Lustiges Komödienbüchlein von Franz Pocci Zweites Bändchen München, 1861. Verlag der J. J. Kentner'schen Buchhandlung. (E. Stahl) Als Manuscript gedruckt. Druck von E. Stahl. Inhalt Prolog. Das goldene Ei. Doctor Sassafras Der Weihnachts-Brief. Die drei Wünsche. Die Taube Muzl, der gestiefelte Kater. Herbed, der vertriebene Prinz. Casperl als Garibaldi Prolog. Das goldene Ei. Personen. Negrocephalus , Zauberer. Putzlmaier . dessen Famulus. Der Gockelhahn. Eine verhüllte Geistererscheinung. Blitz und Donner. Felsenhöhle mit Zauberapparaten. Auf einem Felsblock liegt ein großes Buch aufgeschlagen. Rechts ein Todtenkopf, links ein Eselskopf, in der Mitte eine Sanduhr; ein großer Barometer hängt an der Felsenwand. Negrocephalus (steht vor dem Buche und blättert darin). Beim großen Salamo! heut geht mir nichts zusammen mit meiner Zauberei. Jetzt laborir ich schon den ganzen Vormittag und kann keinen Geist citiren. Vielleicht hab ich nicht das richtige Blattl in mei'm Zauberbuch erwischt oder ist mein Zauberstaberl vom feuchten Wetter etwas verbogen – kurz! es ist eine wahre Schand für einen Zauberer von meiner Qualifikation! Auch dieser ausgestopfte Kopf des klugen Bienam-Esels schweigt heute, der mir doch sonst die besten Andeutungen gibt. (gibt ihm einen Schlag mit dem Zauberstäbchen.) Na! – gar nichts heut? Was ist's? Kein Zeichen? (Der Eselskopf bewegt die Ohren und schreit »Ya Ya!«) Endlich! – Aber jetzt fallt mir was ein! Vielleicht hat mir gar mein Famulus Putzlmaier das Zauberbuch verblättelt, daß die Seiten nicht mehr mit dem Kalender zusammengehn; denn der mischt sich in gar Alles und will alleweil gscheider sein als ich. Putzlmaier! Putzlmaier! Putzlmaier (von Außen.) Was gibt's schon wieder? Negrocephalus. Herein da! Wo steckt er? Putzlmaier (tritt ein). Was wolln's denn in aller Fruh z' Mittags? Jetzt hab ich grad mein' Caffee trinken wollen. Negrocephalus. Was hat er wieder getrieben beim Abstauben heut in der Früh? Gelt? 's Buch verblattelt, daß ich mich nimmer auskenn! Putzlmaier Das kann die Zugluft auch gethan haben. Wenn ich abstauben und aufräumen soll, so muß ich auch was anrühren. Negrocephalus. Nur nicht naseweis, Monsieur Putzlmaier! – Schau er einmal auf den Zauberthermometer, wie heut meine geistige Temperatur steht? Putzlmaier (sieht auf den Barometer.) Grad auf Null! Aufm Gefrierpunkt. (Der Esel rührt die Ohren[?] und schreit »Ya, Ya«) Der Esel sagt's auch [?] – So schaun 'S doch in den Sulzbackerzauberkalender. Vielleicht ist heut nit der rechte Tag. Negrocephalus. Still! Was weiß Er von der geheimen Magie. Bleib er in seiner untergeordneten Sphäre und versteig Er sich nicht in Regionen, die Ihn nichts angeh'n und die für Ihn viel zu erhaben sind. Geh er hinaus und zünde Er lieber im Ofen das chemische Feuer an; denn ich will experimentiren. Putzlmaier (im Abgehen.) Buchen oder Feuchtholz? Putzlmaier Zwei Scheiteln Feuchtholz und drei Buchenprügel; dann etwas Torf drauf; denn 's Holz ist theuer. (Putzlmaier ab.) Putzlmaier (allein.) So will ich denn an's Werk schreiten (liest aus dem Buche) Schnuriburiomnibusviribusschabuloribus Katamizisprizi wuzimilimalimolimus Spiritisfamiliaribusbliziblazibumbumbum. (Es knackt[?] im Ofen) Auweh! bin ich aber jetzt erschrocken! Hat sich schon ein Geist gerührt, wie mir scheint. Dem muß ich gleich kräftiger zu Leib steigen. Hoher Geist, der du den Spruch capirtest Dich sogleich im Ofenloche rührtest, Wenn du der bist, den ich meine, Unsichtbarer so erscheine. Ich citire dich bei Salomo's Gewalt, Zeige dich in x beliebiger Gestalt. Unter krachenden Flammen erscheint der große Gockelhahn. Gockelhahn. Kikeriki, kikerikich bin da, Gerufen hast du, so bin ich nah. Negrocephalus (zitternd.) Sprich, wer bist du? Gockelhahn. Ich bin der kluge Gockelhahn Und kräh den frühen Morgen an. Negrocephalus Bist du ein guter oder ein böser Geist? Gockelhahn. Kikerikich bin ein guter Geist, Der kluge Gockelhahn geheißt. Negrocephalus So sprich, wie stehst du mir zu Dienst, Da du auf mein Geheiß erschienst? Gockelhahn. Ich bin der kluge Gockelhahn, Der Henne Gackerackack ihr Mann; Und meine Frau sitzt auf dem Mist, Im Legen sie begriffen ist. Negrocephalus Was legt die Henne, o sag geschwind, Und wo legt sie, damit ich's find. Gockelhahn. Ein goldnes Ei, Das brich entzwei; Was aus dem Ei wird kommen, Das mag dir sein zum Frommen. Mir aber gib eine Hühnersteig Und dann mein Futter aus gutem Teig. Ein goldnes Ei, Das brich entzwei! Negrocephalus. Schaff mir das Ei sogleich hieher, Ist was Gut's drinnen, freut's mich sehr. Gockelhahn. Das goldene Ei das sollst du haben, Da draußen liegt es in dem Graben. Negrocephalus. Flieg auf, flieg aus, mein Gockelhahn, Und ist's nicht wahr, so ist's ein Wahn. (Gockelhahn fliegt fort.) Schlapperment! jetzt bin ich aber schachmatt von der Zauberei. Ich muß in mein Schlafkabinet gehn, um etwas auszuruh'n. Einstweilen kann der Putzlmaier aufpassen. Putzlmaier! Putzlmaier. Da bin ich schon; was gibt's? Negrocephalus. Aufgepaßt, Putzlmaier! Nimm Er seinen Kopf zusammen und mach Er keine Dummheit. Während ich jetzt in meinem Kabinet in einigen Büchern nachschlage, bleib Er hier und paß Er auf, daß nichts gschieht. Wenn aber was gschieht, so muß Er mir's gleich melden. (ab) Putzlmaier (allein). Das ist wieder eine schwierige Commission. Also: Wenn Nichts gschieht, nachher gschieht Nichts und wenn was gschieht, so gschieht was. Also aufgepaßt, Putzlmaier! Aber das Hersitzen ist mir zu langweilig. Ich will mich unterdessen a bißl mit dem Zauberbuch unterhalten; vielleicht kann ich mir auch einmal einen Geist herzitiren. (blättert) Pfui Teufel! Das sind abscheuliche Kribes Krabes. (blättert weiter) Ah ! das laß ich mir gfall'n, da ist ein wunderschöner Gockel abgemalt. (liest) Kikeriki, kikeriki erschein, Wenn du der bist, den ich mein'. Ein Knall. Gockelhahn fliegt herab und legt ein großes goldenes Ei nieder, das er in den Krallen hält. Gockelhahn. Großer Zauberer, du hast befohlen. Dieses Ei ist nicht gestohlen; Ich bring es her, leg dir's zu Füssen, Frau Gackerakack laßt dich schön grüßen! (fliegt ab.) Putzlmaier. Ab! Ah! – Das ist aber schön! Ein goldenes Ei! Das gfallt mir. Was muß denn da drinnen sein? Das könnt eine hübsche Portion Eierspeis geben. Aber's Eierbecherl müßt schon so groß sein, wie ein Halbseimerfaßl. Da sag ich vorderhand meim' Herrn nichts davon. Stimme aus dem Ei. Macht's auf! ich erstick! Putzlmaier. Aha! da rührt sich was. Ist vielleicht ein kleines goldenes Gockerl drin? Stimme. Tausendnochemal! macht's auf! ich erstick! Putzlmaier. Ja, wie kann ich denn aufmachen? Stimme. Nimm das Zauberstaberl und schlag dreimal auf das Ei, so wird es zerspringen. Putzlmaier. Nein, nein! da trau ich nit. Da könnt der Spadifankerl drinstecken. Ich will's lieber meinem Herrn melden, (ruft) Herr Negrocepherl, kommen 's heraus; aber geschwind, sonst erstickt der Teufel. Negrocephalus (kömmt.) Was gibt's da? – Aha! das Ei. Brav, brav, der Gockl hat Wort ghalten. Putzlmaier. Jetzt nehm S' nur gschwind ihr Spazierröhrl und tipfen S' e bißl drauf; aber z'vor absentir ich mich, denn mit dem verdächtigen Eierdotter will ich nichts z'thun haben. Negrocephalus. Geh Er nur, wenn Er Furcht hat. Ha, ha, ha! Ein Zauberer wie ich fürchtet dergleichen nicht. Putzlmaier. Ghorsamer Diener! (ab.) (Negrocephalus betrachtet das Ei ängstlich von allen Seiten. Stimme (im Ei.) Aufgmacht, sag ich! Negrocephalus (fährt voll Schrecken zurück.) Ei der tausend! was ist das? Stimme. Aufgmacht, oder ich brich durch! Negrocephalus. Der Putzlmaier hat doch nicht so Unrecht. Weiß's der Deixel, ob nit der Deixel da drin steckt! Jedenfalls muß ich mich sicher stellen. (eilt ans Zauberbuch und ließt): Steckt im Ei dieß oder das, Ich verbitt' mir jeden Spaß; Denn wenn ich einen Geist citir' Verlang ich Anstand und Manier. Lieber Geist, ich bitte dich, Sei so gut und mir versprich, Daß, wer du auch immer bist, Du mich nicht verschlingst und frißst. Beim großen König Salomo, Und wenn es so ist, sag es so. Stimme. Ich thu keim' Menschen was. Aufgemacht, ich halt's nimmer aus! Negrocephalus. (mit dem Zauberstab an das Ei tretend.) Eh ich die goldne Hülle sprenge, Die dir, wie du mir sagst, zu enge, Sollst du bei allen Geistern schwören, Und daß vernehmlich ich's kann hören. Stimme. Ich schwör's, ich schwör's. Negrocephalus. (berührt das Ei mit dem Zauberstab) So öffne dich, du goldnes Haus; Versteckter Geist, tritt nun heraus! (zugleich salvirt er sich hinter's Zauberbuch) Unter knallendem Feuerwerk öffnet sich das Ei. Eine mit bunten Lappen verhüllte Gestalt erhebt sich daraus. Negrocephalus. Was ist das für eine kuriose Figur, Kunterbunte Lappen seh ich nur: Blau und gelb und grün und roth, Ist das eine neue Geistermod'? Wer bist du sprich? Ich frage dich. Die Hülle fällt und Casperl springt aus dem Ei. Casperl. Ich bin's, der in der bunten Hülle prangt, Und den sich alle Welt verlangt. Negrocephalus. Unverschämt! Scandalos! Einen Geist hab ich mit meiner magischen Gewalt citirt und aus dem goldenen Ei springst du heraus? Welche Frechheit! Casperl. Als ob ich kein Geist wär! Negrocephalus. Ja, aber welcher? Gleich hinaus mit dir! Casperl. Oho, das geht nit so gschwind, alter Zauberer! Wissen S' denn, wer ich bin? Negrocephalus. Ich weiß's schon. Ein Hanswurst! Casperl. O, Sie langweiliger Schafskopf! Negrocephalus. Impertinenter Flegel! Ich werd' ihn gleich wieder hinauszaubern. Casperl. Nix da! geh'n S' nur e bißl auf d' Seiten, damit ich Platz hab und mich an das hochgeöhrte Publicus wönden kann. Hochgeöhrtestes Publicus! Ich habe die Oehre, mich Ihnen als möglichst guten Humor vorzustehlen. O, der Humor oder die Humores – sind was werth! Denn die Humores, welche nach lateinischer Explucation so viel wie eine Art von Feuchtigkeiten bedoiten, sind jene floiden Kräfte, die uns den Dorst zu stillen pflögen, wölchen Dorst der Casperl Larifari absolutaliter nicht leiden kann, weshalbiger derselbe bedoitend zu trinken gewohnt ist. Doch lassen wir diesen zarten Punkt beiseite und reden wir von dem Humor in der einfachen Zahl. Diesen guten Humor möchte ich dem hochgeöhrtesten Publicus mitgebracht haben; ich möcht' Ihnen damit e bißl die langweilige Zeit vertreiben. Auch hab ich noch einige Ueberbleibseln von einer halben Portion sogenannter romantischer Poesie im Sack, die ich auf'm Tandlmarkt selber um 12 Kreuzer gekauft hab und die meinen alten guten, guten Freund, den Herrn Clemens Brentano, Gott hab'n selig, umgebracht hat. Eine herrliche, miserabelverkannte Verlassenschaft, die er mit in's Grab hat nehmen wollen; aber eh' er gstorb'n ist, hat er's doch wieder da lassen und hat sich gedacht: Vielleicht klaubt's doch noch eine sympathetische Seele auf! – Ha! diese sympastetische Seele hat sich gefunden und die Comödienstückl, die ich da mitgebracht hab, enthalten den Abdruck des Ausdrucks des Eindrucks eines Mondscheinstrahles aus der romantischen Zeit, wo die Ritter noch beim helllichten Tag herumgritten sind und die Zauberer noch als solche haben gelten können. Aber jetzt machen die Ritter keine Kreuzfahrten mehr, sondern lassen sich lieber ein Dutzend kleine Kreuzl'n anhängen und die Zauberer, die uns einen blauen Dunst vormachen, sind auch noch da, aber das geht Alles auf natürliche Manier her und – – – Aber ich bitt um Verzeihung! beinah hält' ich mich vom Stoff hinreißen lassen. Nehmen S' halt vorlieb mit dem, was Ihnen der Casperl Larifari ganz ghorsamst gebracht hat und wenn S' gfälligst umblätteln, so können S' selber lesen, was er im Sack hat, nehmlich: Ein Büchl, folgenden Inhalts: Anmerkung des Setzers. Ich kann dem verehrten Leser meine Beobachtung nicht vorenthalten, daß, abgesehen von der abgeschmackten Erscheinung des Casperl, das gold'ne Ei eine viel geeignetere Verwendung bei feierlichen Gelegenheiten finden könnte. Wäre es z.B. nicht sehr hübsch, wenn bei einem Geburts- oder Namenstagfeste aus dem Ei eine Bouteille guten Weines erschiene, die man dann dem Gefeierten überreicht, oder bei Verlobungen 2 brennende Herzen in Transparent mit den Namenszügen der Verlobten u. dgl. m. Ich kann meine Verwunderung nicht unterdrücken, daß dem Herrn Verfasser nicht dergleichen zu Ehren des Lesers eingefallen ist, und daß er den läppischen Casperl Larifari aus dem Ei erscheinen läßt. Doctor Sassafras oder Doctor, Tod und Teufel, in drei Aufzügen. Personen. Doktor Sassafras. Casperl, sein Diener. Herr von Steinreich. Marie, dessen Nichte und Mündel. Schreiber, Sekretär bei Steinreich. Der Tod, auch Herr Knochenmayer. Der Teufel. Ein Bauer. Bedienter bei Steinreich. Ein Todtengräber. Erscheinungen. l. Aufzug. Des Doktors Studirstube. (Bücher, medicinischer Apparat ec.) Doktor Sassafras. Die Last der Arbeit erdrückt mich beinah! Es ist wirklich etwas Erschreckliches, ein Arzt zu sein. Mit dem frühesten stehen schon die Hilfesuchenden vor meiner Thüre; dann heißt's in der ganzen Stadt oder auf dem Lande herumfahren; kaum Hab' ich mich Mittags mit Speis und Trank gestärkt, überlaufen mich die Patienten wieder in meiner Wohnung; dann abermals Visiten; Nachts wenn die andern Menschen ausruhen, bin ich auch nicht sicher, daß ich nicht irgendwohin geholt werde! Geld mache ich mir genug bei diesem Wirken, besonders seit ich die drei Heilmethoden exercire, die Allopathie, die Homöopathie und die Hydropathie (vielleicht nehme ich auch noch die Heilgymnastik dazu). – Ich kurire oder bringe die Leute um, wie sie wollen. Man bewundert meine Prognose, meine Diagnose – kurz man nennt mich einen zweiten Hypokrates oder Paracelsus! (Casperl tritt ein.) Casperl. Hochelehrtester Herr Doctor! Da draußen steht schon wieder ein ganzer Rudel Patienten, die ein Rezept haben wollen von Ihnen. Einen haben's gar auf einem Wagerl hergschoben; er hat keine Fuß mehr und möcht, daß Sie ihm was eingeben, damit ihm wieder neue anwachsen; einen Blinden haben's auch hergführt, der möcht ein paar frische Augen. Nächstens kommen die Leut ohne Kopf, damit Sie ihnen Einen aufsetzen. Sassafras. Für jetzt ist es mir unmöglich, irgend Jemanden zu empfangen. Ich muß zu einem Consilium, welches eben bei dem alten Grafen Hohenfels gehalten wird. Wenn die Leute draußen ein Stündchen warten wollen, mag es sein. Ich denke, daß ich nicht zu lange ausbleibe oder wenn du meinst, so bestelle sie auf morgen her. (ab.) Casperl (allein). So ist's recht. Geh'n S nur fort, Herr Doctor. Jetzt hab ich Gelegenheit, wieder, einmal meine Praxis auszuüben. Ein dummer Kerl wird sich schon finden, der mich für einen Doctor ansieht, wenn ich ihm was weiß mach. Das ist ja ohnehin bisweilen Doctorenmanier und je mehr man den Leuten vorlügt, für desto gscheiter halten's Ein. (ruft zur Thüre hinaus) Heda! Guter Freund, nur herein! (Ein Bauer mit ungeheuer dickem Bauch.) Bauer. Da bin i schon, Rexellenz Herr Doctor. Casperl (spricht sehr hochdeutsch). Nun was fehlt, juder Freund? Du hast ja einen ungeheuern Bauch. Hast du vielleicht die Wassersucht? oder die Biersucht? Bauer. Na', weder d' Wassersucht, noch d' Biersucht. Ich hab halt schreckliche Schmerzen im Bauch, und weiß net warum. Aber die vorig Wochen habn wir Kirte ghabt und da hab i holt so nachanander vierundzwanzig Knödl aufm Kraut gessen. Ich glaub, die liegn mir noch im Magen. Wenn Ein Knödl 'naus will, so möcht der Ander a 'naus und so verstellt Einer dem Andern den Weg. Jetzt's könnts Enk denken, Rexcellenz Doctor, was das für a Metten in meim Bauch ist, wenn die 24 Knödl mitenand raufen. I mein, i muß z' Grund gehn! Casperl. Wie kann aber ein Mensch so dumm sein, vierundzwanzig unvorsichtige Knödel zu verspeisen? Das ist ja eine Schwoineroi? Bauer. Ja, mir haben's halt gschmeckt und weil der Knödl rund ist, hab i mir denkt, die kugeln leicht wieder aussi. I bin halt a dummer Bauer, der von die glehrten Sachen Nix versteht. Casperl. Das ist aber ein sehr kriterischer Fall. Das Glück ist, daß du auch Sauerkraut dazu gegessen hast, weil die Säure doch etwas auflösend wirkt; sonst wärest du schon an einer Indischestion gestorben. Bauer. Was is denn das für eine Krankheit die Indischstion? Casperl. Das ist eine indische Krankheit. Da hilft nichts als den Bauch aufzuschneiden. Bauer. Na' schneiden laß i mich net. Casperl. Dann mußt du sterben. Bauer. Auweh, auweh! – was kost's aber, wenn der Herr Excellenz Doctor mich kurirt hat. Casperl. Das kostet 30 fl. gradaus und 5 fl. Trinkgeld. Bauer. Das ist doch a bißl gar z'viel. Casperl. Wenn Er nicht will, so behalte er sein Geld im Sack und seine Knödel im Bauch. Bauer. O mein, o mein! I halt's net aus vor Schmerzen! – Meintwegen schneidt's halt zu, wenn's net z' weh thut. Casperl. S' ist gleich vorbei. Ich muß nur mein Instrument holen. (ab) Bauer. (allein). Was muß denn das für a Strument sein? eppa gar a Trumpeten zum Blasen! – Mir ist's recht! Jetzt bin i amol gfaßt und ergib mich in mein Schicksal. (Casperl kommt mit einem großen Messer herein.) Casperl. So, seh Er sich auf diesen Stuhle – und ruhig gehalten. Bauer. Das ist ja a schrecklichs Messer? I halt's nit aus! Casperl. So? meint Er, daß für 24 Knödl ein kleines Federmesser! genug war? Also, ruhig! (Casperl schneidet ihm den Bauch aus. Der Bauer schreit ungeheuer und zappelt mit den Füßen.) Casperl. 's schon vorbei! Da schau Er einmal! Die Knödel springen aus dem Bauch und tanzen auf dem Boden herum. Jetzt schnell das Pflaster drauf. Bauer. (aufseufzend). Ah, ah! Jetzt ist mir ganz leicht! Casperl. Die Knödl kannst wieder mitnehmen für ein anderes Mal. Bauer. Na, na, dank schön! Die könnten mir schlecht bekommen. Da habt's die 30 fl. und 5 fl. Trinkgeld. Casperl. Gut, nur her damit, und jetzt marsch hinaus. Bauer. I bedank mi halt schön. Casperl. Drei Tag nichts essen; trinken so viel Er will. Bauer. Das laß i mir gfalln! Ghorsamer Diener Rexcellenz Doctor. (ab.) Casperl (allein) . Das hab' ich wirklich nit schlecht gemacht. Ja, Couraschi ist die Hauptsach für ein' Doktor. Es ist noch die Frag', ob das meinem Herrn eingfall'n wär, der hätt' vermuthlich dem Bauer ein kleines Abführungsmittel geben; aber so ist das Ding viel schneller gangen und wenn der Kerl stirbt, so ist er wenigstens net an die Knödl gstorben, sondern blos an der Kur . Das gschieht bei die Doctores auch nit selten, daß sie dem Patienten die Krankheit vertreiben, aber daß er nachher an die Mittel draufgeht, die s' ihm geben haben. Sassafras (tritt ein). Das Consilium ist vorbei. Mein Rath hat wieder den Ausschlag gegeben; Mein Mittel wird helfen, (zu Casperl) Ist unterdessen nichts vorgefallen, Caspar? Casperl. Nein gar nix, gnädiger Herr! Sassafras. Ich werde nicht lange zu Hause bleiben können, weil ich zu Herrn von Steinreich gerufen wurde. Er soll an einem unheilbaren Uebel leiden. – Was, unheilbar? Das wollen wir erst sehen, wenn ich komme! Caspar, wenn mich etwa irgend Jemand sprechen wollte, so kannst du wir es gleich melden. Casperl. Wie Sie befehlen. (ab.) Sassafras. (allein). Von Stufe zu Stufe steige ich! Ich werde bald einen europäischen Ruf haben. Was sind all diese Stümper von Doctoren im Vergleiche zu mir? Wer hat einen Blick in die Tiefe der menschlichen Natur, wie ich? – Keiner! – Wer weiß das Uebel gleich richtig zu fassen, wie ich? Keiner von Allen! – Wer von ihnen kann seine Kraft messen mit jenen geheimen Gewalten, welche das Leben der Menschheit befeinden? – Ich bin es'. – Doch es ist Zeit, zu Herrn von Steinreich zu gehen. (ab.) Der Tod (erscheint aus der Versenkung). Tod. Herr Doctor Sassafras! auch ich bin da! Vergiß nicht ganz, daß ich dir immer nah'. Denn bald wird mir zu arg dein kühnes Treiben, Dein Ordiniren und Rezepteschreiben. Bei meinen alten Knochen! 's ist zu viel! Mit mir zu wagen solch' ein keckes Spiel. Ich hab' ein altes Recht auf Jung und Alt, Auf Groß und Klein und hol' was mir gefallt. Du willst mir Einspruch thun, ha, ha! zum Lachen Ist's'. Alles muß ja doch in meinen Rachen Und Alles mäh' ich mit der Sense nieder, Und Alles wird zu Staub und Asche wieder. Nun aber, weil bisher ich war so gütig, Wird mir das Doctorlein gar übermüthig. Jetzt will aus einem andern Ton ich geigen Und wer der Herr ist dem Herrn Doctor zeigen. Zuvor werd selbst ich Sassafras besuchen Und gütlichen Vergleich mit ihm versuchen. Geht er nicht auf den Vorschlag willig ein, So muß er selbst bald meine Beute sein. (verschwindet.) Verwandlung. Prachtvolles Gemach im Hause des Herrn von Steinreich. Steinreich , auf einem Armsessel sitzend. Vor ihm ein Tisch mit vielen Papieren darauf. Neben ihm steht Sekretär Schreiber. Steinreich. Aber heute werden Sie wieder gar nicht fertig mit Ihrem Vortrag und ich bin so leidend. Schreiber. Ich bedaure, Herr Baron; allein es liegt Ihnen ja selbst daran, daß Ihre Geschäfte täglich Vormittags erledigt werden. Hier ist noch die Eingabe des armen Taglöhners mit Weib und sechs Kindern; er bittet um Nachlaß der Schuld oder Termin zur Rückzahlung. Steinreich. Ei was! er soll zahlen; die Auspfändung soll ihren Lauf nehmen. Ich kann nicht Alles verschenken. Soll ich selbst zum Bettelmann werden. O weh! was leid ich wieder. Mein Herz, mein Herz! Schreiber. Bedaure – aber bedenken, Herr Baron, der Mann war ein halb Jahr krank und konnte sich nichts verdienen. Steinreich. Das ist nicht meine Schuld. Wenn ich nicht ein so gutes Herz hätte – o weh wie drückt's mich wieder! – so hätte ich ihn längst schon auspfänden lassen. Mein gutes Herz wird mich noch ganz und gar ruiniren. Schreiber. (für sich) O du Heuchler! (zu Steinreich) Also wirklich Herr Baron? Steinreich. Es bleibt dabei. Apropos! Vergeßen Sie nicht, mir wieder 300 Flaschen Champagner zu bestellen von der Qualität, die ich neulich probirt habe. Schreiber. Ich habe bereits an das Haus Clic[^o]t geschrieben. Hier ist noch ein kleines Gesuch der Wittwe Müller. Sie hat kein Bett mehr. Eine Lähmung der rechten Hand hindert sie zu nähen, so daß sie keinen Verdienst hat. Um Brod für ihre zwei Kinder zu kaufen, gab sie ihr Bett her und liegt nun auf dem Stroh. Sie bittet nur um ein paar Thaler. Ihre Noth ist groß. Steinreich. Was den Leuten nicht Alles einfällt! Ueberall soll ich helfen. Verschonen sie mich mit solchen zudringlichen Betteleien. Ein für allemal! Schreiber. Aber der Hunger thut weh! Steinreich. Man soll sich nach der Decke strecken und nicht mehr wollen, als man hat. Der Mensch soll sich überhaupt auf das Nothwendigste beschränken. – Apropos! Ich hoffe, daß die Gänseleberpastete aus Straßburg angekommen ist; ich freue mich schon lange darauf. Schreiber. Sie soll heute auf die Tafel kommen. Steinreich. Bravo! –Ich muß mich durch gute Nahrung stärken; mein Herzleiden wäre mir unerträglich. Dieß ist auch die Ansicht der Aerzte. Schreiber. Nun habe ich die Ehre mich zu empfehlen. Steinreich. Adieu! beinahe hätt' ich vergessen! Ist Doctor Sassafras bestellt, den ich noch consultiren will? Schreiber. Er wird diesen Vormittag seinen Besuch abstatten, (ab.) Steinreich. (vom Stuhl aufstehend.) Was nützt aller Reichthum, wenn man nicht gesund dabei ist? Alle Genüße des Lebens könnte ich mir verschaffen; aber dieses Drücken da auf der linken Seite. Es muß mir am Herzen fehlen. Wenn's nur keine Verhärtung ist oder ein organischer Fehler! – Der berühmte Doctor Sassafras wird gewiß ein Mittel finden, mich zu kuriren. Ich will nichts sparen; mit Ducaten will ich seine Rezepte bezahlen, wenn ich nur gesund werde. Ah, meine Nichte! Marie (tritt ein.) Steinreich. Mamsell Marie, ei guten Morgen. Marie. Guten Morgen, lieber Onkel. Steinreich. Wie steht's? noch immer die Grillen im Kopf? Noch nicht zur Besinnung gekommen? Marie. Wenn Sie meine Ueberzeugung Grillen nennen, Herr Onkel, so muß ich gestehen, daß noch keine Aenderung – – Steinreich. Was Ueberzeugung? Einfältige Schwärmerei! Was willst du mit diesem Schreiber? Er ist kein Mann für dich. Marie. An dem Todbette der seligen Mutter haben wir uns die Hände gereicht für immer. Unser Bund ist durch den Segen der Sterbenden geheiligt. Steinreich. Und ich will nichts davon wissen; aber du weißt schon längst, daß es meine Absicht ist, dich an den Baron Goldberg zu verheirathen. Marie. Mein Herz ist mein freies Eigenthmn. Es gehört Schreiber, dessen Werth Sie selbst so oft gerühmt und anerkannt haben. Steinreich. Ist dieß der Dank, daß ich dich, armes Mädchen, zu mir genommen habe? Der dummen Geschichte soll ein Ende gemacht werben. Schreiber muß aus dem Hause, heute noch. Ich werde leicht einen andern Sekretär finden. Marie. Ich werde Ihnen stets für alle mir erwiesenen Wohlthaten herzlich dankbar sein; allein damit ist gewiß nicht die Verpflichtung verbunden, mich zwingen zu laßen, daß ich Baron Goldberg heirathe. Steinreich. So magst du als alte Jungfer sterben. Fort von mir, auf dein Zimmer! – Ach! mein Herz, mein Herz! wie drückt's mich wieder! (Ein Bedienter tritt ein.) Bedienter. Doctor Sassafras. Steinreich. Gut, laß ihn herein. (Bedienter ab.) (Zu Marie) Fort, sag' ich! (Marie weinend ab) Sassafras (tritt ein.) Herr von Steinreich haben mich rufen lassen? Steinreich. O, wie froh bin ich, daß Sie mich besuchen. Ich bin sehr leidend. Sassafras Es würde mir eine große Freude sein, wenn ich durch meine Kunst zur Linderung Ihres Zustandes Etwas beitragen könnte. Was fehlt Ihnen? Steinreich. Ich leide, glaube ich, am Herzen. Meine außerordentliche Gutherzigkeit hat mich ruinirt. Sassafras Will nicht hoffen; allein es ist kein Zweifel, daß physische Zustände von großen Einfluß auf den Körper sind. Die geistigen Qualitäten impregniren sich der Materie. Steinreich. Seh'n Sie, Herr Doctor, (auf die linke Seite die Hand legend) seh'n Sie, da thuts halt ungeheuer weh! Es ist mir oft als wenn ein harter Klumpen drin war. Sassafras Können auch Congestionen sein. Erlauben Sie. (befühlt die Stelle) Ich finde keine Alteration des Herzschlages. (lauscht mit dem Ohr daran.) Ich finde wirklich gar nichts besonderes. Aeußerlich gar keine Verhärtung, kein Symptom, das bedenklich wäre. – Haben Sie Appetit? Steinreich. Das Essen ist das Einzige, das mir gut thut und meinen Zustand erleichtert. Sassafras Wie sieht's mit dem Schlaf aus? Steinreich. Vortrefflich; bisweilen aber fühl' ich auch bei Nacht ein gewißes Drücken. Sassafras. Erlauben Sie, den Puls. (greift den Puls.) Sonstige Funktionen? Steinreich. Alles in Ordnung. Aber da drin, da drin – – Sassafras. Ich werde Sie einige Zeit beobachten müßen, Herr von Steinreich. So ein Fall bedarf längerer Aufmerksamkeit. Vor der Hand werde ich Ihnen ein Recept aufschreiben. Vermeiden Sie jede Aufregung. Steinreich. Ach, aber mein gutes Herz läßt mir keine Ruhe! Sassafras. In ein paar Tagen werde ich mir die Freiheit nehmen, wieder meinen Besuch abzustatten. Steinreich. Kommen Sie reckt bald wieder. Rechnen Sie auf meine Dankbarkeit. Adieu, adieu. Ich will jetzt einen kleinen Spaziergang in meinem Garten machen. (ab.) Sassafras (allein.) Vortrefflich – der ist mein. Die Kundschaften, die an der Einbildung leiden, waren mir stets die liebsten. Ich kann ihn Jahre lang hinhalten, geb' ihm unschädliche Mittel, schicke ihn auf Reisen und in Bäder – und – er muß tüchtig blechen. Ha, ha, ha! solche Patienten laß ich mir gefallen! Die gehören für unsere Erholung und füllen den Geldbeutel. Nun wieder ein paar Häuser weiter! Meine Praxis wächst mir beinahe über den Kopf; glücklich bin ich im Kuriren, also läuft mir Alles zu und wo die Kunst nicht ausreicht, da hilft die Schlauheit. Sassafras, du wirst unsterblich! (will hinaus; der Tod in schwarzer Kleidung als Knochenmayer tritt ihm durch die Thüre entgegen.) Tod. Halt! Unsterblicher! Sassafras. Mein Herr, was wollen Sie? Tod. Sie selbst will ich, Herr Doctor, wenn auch nicht jetzt, doch seiner Zeit jedenfalls! Sassafras. Wen habe ich die Ehre? Warum treten Sie mir in den Weg? Tod. Ich habe mit Ihnen ein Wörtchen zu reden. Mein Name ist Knochenmayer. Sassafras. Womit kann ich dienen? bedürfen Sie etwa meiner ärztlichen Hilfe? In der That, Ihr Aussehen spricht dafür. Tod. Bitte recht sehr! Ich bin zwar klapperdürr und etwas blasser Physiognomie; allein ich erfreue mich doch der besten Gesundheit und bin so alt wie die ganze Menschheit. Sassafras. Wie soll ich das verstehen? Sprechen sie deutlicher. Jedenfalls ersuche ich sie, mich nicht umsonst aufzuhalten; meine Geschäfte – – Tod (ihn unterbrechend.) Haben keine Eile, wenn ich mit Ihnen zu reden habe. Sassafras. Wie kommen sie mir vor? (will hinaus) Tod. Halt! keinen Schritt weiter! Sassafras. Welche Kühnheit! – Ich bin Doctor Sassafras, Respect vor mir! Tod. Und ich bin Doctor Knochenmayer, Respect vor mir! Sassafras. Immerhin! ich kenne sie nicht. Tod (mit fürchterlicher Stimme.) So lerne mich kennen, Elender! (Die Bühne verfinstert sich.) Sassafras. Weh mir! was ist dieß? Tod. Sieh dorthin und erkenne mich! (Der Hintergrund hat sich mit schwarzen Wolken verhüllt, auf welchen in Flammenschrift zu lesen ist:) CONTRA VIM MORTIS NON HERBULA CRESCIT IN HORTIS. (Zugleich hat der Tob sein Gewand abgeworfen und steht als Gerippe da.) Tod. Der Mächtigste auf Erden steht vor dir! Drum zitt're, der du dich bestrebst, zu lähmen Die Allgewalt die unerbittlich herrscht. Doch ich will gnädig sein: die Hälfte dir, Die Hälfte mein! So magst du heilend wirken; Wo nicht, so bist alsbald du mir verfallen, Bedenk' es! deinen Entschluß kannst du sagen, Wenn ich bei dir erscheine nach drei Tagen! (Sassafras sinkt zusammen) Der Vorhang fällt. II. Aufzug. Nacht. Ein Kirchhof. Der Totengräber gräbt ein Grab. Sassafras tritt nachdenkend ein. Sassafras. »Contra vim mortis non herbula crescit in hortis.« Wider den Tod kein Kräutlein gewachsen ist. Ich weiß es wohl. Aber dennoch! Er nannte sich den Gewaltigsten auf Erden, weil ihm Alles unterliegen muß; allein es gibt doch noch einen Mächtigeren als ihn. Des Todes Gewalt ist auf dieses Leben beschränkt. Der Satan greift darüber hinaus; auch im Jenseits herrscht er, er ist also mächtiger. Wie? wenn ich mich mit diesem verbände? Zwei Feinde der Menschheit. Den Einen – den geringeren – bekämpfe ich; zu dem Andern will ich mich jetzt halten. Meine Seele will ich ihm verschreiben, dafür wird er mir wohl seinen Beistand nicht versagen. Bei den Gräbern haust er. Hier will ich ihn citiren. (erblickt den Todtengräber) Heda, guter Freund! Todtengräber. Wer ruft mich? Sassafras. Ich bin's. Du kennst mich ja. Todtengräber. (kommt näher.) Ach! Herr Doctor Sassafras! freilich kenn' ich Euch. Wie kommt ihr selbst einmal hieher ; gewöhnlich schickt Ihr mir nur Eure Patienten heraus. Sassafras. Das ist eben kein Compliment, das du mir machst. Todtengräber. Nehmt's nicht übel. Ich habe freilich nicht die rechten Manieren; allein bedenkt, daß ich hauptsächlich mit stummen Leuten Umgang pflege, die mir keine Antwort geben können, und denen ich eben sage, was mir gerade einfällt – wenn ich denn doch bisweilen schwatzen möchte. Sassafras. Glaub's wohl, alter Bursch, und hab dir's auch nicht übel genommen. – Hör' aber, ich möchte dich was fragen. Da hast du ein paar Thaler; aber sag mir die Wahrheit. Todtengräber. Danke, danke – hätt' aber keines Trinkgeld's bedurft. Ich sag' immer die Wahrheit; hab's ja allweil mit der allerlautersten Wahrheit zu thun, mit dem »Absterbens-Amen.