Carl von Ossietzky Sämtliche Schriften – Band III: 1925-1926 Texte 506 – 679 1925 506 Die Klinge Dem Publizisten flicht die Nachwelt noch weniger Kränze als dem Mimen, von dem immerhin Rollenbilder zu den Bürgern späterer Jahrhunderte sprechen. Er muß sich vom Tage tragen lassen, sich in seinem Rhythmus wiegen und das Reittier würgen, wie Freiligraths Wüstenkönig, wenn im Osten neues Frühlicht glänzt. Wehe, wenn er sich in einen Tag verlieben wollte, er wäre schnell hinter tausend anderen zurück. Der Journalist als Kritiker der Zeit schreibt sich nicht ins Buch der Geschichte ein, sondern ins Fell der Gegner. Ihre Narben sind sein Ruhm. In ihre Haut gekritzelt stehen seine persönlichen Urkunden; da ist Mensch und Werk wie vom Papier abzulesen. Der Tag mit seinen wechselnden Erregungen und Programmen vergeht. Degen und Narben bleiben. Sprichst du vom Journalisten, so lautet die Frage nach kurzem nicht mehr: Wofür kämpfte er?, sondern: Was hat er ausgeteilt, wie hat er geschlagen? Wenn Ihnen, lieber Stefan Großmann, all die Präsente zuteil werden, mit denen man Geburtstagskinder nun einmal überschüttet, Torten und Weine und Bücher und Blumen, dann möchte ich in dieser festlichen Runde etwas bescheidener auftreten und Ihnen ganz einfach etwas überreichen, was Ihnen gehört, ja, ein Stück von Ihnen ist: ein Abbild der Klinge, die Sie jetzt fast drei Jahrzehnte führen, die manchen Harnisch zerbeult, manchen Zopf gespießt, manche Nase verkürzt, aber auch manchen wohltätigen Aderlaß herbeigeführt hat. Haben Sie das Ding immer so genau betrachtet, haben Sie es immer wie Ihr kostbarstes Eigentum behandelt? Ich will versuchen, es Ihnen aufzuzeigen, feiertäglich bekränzt. Sie werden sich vielleicht dagegen verwahren, einseitig als Raufdegen behandelt zu werden, Sie werden betonen, daß Sie oft Ja gesagt, mit Hingabe verteidigt und gefördert haben. Ich lasse das alles gelten, aber, ich täusche mich nicht, Ihr Degen scheint mir zum Salutieren doch nicht ganz geschaffen zu sein. Die Spitze wackelt so verdächtig. Das edle Instrument kommt eben aus keinem preußischen Arsenal. Bitte, lehnen Sie es nicht ab, als Fechtmeister gewürdigt zu werden – einem Geburtstagskind rühmt man ja gewöhnlich Friedfertigkeit nach, einem Fünfzigjährigen erst recht väterliche Milde, Abgeklärtheit usw. – wenn ich Sie von dieser Seite packe, dann geschieht es, um völlig sichtbar zu machen, daß Sie in dem fast alle Zeitungsmänner verplebsenden Wirbel unserer Gegenwart eine große und immer mehr versackende Kunst mit graziöser aber höllischer Schärfe vertreten: die Kunst der Polemik. Wer kann eigentlich heute noch seinen Gegner planvoll und doch kurzweilig tranchieren? Die Kunst, ein Pamphlet zu schreiben, ist selten geworden; man bekreuzt sich schon vor dem Wort. Wenn Hamlet heute unter die Leute der Presse treten würde, wie einst unter die Schauspieler, er würde etwa sagen: »Oh, da gibt es vollbärtige Herren, die pathetisch rollen und immer sich gebärden, als ob sie zur Ewigkeit sprächen und nicht zu ein paar schnelleilenden Stunden. Dann gibt es Milchbärte, die entsetzlich viel Bücher gefressen haben und vor lauter Schulweisheit nicht mehr wissen, was Recht und Unrecht, Liebe und Haß. Sie haben kaltes, träges Blut und bilden sich viel darauf ein, sie nennen es Sachlichkeit. Ich erinnere mich, daß ein deutscher Autor einmal gesagt hat: ›Seit die Schauspielerinnen wie Gouvernanten leben, wird das Theater immer schlechter‹. So werden auch eure Journale immer schlechter, seit ihr anfangt, sie mit Bildung vollzupfropfen, anstatt mit Temperament zu füllen. Der Zeitungsschreiber aber soll weder dozieren noch dreschen, sondern der Zeit den Spiegel vorhalten. Er soll ihn auch nicht dem ersten besten Zeitgenossen auf den Kopf schlagen, denn der Spiegel ist mehr wert als der Kopf. Sorgt dafür, Ihr Herren, daß die Redaktion nicht zur Studierstube, oder zur Metzgerbank, oder zum Konfektionstisch wird. Ihr seid das Gewissen des Tags, Kinder einer Ehe, entsprossen zwischen Thersites und Cassandra. Ihr müßt feinere Organe haben für das Kommende als die Menge, aber ihr müßt es oft in häßlicher und bitterer Art sagen, ihr müßt es oft in sehr verschrobener Art sagen, um gehört zu werden, um aufzufallen.« Ja, wer kann heute noch ohne Umschweife und ohne Klobigkeit eine Polemik führen? Stefan Großmann, Sie vertreten eine große Kunst, die seit Börne und Heine immer mehr entschwindet. Sie wissen, daß ein Zeitungsartikel, um zu wirken, der dramatischen Zuspitzung bedarf wie der farbigen Vielfalt. Ist es ein unbeirrbar österreichisches Temperament in Ihnen oder Ihr ganz Persönliches, das kann ich nicht beurteilen, aber Sie haben das, was verlorengegangen: – – die spielerische Verliebtheit in die Attacke. Haben Sie selbst sich so genau beobachtet, haben es andere getan, einerlei, ich als der Letzte, der zu Stefan Großmanns Truppe stieß, will schildern, wie er kämpft. Niemals ist einer unzeremonieller in den Ring getreten. Wahrscheinlich auch nicht gutgelaunter. Er nimmt der Offensive den furiosen Charakter. Er wirft sich nicht wie ein Tiger auf den Gegner. Er legt den amüsanten Teil des Abends, der eigentlich nachher kommen soll, in die Attacke. Er schweift vergnüglich ab, flicht Anekdoten ein, Reminiszenzen – man denkt, es geht auf Barnowsky, aber nein, es geht auf Stresemann –, es gibt ein paar von Herzensgüte zeugende Einlagen (selten bei einem Duellanten). Oh, denkt der Zuschauer, der wird nicht stoßen! Dann wieder ein paar muntere Sprünge, etwas Gaukelei, ein Scherz läuft mit unter – – und plötzlich ein kleiner Schrei, einer erbleicht und wankt: – St.G. hat gestochen! Und nun ruft er nicht: Ha, eine Pointe! Munter erzählt er weiter und wischt dabei das Blut gemütlich vom Degen. Der andere aber geht und klagt. Großmann macht sich die Polemik nicht leicht. Er vereinfacht nicht, er kompliziert. Er weiß, es kommt nicht so sehr darauf an, sich selbst zu präparieren als vielmehr den Gegner. Er richtet sich den Mann also her, sehr gewissenhaft, sehr liebevoll. Unvergeßlich bleibt nur ein Artikel, in dem er – es mag jetzt zwei Jahre her sein – den Redner Cuno behandelte. Er sagt also nicht: Herr Cuno ist ein hölzerner, langweiliger Patron, der Wort für Wort abliest, sondern: er rühmt den lyrischen Schwung des Opfers, seine deklamatorische Begabung, seine gute Haltung und Unabhängigkeit vom Manuskript. Und alles das addiert er dann, und siehe, es kommt dabei heraus: er ist der geborene Trauerredner. Dusche schnell angedreht, Opfer klitschenaß, Heiterkeit ringsum, Herr Großmann verbeugt sich. Ab. Schluß. Ich weiß nicht, ob die Gegner immer die gebührende Anerkennung finden für diese in ästhetischer Hinsicht völlig befriedigende Art der Erledigung. Ich weiß auch nicht, ob Herr Stresemann, der augenblickliche Hausgott des »Tage-Buches«, sehr viel Vergnügen findet an dem amüsanten Nebenbei der Schächtung. Aber Stefan Großmann ist kein Besitzfanatiker. Es ist ein wahrhaft rührender Zug an ihm, er hat den Feind nicht in Erbpacht genommen, wie T.W. seinen Poincaré, er wuchert nicht mit den 200 Pfund, die der Herr ihm in der Gestalt des Herrn Stresemann verliehen, er überläßt in köstlicher Abundanz das Feld den jüngeren Kollegen zur Bestellung. So erklärt sich jener Stresemann-Taumel, den aufmerksame Leser des »Tage-Buches« und des »M.M.« gelegentlich wahrgenommen haben und der wohl auch der äußersten Kolumne nicht ferngeblieben ist. (Man sollte selbst den Sportteil des »M.M.« einmal daraufhin durchsehen.) Es hat immer Schwärmer gegeben, die ihr Glück mit ihren Freunden teilten, Weiber und Güter. Stefan Großmann teilt mit ihnen seine Feinde. Ein erhebender, ein sehr sublimer Zug. Ist das ein Scherz oder mehr? Nun, es gibt ein Heft des »Tage-Buches«, das diese lose Improvisation ernsthaft unterstreicht. Es stammt aus dem August 1923 und faßt in knappen Zitaten zusammen, was in sieben Monaten der Regierung Cuno von Stefan Großmann und Leopold Schwarzschild gemeinsam an Befürchtungen, Warnungen, Kritik ausgesprochen wurde. Die kleinen grünen Hefte blieben lange isoliert. Warum sollte sich auch die sogenannte große Presse für ... pah eine Zeitschrift interessieren? Das Bewußtsein, rechtzeitig gesehen und gesprochen zu haben, es ist der schönste Triumph des aktiven Publizisten. Hinter der fechterischen Attitüde pocht ein Herz und wacht ein Auge. Das Tage-Buch, Sonderheft 1925 507 Deutsche Pfiffe Der Scaramouche-Film ist ein Meisterstück seiner Art. Auch wer den historischen Film an sich nicht liebt, wer die großen Unglücksfälle der Weltgeschichte nicht als geeignete Stoffe für Abendunterhaltung schätzt, fühlt sich hier ein wenig entwaffnet durch die Delikatesse der kleinen, durch das furiose Pathos der großen Szenen. Dieser breitmäulige, pockennarbige Danton, an der Spitze der Pikenmänner, dieser dürre Paragraph Robespierre auf der Rednertribüne, das sind alles in allem Erschütterungen, wie sie auch auf der Schaubühne leider selten genug geworden. Dennoch hat es in dieser Woche fast keine Aufführung gegeben ohne kleine Zwischenfälle. Der Anlaß war die Marseillaise. Die erste Woche war es völlig gut gegangen, niemand hatte ein Haar in der Suppe gefunden. Man empfand, das ist nicht fortdenkbar, gehört zum Stil der Zeit, ist der klanggewordene Geist dieser Epoche. Bis dann der liebe gute »Lokalanzeiger«, seinem Amt als patriotische Sittenpolizei getreu, zum Sturm aufrief. Seitdem stürmt es ununterbrochen. Wenn das Orchester die Marseillaise beginnt, wenn die grandiose Lawine der Sansculottes und Hallenweiber zu rollen beginnt, dann setzt es ein paar schrille Pfiffe und ein Lokalanzeiger-Leser schreit: »Wir wollen das Schweinelied nicht hören!« oder etwas ähnliches. Der Kapellmeister ist zu beklagen. Was soll er tun? Soll er die Tuillerien vom »Fridericus« umrauscht stürmen lassen, soll die Symbolfigur der Revolution, das Volk von Paris, akkompagniert von den einschmeichelnden Rhythmen des Ehrhardt-Liedes, zum Freiheitskampfe aufrufen? O, es gibt da so viele vaterländische Möglichkeiten. Aber auch unpolitische Melodien stehen reichlich zur Auswahl. In Karlsbad, so wurde jüngst berichtet, hat man in einem Wilhelm-Tell-Film die ergreifende Klage des jungen Melchthal um das geraubte Augenlicht seines Vaters mit dem munteren Liedchen: »Wo hast du denn die schönen blauen Augen her?« begleitet. Wenn man dieses Genre bevorzugen wollte, so würde die Revolution um vieles traulicher werden und vielleicht auch in sentimentalen-deutschen Bierherzen Bürgerrecht erobern. Es gibt ein paar besonders Kluge, die sagen: »Gesetzt den Fall, es würde in Paris ein deutscher Geschichtsfilm gegeben, dürfte man dazu etwa das Deutschland-Lied spielen?« Ich glaube: nicht. Aber ist das ein Maßstab? Und müssen wir denn immer die Franzosen kopieren, verehrte Mitbürger? Montag Morgen, 5. Januar 1925 508 Die Nachtmütze Die Barmats sitzen hinter Schloß und Riegel. Die neuen Dynastien des Geldes haben es schwerer als die alten von Schwertes Gnaden. Die begannen als schlichte Wegelagerer, und der Weg zum Thronhimmel führte oft genug hart am Galgen vorbei. Die Glücksritter von heute kämpfen nicht mit einem legendären Landfriedensgesetz, sondern mit einem sehr realen Stakett von Paragraphen. Schließlich bleiben sie doch irgendwo hängen. Und dann rufen alle Gutgesinnten »Siehste woll« und freuen sich, daß sie nicht so sind. Was indessen den Barmats am meisten verübelt wird, das ist weniger ihr Geldverdienen, als vielmehr die Art und Weise, wie sie ausgaben. Sie unterhielten Beziehungen zu sozialdemokratischen Führern verschiedener Länder, man sagt, sie hätten zur Förderung der Amsterdamer Internationale wiederholt bedeutende Summen springen lassen. Das versteht der gute deutsche Normalverstand nicht. Der sieht in solcher Munifizenz etwas Frivoles, fast Verbrecherisches, – eine Versündigung an der Majestät des Geldsackes. Hätten die Barmats die Thronansprüche des Großfürsten Kyrill finanziert oder der armen Zita die nötigen Millionen vorgestreckt zur Anschaffung von Maschinengewehren, vor dem Tribunal der Öffentlichkeit wäre ihr Spruch weit milder ausgefallen. Es soll das Scheckbuch immer mit dem König gehen. Ja, sie sind verdammt, diese armen Reichen, und ein paar Spritzerchen Höllenfeuer fallen auf alle, die jemals in ihrem Hause verkehrt haben. Der Umgang mit Millionären ist zwar ehrenvoll, aber riskant. Besonders wenn diese in Untersuchungshaft abgewandert sind. Jedem harmlosen Gespräch wird ein raffinierter und bösartiger Zweck unterlegt, jedes Gabelfrühstück wird zum diabolischen Verführungsakt, jedes Souper ramponiert eine bis dahin hochachtbare politische Virginität. Man fand nichts dabei, patriotischen Markdemolierern den Weinkeller verkleinern zu helfen. Wer von den Barmats gegessen hat, erstickt daran. Die Luft ist voll von häßlichen Gerüchten. Namen werden getuschelt, im Halbdunkel Reputationen zertreten. Die Angegriffenen wehren sich zag, ... dementieren. Niemand will die Familie Barmat eigentlich recht gekannt haben. Was sind das für Leute? Existieren sie wirklich oder spuken sie nur herum als Visionen eines aufgeregten Staatsanwalts? Das allgemeine Korruptionsgeschrei schüchtert ein, zerknittert die Haltung. Der Parlamentarier drückt den Bibi bis auf die Nase und weiß von nichts. Der hohe Bureaukrat geht mit zugeknöpftem Rock, als fürchte er, es könnte jemand seine Weste mit der Lupe nach Sauceflecken absuchen, Residuen verbotener Gastereien. Das alles ist weder schön noch kuragiert. Eine herausfordernde, selbst zynisch unverschämte Geste wäre ehrenwerter, jedenfalls erfrischender als diese gespielte Ahnungslosigkeit. Wer sind schließlich die Ankläger, die gestrenge[n] Prokuratoren der öffentlichen Moral? Wenn sie sich zeigen, lachen die Hühner. Als der alte General Gallifet französischer Kriegsminister war, wurde ihm einmal in der Kammer von einem frommen klerikalen Deputierten vorgeworfen, man habe ihn neulich am hellichten Tage aus dem Hause einer notorischen Madame Soundso kommen sehen. »Oh, gewiß,« rief der alte Haudegen vergnügt, »ich hatte dort meine Nachtmütze liegen lassen ...« Vielleicht entspricht eine solche Antwort nicht ganz der Würde des Parlaments. Aber etwas von dieser freien, frechen Heiterkeit täte uns in Deutschland bitter not. Montag Morgen, 12. Januar 1925 509 »Frau Warrens Gewerbe« Dieses Frühwerk Shaws erweist bei jeder guten Neuaufführung seine unverstaubte Lebenskraft. Wenn, nach Jahrzehnten vielleicht, die Problemstellung einmal überholt sein wird, dann bleibt noch immer ein ungemein gut gebautes, ungemein spannendes Theaterstück zurück. Die Aufführung in der »Tribüne« unter Emil Geyers Regie fand nicht die rechte Resonanz. Drückt dieses Theaterchen mit seiner Bühne ohne Tiefe auf breite Temperamente wie Rosa Valletti und Steinrück ? Auch im kleinen und beengten Raum bleibt die Valletti herrlich als Schmerzensmutter mit grell bemalten Lippen und frechem roten Yvette Guilbert-Schopf. Und Albert Steinrück als Crofts, ein breites Stück Gemeinheit, ein Falstaff ohne Witz und mit sicherer Kapitalsanlage seiner Passionen, bringt die ganze angelsächsische Bühne für diese Rolle eine so famose Bulldoggenschnauze auf ...? Ich weiß es nicht. Montag Morgen, 12. Januar 1925 510 Das boykottierte Vaterland Der preußische Ministerpräsident hatte sich erhoben, um im Namen der Regierung Verwahrung einzulegen gegen die Nichträumung der Kölner Zone. In diesem Augenblick Poltern, Scharren, Schwatzen, Lachen, die ganze Rechte von den Nationalsozialisten bis zur Volkspartei, »Nationale Opposition« und »Nationale Realpolitik«, trampelte Arm in Arm hinaus. Selbst im Schwarzbuch unseres Parlamentarismus ist bisher noch nicht vermerkt, daß eine selbstverständliche Sympathiebezeugung für bedrücktes, von fremden Truppen besetztes deutsches Land Gegenstand einer Obstruktion aus parteipolitischer Gehässigkeit wurde. In den Blütetagen der Unabhängigen hat kein eifernder Ledebour auch nur daran gedacht, eine gemeinsame Trauerstunde zu stören. Kein aufgeregter Kommunist hat den Mund aufgetan, als Herr Cuno seinen ledernen Gallimatthias zur Ehrung der Essener Opfer vorlas. Man wußte: es gilt den Toten und Herr Cuno ist dabei nebensächlich. Hat schon jemand bei der Beerdigung skandaliert, weil der Pfaffe zu langweilig war? Die Demonstration der Rechten im Landtag bedeutete mehr als Boykott einer nicht mehr gewünschten Regierung. Sie boykottierte nicht Braun und Severing, sondern Deutschland.   Warum hat sich eigentlich noch niemand an eine Geschichte des deutschen Patriotismus gewagt? Warum hat noch kein Dichter Herrn Chauvins teutonische Edition festgehalten, so wie Anatole France die »Troublions« in unverwischbaren Konturen skizziert hat? Freilich, es gehört der Mut dazu, anstatt mit der Feder mit der Nilpferdpeitsche zu schreiben. Es ist ein Unglück, daß der deutsche Patriotard ohne Stigma herumlaufen darf. Zweckentsprechende Typisierung der politischen Erscheinungen würde die Politik wesentlich einfacher machen. Dann könnte kein Deputierter wagen, dem verwundeten Deutschland einen Tritt zu geben, um nachher öffentlich zu erklären, das wäre national. Wir haben uns den Begriff Vaterland mit dickflüssigem Schwatz umkleistern lassen. Nichts schwingt in uns mehr mit, wenn einer das Land unserer Geburt feiert. Männerchöre grölen, Studenten trampeln, Frauenvereine kreischen, aber es zittert kein Herz mehr, wenn Einer Deutschland sagt. Das Vaterland gehört zum Bereich des Mundwerks, ist untrennbar verbunden mit Eichenlaub und Schwertern und schlechtem Öldruck. Deutschland ...? Was ist das, zu wem spricht das? Wer liebt denn überhaupt Deutschland? Die von Rechts sagen: dieses Deutschland sei gedemütigt, beschmutzt, ehrlos geworden, müsse in Blutströmen gesund gebadet werden. Sie verachten das geschlagene, verkleinerte, friedensuchende Deutschland. Aber niemals ist das Vaterland liebenswerter als in den Tagen der Not. Vielleicht erhält in solchen Zeiten das Wort erst recht seinen Sinn. Und, seid ehrlich, wer von euch hat in diesen Jahren Deutschland geliebt? Ihr Sozialdemokraten habt Ludendorff verwünscht, ihr Deutschnationalen die Sozialdemokraten, Juden und Franzosen, ihr Kommunisten allen und jeden, ihr Volksparteiler habt für den Geldsack gezittert. Keiner von euch hat Deutschland geliebt, keiner von euch hat Deutschland geliebt, keiner, keiner. Der Haß war alleiniger Bewußtseinsinhalt geworden. Die Hand an der Gurgel, in der Tasche des andern, so hat das deutsche Volk in diesen bitterbösen Jahren – zusammengehalten. Vaterlandsliebe ist kein deutsches Gewächs. Vielleicht gedeiht sie im unruhigen Albanien, vielleicht im Sand der maurischen Wüste, wo braune Männer mit europäischen Eindringlingen um jeden Fußbreit der traurigen Erde kämpfen. Wir sind wohl zu national, um zu wissen, was Vaterland ist. »Deutschland, Deutschland über alles!« Sehr nett, daß uns die Republik die Nationalhymne wieder beschert hat. Aber was sollen wir eigentlich damit? Selbst die etwas spießigen Reime des ehrwürdigen Hoffmann klingen für unsere Verhältnisse zu pompös. Von der Etsch bis an den Belt ...? Mein Gott, einstweilen ist es schon schwer genug, von der Spree zur Isar zu kommen. Und der gute Vater Rhein, der mag sich auch noch gedulden. Der wird noch recht lange »Rule Britannia« hören müssen, weil der selbstverständlich unantastbar nationale Minister Stresemann nicht gern einen Sozialdemokraten in der Regierung sehen möchte. Wenn es schon nicht ohne Nationalhymne geht, da sind noch immer die Verse des Düsseldorfer Juden und Preußenfressers und Napoleonschwärmers Heinrich Heine: Denk' ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht ... Vertont das, aber nicht für Blech und Kalbfell, sondern für eine wehmütig gedämpfte Geige. Und das wollen wir, wenn wir an Deutschland denken, leise vor uns hinsummen, wie ein Wiegenlied für ein krankes Kind. Das Tage-Buch, 17. Januar 1925 511 Wo bleibt Friedrich August? Am Freitag hatten sich in Nürnberg ehemalige deutsche Fürsten zusammengefunden zur Besprechung brennender Berufsfragen. Bayern war durch seinen Rupprecht vertreten, Preußen durch den Prinzen Oskar, von dem Kronprinzen munkelte man, daß er nicht übel Lust verspürt haben soll, incognito zu erscheinen. Er liebt nicht geräuschvolles Auftreten; dieser Sinn für Decenz liegt bekanntlich in der Familie. Der enge berufsständische Zusammenschluß von Häuptern, die einmal gekrönt waren und es gern wieder werden möchten, gehört mit zum Bild der Zeit. Denn Fürsten, und erst recht abgesetzte, sind nicht oben in den Lüften schwebende Genien, sondern Bürger dieser Erde, wenn auch hochrangige. Infolgedessen klassenmäßig bedingt, infolgedessen zur Wahrnehmung ihrer Interessen, zu organisatorischer Einordnung gezwungen. Und davon profitieren auch die Völker. Ein zufriedener, richtig organisierter Fürst, der seine Marken pünktlich klebt, verspricht geordnetes Regiment dem Bürger und dem Landmann Getreidezölle und jeden Sonntag ein Huhn im Topf. Aber warum hört man bei solchen und ähnlichen wichtigen Anlässen immer nur von Hohenzollern und Wittelsbach, von Hessen, Anhalt, Lippe, selbst die Welfen sind ja an Deutschland noch immer interessiert, warum aber hört man nie etwas von Wettin? Da ist die schicksalsvolle Frage nicht zu vermeiden: wo bleibt Friedrich August , ehemals Sachsens quietschvergnügter Despot? Rupprecht veranstaltet unermüdlich Deutsche Tage, enthüllt Mahnmäler, nimmt Paraden des monarchistischen Heerbanns ab. Auch der Dulder von Oels arbeitet auf seine stille Weise; selbst der kleinste thüringische Landesfürst z. D. bemüht sich strebend. Nur das Haus Wettin hat der großen Sache kühl bis an den Halskragen gegenübergestanden. Seit Friedrich August sich an einem grauen Novembertag vor seinen revoltierenden Untertanen mit einem Büchmann-reifen Kernwort ins beschauliche Privatleben zurückzog, scheint sein Interesse an der Branche völlig erloschen zu sein. Abgesehen von seiner Attacke auf Hans Reimann. Doch das gehört mehr zum Kapitel: Sachsen unter sich. Es hilft alles nichts. Die deutsche Erneuerung marschiert ohne Wettin. Wenn vom Nürnberger Prätendenten-Meeting ein Danktelegramm an Stresemann geht, den verdienten Förderer und inoffiziellen Syndikus der deutschen Fürsten-Gewerkschaft, wird Friedrich August durch Fehlanzeige glänzen. Ihn reizt nicht der Zylinder des Volkskönigs. Er will unorganisiert, will bei den »Gelben« bleiben. Wenn Rupprechts Adjutant bei ihm zwecks Einkassierung von Mitgliedsbeiträgen anpocht, wird er ablehnend und unwirsch sagen: »Macht euern Dreck alleene ...!« Montag Morgen, 19. Januar 1925 512 »Die Zähmung der Widerspenstigen« Unter Ludwig Bergers Regie wird im Schiller-Theater aus Shakespeares fremdgewordenster Rüpelposse ein von den Grazien Goldonis umflatterter Maskenscherz. Die gröbsten Flegel bewegen sich im Tanzschritt, bunte Konfettischlangen winden sich um Petrucchios Hetzpeitsche. Dieser leichte und freudige Geist der Komödie wird getragen von Agnes Straub , die niemals freier und gelöster war. Sie bleibt weiblich anmutig auch in äußerster Exaltation, bewundernswert, ob sie tänzerisch das Haupt zurücklehnt oder die lange Schlußmoral glänzend akzentuiert ins Publikum hineinspricht, – eine heute längst verlernte Kunst. Ihr Partner ist Herr Carl Ebert . Ein schnurrbärtiger Torero, Stolz in der Brust, siegesbewußt, selbstbewußt und muskelstark, gelegentlich mit trockenem Humor, der ein wenig mit diesem polternden, eitlen Mannsbild aussöhnt. Von den Übrigen sei noch ganz besonders Herr v. Meyerinck als quecksilbriger Diener Tranio erwähnt, der wie aus der commédia del'arte dahergehüpft kommt. Es war ein starker, wohlverdienter Erfolg. Und als das Theater unter Lachsalven erbebte, da war es wirklich, als wären erst mit dieser vergnügten Auferstehung eines alten Spiels die Geister der Ära Pategg aus dem Hause gescheucht. Montag Morgen, 19. Januar 1925 513 Ossendowski Wenn Einer eine Reise tut, dann haben andere was zu erzählen. Sven Hedin unternahm jahrelang kühne und mühevolle Expeditionen durch Innerasien und kam an Stätten, die keines Europäers Fuß jemals betreten. Ein Forscher, voll von Skrupeln, ein Diener der Wissenschaft, der sich selbst vielleicht kaum jemals eingestanden, daß auch ihn letzten Endes nur die Freude am absonderlichen Erlebnis zum Touristen in der Wüste, zum Besucher verschlossener Städte gemacht. Der Doktor Ossendowski, ein ungleich beschwingterer Reporter, ist sicherlich auch in Asien gewesen, aber ohne Karten und Meßinstrumente. Ein russischer Flüchtling, ein Unbehauster wie Kain, fegte er im Sausetempo durch Steppen und Dschungeln und fremde Kulturen. Viel später und bei drückendem Geldmangel schrieb er das auf und noch einiges dazu. Denn in der Erinnerung nimmt alles phantastische Formen an. Asien schreckte als riesenhaftes Phantom durch seine Träume, ein Ungeheuer, ein Drachenmaul mit furchtbar malmenden Zähnen, und diese Träume jagten ihn durch den hellen Tag, bis schließlich daraus ein Buch wurde voll Wahrheit und Dichtung, also: Dichtung. Nun meldet sich der Schwede als kontrollierende Instanz, und seine Kontrolle ist für Ossendowski schlimm genug ausgefallen. Zum Überfluß weist auch noch ein Philologe nach, daß eine Episode Jack London entnommen, und ein paar Geographen sind empört, daß jemand ihre Domäne Zentralasien in Farben schildert, die sie nie geahnt, und Abenteuer dort erlebt, wo sie Dissertationen über die niedere Fauna konzipiert. Als vor vielen Jahren der tüchtige Doktor Cook die ganze Welt mit seiner Nordpolfahrt alarmierte, da erklärte auf einem Kongreß eine geographische Kapazität, daß es eigentlich ganz gleichgültig sei, ob Einer am Nordpol gewesen oder nicht. Die Wissenschaft sei auch so völlig im Bilde. Na also. Dem armen Ossendowski aber wird ein Strick daraus gedreht, daß er Landschaften schildert, die er nie gesehen und daß er diese Schilderungen wissenschaftlich nennt. Man sollte den Mann nicht mit Ziffern und Fragen nach Beweismaterial ängstigen. Seit wann ist denn der Begriff Wissenschaft nicht dem Wechsel unterworfen? Der ehrwürdige Haeckel, vor fünfzehn Jahren noch als Ausbund eines entgeisteten, imaginationslosen Naturalismus verschrien, erscheint heute als ein gütiger, milder Märchenerzähler. Die Wissenschaft von gestern wird immer der Aberglaube von heute, der Scharlatan dieser Jahre die akademische, wissenschaftlich akkreditierte Größe des nächsten Jahrzehntes. Einstein hat den Kopernikus in der Schulklasse der Unsterblichen um einige Bänke nach hinten gesetzt. Wer wird einmal Einstein plazieren? Und nun gar die ersten Vorposten in fremde Zonen. Herodot und Marco Polo, von ihren Zeitgenossen bestaunt, wirken auf uns als liebenswürdige Renommisten, die mehr die Ohren als die Augen gebrauchten und begierig alle Wundergeschichten aufgefangen und weitererzählt haben. Auf Grund unserer ungleich höheren Kenntnisse fällt es uns so unendlich leicht, ihnen nachzuweisen, daß sie von Menschen und Dingen reden, die sie nie erblickt. Aber mit gleichem Recht wird eine spätere Generation von Sven Hedin an Hand seiner Kriegsbroschüren vielleicht behaupten und beweisen können, daß er niemals in Europa gewesen. Ossendowski ist kein Forscher, erst recht kein zuverlässiger Berichterstatter und Mehrer von Tatsachenbeständen. Er gehört jener Klasse von Reisenden an, die dafür sorgen, daß das Reservoir an Fabeln und bizarren Begebenheiten sich nicht erschöpft. Das macht ihn den Gelehrten so suspekt und dem schlichten Leser, der unterhalten sein will und nicht mehr, so preisenswert. Seine Leser wird das Anathema der Professoren nicht abschrecken, denn sie wollen nicht Wirklichkeit, sondern Vision. Und Ossendowski gehört zu den romantischen Fabulisten, zur Rasse des Odysseus, des göttlichen Schwindlers, von dessen Abenteuern wahrscheinlich nur das Intermezzo mit der Circe nach Glaubwürdigkeit riecht. Und doch lauschten die guten Phäaken mit Wollust den faustdicken Aufschneidereien des Vielgewandten; sie fühlten ihr egal zufriedenes Phäakendasein angenehm unterbrochen von diesen Erzählungen über Begegnungen mit Göttern, Elementargeistern, Ungeheuern und Tiermenschen, ja, Nausikaa, die Liebliche, hat sicherlich der Gedanke an den zottigen Gorilla Polyphem in ihren Träumen erhitzt. Wir sind keine Phäaken, aber wir geben gern die dumme, dürre Wahrheit, die auf die letzten Fragen doch nur mit einem gouvernantenhaften Achselzucken reagiert, für ein Stückchen pittoresker Lüge. Ossendowski hat eine neue Fabelquelle gefunden. Er hat das märchenarm gewordene Arabien der Kalifen entthront und den fernen Osten an dessen Stelle gerückt. Scheherezade und ihr geduldiger Tyrann sind tot. Am Rande des Stillen Ozeans, dort, wo Weiße und Gelbe um kommende Weltherrschaften würfeln, in diesen geheimnisumzirkten Gebieten wachsen die Märchen unserer Zeit. Wäre er nie in Asien gewesen, hätte er seine Bücher in einem New Yorker Hotelzimmer ersonnen, seine Entdeckung hätte es nicht schmälern können. Wenn aber die neue Völkerwanderung im Osten einmal zur Ruhe gekommen, wenn der Sinn dieser Mysterien enträtselt, wenn diese Abenteuer ihr Aktuelles und Aufreizendes verloren haben und nichts zurückbleibt als eine seltsam schillernde Schale, wer weiß, ob nicht dann, am Abend unseres dramatischen Jahrhunderts, Ossendowskis Geschichten von weißen Generälen und roten Bolschewisten, von lebenden Buddhas und gelben und braunen Teufeln zum beliebtesten Kinderbuch geworden sind. Wie heute die bitterbösen Pasquille von Cervantes und Swift, die ja auch nicht gerade zur Verherrlichung der Menschheit und zur Unterstützung braver Pädagogen gedacht waren. Das Tage-Buch, 24. Januar 1925 514 Das Blatt in den Akten Es ist ein erhebendes Gefühl, nicht umsonst gekämpft zu haben. Seit einem halben Dutzend Jahren gibt es in Deutschland ein Häuflein Menschen, die sich Republikaner nennen. Eine kleine, unbedeutende Schar, die man mit Recht belächelte, wenn sie etwas großspurig ihre Ideologie verkündete und die durch nichts bewiesene Behauptung aufstellte, daß nach einer angeblichen Verfassung vom 11. August 1919 Deutschland eine Republik sei. Man hat die Leutchen mit Recht nicht überschätzt, man betrachtete sie als eine Sekte seltsamer Schwärmer, und im großen und ganzen blieben sie auch völlig nebensächlich und sind von der »Vereinigung Ernster Bibelforscher« z.B. sicherlich an Zahl weit übertroffen worden. Man ließ sie gewähren, gelegentlich wurde auch mal einer eingesperrt oder gleich totgeschossen, wenn der Lärm zu lästig wurde. Diese Republikaner haben nun den Triumph erlebt, daß sich der Reichskanzler Dr. Luther im Reichstag zu ihren politischen Anschauungen bekannt hat. Ja, es ist wirklich wahr, Herr Dr. Luther, der Chef eines Kabinetts, in dem vier Deutschnationale sitzen, darunter ein Johanniter, der noch vor Jahresfrist geschworen hat, mit Daranwagen seines Leibes und Lebens für seinen König einzustehen, sowie ein anderer Herr, der als Beamter den Novemberleuten den Treueid verweigert hat, dieser Herr Dr. Luther hat in seiner Programmrede erklärt, daß er die mysteriöse Weimarer Verfassung als die Verfassung des Deutschen Reiches anerkenne und zu schützen gedenke. Welch wunderbare Wendung! Wie berichtet wird, hat der Herr Reichskanzler, der im allgemeinen frei sprach, diesen wichtigen Passus, das Bekenntnis zur Republik, vom Blatt abgelesen. Es ist ihm sehr ernst damit. Er wollte die Formulierung nicht der flüchtigen Improvisation, nicht dem Einfall des Augenblicks überantworten. Der Text war vorher festgelegt und er las ab. Er machte eine kleine Pause – alles wartete voll Spannung –, er suchte in seinen Papieren, und endlich hatte er es gefunden und verlas den Wortlaut. Jetzt wissen wirs: Deutschland ist eine Republik. Der Kanzler mit den vier monarchistischen Ministern hat es schwarz auf weiß. Das Blatt liegt zwischen seinen Papieren. Es ist Dr. Luthers kleiner Katechismus, sozusagen, und wird an Stelle des alten bald in den Schulen gepaukt werden. Das »Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold« ist überflüssig geworden. Die Republikaner sind überhaupt überflüssig geworden. Das Beste wäre schon, man setzte sie alle hinter Schloß und Riegel. Dafür sind jetzt die Deutschnationalen da. Die haben den Bogen ganz anders raus und werden eine Republik hinlegen, an der wir noch lange unsere Freude haben werden. ... nach beendeter Vorlesung legte Herr Dr. Luther das wichtige Blättchen wieder in die Mappe zu den übrigen Papieren. Heißt das nun: Beginn einer neuen Ära oder ... ad acta? Montag Morgen, 26. Januar 1925 515 Die Probierdame Die Premiere dieses Goldwyn-Films im Ufa-Theater (Tauentzien) war ein unbestreitbarer Publikumserfolg. Aber es fragt sich, ob ein lebhafter Premierenapplaus die Einführung von Sottisen dieser Art rechtfertigt. Eine Handlung voll von verbrauchten Kolportage-Effekten: Zwillingsbrüder, die die Rollen tauschen, Entführung, Verbrecherkneipe, ein Erbschleicher, der sein bewußtloses Opfer auf die Schienen der Hochbahn legt, die Bahn hält natürlich im letzten Augenblick, und die Mama sitzt im Zuge und erkennt ihr Kind, und Wiedersehensfreude nach 15 Jahren, und alles in Butter. Höhepunkt, wie die tugendhafte Heldin in rosa Combinations präsentiert wird. Aber muß man deswegen in den Film gehen? Montag Morgen. 26. Januar 1925 516 Professoren, Zeitungsschreiber und verkrachte Existenzen Wie dem Organ des Reichsverbandes der Deutschen Presse zu entnehmen ist, hat eine deutsche Universität sich kürzlich bemüßigt gefühlt, die akademische Jugend in einem Merkblatt über die journalistische Laufbahn aufzuklären. Dieses Opus, strotzend von Weltfremdheit und professoraler Arroganz, ist beschämend. Nicht nur für den Herrn Verfasser, sondern fast in höherem Grade noch für die Zeitungsschreiber, die es nicht verstanden haben, sich für ihren Stand dasjenige Maß von Achtung zu verschaffen, das etwa der Verband der bei der städtischen Müllabfuhr Tätigen für sich beansprucht. Empfang in der Wilhelmstraße, Tee beim Reichskanzler: »Meine Herren, Sie sind mir unentbehrlich!« –, das alles macht es nicht. In der öffentlichen Einschätzung bedeutet Journalist Schreibekuli, Individuum ohne Stimme und mit auswechselbaren Meinungen. So dürfte es kaum erstaunen, wenn der berufsberatende Geist einer deutschen Universität sich also vernehmen läßt: »Zu der großen Bedeutung der Presse steht zweifellos im Widerspruch die öffentliche Wertung des Berufes des Journalisten und die vielfache Ungeeignetheit der Vertreter des Berufes. Zweifelhafte Existenzen, manchmal verkrachte Existenzen, haben sich nicht selten in diesen Beruf geflüchtet. Namentlich in charakterlicher Hinsicht wird mit Recht oft lauter Zweifel an den deutschen Journalisten ausgesprochen.« Dann, unter der einlullenden Überschrift »Die Berufsethik, Beruf und Mensch«, nach einer rührenden Klage über die vielen »reinen Geschäftsleute«, die nur Geld verdienen wollen, über die Gefahren des Inseratengeschäftes, über die taktischen Rücksichtnahmen auf Verleger, Leser und parteipolitische Bindungen, die folgenden Kernworte: »Man spricht von ›Revolverjournalisten‹ , die man als bestechlich, sogar als erpresserisch brandmarken muß. In der Zeit des Weltkrieges namentlich haben wir genug solcher Fälle erlebt. Massen ausländischen Geldes ist dabei geflossen. Eine Korruption sondergleichen war für jeden klar Sehenden erkennbar.« Das ist riesig amüsant, so amüsant, daß man fast die Frage unterdrückt, woher diese akademische Leuchte eigentlich ihre frappierende Detailkenntnis bezieht. Wenn es ein Germanist ist, sicherlich aus Gustav Freytags »Journalisten«, die ja heute immerhin in einigen Stücken überholt sind. Hat der Brave auch nur eine Stunde in seinem Leben Redaktionsarbeit zuschauend miterlebt? Hat er auch nur einmal die nervöse Epidermis des Kolossalkörpers Presse mit den Fingerspitzen betastet? Er sieht Gefahren. Aber die Gefahren, die er sieht, kommen eher vom Mond als von unserer freundlichen Erde. Er weiß z.B. nicht, daß es Konzerne gibt, die Zeitungen aufkaufen, sich verpflichten. Er kennt nicht Stinnes, nicht Hugenberg. Er weiß nur, daß im Kriege ausländisches Geld in Massen geflossen ist und – er schreibt es nicht nieder, aber wir können seine Gedanken leicht weiterspinnen – daß wir deshalb den Krieg verloren haben und es deshalb eine Linkspresse in Deutschland gibt. Der Verleger ist ihm ein Tyrann kleinbürgerlichen Formats, der in Holzpantinen durchs Redaktionszimmer schiebt und seine Leute anweist, den Krämer X. zu attackieren, weil er die Frau Verleger schlecht bedient hat. So viel weiß der Herr Berufsberater einer deutschen Universität von der modernen Presse. Doch wir wollen ihm nicht unrecht tun. Er hat auch läuten hören, daß es Revolverjournalisten gibt. Von der Presse zur Erpressung ist ihm nur ein kurzer Schritt; die Begriffe fließen ihm zusammen. Nun hat es tatsächlich einmal eine ausgedehnte Revolverjournalistik gegeben. Diese Zeit ist, das sei dem guten Manne zur Beruhigung versichert, längst vorüber. Das war im Kriege, als wir selbst noch fremde Gebiete besetzt hielten und nicht ahnten, daß sich der Spieß einmal umkehren könnte. Damals wurden in Belgien, Rumänien, in der Ukraine, in Bulgarien Zeitungen okkupiert und der erhabenen Gedankenwelt der Obersten Heeresleitung dienstbar gemacht; an den Eingeborenen wurde auf diese Art eine oft etwas seltsame Aufklärungsarbeit betrieben, und diese hatten die freudige Genugtuung, daß es durch Landsleute geschah. Da floß »ausländisches Geld in Massen« in Redaktionen und Verlagsgeschäfte, »eine Korruption sondergleichen war für jeden klar Sehenden erkennbar«. Das war richtiggehende Revolverjournalistik, die weder die Manager noch ihre Kreaturen ehrte. Aber es war eine Journalistik nicht mit irgendeiner kleinen Privatpistole, sondern mit dem Armeerevolver. Der Herr Leutnant als Ephorus der annektierten Presse hatte entsichert, und wehe dem, der nicht die Hacken zusammenknallte. Das war, Herr Professor, als Zustand ohne Zweifel in »charakterlicher Hinsicht« bedenklich.   Es soll hier keine Apologie des deutschen Zeitungsmannes heruntergebetet werden. Wer nicht blind ist, weiß, wo und warum zu kritisieren ist. Aber wie das Verbandsorgan der Journalisten darauf reagiert, das ist wahrhaft schwächlich. Anstatt dem unerbetenen Berater mit der Narrenpritsche über den gelehrten Hohlkopf zu fahren und ihn mit einem Höllengelächter nach Hause zu schicken, wird todernst nachgewiesen, daß er im Irrtum sei, und daran werden allerhand Vorschläge für das Vor- und Fortbildungsproblem des Journalisten geknüpft. Nicht einmal die Universität wird verraten, die sich diesen Exceß hat zu schulden kommen lassen. Die unverfrorene Zusammenstoppelung mit der ehrenwerten Gilde der gemeinen Erpresser, die, wie jeder Unterrichtete weiß, völlig außerhalb der Linie stehen, wird beantwortet mit: »Man kann gar nicht glauben, daß der Verfasser dabei an die deutsche Presse gedacht hat. Wir nehmen zu seinen Gunsten an, daß er die Korruptionsherde der Pariser Presse meint, zu deren Entlarvung jüngst so aufsehenerregende Einzelheiten bekannt geworden sind.« Mit so vorsichtig dosierter Ironie verteidigt man seinen Beruf. Der deutsche Journalist leidet unter gottgewollten Abhängigkeiten. Als Mitglied seiner Organisation, als Arbeitnehmer, der nach Rechten und höherer sozialer Wertung strebt, wird er sofort zahm und zittrig. Er bestimmt nicht seine Rangklasse selbst, er läßt sich plazieren. Tu l'as voulu, George Dandin! Man kann nicht kämpfen, wenn die Hosen voller sind als das Herz.   Aber kehren wir zu besagtem Professor und seinen Schmerzen in »charakterlicher Hinsicht« zurück. (Nebenbei: welches Blatt würde auch die geringste Lokalnotiz in solchem Deutsch aufnehmen?) In einem hat der Mann recht: es haben sich nicht selten verkrachte Existenzen in den Journalistenberuf geflüchtet, sie haben dort ein Refugium gefunden und ein Talent entdeckt, das ihnen früher nicht bewußt war. Aber er vergißt hinzuzufügen: diese Existenzen sind durchweg an der Universität verkracht. Nirgends verkrachen nämlich mehr Existenzen als in der berühmten akademischen Freiheit. Sie werden erfaßt von der großen Bierflut der Universitätsstädte, fortgeschwemmt, haltlos treiben sie weiter, von keinem Mentor belehrt, wie man im Lebensstrome schwimmt. Es ist nicht fein, mit Retourkutschen zu arbeiten: – aber was leistet eigentlich die deutsche Universität in »charakterlicher Hinsicht«? Früher wurde auf den Hochschulen ein überdummer Servilismus kultiviert, heute gelten sie mit Recht als Brutstätten politischen Obskurantentums. Heute nicht anders als früher wird die Scheidewand gegen den Nichtakademiker künstlich aufrecht erhalten. Kastengeist und Herrendünkel werden den Jungen als verhängnisvoller Ballast mitgegeben. Die Persönlichkeit wird dem Ritus des Wissens geopfert; der Mensch ist gar nichts, das Endziel alles. Das Endziel aber ist das Examen. Es schlägt die Brücke ins bürgerliche Leben. Wer es nicht passiert, läuft in Gefahr, ewig ein Heimatloser, Entwurzelter, Paria zu bleiben. Das Examen ist von der Mittelmäßigkeit für die Mittelmäßigkeit geschaffen. Gerade die starke, die überschnittliche Begabung, mit ihren menschlichen Hemmungen, ihren unterirdischen Erschütterungen, ihrer qualvollen Unsicherheit am Selbst, ist diesem kaudinischen Joch nicht gewachsen. Die Geschichte der Begabungen ist die Geschichte der schlechten Schüler, der versagenden, verlotterten Studenten. Ein beamteter Repräsentant der Wissenschaft sollte etwas vorsichtiger von verkrachten Existenzen reden. Was wären eigentlich die Wissenschaften, die Künste ohne eine Reihe von – im Sinne der guten akademischen Normen – verkrachten Existenzen? Nicht jeder, der in den Strudel geriet, findet endlich seinen Ararat, aber wer ihm entronnen, der ist auch reif für die spätere Leistung. Doch für den Herrn Professor erlischt das Interesse, wenn der Scholar den Boden verloren, zu torkeln beginnt. Heinrich Heine, der bummelige Jurist, Gerhart Hauptmann, der schlechte Akademiker, der sich vor dem Examen davonschleicht, labile Existenzen, nicht wahr? Gleicht nicht der Weg eines begabten jungen Menschen zu Zeiten dem Ritt übern Bodensee? Er träumt vor sich hin, Melodien im Kopf, nicht Thesen und Formeln und Paragraphen, und eine dünne Eisdecke nur trennt ihn von dem unermeßlichen Grab.   Zeitungsschreiber und Professoren, zwischen ihnen liegt, wenn nicht eine Welt, so doch eine Kenntnis von dieser Welt. Eine Kenntnis, die nicht aus Büchern zu holen ist. Der Journalismus ist der einzige loser oder enger mit dem Geiste zusammenhängende Beruf auf Gottes Erde, der nicht in das Prokrustesbett des Examens zu spannen ist. Die Tüchtigkeit, die Eignung entscheidet. Man kann ein fürchterlich viel wissender Jurist sein und doch ein untauglicher Richter oder Advokat. Man kann als Doktor der Medizin durch alle Prüfungen gerutscht sein, mit Auszeichnung sogar, und wird später doch nur die Friedhöfe bevölkern. Der Journalist beginnt ohne die trügerischen Vorschußlorbeeren des Examens. Er muß sich bewähren oder ... Grund genug für die Herren Professoren, einem Beruf von so abgründig verruchten Möglichkeiten zu mißtrauen. Die Zeitung von heute ist, darüber brauchen wir kein Wort zu verlieren, kaum eine moralische Anstalt zu nennen. Aber sie hat den Universitäten von gestern und heute noch immer ein gewisses Maß Intelligenz voraus. Und wenn eines Nachts in unser Redaktionszimmer – die Metteure schreien nach Manuskript, am andern Ende der Strippe rasen Timbuktu und Samarkand, dazwischen werden Schauspielerinnen gelobt und Minister beschimpft – wenn also plötzlich der Herr Magister eintreten würde und uns mit hochgeschwungenem Pädagogenfinger auf das Unzulässige unseres Tuns hinweisen wollte, wir hätten nur eine Antwort: »Ätsch ...!« Das Tage-Buch, 31. Januar 1925 517 Eulen nach Athen Vor ein paar Tagen wurde in Berlin eine arme kranke Russin in sicheres Gewahrsam gebracht, die an Einstein Drohbriefe geschrieben und schließlich vor dessen Wohnung skandaliert hatte. Vorher war sie in Paris Krassin lästig geworden. Auch in Frankreich wußte man sehr bald, daß es sich um eine harmlose Geisteskranke handelte. Man tat ihr nichts zu Leid, sondern gab sie an die belgische Polizei weiter. Die wieder brachte sie über die deutsche Grenze und setzte sie in Aachen ab. Die Pariser hätten die arme Person ruhig ins Hospital schaffen können. Ebenso die Belgier. Aber man wählte einen andern Weg: man schickte sie nach Deutschland. Denn so folgerte man, und das ist wenig schmeichelhaft für uns, in Deutschland ist sie so gut wie im Irrenhaus, da fällt sie nicht weiter auf. Deutschland ist der natürliche Abladeplatz für die geistig Siechen aller Welt. Der Leumund der deutschen Nation hat sich also bedenklich geändert. Und wir selbst legen auch Wert darauf, nicht mehr die Gleichen zu sein. Früher brüsteten wir uns, frei zu sein von Schwärmerei und Fanatismus, wir taten uns was darauf zugute, daß einer von uns die reine Vernunft erfunden hatte, und wollten in breit ausladender Opulenz die ganze Welt an unserm Wesen genesen lassen. Wir legten Wert darauf, Normalmenschen zu sein, und wer sich nicht so fühlte, gab sich wenigstens Mühe, so auszusehen. Dann, im Kriege, brach unter uns plötzlich die Mentalität aus, ein furchtbares psychisches Übel, das Verheerungen ohne gleichen anrichtete. Wir wurden kompliziert wie eine unverstandene Frau. Als es uns schließlich ganz schlecht ging, entdeckten wir über Nacht die Mystik, fuhren tief in die Schächte unserer Seele und holten da allerlei herauf. Wir schalten die Engländer kalte Verstandesmenschen, sprachen dem französischen Geist alles Profunde ab und verliehen dem deutschen Gott, der vier Jahre hindurch Hindenburgs Schnauzbart getragen, die Züge eines besseren Gymnasialprofessors, der Kierkegaard gelesen. Ja, wir waren verteufelt tiefsinnig geworden. Wir hatten es zwischen Börse und Tanzdiele mächtig mit dem religiösen Erleben, verachteten den Rationalismus und machten dazu eine Politik, die tatsächlich nicht aus den Eisregionen des Verstandes stammte, sondern treues blauäugiges Heimatgewächs war, genährt von fettestem Gemütsdung. Wir betrachten das alles, auch wenn wir kritisieren, mit dem nachsichtigen Auge des Lokalpatrioten. Wenn uns der Kohl auch häufig nicht mundet, wir wissen, daß wir ihn selbst gepflanzt und selbst gepflegt haben und essen mit tapferm Gesicht und zuckendem Herzen. Das Ausland aber urteilt liebloser. Es fragt danach, wie der Kohl schmeckt und nicht, wie er gezogen. Man sieht, oberflächlich wie man ist, nur die Oberfläche der Dinge und forscht nicht nach den metaphysischen Unterlagen. Und so hält man uns denn rund und nett für meschugge. Wir aber fühlen uns als das unverstandene Volk. Wie aber, wenn das französisch-belgische Beispiel Nachahmung finden sollte, wenn man in aller Herren Länder anfangen wollte, die Verrückten nach Deutschland abzuschieben? Es ist das ein lustiger Aspekt. Deutschland das Hospital der ganzen Welt, das Dorado der Narren, das Paradies der Mondsüchtigen. Im Ernst, würde sich so viel ändern? Die Vernünftigen hausen heute schon wie in Isolierzellen. Die Regierungskrisen könnten auch nicht länger als sieben Wochen dauern und mit den Geldern des Staates würde sicherlich sehr, sehr vorsichtig umgegangen werden. Schlechte Aussicht für Kreditgeschäfte, schlechte Aussicht für die Schwerindustrie. Denn gerade die Tollen haben sehr oft die Gewohnheit, das Geld einzubuddeln und niemandem den Platz zu verraten. Und vielleicht kämen wir so endlich zu gesunden Finanzen und Wohlstand und Zufriedenheit. Solange dieser wünschenswerte Zustand noch nicht ausgebrochen ist, müssen wir indessen erklären, daß Bedarf einstweilen gedeckt. Was soll Athen mit einer neuen Sendung Eulen? Das Tage-Buch, 7. Februar 1925 518 Preiscourant für Beleidigungen Den Landgerichtsdirektor Kroner hat man zu 3000 Mark Geldstrafe verurteilt wegen Beleidigung seines Magdeburger Kollegen Bewersdorff . Eine Verunglimpfung Severings wurde, wie dem sehr richtig entgegengehalten wurde, mit 150 Mark geahndet. Denn Herr Kroner ist Vorsitzender des Republikanischen Richterbundes, Herr Severing republikanischer Minister der Republik, während die Meriten des Herrn Bewersdorff ganz wo anders zu suchen sind. Es ist ein Irrtum, an einerlei Ehre des Staatsbürgers zu glauben. Nein, es gibt vielerlei Art von Ehre in Deutschland; die monarchistische ist anders als die republikanische, die sozialistische wesensverschieden von der deutschnationalen. Das hohe Verdienst unserer Gerichte war es, das zuerst erkannt und in die Praxis umgesetzt zu haben. So sind also die Ehren nach politischen Gesichtspunkten gestuft und gestaffelt worden: eine republikanische Ehre ist billiger als eine monarchistische, für einen Bewersdorff kann man 25 Severinge kränken, ein Westarp oder Ludendorff gilt mehr als zehn Reichspräsidenten sozialdemokratischer Provenienz. Wozu die langen zeit- und atemraubenden Beweiserhebungen und Plaidoyers, wo doch der Endeffekt feststeht? Man nehme ganz einfach die politischen Berthelotmaße der Beteiligten, prüfe, ob der Daumenabdruck schwarz-weiß-rote oder schwarz-rot-goldene Spuren ergibt. Damit erspart man sich den ganzen Advokatensums, und man kann die Taxe nach einer sorgfältig ausgearbeiteten Strafentabelle auferlegen. Wir Deutschen sind doch sonst immer Systematiker gewesen. Heute herrscht bei unsern Gerichten noch eine beklagenswerte Willkür. Der Generalstaatsanwalt im Kroner-Prozeß z.B. hielt eine Sühne von 1000 Mk. für angemessen, das Gericht schätzte dagegen Bewersdorffen dreimal höher ein. Solch Mangel an Methode ist der deutschen Rechtsprechung nicht angemessen. Die Szene wird zum Tribunal, das Tribunal zur Auktion. Gebt dem Gericht seine Würde wieder: feste Sätze, feste Preise . Und zwischendurch zur Aufmunterung Saison-Ausverkäufe und Weiße Woche. Montag Morgen. 9, Februar 1925 519 Zwei Fox-Filme Das Palmenhaus am Kurfürstendamm bringt zwei Stücke amerikanischer Produktion: »Ausgerechnet Tutanchamon!« , von Mark-Twain-Humoren durchschüttelt, eine Ergötzlichkeit ohne gleichen, und »Sterne im Spiegel des Sumpfes« , eine sentimentale, aber durchaus nicht reizlose Angelegenheit mit Anklängen an Courths-Mahler, Conan Doyle und in einer einzigen Szene – ist es ein Sakrileg das auszusprechen? – an Dostojewski. – Das Publikum aber nahm Courths-Mahler mit Ergriffenheit hin, war bei Conan Doyle skeptisch und wieherte vor Lachen bei Dostojewski. Montag Morgen, 9. Februar 1925 520 Die Nase der Kleopatra Si le nez de Cléopatra eût été plus court, toute la face de la terre aurait changée. Pascal Die Weltgeschichte wird gemacht von den kleinen Dingen, den schwerwiegenden Bagatellen, den schicksalsvollen Alltäglichkeiten. Die materialistische Geschichtsauffassung macht den Bauch zum alleinigen, absoluten Faktor. Die alte idealistische Geschichtsschreibung sah die Völker in ihrem Fressen und Saufen, im Lieben und Hassen vom Geiste gelenkt, diesen wieder in Körper gebracht durch einen Auserwählten. Und dafür sollten wir unsern Lehrern eigentlich dankbar sein, denn auf diese Weise entstehen die wohltätigen jahrhundertelangen Lücken, in denen es keinen großen Mann gibt und infolgedessen auch keinen durch einige Dutzend Jahreszahlen nur schwach ausgedrückten Betrieb und infolgedessen auch nichts zu lernen. Nur so ein paar Dichter oder Maler, die gar keinen Krieg zuwege gebracht haben. Als Ludwig XIV. sich über ein zerbrochenes Fensterglas mokierte, arrangierte Louvois schleunigst irgendeinen Erbfolgekrieg, um Majestät etwas abzulenken. Dabei ging das Heidelberger Schloß in Flammen auf und wurde zu einer Nationalgefühl und Fremdenindustrie gleichermaßen fördernden Ruine. Es sind die kleinen Zufälligkeiten, die die Geschichte machen. Geringe Dinge, ohne Sinn, aber mit Konsequenzen. Hätte Louvois »Alt-Heidelberg« mit seiner Bierromantik vorausgeahnt, er hätte seinem König vielleicht geraten, Frau von Maintenon zu verabschieden oder Ball zu spielen oder sonst etwas. Herr Dr. Horion war bekanntlich zum preußischen Ministerpräsidenten ausersehen. Er aber machte geltend, daß er sich nur für ein Jahr verpflichten könne, da er eine kranke Schwester habe. Man bat Herrn Horion dringend, etwas weniger Familiensinn zu entfalten, aber er blieb fest. Weil nun Herr[n] Horions Schwester kränkelt, deshalb muß jetzt Herr Marx sich in ein gewagtes Abenteuer stürzen, und Preußen entgeht den Möglichkeiten einer Regierung Horion. An solchen Seidenfäden hängen die Schicksale der Völker. Als seinerzeit Herrn Michaelis die Kanzlerschaft angetragen wurde, zog er sich betend und fastend zurück, um einen luziden Moment zu erwarten. Schließlich fiel sein Blick auf ein Kalenderblatt und darauf stand gerade ein Spruch, aus dem sich für Michaelis ergab, daß er zum Schwerte des Herrn ausersehen, und er sagte innerlich gesammelt: Ja! Was aber wäre geworden bei einem andern weniger verheißenden Tagesspruch? Wenn da gestanden hätte, z.B.: Keine Rose ohne Dorn! oder was sonst so an weltschmerzlichen Erkenntnissen in Kalendern steht?! Dann hätte Michaelis wahrscheinlich die Finger davon gelassen und uns allen wäre wohler gewesen. Wirklich, es sind nur die kleinen Dinge, die uns bald glücklich machen, bald tyrannisieren, aber immer beherrschen. Ich entsinne mich, im Dezember vorigen Jahres, als gerade die Regierungskrise heftig ausgebrochen war, Herrn Stresemann bei einer Operetten-Première gesehen zu haben. Es war eigentlich gar keine richtiggehende Operette von modernster Frivolität, sondern eine ehrenfeste patriotische Angelegenheit mit einem von seinem Volke vergötterten Fürsten, Militärmärschen und echten Grenadieren. Stresemann verfolgte den verwickelten Ablauf der Intrige mit sichtlicher Spannung, er zitterte mit Anneliese um ihren geliebten Erbprinzen, er senkte gedankenvoll das Haupt, als die Herzogin-Mutter mit dem Legitimitätsprinzip nicht ins Reine kommen wollte, er begrub diese schweren Gedanken unter munterem Applaus, als endlich die langen Kerle mit ihren Blechhauben und blauen Röcken über die Bühne marschierten. Er trommelte mit vaterländisch beschwingten Fingerspitzen auf der Logenbrüstung den Takt mit, als sich zum Schluß alles in Dessauer Marsch und Butter auflöste, und fuhr durch das Gesehene und Gehörte in seinem Glauben an das Volkskaisertum neu bestärkt nach Hause, entschlossen, die Krise dennoch zum Besten zu lenken, und sollte es auch noch sechs Wochen dauern. Was aber wäre wohl geschehen, wenn Stresemann an diesem Abend weniger enthusiasmierende Eindrücke empfangen hätte? Wenn irgendeine Kleinigkeit ihn verhindert hätte, die belebenden nationalen Energien dieser Operette in sich aufzunehmen ...? »Du weißt nicht, mein Sohn«, sagte schon der alte Oxenstjerna, »mit wieviel Musik die Welt regiert wird!« Das Tage-Buch, 14. Februar 1925 521 Der Reichspräsident Mitten in Skandalen und Affären reift eine Entscheidung heran, wenig beachtet und doch von unendlicher Tragweite. Bis zum Beginn des Sommers wird der neue Reichspräsident gewählt sein. Im Mai, möglicherweise noch früher, wird die Wahl stattfinden. Ebert hat zu wiederholten Malen erklärt, eine neue Kandidatur nicht mehr anzunehmen. Man muß schon mit großer Geduld und Vigilanz die Geschichte der Länder republikanischer Verfassung durchsuchen, um ähnliches an Interesselosigkeit zu finden wie gegenwärtig in Deutschland. In Amerika wirft die Präsidentschaftswahl für mindestens ein Jahr ihre Schatten voraus, in Frankreich ... nun, man denke an die Eskamotierung Millerands und jedes Wort erübrigt sich. Der deutsche Reichspräsident ist mehr als ein Frack und eine Schärpe. Die Verfassung gibt ihm weitreichende Befugnisse, nicht zu reden von den tausend Möglichkeiten, seinen Einfluß geltend zu machen. Hätten wir eine politisch geschulte öffentliche Meinung, keine wesentlichere Frage hätte sie jetzt zur Diskussion zu stellen als: Wer soll Reichsoberhaupt werden? Unglücklicherweise schlägt man sich bei uns immer um Bagatellen die Köpfchen blutig, während sich das Schicksal hinter den Kulissen entscheidet. Aber diese Interesselosigkeit ist durchaus keine so allgemeine. Sie erstreckt sich leider nur auf das republikanische Deutschland. Da läßt man schlafmützig wie immer den Termin näherkommen, um endlich einzusehen, daß es zu spät ist. Die reaktionären Parteien waren auch hier toujours en vedette. Die monarchistisch-nationalistische Presse kann nämlich nicht nur Alarm schlagen, sie kann auch schweigen. Und es ist verdächtig, daß sie diesmal so gut schweigt, daß ein Eindruck von Teilnahmslosigkeit entsteht. Bis eines Morgens für die Republikaner der kühle Abguß kommt, bis die Überraschung da ist: der Sammelkandidat der Rechten , der Mann des Bürgerblocks, der Platzhalter der Monarchie, der Präsident, der Stresemann wohlgefällt. Im Reich regiert reaktionärer Mischmasch, in Preußen verteidigt die Weimarer Koalition mit letzter Kraft die Stellung. Wenn ins Reichspräsidenten-Palais Einer einzieht, der sich nur als der »Vorläufige« fühlt, als Mac Mahon oder Kahr, als demütiger Wegbereiter eines größeren, dann ade Deutsche Republik, dann gilt auch für dich das böse, alte Wort: Auch Patroklus mußte sterben – und war mehr als du! Noch ist es Zeit zu handeln. Die Republikaner müssen über alle Parteibedenken hinweg eine geschlossene Front bilden. Es darf nur ein republikanischer Kandidat präsentiert werden . Wenn auch diesmal die Dinge wie sonst laufen, dann werden Zentrum, Demokraten und Sozialisten ihren eigenen Kandidaten nominieren, die Vielköpfigkeit wird die Massen verstimmen und verwirren, die Solidarität der Reaktion dagegen imponieren. So bleibt die Gefahr, daß auch die Ergebnislosigkeit des ersten Wahlganges die Republikaner nicht zur Geschlossenheit treibt, daß im Gegenteil der übelbekannte lange und geräuschvolle Kuhhandel beginnt und im zweiten Wahlgang die Rechte siegt. Ein Feilschen und Schachern zwischen den drei republikanischen Parteien, bei dem alle Blößen und Unsicherheiten zutage kämen, das würde die Sache der Republik vollends diskreditieren. Vergessen wir doch nicht, daß die vernichtende Wahlniederlage der amerikanischen Demokraten gerade verursacht wurde durch das ridikule Bild, das ein wochenlanger Parteikongreß bot, der, direktionslos und zersplittert, nicht den rechten Mann finden konnte. Uns droht ähnliches, wenn wir nicht rechtzeitig zur Initiative gelangen. Und wir kämpfen nicht einmal mit der Hauptschwierigkeit der Wilson-Partei, denn wir haben den Mann . Der republikanische Sammelkandidat heißt Marx . Unnötig, hier nochmals aufzurechnen, was ihn zum höchsten Amt des Deutschen Reiches qualifiziert. Er ist unbestritten der erste Mann seiner Partei. Er genießt aber auch, und das ist für seine Mission wichtiger, in allen drei republikanischen Parteien ein heute selten gewordenes Ansehen. Dieser Mann, autoritativ und menschlich gütig zugleich, ist der geeignete, um nicht von einer Partei, sondern von einer Koalition auf den Schild gehoben zu werden. Sollte das nicht auch die Sozialdemokratie als die beste Lösung betrachten? Herr Ebert resigniert. Wen hat sie eigentlich sonst gerade für dieses sichtbarste politische Amt? Sechs Jahre lang hat sie das Präsidentschaftsgebäude behauptet. Es scheint uns ebenso Gründen der Politik wie der Billigkeit zu entsprechen, wenn sie für die nächsten Jahre die Repräsentation Deutschlands dem Vertrauensmann eines andern und nicht geringeren Volksteiles abtritt. Herr Marx hätte den katholischen Westen, er hätte auch den Süden, er würde selbst für gewisse nicht völlig verblasene bayerische Kreise wenigstens eine Mahnung zur Dämpfung und Selbstzucht werden. Der Sozialdemokrat Ebert war der Mann der großen Städte und Industriereviere, der katholische Republikaner Marx hätte auch die ländlichen Bezirke des Westens und Südens, die kleinen Städte, die niemals sonst ein Hauch der Republik berührt. Wäre das nicht auch für die Sozialdemokratie Grund genug, in kampflose Ablösung einzuwilligen? Und das in einer Form, die der Republik den Sieg sichert! Im letzten Heft des »Tage-Buch« befürwortet ein republikanischer Politiker, der seit langem im Zentrum des Machtgetriebes steht, eine Sammelkandidatur Marx mit folgender gewichtiger Argumentation: »Überall hört man, daß Marx der einzig mögliche Kompromißkandidat für den zweiten Wahlgang wäre. Wenn das so ist, dann ist es, von allem anderen abgesehen, Kräftevergeudung, diesen Mann nicht schon für den ersten Wahlgang zu nominieren. Unsinnig wäre es, im ersten Wahlgang die republikanischen Stimmen zu zersplittern und dem Gegner Chancen eines Sieges zu bieten. Das demokratische Deutschland, einerlei welcher Partei und Konfession, muß und wird das Einsehen und die Disziplin aufbringen, zum Reichspräsidenten den Mann zu wählen, der die Voraussetzungen dazu mitbringt und die Fortentwicklung des demokratischen und republikanischen Staatsgedankens gewährleistet. Die Koalition für die Präsidentenwahl ist die Koalition der Zukunft. Hier wird auch der uns wesentlichste Punkt berührt: die Koalition, die den Präsidenten wählt, wird auch in den nächsten Jahren Deutschland regieren . Die republikanischen Parteien haben bisher unendlich viel versäumt. Durch einen unerhörten Glücksfall wird ihnen noch einmal die Gelegenheit geboten, in einem kurzen, frischen Entschluß ihre Lebenskraft zu beweisen. Schnellste Aktion der Linken tut not. Die Feinde der Republik haben im Stillen ihr Plänchen fertig gemacht. Wir wollen ihrem Favoriten, welcher Gallwitz oder Scheer es auch sein mag, die Freude versalzen. Niemals soll er händereibend, schmunzelnd, in der Residenz erzählen, wie man Präsident wird. Montag Morgen. 16. Februar 1925 522 Korruptionsstudenten Auch die vergangene Woche stand im Zeichen des Untersuchungsausschusses. Jeden Tag etwas Neues, – Zwischenfall, Enthüllung, Skandal. Die Sitzungspausen wurden ausgefüllt von der Staatsanwaltschaft, die auch etwas zur allgemeinen Ergötzung beitragen wollte. Wenn früher der Arm des Gesetzes – man entschuldige das seltsame Bild – gleichsam zu Fuß ging, während der Missetäter auf geölten Sohlen entglitt, so flitzt er heute, Dresden hin, Dresden her, im Flugzeug durch die Lüfte, während der Gesuchte mit allen Verspätungen eines normalen D-Zuges hinter seinem Häscher herhumpelt. Aber zurück zum Thema! Der Untersuchungsausschuß, der Leidig-Ausschuß (oh, wie er seinen Namen verdient!), hat nicht nur Vorsitzenden, Mitglieder, Angeklagte, Zeugen und polizeilichen Schutz, sondern auch Publikum. Seine Sitzungen sind jedem Staatsbürger zugängig, und in der Tat hat sich ein lebhafter Andrang bemerkbar gemacht. Ja, wenn man dem »8-Uhr-Abendblatt« trauen darf, so sind sogar Herren aus Hinterpommern eigens dazu nach Berlin gekommen. Man kennt von Moabit her die Kriminalstudenten. Die sitzen auch nicht bis in den späten Nachmittag in der Turmstraße herum, um sich an den Siegen der Justiz zu weiden. Haben sie etwa ein Gegenstück gefunden in den Korruptionsstudenten? Sollten alle diese Damen und Herren, die Ehrengäste aus Hinterpommern inbegriffen, etwa nur herbeigeeilt sein, um ihre Erfahrung zu bereichern, um für die Zukunft zu profitieren, Korruption, die letzte Mode? Wie dem auch sei, die Stimmung ist vorhanden. Und Vater Staat, dem alle Welt Schröpfköpfe ansetzt, sollte daraus seinen Nutzen ziehen. Hier einige praktische Vorschläge. Heraus zunächst aus dem engen Gelaß in der Prinz-Albrecht-Straße. Das geeignete Lokal wäre das Große Schauspielhaus. Das Stadion empfiehlt sich leider aus akustischen Gründen nicht. Es würden dem gespannten Zuhörer gerade die remarkablen Einzelheiten entgehen, die pikanten Episoden, die geistreichen Zwischenrufe. Selbstverständlich müssen anständige Eintrittspreise erhoben werden. An besonderen Tagen, wenn z.B. gerade eine Minister-Reputation ramponiert wird, natürlich erhöht. Gelegentlich auch, zur Aufmunterung, ganz billige Sonntags-Nachmittags-Vorstellungen für den verarmten Mittelstand oder die geistigen Arbeiter, damit auch diese so gründlich unter den Wagen geratenen Volksschichten einmal sehen und hören, wie Herr Deerberg abgesetzt wird, Herr Klinkhammer seine Solonummern agiert oder die Wache unter der siegesgewohnten Führung eines Majors ins Gewehr tritt und die Kommunisten befördert. Der Ertrag aber soll der Unterstützungskasse für notleidende Geheimräte zufließen. Diesen Beklagenswerten muß die Rückkehr zum Pfad der Tugend erleichtert werden. Mit guten Worten ist das nicht getan. Auch das Besserwerden kostet Geld und gemeinhin mehr als der Sündenfall. Montag Morgen, 16. Februar 1925 523 Prinz Friedrich von Homburg Ludwig Berger im Staatstheater holt Bilder heraus. Von tiefen dunklen Hintergründen heben sich massige Soldatenfiguren ab. Ein Lichtschein fällt auf Harnische und Degen, auf erzgegossene Gesichter. Erinnerungen an Rembrandts Nachtwache steigen auf. Einmal nur heller Sonnenhimmel: die pyramidenartig ansteigende Redoute von Fehrbellin mit der Gruppe der Offiziere. Niemals sah man diese Szene schöner. Paul Hartmann ist der im Irrgarten der Liebe taumelnde Kavalier. Er vermeidet den »jugendlichen Helden«. Und so wird ein orientalischer Märchenprinz daraus, dem auf märkischem Sande Absonderliches begegnet. Sein Gegenspieler Werner Krauß gibt, in wundervoller Maske, dem Kurfürsten Schärfe und Präzision; aber die innere Überlegenheit, den Humor des Schlußaktes bleibt er schuldig. Ein Mann von Stahl, gewiß, aber auch das Metall dieser Seele muß endlich phantastisch leuchten. Herrlich ist Kraußneck , der Alte, als Kottwitz: Er meidet das Martialische, das gesucht Rauhe, wozu diese Rolle so leicht verleitet. Wenn er den Kurfürsten apostrophiert, ist er kein polternder Greis, nein, ein graugewordener Knabe, der mit lieben, erstaunten Kinderaugen in eine Welt blickt, deren Problematik ihm niemals aufgegangen und die immer neue und ärgere Wirrnisse bringt. Für die Prinzessin Natalie wird Fräulein Rainer eingesetzt. Und wenn man zurückdenkt, wieviele Generationen von Heroinen auf diese liebenswürdige Gestalt losgelassen wurden, die ja doch die Herzdame eines jungen Traumwandlers sein soll und nicht allein Chef eines Dragonerregiments, infolgedessen auch nicht den Gang eines Mitgliedes dieses Regiments zu haben braucht, so freut man sich ehrlich über diesen blonden pikanten Mädchenkopf, den Berger hier ins Vordertreffen schickte, um die wunderliche Tragikomödie des verliebten Prinzen plausibel zu machen. Montag Morgen, 16. Februar 1925 524 Harlekin als Präzeptor Sonntag vormittag im Plenarsaal des einstigen Herrenhauses. Der »Ring« hat eingeladen. Der »Ring«, des Herrn Eduard Stadtler Gründung, der auch das »Gewissen« herausgibt, ist ein Institut zur Züchtung von Führerpersönlichkeiten für die »nationale Bewegung«. Es sind ein paar vereinzelte Köpfe dabei, ziemlich viel Phantasten und dem ... was man heute so »national« nennt. Oben auf der Estrade Prinz Joachim, umgeben von einer Korona Potsdamer Gesichter, landluftgerötet, zerhackt. Unten im Saal assessorale Fassaden, höhere Bureaukratie, am ansprechendsten noch ein paar frische, straffe Offiziere. Dazwischen Damen, die eine Schau sämtlicher Hutmodelle zwischen Aufgang und Niedergang der wilhelminischen Pracht repräsentieren. Neue Führerschaft, meine Herren vom »Ring«? Schlägt Ihr Gewissen nicht angesichts dieser Exhibition von Inzucht ...? Aber da erscheint oben auf der Rednertribüne eine in diesem Milieu skurrile Gestalt. Ein furios aussehender Greis, breit, untersetzt, mit den Jahren etwas windschief geworden. Auf der Nase ein altmodischer Zwicker. Quadrillenschwenker von Anno Toback, verschobene schwarze Krawatte. Der erste Eindruck ist sympathisch. Ein Stück Charakter in dieser Korpsstudenten-Monotonie rings herum. Etwa wie ein alter Herrschaftskutscher im Sonntagsstaat oder ein braver pommerscher Landkantor. Ulkige Kruke, denkt man; mit dem famosen alten Knopp möchtest du Pferde stehlen gehen. Dennoch, er würde über die Zumutung empört sein. Denn du erfährst sofort, daß diese Figur wie aus Auerbachs Keller, von glühnasigen Genien freundlich umschwebt, der Professor Gustav Roethe ist, akademische Kapazität von vielen Graden, Zierde der Germanistik an der Universität Berlin, Präsident der Goethe-Gesellschaft, Großsiegelbewahrer der Weimarer Klassik. Wenn er den Mund auftut, ist die erste günstige Impression verflogen. Man hat, nach allem, was man von ihm weiß, einen robusten Polterer erwartet, der in hand- und maulfester Kapuzinermanier eine Zeit verwünscht, die ihm nicht mehr gefällt. Statt dessen zetert einer mit dünner Greisenstimme wie ein altes Fischweib, ohne Ziel, ohne Niveau. Eine Verbeugung nach der prinzlichen Seite hin: »Königliche Hoheit ... hochgeehrte Versammlung!« Das Antlitz nimmt einen devoten Ausdruck an, die Stimme wird weinerlich. Ein origineller konservativer Preuße, heute versunkener Art? Nein, ein kleiner vordringlicher Lyzealtyrann, ein provinzieller Schulrat, mit unsichtbaren Lakaientressen auf dem schwarzen Bratenrock – ein wissenschaftlicher Leibgardist der Hohenzollern. Daß der Herr Professor die Republik nicht liebt, ist seine Sache. Als Bürger dieser Republik ist ihm das Recht zu freier Meinungsäußerung gewährleistet. Wie er es tut, das ist eine Sache, die die Würde der deutschen Wissenschaft berührt. Welch ein dummer, kläglicher, serviler Sermon! Ein tiefer Bückling vor der »Aristokratie der Geburt«. Die Stimme macht einen Hofknix. Dann Kernstellen, wie: »In der Monarchie offenbart sich die Sehnsucht des Volkes nach dem Höheren ...« Oder: »Die Freiheit, die mit Demokratie nichts zu tun hat, ist die Freiheit, sich selbst Gesetze zu geben«. Oder: »Von Freiheit ist in der Republik keine Rede: System Metternich ist ein Waisenknabe dagegen«. (Das sagt ein Profiteur republikanischer Energielosigkeit!) »Das Nationalgefühl ist bisher ein Vorrecht der Gebildeten gewesen.« (Ja, die vaterlandslosen Gesellen durften im Schützengraben verbluten, was weiß auch die »Masse« vom Nationalgefühl Herrn Roethes?!) Dazwischen läppische Verunglimpfungen des republikanischen Staates. Nicht in männlichem, mutigem Angriff, sondern heimtückisch, unmotiviert, sinn- und zusammenhanglos, z.B.: »Die Verfassung, halb aus dem Westen, halb aus dem Osten geholt.« Das ist weder Sprache noch Art eines kuragierten, wenn auch verschrobenen Bekenners. Man muß in dieses breite Eitelkeit ausstrahlende Antlitz sehen, um entsetzt zurückzufahren vor der Plattheit dieses salbadernden, wissenschaftlich galonierten Schranzentums. Herr Roethe, ein Präzeptor des deutschen Vaterlandes? Ein Verwalter Goetheschen Geistes? Was ist ihm Goethe? Eine Hausapotheke, für gemütsverstopfte Generalsfamilien, seelisch-sittliches Laxierkonfekt für Landbunddamen im gefährlichen Alter. Niemals hat der fleißige Germanist, der so opulent Goethe-Zitate in seine Rede streut, mit Goethe gerungen. Niemals hat sich ihm Goethe offenbart. Wollte es dem Olympier in heiterer Götterlaune einfallen, sich diesem korpulenten Schulmeister zu manifestieren, er würde ihn vielleicht andonnern: »Du gleichst dem Geist, den du begreifst ...!« Aber vielleicht, wahrscheinlicher – Götz von Berlichingen, dritter Akt. Montag Morgen, 23. Februar 1925 525 Der gestohlene Vollbart Ein Herr aus der Provinz kommt nach Berlin. Teils um Geschäfte abzuwickeln, teils ... Das zweite Teils überwiegt nach kurzem. Er flaniert durch das friderizianische Viertel, der freundlichen Tradition dieses gesegneten Himmelsstriches voll. Er hat bald eine Gefährtin gefunden, die bereitwillig seine Freude teilt. Man besucht Stätten ausgelassener Lust und kommt schließlich überein, mit Weinlaub im Haar, in einem diskreten Privathotel die höchste Staffel des Glücks zu erklimmen. Dann verläßt unsern Helden das Gedächtnis. Als er am nächsten Morgen erwachte, fand er sich allein. Er betastete sein Antlitz, um sich zu vergewissern, ob er träume oder wach sei, und es muß gesagt werden, seine Zweifel waren nicht so bald gelöst. Er fand sich verändert. Seine Finger verwickelten sich nicht wie sonst in den dichten Maschen eines stattlichen Bartes, sie fuhren über ein aalglattes Kinn. Der Vollbart war fort. Herbeigeeilte Polizei stellte den Sachverhalt fest. Während der Mann in tiefem Schlaf lag, hatte die Schöne sein Gepäck und seine Brieftasche durchstöbert und zu ihrem Schrecken gefunden, daß er in der Geldkatze zu wenig, was er am Kinn zu viel hatte. Rachegefühle erfaßten sie. Denn die Töchter der Straße sind die rigorosesten Anhängerinnen der kapitalistischen Moral. Sie sind fest davon durchdrungen, daß, wer kein Geld hat, auch kein Recht hat, sich ein Vergnügen zu leisten. Und so erhob sie denn als Vertreterin einer zwar nicht legalen, aber durch eine Geschichte von Jahrtausenden beglaubigten Institution ihrerseits Lustbarkeitssteuer. Sie hätte Bekleidungsstücke nehmen können, auch die restlichen Moneten, sie tat es nicht. Sie nahm eine Schere und schnitt ihm den Bart ab und rasierte dann mit einer Giletteklinge Wangen und Kinn glatt. Warum gerade diese absurde Form von Revanche? Handelt es sich um einen bösartigen Akt deutschabträglicher Gesinnung? War sie eine Agentin Zions, dazu bestimmt, einen der letzten noch übriggebliebenen Cheruskerbärte heimtückisch zu entfernen? Schwierige Frage. Aber vielleicht kann ein Haarhändler und Perückenmacher irgendwo tief in den Winkeln der südlichen Friedrichstadt darauf Antwort geben. Montag Morgen, 23. Februar 1925 526 Genosse Salkind, der Liebesdiktator Wer kennt den Namen des Genossen Salkind? Niemand. Aber bald wird man ihn kennen. Denn er ist der Konsequenteste der großen, leider noch nicht registrierten Internationale der Brunner. Ein roter Bolschewik, gewiß, aber einer, der sich vielfältig mit allerhand abendländischen Geistern berührt. Er hat in Moskau ein Buch erscheinen lassen. »Revolution und Jugend« nennt er es. Aber es ist weder Revolution drin, noch Jugend. Dieser Genosse ist sicherlich radikal. Aber es ist die Radikalität des Nachtwächters, der die eigene Schlafmützigkeit zum Weltprinzip erhebt. Der Genosse Salkind behandelt in seinem Opus Sexualprobleme, oder was er darunter versteht. Er stellt die wuchtige These voran, daß vom revolutionär-proletarischen Standpunkt aus eine »rein physisch-sexuelle Neigung« unzulässig sei. Da werden alle Mucker der Welt begeistert beipflichten und sagen: Sieh da, endlich mal ein vernünftiger Moskowit! Aber unser Salkind bescheidet sich nicht bei untätiger Reflexion und ohnmächtigen Bannflüchen, er macht praktische Vorschläge, um aus dem neuen revolutionär-proletarischen Typus die kleinbürgerlichen Gefühlsreste auszubrennen. Er entwirft ein großzügiges Programm zur Abschaffung der Eifersucht, ja, er bekämpft die Eifersucht als menschewistisch. Salkind konstruiert einen Schulfall: Wenn eine Frau ihrem Mann davongeht, so übergebe dieser den Fall einer kommunistischen »Zelle«; diese habe nach eingehender Prüfung zu entscheiden, ob er oder der neue Mann besser. Bleibt der Eifersüchtige im Unrecht, so mag er versuchen, die Ungetreue zurückzugewinnen (aber was sagt der neue Mann dazu, lieber Salkind?), und gelingt ihm das nicht, so kann er noch immer die Frau als »einen Menschen verachten, der seinen Klassenstandpunkt verleugnet hat«. Natürlich begibt sich dieser gediegene Sexual-Denker auch auf das Gebiet der Perversitäten. Dieser Streifzug ist voll ungeahnter Entdeckungen. Die allerärgste Verirrung scheint ihm eine zärtliche Neigung zu einem »Angehörigen einer feindlichen Klasse« zu sein. Das ist ihm nicht nur Lästerung am Geist des Marxismus, sondern die Sünde wider das Blut schlechthin. Eine solche Neigung, stellt er fest, kommt, wieder vom »revolutionär-proletarischen Standpunkt« aus, dem schwersten Fall von Sodomie gleich, er entspricht etwa »der geschlechtlichen Neigung eines Menschen zu einem Krokodil oder Orang-Utang«. Soweit Genosse Salkind in seinem Buch, das im Verlag der Universität Moskau erschien.   Zieht man das Kommunistische ab, erlaubt man sich, andere politische Vorzeichen zu setzen, greift man für »revolutionär-proletarisch« in näher liegende Terminologien, so hat man den runden und gar nicht netten Spießbürgertyp, den es überall gibt. Den Anbeter einer völlig phantastischen Normalität, den Schlechtweggekommenen, der das Sittengesetz der Welt aus dem eigenen Manko ableitet. Die großen Revolutionäre, die leuchtenden Führer unterdrückter Klassen und Völker haben stets ungeniert bei den Frauen und Töchtern ihrer Gegner geschlafen. Sie haben auf ihre Weise Gleichheit demonstriert, ohne dogmatische Bedenken. Vielleicht tut man diesem guten Salkind Unrecht. Vielleicht ist er gar kein solches Hornvieh mit Eichenlaub und Schwertern, nein, mit Hammer und Sichel, sondern ein ganz brauchbarer Kerl und nur zu seinem Privatpläsier gelegentlich imbecill. Vielleicht reitet ihn auch der wütendste und gefährlichste aller Teufel, der Organisationsteufel, und er will eben etwas organisieren, was und wie und warum, das ist ihm völlig gleichgültig. Die Hauptsache: es wird drauf los organisiert. Und da ist er eben an die Liebe geraten, vielleicht, weil der Genosse Lunatscharski, ressortmäßig am nächsten daran, zu sehr Ästhet und Künstlernatur, nicht die nötige Forschheit garantiert. So wirft sich Salkind aus eigener Sendung zum Sinowjew der Sexualität auf. Aber sein Minnehof ist eine Art Tscheka, und seine »Zellen« sind nicht kleine niedliche Kabinettchen, wie im Hotel Pompadour, sondern echte, rechte Gefängniszellen, öde und trostlos. Mögen ihn alle Liebesgötter verdammen, möge ihn das Schicksal des störrischen Pentheus treffen, den die Mänaden zerrissen, weil er sich der Macht des großen Mysteriums widersetzte. Die Russen sind heute das ärmste Volk unter der Sonne. Soll ihnen auch das noch genommen werden, was auch der wildeste Expropriateur bisher noch nicht als ausschließlich für den Staatsbedarf vorhanden zu konfiszieren wagte? Im übrigen lese man in dem prophetischen Buch von Aage Madelung: »Circus Mensch«. Da hat einer vor fast zehn Jahren alles vorausgesagt, alles. Das Tage-Buch, 28. Februar 1925 527 Kränze, die ihn nicht erreichten Hohe Herren vergessen schnell Nun ist der erste Präsident der Deutschen Republik zu Grabe getragen. Vorüber das schwere, dunkle Gepränge der Bestattung. Wieder beginnt man, diese Tage kritisch zu betrachten. Der pompe funèbre war groß und würdig. Eines muß man der Republik lassen: sie kann eindrucksvolle Totenfeiern arrangieren. So war es auch bei Erzberger und Rathenau. Napoleon sagte von Moreau, dem Meister des Rückzuges: »Es ist mit ihm wie mit der Trommel, man hört ihn nur, wenn er geschlagen wird.« Allmählich gelingt es, Blicke hinter die schwarzen Draperien des offiziellen Grams zu werfen. Man ahnt nach kleinen Details, was für Mühe es kostete, den Trauer-Mechanismus zum Funktionieren zu bringen. Herr Dr. Luther empfand einen Zug des toten Präsidenten am Parlament vorbei als allzu jakobinisch. Stille Expedition entsprach seinem schlichten Bürgergemüt mehr. Herr Löbe, der immer Geistesgegenwärtige, machte einen dicken Strich durch die diskrete Kalkulation des Rechtskabinetts mit dem überparteilichen Kanzler. Was wäre sonst geschehen? Man hätte den Verstorbenen »rein als Menschen« gewürdigt, und die Republik dabei unterschlagen. Man hätte so »gefeiert« wie etwa in den Hochschulen. In der Technischen Hochschule z.B. waren dem Ruf zur Trauerfeier 15 (in Buchstaben: fünfzehn) Teilnehmer gefolgt. An der Universität hatten es von den 600 Professoren und Dozenten etwa 25 für nötig befunden, zu erscheinen, um eine nichtssagende Verlegenheitsrede des Rektors anzuhören. Die Einladung erging auf einem kleinen Stück Papier, im Vestibül angebracht. Es fällt nicht schwer, einen gewissen ideellen Zusammenhang aufzudecken zwischen diesem Wisch Papier und dem schmutzigen Lappen, den ein paar Primanerlümmel am 28. Februar in der Mittagsstunde am Flaggenstock eines Berliner Gymnasiums auf Halbmast zogen ... Und die Kränze! Spaltenlang berichteten die Blätter von der grünen Last, die sich in der Wilhelmstraße türmte. Siam war vertreten wie Guatemala. Wie selten war internationale Vollständigkeit erreicht. Desto auffallender die Lücken und einzelne Versuche, vom Brauch abzubiegen. Muß besonders erwähnt werden, daß Herr Stresemann sich auch bei dieser Gelegenheit neutral erklärte? Er und sein Auswärtiges Amt waren mit einer weißen Kranzschleife vertreten, um die odiosen Reichsfarben zu vermeiden. Auch unsere Wehrmacht marschierte ihrer friedlichen Tradition gemäß unter der weißen Fahne, mit der Begründung allerdings, daß die schwarz-weiß-rote Kriegsflagge Anstoß erregen könnte. Herr Geßler persönlich gab seine Visitenkarte in Schwarz-Rot-Gold ab. War es ein Gruß an den Toten oder ein wehmütiger Abschied von der eigenen Vergangenheit? Aber weit interessanter als diese ganz Vorsichtigen im weißen Unschuldskleidchen sind die Andern, die gar nicht da waren. Wo war Wilhelm von Hohenzollern? Er hätte sich ruhig zu einer bescheidenen Beileidskundgebung aufschwingen können für den Mann, der seine schlimme Erbschaft übernommen. Er hat doch noch im Oktober 1918 gesagt: » Mit Herrn Ebert würde ich gern regieren «. Nicht Eberts Schuld war es. daß es nicht zu dieser glückverheißenden Konstellation kam. Wilhelm hatte sich vorher entfernt. Und sein Ältester, der frohe Naturbursch von Oels, wem verdankt er schließlich die Befreiung aus der Wieringer Enge, die Heimkehr nach Deutschland, wo trotz Revolution und Republik seine Sippe sicher und in Wohlstand lebte? Er hat einen selbstverständlichen Akt der Dankbarkeit versäumt, vielleicht auch der Versöhnung . Wie überzeugend spricht dieses Schweigen von Oels. Man fühlt das Volkskaisertum näher rücken. Man hält es für überflüssig, noch weiter in salbungsvoller Resignation zu machen. Stresemann hat Rosner abgelöst. Auch die Dynastie Stinnes rührt sich nicht. Es ist längst historisch feststehend, daß Ebert 1922 wenig geneigt war zu einer Verlängerung seiner Amtszeit, und daß ihm Stinnes senior erst die Bedenken ausgeredet hat. In solcher außenpolitischen Situation, hieß es damals, sei ein Wahlkampf unmöglich. Ebert blieb. Seine letzte Periode wird gekennzeichnet durch die Versuche der Parteien und Blätter der Schwerindustrie, ihn mit allen Mitteln zu eskamotieren. Stinnes Erben schwingen sich nicht einmal zu einem unverbindlichen Höflichkeitsakt auf. Dank von Hohenzollern, Dank von Stinnes! Im Verlaufe des Magdeburger Prozesses wurde der folgende Brief Hindenburgs an Ebert vom 8. Dezember 1918 bekanntgegeben (General Groener, als Zeuge, hat die Echtheit bestätigt): Sehr geehrter Herr Ebert! Wenn ich mich in nachstehenden Zeilen an Sie wende, so tue ich dies, weil mir berichtet wird, daß auch Sie als treuer deutscher Mann ihr Vaterland über alles lieben unter Hintanstellung persönlicher Meinungen und Wünsche, wie auch ich es habe tun müssen, um der Not des Vaterlandes gerecht zu werden. In diesem Sinne habe ich mich mit Ihnen verbündet zur Rettung unseres Volkes vor dem drohenden Zusammenbruch. Ich möchte Sie erinnern an Ihren Aufruf vom 9. Nov., in dem es heißt: »Die neue Reichsregierung kann ihre Aufgabe nur erfüllen, wenn alle Behörden und Beamten in Stadt und Land ihre hilfreiche Hand bieten. Ich weiß, daß es vielen schwer werden wird, mit den neuen Männern zu arbeiten, die das Reich zu leiten übernommen haben, aber ich appelliere an Ihre Liebe zu unserem Volke. Ein Versagen der Organisation in dieser schweren Stunde würde Deutschland der Anarchie und dem schrecklichsten Elend ausliefern. Helft also mit mir, dem durch furchtlose und unverdrossene Weiterarbeit zu begegnen, ein jeder auf seinem Posten, bis die Stunde der Ablösung gekommen ist.« Es heißt dann weiter: » In Ihre Hände ist das Schicksal des deutschen Volkes gelegt. Von Ihrem Entschluß wird es abhängen, ob das Deutsche Reich noch einmal zu neuem Aufschwung gelangen wird. Ich bin bereit , und mit mir das ganze Heer, Sie hierbei rückhaltlos zu unterstützen. Wir alle wissen, daß mit diesem bedauerlichen Ausgang des Krieges der Neuaufbau des Reiches nur auf neuen Grundlagen und mit neuen Formen erfolgen kann . Was wir wollen, ist, die Gesundung des Staates nicht dadurch auf Menschenalter hinauszuschieben, daß zunächst in Verblendung und Torheit jede Stütze unseres wirtschaftlichen und sozialen Lebens vollkommen zerstört wird ... Hindenburg.«   Das war der Hindenburg von 1918. Der alte Heerführer, der sich bedingungslos dem neuen Volksstaat zur Verfügung stellte. Mit schwerem Herzen sicherlich, aber, das ist das Gravierende, weil nichts anderes möglich war, weil überhaupt nichts anderes da war . Der Hindenburg sechs Jahre später bescheidet sich mit seiner Rolle als Hausgötze der nationalistischen Legende. Eine wüste Verleumdungskampagne beginnt gegen den Mann, als dessen Verbündeter er sich 1918 bezeichnet hat. Mit einem Wort hätte er den ganzen Spuk zerblasen können. Er rührt sich nicht. Er legt nicht Zeugnis ab. Und obgleich er in den Tagen des Trauerfalles, wie von vielen Seiten berichtet wird, in Berlin war , er zwingt sich nicht eine Kondolation ab, er legt nicht einen Kranz an der Bahre des Mannes nieder, dessen Überzeugung er in den schwersten Stunden der deutschen Nation teilte: » ... daß mit diesem bedauerlichen Ausgang des Krieges der Neuaufbau des Reiches nur auf neuen Grundlagen und mit neuen Formen erfolgen kann.« Wittern die Herrschaften schon Morgenluft? Halten sie es nicht einmal mehr der Mühe für wert, sich von den Gesetzen anerzogener Courteoisie leiten zu lassen? In Kurzem werden wir wissen, ob wir am vergangenen Mittwoch einen Mann zur letzten Fahrt geleitet haben oder eine Institution. Montag Morgen, 9. März 1925 528 Christlicher Adel teutscher Nation Wieviele glückliche Tage hat der Mensch im Leben? Philosophen haben darauf deprimierende Antworten gegeben. Wie dem auch sein mag, jedenfalls sagte der Herr Direktor Lüders von der Landespfandbriefanstalt zu dem Augenblick: »Verweile noch, du bist so schön!«, zu dem Augenblick nämlich, als die Herren von Carlowitz, von Etzdorff und von Karstädt bei ihm erschienen. Auch Herr Geheimrat Nehring, der oberste Chef des gemeinnützigen Institutes, hat sich gefreut wie ein Schneekönig. Noch heute, ein Jahr nach besagtem Erscheinen, sagte Herr Lüders, »er habe aufgeatmet , als solche Herren erschienen.« Diese direktoriale Atemgymnastik kostet die Landespfandbriefanstalt 5,3 Millionen. Dafür haftet Herr von Zitzewitz, der zwei Rittergüter in Pommern sein Eigen nennt, und dessen ehemaliger Schwiegersohn eben Herr von Carlowitz ist, der betörende Privatwirtschaftler. Zur Zeit steht dies ganze Adelskonsortium vor dem Untersuchungsausschuß des Preußischen Landtages, und man muß schon sagen, daß die Herrschaften ebenso belämmert aussehen wie ihre Sache. Herr von Zitzewitz ist der am nachhaltigsten Lackierte. Er hat sich von seinem Schwiegersohn ein Bürohaus im Mond vorspiegeln lassen und tappte in riskante Geschäfte hinein. Wenn der Untersuchungsausschuß weiter keinen Sinn hat, so wenigstens den, Herrn von Zitzewitz darüber aufzuklären, wie das Geld verwendet wurde, für das er haftet, und ebenso dürfte die Respiration der Herren Direktoren kaum mehr so flott sein wie vor einem Jahr. Die Sozietät von Edelmännern machte Grundstücksgeschäfte. Es ging nicht um Stolzenfels am Rhein oder um sonst einen ritterlichen Sitz, sondern um das Bürohaus »Börse«. Das heißt, je mehr man sich in die sehr diffizilen Geschäfte hineinwühlt, desto verworrener wird der Aspekt. Und es kristallisieren sich eigentlich nur zwei Tatsachen heraus: Zum Ersten, daß eine Unmenge Geld in die Taschen von Leuten floß, die mit den Dingen auch nicht das Mindeste zu tun hatten. (Herr von Etzdorff z. B. hat einem sicheren Dr. Kann dreihunderttausend Mark gegeben. Ebensogut hätte er die gleiche Summe in köstlicher Verschwenderlaune seinem Briefträger dedizieren können.) – Zum Zweiten: Eine Geschäftsreise nach London . Als Propagandist der London-Turnee fungiert ein Herr Dr. Fleischmann aus dem Bankgewerbe. Er ist sozusagen der Peter von Amiens dieses Kreuzzuges in die Taschen der Steuerzahler (den Ritter Walter von Habenichts mag man nach Belieben in einem der anderen beteiligten Chevaliers erkennen). Der Seelsorger der Heeresgruppe Carlowitz verlangt also von Herrn Geheimrat Nehring fünfzigtausend Mark zur Deckung der Unkosten. Der Herr Geheimrat findet das zu anspruchsvoll, er bietet nur zehntausend. Schließlich einigt man sich auf dreißigtausend Mark. Davon erhält zunächst Herr von Karstädt fünftausend Mark als Entschädigung für die Mühe, nicht mitzufahren; fünftausend Mark erhält auch Herr von Etzdorff, der daraufhin seine Frau mitnimmt, denn die germanischen Frauen folgten ihren Heldengatten unerschrocken in die Gefahrzone. Und dann setzt sich die Kavalkade in Trab. Nach zwölf Tagen in London überäugt Herr Fleischmann, der inzwischen vom Feldprobst zum Proviantmeister avanciert ist, die finanzielle Lage und findet sie unbefriedigend. Er nimmt daraufhin noch tausend Mark englisches Geld auf sein Konto, um den Rückzug der Kreuzfahrer zu sichern. Solches geschah mit den Krediten der Landespfandbriefanstalt. Ein paar Herren ritterlichen Geblütes haben standesgemäß gelebt; andere, geringere Sterbliche, denen die Gelder hätten zukommen müssen, haben ihrem Stande gemäß entbehrt. Die Herren Direktoren haben erleichtert aufgeatmet, als »solche Herren« bei ihnen erschienen. Herren, frühere Offiziere, nicht irgendwelche kleine Mießnicks, die ein paar Kröten brauchten für Siedlungen oder für Mietskasernen draußen in der Vorstadt. Herren mit Bügelfalten, vielleicht sogar mit Bridges und Reitpeitsche, sicherlich mit Monokel, oh, man versteht, wie des Herrn Direktors Brustkorb sich optimistisch weitete. In diesem einen Atemzug dünstet sich die ganze republikfeindliche Bürokratie des Ancien Régime aus. Herr von Carlowitz hat seine Freundinnen neu eingekleidet und überhaupt gelebt wie mit Fortunati Glückssäckel. Herr Geheimrat Nehring aber hat die Akten über das Geschäft sorgfältig in seinem Schreibtisch verborgen gehalten. Vor dem Untersuchungsausschuß wickelt sich langsam, aber einleuchtend die Tragikomödie von 5,3 Millionen Staatsgeldern ab. Auch der Herr Staatsanwalt hört zu. Er hört zu mit jener liebenswürdigen Geduld, die diese objektivste Behörde der Welt auszeichnete, ehe sie die Aviatik in ihren Dienst gestellt. Die Lokalanzeiger-Presse aber hält das ungewaschene Maul. Ihre Leser erfahren keinen Deut von diesem junkerlichen Panama. Und wenn es schließlich nicht mehr mit Schweigen geht, nun, man wird schon etwas ganz Plausibles finden. Denn die ärgste Müllgrube duftet nach Ambra, wenn man sie mit schwarzweißrotem Fahnentuch bedeckt. Montag Morgen. 