Franz Pocci Lustiges Komödienbüchlein Viertes Bändchen München. 1871 Verlag der J. J. Lentner' schen Buchhandlung. Inhalt Kalasiris, die Lotosblume. Das Schusserspiel. Die geheimnißvolle Pastete. Die sieben Raben. Das Glück ist blind. Waldkönig Laurin. Das Eulenschloß. Kalasiris, die Lotosblume, oder Kasperl in Aegypten. Zauberdrama in vier Aufzügen. Personen. Abuzabel , König von Memphis. Kalasiris , seine Tochter. Amru , Hofastrolog und Staatsrath. Marvan , Vertrauter des Königs. Hakem , Obergärtner. Leonardo , ein deutscher Maler. Casperl Larifari , sein Diener. Hölzlmaier , Dolmetsch und Lohndiener. Nephtis , Göttin der Nacht. Typhon , der Böse, ihr Gemahl. Ein Beduinenhäuptling . Ein Mohr , Kameelführer. Sklaven des Königs. Beduinen. Ein Kameel. Ein Krokodil. I. Aufzug. Oase in der Wüste. Die Lotosblume in der Mitte, von Palmbäumen umgeben. Morgendämmerung. Geisterchor (hinter der Bühne). Einsam in dem Wüstenlande Auf dem rothen, heißen Sande Stehst du, Arme, hergebannt; Sollst als Blume einsam blühen Bei der Sonnenstrahlen Glühen, Unbeachtet, unerkannt. Kalasiris, du die Krone Auf der Jugend goldnem Throne, Kalasiris, Königskind! Nun gebannet und in Kummer Schmachtest du im Zauberschlummer, Schwankest hier im Morgenwind! Typhon (erhebt sich aus der Tiefe unter Flammen). Eh' noch dem Meer Osiris goldner Wagen Entsteigt, in früher Dämm'rungsstunde nah' ich Nach dreißig Nächten wieder, dich zu wecken Aus tiefem Wehmuthsschlummer, stolze Schönheit. Mit meinem Götterstabe dich berührend Ruf ich dich wach: Entfaltet euch, ihr Blätter! Erhebe nun dich, Kalasiris! Oeffne Dein dunkles Auge und der Haare Wellen Laß' weh'n im Morgenlüftchen. Typhon weckt dich. (Er berührt mit seinem Stabe die Blume, deren Krone sich öffnet. Kalasiris erhebt sich daraus.) Kalasiris. Wer weckt mich aus des Schlafes dumpfer Nacht? Wer ruft mich? Typhon. Typhon ist's, den du verschmähtest. Kalasiris. Weh' mir! Zu neuer Qual soll ich dich schau'n! Typhon Warum zur Qual? Ich hab' dir Glück geboten – Der Erdentochter meine Königshand. Ich wollte dich zu jenen Bräuten reihen, Die ich in meinem Reich um mich geschaart. Kalasiris. Verschmäht hab' ich dich, ja, weil dies dein Reich Der Ort der Nacht ist und des ew'gen Fluches, Weil du des Zwiespalts und des Hasses Träger! Verschmachten will ich lieber hier, gebannt In diesem duft'gen Grab, als dir gehören! Typhon. Wohlan denn! Bleibe, denn du willst es selber. Nur Horos , der Beglücker, kann dich retten, Der Schmachtende, der gern an Blumen nippt. Doch ob er dich in sand'ger Wüste finde? Hier sucht er nicht nach Blüthen oder Küssen. Doch immerhin! Du magst Erlösung hoffen Und mich verachten. Jener Tag wird kommen, An dem du gerne sinkst in Thyphons Anne, (Versinkt.) (Leiser Donner in der Ferne.) Das Morgenroth steigt am Horizont auf. Osiris zieht auf einem goldnen van weißen Rossen gezogenen Wagen vorüber. Kalasiris. Osiris naht. Es rauscht des Ostens Donner, Den Mächt'gen zu verkünden, doch ich Arme Muß bei dem ersten süßen Hauch des Morgens In's Dunkel sinken dieser Blätternacht! (Während es heller Tag wird, sinkt Kalasiris in den Kelch der Blume, deren Blätter sich schließen.) (Maler Leonardo, Lohndiener Hölzlmaier und Casperl, alle drei, auf dem Rücken eines Kameeles, das ein Mohr führt, reiten herein.) Casperl indem er hinten über den Rücken des Kameels herabrutscht und auf den Boden zu sitzen kömmt. Halt! Mir scheint, das ist's Wirthshaus. Leonardo. Die Oase! Laßt uns Halt machen und im Schatten der Palmen ruhen. Steigt vom Kamele mit Hölzlmaier ab. Hölzlmaier. Allerdings, Herr Leonardo. Nachdem wir die ganze Nacht geritten sind, ist es zweckmäßig, die heißen Stunden des Tages hier zuzubringen. Casperl. Das ist eine saubere Wirtschaft! Alleweil im Streusand reiten, da fehlt nur noch die Tinten dazu. Jetzt heißt es wieder im Schatten der Palmen ruhen. Ja, wir sind wirklich die wahren Palmesel. Wenn wir nur einmal in ein eigentliches Wirthshaus kämen! Mir ist mein Bauch schon wie eine türkische Trommel aufgeschwollen von lauter Cocusnußmilch trinken. Das ist ein infames Getränk; wenn wir nit a paar Tröpfeln Schnaps hineinthäten, so wären wir schon alle drei an der Milchruhr hin! Leonardo. Gedulde dich Casperl. Bedenke nur, welch ein Genuß für mich, den Maler! Diese Licht- und Farbeneffekte der Wüste, diese Eigentümlichkeit des Orients, diese malerischen Oasen! Casperl. Ja, das ist mir ein sauberer Genuß, von dem Sie immer schwärmen, von dem man nichts hat und bei dem Ei'm der Magen alleweil leer bleibt, wie ein ägyptischer Weinschlauch, in dem nix drin ist. Hölzlmaier In drei Tagen sind wir in Memphis, der herrlichsten Stadt Aegyptens. Casperl. Wenn nur Sie 's Maul halten wollten, Herr Hölzlmaier! Sie hab'n gut reden mit ihre zwei Gulden dreißig Kreuzer täglich. Ueberhaupt – – Leonardo Still, Casperl! Das immerwährende Lamentiren wird mir endlich widerwärtig. Casperl. Ja, glaub's gern. Sie, mit ihrer Künstlernatur, haben gut reden. Sie leben vom Kunstgenuß der Naturschönheiten; aber mich bringen Sie mit der Künstlerfahrt noch dahin, daß ich aus Hunger und Durst einmal auf Ihr Farbenkastl einen wüthenden Angriff mach' und zum Frühstück alle Ihre sogenannten englischen Honigfarben verschluck'. Leonardo. Die würden dir schlecht bekommen. – Aber wie? was seh' ich? Diese prächtige, eigenthümliche Blume unter den Palmen. Ich will sie malen, denn ihr Anblick begeistert mich. Hölzlmaier. Diese Blume – eine Lotosblume, die fast nur am Nilflusse vorkömmt, ist von großer Merkwürdigkeit. Sie blüht erst seit kurzer Zeit hier und alle Naturforscher zerbrechen sich darüber die Köpfe, wie es nur möglich, daß sie an einem solchen Platze fortkommen könne. Casperl. So? – Da kann ich Ihnen gleich Aufschluß geben, gescheiter Herr Lohndiener. Wissen Sie denn nicht, daß die Nußkratscher, Eichkatzeln und andere Vögel den Samen vertragen? Haben Sie bei uns zu Haus, wie Sie noch Kellner im rothen Ochsen in Schweinfurt waren, niemals zu beobachten Gelegenheit gehabt, gescheiter Herr Hölzlmaier, daß oft ein Tannenbaum mitten in einem Buchenwald steht, oder eine Haselnußstauden mitten unter die Birkenbäum'? So hat halt den Samen zu dieser Blum' auch irgend ein Löw' oder ein Krokodil in Schnabel hergetragen. Leonardo. Die Erklärung ist wirklich nicht übel. Ich möchte aber eher vermuthen, daß der Samenstaub durch den Wind hieher geweht wurde. Casperl. Da haben Sie wieder recht; das kann auch sein. Aber mir wär's eigentlich lieber, wenn der Wind ein halbes Dutzend Bratwürsteln und eine Bouteille Deidesheimer herg'weht hätt'. Leonardo. Wie dem auch sei, ich werde dort im Schatten der großen Palme mich niederlassen, um diese Wunderblume zu conterfeien. Casperl. Gut. Machen Sie ihre Farbenspritze; ich leg' mich mit 'm Hölzlmaier nieder und schlaf' meinen Hunger und Durst aus. Geltn's Hölzlmaier, das thun wir? Hölzlmaier. Ich kann Ihnen auch einige Feigen und Datteln anbieten zur Erfrischung. Casperl. Lassen S' mich aus mit der Kost. Da hab' ich noch a Stückl Kameelkäs im Sack, der ist mir lieber, und glücklicher Weis' noch ein paar Schluck Franzbranntwein in meiner Wüsten flaschen; denn in diesem Terrain kann man's keine Feld flaschen nennen, weil's keine Felder gibt.– Der Kameelmohr wird aber Durst haben. Heda! Mohr! magst en Schluck? Mohr. Kaki mocki bucki muki. Casperl. Was heißt jetzt das wieder? Das ist doch a Teufelssprach, das Mohrische! Hölzlmaier. Das heißt, daß er gehorsamst dankt, weil er keinen Durst hat. Casperl. Die Eigenschaft kenn' ich nicht. Bei mir heißt's nicht buki muki – aber alleweil »schlucki, schlucki!« – Nun, legen wir uns halt nieder. (Er legt sich mit Hölzlmaier) Das muß ich aber sagen: allen Respekt, was so ein Mohr und so ein Kameel Hunger und Durst ertragen können! Die Zwei haben jetzt schon beinah' acht Tag nichts gegessen und getrunken. Der Mohr, hat, glaub' ich, kaum ein Quartl Cocusnußmilch täglich zu sich genommen und ist noch alleweil beim Zeug. Aber sagen Sie mir doch, gescheiter Herr Hölzlmaier: warum sind denn die Mohren eigentlich schwarz? Hölzlmaier. Das kommt daher , Herr Casperl, weil sie eben Mohren sind. Casperl. Ah so! Das ist eine ungemein sinnreiche Erklärung. – Sie, Hölzlmaier, wie haben denn Sie eigentlich die mohrische Sprach glernt? Hölzlmaier. Durch Hebung während meines mehrjährigen Aufenthaltes im Orient. Und so bin ich denn Dolmetsch für die reisenden Fremden geworden. Casperl. No, Herr Hölzlmaier, so a Dollpatsch hätten's z' Haus bei uns auch bleiben können. Mohr (schaut plötzlich unruhig zwischen die Coulissen hinaus) Casperl. Sie, Hölzlmaier! Was schaut denn der Mohr so? Hölzlmaier. Ja, ich bemerk' es auch. Mohr (zu Hölzlmaier hastig und ängstlich) Oru, gru, grugru! molimani batschti kratschki! Hözlmaier. Wie? – Was sagt er? Wär's möglich? Mohr (immer lebhafter) Gru, gru, gru! Holi, holi, holi Pips! Hölzlmaier. Auf! Auf! Herr Leonardo! Fliehen wir! Vielleicht können wir noch entkommen. Leonardo. (eilt herbei) . Was gibt's? Hölzlmaier. Unser Kameelführer hat mit seinem scharfen Blicke eine verdächtige Rotte in der Ferne entdeckt. Es könnten Räuber oder Sklavenfänger sein. Leonardo. Was fangen wir an? Casperl. Das auch noch! Hunger und Durst, und auf d' Letzt werden wir noch als Gschlaven gefangen. Schlipperment! Ich steig' auf einen Palmbaum 'nauf, da sehn's mich nit. (Er klettert auf einen Palmbaum.) Mohr. Morotschi, morotschi! Kalu, kalu, moribarilari buribubu! Hölzlmaier. Er sagt, sie kommen immer näher.Rasch vorwärts! Auf's Kameel! (Leonardo und Hölzlmaier beide gen das Kamel) Leonardo. Komm', Casperl! Vom Baum herunter! Hölzlmaier. Es ist keine Zeit zu verlieren! Casperl. (auf der Palme) Auweh, auweh! Meine Hosen hat sich an einem Palmzweig eingehakelt; auweh, ich kann nicht 'runter! Hölzlmaier. Da läßt sich nichts machen; wir sind alle verloren. Fort! Fort! (Der Mohr springt auf's Kameel und sie reiten schnell hinaus.) Casperl. (schreit). Halt! Halt! Laßt's mich auch mit! Halt! Die Räuber kommen schon! Auweh! In Beduinentracht treten einige Männer auf. Der Führer. Dort seh' ich das Kameel mit den Männern; wir können sie nicht mehr erreichen, das Thier lauft zu gut. Aber da oben auf der Palme sitzt ein Vogel, den wir brauchen können. Herab da, oder wir schießen dich herunter. Casperl. (auf der Palme). Pardon! Pardon bitt' ich! Ich kann ja nit 'runter steigen. Führer. Wart' Bursch, wir kriegen dich schon. Spannt eure Bogen und laßt ein paar Pfeile fliegen. Ein paar Beduinen spannen ihre Bogen und zielen auf Casperl. Casperl. Halt! Halt! Nicht schießen! Ich komm' schon! Will herabspringen und bleibt an der Hose in der Luft zappelnd oben hängen. Führer (lacht) . Das ist ein kurioser Papagei! Wart, wir holen dich. Klettere Einer hinauf. Man nähert sich dem Baume, zugleich zerreißt Casperls Hose und er fällt unter großem Gelächter der Beduinen herab. (Der Vorhang fällt rasch.) II. Aufzug. Saal in der Residenz des Königs Abuzabel zu Memphis. Abuzabel sitzt trauernd auf einem Thronsessel. Vor ihm steht der Hofmagier Amru. Abuzabel. Was hast du aus den Sternen nun gelesen? Hat kein Planet sich günstig dir gezeigt? Amru Auch diese Nacht ist mir nicht hold gewesen Und hat sich nicht des Blickes Müh'n geneigt. Abuzabel. Wo ist die theure Tochter? Wo mein Kind? Du weisester aus meinem Hofgesind, Du sollst es wissen, der du sonder Gleichen Entzifferst der Gestirne goldne Zeichen. Wo weilet Kalasiris, die entschwand Auf so geheime Weise? Nenn' das Land, Den Räuber nenne! Sieh des Vaters Leid, Die Thränen sieh! Amru O Herr, gewähre Zeit! Gewiß, sie ward entführt; auf schwarzem Roß Sah sie mit einem Mann der Wachen Troß In Blitzeseile und in Weheklagen Aus Memphis Thoren unaufhaltsam jagen. Abuzabel. Und alles Forschen einer Königsmacht Verlieh kein Licht in dieses Räthsels Nacht? Amru Darum die Wahrheit, daß kein menschlich Wesen Der Räuber deiner Tochter ist gewesen. Ein Dämon war's und keiner von den guten. Denn jenes Roß, es schnaubte Feuerfluthen, Und von den Hufen sprüht' es hell empor. Als bräch' der Urnacht Funkengluth hervor. Abuzabel. Und war's ein Dämon – weh mir! Denn verloren, Zum Untergang erkohren ist mein Kind! Amru Noch lebt sie auf der Oberwelt. Ihr Stern Des Lebens schimmert ja, doch scheint er fern. Drum laß' nicht ab, die Opfer darzubringen Den Göttern! Diese Nacht schon mag's gelingen, Der Lösung Daß mir des Himmels Zeichen endlich sagen günstig Wort auf meine Fragen. (ab.) Abuzabel sinkt, das Gesicht mit einem Mantel umhüllend, in seinen Stuhl zurück. Marvan. (tritt ein.) Mein König! Abuzabel. Wer stört mich in meinem Schmerze? Marvan. Ich bin es. O Herr! Vertiefe dich nicht allzusehr in dein Leid. Gedenke deines Volkes, gedenke deines eigenen Lebens und schone dich. Abuzabel. Wozu? – Ich habe keine Tochter mehr! Sie war der Stern meines Lebens; sie war die Blume, deren Duft mich belebte und entzückte. Marvan. Wenn es dir zum Troste sein kann, großer König, so wisse, daß ganz Memphis mit dir trauert, daß Tausende in die Tempel wandern und, Osiris opfernd, für dich um Hülfe zu flehen. Von den vielen Fremden aber, die hier verweilen, muß ich dir einen Maler nennen, welcher Aegypten durchzogen und die Schönheiten der Natur des Landes in reizenden Bildern aufgenommen hat. Er möchte dir seine Kunstwerke zeigen dürfen und bittet dich, ihm Zutritt zu gewähren. Er harrt bereits in einem der Vorgemächer, deiner Verfügung gewärtig. Abuzabel. Wenn ich nicht einsähe, daß es meine Pflicht ist, mich nicht vom Schmerze verzehren zu lassen, und meinem Volke zu lieb dem Leben und meiner Thätigkeit als König anzugehören, so würde ich auch derlei von mir weisen. Allein der Götter heiligen Willen zu ehren, mag es sein, wie sie es fügen. Laßt den Künstler eintreten. Marvan. Sei gepriesen mein König. Wie du befiehlst, so soll es geschehen. (Ab.) Abuzabel. Ihr Götter schützet mich vor Verzweiflung! Laßt mich in meinem Leid nicht untergehen! Leonardo. (tritt ein) Heil dir, König Abuzabel! Du hast gestattet, daß ich mich dir vorstellen darf. Vielleicht kann dir meine Kunst dienen. Abuzabel. Sei mir gegrüßt. Die Kunst ist ein Geschenk der Götter. Sie veredelt die Menschheit und mildert die Gemüther. Es wird mich freuen, wenn du mir Proben deiner Geschicklichkeit zeigen willst. Leonardo. Ich habe Vieles gemalt in deinem herrlichen Lande, um in meinem Vaterlande diese Bilder zur Beschaulichkeit zu bieten. Die Wunderwerke der Natur wie der Kunst habe ich getreu abgebildet. Die Reize der Nilgegenden, die Majestät der Pyramiden und Tempel sollen meinen Landsleuten im europäischen Westlande zur Bewunderung dargestellt sein. Gestatte, daß ich dir die Gemälde in deinen Palast bringen lasse. Hier aber möchte ich zuerst eine herrliche Blume dir vorstellen, deren wunderbare Schönheit mich zur Abbildung veranlaßte. Abuzabel. Es sei. Lasse das Bild hereinbringen. Leonardo geht an die Thüre und läßt zwei Mohrensklaven ein, die das Gemälde, die Lotosblüte darstellend, vor den König bringen und dann wieder abtreten. Leonardo. In einer Oase, drei Tagreisen von hier, blüht diese herrliche Blume und ihr Duft breitet sich weit umher. Abuzabel. (überrascht und begeistert) Welch herrliches Bild! Leonardo. Das Volk nennt sie die Wunderblume, denn sie steht allein in der ganzen Wüste unter Palmen. Abuzabel. Wahrhaftig ein Wunder! Denn wie sollte die Wüste derlei hervorbringen? Laß' mir das Gemälde. Um jeden Preis will ich es besitzen; denn wie mit magisch bezaubernder Gewalt wirkt es auf mich. Leonardo. Ganz nach deinem Willen steht mein Werk dir zur Verfügung, großer König. Bestimme selbst den Preis. Abuzabel. Begib dich zu meinem Schatzmeister und begehre was du immer willst. Auch kannst du in meinem Palaste wohnen. Gehe! Der Abend sinkt – ich will ruhen, und vorher noch mich an dem Anblick deines Werkes erquicken. Leonardo. Wie du befiehlst, mein König. Ich erwarte deine weiteren Befehle. (Ab.) Abuzabel betrachtet, seine Begeisterung mimisch ausdrückend, das Gemälde einige Zeit; dann sinkt er auf seinen Thronsessel und schlummert ein. Allmählich ist es Nacht geworden. Von Harfenklängen begleitet wird hinter der Szene der Chor gesungen: Chor (leise und feierlich). Sieh die Tochter, die Gefang'ne, Kalasiris die Befang'ne! Nur im Traum darf sie sich zeigen Und sich deinen Sinnen neigen. In der Lotosblume Grüften Ruht sie in den Blätterdüften; Möge Typhons Zauber schwinden, Mögest du sie wieder finden! Während des Chores tritt in magischer Beleuchtung Kalasiris aus dem Gemälde hervor, nähert sich dem Könige, den sie auf die Stirne küßt. Typhon erscheint aus der Tiefe und weisst sie in die gemalte Blume zürnend zurück . (Der Vorhang fällt.) III. Aufzug. Garten in Abuzabels Palaste. In der Mitte unter großen Blattpflanzen steht ein goldener Käfig, in welchem Casperl eingesperrt ist. Casperl. Schlipperment! Da bin ich wieder schön eingangen. Die vermaledeiten, ägyptischen Banditen haben mich als einen Paperl gefangen, an den Hofgärtner des Königs verkauft und dieser infame Kerl hat mich trotz aller Demonstrationen und Vorweisung meiner Paßkarte da hereingesperrt. – – Mich in einen Käfig, wie einen Gimpel! – In den verschiedentlich heimatlichen Polizeiarrestlokalitäten habe ich doch meistens eine angenehme Gesellschaft gefunden – aber in diesem ägyptischen vergitterten Sommerhäusl! möcht' ich verzweifeln. Und einen Hunger hab' ich und einen Durst! – (schreit) Heda, heda! Was z'essen möcht' ich! A Bratl oder ein Voressen! Heda! Ein paar Affen springen herein und necken den Casperl, indem sie mit ihren Tatzen in den Käfig greifen, ihn kratzen ec. Casperl. Das ist doch ein miserables Gesindel! Marsch! Ruh' will ich haben. Auweh, kratzt's mich nit so. Marsch! (Er sucht sich auf alle Weise zu wehren.) Die Affen springen hinaus. Gärtner Hakem und Hölzlmaier treten ein, ohne anfangs Casperl zu beachten. Hölzlmaier. Aber das freut mich ungemein, Herr Moosbauer, daß ich mit Ihnen hier so ganz überraschender Weise zusammengekommen bin. Hakem. Und mich erst! Denken Sie sich nur, wie man sich verlassen fühlt im Ausland, unter lauter Fremden, so ganz allein; und bis ich nur diese Hieroglyphensprach gelernt hab'! Das war eine Müh', da haben Sie keinen Begriff, Herr Hölzlmaicr! Hölzlmaier. Ja, aber sagen 'S nur, Herr Moosbauer, wie sind Sie denn eigentlich nach Memphis gerathen? Hakem. Auf die einfachste Art. Sie wissen ja noch, wie ich den großen Gemüsgarten gehabt hab'. Nun denken Sie sich: da hat sich auf einmal der Spekulationsgeist in mir gerührt und ich hab' mir zu meinen Pomeranzenbäumen auch eine Dattelpalmenpflanzung anlegen wollen. Zu diesem Zwecke hab' ich meinem Vetter, dem Nazi, mein Geschäft übergeben, bin über Wien nach Constantinopel, und nachher mit dem Postomnibus nach Aegypten gefahren, um mir Dattelpalmen zu holen. Hier angekommen bin ich aber gleich in die Dienste Seiner Majestät des Königs Abuzabel eingetreten, der grad einen Obergärtner gebraucht hat, und führe nun den ägyptischen Namen Hakem, das heißt so viel wie »Mann der Blumen.« Jetzt bleib ich halt so lang's mir gefallt, und wenn's mir nimmer g'fallt, so kehr' ich wieder in die deutsche Heimath zurück und begründe eine Dattelkultur-Versuchsstation. Casperl (ruft aus dem Käfig) Sie, Herr Hofgärtner, mir gefällt's aber schon lang nimmer in mei'm Käfig da! Hakem (leise zu Hölzlmaier) . Auweh! Jetzt Hab' ich mich verrathen. Der da hinten hat bisher geglaubt, ich wär' ein eingeborner Memphianer. Hölzlmaier. Potz tausend! Das ist ja der Bediente des Malers Leonhard. Ja, der Casperl Larifari. Wissen's, ich hab'n auch schon gekannt und hab' mir jetzt den Spaß gemacht, ihn als Papagei zu tractiren. Als solchen hat ihn der König von einem Beduinen gekauft, der ihn in der Wüste gefangen und hieher gebracht hat. Hölzlmaier. Das freut mich aber. Lassen Sie ihn nur noch ein bißl zappeln da drin; denn der hat mich elend schikanirt auf der Reise durch die Wüste mit dem Herrn Leonhard. Hakem (zu Casperl) . Pappolo, Pappolo! Kakelaki? Casperl. O mein! – Verstellen's Ihnen nit, Herr Moosbauer; mit ihrer ägyptischen Abkunft ist's auch nit weit her. Lassen's mich lieber 'raus. Wir sind ja alle drei ehrliche Deutsche. Hakem. Ja! Vivat das Vaterland! Kommen's halt 'raus, Herr Casperl. (Sperrt den Käfig auf.) Casperl springt heraus, tanzt wüthend herum und wirft Hölzlmaier und Hakem um. Hakem, Hölzlmaier (zugleich.) Oho, oho! – Sie sind ja ein Narr! Werfen S' uns gar um. Casperl. Vivat hoch! Tres faciunt collegium , sagt der Franzos. – Jetzt geh'n wir aber gleich in's Wirthshaus miteinander: zum »rosenfarbnen Kameel« oder zum »himmelblauen Elephanten.« Vivat hoch! Hakem. Halt, meine Herren! Zuvor noch ein Wort. König Abuzabel hat mich heute in aller früh schon holen lassen und hat mir befohlen, mich sogleich mit dem ganzen Hofgartenpersonale in die Wüste zu begeben zur Oase Nro. 3 im Distrikt 2045, littera A , Polizeibezirk 11.000. Dort steht eine wunderschöne Lotosblume und die soll ich ihm in den Hofgarten hieher versetzen. Casperl. Ha! Versetzen ? Dieses Wort ist mir sehr unangenehm, denn es erinnert mich erstens : An meine Gefangennehmung, und zweitens : An jenes Institut unseres gemeinsamen Vaterlandes, in welchem noch einige mir gehörige Gegenstände aufbewahrt werden. Ich hab' noch wenigstens zwanzig Versatzzettel in meiner Hosentaschen. Hölzlmaier. Herr Hakem-Moosbauer! Diese wunderschöne Blume kenne ich ja. Ein Prachtexemplar! Herr Leonhard hat sie auf der Durchreise in Lebensgröße abgemalt. Ich begreife, daß König Abuzabel sie in seinen Hofgarten verpflanzen will. Casperl. Lassen wir diese botanischen Betrachtungen und begeben wir uns lieber in einen Gasthof. Ich hätt' einen ungeheuren Appetit auf das Voressen von einem Krokodilsjungen oder auf einen gespickten Elephantenrüssel in der sauren Schildkrötensauce. Hakem. Nein, das ist Alles nichts gegen die Nilpferdleberspatzeln. Hölzlmaier. Mir ist Alles recht. Aber ein guter Wein bleibt mir immer die Hauptsache. Terzett. Kommt ihr Brüder, kommt geschwind! Hier weht gar ein heißer Wind. Da heißt's löschen, löschen, löschen, Sonst verbrennt uns Leib und Seel'. Kommt, ihr Brüder, kommt geschwind! Weil wir grad beisammen sind, Da heißt's trinken, trinken, trinken, Daß der Durst uns nicht so quäl'! Löschen, Löschen! Trinken, trinken! Lölölölölölölöschen! Tritritritntritritrinken! Tanzen, mit den Armen sich umschlingend, ab. König Abuzabel mit dem Astrolog Amru tritt ein. Amru. Weise und gut ist es, mein König, daß du dich endlich entschlossen hast, deine Gemächer wieder einmal zu verlassen und in den Garten zu geh'n, wo die aromatische, milde Luft dich erquicken wird. Abuzabel. In der That, ich fühle mich leichter und athme freier. Sieh auch, Amru, hier ist der Platz, wo die Blume zu stehen kommen soll. Mein Gärtner Hakem ist bereits auf dem Wege in die Wüste, um die Pflanze mit größter Kunst und Vorsicht hieher zu bringen. Bei ihrem Anblicke will ich mich in den tröstenden Gedanken vertiefen, daß Kalasiris mir nahe sei. Oder glaubst du, daß der Traum in dieser heutigen Nacht, welchen ich dir erzählt habe, nur Täuschung gewesen? Amru. O gewiß nicht, mein König. Die Begeisterung, mit welcher der fremde Künstler die Schönheit der Blume erfaßte, die Wahrheit, mit welcher er ihre Abbildung vollendet hat, ist nur durch die magische Kraft geschehen, welche des Künstlers Imagination in sich trägt. Ja, auch die Künstler sind – unbewußt ihrer selbst – Magier, denn sie schaffen mit der ihnen von den Göttern gnädig verliehenen Zeugungskraft, und was dir im Traume sich zeigte, war nur das Ausströmen der dem Gemälde innewohnenden Wahrheit. Abuzabel. Aber Typhon? jener böse Dämon? jener Gott, den ich nur zu gut erkannte an seiner flammenglühenden rothen Gestalt? – – Amru. Er war nothwendig auch von der magischen Gewalt der Darstellung der geheimnißvollen Blume angezogen und mußte erscheinen. – Nun wissen wir aber auch, daß er es gewesen, der deine Tochter auf feuerschnaubendem Rosse entführt und sie in die Lotosblume gebannt hat. Es handelt sich nur darum, ihn zu vermögen, daß er Kalasiris aus ihrer Verzauberung frei geben wolle oder durch höhere Mächte dazu gezwungen werde. Flehe zu Typhons Gattin, der nächtlichen Nephtis. Sie soll dir helfen, ihren ungetreuen Gemahl zu bewältigen. Abuzabel. Ich will deinem Rathe folgen. Komm in den Tempel mit mir, Opfer zu bringen, (Beide ab.) Verwandlung. Einsamer Platz von der Stadt Memphis, am schilfigen Ufer des Nils. Casperl (etwas benebelt) tritt ein. Das war ein Göttermahl! Eine Suppen von Nilschnecken. Ein Voressen von jungen Krokodilschwanzeln. Gefüllte Straußeneier. Ausgezeichnet! Und erst die gespickte Löwenzunge mit ägyptischem Karifiolsalat! Einzig! Und diese Rosenbiskoten! Das laß' ich mir gefallen. Und der Wein! Den Pyramidenwein haben's 'n g'heissen. Der wachst um die Pyramiden herum; an lauter Spalier hängen die ungeheuersten Trauben, wo eine jede einen Zentner wiegt, und jede Weinbeer ist so groß wie eine Sechspfünder-Kanonenkugel. Ja, das Aegypten ist ein gesegnetes Land! – (Gähnt.) Aber der Wein hat mir a bißl zug'setzt; ich bin wirklich schläfrig und will mich da ein kleines wenig niederlegen. So – da ist ein kühles Platzl an dem Schilfposchen. (Legt sich und schläft unter Schnarchen und Gähnen ein.) Ein Krokodil taucht aus dem Schilfe, beschnüffelt ihn, packt ihn an der Hose und trägt ihn fort. Casperl (erwachend) . Auweh! Auweh! – Das Krokodil! Auweh! Zu Hülfe, zu Hülfe! Ich bin verloren! Auweh! Auweh! (Der Vorhang fällt.) IV. Aufzug. Garten, wie im dritten Aufzuge. Der Käfig steht nicht mehr da, an dessen Stelle die Lotosblume des ersten Aufzuges. Nacht und Mondschein. Nephtis in schwarzem mit Sternen durchwebtem, wallendem Gewande schwebt auf Wolken nieder und steigt von den Wolken herab, welche dann fortfliegen. Nephtis. In meines Reiches Schatten schweb' ich nieder, Durch Abuzabels Opfer hergerufen. Des Königs Leid auch kenn' ich; denn ich weiß. Daß des treulosen Gatten wild Begehren, Dem Kalasiris widerstrebt, aus Rache Die Schöne in die Blume hat gebannt. Verfolgen wird auch hier er die Bedrängte, Doch kam ich ihm zuvor; den Schlummernden Beraubt' ich des gefeiten Götterstabes Und mit ihm der Gewalt geheimen Zaubers. In meiner Hand ist nun die Macht; befrei'n Aus duft'gem Blumenschacht will ich die Jungfrau, Hervor denn, Kalasiris, aus dem Grabe Der Blätter, die den schönen Leib umschließen! (Sie berührt die Blume mit dem Stabe.) Erhebe dich! (Die Blume öffnet sich und Kalasiris erscheint.) Kalasiris. Wer ruft mich Unglücksel'ge? Bist du es wieder, Typhon, mich zu quälen? Nephtis. Nicht Typhon ist's, mein ungetreuer Gatte. Vertraue mir, mein Schleier soll dich decken, Und meine Hand wird dich zum Vater führen. Kalasiris (aus der Blume herabsteigend) . Gepriesen sei die Macht, die mich errettet! Wer bist du? sag' es. Soll ich dir vertrau'n? Nephtis. Ich bin es, Nephtis, Spenderin des Trostes, Die milden Schlummer bringt und süßen Traum. Kalasiris (ihr zu Füßen fallend) . So sei gesegnet, Göttin! Rettungsengel Und Trösterin, die du mich willst befrei'n. Nephtis. In meine Arme komme! Laß' uns eilen; Ich räche dich und mich zugleich; drum folge. (Sie umschließt Kalasiris und schwebt mit ihr fort.) Casperl (tritt auf) . Das ist doch eine wunderschöne Mondnacht; ein wahres Vergnügen in dem Garten herum zu spazieren. Zum Glück ist meine Hosen z'rissen, so daß mich das Teufelsvieh von einem Krokodil hat fallen lassen, über mich hinausgeschossen ist und ich dann durch einen kühnen Seitensprung dem Tode der Verschlingung glücklich entkommen bin. Im nächstgelegenen Wirthshaus bin ich nachher aus lauter