« Da sind Lug und Trug zu Ende. Sassafras. Es geht die Tage, daß es auf diesem Kirchhof nicht geheuer sei. Hast du jemals was bemerkt? Man erzählt sich, der böse Feind selber lasse sich bisweilen blicken. Todtengräber. (hält den Finger an den Mund.) Laßt uns still reden. Man soll's nicht wissen und es soll nicht laut werden; – aber – aber 's ist halt doch so und läßt sich nicht leugnen. Dort hinter der Kapelle, im zerfallenen Kreuzgang ist eine Gruft, heißt das Teufelsloch: Wer den Muth hat – – Sassafras. Findet dort, was er sucht. Todtengräber. Ei wer wird aber auch den Teufel aufsuchen? Den muß man meiden. Oft in stillen Nächten, wenn ich schnell ein Grab zu schaffen habe, da hör' ich's poltern und ächzen, und 's wischt bisweilen Etwas über die Gräber hin; aber ich laß gewähren, kehr' mich nicht dran und bet' mein Vaterunser. Sassafras. Ich habe Grund der Sache nachzugehen. Todtengräber. Mag sein; solch gelehrten Herren, deren Ihr Einer seid, mag's belieben, geheimen Dingen nachzuforschen. Sassafras. Man muß solchen Räthseln auf den Grund zu kommen suchen. Todtengräber. Immerhin. Wünsch guten Appetit zur Lösung. Ich meinerseits verlang nicht darnach und 's wandelt mich keine Neugier an. Sassafras. Hast recht, deinerseits. (Die Thurmuhr schlägt eilf.) Da schlägt's 11 Uhr. Meinst du, ich könnte was entdecken. Todtengräber. Der Teufel ist alle Nacht los – mehr oder minder. Versucht's; aber wahrt Euch wohl, damit Eure Seele nicht Schaden leide. Sassafras. Ich fürchte Nichts. Der Teufel hat noch Keinen bei lebendigem Leib gepackt. Nur mit der Seele hat er's zu thun. (ab.) Todtengräber. Das ist noch die Frage, lieber Herr – oho, er ist schon fort! Die Doctoren sind doch kuriose Leute, und den Doctor Faust hat ja doch der Satan geholt, wie ich gehört! – Man soll nicht freveln; man soll dem bösen Feind aus dem Weg gehen und soll ein guter Christ sein! Was geht's mich an? – Das Grab dort muß am frühesten Morgen fertig sein. Also frisch an die Arbeit, damit ich noch ein paar Stündlein schlafen kann! (gräbt wieder fort und singt) Was kümmert mich die ganze Welt, Ich laß den Leuten Ehr und Geld; 'S ist Alles nur ein eitler Schein, Ein Jeder muß in's Grab hinein. Auf diesem meinem Gartenfeld, Ist Jedem wohl sein Grab bestellt: Alt oder Jung, Arm oder Reich – Hier liegen sie beisammen gleich. Ob König oder Bettelmann – Im Leben Keiner bleiben kann, Zu Jedem kömmt die Todtenpost Und Alle werden Würmer-Kost. Bedächten sie's zu rechter Zeit, So gäb's wohl minder Haß und Streit; Denn hier hört alle Zwietracht auf, Wenn sie da ruhen allzuhauf. Wer weiß, wie lang ich's hier noch treib, Bis selber fallt in's Grab mein Leib; Und muß ich endlich auch hinein, Sei gnädig, Gott, der Seele mein. So, die Arbeit ist gescheh'n; jetzt darf ich ruhen. Also gut Nacht, ihr da drunten. Ruht sanft bis ihr aufersteh'n müßt! Ich sollte wohl auf den Herrn Doctor warten; das wäre schicklich, aber ich mag nicht. In dieß sein Geschäft will ich mich nicht mischen. Gott schütz' ihn und mög' ihm seine Neugier nicht anrechnen! Kuriose Leute, die gelehrten Herren! Ei, Ei! (geht ab.) (Der Teufel tritt ein. Ihm folgt Dotter Sassafras.) Sassafras. Steh einmal! höllischer Geist! O sa miha aseffonila! Teufel. Warum hast du mich gerufen? Was willst du? Sassafras. Warum fliehst du mich? Elesiamini, elesiamini! Teufel. Du hast Gewalt über mich, aber 's ist bald Mitternacht. Wenn der Tag anbricht, muß ich fort. Sassafras. Aha, du fürchtest das Licht. Teufel. Mein Element ist die Nacht. Also schnell, zur Sache: was begehrst du? Sassafras. Ich suche deine Hülfe gegen den Tod, der mein Wirken beschränken will und mir mit sich selbst bedroht. Teufel. Wie? ich sollte gegen meinen besten Freund zu Feld zieh'n? Den Tod laß ich immer gewähren, je mehr desto besser; denn er liefert mir meine Beute. Sassafras. Ich verlange deinen Beistand nicht umsonst. Ich verschreibe dir meine Seele, wenn du mir ein Mittel gibst, den Tod nur auf einige Zeit festzuhalten. Mittlerweile erreiche ich meinen Zweck, berühmt und reich zu werden. Teufel. (lacht). Das wäre wohl ein höllischer Spaß, wenn ich einmal meinem Cameraden einen Possen spielte; und du willst mir deine Seele überlassen? Was ist sie werth? Sassafras. Immer so viel, daß du einen guten Braten daran hättest. Vielleicht mehr als ein Dutzend Anderer; denn ich verkaufe dir eine tüchtige Portion Seligkeit. Teufel. So sei's denn! Diesen Morgen noch findest du auf deinem Studiertische unsern Vertrag. Unterschreib' ihn mit deinem Blute und er wird dann von meinem Boten abgeholt werden. (versinkt) Sassafras. Ich hab's gewagt! – werd' ich's nicht bereuen? jacta est alea! (stürzt ab.) Verwandlung. Heller Tag. Zimmer bei Herrn von Steinreich. (wie im ersten Aufzuge.) Steinreich (krank und erschöpft.) Wie fühl ich mich doch verlassen! den Sekretär Schreiber hab' ich aus dem Hause gestossen; meine Marie sehe ich kaum. Sie schließt sich aus Kummer fortwährend in ihr Zimmer ein. Was hab' ich an den Schmarotzern und Tafelfreunden? – Macht denn das Geld allein wirklich nicht glücklich? Und dabei noch dieses fürchterliche Leiden am Herzen! Es ist nicht zum Aushalten! dieses Drücken ist peinigend. Meine Kräfte nehmen zusehends ab. Sollte ich etwa gar sterben müßen? Furchtbare Angst! Mein Gott! ich bin wirklich verlassen und allein! Ich will etwas in der Bibel lesen, vielleicht finde ich Trost. (geht an den Tisch und schlägt ein Buch auf.) (liest:) »Wer nicht lieb hat, der kennet Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.« – Evangelium Johannes. Die Liebe? – liebe ich denn nicht? lieb' ich mich nicht selbst? (blättert) »das ist mein Gebot, daß ihr euck unter einander liebet, gleichwie ich euch liebe,« (bedeckt sich das Gesicht mit den Händen, blättert und liest weiter:) »Sehet zu und hütet euch vor dem Geize!« – Weh mir – (mit der Hand an dem Herzen) weh mir! wie stichts, wie drückt's da drinnen! – wer tröstet mich? wer hilft mir? ich bin verlassen! (weint) . Ich habe lange nicht geweint. Diese Thränen erleichtern mich. Ich fühle Etwas in mir, das meine Schmerzen mildert. Solch' ein Gefühl, wie jemals ich kaum empfunden! Es wird mir so weich um's Herz! (schellt an einer Glocke) Ich war wohl zu hart mit Marie`n! Sie soll kommen. (Bedienter tritt ein.) Marie möge zu mir kommen; sag' ihr, ich habe ihr Etwas Wichtiges mitzutheilen. (Bedienter ab.) Aber was soll ich ihr sagen? Ich habe ein gewisses Verlangen, das mir noch unerklärlich ist. Ist's der Tod, den ich fürchte, daß ich nach einer Hand begehre, mich am Leben festzuhalten? (Maria tritt ein.) Marie. Sie haben befohlen, Herr Onkel? Steinreich. O nicht befohlen; ich habe dich ersuchen lassen, zu mir zu kommen. Marie. Was soll ich Unglückliche bei Ihnen? Thränen werden Sie nicht erheitern in Ihrer Krankheit. Steinreich. Komm näher, Marie!(ergreift ihre Hand) Marie. Ihre Hand ist so warm! – Sie war immer so kalt. Steinreich. Ich werde vielleicht nicht lange mehr leben! Mein Leiden am Herzen wird mich tödten. Marie. Gott möge es verhüten! Steinreich. Und du sagst dieß? Ich muß dir ja verhaßt sein, da ich den Schreiber verstoßen habe. Marie. Er war in Ihren Diensten. Sie hatten die Macht ihn wieder aus diesen zu entlassen. Steinreich. Die Macht – nicht auch das Recht? Marie. Darüber mag Ihr Gewissen entscheiden. Steinreich. Mein Gewissen sagt mir: »Du hattest Unrecht!« Marie. Ich kann, ich will nicht urtheilen. Lassen Sie mir meinen Schmerz. (will geh'n.) Steinreich (hält sie zurück.) Marie! Seit ich Schreiber fortgeschickt, seit du dich mir entziehst – weiß ich, was der Schmerz ist. Was nützen mich meine Geldsäcke? Sie gewähren mir keinen Trost! und du – meiner eigenen Schwester Kind – du, mein Trost – du haßest mich? Marie. O gewiß nicht, bester Onkel. Ich habe Sie stets geliebt als meinen Onkel, meinen Wohlthäter! Ich werde nie vergessen, was ich Ihnen zu danken habe. Steinreich. O wie wohl thut mir dieß! Es ist als ob eine harte Kruste von meinem Herzen fiele! Meine Schmerzen schwinden! Ich fühle mich gesund. Marie. O geben Sie diesem Gefühle Raum, lieber Onkel! (kniet vor ihn und küßt weinend seine Hände) Ein liebend Kind, kniet vor Ihnen! Was ist der Mensch ohne Liebe? Steinreich. Ja, in der That! das ist ein wahres Wort! – Komm an mein Herz! Alles soll gut werden. (umarmt sie) Marie. Theurer, bester Onkel! Steinreich. Ich bedarf keines Doctors mehr! – Ich bin ja gesund. Der Druck, das Stechen am Herzen ist verschwunden! Wie froh, wie vergnügt bin ich! – – Schnell, Marie, schicke zu Schreiber, er soll augenblicklich herkommen! Er soll dein Mann werden! den Armen will ich geben! Ich habe ja kein Herzleiden mehr! – Komm mein Kind! laß uns zusammen in den Garten gehen. Die frische Luft wird mich vollends stärken. – Ja ich will lieben, ich muß lieben! Wie konnte ich bisher so verblendet sein? Dank dem Himmel, daß er mir die Augen geöffnet und mein Herz erweicht hat. Es ist als ob ein harter Stein darinnen gelegen wäre. Geschmolzen ist er nun wie ein Eisklumpen, der zerfloß. Komm mein Kind! wir wollen deine Verbindung mit Schreiber besprechen und unverzüglich soll er dich aus meiner Hand als Gatte empfangen und ihr beide sollt meinen Reichthum mit mir theilen. Marie. O wie glücklich könnte ich werden! allein Schreiber ist entfloh'n; er hat mir einen Abschiedsbrief zurückgelassen, aus welchem nur Verzweiflung spricht. Steinreich. Ich will Alles aufbieten, daß man ihn finde. (beide ab.) Verwandlung. Zimmer des Doctor Sassafras. (Casperl tritt ein.) Casperl. Mein Herr muß einen schweren Patienten zu tractiren haben; denn er ist die ganze Nacht ausblieben. Hätt' ich das voraus gewußt, so hätt' ich mich auch im Wirthshaus ein bißl länger unterhalten und aufgehalten und die Polizeistund nit so gewißenhaft eingehalten. Oho! jetzt wär ich bald aus dem »halten« nimmer 'rauskommen. Ja, meine Gewissenhaftigkeit ist aber schon musterhaft. Ich bin so gewissenhaft, daß ich nicht einen Tropfen im Krug lassen kann; so pünktlich, daß ich nicht einen Wurstzipfel auf´m Teller liegen laß; so genau, daß ich nicht einen Kreuzer im Sack behalten kann; so dienstfertig, daß ich mit meinem Dienst und mit meiner Arbeit schon fertig bin, eh' ich damit angfangen hab, das heißt: Ich thu' lieber gleich gar nix! Kurz – ich bin das Muster eines menschlichen Exemplar's. Der erste Mensch Adam war Nichts im Vergleich zu mir, seinem Nachkommen! und der muß, doch das Muster aller Menschen gewesen sein, weil er der erste war. Er hat in einen süßen Apfel gebißen; aber ich muß gar oft in einen sauern beißen; seine Evakathl hat ihm die Frucht gereicht; aber meine Evakathl such' ich noch. Wenn ich einmal fünfundzwanzig Jahr treu gedient hab – so sagt mein Herr – nachher laßt er mich auch heirathen. Bis dahin bleib ich ledig! 'S ist freilich a bißl lang hin; allein der Mensch muß Geduld haben! – Aha! da kommt er. Sassafras (tritt ein) Casperl. Guten Morgen, guten Morgen! – Ja wo waren wir denn die Nacht über? Hab'n S' wieder Einen hinausbuxirt aus dem irdischen Jammerthal? Sassafras. Schweig Narr! Laß mich allein! Casperl. Kein Frühstück? keinen Caffè? Sassafras. Fort, aus dem Zimmer! Ich habe zu studieren. Casperl. (für sich) Auweh! steht ein Gewitter am Himmel in aller früh. (zu Sassafras.) Ich geh' schon. (ab.) (Sassafras eilt auf sein Schreibpult hin, von welchem er ein Blatt Papier nimmt.) Sassafras. Der Teufel hat dießmal nicht gelogen. Hier ist der Vertrag. Woll'n sehen, wie er lautet. (liest.) »Ich Doctor Christophorus Sassafras, verschreibe meine Seele dem höllischen Feinde, dem Könige des Reiches der Nacht und des ewigen Jammers« – des ewigen Jammers, das ist wohl Viel! allein diese Ewigkeit kann eine relative sein, keine absolute; also weiter: »dafür empfange ich von besagtem höllischen Feinde die Gewalt, den Tod in Banden zu halten, so lange es mir gefällig ist.« Gut, aber wer bürgt mir, daß ich diese Macht wirklich habe? (Es donnert, aus der Versenkung erscheint ein Armsessel. Eine Stimme ruft:) Wer sich auf diesen Stuhl setzt, bleibt so lange gebannt, bis du ihn wieder entlassen willst. Sassafras. Und der Tod wird sich also fangen lassen? Stimme. Er wird es. Sassafras. Wenn nicht, so gilt auch der Vertrag nicht. Stimme. Unterschreibe! Sassafras. Auf die Gefahr hin kann ich's. – So, ich ritze mir die Hand mit dem Messer. Ein Tropfen Blut genügt, daß ich meinen Namen schreibe. (schreibt. Donner. Zugleich fliegt ein Rabe zum Fenster herein und entführt das Blatt.) Casperl (tritt gleich darauf ein.) Casperl. Herr Doctor! da draußen steht ein schwarzer Herr und möcht seine Aufwartung machen. Sassafras. Sein Name? Casperl. Er hat gsagt, daß er Doctor Knochenmayer heißt. No! der sieht aber aus! wie's leibhaftige Elend! Sassafras. Der ist mein Mann! laß ihn sogleich herein. (Casperl ab) Sassafras. Schlag auf Schlag! des Teufels Maschinerie ist gut. (Tod als Knochenmayer tritt ein.) Tod. Hier bin ich. Sassafras. O, ich bin ungemein erfreut über Ihre Pünktlichkeit, Herr Knochenmayer. Tod. Hast du es überlegt? Halbpart! die Eine Hälfte der Kranken dein, die Andere mein; oder du selbst gehörst mein. Sassafras (mit Verstellung.) Obschon meiner Praxis und meinem Rufe als Arzt großer Eintrag geschieht, bleibt mir Nichts, als einzuwilligen, da ich selbst so bald nicht deine Beute werden möchte. Wollen wir das Geschäft auch zu Papier bringen? Tod. Es wäre nicht übel; denn es ist immer besser, so Etwas schwarz auf weiß zu haben. Sassafras. Ja, schwarz auf weiß! dieß ist ohnedieß deine Wappenfarbe auf Särgen und Todtenfahnen. – Nimm auf diesem Stuhle dort Platz; einstweilen schreibe ich. Tod. Es thut wirklich meinen alten Knochen wohl, wenn sie bisweilen ein bischen ausruhen können. (setzt sich in den Stuhl.) Sassafras. So, Freundchen! jetzt bleibe sitzen, bis es mir gefällig sein wird, dich wieder los zu lassen. Tod. Wie? was soll das heißen? (will aufstehen) Ich kann nicht aus dem Stuhle? Welch ein abgeschmackter Scherz! Sassafras. Kein Scherz, sondern voller Ernst. Die Menschheit wird nun für einige Zeit von dir befreit sein und Doctor Sassafras wird seine Triumphe feiern; denn er hat den Tod gebunden. Tod. (versucht wieder aufzustehen, rüttelt gewaltig am Stuhle.) Verflucht! Mich zu binden? Mich zu bannen? Das hat noch Niemand gewagt! Wer gab dir diese Macht, Elender? Sassafras. Gleichgültig wer! Es ist einmal so: du bist und bleibst mein Gefangener. Tod. Weh dir, wenn ich wieder in Freiheit bin! Das ewige Gesetz der Natur kann nicht untergehen. Sassafras. Der Tod ist nicht von Ewigkeit her; denn auch die Sünde ist es nicht und Ein Mal kommt der Tag, an welchem du selbst des Todes sein wirst! Der Vorhang fällt. III. Aufzug Kirchhof. (Wie im zweiten Aufzug.) (Todtengräber sitzt auf einem Grab.) Todtengräber. Jetzt möcht' ich wissen, zu was ich noch auf der Welt bin? Seit vier Wochen stirbt kein Mensch mehr in der ganzen Gegend. Es ist schier zum verhungern für mich, seit Alles zum Doctor Sassafras lauft, der Alles kurirt. Nicht einmal die alten Leute sterben; auch ihnen gibt er Mittel, die sie – sollt' man glauben – wieder jung machen. Ich werde mir aber auch von ihm ein Recept verschreiben lassen gegen Hunger und Noth. Wenn er die zwei Krankheiten des Menschengeschlechtes kuriren kann, dann Hab' ich allen Respect vor seiner Kunst! – Wie? sollt er etwa gar damals, als er sich hier nach dem bösen Feind erkundigt hat, mit ihm einen Pact geschlossen haben? Ei, Firlefanz! das geht nicht. An solche Geschichten glaub ich nicht. Die Zeiten vom Doctor Faust, die sind längst vorbei; die Leute sind gar gescheidt worden und der Teufel hat sie ohnedieß in seinen Klauen. Ei, wer verirrt sich denn da wieder einmal hieher? Schreiber (tritt verzweifelt auf, ohne den Todtengräber zu erblicken) Weh mir! wo find' ich Trost, wo find' ich Ruhe? Nur im Grabe. Was bleibt mir Anderes als der Tod? Mein einziges Lebensglück wurde mir entrißen; meine Marie soll ich nie besitzen! Die Verzweiflung zerrüttet mein Inneres! Ich will meinem Leben ein Ende machen. (zieht eine Pistole hervor.) Todtengräber. (für sich) Oho! das wär doch zu arg. So etwas kann selbst der Todtengräber nicht zulassen. (tritt vor und greift nach der Pistole.) Halt, guter Freund! Schreiber. Wer wagt's, meinen freien Willen zu hindern? Todtengräber. Ich bin so frei. Ich Hab das Recht nach eurem Todtenschein zu fragen; denn ich bin der Todtengräber. Schreiber. Lies in meinem Herzen, da steht er geschrieben. Todtengräber. Die Schrift zu lesen hab' ich in der Schule nicht gelernt; aber wo anders steht geschrieben: »Du sollst nicht tödten.« Schreiber. Mein Leben ist mein Eigenthum; ich kann darüber verfügen. Todtengräber. Nein, mein Herr! Ihr habt euer Leben weder gekauft noch eingetauscht. Es gehört dem lieben Herrgott, der's euch anvertraut hat als ein heilig Amt. Schreiber. 's ist zum Lachen! der Todtengräber hält mir eine Predigt zu seinem eigenen Nachtheil. Todtengräber. Der Todtengräber hat ein bisl gesunde Vernunft und glaubt an unsern Herrgott! Schreiber. Der hat mich verlassen! Todtengräber. Ei? und wißt Ihr das so gewiß? Schreiber. Mein einziges Glück hat er mir geraubt! hinausgestoßen bin ich aus dem Leben. Todtengraber. Das müßt ihr mir näher expliciren. Unser Herrgott stößt keinen Menschen aus dem Leben hinaus so mir nichts dir nichts! – Kommt – nehmt Vernunft an! Glaubt dem Todtengräber, der nur mit dem Tode zu thun hat. Aus den starren Gesichtern der Menschen, die ich da eingrabe, habe ich schon viel gelesen und hab gar Manches gelernt, wenn ich auch ein schlichter alter Mann bin, der nicht studirt hat. Kommt mit mir, ich bitt euch! Schreiber. Ich bin verlassen, ich bin unglücklich! Du wolltest mich retten? Todtengräber. Wenn Einer in's Wasser gefallen, kann er sich an einem schwachen Brettlein halten. Schreiber. Wahrhaftig! du hast mir meine Besinnung wieder gegeben! Es ist wahr: der Mensch soll nie verzweifeln. Todtengräber. Aha! kömmt die Vernunft wieder? Ihr hattet sie zu Haus gelassen. Geht mit mir in meine armselige Hütte. Wartet ein bischen ab, was der liebe Herrgott mit euch vor hat. Schreiber. Ich will dir folgen. (beide ab.) Der Teufel. (erscheint aus der Tiefe) Verfluchter Pact mit dem Doctor! Die Lust seine Seele zu gewinnen, hat mich übertölpelt und ich habe nicht bedacht, daß wenn der Tod gebunden, er mir keine Seelen mehr liefern kann. Vermaledeiter Contract! Ich muß ihn brechen– lieber laß ich den Doctor laufen. Er gehört doch mir; denn sein Hochmuth und seine Geldgier führen ihn der Hölle zu, ohne daß er daran denkt. Zwar ein bißchen später; aber was thuts? Uebrigens kann ich ja dem Tod für seine Befreiung die Bedingniß setzen, daß er mir den Herrn Doctor bald zuführt und ihm bei Gelegenheit den Kragen umdreht. Auch der Bursch da, der gerade mit dem Todtengräber verhandelt, hätte sich ohneweiters erschossen und wäre mir schnurgerade in den Rachen gelaufen, säß der Tod nicht ohnmächtig in dem verdammten Lehnsessel, den ich erfunden habe. Bei den höllischen Flammen! So geht's nimmermehr. Ich laß den Tod wieder los. (versinkt.) Verwandlung. Zimmer des Doctor Sassafras. Casperl (tritt ein) . Schlipperment! in dem Haus bleib ich nimmer. Seit der klapperdürre Kerl bei uns logirt, ist's nimmer zum aushalten. Wo den mein Herr aufgegabelt hat, das weiß der Guckuck. Vermuthlich ist's ein vornehmer Patient, den er in der Kur hat. Ich glaub der Kerl ist ein Narr, weil'n der Doctor gar nit aus dem Sessel raus laßt. Da klappert er aber und rasselt, daß Alles kracht im ganzen Haus. Ich darf gar nit in's Zimmerl nein, wo er logirt, und aushungern muß'n der Doctor auch; denn ich Hab noch kein' Bißen Essen zu ihm hineintragen. Nicht einmal eine Fleischbrüh darf ihm die Köchin geben. So was hab ich noch nit erlebt. Und mit mein' Herrn ist's auch vorbei, seit er so berühmt geworden, weil er alle Leut kurirt und wenn s' schon halbtodt sind. Er reißt s' raus, daß s' wieder kerngsund werd'n. Den macht noch der Hochmuth zum Narren. (Es erhebt sich ein Sturm.) Oho! das auch noch! Die Gwitter kann ich so nit leiden; denn das Einschlagen furcht' ich ungeheuer. (Donner und Blitz.) Hui! ist das wieder eine Metten. Ich wert gleich in's Bett schliefen und unter die Bettdecken. (es wird ganz dunkel) Auweh, auweh! Wenn nur der Herr Doctor z'Haus war! Auweh, auweh! (läuft fort.) Sassafras. (stürzt herein, einen Leuchter mit brennendem Licht in der Hand) . Was für ein furchtbares Gewitter! Es ist als ob alle Teufel los wären. Eine Höllenangst ergreift mich und ich weiß nicht warum? Bin ich ein Kind geworden? Ich habe doch vor dem Teufel in Person nicht gezittert. Ich höre Geisterstimmen, die mein Inneres durchschauern (sinkt in die Kniee) . (Im Hintergrunde werden verschiedene Erscheinungen sichtbar. Geisterhafte Gestalten, welche sich auf den Tod und die Vergänglichkeit beziehen.) Geisterchor. Gelöst sind die Banden, er ist wieder frei, Da eilen geschäftig die Diener herbei: Die Uebel der Menschheit: die Sünden, der Krieg, Die Pest und wer sonst ihm geholfen zum Sieg. Er greift nach der Sense und mäht immer fort, Durchwandert die Erde, vergißt keinen Ort; Und wo er erscheinet, da schwindet das Licht; Er herrscht auf der Welt bis zum letzten Gericht. (Die Erscheinungen verschwinden) Der Tod. (mit Sense und Sanduhr tritt ein) Sassafras. (liegt besinnungslos auf dem Boden.) Tod. Erwache aus deiner Ohnmacht, Ohnmächtiger! In deiner Thorheit wähntest du, ein Bündniß könne Bestand haben, das mit der Weltordnung im Widerspruch steht! Du elender Wurm hast es gewagt, diesem Weltgesetze Trotz zu bieten, dem auch der Satan mit all seiner höllischen Macht Nichts anhaben kann. Ich bin der Vermittler des Menschengeschlechtes, daß es eingehen könne aus irdischer Vergänglichkeit in das unvergängliche Leben – in die Ewigkeit. Sassafras. (der sich allmählich wieder aufgerichtet hat.) Ohne Tod kein Leben! Ich wußte es; allein der Stolz hat mich verblendet, der Eigennutz hat mich irregeführt! Tod. Nun heißt es: Arzt heil dich selber! Sassafras. Contra vim mortis non herbula crescit in hortis. Auch ich bin dir verfallen. Tod. So! ist's– der Satan selbst hat euren Contract zerrissen; denn er war nicht im Stande sein Wort zu halten. Sassafras. Also wäre ich gerettet? Tod. Der Ewige, Allbarmherzige wird richten! Sassafras. So führe mich vor seinen Richterstuhl! Auf dieses Leben verzichte ich! Tod. Es sei! (Umfaßt den Doctor und versinkt mit ihm) Verwandlung. Garten. Bedienter bei Steinreich (tritt hastig ein) Bedienter. Wenn die Welt nicht bald untergeht, so will ich nicht Peter heißen; da ich aber wirklich Peter getauft bin, so muß die Welt untergehn und warum muß sie untergeh'n? weil Dinge geschehen und Ereignisse vorfallen, welche auch dem außerordentlichsten Verstande, wie z. B. dem meinigen, gebieten, still zu stehen oder vielmehr, weil ein vernünftiger Mann, wie der alte Socrates, wenn ich nicht irre, zu sagen pflegte, sagen muß: »Nun »stehen die Ochsen am Berge.« Warum stehen aber die Ochsen am Berge? – – weil sie nicht hinauf- und hinüberkönnen. Im vorliegenden Falle des bevorstehenden Weltunterganges steht aber mein Verstand still, weil er die Umwandlungen und Verwandlungen, welche in diesem Hause vorgegangen sind, nicht begreifen kann, ohne daß ich etwa dabei meiner Begriffscapacität zu nahe treten und meine Bescheidenheit unterschätzen wollte. Erstens: Ist mein Herr, vormals ein harter Mann, in einen weichherzigen Wohlthäter verwandelt worden! o Mirakel! Zweitens: Ist Fräulein Marie, welche seit einiger Zeit in Schmerz und Thränen zerflossen, ja beinah aufgelöst war, seit ein paar Tagen wie umgewandelt und einer Blume sozusagen, zu vergleichen, die halbverwelkt den Kopf hing und durch einen Sommerregen erfrischt, von Neuem aufblüht; drittens – und dieses ist nicht minder außerordentlich verwunderlich – hat der Todtengräber – ich sage der Todtengräber – einen Brief gebracht, worüber Herr von Steinreich und Fräulein Marie in einen solchen Freudenjubel gerathen sind, daß – – Steinreich, Marie'n und Schreiber an der Hand führend. Steinreich. Gott sei gedankt! Er hat Alles zum Guten gelenkt! Marie. Wie er immer zu thun pflegt, wenn es die Menschen auch nicht einsehen wollen. Schreiber. Ich bin beinah verwirrt über die Umgestaltung meines Schicksals! Meine Marie! Steinreich. Ja, bester Schreiber, Marie wird Ihre Frau und ihr beide seid meine lieben Kinder. Schreiber. Ihrer Güte, Herr von Steinreich, weiß ich nickt dankbar genug zu sein. Steinreich. Ihr Dank soll in der aufrichtigen Reue bestehen, daß Sie sich so weit vergessen konnten – – Schreiber. Meinem Leben selbst ein Ende machen zu wollen! Marie. Still davon! Diese Erinnerung sei begraben auf immer. Steinreich. Ja begraben und vergessen! – Allein des Todtengräbers wollen wir nicht vergessen, dem wir die glückliche Lösung zu danken haben. Marie. Er war das Werkzeug der göttlichen Vorsehung. Steinreich. Und nun laßt uns Alles zu Eurer Vermählung vorbereiten; denn im Laufe dieser Woche noch soll sie Statt finden und, wenn Ihr wollt, so lade ich auch den Herrn Doctor Sassafras zum Hochzeitsschmause. Bedienter. Die Einladung kann ich nicht besorgen. Denn der Doctor ist vom Schlag getroffen worden und seligen Endes verblichen! Steinreich. Fürwahr! Da heißt es: Auch die Aerzte müssen sterben und »wider den Tod kein Kräutlein gewachsen ist«. – Kommt, Kinder, laßt uns zu Tische gehen! Der Vorhang fällt. Der Weihnachts-Brief. Kleines Drama. Personen. Frau Werner, eine Wittwe. Ludwig, ihr kleiner Sohn. Friedrich Walter. Aermliche Stube. Frau Werner (sitzt an einem Tische und näht.) Ludwig (liest neben ihr in einem Buch.) Ludwig. (das Buch zuschlagend.) Mutter, aber das Buch Hab' ich jetzt schon drei Mal gelesen und jetzt bin ich wieder damit zu End! Die Geschichte von den »Ostereiern« ist wohl recht hübsch, – aber ich weiß sie beinah' auswendig! Liebe Mutter, ich möchte 'mal Anderes zu lesen haben. Frau Werner. Ei, etwas Schönes kann man nicht oft genug lesen und man lernt immer was aus solchen Büchern. Ihr Kinder wollt' alle Tage was Neues und seid wirklick wie die Flattervöglein oder Schmetterlinge; die setzen sich auf alle Blumen und haben sie an einer genippt, so geht's gleich wieder fort und fort. Du weißt ja das Sprüchlein davon. Ludwig. Weiß 's wohl noch. Frau Werner. So sag' mir's auf! Ludwig. Ei, die bunten Schmetterlinge Sind doch rechte Flatterdinge; Weil von einer Blum' zur andern Flücht'gen Sinnes sie stets wandern, Schweben mit den Schimmerflügeln In den Wäldern, auf den Hügeln, Hier und dort wohl niedersinkend, Aus den Blumenkelchen trinkend, Nirgend aber lange weilen Sie, um wieder hin zu eilen Ueber Gärten, über Felder, Durch die Auen, durch die Wälder – – Frau Werner. Nun – weiter! Aha, bei den letzten Verslein hinkt's. Ludwig. Nein, Mutter, 's hinkt nicht, ich muß mich nur besinnen – – Durch die Auen, durch die Wälder – Also machen's auch die Buben, Die da laufen aus den Stuben, Und nicht stille halten wollen, Wenn sie Etwas lernen sollen, Neues immer möchten haschen, Wie die Schmetterlinge naschen. Aber Mutter, das kannst du von mir nicht sagen, weil ich die Ostereier zum vierten Male nicht mehr lesen mag. Frau Werner. Das thu' ich auch nicht und verlang' es nicht. Ich wollte dich nur ein bischen vertrösten. Unsere Bibliothek hast du nun ganz durchgelesen, ich habe kein Geld, dir immer neue Bücher zu kaufen und einer armen Wittwe, wie ich bin, leiht Niemand gerne Bücher und damit Punktum! Ludwig. Das ist leicht sagen: »Punktum« – liebe Mutter; aber mit dem Punktum ist mir nicht geholfen. Frau Werner (drohend.) Oho – oho! nicht so hitzig, kleiner Disputirer! Auf das Punktum könnte noch »Sand darauf« kommen; also schweig und beschäftige dich mit etwas Anderem. Ich dulde weder das Widersprechen noch das Faullenzen; das weißt du! Ludwig (weinend) Ich weiß es, aber meine Lektion für die Schule habe ich gelernt und auch die Aufgabe schon halb fertig, die uns für die zwei Weihnachtsfeiertage mit heimgegeben ward – und – Frau Werner. Und, und – so spiele Etwas; dagegen habe ich auch nichts. Ludwig (in der Tischschublade suchend.) So komm' denn, guter Freund. (Langt einen Hanswurst hervor) O weh Mutter, der Casperl hat sich den rechten Arm gebrochen. Frau Werner. So trag' ihn in's Spital und pfleg' ihn gut, damit er bald geheilt werde. Ludwig (nimmt den Hanswurst und setzt sich auf einen Schemel, ihn auf seinen Schooß legend.) Lieber Monsieur Casperl, wie bedauere ich, daß du krank bist und dir den Arm gebrochen hast! Komm laß dir ihn verbinden. Frau Werner (wirft ihm einen Abschnitt Leinwand zu.) Da hast du etwas Bandage. Ludwig. Danke, Frau Mama. – Komm', alter Freund, laß' dir den Verband anlegen. So – jetzt ruhig und still gehalten. Ach guter Casperl, du hast auch schon bessere Zeiten gehabt, wie ich und die Mutter! Weißt du noch, wie ich dich immer zu mir auf ein schönes Canapee gesetzt habe und wie du mit mir Caffee getrunken hast? Jetzt heißt's Strohsessel und Milchsuppe! O weh; o weh! – und die Mutter muß jetzt auch mehr arbeiten, und wir beide haben geflickte Hosen an, daß es eine Schande ist – – (Frau Werner wischt sich Thränen aus den Augen.) Ach! und mein guter, guter Papa, der hat uns verlassen, weil ihn der liebe Gott holen ließ zu sich in den Himmel hinaus. Aber wir drei – ich, die Mutter und du, wir sind jetzt allein auf der Welt – o weh, o weh, das ist schon zum weinen. – So wein' doch auch Casperl! – Mutter, – der Casperl mag nicht weinen! – warte, wenn du nicht weinen willst! (Gibt der Puppe einen Klaps.) Du abscheulicher Casperl! Frau Werner (vortretend.) Das arme Kind erinnert sich besserer Zeit! Wie schnell sich auch Alles oft wenden kann! Freilich ist ein Unterschied zwischen dem guten Gehalte eines geachteten Beamten und der geringen Pension einer Wittwe! Mein theuerer Karl! warum hat dich 64 der Himmel so früh von meiner Seite weggerufen? Nun sind's bald zwei Jahre – 's ist mir aber noch, als wär's gestern geschehen! Ludwig. Mutter! jetzt ist der Casperl eingeschlafen; er hört's nicht, wenn ich mit dir rede. Sag' mir: Kriegt der Casperl kein Weihnachten? Morgen ist ja Christkindltag? Frau Werner. Ei, was sollte das Christkindl dem Casperl bringen? Dir wird's auch nicht viel bescheeren. Ludwig. Und warum nicht? – 's Christkindl kann auch armen Leuten, wie wir sind, was bringen, wenn es will! Frau Werner (für sich) Der Bube setzt mich wirklich in Verlegenheit mit seinen klugen Fragen. (zu Ludwig) Bei gewissen Dingen sollen Kinder nicht immer »Warum« fragen; denn sie verstünden die Antwort nicht und das liebe Jesuskind wird schon wissen, wo und wie und was es zu bescheeren hat. Merk' dir das, und wenn du größer bist und kein Bube mehr, da wirst du Vieles besser einsehen lernen; dann magst du auch fragen. Ludwig. Auch gut! Das heißt: ich soll warten, bis ich größer und gescheiter bin. Frau Werner. Allerdings! Jetzt aber sei vernünftig und halt' gut Haus; denn ich habe einen Gang zu machen in die Stadt. Schließ' Niemand auf, wenn es schellt; den Schlüssel nehm' ich mit. (für sich, indem sie Ueberwurf und Hut nimmt) Ein Weihnachtsbäumchen und ein Paar Aepfelchen muß er denn doch haben, der arme Junge! – Also vernünftig und brav, Ludwig. Ich kann mich ja auf dich verlassen, daß du kein dummes Zeug machst. In einem kleinen Viertelstündchen bin ich wieder da. Ludwig. Adieu, Mutter! (Frau Werner ab durch die Mittelthüre.) Ludwig (allein.) (Neigt sich über den Hanswurst, den er auf den Schemel gelegt hat.) Er schläft prächtig; ich mein' ich hör' ihn schnarchen! – Ich hab' die Mutter gewiß recht lieb, ach! sie ist ja gar so gut – aber mit dem Christkindl, da steckt doch was dahinter und wenn das Christkindl ein recht ordentliches Christkindl ist, wie ich's glaube, so wird und muß es mir auch Etwas bescheeren; denn ich bin doch eigentlich kein böser Bub. Ich will mich nicht loben, aber die Wahrheit darf man sich eingestehen. In der Schule lerne ich ordentlich, das kann der Herr Lehrer bezeugen, zu Haus bin ich so ziemlich brav, das sagt die Mutter selbst, und beten thu' ich auch fleißig; also was sollte das Christkindl gegen mich haben? – Kurz und gut und gut und kurz – und – und – was möchte ich denn eigentlich vom Jesukind für mich erbitten? Ja! wenn ich nur so eine schöne Bilderbibel wieder haben könnte, wie die, die man mit des Vaters Büchern verkauft hat, als so viele Leute in unserm schönen Zimmer damals waren und Einer an einem Tisch immer ausrief: Wer gibt mehr, wer gibt mehr – zum ersten Mal, zum zweiten und dritten Mal? Das hab' ich mir recht wohl gemerkt; denn als die schöne Bibel mit den Bildern drankam, da rief der Mann: sechs Gulden zum ersten Mal; und beim dritten Mal, da hieß es: acht Gulden, und das Buch ward über den Tisch hinausgegeben an eine schöne Frau; die hat auch gleich bezahlt und ich hab' recht weinen müssen, weil ich das liebe Buch nicht mehr hatte – und darum muß ich jetzt immer in den Ostereiern lesen und in meinem zerrissenen Robinson! – Ja! wenn ich so eine Bilderbibel wieder kriegen könnte!! Ich will das Christkindl recht darum bitten! Holla! jetzt fällt mir was ein! Gut ist gut und besser ist besser! Gestern war ich bei den Nachbarkindern; die haben alle an's Christkindchen geschrieben, was sie sich wünschen und was es ihnen mitbringen soll! Warum sollt' ich das nicht auch probiren? Das ist ja nichts Uebles; ich will mir Nichts wünschen, als das schöne, schöne Buch. Damals konnte ich noch nicht lesen und sah nur immer die Bilder an, die mir die Mutter erklärte; jetzt wär's noch was Anderes – jetzt kann der Mensch lesen! Viktoria! Also gleich an's Werk, eh' die Mutter wieder kömmt, die könnte mir's vielleicht gar verbieten, daß ich so frei bin und an das Christkind schreibe. (Läuft an den Tisch und schreibt.) – Ja nicht nur lesen kann der Mensch, – auch schreiben kann er! – Aber wie fang' ich den Brief an?