9. März 1925 529 Meinhard und Bernauer verabschieden sich Auf unserem Redaktionstisch liegt ein Schreiben: »Wir haben uns entschlossen, die Führung unserer Theater für einige Zeit in andere Hände zu legen. Wenn wir auch somit als Bühnenleiter vom nächsten Jahre ab ausschalten wollen, so gedenken wir doch mit dem Theater in engster Fühlung zu bleiben. Bei unserer ungeminderten Tätigkeitsfreude ist der so geschaffene Zustand nicht als ein dauernder anzusehen. Er wird enden, wenn wir den Zeitpunkt als gegeben erachten. Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst Carl Meinhard. Rud. Bernauer.«   Was seit längerer Zeit von verschiedenen Seiten gemunkelt wurde, bestätigt sich hiermit. Meinhard und Bernauer werden ihren Theaterkonzern mit Ende der Spielzeit in andere Hände geben. Wir wollen hier nicht die Gründe untersuchen, die zu diesem sicherlich lange und reiflich erwogenen Entschluß führten, ob sie zu suchen sind in den kolossalen Schwierigkeiten dieses Theaterwinters überhaupt oder ob die beiden die Lust verloren haben an einer Tätigkeit, die immer weiter hineinführt in Konzessionen an den Marktgeschmack. Denn Meinhard und Bernauer, die nebeneinander und durcheinander altes und neues Drama, Pallenbergschwänke und Orska-Komödien, Posse und Operette, Sardou und Strindberg spielten, waren Künstler, sind Künstler geblieben. Wenn sie sich jetzt zu einer hoffentlich nur kurzen Rast zurückziehen, dann vielleicht verschnaufend, wie Rennfahrer, die nicht mehr ganz mitkönnen. Vielleicht auch wie gutgelaunte Philosophen, die für eine Weile den Trubel andern überlassen. Es ist schließlich keine Kleinigkeit, immer etwas Neues zur Unterhaltung der Berliner zu ersinnen. Sie haben über fünfzehn Jahre durchgehalten, und so sehr man ihnen auch im einzelnen etwas am Zeug flicken konnte und mochte, sie haben gut durchgehalten. Sie haben gelegentlich ihrem Herzen einen Stoß gegeben, ihrem Kopf aber nur mit Maß. Die Operette, war es wirklich ihr Sündenfall? Sie haben den Berlinern ja eigentlich die Massary neu entdeckt. Sie haben ihnen diese wundervolle Frau wiedergeschenkt, losgelöst vom Schema der Revue, mit Aufgaben, die wert waren, von ihr geadelt zu werden. Der Schwank? Gewiß, die Libretti für Pallenberg waren manchmal schlimm. Aber wenn ein so herrliches Orchester einsetzt wie dieser Künstler! Was waren für ihn diese Texte mehr als unscheinbare Hülsen, aus denen entkapselt sein Feuerwerk in prächtig-bizarren Farben sprühte? Nein, die Meinhard und Bernauer, vielfältig, nervös, nicht übermäßig geradlinig, in ihrer ganzen Art mehr ins Breite und Umfangreiche gehend als ins Tiefe, in Verbindung zu bringen mit dem vielbesungenen »Niedergang des Berliner Theaterlebens«, das wäre ungerecht. In der Nachbarschaft Max Reinhardts, in ihren Anfangsjahren im Berliner Theater in seinem Schatten stehend, mit seinem Schatten kämpfend, haben sie etwas von der Buntheit und Anmut des Meisters hinübergerettet, in denen die »Dekoration« aus grauen Tüchern und ein paar Treppenstufen bestand. Sie haben es nie vergessen, daß das Theater schließlich eine festliche Angelegenheit ist und keine Familiengruft. Nie haben sie es vergessen, obgleich sie beide zum Theoretisieren neigen und nicht nur literarisch, sondern auch einmal in der »Kreisler-Bühne« praktisch ihren experimentellen Neigungen folgen konnten. Wo mag der skurrile Mechanismus der Kreisler-Bühne heute magazinieren? Aber sie fanden zur Massary zurück. Das ist vielleicht ihr Bestes, daß sie untrennbar verknüpft bleiben mit großen Schauspielerpersönlichkeiten: man denkt an die Triesch, an Hartou, an die Gläßner, an viele, viele andere. Und in der Erinnerung haftet nicht die »Cousine aus Warschau«, sondern die süße Magie der »Traumspiel«-Inszenierung, mit Indras Tochter oben im mondweißen Oval.   Sie verabschieden sich knapp und optimistisch. Sie werden neuen günstigeren Boden finden, sie werden gesammelter wiederkehren. Sie gehen nicht aus dem Theater, sondern nur in die große Pause. Über den oder die Erben steht noch nichts fest. Barnowsky wird genannt. Darüber wird noch zu reden sein. Montag Morgen. 9. März 1925 530 Der nationale Lausbub Am 28. Februar in der Mittagsstunde, in derselben Stunde, in der durch Extrablätter das Ableben des Reichspräsidenten bekannt wurde, erklommen ein paar Primaner das Dach eines Berliner Gymnasiums und zogen einen schmutzigen Lappen auf Halbmast. In der Untersuchung wurden die jungen Dachhasen ausfindig gemacht. Sie gestanden mit schöner Unbefangenheit, daß sie sich nur einen Scherz hätten machen wollen, sie hätten sich schon seit Wochen und Monaten darauf gespitzt. Es sei eben nur Zufall, wirklich nur unglücklicher Zufall ... Die Angelegenheit an sich interessiert nicht groß. Eine von vielen. Mehr als das Politische der Situation prägen sich die jungen Gesichter ein, die Achtzehnjährigen. Sie haben einen Mann und eine Institution verunglimpfen wollen. Sie haben in Wahrheit nur das eigene Banner gehißt. Der schmutzige Lappen wird zum Symbol dieser nationalen Bürgerjugend. Lausbubenstreiche sind niemals gefühlvoll. Haben immer etwas vom Sakrileg an sich. Schlagen einer Konvention ins Gesicht. Trampeln auf Sentiments herum. Wie herzlich haben wir dennoch einmal über Ludwig Thomas klassischen Lausbub gelacht. Und dabei sind dessen Taten rüde genug. Dem Papagei im Käfig das Gefieder anzusengen ist kein Heldenstück. Ebensowenig eine launische alte Dame bis zum Schwarzwerden zu piesacken. Wenn wir trotzdem befreit auflachten, so war es, weil hinter all diesen Sottisen die Opposition stand, die Opposition eines kleinen, vereinsamten, zähneknirschenden Bengels. Über dieses Jugendparadies fällt als Schatten die schreckhafte Vision strammgezogener Hosen, von Nachmittagsstunden mit Strafarbeiten im engen, muffigen Zimmer. Das Risiko ist es, das diese kleinen Rüpeleien nobilitiert. Dieses Gefühl, etwas zu riskieren, aber fehlt dem nationalen Lausbub. Das macht die Sache so widerwärtig. Er weiß, daß ihm nichts geschieht. Er weiß, daß die Untersuchung gerade so weit geht, um den Formalitäten genug zu tun. Er weiß, daß er nicht isoliert ist, sondern Masse, Majorität, kompakte Majorität. Er weiß, daß die Geschichte mit dem Lappen in die Zeitungen kommen wird, daß diese Geschichte an ein paar Millionen Kaffeetischen morgens vorgelesen wird, daß einige Millionen würdige Familienoberhäupter sich dazu unter dröhnendem Lachen auf die Schenkel schlagen werden, daß alte Tanten dazu zustimmend grinsen, daß dumme Gänse Beifall jubeln. Das weiß er. Er hat mit den spitzen Blicken seiner Jahre die Bedienung der Apparatur durchschaut. Er kennt den inspizierenden Oberregierungsrat, der die Kaiserbilder an den Wänden nicht bemerkt, ebensogut wie den Schupomann, der träumerisch in die Luft guckt, wenn hinter ihm zwei Schlackse mit Primanermützen die Mauern mit Hakenkreuzpapieren bekleben. Das kennt und weiß er. Und fühlt sich himmlisch geborgen. Man sage doch nicht: Warum Feuer und Schwert gegen Jungensexzesse, sowas gab es immer, wird es immer geben! Nein, es ist ein Unterschied, ob einer allein handelt oder sich versippt, verteidigt, gedeckt fühlt durch Hunderttausende. Wäre die Republik heute die allesüberragende, die alles zermalmende Macht, und ein Knirps von Schüler stellte sich ihr schmähend entgegen, man würde seine Hand ergreifen und sagen: »Brav, mein Junge, du bist ein ganzer Kerl, du duckst dich nicht!« Aber so wie diese Jungens heute: gesichert sein, Masse sein, Majorität sein und sich doch katzbuckelnd zu ducken, Unterwerfung zu heucheln und, wenn die Gefahr vorüber, weiter zu machen, das ist elend, das ist niederträchtig. Welch ein Unterschied zwischen dieser protzigen, siegessicheren, klettenhaft zusammenhaltenden Bande und den Primanerkonventikeln von einst, wie sie sich zusammenfanden in Dachstuben und Hinterzimmern von Kneipen, von Tyrannenmord schwärmend, unverstandene erotische Verse deklamierend. Oh, sie wußten sich vereinsamt, gegen eine Welt kämpfend. Sie wußten, daß hinter ihrem Treiben die Relegierung stand, die schimpfliche Verfemung, die zerschlagene Karriere, die triste Aussicht, Subalternbeamter oder Zigarrenreisender zu werden. Was weiß die sogenannte nationale Jugend von Freiheitsdrang? Ihre Sehnsucht geht nicht nach Bastillensturm oder Barrikadenbau. Würde heute ein erfolgreicher Lüttwitz oder Ludendorff der Republik sein Zwing-Uri errichten, sie würden mit Behagen die Steine zum Bau zusammenschleppen. Sie fordern nicht ihr Jahrhundert in die Schranken, um im Ringen Brust an Brust jauchzend zu vergehen, sondern um ihm Handschellen anzulegen und es auf der nächsten Polizeiwache als lästigen Ausländer zu denunzieren. Eine Jugend voll Knechtssinn und Militäranwärterinstinkten. Eine Generation von feigen, feisten und verschmitzten Philistern wächst heran. Das Tage-Buch, 14. März 1925 531 Kränze, die ihn nicht erreichten In meinem Artikel in der vorigen Nummer des »MM« hatte ich auf Grund scheinbar unanfechtbarer Informationen die Behauptung aufgestellt, daß an den Kranzspenden für den toten Reichspräsidenten die Familie Stinnes sich in keiner Weise beteiligt habe. Herr Ministerialrat Döhle vom Bureau des Reichspräsidenten macht mich darauf aufmerksam, daß das nicht den Tatsachen entspreche, daß im Gegenteil in den kritischen Tagen vom Hause Stinnes täglich Bericht erbeten wurde über das Befinden des Reichspräsidenten, und daß auch einer der Herren Stinnes die Familie bei dem Ehrengeleit von der Wilhelmstraße zum Bahnhof vertreten habe. Ich freue mich, diese Richtigstellung machen zu dürfen. Nicht nur im Interesse der historischen Wahrheit, sondern auch im Sinne eines guten menschlichen Gefühls empfinde ich Genugtuung, hier, anzeigen zu dürfen, daß Stinnes sich nicht auf eine Linie mit Hindenburg begeben hat. Montag Morgen, 16. März 1925 532 Der »Reichsblock« marschiert auf Berlin, 22. März. Zwischen 11 und ½ 12 zieht der »Stahlhelm«, Stresemanns wilde, verwegene Jagd in langen Kolonnen durch die Bülowstraße, mit klingendem Spiel und herausforderndem Fahnenprunk. Dennoch will sich der Riesenraum des Sportpalastes nicht füllen. Obgleich immer neue Züge von Stahlhelmleuten und Nationalsozialisten militärisch gegliedert einmarschieren. Lange Stuhlreihen bleiben völlig leer. Ebenso sind auf den Rängen kaum die vordersten Reihen besetzt. Die Linksparteien haben den Sportpalast schon viel gründlicher okkupiert. Wer sich nicht von der üppig gespendeten, trommelfellerschütternden Militärmusik berauschen läßt, hat das Gefühl: eine Niete! Erschienen sind die Jünglinge von den vaterländischen Verbänden, korporativ eingeführte, »nationale« Arbeitervereine, kurzum – Comparserie, die auf Befehl »Hoch!« und »Nieder!« und »Rhabarber« schreit und ebenso sektionsweise nächsten Sonntag im Wahllokal anmarschieren wird. Der sogenannte gute Bürger, an den sich ja die Kandidatur Jarres zunächst wendet, ist zu Hause geblieben. Aber ein seltsames Bild ist es doch, diese vielen jungen Menschen, die in roten, verarbeiteten Händen, in breiten oder hagerknochigen Gesichtern den ewigen Stempel des Proletariats tragen, hier applaudieren zu sehen, wenn oben auf der Rostra unter Kriegsflaggen und Hakenkreuzfahnen einer mit rasselnder Offiziersstimme die Demokratie zum Teufel wünscht. Haben sie alle denn eine solche Sehnsucht nach der Kaserne, nach dem Dreiklassenwahlrecht ...? Kandidat Jarres hat in seiner Programmrede in der Philharmonie an die bewußten und unterbewußten Ängste des braven Philisters appelliert. Ein Ordnungsmann durch und durch, dem Boden der Tatsachen durch Instinkt und Karriere vermählt. Das war der Text. Die Herren aber vom Reichsblock, vom Loebell-Ausschuß, die machen eine ganz andere Musik als der schlichte Philharmoniker aus dem bergischen Land, der der Republik nicht wehe tun will, wenn sie ihm nicht wehe tut. Vier Redner sprechen, vier Redner von verschiedenen politischen Gruppen, aber sie operieren alle gleichmäßig mit dem Barmat-Kutisker-Skandal. Ein Herr von den Vaterländischen Verbänden hat die Stirn zu fragen, warum die Sozialdemokraten nicht statt Herrn Braun, Herrn Barmat nominiert hätten, und minutenlanger Jubel lohnt diese Unverschämtheit. Ein deutschnationaler Herr v. Jäcklin beginnt mit einem Ausfall gegen den »Volksbeauftragten Ebert«, der keinen Auftrag vom Volke gehabt habe. Wir müßten endlich den höchsten Platz im Reich wieder mit »einem Deutschen« besetzen, nicht mit einem Internationalisten. Herr Jarres sei ein kerndeutscher Mann; man habe Frau Jarres ein abschreckendes jüdisches Äußere nachgesagt. Sie werde heute in Hamburg an ihres Gatten Seite erscheinen, um die Verleumder Lügen zu strafen. (Man hat so seine Sorgen.) Auch Herr Pfarrer Luther von der Deutschen Volkspartei gibt sich Mühe, sich dem Niveau der Versammlung anzupassen. Er wettert gegen Zentrum und Sozialdemokraten, erzählt biographische Details von Herrn Dr. Jarres, die nur mäßig interessieren: die Windjacken legen sich in sanfte Schlummerfalten und geraten erst wieder in Ekstase, als der sanfte Volksparteiler von »unserem geliebten Hohenzollernhause« spricht. War Herr Pfarrer Luther nicht zu anderen Tagen der Einpeitscher der Großen Koalition in seinen Berliner Parteivereinen gewesen? U.A.w.g.! Als letzter Redner mit Tusch und Heilrufen begrüßt, erscheint semmelblond und wohlgescheitelt, wie immer Herr Reinhold Wulle am Rednerpult. Er hat den Bogen ganz anders raus als sein pastoraler Vorredner. Er legt los mit einer kräftigen Verwünschung der Revolution. Jetzt müsse damit Schluß gemacht werden. Der Geist vom Kurfürstendamm müsse wieder abgelöst werden durch den Geist von Potsdam . Die Ehe der Völkischen mit Herrn Jarres sei keine Liebesehe (gewiß nicht, wo doch Herr Jarres die Kosten für das Beilager aufbringt), aber Karl Jarres sei ein deutscher Mann und schwarz-weiß-rot bis auf die Knochen! Ohne uns hier weiter für die kolorierte Anatomie des Herrn Jarres zu interessieren – Herr Wulle muß ja von der früheren Probeehe im Ruhrkrieg her das Objekt seiner Verstandesneigungen näher kennen –, es wäre viel netter gewesen, wenn der stimmgewaltige völkische Bratenbarde etwas über die Kandidatur Ludendorff gesagt hätte. Aber er schwieg darüber mit beachtlicher Energie. Mit Musik und Fahnenschwenken endete das frohe Fest. Das Stimmvieh zog kolonnenweise ab, wie es gekommen. Brave dumme Jungen mit roten, unschuldigen Rekrutengesichtern unter dunklen Käppis nahmen die Knochen zusammen und riefen wie gewünscht »Hoch!« und »Nieder!« Herren mit Mensurnarben, Herren mit gelben Ledergamaschen und karierten Breeches kommandierten ... Montag Morgen, 23. März 1925 533 Walter Mehrings »Trollatische Geschichten« Ernst Rowohlts Balzac-Kollektion – die handliche Schmiegsamkeit dieser kleinen, zum Bersten vollen Bändchen bezeichnet nach der sybaritischen Opulenz des »schönen Buches« die Wiederkehr des liebenswürdigen Buches – ist seit kurzem erweitert durch die zwei Bände der »Contes drôlatiques«. Sie treten diesmal vor den Leser als »Trollatische Geschichten«. Walter Mehring stellt sich als »Eynteutscher« vor. Balzac und Mehring, wie mögen sie sich eigentlich gefunden haben, der Tourainer mit der feisten Gestalt des Silen und der naiven und unbeugsamen Seele des Herkules und der kleine, schmalschultrige Berliner, der um alle Geheimnisse des Großstadtpflasters weiß und dessen Verse so böse schrillen können wie Gassenjungenpfiffe? Mag die Literaturgeschichte die Frage ins Reservefach kommender Dissertationen legen, uns genügt es festzustellen, daß die Vereinigung unter glücklichen Zeichen erfolgte, daß der Himmel dazu lächelte und auch die Hölle auf ihre Kosten kommt. Vor aller anderen Würdigung zunächst eines: hier wurde eine kolossale Arbeitsleistung vollbracht. Hier ist mehr als ein großartiger Anlauf, hier hat Einer von A bis Z durchgehalten, gearbeitet und wieder gearbeitet, bis er dem Andern als Gleicher gegenüberstand, bis er mit freier Maëstria das Band des Wortlautes abstreifend zum Sinn vorstoßen konnte. Balzacs »Contes drôlatiques« gehören zu den wenigen Dokumenten französischer Romantik von 1830, die heute noch leben. Hugo ist uns nicht viel mehr als ein lärmender Ausverkauf von Motiven und Stilen, Gautiers bunte Maskenwelt hat den aus Parfüm und Mottenpulver gemischten fatalen Duft einer alten Theatergarderobe, ganz zu schweigen von Lamartines rollenden Deklamationen, von Dumas' unbedenklichen Verkleidungsscherzen. Zwei, drei Jahrzehnte war Walter Scott europäische Mode. Man wandte den Blick zurück, durchschnüffelte die vergessensten Winkel der Geschichte nach »Stoffen«. Nichts ist geblieben von dieser geschriebenen Historienmalerei. Balzacs dreißig Geschichten aus der französischen Renaissance haben sich erhalten wie sehr edles Schnitz- oder Schmiedewerk in einem grämlichen Kramladen. Denn Balzac versuchte nicht mit dialektischen Kniffen den Geist vergangener Tage zu rekonstruieren. Er kam auch nicht in die Versuchung, in Kostüme, nach alten Vorlagen geschneidert, die Pariser von 1830 zu stecken, so wie Scott seine Engländer Ludwig XI. oder Leicester taufte. Balzac hielt sich nicht an den trügerischen, unter den Fingern des Experimentators verdunstenden Geist, sondern an den immer wiederkehrenden Leib. So packte er das Säkulum der pompösen Beilager, der unerhörten Freß- und Sauforgien in seiner Körperfülle. Und da er selbst ein guter Sohn der üppigen Touraine war, so umschwebten seinen Schreibtisch nicht die magern Schatten des Historismus. Nein, der große Rabelais selbst wird wieder Fleisch und Bein, rotnasig, breitmäulig, mit bekleckerter, branntweinduftender Kutte pflanzt er sich neben dem Autor hin und erzählt bocksbärtig feixend die Schnurren vom Bruder Amador im Raubritternest, von der Grundsteinlegung des Schlosses Azay und, ernster werdend, den gräßlichen Hexenprozeß, denn er war nicht nur der Possenreißer, sondern auch der Freigeist des Jahrhunderts. Und wie er eine Pause macht und die dicke Nase schneuzt, tritt in weitem Reifrock, mit steifer spanischer Halskrause gar züchtig die Königin von Navarra ein, nimmt zur anderen Seite des Autors Platz und beginnt mit einem mißbilligenden Blick auf den Herrn Pfarrer von Meudon die Geschichten von glühenden Frauen, die furchtbar büßen um eine Stunde des Vergessens, von guten Eheweibern, die lieber ins ewige Dunkel sinken als ihren Leib Unholden preisgeben, und von kecken Mädchen, die eben noch ehrbar zum Ziel kommen. Sie erzählt diese traurigen und heiteren Geschichten wie eine Dame der großen Welt, wie eine Dame, die weiß, was sich schickt (aber auch, was eine Harke ist). Sie streichelt mit feinen, schmalen Fingern wehmütig den Glanz der starren Seidenrobe, ihr Blick ruht freundlich auf dem korpulenten Herrn am Schreibtisch, dessen Phantasie sie diese Stunde auf der alten Erde verdankt, und schnell huscht der brokatene Schuh unter den steifen Rocksaum zurück, wenn sich die Pupille des Herrn Pfarrers allzu lästerlich weitet. Zwischen dem vagabundierenden Kleriker und der königlichen Prinzessin dieses Weltkind des neunzehnten Jahrhunderts, das die ersten Gaslaternen und Eisenbahnen und Daguerreotypien erlebt, das nun dasitzt, schreibend wie im Fieber, Tag und Nacht, bildend aus der Vision. So wurden die drei Zehent dieser Geschichten voll Lachen, Wollust und Qual; ein Besessener mußte sich von fremdem, eingesogenem Seelengut lösen. Das nun in eine fremde Sprache zu gießen, es ist ein cyklopisches Unterfangen. Wer weiß, wie lange Walter Mehring getastet und versucht hat, schließlich muß er die Magie des Meisters erkannt haben. Und da folgt er ihm einfach. Er begnügt sich nicht mit billig archaisierendem Aufputz. Er beginnt wie Balzac mit einer Geisterbeschwörung. Er spricht die Beschwörungsformel in der vergessenen Sprache Fischarts und Murners, und er wiederholt sie immer dringlicher, immer klangvoller, bis schließlich die Geister der Citation folgen und in längst verstummten Zungen antworten. Nach fast vierzig Dezennien erprobt sich die alte Freundschaft zwischen Fischart und Rabelais neu. Endlich wird auch der fleißige Schüler völlig frei: er redet wie des Arno Holz berühmbter Schäffer Dafnis Sprachen, die nie gesprochen wurden, nie gesprochen werden. Er paraphrasiert in köstlicher Ungebundenheit, er findet für jede heitere und triste Nuance die eigene, die charakteristische Farbe, es entsteht zuweilen ein unglaublich charmantes Kauderwelsch, ein Abrakadabra zum Verlieben (das hoffentlich ein paar amtlich geeichte Germanisten zum Platzen bringt), und zum Schluß, als Krönung, fährt die linguistische Raserei selbst in den Verleger, wie denn Titelblatt vermeldet: Verlegt unnd in Trukk geben durch Ernnst Rowohlt zu Berlin und Mömpelgard                             anno 1924. (Viel Spaß an Ihrer neuen Filiale, Herr Rowohlt!)   Es sollte hier nicht Textkrittelei betrieben werden. Es sollte hier nur verwiesen werden auf eine Quelle unversiegbarer Lust. Die Ehrlichkeit gebietet einzugestehen, daß in mindestens einem Drittel der Geschichten das Schwein absolut guberniert. Was macht es? Über diesem Schwein blaut der Himmel Arkadiens. Und es bleibt immer wieder zu preisen die gigantische Arbeitsleistung des »Eynteutschers«, der plötzlich mit einem verwegenen Sprung aus dem Ressort »Chanson« geflitzt – – mitten in die Weltliteratur hinein. Das Tage-Buch, 4. April 1925 534 1525 – Florian Geyers Jahr Die Läufte stellen sich uf den Kopf. Zu Ostern entstieg der Heiland dem Grabe. Zu Pfingsten schlägt man ihn wieder ans Kreuz. Hellpach hat in einer seiner Wahlreden gesagt, das deutsche Volk sei allzu verliebt in seine Vergangenheit. Ein gutes Wort, aber, wie alle solche Worte, nur halbwahr, viertelwahr. Was man so Pflege der Tradition nennt, das bedeutet in Wirklichkeit nur die Freigabe einiger Prunkräume deutscher Geschichte zu Besichtigungszwecken. Das sind so Prunkräume wie alle des Genres, etwas fad, etwas verlogen. Wenn der Franzose sein Pantheon mit zuviel Gloire parfümiert, so stellt der Deutsche seine Ruhmeshalle mit Plüschmöbeln voll. In solchem Hausrat haben wir die repräsentativen Gestalten unserer tausendjährigen Geschichte kennengelernt, und man versteht danach die unwirsche Bemerkung des jungen Georg Büchner über die »Eckensteher der Weltgeschichte«. Aber daß es im weiten Haus der Geschichte versponnene Ecken und Winkel gibt, reizend zu träumen, hohe, feierliche Hallen und schauerliche Grüfte, freundliche Giebelstuben und fürchterliche Folterkammern, das macht der skabrösen Methodik der Herren Konservatoren Kummer. Deshalb halten sie uns alles bis auf ein paar sauber und langweilig gefegte Appartements verschlossen wie Blaubarts heimliches Gemach. In keinem Lande der Welt wäre es denkbar, ein Volk buchstäblich um seine Geschichte zu prellen. Was unsere stupide und so patriotische Steißtrommlerschaft aus dem Geist der Vergangenheit gemacht hat, das ist eine greuliche Vogelscheuche mit Kanonenstiefeln und teutonischem Umhängebart, im Bauch eine Walze mit der Wacht am Rhein. Zu den schändlichsten Attentaten der Schule gegen den deutschen Geist gehört die völlige Konfiskation des großen Bauernkrieges von 1525. An diese mächtige und farbenreiche Epoche wird nicht so viel Zeit gesetzt wie an die aufgeplusterten Ruhmestaten des kleinsten aller Habitués der Siegesallee. Und so wird niemand daran denken, niemand in diesem jubiläumsseligen Volke! daß gerade um Ostern vor vierhundert Jahren in Oberdeutschland, am Rhein, im Thüringischen, im Salzburgischen der »gemeine Mann« aufstand wider seine weltlichen und geistlichen Peiniger. Daß am Ostersonntag, dem 16. April, Weinsberg gestürmt und des Helffensteiners gräfliche Gnaden durch die Spieße gejagt wurden. Daß sich gerade zwischen Ostern und Pfingsten eine Tragödie abspielte, ein bäuerlich' Trauerspiel, ohnegleichen unter allen deutschen Begebenheiten. 1525, das ist das Jahr der leidenschaftlichen Prediger evangelischer Freiheit, der plänevollen Schreiber und Ratsherren, der verwegenen Soldaten, die sich an die Spitze armer, schlechtbewaffneter Haufen stellten, um das große Wagnis zu unternehmen, im Zeichen des Bundschuhs dem deutschen Volk die deutsche Erde zu erobern. 1525, das ist das Jahr Thomas Münzers und Wendel Hiplers. Und Florian Geyers vor allem. 1525, das ist das Jahr Florian Geyers, wie 1789 das Jahr Mirabeaus, wie 1848 das Jahr Robert Blums, wie 1918 das Jahr Karl Liebknechts. Wer eine blasse Erinnerung nur bewahrt an Gerhart Hauptmanns so selten, selten aufgeführtes Werk, wer des alten Zimmermann Geschichte des Bauernkrieges kennt und liebt (was tut eigentlich der Verlag Dietz für dies lebensvollste und demokratischste unserer Geschichtsbücher?), dem ist für immer der Begriff 1525 zusammengeflossen mit der Gestalt des fränkischen Ritters, der seine adlige Sippe verließ, um mit den bäurischen Brüdern zu kämpfen und unterzugehen. Die Fürsten sind schnell mit der Bewegung fertig geworden. Ihre überlegene Artillerie und Doktor Luthers Segen verschafften ihnen bald Übergewicht. Es war kein Heldenstück, begeisterte, aber mangelhaft armierte Bauerntrupps ohne kriegerische Schulung auseinanderzufegen. Was noch blieb, hat eine servile Historiographie vollendet. Sie hat von Florian Geyer fast nicht mehr übriggelassen als den Namen. Sie hat den gütigen Karlstadt zum irren Fanatiker, den hinreißenden und mutigen Führer Thomas Münzer zu einem feigen Charlatan gestempelt. Sie hat ein Geschlecht von Winkelrieden, das die nackte Brust in einen Wald von Piken warf, in einen demagogisch verhetzten Pöbelhaufen, dem's ums Raufen und Brandschatzen zu tun war, umgefälscht. Über das Blutgericht der Sieger schweigt sie lieber ganz. Daß die großen und kleinen Potentaten unter ihren Landeskindern ärger wüteten als hundert Jahre später die Panduren, Wallonen, Franzosen und Schweden zusammengenommen, auch darüber macht sie nicht viel Worte. Das alles wird unterschlagen. Aus einer Volkserhebung von unerhörter Allgemeinheit, die unter ihren großen weiten Plänen die Zertrümmerung der elenden Kleinstaaterei, die Schaffung eines geschlossenen, zentralen Nationalstaates hatte, so wie es im gleichen Jahrhundert England und Frankreich wurden, hat sie einen sturen, sinnlosen Helotenaufruhr gemacht, dessen Niederwerfung Verdienst war. In Blut wurde die Bewegung erstickt. Clio, die geduldigste der Musen, ließ sich wie immer den Griffel führen. Wer aber etwa in diesem Jahr zwischen Ostern und Pfingsten hinunterkommen sollte in die winklige gotische Welt um den Main, der möge nicht vergessen, daß hier einmal um das deutsche Schicksal gewürfelt wurde. Es ist ein schöner und lockender Gedanke, an einem späten Nachmittag, wenn die Sonnenstrahlen schon weicher und müder durch bunte Scheiben brechen, in einem der alten Ratskellerchen dort den Römer zu heben und ein Trankopfer zu weihen dem Gedenken derer, die unter dem Bundschuh starben. Vielleicht hat hier vor vierhundert Jahren, in diesem selben kühlen, feuchten Gewölbe ein Mann im schwarzen Harnisch gesessen, das Glas erhoben, wie du, Spätgeborener, doch nicht in Erinnerung, sondern versunken in eine Zukunft, von der er erhoffte, was eingeritzt stand im Knauf seines Schwertes: Nulla crux, nulla Corona ... Das Tage-Buch, 11. April 1925 535 Cesar Borgia oder Der Untergang des 8-Uhr-Abendlandes Es war so und bleibt so: die Gabe der Dichtung ist ein Kainsmal und hat noch keinem Sterblichen Freude gemacht. Und besonders die Muse der Tragödie mit dem klassisch strengen Antlitz fordert einen rigorosen Dienst. Man zapft sich Herzblut ab, um Gestalten der Phantasie zu beleben. Wenn sie allerdings einmal atmen, dann werden sie alt. Weiß Gott, wann man einmal Ödipus, Ophelia und Wallenstein begräbt. Victor Hahn hat einen Cesar Borgia geschrieben, der nun auch schon fünfzehn Jahr alt ist und damit eine stattliche Reihe von literarischen Stilmoden überlebt hat. Hat er sein Geisteskind so verschwenderisch mit Blut ausgestattet, daß es dieses immerhin stattliche Alter erreichen konnte? Überhaupt gehört Herr Victor Hahn zu den tragisch Auserkorenen, dazu verdammt, mit dem Stigma der Dichtung durch eine feindliche, dürre, prosaische Welt zu wandern. Ohne in den privaten Schrein seiner Seele eindringen zu wollen – was wissen wir von den milden Abendröten oder dräuenden Gewitterwolken dort? – er ist in seinem äußern Leben einer der glücklichsten Staubgeborenen. Er ist einer der erfolgreichsten Journalisten, die es gibt. Er hat aus einem vom Alter gebeugten, mählich verkümmernden Blättchen eine Zeitung gemacht, die in den Abendstunden die Straße beherrscht. Was er anfaßte, hat er glücklich angefaßt und deshalb richtig. Mag er schon in der Literatur nicht übermäßig viel Raum beanspruchen, wollte jemand die Geschichte der Erfolgsmenschen unserer Tage schildern, dann dürfte sein Name nicht fehlen. Merkwürdig, daß er noch nicht darauf gekommen ist, im ersten Beiblatt seiner Zeitung sein Leben zu erzählen. Das wäre tausendmal spannender und instruktiver als die Erinnerungen an die Habsburger. Das aber ist der problematische Knacks in dieser fortunatischen Existenz: er schreibt Tragödien ! Ein Mann, der Zeitlebens in der großen Welt gestanden, der den Geschmack und Geruch so vieler Menschen und Dinge aufgenommen, der könnte mit dem bohrenden Blick des Skeptikers in Komödien voll kühl funkelnder Bosheit ein Nachrichter seiner Zeitungsgenossen werden. Er ist fern von so gehässigen Gelüsten. Was ihn lockt, das ist der Lorbeer des Tragikers Schiller , das ist seines Daseins alleinige Sehnsucht. Das idealisierende Geschichtsdrama, das aus den unreinen Bezirken des Alltags führt, in jene unirdische Sphären, wo man sich gegenseitig mit Ihr anredet und nur in Blankversen spricht, das ist sein Ziel. Er konzipiert Tragödie mit der himmlischen Gläubigkeit eines Gymnasiasten, er baut seine fünffüßigen Jamben mit der Besessenheit eines klassischen Formmeisters, kein Tasso hätte glühender in seiner Sprache geschmiedet, und das in einer Zeit, in der jeder Sekundaner mindestens mit August Stramm anfängt und Wedekind als unmodern verachtet. Welch eine absonderliche Aufgabe, welch eine romantisch umwitterte Figur, dieser Schiller-Epigone, der es eigentlich gar nicht nötig hat! Ja, er ist, so gesehen, viel, viel interessanter und romantischer als sein Don Cesar Borgia. »Die Tragödie die Renaissance?« Ach, es ist nicht wie bei Gobineau eine Renaissance in prächtig shakespearehafter Wildheit. Es ist eine pasteurisierte Renaissance, voll Magnesiumblitzen und Theaterdonner, vorahnend für Ferdinand Bonn und Theodor Becker gedichtet. Aus der aberwitzigen Geschichte einer tollen Familie wird eine gut temperierte Haupt- und Staatsaktion, in der zwar reichlich, aber sanft gestorben wird. Nichts von den wüsten Orgien, von denen das Memorial des guten Zeremonienmeisters Burcard zu vermelden weiß. Nichts auch von Blutschande zwischen Bruder und Schwester, auch der Papa mit der Tiara auf dem greisen Lasterkopf war ja auf den Ältesten eifersüchtig – es muß überhaupt ein harmonisches Familienleben gewesen sein bei Borgias – nichts von alledem. Der zu tausend Exzessen der Phantasie reizende Stoff ist nicht einem dramatischen Wildling zugefallen, sondern einem wohlgesitteten Manne, der wohl weiß, daß der Menschheit Würde in seine Hand gegeben, und daß sie, ganz nach der Art, wie man sie anfaßt, entweder sinkt oder sich hebt, genau so wie Börsenpapiere. Und wenn schließlich Don Cesar den letzten sündigen Atemzug aushaucht und der Doktor Martinus Luther – wo kommt er plötzlich her? – sein Amen dazu sagt, dann geht man mit dem beruhigenden Gefühl, daß der Untergang dieses 8-Uhr-Abendlandes nicht definitiv, sondern daß es Gottseidank morgen wieder erscheinen wird. Victor Hahn aber wird weiter dichten. Vielleicht gar nicht aus Ehrgeiz nach dem immergrünen Kranz. Vielleicht steckt hinter seiner schillerischen Mission nur das dunkle Gefühl, daß der Glückliche den Göttern irgendwie opfern muß, um ihren Neid nicht zu erwecken. Deshalb zeichnet er sich freiwillig das Kainsmal auf die Stirn, deshalb nimmt er die Plackerei mit dem Skandieren auf sich, was schließlich keine Kleinigkeit ist. Es gibt viele Methoden, Opfer zu bringen. Er setzt sich hin und dichtet. Er ist dabei nicht schlecht gefahren. Ich weiß nur eines: wenn es mir einmal recht gut geht, dann werde ich auch Tragödien schreiben.   Die Erstaufführung im Lessing-Theater am Sonnabend gehört auf ihre Weise zu den sehenswertesten der Saison. So viel geballte Fäuste, rollende Augen, verkrampfte Mundwinkel hat man seit langem nicht gesehen. Uralte Komödianteninstinkte brachen ungehemmt hervor und kein Regisseur bemühte sich zu dämpfen, zu gliedern, den Krakehl zu dosieren. Theodor Becker , gelb, mit schwarzer Mähne, jeder Zoll ein Herodestyrann, zischte seinen Part wütend durch weitgeöffnete Nüstern. Entzückend war Herr Bonn als sündiger Papst. Ein rosiger alter Lebemann, der sein Klerikergewand kokett wie einen Weiberrock trägt. Else Heims stand wie aus einem Botticelli-Bild geschnitten anmutig in der Nähe des Souffleurkastens herum. Mehr war ihr nicht gegönnt. Manches war schlimm. Der Aufmarsch der Kardinäle wirkte in seiner Dürftigkeit wie der Demonstrationszug eines Aufwertungsvereins. Und die drei Kavaliere der Lukrezia waren nicht aus Ferrara, sondern aus Kolomea. Montag Morgen, 14. April 1925 536 Das Ärgernis Sonntag nachmittag. Die Potsdamer Straße noch mäßig belebt. Die Berliner sind keine Frühaufsteher. Die Stunde der Bummler hat noch nicht begonnen. Jetzt, um vier Uhr, sieht man nur kreuzbraves Familienpublikum; die Leute flanieren so gravitätisch, so altertümlich ehrenfest, so beruhigend langweilig. Man beginnt wieder an den unverwüstlich guten Kern des vielgelästerten Berlin zu glauben. Es ist schon ein Groß-Leipzig und bildet seine Leute. An der Potsdamer Brücke ein kleiner Auflauf. (»Haben Sie gesehn?« – »Gucken Sie doch bloß mal!«) Die Elektrische fährt noch langsamer als fahrplanmäßig, damit die auf der Plattform auch was zu sehen bekommen. Eine würdige alte Dame tanzt vor lauter Aufregung eine Kukirolienne. Ja, was gibt es denn eigentlich zu gaffen? Was ist der Anlaß zu dem Rumoren? Warum verwandelt sich sonntagnachmittaglich dösende Faulheit der Straße plötzlich in einen exaltierten Taubenschlag? Alle Aufmerksamkeit konzentriert sich auf einen ungewöhnlich hochgewachsenen Mann, der mit Frau und Kind so friedlich einherspaziert wie die andern. Es ist ein Neger. Die Frau an seiner Seite ist groß und blond, das Kindchen kaffeebraun. Es paddelt so unbefangen dahin, wie es Vierjährige tun, die sich noch nicht über ihre Rasse den Kopf zerbrechen. Der Neger ist auffallend groß und wohlgebaut, breitschultrig, mit vorzüglicher Tournüre, die Beine lang und kerzengrade. Der modefarbene Anzug sitzt wirklich vorzüglich. Aber der Mann versteht auch, seine Kleider zu tragen. Ein blitzsauberer, appetitlicher Bursche. Das Haar wollig und steinkohleschwarz. Das Antlitz dunkelbraun leuchtend, wie mit einer feinen Glasur überzogen. Die Nase nicht breit und platt, sondern leicht geschwungen. Wulstig sind zwar die Lippen, aber es spielt ein sehr anziehendes Lächeln darum, sehr freundlich und ganz nebenher etwas von oben herab. Dieses Lächeln verrät, äußerst dezent und sicherlich nicht so grob formuliert, wie es hier der unbeholfene Deuter unternimmt: »Ich verstehe schon, daß die Herrschaften sich wundern. Ja, sie wundern sich, weil hier ein schwarzhäutiger Mann mit einer blonden Frau und einem kaffeebraunen Kindchen spazieren geht. Sie glauben nicht an meinen Trauschein, und sie glauben auch nicht an meinen grauen Gabardine-Anzug. Wenn ich jetzt hier daherkäme, nur mit einem Schurz von Palmenblättern bekleidet, das Gesicht mit Ocker beschmiert, einen Ring von Stachelschweinborsten durch die Nase, das würde ihnen ganz plausibel erscheinen. Sie denken sich auch den Schwarzen gern als Frauenräuber, aber ich bin wirklich nicht so romantisch. Ich überlasse das Metier gern den verführerischen Weißgesichtern, die sich vom Heiratsschwindel nähren oder kleine Mädel in die Bredouille bringen und dann sitzen lassen. Ich liebe meine schöne blonde Frau und bin ein guter und etwas stolzer Familienvater.« Ob er sich das wirklich gedacht hat? Aber sein Lächeln schwebte so frei, so unberührt weit über den Dingen. So mag sein pechschwarzer lieber Gott lächeln, wenn er wohlgelaunt auf seine kraushaarigen Kindlein niederblickt ... Aber diese Leute da! Pfui, schämt ihr euch nicht, Berliner des sozusagen zwanzigsten Jahrhunderts? Wie sie da in Gruppen stehen und zischeln und raunzen, wie die Arme agitiert in der Luft herumfliegen. Sie sind tief empört. Man sieht es ihnen an: Hier müßte die Polizei einschreiten! Wie kommt er dazu, eine blonde Frau zu haben? (Ist das überhaupt eine Ehe? Pfui Deibel!) Wie kann er sich erdreisten, diesen schönen hellen Frühjahrsanzug zu tragen? Eigentlich müßte man ihm die Klunkern vom Leibe reißen! Vielleicht wird das gar nicht bestraft! Denn der Neger ist ja die potenzierte Fremdstämmigkeit. Er ist der Über-Jude, sozusagen. ... vor fünfzehn Jahren etwa gab es in Hamburg einen Prozeß. Ein Duala-Neger, seit langem in Deutschland ansässig, wissenschaftlich gebildet, Assistent am Museum für Völkerkunde, kam in das Bureau einer Schiffahrtsgesellschaft. Man duzte ihn. Er verbat sich das sehr höflich. Die Beamten wurden daraufhin massiv. Er klagte: das Gericht wies ihn ab. Die Gesellschaft habe ihren Angestellten Anweisung gegeben, alle Neger zu duzen. Wo käme man denn sonst hin? Das Gericht fand die Logik zwingend. Damals spektakelte noch der Kolonialverein; es gab auch eine Zeitschrift »Das größere Deutschland«. Mir fällt diese vergessene Geschichte wieder ein, während der Neger durch den Engpaß der kleinen, dummen Gehässigkeiten schreitet. Wie giftig ihn diese Menschen im Sonntagsstaat anblicken! Es braucht nur einer das Signal zu geben und ihn anzurempeln, und sie werden über ihn herfallen und sich akkurat so benehmen, wie man sich eine berauschte Kaffernhorde vorstellt. Aber es bleibt bei bösen Augen und Getuschel, man ist zu vermiekert, zu zerknittert und seelisch verbeult, es fehlt der naturkräftige Instinkt, der Impetus zum offenen Lynchen, man teert, man hängt in Worten und Blicken, bis ein schmutziger Witz schließlich die Spannung in Gelächter auflöst. Metropole Berlin? Rhythmus der Weltstadt, den naive Poeten schwingen hören, wirklich, wirklich?! Wer Ohren hat zu hören, hört im Gebraus der großen Stadt auf Schritt und Tritt das Geklapper von Kötzschenbroda. Das Tage-Buch, 18. April 1925 537 Fechenbachs Zuchthausbuch Felix Fechenbach hat seine Erinnerungen an die Strafanstalt Ebrach herausgegeben. ( Im Haus der Freudlosen . Bilder aus dem Zuchthaus. I.H.W. Dietz Nachfolger, Berlin). Es ist ein schmales, vom Verlag vorzüglich ausgestattetes Bändchen. Was den Freunden Fechenbachs nicht unerwartet kommt, wird desto mehr die Gegner überraschen: dieser »Novemberverbrecher« ist kein pathetisch rollender Klassenkämpfer, sondern ein Sozialist aus Humanität, ein milder und vielleicht etwas knabenhafter Mensch. So wird aus den Erinnerungen an seine Kerkerzeit keine Streitschrift, sondern ein Bündel leicht lyrisch getönter Skizzen. Kein Verbissener, ein Wehmütiger lebte 28 Monate in dieser kleinen eingegitterten Welt des Elends, in der für jeden Schmerzensruf Arrest droht. Wahrscheinlich hat er ebenso richtig wie taktvoll gehandelt, indem er sich nicht als Held eines »Falles« präsentierte, sondern sich ganz einfach als Mensch zeigte, als leidender, als mitempfindender Mensch. Wie mag eine Abrechnung mit dem Richter Haß gereizt haben! Er unterdrückt die so naheliegende Versuchung. Herr Haß, dessen Konturen uns ja auch sonst geläufig sind, verschwindet schon im einleitenden Kapitel. Dafür sind desto sicherer und lebensvoller die Gefängnisgesichter festgehalten: Mitgefangene, Wärter und schließlich, eine vorzüglich gelungene Studie, der Herr Direktor. Das Tage-Buch, 25. April 1925 538 Der Retter Der Wahlkampf ist zu Ende. Roß und Reisige legen sich erschöpft zur Ruh. Des Krieges Stürme schweigen. Nach rauhen Schlachten besinnt man sich der fast verlernten Künste des Friedens. Man wird wieder manierlich. Die Maskenfreiheit ist zu Ende. Thersites flötet wie der verliebte Achill. Lange wird dieser idyllische Zustand nicht dauern. Denn bald wird sich einer melden, für den zwar die ganze Kirchweih veranstaltet war, der aber dabei die geringste Rolle spielte, nämlich Seine Herrlichkeit der Wähler, und der wird sagen: »Das war ja alles recht nett arrangiert und meinem Niveau sinngemäß angepaßt, aber was nun?« Der eine wird sich beklagen, daß er nicht aufgewertet wurde, der andere, daß es nicht schon wieder ein bißchen Weltkrieg gibt, und alle zusammen, daß eigentlich alles aussieht wie vorher. Denn das Volk in seiner abgründigen Rückständigkeit will nicht begreifen, daß das »Before« und »After« in der Politik die gleiche Rolle spielt wie auf Hogarths galligen Blättern. Da ist z.B. das Plakat: Der Retter . Das bekannteste und zugkräftigste Wahlplakat ohne Zweifel. Es zeigt den alten Herrn mit festen gerundeten Zügen, den Blick geradeaus gerichtet, als wollte er sagen: Folgt mir nur, ich werde es schon machen! In der Tat sehr effektvoll. Besonders bei einem Volk, das ohnehin durchdrungen ist, daß zivile Fragen sich am besten militärisch fingern lassen. Aber man soll vorsichtig sein mit solchen Verheißungen. Ein lebender Mensch ist nun einmal keine bunte und propagandistisch stilisierte Affiche. Wenn der neue Reichspräsident sich erst öffentlich zeigt, dann werden die Leute einen wortkargen und verwitterten alten Herrn sehen, nicht in Feldgrau, sondern im friedlichen Cut, gekrönt mit dem so wenig bellikosen Zylinder. Das wird eine erste, aber nachhaltige Enttäuschung sein. Überhaupt das mit dem »Retter!« Lieber Reichsblock, weißt Du, was es bedeutet, einen einzigen Menschen nur zu retten? Und nun gar ein Volk von vielen, vielen Millionen. Jede Schwester vom Blauen Kreuz wird Dir eine niederschmetternde Antwort geben. Das erfordert viel Geduld, Liebe, Psychologie und eine sehr, sehr feine Hand. Und die meisten wollen gar nicht gerettet werden. Sie fürchten die Rettung mehr als irdisches und himmlisches Gericht. Sie finden die selbstgeheizte Hölle äußerst komfortabel. Welche Mühe macht es schon, ein Mädel zu retten, das nun mal partout von Stufe zu Stufe will! Solltest Du es nicht wissen, teurer Reichsblock, frage bei Hans Müller an, der die »Flamme« geschrieben hat. Schon bei Hans Müller endet es trübe. Was soll nun erst werden, wenn man die ganze Deutsche Republik feierlich zum Magdalenenheim erklärt? Aber, mon dieu, warum sollen wir uns nicht auch einmal ein bißchen retten lassen? Man hat uns seit zehn Jahren so vielartig behandelt, daß man es auch einmal mit einer ganz neuen Therapie versuchen kann. Man hat uns abwechselnd mit Krieg und Umsturz, Revolution und Konterrevolution, Demokratie und Diktatur, Abbau und Aufbau, Inflation und Stabilisierung, mit Ludendorff und Marmelade, mit Cuno, Böters, Ruhrkrieg, Hoffmannstropfen und Rattengift behandelt. Spengler hat unsere Senilität nachgewiesen. Steinach uns mit frischen Drüsen wieder aufgepulvert (am Temperament der politischen Journale merkt man, daß es Affendrüsen sind). So taumelten wir zwischen den Extremen. Wenn wir den Kopf noch unter der kalten Douche hatten, kam schon ein anderer Badewärter mit dem neuen, heißen Fußbad. Warum also nach so viel aufregendem Wechsel nicht ein wenig Diätetik der Seele, ein bißchen Rettung. Vielleicht ertüchtigt uns Salvation army definitiv. Gelegentlich werden wir uns mit allem Respekt erkundigen, wie weit die Sache schon gediehen. Oder in den Spiegel schauen, ob wir schon lieblich und rosig glänzen wie die kleinen Badeengel. Dennoch ist zu befürchten bei der gebrestenvollen, tiefinnerlich dem Heilsamen abgeneigten menschlichen Natur, ehe die Bemühungen noch recht losgegangen sein werden, wird es schon rundum heißen: Rette sich, wer kann! Das Tage-Buch, 2. Mai 1925 539 »Die beiden Herren der gnädigen Frau« Dieses Lustspielchen von Felix Gandéra, in der » Tribüne « unter Herrn Gottowts Regie sehr erfolgreich aufgeführt, gehört zum sympathischen Teil der französischen Ausfuhrware. Wie diese Pariser Autoren doch das Thema vom Dreieck immer wieder neu variieren können! Gandéra besitzt wirklich eine scharmante Hand, er wird niemals schwerfällig, läppisch, indezent. Die von Gottowt geleitete Aufführung war frisch und graziös und ließ nichts von der sterbenden Saison ahnen. Frau Hell mit braunem Wuschelkopf versteht es, amüsant und mit Geschmack an der Grenze der Übertreibung zu pendeln. Herr Arthur Schröder ist ein sympathischer Liebhaber, und Herr Max Landa mit dem Sherlock-Holmes-Profil wurde an diesem Abend zum erstenmal als wirkungssicherer Komiker entlarvt. Und Frau Eysoldt , die die herz- und handfeste Tante aus der Provinz gab? Seien wir ehrlich, ihr Ausflug in das Gebiet von Frieda Richards Rollen mißlang. Montag Morgen, 4. Mai 1925 540 Die Hefte Stefan Großmann erzählt in seinem Nekrolog für Konrad Hänisch von der Herzensgüte dieses fünfzigjährigen Jungen, er spricht von dem ewigen Durcheinander einer unaufgeräumten Seele. Mir fällt ein ganz kleines Erlebnis ein, das diese Worte zu unterstreichen scheint. 1920, kurz nach dem Kapp-Putsch, kam ich als Mitglied einer Deputation pazifistischer Gruppen zu ihm ins Kultusministerium. Wir sollten auf die anwachsende politische Verhetzung in den Schulen aufmerksam machen. Von zwei Geheimräten flankiert, hörte er unsere nicht kurzen Klagen mit unendlicher Liebenswürdigkeit an. Gelegentlich nickte er zustimmend oder schüttelte den Kopf, und dann nickten oder schüttelten die beiden Geheimräte auch. Schließlich wurden ihm als Beweisstücke ein paar Schulhefte aus irgendeiner Berliner Gemeindeschule überreicht. Da standen in steilen, hochbeinigen Lettern so appetitliche Dinge, wie: Ebert kann nicht regieren, weil er ein Sattlergeselle ist, oder: Noske hat eine rote Badehose. – Das hatte ein Fräulein Lehrerin diktiert. Da saß er nun, der gute Konrad, wie geradenwegs aus dem Himmel gefallen, wo er am freundlichsten und erdfernsten ist, und betrachtete immer wieder mit großen, runden Augen diese von ungelenker Kinderhand bemalten Hefte, drehte und wendete die Blätter und fuhr schließlich mit prüfenden Fingern über den Umschlag, wie um festzustellen, ob das auch echt sei. Dann wandte er sich zu den beiden Geheimräten und sagte mit sehr gedämpfter Stimme, einen Seufzer im Auge: »Das geht in der Tat zu weit!« Und die beiden Herren nickten und versicherten ebenso diskret, daß das wirklich zu weit ginge. Nach den üblichen Höflichkeitsbezeugungen empfahlen wir uns. Wir haben nie wieder etwas von der Sache gehört. Aber ich entsinne mich, daß er in dieser Zeit einmal nach Pommern fuhr, um irgendeine nationalistische Gymnasial-Insurrektion im Keim zu ersticken. Er hat auch selbst zu den grünschnabligen Rebellen gesprochen. Es ist zu befürchten, daß dieser geborene gute Onkel keinen tiefen Eindruck hinterlassen hat. Er wird sein volles Herz gegeben haben, und die Lausbuben haben hinterher gefeixt. Wie konnten sie auch den stillen Glanz dieser bescheidenen Glorie verstehen? Die nationale Jugend braucht, soll sie Order parieren, blitzende, rasselnde, speereschüttelnde Heilige und Götter mit Büffelkopf oder Drachenmaul. Das Tage-Buch. 9. Mai 1925 541 »Lebenslänglich« nach 6 Jahren Bewährung! Die Tragödie des Landwehrmannes Heiderich Berlin, 10. Mai. Im Zuchthaus zu Münster sitzt seit Juli 1924 der Rheinschiffer Philipp Heiderich zur Verbüßung einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe. Das Urteil wurde gefällt 1917 vom Feldgericht der 25. Landwehrdivision. Der Fahrer Heiderich hatte im Affekt einen Vorgesetzten, einen Sergeanten von seiner Kolonne, niedergeschossen . Ein Jahr von seiner Strafe verbüßte er im Kriege, dann öffnete die Revolution sein Gefängnis. Der Soldat wird wieder Kleinschiffer wie früher. Sechs Jahre lang arbeitet er ruhig und unbescholten. Im Sommer 1924 muß er wegen eines Legitimationspapiers auf ein Polizeibureau. Die Obrigkeit hat ein gutes Gedächtnis: die Strafe ist nicht getilgt , der Mann wird von neuem verhaftet, ins Zuchthaus geschafft. Heiderich stellt ein Begnadigungsgesuch. Es wird durch Erlaß des stellvertretenden Reichspräsidenten Dr. Simons vom 2. April 1925 abgelehnt . Wenn es in Deutschland ein öffentliches Gewissen gäbe, wenn in ein paar hundert Köpfen nur unverbogenes, natürliches Rechtsempfinden noch lebte, Wille zur Entthronung einer Justiz, die in ihrem Allmachtsdünkel, in Willkür, Gleichgültigkeit und Buchstabenkultus immer mehr versinkt, dann hätten wir von morgen ab einen Fall Heiderich . Wenn ...   Es gibt ein kleines vergessenes Soldatenstück von Theodor Körner, das früher gelegentlich zu Schüleraufführungen hervorgeholt wurde. Es heißt »Joseph Heyderich« und ist der Monolog eines sterbenden Kriegers. Aber wie idyllisch nimmt sich das Sterben dieses Kriegers von 1813 aus, neben dem Leben des Kriegers von 1914, wie absurd harmlos Joseph Heyderich, der im Rausche des Todes heroisch Deklamierende, neben Philipp Heiderich, der hinter Zuchthausgittern die Tage, die Stunden zählt und mit seinem schlichten Proletarierverstand über ein Recht nachgrübelt, dessen Waage nicht mehr stimmt. Was war sein Verbrechen? Er hat nach der schönen vaterländischen Devise gehandelt, daß der Gott, der Eisen wachsen ließ, keine Knechte wollte. Er hat einen Vorgesetzten, der ihn duckte und quälte , im Streit übern Haufen geschossen. Eine typische Bluttat im Affekt. Ein Gepeinigter, ein zur Sinnlosigkeit Gemarterter vergißt sich. Wäre der Gegenstand in seiner Hand zufällig nicht ein Gewehr gewesen, sondern ein Blechnapf, er hätte dem kleinen Tyrannen mit dem Adlerknopf am Kragen den Napf an den Kopf geworfen. So war es Totschlag an einem Vorgesetzten. Das Feldgericht ist keine Anstalt zur Förderung der Humanität. Trotzdem erkannte es nicht auf Todesstrafe. Es muß wichtige Gründe dazu gehabt haben. Der Fahrer Heiderich war ein geduldiger , oder wie es in militärischer Terminologie heißt, pflichttreuer Soldat gewesen. Das Feldgericht konnte nicht umhin, vieles zu seinen Gunsten in Rechnung zu stellen. Er war kurz vorher auf Urlaub gewesen und als ein krankhaft überreizter Mann wiedergekommen. Er hatte zu Hause vorfinden müssen, was so vielen Urlaubern des herrlichen Jahres 1917 nicht erspart blieb. Die Kinder in Not, die Frau ... Von jetzt ab steht der unter die täglichen Todesgefahren der Front Zurückgekehrte unter der Nervenpeitsche. Eifersucht foltert ihn, dazu tägliche Sorgen um das Schicksal der Kinder. Und Dienst, Dienst, Dienst. Und immer der gleiche widerwärtige Fraß, das Menü von 1917, die Speisekarte der Zeit, als »der Sieg zum Greifen nahe war«: Rumfutsch, blauer Heinrich und Hindenburg-Torte. Nachts wird in Stellung gefahren, vormittags auf dem Strohlager herumgesielt, und nachmittags wieder Dienst, Dienst, Dienst. Alles das ballt sich schrecklich zusammen. Da, in einem bösen Augenblick ein Aufbäumen gegen die Peitsche, die immer über seinem Haupte hängt, draußen in der Stellung nächtlich, wo die Granaten krachend krepieren und die Minen mit dumpfem Getöse kollern und die Raketen und Lichtsignale farbig versprühen, tags beim Dienst im Stall und im Halbschlaf in den von Ungeziefer wimmelnden Decken ... Immer die Geißel der fieberhaft erregten Nerven. Oh, das Feldgericht wird gewußt haben, warum es den Fahrer Heiderich nicht auf den Sandhaufen stellte ...   1918 wird er frei. Seine Vorgesetzten attestieren ihm, daß er »von der Straftat abgesehen, sich gut geführt habe«. Er kehrt zu den Seinen zurück. Unter das Vergangene wird ein Strich gemacht. In Arbeiterfamilien lebt man nicht nach dem Pauk-Comment romantischer Ehrbegriffe. Der Soldat wird wieder Kahnschiffer am Rhein wie früher. Ein ruhiger, fleißiger, nüchterner Arbeiter , auch in den turbulenten Zeiten der Revolution, der nicht der Verführung der Stunde erliegt, einmal zu feiern. Einer der so vielen Namenlosen, die still und selbstverständlich ihre Muskeln einsetzen für das, was die pompöse amtliche Bezeichnung » Wiederaufbau « führt. Er schert sich einen blauen Teufel um den Spruch von 1917, er bekümmert sich nicht um Amnestie . Er sieht die Sache als erledigt an. Denn wir haben inzwischen ja Revolution gehabt ... Armer Bootsmann vom Rhein, du erliegst einem Irrtum, dem Köpfe von größerer Spannweite zum Opfer gefallen. Die alte Zeit greift mit Polypenarmen in die neue Ära, das unterstempelte Papier von 1917, das dich lebenslänglich dem Kerker überliefert, besteht noch zu Recht. 1923 beginnt der gloriose Ruhrkampf . Heiderich verliert seine Existenz; sein Kahn wird aufgelegt. Und nun kommt das zweite Unbegreifliche: dieser gute einfältige Mensch sieht nicht, daß Herrn Cunos Ruhrkrieg aus einem patriotischen Zwischenfall sich auswächst zu einem Bombengeschäft für Abertausende; er bemerkt gar nichts von der sprichwörtlichen Ruhrweide . Er verläßt die Heimat, geht nach Bremen , um dort als Schleifer zu arbeiten, bringt sich und die Seinen mit Mühe und Not in dem neuen Beruf durch. Dann ereilt ihn endlich sein Schicksal. Er muß wegen einer Bescheinigung zur Polizei. Dort wittert man sofort den Missetäter. Er wird verhaftet , wandert wieder ins Zuchthaus . Denn er ist nicht amnestiert . Vernunft wird Unsinn, denn daß dieser Mann die sechsjährige, in Harmlosigkeit und Unwissenheit selbstgenommene Bewährungsfrist glänzend bestanden hat, danach fragt niemand. Jetzt beginnt der einstweilen letzte Akt der Tragödie Philipp Heiderichs. Von der Strafanstalt Münster aus richtet er endlich ein Gnadengesuch an den Reichspräsidenten. Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion unterstützt. Am 2. April wird die Begnadigung durch den stellvertretenden Reichspräsidenten Dr. Simons abgelehnt . Wer die Technik des Gnadenweges kennt, weiß, daß es sich hier keineswegs immer um persönliche, private Erkenntnisse des Reichsoberhauptes handelt. Es ist ein langer, schwieriger Weg, gepflastert mit dem Für und Wider von Gutachten der verschiedensten hohen Amtsstellen. Heiderich hat das Mißgeschick, nicht an dem juristischen Zwirnsfaden des Justizministeriums, sondern an der armdicken Kette des Reichswehrministeriums zu baumeln. Die Strafanstalt bestätigt zwar gute Führung , aber das Reichswehrministerium spricht sich gegen Begnadigung aus; Heiderich müsse erst eine weit »längere Strafzeit« verbüßt haben, ehe der Gnadenweg in Frage käme. Damit ist die Sache Heiderich bis auf weiteres amtlich erledigt. Nach »längerer Strafzeit«, das heißt, nach vielen, vielen Jahren , dann wird das Reichswehrministerium abermals in Erwägung zu ziehen haben, ob der Sünder nun nicht doch genug gebüßt habe. Aber dann wird das Objekt der »Gnade«, in grauen Tagen und schwarzen Nächten verfolgt von den Gespenstern von 1917, verzehrt von der Sorge um Weib und Kind, verblödet bei Einzelhaft und Tütenkleben, vielleicht zum zweitenmal in seinem Leben rasend geworden sein, und die Zuchthausverwaltung wird vielleicht bescheinigen: Sträfling Heiderich, anfangs fügsam und willig, hat zuletzt bedenklich in der Führung nachgelassen. Trotzig und verstockt; Reden, die von Aufsässigkeit zeugen, Drohungen. Mußte wiederholt in die Strafzelle ... In Frankreich ist nach zehn Jahren ein langer, erbitterter Kampf geführt worden um die Rehabilitierung des Namens eines jungen Offiziers, der 1914 wegen angeblicher Feigheit vor dem Feind erschossen wurde. Ganz Frankreich in zwei Lager geteilt, erlebte alle Phasen dieses späten Prozesses mit, kämpfte und litt. Da ging es um einen Toten. Philipp Heiderich, im Zuchthaus von Münster, lebt. Lebt noch . Er hat in einem Erregungszustand, der die Verantwortung wohl ziemlich beträchtlich minderte, einen Totschlag begangen. Er hat gebüßt . Im Kerker und mehr noch draußen in sechsjähriger harter, redlicher Arbeit . Er hat einen Totschlag begangen. Die Justiz, die den Mann nach diesen ehrlich verlebten, gut benutzten Jahren von neuem in den Kerker steckt , begeht Mord . Und sie hat nicht die Ausrede des Affekts. Im Fall Heiderich feiert der Unsinn der alten Zeit mit der jämmerlichen Rechtsfaulheit der neuen traurige Hochzeit. Wann wird man es endlich begreifen, daß die Krise des deutschen Rechtslebens die Krise des ganzen deutschen Volkes ist? Montag Morgen, 11. Mai 1925 542 Der verlorene Onkel In jeder Familie gibt es einen Onkel, der nicht gut tut. Er ist der schwarze Schatten, der bei frohen Festen drohend über den Tisch fällt. Man spricht von ihm nur im Flüsterton und dann immer in Verbindung mit Rechnungen und rabiat werdenden Gläubigern. Er bringt in die nebeldicke bürgerliche Atmosphäre den Brandgeruch tropischer Temperamente. Er hat tief in den Apfel der Erkenntnis gebissen, aber seine Erkenntnisse sind durchweg finanztechnischer Natur. Die entente cordiale der Tanten und Cousins wird zur Reparationskommission, nur daß diese, Leid im Herzen, nicht Summen fixiert, sondern selber blecht. Der verlorene Onkel besucht bis zum 18. Lebensjahr das Gymnasium und soll Pastor werden. Dann nimmt man ihn von der Schule. Schon haben die Gastwirte jeden weiteren Kredit gesperrt und die Bekannten bringen ihre jungen Töchter nicht mehr mit ins Haus. Die geistliche Karriere ist beendet; er wird zum Apotheker degradiert. (Warum? Enthält dieser Beruf besondere moralische Antitoxine?) Er selbst will zum Theater, und ein gutherziger Schwager proponiert, es noch mal mit dem Pastor zu versuchen; es wäre doch jammerschade um diese große Schnauze. Bis dahin wickeln sich die Lebensläufe aller verlorenen Onkel ziemlich gleichartig ab. Dann teilt sich die Linie. Die Missetaten nehmen subjektive Färbung an. Mein Onkel Dieudonné (an ihn halte ich mich) kam nicht zur Apotheke, denn der alte Giftmischer protestierte mit Hinblick auf eine bildhübsche Nichte. Dieudonné kam in die Kaufmannslehre. Kurze Pause, mit Hoffnungen ausgefüllt, wie ein Puppenbalg mit Papier und Hadern. Man rühmte seine Begabung: er kann ja so gut rechnen! Und ob er rechnen konnte! Nach kurzer Zeit war er schon bei einem anderen Kaufmann. Wieder rosige Aspekte: er schlägt doch noch gut an! Dann plötzlich erregte Besprechungen, Familienkongreß hinter verschlossenen Türen, Experten kommen und gehen; Dawes-Bericht. Papa spricht zu meiner weinenden Mutter das Schlußwort: »Diesmal will ich die Bürgschaft noch übernehmen. Schließlich ist es dein Bruder ...« Bald darauf hatte Dieudonné wieder nicht gut getan, und es ließ sich nicht verheimlichen: diesmal war er hopp genommen. Dennoch lief er vierzehn Tage später wieder frei herum. »Er hat simuliert,« sagte Tante Dorchen scheu bewundernd. Ich wußte nicht, was das war, respektierte aber Dieudonne von nun an als mit übernatürlichen Kräften equipiert. Eilen wir über die nächsten unwichtigen Etappen hinweg. Beginnen wir wieder mit dem Tag, an dem Mama traurig war und Papa mir verbot, in die Gerätekammer zu gehen. Ich aber schlich am späten Abend fiebernd vor Neugierde doch auf den Flur und sah, wie sich die Kammertür leise öffnete und ein Herr herauskam, die Pelzmütze bis über die Nase gezogen und auf Zehenspitzen entschwand. Am nächsten Morgen meinte Papa aufseufzend: »So, jetzt ist er bald in Holland, hoffentlich schnappen sie ihn nicht an der Grenze«. Die nächsten Jahre ergeben nur ein fragmentarisches Bild. Dieudonné schrieb selten und wenn, dann um Geld. Wenn es zu wenig war, nannte er uns »undankbare Bande«. In Holland etablierte er nach bescheidenen Tastversuchen eine Pferde-Lotterie. Ein Unternehmen, das sich aussichtsreich anließ, aber kurz vor der ersten Ziehung zusammenbrach. Er aber ging in ein anderes Land und nahm ein Weib. In London tauchte er wieder auf als Souffleur am jiddischen Theater. Nacheinander erprobte er sich als Sprachlehrer, Reporter, Wasserdoktor, Hilfsarbeiter am Viehhof, nächtlicher Tourist an den Katharinen-Docks und Erfinder eines unfehlbaren Bandwurmmittels. Zwischendurch verwaltete er die Kasse einer ländlichen Baugenossenschaft. Nachdem das geschehen war, ging er in ein anderes Land und nahm ein Weib. Gelegentliche mündliche Zeugnisse ergänzten die kargen schriftlichen Berichte. Ein Bekannter wollte ihn am Sonntag im Hyde-Park gesehen haben, fromm die Apokalypse auslegend, ein zweiter in Monte Carlo als Lord Edinburgh, ein dritter in Paris als Statist in »Robert der Teufel.« Und eines Tages war er wieder da. Fein in Kluft und mit Geld in der Tasche. Er hatte eine Frau mitgebracht, die nur holländisch sprach und wirklich recht équivoque aussah. Familienrat, aufweichende Stimmung (Er ist doch ein anständiger Kerl!); Versöhnungskaffee. Er war wirklich nett, er spielte Klavier und sie sang dazu in einer Sprache, die nicht einmal holländisch war. Doch als dann die Likörflasche kreiste, da wurde sie auch ganz nett. Die männlichen Teilnehmer des frohen Festes fühlten das Bedürfnis nach eingehenderer Verständigung, und Onkel Otto holte aus der Küche eine Dose mit van Houtens Kakao, deren Etikette das Diktionär ersetzen sollte. Aber da trat schon ein munterer Nachbar ein. Die Holländerin sehen und schmettern: »Mannekens, klabastered op de beesters!« war eins. Auf dieser Basis entwickelte sich nun eine flüssige Konversation. Leider wurde die treuga dei gestört durch das Erscheinen einer grellen, lärmenden Frauensperson, die nur französisch sprach, meinen Onkel »chéri, ah, mon chéri!« nannte und die Holländerin beschimpfte. Onkel Dieudonné stand indessen seelenruhig am Klavier, die Nase keck in die Luft geworfen, eine rotblonde Locke fiel kokett über die Schläfe, so stand er lässig da, ein hübscher, frecher Junge und trällerte: »Oh, wie so trügerisch ...« So hat lange Jahre in mir sein Bild, meine Phantasie romantisierend, gespukt. Die Lösung der Situation erfolgte merkwürdig genug durch mich. Ich stand am Fenster und rief in kindlicher Verständnislosigkeit in den Streit hinein, daß auf der anderen Straßenseite seit geraumer Zeit ein Herr stünde und immer zu uns heraufgucke. Da wurde mein Onkel sehr blaß und rief seinen Damen etwas zu, was weder französisch noch holländisch war, aber von beiden sofort verstanden wurde, und ehe wir uns recht versahen, war die Troika in schönstem Einvernehmen über die Hintertreppe davongefahren. Über ein Jahr blieb er stumm. Dann schrieb er aus Warschau, er sei Tierbändiger geworden und außerdem ein Opfer der damit verknüpften Unannehmlichkeiten. Er klagte bitter. Es war sein erster wirklich sentimentaler Ausbruch. Neulich erst habe ihm der große nubische Löwe seine majestätische Stampiglia – um es im heute überwundenen Naturalismus der neunziger Jahre zu sagen – auf den Popo gedrückt. Er liege nun infolgedessen seit vierzehn Tagen auf dem Bauch, und das koste eine Menge Geld. Wir schickten ihm welches. Er ließ die Menagerie, ging in ein anderes Land und nahm ein Weib. So wanderte Dieudonné, mein Onkel, noch durch viele Schlafzimmer und Volkswirtschaften, überall mindestens seine geistigen Bertillon-Maße hinterlassend. Schließlich muß er die Landstörzerei satt bekommen haben, er wurde seßhaft, nahm definitiv ein Weib und machte nur noch legale Geschäfte, aus dem unerschöpflichen Born seiner Erfahrungen stets neu fruktifizierend. Nach ein paar Jahren war er ein reicher Mann. Ich war damals in dem Alter, das sich selbst so ungeheuer problematisch vorkommt, und wollte mit Gewalt zum Theater. Die entente cordiale opponierte sehr wenig cordial. Da kam Onkel Dieudonné zum Besuch. Jetzt wußte ich, wer mein Fürsprecher sein sollte. Noch immer geisterte in meinem Kopf die pittoreske Piratenfigur mit der rotblonden Locke über der Schläfe und den beiden Frauen, die sich um ihn rauften. So ging ich zu ihm. Und trat, Deklamationen im Herzen, vor ... einen dicken, runden Herrn, mit roter Nase, kleinen blinzelnden Äuglein und Doppelkinn IIIa. Ja, vor mir, da stand ein plumper, ordinärer Philister, eine schwarze Zigarre zerknautschend. »Was, zum Theater willst du? Na, ich möchte dir gleich die Tracht Prügel geben, die dir deine Eltern zu wenig gegeben haben. Ich will dir eines sagen, mein Junge, werde Apotheker, das ist am besten für solche Taugenichtse. Das vertreibt die dummen Gedanken!« Und er lachte dazu ein echtes, dummes, breites Spießerlachen. Und dann kam seine veritable Gattin, die mich mit Wehmut an seine Damen von damals zurückdenken ließ. Ich ging um einen Traum ärmer. Ich haßte, verachtete ihn. Ich begann, nicht gut zu tun. Man experimentierte mit mir herum und ich antwortete mit verdoppelter Bosheit. Die Jahre gingen, kleine Neffen kamen, und seitdem bin ich selbst ein verlorener Onkel. Das Tage-Buch, 16. Mai 1925 543 Majestätsbeleidigung? Hannover hat seit ein paar Tagen seinen Hochschulskandal. Der Werwolf Haarmann, im vorigen Jahr Sensationsstoff dieser alten, halb welfisch, halb preußisch vermiekerten Beamtenstadt, ist nicht mehr. Mit wehenden Fahnen, die Zähne gebleckt, sind die nationalen Wehrwölfe auf den Plan getreten. Ihr Angriffsobjekt ist der Professor Theodor Lessing , seit 20 Jahren Dozent an der Technischen Hochschule, ein Gelehrter von umfassendem und überfachlichem Wissen, ein Schriftsteller von Unabhängigkeit und eigener Prägung. Klebt an dem erlauchten Namen Lessing etwas Suspektes? Gotthold Ephraim hatte es mit den evangelischen Orthodoxen zu tun. Theodor erregte im Haarmann-Prozeß die Erbitterung der juristischen Rechtgläubigkeit und wird jetzt zum Zielpunkt des Kesseltreibens der nationalen Orthodoxie. Theodor Lessing hat am 25. April, also noch vor der Wahl, im »Prager Tagblatt« einen Artikel über Hindenburg veröffentlicht. Keinen Wahlkampf-Artikel. Eine scharfe psychologische Studie, in menschlich liebenswürdiger Form, was durch einige ironisch flackernde Lichter nicht beeinträchtigt, eher verdeutlicht wird. Kein regulärer Zeitungsartikel. Eher die Abhandlung eines Philosophen, den an den Männern der politischen Bühne allgemein Menschliches in individueller Ausprägung weit mehr interessiert, als ihr Programm. Im ganzen Wahlkampf ist kein höflicherer Artikel geschrieben worden. Vierzehn Tage nach der Wahl aber wird dieser Artikel zum Anlaß genommen, um die Entfernung Lessings von seinem Lehramt zu fordern . Rektor, Senat und Studentenschaft spielen sich gegenseitig in die Hände. Vom Kultusministerium wird die Absetzung Lessings verlangt. In einer Beratung hinter verschlossenen Türen erklärt der Vertreter des Rektors, wenn das Ministerium nicht handle, so handle er »von sich aus«. Soweit das akademische Hochgericht. Dann zeigen sich die ersten Folgen des Bannspruches. Nächtliche Katzenmusik vor dem Hause des Verfemten, Familienmitglieder werden tätlich bedroht. Das Bestiarium der nationalistischen Presse wird lebendig. Zuerst trompetete der große Kriegselefant, der »Hannoversche Kurier« los; das ist das Signal auch für die allerkleinsten vaterländischen Schakale und Hyänen. Dann die lieben Kollegen! In der »Niederdeutschen Zeitung« lebt sich ein sicherer Müller aus, Privatdozent. Dieses akademische Stück Unglück wagt es, Lessing den wissenschaftlichen Charakter abzusprechen, faselt von »geistiger Onanie« und »philosophischem Bolschewismus«, nennt das »Prager Tagblatt«, das Organ des liberal-demokratischen Deutschtums in Böhmen! eine »deutschfeindliche tschechische Zeitung«. Warum schreibt der Mann? Will er durch sein Beispiel demonstrieren, was sich an unseren Hochschulen dozierend herumdrücken darf? Der Fall Lessing, richtiger der Fall Technische Hochschule, hat zwei Seiten. Die eine geht den demokratischen Unterrichtsminister an, der hoffentlich knochenhart genug sein wird, die akademische Freiheit zu wahren und den Herrn stellvertretenden Rektor, den es gelüstet, »von sich aus zu handeln«, bei den stoßbereiten völkischen Büffelhörnern zu packen. Die andere Seite ist wichtiger und prinzipieller. Es heißt, rechtzeitig den Anfängen einer neuen Hochkonjunktur von Majestätsbeleidigungsprozessen zu widerstreben. Schon jetzt fordern Blätter, die den ersten Präsidenten in den Tod gehetzt haben und sich vor Wonne kugelten, wenn eine Beleidigung Eberts mit 50 Mark »gesühnt« wurde, eine straffe Justiz zum Schutze des Reichsoberhauptes. Die demokratische Presse hat vom Augenblick der Tatsache des Rechtssieges an in musterhafter Weise in Hindenburg nicht mehr den Kandidaten der Gegenpartei erblickt, sondern das von der Mehrheit des Volkes gewählte Oberhaupt der Deutschen Republik . Wenn von der Rechten jetzt scharfe Maßnahmen gefordert werden, wenn als erster Theodor Lessings Kopf fallen soll, und noch dazu wegen eines Artikels aus der Wahlzeit, so hat das nichts zu tun mit dem sehr berechtigten Verlangen, den Reichspräsidenten besser als bisher gegen Verleumdung und Besudelung zu schützen. Es steckt dahinter der Versuch, unbequeme Kritiker und Bekämpfer eines sinnlosen Heroenkultes zu treffen, es ist ein Attentat zur Unschädlichmachung von Republikanern, die in der Republik allzuviel Monarchistisches finden. Nichts hat die Zeit Bismarcks und Wilhelms odioser gemacht als die läppischen Majestätsbeleidigungsprozesse, die nur ein Mittel waren zur Niederknittelung der Opposition. Die ersten Kundgebungen des neuen Reichspräsidenten haben in ihrer sympathischen väterlichen Sprache beruhigend gewirkt. Eine Ära von Hindenburg-Majestätsbeleidigungs-Prozessen dagegen würde augenblicklich eine Differenz zwischen Wort und Praxis offenbar werden lassen und das Zeichen zu neuem innerpolitischem Kampf von unerhörter Gehässigkeit werden. Der Kampf um Lessing kann die erste Probe aufs Exempel sein. Die Orthodoxen aber sollten rechtzeitig begreifen, daß mit diesem Namen kein Ruhm für sie verknüpft ist. Montag Morgen, 18. Mai 1925 544 Glückliches Österreich! Frau Olszewska stand auf den Brettern der Wiener Staatsoper und sang ein Duett mit Herrn Dr. Schipper. Hinter der Szene standen Frau Jeritza und Frau Kittel und unterhielten sich angeregt. Das störte Frau Olszewska, und als eine Mahnung zur Ruhe nichts fruchtete, da spie sie munter in die Gruppe hinein, Frau Kittel auf den Hals treffend. Die weiteren Ereignisse sind bekannt. Frau Kittel reagierte mit »Sie Wildschwein!« Frau Olszewska rief berichtigend, sie hätte den »Dreck die Jeritza« gemeint. Frau Jeritza fällt in Ohnmacht, Frau Kittel wird trockengelegt, Frau Olszewska entlassen. Das ist alles nicht so schrecklich und kann auch wo anders vorkommen. Wird überall Sensation machen. Aber nur in Wien versteht man ein solches Gericht wirklich lecker zu bereiten. Die Öffentlichkeit teilt sich sofort in eine Olszewska- und eine Jeritza-Partei. Fiebernd vor Erregung verfolgt der Mann auf der Straße jede Phase des formidablen Duells. Natürlich hat jede Partei ihre Presse. Und diese Presse versteht es, einzuheizen. Tag für Tag spaltenlange Berichte über alle Einzelheiten des dramatischen Vorganges. Von der Lokalseite rückt die Affäre en échelon über den Feuilletonteil in die politischen Kolumnen der ersten Seite, wo sonst Leitartikel über Herrn Chamberlain oder die langwierige belgische Kabinettskrise aufgebahrt liegen. Der Oberpolitikus des Blattes »nimmt Stellung«. Ist der erste Eifer abgekühlt, wird die Spucke gestreckt, rationiert, eingeweckt für die nachrichtenarmen Hundstage. Wir schreiben jetzt Mai. Wer weiß, ob sie nicht im August wieder eisgekühlt auf der Szene erscheint. Man findet in Reichs-Deutschland gewöhnlich nicht genügend Verständnis für diese österreichischen Eigentümlichkeiten. Man schüttelt den Kopf oder sagt noch einfacher: Total meschugge! Das heißt die psychologischen Wurzeln dieser spezifisch österreichischen Form deutscher Gründlichkeit übersehen. Österreich, durch die Friedensverträge zum Wiener Vorort reduziert, hat keine Politik mehr. Lokale und lokalste Ereignisse treten an den ersten Platz. Tagesgeschichten von Liebe, Ehe und Diebstahl, sonst in ein paar Petitzeilen abgetan, füllen ganze Seiten. Man hat zwar ein Außenministerium, aber keine Außenpolitik. Herr Zimmermann, der die Finanzen kontrolliert, macht das so nebenbei mit. Gelegentlich gibt es Reibungen, dann erheben die Zeitungen ein Mordsgeschrei, und man nennt das in köstlich schelmischer Überheblichkeit Politik. Was liegt Wien an den Welthändeln, weit in der Türkei und in Pommern? Hauptsache, daß Betrieb da ist. Diesem Zweck aber dient ein Opernskandal ebensogut wie etwa ein Parlamentsskandal. Die Bewegung ist alles, das Endziel nichts. Man erhitzt sich zwar rechtschaffen, aber es wird schließlich nichts so heiß gegessen, wie es gespuckt wird. In Deutschland zerschlägt man sich um Schwarzweißrot und Schwarzrotgold die Köpfe. In Rußland, wer die marxistische Rechtgläubigkeit hat. In Frankreich brütet Millerand Rache. In Italien fühlt sich Mussolini mehr und mehr von der Opposition zerniert. Und so weiter. England verstärkt seine Luftflotte. Amerika und Japan rüsten. Spanien und Frankreich fechten mit den Kabylen ihr Sträußchen aus. Andere mögen Kriege führen, du glückliches Österreich ... spucke! Das Tage-Buch, 23. Mai 1925 545 Das heimliche Heer Wir haben auch unsere kleinen Geheimnisse.                     Sherlock Holmes In den bewegten Tagen, gerade jetzt vor zwei Jahren, konnte man es zuerst hören, in Wirtshäusern und Barbierstuben, überall, wo Menschen klatschend und Gerüchte kolportierend beisammensitzen: »X. Y. ist gestern zur Übung einberufen worden.« Und wenn man fragte, zu was für einer »Übung« denn, hieß es: »Gott, Sie wissen ja, es werden doch massenweis junge Leute eingezogen, gedrillt und wieder entlassen.« Und man nannte Plätze am Rande der Stadt, Schulen, Kasernen, leere Fabriken, die angeblich voll von Soldaten sein sollten. Das war in den frohen Tagen Cunos. Jeder munkelte von dem, wovon keine Zeitung sprach. An der Ruhr wurde sabotiert, in München deklamiert; die »Verbände« rüsteten, die Herrschaft zu ergreifen. Cuno ging, die Gerüchte vom heimlichen Heer blieben. Plötzlich erfolgte eine Warnung der Regierung: Junge Leute, so las man, erschienen in Scharen in den Kasernen, um sich anwerben zu lassen; – das sei zwar patriotisch, aber nicht statthaft. Dann kam der Zwischenfall von Küstrin. Das Reichswehrministerium erklärte mit sanften Aurikelaugen, es handle sich nur um eine Emeute »national-kommunistischer Haufen«. Eine Spezies, von der man weder vorher noch nachher etwas gehört noch gesehen hat. Wahrscheinlich haben die Kasematten von Küstrin die ganze Rotte Korah bis auf den Letzten verschluckt. Eine demokratische Zeitung, die einen Bericht brachte, in dem es hieß, die »National-Kommunisten« hätten gerade so ausgesehen wie die Soldaten, wurde kurzerhand verboten. Denn das Reichswehrministerium in seinem harten Tatsachensinn duldet keine müßigen Spekulationen. So wurde weiter getuschelt, kolportiert, dementiert. Zeitungen wurden verboten, Publizisten eingesperrt, Landesverratsprozesse an- und abgedreht. Wenn im Reichstag einer das Thema »Schwarze Reichswehr« anschnitt, empfahl Herr Geßler, die Krone aller Bürgermeister, mit jovialem Lächeln Kaltwasserbehandlung. ... aber am 30. Januar 1925 erklärte Herr Luther, der neugebackene Reichskanzler, man habe doch einige Tausend Studenten zu Übungen herangezogen, und zwar »in Zeiten, als unsere innerpolitischen Verhältnisse eine besonders gefährliche Spannung zeigten«. Also doch. Herr Luther hat eine Frage damit berührt, aber nicht beantwortet. Er hat immerhin zugegeben, daß sie existiert. Warum? Ist die Dementierspritze des Militär-Ministeriums leck geworden? Oder will selbst die jetzige konservative Regierung einer Erbschaft aus Cunos Zeiten ledig werden? Jedenfalls, der Reichskanzler hat mit einem Höchstmaß amtlicher Offenheit das Vorhandensein des Problems zugestanden. Er wird es nicht übelnehmen, wenn andere das sezieren, was er nur betastete. Und deshalb sollte auch die Presse der Parteien, die seine Regierung stützen, etwas geschliffener reden von der kürzlich erschienenen Denkschrift der Deutschen Liga für Menschenrechte, die den Versuch unternimmt, dort fortzufahren, wo der Herr Reichskanzler aufhörte. Dieses Memorandum der Liga (Deutschlands geheime Rüstungen? Von E.J. Gumbel, Berthold Jacob, Polizeioberst Lange, General von Schönaich, Otto Lehmann-Rußbüldt und Kapitän Persius) gehört zu jenen nicht erfreulichen, dennoch bitter notwendigen Aufräumungsarbeiten, die nicht beliebt sind, nach denen es aber im Lande reinlicher aussieht. Die Verfasser halten sich mit sicherm Takt an das Erreichbare und Beweisbare, sie meiden Konstruktionen und lassen vor allem Urkunden sprechen, die fast alle schon publiziert. Es ist eine Sottise ohne gleichen, wieder von »Landesverrat« zu faseln angesichts einer Schrift, die nicht mehr sein will als eine Kompilation, deren Zweck allerdings ist, in der Aneinanderreihung von vielem Kleinen eine große Gefahr aufzuzeigen. Die Broschüre setzt ein mit einer Wertung des bekannten Artikels von General Morgan in »Quarterly Review«. Die Behauptungen dieses englischen Juristen mit dem Generalstitel sind mehr oder minder bekannt: nach ihm soll die Reichswehr nur die herausgesteckte Attrappe des heimlich rüstenden Deutschlands sein; sie wäre nicht Wirklichkeit, die Wirklichkeit wäre vielmehr der »Schatten«, den sie über das Land werfe, – das alte Heer. Alles sei darauf eingestellt, sie jederzeit in eine große, moderne, schlagbereite Armee zu verwandeln. Der Artikel Morgans ist ohne Zweifel exzellente Journalistenarbeit, ein ungemein ingeniöses Pamphlet. Stark vor allem im Psychologischen, in der Zerfaserung der deutschen militaristischen Mentalität, unzuverlässig dagegen, bizarr kombinierend und übertreibend in allem Tatsächlichen. Der Leser, der sich auf Untertöne auskennt, wird zudem bei ihm eine gewisse, mühsam verhohlene Sympathie für die von ihm angeblich entlarvte heimliche Armee und ihre Organisatoren mitschwingen fühlen. Wenn man die Imaginationen Morgans ad acta legt und sich an das in der Denkschrift reproduzierte Urkundliche hält, so ergibt sich, daß Verbände wie »Stahlhelm«, »Werwolf« usw., die nach Mitteln und Einfluß auch heute, nach dem Schwinden der eigentlichen Konjunktur noch immer eine ansehnliche Macht repräsentieren, in der Reichswehr von jeher nur eine Form gesehen haben, die durch »nationale Reserven« zu füllen. Immerhin muß auch die Leitung der Reichswehr, wenigstens im Prinzip, diesen Standpunkt teilen, denn es heißt in der offiziellen Vorschrift »Führung und Gefecht der verbundenen Waffen« (Verlag Offene Worte, Charlottenburg, 1923): »Die Vorschrift nimmt Stärke, Bewaffnung und Ausrüstung des Heeres einer neuzeitlichen militärischen Großmacht als Grundlage an, nicht nur das nach dem Friedensvertrag gebildete deutsche 100 000-Mann-Heer.« Hier scheiden sich bürgerliche und militärische Auffassung. Der Militär sieht in der Reichswehr nicht einen neuartigen, durch die besondere Situation Deutschlands bedingten Organismus, sondern die Miniatur-Nachbildung der Wehrorganisation einer neuzeitlichen militärischen Großmacht, flexibel und jederzeit erweiterungsfähig. Diese Auffassung ergibt sich zwangsläufig aus der ganzen Einstellung des Berufsmilitärs, für die Zukunft zu sorgen ist seine Pflicht. Aber die bürgerliche Auffassung hat ihrerseits die Pflicht, sich so weit durchzusetzen, daß die sogenannten militärischen Notwendigkeiten sich der Autorität des Staates unterzuordnen haben. Woran keine vielleicht berechtigte Empfindlichkeit, keine romantische Pflege der »Tradition« etwas ändern darf. Die Denkschrift wählt ihre Beispiele vornehmlich aus den Jahren 1923 und 1924. Es ergibt sich aus dem reichhaltigen Material, daß an zahlreichen Plätzen Ausbildungskurse stattfanden, daß an Universitäten Werbestellen eingerichtet waren, daß z.B. die Garnison Marburg am 2. März 1924 mit etwa 1000 Studenten zu einer achttägigen Übung ausrückte, daß militärische Dienststellen mit privaten Organisationen Hand in Hand arbeiteten, daß innerhalb der Schwarzen Reichswehr Offiziersausbildungskurse stattgefunden haben. Das alles wird durch Proben aus den Erlassen der Wehrverbände, aus privaten Korrespondenzen und Pressemeldungen dokumentarisch belegt. Zahlreich waren die Versuche, das Treiben zu maskieren, doch überrascht zuweilen auch eine Offenheit, die nur durch eine hoffnungslos unpolitische Verblendung erklärt werden kann. Der Reichskanzler hat zur Erläuterung für diese Dinge betont, daß es sich um Zeiten gefährlicher innerpolitischer Spannung gehandelt habe. Der Herr Reichskanzler hat in seinen wenigen Sätzen einer bitterbösen Epoche ein Epitaph gesetzt, milde wie alle Grabsprüche. In der Tat handelte es sich um ein furchtbar ernstes Experiment und doppelt verwerflich nach den katastrophalen Erfahrungen mit den Freischärlern in Oberschlesien und anderswo. Die Geschichte der Wehrverbände vom Kapp-Putsch bis zum Hitler-Putsch wird einmal geschrieben werden als Kapitel: Deutschland am Rande der Anarchie! Man braucht nicht zu zweifeln, daß die militärischen Stellen, soweit sie nicht völlig im rechtsradikalen Fahrwasser schwammen, vornehmlich von innerpolitischen Erwägungen ausgingen. Berufssoldaten, seien sie noch so chauvinistisch gerichtet, wissen sehr gut, daß der Krieg – der Krieg von heute und morgen! – nicht mit einer bunt zusammengewürfelten Truppe sensationslustiger Jünglinge zweifelhafter Disziplin geführt wird. Aber in Zeiten desolater Wirtschaft und unter Null gesunkener Staatsautorität, hilfloser Kabinette und querulierender Parlamente, da mußten sie sich als die letzte in sich ruhende Größe zum Schutze der bürgerlichen Ordnung fühlen, und ihr kurzer politischer Sinn erklärt es, daß sie alles aufzusaugen suchten, was sie als adäquat anerkannten. Diese Allianz mit den schwarz-weiß-roten Korporationen jedoch, deren Führer zum Teil ganz andere Ambitionen hegten, riß von neuem die Kluft auf zwischen Volk und Wehrmacht. Aus diesen Verbänden mit den alten Symbolen der Monarchie waren die Mörder der besten Republikaner gekommen, kein Wunder, daß das kleine Heer das Odium der Verbände teilen mußte. Die sozialistische Arbeiterschaft betrachtet die Reichswehr als dezidiert antirepublikanisch, der Anhänger der bürgerlichen Linken verfolgt sie zum mindesten mit Mißbehagen und Mißtrauen. Die Schwarze Reichswehr ist bereits heute ein vielleicht, hoffentlich!, erledigtes Stück unholder Vergangenheit. Ihre innerpolitischen Effekte werden nach Jahren noch zu spüren sein. Übrigens hat jetzt auch der Herr Reichswehrminister endlich die Methode des Totschweigens aufgegeben, und wenn er auch kaum mehr sagte als Herr Dr. Luther, daß er überhaupt darüber sprach, bezeugt deutlich, daß auch er heute die Unmöglichkeit der Freiwilligen-Garden begriffen hat. Aber auch die Politiker der Entente hätten wissen müssen, daß die ständige Observation eines großen Volkes ebenso absurd ist wie die heimliche Aufrüstung des Armeechens der Hunderttausend zu einer neuzeitlichen Kriegsmacht. Es war ja so bequem, immer ein Druckmittel gegen Deutschland in der Hand zu haben, andererseits aber gewiß zu sein, daß es über einen Damm verfüge, fest genug, die kommunistische Welle aufzufangen, ehe sie weiter nach Westen schlug. Die Bolschewistenangst paralysierte die Versailler Orthodoxie. Die Geschichte wiederholt sich nicht. Der Scharnhorst von heute schüfe höchstens eine Knüppelgarde, nicht eine vollwertige Kampftruppe. Die heimliche Armee, ob nun Schreckgespenst französischer oder Wunschbild deutscher National-Hysteriker hat nicht mehr Realität als die Schatten der katalaunischen Kämpfer, die sich nachts in den Lüften würgen. Die Reichswehr ist eine Grenzschutztruppe, eine potenzierte Ordnungspolizei in einem noch längst nicht endgültig stabilisierten Lande. Alles andere ist Traum, ist passé. Passé défini. Das Tage-Buch, 6. Juni 1925 546 Mussolini und d'Annunzio Mussolini: Sie haben es sich hier recht komfortabel eingerichtet. Es sieht nicht so aus, als ob Sie bald ins Kloster gehen wollten. d'Annunzio: Letzter Gruß an die Welt, mein hoher Freund. Ich werde Mönch. Fast bin ich es schon. Morgen in vier Wochen trete ich zum Buddhismus über. Ich habe schon sechs Weihen empfangen. Mussolini: W-a-a-s? d'Annunzio: Ich schreibe augenblicklich noch an einer Pantomime für die Napierkowska – es sind übrigens ein paar reizende biographische Details darin – und an einem entzückenden Stückchen für die Popescu. Ist das getan – dann Valet! Mussolini: Das werden Sie nicht tun. d'Annunzio: Ich werde. Ich will von eurer Politik nichts mehr hören und sehen. Mussolini: Lieber Herr d'Annunzio, das ist nicht Ihr Ernst. Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß das Vaterland Sie ruft. d'Annunzio: Hm ... Mussolini: Das Vaterland braucht Sie! d'Annunzio: Das heißt, Sie brauchen mich. Mussolini (überhörend): Italia, die Stolze, ruft Sie, ihr den Frieden wiederzugeben. d'Annunzio: Ich denke nicht daran. Seit dreißig Jahren will ich büßen, und immer kommt ihr mir dazwischen. Mussolini: Hören Sie doch mit dem Theater auf. Ich weiß zu gut, wie man das macht. Kommen Sie, wir wollen vernünftig reden. d'Annunzio: Warum haben Sie Matteotti ermorden lassen? Mussolini: Ich verbitte mir diese Impertinenzen. Ich bin nicht hierher gekommen, um mir Beleidigungen sagen zu lassen. d'Annunzio: Sie hätten ihn nicht ermorden lassen sollen. So etwas kann sich ein alter Konservativer wie Horthy erlauben, aber nicht ein sozialistischer Parvenu. Mussolini: Ich habe ihn nicht ermorden lassen. d'Annunzio: Desto schlimmer, man traut es Ihnen zu. Mussolini: Ich ersuche Sie dringend, die Grenzen meiner Geduld nicht zu verkennen. Ich bin der mächtigste Mann Italiens. Man hat vor mir zittern gelernt. (Unwillkürlich in der Napoleon-Pose, die sich in der Kammer so gut ausnimmt.) d'Annunzio (vor Vergnügen schreiend): Mit dem Ponem, mit dem Ponem! Mussolini (sinkt erschöpft in einen Sessel). d'Annunzio: Die Attitüde ist vorzüglich erdacht, aber Ihr Talma kam aus der Provinz. – Herr Mussolini, Sie bitten mich um meinen Rat. Ich sage Ihnen: montieren Sie ab! Lassen Sie das mit dem Bonaparte, spielen Sie auch nicht mehr mit dem dressierten Löwen-Baby. Die Leute haben das satt. Man macht sich lustig über Sie. Glauben Sie mir, ich habe so viele Rollen gespielt. Wenn man nicht rechtzeitig abkurbelt, wird man langweilig. Daher kommen Ihre ganzen Schwierigkeiten. Sie sind zu monoton. Sie sollten einmal den gutartigen Landesvater spielen, wie Herriot Pfeife rauchen und ungebügelte Hosen tragen. Der sozialistische Renegat im Cut nutzt sich schnell ab. Mussolini: Ich bin kein Renegat. Ich bin, wie als blutjunger Mensch, der Todfeind der Bourgeoisie. Ich habe den Fuß auf dem Nacken der Fabrikanten und Bankiers! d'Annunzio: Finden Sie nicht zuweilen, daß Ihr Fuß ein wenig eingeschlafen? Mussolini: Nein, nein. Noch fühle ich mich stark wie damals, als ich in Rom einzog. d'Annunzio: Nur sieht man Sie heute anders. Mussolini: Lassen Sie das. Ich bin nicht gekommen, um mich von Ihnen begutachten zu lassen. Es ist Ihre Pflicht, wieder in die Politik einzutreten, die Partei zu ordnen, die Einigkeit wiederherzustellen. Schließlich sind Sie es, der den ganzen Fascismus eingebrockt hat, und ich muß die Suppe auslöffeln. d'Annunzio: Ich gebe für den ganzen Schwung keinen roten Maravedi. Mussolini: Jetzt sperren Sie sich doch nicht. Ich weiß, daß Sie mich seit langem erwarten, daß Sie vor Ungeduld brennen. Reden wir nicht um die Sache herum: welches ist Ihr Preis? d'Annunzio: Ich will nichts mehr als den Frieden meiner Seele und einen beschaulichen Lebensabend ... Mussolini: Himmel, das wird teuer! d'Annunzio: ... und sterben als ein Heiliger, von meinem Volke geliebt. Mussolini: Hol Sie der Teufel! Werden Sie meinetwegen Trappist oder Derwisch oder Rabbiner, nähren Sie sich von Heuschrecken, schlucken Sie buddhistische Rosenkränze. Ich will Ihren beschaulichen Lebensabend nicht weiter stören. Schlummern Sie in Frieden. Amen. d'Annunzio: Herr Mussolini. Mussolini: Sie wünschen? d'Annunzio: Ich bedaure, Ihnen heute nicht weiter dienen zu können. Es geht Ihnen noch nicht schlecht genug. (Laute Rufe draußen; Marschmusik.) Was ist denn das? d'Annunzio: Das sind die Legionäre. Unsere Helden wollen uns sehen, versöhnt, neu geeint, seinen Dichter und seinen Herrscher. Kommen Sie, wir müssen uns zeigen. d'Annunzio: Duce ... das haben Sie verdammt schlau gemacht. (Es klopft.) Mussolini: Das ist der Herold. Er bittet uns zu erscheinen. Er muß berichten, daß er uns hier fand, den Bruderkuß tauschend. Ja, es hilft nichts, wir müssen uns umarmen ... (Die Arme ausbreitend): Edler Freund! d'Annunzio (ihn umschlingend): Edler Freund! Mussolini: So, jetzt kann der Kerl eintreten. Herein! d'Annunzio: Ich komme wieder nicht zum Büßen ... Das Tage-Buch, 6. Juni 1925 547 »Die Unschuld von New York« Dieser Goldwyn- Film wälzt den entzückenden Einfall aus Buster Keatons Niagara-Komödie, einmal amerikanisches Biedermeier zu zeigen, durch 6 Akte. New York von 1807, ein englisches Landstädtchen jenseits des Meeres, mit einem Spritzenhaus und zwei Polizisten; die neue Feuerspritze gilt als unerhörte technische Errungenschaft, als »Amerikanismus«, um es so zu sagen. Da sieht man weiter Fultons erstes Dampfschiff, ein wackeliges, altmodisches Kinderspielzeug, die ganze Ahnengalerie der späteren Dollarkönige, die ersten Astor und Vanderbilt, schließlich einen Boxkampf, aber alle diese Menschen und Dinge, die später Amerikas Ruhm ausmachen sollen, ganz unentwickelt, gleichsam in den Windeln. Im Ufa-Theater in Moabit hatte man an alledem seine Freude, mehr aber noch an der Erbschafts- und Liebesgeschichte zwischen Patricia O'Day und Larry Delavan. Marion Davis in der Hauptrolle war eine wirklich echte Mary-Pickford-Imitäschön ... Montag Morgen, 8. Juni 1925 548 Fünf Minuten vor ... Durch die Presse geht ein kleines Photo, so eines jener Bildchen, die den Alltag in seinen traurigen, komischen und gleichgültigen Nuancen widerspiegeln, von den Filmsternen in Hollywood angefangen bis zum Schreinermeister X. in Merseburg, dessen Frau zum zweitenmal Drillinge gekriegt hat, ein Bildchen von vielen, aber unerhört in seinem Gegenstand. Da sieht man die drei Bombenattentäter von Sofia, fünf Minuten vor der Hinrichtung: – Koeff, Friedmann und Zadgorski. Sie haben, kettenbeladen, auf einer ganz schmalen Bank Platz genommen und suchen nun mit ihren Blicken die kleine schwarze Öffnung. Zur Rechten Koeff, der Oberst, in hellem Regenmantel, mit weichem Filzhut; deutliche Bemühungen der letzten Toilette. In der Mitte Friedmann, der Advokat, scharfes, schmales Gesicht des Intellektuellen, die Verwahrlosung der Kleidung etwas gesucht, so, als wollte er zum Abschied noch einmal dem Bourgeois das Gruseln in die Haarwurzeln treiben. Und, ein wenig abseits von den beiden verirrten Bürgern, der einzige Proletar, Zadgorski, der Kirchendiener, groß und knochig, ein Barbar. So verschieden sie untereinander sind, die drei Höllenmaschinisten, jeder verfolgt nach seiner Art den Vorgang mit Interesse. Koeff hat sich mit leicht gefalteten Händen zurückgelehnt, blinzelt ein wenig, so wie man auf ein »Bitte, recht freundlich!