uns die Gesetze unseres Handelns suchen!   1001. Nicht »Menschheit«, sondern Übermensch ist das Ziel!   1002. Come l'uom s'eterna ... Inf. XV. 35. II. Dionysos.   1003. Dem Wohlgerathenen , der meinem Herzen wohlthut, aus einem Holz geschnitzt, welches hart, zart und wohlriechend ist – an dem selbst die Nase noch ihre Freude hat –, sei dies Buch geweiht. Ihm schmeckt, was ihm zuträglich ist; sein Gefallen an Etwas hört, auf, wo das Maaß des Zuträglichen überschritten wird; er erräth die Heilmittel gegen partielle Schädigungen: er hat Krankheiten als große Stimulantia seines Lebens; er versteht seine schlimmen Zufälle auszunützen; er wird stärker, durch die Unglücksfälle, die ihn zu vernichten drohen; er sammelt instinktiv aus Allem, was er steht, hört, erlebt, zu Gunsten seiner Hauptsache, – er folgt einem auswählenden Princip, – er läßt viel durchfallen; er reagirt mit der Langsamkeit, welche eine lange Vorsicht und ein gewollter Stolz angezüchtet haben, – er prüft den Reiz, woher er kommt, wohin er will, er unterwirft sich nicht; er ist immer in seiner Gesellschaft, ob er mit Büchern, Menschen oder Landschaften verkehrt; er ehrt, indem er wählt , indem er zuläßt , indem er vertraut .   1004. Eine Höhe und Vogelschau der Betrachtung gewinnen, wo man begreift, wie Alles so, wie es gehen sollte , auch wirklich geht: wie jede Art »Unvollkommenheit« und das Leiden an ihr mit hinein in die höchste Wünschbarkeit gehört.   1005. Gegen 1876 hatte ich den Schrecken, mein ganzes bisheriges Wollen compromittirt zu sehen, als ich begriff, wohin es jetzt mit Wagner hinauswollte: und ich war sehr fest an ihn gebunden, durch alle Bande der tiefen Einheit der Bedürfnisse, durch Dankbarkeit, durch die Ersatzlosigkeit und absolute Entbehrung, die ich vor mir sah. Um dieselbe Zeit schien ich mir wie unauflösbar eingekerkert in meine Philologie und Lehrthätigkeit – in einen Zufall und Nothbehelf meines Lebens –: ich wußte nicht mehr, wie herauskommen, und war müde, verbraucht, vernutzt. Um dieselbe Zeit begriff ich, daß mein Instinkt auf das Gegentheil hinauswollte als der Schopenhauers: auf eine Rechtfertigung des Lebens , selbst in seinem Furchtbarsten, Zweideutigsten und Lügenhaftesten: – dafür hatte ich die Formel » dionysisch « in den Händen. Daß ein »An-sich der Dinge« nothwendig gut, selig, wahr, Eins sein müsse, dagegen war Schopenhauers Interpretation des »An-sich's« als Wille ein wesentlicher Schritt: nur verstand er nicht, diesen Willen zu vergöttlichen : er blieb im moralisch-christlichen Ideal hängen. Schopenhauer stand so weit noch unter der Herrschaft der christlichen Weiche, daß er, nachdem ihm das Ding an sich nicht mehr »Gott« war, es schlecht, dumm, absolut verwerflich sehen mußte. Er begriff nicht, daß es unendliche Arten des Anders-sein-könnens, selbst des Gott-sein-könnens geben kann.   1006. Die moralischen Werthe waren bis jetzt die obersten Werthe: will das Jemand in Zweifel ziehen? ... Entfernen wir diese Werthe von jener Stelle, so verändern wir alle Werthe: das Princip ihrer bisherigen Rangordnung ist damit umgeworfen.   1007. Werthe umwerthen – was wäre das? Es müssen die spontanen Bewegungen alle da sein, die neuen, zukünftigen, stärkeren: nur stehen sie noch unter falschen Namen und Schätzungen und sind sich selbst noch nicht bewußt geworden . Ein muthiges Bewußt-werden und Ja-sagen zu Dem, was erreicht ist, – ein Losmachen von dem Schlendrian alter Wertschätzungen, die uns entwürdigen im Besten und Stärksten, was wir erreicht haben.   1008. Jede Lehre ist überflüssig, für die nicht Alles schon bereit liegt an aufgehäuften Kräften, an Explosiv-Stoffen. Eine Umwerthung von Werthen wird nur erreicht, wenn eine Spannung von neuen Bedürfnissen, von Neu-Bedürftigen da ist, welche an den alten Werthen leiden, ohne zum Bewußtsein zu kommen.   1009. Gesichtspunkte für meine Werthe: ob aus der Fülle oder aus dem Verlangen? ... ob man zusieht oder Hand anlegt – oder wegsieht, bei Seite geht? ... ob aus der aufgestauten Kraft, »spontan«, oder bloß reaktiv angeregt, angereizt? ob einfach , aus Wenigkeit der Elemente, oder aus überwältigender Herrschaft über viele, sodaß sie dieselben in Dienst nimmt, wenn sie sie braucht? ... ob man Problem oder Lösung ist? ... ob vollkommen bei der Kleinheit der Aufgabe oder unvollkommen bei dem Außerordentlichen eines Ziels? ob man echt oder nur Schauspieler , ob man als Schauspieler echt oder nur ein nachgemachter Schauspieler, ob man »Vertreter« oder das Vertretene selbst ist –? ob »Person« oder bloß ein Rendez-vous von Personen ... ob krank aus Krankheit oder aus überschüssiger Gesundheit? ob man vorangeht als Hirt oder als »Ausnahme« (dritte Species: als Entlaufener)? ob man Würde nöthig hat – oder den »Hanswurst«? ob man den Widerstand sucht oder ihm aus dem Wege geht? ob man unvollkommen ist, als »zu früh« oder als »zu spät«? ob man von Natur Ja sagt oder Nein sagt oder ein Pfauenwedel von bunten Dingen ist? ob man stolz genug ist, um sich auch seiner Eitelkeit nicht zu schämen? ob man eines Gewissensbisses noch fähig ist (– die Species wird selten: früher hatte das Gewissen zu viel zu beißen: es scheint, jetzt hat es nicht mehr Zähne genug dazu)? ob man einer »Pflicht« noch fähig ist? (– es giebt Solche, die sich den Rest ihrer Lebenslust rauben würden, wenn sie sich die Pflicht rauben ließen, – sonderlich die Weiblichen, die Unterthänig-Geborenen.)   1010. Gesetzt, unsere übliche Auffassung der Welt wäre ein Mißverständnis : könnte eine Vollkommenheit concipirt werden, innerhalb deren selbst solche Mißverständnisse sanktionirt wären? Conception einer neuen Vollkommenheit: Das, was unserer Logik, unserem »Schönen«, unserem »Guten«, unserem »Wahren« nicht entspricht, könnte in einem höheren Sinne vollkommen sein, als es unser Ideal selbst ist.   1011. Unsere große Bescheidung: das Unbekannte nicht vergöttern; wir fangen eben an, Wenig zu wissen. Die falschen und verschwendeten Bemühungen. Unsere »neue Welt«: wir müssen erkennen, bis zu welchem Grade wir die Schöpfer unsrer Werthgefühle sind, – also »Sinn« in die Geschichte legen können . Dieser Glaube an die Wahrheit geht in uns zu seiner letzten Consequenz – ihr wißt, wie sie lautet –: daß, wenn es überhaupt Etwas anzubeten giebt, es der Schein ist, der angebetet werden muß, daß die Lüge – und nicht die Wahrheit – göttlich ist!   1012. Wer die Vernünftigkeit vorwärts stößt, treibt damit die entgegengesetzte Macht auch wieder zu neuer Kraft, die Mystik und Narrheit aller Art. In jeder Bewegung zu unterscheiden 1) daß sie theilweise Ermüdung ist von einer vorhergegangenen Bewegung (Sattheit davon, Bosheit der Schwäche gegen sie, Krankheit); 2) daß sie theilweise eine neu aufgewachte, lange schlummernde aufgehäufte Kraft ist, freudig, übermüthig, gewaltthätig: Gesundheit.   1013. Gesundheit und Krankhaftigkeit: man sei vorsichtig! Der Maaßstab bleibt die Efflorescenz des Leibes, die Sprungkraft, Muth und Luftigkeit des Geistes – aber, natürlich auch, wie viel von Krankhaftem er auf sich nehmen und überwinden kann , – gesund machen kann. Das, woran die zarteren Menschen zu Grunde gehen würden, gehört zu den Stimulanz-Mitteln der großen Gesundheit.   