––––Aha! so – »Liebes Christkindchen mit dem gold'nen Schein! Ich bitte dich gar schön, wie's auch andere Kinder zu thun sich erlauben – sich erlauben – bringe mir morgen zum heiligen Weihnachtstage, wenn du auch mir nichts Anderes schenken willst, bringe mir, sei so lieb und gut, oder gib's nur der Mutter für mich, das gewiße Buch, du weißt's schon, so eine biblische Geschichte mit schönen Bildern. Ich werde fleißig darin lesen und immer dankbar – dankbar an dich denken.« – Unterschrift: »Dein treuer Ludwig Werner, und damit du weißt, wo ich wohne, schreib' ich auch dazu: Kirchengasse Nro. 45 ganz oben im vierten Stock, bei meiner lieben Mutter, denn mein Vater ist vor zwei Jahren gestorben.« – – So – jetzt Oblate her, Petschaft der Mutter, das thut nichts zur Sache, und auf den Brief: »An das liebe Christkindchen im Himmel oben.« – – Ah – ah – meine Schrift ist passabel ausgefallen, ohne Linien war's ein Bischen schwer. – Nun vor die Mutter kömmt! geschwind, vor's Fenster mit dem Briefe, auf das Gesimse; die Engelein, die vorbeifliegen, werden ihn schon holen und dem Christkindchen bringen! (Oeffnet das Fenster und legt den Brief hinaus,) O weh! er ist mir auf die Strasse gefallen! – das thut aber nichts, Christkindl find't ihn schon! (Schließt das Fenster. Geräusch außen.) Ah, die Mutter kömmt. Frau Werner. Siehst du, Ludwig, wie schnell ich wieder da bin. Hast du den Casperl unterdessen ordentlich gepflegt? Ludwig. Er hat immer geschlafen. Frau Werner. Gut! 's ist auch Zeit, daß du schlafen gehst. Bis du deine Suppe gegessen hast wird's dunkel und wir müssen morgen frühzeitig in die Kirche. Stell' noch eine Schüssel auf den Tisch und bete zum Christkindchen. Vielleicht wird's dir während der Nacht Etwas hineinlegen. Ludwig. Mutter! Ich möcht' es wohl hoffen! sieh' da stell' ich meine Schüssel hin und jetzt (die Hände faltend) Heiliges Kind im Himmel oben Will dich preisen, will dich loben! Allen Menschen schenk' hienieden Deinen süßen Weihnachtsfrieden! Und wenn alle du bedacht, Denk auch meiner diese Nacht! Frau Werner. So – jetzt in die Kammer; die Suppe steht noch warm auf dem Ofen. Iß – und dann komme ich auch nach. Ludwig. (schelmisch.) Gute Nacht, Freund Casperl! Wir wollen doch sehen, ob's morgen nichts gibt. (Ab in die Seiten-Thüre.) Frau Werner (allein.) Nun herein mit dem Weihnachtsbäumchen, das ich vor die Thüre gestellt habe. (Holt einen kleinen Weihnachtsbaum mit Aepfeln dran herein.) Ach mein Gott! das ist wohl eine recht armselige Christgabe! Ich will jetzt die Lichtlein darauf stecken und wenn Ludwig morgen früh in die Stube tritt, da soll's lichterloh brennen! (Indem sie die Kerzen aufklebt.) Was hatten wir einen schönen Baum, als mein lieber Mann noch lebte! Was war's eine freudige Zeit, als wir ihn gemeinsam zierten und schmückten für unsern Ludwig, uns beide selbst gegenseitig beschenkten und den armen beiden Schuhmacherwaisen zugleich bescheert wurde. Jetzt ist's freilich so, daß ich kaum meinem eigenen Kinde zu Weihnachten Etwas kaufen kann. Ein grünes Bäumchen und ein Paar Aepfel und Lichtlein dran! – – Nun! wie Gott es will! Ich bringe mich arm aber redlich fort und der Vater aller Menschen wird mir wohl auch helfen, daß ich meinen Ludwig so erziehen kann, damit er sich sein Brod verdiene und ein ehrlicher Mann werde! (Sie zündet Licht an.) Noch eine Woche – und wieder ist ein Jahr herum. Ich danke Gott von Herzen, daß es so gegangen ist, wenn ich nur an meinem Herzensbuben nie Kummer und Leid erlebe! (Ab durch die Seitenthüre.) (Mittlerweile ist es ganz dunkel geworden, nach einer kleinen Pause hört man die Glocken von den Thürmen läuten; der Hintergrund öffnet sich und zeigt die Krippe mit dem Christkind in heller Beleuchtung; Maria und Joseph zur Seite knieend, von Engeln umgeben. Hinter der Scene singen Kinderstimmen ein Weihnachtslied.) Fürwahr, es gab noch keine Nacht, In der solch helle Sternenpracht Am Himmel war erschienen, Als diese, da das Knäblein hier Die ganze Welt – als Himmelszier – Gegrüßt mit holden Mienen! Aus seinen Augen strahlt ein Licht, Das alle Dunkelheit durchbricht Und überall hin dringet; Tief in die Herzen senkt sich's ein Mit seinem wunderbaren Schein, Der süßen Frieden bringet. So lob' und preise unser Sang – Im gläubig frommen Weihnachtsklang – Das heil'ge Kind, das arm da lieget: So arm wie kein's und doch so reich; Denn diesem Kinde ist keines gleich, Es hat die Welt besieget. Zweite Abtheilung. Weihnachtsmorgen. Frau Werner. Hab' ich doch die ganze Nacht kaum schlafen können! Der Vergleich meiner jetzigen Armuth mit früherer Wohlhabenheit beschäftigte bei dieser Weihnachtsfeier wieder so lebendig mein Inneres – und, Gott weiß es, nicht um meinetwillen, nein! nur meines Ludwigs wegen! (Es schellt an der Hausglocke.) Wie? hört' ich recht? Wer kann so früh am Tag zu mir wollen? – (Geht durch die Mittelthüre hinaus, die sie offen stehen läßt) Wer schellt? – (Stimme von außen) Ich habe ein Paket abzugeben an den kleinen Ludwig Werner. Frau Werner. An meinen Sohn? Von wem? (Stimme) Werden's schon sehen. (Man hört die Hausthüre zufallen.) Frau Werner (mit einem Paket in der Hand wieder eintretend.) Wirklich ein Paket an Ludwig. Sollte Jemand ihm die Freude gemacht haben, eine Weihnachtsgabe zu schicken? Ich wüßte wirklich nicht, wer es sein könnte. – Einerlei – ihm selbst will ich die Überraschung lassen, es zu öffnen; nun zünde ich am Weihnachtsbaum die Kerzchen an und lege die räthselhafte Gabe hin. (Ruft hinein) Ludwig, Ludwig! mache dich fertig und komme, Christkind! war diese Nacht über da und hat dir Bescheerung gebracht. Ludwig (von Innen.) Juhe, Juhe! ich bin schon angekleidet, nur noch die Schuhe! Frau Werner. Ich muß gestehen, daß mich die Neugier wirklich in Versuchung führen könnte, diese geheimnisvolle Sendung zu besichtigen. Ludwig (hereinspringend, nimmt Frau Werner um den Hals.) Guten Morgen, liebe Mutter! – Ah! sieh' da, das schöne Bäumchen! (Tritt an den Tisch.) Acht Äpfel daran und zwei Lebkuchen, und – was liegt denn da nebenan? Gehört das Paket auch dazu? Frau Werner. Es ward diesen Morgen schon hieher gebracht und die Adresse lautet an dich. Ludwig. Wie, an mich? – ja von wem denn, liebe Mutter? Frau Werner. Das muß sich zeigen, wenn du geöffnet hast. Ludwig. Mütterl, Mütterl! das ist eine Ueberraschung vom Christkindl! Gewiß, gewiß! Frau Werner. (scherzend.) Nun, so löse das Siegel des Geheimnisses! Ich wollte dir nicht vorgreifen. Ludwig. (öffnet das Päckchen und nimmt ein Buch heraus.) Sie ist's, sie ist's, Mutter! (freudig springend) Frau Werner. Wer ist's, wer? Ludwig. Nun die Bilderbibel, die ich mir vom Christkindlein erbeten habe. Frau Werner. Ich verstehe dich nicht; wie meinst du das? Ludwig. O lieb Christkindl, tausend, tausend Dank! (Er herzt das Buch.) Ja, liebe Mutter, jetzt weiß ich gewiß, daß das Jesuskind überall ist, daß es gerne erfüllt und gibt, wenn man es recht inständig bittet. Frau Werner (nimmt das Buch.) Hast du dir denn diese schöne Bilderbibel gewünscht? Ludwig. Höre, Mutter! Als du gestern Abends ausgegangen warst, habe ich an das Christkindchen einen Brief geschrieben und darin um eine schöne Bilderbibel gebeten, wie wir schon eine hatten, als der Vater noch lebte, und hab' mein Briefchen zum Fenster hinausfliegen lassen. Da haben es wohl die Engel an seinen Ort gebracht; denn siehst du, hier ist die Erfüllung. Frau Werner. Wahrhaftig – das ist ja beinah' ein Wunder! (für sich) Fürwahr, ich weiß nicht, was ich davon halten soll! Ludwig. Du selbst hast mir ja schon oft gesagt, daß wer recht herzlich und innig bittet, vom lieben Gott gehört wird. Und wenn Du Etwas sagst, liebe Mutter, so weiß ich, daß es wahr ist! – Jetzt erlaube mir, daß ich mich mit meinem Freund Casperl in die Schlafstube setze und mit ihm die schönen Bilder anschaue. Frau Werner. Herzlich gern! thue das, lieber Ludwig, und danke aber noch zuvor dem gütigen Jesuskind, das dich so beglückt hat. (Ludwig ab.) Frau Werner. (allein) In der That, der Vorfall ist mir ein unerklärliches Räthsel. Ich wüßte den Schlüssel zu dessen Lösung wahrlich nicht zu suchen. (Es schellt draußen.) Nun – aber heute geht's lebendig her an meiner Schelle draußen. (Sie geht hinaus.) Frau Werner. Walter. Walter. Entschuldigen Sie, Frau Werner, daß ich Sie schon in früher Morgenstunde belästige. Frau Werner. Es ist mir durchaus keine Störung, ich bitte, mir den Zweck ihres Besuches zu sagen. Wen habe ich das Vergnügen bei mir zu sehen? Walter. Der Name Walter wird Ihnen vielleicht nicht unbekannt sein. Frau Werner. Friedrich Walter – nicht wahr? Sie sind der Jugendfreund meines unvergeßlichen Mannes? Wie oft sprach er von Ihnen! Walter. Allerdings, ich bin es. Es wird Ihnen wohl bekannt sein, daß ich mich vor sechs Jahren auf Reisen begab. Ich zweifle nicht, daß mein alter Freund, wenn er meiner erwähnte, auch davon gesprochen haben mag. Frau Werner. Ja wohl. Er erzählte mir, daß Sie die Ihnen in Fülle gebotenen Mittel auf das Edelste zu verwenden pflegten und sich auf eine Reise begeben haben, um Ihre Kenntnisse in den Naturwissenschaften zu bereichern. Walter. Ich danke Gott, daß er mir zu meinem Reichthum auch den Sinn für edle Bestrebung gewährt hat. Beides sind Gaben des Himmels. – Bei meiner Rückkehr aus dem Oriente war es mein Erstes, meinen theuren Carl Werner aufzusuchen. Ich reiste sogleich hieher. – Im Gasthofe, wo ich gestern früh abstieg, erfuhr ich die erschütternde Nachricht, daß der treffliche Mann schon vor zwei Jahren diesem Leben und somit seiner liebenden Gattin entrissen worden. Wie hätte ich anders gekonnt, als mich beeilen, die Wittwe meines besten, ältesten Freundes aufzusuchen? Ihre Wohnung konnte mir nicht bezeichnet werden, weßhalb ich nicht säumte, auf der Polizei gestern Abends noch persönlich Erkundigung einzuziehen. Frau Werner. An Ihrer Güte, an Ihrer Theilnahme erkenne ich Sie so ganz und gar, wie mein seliger Carl Sie mir stets geschildert hat. Walter. Hören Sie – welch' sonderbarer Zufall mir begegnete. Der Polizeikommissär nahm eben, als ich in das Bureau eintrat, von den Polizeisoldaten Rapport ein. Einer derselben meldete ihm als scherzhaften Vorfall, daß er einen Brief, in der Kirchengasse auf dem Boden liegend, desselben Abends gefunden habe, mit der sonderbaren Adresse: »An das liebe Christkindchen im Himmel oben.« Der Commissär erbrach lächelnd den Brief: Ludwig Werner – war die Unterschrift. Meine Anfrage und deren Aufklärung knüpften sich an diesen Namen; der Inhalt des gefundenen Briefes war eine kindliche Bitte um eine Bilderbibel als Weihnachtsgabe. Ich dankte wirklich dem Himmel im Stillen für die wunderbare Fügung, eilte sogleich in einen Weihnachtsladen, um das himmlische Weihnachtsgeschenk zu acquiriren und hoffe, daß es heute bereits an den kleinen Briefschreiber gelangt ist. Frau Werner. In der That, Herr Walter, die Fügungen des Himmels – im Großen wie im Kleinen – sind wunderbar! – Mein Söhnlein sitzt freudetrunken vor dem Buche. Erlauben Sie, daß ich ihn dem gütigen Geber vorstelle. Walter. Und warum wollten Sie ihm denn das Wunderbare der Erfüllung seiner Bitte rauben? Frau Werner. Sie haben Recht – sein frommer Glaube werde nicht gestört. Es liegt ja nur in der Form der Unterschied; im Wesen der Sache glauben wir Alle, Groß und Klein, dasselbe. Walter. Ja, gute Frau, an Gottes allwaltende Fürsorge und Obhut, und an diesem Glauben festhaltend, gestatten Sie, daß ich nun der zweite Vater Ihres Sohnes sein darf. Ich möchte, indem ich eine ältere Schuld an Ihren verblichenen Gatten abtrage, fortan Ihnen die Mittel anbieten, so zu leben, wie Sie früher gewohnt waren, und Ihrem Kinde jene Erziehung zu gewähren, welche ihm zu Theil geworden, wenn sein Vater noch am Leben wäre. Frau Werner. Ich nehme das Anerbieten an – denn ich kenne Ihr Herz! Ich schäme mich nicht, es zu thun; denn ich bin dessen gewiß, daß mein Ludwig seinem und meinem Wohlthäter stets jene Dankbarkeit bethätigen werde, welche jedweder edlen That der schönste Lohn ist. Walter. Wenn es Ihnen genehm ist, so lade ich Sie ein, auf meinem Landgute die Verwalterin meines Hauses zu sein und Ludwig soll in ein Erziehungshaus eintreten, dessen Trefflichkeit mir gerühmt ward. Frau Werner. Gott lenkt Alles gut und so, wie es uns zum Besten gereicht! – Stets unvergeßlich aber wird mir diese heurige Weihnachtsfeier sein. Walter. (zieht einen Brief hervor.) Und der Weihnachtsbrief an das Christkindchen kommt unter Glas und Rahmen! Ende. Die drei Wünsche. Ein lehrreiches Beispiel. Personen. Die schöne Fee Zimberimbimba. Martin, ein Holzhauer. Margreth, dessen Weib. Herr Casperl, deren Freund und Nachbar. Wald. Martin (mit Holzhauen beschäftigt.) Heut ist wieder ein saurer Tag! Herr Gott, ist das nicht um die schwere Noth zu kriegen. Immer hacken und immer hacken! und da muß unser Einer noch froh sein, wenn ihm vom Herrn Waldmeister Arbeit angewiesen wird. Und die schlechte Bezahlung, kaum daß ich mit meiner Margreth des Jahrs viermal ein Stückl Fleisch in's Haus – viel weniger in's Maul bring. (singt während des Holzhauens) Ich hau halt drein – Es soll so sein, Daß ein Baum nach dem andern Muß in den Ofen wandern. Oft weht der Wind Ihn um geschwind – Die allergrößten Eichen Die müssen Stürmen weichen. Im Waldesraum Ein jeder Baum Gleichwie der Mensch im Leben Sich endlich muß ergeben. Art oder Sturm, Säg' oder Wurm – Und Einem gilt's wie Allen – Daß endlich sie zerfallen. (Setzt ans und wischt sich den Schweiß von der Stirne) Ha – Ha! muß ein bißl verschnaufen, das ist eine Höllenarbeit so hartes Buchenholz! (Eine Stimme ruft » Martin !«) Nun! wer ruft da? Kommt etwa mein Margreth und bringt mir die Mittagssupp? (Die Stimme ruft wieder » Martin !«) Nein, das ist die Margreth nicht, die hat keine so seine zarte Stimm; die kreischt bisweilen wie ein Rab, besonders wenn sie üblen Humors ist. (Abermals » Martin !«) Jetzt hab' ich's satt! Wer ruft? was gibt's? Die Stimme. Paß auf Martin! Ich bin eine unglückliche Fee und stecke in dieser Eiche. Martin. Oho! das war wieder etwas Neu's, daß die Leute in den Bäumen stecken. Firlefanz! Da steckt was Anders dahinter! Die Stimme. Martin, du bist ein Esel. Martin. Allerdings war' ich ein Esel, wenn ich eine solche Dummheit glauben könnte. Stimme. Höre mir zu, Martin: Wisse, ich bin die unglückliche Fee Zimberimbimba, welche seit 590 Jahren in diesen Baum gesperrt ist. Martin. So was könnte mir ein Jeder weiß machen. Stimme. Nimm deine Art, guter Martin und haue die Rinde der Eiche durch, welche den Stamm umschließt. Er ist hohl und da steck' ich drin. Martin. Probiren könnt' ich's ja. – Aber, wer weiß, ob nicht der Teufel dahinter steckt und mich dann beim Schopf nimmt. Stimme. Sieh hier! da ist ein kleines Astlöchlein, da will ich einen Finger herausstrecken. Martin. (tritt hin.) Das laß ich mir gefallen! So ein feines Fingerlein kann nur ein Frauenzimmer haben; der Teufel hat ja Krallen an der Hand. Wohlan! (haut in die Eiche.) Stimme. Hau nur nicht zu tief – es könnte mir in den Leib geh'n. (Nach einigen Hieben fällt die Rinde und die Fee tritt heraus.) Martin (fällt zitternd auf die Kniee.) O du rosenfarbige Mamsell, was bist du schön! aber ich bitt' dich, thu' mir nichts zu Leid! Denn, du könntest ein vermaskirter Teufel sein. Fee. Fürchte nichts – ich bin wirklich die Fee Zimberimbimba. Vernimm, wie ich in diesen Baum hineinkam. Ich bin die Tochter des großen Zauberers Califonius, der vor 599 Jahren in einer Höhle dieser Gegend wohnte und sich an Werktagen mit Zaubern, an Sonn- und Feiertagen mit Korbflechtcn beschäftigte, um sich sein Brod zu verdienen. Als kleines Mädchen trug ich in Gestalt eines Bauernkindes die fertigen Körbe in die Stadt, wo ich sie verkaufte und dafür Lebensmittel heimbrachte. Als ich heranwuchs, wurde ich sehr hübsch! leider habe ich keinen Spiegel mehr – ich weiß nicht, wie ich jetzt aussehe. Martin. O ganz charmant, nicht wie aus einer alten Eiche, sondern wie aus dem Ei geschält. Fee. Das freut mich, daß die 500 Jahre mir nicht geschadet haben. Nun – wie gesagt – als ich ein hübsches 18jähriges Zauberfräulein war, wollte mich der abscheuliche Zwerg Langebart absolut heirathen. Er war aber bös und häßlich und ich hatte gar keine Lust, seine Frau zu werden. Demungeachtet aber kam er eines Tages in die Höhle zu meinem Papa und hielt feierliche Anwerbung um mich. Wir saßen eben beim Kaffee, als er eintrat und mir ein herrliches großes Edelsteinkrönlein aus seinem Bergwerke zu Füssen legte, sich auf ein Knie niederließ und also sprach: Holde Zimberimbimba! In Gegenwart deines Herrn Vaters, des großen Zauberers Califonius, halte ich um deine Hand an. Dein Ja wird mich zum glücklichsten Zwergen der ganzen Gnomenbevölkerung machen! O! willige ein! Darauf wurde ich aus Scham und Zorn über und über roth und fiel in Ohnmacht. Mein Papa berührte mich aber mit seinem Zauberstäbchen und ich erwachte wieder. Der Zwerg wollte mich fortführen, allein mein Vater trat dazwischen und sprach: Werthester Herr Langebart! obgleich es mir eine absonderliche Ehre wäre, Sie zum Schwiegersohne zu haben, so muß ich doch die Entscheidung meiner Tochter ganz allein überlassen. Ich aber stund ganz zornig vom Stuhle auf und sagte: lieber will ich 500 Jahre lang in einen Baum gezaubert werden, als daß ich eine so häßliche Creatur zum Gemahl nehme. Nun mußt du wissen, lieber Martin, daß wenn eine Fee, d. h. eines Zauberers Tochter Etwas sagt – so ist's schon so, als wenn's wirklich geschehen wäre. – Ein furchtbarer Donnerschlag hallte mit dem höllischen Gelächter des Zwerges durch unsere Höhle, ein Blitzstrahl schlug meinen Papa todt und ich wurde durch eine unsichtbare Macht in das Innere dieser Eiche getragen, wo ich nun schlummernd verborgen war. – Heute aber sind es gerade 500 Jahre! Wärest du nicht da gewesen, so hatte ich wieder 500 Jahre auf meine Erlösung warten müssen. Du aber hast dadurch ein großes Glück gemacht; denn meine Dankbarkeit soll dich feenmäßig belohnen. Martin. O allerliebste Fee! Ich weiß gar nicht, was ich zu dieser Wundergschicht sagen soll! Ich bin ganz confusius. Fee. Merk' auf! Zum Lohne für meine Befreiung sind dir drei Wünsche gestattet, die Du innerhalb dreier Tage aussprechen sollst. Nimm dich in Acht! Wähle klug. Du kannst dir viel, viel wünschen und was immer du wünschest – das wird dein sein. In drei Tagen frage ich zu dieser Stunde bei dir im Hause an. (verschwindet.) Martin. (reibt sich die Augen). Jetzt weiß ich nicht, wie mir zu Muth ist. Hab ich geträumt oder ist die Geschicht wirklich so, wie mir geträumt hat? Halt! was seh' ich? da liegt ein goldenes Ringlein auf der Erde und ein Spruch ist drauf geschrieben: Was du wünschest, leise sprich; Wahr wird's – bin am Finger ich. Was du wünschest – wohl bedenk: Dreifach ist der Fee Geschenk. Herr Jemine, Herr Jemine! 's wirklich so! Das ist ein Wunschringlein! O du liebes, liebes goldenes Ringelein! (springt vor Freuden) o du goldene Fee! o du herzige Zimperipimpimperl! Jetzt bin ich ein glücklicher Mensch! jetzt wünsch ich mir gleich – (schlägt sich auf's Maul) halt – Martin – sei klug! das muß überlegt werden mit aller Vorsicht und Umsicht. Meine Margreth muß auch wünschen helfen; das ist eine gescheute Frau und die Nachbarn können wir auch um Rath fragen, ehe wir wünschen. Juhei! Juhei! das wird ein Leben werden! der Himmel auf Erden – wenn uns sonst kein Unglück passirt! jetzt schnell nach Haus! (geht ab) Verwandlung. Martins Stube. Mit schlechtem Geräth. Ein Kamin zum Kochen. Margreth ist eben beschäftigt Kartoffeln zu schälen. Margreth Und alleweil und alleweil Erdäpfel – einen Tag wie den andern! d. h. einen Tag Erdäpfel und den anderen Kartoffeln – das ist die ganze Abwechslung. Ich weiß gar nimmer, was eine Fleischspeis für einen Geruch hat. Jetzt ist's gerade ein Vierteljahr her, daß uns der Jäger Krumplmaier ein Eichkätzl geschenkt hat! Ach! das war aber ein delikates Essen! So zart und so weich! Und besonders das Schweifel war so gut in der weißen Buttersauce. Mein Mann hat zwar gesagt, es hätt ihm etwas im Magen gekratzt – aber geschmeckt hat's ihm doch. O du liebe Noth und Kummerniß! es ist nur gut, daß wir keine Kinder haben, da wüßt' ich mir ja gar nicht zu helfen! (Martin draußen: Juhe, Juhe!) Oho! was hat denn der Martin, daß er heut schon so früh heim kommt und gar so lustig? Vielleicht hat er seinen Wochenlohn vorausgekriegt. 's ist aber erst Mittwoch, das war' etwas Neues. (Martin tritt eiligst ein, stolpert über die Thürschwelle und fällt hin.) Margreth. O du Talk! wer wird denn zur Thür hereinfallen? Martin (aufstehend) . Wenn das Glück in's Haus kömmt, fallt's oft zur Thür herein. Da haben wir gleich einen Beweis. Margreth. Du wirst ja das Glück in's Haus bringen! Das war wohl 's erstemal. Martin (wichtig) . Halts Maul und setz dich in Positur – als wenn du vor einem gnädigen Herrn stündest. Margreth. Was fallt dir heut wieder ein? Uns Hungerleidern thut's Noth, daß wir noch Spässe machen. Was machst du heut schon so früh zu Haus? Sind die Erdäpfel noch nicht einmal gesotten. Martin. Was Erdäpfel! jetzt geht's aus einem andern Ton. Mit dem Psalm Miserere haben wir von nun an nichts mehr zu schaffen! Sieh her! (hebt den Ring in die Höhe.) Margreth. Ei, das Glück! hast ein goldenes Ringl gefunden? Martin. Und was für ein Ringl! Einen Wunderring! Einen Zauberring! Einen Wunschring! Margreth. Wenn du Geld hättest – möcht' ich glauben, du seist wo eingekehrt und wärst betrunken. Martin. Ja! trunken vom Glück, das mir passirt ist! Margreth. Ei was! Martin. Ei was, ei was! – laß dir sagen – (es klopft an die Thüre.) Still, still! da kommt Jemand. Geh' einstweilen in die Holzkammer hinaus, ich komme gleich nach, um dir das wichtige Geheimniß zu sagen, welches uns zu glücklichen Menschen macht. Geh, geh! (schiebt Margreth hinaus.) So – den Besuch werd' ich gleich abfertigen; denn ich kann's nicht erwarten, meiner Margreth Alles zu sagen. Wer ist draußen? herein! Casperl. Martin. Casperl. Bon jour, bon jour, Herr Nachbar! nix Neus, nix Neus? Ich will gerad ein Bißl in's Wirthshäusl schaun und da hab' ich im Vorbeigehn etwas zusprechen wollen bei Ihnen. Martin. Schön Dank, schön Dank, Herr Casperl! Aber verzeihen Sie mir, ich muß schon abbitten, heut hab' ich nicht Zeit, mit Ihnen zu plaudern. Ein unerwartet Geschäft – Casperl. Ein Geschäft – was für ein Geschäft? Ich bin gar nicht neugierig, aber wissen möcht' ich doch Alles. Martin. Es thut mir leid, aber vor der Hand muß es noch mein Geheimniß bleiben. Casperl. Ach! ein Geheimniß? das ist mir gerad recht. Vertrauen's mir's nur gleich an. Ich bin der Mann dazu. Wenn mir Einer was anvertraut, so ist es in den besten Händen. Ich hab noch nie was ausgeschwätzt. Martin. Das ist wahr, Sie sind ja eine Art Plappermühl. Casperl. Oho – was Sie da sagen? Martin. Warten Sie nur ein wenig. Ich komm gleich wieder herein. (ab) Casperl (allein). Ein Geheimniß? was kann das sein? Das muß ich ergründen – und weiß ich, was es ist, (singt) So lauf ich schnell zur Thür hinaus, Im ganzen Ort in jedes Haus, Erzähl's dann gleich an alle Leut' Beim Siegel der Verschwiegenheit. Zu was hat denn der Mensch sein Maul, Das meine ist gewiß nicht faul; Die Zung ist ja zum Sprechen da, Damit man weiß, wo was geschah. Es gibt nur Einen Augenblick, Wo ich mich schweigend zieh' zurück; Der ist die liebe Essensstund', Wo etwas Andres treibt mein Mund. Halt ich den Krug in meiner Hand, Ein Jeder mich noch schweigend fand – Da hat der Mund etwas zu thun Und kann vom Reden klüglich ruhn! Aha! jetzt kommen 's wieder. Margreth. Kasperl. Margret (voll Freuden) . Ei, Herr Casperl, guten Morgen, guten Morgen! Casperl. Sie sind ja gar lustig, Madam Margreth. So hab ich Sie lang nit gseh'n! Margreth. Ja, ich möcht aus der Haut fahren, vor Freuden! Casperl (bei Seite) . Aber fein in eine andre Haut, die etwas hübscher ist als die Ihrige. (Laut) Nun, was gibt's denn so Erfreuliches? Margreth. Etwas Ungeheuers! aber ich darf's Ihnen noch nicht sagen; mein Mann hat mir 's verboten. Casperl. So – einem alten Hausfreund wird die Familienfreude vorenthalten? das ist nicht schön. (weint) Margreth. Ja, es thut mir leid, daß ich's Ihnen nicht sagen darf. – Warten's nur ein wenig! Casperl. Das ist abscheulich von Ihnen, abscheulich! Ich möcht mich zu todt weinen über das feindselige Mißtrauen. Margreth (gerührt) . Herr Casperl, wenn Sie mir versprechen, daß Sie nicht weiter plaudern, so will ich's Ihnen anvertrauen. Casperl. O wie könnten Sie zweifeln an meiner Verschwiegenheit? Margreth. So hören Sie. Wir haben ein großes Glück gemacht! Mein Mann hat ein Wunschringl gefunden und kann drei Wünsche thun, die ihm sogleich erfüllt werden. Da sehn's. (zeigt ihm den Ring.) Casperl. Ist das möglich? Margreth Ja wissen 's, in der Comödie ist Alles möglich! Casperl. O glückliches Paar! Erhalten Sie mir Ihre Freundschaft, (bei Seite) damit ich auch was davon Hab. Margreth. Seh'ns Herr Casperl! wenn man das Ringl am Finger hat und spricht einen Wunsch dabei, so hat man's gleich. Duett . Casperl. Was ist doch so ein Zauberring Ein allerliebstes, liebstes Ding, O hatt ich solch' ein Ringelein, Ich wünschte mir viel Bier und Wein. Margreth. Oho das war wohl nicht gescheut, Und war gefehlet himmelweit; Beim Wünschen mit dem Ringelein Da heißt es klug und weise sein. Casperl. Sie haben Recht, Sie haben Recht, Ein Sack voll Geld war auch nicht schlecht! Margreth. Ein Sack voll Geld war auch nicht schlecht. Casperl. Und dazu ein gebratner Hecht! Beide. O Zauberring, o Zauberring, Was bist du für ein Wunderding. Ring, Ring, Ring, Ring, Ding, Ding, Ding, Ding. Casperl. So Etwas ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen, gelesen hab ich schon viele solche Zaubergschichten. Aber jetzt, liebe Frau Margreth, hab ich ein' gwaltigen Durst. Margreth. Wie gewöhnlich, Mr. Casperl. Wenn Sie mit einem Glas Bier vorlieb nehmen, so kann ich aufwarten. Casperl. Her damit! Ich verachte nichts dergleichen. (macht einen Schluck aus der dargebotenen Flasche) Ah – das war gut! Wissen's was, Frau Margreth? Eine Schüssel voll Bratwürstl wär halt gut dazu. Margreth. Ja, mein Himmel, die weiß ich gar nimmer wie's aussehen. Eine Bratwurst ist schon lang nicht mehr über unsere Schwelle gekommen. Wie oft hab ich mir schon gewünscht, wenn ich nur so ein Dutzend recht guter Bratwürst da vor mir hätt – (Donnerschlag und es erscheint eine Schüssel mit Bratwürsten darauf; Casperl fällt aus Schrecken um, Margreth fällt auch um.) O weh, o weh! Ich hab den Zauberring am Finger und mein Wunsch ist in Erfüllung gegangen! Casperl. Ja das wär mir schon recht, aber das Donnern, das braucht nit dabei zu sein, das verdirbt Eim' ja den Appetit zum Essen. Margrets. Ist denn das nicht ein Unglück, Mr. Casperl? jetzt ist schon Ein Wunsch verlaborirt; und wir haben nur mehr zwei Wünsche! Was wird mein Mann dazu sagen, wann er nach Haus kommt? Da krieg ich Prügel auch noch dazu. Was hätten wir uns schon das erste Mal Alles wünschen können! Aber da sind Sie daran schuld, Mr. Casperl, mit Ihrer ewigen Gefräßigkeit! Sie haben mich in's Unglück gebracht! Casperl. Frau Margreth – ich bin ein Philosoph. Was gschehen ist, das ist geschehen. Jetzt sind halt die Würst da – also lustig drüber her! (fangt zu essen an.) Margreth. Ich kann auch nichts anders thun, als anbeißen – aber mein Mann, mein Mann! (setzt sich zum Essen.) Casperl. Schaun's, Frau Margreth. So oft ich eine Bratwurst seh, muß ich den menschlichen Verstand des Erfinders der Bratwürste bewundern, dem's eingfallen ist, diese Würst oben und unten zuzubinden; denn wären sie nur an einem End zugebandelt, so würde der schmackhafte Inhalt beim andern End hinauslaufen. Es ist sehr die Frage, ob mir das eingefall'n wär. (Man hört Tritte) Aha, jetzt kommt der Herr Martin nach Haus. Margreth. Auweh, auweh! – Ich werf lieber gleich das Ringel in's Eck, damit ich allenfalls nit wieder eine Dummheit wünsch. (wirft den Ring weg) Casperl. Eine gute Wurst ist nie eine Dummheit, besonders wenn man selbige umsonst haben kann. Martin tritt ein. Die Vorigen. Martin. So, allerliebste Margreth, jetzt hab ich mir guten Rath geholt beim Schullehrer und beim Pfarrer; die haben mir die gescheitesten Wünsche auf ein Papier geschrieben. Jetzt geht's bald anders bei uns zu. Ein herrliches Palais, Kutschen und Pferd; kein Holzhacken mehr, keine Erdäpfel mehr. Lauter Gansleberpasteteln auf'n Tisch und gebratene Fasanen. Ich laß mir gleich einen Frack machen mit ächt goldene Knöpf. Ein Portier muß vor dem Hausthore stehen. Ich laß mich zum Grafen machen – denn um's Geld kann man Alles haben. Schon mancher jüdischer Bankier ist »Herr von« geworden, weil er sich's hat kosten lassen. Und du, Margreth, bekommst eine Kammerjungfer und ich laß dir eine eigne Portchaise machen. Zu Fuß darf keins von uns mehr gehen. Herr Casperl – jetzt passen's auf; Sie werden sich wundern. Casperl. Ja – Einmal hat's schon gekracht! Martin. Was soll das bedeuten? Casperl. Betrachten Sie einmal diese Schüssel voll angenehmer Bratwürst. Martin. Warum, warum? Casperl. Das sind keine gewöhnlichen Bratwürst! Das sind Zauberbratwürstln! die schmecken delikat. Margreth (fällt auf die Knie) . Ah, verzeih mir, lieber Mann! in meiner Unvorsichtigkeit hab ich mit dem Ring am Finger eine Schüssel voll Würsteln hergewünscht. Martin (höchst zornig) . O du unglückseliges Weibsbild! Ich hätte gute Lust, Dich zu todt zu prügeln! jetzt ist schon Ein Wunsch verpatscht! – Wo ist der Ring? Gleich her damit! Margreth. Dort hinten liegt er. Martin. (hebt ihn auf und steckt ihn an den Finger) . Wie man aber nur so einfältig sein kann! Was hast Du schon Alles verscherzt! Und die drei Wünsche waren so prächtig ausgedacht! Margreth Das hätt' Dir in der Schnelligkeit auch geschehen können! Martin. Was mir? Eine solche Dummheit! das ist unmöglich. Margreth. Jetzt ist's vorbei! Setz Dich auch her und iß lieber ein Paar von den guten Würsteln. Martin. Was? Ich mitessen? Ich hab so einen Aerger über Dich, daß ich lieber möchte, die Bratwürste sollten Dir an Deine lange Nas' wachsen! (Donnerschlag. Alle drei fallen zu Boden, und die Würste hängen an Margrethens Nase.) Martin. Donnerwetter! der zweite Wunsch! Casperl (pathetisch) . Ja der zweite Wunsch ist unter Donner und Blitz in Erfüllung gegangen. Ich gratulire. Martin (prügelt sein Weib und den Casperl) . Vermaledeite Wirtschaft! zum Rasendwerden ist's! Ich bring euch um! ich häng mich auf! Ich stürz mich in's Wasser! Margreth. O weh, oh weh! Ich unglückliches Weib! Ich kann mich nicht mehr vor den Leuten sehen lassen! Was fang ich an! Martin. Herunter mit den Würsten! Helfen's