« reagiert. Friedmann späht scharf, als suche er einen Feind hinter dem Apparat; er hat noch jetzt ganz die Miene des stets sprungbereiten Berufspolitikers, jeden Augenblick kann er aufspringen und rufen: »Ich bitte ums Wort!« Aber die eine auf dem Bild sichtbare Hand dementiert die professionelle Larve, – sie ballt sich, sie krampft sich, die Finger flechten sich so fanatisch ineinander, als hätte sich alles Leben dieses grauen, blutlosen Menschen in die eine Hand geflüchtet. Zadgorski, der Bauer, nur sitzt steif und aufrecht, in fast sakraler Haltung. Denn photographiert werden, das ist ein großes Ereignis, das kommt nicht alle Tage vor ... Tod, wo ist dein Stachel? Es gibt so viele alte Bilder von Verurteilten auf dem Gang zur Richtstätte. Auf zahllosen Kupfern und Holzschnitten sind Missetäter und Märtyrer festgehalten. Bald ruhig ergeben, bald zusammengesunken unter der Last der Schuld, bald schlotternd vor Angst, bald mit brüllendem Hohn einen schmutzigen Geist wie einen Kotkübel entleerend. Den Blick nach oben, gereinigte Büßerin, so tritt Maria von Schottland an den Block; jeder Zoll ein Kavalier steht Karl I. auf dem Blutgerüst von Whitehall; mit gerümpfter Nase über die tobende Menge blickend fährt Marie Antoinette im Karren, und Danton hat das Promethidenhaupt trotzig in den Nacken geworfen. So muß man früher gestorben sein, so umständlich theatralisch, als man noch mehr Zeit hatte und es noch keine Momentaufnahmen gab. Damals war das Tempo der Welt noch so behäbig, und auch die Todeskandidaten wußten das und überlieferten in ihrer letzten Stunde mit breiter Geste Feder und Griffel ihre besondere Art zur Verewigung. Aber diese drei Verurteilten halten sich so unsentimental, als säßen sie in der Straßenbahn. Die photographische Platte ist so furchtbar sachlich, sie kann zwar schmeicheln oder ärgern, aber sie nimmt dem Leben die weichen, schwebenden Konturen, sie entpathetisiert selbst den Tod. Vielleicht möchte dieser Oberst jetzt aufspringen und in kurzem, knatterndem Pelotonfeuer alle in seiner militärischen Karriere gesammelten Flüche auf seine Henker niederprasseln lassen, Friedmann mit aufgeworfenen Armen Deklamationen schreien, Zadgorski zitternd auf die Knie sinken und Gebete seiner Kindheit lallen. Aber dieser prosaische Kasten, hinter dem jetzt ein Mann unters schwarze Tuch kriecht, zerstört die romantische Situation. Da heißt es ganz einfach still halten, nicht zucken. Die Technik egalisiert. ... fünf Minuten später werden sie auf dem Brett stehen, die Schlinge um den Hals, und das kleine Schwarze, in das sie jetzt blicken, wird schrecklich wachsen zu einem ungeheuren Abgrund, voll von Zweifeln und Fragen. Und wenn der Geistliche mit niedergeschlagenen Augen, das Kreuz an die Brust gepreßt, »Gott gebe dir Frieden, arme Seele!« spricht, dann werden die Drei schon im Strom der Ewigkeit schwimmen, während auf der kleinen gläsernen Platte in Dunkel und Säure sich langsam das letzte Abbild ihres zeitlichen Scheins entfaltet. Das Tage-Buch. 13. Juni 1925 548a Thomas Münzer bei Frankenhausen Gegen eine Geschichtslüge Das blutige Treffen von Frankenhausen, das in der ersten Maihälfte des Jahres 1525 dem großen Bauernaufstand für Mitteldeutschland ein Ziel setzte, wird in den Annalen der Geschichte sehr irrtümlich als »Schlacht« geführt. Es war in der Tat nur ein wider Treu und Glauben gelöster Waffenstillstand, ein Einbruch der vorzüglich ausgerüsteten Truppen des Landgrafen von Hessen und der sächsischen Herren in einen schlecht equipierten Haufen armer Teufel, die sich in Erkenntnis ihrer Schwäche in einer Wagenburg auf dem Hügelgelände oberhalb der Stadt eingebaut hatten. Ein »Friedensangebot« an die Bauern war ergangen: die Fürsten würden Gnade walten lassen, wenn die Rebellen ihnen ihre Führer auslieferten. Das Bauernheer, durch den Anblick der gepanzerten Männer unten im Tale erschreckt, eingeschüchtert durch die stattliche Zahl der Geschütze, während es selbst nur über ein paar dürftige Falkonetbüchsen verfügte, löste sich in eine Reihe von Diskutierklubs auf, die ja in allen deutschen Revolutionen eine so unglückselig bedeutungsvolle Rolle gespielt haben. Massenweise trieben sich feindliche Emissäre im Lager herum, die kleinlaut gewordenen Bauern abwechselnd mit Lockungen und mit Drohungen bearbeitend. Einer alten Legende nach, die uns auch in der Schule als historische Wahrheit verzapft wurde, soll Thomas Münzer seine vertrauensseligen Bauern mit spiegelfechterischen Reden in den Tod gejagt haben. Er soll ihnen angeblich gesagt haben, sie brauchten die Artillerie nicht zu fürchten, er, der Wundermann und Vertraute Gottes, werde die feindlichen Kugeln in den Ärmelfalten auffangen. Nichts verbürgt dieses Gerücht, das so gar nicht zu dem Charakterbild eines Mannes paßt, der bis zum letzten Atemzug ein glühender Bekenner seiner Wahrheiten war und nicht ein desperater Charlatan. In Wahrheit hatte Münzer allzulange der inneren Auflösung seiner Streitkräfte zugesehen, völlig beeindruckt von seiner Ratlosigkeit in allen militärischen Dingen. Er war ein Gegner des Planes einer offenen Feldschlacht gewesen. Heinrich Pfeiffer , der Freund und Genosse, sonst der Umsichtigere von den beiden, hatte den fatalen Vorschlag gemacht, Mühlhausen, den festen Stützpunkt, das Hauptquartier der Bewegung für Mitteldeutschland, zu verlassen und den Fürsten entgegenzuziehen. Münzer war überstimmt worden und wider seine vernünftigere Einsicht dem Druck gewichen. Er war sich über den unglücklichen Ausgang der Expedition sicher im klaren. Auf einen Hokuspokus wie den Kugelfang mag ein alter Soldat kommen, der über die menschliche Intelligenz ebenso gering denkt wie über das Menschenleben überhaupt, aber kaum ein idealistischer Intellektueller wie Münzer. Wahr ist nur, daß er schließlich die Tüchtigsten unter seinen Leuten um sich sammelte und in einer zündenden Ansprache für den Kampf begeisterte. Schwerlich wird er noch an einen Sieg geglaubt haben. Vielleicht wollte er untergehen wie die geliebten Heroen des Alten Testaments, wie Simson, der in sein Sterben noch die verhaßten Feinde hineinriß. Weder hatte Münzer Zeit, anzugreifen, noch die Bauern, abtrünnig zu werden. Ehe der Waffenstillstand noch abgelaufen, setzte die Überrumpelung durch das Fürstenheer ein, das sich schlachtbereit gemacht hatte, während die in der Wagenburg disputierten. Ein planvoller Feuerüberfall schlug das Schanzwerk in Stücke, das Fußvolk stürmte und brach an vielen Stellen zugleich ein. Die Bauern, die zum Teil Weib und Kind im Lager hatten, dachten nicht an Gegenwehr, bis auf einige fanatische Trupps, die nach zähem Widerstand abgeschlachtet wurden. Es war ein Gemetzel und keine Schlacht. Nach zeitgenössischen Quellen sollen an die 5000 Bauern ums Leben gekommen sein. In regelloser Flucht wälzte sich alles den Hügel hinunter in die Gassen von Frankenhausen hinein, die Verfolger auf den Fersen. Am selben Abend noch waren die Fürsten Herren der Stadt und ließen vor dem Rathaus 300 Gefangene hinrichten. Münzer selbst war noch in die Stadt gelangt, aber nicht mehr hinaus. Er verbarg sich in der Dachkammer eines Hauses am Nordhäuser Tor, um den Kopf einen dichten Verband, um nicht erkannt zu werden. Was für Gedanken mögen den verlorenen Mann in jener Nacht bewegt haben? Unten im Hause hatten die Junker Quartier bezogen, und der Lärm der trunkenen Sieger drang bis in die Giebelstube hinauf. Auf den Straßen stöhnten die Blessierten, schleppte man neues Futter für den Henker heran. Schreckliche Stunden für den, dessen Namen das bankrotte Unternehmen trug. Welches war sein Verbrechen gewesen? Man jagte ihn wie einen tollen Hund, setzte einen Preis auf seinen Kopf. Volksverführer schalt ihn der neue Papst von Wittenberg. Er fühlte sich nicht als Verführer, sondern als Erwecker. Zehn Jahre jünger als Luther, hatte er bereits vor ihm als grüner Kleriker angefangen, gegen Rom zu predigen, für die Wiederherstellung eines evangelischen Christentums. Im Reformationswerk sah er eine Halbheit, weil dessen Verkünder sich scheuten, ihre religiöse Bewegung zu vereinigen mit der politischen und sozialen, die sich allenthalben in Stadt und Land vorbereitete. Auch er wollte nicht die Insurrektion. Jahrelang hatte er als Prediger gewirkt, ein unerschrockener Strafredner der Großen, Trost und Hoffnung der Unterdrückten, überall nach kurzem Wirken vertrieben. Endlich hatte er Fuß gefaßt in dem damals sehr bedeutenden Mühlhausen, war, als die Feindseligkeiten begannen, erklärter Führer der Bauern und Bergknappen von Thüringen und Sachsen. Die Lügen seiner Mörder haben seinen Ruf vergiftet. Die Nachwelt hat in ihm immer entweder einen grausamen Demagogen oder einen irren Fanatiker gesehen. Er war keines von beiden, dafür aber ein unerhörtes agitatorisches Talent, das sich unter günstigeren Bedingungen vielleicht zum Staatsmann ausgewachsen hätte. Er trug in die hemmungslose Menschenausbeutung seiner Epoche die soziale Idee viel späterer Zeiten, nur daß bei diesem leidenschaftlichen Kind der Reformation alles politische theologisch ward und in der erhabenen aber uns fremden Gewandung der Theorie von Gottesstaat auf Erden nicht mehr zu uns sprechen will. Wenigstens müssen wir seinen modernen Gedankenkern in einer absonderlich genug gewordenen Sprachhülle suchen, inspiriert und geschult von den bilderreichen Beschwörungen und Verwünschungen der Propheten Altisraels. Wäre er ein blutrünstiger Fanatiker gewesen, wie Jan Ziska v. Trocnow, der furchtbare Hussitenführer, er hätte genug gleichgestimmte gefunden, um aus Deutschland ein Trümmerfeld zu machen. Er war Lichtbringer, nicht Brandfackel ... Münzers Unterschlupf in der Giebelstube am Nordhäuser Tor war schnell entdeckt. Von dem Augenblick an, da er vor die Fürsten geführt wurde, wich der Kleinmut des Flüchtigen von ihm. Er war nicht mehr der stets etwas dilettantische Diktator von Mülhausen, der hilflose Heerführer, sondern wie in seinen stärksten Jahren der wortgewaltige Mahner, die dröhnende Posaune eines säkularen Gewissens. So trat er vor seine Ankläger. Nur als der gelbschnabelige Landgraf von Hessen , derselbe, den lutherischer Byzantinismus später » den Großmütigen « nannte, ihn in der » reinen Lehre « unterweisen wollte, da schwieg er voll Verachtung . Ein paar Wochen ließ man ihn noch leben. Das heißt, man schleppte ihn von Ort zu Ort und folterte ihn entsetzlich. Es wird berichtet, daß er einmal nach stundenlanger Tortur zwölf Kannen Wasser hinuntergegossen haben soll, um den Fieberbrand in der Gurgel zu löschen. Eines Tages aber fuhr man ins Feldlager hinaus, auf einen Karren gekettet ein armseliges Bündel von zerschundener Haut und zerbrochenen Knochen, ein deformiertes Etwas, das einmal der Mensch Thomas Münzer gewesen, und an dem nichts mehr lebte als das Haupt mit dem noch immer wildflackernden Hirn und den dunkel brennenden Augen. Dieses Haupt schlug man ab und pflanzte es auf einen Spieß als ewige Warnung, wie gefährlich es sei, in Deutschland an Revolution zu denken . Und diese Warnung hat immerhin für ein paar Jahrhunderte vorgehalten. Berliner Volks-Zeitung, 26. Juni 1925 549 Miss Sheebo und der Humor davon Vor mir liegt eine amerikanische Provinzzeitung, cyklopisch im Format; das Hauptblatt rot, die Beiblätter grün. An der Spitze des Hauptblattes, da, wo bei uns der Pakt abgehandelt wird oder die Zollvorlage, da ist in mächtigen Lettern zu lesen, daß in dieser Nummer Miß Virginia Sheebo ihre »Confessions« fortsetze. Darunter zwei Bilder. A) eine entzückend lächelnde junge Dame, die Wert darauf legt, daß auch andere das anerkennen; B) ein breitschultriger junger Herr, der gleichfalls lächelt, wenn auch männlich-gesammelt. A ist Miß Virginia selber, B Mr. Geo L. Drinkwater, ihr Verlobter. Erläuternd wird gesagt, daß Miß Sheebo die Dame sei, die es sich in den Kopf gesetzt hatte, »ihr eigenes Leben zu leben«, und auf Seite 3 in 10. Fortsetzung darüber berichte. Aus weiterem Text ersieht man, daß sie sich zur Durchführung des gewagten Experimentes die Hauptstadt des Staates Oklahoma auserkoren hatte.   Das, was Miß Virginia auf Seite 3 mit sehr viel Sperrungen und Fettdruck erzählt, ist für sie ohne Zweifel aufregender als für uns. Sie stammt aus wohlhabender Familie einer kleinen Stadt in Oklahoma. Man will sie frühzeitig verheiraten, aber sie hat noch keine Lust dazu. Verläßt deshalb kurzerhand das Elternhaus und begibt sich in die Hauptstadt des Staates, um dort nach ihrem Gusto zu leben. Sie arbeitet als Stenotypistin und verdient genug, um sich recht nett zu kleiden. Bald ist ihr allgemeines Wohlgefallen sicher. Sie macht ihre Studien in der Männerwelt, unternimmt unerschrocken Ausflüge zu Zweien, besucht Junggesellenquartiere. Bleibt dabei stets tugendhaft und hinterläßt die freundlichen Gastgeber geohrfeigt und polizeilich angezeigt. Schließlich packt sie ein tiefer Ekel vor der männlichen Verworfenheit; sie verflucht ihren kniefreien Mädchenrock, der sie zur Beute lüsterner Augen macht, und beschließt, hinfort Männerkleidung zu tragen, um ein für allemal sicher zu sein. Indem sie ein Herrenmagazin betritt, um einen schlichten blauen Sakkoanzug zu kaufen, und Kragen und Kravatten, schließt die 10. Fortsetzung. Jetzt kann der Leser mit Recht auf das Kommende gespannt sein, aber damit die Erwartung nicht ins Exzessive wächst, hat Onkel Editor an den Schluß ein Bild gesetzt, das bereits einen Einblick in die Mysterien der 11. Fortsetzung gibt. Wilde Gebirgslandschaft bei furchtbarem Unwetter – weit hinten schlägt der Blitz gar erschröcklich in einen Baum. Im Vordergrund aber sieht man einen jungen Mann, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Miß Virginia hat, zitternd und gelöst in die Arme eines anderen jungen Mannes sinken, dessen feste Züge an Geo L. Drinkwater erinnern. Wenn nicht alles trügt, leitet diese dramatische Szene das Finale von Miß Virginias eigenem Leben ein.   La garçonne in Amerika! Wie brüllt das alles vor Harmlosigkeit. Europäische Leser werden vergnüglich schmunzeln, wo das Publikum von Oklahoma um die Unschuld seiner Heldin bibbert. Sehr richtig bemerken unsere Professoren, daß die Yankees noch ein junges Volk sind und deshalb ohne Geschichte. Wir Europäer fußen auf einer ehrwürdigen Lastertradition von tiefgründiger Gediegenheit. Drüben ereifert man sich noch über die wechselnden Schicksale einer Jungfernschaft, bei uns lamentiert kaum mehr die »Gartenlaube« darüber. Ja, diese Amerikaner sind noch gesund und jugendfrisch und turnen sich ihre Versuchungen weg oder rasen so lange mit dem Ford-Auto auf der Chaussee herum, bis alles wieder im Lot ist. Bei uns wird zwar neuerdings auch tüchtig geturnt, aber der Teufel sitzt wohl zu fest, als daß er mit ein paar Bauchwellen ausgetrieben wäre. Mißtrauische Gemüter werden sich bei Virginias freiwilliger Maskulinisierung etwas recht Häßliches denken und sagen: Aha! Und obgleich Schreiber dieses auch solcher Ansicht zuneigt, warum psycho-analysierend über Bewußtseins-Schwellen dringen, wenn der Fall noch so glimpflich abgelaufen, daß Oklahomas Hauptorgan, ohne zu erröten, ihn illustriert wiedergeben kann? Virginia sinkt in Geo L.'s starke Arme und damit ist ihr Problem eben zu Ende. Sie weiß es – sonst hätte sie mit ihren Memoiren noch etwas gewartet. Die ganze Frauenfrage – es wird so schrecklich viel Gesums darum gemacht – ist ja immer eine Männerfrage. Wenn seit dem Losbruch der Großen Zeit die Frauen in steigendem Maße darauf verzichteten, sich an der Menschheit Würde mithebend zu beteiligen, wenn sie braven Volkspädagogen Anlaß gegeben haben zu geseufzten Statistiken über Verirrungen usw., so werden sie schon dunkel geahnt haben, weshalb. Unsere Generation, Freund Mitmann, sieht nicht einladend aus. Die Weiber kopieren uns nur. Aber eines heiteren Tags wird alles so enden, wie Miß Sheebos Problem. Plakat an den Litfaßsäulen, Lapidarstil: Eva, kehre zurück! Alles normal. Mit Gruß Adam. Das Tage-Buch. 27. Juni 1925 550 51 Prozent Es gibt ein spezifisch deutsches Laster, das ist: daß man die Unwissenheit in allen politischen Dingen zu einem Vorzug umschwindelt. Anstatt dem dummen Michel die Schlafmütze um die Löffel zu hauen, bekränzt man seine Denkfaulheit mit Eichenlaubsalat. Man kann allem Politischen grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen, – unter Berufung auf sehr große Geister. Diese Attitüde läßt sich verteidigen, wenn auch schwer praktisch durchführen. Ein einziger Steuerzettel schon kann die Goethe- und Schopenhauer-Zitate durchlöchern ... Aber nicht ein immerhin recht seltenes Sonderlingstum soll hier charakterisiert werden, sondern ein nationaler Kernschaden, der in den sogenannten Bildungsschichten weit ärger grassiert als im »Volk«. Zur Illustration ein paar Zahlen, der Deutschen Allgemeinen Zeitung entnommen. In Deutschland erscheinen gegenwärtig 3152 Zeitungen, die sich wie folgt auf die verschiedenen Parteirichtungen verteilen: Nationalsozialistisch 14 (0,5%) National, einschl Deutschnational 392 (12,4%) Deutsch-Volksparteil. 48 (1,6%) Zentrum 284 (9,0 %) Demokratisch 166 (5,6 %) Sozialdemokratisch 142 (4,5 %) Unabh. Sozialdemokratisch 2 (0,06 %) Kommunistisch 20 (0,7 %) Bayr. -Volksparteilich 96 (3,4 %) Föderalistisch 4 (0,12 %) Fremdsprachig 7 (0,22 %) Wirtschaftlich 141 (4,5 %) Konfessionell 13 (0,5 %) Amtlich 188 (5,9 %) Parteilos u. nicht angegeben 1635 (51,0 %) Diese Tabelle macht alles begreiflich, was in den letzten Jahren bei uns geschehen ist. Sie erleuchtet die letzten dunkelsten Winkel des geistig-politischen Problems Deutschland. Nicht, daß die Deutschnationalen an der Spitze marschieren bleibt gravierend, sondern die Tatsache, daß über die Hälfte aller Zeitungen unter der Etikette »parteilos« segeln. Denn das heißt, aus dem Statistischen ins Erfahrungsgemäße übertragen, daß diese Blätter reaktionär sind, monarchistisch, militaristisch, daß sie nichts anderes sind als dürftig verkappte deutschnationale Parteiblätter. Deutschnationale Interessen, Parteiinteressen also sind es, die dort wahrgenommen werden unter dem Deckmantel der Überparteilichkeit. 51 % aller deutschen Blätter fahren also unter falscher Flagge, speisen, unter dem Abzeichen der Neutralität, Parteiarsenale, popularisieren harmlos maskiert die Formeln und die Ideologie einer Partei, die sie gedungen. Zugegeben, daß das ausgesprochene Parteiblatt in seiner Selbstgerechtigkeit, Orthodoxie und Grobschlächtigkeit auch nicht gerade einladet, das angeblich parteilose Blatt ist einfach ein Stück Buschklepperei. Es wäre alles nicht so schlimm, wenn das Publikum kritischer wäre. Aber der Deutsche liest nur ein Blatt und hat zu diesem Blatt keine Distanz. Er rebelliert zur Not, wenn er in einer lokalen, ihm vertrauten Angelegenheit einen Irrtum bemerkt, aber die politische Darstellung, die politische Information nimmt er als etwas Gottoffenbartes hin. Wenn die Zeitung im Titelkopf sich als »parteilos« geriert, er nimmt es als bare Münze hin und freut sich, hoch, hoch über allem parteipolitischen Tumult zu stehen in erhabener Abgeklärtheit. Natürlich ist er »national«, aber das ist die Zeitung auch, schlechtweg »national«. Lieber Himmel, das hat doch nichts mit Politik zu tun? 51 % verkleben, verschmieren täglich das Gehirn ihrer Leser. Wo ein Auge, stutzig geworden, selbst sehen, selbst prüfen will, da baut die nächste Nummer schon eine dicke papierene Wand. In diesen 51 Prozent quartiert das deutsche Mißgeschick. Diese 51 Prozent haben Gustav Landauer und Erzberger und Rathenau erschlagen. Diese 51 % haben zu allem militärischen Unverstand gejauchzt und die Vernunft mit Füßen getreten. Wenn es heute noch ein Deutschland gibt, die 51 Prozent sind daran völlig unschuldig. Das Tage-Buch, 4. Juli 1925 551 Das Medium Vor einem Berliner Schöffengericht wird ein Prozeß zelebriert, einer jener selten glücklich gemischten Prozesse, bei denen das erkennende Gericht auf alle Fälle kein Unrecht begehen kann, sondern höchstens einen intellektuellen Lapsus. Eine Dame, die in sich mediale Kräfte entdeckt hat und diese gern von einem freundlichen Kreis bewundern läßt, hat einen Mediziner, einen Arzt und Forscher von Ruf, wegen Beleidigung verklagt, weil er sich über ihre übersinnlichen Fähigkeiten absprechend geäußert hat. Ein Schöffengericht soll nun entscheiden, ob es Dinge gibt zwischen Himmel und Erde, die über unsere Schulweisheit hinausgehen. Seit Faust dem Erdgeist rief, haben sich die Beziehungen zwischen Mensch und Geisterwelt ungemein kompliziert. Früher erschienen die Geister den Gelehrten selber; diese verstudierten ein langes Leben, um ihre Krönung darin zu sehen, wenn schließlich aus Flamme und Rauch ein schemenhaftes Etwas emporstieg. Seit dem Fortschreiten der modernen Naturwissenschaften haben die Geister diesen direkten Verkehr aufgegeben und manifestieren sich vornehmlich durch Medien, das sind Personen männlichen und weiblichen Geschlechts, die zur Wissenschaft gewöhnlich nur lockere Beziehungen unterhalten. Das ist der triumphale Einzug neuzeitlicher Wirtschaftsformen ins Reich des Okkulten, worüber die Geister wahrscheinlich noch viel erstaunter sind als wir, wenn sie sich uns zeigen. An die Stelle primitiver Gepflogenheiten ist der Zwischenhandel getreten, gelegentlich sogar der Kettenhandel. Das wimmernde Gespenst im nächtlichen Korridor, der Schrecken unserer Großeltern, verkümmert unbeachtet wie der kleine Detaillist. Wo früher Nekromanten strebend sich bemühten, in langen, zergrübelten Nächten Faustens Locke früh erbleichte, da besorgen heute redlich schwitzende Mittler den Transit, und unter Stöhnen und Krämpfen löst sich aus Mund und Nasenlöchern die kostbare Fracht der Materialisation. Frau N.N., die das Gericht zur Wahrung ihrer medialen Ehre anruft, legt Wert darauf, daß sie Amateurin sei und kein Berufsmedium. Würde dieser Prozeß 300 Jahre früher spielen, und zwar vor einem hochnotpeinlichen Halsgericht anstatt vor aufgeklärten Berliner Schöffen, dann würde die Dame nicht so stark den rein liebhaberischen Charakter ihrer supranaturalistischen Extravaganzen unterstrichen haben. Ebensowenig hätte der gelehrte Geheimrat C.C. Gewicht gelegt auf die Behauptung, daß es mit den Geistern nichts auf sich habe, vielmehr als Expert der Anklage festgestellt, ausgerüstet mit dem ganzen Wissen seiner Zeit , daß die Beklagte als Teufelsbuhle des Todes schuldig sei. Nun sind glücklicherweise diese finsteren Zeiten vorüber. Frau N.N. wird nicht auf offenem Markt gegrillt, sondern lechzt selber mit weitgeöffneten Nüstern danach, das röstende Schmer des Skeptikers zu riechen. Aber gerade, daß Frau N.N. kein Berufsmedium, das wurmt den Herrn Geheimrat C.C. Mit einer Geisterseherin von Profession, meint er, da kann man herumexperimentieren, so viel man will; da wird eben bezahlt. Eine Amateurin hingegen muß aus gesellschaftlichen Rücksichten so delikat behandelt werden, daß man überhaupt zu keinem Resultat kommt. Glattes Geschäft, nicht wahr? Es wird gezahlt und dafür haben die Geister prompt und reell zu erscheinen. Wenn nicht, Kontraktbruch, Konventionalstrafe. Pünktlichkeit ist erste kommerzielle Tugend. Da das der Standpunkt der kritischen Wissenschaft, kein Wunder, daß in die Geister ein Zug von Betriebsamkeit fuhr und daß sie, um der vermehrten Nachfrage gerecht zu werden, begannen, durch Quantität zu bluffen. Geheimnisvolle Stimmen redeten durcheinander wie eine unsichtbare Synagoge, weißliche Figuren flogen wie Schnupftabak in der Luft herum, Blumensträußchen, hübsch mit Draht und Seidenpapier, fielen von irgendwo herunter, draußen im Flur polterte es und niemand wußte, warum, und die Feuerzange übte selbsttätig Kopfstand. So war es noch vor ein paar Jahren. Leider stellte sich bald heraus, daß auch die Geisterwelt in die unsoliden Geschäftstendenzen der Inflationszeit geraten, die Grüße aus dem Jenseits erwiesen sich als Tinneff und ein aschgrauer Kater ergriff Besitz von den Empfängern der transzendentalen Produktion. Materialisationsphänomene, vor kurzem noch ein begehrter Handelsartikel, flauten ab, und die Vertreter der Wissenschaft fungierten als Warenpolizei, unerbittlich darauf bedacht, unredliche Kommissionäre zu überführen. Es gibt aber einen bestimmten Blickpunkt, von dem aus die Medien ebenso komisch erscheinen wie ihre Jäger und Fallensteller. Wer sich verguckt hat in das Phänomen des lebenden Menschen, in die hinreißende Problematik der tausend kleinen alltäglichen Wunder, der läßt hinfort die Toten ruhen und die Medien transpirieren. Wie ein Gedanke wird, wie eine Empfindung aus dunklem Untergrund wächst, das ist unendlich mysteriöser und aufregender als die Tatsache, daß einem bewußtlosen, gefesselten Wesen für den Bruchteil von Minuten ein Verbandwatte-ähnlicher Stoff aus der Nase fährt. »Warum soll der Tisch nicht rücken? Der Klügere gibt nach«, sagte der alte Humboldt. Lassen wir ihn ruhig rücken ... Das Tage-Buch, 11. Juli 1925 552 Erziehung durch die Rotzneesen Die Berichte über den Prozeß gegen den Wikinghelden Rehnig wegen der Erschießung des Reichsbannermannes Schulz sind gespickt mit der parenthetischen Bemerkung: Heiterkeit . Es muß demnach also ein sehr lustiger Fall sein, so als ob es sich nicht etwa um die Sühnung einer Bluttat handelte. Bei näherem Zusehen wirkt die Sache allerdings etwas anders. Herr Landgerichtsdirektor Dust ist keiner jener Gerichtsvorsitzenden, von denen Ströme forensischer Heiterkeit ausgehen. Man kennt sie, diese jovial-humorig eingestellten Richter. Mit freundlichem Lächeln stellen sie an zappelnde Beklagte und schüchterne Zeugen listige Vexierfragen. Der Zuschauer weiß: jetzt sitzt er in den Maschen, jetzt gibts eine faule Ausrede und fühlt sich angenehm angeregt von dem heitern Jagdspiel. Und wenn der arme Teufel dann wirklich die fällige Sottise gesagt hat, dann bricht rundum die erforderliche »Heiterkeit« aus, und auch der humorige Richter schmunzelt im Vollbewußtsein seiner geistigen Superiorität. Nein, von dieser Art ist der Herr Landgerichtsdirektor Dust nicht. Herr Dust ist kein Erreger von Lustigkeiten, sondern ihr Objekt. Nicht in seinen Fragen kichern die Lachgeisterchen, sondern in den Antworten seiner Zeugen . Nicht die Zeugen stehen begossen, sondern der Herr Vorsitzende sitzt unter einem feinen, warmen Frühlingsregen munter plätschernden Gelächters (mit respektvoller Dämpfung natürlich). Ein Zeuge vom Reichsbanner, ein Dachdeckerlehrling z.B., vertrat die Ansicht, daß es unerhört sei, wenn »so eine Rotzneese« mit dem Revolver herumlaufe. Es entspinnt sich folgender Dialog: Vorsitzender: Wie nannten Sie ihn? Zeuge: Rotzneese. Vorsitzender: Wie alt sind Sie denn? (Wer sieht hier nicht, wie sich die überlegene Geistigkeit des Vorsitzenden im Adlerflug erhebt, um dem Dachdeckerknaben die verdiente Blamage zuteil werden zu lassen?) Zeuge: 19 Jahre, aber ich laufe ja auch nicht mit der Pistole herum . Der Adler kommt herab. Aber nicht im verwegenen Stoß dieser königlichen Vögel, sondern wie eine bleierne Ente. Ungehemmt ergießt sich aus vielen Schleusen der Strom der Heiterkeit, doch nicht der kleine Dachdecker ist gepantscht. Dieses Jüngelchen aus dem Volk hat dem gelehrten Herrn Juristen ein wunderbares Privatissimum erteilt. Er hat den Kern des Prozesses bloßgelegt, ganz anders als Staatsanwalt und Richter, die mit ihren Erwägungen, ob Notwehr oder nicht, ihn mehr begruben als klarstellten. Es wäre von erzieherischem Nutzen, wenn die Rotzneesen öfter das vorlaute Riechorgan in die Gerichtssäle stecken würden. Die Herren im Talar könnten davon profitieren. Es gibt nichts Erfrischenderes als dieses alte Duell zwischen Juristerei und Volkswitz. Leider haben in diesem Prozeß die Rotzneesen nur eine Episodenrolle spielen können. Herr Dust hat die erstaunliche Anschauung bekundet, daß es keine strafbare Handlung sei, in die Luft zu schießen , daß es dagegen nicht erlaubt sei, einem drohenden Raufbold den Schießprügel fortzunehmen. Auf dieser Basis wurden Verteidigung und Gerichtshof einig. Jung-Rehnig sieht mit Vertrauen dem Revisionsverfahren entgegen. In der Urteilsbegründung wurde ihm immerhin bescheinigt, daß er die Sympathie des Gerichts nicht genieße . Was wird sich der Wackere dafür kaufen? In der Satzung des Wiking-Bundes steht nichts davon, daß die Mitglieder sympathisch wirken sollen. Jedenfalls gehört er nicht zu denen, die an der deutschen Justiz zu verzweifeln brauchen. Er kann in der Zwischenzeit ruhig ein paar Rotzneesen mehr zur Strecke bringen. Das wird heute ebenso wenig krumm genommen wie Anno Brüsewitz. Dennoch wird der Wiking-Mann sich sagen, daß ohne das energische Auftreten und den uneingeschüchterten Wahrheitsmut der jungen Belastungszeugen das Gericht sich sicherlich nicht einmal dazu aufgeschwungen hätte, das freisprechende Urteil mit einer milden moralischen Ohrfeige zu verschärfen. Ohne die Belehrung durch die jungen Zeugen hätte der Herr Staatsanwalt vielleicht nicht erst ein Jahr Gefängnis beantragt, sondern gleich für die Verleihung der Rettungsmedaille plaidiert. Montag Morgen, 13. Juli 1925 553 Eröffnung des Kommunisten-Kongresses Die K.P.D. vor der taktischen Schwenkung Berlin , 12. Juli Vor dem Landtagsgebäude tummeln sich Jungen in weißer russischer Tunika mit roten Aufschlägen. Auf der Freitreppe steht ein halbwüchsiger Schillerkragen; er scheint als Kommandeur des friedlich spielenden Jungsturms zu fungieren. In den Wandelgängen Ausstellung revolutionärer Plakate. In allen Sprachen. Flammende Proklamationen an »Arbeiter, Soldaten und Bauern«; grelle Fratzen, diabolische Verzerrungen: die bürgerliche Gesellschaft und ihre Sachwalter. (Der George Grosz-Stil wird international.) Der Plenarsaal füllt sich langsam. Der Raum ist den Zwecken des Tages entsprechend dekoriert. Über dem Präsidentenplatz ein transparentes Leninbild , die Rednertribüne von zwei Büsten, Marx und Engels, flankiert; bärtige Kirchenväter, Orthodoxe, frei von Zweifeln, seltsame Gäste auf diesem Konzil ihrer schon längst kritisch gewordenen Jünger. An den Wänden rote, golddurchwirkte Banner; Tribüne und Emporen mit rotem Tuch drapiert. Man glaubt gar nicht, daß es so viel Rot in Deutschland gibt ... Unter den Delegierten fallen zahlreiche fremdländische Typen auf. Besonders Ostasien scheint gut vertreten zu sein. Man sieht zahlreiche Chinesen. Und das ist kein Wunder, seitdem Herr Sinowjew die in Mitteleuropa versackende Weltrevolution nach dem fernen Osten strafversetzt hat. Ob die gelben Genossen hier in diesem Konvent viel Revolution lernen werden? Die Mehrheit der deutschen Delegierten besteht aus jenem etwas trocken behäbigen Funktionärstyp, den man auf allen Gewerkschaftskongressen sehen kann. Hier im Saal verschwinden die Russenkittel in der Menge bourgeoiser Sakkos und Cuts. Die Stimmung ist gedämpft , wenn nicht gedrückt. Die K.P.D. ist trotz der lauten Sprache ihrer Presse und Propagandisten eine Partei auf dem Abstieg. Diese Versammlung wird wohl in vielfacher Hinsicht entscheidend sein. Die bisherige »revolutionäre« Taktik hat Bankerott gemacht. Wie und wo bietet sich nun die Möglichkeit einer neuen Taktik , ohne den Bankerott weiterzutreiben? Nur zu deutlich ist auf den indifferenten Gesichtern der Delegierten zu lesen, daß in den öffentlichen Verhandlungen nicht das Schwergewicht der Tagung ruht. Die Entscheidung wird hinter verschlossenen Türen fallen, in Kommissionen, vielleicht Konventikeln. Geschäftig eilt Frau Ruth Fischer von einer Gruppe zur andern. Nirgends schwingt eine Erregung mit. Herr Thälmann eröffnet mit einer trockenen Allerweltsansprache. Er spricht ohne Salz und Pfeffer, sogar ohne stimmlichen Aufwand. Er spricht über alles. Über Deutschland, Rußland, Dawesplan, Stabilisierung, passive Handelsbilanz, Zankoff und Abd el Krim. Die Trostlosigkeit des Vortrags, das knarrende Organ verleitet, wenn man einen Moment die Augen schließt, zu der Vorstellung, es wäre nicht Herr Thälmann, der hier spricht, von den Affichen der Präsidentschaftskampagne als der revolutionäre Musterarbeiter bekannt, sondern Herr Stegerwald, der Erfinder der Volksgemeinschaft und der Sonntagsangelegenheit. Dann übernimmt Herr Geschke den Vorsitz und verliest die obligaten Begrüßungstelegramme. Plötzlich kommt Leben in den verschlafenen Sonntagmittag-Konvent, als der Vorsitzende dem Vertreter der Executive das Wort erteilt. Auf der Tribüne, zwischen Marx und Engels, steht der Parolenträger Moskaus . Der Namenlose, der Sprecher eines Bundes Namenloser, an deren Drähten immerhin heute etliche Millionenvölker zappeln. Ein schönes, gebräuntes Männerantlitz mit Augen von Feuer und Intelligenz blitzend. Die Delegierten haben sich erhoben und singen stehend die Internationale. Dann beginnt der Redner in klingendem Französisch ein Anathema der Sozialdemokratie aller Länder. Wieder legt sich die große Langeweile auf die Geister. Was kommt es hier auf das öffentlich Gesprochene an? Der alte Kampfchoral der proletarischen Revolution ist verhallt. Auf diesem Kongreß wird nur vor den Kulissen gesungen ... Montag Morgen, 13. Juli 1925 554 Papas Ehe Eine ganz neue Art von Memoirenliteratur droht anzubrechen. Die erste und längste Periode war, daß man sich selbst erinnerte. Memoiren waren Aufzeichnungen von Begebenheiten, Beichten; Leben und Zeit, gesehen durchs eigene Temperament. Dann kam eine Periode, da man andere sich erinnern ließ (Rosner). Und nun beginnt eine völlig andere Ära, in der die Kinder die Erinnerungen ihrer Väter interpretieren und korrigieren. Tolstois Tochter reist in aller Welt herum und hält aufklärende Vorträge über das Eheleben ihrer Eltern. Auch Strindbergs Tochter schreibt ein Buch über ihren Vater, um endlich einige weit verbreitete Mißverständnisse zu beheben. Das ist nur ein Anfang. Strindberg und Tolstoi waren beide keine jener abgekapselten Seelen, die ihr Leid in sich hineinfraßen und Biographisches nur zwischen den Zeilen mitschwingen ließen. Nein, sie rissen ihr Inneres schonungslos auf, sie zerfetzten den Vorhang ihrer Seele und schrien es in die Welt hinaus: Seht, so bin ich! Sie haben nichts geheimgehalten, wollten nichts geheimhalten. Noch klingt ihr Schrei in unseren Ohren, und viele Generationen noch werden ihn hören. Kann man einen Todesschrei fein säuberlich analysieren? Oder kann man über den Schrei des frechen, roten Lebens Abhandlungen schreiben? Ach, die lieben, guten Wesen melden sich mit geschwungenem Gouvernantenfinger zu Wort: So war Papa! Sie waren ja immer dabei und wissen es deshalb ganz genau, wie und warum Papa nein sagte und Mama ja und umgekehrt. Es ist eine Art familiären Philologentums, das sich da vorbereitet, nur daß dieses da beginnt, wo das alte aufhörte. Denn wenn die Zünftigen den großen Mann immer nur in Gala sahen und sehen wollen, so sehen diese den Mann immer nur im Schlafrock, immer nur in der Intimität täglichen Umgangs. Natürlich hat die Sache einen Haken: Papa hat nämlich schon selbst gesprochen. Aber was kümmert's die guten Kinder? Die sprengen Türen, die längst geöffnet, und entdecken Mysterien, die seit Jahren offen im literarhistorischen Museum zur Schau stehen. Sie kommentieren längst Bekanntes und verrühren Vaters Seelenleben zu Omelettes aux Confitures, wobei die Konfitüren von ihnen stammen. Dabei sind sie immer etwas animos, immer echt weiblich ungerecht gegen Mama. Denn Papa ist laut Attest in die Unsterblichkeit eingegangen und Mama, Gott, Mama ist eine kleine Frau gewesen – was wußte die viel von Papa? Ob es bei Lebzeiten Papas auch schon so war? Damals hatte Mama noch die Mitwelt für sich, die sie bedauerte, die Frau eines so problematischen, unberechenbaren Mannes zu sein. Und die Familie pflegt sich in solchem Fall zu Mama zu schlagen. Das ändert sich gewöhnlich erst, wenn die Nachwelt ihr Votum abgegeben hat. Wenn die Universitäten erst Papas Herme mit dem Lorbeerkranz geziert haben, dann fängt selbst seine Familie an, sich für ihn zu interessieren. Aber wie, wenn das Beispiel der Tolstoi- und Strindberg-Tochter Nachahmung finden sollte? Man sieht deutlich eine furchtbare Mode heranziehen. Denn unsere Töchter werden sich nicht damit begnügen, milde und pietätvoll einen Toten zu interpretieren, sie werden mit ihren Studien schon am lebenden Objekt beginnen. Und wer weiß, ob die jungen Damen, in ihrer Ungeduld, die Leute mit deinem internen Habitus bekannt zu machen, bis zu deinem Ableben warten. Das ist ein freundlicher Aspekt! Armer Papa, du hast den letzten friedlichen Tag verlebt – deine Rangen werden in die letzten Bezirke deines Unterbewußtseins dringen, bewaffnet mit der ganzen Armatur der Psychoanalyse. Und junge Mädel haben auch ohne das schon Augen wie der Teufel  ... Eine Möglichkeit bleibt dir noch immer: du kannst mogeln. Genau so, wie ich überzeugt bin, daß Goethe ausgerechnet sein Leben so gelebt hat, um seinen Biographen ein Schnippchen zu schlagen. Wenn sie dich obduzieren wollen, über eines kommen sie doch nicht hinweg: es bleibt noch immer die Barriere des Geschlechtes. Denn mag das Ei auch manchmal klüger sein als die Henne, niemals weiß es mehr als der Hahn. Das Tage-Buch. 18. Juli 1925 555 Die schreibenden Kommissare Hochgeehrter Herr Polizeipräsident! Immer und gern ist von uns anerkannt worden, daß in dem riesenhaften und komplizierten Amtsbetrieb am Alexanderplatz ein frischer Wind weht, seitdem Sie und Herr Dr. Friedensburg dort regieren. Wenn wir Sie heute persönlich apostrophieren, so geschieht es, um Ihre Aufmerksamkeit auf einen groben Unfug zu lenken, der nicht nur politisch bedenkliche Momente enthält, sondern vor allem auch eine einzige grobe Versündigung am guten Geschmack bedeutet. Es handelt sich um die literarische Betätigung Ihrer Herren Kriminalkommissare. Herr Polizeipräsident, wir flehen Sie an, stopfen Sie den Herren den redefrohen Mund, entwinden Sie ihnen die einen nützlichen Beruf diskreditierende Feder. In allen Zeitungsblättern breiten sich die journalistischen Beiträge der Herren wie eine Entenpest aus. Hier gibt Herr X. seine Abenteuer zum besten, dort verzapft Herr Y. tiefsinnigen theoretischen Hokuspokus über das Seelenleben des Massenmörders A. oder tiefgreifende Erläuterungen über die Spezialtricks der hochbegabten Taschendiebin Fräulein C. Ganz davon abgesehen, daß es, milde gesagt, überflüssig ist, wenn Amtspersonen die Interna illegaler Wissenschaften popularisieren, diese Elaborate sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, spottschlecht nach Stil und Inhalt und deshalb geeignet, von der Intelligenz unserer Polizei entmutigende Vorstellungen zu erwecken. Jetzt ist der Unsinn schon bis zum Mißbrauch des Rundfunks gediehen. Den hat kürzlich Herr Kommissar Engelbrecht okkupiert, um über seine bulgarischen Eindrücke zu berichten. Was geht es uns an, wie Herr Engelbrecht über Bulgarien denkt? Aber es geht uns sehr wohl an, wenn er, der Beamte der Republik, als funkender Rhapsode der Zankoff-Henker auftritt und mit Bedauern mitteilt, daß die Regierung nicht noch schärfere Maßnahmen ergriffen habe. (Bis jetzt, Herr Kommissar, sind immerhin gegen 200 Menschen durch die Standgerichte abgeurteilt worden. Ganz zu schweigen von den vielen anderen, die teils »auf der Flucht« erschossen, teils »wegen Widerstand bei der Verhaftung« niedergemacht wurden.) Und wenn Herr Engelbrecht weiter sagt, daß für die drei Kirchenattentäter »die Foltern des Mittelalters nicht schlimm genug gewesen« wären, so weiß man nach dieser Feststellung, wo seine Sympathien zu suchen sind. Aber es erhebt sich damit auch die ernste Frage, ob dieser freudige Beifall für bulgarische Methoden etwa seine Berliner Arbeitsweise beeinflußt? Jedenfalls bedanken wir uns für eine Verhimmelung fremder Polizei-Brutalitäten und für eine Internationale der Daumenschrauben. Es liegt uns fern, Herr Polizeipräsident, die Herren innerhalb ihres Wirkungsbereiches herabsetzen zu wollen. Wir haben uns hier nur mit ihren schriftstellerischen Leistungen zu befassen. Und da halten wir es allerdings nicht für zweckdienlich, wenn sie Bruchstücke zusammenhanglos in greller Beleuchtung zur Schau stellen, ohne psychologische Ahnung und leider auch oft ohne Ehrfurcht vor dem Menschenleben, ganz im Jargon eines fühllos gewordenen Professionalismus. Herr Polizeipräsident, machen Sie dem ärgerlich werdenden Schauspiel ein Ende. Die Herren haben ja innerhalb ihrer eigenen Branche noch so unendlich viel zu tun. Geben Sie uns den Glauben an unsere Polizei wieder. Sie ist wirklich besser als sie schreibt. Montag Morgen, 20. Juli 1925 556 Das Fragezeichen hinter Raskolnikoff Unter den vielen Seltsamkeiten aus dem Fall des Massenmörders Angerstein hebt sich die eine am schärfsten heraus und ist deshalb wohl auch am wenigsten beachtet worden: – daß nämlich dieser des achtfachen Mordes Überführte im Gefängnis an die zwölf Pfund zugenommen hat und daß er, der zeitlebens von Schlaflosigkeit Geplagte, seit seiner Tat sich einer vorzüglichen Nachtruhe erfreut. Man hielt sich nicht lange mit der Deutung auf, unterdrückte die immerhin beunruhigend nahe Frage, multiplizierte ganz einfach die gerichtlich festgestellte Bestialität des Mannes mit 10 000. Was, dieses Scheusal ißt und trinkt und schläft?! Der hat gefälligst unter seinem Kainsmal zu ächzen, sich nachts wimmernd auf der Pritsche zu wälzen, das kurze Dämmern verwünschend, das ihm nur Alb und Traumgespenster bringt und nicht Erquickung. Das ist die Tradition. Literatur präokkupiert unsere Phantasie. Wir erwarten normale Komposition des Dramas. Wir sind erbost, wenn es sich nicht in hergebrachter Weise formt. Was sollen wir mit einem Missetäter beginnen, der die klassische Dramaturgie mißachtet? Warum hat der dürftige Kleinbürger, den sie in Limburg aburteilten, nicht etwas Zerknirschung markiert, die berühmte »ehrliche Reue« gezeigt? Wie viele nette Züge hätten sich nicht unverhofft an ihm entdecken lassen. Oder wäre er nur frech gewesen, zynisch und roh, voll dreisten Hohnes, die Kritik würde ihm den scheußlichen, aber imponierenden Charakter shakespearischer Mörder attestiert haben. Unglücklicherweise wurde er weder lamentabel noch unverschämt, sondern blieb unerschütterlich korrekt. Er ersuchte um bessere Kost, um den Anstrengungen der Verhandlungen gewachsen zu sein, so wie ein Pensionsgast höflich darauf aufmerksam macht, daß er für sein Geld eigentlich noch eine Süßspeise beanspruchen könne ... Oder, himmlischer Pirandello, hast du in das Ressort dieses irdischen Kollegen eingegriffen und den Siebenten an den verkehrten Autor geraten lassen?   Red' ich von dir, red' ich von ihm, Gewissen, du Schreckgespenst auf meinem Pfad ...? Aus einer alten englischen Tragödie. Steht als Motto über »William Wilson«, Poes grausigster Schuld-und-Sühne-Geschichte. Wirklich ... Schreckgespenst? Zischen der Nattern des Abgrunds, Vision aufbrechender Wunden – gibt es das ... wirklich? Hat nicht hier die Literatur, als furchtbare Ergänzung jener Gerechtigkeit mit Ruten und Beil, imaginäre Pönitenzen erfunden, von denen der Richter sich nichts träumen läßt? Hat sie nicht erst das kalte, nüchterne Gerüst des Verbrechens mit dem Purpur einer sinistren Majestät umkleidet? Qualen ersonnen, auf die keines Folterknechtes Phantasie kam, indem sie dem Missetäter das Inferno in die Brust setzte ...? Aber Angersteins Speck scheint mir unheimlicher als Raskolnikoffs hohle Wangen. Der Verbrecher der Dichtung, der der Verbrecher unserer Vorstellung ist, springt aus dem Alltag heraus ins Ungemessene, in die Region böser Geister und ewigen Unfriedens. Dieser Eine aber sah die Gespenster nicht nachher, sondern vorher. Und so schlug er sinnlos hinein in seinen Alltag, zerschlug alles, was ihn daran gemahnte. Und hatte Frieden. Fort die Gespenster, fort die Angst. Der Schuldbeladene war wie in einen Stand von Unschuld zurückgekehrt. Sind also alle unsere Begriffe von Schuld und Sühne, von Gewissenspein und Verfolgtsein durch die Tat nur Aufgeschwatztes, Anerzogenes, Angelerntes? Wer weiß es? Gewiß, du und ich, Freund, wir schlachten keine Menschen. Aber ist nicht das, was uns immer am meisten zwickt, Erinnerung an Nicht-Begangenes? Was für ein gräßliches Inventar schleppst du nicht mit dir, Stunde für Stunde! Gedrosseltes Wollen, Gelüste, kolonnenweis niedergemähet, zerpreßt schon im Bruchteil der Sekunde, da es verhängnisvoll aufblitzte. Das Kaum-Gedachte, Niemals-Gewordene, das schleppst du mit dir herum. Strandgut der Piraterie des Gedankens: – Haß und Liebe, gemeuchelt mit der ganzen ungeheuren Energie der Feigheit, nie geküßte Küsse, schnell erstickte Brünste, Revolverkugeln im Lauf verblieben, Versuchungen, abgekillt im Dunkeln. Ah, wie das gärt und brodelt! Du hältst es sicher hinter moralischen Kombinationsschlössern, von denen du allein die Chiffre weißt. Da liegt es durcheinander, im Hirnschlamm verwesend. Aber die Miasmen dringen durch die feste Wand, schleichen sich parasitenhaft ins Blut, setzen sich um in die vielen kleinen, schmuddligen Friponnerien des Tags ... Du kennst sie, die Gefahrzone in dir, umfriedest sie mit Idealismus, Ethos, Grundsätzen und all den andern niedlichen bunten Glitzersteinchen. Dem Schutze des Publikums empfohlen. Hunde sind an der Leine zu führen! Das ist das Museum deines Lebens, wie es sein könnte, das Schattenreich des Ungeschehenen, tausendmal ärger als die Hölle gläubiger Fabulisten.   Ein zierliches Lawendelgemüt aus dem Biedermeier hat ein Büchlein geschrieben »Zur Diätetik der Seele«. Seitdem sind wir erheblich fortgeschritten. Die Therapie für Seelenleiden wächst aus den Kinderschuhen, der irdene Topf der alten Vorurteile geht zu Scherben. Vielleicht werden bald findige amerikanische Nervenärzte bei depressiven Zuständen, verbunden mit schlechtem Appetit und Schlaflosigkeit, einen kleinen Totschlag verordnen, so wie früher Hühnerbrühe und Biomalz. Du bist enttäuscht. Eine Illusion wurde leck und sinkt. Dieser Herr da, der mit unverkennbarem Ausdruck leiblicher und geistiger Saturiertheit durch die Leipziger Straße geht, hat eben seine Feinde massakriert und die Reste unter Petroleum gesetzt. Da geht er hin, sorglich die Gesetze achtend, kreuzt den Fahrdamm im vorgeschriebenen Winkel von 90 Grad. Es sind keine Schatten um ihn, es ist kein Stöhnen in der Luft. Die Furien, beschauliche ältere Damen mit Embonpoint, sitzen an der Ecke bei Aschinger und essen Bockwurst mit Salat. Das Tage-Buch, 25. Juli 1925 557 »Stresemannitis« Es gibt auch in der Politik ansteckende Krankheiten. Eine der gefährlichsten ist die Stresemannitis , ein Übel, das zunächst die Sehorgane angreift, dann, fortschreitend, die Wirbelsäule verkrümmt. Ein weiteres Symptom besteht in einer bedenklichen Gedächtnistrübung. Dafür rutscht der Intellekt in die Fußspitzen. Der Erkrankte fühlt, um sich Erleichterung zu verschaffen, ganz unwiderstehlich, den Zwang, zu rotieren, immer wieder zu rotieren. Das ist die Stresemannitis oder Karussellkrankheit , die besondere deutsche Politikerseuche, gegen die ein Serum noch nicht gefunden wurde. Es schützt weder Alter, Geschlecht, Konfession, Parteizugehörigkeit, Intelligenz. Gerade die schärfsten Köpfe sind dem Ansteckungsstoff scheinbar am ersten ausgeliefert. Eines der beklagenswertesten Opfer ist der Abgeordnete von Raumer , der Wirtschaftsminister der großen Koalition. Seit langem nagte die Krankheit im Geheimen an den Kräften des einst durch einen geistigen Gradehalter, durch Verstand, und stets schlagbereiten Witz ausgezeichneten Deputierten. Sie wurde akut im handelspolitischen Ausschuß bei der Beratung der Automobilzölle , als er ganz unvermittelt vom Bekämpfer der Automobilzölle zu ihrem Verfechter wurde. Er meinte, der Zollschutz sei notwendig als »Schutzschirm zur Umstellung«, um für die Konkurrenz auf dem Weltmarkt zu rüsten. (Man beachte diese verschwimmende, abstrahierende Ausdrucksweise. Sie ist ein untrügliches Kennzeichen , wie weit die Stresemannitis vorgeschritten.) Da griff der Abgeordnete Lemmer ein, das jüngste und lebendigste Mitglied des Reichstages, aber klinisch unerfahren. Deshalb verkannte er völlig die Erkrankung und begann gegen Herrn v. Raumer so zu polemisieren, als hätte er wirklich einen ganz Gesunden vor sich. Er erinnerte daran, daß die Denkschrift des Reichsverbandes der elektrotechnischen Industrie am Ende des vorigen Jahres, von Herrn v. Raumer mitunterzeichnet, sich aufs schärfste gegen zollpolitische Absichten ausgesprochen habe. Dann sei Bosch in Stuttgart ungemütlich geworden. Habe zu verstehen gegeben, daß er die Bestellungen bei der elektrotechnischen Industrie revidieren müsse, wenn nicht die dort betriebene Agitation gegen die Automobilzölle aufhöre. Gewiß, das ist eine Entwicklung im Automobiltempo. Aber trotzdem, so spricht man nicht zu einem Kranken, Herr Lemmer! Herr v. Raumer wurde dann auch sofort von einem neuen Anfall geschüttelt. Er war sehr erregt und rief dem Herausforderer zu, er habe eben inzwischen zugelernt, und zwar nicht von Bosch, sondern von Prof. Schlesinger , der ihn völlig bekehrt habe. Es gab darauf Krach im Ausschuß. Anstatt den Patienten augenblicklich zu isolieren, reizte man ihn immer mehr. Und er wippte und rotierte immer heftiger. So ist die Stresemannitis. Kein Politiker ist vor ihr sicher. Alle faßt sie, den vielwissenden Hilferding, den pathetischen Breitscheid, den prinzipienfesten Hergt, den ironischen Raumer. Was wird einmal aus dem temperamentvollen Lemmer werden ...? Hirtenknabe, Hirtenknabe, Dir auch singt man noch einmal ...! Montag Morgen, 27. Juli 1925 558 Arsène Lupin Mindestens einmal im Leben kommt jeder Mensch, entweder handelnd oder duldend, mit dem Verbrechen in Berührung. Netter als ein Intermezzo mit dem kleinsten Langfinger ist die Bekanntschaft mit Arsène Lupin, dem Napoleon der Kriminalität. Zwar verschmäht auch er nicht, wenn es sich halt so trifft, ein paar Banknoten mitzunehmen, die irgendwo lose in der Brusttasche stecken, aber er klaut mit königlicher Grandezza, er stiehlt sein Opfer gleichsam zum Ritter. Seine eigentliche Sphäre ist die der Sensationen des Grafen von Monte Christo. Er arbeitet nicht aus Genußsucht oder Raffigkeit, sondern des Problems wegen. Vielnamig, vielgestaltig akquiriert er die Salons, kapert er die Frauen, wird er zum Gesetzgeber der letzten Eleganz. Als echter Franzose besorgt er zugleich die Reportage seines Ruhmes. Er spricht und schreibt selber die Kommentare zu seinen Heldenstücken, tönende Bravaden, deklamiert mit der oratorischen Fülle einer dreißigmündigen Kammerfraktion. Komisch diese internationale Beliebtheit des Kriminalromans. Die Gattung ist nicht auszurotten. Immer wieder die alten Sujets mit neuem Gesicht. Der gute Pädagoge warnt vor den Verheerungen dieser Lektüre. Warum? Wer zu krimineller Aktivität inkliniert und danach lebt, der wird sich sehr wundern, daß es so etwas auch geschrieben gibt. Er würde übrigens nicht viel davon profitieren. Nicht einmal von Arsène, dem Meister des Fachs. Denn seine Vergehen sind gigantisch und nicht von dieser Erde der kleinen Morde und der großen Fälschungen. Es ist wohl die entzückende Unwirklichkeit, die der Detektivnovelle ihren Reiz gibt. Es ist Romantik, nicht historisch garnierte, sondern heutige. Das Massiv der vertrauten sozialen Formen löst sich, aus der Nüchternheit des Tags springen die Kobolde des Zaubermärchens. Die unnahbare Ballschönheit, eben noch umschwärmt von der Herren-Elite, tritt vors Haus, schürzt die Robe und klettert, als wäre es gar nichts, die Fassade hoch, bis zum vierten Stock, wo schon der Komplize wartet, als Chef der Sicherheitspolizei maskiert. Der Untersuchungsrichter hat für einen Augenblick das Zimmer verlassen. Der Protokollführer, ein dürftiges Männchen von vierzig immakulaten Dienstjahren, hält plötzlich dem Zeugen einen Browning unter die Nase und zwingt ihn, die Aussage zurückzunehmen. Er gehört mit zur Bande. Simple Mietswohnungen sind mit Versenkungen und geheimen Tapetentüren ausgestattet. Ein Druck auf den Knopf und der Ofen verschwindet als Fahrstuhl in den Keller hinunter. Die andern Leute im Hause merken nichts. Teils schlummern sie, von einem Schlaftrunk betäubt, teils liegen sie hinten in der Garage, gebunden und mit einem Knebel im Mund. Nichts ist nämlich einfacher als das Knebeln. In dieser ganzen Literatur gibt es eine Unzahl von Personen, die einzig zum Geknebeltwerden in die Handlung eingelassen sind. Hin und wieder flößt man den Ärmsten etwas Haferschleim ein, damit sie den Glauben an die Menschheit nicht völlig verlieren. Über die sonstigen Leibesfunktionen wird merkwürdigerweise Schweigen gewahrt. So liegen sie da, für Stunden, Tage, Wochen, je nach Bedarf. Manchmal vergißt der Autor sie im Sausetempo der Ereignisse auch ganz. Und wenn der Portier sie nicht gefunden hat, so lagern sie heute noch. Aber Lupin ist der wunderbare Magus, der Prospero vieler Calibane. Umgeben von ungezählten dienstbaren Geistern, die mit Blendlaterne und Brecheisen die harte, aber zum Gedeihen der Firma notwendige Kleinarbeit leisten. In schwindelnder Höhe, unerreichbar der beengten Intelligenz der Polizei, thront der Gewaltige, im Schmuck von zwanzig falschen Bärten – ein übernatürliches Wesen. Nur daß er von Zeit zu Zeit Prügel bezieht, bringt ihn uns menschlich näher. Ja, er bezieht mehr Prügel als irgendein anderer Romanheros seiner Art. Die schöne Frau steigt ins Auto. Er hinterdrein. Da reckt sich im Innern des Wagens eine machtvolle Faust und senkt sich wuchtig auf unseres Helden Nase. Er bleibt bewußtlos liegen. Das Auto saust davon. Abgesehen von solchen Zwischenfällen verläuft sein Tagwerk so: »Um halb drei Uhr verabschiedete er sich von seinen Wirten, ließ an der Avenue Kleber halten ... Um drei Uhr duellierte er sich auf Säbel mit dem italienischen Major Spinelli, schlug beim ersten Gang seinem Gegner das Ohr ab und hielt um drei Viertel vier im Cercle der Rue Cambon die Bank; von dort zog er sich um fünf Uhr zwanzig mit einem Gewinn von 47 000 Franken zurück. Alles das ohne jedwede Überstürzung, mit einer vornehmen Gleichgültigkeit ...« So anstrengend ist das Leben eines Abenteurers. Vor fünfzehn Jahren machte ich zuerst seine Bekanntschaft. Dann war er lange, lange verschollen. Jetzt taucht er wieder auf in Läden und Kiosken. Aus buntem Umschlag von fast transzendentaler Kitschigkeit schaut er mich an, der Kavalier-Einbrecher, mit der kompletten Lasterschönheit des gefallenen Engels, das rechte Auge mit stahlblauem Monokel bekleidet. Ein Pandämonium von Kolportage wird lebendig; du wunderst dich, daß die Setzmaschine nicht vor Schrecken Polka tanzte – – und liest weiter. Dieser ganze hirnverbrannte Hokuspokus mit den Perücken und Falltüren und den Badewannen, die listigerweise so eingerichtet sind, daß sie jederzeit als Automobil gebraucht werden können, alles das provoziert den Verstand, aber schmeichelt in irgend etwas der Phantasie. Cervantes rettete Amadis von Gallien vor dem Feuertod der andern Ritterbücher. Lieben wir ihn noch immer heimlich? Eine Saite schwingt in uns mit, widerwillig, aber ... Heiliger Don Quichotte, bitte für uns! Das Tage-Buch, 1. August 1925 559 Roter Rummel im Lustgarten Zwischen Museum und Schloß, um die Domtreppe, um das Reitermonument in Parkmitte sammeln sich sehr frühzeitig Trupps von jungen Leuten mit allerhand phantastischen Abzeichen. Die Gedanken wandern zurück. Dieser Sonntag, dieser Platz gehörten durch vier Jahre den Friedensfreunden. Von hier aus ging der Ruf »Nie wieder Krieg!« in die Welt. Wie lange ist das her ... Militärmusik. Schmetternde Fanfaren, dumpf rasselnde Trommeln. »Sind das die Franzer oder die Elisabether?« fragt jemand. Irrtum, es ist die K.P.D. Die Kapelle voran, Scharen von Windjacken unter roten Fahnen. Die Jungen sind verdammt gut gebimst. Alte Preußenherzen müssen vor Wonne wackeln beim Anblick dieser in Gleichtakt gebannten Beine. Friedensdemonstration oder militärische Schaustellung? Der soldatische Charakter der Veranstaltung liegt klar zutage. Die Generalissima Ruth Fischer könnte hier ruhig die Parade abnehmen. Man sieht den alten Herrn Ledebour am Krückstock. Was mag sich dieser eingefleischte Antimilitarist wohl denken? Ist der Aufmarsch erst beendet, wirkt das Bild weit weniger imposant. Es ist eine Gruppierung von Vereinen, von Vereinen mit kriegerischem Aufputz und klingendem Spiel. Nur die Abzeichen unterscheiden vom »Stahlhelm«. Es mögen an die 40-50 000 Personen sein. Kaum mehr, aber es fehlt auch wie bei früheren Meetings an diesem Platz der Eindruck der Masse. Mehr Volk! möchte man mit Wilhelm II. sagen. Das alles sind ja gedrillte Beorderte, haufenweis Herbeikommandierte. Doch, wo bleibt das Publikum? Alles hier gehört »zum Bau«. Die K.P.D. ist unter sich. Krieg dem Kriege? Grelle schreiende Affichen erläutern, was man sich darunter vorzustellen hat. »Nieder mit dem Völkerbund!« »Es lebe die Rote Armee!« Proletarischer Befreiungskrieg! Bürgerkrieg gegen den imperialistischen Krieg! Bündnis mit Sowjetrußland usw. Auf rotdrapierten Wagen Gestalten in russischer Felduniform . Auf einem anderen Wagen eine Kerkerzelle aus Pappe; hinter den Gittern die »politischen Gefangenen«, mit roten Tüchern winkend. An der Tür ein biederer schnauzbärtiger Genosse Funktionär als Kerkermeister kostümiert. Das echteste Stück bei dieser sogenannten Friedensdemonstration. (Oder hat man sich den Mann in Sonnenburg ausgeliehen?) Gegen ein halb 2 Uhr Hornsignale. Die Redner beginnen. Die Reden verhallen auf dem weiten Platz. Da lenken sich alle Blicke nach der Rampe der Nationalgalerie. Oben erscheint Schupo und räumt die Plattform . Weist Mann für Mann die Treppe hinunter. Mußte das sein? Hätte die Balustrade nicht vor Beginn gesperrt werden können? Warum dieses Eingreifen mitten in der Aktion? Ungeheure Spannung. Die Gruppen pressen sich zusammen, drängen vor gegen den Aufgang zum Museum. Rot steht gegen Blau. Die Zehntausende instinktiv in der Abwehr, zusammengepfercht. Oben auf der Balustrade drei Polizeioffiziere ... Singen, Pfeifen, Zischen, Nieder-Rufe durcheinander. Ein Schimpfwort, eine geballte Faust kann diese in innerer Erbitterung kochende starre Menge in Fluß bringen. Und was dann? Da kommt das Abzugssignal : die Kolonnen verlassen den Platz. Es geht alles ruhig vor sich. Der Drill, der sie im Gleichschritt hergeführt hat, führt sie im Gleichschritt zurück. Kleine Jungen in weißen Kitteln drängen sich zwischen die Abziehenden, Sammelbüchsen schwingend: Für China! Für China! Abseits humpelt ein Plakatträger, seine Papierstandarte melancholisch gesenkt. Im Vorüberhuschen unterscheidet man auf dem bunten Bild schnell wohlvertraute Züge. Ja, er hat wohl am meisten Ursache, sich hier still und eilends zu empfehlen. Hat wohl die geringste Freude an dieser ganzen trefflich geölten Parade-Kopie. Er ... Karl Liebknecht ... Montag Morgen, 3. August 1925 560 Auf Welle 505 Die Funk-Stunde AG. veranstaltet vom 3.-15. August 1925, täglich 6 12; Uhr morgens (außer Sonntags) einen geschlossenen, systematisch aufgebauten Kursus für Leibesübungen nach dem System Dr. Rudolf Bode. Die ausführlichen Erläuterungen sowie die Kommandos werden, durch entsprechende rhythmische Musikbegleitung unterstützt , auf Welle 505 gesendet, so daß also die Rundfunkteilnehmer in der Lage sind, im Hause oder im Freien die Übungen auszuführen. Vor langen Jahren, als das Telephon noch eine kostspielige Rarität war, die sich nur Protzen leisteten, schaffte sich ein nicht übermäßig intelligenter Pariser Kaufmann einen solchen Teufelskasten an. Einmal wurde er an den Apparat gerufen. Eine scharfe amtliche Stimme stellt sich als die Prüfungsstelle vor und läßt ihn ein Dutzendmal in allen Höhen und Tiefen A sagen. Dann läßt ihn die Stimme drei Schritte zurücktreten und zwei Schritte vor und dabei immer A sagen und schließlich kommandiert sie: dreimal Kniebeuge. Halbersticktes Lachen hinter dem Rücken des also Geprüften. Er wendet sich puterrot und findet die Korona seiner Kommis vor mühsam unterdrückter Heiterkeit fast vergehend. Er war einer kleinen Fopperei zum Opfer gefallen. ... und nun stelle man sich bitte vor, daß täglich (außer Sonntags) Hunderttausende nach der Stimme aus den Wolken ihre Leibesübungen verrichten. Daß täglich zur gleichen Sekunde und Minute Hunderttausende an den Bändern eines unsichtbaren Regisseurs zappelnd, durch rhythmische Musikbegleitung unterstützt, die gleichen mechanischen Bewegungen vollführen. Nach dem System von Herrn Dr. Rudolf Bode. Wir haben bisher noch nicht das Vergnügen gehabt, das System des Herrn Dr. Bode kennen zu lernen. Wahrscheinlich werden es die seit dem ollen, ehrlichen Vater Jahn eingebürgerten Exerzitien sein, wie »Oberkörper vorwärts beugt!« »Beine spreizt ...!« usw. Nur daß die Terminologie, der Zeitmode entsprechend, die Kraft und Schönheit wieder vereinen möchte, wahrscheinlich etwas »gebildeter« sein wird als auf dem Kasernenhof oder in der Turnhalle. Auch hat der gute Jahn seine Bauchwelle ohne Musik betreiben lassen. (Bei allen bisherigen und kommenden Meriten des Herrn Dr. Bode, warum, warum überträgt man die Oberleitung nicht Ringelnatz , der sich mit seinen kernig-frommen »Turnerliedern« so klaftertief ins deutsche Gemüt eingesungen hat?) Ein mächtiger Schritt zur letzten Normalisierung des Daseins ist geschehen. Bald werden wir alle nach einer unsichtbaren Flöte tanzen. Bis in die diskretesten Funktionen hinein werden wir reguliert werden von einer Zentrale, die auf Welle 505 ihre Befehle in unsere Ohren dröhnt und uns alle in ein Gleichmaß drängt. Heute Funkstunde, morgen Radiotag, Radionacht. Arbeit und Erholung, Radio überwacht alles. Essen, Trinken, Schlafen, Aufstehen, Radio kontingentiert alles. Radio bestimmt, verkürzt, verlängert, verschönt, vermiest die Schäferstunden. Je nachdem. Und vielleicht werden wir von rhythmischer Musikbegleitung unterstützt sogar schnarchen. Der Richter braucht nicht mehr ins Tribunal zu kommen. Er verhängt über eine bestimmte Kategorie von Sündern um 11 Uhr die gleiche Strafe, um 11 ein Viertel ist schon eine andere Gruppe von Missetätern dran. Der General verkündet Sturmangriff ... und legt sich auf die andere Seite. Er macht den Krieg von seinem behaglichen Heim aus. Wie einfach wird das Leben werden! So erfüllen sich die kühnsten utopistischen Träume. Und wenn alles egalisiert ist, alles hübsch gehorsam an einer Strippe bammelt, dann wird vielleicht die Sintflut über die so vervollkommnete Menschheit hereinbrechen ... auf Welle 505. Montag Morgen, 3. August 1925 561 Eure Sorgen ... Der Reichstag, der sich zurzeit sommerlich gelockert mit Zöllen und Steuern befaßt, aber sonst ziemlich unbeschäftigt ist, hat, um sich die Zeit zu vertreiben, in einem seiner Ausschüsse eine Debatte über den Kapitän Ehrhardt und seine Beziehungen zur Prinzessin Hohenlohe getätigt. Solche Debatten über Themen mit leicht familiärem Einschlag haben immer etwas unfreiwillig Komisches. Und vollends, wenn sich das Parlament als Minnehof etabliert. Waren die Beziehungen »harmlos«, waren sie »sträflich«? Der Sozialdemokrat sagt: sie sind tagtäglich zusammen gewesen, sie haben zusammen Ausflüge gemacht – die Prinzessin hat die Bekanntschaft mit Madame Ehrhardt vermieden! Der Deutschnationale dagegen, der Ritterlichkeit seiner Tradition entsprechend: »Nach allem, was ich von der Prinzessin weiß; halte ich es für ausgeschlossen , daß sie irgendein intimes Verhältnis zu Ehrhardt gehabt hat. Wohl weiß ich, daß sie Ehrhardt sehr verehrt hat, aber nur als den Helden und Retter von Oberschlesien. Als ich später den Prozeßbericht las, habe ich die Zofe der Prinzessin, die ich als durchaus zuverlässig kenne, auf Ehre und Gewissen gefragt, und sie hat versichert, daß ihr von einem intimen Verhältnis nichts bekannt sei.« (Soweit die Zofe.) Und schließlich noch das Zeugnis des Abg. Dr. Wunderlich, der dem Richterkollegium des Prozesses angehörte: »Ich habe mir über die Frage, welcher Art die Beziehungen beider gewesen sind, weder positiv noch negativ ein Urteil bilden können.« Was man nicht deklinieren kann, das sieht man als ein Neutrum an. Hartes Dilemma. Vielleicht veranstaltet man im Sportpalast oder Stadion nach mittelalterlichem Brauch ein Gottesurteil , läßt man die Beiden barfüßig über eine heiße Herdplatte gehen. Wenn einer »Au« sagt, dann wissen wirs bestimmt ... Aber nett ist es doch, daß unser Reichstag sich mit pikantem Unterhaltungsstoff versorgt. Wir denken an Steuern, Pleite usw. Kinder, eure Sorgen möchten wir haben ...! Montag Morgen, 10. August 1925 562 Film oder Zeughaus? Was wird eigentlich aus dem Primus-Palast ? In den Vorräumen hängen Tschakos und alte Fahnen, das Orchester exekutiert kriegerische Musik, auf der Leinwand selbst begibt sich ein angeblicher Großfilm »Was Steine erzählen ... Historische und vaterländische Erinnerungen des deutschen Volkes«. Der Titel ist insofern treffend gewählt, als dieser Film in der Tat aus der Steinzeit dieser noch jungen Kunstgattung stammt, Neandertaler des Kurbelkastens waren es, die um 1907 herum so etwas drehten. Heute möchte man gern vor dergleichen sicher sein. Vor einem Theodor Körner aus dem Panoptikum, einem Andreas Hofer mit Fußsack am Kinn, dick genug, um ein Dutzend armer Familien mit warmen Wintersachen zu versorgen, oder einem Napoleon, der mit hilfloser Grimassenschneiderei den seligen Possart übertrumpft. Und als Schlußapotheose ein Fridericus, der speereklirrend aus der Gruft steigt, weil ihn der Kassenerfolg seines großen Vorgängers nicht ruhen läßt. Die Darsteller, unter denen sich mancher bessere Name befindet, seien hiermit schamhaft verschwiegen. Nicht die gleiche Rücksicht kann der Regisseur für sich beanspruchen. Sein Name sei hiermit öffentlich festgestellt: – Rolf Randolf. Montag Morgen, 10. August 1925 563 Unsere Polizei Am vergangenen Sonntag wurde ein einzelner Passant auf dem Kurfürstendamm, weil er ein Abzeichen in den Reichsfarben trug, von zwei Dutzend völkischer Rowdies überfallen und mißhandelt. Er machte in der Abwehr von der Waffe Gebrauch und tötete einen der Angreifer. An jedem der darauffolgenden Tage der Woche gab es irgend einen Hakenkreuzler-Tumult. Die Polizei stand untätig. Die Raufbolde fühlen sich favorisiert. Einem in der Hardenbergstraße Mißhandelten rief ein Polizeioffizier zu, daß er noch lange nicht genug bekommen habe. Am Verfassungstag selbst wurden am Potsdamer und Anhalter Bahnhof, in Berlins belebtester Gegend also, Fahnen der Republik heruntergeholt und zerfetzt. Die Täter entwichen ... Dann kam der Erlaß des Polizeipräsidenten. Zunächst vorübergehende Besserung im Westen. Dann, am Donnerstag, Zusammenstöße mit demonstrierenden Kommunisten im Norden und Osten. Zum erstenmal in dieser dramatisch bewegten Woche macht die Polizei von der Waffe Gebrauch . Wir wollen hier nicht die Schuldfrage erörtern. Wir wollen hier nicht das ausführliche Exposé des Polizeipräsidenten untersuchen. Aber es ist ein peinlicher Zufall, daß nach vier Tagen unerhört dummdreister Provokationen von rechts die ersten Kugeln nach links flogen. Die Rechts-Demonstrationen wurden von der Polizei noch geduldet, als sie bereits keine Demonstration mehr, sondern bereits ein Angriffskrieg waren; Links-Demonstrationen wurden in Blut unterdrückt, obwohl selbst die Polizei nicht behaupten kann, daß irgend eine Belästigung Unbeteiligter vorgekommen sei. Für die angerempelte Bevölkerung taten die Polizeiorgane nichts; sie traten erst in Aktion, als angeblich sie selbst angerempelt wurden. Niemand wird von den Polizeibeamten verlangen, daß sie, durchdrungen von tolstoianischer Ethik, die rechte Wange hinhalten, wenn die linke getroffen. Aber hätten die Herren Offiziere, die an der Gedächtniskirche das Kommando führten, den gleichen ... sagen wir: spontanen Abwehrwillen gehabt, wie ihre Kameraden in der Badstraße , dann wären die völkischen Ausschreitungen in den Anfängen erstickt worden. Dann wäre es höchst wahrscheinlich auch gar nicht zu der blutigen Kollision im Norden gekommen. Denn die Straflosigkeit der Rechtsradikalen wirkte gefährlich einheizend auf die Anhänger der radikalen Linken. Der Polizeipräsident hat sich in einem warnenden Erlaß an die Berliner Bevölkerung gewandt. Das ist gut. Besser wäre noch eine rücksichtslose Durchsiebung der Polizei. So gern wir stets die tatkräftige Energie der neuen Leitung des Polizeipräsidiums anerkannt haben, diese letzten Tage waren allzu reich an deprimierenden Bildern, um den Umfang dessen zu verkennen, was noch zu leisten ist. Wenn ein Mißhandelter, wie dies vor wenigen Tagen im Bezirk Tiergarten vorgekommen ist, sich vergeblich um Schutz an eine Polizeidirektion wendet, wenn ihm dort mit kalter Frechheit gesagt wird, er solle doch zu Severing gehen, so bleibt das nicht ein isolierter Zwischenfall, sondern deutet leider auf eine Fronde innerhalb der Berliner Polizei hin. Noch ist die Zeit zum festen Zugreifen, noch besteht die Möglichkeit für das Präsidium, das Instrument wieder in die Hand zu bekommen. Man merkt ja trotz Steuer- und Zollkämpfen nichts von politischer Siedehitze. Im Gegenteil, die öffentliche Gleichgültigkeit kann durch nichts überboten werden. Die Extremen sind überall eine kärgliche Minderheit. Begegnet man ihnen ohne Unterschied der Partei, mit gleicher Strenge, wird so bald kein Blut mehr das Berliner Pflaster röten. Montag Morgen, 17. August 1925 564 Finger weg vom Globus! Es gibt noch immer den Alldeutschen Verband. Man hört nicht mehr viel von ihm, aber er hat auch nicht mehr nötig, von sich reden zu machen. Seine Agitatoren brauchen nicht mehr auf die Tribüne zu steigen: die Saat ist ausgestreut und vielfältig, und in den verschiedenartigsten Köpfen geht sie auf. Binsenwahrheit ist heute, von professionellen Radaumachern abgesehen, daß Deutschland keine Weltpolitik mehr treiben kann. Aber es gibt noch immer sehr wenige Deutsche, die diesen Zustand begrüßen. Die meisten sehen darin eine erzwungene Muße, eine Degradation, die hoffentlich bald ein Ende nimmt. Und da das Ende noch nicht abzusehen, behilft man sich mit guten Ratschlägen für die andern, hebt man sichtbarlich den in pädagogischem Enthusiasmus zuckenden Finger. Diese Sucht, zu belehren, dazwischenzureden, manifestiert sich recht unterschiedlich. Am muntersten treiben es einstweilen die Kommunisten. Sympathiekundgebungen für China, für Abd el Krim ... Bald kommen die Drusen an die Reihe. Sobald sich die roten Geopolitiker in Glauchau oder in Lichtenberg darüber klar sind, was das ist. Riesige Plakate: »Hände weg von China!« Es könnte ebensogut dastehen: »Halt, wenn die Barriere geschlossen!« oder: »Man beliebe, vor dem Heraustreten die Kleidung zu ordnen!« Es hätte denselben Wert. Was für einen Einfluß haben wir auf China, was für einen Einfluß hat es auf London oder Tokio, daß ihnen eine Berliner Versammlung Chinas wegen grollt? Das Spaßigste ist, daß die Hasser des angelsächsischen Imperialismus dabei an der Strippe des russischen tanzen. Man mag über die Moskauer denken, wie man will, sie sind vollendete Propagandisten, sie verstehen es glänzend, ihre Hausangelegenheit mit der Menschheitssache zu identifizieren. Auch das ist schon dagewesen. Erinnert nicht die französische Politik, gerade wenn es moralisch am anfechtbarsten, jedesmal daran, daß Frankreich das Land der großen Revolution, geht mit den französischen Bajonetten nicht stets die Proklamation der Menschenrechte, die Phraseologie von 1793? Moskau selbst hat diesen Zauber empfunden, Moskau kennt die kaschierende Macht der Ideologie. Daß die Nationalisten mit den »gelben Hunnen«, mit der kaffeebraunen Schmach in Marokko fraternisieren, versteht sich von selbst. Hier spielen überhaupt keine politischen Erwägungen mit, hier prädominiert die Freude an der Bewegung. Es wird irgendwo geknallt, gestochen, geplündert, genotzüchtigt. Wenn die Franzosen erst Giftgas nach Marokko bringen und die Mauren zur Vergeltung alle Gefangenen skalpieren, dann wird das Glück vollkommen sein. Dann gibt es noch eine dritte Spezies, gute Menschen, die sich damit abgefunden haben, daß Deutschland in den Völkerbund eintreten muß, und nun versuchen, in diese Tatsache einen Sinn hineinzubringen. Deutschland muß die Führung der Minoritäten übernehmen, sagen sie. Es ist ganz selbstverständlich, daß Deutschland irgendeine Führung übernehmen muß. Wozu ginge man auch sonst in den Völkerbund? Da höchstwahrscheinlich Bayern, das schon in Deutschland die Minoritäten führt, darauf bestehen dürfte, den Vertreter in Genf zu stellen, so braucht man leider nicht zu zweifeln, daß Deutschland immer bei der Minorität sein wird, wenn auch nicht gerade an führender Stelle. Ja, man fühlt sich ausgeschlossen von den Händeln der Völker und ist traurig darüber. Das bißchen Zwist mit Polen langt kaum für die Hundstage. Man möchte mal wieder so richtig mitten mang sitzen ... im Glashaus. Man möchte Scherben haufenweis sehen, eigene oder fremde, ganz egal. Ist es nun wirklich so ein Unglück, einmal für ein paar Jährchen nicht mitmachen zu können? Das deutsche Volk hat seine Nichtbegabung für Weltpolitik mit unerhörter Auszeichnung bestanden. Der durchgefallene Schüler etabliert sich als Präzeptor, eröffnet eine Privatschule. Es ist sehr wohl möglich, daß die Menschheit den deutschen Kulturanteil dringend benötigt, daß sie ohne die Mobilisierung unserer politischen Talente leben kann, das ist dagegen unglücklicherweise zur Evidenz bewiesen. Zudem hat der Globus heute einige verteufelt heiße Partien. Es dürfte zurzeit auf dem weiten Erdenrund viele Menschen geben, die Deutschland aufrichtig darum beneiden, daß es nichts damit zu tun hat. Das Tage-Buch, 22. August 1925 565 Plumpsack geht um! In einem kleinen Ort in Württemberg ist vor ein paar Tagen der Dichter Johannes R. Becher verhaftet worden, auf Grund eines Haftbefehls des Oberreichsanwalts. Veranlassung ist Bechers letztes Werk »Der Leichnam auf dem Thron«, kürzlich beim Verlag konfisziert. Dieses Buch, behauptet die Reichsanwaltschaft, bedeutet Vorbereitung zum Hochverrat , Aufreizung zum Klassenhaß und Gotteslästerung . Es handelt sich dabei um Prinzipielleres als um die Persönlichkeit des exaltierten Johannes R. Würde der Haftbefehl die Unterschrift des Herrn Kußmann tragen, so brauchte man sich nicht zu wundern. Aber ein Mann von der umfassenden Bildung des Herrn Oberreichsanwalts dürfte wissen, daß Becher sich durch die eigenwillige, allen Sprachgesetzen spottende Form seiner Dichtungen zwar die Begeisterung einiger Literatenkonventikel erringt, sich damit aber auch selbst in einen Drahtzaun gegen alle Popularität einsperrt. Selbst wenn so fürchterliche Dinge in dem Buch enthalten wären, wie die Reichsanwaltschaft annimmt: wo ist das Publikum , das sich die Mühe macht, durch diese Art von Verkapselung zu dringen, wo sind die Interessenten für Hochverrat, Klassenhaß und Gotteslästerung, die sich die Zeit nehmen, die Geheimschrift zu enträtseln, um zu dem Schlüssel in das Reich der bösen, den Ordnungsstaat bedrohenden Geister zu gelangen? Viel ernster ist die Frage, ob in künstlerischer Gestaltung oder Darbietung überhaupt jemals ein Delikt wie Hochverrat erblickt werden kann. Der Staatsgerichtshof zum Schutze der Republik hat in dem Fall des Schauspielers Gärtner die Frage bejaht. Der Angeklagte hatte revolutionäre Dichtungen rezitiert. Bisher war man der Meinung, daß Hochverrat eigentlich aus massiverem Stoffe gefertigt sein müsse. Jedenfalls ist damit für die gesamte Künstlerschaft eine Gefahr akut geworden. Ein Damoklesschwert schwebt über dem Haupt jedes linksstehenden Autors, der versucht, sein politisches Denken und Fühlen zum Gegenstand der Gestaltung zu machen. Jedes linksstehenden Künstlers! Denn man hat bisher noch nicht ein mal gehört, daß der Staatsanwalt sich die literarischen Expektorationen eines dem Rechts radikalismus angehörenden Schriftstellers vorgeknöpft hätte. Kein Prokurator der Republik hat Herrn Dinter wegen seiner Hetzromane zur Rechenschaft gezogen. Kein völkischer Versemacher, der in blutrünstigen Bürgerkriegsphantasien schwelgte, ist jemals behelligt worden. Oder wurde etwa Herrn Basil, Hitlers Hofschauspieler, irgendwann das Deklamieren gereimter Pogrommanifeste verwehrt? Immer galt für die künstlerische und geistige Produktion ein ungeschriebener Habeas-Corpus-Akt. Soll das unter der »freiesten Verfassung der Welt« anders werden? Das alte Regime kam mit der Zensur aus. Der Rotstift des Zensors genügte, um die ärgsten Attacken auf die sittliche Weltordnung abzuschlagen; der Zuchthausschließer wurde nicht bemüht. Der wildeste Randal wurde mit Strafen auf Grund von ein paar Kautschukparagraphen geahndet, – vollendeter Hochverrat wurde nicht ein einziges Mal festgestellt. Man muß in die Zeiten des Vormärz, bis zu Metternich zurückgehen, um ähnliche Beispiele zu finden. Ein Unterschied allerdings spricht auch da noch gegen unsere Zeit: die Metternich und Gentz waren Weltmänner von Format, feingebildete, helle Zyniker, die an den Autoren, die sie verfolgten und verboten, im Geheimen wenigstens das reinste ästhetische Vergnügen empfanden. Sogar diesen Vorzug kann man unsern modernen Ephoren leider nicht zuerkennen. Montag Morgen, 24. August 1925 566 Auf dem Trittbrett In den südeuropäischen Städten hat sich bis in unsere Tage der Corso erhalten, das ist der Platz, wo sich alles trifft. Da werden Bekanntschaften erneuert, abgebrochen und wieder geleimt. Da wird getuschelt und geklatscht. Da mustern die jungen Herren mit kritischem Auge die Damenwelt. Auch in Berlin gibt es das. Aber es ist bei weitem nicht so nett wie etwa in Spalato oder Tarragona. Denn dieser Ort ist das Trittbrett der Straßenbahn . Man muß es gesehen haben, wie die Weltstädter auf- und absteigen. Es ist eine lange, teils schwierige, teils genußreiche Expedition. Es gibt Spezialisten, die den Vorgang raffiniert zu strecken verstehen. Grüße, Händeschütteln, letzte geschäftliche Mitteilungen, Krach und Wiederaufnahmeverfahren ... keine Funktion des bürgerlichen Alltags, die nicht auf dem Trittbrett zu erledigen wäre. Dieses Trittbrett bedeutet das Schicksal des oft geschmähten Berliner Verkehrs. Merkwürdig, daß noch niemand dahinter gekommen ist. Übrigens beschränkt sich dies Idyll auf die Straßenbahn. Der Omnibus ist ein zu unruhiger, ewig hin und her wippender Gesell, um das Aufkommen vornehmer Geselligkeit zu begünstigen ... Neuerdings sieht man Trambahnwagen mit zweistufigem Trittbrett. Eine begrüßenswerte Neuerung, die gerade dem verwöhnten Geschmack der Habitués ungeahnte Möglichkeiten bietet. Wer es nicht glaubt, betrachte einmal an einer der frequentiertesten Haltestellen für 10 Minuten den Betrieb. Wer unseren vielberufenen Großstadtrhythmus in allen seinen Abarten studieren will, der mache die Augen auf und staune! Montag Morgen, 24. August 1925 567 Wolkenkratzer-Romantik Man schlägt seit einiger Zeit kein illustriertes Blatt mehr auf, ohne eine Aufnahme von New York darin zu finden. New York von der Hafenseite, New York aus der Vogelperspektive, New York von der Hochbahn aus gesehen. Blicke in enge, schluchtgleiche Straßen, eingebettet zwischen ungeheuerlich hohen Steinwänden. Es ist also kein Zweifel mehr, der Wolkenkratzer, in dem man vor ein paar Jahren noch eine besondere amerikanische Kaprize sah, ein ästhetisches Greuel, wird Mode. Auch bei uns macht man sich an »Hochhäuser«, wie man sie nennt. In den Industriezentren wachsen die ersten Achtetagen-Häuser empor, schüchterne Vorposten zunächst, kleine Parvenus, gemessen an der amerikanischen Turmhaus-Aristokratie. Viele Kommunen projektieren heute dergleichen. Überall sieht man Pläne, phantastische Pläne. Über altehrwürdige Stadtbilder recken sich schwarze drohende Häupter, assyrisch stilisiert. Rhein- und Elbebrücken werden entworfen, flankiert von zwei riesenhaften Türmen, die nicht als Kriegerdenkmäler gedacht sind, wie man zuerst annimmt, sondern als Bureauhäuser. Man möchte ein ganz klein wenig zur Besinnung trommeln, auf die Gefahr der Bezichtigung, den Geist der Zeit nicht ganz kapiert zu haben. Die Amerikaner sind von ihren Mammuthäusern nicht so ganz entzückt, wie die deutschen Bewunderer. Gewiß, diese schlank in die Wolken strebenden Geschäftspaläste, Börsen und Hotels sind Wunder des erfinderischen Menschengeistes. Doch wenn man in Betracht zieht, daß New York anfing hoch zu bauen nicht aus irgendwelcher architektonischen Experimentierlust, sondern weil die Bodenpreise zur Ausnutzung des Raumes drängten, so muß man leider wieder schließen, daß es dem herrlich ingeniösen Menschengeiste leichter wird, mit den verzwicktesten Problemen der Statik fertig zu werden, als mit dem orphischen Dunkel der Bodenpolitik. Nun aber sind die Wolkenkratzer längst zum Signum Amerikas geworden. Man fragt nicht mehr, warum zuerst so gebaut wurde. Ja, sie sind das Symbol der weltbeherrschenden Wirtschaft Amerikas, stolzer und sinnvoller fügte man nicht die Mauern Karthagos. Wie aber steht es in Deutschland mit Commerz und Industrie? Haben wir eine Veranlassung, so monumental aufzutrumpfen, obgleich wir es von Haus aus ohnehin schon furchtbar mit der Monumentalität haben? Die Flammenschrift an der Wand besagt: Pleite! Die Magier verstehen sie allzu gut, schleichen verdattert durch die Hintertür hinaus und Belsazar, des großen Nebukadnezar Erbe, begibt sich leise weinend unter Geschäftsaufsicht. Wo ist in der deutschen Wirtschaft etwas, was nach so pompöser Kultstätte schreit (außer dem Dalles)? Unser bodenständiger Gott Mammon mit den treuen Vergißmeinnicht-Augen kommt im Vergleich zu seinem amerikanischen Kollegen ganz gut mit einer kleinen freundlichen Wallfahrtskapelle aus, von Epheu und Schlingkraut traulich umsponnen, und im Herbst wird es dazu noch ein paar Marterln setzen. Genügt das nicht? Vor einigen Jahren schlug ein Spaßvogel vor, auf dem Königsplatz einen riesigen Turmbau zu errichten und dort alle Reichsämter unterzubringen, alles, was heute über Wilhelmstraße und Umgegend malerisch verstreut haust. In Wahrheit, eine tiefsinnige Huldigung für Deutschlands politischen Genius, der immer ins Blaue geguckt hat, während auf dieser grauen Erde die Entscheidungen fielen. Und sehr gut kann man sich das Auswärtige Amt z. B. im vierzigsten Stock wirkend vorstellen, während man für das Ressort Justiz nach den Erfahrungen der letzten Zeit die Kellerräume reserviert wünschte. Das Tage-Buch, 29. August 1925 568 Völker ohne Signale Es ist bedenklich charakteristisch für die Situation des Sozialismus, daß der Marseiller Kongreß der Zweiten Internationale völlig resonanzlos verlief. Europa spricht über Briand, über Caillaux und Churchill, aber nicht über Marseille. Früher waren diese Konzile der sozialistischen Ökomene Ultimaten an die bürgerliche Welt. Unwillkürlich denkt man an den Stockholmer Kirchenkongreß , wo auch eine Reihe von Ohnmachten sich abmühten, durch Vereinigung eine Macht zu werden. Was in Marseille vor sich ging, war kein Meeting begeisterter Revolutionäre, sondern ein Stelldichein abgeklärter Parteiexzellenzen, die neben der roten Kokarde auch noch eine zweite nationale tragen. Sie sind Routiniers des politischen Handwerks, reden klug und wohltemperiert, gleich weit entfernt von Überschwang wie von bohrender Skepsis und beherrschen weniger die Massen als vielmehr die Klaviatur der Parteibureaukratie. Sie kämpfen zwischen zwei Feuern. Überall sind sie in den Kriegsjahren in den bürgerlichen Staat hineingewachsen, und überall schickt die bürgerliche Gesellschaft sich jetzt an, die Eindringlinge auf operativem Wege wieder zu entfernen. Der Marxist hat seine Schuldigkeit getan ... Von Links droht der Kommunismus. Ist es nicht ein trübes Symbol, daß kommunistische Arbeiter den Kongreß zu sprengen versuchten? Selbst, wenn man die Moskauer Gefahr nicht überschätzen möchte, die Sozialdemokratien aller Länder stehen in der Defensive, eingeklemmt zwischen Mussolini und Sinowjew. Sie behaupten sich ziffernmäßig, aber werben nicht mehr und beeinflussen nicht mehr den Gang der Ereignisse. Noch immer wird fleißig die Internationale gesungen, aber die Völker hören die Signale nicht mehr. Das ist die peinliche Tatsache: der Sozialismus steht bereits ein wenig neben der Weltgeschichte . Er stagniert , während sich rundum alles verändert. Er hat weder den Mut, zu den alten programmatischen Forderungen zu stehen, noch sich zu wandeln ... Die Exzellenzherren in Marseille haben vieles geredet und wahrscheinlich noch mehr beschlossen. Doch die Schicksalsfrage wurde nicht gestellt: wie der Sozialismus tatsächlich in der Entwicklung von Heute steht und für welche Wegstrecke noch das alte theoretische und ideologische Gepäck mitgeschleppt werden kann. Es ist etwas Fatales um diese Zweite Internationale: obgleich jedes ihrer Glieder durch tausend an und für sich vielleicht notwendige Kompromisse gegangen ist, noch immer hält sie fest an Emblemen und Wortschatz von einst, die längst Glanz, Glorie und Suggestivkraft eingebüßt haben. Ihre Führer, gute Gouvernementale und Ministrable, spielen noch immer eine revolutionäre Terminologie aus, die sie in der Praxis hundertmal widerlegt sahen und an die sie selbst nicht mehr glauben und glauben können. Es ist ein schwacher Trost, immer wieder zu sagen, daß dem Sozialismus die Zukunft doch gehöre. Das sagt man immer gern, wenn man die Gegenwart entgleiten fühlt. Auch die alte Internationale ist ein Kriegsopfer geworden. Es gibt heute nur noch sozialistische Parteien mit sehr gegeneinanderlaufenden nationalen Einstellungen und Interessen, aber nicht eine große , sie alle bindende Macht. Was sich uns als die Internationale vorstellt, das gleicht einer verblühten Schönheit, die auf die Ansprüche von einst nicht verzichten kann. Noch immer die rote Revolutionsmütze und die große, das Paradies verheißende Geste. Aber es hat niemand mehr Lust, das Tänzchen zu wagen. Und wenn sie ihre Lockungen entfaltet, gibt es immer nur die eine böse Antwort: – Du siehst mich an, du fragst mich, was dir fehle? Ein Busen – und im Busen eine Seele ... Montag Morgen, 31. August 1925 569 Zur Pathologie des Gläubigers Nicht von ihnen soll hier die Rede sein, bei denen sich Geld stets in beschleunigtem Durchgangsverkehr befindet, Leihen und Weiterverleihen ist ihnen die natürlichste Funktion der Welt. Auch nicht von jenen lieben Kleinen, die sich zu Tode schämen wollen, wenn sie eine Forderung präsentieren müssen. Sie empfinden tausendfach die Pein des Schuldners und gehen erleichtert und mit sich versöhnt davon, wenn er endlich die Formel gefunden, warum er heute nicht imstande sei, zu zahlen. Nicht von ihnen ist hier die Rede, sondern von jenen anderen, die die Natur nicht zum Spenden vorausbestimmt hat. Ihre Gebeorgane sind verkümmert, der Gott des Reichtums ist ihr besonderer Schutzpatron, und ihr Stammbaum geht zurück auf Nimm, den mystischen Noah des Kapitalismus, der den ersten Geldschrank erbaute, in den er von allen vor der großen Flut gesammelten Schätzen ein paar Belegexemplare verstaute. Nein, wenn sie geben, ist es Krankheit, akute zumeist, nicht chronische, Krankheit, an der man nicht stirbt, die aber für die Zukunft zu erhöhter Vorsicht mahnt und als ein erster flüchtiger Seitenblick des Sensenmannes empfunden wird. Es ist eine seltsame Erfahrung, daß um jede kapitale Pleite ein paar Leidtragende herumstehen, die, nach Gesichtsbildung und seelischer Muskulatur zu schließen, augenscheinlich nicht zur Rolle der Klagenden geschaffen sind. »Also auch Harpagon \& Co. sind hereingefallen,« sagen die andern, weniger Strukturalen und fühlen sich mager getröstet. »Worauf sind Harpagon \& Co. hereingefallen?