Angst und Schrecken umg'fallen und hab' mich erst durch den Genuß einer halben Maß Palmenschnapses wieder einigermaßen erholt. Allein ich bin von der Katastrophe so angegriffen, daß ich mich veranlaßt sehe, meine erschöpften Gliedmaßen irgendwo unterzubringen. Auf'm Heu bin ich schon öfter gelegen, warum sollte ich es nicht einmal probiren in einer Blume zu schlummern? (Betrachtet die geöftnete Lotosblume.) Ha! In diesen Blättern will ich ruhen, die mich hier zum süßen Lager einladen. Ja, ich will in diesem ägyptischen Krautkopf mein Nachtquartier aufschlagen. (Steigt in die Lotosblume.) Ah! Da liegt man ja prächtig, wie auf einem sammtenen Kanape. Ausgezeichnet, vortrefflich! – Da kann mich's Kro – kro – dril – auch nicht er – wischen. (Schläft schnarchend ein.) Typhon (stürzt herein) . Hier ist sie! Mir entrückt. Aber auch hier weiß ich sie zu finden. Das mit Begeisterung geschaffene Bild ist Abuzabel zur Vision geworden. In ihr glaubte er die Wahrheit zu schauen. Gut, du hast Kalasiris, deine Tochter, gesehen; aber auch Typhon ist dir erschienen. Was frommt dir, die gebannte Tochter in deiner Nähe zu wissen? Sie bleibt dir die Blume . Nun denn, komme hervor, du verzauberte Stolze! Mein mächtiger Scepter ward mir zwar entführt, aber Typhons Wort ist von gleicher Gewalt. Hervor, Kalasiris! – Wie? Sie erscheint nicht? Und was muß ich sehen? Die Blätter der Blume geöffnet? Fluch und Verderben! (Er sieht in der Blume den schlafenden Casperl liegen.) Ihr Götter, was ist hier vorgegangen? Welche Macht war im Stande, Kalasiris zu entführen? Was für ein Scheusal füllt den Kelch der Blume aus. Casperl. Schlipperment! Wer weckt mich denn so grob auf? – Oho! Was ist das für eine Figur aus rothem Petschierwachs? Typhon. Erbärmlicher Wicht, wie kamst du da hinein? Casperl. Hineing' stiegen bin ich und jetzt bin ich heraus g'fallen. Typhon. Nun denn! so magst du dein Lager wieder einnehmen und darin verschmachten! (Er wirft ihn wieder nach einiger Balgerei in die Blume) Typyon. Schließt euch, Blätter, zu der Zelle, Undurchdringlich jeder Helle! Nun fort, fort, Kalasiris aufzusuchen! (Verschwindet.) Die Blume schließt sich. Man hört Casperls dumpfe Stimme. Schlipperment! Aufmachen, ich erstick'! Aufmachen! Verwandlung. Saal wie im II. Aufzug. Das Gemälde der Blume steht noch da. Nephtis (Typhons Zauberstab in der Hand, tritt, Kalasiris führend, ein). Hier bleibe, in des Vaters Haus geschützt; Mir soll nun Typhons Zauberscepter dienen, Um dich vor des Verfolgers Zorn zu wahren. Kalasiris. O, Dank dir, holde Göttin heil'ger Nacht, Die unter deinen Schleier mich genommen! Nephtis Sieh hier das Bild der schönen Lotosblume, Von ihm gedeckt bist Allen du verborgen; Gebannt bleibst du in des Gemäldes Hülle, So lang du selber willst. An's Tageslicht Magst eilen du, wenn dein Erretter naht. Dein eigen Herz wird den Erwecker kennen; In seinem Arm, von seiner Macht beschützt, Muß Typhon weichen, denn er ist besiegt. Tritt in das Bild nun. Wieder bist Du Blume, Vielleicht weckt dich der Morgensonne Gruß. Kalasiris. Wie du befiehlst, dein Wille ist mir heilig. (Sie tritt gegen das Gemälde, in welchem sie, von Nephtis mit dem Stabe herührt, verschwindet. Nephtis sinkt in die Versenkung; zugleich schwindet das Dunkel und heller Morgen erleuchtet den Saal.) Chor (hinter der Scene) . Da Nephtis entflogen, Kömmt Horos gezogen, Der freundlich uns lacht; Ihr Schläfer erwacht! Gegrüßt sei der Morgen! Entschwebet ihr Sorgen Der menschlichen Brust; Die Sonne bringt Lust! Leonardo (tritt ein). Noch schlummert Alles im Palaste; aber mich trieb es vom Lager empor bei den ersten Strahlen des Morgens. Zu meiner holden Blume eilte ich, die gestern im Garten des Königs noch blühte. Aber wie erstaunt war ich? Sie war verwelkt, ihre Blätter abgefallen und verdorrt auf dem Boden umher, und mein närrischer Diener Casperl lag in tiefem Schlafe mitten darinnen. So komme ich denn zu dir, theures Bild, das ich mit Begeisterung schuf, um mich in der Erinnerung an die Wirklichkeit in deinen Anblick zu vertiefen. Es ist so wunderbar, daß mir diese Blume, schon als ich sie das erstemal in der Oase sah, wie ein Wesen vorkam, das von einem menschlichen Geiste durchweht ist. Aus ihrem weißen, reinen Blatte wehte es mich wie süßer Hauch an. Es war, als ob die Blume meine Geliebte, meine Braut wäre. (Sanfter Harfenklang läßt sich vernehmen.) Welch' zauberischer Klang! Kalasiris (spricht aus der Blume). Bist du von mir angezogen, Hat dein Herz dir nicht gelogen, Denn auch meines muß sich regen Dir dem Sehnenden entgegen. Leonardo. Wie? Was höre ich? Zu mir spricht eine holde Stimme aus der Blume? Ist es Traum, ist es Zauber? Ich will ihr antworten: Wunderbar geheimes Wesen, Soll ich aus den Blättern lesen. Daß sie Schönheit nur umhüllen, Sehnsuchtsträume zu erfüllen? Kalasiris. Will mich zeigen deinen Blicken, Weil die Götter es so schicken; Ja, der Hoffnung zu vertrauen, Sollst du Kalasiris schauen. Leonardo (ihr zu Füßen fallend). Wunderbare Erscheinung! Göttliches Bild! Kalasiris. Du hast den Bann gebrochen. In deinem Arme bin ich gerettet!. Leonardo. Gerettet! – Und ich beseligt! (Sie fallen sich in die Arme.) Zugleich tritt König Abuzabel ein. Abuzabel. Ja, Leonardo, du hast sie befreit; denn des Künstlers edelste Begeisterung besiegt die Gewalt der bösen Dämonen. Donner. Unter Flammen taucht Typhon auf. Alle. Wehe uns, Typhon! Typhon. Fürchtet euch nicht! Ich bin besiegt. Gegen ideale Mächte hab' ich keine Gewalt. Kalasiris, lebe wohl! (Versinkt unter Donner.) Abuzabel. So hat jener Traum nicht gelogen, und eine Wahrheit ist es, daß die bösen Dämonen fliehen müssen vor der edelsten und schönsten Macht. Leonardo! Sei mein Sohn! Kalasiris werde deine Gattin. Ich segne euch. Leonardo und Kalllsiris knieen vor dem König nieder, Rothe Beleuchtung. Aus dem Gemälde der Blume tritt Casperl in erhabener, tragikomischer Positur. Das Gemälde verschwindet. Casperl. Vivat hoch! Die Geschicht' ist doch noch gut ausgegangen. (Der Vorhang fällt.) Ende des Stückes. Das Schusserspiel Nach einer Erzählung von Isabella Braun. dramatisch bearbeitet in Zwei Aufzügen. Personen. Der Amtmann . Dessen Kinder: Marie , 12 Jahre alt, Anton , 9 Jahre alt Dorfkinder: Des Sternwirths langer Michel , Der Bader-Hansjörg , Der Lechbauern-Veit , Das Victorl , Sattlers Baptist . Taglöhner: Die Tiroler Walburg , Der alte Lukas . Erster Aufzug. Freier Platz in einem Dorfe. Seitwärts ein Bauernhäuschen mit Eingang und ein paar Fenstern. Neben der Thüre eine Bank. Michel (einen großen Beutel voll Schusser an seinen Knöpfen hängend). Holla! Heda! Noch Keins da? Das ist mir ein faules Gesindel. Sitzen etwa gar noch in der Nachmittagsschule, die Tuckmäuser. Da bin ich ein anderer Kerl. Ich bin des reichen Sternwirths Michel. Mit der Schul ist's vorbei; Lesen, Schreiben und Rechnen kann ich, was Noth thut – was brauch ich mehr? Ich bin des Sternwirths Michel. Und im Schussern thut mir's auch Keiner gleich von Allen wie sie da sind im Dorf. Ich mach's meinem Bruder Hans nach; der ist der erste Kegelschieber im Dorf, aber da bin ich noch zu jung dazu; was nicht ist kann noch werden. Heda, holla! Ihr Schlingel, wo seid Ihr? Heißt das Wort halten, wenn man sich zusammenbestellt hat? Sattlers Baptist (läuft herzu). Da bin ich, Michel. Gelt? heut muß der Spielcommandant ein bißl warten. In der Schul gibt's noch Tatzen; sie haben dem Herrn Lehrer seinen Rasierspiegel zerbrochen und Keiner will's gethan haben. Da heißt's noch sitzen bleiben und eine Strafschrift müßen Alle schreiben, weil Keines mit des Sprach heraus will. Michel. Das sind aber dumme Fratzen; warum sagen sie nicht, wer's war? Baptist. Ja des Baders Hansjörg hat den Spiegel gebrochen; aber sie halten zusammen und will ihn Keiner verrathen. Michel. Das ist aber dumm. Baptist. Und mir gefallt's grad Michl. Schlechtes war's nicht und da wollen sie alle ihrem Kameraden die Strafe ersparen. Michel. Da wär ich nicht dabei. Baptist. Kann mir's erklären; denn du bist und bleibst der Sternwirthsmichel oder der »Ich bin Ich« – der an sich immer zuerst denkt. Michel (lacht) . Ha, ha! und bin noch immer gut dabei durchgekommen. Weißt du noch, wie ich dem Maasseppel die Schläge verschafft hab, die eigentlich mir zugekommen wären? Baptist. Ich weiß schon noch, aber das war eben schlecht von dir. Michel. Ei schlecht – klug muß Einer sein. – – Aha, da kommt die ganze Sippschaft aus der Schule heraus und der Lehrer steht unter der Thür und droht ihnen noch mit dem Lineal nach. Juhei! Jetzt geht's an's Schussern. (Ruft.) Da her, da her! – heut wirds lustig. Sind des Amtmanns Kinder auch dabei? Baptist. Die dürfen freilich nicht immer mitthun, der Vater sieht's nicht gern. Michel. Ja, im Amtsgarten spielen sie zu Zwei »Fangemannl« oder »Schneiderleihmirdeinscheer.« Marie, Anton, Hansjörg, Veit, Victorl, die Vorigen. Michel. Grüß Gott beisammen. Die andern Kinder. Grüß Gutt, Michel, grüß Gott! Michel. Ach, und welche Ehre! Nach einer ganzen Woch' erscheinen auch wieder der Herr Anton und Mamsell Marie. Anton. Du brauchst nicht zu spotten, Michel. Marie. Du weißt schon, daß wir nicht immer aus dem Haus dürfen, wenn wir auch wollten. Michel (im vornehmen Tone) Wir wissen es, und begnadigen die Nachlässigen. Also angefangen! Mach Einer das Grübl. Hansjörg. Ich mach's, ich mach's! Michel. Ja, dir thut's Noth, Spiegelfabrikant. Hansjörg. Was? Du weißt von der Geschicht? Anton. S'geht dich auch nichts an, was in der Schule vorgeht. Alle Andern. Nichts geht's dich an, gar nichts, gar nichts! Michel. Oho, oho! Ich bin über die Sachen hinaus. Marie. Freilich bist du drüber hinaus und über gar viel Anderes leider, denn 's ist nicht gut für dich und du bist eben doch auch nur ein Bub, wie ein anderer, wenn du gleich des Sternwirths Sohn bist. Michel. Die Mamsell ist wieder einmal naseweis. Du mußt einmal Schullehrerin in der Stadt werden, weil du gar so gescheit bist. Anton. Laß meine Schwester in Ruh, sonst hast du's mit mir zu thun, Großmaul! Michel (zornig). Was? Ich, ein Großmaul? (Will auf Anton zu.) Veit. Ruhig und keinen Streit! Hansjörg. Spielen wir lieber. Alle. Ja, fangen wir's Schussern an. Michel. Auch recht. Aber dem Anton ist's nicht geschenkt. Hat jeder gehörig Schusser? Alle. Ja, ja, ja! Michel. Wer will's zuerst mit mir wagen? Anton. Und gerade ich heut. Michel. Versuch's nur! Heraus mit den Kugeln! Marie (zu Anton bei Seite) O Anton, fang doch mit dem langen Michel nicht an; der ist so roh und so grob und heute, wo er's ohnedies auf dich hat. Komm, geh'n wir lieber heim. Michel, (der`s gehört hat.) Aha! laßt Dich das Mädel nicht mitspielen. Nun halt Dich nur an ihrem Rockzipfel, junger Herr Amtmann. Anton. Schweig', Sternwirth! – Ich werf' – (tritt etwas gegen den Hintergrund und wirft einen Schusser aus.) Michel. Oho – weit drüber hinaus. Schau' ich mach's anders. (Er wirft.) Die Andern. Der Michel hat's. (Michel hebt die Schusser auf.) Anton. Nur weiter: Ich werf sechs aus. (Wirft.) Michel. Und ich sechs nach. (Wirft.) Während sich die Spielenden mit den anderen Kindern gegen den Hintergrund ziehen, tritt Marie allein vor. Marie. Ach! wenn ich ihn nur wegbringen könnte von dem Spiel. Der Vater hat wohl recht, wenn er ungern sieht, daß wir da mitmachen, besonders wenn auch Sternwirth's Michel dabei ist. Mir ist's immer lieber zu Haus im Garten. Mein Bruder und die Vöglein, die da so fröhlich hausen, sind meine liebste Gesellschaft. (Tritt an das Häuschen.) Was macht denn heut' unsere alte gute Walburg? Muß doch seh'n. (Zum Fenster hinrufend.) Walburg! Walburg! bist Du zu Haus? Die alte Walburg (am Fenster, spricht tirolerisch.) Bin schon z'Haus, Madl, aber'sch will nimmer geh'n mit mir. Komm' en bißl herein zu mir. Ich muß das Fieber haben, denn's beutelt mich elend. Marie. Wart', ich komm zu Dir und bleib' bis die Buben ausgespielt haben. (Ab in's Haus.) Nun nähern sich die Spielenden wieder. Anton. Alles verloren! o weh! Michel. (lacht). Ausbezahlt, Herr Amtmann! ich verlange kein Geld, aber die Schusser die ich gewonnen hab'. Anton So viel hab' ich nicht mehr. Michel. So bring' sie morgen; Credit kannst Du haben; aber die schlechten Lehmkugeln mußt du dann auch austauschen. Viktorl (zu Anton). Von mir hast Du zwölf geborgt. Bernhard. Und von mir vierundzwanzig. Veit. Fünfzehn Gute von mir. Anton. Seid nur ruhig. Ihr kriegt alle eure Schusser wieder. Michel. So! heut' ist's aus. Ich muß nach Haus zum Wurstfüllen, denn morgen gibt's Hochzeit bei uns. Heisa, Kinder, da geht's lustig her! Also, Mossje Anton – meine Schusser nit vergessen! Vor der Schule kommen wir hier zusammen, da werden die Schulden bezahlt. (geht singend ab.) Viktorl. Armer Anton, heut hast aber viel verloren. Anton. Thut nichts; ein andersmal gewinn ich wieder. Bernhard Geh'n wir. Mich hungerts nach den Nudeln. Alle (Anton ausgenommen.) Geh'n wir, geh'n wir! 's ist Zeit. Anton (allein.) Da steh' ich jetzt und weiß mir nicht zu helfen. Dem Michel will ich nichts schuldig bleiben; das wäre eine Schande. Und woher nehmen? – Die Schusser alle zu kaufen, braucht ich vierundzwanzig Kreuzer. Mein Monatgeld ist bereits verbraucht. An die Sparbüchse trau' ich mich nicht; denn da müßte ich der Mutter sagen warum und wozu. Das ist eine böse Geschichte. Wo ist denn die Marie? Die wird schon heimgelaufen sein. Vielleicht kann die mir helfen; denn wo's möglich ist, thut sie's. Aber auch sie hat von diesem Monat nichts mehr übrig. Jedenfalls kann sie rathen, wie's anzufangen ist. (Ab.) Marie, die alte Tirolerin aus dem Hause führend. Marie. So, gute Walburg; ein bischen Luft schöpfen kann Dir gewiß nicht schaden; 's ist ja heut warm und schön. Setz Dich auf die Bank nieder und ich leiste Dir Gesellschaft. Walburg 's ischt mir schon recht, Madl und ischt allweil, besser in Gott's freier Luft, als in der Stub'n drinnen. Marie. Ein Glück ist's, daß Du so ein nettes Stübl hast, wenn Du nicht in's Freie hinauskannst. Walburg. Ja Madl, dank tausendmal, daß mir die gnädig Herrschaft das Stübl da beim Lucas angewiesen und mir's nix kostet. Marie. Nun, das war aber natürlich; die Herrschaft kennt Dich ja schon gar lang. Walburg. Ich mein's wohl. Hab ja schon der seligen alten gnädigen Frau – Gott tröst' sie – allwegs die Handschuh geliefert und auf Michaeli wird's grad fufzig Jahr, daß sie mir im Schloßgarten droben das erste Paar abgekauft hat. Marie. Das ist eine schöne Zeit, Walburg. Walburg. Wohl, wohl, 'ischt's a schöne Zeit. Damals bin ich aber a luschtig und hübsch Tirolermadl gewes'n und jetzt bin ich en alt's Weib und en arme Wittib. Seit mir die Franzosen meinen guten Antoni vor der Hütten weggeschossen haben, hab ich mich halt durchbringen müssen durch die Welt und hätt' ich jetzt net frei Loschi von der gnädigen Herrscharft, die sich erbarmt hat, und ein bißl Almosen von gute Leut, so müßt ich verhungern, denn ich kann ja nimmer in's Tirol heimmaschiren und mir Handschuh oder Hosenträger holen zum verhandeln, oder Spielhahnfedern und Gamsbart. Marie. Die Leut hier haben Dich immer gern gehabt, Walburg; hast ihnen ja auch viel Gut's erwiesen, so oft Du heraußen warst. Walburg. Wohl, wohl. s'muß halt einer dem andern helfen, aber's geschieht halt nit immer. Marie. Aber sag' mir doch, Walburg, warum haben denn die Franzosen Deinen Mann erschossen? Walburg. Sie haben ja auch den Sandwirth, den Andreas Hofer erschossen, weil er zu sei'm Kaiser gehalten hat. Wirscht's wohl schon g'hört oder g'lesen haben im Geschichtbüchel, wie der Krieg im Tirol war und wir wieder Kaiserlich geworden sind. Wir hätten weiter nix gegen den König von Bayern. g'habt: das war wohl ein guter Herr; aber das Schreibervolk hat uns Alles genommen und das hätten wir auch noch gelitten, dem König zu lieb; aber wie sie uns auch unsern guten Glauben nehmen haben wollen, da haben unsere Mannsleute waltern aufbegehrt. Marie. Ei, den Glauben haben sie euch nehmen wollen? Walburg. Wohl, wohl. War ja selber g'rad dabei, wie so ein vornehmer Schreiber oder Amtmann den Herrn vom Altar weggestoßen hat und wie er die Musikanten auf dem Chor gezwungen hat, daß sie ihm einen Tanz aufspielen und wie er die Mädeln aus die Kirchenstühl gerissen hat und mit uns hat tanzen wollen. Sind aber alle 'nausg'laufen und dann hat er die Soldaten kommen lassen. Marie. Ach, das ist ja fürchterlich! Walburg. Ueber ein Weil hat's aber schon gekracht vom Berg herab und der Krieg ist nachher losgangen und die Weiber haben auch dazu geholfen. Meinen Antoni aber haben die Franzosen vor unserm Haus erschossen, weil er ein paar Tirolerschützen versteckt hat. Das war ein Elend, Marie. Nachher sind wir wieder Kaiserlich worden, aber mein Mann, der selige Anton, war todt. Ich hab nachher in ei'm Stübl bei einer Bas'n gehaust und hab halt meine kleine Handelschaft getrieben und bin wohl weit umenand gekommen. Jetzt hab ich Ruh und verlang mir nix als ein ruhiges Sterben und fröhlich Aufersteh'n. Marie. Ei was! Du kannst noch lang leben, Walburg. Walburg. 's hat Alles sein End auf der Welt, wann's an der Zeit ist. Ich spür's aber. Der Tod hat schon anklopft bei mir an der Thür. Ischt mir heut Nacht auch meine Holzuhr abg'laufen und ich kann's und mag's nimmer aufzieh'n. Marie. Geh', liebe Walburg, sei getrost. Walburg. Bin ja getrost, mein Kind. Auf Gottes Barmherzigkeit hab ich immer Alles gestellt und mein Herr und Heiland wird mir auch in meiner letzten Stund gnädig sein. Geh' Marie, führ mich wieder in mein Stübl; mir wirds schlecht, muß mich in's Bett legen. Marie. So komm, gute Walburg. Ich will Dir helfen. (Beide ab in's Haus.) Abendgebetläuten. Marie tritt nach einer kleinen Pause aus dem Häuschen kniet nieder und faltet die Hände zum Gebet. (Der Vorhang fällt) II. Aufzug Anton. Marie (in die Schule gehend.) Marie. Anton, ich habe Dir zu lieb doch Unrecht gethan, als ich Dir am vorigen Donnerstag den Vierundzwanziger gab. Anton. Beruhig Dich, Schwesterlein. Ich kann dir's beweisen, daß du kein Unrecht thatest. Höre: die Mutter gab Dir also fünf Zwanziger, um sie der alten Walburg zu bringen. Sage: fünf und nicht wie sonst gewöhnlich des Monats nur vier . Die Mutter mußte sich überzählt haben. Nun weißt Du, bedurfte ich, Dein geliebter Bruder, gerade 24 Kreuzer; denn hätte ich sie nicht gehabt, so hätte ich an den groben Wirthsmichel meine Schusserschuld nicht abtragen können. Marie. Und da hätt'st Du vermutlich Schläge von ihm bekommen. Anton. Und wie! Denn seine Fäuste geben aus und ich wäre ihm auch nicht Herr geworden, denn er ist ja viel älter und stärker als ich. Deine schwesterliche Liebe hätte das nicht ansehen und ertragen können. Von dem fünften Zwanziger wußte ja die Walburg ohnehin nichts und hatte ihn auch nicht erwartet. Auch wollte ich ihn redlich aus meinem nächsten Monatgelde wieder erstatten. Marie. Ja, aber sieh' Anton, wenn die Mutter dießmal der Walburg fünf Zwanziger geben wollte, so war das ihre Sache und geht uns Kinder nichts an. Anton. Gedenk'st Du denn nicht der Prügel, die ich bekommen hätte? Das hätten Mutter und Vater doch auch erfahren, und es hätte ihnen Kummer gemacht; und überdieß hätte ich dann der Walburg noch extra Etwas bei den Aeltern aus meiner Sparbüchse erbeten; das geschieht auch noch. In zwei Tagen bekommen wir unser Monatgeld und dann wird die Sache herrlich abgemacht. Vorläufig hat Walburg wie gewöhnlich ihre vier Stück Zwanziger. Marie. Mich drückt's aber doch, und ich kann der Mutter seither nicht mehr recht in die Augen sehen. Anton. Ich schon; denn wir hatten keine schlechte Absicht bei der Sache. Der Vater hat gar oft gesagt: ein Schuldenmacher sei nicht viel besser, als ein Dieb; also war es meine Pflicht, nach jedem erlaubten Mittel zu greifen, dem langen Michel Nichts schuldig zu bleiben. Marie. Du legst's Dir recht pfiffig zu recht; ich aber bleib dabei: ich hätte Dir nicht nachgeben sollen. Anton. Geh, laß' das. Komm in die Schule, 's ist hohe Zeit. (Beide ab.) Taglöhner Lucas kömmt aus dem Hause. Lucas. Ei, ei! die Walburg will mir nit recht gefallen, das heißt, insoweit man das zu sagen pflegt; denn warum sollt mir die Walburg nicht gefallen? Sie war immer ein braves Weibsbild; aber das Gefallen oder nicht Gefallen ist hier was anders. Kurz die Walburg will mir nicht recht gefallen, insofern das gute Weib, wie ich glaube und befürchte, nicht mehr lange leben wird. Heut zum Beispiel machte sie ganz curiose Augen auf mich, als ob's nit richtig sei mit ihr; auch ist ihre Nasenspitz noch feiner zugespitzt, als jemals, und wenn sie was reden will, so geht's nicht und seit drei Tagen hat sie nur ein paar Löffel Supp hinuntergebracht. Die Sach ist immer bedenklich, weßhalb ich's auch bedacht hab' und jetzt ohne weiters zuerst zum Bader und nachher zum Herrn Pfarrer gehen will. Freilich: der Bader, obgleich er schon manche Kur prästirt hat, hat doch noch Niemand am Sterben gehindert, wenn's an der Zeit war und überdieß ist er eigentlich ein Esel, der am lieben Vieh herumprobirt, wenn's krank ist, geschweige erst das Ebenbild Gottes, den Menschen, maltraitirt und in die Ewigkeit schon Manchen expedirt hat, eh's ihm lieb war. Was aber den Herrn Pfarrer anbelangt, so kann ja der geistliche Zuspruch, und was sonst noch Heiliges dabei ist, niemals zu früh kommen, dieweilen aber wohl zu spät, wenn nemlich die arme Seele auf den Herrn Pfarrer nicht mehr hat warten können und schon vorher abgereist ist. – Gott hab sie selig. – Also könnt's auch bei der alten Walburg geschehen; ich will also nach reiflicher Ueberlegung und um keine Zeit zu verlieren, zuerst den Herrn Pfarrer holen, und hernach den Bader Stopflmaier. Ei, ei! die gute Walburg! Wäre mir wahrhaftig recht leid um sie, hat mir immer so schöne Geschichten aus dem Tirolerkrieg erzählt, wenn wir so Winter's beisammengesessen sind und ich mein Pfeifl geraucht, während sie gesponnen hat. Sie ist aber auch schon hübsch bei Jahren, die Walburg. So ein 10 Jähr'ln ist sie mir schon vor. Geduld, Geduld! Ich komm auch schon nachgefahren einmal, wenn der klapperdürre Postillon mich herausblast: Tra, tra, tra, tra – weh, weh, weh, weh! – (Im Abgehen.) Ei, ei! die alte Walburg! Ei, ei! – – will mir nicht gefallen – – (Ab.) Anton. Also heute keine Schule. Wir hatten's vergessen, daß des gnädigen Herrn Namenstag ist; drum war auch der Vater heut so aufgeputzt, um seine Aufwartung zu machen und den Jägertoni habe ich auch schon in Gala von Weitem in's Wirthshaus gehen sehen, einen bordirten Hut auf dem Kopfe mit grünen Gocklfedern und den Hirschfänger an einem goldenen Borten umhangen. Um so einen Jäger ist's doch was Schönes. Immer im Walde draußen unter den grünen Tannen und bei Hirschen und Rehen. Heisa! wenn's dann aus der Büchse knallt: Puff! – Puff! Marie (unbemerkt hinter ihm, schlägt ihn auf die Schulter.) Puff! Puff! Schlingel! – Warum nicht zu Hause? Hast Du nicht Deine Aufgabe für morgen zu machen? Anton. Oho, Mamsell! Sie hätten mich beinahe erschreckt, wenn ich nicht ein Mann wäre. Marie. Also! »Mann« erfülle Deine Pflicht und geh mit mir heim an die Arbeit. Nachmittags dürfen wir in den Wald; es werden noch Kränze gebunden für heute Abend zur Gartenbeleuchtung. Anton. Da bin ich auch dabei. Während Ihr das Laub windet, werde ich mit meinem Gewehre einen Rehbock schießen. Marie. Böcke kannst du genug in deinen Schulaufgaben finden, brauchst nicht in den Wald zu laufen. Anton. O, Mamsell Superklug, ich bedarf Deiner Witze nicht. Marie. Sieh' da kömmt der alte Lukas. Lukas. Die Vorigen. Anton. Guten Tag, Lukas! Lukas. Auch guten Tag, ihr Kinder. Marie. Heut ist wohl keine Arbeit wegen des gnädigen Herrn Geburtstag. Lukas. Ich könnte schon mithelfen zu den Festivitäten, aber ich muß heut zu Haus bleiben. Anton. Warum zu Haus? Lukas. 's geht nicht gut mit der Walburg. Beide Kinder. Wie – die Walburg? Lukas. Ja – gerade komm ich vom Bader und hab ihn holen wollen, ist aber über Land bei einem Kranken. Der Pfarrer ist schon drinnen bei ihr; ist durch das Gartenthürlein hineingegangen, geistlichen Trost zu bringen. Anton. Sag, Lukas, wie meinst Du das? Lukas. Ich mein halt, daß es mit der alten Walburg heut zu Ende geht. Marie. Um's Himmelswillen! sie wird doch nicht sterben? Lukas. Einmal muß's doch sein. Sie ist gewaltig schwach und's will mich bedünken, daß sie so allgemach verhungert. Marie. Anton (zugleich.) Mein Gott! – verhungert. Lukas. Das versteht ihr freilich nicht, aber die Geschichte ist so: Hört's nur: Wir armen Leute essen uns selten satt, weil wir eben arme Leut sind. Und – hört's nur, Kinder – da schrumpft uns so nach und nach der Magen ein und wird immer kleiner, weil er nie voll ist. Endlich dörrt er ganz zusammen, absonderlich wenn man alt ist und keine rechte Leibesstärkung hat. Ich helf mir ein bißl hie und da mit einem Gläsl Branntwein auf. Aber die alte Walburg hat den Schnaps nicht gemocht und was hätt' sie sonst gehabt, die gute Walburg? Haben ihr kaum die vier Zwanziger ausgereicht, die sie von Eurer Mutter des Monats bekommen hat. Hie und da hat ihr freilich die gnädige Herrschaft was geschickt; aber's war nicht zu verlangen, denn die hat ihr ja das Stüblein bezahlt und für den Winter 's Holz gegeben. War wahrhaftig nit mehr zu verlangen gewesen. Anton (in Thränen ausbrechend.) Also verhungert! verhungert! Lukas. So ungefähr, weil's doch einmal sein muß. Aber was verschwatz ich mich da, ich sollte schon längst wieder bei der Walburg sein – werd wohl bald zum Meßner laufen müssen, daß er's Sterbeglöcklein läut't. (Ab in's Haus.) (Die Vorigen.) Anton. Die Walburg stirbt, die Walburg stirbt! und ich bin Schuld daran. Hätt ich ihr nicht den Vierundzwanziger genommen, so hätt sie noch was gehabt. Marie. Die arme Walburg! – Anton, 's könnte wohl so sein, daß sie ein paar Tage länger gelebt hatte. Anton! Anton! Anton. Ich möcht verzweifeln! – Marie was soll ich tun? Ich stürz mich ins Wasser! O weh, o weh! ich bin ein abscheulicher Bub, ein Mörder, wenn die Walburg stirbt. Marie. So arg ist's wohl nicht; aber dein Leichtsinn wird nun bestraft. Ich getrau mich gar nicht hinein zur Walburg, so weh thut mir's. Anton. Was soll ich erst sagen? was soll ich thun? Hilf mir Marie! Was fang ich an in meiner Verzweiflung? Lukas eilt aus dem Hause. Marie (angstvoll.) Wie steht's Lukas? wohin, wohin? Lukas 's ist schon vorbei mit der guten Walburg; Gott tröst' sie; und schön ist sie gestorben, wie eine Heilige. Euer Herr Vater war' dabei, der hat ihr die Augen zugedrückt; er war vorher mit dem Pfarrer gekommen. Ich lauf in die Kirch, wegen dem Sterbläuten. (Ab.) Marie, Anton fallen weinend auf die Knie. Aus dem Hause tritt der Amtmann. Amtmann. Gott hab sie selig! 