mir ziehen, Herr Casperl! (Beide ziehen an den Würsten.) Es ist umsonst! Wir bringen sie nicht weg von der Nase. Casperl. Ja leider! Ihre Gattin ist verunstaltet auf immer! Martin. Vielleicht geht's mit'm Abschneiden, (nimmt ein Messer und versucht) Es ist als ob das Messer verhext wär; hat immer eine prächtige Schneid gehabt; jetzt ist's als ob die Würste von Marmorstein wären! Auweh! Auweh! Casperl. Was auf eine so zauberische Manier angewachsen ist, geht nicht auf natürlichem Weg wieder von der Nasen weg. Martin. Ja, es ist eine Schande, Schimpf und Spott müssen wir ausstehen, wenn die Margreth ihr Lebtag diese Wurstnase behalten muß! Wenn's nur wieder herunten wären die verherten Würst! (Donnerschlag. Alle drei fallen um und die Würste von der Nase der Margreth) Martin. Weh mir! der dritte Wunsch! (Der Hintergrund öffnet sich. Die Fee erscheint im Rosenschimmer und spricht:) Erfüllt ist, was ich dir versprach – Eh' noch verging der dritte Tag; Und in der ersten Stunde schon Hast du geholt dir deinen Lohn! Ein reiches Feld stund euch zur Aernte offen, Erfüllung war verheißen jedem Hoffen – Verscherzt habt Ihr gebot'nes Glück – In Armuth sinkt Ihr nun zurück! Wie oft ist doch der Menschen Thun Ein eitel Wünschen ohne Ruh'n! Und der Erfolg ist Unheil und Verderben, Fortuna's Topf zerbricht in tausend Scherben! Mög's Allen doch ein Beispiel werden, Die nicht zufrieden hier auf Erden Nur leere Wünsche aneinander reih'n Und endlich sich darüber selbst entzwei'n: Dankbar genießt, was Gott Euch hat bescheert Und was an Lebensgaben Er gewährt! Was mehr Ihr wollt, ist Dunst und Schaum, Der schnell verweht ist, wie ein Traum! Die Taube Nach einer Erzählung von Christoph Schmid in vier Aufzügen dramatisch bearbeitet. Personen. Ritter Theobald von Falkenburg. Ottilie, dessen Frau. Agnes, dessen Tochter. Rosalinde, Wittwe des Ritters Adalrich von Hohenburg. Emma, ihre Tochter. Ritter Ulrich von der Hohewart. Der schwarze Dietrich. Wolf, Schnauz, Rothaug, Raubgesellen. Casperl, Thorwart auf Hohenburg. Hannes, Knappe auf der Falkenburg. Thurmwart auf der Hohenwart. Knechte, Reisige und Räuber. I. Aufzug Zwinger auf Schloß Falkenburg. Frau Ottilie und Agnes nehmen unter einer Linde ihren Morgenimbiß. Ottilie. Schmeckt's Agnes? Agnes. Die Milch ist herrlich gut! und 's Brod neugebacken und resch, daß es zwischen den Zähnen kracht. Ottilie. Sei froh, Kind, daß du solch guten Morgenimbiß hast. Wir dürfen Gott darum danken. Wie viele Tausende haben gar Nichts oder, kaum ein Stück verschimmelt Brod den ganzen Tag über. Weißt's ja selbst, wie der gute Vater den armen Söldnern und Siechen Nahrung gibt, damit, sie nit vor Elend zu Grund geh'n. Agnes. Ach, liebe Mutter, ich weiß es und mein Herz ist gewiß immer dankbar, daß wir in gutem Stande leben und daß ich so lieben Vater und Mutter habe, die mir's wohl gehen lassen. Ottilie. Auch leben wir auf fester, sichrer Burg und hat der Vater seine zwölf reisigen Knappen ohne die vierzig Söldner im Thal, so daß wir ruhig sein können und mag uns kein schlimmer Gesell was anhaben. Agnes. Ja, denk' Dir Mutter: hat mir der alte Veit erzählt, daß ein Zug von Kaufleuten, die aus Nürnberg kamen, erst vorgestern von des schwarzen Dietrich Rotte im Hohlweg am Hochwald drüben überfallen und geplündert worden. Ottilie. Und der Vater hat sich auch vorgenommen, in diesen Tagen mit seinen Reisigen wieder einmal die Heerstraße zu säubern. Agnes. Wenn ihm nur Nichts zu Leid geschieht! Ich habe immer Angst und Noth, wenn der Vater auszieht. Weißt Du noch, Mutter, wie sie ihn einmal verwundet auf den Tod krank heimbrachten? Ottilie. Wer möchte so was vergessen? Aber es ist Ritterpflicht das Recht zu schützen; was wollte das wehrlose Volk anfangen, nähmen sich die edlen Burgherren mit Schwert und Lanze nicht drum an? Das wissen aber auch die bösen Gesellen und der wackere Falkenburger ist ihnen ein Dorn im Aug; denn wenn der mit seinem Häuflein umreitet, dann ist's nichts mit dem Rauben und Brandschatzen. Agnes (in die Höhe schauend) . Ei sieh, Mutter, da kreist über uns in den Lüften ein gewaltiger Geyer. Ottilie. Auch so ein Raubgesell! Agnes. Jetzt stößt er dort herab auf die große Buche. O weh, ein Täubchen fliegt auf, dem will er an. Ottilie. (blickt auf.) Nichts da! Der Räuber ist getroffen. Hörst du nicht einer Armbrust hellen Klang? Agnes. Sieh, Mutter, er sinkt! Ein von einem Pfeil durchbohrter großer Geyer fällt herab; zugleich fliegt eine weiße Taube in Agnes Schoos. Ritter Theobald (eintretend.) Hab ich dich, Würger? Jetzt verblut' dich. Wirst kein Täublein mehr verfolgen. Ottilie. Gut getroffen! Dein Schuß fehlt niemals. Theobald. Gott geb's, daß es immer so bleibe. Grüß Gott, Weib und Kind. Agnes. Herzensvater! sieh da, das Täublein hat sich zu mir geflüchtet. Theobald. Recht so! behalt's und pfleg's gut. Ottilie. Warst heute schon früh auf, lieber Theobald. Theobald. Bin mit ein paar Knechten vor Tages Anbruch aufgesessen, um ein bißl zu stöbern. S' ist wieder nit sauber im Gau. Die Geschichte mit den Nürnberger Kaufleuten wißt ihr ja. Im Hochwald mag's Gesindel liegen. Wir müssen ihnen zu Leib steigen. Im Peterskloster haben sie auch schon schlimme Einkehr gehalten. Als gestern die frommen Mönche beim Abendbrod sassen, ist der schwarze Dietrich mit seinen Hallunken eingebrochen, verriegelten die Thore und hielten in Küch' und Keller fröhliche Mahlzeit. Nachts zog er wieder ab und nahm vom Abte 100 Goldgulden Brandschatzung mit. Was wollten die armen Mönchlein anfangen? Agnes. Das ist wohl arg. Wie es nur so schlechte Menschen geben mag! Theobald. Das ist der Sauerteig auf Erden; 's muß auch böse Geyer geben. Hast's eben gesehen, lieb Agnes. Licht und Schatten durchdringt Alles auf der Welt; Schlimmes und Gutes muß sein; und war nicht auch Einer unter des Herrn Jüngern selbst, der dem Bösen angehört hat? Drum ist's Pflicht der Guten, daß sie wachen und schützen. – Die Sonne ist schon hoch. Schafft mir einen Becher Wein; ich hab noch nichts im Leibe; will ihn aber drinnen trinken. Ottilie. Gleich, lieber Theobald. Komm bald hinein. Agnes. Und du, liebes Täublein, komm in deine neue Herberge. Du sollst's gewiß gut bei mir haben. Ich will dich füttern und pflegen wie ein Kindlein, und kein böser Raubvogel soll dich von nun an verfolgen. (Ottilie und Agnes ab in's Schloß.) Theobald (allein) . Hol der Henker das Galgengesindel da drunten! Wie oft hab' ich dem Dieter schon nachgejagt! Wie manche Nacht bin ich auf dem Bauch gelegen im nassen Gras sammt den Knechten! 'S ist als ob der Teufel mit ihm wäre, – immer vergebens! Aber sein Stündlein wird auch ein Mal schlagen und ich will nit ruhen, bis ich den Gauch gefangen, lebendig oder todt. (Hornstoß des Thurmwarts). Holla, mein Wart bläst. Kömmt etwan ein guter Freund eingeritten. Hannes (tritt ein) . Edler Herr, die Wittib von der Hohenburg mit ihrem Töchterlein möchten Euch heimsuchen und die Edelfrau. Theobald. Sollen mir willkommen sein zu jeder Stunde. (Hans ab) Arme Frau ! haust nun allein auf ihrer Burg mit ihrer Emma. Vielleicht bedarf sie meiner; denn so eine Wittib braucht oft Beistand und weiß nit Rath zu finden. (Frau Rosalinde und Emma treten ein. Theobald eilt ihr entgegen.) Theobald. Edle Frau, seid mir gegrüßt. Ich freue mich Euch und das Fräulein auf meiner Burg zu beherbergen. Rosalinde. Ich wußt' es zuvor, daß ich bei einem so wackeren Ritter geneigte Aufnahme fände. Theobald. Euer schwarz Gewand ist wohl noch das Abbild des inneren Zustandes, in den Euch das bittere Ableben des theuern Ritters Adalrich versetzt hat. Rosalinde. Wohl ist es so, Ritter Theobald. Es sind nun zwar sechs Monden verflossen, daß ich meinen Ehgemahl verloren, weil Gott ihn abgerufen; aber meine Traurigkeit hat sich schier gemehrt als gemindert, und als eine betrübte und verlassene Wittib komm ich zu Euch, um Euch um Rath und Hilfe anzuflehen. Theobald. War mir doch Euer verblichener Gemahl immer und allezeit ein treuer Genoß und hab' ich in Gemeinschaft mit ihm manchen Strauß bestanden, wie sollt ich nit um so mehr seiner verlassenen Frau Wittib in Nöthen beistehen wollen? Wollt über mich verfügen, edle Frau. Rosalinde. Wenn Ihr gestattet, so mag mein Töchteilein in das Kemenat zu Euern Frauen gehen und ich will Euch dann mein Anliegen vortragen. Theobald. Wie's Euch belieben mag. Fräulein Emma tretet nur den Gang entlang das Trepplein hinauf; dort findet ihr mein Weib und Kind. Emma So Ihr's gestattet, Herr, will ich den Frauen zur Last fallen. (ab) Rosalinde. Nun erlaubt, daß ich Euch mein Anheben vortrage: Bald nach meines Adalrich schmerzhaftem Tode – ihr wißt, daß er an einer bösen Wunde gestorben – drängte unser Nachbar Ritter Ulrich auf der Wart in mich, ich solle ihm, wie ihm nach alter Urkund gebühre, Feld und Wald abtreten, über deß Besitz er mit meinem Gemahl in Streit gelegen. Nun wüßt' ich aber aus meines seligen Herren Mund, daß Ulrich von der Wart kein Anrecht habe und daß dessen Anwartschaft eitel Trug und Lug sei. Theobald. Das weiß ich auch, und kann's beschwören; denn ich war bei des Reichs Gericht als Zeuge gegenwärtig, da die Angelegenheit rechtens zu Gunsten Eures Ehherrn geschlichtet ward. Rosalinde. Um so besser, daß Ihr's wißt. Ritter Ulrich aber leugnet die Schlichtung; leider ist das Pergament, das Adalrich in Handen hatte, durch einen treulosen Diener vernichtet worden. Ulrich beginnt den alten Streit, setzt mir mit Drohung zu und will nun alsbald von benannten Ländereien mit Gewalt Besitz nehmen. Sollte dieß aber gescheh'n, so wäre ich eine arme Frau; denn ringsum Hohenburg wäre mein Eigen verloren und nichts blieb mir als die Burg mit dem kleinen Obstzwinger. Theobald. Gott sei dafür, daß Euch solch Unrecht geschähe! Rosalinde. Nun hab' ich Euch flehentlich bitten wollen, daß Ihr Euch meiner gnädig annehmt; denn ich kann mich nit schützen. Ihr wißt, mein Gesind ist klein und nach des Ritters Tod hab ich die reisigen Knechte alle entlassen müssen. Theobald. Seid ohne Sorgen, edle Frau! Solch Frevel muß gezüchtigt werden. Ulrich von der Wart treibt allwegs so schlechte Händel; 's ist an der Zeit, daß ihm sein trügerisch und gottlos Handwerk gelegt werde. Dafür steh' ich ein. Rosalinde. Euch muß ich es überlassen, wie Ihr mich und mein Töchterlein in unserm guten Rechte schützen wollt. Aber leid wär's mir, so ich Euch selbst dadurch in Ungemach oder nur leidig Verfahren brächte. Theobald. Da kann nur das Schwert helfen; denn die Waage der Gerechtigkeit ist für Ritter Ulrich nicht von Gewicht; und für solchen Fall hat Frau Justitia mit der Waage auch das Schwert in Händen. Verlaßt Euch auf mich. Ich reite mit meinem Troß vor Ulrichs Burg und so er nit gute Miene macht, werf ich ihm die Brandfackel in sein räuberisch Nest; und hab ich es sammt Mann und Maus vertilgt, so wird mir's des Kaisers Majestät zu Dank wissen. Rosalinde. Weh mir, wenn ich schuld an solch grausem Handel bin. Theobald. Das Recht ist Euer; die Folgen fallen dem zur Schmach und Schande, der ein gutes Recht verletzt und dadurch den Landfrieden gebrochen hat. – Ei, sieh da, unsere Frauen! – Sprecht nicht weiter von unserm Geschäft. Was zu thun ist, das wird geschehen und seid fortan ohne Bangen. (Ottilie, Agnes und Emma treten ein; letztere die Taube auf dem Arm tragend) . Ottilie. Gott zum Gruß, Frau Hohenburgerin! Rosalinde. Dank' Euch, wenn Ihr meinen Besuch freundlich duldet. Ottilie. Ihr bleibt doch bei uns über Mittag. Ich bitt' Euch, wollt erst vor Abend wieder heimkehren; in vier Stunden macht Ihr den Weg. Theobald. Und ich geb' Euch sechs Knechte zum Geleit; da seid Ihr des Weges sicher. Rosalinde. Allzugütig seid Ihr für uns; aber solch freundlicher Ladung möcht ich nit zuwider handeln. Ottilie. Unsre Mägdlein haben schon gute Freundschaft geschlossen. Was sich so gut zusammenfand, das wollen wir nicht wieder schnell trennen. Emma. Ja, denk liebe Mutter: Agnes hat mir zum Liebespfand dieß schöne weiße Täublein geschenkt, das ihr heut erst, von einem Geyer verfolgt, zugeflogen. Rosalinde. Wie lieb seid Ihr, Agnes, (zu Emma) Und was hast Du dem Fräulein entgegengeboten. Agnes. Ein schönes Goldringlein mit rothem Stein darauf. Theobald. So sei die Freundschaft geschlossen. Ihr seid aber selber zwei Täublein. Gott schütz Euch allerwegen. – Nun wär's aber Zeit, auf die Dürnitz zu gehen. Kommt, laßt uns Mittag halten. Ein Gläslein süßen Trunkes, den ich aus dem gelobten Lande mitgebracht, wird Frau Rosalinde nit verschmähen. Alle ab während der Vorhang fällt. Ende des ersten Aufzuges. II. Aufzug. Zimmer auf Schloß Hohenburg. Casperl. Mich heißen's den Thorwartl und das ist wohl wahr, daß ich am Burgthor mein Stübl hab und die Schlüssel zum auf- und zusperren; aber was? Ich bin eigentlich Alles und Alles auf 'm Schloß. Wenn ich nit da wär, so ging nichts z'sam in dem Haus, seit der Herr Ritter selig abg'fahren ist. Hat die gnä' Frau ein' Zweifel, ein Anliegen, da heißt's nur immer: »Wo ist der Casperl?« Ich bin der Casperl oben und unten, hinten und vorn, links und rechts, rechts und links und besonders zeichn' ich mich durch meine Kouraschi aus; denn ich lauf immer gleich aus Aengsten davon; wenn's aber was z' essen gibt, hau' ich tüchtig ein und im Keller drunten ganz besonders da bin ich wirklich ein Held und fürcht' gar nix, als wenn der Wein ausgegangen ist. Lied. Ich bin der Casperl »Ueberall,« Und nirgends darf ich fehlen; Die Menschheit wäre nicht complett, Wär ich nicht auch zu zählen. Ich bin der Casperl »Da und dort,« Man kann mich nicht entbehren; Komm ich wohin, so heißt es gleich: »Kannst' dich zum Teufel scheeren!« Ich bin der Casperl »Lauf davon« Und geh gleich meiner Wege, Wo's etwa nicht ganz sauber ist; Denn ich lieb nicht die Schläge. Ich bin der Casperl »Guckinsglas,« Weil immer Durst ich habe; Ein jeder Mensch, sei's wer es will, Hat eben seine Gabe. Ich bin der Casperl – – (Man schellt unten an der Hausglocke.) No', was ist denn das für eine Manier, daß man mich unterbricht, bevor ich meine Arie ausg'sungen hab? (schaut zum Fenster hinaus) Was gibt's da unten? Wer ist da? Stimme von Außen. Zwei arme Pilger bitten um Einlaß. Casperl. Bettelvolk! wir haben selber nir. Stimme von Außen. Wir kommen aus dem gelobten Lande. Wir haben Hunger und Durst. Casperl. Ah, wenn vom Durst die Red' ist, bin ich auch dabei. Aufgemacht, Tonerl! – Die Kerls seh'n aber curios aus. Die geh'n in graue Schlafröck spazieren. Der schwarze Dietrich und Wolf, als Pilger verkleidet, treten ein. Casperl, Dietrich, Wolf. Casperl. Wer sind wir? woher? wohin – Bettelleut? Dietrich. Wir sind arme Pilger und kommen aus dem gelobten Lande. Casperl. Das könnt jeder sagen. Wolf. Ihr seht's ja an unserer Kleidung, gestrenger Herr, daß wir Pilger sind. Casperl (für sich) . Gstrenger Herr? Aha, die halten mich für was besonders. (Laut und vornehm thuend.) Ja, ja! solches Volk belästiget uns bisweilen. Dietrich. Wir wollten auf Schloß Falkenburg, haben uns aber verirrt, weil wir der Wege unkundig sind. Casperl. Und da hat man so bei Gelegenheit wo Anders zusprechen wollen? nicht wahr? man kann überall was mitnehmen. Wolf. Ach! gestrenger Herr, wir sind müd' und matt. Verzeiht; wir hofften hier etwas ruhen zu können. Casperl. Meintwegen! aber der gnädigen Frau muß ich's doch melden. Wart's nur a Bißl, ich bin gleich wieder da. (ab) Wolf. Der Bursche scheint mir ein Narr! Dietrich. Gleichviel; wir sind auf der Burg und können für die Absichten unseres Freundes Ulrich von der Wart hinlänglich auskundschaften. Die Knappen des Ritters sind seit dessen Tod entlassen. Das sagte man uns ja schon unten in der Dorfschenke. Dietrich. Ein Ueberfall fände wohl nicht viel Widerstand; aber zuvor müßen wir doch mit dem Falkenburger fertig werden. Der ist zu gefährlich. Wolf. Allerdings und die Hohenburgerin selbst soll uns dazu verhelfen, an unserem Erzfeinde Ritter Theobald Rache zu nehmen. Dietrich. Still sie kommt. (Frau Rosalinde tritt ein.) Rosalinde. Ihr seid Pilger, wie man mir vermeldet hat und kömmt vom heiligen Grab. Seid mir gegrüßt, wenn ihr euch bei mir laben wollt, so laß' ich's gern geschehen. Dietrich. Ihr seid allzugnädig, edle Frau. Wir wollen nicht lang zur Last fallen. Wolf. Eigentlich wollten wir auf die Falkenburg, um den Ritter Theobald aufzusuchen, welchem wir von dessen Bruder aus Palästina Botschaft zu bringen haben. Rosalinde. Das wird ihm lieb sein. Dietrich. Leider haben wir aber keine gute Kunde zu vermelden; denn Ritter Friedrich von der Falkenbürg ist vor einem halben Jahre zu Jerusalem an der Pest gestorben. Rosalinde. Das thut mir leid; er war ein so wackerer Herr, wie sein Bruder Theobald. – Nun geht hinab, gute Männer. Ich habe meinem Knappen befohlen, euch einen Imbiß zu geben; dann könnt ihr weiter wandern. In vier Stunden seid ihr auf der Falkenburg. Wolf. Gott vergelt' euch die Milde, edle Frau; aber wir hätten noch ein Anliegen. Wir sind der Gegend hier unkundig und möchten doch noch vor sinkender Nacht nach Falkenburg gelangen. Dietrich. Wolltet Ihr nicht so gnädig sein, uns den Weg zeigen zu lassen? Rosalinde. Das kann gern geschehen. Mein Caspar soll mit euch gehen, bis zum Fußpfade, von wo aus ihr auch ohne sein Geleit vom Wege nicht mehr abirren könnt. Dietrich. Der Himmel lohn' euch, edle Frau, was Ihr an armen Pilgern Gutes gethan. Rosalinde. Und grüßt mir Ritter Theobald freundlichst, und auch dessen Frau und Fräulein. Ich hoffe, sie bald bei mir zu sehen. Lebt wohl! (ab.) Wolf. Alles geht gut. Zum Scheine lassen wir uns den Weg zeigen. Unsere Leute erwarten uns im Tannenthal, wo der Pfad vorbeiführt. Dietrich. Laß uns gehen. Heute Nacht schon soll die Falkenburg in Flammen stehen. (Beide ab.) Verwandlung. Felsiger Waldgrund. Schnauz, Rothaug und andere Räuber. Rothaug. Der Dieter und der Wolf lassen lange auf sich warten; 's ist schon Mittag. Schnauz. Ei, 's ist noch Zeit; zwei Stündlein sind nach Falkenburg. Wenn sie nur dort vor Nacht Eingang finden. Mittlerweile haben wir uns mit den Andern beigeschlichen und um Mitternacht kann sich das Pförtlein öffnen. Rothaug. Ich denke, 's geht. Steht doch Einer auf der Lauer? denn sie könnten etwa nit allein des Weges kommen und da müßen wir uns bergen. Schnauz. Dafür ist gesorgt und wir können nicht überrascht werden. Rothaug. Freu' mich schon höllisch, wenn heute noch der wackere Herr Theobald unser wird. Schnauz. Und die edle Frau Ottilie, und das zarte Fräulein. Rothaug. Das gibt gute Geißeln. Dm Ritter hängen wir auf und für das Frauenvolk muß die Sippschaft uns schwer Geld geben. Herzbruder! mich durst's Hast keinen Trunk zur Hand. Schnauz. Da ist noch ein Schluck Rheingauer in meiner Flasche, ein Restlein aus dem Klosterkeller. Rothaug. Her damit! Heut wollen wir aus des Falkenburger Keller trinken. Schnauz. So nimm! laß mir aber noch einen Tropfen, daß ich meine Gurgel netze vor dem Abendstrauß. – Holla da rührt sich was! Ein Räuber (eilt herein.) Still! sie kommen, aber 's ist noch ein Dritter dabei. Rothaug. Aufgepaßt! Wir legen uns dahinten in die Büsche. Schnauz. Fort, fort! Seid Alle fein still, bis nur wissen, woran wir sind. (Alle ab) Dietrich, Wolf und Casperl treten ein. Dietrich. Da wär' ein hübscher Platz zur Rast. Wolf. Ich wär dabei, 's ist schattig und die Sonnenhitze hat uns warm gemacht. Casperl. Und ich bin auch dabei; denn beim Schlafen bin ich alleweil gern, besonders wenn man Nix z' essen und z' trinken hat, wie im vorliegenden Fall. Ich leg mich gleich da vorn hinter den Boschen. Dietrich. Und wir wollen dort unter den Bäumen ruhen. Ein halb Stündchen; dann setzen wir unsern Weg fort. Casperl (setzt sich vorn an einen Strauch hin.) (für sich) Na' – schlafen mag ich net; denn ich trau den zwei Kerls nit. Fromme Pilger wollen's sein? Das glaub' ich nit; denn wie der Eine unterwegs sein' Kutten ein bißl gelüft' hat, so daß er gemeint hat, ich sieh's nit, hab' ich en blanken Brustharnisch 'raus glitzern seh'n, und der Andere hat einen Dolch versteckt. Spitzbub'n sind's – so viel weiß ich. Jetzt thu' ich aber, als wenn ich eingschlafen war; vielleicht kann ich was erspekuliren. Dietrich (mit Verstellung, indem er sich hinlegt.) Ha, 's thut wohl, ein bißl zu ruh'n. Kamerad, schläfst schon? Wolf. Fallen mir schon die Augen zu. (Casperl schnarcht) Ah, der schnarcht schon. Dietrich. Schnarcht er? – Pst! pst! wo sind die Andern? (steht vorsichtig auf! pst! pst! (Rothaug und Schnauz treten still aus dem Hintergrund) Dietrich. Nur still! der da vorn' schläft. Paßt auf: (Casperl lauscht, vom Strauche verdeckt, unbemerkt.) Rothaug. Nur rasch! was gibt's zu thun? Dietrich. Ihr alle brecht schnell auf gen Falkenburg; dort in den Waidenbüschen am Fuß des Berges lagert euch heimlich. Ich und Wolf – wir finden als Pilger Eingang und Herberge. Schlag 11 Uhr – ihr hört's vom Thurm – öffnen wir euch das Seitenpförtlein. Casperl (voll Furcht und zitternd) . Prrrr! Wolf. Wer rührt sich da? (Casperl duckt sich und schnarcht weiter) 's ist der da vorn, der schlaft wie 'n Sack, hat vermuthlich geträumt. Dietrich. Wir zwei überwältigen leicht den Knappen am Thor, bis die andern Knechte erwachen, haben wir den Ritter selber gebunden. Seid ihr drinnen – so haben wir's gewonnen. Rothaug. Gut ist's; wir wollen's schon gescheit angehen. Schleichen uns zwischen den Felsen zu rechter Zeit hinauf. Wolf. Habt nur Acht, daß das Eisenzeug nicht raßelt. Schnallt die Schwerter fest, oder tragt sie in der Faust. Dietrich. Vergeßt mir die Pechkränze nit. Feuer ist bald gemacht und haben wir, was kostbar ist, in Sicherheit, so soll der rothe Hahn auf dem Dache mit den Flügeln schlagen. Casperl (für sich). Ah, ah! das ist aber eine Bagaschi; das sind Hallunken! Ich mach, daß ich fortkomm'! Dietrich. Also an's Werk, wann's Zeit ist. Jetzt zieht ab. Rothaug. Habt keine Sorg; 's ist nit unser erster Streich. (ab mit Schnauz.) Wolf. So, jetzt können wir den Burschen wecken. Dietrich. (thut als ob er vom Schlaf aufstünde.) Heda, Bursch! 's war an der Zeit. Das Schlafen hat dir geschmeckt; hast geschnarcht wie 'n altes Thurmfähnlein. Casperl (schüttelt sich) . Prrr! Auweh, darf ich nimmer schlafen? Wolf. Wir wollen fort; kommen sonst zu spät auf die Falkenburg. Casperl (immer vor Angst zitternd und stotternd.) Ja, ja- da- das versteht sich. Wi- wi- wir kommen sonst ni- ni- nimmer zur rechter Zeit nach Fa- Fa- Falkenbu- bu- burg. Wolf. Was zitterst und schnatterst du denn, Bursche? Casperl. O, ich zi- zitter und schna- schna- schnatter gar nit. Dietrich. Du hast ja Angst und bebst wie Espenlaub? Casperl. Na, na, na ich be- be- beb nicht im Mindesten. Dietrich. Brauchst ja keine Angst zu haben. Wolf (bei Seite zu Dietrich) . Sollte der Kerl was erlauscht haben? Dietrich. Das war' des Teufels! – (zu Casperl) Bursche, laß dir was sagen. (Zieht den Dolch) Siehst du den blanken Stahl? Casperl (auf die Kniee fallend) . O ich bitt, ich bitt! Ich weiß gar nichts! ich bin unschuldig; ich hab nix gseh'n und nix ghört. Dietrich. Ich will's hoffen –– sonst! (mit dem Dolch drohend) jetzt merk dir's. Wir bedürfen des Wegweisers nicht mehr; denn wir finden allein auf die Falkenburg. Du kannst heim geh'n. Wolf. Wir danken für deine Mühe. Casperl. O ich bitt, ist recht gern gescheh'n, außerordentlich gern. Im Gegentheil ich bitt um ihren Segen, denn Hochdero sind ja fromme Pilger. Dietrich. Unsern Segen kannst du haben; der soll dich wieder heimgeleiten. Verstehst du? und der edlen Frau Rosalinde entrichte unsern ergebenen Gruß, und die frommen Pilger – verstehst du? – (droht mit dem Dolche) laßen für die gnädige Herberg und Geleitgebung danken; hörst du? – und die frommen Pilger sagen dir jetzt: gehe still nach Haus und halte deine Zunge im Zaum; sonst könnten dir die frommen Pilger einmal einen absonderlichen Segen geben, (mit dem Dolche drohend) So – und jetzt fahre ab. Casperl. Hab' Alles verstanden. Ich wünsch' glückliche Reis! (läuft davon) Dietrich. Ha, ha, ha! das war 'n Spaß mit dem Hasenfuß. Ich wette, der läuft in Einem Athemzug bis Hohenburg aus Angst und Schrecken. Wolf. Wenn der Kerl aber plaudert, so sind wir verrathen. Dietrich. Und wenn auch? was thät's? Es ist nicht mehr die Zeit dazu, daß Ritter Theobald von der Hohenburgerin gewarnt werde oder gar daß sie ihm irgendwoher hinter unserm Rücken her Hülfe zubrächte. Wolf. Hast recht! aber laß uns aufbrechen, damit wir noch bei Zeiten auf Falkenburg kommen. Dietrich. Ja, Bruderherz. Diese Nacht wird's wieder'n Fest für uns geben und dem edlen Herrn Theobald soll's bald vergehen, daß er uns nit gewähren läßt. Komm, gehn wir! (Beide ab.) Ende des zweiten Aufzuges. III. Aufzug. Zimmer auf Hohenburg (wie im zweiten Aufzuge.) Frau Rosalinde. Emma. Emma. Wo nur der Caspar so lange bleibt. Er könnte längst wieder zurück sein. Rosalinde. Ei, weißt ja, daß der gute Bursch entweder plaudert, trinkt oder schläft. Vielleicht hat er sich auf dem Heimweg unter einen Baum gelegt und schläft bis ihn die Nachtluft weckt oder – Emma. Er sitzt in der Waldschenke und plaudert bei einem Becher Neckarwein mit dem alten Hans. – Was wird wohl meine liebe Agnes jetzt machen? Rosalinde. Sie wird mit Frau Ottilie im Ziergärtlein sitzen, etwa spinnen oder sonst was arbeiten. Emma. Und Ritter Theobald wird vielleicht auf die Jagd geritten sein und einen schönen Hirsch erlegen. Rosalinde Ja wohl! wie mein guter Adalrich auch that. Wie freuten wir uns immer auf seine Heimkehr! Emma. Wie oft brachte mir der liebe Vater einen schönen Strauß Waldblumen heim, oder seine Jagdtasche voll süßer Beeren! Der gute Vater! Wir haben ihn nicht mehr! Rosalinde. Der liebe Gott hat ihn zu sich gerufen und in seinen heiligen Willen haben wir uns zu ergeben. Danken wir ihm aber auch, daß er uns an Ritter Theobald einen so wackeren Freund und Schutzherrn gegeben hat. Casperl, tritt noch zitternd eiligst ein. Emma. Ah, da kömmt der Caspar! Casperl. Da – da – da bin ich! Ja da – da – da bin ich. Rosalinde. Was hast du denn? Du bist ganz außer Athem und zitterst. Casperl. Glaub's gern! Da soll Einer nit bittern und zeben. Ich bin schon halb verstochen und zermalmt. Rosalinde. Oho? was ist dir denn geschehen? Casperl. Furchtbar! furchtbar! erschrecklich! unerhört! grausam! mörderisch! cannibalisch – – Rosalinde Nun–nun! Du bist ja doch noch am Leben. Casperl. Ja aber wie? Wenig hätt's gfehlt, so wär' ich maustodt nach Haus gloffen. Emma. So sag einmal: Was ist's denn eigentlich? Casperl. Ja, das geht nit so gschwind. Das ist eine fürchterliche Geschicht von einer Gschicht. Rosalinde (wird ungeduldig) Nun so komm' zum Zweck! Casperl. Ja, nit Zweck, sondern Zwick, Zwick hätt's bald gheißen. O gnädige Frau! das war eine Lebensgfahr, die ich ausgstanden hab! Das wär'n mir die rechten Pilger! Die frommen Männer sind Spitzbub'n! Räubergsindel! Heut Nacht wolln's dem Herrn Ritter Theobald seine Burg abbrennen! Rosalinde. Gott im Himmel! wär's möglich! Casperl. Ja nicht nur möglich, sondern gewiß. Die Pilger wollen den andern saubern Kameraden in der Nacht 's Thor aufsperren. Nacher wird zuerst Alles umgebracht und abgemuxt, nachher was nit umgebracht worden ist Alles gstohlen und g'raubt, und zum Schluß wird das Übriggebliebene in Feuer aufgeh'n! Und mich haben's auch schon halb abgemuxt (in tragischem Tone) Die Spitze des mörderischen Dolches war schon gegen meinen Busen gekehrt und ich wäre ein Opfer räuberischer Blutgier geworden, hätte mich nicht meine Geistesgegenwart, mein energischer Muth, meine Kouraschi gerettet; denn ich bin gleich davongloffen. Emma. Aber wie hast du das schreckliche Vorhaben erfahren ? Casperl. Gfahren sind wir nit, aber dag'legen sind wir im Wald und da haben die Spitzbub'n gemeint, ich schlaf, und haben die Spitzbuberei miteinander ausgemacht. So – jetzt wissen S' Alles. Rosalinde. Erschreckliches Vorhaben! Ritter Theobald und die Seinen sind also verloren. Es ist zu spät sie zu warnen. Emma. Schon wird's Abend. Ein Bote würde Falkenburg nicht mehr erreichen; und wenn auch – die Außen heimlich Gelagerten würden ihm wohl am Zutritt hindern. O weh, weh! Rosalinde. Ich möchte verzweifeln! die Armen nehmen in diesem Augenblick vielleicht die verrätherischen Pilger gastlich auf und haben von ihren schauderhaften Absichten keine Ahnung. Emma. O Mutter, Mutter – was anfangen? Casperl. Anfangen? – Ja was ist da anzfangen? Ich hab'en Höllendurft von der körperlichen und geistigen Anstrengung; ich muß trinken! Rosalinde. Geh, geh – laß uns allein, unausstehlicher Bursch! Casperl. Gehorsamer Diener; wenn's was brauchen, so bin ich gleich wieder da. (ab.) Emma. Liebe Mutter; du bist eine so kluge Frau, fällt dir denn Nichts ein, unsere Freunde zu retten? Rosalinde. Du selbst hast ja der Unmöglichkeit erwähnt, sie vor der nahen Gefahr zu warnen. Nichts bleibt uns, als uns zum himmlischen Vater zu wenden, und zu beten. Vielleicht sendet er uns em Mittel. Emma. (auf den Knieen.) O lieber Gott, lieber Gott hilf uns! Schick' uns Rath und Trost, den Edlen zum Heil! (Die Taube welche in einer Ecke des Zimmers gesessen, stiegt auf Emma's Hand.) Die Taube, die Taube! Rosalinde. Gott hat dein Gebet erhört! Sie kann zum Rettungsmittel werden. Emma. Wie so, liebe Mutter? Rosalmde. Es ist bekannt, daß die Tauben, losgelassen von einem ihnen bekannten Orte zum anderen fliegen. Vielleicht fliegt sie in ihre alte Heimath nach Falkenburg zurück. Emma. O, wär' es so! Ich könnte ihr ein Brieflein an den Hals befestigen, welches die Warnung enthielte. Rosalinde. Recht,liebe Emma, also thu's. Schreibe rasch ein Zettelchen und laße das Täublein fliegen. Emma. So schnell als möglich soll's geschehen und wenn das Thier hoch in Lüften schwebt, wird es wohl bald seiner lieben ehemaligen Herrin, meiner guten Agnes zufliegen; und eine Taube fliegt in kurzer Zeit hinüber. Rosalinde. So kann die Warnung noch rechtzeitig ankommen. Gott schütze unser Unternehmen. (Beide ab.) Casperl (tritt ein.) Nun sind die Hungrigen gstillt und die Durstigen gelöscht. Ein halbes Pfund Kas ruht wohlversorgt in meinem Magen und schwimmt auf einem künstlichen Weiher, den ich durch ein paar Maß Flüßigkeit angelegt hab. Jetzt weiß ich aber nit, löst sich der Käs im Wein auf oder verschluckt Ersterer den Letzteren. Vielleicht legt sich der Wecken Brod in's Mittel, den ich auch verschlungen hab. Jedenfalls ist mein Magen so ein fleißiger Kerl, daß ich auf seine Bereitwilligkeit zählen darf, für das ihm Anvertraute gewißenhaft zu sorgen. Ich behaupt' halt fest, daß der Mensch mit seinem Magen der Mittelpunkt von der ganzen Welt ist. Ein Mensch ohne Kopf, der kann noch leben; denn wie oft sagt man: »der hat kein' Kopf, der ist kopflos, der ist hirnlos« und doch geht er noch dabei 'rum, der dumme Kerl. Allein das hab' ich noch nie ghört, daß man von einem Menschen sagt: »der hat kein' Magen. Beweis also, daß der Magen die Hauptsach' ist; denn wenn man nix mehr ißt oder trinkt – nachher ist die Comödi aus. Mit solchen Betrachtungen vertreib ich mir oft die Zeit. Schad, daß ich nit schreiben kann; aber das können ja sogar die wenigsten Ritter – also warum soll's nachher der Casperl glernt haben? Jetzt will ich aber doch nach der gnädigen Frau schau'n, ob's nix braucht. Und wenn's nix braucht, so leg ich mich auf's Ohr. (ab) Verwandlung. Zwinger auf Falkenburg, (wie im I. Aufzuge.) (Ritter Theobald tritt mit den zwei Pilgern ein.) Theobald. Ihr habt mir freilich keine gute Botschaft gebracht, aber darum seid nit minder willkommen und liebe Gäste. Mein armer Bruder ist also todt! 