« fragen sie weiter. »Etwa auf eine blendende Reputation, auf ein raffiniertes Scheingebäude von Werten, auf bombensichere Bürgschaften? Nein, auf ein faszinierendes Lächeln, auf einen gutsitzenden Frack, auf eine schüchterne Bitte von Fräulein Nichte ... ganz wie wir, ganz wie wir ...!« Seit Urzeiten haben Harpagon \& Co. nämlich einen Gegenspieler. Das ist ein bestimmter, aber ewig wechselbarer und schwer zu umreißender Typ. Das sind die Unbeschwerten, die Sorge nicht kennen, aber gerunzelte Stirnen und geleerte Taschen hinterlassen, wo sie je weilten. Harpagon kennt schon seinen Gegner, sein ganzes Leben ist ein ständiges Ausweichen vor ihm, er kennt seine Macht, kennt das Lächeln, die bezaubernde Stimme, den mündelsicheren Händedruck. Ja, es sind die Bakterien des finanziellen Organismus, dem Scheckbuch so verderblich, wie andere Lunge oder Magen, man schützt sich vor ihnen, aber einmal sind sie doch da. Es hilft nichts. Und so, wie man sich mitten in scheinbarer Gesundheit schon krank fühlt, ohne Symptome wahrnehmen zu können, so ist auch Harpagon nicht mehr gesund, wenn er langsam in seines Gegners gefährlichen Bann gerät. Er ahnt das Unheimliche, er wittert die Schlange, aber er findet sie nicht, schon versagt sein kommerzieller Tastsinn – und plötzlich bricht das Fieber aus: er öffnet die Kassette, unterschreibt Wechsel, übernimmt Garantien und was man sonst so in temporärem Irresein tut. Nachher aber sagt er: Ich habe gewußt, daß es so kommen würde! Harpagons Feind ist als Typ moralisch anfechtbar. Aber indem er die fragile Moral des Tages kränkt, handelt er wie im Gebot einer höheren, überökonomischen Sittlichkeit als Rächer aller jener, die vor Harpagon zittern, seinen Drohungen weichen und aus ererbter Rechtschaffenheit ihre Rechnungen pünktlich bezahlen. In vielfacher Gestalt zieht er brandschatzend durch die Welt und dein stummes Bewundern gilt ihm in diesem Augenblick, da eine Quittung mit dem liebenswürdigen Namenszug »Harpagon \& Co.« vor dir liegt, was von deiner ehrlichen Gutwilligkeit lauter Zeugnis ablegt als von deiner Intelligenz. Das Tage-Buch, 5. September 1925 570 Wie es euch gefällt Nun ist Barnowsky in der Königgrätzer Straße eingezogen, und wenn dieser erste Abend ein Versprechen sein soll, dann wird er mächtig steigern müssen, um nicht zu enttäuschen. Es war sicherlich ein guter Einfall, eine seiner besten früheren Regieleistungen zu übernehmen und damit auch die Bergner in jener Rolle, in der sie sich Berlin zu Füßen spielte. Man könnte vielleicht Prinzipielles sagen gegen Mozart-Intermezzi in einer Shakespeare-Komödie, noch Prinzipielleres gegen Herrn Weltmanns Verarbeitung, die von Handlung kaum ein paar Fetzen übrig läßt, aber alles kann nicht hindern, daß es ein heiterer, glücklicher Abend war. Wie Elisabeth Bergner in einer Tonnuance Komödie und Tragödie mischt, wie die kleinen schmalen Hände bald nervös vibrieren, bald sich wie Vögelchen in die Luft erheben, das ist so wunderbar, daß der Kritiker die grämliche Feder beiseite legt und in seligem Selbstvergessen an den Fingern die Takte eines Sonetts abzählt. Fräulein Carola Toelle als Celia bleibt bei Weltmanns Streichmusik die Hauptleidtragende. Man bedauert das ihres sanften Lächelns wegen, das man gern öfter auf der Szene gesehen hätte. Herr Kortner gibt dem melancholischen Jaques Schopenhauers breiten Mund und wirren Schopf, aber in seinen Augen sitzt ein Schalk und seine weltschmerzlichen Reflexionen werfen keinen schwarzen Schatten auf das liebenswürdigste Pastorale, das je ein Dichter ersonnen. Montag Morgen, 7. September 1925 571 Die Jungfrau von Orleans Tempo! rief der Regisseur Neubauer und jagte seine Darsteller treppauf, treppab, und dabei fiel Schillers Text gründlich die Treppe herunter. Daß heftig gestrichen wurde, wäre zu verschmerzen, selbst an der Stätte mit Schillers Namen, wenn man von dem Stehengebliebenen nur etwas mehr verstanden hätte. Hier versank alles in Schlachtgetümmel und unakzentuiertem Geschrei. So konnten sich auch die Darsteller nicht entfalten. Haften bleibt der eisenfresserische Dunois des Herrn Carl Ebert , der nervös-zappelige Dauphin des Herrn von Twardowski , mit unbeherrschten Beinen, aber Schillerschem Klang in der Kehle, und Fritz Balk , den man mit jedem Theaterabend lieber gewinnt, als polternder Talbot und nachher als Schwarzer Ritter von höchster spiritueller Eindringlichkeit. Und Gerda Müller ? Es ging alles etwas stillos durcheinander. Schlichte landmädchenhafte Einfalt durchsetzt mit nicht ganz glaubhaften Heroinentönen, dann wieder ungewöhnliche Kraft im hysterischen Ausbruch. Gelegentlich reizt ein wirklich origineller Zug. Will sie in der tapferen und demütigen Heiligen eine heimliche Lagerdirne aufzeigen, eine verkrampfte Sünderin der Gedanken? Aber das kommt nicht zur Geltung, bleibt angedeutet, weil zu viel Parterre-Akrobatik nötigende Treppen, zu viel das Wort verschlingender Schlachtenlärm, zu viel von dem, was sich Herr Neubauer unter Tempo vorstellt. Montag Morgen, 7. September 1925 572 Wintergarten Das September-Programm bringt wieder hübsche und spannende Einzelheiten, die Flacori , verwegene Trapezkünstler, Little Pipifax , den Clown mit Kautschukknochen, Selma Braatz , die Fangkünstlerin, den Zauberkünstler Frackson mit dem Zigarettentrick und vieles andere mehr. Und dann stellt sich der Original-Tarzan vor. Übergehen wir die aufregende Frage, ob Affe oder Mensch. Jedenfalls möchte man den munteren kleinen Burschen für alle Fälle für die Menschheit reklamieren und dafür die 24 unmotiviert kreischenden Tanzgirls gern neidlos der Zoologie überlassen. Montag Morgen, 7. September 1925 573 Der sterilisierte Bismarck Die Bismarck-Film-A.-G. versendet ein langes Propagandablatt für ihre Produktion, den Bismarck-Film , wahrscheinlich um die Öffentlichkeit gebührend auf den kommenden Schrecken vorzubereiten. Man ersieht daraus, daß ein vieldutzendköpfiger Ehrenausschuß, worin es von Exzellenzen nur so wimmelt, schirmend die Hände über das Kindlein hält. Übrigens haben dabei auch die bayerischen Honoratioren, was ja durchaus den politischen Tatbeständen entspricht, ihr Sonderkomitee. Dafür ist allerdings die gesamte bayerische Geistigkeit darin vertreten, vom Brauereibesitzer Pschorr bis zum Akademiepräsidenten Pfeilschiffter. Üppig wie das Patronat ist auch die Zahl derjenigen Herren, die sich um die Bearbeitung des Manuskriptes verdient machten, das von einem Oberlehrer namens Ziehen herrührt. Wahrscheinlich waren um die Neuauflage des Brockhaus nicht so viel Expertise bemüht wie hier. Es wirkten u.a. künstlerische, militärische , studentische Berater mit, sogar für die Masken fungiert ein Gutachter. Für die historische Echtheit steht der Bismarck-Biograph Erich Marcks gerade, außerdem der Professor Dessoir , der sich bisher vornehmlich für Okkultismus interessierte und den man wahrscheinlich geholt hat, weil man ihn für einen Nachkommen des Alten Dessauer hält. Aber als ob man diesem erlesenen Sachverständigen-Kollegium doch nicht ganz traute, man hat sich für das Drehbuch extra die Herren Jungk und Urgiß gechartert, ein paar oft erprobte alte Filmjuden, die den Aufsatz des Herrn Oberlehrers erst richtig drehgerecht machen müssen. Wir zweifeln nicht, daß sie die Sache schon drehen werden. Übrigens teilt das Reklameblatt beruhigend mit, daß der Film völlig tendenzlos sei, und weil man überhaupt politische Gefühle nicht verletzen wollte, so habe man verzichtet, die Geschichte der Entlassung hineinzubringen. Wir möchten hier verraten, daß der Bismarck zunächst Emil Jannings angetragen wurde, der aber, künstlerisch und historisch durchaus im Recht, darauf bestand, daß die Entlassung und damit die Konfrontation mit Wilhelm II. einbezogen würde. Als sich darauf die so sachverständig beratene Firma nicht einließ, sagte er ab. So kann Bismarck also über die Leinwand gehen, ohne die Gefühle der Potsdamer Hofgesellschaft zu verletzen. Man nennt das ... unpolitisch. Montag Morgen, 7. September 1925 574 So kann der Stadt geholfen werden! Nach einer Londoner Meldung hat die Stadtverwaltung von Calcutta beschlossen, zur Erfrischung der Kommunalkasse künftighin die Straßen nach denjenigen Bürgern zu benennen, die bereit sind, für diese Ehrung eine bestimmte Taxe zu entrichten. Das ist eine wahrhaft produktive Idee, die von allen Stadtkämmerern aufgegriffen werden sollte. Man möge dagegen nicht mit Argumenten kommen, wie: unsere Würde verbietet und dergleichen. Unsere Würde verbietet auch nicht, Häuserwände für Reklamezwecke zu vermieten. Schließlich ist die Auswahl der Straßennamen für uns doch ein Mysterium. Eines Tages sind sie da. Nur wenn Politik hineinspielt, gibt's Krach. Man ahnt zwar, daß die städtischen Namengeber an Hand von Wilhelm Scherers Literaturgeschichte arbeiten und geschichtliche Nachschlagebücher benutzen. Da kann man noch folgen. Doch wenn es dann an die Pflege des Heimatgefühls geht und die lokalen Größen anmarschieren, wird es zapfenduster. Wer war z.B. Herr Motz, den man dadurch ehrte, indem man dem nächtlicherweilen so anmutig belebten Boulevard seinen Namen lieh? Etwa ein alter Roué, eine unverbesserliche Spielratte? O nein, es war ein ehrbarer preußischer Finanzminister. Wer war Herr Meierotto? Weißt du es, freundlicher Leser? (Ich weiß es, aber verrate es nicht. Vielleicht gibt es doch noch einmal ein Preisausschreiben darüber.) Und wenn man erfährt, daß es hinter Spandau eine kleine Station gibt, die »Bürgerablage« heißt, was soll man sich nun eigentlich darunter vorstellen? Ist es nicht kurzsichtig, etwas so Lebendiges, Gegenwärtiges, Fließendes wie eine Stadt auf schnell vergilbende historische, geographische und folkloristische Bezeichnungen festzulegen? Das System von Calcutta bietet auch ideelle Vorteile, nur sollte man an Stelle des Verkaufs für immer die jährliche Verpachtung einführen. Hätte solche Möglichkeit schon vor fünf Jahren bestanden, kein Zweifel, Erzvater Stinnes hätte nicht nur die Zeitungen erworben, sondern auch die Plätze, an denen sie vornehmlich verkauft werden. Welch eine Krise hätte das gegeben, da der Goldglanz des Namens ermattete? Die Anwohner hätten protestiert wie die feinen Herrschaften in jener westfälischen Stadt, denen ihr sozialistischer Magistrat eine Max-Hölz-Straße aufgebrummt hatte. Sicherlich bleibt die Methode der Jahrespacht vorzuziehen. Da sieht man, wer es sich leisten kann, und die Stadt wird zu einer interessanten Tabelle von Aufstieg und Niedergang, zu einer Wirtschaftschronik von Stein und Stuck. Welche Gipfelung des Ruhmes nicht für den Millionär gewordenen Herrn Piepenbrinck, seinen schlichten Bürgernamen, der in der Finanzwelt mit höchster Achtung genannt wird, nun auch der Siegesallee aufzuerlegen; Frau von Pollack würde sich wahrscheinlich auf die Wilhelmstraße kaprizieren. Herrn Reinhold Wulle steht es frei, auf Grund der Überschüsse des Deutschen Tageblattes die Jerusalemer Straße zu okkupieren, während zum Ausgleich für diesen kecken Griff Borkum natürlich sofort um den Kommerzienrat-Cohn-Strandweg bereichert würde. Ganz selbstverständlich, daß die Titel mit aufgeführt werden. Was die Taxe anbetrifft, so sollen hier keine Vorschläge gemacht werden. Wohlbemerkt, man schaffe kein Privileg für die Schwerreichen, auch die minderbemittelten Volksschichten müssen von dieser Einrichtung Gebrauch machen können. Wer wollte auch die bescheidene Beamten-Witwe hindern, den Sparpfennig pietätvoll für das Andenken des Seligen in einer Ministerialamtmann-Kuhlmann-Straße anzulegen? Das stärkt den Familiensinn, wenn es auch nur eine ganz kleine Straße ist mit ein paar Wellblechbaracken, ganz weit hinaus, am anderen Ende von Pankow. Aber auch Geist und Witz dürfen nicht zu kurz kommen. Unsere Phantasie soll angeregt und liebenswürdig beschäftigt werden. Wir wollen nicht immer an eiserne Markgrafen oder grämliche Professoren erinnert werden. Die Frauen sind ja bisher bei der Namengebung zu kurz gekommen. Die von den Magistraten bestellten Täufer haben einseitig das männliche Geschlecht bevorzugt. Wo die Damen schon auftreten, da heißen sie entweder Auguste Viktoria oder Elisabeth Charlotte, und mit einem furchtbar wichtigen Prädikat davor. Oder es sind schrecklich altmodische Namen wie Auguste, Emilie, Margarete, Mathilde, Sophie, Susanne. Ja, welches Mädchen heißt denn eigentlich noch so? Was fehlt, sind unsere leichtbestrumpften Zeitgenossinnen, sie nennen sich Lulu und Lilly und Milly, und Elli und Nelly und Olly und Polly und Uschi und Mutzi und Putzi und Li und Lo und Lu. Aber Karoline, Helene, Agathe ... by Jove, eine Wolke von Barchent steigt bei dem Gedanken auf, man denkt an eine ausgefranste Krinoline, an einen vermotteten Cul de Paris ... Wie anders wirkt da eine einladende Celly-de-Rheydt-Bahn, eine Anita-Berber-Passage, ein Claire-Waldoff-Rondell, eine Maria-Orska-Terrasse, eine Fern-Andra-Promenade? Wenn du über eine Gertraudten-Brücke gehst, bleibst du völlig ungerührt. Wie aber beschwingt sich dein Schritt auf der Ossi-Oswalda-Brücke, vor dir mit seinem fröhlichen Leben und Treiben der Lya-de-Putti-Markt! Und ein paar Minuten weiter nur und du bist in der vornehmen, frisch asphaltierten Katharina-von-Oheimb-Straße mit privaten Durchgängen zu verschiedenen Ministerien. So werden bisher abseits liegende Stadtviertel erschlossen, dem Namen folgt der Betrieb, die Geschäfte blühen, die Steuern fließen, es ist eine Freude zu leben, da capo, Tusch! Das Tage-Buch, 12. September 1925 575 Die markierte Kanone In der kaiserlichen Zeit waren die alljährlichen Herbstmanöver ein Stück Romantik, mit der großen Reiterattacke zum Schluß, bei der alle Feinde Brandenburgs in den Staub geritten wurden, den Manegeschaustücken im Zirkus Busch vergleichbar. Was kam es dem mehr theatralisch als strategisch entwickelten Talent Wilhelms auf die Wirklichkeit an? Er brauchte mächtige und farbenreiche Bilder, er brauchte seinen »Sieg«. Und als sein Ältester in die Jahre kam, in denen Hohenzollernprinzen unbedingt anfangen müssen zu siegen, da wurde für die ohnehin arg genug geplagten Generale die Sache besonders schlimm und die Manöver verloren vollends den militärischen Wert, um definitiv in die Region der Witzblattobjekte herabzusinken. In diesem Jahr hat die Reichswehr zum erstenmal richtige Herbstmanöver abgehalten. Schon im Vorjahr zeigten sich schwache Ansätze dazu. Doch überwog damals der sportliche und Schau-Charakter. Durch eine Konzertagentur wurden Einlaßkarten vertrieben, und die Zuschauer sahen allerhand militärische Demonstrationen, die sie nicht ganz verstanden, die ihnen aber dennoch sehr gefielen. Diesmal jedoch wurde »Ernstfall« gespielt. Durch den Mund ihres Chefs ließ die Heeresleitung verlautbaren, daß alles Parademäßige fehlen und lediglich militärischen Erfordernissen Rechnung getragen werde. So muß man also annehmen, daß das, was in Mecklenburg und Thüringen vor sich ging, das verkleinerte Abbild des vielerörterten großen Krieges der Zukunft war. Oder nicht? Fragen wir einen, dessen militaristische Passionen kein pazifistischer Anfall erschüttert. Der Berichterstatter der »Deutschen Tageszeitung« schreibt: »Durch das Fehlen jeglicher schwerer Artillerie , der im Weltkrieg eingeführten schweren und mittleren Minenwerfer usw., vor allem aber der Fliegerwaffe , die sich in dem stark kupierten Gelände in hervorragender Weise hätte betätigen können, bekommt der Gang der jetzt in Deutschland möglichen Kriegsspiele etwas Unwahrscheinliches , besonders für den, der einen wirklichen Krieg erlebt hat.« Man wird nach diesem Zeugnis eines sehr Unverdächtigen reichlich skeptisch. Kriegsspiele sagt er. Ja, kann man im Ernst denn noch von Kriegsspielen reden, wenn nicht einmal der Standard des letzten Krieges als maßgeblich zugrunde gelegt werden kann, wo doch heute jedes Kind weiß, daß in einem kommenden Krieg es um ganz anderes geht als schwere und mittlere Minenwerfer usw. Was sollen also diese Exerzitien, über die Fachleute lächeln, und die nicht einmal als miniaturhafter Versuch der Darstellung eines möglichen »Ernstfalles« bewertet werden können. Will man die Reichswehr nur einmal zwecks nötiger Körperbewegung an die Luft führen oder will man dem Publikum beweisen, daß sie gar nicht so schwarz ist, wie manche Leute annehmen? Nein, zu dem technischen Massenmorden, das Tank und Flugzeug die Rolle aller bisherigen Waffengattungen zuteilt, und das chemische Laboratorium zum Hauptquartier erhebt, fehlen alle Mittel und Voraussetzungen. Und das in Thüringen zelebrierte Abbild von Krieg, das sich in seiner prunklosen Schlichtheit, ja Ärmlichkeit, so scharf von Wilhelms geräuschvollen Turnieren unterscheidet, es führt nicht in die Gegenwart, sondern in die längst ehrwürdig gewordene Vergangenheit, da ein Busch- und Kleinkrieg noch möglich war, wie ihn heute der Afrikaner Abd el Krim nicht mehr führt. Durch die illustrierten Blätter geht ein Manöverbild: » Ein markiertes Geschütz « Da sieht man einige mit täuschender Echtheit imitierte Krieger, martialische Gestalten mit Stahlhelm, Patronentaschen und staubbedeckten Schaftstiefeln um ein Etwas herumstehen, das aufs Haar einer richtigen Kanone gleicht, aber in Wahrheit nur ein Gebilde von Blech, Holz und Pappe ist. Der gute deutsche Normalspießer, dessen Herz bei jedem militärischen Spektakel vor Wonne wackelt, wird auch darüber entzückt sein. Wer indessen kritischer veranlagt ist, dem demonstriert dieses Bild in überzeugender Weise den Unterschied zwischen »Das ist« und »Das bedeutet«, worüber sich die Gottesgelehrten durch Jahrhunderte die Köpfe bald zerbrochen, bald zerschlagen haben. Nein, wen nicht eine feldgrau bemalte Kulisse in Paroxysmen vaterländischer Begeisterung versetzt, der begreift gerade an diesem Bild, daß die uns durch den Versailler Vertrag gestattete Heeresmacht nähere Beziehungen zur Theologie unterhält als zum Kriegshandwerk. Diesen Charakter des Gestellten, des Unseriösen aber verliert unsere Reichswehr sofort, wenn man ihre Aufgabe nicht darin sieht, ein modernes Feldheer in mikroskopischen Formaten darzustellen, sondern eine innere Sicherheits- und Ordnungstruppe zu sein, wie sie ein Staat benötigt, der noch längst nicht alle Bürgerkriegs-Bakterien ausgestoßen hat. Wird die Aufgabe so gefaßt, dann kann die Reichswehr einmal vorbildlich werden für die Zukunft. Denn mag es in einzelnen Siegerländern noch so militaristisch kollern, die jungen Leute dieser Länder beneiden uns ..., nicht um den preußischen Leutnant, wohl aber um das Fehlen der Wehrpflicht , und die Idee der allgemeinen Abrüstung wird Terrain erobern, mag auch Generalität und Kriegsindustrie Zeter schreien. Hier sind die Möglichkeiten eines deutschen Militärprogramms von Heute zu suchen. Alles andere bleibt unwirklich und führt auf jenen Abweg, auf dem das, was man nicht hat, eben »markiert« werden muß. Eine gefährliche Täuschung, die in der Entente immer wieder Argwohn weckt und in Deutschland selber in schwachen Köpfen die Vorstellung hevorruft, man könnte doch wieder einmal mitten in Europa gegen ganz Europa »Ziethen aus dem Busch« spielen. Markiert war in diesen Jahren alles, was den Revanchetaumel zu stützen schien. Markiert war letzten Endes alles, was Deutschland seit 1918 an legalem und illegalem Militarismus produzierte, und echt waren leider nur die Trommelrevolver, mit denen Erzberger und Rathenau zur Strecke gebracht wurden. Montag Morgen, 21. September 1925 576 Der Baron Berger In diesen Tagen feierte das Hamburger Schauspielhaus seinen 25. Geburtstag. Berliner Kritiker, die zum Fest herbeigefahren kamen, schrieben nachher sichtlich enttäuscht, klagten, Schauspielkunst von vorgestern gefunden zu haben, leeren Pomp der Sprache und Gebärde, mit einem Wort: – Hoftheater. Dabei war die Gründung dieser Bühne um die Jahrhundertwende eine mutige, rebellische Tat. Ihre kurze Blüte und rapider Verfall ist verknüpft mit dem Namen des Barons Alfred von Berger, dem wieder dieses Hamburger Theater zum Schicksal wurde. Das Fatum hat sich mit ihm seltsame Umwege erlaubt: er wurde in Hamburg Theaterdirektor, um die Wiener Hofburg zu erobern. Der heutigen Generation dürfte der eigenartige Mann völlig entschwunden sein. Ein paar Novellen von ihm reichen vielleicht über den Tag hinaus. Es war ein großes Erstaunen in Hamburg, als sich ihnen der neue Theatermann präsentierte: ein Wiener Literaturprofessor, bisher Sekretär des Burgtheaters, dazu Gatte einer gefeierten Schauspielerin, der ewigen Naiven dieses ehrwürdigen Instituts. So, wie sich die guten Hanseaten einen Professor vorstellten, sah der fremde Herr allerdings nicht aus. Eine ungeschlachte Cyklopengestalt mit einer unglaublich dicknasigen Nilpferd-Physiognomie. (»Bin ich wirklich so häßlich?«, soll er zu Liebermann gesagt haben, als er sein Porträt betrachtete.) In diesem Hünen aber wohnte ein graziöser, südlich-lebendiger, komödiantisch vagabundierender Geist. Diese Hände, die eines Preisringers, waren nicht gewohnt zu kämpfen, sondern diplomatisch zu glätten, genießerisch zu liebkosen. Das Seltsame geschah: der Wiener Improvisator eroberte Hamburg kampflos, nein, er verführte, behexte es. Sicherlich war er ein Nachfahre der großen Theaterdespoten, der Laube und Dingelstedt, die gleich ihm von der Literatur herübergeweht kamen, aber was ihn unterschied von diesen, war der Mangel an Arbeitsernst, die Geneigtheit zu allen und jeden Konzessionen. Er schmeichelte den Konservativen mit breiten, gewichtigen Klassikeraufführungen, den Jungen mit Ibsen und Hauptmann, dem großen Publikum mit jedem neuen Blumenthal, mit Aufführungen von »Alt-Heidelberg«; mit dem Neuengagement anmutiger Aktricengesichter hielt er den Aufsichtsrat bei Laune ... Er war ein Teufelskerl. Niemals ist einem künstlerischen Menschen das greuliche Hamburger Klima leichter geworden. Er war der populärste Mann. Er macht mit einer Berührung das essigsaure Patriziat zuckersüß, Wilhelm II. favorisierte ihn, aber auch die roten Gewerkschaften feierten ihn als einen mutigen Kämpfer der Aufklärung gegen künstlerische und geistige Reaktion. Wahrscheinlich hatten sie alle recht. Prestigiateur? Fragt man sich heute nach dem Warum dieses Erfolges, wird die Antwort ziemlich schwer. Mit scharmanter Beredsamkeit, gesellschaftlichem Tausendkünstlertum läßt sich schließlich zehn Jahre ein Salon beherrschen, aber nicht eine Stadt, und was für eine Stadt! Wahrscheinlich erklärt sich das alles nur aus den Hamburger Theaterverhältnissen, wie er sie vorfand und die allerdings ins Aschgraue gingen. Als Regisseur brachte er nur mit, was er an der Wiener Hofburg gesehen hatte, was in den großen Tagen Brahms, in Reinhardts Werdejahren bereits ein Stück glänzende Vergangenheit wurde. Vergangenheit, ja, aber den Glanz, den wußte er zu bannen und mit dem natürlichen Genie eines geborenen Hexenmeisters auf neuem Grunde neu strahlen zu lassen. Und wenn das alles auch nur farbiger Abglanz war, er war in Hamburg der nach Thule verschlagene Phäake, der die anmutigen Künste des Südens lehrte. Wenn sein dekoratives Talent Makartstil war, vor ihm hatte, um im Bilde zu bleiben, tristester Piloty geherrscht. Er brachte die Freude an der Farbe ins Theater, den bunten, lustigen Aufzug, er machte aus jeder Neuaufführung ein Fest mit leuchtenden, lachenden Hintergründen. Wenn das alles auch nur Kulissenzauber war, schnell verblassend, die biedern Hanseaten, die mit der Ziehharmonika groß geworden waren, lernten von ihm die Flötentöne. (Im Thaliatheater begann um 1905 ein junger Regisseur, Leopold Jessner, Ibsen zu spielen. Ganz schlicht und innerlich, wie man so etwas bei Otto Brahm machte.) Alfred von Bergers Ausgang ist nicht ohne Tragik. Hamburg war ihm immer nur Zwischenstation gewesen, die Probeleistung, sein Ziel war die Hofburg. Bei jeder Schlenther-Krise wurde sein Name genannt. Die Jahre gingen, er wurde nervös, zehrte sich im Warten auf, kümmerte sich weniger und weniger um seine Direktorenpflichten. Unter seinen Augen entwickelte sich ein munterer Schlendrian. Schließlich kam die große Stunde, aber ein kranker Mann ging an ein krankes Institut. Er hatte die Wiener Künste nach Hamburg gebracht und prosperiert, aber was er nach Wien brachte, das waren schließlich nur die Hamburger Künste. Und das war für 1910 zu wenig. Der alte Zauberer mochte die Magie entweichen fühlen, er wurde matt, er erlaubte der Krankheit, die jahrelang an ihm gefressen, die er mit ungeheurer Anstrengung zurückgedrängt, Fortschritte zu machen. Eines Tages legte er sich hin und starb schnell. In der Hamburger Galerie hängt sein Bild von Liebermann. Da sitzt er vornübergeneigt, breitschultrig, schmerbäuchig, dicklippig, die Nilpferdnase phantastisch häßlich, eine Zigarre in den Fingern zerknautschend. Wie vital wirkt das alles. Seltsam, daß nicht nur dieser überlebendige Mensch dahin ist, sondern auch sein Theater müde, grau und verstaubt daliegt, wie ein einstmals leuchtender Makart, den man zusammengerollt ins Magazin geschoben hat. Ja, sein Schauspielhaus ist ein Theater der Alten für die Alten geworden. Spielt nicht in Hauptmanns »Veland« ein Nestor der Schauspielkunst den blutjungen Hirten? Nichts ist von Alfred von Berger jung geblieben als sein Bild. Wer aber seine Blütezeit erlebte, wird gern Zeugnis ablegen, daß er für ein paar Jahre eine hoffnungslos unmusische Stadt froher und festlicher gemacht hat. Das Tage-Buch. 26. September 1925 577 Die Leiche als Erzieher Ein amerikanischer Staat hat eine exemplarische Strafe gefunden für Autowüteriche: wer schuldig erkannt wird, einen Menschen zu Tode gefahren zu haben, muß eine Nacht in Gesellschaft der Leiche zubringen. Das soll den Unvorsichtigen bessern. Die amerikanischen Richter sind bekannt durch ihre Phantasie, Strafen auszuhecken. Sie haben noch etwas vom Richter im biblischen Sinne, vom Urtümlichen des Kadi. Kein Paragraphenzaun hält sie gefangen. In der Art zu untersuchen und zu richten, können sie Witz und Originalität zeigen, Scharfsinn, Improvisationsgabe, sogar Sadismus, alles Dinge, die aus unsern Gerichtssälen verbannt sind. Aber die Sache mit der Leiche hat wahrscheinlich einen Haken. Der weise Richter, der die Pönitenz ausgeklügelt, ist romantisch infiziert; möglicherweise macht er sich Vorstellungen aus dem Gruselmärchen über das, was einem mit einem Toten passieren kann. Glaubt er wirklich, daß ein Yankee von 1925 die Nacht in der Ecke verbringen wird, käseweiß, mit gesträubtem Haar, das Gesicht der Wand zugekehrt, Gebete bibbernd? Auch unter seinen frommen Landsleuten huldigt die überwiegende Mehrheit der Ansicht, daß nur die Toten nicht wiederkehren. Vielleicht wird der Verurteilte weder beten noch zittern, sondern Zeitung lesen und auf einem Notizbuchblatt diffizile Vorberechnungen aufstellen über abzuschließende Geschäfte, denn man ist auch so selten allein, und am andern Morgen die Schreckenskammer verlassen, ein Gefühl freundlicher Dankbarkeit im Herzen, daß er nicht da liegt. Und der einzige Bestrafte ist der Tote, der zum Demonstrationsobjekt degradiert wird, zum Mittel der Exekution, wie etwa eine Handfessel oder eine Prügelbank. Es gibt noch andere und härtere Möglichkeiten. Wie, wenn einer wirklich das Gruseln mit allen seinen perfiden Wollüsten in solcher Nacht lernen sollte und davon nachher, reich illustriert, in einem Magazin berichtete? Dann würde die angebliche Nacht des Grauens schnell last fashion werden. Es würde zum guten Ton gehören, so was mitgemacht zu haben. Man würde sich schämen, die vorschriftsmäßigen Schauergefühle noch nicht durchlebt zu haben. Namentlich die Damen, die lieben Geschöpfe, würden wie die potenzierten Ungewitter über die Chausseen sausen, im besinnungslosesten Furioso, über Mensch und Tier hinweg, in die Häuser hinein, so hypnotisiert werden sie in die Strafen hineinrasen, als ob nicht die simple Nacht in der Leichenkammer als Ahndung im Gesetz stünde, sondern Vergewaltigung durch den Scharfrichter des Gouvernements. Oh, es kann munter werden in Amerika! Was abschrecken sollte, wird fabelhafte Attraktion erweisen. Anstatt zerknirscht, werden die Sünder mit photographischen Platten in der Tasche ihre Opfer verlassen und mit ihrer Strecke prahlen, wie passionierte Jäger. Aber gerade dies letzte Motiv nötigt zu einer etwas gemütsrohen, aber notwendigen Sonderbetrachtung. Gibt es nicht Berufe, die den Todeserfolg brauchen, um sich zu legitimieren? Da ist der Feldherr, der sein Leben lang darüber nachsinnt, die Menschen möglichst scharenweise aus dem Leben zu jagen. Da ist endlich seine neue Konkurrenz in der Todesstrategie, der Ingenieur und der Chemiker, sie beide haben Kains schlichtem Handwerk unendlich reiche Möglichkeiten abgewonnen, sie haben die primitive Propädeutik des Tötens zu einem so kunstreichen System ausgeweitet, daß Attilas Methode zu der ihren sich etwa verhält wie eine alte Krämerbude zu einem modernen Warenhaus. Früher überreichte man dem tapferen General einen Ehrensäbel oder eine mit den Namen von Schlachtfeldern bestickte glorreiche Bauchbinde, dem Kanonenlieferanten eine eingerahmte Photographie seines dem Vaterlande so dienlichen Geschützmodells. Wie überholt ist solche Art von Ehrung heute! Das, was die Leute geleistet haben, ihren Effekt sollen sie stets vor Augen haben. Macht ihnen ihre Zimmer zur Ruhmeshalle, tapeziert die Wände mit Photographien, wie die Toten auf den Schlachtfeldern lagen, von Projektilen zerfetzt, von Tanks zerwalzt, von giftigen Gasen zerfressen und erstickt, von Flammenwerfern verbrannt. Da haben die Helden ihren Erfolg stets summa summarum vor sich; dauernder und demonstrierender als Ehrendegen und Ehrendoktor-Briefe der medizinischen Falkultäten, sagen ihnen diese Bilder, wieweit sie die großen Kriegsfürsten vor ihnen übertrumpft haben. Es ist ja möglich, daß den Herrschaften die Sache auf die Dauer etwas beschwerlich, etwas langweilig wird. Nicht wahr, immer dasselbe, toujours perdrix? Auch der Ruhm hat seine Lasten, daran läßt sich nichts ändern. Und vielleicht sind die Amerikaner mit ihrem Experiment, dessen Risiko wir nicht unterschätzen, trotzdem auf der rechten Spur. Der Tod ist eine feige, versteckte, anonyme Angelegenheit geworden, ein Monopol der Beerdigungs- und Einäscherungs-Industrie. Die hält auf Diskretion. Der unschöne Anblick darf nicht stören. Kasten zu, ab, Schluß! Der Rest ist Kondolenz. Wer weiß es, ob nicht auch heute noch der Tod seine Mirakel hat wie in den Tagen der frommen Märchen? Wer weiß es, ob nicht auch heute noch Wunden aufzubrechen, anzuklagen beginnen. Wer weiß es ... 578 Mann – Tier – Tugend Eine handfeste Farce im Geschmack altitalienischer Novellen. Die prüde Frau, die von einem Viechskerl von Gatten boykottiert wird, hat dem Hauslehrer gegenüber ihre Grundsätze vergessen und erwartet Familienzuwachs, der nicht eigentlich zur Familie gehörig. Nun soll der Gatte aufs eheliche Lager gelockt werden, um den Fall nachträglich zu legalisieren. Es gelingt mit Hilfe einer mit allen Künsten der Apotheke gewürzten Torte. Das Motiv ist nicht übermäßig züchtig und die szenische und dialogische Durchführung, sagen wir es offen, von einer monströsen Unanständigkeit. Aber alles ist frisch und rund herausgesagt, nichts bleibt im Angedeuteten stecken. Pirandello , der Sizilianer, lacht das breite Lachen des Rabelais. In den Kammerspielen unter Herrn Henckels Leitung wurde ein ungemein lustiger Schwankabend daraus. Gülstorff war der Liebhaber, zum Schreien komisch, wenn er wie ein cholerischer Gockelhahn durchs Zimmer stelzt. Herr Homolka aus Wien gab die Bestie, die scharf gemacht werden soll. Er brachte einen sehr lustigen Zug breiter Gemütlichkeit ins Spiel. Fräulein Denera überraschte in der sicher durchgeführten Parodie der leibhaftigen Tugend. Montag Morgen, 28. September 1925 579 Ufa-Palast am Zoo Endlose Autokolonnen stauen sich in der Hardenbergstraße. Vielleicht haben Gigli und Schaljapin nicht so viele Menschen auf die Beine gebracht, so viele Räder in Bewegung gesetzt. Die Ufa zeigt ihr größtes Haus neueingerichtet ... und in den Vestibülen drängt sich ganz Berlin, was heute linguistisch ein schwieriger Begriff geworden ist. Man hört Sprachen, die man selbst beim Film noch nicht gehört hat. Stutzt das Ohr zuweilen, kommt das Auge besser fort. Wahrscheinlich sieht man nicht oft solch Bild betörend üppiger Kleiderpracht. Der Riesensaal ist jetzt in Dunkelrot und Gold gehalten. Die neue Farbengebung mildert die Größenmaße, schafft eine gewisse Intimität. Ja, was dem Theater nicht gelingen wollte, ist hier Tatsache geworden, das »Große Filmhaus«, das Haus der Dreitausend. Hier versinkt der Einzelne in der Masse und die Masse selbst in Farbe, Licht und Ton. Im Orchester der 95 dröhnen die Tuben, rasseln die Pauken, kreischen die Geigen. Reflektoren werfen über den Bühnenbau magisches Silbergeriesel, das sich mählich in rauschendes rotes Gold verwandelt. Das geht über unsere alte kontinentale Behäbigkeit im Hören und Schauen hinaus. Hier im Wechsel von Film und Bühnenschau und Musik und immer Musik formt sich etwas Neues, man weiß noch nicht was, aber es hat das Ungewisse und Lockende des Abenteuers. Man fühlt es: zum erstenmal ist mitten in Berlin ein echtes Stück Amerika entstanden. Amerikanisch ist Vielfältigkeit und Tempo des Gebotenen. Theater seht euch vor! Der Al-Christie-Film » Charleys Tante « war ein Welterfolg, ehe er nach Europa kam. Er hat das Luxus-Theater ebenso erobert wie das Matrosen-Kino kleinster Hafenstädte. Er hat, um zu reüssieren, die denkbar günstigste Voraussetzung, seine Grundlage ist ein längst bekanntes Lustspielchen, voll von kleinbürgerlichen Humoren, voll von Schwankmotiven und getaucht in echte, rechte Harmlosigkeit, in jene Art von Harmlosigkeit, die auch den Wählerischen zum Lachen bringt, wenn gerade sein kontrollierender Verstand zu funktionieren droht. Wahrscheinlich ist ein so blühender Blödsinn manchmal eine Art Reinigungsbad für das übermüdete und vollgepumpte Gehirn. Scott Sidney , der Regisseur, hält sich an die bewährte Linie des gutartigen Excentric-Stückes. Er hat vorzügliche und wirklich lustige Darsteller und für die Hauptrolle Sid , des großen Charlie Bruder. Der wieder hat des großen Bruders unglaublich vife Extremitäten einzusetzen, was also eine Eigentümlichkeit dieser gesegneten Familie zu sein scheint. Aber er hat auch Eigenes zu geben, z.B. ein paar unendlich schlaue Filouaugen und ein wirklich scharmantes Lächeln, das Lächeln des geborenen Humoristen. Gelegentlich mag Bruder Charlie nachgeholfen haben, in manchen Einzelheiten der Damenmaskerade z.B. spürt man deutlich dessen geniale Hand. Aber das bleibt ja schließlich in der Familie. Es wurde ein großer Premierenerfolg, der jetzt übergehen wird in einen großen Publikumserfolg. (Nicht wenig dazu hat das Orchester beigetragen unter Leitung des amerikanisierten Ungarn Ernö Rapee .) Die Rundreise der braven Tante durch Deutschland hat begonnen. Wie eine Göttin des Lachens wird sie durch all die großen Filmsäle rauschen und dann durch die kleinen und kleinsten. Vielleicht wird man ihr in Jahresfrist einmal in einem Matrosenkino von Bremerhaven wieder begegnen. Montag Morgen, 28. September 1925 580 Don Juan und Faust Unter Barnowskys Regie wird aus Grabbes Tragödie nicht ein wild-heroischer Versuch, Goethe zu übertürmen, sondern eine geniale Arabeske, in vielen Farben funkelnd, wozu noch eine dramaturgische Entfettungskur beiträgt, die dem Werk etliches von seinem deklamatorischen Bombast nimmt. Der Maler César Klein erfüllt die Szene mit einem pompösen Barock, prunkvoll mit den Revuebühnen wetteifernd. Die Darstellung bringt eine Reihe mächtig beflügelter Leistungen. Da ist der Don Juan Rudolf Forsters , geschmeidig und verrucht, mehr ein Marodeur, denn ein Ritter im Kampf der Geschlechter; sein Leporello Herr Etlinger , der klingendere Mozart-Melodie in den Gliedern hat als die meisten Leporello-Sänger sonst in der Kehle. Dann der intellektuelle Teufel Kortners, Kayßlers Magus aus dem Norden, mit hoher spitzer Mütze aus dem Dunkel wachsend wie ein zerfurchter Rembrandtkopf und die Donna Anna der Fritta Brod , in starrem Atlas und Brokat, mit langem, schmalem Gesicht, wie einem Greco entstiegen. Montag Morgen, 5. Oktober 1925 581 Müde Kämpfer Vor einer Reihe von Monaten wurde in Leipzig der Schauspieler Gärtner wegen Rezitation revolutionärer Verse zu harter Gefängnisstrafe verurteilt. Durch den Staatsgerichtshof zum Schutze der Republik. Herr Niedner präsidierte. Jetzt endlich ist das geistige Deutschland reif zum Protest. Es hat lange gedauert. Auch sonst fehlte es in der letzten Zeit nicht an behördlichen Übergriffen gegen Schriftsteller und Künstler. Auf der Hintertreppe der Politik schleicht die Zensur wieder ins Haus. Wegen einer linksextrem inspirierten Dichtung wurde Johannes R. Becher kurzerhand verhaftet. Man konfiszierte ein literarisch wertvolles Buch des jungen Kommunisten Klaeber; bei einem anderen ganz unpolitischen Dichter wurde in rabiatester Weise nach »unsittlichen« Schriften gehaussucht. Ein Zustand von Rechtsunsicherheit reißt ein. Die Sbirren der politischen Polizei haschen nach den flatternden Gewändern der Musen. Wenn die zunächst Betroffenen, die Künstler und Schriftsteller, dagegen zur Abwehr schreiten, steht die gesamte politisch und moralisch nicht vermuckerte Öffentlichkeit hinter ihnen. Aber wer aktivieren will, muß sich über Ziel und Mittel seiner Aktion im Klaren sein. Sonst bleibt als Schlußeffekt nicht mehr als ein Stück Papier mit einer Resolution darauf. Die Veranstalter dieser Aktion, das muß leider ausgesprochen werden, vergriffen sich von vornherein in Methode und Schlagwort . Anstatt einen politischen Vorstoß mit den Mitteln der Politik zu parieren, etikettieren sie ihr Unternehmen mit dem Tatsachen verwischenden Schlagwort: »Für die Freiheit der Kunst!« Mit diesem kokett bestickten Fahnentuch gingen sie zunächst Unterschriften sammeln, wochenlang, monatelang. Bis sie alle »Namen« in Deutschland zusammen hatten, ehrwürdige Honoratioren der Kunstakademien, Laureaten der Literatur, Veteranen der Kritik, Publizisten von Ruf, die die längst rostig gewordenen Sporen sich vor 25 Jahren im Kampf um die Lex Heinze verdienten und deren bescheidener revolutionärer Johannistrieb sich in der Unterschriftleistung erschöpft. Geht es denn wirklich um die Freiheit der Kunst? Niemand stört die Kunst. Die Tapsigkeiten kleiner lokaler Brunner ersticken in einem heiteren Anachronismus. Kein Theaterdirektor wird mehr gehindert nackte Mädel zu präsentieren. Nein, es handelt sich nicht um Kunstfreiheit, sondern um Bürgerfreiheit . Präziser gesagt: das Gesetz zum Schutz der Republik , die Unterlage aller behördlichen Gewalttaten und Legitimation des Leipziger Niedner-Tribunals, muß endlich verschwinden . Gerade der aufrichtige Republikaner kann nicht länger dieses fatale Produkt verteidigen, das nach Rathenaus Ermordung, in der Angst vor demonstrierenden Massen entstanden, längst zu einem scharfkantigen Instrument gegen die Republik wurde. Die Parole: Für die Freiheit der Kunst! ist die bequemere, dem liberalen Spießer schmackhaftere. Die andere: Fort mit dem Republikschutzgesetz, fort mit Niedner! die riskantere, weniger zum Unterschreiben einladende, aber politisch realere. Sie trifft das Problem im Kern. Wie so oft bei den deutschen Intellektuellen wird auch diesmal der Protest Inhalt und Ziel, Anfang und Ende des ganzen Unternehmens bleiben. Auf der Tribüne steht Herr Wolfgang Heine , erfahrener alter Politiker, Sozialdemokrat von Einfluß, früherer preußischer Staatsminister, Advokat von glanzvoller Vergangenheit. Warum spricht er das erlösende Wort nicht aus? Warum bleibt auch er stecken in Allgemeinheiten, deren rhetorisches Augenblicksfeuerwerk in seiner farbensprühenden Pracht nicht unterschätzt werden soll? Gewiß, er hat als charaktervoller Mann sein Beisitzeramt im Staatsgerichtshof niedergelegt. Aber warum fordert er nicht den Schlußstrich unter die unglückliche Institution überhaupt? Da spricht auch Herr Dr. Fulda, der behagliche Lustspieldichter. Er spricht eine gut geölte Verwahrung. Dürfte er in Verse[n] reden, vielleicht würde er der Wahrheit näher kommen. Man sollte den liebenswürdigen Poeten nicht zur Prosa zwingen. Vor Jahren hat er das hübsche Epigramm geschrieben von den großen Männern, die verkehrt nach Indien reisen und unterwegs Amerika entdecken. Wer weiß, vielleicht wäre auch Herr Gustav Rickelt , der Präsident dieser Protestler, längst zum Ziel gekommen, wenn er nicht unterwegs Herrn James Klein entdeckt hätte. Wäre Herr Rickelt nicht eine so vielfältig okkupierte Persönlichkeit, vielleicht hätte er schon längst Zeit gefunden, die Stimme zu erheben, den Kampf um die Bürgerfreiheit des Künstlers mit Ideen zu befruchten. Aber Herr Rickelt setzt seine Ideen bei Herrn James Klein ab. Der eine liefert die Idee, der andere das Fleisch. Es muß ein harmonisches Zusammenwirken sein. Was zäher, politischer Kampf sein sollte, erschöpft sich in einer lauen Proklamation, in einer ästhetisch bemerkenswerten Matinee. Es ist kein großer Aufwand, der da vertan wird. Immerhin, er wird vertan. Im übrigen sitzt der Schauspieler Gärtner weiter im Gefängnis. Auch Herr Niedner amtiert weiter. Montag Morgen, 12. Oktober 1925 582 500 Mark Schaden, 1 Million Klatsch Jeder Kriminalfall, der zum Unheil der Beteiligten weitere Kreise zieht, wird vor zwei Tribunalen abgeurteilt: vor dem zuständigen Gericht und in der Arena der öffentlichen Meinung. Und mag schon zu Häupten der beamteten Rechtsprecher nicht immer das Flämmchen des heiligen Geistes leuchten, – das öffentliche Tribunal hat sein Verdikt fix und fertig, ehe noch das Gericht spricht. Die Gräfin Bothmer soll aus der Wohnung eines alten Bekannten einige Silbersachen, etwas Porzellan und dergleichen entwendet haben. Würde es sich um eine beliebige Frau Schulze handeln, die was mit einem Schupowachtmeister hatte, würde sich nicht der Potsdamer Adelshimmel als Kuppelhorizont über dem Drama wölben, nie wäre eines daraus geworden. Nüchtern und unbeeinflußt von Zeitungslärm dürfte das Gericht die Sache anpacken, und der Rest wäre Auseinandersetzung zwischen Mann und Frau; Privatsache, die niemanden etwas angeht. Da es sich aber um eine leibhaftige Gräfin dreht, turbulieren alle wachgewordenen Bürgerinstinkte. Unbefugte Ankläger und Entlarver melden sich, anonyme Briefe laufen ein, mysteriöse Pakete werden ausgegraben, liegen vor den Türen der Hauptakteure herum; Ritter aus Courths-Mahler-Land reiten stolz in die Stechbahn und erklären für Elsa von Brabant gerade zu stehen. Wehe, wenn das Opfer eine Frau ist! Ein Mann, der nicht gerade ein ausgemachter Hystericus ist, wird mit so was fertig. Aber eine Frau ist wehrlos . Eingekreist von Skandalsucht, von Sensationslust mit sich selbst unzufriedener Tugend, steht sie einer Mauer von kalten, höhnischen Mienen gegenüber, dröhnt in ihren Ohren das Höllenorchester der getuschelten Gerüchte. Den Rest besorgen die Journale. Die servieren das Opfer warm und kalt, bekleidet, halbnackt, ganz nackt, wie gewünscht. »Hauptmann Hefter ... Freundschaft oder mehr? ... freies, lustiges Leben ... immer sehr elegant gekleidet « (mühelos fühlt der Zeitungsleser sich bis zur Unterwäsche durch) ... »sie läßt sich in Berlin frisieren« (Schwefel über Gomorrha! ... »Intrige oder Verbrechen? ... Komplott der reaktionären Potsdamer Gesellschaft gegen eine Demokratin ! ... Monatsgehalt des Gatten: 660 M. ...« Bald werden die bewährten Kriminal-Psychologen, die sich unterm Strich ausleben, anmarschiert kommen und das Wesen der Kleptomanie, mit Fremdworten, aus gelehrten Wälzern geklaut, dem verehrten Publikum bis ins Letzte ausbreiten. Und, man kann Gift darauf nehmen, schließlich wird sich auch ein konstruktiver Kopf finden, dem der Nachweis gelingt, daß eigentlich der Graf das Silber und die zwei Meißener Porzellanteller gestohlen und die Gräfin sich für den Gatten opfert ... Es ist, um auf die Orangerie zu klettern. Der Wert der in Frage kommenden Gegenstände beläuft sich auf rund 500 (in Worten: fünfhundert) Mark. Das sei zur Ernüchterung nochmals betont. Der Bestohlene selbst will nicht recht an die Schuld der Bezichtigten glauben; der Verlust ist ihm sicherlich weniger arg als der Skandal. Ohne ein paar lächerliche Klatschmäuler wäre unter den Beteiligten wahrscheinlich alles stillschweigend geregelt worden. Ohne »Affäre«, ohne Selbstmordversuch des Mannes. Die Gräfin könnte sich ruhig weiter in Berlin frisieren lassen. Und wenn schon Potsdam das mißbilligt, Berlin hätte deswegen die Fassung nicht verloren. Montag Morgen, 12. Oktober 1925 583 Der Spitzel Gingelband Ist das, was wir Entwicklung nennen, letzten Endes nicht mehr als eine Folge von wechselnden Beleuchtungseffekten? Menschen und Dinge bleiben gleich, nur die Scheinwerfer senden ein anderes Licht. Und wir glauben an große Veränderungen nur, weil das grün ist, was eben noch rot erschien. Weil Thomas Gingelband das nicht rechtzeitig erkannte, deshalb sitzt er heute im Narrenhaus. Gingelband, nach Beruf und Wesensart Spitzel, ist, wie viele Spitzel, im Grunde nur ein versetzter Held. Ja, er begann seine Karriere als deklarierter Held. 1917, damals 23jährig und gerade vor der Einziehung stehend, hörte er im Wirtshausgarten, wie einer behauptete, auch die Engländer seien Menschen. Gingelband warf sich sofort tätlich auf das Individuum und überlieferte es der Polizei. Es kam nach Sonneberg. Gingelband aber als Reklamierter in einen lebenswichtigen Betrieb. Hier betätigte er sich spazierengehend durch die Werksstuben und Arbeitsräume, Gespräche anknüpfend, Wortfetzen erhaschend. Schnell gelang ihm die Säuberung des Hauses von schlechten Elementen, die unverzüglich k.v. geschrieben, an der Front wertvolle Dienste leisteten und die Siegeszuversicht der Kampftruppen hoben. November 18 trug unser Thomas eine rote Kokarde und enteignete die Bourgeoisie. Aber eines Abends am Landwehrkanal lustwandelnd, da traf er einige frühere Arbeitskollegen. Die griffen ihn hocherfreut und ließen ihn sacht ins Wasser gleiten. Ein Polizeiboot fischte ihn auf und gab ihn seinen politischen Aufgaben zurück. Gingelband zog trockene Kleider an und wurde deutschnational. Sofort erkor man ihn, auf Vorpostendienst in eine rote Truppe zu ziehen. Er führte sich tadellos ein. Bald waren zwei Dutzend von den Roten verhaftet, aber rätselhafterweise wurde auch der Führer von seinen Nationalen eingebuchtet. Großes Verwundern darob, Vertrauensmänner beider feindlichen Fakultäten kamen zusammen und überein, Thomas zunächst den Schädel einzuschlagen. Was alsbald geschah. Mühelos überwand seine kräftige Konstruktion den Echec. Und nun erscheint er abwechselnd in Pommern, in Oberschlesien und Ostpreußen, überall, wo was los ist, immer von einem Mysterium umgeben, das denen gefährlich wird, die den Schleier lüften wollen. 1922 bringt eine klaffende Kopfwunde und zahlreiche Tschechenkronen. 1923 langt er in München an, wo er sofort in delikater Mission nach dem Ruhrrevier geschickt wird, wofür er einen Koffer Papiergeld und einen Bauchschuß erhält, welch letzterer ihn diesmal fast an den Rand des Spitals bringt. Dennoch überwand seine gediegene Konstruktion auch diesen Echec ohne ärztliche Hilfe. Nach München zurückgekehrt, entlarvt er eines Tages, aus dem Löwenbräu kommend, einen älteren Herrn mit grauem Spitzbart als einen der Weisen von Zion. Vergebens beteuert der Angeschuldigte, der praktische Arzt Dr. Maier aus der Kaulbachstraße zu sein. Er wird sofort abgeführt, Gingelband aber vom Volke gefeiert und auf Flügeln des Gesanges in Hitlers Hauptquartier getragen. Doch schon wenige Tage später liegt er auf der Schleißheimer Landstraße einem Automobil im Wege, neben ihm eine an seinem Hinterhaupt zertrümmerte Bordschwelle. Schnell überwindet seine solide Konstruktion auch den Echec, tatenfroh wendet er sich nach Norden, in neuer Umgebung alte Künste übend. Daneben verwaltet er die Kartothek eines vaterländischen Verbandes. Eines Abends ging er, wie oft, in die Wilhelma, geriet dort an eine germanische Edelschnepfe und kam mit einer sehr internationalen Krankheit nach Haus. Kaum erholt von diesem Zwischenfall, wird plötzlich seine Kartothek beschlagnahmt, der Vorstand in geheimer Sitzung verhaftet. Tags darauf ist das Präsidium wieder enthaftet, er selbst befindet sich in einem gepolsterten Wagen auf der Fahrt in die Nervenklinik. Unbekannt bleibt, was er getrieben, unbekannter noch die Diagnose. Fama tuschelt nur, daß der Direktor der Anstalt, ein notorischer Demokrat, bald strafversetzt wurde. Erst im Sommer 25 ist er wieder draußen. Er kommt nach Berlin und sieht überall schwarzrotgoldene Fahnen. Staunend geht er durch die Wilhelmstraße. Überall Schwarzrotgold. Vor dem Reichstag eine große Menschenmenge. Militär marschiert auf ... »So, jetzt wird man auf die Leute schießen!« denkt Gingelband aufatmend, – aber nein, die Soldaten präsentieren vor schwarzgekleideten Herren, die wieder das fatale Abzeichen tragen. Der verzagende Gingelband hört, daß heute Verfassungstag, und das Volk ruft furchtbar laut Hurra, wie ein Wagen mit einem alten Herrn vorüberfährt, dessen Züge ihm irgendwie bekannt vorkommen. Da schleicht Gingelband in die Siegesallee, völlig gebrochen am Sockel Albrechts des Bären niedersinkend. Melancholisch betrachtet er Kopf, Arme, Beine, Rumpf und findet kaum eine Körperpartie, die nicht für die nationale Sache Wunden empfangen. Er denkt an den Kanal, die Revolverkugeln, das Papiergeld, die Bordschwelle, die Wilhelma, und am späten Abend liegt er noch immer zu Füßen Albrechts des Bären, desperate Reden führend. So entdeckt man ihn. Seine solide Konstruktion ist erschüttert. Am andern Tag fährt er schon wieder im gepolsterten Wagen irgendwohin. Armer Thomas, er hat in den Monaten erzwungener Klausur den Zusammenhang mit der Welt verloren. Sonst würde er wissen, daß wirklich alles nur Beleuchtungseffekt. Eine neue bunte Scheibe, nicht wahr, die Haut sieht anders aus, aber was hat sich schon groß verändert? Für den Tüchtigen ist immer Raum, auch wenn der Scheinwerfer jäh umstellt. Man darf nur nicht blinzeln. Das Tage-Buch, 17. Oktober 1925 584 Auf zum Heldentod! Dem früher viel gelesenen Romanschriftsteller Paul Oskar Höcker ist ein nicht alltägliches Mißgeschick passiert: er ist nämlich zum Tode verurteilt worden. Die Verurteilung erfolgte in Contumaciam durch ein belgisches Kriegsgericht in Lüttich. Herr Höcker war als Kompagnieführer im August 1914 in die traurige Lage gekommen, einen belgischen Franktireur erschießen lassen zu müssen. Das wird ihm nach 11 Jahren als »Kriegsverbrechen« ausgelegt. Daß heute diese Prozesse, in Abwesenheit und teilweise auch ohne Ladung der Beklagten, noch immer laufen, kann man höchst abgeschmackt finden und darin eine sehr fragwürdige Konzession an eine Volksstimmung sehen, die gar nicht mehr existiert. Man kann auch verstehen, daß Herr Höcker nicht wenig erregt ist darüber, daß ihm etwas zum Verbrechen gestempelt wird, was er nach Soldatenpflicht und Kriegsrecht tun mußte. Da Tötung nun einmal Zweck des Krieges ist, so müßte man gezwungen sein, alle Kriegsteilnehmer erschießen zu lassen, da schließlich jeder einmal mitgewirkt hat, andern das Leben zu rauben. Das wäre eigentlich die letzte Konsequenz der ententistischen Recherchen nach Kriegsverbrechern. Auch unter diesem Gesichtspunkt könnte der von Lütticher Militärrichtern Verurteilte das Urteil ironisieren. Leider schwingt sich Herr Höcker nicht zur Ironie auf, sondern redet sich in einem »Lokalanzeiger«-Artikel in eine Erhitztheit hinein, die seine Erfolge als Kriegsschriftsteller und Kommandant der Liller Armeezeitung begreiflich macht, heute aber in der Tat ebenso anachronistisch wirkt wie das Urteil. Er bedauert, daß »unserer durch den Schandvertrag von Versailles geknebelten Reichsregierung die Mittel fehlen, das Lütticher Kriegsgericht zu zwingen, sein auf Lüge, Entstellung und feiger Rachsucht beruhendes ›Urteil‹ zu kassieren«, und er hofft, daß » die Burschen da draußen « wieder einmal den Respekt vor uns kriegen, den sie »vor Bismarcks Kürassierstiefelspitze « hatten. Anerkannt, daß das aus einem rauhen, aber ehrlichen Herzen kommt, solche Exklamationen bringen uns kein Stück weiter. Wenn es Herrn Höcker so sehr darum zu tun ist, aus seinem Einzelfall ein Fanal zu machen – viele andere stehen mit gleichem Unrecht auf der schwarzen Liste und haben mit schwerem Herzen geschwiegen, anstatt lärmend an die Reichsregierung zu appellieren – wenn Herr Höcker den Militärjuristen von Lüttich nun einmal zeigen will, was eine Harke ist, warum begnügt er sich damit, den Herrschaften auf dem Umweg über den »Lokalanzeiger« den Gruß des Götz von Berlichingen zu bestellen? wie er es tat. Warum stellt er sich nicht schlankweg dem Kriegsgericht? Es liegt uns gänzlich fern, mit der Person des früher vielgelesenen Romanschriftstellers ein frivoles Spiel treiben zu wollen, aber wir wetten tausend zu eins, daß ihm nicht das Mindeste passiert, sondern daß er im Gegenteil die belgische Regierung in die fürchterlichste Verlegenheit bringt. Wenn er schon seiner Rachsucht frönen will, es gibt keinen grausameren Akt, als, frisch nach Locarno, sich Herrn Vandervelde , dem versöhnungsfreudigen sozialistischen Außenminister, zu präsentieren und zu sagen: »Hier bin ich, der zum Tode Verurteilte. Bitte, überliefern Sie mich dem Militär, damit ich, wie es im Urteil heißt, in Verviers erschossen werde.« Wir halten jede Wette , daß dieser Fall noch fixer beendet wird als der des Herrn von Nathusius . Damals erledigte Herriot die leidige Angelegenheit mit kurzer Geste. Seitdem hat sich die internationale Atmosphäre wesentlich zum bessern gewandelt. Das Einzige, was Herr Höcker riskiert, ist, als lästiger Ausländer per Schub über die Grenze gebracht zu werden. Es wäre wirklich verdienstvoll von ihm, mit einer kecken Selbststellung diese ganzen törichten Prozesse ein für allemal ad absurdum zu führen. Sollten wir aber unsere Wette verlieren, was wir im Interesse des Gewinnenden außerordentlich bedauern würden, so gäbe es für Herrn Höcker überhaupt keine günstigere Gelegenheit sich mit ewigem Ruhm zu bedecken als diese. Hier ist ihm durch einen unerhörten Glücksfall, wie er kaum zum zweitenmal vorkommt, die Möglichkeit geboten, den Heldentod zu sterben , den er in den zahlreichen Auflagen seiner Kriegsbücher gefeiert hat und den er der deutschen Jugend zudenkt, damit die Burschen da draußen wieder Respekt vor uns kriegen. Was kann sich ein sehr patriotischer Schriftsteller, dessen Glanz schon verblaßte, sehnsüchtiger wünschen, als das matt werdende Kolorit seiner Bücher in seinem Blute zu unsterblicher Leuchtkraft aufblühen zu lassen? Was wäre ein Theodor Körner ohne seinen heroischen Ausgang? Er hat sein gutes, tapferes Menschenblut über seine schlechten Verse gegossen und deshalb leben sie noch heute. Der Heldentod winkt. Warum zögert Herr Höcker aus einem Invaliden der Literatur ein junger Rekrut in der Armee der Unsterblichen zu werden? Wahrscheinlich hat er sich das alles auch schon selbst gesagt, und nur die Bemühungen besorgter Freunde haben ihn davon abgehalten nach Lüttich zu fahren, um den Belgiern entweder wirklich fürchterliche Ungelegenheiten zu bereiten oder aber in das Abendrot nationaler Glorie einzugehen. Schließlich hat Herr Paul Oskar Höcker sich entschieden, zu Hause zu bleiben, aber zu protestieren . Blut oder Tinte? hieß die Wahl. Er optierte für Tinte. Wir wollen nicht mit ihm rechten. Wenn der Tod fürs Vaterland auch schön und ehrenvoll ist, es bleibt doch immer noch ein großes Vielleicht. Herr Höcker zog dem Sprung ins Dunkle den Gang zum »Lokalanzeiger« vor. Montag Morgen. 19. Oktober 1925 585 Roland von Berlin Dieses Kabarett zählt mit Schneider-Duncker, Else Ward und den anderen singenden, tanzenden, zaubernden Damen und Herren noch immer zu den muntersten und erfrischendsten. Die Revue »Plem-Plem« parodiert nett und lustig dieses nicht immer unterhaltsame Genre; Herr Bendow bildet den beweglichen Mittelpunkt. Aber Maria Ney , Konferenciere, ist schon eine Revue für sich ... Montag Morgen, 19. Oktober 1925 586 100 zu viel! Berlin, 25. Oktober. Noch liegt zur Stunde das abschließende Ergebnis der Berliner Wahlen nicht vor. Aber unabhängig vom Gewinn oder Manko der konkurrierenden Gruppen steht ein Resultat schon fest: es werden 100 zu viel ins Rathaus einziehen. Eine Gemeindekörperschaft von 225 Personen! Die Hälfte davon, aber wirklich gute ausgesuchte Köpfe, das würde genügen, um den täglich wechselnden Aufgaben der Riesenstadt gerecht zu werden. Der heutige Zustand ist der einer unnatürlichen Gedunsenheit . Es fehlt an jener Elastizität des Rahmens, die die Voraussetzung federnder Entschlußkraft ist. Die Vielheit erstickt die Talente. Die Bäuche verdrängen die Köpfe. Das Ergebnis ist ... wir wollen die Beschwerden nicht nochmals tabellarisch ordnen. Jedermann kennt sie, fühlt sie. Auf allen Gebieten wird die Hauptstadt des Reiches beschämt von den jungen tatkräftigen Kommunen des industriellen Westens. Der Organismus der gewaltigen Stadt will nicht mehr funktionieren. 255! Reizt diese Zahl nicht den schäbigsten Interessen-Partikularismus, den Wettbewerb dennoch zu versuchen? Vielleicht fällt doch ein Mandätchen ab, nicht wahr? Der Effekt: 18 (achtzehn) Parteien balgen sich um die Seele des Wählers, und die Mehrzahl davon Splittergruppen , auf Eigenbrödler spekulierend, oder Wahrnehmung kleiner und kleinster Berufs- und Vereinsbelange mit treuem Auge verheißend. Die trübste Mittelmäßigkeit wird sich endlos breit in die Debatten schieben, die Großzügigen verärgern, zur Wirkungslosigkeit verurteilen, die Energie lahmlegen. Vor zwei Wochen hat der »Montag Morgen« die Richtlinien eines aktuellen städtischen Programms aufgestellt. Nicht das Idealbild der Stadt »wie sie sein soll«, sondern eine durchaus reale Zusammenfassung dessen, was sich aus dem Berliner Alltag an Forderungen ergibt. Keine einzige der Parteien konnte sich dazu aufschwingen, Ähnliches zu unternehmen, auch die großen alten Parteien verwiesen nur auf das, »was sie immer gesagt«, und auf ihr Programm: Abteilung Kommunales. Für keine kommt das individuelle Antlitz Berlins in Betracht, politische Klopffechterei verdrängt die Erkenntnis, daß es zunächst nur gilt, den verlorengegangenen Großstadtcharakter der Hauptstadt wieder herzustellen. Es ist ja kein Wunder, daß diese geschwollene Gemeindekörperschaft vornehmlich zum rein politischen Kampfobjekt wird. So hat sich eine Abart von Kommunal-Parlamentarismus gebildet, der ohne Organ für seine eigentlichen Aufgaben sich in einer geräuschvollen Nachäfferei gerade der am wenigsten nachahmenswürdigen Gepflogenheiten des Reichsparlamentes gefällt. Der schnauzbärtige Pfarrer Koch wie die steife Wehrhahnfigur des Herrn von Eynem sind für die heillose Verpolitisierung des Rathhaussaales ebenso kennzeichnend, wie die kommunistischen Stuhlbein-Matadore mit ihrer Claque auf der Galerie. Vor der Allianz dieser Ungeister, assistiert noch von dem aschgrauen Kommunalfreisinn des Herrn Merten , mußte der tapfere Schulorganisator Paulsen weichen. Allein der Fall Paulsen bricht den Stab über das Werk der verflossenen Stadtväter. Die typische Überfettung der deutschen Volksvertretungen ist hier ins Bizarre gesteigert. Das an Personenzahl schmale Parlament steht unter weit härterem Zwang zur Arbeit, sichtbar wird der Einzelne und seine Leistung. Darin liegt ein eminenter Ansporn, der in Berlin völlig fehlt. Hier versinkt alles in einem Brei von Anonymität, aus dem gelegentlich nicht ein Kopf, sondern eine geballte Faust ragt. Die Arbeit einer Gemeindeverwaltung ist nicht die Fortsetzung der Wahlagitation, wenn auch mit anderen Mitteln. Es wird Zeit, der Dame Berolina den gesinnungstüchtigen politischen Gummibusen wieder abzumontieren und ihr die natürlichen Körperformen zurückzugeben. Im Wahlkampf dominierten Parteizank und Interessentratsch. Die großen Gesichtspunkte fehlten überall. Wenn jede Gruppe auf ihren Werbeaffichen den Bären führte, so scheint das leider nicht mehr zu bedeuten als das Verlangen, sich für weitere vier Jahre sein Feld als Ruheplatz zu sichern. Wie das Endresultat auch ausfällt, es bieten sich keine frohen Aspekte. Wenn nur die Hälfte von denen erscheinen würde, die heute als Sieger hervorgingen, man könnte wieder für Berlin hoffen. Montag Morgen, 26. Oktober 1925 587 Wie man sich wiedertrifft Lukrezia nach 17 Jahren Ich nannte sie Lukrezia, seit sie jung und strahlend bei uns in Leons Atelier erschienen war, wo wir Grünspechte phantastische Träume in karge Realitäten umsetzten und ich noch in der gleichen Nacht meine Tragödie »Lukrezia Borgia« für sie zu schreiben begann. Seit einigen Monaten war sie am Stadttheater engagiert, rasend ehrgeizig und spielte an Sonntagnachmittagen eine kokette unwahrscheinlich junge Maria Stuart. Meine Borgia-Tragödie zeichnete sich vor minimalen Konkurrenzversuchen durch die neue interessante Nuance aus, daß Lukrezia in der Nacht vor seiner Verbrennung Savonarola in seiner Zelle verführt. Einmal las ich abends im Atelier aus meinem Drama vor, und sie ließ sich herbei, eine Szene zu sprechen. Nachher brachte ich sie durch eine dunkle Allee nach Hause und faselte immerzu Verse und begann schließlich ganz leise und zag auf ihren Schultern zu skandieren und so weiter. Sie wehrte lachend ab. Sie hat später noch manchmal abgewehrt und einmal setzte es sogar eine Maulschelle, aber ich hatte trotzdem immer das Gefühl, daß wenn ich drei Jahre älter wäre ... und ich verwünschte meine Jugend. O Narr, deine Jugend zu verwünschen. Eines Tages war sie nach New-York ans Irving Place-Theater engagiert. Ihr letztes Wort war, entweder als Charlotte Wolter wiederzukommen oder gar nicht. Wiedergesehen habe ich sie 17 Jahre später auf dem Podium eines fünftrangigen Kabaretts der Friedrichstadt, entkleideter als ich jemals meine Lukrezia in meinen wildesten Träumen mir vorgestellt hatte. Sie trug ein Kouplet vor, der Text war hanebüchen, entsprechend die Gestikulation. Nachher im Vorraum stand ich ganz dicht neben ihr. Wie alt mochte sie eigentlich sein? Das goldrote Haar war inzwischen fuchsig brennend geworden, sie hatte das typische grell glänzende, in allen Winkeln ausgetuschte Chansonetten-Gesicht, aber ihr Profil hatte noch etwas von längst vergangener mädchenhafter Lieblichkeit. Ich begrüße sie. Sie sieht mich ohne Erinnerung an, dann, wie unter Emailleschicht, ein professionelles Lächeln –: sie müsse jetzt noch im »Gelben Affen« auftreten, aber nachher könnte ich sie ja besuchen, das Haus sei die ganze Nacht auf. Und sie sagt mir ihre Adresse. Dann stand ich an der Friedrichstraße und dachte, daß ich sie vor 17 Jahren geliebt hatte und daß es wohl kaum 10 Jahre her waren, seit dem ich sie vergaß. Und plötzlich wurde ich sehr müde und das Gelärme um mich tat mir weh, und ich hielt mir die Ohren zu. Und für einen Augenblick wurde das Gegröle Betrunkener, der Ausruf der Zeitungshändler, das Getute der Autos, der ferne Signalpfiff von der Bahnhofsbrücke zu einem einzigen langgezogenen, klagenden Ne – ver – more ... Julia im Hotel Eines Tages war Julia mitten unter uns. Mitten in einer Gesellschaft recht bedenkenfreier Männer. Sie war sehr jung, unglaublich unschuldig, dazu klein und handlich. Ich wußte sicher: einer von uns wird sie verführen. Und, sagte ich mir, es ist besser, ich verführe sie als einer von den anderen. Denn kettenfolgerte ich weiter, verführe ich sie, so wird ihr dank meiner angeborenen Delikatesse der premier pas erleichtert, und ich werde ihr Seelenleben in geeignete Pflege nehmen, wofür den andern Wüstlingen doch jedes Organ fehlt. Und bald war ich so weit, ihre Seele zu pflegen. Was nachher kam, war schlimm. Sie weinte herzzerbrechend. Sie jammerte, sie müßte sich zu Tode schämen, sie könnte ihrer alten Großmutter nicht mehr in die Augen blicken usw. So ging es jedesmal. Ich wurde immer nervöser und kam mir im Grunde sehr schlecht vor. Eines Tages war Julia fort und ich erhielt nur noch eine Ansichtskarte mit dem Reichstag und der Siegessäule, ein Schutzmann davor, darunter ein Veilchenstrauß mit Bändchen und die Inschrift: »Dem deutschen Volke!« und darunter ein Abschiedsgruß, gemischt mit den schrecklichsten Selbstanklagen. Ich war sehr konsterniert. Die Wüstlinge aber, die sich schon auf die Nachfolge gespitzt hatten, hielten mir die Faust unter die Nase und sagten: »Du hast das Mädel ruiniert!« Nach drei Jahren renne ich plötzlich auf der Straße mit Julia zusammen. Sie ist weder ins Wasser gegangen, noch ruiniert, sondern sieht ganz vorzüglich aus. Das bekannte Gespräch: »Wo kommst Du denn her?« – »Warum hast Du denn gar nichts von Dir hören lassen« usw. Wir verabreden uns zum Abendessen. Irgendwo in der Stadt liegt das kleine Hotel, wo früher die Brüder Freimaurer ihren geheimen Riten oblagen. Die Wandbemalung, Winkelmaß und Kelle, astronomische Figuren, allegorische Frauengestalten, erinnert noch heute daran, wo das Hotel einem ganz anderen Zeremoniell dient. Hier unter den Porträts von Sokrates und Moses Mendelssohn wurde Wiedersehen gefeiert. Julia hatte sich inzwischen die Schreikrämpfe abgewöhnt. Am andern Morgen wache ich etwas spät, etwas betäubt auf. Ich sehe mich um. Keine Spur von Julia. Sie ist fort. Also noch immer der alte Tick, denke ich, aber sie hat doch sympathischer Weise eine diskretere Form der Zerknirschung gefunden, und ziehe mich seelenruhig an. Etwas später entdeckte ich, daß auch meine Brieftasche fort war. So stand ich unten im Vestibül, von den Wänden schauten mit rüder Neutralität die allegorischen Damen der Brüder Freimaurer auf mich herab, der selbst fast zur Allegorie erstarrt. Ich mußte an einen Freund um Geld telephonieren, um mich auszulösen. Es dauerte bis Nachmittag. Ich ging, verhärtet für alle Zukunft. Nie wieder Reue! Aminta auf dem Autobus Auf dem Verdeck. Autobus 2. An der Linkstraße steigt der dicke Herr zu meiner Rechten aus und ich rücke einen Platz weiter. Neben eine Dame. Diese Dame ist Aminta. Was für ein toller Zufall! Da neben mir sitzt Aminta, vor acht Jahren die große Passion. Da neben mir sitzt ahnungslos Aminta, ganz wie einst, etwas in sich verloren, die Augen gesenkt. Noch immer dieses feine Profil, die acht Jahre haben keine Umschichtungen an diesem zarten, blassen Gesicht vorgenommen. Jetzt sehe ich ganz deutlich unsern Abschied damals vor mir: Wartesaal II. Klasse in Altona, völlig verrückte Szene ... »Nein, Du, Du darfst nicht ...!« Ich weiß nicht mehr, wer damals nicht durfte, aber einer durfte nicht. Dann rennt sie mit hysterischem Lachen in die bitter kalte Nacht hinaus. Ich hinterher. Sie steht händeringend, totenblaß, gerade im häßlichen Kreideglanz des Laternenlichtes. Ich packe ihre Handgelenke, presse sie, rede ihr zu. Eine Unmenge zärtlichen Unsinn. – Jetzt sitzt sie plötzlich neben mir, ungewiß wie eine Erscheinung. Ich erinnere, daß sie immer etwas Gleitendes, Huschendes hatte, daß immer über der glücklichsten Stunde der Schatten jäher Trennung lag, daß ich sie immer das Phantom nannte. »Aminta«, sage ich, und sie wendet sich leicht zur Seite. »Aminta, kennst Du mich noch?« Ein fragender Blick, leichtes Erröten. Sie nickt. Ich fasse ihre Hand. »Aminta«, sage ich gerührt, »werd' ich zum zweitenmal Deinen Frieden stören?« Wie entsetzlich geschmacklos, so etwas zu sagen. Gerade so wie vor acht Jahren. Ach, um jede Frau bildet sich ein eigener Jargon. Und jetzt fange ich an, die Abschiedsszene zu rekapitulieren. Altona, der Wartesaal, das fahle Licht der Laterne. Und drücke ihre Hand. Immerzu. Eben am Kurfürstendamm sagt sie ganz unvermittelt: »So, jetzt muß ich aussteigen. Was Sie da sagten, war ja ganz nett, aber geht mich nichts an. Ich bin nämlich gar nicht Ihre Aminta.« Und sie zeigt sich mir zum erstenmal en face. Nein, diese klirrende Stimme, dieses weite ironische Auge, das ist nicht Aminta. Ich fühle den Autobus in wahnsinnigen Kurven, bergauf, talab. Die Gedächtniskirche kreist. Dann fasse ich mich schnell. Das Ganze sei ja nicht auf eine bestimmte Person gemünzt, ein nicht alltäglicher Annäherungsversuch, nicht wahr, wir müßten uns auf alle Fälle wiedersehen. Sie steht schon an der Treppe. »Ich glaube nicht, mein Freund«, sagt sie, »entschuldigen Sie, ich rede ohne Spott: Sie haben mir ein zu gutes Gedächtnis. Man fängt nicht genau so an, wie man aufhörte. Und ich bin eigentlich nicht dazu da, Ihrem kleinen Roman die Pointe zu liefern, die Ihnen vor acht Jahren nicht eingefallen ist.« Sie geht schnell hinunter. Ich sehe sie noch unten im Menschengewühl. Sie geht sehr eilig, wie zu einer Verabredung. In zwei Minuten wird sie wohl nicht mehr allein sein. Und wenn sie am Ende doch Aminta war? Ja, war es denn damals anders? Phantom, Phantom ... Das Tage-Buch, 31. Oktober 1925 588 Leo Perutz Ein Romancier, der es wagt, in einer Soldatengeschichte aus der Zeit Napoleons in einem spanischen Städtchen den ewigen Juden auftreten zu lassen, muß über die Fähigkeit verfügen, ungewöhnliche Elemente der Spannung zu entwickeln, soll es ihm gelingen, die Opposition des Lesers niederzukämpfen. Leo Perutz gelingt es. Er ist ein Dichter mit der Fähigkeit, ungewöhnlich fesselnde Romane zu schreiben. Ich betone: ein Dichter. Er bekennt sich kouragiert zur Kraft der Phantasie und einer gediegenen epischen Technik. Er steht trotz gewissen Erfolgen ein wenig im Schatten. Seine Bücher »Das Mangobaumwunder« (zusammen mit Paul Frank), »Zwischen neun und neun«, »Die dritte Kugel«, der »Marques de Bolibar«, »Der Meister des jüngsten Tages«, »Turlupin« und »Die Geburt des Antichrist« (bis auf letzteres sämtlich bei Albert Langen erschienen) sind bei einem ansehnlichen Anfangserfolg alle nicht ganz durchgedrungen. Denn der Deutsche holt spannende Bücher vornehmlich aus dem Ausland. Der Deutsche erwartet von vornherein nicht von seinen Autoren, daß sie Dichter sein und zugleich unterhaltsam schreiben können. Der typische deutsche Roman ist entweder der 800seitige Entwicklungsroman mit seiner episch verkleideten Lyrik oder der die Handlung bagatellisierende psychologische Roman. In dem Wiener Perutz steckt unendlich viel ungebrochene Erzählerfreude. Er kennt noch die naive Lust am Ersinnen einer Fabel, an der kunstreichen Verwirrung und Lösung der Fäden, am effektvollen Intermezzo, an der sorgfältig vorbereiteten großen Szene. Er beherrscht die Mechanik der Spannung in hohem Maße. Er kennt den geheimen Wunsch des Lesers, von einer spielend sichern Hand durch ein Labyrinth geführt zu werden. Er weiß um die Sehnsucht nach dem nächsten Kapitel, wenn schließlich spät in der Nacht das Buch doch einmal zugeklappt werden muß. Er holt sich seine Themen aus dem Unwahrscheinlichen, aus jenem Grenzbezirk, in dem die stärkste Phantasieleistung so nahe neben der billigsten Wirkungshascherei wohnt. (Hier waren Balzac und Dostojewskij gern zu Gast, aber Eugène Sue und Karl May zu Hause): Der schwachsinnige Knabe Turlupin greift in das Rad der Geschichte und entscheidet für mehr als ein Säkulum Frankreichs Schicksal. Der rheinische Condottiere Grumbach, der Held der »Dritten Kugel«, landet vor Cortez in Mexico und kämpft mit Montezuma gegen die Spanier. Oder er schildert im »Marques de Bolibar«, wie ein hessisches Regiment Napoleons spanischen Freischärlern zum Opfer fällt; die Truppe wird von ihrem eigenen Offizierkorps in frenetischer Verblendung ins Verderben gejagt. In »Zwischen neun und neun« muß ein junger, bei einem Diebstahl ertappter Student, der Polizei entflohen, für einen Tag seiner Umgebung die Handschellen verbergen, und ein Sprung in die Tiefe endet seine Qualen. Das ist erzählt mit der Vehemenz und drückenden Schwere eines Fiebertraumes. Im »Meister des jüngsten Tages« geht es um Verlauf und Ende einer Selbstmord-Epidemie. In einem alten Schmöker steckt ein Rezept für einen narkotischen Rausch, der eine Vision des jüngsten Gerichtes herbeiführt; aber dies Rezept enthält eine höllische Falle: es gibt keinen Rückweg mehr, das wunderbare Gesicht führt in Wahnsinn und Tod. Aber nicht die Fabel, erst die Ausführung zeigt Perutz in seiner vollen künstlerischen Atemkraft. Je romantischer die Handlung sich verwickelt, desto prächtiger leuchten seine Farben. Je raffinierter die Situation wird, desto lebendiger werden die Figuren. Das Konstruktive verschwindet hinter den Charakteren, die lenkende Hand wird unsichtbar, der Mensch steht voran. Die Technik, in den Expositionen oft spürbar, ist überwunden. Das Dichterische hat gesiegt. Ist dieser Punkt erreicht, dann blüht seine Sprache unerhört auf. Dann kommen kleine, entzückend aquarellierte Episoden, wie die Erzählung des Sergeanten Thiele im »Marques de Bolibar«: »›Die Nachtpickete‹, berichtete mir Thiele im Gehen, ›haben schon ein Scharmützel gehabt. Drei gefangene Guerillas haben sie mit ihrem Rapport in die Stadt vorausgeschickt. Die drei sahen aus, als kämen sie geradewegs aus Noahs Arche. Wie kommt es nur, daß alle diese Guerillas die Gesichter von Affen, Mauleseln oder Ziegenböcken haben ...‹ ›Wahrscheinlich kommt es daher‹, meinte er, ›weil sie am liebsten Maiskörner und Eichelmus fressen. Dinge, mit denen man bei uns daheim das Vieh füttert. Jetzt sind sie ruhig, aber vor einer Stunde hätten Sie sie jämmerlich plärren hören können. Sie standen im Kreise um ihre Offiziere und sangen ihr Morgengebet, ich mein', es war ein Hymnus an den Teufel Behemot, der der Schutzpatron allen Unflats und des viehischen Fraßes ist.‹« So kann Perutz schreiben. Wenn ein Romancier von so viel gestaltender Phantasie und kultivierter Stilkunst Engländer wäre und seine Bücher bei Tauchnitz herauskämen, in Hunderttausenden von Exemplaren wären sie über den ganzen Erdball verbreitet. Das Tage-Buch, 31. Oktober 1925 589 Kußmanns Richter Am 11. November wird sich vor dem Großen Schöffengericht Berlin-Mitte Herr Assessor Kußmann wegen indirekter Mitarbeit an der Hugenberg-Presse zu verantworten haben. Juristisch ausgedrückt: Herr Kußmann wird bezichtigt, ihm amtlich anvertraute oder zugängliche Urkunden vorsätzlich beiseite geschafft zu haben (§ 348 Abs. 2 StGB.). Über den Stand des Verfahrens macht im letzten Heft des »Tage-Buches« der Richter , der dort seit einigen Monaten die Justiz-Chronik führt und dessen Informationen und kritische Streiflichter immer stärkere Beachtung finden, bemerkenswerte Angaben. Die Anklage wird der Generalstaatsanwalt selbst vertreten. Wer aber ist der Vorsitzende ? Es leuchtet ein, daß bei einem so delikaten Casus, der die ganzen Korruptionsaffären nochmals aufwühlt, und der geeignet ist, politische Leidenschaften zu entfesseln, ein Vorsitzender amtieren muß, der nicht nur die edelste Auslese juridischen Wissens darstellt, nein, er muß auch ein Meister der Form sein, konziliant und tatkräftig zugleich. Niemand darf mit dem Gefühl abtreten, ihm sei der Mund gestopft, er muß sie alle freiweg sprechen lassen, ohne daß deshalb das Tribunal zum politischen Meeting wird. Versteht sich von selbst, daß er objektiv sein muß wie Brutus, der das eigene Fleisch und Blut dem Henker überlieferte. Kurz: verbindlich und dabei der verkörperte kategorische Imperativ. Nun aber sucht das Justizministerium nach diesem Mann. Die Personalakten sämtlicher Richter werden hervorgeholt, ihre Entscheidungen wieder und wieder durchprüft, ihre Lebensläufe bis in die finstersten Referendarwinkel durchleuchtet. Man konsultierte als Sachverständige Charakterologen, Psychoanalytiker, die sich auf Justizpersonen verstehen. Zwei sonst in allen Stücken würdig befundene Herren vorgerückten Alters sollen abgelehnt worden sein wegen noch schwach nachweislichen Ödipuskomplexen; ja, man spricht sogar, es seien Graphologen herangezogen worden. Neulich kam Ihr Korrespondent ins Ministerium und fand dort alles auf den Kopf gestellt. Er sah übernächtige Geheimräte mit fieberglänzenden Augen und hohlen Wangen durch die Korridore fegen. Der Arbeitsbazillus nistet in allen Hirnen und Händen. Einer der wichtigsten Referenten, heißt es, wurde infolge Übermüdung mitten im Vortrag plötzlich von Schlafkrankheit befallen. Sein Befinden gibt, versicherte mir der Portier, zu Besorgnissen Anlaß. Jedoch, fügte er stolz hinzu, erleidet seine gewohnte Amtstätigkeit keine Unterbrechung. PS. Hurra, der Mann ist gefunden. Es ist Herr Amtsgerichtsrat Ahlsdorf, der seinerzeit den Landgerichtsdirektor Kroner wegen Beleidigung des Herrn Beversdorff zu 3000 Mark Geldstrafe verdonnerte. So waren doch die Mühen der höchsten Instanz nicht umsonst ... Montag Morgen, 2. November 1925 590 Die National-Päderasten Auf ihrer Jagd hinter den geheimen Mordorganisationen hat die Berliner Polizei einen »Frontbann«-Führer mit einigen seiner jungen Trabanten festgenommen. Man fand den Häuptling mit den Seinigen, nicht Juden und Welschen ewige Rache schwörend, sondern ... kurzum, in dem Verfahren wird der § 175 eine Rolle spielen. Und deshalb dürfte es den Burschen diesmal schlecht gehen. Denn Themis, die in politischen Prozessen blinzelt und gern über das bißchen Konspiration mit gelegentlichem Mord hinwegsieht, zieht die Augenbinde fester und wird sehr prüde, sehr streng, wenn es sich um Homosexuelles dreht. Unabhängig aber von den Akteuren dieser Tragikomödie, die mit politischem Trara beginnt und auf dem Lotterbett endet, läßt sich dem Problem schon eine gesonderte Betrachtung widmen. Denn in den meisten militärisch gegliederten Bünden, die angeblich der Erneuerung und Ertüchtigung dienen, die sich so bärenhäuterhaft und männlich-zottig gebärden, wird neben dem Kult der Vaterländerei noch ein anderer betrieben und immer mehr hat man sich an die Figur des »nationalen Führers« gewöhnt, der sich in seinen Mußestunden als Knabenschänder betätigt. Hier in dem Dreivierteldunkel dieser Geheimorganisationen, die es mit der Tradition des alten Deutschland so wichtig haben, wird, da man einstweilen doch nicht alles restituieren kann, wenigstens die der Kadettenanstalten und der Liebenberger Tafelrunde hochgehalten. Es scheint nun einmal das Geschick der Patriotarden zu sein, immer gerade das als Tradition zu pflegen, was schon früher Irrung, Dummheit oder Fäulnis war. Der Franzose sagt »le vice allemand«, und sagt es nicht mit moralischer Überheblichkeit, sondern mit etwas verständnislosem Lächeln. Dieses summarische Urteil der in Liebesdingen begabtesten Nation der Welt sollte stutzig machen. Und doch fragt man verwundert: Deutschland das klassische Land der sokratischen Liebe? So weit wäre die verbreitet, daß ein Nachbarvolk uns alle in diesem Lichte sieht? Sicherlich sind unsere Landsleute, obgleich sie jetzt mit jedem Tag so beängstigend auf dem Wege zu Kraft und Schönheit fortschreiten, keine Griechen. Auch nicht dem Sexualempfinden nach. Sie sind nicht weniger »normal« als andere auch. Die Ursache der Verbreitung des »vice allemand« in der männlichen Jugend muß wohl wo anders zu suchen sein. Wir haben zwar so entsetzlich viele Traditionen, aber wir sind wahrscheinlich das einzige zivilisierte Volk ohne erotische Überlieferung. Es gibt bei uns keine erotische Kultur, die der Jüngling als selbstverständlich auf die Reise ins Leben mitnimmt. Man bewundert bei uns noch immer ein ständig im Maul geführtes ungekämmtes Flegeltum als Männlichkeit. Wer sich auf Frauen versteht, gilt als verweichlicht, als unmännlich. Es gibt kein von Mund zu Mund weitergegebenes zärtliches Brevier über den Umgang mit Frauen. Der deutsche Junge ist lüstern wie alle andern auch; aber zu klobigsten Renommistereien erzogen, heranwachsend in dem Irrwahn, daß die an der Straßenecke für Talerwert erstandenen Gunstbezeugungen etwas mit dem Liebesleben zu tun haben, erlaubt er sich, über die Pyramiden zu lachen, ohne in Ägypten gewesen zu sein, und den Übersättigten zu spielen, ehe er die Vorspeisen sah. Erotisches lernt der junge Mann entweder in der Form der Zote kennen oder ein besonders »aufgeklärter« Erzieher erläutert ihm das Aneinandergeschmiegtsein zweier Körper lieblos sachlich als »Befriedigung des Geschlechtstriebes« oder »Geschlechtsverkehr«, furchtbare Worte, wie von einem Eisenbahn-Inspektor erfunden, die alle Anmut mit dürrem Besen aus der Kammer fegen. Der Jüngling lernt das Ritual der Kneipe kennen, wird von älteren Kameraden in die Taxe der Prostitution eingeweiht, aber er kennt nicht die Geliebte. Deshalb verläuft die Konfrontation mit dem Weibe so kläglich. Hier ist das Wesen, um das man jubelt oder zittert, um das man wirbt, um das man sich bekümmern muß auf jeden Fall, an das man sich verlieren kann. Da beginnt für die Pseudo-Männlichkeit die Zone der Unsicherheit. Es fehlt nicht nur an äußeren Manieren, mehr noch an Artigkeit der Seele. Enttäuscht und verkatert flieht der Unbeholfene in seine Männergesellschaft zurück. Innere Unzulänglichkeit wird zur maskulinen Tugend umgeschwindelt. Es wird geprahlt und gezotet und schließlich über das gemeinsame Lager das schäbige Fahnentuch einer verlogenen Ideologie ausgebreitet. Daran ist die gesamte Jugendbewegung verdorben. Sie suchte unter Blühers Irrwisch-Parolen die Retraite in einen imaginären Männerstaat und fetzte auseinander. Nichts blieb als ein paar dicke Wälzer voll mystagogischem Gesumse und die nicht erfreuliche Erfahrung, daß die sexuellen Gepflogenheiten der Kadettenanstalten und Internate aus dumpfen Kasernements ins Freie oder auf den Heuboden verlegt wurden. Für den patriotischen Exerzierverband aber bedeutet die Päderastie vollends die letzte private Konsequenz der dort gezüchteten Vorstellung vom Deutschtum und der alldeutschen Geisteshaltung überhaupt. Wie das krampfige Verschließen vor der Welt, vor dem sogenannten fremdländischen Wesen, nicht Stärke ist, sondern Unsicherheit und Konkurrenzfurcht, so ist die Abkehr vom Weibe nicht Mangel an Appetit, sondern Blödheit und fehlende Kourage zuzugreifen, verkappt unter großspurig ruppiger Geste. Von da ist dann nur ein kurzer Schritt zur Thronerhebung des »deutschen Mannes« aus der Agitationsfibel; die Nationalgottheit trägt männliche Züge. La liberté ist eine Frau; das deutsche Idol ist der »Held« schlechtweg, der in der Praxis allerdings nicht Kriegskamerad wird, sondern Bettgenosse. Es fällt nicht ganz leicht, heute, wo das Muckertum sich wieder regt, eine Philippika zu schreiben gegen bestimmte Sexualsitten. Aber so sicher es ist, daß keiner, dem die Natur ein gewisses Fühlen mit auf den Weg gab, in das Schlingkraut des Paragraphen-Dickichts gestoßen werden darf, so unbestritten sollte auch jede menschliche Infamierung für den sein, der die moralische und ökonomische Labilität dieser Nachkriegs-Jugend zu seinem Sexualvergnügen ausbeutet. Denn die Entfernung von der Kameradschaft zum Verkauf des männlichen Leibes ist bei der grenzenlosen wirtschaftlichen Unsicherheit nicht groß. Ein Gutes hat unsere vielbejammerte Demoralisation doch mit sich gebracht: das Mädchen, das schüchtern in die Ecke gekuschelt, der »verlorenen Ehre« nachtrauert, wird zur legendären Gestalt. Mit kurzem Haar und kurzem Rock weht Gretchen durch die Straßen und wird auch ohne Marthe Schwerdtlein mit ihrem sinnlich-übersinnlichen Freier und seinem infernalischen Begleiter fertig. Doch das Problem hat nur das Geschlecht gewechselt: der gefallene Jüngling löst das arme Gretchen ab. Es ist kein schöner Typus, der National-Kokotterich, mit seiner Vereinskokarde, seinen vaterländischen Phrasen in der Likörbude herumlungernd, wartend, daß ihn einer dingt, entweder zu Mord oder zu Buhlschaft. Mit einer beißenden Aktualität klingt aus dem alten »Simplicissimus« von Anno Eulenburg die freundliche Mahnung an die Herren Hofprediger zu uns herüber: Scheuchet jeden argen Zweifel, daß er baldigst sich verliere, gründet Magdalenenheime auch für Gardeoffiziere! Auch heute wirken in der nationalen Bewegung ein paar frühere Hofprediger und zahlreiche evangelische Pfarrer mit. Hier ist ein ausgedehntes Feld für Seelsorge, meine Herren ... Das Tage-Buch, 7. November 1925 591 Mussolinis Totentanz Heute vor sieben Jahren teilte sich Europa zu seinem Unheil in Sieger und Besiegte. Jetzt, wo die Mächte des Weltkrieges sich endlich anschicken, die seelischen Auswirkungen des Kriegszustandes zu liquidieren, spaltet der italienische Despotismus die eigene Nation in zwei Klassen, nicht in Sieger und Besiegte, das wäre zu milde ausgedrückt, nein, in Jäger und Gejagte. Das Mitgliedsbuch des faszistischen Lokalvereins attestiert die Jagdberechtigung, legalisiert Willkür und Verbrechen, Mord und Brand und Plünderung. Über das Zaniboni-Komplott ist sich die nichtitalienische Öffentlichkeit – lassen wir die deutschen Rechtsblätter mit ihrem Diktaturfimmel beiseite – heute schon ziemlich klar. Das, was die amtlichen Verlautbarungen in Rom über die angebliche Verschwörung gegen das Leben des Duce mitzuteilen geruhten, riecht auf viele Kilometer gegen den Wind nach Polizeiarbeit. Am Vorabend des Matteotti-Prozesses soll Mussolini beseitigt werden? Niemand hat diesen Prozeß mehr zu fürchten als der Diktator. Und da sollten ernsthafte Politiker jener Opposition, die allein von dem Prozeß profitieren kann, sich in ein höchst gewagtes Abenteuer gegen den Mann einlassen, den der Mordfall Matteotti schwer blessierte und der an der Gerichtsverhandlung vielleicht politisch sterben kann? Niemand traut der Opposition eine so kapitale Dummheit zu. Abgesehen von diesem psychologischen Schnitzer handelt es sich aber um eine äußerst gediegene und durchdachte Spitzelarbeit, die der alten zaristischen Ochrana Ehre gemacht hätte. Die Gegner, die getroffen werden sollen, sind mit Sorgfalt ausgewählt. Zaniboni soll die sozialistische Partei repräsentieren. General Capello gehört den hohen Offizieren an, die dem neuen Regime nicht freundlich gegenüberstehen, und spielt bei den Freimaurern eine Rolle. Quaglia, Zanibonis Gehilfe, heißt es, sei der Mann der katholischen Volkspartei. Drei mit einer Klappe. Die Freudenfeste in allen Orten Italiens, inszeniert von den faszistischen Komitees, können nicht über die schwere innere Krise der Diktatur hinwegtäuschen. Es ist etwas Fatales um solchen »Volksjubel«, der mit Messer und Revolver erzwungen. Mussolinis Sieg über seine Gegner ist zu gewaltsam, zu umfassend , als daß ihm Dauer zuzutrauen wäre. Aufgelöst erklärt die Sozialistenpartei, militärisch besetzt die Logen, eingeschüchtert die Katholiken und Liberalen. Es liegt in der Logik der Gewalt, daß, wer sich ihr einmal unumschränkt verschrieben, sich immer wieder überbieten muß. Da die alten Feinde weggefegt sind, müssen immer wieder neue geschaffen werden. Eine Diktatur wie die Mussolinis kann niemals für sein, sondern immer nur gegen ; ihr Zweck ist Besiegung der »Feinde«, Austilgung der »Verräter«, und deshalb läuft sie in die Gefahr, daß die ewige gloriose Fechterattitüde einmal mit einem Stoß ins Leere endet. Aber es ist noch etwas anderes möglich. Ist die Opposition einmal erledigt, dann bleibt niemand mehr übrig, als der Duce und seine militärisch organisierte Partei. Dann wird der Schlußkampf vor sich gehen zwischen den selbständig werdenden Kreaturen und ihrem Hexenmeister, der die Kraft der alten Zauberformeln erschöpft sieht und keine neuen mehr findet. Auch sein schärfster Gegner wird Mussolinis Verdienste nicht verkennen. Er hat in der Reform der Verwaltung vieles geleistet und, mit manchem verzopften Schlendrian aufräumend, Italien dem internationalen Zivilisations-Standard nähergebracht. Auf alle Fälle gehört der Proletariersohn aus der Romagna, der es verstand, ein ganzes Volk für ein finsteres, reaktionäres, mittelalterliches Ideal revolutionär zu enthusiasmieren, zu jenen Gestalten der Geschichte, die etwas über das Menschenmaß Hinausgehendes wollten. Aber gelungen ist ihm nicht, vom revolutionären Stoß in die Politik hineinzufinden. Das, was von einem ganz anderen Pol aus Moskau gelang , ist in Rom mißglückt. Die verheißene bürgerliche Ordnung ist nicht eingekehrt. Die Ruhe ist die Ruhe des Friedhofs. Der Terror der Schwarzhemden-Miliz regiert die Provinzen, büttelt die freie Meinung nieder. Vielleicht erkennt der Tribun selbst als ein im modernen Parteiwesen aufgewachsener Politiker das alles recht gut. Ändern kann er es nicht. Brutalitäten und Korruption sind die Resultate der faszistischen »Erneuerung«. Seit drei Jahren befindet sich Italien im Daueralarm. Laute Theatralik muß über das Versagen hinwegtäuschen. Mit eingefrorener Bonapartegeste präsentiert der »große Mann« sich dem Volk. Als er in Locarno zum erstenmal vor internationalem Forum erschien, innerhalb seiner Leibwache pompös wie ein vom Sockel gestiegenes Denkmal, begegnete er allgemeiner heiterer Ablehnung. Inzwischen aber knallen seine Drohreden wilhelminischen Stiles über die Adria, über den Brenner. Seine Presse deklamiert gegen Paris, wo angeblich die Drahtzieher der Zaniboni-Verschwörung sitzen sollen. Neuer nationaler Furor soll das düpierte Volk verhindern, das Vakuum der Dikatatur zu sehen. Kein Regiment kann dauernd von Siegen über das eigene Volk leben. Noch einmal ist es gelungen, den revoltierenden gesunden Menschenverstand in einem ungeheuren Delirium zu ersäufen. Und so wird es wohl noch eine Weile weitergehen. Aber diese bunten, geräuschvollen Paraden mit Tressen und Trommeln, mit Schwarzhemden und römischen Feldzeichen, sie sind nicht mehr als ein wüster Totentanz auf unterminiertem Gelände. Der vertriebene Feind hat sich tief in die Erde verkrochen und wartet auf seine Stunde. Während oben die Miliz mit Hörnerklang und Trommelwirbel marschiert, findet unten die Schattenparade der verbotenen Gedanken statt. So wird Mussolini »weitersiegen«, bis eines Nachts der gespenstische Tambour der Vergeltung aus der Gruft steigt und Reveille trommelt, für alle, die unterdrückt, für alle, die etwas zu rächen haben. Montag Morgen, 9. November 1925 592 Die Bothmerei In Potsdam hat eine anmutige, elegante Frau auf dem Armesünderbänkchen Platz genommen. Diese Frau beherrscht seit ein paar Tagen die Schlagzeilen der Berliner Blätter. Sie hat Locarno und die »Rückwirkungen«, die Kabinettskrisen in Deutschland und Frankreich, den panislamitischen Aufruhr und Herrn Mussolini in den Hintergrund gedrängt. Kluge Feuilletonisten suchen ihr Lächeln zu enträtseln und beschwören zwecks Vergleich eine Galerie dämonischer Weiber von Mona Lisa bis Lulu. So kann es jetzt noch acht Tage und länger gehen. Wir haben in den letzten Jahren Kämpfe ums Recht erlebt, Fechenbach, den Tscheka-Prozeß, den Fall Gärtner, die alle Vorbedingungen in sich trugen, Leidenschaften zu entfesseln, und das öffentliche Gewissen blieb stumm. Täglich krümmen sich arme Teufel in den Polypenarmen der Justiz, vor leerem Gerichtssaal und ein paar gelangweilten Berichterstattern spielen sich unerhörte Tragödien ab, krachen Schicksale zusammen. Um alle diese Alltagsdramen mit Alltagsmenschen und Alltagsproblemen dehnt sich schrecklich kalt eine Zone des Schweigens. Das Grafenkrönchen der Bothmer macht ihre kleine Affäre zur knalligsten Sensation. Das große Tier Publikum verlangt seinen Fraß. Wie unbedeutend ist das, was ihr zur Last gelegt. Warum wird der Dame mit dem Adelstitel ihr Menschenrecht verwehrt, kriminell zu werden? Warum Stigmatisierung, Anprangerung wegen Bagatellen, die ohne den Potsdamer Klatsch unter Brüdern geregelt worden wären? Wie einfach und ohne an Leib und Seele photographiert zu werden, wäre das alles für Frau Schulze geworden? Die Gräfin lächelt, aber in ihrer stillen Zelle wird sie wohl Frau Schulze beneiden. Was an der Bothmer sympathisch wirkt, das ist das muntere Gesicht, das sie sich für die Verhandlung zurechtmachte. Sie hätte ebensogut mit einer blassen Leidensmiene oder betränt wie aus einem Roman von Rudolf Herzog vor das Publikum treten können, das in weit höherem Maße ihr Richterkollegium bildet als die Herren am grünen Tisch. Sie weiß, daß es ein Schauspiel ist, und macht eine Miene dazu, wie sie zur Komödie gehört. Inzwischen wartet alles auf ihren Zusammenbruch. Wird sie nicht doch die Nerven verlieren, wird nicht endlich der große leidenschaftliche Ausbruch kommen, die Konfession, die verzweifelte Entblößung vor aller Öffentlichkeit? Die Spannung ist aufs höchste gestiegen. Wenn die Bothmer noch ein paar Tage lang die Kontenance wahrt, dann wird die Zuschauerschaft gelangweilt abziehen und der Schlußakt vor leerem Saal verhandelt werden. Einstweilen aber lautet das Bulletin noch immer: Alles nervös bis auf die Angeklagte! Montag Morgen. 