's war eine gute brave Seele. Wie? Kinder, ihr da? Anton (des Amtmanns Knie umklammernd) Mein Vater! Verzeihung! Verzeihung! (kann vor Weinen nicht weiter reden.) Amtmann. Was soll das heißen? Was hast du begangen? Marie. Lieber Vater, Anton meint, daß er an der Walburg Tod schuld sei. Amtmann. Was schwätzest du da? Anton. Ja, Vater, ich muß es jetzt gestehen – und ich wollte es Dir und der lieben Mutter sagen, allein erst dann, nachdem ich meinen Fehler gut gemacht hätte. – (kann vor Weinen nicht mehr weiter reden.) Amtmann. Nun? ich versteh Euch nicht, Kinder. Marie. Um seine Schuld im Schusserspiel abzutragen, beredete mich Anton ihm von dem Geld zu geben, das die Mutter der Walburg durch mich überbringen hieß und da meint nun Anton, sie sei deshalb verhungert. Amtmann. Was muß ich von Euch hören? Das war abscheulich; nie hätte ich so etwas vermuthet. Anton. Die höchste Noth veranlaßte uns, denn ich hatte nichts mehr vom Monatgelde übrig, die letzten 12 Kreuzer gab ich der Mutter für die kranke Josepha. Amtmann. Nichtsdestoweniger war Deine That eine Unterschlagung. Anton. O Gott, wie hab ich's schon bereut! Ich gäbe ja Alles, Alles, um mich von der Sünde rein zu waschen! Amtmann. Gut, daß ich Euer Herz kenne; ich will diesen Fehler dem kindlichen Leichtsinn zuschreiben; nehmt Euch aber eine Lehre daraus für die Zukunft. Jede Sünde bestraft sich durch sich selbst in ihren Folgen. Marie. O wir wissen es. Gewiß, gewiß aber, lieber Vater, hatte der Anton den festen Vorsatz, der Walburg noch mehr zu geben, als er ihr vorenthalten hatte. Amtmann. Einerlei! Das entschuldigt nicht die That. (Man hört das Todtenglöcklein.) Hört – man läutet für die gute Walburg. Verhungert ist sie nicht, Anton. Dieß möge Dein angstbeschwertes Herz einigermaßen, erleichtern. Denn in ihrer kalten Hand fand ich dieß Lederbeutelchen, vier Gulden darin und ein Zettelchen, worauf von ihr selbst geschrieben steht: »Gebt's den Armen, ich brauch's nicht mehr.« Die gute Seele! – – Ihr Tod war Folge der Altersschwäche. Marie und Anton. Gott sei Dank! Amtmann. Nun aber – geht in die Kirche. Betet aus vollem Herzen für Walburg zum lieben Gott und entledigt Euch Eurer Schuld durch das Gefühl der wahrhaftigsten Reue. Anton. O, wie gerne thun wir's! Wenn aber auch nur Du mir verzeihest, lieber, lieber Vater! Marie. Und mir! Amtmann. Die Angst, die Du ausgestanden hast, Anton, möge Dir als Strafe angerechnet werden. Das Vergehen Deiner Nachgibigkeit, Marie, will ich der Schwesterliebe zu gut halten. Ich verzeihe – aber – – Marie und Anton (dem Vater die Hände küssend.) Nie mehr! Nie mehr! (Der Vorhang fällt.) Die geheimnißvolle Pastete. Intermezzo in einem Aufzuge. Personen Anselmus Katzenberger , Professor und Magier. Jakob , ein alter Taglöhner. Margareth , dessen Weib. Casperl Larifari , Privatier. Waldgegend. Katzenberger in schwarzem Ueberrock und Hut, als Spazierstock einen Zauberstab in der Hand, tritt pathetisch ein. Arie. Ich bin ein weiser Magier Und nebenbei auch Zauberer, Gelehrt in allen Schriften Und will nur Gutes stiften. Drum geh' ich oft umher im Land Im schlichten Rock und unerkannt, Bin stets beinah auf Reisen, Wohlthaten zu erweisen. Die Zauberkunst ist angenehm, Man lebt zufrieden und bequem Und kann leicht Alles haben – So will ich jetzt mich laben. Ja, von meiner Morgenwanderung bin ich in der That etwas hungerig und durstig geworden. Ein kleines Frühstück wäre wohl am Platze. (zaudert.) Stäblein reck' Dich, Tischlein deck' Dich, Hocuspucus Melibocus! (Es erscheint vor einer Rosenbank ein gedecktes Tischchen) . Gut bedient! (setzt sich) Cotteletten. Was für ein Weinchen? Ah! Bordeaux Lafitte. Ganz zufrieden, (Trinkt.) Auf das Wohl meiner Ahnen! Heil euch, die ihr in der Tiefe der ägyptischen Pyramide Mandschelmusa bis zur nächsten Seelenwanderungsperiode im Mumienschlummer ruhet! Heil euch heiligen Katzen von Bubastos! – Damit aber ein hochgeehrtes Publikum im Klaren sei, bemerke ich, daß meine Familie aus Aegypten stammt, wo Magie und Zauberkunst ihre Wiege haben. Meine Vorfahren, von besagten bubastischen Katzen stammend, fanden sich veranlaßt, bei der großen ägyptischen Finsterniß, weil sie nichts mehr sahen, nach Europa unter dem Namen Katzenberger und Compagnie auszuwandern. Mein Vater war Apotheker und hinterließ mir in einer versiegelten Opodeldokblechbüchse die Geheimnisse der Magie. Ich hatte Naturwissenschaften studiert, ward Professor extra ordinarius, Mitglied mehrerer wissenschaftlichen Gesellschaften und lebe nun als Privatgelehrter und Magier, mich ganz den Interessen der Humanität widmend. Jetzt bin ich satt, Appage! (Das Tischchen verschwindet.) Da kommen Leute. Ich will mich zur Beobachtung etwas zurückziehen. (Seitwärts ab.) Jakob mit einer Holzaxt. Margareth einen Bündel Reisig auf dem Rücken. Margareth. Ich muß ein wenig rasten, denn ich bin müd'. Jakob. So raste. Margareth. Es ist kein Spaß, eine Stunde her das Holz auf dem Buckel schleppen. Jakob. Ich setz' mich auch ein bißl. Es ist kein Spaß, den halben Tag Holz hauen im Wald draußen. Margareth. Ueber Mangel an Arbeit kann sich keines von uns beschweren. Jakob. Muß sein; denn »im Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Dein Brod essen«, hat unser Herrgott im Paradies gesagt. Margareth. Ja, das weiß ich auch; aber zu wem hat er es gesagt? Zum Adam, nicht zur Eva. Weil der Adam ungehorsam war und in den Apfel gebissen hat – – Jakob. Den ihm die Eva gereicht hat, verstanden? – Und was hat er zur Eva gesprochen? – »Daß der Mann ihr Herr sein soll.« Margareth. Das war ein sauberer »Herr« – der Adam! der seinen Fürwitz und seine Neugier nicht bezähmt hat. Jakob. An der ganzen Geschicht, war doch nur die Eva schuld. Sie war die Neugierige; sie war die Fürwitzige. Margareth. Wenn die Schlange nicht gewesen wär', die die Eva verführt hat, so wär' auch weiter nichts geschehen, und Du brauchtest kein Holz zu hacken und ich brauchte das Reisig nicht zu tragen, das uns der Förster immer überläßt. Jakob. Euch Weibern fehlt's nie an Ausreden; wenn aber wieder so ein Goldapfelbaum aufwüchs' – Du und alle Anderen würden's doch wieder wie die Stammutter der Menschheit machen. Margareth. Und ihr Mannsbilder wäret auch nicht gescheiter, als der Altvater Adam. Laß uns nicht weiter streiten; geh'n wir lieber heim, daß wir zu unserer Supp' kommen. Ich verlang' mir keine Paradiesäpfel. Jakob. Ich auch nicht; mir sind unsere Schalznudeln lieber. Komm, Alte. (Im Abgehen tritt ihnen Katzenberger entgegen.) Katzenberger. Grüß Euch der Himmel, gute Leute. Jakob. Ebenfalls, aufzuwarten. Katzenberger. Ihr habt ja ein wenig gestritten miteinander, wie ich im Hergehen vernahm. Margareth. So was kommt bisweilen bei uns vor, aber das hat weiter nichts zu bedeuten. Jakob. Das geschieht nur im Spaß, so zu sagen, und wir kommen ganz gut aus. Katzenberger. Ihr spracht ja von Adam und Eva, wenn ich recht hörte, und dem Fürwitz des ersten Menschenpaares. Margareth. Ja freilich und mein Jakob da, der schiebt immer alle Schuld auf die Eva – – Jakob. Und mein Weib behauptet immer, daß Adam eigentlich das Unheil angestellt habe. Katzenberger. Ei, ich meine, es haben wohl beide so ziemlich gleichen Theil am Vergehen; beide waren ungehorsam aus Fürwitz und Neugier. Jakob. So was wär' doch unser Einem nicht passirt. Margareth. Da hat mein Jakob recht; die Schlange dürfte mir den schönsten Apfel anbieten in einem solchen Garten, wo mir Alles Andere zu Gebot stünd' – ich blieb fest und standhaft. Katzenberger. Seid ihr Eurer Sache so gewiß? So Etwas ist leichter gesagt, als gehalten. Das käme doch noch auf eine Probe an. Jakob. (lacht.) Ha, ha – bei uns Zwei'n eine Probe!? Wir sind zufrieden mit unserm sauer erworbenen schlechten Bissen. Das ist Probe genug. Katzenberger. Hört, liebe Leute: ich mein' es gut mit Euch; Ihr scheint mir brav und fleißig und darum möchte ich Euch ein sorgenfreies Alter bereiten. Ich habe die Mittel für so Etwas. Allein eh' es geschieht, müßt Ihr Euch einer Probe unterziehen, die ich Euch auferlegen werde. Wollt Ihr? Jakob. Das versteht sich; nicht wahr, Alte? Margareth. Wenn der gnädige Herr es so gut mit uns vor hat, müssen wir's ja dankbar annehmen. Katzenberger. Gut also. Geht nun langsam nach Hause. Ihr werdet sehen, was ich Euch bestimmt habe, und wenn es an der Zeit ist, werde ich mich bei Euch einfinden. Wo wohnt Ihr denn? Jakob. In Haderndorf, eine halbe Stunde von da. Das erste Dörfl mit dem grünen Kirchthurmdach; unser Häusl ist das zweite rechts, wenn man hineingeht. Man heißt's beim »Holzjackl.« Katzenberger. Wohl. Aber, aber – seid standhaft und vergeht nicht Adam und Eva! (Geht ab) Jakob. Gehorsamster Diener, Excellenz. – Du Margareth, das muß ein verkleideter Prinz sein; meinst Du nicht? Margareth. Ja freilich, der ist gewiß ein Prinz; er hat auch so hochdeutsch und vornehm gesprochen, hätten wir ihn nur gleich per Excellenz titulirt, da hätt' er uns vielleicht ein paar Gulden geschenkt. Jakob. Komm, Weib, geh'n wir heim. Vielleicht finden wir zu Haus schon einen Beutel voll Dukataten. (Beide ab.) Verwandlung. Aermliche Stube. Von der Seite wird ein mit Speisen und Getränken besetzter Tisch hereingeschoben. In der Mitte darauf steht eine große verdeckte Pastete. Casperl. (schaut zur Thür herein). Wünsch' guten Morgen. – – Wie? Niemand da? – Monsieur Jakob! Madame Margareth! (Tritt ein.) Niemand zu Haus. Es ist doch schon Mittagszeit und ich hätt' aus Zufall so von Ungefähr mit Fleiß im Vorbeigehen ein paar warme Schmalznudeln aus purer Gefälligkeit gern mitgenommen. Denn besagte Schmalznudeln werden hier besonders gut gemacht, weil diese armen, aber guten Leute eigentlich nichts Anderes haben, als den einen Tag Kartoffel oder Erdäpfel und den andern Schmalznudeln. Nun finde ich mich als guter Nachbar bisweilen gewöhnlich an dem andern , nämlich dem Nudeltage ein, um den armen aber guten Leuten etwas Gefellschaft zu leisten. (Sieht den gedeckten Tisch.) Aber wie? was erblick' ich? – seh' ich recht? – ein gedeckter Tisch! – welch' ein angenehmer Bratenduft! – Eine Schüssel mit Kalbsbraten, Kartoffelsalat mit Häring und harte Eier d'rauf. Bohnengemüs mit – mit – mit – mit Bratwürsteln! Meine Leibspeitz! Und drei Weinflaschen! Und – da mitten drinnen eine große Pastete!! Ha! woher kommt diese in diesen schlichten Räumlichkeiten nie dagewesene brillante Erscheinung? Sollte nicht eine Verwechslung stattgefunden haben und sollten diese Gaben nicht ur- oder repetiruhrsprünglich mir bestimmt gewesen sein? Hat sich das unsichtbare großmüthige Schicksal nicht in der Lokalität geirrt? Ha! ich werde ganz confus. Aber was liegt denn da für ein beschriebener Zettel auf der Pastete? (liest.) »Von Allem eßt und trinket, wie's Euch schmeckt, Doch die Pastete bleibe stets bedeckt!« (Lacht ungeheuer.) Ha, ha, ha! Das ist aber curios! Wer wird sich um die Pastete kümmern unter solchen umstehenden Umständen? Jakob und Margareth treten ein. Margareth. A, der Herr Casperl ist heut' auch schon da! Casperl. Er ist da und wünscht guten Mittag. Jakob (sieht gleich den Tisch.) Weib, Weib! Da schau her! Margareth. Ei, der Tausend! Was seh' ich? Das hat Alles der Prinz geschickt. Casperl (für sich). Was? Der Prinz? – Da muß ich gleich profitiren. (laut in vornehmem Tone.) Ja, gute Leute; der unbekannte Prinz. Und dieser Prinz hat mich hieher geschickt, damit ich mich als guter Freund und Nachbar mit Euch seiner großmüthigen Gaben erfreue. Ich bin Euer Gast, Euer Nachbar, Euer Freund, Wie immer, auch in dieser bedeutungsvollen Stunde. Ja, gute Leute, so will es der edle unbekannte Prinz gehalten haben. Kommt nur gleich; laßt uns anfangen, um nur aufzuhören, wenn Nichts mehr da ist. Jakob. Ja, Herr Casperl, Sie haben Recht. Setzen wir uns. – Also Sie kennen den unbekannten Prinzen? Casperl. Ich kenne ihn zwar nicht ganz genau, allein er kennt mich gewissermaßen so halb und halb auch gar nicht, so daß die Bekanntschaft schon sehr lange in dieser Art auf ein nicht bekanntschaftliches aber eben so verrtauliches Verhältniß schließen läßt. Jakob. So, so? aha, jetzt versteh' ich's. Sie sind also eine Art unbekannter Freund des unbekanntem Prinzen. Casperl. Ja, allerdings, so ist es. Margareth. Nein, aber die guten Sachen! So was ist noch gar nicht dagewesen bei uns. Das schmeckt! Casperl. Aber betrachtet einmal diese geheimnißvolle Pastete. Diese verdeckelte Speise, welche nicht entdeckelt werden soll. Jakob. Das steht wohl auf dem Zettel geschrieben, der drauf liegt. Casperl. Da steht's drauf. Ich will's Euch vorlesen: »Von Allem eßt und trinkt, wie's Euch schmeckt, Doch die Pastete bleibe stets bedeckt!« Jakob. Aha! Das ist die Probe, von der uns der Herr Prinz gesagt hat. Da machen wir uns aber nichts daraus. Nicht wahr Margareth? Margareth. Ja freilich. Die Pastete geht uns ja gar nichts an. Wir halten uns an die andern guten Speisen. Casperl. Laßt uns einmal den Wein probiren. (Schenkt ein und trinkt.) Vivat! Deidesheimer, Ausstich! Jakob. Der Prinz soll leben! Hoch! Alle Drei. Hoch! hoch! Casperl. Reichen Sie mir einmal von diesen Bratwürsteln her; sie duften so angenehm. Ah! Meisterhaft gebraten! Jakob. Die schöne braune Haut! – Jetzt möcht ich aber wissen, wie's möglich wär', daß Einer noch an die Pastete denken könnte? Casperl. Das macht ich auch wissen. Aber sonderbar ist es doch jedenfalls, daß man auf den Einfall kommen kann, eine Speise auf den Tisch zu setzen, von der man nichts essen soll. Denn eigentlich sind doch die Speisen zum Essen da und nicht blos zum anschau'n. Warum nicht lieber gleich so Etwas weglassen? Jakob. Der Prinz will sich halt einen kleinen Spaß mit uns machen. Casperl. Das ist jedenfalls ein schlechter Spaß; Eine Art Crudelität. Natürlich, Ihr Beide wißt überhaupt nichts von Pasteten. (Vornehm.) Aber ich, ich kenn' mich aus in solchen Bissen. Ich kann Euch nur sagen, daß Pasteten die köstlichsten Speisen sind, die es auf den Tafeln der Vornehmen gibt. Jakob und Margareth. (erstaunt) Ah, Ah! Casperl. Nämlich: in solche Pasteten thut man das Allerbeste hinein: Rebhühnlein, Fasanen, Spanferkeln, Knödl mit Sauerkraut, Hasen, ganze Rehböck und oft die besten Süßigkeiten mit allerhand Obst und geschnittene Nudel dazu mit chinesischem Pfeffer. Jakob und Margareth. (höchst gespannt) Aber nein! ist's möglich? Casperl. Ich meinerseits will Nichts von der Pastete haben; denn mir ist so etwas nichts Neues; aber ich möcht' nur wissen, was in der Pasteten da drinnen ist. Jakob. Nein, nein! Nur keine fürwitzigen Anspielungen. Verboten bleibt verboten. Casperl. Verboten! was ist denn verboten? Es ist nur ein Scherz, eine Vexirerei. Ich bin auch gar nicht neugierig, denn ich habe ja solche Pasteten schon nach dem Dutzend gegessen; aber grad deßwegen wär' es mir interessant, zu erfahren, was in dieser Pastete drin ist. Margareth. Da hat eigentlich der Herr Casperl seinerseits nicht Unrecht. Wir essen ja auch nichts davon und wenn der Herr Casperl nur hineinschauen will, so ist das seine Sach'. Jakob. Wer aber einmal hineingeschaut hat, dem kommt gewiß auch gleich die Lust zum Schnabuliren, besonders, wenn so gute Sachen drin sind, wie der Herr Casperl gesagt hat. Terzett. Casperl. Was kann in der Pastete stecken? Ein wenig möcht' ich nur dran lecken. Jakob. Was stecket wohl in der Pastete? Wie meinst Du, liebe Margarethe? Margareth. Den Deckel etwas aufzuheben, Das kostet uns wohl nicht das Leben. Casperl. Warum sollt ich es nicht probiren, Den Deckel etwas zu berühren? Jakob. Probi–bi–bi–bi–biren? Margareth. Rüh–ri–ri–ri–ri–rühren? Casperl. Pro–bi–bi. Jakob. Probi–bi–bi. Margareth. Probi–bi–bi. Alle Drei. Probiren! Probiren! Probiren! Casperl nähert sich der Pastete, an ihn hängt sich Jakob, an diesen Margareth. Casperl. Ich will nur den Deckel seitwärts ein wenig lüften. (Riecht daran.) Ah! das stinkt ein Bißchen. Allein das ist vermuthlich der sogenannte »Hautgout«, der dem Wildpret eigen ist. Wir wollen noch genauer daran schnuffeln. (Hebt etwas mehr auf.) So etwas Schwefel-Geruch. Das kommt von der Sauce. (Hebt den Deckel ganz auf. Knall und Pulverexplosion. Alle drei fallen hin. Ein kleiner Teufel springt aus der Pastete auf Casperl und zaust ihn. Casperl, den Teufel auf dem Rücken, läuft wie närrisch schreiend auf und ab.) Jakob und Margareth. Auweh! Auweh! Wir sind verloren! Uns holt der Teufel. Donnerschlag. Der Teufel springt hinaus und es erscheint in vollem Zauberornate Katzenberger. (Alle fallen auf die Kniee.) So habt ihr also die Prüfung bestanden? Kaum habe ich Euch die erste Wohlthat erzeigt, seid Ihr schon gefallen! Alle. Auweh! Auweh! Katzenberger. Ja! Auweh, ausweh heißt es jetzt. Was könnt Ihr zu Eurer Entschuldigung sagen? Jakob und Margareth. Der Herr Casperl! Der Herr Casperl! Katzenberger. Ja, der Casperl, der Casperl! Der war die Schlange. Nicht wahr? So hat auch Eva im Paradiese gesagt. Aber ist es nicht eine Schmach, daß ihr diese erste kleine Probe nicht bestanden habt? Jakob. Ja freilich ist's eine Schand! Margareth. Wir sind eben auch schwache Menschen, weil wir von Adam und Eva abstammen. Katzenberger. Nur still! Ich weiß Alles. Allerdings war Casperl der Verführer und deßhalb will ich Gnade vor Recht ergehen laßen. Casperl. Erhabener Zauberer! Sie wissen, daß Neugierde eine meiner vorzüglichsten Tugenden ist. O verzeih'n Sie mir allergnädigst. Katzenberger. Du warst immer der Hanswurst und wirst immer der Hanswurst bleiben. Euch andern Beiden will ich meine Protektion nicht entziehen, weil Ihr brave, arbeitsame Leute seid. Ich werde Euch eine monatliche Unterstützung anweisen und Ihr sollt nicht in Sorgen und Noth leben. Allein in Zukunft glaubt nicht, daß Ihr es besser gemacht hättet, als eure Stammeseltern Adam und Eva. Menschen sind und bleiben Menschen. Lebt wohl! (Verschwindet.) Jakob und Margareth. Heil unserm Wohlthäter! Tausend Dank! Wir lassen gewiß alle Pasteten stehen. Casperl. Ihr kriegt ohnedieß keine mehr zu sehen. Aber eigentlich habt Ihr die künftigen Wohlthaten des Herrn Zauberes doch nur mir zu verdanken; denn wenn nicht ich den Pastetendeckel aufgehoben hätt,' so hätt' es doch Eines von Euch gethan. (Er umarmt Jakob und Margarethe.) (Der Vorhang fällt.) Die sieben Raben. Märchendrama in drei Aufzügen mit einem Vorspiel. Personen. Herzogin Kunigunde, Wittwe. Albert, ihr Sohn. Graf Wolfram, ihr Schwager. Elsbeth Die Fee Hulda Casperl Larifari Etzel, Wolframs Diener. Ralf, Knappe. Ein Scharfrichter . Knappen und Reisige. Volk. Personen des Vorspiels: Ritter Eckart . Siglind, dessen Gemahlin. Die Fee Hulda . Vorspiel. Gemach auf Ritter Eckart's Burg. Morgendämmerung. Siglind liegt auf einem Ruhebette. Eine Lampe brennt neben ihr. Man hört die Thurmwächter den Morgengruß blasen. Siglind (fährt vom Schlafe auf.) Es graut der Tag, der Wächter grüßt den Morgen. Weh mir, daß ich erwach' zu Leid und Sorgen! War auch gebannt der Schmerz durch Schlummers Nacht, Des Tages Grau'n hat wieder ihn geweckt. Allmählig wird die Bühne vom Morgenroth erhellt. Die Lampe erlischt. Was glüh'st du mir in mein Gemach herein Verhaßtes Licht? Dein Schimmer ist mir Pein; Du kündest des Bewußtseins klare Helle, Daß immer ströme meines Unheils Quelle. (Wirft sich wieder auf's Lager.) Ritter Eckart tritt ein, Eckart. Noch schläft sie. Ihr zur Ruhe, mir zum Trost Denn wahrlich kaum ertrag' ich ihren Wahn. Sieglind (auffahrend.) Nein! sie schläft nicht! Vermöchte sie's für immer! Dann wäre aller Gram mit ihr begraben. Eckart. Der Gram? O sage lieber doch Verblendung. Siglind. Dir freilich scheint Verblendung Weibes Leid. Wie sollte auch in Männerbrust ein Herz Sich regen zarter Art und feinen Sinnes? Dem Mann genügt's, sieht er sein eigen Leben Erneut in Söhnen, die ihn rings umgeben. Was kümmert's ihn, daß seinem treuen Weibe Die Tochter fehlt, in der sie sich erkennt? Eckart. Wie? also sollt' ich mich der sieben Söhne, Die Gott durch dich mir hat geschickt, nicht freu'n? Ich sollte schmählich jammern, daß nicht auch Ein Mägdlein mir geboren ward? Ei was! Gott wollt' es so, drum laß' dein ewig Klagen, Das mir die Lust vergällt am eig'nen Leben. Siglind. Ich lasse gern die Lust dir an den Söhnen; Wie lange währet die? sie stürmen fort! Leer wird das Haus. Jetzt sind sie wohl noch Kinder; Der Jahre rascher Flug macht sie zu Männern. Dir mag's gefallen; aber ich, dein Weib, Soll leben alle Zeit in Einsamkeit? Mir gönnest du kein Kind, das mir verbleibe – Kein Wesen, daß sich innig an mich ranket – Die Tochter nicht, der Mutter Herzensfreude? Eckart. Was sollt' ich's nicht? Doch habe nur Geduld; Wer weiß, ob nicht dein Wunsch sich noch erfülle? Siglind. Nein! nimmermehr! Schon längst wär's Zeit gewesen, Daß ich von einem Töchterlein genesen; Ein bös Geschick verfolgt mich – Eckart. Laß die Thorheit! Der Himmel könnte, deines Jammers müde, Wohl dich und mich in uns'ren Söhnen strafen, Die er uns gnädig gab. Drum danke lieber, Statt durch der Klage Ungestüm zu freveln. Sieglind (immer heftiger.) Und Spott noch, Hohn des armen Weibes Kummer Dieß ist so Mannes Art! O könnt' ich Alle Verwünschen, die doch nur an Frauenschwäche Sich weiden. Eckart. Schweige thöricht Weib! Genug Hab ich an deinem Wahn. Siglind. Und ich genug An deines Herzens Härte und der Selbstsucht, Die deiner Söhne Mutter von sich stoßt. Fürwahr – Gott hör' es! – Diese sieben Buben Gäb' ich um Eine Tochter hin. In Raben Verwandelt dürften sie des Schlosses Zinnen Umschwirren, läg' ein Mägdlein in der Wiege, Das mir mit holden Aeuglein lieblich winkte. Ich sag's: in Raben seien sie verwünscht, Wenn – – Donnerschlag. Die Fee Hulda erscheint. Hulda. Sie sind es! Mutterfluch ist Zaubermacht. Sie sind's ! Blick' auf: Dein Wort ist dir erfüllt. Aus ihren Bettlein schweben sie, nun höre Den Flügelschlag der sieben schwarzen Vögel: Die eig'nen Kinder sind's die du verwünscht! Sieben Raben fliegen in's Gemach, kreisen einige Male umher und verschwinden. Siglind und Eckart sinken zu Boden. Hulda. Doch wie dein Fluch erfüllt, sei auch gewährt Dein Wunsch und binnen eines Jahres Frist Wird dir ein Töchterlein am Busen liegen. O pfleg' es gut und wahr' es wohl! Die Brüder Vielleicht vermag's einmal durch Schwesterliebe Vom bösen Zauber wieder zu befrei'n. Du aber trage zur erfüllten Lust Den Schmerz auch in zerfleischter Mutterbrust, Daß du die eig'nen Söhne Preis gegeben Um eines Töchterleins ersehntes Leben. (Verschwinden.) Eckart. Weh dir, o Weib! Siglind. Weh mir! Mein kühnes Wort Hat sich erfüllt. O meine theuren Söhne! Dort seid ihr! fort! Nun bin ich ja fürwahr Nie Rabenmutter, die sich selbst verflucht! (Der Vorhang fällt.) Ende des Vorspieles. I. Aufzug. Waldestiefe. Im Hintergrund eine schlechte Holzhütte. Casperl liegt auf einem Sitze im Vordergrund, reckt und dehnt sich gähnend aus dem Schlafe. Casperl. Das heißt einmal g'schlafen! aus lauter Müdigkeit vom Faulenzen. Aber nein. Ist das nicht eine bedeutende Arbeit? In der Fruh spät aufstehen, bis man sich bald wieder legt zum Mittagsschlummer, aus dem man sich wieder erhebt, um sich Abends abermals niederzulegen, damit man Nachts besser schlaft? Ist das kein Geschäft, ein schönes junges Fräulein zu bewachen, damit ihm nichts Uebles geschieht in dieser langweiligen Wildniß, in der man sich zwischen Nachteulen und Bären bufindet und in der wir nun einsiedlerisch oder vielmehr zweisiedlerisch schon einige Zeit hausen? (Geht an die Hütte und schaut durch's Fensterchen hinein.) Da sitzt sie wieder und spinnt und näht drauf los, wie eine Nahderin auf der Stör. Ich muß sie nur ein bißl aufhören machen. Sie wird mir ja noch ganz krum und bukelt vor lauter Näh'n. (Klopft an's Fenster.) Lieb's Fräulein! setzen S' doch a bißl aus. Pressirt's denn gar so? Kommen S' a wenig heraus an die frische Luft. Es wird ohnedieß schon Abend und 's ist Zeit, daß Sie Feierabend machen. Es ist außerordentlich kühl und angenehm. Elsbeth (von Innen.) Ich komme schon. Nur noch ein paar Stiche am siebenten Hemdlein. Gleich, gleich komm ich! Casperl. Am siebenten Hemd! Jetzt hat sie schon sechs Hemdeln gesponnen und genäht. Kein Mensch weiß warum und für wen . Für mich können's nicht gehören; ich bin etwas zu corpulent für das Maas. Für den schönen Jäger, der bisweilen vorbeikommt und immer zuspricht, werden's wohl auch nicht gehören – oder vielleicht hat er's doch bei ihr bestellt? Ueberhaupt, die ganze Geschicht ist sehr curios: die Raben, die alleweil aus- und einfliegen und die das Fräulein herzt und streichelt. Kurz, ich kenn mich gar nicht aus. Ah, jetzt kommt sie heraus. Elsbeth in einfach grauem Gewande tritt aus dem Hüttchen. Zugleich schweben sieben Raben uns dem Fenster. Elsbeth. Welch' schöner Abend! Wie herrlich dort die Abendsonne die Bäume vergoldet. Kasperl. Vergoldet? Das muß eine galvanische Vergoldung sein. Das Gold wird über Nacht immer wieder weggewischt und ich hab' noch nicht Einen Ducaten g'funden von dem Abendgold. Elsbeth. Wie du wieder schwatzest, Casperl! Casperl. Da heißt's immer, ich schwatz dummes Zeug. Was hätt' ich denn in der Waldwildniß, wo man sich bei jedem Schritt die Nasen an en Baum anrennt, für einen Diskurs, wenn ich nicht mit mir selbst a bißl reden könnt? Sie reden ja manchen Tag kein Sterbenswörtl, höchstens nur was grad sein muß: (mit feiner Stimme ein Frauenorgan nachäffend) »Casperl, hol' mir Wasser an der Quelle!« – »Casperl, putz' mir die Schuhe!« – »Casperl sei still!