's ist mir nur Eins dabei leid, daß er nicht im Kampfe gegen die Ungläubigen gefallen, sondern auf elendiglichem Siechbette sterben mußte. Dietrich. Aber, edler Herr, er hat das Seinige doch gethan. In vielen Kämpfen hat er das Kreuz vertheidigt und seinen edlen Leib deckte manche Wunde, die er im Streit wider die Erzfeinde erhielt. Wolf. Hab oft neben ihm im Schlachtgetümmel gestanden. Einmal hieb er einen Türken mitten durch und durch vom Sattel seines Rößleins herab. Hab's selbst mit eigenen Augen gesehen. Theobald. Er führte einen guten Hieb und sein Arm war stark. Dietrich. Ueberall war er vorndran auf seinem lustigen Schimmel; überall war er der erste, wenn's galt. Theobald. Schade um sein theures Leben! doch – wie Gott will! Nun ist er selig verstorben. – Aber Ihr werdet müde sein. Ihr bleibt doch die Nacht bei mir. Ein gutes Lager sollt ihr finden und jetzt geht da hinein in die Kellerstube; man wird Euch den Imbiß geben. Dietrich. Wenn Ihr erlaubt, edler Herr, so wollen wir Eurer freundlich Herberg genießen und morgen mit dem frühesten wieder aufbrechen. (Die Pilger ab.) Theobald. 's wird schon spat. Die Sonne ist längst hinunter. Ich will zu den Frauen geh'n zum Nachtmahl. Mein armer Bruder! wo bist du jetzt wohl? Gewiß im gelobten Lande da oben, bei den edlen Rittern und Heiligen, die für Gottes Wahrheiten gekämpft und gestritten haben und zu Gottes Ehre gefallen sind, um wieder aufzustehen zur ewigen Herrlichkeit. Agnes (eilt herein die Taube auf der Hand.) Vater, Vater! da sieh! Eben flog mein Täublein durchs Fenster zu mir herein und hat ein Zettlein am Halse gebunden. Theobald. Ei, vermuthlich mit fröhlicher Botschaft von deiner Freundin Emma! Gutes Thier! hast den Weg wieder heimgefunden. Da könnt ihr Mädchen euch Botschaft hin und hersenden, wie ihr wollt. Agnes. Wunderbar, wie klug doch so ein kleines Thier ist! Da ist der Zettel; liest selbst, lieber Vater. Theobald. Laß sehen! Kaum ist's noch hell genug zum lesen: (er öffnet den Zettel und liest.) »Gott zum Gruß! möge das Täublein den »Weg zu Euch, Ihr Lieben, gefunden haben. »Habt Acht! die beiden Pilger, die Ihr jetzt »wohl schon beherbergt, sind verkleidete Raubgesellen. »Sie wollen in dieser Nacht, wenn »Ihr im Schlafe liegt, ihre Genossen in die »Burg einlassen, Euch bewältigen, ermorden »und Falkenburg in Brand stecken. Gott schütz' »Euch! Eure Getreuen, Rosalinde und Emma »auf Hohenburg.« Schändlicher Verrath! – Gott sei gelobt für die Warnung, für die Rettung! Emma.[? Agnes] Herr im Himmel! in welcher Gefahr schwebten wir! Theobald. Nur still, Emma! laß dir nichts anmerken. Geh zur Mutter; bleib mit ihr im Kemmenat. Ich werde jetzt alles anordnen. Zunächst sollen die beiden Mordbuben gebunden werden; und die Andern werden wir Nachts schon gehörig empfangen. Emma.[? Agnes] Welche Angst habe ich, lieber Vater! Theobald. Brauchst nit Sorge zu haben; 's wird Alles gut geh'n! dem Täublein aber binde ein Zettelchen um, in welchem die Kunde geschrieben, daß wir die Warnung erhalten und Gott danken und den Freundinnen. Dann laß es wieder fliegen, damit es wieder nach Hohenburg schwebe. (Beide ab.) ( Dietrich und Wolf kommen aus der Kellerstube.) Wolf. Der Trunk war gut, Herzbruder! Dietrich. Hat mir auch geschmeckt; morgen aber soll er uns noch besser munden, wenn wir Herren im Keller sind. Wolf. Noch ein paar Stunden – und der Tanz geht los. Dietrich. Wenn Alle schlafen, schleichen wir uns in's Stüblein des Thorwarts. Der ist bald abgemuxt. Dann das Seitenpförtlein geöffnet für die Andern draußen. Hab schon einen Pfiff vorher gehört, das Zeichen, daß sie unten in den Büschen lagern. Wolf. Aber wie kommen wir zuerst aus unsrer Schlafkammer? Dietrich. Ist ja zunächst da drüben und die Thür geht gleich in den Zwinger heraus. Aber jetzt laß uns wieder hineingehen, damit sie nichts merken. Trink den Knechten nur tüchtig zu. Der edle Herr Theobald laßt's heute den frommen Pilgergästen zu Ehren nicht an Wein fehlen. Ha, ha, ha! wüßt' er, wie's mit ihm steht, wind' er freilich aus einem andern Fäßlein zapfen! ( Theobald stürzt mit einigen Knechten herein, die über die Pilger herfallen.) Theobald. Und ihr, Halunken, wißt nicht, wie's mit Euch steht. Dietrich und Wolf (höchst betroffen) Was gibts, was wollt Ihr von uns? Theobald (zu den Knechten). Legt sie in Fesseln und werft sie in's tiefste Verließ. Hab ich euch, fromme Pilger? Her mit den Dolchen, die ihr verborgen habt und stille, keinen Lärm gemacht, damit Eure sauberen Gesellen draußen nichts hören – oder ihr werdet zur Stelle niedergemacht! Dietrich. Verflucht! jetzt ist's zu End' mit uns! Theobald. Ich kenne dich, trotz deines falschen Bartes, Spitzbube; du bist der schwarze Dietrich. Der Krug geht zum Brunnen bis er bricht. Fort mit euch! Morgen werd' ich Gericht halten über euch kraft des mir von Kaiserlicher Majestät verliehenen Rechtes, Urtel zu sprechen über Eures gleichen; und die Abendsonne bescheint wohl den Galgen an dem ihr baumelt. Fort in's Verließ! (Knechte fühlen den Dietrich und Wolf ab.) Theobald. Das Eine wäre geschehen und das Zweite soll nicht mißlingen. ( Ottilie und Emma[? Agnes] stürzen herein) Ottilie. Sie sind gefangen! Theobald. Und morgen gehangen! Ottilie. Gott sei gelobt für die Rettung. Theobald. Fürwahr! 's ist beinah ein Wunder! Aber jetzt geht ruhig in die Schlafkammer. Fürchtet euch nicht. Wenn's an der Zeit ist, soll das Pförtlein geöffnet sein und die Raubgesellen werden von meinen Knechten empfangen werden, wie's ihnen gebührt. Emma[? Agnes] Und morgen, nicht wahr, lieber Vater, dürfen wir gen Hohenburg reiten, um unsern Freundinnen zu danken. Theobald Gewiß, liebes Kind! und vor Allem soll auch das Täublein geehrt sein; denn wie einst eine Taube dem Noah Rettung verkündet, so hat sie auch uns heute den Oelzweig der Rettung gebracht. Der Vorhang fällt. IV. Aufzug. Zimmer auf Hohenburg. Die Taube sitzt in einem Käfig. Casperl. O du allerliebstes Thierl? Jetzt bist auch schon wieder bei uns da. Du bist ja so gscheid wie a Mensch. Gestern bist mit en Brief nach Falkenburg gflogen und heut fruh bist schon wieder bei uns gwesen, auch mit am Zetterl um dein Kropferl: Lied. Ja, wenn nur ich so Täuberl wär, Ich flög halt allweil hin und her, Von einem Wirthshaus zu dem Andern Könnt' ohne müd zu werd'n ich wandern. Zwei Flügel'n stunden mir nit schlecht, Die wären grad fürn Casperl recht, Ein Flügel hint' der andre vorn', Und mitten drin zwei lange Ohr'n. So' a Vogel müßt' den Leuten all'n Als Rarität besonders gfall'n, Ich flög ganz taubensanft geduldig Und blieb die Zechen überall schuldig. Denn, wenn es hieß: »jetzt Casperl zahl,« So flieget ich halt jedes Mal Zum Fenster 'naus als wie die Tauben Grad übern Wirth sein' Zipfelhauben! Weil ich aber keine Tauben bin und auch nit zwei Flügel hab, sondern nur zwei Füß, die sogar gewöhnlich etwas bleiern sind, wenn ich aus 'm Wirthshaus geh, so trifft mich immer die Unannehmlichkeit, daß ich meine Zech zahlen muß oder, wenn nicht, daß ich meine Tracht Schläg krieg, an die aber mein Buckl schon so ziemlich gewohnt ist. No, ich bin nur froh, daß aus der grausamen Gschicht beim Ritter Falkenburg nix word'n ist und daß die ganze Räuberbagage ihren Theil kriegt hat. Jetzt woll'n wir aber e bißl in den Keller schau'n! Ich hab die Tauben futtern müssen, billigermaßen darf also derjenige welcher auch nach seinem eigenen Futter schau'n! (ab.) Rosalinde und Emma . Emma. Wie glücklich bin ich, liebe Mutter! Rosalinde. Und wie zufrieden bin ich, liebes Kind, daß die Taube zu rechter Zeit nach Falkenburg kam! Emma. Und uns am frühesten Morgen schon die Botschaft zurückgebracht, daß der schändliche Anschlag des schwarzen Dietrichs und seiner bösen Gesellen vereitelt wurde. Rosalinde. Ja, Gott sei es gedankt. So eben brachte mir ein reitender Bote auch noch die freudige Nachricht, daß Frau Ottilie mit Agnes diesen Mittag zu uns reiten werden, daß sich's aber der edle Ritter Theobald vorgenommen, diesen Morgen noch mit seinem Troß gegen Ulrich von der Wart auszuziehen, um ihn wegen des Unrechtes zur Rede zu stellen, das er gegen mich auszuführen vor hat. Emma. Der herrliche, edle Mann! Wolle Gott sein gerechtes Vorhaben schützen! Rosalinde. Er wird es! Er wird den Verfechter einer so gerechten Sache, wie die meine ist, nicht besiegen lassen. Dieß ist mein festes Vertrauen. Laß uns aber in die Kapelle geh'n, um im innigsten Gebete den lieben Gott anzustehen, daß der edle Ritter Theobald unversehrt den Kampf mit Ulrich von der Wart bestehe. Emma. Ja, liebe Mutter; ich will von Herzen beten. Rosalinde. Dann bereite Alles zum fröhlichen Empfange der Frauen, daß sie guten Imbiß bei uns finden. Emma. Wie du befiehlst, liebe Mutter (Beide ab.) Verwandlung. Freie Gegend vor der Burg Hohenwart. Burgthor mit Mauern umgeben. Ritter Theobald , geharnischt, tritt mit Reisigen ein. Ein Knappe mit einem Hüfthorn. Theobald. Wohlan, hier bin ich nun, Recht zu üben über einen Frevler. Sollte Ulrich nicht auf den Zweikampf eingehen, zu welchem ich ihn fordere, so seid bereit auf das Schnellste meine Befehle zu vollziehen. Auf mein Zeichen sollen zwanzig Knechte vom Rücken her die Burg ansteigen. Pechfackeln werft in die große Scheune links drüben. Achtzehn Knechte greifen zur linken an, und ich an eurer Spitze will dieses Thor berennen. Die andern zwölf mögen sich vertheilen, um dort beizuspringen, wo Gefahr ist. Jetzt, Bodo, stoß in's Hüfthorn. Knappe tritt gegen das Burgthor und stößt in's Hörn. Hornruf aus der Burg als Antwort; bald darauf erscheint der Thurmwart auf den Zinnen. Thurmwart. Wer stößt in's Horn und ruft mich auf die Warte? Theobald. Ich bin es: Ritter Theobald von der Falkenburg, deinen Herrn, Ritter Ulrich von der Wart schweren Unrechts anzuklagen, das er gegen die Hohenburgerin im Schilde führt. Thurmwart. Ich muß die Botschaft meinem Herrn bringen, daß er euch darauf antworte. (verschwindet von der Zinne) Theobald. Geh, geh! sag's deinem Herrn! Es drängt mich, dem Elenden seine Schmach in's Gesicht zu sagen. – Hört's: Sollte ich im Zweikampfe fallen, so thut dennoch was ich euch vorher befohlen habe. Steckt die Burg in Brand und rächt mich! (Ritter Ulrich erscheint auf den Mauern.) Ulrich. Hier bin ich, Falkenburger! Was willst du von mir? Theobald. Der Wittib von Hohenburg will ich ihr gutes Recht verschaffen, die du auf schmähliche Art bedrängst und um ihr Eigenthum bringen willst. Ulrich. Ich will nur, was mir gebührt. Theobald. Nichts gebührt Dir von der Hohenburgerin Gut und Land. Zeuge war ich selbst, wie das Reichsgericht Dich zu Recht verwies und das Eigen der Hohenburgerin frei erklärt. Aber die Urkund davon ließest Du durch einen treulosen Diener der verlassenen Wittib vernichten oder stehlen. Das ist eines Ritters unwürdig. Wenn Du aber nicht ablassen willst von schmählichem Vorgehen in dem schlechten Handel,so mögest Du zuvor mit dem Schwert kämpfen in ritterlichem Zweikampf mit mir. Ulrich. Laß Dein Schwert in der Scheide! Was immer Ulrich von der Wart thun will, das ist seine Sache. Was geht Dich der Handel an, den ich mit der Hohenburgerin hab? Theobald. Darum geht's mich an, weil ein ehrlicher Ritter sich der armen Wittwen annehmen soll, um ihnen ihr gutes Recht zu verschaffen. Unter dem blauen Himmel da werf ich Dir den Handschuh hin und fordere Dich Ritter Ulrich von der Wart auf Leben und Tod zum Kampfe. (wirft den Handschuh hin.) Ulrich. Ich hebe Deinen Handschuh nicht auf. Was soll ich um eitel Thorheit streiten; besser ist's, daß demnächst meine Knechte auf Hohenburg einkehren, wenn die stolze Frau Rosalind sich nicht fügen will. Theobald. Elender! Schande ist's, daß Du den edlen Namen deiner Vorfahren tragst; du bist einem schlechten Wegelagerer gleich; einen Gaudieb muß ich dich schelten und zu viel Ehre hätte ich dir angethan, wenn dich mein Schwert berührt hätte. Du gehörst an den Galgen. Ulrich. An deiner Predigt liegt mir wenig. Komm ein andersmal, wenn du willst. Ich gehe zum Mittagstrunk und laß mir's einstweilen munden. Gott befohlen! (verschwindet von der Mauer.) Theobald. Gift in deinen Becher und Galle in deinen Imbiß! Auf, ihr Knechte, an'S Werk! (Der Knappe stößt in's Horn.) ( Theobald führt die Reisigen gegen die Burg, welche zu brennen anfängt) Verwandlung. Zimmer auf Hohenburg. ( Fr. Rosalinde . Fr. Ottilie . Agnes und Emma treten ein.) Rosalinde. Tretet ein, edle Frau. Wie freue ich mich, Euch und Agnes als liebe Gäste zu begrüßen. Ottilie. Was müßen wir Euch Alles danken! Eure Klugheit und Theilnahme hat uns gerettet. Ohne Euch hätten wir diesen Tag nicht mehr erlebt oder wären den schändlichen Räubern preis gegeben. Agnes. Mein Vater wäre verloren, all unser Liebstes zerstört oder geraubt! Emma. Das habt Ihr zunächst dem klugen Täubchen zu danken; denn hätte dieß nicht den Weg zu Euch gefunden, so hätten wir mit dem besten Willen doch nichts vermocht. Rosalinde. Was Täubchen! – Hätte der liebe Gott uns nicht den Einfall gesandt, hätte Er nicht den Flug der Taube gelenkt, so wär't Ihr zum Opfer gefallen. Auf die Mittel kömmt's nicht an; wir waren nur das Werkzeug der göttlichen Führung, die Alles zu unserm Beßten lenkt. Aber wir sind noch nicht am Ende; denn um meinetwillen hat sich Euer edler Gemahl – kaum einer Gefahr entronnen – in eine neue begeben. Während wir hier glücklich Ueberstandenes besprechen, schwebt vielleicht des Feindes scharfes Schwert über seinem Haupte! Ottilie. Dergleichen sind wir Rittersfrauen ja gewohnt, wie oft zieht Theobald aus und läßt mich in der Herzensangst zurück, ob er wieder lebend heimkehre oder ob sie ihn, eine Leiche – mir wiederbringen. Agnes. Aber dießmal, Frau Rosalinde, ist's als ob ein Engel uns alle Bangigkeit genommen hätte. Mein Vater wird siegen, Euch zu lieb, edle Frau, die Ihr uns gerettet habt. Rosalinde (tritt ans Fenster.) Seht! dort ragt der Thurm der hohen Warte aus dem Tannengrün heraus. Auf dem nächsten Pfade reitet Einer in einem halben Stündlein hinüber und darum bin ich ja keines Augenblicks sicher, daß der böse Ritter Ulrich mich überfällt. Ottilie. Wohl ist Euch die Gefahr nahe; denn dort haust ja der Wolf in seiner Höhle. Doch wie? seht Ihr nichts? da steigt ja Rauch auf! (Die Mädchen eilen auch zum Fenster.) Agnes. Ihr täuscht Euch nicht! Ein dicker starker Qualm wirbelt hoch auf! Emma. Die Hohenwarte steht in Flammen! Rosalinde. Herr im Himmel! schütze meinen Theobald! Agnes. O seht, wie des Thurmes Dach schon lichterloh brennt! Ottilie. Dort sprengt ein Reiter aus dem Walde heraus! Agnes. S' ist einer von den Unsrigen! ich erkenn' ihn an der weißen schwankenden Feder auf der Blechhaube. Emma. Er kömmt näher und schwingt ein Tüchlein. Agnes. Hannes ist's, des Vaters Leibknappe! Ottilie. Schon ist er da! Er wirft sich vom Gaul und führt ihn hinter sich über die kleine Brücke in den Zwinger. Ihr Heiligen im Himmel! was wird gescheh'n sein? Rosalinde. Seid getrost, Frau Ottilie; wär's nicht freudige Botschaft, so hätt' er kein Tüchlein in Händen geschwenkt. Hannes (tritt rasch ein). Frohe Botschaft, ihr edlen Frauen! Ulrich von der Wart ist zur Hölle gefahren! Unser theurer Ritter aber wird gleich hier sein. Die Frauen (Die Mädchen fallen auf die Kniee.) Gott sei gepriesen! Otilie. Erzähle rasch: wie war's? Hannes. Als mein Herr vor die Warte zog und den Ulrich auf die Zinnen rief, forderte er ihn zum Kampfe auf Leben und Tod. Aber der von der Warte höhnte den edlen Ritter Theobald und ließ sich nicht an. Da stürmten wir gen die Burg von allen Seiten. Die drinnen wehrten sich gut auf den Mauern; da aber der rothe Hahn durch die Unsern einmal auf's Dach gesteckt war und es von zwei Seiten hell aufloderte, ging's bald besser; denn ein Theil von ihnen wollte das Feuer löschen. Mittlerweil sprengten wir ein Pförtlein. Nun war's vorbei. Ritter Theobald sprang gleich über die innere niedere Mauer, wir nach. Ulrich fiel aus einem Hinterhalt über den Ritter her; der war aber gefaßt und gab ihm mit dem Schwert eine so blutige Maulschell, daß Ulrich umsank und seine Seele zum Teufel fuhr, so Gott will. Da ward's auch bald ein Ende und wir hatten die Burg. (Hornstoß von außen) Ritter Theobald! Er war gleich mit mir geritten; aber da er am Arm was weggekriegt, mußt' er sich noch ein bißl verbinden lassen. Hat aber weiter nichts zu sagen; dergleichen ist er ja gewohnt. Rosalinde. Also ist doch sein edel Blut für mich geflossen! Emma. O, laßt's Euch nicht kümmern! (Die Thüre öffnet sich. Theobald tritt ein) ( Ottilie und Agnes ihm entgegen und hängen sich an ihn) Theobald. Da bin ich! Unser Herrgott hat gerichtet! Rosalinde (ihm die Hand drückend.) Aber Ihr seid der Engel, den er zur Rettung gesandt! Emma. Edler, theurer Ritter! Theobald (zu Rosalinde). Nun, edle Frau, könnt Ihr ruhig sein. Was Euer ist, bleibt Euch gewahrt und die Warte, die ich in gerechtem Kampf, erobert, fällt mir zu; denn Niemand hat darauf einen Anspruch. Euch aber überlaß ich sie als Aussteuer und Mitgift für das Edelfräulein Emma. Möge sie bald ein wackrer Ritter heimführen. Und so wolle fortan Gott Alles zum Guten lenken! Der Vorhang fällt. Muzl, der gestiefelte Kater. Mährchen in 3 Aufzügen. Personen. Der Herzog. Prinzessin Rosalinde , dessen Tochter. Signor Gummielastico , Kammerherr des Herzogs. Der Oberstjägermeister des Herzogs. Doctor Kali , Leibarzt des Herzogs. Der Wiesenbauer . Hans , Peter und Casperl , Müllersöhne. Lüpel , ein furchtbarer Riese. Kater Muzl , eigentlich Professor Katzengold. Ein Hoflakai. Ein Mülleresel. l. Aufzug. Stube in einer Mühle. Wiesenbauer. Hans. Peter. Casperl. Wiesenbauer. Also – euern guten Vatern habn wir gestern begraben, tröst'n Gott. Ihr habt's Nix gspart, um ihm die letzte Ehr z' erweisen. Allen Respekt! Das Todtenmahl hat sich gwaschen und euer Vater tröst'n Gott, hätt gwiß sein Freud dran ghabt, wenn er's selber derlebt hätt. Ich hab nit leicht so an guten Affenthaler trunken und 's Voressen war ja, als wenn's die Engel im Himmel kocht hätt'n! Also – enka Vater (tröst'n Gott, daß er gstorben ist) enka guter Vater hat mir, als dem Gemeindvorsteher und zugleich sei'm alten Schulkameraden und Freund schon vorigs Jahr die Schrift geben – jetzt merkt's auf, Buabn! – und hat gsagt zu mir: »Wiesenbauer da gib ich dir die Schrift; die hebst mir auf bis ich gstorben bin (tröst'n Gott enkan Vätern). Das ist mein letzter Willen und bal' i gstorb'n bin und begraben, nacher laß'st meine drei Buben z'samköma und lest' ihna das Testament vor und was drin steht dabei bleibts. Und jetzt bhüt dich Gott hat er gsagt, enka Vater, trösl'n Gott, und ist zur Thür naus.› Hans (weinend.) Der gut Vater, wenn er nur noch leben that! Peter (weint.) Ja, tröst'n Gott, das war a braver Mann und a guter Vater. D' Mutter hat's a immer gsagt, wie's noch glebt hat, daß er so brav ist, wenn auch prügelt hat. Casperl. Jetzt ist's vorbei, also lamentirt's nit a so und laßt's 'n Wiesenbauer lesen, was der Vater gschrieben hat Wiesenbauer. Also setzt's Enk z'sam um den Tisch rum und merkt's auf. (setzt Brillen auf und liest:) »Damit's keinen Disputat gibt und keinen Prozeß, wenn mich der Allmächtige aus dem irdischen Leben abberufen hat, so verordne ich Stephan Mehlstaub, Müller allhier, als meinen letzten Willen über mein frei eigenes Anwesen und sonstiges Eigenthum, wie folgt: Erstens: Der Hans und der Peter übernehmen das ganze Mühlanwesen und Alles was dazu gehört, bis Einer von ihnen heirathet, nachher soll er den Andern hinauszahlen mit 3000 fl. Zweitens: Der Casperl kriegt den alten Kater Muzl und 5 fl. Capital auf d' Hand. Und zum Schluß geh' ich euch meinen väterlichen Segen.« Unterschrieben: »Stephan Mehlstaub. Als Zeugen: Martin Huber, Tonibauer. Joseph Majer, Waldbauer; bestättigt vom Landgericht.« Da habt's es, jetzt wißt's wie's dran seid's. Hans. Mir ist's recht. Gelt Peter, wir werd'n schon gut mitenand hausen? Casperl. Mich hat der Vater am besten bedacht. Der Muzl war mir so das Allerliebst im ganzen Haus und fünf Gulden sind auch nit schlecht. (weint.) Peter. Was flennst, Casperl? Der Vater, tröst'n Gott, wird sich halt gedacht haben, du bist der Gscheitst von uns; du wirst dir schon durch d' Welt helfen. Casperl. Und warum nit? Mein' Kopf hab' ich auf'n rechten Fleck und das Ander werd'n wir schon seh'n. Wiesenbauer. Mein Gschäft ist abgemacht. Der Willen Eures Vaters, Gott tröst'n, wird euch heilig sein: also bhüt Gott. Ich muß zum Essen z' Haus; die Bäurin wird schon auf mich warten. Hans und Peter. Bhüt Gott, Wiesenbauer! (Wiesenbauer ab.) Peter. So, und jetzt mach, daß d' aus'n Haus kommst, Casperl; da hast deine fünf Gulden und vergiß fein dein Muzl net. Hans. Den kannst um's Geld seh'n lassen! Bei uns darfst nimmer bleiben und du hast dein Sach; mach nur daß d' aus'n Haus kommst. (Beide ab.) Casperl (allein) Jetzt hab ich mein' Theil. Den Kater Muzl und 5 Gulden. Wenn mir der Vater nur wenigstens auch unsern Mülleresel vermacht hätt', so könnt' ich doch auf dem durch d' Welt reiten; aber der muß die Mehlsäck aus- und eintragen. Was fang ich aber an? Casperl, nimm dich z'sam! (Muzl knurrt unter der Ofenbank.) O mein Muzl, gelt? du denkst dir halt, wir verhungern alle zwei? Muzl. Casperl! Casperl. Oho, wer red't denn da? Muzl. Casperl, ich bin's. Casperl. Du bist's? Ja wer bist denn du du? Muzl. Dein Freund Muzl. Casperl. Halt mich zum Narren! Muzl (hervorschleichend.) Nein, Casperl, ich bin derjenige, welche – Casperl. Aber Muzl, kannst denn du deutsch reden? Muzl. Nicht nur, sondern auch. Merke auf, was ich dir sage und habe keine Angst. Casperl. No, brav! das ist ja eine Hexerei. Muzl. Du kanntest mich bisher nur als den Kater Muzl. Während die Andern mich herumstießen und durchaus nicht respektirten, wie man, auch ohne ein Mitglied des Vereins gegen Thierquälerei zu sein, einen respektablen Kater aus altem Geschlechte achten sollte, hast du mich mit besonderer Rücksicht behandelt. Dafür bin ich dir dankbar. Casperl. Aber, aber! was ist denn das? Muzl. Unterbrich mich nicht, sonst vergesse ich, was ich dir sagen wollte; mein Gedächtniß ist etwas geschwächt und meine Sprachorgane sind außer Uebung, weil ich so lange nichts gesprochen habe. Höre: Ich bin eigentlich von Geburt aus nicht der Kater Muzl, sondern der Magier und Chemicus Professor Katzengold. In Folge meiner wissenschaftlichen Studien und chemischen Experimente hatte ich die Entdeckung machen wollen, daß nicht unser Herrgott die Welt erschaffen hat, sondern daß sie aus der bloßen Naturkraft von selbst entstanden ist, worüber alle Leute sehr erstaunt wurden und mich als einen höchst berühmten Gelehrten bewundert haben. Nun wurde ich aber so stolz und hochmüthig, daß es mit mir kaum mehr zum Aushalten war. Eines Tages befand ich mich in meinem Laboratorium und experimentirte gerade darauf los, einen Menschen zu fabriciren, einen sogenannten homunculus\> , was schon der Doctor Theophrastus Paracelsus versucht hatte; da sprang plötzlich mit einem ungeheuern Knall die Retorte in Scherben und eine Stimme rief mir – Casperl. Was für a Stimm? Muzl. Eine mir gänzlich unbekannte Stimme rief mir zu: »Weh dir, Katzengold! Du bist ein Narr und »dein frevelhafter Hochmuth soll bestraft werden. »Du wirst von nun an in der Gestalt des Katers Muzl »auf Erden herumwandeln müssen und erst wieder »die menschliche Gestalt erhalten, wenn du den Rie- »sen Lüpel gefressen hast!« – Nun schwieg die Stimme; ich erwachte aus meiner Betäubung und befand mich als Kater in dieser Mühle. Das geschah schon zu Lebzeiten deines Großvaters. Denke dir die Verlegenheit und das unangenehme meinerseits! Casperl. Das ist a schöne Gschicht; aber a bißl lang hat's dauert. Muzl. Nun scheint es, daß meine Strafzeit bald abgelaufen sein soll; denn ich bin hinlänglich gedemüthigt und diese Nacht ging mir wieder ein Licht auf. Auf einem Strahle des Mondscheins las ich die Worte: Katzengold wach auf, wach auf! Lies heut aus der Sterne Lauf: Hast den Stolz du überwunden, Wirst der Strafe du entbunden. Diene nur dem Casperl treu, Wirst vom Katzenpelz dann frei! Und nun stehe ich dir zu Diensten, verfüge über mich. Vielleicht kann dir meine Katzenschlauheit nützlich sein. Casperl. Hast jetzt ausgredt? Muzl. Ja! Casperl. Was fang ich mit deiner Katzenschlauheit an? da werden wir alle zwei nit fett davon. Muzl. Vor Allem laß mir um deine fünf Gulden ein paar Stiefel machen, damit ich bequemer laufen kann; ich werde schon was ausspekuliren. Casperl. Ich möcht lieber was auspockuliren, aber probiren wir's, wenn du der Gescheitere bist und verlassen wir nun dieses mehlstaubige Haus und begeben wir uns in die freie Natur; da brauch ich doch keinen Staub zu schlucken, wenn's auch keine Mehlspeis gibt. Muzl. Zuvor aber zum Schuhmacher. Casperl. Ja, der Schuhmacher soll dir ein paar Stiefel machen. (Beide ab) Hans (tritt ein.) Also jetzt war ich der Herr im Haus – der Müller. Ich bin der ältere und der Peter muß mir in Allem folgen. Und wenn er nit parirt, so werd' ich 'n schon so cujoniren, daß er gern geht, wenn ich ihm das Seinige 'nauszahl. Und so hätt's eigentlich der Vater selig in's Testament 'neinschreiben sollen; denn zwei Herren thun niemals gut. Ich bin aber der ältere, also steht's mir zu, und heut werd' ich gleich s' Regieren anfangen. Zuvor geh ich aber in's Wirthshaus und trink a Maß Bier. (ab.) Peter (tritt ein.) Das gfallt mir net, daß der Vater – Gott tröst'n – die Sach in seim Testament nit glei richtig gmacht hat. Wir zwei soll'n jetzt mitanand Hausen. Das thut's net. Einer von uns muß naus aus'n Haus und ich will den Hans schon a so schicaniren, daß er gern geht, wenn ich ihm seine 3000 ft 'nauszahl und nachher bin ich allein Herr in der Mühl und so werd's wohl kommen müßen. Jetzt will ich aber zum Wirth geh'n und ein' Maß Bier trinken; nachher werd'n wir schon sehn, wie's weiter kommt. (ab) Der Mülleresel (tritt ein.) Jetzt bin i schon 12 Jahr Esel in der Mühl und bin alleweil zfrieden gwesen und der alt' Müller, Gott hab'n selig, hat mich auch recht gern ghabt und hat die Schläg an mir nit gespart; aber die neue Einrichtung will mir gar nit gfallen, daß ein jeder commandiren will. Tagt der Hans zu die Mühlknecht »schütt's auf,« – so schreit der Peter »hört's auf« Packt mir der Ein' die Mehlsack auf, so reißt mir's der Ander wieder runter; z'vor hat mich der alt Müller allein prügelt jetzt schlagen gleich zwei auf mich 'nein. Doppelte Schläg, aber nur ein einfachs Futter! das Leben halt ich net lang aus. Der Hans und der Peter sind in's Wirthshaus; ich will mir auch einmal einen lustigen Tag machen und im Krautgartl a bißt reviren, damit ich einen guten Bißen krieg; alleweil Disteln und alleweil Disteln – des wird mir auch z'monoton. Die Mühlknecht schlafen alle, denn die Herrn san nit z'Haus, also ist Niemand bei der Hand, der mich aus'n Gartl jaget und auf ein halbes dutzend Krautköpf geht's auch nit z'samm! (ab.) Verwandlung. Gemach im Palaste des Herzoge. ( Leibarzt und Gummielastico von zwei Seiten eintretend.) Gummielastico. Wie geht's dem Herzog, Herr Leibarzt? Leibarzt. Nicht am besten. Die Melancholie Sr. Durchlaucht will nicht weichen. Gummielastico. Aber, mein Theuerster, wozu sind Sie den Leibarzt, wenn Sie dem Nebel nicht steuern können? Leibarzt. Die Hypochondrie ist eine Krankheit, die oft nicht zu bezwingen ist, besonders bei großen Herren? Gummielastico. Ich bin kein Arzt und verstehe nichts von der Medizin, allein das habe ich doch immer gehört, daß diese Krankheit meistens ihren Sitz im Unterleib hat. Warum wirken Sie nicht auf die Verdauungsorgane Sr. Durchlaucht? Leibarzt. Als ob ich's nicht schon gethan hätte? Uebrigens muß ich Sie ersuchen, Ihre Weisheit zu sparen. Ich werde schon wissen, was ich zu thun habe und bedarf Ihrer Rathschläge nicht, Herr Kammerherr. Gummielastico. Sollte ich nicht den innigsten Antheil an dem Befinden unsers gnädigsten Gebieters nehmen? der ganze Hof trauert! Vergebens biete ich alles auf, um Se. Durchlaucht zu erheitern. Leibarzt. Da könnte ich nun ebenso Ihnen den Vorwurf machen: wozu sind sie Kammerherr und maitre du plaisir des Herzogs und vermögen nicht Höchstselben zu amüsiren? Gummielastico. Und ich könnte ihnen erwiedern: Sparen Sie ihre Weisheit. – Enfin , lassen wir das. Wie hat der Herzog diese Nacht geschlafen? Leibarzt. Geschlafen gut; allein erwacht mit denselben fixen Ideen, die ich ihm nicht aus dem Kopf bringe. Gummielastico. Der unwiderstehliche Appettit nach Caninchen und Rebhühnern! Leibarzt. Allerdings! Und jetzt – wo man durchaus weder Caninchen noch Rebhühner liefern kann, weil das Getreide auf den Feldern steht und Jäger und Hunde nicht umherstreifen dürfen. Gummielastico. Das ist sehr fatal, sehr fatal! die Bauern würden wohl nicht zulassen, daß man ihre Felder zertritt. Leibarzt. Natürlich; der Herr Oberstjägermeister ist in Verzweiflung; doch still – ich glaube Se. Durchlaucht kommen. (Der Herzog . Die Vorigen). Herzog. Wo ist mein Oberstjägermeister? wo ist er? Gummielastico. Ew. Durchlaucht – ich weiß es in der That nicht. Soll ich ihn vielleicht citiren? Herzog. Ich glaube der Kerl versteckt sich. Man verschwört sich gegen mich, man revolutionirt, man will mich morden! Gummielastico. Ich bitte Euer Durchlaucht unterthänigst, so Etwas nicht zu denken; der ganze Hof, das ganze Land ist Höchstselben ehrfurchtsvollst ergeben. Herzog. Schweigen Sie! Auch Sie sind ein Verräther. Sie nennen sich Gummielastico und man ist nicht einmal im Stande mit ihrer erbärmlichen Persönlichkeit einen Bleistiftstreich auszuwischen, geschweige daß sie mir zu etwas Anderm nützlich sind. Gummielastico. Geruhen doch Ew. Durchlaucht zu erwägen – – Herzog. Still! ich will nichts mehr hören. Ist es aber nicht unerhört, daß man mir sogar meine Leibspeise Kaninchen und Rebhühner vorenthalten will, um mich aushungern zu lassen? Ist dieß nicht offene Revolution? Leibarzt. Ich erlaube mir als hochdero ergebener Leibarzt zu bemerken, daß gerade diese Nahrung Euer Durchlaucht wohl nicht zuträglich wäre; denn Kaninchen und Rebhühner – – Herzog. (höchst erzürnt). Auch Sie gehören zur Verschwörung. Gerade Sie sind das Werkzeug, dessen sich die Revolution bedient. Was mir schmeckt, das ist mir auch gesund; und ich will einmal Rebhühner und Kaninchen; ich will , ich will und dabei bleibts! Fort aus meinen Augen, fort, alle zwei! Schicken Sie mir augenblicklich den Oberstjägermeister. (Gummielastico und Leibarzt unter Reverenzen ab.) Herzog. Schändlich, Schändlich! keine Kaninchen, keine Rebhühner! dieses unschuldige Vergnügen soll mir, dem Herrn des Landes, versagt sein! Es ist um toll zu werden! Jetzt habe ich meinem Volke erst vor zwei Monaten eine Verfassung gegeben! Ich rechnete auf allgemeine Zufriedenheit und doch fehlt es nicht an Wühlereien; selbst meine Leibspeisen will man mir nicht gönnen; es ist infam! Ich werde meinem Volke die Verfassung wieder nehmen. Ich will unumschränkt regieren! Ich will für meine eigene Constitution sorgen; ich will Rebhühner und Kaninchen! – – Aha! da kömmt mein perfider Oberstjägermeister. Nur herein da! Geben sie mir Rechenschaft – – Oberstjägermeister (trägt ein Kaninchen und ein paar Rebhühner.) Euer Durchlaucht ich bin der glücklichste Ihrer Diener! Höchstselben durchlauchtigster Wunsch ist erfüllt. Hier ein Kaninchen und zwei Rebhühner! Herzog. Was seh' ich mein Lieber? Ist es möglich? Woher diese treffliche Beute? bravo! bravo! – Ich sehe Sie sind ein treuer, wohlgesinnter Diener. Ich werde Sie belohnen. Sogleich ertheile ich Ihnen meinen Hausorden: den goldenen Stern erster Classe mit der grünen Schleife. Oberstjägermeister. Ich bin der Glücklichste der Sterblichen, die Zufriedenheit Eurer Durchlaucht erlangt zu haben. Mehr verlange ich nicht. Herzog. Nur gleich in die Hofküche mit diesen köstlichen Braten! Aber mein lieber Oberstjägermeister, sagen Sie mir, woher kömmt dieß Wild? Sie sagten mir doch, man könne jetzt weder Kaninchen noch Feldhühner schießen, weil die Felder nicht leer sind. Oberstjägermeister. Allerdings, Euer Durchlaucht, es ist so; allein ein fremder mir ganz unbekannter Jäger brachte die Beute soeben zu mir mit einer ergebensten Empfehlung vom Grafen Carabas, seinem Herren, welcher Kaninchen und Feldhühner Sr. Durchlaucht zu Füßen legen laße. Herzog. Ei! das muß ein ganz charmanter Cavalier sein, dieser Graf Carabas! Ich