9. November 1925 593 Der Trödler von Amsterdam Der erste deutsche Fox-Film, in der Alhambra am Freitag erstmalig vorgeführt, ist ein sympathischer Spielfilm mit unverkennbar amerikanischem Einschlag. Amerikanisch ist die einfache zum Gemüt sprechende Handlung – ein Vater, der um sein im Laster versinkendes Kind kämpft und schließlich mit Hilfe eines edelherzigen Freundes rettet –, amerikanisch im Tempo aber sind auch die eingelegten Verbrecherszenen und der lange atemraubende Schlußkampf zwischen dem Verführer und dem treuen Liebhaber, der im letzten Augenblick durch einen herabstürzenden Kronleuchter zum Sieg des Guten entschieden wird. Da sind alle effektvollen Momente des angelsächsischen Romans von dem Regisseur Viktor Janson mit Geschickt verwendet. Werner Krauß als verträumter, liebevoller Vater dringt mit seiner großen Kunst in ein neues Rollenfach ein. Die Hauptrolle der Tochter spielt Diomira Jacobini , die wahrscheinlich im deutschen Film bald Heimatrecht genießen wird. Besonders zu erwähnen sind noch Anton Pointner , Harry Hardt , Alf Blütecker , Heinz Großbart und Emilie Kurz . Voran ging ein kleiner Fox-Film »Schwiegermutter« , keck und bizarr, und eine sehr gelungene Bühnenschau , aus der man gern den Harmonikavirtuosen Sorosoto besonders hervorhebt. Montag Morgen, 9. November 1925 594 Falstaffs Prinz Ein paar indiskrete photographische Aufnahmen zeigten neulich den englischen Thronfolger in Damenkleidern. Er hatte für eine Liebhaberaufführung, die an Bord seines Schiffes stattfand, sich die Rolle der jugendlichen Salondame ausgewählt. Gern gibt man zu, daß dieser Kavalier von fünf Weltteilen auch in Frauenkleidern gute Figur macht. Nur die Beine scheinen, so weit man sehen kann, etwas zu dünn. Diese Bilder haben einiges Aufsehen erregt, und einer der namhaftesten liberalen Publizisten Englands schrieb rügend, daß das keine Art für den Prinzen von Wales sei, sich für seinen majestätischen Beruf vorzubereiten. Nun kann man sagen: zu schweres Geschütz für einen kleinen Scherz. Man kann auch finden, daß der bunte Weiberrock und die blonde Perücke, die der junge Herr trug, durchaus nicht komischer wirken als heute Hermelin und Purpur und der »pathetische Hut«, wie Karl Rößler die Krone so schön nannte. Außerdem beruht es auf einem moralisch fundierten Irrtum anzunehmen, daß der Prinz in jeder Lebenslage die kommende Würde zu verkörpern habe. Denn die englische Monarchie ist längst jeden feierlichen Charakters bar und in erster Linie die höchste repräsentative Spitze der vornehmen Welt. So pendelt der Prinz von Wales ständig zwischen ein paar Erdteilen, von Kanada nach Kapstadt, von dort nach Kalkutta und wieder zurück, bald als Mannequin der Oxford-Hose, bald um zu manifestieren, daß seine Dynastie heute ein mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattetes Stück Mittelalter sei, flexibel genug, um jeden Wandel zu überdauern, stets angepaßt der letzten gesellschaftlichen Mode, so aufs beste gerüstet, auch den Wechsel der politischen Moden zu überdauern. Das ist der große Unterschied zwischen diesen Propagandafahrten und den einstigen Reisen unserer Hohenzollern. Ob Kairo oder Jerusalem oder im mondänen Badeort, sie zogen immer wie die stolzen Sieger ein, sie kamen nie an, – sie zogen ein. Inmitten von Roß und Reisigen, Tribut in Form von Bewunderungsorgien heischend, und selbst um die weiße Flanellhose des Strandanzuges baumelte ein unsichtbarer Kavalleriesäbel. Die Hohenzollern waren immer die Barnums unter den Monarchen und führten außer ihrem sonstigen Reisegepäck zum Überfluß auch stets noch ideelles Kopfgepäck mit, einen »Gedanken«, eine mystische Überzeugung. Der englische Thronfolger jedoch reist nicht für einen Gedanken, sondern für eine Macht, die immer bereit ist, sich anzugleichen. Das heißt, der Prinz wird royalistisch sein mit vermotteten Legitimisten, er wird ernste theologische Gespräche führen mit den Bischöfen, er wird im Bürgerhause so intensiv den Charmeur spielen, als hätte er es dringend notwendig, an der Erbtochter seine Finanzen aufzufrischen. Er wird im feudalen Klub die schlaffen Mundwinkel resignierter Lasterhaftigkeit zeigen, und wenn es darauf ankommt, wer weiß, wie bald?, mit den roten Männern vom Clyde die Internationale singen. Wenn ein deutscher Prinz in einem so verfänglichen Bild festgehalten worden wäre, wie dem in Weiberkleidern, dann hätte der brave Untertan sicherlich in jäher Erleuchtung geraunzt: »Nette Bescherung! So leben die Herrschaften, und dafür zahlen wir Steuern«, und sich dabei etwas furchtbar Perverses gedacht. Auch das englische Publikum aller fünf Weltteile denkt sich vielleicht etwas Ähnliches, aber im übrigen kommt es nur zu dem Schluß, wie riesig angenehm und leger doch eigentlich der Stil der angelsächsischen Zivilisation ist, wie alles gestattet ist, wenn es nur jenes von London bis Darjeeling allein gültige Siegel trägt. Mögen ein paar puritanische Gouvernantenseelen Anstoß nehmen, auch dieses peinliche Photo ist ein Werbeplakat des Imperiums. Shakespeare war es, der den Prinzen entdeckte, der sich in lüderlicher Gesellschaft herumsielt, um nachher ein über die Maßen weiser König zu werden. Mit der Thronbesteigung hört der Spaß nämlich auf. Der Engländer kann sich seinen König nur in einer Hosenrolle denken und würde es George V. sehr übelnehmen, wollte er zur Erhöhung der Stimmung etwa Charleys Tante spielen. Aber dem liebenswürdigen jungen Herrn wird anstandslos die magna charta des ungebundenen Lebens erteilt, um sich nach seinem Gusto für seinen späteren pathetischen Beruf zu bilden. Und ist es nicht besser so? Falstaff war ein besserer Erzieher als Hinzpeter. Das Tage-Buch, 14. November 1925 595 Schutz vor der Justiz! Die badischen Justizbehörden fahnden hinter Carl Hau , damit er noch 7 Monate absitze, die man gleichsam eisgekühlt hielt, um sie als moralische Medizin dem früheren Sträfling einzulöffeln, falls sich herausstellen sollte, daß ihn die 17 Jahre noch nicht genügend geläutert hatten. Vorher ließ man ihn einen Revers unterschreiben, innerhalb von 6 Jahren eine »gewisse Persönlichkeit« nicht anzugreifen, die in seinem Prozeß eine Rolle spielte. Man muß bis auf die Zeiten der Kabinettsjustiz und der »lettres de cachet« zurückgehen, um einen analogen Vorgang zu finden. Die im letzten Jahr immer härter ansetzende Justizkritik beschränkte sich im allgemeinen auf rein politische Fälle. Man kämpfte um Entpolitisierung der Justiz. Das Vorgehen gegen Hau markiert ein weiteres Feld. Das politische Carzinom im Körper der Justitia hat ihre Konstitution unterhöhlt, ihre Gedankenkraft geschwächt, ihre Moralität dem Spiel der Winde preisgegeben. Es sind nicht die großen Affären allein, die das täglich grausam belegen. Von der kleinen Bizarrerie von erprobter Komödienreife bis zum bösartigen scharfkantigen Unrecht immer wieder eine neue Musterkollektion von Fehlentscheidungen. Wurde nicht kürzlich in Köln von einem Gericht das Konkubinat für strafbar erklärt? Wurde nicht jüngst in Moabit ein früherer Offizier zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt, weil er ein paar Reichswehroffizieren homosexuellen Verkehr nachgesagt hatte? ( Acht Monate beantragte der Staatsanwalt!) Das sind Einzelfälle, die unbeachtet vorübergleiten. Zwei von vielen, vielen. Ganz zu schweigen von dem in Potsdam gedrehten Bothmer-Film, wo sich seit vierzehn Tagen ein Gerichtshof im Schweiße seines Angesichts bemüht, einer sehr durchschnittlichen Diebstahlsgeschichte zum Gaudi der gaffenden Galerie eine erotische Note abzugewinnen. Carl Hau mußte einen Revers unterschreiben, der ihn mundtot machen sollte und seine Bemühungen um eine Wiederaufnahme seines Verfahrens beeinträchtigte. Seine literarische Produktion wurde als gegen das amtlich vorgeschriebene Wohlverhalten verstoßend empfunden. Nun, außer Hau haben noch andere Inkulpaten, die sich auf freiem Fuße befanden, ihre Freiheit schriftstellerisch ausgenutzt. Vor Jahresfrist erschienen im Hugenbergschen »Tag« auf der Sensationsseite die Erinnerungen des Kapitäns Ehrhardt , Darstellungen seiner Flucht und seiner Komplotte. Keine Justizkanzlei machte dem Herausgeber, Herrn Freksa in München, Schwierigkeiten, obgleich mit zynischer Selbstverständlichkeit dort der Hergang eines Verbrechens, eine Flucht aus dem Gefängnis , der Apparat und die Helfer, geschildert wurde. Der Staatsanwalt wahrte beneidenswerte Disziplin. Kein Kommissar erkundigte sich bei Herrn Freksa nach Ehrhardts Adresse. Auch Hitler hat ein umfangreiches Buch drucken lassen, ist sogar öffentlich als Redner aufgetreten, auch außerhalb Bayerns, ohne etwas von seinen sattsam bekannten Eigenarten aufgegeben zu haben. Hitler schreibt und agitiert fleißig mitten in seiner »Bewährungsfrist«. Auch die Herren Oberst Bauer und Oberleutnant Roßbach publizierten, ohne daß das die Behörden veranlaßt hätte, ihre vornehme Reserve zu verlassen. Hitler und Ehrhardt bedeuten ständige Bedrohung der Staatssicherheit, Putschgeister, die jedes Staatsgebäude, das nicht der Anarchie anheimfallen will, rücksichtslos ausschwefelt. Was ist Carl Hau daneben? Ein Mensch, der jenseits von Politik für die Rehabilitierung seines Namens kämpft. Und der Arm, der schlaff herunterhing, als es um Hitler, Ehrhardt und viele ihrer Sippschaft ging, er reckt sich frisch und kräftig nach dem Übeltäter. Handelt es sich nur um subalterne Taprigkeit? Man wird das peinliche Gefühl nicht los: hätte Hau seine Frist benutzt, um in einem hakenkreuzgeschmückten Bande zu demonstrieren, die Weisen von Zion hätten ihn ins Zuchthaus gebracht, um einen Vertreter der langschädeligen, arischen Edelrasse zu ruinieren, er könnte heute in Karlsruhe friedlich spazieren gehen. »Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang«, sagt Shakespeare. Die Art der von der badischen Justizverwaltung ausgeklügelten Gnade ist eine Unart . Man mag über Haus Schuld oder Nichtschuld denken wie man will. Wenn aber ein Mann nach 17 Zuchthausjahren, nach 17 Jahren an die Galeere geschmiedet, ungebrochen, unzermürbt, unter Überwindung aller seelischen Hemmungen plötzlich wie aus der Kanone geschossen, mitten im Tageskampfe steht und unter meisterlicher Beherrschung der modernsten journalistischen Fechtregeln die Öffentlichkeit für sich alarmiert, nun, an diesem Manne ist schon etwas. Schuldig oder nicht , das erste Gefühl vor dieser machtvollen Lebensenergie ist das einer uneingeschränkten Bewunderung. Und das empört so sehr gegen die badischen Bureaukraten: indem sie den durch erzwungene Unterschrift gebundenen Mann nach kurzer Kostprobe Freiheit von neuem auf die Galeere schicken wollen, handeln sie nicht nur juristisch höchst anfechtbar, sondern auch unmenschlich , und hier in dieser Anwendung gewinnt dieses oft gedankenlos verbrauchte Wort seine alte, natürliche Bedeutung zurück. Täuschen wir uns aber nicht, der Sensation machende Fall Hau ist nur die aktuelle Etikettierung der längst bestehenden großen Justizkrise . Gestern Höfle, heute Hau, morgen?? Ein bösartiges, bockiges Philistertum nistet in den schwarzen Talaren. Es hieße zu eng abzirkeln, wollte man sich auf die Festnagelung der Obstruktion eines politisch reaktionären Justizbeamtentums gegen die Republik beschränken. Noch einmal reckt sich das Gespenst des Mittelalters, der peinlichen Halsgerichtsordnung, gegen den Geist des Jahrhunderts nach dem großen Krieg, gegen alle die Umwertungen dieser Zeit, seien es politische, soziale, kulturelle, sexuelle Fragen. Wann werden wir endlich die öffentliche Stumpfheit überwinden? Not tut ein Forum aller, die die Gerechtigkeit lieben, um Gericht zu halten über das Gericht. Schutz gegen die Justiz wird die Losung der nächsten Jahre sein, wie Schutz gegen den Krieg die seit 1918 war. Das Maß der Energie, das Deutschland dafür aufbringt, wird entscheidend sein für seine Zukunft, für sein Schicksal. Die Tribunale sind das Blachfeld des letzten Ringens zwischen Alt und Neu, dort wird es sich erweisen, ob wir das Zeug haben zu fühlenden Menschen und freien Bürgern oder ob wir nur noch Larven sind, wert von Larven gerichtet zu werden. Montag Morgen, 16. November 1925 596 Wir brauchen einen Justizminister! Ziemlich unerwartet hat der Reichsjustizminister Dr. Frenken seinen Abschied eingereicht. Mit Rücksicht auf sein hohes Alter, sagte er. Nun, das hat Herrn Dr. Frenken nicht gehindert, vor Monaten dem Rufe Dr. Luthers zu folgen. Man muß sogar zugeben, daß der alte Herr in dieser Zeit allen Reformversuchen in seinem Ressort, aller Kritik von außen eine erstaunliche Rüstigkeit entgegensetzte. Sein Abgang erfolgte jetzt, weil die laue Luft von Locarno seiner nationalistischen Geisteskonstitution nicht bekommen will. Ein viel liberalerer Mann ist der preußische Justizminister am Zehnhoff , gütig und von besten Absichten beseelt. Leider ist im Gegensatz zu Dr. Frenken der preußische Kollege wirklich sehr erholungsbedürftig. So ergibt sich in diesen Tagen akuter Justizkrise das betrübliche Bild: im Reich hatte sich es fast ein Jahr lang ein Vertreter der alten Schule auf den Trümmern von Emmingers Zerstörungswerk gemütlich gemacht, und in der preußischen Justiz waltet ein müder, leidender Mann, den alle körperlichen Beschwerden nicht veranlassen, zugunsten eines Stärkeren zu resignieren. Wir brauchen endlich einen Justizminister! Nicht einen glatten Diplomaten, wie Prälat Kaas , der genannt wurde und der alles der Fraktionspolitik opfern würde, auch nicht Herrn Dr. Marx , dessen späte republikanische Blüte nicht vergessen machen kann, daß er einmal ein Richter von großer Härte und geringem sozialen Verständnis war, und erst recht nicht einen schwachnervigen Reformer wie Herrn Radbruch , der wehmütig zusieht und schließlich mit halbersticktem Klageschrei aus dem Ministerium und der Politik flüchtet. Was der Justiz not tut, ist ein Mann der täglichen Gerichtspraxis , der den Mechanismus von innen und außen kennt und sich nicht in dem theoretischen Netzwerk seiner Referenten verfängt. Am besten wäre schon einer jener Anwälte, die in den vergangenen Monaten oft genug die Gerechtigkeit gegen die beamteten Richter verteidigten. Es muß ein robuster Kerl sein, ohne Respekt vor Traditionen, der mit struppigem Besen durch die Tribunale fegt. Montag Morgen, 23. November 1925 597 Der stille Mann in der Bendlerstraße Seitdem Herr Dr. Geßler sich dazu hinreißen ließ, gegen einen unbequemen Enthüller polemische Formen zu gebrauchen, die ihm das Beifallsgebrüll des antisemitischen Stehparterres sicherten, hat der sonst so Beredte völlig die Sprache verloren. Vergebens wartet man auf eine amtliche Erklärung zu den Fememorden, auf eine Rechtfertigung im Fall Rupprecht. Gelegentliche Verlautbarungen aus dem Reichswehrministerium bekunden, daß dessen Oberhaupt noch am Leben. So weiß man jetzt, daß der Versuch unternommen wurde, den Richter Freymuth , den tapferen Kämpfer für Fechenbach, als Landesverräter zu denunzieren, daß der Journalist Wandt als »Hochverräter« weiter im Zuchthaus schmachten muß, weil das Wehrministerium die Auslieferung der Akten verschleppt. Wer durch all die Jahre das Wirken Herrn Geßler[s] verfolgte und bekämpfte, wird angesichts seiner Selbstentlarvung im Fall Emil Ludwig nicht überrascht sein, sondern nur mit einer gewissen melancholischen Genugtuung empfinden, daß der Tatbestand eigentlich viel schlimmer. Man wußte es längst: die Republik reicht nur bis zur Bendlerstraße . Dort in Geßlers Ressort mit seinen schwarzen Filialen hat man ganz andere Sorgen. Was tut Herr Geßler jetzt? Wartet er ab, um sich im Notfall wieder von seinen Offizieren seine Unentbehrlichkeit bescheinigen zu lassen? Und wie stellen sich die Parteien zu ihm, die nicht so fest wie er durchdrungen sind, daß Bayern wieder einen König braucht? Die Situation ist unhaltbar. Bald muß es sich erweisen, ob Herr Geßler ein parlamentarischer Minister ist, wie seine Kollegen auch, oder ein unausrottbares Übel, wie eine Schicksalsfügung zu ertragen. Notabene, wie lange wird es dauern, und er hat sich davon überzeugt, daß auch die Preußen einen König nötig haben ... Montag Morgen, 23. November 1925 598 Hörsings Stunde Die demokratische Landtagsfraktion hat an die preußische Regierung die Aufforderung gerichtet, dahin zu wirken, daß die Abfindung der ehemaligen Fürstenhäuser endlich durch ein Reichsgesetz geregelt werde. Bereits im letzten Heft des »Tage-Buches« war der dringende Wunsch ausgesprochen worden nach einer durchs ganze Reich hallenden Volksbewegung für dieses Gesetz. Insbesondere war das Reichsbanner und sein Führer Herr Hörsing apostrophiert worden: »Wo, Hörsing, ist jetzt Ihre Jugend? Es gilt, die stärkste Finanzierung der Dynastien und damit der monarchischen Parteien zu verhindern. In dieser Stunde, energischer Hörsing, müssen Sie durch ganz Deutschland Alarm blasen lassen! Vielleicht gelingt es Ihren hellen Trompeten sogar, die Sozialdemokratie aus ihrem Passivitätsschlummer zu wecken, vielleicht können Sie in zwei Wochen schon den Versammlungssturm inszenieren, der – durch parlamentarische Initiativanträge unterstützt – einen Volkswillen schaffen wird, der die Abfindung der Hohenzollern der Devotion monarchischer Richter endlich entzieht. Nie hat es dankbareren Stoff für eine fröhliche, stürmische attackierende Republikaneroffensive gegeben! Man muß ja nicht Herrn Südekum zum Regisseur dieses Volkssturms machen.« Wird der »Tambourmajor« Hörsing diesen Appell verstehen? Hier ist Wichtigeres zu tun als Gebalge mit den Pazifisten! Wichtigeres auch als Arrangements von Fackelzügen und Paraden. Der demokratische Antrag ist gut. Aber bis auf weiteres nur eine schwache Stimme, der erst Resonanz verschafft werden muß. Die Stunde des Reichsbanners, Hörsings Stunde naht. Behandelt man die Abfindungsfrage im alten Stil weiter, so werden die verarmten Länder in maßlosester Weise ausgepowert und der 9. November entwickelt sich für die früheren Fürsten zu einem Bombengeschäft . Mit einem Stecken kam der Große Kurfürst aus Holland. Mit 100 Millionen Goldmark zieht sein Enkel wieder ab. Montag Morgen, 23. November 1925 599 Das Mirakel der Wölfe Diesem französischen Film, der nun nach Deutschland gelangt, geht ein großer Ruf voraus. Die französische Kritik feiert darin eine Spitzenleistung und in seinem legendären Inhalt ein Pendant zum Nibelungen-Film. Fast bedauert man, daß er so spät kommt, ja, er ist heute, wo der Geschmack an photographierten Historien abflaut, schon ein Spätgeborener. Dennoch erkennt man gern an, daß er genug der starken und rührenden Szenen enthält, daß die Regie Massenszenen meistert. Es wird durchaus das Niveau unserer guten historischen Filme gehalten. Dennoch ist in wesentlichen Partien das Tempo übersteigert, es fehlen Ruhepunkte, es entsteht ein Eindruck von Hast. Wollte der Regisseur das Cachet geruhiger Historie vermeiden? Dann fiel er ins andere Extrem. Dennoch, dieser Kampf der Wölfe gegen die Burgunder, zart verwoben mit der Geschichte einer zweiten Jeanne d'Arc, hat genug des erregenden Elementes, um einen internationalen Erfolg begreiflich zu machen. So wird auch dieser Film, dessen Stoff der französischen Geschichte entnommen, wenn der Hauch von Fremdartigkeit, den die erste Berührung oft mit sich bringt, verweht ist, in Deutschland seinen großen Erfolg machen. Man wird gern an die Menschen und Tiere des Mirakels zurückdenken. Aufführung im Mozartsaal . Montag Morgen, 23. November 1925 600 Firnis Der Herr Minister Dr. Becker war ein Schmuckstück, ein Kabinettstück sozusagen, unter heutiger Ministergarnitur. Ein Wissenschaftler von Ruf, ein ästhetischer gebildeter Mann, dessen urbane Formen man gern betonte, wenn man an seiner Energie gelegentlich einiges auszusetzen hatte. Beim Fall Lessing z.B. hätte man härtere Hand gewünscht. Nun haben wir es gesehen, daß auch Herr Dr. Becker handeln kann. Er ist gar nicht so schüchtern. Er kann auch wettern und dreinschlagen. Die Energie, die er vor randalierenden Studenten nicht fand, er fand sie vor Herrn von Schillings . O, er hat nicht nur die Sammetpfötchen erlesenster Kultur, er hat auch Pranke . Man kann dem Herrn Minister für Wissenschaft, Kunst und Unterricht nicht mehr nachsagen, er kämpfe mit dem Galanteriedegen. Nein, er kämpft nicht galant. Oder ist es galant, wenn er, wie er es in seiner Rede an die Presse tat, zu sagen, daß Barbara Kemp , die Gattin des hinausgesetzten Intendanten, heute nicht mehr ganz auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit stünde? Das ist weder Höflichkeit des Geistes noch des Herzens. Und ist nicht einmal wahr. Aber was nun, wenn Frau Kemp nun ihrerseits kündigt, nachdem sie ihr oberster Chef vor aller Öffentlichkeit in dieser Art zensurierte? Ist es nicht seltsam, daß plötzlich die Stimme einer gefeierten Sängerin gelitten haben soll, einer Künstlerin, die bisher als Zierde der Staatsoper galt, nur weil ihr Gatte dem Herrn Minister nicht mehr gefällt? Doch der Fall Schillings ist der Fall Becker . Und es ist ein häufiger Fall. Leider. So geht es uns. »Im Deutschen lügt man, wenn man höflich.« Haben wir schon einen, den wir als Weltmann schätzen, und dem die Journale zuerkennen, daß er ein Kulturfaktor ist, und kommt es einmal zur ersten Probe, flugs fällt der Lack ab, der ästhetische Firnis ist futsch und es bleibt nichts übrig als ein eifernder machthungriger Bürokrat und Buchstabenmensch. Herr Becker wäre der Ästhet, für den man ihn hielt, wenn er geschwiegen hätte. Denn für unsere kleinen deutschen Talleyrands ist die Sprache nicht dazu da, die Gedanken, sondern die Bildung zu verbergen. Das Schriftstück, das Hau weitere sieben Monate Zuchthaus zudiktiert und ihm die Schriftstellerei untersagt, trägt die denkwürdige Unterschrift des Herrn Dr. Hellpach . Auch Herr Hellpach ist ein Kulturfaktor. Auch seine Vorzüge liegen, so sagte man uns, vornehmlich auf geistigem , nicht auf politischem Gebiet. Bei der ersten Probe aufs Exempel aber beweist Herr Hellpach, daß der Politiker in ihm stärker als der geistige Mensch. Womit beileibe nicht behauptet sein möchte, er wäre ein starker Politiker. Was Herrn Dr. Becker anbetrifft, so rief ihm nach der Konferenz am Freitagnachmittag ein Kollege von der Presse zum Abschied zu: »Vergnügten Landtag, Herr Minister!« Wir haben dem nichts hinzuzufügen. Montag Morgen. 30. November 1925 601 Serenissimus-Zwischenspiel Wie man nach bescheidenem Aufschwung die Frage der Fürstenabfindung jetzt wieder versacken läßt, das gehört zu den größten Rätseln dieses an politischen Rätseln so reichen Landes. Gern darf anerkannt werden, daß die demokratische Fraktion mit ihrem Antrag überhaupt erst einmal versucht hat, die ganzen Abfindungsfragen aus dem paragraphenumlegten Feld von Rechtsformeln aus den Zeiten des Absolutismus auf den Boden moderner politischer Begriffe zu stellen. Aber wo bleibt die Sozialdemokratie , deren Pflicht es gewesen wäre, das zu tun, was die viel kleinere Demokratische Partei niemals mit Erfolg unternehmen konnte, – nämlich als Massenpartei die Massen zu mobilisieren, um der Parlamentsdebatte die Resonanz zu sichern? Wo blieb das Reichsbanner! Wir haben vor zwei Wochen an dieser Stelle an Hörsing appelliert, um doch endlich den Volkssturm zu entfesseln, um den Raubzug der ehemaligen Dynasten in die Taschen verarmter Länder abzuwehren. Niemals hätte eine Parole stärker gezündet ... Das Reichsbanner schweigt. Das Reichsbanner berät vielleicht. Jedenfalls, man hört nichts. Während die Gerichte weiter arbeiten, der Reichstagsausschuß sich strebend bemüht, eine möglichst weite Form für den den Herren Fürsten zu überreichenden Weihnachtskuchen zu finden, liegen sich »Vorwärts« und »Rote Fahne« in den Haaren und spicken sich die leidgewohnten Häute mit giftigen Pfeilen. Was zum Signal hätte werden können für die gesamte Arbeiterschaft ohne Unterschied der Partei, entwickelt sich, wie so oft, zu einem Zerfleischungskampf von Sozialisten untereinander. Zugegeben, daß der kommunistische Antrag auf entschädigungslose Enteignung wesentlich agitatorischen Zwecken dient, wenn die Sozialdemokratie von vornherein die Sache energischer angepackt hätte, so würden die Kommunisten heute mittanzen müssen, anstatt sich einen Solotanz zu gestatten, der natürlich den Beifall radikalisierter Massen finden muß. Es bleibt auf der Sozialdemokratie sitzen, daß sie durch vier Jahre die Dinge hat treiben lassen, und daß sie selbst im Augenblick, wo alles schon Matthäi am letzten war, den bürgerlichen Demokraten die Initiative überließ, anstatt selbst als Linkeste das schlummerige Bürgertum mit Fanfarenstößen zu wecken. Der »Vorwärts« wehrt sich mit Emphase dagegen, daß die Partei den Volksentscheid fordert, und dementiert etwas zu unwirsch die Meldung als die eines »bürgerlichen Sensationsblattes«. Eine Volksabstimmung, meint der »Vorwärts«, koste Geld, viel Geld, und viel Geld könne man nicht [als] Arbeitergroschen für diesen Zweck opfern. Aber selbst, wenn das aufs Haar zutreffen sollte, würden nicht ohne Volksentscheid Millionen Arbeitergroschen mehr in die Kassen der Fürsten wandern? Das sozialdemokratische Zentralorgan fragt ironisch, ob die K.P.D. bereit wäre, zur Finanzierung ihres Vorschlages zwei Millionen Goldmark zu hinterlegen. Diese Ironie beruht auf einem kleinen Irrtum. Es ist nach einer neuerlichen Bestimmung keine Hinterlegung mehr erforderlich, es genügt für die Einbringung eines Vorschlages die Unterstützung durch 100 000 Unterschriften, es müssen dann allerdings die Kosten für die Listen aufgebracht werden. Aber selbst wenn man den Komplikationen des Gesetzes über Volksentscheid und Volksbegehr mißtraut, wenn man fürchtet, sich im Maschenwerk des juristischen Netzes zu verfangen – (das Gesetz stammt übrigens aus der Ära Sollmann!) – es kommt nicht so sehr auf den Volksentscheid an als auf die Volksbewegung . Wäre diese rechtzeitig in die Wege geleitet, hätte sich ein einziger Schrei der Empörung erhoben über die Plünderungskampagne der erlauchten Herren im Jahr der Wirtschaftskrise und der Arbeitslosigkeit, das Parlament würde sich heute nicht den Kopf zerbrechen, um die schonendste Formel zu finden. Die Säumnisse in der Fürstenabfindung sind die Säumnisse der Sozialdemokratie . Sie hat geschlafen. Und nicht einmal heute findet sie den Atem zu einem hallenden Alarmruf. Die Übertreibungen der »Roten Fahne« bereiten ihr mehr Sorge, scheint es, als die Abwehr des Attentates der Ex-Potentaten. Das Serenissimus-Zwischenspiel kann für Deutschland kostspielig enden, wenn die republikanischen Parteien nicht schleunigst den Vorhang fallen lassen. Und wer weiß es, ob es nicht nur das Vorspiel viel ärgerer Dinge wird, ob die Herren nicht ihr zusammenprozessiertes Kapital in neuer monarchistischer Agitation von unerhörten Ausmaßen investieren. Serenissimus kann lachen. Wenn sein treuer Kindermann im »Vorwärts« säße, er könnte die Sache nicht besser fingern. Montag Morgen, 7. Dezember 1925 602 »Bei uns ...« Aus dem Prozeß in der Sache des pommerschen Gutsbesitzers, der sich die Quälgeister vom Landbund schließlich nicht anders vom Halse zu halten wußte, als daß er sie vor die Pistole forderte, erfuhr man auch ganz beiläufig, daß in dieser Angelegenheit ein Ehrengericht tätig war, das unter dem Vorsitz des Herrn v. Loebell stand. Man nimmt mit Genugtuung Kenntnis, daß der rüstige Greis, der im Frühjahr erfolgreich als Reichsblock-Manager und Präsidentenmacher fungierte, noch immer nicht die Hände in den Schoß legt. Aus einer leider kaum beachteten Zeitungsmeldung ersah man auch, daß Herr v. Loebell sich in Pommern nicht nur mit der Expertise über Affären des point d'honneur befaßt, sondern auch eine ziemlich rüde Agitation gegen Hindenburg betreibt wegen dessen Locarno-Unterschrift. Dieser Herr v. Loebell muß demnach ein genialer Mechaniker an der politischen Theatermaschine sein. Er läßt nicht nur die Götter aus der Versenkung aufsteigen, sondern kurbelt sie auch wieder nach unten. Aber, Herr v. Loebell, warum immer hinter den Kulissen und unter den Brettern? Warum machen Sie nicht Hindenburgs Locarno-Sünde, die sie so völlig standesunwürdig finden, zum Gegenstand eines Ehrengerichtes ? »Bei uns«, sagten die Beklagten des Stolper Duellprozesses, machen wir solche Sachen »so« ab. Das heißt die ganze Politik ungeheuer vereinfachen, wenn man Gesetz und Recht und Parlament und Vernunft und alle die anderen Bagatellen beiseite tut und die Probleme löst wie »bei uns«, das heißt, im Geiste überlieferter mittelalterlicher Rauf-Ritterlichkeit. Das wird riesig nett werden, wenn die pommerschen Kartellträger in der Wilhelmstraße bei Herrn Meißner erscheinen ... Montag Morgen, 7. Dezember 1925 603 Ramper. Kammerspiele Ramper, nach 17 Jahren im arktischen Eise, wird als verblödetes Menschentier im Varieté gezeigt; ein experimentierlustiger Psychiater gibt ihm das Gedächtnis zurück. Die dramaturgische Gerechtigkeit des Autors erfüllt sich darin, daß der Geheilte den Retter verflucht und mit seiner Frau davongeht. Aber der in den Polarbezirken Verwilderte kann nicht in die Zivilisation zurückfinden und muß schließlich, ein neuer fliegender Holländer, von einer blonden Senta erlöst werden, doch nicht um in die ewige Seligkeit einzugehen, sondern um eine verzwickte dramatische Konstruktion schließlich doch noch ganz überraschend zum happy end zu führen. Herr Max Mohr aus München improvisiert seit seinem ersten Erfolg nicht mehr im Juni, sondern in einer weit frostigeren Jahreszeit. Er möchte gern der romantisch verklärte Zeitdramatiker sein, der aus Problemen des Tages Melodien der Ewigkeit singen und schluchzen läßt. Aber er gibt immer nur Melodramatisches, nicht Melodisch-Dramatisches, Singsang, nicht Klang. Ja, es gibt Partien, die nicht von Max Mohr scheinen, sondern wie aus einer Max-Mohr-Parodie von Georg Kaiser. Das mag wohl alles recht unfreundlich klingen, und man sagt das nur ungern einem Autor, der sich zum Schluß auf so betont maskulinen Stiefelsohlen gerührt lächelnd verneigte. Dieser Herr Max Mohr ist sicherlich ein kreuzbraver Bajuvare, mit dem man Pferde stehlen kann, aber es steckt in ihm, so wedekindlich-zynisch er die Varieté-Szene auch geben mag, eine heimliche Birch-Pfeiffer, die flennen will. Regie und Darstellung wußten nicht allzu viel anzufangen. Herr Henckels , ein tüchtiger Lustspielregisseur, schuf zwar mit dem Maler Reher im den ersten Akt ein sehr interessantes Polarbild; aber wer hat Lust, bei dieser Kälte einen Blick nach Grönland zu tun? In den Hundstagen hätte das viel sympathischer gewirkt. Von den Darstellern ist zu sagen, daß sie alle etwas heftig schauspielerten, und daß selbst Wegener , der alles hätte halten können und müssen, ohne die alte Kraft auf billige Wirkungen hin spielte. So lag die Last des Abends auf den schmalen Schultern der Franziska Kinz . Hier war kein unausgefüllter Augenblick, sondern alles vibrierendes Leben. Wer vor ein paar Jahren bei der ersten Begegnung mit Franziska Kinz auf den Meinhard-Bernauer-Bühnen für sie hoffte, der sieht heute reichste Erfüllung. Aber wo ist die Rolle, die in der blassen, feinen Frau die rotglühenden Teufel tanzen und ausbrechen läßt? Im Packeis des Herrn Max Mohr friert auch der eingefleischteste Weibsteufel. Montag Morgen, 7. Dezember 1925 604 Figuranten Kleines Theater Birabeaus Lustspielchen, etwas zu gestreckt für einen kleinen Einfall, pendelt gelenkig zwischen Sentimentalität und Situationskomik, ohne sich an die eine oder andere Seite zu verlaufen. Sympathisch berührt der völlige Mangel an Tiefsinn, das Sujet, daß ein bankrotter Kavalier gegen Bezahlung erst als wohlhabender Hotelgast, dann als Liebhaber figuriert, eine kleine Engländerin die reiche Dame aus Dollarika mimt, eine zweifelhafte Matrone die Frau Mama in einem von Tugend nicht beschwerten Haushalt einer Junggesellin vorstellt, das alles wird, wie oben gesagt, nur als Anlaß zu einem wehmütig-lustigen Spielchen genommen, ohne daß daraus die weltanschauliche Konsequenz gezogen wird, daß wir alle nur Figuranten in höherer Hand sind, wie das totsicher jeder deutsche Autor getan hätte. Die Darstellung stützt sich auf Erika Gläßner und Salfner; sie besonders hatte köstliche Momente, wenn sie als etwas ungebildete Pute in der vornehmen Hotelhalle sich snobistisch in einem Glänze sonnt, der ihr selbst nicht geheuer vorkommt. Montag Morgen, 14. Dezember 1925 605 Der verfilmte Bismarck Im Primus-Palast wurde heute mittag der erste Teil des Bismarck-Films präsentiert, und damit jüngst entstandene Legenden zerstört, die weniger patriotischer als geschäftlicher Natur waren. Die Befürchtungen, die die Prospekte erweckten, rechtfertigt die Darbietung in reichem Maße. Weder historischer Atem, noch szenische oder darstellerische Leistung, eine Folge von mäßig photographierten Öldrucken. Der Manuskriptverfertiger, ein Professor Ziehen , hat in diesem ersten Teil, der bis zum Frankfurter Bundestag führt, bewiesen, daß er die Geschichte nur aus dem Schulbuch kennt. Das Jahr 1848 erschöpft sich für ihn in der episodischen Verspottung einiger Weißbierphilister und wehender Deputiertenbratenröcke; daß damals um die deutsche Einigung gerungen wurde, hat der belesene Patriot noch nicht kapiert und nichts bleibt für ihn aus dem Jahr der deutschen Revolution denkwürdig, als das Bekenntnis des Abg. von Bismarck-Schönhausen zu einem ultraromantischen Royalismus, über den der entlassene Reichskanzler in Friedrichsruh wahrscheinlich völlig anders gedacht hat. Aber warum Kanonen auf Spatzen richten, warum von den Managern historische und künstlerische Treue verlangen, wo sie doch nichts anderes wollten als einen monarchistischen Tendenzfilm. Einmal, man traut seinen Ohren nicht, wird La Marseillaise gespielt. Hat man sie nicht gerade vor einem Jahr in dem herrlichen »Scaramouche« niedergepfiffen? Ja, aber hier dient sie nicht dazu, revolutionär zu enthusiasmieren, sondern um die Plünderung einer Wohnung durch französisches Militär musikalisch zu illustrieren. Sehr geschmackvoll, in der Tat. Doch fast noch schlimmer als die Franzosen kommen die Österreicher weg, die entweder als böse Intriganten oder als blöd grinsende Idioten figurieren. Soll dieser Film etwa in Österreich für den großdeutschen Gedanken werben? Wie denken Sie sich das eigentlich, Herr Professor? Das Ganze ist wirklich nur die Manifestation eines bornierten All-Preußentums. Doch brauchen wir uns diesmal keine Sorge zu machen. Dieser »Bismarck«, aus dem Dunst eines Oberlehrerhirns entstanden, wird nicht so verheerend wirken wie Eserepus »Fridericus«. Dazu ist er zu fad, ist das Publikum doch zu anspruchsvoll geworden. Etwaige Provinzerfolge sollen natürlich nicht bestritten werden. Viel Vergnügen in Kuhschnappel! Montag Morgen, 21. Dezember 1925 1926 606 Fechenbach-Museum Man hat ein paar Jahre um Felix Fechenbach gekämpft. An Hand von gekürzten Zeitungsberichten, von Darstellungen der Verteidiger, die durch ihre Schweigepflicht gebunden, Wichtiges nicht sagen konnten, so führten wir die Kampagne, mangelhaft informiert, fast mehr dem Gefühl folgend, daß das Recht gebrochen, als um Einzelheiten wissend. Erst heute, nachdem das Buch »Recht und Politik im Fall Fechenbach« von P. Dreyfus und Paul Mayer (Ernst Rowohlt Verlag) erschienen ist, liegt alles in voller Klarheit vor uns. Da erfährt man mit mustergültiger Akribie, gestützt durch überreiches, von zwei konstruktiven Köpfen glänzend gegliedertes politisches und juristisches Material, was damals, im Oktober 1922, in München im Namen der Justiz angerichtet wurde. Vor einem Jahr gerade wurde Fechenbach auf freien Fuß gesetzt. Die aktuelle Erregung des einen Falles verdampfte, der Zustand, aus dem er wuchs, blieb. Die »Gnade« konnte ein Akt der Scham sein, ein Säuberungsversuch der befleckten Justiz; leider waren nicht moralische, sondern rein politische Zweckmäßigkeitserwägungen dabei maßgebend. Deshalb wirkt das Buch auch nicht überholt, es bringt, von einer überquellenden sachlichen Fülle abgesehen, eine unerhört vollkommene Porträtgalerie aller Beteiligten, es ist so etwas wie ein Baedecker durch die Dschungeln der neubayrischen Physiognomie, die uns ja so fremd geworden ist. Da sind sie alle, die Richter, die Sachverständigen, die Zeugen, sie alle, die wir kennen, die verknüpft sind mit zwei Gerichtsfällen, die die Justiz in ihrer tiefsten Erniedrigung zeigen als beamtete Vollstreckerin künstlich gemachten Gassenradaus. Namen erhalten plötzlich Gesichter, Konturen Farbe, flüchtige Skizzen lebendige Rundung. Einige Personen und Episoden sind es, die sich dem Gedächtnis unauslöschlich einprägen. Wir versuchen es, sie nachzuzeichnen. Zunächst ein ganz kleiner, aber ungemein aufschlußreicher Zwischenfall. Februar 1919. Eisner auf der Straße niedergeschossen. Fechenbach, der Sekretär, war neben ihm, hat mit dem Mörder gerungen. Bringt als erster die Kunde in den Landtag. Herr von Frauendorffer, der Verkehrsminister, schreit ihn an: »Nehmen Sie erst mal gefälligst den Hut ab!« Das nennt man Haltung, nicht wahr? (Und drei Jahre später war Frauendorffer selber ein von der royalistischen Meute zu Tode gehetzter Mann.) Aber zwei Figuren sind es vor allem, die den Fall Fechenbach beherrschen. Zwei viel genannte Männer. Doch wer kennt sie, weiß von ihnen? Der eine ist Herr Coßmann, der Dolchstoßmann und Schuldlüge-Spezialist. Herr Paul Nikolaus Coßmann gehört zu jenen fatalen Mitbürgern jüdischer Konfession, deren kokett getragenes teutonisches Bärenfell den Kaftan der Väter vergessen machen soll. Herrn Coßmanns Sehnsucht wurde erfüllt, er darf in der alldeutschen Tafelrunde aus dem Methorn nippen, wenngleich man es auch ihm manchmal zu verstehen gibt, daß er schließlich an der deutschen Eiche doch nur ein Pfropfreis vom Libanon ist. Coßmanns Stärke ist seine Gedächtnisschwäche. Deshalb pflegt er bei wichtigen Unterhaltungen Protokolle aufzunehmen. Ein solches Protokoll wurde 1916 seinem Freund Veit Valentin zum Verderben. Der junge Freiburger Professor, damals im Auswärtigen Amt tätig, schüttete ihm sein Herz über Bethmann und Tirpitz aus. Herr Coßmann aber protokollierte ...und infamierte den vertrauensvollen Freund öffentlich. Der wurde schimpflich von der Hochschule gejagt. So rettete Coßmann das Vaterland. Auch an der Wiege der beiden Fechenbach-Prozesse, wenn man so sagen darf, steht ein von Herrn Coßmann gründlich mißverstandenes Telephongespräch. Dann verschwand er für ein Weilchen, aber man spürte seine regiegeübte Hand hinter den Kulissen. Wahrscheinlich hat er die für das Landesverratsverfahren notwendigen Dokumente von Fechenbachs geschiedener Frau, einer rachedürstenden Hysterica, erhalten. Ein taktvolles Gericht ersparte es dem verdienten Patrioten, sich öffentlich zur Urheberschaft zu bekennen. Seitdem widmete er sich ausschließlich seiner alten Schwäche für Dolchstöße. »Dein Register hat ein Loch«, sagt Spiegelberg, »Du hast das Gift weggelassen ...« Das ist Herr Coßmann. Der andere ist der Richter Haß. Trotz Thimmes und Freymuths Bekundung: wir glaubten niemals so recht an ihn. Wir waren verleitet durch seinen Namen ihn für eine allegorische Figur zu nehmen, für ein Fabelwesen wie den Erlkönig oder den Vogel Rohk. Nein, er lebt wirklich. Dank unsern Autoren, die fühlbare Proben seines Seins geben. Herr Haß hatte ein bestimmendes Erlebnis: er saß im Kriege in Berlin bei der Spionage-Abwehr. Da bereitete er sich für sein kommendes hohes Amt als Präsident eines Münchener Volksgerichtes vor. Als Jurist gibt er wahrscheinlich nicht viel her, aber seine Berliner Tätigkeit machte ihn zu einer schneidig funktionierenden Fußangel, zu einem todsicher zuschnappenden Fangeisen. Aber solcher Richter gibt es leider nicht wenige, sie fühlen sich mehr als Vollstrecker, denn als Rechtsprecher. Herr Haß erhält persönliches Kolorit erst durch einen tiefverwurzelten Hang zu stammeseigentümlicher Bierphilosophie. Wer wußte eigentlich davon? Wir hielten ihn für einen fahlen, hageren Torquemada. Ja, wenn man es so mystisch ausdrücken darf, Herr Haß hat immer einen unsichtbaren Biertisch vor sich. Auch im Gerichtssaal. Und die strenge Justitia thront vor ihm auf einem Matthäser-Faß, dem Gerechten einen schäumenden Maßkrug kredenzend, den Schuldigen mit einem scharfgeschliffenen Radi niederschmetternd. Wahrscheinlich gab es niemals einen redeseligeren Richter. Seine Stimme dröhnt alles nieder, was sich ihm entgegenstellt, und die Logik, eine spinöse Dame von altjüngferlicher Zimperlichkeit, kuscht sich vor diesem warmen Bräukellerorden entsetzt in die Ecke. Seine Beredsamkeit macht den wetterfesten Spionage-Abwehrer fast zum Dichter. Der Angeklagte Gargas hat einen informierenden Bericht über die antisemitischen Hetzereien im Alpenverein ins Ausland gesandt. Und aus der Haß-Posaune dringen mächtige Töne: »Das Einzige, was uns der Friede von Versailles noch gelassen hat, sind Licht und Luft und unsere deutschen Berge, die uns niemand rauben kann. Und da kommt so ein Pole daher ...« Ja, da kommt so ein Pole daher ... Was man aber als Journalist überhaupt ins Ausland geben darf, das definiert, nein rhapsodiert, der Jurist Haß also: »Zwei gesunde Augen im Kopf und das deutsche Herz am rechten Fleck, und man weiß, was man dem Auslande mitteilen kann.« Soviel Lyrik hätte niemand von Herrn Haß erwartet. Denn immerhin verhängte dieser schlichte Sänger um Bagatellen 10 und 12 Jahre Zuchthaus. Doch wer kann nun mal als Bajuvare den freundlichen Regungen eines biergesättigten Heimatgefühles widerstehen? Mild faßt der königlich bayerische Wind in die Saiten, zur Äolsharfe wird das Galgenholz. Das Tage-Buch, 2. Januar 1926 607 Kompetenzkonflikt bei Everling Der Herzog von Altenburg war gut beraten, als er sich zur Führung des Prozesses gegen sein heute noch nicht vergessenes Volk einen Abgeordneten nahm, der nebenbei auch noch Rechtsanwalt ist. Dieser Herr Dr. Everling muß ein ganz vorzüglicher Abgeordneter sein, er trägt seine Anwaltspraxis nicht auf der Zunge, er wahrte selbst den Fraktionskollegen gegenüber Diskretion. Und wenn der thüringische Finanzminister nicht mit der Redseligkeit des Provinzialen ausgeplaudert hätte, daß das beliebte Mitglied des Rechtsausschusses auch ein experter Anwalt in Abfindungssachen sei, niemand hätte davon erfahren. Damit befand sich Herr Dr. Everling aber plötzlich in akutem Kompetenzkonflikt. Die Situation war unangenehm. Wer wird nun sprechen, der diskrete altenburgische Kronanwalt oder der beredte Volksvertreter? Wie auf Kommando erklärten sich beide plötzlich neutral, und es sprach nur Everling. Ganz schlicht und persönlich, sozusagen als Stimme des Gewissens: »Ich fühle mich hier lediglich als Vertreter meiner Rechtsauffassung, die allerdings solchen Anträgen, die auf eine Beraubung der Fürstenhäuser hinauslaufen, diametral entgegengesetzt ist.« Das ist eine schöne, eine ritterliche Geste. Da wackelt der treue deutsche Bauch vor Wonne. Und wenn die Rechtsauffassung auch schließlich nur in einer vom ehemaligen Gebieter Altenburgs unterzeichneten Prozeßvollmacht für den Abg. Dr. Everling besteht. Jedenfalls hat es der Rechtsanwalt aufs trefflichste verstanden, den Abgeordneten völlig auszuschließen, wobei man immer den Rechtsanwalt für den Abgeordneten hielt. Es ist ein sehr schwieriges Kostümspiel, dieses mit der Toga des Volkstribunen, die gewendet den Talar des Advokaten ergibt, aber schließlich stand er doch ohne den feierlichen Umhang da, als treuer Ritter in blankem Harnisch sagen die Freunde, als nackter Spatz die Gegner, und bekannte sich in ungebrochenen Naturlauten als unentwegter Kämpe für Fürstenrechte. Ohne dieses Kompetenzproblem bis in seine Tiefen ausloten zu wollen, auf eines wären wir doch neugierig: wenn der Posten für diesen rührenden Auftritt von Mannentreue in die Spesenrechnung gesetzt wird, wer wird dann kalkuliert: der diskrete Advokat oder der rührige Abgeordnete? Vielleicht äußert sich mal der Altenburger! Montag Morgen, 11. Januar 1926 608 Vom Büchertisch Der Hitler-Ludendorff-Prozeß . Von Leo Lania . Verlag Die Schmiede, Berlin. In der von Rudolf Leonhard herausgegebenen Serie moderner Kriminalfälle ist jetzt die Darstellung des Hitler-Prozesses von Leo Lania erschienen. Der Verfasser beschränkt sich mit Recht nicht auf eine Schilderung des Münchener Prozesses, der mit seinen zahlreichen dramatischen Episoden noch ziemlich frisch in der Erinnerung haftet, sondern versucht in wenigen gedrängten Kapiteln die politischen und soziologischen Untergründe aufzuhellen, ohne die die Münchener Vorgänge von 1923 heute schon wie ein Stück Tollhaus wirken. So kann namentlich seine Darstellung des Verfalls und der versuchten Wiederhebung des deutschen Kleinbürgertums in einer dem Faschismus ähnlichen Bewegung wichtiges Material geben für den, der einmal die Geschichte des verrückten Jahres 1923 schreibt. Man schließt die Lektüre mit dem Wunsche, der Verfasser möge gerade zu diesem Thema noch nicht sein letztes Wort gesprochen haben. Montag Morgen, 11. Januar 1926 609 Lene, Lotte, Liese Es bezeichnet sich als Volksstück und ist von einem solchen so weit entfernt, wie Georg Okonkowski von Ferdinand Raimund. Es lebt von Motiven und Einfällen von dunnemals, aber was geht uns das eigentlich an, Paraphrasen über die alte Längstnichtmehr-Weisheit, daß Kleider Leute machen, und daß es komische Situationen ergibt, wenn die Portierloge plötzlich in die Beletage aufrückt? Wie lange eigentlich noch »Volksstücke«, in denen das »Volk« genau so figuriert, wie es seine vermotteten, reaktionären Schulen ins Bilderbuch setzen, also: brav, dußlig, aber vorlaut, humorig-tapsig, doch stets bereit, bescheiden »in seine Schranken zurückzukehren«, wenn man ihm übers Maul fährt, und immer durchdrungen von der Einsicht, daß Geld nicht glücklich macht. Wann wird endlich der befreiende Moment sein, wo in dies ganze innerlich und äußerlich geschminkte Genre der erste befreiende Pfiff schrillt? Noch ist es nicht so weit, noch deckt ein Erfolg, wie ihn sich Herr Dr. Zickel in seinem Thalia-Theater holte, den Skeptiker zu. Dafür setzte er auch Künstler wie Josefine Dora , Oscar Sabo , Albert Paulig und Georg Baselt ein. Alles sehr üppig, sehr farbig aufgemacht. Dekorationen von Archan, Beleuchtungskörper von Siegel \& Co., eine Chauffeur-Livrée von S. Adam, ein russisches Kostüm von Bruno Pruschinsky, die modernen Toiletten vom Modesalon Malianna. Das alles verrät Theaterzettel, der Redselige. Auch daß die gelegentlich aus dem Orchesterraum dringenden Geräusche auf Jean und Robert Gilbert zurückzuführen sind. Montag Morgen, 18. Januar 1926 610 Marine-Epilog Berlin, 24. Januar. Während eine erregte Epoche europäischer Nachkriegszeit ihrem Ende entgegengeht und Ausblick auf freundlichere Zeiten zum erstenmal gestattet ist, wird im Untersuchungsausschuß des Reichstages wieder einmal ein Stück Vergangenheit beschworen. Was einst schmerzvoll erlebt und allzu schnell vergessen wurde, wird wieder lebendig: das Alltags-Inferno der deutschen Kriegsflotte in Kiel, dieses zermürbende Existieren, jahraus, jahrein in »Ruhe« und doch in steter Spannung, in Erwartung, ob nicht der Tag, der anbricht, der »Tag« ist, auf den die Offiziere in Herrn Lissauers Haßgedicht freudig bewegt das Glas heben. Schließlich ist es doch nicht zu der großen Marine-Tragödie gekommen. In Scapa Flow sanken leere Schiffe ... Und alles das lebte in der Rede des Abg. Dittmann wieder auf: der Dienst, die vielen großen und kleinen Schikanen, die krassen Ungerechtigkeiten, die Verseuchung nicht mit sozialistischer, wohl aber mit alldeutscher Politik. Vorgänge, bisher noch im Dunkel, werden durchsichtig. Blutschuld an einem Menschenopfer wird offenbar. Die Erschießung zweier Matrosen, losgelöst aus der Meutereilegende, zeigt sich als bewußter politischer Terrorakt; Blutschuld, die eine lange Kette von Menschen belastet, vom Kommandanten der Hochseeflotte angefangen, der die in den Rechtsgutachten geltend gemachten Bedenken anerkennt und trotzdem zu dem Urteil steht, bis hinunter zu den Drahtziehern der traurigen Spitzelpuppen Adams und Calmus. Soll nun über all das der Mantel des Verzeihens gebreitet werden? Vergangene Dinge? Noch immer schaffen einige der an dem amtlichen Mord Beteiligten in Rüstigkeit und mit der Bestallung der Republik in der Tasche unter uns. Da ist z.B. der Herr Kriegsgerichtsrat Dr. Dobring, heute Richter in Berlin. Jener Herr Dr. Dobring, der ein »Programm« der U.S.P. sich aus den Fingern sog, damit eingeschüchterte Kulis ins Bockshorn jagte, mit dem heutigen Oberregierungsrat in Elberfeld Dr. Loesch die ganze Lockspitzelwirtschaft erst organisierte und sich dabei so auszeichnete, daß selbst das Urteil von seinen windigen Konstruktionen teilweise beschämt abrückte, ist dieser Herr zu einem Richteramt im republikanischen Staat geeignet? Wir haben uns seitdem an peinliche Kriminalprozesse um Bagatellen gewöhnt. Über Bayerns besten Demokraten, den Oberbürgermeister von Nürnberg, wird um einen Mantel und ein Messer ein schmähliches Meineidsverfahren verhängt. Sind ein paar Menschenleben weniger wert? Herr Dobring ist noch immer Richter. Wieviele kleinere Dobringe mögen noch heute die Bänke der Justitia drücken und die Pestilenz jener Tage in unsere Zeit verschleppen? Auch Herr Haß, der Münchener Richter, erlernte seine schwarze Kunst auf einer Spionage-Abwehrstelle. Es handelt sich nicht allein darum zu enthüllen, und es damit gut sein zu lassen, sondern erst recht, die Bemakelten zur Rechenschaft zu ziehen. Gerade bei Behandlung vergangener Dinge hat der Reichstag mehr als einmal Temperament gezeigt und dramatische Szenen erlebt. Es geht jedoch darum, aus dem zeitlich Vergangenen das Unverjährbare zu schälen, aus Mitleid und Ablehnen zur politischen Aktion zu kommen. Mit der Dolchstoßlüge sollte die Republik erschlagen werden; gelingt es ihr, diese Lüge für immer auszublasen, ist auch die Reaktion ihres verheerendsten Seelengiftes beraubt. Es ist kein Zufall, daß auch diesmal eine gewisse Instanz den Arm packt, der sich heben will. Diese Instanz ist das Reichswehrministerium . Die rebellierenden Admirale, die pflichtvergessenen Offiziere, die gewissenlosen Militärjuristen finden glühende Verteidiger in den Herrn Vertretern des Reichswehrministers. Vor eine der schimpflichsten Episoden des kaiserlichen Deutschlands treten schirmend Geßlers Offiziere. Es war schlimm genug, daß das Ministerium sich überhaupt bemüßigt fühlte, den Angeschuldigten gleichsam Offizialverteidiger zu stellen – mit gleichem Recht könnte das Auswärtige Amt für die Unbeflecktheit des Herrn von Holstein eine Lanze brechen – wie das geschah, das ist ein Skandal ohnegleichen. Herr Canaris gebärdete sich, wie ein Anklagevertreter in einem kaiserlichen Kriegsgericht. Sein Auftreten war ein unerhörter Affront für das deutsche Parlament. Mit ihm ist noch ein anderer Herr gekommen, als »Sonderkommissar«, der Admiral von Trotha . Der hat nicht nur als Sachverständiger Coßmanns im Münchener Prozeß den Befähigungsnachweis für diese Mission erbracht, er ist auch der gleiche Offizier, den Noske in der Nacht vom 12. auf den 13. März 1920 nach Döberitz zur Brigade Ehrhardt entsandte, um zu erkunden, ob die Alarmmeldungen wahr seien. Herr von Trotha zurückgekommen, berichtete treuherzig, daß in Döberitz alles ruhig sei . Selbst ein Mann von solcher Offiziersgläubigkeit wie Noske konnte nicht umhin, sich im Jagow-Prozeß in bitterster Weise über diese Täuschung Am Freitag stand Dittmanns Vortrag im Mittelpunkt. Am Sonnabend schon hatte sich das Bild verschoben. Dank Herrn Kapitän Canaris. Eine Jahre zurückliegende Tragödie hat sich jäh aktualisiert, indem Vertreter einer Reichsbehörde sich mit den Gesetzesbrechern von damals identifizieren. Es geht nicht mehr um die einstigen Marineherren, die Capelle, Scheer usw., sondern um ihre freiwilligen Rechtsnachfolger in der Bendlerstraße und ihren sozusagen demokratischen Nährvater. Der Fall Dobring, das gehört zum Thema Justizkrise, ist in den Einzelheiten abscheulich, aber überrascht nach allem Erlebten mit Bewersdorff, Haß, Niedner usw. kaum. Seit gestern jedoch, wir ahnten es längst, wissen wir's, daß wir mitten in der deutschen Militärkrise stehen. Montag Morgen, 25. Januar 1926 611 Das Reich der Reklame Kann man von diesem Ballfest etwas Freundlicheres sagen, als daß es wie ein einziges, sehr buntes, sehr lustiges Riesenplakat aussah? Die Reklame bei sich selber zu Gast, machte aus den klassikgeheiligten Sälen der Philharmonie die gigantische Halle eines imaginären Wolkenkratzers; stets glaubte man, eingekeilt in farbiges Gewimmel, zu schwindelnden Mauerhöhen hinaufzuschauen. Der Berichterstatter »bemerkte« niemanden, aber sehr sehr vieles, vieles. Er bestätigt gern, daß die Frage »Was ziehe ich an?« im Programm beantwortet mit: »von der stahlgepanzerten Jungfrau von Orleans bis zur Venus Kallipygos findet dein kapriziöser Sinn tausend Möglichkeiten«, mehr in letzterem Sinne gelöst wurde. So wurde das Fest der Reklame zu einer ausgesprochenen Reklame für die Frau, und man braucht nach dem fröhlichen Ausgang nicht zu befürchten, daß die alte, und doch immer jugendfrisch neue Firma Eva selbst bei dieser Flaute unter Geschäftsaufsicht geraten könnte. Montag Morgen, 25. Januar 1926 612 Thielscher als »Stöpsel« Um diesen kleinen, runden Guido Thielscher schweben noch immer die Geister eines unverwüstlichen Komödiantentums. Während der besorgte Betrachter im Antlitz des Theaters von Heute besorgt hippokratische Züge erspürt, macht er seine drolligen Sprünge und Kniefälle, plustert er sich so gravitätisch auf, fliegt er so akrobatisch leicht der Länge – richtiger Kürze – nach hin, wie seine Vorfahren in den Tagen Arlecchinos und Zerbinettas. Und wäre er nicht eben der prächtige Thielscher, schon um dieser Manifestation ewigen Komödiantengeistes willen sei er gesegnet. Der Dreiakter, den Arnold und Bach für ihn schrieben, ist übrigens eine saubere Arbeit, die den Beifall, den sie im Neuen Theater am Zoo fand, durchaus verdient. Montag Morgen, 25. Januar 1926 613 Plaidoyer für Holstein Wenn der Geheimrat von Holstein heute aus dem Reich der Schatten auf die Erde blicken und sehen könnte, wie sein Name zum Gegenstand von Zeitungslärm geworden, sein Bild auf der ersten Seite der illustrierten Journale prangt, alles, was von seinen menschlichen Dokumenten zurückgeblieben, als aufschlußreich für seine selten verworrene Psyche analisiert wird, wenn er das alles schauen könnte, er würde wohl die Stunde segnen, die ihn der Unterwelt zuführte, ehe alle diese Blechmusik an seine einsiedlerische Stille liebenden Ohren drang. Für lange Zeit noch wird die Diskussion über das Thema Holstein fortgehen. Und was werden erst seine Memoiren bringen, die heute noch wohlverschlossen in Herrn von Schwabachs Banktresor ruhen? Allzulange waren wir geneigt, etwa mit dem Beginn der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ein Aussterben pittoresker Persönlichkeiten in der politischen Geschichte der Staaten anzunehmen. Wie wenig das der Fall war, zeigte vor siebenzehn Jahren schon der Eulenburg-Prozeß, dessen tieferen politischen Sinn man damals über der groben Sexual-Sensation übersah, und der heute wie ein schnell vorübersprengender Vorreiter künftiger Entlarvungen erscheint. Erst die von 1919 an herauskommenden Erinnerungen der Tirpitz, Eulenburg, Waldersee, Hammann, Zedlitz-Trütschler usw., die Emil Ludwig in seinem Wilhelm-Buch zu einem keck-pamphletisierenden Zeitgemälde zusammenfaßte, zeigen zwingend genug, daß die Tatsachen der verschlossenen kaiserlichen Kulissenwelt die Ahnungen vereinzelter Schwarzseher weit hinter sich ließen. Welch eine Galerie menschlicher Merkwürdigkeiten wird sichtbar, intrigensüchtige Generale, possenhafte Sonderlinge, unverantwortliche Ratgeber, die das Ohr des Monarchen haben, die Minister in untergeordnete Rollen abdrängen. Es kann um Mazarin herum nicht bunter, nicht verderbter zugegangen sein, als an diesem angeblich nüchtern protestantischen Hof. Und während heute Historie und Feuilleton im Wettlauf das Labyrinth dieser unholden Romantik durchdringen, werden Farbe und Umriß der Hauptakteure des imperialen Theaters immer sichtbarer, tritt vor allem die menschenscheue Gestalt des Barons von Holstein immer deutlicher hervor. Entblößt liegt seine Psyche vor dem Publikum, Aufschwung und Niedersinken, Verstrickungen und Agonie der an Machthunger kranken Seele des »Mannes mit den Hyänenaugen«, das alles liegt jetzt aktenmäßig belegt da, rollt sich vor uns wie auf der Leinewand ab, mitleidlos, entlarvt, geheimnislos. Es ist etwas trauriges um so eine ertappte, der lebenslänglichen Heuchelei überführte Seele, auch wenn der Leib längst zerfallen. Ja, es ist eine tragische Komödie, die der Geheimrat von Holstein durch ein langes Menschenleben spielte. Gefürchtet als Mitwisser von unzähligen Geheimnissen, schuf er sich, auf geringer Rangstufe, dennoch in seinem Amt für Jahrzehnte eine dominierende Stellung, verknüpfte er als tatsächlicher Leiter des Auswärtigen Amtes seinen Namen mit den meisten weltpolitischen Seitensprüngen und Unglücksfällen der wilhelminischen Ära unter drei Kanzlern. Und, was das Schlimmste, nicht einmal das Gefühl bleibt, daß sein fataler Ratschlag natürlicher menschlicher Begrenzung entsprungen; der Verdacht war schon längst nicht von der Hand zu weisen, daß aus persönlichen Motiven, aus Ehrgeiz, Rivalerie, gallsüchtigem Neid mit vollem Wissen der außenpolitische Kurs falsch gestellt wurde, um verhaßten Nebenbuhlern einen Erfolg zu zerschlagen, eine Falle zu legen. Und, als hätte es noch der letzten Bestätigung trübster Vermutungen bedurft, verraten die Holstein-Publikationen der letzten Wochen, daß der Mann als fanatischer Börsenspieler fortlaufend diplomatische Geheimnisse in gewinnsüchtiger Absicht preisgab, nach dem Strafgesetz fortlaufend diplomatischen Landesverrat verübte, ständig an der Schwelle des Zuchthauses stand. Kein Wunder, daß die deutsche Presse heute teils entsetzt schweigt, teils Schmähungen über Schmähungen auf den Namen des einst Allmächtigen häuft. Es gehört schon die gute Rasse der »Deutschen Zeitung« dazu, um sich angesichts dieser niederschmetternden Tatsachen damit zu trösten, daß Holstein der langjährige Freund einer jüdischen Dame war. Ein ewig besudelter Name. Trügen ihn Leibeserben, sie würden heute in einen anderen flüchten. Aber wäre die Verleugnung eines Toten das Letzte? Sind nicht politische Konsequenzen wichtiger als die lauten Entrüstungen Liberaler, der stille Abscheu Konservativer? Wer Herr v. Holstein war, das wissen wir nun. Wichtiger ist, wie er wurde, ob man in Deutschland den Boden erkennt, auf dem er gediehen und ob man entschlossen ist, das vaterländische Fahnentuch fortzuziehen von jener Epoche, als deren grauester Repräsentant er vor uns steht. Denn Holstein, darüber hilft alles nicht hinweg, kommt aus der Bismarckschen Ära. Hier, unter den Augen des ersten Kanzlers, hat er von der Pike an gedient; so verschmolzen war er mit den Methoden des Meisters, daß man in ihm den selbstverständlichen Siegelbewahrer seiner hinterlassenen Weisheiten und den Erben seiner Technik sah. Das muß doch festgestellt werden. Denn seit Hammann das Wort von dem »falschverstandenen Bismarck« prägte, droht die neue antiwilhelminische Literatur immer stärker sich in den Dunst einer neuen Bismarcklegende zu verlaufen. Auch Emil Ludwigs funkelndes Kaiserbuch weiß schließlich nichts anderes, als das Dilettantentum von 1900 der Überlegenheit des toten Kanzlers gegenüberzustellen. Dieser Unterschied ist natürlich überraschend und dient reizvoller dramatischer Zuspitzung, effektsicheren Kapitelschlüssen, – ist jedoch politisch und historisch gesehen etwas zu billig. Wenn Bismarck nach seiner Entlassung klagte, von Kreaturen getreten zu werden, nur von Kreaturen ersetzt zu sein, nun, es waren Kreaturen seiner eigenen Formung. Bismarck, das bestaunte Genie der Außenpolitik, hat nicht Schule gemacht. Diplomaten seiner Herkunft sind es, die das Reich tiefer und tiefer der Katastrophe entgegenschlittern ließen, und nicht darauf kommt es an, ob er nachher »verstanden« wurde oder nicht, sondern, ob er Jünger hinterließ, verständig genug, um seine Tradition behutsam fortzusetzen und schöpferisch genug, um neue, noch nicht gesehene Konstellationen zu erkennen. Nicht das politische Testament eines Mannes kann für Jahrzehnte Linien fixieren; nicht der weitausgreifende Wille ist schließlich maßgebend, sondern das Geschaffene, das, was schließlich bleibt. Und Bismarck regierte so, als würde er ewig leben, er regierte das junge Reich wie einen in Privatwirtschaft übernommenen Meierhof, wie ein Majordomus, dessen Streben ist, dem königlichen Herrn zwar die Last des Herrschens abzunehmen, aber auch sich jede Konkurrenz fernzuhalten und seinen Platz erblich zu machen. Neidisch verfolgt er jede glückliche Karriere, unerbittlich drückt seine Allmacht jede eigenwillige Regung zum Handlanger herab, beraubt sie jeden Selbständigen des Manntums, bis alle, alle nicht mehr sind als Haremswächter seiner Politik. Mag Wilhelm tausendmal verheerend gewirkt haben durch sein Beispiel, er hätte den deutschen Bürger nicht zur Karikatur, nicht zum sattsam bekannten »Untertanen« degradieren können, wenn Bismarck nicht das Feld bestellt, das Volk nicht entmarkt und entnervt und reif gemacht hätte, jahrzehntelang einen gekrönten Narren anzubeten. Es wäre unsinnig, die Wilhelminische Zeit nach der Bismarckischen als einen unvermittelten Absturz zu sehen. Sie bietet sich dem objektiv sein wollenden Beschauer als Produkt, als Kind, als entartetes vielleicht, jedenfalls als Kind. Jede Anklage gegen den toten Holstein muß folgerichtig zur Anklage gegen Bismarck werden, dessen Kult immer noch lebt, dessen politische Weisheit bis in die Reihe der einst verfolgten Sozialisten hinein anerkannt wird. Seine Fertigkeit, Psychologik und Rücksichtslosigkeit in allen Ehren, es fehlte ihm jene letzte Weisheit, die aus der Achtung vor dem Menschenbilde herrührt. Weil er nur Kreaturen duldete, seine politische Erziehung sich im Drill einer Sklavenschule erschöpfte, deshalb mußte nach seinem Scheiden der Staat einer Generation von Minderwertigen in die Hände fallen, denen in seiner Zucht erst Seele und Rückgrat gebrochen worden war. »Anständige Leute schreiben nicht für mich«, sagte er einmal in einem Anfall von fast friderizianischem Zynismus. Lichterlohe Scheiterhaufen verzehren heute das Andenken der Wilhelminer, aber auch die demokrat. Ketzerrichter knien vor dem eichenlaubgeschmückten Bildnis des Übermenschen, andächtig verehrend. Kein neuer Göttersturz soll hier empfohlen werden. Aber man soll endlich historisch werden lassen, was längst historisch ist. Man soll nicht Rezepte aus der Metternich-Talleyrand-Küche, die schon 1890 vergilbt waren, und nach denen schon damals die Brühe nicht recht schmackhaft werden wollte, 1926 noch als zeitgemäß feiern. Bismarck, heißt es, sah die Isolierung Deutschlands kommen, wollte sie verhindern. Sehr gut! Aber hat nicht seine Blut- und Eisenpolitik sie in die Wege geleitet? Und wir sind heute soweit, das zu erkennen – kann ein System von schwerbewaffneten Bündnissen dauernd den Frieden sichern? Kommt es nicht auf geistige Imponderabilien an? War wirklich das Deutschland Bismarcks und Moltkes zu solcher Erkenntnis reif? Er sah nicht Menschen und Völker, er sah nur Fürsten, günstigstenfalls Staaten; schon die französische Republik, die englische Parlamentsherrschaft verabscheute er. Er hat das System automatisch funktionierender Allianzen wieder nach Europa hereingetragen: der Dreibund eröffnete den Reigen der Ententen; er sah erste und letzte Sicherung in Militärverträgen. Die Vorboten der Wandlung, das Absterben der Geheimdiplomatie, die zunehmende weltwirtschaftliche Verknüpfung der Nationen, die seelische Umschichtung in den Völkern, das erkannte er nicht. Und so genial er innerhalb seiner Grenzen spielte, es war zu seiner Zeit schon rein künstlich, ein Spiel ohne Zweck. Es war zu seiner Zeit schon ein Spiel um einen Preis, den es längst nicht mehr gab. Die werdende Demokratie erfühlte er nicht und was er davon etwa intuitiv erfaßte, das haßte er mit seiner ganzen junkerlichen Zähigkeit. Der Friede Europas, das hatte ihm nicht jene schöne, sehnsüchtige Bedeutung, wie für uns Nachkriegsmenschen, es war ihm einfach die Balance der damals bestehenden Fürstenmacht. Weil er immer in Denken und Fühlen dem dynastischen System verhaftet war, deshalb konnte er niemals dem Frieden jene Garantien schaffen, die über die schmale Gewißheit der Gegenwart auch in ungewisser Zukunft wirksam bleiben. Man wirft Holstein vor, er habe Bismarcks Erbe schlecht verwaltet, die hinterlassenen Rezepte teils mißverstanden, teils absichtlich ins Gegenteil umgebogen. Er hat den russischen Vertrag demoliert, das »große Nein« auf Englands Bündnisangebote ausgesprochen, er hat schließlich die gräßliche Marokko-Politik mit der Niederlage von Algeciras inszeniert und den Dreibund für eine Schöpfung auf Ewigkeiten gehalten. Lassen wir in diesem Zusammenhang den Rückversicherungsvertrag beiseite, was aber die anderen Fragen betrifft, nun, da befand er sich in voller Übereinstimmung mit der Mehrheit des Volkes, einschließlich seiner Politiker und Parlamentarier. Mit dem Glauben an den Dreibund ist ganz Deutschland in den Weltkrieg gezogen, und daß Holstein Joe Chamberlain abblitzen ließ, den Kaiser nach Tanger schickte, dazu jubelte schließlich nicht nur das politische Stehparkett Beifall. Das galt damals als selbstverständlicher Ausdruck deutschen Kraftbewußtseins, das war der dürre diplomatische Text für die große Orchestermusik wilhelminischer Reden. Daß aber diese pompöse Vereinbarung mit der falschen Machtgeste in die Einkreisung oder – wie Alfred H. Fried richtiger sagte – in die Auskreisung führte und eine in trügerische Sicherheit gelullte Nation endlich ins Verderben stieß, Hand aufs Herz, wie viele Deutsche wissen eigentlich heute schon um diese politischen Todsünden und – wie viele haben daraus gelernt? Wenn die Schmähungen gegen Holstein von dem Menschen auf die Politik ausgedehnt würden, dann wäre diese Verdammung legitimiert. Aber der Glaube an seine Politik ruht noch allzu fest, und so jämmerlich seine Börsenspekulationen gewesen sein mögen, seine politischen Spekulationen gehören noch immer zum Brevier unserer Nationalphantasten, und darin wird sie auch die Tatsache nicht stören, daß der Vater ihres Ideals sich gegen moralische und strafrechtliche Grundsätze verging. Plaidoyer für Holstein? Das steht über diesen Zeilen, und, ehrlich gestanden, es ist schweren Herzens geschrieben. Aber es handelt sich nicht, das vergißt man in Deutschland, um ein moralisches Scherbengericht über den Namen eines Toten, sondern um die Fixierung eines noch schwankenden politischen Tatbestandes. Alldeutsche Ideologie hat kein Recht, Steine zu werfen nach dem, der für sie erst recht den Boden ebnete; kritiklose Bismarck-Verhimmler sind kaum befugt, den Stab zu brechen über den, der doch das ureigenste Erziehungsprodukt ihres Idols war. In dieser Schule hat er seine böse Kunst gelernt, das Spionieren, den Trug, das Spiel mit den vielen Bällen zugleich. Als jungen Menschen hat ihn Bismarck zur Bespitzelung des Grafen Harry Arnim, seines Vorgesetzten in Paris, mißbraucht, um ihn in öffentlichem Prozeß dann zu nötigen, seine Judas-Rolle publik zu machen. »Die Bismarcks haben mir das Schmachzeichen auf die Stirne gedrückt«, sagte Holstein, der Verbitterte, in späteren Jahren. Bismarck brauchte Desperados, Menschen, die, losgelöst von Gefühl und Gewissen, nur ihm dienten, für ihn jedes Odium auf sich nahmen. Bismarck starb. Die Desperados blieben zurück. Die Desperados übernahmen den Staat. Es ist ein melancholischer Gedanke, daß diese Desperados einen nicht unbeträchtlichen Teil von Bismarcks politischer Hinterlassenschaft ausmachen. Was nützt ohne solche Klärung Holsteins Entlarvung? Es ist etwas trauriges um diese Zerfetzung eines Toten, um dieses Kriechen in Klüfte einer Seele, deren Leib längst vermodert. Könnten den grauen Geheimrat am Ufer des Acheron die Flüche erreichen, er würde vielleicht mit bösem Lachen nach jenem Pantheon weisen, das deutscher Heroenkult dem Manne geschaffen, der sein Verderber geworden war. Nein, Holstein war trotzdem kein Tartüff, vier Kanzler wußten, wer und was er war, und sie litten ihn nicht nur, sie erhöhten seine Macht, weil sie ihn fürchteten. Wenn versichert wird, ihn hätten Angstvisionen geplagt, er hätte den Revolver stets in der Tasche getragen, und in freien Stunden Schießübungen gemacht, wer weiß, ob das nur Furcht vor imaginären Feinden war, ob er nicht heimlich die Hand übte, um nicht zu zittern in dem Augenblick, wo er sie – satt seiner selbst, satt der Menschheit – gegen die eigene Stirn richten wollte. Er hat schließlich vorgezogen, nicht das Prävenir zu spielen; er starb im Bett als pensionierter Beamter. Aber selbst ein tragischeres Ende hätte nicht verhindert, daß sein Leben zu einer diabolischen Satire auf Deutschlands glanzvollste Zeit wurde. Das Andere Deutschland, 30. Januar 1926 614 Die Maulschelle Dr. Hans Luther, der Reichskanzler, ist nicht wie sein theologischer Namensvetter ein überquellendes Temperament, das Abneigungsgefühle sofort in breiten Grobheiten ausladet. Dr. Luther ist der beherrschte Mann der Geschäfte, der öffentlich gern eine überpersönliche Nüchternheit betont. Wenn trotzdem Hans Luther am Donnerstag mit geballten Fäusten den völkischen Provokateur bedrohte und ihm unweigerlich mit einem kraftvollen Hieb in das Ebenbild Wotans gefahren wäre – Dr. Külz verhinderte das; es war dies die erste Amtshandlung des neuen Innenministers –, so muß diese Erregung des Reichskanzlers einen besonderen Grund gehabt haben. Denn selbst auf der Rechten sitzen Gegner der Politik Luthers, die stärker im Haß sind, schneidender, verletzender im Ausdruck. Wenn Luther gegen Herrn Henning die Faust erhob, so richtete sich das nicht gegen die völlig belanglose Fassade des Herrn Henning, die wirklich nicht mehr ist als billigste Stukkatur, sondern gegen die stärkste Waffe des deutschen Nationalismus ... gegen das Mundwerk . Diese Maulschelle hätte im Antlitz des rassebewußten Deputierten sicherlich einigen Staub aufgewirbelt, dennoch Empfänger war gleichgültig, der eigentliche Adressat war der chauvinische Maulheld , der national-hysterische Agitator schlechtweg, der kalten Blutes Injurien zischt, während die Jünger nachher Revolverkugeln speien. Nicht auf eine einzelne Person, auf eine ganze Richtung, deren Geschichte die Chronik des deutschen Unglücks seit Jahren ist, wäre diese Ohrfeige niedergeknallt. Das Strafgericht ist nicht erfolgt. Herr Külz trat dazwischen und verhinderte ein Intermezzo, das, erstaunlich in seiner Art, dennoch in keiner Weise der Würde des Parlamentes Eintrag getan hätte. Diese Maulschelle hätte jubelnde Resonanz in der ganzen Welt gefunden, überall, wo redliche Patrioten mit der Chauvinistenkrapule im Streit liegen, wäre impulsiver Applaus das Echo gewesen. Niemals hätte eine Handlung, die an sich dem internationalen Sittenkodex nicht ganz entspricht, größeres Verständnis gefunden. Sie wäre gleichsam das zweite und festere Siegel unter dem Locarno-Pakt gewesen. Zurück schweift der Blick auf Jahre innern Haders. Dr. Wirth, warum schlugen Sie immer nur mit der Faust auf den Tisch, anstatt auf einen Gegenstand, der geeigneter gewesen wäre, Ihre[m] Zorn würdige Entladung zu geben? Manches wäre vielleicht anders geworden, mancher vielleicht lebte noch ... Schließlich sind die gemordeten Republikaner alle irgendwie an ihrer guten Erziehung gestorben. Nun, Hans Luthers Maulschelle blieb in den Handflächen stecken. Dennoch, Herr Reichskanzler, es war eine Geste, die verpflichtet. Es war eine Geste, die von nun an zu Kraft verpflichtet. Wir warten. Montag Morgen, 1. Februar 1926 615 Der militarisierte Schlafwagen Nach einer römischen Meldung erhielten die Angestellten sämtlicher internationalen Schlaf- und Speisewagen die Order, auf italienischem Boden nur noch auf faschistische Weise zu grüßen, d.h. durch Salutieren, ohne die Mütze abzunehmen oder zu berühren. Das ist eine Neuerung, die viele Konsequenzen in sich bergen kann. Wir kennen ja den Schlafwagenkontrolleur als beliebte Figur französischer Schwanke. Auf Katzensohlen schleicht er an legalen und illegalen Pärchen vorüber, immer verbindlich, immer diskret lächelnd, und, wenn er schon stören muß, dann natürlich dienstlich, mit schuldbewußten Mundwinkeln und verständnisinnigem Blinzeln. Dieser sanfte Mann soll jetzt in Italien mussolinisch werden. Noch auf Schweizer Territorium dezent, behutsam, wie stets, wird sich an der lombardischen Grenze sein Antlitz in eherne Falten legen, und wäre er auch aus Glauchau oder Groß-Salze, der Zoll wird den Erben latinischen Blutes, den in neuem Bewußtsein seiner Weltgeltung erwachten Enkel der römischen Wölfin verraten. Natürlich werden auch die anderen Nationen nicht zurückstehen wollen. Woraus sich dann zwangsläufig die Militarisierung des Schlafwagens ergibt, in den verschiedenen Ländern je nach Brauch variierend. Schmetternde Clairons wecken in Frankreich den Schläfer. »Essen holen«, heißt es in Deutschland. Mit Blechnäpfen treten die Reisenden an. Der sonst so eilfertige Kellner steht als Küchenbulle am Kessel und teilt die Portionen mit der Miene der unnahbaren, durch Gefreitenknöpfe hinreichend legitimierten Gottheit aus. Wer sich aber endlich abends in Rußland müde in die Koje zurückgezogen hat, der irrt sich. Denn die Schlafwagenbeamten, die eben noch lettisches Militär markierten, stampfen, als Rotarmisten verkleidet, die Internationale singend, auf wuchtigen Sohlen durch den Korridor, zur Erhebung der Reisenden den Siegesmarsch der Arbeiterbataillone symbolisierend. Montag Morgen, 1. Februar 1926 616 Der Ritt in die Sonne Großer Erfolg im Primus-Palast . Nicht auf Grund besonderer filmischer Leistungen oder eines sehr gediegenen Manuskriptes. Ein schnell beliebter Roman entzückt, Bild geworden, die einstigen Leser. Auch dem Regisseur Jacoby wird daraus mehr eine Familienangelegenheit, denn ein sprudelndes Lustspiel, das sich vielleicht bei traditionsfreierer Behandlung ergeben hätte. Man notiert Paul Heidemann, Werner-Kahle und Paul Morgan . Montag Morgen, 1. Februar 1926 617 Die Seehunde Vor einer nordenglischen Flußmündung, der Wash ist es wohl, so las man kürzlich in den Blättern, haben sich Seehunde niedergelassen, Seehunde in unübersehbaren Heerscharen. Die lagern dort auf den Sandbänken und Klippen, fressen und verdauen, bilden je nach Neigung Bellchöre, machen zwischendurch ihre Schwimmübungen zur Erhaltung elastischer Figur und beeinträchtigen, so wird geklagt, erheblich den Fischbestand. Das verärgerte Küstenvolk rüstete Jagdexpeditionen aus, die sich aber als Nieten erwiesen. Denn Seehundwitz zeigte sich Menschengeist überlegen. Wenn sie am Mittag satt und träge herumlungern, haben sie zum Schutz gegen Überrumpelung eine vorzüglich funktionierende Informationsstelle organisiert, denn wenn der Seehund vom Dienst die herannahenden Bote erspäht, heult er prompt Alarm und im Nu ist die Gesellschaft verschwunden und schwänzelt submarin den gefoppten Jägern Hohn. Die fahren wutschnaubend zurück und pflastern die Lokalblätter mit Vorwürfen gegen die Behörden. Schließlich begriffen Seiner Majestät Beamten, daß ihre Reputation auf dem Spiel. Jetzt werden in allen besseren Kanzleien Nordenglands, nachdem die allzu primitiven Jagdzüge versagten, Pläne gewälzt, mit der konzentrierten Systematik moderner Kriegstechnik den flossenschlagenden Riffpiraten an den Speck zu rücken. Denn sind sie nicht Schädiger nationalen Wohlstandes, also Feinde der Nation, also Feinde der Zivilisation, vergreifen sie sich nicht an Gut, das eigens zur besseren Prosperität einiger Fisch-Versandfirmen nach göttlicher Bestimmung in die Flußmündung hineingelaicht wird? Da die altväterlichen Kampfmethoden sich auf den Sandbänken des Wash ebensowenig stichhaltig erwiesen wie auf den Sandwüsten Marokkos, wurde vorgeschlagen, die lästigen Tiere gerade so zu behandeln, als ob sie Menschen wären. Das heißt, man beabsichtigt, um ihre pfiffige Pressestelle zu irritieren, Tauchboote mitten in ihr usurpiertes Reich zu schicken und von oben her aus Flugzeugen Gasbomben werfen zu lassen. So wird also demnächst ein gewaltiges Massaker geschehen. Abertausende erstickter Seehunde werden die Bänke und Riffe decken, aus vielen brechenden Augen, die klein und klug in die klare Salzluft schauten, werden Blicke hinaufflehen zu dem großen Robbengott, der weit hinter Thule in arktischen Nebeln auf kolossalem Eisblock in majestätischem Tran von seiner wohlgelungenen Schöpfung träumt und nichts ahnt von dem Weh seiner Kreaturen. Kein Zweifel, die Technik wird siegen. Heeresberichte mit gloriosen und falschen Zahlen über die Verluste des Feindes werden in die Welt gehen, ausklingend in das Viktoria: – – und von den Unsern ward kein Mann verletzt! Man könnte aus dieser bevorstehenden Robben-Tragödie den folgenden Schluß ziehen: so lange die Völker kriegerisches Spielzeug haben, müssen sie es auch gebrauchen. Und die Militärs insbesondere können ihre Requisiten ebenso wenig in Ruhe wissen wie Kinder ihre Bälle und Kreisel und Bauklötzchen. Gibt es schon einmal zufällig keinen Krieg, so muß man sich eben anderweitig Übung verschaffen. Irgend etwas wird man schon finden. Hält der heute von Optimisten bemerkte Pazifikations-Prozeß tatsächlich an, so werden die Strategen vom Fach sich eben neue Gebiete erschließen müssen, die bisher anderen Spezialisten vorbehalten waren. Wenn schon die englische Küstenverteidigung mit submarinen und aviatischen Waffen gegen die armen, dicken Seehunde loszieht, warum soll nicht einmal nach Jahrzehnten glücklich für die Menschheit der Kammerjäger mit Generalsraupen möglich werden. Von Stabsoffizieren umgeben, tritt er an den Platz seiner Tätigkeit, ausgerüstet mit Plänen, nüchtern, korrekt, indifferent. Und doch vor Wollust fast berstend, endlich seine Bestimmung zu erfüllen, endlich sein Gewerbe praktisch auszuüben, endlich einmal zu töten, zu töten, zu töten! Das Tage-Buch, 6. Februar 1926 618 Die Mühle von Sanssouci Fridericus Zelnik und Fridericus Gebühr taten sich zusammen, und so wurde daraus ein nachweislich friderizianischer Film. Der wievielte, das mag die Statistiker beschäftigen. Das brave Volk aber sieht seine Hohenzollern wieder in sanften Anekdoten-Omelettenteig gewickelt und zahlt gern die Konfitüren dazu. Da Grenadierbeine ebenso vertreten sind, wie Tänzerinnenbeine, ist der Erfolg gesichert. Das vaterländische Herz kommt genau so in Wallung wie andere politisch neutralere Körperpartien. So ist für jeden Geschmack gesorgt. Wozu also gegen Mühlenflügel kämpfen? Capitol . Montag Morgen, 8. Februar 1926 619 Junge Demokraten Berlin, 7. Februar In einem Sitzungszimmer des früheren Herrenhauses dicht gedrängt anderthalb hundert junger Menschen, Jungen und Mädel. Man sieht es ihnen sofort an, sie sind nicht gekommen, Exhibition radikaler Wallungen zu treiben, sondern um sich zu klären. Sie sehen alle sehr manierlich aus, sehr ernst, einige unterstützen diesen Eindruck von Seriosität noch durch eine Hornbrille, ohne es eigentlich nötig zu haben. Man glaubt es auch so. So ist auch alles, was in Referaten und Diskussion gesagt wird, wohl überlegt, gut temperiert, alle Redner sprechen selbst in freier Improvisation »geistig hochstehend«, also edel-unpraktisch, mit »Niveau«; man könnte auch sagen, sie reden zwar von oben, aber nicht von Gipfeln, sondern von einem Hochplateau. Man hört einiges über Staatsbewußtsein, »politischen Rhythmus«, (was ist das?), aber es klirren keine Scherben, es stäubt keine Perücke. Einer spricht von den Bonzen, aber er spricht das Wort so zaghaft, wie in Anführungsstrichen. Lebt eigentlich Herr Geßler nicht mehr , junge Demokraten? Und plötzlich steht am Rednerpult zwischen diesen unjungen Knaben ein alter Knabe. Ein großer knochiger Mann mit ergrauendem Haar, spitzem, kantigem, wetterfestem Gesicht, wie ein Seemann. Das ist der Oberbürgermeister Luppe , der für eine Viertelstunde hereinkam, die jungen Freunde zu begrüßen. Hier in diese Umgebung paßt er wie ein Walfisch in ein Goldfischbassin. Er erzählt kurz von seinen Kämpfen in Bayern, daß man ihm vor Jahresfrist glänzende Abfindung geboten habe, um ihn los zu werden . Er aber bleibe. Weiche nicht. Weil er weiß, daß die Demokratie ihn braucht. Das ist ganz ohne politischen Rhythmus gesagt, etwas hart und ungelenk, ohne theoretische Dessous. Aber in seinen kurzen, ruckweisen Bewegungen ahnt man die heiße Demokratenseele. Doch die jungen Leute hier sind alle riesig brav, viele sicherlich sehr klug. Sie applaudieren, trampeln Beifall. Aber wären sie nicht mit gereiftere[m] Verstände Fünfzigjähriger zur Welt gekommen, sie würden den Mann aus Nürnberg auf die Schultern heben und zum Gegenpapst, zum Anti-Geßler proklamieren. Montag Morgen, 8. Februar 1926 620 Das verschwundene Brillantenkollier Das ist einer der sympathischsten und geschicktesten amerikanischen Kriminalfilme seit langem. Eine Handlung, in der kein Blut fließt, die Detektivs veräppelt werden, die Gerechtigkeit, von einem männlichen und weiblichen Gauner verhohnepipelt, abzieht. Das alles ist in seiner Windigkeit so gut gelaunt, und was an deutscher Filmproblematik etwa fehlt, das wird wettgemacht durch eine virtuose Photographiertechnik. In der Hauptrolle lernten wir Raymond Griffith , einen überaus pikanten Darsteller von der Gelenkigkeit Chaplins, und den großen, bösen Augen eines Jago oder Richard kennen. Ufa, Tauentzien . Montag Morgen, 8. Februar 1926 621 Das Mirakel von den Soldaten Die Franzosen sind sehr stolz auf ihren großen nationalen Film »Das Mirakel der Wölfe«. Das ist eine sehr turbulente Geschichte aus der goldenen Ritterzeit, da die eisernen Männer des Königs gegen die eisernen Männer des Herzogs von Burgund stritten und die guten Bürger, wie immer, die Kosten für das muntere Ringelstechen zahlten. Eine Generation nach der Heiligen Johanna macht sich ein tapferes junges Mädchen in schauriger Winternacht auf, um das gesalbte Haupt des Königs aus der Hand haßgieriger Feinde zu retten. Aber ein Rudel hungriger Ardennerwölfe hetzt die Arme durch den nächtlichen Wald, bis sie endlich zu Tode erschöpft niedersinkt, in frommer Ergebung die mörderische Schar erwartend. Doch anstatt sich auf ihr Opfer zu stürzen, ziehen die Bestien einen magischen Kreis um das Mädchen, legen sich lammfromm zu ihren Füßen nieder. Das Mirakel ist geschehen. Es rauscht wie Glockengeläut durch die kahlen Baumkronen, frohe Botschaft allen Ungläubigen: durch das Medium eines reinen Mädchens ist der König gerettet; das unvernünftige Getier selbst hat für Frankreich entschieden und fletscht die Zähne wider Burgund. Gloria in excelsis deo! Noch für Jahrzehnte wird Ludwig XI. seine Feinde köpfen, hängen, rädern, pfählen. Soweit die Filmlegende. Inzwischen wurde die Welt viel wunderloser, immer seltener Intervention himmlischer Mächte. Selbst Lucifer manifestiert sich nicht mehr persönlich, sondern überläßt die Wahrnehmung seiner Interessen den Menschen selbst, weil er sie da in guten Händen weiß. Und dennoch geschehen auch heute noch Zeichen, die wie mit erhobenem Zeigefinger ins Unbegreifliche weisen und zu stiller Demut auffordern. Es gibt noch immer Mirakel, wenn auch in profanerer Hülle. Im Oktober 1917 wurde in Vincennes die Tänzerin Mata Hari als Spionin erschossen. Was sie ausspionierte, wird wohl die heute noch streng verschlossene Aktengruft einmal ausplaudern und soll uns hier nicht bekümmern. Aber nicht soll vergessen werden, daß von den zur Exekution kommandierten Soldaten zwei in Ohnmacht fielen. Zwei Soldaten, mit dem dienstlichen Befehl, auf eine Frau zu schießen, fielen in Ohnmacht. Diese Frau war nicht jung und schön und nicht von jenem Glanz von Reinheit umflossen wie die kleine Heldin der nationalen Legende. So sahen die Soldaten sie vor sich: ein gezeichnetes Lastergesicht, das schwarze Haar im Angstschweiß an der Stirn verklebt, ein Weinen zerrt um die Mundwinkel und aus den aufgerissenen Augen fliegt letzte weibliche Neugierde in die Gewehrläufe. Das war keine heilige Märtyrerin Cäcilia oder Metella, von Sphärenmusik erfüllt und auf der Stätte der Qual schon von Cherubsflügeln umrauscht. Das war Mata Hari, die Pariser Bajadere, die Tänzerin aus Mischblut mit der gelben Haut der Asiatin, die mit ein paar Perlenschnüren behängt zu nächtlichen Orgien jener Welt tanzte, die auch im Kriege scharfe Mittel zur Bekämpfung der Langenweile anwenden mußte. Und wenn in diesen gräßlichen Sekunden etwas von den Geräuschen ihres Lebens in ihr klang, so war es das Gerassel von Tanzmusik in nächtlichen Bars, das Klirren der Sektgläser und das Gewieher aufgepeitschter Laffen. Nein, kein Seraph schwebte für die herab. Nur zwei Soldaten sahen plötzlich schwarze Flecke vor den Augen, wankten etwas, tasteten vorschriftswidrig nach der Herzgrube und kippten wie gefällte Stämme. Was mag sie gefühlt haben in diesem Augenblick? – Schleuderte Hoffnung eine Leuchtrakete vom Herzen ins Hirn? Präludierte ein zitterndes Stimmchen ein Lebenslied? Da zerfetzte die Salve den letzten Klang. Aber diese zwei Soldaten, diese Duponts oder Lerois, was ließ sie in Ausübung harter militärischer Pflicht so schwach werden? Hatten sie sich von ihren kriegerischen Funktionen höhere Vorstellungen gemacht? Nichts, nichts sprach für das Weib auf dem Richtplatz. Diese Frau hatte, woran wohl kein Zweifel war, den Müllers und Schulzes, Duponts und Lerois Feinden, verräterische Signale gegeben, und wenn nächtlich Bomben auf die Häuser von deren Eltern und Kindern klatschten, so war es dieser Frau Schuld. Und doch, wie die Poilus die Gewehre auf ihr menschliches Ziel richteten, da war es nicht die vielmals todeswürdige Sünderin, da war um sie der magische Kreis der gepeinigten Frau und in ihren aufquellenden Augen lasen sie die ewigen Schriftzeichen der Todesangst, und es sprang ein Zittern daraus in ihre Knie und warf sie. Das ist vielleicht nur ein mageres Wunder. Denn Mata Hari wurde nicht gerettet, um als büßende Magdalena für die unverwelkliche Heilbotschaft zu zeugen. Vielleicht war es auch gar kein Mirakel und alles ging mit rechten Dingen zu. Vielleicht gibt es nämlich heute gar keine richtigen Soldaten mehr, vielleicht hatte schon das Geschlecht von 1914 zu dem Handwerk gar keine Beziehungen mehr. Wir können ja alle im Grunde gar kein Blut mehr sehen. Nicht gemeinsamer Mut, gemeinsame Furcht hält diese Heere falsch beschäftigter Zivilisten zusammen, läßt sie bald nach hinten fliehen, bald vorwärts in den Feind hinein. Der Krieg ist nur noch Sache beruflich Passionierter, und wer, wie die beiden Soldaten, in die Augen der zu Tode Geängstigten sah, der blickte in den Spiegel der eigenen Todesfurcht und schwand dahin im Entsetzen vor dem entschleierten Bild. Wahrscheinlich sind Dupont und Leroi von ihren Vorgesetzten nachher furchtbar gerüffelt und zur Nervenauffrischung schleunigst an die Somme geschickt worden. Aber sie haben in ihrer Schwäche ein Zipfelchen vom Kleide der Menschheitsehre erhascht und gerettet. Und wenn sie heute nicht von Gas erstickt oder von einem Projektil zerrissen, irgendwo im Massengrab ruhen, so wünschen wir ihnen von ganzem Herzen ein behagliches Rentnerdasein, unbeschädigt von der Inflation, und eine friedlich blühende Nachkommenschaft. Und wenn sie einmal ins Jenseits eingehen, dann bitte nicht in die Abteilung kriegerischer Helden, sondern dort, wo Kinderseelchen mit Bleisoldaten spielen. Da werden niedliche kleine Lausbubenengel, das Käppi schief aufs Ohr gesetzt, zu ihrem Empfang Ehrenwache stehen. Denn wenn der Mensch auch nicht gerade gut ist, das haben Dupont und Leroi demonstriert, so ist er doch bei weitem besser als sein Ruf. Prager Tagblatt, 18. Februar 1926 622 Lherman Am vergangenen Donnerstag wurden die Besucher des Trianon-Theaters Opfer eines bizarren Attentates, indem Herr Iho Lherman, der Inhaber der »Jungen Generation«, die Aufführung von Etwas arrangierte, was schon nach den ersten Worten mühelos als heilloser Dilettantismus diagnostiziert werden konnte. Das Publikum, sofort erkennend, was gespielt wurde, fügte sich fröhlich in sein Schicksal. Kyritz hätte mit Stinkbomben reagiert, Berlin, das Unsentimentale und Gefühllose, kostete fünfviertel Stunden harmlos vergnügter Juxstimmung aus. Ja, bitterernste Rezensenten, die imstande sind, einen Chaplin mit gefurchter Ephorenstirn zu verlassen, gingen mit wackelnden Bäuchen. Das verdanken wir nicht dem Autor, der sicherlich ein kreuzbraver Mensch ist und vielleicht auch das Dichten läßt, wenn man es ihm nur mal richtig sagt, sondern dem Unternehmer Lherman, der mit geschmeicheltem Lächeln über den ihm angetanen Beifall quittierte. Man könnte diese Affäre weniger heiter nehmen als das Publikum. Man fühlt sich verleitet, zum generellen Boykott dieser Lherman-Matineen und Soireen aufzufordern, die nicht nur den Namen der jungen Generation diskreditieren, sondern auch geeignet sind, dem schwer kämpfenden Theater von heute überhaupt ein Odium von Lächerlichkeit anzuhängen. Aber immer wieder kommen Freunde, als verständige Menschen geschätzt, und wenden ein: Dieser Lherman, als soziales Wesen labil, über de[m] Abgrund schwebend, ein Gezeichneter, ja, eigentlich schon ein Aussortierter, sei im Grunde ein Kerl von prächtiger Vitalität, einer, der nach dem Theater hungert, einer, der an dessen Peripherie herumgeistert und besessen genug ist, das Schloß der Theatertür zu knacken, wenn ihm der Schlüssel verweigert Ein hervorragender Kritiker sieht aus Lhermans Tollheiten Begabungsfunken sprühen, andere lehnen ihn nach früheren Erfahrungen ohne Diskussion ab. Dazwischen steht die Meinung der Freunde. So existiert dennoch ein Fall Lherman. Einen Ausweg zu schaffen, diene der folgende Vorschlag: Man gebe Herrn Lherman einmal wirklich Gelegenheit, Regiebegabung zu zeigen. In einem Rahmen, den er nicht mit eigener Firma füllt. Man stelle ihn vor ein Stück, das er nicht mit seinen eigenen anfechtbaren Lektorenkünsten Das wäre mit Menschenwitz ersonnen ein Gottesurteil. Wem es zu tolerant erscheint: – man möchte nicht über einen Menschen den Bann sprechen, von dem ein Einziger noch liebenswürdig und glaubensvoll spricht. Montag Morgen, 22. Februar 1926 623 Ein Spiel von Liebe und Tod Herrliche Aufführung im Kleinen Theater um einen edlen, dünnblütigen Rolland . Mit sparsamsten Mitteln sprach Steinrück einen Totgeweihten wie aus Charons Nachen. Hartungs Regie trieb das kurzatmige Werk bis an die Grenze des Dramatischen. Montag Morgen, 22. Februar 1926 624 Josephine. Kammerspiele Das war einer jener Abende, an denen das Berliner Theater gegen die trüben Diagnosen der letzten Zeit zu protestieren schien. Stirbt es wirklich? Oder liegen nur die Kritiken in Agonie, die sein baldiges Ende prophezeien? Jedenfalls soviel echtes komödiantisches Temperament ward seit langem nicht eingesetzt. Ob wir die Orska nehmen, die bewunderungswürdig gegen ihre alten Unarten kämpft, den erstaunlichen Napoleon Brausewetters , die Soldatentypen Klöpfers und der Wangel , die Zofe der Mosheim oder Episoden, für die Götz , Wiemann und Bonn eintraten, seit langem sah man nicht so überzeugenden schauspielerischen Zusammenklang. Eugen Robert , der Wiedergekehrte, führte die Regie. Alle guten Geister des Humors schwebten über Hermann Bahrs anekdotisch zerflatterndem Libretto. Montag Morgen, 1. März 1926 625 Der Gerichtsvollzieher kommt! Das Publikum klagt über zu schroffes Vorgehen Zu denjenigen beamteten Personen, deren Arbeitslast in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise riesenhaft anschwoll, gehört der Gerichtsvollzieher. Er ist so etwas wie das Symbol dieses schweren Winters geworden. Die einzig[e] Struktur im allgemeinen Zerfall, das einzige Stabile in der Stabilisierung. In manchen Gegenden der Großstadt, und nicht nur in den Armeleutquartieren, erscheint er pünktlich, pünktlicher – merk' es Post! – als der Briefträger. Vorüber die Zeit, wo er, wenigstens in den Witzblättern, mit dem fröhlich-verkaterten Studiosus nach fruchtlosem Pfändungsversuch wie ein lieber, alter Onkel die letzte Zigarre raucht. Vollstreckungen von heute gebricht es an so humorigem Einschlag. Der Gerichtsvollzieher erscheint nicht mehr als heiteres Intermezzo oder als Rächer liederlicher, betrügerischer Lebensführung, sondern als Sensenmann der bürgerlichen Existenz . Er bedeutet für ausgemergelte Arbeiterfamilien den Verlust der letzten kümmerlichen Habe, für Bürgerhäuser, die sich zäh durch Krieg und Inflation gebissen haben, den Höllensturz in die offene Proletarisierung. » Der Gerichtsvollzieher kommt! « Das war immer schon, durch die Tatsachen bedingt, ein trauriger Alarmruf. Heute hat dieser Ruf nicht nur durch die leidige Tatsache, sondern recht oft noch durch das Auftreten des Exekutors eine besonders schmerzhafte Note bekommen. Die Menschen, die heute ausgepfändet werden, sind meistens bei bestem Willen nicht mehr in der Lage, zu zahlen, sie sind durch die Bank völlig Verzweifelte , müssen sich aber trotzdem eine Behandlung gefallen lassen, als wären sie verstockt Böswillige oder Verbrecher. Es muß endlich einmal gesagt werden, daß die Nerven zahlreicher Gerichtsvollzieher sich der Arbeitslast dieser Monate nicht gewachsen zeigen, und daß viele dieser Beamten sich eine Tonart angewöhnten, die zwischen kalter Schnoddrigkeit und hämischer Schadenfreude zwanglos pendelt und begleitet wird von einer Rücksichtslosigkeit des Benehmens, die für die Opfer zu der natürlichen Bitterkeit des Moments noch ein begreifliches Moment persönlicher Erbitterung fügt. Es wird Zeit, gewissen Beamten deutlich zu machen, daß sie nicht als Racheengel höherer Moral fungieren, daß sie sich nicht zu betragen haben, als nähmen sie Requisitionen in Feindesland vor, daß in keiner Weise Unteroffiziersgeschnauze und Gebrüll am Platz ist, sondern daß sie eine Amtshandlung vornehmen, die von den Betroffenen mit Zittern erwartet wird, und meistens das graue Elend hinterläßt. Immer lauter und dringender werden die Klagen aus dem Publikum, nicht nur über büttelhaftes Auftreten, sondern auch über willkürliches Verfahren , das die Gepfändeten über Gebühr schädigt und zu zahllosen Regreßansprüchen führen könnte, wäre nur noch Geld zum Prozessieren übrig. Die Auswahl der Pfandobjekte erfolgt schikanös, unsachlich und ohne Berücksichtigung des Lebenswichtigen . Einem jungen Schriftsteller z.B., der von Zeitungsartikeln lebt, wird gerade die Schreibmaschine angeklebt. Er versucht es, dem strengen Herrn beizubringen: diese Schreibmaschine sei die Grundlage seiner kümmerlichen Existenz, man lese in Redaktionen nicht gern handgeschriebene Arbeiten von Unbekannten usw. Doch der Herr Beamte rafft mit dem klassischen Wort: »Unsinn, früher als noch nicht getippt wurde, gab es auch Schriftsteller!