« (Mit gewöhnlicher Stimme.) Anders hör' ich Nichts aus Ihrem holden Munde; bisweilen machen S' en rechten Herzensseufzer, und nachher steh' ich halt da und kann Fliegen fangen. Bin ich denn nicht Ihr getreuer Leibknappe, der mit Ihnen in die Einsamkeit geflohen ist? Elsbeth. Ich weiß es wohl, guter Casperl. Sollt' ich je vergessen, daß du es warst, der mich aus der brennenden Burg gerettet hat, in deren Flammen meine unglücklichen Eltern, mein guter Vater Eckart und meine liebe Mutter Siglind ihren Tod gefunden haben. Casperl. Ja, damals, als der Blitz eingeschlagen hat und Alles zu Grund gegangen ist, waren Sie ein kleines Wuzerl von 10 Jahren. Elsbeth. Bist nicht du mir treu hiehergefolgt? Du bist es, der mich hier bewacht und kümmerlich mit mir lebt. Ich werde dir mein Leben lang dankbar sein. Casperl. Was das kümmerliche Leben anbelangt, so kann ich mich wirklich nicht darüber beschweren, denn das Hungerleiden hab' ich gelernt. Mich wundert's nur, daß ich nicht die Abzehrung krieg'. Gebratene Nußhäher sind noch unsere delikatesten Bissen. Hätt' ich nicht aus dem brennenden Schlosse mit Lebensgefahr noch ein Kastl voll Goldstückeln gerettet, so wären wir schon lang alle zwei verhungert. Und da muß ich zwei Stunden weit ganz heimlich in die Stadt laufen und Brod und Eier holen. Nächstens sperren s' mich aber doch amal ein, weil die Polizei mich als ein verdächtiges Subjekt, als ein verloffenes Weisel oder einen Vagabunden ansieht. Ich muß immer meinen rothen Spenser umgekehrt tragen, damit ich in einer Art Verkleidung die Commissionen mach'; denn der Casperl Larifari ist ja überall bekannt, wie's schlechte Geld. Elsbeth. Geduld, Geduld, Casperl! Der Tag ist vielleicht nicht mehr ferne, daß wir beide erlöst werden. Casperl. Aha! Ich merk' was. (In erhabenem Tone.) Sollte dieser oder jöner ruthselhafte Jägersmann etwa als Befreier auftröten? Sollte unsere Oinsamkeit durch eine brillante Entführungsscene mit Dschindschin Pumdadara ihr Ende finden? Ha! – (In Positur.) Welche Idee! Sollte die Vurwirkelung zwoier Herzen sich in der stillen Oinsamkeit dieser Waldparzelle – – Elsbeth. Ich bitte dich, schweige. Sprich' nicht so tolles Zeug. Casperl. Was? tolles Zeug? Bin ich nicht Ihr Wächter? Ihr Buschützer? Wenn sich der unbekannte Forstgehilfe, und wenn er auch Revierförster ist, nicht bald erklärt, so werde ich mir diese Visiten, im bayerischen Alpenlande »Fensterln« genannt, ernstlich verbieten und mit einem Prügel Schildwacht stehen. Elsbeth. Beruhige dich, Casperl. Du hast Nichts zu fürchten und bald wird dir Alles klar werden. Casperl. (hat in die Coulisse geblickt.) Da haben wir ihn schon wieder! Wird der Wolf genennt, so kommt er gerennt. G'rad steigt er ab von seinem schönen Schimmel und bind't die Zügel an die große Buche. Er kommt schon. Albert. (in ritterlicher Jägertracht, eilt herein.) Meine Elsbeth! Elsbeth. Mein Albert! (Sie reichen sich die Hände.) Casperl. Jetzt kommt das bekannte Duett, bei dem ein Dritter immer unnöthig ist. Also entferne ich mich und schlaf' zur Abwechslung ein halbes Stünd'l in meinem Kammerl. (Ab in die Hütte.) Albert (zu Elsbeth.) Gott grüße dich! heut ist's das letzte Mal, Daß ich dir nahe hier im Waldesthal. Elsbeth. Das letzte Mal? Ach, wie mag mir gescheh'n? Dich, Theuren, soll ich nimmer wieder sehen?! Albert. Nicht treulos bin ich. Nein! es kam die Stunde, In der ich heim dich führ' zum heiligen Bunde. Elsbeth. O liebe Seele! Mich , die arme Maid Soll zieren nun das bräutliche Geschmeid? Du willst mich mit dem Blumenkranze schmücken? O nein! mir nicht gebühret solch' Beglücken. Wie du mir hast bekannt, in diesen Gauen Herrscht deine Mutter. Sollte ich vertrauen, Daß du, der Herzogssohn, sich sein Gemahl Erwähl' aus dunklen Waldes stillem Thal? Albert. Frei bin ich, glaub' es. Du, nur du allein Sollst die Gefährtin meines Lebens sein. Doch, da ich dich gewählt und dich gefreit, O sage: naht nicht heute doch die Zeit, Daß du dein Schweigen brächst, mit holdem Mund Mir endlich Stamm und Abkunft gäbest kund? Elsbeth. O frage nimmer! Noch ist nicht gekommen Der Tag, an dem den Lippen wird genommen Des Eides herbe Pflicht. Noch muß ich schweigen. Albert. Und dennoch muß mein Herz sich treu dir neigen. Wer du auch sei'st, du bist der Engel mein Und deine Heimath muß der Himmel sein! (Umarmt sie.) Elsbeth. Noch kurze Zeit – und ich darf dir mich nennen, Weß' Stammes ich. Dann magst du mich erkennen. Albert. So schweige immerhin. – Doch fort! Besteige Mein Rößlein nun, daß wir bei Tages Neige In Sternenpracht und Mondensilberschein Ins herzogliche Schloß noch ziehen ein. Casperl (der, aus der Thüre tretend, die letzten Worte gehört hat.) Wie? was? Herzogliches Schloß! hab' ich recht gehört? Albert. Du hast recht gehört. Folge deiner Herrin. (Albert führt Elsbeth hinaus.) Es ist mittlerweile Nacht geworden, Sterne und Mond stehen am Himmel. Casperl (auf- und ablaufend.) Da möcht' Einer ja närrisch werden. Der Jäger ist also ein Herzog. Ah, natürlich, er ist ja alleweil hergezogen . Das ist aber so viel, wie ein Prinz, eine sogenannte Durchlaucht. Und mein liebes Fräulein wird Prinzessin. Und ich bei dieser Gelegenheit nicht viel mehr und nicht viel weniger als Hoflakai! Da heißt's aufpacken! G'schwind hinein! (Ab in die Hütte.) Albert tritt ein, am Zügel den Schimmel führend, auf welchen Elsbeth sitzt. Elsbeth. Leb wohl nun, liebe Einsamkeit, Wo ich gelebt in stillem Leid! Lebt wohl, all ihr Waldvögelein, Ich laß' euch hier im Grün allein. Ich ziehe fort. Mög' allerwegen Mich schützen Gottes heil'ger Segen! (Albert und Elsbeth ziehen hinaus.) Casperl mit einem Schiebkarren, auf welchen verschiedene Gegenstände geladen sind: Caffemaschine, Kessel etc. Leb wohl, du stille Einsamkeit; Ich ziehe fort, weiß nicht wie weit! Leb wohl, o du Langweiligkeit, Ich hoff' 's kommt eine bess're Zeit! (Ab) Nun wird der Wald magisch erleuchtet; Waldblüthen und Blumen in Transparentlicht. (Die Fee Hulda erscheint.) Hulda So fahre hin, du holde Maid! Es harret dein so manches Leid. Nur kurze Zeit bleib noch verschwiegen Und dann wird deine Treue siegen. Die sieben Jahr' sind bald zu Ende, Gesponnen haben deine Hände Die Hemdlein all' mit Liebesfleiß Wie es des Zaubers war Geheiß. Bald sollen deine Brüderlein Nicht mehr die schwarzen Raben sein! Sie werden in die Hemdlein weiß Sich kleiden dir zum Siegespreis. Sie werden ihr lieb' Schwesterlein Aus Noth und Jammer dann befrei'n. Drum ziehe hin, du holde Maid Bald ist vergangen alles Leid! (Der Vorhang fällt langsam.) ll. Aufzug. Festlich geschmückter Saal in der herzoglichen Burg. Herzogin Kunigunde, Albert (im kurzen Herzogsmantel), Elsbeth (im Brautgewande) treten ein, während hinter der Scene Trompetenfanfaren erschallen und das Geläute der Kirchenglocke allmählig verhallt. Herzogin Kunigunde. Nun, Elsbeth, bist du meinem Sohne angetraut und Tochter bist du mir; komm' an mein Herz! Elsbeth (vor Kunigunde niederknieend.) Es ist der Gruß der Liebe und der Demuth. Sieh' mich zu deinen Füßen, Herzogin! Kunigunde. Steh' auf, mein Kind! Elsbeth Wie könnt' ich dir es danken, edle Frau, daß du mich so huldreich aufgenommen hast? Mich die Unbekannte, die dein Sohn wie ein einsam stillblühend Blümlein im Walde gefunden. Mich die Arme, Verlassene! Kunigunde. Ich weiß es, daß mein Albert nicht im Stande wäre, ungefüge Wahl zu treffen, eine Gemahlin heimzuführen. Sein Herz, sein edler Sinn bürgen dafür. Aus deinem Wesen aber, Elisabeth, spricht nur Edles und Gutes. Und darum auch kamst du mir willkommen. Elsbeth. Wahrlich, du sollst in deinem Vertrauen nicht getäuscht werden. Nicht gereuen soll es dich, daß du also gehandelt. Albert. O dessen bin ich gewiß. Wie ein Sternblümlein habe ich dich in grüner Heimath gefunden und als mein Lebensstern bist du, mein Weib, hier eingezogen. Elsbeth. Noch schließt ein wunderbar Verhängniß meine Lippen. Verzeiht mir! Aber mein Mund wird sich aufthun, wenn ein Gelöbniß erfüllt ist. Verkünden werd' ich meines Stammes Reinheit. Gott gebe, daß es bald geschehen darf. Kunigunde. Wohl hatte ich vor eurer Trauung viel der herben Worte zu hören von meinem Schwager, dem Grafen Wolfram. Allein mein Mutterherz war gewappnet gegen alle Einsprüche. Sollte ich denn grausam dem Glücke meines Sohnes entgegentreten? Nimmermehr! (zu Albert) Ist es nicht deine eigene Sache, Albert, zu deinem Glücke dir ein Eh'gemahl zu wählen. Ebenso aber wäre es auch deine eigene Sache, hättest du nicht so gewählt, wie es sich geziemt. Du trügest zunächst die Folgen, mir bliebe alle Verantwortung, fern. Elsbeth. Mein Herz ist reinen Bewußtseins; mein fester Wille, Albert glücklich zu machen. Albert. Theure Elsbeth! wie könnt' ich jemals daran zweifeln? Eine Seele und ein Herz sind wir. Kunigunde. Dort kommt mein Schwager durch den Säulengang herauf. Entfernt Euch Beide. In Zornesmuth wollte er Eurer Trauung nicht anwohnen. Geh't; zuvor soll er mich allein treffen. (Elsbeth und Albert ab.) Graf Wolfram tritt heftigen Schrittes ein. Wolfram. (höhnisch.) Nun denn! so ist das Glück begründet. Bund ist geschloßen. Kunigunde. Allerdings. Elsbeth ist meines Sohnes Gemahl. Wolfram. (spottend) Glück auf! Jetzt tragt eine fahrende Dirne, eine unbekannte Magd den herzoglichen Purpur. Kunigunde. Die Frage bleibt immer, ob der Purpur den Menschen schmückt, oder ob nicht der Mensch den Purpur ziert. Wolfram. Auf solchen Schultern könnte der weiße reine Hermelin, den Eure Ahnen trugen, doch vergilben. Wer kennt denn die holde Unbekannte? Kam sie etwa aus einem Zauberlande? Ward sie von Silberschwänen hergetragen? – Vielleicht eine Waldfei? Nein, nein! Sie ist wohl eines Köhlers Kind. Das junge Herrlein fand sie ja im tiefen Walde? Gut, daß sie sich noch vor der Hochzeit den Ruß des Kohlenmeilers abgewaschen. Nun hat sie wohl eine schöne weiße Haut? ha, ha, ha! (lacht höhnisch.) Es ist ein wahrer Jammer, diese Herzogshochzeit! Kunigunde. Kein Spott! kein Hohn, Graf Wolfram! Elsbeth ist nun meines Sohnes Weib, sie ist meine Tochter. Vor des jungen Herzogs Gemahl habt Ihr Eure Knie zu beugen. Wolfram. Das werd' ich nicht thun; denn sie wird mich nie erblicken. Doch – um ihretwillen, um der fremden Dirne willen – – (die Herzogin macht eine strafende Bewegung.) verzeiht, sie war es, jetzt ist sie freilich Herzogin – um ihretwillen habt Ihr euer Wort gebrochen ; das Versprechen habt Ihr mir gegeben, daß Euer Sohn, Herzog Albert, meine Tochter heimführen sollte. So war's beschlossen unter uns Beiden, so war's abgemacht ! Habt Ihr das vergessen, Frau Herzogin? Kunigunde. Nein , Graf Wolfram. Nicht vergessen hab, ich's. Allein das Gelöbniß;, daß mein Sohn Eure Tochter als Gemahl heimführe, galt nur die Zeit seiner Minderjährigkeit und da Ihr noch sein Vormund gewesen. Da konnt' ich Einsprache thun gegen jedes andere Verlöbniß; jetzt aber, da Albert seit zwei Monden mündig , ist er sein eigener Herr in allen Dingen. Er ist der regierende Herzog und ich habe keine Macht, kein Recht gegen seine Wahl Einspruch zu thun. Wolfram. Wahrlich, an Euch ist eine Anwalt verloren. Ihr sprechet trefflich für eine schlechte Sache. Immer wär' es noch an Euch, der Mutter gewesen, den Sohn durch mütterlichen Rath zu recht zu weisen; Euch hätt's geziemt, Alles aufzubieten, daß Albert das Versprechen erfülle, welches Ihr für ihn gegeben hattet. Kunigunde. Des Mannes Herz ist frei; frei die Wahl der Gemahlin. Wolfram. Frei, sagt Ihr? Dießmal nicht , mein' ich; denn er ward behext : das nennt Ihr eine freie Wahl, wenn Liebeszauber des Mannes Sinne fesselt? Kunigunde. Verläumdung! schmachvolle Lüge! Aus Euch, Graf Wolfram, sprechen nur Unmuth und Haß. Wolfram. Nun denn! mög' das Ehebündniß Euch zu Nutz und Frommen sein. Ich lache dazu, wie's noch kommen mag. Kunigunde. (in edlem Zorne.) Lebt wohl, Graf Wolfram! Ich habe Nichts mehr mit Euch zu reden. Wir streiten um Nichts; drum laßt uns enden. (Geht rasch ab.) Wolfram. (allein.) Um Nichts ? Das wird sich zeigen. Geh' nur, bethörtes Weib! Die Strafe bleibt nicht aus und dazu soll meine Rache das Feuer schüren. (ruft hinaus.) Heda, Etzel, herein! Etzel tritt ein. Wolfram. Sind die Rosse gesattelt? Ich will aufbrechen; Gleich, gleich will ich heimreiten. Etzel. Die Gäule steh'n bereit. Aber ich möcht Euch rathen, noch zu verweilen. Hab' Allerhand schon erlauscht und gehört. Wolfram. Was gibt's? Ich will aber fort. Mein ist des Bleibens hier nicht länger. Etzel. Wartet, wartet nur eine kleine Frist noch. Hört: Kaum ist die schöne junge Herzogin im Schloße, munkelt's schon mancher Seiten, es sei nicht richtig mit ihr. Wolfram (überrascht.) Still, daß dich Niemand höre! sprich leise. Etzel (geheimnisvoll.) Laßt Euch nur sagen, gnädiger Herr Graf: Primo oder zum Ersten: Der Burgwart, dem ich einen Trunk bezahlt, erzählte mir ganz insgeheim: Als die Braut auf dem Schimmel des jungen Herzogs, der ihn säuberlich am Zügel führte, über die Zugbrücke stattlich einritt, sei eine Schaar kohlschwarzer Raben hinter ihr drein geschwebt und alsbald in ihr Kemenat durch's offene Fenster eingeflogen. Wolfram. Wie? was? eine Schaar Raben, sagst du? hinter Elsbeth geflogen? Mit ihr eingezogen? Etzel. So war's, Der Burgwart hat's mit eigenen Augen geseh'n. Wolfram. Galgenvögel? Unglücksvögel? Hexengethier? Etzel. Ein paar Söldner, die am Thore Wache standen haben's auch geseh'n. Sie schwören darauf, wenn Ihr wollt. Wolfram. Wichtige Botschaft. Aber, weiter, weiter – – Etzel. Secundus oder zum Zweiten: Ist ein verdächtiger Bursch, angeblich der Knapp und Diener der jungen Herzogin, mit eingefahren. Ein Schalk, wie ich noch keinen sah; ein feiger Hund, ein schlauer Hallunk absonderlicher Art, so ein Teufelskerl. Wie gesagt, 's ist nicht richtig mit der jungen Herzogin. Mit Verlaub gesprochen: es sieht verdammt hexenhaft her. Wär's denn unmöglich, daß sie den guten jungen Herrn bezaubert hat? Wolfram. Er ritt oft in den Wald – ohne Zweifel zu ihr ; denn er wollte nie einen Waidknecht mitnehmen oder wenn er Jäger bei sich hatte, entfernte er sich vom Troß und kehrte oft spät in der Nacht allein zurück, wie sinnverwirrt. Das weiß ich von seinen Knappen. Etzel. Wie wär's, wenn Ihr – ich sag' das Alles um Euer verlassen lieb Fräulein willen – wie wär's, wenn Ihr dem tollen Burschen etwas auf den Zahn fühlen wolltet? Ich bring ihn Euch herein. Er trinkt gleich da draußen auf der Türnitz mit den Knechten. Wolfram. Du bist ein kluger Diener. Thu' das, ruf' ihn herein. Etzel. Soll gleich gescheh'n. (Ab.) Wolfram. (allein). So scheint der Rache Weg gebahnt. Meine verlassene Tochter! du sollst gerächt werden. Elsbeth muß fallen. (Casperl tritt unter Verbeugungen mit Etzel ein.) Wolfram. Da bist du ja. Ich muß doch mit den Leibknappen der jungen Frau Herzogin, meines theuren Neffen geliebter Gemahlin, Bekanntschaft machen. Du gehörst jetzt in's Haus. Casperl. (als ob er taub wäre.) Ja, unterthänigst zu melden, ich bin wirklich wie eine Maus daherein gekommen. Wolfram. Wie lange bist du schon bei deiner Gebieterin Knappe? Casperl. Mit Vergunst gehorsamst aufzuwarten, es war kein Rappe , ein Schimmel war's, auf dem wir eingeritten sind und zwar der Schimmel des jungen Herzogs. Wolfram. Verstehe recht: Ich fragte um deine Dienstzeit: wie lange du – –? Casperl (ihn unterbrechend.) O ich bitte, eigentlich ist mir gar nicht bang um mich; ich hab hier mein gut's Essen, und trinken kann ich, so viel ich mag. Das ist bei mir immer die Hauptsach'. Wolfram (zu Etzel bei Seite.) Ist er taub, der Bursch? oder thut er nur so? Er scheint mir ein arger Schalk. Casperl. Ja, einen Talken hat mich mein Fräulein – jetzt uns're Frau Herzogin – schon oft genannt. Etzel. Mit etwas Geld wird's mit dem Hören besser gehen. Wolfram. (zu Casperl.) Armer Bursch! Du bist ja taub. Casperl. Ja, wenn das Laub abfallt, da wird's bald Winter werden. Wolfram. Nun, es soll mich freuen, wenn der Winter Gutes bringt. Vor der Hand macht der Sommer die Kehlen trocken. (Wirft ihm eine Börse zu.) Da hast du Etwas zu einem guten Trunk auf das Wohl des jungen Ehepaares. Magst nach Herzenslust deinen Durst löschen. Casperl. Unterthänigst aufzuwarten – eine Wurst ist immerhin gern mitzunehmen, wenn sie nur vorn und hinten zugebunden ist. Mach meine gehorsamste Danksagung. Wolfram (zu Etzel.) Der Kerl ist unerträglich. (Laut zu Casperl.) Nun, im Vertrauen, ich gehöre ja zur Sippschaft; denn ich bin der alten Frau Herzogin leiblicher Bruder – im Vertrauen: wo ist denn eigentlich der Herzogin Elsbeth Heimath? Casperl (großartig.) Ha! woher? – Dieses Gehoimniß ist öben die Frage, die in dem Dunkel des Waldes neben jöner stillen Hütte bei der Dämmerung des blinkenden letzten Mondviertels nach dem Aufgang der untergehenden Sonne des ersten halben Jahres in dem Busen der Natur begraben bloiben muß; kurz: ich woiß es nicht, und wenn ich es woißte, so – – Wolfram. Du bist ein Narr! (rasch ab.) Etzel Du hast meinen Ritter durch dein Benehmen sehr aufgebracht und beleidigt. Casperl. Beleidigt oder beluidigt – ich bin und bleib' der Casperl Larifari und laß' mich nicht ausfratscheln. Etzel. Aber du kannst dir doch denken, daß meinem Herrn daran liegt, zu erfahren, wer die junge Herzogin ist. Casperl. Ob's ihm daranliegt, ober ob sie ihm nicht daranliegt, mir ist es einerlei. Jetzt bin ich amal da und bleib da und weißt was, Bruder? Jetzt gehen wir zum Imbiß, wie die Herren Ritter zu sagen pflegen, wenn sie in Etwas beißen wollen. (Trollt lachend ab.) Etzel (allein.) Was ist da zu machen? Mit dem Schalk läßt sich Nichts anfangen. (Ab.) Verwandlung. Burghof in Mondbeleuchtung. An dem Fenster eines von Innen erleuchteten Erkers, welches offensteht, ist Elsbeth. Unten geht, Wache haltend, der Knappe Ralf, einen Spieß in der Hand, auf und ab. Elsbeth (singt oder spricht.) Sei gegrüßt du stille Nacht, Seid gegrüßet Mond und Sterne! Leuchtend schaut ihr aus der Ferne, Elsbeth harrend, hoffend wacht. Kommt, ihr lieben Brüderlein! Eure Hemdlein sind gesponnen, Sind gebleichet an der Sonnen; Kommet, holt sie euch; fliegt ein! Ralf. Ei, die junge Herzogin wacht noch. Was doch die bösen Leute schwatzen! Die schöne, liebe Frau sollt' eine Zauberin sein, die den Herzog behext habe? Das kann nicht sein; für die stünd' ich ein. Elsbeth (fährt fort.) Bald vorbei sind sieben Jahr, Schwesterlein hat treu geschwiegen. Brüder, nicht als Raben fliegen Sollt ihr mehr. Komm' liebe Schaar! Ralf. Was singt (spricht) sie da? Was hör ich von Raben? Wär's doch so, wie sie mir sagten, daß sie mit solchen Galgenvögeln heimlich verkehrt? Da muß ich aufpassen. Und wenn ich so was säh', wär's ja meine Schuldigkeit, es zu melden. Rauschen in der Luft; die sieben Raben schweben herbei und fliegen in Elsbeths Fenster hinein, das sich schließt. Ei, die Pest! da haben wir's. Da darf ich nicht mehr schweigen. Der Etzel sitzt noch da drinnen bei den andern Knechten in der Trinkstube. (Klopft an ein Fenster im Hofe.) Heda! heraus! – Macht aber keinen Lärm. Da gibt's was zu seh'n. Etzel (der durch eine kleine Pforte herauskommt.) Was gibt's? Sind Diebe im Schloß? Ralf. Die Raben! die Raben! Etzel. Hast du sie gesehen? Ralf. Mit eig'nen Augen im Mondenlicht. Da oben sind sie eingeflogen. Etzel. Wie? zur jungen Herzogin? Ralf. Freilich, freilich. Etzel. So? – Da muß ich gleich meinen Herren holen. (Ab.) Ralf. Das ist wohl Teufelszeug. Gott sei bei uns! Mich jammert nur der gute Herzog. Eine Zauberin zum Weib zu haben! eine Dirne, die ihn behext hat! (Graf Wolfram und Etzel eilen herein.) Wolfram (zu Ralf.) Ist's wirklich so? Hast du's gesehen? Ralf. Wahrhaftig, es ist so, gnädiger Graf. Teufelsraben! Ich kann's beschwören. Wartet nur, sie werden wohl wieder herausfliegen. Wolfram. Nur still! ruhig! Sie ziehen sich unter den Erker zurück und lauschen. Nach einer kleinen Pause öffnet sich das Erkerfenster. Elsbeth zeigt sich. Elsbeth. Nun flieget aus, zu bergen euch im nahen Flieder; Der Zauber ist gelöst, seh' ich euch morgen wieder. Lebt wohl! lebt wohl! Auf Wiederseh'n! Nun laßt die weißen Hemdlein weh'n! Die sieben Raben fliegen aus dem Fenster, jeder ein Hemdlein im Schnabel, kreisen einmal umher und schweben hinaus. Elsbeth hat sich zurückgezogen und im Erker wird es dunkel. (Wolfram, Etzel und Ralf treten vor.) Wolfram. Bei Gott! sie ist eine Hexe. Ihr habt's geseh'n! Ihr könnt einen Eid darauf leisten. Nicht wahr? Ihr seid mir Zeugen in der Sache. Etzel und Ralf. Ja! wir können's beschwören. Wolfram. Nun, Lärm gemacht! (Ruft.) Hallo! hallo! aus den Betten! Licht herbei! – Wacht auf! Wacht Alle auf in der Herzogsburg! Hört's Alle: Die Herzogin Elzbeth ist eine Hexe! Die Fenster erhellen sich; der Hof belebt sich. Wolfram. Folgt mir zum Herzog und zur Herzogin Mutter! Auf und Elsbeth nehmt gefangen. Legt die Zauberin in Fesseln. (Stürzt ab.) (Der Vorhang fällt rasch) III. Aufzug. Kerker. Strohlager. Elsbeth (in schwarzem Gewande und gefesselt.) Nun lieg' ich im Kerker und sie werden mich zum Tode führen. In jener fürchterlichen Nacht, als der Blitz meine väterliche Burg vernichtete und meine unglücklichen Eltern untergingen, floh ich, gerettet und beschützt von dem treuen Knappen Caspar. Als ich erschöpft in dem Walde auf Moos hinsank und in Verzweiflung in die Nacht hinausschaute, da erschienst du mir, Hulda und gabst dich mir als meine Beschützerin zu erkennen. Durch dich erfuhr ich den unseligen Fluch, den meine Mutter über ihre Söhne ausgestoßen hatte; du sagtest mir, daß ich meine armen Brüder aus dem Zauber zu erlösen im Stande wäre durch siebenjahrelanges Schweigen über meine Herkunft und wenn ich sieben Hemdlein spänne, die meine Schwesternliebe gesegnet. Heute lauft die Zeit ab. Heute ist der letzte Tag des verhängnißvollen Jahres – und heute soll ich als fälschlich angeklagte Zauberin sterben?! – O mein theurer Albert! Auch du, auch du willst meine Unschuld nicht glauben? Und du, meine Beschützerin! Hulda, du hast mich verlassen! Harfenklänge. Geisterchor von weiblichen Stimmen hinter der Scene. Geduld, Geduld in deiner Noth! Noch nahte nicht das Abendroth. Harr' aus und schweige, schweige still, Wie das Gebot der Fee es will. Geduld, Geduld! Die Liebe siegt Und aller Jammer bald entfliegt. Elsbeth. Möget ihr wahr sprechen, ihr geheimnißvollen Stimmen! Ich will treu ausharren. Die Kerkerpforte wird von Außen geöffnet; Albert tritt ein und stürzt auf Elsbeth. Albert. Meine Elsbeth! mein armes Weib! Elsbeth. Mein Albert! – (Pause.) So glaubst denn auch du das Verbrechen, dessen sie mich zeihen? Albert. Mein Herz ist zerrissen, zerfleischt. Alle sind gegen dich. Sie sagen, du hättest mich mit Zaubermitteln freventlich an dich gefeßelt. Die schwarzen Raben, mit welchen du Umgang pflegst, seien böse Geister. Ach! was sagen sie nicht noch Alles?! Und ich – ich will, ich kann es nicht glauben; aber ich beschwöre dich: Löse mir das geheimnißvolle Räthsel! Mir, mir deinem Gatten vertraue dich an und ich trete im Kampfe des Gottesgerichtes auf Leben und Tod gegen deine Ankläger für deine Unschuld in die Schranken. Elsbeth. Ein einzig Wort würde mich befreien, ein einzig Wort meine Reinheit beweisen. Aber noch muß ich schweigen – nur wenige Stunden; denn zu dieser Stunde ist die Frist noch nicht abgelaufen, bis zu der ich Schweigen gelobt habe. O mein theurer Gemahl! Hättest du mich in meiner stillen Waldeinsamkeit gelassen! Jetzt – es ist fürchterlich – jetzt werden sie mich tödten, ehe ich zu meiner Befreiung reden darf. Albert. Nur mir eröffne dich, ich beschwöre dich! Elsbeth. Ich darf nicht, ich kann nicht. Aber Gott weiß es, schuldlos bin ich! Albert. Ich glaube es; ich zweifle nicht an deiner Unschuld, aber das Gericht hat gesprochen. Du bist verurtheilt. Elsbeth. So möge mich der Himmel beschützen! Gehe, mein theurer Albert; verlasse mich. Was willst du noch bei mir? Willst du deine und meine Schmerzensstunde verlängern? Es muß sein. Laß uns scheiden. Albert (ihr zu Füssen stürzend.) Meine Elsbeth! Elsbeth. Lebe wohl! Auch im Tode bin und bleib ich dein ! (Man pocht dreimal an die Kerkerthüre.) Hörst du? sie nahen. Albert. Leb wohl! Gott mag mir beistehen! (Stürzt ab.) Der Scharfrichter in blutrother Kleidung tritt mit zwei Knechten ein. Scharfrichter. Elsbeth, seid Ihr bereit? Der Stab ist gebrochen. Elsbeth. Ich bin bereit. Scharfrichter. Meines Amtes ist's, Euch nun auf den Holzstoß zu führen. Also will's das Gesetz und der Spruch der Richter. Elsbeth. Das Gesetz soll seinen Lauf haben. (Trauermarsch hinter der Scene.) Scharfrichter. Man erwartet Euch; folgt mir. Elsbeth. Ich folg' Euch und vertraue dem Himmel. (Alle ab.) Verwandlung. Freier Platz. Im Hintergrunde ein Scheiterhaufen. Reisige und Knechte umgeben ihn. Casperl (mit einem großen, weißen Sacktuche tritt schluchzend und heulend ein.) Jetzt ist Alles aus! Alles ist aus! Sie wollen meine gute, schöne liebe Elsbeth verbrennen. Aus den Flammen der brennenden Burg hab' ich sie gerettet und jetzt soll ich zusehen, wie man sie auf einem elenden Schoiterhaufen verbrennt. Die verdammten Raben sind aber ihr Unglück! Hätt' sie sich lieber a Zeiserl oder einen Gimpel gezogen. Mich hat's ja ohnehin gehabt. Der Teufel weiß aber auch, was dahinter steckt. Wenn sie reden wollt', wenn sie sich nur declamiren wollt! – Aber nein! Sonst können die Frauenzimmer 's Maul nit halten; wenn's aber sein soll, nacher machen sie's extra nit auf. Etzel (tritt mit zwei Knechten ein.) Aha! Da ist der Bursch. Packt ihn nur gleich. Casperl. Oho! was wär' denn das ? Was wollt ihr denn von mir? Etzel. Du bist der Hexe Elsbeth Diener und Gehilfe, hast also auch den Tod verdient. Casperl. (zitternd.) Wa–wa–wa–was hab' ich verdient? Etzel. Das Gericht hat über dich als Hexenlehrling gesprochen. Casperl. Ueber mich – als, als – Lexenhäring ? Da weiß ich aber gar nichts davon. Etzel. Du wirst zwar nicht verbrannt – – Casperl. Also nicht verbrannt? Etzel. Du wirst in ein Faß gesteckt – Casperl. In ein Bierfaß oder in ein Weinfaß? Etzel. In ein leeres Faß, zugenagelt, den Berg hinunter bis in den Fluß gerollt, wo du dann eingesperrt bis ins Meer fortschwimmen kannst. Also fort! Mache nur keine Umstände. Wachen, führt ihn ab. Casperl. Was? abführen auch noch? Ich brauch' keine Medizin. Ich bin ein kerngesunder junger Mensch. Etzel. Nur nicht Spaß gemacht. Packt ihn! Casperl. Laßt's mich aus! (Wehrt sich. Balgerei. Er macht sich frei; läuft fort; die Andern hinter ihm drein, einigemal um die Bühne herum, dann hinaus. Alle ab.) Trompetenstoß, dann Trauermarsch. Reisige und Knappen eröffnen den Zug. Der Scharfrichter. Frauen in Trauerkleidern, brennende Fackeln tragend. Elsbeth; ihr zur Seite ein Mönch. Herzog Albert, Herzogin Kunigunde, Graf Wolfram. Knappen und Gefolge. Der Scharfrichter führt Elsbeth auf den Scheiterhaufen. Drei Trompetenstöße. Graf Wolfram. (feierlich.) Also hat das Gesetz durch Richterspruch gesprochen, daß Elsbeth, des Herzogs Albert Gemahl, als Zauberin auf dem Scheiterhaufen sterben soll, zur wohlverdienten Strafe. (Trompetenstoß.) Wir müssen es beklagen, vermögen aber den Vollzug des gerechten Urtheils nicht zu hemmen. Albert (vortretend.) Und also rede ich, als der Verurtheilten Herr und Gemahl, daß ich Einsprache thue und eintrete für ihre Unschuld in heiligem Gottesgerichtskampfe. Euch, Graf Wolfram, meiner Frau Mutter Bruder und meinem Ohm, Euch dem Ankläger meiner Gemahlin werfe ich den Handschuh hin zum Kampfe mit mir auf Leben und Tod! Wolfram. Was sollte ich mit Euch auf Leben und Tod kämpfen um eine Hexe?! Dafür ist mir mein Schwert zu heilig. Das Urtheil ist gesprochen und mit Fug und Recht ist Elsbeth verurtheilt. Fiat justitia. Albert. Ihr müßt mit mir kämpfen, wenn Ihr ein ehrenhafter Ritter seid. Wolfram. Ja! wenn ich ein Narr wäre! Kunigunde. Mein Sohn! zieh' dein Schwert nicht für die Unselige, die dich bethört hat! Sie ist's nicht werth. Wolfram. Im Namen des Gerichtes, dessen Vorsitzender ich bin: Zündet den Holzstoß an! Der Scheiterhaufen flammt auf. Donnerschlag. Die sieben Raben fliegen herbei, verschwinden hinter dem Holzstoße und es tauchen sieben in weiße Hemden gekleidete Knaben und Jünglinge hervor, welche Elsbeth befreien. Zugleich erlöschen die Flammen und der Holzstoß stürzt zusammen. Elsbeth. Meine Brüder! Meine lieben Brüder! Die Fee Hulda erscheint. Hulda. Erlöschet ihr Flammen Und brechet zusammen! Unschuldig ist Elsbeth und rein; Albert, die Befreite ist nun dein. Verschindet Lug und Trug, Gesühnt ist Mutterfluch. (Verschwindet.) Elsbeth eilt herab und stürzt Albert in die Arme. Elsbeth. Jetzt darf ich reden. Der Zauber ist gelöst. Meine Brüder sind es, die durch unseligen Mutterfluch in Rabengestalt gebannt waren. Sieben Jahre mußt' ich schweigen und ihnen sieben weiße Hemdlein weben. Unschuldig bin ich, kein Mackel befleckt mich. Albert. Ich wußt' es ja! Mein Herz hatte mich nicht getäuscht. Alle. Heil Elsbeth unserer Herzogin! Heil der edlen reinen Frau! (Wolfram stürzt hinaus.) Kunigunde. Gesegnet seist du, theure Tochter. Casperl (stürzt herein.) Jetzt darf auch ich reden, aber ich hab' zuvor eigentlich Nichts g'wußt! Und jetzt ist die Comödi aus, denn die Tugend ward bulohnt. (An das Publikum:) Sie haben nun geseh'n das Mährlein der sieben Raben, Ein andersmal führen wir auf die G'schicht von den sieben Schwaben. (Der Vorhang fällt.) Ende des Stückes. Das Glück ist blind, oder: Casperl im Schuldthurm. Zauberspiel mit Gesang in drei Aufzügen. Personen. Bios , der Genius des Lebens. Fortuna , Göttin des Glückes. Capricerl , ein Knabe, ihr dienstbarer Geist. Casperl Larifari . Krügler , Wirth zum »rothen Ochsen.« Lorenz , ein alter Mann. Klaus , Einsiedler. Der Teufel Ein Polizeidiener Johann und Peter , Bediente bei Casperl. Verschiedene Erscheinungen und Verwandlungen. I. Aufzug. Zimmer. Casperl sitzt am Tische, auf dem ein großer Bierkrug steht. Casperl (in tragischem Tone.) So Hab ich denn den letzten Tropfen der Lebensbitteressenz getrunken! Der Krug ist leer. O Schicksal! (in gewöhnlichem Tone.) Der Krug ist leer, mein Beutel ist leer, ich hab nix mehr! Jetzt sitz' ich halt so da und denk' über die Vergangenheit nach; denn der Blick in die Zukunft bietet mir die traurigste Aussicht: grad so, als wenn ich auf einem hohen Berg stünd und in den Nebel hinausschau'n thät. Ha! – wer ist aber Schuld an meinem physischen und moralischen Elend? Wer ist Schuld daran? Hab' ich nicht selbst Alles verthan und in den Ocean des unergründlichen Durstes versenkt? – Oh – oh – wehe! – Hab' ich mich nicht auf die unterirdischeste Tiefe der oberirdischesten Höhe eines Schuldenzustandes geschwungen, der meine Gläubiger, diese Hyänen, veranlaßen wird, sich meiner Person zu versichern. O Schicksal! O Schicksal! Deine Schläge sind furchtbar! (Drei harte Schläge an der Thüre. Casperl fällt aus Schrecken vom Stuhl herab.) Was hör' ich? wieder Schicksalsschläge?! Wer klopft so unverschämt? Wirth Krügler (von Außen.) Machen'S nur auf, Herr Casperl! Casperl. Auweh! das ist der Wirth vom »rothen Ochsen.