1014. Es ist nur eine Sache der Kraft: alle krankhaften Züge des Jahrhunderts haben, aber ausgleichen in einer überreichen plastischen wiederherstellenden Kraft. Der starke Mensch.   1015. Zur Stärke des 19. Jahrhunderts. –Wir sind mittelalterlicher als das 18. Jahrhundert; nicht bloß neugieriger oder reizbarer für Fremdes und Seltnes. Wir haben gegen die Revolution revoltirt ... Wir haben uns von der Furcht vor der raison , dem Gespenst des 18. Jahrhunderts, emancipirt: wir wagen wieder absurd, kindisch, lyrisch zu sein, – mit einem Wort: »wir sind Musiker«. Ebensowenig fürchten wir uns vor dem Lächerlichen wie vor dem Absurden . Der Teufel findet die Toleranz Gottes zu seinen Gunsten: mehr noch, er hat ein Interesse als der Verkannte, Verleumdete von Alters her, – wir sind die Ehrenretter des Teufels. Wir trennen das Große nicht mehr von dem Furchtbaren. Wir rechnen die guten Dinge zusammen in ihrer Complexität mit den schlimmsten : wir haben die absurde »Wünschbarkeit« von Ehedem überwunden (die das Wachsthum des Guten wollte ohne das Wachsthum des Bösen –). Die Feigheit vor dem Ideal der Renaissance hat nachgelassen, – wir wagen es, zu ihren Sitten selbst zu aspiriren. Die Intoleranz gegen den Priester und die Kirche hat zu gleicher Zeit ein Ende bekommen; »es ist unmoralisch, an Gott zu glauben«,– aber gerade Das gilt uns als die beste Form der Rechtfertigung dieses Glaubens. Wir haben Alledem ein Recht bei uns gegeben. Wir fürchten uns nicht vor der Kehrseite der »guten Dinge« (– wir suchen sie: wir sind tapfer und neugierig genug dazu), z. B. am Griechenthum, an der Moral, an der Vernunft, am guten Geschmack (– wir rechnen die Einbuße nach, die man mit all solchen Kostbarkeiten macht: man macht sich beinahe arm mit einer solchen Kostbarkeit –). Ebensowenig verhehlen wir uns die Kehrseite der schlimmen Dinge.   1016. Was uns Ehre macht . – Wenn irgend Etwas uns Ehre macht, so ist es Dies: wir haben den Ernst wo andershin gelegt: wir nehmen die von allen Zeiten verachteten und beiseite gelassenen niedrigen Dinge wichtig, – wir geben dagegen die »schonen Gefühle« wohlfeil. Giebt es eine gefährlichere Verirrung, als die Verachtung des Leibes? Als ob nicht mit ihr die ganze Geistigkeit verurtheilt wäre zum Krankhaft-werden, zu den vapeurs des »Idealismus«! Es hat Alles nicht Hand noch Fuß, was von Christen und Idealisten ausgedacht ist: wir sind radikaler. Wir haben die »kleinste Welt« als das überall Entscheidende entdeckt. Straßenpflaster, gute Luft im Zimmer, die Speise auf ihren Werth begriffen; wir haben Ernst gemacht mit allen Necessitäten des Daseins und verachten alles »Schönseelenthum« als eine Art der »Leichtfertigkeit und Frivolität«. – Das bisher Verachtetste ist in die erste Linie gerückt.   1017. Statt des »Naturmenschen« Rousseau's hat das 19. Jahrhundert ein wahreres Bild vom »Menschen« entdeckt, – es hat dazu den Muth gehabt... Im Ganzen ist damit dem christlichen Begriff »Mensch« eine Wiederherstellung zu Theil geworden. Wozu man nicht den Muth gehabt hat, das ist, gerade diesen »Mensch an sich« gutzuheißen und in ihm die Zukunft des Menschen garantirt zu sehen. Insgleichen hat man nicht gewagt, das Wachsthum der Furchtbarkeit des Menschen als Begleiterscheinung jedes Wachsthums der Cultur zu begreifen; man ist darin immer noch dem christlichen Ideal unterwürfig und nimmt dessen Partei gegen das Heidenthum, insgleichen gegen den Renaissance-Begriff der virtù . So aber hat man den Schlüssel nicht zur Cultur: und in praxi bleibt es bei der Falschmünzerei der Geschichte zu Gunsten des »guten Menschen« (wie als ob er allein der Fortschritt des Menschen sei) und beim socialistischen Ideal (d. h. dem Residuum des Christenthums und Rousseau's in der entchristlichten Welt). Der Kampf gegen das 18. Jahrhundert: dessen Höchste Überwindung durch Goethe und Napoleon. Auch Schopenhauer kämpft gegen dasselbe; unfreiwillig aber tritt er zurück in's 17. Jahrhundert, – er ist ein moderner Pascal, mit Pascal'schen Werthurtheilen ohne Christenthum. Schopenhauer war nicht stark genug zu einem neuen Ja. Napoleon: die nothwendige Zusammengehörigkeit des höheren und des furchtbaren Menschen begriffen. Der »Mann« wiederhergestellt; dem Weibe der schuldige Tribut von Verachtung und Furcht zurückgewonnen. Die »Totalität« als Gesundheit und höchste Aktivität; die gerade Linie, der große Stil im Handeln wiederentdeckt; der mächtigste Instinkt, der des Lebens selbst, die Herrschsucht, bejaht.   1018. (Revue des deux mondes , 15. Febr. 1687. Taine über Napoleon:) »Plötzlich entfaltet sich die faculté maîtresse : der Künstler, eingeschlossen in den Politiker, kommt heraus de sa gaine ; er schafft dans l'idéal et l'impossible . Man erkennt ihn wieder als Das, was er ist: der posthume Bruder des Dante und des Michelangelo: und in Wahrheit, in Hinsicht auf die festen Contouren seiner Vision, die Intensität, Cohärenz und innere Logik seines Traums, die Tiefe seiner Meditation, die übermenschliche Größe seiner Conception, ist er ihnen gleich et leur égal: son génie a la même taille et la même structure; il est un des trois esprit souvrains de la renaissance italienne.« Nota bene – – Dante, Michelangelo, Napoleon.   1019. Zum Pessimismus der Stärke. – In dem innern Seelen-Haushalt des primitiven Menschen überwiegt die Furcht vor dem Bösen. Was ist das Böse? Dreierlei: der Zufall, das Ungewisse, das Plötzliche. Wie bekämpft der primitive Mensch das Böse? – Er concipirt es als Vernunft, als Macht, als Person selbst. Dadurch gewinnt er die Möglichkeit, mit ihnen eine Art Vertrag einzugehn und überhaupt auf sie im Voraus einzuwirken, – zu präveniren. – Ein anderes Auskunftsmittel ist, die bloße Scheinbarkeit ihrer Bosheit und Schädlichkeit zu behaupten: man legt die Folgen des Zufalls, des Ungewissen, des Plötzlichen als wohlgemeint, als sinnvoll aus. – Ein drittes Mittel: man interpretirt vor Allem das Schlimme als »verdient«: man rechtfertigt das Böse als Strafe. – In summa : man unterwirft sich ihm –: die ganze moralisch-religiöse Interpretation ist nur eine Form der Unterwerfung unter das Böse. – Der Glaube, daß im Bösen ein guter Sinn sei, heißt verzichtleisten, es zu bekämpfen. Nun stellt die ganze Geschichte der Cultur eine Abnahme jener Furcht vor dem Zufalle, vor dem Ungewissen, vor dem Plötzlichen dar. Cultur, das heißt eben berechnen lernen, causal denken lernen, präveniren lernen, an Notwendigkeit glauben lernen. Mit dem Wachsthum der Cultur wird dem Menschen jene primitive Form der Unterwerfung unter das Übel (Religion oder Moral genannt), jene »Rechtfertigung des Übels« entbehrlich. Jetzt macht er Krieg gegen das »Übel«, – er schafft es ab. Ja, es ist ein Zustand von Sicherheitsgefühl, von Glaube an Gesetz und Berechenbarkeit möglich, wo er als Überdruß in's Bewußtsein tritt, – wo die Lust am Zufall, am Ungewissen und am Plötzlichen als Kitzel hervorspringt. Verweilen wir einen Augenblick bei diesem Symptom höchster Cultur, – ich nenne ihn den Pessimismus der Stärke. Der Mensch braucht setzt nicht mehr eine »Rechtfertigung des Übels«, er perhorrescirt gerade das »Rechtfertigen«: er genießt das Übel