will ihn kennen lernen; ich will ihn tax- und stempelfrei zum Kammerherrn machen. Laden Sie ihn zur Hoftafel ein. Oberjägermeister. Der Leibjäger des Herrn Grafen bat sich sogleich wieder entfernt und sagte er werde, in kürzester Zeit wieder dergleichen Wildprät liefern, wenn es Ew. Durchlaucht genehm sei. Herzog. O sehr genehm, sehr genehm! – Nun will ich ein wenig spazieren fahren; dann zur Tafel. Ich bin ganz vergnügt. Heute soll Freitheater sein und Beleuchtung im Hofgarten. Adieu, adieu, mein lieber Oberstjägermeister! (Beide ab.) Verwandlung. Wald. Casperl. Das ist ein prächtiger Kerl, mein Muzl! hört der die Gschicht vom Herzog, daß der grad auf Kinihaseln und Rebhenneln versessen ist, nimmt einen alten Sack, legt 'n halb offen auf die Hasen und Rebhennelsteig und wenn so ein lieb's Thierl daher wuzelt, pumps zieht er den Sack zu und fangt Eins nach dem Andern! Ja so ein Kater ist halt a gscheit's Thier, besonders wenn er eigentlich nebenbei ein Mensch ist. Jetzt will ich nur sehn, was weiter gschicht. Da haben wir uns zsammenbstellt und der Muzl kann nimmer lang ausbleiben; aber schlipperment was kommt denn da für ein Mordskerl? ich muß mich verstecken und ein bißl lauschen. (versteckt sich.) (Der Riese Lüpel tritt ein. Phantastisch aufqepuzt mit einer großen Tabackspfeife und einem Prügel in der Hand.) Lüpel Ich bin der Riese Lüpel, wenn ihr's wissen wollt; ich bin ein Mordkerl; ich reiße die größten Bäume mit dem kleinen Finger aus; ich zertrete eine Compagnie Soldaten mit der großen Zehe; ich fresse ein ganzes Kalb auf dem Sauerkraut; ich dulde keinen Widerspruch; ich schlag Alles todt, wenn's mich freut; kurz ich bin die sogenannte rohe Naturgewalt; kurz: ich bin der Riese Lüpel. Aber obgleich ich der Riese Lüpel bin, so macht mir das Alleinsein auf meinem Zauberschlosse Langeweile und ich bin gesonnen zu heirathen. Prinzessin Rosalinde ist der interessante Gegenstand, auf welchen ich mein blaues Riesenauge geworfen habe. Sie und keine Andere muß mein sein! Aber wo bleibt mein Spion Gummielastico? Wenn er mich sitzen oder stehen laßt, so fresse ich ihn mit Haut und Haaren auf. (pfeift furchtbar; ein feiner Pfiff hinter der Scene antwortet) Hier ist er, der Spitzbube. (Gummielastico schleicht herein.) Lüpel. Bist du einmal da, Kerl? Was gibts Neues? rede oder ich erwürg' dich. Gummielastico. Allergrößter! Erhabenster! Sie glauben gar nicht, wie schwer es ist, an unserm Hofe Etwas durchzusetzen, seit der Herzog mit fixen Idee'n behaftet ist. Lüpel. Was geh'n mich die fixen Idee'n an! Hast du meine Befehle vollzogen? Rede, oder ich zermalme dich. Gummielastico. Trotz meiner elastischen Natur ist es mir noch nicht gelungen, heimlich in das Gemach der Prinzessin Rosalinde zu gelangen, um ihr die Liebesanträge Eurer Großmächtigkeit beibringen zu können. Lüpel. Das ist eine Eselei! Gummielastico. Es stehen immer zwei Hartschiere vorder Thür. Lüpel. Was Hartschiere! So ein Gummielastico soll andere Wege finden, in ein Zimmer zu gelangen. Kerl, ich fress' dich! Gummielastico. Großmächtigster! Geduld! Ich wüßte einen besseren Vorschlag. Ein Brief, den ich auf irgend eine Weise der Prinzessin zustelle, wäre ein sicheres Mittel. Lüpel. Ich kann aber nicht schreiben, wie du wissen sollst. Bursche, ich zerreiß' dich! Gummielastico. Dictiren Sie, ich werde mit verstellter Schrift schreiben. Lüpel. Der Einfall ist nicht übel. Kerl, ich zerreiß' dich nicht. Also fort auf mein Schloß! Dort wird der Brief abgefaßt und dann besorgst du ihn so schnell als möglich; denn bald geht mir meine Riesengeduld aus; und wenn ich die Prinzessin Rosalinde in vierzehn Tagen nicht als Frau heimführe, so werd' ich meinen Riesenzorn zuerst an dir auslassen, dann geht's weiter. Das ganze Land werd' ich ruiniren und Alles was darin lebt und webt! Also fort mit mir! (ab mit Gummielastico.) (Casperl tritt aus seinem Versteck hervor.) Casperl. Brav! Das ist eine saubere Gschicht, die die zwei miteinander abgemacht haben. Saperdibixti! Und der Gewaltslümmel will die zuckersüße Prinzessin heirathen? – Ah – da kommt der Muzl, dem muß ich's gleich verzählen. Muzl (an den Hinterpfoten bestiefelt) Prächtig geht's, lieber Casperl! Der Herzog, durch das Geschenk von Rebhühnern und Kaninchen höchsterfreut, wünscht die Bekanntschaft des Grafen Carabas zu machen. Du kommst also an den Hof. Laß mich nur für dich sorgen; unter meiner Leitung kann es dir nicht fehlen. Casperl. Ja prächtig geht's! Da hat grad der Gwalts-Ries mit einem Spitzbuben abgemacht, daß er die Prinzessin heirathen will. Muzl. Wie? der Riese Lüpel, den ich zu meiner Erlösung fressen soll? Da kann nichts daraus werden, um so weniger, da ich dir die Prinzessin zur Gattin bestimmt habe. Casperl. Oho – da fall ich in Ohnmacht! Ich soll der Gatte der Prinzessin worden? Ha! Verrätherei? Liebe? Hochzeit? Knödl mit Sauerkraut? Muzl. Schweige und verlasse dich auf mich! Fort von hier. (Beide ab) Verwandlung. In der Mühle. Hans und Peter treten streitend hastig ein. Hans. Und weißt du nit, daß ich der Aeltere bin und daß ich zu befehlen hab im Haus? Peter. Und weißt du nit, daß ich das nämlich' Recht Hab wie du? Denn so steht's im Vatern sein' Testament. Hans. Aber dabei bleibts, daß ich der Aelter' bin und der gscheiter bin, und ich laß mir nix einreden im Regiment. Peter. Und ich leid's aber nit. (Draußen schreit der Esel: »Ya, Ya.«) Hörst 'n Esel schreien: »Ja, Ja!« Hans. Du mußt freilich dem Esel sein Gscheitheit zu Hülf nehmen, weil die deinige nit ausreicht. (Esel draußen: »Ya, Ya.«) Hörst 'n, wie er schreit: »Ja, Ja!« Peter. Ich will dem Vater'n sein Testament aufrecht halten; und wenn's nit in Guten geht, so fang ich ein' Prozeß an. (Esel draußen: »Ya, Ya.«) Hans. Hörst'n draußen? Der will auch an Prozeß anfangen. Peter. Was? spötteln auch noch? (schlägt auf Hans.) Hans. (schlägt den Peter) So an Prozeß versteh ich auch; da brauch ich kein' Advocaten, wenn's auf's Prügeln 'nausgeht. Peter. Ein Spitzbub bist. (schlägt wieder.) Hans. Und du bist 'n Spitzbuben sein Bruder. (schlägt wieder. Sie balgen sich.) Der Wiesenbauer tritt ein. Wiesenbauer. Was gibt's denn da? Ist das auch eine Art unter Brüdern? Hans. Ja, da heißt's: Nix Bruder im Spiel! Peter. Und dich geht's gar nix an, Wiesenbauer, was wir miteinander haben. Wiesenbauer. Was mich geht's nix an? Bin ich nit der Testamentsexecutor vom Vatern seim Testament? Hans. Wart', wir woll'n dich gleich exaquiren! Peter. Ja, das woll'n wir. Mach nur, daß d' naus kommst, Executor! Wiesenbauer. Wie? mich aus'n Haus schaffen? Ihr undankbaren Burschen! Hans (zu Peter.) Beim Prozeß bleibts, gelt Peter? aber z'erst hau'n wir'n Nachbarn naus. Peter. Ja, dabei bleibts. (Beide fallen über den Wiesenbauer her. Prügelei. Alle drei unter Geschrei ab.) Der Mülleresel (tritt ein und singt) Herr jemine, Herr jemine, Was ist das für a Gschicht! Die Müllerbuben müßen gwiß Noch vor das Schwurgericht! Ya, Ya! Sonst gings im Haus so friedlich her, Wie noch der Alt hat g'lebt; Und jitzt geht's Streiten gar nit aus, Daß All's zittert und bebt. Ya, Ya! Die Mühl steht still, 's Rad ist caput, Und Prügel gibt's grad gnua'; Was fangt der Mülleresel an? – Der schaugt der Gschicht halt zu. Ya, Ya! Der Vorhang fällt. II. Aufzug. Gemach im Pallaste des Herzogs. Muzl. Gummielastico. Gummielastico Sie wollen also eine Audienz bei Sr. Durchlaucht? Muzl. Aufzuwarten. Gummielastico. Das wird sehr schwer sein, denn es darf nicht Jedermann zum Herzoge. Ueberdieß, ich habe nicht das Vergnügen, Sie zu kennen. Muzl. Melden Sie mich immerhin. Ich bin Katzenbuckel, der Leibjäger des Grafen von Carabas. Gummielastico. Legitimiren Sie sich; das könnte ein Jeder sagen. Muzl (zieht ein Kaninchen aus der Tasche.) Ueberreichen Sie Sr. Durchlaucht dieß Kaninchen und ich werde willkommen sein. Gummielastico. Ah – wenn es so ist, freut es mich ungemein, Ihre Bekanntschaft zu machen. Sie sind der Mann des Tages oder vielmehr Ihr Gebieter ist es. Warten Sie gefälligst einen Augenblick, ich werde gleich wieder da sein. (Ab mit dem Kaninchen.) Muzl (allein) So ist die Welt! meine ehrliche Katzenphisionomie hat dem Kerl nicht genügt; als ich ihm aber das Kaninchen, den am Hofe beliebten Braten, unter die Nase hielt, zog er andere Seiten auf. Nun muß ichs aber gescheit anfangen, daß ich den Herzog ganz auf unsere Seite bringe und die Prinzessin für meinen Casperl bekomme. Gummielastico (kommt wieder.) Sr. Durchlaucht geruhen, Sie zu empfangen, Herr von Katzenbuckel. Treten Sie ein. ( Muzl tritt durch die Nebenthüre ab) Gummielastico (allein.) Geh nur hinein, verflixter Katzenbuckel. Während der Herzog nur an Kaninchenbraten und Rebhühnerragout denkt, spinne ich meine Intrigue mit Prinzessin Rosalinde an und habe ich meinen Zweck erreicht, so hole ich mir den versprochenen Lohn vom Riesen und brenne auf eine hübsche Manier durch. Gummielastico weiß sich immer gehörig durchzuwinden; er ist biegsam und schmiegsam. Holla, die Prinzessin! die kömmt mir gerade recht. Prinzessin Rosalinde (tritt ein.) Wo ist mein durchlauchtigster Papa? Ich suche ihn; denn ich sollte mit ihm spazieren fahren. Gummielastico. Das wird wohl für jetzt unterbleiben, gnädigste Prinzessin; denn Se. Durchlaucht Papa sind in wichtigen Staatsgeschäften begriffen. Rosalinde. Gut, so will ich warten, bis die Staatsgeschäfte beendigt sind. Gummielastico. Mir höchst erwünscht' erhabene Prinzessin; denn ich möchte das Glück haben, eine höchst wichtige Angelegenheit Ihnen zu Füßen legen zu dürfen. Rosalinde. Mir? und welche? Gummielastico. Schenken Dieselben mir gnädigst Gehör: Ich wage es mich, Ihrer Durchlaucht, in hohem Auftrage zu nahen. Der reichste Privatier des Landes, Herr von Lüpel, dessen Ahnen zu den ältesten Geschlechtern Europas gehören, in dessen Adern dynastisches obgleich mediatisirtes Blut rinnt, wünscht Ihre Hand zu besitzen und steht in diesem Briefe um Ihr Herz, welches er glücklich zu machen sich bestreben wird. Rosalinde. Wie? welche Zumuthung! glauben Sie – – Gummielastico (sie unterbrechend.) O ich glaube Alles, nur das nicht, daß Ihre Durchlaucht die Hand des mächtigsten Edelmannes von sich weisen könnten, der im Stande ist, alle Ihre Wünsche zu befriedigen. Rosalinde. Welche Unverschämtheit! Ich sollte mich mit einem Manne vermählen, dessen ungeschlachte Gestalt allein schon jede Verbindung hindert. Ein Riese, dessen Brutalität allbekannt ist; ein Mensch ohne Lebensart, ohne Erziehung, ohne Bildung sollte Gatte einer Prinzessin werden? Gummielastico. Ueberlegen Höchstdieselben wohl, was Sie sagen. Bedenken Sie den unermeßlichen Reichthum des Herrn von auf und zu Lüpel. Seine Schlößer, seine Ländereien! wer hätte Aehnliches aufzuweisen? Wenn er auch aus einem Riesengeschlechte stammt, so übersteigt doch seine persönliche Liebenswürdigkeit seine persönliche Statur. O lernen Sie ihn kennen und Sie werden für ihn begeistert werden! Rosalinde. Schweigen Sie, Herr Gummielastico, mit diesen Phrasen, die mich blenden sollen. Niemals werde ich die Gattin des Riesen Lüpel. Von Ihnen aber ist es eine Verrätherei vis-à-vis meines durchlauchtigsten Papa's hinter seinem erhabenen Rücken, mir solche Anträge zu machen. Gummielastico. Durchlauchtige Prinzessin – aber – – Rosalinde. Still, der Herzog kömmt. Entfernen Sie sich. Gummielastico (im Abgehen.) (Für sich.) Verdammte Geschichte! das hätte ich nicht vermuthet. (ab) Herzog tritt mit Muzl im Gespräche begriffen ein. Herzog. Sieh da, meine Tochter! Theure Rosalinde, wir werden demnächst das Vergnügen haben, den Grafen Carabas an unserm Hofe zu sehen. So eben lasse ich dem liebenswürdigen Cavalier durch seinen Vertrauten, Herrn Katzenbuckel, die Einladung zukommen. Muzl. Ich beeile mich, meinem Herrn und Gebieter die beehrende Botschaft zu hinterbringen und er wird nicht ermangeln, sich baldigst bei Sr. Durchlaucht einzufinden. (ab.) Rosalinde. Ist es Ihnen gefällig, jetzt spazieren zu fahren? Herzog. Etwas später, mein liebes Kind. Wir haben vorerst noch einen Handel zu schlichten, der uns durch unsern Staatsrat! in Vortrag gekommen ist. Eine Streitsache zweier Müllersöhne, welche bis zur höchsten Instanz gelangt ist, worüber nur dem Herzog in Person zu entscheiden vorbehalten bleibt. Entferne dich nun. Ich werde dich später rufen lassen. Rosalinde. Ich folge Ihren Befehlen. (ab.) Herzog. Gummielastico! (Gummielastico tritt ein.) Herzog. Man laße die streitenden Partheien ein. Gummielastico. Sogleich, Euer Durchlaucht. (ab.) (Hans und Peter unter Verbeugung treten ein) Herzog. Ihr seid also die Zwei, welche von dem Herzog den Rechtspruch über ihren Streit wollen? Hans. Peter. Ja, Euer Durchläuftigkeit, mir san's. Herzog. Ich kenne Eure Sache aus den Acten. Warum könnt Ihr nicht miteinander auskommen? Warum respectirt Ihr den letzten Willen Euers Vaters nicht? Hans. Ich hab allen Respect vor'n Vatern selig seim letzten Willen und wie's uns der Wiesenhauer vorglesen hat, aber ich will mein Sach haben und ich besteh auf meinm Recht, weil ich der Aelter' bin. Peter. Und ich halt auch das Testament in Ehren, wie's uns der Wiesenbauer vorglesen hat, aber ich will auch mein Sach haben und will auch net z'kurz kömma und von die Prügel, die mir mein Bruder geben hat, ist nix im Vatern sein Testament gstanden. Hans. 's Maul haltst. Ich hab dich grad nauszahln woll'n wie's 'n Vatern sein letzter Willen gwesen ist, aber du hast net mögen. Peter. Aber deßwegen hät's keine Schläg braucht, verstanden? Hans. Du hast auch dreingschlagen; wie soll nacher an Ausgleichung möglich sein? Herzog. Still da! Ich weiß Alles. Ihr seid ein paar eigennützige Starrköpfe. Niemand kennt sich bei euch aus. Jeder von euch behauptet Recht zu haben und Ihr habt beide Unrecht. Wo ist der unparthei'sche Zeuge, den Ihr mir vorführen wollt und der über den Streit Aufschluß geben kann? Hans. Draußen steht er, Euer Durchläuftigkeit. Peter. Wenn's gfällig ist, führ' ich 'n 'rein. Herzog. Nur herein damit! wir wollen hören und dann Urtheil sprechen. (Peter geht hinaus und holt den Mülleresel herein.) Esel. Ya, Ya! Herzog. Das ist ja ein Esel als Zeuge! Hans. San schon oft Zeugen vor Gericht Esel gwesen, so kann auch amal an Esel an Zeugen abgeben. Herzog. Die Wahl der Zeugen ist Sache der streitenden Partheien, also kann ich als Herzog selbst nichts dagegen haben; denn so will es der Civilprozeß und das mündliche Verfahren. (Zum Esel.) Also, weißt du was von der Angelegenheit? Esel. Ya, Ya! Herzog. Gut! Ist es wahr, daß sich die beiden Müllersöhne Hans und Peter geprügelt haben? Esel Ya, Ya, Ya! Herzog. Gut! Es haben also beide gegenseitig das Ihrige bekommen und keiner kann dem Andern einen Vorwurf machen? Esel Ya, Ya. Herzog. Gut! Also hört: Ich will in meinem Lande Frieden haben – Erstens . Zweitens: Wenn Ihr nicht Ruhe gebt, so werde ich anordnen, daß jeder von euch von Amtswegen noch seine Portion extra bekommt, und drittens: bleibt es dabei, wie euer Vater es in seinem Testamente anbefohlen hat. Verstanden? Jetzt geht ruhig nach Hause und ich hoffe, daß der Streit geschlichtet ist. Hans und Peter. Ja, wir san schon zufrieden, Euer Durchläuftigkeit. Der Esel hat schon recht. Herzog. Ich will Ruhe und Frieden haben, punctum, (geht ab.) Hans. Siehst es Peter? jetzt wissen wir's, wie's sein soll. Peter. Mir is 's recht, Hans; und 's bleibt dabei. Hans. Jetzt geh'n wir mitnand in's Wirthshaus und trinken a Maßl. Peter. Ja, ich bin dabei. Das ist aber gscheiter Herr! Hans. Und a guter Herr, gelt, Peter? Esel. Ya, Ya! Peter. So gehn wir halt alle drei; und jetzt woll'n wir brüderlich und in Frieden mitanand hausen, bis Einer von uns heirath't und nacha wissen wir so, was gschegn muß nach'n Vatern sein letzten Willen. Esel. Ya, Ya. (Alle ab.) Verwandlung. Ländliche Gegend Dorf im Hintergrund. Casperl. Schlipperment! Jetzt dauert's mir aber schon a bißt z' lang. Ich soll der Gemahl der Prinzessin werden, wie mir der Muzl versprochen hat, und bin allerweil voller Hunger und Durst. Das paßt net z'sam, wie mir scheint. Aber, wenn ich angeheiratheter Prinz bin oder Prinzgemahl? Da wird's an anders Leben werden. In der Früh schlaf ich so lang als mich's freut, denn das ist vornehm; nachher aufgstanden: goldene Pantoffel, ein rosenfarbener Schlafschrock, Kaffee und Schokolat mit 24 Eierweckeln und 12 paar Bratwürstln. Nacher geh' ich zur Prinzessin 'nübcr und wünsch ihr an guten Morgen. Hierauf werd' ich wieder geruhen ein paar Stundl zu ruhen bis zur Essenszeit. Alles was gut und theuer ist muß aufgetragen werden und a Tafelmusik muß ich auch haben. Sechs Trommler vom Leibregiment und eine Guitarre dazu. Nach'm Essen wieder Kaffee mit Eierweckeln und Brat-Würsteln und Käs – – Schlipperment da kommt der Muzl! Muzl (stürzt herein). Alles geht gut, Casperl. Du mußt als Graf Carabas augenblicklich beim Herzog eine Aufwartung machen. Ich werd' gleich wieder einige Rebhühner und Kaninchen fangen, damit du sie dem Herzog offeriren kannst. Casperl. Na – ich hab weiter keine Aengsten. So eine Aufwartung is kein Gspaß. Muzl. Ei was! Es gibt nichts leichteres auf der Welt. Wenn dick der Herzog fragt, so sage nur immer »Ja« zu Allem und red' nur auch recht Viel von dir selbst; mach Etwas aus dir. Casperl. Wenn ich aber nix bin, was kann ich aus mir machen? Muzl. Da mach's nur wie andere Leute. – Ich habe auch dafür gesorgt, daß wenn der Herzog spazieren fahrt in dieser Gegend, die Bauern sagen, es sei Alles das Eigenthum des Grafen Carabas; und wenn sie's nicht sagten, würden sie alle vom Riesen Lüpel gefressen. Casperl. (affectirt.) O Muzl! wölch ein Mensch bist du! oder eigentlich vor der Hand noch katzengestaltiges Wesen höherer Art! Ich möchte dich umarmigen, allein so lange noch dieses Thierfell deine schöne Söle umhüllt, grauset mir vor deinen Krallen. Muzl. Schweig mit deinen Dummheiten und folge mir. Duett. Muzl. Komm folge mir zu deinem Glück, Dann löst sich bald auch mein Geschick. Casperl. Ich folge dir und bin bereit, Gibt's nur was Gut's zu essen heut. Muzl. Miau, Miau! Casperl. Dem Glück ich trau! Beide. Miau, Miau, Miau, Miau! (Beide ab.) (Es erhebt sich ein Sturm.) Riese Lüpel stürzt herein. Lüpel. Wo bleibt der Kerl mit der Antwort der Prinzessin? Ich verschmachte vor riesenhafter Sehnsucht. Das Bedürfnis; mich in den gemüthlichen Ehestand zu begeben, läßt mir keine Ruhe. Ich will eine Familie begründen; das edle Geschlecht der von Lüpel soll und darf nicht aussterben. Ich bin der letzte dieses Namens! Ich will eine Frau haben, ich will Kinder auf meinem Schooße wiegen! Ich will ein Familienleben haben, ich will Abends nicht mehr in's Caffeehaus gehen; kurz ich will im vollen Sinne des Wortes ein Familienvater werden! Gummielastico (tritt auf). Erhabenster Riese! Großer Mann! – Sieh einen Unglücklichen vor dir. Alle meine Ueberredungskunst war vergeblich! Dein Brief wurde zurückgewiesen, wie die zarten Anträge, die er enthielt. Die große Idee deiner Erhabenheit konnte und wollte nicht begriffen werden! Ich bin in Verzweiflung! Lüpel. Ha! Elender! dieß also die Dienste, die du mir geleistet hast! Dieß die Frucht meiner großartigen Unterstützungen, die ich dir heimlich zuftießen ließ? Dieß das Resultat deiner elenden Spionage? Du sollst deinen Lohn haben! Gummielastico. Gnade, Gnade! es ist noch nicht alles verloren! Eine Entführung will ich vorbereiten. Lüpel. Ha! was nützt mich eine Entführung, wenn mich die Entführte nicht mag? An dir wäre es gewesen, ihr Herz mir zuzuwenden. An deiner Beredsamkeit hat es gefehlt, an deiner diplomatischen Gewandtheit. Oder vielleicht hast du auch mich betrogen, wie den Herzog? Warte, Schuft! du sollst deiner Strafe nicht entgehen. Meine Riesenfaust wird dich zerknutschen, daß du deine menschliche Gestalt verlierst und eine ordinäre Gummielastikkugel wirst, wie man sie beim Drechsler Edel in der Weinstraße kauft! Gummielastico. Gnade, Gnade! Lüpel (packt ihn und reißt ihn hinaus). Keine Gnade – sondern nur Rache, Rache! (ab mit Gummiclastico.) (Man hört Gummielastico draußen schreien.) Ein großer Gummielastikball hüpft herein und auf und ab; Lüpel spielt mit ihm. Lüpel. So, Kerl! jetzt bist du in deiner wahren Gestalt! jetzt bist du mein Spielball. Musik. Der Ball tanzt von Lüpel geworfen auf und ab. Der Vorhang fällt. III. Aufzug. Saal im Pallaste des Herzogs. Herzog. Casperl. Muzl. Herzog. Endlich also habe ich das Vergnügen Sie kennen zu lernen, lieber Graf. Casperl. (zu Muzl.) Was Schaf? –ich bin ja kein Schaf, Muzl. Muzl. Graf sagt er; du bist ja der Graf Carabas. Casperl. (wenn er mit dem Herzog redet immer in affectirtem Hochdeutsch.) O ja, Excellenz Durchlaucht! obgleich – bin ich der Graf Schnarabas und – – Muzl. Carabas – nicht Schnarabas! Herzog Schnarabas? ich glaubte Carabas. Casperl. O ja, sehr ja! allein meine Urahnen nannten sich Schna- ihre Nachfolger Ca- rabas. Schna ist eigentlich soviel wie Ca und Ca soviel wie Schna, drum sagt man auch schnabuliren und nicht cabuliren; denn schnabuliren kömmt von Schnabel. Herzog. Bravo, bravo! – Sie scheinen sich auch mit Sprachforschung zu beschäftigen, lieber Graf. Haben Sie etwa Grimm studirt? Casperl (wichtig) Das Grimmen habe ich schon öfters gehabt, allein ich habe es stets mehr als Bauchweh behandelt. Muzl (stößt den Casperl.) Casperl, du schwatzt dummes Zeug! nimm dich in Acht. Casperl Oho, wär net übel? Herzog. Ich habe Sie nicht recht verstanden, lieber Graf. Casperl O das thut gar nichts! apropos! Ich habe Euer Durchseichtigkeit durch diesen meinen Leibjäger hier wieder einige Rebhennln in die Hofküche liefern lassen. Haben dero schon davon genossen? Herzog. Trefflich, trefflich! Sie werden heute an meiner Tafel eine köstliche Pastete davon bekommen. Casperl. (vergißt sich.) Ah – a Pastet'n! das is a prächtiger Fraß! Muzl. Casperl, paß' auf. Herzog. Was, was? – Fraß, Fraß? welch ein Ausdruck, lieber Graf? Casperl. Spaß, Spaß – wollte ich sagen. Herzog. Ah so! das ist allerdings ein Spaß – eine gute Pastete; aber bei Ihrer Lebensweise, in Ihren Verhältnissen wird Ihnen dieß etwas gewöhnliches fein; – Sie müßen ungeheuere Besitzungen haben, lieber Carabas! Muzl (zu Casperl.) Jetzt lasse los! Casperl. No! und ob? Ungeheuer, ungeheuer! ich kenn mich eigentlich gar nicht drin aus. Herzog. Darf ich wohl fragen, wie hoch sich durchschnittlich Ihre jährlichen Renten belaufen? Casperl. Von Laufen ist keine Rede. Wir sitzen fest! Herzog. Ich meine, wie viel Sie ungefährlich einnehmen. Casperl. Ich pflege des Jahres nur ein Mal einzunehmen und zwar, wir's der Doctor haben will, im Frühling. Muzl. Aber Casperl! Herzog. Es ist sehr zweckmäßig die Geldeinnahme, wenn möglich, auf eine Periode zu beschränken. Das Geschäft wird dadurch vereinfacht. Aber warum brauchen Sie dazu die Anordnungen eines Doctors? Muzl (für Casperl antwortend.) Sr. Ercellenz der Herr Graf von Carabas haben sich auch zu der Finanzverwaltung einen rechtskundigen Doctor angestellt. Casperl (wichtig.) Ja, ja! mein Leibjäger hat ganz recht. Es is wirklich so. Ich kann die Ehre haben zu versichern! Herzog. Nicht wahr? Sie besitzen auch sehr viele Schlößer. Casperl. Ja wohl, aber an jeder Thüre nur Eins. Herzog. Wie? Muzl. Aber Casperl! Schloßer, wo man drinnen wohnt. Casperl. Aha! o ja! für jede Jahrzeit.In Einem schlaf ich, im Andern wach ich auf, im Dritten leg ich mich nieder, wie's eben mein plaisir ist. Herzog. Und Ihre eigentliche Stammbesitzung, wie heißt diese? Casperl. Da ich auch Waldbesitzer bin, besitze ich nicht nur Einen Stamm, sondern sehr viele. Herzog. Ihr Ahnenschloß, meine ich. Casperl (wehmüthig.) O, die Ahnungen! Ja die sind oft furchtbar, wenn sie sich erfüllen. Auf jedem meiner Schlößer ist auch eine Ahnfrau. Wenn mir etwas gutes bevorsteht, so schaut sie in einer weißen Nachthauben aus dem Fenster. Habe ich ein Unglück zu befürchten, so setzt sie eine schwarze auf und wackelt mit dem Kopf. Herzog. Fürchterlich! aber gerade solche Erscheinungen bürgen für das Alter Ihres Geschlechtes. Casperl. Mein Geschlecht ist eigentlich männlicher Natur. Herzog. Ohne Zweifel sind Sie, lieber Graf, männlich und ehrenhaft, wie es einem Edelmann ziemt! (Ein Lackei tritt ein.) Lackei. Ew. Durchlaucht die Tafel ist servirt. (ab.) Herzog. Lieber Graf, jetzt geh'n wir zur Tafel. Casperl (vergißt sich) Juhe! jetzt gibts was z' Essen! mich hungert schon lang! Herzog. Sie scheinen sehr fröhlich gestimmt, lieber Graf! Casperl. Was gestimmt? War nit übel wenn ich gstimmt wär! das verbitt ich mir! Herzog. Die Prinzessin wird mit uns speisen, lieber Carabas. Casperl. O sehr! sehr! Herzog. Kommen Sie! Casperl. Ich bin bereit und bei bestem Appettit, wcnn's erlaubt ist. (Casperl und Herzog ab.) Muzl (allein.) Während der Hoftafel werde ich mein Geschäft mit dem Riesen Lüpel abmachen. Da heißt's aber laufen damit ich zu rechter Zeit wieder hier bin, um Casperl Nachricht zu bringen. Ewige Mächte steht mir bei! Meine Verbannungs- und Verwandlungszeit mag wohl abgelaufen sein! Ich habe gelitten und gebüßt, hinlänglich. Lüpel soll nun meiner Schlauheit unterliegen und mein Zauber gelöst werden. (ab.) Verwandlung. Hof der Burg des Riesen Lüpel. Riese Lüpel (im übelsten Humor). So gibt es denn keine Ehrlichkeit mehr auf Erden! Ich glaubte, daß dieser elende Kerl von Gummielastico ein redlicher Mensch sei, allein auch in ihm habe ich mich getäuscht. Er war ein Schuft sondergleichen. Darum habe ich ihn auch erdrückt. Er hat nichts Anderes verdient. Und nun schwör' ich bei meinen edlen Ahnen, den Riesen Ecke und Fasolt, bei meiner Frau Tante Rütze und bei den Onkeln Asprian und Heime, die Prinzessin Rosalinde muß mein werden; allein sobald ich sie mir geraubt, werde ich sie auch erdrücken. Ich bin mit der ganzen Welt zerfallen; drum will ich meinen Riesenhumor an ihr auslassen! Und habe ich Rosalinde zermalmt, so will ich sie begraben und will ihr eine Todtenfeier halten. Meine Burg will ich anzünden, daß Alles in hellen Flammen aufgehe und bei dem Riesenfackelschein will ich diesen Ort der Erde verlassen und will zurückkehren in das Hünengebirg; aus den Felsen will ich mir eine Klause bauen auf dem höchsten Gipfel und will herabschauen auf die Erbärmlichkeit der Menschen und will hellauf lachen, daß es durch die Lüfte hinrollt wie Donner der Gewitter: (es klopft am Thore.) Wer wagt es an meinem Thor zu pochen? Muzl (von Außen). Einer, der dir dienen will, wie's dir lieb ist. Lüpel. Wieder Einer, der Lug und Trug im Sack hat. Muzl (ist auf die Mauer gestiegen.) Den Menschen willst du nicht mehr trauen, so glaube an die Treue der Katze. Lüpel. Das ist sonderbar! Die Menschen sind Schufte! vielleicht sind die Katzen ehrlich. Herab mit dir von der Mauer. Muzl. Thust du mir nichts zu Leid? Lüpel. Ich schwör's und sollte ich grimmig wie ein Löwe sein. Muzl (lacht). Ha ha! Der Löwe gehört zu meinem Geschlechte, der würde wohl seines Gleichen nichts anthun. Und du – ein Löwe? ha ha! Lüpel. Wie? du glaubst ich könnte kein Löwe sein? Ich der ich die Gewalt habe, mich in alle Gestalten zu verwandeln. Muzl. Das möchte ich sehen. Du lügst Riese. Lüpel. Der Riese Lüpel lügt nicht. Sieh her. (verwandelt sich in einen Löwen.) Muzl. Das hast du gut gemacht (Lüpel brüllt wie ein Löwe) Oho! brülle nicht so, ich fürchte dich. Aber sage: nun hast du dich in das mächtigste Thier der Erde verwandelt, das ziemt dem Riesen; aber könntest du dich auch in der Gestalt einer kleinen Maus zeigen? (Lüpel brüllt.) Die Gestalt des Löwen ist nicht überall brauchbar. Als solcher könntest du nicht zur schönen Prinzessin Rosalinde kommen, sie lief gleich davon; aber als ein niedliches Mäuschen könntest du durch jede Ritze der Mauer zu ihr gelangen. Warum ist dir das nicht schon einmal eingefallen? Werde eine Maus und ich will dir den besten Weg in das Gemach der Prinzessin zeigen. ( Lüpel brüllt und lacht, indem er sich in eine Maus verwandelt.) Bravo! bravo! du bist wirklich ein gewaltiger Zauberer. Ich bin bereit dir zu dienen. Laß uns nun unsern Vertrag schließen. (springt von der Mauer herab, packt die Maus und frißt sie.) Furchtbarer Donnerschlag. Eine Stimme von oben spricht: Der Zauber ist gelöst, vorbei der Strafe Zeit, Nun sei fortan vom Katzenfell befreit. Denn Stolz und Hochmuth hast du abgebüßt In niedriger Gestalt. Nun sei gegrüßt In menschlicher Person als Katzengold; Das Schicksal hat vergeben - ist dir hold! Donnerschlag. Muzl verwandelt sich in den Professor Katzengold . Katzengold Ich danke dir, gerechte, ew'ge Macht, Daß ich befreit bin aus der thier'schen Nacht! Das Katzenfell hat mich gejuckt und sehr gedrückt, Die Menschenhaut nun wieder mich beglückt! Von nun aber will ich allen Hochmuth hassen Und mich nur mit Bescheidenheit befassen. (Trompetenstoß von Außen) Aha! das wird Casperl sein, der als Graf Carabas in sein Schloß einzieht. Die Maus ist verschluckt und der Riese nicht mehr zu fürchten! Die Musik spielt einen feierlichen Marsch. Das Thor des Schlosses öffnet sich und auf goldenem Wagen von weißen Rossen gezogen fährt Casperl mit Prinzessin Rosalinde feierlich ein. Die phantastische Ausschmückung des begleitenden Zuges bleibt dem Regisseur überlassen. Der Vorhang fällt. Herbed, der vertriebene Prinz. Romantisches Zauberspiel in 3 Aufzügen. Personen. Prinz Herbed von Allahbad. Mobed , Magier, dessen Erzieher. Myrrha , Mobeds Tochter. Moschopulos , böser Magier und Usurpator. Mebon , dessen Diener. Casperl Larifari , Schuhmacher in Allahbad. Zwei türkische Sklavenhändler. Genien, böse Geister, Krieger und Volk. 1. Aufzug. Höhle, bewohnbar eingerichtet, mit magischen Geräthschaften. Mobet , vorne in einem Buche studierend. Prinz Herbed schläft auf einer mit einem Tigerfell bedeckten Erhöhung. Mobed. Ich les' es in den Gestirnen: bald wird die Zeit der Prüfung vorüber sein. Die Sonne nähert sich dem Jupiter, das Sternbild des Schützen verdunkelt. Armer Prinz! von königlicher Pracht warst du als Kind umgeben; darben mußtest du als Jüngling. Statt auf sammtnen Kissen zu ruhen, hast du in dieser kalten Höhle einen harten Stein zum Ruhebett; statt der köstlichsten Kleider umhüllt dich ein Thierfell; nicht herrliche Speisen nähren dich, die Frucht des Dattelbaums und der Trank aus der Quelle müßen dir genügen, kein golden Diadem schmückt deine Stirne! - Edel bist du und stark an Geist und Leib! Wohl denn; es ist an der Zeit, daß ich dich aus deinem Traume wecke. Herbed! Herbed! Herbed. Die Helle scheint mir ins Antlitz! Es ist wohl spät – lieber Mobed? Ich habe lang geschlummert. Mobed. Längst ist die Nacht vergangen und die Sonne steht über den Bergen. Sei gegrüßt mein Sohn. Herbed (aufstehend vom Lager.) Ich träumte diese Nacht so lebhaft, als säh ich die Wirklichkeit. Ein Cherub führte mich in einen goldenen Tempel, nachdem er an dessen Pforte schwarze böse Geister bekämpft und besiegt hatte. Er setzte mich auf einen diamantnen Thron und Völker huldigten mir. Da erwachte ich. Mobed. So erwache denn vollends! Herbed. Wie meinst du dieß, theurer Vater? Mobed. Höre, und schenke mir deine ganze Aufmerksamkeit in dieser heillgen Stunde: Du trittst heute in dein achtzehntes Lebensjahr und ich will dir nicht länger verschweigen, was du einmal doch wissen mußt. Herbed. Deine Worte überraschen und ergreifen mich. Rede, mein Vater. Ich will dir lauschen, als seien deine Worte die heiligen Chöre der Engel, welche im Osten den Aufgang der Sonne verkünden. Mobed Eine lange Zeit ist es, daß ich mit dir diese Höhle bewohne und ein Kindlein kaum zwei Jahre alt warst du, als ich dich auf meinen Armen hieher trug. In einer herrlichen Königsstadt bist du geboren nicht von niederer Abkunft, denn – vernimm es – du bist eines Königs Sohn. Herbed. Ihr Götter! Ich eines Königs Sohn? Mobed So ist's. Dein Vater beglückte seine Völker und seine Herrschaft war reich an Segen; allein ein Unstern wollte es, daß der böse Magier Moschopulos ihn vom Throne stieß. Der gute König fiel im gerechten Kampfe, seinen Thron zu behaupten. Moschopulos