« die Maschine an sich. So eine Antwort zu finden für einen jungen Menschen, der blaß, hungrig, mit Tränen kämpfend, eine Bitte vorträgt, das zeugt, höflich gesagt, von unverwüstlicher guter Laune. Beschlagnahmen von Gehalt, Vollstreckungen in Geschäften und Kontoren wickelten sich früher möglichst geräuschlos ab. Man wahrte Diskretion, um weitere Schädigungen zu vermeiden. Heute wird im Gegensatz zu früher möglichst viel und laut geschrien, es scheint da eine Art von bureaukratischer Exhibitionssucht einzureißen. Wir hörten neulich von dem leitenden Angestellten eines großen Berliner Hauses, dem es heute auch nicht allzu gut geht, in welcher Form sich der Besuch des Vollstreckers abspielte. Als man den Beamten ersuchte, ein wenig zu warten, da der Betreffende bei einer Konferenz im Direktionszimmer sei, begann er zu lärmen: »Was geht mich die Konferenz an, ich bin der Gerichtsvollzieher.« Er dringt in das Arbeitszimmer ein, wo ein paar Kunden warten . Mit Stentorstimme: »Herr X. soll sofort kommen. Ich bin der Gerichtsvollzieher!« Man fragt sich, warum der gute Mann, um über die Bedeutung seiner Mission auch keinen Zweifel zu lassen, nicht gleich mit einem Hornisten und einem Schellenbaumträger anmarschiert. Wenn aber so etwas in der Tageshelle eines großen Geschäftshauses und vor vielen Zeugen geschieht, dann muß man sich weiter fragen, was wohl erst gefällig ist in elenden Mietskasernen, Kellern und Baracken, dort, wo die Gedrückten und Zermürbten hausen, die Hilflosen und Rechtsunkundigen. Aber wer auch betroffen sei, der Mann mit dem gummierten Adler ist auf alle Fälle der Stärkere . Weist man ihm wegen ungezogenen Betragens die Tür, kann er zu seiner Assistenz die Polizei holen. Darin, daß er es stets mit Schwächeren zu tun hat, liegt eine hohe Verpflichtung zu gesittetem Wesen. Vielleicht wird mancher das, was hier gesagt wurde, allzu hart finden. Auch möchten wir vor Verallgemeinerungen warnen. Wir wissen, daß neben den Rauhbeinen noch immer viele mit Schonung und Menschlichkeit ihren Beruf ausüben, der ihnen fürwahr keine Freude bereitet. Das anzuerkennen, hindert nicht, die obigen Feststellungen: Lockerung des Tones, übertriebene Schroffheit der Methode, Überhandnahme von Willkürakten. Es ist zu wünschen, daß die übergeordneten Stellen diesen Zustand mit Aufmerksamkeit verfolgen und neue Instruktionen erteilen, die der wirtschaftlichen Labilität dieser Tage besser entsprechen. Soziales Verständnis kann natürlich nicht durch Instruktionen eingeimpft werden, wohl aber Manieren. Und das allerdings muß verlangt werden. Montag Morgen, 8. März 1926 626 Der Verkehrsunfall Du steigst in die Elektrische Nummer soundso; Anhängewagen. Dösige Vormittagsstunde im menschenleeren Vorort. Dort der alte Herr schiebt gerade eine Rolle Kautabak zwischen die Kiefer; die Frau ohne Hut mit der Einholetasche liest die »Morgenpost«. Es sind die Einzigen, die du bemerkst. Die andern verschwimmen in der unsagbaren Gleichgültigkeit des Begriffes Straßenbahn. Doch zehn Minuten später schon wird der Wagen lädiert irgendwo halten. Daneben ein Auto, dessen zertrümmerte Laternen wie leere Augenhöhlen auf die zerquetschten Vorderpfoten starren. Der Rest ist Polizeibericht: » ... ins Elisabeth-Krankenhaus kamen der 65jährige Rentner H. (mehrere Knochenbrüche), eine Frau M. aus der Rheinstraße (Kopfverletzungen und Nervenchock); einige andere Personen, die durch Glassplitter verletzt wurden, erhielten auf der Rettungsstation einen Notverband«. Oder: Menschenauflauf mitten auf der Straße. Da steht, ein Bild unendlicher Melancholie, ein Grünkramwagen, so ein ganz altes verkümmertes Dingsda. Die Rückwand ist zertrümmert, und Passanten sind gerade dabei, ein paar Kohlköpfe, die noch herumrollen, zu entfernen. Der kleine spärliche Gaul ist ausgespannt; verständnislos beschnuppert er seine ausgefranste, zerschlissene Decke, die auf dem Asphalt liegt mit etwas darunter. Es wölbt sich nur ganz undeutlich und an einer Stelle, da sickert ein ganz dünner Streifen Blut unter der Decke hervor. Da steht dieses armselige Gespann wie ein Dokumentenwrack aus grauer Vorzeit, und wirkt hier an einem häßlichen Regentag nicht weniger schwermütig als Turners »Fighting Téméraire«. Nelsons altes Admiralsschiff, zum letzten Mal ins Dock geschleppt, flankiert von großen drohenden Kästen und qualmenden Schornsteinen. Das ist das Schlachtfeld des Verkehrs. Wir haben diesen Verkehr zu einem gültigen Militarismus-Ersatz entwickelt, wo wir überschüssige Volkskräfte absetzen und die Blessuren uns holen, die der Locarno-Geist erspart. Wie die Ägypter die Krokodile anbeteten, die sie fraßen, sagt Anatole France, beten wir die Automobile an, die uns totfahren. Wir rufen nicht mehr Vaterland, sondern Tempo, und diesem Tempo opfern wir täglich Menschenleben, gesunde Glieder, noch intakte Nerven. Das ist der Moloch, der unsere Kinder verschlingt und die Greise wegputzt, die Überflüssigen, die nicht mehr mithalten können, und die wir den malmenden Rädern der Motorkarren und Omnibunden überlassen, weil wir den Brauch der Skythen, die alten Leute einfach abzuschlachten, als allzu primitiv empfinden. Ja, wir sind geschäftig geworden, sehr geschäftig. Komisch nur, je pleiter wir werden, desto rapider wächst der Verkehr. (Selbst die Bettler Ecke Linkstraße tragen ihre Notlage im Telegrammstil vor, wie Leute, deren Zeit Geld ist.) Der Umsatz sinkt, der Verkehr debauchiert. Die Bewegung ist Selbstzweck. Die Bewegung ist alles, das Geschäft gar nichts. Man hetzt und hastet, selbst das Vergnügen wird zum Dampfbetrieb, die Erholung zu vorgeschriebenen Freiübungen, und damit das Inferno einen appetitlichen Namen hat, der auch ästhetisch Verwöhnten genügt, nennen wir es Rhythmus der Zeit, und sind stolz darauf, unter der Walze selbstangekurbelter Apparatur zu verröcheln. Das Tage-Buch. 13. März 1926 627 Idiotenführer durch die russische Literatur Es gibt Bücher, die von der ersten Zeile an fröhliche Zustimmung finden und unter scheinbarer Mehrung von Wissensgut den Nutzen oder Schaden stiften, vorhandene Meinung zu kräftigen und zu konservieren. Und es gibt andere, die den Widerspruch wie eine grelle Fahne wehen lassen, beim Lesen dreimal zugeklappt, mit einem Fluch endlich weggelegt werden und doch im diebessicheren Schubfach der Gesinnungen eine kleine Sprengpatrone zurücklassen. Wem vor solcher Konsequenz nicht bangt, dem sei Sir Galahads »Idiotenführer durch die russische Literatur« empfohlen (bei Albert Langen erschienen). Das ist ein schmales Bändchen von höchst ansehnlicher Stechkraft, nicht etwa eine Travestie, zu welcher Annahme der Titel verleiten könnte, sondern eine glänzend gerittene Attacke gegen die russische Literatur von Puschkin bis Gorki, gegen russisches Wesen von Rurik bis Lenin, gegen die Vergottung Tolstois und Dostojewskis außerhalb Rußlands. Eine Analyse des Buches, die naturgemäß alle Einwände umfassen muß, soll hier nicht versucht werden. Nur soviel: hier kämpft ein leidenschaftlich abendländischer Kopf mit Pathos und Witz dagegen, daß man von russischen Literaturdingen immer nur »mit Ehrfurcht«, immer nur mit verdrehten Augen sprechen soll. Er untersucht mit unerbittlicher Präzision den russischen Geist und fragt, ob es berechtigt sei, ihm auch nur eine unserer alten und neuen Positionen zu opfern. Rußland, das ist des Buches bewegender Einfall, Rußland, das ist nicht Schicksal, Religion, Gestalt, das ist das Dahindösen einer amorphen Masse, mit dumpfem Körperleben und ungespültem seelischen Sein. Rußland, das bedeutet Entwicklungslosigkeit, Profillosigkeit, tausendjährige Stupidität, verbrämt mit Weltherrschaft- und Welterlösungträumen. Da die Individualgesichter fehlen, päppelt man die Not zur Tugend. Von den frühesten Literaturanfängen an rückt der Dummkopf, der Untermenschliche, der »Idiot« zur Mittelpunktfigur. Der geistig Geradegewachsene wird zum Sünder, dem Kretin gehört nicht nur das Himmelreich, schon auf Erden umwittert ihn Auserwähltheit, und sich vor ihm zu demütigen, wird eine Art Nationalreligion: »Mit der Inthronisierung des Idiotenideals in der russischen Literatur aber beginnt nun die Welthetze gegen den vornehmen Menschen und die Vornehmheit als Qualität.« Minderwertigkeit als Weltgesetz, das ist der letzte Sinn des Panslavismus, ist das tiefste Prinzip des Bolschewismus mit seinem Ritus des »Kollektivmenschen«. Das, was hier flüchtig angedeutet, schreibt Sir Galahad mit unerhört spitzer Feder nieder und mit der weißglühenden Gehässigkeit des geborenen Pamphletisten. Es gibt da keine freundlichen Konzessiönchen, sondern nur eine alles ekrasierende Besessenheit für die Idee. Man kann sagen, der Haß sei kein Maßstab, man kann These und Beweis ablehnen. Man kann sich aus der Entrüstung in den Spott flüchten. Gut. Aber ein Stachel bleibt doch. Das Problem sieht ... anders aus als vorher. Das Russenevangelium ist nicht mehr unantastbar. Die Kritik hat begonnen. Das Tage-Buch, 13. März 1926 628 Prinzessin Husch Diese Operette-Text August Neidhardt , Musik Leon Jessel – hat das unbestreitbare Verdienst eine schon längst allbeliebte blonde Öldruck-Heroine nun auch dem Volk menschlich näher zu bringen. Sie springt als kniefreies Backfischchen im Garten herum und singt dazu also: Die Jungfer Husch, Die durchs Leben tollt, Die Jungfer Husch, Die der Deubel holt, Die Jungfer Husch – Husch – Husch – Ein Frühlingstraum im Fliederbusch! Die Jungfer Husch, Voll von Schabernack, Die Jungfer Husch Mit dem Dudelsack, Die Jungfer Husch Und wie nennt man sie Auf französisch? »Louise l'etourdie!« So singt sie. Und wers nicht glaubt, gehe ins Theater des Westens und überzeuge sich. Dann als Königin an der Seite des hölzernen Friedrich Wilhelm, weil sie sonst nichts zu tun hat, huscht sie in die Politik und bringt ein Bündnis mit Rußland gegen Napoleon zustande. Das Programmheft erzählt: »Alexander kommt selbst nach Charlottenburg, Luise mischt sich in die hohe Politik und es gelingt ihnen, den König zum Eingehen des Allianzvertrages zu bewegen. Das Bündnis ist geschmiedet, Luise legt Friedrichs und Alexanders Hände ineinander. Fest vereint, wie mir scheint, Steht Ihr Beide da, Und es klingt, wenn man singt, »Heil Viktoria!« Das Ergebnis dieses Bündnisses war Jena, und der Zusammenbruch. Aber das braucht ein Librettist nicht zu wissen, wissen es doch auch gescheitere Leute nicht. Die vaterländische Operette wäre also die neueste Errungenschaft. Große nationale Aktionen in bunter Folge mit Tanzduetts und Couplets. Was Herrn Leon Jessel anbetrifft, so ist er der Komponist des vor fünfzehn Jahren beliebten Schlagers »Die Parade der Zinnsoldaten«, populär geworden in der textlichen Variation: »Freue dich, freue dich Fritzchen, morgen gibt es Selleriesalat ...« Demnach wäre Jessels preußische Sendung in geradezu idealer Weise legitimiert. Und ohne Zweifel hebt sich seine Musik äußerst angenehm ab von der abgrundtiefen Scheußlichkeit der Verse Neidhardts. Aber was soll es werden, wenn nach Ludwig Bergers Vorbild ein zweiter Teil folgt? Ich freue mich schon wie ein Schneekönig auf die Flucht nach Tilsit mit dem Shimmy: »Wer nie sein Brot mit Tränen aß ...«, und auf den Charleston Luise-Napoleon und das humoristische Terzett Stein-Hardenberg-Blücher. Ganz zu schweigen von den komischen Episoden, die Heinrich von Kleist und Ferdinand von Schill zufallen. Montag Morgen, 15. März 1926 629 »Ohne Kompetenz« Der Kongreß der Bühnengenossenschaft hat sich bemüßigt gefühlt, den angesehenen Theaterkritiker Dr. Herbert Ihering in einer Resolution abzukanzeln, weil er »ohne Kompetenz« über »innere Angelegenheiten« der Genossenschaft sich ein Urteil erlaubte. Man fragt danach, ob der also Gerüffelte einen neuen Modus für Beitragseinziehung vorschlug, oder sich sonstwie um das administrative Drum und Dran kümmerte. O nein. Herr Dr. Ihering hat Herrn Rickelt nach seiner Teilhaberschaft an der Abfassung der inzwischen entschlafenen James-Klein-Revue die Eignung zum Präsidenten der Genossenschaft abgesprochen. Er hat das in polemisch scharfer, doch keinesfalls exzessiver Form zum Ausdruck gebracht. Er hat seine Meinung vertreten, daß Herr Rickelt heute für die in der Genossenschaft wirksamen idealen Kräfte zum Hemmschuh geworden sei und deshalb am besten zurückträte. Auch die resolutionäre Phalanx des Herrn Rickelt dürfte kaum bestreiten, daß es ein Recht der Presse gibt, Kritik zu üben an der Politik einer viel kämpfenden, viel umkämpften großen Berufsorganisation. Und wann und wie wäre die Politik einer solchen Organisation sichtbarer als in einer öffentlichen Attitüde ihrer Repräsentanz? Indem Herr Rickelt Herrn Klein nicht nur seine poetische Imagination, sondern auch seinen autoritiven Namen lieh, gab er der Revue, die bis dahin dastand, wie sie von Gott und Klein geschaffen, wenn auch nicht gerade ein prunkvolles Kleid, so doch ein legitimierendes Feigenblatt. Und da es im Statut der Bühnengenossenschaft noch immer keinen Satz gibt, durch den James Klein zur präsidialen Privatsache erklärt wird, so fühlt sich die Presse auch kompetent, eine solche Allianz auf Würde und Effekt zu untersuchen. Die Theater leiden heute am Hungerödem. Alle, die damit verflochten sind, Direktoren, Regisseure, Darsteller, appellieren hilfeheischend an das Publikum. Die Existenzfrage tritt vor, schiebt die künstlerische Betrachtung zurück. Über all diesen Verlautbarungen steht das unsichtbare Motto: »Es wird höflichst gebeten, nach dem Herrn am Piano nicht mit Messern zu werfen, er tut sein Bestes!« Soll sich der Kritiker also auf beflissene Premierenreportage beschränken, ob Herr K. seinen Monolog meisterhaft gliederte, Fräulein L. im letzten Akt nicht mehr der Steigerung fähig war? Hat nicht gerade der Kritiker die Pflicht, das Theater als sozialen Organismus zu nehmen? Gerade der Kritiker, der das Theater liebt? Im übrigen hat die Genossenschaft Herrn Rickelt mit großer Mehrheit wiedergewählt. Wir denken nicht daran, dies Ergebnis zu bekritteln. Schon weil Generaldebatte und Wahl unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfanden, halten wir uns nicht für kompetent, ein Urteil zu fällen. Herr Rickelt ist ein erfolgreicher Organisator und glänzender Propagandist. Dennoch, ihm und seiner Organisation wäre einiger Kummer erspart geblieben, hätte er beim Angebot des Herrn James Klein für einen Augenblick nur ... an seiner Kompetenz gezweifelt. Montag Morgen, 22. März 1926 630 Das Ärgernis Untergrundbahn. Sie sind am Potsdamer Platz eingestiegen. Sie sehr elegante, pikante Vierzigerin mit falschem Rotblond, er vorzüglich konservierter Kavalier, zehn, zwanzig, dreißig Jahre älter. Sie sitzen sich gegenüber. Schweigend. Eben ist Gleisdreieck passiert, da zündet er sich eine Zigarette an. Kurze Geste von ihr. Er bietet ihr das Etui an. Wirklich, sie raucht, so behaglich in sich versunken, als wäre sie zu Hause. Aber rundum drohendes Gemurmel. Blicke schießen spitze Pfeile, Mundwinkel heben und senken sich. Wer nicht in die allgemeine Empörung gerissen, zählt angstvoll die Sekunden, die vom ersten Insult noch trennen. Wird es die blasse ältliche Dame sein, sonst sicherlich eine friedliche Seele, der aber der Zorn jetzt hörbar aus den Nasenlöchern pfeift, die zuerst schreien wird: »Unverschämtes Weibsbild?!!« Oder wird der dicke Kavalier neben mir einfach aufstehen und ihr die Zigarette aus der Hand schlagen ...? Ich sehe, wie seine rote Pranke zittert. Da spricht sie ein paar Worte zu ihrem Begleiter. Es ist russisch . Und plötzlich geht ein Aufatmen durch die Offensivebereiten. Ja, Gott sei Dank, es sind keine Landsleute, es sind Russen! Was kann man von denen schon verlangen? Wo eben noch blinde Wut nistete, blinkt ein Wohlwollen. Verständnisinniges Lächeln entspannt die gereizten Mundwinkel. Ja, die Ausländer ...   Es sei das hier wiedererzählt als Beitrag zu dem sagenhaften Rhythmus der Großstadt. Montag Morgen. 29. März 1926 631 Das Gespenst von Reichenbach Zu Reichenbach im Eulengebirge geschehen Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen unsere Schulweisheit sich nichts träumen läßt. In dem bescheidenen Häuschen, das einmal Eigentum des Florian Flechtner war, der zu Lebzeiten ein furchtbarer Don Juan gewesen, spukt es. Da wimmert des Nachts im Kamin melancholische Musik; Klopfgeräusche und Stimmengemurmel, ähnlich wie im Reichstag, stören den Schlaf. Einmal hob sich vor den Augen der entsetzten Bewohner sogar eine Wasserkaraffe selbsttätig in die Luft. So Unheimliches begibt sich in diesem Haus. Florian Flechtner, so sagen die Reichenbacher, findet im Grabe keine Ruhe, und sucht immer wieder die Stätte seiner einstigen Vergnügungen heim. Kein Wunder, daß sich alle Mieter nach kurzem drückten. Die jetzige Besitzerin ist eine junge Dame von 25 Jahren mit hübschem Bubikopf, die Interviewern gegenüber betont, daß sie nicht Witwe sei, wie zuerst irrtümlich berichtet, sondern geschieden, und daß sie sich in die anspruchslose Schönheit des Eulengebirges verzogen habe, um sich von ihren ehelichen Erfahrungen zu erholen. Den letzten Eigentümer – einen früheren Offizier – hatte Florian, abgesehen von der Wasserkaraffe, mit fühlbarer Distinktion behandelt. Aber mit der Sensation des ersten Bubikopfes in seiner nachirdischen Existenz geriet dieser lockere Geist völlig außer Rand und Band und erhöhte Tätigkeit begrüßte den liebenswürdigen Gast. Als aber der Dame die nächtlichen Serenaden in dem Ofenloch zu bunt wurden, verließ sie das unheimliche Haus und fuhr nach Breslau zurück, um Vertretern hauptstädtischer Journale ihr Leid zu klagen. Und Florian sitzt nun ganz allein, falls ihm nicht die Geister abgeschiedener Hypothekengläubiger Gesellschaft leisten. Dennoch ist zu hoffen, daß jetzt bald Licht in die sinistre Affäre kommt. Hat doch die Breslauer Okkultistische Gesellschaft beschlossen, mit einem Medium bewaffnet, gen Reichenbach zu ziehen. Vielleicht wäre an der Expedition auch der Professor Moll zu beteiligen, der sich in Berlin ja als Teufelsaustreiber einen geachteten Namen gemacht hat. Zu empfehlen wäre den Breslauer Geisterkundigen jedenfalls, wenn sie schon ein Medium mitnehmen, dann, dem Geschmack des unheiligen Florian entsprechend, ein weibliches. Möglichst nicht über 25 und mit Bubikopf. Das dürfte die Verständigung mit dem alten Sünder sehr erleichtern. Und wenn die ganze Geschichte nicht ein gefundener Stoff für Rudolf Lothar ist, den begnadeten Autor des »Werwolfes«, dann will ich gern dazu verdammt sein, einmal als kettenrasselnder Spiritist ausschließlich alte Schachteln und pensionierte Generale zu ängstigen. Montag Morgen, 29. März 1926 632 Mrs. Mensendieck spricht! Berlin, 28. März. Schon um 11 Uhr an diesem nassen, kühlen Vormittag zieht eine lange Prozession, aus Damen zumeist bestehend, über den Boulevard Motz. Es handelte sich um keine politische Demonstration, Ziel der Massenpilgerschaft ist die »Scala«, wo Frau Dr. Mensendieck aus Amerika spricht, die Verkünderin neuer Körperkultur, Oberpriesterin einer Sekte, die auf Borneo sicherlich ebenso gut ihre Bekennerinnen hat wie in Landsberg a.d. Warthe. Wenn man die Damen betrachtet, die das dichtgedrängte Parkett der »Scala« füllen, so kann dem schweifenden Auge kaum die ungalante Tatsache verborgen bleiben: die jungen und schönen sind nicht in der Überzahl. Die des Himmelreichs sicher, brauchen dem Wort der Prophetin nicht zu lauschen. Dafür überwiegen die Andern, die einen allzu massiven Fußknöchel entpolstern oder einer eckigen Schulter weiche Rundung verleihen möchten. Dazwischen spitznasige Vertreterinnen der Intellectuaille, hornbebrillte Etonköpfe mit neutraler Kaltschnäuzigkeit. Und man wundert sich nur über die zärtlich beflissene Herrenbegleitung. Zunächst spricht Herr Professor Straßmann von der Hochschule für Leibesübungen über »Gymnastik im Lichte unserer Zeit«. Was er sagt, verhallt in dem weiten Saal. Aber es wird wohl alles richtig sein. Er sieht so überzeugt aus. Dann braust ein Orkan von Beifall: – eine kleine blonde Dame in einem seegrünen Kleid ist ans Rednerpult getreten. Die Damen im Parkett sind aufgesprungen, um besser zu sehen. Tücher wehen, Hälse werden lang und länger, kurzum, man sieht Exzerzitien von einer Kompliziertheit, wie sie keine[s] der heute populären gymnastischen Systeme seinen Anhängerinnen zumutet. Frau Dr. Mensendieck spricht deutsch mit leichtem angelsächsischen Akzent. Wohlklingendes, durchaus nicht amazonenhaftes Organ. Zu Beginn gibts eine Überraschung. Die Rednerin weist die Anrempelung einer nationalistischen Zeitung zurück. Sie betonte, daß sie eine arbeitende Frau sei, und die Arbeit etwas Internationales , über die Grenzen Hinausgehendes. Sie sagt das in der guten Form einer Dame, die gewohnt ist, am Rednerpult zu stehen, und man fühlt, daß sie über mehr als Körperkultur verfügt. Im Saal zunächst jene Verblüffung, die typisch ist für deutsches Frauenpublikum, wenn das odiose Wort »international« fällt. Heftiges Zischen in einigen Parkettecken. Aber dann deckt stürmisches Händeklatschen die Protestkundgebung zu. Gott sei Dank, dreiviertel der Zuhörerinnen sind überzeugt, daß auch außerhalb Deutschlands gearbeitet wird. Die Aufklärung schreitet fort, es ist eine Freude zu leben! Bei wieder hergestellter Eintracht beginnt die Rednerin mit dem sachlichen Teil ihrer Ausführungen. Sie schilderte sehr lebhaft die Schwierigkeiten , als sie vor fast dreißig Jahren an die Öffentlichkeit trat. Damals sprach noch kein Professor warme Einführungsworte, die Wissenschaft lehnte kühl ab. Moralische Vorurteile standen gegen Übungen mit unverhülltem Körper . Das Turnen, wie es damals betrieben wurde, war nichts mehr als öder, schematischer Drill , ohne Rücksichten auf Individuelles und persönlich Zuträgliches. Sie unterstreicht mit lebhafter Geste; daß sie kein »System« anerkenne , nicht mal ein »System Mensendieck«. Es gebe nur ein System: – das der Natur . Dies zu enträtseln, darauf komme es an. Nach diesen allgemeinen Ausführungen erläutert Frau Dr. Mensendieck an Hand von Lichtbildern zur bessern Deutlichmachung eine Reihe von Einzelübungen, und Darbietungen der Berliner Schule von Frau Dr. Hirschler machten den Beschluß. Montag Morgen, 29. März 1926 633 Der Minister und der Große Kurfürst Der viel umstrittene sozialistische Minister hat neulich im Parlament gesagt, auch ihm fehle es nicht an Respekt vor den preußischen Traditionen. So hänge zum Beispiel in seinem Arbeitszimmer das Bild des Großen Kurfürsten. Die Monarchisten murrten und lachten dazu, die Republikaner applaudierten. Ich halte es in diesem Fall mit den Monarchisten. Verehrter sozialistischer Minister, zweierlei ist möglich. Entweder Sie fanden das Bild vor wie Tisch und Stuhl und Papierkorb, dann ließen Sie es eben am Platz, ohne dabei gerade von der Gipfelluft preußischer Geschichte umwittert zu sein. Oder ein geheimrätlicher Obertapezier drängte sich als Expert für standeswürdigen Wandschmuck auf und Sie entschieden sich für den Herrn Kurfürsten: a) weil sowas auf mehr konservativ gerichtete Besucher immer einen angenehmen Eindruck macht, b) weil dieser Dynast zu lange einbalsamiert ist, um die Inquisitorentalente Ihrer ganz radikalen Genossen zu reizen. Aber daß dieser majestätische Herr mit den apoplektischen Gewitterbacken nun gerade als seelische Kraftstation fungiert für die Stunden, in denen Sie an Preußen verzweifeln, lieber Gott, das zu behaupten, dazu gehören schon die Wunderwege einer Parlamentsdebatte. Was war, Herr Minister, der Große Kurfürst für Sie vor Ihrer Ministerschaft? Eine verschwommene Schulerinnerung, nicht mehr. Über Ihrem Schreibtisch da hingen wohl Karl Marx und der alte Liebknecht und irgendein Parteiveteran, der Ihren ersten Aufstieg sorglich hütete und förderte. Und über dem Sopha vielleicht vergilbte, polizeiliche Strafverfügungen, Trophäen aus der Wanderzeit, rote Schleifchen und eine längst blaßgewordene rote Nelke von jener Maifeier, da Sie, fiebernd vor Erregung, zuerst zu den Massen sprechen durften. Gewiß, Herr Minister, es wird Ihnen schwer gefallen sein, sich von diesen Reliquien zu trennen. Ihr Herz zitterte und etwas in Ihnen opponierte, als Geheimrat Obertapezier Ihnen devotest erklärte, daß so etwas in Ministers Arbeitszimmer nicht gehöre. Und mag man Ihnen schon die Herrlichkeit der Vergangenheit an die Wände kleben, ohne daß Sie es hindern dürfen, irgendwo in dem weiten Raum wird wohl eine Ecke frei sein für die Niederungen der Gegenwart. Kennen Sie Käthe Kollwitz, Herr Minister, die größte und warmherzigste Frau, die jemals in der Welt den Zeichenstift führte? Kennen Sie die gräßliche Wahrheit ihrer Proletarierfrauen, kennen Sie diese zermergelten Gesichter mit leergebrannten, hoffnungslosen Augen, diese eingesunkenen Brüste und diese schrecklich gewölbten Leiber, vom Fluch der Fruchtbarkeit gezeichnet? Geben Sie einem solchen Bildchen Raum in Ihrem Zimmer, und Sie werden, wenn Sie zweifeln, Sohn des Volkes, nicht in der preußischen Geschichte zu suchen brauchen. Wer weiß, vielleicht war Ihre eigene Mutter eine solche Frau, und sie würde ungläubig gelächelt haben, hätte ihr ein Engel die frohe Botschaft zugeflötet, ihr Sohn würde einmal mit dem Herrn Großen Kurfürsten auf Du stehen. Tun Sie ihn weg, den dicken Mann mit der riesigen Wollperücke. Was soll er Ihnen, wenn Ihr Blick einmal hilflos über die Wände irrt, weil die trockenen Akten unter Ihren Händen wie heißer Wüstensand zu glühen beginnen? Gloire des Helden zerpustet schnell, das Leid schwärt weiter. Was Der den triumphierenden Feinden nachrief, die ihm den oft verkauften Degen aus der Hand schlugen, das schreit tausendfach desperater aus so einem armen, armen Arbeitstier: »Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor ...« Das Tage-Buch. 3. April 1926 634 Das Verbrechen der Schwester Flessa Berlin, 5. April. Am Nachmittag des 28. Oktober vorigen Jahres wurde der praktische Arzt Dr. Seitz in Frankfurt a.M. im Treppenflur seiner Wohnung in der Witteisbacher Allee von drei Schüssen niedergestreckt aufgefunden. Herbeieilende Hausbewohner sahen eine Frau, die sich um den Verwundeten bemühte, und sie verstanden, wie sie sagte: » Hals auf, Kragen weg Kampfer her! « Dann aber, bekunden die Zeugen, begann sie zu lamentieren und sich in heftigsten Vorwürfen gegen den zu Tode Getroffenen zu ergehen. Nicht einmal, als sich der schnell herangeholte Arzt über den Sterbenden beugte, ließ der hysterische Ausbruch nach. (Der Arzt behauptet, es sei ihm infolge des Gelärmes unmöglich gewesen, das Herz zu auskultieren.) Bei der Festnahme versucht sie vergeblich, Gift zu nehmen. Auf dem Revier werden die Personalien festgestellt: Wilhelmine Flessa , aus Nürnberg, 35 Jahre, Krankenschwester. Vor einer Woche wurde sie von dem Schwurgericht Frankfurt wegen vorsätzlichen Mordes zum Tode verurteilt . Während der Verkündung sprang die Angeklagte auf und schrie in den Saal: » Alle Männer haben sich gegen mich verschworen! «, und brach aufheulend zusammen. Das Plaidoyer des Anklägers Wenn man das Plaidoyer des Staatsanwaltes durchackert (dem sich die Urteilsbegründung anschloß), so fällt auf, daß moralische Zensurprädikate mehr Raum beanspruchen als Tatbestand: »Sympathische Züge habe die Angeklagte wenige gezeigt, ebenso wenig Reue offenbart. Nicht erwiesen seien intime Beziehungen zwischen ihr und dem Getöteten . Die Flessa habe ihre große Energie in den Dienst des Hasses gestellt. Aus Eitelkeit und Eifersucht sei der Vernichtungswille entstanden. Erotische Begehrlichkeit habe sie zu kalt überlegtem , sicher durchgeführtem Mord getrieben.« Erotische Begehrlichkeit. Das geht auf das kleine schmächtige Wesen auf der Anklagebank. Das konfus durcheinanderredet und beteuert, der Getötete sei der erste und einzige Mann seiner Liebe gewesen. Zeuginnen und Zeugen marschieren auf, die aussagen, die Flessa habe den Arzt mit ihren Anträgen verfolgt. Seit 1923, da sie mit ihm zusammen beim Roten Kreuz arbeitete. Einmal habe er sich dazu verleiten lassen, sie in ihrer Wohnung zu besuchen . Aus Gutmütigkeit. Er habe sie indessen niemals ernstgenommen. Gott, eine die nachläuft, abends hinterm Baum lauert, um ihn zu sehen, was bedeutet die schon? Eine Dame, die zu ihm Beziehungen hatte, sagt aus: Schon längst habe die Flessa dem Arzt Todesdrohungen zukommen lassen; seit Monaten schon habe sie den Revolver besessen, den sie, an jenem schwarzen Oktober-Nachmittag, entsichert!, mit sich führte. Die Sachverständigen bestätigen ihre gute Intelligenz, trotz schwächlichen Körpers. Patienten, die sie pflegte, bekunden ihre pflichttreuen, aufopferungsvollen Dienste als Schwester. »Die Flessa stellte ihre große Energie in den Dienst des Hasses.« Also das Gericht. Eine unsympathische Person Diese zersetzenden, defamierenden Worte gehen auf das schmächtige Persönchen, das sich darunter wie unter der Peitsche windet und der geschulten Dialektik des Prokurators nicht mehr entgegensetzen kann als wirres Gestammel und ohnmächtige Schreie. In die Enge getrieben, rettet sie sich wie jede Hysterika in den »Anfall«. Nein, sie ist nicht sympathisch. Sie ist keine jener pikant aufgemachten Privatschwestern, die der Rekonvaleszent in Anerkennung treuer Pflege nachher schräg übers Bett legt. Ein Arbeitspferd trotz jämmerlicher Physis. Erblich schwer belastet . Vater Alkoholiker. Traurige, entbehrungsvolle Jugend. Heute 36 Jahre. Ein Mädchen im Welken, das Blüte nie kannte. Zwischen 20 und 30 schuftend und rackernd. Nachtwachen bei Delirierenden. Tags kargen, unruhigen Schlaf, bis der Wecker wieder rasselt. Unerwachtes, wunschloses Weibtum. An solchen läuft die Zeit vorüber. Männer huschen wie Schatten vorbei, ehe noch ein Begehren an einen sich klammern könnte. 1923 arbeitet sie mit dem Dr. Seitz zusammen. Stattlicher Vierziger. Breites joviales Temperament. Ein Mann, der nicht hinter den Frauen herzulaufen braucht. Er ist nicht weibsversessen. Wenn ihn Blicke anschmachten, nimmt er eben eine. Aus Gutmütigkeit. Die mit 33 Jahren Unberührte vergafft sich hemmungslos. Sie hat für drei Jahre keinen andern Gedanken als ihn. Oft sieht sie ihn lange nicht. Dann taucht sie plötzlich wieder in seiner Sphäre auf, werbend, flehend ... drohend. Verfolgt ihn mit hirnverbrannten Einfällen. Sie wolle nicht seine Frau werden, sondern nur ein Kind von ihm haben. Sie erkundigt sich gewissenhaft, ob Vaterschaft ihn etwa zu Alimentationsverpflichtungen zwinge . Das müsse ihm natürlich erspart bleiben, sie werde schon selbst für das Kind sorgen. Man weiß nicht, was zwischen den beiden vorgegangen ist. Für diesen Teil der Verhandlungen war die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Das Gericht nimmt jedoch nicht an, daß intime Beziehungen vorlagen. Immerhin, einmal hat er sie in ihrer Wohnung besucht, weil sie so sehr drum bat. Aus Gutmütigkeit. In der Untersuchungshaft erklärte sie, er habe »schuftig« an ihr gehandelt; der Verkehr sei ein »anormaler« gewesen. Vor Gericht wieder jammert sie, unendlich habe sie ihn geliebt. Hat sie ihm gehört oder nicht? Das Gericht verneint die Frage kurzweg. Das feine Schönheitsempfinden des Herrn Staatsanwaltes scheint sich gegen die selbst nur einmalige körperliche Vereinigung zwischen einem stattlichen und angesehenen Manne, Akademiker!, und einem kümmerlichen Proletarierwürmchen zu sträuben. Phantasien eines unausgekochten Empfindungslebens knoten Widersprüche dick zusammen. Niemand, der hier behutsam auseinanderbosseln, niemand, der die kranke Unaufgeschlossenheit dieser armen Seele lösen möchte. Die Justiz appliziert gegen solche Verknotungen das Fallbeil. Der erste Schuß Doch, einmal, mitten in einem wirren, mehr überführenden als entlastenden Gerede, fällt ein Wort, das stutzig machen müßte. Sie sagt, sie sei nicht hingegangen, ihn zu töten, sie habe den Revolver nur mitgeführt, um ihm Respekt einzuflößen . Wären die Begutachter nicht nur gerichtliche Sachverständige gewesen, die Wissenschaft mit Sittenzeugnissen vermengen, sondern Seelenkundige, hier hätten sie einhaken müssen. Hier war ein völlig neuer Blickpunkt. Der Gerichtsarzt meint, die Tat sei lang- und wohlüberlegt gewesen. Keine Affekthandlung. Beileibe nicht. Aber schon der sachverständige Gerichtschemiker, Professor Dr. Popp , bekannt als der Entlarver Angersteins, läßt einen letzten Zweifel an Mordabsicht offen. Er will nicht voll bejahen, ob von den drei Schüssen der erste tödliche, ein Herzschuß, willentlich war. Nach dem Befund erfolgte der Schuß in ansteigender Richtung, und die Angeklagte müsse dabei eine Drehung mit dem Ellenbogen gemacht haben. War zwischen den beiden ein Ringen vorgegangen? Hatte der Arzt die Zeternde, die ihm den Revolver vor die Brust hielt, abgewehrt, und war dabei der entsicherte Revolver losgegangen? Charakteristisch nur: Professor Popp, als Autorität anerkannt, sieht noch immer ein Bruchteilchen, welches Zweifel übrig läßt. Ein winziges, lächerliches Bruchteilchen nur. Doch er weiß: Spricht er hier positiv, dann fällt das Beil. Und deshalb läßt er eine bescheidene Möglichkeit frei. Die Verteidigung führt aus, die Tat lasse sich weder als Mord noch als Totschlag qualifizieren, es könne nur von fahrlässiger Tötung die Rede sein. Das Gericht erkennt auf Todesstrafe. Wegen »mit ruhiger Überlegung ausgeführten Mordes«. Die Angeklagte sei auch gar nicht sonderlich erregt gewesen. »Wäre sie in Erregung gewesen, so wäre dieser Erregungszustand durch den zu Boden stürzenden Dr. S. gesteigert worden. Aber was war der Fall? Die Angeklagte hat die einzige Anordnung gegeben, die ein zielbewußtes Handeln verrät: Hals auf, Kragen auf, Kampfer her! Aus allen diesen Gründen hat das Gericht die Frage nach dem Mord bejahen müssen.« Kampfer her! »Respekt ...« Lebenslauf und Entwicklung der Angeklagten, das unnatürlich lange Schweigen jedes Weibsverlangens in ihr, ebenso wie die skurrile Kurve ihrer jäh erweckten Sexualität, alles das stellt sie als klassisches Studienexemplar der Psychopathin aus. Doch alles, was sie entlasten könnte, tut das Gericht nicht etwa nur als unwichtig beiseite, sondern kehrt es sogar als Spitze gegen sie. Dieses »Kampfer her!« soll für einen Mangel an Erregung sprechen? Das Gericht stellt nicht in Rechnung, daß auch bei diesem exaltierten Weibe beim Anblick des Stürzenden, des sich verfärbenden Gesichtes, der krampfhaft an dem Kragen nestelnden Finger die berufsmäßige Samariterin erwacht und mechanisch erste Hilfeleistung vornehmen will. Und es hat doch schon Attentäterinnen gegeben, die, plötzlich nüchtern werdend, in dem Hingesunkenen den Mann ihrer Liebe erkannten, und verzweifelt die Nachbarn alarmierten. Die Flessa behauptet, sie sei nicht mit Mordabsichten gekommen. Da nach dem Gutachten Professor Popps der Tatbestand immerhin nicht hinreichend geklärt ist, durfte das Gericht nicht einfach die weißen Steinchen ignorieren. Sie sagte, sie hätte dem Doktor Seitz mit dem Revolver »nur Respekt« beibringen wollen. Wenn das schon Wahnsinn ist, wer will diesem Wahnsinn Methode und Logik absprechen? Man konfrontiere doch nochmals die beiden Hauptpersonen des Dramas. Er: Der stattliche, angesehene Mann. Sie: Eines jener spärlichen Wesen, die höchstens einen verstohlenen Blick über die Barriere senden, die sie von dem Vergötterten trennt. Nachdem sie aber die Barriere übersprungen und die Scheu überwunden hat, nachdem sein Besuch stattgefunden hat – aus Gutmütigkeit?! –, da sind auch alle Nympheninstinkte in ihr erwacht und für drei Jahre wird ihr Leben nur eine Jagd hinter ihm. Der alltägliche Konflikt: Hier Episode, da Lebensinhalt, verzehrt sie. Das ist die Jagd hinterm Schatten. Einmal will sie ihn noch beschwören. (Erotische Begehrlichkeit, meint das Gericht.) Einmal will sie ihn noch festhalten. (Eitelkeit und Eifersucht. Das Gericht.) Und dann formt aus wirrem Wunschleben sich die verrückte Idee: Einmal ihn, den ewig Fliehenden, zu bannen, einmal ihn, der nicht in Wollust vor ihr zu beben vermag, in Angst vor ihr beben zu sehen, einmal nur Respekt, Respekt! Wenn er schon vor der dürftigen Gestalt nicht verlangend zittern kann, dann wenigstens, irgendwo im Halbdunkeln, vor der Mündung der Pistole. Wie aus dem Spiel Ernst wurde, ob er sich auch von dem gereckten Schießeisen nicht imponieren ließ, sie lachend beiseite schob, ob sie, sin[n]los geworden, daß nicht einmal der drohende Revolverlauf ihm Respekt einflößte, abdrückte, das sah kein Zeuge. Nur daß der erste Schuß willentlich abgegeben wurde, bejaht der dafür maßgebliche Sachverständige nicht völlig. Das Gericht verkündete Todesurteil und Ehrverlust. Die Verteidigung hat Revision eingelegt. Epilog Während der Verlesung des Urteils sprang die Flessa auf und schrie: »Alle Männer haben sich gegen mich verschworen!« Die Angeklagte irrt. Aus den bösen, defamierenden Sätzen der Begründung spricht nichts typisch Männliches. Eher schon Corpsstudentisches. Der flotte Bursch fühlt sich in seinen heiligsten Privilegien bedroht. Daß aus dem Umgang mit einer guten Bürgertochter unangenehme Verpflichtung wachsen kann, begreift er, daß aber aus einer einmaligen Sexualgefälligkeit für ein nicht mal hübsches Proletariermädel (aus Gutmütigkeit!) eine Sache auf Leben und Tod werden kann, dagegen bäumt sich etwas. Streng und abschließend fallen die Schlagbäume des Kastenbewußtseins. Daß alle Liebe, von der kleinen Liaison bis zur brennenden Leidenschaft, irgendwie mit Tod verknüpft ist, diese uralte schmerzliche Erkenntnis, von Dichtern immer wieder besungen, das fällt nicht in die Kompetenz des Gerichtes. »Ein jeder tötet, was er liebt ... Der Feige tut's mit einem Kuß, der Tapfere mit dem Schwert.« So sagt Oscar Wilde. Aber der war ja auch kriminell. Schade um den Doktor Seitz, den jovialen, lebensfrohen Mann, der ein so häßliches Los ziehen mußte. Über eine durchschnittliche Schlafzimmer-Burleske fallen plötzlich die schweren Schatten der Tragödie. Übrigens hat die Schwester Flessa am Tag nach der Verurteilung wieder einen Selbstmordversuch unternommen. Merkwürdig, daß immer nur die Objekte der Justiz solche pessimistischen Anwandlungen haben. Es gehört doch, scheint es, eine bessere Konstitution zum Richten als zum Töten. Montag Morgen, 6. April 1926 635 Der plombierte Wagen Wenn man in den Tagen von Locarno und Genf und nachher, als im Reichstag das parlamentarische Ringelstechen folgte, von einer bangen Frage geplagt wurde, so war es die: Wie lange hält Stresemann durch? Wie lange wird dieser eskapadensüchtigste Außenpolitiker unter der Sonne, sonst stets bereit, Das, was er draußen am Verhandlungstisch errungen, um ein innenpolitisches Linsengericht preiszugeben, diesmal festbleiben? Seit Jahren war er der Einzige von der Rechten – und nicht nur von der Rechten! –, der so etwas wie eine außenpolitische Idee vorzuweisen hatte. Zu einer Zeit, als die Demokratenblätter in einer Weise vom Völkerbund schrieben, die sich nur durch die größere Intelligenz der Diktion von der ›Kreuzzeitung‹ unterschied – schon da wußte Stresemann, daß Deutschlands Weg zu der Verständigung mit Frankreich und nach Genf führen müsse. Doch immer wieder zerschlug seine zapplige Laune, was der dürre Kalkül ersonnen. Im Spätsommer 1924 war die Tür des Völkerbunds offen. Da kam die Parmoor-Affäre, und Alles war wieder aus. Wen Erfahrungen warnten, der verfolgte Stresemann in Locarno und Genf mit skeptischem Interesse, auf den Augenblick wartend, da der beredte Mund das Werk der behutsamen Hände desavouieren würde. Es ging merkwürdigerweise gut. Stresemann glitschte nicht aus. Nicht mal nachher zu Haus bei Ansprachen an Parteifreunde. Und nun ist der Unglücksfall doch noch gekommen. Etwas spät, aber grade rechtzeitig, um den Schluß der politischen Saison zu beleben. Seit vor fast einer Woche die ›Times‹ mit Mitteilungen über deutsch-russische Geheimverhandlungen losgeplatzt sind, wissen wir, daß wieder Kräfte am Werke sind, ein hoffnungsvoll begonnenes Unternehmen zu erlegen; und wenn auch von der pompös angekündigten Brücke nach dem Osten nicht viel mehr übrig bleibt als ein paar Latten, die nachher als Verkehrshindernis herumliegen, so erhält doch die Völkerbundspolitik einen bösartigen Stoß. Zwar wird offiziös versichert, es drehe sich hier wirklich nur um ganz, ganz unverbindliche Unterhaltungen von ungewissem Ausgang, deren Art bei Beginn in Paris und London loyal notifiziert worden sei. Das Foreign Office ist höflich genug, das in einer Notiz für die Presse zu bestätigen. Aber das Echo in der Öffentlichkeit klingt schon weniger freundlich, und zum ersten Mal seit längerer Zeit liest man wieder die altbekannten Klagen, daß Deutschland hinterhältig sei, und daß man mit ihm keinen Vertrag abschließen könne. Fast scheint es, als sei der Wilhelm-Straße vorbehalten, Chamberlain und Briand das rettende Argument für ein Fiasko der Genfer September-Tagung zu liefern. Bemühte Intriganten in London und anderswo werden erleichtert aufatmen: der Sündenbock bringt sich schon jetzt in Empfehlung. Schrecken nicht die Spuren von Rapallo, wo sich die deutsche Delegation von Tschitscherin einseifen ließ? Damals waren die Verhandlungen grade stecken geblieben. Immerhin: Deutschland hatte nichts verdorben. Da kam der große Knalleffekt des deutsch-russischen Vertrages. Lloyd George, dessen flügellahme Reputation die Weltkonferenz nicht mehr tragen konnte, hatte wie ein Geschenk des Himmels den guten Abgang. Deutschland ging bemakelt. Rathenaus »Pace, pace«, bei uns in seiner Wirkung heftig überschätzt, verhallte in Ironie und Übelwollen. Poincaré fand die Marschstraße nach der Ruhr frei. Nun mag man die Zukunft des Völkerbundes, der eben erst seine konstitutionelle Schwäche fatal genug aufgezeigt hat, sehr kritisch betrachten. Aber wenn man den Gegensatz zwischen Moskau und Genf als gegeben hinnimmt, dann kann man nicht gleichzeitig im Genfer Vorzimmer seine Ergebenheit versichern und im Moskauer Hinterzimmer techtelmechteln lassen, ohne schließlich an beiden Stellen abzufallen. Noch Bismarcks Virtuosität durfte sich erlauben, Außenpolitik rein artistisch zu betreiben. Sein berühmtes Spiel mit mehreren Bällen zugleich blendet unsre kleinen Macchiavells noch heute. In der Tat bleibt dem eingekeilten, überwachten Deutschland nichts übrig als die ungebrochene Linie einer pedantischen Redlichkeit. Leider täuscht man sich wieder gründlich über die Drohungen der Situation hinweg. Man stellt die Veröffentlichungen der ›Times‹ als Ranküne-Akt hin, anstatt sie als Warnungsschuß zu nehmen, und brütet, wer sie wohl veranlaßt habe. Treuherzig wird erzählt, Locarno bedeute keinesfalls eine Option für den Westen, und man habe ja schon damals den Andern unmißverständlich gesagt, Deutschland wolle die Hände frei behalten. (O wie gut kennt man das! Man »behält die Hände frei«, nicht um zu handeln, wie man glaubt, sondern um sich nachher die verbläute Kehrseite zu reiben.)   Es gibt ein Axiom in Deutschland, zäher als das von der Weisheit des Sokrates, über das Schopenhauer gespottet hat: das ist die widerspruchslose Überzeugtheit von der unbedingten Überlegenheit der russischen Außenpolitik über alles Diplomatentum der Welt, und grade die ärgsten deutschen Kommunistenfresser betrachten die Sowjet-Talleyrands als unerhörte Genies. Zugegeben, daß Moskau Talente nicht alltäglicher Art einzusetzen hat: wäre diese hohe Wertung berechtigt, dann müßte doch etwas mehr Erfolg zu spüren sein. Wahrscheinlich verdanken die Russen ihren Ruf noch immer der großen Überraschung von Genua. Man erwartete einen Trupp augenrollender, Manifeste schreiender Bärenhäuter oder saloppe Bohème-Typen wie Radek – und es erschienen einige sehr gepflegte Herren, in keiner Beziehung etwa von den Kollegen des ancien régime unterschieden. Von diesem Überrumplungserfolg haben die Russen lange gezehrt. Niemand zweifelt heute mehr, daß die rote Sintflut geschickte Schneider und tüchtige Unterhändler übrig gelassen hat: aber das kann nicht die Frage ersticken, was die vorzüglich befrackten Herren nun eigentlich im Lauf der Jahre erreicht haben. Die Antwort lautet nicht sehr günstig. Die Krassin und Rakowski werden persönlich geschätzt; aber ihre Leistung ist überall in den Anfängen stecken geblieben. Die Schuldenbesprechungen kommen nicht vom Fleck; Wirtschaftsunterhandlungen versanden. Nirgends ist politisch auch nur der Schimmer eines Verhandlungsergebnisses zu sehen: in dem großzügigen, sonst gegen politische Albträume so gut gefeiten England wie in der kleinbürgerlich-hasenfüßigen Schweiz herrscht die gleiche Bolschewikenangst. Überall stoßen die Moskauer gegen die gläserne Wand des Mißtrauens, und das wird sich nicht ändern, solange sie dem Diplomaten den Agitator und Konspirator zur Gefolgschaft geben und das russische Versandgeschäft auf Ausfuhr von Revolution beschränken, Revolution in jeder Größe und Qualität: großkalibrige Stücke für China und Indien; niedliche kleine Reise-Necessaires für nomadisierende Araberstämme; Marx-Theorie und Hirtenbriefe für Deutschland; wilde Umsturzprophetien für die frommen Angelsachsen. Die Wirkung dieser neurussischen Landesfrüchte wird von den Empfängern gewaltig übertrieben; aber sie genügen immerhin, um Rußland gründlich zu isolieren. Gegenwärtig, nach dem bösen Rückschlag in China, kommt Moskau dem toten Punkt bedenklich nahe, wenn nicht ... Aber da ist noch immer Deutschland. Da sitzen gewerbsmäßige Ostpolitiker über Karten, auf denen schwarzweißrote Fähnchen neben sowjet-roten wehen. Auf die Leute ist Verlaß. Es sind nicht Freunde des Sozialismus. O nein. Aber uneigennützige Liebhaber jeder Katastrophe, Feinschmecker weltpolitischer Mißgeschicke. Ihr Denken bewegt sich überhaupt in Katastrophen; sie denken sich von einer Katastrophe zur andern durch. Sie freuen sich an jedem Waffengeklirr. Sie grollen dem Zwangsspruch von Versailles, der sie von solchen Wohltaten ausschließt. Jetzt müssen sie schon seit Jahren mit so einem bißchen Bürgerkrieg vorlieb nehmen, der sich allerdings hauptsächlich gegen Moskaus Freunde richtet. Aber was macht das? Moskau ist so vorurteilslos, wie Rom war, wenn es mit dem Großtürken gegen die guten Katholiken beider Sizilien gemeinsame Sache machte. Deutschland will »Weltgeltung«, will dabei sein, wo gestochen und geschossen wird. Will auch ein bißchen Revanche an Polen. Moskau lächelt verständnisvoll. Moskau denkt nicht im Traum daran, in den Privatangelegenheiten der sich Aufdrängenden den Bravo abzugeben. Aber Moskaus Politik, ganz auf Drohung gestellt, braucht eine neue Vogelscheuche für die imperialistischen Raubgeier des Westens (bis sie sich eines schönen Tages mit ihnen verständigt). Für die ehrenvolle Rolle 140 wird immer wieder Deutschland auserkoren.   Die Geschichte der alten und neuen deutschen Rußland-Politik enthält eine Reihe Kapitel voll unglücklicher Liebe. Immer wieder zog deutsche Sehnsucht nach dem Osten, immer dicker wurden die Liebesdienste, immer umfangreicher die Körbe. Was man aber auch unter Bülow und Bethmann an Enttäuschung geheimst hatte, das sollte überreich wettgemacht werden an jenem historischen Tag des Jahres 1917, da man die Häupter der bolschewistischen Weltrevolution in einem plombierten Wagen durch Deutschland 150 beförderte, um die Petersburger Bürgerrevolution nun endlich in jene Bahnen zu lenken, die die Weisheit der OHL und des Auswärtigen Amtes als die einzig korrekten erkannt hatte. Warum an diese tollste intellektuelle Niederlage der Weltgeschichte erinnern? Nun, der plombierte Wagen, übrigens niemals ganz ausrangiert, fährt heute wieder. Er ist so etwas wie der Fliegende Holländer unsrer Diplomatie, der Unheil ankündet. Wird der Gespensterkarren auf der Strecke Moskau-Berlin gesichtet, so gibt es regelmäßig eine beträchtliche außenpolitische Entgleisung. Er fährt jetzt wieder fleißig, und sein Lenker ist Deutschlands Vertreter in Moskau, Graf Brockdorff-Rantzau. In der Dokumentensammlung aus seiner Amtszeit als Außenminister, die dieser unter Wilhelm als Liberaler in Kopenhagen kaltgestellte Diplomat vor einigen Jahren veröffentlicht hat, befinden sich Eingaben an die Regierung der Volksbeauftragten, worin er schärfstes Vorgehen gegen das Rätewesen als Voraussetzung erfolgversprechender Verhandlungen mit der Entente fordert. Er macht seine Berufung davon abhängig, daß »Ruhe und Ordnung« wiederhergestellt wird. Wahrscheinlich haben die energischen Forderungen Brockdorff-Rantzaus die Niederschlagung der Revolution mindestens in gleichem Maße veranlaßt wie der im Münchner Dolchstoßprozeß bekannt gewordene Pakt Ebert-Groener. Ein paar Jahre später ist der beredte Anwalt der Gegenrevolution Gesandter bei dem revolutionären Staat der Arbeiter, Bauern und Soldaten. Inzwischen hat er den Knacks von Versailles erlebt, die Enttäuschung an Wilson. Tödlich verärgert, wirft er sein Ministeramt fort. Das Agrément für Moskau gibt Gelegenheit zur Revanche. Der einstige passionierte »Westler« spinnt sich in eine nebelhafte östliche Orientierung ein. Auf Gedeih oder Verderb an Rußlands Seite. Oft ist diese Ostpolitik östlicher als selbst Tschitscherins. Denn mehr als einmal macht der eine Schwenkung zum Völkerbund hin. Wahrscheinlich weniger russisch fühlend als der deutsche Vertreter. Kurz vor Locarno kommt Brockdorff-Rantzau nach Berlin. Ein letzter Versuch, was der Kreml nicht wünscht, zu verhindern. Er bleibt länger als sieben Wochen. Kaum, daß er in der Wilhelm-Straße gesehen wird. Er wird Mittelpunkt und Berater der konservativen Diehards, die ihn einst bekämpft und bespöttelt haben. Westarp geht bei ihm ein und aus. Die Linkspresse, deren Liebling er einst gewesen, läßt ärgerlich seinen Berliner Aufenthalt unbeachtet. Es wäre damals besser gewesen, zu reden. Die Saat geht jetzt auf.   Wir möchten dem Auswärtigen Amt nicht eine teuflische Verschwörung gegen das Vertragswerk und gegen Genf unterstellen. So weit zielt unsre Staatskunst weder im Guten noch im Bösen. Unter vielen und einander widerstreitenden Suggestionen wird hier etwas Weltpolitik dilettiert. Die eine Gruppe der Herren lugt nach England, die andre nach Rußland. Der politische Dirigent, Herr v. Schubert, ist ein besonnener Mann, der mit kritischem Sinn die »englische Tradition« wahrt. Eine wirkliche Gefahr ist nur der Leiter der Völkerbunds-Abteilung, Herr v. Bülow, der sich für seine heikle Aufgabe ebenso gut eignet wie etwa Herr Geßler fürs Wehrministerium. Wenn das Amt heute über einem Ostprojekt oder, wie es heißt, gleich über einem »Netz von Paktverträgen« schwitzt, so entspringt das zunächst nicht dem Wunsch, die Methoden von 1925 lahmzulegen, sondern dem bedenklichsten Punkt des Locarno-Abkommens überhaupt. Sagen wir es doch endlich einmal offen heraus und ohne den feierlichen Sums von den Friedensfürsten Briand, Chamberlain und Luther. Nach Locarno kamen nicht Künder neuer übernationaler Ordnung, sondern ein paar hartgesottene Routiniers, die statt der alten, im Kurse gesunkenen Gewaltrezepte einmal Pazifismus anwenden wollten, so wie ein eingefuchster Chirurg rein aus Interesse am Versuch gelegentlich statt des Operationsmessers Homöopathie anwendet. Viel mehr wert als die paraphierten Bruderküsse war das unwillkürliche Aufatmen bei den sonst so robusten Nationalen hüben wie drüben, war der Nachweis, daß man Uneinigkeiten zwischen Staaten nicht nach dem Raufkomment zu erledigen braucht, sondern daß es ebenso gut in Formen geht, wie sie unter zivilisierten Menschen sonst üblich sind. Die Demonstration dieser Tatsache: das war der eigentliche und nachwirkende Gewinn jener Tage. Die politische Ausbeute ist trotz aller Triumphchöre geringer und zweifelhafter. Schon in Genf zeigte sich erschreckend, was aus den Gedanken der neuen Welt wird, wenn sie von Männern der alten ausgeführt werden sollen. Der Pazifismus ist eine absolute Forderung und kein diplomatisches Manöver (»im schlimmsten Falle schadet es nichts«). Man kann nicht den Frieden als Drohung ausspielen, wie sonst den Krieg. Deutschland führte nach Locarno nicht der Wunsch, in den Völkerbund hineinzukommen – das wäre früher und unkomplizierter möglich gewesen –, sondern der Wunsch, unter Verständigung mit den Siegerstaaten um den Völkerbund und seine unbeliebten Bindungen herumzukommen. Der Garantiepakt: das macht zum Verbündeten, erhebt wieder in Großmachtrang, verschafft wahrscheinlich – wieder Einreihung in die Kolonialmächte, Erlaubnis zu neuer Aufrüstung. Völkerbund: das bedeutet Gleichstellung mit Haiti oder Liberia, internationale Rechtsprechung, ausgeübt vielleicht von einem Gelben oder Braunen. So steht Deutschland denn endlich am Portal des Bundes; aber mit ihm kommt ein System von Verträgen, sehr geeignet, seine ohnehin gebrechliche Souveränität völlig zum Spiel der Winde zu machen. Unter der gefälligen Maske »Friedenspakt« sind die Allianzen wieder in Europa eingekehrt. Und es ist nur logisch, daß die Kleinen anfangen, die Großen zu kopieren. Daß sich überall kleine Konkurrenz-Locarnos aufmachen. Daß man überall Bündnisse abschließt, um – den Frieden zu verteidigen. Und es bleibt eine praktisch zwar leer demonstrierende, der ästhetischen Anmut dennoch nicht entbehrende Bosheit, wenn Rußland jetzt anmeldet, daß es, frisch nach der groben Absage an die Abrüstungskonferenz, sich anschickt, im Osten sein eignes Locarno zu konstruieren. Komisch ist nur der erfinderischen deutschen Köpfen entsprungene Einfall, nun auch noch dieses Locarno mitzumachen, weil man ja keine Gelegenheit versäumen darf, seine Visitenkarte als wiedergeborene Großmacht abzugeben.   Locarno mag dem Pazifisten keine ungeteilte Genugtuung bereiten. Aber über die Wegrichtung ist entschieden, und was wird, wenn wieder einmal abgeblasen, wieder einmal nach der andern Seite hin ins Dunkel getastet werden soll, das weiß kein Gott und kein Stresemann. Schließlich können auch einmal wieder unangenehme »Rückwirkungen« kommen. Gewöhnlich zeigt sich das zuerst in einer regern Tätigkeit der Militärkontrolle. Jedenfalls hat die deutsche Öffentlichkeit ein Recht zu erfahren, was im Geheimen gespielt worden ist, und welcher Art die neuen Ostpläne sind. Beschwichtigungen, daß Alles so schrecklich harmlos sei, und daß England überhaupt von vorn herein sein Plazet erteilt habe, langen nicht hin. Wir kennen diese offiziösen Flötentöne vor noch jeder außenpolitischen Schlappe. Und wir kennen Herrn Stresemann und seine Unbedenklichkeit, um ein Kleines das Größere herzugeben. Und wir kennen Herrn Dr. Luther, der auch unter den wütendsten Befehdungen der Rechten niemals ein hartes Wort nach dieser Seite gesandt hat. Soll etwa wieder für ein innenpolitisches Geschäft die Außenpolitik das Kompensationsobjekt liefern?   Wie das verzwickte Mantel- und Degenstück um die Ratssitze im Herbst auslaufen wird, das weiß noch Niemand. Sorgen die Lenker der deutschen Politik noch für einige kleine Überraschungen nach dem Muster der russischen, dann dürfte Herr Chamberlain allerdings von einer schweren Sorge befreit sein. Dann braucht man Herrn Mello Franco gar nicht erst aus dem brasilianischen Urwald zu bemühen. Der deutsche Urwald hegt noch ganz andre Gäste. Die Weltbühne, 20. April 1926 636 Ein Jahr Hindenburg Irgendwie muß Deutschland doch regiert werden. Reichskanzler Luther Am 7. April 1926. Die Torflügel des Präsidentenpalais öffnen sich weit; und, während die Militärkapelle den Präsentiermarsch rasselt, erscheint die mächtige, massige Figur des Präsidenten der Republik in der Uniform eines kaiserlichen Marschalls. An diesem Tag vor sechzig Jahren ist Paul v. Hindenburg in die Armee eingetreten. Wie er die Front der Fahnenkompagnie abschreitet, verrät nichts in dem verwitterten, golemhaft unbewegten Gesicht eine Empfindung. Vergebens lugen die Reporter nach einer einsamen Träne, die Anlaß zu einer Schlagzeile gäbe. Aber er ist in seiner steifen Feierlichkeit ganz Soldat, ganz preußischer Offizier und Wahrer eines Rituals, das von andern Sterblichen sondert. Drinnen gibts dann die fälligen Festreden. Der Reichswehrminister spricht Belanglosigkeiten von »Tradition« und »militärischen Tugenden«, und was ein Zivilist so sagt. Aber entscheidend sind nur die paar Minuten vor dem Palais. Denn diese Fahnen und Monturen, das sind Reststücke einer Welt, die schon gar nicht mehr da ist. Die so wenig wiederkehrt wie der alte Plessen, der da im Vorhof als gerührter Gratulant auf melancholischen Kranichbeinen stelzt und in seiner blauen Generalskluft aussieht wie eben aus dem Zeughaus geholt. Was das Schicksal auch mit Deutschland vorhat: das hier kommt niemals wieder. Diese Stahlhelme, Standarten und Feuerrohre, die sind so dahin wie Alles, was Kriegskunst von Pelopidas bis Schlieffen ersonnen. Sechs chemische Fabriken werden künftig genügen, um den Tod durch ganz Europa zu blasen. Von den Linden dröhnen Hurras. Auf die Leute wirkt noch die Magie des Militärrocks. Den haben sie ja vor einem Jahr gewählt, als Amulett gegen alle Not. Wie aus Aarons Stecken die Mandeln, so sollten aus diesem Marschallstab Gerechtigkeit, Ordnung, Wohlstand blühen. Sie jauchzen zu dem kleinen bunten Aufmarsch martialischer Vergänglichkeiten. Was eine Abschiedsparade ist, von Wehmut überschattet, das nehmen sie als frohe Verheißung. Wieder einmal haben die Requisiten die Zeit überlebt: ... was steckt denn auch in Schleiern, Kronen oder rost'gen Schwertern, das ewig wäre? Doch die müde Welt ist über diesen Dingen eingeschlafen, die sie in ihrem letzten Kampf errang, und hält sie fest.   Hindenburg s'en va-t-en guerre: das war vor einem Jahr der Kampfruf der einen, der Wehruf der andern Partei. Hindenburg: das bedeutet mulmigste Reaktion im Innern, Platzhalterschaft für die Monarchie, Abenteuerpolitik nach außen. Mit gleicher Begründung wurde für ihn, wider ihn agitiert. Das Alles ist schon längst verflossen. Heute sind es die bürgerlich-republikanischen Blätter, die ihm Kränze winden. Sie beloben ihn, weil er seinen Eid gar so treu gehalten habe, und ahnen nicht einmal, wie gräßlich geschmacklos solche Hudelei ist, und daß sie sich selbst mehr damit charakterisieren als ihn. Die Republikaner sind schon von Herzen dankbar, wenn man ihnen nichts tut. Aber wäre dem alten Herrn satirische Laune zuzutrauen, er könnte wohl der Residenz erzählen, wie man Präsident wird. Er hat es wirklich nicht gewollt. Er könnte erzählen, wie er lange widerstrebte, und wie schließlich Tirpitz, der Gerissenste der Gerissenen, die Sache doch fingerte. Die volksparteilichen Hicketiere, an ihren versackenden Jarres geklammert, heulten vor Enttäuschung; im Salon einer beflissenen Amateur-Politikerin entstand bei einem five o'clock die Kandidatur Geßler; ehe der Tee zum zweiten Mal aufgebrüht wurde, hatte Stresemann – er sei gepriesen für und für! – diese wahrhaft phantastische Idee kurz entschlossen wie einen Küchenkäfer zertreten. Die Hindenburg-Inszenierer aber hatten richtig gerechnet: er wirkte aufs Volk nicht als Kandidat, sondern als Vorgesetzter. (»Wer wagt zu streiken, wenn Hindenburg befiehlt?«, hatte Groener im Januar 1918 geschnauzt.) Seine Wahl war dienstlicher Befehl. Die Polen haben in Paderewski den musikalischsten, die Tschechen in Masaryk den geistigsten, die Deutschen in Hindenburg den politikfernsten aller Außenseiter auf den Schild gehoben. Populär, von Instinkt konservativ, unpolitisch und lenksam: dieser empfehlenden Vierheit von Eigenschaften verdankt Hindenburg die Gunst der heimlichen Präsidentenmacher. Um einen Vergleich aus ganz andrer Sphäre zu holen: war Friedrich Ebert der politische Papst, so ist Hindenburg der religiöse. Ein frommer Bewahrer dessen, was er vorgefunden. Ohne Ehrgeiz und amtlichen Expansionsdrang. Er hat seinen Ruhesitz von Hannover nach Berlin verlegt, mehr nicht. Ebert war der Politiker von Beruf und Gewohnheit, unruhig, unbequem, immer dreinredend und dazwischenredend. Hindenburg ist zu alt, um eine Sendung zu entdecken, die auch vor vierzig Jahren seiner Neigung kaum entsprochen hätte. Eingesponnen in die Vergangenheit, in Denkweise und Interessenkreis eines alten Offiziers, lebt er dahin, ohne Anteilnahme am öffentlichen Geschehen. Das Beste an ihm, daß er nichts posiert. Nur wenn er für eine festliche Stunde den Soldatenrock wieder anziehen darf, gewinnt die große, schwere Gestalt Wirklichkeit. Dann umwittert ihn Erinnerung an Glanz und Niedergang der alten Armee von Sadowa bis zur Champagne. Seltsame Ironie, daß er nur gegenwärtig erscheint, wenn er etwas repräsentieren darf, was gar nicht mehr lebt.   Die alte Hindenburg-Legende: der pensionierte, aber, Gott sei Dank, noch geistesfrische General in Hannover, nächtlich über Karten von Ostpreußen sinnierend, die Stellen ankreuzend, die später der Armee Samsonoff zum nassen Grab werden sollen. Die neue Legende: die überlebensgroße Figur auf mächtigem Piedestal, in Festigkeit und Milde der überlegene Staatsführer, Kenner des Guten und Bösen in allem politischen Tun; zu Füßen gekauert, wie Tyras, der Reichshund, der Camerlengho Meißner, der gute Fridolin zweier Präsidenten; unten, am Sockel, die Basreliefs der Paladine und Instrumente seiner Allwissenheit: Luther, Stresemann, Geßler, Seeckt. Das sind die echten Kinder Fortunas, die immer die Legende für sich haben. Der Kandidat Hindenburg: das war für die republikanische Presse der Torstürmer der Hohenzollern. Der Präsident, weil er den von der Verfassung vorgesehenen Formen bisher genügt, weil ihn in der rechtsradikalen Ecke irgendein Gehirnschwund als Verräter angerempelt hat: das ist für sie schon ein Gewandelter und Eckstein der Republik. Nein, der Marschall-Präsident ist weder ein Platzhalter der Monarchie noch ein republikanischer Säulenheiliger. Nicht allein, weil seiner politischen Indifferenz weder die eine noch die andre Rolle liegt. Sondern weil es einstweilen um solche Dinge überhaupt nicht geht. Der Kurs, den der Reichskanzler Luther einhält, zielt klar und deutlich auf die Konsolidierung des Bürgerstaates. Der Kampf um die Staatsform wird in den Bereich des Ideologenzanks verwiesen. Die Reaktion hat sich besonnen; die Flegeljahre der Revolten und Verschwörungen sind vorüber. Nicht Monarchie, sondern Wiederherstellung des alten Obrigkeitsstaates in ganz veränderten sozialen Verhältnissen: darum geht es. Die dreisten Dummheiten der Cuno-Zeit, die Deutschland isolierten, sind überwunden. Man sucht Verständigung mit den alten Gegnern, um innen desto sicherer regieren zu können. Die einst verpönte Erfüllungspolitik wird nun den arbeitenden Massen aufgepackt, womit ihr für die Bourgeoisie der Stachel des Antinationalen genommen ist. Das ist, nach Stresemanns unbezahlbarem Wort, »nationale Realpolitik«. In den bildenden Künsten nennt man das Erwachen zur Wirklichkeit aus der Walpurgisnacht der Abstraktionen etwas verlegen: »neue Sachlichkeit«. Das ist ein ähnlicher Vorgang. Wie gerührt waren die lieben Demokraten am vorigen Verfassungstag! Wirklich: Er erscheint zur hochoffiziellen Feier, mit ihm Schiele, der Deutschnationale. Er unter Schwarzrotgold. Welch eine Wendung durch Gottes Fügung! Es ist richtig. Man respektiert die Republik. Man darf es, weil man sie in der Hand hat. Ohne Gefahr kann man ihren Farben und Formen die »schuldige Achtung« erweisen. Denn man weiß, daß eben Alles nur noch Form und Farbe ist und kein Inhalt mehr. Deshalb kann man sich sogar den Luxus gestatten, die Republik zu schützen. Man läßt sich nicht mehr ins Geschäft hineinhitlern. Die Nebenregierung der völkischen Strolchokratie ist aus. Die Wehrverbände sind fest eingefügt in ein nationales Verteidigungssystem: Grundstock neuen Heeres. Aber indem man die offenen Gegner der Republik ins Hintertreffen treibt, tut man doch nichts, um sie für immer auseinanderzujagen. Man hält sie eben in Schach, um durch ihr bloßes Vorhandensein die Republikaner in Schach zu halten. Der Monarchismus, wohl konserviert, bleibt als Drohung im Hintergrund. Er ist der Knüppel, der aus dem Sack fährt, falls sich die Republikaner einmal einbilden sollten, die Republik gehöre ihnen. Das ist die neue balance of power, das Hindenburg-Programm der innern Politik.   Vor einigen Monaten veröffentlichte Herr Hugenberg, der deutsche Harmsworth, in seinem Berliner Lokal-Anzeiger einen Vorschlag an die Deutsche Volkspartei, ihren Führer doch ganz einfach sitzen zu lassen und mit den Deutschnationalen eine große Rechtspartei zu bilden. Das war mit jener brutalen Offenherzigkeit gesagt, die in jedem bessern politischen Zirkel als taktlos gilt. Die, wie zu erwarten, äußerst entschiedene Abwiegelung des Vorstands der Deutschen Volkspartei konnte indessen nicht über den tiefen Eindruck von Hugenbergs Antrag hinwegtäuschen. So wie ein ehrbares Mädchen sich nachher Gedanken macht, ob es recht war, den versprechungsfreudigen Verführer abblitzen zu lassen. Und die Deutsche Volkspartei ist kein ehrbares Mädchen, sondern eine Dame von Welt, die von richtig abgepaßten Anschlüssen lebt. Hugenberg spannt weiter als die Dioskuren Luther-Stresemann. Die wollen, ohne sich nach Rechts oder Links zu verpflichten, pazifistisch nach Außen, sozial-reaktionär im Innern regieren. Keiner Idee, keinem geschriebenen Programm verhaftet. Irgendwie muß Deutschland doch regiert werden, und irgendwie wird es auch immer regiert. Schlimmstenfalls findet man noch immer bei den Sozialdemokraten technische Nothilfe, weil man in den öffentlichen Kundgebungen mit Geschick liberale Vierteltöne mitschwingen läßt. Hugenberg währt das juste milieu zu lange. Er hat die Gaukelei satt und will da planmäßig zusammenfassen, wo die Ära Luther sich improvisierend behalf. Die Schaffung der Rechten Sammelpartei, in der Alles, mit Ausnahme der völkischen Exaltados etwa, sich finden kann, soll die Vollendung sein. Die längst wirkende Macht soll endgültig Ausdruck und Gestalt finden. Die Gelegenheit scheint nicht ungünstig. Das Zentrum, seiner Spritztouren ins Radikale müde, wird unter Guérard und Kaas nach Kaltstellung seiner paar linken Außenmänner wieder der große politische Devotionalienladen, der es früher war; die Demokraten überläßt man ruhig ihrem alten Traum, die Deutsche Volkspartei durch die große Koalition nach Links zu binden. Hugenberg hat durchaus richtig gerechnet. Auf dem rechten Flügel der Stresemann-Partei, dem Wetterwinkel des Parlaments, sieht man bibbernd einem Wahlkampf entgegen, in dem die Partei Locarno und Genf zu verantworten hat. Während der Führer noch in Allerwelts-Liberalismus schwelgte, machte Herr Scholz, der Fraktions-Vorsitzende, bereits wieder in Bürgerblock. Ehe die Linke in ihrer scheinbar gottgewollten Instinktlosigkeit recht begriffen hatte, worum es sich eigentlich drehte, war in den Beratungen über das Fürstenkompromiß die Krise da. Der Rückzug der Deutschen Volkspartei nach Rechts ist in vollem Gange.   Ein Zufall will, daß die Erschütterung des juste milieu so ziemlich mit dem Jahrestag der Präsidentenwahl zusammenfällt. Bleiben nicht in den demokratischen Leier – Erst wenn auf Luthers Platz Einer sitzt, der weniger interessiert erscheint, reaktionäres Wollen den Gesetzen der Vernunft einzuordnen – erst dann werden die letzten Möglichkeiten der Präsidentschaft Hindenburg offenbar werden. Denn wer zu lenken ist, ist auch zu schieben. Ist der Weg nach Genf bedroht? Lauert hinter pseudo-parlamentarischem Brimborium die Diktatur? Ungelöste Fragen hängen über der Ehrenpforte des zweiten Hindenburg-Jahres wie graue Wolken, und an festlichen Girlanden zerrt ein mürrischer Wind. Die Weltbühne, 27. April 1926 637 Fürstenabfindung und Russenvertrag Das komische und ärgerliche Schauspiel der Verhandlungen um das Fürstenkompromiß geht zu Ende. Hätte einer der Herren des Reichskabinetts und der Fraktionszimmer nur etwas Instinkt für das Empfinden des Volkes bewahrt: diese Beratungen, die die Armut der Massen höhnten und das Parlament lächerlich machten, hätten abgebrochen werden müssen, als unbezweifelbar wurde, daß Fürstenfreund und Volksfreund nicht in gemeinsame Beschlußfassung zu zwängen waren. Der Kanzler Luther hat die Dinge schmählich treiben lassen. Als er mit seinem Kabinett sich hinter das Gutachten des Staatssekretärs Joël vom Reichsjustizministerium stellte, da hätte es bei solcher Auffassung der Regierung nur die eine Möglichkeit gegeben: sofortige Demission. Aber Herr Dr. Luther hoffte, einen Sturm durch Nichtbeachtung bewältigen zu können: die Sache wird sich schon totlaufen! Herr Dr. Luther, ein Politiker von Qualitäten, die grade der Gegner nicht verkleinern darf, beweist nur wieder, daß er außerhalb der traulichen Couloir-Ecken, wo widerspenstige Fraktionshäupter mit Zureden und Versprechen willig geplaudert werden, unbeholfen und begriffsstutzig bleibt. Eingefuchst auf Interessen und Launen der Berufspolitiker sieht er in einer Volksbewegung eine Größe, mit der nicht zu rechnen ist. Das feine Organ für den Mann auf der Straße, das in hohem Maße dem konservativen Baldwin eigen, fehlt dem einstigen liberalen Stadthaupt von Essen vollständig. Der überraschende Ausgang des Volksbegehrens hatte eine klare Situation geschaffen. Bemühungen um ein »Kompromiß« waren danach nur denkbar zwischen den Anhängern der entschädigungslosen Enteignung und jenen Linksbürgerlichen, die grundsätzlich auch dafür waren, aber eine geringe Modifikation verlangten um ihrer Wähler willen, die bei dem Wort »Enteignung« sofort Bolschewismus wittern. Statt dessen vertrödelte der Rechtsausschuß Tag für Tag, Woche für Woche mit gänzlich unsinnigen Versuchen, die gemeinsame Plattform zu finden für Die, die den Fürsten Alles nehmen, und Die, die ihnen Alles zuschanzen möchten. Der einzig brauchbare Vorschlag kam von den Demokraten: an den Volksentscheid nämlich einen Zusatz zu koppeln, daß es den Landesregierungen überlassen bleibe, den Fürsten eine »angemessene Rente« zu gewähren. Ein Kautschukbegriff zwar, doch den Absichten des Volksentscheids sicherlich nicht widersprechend, ihn sogar durch Beschwichtigung mancher Ängste agitatorisch wirksamer machend. Aber statt auf solcher Grundlage zu beraten, betrachtete man die 12 1/2 Millionen Stimmen als quantité négligeable und verzettelte viele Tage mit Feilschen. Und wenn dem rührigen Herrn Everling ein Fürstenprofit abgerungen war, nahm Herr Wunderlich von der Deutschen Volkspartei den Posten wieder auf, und der Tanz begann von neuem. Bis schließlich selbst die kummergewohnten Deputierten dieses Ausschusses Furcht vor der Drehkrankheit packte und Alles still seitwärts in die Büsche schlich. Nicht ohne daß vorher ein Zentrumsmann sich eines ungewöhnlich infamen Pfaffengesabbers über die »neuerwachte Begehrlichkeit« der Massen entledigt hätte. Wenn nach kleiner Verlegenheitspause das Ramschen jetzt auch noch einmal auflebt – das Eine steht doch fest: das Plebiszit kommt. Der Regierung und den Parteien ist die Initiative aus den Händen geglitten. Der sozialdemokratische Sprecher Rosenfeld hat im Reichstag gesagt: »Es geht für die Herren von Rechts nicht um die Millionen, sondern um die Krone.« Das ist richtig. Es geht aber auch für die breiten Volksmassen um mehr als den Fürstenmammon. Was sich vorbereitet, das ist: eine volkstümliche Abrechnung mit jener schauderhaften Politikmacherei, wie sie sich in den Jahren des Pantoffelregiments der Fraktionsvorstände im Reichstag eingenistet hat. Das Volk steht gegen den Reichstag auf. Das Volk erhebt sich gegen eine Sorte Parlamentarismus, die sich immer wieder unfähig gezeigt hat zu auch nur einer einzigen gradegewachsenen Gesetzesarbeit. Dieser Parlamentarismus, der im Halbschlaf Militär-Etats und Millionen gegen das Volk bewilligt und Alles, was Armen und Entrechteten zukommen soll, bureaukratisch kompliziert und schließlich mit verfassungsmäßigen Bedenken abwürgt – dieser Parlamentarismus steht unterm Schwert. Und es ist eine hohe Gunst der Stunde, für die wir dankbar sein wollen, daß zum ersten Mal seit 1918 wieder, ohne Trübung und Verdickung durch Parteiphrasen, blank und scharf zwei Prinzipien sich gegenüberstehen. Wo gestern noch Kuhhandel war, wird morgen reinliche Abstimmung, Mann für Mann, entscheiden. Faule Parlamentsdemokratie ist in ihrer eignen Unfähigkeit erstickt; das Volk selbst muß die Idee der Demokratie wieder retten. Es wird ein Ringen werden, so erbittert, wie es Deutschland noch nicht gesehen hat. Ein Gürtelkampf, nach dessen Beendigung der eine Fechter nicht so bald wieder aufstehen wird. Denn auch die Rechte wird mit allen, mit allen Mitteln arbeiten. Man glaube doch nicht, daß sie sich beschränken wird auf Sottisen wie die mit Wildenbruch-Pathos vorgetragene Hohenzollern-Rede des Grafen Westarp. Nein, in der Agitation nachher, da werden ganz andre Minen flattern. Auf die Regierungskrise, so heißt es schon heute, folgt die Präsidentenkrise. (»Der alte Herr kann doch nicht die Beraubung seines einstigen Kriegsherrn mit seiner Unterschrift legalisieren.«) Die Kirche wird ihren ganzen Einfluß bald spielen, bald wuchten lassen. Faulhaber und Doehring, Krummstab und Swastika werden Verbrüderung feiern. Aber noch wird ein Weilchen weiter gepfuscht und an Versöhnungsmixturen gebraut. Bald wird das nur Episode sein, und wer dann ins Zimmer der Kompromißler tritt, der wird dort Alles so finden wie beim tölpelhaften Hexenmeister: Schwefelgestank und rötlicher Qualm und in der Ecke was mit verdrehtem Genick. Tatbestand: – vom Teufel geholt.   Ohne die gegenwärtige Krise, die alle Kräfte beschäftigt, wäre wohl auch dem Russen-Vertrag, dem »Berliner Vertrag«, nicht so unwidersprochen von allen Parteien das Visum erteilt worden. Der Kritiker befindet sich diesem Abkommen gegenüber in unangenehmer Lage. Er muß nicht nur den Ludergeruch des Antibolschewismus fürchten und die Gefahr, mit allerhand weißen Existenzen zusammengepfercht zu werden: auch die Vereinsamung angesichts einhelliger Zustimmung rundum wirkt für Augenblicke verwirrend. Aber welche kapitale Dummheit wäre seit 1914 nicht einstimmig gebilligt worden? Am giftigsten hat man immer um Drittrangiges gerauft. Während in Berlin Kompromiß-Allotria weitergeht, bereitet sich in London, Paris und Brüssel der Feldzug gegen den Russen-Vertrag in kleinen journalistischen Patrouillengängen vor, und Jules Sauerwein, der schon klassische Avant-Gardist diplomatischer Unternehmungen, sendet den ersten Pfeil. Fama kündet bereits – vielleicht zu früh – eine französische Demarche an. Der Wortlaut des Vertrags selbst gibt zu Beanstandungen nicht allzu viel Anlaß: nichtssagend und weiten Raum lassend wie Alles aus Diplomaten-Werkstatt. Seine Existenz erregt mehr als sein Inhalt. Litwinow als amtlicher Interpret der Russen hat aufs Lebhafteste die Existenz irgendwelcher Geheimklauseln bestritten. Das darf gern geglaubt werden; hat doch Stresemann selbst in dem Notenwechsel mit Krestinski alles etwa vermutete Drum und Dran überdeutlich aufgezeigt: »Sollten dagegen, was die Deutsche Regierung nicht annimmt, im Rahmen des Völkerbundes irgendwann etwa Bestrebungen hervortreten, die, im Widerspruch mit jener grundlegenden Friedensidee, einseitig gegen die Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken gerichtet wären, so würde Deutschland derartigen Bestrebungen mit allem Nachdruck entgegenwirken.« Damit wird der einzigartige Fall akut, daß eine Macht in den Völkerbund eintritt als Mandatsträgerin einer andern, die noch nicht drin ist und ihm im übrigen die unfreundlichste Gesinnung entgegenbringt. Damit ist aber auch Konflikten jeder Gattung, formalen wie bewußt provozierten, die Tür sperrangelweit geöffnet. Zunächst hieß es: Wir gehen nach Genf, um die Rechte der vergewaltigten nationalen Minderheiten wahrzunehmen. Dann dehnte man das Patronat liebenswürdig auf Österreich aus. Jetzt wird, großartig genug, gleich die Patenschaft für den russischen Bären übernommen. Das ist etwas viel für Einen, der in eigner Sache nicht immer die glücklichste Figur gemacht hat. Bleibt noch immer die Frage nach dem tiefern Sinn dieser Überbelastung für die deutschen Schultern. Doch nicht um den Kommunisten einen Gefallen zu tun? Die sprechen offen aus, daß sie Herrn Stresemann nicht recht übern Weg trauen (und geben damit nur die Meinung einflußreicher Moskauer Kreise wieder). Ja, wenn in diesem Vertrag nur eine Klausel über die Behandlung von Tschitscherins deutschen Genossen durch die deutsche Justiz wäre ... Mit wirklichem Behagen hat sich nur Graf Westarp in einer Ansprache an sein Kriegsvolk ausgelassen und angedeutet, daß ihm jetzt sogar Locarno appetitlicher vorkäme. Der Verdacht, vor zwei Wochen hier geäußert, bestätigt sich. Um der Rechten die Regierungspolitik wieder möglich zu machen, hat man die Brücke nach dem Osten geschlagen. Aber sie reicht nur bis zum deutschnationalen Parteibureau. Die Weltbühne, 4. Mai 1926 638 Krisen Wieder einmal veröffentlichen Linksblätter Operationspläne der Vaterländischen Verbände. So nützlich solcher Alarm ist, sollte er doch nicht eine Nervosität erregen, die von ernstern Gefahren abzieht. Die Maienblüte dieser Wehrvereine ist vorüber. Ihre Programme, ob von Marauhn oder Seldte, ob westlich oder östlich Anlehnung suchend, entwaffnen durch Schwachköpfigkeit; beachtenswert bleibt immer nur der unbedingte Wille zur Brutalität. Trotzdem es um die Ausführung der Absichten dieser gewerbsmäßigen Verschwörer, baldmöglichst »die Macht zu ergreifen«, nicht sonderlich günstig steht: ihr wieder dreisteres Gehaben grade in diesen Wochen entspricht durchaus der innenpolitischen Zuspitzung. Seit der Rückkehr aus Genf hat der Reichskanzler Luther, ein glatter, vielfach verkapselter Beschwichtiger sonst, sich mit hartnäckiger Offenheit auf die Seite der Reaktion gestellt. Immer schneller treibt er der Entscheidung zu, entweder seine bisherige Mehrheit zu verlieren oder sich mit einem Hechtsprung in den Ausnahmezustand zu retten. Was bedeutet die Flaggenverordnung, die so überrumpelnd herauskam und unter Mißachtung des Widerspruchs zweier Regierungsparteien vom Kabinett gebilligt wurde, anders als eine kalt durchdachte Herausforderung! Es gehörte die unbändige Naivität der Demokraten dazu, hier von einem faux pas zu schwafeln. Dieser Reichskanzler und ein faux pas! Glaubt man denn wirklich, die Beschwerden der alldeutschen Übersee-Philister in Rio und Sao Paolo hätten ihn gedrängt, die Händlerflagge offiziell neben die Heldenflagge zu setzen? Nein, Herr Dr. Luther handelt wie ein Premierminister, dem an der Weiterunterstützung durch gewisse Regierungsparteien nicht das Mindeste mehr liegt. Heiter ist nur, daß die beiden Garanten der Republik im Rechtskabinett, daß Külz und Marx das nicht merken. Aber mindestens Herr Külz hat wohl, falls die Demokraten abrücken, alle Aussicht, wie sein Freund Geßler als »Fachminister« weiterwirken zu dürfen. Was er bisher geredet und getan und nicht getan hat, rechtfertigt solche Sendung durchaus. An und für sich weist der Farbenzwist alle Merkmale jener abderitenhaften Deutschheit auf, die von jeher anspruchsvollere Geister aus dem politischen Tageskampf getrieben hat. Aber es geht um etwas mehr als das bißchen Mottenfraß von Fahnentuch: es geht um die Frage, ob die Verfassung vornehmlich dazu da ist, um auf dem Verordnungswege ruiniert zu werden. Heute wird Schwarz-Weiß-Rot eingeschmuggelt, morgen vielleicht die Krone. Mag Luther, von seinem Külz unterstützt, den Verfassungsbruch zum harmlosen Zwischenfall bagatellisieren: was geschehen ist, war – im Vorkampf um den Volksentscheid! – wie eine Arrangierprobe zum Staatsstreich. Hindenburgs Präsidentschaft enthüllt ihren Sinn.   Der englische Generalstreik scheint zunächst nicht die Ausdehnung genommen zu haben, die man erwarten durfte. Fast siehts aus, als hätte die Verve der Arbeiter sich schon vor dem Stoß ein bißchen verausgabt. Zudem liefert das Arbeitslosenheer unzählige Streikbrecher. Wirtschaftliche Depression ist eben ein schlechter Boden für Arbeiterkämpfe: auch der soziale Krieg braucht gut genährte Soldaten. Doch selbst wenn die Aktion völlig niederbrechen sollte: diese Streiktage wiegen mehr als die Regierungsmonate MacDonalds. Zum ersten Mal im Heimatland der liberalen Doktrin ein nicht bürgerlich verbrämter Klassenkampf. Der englische Sozialismus, der für uns Kontinentale immer unerträglich viel Traktätchenhaftigkeit an sich hatte, schleift sich stahlblank. Aus einem Solidaritätsakt für die Bergarbeiter entwickelt sich ein geschlossener Vorstoß gegen die Industrie-Autorität. Was als simple Lohnbewegung begann, hat zum Endziel die Nationalisierung des Bergbaus. Man sagt: Mehr Lohn! und meint: Sozialisierung. Umgekehrt verlief es bei uns. Die echte politische Genialität der englischen Rasse erweist sich wieder einmal. Die soziale Situation ist nicht weniger revolutionär gesteigert als in den andern Nachkriegsländern. Doch was wollen die paar roten Fahnen, die paar in Moskau bekehrten Gewerkschaftsführer besagen! Die Worte in den Flugzetteln und Meetings waren dort immer stark, viel stärker als einst im November-Deutschland – aber die Taten waren immer vorsichtig und taktisch gezügelt. Oder ist Nüchterneres zu denken als diese Art Revolution in den zivilen Formen einer wirtschaftlichen Auseinandersetzung?   In WTBs Lesart der großen Programmrede Litwinows vom 25. April über das deutsch-russische Abkommen ist ein wichtiger Satz nicht enthalten. Tschitscherins Vertreter sagte wörtlich: »Wir haben den Verträgen von Locarno den ärgsten Giftzahn ausgebrochen.