pur, cru, er findet das sinnlose Übel als das interessanteste. Hat er früher einen Gott nöthig gehabt, so entzückt ihn setzt eine Welt-Unordnung ohne Gott, eine Welt des Zufalls, in der das Furchtbare, das Zweideutige, das Verführerische zum Wesen gehört. In einem solchen Zustande bedarf gerade das Gute einer »Rechtfertigung«, d. h. es muß einen bösen und gefährlichen Untergrund haben oder eine große Dummheit in sich schließen: dann gefällt es noch. Die Animalität erregt setzt nicht mehr Grausen; ein geistreicher und glücklicher Übermuth zu Gunsten des Thiers im Menschen ist in solchen Zeiten die triumphirendste Form der Geistigkeit. Der Mensch ist nunmehr stark genug dazu, um sich eines Glaubens an Gott schämen zu dürfen: – er darf setzt von Neuem den advocatus diaboli spielen. Wenn er in praxi die Aufrechterhaltung der Tugend befürwortet, so thut er es um der Gründe willen, welche in der Tugend eine Feinheit, Schlauheit, Gewinnsuchts-, Machtsuchtsform erkennen lassen. Auch dieser Pessimismus der Stärke endet mit einer Theodicee , d. h. mit einem absoluten Ja-sagen zu der Welt – aber um der Gründe willen, auf die hin man zu ihr ehemals Nein gesagt hat –: und dergestalt zur Conception dieser Welt als des thatsächlich erreichten höchstmöglichen Ideals .   1020. Die Hauptarten des Pessimismus: der Pessimismus der Sensibilität (: die Überreizbarkeit mit einem Übergewicht der Unlustgefühle); der Pessimismus des » unfreien Willens « (anders gesagt: der Mangel an Hemmungskräften gegen die Reize); der Pessimismus des Zweifels (: die Scheu vor allem Festen, vor allem Fassen und Anrühren). Die dazu gehörigen psychologischen Zustände kann man allesammt im Irrenhause beobachten, wenn auch in einer gewissen Übertreibung. Insgleichen den »Nihilismus« (das durchbohrende Gefühl des – »Nichts«). Wohin aber gehört der Moral-Pessimismus Pascal's? der metaphysische Pessimismus der Vedânta-Philosophie? der sociale Pessimismus des Anarchisten (oder Shelley's)? der Mitgefühls- Pessimismus (wie der Leo Tolstoi's, Alfred de Vigny's)? Sind das nicht Alles gleichfalls Verfalls- und Erkrankungs-Phänomene? .. Das excessive Wichtig-nehmen von Moralwerthen oder von »Jenseits«-Fiktionen oder von socialen Nothständen oder von Leiden überhaupt, jede solche Übertreibung eines engeren Gesichtspunktes ist an sich schon ein Zeichen von Erkrankung. Ebenfalls das Überwiegen des Neins über das Ja! Was hier nicht zu verwechseln ist: die Lust am Nein-sagen und Nein-thun aus einer ungeheuren Kraft und Spannung des Ja-sagens – eigentümlich allen reichen und mächtigen Menschen und Zeiten. Ein Luxus gleichsam; eine Form der Tapferkeit ebenfalls, welche sich dem Furchtbaren entgegenstellt; eine Sympathie für das Schreckliche und Fragwürdige, weil man, unter Anderem, schrecklich und fragwürdig ist: das Dionysische in Wille, Geist, Geschmack.   1021. Meine fünf »Neins«. 1. Mein Kampf gegen das Schuldgefühl und die Einmischung des Strafbegriffs in die physische und metaphysische Welt, insgleichen in die Psychologie, in die Geschichts-Ausdeutung. Einsicht in die Vermoralisirung aller bisherigen Philosophien und Wertschätzungen. 2. Mein Wiedererkennen und Herausziehen des überlieferten Ideals, des christlichen, auch wo man mit der dogmatischen Form des Christenthums abgewirthschaftet hat. Die Gefährlichkeit des christlichen Ideals steckt in seinen Werthgefühlen, in Dem, was des begrifflichen Ausdrucks entbehren kann: mein Kampf gegen das latente Christenthum (z. V. in der Musik, im Socialismus). 3. Mein Kampf gegen das 18. Jahrhundert Rousseau's, gegen seine »Natur«, seinen »guten Menschen«, seinen Glauben an die Herrschaft des Gefühls, – gegen die Verweichlichung, Schwächung, Vermoralisirung des Menschen: ein Ideal, das aus dem Haß gegen die aristokratische Cultur geboren ist und in praxi die Herrschaft der zügellosen Ressentiments-Gefühle ist, erfunden als Standarte für den Kampf (– die Schuldgefühls-Moralität des Christen, die Ressentiments-Moralität eine Attitüde des Pöbels). 4. Mein Kampf gegen die Romantik, in der christliche Ideale und Ideale Rousseau's zusammenkommen, zugleich aber mit einer Sehnsucht nach der alten Zeit der priesterlich-aristokratischen Cultur, nach virtù , nach dem »starten Menschen«, – etwas äußerst Hybrides; eine falsche und nachgemachte Art stärkeren Menschenthums, welches die extremen Zustände überhaupt schätzt und in ihnen das Symptom der Stärke sieht (»Cultus der Leidenschaft«; ein Nachmachen der expressivsten Formen, furore espressivo , nicht aus der Fülle, sondern dem Mangel). – (Was relativ aus der Fülle geboren ist im 19. Jahrhundert, mit Behagen: heitere Musik u. s. w.; – unter Dichtern ist z. B, Stifter und Gottfried Keller Zeichen von mehr Stärke, innerem Wohlsein, als – –. Die große Technik und Erfindsamkeit, die Naturwissenschaften, die Historie (?): relativ Erzeugnisse der Stärke, des Selbstzutrauens des 19. Jahrhunderts.) 5. Mein Kampf gegen die Überherrschaft der Heerden-Instinkte, nachdem die Wissenschaft mit ihnen gemeinsame Sache macht; gegen den innerlichen Haß, mit dem alle Art Rangordnung und Distanz behandelt wird.   1022. Aus dem Druck der Fülle, aus der Spannung von Kräften, die beständig in uns wachsen und noch nicht sich zu entladen wissen, entsteht ein Zustand, wie er einem Gewitter vorhergeht: die Natur, die wir sind, verdüstert sich. Auch Das ist »Pessimismus« ... Eine Lehre, die einem solchen Zustand ein Ende macht, indem sie irgend Etwas befiehlt: eine Umwerthung der Werthe, vermöge deren den aufgehäuften Kräften ein Weg, ein Wohin gezeigt wird, sodaß sie in Blitzen und Thaten explodiren, – braucht durchaus keine Glückslehre zu sein: indem sie Kraft auslöst , die bis zur Qual zusammengedrängt und gestaut war, bringt sie Glück .   1023. Die Lust tritt auf, wo Gefühl der Macht. Das Glück : in dem herrschend gewordnen Bewußtsein der Macht und des Siegs. Der Fortschritt : die Verstärkung des Typus, die Fähigkeit zum großen Wollen: alles Andere ist Mißverständniß, Gefahr.   1024. Eine Periode, wo die alte Maskerade und Moral-Aufputzung der Affekte Widerwillen macht: die nackte Natur ; wo die Macht-Quantitäten als entscheidend einfach zugestanden werden (als rangbestimmend ); wo der große Stil wieder auftritt, als Folge der großen Leidenschaft .   1025. Alles Furchtbare in Dienst nehmen , einzeln, schrittweise, versuchsweise: so will es die Aufgabe der Cultur; aber bis sie stark genug dazu ist, muß sie es bekämpfen, mäßigen, verschleiern, selbst verfluchen. Überall, wo eine Cultur das Böse ansetzt , bringt sie damit ein Furcht verhältniß zum Ausdruck, also eine Schwäche . These : alles Gute ist ein dienstbar gemachtes Böse von Ehedem. Maaßstab : je furchtbarer und größer die Leidenschaften sind, die eine Zeit, ein Volk, ein Einzelner sich gestatten kann, weil er sie als Mittel zu brauchen vermag, umso höher steht seine Cultur –: je mittelmäßiger, schwächer, unterwürfiger und feiger ein Mensch ist, umso mehr wird er als böse ansetzen: bei ihm ist das Reich des Bösen am umfänglichsten. Der niedrigste Mensch wird das Reich des Bösen (d.h. des ihm Verbotenen und Feindlichen) überall sehen.   