« Krügler. Aufgemacht! Ich Hab' mit Ihnen a Wörtl zu reden. Casperl. Gleich, gleich; ich hab' den Zimmerriegl, der an der Thür steckt, verlegt. – Jetzt Kurasch, Casperl! (Oeffnet die Thür.) (Krügler, ungeheuer dick, tritt ein mit einem großen Zettel in der Hand.) Casperl. Ah! sind Sie 's Herr Krügler? das freut mich ungemein, daß ich die Ehre hab'. Krügler. Ja, und mich freut's auch ungemein, daß ich Sie einmal zu Haus treff', Herr Casperl. Ich hab' nur eine Kleinigkeit mit Ihnen abzumachen. Ist gleich vorbei. Casperl So? – So – Herr Krügler? Nun was steht denn zu Diensten? Krügler. Ich mein', das sollten Sie selber wissen, Herr Casperl. Casperl Nein, da wüßt' ich wirklich Nichts; fallt mir wirklich Nichts ein. Krügel So? Ei! Ei – da schaun'S nur den Zettel da a bißl an, Herr Casperl. Casperl. Den Zettel? Ja, ich hab' heut meine Augengläser verloren und da kann ich nicht gut lesen. Krügler. Nun, so will ich Ihnen vorlesen , was da g'schrieben steht. Merken'S nur auf: (liest.) Seit dem 14. vorigen Monats Rechnung für Herrn Caspar Larifari – bis zum heutigen: drei Eimer Bier – zweihundert Paar Bratwurst – Zwanzig Wecken Brod – einhundertzwanzig Semmeln – 10 Maß Kronewitter – 30 Flaschen Deidesheimer – 18 Pfund Kalbsbraten – 500 Tassen Kaffe mit 800 Bretzeln. Casperl (ist unterdessen auf den Stuhl gesunken.) Halt ein! Halt ein, bedenke was der Mensch ertragen kann! Krügler. Was Sie ertragen können, das geht freilich in's Ungeheure; aber: Nummer Eins heißt essen und trinken, und Nummer zwei heißt zahlen . Versteh'n Sie mich, Herr Casperl? Casperl. Aber die Beleidigung! Einem Manne von meinem Credit so Etwas zuzumuthen. Da hab ich ganz andere Summen auf meinem Schuldenregister und Sie sind so unverschämt, mit einem solchen Bagatell zu kommen? Pfui Teufel! schämen Sie sich, Herr Krügler! Krügler. Ah, das ist nicht übel! a Bagatell ? – Sind freilich nur 197 Gulden ohne die Gläser und Krügeln, die Sie mir zusammengeschlagen haben, wenn'S en Rausch g'habt haben. Kurz – das ist kein Spaß; und wenn Sie nicht augenblicklich zahlen, so werd' ich mir schon Zahlung verschaffen. Casperl (in nobler Entrüstung.) Wie? was? – Herr Krügler, nehmen Sie sich in Acht. Sie haben es mit einem Manne zu thun – – Krügler. Mit einem Manne , – der sich vor Schulden nicht mehr auskennt; mit einem Manne , – der ein liederliches Subject ist – mit – mit – mit Casperl. Mit einem Manne , der Ihnen eine Ohrfeige gibt, (gibt ihm eine Ohrfeige.) Krügler. Wie? was? welche Unverschämtheit! Sie sind ein Grobian. Hier die Antwort. (Gibt Casperl auch eine Ohrfeige.) Casperl. Auf diese Antwort muß ich wieder fragen . (Schlägt ihn.) Nun prügeln sich beide, bis Casperl den Krügler endlich zur Thür hinanswirft. Casperl (allein, triumphirend.) Dieß war ein glücklicher Wurf! Aber jetzt fort! Es könnten noch mehrere solche Visiten kommen. (Ab.) Verwandlung. Ländliche Gegend. Ein ärmliches Häuschen steht an der mittleren Seitencoulisse. Fortuna mit verbundenen Augen, ein goldenes Füllhorn im Arme, schwebt in einem silbernen Segelschiffchm durch die Luft herein. Capricerl sitzt am Steuerruder und zieht die Segel ein, während das Schiff sich zur Erde senkt. Fortuna (steigt mit dem Knaben aus und singt.) Fortuna bin ich; durch die Welt Flieg' ich, vertheile Gut und Geld; Dukaten streu' ich rings umher, Und doch wird nie mein Säckel leer. Bald bin ich hier, bald bin ich dort Und schwebe schnell von Ort zu Ort. Ich spende nur zum Zeitvertreib Und bin ein windisch launig Weib. Verbunden sind die Augen zwar, Ein Band schlingt sich um Stirn und Haar, Ich sehe gar nichts und bin blind, Drum führt mich dieses kleine Kind. Wo sind wir, Capricerl? Warum hast du hier das Schifflein sinken lassen? Capricerl. Weil mir die Gegend gefiel und weil ich Durst habe. Hier steht ein kleines Häuschen, in dem ich wohl Wasser bekommen kann. Fortuna. Frage, wer es bewohnt. Vielleicht kann ich die Bewohner beschenken. Capricerl. (läuft an's Häuschen und klopft an der Thüre.) Aufgemacht! aufgemacht! Lorenz (von Innen.) Wer pocht an der Thüre? Capricerl. Ein Knabe, der dich um einen Trunk bittet. Lorenz. Warte nur, ich komme gleich. Bei mir geht es langsam. (Tritt, auf einen Stab gestützt, aus dem Hause.) Da bin ich, Kleiner. Capricerl. Alter guter Mann, kann ich wohl ein Bischen Wasser haben? Lorenz. So viel du willst. Geh' nur in das Haus; rückwärts im Höfchen ist ein Brunnen, da kannst du deinen Durst löschen. Capricerl. Gut, ich danke dir. Unterhalte dich einstweilen mit dieser schönen Frau. (Ab in'S Haus.) Lorenz. Fürwahr, das ist freilich eine schöne Frau. (Hinkt auf Fortuna zu.) Seid mir gegrüßt. Wie habt Ihr euch in diese einsame Gegend verirrt? Fortuna. Ich reise in meinem Luftschiffchen umher und lasse mich eben nieder, wo es mir lieb ist – oder vielmehr wo mein kleines launiges Bürschlein Lust hat. Lorenz. Wie sonderbar! Von einem Kinde lassest du dein Fahrzeug lenken? Fortuna. Allerdings. Du siehst, daß meine Augen verbunden sind, weil sie sehr schwach sind; deßhalb bedarf ich eines Führers, und da haben mir die Götter diesen Knaben bestimmt. Lorenz. Ei du arme Frau. Blind zu sein, das ist ja ein rechtes Unglück. Fortuna. Ich bin doch ganz zufrieden dabei; bisweilen habe ich auch lichte Augenblicke und kann unter der Binde etwas hervorblinseln. Aber sage mir: wer bist du denn? Lorenz. Mein Gott! ein recht hungeriger alter Mann, ein Taglöhner seines Geschäftes. Nun bin ich aber zu schwach, um mir mein Brod zu verdienen und muß von mitleidiger Menschen Gaben leben. Mein Weib ist vor einem Jahr gestorben und so bin ich nun ganz verlassen. Fortuna. Du bist also recht unglücklich. Lorenz. Das will ich eben nicht sagen; denn ich kann mir denken, daß es Andere geben mag, welchen es noch schlechter geht, als mir. So muß ich Gott noch danken für das, was ich habe. Fortuna. Das heiß ich Bescheidenheit und Genügsamkeit! Wenn aber das Glück einmal bei dir einkehren wollte, das wäre dir doch nicht unlieb. Lorenz. Das Glück? – Ei, was ist denn das Glück? Ein launiges Weibsbild, das wie eine Närrin in der Welt umherfahrt. Ich kenne für mich nur ein Glück. Fortuna. Und das wäre? Lorenz. Wenn mich der Tod von diesem Leben befreien wollte. Capricerl (springt aus dem Hause heraus.) Heisa! Das ist eine prächtige, frische Quelle. Das schmeckt besser, als der beste Wein. Fortuna (zu Lorenz.) Wenn dir aber die letzten Tage deines Lebens erleichtert würden? Lorenz. So würd' ich es dankbar annehmen, denn ich könnte dann leichter das Ende erwarten. Fortuna. Das soll geschehen, sobald du wieder in dein Häuschen getreten sein wirst. Lebe wohl! (Vom Knaben geführt, steigt sie in das Schiffchen.) Auf! lüfte die Segel! (Sie fliegen von dannen.) Lebe wohl! Dießmal hat dich doch das Glück heimgesucht. Capricerl. Ich danke für den Trunk! Lorenz. Glückliche Reise! (Allein.) Das war aber eine curiose Person mit ihrem Buben da. So einen Luftballon habe ich noch nicht gesehen. Wieder eine neue Erfindung! (Geht an's Haus. An der Thürschwelle.) Ja, Wunder! was ist denn das? Seh' ich recht? Ein Sack voll Geld. (Tritt in's Haus und kommt gleich wieder heraus mit einem Geldsacke auf den Armen.) Ei der Tausend! Das ist ja eine Zauberin gewesen. Ein Sack mit 1000 Gulden. In meinen alten Tagen noch solch' ein Glück! Mir wird ganz schwindlig! Sorgen und Noth verlassen nun mein Häuschen. Gott sei's gedankt! Das Glück ist bei mir eingekehrt. Indem er in's Haus geht, entschweben zum Dache heraus zwei graue, dürre geflügelte Gestalten, Sorge und Noth vorstellend. Verwandlung. Nacht. Gefängnißstube des Schuldthurms. Strohsack, Stuhl, Tisch, auf dem ein Lämpchen brennt. Casperl wird von einem Polizeidiener hereingeführt. Polizeidiener. So, Herr Casperl, jetzt wünsch' ich recht gute Unterhaltung. A zeitlang werden Sie schon da herin logieren müssen. Casperl. Ich danke gehorsamst für die freundliche Begleitung und für den gefälligen Aufschluß. Polizeidiener. Gar nicht nöthig. Ist gern geschehen. Indigestion werden'S auch keine bekommen; denn da herin ist die Kost äußerst einfach. Casperl. O ich bitte. Ich bin ja an eine gewöhnliche Hausmannskost gewöhnt. Polizeidiener. Nun, ich wünsch' recht guten Appetit dazu. (Geht ab und schließt die Thüre rasselnd von Außen zu.) Casperl (schaut sich in dem Gefängniß um.) Das ist ein einfaches Lokal. Das muß ich sagen. Ein Tisch, der auf drei gesunden und einem kranken Fuß steht. Ein Stuhl, der auch ziemlich marodisch herschaut. Und der Strohsack auf dem Boden bietet wenigstens nicht die Gefahr dar, daß man durchfallt; aber die Mäus hab'n ihn auch etwas angefressen. Alles einfach; aber es ist eine edle, großartige philosophische Einfachheit. Ich hab' einmal was gehört von einem Professor in Griechenland, der in einem Faß logirt hat. Hat's der aushalten können, so wird's mich auch nicht zerreiben. (Geht einige Male nachdenkend auf und ab.) O Schicksal! – nun kenn ich dich erst. (In tragischem Pathos.) Laß mich nicht verzweifeln! – – Jetzt bin ich mir selbst preisgegeben. Meine hungerigen Gläubiger haben mich einsperren lassen. Die Undankbaren, die ich mit einer Last von Schulden beschenkt habe! Sie, bei denen ich so viel verzehrt habe! – – Ha! daherein haben's mich gethan, bis ich bezahlen kann. Nun, da werden's mich bis zum jüngsten Tag futtern müssen, und ich kann gleich vom Schuldthurm in die Ewigkeit wandeln. – O Glück! Glück! – warum hast du mich verlaßen? Im Spielen hab' ich Glück gehabt! Beim Trinken bin ich auch nicht unglücklich gewesen. – Meine Ansprüche waren bescheiden; wenn ich nur immer genug zum Essen und Trinken gehabt hab'. Und jetzt, jetzt! – (Wirft sich verzweifelnd auf den Strohsack. Das Lämpchen auf dem Tische erlischt.) So – jetzt ist auch das Licht ausgelöscht. Was fang' ich an in der Finsterniß, bis man mir mein Souper bringt? Aus der Versenkung erscheint der Teufel. Das Gefängniß ist roth erleuchtet. Teufel (mit hohler Stimme.) Casperl! Casperl! Casperl! Casperl (vom Lager auffahrend.) Oho! – sind Sie vielleicht der Nachtwächter? Sie haben mich weiter nit verschreckt! Teufel Der Nachtwächter bin ich nicht, Aber ich scheu des Tages Licht. Ich mache nicht mit Spieß und Hund Wie der Nachtwächter die Rund, Aber ich bin bei Tag und Nacht Wie ein Wächter auf der Wacht! Casperl. Also sind Sie ein bei Tag und Nacht wachender Wächter, aber doch kein Nachtwachter? Teufel. Verschreibe mir deine Seele und ich befreie dich aus diesem Kerker und schenke dir einen Sack mit Dukaten gefüllt. Casperl. Erstens: Kann ich nicht schreiben. Zweitens: Ist hier weder Tinten noch Papier. Drittens: Mag ich keinen Frack mit Oblaten gefüllt. Teufel. Casperl! Casperl mach' keinen Spaß, oder ich dreh' dir den Hals um. Casperl. Punktum! (Man hört den Hahn krähen: Kikeriki, kikeriki.) Teufel. Wehe! weh! Der Hahnenschrei! Da ist der Teufel nicht mehr frei! (Versinkt.) (Es ist wieder dunkel geworden.) Casperl. Das war aber ein curioser Kerl. Ich hätt' mich beinah zu fürchten ang'fangt. – So – jetzt bin ich halt wieder in der ägyptischen Finsterniß, Heller durchschneidender Schall einer Glocke. In der Wand öffnet sich eine erleuchtete Nische, von der aus das Gefängnis in blauen Schimmer beleuchtet wird. Casperl. Schon wieder eine Buleuchtung! Vorher roth und jetzt blau . Das ist doch wenigstens eine Unterhaltung. In der Nische erscheint Capricerl. Capricerl. Casperl! Casperl! Casperl! Casperl. Ei du nettes Buberl, wie kommst denn du da herein? Capricerl. Frau Fortuna schickt mich zu dir. Sie laßt sich bestens empfehlen und du sollst ein wenig zu ihr hinauskommen. Casperl. Frau Fortuna? Wer ist denn die Madam? Capricerl. Du wirst schon sehen, wer sie ist. Komm' nur! Sie will dich unter ihren Schutz nehmen. ' Casperl. Was? sie will mich unter ihren Schurz nehmen? Ja, aber durch die geschlossene Thür kann ich nicht hinaus. Capricerl. Fortuna's Macht vermag es, alle geschlossenen Thüren zu öffnen. Donnerschlag. Die Thüre springt auf. Casperl fällt aus Schrecken zu Boden (Der Vorhang fällt rasch.) II. Aufzug. Ländliche Gegend mit dem Häuschen wie im ersten Aufzuge. Bios, Genius des Lebens, Jüngling in kurzem Florgewande mit goldenen Flügeln, einen goldenen Scepter in der Hand. Sein Haupt ist mit Blumen bekränzt. Bios. Fortuna! du des Glückes blinde Göttin, Wie herrschest du in unbedachter Willkür, Aus deinem Füllhorn Gaben freundlich spendend, Die oft zum Unheil werden dem Beschenkten; Und wieder – bringst du Schlimmes – wendet sich Nicht selten deine Spende doch zum Guten Für den , der deiner Gunst sich nicht erfreut. Des Schicksals Göttinnen, auf daß ihr Walten Frei bleibe, haben deiner Augen Sterne Verhüllt; denn gäbst du offnen Blickes schauend, Wär' ihre Macht gelähmt; so aber lenken Sie weise noch der Götter Rath des Lebens Und senden mich aus, ihren treuen Boten. Hier, in der Hütte dieses armen Alten, Hat wieder sich die Holde nur getäuscht, Gold spendend, in dem blinden Wahn zu retten . Nun eilt sie her, im Glauben sich zu freu'n, Und wird enttäuscht, da die geneigte Spende Ein Leben raubte , statt es zu erhalten ! Sie naht! – doch soll sie hier mich noch nicht finden. (Bios tritt hinter die Coulisse. Fortuna und Capricerl treten ein.) Capricerl. Nun sind wir hier an der Stelle, wie du befohlen. Fortuna. An dem Häuschen des armen Alten, den meine Gabe beglückt hat? Capricerl. Dort steht es ja. Fortuna. Nun, so eile hinein, um zu sehen, was der Alte macht und wie er mein Geschenk verwendet hat. Capricerl läuft in das Haus. Aus dem Hause ertönt Männergesang. Chor. Bedenk', o Mensch: du bist nur Staub, Dein Leib wird bald der Würmer Raub. Wie du gelebt, Was du erstrebt In dieser kurzen Zeit auf Erden, Darnach wirst du gerichtet werden. Requiescat in pace ! Zugleich wird, von Wenigen begleitet, ein Sarg aus dem Hause getragen und der Leichenzug bewegt sich in die Coulissen hinein. Fortuna. Was hör' ich? Ist dies nicht ein Leichengesang? Bios (hereintretend.) Allerdings. Der, den du vor Kurzem zu beglücken glaubtest, er wird begraben. Fortuna. Unmöglich! wer spricht zu mir? Bios. Kennst du Bios' Stimme nicht mehr? Fortuna. Trittst du mir wieder in den Weg? Wo ich beglücken will – wie oft zerstörst du mein Werk! Capricerl (kommt Weinend aus dem Hause.) Der Alte ist gestorben; ach, wie kurz war sein kaum errungenes Lebensglück! Bios. Das Gold, wodurch du, blinde Glücksgöttin, ihm eine Wohlthat zu erzeigen glaubest, hat ihn getödtet. Fortuna. Nimmermehr! Bios. Es ist nur zu wahr. Geblendet von der glänzenden Gabe hat der nur an Entsagung Gewöhnte seine Lebensart geändert. Er, der sich nur kümmerlich genährt hatte, fing ein üppiges Leben an und dieser Wechsel hat ihn getödtet. Die Schicksalsgöttinnen sandten mich, seine Lebensfackel auszulöschen. Fortuna. Weh ihnen, die des Menschen Lebensfaden Grausam verkürzen, wenn der Sonne Schein Noch mild erwärmend und erleuchtend glüht! Weh ihnen, die dem mütterlichen Herzen Das Kind entreißen, die der Braut, der Gattin Mit grauser Lust entführen den Geliebten! Weh ihnen – – Bios. Ende, Göttermacht zu schmähen; Du änderst nicht des Schicksals mächtig Walten. Versuch's nur, irgend Einen zu beglücken, Der nicht mißbrauchend deine holden Gaben Sich nicht in's Unheil stürzt, wie dieser Arme, Den sie nach kurzem Glücke nun begraben. Fortuna Nun wohl! Wenn dieser auch als Opfer fiel, Laß einen Zweiten mir, daß ich's versuche, Ob meine Gunst dem Sterblichen nicht fromme. Bios. Es sei. Zeigst Einen du, der nicht verblendet Von deines Füllhorns Gunst, sich selbst nicht stürzet. Der Maß halt im Genusse, den du botest. Und der sein Glück nicht endlich selbst verwünscht, So neig' ich meinen Scepter und besiegt Erklär' ich selber mich von deiner Macht! Wenn nicht – magst du beschämt dem Schicksal huld'gen. Dem du im blinden Wahne oft getrotzt. Fortuna Es gilt. Mein Knabe, komm' und führe mich. Bios. Leb' wohl du kühnes Weib. Auf Wiedersehen. (Beide zu verschiedenen Seiten ab.) Verwandlung. Wald mit einer Einsiedelei, die in einer Felsenhöhle angebracht ist. Casperl (läuft herein und einigemale um die Bühne herum, dann setzt er sich erschöpft in der Mitte nieder.) (Ausschnaufend.) Ah! – da muß ich bitten! Jetzt halt' ich's nimmer aus. – Ich hoff', daß ich doch hier vor meinen Verfolgern sicher bin, denn weit genug ist es. Kaum war ich durch die Macht jenes Wesens, das mich unter seinen Schurz genommen hat, befreit und der modernden Kerkerluft entsprungen – steht gleich vor der Höllenpforte draußen mit zwei Polizeidienern der Wirth Krügler , um mich in Empfang zu nehmen. In meiner Todesangst schlag ich die zwei maliziösen Häscher um und lauf', was ich kann. Der dicke Krügler verfolgt mich, fallt aber gleich auf'n Bauch. Jetzt kommen's aus allen Gaßen her und wollen mich fangen. Eine ganze Compagnie ist mir nachgerennt. »Halts'n auf! halts'n auf!« war das allgemeine Feldgeschrei, »den Schuldenmacher!« – Ich hätt' gar nicht geglaubt, daß ich einen so allgemeinen Credit gehabt hab'; denn die Schaar der nachfolgenden Gläubiger war eine Legion. Kurz und gut und gut und kurz: Der Geläufigkeit meines Piedestals hab' ich's zu verdanken, daß sie mich nit wieder eing'fangen haben; und jetzt – wo bin ich denn eigentlich Hingerathen in meiner Verzweiflung? (Sieht sich nach allen Seiten um) . Die Decoration ist ein mir gänzlich unbekannter Wald. Den muß der Herr Direktor ganz neu haben malen lassen, damit ich mich wieder nicht auskenn'. Schau'! Dahinten ist eine Art Loschi (Logie) angebracht. Diesem stillen Bewohner gratulir' ich, wenn's Einer in dem Loch aushalten kann. (Geht gegen die Einsiedelei.) Klaus. (tritt ihm entgegen.) NB. Der Einsiedler muß immer sehr langweilig pathetisch sprechen, in einem weinerlichen Tone.) Wer bist du, Fremdling? Wie kamst du in diese Einsamkeit? Casperl. Ja, was ist denn das für ein altes Möbel der Schöpfung? Klaus. Wie? was sprichst du da? Sage mir, wer du bist. Casperl. Wenn du, der du, die, das – denn ich weiß nicht was für einen Lebenszwöck hier erfüllendes Subjekt von einem Individuum waldbewohnenden Geschlechtes, wildsprossender Urabkommling einer unbekannten Nation auf eine Portion menschlicher Vernunft Anspruch machen kannst, so wirst du begreifen, daß ich nicht aus Vergnügen in diese Baumpflanzung spaziert bin, sondern daß ich ein vornehmer Reisender bin, der sich durch das Verhängniß ineinander verwurlter Verhältnisse und Umstände von rechts und links hieher verirrt zu haben dürfte, könnte, sollte, wollte. Klaus. Deine Rede ist dunkel und unklar. Allein wenn du nichts Uebles im Sinne hast, so will ich dich gerne beherbergen, da du mir ein erschöpfter, verirrter Wanderer zu sein scheinst. Casperl (feierlich.) Ja! ich bin ein geknöpfter, verwirrter Wanderer, der einen bedeutenden Hunger und einen noch bedeutendererereren Durst hat. Klaus. Ich kann dir nur Wenig bieten. Casperl. Das ist mir sehr unangenehm; umso unangenehmerererer, weil ich Viel haben möcht'. Klaus. Du hast doch gewiß oft genug gehört, wie einfach wir Eremiten leben. Unsere Nahrung besteht aus Wurzeln und Kräutern, unser Trank ist reines Quellwasser. Damit kann ich dir dienen. Casperl. Für diese Dienerschaft dank' ich höflichst. Ein vornehmer Mann, wie ich, ist ganz was Anderes gewöhnt. Klaus. Wenn aber ein vornehmer Mann sich im Walde verirrt, dann wird er gewiß keine Torten und Pasteten zur Nahrung finden; auch keinen Wein oder sonstige geistige Flüssigkeiten. Casperl. Ich brauche keine geistlichen Süßigkeiten und am allerwenigsten bin ich aufgelegt, das langweilige Gepappel von so einem alten Kraxler anzuhören. (hochpathetisch.) Ha! Ich verlange von der Natur, die mich hervorgebracht, die einem gebildeten Manne entsprechende Sustentation. Also heraus mit'm Kalbsbratl! Heraus mit der Brandweinflaschen, oder ich werde thatsächlich ! (Droht mit der Faust.) Klaus. Fremdling, beruhige dich. Vielleicht finde ich in meiner Vorrathskammer, die ich für verirrte Wanderer immer bereit halte, doch ein paar Bissen! kaltes Fleisch – – Casperl (ihn unterbrechend.) Und auch im Kellerloch vielleicht ein paar Bouteillen Wein. O du alter Kalfakter! Deine Wurzeln und Kräuter find auch nicht weit her und dein reines Quellenwasser scheint mir auch an dir vorbei zu fließen, statt in dich hinein. Komm nur, begeben wil uns in deine Klausen und fasten wir miteinander eremitanisch nach deiner Manier. Juhe! (Zieht den Einsiedler mit sich in die Klause.) Klaus. Nu, nu! nur nicht so ungestüm, mein Freund. Es wird sich schon Etwas finden. (Beide ab.) Es wird Nacht. Ein Gewitter kömmt. Blitz und Donner. Klaus. (stürzt aus der Klause.) Jetzt hab' ich ihn, der jüngst mir ist entkommen, Als ich im Schuldthurn ihm erschienen war. Er ißt und trinkt, was ich ihm vorgesetzt Und weiß nicht, daß er in des Teufels Schenke. Weg mit der Kutte und dem falschen Barte! Der Teufel will sich, wie er ist, nun zeigen! Was der Versuchung nicht gelang, wird jetzt Gewalt Wohl leicht erringen. Casperl ist nun mein ! Verwandelt sich in den Teufel des ersten Aufzuges. Furchtbare Donnerschläge. Oben wird es hell. Auf rosigen Wolken erscheint Fortuna. Fortuna. Nein, nein! er ist nicht dein . Des Glückes Göttin Will ihn bewahren. Weiche Satanas! Ihm ist Fortuna hold. Teufel. Verflucht Geschick! Dir muß ich weichen nun zum zweiten Mal. (Versinkt.) Die Klausnerhöhle verwandelt sich in eine von rothem Schimmer erleuchtete Rosenlaube, in welcher Casperl zwischen einer Geniengruppe schlummernd ruht. Unter sanfter Musik fällt der Vorhang. III. Aufzug. Wolkensaal. Fortuna ruht auf einem Canapee von Rosawolken, an welchem das Füllhorn lehnt, ein Tischchen vor sich mit Gefäßen antiker Form. Alles rosenfarbig, Capricerl sitzt zu ihren Füssen, eine große Bretzel in der Hand. Fortuna. Ich bin noch ganz fatigirt von dem gestrigen Tage. Ich habe so viel Glück gespendet, mein Füllhorn so oft ausgeleert und so häufig in schönen Versen gesprochen. Es thut mir wirklich wohl, daß ich in meinem Wolkencabinette in Prosa reden kann. Capricerl. Meinst du, daß ich etwa nicht auch müde sei? Glaubst du, es sei ein Spaß, die Segel deines Flügelschiffes hundertmal auf- und abzuziehen und dann noch immer auf der Erde mit dir hin und her zu rennen? Fortuna. Darum hab' ich dir heute die große Frühstücksbretzel gegeben und vielleicht lasse ich dich heute noch in's Marionettentheater gehen. – Apropos! Ich möchte doch wissen, wie es mit meinem Protegé steht, den ich neulich aus den Klauen des Teufels gerettet habe? Capricerl. Ei! der Casperl Larifari, für den du mit Bios gewettet, daß er deine Gaben ertragen könne? Fortuna. Allerdings, der ist es. Ich habe so ein bischen unter meiner Binde hervorgeblinselt und der Bursche gefiel mir. Capricerl. Er ist ein lustiger, leichtsinniger Patron, wie mir meine Spielkameraden, der kleine Bacchant Tyrseus und der Amorl, erzählt haben, die ihn sehr genau kennen. Fortuna. Eben deßhalb setzte ich auf ihn das Vertrauen, daß er meine Gunst zu würdigen wisse und ich dadurch Bios die Wette abgewinnen würde. Darum möchte ich aber auch gar zu gerne wissen, wie es um ihn steht. Ich will heute in meinem Wolken-Cabinette ruhen und keine Beglückungsfahrten unternehmen. Da könntest du ein bißchen speculiren. Nimm von einem Glücksgenius in meinem Vorzimmer ein paar Flügel zu leihen und stiege auf die Erde. Capricerl. Ich mag aber nicht. Ich will auch ausruhen, wie du. Fortuna. Du bist ein recht capriciöser kleiner Kerl. Capricerl. (weint und schluchzt.) Auch nicht einen Tag kann ich Ruhe haben! Das wird mir zu arg. Fortuna. Wenn du mir nicht folgst, so werde ich einen andern kleinen Genius zu meinem Specialdienste wählen und du kannst dann den gewöhnlichen Lataiendienst versehen. Capricerl. (etwar beschwichtigt, aber immer noch schluchzend.) Nun ja, ich will's schon thun. Fortuna. Wenn es zur Beobachtung nöthig wäre, könntest du dich auch verwandeln. Hole dir nur zu diesem Zwecke den Talisman, der rechts in der Schublade meiner Toilette liegt. Also adieu! Mache deine Sache gut und bringe mir Nachricht. Capricerl. Adieu! Ich denke bald wieder zu kommen. (Beide zu zwei Seiten ab.) Verwandlung. Reichmeublirter Salon. An der Rückwand eine große Wanduhr, Spiegel. Johann und Peter, Bediente. Johann. Aber gestern war's wieder nicht zum aushalten mit'm gnädigen Herrn. Nichts hab' ich ihm recht machen können. Peter. Nun, und am Abend erst, wo ich den Dienst gehabt hab'! Da hättst'n sehen sollen. Johann. Ja, wenn wir nicht so gut bezahlt wären und nebenbei unsern Schnitt machen könnten, da wär' ich schon längst fort. Peter. So beiläufig 600 Gulden hab' ich mir schon erspart. Johann. Ich ungefähr auch. (Es klingelt stark.) Peter. Jetzt ist er aufgewacht. Man hört Casperls Stimme: »Mein Frühstück, Caffee!« Johann. Ja, Caffee! – Gestern Chocolat – heut Caffee – morgen Bratwürstl! Einen guten Magen muß er haben. Komm, sonst wird er grob. (Beide ab) Capricerl. (fliegt durch's Fenster herein.) So, da bin ich. Jetzt wollen wir sehen, wie sich Monsieur Casperl aufführt. Wo kann ich mich wohl am Besten verbergen? (Schwebt im Zimmer herum.) Ah! da in der Wanduhr ist der beste Platz. Schnell hinein! (Versteckt sich in der Wanduhr.) Casperl (kommt aus dem Nebenzimmer und singt.) Das Glück ist bei mir eingeflogen, Ich bin ein ganz gemachter Mann; Denn meine Nummern hab'n's gezogen, Reich bin ich, wie man's nur sein kann. Geregnet hat es mir Dukaten – Ein Terno ist halt etwas werth; Jetzt speise ich Fasanenbraten Und trink', was nur das Herz begehrt. Grad vor man's Lotto aufgehoben, Hab' ich die rechten Nummern g'setzt Und gleich mein Quantum eingeschoben, Das war der letzte Cassarest. Casperl. Ja das war ein Glück! – ein Glück, wie es nur mir zu Theil werden konnte und mußte; denn ich bin der Mann für so Was. (Hochtragisch.) Nach jener fürchterlichen Nacht war es, als ich in jener eremitanischen Felsenhöhle von jenem röthselhaftigen Einsiedler in jener Stunde bei Donner und Blitz eben jenen Kalbsbraten zu verschlingen, jenen ausgezeichneten Deidesheimer zu schlürfen im Begriffe war, – in jener Nacht – oder nach jener Nacht war es, daß ich plötzlich von unsichtbaren Hausknechtshänden, wenn es nicht zarte Genien meiner unbekannten Schutzgöttin waren, getragen in Flug gesetzt taumelnd in der Stadt niedergelassen wurde, wo ich nicht weit von einem Lotterieladl erwachte. Eine unbekannte, grobe, aber süsse Stimme flüsterte mir in die Ohren: »Setze, setze unverdrossen, »In vier Wochen wird geschlossen! » Zwei, sechs, fünfzig bau'n die Brücke »Dir zu deinem Lebensglücke.« Zwei und sechs und fünfzig hallte es nach in meinen Ohren – als ich von der eremitanischen Betäubung erwachte. Ich griff in meine Taschen und fand eine mir bisher ganz unbekannte Fünfguldenbanknote in dem hintersten rechten Winkel meiner vordersten linken Hosentaschen in der liederlichen Gesellschaft einiger kränkender unbezahlter Rechnungen. Mit großartigem Selbstbewußtsein trat ich zum Lotteriecollecteur, warf mit Herablassung die Banknoten hin und bekam meine Lotterienummerzettel. Düsterhoffnungsbrütend erwartete ich in bangem schwellendem Gefühle mit leerem Magen die Ziehung. Ein Trompetenstoß und der Ruf: Nummero 2. 6. 