bestieg ihn; ich war deines Vaters Freund und Rathgeber und floh mit dir auf diese Insel, um dich vor dem Untergange zu retten. Herbed. Du also nicht mein Vater? und doch! du wardst nur's ja. Sieh mich hier dankend zu deinen Fü- ßen. (Er umklammert seine Kniee.) Mobed. Erhebe dich und laß dich an mein Herz drücken. Bald – nach schweren Kämpfen vielleicht – wird die Sonne deinen königlichen Scheitel bestrahlen und dann bin ich dein Knecht! Herbed. O niemals, niemals! und wenn ich König der Könige würde – immer werde ich dich als meinen weisen Lehrer achten. Alles danke ich dir! nicht nur mein Leben, sondern auch die Lehren der Weisheit, die du mir gabst, und in deiner Nähe bin ich glücklich und zufrieden. Mobed. So bleibe den Lehren, dir ich dir gab, treu. Höre nie die Stimme der Verführung, in was immer für einer Gestalt sie sich dir auch nahen möge. Die Sterne haben es mir verkündigt, daß die Zeit deiner Dunkelheit bald abgelaufen sei. Um jedoch volle Gewißheit zu erlangen, ob die Hülle jetzt gänzlich fallen soll, muß ich dich auf kurze Zeit verlassen. Ich muß mich in die Königsstadt Allahbad begeben, aus der wir vertrieben wurden; finde ich dort, was mir zu deiner Erhebung als König noch nothwendig ist, so kehre ich zurück. Zunächst ist dein Planet noch von düstren Schatten umhüllt, allein mit der Götter Hülfe werden sie fallen und ich werde sie durch meine Magie bewältigen. Herbed. Weh mir, daß du mich, wenn auch nur auf kurze Zeit, verlassen willst! Mobed. Sei klug und standhaft Lebe wohl! Herbed. Lebe wohl, theurer Mobed! o komme bald wieder! Mobed. Die Götter sei'n mit dir! geleite mich noch an den Strand des Meeres, wo ein Schiff meiner harrt, von Fahrleuten bemannt, welchen du und dein Schicksal unbekannt sind. Dann kehre in diese Höhle zurück und verlaße sie und ihre nächste Umgebung nicht eher, bis ich wieder bei dir bin. (Beide ab.) (Moschopulos erscheint unter Flammen aus der Tiefe.) Moschopulos. Die Gestirne lügen, weiser Magier! Noch ist der Schütze da, dessen Sternbild du verdunkelt wähnst! Fluch dir und dem Prinzen! Fluch deiner Weisheit! die Gewalt des Bösen soll auf Erden herrschen. Darum habe ich gesiegt und nimmer sollen Weisheit und Tugend triumphiren. Der Versucher naht und Herbed muß erliegen. Auf! ihr höllischen Mächte, helft mir, wie bisher. Ihr bösen Geister, die ich durch meine schwarze Magie gebannt habe, umnebelt Herbed's Sinne. (Es donnert und häßliche Gestalten und Erscheinungen zeigen sich, die aber bald wieder verschwinden) ( Moschopulos verschwindet.) Herbed (kömmt zurück) Er ist zu Schiff! – So hat also das himmlische Traumbild nicht gelogen. Eine wunderbare Zukunft liegt vor mir. Wie von der Spitze eines Berges schaue ich hinab und im goldnen Sonnenschimmer glänzend liegt ein reiches, üppiges Thal zu meinen Füßen – mein Eigen: Ihr Götter schützt mich! schützt den weisen Mobed! (Moschopulos in Gestalt eines alten Anachoreten erscheint am Eingang der Höhle.) Moschopulos. Unglücklicher Jüngling! Du betest für Deinen Feind! Herbed. Wer ist hier? Moschopulos. Ich bin es – ein armer alter Mann. (Er tritt näher) Herbed. Noch keine menschliche Seele fand den Weg in diesen öden Pallast; wie kamst Du hieher? Moschopulos. Wenige Meilen von hier, in tiefster Einsamkeit, mein Sohn, lebe ich als Anachoret der Wüste seit mehr denn einem halben Jahrhundert. Ich habe Dich oft belauscht, wie Du als Knabe am Ufer des Meeres mit Muscheln spieltest; oft habe ich Dir vom fernen Felsen aus zugeschaut, wie Du als Jüngling mit sicherem Speerwurfe den Tiger erlegt hast. Ich liebte Dich; denn Dein Wesen gefiel mir. Dein Schicksal erregte meine Theilnahme und so wartete ich den Augenblick der Entfernung Mobed's ab, um Dir meine Liebe nicht nur aus der Ferne zu bezeigen. Herbed. Und warum wolltest Du aber Mobed's Abwesenheit benützen, um es zu thun? Hast Du nicht gleiche Gesinnung mit ihm, da Du mir von Deiner Zuneigung sprichst? Moschopulos. Ich? gleiche Gesinnung mit einem Verräther? Herbed. Frevle nicht! Tritt nicht feindlich in den Zauberkreis, den Liebe und Dankbarkeit um mich gezogen haben. Moschopulos. Du kennst Mobed nur durch ihn selbst, nicht durch fremdes Urtheil. Ein täuschend Bild hat er Dir von sich selbst gemalt. Ich kann und will es Dir beweisen. Herbed. Vergeblicher Versuch wird es sein, eine Schrift, die mit goldenen Buchstaben in mein Herz gezeichnet ist, zu verwischen. Moschopulos. So höre mich an – dann wirst Du glauben und anderen Sinnes werden. Herbed. Niemals, niemals! Moschopulos. Unter den Verräthern, die mit dem bösen Magier Moschopulos Deinen edlen Vater vom Throne verjagten, war auch Mobed. Er befreite Dich, nicht um Dich zu retten, sondern um Dich der Treue eines Dieners zu entreißen, der Dich in Sicherheit bringen wollte. Schon hatte er selbst den Dolch auf Dich armes Kind gezückt, als er in den Zügen des magischen Ringes, der an Deinem Hälslein hing und dessen er sich bemächtigen wollte, las, es erlösche seine Wunderkraft mit Deinem Tode. Herbed. Es kann nicht also sein! Du lügst! Wozu all diese Liebe, an mir verschwendet? Moschopulos. Sieh, hier unter dem Felsen ruht ein Kästchen, in welchem der Ring verborgen ist. Hat Mobed Dir jemals von ihm Kunde gegeben? Herbed. Nein, niemals. Moschopulos. Ich will Dir das Geheimniß zeigen. (hebt einen Stein auf und nimmt aus der Versenkuug ein Kästchen, aus welchem er einen Ring zieht.) Dieß ist der Ring der Weisheit und Macht, den eine mächtige Fee als Geschenk in Deine Wiege gelegt hatte. Mobed hätte ihn längst benützt, allein erst mit dem l8. Jahre Deines Lebens tritt seine Kraft in Wirksamkeit. So hatte es die Fee bestimmt, damit er nicht von dem unmännlichen Jünglinge etwa mißbraucht würde. Herbed. Und Mobed? Moschopulos. Mobed eilt jetzt nach Allahbad, um ein sicheres Gefängniß für Dich zu ermitteln, wo Du, Bethörter, eingekerkert würdest, damit eben dieß Dein Leben, an welches die Kraft des Ringes gebunden ist, erhalten werde. Herbed. Schändlich, wenn es so ist! – Aber ich stehe zwischen zwei mächtigen Gewalten, deren jede mich an sich reißen will. Mobed's theure Gestalt die sich mir bisher in der herrlichsten Verklärung gezeigt und Du, der Du in kluger Rede mir den Spiegel der Wirklichkeit zeigen willst und Gewicht an Gewicht auf die Schale legtest, die meine Liebe zu Mobed in schwarze Vergessenheit versenken soll – Wo finde ich die Wahrheit? Moschopulos. Wohl nur in der Übereinstimmung der Dir dargelegten Umstände. Warum hat Mobed Dir gerade heute nicht Alles geoffenbart? Warum erwähnte er nicht des Ringes, wenn er ihn Dir auch nicht zu geben veranlaßt sein mochte? Sind dieß nicht hinlängliche Beweise? Herbed. Aber, sage, woher ist Dir Alles bekannt! Könntest nicht Du selbst ein Betrüger sein, der sich Geheimnisse erschlichen zu irgend Deinem Zwecke? Moschopulos. So nimm den Ring hier, und prüfe die Wahrheit. Sowie er an Deinem Finger ist, bist Du der Weiseste auf Erden. Herbed. Es sei! aber weh Dir, wenn Du mich getäuscht hast! Wehe Mobed, wenn er mich betrogen! (Er nimmt den Ring und steckt ihn an seinen Finger) Donnerschlag. Moschopulos sinkt vor ihm auf die Knie. Ringsum erscheinen Dämonen in Gestalt von Sclaven und Sclavinnen. Genien umtanzen Herbed , Guirlanden schwingend, führen ihn auf einen goldenen Thron, der sich aus der Erde erhoben hat, und krönen ihn mit einem strahlenden Diademe. Chor. Heil Dir, Herbed, Heil Dir Meister, Dem Beherrscher mächt'ger Geister, Der als eines Königs Sohn Herrlich pranget auf dem Thron. Deine Feinde sind erlegen, Die Dich stürzten so verwegen, Da des Rings geheime Macht Dich erhob zur alten Pracht Hier sind wir bereit erschienen Dir als Sclaven nun zu dienen, Deinem Winke, Deinem Wort; Sei uns König, sei uns Hort! Herbed (stolz und hochmüthig). Ja, es ist die Wahrheit! Ich sah's diese Nacht im Traume! Wer Du immer seist, frommer Einsiedler, Dir danke ich's, daß ich der Lüge nicht erlegen bin. Ja! ich bin ein König! Ich fühle es: Weisheit ist mein Erbtheil und zieret den Thron, den ich von meinem königlichen Vater geerbt, obgleich böse Mächte mir ihn so lange vorenthalten. Wehe aber dem Elenden, der mich in trügerischem Schlummer befangen hielt! Ihn zuerst treffe meine Rache als gereckte Strafe seines Frevels. Auf! auf! nach Allahbad in meine Königsstadt folgt mir zu meinem feierlichen Einzuge. (zu Moschopulos) Und Du, sei fortan mein Freund, mein Rathgeber, bleibe mir zur Seite. (steigt vom Throne herab) Mobed erscheint, von einem weißen Adler durch die Luft getragen. Mobed. Halt ein, Bethörter! Verschwindet ihr Gestalten der Lüge und des Trugs! Ein Blitz fährt herab. Der Thron versinkt, Alle verschwinden, Herbed ausgenommen.) Herbed. Wie? Du wagst es, mich abermals von meinem Throne zu stürzen? Ist des Verbrechens noch nicht genug, was du an mir und meinem Vater begangen hast? Mobed. Armer, getäuschter Herbed! Ich beklage dich. Der Ring, dessen Wundermacht du segnest, ist dein Fluch! Sein geheimer Zauber bringt dem, der ihn am Finger trägt, das Unheil der Verblendung und des Hochmuths, nicht das Glück der Weisheit. Aus dem Gehirne der schwarzen Schlange Kaliga sprang er, als der Befreier Krisna ihr den Kopf zertrat. Den Stolz hast du durch diesen Zauber gewonnen, der den ersten Menschen gestürzt hat, und nicht eher wirst du von deinem Wahne geheilt, bis du diesen Zauberring und mit ihm den Hochmuth freiwillig von dir wirfst. Herbed. Immer zu! Lüge auf Lüge! – In den Staub wirf dich, Elender, vor deinem Herrn und Gebieter! oder flieh mich, ehe mein gerechter Zorn dich straft! Mobed. Ueber mich hast du keine Gewalt, denn mein Zauberstab ist in den heiligen Gewässern der Lotosblume geweiht. Weiß und rein ist die Quelle meiner Magie! O theurer Herbed! wie liebe ich dich! Entsage der trügerischen Macht des Ringes, den ich dir seiner Gefahr wegen verborgen hielt. Komm an mein vätnliches Herz! Jetzt ist noch Rettung möglich. Herbed. Spare deine heuchlerischen Worte und überlasse mir jetzt den Schatz der Weisheit. Wie kannst du glauben, daß ich einer Gewalt entsage, die mich zum Weisesten der Menschen gemacht hat? Sollte ich so verblendet sein? Mobed. Ja, du bist verblendet, Unglücklicher! Du eilst in dein Verderben! – Entsage, ich beschwöre dich! wo nicht, so magst du den herben Schmerzensweg gehen, um endlich zur Erkenntniß zu gelangen, daß du ein Thor warst. Herbed. Immerhin! deiner Lehren bedarf ich nicht, Verräther. Mobed. So sei es, weil du es selbst willst. Möge der Tag kommen, an welchem du den Ring selber von dir wirfst! (den Zauberstab erhebend.) Versinke denn im Hochmuthswahn, Zu wandeln eine Schmerzensbahn, Bis aus der Nacht, der du ergeben, Du endlich mögest dich erheben. Herbet. Weh! mir schwinden die Sinne! (Er sinkt zusammen.) Der Vorhang fällt. II. Aufzug. Platz in Allahbad. Der fönigliche Pallast. Herbed (tritt ein.) So bin ich denn hier in den Mauern der Königsstadt. Ein armer Wanderer stehe ich vor den Pforten meines Pallastes, unerkannt noch, ein Fremdling; allein bald werde ich erkannt sein und die Weisheit wird auf dem Thron erhoben werden. Vergebens waren die schändlichen Bestrebungen meiner Feinde. Der Ring schützt mich und wie der Schimmer von dessen leuchtendem Steine mir entgegenglänzt, so werde ich auch in königlichem Schmucke herniederstrahlen und alle Völker werden vor mir im Staube liegen. Und nun will ich an die Pforte des Pallastes pochen, der mich bald als seinen Herrn aufnehmen soll. (Er pocht an die Pforte.) (Von zwei Kriegern begleitet tritt Mebon heraus.) Mebon. Wer klopft an des Königs Haus? Herbed. Der König ist es selbst. Mebon. Der König? – Du magst ein König sein; allein hier herrschest Du nicht. Herbed. Ich weiß es, daß ein Betrüger sich der königlichen Gewalt bemächtiget hat; ich weiß es, daß der Verräther Moschopulos auf dem Throne sitzt. Mebon. Wer wagt es, solch' eine Sprache zu führen? Weh Dir! Entferne Dich, oder ich lasse Dich von der Wache ergreifen und Deinen Frevel züchtigen. Herbed. Erkenne mich! ich bin Herbed, eures vertriebenen Königs Sohn. Ja, ich bin der weise Herbed. Mebon. Ein Betrüger bist Du; denn Herbed ist längst todt. Herbed. Er lebt! Er lebt, um wieder in seine Rechte zu treten! Mebon. Narren muß man unschädlich machen. Wachen, ergreift ihn! (Die Wache tritt gegen Herbed.) Herbed. Zurück, ihr Sklaven, berührt mich nicht! Mebon. Fort mit Dir! Herbed. Wenn ich denn der Gewalt weichen muß, so führt mich zu Moschopulos. Mebon. Feßelt ihn! (Die Wache bindet ihm die Hände. Alle ab in den Pallast.) Casperl (ein paar Stiefel tragend, tritt auf). Jetzt bin ich schon im Voraus überzogen, daß das ganze Publicus ungeheuer verwondert ist, weil ich mich hier unter die Indianer befind. Aber trotz aller Täuschung, trotz aller Unharschweinlichkeit, meine Herren und Damen, es ist doch so. Das Mißgeschick - nicht das Geschick einer Miß (denn ich bin keine) - hat mich in diese alte Gegend verschlagen, ich weiß gar nit wie? Das heißt: ich weiß schon wie? und das will ich Ihnen gleich verzählen, wenn's auch e bißl langweilig 'raus kommt. Von Geburt war ich nehmlich gar Nix, als der Casperl Larifari; allein allmählig drohte die Cultur des moderncn Zeitalters mich abzuschaffen, so daß ich mir nix dir nix z'nach und z'nach verhungert und verdurst wär'; aber so was halt der Casperl nit aus. Pumps dich! war mein Entschluß gefaßt und meine Fassung entschlossen. Die wirthshäusliche Bekanntschaft mit einem gebildeten Schustergesellen regte mich lebhaft an, trotz des Pechs, dessen Umgang mir bevorstand, trat ich in die stille Werkstätte eines sogenannten Schusters; ich war Schusterjunge und schwang mich (er hüpft ungeheuer in die Höhe) bald zum Gsellen oder besser gesagt zum »Jesellen« empor. Jetzt hat's aber gheißen: »Casperl auf d'Wanderschaft« - ja und denken's Ihna nur, da bin ich halt alleweil gwandert und gwandert bis ich ganz aus der Zeit 'naus marschirt bin zu die alten Indianer, und jetzt bin ich nach Erlangung einer persönlichen Conzession ohne Beeinträchtigung der hier zunftmäßigen Sandalienmacher gewichster Schuh- und Stiefelmacher und zwar königlich indianischer Hoflivreeschuster, insoferne ich der Dienerschaft Sr. Majestät des Königs Schomopulus Juchten- und andere Stiefel zu fabriciren die Lehre habe. (Athmet aus) So - jetzt wissens mein Lebensgschicht für heut, mit Respect zu melden. In diesem Augenblick bring ich dem Herrn Leibkutscher, der mit die vier Leiblöwen vom Bock aus fahrt, ein niglnaglnuglneues Paar Kappenstiefel. – Wer lauft denn da her auf mich? Myrrha (stürzt sich ihm zu Füßen). Rette mich, Unbekannter, wenn Du Erbarmen hast! Casperl. Wa – was wär denn das? Was woll'n S' denn, Mamsell? Myrrha. Sieh dort, die zwei Elenden, welche mich verfolgen. Sie haben mich geraubt und wollen mich nun auf den Sclavenmarkt bringen, um mich zu verkaufen. Casperl. Ha! was! Du, eine Gschlavin? Nein! Zwei Türken treten rasch ein. Erster Türk. Wart, Katze, wir kriegen Dich schon wieder! Zweiter Türk. Her zu uns, Du gehörst uns. Casperl. Oho, das war nit übel. Gestohln's Gut! Erster Türk Gib sie los, oder Du fällst unter meinem Dolche! Myrrha (zu Casperl beiseite) Sag ihnen, Du wollest mich als Sclavin kaufen. Casperl (vornehm) Was kostet diese Geschlavin? Ich will sie kaufen. Zweiter Türk. Wenn Du gut bezahlst, soll sie Dein sein. (zum ersten Türken) 'S ist besser wir verkaufen sie gleich. Erster Türk Gib 100 Piaster und Du sollst sie haben. Casperl 100 Pflaster? Ich bin ja kein Bader, der mit Pflaster handelt. Myrrha O sage »ja,« damit ich gerettet sei. Casperl Also Ja! 100 Pflaster. In einer Stund könnt Ihr's bei mir abholen. Dort unten logir ich, schaut's nur auf die Tafel an der Thür: » königlicher Hoflivréeschuhmachermoister .« In meiner Behausung werd ich Euch gehörig auszahlen. Erster Türk Gut! 's ist recht. In einer Stunde komme ich, die Bezahlung zu holen. (beide Türken ab). Myrrha Großmüthiger Menschenfreund, nimm meinen Dank! Ich will Dir treu als Sclavin dienen, da Du mich vor diesen Teufeln gerettet hast. Casperl Mir ist's recht. Ich habe so grad keine Köchin. Kannst du kochen? Myrrha Ich will Dir Datteln in Cocusnusmilch bereiten und rohe Feigen trocknen. Casperl Was wär das? Hocuspocusmilch? Ohrfeigen? Kannst du keine Bratwürsteln braten? Myrrha Nimm mich nur mit Dir. Du sollst gewiß mit mir zufrieden sein. Casperl Ja, aber wer bist du denn eigentlich? Myrrha Dieß ist ein Geheimniß; wenn ich aber sehe, daß ich Dir Vertrauen schenken darf, so sollst Du es einmal erfahren. Casperl Also komm, geheimnißvolle Person! Ich will dich in meinen Schuster-Pallast führen. Die Stiefel da kann ich dem Herrn Leibkutscher später auch bringen. (Beide ab) Verwandlung Gemach im königlichen Pallaste Moschopulos mit Mebon eintretend. Moschopulos Er ist also da, wie Du mir meldest? Mebon Großer König, Dir zu dienen. An der Pforte, wo er als König Einlaß begehrte, ergriffen wir ihn. Moschopulos Mein Plan ist gelungen. Ich habe Herbed hieher gelockt, trotzdem daß Mobed es vereiteln wollte. Der verhängnißvolle Ring steckt an seinem Finger und dessen geheime Zaubergewalt umnebelt seine Sinne mit dem einfältigen Wahne, daß er der Weiseste auf Erden sei und der Hochmuth wird ihn vollends ins Verderben stürzen. Mebon Vor Allem muß Dir daran liegen, daß Herbed nicht zur Erkenntniß komme über die eigentliche Wirkung und Kraft des Ringes. Sollte er ihn von sich werfen, so wärst Du verloren und unser Reich wäre hier zu Ende. Moschopulos Wer könnte ihn dazu veranlassen? Mebon Mobed wird nicht ablassen, ihn auf gute Wege bringen zu wollen. Moschopulos Darüber befürchte ich nichts; denn eben der Wahn, in welchem Herbed durch des Ringes geheime Kraft befangen ist, wird ihn hindern, auf den Ring zu verzichten. Jedenfalls aber will ich mich von Herbeds Zustand selbst überzeugen. Laß ihn vor mich bringen. (Mebon ab) Moschopulos (allein, kniet nieder) O großer Rhabun, du, Onderah's Herrscher, Der mit Moisasur du das Licht bekämpftest – Dein Knecht erhebt die Hände zum Gebet: Laß mir die Macht, die ich erstrebt, erhalten, Daß dieses Reich mit allen seinen Völkern Der Hölle angehör', in der du thronest. Verflucht hat Brahma dich zur schwarzen Nacht; Darum beschütz' uns, die wir dir gehören Und durch die List schwarzer Magie verbreiten Dein Reich, um deine Macht nur zu vermehren. Was steht bevor mir nach der ird'schen Laufbahn, Als zu versinken in die Nacht des Rark's, Um tausend mal viel tausend Jahre wandernd In schmählichster Umwandlung zu verkümmern. So laß für diese kurze Erdenzeit Mir den Genuß der Herrschaft und der Freude! O großer Rhabun, höre mich! Ein Zeichen Gib, daß mein heißes Flehen du vernahmst. (Donner. Moschopulos steht auf) Ich danke dir! des Donners mächtig Rollen Ist deine Stimme, die jetzt zu mir sprach! ( Mebon tritt ein, mit ihm der gefeßelte Herbed ) Mebon Hier ist der Fremdling großer König! Moschopulos. Mebon entferne Dich! (Mebon ab.) (zu Herbed.) Was suchst Du hier? Herbed. Mein gutes Recht. Moschopulos. Dein gutes Recht? und was ist's? Herbed. Allahbad's Krone und Scepter. Moschopulos. Nicht mehr als dieß? Wie bescheiden! Herbed. Und wenn ich auch nicht des durch Dich selbst gestürzten Königes Sohn wäre, so müßte ich schon um meiner Weisheit willen der Herrscher dieses Reiches sein. Moschopulos. Glaubst Du, daß Moschopulos auch dem weisesten der Erde seinen Thron überlassen würde? Die Macht ist das Recht und wer die Gewalt hat, weicht auch der Weisheit nicht. Herbed. Alle Gewalt und weltliche Macht schwindet; die Weisheit kehrt zu den Göttern. Moschopulos. Und doch begehrst Du weltliche Macht für Dich? Herbed. Weil sie mein gerechtes Erbe ist. Moschopulos. Ich aber habe die Erbfolge umgestoßen, weil die Götter es wollten. Fort mit Dir! Pflege der Weisheit, belehre die Menschen, wenn Du es vermagst, eines bessern. Nähre Dich von Deiner Weisheit wie das Murmelthier, das im Halbschlafe das Fett aus den eignen Tatzen saugt. Herbed. Spotte wie Du willst! Immerhin! so will ich gehen und geduldig harren, bis der Tag erscheint, an welchem Herbed erkannt wird. Moschopulos. (ruft) Mebon! (Mebon kömmt) Entfeßle diesen weisen Thoren und gib ihm die Freiheit. Mebon. Wie Du befiehlst, hoher Herr. (Er entfeßelt Herbed.) Herbed. Wohlan! – wir sehen uns wieder. (geht ab.) Mebon. Aber warum, großer König, ließest Du ihn nicht tödten? Moschopulos. Er soll leben! Noch war's nicht an der Zeit, ihn zu vertilgen. Fürchte nichts! mich schützt Rhabun, der finstern Mächte Gebieter. (ab mit Mebon.) Verwandlung. Schuhmacherwerkstätte. Im Vordergrund ein schlechtes Ruhbett. Casperl tritt mit Myrrha ein. Casperl. So, jetzt sam' mer z'Haus. Da drinnen ist dein Stübl. Ein Strohsack von Palmblätter und eine Decken. Jetzt kannst a bißl rasten. Du weißt, was ein Gschlav oder eine Gschlavin zu thun hat? Myrrha. Zu gehorchen. Casperl. Also erwarte meine weiteren Befehle. In der früh machst du mir meinen Kaffee. Viel Kaffee und viel Rahm! nachher aufbetten, Zimmer putzen, auf'n Markt geh'n, 's Fleisch holen. Um 10 Uhr zwei Maß Bier und 12 paar Bratwürst – – (man hört Schritte) Still, da hör ich was. Das könnt der Türk sein, der sein Geld will. Also marsch, gschwind hinein ! (Myrrha ab.) (Ein Türk tritt ein) Türk. Hier bin ich, jetzt bezahle? Casperl. Was? wer? wie? Ich bezahlen? Türk. Die 100 Piaster, die Du mir für die Sklavin schuldest. Casperl. Was? ich schuldig? was geht mich die Gschlavin an? Ich weiß von keiner Gschlavin nir! Türk. Wie kommst Du mir vor? hast Du mir nicht vor einer Stunde ein Mädchen abgekauft? Casperl. Ich? – ja was wär denn das? Türk. Ja Du! um 100 Piaster. Also zahle. Casperl. Jetzt, weißt was, Türk? ich verbitt mir die Spaß da. Türk. Wie? Du willst so unverschämt sein, es zu leugnen? her mit den Piastern, oder – – Casperl. Wart Kerl, Du sollst Dein Pflaster haben. (prügelt den Türken.) Türk. Unverschämter, hör auf! Casperl. Nein, die 100 Pflaster sollst Du haben! (schlägt immer heftiger bis der Türke unter Geschrei zu Boden fällt) So, da liegt der Türk! Mir scheint er hat seine türkische Seele ausgehaucht. Um den constantinopolitanischen Kerl ist kein' Schad'. Naus damit! (schiebt ihn zur Thüre hinaus) der wird seinen Kameraden nix davon sagen, wie die Pflaster gschmeckt haben und kommt der andere, so mach ich ihm's grad so. Gschlavin! raus da, 's is Zeit zum Kochen. Myrrha (kömmt.) Hier bin ich, Herr; was befiehlst Du? Casperl. Schlipperment nochemal! du gfallst mir! Ich glaub' immer, ich werde dir deine Gschlavenketten in die Rosenguirlanden des öhlichen Bandes verwandeln. Myrrha. Deine Sklavin will ich sein; aber nie werd' ich Deine Gattin. Casperl. Wie? du niedrige Person lehnst meinen Heirathsantrag ab? du verschmähst es, daß ich dich aus deiner erbärmlichen Stellung in die Lage einer bürgerlichen Schuhmachermeisterin versetzen will? Myrrha. Dringe nicht weiter in mich. Alle Deine Worte wären vergebens verschwendet. Casperl (hochtragisch) Du stoßest mich von dir? – Ha! so werde ich also nicht dein Gatte, aber dein Herr sein und die ganze Wucht des Gschlaventhumes soll auf dir lasten! Grausam werde ich sein; seckiren werd' ich dich auf alle Arten – bis du endlich »ja« sagst und ich dich – nach Erlangung der Erlaubniß von Seite einer königlichen hohen Polizei- Direction – die Moinige in höherem und bedeutungsvollerem Sinne nennen kann. Myrrha. Wie Du willst! Du bist der Herr – ich die Sklavin. Casperl. So können dich auch meine Drohungen nicht bewegen? Wohlan! wonicht, woher, wohin, worauf – es sei. Du , meine Gschlavin – ich dein Herr und Gebieter! Ha! es sei! Ich glaubte, daß du, wie jeder ordentlicher Dienstbot, mehr auf gute Behandlung als auf guten Lohn siehst – allein ich habe mich getoischt. Du willst es selbst: also schlechte Behandlung und gar keinen Lohn! dieß wäre überhaupt mancher Herrschaft am liebsten. Jetzt aber muß ich meine Stiefel zum Leibkutscher hinein tragen, sonst verliere ich seine Kundschaft. Einstweilen sperr die Thür von innen zu und schieb den Nachtriegel vor; denn es könnte der Türkl Nummero Zwei seine Pflaster holen und dich bei der Gelegenheit wieder mitnehmen wollen. (gebieterisch) Gschlavin, gehorche! (ab.) Myrrha (allein.) Mein weiser Vater hat es so gewollt; ich füge mich seinen Anordnungen; denn er will ja nur Gutes. Aus der stillen Hütte, wo ich bei meiner Pflegemutter am Ganges seit meiner Kindheit lebte, sollte ich von den beiden Männer geraubt werden, um bei diesem gemeinen Schuhmacher das Weitere zu erwarten, was über mich verfügt würde. Wie dem auch sei, ich harre geduldig. Aber ich bin ermattet von der Aufregung, von der Herzensangst. Auf diesem Lager will ich etwas ruhen. (Sie legt sich auf das Ruhebett.) Ihr guten Götter beschützt mich! (Sie schläft ein.) Unter sanfter Musik verhüllt sich die Bühne mit Wolken; aus ihnen erscheint im Hintergrunde Mobed. Er hält eine Rose in der Hand. Mobed. Sie schlummert, ahnet nicht der Vaters Nähe; Mög ihr ein holder Traum den Schlaf versüßen, Da Sorge nun bewegt ihr kindlich Herz. Ihr Götter! lenket gnädig mein Beginnen Und segnet der Magie geheime Kraft, Auf daß den dunklen Mächten zum Verderben Ich meinen Zauber euch zur Ehre übe. (er tritt aus den Wolken an das Ruhebett.) Erwache, Myrrha, sieh hier deinen Vater! Myrrha (erwachend) . Mein Vater! Deiner Stimme holder Klang hat mich geweckt. Mobed. Ich weckte dich, liebe Tochter; denn raschen Fluges enteilt die Zeit und wir müssen sie benützen. Myrrha. Sprich – was soll ich hören? Was soll mit mir geschehen? Mobed. Der arme Prinz Herbed wird heute noch dieß Haus betreten. Ich sah dieß voraus und deßhalb veranlaßte ich selbst deinen Raub und daß du hieher gebracht würdest. Er ist durch den Zauber des Ringes, den ich ihm seiner verderblichen Einwirkung wegen vorenthielt und zu dessen Besitz er nur durch Moschopulos Tücke gelangt ist, verblendet. Der Wahn angeblicher Weisheit hat ihn mit Stolz und Hochmuth erfüllt, während er nur durch Demuth zu seinem Ziele gelangt wäre; denn nur mit dieser kann meine Magie vereint wirken. Ich hab nur Ein Mittel, das ich in diesem Falle zu seinem Besten anwenden kann. Sieh hier diese Rose. Sie wuchs in meinem den Göttern geweihten Garten, in welchem ich den Strauch mit Brahma's Segen gepflanzt. Ihr Duft verbreitet Liebe und Demuth. Nimm sie und stecke sie an deinen Busen. Myrrha. Und was habe ich zu thun, wenn Herbed naht? Mobed. Die Rose wird dir's sagen. Mehr brauchst du nicht zu erfahren. Wenn aber Herbed den verhängnißvollen Ring einmal von sich wirft, wird alles Räthsel schwinden. Leb wohl, geliebte Tochter! lasse dich an mein Herz drücken! Bald sehen wir uns wieder! Myrrha. O mein theurer Vater! Mobed nähert sich dem Hintergrunde und verschwindet mit den Wolken, welche das Zimmer umhüllt hatten. (Werkstatt wie vorher.) Casperl (tritt ein.) Schlipperment, da bin ich wieder. Die Stiefel sind beim Herrn Leibkutscher. Aber jetzt hungert's und durst't's mich. Geschlavin, was hast du mir 'kocht. Myrrha. Verzeih mir, Gebieter! Die Müdigkeit hat mich überwältigt. Ich bin eingeschlummert und vor kurzem erst wieder erwacht. Casperl. So? –das ist dein Diensteifer? Die Gschlavin schlaft und der Herr darf hungern. Marsch hinaus in die Kuchl! Knödl will ich haben! Sauerkraut! Schlegelbraten! Bratwurst! Rahmstrudel! Zwetschbendatschi! – fort – aus meinen Augen! Myrrha. Ich gehe, wie Du befiehlst; allein Alles was Du so eben genannt, ist meinen Ohren neu! Casperl. Das macht nix! – nur fort du, sonst vergeß ich mich in meiner Wuth und beiß dich selber an ! (Myrrha ab.) Casperl (allein.) Das wär' mir a sauberer Dienstbot! Nit amol von die Knödl weiß was. Schlipperment! in meiner Hühnersteigen sind ja noch a paar Indian. Die muß sie mir braten; nachher einen grünen Palmblattlsalat dazu und eine saure Feigensauce. Das muß ich ihr gleich sagen. (will hinaus; es pocht an der Thüre.) No! No! wieder kein' Ruh! kaum bin ich z' Haus und will a bißl rasten, hat der Deixel scho wieder wem da. Schlipperdibix! wer ist draußen? Die Thüre geht auf. Herbed tritt ein. Herbed. Der weise Herbed sucht ein Obdach. Casperl. Der weiße Herbed? Ja schwarz bist freilich nit, sonst wärst ein Mohr. Herbed. Gönne, daß ich diese Nacht unter Deinem Dache ruhe, und ich werde Dir's königlich lohnen. Casperl. Oho! oho! Schon wieder eine neue Gsellschaft! Jetzt hab ich erst eine Gschlavin ins Haus bekommen und da kommt noch ein Gast dazu. Herbed. Du wirst Deine Gastfreundschaft nicht zu bereuen haben; denn wo die Weisheit einkehrt, da ist auch die Huld der Götter. Casperl. Die Huld der Götter wird bald so gnädig sein, daß ich selber Nix mehr zum Essen hab, wenn die Huld der Götter einem armen Schuster, der sich nit emal ein' Gsellen halten kann, allerhand Hungerleider in's Haus schickt. Ich will von die Götter nix wissen, wenn ich nur was zum Essen und Trinken hab, nachher kann mir die Huld der Götter vom Leib bleiben. Hab'n Sie's ghört, weißer Gast? Oder sind Sie vielleicht ein wandernder Schuhmachergsell, der en Arbeit sucht? – (Herbed hat sich unterdessen auf das Ruhebett gesetzt) O, geniren S' Ihnen nur net. Gleich niedergsessen! Soll ich wohl aufwarten mit Etwas, was Ihnen besonders schmeckt? Herbed. Nichts verlange ich, als ein Obdach. Casperl. Ja, das ist aber noch die Frag, ob ich's Dach hergib? Rasten kann Er a bißl, aber nachher mach' Er, daß Er 'nauskommt zum Tempel. Ich bin kein Wirthshaus. Einweilen werde ich suppiren, wie der Franzos sagt, (ruft hinaus) Gschlavin! mein' Suppen! (Myrrha tritt ein. Bei ihrem Anblick steht Herbed überrascht und begeistert auf.) Herbed. Welche Erscheinung! Mädchen, bist Du eine himmlische Bajadere? Ein süßer, wonniger Duft strömt von Deinem Antlitz aus! Wie ist mir? Laß mich zu Deinen Füßen niedersinken! (Er eilt auf sie zu und kniet vor ihr nieder.) Casperl So? – eine alte Bekanntschaft vielleicht? brav, es kommt immer besser. Endlich krieg ich noch die ganze Verwandtschaft in's Haus. Herbed Bei allen Göttern, wer bist Du? sag es mir, ehe ich in Deinem Anblick vergehe! Myrrha Ich bin Myrrha, Mobed's Tochter. Herbed (erschüttert) . Mobed's – meines Verräthers Tochter? Weh mir! weh Dir! (Er sinkt bewußtlos zu Boden. Casperl fällt ebenfalls um.) Der Vorhang fällt rasch III. Aufzug Dunkles Gemach, spärlich von einer Lampe erhellt. Zaubergeräthschaften. Am Fenster ein Fernrohr, vor welchem Moschopulos steht und beobachtet. Moschopulos Schon halb vergangen ist die Nacht, die Sterne Verdunkeln vor des fernen Tages Grau'n. Wie ist mir? mächtiger Rhabun! ich zittre; Ein unbekanntes Bangen will ergreifen Mich, einem Weibe gleich?