1026. Nicht »das Glück folgt der Tugend«, – sondern der Mächtigere bestimmt seinen glücklichen Zustand erst als Tugend . Die bösen Handlungen gehören zu den Mächtigen und Tugendhaften: die schlechten, niedrigen zu den Unterworfenen. Der mächtigste Mensch, der Schaffende müßte der böseste sein, insofern er sein Ideal an allen Menschen durchsetzt gegen alle ihre Ideale und sie zu seinem Bilde umschafft. Böse heißt hier: hart, schmerzhaft, aufgezwungen. Solche Menschen wie Napoleon müssen immer wieder kommen und den Glauben an die Selbstherrlichkeit des Einzelnen befestigen: er selber aber war durch die Mittel, die er anwenden mußte , corrumpirt worden und hatte die noblesse des Charakters verloren . Unter einer andern Art Menschen sich durchsetzend hätte er andere Mittel anwenden können; und so wäre es nicht nothwendig , daß ein Cäsar schlecht werden müßte .   1027. Der Mensch ist das Unthier und Überthier ; der höhere Mensch ist der Unmensch und Übermensch: so gehört es zusammen. Mit jedem Wachsthum des Menschen in die Größe und Höhe wächst er auch in das Tiefe und Furchtbare: man soll das Eine nicht wollen ohne das Andere, – oder vielmehr: je gründlicher man das Eine will, umso gründlicher erreicht man gerade das Andere.   1028. Zur Größe gehört die Furchtbarkeit: man lasse sich Nichts vormachen.   1029. Ich habe die Erkenntniß vor so furchtbare Bilder gestellt, daß jedes »epikureische Vergnügen« dabei unmöglich ist. Nur die dionysische Lust reicht aus –: ich habe das Tragische erst entdeckt . Bei den Griechen wurde es, dank ihrer moralistischen Oberflächlichkeit, mißverstanden. Auch Resignation ist nicht eine Lehre der Tragödie, sondern ein Mißverständniß derselben! Sehnsucht in's Nichts ist Verneinung der tragischen Weisheit, ihr Gegensatz!   1030. Eine volle und mächtige Seele wird nicht nur mit schmerzhaften, selbst furchtbaren Verlusten, Entbehrungen, Beraubungen, Verachtungen fertig: sie kommt aus solchen Höllen mit größerer Fülle und Mächtigkeit heraus: und, um das Wesentlichste zu sagen, mit einem neuen Wachsthum in der Seligkeit der Liebe. Ich glaube. Der, welcher Etwas von den untersten Bedingungen jedes Wachsthums in der Liebe errathen hat, wird Dante, als er über die Pforte seines Inferno schrieb: »auch mich schuf die ewige Liebe«, verstehen.   1031. Den ganzen Umkreis der modernen Seele umlaufen, in jedem ihrer Winkel gesessen zu haben – mein Ehrgeiz, meine Tortur und mein Glück. Wirklich den Pessimismus überwinden –; ein Goethischer Blick voll Liebe und gutem Willen als Resultat.   1032. Es ist ganz und gar nicht die erste Frage, ob wir mit uns zufrieden sind, sondern ob wir überhaupt irgend womit zufrieden sind. Gesetzt, wir sagen Ja zu einem einzigen Augenblick, so haben wir damit nicht nur zu uns selbst, sondern zu allem Dasein Ja gesagt. Denn es steht Nichts für sich, weder in uns selbst noch in den Dingen: und wenn nur ein einziges Mal unsre Seele wie eine Saite vor Glück gezittert und getönt hat, so waren alle Ewigkeiten nöthig, um dies Eine Geschehen zu bedingen – und alle Ewigkeit war in diesem einzigen Augenblick unseres Jasagens gutgeheißen, erlöst, gerechtfertigt und bejaht.   1033. Die Ja-sagenden Affekte: – der Stolz, die Freude, die Gesundheit, die Liebe der Geschlechter, die Feindschaft und der Krieg, die Ehrfurcht, die schönen Gebärden, Manieren, der starke Wille, die Zucht der hohen Geistigkeit, der Wille zur Macht, die Dankbarkeit gegen Erde und Leben – Alles, was reich ist und abgeben will und das Leben beschenkt und vergoldet und verewigt und vergöttlicht – die ganze Gewalt verklärender Tugenden, alles Gutheißende, Jasagende, Jathuende –.   1034. Wir Wenigen oder Vielen, die wir wieder in einer entmoralisirten Welt zu leben wagen, wir Heiden dem Glauben nach: wir sind wahrscheinlich auch die Ersten, die es begreifen, was ein heidnischer Glaube ist: – sich höhere Wesen, als der Mensch ist, vorstellen müssen, aber diese jenseits von Gut und Böse; alles Höher-sein auch als Unmoralisch-sein abschätzen müssen. Wir glauben an den Olymp – und nicht an den »Gekreuzigten«.   1035. Der neuere Mensch hat seine idealisirende Kraft in Hinsicht auf einen Gott zumeist in einer wachsenden Vermoralisirung desselben ausgeübt, – was bedeutet das? – Nichts Gutes, ein Abnehmen der Kraft des Menschen. An sich wäre nämlich das Gegentheil möglich: und es giebt Anzeichen davon. Gott, gedacht als das Freigewordensein von der Moral, die ganze Fülle der Lebensgegensätze in sich drängend und sie in göttlicher Qual erlösend, rechtfertigend : – Gott als das Jenseits, das Oberhalb der erbärmlichen Eckensteher-Moral von »Gut und Böse«.   1036. Aus der uns bekannten Welt ist der humanitäre Gott nicht nachzuweisen : so weit kann man euch heute zwingen und treiben. Aber welchen Schluß zieht ihr daraus? »Er ist uns nicht nachweisbar«: Skepsis der Erkenntniß. Ihr Alle fürchtet den Schluß »aus der uns bekannten Welt würde ein ganz anderer Gott nachweisbar sein, ein solcher, der zum Mindesten nicht humanitär ist« – – und, kurz und gut, ihr haltet euren Gott fest und erfindet für ihn eine Welt, die uns nicht bekannt ist .   1037. Entfernen wir die höchste Güte aus dem Begriff Gottes: – sie ist eines Gottes unwürdig. Entfernen wir insgleichen die höchste Weisheit: – es ist die Eitelkeit der Philosophen, die diesen Aberwitz eines Weisheits-Monstrums von Gott verschuldet hat: er sollte ihnen möglichst gleichsehen. Nein! Gott die höchste Macht – das genügt! Aus ihr folgt Alles, aus ihr folgt – »die Welt«!   1038. – Und wie viele neue Götter sind noch möglich! Mir selber, in dem der religiöse, das heißt gott bildende Instinkt mitunter zur Unzeit lebendig wird: wie anders, wie verschieden hat sich mir jedesmal das Göttliche offenbart! ... So vieles Seltsame gieng schon an mir vorüber, in jenen zeitlosen Augenblicken, die in's Leben herein wie aus dem Monde fallen, wo man schlechterdings nicht mehr weiß, wie alt man schon ist und wie jung man noch sein wird ... Ich würde nicht zweifeln, daß es viele Arten Götter giebt... Es fehlt nicht an solchen, aus denen man einen gewissen Halkyonismus und Leichtsinn nicht hinwegdenken darf ... Die leichten Füße gehören vielleicht selbst zum Begriffe »Gott« ... Ist es nöthig, auszuführen, daß ein Gott sich mit Vorliebe jenseits alles Biedermännischen und Vernunftgemäßen zu halten weiß? jenseits auch, unter uns gesagt, von Gut und Böse? Er hat die Aussicht frei , – mit Goethe zu reden. – Und um für diesen Fall die nicht genug zu schätzende Autorität Zarathustra's anzurufen: Zarathustra geht so weit, von sich zu bezeugen »ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde« ... Nochmals gesagt: wie viele neue Götter sind noch möglich! – Zarathustra selbst freilich ist bloß ein alter Atheist: der glaubt weder an alte, noch neue Götter. Zarathustra sagt, er würde –; aber Zarathustra wird nicht ... Man verstehe ihn recht. Typus Gottes nach dem Typus der schöpferischen Geister, der »großen Menschen«.   