50. erschallte von der Altane des noch nicht erbauten neuen Rathhauses. Die Ueberraschung und der freudige Schrecken schlugen mich zu Boden. Vier Männer trugen mich als Leiche nach Hause. Nach wenigen, aber furchtbaren Stunden erwachte ich im Kreise der Meinigen, umgeben von meiner Familie, die ich nicht busitze. Kurz! – denn mein Monolog wird schon etwas langweilig – ich bin der reichste Mann der Stadt und lebe nun ein Wonneleben. Wenn ich mich nur nicht über Alles gleich so ärgern müßt'. Aber Nichts macht man mir so , wie ich's haben will. Wo ist jetzt z. B. wieder mein zweites Gabel fruhstück; das sollt schon längst dastehen. Das Löffel fruhstück hab ich schon zu mir genommen. Peter! Johann! Wo seid ihr Faullenzer? Johann! Peter! Johann und Peter (laufen von beiden Seiten herein.) Was schaffen Euer Gnaden? Casperl. Was ich schaff'? Ihr Esel? Wo ist mein Gabelfrühstück? Wo sind die Bratwürst? Wo ist die Pasteten? Wo ist der Wein? (Gibt jedem ein paar Ohrfeigen, daß beide umfallen.) So – damit Ihr's euch nur merkt, daß ihr einen Herrn habt! Allo! Allo! – Marsch! Die Bedienten laufen hinaus. Casperl (im größten Zorne.) Es ist nicht zum Aushalten, wie schlecht ich bedient bin! Es ist infam! Die Bedienten schieben von der Seite einen mit Speisen und Bouteillen besetzten Tisch herein. Casperl. (besieht Alles und schnufelt daran.) Wo ist denn die Gansleberpasteten? Wo ist der Champagner, den ich bestellt hab'? Nix ist da! Man laßt mich verhungern um mein eigenes Geld! Man betrügt mich von allen Seiten! (Im furchbarsten Zorne.) Man will mich umbringen! Schändlich! (Schlägt wie närrisch auf die Bedienten, zerbricht Teller und Flaschen, wirft den Tisch um und fällt aus Zorn selbst um. Nach einer kleinen Pause steht er wieder auf. Mit schwacher Stimme.) Wenn ich nur keinen solchen Zorn hätt! Das greift mich immer so an. (Die Wanduhr schlägt rasch viele Glockenschläge nacheinander.) Ja was ist denn das wieder? Will sogar die Uhr widerspenstig werden? (geht gegen die Uhr hin.) Willst du's Maul halten? Capricerl's Stimme aus der Uhr, drohend und warnend. Casperl! Casperl! Casperl! Casperl. Oho! Oho! – wer red't denn da? Die Stimm' hab' ich ja schon amal gehört. – Wenn du die Stimme des Schicksals bist, so schweige, denn ich will Ruh haben und laß' mir in mein Hauswesen keine Eingriffe thun. Verstanden? Capricerl lacht ungeheuer Casperl Was? lachen auch noch? Mich auslachen? Schlipperment! Wer erlaubt sich so was? (Geräth wieder in Zorn. Die Uhr schlägt in einem fort.) Johann! Peter! – G'schwind! Tragt's mir die dumme Uhr hinaus; die ärgert mich. (Johann und Peter versuchen die Uhr wegzuheben.) Johann. Gnädiger Herr, die Uhr ist zu schwer, wir können's nit derheben. Casperl. Dummheit! Nur probiren. Peter. Es ist unmöglich, Euer Gnaden. Sie ist wie eingemauert. Casperl. Da werd' ich wieder helfen müssen. (Indem er mithilft die Uhr wegzuheben, fällt er und geräth wieder in Zorn.) Muß denn Alles gegen mich verschworen sein? So einem dummen Meubel werd' ich doch noch Herr werden? (Schlägt mit den Fäusten die Uhr zusammen. Unter kreischendem Gelächter fliegt Capricerl, in einen großen bunten Vogel verwandelt, aus der Uhr, ein paar Mal im Zimmer herum und dann zum Fenster hinaus.) Zauberei! Teufelei! Bin ich denn ein Narr oder hat man mich zum Narren? Hab' ich meinen Kopf noch? – Da muß ich gleich in den Spiegel schauen. (Indem er an den großen Wandspiegel tritt, schaut ein Eselskopf heraus und schreit: »Na, Na, Na.«) Wie? was? – Ein Esel? – Soll das mein Spiegelportrait sein? Ein Esel in goldenem Rahmen. Soll das vielleicht gar eine Anspielung auf mich sein? – (In wüthendem Zustande.) Da her! ihr zwei bortirte Esel! Sagt mir, sagt mir, ob die Welt aus den Fugen getreten ist. Sagt mir sagt mir – (er fährt wüthend auf den Spiegel und zertrümmert ihn, dann fällt er ohnmächtig zu Boden.) Johann. Da liegt er! Peter. Ist er todt? Hat'n vielleicht der Schlag getroffen vor lauter Zorn? Johann. Legen wir ihn halt in's Bett und holen wir den Doktor. Komm! Peter. Tragen wir ihn hinein. (Sie heben Casperl auf und tragen ihn seitwärts hinaus.) Verwandlung. Fortunas Wolkensaal, wie Anfangs des Aufzuges. Geisterchor (hinter der Szene.) Heil euch Unsterblichen, Euch unverderblichen Ewigen Mächten! Heil Euch, ihr Wonnigen, Immerdar Sonnigen, Stets Ungeschwächten! Ihr seid dem wandelnden Leben die handelnden Weisen Gewalten! Ihr, die Beschließenden, Nimmer Zerfließenden Ihr nur sollt walten. (Fortuna tritt ein.) Fortuna. Mein kleiner Bote bleibt ziemlich lang aus. Ist es ein gutes oder schlimmes Zeichen? Sollte ich meine Gaben wieder vergeudet haben? Sollte ich Bios unterliegen müssen? Capricerl (schwebt herein.) Hier bin ich, holde Göttin. Fortuna. Was bringst du für Nachrichten? Was macht mein Günstling? Capricerl. Was soll ich dir sagen, Beglückende? Ich möchte lieber schweigen. Nach meinen Beobachtungen, die ich aus dem Verstecke eines Uhrkastens zu machen Gelegenheit genommen, darfst du mit deinem Günstling nicht ganz zufrieden sein. Ich verließ ihn, als er eben im größten Zorne um sich schlug und es mir selbst unmöglich machte, länger in meinem Versteck zu bleiben. Fortuna. Weh mir, wenn Bios dieß erfährt. Bios (erscheint aus der Versenkung.) Bios weiß Alles. Dein Günstling ist deiner Gaben unwürdig. Allein überzeuge dich, daß er selbst vielleicht sein Glück verwünschen wird. Donner. Im Hintergrunde theilen sich die Wolken. Casperl erscheint in einer Himmelbettstatt liegend. Bios. Und nun, holde Göttin, lüfte deine Binde. Jetzt darfst du sehen. Im Geben sollst du blind sein, allein den Erfolg deiner Gunst mit offenen Augen schauen. Laß' uns aber bei Seite treten. (Bios, Fortuna und Capricerl treten hinter die Seitencoulissen.) Casperl. (im Bette aufwachend, gähnt unbehaglich.) Auweh! wie ist mir miserabel! Jetzt weiß ich nicht, hat mich der Schlag wirklich getroffen, oder bin ich nur leise berührt worden. – (Er steht auf; hochdeutsch.) Sollte dieses die unverdiente Strafe meines Zornes sein? – Ha! und warum war ich zornig? Warum war ich wüthend und habe Alles zusammengeschlagen – wenn mich mein Gedächtniß nicht toischt? (gerührt.) Ich war so glücklich! Alles, Alles, was ich mir nur gewünscht habe, hat mir mein Reichthum verschafft. Wie? ob? warum? woher? wohin? wieso? – lauter Fragen an das Schicksal. (geht nachdenkend auf und ab.) Mir scheint, daß mir das Geld den Kopf verruckt hat. O Casperl! Du hast vielleicht selbst beobachten können, daß du durch deinen Reichthum ein Narr geworden bist. Oh! Oh! Oh! – War ich denn als ein armer Teufel nicht immer ein guter allgemein beliebter Kerl? Und jetzt? was war ich anders, als ein wüthender Kerl, ein Zornnickel, allen Leuten zuwider? Fluch dem Glück , wenn es die Menschen zu Narren macht! Donnerschlag. Casperl fallt um. Fortuna und Bios treten ein. Fortuna (sich vor Bios neigend.) Ich bin besiegt, ich gestehe meine Blindheit. Bios (zu Casperl.) Erhebe dich! Sei ein Mann! Casperl. Ich war seit meiner Geburt männlichen Geschlechtes und habe durchaus keine Lust, ein Weibsgebild zu werden. – Aber wo bin ich denn eigentlich? Fortuna. Du bist in dem Palaste der Göttin des Glücks. Casperl. Auweh! – da könnt mich wieder der Schlag treffen. Ich bitt' um Gotteswillen – nur kein besonderes Glück! Nur kein großes Lotterieloos! – Ich will der alte, gute Casperl bleiben. Fortuna. Sei es und bleib' es! (auf Bios zeigend.) An der Hand dieses göttlichen Jünglings wandle durch das Leben. Casperl. O Jüngling! umarmen Sie mich! Ich bin ungeheuer gerührt und habe auch einen ungeheuren Durst. Göttlicher Jüngling! wenn ich an Ihrer Hand durch das Löben wandeln soll, o so beschwöre ich Sie: vermeiden Sie alle Löbenspfade, an welchen keine Wirthshäuser sind. Bios. Die Götter werden dich beschützen und ich werde dir unsichtbar stets zur Seite sein. (Versinkt.) Casperl (eine Verbeugung machend.) Gehorsamer Diener. Fortuna. Auch ich verlasse dich jetzt, aber ich werde dich immer in treuem Andenken bewahren, denn du bist es ja, der mir wieder gezeigt hat, wer ich bin: Die blinde Göttin ! (Verschwindet.) Casperl. Leben Sie wohl! – Jetzt sind's alle zwei fort und ich weiß nicht einmal, wer der schöne Jüngling ist, mit dem ich durch's Löben wandeln soll. Das ist mir aber ganz toute même chose . Ich wandle jetzt mit oder ohne schönen Jüngling in's Wirthshaus, in den »blauen Bock« hinüber, da haben's, glaub' ich, heut a gut's Bier. Hochansehnliches Publikum! Ich wünsch' Ihnen einen recht guten Abend und wünsche Ihnen alles mögliche Glück; aber jedenfalls nur so viel, als Sie vertragen können. (Der Vorhang fällt.) Ende des Stückes. Waldkönig Laurin oder: Casperl unter den Räubern. Schauerliches Drama mit Gesang in drei Aufzügen. Personen. König Laurin , Waldgeist. Ritter Kuno von Hohenfels, Ermelinde , seine Tochter. Ritter Hermann von Sonnenstein, ihr Verlobter, Tröll und Fasold , Räuber Els , eine Hexe. Casperl Larifari . Ein Holzhauer . Knappen und Reisige. Waldgeister. Vorspiel. (Nachdem die Ouverture gespielt ist, wird geklingelt, allein der Vorhang geht nicht auf. Abermaliges heftigeres Klingeln. Der Vorhang geht wieder nicht auf. Gespräch hinter der Bühne.) Direktor. Warum geht denn der Vorhang nicht auf? Eine andere Stimme. Der Herr Casperl ist noch nicht fertig mit dem Ankleiden. Direktor. Ja was ist denn das? Das Publikum wartet schon. Die Ouverture ist längst gespielt. Es klingelt wieder. Der Vorhang geht noch nicht auf. Aber Herr Casperl, machen Sie doch weiter! Casperl. Ich bin noch nicht fertig. Ich habe mir den rechten Hemdärmel überstaucht. Direktor. Warum sind Sie aber auch heut so spät gekommen? Sie waren gewiß im Wirthshaus. Das Publikum wird ungeduldig werden. Casperl. Gleich, gleich! Direktor. (ungeduldig.) Vorwärts! Vorwärts! Ich kann nicht mehr warten lassen. Herr Majer, zieh'n Sie nur den Vorhang auf. Der Vorhang geht ein Bischen in die Höhe, so daß man nur Casperl's Beine sieht. Casperl. (schreit.) Halt! halt! – herunterlassen! ich bin ja noch im Hemd! Der Vorhang fällt wieder. Direktor. (zornig.) Das wird mir zu arg! Ich kann keine Rücksicht mehr nehmen. Das Stück muß anfangen! Allo! (klingelt heftig.) Vorhang auf! Der Vorhang geht auf. I. Aufzug. Wilde Waldgegend. Eine elende Hütte im Hintergrund. Gewitter. Platzregen. Casperl. (hat über den Hosen nur das Hemd an.) (Schreit.) Halt, halt! Das ist infam! Runterlassen! Ich Hab' mein Röckl noch nicht an. Und das Wetter! Ich werd' ja durch und durch naß. Herr Direktor! runterlassen! (Es regnet ungeheuer. Casperl lauft auf und ab.) Ich krieg' den Katarrh! Laßen's doch den Vorhang runter! – Ich werd' krank, nachher kann ich sechs Wochen lang nit spielen und Sie sind am Meisten gestraft. (Aus dem Hause tritt Els mit aufgespanntem rothen Parapluie.) Els. Was ist das für ein Lärm, was für ein Geschrei? Ihr weckt mir die schöne Jungfrau drinnen. Wer bist du? Wie kommst du da her in die Wildniß? Casperl. Sie haben gut reden, Madam, mit ihrem Parapluie. Schauen S' mich an in meiner einfachen Toilette. Els. Hast du dich denn verirrt? In diese Einsamkeit findet nicht leicht ein menschliches Wesen. Casperl. Das glaub' ich gern. Ich weiß auch nicht, wie ich da her gefunden hab'. Aber so viel weiß ich, daß ich schon durch und durch naß bin. Jetzt' hört's doch zu regnen auf. Aber könnt' ich nicht bei Ihnen etwas untersteh'n und mich ein bißl am Heerdfeuer trocknen? Ich hab' schon so einen kleinen Schüttelfrost-Fieberanfall. Els. Nun ich will Mitleid haben! aber ich lasse eigentlich nicht gern Jemanden in meine Hütte. Casperl. Bitt' gar schön. Sie sind nicht so gefährlich. Els. So komm' denn! Casperl. Und was zum Essen und Trinken möcht' ich auch haben. (Beide ab in die Hütte.) (Tröll, Fasold, dieser ein getödtetes Wildschwein schleppend, treten von zwei Seiten ein.) Fasold. Holla ho! holla ho! Tröll. Holla ho! – gut Waidwerk? Fasold. Die Sau hab' ich erlegt im schwarzen Graben. Tröll. Einen Hirsch hab' ich angeschoßen. Fasold. Ei was thut's? An dem Bissen haben wir lange zu zehren. Tröll. Und das Fäßlein Niersteiner, das wir den Kaufleuten abgezapft haben auf der Heerstraße! Ein herrlicher Trunk! Fasold. Was macht die schöne Ermelind? Tröll. Weiß nicht; bin ja schon beim Frühroth in den Wald hinaus. Fasold. Das arme schöne Kind! Tröll. Ei was! Laß' sie jammern; 's war ein guter Fang. Fasold. Wir hatten Glück, denn der Kampf war schwer und hart gegen sechs Ritter zu Roß, gut bewaffnet. Tröll. Ein Glück, daß der Jungfrau Zelter stürzte. Ich riß sie herab und schleppte sie in den Felsengrund, wo die Ritter auf ihren Rossen nicht nach konnten über's wilde Gestein. Fasold. Der Eine aber hieb wie ein Teufel auf uns ein. Tröll. Das war der blonde Hermann vom Sonnenstein. Fasold. Gut, daß wir sie haben. Einer von uns hat nun ein schönes holdes Weib. Tröll. Wem aber von uns beiden soll sie gehören? Fasold. Komm' hinein! beim Becher wollen wir um sie würfeln. Tröll. Gut so. Das Loos mag enscheiden. (Beide in die Hütte.) Verwandlung. Gemach auf Burg Hohenfels, Kuno und Hermann treten ein. Kuno. Unseliges Geschick! – Zwei Tage schon und keine Spur von ihr. Hermann Edler Ritter, wenn ihr um die geraubte Tochter klagt, mögt ihr erfassen, wie ich um meine Braut jammere. Es war aber, als sei der Teufel im Spiel gewesen. Ohne an etwas Arges zu denken, ritten wir Sechse mit dem Fräulein von der Muhme Kunigund wieder heimwärts; da brachen am Waldeck – ihr wißt's ja – wo das Felsthal einläuft, zwei riesenhafte Männer hervor; mit Axt und Keule fielen sie auf dem schmalen Wege über uns her. Konrad und Kunz stürzten todt von den Rossen. Wir Andern konnten unsere Rosse nicht wenden, so eng war der Pfad. Die Gäule bäumten sich. Ritter Hans stürzte in den tiefen Graben; ich hieb wüthend um mich; mittlerweile war des Fräuleins Zelter gefallen, ich konnte nicht beispringen; da zog sie der Eine der Räuber herab und schleppte sie seitwärts durch die Felsenblöcke hinan; wir vermochten zu Roß nicht zu folgen, warfen uns aus dem Sattel – aber es war zu spät. In wilder Flucht waren die Verwegenen mit ihrer edlen Beute zwischen den Felsklüften verschwunden. Vergebens eilten wir nach – da fiel die Nacht ein und trostlos kehrten wir zurück. Kuno. Und meine Ermelind! meine theure Tochter, wie mag es ihr nun ergehen? In den Händen wilder Räuber? Hermann. Alle Knappen sind ausgesandt, zum Theil als Bauern verkleidet, um die Spuren auszuforschen. Ich selbst will sogleich nacheilen in dem Gewande eines Pilgers, mein gutes Schwert unter der Kutte. Kuno. Eilet! eilet! es ist keine Zeit zu verlieren! Hermann. Dessen könnt' Ihr sicher sein, daß ich keinen Augenblick versäume, meine geliebte Braut zu retten. Im tiefsten Walde des rauhen Thales sollen die Räuber hausen. Niemand naht sich der Gegend. Sie leben vom Waidwerk und überfallen hie und da auf der Heerstraße oder auf den Seitenwegen Wanderer und Reisende. So sagt das Volk. Neulich beraubten sie Kaufleute, die zu Markt zogen. Doch was verweile ich noch? Lebt wohl, Ritter Kuno! Ich eile fort. Kuno. Gott geleite Euch! (Hermann ab.) Kuno (kniet nieder.) Herr im Himmel! höre mein Gebet! Vernimm das Flehen eines unglücklichen Vaters. O beschütze meine Ermelinde! Rette sie aus den Händen ihrer Räuber! Ihr Engel beschützet und bewahret sie. (Ab.) Verwandlung. Das Innere der Räuberhütte, Im Hintergrunde ein Heerd, über dessen Feuer ein Wildschwein am Bratspieß steckt, den Casperl dreht, (Er hat seine rothe Jake an.) Im Vordergrunde ein schlechter Tisch, Trinkgefäße darauf. Gegenüber ein Ruhebett, mit einem Thierfelle überdeckt. Casperl (den Spieß drehend, singt.) Lirum larum, Dreh' rum, drah' rum. Hock' ich schon den halben Tag, Bis das Schwein nur braten mag. Zipfl zapfl, Tripfl trapfl, So ein Vieh, das braucht a Hitz, Und ich sitz' und dreh' und schwitz'. Lirum larum, Dreh' um, drah um, Erst vom Regen tröpflnaß, Jetzt vom Schwitzen – 's ist kein Spaß! (Steht auf.) No, da dank' ich. Mich haben sie schön erwischt. Das ist eine Bagage aufeinander in der Hütten. Ein alt's Weib – zum Grausen, eine wahre Hex, und zwei Mordslümmel, die mich gleich zu ihrem Bedienten oder eigentlich Hausknecht gemacht haben, kaum daß ich in die elende Spelunken hereing'schaut hab'. Ich glaub', das ist a miserables Gesindel. Wildschützen jedenfalls. Ich bin nur froh, daß ich meinen Janker wieder anhab'; denn ich hätt' doch die ganze Vorstellung nicht im Hemd rumlaufen können. Aber jetzt will ich nur sehen, wie ich aus dem vermaledeiten Loch wieder hinauskomm'. Die Kerls sind im Stand und lassen mich nimmer fort, weil ich ihnen so ausgezeichnete Dienste leiste. Heut hab' ich schon ein paar Juchtenstiefel putzen und schmieren müssen, nachher hab' ich Wasser getragen, jetzt hock' ich schon den ganzen Vormittag am Feuer und muß den Bratspieß drehen, bis die Wildsau brat't. Da fallt mir grad ein, daß ich's Feuer auslöschen muß, sonst verbrennt die Wildsau. (Er thut es.) Und was haben's mir z'essen geben? Ein geselchtes Eichkatzl und Wasser dazu. Da dank' ich! Jetzt kommt die Alte wieder. Els (tritt ein.) Nun, Bürschlein, wie geht's? Hast du fleißig den Spieß gedreht? Jetzt geht's dran; denn meine edlen Herren sind grad von der Bärenhaut aufgestanden und haben ausgeschlafen. Nun geht's an's Zechen. Casperl. Nun, das hab' ich mir gleich gedacht, daß die zwei Herren Bärnhäuter sind – so sehen's aus. Els. Halt dein Maul, Bursch! Du brauchst nicht viel Späße zu machen und Tröll und Fasold zerreissen dich wie einen Spatzen. Casperl. (Für sich.) Auweh! Da könnt's schlecht aussehen. (Zu Els.) Oho, schöne Madam; so war's ja nicht gemeint. Es war nur ein gelinder Scherz. Els. Loser Junge, du nennst mich schön? Casperl. (Für sich.) Aha ich merk was! (Zu Els.) O ausgezeichnet! Für Ihr bedeutendes Alter, wunderschön. Das Feuer in den Augen! Das Roth in den Lippen! Das Gelb auf den Wangen! Die figürliche Statur! die staturliche Figur! Els. Du bist ein rechter Schalk; aber ich kann dir sagen, daß du mir auch recht gut gefallst. Du bist ein ganz netter Bursch. Casperl (mit Selbstbewußtsein.) O! da sagen Sie mir gar nichts Neues. Wohin ich noch gekommen bin, habe ich durch meine männliche Schönheit und jugendliche Kraft bei allen Frauenzimmern Aufsehen gemacht; also werd ich so einer alten Schachtel, wie Sie sind, doch auch gefallen müssen. Auweh! jetzt hab' ich mich verschnappt. Els. Wie? was sagst du da von einer alten Schachtel? Casperl. Das war nur allegorisch gesprochen. Els. Warte, loser Junge! – Aber jetzt werden Tröll und Fasold zum Imbiß kommen. Also hurtig, hurtig! Sie haben in der Kammer drinnen schon einige Becher Wein geleert und scheinen guter Dinge. Casperl. Ja, ich hab' aber von den »guten Dingern« noch nichts gemerkt. Ich möcht' auch was Gut's. Els. Komm' nur mit mir hinaus, lieber Bursch. Ich will dir schon etwas Gutes geben. Sollst nicht zu kurz kommen, Herzensmännchen. Casperl (tragisch, mit Bedeutung.) Ich muß Ihnen nur mittheilen, daß hier bei dieser Gelegenheit und unter diesen Umständlichkeiten mein Magen mehr als mein Herz spricht, und ist mein Magen aber auf eine anständige Weise befriedigt, dann, meine allerliebste Madam, fangen sich erst die Gefühle moines Hörzens zu rögen an – – (kniet sich vor Els hin) dann gehöre ich Doin, Doin, Doin – – (Tröll und Fasold treten angezecht herein.) Tröll. Was will der Narr da? Fasold. Bei der alten Els. Tröll. Haushexe! süßes Wesen! Fasold. Alter Besen! Ist hier Wein? Wir haben noch nicht genug. Tröll. Vom Faß, das wir neulich gebracht. Els. Da stehen schon die vollen Humpen. Fasold. Fort! Hinaus ihr Beide! (Els und Casperl ab.) Fasold. Jetzt, Bruder, laß' uns mit der Dirne reden. Mache die Fallthüre auf. Tröll. Heraus, holde Schöne! Geht gegen den Hintergrund und öffnet auf dem Boden ein Eisengitter. Aus der Versenkung erscheint Ermelinde. Ermelind. Da bin ich. Ihr Elenden, was wollt ihr mit mir? Fasold. Zürnet nicht, edles Fräulein. Ihr seid in der Gewalt edler Ritter. Tröll (lacht höhnisch hellauf.) Haha ha ha! Ja edler Ritter. Gut gesprochen, Bruder Fasold! Kurz – Mädchen – wir haben dich; also was willst du weiter anfangen? Ermelind. Wohl weiß ich es, daß ich in eurer Macht bin. In schmählicher Weise habt ihr mich geraubt. Laßt mich frei. Was verlangt ihr als Lösegeld? Fasold. Nichts da. Was wär' uns mit Geld gedient? Wild und Wald geben uns Nahrung; den Wein, den wir brauchen, holen wir hier und dort; aber Einer von uns wollte sich auch einmal ein Weib erobern. Du bist schön, du gefielst uns, darum haben wir dir auf dem Weg gelauert. Nun haben wir dich. Ermelind. Weh mir! Gott im Himmel beschütze mich! Tröll. Ziere dich nicht. Wir wollen um deinen Besitz würfeln. Wer von uns den besten Wurf thut, dem gehörst du. Fasold. Und morgen halten wir Hochzeit. Tröll. Sieh' – da bratet schon das Wildschwein zur Brauttafel. Juhei! Fasold. Juhei! (Sie trinken.) Tröll (singt.) Kann's ein schön'res Leben geben, Als beim ersten Tagen jagen, Und dann lustig trinken, blinken Volle Becher weidlich freudlich? Holla ho, holla ha! Fasold (singt.) Und nach Weidmanns Siegen liegen Auf dem Bärenfelle, helle Sich des Mondes Strahlen malen Dann in gold'nen Weines Scheine! Holla ho, holla ho! Sauf' Bruder! heut' ist ein guter Tag. Tröll. Fürwahr, ein guter Tag. (Beide werden immer betrunkener.) Fasold (mit schwerer Zunge.) Wo – wo – sind die Würfel? Tröll (ebenfalls.) Ja – Glück – zu! – Die – die – Würfel. (Fasold und Troll sinken betrunken auf das Ruhebett und schlafen ein. Ermelinde (beugt sich über die Liegenden und lauscht.) Sie sind betrunken und liegen bewußtlos da. – Himmel sei mir gnädig! Ich kann entfliehen. Nähert sich der Thüre und will hinaus. Casperl (tritt ihr entgegen herein.) Oho! wer will denn da heraus? Wie? welche göttliche Gestalt! Eine Mamsell? Woher? wohin, mein Fräulein? Ermelinde. Still! Still! – Wenn du ein Mensch bist, der das Gefühl des Mitleids in sich trägt, so lasse mich fliehen – Casperl. O, ich trage ganz andere Sachen in mir, aber sage Mädchen, wer bist du und warum willst du fliehen? Ermelinde. Es ist kein Augenblick zu verlieren. Ich bin geraubt, hiehergeschleppt – laß mich, laß mich! Casperl. Auch ich bin hiehergeschleppt, auch ich – Ermelinde. Ich beschwöre dich, magst du sein wer immer! Ich bin verloren, wenn du mich nicht fliehen läßt. Casperl. Ha! – auch ich möchte fliehen, aber ich kann nicht. Die alte Hexe hat die Hausthür zugesperrt, den Schlüssel in den Sack g'steckt und ist auf einem Besen ausgeritten. Ermelinde. Weh mir! ich bin verloren. (Sinkt ohnmächtig in Casperl's Brust.) (Der Vorhang fällt.) II. Aufzug. Abenddämmerung. Wald. In der Mitte eine große alte dreistämmige Eiche mit weitausgebreiteten Aesten. Ritter Hermann (in Pilgertracht tritt ein.) Kaum kann ich weiter. Nun irr' ich schon einen Tag umher und weiß nicht mehr wohin. Vom Waldeck aus, wo wir überfallen wurden, stieg ich durch die Klippen und glaubte auf der Spur zu sein, wohin Ermelinde von den Räubern fortgeschleppt wurde. Vergebens! Ein Pfad in hohes Gehölz zog mich seitwärts ab; ich vertiefte mich immer mehr und mehr in den Wald und nun komm ich hieher und weiß nicht, wohin ich gelangt bin. Wie finde ich nun wieder einen Ausweg, um gegen das Waldeck zu kommen? Ich bin erschöpft, ich muß ein wenig ausruhen. Doch seh' ich recht, so naht ein Mann dorther durch des Waldes Dickicht. (Ein Holzhauer mit einer Axt tritt ein.) Hermann. Willkommen, guter Mann! Holzhauer. Ei sieh da! – Wie kommt der Pilger hieher? Seid gegrüßt. Ihr müßt weit ab vom Pfad fehlgegangen sein; denn hier ist kein Weg für Wanderer. Hermann. Ich denke mir's wohl lieber Freund. Wo bin ich denn eigentlich? Holzhauer. Das ist der Druidenort, wie ihn die Leute seit ältester Zeit her nennen, und die tausendjährige Eiche heißt die Wuotanseiche. Als unsere Vorfahren noch Heiden waren, sollen sie hier ihren Göttern geopfert haben. Der Ort ist nicht geheuer. Hermann. Soll es etwa geistern? Aberglaube! Holzhauer. Man sagt's und darum vermeiden die Leute des Nachts da vorüberzugehen. Aber es kömmt ohne dieß Niemand vorbei als wir Holzhauer, wenn wir in den großen Tannenwald hinüber den nächsten Weg gehen wollen, wie's mir heute geschieht. Hermann. Nun, könnt Ihr mir wohl sagen, wie ich am Besten heinauskomme. Ich möchte gegen das Waldeck am Felsenthal. Holzhauer. Ei, der Tausend! Da seid Ihr weit ab. Da wo Ihr mich herkommen sahet, schlängelt sich ein enger Pfad durch das dichte Gehölz. Dem folgt so weit Ihr könnt bis an ein hölzernes Kreuz, das an einer alten Tanne steht; dann wendet Euch wieder links, bis Ihr an eine schlechte Hütte gelangt. Da findet Ihr immer Holzknechte, die Euch weiter weisen können. Nun guten Abend! Es wird Nacht; ich muß heim und habe noch einen weiten Weg zu machen. Hermann. Gott befohlen! Ich dank' Euch für die Auskunft. Holzhauer. Gott befohlen! (ab) Hermann. Nun, du alte ehrwürdige Eiche, unter deinem Laubdache will ich noch ein wenig rasten, dann fort! denn es läßt mir keine Ruhe. (Setzt sich auf einen Stein im Berbergrund.) Aber ich bin wirklich recht ermattet. Theure Ermelinde, wo werde ich dich finden? (Schlummert ein.) Nacht. Die Vollmondscheibe erscheint am Himmel. Geisterchor (Hinter der Scene) Ueber die Matten Breiten sich Schatten, Der Tag ist vollbracht, Da senkt sich die Nacht. Geister aufschweben, Den Hain zu beleben; Der Mondenschein blinkt Und Waldkönig winkt. Ringsum erklingt es, Ueberall singt es Durch Berg und Thal hin: »Laurin! Laurin!