« Wenn auch die deutsche Regierung nicht für Das verantwortlich gemacht werden kann, was der Vertragspartner sagt, so liegt doch kein Grund für sie vor, ihren Nachrichtenapparat so spielen zu lassen, daß ihr eignes Publikum nicht erfährt, was sich der neue Bundesfreund unter dem Vertrag nun eigentlich vorstellt. Der deutsche Zeitungsleser aber wundert sich, daß das Ausland beunruhigt ist, und warum selbst schwedische Konservative, die sonst mit jeder deutschen Dummheit durch Dick und Dünn gehen, diesmal maulen. Ohne die Filterung durch das Auswärtige Amt hätte Litwinows prägnantester Satz zweifelsfrei aufgezeigt, worum es sich handelt: die Russen haben sich mitten aus dem Locarno-Lager eine Geisel geholt. Wir wollen ihnen deswegen keinen Vorwurf machen. Aber »Rückversicherung« ist doch für unsre Lage ein etwas zu pomphafter Ausdruck.   Die brasilianische Regierung kündigt ein Weißbuch an über ihre Haltung bei der letzten Völkerbundstagung. Darin steht, heißt es, unter anderm die Aufzeichnung über eine Unterredung zwischen dem brasilianischen Außenminister und dem deutschen Gesandten, in welcher der Brasilianer darauf verweist, daß Brasilien lange vor Deutschland einen Ratssitz beansprucht habe. Man wird zur Beurteilung den genauen Text abwarten müssen. Doch schon jetzt erscheint die deutsche Darstellung, Brasiliens Forderung habe wie ein Blitz aus heiterm Himmel gewirkt, reichlich anfechtbar. Oder hat es der deutsche Gesandte Knipping an der notwendigen präzisen Berichterstattung fehlen lassen? Herr Dr. Knipping ist sonst ein sehr konservativer, aber auch sehr gewissenhafter Mann. Die schwarzweißroten Wünsche der Deutschen-Ghettos hat er stets mit peinlichster Genauigkeit gemeldet. Sollte er für den diplomatischen Teil seines Amtes weniger geeignet sein als für den humoristischen?   Seit einiger Zeit geht in der Kommunistischen Partei eine Entwicklung vor sich, die von der bürgerlichen Presse kaum beachtet wird. Seit Lahmlegung der Gruppe Maslow-Ruth Fischer hat die Zentrale mit der Ausmerzung jener Wortführer des linken Flügels begonnen, die sich nicht fügen wollen. Noch läßt sich die Stärke dieses Flügels so wenig abschätzen wie ihre Anhängerschaft im Lande. Möglich ist dennoch, daß es diesmal, wie 1921 bei der Ausstoßung der »Leviten«, zu einer Sezession kommt, die vielleicht tiefer greifen wird als damals. Ohne Zweifel begünstigt Moskau die Annäherung der Kommunisten an die Sozialdemokratie. Ob das nur durch Verlegenheiten des Augenblicks gebotene Taktik ist, oder ob der Wunsch nach großen, einheitlichen Arbeiterparteien diese Handlungen lenkt, kann zur Stunde noch nicht beurteilt werden. So erstrebenswert eine solche Fusion erscheinen mag: die Moskauer sollten die Verdauungskraft der deutschen Sozialdemokratie nicht unterschätzen. Die hat die ganze USP und die Levi-Gruppe obendrein verschluckt, ohne Indigestion, ohne daß auch der schärfste Beobachter jemals von dieser – ihrer Konstitution nicht ganz entsprechenden – Nahrungszufuhr etwas wahrnehmen konnte. (Ich glaube, selbst unterm Mikroskop ließe sich nichts nachweisen.) Nun verliert die Idee der Einigung völlig ihren Sinn, wenn dabei nicht mehr herauskommen soll als eine noch dickere Sozialdemokratie. Das Ziel kann doch nur die neue, die große Arbeiterpartei sein: nicht Sozialdemokratie, nicht Kommunistische Partei, sondern die Partei, geboren aus den Kämpfen dieser Jahre, bereit für die Kämpfe von 1930. Wo sind in beiden Lagern die Führer dazu? Das wäre die Aufgabe der freiesten und jüngsten Köpfe in beiden, die Jugend aus dem Hader wie aus dem Kuhhandel zu retten und auszusöhnen. Die lieben Alten werden sich schon vertragen, wenn es die Machthaber in Moskau und in der Linden-Straße gestatten. Die werden dann einträchtig zusammensitzen – eine Parteikasse und kein Herz –, Bruderküsse tauschen und sich mit alten Spartakus-Manifesten die Pfeife stopfen. Die Weltbühne, 11. Mai 1926 639 Zwischenspiele Pronunciamento? In die normale Umständlichkeit einer Kabinettskrise platzt die Nachricht, daß einige lang beobachtete Verschwörer verschwunden sind. Severings Polizei überwindet die erste Verwirrung und wird mit nützlicher Hemmungslosigkeit mobil – durchsucht die Wohnungen Verdächtiger und fördert aus Schreibtischen Plan, Zusammensetzung und erste Proklamation eines Diktatur-Kollegiums zu Tage. Alle von 1920 und 1923 bekannten Requisiten darin; auch das Galgenseil als einigendes Band neuer Volksgemeinschaft fehlt nicht. Alles ist undiskutabel töricht. Spuk eines Spuks, den vor fast drei Jahren bayrische Gewehrkugeln auf dem Odeonsplatz verscheucht haben. Wann jemals wäre die Atmosphäre zum Rechtsputsch ungünstiger gewesen als jetzt! Links ist der Zug der Stunde. Volksmassen durch Arbeitslosigkeit und Not radikalisiert; das Kleinbürgertum flucht den Aufwertungsbetrügern; Schwarz-Rot-Gold und Rot beherrschen die Straße. Und da sollte irgendein Onkel Neumann aus Lübeck grade dort aufstehen, wo Ludendorff kippte? Die bürgerliche Linke päppelt den Hokuspokus, um zu verdecken, wie schmählich sie in der Fahnenfrage zurückgewichen ist. Es war verdienstvoll von der Polizei, schnell entschlossen ein paar Geheimfächer auszunehmen. Aber es ist Selbstbetrug der Politiker, das Problem in Herrn Düsterbergs Schreibtisch zu suchen. Es liegt bei der Reichswehr. In allen Plänen und Memoranden chrakterisieren die Verbände sich selbst als Astralleib der Wehrmacht. Den Oberst v. Luck vom Olympia-Club, bei dem die Aufmarsch-Skizze gefunden wurde, ließ der Berliner Polizeirichter laufen mit der Begründung, der Herr Oberst habe geglaubt, »im Interesse der Reichswehr« zu handeln! Wie käme der Herr Polizeirichter zu solcher Annahme ohne zureichenden Beweis? Hier, vor diesem schwarzen Zwischenreich beginnt erst die wirkliche Aufgabe der Republikaner und ihrer Blätter. Ohne die Reichswehr sind die Verbände eine Zusammenrottung von Hanswursten, mit der Reichswehr ... Herren im Land. Triumphgesänge anzustimmen, ohne den Mut zur entscheidenden Frage das bedeutet: neue Illusion, Umschleichung der Gefahrenzone, Selbsttäuschung und Bluff.   In Chestertons genialem Ulk: ›Der Mann, der Donnerstag war‹ leitet die komödienhafte Verwirrung eines Duells zwischen Polizei und Anarchisten ein unsichtbarer Gewaltiger, der jeden Mitspieler zu einer Doppelrolle zwingt. Das ist »der Mann vom zappendustern Raum«. Die gesamte deutsche Verschwörerei seit 1919 weist auf einen solchen unermüdlichen Demiurgen hin, der alle Drähte führt, Fäden knüpft und Lebensfäden abschneidet. Oft genug ist der Verdacht auf Herrn Justizrat Claß gefallen, seit 25 Jahren Einpeitscher des Alldeutschen Verbandes und jeder außenpolitischen Katastrophe. Einmal, im Seeckt-Prozeß, stand er, von ein paar unangenehmen Fragen belästigt, bleich und schlotternd im Gerichtssaal, wie Jemand, dem das nüchterne Tageslicht nicht recht bekommt. Ein gütiger Richter begnügte sich damit, Herrn Claß etwas geängstigt zu haben. Jetzt hat man bei ihm die Hänge-Proklamation gefunden. Da die Weiteruntersuchung bei Herrn Ebermayer liegt, werden vielleicht unsre Enkel das Geheimnis des zappendustern Raums erfahren.   Kanzler Luther fällt als Konzession der Demokratenführer an ihre empörte Anhängerschaft. Dieselbe Presse, die ihn zwischen Locarno und Genf als Rathenaus Erben gefeiert hat, nennt ihn heute einen tristen Bureaukraten, ohne Horizont und Tastgefühl, einen Cuno oder Michaelis. Er verstand sich nicht auf die Gefühlswerte des neuen Staates, stirnrunzeln Breitscheid und Koch. Antwortet, Ihr stahlharten Verrinas: wer außer Joseph Wirth in einigen glücklichen Momenten hat von solchem Instinkt für republikanische Werte was ahnen lassen? Etwa Ebert, der immer für die union sacrée strebte und nach Sachsen marschieren ließ? Oder Marx? Oder – Herr Koch! – Ihr Freund Geßler? Fatal wurde dem armen Luther nur, daß er weder Parlamentarier noch Führer einer parlamentarischen Gruppe ist. Herr Stresemann, durch die Berichte seiner Gesandtschaften und Konsulate der eigentliche Beweger der Fahnen-Kalamität, bleibt weiter koalitionsfähig. Luthers Kopf wird als Trophäe dem grollenden Reichsbanner hingeworfen. Dabei haben unter erschrecklicher Kanonade gegen den Kanzler Zentrum und Demokraten in der Sache selbst einen glanzlosen Rückzug angetreten: sie haben in der Flaggenfrage dem Vorschlag des Reichspräsidenten zugestimmt, den »Ausgleich« zu finden, der allen Strömungen gerecht wird. Was, aus dem Fraktionellen in unser geliebtes Deutsch übertragen, so viel heißt wie: sie haben Schwarz-Rot-Gold schon jetzt preisgegeben. Diesen Handel zu bemänteln, dient die lärmende Herabsetzung Luthers. Dessen Irrtum aber war nur der Irrtum Aller von Kardorff bis Hermann Müller: – er glaubte an eine Politik der Mitte. Was ihn von den Andern unterschied, war einzig, daß er das Problem von Rechts anpackte, anstatt von Links. Kühl und besonnen, ein entpathetisierter Stresemann gleichsam, ohne Flausen und Silberstreifen, wollte er die Deutschnationalen an eine mittlere Linie binden. War das wirklich nebelhafter als die Werberufe für die große Koalition? Solange um die Staatsform gestritten wird – und solange die Staatsform so bekämpft wird wie in Deutschland –, gibt es nur Pro oder Contra, Rechts oder Links, und Intransigenz steht gegen Intransigenz. Bis dahin, bis die sogenannten Mittelparteien endlich wissen, zu welchem Flügel sie gehören, wird alle Regiererei Zwischenspiel sein und erst dann das Stadium der Endkämpfe beginnen. Wenn in absehbarer Zeit aber Herr Erich Koch, von Zentrum und Sozialdemokraten auf den Schild gehoben, Kanzler wird, dann wünschen wir ihm für die schwarz-rot-goldene Republik so viel Klugheit, Arbeitskraft und Zähigkeit, wie Hans Luther für die schwarz-weiß-rote aufgebracht hat. Bei tief verwurzeltem nationalistischen Fühlen war er in Reden und Auftreten ein disziplinierter und taktvoller Unterhändler. Als sich Herr Koch im vorigen Herbst auf den Pariser Pazifistenkongreß verirrt hatte, drohte er, bei der ersten Unstimmigkeit mit den Franzosen, den Koffer zu packen. Qui vivra, verra.   Es gibt übrigens noch einen innenpolitischen Neben-Kriegsschauplatz, auf dem nicht weniger grimmig gestritten wird. In jedem Wirtshaus begrüßt dich ein Plakat: eine Frauensperson, einer apokalyptischen Chimäre gleich, mit riesiger Sense unser geliebtes Deutschland niedermähend. Du glaubst, es sei der Bolschewismus – nein: es ist die Prohibition. Warum eigentlich eine so delirante Agitation? Niemand denkt im Ernst an Trockenlegung. Schließlich ist noch Bayern da. Obgleich sich jüngst sogar Adolf Hitler dafür erklärt hat, der damit buchstäblich das Faß unter seinen Füßen zertrümmert. Selbst wenn man sich alle Argumente gegen das amerikanische System immer wieder auftischt: wie nützlich wäre für den deutschen Geist eine mehrjährige Entfuselung! Sind die Wasserapostel in ihrer Unduldsamkeit auch oft unleidlich: gräßlich, die Sachwalter des Brau- und Spritkapitals wie kürzlich im Reichstag, auf das Selbstbestimmungsrecht des Individuums pochen zu hören. Warum grade hier, wo es sich um Dividende handelt? In unzähligen Gesetzen des modernen Staates scheint mittelalterliche Moral sich für ewige Zeiten verkrustet zu haben, und die Braven, die für das gute deutsche Zechen den Bierbauch blähen, hätten gar nichts dagegen, daß der Staat die jungen Leute wieder in die Uniform steckte, zum fröhlichen Heldentod. Es besteht nun einmal ein tiefer Zusammenhang zwischen Patriotismus und Alkohol; wie nach einer alten Doktrin der besoffenste Soldat der tüchtigste ist.   Neben dem kümmerlichen deutschen Putsch-Dilettantismus besteht der polnische Staatsstreich wie ein Stück Anschauungsunterricht. Pilsudski, ein oft erprobter Verschwörer, weiß, daß man zu einem solchen Coup das Militär braucht. Aber die Hauptfrage ist nicht, ob Pilsudski nach der Unterwerfung der Hauptstadt auch über die Provinz Autorität gewinnen, sondern ob ihm gelingen wird, für sein Land die dringend notwendige wirtschaftliche und seelische Erholungszeit zu schaffen. Von allen Nachfolgestaaten geht es Polen am trübsten. Zwischen Rußland und Deutschland eingepuffert, windet es sich in Angstträumen, die sich in grellen Großmachtsdelirien entladen. Ein gedunsener Militärkörper schlingt Finanzen und Wirtschaft, stellt alle Innenpolitik unter Terror. Polen hat in der ganzen Welt nicht einen wirklichen Freund; eine Tatsache, die schwerer wiegt als alle Bündnis- und Sicherungs-Verträge. Dem jungen Staat mit altem Volk hat von vorn herein ein Masaryk gefehlt, ein gütiger und strenger National-Schulmeister, dessen Katheder dennoch die Welt ist. Pilsudski wars nicht. Der war immer der neue Kosciusko, mehr irrlichternder Freicorpsführer denn Politiker. Auf sein Schuldkonto kommt der Zug nach Kiew, der zum kriegerischen Zusammenstoß mit den Sowjets und fast zur Katastrophe führte. Ein siegreicher Pilsudski wird nur dann zum Segen werden, wenn er aus den Krämpfen des Chauvinismus in die arbeitsreiche Wirklichkeit hineinführt. Das ist die Voraussetzung für die innere Gesundung, die nur durch Hilfe von außen, wie amerikanischen Kredit, kommen kann. Das heutige Polen gilt nicht als kreditfähig. Ohne eine harte und mutige Roßkur wird es in ärgere Verlassenheit sinken als Österreich in seinen Hungerjahren. Als Herd der Anarchie wird es für seine Nachbarn bald Drohung, bald Lockung zur Intervention bedeuten. Litauen, heißt es schon jetzt, würde eine länger dauernde Verwirrung zur Rückholung Wilnas benutzen, und wenn unsre »Vaterländischen« nicht im Augenblick durch die Putsch-Affäre etwas gehemmt wären, so hätte die Abenteurerei an der Ostgrenze wohl schon begonnen.   Pilsudski stammt aus dem alten russischen Polen; als Kämpfer gegen das Zarenregiment ist er in jungen Jahren zum Sozialismus gekommen. Wenn er auch stets Sozialist mit starker nationaler Färbung geblieben: im Rahmen der polnischen Verhältnisse ist er unbestreitbar Linksmann und Anti-Chauvinist. Seine erbittertsten Gegner jedoch waren früher deutsche oder österreichische Untertanen. Namentlich aus dem einstmals deutschen Posen kommt heute die stupideste nationalistische Reaktion und besonders deutlich verkörpert von einigen Herren, die früher als Deputierte im Reichstag geglänzt und vorschriftsmäßig Militär- und Marine-Vorlagen bewilligt haben. Die stolze Flotte des Herrn v. Tirpitz wäre ja ohne den Segen des polnischen Herrn v. Napieralski niemals vom Stapel gelaufen. Bei aller dummen Hakatisterei: rein zivilisatorisch hat Posen die preußische Verwaltung gut getan und von jener pittoresken Verschmutztheit befreit, die nun einmal das Merkmal andrer Landesteile bildet. Leider scheint diese nützliche sanitäre Pionierarbeit auf den Geist ohne Einfluß geblieben zu sein. Oder sitzt man nicht ungestraft Jahre hindurch im Reichstag? Die Alldeutschen können zufrieden sein: viel von ihrem Wesen ist in das polnische Vaterland eingegangen.   Der englische Generalstreik hat den Arbeitern nicht den Sieg, den Unternehmern aber auch nicht die erhoffte Diktatur gebracht. Solche Riesenaktionen sind fast immer Glied einer Kette; erst an einem gewissen Haltepunkt der Entwicklung erweist sich ihr episodischer oder epochaler Charakter. Wahrscheinlich werden die Gewerkschaftsführer, die Ergebnisse überschauend und über den Rechnungen schwitzend, den Streik seufzend eine Dummheit nennen, aber zugleich achselzuckend hinzufügen, daß es die größere gewesen wäre, ihn zu verhindern. Denn die Stimmung der Massen brauchte ein Ventil; kein Kompromiß im letzten Moment hätte die Spitze umbiegen können. Die fieberhafte Erregung würde sich in wilden Teilstreiks Luft gemacht haben: willkommener Anlaß für die Unternehmer, einzelne Gruppen zu dezimieren und damit das Gesamtbild der Arbeiterschaft zu schwächen. Das Bürgertum ist trotz seines Scheinerfolges verdrossen. Die Klügsten ahnen, daß in diesen Tagen viel von dem gemütlichen alten England zu Grabe getragen worden ist. Die Vorherrschaft der Industrie ist ernsthaft angetastet. In der Konservativen Partei drängt es zur Entscheidung, ob der weiterblickende Sozial-Pazifist Baldwin Führer bleiben, oder ob an seinen Platz ein Fanfaron und Muskelprotz treten soll, der den sozialen Krieg so führt wie England früher seine Kolonialkriege. Dann wird sich erst zeigen, ob Trotzki im Recht war, als er dem englischen Klassenkampf eine Steigerung von unerhörter, nie gesehener Brutalität prophezeite. Diesmal ging es, gemessen an kontinentalen Maßstäben, noch ganz friedlich zu. Wenn berichtet wird, daß der Ausnahmezustand Arbeiter und Polizei nicht gehindert hat, einen angesetzten Fußball-Match auszutragen, so regt sich in dem deutschen Beobachter, der bei Ausnahmezustand sofort an Noske und Geßler und Maschinengewehre und Zuchthaus denkt, ein Gefühl ehrlicher Bewunderung, das vielleicht auf einer Überschätzung der englischen Demokratie beruht. Die Weltbühne, 18. Mai 1926 640 Völkerfrühling? PEN-Club in Berlin. So wäre denn in der Pfingstwoche der Geist gleich waggonweise eingezogen; und für einen Nachmittag hat er sogar einen Ausflug nach Potsdam gemacht. Sonst gabs Bankette, Besichtigungen, Empfänge und Reden. Immer wieder wurde betont, daß die Nationen doch einander näher kommen müßten und die Geistigen dazu der natürliche Vortrupp seien. Wir kennen Weise und Text. Wir freuen uns, Galsworthy und Jules Romains persönlich kennen gelernt zu haben. (Karin Michaelis, die auch dabei war, ist uns ja längst vertraut.) Das ist Alles sehr nett und wäre vor sechs Jahren wirklich eine große Tat gewesen. Heute riecht solche Art Völkerfrühling schon reichlich ranzig. Wie das gute Europäertum selbst ein herzlich ausgelatschter Begriff geworden ist, eine höfliche Unverbindlichkeit, die sich mit jedem nationalen Unfug vereinigen läßt. Der PEN-Kongreß war nicht Politik, sondern Society, unkämpferisch und risikolos. Nachdem die politischen Lenker in Locarno friedlich zusammen Kaffee getrunken haben, können auch die geistigen Wegbereiter an einer Tafel speisen, ohne sich in nationalen Fragen in die Wolle zu geraten. So weit wären wir wenigstens. Einige Anspruchsvolle bei uns haben die deutsche Repräsentation gerügt; auch daß die literarische Jugend völlig gefehlt habe. Es war vielleicht nicht sonderlich ehrerbietig, der ersten Garnitur der schreibenden Welt diesen Pickwick-Club, mit dem versierten Europäer Fulda an der Spitze, entgegenzustellen. Doch seien wir dankbar, daß für den deutschen Geist nicht grade Gustav Roethe oder der Münchner Akademiepräsident Pfeilschifter vorgeschickt wurde. Da hätte der PEN-Club gestaunt.   In Genf wird über Abrüstung geredet. Die Versuchung kitzelt, hinter diese oft vertagte, innerlich und äußerlich fragmentarische Veranstaltung einen ironischen Schnörkel zu setzen. Dennoch liegt eine gewisse Bedeutung darin: zum ersten Mal seit dem Haag nehmen in der Abrüstungsfrage die Offiziellen der Mächte wieder Tuchfühlung. Da beraten Delegierte mit gebundenen Mandaten, ohne Initiative, einzig mit dem Auftrag, Absichten und Wünsche der Andern abzutasten. Im Grund sind wohl alle Regierungen über das Stadium weg, wo Rüsten Spaß macht. Alle seufzen über die Irrsinnsziffern der Heeresbudgets. Aber keine ist zum ersten Sprung bereit. Und doch muß Einer den federnden Willen aufbringen, zu beginnen, den Mut, dabei vielleicht der Dumme zu sein. So, wie man in Genf eröffnete und fortfahren wird, schiebt bei Allen die Sorge, sich etwas zu vergeben, Formalitäten vor, in denen etwa vorhandene Energien ersticken. Nirgends pulst eine antreibende Kraft; sogar hinter Nikolaus II. stand ein leidenschaftlicher Pazifist wie Johann v. Bloch. In den Völkern besteht gegen die Abrüstungs-Konferenzen ein eingefleischtes Mißtrauen: man hat zu oft und immer vor den großen Katastrophen davon gesprochen. Verläuft sich auch dieser Genfer Versuch in eine Blamage, so wird ein verhängnisvoller Fatalismus die Folge sein. Jetzt hätten die Sozialisten und Pazifisten überall die Pflicht, ein knappes, deutliches Programm aufzustellen, das ein unverschleiertes Ziel gibt und den vieldeutigen Begriff Abrüstung aus dem Bereich der gehässigen wie empfehlenden Redensarten rückt. Dann würde auch ein Fiasko dieser Konferenz keinen Schaden anrichten.   England wird in Genf vertreten durch den konservativen Fortschrittler Robert Cecil, Frankreich durch den sozial-patriotischen Lyriker Paul-Boncour. Für Deutschland erscheint zum ersten Mal in diplomatischer Mission Graf Bernstorff wieder. Der galt immer als klug und über den Tag schauend, schickte von Washington warnende Signale nach Berlin, während die Tirpitze die ganze Welt herausforderten, und hätte sich sogar als echter Staatsmann bewähren können, wenn ihm nur gelungen wäre, seine Militär-Attachés an der Leine zu halten. Die Herren v. Papen und Boy-Ed haben in Amerika sein Werk zerstört und damit auch seinen eignen Ruf etwas angesengt. Ist ein übles Omen, daß Bernstorff in Genf gleich mit einer Koppel von sieben militärischen Sachverständigen einzieht? Der Eindruck: Deutschland sendet vier Zivilisten und sieben Militärs. Ein Einwand, der an den Grundbau dieser Konferenz rührt: was hat der Sachverstand der Militärs dort zu schaffen? Bei diesem ersten bescheidenen Versuch einer Aussprache handelt sichs doch wohl vornehmlich um Fragen politischer, ökonomischer und sozial-politischer Natur; erst wenn eine gemeinsame Plattform gefunden ist und über die Technik der Durchführung beraten wird, erst dann wird die Hinzuziehung von Spezialisten erforderlich. Jetzt kann man Tausend gegen Eins wetten, daß jeder der Herren seine Waffengattung frenetisch verteidigen wird, der Mariner seine Dreadnoughts, der Kavallerist seine Lanzenreiter. Der militärische Fachmann wird den Politiker erdrücken. Und was sollen gar diese großen Sieben in der Delegation eines Landes, das doch, wie versichert wird, vollständig entwaffnet ist? Bringen sie Vorbeugungsmaßnahmen mit gegen die Bildung schwarzer Kadres? Oder sollen sie ganz einfach aufpassen, daß die Zivilpersonen nicht pazifistisch über die Stränge schlagen? Wenigstens befindet sich unter ihnen auch ein Major von der Heeresstatistischen Abteilung, die ja nebenbei auch die Landesverratsverfahren zu verwalten hat. Das kann hübsch werden.   Die ungeheuern Schwierigkeiten des Abrüstungsproblems hat unter allen Genfer Rednern der belgische Vertreter de Brouckère wohl am schärfsten gekennzeichnet, als er auf die Beweglichkeit der Grenzen zwischen Kriegs- und Friedensmitteln verwies: ein ziviles Luftfahrzeug könne ja binnen wenigen Stunden in ein Instrument der Kriegsführung verwandelt werden. Hier an dieser Grenze lauern die ärgsten Fälle, hier wuchert Mißtrauen und Furcht vor »unsichtbaren Waffen«. Mit welchen Plänen geht Deutschland nach Genf? Graf Bernstorff hat bisher eine Rede gehalten – eine Rede in jener nichtssagenden Biegsamkeit, die man seit Locarno für »europäisch« hält. Interessanter als Das, was Bernstorff sagte, ist ohne Zweifel, was er als Richtlinie mitbekommen hat. Soeben ist eine Denkschrift der Deutschen Liga für Völkerbund erschienen, die eine Beantwortung der Fragen des Völkerbundrates enthält sowie einige »praktische Vorschläge«, in denen wir wohl die Meinung des Auswärtigen Amtes vermuten dürfen. Zu den Verfassern gehört neben dem unvermeidlichen Max Montgelas der frühere Staatssekretär v. Rheinbaben, Abgeordneter der Deutschen Volkspartei und Intimer von Stresemanns Außenpolitik. Wir haben es hier mit jenem Pazifismus zu tun, der so gern pazifistisch sein möchte, wenn nicht die Ketten von Versailles wären. So wird denn auch das deutsche Werbesystem und die in den besiegten Ländern durchgeführte Abrüstung glattweg verworfen. Dabei verläuft sich die sachlich maskierte Wut der Herren Verfasser in die seltsamsten Kleinlichkeiten: »Die in den vier Staaten durchgeführte Art der Abrüstung ist jedoch nicht nur militärisch völlig verfehlt, sondern hat auch schwere wirtschaftliche Nachteile zur Folge. Die Zerstörung zahlreicher Fabriken, die Verstreuung von Maschinen über das ganze Land, das Niederreißen von Anlagen, die durchaus friedlichen Zwecken dienen und nur im Kriegsfall ›möglicherweise‹ in Rüstungsbetriebe verwandelt werden können, fordert sinnlose Geldopfer. Die Beschränkung der Herstellung des Kriegsmaterials auf wenige Fabriken führt dazu, daß jede Konkurrenz ausgeschlossen ist, und die Preise von den begünstigten Fabriken nach Belieben festgesetzt werden können. Die Einschränkung der Reservevorräte an Waffen, Bekleidung, Geräten und so weiter hat zur Folge, daß der Ersatz für unbrauchbar gewordene Stücke stets sofort beschafft werden muß und die Bestellungen nur in ganz kleinem Umfange erfolgen können, wodurch die Preise unnötig hochgetrieben werden.« Was bieten diese so ökonomisch gerichteten Pazifisten nun positiv? Sie skizzieren eine »defensive Wehrorganisation« auf folgender Grundlage: »Eine derartige Wehrorganisation, die auch den Anforderungen des Artikels 8 der Bundessatzung genügt, müßte auf folgenden Grundsätzen beruhen: allgemeine Wehrpflicht im Kriege und zahlenmäßig beschränkte Dienstpflicht im Frieden von höchstens einjähriger Dauer. In sinngemäßer Anlehnung an die Beschlüsse der Konferenz von Washington wären sodann die Friedenshöchststärken für die Großmächte des europäischen Kontinents festzusetzen, etwa in folgender Weise: für Deutschland, Frankreich und Italien je 200 000 Mann, für Rußland 300 000 Mann. Für die übrigen Staaten könnte ein Drittel Prozent der Bevölkerung als Norm angenommen werden, was der deutschen Quote (200 000 auf 62 Millionen) ungefähr entspricht. Diese Zahlen stellen Höchstzahlen dar, die nach Ablauf von fünf Jahren nicht mehr überschritten werden dürfen.« Wir wollen uns hier nicht mit den Unebenheiten dieses Schemas auseinandersetzen, wir wollen ruhig unterstellen, daß einmal erste Schritte zur Abrüstung auf ähnliche Weise unternommen werden können zwischen Staaten, die sich durch Paktverträge gesichert haben – es wirkt etwas peinlich, daß grade von deutscher Seite eine Anregung kommt, die für die Andern zwar Abrüstung, für Deutschland aber Aufrüstung bedeutet. Es wäre gescheiter und taktvoller, im ersten heiklen Teil der Diskussion wenigstens Deutschland völlig aus dem Spiel zu lassen. Denn das Genfer Problem ist doch nicht, wie Deutschland seine Wehrmacht vergrößert, sondern wie die Andern sie herabsetzen. In dieser grundsätzlichen Verkennung aber zeigt sich unser ganzer amtlicher Pazifismus in Reinkultur. »Wenn die unleidlichen Rüstungsbeschränkungen nicht fallen, dann macht uns der ganze Völkerbund keine Freude mehr«: das ist so der Tenor aller Regierungsreden. Sollte nicht auch in Genf sich davon etwas regen? Vielleicht nicht grade in den öffentlichen Sitzungen, wo rein dekorativ gesprochen wird. Wieder und wieder versichern Eingeweihte, der deutsche Delegationschef sei ein zu guter Diplomat, um sich zu einem so törichten Impromptu verleiten zu lassen. Nun, nicht umsonst hat die Bendler-Straße die vier Zivilisten von einem siebenköpfigen soldatischen Sachverstand umzingeln lassen, und das Unglück des Grafen Bernstorff waren eben immer die Militär-Attachés.   Im Preußischen Landtag hat der Abgeordnete Heilmann berichtet, daß aus den beschlagnahmten Putschplänen eine Verbindung zwischen der Reichswehr und dem Oberst v. Luck vom Sportclub Olympia erwiesen sei. Der Herr Oberst habe die Leute, die in die Reichswehr eintreten wollten, auf ihre völkische Gesinnung hin begutachtet. Im Reichstag gab Herr Külz offen zu, daß das »in vereinzelten Fällen« zuträfe. Herr Külz ist nur Stellvertreter des beurlaubten Herrn Geßler; deshalb etwas grün und schüchtern im Metier. Welch ein Kommersbuch von Humoren hätte der echte Geßler über die neugierigen Fragesteller ausgegossen! Nichts hätte der zugegeben, und die Sozis wären abgezogen mit dem ministeriellen Ratschlag, sich ein Kalbfell um die schnöden Glieder zu hängen. Was würde wohl außerhalb Deutschlands einem Kriegsminister passieren, dessen Offiziere überführt werden, mit Verschwörern unter einer Decke zu spielen, die die Rekrutierung kontrollieren und, wie gerichtlich nachgewiesen, dem Chef der Heeresleitung nach dem Leben getrachtet haben? Die im Völkerbund vertretene Republik Liberia wird so viel Romantik kopfschüttelnd ablehnen. Die Herren unsrer Wehrmacht unterstreichen so gern die Fortführung der Traditionen der alten Armee. Wer als Republikaner das als schädlich bekämpft, wird doch wünschen, eine der Traditionen des preußischen Heeres würde sorglicher gepflegt: – die Disziplin. Die ist es ja, die in einem zivilisierten Staat das geordnete Heereswesen von einer freibeuternden Soldateska sondert. Es gibt in der Reichswehr Unterrichtsstunden für die Mannschaften. Warum nur für die Mannschaften? Herr v. Seeckt sollte für seine Offiziere mindestens das Studium des ›Prinzen von Homburg‹ obligatorisch machen.   Der junge Grütte-Lehder ist zum Verhängnis der völkischen Zentrale geworden: Wulle und Kube erwartet das Verfahren wegen Mordanstiftung. Die Bloßstellung dieser beiden Herren, die politisch heute weniger als Null sind, hat dennoch eine bestimmte Bedeutung: zum ersten Mal in den politischen Mordaffären dringt die Untersuchung bis zu den intellektuellen Urhebern vor. Eine Camorra ist damit aufgestöbert; es ist nicht die einzige; andre könnten folgen, wenn man die Mordakten nochmals revidierte. Es ist jetzt dreiviertel Jahre her, daß hier in der ›Weltbühne‹ Carl Mertens seinen ersten Artikel über die Fememorde veröffentlichte. Damit war ein bis dahin fast legendäres Thema plötzlich in den Brennpunkt gerückt. Was wäre ohne diesen Antrieb wohl geschehen? Der Oberleutnant Schultz liefe frei herum, keiner der Mörder wäre zur Rechenschaft gezogen, und der Major Buchrucker säße vielleicht neben Nicolai als Hilfsarbeiter im Reichswehrministerium. Die Weltbühne, 25. Mai 1926 641 Der entsicherte Jüngling Die Doppelselbstmord-Manie – Tragödie oder grober Unfug? »Gestern nachmittag erschoß nach kurzem Wortwechsel der 22jährige X. das 18jährige Frl. Y. und richtete dann die Waffe gegen sich selbst. Frl. Y. starb nach einer Stunde, ohne die Besinnung wiedererlangt zu haben. X. wurde in hoffnungslosem Zustande ins Krankenhaus geschafft. Er war, wie verlautet, in das junge Mädchen verliebt, ohne daß sie seinen Anträgen Gehör schenkte.« Mit erschreckender Gleichförmigkeit kehrt alle paar Tage in den Zeitungen diese Meldung wieder. Solche Häufung kennzeichnet eine Situation. Eine neue geistige Epidemie droht. Auch der Selbstmord unterliegt Wechsel und Mode. Zwar gibt es doch immer genügend Unglückliche, die wie durch die Hintertür aus dem Leben schleichen. Alte, Kranke, Zermürbte, Opfer des täglichen Guerrilla-Krieges um das bißchen trockene Brot, die resigniert in die ewige Schmerzlosigkeit gleiten. Doch daneben reckt sich ein Größenwahn, der laut und protzig durch die Vordertür fällt und gleich zur Gesellschaft ein anderes Leben mitreißt. Es ist, als brülle jemand: »Schaut alle her, so sterbe Ich!« So unantastbar das Recht bleibt, einem sinnlos gewordenen Dasein selbst ein Ende zu bereiten, so aberwitzig ist es, einen zweiten Menschen, der leben will, mitzuziehen. Furchtbar mehren sich die Fälle, wo ein jämmerlicher Hysteriker ein unerfahrenes sentimentales Mädel so lange psychisch unterminiert , bis sie bereit ist, ihm in den »Freitod« zu folgen, oder wo einer, der kein Entgegenkommen findet, in einem verrückten Affekt erst auf die Begehrte schießt und dann den Revolver gegen sich selbst kehrt. Weil ein junger Fant seine Nerven nicht beherrschte, deshalb werden blühende Leben ausgelöscht, und in viele Familien zieht Trauer und Öde ein. Es dreht sich da meistens nicht um Eifersuchtsszenen, Zwistigkeiten, Auseinandersetzung vor der Trennung, um nichts, was Eruptionen von Leidenschaften begreiflich machen kann. Sondern: der Kavalier bestürmt, das Mädchen lehnt ab, der Kavalier zieht das Schießeisen ... Romantische Gemüter mögen um die Problematik des Jünglings einen Roman spinnen, seine Psyche durchwühlen, Motive ausbrüten. Die Vernunft sagt höchst unromantisch: Was hier geschieht, ist blanke Scheußlichkeit. Hier rast nicht desperat gewordene Liebe, sondern ein Militarismus des Gefühls, kranke Lust am Knalleffekt, Minderwertigkeit, die sich heroisch aufmutzt und im Stürzen noch ein Anderes, Wertvolleres mitzieht. Es gibt eine Beratungsstelle für Selbstmordkandidaten; ihre Aufgaben sind wohl vornehmlich sozialer Natur, – sie kann sicherlich viel Nützliches bewirken. Doch was fehlt, ist eine Beratung für Liebende, die sich nicht zu helfen wissen, eine erotische Auskunftei für jene ewigen Tölpel des Herzens, die die schöne Leichtigkeit nicht finden, sich selbst in einer wechselreichen Praxis zu schulen. Da könnte dem entsicherten Jüngling beigebogen werden, daß Liebe, die nicht im Herzen wachsen will, sich nicht mit Revolverkugeln hineinjagen läßt. Daß es aber außer dem ultimativen Standpunkt »Liebe oder Tod!« noch andere Methoden gibt, die sich gelegentlich schon bewährt haben sollen, z.B. etwas natürliche Liebenswürdigkeit, ein freundliches Gesicht und ein wenig Galanterie, obgleich die heute nicht hoch im Kurs steht. Segensreich wäre auch Unterweisung, wie man mit Anstand einen Korb entgegennimmt. Der Findige wird auch diesem unerfreulichen Moment von der kühlen Verbeugung bis zum gemütlichen »Na, denn nich!« zahlreiche individuelle Nüancen abgewinnen können. Applikation des Revolvers jedoch, das müßte auch dem Wildesten plausibel gemacht werden, zeugt nicht von tragischer Lebensauffassung, sondern lediglich von schlechten Manieren. Übrigens könnten auch die Apotheker sich ein wirkliches Verdienst erwerben, wenn sie mit entsprechender Empfehlung für Liebeskranke irgendein hanebüchenes Laxativ, das für mindestens drei Tage zu strengster Konzentration und Abkehr von allen weltlichen Eitelkeiten zwingt, sichtbar ins Fenster stellen würden. Wie viel Unheil könnte durch rechtzeitiges Einnehmen verhindert werden. Scherze um ein ernstes Thema? »Sterben ist kein Harlekinsprung«, sagt der Dichter, und in Jahren der Verwilderung und Geringachtung des Menschenlebens sind die Prinzipien der Zerstörung bis ins privateste Leben eingedrungen. Auch in Liebesdingen herrscht noch immer Spannung, Krampf und elektrisch geladene Atmosphäre. Draußen in der Welt ist indessen einiges milder geworden; der Paroxysmus weicht der Ermattung, man wird wieder versöhnlicher. Ich plädiere für ein Locarno der Erotik. Montag Morgen, 31. Mai 1926 642 Rif und Riffe Wie Vercingetorix der Gallier reitet der unterlegene Abd el Krim still ins Lager der Sieger. Paukenschläge in der Pariser Presse; Siegesstimmung. Ohne berauschende Kommentare wirkt der große Erfolg allerdings karger. Niedergeworfen wurde eine Rebellion und ihr Führer, nicht ein Volk, berühmt von altersher durch Freiheitsdurst und Unbezähmbarkeit. Schon rüsten die Spanier zur »Pazifikation« des innern Gebirgslandes: sie trauen also dem Sieg noch nicht recht. Zudem melden sich England und Italien als alte Nordafrika-Interessenten; diplomatische Wirren folgen den kriegerischen, und statt frohen Machtgenusses droht im Hintergrund eine neue Marokko-Konferenz. Lassen wir die Spanier beiseite, deren Primo doch schließlich einmal irgendwo siegen mußte – für jene französische Linke, die Poincaré gestürzt und seine Politik mutig verlassen hat, bedeutete dieser maurische Feldzug einen bitterbösen Sündenfall. Gewiß war der Ärger der Franzosen über das widerwärtige internationale Waffengeschäft am Rif berechtigt; sie wußten auch, daß englische Kapitalistengruppen den Aufstand nährten. Es ist unerquicklich, mit französischen Pazifisten, die man schätzt, über Marokko zu disputieren. Da wird man zu hören bekommen, wie Frankreich diesen Krieg so »human wie möglich« geführt habe, und daß Kriegsminister Painlevé, der freundliche Gelehrte, sich von Maurras Verbrecher schelten lassen mußte, weil er sich weigerte, Gas anzuwenden. Es war also ein pazifistischer Krieg, sozusagen. Doch dieser Abd el Krim, so wettern die französischen Freunde, das war kein Freiheitsheld, sondern ein Tyrann und Blutsauger seines Volkes, ein Nachfahr jener Barbaresken-Fürsten, die ihre Galeeren durchs ganze Mittelmeer auf Menschenfang schickten, und im Grunde haben die Franzosen nur die Menschenrechte der Kabylen gegen ihr selbsterkorenes Haupt verteidigt. Ist das noch ahnungsloser Zivilisations-Fimmel oder schon balkendicker cant? Möglich, daß Einiges von den Bezichtigungen gegen Abd el Krim stimmt. Aber den Enkeln Lafayettes und der Jakobiner, den Gönnern aller Befreiungskämpfe in Armenien, Griechenland, Italien und Polen dürfte doch nicht entgangen sein, daß in der Nachkriegswelt auch außerhalb Europas das Selbstbestimmungsrecht der Völker in höherm Maße beansprucht wird als früher. Es erschüttert, daß französische Demokraten so gar nichts von dem Phänomen Abd el Krim erahnen: zum ersten Mal stand hier ein Afrikaner gegen europäische Großmächte, kein romantischer Reiter mehr wie jener Abd el Kader vor hundert Jahren, sondern ein militärisch und politisch in den Mitteln Europas geschulter Mann. Nicht seine endliche Niederlage: sein Aufstieg, seine Erfolge werden beispielhaft wirken. Die Zeit beschaulicher Ausplünderung kolonialer Länder ist vorüber. In Genf hat Robert Cecil erklärt: es sei die Auffassung seiner Regierung, daß England zum letzten Mal Krieg geführt habe gegen Angehörige der weißen Rasse. Ein wenig beachtetes und doch mächtig alarmierendes Wort. Soll demnach in Zukunft die weiße Rasse geschlossen gegen die andern stehen? Bedeutet europäische Einigung für die Imperialisten nur Aufrechterhaltung europäischer Vorherrschaften draußen in der Welt? Man begreift plötzlich, warum so viele ausgesprochen nicht-pazifistische Politiker den paneuropäischen Gedanken so sympathisch finden.   Wenn im Herbst Deutschlands Eintritt in den Völkerbund glücklich vollzogen ist, dann wird vielleicht auch eine sehr bedenkliche Sehnsucht zur Erfüllung kommen: es ist nämlich keineswegs ausgeschlossen, daß das Deutsche Reich eine seiner frühern Kolonien zur Verwaltung zurückerhält. Je mehr eine deutsche Regierung gegen eine Rechtsopposition im Lande zu kämpfen hat, desto beflissener wird sie sein, der nationalen Eitelkeit was zum Fraß vorzuwerfen. So verschwommen solche Möglichkeiten auch noch sind: man tut recht, schon jetzt sein Augenmerk darauf zu richten. Die deutsche Kolonialpolitik war stets ein unrentables Geschäft; in Zukunft dürfte sie mehr kosten als Geld. Das expansionshungrige Deutschland kann nämlich grade rechtzeitig kommen, um sich gehörig die Pfoten zu verbrennen. Denn der Emanzipationskampf der tropischen Rassen, die Auflehnung der schwarzen, braunen und gelben »Interessensphären« ist in vollem Gange. So vorsichtig man im Prophezeien sein soll: in ein paar Jahrzehnten schon werden weit weniger Trikoloren und Union Jacks draußen in der Welt wehen, und Abd el Krim beginnt nur eine Kette von kolonialen Garibaldis. Gäbe es eine wirkliche Europäerpolitik: sie würde sich nicht für Afrika und Asien an ein gespenstisches Metternichtum klammern, das für den eignen Erdteil im vergangnen Jahrhundert elend zerplatzte. Aufgabe Europas wäre es, eine nicht mehr hemmbare Entwicklung noch eben rechtzeitig zu entbarbarisieren, mit Anstand preiszugeben, was es innerlich schon gar nicht mehr hat. In diese äußerst zugespitzte Situation platzt Deutschlands Kolonialparole, die, von beschäftigungslosen Gouverneuren zuerst ausgegeben, heute leider auch von Sozialdemokraten harmlos nachgeplappert wird. Da hat man durch sieben Jahre unterdrücktes Volk markiert, und jetzt lechzt man danach, im Vollbewußtsein seiner Weltgeltung den Stiefelabsatz irgendwo in einen Negerpopo zu drücken. Sieht man denn nicht, daß die früher sprichwörtliche Unbeliebtheit Deutschlands in der Welt wohltuend abgenommen hat in der Zeit, da kein deutsches Wesen draußen sein Unwesen trieb, kein Rohrbach dozierte, kein Peters henkte und die schlechte Reputation ausschließlich von den diplomatischen Vertretungen aufrechterhalten wurde? Als vor ein paar Monaten in Berlin eine alldeutsche Tafelrunde die Rückgabe Kiautschous forderte, lud man sich dazu eigens chinesische Gäste ein und war sehr verwundert, als sich die Herren protestierend entfernten. Nichts gelernt, Alles vergessen.   Eine geborene Mecklenburgerin, durch Heirat Kronprinzessin von Montenegro geworden, hat sich ihrer bescheidenen Herkunft erinnert und das Vaterland auf Zahlung von 15 Millionen verklagt, um wenigstens den ersten Hunger zu stillen. Ihr Anwalt ist nicht Herr Everling, sondern Herr Paul-Boncour, Frankreichs Vertreter im Völkerbund und in der sozialistischen Partei Léon Blums Gegenkönig. Seit langem gilt Herr Paul-Boncour als ministrabel – gehen die Sozialisten doch einmal in die Regierung, kommt er mit hinein, vielleicht sogar als Premier. Er gehört zu jenen Sozialdemokraten, die niemals die Kriegsatmosphäre überwinden konnten und immer die Sozialpatrioten von 1914 geblieben sind. Es ist scheußlich, immer wieder alte Geschichten aufzuwühlen, immer wieder fragen zu müssen, welche Haltung Einer im Kriege eingenommen hat. Doch es gibt unter den Sozialisten gewisse gekennzeichnete Gesichter, die eine so versöhnliche Absicht unmöglich machen: – die fallen stets durch eine so eisgekühlte Perfidie auf, daß der Gegner von der andern Seite daneben zum graden, liebenswerten Kerl wird, der zwar haut, aber nicht direkt meuchelt. Weiß Herr Paul-Boncour nichts von den derzeitigen Unstimmigkeiten zwischen der deutschen Republik und ihren Fürsten? Weiß er nicht, daß die Bruderpartei an einem Plebiszit darüber lebhaft beteiligt ist? Wäre die Zweite Internationale nicht ein Klub von satten Exzellenzen, die ihren Klassenkampf längst hinter sich haben, sie würde mit diesem Mustergenossen ein ernstes Wort reden. Keine Sorge: der Marsch dieser Bataillone wird eine flotte Anwaltspraxis nicht derangieren.   In den amtlichen Parteikorrespondenzen spielt sich zurzeit um das Kabinett Marx ein Geplänkel ab, das sich sehr leicht zu einem entscheidenden Gang entwickeln kann. An und für sich ist das gegenwärtige Kabinett wie geschaffen für die Hundstage: unentschlossen, physiognomielos und von Instinkt reaktionär, könnte es von der Rechten wohl geduldet werden, ohne bei dem Ruhebedürfnis der Linken auf ernsthafte Einwände zu stoßen. Nun fallen aber in diese Sommermonate zwei Ereignisse, die die Deutschnationalen zum äußersten Machtaufgebot reizen: der Volksentscheid und der neue Kampf um die »Einheitsflagge«. In beiden Fällen hat die Rechte Ehre und Ansehen verpfändet. Wie so oft halten sich auch diesmal die Deutschnationalen mehr zurück und überlassen die Aktion der Deutschen Volkspartei. Da gibt es um Herrn v. Kardorff eine Schmoll-Ecke, wo sich die widerstrebendsten Meinungen und Temperamente sammeln, geeint nur durch Abneigung gegen Stresemann. In Allem orientiert sich diese Gruppe an ihm, wenn auch negativ – geht er nach Rechts, schwenkt sie nach Links. Diesmal ging die Fahrt nach Rechts, bis zu Herrn Scholz, diesem komischsten Parteiführer, der ständig gegen die Politik brüllt, die er als Fraktionschef seufzend vertreten muß. In diesen Konventikeln hat man einen Kanzlerkandidaten entdeckt, der mehr Garantie für festes Durchgreifen bietet als Herr Marx: das ist Herr Dr. Heinze, früherer Reichsjustizminister und als Leiter des Marsches nach Sachsen mit den Elementen des legalen Putsches vertraut. Das soll der Kanzler gegen den Volksentscheid sein. Wahrscheinlich sind das alles vorerst noch recht lockere Phantasien intriganter Klüngel – für die Entwicklung ist nur wichtig, daß sich die Deutsche Volkspartei immer fester mit der Rechten verkettet. Daran läßt die ganz intransigente Haltung der Landtagsfraktion, deren Eintreten selbst für die Fememörder des Hugenberg-Claß-Komplotts keinen Zweifel. Die Partei begräbt die »nationale Realpolitik« und kehrt zu der erfolgreichen antirepublikanischen Wahlparole von 1920 zurück. Und Stresemann? Inwieweit bleibt ein Außenminister diskontfähig, dessen Partei dauernd gegen seine Politik revoltiert? Von den bürgerlichen Gruppen stützen nur noch die Demokraten geschlossen die Locarno-Politik. Auf das Zentrum, das sich in solchen Zeiten verschleierter Entwicklung immer sehr stark nach der Deutschen Volkspartei richtet, ist heute weniger Verlaß denn je. Die Demokraten haben grenzenlos töricht gehandelt, Luther zu stürzen. Ohne den ist Stresemann nur ein Torso.   Wann werden die bürgerlichen Republikaner wohl begreifen, daß die Bemühungen um die »Einheitsflagge« nur eine neue Form des Kampfes gegen Schwarz-Rot-Gold sind. Jede Gösch, jedes Schild bedeutet doch die Monarchie in der Ecke oder gleich in der Mitte. Selbstverständlich liegt den Deutschnationalen gar nichts an dem fröhlich-bunten Flammeri-Pudding des wohlmeinenden Herrn Dr. Redslob. Die wollen, was nur konsequent ist, eben ihr Schwarz-Weiß-Rot wiederhaben. Die Republikaner aber feilschen. Der Reichskunstwart will das Kreuz der Deutschritter in die Fahne einfügen. Was soll das? Die Erinnerung an diesen Orden gehört höchstens zum östlichen Provinzial-Patriotismus – für das übrige Deutschland fehlt selbst der geringste Traditionswert. Nur die Herren Professoren werden freudig feststellen, daß der Orden durch Jahrhunderte gegen Polen gekämpft hat. So kann, was dem friedlichen Herrn Dr. Redslob sicherlich völlig fern lag, das Kreuz noch eine verzweifelt aktuelle Bedeutung erlangen, und wir hätten den polnischen Korridor mitten in der Reichsfahne. Grundsätzlich ist zu dieser Mixerei von Heraldik, Politik und »Gefühlswerten« zu sagen: es kommt nicht darauf an, wie die Fahne, sondern wie der Staat aussieht. Die sozialistischen Arbeiter und freiheitlichen Bürger aber halten zu Schwarz-Rot-Gold nicht aus irgendwelchen heraldischen oder historischen Gründen, auch nicht aus großdeutschem Enthusiasmus, wie der gute Hellpach, zum Beispiel, meint: – Schwarz-Rot-Gold ist für sie ganz einfach die Barrikadenfahne von 1848, die Fahne Robert Blums und des jungen August Bebel, die Anti-Hohenzollern-Fahne schlechtweg. Wie wäre hier ein Kompromiß denkbar? Es könnte doch immer nur ein Zugeständnis sein, daß diese Republik nicht republikanisch ist und es niemals werden soll.   Berlin hat in den letzten Wochen zwei lehrreiche politische Kundgebungen gesehen: den lächerlich versackten Aufmarsch der Vaterländischen Verbände und das Pfingst-Meeting der Roten Frontkämpfer. An beiden Tagen überraschte die Berliner Polizei angenehm durch tüchtige Organisation und Takt. Grade wer nicht blind ist für die Schwächen der Schutzpolizei, gesteht gern zu, daß die neuen Männer im Berliner Polizeipräsidium gründlich mit dem System Richter-Moll aufgeräumt haben, das stets zwischen Schlendrian und dummer Provokation schaukelte. Bleibt nur die Frage, ob das riesige Polizeiaufgebot nicht den Demonstrationen ihren Sinn nimmt. Die sollen doch Ausdruck des souveränen Volkes sein, das in seinen Reihen selbst Ordnung hält und Störer abwehrt. Von Polizei eröffnet, beschlossen und flankiert, wirken diese Kolonnen wie Transporte für Konzentrationslager. Die Polizei wird kaum anders handeln dürfen, wenn Zusammenstöße und Straßenschlachten vermieden werden sollen. Aber könnten nicht die Parteien ihre Demonstrierlust etwas stoppen? Es ist nämlich dafür gar keine rechte Aufnahmefähigkeit mehr vorhanden. Auch die stärksten Kundgebungen erreichen heute längst nicht den wunderbaren natürlichen Elan etwa des Rathenau-Tages oder der »Nie-wieder-Krieg!«-Versammlungen im Lustgarten. Damals kamen noch die Massen spontan: sie wollten begeisternde Redner hören und wußten um ihre Mitverantwortung am Gesamteindruck. Heute marschieren im Stechschritt unter stumpfsinniger Nachahmung militärischer Kinkerlitzchen scharf gebimste Formationen auf, die Heerscharen Seldtes, Hörsings und Thälmanns, die Kampftruppen der großen Parteien. Wo wäre eine Spur von befeuerndem Geist? (Unvergleichlich, wie im Lustgarten Ignaz Wrobel mit heller, scharfer Stimme Invektiven pfiff.) Was sind die »Reden« jetzt mehr als durchs Megaphon getutete Plattheiten? Der Mann auf der Straße, an den sich schließlich doch Alles richtet, fühlt nicht mit, bleibt wurstig, begleitet Montague wie Capulet mit gleichen Wünschen. Nein, hier wird nicht mehr eine Idee demonstriert, sondern nur, daß Deutsche ohne Strammstehen und Beinschwenken noch immer nicht leben können. Die Parteien verschanzen ihre geistige Ohnmacht hinter Riesenschaustellungen von militarisierter Vereinsmeierei und organisiertem Willen zur Gewalttätigkeit. Neue Symptome alter Nationalleiden. An dem Tag, wo die Parteisoldaten verschwunden sind, wird Deutschland gesund sein. Die Weltbühne, 1. Juni 1926 643 Zwischen Kuß und Stock Die Lehren des Lützow-Prozesses Der Prozeß gegen den Freiherrn von Lützow hat eine Reihe von Fragen aufgeworfen, die an Grundprobleme moderner Pädagogik rühren. Das ist das einzige Gute dieses höchst unerfreulichen und in seiner prozessualen Ausdehnung ziemlich isoliert dastehenden Falles. Unter anderem hat auch die Diskussion über die Prügelstrafe wieder eingesetzt. Es ist dabei von Elternseite behauptet und von den Vertretern der Lehrer durchweg zugegeben worden, daß in vielen Berliner Gemeindeschulen wieder reichlich und gründlich geprügelt wird, und daß selbst in höheren Schulen und bei höheren Altersstufen die Prügelsitte wieder Eingang gefunden hat. Man braucht sich nicht zu wundern, wenn in einem »Landeserziehungsheim«, wie dem Lützows, in dem allerhand schwer erziehbare Berliner Rangen Aufnahme gefunden hatten, gewisse Methoden vorherrschten, die lebhaft an die prügelreichen englischen Internate erinnern. Die Berliner Lehrerschaft hat kürzlich auf Vorwürfe aus dem Publikum geantwortet, daß sie sich durchaus zutraue, ohne Anwendung körperlicher Züchtigungen auszukommen, wenn besonders schwierige Kinder endlich in Sonderklassen gesammelt würden. Dem stehe aber noch die Notlage des Staates entgegen, der dafür keine Mittel habe. Das heißt, daß Abstellung der Mängel auf eine freundlichere Zukunft verschoben werden muß, und daß einstweilen weitergeprügelt wird. Mit dieser Tatsache werden und wollen sich aber viele Eltern nicht abfinden: sie betonen mit Recht, daß die Versicherung, die Züchtigungen hielten sich natürlich in »maßvollen« Grenzen, allzu kautschuckartig sei, um damit etwas anzufangen. Während die moderne pädagogische Theorie körperliche Züchtigung völlig verwirft, schwingt die tägliche pädagogische Praxis wieder fleißig den Stock und legt – oder bricht – den »schwierigen Fall« einfach übers Knie, wenn sie nicht mehr weiter weiß. Ist dieser Weg einmal beschritten, dann verwischt sich auch leicht der Unterschied zwischen angeblich gebotener Notwendigkeit und Mißbrauch. Daraus entstehen dann die Prozesse und die Experten büffeln darüber, ob der siebente Schlag noch »normal« war oder schon »sadistisch« , also strafwürdig. Das Schlimmste aber, daß die Schule wieder zur Drillanstalt wird, in der nicht die feinere seelenkennerische Methode, sondern, wie einst, der Bakel regiert. Einer der Hauptsachverständigen im Lützow-Prozeß, Herr Dr. Andresen , der Leiter einer großen mitteldeutschen Erziehungsanstalt, führte aus, indem er auf die angeblichen sexuellen Verfehlungen des Angeklagten zu sprechen kam, man müsse diesem zugute halten, daß in der modernen Pädagogik die Bedeutung einer erotischen Einwirkung des Lehrers auf den Schüler nicht gering eingeschätzt werde. Erotik ist natürlich nicht Sexualität gleichzusetzen, aber ... Man hat bei diesen Auseinandersetzungen der Fachleute ein etwas peinliches Gefühl: man ahnt eine Krise der gesamten modernen Pädagogik. Nicht nur der alten Richtung, sondern auch der modernen reformerischen Tendenzen. Auch diese brauchen bestimmte reale Voraussetzungen, um applizierbar zu werden, sind also Zukunftsmusik; für die Notlage der Gegenwart ist die Beschaffung der Instrumente zu teuer. Wir würdigen alle Schwierigkeiten wohl. Wir wissen, daß die Jugend heute früher sich selbst überlassen bleibt, daß durch die rapide Auflösung der Familie, durch die ewige Wohnungsmisere der Schule heute soziale Aufgaben zufallen, von [denen] sie früher sich nichts träumen ließ. Wir ahnen durchaus die Zwickmühle der Pädagogik: – aber gibt es denn wirklich nichts zwischen den Extremen Kuß und Stock?! Die Eltern wünschen sich die Schule weder als Drillanstalt noch als Übungsstätte für Päderasten, die ihre privaten Neigungen mit Redensarten von »übergroßer Menschenliebe« usw. idealistisch umkleistern. Fressen sich die heutigen Prügelsitten aber tiefer ein, dann kann man tausend zu eins wetten, daß Kuß und Stock, die Extreme sich schließlich finden und daß eine krankhafte Atmosphäre entsteht, in der auch der »Normale« straucheln kann. Es gibt eine Möglichkeit, die häßlichen Extreme zu überwinden: die Versachlichung der Beziehungen zwischen Lehrer und Schüler. Man packe der Schule nicht das auf, was sie nach einer landläufigen Phrase sich gern zuschreibt, aber niemals leisten kann: den fertigen Menschen zu formen. Das Amt der Schule ist nicht Formung, sondern Vermittlung. Vermittlung von Kenntnissen und eines bestimmten zivilisatorischen Durchschnitts. Alles weitere muß das Leben, muß das persönliche Erleben des Reifenden besorgen. Die alte Schule wollte den Menschen durch Eintrichterung von Wissen »bilden«, die neue Schule tut noch Ethik dazu, so wie man Ricinusöl mit süßem Kaffee schlucken läßt. Alte und neue Schule stehen sich als harte Gegensätze gegenüber, in einem aber begegnen sie sich: wenn sie nicht mehr weiter kommen, fangen sie an zu hauen . Wir möchten die Schulmeister vor gutgemeinter Überschätzung warnen. Die Schule, auch die beste, ist für den jungen Menschen eine Qual. Vielleicht hat sie ihr Höchstes schon erreicht, wenn kein Fünfzigjähriger mehr in seinen Alpträumen vor den Torturen der Schulbank bebt. Ein heißes Glas Milch für ein armes zitterndes Würmchen an einem kalten Wintertag aber ist wertvoller als was sie an Wissen, an Moral verabfolgt. Montag Morgen, 7. Juni 1926 644 Kleine Katastrophen Wo stecken denn eigentlich die Befürworter des Volksentscheids? Noch zwei Wochen trennen uns vom Stichtag, und wir spüren nichts von einer Agitation. Jetzt müßten doch jeden Abend Versammlungen stattfinden, die Straßen von Flugblättern überschwemmt sein, Plakate aufklärender, herausfordernder, satirischer Art an den Anschlagsäulen kleben! Wir haben Heute mehr witzige Zeichner und Versemacher denn je, die nach Betätigung hungern. Warum läßt man sie feiern? So ein Feldzug gegen die Potentaten und ihre Everlinge könnte doch frei sein von der Popeligkeit gewohnter Parteiagitation: – das müßte ein Volksfest sein voll Laune, Knallbonbons und Feuerwerk. Statt dessen entweder feierliches Schweigen oder abwimmelnde Verlautbarungen. Das Reichsbanner erläßt eine Erklärung, die mehr vermiest als spornt. Die demokratischen Prominenten warnen mit erhobenem Pädagogenfinger. Die sozialdemokratische Presse haspelt täglich ein unlustiges Pflichtpensum ab. (Die Welse sind ja schon lange wieder kompromißfertig.) Und die Kommunisten spekulieren auf Fehlschlag des Volksentscheids, weil sie von der Enttäuschung in der Nachbarpartei Ernte erhoffen. Das nennt man republikanische Front. Dabei sind in allen Linksparteien mutig rebellierende Minoritäten, unbekümmert um das Stirnrunzeln der Bonzen, am Werke. Ihnen, nicht den Parteizentralen, kommt das Verdienst zu, daß man vom Plebiszit überhaupt noch spricht.   Die Auseinandersetzung des Ministerial-Direktors Abegg mit den Deutschnationalen im Preußischen Landtag ist nicht ganz so glanzvoll verlaufen, wie es nach den Berichten der Linksblätter scheinen mochte. Herr Abegg befand sich in der unglücklichen Lage, eine Rede nicht pointieren zu dürfen. Er mußte nicht nur das schwebende Verfahren berücksichtigen, sondern durfte auch aus leicht begreiflichen Erwägungen nicht die Personen aus dem Lager der Rechten nennen, die die Polizei erst auf die Spur gebracht haben. So mußte er sich nur auf Andeutungen beschränken und den stürmischen Rufen: »Namen nennen!« Schweigen entgegensetzen. Das brachte ihn von vornherein ins Hintertreffen gegenüber der lungenstarken Opposition. Warum schickte man Herrn Abegg allein vor? Es ist nicht Brauch, einer randalierenden Obstruktion einen Ministerial-Direktor entgegenzustellen. Dessen Aufgabe ist lediglich der Tatsachenbericht; die politische Umrahmung fällt dem Ressortminister zu. (Da Severing beurlaubt ist, hätte Ministerpräsident Braun nochmals persönlich eingreifen müssen.) Schade, daß eine schlechte Regie diese Sitzung verpuffen ließ. Was Abegg mitzuteilen hatte, war bedeutsam genug, brauchte aber Unterstreichung durch den Chef des Kabinetts. So blieb der Eindruck einer persönlichen Beamtenleistung, nicht einer Staatsaktion. Die Rechtspresse hat es denn auch herzlich leicht, die Sache als Belanglosigkeit zu behandeln. Eine Ministerrede hätte man zwar auch mit Insulten spicken, aber nicht einfach unterschlagen können.   In der Presse gehen die Vermutungen weiter, welche »angesehene Persönlichkeit aus dem Rechtslager« wohl die Polizei über die Putschpläne informiert habe. Der zuerst genannte Herr Geheimrat Duisberg lehnt mit Entsetzen ab. Niemand will die Gans gewesen sein, die das Capitol wach geschnattert hat. Auch Herr Stresemann bestreitet ganz energisch. Das sind merkwürdige Republikaner: sie verwahren sich dagegen, die Republik gerettet zu haben. Aber Stresemann geht noch weiter: er tritt schützend vor die entlarvten Verschwörer und ihre schwerindustriellen Gönner, denen eine polizeiliche Haussuchung einen Morgenschlummer gestört hat. Er erklärt: die inzwischen bekannt gewordenen Veröffentlichungen konnten ihn bisher nicht davon überzeugen, daß die Voraussetzungen für ein derartiges Vorgehen der preußischen Regierung tatsächlich gegeben waren. Der Herr Minister der Republik rüffelt also nicht nur die Polizei, die nur ihre Pflicht tat, sondern greift auch wertend in ein Verfahren ein, das augenblicklich in den Händen des Oberreichsanwalts liegt. Das ist nicht nur eine vorbildliche staatsbürgerliche Leistung, sondern auch ein beträchtliches Charakterstück. Eingeweihte wissen, daß Herr Stresemann, der hier stramm und gottvertrauend Hans Ohnefurcht spielt, Putschängste sonst durchaus nicht als Bagatellen behandelt und zu feuchten Fingern neigt, wenn er dergleichen hört. In den Ämtern kreisen noch heute entzückende Anekdoten, wie nervös es im Reichskanzler-Palais im Herbst 1923 zugegangen ist und wie jede bescheidene Detonation leiblichen Ursprungs gleich für eine Bomben-Explosion gehalten wurde. Aber während Stresemann die Verschwörer deckt, reist der demokratische Führer Koch für die Große Koalition herum, bemüht sich der Genosse Hilferding in gleicher Richtung. Und immer wieder: warum der ganze Flaggen-Krakehl, warum die erschröckliche Aufregung um den Putsch, wenn der Sturm vor Stresemanns Arbeitszimmer in sanftes Säuseln umschlägt? In unserm parlamentarischen Rotwelsch nennt man das: verantwortungsbewußte Opposition.   Herr Artur Mahraun, der Hochmeister des Jungdeutschen Ordens, ist zur republikanischen Seite übergegangen. Endlich einmal eine moralische Eroberung! Endlich ein Bußfertiger, der es wagt, sich durchs republikanische Nadelöhr zu zwängen! Als Morgengabe hat er eine Denkschrift über die finstern Pläne seiner frühern Freunde mitgebracht und Herrn Geßler überreicht. Daran erkennt man das Greenhorn. Der gutartige Ordensritter weiß in der Republik noch nicht recht Bescheid. Er geht von der völligen irrigen Annahme aus, Herr Geßler, als der zunächst Betroffene, wisse für solche Warnungen Dank. Aber Herr Geßler ist ein Fanatiker der Ruhe: er zählt, wie Anatole France von Cicero sagt, zu den maßlos Gemäßigten. Er sieht seinen Feind in Jedem, der ihm sagt, in seinem Kanton stimme etwas nicht. Herr Mahraun hätte besser getan, seine Enthüllungen in den Landwehr-Kanal zu werfen, anstatt sie in der Bendler-Straße zu deponieren. Was für ein Gesicht der Herr Minister wohl gemacht hat? Kinder und irrende Ritter haben die Engel. Mahraun kann von Glück sagen, daß ihm der Mann seines Vertrauens nicht gleich ein Landesverratsverfahren angehängt hat.   Herr Hermes, der unvergeßliche Assignaten-Minister von 1923, ist in eine Kommission zur Untersuchung der Wirtschaftsnot gewählt worden. Es ist scheinbar in Deutschland unmöglich, unmöglich zu werden. Die Franzosen lassen ein Genie wie Caillaux nach kurzer Zeit enttäuscht fallen; wir putzen die ärgste Vogelscheuche der Finanzgeschichte wieder als Mentor auf. Es gibt wohl eine besondere deutsche Gourmandise der Niederlage.   Prälat Seipel hat in Paris über das »wahre Gesicht Österreichs« gesprochen. Solche Reden im Auslande wiegen nicht viel, beschränken sich fast immer nur auf einen Rosenkranz von Artigkeiten. Seipel redete jedoch nicht nur rein dekorativ: er fand einige durchaus persönliche Töne und verwahrte sich sogar dagegen, etwa für einen Pazifisten gehalten zu werden. Auch gegen den Anschluß sprach er. Das sollte in Deutschland zu denken geben. Nicht, als ob er damit etwas völlig Neues gesagt hätte; seine Stellung ist ja von früher her bekannt. Es scheint, daß die deutschen Anschlußfreunde die Hemmnisse oft an falscher Stelle suchen: sie sehen nicht, daß die Torsperre in Wien selbst schärfer ausgeübt wird als von den Pariser Wächtern der Friedensverträge. Das hat Ignaz Seipel wieder deutlich gemacht. Wir dachten bisher, wenn wir von Groß-Deutschland redeten, allzu ausschließlich an den idealistischen Demokraten Ludo Hartmann oder an ein paar Sozialistenführer aus Victor Adlers Zucht, die Radikalität mit seltenem taktischen Talent vereinen. Ein ganz anderes Österreich tritt uns in Seipel entgegen. Der ist im Grunde nicht mehr als ein pfiffiger und bigotter Provinzverstand, wenn auch nicht umsonst durch die Schule eines diplomatisch geschliffenen Priestertums gegangen: von den bayrischen Politikern, die wir ja zur Genüge kennen, gleichsam die Vorzugsausgabe auf Bütten. Er ist noch immer der geheime Leiter der regierenden Christlich-Sozialen Partei, die ein Sammelsurium darstellt aus schwarzem Klerikalismus, raunzendem Lokal-Patriotentum und etlichem hakenkreuzlerischen und schwarz-gelben Beiwerk. Alle Nuancen dieser Vielfalt beherrscht Seipels geschmeidiges Organ. Nur manchmal fühlt man es deutlich heraus, daß die Stimme biegsamer ist als das Hirn. Das fühlt sich zu Hause bei Horthy, bei Mussolini, überall dort, wo demokratische Instinkte mit dem Knüppel behandelt werden. Solange die Christlich-Sozialen in Österreich dominieren, bleibt Groß-Deutschland nur eine zerbrechliche Idee.   Von den englischen Liberalen hört man nur noch, wenn es bei ihnen Krach gibt. Die einst so stolze Partei besteht nur noch aus einer Reihe von Führern sehr verschiedenen Wertes und einer Ideologie. Wie so oft wird wohl auch hier der Gedanke die Männer überleben. Man geht heute nicht mehr zu den Liberalen. Der Citymann schwenkt zu den Konservativen, die immer deutlicher zur Kaufmanns- und Industrie-Vertretung werden. Auch die jungen sozialreformerischen Elemente wenden sich, ganz nach individueller Färbung, entweder zu Baldwin oder zu Snowden. Dem Engländer fehlt nun einmal die kontinentale Vorliebe für Modergeruch. Eigentlich war die Partei schon erledigt an dem Tage, wo ein pazifistischer Flügel unter Morel und Ponsonby gegen die Kriegspolitik protestierend zu MacDonald ging. Damals haben die Liberalen verloren, was sie immer frisch erhalten hat: die Brücke zu jüngern und weitgespanntem Ideen. Damit stockte auch die Rekrutierung. Damals war der Anlaß der linken Sezession Lloyd George; heute ist der selbe Mann Objekt einer peinlichen Inquisition, ausgeübt von Asquith und Grey, den Hütern der Tradition. Man kann gegen David Lloyd George sehr viel einwenden, aber er unterscheidet sich von den würdigen Parteipriestern durch Genialität des Instinktes: er ist als Politiker ganz Nase. Deshalb wittert er aus dem Generalstreik Möglichkeiten, die den verstopften Riechorganen der alten Manchester-Männer entgehen müssen. Und deshalb nimmt er Partei für die Arbeiter und gegen die Ordnungs-Wüteriche. Niemals hat er so richtig zu den Liberalen gepaßt: Temperament, Phantasie, demagogische Beredtsamkeit, Gefühl für soziale Zusammenhänge, das Alles sprengte die Grenzen der Erbschaft Gladstones. Er pfiff immer auf Manchester und seine Doktrine, wollte ein Mann der Massen sein, Steuern mildern und gesunde Wohnungen bauen. Vieles ist er schuldig geblieben, vieles seiner Art hat er im Kriege als Prophet der wildesten Jingoes verloren. Ein Schicksal voll tragischer Ironie. Jahrelang durfte er diktatorisch schalten, dann wurde er gestürzt, von den eignen Anhängern erbittert zur Rechenschaft gezogen, oft bei Seite geschoben wie ein zahnloser Querulant, der nur noch keifen und nicht mehr beißen kann. Er weiß, daß Die um ihn vergreist sind, sein Instinkt der bessere ist und macht einen desperaten Versuch, das Steuer zu ergreifen und nach der andern Seite zu drehen. Und da rüffeln sie ihn, der Botschafter von Großmächten wie Lakaien behandelt hat, wie einen Schulbuben. Ein grausamer Abgang, und doch nicht ohne Glanz. Der Vielgewanderte kehrt zu den Anfängen seiner Jugend zurück, sendet der sozialen Rebellion seinen Gruß. Vielleicht wird er jetzt ganz ins Wesenlose versinken: ein Don Quichotte des politischen Streitplatzes, ohne Partei, ohne Kameraden, grade gut genug für den Spott grüner Pamphletisten und Journale dritten Ranges. Doch wie er sich jetzt noch ein Mal aus der Ohnmacht reckte, das war wirklich eines alten Löwen letzter Sprung. Man wird ihn wohl bändigen, das Flackerlicht zum Erlöschen bringen. Doch dann wird es auch in der zweihundertjährigen Partei der Whigs ewige Nacht sein. Die Weltbühne, 8. Juni 1926 645 Der Hund Gerade an der Straßenecke, wo die Autos eine dreiste Kurve beschreiben und die Menschen wie gehetzte Seelen zwischen schnaubenden Dämonen irren, wurde der Hund überfahren. Ein furchtbarer, weithallender Schrei. Und dann fährt unterm Auto etwas Schwarzes mit Höllenschwung hervor, mitten aufs Pflaster, und windet sich in gräßlichen Spiralen. Wo das linke Auge war, stiert eine rote, scheußliche Höhle. Und jetzt sammeln sich viele Menschen, begutachtend, krittelnd, die Schuldfrage erörternd. Der Hund hat die Majorität gegen sich. Der Chauffeur kommt hinzu, ballt die Faust, schimpft, verteidigt sich gegen einen unsichtbaren Ankläger. Dazwischen immer wieder das erschütternde Geheul, der verrückte danse macabre des gebrochenen Rückens. Ein Schupo faßt Posto neben dem Hund und betrachtet ihn mit dem vollen Ernst des Gesetzes. Ein junges Mädchen fragt, warum er den Hund eigentlich nicht abschieße. »Das ist gegen die Vorschrift«, kommt es ehern zurück. (Das stimmt. Denn die Achtung vor dem Leben ist die Grundlage des modernen Staates.) Da sieht der Chauffeur wieder in der Intervention des Mädels eine Bezichtigung. Er schimpft wie toll, und der Schupo muß jetzt die Dame in Schutz nehmen. Da beweist der Hund, daß er der Einsichtigste ist in dieser schreienden und gestikulierenden Gruppe. Er wird plötzlich ruhig und schleppt sich auf schon starren Hinterbeinen ganz dicht an die Hauswand heran und legt die Schnauze still zwischen die Vorderpfoten. Montag Morgen, 14. Juni 1926 646 Junius Herr v. Loebell hat der Sozialdemokratie ein paar Unzen Pfeffer unters Sitzfleisch gestreut und damit die holde Schläferin endlich in Bewegung gebracht. Dank ihm. Nur hat sich der rührige Greis diesmal verkalkuliert, indem er, beeinflußt durch selige Erinnerungen, die Segenskraft des Namens Hindenburg allzu sehr überschätzte. Ein Jahr Präsidentschaft hält in Deutschland auch der solideste Nimbus nicht durch. So lohnte den Loebell statt propagandistischen Effektes ein ungeheurer Skandal, der selbst das von Herrn v. Guérard geführte Zentrum jäh aufgerüttelt hat. Wir möchten hier dem volkstümlichen Irrtum entgegentreten, Loebells kleines Unternehmen als Intrige zu bezeichnen. Dieses Fremdwort weckt unwillkürlich Vorstellungen von Escorial und Trianon, Hochschulen verfeinerter Ränkekunst. Was jedoch der Häuptling des Bürgerrates gedreht hat, war hausgebackener deutscher Schwindel, frei von Laune und Talent welscher Tücke, entwaffnend in seiner blauäugigen Ahnungslosigkeit. Wir verfügen nicht über den psychologischen Scharfblick gewisser republikanischer Blätter, die profunde Untersuchungen anstellen über Herrn v. Hindenburgs Seelenleben, über die Überwindung, die es ihn gekostet haben soll, den alten Prätorianer-Chef aus dem Wahlkampf ritterlich zu decken. Die Frage scheint uns auch keine der Seelenkunde, sondern eine des Prinzips aller und jeder demokratischen Konstitution zu sein, abgewandelt allerdings auf den Sonderfall Hindenburg. Dieser Präsident ist weder ein Autokrat, wie es Herr Millerand war, noch ein glatter, vielerfahrener Lächler wie Herr Doumergue, noch ein physiognomieloser Amtsträger wie Herr Hainisch in Österreich. Er ist überhaupt nicht als Politiker gewählt worden, kaum als Persönlichkeit, sondern einfach als Denkmal einer angeblich ruhmvollen Zeit. Niemals, seit Saul auszog, um die Eselin zu suchen und ein Königreich zu finden, ging jemand so unvorbereitet – aber auch so unprätentiös – in ein Regentenamt. Nur wollten es seine Manager, daß dieser Mann emporgetragen wurde durch einen Wahlkampf, der seinesgleichen nicht hatte an Demagogie und Mißachtung aller Anstandsformen. So wurde der politikfremde Hindenburg Präsident als Garant der Rechten und kann nur Präsident bleiben, so lange die Strömung noch flutet, die ihn hochwarf, mag er schon auf fünf Jahre gewählt sein. Von vornherein war seine Amtszeit dadurch kürzer befristet; auch ohne den Loebell-Skandal neigt sie sich ihrem Ende zu: denn die Massen sind heute radikalisiert, und die aus der nächsten Wahl hervorgehende Regierung wird dem Rechnung tragen müssen. Die dann ans Ruder kommen, werden zwar noch immer keine großen Jakobiner sein, aber sie werden doch dem Präsidenten tagtäglich zumuten müssen, was er nun einmal nicht schlucken kann. Daß er sich bisher der Verfassung beugte, entspricht seiner an Eingliederung gewohnten militärischen Art, daß er über die Stränge schlägt, wo ihm etwas so gründlich gegen sein Traditionsgefühl geht wie die Fürstenenteignung, das zeugt für seinen Charakter. (Das zeugt leider auch gegen den republikanischen Heiligenschein seines Amtsvorgängers, der bei der Zustimmung zum Ruhrkrieg und zum Marsch nach Sachsen den politischen Charakter aufgab zu Gunsten dessen, was er für Zweckmäßigkeit hielt.) Es ist deshalb auch herzlich müßig, zu klagen, der Streich des Loebell müsse zur Präsidentenkrise führen. Seit Wochen ist kein Geheimnis mehr, daß Herr v. Hindenburg bei einem Siege des Volksentscheids zurücktreten würde. Das verschweigt die republikanische Presse sorgfältig, anstatt zu applaudieren: »Bravo, Herr v. Hindenburg! Sie handeln wie ein Mann von Charakter!« Die Krise, die durch den Volksentscheid nur beschleunigt wird, war von Anfang an da, denn der konservative Monarchist als Präsident der demokratischen Republik ist nun einmal eine blanke Unmöglichkeit. Bis jedoch der Irrtum einer durch Mobilisierung aller Dummen erwirkten Wahl korrigiert werden kann, ist es die Pflicht der Regierung, den Mann, der nicht Politiker sein kann und will, so zu beraten und zu lenken, daß er weder eigenmächtige Handlungen begeht, noch sich kompromittiert, noch in einen Kampf gezerrt wird, dessen Sinn er gar nicht begreift. Der peinlich konstitutionelle Hindenburg von 1925, dem das voreilige Reichsbanner gleich Fackelzüge veranstaltete, das war der unbestreitbare Triumph des Kanzlers Luther. Der unberatene, mit nervösen, ungeübten Händen persönliche Politik machende Hindenburg, das ist die unerhörte Blamage des Republikaners Marx. Nicht dieser Präsident, der Kanzler ist zur Rechenschaft zu ziehen. Die Regierung Marx und Külz hat sich in ihrer Mischung von Hilflosigkeit und Hinterhältigkeit als Michaelis-Regierung von reinstem Wasser gekennzeichnet. Sie erweckt ungehemmte Sehnsucht nach den Zeiten Luthers und Schieies. Niemals können offene Reaktionäre der Republik so schaden, wie Republikaner, die vor der Republik Angst haben.   England hat eine gereizte Beschwerde nach Moskau gerichtet wegen der russischen Subsidien für streikende Bergarbeiter. Schon in früheren Jahren waren solche Unterstützungen für Streikende in andern Ländern oft Gegenstand erregter Auseinandersetzungen. Die Sozialdemokraten haben immer darauf verwiesen, daß sie international organisiert und die jenseits der Grenze ihre Genossen seien; deshalb sei es auch nicht berechtigt, von »ausländischen Geldern« zu reden. Diesmal allerdings steckt der russische Staat dahinter; das macht die Angelegenheit für England heikel und reizt die Empfindlichkeit. Die Moskauer verstehen es ja meisterlich, in den nicht grade befreundeten Ländern kleine soziale Gefahrzonen zu unterhalten, die für die Kapitalisten weit unangenehmer sind als die etwas zu allgemeine Drohung mit der Weltrevolution. Übrigens ist die hochmoralische Entrüstung über die russischen Umtriebe etwas komisch. Weiß man denn in London nicht mehr, daß die Miljukow-Revolution von 1917 unter dem besonderen Protektorat des englischen Botschafters Buchanan stattgefunden hat? Damals war der Zar zum Separatfrieden geneigt, und England setzte ihm dafür den roten Hahn aufs Dach. Die Russen revanchieren sich nur.   Die neue deutsch-russische Freundschaft hat bei der ersten Probe versagt. Während im Reichstag Alles von Reventlow bis Höllein den Russenvertrag feiert, kündigt Herr Rykoff die Lieferungsverträge, weil er genug hat von der Raffigkeit der deutschen Banken. Die Russen sind bitter enttäuscht. Sie haben bisher, außer mit ihren Parteigenossen, immer nur mit dem amtlichen Deutschland zu tun gehabt: mit Stresemanns Diplomaten und Seeckts Offizieren. Hier sind sie einmal an das andere Deutschland geraten, hier haben sie die harte deutsche Wirklichkeit kennen gelernt, die Freundschaft sofort in Prozente umrechnet. Das strittige halbe Prozent wird den Russen den Weg nach Paris sehr erleichtern ...   Die französische Politik zittert in nervöser Unruhe. Diese Nervosität ist berechtigt. Es handelt sich diesmal nicht um irgend eine »Affäre«, sondern ums Geld. Die Position der Regierung ist sehr ungünstig: während sie über Sanierungsplänen schwitzt, fällt der Franc weiter, und Finanzminister Péret schlägt sich ehrlich und vergeblich mit den Banken herum. Die Hochfinanz wirkt auf orthodox-kapitalistische, massenfeindliche Lösungen hin; die Linke deklamiert und protestiert, doch ihre Pläne bleiben nebelhaft. Unglücksraben krächzen das Bänkellied vom Ende der Demokratie, und wie ein Vorschuß auf die Diktatur spuken Herrn Taittingers Blauhemden über die Boulevards. Briand jongliert zwischen Kartell und Nationalem Block, halb verlegen, halb berechnend. Einer steht wartend hinter der Tür: Raymond Poincaré. Das ist ein Name von gehässigem Klang, aber die Freunde des Mannes – und nicht nur die Freunde! – wissen Wunder zu erzählen von seiner Arbeitskraft und seinem unbeirrbaren Zielwillen. Selbstverständlich dürfte eine Wiederkunft Poincarés in Deutschland furchtbaren Radau hervorrufen, und auch die sonst vernünftigsten demokratischen Blätter würden wohl der seit dem Sieg des Kartells sichtbarlich fortschreitenden Verständigungspolitik Totenmessen zelebrieren. Besteht wirklich Grund zur Annahme, Poincaré könnte Das, was in zwei Jahren geschaffen wurde, einfach für nichtig erklären und wieder Außenpolitik in Geist und Sprache von 1923 machen? Die deutsche Presse hat immer den Fehler begangen, ihn entweder zur blutigen Kriegsfurie oder zum komischen Tartarin zu verzerren. Der wirkliche Poincaré ist weder ein gallsüchtiger Ränkeschmied, noch ein nationalistisch erhitzter, philiströser Gernegroß. Auch seine Gegner von der französischen Linken behandeln ihn mit Respekt. Für die war die Gipfelung des Maisieges von 1924 nicht sein Sturz, sondern die Verjagung Millerands aus dem Elysée. Wer ein wenig mit dem verwickelten französischen Parteileben vertraut ist, weiß, daß Poincaré sich nicht auf die Reaktion, sondern auf die Mittelgruppen stützt. (Sein gehässigster Gegner ist André Tardieu, der rechts von ihm steht.) Grade die Presse der Herren Marx und Külz sollte für einen ausgesprochenen Mann der Mitte doch einiges Verständnis aufbringen. Poincaré nimmt unter den Prominenten der französischen Politik eine besondere Stellung ein, die er nicht einer fortreißenden Beredsamkeit oder, wie Briand, einer Diplomatie voll verschlagener Konzilianz verdankt. Seine Stärke liegt vielmehr in einer gewissen strukturalen Festigkeit, eine geschätzte Seltenheit neben rhetorischen Temperamenten und zappeligen Nervenmenschen. Als Valutaretter könnte er nützlich wirken; man darf ihm auch die Unerschrockenheit zutrauen, seinen dicken Kopf den Herrschaftsgelüsten der Banken entgegenzusetzen. Wahrscheinlich würde er zunächst danach trachten, die finanzielle Aufgabe von den Schlinggewächsen des Parteigeistes zu befreien und auf einen rein wirtschaftlichen Generalnenner zu bringen, was keinem seiner Vorgänger bisher gelungen ist. Bleibt nur die besorgte Frage nach seiner Außenpolitik. Wird er die Ergebnisse von Locarno lieblos auf ein totes Gleis schieben oder gar zerschlagen? Wir glauben, daß mindestens die Hälfte des Problems nicht mehr bei ihm, sondern in der Wilhelmstraße liegt.   Die Gerüchte wollen nicht verstummen, die Regierung beabsichtige als Nachfolger des verstorbenen Dr. Pfeiffer den früheren bayrischen Ministerpräsidenten Grafen Lerchenfeld zum Gesandten in Wien zu ernennen. Herr Graf Lerchenfeld ist grade für dieses Amt denkbar ungeeignet. Die österreichischen Sozialisten und Demokraten sehen in ihm den Verbindungsmann zwischen der bayrischen Reaktion und den Wiener Christlich-Sozialen, zwischen Münchener Legitimisten und Partikularisten und Wiener Anschlußgegnern. In Berlin zaudert man. Da aber die Forderung von der Bayrischen Volkspartei ausgeht, also das Kabinett Held dahintersteht, also bayrische Belange auf dem Spiele stehen, so wird Berlin, daran ist kein Zweifel, kapitulieren. Abgesehen von den aktuellen politischen Bedenken, sind auch die Erinnerungen an Lerchenfelds Ministerpräsidentschaft nicht grade glänzend. Aber wenn ein deutscher Politiker gründlich abgewirtschaftet hat, schickt man ihn eben zur Repräsentation ins Ausland. Das erweckt dann einen Eindruck von deutscher Politik, der im Allgemeinen ... durchaus nicht ganz unrichtig ist.   Am 15. Juni 1888 wurde Wilhelm II. deutscher Kaiser. Am 20. Juni 1926 wird das deutsche Volk wenigstens einen geringen Teil der 1918 versäumten Abrechnung nachzuholen haben. Da erscheint grade jetzt eine einst berühmte, dann fast legendär gewordene Schrift von 1894 in neuer Auflage: Ludwig Quiddes »Caligula«. Da hat Einer den faulen Zauber der wilhelminischen Glorie schon nach dem ersten Jahrfünft durchschaut. Es liest sich amüsant und auch ein wenig erschütternd, daß ein Mann, der im kaiserlichen Deutschland die Wahrheit künden wollte, ins Schalkskleid steigen mußte, ebenso wie die weisen Narren, die Shakespeare Despoten Unannehmlichkeiten sagen. Wie scharmant aber ist Quiddes Vermummung! Wie lustig, daß es eigentlich gar keine Vermummung ist, sondern der Autor nur von seinem Historikerberuf Gebrauch macht und mit allem professionellen Drum und Dran, wie Fußnoten und Quellennachweisen, über einen vermoderten Cäsaren eine hochgelahrte Abhandlung schreibt, die ein Stück Gegenwart unfreundlich spiegelt. Schlimm für Wilhelm, daß in Caligulas Porträt Alle mühelos sein erhabenes Herrscherantlitz erkannten. Schlimm aber auch für das deutsche Volk, das für einen Scherz nahm, was bittere Wahrheit war, Warnung und Prophetie. Ludwig Quidde hat in einem tapfern, arbeitsvollen Leben bestätigt, daß es ihm um mehr zu tun war als um eine kecke Herausforderung. Lange zweifelte er, ob das Werkchen Ausgrabung verdiene. Heute, wo es wieder da liegt, weiß man, daß seine Aktualität nicht allein von Wilhelms Verrücktheiten lebt. Es gehört in die erste Reihe politischer Streitliteratur: in die Nachbarschaft jener klassischen englischen Junius-Briefe, die ein tyrannisches und korruptes System in unvergänglichen Linien festgehalten haben. Nicht das war Quiddes echte politische Psychologenleistung, daß er allerhand mögliche Gefahren angesagt, sondern daß er einen seelischen Zustand entlarvt hat: »Der spezifische Cäsarenwahnsinn ist das Produkt von Zuständen, die nur gedeihen können bei der moralischen Degeneration monarchisch gesinnter Völker oder doch der höher stehenden Klassen, aus denen sich die nähere Umgebung der Herrscher zusammensetzt.« Mit dieser moralischen Degeneration haben wir noch heute zu tun. Ihr, nicht den Tresors der Fürsten, gilt die Junischlacht von 1926. Caligula ist entwichen. Seine Prätorianer, Favoriten und Affen sind geblieben. Die Weltbühne, 15. Juni 1926 647 ... à la Bratianu Abends um zehn Uhr liefen die ersten Stimmenzahlen aus dem Reich ein. Wer viele Wahlnächte in Redaktionen miterlebt hat, bekommt eine gewisse Witterung für diese ersten Resultate. Diese Zahlen rochen nicht nach Sieg. Um 12 Uhr beginnt der ungewisse Eindruck sich zu runden. Um 1 Uhr ist kein Zweifel mehr an der Schlappe.   Die Schlappe. Wir werden sie morgen spüren. In Millionen Exemplaren bedruckten Papiers wird ein Jubelgeheul durchs Land gehen und dreist einen Sieg des Monarchismus verkünden. Dabei war das Ja beim Volksentscheid für Unzählige nicht mehr als ein sozialer Notwehrakt oder Wunsch nach gleichem Recht für Alle. Umsonst ist die Mühe von Monaten. Umsonst die Arbeit der prächtigen jungen Menschen, die, ob zu Rotfront, Reichsbanner, Windthorst-Bund oder Sozialisten-Jugend gehörig, die Beschwerden der Kampagne allein getragen haben, während die Parteien entweder dösten oder sich in lauer Neutralität zu salvieren versuchten. Diese jungen Leute, tags im Beruf, abends werbend und helfend in Versammlungen und auf der Straße, nachts Zettel klebend, dazu überall von Gegnern bedroht, von der Polizei kuranzt, sind die wirklichen Helden dieser Wochen. Umsonst. Gewiß, es ist keine Schande einer Übermacht zu unterliegen, aber, trösten wir uns nicht mit Redensarten über Bitterkeiten hinweg, es ist auch kein Vergnügen. Ja, es war eine Übermacht, trotzdem hinter uns die Parteien der arbeitenden Massen standen. Auf der einen Seite war das Recht, auf der andern – – die Peitsche.   Ein Leipziger Maueranschlag: »Große Kommunistenmusterung wird uns der 20. Juni bringen. Wer unsere Staats- und Wirtschaftsordnung erhalten will, bleibt zuhause. Wer der Abschaffung des Privateigentums vorarbeiten und damit das deutsche Volk in schwere Wirren stürzen will, macht beim Volksentscheid mit. Diese klare Scheidung hebt das Wahlgeheimnis auf. Ein jeder, der am 20. Juni zur Wahl geht und dabei in der Wählerliste angezeichnet wird, gibt sich als Freund und Helfershelfer der sozialistisch-kommunistischen Internationale zu erkennen. Wen es angeht, der wird es sich merken. Auch wir werden Musterung halten.« Das ist schon in Leipzig möglich, einer alten Zitadelle des Sozialismus. Überall sind Kratz- und Klebekolonnen tätig, die Werbeplakate nachts zu beseitigen. In Berlin lacht man über die kümmerliche Agitation der Fürstenfreunde, über ihre albernen Affichen mit Fridericus und zwei anderen Altpensionären der Weltgeschichte, die den Beschauer wehleidig fragen: ›Ist das der Dank für unser Werk?‹ Die Rechte versteht sich sonst auf Propaganda. Diesmal verzichtet sie darauf. Sie hat kein Interesse, die Leute auf die Straße zu locken, sondern zu Hause zu halten. Sie proklamiert den Boykott. ›Kommunisten-Musterung!‹ Das ist die Zauberformel. Wer zur Abstimmung geht, ist Genosse des Bolschewismus. Ein sonst sehr liberal tuender, sehr leisetreterischer volksparteilicher Deputierter fordert auf, sich die Leute genau anzusehen, die heute stimmen gehen. Und so ist es geschehen. Das Gesetz selbst erweist sich als nicht wasserdicht: es entlarvt, anstatt das Wahlgeheimnis zu schützen. Wer den Weg zur Urne trotzdem nicht scheut, ist wie mit der roten Lilie gezeichnet. Alle Angeber-Instinkte, grade im Kleinbürgertum tief wurzelnd, sind rege geworden. Kontrolle vor den Wahllokalen: Spitzel, von den Rechtsparteien ausgesandt. Schlimmer noch: Nachbar wird Nachbars Spion. In einem friedlichen Berliner Villen-Vorort, sonst in Gemütlichkeit gepökelt und fern aller Politik, steht der Amtsrichter vor dem Portal und paßt auf, ob seine Beamten etwa kommen. Wenn das an der Peripherie der roten Hauptstadt möglich war, was mag dann in Mecklenburg, in Bayern gefällig gewesen sein? Wahlgeheimnis, Staatsbürgerrecht auf freie politische Betätigung? Niemals wurden in Deutschland brutaler Bürgerrechte gemetzelt als bei diesem Plebiszit. Flugzettel und private Briefe flattern in die Häuser, mündliche Bestellungen werden ausgerichtet, immer und überall wird dem zittrigen, stets um das Urteil der Andern bibbernden Kleinbürger eingehämmert: ›Wenn Du mit den Kommunisten gehst, bist Du des Kaisers Freund nicht mehr!‹ Jeder in abhängiger Stellung ist gefährdet. Dazu kommt eine Flut der Verleumdung und Fälschung. Dazu kommt die geschickte Ausmünzung lokaler Kümmernisse und Skandale. In Breslau tischt ein rassekämpferischer Schmutzbold der Bevölkerung, die eben durch eine furchtbare Bluttat in Schrecken versetzt wurde, das Ritualmord-Märchen wieder auf. Selbst der Lustmörder wird für die Fürsten verwendbar. Schließlich, damit es der Schande auch nicht am staatlichen Sigillum gebreche: – die Wahllisten sind lottrig geführt, vollgestopft mit ›toten Seelen‹; die Zahl der Wahlberechtigten ist mit 39 1/2 Millionen um vieles zu hoch angesetzt. Tschitschikows lustiger, privater Gaunertrick feiert eine ungeahnte, erzamtliche Auferstehung. Wir hatten früher das Dreiklassen-Wahlrecht. Doch das waren geruhige Zeiten, ohne politische Erhitzung. Und es gibt heute noch ein Land, das durch die Art, wie dort Wahlen geschoben werden, in europäischen Verruf geraten ist. Das ist Rumänien. Diese rumänischen Wahlen mit perfider Fälschung und zielbewußter Niederbüttelung von Oppositionen sind sprichwörtlich geworden. Durch viele Jahre hat sich der notorische Herr Bratianu so seine Mehrheiten zusammengetrogen. Wir Bürger der Republik mit der bekanntlich freiesten Verfassung der Welt werden noch lange mit Grauen und Scham an diesen 20. Juni 1926 zurückdenken. Wir haben an diesem Tag unter Methoden à la Bratianu abgestimmt.   Vor der Reichsverfassung prangt in beamteter Hüterschaft die Liedertafel-Schönheit des Herrn Külz. Hier ist der Verantwortliche für das fatale rumänische Gastspiel. Sicherlich hat es Herr Külz nicht so gewollt. Er hat ja auch Sicherung der Wahlfreiheit feierlichst zugesagt. Aber Herr Külz ist nicht nur geschworener Gegner einer gründlichen Entfettung der Fürstenwanste, sondern hält auch von der direkten Gesetzgebung durch das Volk nicht viel: »Nachdem wir aber seit acht Jahren die Revolution hinter uns haben, und nachdem inzwischen in den meisten Staaten die Auseinandersetzung mit den Fürsten durch die Volksvertretungen geregelt ist, geht es nicht an, sich zu einer Maßnahme zu entschließen, die ihrem Charakter nach revolutionär ist.« Und Reichskanzler Marx sekundiert: »Die großen Veränderungen, die in politischer, staatsrechtlicher und wirtschaftlicher Beziehung nach der Staatsumwälzung eingetreten sind, können gewiß die vermögensrechtlichen Beziehungen zwischen den Ländern und den ehemals regierenden Fürstenhäusern nicht unberührt lassen. Indessen müssen nach der verfassungsmäßigen Überwindung der Revolution die Grundlagen des Rechtsstaates unversehrt bleiben.« Und, damit neben dem grauen Ärger auch der goldene Humor zu seinem Rechte komme, die Demokratische Partei: »Die entschädigungslose Enteignung der Fürstenhäuser wäre ein revolutionärer Akt. Die Revolution ist aber durch die Verfassung vom 11. August 1919 zum Abschluß gebracht.« Das ist sicherlich sehr heiter, aber die Herrschaften vergessen nur das Eine: daß es keine Demokratie in der Welt gibt, wo die Ausübung verfassungsmäßig verbürgter demokratischer Rechte als revolutionärer Akt gilt. Der dickschädeligste englische Tory verweigert heute der Demokratie, deren Mittel er sich bedient, nicht mehr die Reverenz. An der Demokratie den Ludergeruch revolutionärer Herkunft aufzuspüren, und zu brandmarken, das ist ausschließlich eine Eigentümlichkeit deutscher Demokraten. Nun behaupten aber die Koch- und Külz-Republikaner, daß auch sie eine Abfindung der Fürsten wünschen, die diesen nur das ›unbestreitbare Privateigentum‹ beläßt. Wäre es ihnen ernst damit, so hätten sie mit verdoppelter Energie den Volksentscheid betreiben müssen, schon allein um ein Druckmittel gegenüber der Rechten in der Hand zu haben. Das hat viel klarer als das Führeringenium Koch die um die Abgeordneten Nuschke gescharte tapfere Gruppe erkannt, das hat in trefflicher Formulierung der demokratische Arbeitervertreter Erkelenz ausgesprochen: – die parlamentarische Behandlung der Abfindungsfrage ist eben so unrettbar versackt, daß kaum damit gerechnet werden kann, etwa im November endlich ein Kompromiß zustande zu bringen. Das heißt: die Fürsten werden mit einigen bescheidenen Abstrichen Alles bekommen, was sie fordern. Erkelenz hat Recht: auch der Gegner des odiosen Wortes ›Enteignung‹ unter den Republikanern mußte mit Ja stimmen, einfach, weil kein anderer erträglicher Ausweg mehr da war. Nun, das Verständnis des Parteimannes Külz für ›revolutionäre Akte‹ soll uns gleichgültig bleiben, aber der Minister Külz hätte die volle Autorität seines Amtes aufbieten müssen, um die gegen die Durchführung des Volksentscheides mobilisierten terroristischen Kräfte zu bändigen. Das war Amtspflicht, mehr noch: persönliche Ehrenpflicht eines Mannes, der sich zu einer demokratischen Partei rechnet.   