1038. Und wie viele neue Ideale sind im Grunde noch möglich! – Hier ein kleines Ideal, das ich alle fünf Wochen einmal auf einem wilden und einsamen Spaziergang erhasche, im azurnen Augenblick eines frevelhaften Glücks. Sein Leben zwischen zarten und absurden Dingen verbringen; der Realität fremd; halb Künstler, halb Vogel und Metaphysikus; ohne Ja und Nein für die Realität, es sei denn, daß man sie ab und zu in der Art eines guten Tänzers mit den Fußspitzen anerkennt; immer von irgend einem Sonnenstrahl des Glücks gekitzelt; ausgelassen und ermuthigt selbst durch Trübsal – denn Trübsal erhält den Glücklichen –; einen kleinen Schwanz von Posse auch noch dem Heiligsten anhängend: – dies, wie sich von selbst versteht, das Ideal eines schweren, centnerschweren Geistes, eines Geistes der Schwere .   1040. Aus der Kriegsschule der Seele . (Den Tapfern, den Frohgemuthen, den Enthaltsamen geweiht.) Ich möchte die liebenswürdigen Tugenden nicht unterschätzen; aber die Größe der Seele verträgt sich nicht mit ihnen. Auch in den Künsten schließt der große Stil das Gefällige aus. * In Zeiten schmerzhafter Spannung und Verwundbarkeit wähle den Krieg: er härtet ab, er macht Muskel. * Nie tief Verwundeten haben das olympische Lachen; man hat nur, was man nöthig hat. * Es dauert zehn Jahre schon: kein Laut mehr erreicht mich – ein Land ohne Regen. Man muß viel Menschlichkeit übrig haben, um in der Dürre nicht zu verschmachten.   1041. Mein neuer Weg zum »Ja« . – Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Aufsuchen auch der verabscheuten und verruchten Seiten des Daseins. Aus der langen Erfahrung, welche mir eine solche Wanderung durch Eis und Wüste gab, lernte ich Alles, was bisher philosophirt hat, anders ansehn: – die verborgene Geschichte der Philosophie, die Psychologie ihrer großen Namen kam für mich an's Licht. »Wie viel Wahrheit erträgt , wie viel Wahrheit wagt ein Geist?« – dies wurde für mich der eigentliche Werthmesser. Der Irrthum ist eine Feigheit ... jede Errungenschaft der Erkenntniß folgt aus dem Muth, aus der Härte gegen sich, aus der Sauberkeit gegen sich... Eine solche Experimental-Philosophie, wie ich sie lebe, nimmt versuchsweise selbst die Möglichkeiten des grundsätzlichsten Nihilismus vorweg: ohne daß damit gesagt wäre, daß sie bei einer Negation, beim Nein, bei einem Willen zum Nein stehen bliebe. Sie will vielmehr bis zum Umgekehrten hindurch – bis zu einem dionysischen Ja-sagen zur Welt, wie sie ist, ohne Abzug, Ausnahme und Auswahl –, sie will den ewigen Kreislauf: – dieselben Dinge, dieselbe Logik und Unlogik der Verknotung. Höchster Zustand, den ein Philosoph erreichen kann: dionysisch zum Dasein stehn –: meine Formel dafür ist amor fati . Hierzu gehört, die bisher verneinten Seiten des Daseins nicht nur als nothwendig zu begreifen, sondern als wünschenswerth: und nicht nur als wünschenswerth in Hinsicht auf die bisher bejahten Seiten (etwa als deren Complemente oder Vorbedingungen), sondern um ihrer selber willen, als der mächtigeren, fruchtbareren, wahreren Seiten des Daseins, in denen sich sein Wille deutlicher ausspricht. Insgleichen gehört hierzu, die bisher allein bejahte Seite des Daseins abzuschätzen; zu begreifen, woher diese Werthung stammt und wie wenig sie verbindlich für eine dionysische Werthabmessung des Daseins ist: ich zog heraus und begriff, was hier eigentlich Ja sagt (der Instinkt der Leidenden einmal, der Instinkt der Heerde andrerseits und jener dritte, der Instinkt der Meisten gegen die Ausnahmen –). Ich errieth damit, inwiefern eine stärkere Art Mensch nothwendig nach einer anderen Seite hin sich die Erhöhung und Steigerung des Menschen ausdenken müßte: höhere Wesen, jenseits von Gut und Böse, jenseits von jenen Werthen, die den Ursprung aus der Sphäre des Leidens, der Heerde und der Meisten nicht verleugnen können, – ich suchte nach den Ansätzen dieser umgekehrten Idealbildung in der Geschichte (die Begriffe »heidnisch«, »classisch«, »vornehm« neu entdeckt und hingestellt –).   1042. Zu demonstriren, inwiefern die griechische Religion die höhere war als die jüdisch-christliche. Letztere siegte, weil die griechische Religion selber entartet (zurück gegangen) war.   1043. Es ist nicht zu verwundern, daß ein paar Jahrtausende nöthig sind, um die Anknüpfung wieder zu finden, – es liegt wenig an ein paar Jahrtausenden!   1044. Es muß Solche geben, die alle Verrichtungen heiligen, nicht nur Essen und Trinken: – und nicht nur im Gedächtniß an sie, oder im Eins-werden mit ihnen, sondern immer von Neuem und auf eine neue Weise soll diese Welt verklärt werden.   1045. Die geistigsten Menschen empfinden den Reiz und Zauber der sinnlichen Dinge, wie es sich die anderen Menschen – solche mit den »fleischernen Herzen« – gar nicht vorstellen können, auch nicht vorstellen dürften: – sie sind Sensualisten im besten Glauben, weil sie den Sinnen einen grundsätzlicheren Werth zugestehen als jenem feinen Siebe, dem Verdünnungs-, Verkleinerungsapparate, oder wie das heißen mag, was man, in der Sprache des Volkes, »Geist« nennt. Die Kraft und Macht der Sinne – das ist das Wesentlichste an einem wohlgerathenen und ganzen Menschen: das prachtvolle »Thier« muß zuerst gegeben sein, – was liegt sonst an aller »Vermenschlichung«!   1046. 1) Wir wollen unsre Sinne festhalten und den Glauben an sie – und sie zu Ende denken! Die Widersinnlichkeit der bisherigen Philosophie als der größte Widersinn des Menschen. 2) Die vorhandene Welt, an der alles Irdisch-Lebendige gebaut hat, daß sie so scheint (dauerhaft und langsam bewegt), wollen wir weiter bauen, – nicht aber als falsch wegkritisiren! 3) Unsre Wertschätzungen bauen an ihr; sie betonen und unterstreichen. Welche Bedeutung hat es, wenn ganze Religionen sagen: »es ist Alles schlecht und falsch und böse«! Diese Verurtheilung des ganzen Processes kann nur ein Urtheil von Mißrathenen sein! 4) Freilich, die Mißrathenen könnten die Leidendsten und Feinsten sein? Die Zufriedenen könnten wenig werth sein? 5) Man muß das künstlerische Grundphänomen verstehen, welches »Leben« heißt, – den bauenden Geist , der unter den ungünstigsten Umständen baut: auf die langsamste Weise – – – Der Beweis für alle seine Combinationen muß erst neu gegeben werden: es erhält sich .   1047. Die Geschlechtlichkeit, die Herrschsucht, die Lust am Schein und am Betrügen, die große freudige Dankbarkeit für das Leben und seine typischen Zustände – das ist am heidnischen Cultus wesentlich und hat das gute Gewissen auf seiner Seite. – Die Unnatur (schon im griechischen Alterthum) kämpft gegen das Heidnische an, als Moral, Dialektik.   1048. Eine antimetaphysische Weltbetrachtung – ja, aber eine artistische.   1049. Die Täuschung Apollo's: die Ewigkeit der schönen Form; die aristokratische Gesetzgebung »so soll es immer sein! « Dionysos : Sinnlichkeit und Grausamkeit. Die Vergänglichkeit könnte ausgelegt werden als Genuß der zeugenden und zerstörenden Kraft, als beständige Schöpfung .   