« Der mittlere von den Stämmen der Eiche öffnet sich; in heller Erleuchtung erscheint darin König Laurin, mit langem weißen Barte, eine funkelnde Krone auf dem Haupte, in grünes Laub gekleidet. Laurin. Was liegst du armer Ritter hier Im grünen dunklen Waldrevier? Wach auf, wach auf! erhebe dich, Und höre, höre, höre mich! Bald soll dein krankes Herz gesunden, Hast Ermelinden du gefunden. Damit du's könnest, send' ich dir Waldtaube gleich zur Stelle hier. Sie wird vor deinen Schritten schweben Und dir des Pfades Kunde geben. Sie wird vor dir hin flatternd zieh'n. Folg' nur dem Täublein immerhin; Und wenn sie Ermelinden fand, Wird sie sich setzen auf ihre Hand. Wach auf, du frommer Pilgersmann, Und ziehe fröhlich durch den Tann! Wenn dich das Morgenroth wird grüßen. Liegst der Geliebten du zu Füßen. Die Eiche schließt sich und Laurin verschwindet. Hermann (vom Traume auffahrend.) Wie ist mir? Was ist es? Welch' ein sonderbarer Traum? Eine weiße Waldtaube schwebt herein und läßt sich auf Hermann's Schulter nieder. Hermann So bist du wirklich da, holde Taube? Willst du mir den Weg zeigen zu Ermelinden? Die Taube flattert etwas in die Höhe und senkt sich wieder. Hermann. Holde Taube, Du, mein Glaube, Schwebe, schwebe nur voran, Zeige, zeige mir die Bahn. Durch die Wälder, Ueber Felder Immer zu, nah' oder fern, Folg ich deinem Fluge gern. Glänzet nimmer Mondenschimmer, Soll der Liebe Leuchte sein Deiner weißen Flügel Schein. Hermann erhebt sich, die Taube schwebt einigemale auf und nieder, dann hinaus und er folgt ihr raschen Schrittes. Verwandlung. Waldgegend mit der Hütte (wie im ersten Aufzuge) . Vollmond am Himmel. Tröll und Fasold, jeder eine Keule in der Hand, treten rasch aus der Hütte. Tröll. Heraus in's Freie, hier im Mondenschein Soll uns'res Kampfes lichte Stätte sein. Fasold. Du hast's gewollt! Ich war in meinem Recht. Mir fiel der Würfel gut, dir aber schlecht, Und darum nahmst die Keule du zum Streite, Versagtest schmählich mir die Beute. Mein war die Jungfrau durch des Looses Spiel Und dich ergrimmt's, daß so der Würfel fiel. Schmach dir, daß du der Ehre bar! Tröll. Fluch dir! Erkämpfen will die Maid ich lieber mir, Weil nur der Zufall lenkt des Spielers Glück. Fasold. Beschlossen war's; ich tret' nicht mehr zurück. Tröll. Ich aber heb' die Keule. Wehre dich! Fasold. Wart', Schuft, dem keiner noch an Frevel glich! (Sie kämpfen mit den Keulen.) Tröll. Halt ein! ich fühle deiner Schläge Macht. Fasold. Lahm ist mein Arm noch nicht, drum habe Acht! Tröll. Noch diesen Hieb! Fasold. Und den! Tröll. Willst du noch mehr? Fasold. Halt ein! Tröll. Hast du genug? Noch diesen her! Fasold. Hei, Bruder sei gescheid! Tröll. Wozu der Streit? Fasold. Ich kann nicht mehr. Tröll. Wohlan, so laß' uns ruh'n. Fasold. Was meinst du, Tröll? sage: was willst du thun? Tröll. Wir legen uns auf uns're Bärenhaut. Fasold. Und schlafen bis zur Jagd der Morgen graut. Tröll. Es sei! Fasold. Vielleicht nimmst du Vernunft noch an. Tröll. Ei was? komm in die Hütte! Fasold. Nun wohlan! (Beide ab in die Hütte.) Allmählig graut der Morgen und es tagt. Nach und nach erhebt sich das Morgenroth. Chor (Hinter der Szene.) In Morgenrothes Purpur-Schein Zieht durch den Tann Laurin hinein. Hallo, Hallo! im dunklen Wald Verschwindet der Waldkönig bald. Laurin, Laurin reitet einher Mit seines Silberhornes Wehr. Hallo, hallo! es schallt, es hallt Durch's Grün hin hellen Klang's Gewalt. Waldkönig ziehet aus bei Nacht Und kehret heim in Morgenpracht. Hallo, hallo! wer sah dich schon, Lamm, mit deiner goldnen Kron'? Wer hat, Waldkönig, dich geseh'n? Die Elfen nur und holde Fee'n. Hallo, hallo! Laurin, Laurin Zieht in dem dunklen Wald dahin. Während des Chores, der von Waldhornklang begleitet wird, schwebt der Waldkönig, auf einem weißen Hirsch reitend, im Geleit von Elfen und Zwergen langsam vorüber. Die Taube fliegt herein und einige Male umher. Hermann tritt ein. Die Taube setzt sich auf das Dach der Hütte. Hermann. Es grüßt das Morgenroth. Mein Herz, nur Muth! Dort auf der Hütte nun das Thierlein ruht. So ist es hier , wo Ermelinde weilt, Da meine Taube nicht mehr weiter eilt? O schlechter Aufenthalt! unwürdig dieses Dach, Zu decken solcher Schönheit still Gemach! Auf hartem Lager ruh'st vielleicht du, Ermelind Und deinen süßen Schlummer stören Frost und Wind. O arme Maid! In Noth und Leid Harrst der Befreiung du. Geduld! Geduld! Der Retter naht, geführt von Zaubers Huld. Casperl zeigt sich in der Thüre der Hütte, aus welcher er tritt, in jeder Hand einen großen Wasserkrug. Hermann. Das Pförtlein öffnet sich, man tritt heraus; Verbergen will ich mich; drum rasch hinaus. (Tritt hinter die Coulisse.) Casperl (vortretend) Jetzt bin ich halt eigentlich in der Mausfallen. Wirklicher provisorischer Leibhausknecht mit 365 Tag Jahreslohn, Prügel, wenn's Noth thut oder wenn's meinen freundlichen Gebietern beliebt, schwache Kost und mäßigen Trunk; d. h. aber nicht maßweise ; Wasser so viel ich will – – halt aber! Die ganze Natur besteht aus Licht und Dunkel, und der Schatten setzt eine gewisse Beleuchtung voraus. Ha! und welche Beleuchtung? Ist nicht das verburgene, geraubte, unglückliche, wunderschöne Edelfroilein der Störn, der mir in der schattirten Nacht luichtet? Ich gehe mit dem Gedanken um, ich habe mich längst mit ihm vertraulich gemacht, das ödle Froilein großartig heimlich zu rötten und zu entführen. Allein bisher wälzte sich Hinderniß auf Vorderniß entgegen und der Augenblick des Momentes hat sich noch nicht gezeigt. Aber, wenn die zwei Räuber wieder einmal auf Abentheuer gehen, werde ich die alte Hex, die so grausam aufpaßt und das Froilein hütet, schleunig abmurxen und die Röttung wird mir gelingen! Doch was nützt mich dieses interessante biographische Selbstgespräch? – Ich muß jetzt an der Felsenquelle dort Wasser holen zum Caffee kochen. (Indem Casperl sich entfernen will, tritt ihm Hermann entgegen.) Hermann. Halt! doch schweige, damit uns Niemand höre. Casperl (erschrocken.) Oho! – aber Sie haben mich erschreckt. Hermann. Nur still, still! Casperl. Ja still, still, still – ich frag' lieber, wer Er ist und was Er will? Hermann. Du scheinst mir in jener Hütte dort im Dienst zu stehen. Casperl. Zu stehen oder zu gehen . Jetzt, wie Sie sehen: zu gehen . Also hätten Sie nicht sagen sollen im Dienst zu stehen , sondern im Dienst zu gehen . Hermann. Nun denn. Wisse: das Edelfräulein, welches hier gefangen, ist meine Braut. Ich bin Ritter Hermann vom Sonnenstein. Casperl. Ha, da hab' ich Respect. – Aber sagen Sie mir, Sie haben ja eine Kapuziner-Kutten an und scheinen also nebenbei auch Kapuziner zu sein und haben doch eine Braut . Die Kapuziner müssen ja ledig bleiben. Hermann. Es ist nur ein Pilgergewand, in das ich mich geworfen habe, um unerkannt zu sein und nicht als Ritter zu erscheinen. Casperl. Wie? was? Geworfen? – Wer hat sie denn in das Pilgergewand geworfen? – Doch, Kapuziner oder Pilgersmann, wie haben Sie den Weg daher gefunden? Hermann. Sieh' dorthin. Die weiße Taube hat mich hieher geführt, indem sie mir stets voranschwebte. Casperl. Eine weiße Haube? Hermann. Eine Wundertaube, die ein guter Geist mir sandte. Casperl (gerührt.) O der gute Geist! Nun brauchen Sie die Taube nicht mehr, nicht wahr?. (Im gewöhnlichen Tone.) Wissen Sie was? Jetzt überlassen Sie mir die Taube, damit ich Sie rupfen, braten und verzehren kann. So einen Bißen hab' ich lang nit gehabt. Bisher bin ich nur mit gerösteten Wildschweinschnitzeln gefuttert worden. Hermann. Was denkest du? Diese herzige Wundertaube? Doch jetzt laß uns überlegen, was zu machen ist und wie es mir möglich wird, meine Braut ihren Räubern zu entreißen. Du scheinst mir ein guter Bursche. Casperl. Mit dem Reißen wirds schwer halten; denn das Fräulein ist immer in ein unterirdisches Kellerloch eingesperrt. Nur in aller Früh und Abends darf sie ein wenig Luft schnappen und wird von der alten Hex da heraus geführt. Wenn's fünf Uhr schlagt, wird sie gleich herauskommen. Verstecken wir uns ein wenig. Hermann. Theure Ermelinde! Und so soll ich dich wieder sehen? (Beide seitwärts ab.) Els. (tritt mit Ermelinde aus der Hütte.) So, mein Fräulein. Hier könnt Ihr wieder Morgenluft genießen. Ermelinde. Ueberall nur Kerkerluft! Els. Ei was! »Kerkerluft«! Das ist nur Eure eigene Schuld. Wen ihr Euch entschließen wolltet, Einem meiner edlen Kämpen da drinnen die Hand als Gattin zu reichen, so wäre die Luft bald eine andere als Kerkerluft; und habt Ihr Einen selbst gewählt, so wird der Bruderzwist um Euch bald enden. Ermelinde. Ein Glück für mich, daß die schändlichen Räuber um meinetwillen stets in Zwist und Hader leben. Denn, würden sie sich einigen, so wäre es längst um mich geschehen. Eh' mich aber Einer von ihnen freit, würde ich meinem Leben ein Ende machen. Els. Ei Pfui! Ihr wißt gar nicht, was Euer Glück ist? Denkt Euch nur: die Frau zu sein eines der gefürchtetsten Helden. Ermelinde. Schmach und Schande solchem Heldenthume! Els. Seht, da kommen sie. Sie ziehen zur Jagd aus. Tröll und Fasold treten aus dem Hause, mit Speer und Bogen gerüstet. Tröll. Den schönsten Morgengruß, Fräulein! Fasold. Ihr trotzt noch immer und schweigt? Nun so höret wenigstens: Tröll. Hört, daß wir geschworen haben, unsern Hader um Euch zu enden. Wir wollen es Euch überlassen von uns beiden Einen zum Gemahl zu wählen. Der Andere wird sich fügen. Fasold. Ihr besinnt Euch wohl? Ihr schweigt? Tröll. Es ist unser letztes Wort. Wo nicht, so – Fasold. Komm, Bruder! Laß uns ziehen. Das Fräulein wird sich schon besonnen haben, bis wir Abends von der Jagd heimkehren. Tröll. Ja, ja. Ueberlegt nur, mein edles Fräulein. Gut Ding braucht Weil. Auf! zur Jagd! Fasold. Heut gilt's dem starken Hirsch im Hohentann. Tröll. Lebt wohl! (Fasold und Tröll ab.) Els. Habt Ihr's gehört? Nun entschließt Euch nur, da die Werber sich versöhnt haben. Ermelinde. Nie und nimmermehr. Sterben will ich. (Die Taube schwebt vom Dache herab und setzt sich auf Ermelind's Hand.) Wie? ein Täublein? Wo schwebst du her, liebes Thierchen? Bist du ein Bote des Trostes? der Befreiung vielleicht? (Hermann stürzt herein. Casperl folgt ihm.) Hermann (fällt Ermelinden zu Füssen.) Ja, Ermelinde! Die Taube bringt frohe Botschaft. Ermelinde. Gott im Himmel! Mein Hermann! Hermann Ich bin es und komme Euch zu retten. Els. Höllisch Element! Was seh' ich? Hermann. Schweige, alte Hexe! Du bist des Todes. Els. So schnell geht's nicht. Casperl. Halt's Maul! oder ich dreh'dir den Kragen um. Els (ruft.) Fasold! Tröll! – Herbei, herbei! (Hermann und Casperl stürzen auf Els.) Hermann. Schweige, wenn dir dein Leben lieb! Els (lacht höhnisch.) Hi, hi, hi! Mich fangt man nicht so leicht, ihr Herren. Sie fährt, Casperl auf den Boden werfend, in die Höhe und fliegt seitwärts hinaus. (Der Vorhang fällt rasch.) III. Aufzug. Gemach auf Burg Hohenfels, wie im ersten Aufzuge. Ritter Kuno (ans offene Fenster gelehnt, hinausschauend.) Noch immer keine Botschaft! Meine Knappen kommen zurück ohne auch nur die mindeste Spur gefunden zu haben. Hermann ist noch nicht heimgekehrt. Auf ihn hoffe ich noch. (Der Thurmwart stößt in's Horn.) Der Thurmwart gibt ein Zeichen. Da naht sich jemand der Burg. (ruft hinaus.) Wärtl! was siehst du? Stimme von Aussen. Ein Bote naht. Ein Knappe in rothem Wams; 's ist aber keiner von den Unsrigen. Kuno. Keiner von den Meinigen? Wer mag das sein? Doch nicht ein Unglücksbote? Casperl stürzt zur Mittelthüre herein, läuft im Zimmer ein paar Mal herum, wirft Tisch und Stühle um und stößt endlich an Ritter Kuno, daß dieser umfällt. Kuno (aufstehend.) Oho! oho! was ist denn das für eine Art und Manier? Kömmst du aus dem Tollhaus? Casperl (spricht schnell in einem Anlauf.) Wenn Ihr der edle Ritter Kuno von Hohenfels zu sein die Ehre habt, der zugleich der glückliche, dermalen aber unglückliche Vater des ehemals glücklichen, dann unglücklich gewordenen und jetzt wieder auf glücklichem Wege befindlichen Edelfräuleins Ermelinde seid, welche die glückliche Braut des glücklichen, dann aber unglücklichen und jetzt wieder auf dem Wege des Glückes befindlichen edlen Ritters Hermann vom Sonnenstein ist und hoffentlich bleibt , so habe ich Euch, edlem, aber noch nicht ganz glücklichen Ritter Kuno von Hohenfels als Bote des nun so ziemlich glücklichen Ritters Hermann, gehorsamst zu melden, daß Ritter Hermann und Fräulein Ermelinde sich zwar einigermaßen auf dem Rettungswege befinden, aber in Beziehung und Erwägung verschiedener Nebenumständlichkeiten noch nicht hier sind. Ah – jetzt muß ich aber ausschnaufen! Kuno. Toller Bursch! Wie kann ich aus deinem Geschwätze klug werden? Wer bist du? Wer sandte dich? Casperl. Ich bin und heiße Casperl Larifari, vormals Privatleibknappe bei Herrn Tröll, Fasold und Compagnie, jetzt wirklicher interimistischer Kammer- und Jammerdiener bei Herrn Ritter Hermann vom Sonnenstein, der mit Eurer Tochter im Wald versteckt sitzt und nicht weiß, was er thun soll. Kuno. Mit meiner Tochter im Wald verborgen? Also lebt Ermelinde und ist gerettet! Casperl. Sie löbt und ist geröttet, aber noch nicht ganz; denn die Hex ist davongeflogen und die zwei Räuber laufen dem Ritter und dem Fräulein nach. Kuno. Die Hexe? die zwei Räuber? Wie soll ich dich verstehen? Erkläre dich, rede klar und deutlich. Wie ist der Hergang? Casperl. Erstens bin ich nicht hergegangen , sondern hergelaufen . Zweitens: werde ich Euch Alles genauer expluciren, wenn ich einige Erfrischung zu mir genommen. Drittens: laßt vorderhand Eure Knappen aufsitzen und Euren alten Leibgaul satteln, dann werdet Ihr unter meiner Fahne abmarschiren. Nur geschwind Etwas zum Essen und Trinken, Herr Ritter, sonst fall' ich wieder um. Kuno. Du Narr du! Nun es sei; weiß ich doch meine theure Ermelinde in sicherer Hand. Komme zum Imbiß und erzähle mir; aber laß uns keine Zeit versäumen, wenn die Rosse gesattelt sind. Casperl. In die Trinkstube! (Beide ab.) Verwandlung. Wald mit der Eiche, wie im zweiten Aufzuge. Els (fliegt herein) Da kommen sie des Wegs herangezogen Und ich bin ihnen klug vorangeflogen; Will lauern nun, mich bergen auf dem Ast, Denn sie wohl suchen hier im Schatten Rast. Hi, hi! – Sie kommen mir nicht aus, die Flucht Vereitle ich, und wenn sie Ruh' gesucht Und nur ein wenig hier im Wald verweilen, Wird Tröll mit Fasold sicher sie ereilen. Schnell auf des Baumes Ast, mich zu verstecken! Schon nahen sie. Ich will Sie weidlich necken. Hermann und Ermelinde treten ein. Sie Taube fliegt vor ihnen her und läßt sich auf einem Zweige der Eiche nieder. Ermelinde. Ich kann nicht mehr weiter, Hermann! Ich bin so erschöpft, daß ich hier etwas ausruhen muß oder ich sinke ohnmächtig zusammen. Hermann. Ruhet, theures Fräulein. Der weite Weg und die Eile unserer Flucht haben Euch allzusehr ermüdet. Seht, auch das Täublein, unser treuer Führer, ruht dort oben zwischen den Blättern aus, ein sicheres Zeichen, daß auch wir Halt machen dürfen. Setzt Euch auf diesen Stein hier. Ermelinde. Wo sind wir? Glaubt ihr, daß wir noch weit entfernt sind von der Burg meines Vaters? Hermann. Dieß vermag ich Euch nicht zu sagen; allein dieser Ort ist mir wohlbekannt. Hier saß ich ja und schlummerte, wo Ihr jetzt ausruhet, und träumte von einem holden Waldgeiste, auf dessen Geheiß mir die Taube die Bahn zu Euch gezeigt, als ich erwacht war. Es ist der Druidenort und die Wuotanseiche (Er blickt hin und sieht die Hexe.) Wie? was seh' ich? Els (auf dem Aste) Hi, hi! Nichtwahr? Das wundert Euch! Da sitz' ich oben, dem sanften weißen Täublein gegenüber. Ermelinde. Weh uns! Das ist die Els. Els. Ja die Els, die Euch nicht verlassen kann, aus lauter herzinniger Lieb. (In drohendem Tone.) Ich bin und bleib' Eure Begleiterin; ich lasse Euch nicht von der Stelle, bis Fasold und Tröll Euch eingeholt haben. Hermann. Versuch's, Hexe! Mein gutes Schwert fürchtet keine Hexen. Els Und die Hexen fürchten auch das blanke Eisen nicht. Hört nur! Schon brechen die Zweige, und Schritte nahen. Tröll und Fasold kommen. Ihr seid verloren. Laurin's Stimme (aus dem Baume.) Nein! sie sind nicht verloren; denn Laurin, der Waldkönig, schützt sie. Zugleich öffnet sich der mittlere Stamm, in welchem Laurin erscheint. Hermann und Ermelinde fallen auf die Knie. Hermann und Ermelinde (zugleich.) König Laurin! Laurin. Laurin ist's, ja, der Lieb' und Treue schützet, Kommt näher mir zu sich'rem Aufenthalt! Die beiden Stämme zur Seite öffnen sich. Hier, bergt Euch in der Stämme enger Kammer, Bis ich Euch wieder rufe aus dem Schacht. Hermann und Ermelinde begeben sich in die geöffnete Stämme rechts und links; die Spalten schließen sich wieder. Und Hexe, du bleib' oben mir gebannt. Des Baumes Ast soll fest dich nun umklammern. Jetzt nahet, Tröll und Fasold, Schandgesellen, In's Garn zu fallen, das Ihr And'ren stellt! Fasold und Tröll treten ein, nachdem Laurin wieder im Baume verschwunden und der Stamm sich geschlossen. Fasold. Wo ist das Paar? Tröll. Ich sah's hieher sich flüchten. Fasold. Und wo ist Els, die ihnen nachgejagt? Els. Hier oben sitz' ich und kann nicht vom Baum; Waldkönig hat mich festgebannt. Habt Acht! Entflieh't! Wer weiß, was Euch noch mag gescheh'n. Fasold. Du Närrin träumst. Tröll. Sag': wo ist Ermelinde? Fasold. Und wo der Ritter, der sie uns entführte? Els. Nah sind sie Euch in sicherem Versteck, In Baumeshöhle von Laurin geborgen. Tröll. So soll die Keule mein die Rinden brechen! Fasold. Und meine Axt soll diesen Stamm zerhau'n! Beide stürzen auf die Bäume. Donnerschlag. Laurin erscheint wieder. Laurin. Zurück, ihr Frevler! Euer Arm sei lahm, In starre Ohnmacht bleibet hier gebannt! Und du da oben Hexe, böses Weib, Verwandelt sei in einer Eule Leib, Befiedert grau sollst du auf trägen Schwingen Des Nachts dein krächzend Lied im Walde singen. Flieg auf! flieg auf und laß dich nimmer schauen, Sobald des Morgens erstes Licht will grauen. Fasold und Tröll bleiben wie versteinert mit gehobenen Waffen stehen. Els, in eine Nachteule verwandelt, fliegt davon. Zugleich Hörnerschall von Aussen. Laurin. Die Ritter nah'n, die Reisigen und Knappen. Hermann und Ermelind', Ihr seid befreit. Die beiden Seitenstämme öffnen sich, Ermelinde und Hermann treten heraus; zugleich kömmt Ritter Kuno mit Casperl und Knappen. Kuno. Hier sind sie. Nehmt die Räuber gefangen! Ermelinde! Hermann! kommt an mein Herz! Casperl. Ermelinde! Hermann! kommt auch an das Moinige! Hermann und Ermelinde (zugleich.) Heil König Laurin, unserm Beschützer! Die ganze Scene wird roth erleuchtet. Laurin. Laurin schützt Lieb und Treu in Waldesgrün; Nun freuet Euch, vergesset alle Müh'n! Zieht hin und brechet Laub von meiner Eiche, Mit Kränzen Euch zu schmücken; und nie weiche Waldkönigs Segen, der Euch nun geleitet, Gleich wie der Sonne Strahl sich vor Euch breitet. Lebt wohl und ziehet All' in Freuden hin, Vergeßt des Waldes König nicht, Laurin! Hörnerfanfare und Schlußgruppe. (Der Vorhang fällt.) Ende des Stückes. Das Eulenschloß. Ein mit unglaublicher Zauberei vermischtes Drama in vier Aufzügen. Personen. Ritter Kauzenveit , im 1. Aufzuge als Eule, im 2. u 3. Geh.-Sekr. Eulert, im 4. Baron v. Eulenschloß. Casperl Larifari . Grethi , Kellnerin. Staatsrath von Walther . Geh.-Rath Actenmaier. Hutzlpeter , Hubermartl und Knöpflbauer, Bauern von Simpelsdorf. Hiesl , Hausknecht. Hoflakaien und Bediente. I. Aufzug. Burgruine im Mondenschein. Der Wind heult. Kauzenveit sitzt in Gestalt einer großen Eule auf Mauertrümmern. Casperl (mit Wandersack tritt ein.) Uh, Uh! das ist eine schauerliche Nacht. Mich gruselt's und beutelt's vor lauter Furcht. Wo bin ich jetzt eigentlich? Mir scheint, der Weg ist mir unter meine Füß davongelaufen; statt in ein Wirthshaus zu kommen, bin ich an dieß Nest gerathen, wo Ei'm die Mauern über'n Buckel zusammenstürzen möchten. Meine Schulden, die mich aus der Stadt vertrieben haben, die hab' ich freilich zu Haus gelassen und nur meinen leeren Ranzen mitgenommen; allein diese Leerheit ist fürchterlich. Meine Taschen leer, mein Magen leer, mein Beutel leer – Alles ist leer. Schauerliche Einsamkeit! Was fang' ich jetzt an? (Die Eule ächzt und schlägt mit den Flügeln.) Oho! was ist denn da wieder? Was für ein unbekanntes Wesen sitzt dort auf der Mauer? Pfui Teufel! Das ist ein abscheulicher Vogel. – Heda! wenn Sie ein Vogel sind, der sich in der Gegend auskennt, was ich doch vermuthen kann, so zeigen Sie mir gefälligst den Weg in einen Gasthof. Aber, freilich, Sie holen sich ihre Kost wo anders. Eule (in schauerlichem Tone.) Casperl! Casperl! Casperl. Nun, wär' nicht übel! Wer ruft mich denn da bei meinem Taufnamen? Eule. Ich bin es! ich bin es. Casperl. Ich bin es! Ja wo ist denn dieses »Ich?« Eule (mit den Flügeln schlagend.) Ich bin es – ein Unglücklicher! Casperl. Ein Vogel, der red't! Das ist einmal was Neues. (Die Eule schwebt zu Casperl herab.) Alle guten Geister! Er fällt um. Eule. Fürchte Nichts. Stehe auf und höre, was ich dir sage. Casperl. Da soll man nicht erschrecken über einen Uhu mit menschlicher Stimme! Das ist ja unerhört. Eule. Ja, es ist allerdings unerhört, drum höre. Casperl. Wenn ich hören soll, so kann es nicht unerhört sein. Aber mir ist's jetzt schon einerlei und ich bin gefaßt. Machen Sie nur ihren Schnabel auf. Eule. Vernimm eine schreckliche Geschichte: Casperl. Wenn die schreckliche Geschicht nur nicht zu lang ist; denn ich hab' weder Zeit noch Lust eine schreckliche lange Geschichte anzuhören. Wissen Sie was, Herr von Uhu? Erzählen Sie's dem Publikum, und ich geh derweil hinaus und trink eine Maß Bier. Eule. Bleibe! Vernimm und staune! Wisse ich bin ein verzauberter Ritter aus dem Mittelalter. Casperl. Wie? ein vermauerter Widder? Das ist wirklich erstaunlich. Eule. Nun weiter. Casperl. Gut. Ich gehe weiter. (Will fortgehen.) Eule. Halt! Ich meine, daß du das Weitere hören sollst. Casperl. Sagen Sie mir lieber das Engere. Das dauert nicht so lang. Eule. Ich hauste einst auf dieser Burg, die jetzt in Trümmern liegt, als mächtiger Schloßherr und Raubritter, gehaßt von meiner ganzen Umgebung, weit und breit gefürchtet. Casperl. Das geht mich eigentlich gar nichts an und ist ganz und gar Ihre Sache, Herr Raubritter von Uhu. Eule. Aber ich bitte dich, erbarme dich doch meines Elendes. Casperl. Das kann ich nicht, denn mir geht's auch miserabel, also erbarme ich mich über mich selbst und für Sie bleibt nichts übrig. Eule. Wisse: ich führte ein lasterhaftes Leben. Casperl. Ich bin auch kein heiliger Antoni. Eule. Raub und Mord waren meine Lust. Da traf mich nach vergeblichen Schicksalswarnungen die gerechte Strafe. Ich ward in eine Eule verwandelt. Casperl. Auweh! wenn mich nur nicht auch einmal eine solche Verwandlung trifft! – Aber ich muß Ihnen doch sagen, daß mir Ihre langweilige G'schicht da sehr verdächtig scheint. Ich glaub' immer, daß Sie einer Menagerie entflogen sind und mir etwas weiß machen. Eule. Nimmermehr. Ich will dir den Beweis der Wahrheit geben. Zieh mir die unterste Feder aus meinem rechten Flügel aus. Casperl. Also eine Feder soll ich Ihnen ausrupfen? Auf das kommt's mir auch nicht an. Ich rupf. Er thut es. Donnerschlag. Er fällt um. No, da dank ich! Das hat einen Kracher gethan. Auf einer Mauer der Ruine erscheint in Transparent römischer Lapidarschrift geschrieben: »JEDER WUNSCH SEI DIR GEWAEHRT.« Eule. Nun lies! Casperl. Ich kann nicht lateinisch lesen. Die Schrift verwandelt sich in deutsche Buchstaben. Casperl. So, jetzt laß ich mir's gefallen. (liest.) »Jeder Punsch sei dir gewährt.« Was, was? Punsch? Punsch – gewährt? Ja da muß ich mir schon die Bemerkung erlauben, daß ich den Punsch nicht mag und daß mir das Bier lieber ist. Eule. Es heißt nicht Punsch, sondern Wunsch. Casperl. Ah so! Das ist aber kein W, sondern ein P, wie ich's in der Schul gelernt hab. Eule. Einerlei. Die Schrift will dir nur sagen, daß durch die Gewalt dieser meiner Feder jeder deiner Wünsche, wenn er ein vernünftiger ist, erfüllt werde, und ich sage dir weiter, daß dir auch die Mittel in die Hand gegeben sind, mich aus meiner Verzauberung zu erlösen. Casperl. Dieß ist sehr verzwickelt. Allein, irre ich nicht, so ist diese Ihnen ausgerupfte Feder eine sogenante Wunschfeder, wie man auch Wünschelruthen und so verteufeltes Zeug hat. Eule. Ganz richtig. Casperl. A la bonheur! Nun, weil es vor Allem ein vernünftiger Wunsch ist, daß ein vernünftiges Wesen, welches Hunger und Durst hat, sich zu Essen und Trinken wünscht, so wünsche ich mir jetzt ein Wirthshaus, in dem ich einkehren kann. Donnerschlag. Es erscheint ein ländliches Wirthshaus, gedeckter Tisch an der Thüre. Auf den Schild ist eine goldene Eule gemalt. Kauzenveit schwebt auf den Wirthshausschild und verschwindet. Casperl. Bravo! – »Zur goldenen Eule.« Da wollen wir gleich zusprechen. Kellnerin Grethi. (tritt geschäftig aus dem Hause.) Was schaffen'S, Gnäherr? Casperl. O du lieb's Mauserl du! was ich schaff? Was habt Ihr denn auf dem Speiszettel? Und wie heißt du denn, Trutscherl? Grethi. Ich heiß Grethi und kann mit Allem, was beliebt, aufwarten: Niernbratl, Kalbsschlegel, Carbonadeln, Entenbraten, Bachhendeln, Topfenudeln, Spinat mit Eier, Hirnpafesen, Erdäpfelsalat, saures Voressen, Apfelkuchen, Spanferkel, Limburgerkäs – Casperl. Halt ein, höheres Wesen, sonst geh' ich unter im Fluß deiner Rede! Weißt du was? Bringe mir von jeder Speise nur eine halbe Portion und gleich zwei Maß Bier und eine Flasche Wein dazu. Grethi. Sollen gleich bedient sein. (Trippelt ab. Zugleich erscheinen auf dem Tische viele Schüsseln mit Speisen, Bierkrüge und Weinflaschen.) Casperl. Ah! ah! (stürzt darauf hin.) Aber wo ist denn mein Eulenvogel hingeflogen. (Die Eule erscheint wieder auf dem Wirthshausschilde sitzend und schlägt mit den Flügeln, verschwindet aber, wie Grethi aus dem Hause tritt.) Grethi. Nun, sind Sie nicht zufrieden mit meiner Bedienung? Casperl. Du bist eine Halbgöttin. Alles wie hergezaubert. Grethi. Was ist denn eine Halbgöttin, Gnäherr? Casperl. Es begreift sich, daß du nicht auf der Stufe von Bildung stehen kannst, dieses zu wissen. (Vornehm belehrend.) Halbgöttin ist so viel, wie eine halbe Göttin, die keine ganze Göttin ist, wie z. B. eine halbe Portion Niernbratl nicht eine ganze ist; oder denke dir nur eine halbe brat'ne Gans. Nun weißt du also, was eine Halbgöttin ist. Grethi. So? also wär' ich eine halbe brat'ne Gans? Das ist weiter nit höflich von Ihnen. Casperl. Du verstehst mich nicht. Jedenfalls habe ich dir ein vornehmes Compliment machen wollen, wie es in der Stadt der Brauch ist. (ißt und trinkt in einem fort.) Aber sage mir, liebe Grethl, kannst du nicht singen? Ich liebe die Musik beim Göttermahle. Grethi. Ja freilich; was man halt so verlangen und in der Schul auf'm Land lernen kann. Der Lehrer und der Pfarrer sind recht zufrieden mit mir auf'm Chor. Casperl. Du bist also eine Choristin? Nun so laße Ein's los. Grethi. Wenn's Ihnen Vergnügen macht, recht gern. Casperl. Also ein paar Schnadahüpfeln oder so was! Grethi. Ich sing' Ihnen gleich die Geschicht von der Burgruine da. Als Schulmädeln haben wir's immer bei der Prüfung singen müssen. Casperl. Gut. Du singst und ich trinke. Sollst leben! Grethl. Das Lied heißt: »das Eulenschloß.« Casperl. So steht's auch heute auf dem Commödizettel. Nun heule mir etwas von dem Eulenschloß. Grethi. (singt mit schauerlicher Instrumentalbegleitung.) Seht ihr auf grauer Felsen Schooß Die Trümmer von dem alten Schloß? Da hauste schon vor langer Zeit Der böse Ritter Eulenveit. Vom Volke ward er so genannt, Weil er als Wüthrich war bekannt, Der Alles sich zum Raub erkor Und auch den Teufel selbst beschwor. Er raubte Rosse, Schaf und Rind, Nicht sicher waren Weib und Kind, Und schleppt's wie eine Eul' ins Nest Dort auf sein Schloß, so stolz und fest. Doch endlich traf der Strafe Blitz Den Frevler auf der Felsenspitz Durch Feuer ward die Burg zerstört, Vom Ritter ward nichts mehr gehört. Casperl. Du hast aber eine schöne Stimm! Wie ein Vogerl, wenn's den Pips hat. Diese Stimme drang mir zum Herzen. Aber diese Ritterg'schicht hab ich, glaub ich, schon einmal beiläufig irgendwo gehört. Grethi. Ja und daß Sie's nur wissen: In dem alten Gemäuer geht's noch immer um. Kein Mensch traut sich in der Nacht hinauf. Casperl (wird schläfrig und gähnt) Ja, ja, ja, das ist halt so eine G'schicht, die G'schicht da! Sind wir nur froh, daß's jetzt keine solchen Raubritter mehr gibt. Aber Madl, mich schläfert bedeutend. Ich mein' es wär' Zeit in's Bett zu gehen. Komm', führe mich in mein Schlafgemach. Grethi. Wie's beliebt. Casperl. Habt Ihr doch ein gut's Federbett? Und einen ordentlichen Schlaftrunk möcht' ich auch noch in mein Zimmer hinauf. Grethi. Ein prächtiges Bett mit einer Duketzudeck und einen ächten Ofener, den Spitz zu 16 Kreuzer. Casperl. So, da bring mir nur so ein halbes Dutzend Spitzeln hinauf oder lieber gleich ein paar Flaschen. (Beide ab in's Haus.) Die Eule, wieder sichtbar, fliegt vom Wirthshausschild herab. Eule. Geh nur zu Bett! Wenn's tagt, so bist du mein; Als Werkzeug brauch' ich dich, mich zu befrei'n. Vermag ich dich, daß Feder du um Feder Mir ausziehst, dann naht sich der Freiheit Stunde. Die Hülle fällt von mir, in die der Fluch Des Schicksals mich gebannt – ich bin erlöst! So wollte es die Macht, die meine Frevel Gestraft, daß meine arme Menschenseele Stets ruhelos so lang in Thiergestalt Verwandelt, bitt'rer Reue preisgegeben, Einmal doch ihrer Qualen werde ledig. Nun flieg' ich wieder dorthin aufs Gemäuer, Zum Schlafe nicht, denn hell ist Nachts mein Aug', Das sich bei Tageshelle wieder schließt. O grüßte einmal endlich doch der Sonne Beglückend Licht mich, Ruh und Frieden bringend! (Schwebt auf die Ruine.) (Der Vorhang fällt.) II. Aufzug. Reichmeublirter Salon. Im Vordergrund großer Arbeitstisch, Acten darauf. Casperl, über seine rothe Jacke einen schwarzen Frack mit Ordenssternen, tritt mit vornehmen Schritten ein. Nun hat mich die Zauberfeder zum wirklichen Mann der Feder gemacht. Ich bin Staatsminister! Ich kann sagen, daß ich mich federleicht emporgeschwungen habe. Ja es ist wahr, was das Sprichwort sagt: »Mit dem Amt kommt auch der Verstand.