– Was soll's? wohin Entflieht mein leuchtender Planet? – Das Zeichen Des Schützen, den Mobed umdunkelt sah, Wie er in seinem Fluche mir verkündet – Fürwahr, ich selber seh's in düstrem Schein. Moschopulos! pfui, schäme dich des Zweifels Am eig'nen Ich. Mit einmal sollt'st du sinken? Du solltest untergehen im Glanz des Lebens? Und doch! – es lügt der Hölle Macht! Ergeben Hab ich dem Bösen mich! – – Rhabun, Rhabun! Vernahm ich deinen Donner nicht, als betend Ich dich gerufen? – Nun, wohlan, wenn du Nicht schützest, helfe mir was helfen mag. (Sieht wieder durch den Tubus) Das Sternbild Herbed's steigt im Osten auf! Die Sterne lügen sagt' ich selbst, so ist's. Sie lügen mir , so mag es dir auch gelten; Wenn dein Gestirn dir freundlich schimmernd leuchtet, Will ich den schwarzen Schleier drüber ziehn! Wohlan! Herbed du fallst , die Sterne lügen! (zieht an einer Glocke) Mebon (tritt ein) Die Glocke rief: Was befiehlst Du, Herr? Moschopulos Ist mein Befehl vollzogen? Mebon Herbed liegt gefesselt im tiefsten Kerker. Wir hatten seinen Aufenthalt entdeckt. Bei einem armen Schuhmacher hatte er Obdach gesucht. Obgleich es gestern noch nicht dein Wille war, so ließ ich seinen Schritten durch einen Sklaven folgen, um seine Spur nicht zu verlieren. Moschopulos Das war klug von dir. Kaum hatte ich ihm die Freiheit gegeben, so beobachtete ich drohende Zeichen am Himmel. Herbed muß sterben. Im Kerker soll sein Haupt fallen. So lang der Ring an seiner Hand, hat auch Mobed keine Gewalt, ihn zu befreien. Zu meinen Füßen will ich Herbed's entstellten Körper sehen. Geh' und bereite Alles vor. (Mebon ab) Aus der Ferne erschallt ein Geisterchor. Es schwindet die Nacht, Das Morgenroth lacht; Der Sonne zu weichen Die Sterne erbleichen. Die Wahrheit zieht ein Im goldenen Schein, Und sie zu verkünden Die Flammen sich zünden. Es schwindet die Nacht, Das Morgenroth lacht. Moschopulos Schon vernehm' ich der Geister Chor, die den Morgen verkünden. Die Sonne geht blutroth auf! Ja, Herbeds Blut! Herbeds Blut verkündet sie! – Alles ist noch still; die Zinnen der fernen Berge beginnen sich zu röthen. Ehe der Tag das Thal überstrahlt, soll Herbed gefallen sein! (ab.) Verwandlung Kerker. Herbed (liegt in Fesseln) So ist denn überall Verrat! Selbst in der armen Hütte, in der ich Obdach suchte, war ich vor ihm nicht gesichert. Wie auch könnte es anders gewesen sein, da Mobeds Tochter, im trügerischen Schimmer mir erschienen, wohl die Sklaven gerufen hatte, mich in den Kerker zu schleppen; denn kaum von ihrer Erscheinung entzückt, aber getäuscht, traten die Krieger ein, mich gefangen zu nehmen. Fürwahr, ich bin zum Unheil geboren! Meiner Jugend beraubt hatte ich nun gehofft, Verlorenes wieder zu erringen. Vergebens! Alles Täuschung! Alles Betrug! – Was soll nun mit mir geschehen? Was nützt mich die Weisheit, die ich durch diesen Wunderring erlangt? Sie bleibt verkannt! Wo ist jener Einsiedler, der mich aus Mobeds Gewalt befreit? Hat auch er gelogen? Fluch über ihn, wenn es so ist! Soll ich an der ganzen Menschheit verzweifeln? Wehe! Wehe! – (Die Thüre des Kerkers öffnet sich) Wer kömmt? Ich werde wohl zum Tod geführt werden. Myrrha (tritt ein) Ich bin es, Herbed. Herbed. Du, in der ich all meine Hoffnung, all meinen Trost zu finden geglaubt? und auch Du hast mich verrathen? Wie gelang es Dir in diesen Kerker zu dringen? – Allerdings kein Wunder, da Du mit dem Verrathe im Bunde bist. Myrrha. O sprich nicht so, Herbed! Du verkennst mich. Herbed. Ich Dich verkennen? – Wohl warst Du mir wie ein Helles Gestirn in der dunklen Nacht meines Lebens erschienen; allein die Enttäuschung folgte nur allzuschnell! Myrrha. Die Enttäuschung? Wer anklagt , der muß auch beweisen ! Herbed. Diese Mauern sind es, die Dich anklagen; unumstößliche Beweise der Verrätherei. Myrrha. Du willst der Weiseste sein unter Allen, so bewähr' es und lasse Dich nicht vom Scheine blenden. Herbed. Erkläre Dich. Myrrha. Als Du wie entseelt vor mir niedergesunken warst, traten die Häscher, von Moschopulos Dich zu fah'n ausgesandt, ein. Ich wußte nichts von ihnen, bei allen Göttern! Als Du gefesselt fortgeführt wardst, sank ich vom tiefsten Schmerz ergriffen hin. Da kam mein Vater, Mobed – Herbed. Nichts von ihm – dem treulosen! Myrrha. Er gab mir den Schlüssel zu der Pforte dieses Kerkers und sagte: »Eile zu Herbed, ihn zu befreien!« Herbed. Wie? ist es möglich? Mobed? – Myrrha. Befreie Herbed aus seinen Fesseln, sprach er. Herbed. Er, der – mit Moschopulos vereint – von meiner Kindheit an mein Feind war, hieß Dich, meine Ketten brechen? Myrrha So ist's. Allein nicht diese Fesseln allein sind es, die Herbed binden – sprach mein Vater; der Wahn ist es, der ihn noch mehr kettet. Herbed Täusche mich nicht durch neues Blendwerk. Myrrha Höre, theurer Herbed! (denn die Götter wissen es, daß Du meinem Herzen theuer bist) höre und glaub' es. Jener Einsiedler, der Dir den Zauberring gab, war Moschopulos, welcher Dich der weisen und liebenden Führung meines Vaters entreißen wollte. Es gelang ihm. Allzuschnell gabst Du ihm Gehör und den Ring am Finger verschmähtest Du die wohlgemeinten Warnungen meines Vaters. Herbed Wenn sich mein Herz auch zu Dir mächtig hingezogen fühlt, meine Weisheit täuscht mich nicht. Sie hieß mich Deinen Vater erkennen, der mich nun durch Deine Reize mit neuen Vorspiegelungen täuschen will, um mich gänzlich zu vernichten. Myrrha. Sieh diese Rose, deren Duft Dich entzückt hat – es ist die Rose der Liebe und Demuth! Herbed. Der Blumen Duft betäubt! Unter Rosen lauern giftige Ecklangen! Myrrha. Theurer Herbed, glaube mir! Wirf den verhängnißvollen Ring von Dir und Alles wird Dir klar werden, oder schenke mir ihn und ich will Dir die duftende Rose dafür geben. Herbed. Nein und nimmermehr! Myrrha. Zögre nicht länger, Dich selbst zu retten. Schon nahen Deine Henker. Herbed. Der Tod ist mir willkommen. (Die Kerkerthüre wird geöffnet) Myrrha. So will ich Dich im letzten Augenblicke noch fragen. Eines versprich mir: Wenn Dir der Tod gewiß, so schenke mir Deinen Ring. Herbed. Ich gelob es Dir. Mebon (mit Kriegern, erscheint an der Thür) Herbed! Herbed! folge mir! Deine Zeit ist abgelaufen. Herbed. Es sei! Ich bin gefaßt. – Myrrha, gib mir die Rose, daß ihr Duft mich in dem letzten Augenblicke meines Lebens noch erquicke. Myrrha. Nur gegen den Ring! Herbed. Du hast Recht, Myrrha. Was soll er mir jetzt noch? Nimm ihn und reiche mir die Blume. Was nützt mich die Weisheit dieses Lebens, wenn ich es verlassen soll, (zieht den Ring vom Finger) Hier ist der Ring, gib mir die Rose! Myrrha (ihm die Rose reichend) Die Götter sei'n gepriesen! Jetzt hast Du gesiegt'. Donnerschlag. Die Kerkermauern stürzen ein. Verwandlung in einen romantischen Palmenhain, in dessen Mitte ein phantastischer Tempel mit flammendem Altare; an seinen Stufen steht Mobeb; ringsum Genien mit brennenden Fackeln. Herbed. Welch ein Wunder! Wie ist mir? –Myrrha! Mobed! Ein Strahl von Wonne durchzuckt mich! Mobed. Ja, du hast gesiegt, da du dem Ring entsagtest! Myrrha Ich schleudere ihn von mir! (Sie wirft den Ring weg, der sich in eine Schlange verwandelt Aus der Tiefe erscheint unter Flannmn Moschopulos , welcher die Schlailge erfaßt und mit ihr wieder versinkt) Mobed Sieh, Herbed, wie der Ring zur Schlange ward Und mit Moschopulos in Nacht versank! Gerettet bist du, König bist du nun Von Allahbad! Dein Scepter sei gesegnet! (Er sezt Herbed ein güldenes Diadem auf.) Rings nah'n zu huldigen dir die Völker, Ein milder Herrscher sei dem Vater gleich! (Krieger und Volk ziehn ein, Palmen schwingend) Herbeb (Mobed umarmend) Jetzt seh ich's ein, daß du mir Vater warst Und Vater, Mobed, sollst du mir auch bleiben. Myrrha sei Königin, zur Braut erkoren Besteige sie mit mir den Königsthron: Und diese Rose sei fortan das Bild, Das meinem Königsschild als Zierde diene, Und Lieb' und Demuth seien die Devise, Die sich Allahbads König hat gewählt. (Er führt Myrrha zum Altare) Chor Heil Dir, Herbed, Heil Myrrha Dir! Vor Eurem Throne knieen wir. Die Wahrheit hat gesiegt, die Lüg' entschwand; Des Segens Sonne schütze dieses Land! Ein rother Schimmer überstrahlt die Bühne während der Vorhang fällt. Ende des Stückes Casperl als Garibaldi Ein politisches Trauerspiel Aus dem Italienischen übersetzt Personen. Salzmaier , Bürgermeister. Spritzler , Rathschreiber. Casperl Larifari. Margarethe , seine Frau. Bock , Schneidermeister. Zapfl , Wirth zum »grünen Ochsen.« In der Ferne das Garibaldische Armeecorps. Amtsstube des Bürgermeisters. Bürgermeister Salzmeier . Dann Spritzler . Salzmaier (am Arbeitstische sitzend) . Spritzler! – Spritzler! wo steckt Er wieder? Spritzler (Akten unter dem Arme) . Da bin, da bin ich, Herr Bürgermeister; hab nur in der Registratur Etwas holen müssen. Salzmaier. Flausen, Flausen! Ich kenne Seine Registratur schon. Das ist die Rathdienersstubcn unten bei der Weinflaschen oder im »grünen Ochsen« drüben beim Bierkrug. Ich werde aber dem Mißstand bald abhelfen. Der Rathdiener darf keinen Wein mehr abgeben aus seinem Keller. Wird mir das ganze Personale verdorben mit der bequemen Gelegenheit zum Frühschöppeln. 'S ist eine Schand! Schau Er sich nur einmal in den Spiegel. Vorigs Jahr war seine Nasen roth und Heuer ist sie schon ganz violettblau. Das wär mir eigentlich ganz einerlei, ob Er eine rothe oder eine blaue Nasen hat; aber der Dienst, der Dienst leidet darunter. Spritzler. Herr Bürgermeister, da muß ich schon bitten. Was meine Amtspflicht betrifft, kann mir – glaub' ich – kein reprement gemacht werden und die paar Tröpfeln Wein, die ich bisweilen zu meiner Magenstärkung trink, brauchen S' mir net vorzuhalten – die zahl ich selber. Und wenn ich nicht wär, so ging gar nichts mehr zusammen auf'm Rathhaus. Ich bin doch die Seel vom ganzen Collegium. Salzmaier. Oho, Mossieur Spritzler! Das wär nicht übel: aufbegehren auch noch, wenn Ihm sein Vorstand, ich, der Bürgermeister – eine Zurechtweisung gibt? Das verbitt ich mir ernstlich! Verstanden, Mossieur Spritzler? Vergeß' Er Seine Stellung nicht. Spritzler. Die vergeß ich gwiß nit; aber ich hab eigentlich gar keine rechte Stellung mehr. Vor lauter Schreiben und Sitzen seh' ich bald selbst wie eine verbogene Schreibfeder aus. Salzmaier. Still da; ich verbitt mir die witzigen Bemerkungen, die nicht hiehergehören. Was soll ich nachher sagen? Ich unterliege ja beinah meiner Würde und Bürde. Auf mir ruht die ganze Last der städtischen Angelegenheiten! Ich bin die Stütze des ganzen Gemeindecollegiums! Wenn ich nicht wär – – Doch genug. Wo ist der heutige Einlauf? Nichts Neues? Keine Meldung? Spritzler. Der Schneidermeister Bock steht schon eine Stund draußen in der Rathsstuben und wart't auf'n Herrn Bürgermeister, weil er eine Anzeig zu machen hat. Salzmaier. Hab mich heut ein bißl verschlafen. Was wird das wieder sein? Gewiß wieder eine Klage wegen Gewerbsbeeinträchtigung oder so was zwieders. Spritzler. Ja, es könnt leicht so was sein; denn die Schneider haben sich schon lang beklagt, daß die Nahderinnen auf der Stöhr den Herren die Knöpf annähen, was nur der eigentlichen Schneiderzunft zusteht. Salzmaier. Dem Spectakel wird bald abgeholfen werden. Haben wir nur einmal die Gewerbfreiheit. Ich wart schon lang auf die Einführung dieses Fortschrittes. (für sich.) Mir schadt's Nichts, denn mein Laden bleibt doch in Schwung, und die Magistratsgeschäfte werden dann vermindert. (zu Spritzler) Also, laß Er den Bock herein. (Spritzler ab.) Salzmaier. Der Spritzler wird mir wirklich etwas zu üppig! Aber was will ich machen? Er ist und bleibt doch meine rechte Hand, also muß ich ihm immer durch die Finger schau'n. (Bock tritt ein) Salzmaier. Guten Morgen, Herr Schneidermeister! Was gibt's? Womit kann ich aufwarten? Bock. Bitt unterthänigst; von aufwarten ist keine Red, Herr Bürgermeister, das wär meine Sach. Ich hab nur eine kleine Klag vorzubringen, wenn ich bitten dürfte. Salzmaier. Immer und immer Klagen! – Nun, wo fehlt's wieder? Bock. Herr Bürgermeister wissen ja, daß der Herr Casperl bei mir wohnt. Salzmaier. Ja, das weiß ich. Im zweiten Stock. Bock. Gestern war wieder so ein Spetakel, daß wir die halbe Nacht nicht hab'n schlafen können im ersten Stock. Salzmaier. Was Spectakel? Wie so? Bock. Der Herr Casperl ist wieder nach 12 Uhr mit einem Rausch heimkommen und hat seine Frau geprügelt. Das gschieht alle Wochen ein paar Mal und meine Inwohner haben mir schon gedroht, daß Alle ausziehn woll'n, wenn dem Unfug nicht abgeholfen wird. Salzmaier. Das ist doch erschrecklich mit dem Herrn Casperl! Von alle Seiten laufen Klagen und Beschwerden gegen ihn ein. Ueberall macht er Spectakel! Aus alle Wirthshäuser werfen's 'n 'naus. Vorige Woch hat er mit'm Nachtvachter grauft wegen der Polizeistund! Vorgestern hat er der Frau Obstlerin das Standl umgworfen, daß alles Obst in den Stadtbach gekugelt ist. Bock Ja und mir ist er schon seit zwei Jahren den Hauszins schuldig und aufkündigen kann ich ihm auch nicht; denn da wär der Teufel los; meine Lehrbubn halten so zu ihm. Helfen's mir, Herr Bürgermeister, ich bitt Ihnen um Gotteswillen. Salzmaier Aha! jetzt ist wieder die Behörde gut genug! Sonst kann man nichts thun, als über sie schimpfen. Jetzt soll ich wieder helfen! – Apropos! Sind meine Hosen noch nicht fertig? und mein Gilet noch nicht ausgebessert? Bock Heut früh hab ich's der Frau Bürgermeisterin eingeliefert Vom Hosenzeug ist noch eine halbe Viertel Ellen übrig geblieben, da hab ich gleich dem Gilet damit das Rückblatt neu eingesetzt. Salzmaier Gut, gut – und die Rechnung? Bock Bitt unterthänigst, das hat gute Weg. Der Herr Bürgermeister haben ohnedieß so viele Gefälligkeiten für mich. Da woll'n wir nicht weiter davon reden. Salzmaier Brav, brav! Ich bleib einstweilen ihr Schuldner bis Mehr zusammenkommt. – Ja – dem Herrn Casperl will ich aber gleich zu Leib steigen. Der Wirthschaft muß ein End gemacht werden. Ich werd ihn gleich citiren lassen. (Klingelt.) Spritzler (tritt ein) Was befehlen der Herr Bürgermeister? Salzmaier Spritzler! gleich zum Herrn Casperl schicken. Er soll in einer Stunde zu mir aufs Amt kommen. Spritzler Soll gleich geschehen. (Bei Seite) Auweh! Jetzt woll'ns mein' guten Freund dazwischen nehmen! (ab.) Salzmaier So, Herr Bock; jetzt geh'ns nur wieder nach Haus. Die Gschicht soll bald bereinigt sein. Guten Morgen! Eine schöne Empfehlung an die Frau Schneidermeisterin. Guten Morgen! (ab.) Bock (allein) Dießmal laß ich nimmer aus. Das wird mir zu arg mit der Bagage. Eingesperrt muß er mir werden und da hilft Alles nichts; nachher Hab ich doch auf einige Zeit wieder an Ruh! (ab.) Spritzler. Bestellt ist er; aber zugleich aviso gegeben, was 's bedeut. Im Gegentheil – ja im Gegentheil! Ueber mein' Freund Casperl laß ich nichts kommen. Der fidele Kerl! die treue Seel! da müß'n wir Etwas ausstudieren miteinander, daß die bürgermeisterliche Amtstätigkeit einen Ableiter bekommt und der Arm der Strafgewalt an der Execution gehindert wird. Also sei gscheid, Spritzler! Nimm dein' ganzen Kopf zusammen. Jetzt gschwind zum Casperl in den grünen Ochsen, da werd' ich 'n gwiß finden. Dort soll der Plan ausgedacht und abgemacht werden, bevor er zum Bürgermeister in's Verhör kommt (ab) Verwandlung. Wirthsstube im grünen Ochsen. Zapfl. Schon 10 Uhr, und noch kein Gast da? Net a mal der Casperl. Ja der muß halt sein' Rausch von gestern ausschlafen. Der ist mein beste Kundschaft. Aber nacher kommt gleich der Spritzler. Die saufen was z'samm! – So jetzt hab' ich grad noch Zeit zum Anzapfen und zum Wasserschütten. Das ist noch a Glück, daß die Bräuer so a passabl's Bier machen; da leid't 's noch was für unser Ein. Auf ein Emmer so a 12 Maßl Wasser ist grad recht. Das ist meine Gäst gsund, denn sie kriegn kein Kopfweh, und mir thut's auch gut. Ich muß doch mein erlaubten Profit haben! Casperl (draußen, singt) Zapfl Aha, jetzt kommt er schon! Casperl (tritt ein) Zapfl Bon jour Mossieur Casperl. Warum so spät? Casperl (wichtiq thuend.) Ja, Freund meiner durstigen Seele! die heutige Sonne ist umnebelt und düster aufgegangen. Zapfl Ja, von deim gestrigen Nebel, nit wahr? Casperl. O nein, o nein, edler Zapfel und Zapfler. Ein furchtbares Geschick hat beim ersten Sonnenstrahl meine Stirne umwölkt. Zapfl. Sapperment, was muß das sein, daß d' so hochdeutsch redst? Casperl. Vor Allem eine Maß zur Stärkung meines erschütterten Gemüths! Zapfl. Gleich bring ich ein Frischangstochenes! Casperl (tragisch) O ja, steche an! Entwickle deine Berufsthätigkeit mit jener edlen Manneskraft, welche deiner würdig ist, damit der ermattete Lebenswanderer sich laben könne an der Quelle. ( Zapfl bringt Bier) Casperl. In die Tiefe dieses thurmartigen Gebäudes – Maßkrug genannt – will ich mich versenken! (in gewöhnlichem Tone) Schlapperment, aber heut hab ich schon an Durst, Zapfl! Ich glaub, weil ich gestern z'weng trunken hab. Kurz und gut und gut und kurz, laß dir sagen. Zapfl, ich muß nacher zum Bürgermeister nüber vermuthlich wegen meiner gestrigen Aufregung. Ich hab nehmlich in meiner germanischen Begeisterung wie ich z'Haus kommen bin mit meiner Grethl etwas zu vernehmlich discurirt. Sie sprach wieder oder widersprach, was ich durchaus nicht dulde, besonders wenn ich in einer exultirten Stimmung bin, und da gab Ein Wort das andere; ich ward heftig, sie ward giftig, ich warntetete, ich drohtetete! – endlich kam es zu Thätlichkeiten! Ich ließ meine männliche Autoritätschaft walten, Schlag auf Schlag; sie fiel unter meinen Streichen. Diese häusliche Scene blieb aber nicht Privatangelegenheit; denn in Folge des Lärm's wurde die unter mir schlummernde Bocksfamilie veranlaßt, mit meinem Verhalten unzufrieden zu sein, und der Staatsbürger von Nadel und Faden, diese elende Schneiderseele hat mich heut in aller früh schon beim Bürgermeister verklagt, in Folge welcher Renunziation ich amtlich klistirt wurde und mich in einer halben Stunde bei unserm städtischen Tyrannen Salzmaier einzufinden habe. Jetzt hast die ganze Gschicht, Zapfl! Zapfl. Also zitirt bist worden? Aber daß 'd gar kein Ruh gibst! alleweil Spetakel und alleweil Spetakel! nacher kann die Straf nit ausbleiben. Werd doch Einmal gscheid! Casperl. Gscheid? Ja was is denn gscheid? Trinken oder nicht trinken? Trinkt der Mensch nix – so verdurst't er; und das ist doch nit gscheid! und trinkt der Mensch, so hat er die Pflicht seinen Durst zu löschen; denn das gebietet die Selbsterhaltungsschuldigkeit und das ist gscheid. Also soll besonders ein Wirth oder Bierzapfler, wie du bist, von einer solchen Gscheidheit nit reden, sonst ist er selber ein dummer Kerl. Zapfl. Jetzt hast du wieder recht. Also sei gscheid und trink so viels d' magst. Casperl. Das Trinken ist ein natürliches Bedürfniß, ein Naturtrieb, den der Mensch nicht unterdrücken soll. Hätt' der Adam zur rechten Zeit sein' Durst glöscht, so hätt' er gwiß nit in den sauern Apfel bißen; denn wenn ich dein schlechts Bier trunken hab, so fallt's mir gwiß nit ein, daß ich noch an Apfel iß. Zapfl. Du sprichst wie ein Buch. (schaut zum Fenster hinaus.) Ah, da kommt der Spritzler. Sein rothe Nasen glänzt schon von weiten daher. Casperl. Bravo! aber jitzt Wirth entferne dich. Wir haben mitenand was abzmachen, was vor der Hand der ganzen Menschheit noch ein Geheimniß bleiben soll. Also hinaus, Wirthsseele! begib dich einstweilen in die Kuchel und besorg mir ein dutzend Bratwürst. Spritzler (tritt ein.) Gschwind eine Maß, Zapfl! dann entferne dich und laß uns zwei allein. Zapfl (bringt Bier.) So da habn's Eine, Herr Spritzler. Ich geh schon. (ab.) Spritzler. Casperl! dir droht Gefahr! Casperl. Ha! Verrätherei oder was – Spritzler. Eingsperrt sollst werd'n. Allein wir wollen dem Verhängniß zuvor kommen. Casperl. Wenn besagte Einsperrung mit Wasser und Brod verbunden ist – dann auweh! Sollte aber besagte Einsperrung die gute Kost nicht ausschließen, so bin ich dabei. Spritzler. Du hast das Aergste zu befürchten; denn der Herr Bürgermeister ist ungeheuer aufgebracht über dich. Also bleibt kein Rettungsmittel als Klugheit. Casperl. Was fangen wir an, Freund Spritzler? Spritzler. Ich hab mir schon was ausgedacht. Casperl. 'Raus damit! Spritzler. Ich hab gestern in der Zeitung glesen, daß der Garibaldi schon gegen Tirol rausrückt. Des weißt, daß der Bürgermeister den Garibaldi wie 'n Teufel fürcht; ich werd' eine telegraphische Depesche erfinden, daß er schon an der Grenz steht mit 50000 Italiener und du mußt als Garibaldi einrucken. Casperl. Schlapperment, das ist nit übel! Ich komm als Barigaldi mit 50000 Italiener! Und nachher quartir ich mich beim Bürgermeister selber ein und laß mir auftischen, was mir schmeckt, und du darfst mit mir essen und trinken. Spitzler. Nur klug und vorsichtig. Geh jetzt 'nüber in's Verhör und thu nur recht lamentabel; ich komm nacher schon zur rechten Zeit dazwischen mit meiner Depeschen. Casperl. Brav, so machen wir's! Schlipperment, das gibt en Hauptgaudi. Das ganze Stadtl muß allarmirt werden, wenn ich mit meinem Sabel komm. Spritzler. Aber italienisch mußt reden, sonst kennen's dich ja an der Sprach. Casperl. Das versteht sich. Gib Acht, was ich daher welschen werd. Ich hab so en alts italienisch' Sprachbüchl; in dem will ich a bißl studiren. Spritzler. Gut! also fort zum Bürgermeister. Casperl. Zuvor noch eine Umarmung! Laß dich an meinen Freundesbusom drücken. Ewig dein – o – o – o! (Beide ab.) Verwandlung. Amtsstube des Bürgermeisters. Salzmaier tritt mit Frau Margrethe ein. Salzmaier. Also wirklich, Madame Casperl? Margrethe (spricht manheimerisch). Ja werklich, Gstreng Herr Börgermöster. Er hat mer mein Buckel elend verkloppt, der Lumb. Es werd mer zu arg. Ich bitt Se um Gotteswille rangire Se mer'n nur tüchtig. Salzmaier. O da können's überzeugt sein, Madame Casperl, daß ihr sauberer Herr Gemahl tüchtig hergnommen wird. So en acht Tag bei schmaler Kost Einsperren, das wird ihn schon auf eine gute Zeit lang mürb machen. Margarethe. Und denke Se sich, Herr Börgermöster: Geschimpft hat er mich ach noch. Aus die Prüchel wollt ich mer nix gemacht habe, denn die bin ich gewehnt, aber daß er mich en alde Schachtel gheiße hat, das is doch infam; net wahr Herr Börgermöster? Salzmaier. Ei, das versteht sich. Das ist ja gar keine Manier, Sie eine alte Schachtel zu heißen und Sie sind doch noch so gut conservirt für Ihr Alter. Margarethe. Ja was meene Se denn, daß Se mit meim Alter komme? Verzig Jahr, des is doch noch keen Alter . – Aber Apropos, Herr Börgermöster, wie steht's denn mit der Politik? habe Se nix Neus gehört? denke Se nur: Grad secht mer die Frau Functionärin drüwe, daß in der Zeitung steht, der Garibaldi wär schon längst in Neabel eingerückt und jetzt rückt er immer näher und näher gege uns 'rauf, so daß mer keen Tag net sicher wär, ob er net bei uns auch Spektakel mach. Salzmaier Ha, ha, ha! da ist nichts zu fürchten, liebe Madame Casperl; bis der zu uns kömmt, hat's gute Wege, und von so einer nahen Gefahr habe ich in der Zeitung noch nichts gelesen. Margrethe Es muß aber doch e Deuwelsborsch sein, der Garibaldi; denn wo er nor immer erscheint, da lauft Alles davon und er nimmt ja alle Städt und Poste ein, ohne daß e Schlacht geliefert werd. Er ganz alleen, denke Se sich, Herr Börgermöster! Er alleen, höchschstens mit seem Adjütante! Salzmaier Ha, ha, ha! Liebe Madame Casperl, die Politik ist nicht die Sache der Frauen! Sein Sie ganz ruhig. Wir haben den Garibaldi nicht zu fürchten; aber das ist nicht zu leugnen, daß seine Persönlichkeit von großer Gewalt sein muß; aber käm' er nur einmal zu uns, wir wollten ihm schon den Weg weiter hinaus zeigen, dem Raubgesellen, dem Schinderhannes, dem italienischen bayrischen Hiesel! Spritzler (tritt ein.) Herr Bürgermeister, der Casperl ist zum Verhör da. Salzmaier. Gut, er soll hereinkommen. Gehen Sie einstweilen in mein Nebenzimmer, Madame Casperl. ( Margarethe ab) ( Spritzler ab. Casperl kömmt herein.) Casperl (spricht sehr hochdeutsch.) Habe die Oehre, mich beim Herrn Bürgermeister vorzuführen. Salzmaier. Jetzt ist nicht die Red vom Vorführen, sondern vom Aufführen, Monsieur Casperl. Was haben Sie wieder in vergangner Nacht angfangen. Casperl O angefangen hab ich nichts; ich hab nur meine Gattin aufgfangen, wie sie voll Zärtlichkeit in moine Armee gefallen ist. Salzmaier. Keine Spaßetteln, Herr Casperl! Ich weiß Alles. Casperl Wenn Sie Alles wissen, dann gebietet mir die Beschoidenheit nichts mehr zu sagen, weil Sie schon Alles wissen, was ich Ihnen zu sagen Gelegenheit zu ergreifen pflichtschuldigst aufgefordert werden hätte können sollen oder haben, insoferne die Pflicht des Staatsbürgers seiner vorgesetzten Behörde die geeignete verantwortliche Aufklärung und Schuldigkeit keineswegs so und so oder auch nicht demunerachtet gewißermassen, einerseits oder andererartens, hinten oder vorn – Salzmaier Hören Sie auf mit Ihrem Unsinn! Man kann doch wirklich kein gscheides Wort mit Ihnen reden. Casperl (fein und wichtigthuend.) Wer nicht geschoid ist, kann auch nichts Geschoides reden. Nun ist hier die Frage: Wollen Sie mit mir reden, oder soll ich mit Ihnen reden? Also, wer ist eigentlich derjenige Welche? Salzmaier Kurz, um zur Sache zu kommen. Die Beschwerde des Schneidermeisters Bock ist constatirt, daß Sie sich heute wieder des Vergehens der nächtlichen Ruhestörung schuldig gemacht haben. Casperl. Erlauben Sie, Herr Bürgermeister, daß ich mich über diesen subtilen Punkt rechtfurtige und explucire? Salzmaier. Das wird eine saubere Rechtfertigung sein. Also? Casperl. Erstens – ist das schon eine Schand, daß ein Mensch Bock heißt und besonders ein Schneider. Zweitens – hat sich ein Bock niemals zu beschweren, weil ein Bock ein unvernünftiges Thier ist. Drittens – was dieser Bock contrastirt hat, ist eine Verläumdung, weil die Bocksfamilie im ersten Stock logirt und ich im zweiten; also können die Unten nicht wissen was oben gschicht und Viertens – sind alle Kühe in der Nacht schwarz, also kann von einer nächtlichen Betrachtung oder Ruhestörung keine Rede sein und Fünftens – also bin ich unschuldig und der Schneiderbock ist ein elender Kerl, der einen kinderlosen Familienvater in's Unglück stürzen will. Salzmaier. Sind Sie fertig? Casperl (großartig) Ja – ich bin fertig! Mein Gewissen schweigt, mein Herz schlägt, mein Busen wogt – ich bin ein Mann, der soin Schicksal mit Ruhe erwartet – wenn's nit z'lang warten laßt. Salzmaier Nun – dieses Ihr Schicksal wird sein, daß ich Sie nach Paragraph 180 unseres neuen Polizeistrafgesetzbuchcs, welches noch nicht publicirt ist, auf 8 Tage bei Wasser und Brod einsperren lasse. Casperl Wie? noch nicht publicirt und nach dem Telegraphen eingsperrt; das ist eine schreiende Ungrechtigkeit. Ich appelliriririr an das Schnappellationsgericht! Salzmaier Sie haben sich zu fügen. (Lärm draußen) Was gibts da draußen? (Madame Margrethe stürzt herein) Margrethe Der Garibaldi, der Garibaldi! Da hab mer'sch! Hab ich's net gsogt? Jetzt simmer verlore! Salzmaier. S' ist nicht möglich! Da müßt ich ja doch etwas davon gewußt haben. (Man hört trommeln) Margrethe. Höre Se? Da werd schon getrummelt! Er kommt, er kommt und 5000 Wälsche vor dem Thor. Spritzler. (stürzt herein, ein Papier in der Hand) Auweh, auweh, Herr Bürgermeister! der Garibaldi kommt und frißt uns Alle! Salzmaier. Wie wär's denn möglich? es ist unglaublich! Spritzler. Da lesen's selber den Quartierzettel. Casperl. Ich mach mich aus'n Staub. (läuft hinaus) Salzmaier. (liest) »Quartier, mit Verpflegung bei Bürgermeister Salzmaier für Herrn General Garibaldi.« »Das General-Armee-Commando.« Schrecklich, schrecklich! und trommelt hat's auch schon, das sind die Vorposten! fürchterlich! Was fang ich an? Rufts mir den Magistrat zusammen! Sitzung halten! Beschluß fassen! Spritzler. Ja was wollen's denn noch für einen Bschluß fassen, wenn der Wolf schon im Schafstall ist. Margrethe. Ich lauf zu meim Casperle! der muß mich bschütze, wenn mich etwa der Mossieur Garibaldi entführe will! (ruft) Casperl! Casperl! (läuft hinaus. Draußen schreit sie furchtbar) er kommt, er kommt! Casperl als Garibaldi tritt heftig ein. (Er hat eine große rothe Feder auf dem Hut, eine rothe breite Schärpe und einen ungeheuern Säbel.) Salzmaier und Spritzler fallen auf die Kniee. Casperl. Diavolo, diavolo! Schlappermentico! Salzmaier Excellenz, Gnade, Gnade! Ich will Alles thun, was Euer Excellenz befehlen. Casperl. Mordelementico! Tambosi! Sabbadini! Salzmaier. O haben's Erbarmen mit uns! Die Stadt liegt zu Ihren Füßen. Casperl. Italiano, Italiano – teutscho! Salzmaier. Spritzler, helf Er mir doch! Er hat ja einmal italienisch glernt. Spritzler. A bißl kann ich noch was. Ich muß halt den Dolmetscher machen. Casperl. Dolpatscho, dolpatscho! Si, si, si, signore. Mantschiare, Mantschiare, Sauffere! Andiamo! presto! Spritzler. Herr Bürgermeister! er möcht was zum Essen und zum Trinken. Salzmaier. O mein Gott! was er grad will, wenn ich's im Haus hab! Frag Er ihn nur, Spritzler. Spritzler (zu Casperl gewendet.) Eccelenza! Cosa voulez vous? Casperl. Si, si, si; Salami, Maccaroni, Nierenbratl und Sauercrautico, Maraschino, Rossini, Devecchi, Santini, Mazzini! Spritzler. A Salamiwurst und Maccaroninudel möcht er. Salzmaier. Das ist gscheid! das Hab ich ohnedieß in meinem Laden. Gleich solln Euer Excellenz bedient sein. Und was zu trinken? Casperl. Biro, Biri, molto Biro, Vino Burgundio! Caffé und Tschocolato! Potz Pallavicini und Ricciardelli! Spritzler. Richten, S' nur ein paar Maß Bier und ein paar Flaschen Wein unten her. Ich will'n der weil schon beruhigen. Salzmaier. Gleich, gleich. Ich bin froh, daß ich 'naus komm. (ab) Spritzler. Brav. Casperl, du hast deine Sach gut gemacht. Casperl. Jetzt kommt die Hauptsach! 'S Essen und's Trinken. ( Margrethe schaut zur Thür herein.) Margreth. Herr Spritzler, um's Gotteswille, mein Casperle ist net zu Haus. Er werd'n doch net schon umgebracht habe, der Wüthrich. Spritzler. Ei bewahr! Kommen's nur ein wenig herein. Der Herr von Garibaldi hat die Frauenzimmer recht gern. (zu Casperl) Du, das gibt ein Mordspaß! Margrethe. Ich trau mer net! Ach, ich bin so verzagt. Aber e schöner Mann is er doch der Herr Garibaldi. (tritt schüchtern ein.) Margrethe. Jetzt sagt er gar Mamsell zu mir. Das ist en artiger Mann. Der glaubt ich sri noch gar nit verheirath'. Ei das laß ich mer gfalle. Casperl. Signora mamsella scharmanterl! Komm Sie er su mir. Margrethe. Der kann ja e bische deutsch auch. Ei wie lieb! Spritzler. Ja mit die Frauenzimmer spricht er alleweil deutsch. Das Frauenzimmerdeutsch versteht er. Casperl. Sehr schön Mamsell, gib Sie mir Bussolo . Margrethe. Ach neen! jetzt will er gar e Küßche von mir! Aber ich schäm mich; wenn das der Casperl wüßt! Spritzler. Nur Courage, Madam Casperl. Bedenke Sie, daß es bei Ihnen liegt, den Wüthrich zu besänftigen und vielleicht die Stadt dadurch vor seiner Grausamkeit zu retten. Margrethe. Ja, als Opfer für's Vaterland darf ich's wohl riskire. Casperl. Riskiro, riskiro! Ik ab sehr gern, die schön Mamsell, wie Sie. DavoloSchlappermentico! Margrethe. Ach, Herr von Garibaldi, Sie sin wirklich all« zugütig. Mein Casperle hat mir noch kein einzig 's Mol gsagt, daß ich schön bin. Casperl. Casperlo, Casperlo? Was Casperlo ? Ik bin jetzt der Casperlo von die Mamsella! Salzmaier (kömmt herein.) Alles ist bereit, wenn Seiner Excellenz jetzt zum Essen hinunter kommen wollen. Casperl (vergißt sich) . Nix Bußl, alte Schartekn! Juhe! Spritzler. Esel, was treibst denn? Casperl. Ja so! Schlipperment! – Mamsella bella, ik muß jetzt su die Eß und Trink. Andiamo, andiamo! (geht ab, die Uebrigen ebenfalls.) Schneider Bock (tritt ein). Das ist doch ein Hauptspitzbub, der Casperl! und der dumm' Bürgermeister glaubt wirklich, daß er der Garibaldi ist. Dem Spaß bald ein End machen. Aha! da kommt der Bürgermeister. Salzmaier (tritt ein.) Aber, Herr Schneidermeister? Gelt'n S'? das malheur! – Und einen Appetit hat der Kerl! Furchtbar, wie der ißt und trinkt. Jetzt hat er sich kaum niedergsetzt, so war gleich eine Maß Bier drunten, das hätt' ich gar nit geglaubt, daß die Italiener so ein' Zug haben. Bock. Ja, Italiener! Merken S' denn gar nichts, Herr Bürgermeister? Das wär mir der rechte Garibaldi, das. Der Casperl ist's, der Lump. Schau'n S'n nur recht an; aber vor lauter Angst und Schrecken haben S' gar keine Augen mehr ghabt. Salzmaier. Wie, was? der Casperl? nicht der Garibaldi? Da wär' ich ja furchtbar blamirt! Margrethe (kömmt eiligst.) Das is ja zum Teufel hole, Herr Börgermöster! Von eme Garibaldi ist kein Red, Das is ja mein Casperle. Ich hab'n gleich erkannt, am Esse und Trinke, denn so wie mein Casperle kanns Keener! – Gebe Se Acht! Jetzt kommt er gleich wieder herauf. Casperl (kömmt betrunken). Schlipperdibir! Schlappirdibur! Juhe! –Platz da, der Barigaldi! (schlägt um sich). Salzmaier. Elender Betrüger, du bist erkannt! Casperl. Nix da! ich bin der Barigaldi! nix da! Salzmaier. Helfen S' mir doch, Schneidermeister! helfen's mir, daß wir den Kerl bändigen! Casperl. Ich bin der Barigaldi! Schlipperment! Platz da! Wein her, Bier her! Ich laß mich nicht einsperren vom Burgermeister; ich bin der Barigaldi; ich friß euch Alle mit Haut und Haar auf! Potz tausend Element! Assalini! Tamburini! Baccinetti! Massakrini! Rossini! Paccini! Minutti! – Donnerwetter, ich schlag Alles zsamm! – Allgemeine Balgerei. Der Vorhang fällt. Ende.