1050. Mit dem Wort »dionysisch« ist ausgedrückt: ein Drang zur Einheit, ein Hinausgreifen über Person, Alltag, Gesellschaft, Realität, über den Abgrund des Vergehens: das leidenschaftlich-schmerzliche Überschwellen in dunklere, vollere, schwebendere Zustände; ein verzücktes Jasagen zum Gesammt-Charakter des Lebens, als dem in allem Wechsel Gleichen, Gleich-Mächtigen, Gleich-Seligen; die große pantheistische Mitfreudigkeit und Mitleidigkeit, welche auch die furchtbarsten und fragwürdigsten Eigenschaften des Lebens gutheißt und heiligt; der ewige Wille zur Zeugung, zur Fruchtbarkeit, zur Wiederkehr; das Einheitsgefühl der Notwendigkeit des Schaffens und Vernichtens. Mit dem Wort »apollinisch« ist ausgedrückt: der Drang zum vollkommenen Für-sich-sein, zum typischen »Individuum«, zu Allem was vereinfacht, heraushebt, stark, deutlich, unzweideutig, typisch macht: die Freiheit unter dem Gesetz. An den Antagonismus dieser beiden Natur-Kunstgewalten ist die Fortentwicklung der Kunst ebenso nochwendig geknüpft, als die Fortentwicklung der Menschheit an den Antagonismus der Geschlechter. Die Fülle der Macht und die Mäßigung, die höchste Form der Selbstbejahung in einer kühlen, vornehmen, spröden Schönheit: der Apollinismus des hellenischen Willens. Diese Gegensätzlichkeit des Dionysischen und Apollinischen innerhalb der griechischen Seele ist eines der großen Räthsel, von dem ich mich angesichts des griechischen Wesens angezogen fühlte. Ich bemühte mich im Grunde um nichts als um zu errathen, warum gerade der griechische Apollinismus aus einem dionysischen Untergrund herauswachsen mußte: der dionysische Grieche nöthig hatte, apollinisch zu werden: das heißt, seinen Willen zum Ungeheuren, Vielfachen, Ungewissen, Entsetzlichen zu brechen an einem Willen zum Maaß, zur Einfachheit, zur Einordnung in Regel und Begriff. Das Maaßlose, Wüste, Asiatische liegt auf seinem Grunde: die Tapferkeit des Griechen besteht im Kampfe mit seinem Asiatismus: die Schönheit ist ihm nicht geschenkt, so wenig als die Logik, als die Natürlichkeit der Sitte, – sie ist erobert, gewollt, erkämpft – sie ist sein Sieg .«   1051. Zu den höchsten und erlauchtesten Menschen-Freuden, in denen das Dasein seine eigene Verklärung feiert, kommen, wie billig, nur die Allerseltensten und Bestgerathenen: und auch diese nur, nachdem sie selber und ihre Vorfahren ein langes vorbereitendes Leben auf dieses Ziel hin, und nicht einmal im Wissen um dieses Ziel, gelebt haben. Dann wohnt ein überströmender Reichthum vielfältigster Kräfte und zugleich die behendeste Macht eines »freien Wollens« und herrschaftlichen Verfügens in Einem Menschen liebreich bei einander; der Geist ist dann ebenso in den Sinnen heimisch und zu Hause, wie die Sinne in dem Geiste zu Hause und heimisch sind; und Alles, was nur in diesem sich abspielt, muß auch in jenen ein feines außerordentliches Glück und Spiel auslösen. Und ebenfalls umgekehrt! – man denke über diese Umkehrung bei Gelegenheit von Hafis nach; selbst Goethe, wie sehr auch schon im abgeschwächten Bilde, giebt von diesem Vorgange eine Ahnung. Es ist wahrscheinlich, daß bei solchen vollkommenen und wohlgerathenen Menschen zuletzt die allersinnlichsten Verrichtungen von einem Gleichniß-Rausche der höchsten Geistigkeit verklärt werden: sie empfinden an sich eine Art Vergöttlichung des Leibes und sind am entferntesten von der Asketen-Philosophie des Satzes »Gott ist ein Geist«: wobei sich klar herausstellt, daß der Asket der »mißrathene Mensch« ist, welcher nur ein Etwas an sich, und gerade das richtende und verurtheilende Etwas, gut heißt – und »Gott« heißt. Von jener Höhe der Freude, wo der Mensch sich selber und sich ganz und gar als eine vergöttlichte Form und Selbst-Rechtfertigung der Natur fühlt, bis hinab zu der Freude gesunder Bauern und gesunder Halbmensch-Thiere: diese ganze lange ungeheure Licht- und Farbenleiter des Glücks nannte der Grieche, nicht ohne die dankbaren Schauder Dessen, der in ein Geheimniß eingeweiht ist, nicht ohne viele Vorsicht und fromme Schweigsamkeit – mit dem Götternamen: Dionysos . – Was wissen denn alle neueren Menschen, die Kinder einer brüchigen, vielfachen, kranken, seltsamen Zeit, von dem Umfange des griechischen Glücks, was könnten sie davon wissen! Woher nähmen gar die Sklaven der »modernen Ideen« ein Recht zu dionysischen Feiern! Als der griechische Leib und die griechische Seele »blühte«, und nicht etwa in Zuständen krankhafter Überschwänglichkeit und Tollheit, entstand jenes geheimnißreiche Symbol der höchsten bisher auf Erden erreichten Welt-Bejahung und Daseins-Verklärung. Hier ist ein Maaßstab gegeben, an dem Alles, was seitdem wuchs, als zu kurz, zu arm, zu eng befunden wird: – man spreche nur das Wort »Dionysos« vor den besten neueren Namen und Dingen aus, vor Goethe etwa, oder vor Beethoven, oder vor Shakespeare, oder vor Raffael: und auf Einmal fühlen wir unsere besten Dinge und Augenblicke gerichtet . Dionysos ist ein Richter ! – Hat man mich verstanden? – Es ist kein Zweifel, daß die Griechen die letzten Geheimnisse »vom Schicksal der Seele« und Alles, was sie über die Erziehung und Läuterung, vor Allem über die unverrückbare Rangordnung und Werth-Ungleichheit von Mensch und Mensch wußten, sich aus ihren dionysischen Erfahrungen zu deuten suchten: hier ist für alles Griechische die große Tiefe, das große Schweigen, – man kennt die Griechen nicht , so lange hier der verborgene unterirdische Zugang noch verschüttet liegt. Zudringliche Gelehrten-Augen werden niemals Etwas in diesen Dingen sehen, so viel Gelehrsamkeit auch im Dienste jener Ausgrabung noch verwendet werden muß –; selbst der edle Eifer solcher Freunde des Alterthums, wie Goethe's und Winckelmann's, hat gerade hier etwas Unerlaubtes, fast Unbescheidenes. Warten und sich-vorbereiten; das Aufspringen neuer Quellen abwarten; in der Einsamkeit sich auf fremde Gesichte und Stimmen vorbereiten; vom Jahrmarkts-Staube und -Lärm dieser Zeit seine Seele immer reiner waschen; alles Christliche durch ein Überchristliches überwinden und nicht nur von sich abthun – denn die christliche Lehre war die Gegenlehre gegen die dionysische –; den Süden in sich wieder entdecken und einen hellen glänzenden geheimnißvollen Himmel des Südens über sich ausspannen; die südliche Gesundheit und verborgene Mächtigkeit der Seele sich wieder erobern; Schritt vor Schritt umfänglicher werden, übernationaler, europäischer, übereuropäischer, morgenländischer, endlich griechischer – denn das Griechische war die erste große Bindung und Synthesis alles Morgenländischen und eben damit der Anfang der europäischen Seele, die Entdeckung unsrer » neuen Welt « –: wer unter solchen Imperativen lebt, wer weiß, was Dem eines Tages begegnen kann? Vielleicht eben – ein neuer Tag !   