« Ich darf es gestehen: ich leite mein Ministerium mit Umsicht, Vorsicht, Nachsicht, Durchsicht, Einsicht, Kurzsicht und noch verschiedenen anderen Sichten. Weiß ich Nichts und fallt mir Nichts ein, was eigentlich immer der Fall ist, so darf ich nur meine Ministerzauberfeder hinter's Ohr stecken, oder ins Tintenfaßl eintauchen, und meine Beschlüsse sind von salomonischer Weisheit. Leider nützt sich so eine Feder im Drange der Geschäfte bald ab; zum Glück habe ich meinen treuen Geheimsekretär Eulert stets bei der Hand, dem ich immer gleich wieder eine neue ausrupfen kann. Er ist wirklich ein trefflicher Referent. Ich werde für ihn demnächst den Geheimen Raths-Titel beantragen; denn wenn mir seine Federn ausgehen, so bin ich ein verlorener Mann. Bedienter (tritt ein.) Eurer Excellenz, gehorsamst zu melden. Casperl. Was gibt's wieder? Hat man doch nicht einen Augenblick Ruhe. Bedienter. Eine Deputation der Gemeinde Simpelsdorf bittet vorgelassen zu werden. Casperl. Meinetwegen. Laße die Simpel herein. (Bedienter ab.) Schlipperment! Jetzt Hab ich meine Ministerfeder auf'm Nachttischel liegen lassen. Nun, für die Bauern thut's es so auch. Da reicht mein gewöhnlicher Verstand schon aus. (Hutzlpeter, Hubermartl und Knopflbauer treten unter ungeheuren Bücklingen ein.) Casperl (sehr vornehm.) Ich hab' Euch schon im Audienzvormerkungsbrotikoll gelösen. Was habt Ihr zu suplixificiren bei mir? Hutzlpeter. Röxcellenz, ich bin der Gmoanvorsteher von Simpelsdorf und die zwoa da san Gemeindemitglieder. Der Oan ist der Hubermartl und der Ander ist der Knöpflbauer, allerunterthänigst aufz'warten, Röxcellenz. Casperl. Nun, was gibt's? Warum kommt Ihr zum Minister selbst? Hubermartl. Ja, Röxcellenz, mir möchten halt unser Recht b'haupten. Knöpflbauer. Halt's Maul, Martl! laß'n Vorsteher reden. Casperl. Zur Sache, zur Sache! Ich habe koine Zoit mich mit solchen Pappalien lang abzugeben. Hutzlpeter. Röxcellenz Durchlaucht, wir san halt von der Regierung abg'wiesen wor'n und jetzt möchten wir rappeliren wegen der Eisenbahn. Casperl. Was? Eisenbahn? Ihr wollt sagen Kegelbahn. Hutzlpeter. Nein, Röxcellenz. Kegelbahn hab'n wir schon, aber wir möchten halt auch an Eisenbahn wegen unsere Krautköpf und der Lehrer moant's auch, als Gmoanschreiber. Casperl. Ja, Eselsköpf! – Ein Lehrer soll nicht auch Gemoindeschreiber sein; das ist eine Herabwerthigung seiner staatsbürgerlichen Stellung. Hubermartl. Ja, Röxcellenz; die Sach ist so : Wir haben so viele Krautgarten im Dorf und da kunnten wir halt auch eine Kamunikaution von am Verkehrsmittel brauchen, wie's die Heudorfer, unsere Nachbarn, wegen ihrem Dorfstich kriegt haben. Casperl. Da müßt Ihr halt aus euren Krautgärten Torfstiche machen. Hutzlpeter. Wir ham aber kein Dorflager. Casperl. Was Lager, Lager? In Friedenszeiten braucht man ohnedieß kein Lager. Das macht nur Unkosten. Ich kenn' mich überhaupt in Eurer verzwickelten Sache gar nicht aus. Geht nur auf's Bureau Nr. 6, gleich rechts auf'm Gang draussen, zum Ministerialrath Schrollmaier; der kann Euch Aufschluß geben und wird mir nachher schon berichten. Adieu! packt Euch! Hutzlpeter. Wir bedanken uns unterthänigst, Röxcellenz, für die gnädige Auskunft. (Die Bauern unter Reverenzen ab.) Knöpflbauer (im Abgehen zu den andern Beiden.) Das ist aber ein gescheiter, feiner Herr. Hubermartl. Das will ich meinen. Und so niederträchtig ist er, so herablassend! Casperl (allein.) Dieses dumme Bauernvolk will alle Augenblick etwas Anderes. Zwei Bediente tragen eine ungeheure, rothe Amtstasche herein. Ah! das Portufeuille aus dem fürstlichen Kabinette. Legt es nur auf den Schreibtisch hin; aber vorsichtig, damit Nichts daran verdorben wird. Die Bedienten thuen es und gehen ab. Casperl stürzt auf das Portefeuille. Recitativ. Rascher Eintritt des Orchesters mit einigen mächtigen Accorden. Casperl. Sei mir willkommen, o Wonne! Du, meines Lebensglückes Sonne! Prestissimo unisono Lauf der Bässe und Violoncelle durch zwei Oktaven hinauf, Fortissimo. Sanfter Uebergang der Violinen, wobei die Flöte einen Triller auf dem hohen Cis macht. Wie lieb' ich dich! wie bist du theuer mir! Verlaß' mich nie; o blieb' ich stets bei dir! Bässe und Violoncelle pizziccato: Pim pum, pim pim pim. Pim pam – pum pum pam. Ritornell, Violinsolo, während Casperl mit ausdrucksvollen Schritten auf- und abgeht. Arie. Melodie aus der »weißen Frau.« Ha, welche Lust Minister zu sein Und ein Portefeuille zu tragen; Die Besoldung ist nicht klein, Goldgestickt sind Rock und Kragen. Sechstausend Thaler sind nicht schlecht Und dabei auch noch Diäten; Zum Leben ist dieß grad so recht, Den Posten zu vertreten. Wer klug ist, der braucht kein System, Hängt nach dem Wind den Mantel; So dirigirt er ganz bequem, Hat Alles gleich am Bandel. Ha, welche Lust Minister sein Und ein Portefeuille zu tragen. Doch wer es ist, der habe fein Stets einen guten Magen. Und dem Himmel sei's gedankt; einen guten Magen hab' ich. Die Verdauung ist die Hauptsache für einen Minister, schon wegen alle die Diner's und Festessen, die Einer mitmachen muß. (Bedienter tritt ein.) Was will er? Bedienter. Ich soll ein Frauenzimmer melden, welches Eurer Excellenz Aufwartung zu machen wünscht. Casperl Mit was oder womit will mir dieses Frauenzimmer aufwarten? Bedienter Das hat sie nicht gesagt. Casperl. Ist dieses aufwartenwollende Wösen anderen Geschlechtes hübsch? Hat es aufwartungsfähige Gesichtszüge? Bedienter. Gar nicht übel. Scheint vom Lande zu sein. Casperl. Man lasse diese ländliche Einfalt herein. (Bedienter ab.) (Grethi tritt unter Knixen ein.) Casperl (vornehm, herablassend.) Sie hat also Audienz verlangt? Wer ist Sie? Woher Sie? Warum Sie? Wozu Sie? Grethi (für sich.) Schändlich! Er will mich nicht mehr kennen. (zu Casperl.) Ja, Ihro Excellenz; ich habe wegen eines Anliegens unterthänigst aufwarten wollen. Casperl. Und was ist dieses Anliegen für eine Angelegenheit, Kleine? Nur schnell; man hat mehr zu thun, als sich mit solchen Spagatellen abzugeben. Grethi. Für Sie mag es ein Bagatell sein, für mich aber nicht. Kennen Sie mich wirklich nicht? Casperl (bei Seite.) Schlipperment! Das ist die Grethi. (Zu Grethi.) Nein, mein Kind. Woher sollte ich Sie können können? Grethi. O, Sie Nichtkenner! Sie! Sie kennen die Grethi nicht mehr? Casperl (thut, als ob er sich besänne.) Grethi? – Grethi? – Wie? wo? was? – Grethi. O verstellen Sie sich nicht so. Sie kennen mich recht gut. Sie wissen recht gut, daß Sie mir im Wirthshaus zur »goldenen Eule«, wo Sie noch Ihre Zech schuldig sind, das Heirathen versprochen haben. Casperl. Welche Unverschämtheit! – Ich – Minister! Grethi. Ja, damals waren Sie freilich kein Minister, aber ein Vielfrißter und jetzt sind Sie der Vielvergißter. Casperl. Schweige Sie mit ihren ungebührlichen Deprensionen. Grethi. Ich schweige nicht . Ich will meine gerechten Ansprüche geltend machen. Was ein Mann versprochen hat, das soll er auch halten. Wie ich Ihnen damals in der Früh den Caffee auf's Zimmer gebracht habe – – Casperl. Auweh! Caffee! Grethi. Ja damals haben Sie's geschworen; »Grethi«, haben Sie gesagt, »Grethi, du gefallst mir, du »wirst mein Weib, ich bleibe dir ewig treu. Ich »hole dich, ab, sobald ich eine feste Stellung hab« – ja und lauter so Sachen haben'S gesagt. (Weint und schluchzt.) Casperl. Ha! Alles verlogen. Und wenn ich es auch gesagt haben hätte, was nicht wahr ist, habe ich denn eine feste Stellung als Minister? Ha du scheinst mir wenig eingeweiht zu sein in die Verhältnisse des constitutionellen Staatslöbens. Grethi. Schändlich, schändlich! Mich so zu hintergehen! Ein armes Mädchen so zu verlassen! Casperl (feierlich.) Und wenn auch! – die Polutik steht zwischen uns. Du dauerst mich; allein höhere Zwöcke bilden eine unübersteigbare Kluft zwischen uns Beiden. Löbe wohl! (Geht ab.) Grethi (allein.) So geh' nur, du Ungeheuer! Eine Kluft ist zwischen ihm und mir. O wär's nur eine 10.000 Fuß tiefe Felsenkluft, in die ich mich hinabstürzen könnt'! (Stürzt weinend ab.) (Der Vorhang fällt rasch) III. Aufzug. Salon (wie im vorigen Aufzuge.) Eulert in schwarzem Anzuge, Eulenkopf, große runde Brillen, welche die Eulenaugen bilden. Eulert. Die Stunde der Erlösung naht. Dem Schicksal Dank, das mir den Narren in die Hände geführt hat! Nun habe ich nur noch ein paar Federn am Leibe, die ihm auszuziehen bleiben. Er ahnt es nicht. Ist die letzte verbraucht, so erlange ich wieder meine normale Menschengestalt; diese Sekretärsstelle ist nur ein Interim. Mein Schloß wird aus seinen Trümmern wieder erstehen und ich werde dort wieder einziehen können in verjüngter Gestalt. Allerdings haben sich mittlerweile die Zeiten sehr geändert. Die ritterlichen Standesvorrechte sind gefallen. Nicht einmal siegelmäßig bin ich mehr. Meine vormaligen Unterthanen sind nun freie selbstständige Staatsbürger. Ich werde als simpler Rittergutsbesitzer ohne Gerichtsbarkeit auf Eulenschloß leben und muß mich eben in den Fortschritt des neuen Zeitalters fügen lernen. – – Er kommt! – Casperl (tritt ein.) Ei sieh da! mein lieber Eulert. Ich habe soeben das Portefeuille in's Cabinett explodirt. Mein Kopf ist wieder sehr angegriffen. Schlipperdibix! Es wird wieder eine neue Feder kosten. Mit der alten kann ich Nichts mehr anfangen. Jetzt hab' ich Ihnen gewiß schon ein paar hundert Federn ausgerupft. Nicht wahr, lieber Eulert? Eulert. Es mag sein, aber das thut ja gar nichts zur Sache. Vorläufig muß ich Eurer Excellenz eine etwas unangenehme Mittheilung machen. Casperl Wie? Sie machen mich ganz stutzig. Eulert. Es war ein Mädchen bei mir, welches mit der kühnen Behauptung auftrat, sie habe gegründete Ansprüche auf die Hand Eurer Excellenz und sie wende sich an mich in dieser Angelegenheit, weil sie von Eurer Excellenz abgewiesen wurde – sie wolle – Casperl (Eulert unterbrechend.) Wie? was? Schlipperment! Eulert. Ja – sie wolle sich an die Gerichte wenden. Casperl. Pfui Teufel! Das ist infam. Was nicht gar? Ich – Minister und diese ordinäre Person! (Pause. – – gerührt.) Und doch ! Mein Eulert, Mann meines Vertrauens! Ha! Mein Herz! Mein Gewissen. Meine Erinnerungen! (Setzt sich.) Rathen Sie, Eulert! Helfen Sie! Eulert. Excellenz! Casperl (in tragischem Pathos, rasch aufstehend.) Hören Sie, Eulert: Es war in jener schauerlichen Nacht, wo ich ermüdet, hungrig in die düstersten durstigsten Träume versunken an den Ruinen jenes zerfallenen Schloßes nicht wissend wo oder wie – in ein ländliches Wirthshaus trat. (Tändelnd.) Ein liebliches Geschöpf trat mir mit freundlichem Willkomm entgegen. Eulert. (bedeutungsvoll.) Ich weiß es. In jener Nacht, wo ich Sie als geheimnißvolle Eule umschwebte. Casperl. Ja. Sie umschwoben mich und erzählten mir eine Geschichte, eine Geschichte furchtbaren Inhalts; aber ich weiß kein Sterbenswörtl mehr davon. Da trat mir Gretchen, wie ein lichter Engel entgegen. (gerührt.) Ich nahm damals 12 Paar Bratwürsteln, einen Schlegelbraten mit Endivisalat und noch verschiedenes Andere mit verschiedenen flüssigen Stoffen zu mir. Alles aus Gretchens Händen. O sie war so lieb, so gut! Ich hing an ihren Blicken und sie hing an meinen Blicken! Wir verstanden uns bald. Zwei Herzen schlugen sich entgegen. Ich schwur, sie schwur, wir schwuren – kurz es war ein gemeinschaftliches Geschwur. Aber jetzt?! – Ich – Minister! Sie ein untergeordnetes Individuum! Furchtbarer Complex! Eulert. Excellenz, fassen Sie sich. Vielleicht findet sich ein Ausweg, eine Vermittelung. Geduld und Ruhe! Casperl. Oh! Oh! – was soll ich thun? Ich bin conprimirt. (sich ermannend.) Doch lassen wir diese Privatverhältnisse. Die Staatspflicht geht vor. In einer halben Stunde muß ich zu Seine Durlaucht zum Vortrage. Ich brauche eine frische Feder. Kommen Sie mit mir in mein Kabinett, damit ich Ihnen wieder eine ausrupfen kann. Eulert. Eurer Excellenz immer zu Befehl. (Im Abgehen für sich.) Unglücklicher! es ist die Letzte! (Beide ab.) Verwandlung. Vorzimmer in der Residenz. Von zwei Seiten eintretend Staatsrath von Walther und Geh.-Rath Actenmaier. v. Walther. Guten Tag, bester geheimer Rath! Actenmaier. Meine Ergebenheit, Herr Staatsrath. v. Walther. Kommen sie vom Herzog? Actenmaier. Ei, ich vom Herzog? Wer kömmt denn noch zu Se. Durchlaucht? v. Walther. Sie haben recht. Wer Anders, als der Minister? Actenmaier. Die ältesten, bewährtesten Diener läßt man fallen. v. Walther. Nur Er hat sein Ohr! Es ist unbegreiflich, dieser Mensch ohne Herkunft, ohne Cultur, ohne Manieren! Actenmaier. Der Herzog ist entzückt von seinen Arbeiten. v. Walther. Alles nur der Eulert. Ich kann Sie versichern: Ohne Eulert müßte er fallen. Der ist seine rechte Hand, sein Alles. Actenmaier. Haben Herr Staatsrath gehört, wie er sich vorgestern wieder an der Hoftafel benommen? Sie waren nicht geladen, aber ich. v. Walther. Ja, ich hörte so Etwas munkeln. Actenmaier. Er fiel wieder einmal betrunken unter den Tisch. Denken Sie sich! Ein Glück, daß nur Herren und nicht auch Damen zur Tafel gezogen waren. Und Se. Durchlaucht – es ist unglaublich – Se. Durchlaucht hatten wieder ungeheuren Spaß an dem Vorfall. Als man den bewußtlosen Minister entfernt hatte, sagte der Herzog: »Das ist doch eine eigentümliche Natur! Trefflich und brauchbar als Staatsmann; aber ein bischen sonderbar als Privatmann, eigentlich ohne Erziehung, ein Naturmensch; aber immerhin ein guter Kopf, wie nicht leicht seinesgleichen. Und das muß mir doch die Hauptsache sein.« Dieß waren des Herzogs Worte. Ich habe sie aus dem Munde des Kammerherrn von Müller, der im Dienst war. v. Walther. In der That es wird ein bischen arg. Wo will das hinaus? Actenmaier. Das eben frag' ich Sie, Herr Staatsrath. Und ist uns dieser Parvenû nicht wie eine Bombe hereingefallen? v. Walther. Eulert hat ihn dem Herzog empfohlen. Actenmaier. Warum aber hat Eulert nicht selbst das Portefeuille angestrebt? v. Walther. Das wissen die Götter. Ein eintretender Hoflakai öffnet von Aussen eine Seitenthüre. Lakai. Se. Excellenz kommen von Se. Durchlaucht dem Herzog. (Ab.) v. Walther. Sei'n wir vorsichtig. Actenmaier. Ich verstehe. Casperl (tritt ein.) Ah, bon jour, bon jour, meine Herren! v. Walther. Euer Excellenz hatten wieder Vortrag? Casperl (ungeheuer wichtig und vornehm.) Nur ein kleines halbes Stündchen. Ja, ja, ja. (für sich.) Schlipperment! Jetzt hab' ich meine Feder drin liegen lassen. Ich darf mich zusammen nehmen mit den Zweien da. v. Walther. Darf ich mir die Frage erlauben, ob das Bahnnetz schon zur Sprache gekommen? Casperl. Wie? was? das Netz? Glauben Sie, ich fische mit dem Herzog? v. Walther. Excellenz, glaube ich, haben mich falsch verstanden. Casperl. Ich verstehe nie falsch, damit Sie es nur wissen. v. Walther (zu Actenmaier bei Seite.) Wie kömmt Ihnen dieß vor? Actenmaier. Unglaublich. Casperl. Apripos , meine Herren! in welches Wirthshaus gehen Sie heute? In den »blauen Bock« oder zum »damischen Löwen?« In örsterem sehr gute Leberwürste, in lötzterem ausgezeichnetes Bier, die Maß um 7 Kreuzer. v. Walther. Herr Minister, das sind Fragen, die wir nicht beantworten können. Actenmaier. Weil wir derlei nicht gewohnt sind. Wir besuchen Lokalitäten nicht, in welchen der gemeine Plebs kneipt. Casperl. Wie was? wo ein gemeiner Schöps kneipt? (für sich.) Da muß ich wieder eine Dummheit gesagt haben. (vornehm scherzend.) Ja, ja meine Herren, das war nur ein Gespaß von mir. (lacht.) Ha, ha, ha! Wie sollte ich? wie könnte ich? – Actenmaier. Das dachten wir gleich, Excellenz. Aber darf ich fragen, wie steht es mit dem Ersatzposten für den Ausfall in der indirekten Steuer? Wie will der Herzog surrogirt wissen? Casperl (für sich.) Schlipperment; das ist mir zu hoch. Wie zieh ich mich aus dem Schlamaßel? O Feder, o Feder! (zu Actenmaier.) Es versteht sich, daß der Posten abgelöst werden muß. Der Ausfall aber war mehr ein Einfall und das angesteckte Feuer ist schon längst gelöscht. Actenmaier und v. Walther (gegenseitig.) Welch' ein Unsinn! Ist er verrückt? Casperl. Ueberhaupt, meine Herren, muß ich mir das ewige Gefrag verbitten. Ich bin kein Schulbub. Verstehen Sie mich? – Wenn nicht, so sage ich Ihnen etwas Anderes. Verstanden? v. Walther. Wie? hörte ich recht? Eine Zurechtweisung? Das lassen wir uns nicht gefallen. Wir sind im Staatsdienst ergraute Beamte. Actenmaier. Vergessen Eure Excellenz nicht unsere Stellung. Casperl. Was Stellung? Halten Sie's Maul! v. Walther und Actenmaier. Ah, ah! Das ist zu arg! Casperl. Ich bin Minister. v. Walther. Und wenn sechsfach Minister, eine solche Behandlung ist empörend. Kommen Sie, Herr Geh. Rath! Schnell zum Herzog! Es muß uns Genugthuung werden. Actenmaier. Ja, der Herzog muß uns hören. (Beide rasch ab.) Casperl (allein.) Auweh Pfutsch! Das ist a saubere Gschicht. Jetzt wird mich der Herzog auch gleich rufen lassen, wenn die Zwei mich verklagen. Und ich hab' keine Ministerfeder bei der Hand! Wenn ich nur den Eulert da hätt! Ich weiß mir nicht zu helfen, ich lauf davon! (Er will hinaus, Eulert tritt ihm an der Thüre entgegen.) Casperl. O Retter meines Lebens! Geschwind eine Feder, sonst bin ich verloren! Eulert (feierlich.) Du bist es! Die Feder, die du mir diesen Morgen ausgezogen, es war die letzte! Ich bin erlöst! Donnerschlag. Casperl fallt um. Eulert verwandelt sich in einen elegant gekleideten Cavalier. (Der Vorhang fällt.) IV. Aufzug. Gegend des ersten Aufzuges. Wirthshaus. An der Stelle der Burgruine ein staatliches Schloß in modernem Style. Morgenbeleuchtung. Baron v. Eulenschloß (in Jagdkleidung mit Doppelflinte tritt ein.) Herrlicher Morgen! ganz zur Jagd geeignet. Ich fühle mich so wohl, so zufrieden und bin in der That herzlich froh, daß ich endlich die mittelalterliche Eulenhaut abgestreift habe. Nun bin ich auch ein ganz anderer Mensch geworden von sittlilichem Ernste durchdrungen und doch voll Lebenslust. Ehemals ein roher ungeschlachter Ritter, jetzt ein feiner Cavalier. Und welch' eine angenehme Aenderung in der Lebensweise! Ich bin zwar in mancher Beziehung nicht ganz mit dem Fortschritte der Zeit einverstanden, allein gewisse Vortheile sind doch überwiegend. Nehme ich nur z. B. die Umwandlung der Schußwaffen. Wie angenehm jetzt so ein Lefaucheux Doppelgewehr! Pum! Pum! Duplette aus zwei Hasen! und in einer Sekunde geladen. Und ehemals: Armbrust, Jagdspeer. Welche Mühseligkeit für den Waidmann! Jetzt stiege ich in einer Stunde per Bahn in die Residenz; zu meiner Zeit hatte ich drei Meilen auf einem schweren Hengste zu trotteln. Und wie stehts mit Küche und Keller! An Trüffeln, Gansleberpasteten war ja vormals nicht zu denken. Um all derartige Vorzüge verzichte ich gerne auf die Gewaltherrschaft des mittelalterlichen Ritterthums. Das Bauernprügeln war immerhin eine ganz artige Unterhaltung und wäre auch dermalen bisweilen nicht schlecht angewendet; aber nun ist man die Kerls doch los, seit sie freie Staatsbürger geworden sind. Kurz, es lebe die Cultur unseres Jahrhunderts! (Grethi kommt aus dem Wirthshaus.) Eulenschloß. Ei sieh' da, die schöne Wirthin! Grethi. O ich weiß recht gut, daß ich nicht schön bin. Eulenschloß. Rührende Bescheidenheit bei glücklichem Bewußtsein. Grethi. Mein Bewußtsein, Herr Baron, ist kein glückliches. Das wissen Sie ja. Eulenschloß. Ja so, der Gewisse Abscheuliche, Ungetreue! Grethi. Ich bin nicht undankbar und werde die Wohlthaten, die mir Euer Gnaden erwiesen haben, niemals vergessen. Was wär' ich denn, und was hätt' ich denn, wenn Sie mir nicht die Wirtschaft gekauft und mich zur Wirthin gemacht hätten? Aber trotzdem: Meinen Casperl kann ich doch nicht vergessen. Eulenschloß. Das nehme ich Ihnen auch nicht übel und finde es auch ganz natürlich. Grethi (weint.) Sie können gar nicht glauben, Herr Baron, wie mir das nachgeht! Und wenn er noch so abscheulich an mir gehandelt hat, ich wollt' ihm doch verzeihen, wenn ich nur wüßt', wo er wär'. Eulenschloß. Seit seinem Sturze habe ich Nichts mehr von ihm gehört. Er war bereits aus der Residenz verschwunden, als ich mein neues Schloß da bezog. Grethi. Und ich hab' mich als Kellnerin herumgefrett', bis ich aus lauter Sehnsucht wieder hiehergerathen bin, wo Sie sich meiner so gnädig angenommen haben. Eulenschloß. Sprechen wir nicht davon. Es ist gern geschehen. Ich wollte die Wirtschaft in gutem Betriebe wissen. Sie waren mir aus früherer Zeit bekannt. Nun trösten Sie sich, liebes Gretchen. Vergessen Sie den Treulosen und suchen Sie sich einen braven Mann zum Wirthe. Adieu! meine Jagdgäste erwarten mich zum Imbiß. (Ab.) Hörnerfanfaren hinter der Scene. Grethi (allein.) Der Herr Baron hat leicht trösten; ich bin und bleib' unglücklich, wenn ich meinen Casperl nimmer sieh. Lied. Was nutzt mich all mein Hab und Gut? Es ist mir nimmer wohl zu Muth; Mir fehlt doch, mir fehlt doch – Mein Casperl immer noch. Und geh' im Haus ich aus und ein, Schau' nach die Küh und nach die Schwein, In's Ofenloch, in's Kellerloch – Mir fehlt mein Casperl doch. Steh' ich so einsam in der Schenk' Es gibt nichts Andres, was ich denk, Als er allein, als er allein! – Mein Gott! wo wird er sein? Ja! wo wird er sein? Ich weiß freilich nicht wo. Aber ich bleib' ihm treu und gerad jetzt am allertreuesten, weil er vielleicht im Unglück ist. Es muß doch was Erschreckliches sein, wenn einer sein Portefeuille verloren hat, wie sie's heißen, so eine Ministertaschen! War ja das schon ein Mordsspektakel, wie vor 14 Tagen mein Metzger seine Brieftaschen verloren hat und waren nur zwanzig Gulden drin! – Aber jetzt muß ich hinein nach die Knödel schau'n für die Dienstboten. Mir schmeckt freilich weder Essen noch Trinken. (Ab in's Haus.) Casperl. (in einen Mantel gehüllt, tritt nachdenkend mit großen Schritten ein.) (Hochtragisch.) So irr' ich denn umher – eine gefallene Größe! Ha! und find nicht größere Größen gefallen? Schlipperment! Hab' ich einen Hunger und Durst! Ha! Vom Minister zum Bettler ! Es war ein schauerlicher Monument, als mir der Herzog in seinem Cabinettl mit buwegter Stimme sagte: »Sie sind entlassen. Geben Sie das Portusol in meine Hände zurück.« Und wie ich die große Taschen auf seinen Schreibtisch niedergelegt hab, da hat er sein rothseidenes Sacktüchl herausgezogen und hat sich's vor die Augen gehalten und mir wieder gesagt: »Löben Sie wuhl! Göhen Sie, »machen wir uns den Abschied nicht schwer.« Nachher hat er sich auf seinen goldenen Fotoilsessel niedergesetzt und hat gesagt: »Mein Volk hat es gewollt.« Dann hat er mir noch eine Zehnguldenbanknoten in die Hand gedruckt und hat mir hinausgewunken. Ich hab' den Zehnguldenzettel an meinen Busen gedruckt und bin so hinausmarschiert. (Er macht einige tragikomische Schritte.) Da ist aber der Teufel draußen losgegangen. Daß sie mich nicht geprügelt haben, hätt beinah noch g'fehlt. Alle, die mir vorher ungeheure Complimente gemacht haben – bis am Boden – haben mich mit Verachtung angeschaut, keiner hat mich mehr gekannt! Und von diesem Augenblicke an stund ich allein ! – allein und verlassen! Lied. So geht's halt immer auf der Welt: Wenn Einer kommt um Amt und Geld, Da zeigt sich gleich der blinde Wahn; Denn Niemand schaut ihn dann mehr an. Ist Einer auch ein rechter Lump, Gibt er nur Tafeln und auf Pump, So gilt er was und ist charmant – Das ist doch wirklich eine Schand! Das Menschengeschlecht ist treulos! – Aber, Casperl! Wie hast denn du's gemacht? Bist du besser als die Andern? Denk' an die Grethl! (sich umschauend.) Aber wie? wo bin ich? wohin habe ich meine Schritte gelenkt? Ist dies nicht das Haus, in welchem ich einst einen feierlichen Schwur schwur? Ist dieß nicht der süße Ort jener unvergeßlichen und doch vergessenen Vergangenheit, wo ich meine Tatzen in ihre böbende Hand gelögt? O fürchterliche Vergeltung des Schicksals! Gräßliches Schicksal der fürchterlichsten Vergeltung! (Tiefbewegt.) Margaretha! Kannst du mir vergeben? Er weint ungeheuer und setzt sich auf die Bank an der Wirthshausthüre, sich in seinen Mantel hüllend. Hiesl mit einer Heugabel, tritt aus dem Hause. Hiesl. Meine sieben Knödl wären glücklich drunten. Jetzt heißt's auf d'Wiesen zum Heumachen. Was sitzt denn da für eine Figur? Casperl (für sich.) Auweh! das ist ja der Hausknecht, der Hiesl, der mir damals meine Stiefel geputzt hat. Hiesl. Heda! Was thut er da vor'm Haus? Er ist gewiß so ein Vagabund. Also, raus mit der Sprach! Wir wollen wissen, wer man ist. Casperl. Sei'n Sie mit einem Unglücklichen nicht grausam! Gönnen Sie dem müden Wanderer einen Augenblick Ruhe. Hiesl. Die Wanderer kennt unser Einer schon. Die lassen gern Etwas mit wandern. Marsch da! Wo ist's Wanderbüchl oder ein Vorweis? Casperl. Man braucht jetzt keinen Vorweis mehr. Weiß er das nicht? Hat er nicht die Verordnung im Amtsblattl gelesen, daß die Ansäßigmachung frei ist? Also darf ich mich jedenfalls hier niedersetzen. Hiesl. Da weiß ich Nichts davon. Das sind nur so neumodische Sachen. Casperl. Kennt er nicht das Polizeigesetz? Hiesl. Mein Polizeigesetz ist und bleibt, daß man verdächte Objekte ausweist; und wenn er nicht gutwillig geht, so brauch' ich meine Heugabel zum Deutlichmachen, was ich mein.' Verstanden? Aber zuvor will ich's doch der Wirthin sagen. Vielleicht gibt's ihm a Nudl auf'n Weg oder a Stückl Hausbrod. (Ab in's Haus.) Casperl. Von allen Thüren abgewiesen! – eine Nudl ein Stückl Hausbrod! mir – der ich auf feinen Porcellantellern Austern gegessen hab?! Grethi (tritt aus dem Hause.) Nun, was gibt's da? Wollt Ihr was? Seid's ein Bettler oder möcht's vielleicht eine Arbeit? Casperl (für sich.) Himmel! sie ist es! – Doch Verstellung! Noch soll sie nicht wissen, wer ich bin. (Mit verstellter tiefer Stimme.) Ich bin ein armer, armer Mann. Nähert sich Gretchen mit schlotternden Schritten. Grethi. Wenn Ihr wirklich arm seid, so will ich Euch gern Was schenken. Geht nur ein bißl in die Zechstuben herein. Casperl (für sich.) O, wie gut sie ist! (Laut wie vorher.) Ich bin ein armer alter Mann und suche eigentlich einen armen aber jungen, hübschen Mann auf, der mein weitschichtiger Vetter ist. Grethi. So? und wer ist denn Euer weitschichtiger Vetter? Casperl. Ein gewisser verunglückter, edler Mensch. Er heißt Casperl Larifari. Grethi (in höchster Aufregung.) Wie? um's Himmelswillen! – Casperl Larifari? – Wißt ihr was von ihm? Nur schnell! Casperl. Liegt euch denn so viel an diesem meinem Herrn Vetter Casperl Larifari? Grethi. O sagt nur, ob Ihr etwas von ihm wißt. Laßt mich nicht so lang in Aengsten. Casperl (wirft den Mantel weg und fällt Grethi zu Füssen.) Margaretha! Sieh' ihn hier zu deinen Füssen! Grethi. Mein Casperl! mein Casperl! bist du's wirklich? Casperl (aufstehend, fällt ihr um den Hals.) Ja, ich bin's, bin's, bin's! – aber kannst du mir noch gut sein? Grethi. O es ist Alles vergessen, weil ich dich nur wieder hab'! Casperl. Juhe! Du warst und bist meine allerliebste Grethl. Grethi. Auf ewig, ewig! Duett. Wir haben uns wieder gefunden, O selige, selige Stunden! Nu mein, ich dein, Es soll nicht anders sein. Wie lang mußt' ich dich vermissen. Mein Herz das war beinah zerrissen! Nichts trennt uns mehr; O komme, komm' nur her! Sie fallen sich in die Arme. Eulenschloß, der mittlerweile eingetreten, nähert sich. Eulenschloß (nachfragend.) Wir haben uns wieder gefunden, O selige, selige Stunden – – Ha, ha! so geht's auf der Welt. Die Ehen sind im Himmel geschlossen. Ich lade mich zur Hochzeit ein. Casperl und Grethi. Ei, der gnädige Herr! Eulenschloß. Nicht Herr , sondern Freund . Casperl. Allzugnädig, allzugnädig. Grethl, wie meinst du? Könnten wir nicht schon in acht Tagen Hochzeit halten? Grethi. Mir ist's recht. Je eher, je lieber. Casperl. Jetzt hab' ich das rechte Portefeuile erwischt. Das laß ich aber nimmer aus. Eulenschloß. Da bedarfst du auch eines Geh.-Sekretärs Eulert nicht mehr. Casperl. Nein! Nein! Dieses Ministerium kann ich allein versehen. Gruppe. (Der Vorhang fällt.) Ende des Stückes.