1052. Die zwei Typen: Dionysos und der Gekreuzigte . – Festzustellen: ob der typische religiöse Mensch eine décadence -Form ist (die großen Neuerer sind sammt und sonders krankhaft und epileptisch); aber lassen wir nicht da einen Typus des religiösen Menschen aus, den heidnischen? Ist der heidnische Cult nicht eine Form der Danksagung und der Bejahung des Lebens? Müßte nicht sein höchster Repräsentant eine Apologie und Vergöttlichung des Lebens sein? Typus eines wohlgerathenen und entzückt-überströmenden Geistes! Typus eines die Widersprüche und Fragwürdigleiten des Daseins in sich hineinnehmenden und erlösenden Geistes! Hierher stelle ich den Dionysos der Griechen: die religiöse Bejahung des Lebens, des ganzen, nicht verleugneten und halbirten Lebens; (typisch – daß der Geschlechtsakt Tiefe, Geheimniß, Ehrfurcht erweckt). Dionysos gegen den »Gekreuzigten«: da habt ihr den Gegensatz. Es ist nicht eine Differenz hinsichtlich des Martyriums, – nur hat dasselbe einen anderen Sinn. Das Leben selbst, seine ewige Fruchtbarkeit und Wiederkehr bedingt die Qual, die Zerstörung, den Willen zur Vernichtung. Im andern Falle gilt das Leiden, der »Gekreuzigte als der Unschuldige«, als Einwand gegen dieses Leben, als Formel seiner Verurtheilung. – Man erräth: das Problem ist das vom Sinn des Leidens: ob ein christlicher Sinn, ob ein tragischer Sinn. Im ersten Falle soll es der Weg sein zu einem heiligen Sein; im letzteren Fall gilt das Sein als heilig genug , um ein Ungeheures von Leid noch zu rechtfertigen. Der tragische Mensch bejaht noch das herbste Leiden: er ist stark, voll, vergöttlichend genug dazu; der christliche verneint noch das glücklichste Los auf Erden: er ist schwach, arm, enterbt genug, um in jeder Form noch am Leben zu leiden. Der Gott am Kreuz ist ein Fluch auf das Leben, ein Fingerzeig, sich von ihm zu erlösen; – der in Stücke geschnittne Dionysos ist eine Verheißung des Lebens: es wird ewig wiedergeboren und aus der Zerstörung heimkommen. III. Die ewige Wiederkunft.   1053. Meine Philosophie bringt den siegreichen Gedanken, an welchem zuletzt jede andere Denkweise zu Grunde geht. Es ist der große züchtende Gedanke: die Rassen, welche ihn nicht ertragen, sind verurtheilt; die, welche ihn als größte Wohlthat empfinden, sind zur Herrschaft ausersehen.   1054. Der größte Kampf: dazu braucht es einer neuen Waffe . Der Hammer: eine furchtbare Entscheidung heraufbeschwören, Europa vor die Consequenz stellen, ob sein Wille zum Untergang »will«. Verhütung der Vermittelmäßigung. Lieber noch Untergang!   1055. Eine pessimistische Denkweise und Lehre, ein ekstatischer Nihilismus kann unter Umständen gerade dem Philosophen unentbehrlich sein: als ein mächtiger Druck und Hammer, mit dem er entartende und absterbende Rassen zerbricht und aus dem Wege schafft, um für eine neue Ordnung des Lebens Bahn zu machen oder um Dem, was entartet und absterben will, das Verlangen zum Ende einzugeben.   1056. Ich will den Gedanken lehren, welcher Vielen das Recht giebt, sich durchzustreichen, – den großen züchtenden Gedanken.   1057. Die ewige Wiederkunft . Eine Prophezeiung. Darstellung der Lehre und ihrer theoretischen Voraussetzungen und Folgen. Beweis der Lehre. Muthmaaßliche Folgen davon, daß sie geglaubt wird (sie bringt Alles zum Aufbrechen ).           a) Mittel, sie zu ertragen;           b) Mittel, sie zu beseitigen. 4. Ihr Platz in der Geschichte, als eine Mitte . Zeit der höchsten Gefahr. Gründung einer Oligarchie über den Völkern und ihren Interessen: Erziehung zu einer allmenschlichen Politik. Gegenstück des Jesuitismus .   1058. Die beiden größten (von Deutschen gefundenen) philosophischen Gesichtspunkte: a) der des Werdens , der Entwicklung ; b) der nach dem Werthe des Daseins (aber die erbärmliche Form des deutschen Pessimismus erst zu überwinden!) – beide von mir in entscheidender Weise zusammengebracht. Alles wird und lehrt ewig wieder, – entschlüpfen ist nicht möglich ! – Gesetzt, wir könnten den Werth beurtheilen, was folgt daraus? Der Gedanke der Wiederkunft als auswählendes Princip, im Dienste der Kraft (und Barbarei!!). Reife der Menschheit für diesen Gedanken.   1059. 1. Der Gedanke der ewigen Wiederkunft: seine Voraussetzungen, welche wahr sein müßten, wenn er wahr ist. Was aus ihm folgt. 2. Als der schwerste Gedanke: seine muthmaaßliche Wirkung, falls nicht vorgebeugt wird, d. h. falls nicht alle Werthe umgewerthet werden. 3. Mittel, ihn zu ertragen : die Umwerthung aller Werthe. Nicht mehr die Lust an der Gewißheit, sondern an der Ungewißheit; nicht mehr »Ursache und Wirkung«, sondern das beständig Schöpferische; nicht mehr Wille der Erhaltung, sondern der Macht; nicht mehr die demüthige Wendung »es ist Alles nur subjektiv«, sondern »es ist auch unser Werk! – seien wir stolz darauf!«   1060. Um den Gedanken der Wiederkunft zu ertragen , ist nöthig: Freiheit von der Moral; – neue Mittel gegen die Thatsache des Schmerzes (Schmerz begreifen als Werkzeug, als Vater der Lust; es giebt kein summirendes Bewußtsein der Unlust); – der Genuß an aller Art Ungewißheit, Versuchhaftigkeit, als Gegengewicht gegen jenen extremen Fatalismus; – Beseitigung des Nothwendigkeitsbegriffs; – Beseitigung des »Willens«; – Beseitigung der »Erkenntniß an sich«. Größte Erhöhung des Kraft-Bewußtseins des Menschen, als Dessen, der den Übermenschen schafft.   1061. Die beiden extremsten Denkweisen – die mechanistische und die platonische – kommen überein in der ewigen Wiederkunft : beide als Ideale.   1062. Hätte die Welt ein Ziel, so müßte es erreicht sein. Gäbe es für sie einen unbeabsichtigten Endzustand, so müßte er ebenfalls erreicht sein. Wäre sie überhaupt eines Verharrens und Starrwerdens, eines »Seins« fähig, hätte sie in allem ihrem Werden nur Einen Augenblick diese Fähigkeit des »Seins«, so wäre es wiederum mit allem Werden längst zu Ende, also auch mit allem Denken, mit allem »Geiste«. Die Thatsache des »Geistes« als eines Werdens beweist, daß die Welt kein Ziel, keinen Endzustand hat und des Seins unfähig ist. – Die alte Gewohnheit aber, bei allem Geschehen an Ziele und bei der Welt an einen lenkenden schöpferischen Gott zu denken, ist so mächtig, daß der Denker Mühe hat, sich selber die Ziellosigkeit der Welt nicht wieder als Absicht zu denken. Auf diesen Einfall – daß also die Welt absichtlich einem Ziele ausweiche und sogar das Hineingerathen in einen Kreislauf künstlich zu verhüten wisse – müssen alle Die verfallen, welche der Welt das Vermögen zur ewigen Neuheit aufdecretiren möchten, d. h. einer endlichen, bestimmten, unveränderlich gleich-großen Kraft, wie es »die Welt« ist, die Wunder-Fähigkeit zur unendlichen Neugestaltung ihrer Formen und Lagen. Die Welt, wenn auch kein Gott mehr, soll doch der göttlichen Schöpferkraft, der unendlichen Verwandlungs-Kraft fähig sein; sie soll es sich willkürlich verwehren , in eine ihrer alten Formen zurückzugerathen; sie soll nicht nur die Absicht, sondern auch die Mittel haben, sich selber vor jeder Wiederholung zu bewahren ; sie soll somit in jedem Augenblick jede ihrer Bewegungen auf die Vermeidung von Zielen, Endzuständen, Wiederholungen hin controliren – und was Alles die Folgen einer solchen unverzeihlich-verrückten Denk- und Wunschweise sein mögen. Das ist immer noch die alte religiöse Denk- und Wunschweise, eine Art Sehnsucht, zu glauben, daß irgendworin doch die Welt dem alten geliebten, unendlichen, unbegrenzt-schöpferischen Gotte gleich sei – daß irgendworin doch »der alte Gott noch lebe« –, jene Sehnsucht Spinoza's, die sich in dem Worte » deus sive natura « (er empfand sogar » natura sive deus « –) ausdrückt. Welches ist denn aber der Satz und Glaube, mit welchem sich die entscheidende Wendung, das jetzt erreichte Übergewicht des wissenschaftlichen Geistes über den religiösen, götter-erdichtenden Geist, am bestimmtesten formulirt? Heißt er nicht: die Welt, als Kraft, darf nicht unbegrenzt gedacht werden, denn sie kann nicht so gedacht werden, – wir verbieten uns den Begriff einer unendlichen Kraft als mit dem Begriff »Kraft« unverträglich. Also – fehlt der Welt auch das Vermögen zur ewigen Neuheit.   1063. Der Satz vom Bestehen der Energie fordert die ewige Wiederkehr .   1064. Daß eine Gleichgewichts-Lage nie erreicht ist, beweist, daß sie nicht möglich ist. Aber in einem unbestimmten Raum müßte sie erreicht sein. Ebenfalls in einem kugelförmigen Raum. Die Gestalt des Raumes muß die Ursache der ewigen Bewegung sein, und zuletzt aller »Unvollkommenheit«. Daß »Kraft« und »Ruhe«, »Sich-gleich-bleiben« sich widerstreiten. Das Maaß der Kraft (als Größe) als fest, ihr Wesen aber flüssig. »Zeitlos« abzuweisen. In einem bestimmten Augenblick der Kraft ist die absolute Bedingtheit einer neuen Vertheilung aller ihrer Kräfte gegeben: sie kann nicht still stehn. »Veränderung« gehört in's Wesen hinein, also auch die Zeitlichkeit: womit aber nur die Nothwendigkeit der Veränderung noch einmal begrifflich gesetzt wird.   1065. Jener Kaiser hielt sich beständig die Vergänglichkeit aller Dinge vor, um sie nicht zu wichtig zu nehmen und zwischen ihnen ruhig zu bleiben. Mir scheint umgekehrt Alles viel zu viel werth zu sein, als daß es so flüchtig sein dürfte: ich suche nach einer Ewigkeit für Jegliches: dürfte man die kostbarsten Salben und Weine in's Meer gießen? – Mein Trost ist, daß Alles, was war, ewig ist: – das Meer spült es wieder her.   1066. Die neue Welt-Conception. – Die Welt besteht; sie ist Nichts, was wird. Nichts, was vergeht. Oder vielmehr: sie wird, sie vergeht, aber sie hat nie angefangen zu werden und nie aufgehört zu vergehn, – sie erhält sich in Beidem ...Sie lebt von sich selber: ihre Excremente sind ihre Nahrung. Die Hypothese einer geschaffenen Welt soll uns nicht einen Augenblick bekümmern. Der Begriff »schaffen« ist heute vollkommen undefinirbar, unvollziehbar; bloß ein Wort noch, rudimentär aus Zeiten des Aberglaubens; mit einem Wort erklärt man Nichts. Der letzte Versuch, eine Welt, die anfängt , zu concipiren, ist neuerdings mehrfach mit Hülfe einer logischen Procedur gemacht worden – zumeist, wie zu errathen ist, aus einer theologischen Hinterabsicht. Man hat neuerdings mehrfach in dem Begriff »Zeit« Unendlichkeit der Welt nach hinten « ( regressus in infinitum ) einen Widerspruch finden wollen: man hat ihn selbst gefunden, um den Preis freilich, dabei den Kopf mit dem Schwanz zu verwechseln. Nichts kann mich hindern, von diesem Augenblick an rückwärts rechnend zu sagen »ich werde nie dabei an ein Ende kommen«: wie ich vom gleichen Augenblick vorwärts rechnen kann, in's Unendliche hinaus. Erst wenn ich den Fehler machen wollte – ich werde mich hüten, es zu thun –, diesen correcten Begriff eines regressus in infinitum gleichzusetzen mit einem gar nicht vollziehbaren Begriff eines endlichen progressus bis jetzt, erst wenn ich die Richtung (vorwärts oder rückwärts) als logisch indifferent setzte, würde ich den Kopf – diesen Augenblick – als Schwanz zu fassen bekommen: das bleibe Ihnen überlassen, mein Herr Dühring! ... Ich bin auf diesen Gedanken bei früheren Denkern gestoßen: jedesmal war er durch andre Hintergedanken bestimmt (– meistens theologische, zu Gunsten des creator spiritus ). Wenn die Welt überhaupt erstarren, vertrocknen, absterben, Nichts werden könnte, oder wenn sie einen Gleichgewichtszustand erreichen könnte, oder wenn sie überhaupt irgend ein Ziel hätte, das die Dauer, die Unveränderlichkeit, das Ein-für-alle-Mal in sich schlösse (kurz, metaphysisch geredet: wenn das Werden in das Sein oder in's Nichts münden könnte ), so müßte dieser Zustand erreicht sein. Aber er ist nicht erreicht: woraus folgt ... Das ist unsre einzige Gewißheit, die wir in den Händen halten, um als Correktiv gegen eine große Menge an sich möglicher Welt-Hypothesen zu dienen. Kann z. B. der Mechanismus der Consequenz eines Finalzustandes nicht entgehen, welche William Thomson ihm gezogen hat, so ist damit der Mechanismus widerlegt . Wenn die Welt als bestimmte Größe von Kraft und als bestimmte Zahl von Kraftcentren gedacht werden darf – und jede andre Vorstellung bleibt unbestimmt und folglich unbrauchbar –, so folgt daraus, daß sie eine berechenbare Zahl von Combinationen, im großen Würfelspiel ihres Daseins, durchzumachen hat. In einer unendlichen Zeit würde jede mögliche Combination irgendwann einmal erreicht sein; mehr noch: sie würde unendliche Male erreicht sein. Und da zwischen jeder Combination und ihrer nächsten Wiederkehr alle überhaupt noch möglichen Combinationen abgelaufen sein müßten und jede dieser Combinationen die ganze Folge der Combinationen in derselben Reihe bedingt, so wäre damit ein Kreislauf von absolut identischen Reihen bewiesen: die Welt als Kreislauf, der sich unendlich oft bereits wiederholt hat und der sein Spiel in infinitum spielt. – Diese Conception ist nicht ohne Weiteres eine mechanistische: denn wäre sie das, so würde sie nicht eine unendliche Wiederkehr identischer Fälle bedingen, sondern einen Finalzustand. Weil die Welt ihn nicht erreicht hat, muß der Mechanismus uns als unvolllommne und nur vorläufige Hypothese gelten.   1067. Und wißt ihr auch, was mir »die Welt« ist? Soll ich sie euch in meinem Spiegel zeigen? Diese Welt: ein Ungeheuer von Kraft, ohne Anfang, ohne Ende, eine feste, eherne Größe von Kraft, welche nicht größer, nicht kleiner wird, die sich nicht verbraucht, sondern nur verwandelt, als Ganzes unveränderlich groß, ein Haushalt ohne Ausgaben und Einbußen, aber ebenso ohne Zuwachs, ohne Einnahmen, vom »Nichts« umschlossen als von seiner Grenze, nichts Verschwimmendes, Verschwendetes, nichts Unendlich-Ausgedehntes, sondern als bestimmte Kraft einem bestimmten Raum eingelegt, und nicht einem Raume, der irgendwo »leer« wäre, vielmehr als Kraft überall, als Spiel von Kräften und Kraftwellen zugleich Eins und Vieles, hier sich häufend und zugleich dort sich mindernd, ein Meer in sich selber stürmender und fluchender Kräfte, ewig sich wandelnd, ewig zurücklaufend, mit ungeheuren Jahren der Wiederkehr, mit einer Ebbe und Fluth seiner Gestaltungen, aus den einfachsten in die vielfältigsten hinaustreibend, aus dem Stillsten, Starrsten, Kältesten hinaus in das Glühendste, Wildeste, Sich-selber-Widersprechendste, und dann wieder aus der Fülle heimkehrend zum Einfachen, aus dem Spiel der Widersprüche zurück bis zur Lust des Einklangs, sich selber bejahend noch in dieser Gleichheit seiner Bahnen und Jahre, sich selber segnend als Das, was ewig wiederkommen muß, als ein Werden, das kein Sattwerden, keinen Überdruß, keine Müdigkeit kennt –: diese meine dionysische Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens, des Ewig-sich-selber-Zerstörens, diese Geheimniß-Welt der doppelten Wollüste, dies mein »Jenseits von Gut und Böse«, ohne Ziel, wenn nicht im Glück des Kreises ein Ziel liegt, ohne Willen, wenn nicht ein Ring zu sich selber guten Willen hat, – wollt ihr einen Namen für diese Welt? Eine Lösung für alle ihre Räthsel? Ein Licht auch für euch, ihr Verborgensten, Stärksten, Unerschrockensten, Mitternächtlichsten? – Diese Welt ist der Wille zur Macht – und Nichts außerdem! Und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht – und Nichts außerdem!   Ende