So ist wieder ein großer Aufwand vertan. Übrigens, liebe Freunde, es ist auch in eignem Hause reichlich gesündigt worden. Warum mußte dieses törichte Wort ›Enteignung‹ auch mitten auf die Fahne geschrieben werden? Es traf in diesem Falle gar nicht zu und stammt zudem aus dem vulgär-marxistischen Vokabularium, da, wo es am tristeten ist. Es kam auf einen politischen Erfolg an, nicht auf eine Demonstration. Hätte der Kuczynski-Ausschuß eine bessere Formulierung gefunden, der Volksentscheid wäre mit fünf, vielleicht zehn Millionen Majorität durchgegangen. Wären nicht auch die lieben Kommunisten etwas zu zähmen gewesen? Die haben noch in letzter Stunde im Rheinland, wo Alles auf die Stimmen der katholischen Arbeiter ankam, Flugblätter verbreitet, an denen ein alter nationalliberaler Kulturkämpfer seine Freude gehabt hätte, die aber unzählige katholische Republikaner verbitterten. Ich wende mich durchaus nicht gegen eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten in weitern Aktionen. Aber man muß dann eben die Energie aufbringen, ihnen die Kindsköpfe gehörig zu waschen. Nun ist der ganze Effekt des Unternehmens, daß Wilhelm sein Geld nicht auf Grund verschimmelter Pergamente erhält, sondern auf ein Volksurteil pochen kann. Es muß der stolzeste Augenblick seines Lebens gewesen sein, als er von diesem Votum erfuhr. Die Wolken um Doorn lichten sich. Wieder klingt ein munteres Tatü-Tata, wie ein Gruß an die Kriegskrüppel und Inflationsopfer. Der Boche berappt Alles. Aber auch bei uns im Land kehrt wieder Ruhe ein. Die ›zweite Revolution‹ ist beendet; in den Parteibureaus wird wieder das alte Pensum im gewohnten Gleichmaß abgewickelt. Und der brave Spießer, nach acht Tagen Seelenspannung schließlich doch zu Hause geblieben, schlägt das Blättchen auf und liest: »Samson scheint in dieser ersten Runde eine sichere Beute für die übersprühende Jugend seines Gegners. Aber wer kennt den Samson nicht, der groggy sich von neuem zum Fight hinreißt, auch diesmal ist gegen Ende der ersten Runde der alte Samson wieder da. Zwar kommt er nur recht stolpernd über die zweite Runde, fällt in seiner eigenen Ecke zu Boden, von einem links-rechten Trommelfeuer auf das Kinn getroffen, reißt sich aber wieder zusammen und landet gegen Ende dieser Runde sogar noch einen Respekt einflößenden Leberhaken.« Der große Sturm ist vorüber. Der deutsche Alltag ist wieder da. Die Weltbühne, 22. Juni 1926 648 Gastspiele Der Genosse Hilferding wurde kürzlich in London vom Vertreter des ›Oeuvre‹ interviewt. Selbstverständlich kam man auch auf Frankreichs Valutakrise zu sprechen. Der gewesene Finanzminister äußerte sich sehr von Oben herab, gönnerhaft, so etwa: ›Nun seht zu, Leute, wie Ihr damit fertig werdet ...‹ Der Genosse Hilferding ist nicht damit fertig geworden. Wenn der Mann vom ›Oeuvre‹ nicht so höflich gewesen wäre, hätte er den Nachfolger des Herrn Hermes wohl gebeten, ein paar Stückchen aus seinen eigenen trüben Erfahrungen zum Nutzen Frankreichs zu erzählen. Mit Autorität und Vertrauen ging Hilferding in sein Amt, als Retter begrüßt. Einige Wochen später schon wurde er bei stürzender Mark still ausgebootet. Der Erforscher des Finanzkapitals ist nicht sein Bändiger geworden.   Joseph Caillaux hat dem Finanzkapital nicht nur schwere Steuerwunden zugefügt, sondern auch der Rüstungsindustrie die Aussicht auf einen gewinnbringenden Krieg vermasselt. Niemals ist ihm das verziehen worden. Man kennt seine finanzpolitische Überlegenheit, seine Ellenbogenkraft; zähneknirschend duldet man seine Vorzüge. Viel bewundert, mehr noch gehaßt, nirgends geliebt: das ist der Mohr, der jetzt seine Schuldigkeit tun soll, und von dem man nicht weiß, ob er gehen wird, wenn es ihm wider Erwarten gelingen sollte. Übrigens ist Verlauf und Ausgang dieser letzten französischen Kabinettskrise wunderbar genug: das Pendel schwang nach Rechts – seufzend richteten sich die europäischen Ministerien schon auf Poincaré ein – und das Ende war Caillaux. Briand hatte Poincaré zum Finanzminister ausersehen. Aber der alte Grimmbart zeigte wenig Neigung zu einer halsbrecherischen Spezialaufgabe. Er verlangte das Justizressort, um sich von da aus übers ganze Ministerium zu verbreiten. Briand winkte ab und bildete ein ausgesprochenes Linkskabinett, während in allen Redaktionen grade dem Kartell die wirklich endgültigen Nekrologe geschrieben wurden. Die Entscheidung wird indessen nicht bei der Rechten, sondern bei den Sozialisten liegen. Die haben seit dem Maisieg vor zwei Jahren eine Politik der Enthaltsamkeit geübt, die der Mandatszahl bekömmlicher war als der gemeinsamen Sendung der Linken. Wäre es wirklich für Sozialisten so schwer gewesen, in ein Kabinett Herriot zu gehen? So waren alle Ministerien seitdem gezwungen, Unterstützung zu suchen bei duckmäusigen Mittelgruppen, bei halber und ganzer Reaktion. Gewiß versteht man auch die Abstinenz der Sozialisten. Sie fürchteten den Lärm Derer um Cachin und Doriot, haben auch in der Vergangenheit mit ihren Ministrablen ungewöhnliches Pech gehabt. Nach Millerand, Briand, Viviani und Albert Thomas lockt auch ein Experiment mit dem mecklenburg-montenegrinischen Hofadvokaten Paul-Boncour nicht grade. Aber mangelndes Vertrauen zur Gesinnung der Führer als Argument gegen Regierungsbeteiligung wäre bei der größten, der einzigen wirklich organisierten Partei Frankreichs ein zu groteskes Armutszeugnis. Die leitenden Taktiker, voran der dünnblütige Theoretiker Leon Blum, möchten gern der Wirklichkeit gerecht werden, aber andrerseits auch den Anschein eherner Prinzipientreue wahren (keine Teilnahme an einer »bürgerlichen« Regierung!); sie möchten den Genuß der Macht haben in privater Konsultation und offenem Pronunziamento, aber, um Himmels willen, nicht die Unbequemlichkeiten. Aber Zünglein an der Wage zu sein, das ist nicht die Rolle der größten Partei. Eine so superklug ausgedachte Sonderstellung mußte sich in zwei Jahren oft genug selbst widerlegen. Das hat dazu geführt, daß die Sozialisten zwar im vorigen Jahre Caillaux fallen ließen, weil ihnen seine Lösung der Sanierungsfrage zu ›kapitalistisch‹ war, daß sie aber nachher Mittelmäßigkeiten wie Doumer und Péret Burgfrieden wahrten, daß sie sogar drauf und dran waren, einen Finanzminister Poincaré abwartend hinzunehmen und erst ›nach seinen Taten‹ zu beurteilen, als ob Poincaré etwa weniger kapitalistisch wäre denn Caillaux. Die sozialistische Politik des Halb und Halb sieht gründlich verfahren aus. Ganz davon zu schweigen, daß die Partei nicht grade reich ist an wirtschaftlich denkenden Köpfen; auch ihre eignen Finanzpläne wirken nebelhaft und nicht überzeugend. Hilflosigkeit maskiert sich radikal. Mit der Berufung Caillaux' stellt Briand die Sozialisten vor die Entscheidung. Bekennen sie jetzt nicht Farbe, ist das Kartell verwirkt, der Maisieg annulliert. Dann wird die Stabilisierung von Poincaré oder Tardieu gemacht werden, eine Stabilisierung unter dem Patronat der Banken, denen ein Caillaux Schritt für Schritt vom beherrschten Gelände abtrotzen würde. Mit Joseph Caillaux spielt der alte wirtschaftliche Liberalismus in Frankreich seinen letzten großen Mann aus. Briand mag lange gezögert haben, ehe er zu dieser Karte griff: denn der beherzteste Demokrat war auch stets der unglücklichste. Ein Politiker von kühler Schärfe, aber eruptivem Temperament und ausgestattet mit der gefährlichen Begabung, sich Feinde zu machen. Eines ist sicher: er wird seine Pranke wieder bewähren. Er wird mit alter Brisanzkraft in die mittelalterliche Gemütlichkeit der französischen Wirtschaft hineinfahren. Aber verunglückt er dabei, dann gibt es auch Brandspuren, wie sie ein Geringerer niemals hinterlassen würde. Frankreich steht vor einem großen Vielleicht.   Die französische Krise ging nach Rechts, um plötzlich Links zu enden. Wenn die Anzeichen nicht trügen, wird es in Deutschland genau umgekehrt werden. Die 14 1/2 Millionen Stimmen für den Volksentscheid genügten nicht zum Sieg, bedeuteten aber ein sehr ansehnliches Druckmittel. Die Regierung erklärte denn auch sofort, daß sie die Warnung durchaus verstünde und nun das Fürstenkompromiß mit Dampf betreiben wolle. Was sie auch getan hat. Zunächst äußerte sich die Presse sehr skeptisch, verwies auf den zu erwartenden Widerstand sowohl der Deutschnationalen als auch der Sozialdemokraten und prophezeite, daß man um die Reichstagsauflösung nicht herumkäme. Heute scheint diese Sorge beseitigt zu sein. Denn das Unerwartete ist geschehen: die Sozialdemokraten beteiligen sich treu und brav an den Beratungen im Rechtsausschuß, und die gouvernementalen Blätter drücken die Hoffnung aus, daß sie das Kompromiß schließlich doch schlucken werden. Die Sozialdemokraten werden sich darauf herausreden wollen, daß, wenn sie streikten, eben die Deutschnationalen in die Bresche treten würden. Dazu ist zu sagen, daß eine solche Haltung begreiflich sein könnte bei einer Vorlage, die den Volkswünschen weiter entgegenkäme wie die der Regierung Marx. Sicherlich finden sich unter den 14 1/2 Millionen viele, die gegen die entschädigungslose Enteignung sind und nur dafür stimmten, weil Regierung und Parteien nicht in der Lage waren, etwas Andres zu präsentieren. Aber dieses dem deutschen Volke zugemutete ›Gesetz über die vermögensrechtliche Auseinandersetzung zwischen den deutschen Ländern und den vormals regierenden Fürstenhäusern‹ würden 14 Millionen von den 14 1/2 wohl mit Hohngelächter ablehnen. Der Gesetzentwurf ist eine selbst für Juristen ungewöhnlich komplizierte Häkelarbeit in 29 Paragraphen, ohne Mittelpunkt und Leitmotiv, ein ängstlicher Versuch, zu enträtseln, was Staatseigentum, was Privateigentum der Fürsten ist. Über Das, was strittig bleibt, soll schließlich das berühmte Sondergericht entscheiden, bestehend aus neun Reichsgerichtsräten, die der Reichspräsident zu ernennen hat. Womit wir also wieder bei dem famosen »Rechtsweg« angekommen wären, der seit 1919 so gründlich ins Dickicht geführt hat. Nachdem die servile Parteilichkeit der Juristen den Fürsten Alles zugeschanzt hat, was sie nur verlangten, bedeutete die Politisierung des Problems den ersten wirklichen Fortschritt seit Südekum. Heute besteht die Gefahr, daß da, wo selbst dieser Reichstag zaudert ein Stück Fürstenbesitz als Staatseigentum zu erklären, das Tribunal der neun Auserlesenen dem Kaiser geben wird, was es nach seiner Auffassung rechtens für des Kaisers hält. Auch nach dem negativen Ausgang des Volksentscheids, dessen Warnung die Regierung so wohl beachtet haben will, gab es für sie nur die eine Möglichkeit: eine Vorlage einzubringen, die den Fürsten eine Rente aussetzt und mehr nicht. Statt dessen wird das unmögliche und herausfordernde »Kompromiß« nochmals serviert. Hier hätte die Sozialdemokratie konsequent ablehnen, nötigenfalls mit Obstruktion drohen müssen. Nicht einmal das wäre nötig gewesen: die Regierung selbst rechnete kaum damit, das Elaborat aus dem Reichsjustizministerium durchzubringen, und war auf Neuwahlen gefaßt. Ein Fingerstoß würde genügt haben, den nur noch scheinlebigen Reichstag in die Grube zu befördern. Die deutsche Sozialdemokratie hat nichts von der mimosenhaften Unnahbarkeit der französischen Genossin. Manchmal fährt der Geist der Radikalität in sie, dann sieht es so aus, als wollte sie die Wolken stürmen. Doch, keine Sorge, es ist nur ein kurzes Gastspiel. Und jetzt ist alles wieder denkbar. Sogar die Große Koalition.   Großer europäischer Abend in der Aula der Universität Berlin: John Maynard Keynes spricht: Es ist ein seltsames Arrangement. Der Herr aus Cambridge, umrahmt von den Gott-strafe-England!-Professoren von Berlin. Die Regie liegt in den oft bewährten Patriotenhänden des Herrn Ludwig Bernhard, bei dem jüngst wegen Verschwörungsverdachtes gehaussucht wurde, was den Protest der 31 Herren in Jena zur Folge hatte. Dann spricht noch Jemand etwas von der Wissenschaft, die erhaben über den Nationen thront. Dieser gute Europäer ist der Rektor, Herr Professor Pompecki, der vor ein paar Wochen noch mit zwei andern Europäern der Universität die grölenden und steinewerfenden Studenten von Hannover sympathisch begrüßte. Der Professor aus Cambridge verdient jeden Lorbeer, diesen nicht. Aber gefeiert zu werden, ist wohl ebenso Schicksal wie gestäubt zu werden. Wenn die Herren Universitätslehrer sich nicht so sehr als wissenschaftliche Leibgarde der Hohenzollern fühlten, so würden sie angesichts der Weltgeltung ihres Ehrengastes vielleicht begreifen, warum er als politische und moralische Macht über die Grenzen seines Landes hinaus wirken darf, während sie in einem subalternen Nationalismus vermiekern. Sein Ansehen verdankt Keynes der Standhaftigkeit, mit der er Vorurteilen entgegentrat, die von fast allen seinen Landsleuten geteilt wurden. Unerschrockenheit und Überzeugungstreue, diese beiden guten Geister, beflügelten seinen Ruhm. Es würde sich lohnen, die Hintergründe der Festivität zu durchleuchten. Fühlte die Universität Berlin, in deren Räumen der Pazifist Nicolai niedergebrüllt wurde und wo sonst verhorntestes akademisches Philistertum seinen Stammsitz hat, wirklich nur das Bedürfnis nach kosmopolitischer Illumination? Oder sieht man in dem Gegner des Versailler Vertrages etwa einen Freund deutscher Aufrüstung und Revanche an Frankreich? Spekuliert man immer noch auf den englisch-französischen Gegensatz, in der vagen Hoffnung, Albion würde einmal unsre Nibelungentreue benötigen? Wäre das der Sinn der feierlichen Veranstaltung, dann dürften die Hoffnungen bitter enttäuscht werden. Nichts ist übrigens komischer als diese Anglomanie der deutschen Jingoes, die Zeter schreien, wenn Einer die Franzosen sozusagen für Menschen erklärt. Europäertum für einen Abend. Gastspiel aus Cambridge. Ein Star wurde in die Schmiere verschlagen, Bassermann nach Tripstrill. Die Weltbühne. 29. Juni 1926 649 Bürgerblock Die Wege der Diktatoren sind wunderbar; Mussolini arbeitet mit Gesten und Flausen, verschärft gelegentlich durch Ricinus und Meuchelmord; der dicke Primo mit der Zensur; Pilsudski ...läßt Alles wie es war. In Deutschland schreibt man Briefe.   Am Tage nach dem Volksentscheid war ganz Deutschland (inklusive Regierung) überzeugt, daß das Abfindungsgesetz mit diesem Reichstag nicht mehr zu machen, Auflösung unvermeidlich sei. Da begingen die Sozialdemokraten einen ernsthaften taktischen Fehler: sie beteiligten sich eifrig an den Beratungen im Rechtsausschuß und erweckten Hoffnungen, schließlich doch noch das Kompromiß zu schlucken. Da wurde die eben noch schlotternde Regierung plötzlich sehr fest. Sie begann an ihre eigne Existenz zu glauben. Zum ersten Mal. Marx dekretierte: Wenn die Sozis mit den Mittelparteien zusammen das Kompromiß gegen Rechts mitmachen, wird aufgelöst, wird großer Koalitions-Wahlkampf gegen die Deutschnationalen gemacht; lehnen sie dagegen ab, so wird ... nicht aufgelöst, das Sperrgesetz nicht mehr verlängert, die ganze Abfindungsfrage wieder den Gerichten überlassen. Vor eine so unwürdige Entscheidung wird die größte Partei des Deutschen Reichstages gestellt: sie soll gekettet werden an eine kleinliche, klägliche Kompromißformel, die die Regierungsparteien selber nur mit halbem Glauben verteidigen; andernfalls wird die Vorlage fallen gelassen und zum Gaudium der Deutschnationalen Alles bleiben, wie es war. Nur in Köpfen von knochenlosen Mittelparteilern ohne Gesinnung und ohne Programm und ohne Achtung vor Gesinnungen Andrer kann sich ein solcher Plan entwickeln. Krieg mit auswechselbaren Fronten, wie es halt so trifft. Die Zumutung an die Sozialdemokratie, das Geschäft mitzumachen, war eine Beleidigung, mußte so empfunden werden. Weil die Partei schließlich absagte, wirft man ihr jetzt Kapitulation vor der Straße und Mangel an Verantwortungsgefühl vor. Eines kann man der Fraktion freilich vorwerfen: sie hätte sich in so klarer Situation nicht acht Tage in Gewissenskrämpfen zu winden brauchen.   Am Dienstag sprach Külz im Reichstag die furchtbare Drohung aus, daß die Regierung die Konsequenzen ziehen werde, falls man nicht zu einer Einigung käme. Die Konsequenzen? Großes Rätselraten. Demission des Kabinetts, weiß man, führt nicht weiter. Bleibt nur Auflösung des Parlaments. Darauf aber, das weiß man auch, wartet ein nicht unbeträchtlicher Teil der Sozialdemokratie sehnsüchtig. Was wird also geschehen? Am Freitag in den Nachmittagsstunden ist das große Mysterium enthüllt. Marx hat einen Brief von Allerhöchst in der Hand, ein Schreiben milde und großväterlich im Ton. Jetzt hat es Marx Schwarz auf Weiß: die Regierung ist unabkömmlich; erst mal Ferien bis zum November, – dann werden wir weiter sehen. Ein Testimonium aus der Präsidentenkanzlei ist mehr wert als die Konstitution. Die Parteien atmen erleichtert auf: vier Monate Zeit zum Verschnaufen. Gesegnet sei die Hand, die bis tief in den Herbst über die deutsche Innenpolitik den Ferienzustand verhängt!   Die italienische Diktatur schmeckt nach Ricinus, die deutsche nach Tinte. Der Effekt ist ziemlich der gleiche. Soll man zur Ehre – oder zur Unehre – der Herren Marx und Külz annehmen, daß sie nichts von der Gefährlichkeit der Prozedur geahnt haben? Der Hindenburgbrief an Loebell, so dachten sie wohl, hat eine höchst fatale Affäre entfesselt. Warum kann eine an sich bedenkliche Macht nicht einmal zum Guten angespannt werden? Weiße Magie, wähnten sie. Marx und Külz als Hexenmeister. Marx und Külz im Laboratorium, die Augen zerbeizt von ungewohnten Dämpfen, Beschwörungsformeln brabbelnd. Wirklich, eine Szene von umwerfender Komik, höchst melancholisch jedoch im Regierungstheater. Jetzt wissen wir, daß zur Erzielung eines Ausnahmezustandes nicht erst der Artikel 48 entkapselt zu werden braucht. Eine Regierung ohne Mehrheit, von Rechts und Links verlassen und bekämpft, läßt sich ganz einfach vom Staatsoberhaupt ihre Unentbehrlichkeit bescheinigen; die Streitfragen selber werden vertagt. Es ist wie im Halbabsolutismus der kaiserlichen Ära. Nach sieben Jahren Republik ist das parlamentarische Regime noch längst nicht erkämpft. Die Superklugheit des Herrn Marx hat einen Präzedenzfall geschaffen, an dem wir noch lange zu knabbern haben.   Die Mittelparteien, die den Brief an Loebell gröblich überschätzt haben, ignorieren den Brief an Marx und dreschen auf die Sozialdemokratie los. Eigentlich müßte man sich im Volksblock, im Reichsbanner, in vergangener Koalitionskameradschaft besser kennen gelernt haben. Die demokratische Presse, die sich doch sonst überall ›einfühlen‹ kann, die für jede Seelenregung zwischen Sowjetstern und Hakenkreuz sonst eine Deutung findet, bleibt diesmal verlassen von allem Tastgefühl und ergeht sich in plumpen Schimpfereien. Etwas mehr Verständnis müßte man schon für eine oft bewährte Nachbarin aufbringen. Zugegeben, daß die sozialdemokratische Absage schließlich überrumpelnd kam. Noch vor einer Woche schien die Zustimmung, wenn auch im letzten Augenblick, sicher zu sein. Die Führer schwankten. Aus der Provinz liefen Berichte ein über die Stimmung in den Parteivereinen, alle nur mit dem einen Kehrreim: Ein Ja zum Kompromiß müsse nach der Siedehitze der Kämpfe um den Volksentscheid schwersten Schaden bringen, würde nirgends verstanden werden. Diese Berichte siegten über opportunistische Wallungen. Die Provinz trieb vorwärts. Die Demokratenblätter höhnen: die sozialistischen Fraktionsführer sind, wider bessere Einsicht, radikalen Phrasen gewichen, haben vor unausgegorenen Massengefühlen kapituliert. Torheit über Torheit! Was wäre die Folge einer Zustimmung gewesen? Tiefe Unzufriedenheit in der Wählerschaft, Erschütterung der Organisationen, erregende Diskussionen zwischen Rechts und Links (mögliche Ausdehnung des sächsischen Zwistes auf die Gesamtpartei), Abwanderungen zu den Kommunisten. Popularitätshascherei, zetern die Demokraten. Nur in Deutschland, dem klassischen Sitz volksfremder Parteimandarine, ist es denkbar, daß einer demokratisch-sozialistischen Partei, weil sie sich um Orientierung an der Stimmung der Arbeitermassen bemüht, daraus ein Tadel gedreht werden kann. Den Kontakt mit den Scharen der Wähler zu bewahren, nicht vor jedem Versammlungsgesabber ewiger Malkontenter die Segel zu streichen, wohl aber die Vitalität einer Strömung zu erkennen, das ist von altersher das Geheimnis aller echten Demokratien. Davon hat es bei uns eher zu wenig als zuviel gegeben. Begreifen denn die demokratischen Splitterrichter nicht, daß eine intakte Sozialdemokratie in Opposition wertvoller ist als eine sich innerlich zerreibende, in einer bürgerlichen Regierung oder an bürgerliche Parteien gekoppelt? Wohin das führt, mag das sächsische Beispiel belegen: sozialdemokratische Minister zwar in der Großen Koalition, aber schon längst ohne Partei. Die ist dank Ausharrens dieser Fanatiker oder Märtyrer der Koalitionspolitik zerfallen, existiert eigentlich gar nicht mehr. Ladet das so sehr zur Nachahmung ein? Wer oft mit der Sozialdemokratie haderte, muß es ihr bestätigen, daß sie diesmal nicht anders handeln konnte, wenn sie nicht Rücksichtnahme auf die Kümmernisse der Nachbarparteien bis zur Selbstentäußerung treiben wollte. Sie mußte um so mehr einen Strich durch die Rechnung machen, als die Regierung und ihre Parteien entschlossen waren, im Schatten des Fürstenkompromisses hübsch unauffällig eine neue Erhöhung der Lebensmittelzölle mit durchzuschmuggeln. Diese Zollvorlage wird von der bürgerlichen Presse klugerweise übersehen.   Im politischen Vokabularium Neudeutschlands prangt in Fettdruck ein leicht zu mißbrauchendes Wort: ›Verantwortungsbewußtsein‹. Wenn Partei A etwas Unverantwortliches begeht, verlangt sie von Partei B entweder mitzumachen oder wenigstens nicht zu stören. Aus Verantwortungsbewußtsein. Dieses Gesetz der Mitverantwortung wird nach still geübtem Brauch auch auf die Opposition ausgedehnt. Weil die Sozialdemokraten, die mindestens seit der Zuspitzung der Abfindungsaffäre zum Kabinett Marx in Opposition stehen, sich weigern, mit den Regierungsparteien ein faules Kompromiß zu schließen, deshalb werden sie als ›verantwortungslos‹ stigmatisiert. Man stelle sich vor: Herr Baldwin, der mit den Bergarbeitern neuerdings einige Unannehmlichkeiten hat, bezichtigt Herrn MacDonald, das Haupt der Opposition, mangelnden Verantwortungsgefühls, weil er sich weigert, den Arbeitern gut zuzureden. Wenn Herr Baldwin das versuchen wollte, ein Höllengelächter würde ihn schnell in die englische Wirklichkeit zurückrufen. In Deutschland aber scheint eine moralische Verpflichtung der Opposition zu bestehen, der Regierung aus selbst verschuldeter Klemme zu helfen. Schwäche drapiert sich als Verantwortungsgefühl. Weil die Linksparteien so gräßlich verantwortungsbewußt waren, von Weimar an, deshalb mußte die Republik Stückwerk bleiben. Aus Verantwortungsbewußtsein hat die Republik auf Ausnutzung früherer Machtpositionen verzichtet und eine nach der andern geräumt. Aus Verantwortungsbewußtsein wird sie noch einmal den Hals zum letzten Schnitt darbieten. Die Reaktion holt sich mehr und mehr ihr altes Terrain wieder. Die Ausstoßung des Senatspräsidenten Großmann aus dem Preußischen Richterverein kann als Präludium des Posaunenkonzerts gelten, das bald den letzten Republikaner aus den Ämtern vertreiben wird. Irgendwo ist die schnurrige Auffassung zu lesen: Ja, wenn das so weiter geht, dann haben wir im Herbst den Bürgerblock! Da lachen doch die Hühner. Merkt Ihr es denn noch immer nicht? Nur weil Westarp noch immer keift? Der Bürgerblock ist längst da. Kabinett Marx mit Sabotage des Volksentscheides, mit Republikabbau und neuen Brotzöllen, das ist der Bürgerblock. Die Weltbühne, 6. Juli 1926 650 Invictis victi victuri Denkmalsenthüllung in der Berliner Universität. Ganz großer Tag. Die Professoren, die Studenten in Wichs. (Die republikanischen Gruppen sind fortgeblieben.) Der Reichspräsident, wieder als Marschall; – die Minister. Hakenkreuzfahnen umrahmen das freundliche Familienbild, in dem auch der zurückgekehrte, beruhigend erholt aussehende Herr Geßler nicht fehlt. Die Inschrift hat Herr Seeberg ertiftelt, ein sanfter Theologe und streitbarer Nationaler: »Den Unbesiegten die besiegten Sieger der Zukunft.« Das ist dunkel, dem Familienkreis hier deshalb einleuchtend. Die wissen, was man sich unter solcher Rätselformel zu denken hat. Und dies schöne stille Einverständnis erfüllt die Reden. Zuerst ein Studiosus: ›Preußische Disziplin, äh!‹ Dann Bergrat Pompecki, der Rektor, ein Geologe, gewohnt mit langsamen Entwicklungen zu rechnen, deshalb noch nicht bei der Republik angelangt. Redet den Reichspräsidenten mit ›Exzellenz‹ an und preist Gustav Roethes Verdienste. Seeberg, der sanfte Theologe, erklärt: dieses Denkmal bedeute ›das heilige Dennoch‹. Und damit sind wir gleich sehr tief in nationaler Phraseologie. Diese geschwollenen Dunkelheiten sind kennzeichnend für die chauvinistischen Wortemacher, die entweder nichts Konkretes zu sagen haben oder sich um die Tatsachen herumdrücken. Kürzlich wurde in Berlin ein völkischer Dichter namens Knauft wegen allerhand Hochstapelei zu Gefängnis verurteilt. Der geschäftstüchtige Barde hatte auch einen Gedichtband veröffentlicht mit dem anspruchslosen Titel: ›Und ich bin doch!‹ Megalomanie, die geübte Ohren auch in dem ›heiligen Dennoch‹ wiederklingen hören. Verlogen wie die Sache ist der Stil. Die Niederlage im Krieg, das ist die harte Wahrheit. Weil man das nicht aussprechen mag, deshalb mixt man aus gequollenen Redensarten eine phantastische Zukunft. Diese Zukunft ist immer der fromme Selbstbetrug von Besiegten gewesen, die darüber die Gegenwart verloren haben.   Sechzig Jahre nach Sadowa zieht ein Zug von Reichsbannerleuten nach Wien zu gemeinsamer großdeutscher Kundgebung. Das ist viel. Aber sechzig Jahre nach Sadowa ist auch noch ein Konflikt möglich wie der zwischen dem Reich und Preußen über den Ratssitz in der Reichsbahn. »Belange« der Länder werden ausgespielt, Schriftstücke in einem modisch temperierten Curialstil ausgetauscht; es riecht nach Moder und Regensburger Reichstag. Großdeutschland ist ein schönes Ziel. Aber täte man nicht besser, aus Bismarcks Kleindeutschland vorher den Geist größenwahnsinniger Duodezstaatlichkeit zu vertreiben? Die Weimarer Verfassungsmacher sind, wie um alle Probleme, auch um dieses herumgegangen. Heute fühlt sich der Partikularismus sicherer als jemals im alten Reich. Gäbe es Patrioten, die mit dem Hirn denken anstatt mit dem Maul, sie würden sich einsetzen für eine Neugliederung des Reichskörpers, die der wirtschaftlichen Situation von Heute entspricht und der Lächerlichkeit kostspieliger Miniaturregierungen ein Ende macht.   Um Herrn Iwan Kutisker gibt es noch immer keine Ruhe. Die Enthüllung seiner Praktiken hat mehr als zwanzig deutsche Firmen nicht abgeschreckt, ihn um seine Vermittlung für ein profitables Russengeschäft anzugehen. Die Zeitungen mißbilligen das, und nur der »Vorwärts« (der »Vorwärts«!) versucht eine Entlastungsoffensive für die kompromittierten Firmen. Eigentlich ist es schmählich undankbar von der nationalen Presse, Herrn Kutisker preiszugeben. Denn dieser tüchtige Geschäftsmann gehört zu den wenigen unleugbaren Errungenschaften der deutschen Ostpolitik im Kriege: er begann während der Okkupation in Kowno als Lederhändler. In Konferenzen mit den Militärbehörden machte er die Erfahrung, daß der Händler immer am besten mit dem Helden geht; er gewann deutsches Wesen lieb und grub sich tief in die Geheimnisse der deutschen Seele ein. So vorbereitet, war es ihm leicht, die Finanzräte der Seehandlung zu fascinieren, eines höchst venerablen Institutes, das noch im Assignatenjahre 1923 an den bewährten Methoden der friderizianischen Zeit festhielt und in dem beredten Handelsmann aus dem Osten ein kommerzielles Genie bestaunte. Die Seehandlung setzte auf Kutisker und verlor. Soll man die Herren Finanzräte deswegen steinigen? Soll man gar die hochachtbaren Firmen ächten, die sich an eine bereits gerichtsnotorische Persönlichkeit mit der Bitte um gütige Vermittlung wandten? Wer das tut, übersieht die neuerlichen Wandlungen in der geschäftlichen Moral. Übrigens nützt es auch gar nichts. Die Zeitungen brandmarken den Kutisker zwar als König aller Gauner, aber die Inhaber hochachtbarer Firmen lesen das und rufen begeistert: ›Das ist ja der Mann, den wir brauchen!‹ Das verschafft ungeahnte Einblicke in die Wirkungen von zweispaltig aufgemachten Entrüstungen, aber auch in die seelischen Eingeweide der deutschen Wirtschaft. Für die ist Iwan nicht so anrüchig geworden wie für seinen Richter, der ihn einen Cagliostro nannte: er ist eben durch einen kleinen geschäftlichen Verkehrsunfall zeitweise außer Gefecht gesetzt. Solche Erkenntnis mußte eigentlich die ohnehin schon etwas legendäre Gestalt des ›ehrbaren Kaufmanns‹ ziemlich definitiv abwürgen. (Der letzte Titelträger war Herr Cuno, der jedoch von Haus aus Geheimrat ist, und jeder Kutisker oder Holzmann hätte die Sache mit den Telegraphenstangen besser gefingert.) Der Kapitalismus, in faulen Konjunkturen abgemagert wie ein zum Wassertrinken verurteilter Falstaff, hat den aristokratischen Charakter seiner Blütejahre völlig abgestreift und wird, wie in der Epoche seines Flegeltums, wieder ein robuster plebejischer Wegelagerer, der sich einen blauen Teufel um Moral und Reputation schert. Die Söhne können wieder vornehm werden und den Ludergeruch des Raubes mit Parfüm behandeln, diese Generation kann sich das nicht leisten! Würde das offen gesagt werden, es wäre rauh, aber ehrlich. Warum die Tatkraft des seligen Hugo Stinnes preisen und die Tatkraft des kleinen Herrn Kutisker verdammen? Der Eine wollte den ganzen Ozean in private Regie nehmen, der Andre nur am Strande Muscheln sammeln. Der Eine wollte die deutsche Eisenbahn verschlingen, der Andre sich, etwas bescheidener, an dem Gerumpel des Hanauer Lagers gesund machen. Wer den Kaufmann aus Mülheim noch heute preist, kann den Kaufmann aus Kowno nicht verwerfen. Die Inflation ist vorüber, die Erkrankung der Wirtschaftsmoral geblieben. Wir wollen den zwanzig hochachtbaren Firmen, die bei Kutisker antichambrierten, dankbar sein, weil sie das so deutlich aufgezeigt haben.   Ein Bannfluch aus Moskau hat die längst entthronte Ruth Fischer endgültig zum Schweigen verdammt. Es bleibt ihr jetzt nur noch übrig, entweder Memoiren zu schreiben oder in der Splittergruppe Katz-Korsch ruhmlos zu versanden. Die vor einem Jahre noch absolute Herrin einer großen Partei war, ist politisch tot. Es wird sie schmerzen, daß ihre beflissensten Adoranten von einst heute fast noch eifriger Reisig zu ihrem Scheiterhaufen heranschleppen als ihre Feinde. Oberflächlich betrachtet, ist Ruth Fischer einem von Moskau diktierten Kurswechsel zum Opfer gefallen. Aber auch Klara Zetkin, ihre erbittertste Gegnerin, stand zeitweilig in Ungnade, ohne dadurch erledigt zu sein. Eine Frau wie die Zetkin lebt eben nicht von dem Auf und Nieder sich bekämpfender Richtungen; die löscht kein Anathema aus. Es hat der Ruth Fischer weder an Wissen noch an Rednergabe gefehlt, sie hat Gefühl für Taktik und Intrige mitgebracht und so manches, was zum Inventar der Parteiführung gehört. Doch das Wichtigste blieb ihr immer versagt: die Wirkung ins Weite. Niemals hat sie überzeugen können, daß sie an ihrem Platz notwendig war. Die neue Rosa Luxemburg? Gewiß, sie konnte gelehrig wie ein Star das nachplappern, was ihr Meister Sinowiew für Leninismus ausgab. Aber es war immer nur dogmatisches Nachschwatzen von Dogmenkram. Es fehlte das Merkzeichen legitimierender Persönlichkeit. Die Luxemburg war das Leben gewordene Ideal; die Fischer warf sich mit der Sensationsgier der verlaufenen Bürgerin in die Politik. Sie hätte sich ebensogut dem Baccarat verschreiben können wie dem Sozialismus. Es soll um Himmelswillen nichts gesagt werden gegen pittoreske Frauengestalten in der Politik. Wenn wir in Deutschland von einer politisierenden Frau hören, dann denken wir zunächst an Käthe Schirrmacher mit dem salatgrünen Pompadour oder, wenns hoch kommt, an Kathinka v. Oheimb. In der zweiten Reihe hätte Ruth Fischer immer interessant und auffrischend gewirkt, als Führerin wurde sie zur Katastrophe. Ihre Laufbahn? Bei den Linksradikalen, wo so ein bunter Vogel nicht so alltäglich wirkt wie etwa in einem Club emanzipierter Bürgerlicher, mußte sie schnell Furore machen. Auch ihr Gegner gibt gern zu, daß sie ihren Marx scharmant aufsagen konnte: sie trug ein ärmelloses Kleid, das an den Schultern stets sehr lose saß. Die Dialektik dieser Schultern überzeugte. Kreuzbrave Funktionäre, die niemals auch nur im Traum daran gedacht hätten, revolutionäre Prinzipien ins Privatleben zu übertragen, waren wie verhext und setzten die Verführerin ins Führeramt. So wurde sie die Semiramis der Parteizentrale. Sie regierte absolut. Dekretierte ohne viel Umschweife, trieb Minoritäten aus; genoß die göttliche Verehrung ihrer engern Gefolgschaft. (Daß ein Mann wie Radek sie niemals ernst nehmen wollte, hätte eine Frau von ihrer Intelligenz stutzig machen müssen.) Weihrauch, in großen Portionen genossen, macht stumpf. Die junge Königin der Partei wurde träge und rund. Daß sie schließlich gegen den neuen Kurs in Moskau revoltierte, war verwegen, hätte aber nicht zu ihrer Erledigung zu führen brauchen. Fataler war, daß sie nicht mit dem unbeständigen Männergeschmack rechnete und ihre Tournüre vernachlässigte. Ernüchtert kamen die Genossen aus dem Zauberberg. Toujours perdrix? Die arme Ruth Fischer hat nicht als Führerin verspielt, sondern als Frau. Das macht ihre Niederlage irreparabel.   Herr Siehr, der Oberpräsident von Ostpreußen, ist ein guter Demokrat, innenpolitisch zuverlässig; wenigstens den Völkischen ein Greuel. Herr Siehr hat vor einigen Tagen eine Rede gehalten, in der er sich sehr umständlich mit der polnischen Politik und mit der Korridorfrage beschäftigte, auch der gegenwärtigen polnischen Regierung einige gute Ratschläge erteilte. Da Herr Siehr seinen Ausführungen die Versicherung vorangeschickt hat, mit dem polnischen Nachbarn in Frieden leben zu wollen, wird er seine Rede wahrscheinlich für pazifistisch gehalten haben. Der Herr Oberpräsident ist ohne Zweifel ein tüchtiger Grenzbeamter. Aber ist es seine Aufgabe, europäische Politik zu machen? Denn mag man auch mit Herrn Siehr in dem polnischen Korridor eine wirtschaftliche und politische Unmöglichkeit sehen, die Angelegenheit ist eine europäische, und kein wohlmeinender Oberpräsident wird sie in einem feiernden Patriotenkränzchen lösen. Zudem klingen solche Reden nahe der Grenze, auch wenn sie leidlich pazifistisch pointiert sind, jenseits der Grenze wesentlich anders. Da empfindet man eine Bemerkung wie: ›Ob Polen selber für diese Erkenntnis schon heute reif ist, bezweifle ich stark, da auch dort einsichtigere und staatsmännisch denkende Köpfe durch die Nebelschwaden der nationalistischen Phrasen ihrer Presse schwer hindurchschauen können‹, als anmaßliche Einmischung in fremde Verhältnisse. Und einen Satz der Art: ›Da wir aber einstweilen von der vernunftgemäßen Lösung der Korridorfrage noch weit entfernt sind, müssen wir in Ostpreußen nach wie vor die Augen offen halten‹, als alarmierende Drohung. Daß Herr Siehr die Augen offen hält, ist nützlich gegenüber den geheimbündlerischen Umtrieben in seiner Provinz. Wenn er dazu auch den Mund geschlossen hielte, würde er wirklich ein Musterbeamter sein. Die Außenpolitik wird nun einmal nicht von den Oberpräsidenten gemacht. Doch es ist unnütz, mit Herrn Siehr und andern frohen Festrednern zu rechten, so lange man in Deutschland nicht begriffen hat, daß es ein bitteres lateinisches Wort gibt, älter und wahrer als das des Herrn Seeberg: Vae victis! Die Weltbühne, 13. Juli 1926 651 D'Abernon, Seeckt und Andre Im Herbst wird Lord d'Abernon, Großbritanniens Botschafter in Berlin, in den Ruhestand treten. Sechs Jahre stand er auf diesem schwierigen Posten. Seit Versailles hat das Foreign Office nicht überall Freude erlebt. D'Abernon, in die Mitte des Kontinents geschickt, hat für die Behandlung Kontinental-Europas alte britische Rezepte mit Erfolg neu angewandt. Das dankbare Vaterland hat ihn dafür mit Ehren überladen. Der greise Diplomat wird in Deutschland vermißt werden. Mit Sorge harrt das Auswärtige Amt seines Nachfolgers. Schon Herr Addison, der erste Botschaftsrat, war nicht immer so handlich wie der Chef ... Der war in sechs bewegten Jahren erst sanfter Mahner zur Erfüllungspolitik, dann sachverständiger Berater von Stresemanns nationaler Realpolitik und Inspirator des Locarnopaktes. Dazwischen aber auch die Hoffnung Cunos und seiner Ruhrkrieger. Und selbst die Generale und zivilen Aufrüstungsfreunde, die sonst Alle hassen, liebten ihn. Er hat viele Hoffnungen erweckt, wenige erfüllt, und trotzdem niemals ernsthaft enttäuscht. Wenn er Berlin verläßt, wird auch das allernationalste Blatt gerührt schluchzen: »Er unterschied sich in wohltuender Weise von den französischen Diplomaten ... Er hatte Sinn für deutsches Wesen.« Er hatte es. Ein agiler Mann, in dem Englands besondere Art triumphiert, deutsche Politik zu behandeln. Die Franzosen, die von 1919 an nach Deutschland kamen, suchten Fühlung mit Demokraten und Pazifisten, die sie, in seltsamem Irrtum befangen, für herrschende, oder wenigstens in naher Zukunft herrschende Kräfte hielten. Die nicht in Republikanerwahn verlaufenen Engländer ließen sich keine Flausen vormachen. Erkannten von vornherein die Bedeutung der Konterrevolution und suchten dort Beziehungen. Schon General Malcolm hielt gute Freundschaft mit den Kappisten. So weit nach Rechts hat der alte Lord niemals Fäden gesponnen; immerhin, er verschloß seine Tür nicht: ein guter Botschafter hört Alle an, betastet, auskultiert die vorgetragenen Ideen. D'Abernon hörte geduldig zu, sagte wenig, sprach am liebsten von komplizierten Börsengeschäften. Aber die Besucher gingen nachher mit tiefsinniger Miene herum und dozierten Gewichtiges über den englisch-französischen Gegensatz. Und so gingen Alle zu dem freundlichen alten Herrn, dessen Nation noch einige Jahre vorher besonders von seinen Lieblingsgästen gern Gottes besonderer Beachtung anempfohlen wurde. Verkehr in der englischen Botschaft war die Legitimation jedes deutschen Politikers, der »seriös« genommen sein wollte, während eine gleichgültige Unterhaltung mit Herrn de Margerie immer ein wenig nach Hochverrat duftete. Der Lord war der treue Freund und Mentor Stresemanns. Unter seinen Fittichen hat sich der lebensfreudige Gustav vom sächsischen Industrie-Syndikus zum allbeliebten Außenpolitiker emporentwickelt. Mit dem Instinkt des nicht zu betrügenden Realisten hat der alte Brite sich durch keinen revolutionären Brouhaha bluffen lassen: er sah die roten Radikalen, die schwarz-rot-goldenen Idealisten kommen und gehen und das gute deutsche Fett unverändert Oben schwimmen. Er hat das Ewig-Stresemännische der deutschen Politik begriffen und gepflegt. Und das ist ein Meisterstück. Nochmals: er hat niemals viel versprochen und doch wurde Alles von ihm erwartet. Die Pazifisten rühmten ihn als »guten Europäer«, Nationalisten als »deutschfreundlich«, was bedeutet: neuer Päppelung des Militarismus geneigt. So ist es ihm gelungen, das Reich nach Locarno und Genf zu führen. Aber während auf Stresemann, den Zögling, die Schläge hageldicht prasselten, während der Weg in den Völkerbund als französisches Blendwerk gelästert wurde, blieb der englische Einpeitscher dieser Politik immun. Kein Hugenbergischer Allesbeschimpfer wagte sich an ihn heran. Warum? Über dieses Warum werden einmal dicke Bücher geschrieben werden.   Auch General Walch wird sich bald verabschieden. Eine letzte Pflicht glaubte er noch erfüllen zu müssen: ein paar Noten mit seiner Unterschrift sind an die Reichsregierung gegangen, die sie nach langer Lagerung in der Bendlerstraße auf dem Wege über die Rechtspresse endlich erhalten hat. Die Interalliierte Militärkommission erinnert teils an nicht durchgeführte Bestimmungen, fordert teils, tiefer einschneidend, die Schaffung eines Generalissimus. Was sich gegen Herrn von Seeckt richtet. Weil hinter den Noten der Kontrollkommission diesmal weder die Botschafterkonferenz steht, noch, offiziell!, ein Kabinett, macht sich die Presse die Wertung allzu leicht: – französische Intrigen, private Stilübungen des Generals Walch. So die Blätter von Rechts bis Links. Unpolitisch hochfahrend die Geste des Reichskabinetts: wir sehen keine Veranlassung, die Noten zum Gegenstand einer Beratung zu machen. Wer die leidvolle Chronik der Militärkontrolle kennt, weiß, daß alle Konflikte zunächst verschwiegen oder bagatellisiert wurden. Wahrscheinlich glaubt General Walch selbst nicht an einen Erfolg seiner Noten. Populärer Aberglaube macht aus den fremden Kontrolloffizieren Schinder, die mit Sadistengier in den Eingeweiden des Opfers wühlen. Unsinn. Keiner hat das Schnüffelamt mit Lust geübt. Auch Nollet, der Verhaßte, war kein Zwingvogt, sondern hat unter dem Gefühl unritterlicher Pflichtbürde redlich geseufzt. Grade der Militär wird es wissen: daß man kaum eine Miniaturarmee, aber ganz gewiß nicht die gesamten Wehrpotenzen eines rüstunggewillten Volkes dauernd unterm Daumen halten kann. Die zwangsweise Totalentwaffnung Deutschlands ist eine Erfindung siegestrunkener Zivilistenhirne. Die Militärkontrolle, in Deutschland als Entwürdigung empfunden, hat viel zur Konservierung der Kriegspsychose beigetragen. Das muß gesagt werden. Aber tausendmal schlimmer wäre es gekommen, wenn die Kontrollkommission stets auf ihrem Schein bestanden hätte. Auch das darf nicht verschwiegen werden. Dennoch ist die Attacke des Generals Walch gegen Herrn von Seeckt mehr politischer als militärischer Natur. Sie richtet sich weniger gegen einen Truppenführer als vielmehr gegen einen General, dem sein hohes und verantwortliches Amt politisches Relief, politische Macht in Fülle verleiht. Herr Arnold Rechberg hat vor einigen Tagen in einem Zeitungsartikel behauptet, der Vorstoß gegen Seeckt, obgleich unter dem Namen des französischen General[s] geführt, habe seinen Ursprung in England, wo das Techtelmechtel Seeckt-Tschitscherin noch immer unvergessen und unverziehen sei. Arnold Rechberg, der dem interessanten Herrn Oberst Nicolai seit Monaten unerbittlich auf den Fersen sitzt, hat sich ein großes Verdienst erworben durch die Aufdeckung der Fäden, die von unsern Nationalradikalen nach Moskau führen. Was dieser gewissenhafte und zurückhaltende Informator andeutet, kann nicht mit irgendeiner läppischen Phrase, wie »Entlastungsoffensive für Frankreich«, totgemacht werden. Es ist gewiß recht traurig, daß eine deutsche Angelegenheit erst durch den Fingerzeig des Kontrollgenerals deutlich gemacht wird. So unerwünscht uns eine Lösung durch fremdes Machtgebot ist, so notwendig wird es, an das heiße Eisen zu rühren, obgleich ein Franzos es zuerst gesehen hat. Es ist ein unleidlicher Zustand, daß neben der offiziellen Außenpolitik eine zweite militärische läuft, die zwar oft genug im bloßen Wollen stecken bleibt, kaum Konkretes erreicht, aber jeden Schritt dem Völkerbund, der Verständigung mit Frankreich entgegen, gehemmt und bekämpft hat. Es wäre eine Beleidigung, Herrn von Seeckt etwa mit Loßberg, seinen präsumtiven Nachfolger, in einem Atemzug zu nennen. Sein Wille spannt weiter als der unausgekochte Patriotismus dumpfer Militaristengehirne vermag. Aber seine Ostpolitik ist ungewisser als ein Flug ins Polareis. Und, vor Allem, nicht seines Amtes. Geßler beherrscht die Innenpolitik, Seeckt ringt um die Außenpolitik. Etwas viel Präponderanz für ein so kleines Heer. Wann wird die längst latente Reichswehrkrise akut werden? Von den republikanischen Parteien ist nichts mehr zu hoffen. Die haben schon so viel geschluckt und scheinen doch noch immer fähig, neue Bitterkeiten aufzunehmen. Sollte nicht etwa der Gegenschlag einmal aus dem Ressort Außenpolitik kommen? Der Russenvertrag war der letzte Sieg der östlichen Strängezieher. Onkel d'Abernon runzelt die Stirn. Stresemann versichert laut die Harmlosigkeit der Ostpolitik, dürfte aber um deren Tücken sehr wohl wissen. Sein Widerpart kennt sie nicht. Kennt als kluger, aber politikferner Militär nicht die Kalamitäten jeder Nebenregierung und Geheimpolitik, die verschlungene Wege heischt und zu seltsamen Reisebekanntschaften führt. Es kann zum Beispiel vorkommen, daß ein blinder Passagier, sagen wir: ein Nicolai, bei der Partie ist. Führt Nicolai heute schon allein den Zug?   ... à propos Nicolai! Der hat nach berühmten Vorbildern auch einen Band Erinnerungen aus seiner größten Zeit herausgegeben. Darin erzählt er eine sehr amüsante Geschichte von dem Genossen Albert Südekum, dem glorreichen Erfinder der Abfindung, den man im alten Reichstag für einen großen Diplomaten hielt, weil seine Anzüge und Reden stets von bestem Schnitt waren. In einer der ersten Schlachten von 1914 wurde ein namhafter französischer Sozialistenführer gefangen, der als einfacher Soldat diente. Der Vernehmungsoffizier, der seine Personalien aufnahm, glaubte ihm seinen politischen Rang nicht. Zur Prüfung der Angaben brauchte er einen sachverständigen Sozialisten, und holte den Genossen Südekum, damals Offizierstellvertreter. Der unterhielt sich mit dem Gefangenen und stellte fest, daß er die Wahrheit sprach. Daraufhin wurde er zum Übermittler folgenden Angebots an den Franzosen gemacht: die O.H.L. sei bereit, dem Gefangenen die Freiheit zu geben, wenn er sich verpflichtet, nach Frankreich zurückzukehren und dort in seiner Partei für den Friedensschluß zu wirken. Der Franzose ließ sich das nicht zweimal sagen. Er wurde über die Schweizer Grenze gebracht und ging in seine Heimat zurück. Natürlich hat er die ganze Geschichte sofort brühwarm publiziert und auch einige Freundlichkeiten über den deutschen »Kaisersozialisten« gesagt. Der Genosse Südekum war nach dieser Diplomatenleistung prädestiniert, mit den Hohenzollern zu verhandeln.   In Magdeburg ist ein mysteriöser Mord geschehen. Die Polizei betreibt die Untersuchung nicht sehr eifrig. Ein junger Mensch von sehr schlechtem Ruf wird verhaftet, ein in völkischen Kreisen Abenteuernder, von dem gemunkelt wird, er habe wissentlich den Tod seiner Eltern herbeigeführt. Dieser junge Edeling denunziert einen unbescholtenen Bürger als Mordanstifter. Der wird verhaftet, muß wochenlang sitzen, beteuert seine Unschuld, beteuert, seinen Beschuldiger gar nicht zu kennen, und kann nicht einmal erreichen, mit ihm angesichts des Toten konfrontiert zu werden. Wird überhaupt wie ein Überführter behandelt. Er ist jüdischer Konfession und nahe verwandt mit dem Hauptgeschäftsführer des Reichsbanners. Kein Urteilsfähiger glaubt an seine Schuld. Der untersuchende Kriminalkommissar ist ein begeisterter Stahlhelmmann. Er geht in der Stadt herum und erzählt Gevatter Schneider und Handschuhmacher: »Der Jude kommt nicht wieder los!« Das begibt sich nicht etwa in Hinterpommern oder Bayern, sondern in Magdeburg, wo als Oberpräsident Herr Hörsing residiert, der donnernde Jupiter des Reichsbanners, der begeisterte Verkünder der harten republikanischen Faust. Die Weltbühne, 20. Juli 1926 652 Die Dame ohne Unterleib Raymond Poincaré wird nur zu beweisen haben, daß er jetzt gefeiter gegen nationalistische Wallungen ist als 1923, wo er, allzu bereitwillig auf die Intentionen des Herrn Cuno eingehend, an die Ruhr marschieren ließ. Sonst braucht er nichts beweisen. Eine Welle von Vertrauen, etwas blamabel für das Kartell, schlägt ihm entgegen. Das französische Temperament braucht wohl hin und wieder so einen mürrischen alten Herrn, der nicht grade die Reaktion verkörpert, wohl aber ein Ritardando. (Bei uns gehts immer gleich bis zu Hindenburg zurück.) Der Linksblock liegt zerschlagen. Aber daß Poincaré sich jetzt auf die Radikalen stützt, anstatt seine eigene Garde antreten zu lassen, das erhärtet doch, daß diese zwei Jahre Herriot, Painlevé und immer wieder Briand nicht umsonst gewesen sind, daß Frankreich demokratisch ist, es immer bleiben wird. Der 11. Mai 1924 war europäische Schicksalswende. Edouard Herriot, hinter dem das fascistische Riffraff heute grölt: »In die Seine! In die Seine!« ist der Führer dieses historischen Durchbruchs gewesen. Keinem Zweiten ist Europa so zu Dank verpflichtet.   Was bedeutet Poincaré für Deutschland? Der bockbeinige Jurist wird Kriegerdenkmäler etwas mundfertiger einweihen als erforderlich ist, aber Deutschlands Weg nach Genf nicht verrammeln und Verträge respektieren. Er ist zu besonnen, sich als Unruhestifter zu plakatieren, wo Frankreich in seinem Valutaelend Wohlwollen braucht. Aber er wird auch auf strengste Korrektheit dringen. Die Militärkontrolle wird nicht mehr nichtssagende Formalität sein wie in den letzten beiden Jahren und die deutsche Ostpolitik schärfer als bisher auf ihre Vereinbarkeit mit dem Locarnopakt geprüft werden. Briand bleibt im Außenministerium. Damit wäre der Geist der Verständigungspolitik garantiert, aber der Stil dürfte sich doch wohl ändern. Im September wird Deutschland in Genf nicht so umworben sein wie im Frühjahr ... In London hat schon General Gourand, der militärische Vertrauensmann, sondiert. »England bringt Poincaré Mißtrauen entgegen«, schreiben die deutschen Blätter triumphierend und müssen auf der nächsten Seite bereits folgende Episode aus dem Unterhaus berichten: »Abg. Rennie Smith: Wir sind der Ansicht, daß die Abrüstungsverhältnisse in Deutschland zufriedenstellend sind. Chamberlain: Ich bedauere sagen zu müssen: Nein.« Das ist der neue Stil.   Es war eine tragische Stunde der modernen Demokratie, als Herriot, durch sein republikanisches Gewissen verpflichtet, sich gegen Caillaux wandte. Die deutschen Republikaner verstehen großenteils nicht die Leidenschaft dieses Angriffs und suchen die Ursache in privater Rivalerie. Wird selbst Joseph Wirth Herriot begreifen? Den Volkstribun aus Baden plagt schon lange der Ehrgeiz, Führer eines Kartells der Linken zu werden. Er ist gewiß der einzige Kanzler des republikanischen Reiches gewesen, dessen Tonfärbung sich von dem Durchschnitt der Minister unterschieden hat. Aber seine Taten? Hier verzeichnet der Chronist schlicht: Rapallo – und schweigt. Jetzt fordert Herr Wirth in einem Aufruf von geräuschvoller Rührung die Republikanische Union. Sehr brav. Aber wem erzählt Wirth das? Den Parteifreunden Brauns und Stegerwald, die unentwegt nach Rechts kutschieren? Dem Führer und derzeitigen Kanzler Marx? Den Demokraten Külz und Geßler? Er richtet sich ausschließlich nach Links: an die Sozialdemokratie. Die stehe wieder »in unbeweglicher Opposition zu Klassenstaat und Klassengesellschaft« und treibe damit treffliche Bürgerdemokraten zum Techtelmechtel mit Rechts. Um diesen schröcklichen Klassenkämpfern den roten Jakobinerteufel recht gründlich auszutreiben, beschwört er den Schatten Ludwig Franks, läßt er den Toten zu den Lebenden sprechen. Doch nun ist leider zur Materialisation niemand ungeeigneter als der tote Ludwig Frank. Dessen Bild wird einmal die glättende Geschichte so liebenswert wiederherstellen, wie es war, aber für diese Zeit grade ist es verdunkelt von Karl Liebknecht und Kurt Eisner, von Allen, die nicht im vierzehner Augusttaumel versanken. Joseph Wirth appelliert sehr pathetisch, sehr anklagend an die Sozialdemokratie. Weshalb die Aufregung? Die Sozialdemokratie hat in Bündnissen mehr Konzessionen machen müssen als irgendeine andre Partei. Mit Verlaub: was hat eigentlich das Zentrum aus seinem Prinzipienschatz hergegeben? Was die Demokraten? Die Sozialisten haben von der Aussteuer aus August Bebels Nachlaß so ziemlich das letzte Hemd geopfert. Sollen sie sich zur höheren Ehre der Union auch noch die Haut abziehen? Herr Wirth befindet sich zudem in einem Irrtum. Die Allianz, die er fordert, besteht, auch wenn die Sozialdemokratie nicht offiziell dabei ist, besteht mindestens seit der Juliresolution von 1917. Sie lebte auf im Novemberbündnis Ebert-Groener, bewährte sich in Weimar und hat seitdem, auch wenn die Wege auseinandergingen, schweigend weiter bestanden. Diese unausgesprochene, aber sehr fühlbare union sacrée ist ja schuld an dem Fäulnisgeruch, der die deutsche Linke so unerträglich macht. Warum, so fragen viele Republikaner, warum fordert die Sozialdemokratie nicht die Abschiebung des Herrn Geßler von den Demokraten? Warum toleriert sie den Mann? Warum erhebt sie die Reichswehrfrage nicht zum höchsten Streitobjekt? Warum steigt nicht Reichstagspräsident Loebe wie Kammerpräsident Herriot auf die Rednertribüne, um den Mann in den Tartaros zu scheuchen, der die Verfassung ganz anders malträtiert hat als es ein Caillaux jemals getan hätte? ... und ein Narr wartet auf die Antwort. Ach, Das klebt ja so fest zusammen, gekittet durch gegenseitige Gefälligkeiten, durch gemeinsame Sünden. Wer Republikanische Union heute so gebieterisch fordert, muß wissen: wozu? Republikanersammlung zu neuen Zielen, zu belebender Straffung der eigenen Reihen, ist gut. Dagegen neue Koalition, um in den Spuren der versackten weiterzuschludern, unnütz und verderblich. Das haben wir auch ohne Linkspakt. Herr Wirth muß wissen, ob er einen neuen Zustand schaffen oder einfach einen alten konservieren will. Er scheint sich leider diese Frage gar nicht überlegt zu haben.   Zu Briands Sturz schreibt im »Vorwärts« der Genosse Stampfer: »Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Eine Verfassung wird nicht für außergewöhnliche, sondern für normale Zeiten ausgearbeitet. Es muß dem Parlament als Vertreter der Volkssouveränität die Möglichkeit gegeben werden, sich außergewöhnlichen Zuständen anzupassen und in einem bestimmten Fall eine Abweichung von den starren Vorschriften der Verfassung selbst zu beschließen. Diese Möglichkeit hat die Weimarer Verfassung ausdrücklich vorgesehen, die nicht nur in diesem Punkt erheblich besser ist als die von reaktionärem Geist inspirierte und überhaupt stark veraltete französische Verfassung von 1875 ... Und so sehr wir es bedauern, der Auffassung unserer französischen Genossen entgegentreten zu müssen, so fühlen wir uns verpflichtet, hier zu erklären, daß in diesem Falle Briand und Caillaux sachlich im Rechte waren, als sie erklärten, der parlamentarische Mechanismus sei zu kompliziert, um in der Übergangszeit der Stabilisierung die notwendigen Steuerbestimmungen, insbesondere die Festsetzung der unzähligen Steuersätze auf die übliche Art zu beraten und zu beschließen.« Und jetzt, Doktor Joseph Wirth, wo ist da »der Riß zwischen den sozialistischen Republikanern und den andern fortschrittlich sozialen und republikanischen Parteilagern?« Dies klägliche Gestampfer wird auch der Filmtöter Külz Wort für Wort unterschreiben, und nach diesem Rezept ist die Republik eben regiert worden, Jahr für Jahr. Übrigens hat der Genosse Stampfer Recht: der parlamentarische Mechanismus wurde niemals bei uns überschätzt; niemals betrachteten wir die Verfassung als festen Grund für außergewöhnliche Zeiten; weitsichtig haben unsre Weimarer Legislatoren schon für die Abweichung von den starren Vorschriften vorgesorgt. (Oh, wie litten wir unter den robespierrehaft starren Gesetzesbuchstaben!) Diese weise vorausberechnete Abweichung ist der Artikel 48, der auch nach Meinung nicht verstampferter Sozialisten die Möglichkeit gibt, sich außergewöhnlichen Zuständen so gut anzupassen, daß der normale niemals wiederkehrt. Ob dem Genossen Stampfer nicht doch noch nachträglich vor seiner Leistung bange wird? Er hat in seiner himmlischen Ahnungslosigkeit die schlagende Begründung für den nächsten Ausnahmezustand geliefert. Der Genosse Stampfer hat in der Mussolini-Debatte des Reichstags am 10. Februar des geflügelte Wort geprägt: »Wenn die Nationalisten einen Führer brauchen, müssen sie immer warten, bis ein Sozialist verrückt geworden ist.« Dagegen läßt sich nichts sagen.   Wäre der gute Katholik Joseph Wirth nicht in der Tiefe des Herzens ein unverbesserlicher liberaler Oberlehrer, er würde ahnen, daß sein gern zitierter Ausspruch: die Stunde der Entscheidung werde ihn an der Seite der Arbeiterschaft finden, zu gewissen Denkverpflichtungen nötigt. Die Arbeiterschaft hat sich in diesen Jahren mit wahrhaft asketischer Entsagung vor die Republik gestellt, die für sie nichts andres hatte als teures Brot. Diese Hingebungsfähigkeit ist allerdings in eine Krise getreten. Das weiß die Sozialdemokratie und deshalb zaudert sie, den Bruderkuß zu erwidern. Die Bürgerdemokraten müssen begreifen, daß die Arbeiterschaft nicht dauernd mit Reichsbanner-Ideologie gefüttert werden kann. Morgens Zollpolitik mit der Rechten, abends Republikfeier mit den Sozialisten, das geht nicht. Ob eine wirklich aktive deutsche Linke wachsen kann, das hängt davon ab, ob dem bürgerlichen Republikantertum selbst die Überwindung der Klasseninteressen gelingt, die es von den sozialistischen Arbeitern fordert. Wirths Republikanische Union ist schön geplant. Da aber die Berücksichtigung des sozialen Momentes fehlt, gleicht sie allzu sehr der Dame ohne Unterleib, wie sie in Jahrmarktsbuden prachtvoll frisiert auf dem Schaubrett präsentiert wird. Die Dame ist gewiß recht hübsch anzusehen, nur fehlt einiges zu den vitalsten Funktionen. Das könnte sehr tragisch sein, wenn nicht auch der republikanische Mann, der sie bewundernd betrachtet, mit dem entsprechenden Manko behaftet wäre. Die Weltbühne, 27. Juli 1926 653 Nach 12 Jahren Shylock Yankee! Neuer Schlachtruf der Pariser Blätter. Verzweifelte Inflationsverlierer haben Amerikaner bei nächtlichen Rundfahrten durch die rühmlichst bekannte Pariser Sittenlosigkeit insultiert und das Verbrüderungsdenkmal beschädigt. Lafayette in Himmelshöhen erkennt, sich geirrt zu haben, und hält Kamerad Washington die Faust unter die Nase. Eine neue politische Konstellation bereitet sich vor: Dalles-Europa gegen U.S.A. Nun werden alle Demonstrationen gegen den goldnen Koloß nichts nützen. In Amerika selbst, wo der selige Lodge die Parole der Isolierung ausgegeben hat, die der grantige Borah heute mit galligem Temperament verficht, muß die Erkenntnis dämmern, daß es nicht angeht, den europäischen Markt beherrschen zu wollen und gleichzeitig durch drakonische Schuldeneintreibung Europas Kaufkraft und Lebenshaltung zu drücken. Von der regierenden Partei ist so viel Einsicht nicht zu erwarten. Aber schon hat im New York World, dem großen Demokratenblatt, eine Offensive gegen die Shylockpolitik eingesetzt. Wird Wilsons Partei, die in den letzten Jahren arg am Boden gelegen hat, sich mit dem alten Kampfruf »Rettet Europa!« wieder erheben? In Frankreich vermerkt man sehr übel, daß die New Yorker Finanz es schlechter behandelt hat als Herrn Mussolini, der ein viel günstigeres Abkommen erzielt hat. Auch der blutige Horthy hat in Wallstreet seine Gönner. Das kennzeichnet die Geistesart der Machthaber drüben: die Diktatur erscheint ihnen solider als die parlamentarische Demokratie. Einstweilen kühlt man in Paris sein Mütchen an Reisenden und Denkmälern. Amerika sollte solche Zeichen beachten. Nationalhaß wächst schnell. Wo ein Fischweib in naivem Zorn die Faust ballt, findet sich bald ein Schreibekundiger, der die wissenschaftliche Begründung dazu verfaßt. »Lafayette, wir sind da!« hieß es gestern. Heute umfuchteln schon Schirmkrücken George Washingtons Lorbeerkränze. Und morgen ...? Vom Bundesgenossen zum Erbfeind ist ja immer nur ein kleiner Schritt. Take care.   Zwölf Jahre nach den schicksalsvollen Augusttagen von 1914 macht die Schwerindustrie auf ihre Weise Völkerfrühling. Unterhändler aus Deutschland und Frankreich beraten über die Eisenunion. Man könnte bitter werden, könnte fragen: warum erst jetzt? Unterrichtete prophezeiten immer, daß es schließlich doch so kommen müsse und die Industrie-Allianz unaufhaltsam sei. Krieg, Ruhrokkupation: es sind nur Hemmnisse, nicht Schlußsteine gewesen. Der Fortschritt ist ungeheuer. Uralte Feindschaften verlieren den Stachel. Ein Industrievertrag verhindert, daß ein wirtschaftlicher Mangel Frankreichs sich in Expansionspläne umsetze. Das heißt: Friede am Rhein. Wenn die Völker miteinander arbeiten, wenn das Leben geschäftig herüber, hinüber geht, was bedeuten dann noch die Grenzen?   Haben übrigens die Sozialisten, die Gewerkschaften, diese Entwicklung gebührend beachtet? Weder die deutschen, noch die französischen Industriellen gehen in die Union, um Völkerverbrüderung zu manifestieren. Eine neue unerhörte Konzentration von Kapitalmacht ist im Werden. Ist die Arbeiterschaft gerüstet? Wir fürchten: die Schwerindustrie ist flinker gewesen. Während die Sozialisten sich in Erwägungen verloren und Betrachtungen anstellten, ob und in wie weit »nationale Momente« zu berücksichtigen wären, hat die in beiden Lagern schwer vaterländische Industrie sich nicht lange mit ideologischen Faxen aufgehalten. Die Arrangeure des Nationalismus haben hurtig gehandelt, während die zagen Internationalen über Konferenztischen büffelten. Sie sind 1926 ebenso überrumpelt worden wie 1914. Übrigens macht die Industriepresse von dieser Entwicklung nicht viel Aufhebens. An ihre Feindschaften verschwenden die Herrschaften mehr Fettdruck.   Der Daily Telegraph hat vor einigen Tagen behauptet, die gegen Herrn von Seeckt gerichteten Noten des Generals Walch seien auf Intriguen eines deutschen Truppenführers zurückzuführen, dessen Ehrgeiz nach der höchsten Kommandostelle ziele. Die Bendlerstraße hat nur matt dementiert. Womit für die deutsche Öffentlichkeit der Fall erledigt ist, nicht wahr? Dabei fing die Affäre vielversprechend genug an, indem die Noten, ehe sie ins Auswärtige Amt gelangten, durch einen kleinen Reichswehr-Bosco zunächst der Rechtspresse in die Finger gespielt wurden. Schon diese Art von Publikation läßt die übelsten Befürchtungen zu. Es wird von einigen Stellen darauf verwiesen, daß der Daily Telegraph nicht »deutschfreundlich« sei. Das stimmt: der Daily Telegraph ist unter der großen Londoner Presse heute wohl das einzige Blatt, das seine französischen Sympathien nicht verhehlt. Aber seine vorzügliche diplomatische Berichterstattung und seine wirklich profunde Kenntnis der deutschen Verhältnisse sichern ihm ein unbestreitbares Prae. Ganz davon zu schweigen, daß eine sachliche Gegnerschaft dieser Art erträglicher erscheint als die »Deutschfreundlichkeit« gewisser englischer Zeitungen, die vornehmlich darin besteht, Deutschland in antifranzösische Dummheiten zu hetzen. Das sonst so empfindliche Reichswehrministerium sollte sich nicht auf ein flaues Dementi beschränken. Und die Linkspresse damit nicht zufrieden sein. Ein aktiver Offizier, der die Interalliierte Kontrollkommission gegen seinen Chef anspannt, auf die Gefahr hin, daß das Reich in einen Konflikt gerät, der nur mit bitterer Demütigung enden kann, so etwas wäre seit dem trüben Fall des Obersten Redl nicht dagewesen.   Aus einer provinziellen Polizeidummheit, wie der Magdeburger, hat sich eine Krise der gesamten Staatsautorität entwickelt. Viel ist davon allerdings nicht mehr auf Vorrat: – aber es gibt schließlich ein Reststück, das selbst der lammgeduldige republikanische Staat verteidigen muß. Wahrscheinlich hat der biedre Herr ten Holt den ihm anvertrauten Mordfall Helling zunächst behandelt wie der Sbirre im Lustspiel: etwas wichtig, etwas tapsig und, vor Allem, ohne Übereilung. Da brachte der Angeschuldigte Schröder, wie sein gemütlicher Jäger ein unbedingt nationaler Mann, den jüdischen Industriellen Haas, den nahen Verwandten eines Reichsbannerführers, ins Spiel. Und damit wurde aus einer durchschnittlichen Mordaffäre ein Politikum. Jetzt galt es nicht, den Fall zu klären, sondern den Juden zu verbrennen. Dem widmete sich jetzt der Untersuchungsrichter, während Herr ten Holt mit seinem Schröder spazieren ging. Und die Magdebourgeoisie applaudierte. Ein kleiner germanischer Ritualmord war im Anzuge, sorgfältig von der Justiz vorbereitet. Die demokratische Presse schlägt Lärm und schreit: wenn das so weiter geht, dann wird kein Mensch in Zukunft mehr Vertrauen zu deutschen Gerichten haben. Mit Verlaub: wer hatte noch Vertrauen? Die Justizkrise besteht nicht erst seit den Ausschreitungen des tüchtigen Herrn Kölling, sondern seit Jahren. Daß es bisher nicht zur Explosion kam, liegt nicht an der weisen Zurückhaltung der Herren Richter, sondern an der Feigheit der Republik. Die hat den Fehdehandschuh beharrlich ignoriert, auch wenn er ihr grob um die Ohren klatschte, und immer wieder versucht, nicht zu sehen und dabei zu beschwichtigen. Der preußische Justizminister ist ein kranker Mann, jedoch amtlich von beneidenswert zäher Konstitution. Aber hätte es ein Andrer, der sich nicht hinter Medizinflaschen zu verschanzen braucht, wenn Handeln erforderlich wird, besser gemacht? Zweimal hat im Reich Herr Radbruch, der große Reformer, ein durchaus gesunder Mann, der Rechtspflege vorgestanden. Wir spüren es heute noch. Jetzt ist die große Gelegenheit zur Auseinandersetzung zwischen Justiz und Staat endlich da. Die Magdeburger Richter – es handelt sich nicht um Herrn Kölling allein, Alle stecken hinter ihm, Alle! – haben sich nicht mit der Macht zufrieden gegeben, die sie faktisch besitzen; sie wären schlechte Deutschnationale gewesen, wenn sie nicht auch die glanzvolle äußere Bestätigung dieser Tatsache gewünscht hätten. Sie wollen ihren Siegfrieden, wollen die gefesselte Republik dem Gelächter preisgeben. Auch das vorsichtigste Demokratenblatt schreibt heute, daß es für den Staat kein Zurück mehr gebe. Vorsicht! Wir leben nicht umsonst im Reich der unbegrenzten Rückzugsmöglichkeiten. Ein Abgeordneter der Rechten hat gegen Severing und Weiß Strafantrag gestellt. Man hüte sich, das für einen Witz zu nehmen. Die Richter haben die Monarchisten noch niemals enttäuscht.   Niemals hätte sich Felix Edmundowitsch Dsershinski die gerührten Nekrologe träumen lassen, die jetzt in der bürgerlichen Presse überall zu lesen sind. Die liberalen Tanten wickeln den roten Torquemada in sentimentale Sechsdreierromantik und fragen besorgt, ob er auch des Nachts immer gut geschlafen habe. Es ist etwas Seltsames um die bürgerliche Moral: sie verdammt den kleinen Mörder, aber sie kapituliert vor der großen Quantität. Bei Dsershinski, der fünfstelligen Zahlen mit Erfolg zugestrebt hat, imponiert die Strecke. Das rettet seinen Nachruhm, macht ihn zur epochalen Gestalt. Auch sonst spricht noch zu seinen Gunsten, daß er bedürfnislos und sittenrein war. Wir halten jede Wette: Karl Radek, der niemals einem Lebewesen ein Haar gekrümmt hat, sich dafür aber durch einen rebellisch funkelnden Geist auszeichnet, gleich ungemütlich für Revolution wie Reaktion, – Karl Radek, der einiger Tugenden entbehrt, die den korrekten Felix Edmundowitsch schmückten, wird keine so guten Nekrologe bekommen. Dsershinskis kranker Fanatikerschädel hat zwar Pläne ausgebrütet, die Unzählige in grauenvollen Tod getrieben haben, aber unkeusche Gedanken waren ihm, Gottseidank, stets fern geblieben. Denn der Bürgermoral wiegen ein paar Hundert Liter Blut leichter als ein paar zerfetzte Jungfernschaften. Trotz Aufklärung und angeblicher Sexualrevolution. Traurige Reflexion zwölf Jahre nach 1914. Noch immer wird eines Mannes historische Bedeutung errechnet nach dem Leid, das er angerichtet hat. Noch ist die Zeit nicht da, wo die kalten, grauen Henker, die immer hinter einer Idee verbarrikadiert kauern, immer geduckt hinter Vaterland, Religion, Überzeugung, ... Pflicht auf ihre Opfer zielen, als Das erkannt werden, was sie sind: Verschwörer gegen die Menschheit, Geächtete deshalb und Ausgestoßene, die vernichtet werden müssen, damit die Millionen leben können. Die Weltbühne, 3. August 1926 654 Berlin wird höflich Aber es fällt schwer Das Kapitel der Klagen über die Berliner Unhöflichkeit ist lang. Besonders Reisende aus der Provinz beklagen sich bitter über Mangel an Aufmerksamkeit und auf bescheidene Fragen Antworten bekommen zu haben, für deren epigrammatische Würze ihnen die Kennerschaft abgeht und die sie deshalb kurzweg »schnoddrig« nennen. Nun, auch außerhalb der Mauern Ilions wird gesündigt. Wer nie einen Münchener Schutzmann schimpfen gehört hat, der weiß nicht, welch ein Vesuv von Grobheiten unter der uniformen Kargheit eines dienstlichen Vokabularismus schlummern kann. Höflichkeit ist eben nicht alles. In der Türkei z.B. gehaben sich die Henker mit mehr Gentilezza als bei uns selbst die Zahnärzte. Als private Menschen sind die Berliner wohl weder chevaleresker noch rüder als andere auch. Aber da, wo der Berliner öffentlichen Charakter annimmt, wo er dem Publikum entweder als Beamter des Staates oder als privater Angestellter gegenübersteht, da setzen die Klagen ein. Darüber ist in den letzten Jahren mehr geschrieben und geredet worden als je. Der »Montag Morgen« hat in seiner viel nachgeahmten Rubrik »Warum?« immer wieder eindringlich gefragt, warum so viel Lungenaufwand, wo doch der normale Gesprächston dasselbe oder noch viel mehr erziele. Und mit Genugtuung läßt sich konstatieren: die zahlreichen Interpellationen und Rügen sind nicht ganz ins Leere gegangen, Berlin schickt sich an, höflichere Formen anzunehmen. Das Leben des Alltags beginnt, um kleine, aber zermürbende Konfliktsstoffe ärmer zu werden. Es macht sich eine wohltuende Entspannung bemerkbar, die Nerven, von der Vibrationsmassage der Inflationszeit befreit, glätten sich, der Fluß der Worte kommt nicht mehr eruptiv, sondern bedachter und reguliert. Schnauzereien vor dem Postschalter und auf dem Bahnhof beginnen seltener zu werden. Der Polizist spricht mit einem Unterton von Wohlwollen, er zeigt deutlich seine Geduld und kokettiert damit ein wenig. In wohlfeilen Speiserestaurants sogar begegnet man Kellnern, die nicht darauf bedacht sind, die rustikale Tradition des »Küchenbullen« aus der Kriegszeit im bürgerlichen Leben fortzuführen. Das ist aller Achtung wert. Man sieht die Anstrengungen und nörgelt nicht, wenn der urtümliche preußische Bärenhäuter gelegentlich doch noch zum Vorschein kommt. So wäre also die Einsicht fortgeschritten, daß das Publikum nicht ein unbestimmtes bedeutungsloses Etwas ist oder gar ein unmündiges Kind, das bei jeder Gelegenheit erzogen werden muß. Man hat die dienstliche Anweisung gegeben: Höflichkeit! Und man gibt sich allerorten Mühe, sie wörtlich zu befolgen. Man gibt sich Mühe. Das ist es. Man sieht die Schweißtropfen. Etwas Verknurrtes arbeitet noch unter der dienstlich befohlenen Urbanität. Hinter dem devoten »Sie wünschen?« kollert noch ein oft schwer gebändigtes »Hol dich der Teufel!« Hinter dem »Gern geschehen ...« ein hoffnungsvolles »Rache ist süß!« Die neuberliner Höflichkeit ist mehr ein wegen schlechten Wetters abgesagter Krieg, denn eine schon naturgewordene Übung. Aber wir wollen nicht Splitterrichter sein. Der Schweiß, den ein freundliches Wort kostet, soll uns teuer sein. Wir wollen zufrieden sein, wenn man es »beim Rade bewenden läßt«. Schließlich wird sich die Verschmelzung doch einmal vollziehen und Berlin an Courteoisie nicht hinter Timbuktu zurückstehen. Doch eines noch zum Schluß: Könnte sich die Prüfung der Geldscheine und Münzen an den Ladenkassen nicht etwas schonungsvoller vollziehen? Ich weiß nicht, ob wirklich so viel Falschgeld kursiert, wie behauptet wird. Aber ich weiß, daß es ungemein peinigend ist, wenn dein Zweimarkschein erst von einem Expertenkomitee disputiert und durchröntgt wird, wenn dein Talerstück zwanzigmal Polka tanzen muß, und schließlich ins Privatkontor des Chefs zur Begutachtung geschickt wird. Inzwischen wartest du. Fünf Augenpaare richten sich abwechselnd auf dich und die Türklinke, als ob du fluchtverdächtig wärst. Und schließlich entläßt man dich mit einem Blick, der besagt, daß man dich eigentlich nur wegen der Geringfügigkeit des Objekts laufen läßt. Muß das sein? In den Warenhäusern z. B. wickelt sich die Prüfung ganz ohne Ritual im Bruchteil einer Sekunde ab. In dem lieben oder gleichgültigen Nächsten nicht sofort den Verbrecher zu sehen, selbst Zweifel bis zur Klarstellung freundlich einzuhüllen, das ist eben eine Höflichkeit, die sich mit Instruktionen nicht eintrichtern läßt. Das ist Gabe: man hat es oder hat es nicht. Montag Morgen, 9. August 1926 655 Zum 11. August Mißvergnügter Sommer. Auf eine Stunde Sonnenschein drei Regentage. Häufung von Elementarkatastrophen. Zusammenbrüche politischer Charaktere. Schon fault das gelbe Laub an den Wegen, und überall riecht es nach Sumpfwasser. Just in die Saison fällt der Verfassungstag, der diesmal besonders tönend begangen werden soll. Voriges Jahr hatte man für die Festrede im Reichstag einen Professor aus Bonn gechartert. Vor zwei Jahren hat Heidelberg den Redner gestellt. Jetzt wäre wohl Hannover an der Reihe gewesen. So ist es kein Wunder, daß auf professoralen Schmuck verzichtend, Külz Höchstdieselbst ins Geschirr steigen wird.   Adolphe Thiers am 26. Dezember 1871: »Und hier, meine Herren, spreche ich wie immer aus voller Überzeugung, aber glauben Sie mir, Sie, die Sie einen loyalen Versuch mit der Republik machen wollen, und Sie haben recht: dieser Versuch muß ehrlich gemacht werden. Man muß nicht Komödie spielen, und eine Regierungsform versuchen wollen mit dem Hintergedanken, sie zu Falle zu bringen. Diesen Versuch muß man ernstlich und aufrichtig machen ... Nein, ich wiederhole es: wir sind keine Komödianten. Wir sind aufrichtige Männer! Wir wollen diesen Versuch ehrlich machen ...« So Adolphe Thiers, der einmal Minister des Bürgerkönigs gewesen war.   Die Gründer der dritten französischen Republik sind ebenso wenig Revolutionäre gewesen wie die der ersten deutschen. Auch der Weg zur republikanischen Verfassung Frankreichs ging über einen niedergeworfenen Proletarieraufstand. Dort Gallifet, hier Noske. Aber die Pariser Bürgerdemokraten haben gewußt, daß keine neue Regierungsform sich behaupten kann, wenn nicht das gestürzte System völlig entwurzelt und sein Apparat vernichtet wird. Die deutsche Revolution hat einen bis auf die versehentlich abgebrochene kaiserliche Spitze intakten monarchistischen Staatsorganismus übernommen. Der erste Aufruf des Volksbeauftragten Ebert schon betonte: Kontinuität. »Man muß nicht Komödie spielen, und eine Regierungsform versuchen wollen mit dem Hintergedanken, sie zu Fall zu bringen.« Die Weimarer Verfassungsmacher haben so bösartige Hintergedanken kaum gehabt. Sie haben überhaupt nicht viel Gedanken gehabt. Sie haben eine brave, brauchbare, wenn auch im Einzelnen nicht eben wasserdichte Arbeit geleistet, aber vergessen, daß Macht dazu gehört, wenn eine Verfassung funktionieren soll. Sie haben der Kontinuität vertraut. Deshalb bedeutet die Verfassung keine Grundlage, sondern ein Nebenbei. Das Bewußtsein der Kontinuität regiert. Nach sieben Jahren trägt die demokratische Republik noch alle Kennzeichen des Provisoriums. So kann ein kleiner Untersuchungsrichter dem Staat ungestraft Paroli bieten. Er wirft dem preußischen Innenministerium Mordbegünstigung vor, während er selbst den ihm übertragenen Fall in bizarr parteiischer, sachlich unmöglicher Art behandelt. Der Justizminister, heißt es, hat das Disziplinarverfahren beantragt. Langes Schweigen. Nach fast einer Woche begibt sich der Vorsitzende des Disziplinarsenates, der Oberlandesgerichtspräsident in Naumburg, endlich nach Magdeburg, um sich den Fall mal anzusehen. Immer mit der Ruhe. Wäre nicht der jüdische Kaufmann Haas, sondern ein preußischer Prinz das Opfer der Inquisitionskünste des Herrn Kölling, der Herr Oberlandesgerichtspräsident hätte das erste beste Flugzeug bestiegen, und jener Kölling wäre noch am selben Tag als amtliche Existenz ausgelöscht worden. Der Magdeburger Fall ist nicht der schwerste. Es ist viel ärgeres Unrecht geschehen. Aber niemals zeigte sich einleuchtender der Bankrott der Republik vor dem Mechanismus des alten Staates. Und es zeigt sich, daß selbst das Beste davon, das scheinbar Überzeitliche, zu einem Instrument bösartiger Obstruktion und giftigen Unrechts wurde. Unabhängigkeit des Richters? Die Hugenbergpresse höhnt: Einst war sie das Palladium des Liberalismus, heute rüttelt Ihr Demokraten zuerst daran! Zunächst: richterliche Unabhängigkeit hat unterm alten Regime niemals bestanden; einzelne starke Charaktere haben sich wohl durchzusetzen gewußt, das Gros schwankte wie Rohr im Wind. Aber Unabhängigkeit hat niemals und nirgends Privileg zur Rechtsverletzung bedeutet. Grade der in seinen Entscheidungen freie Richter hat die doppelte Pflicht, nur seinem Gewissen zu folgen und ... von seinem Verstand Gebrauch zu machen. In das deutsche Richtertum aber ist ein Überheblichkeitskoller gefahren, wie er sich wahrscheinlich nur noch in der Reichswehr findet. Und damit ist selbst für diesen Staat die Grenze des Erträglichen erreicht. Eine zweite Institution wie die Reichswehr: nein, das geht nicht. Die Reichswehr, das weiß jeder denkende Republikaner (nicht jeder spricht es aus, allerdings), zählt nicht zu den republikanischen Institutionen. Sie kostet eine Stange Geld, aber tangiert uns nicht weiter. Vegetiert dahin wie eine Art Naturschutzpark, profanen Besuchern verboten. Der Fall Justiz ist ernster. Die Justiz ist dem Alltag tausendfältig verhaftet: Schicksal, Hoffnung, Rettung und Verderb für Unzählige. Eine Justiz mit den Allüren der Reichswehr, das trägt die Anarchie mitten in die Gesellschaft, viel gründlicher als es gelernte Umstürzler jemals könnten, – das unterhöhlt den Staat. Das absolute Königtum des schwarzen Talars als Monarchieersatz, das ist schlimmer als die erbliche Monarchie. Joseph Wirth hat in seinem Aufruf für die Republikanische Union mitgeteilt, daß im Spätherbst dieses Jahres entscheidende Ereignisse stattfinden würden. Das ist orphisch dunkel und trotzdem nicht so schrecklich, wie es klingt. Entscheidende Ereignisse? Wenn es doch einmal so weit wäre! Ein Tigerbiß ist besser als bei lebendigem Leibe von Würmern zernagt zu werden. Was braucht die Reaktion eigentlich noch? Eine Bastion muß sie noch nehmen, und hier vollendet sich langsam die Umzingelung: das preußische Innenministerium. Nein, Doktor Joseph Wirth, es geht nicht mehr um die dramatische Entladung entscheidender Wendungen. Die Reaktion denkt gar nicht daran, die Republik in die Luft zu sprengen: sie hat sie fest und läßt sie unter ihren Händen allmählich verfallen. Sie beherrscht die republikanischen Institutionen und verwaltet sie so, daß die Demokratie ad absurdum geführt scheint. Das ist viel bequemer als Umsturz. ... wenn das Alles vorüber ist, werden wir uns die Augen reiben. Wir hatten die Republik und haben nichts von ihr gewußt. Wir sind in Ägypten gewesen und haben die Pyramiden nicht gesehen. (Text für die Verfassungspredigt vom 11. August.)   Die Wehrverbände, Stahlhelm voran, haben die sächsischen Volksparteiler vor die Entscheidung gestellt: entweder schwarz-weißroter Block bei den Landtagswahlen im Oktober oder Ausstoßung aus der nationalen Gemeinde. Einstweilen sträubt sich das offizielle Parteiorgan noch tapfer. Das ist der erste Versuch, die seit langer Zeit von Herrn Jarres und Herrn v. Gayl propagierten Einigungspläne in die Praxis umzusetzen: Rechtsblock unter Stahlhelm-Patronat. Wenn aber die Volkspartei in Sachsen nach Rechts abschwimmt, was wird dann aus den biedern Regierungssozialisten, die der Großen Koalition zu Liebe die Partei gesprengt haben? Bittere Lektion für die Hilferdinge, die noch immer an die Große Koalition glauben.   Im Berliner Börsen-Courier stand vor ein paar Tagen das folgende hübsche Verschen über die werdende Eisenunion: Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Pleite; drum ließ er Säbel, Schwert und Spieß vorerst einmal beiseite. Drum gab er uns das Kontingent, die Eintracht der Kanonen – und Friede ward dem Kontinent bei Preisen, die sich lohnen.   Reichsgerichtspräsident Dr. Simons ist kürzlich für Paneuropa eingetreten mit der besonderen Begründung, daß sich auf diesem Wege am leichtesten der Anschluß Österreichs an Deutschland vollziehen könne. Das ist eine gefährliche Motivierung europäischer Einigungswünsche: eine junge Idee wird mit nationalen Ambitionen bepackt; Zankäpfel werden ihr gleich bündelweis aufgebürdet. Man kann sicher sein, daß die Paneuropäer anderer Nationen nicht entsagungsvoller sind. Im Herbst wird Coudenhove-Kalergi auf einem Paneuropa-Kongreß zum ersten Mal seine Heerscharen mustern. Dann wird deutlich zur Erscheinung kommen, daß die Bewegung zu schnell in die Breite gegangen ist und allerhand merkwürdiges Geflügel schon im paneuropäischen Hühnerhof Unterschlupf gefunden hat. Coudenhoves Vorsprung vor dem alten Pazifismus: er fängt voraussetzungslos an, gibt ein konkretes, positives Ziel, nicht Weltanschauung. Damit entfällt jene Rechthaberei und Formelseligkeit, die namentlich den deutschen Pazifismus oft so unleid gemacht hat, auch das Gezänk, was Pazifismus nur eigentlich sei und wer sich mit Recht Pazifist nennen dürfe; eine Frage, die die Pazifisten auch nach dem nächsten Weltkrieg noch nicht entschieden haben werden. Coudenhoves Manko: er kreiert eine Intellektuellenbewegung ohne Volk. Er nimmt Unterschriften prominenter Politiker, einem jungen, eleganten Aristokraten gern gegeben, schon für Tat. Er scheidet und siebt nicht und fällt damit zurück in die Anfänge des modernen Pazifismus, in die Tage der Suttner, wo man freundliche Aufrufe an die Machthaber der imperialistischen Staaten richtete und nichts erreichte als eine Sammlung liebenswürdigst gewährter Händedrücke. Paneuropa als Idee: das bedeutet Fortschritt gegenüber dem vergreisenden Pazifismus. Paneuropa als Methode: das ist ein Rückfall in illusionäre Zeiten. Coudenhove selbst ist zu coulant und zu früh berauscht von den schnellen Erfolgen nicht seiner Politik, sondern seiner interessanten Persönlichkeit. Paneuropa ist zur Zeit ein Gedanke im Frack. Wir wollen gewiß nichts gegen einen gut angezogenen Gedanken sagen, aber erweisen wird sich seine Wirkung erst im Arbeitskleid. Wenn die Paneuropäer, die heute so üppig herbeiströmen wie zu einem guten Essen, erst zu maulen beginnen, daß sich ihre nationalen Wünsche eigentlich viel besser durch Krieg verwirklichen ließen als durch europäische Einung, dann wird Coudenhove zu bewähren haben, ob er dem Format seiner Idee entspricht. Heute ist er noch zu sehr Salonangelegenheit, internationale Berühmtheit und dernier cri, rangierend etwa zwischen Suzanne Lenglen und Krishnamurti, dem indischen Messias. Die Weltbühne, 10. August 1926 656 Genf – Stresemann – Clemenceau Notiz aus New York: »Zur Zeit wird in einem der größten Theater eine Revue ›Der Völkerbund‹ vorbereitet, für die bereits eine Reihe der hervorragendsten Jazzkomponisten verpflichtet werden.« In Genf wird zur Zeit eine noch viel größere Revue gleichen Titels inszeniert, und es ist sehr fraglich, ob alle Jazzkomponisten Amerikas imstande sein werden, sie an Kakophonien zu übertreffen. So sehr auch Briand diesmal Alles daran setzen wird, Deutschland endlich in Bund und Rat zu bugsieren: noch sind Polens und Spaniens Ansprüche nicht vertagt, und namentlich die neue italienisch-spanische Allianz bedeutet Ankündigung einer Überraschung. Und was mag sonst noch jedes Verhandlungsstadium an nicht angemeldeten Überraschungen bringen! Der Saal der Reformation, niemals ein Quartier der Eintracht, ist jetzt vollends zum Eris-Tempel geworden. Inzwischen werden von den Mächten immer neue Verträge abgeschlossen, die harmlos Garantieverträge genannt werden, aber in Wahrheit nur Bündnisse alten Stils sind, wenn auch verbrämt mit Schiedsgerichts- und Neutralitätsklauseln. Einer garantiert dem Andern etwas, aber stets gegen irgendwen. Vor Allem aber sichern die Militärstaaten sich Garantien gegen den Völkerbund. Jeder Garantievertrag bedeutet für ihn verlorenes Terrain. Der Gedanke der überstaatlichen Organisation, der stärksten Sicherung gegen Kriege, wird von den Staaten mit höflichem Lächeln sabotiert. Frankreich hat soeben mit Rumänien einen Vertrag abgeschlossen, in dem zum ersten Mal Bessarabien ausdrücklich als rumänisches Gebiet anerkannt wird. Erregung in Moskau. Mit Fug. Denn Rumäniens Anrecht auf Bessarabien wird nicht unbegründet angefochten. Ganz davon zu schweigen, daß dieses unglückliche Land der bevorzugte Tummelplatz der rumänischen Soldateska ist. Während sich Frankreich hier in östliche Händel drängt, wird es am Mittelmeer plötzlich ausgekreist. Denn Italien und Spanien haben sich zu einer Koalition gefunden, die in London schmunzelnd begönnert, in Paris still betrauert wird. Die englische Abneigung gegen Mussolini ist dem Primat der Außenpolitik gewichen. (Auch Abessinien, das schwarze Mitglied des Völkerbundes, wird das bald erfahren.) Europa ist zu einem Netz von Bündnissystemen geworden. Es wird notwendig, zur Orientierung einen Atlas der Bündnisse herzustellen. (Und der wird wohl die buntesten Karten enthalten, die es jemals gegeben hat.) Denn auch der wache Verfolger außenpolitischer Ereignisse findet sich nicht mehr recht durch. Aufrüstung überall, und überall Schiedsverträge. Der Imperialismus verbeugt sich vor der neuen Idee, dem Pazifismus, indem er seine Terminologie übernimmt. Der Völkerbund aber scheint dazu verurteilt, ein Bureaubetrieb ohne Funktionen zu bleiben.   Am 13. August 1923 wurde Gustav Stresemann Reichsminister. Drei Jahre Stresemann. Die Fehler dieses Politikers sind zu offenbar, als daß notwendig wäre, sie nochmals aufzuzählen. Ein Stehaufmännchen, ein deutscher Rabagas. Ein Trompeter, dem man im Grunde immer gut ist, trotzdem seine falschen Töne manchmal zur Verzweiflung bringen können. Aber er trompetet so unverzagt und immer drauf los. Es gibt zu denken: Stresemann, der nur zu ganz besonders feierlichen internationalen Séancen dürftig maskierte Nationalist, hat mehr erreicht als irgendeiner seiner Vorgänger, die mit dem Geist von Weimar ausgestattet vor das Forum der Welt traten. Einer hat geweint, ein Zweiter gewettert, ein Dritter deklamiert: von Spa bis Genua eine Kette von Pleiten. Gustav der Auswechselbare war der Einzige, der Zutrauen eingeflößt hat und für politisch diskontfähig erachtet wurde. Was er als Innenpolitiker verwüstet hat: an seinem Ehrentag soll nicht davon geredet werden. Denn wir haben so viel erfolglose Republikanertugend scharwerken sehen, daß der Anblick eines Politikers, der von Fortuna geliebt wird, nicht unangenehm berührt.   »Es wird höflichst gebeten, auf den Herrn am Klavier nicht mit Messern zu werfen – er tut, was er kann.« Das hängt als unsichtbares Plakat über der Deutschen Republik, schwebte auch über der Verfassungsrede des Herrn Külz. Der Herr Festredner hat den »wehrhaften Pazifismus« gefeiert und in Gegensatz gestellt zu dem andern, der ... etcetera. Das ist nicht schlimm, weil des Landes der Brauch; und außerdem hat das unser Geßler schon so oft besser gesagt. Aber was sollen diese ewigen Wehleidigkeiten, wie es uns 1919 so furchtbar schlecht erging, und wie wir seitdem so tapfer wieder aufgebaut haben! Warum immer diese grauen Elendsbilder mit angehängtem Hochgesang? Wenn die Külz-Demokraten etwas mehr Takt und Gefühl für Volksstimmung hätten, so würden sie über die Periode von Weimar bis mindestens zum Hitlerputsch möglichst ausgedehnt schweigen, denn das ist die Zeit der tiefsten Erniedrigung des deutschen Republikanertums. Daß die Republik nicht Kapp oder einem ernster zu nehmenden Aufrührer zum Opfer gefallen ist – das hat nicht die Energie der Weimarer verhütet: das ist das Verdienst von Leuten, auf die Noske und sein Nachfolger schießen ließen. Nicht einmal die Ära der großen Morde hat die Herren der mittlern Koalition aufgerüttelt, und Ludendorffs Unternehmen brach zusammen nicht am Widerstand Berlins, sondern unter den Gewehrkugeln des bayrischen Militärs, unter der Attacke wittelsbacher Royalisten. Die Republik hat gar nicht damit zu tun. Erst im Frühjahr 1924 begann Hörsing zu trommeln. Bis dahin war die Verteidigung der Republik das Steckenpferd einiger versprengter Idealisten. Wer 1920 auf die Gefahr der Einwohnerwehren hinwies, später auf die unheimliche Lebendigkeit der bewaffneten Vaterländischen Verbände, der wurde auch von den meisten Demokratenblättern als ein Söldling Frankreichs behandelt. Und wieviel Schwierigkeiten sind künstlich geschaffen worden, obgleich beim Abschluß des Versailler Vertrages die Situation, weiß Gott, tragisch genug war! In der Hoffnung, sich schließlich doch noch ums Zahlen drücken zu können, ist die Reparationsfrage von Jahr zu Jahr verschleppt worden: der mit Emphase abgelehnte Londoner Plan war bei aller Härte doch noch ein bequemeres Lager als später das von Prokrustes Dawes bereitete. War die Inflation, von Havenstein und Stinnes gemacht, etwa gottgewollt? War der Ruhrkrieg unvermeidbar? Diese Verfassung ist kein Feiertagsobjekt. Sie ist entstanden in Tagen, wo gegen deutsche Bürger, die dem stolzen Satz: »Das Deutsche Reich ist eine Republik!« einen Sinn geben wollten, Maschinengewehre aufgefahren wurden. Und was sollen die Preislieder, wenn die historische Tatsache, die die neue Konstitution geschaffen hat: die Revolution, entweder völlig ignoriert oder zur häßlichen kleinen Episode herabgedrückt wird? Wer den 9. November unterschlägt, soll nicht große Worte vom 11. August machen. Man muß schon ein ausgekochter Parteikaffer sein, um nicht zu ahnen, daß die mächtige Gegnerschaft gegen die bürgerliche Republik nicht einfach auf Dummheit, Bosheit, Verblendung, Hugenberg und Moskau zurückgeführt werden kann. Es gibt nämlich noch ein Argument, dessen sich die schwarz-rot-goldenen Parteien, wenn sie an der Regierung waren, allzu bescheiden bedient haben: das ist die Leistung.   Die richtige Verfassung aber wurde erst vor dem Reichstag gefeiert. Man lese: »Dann schreitet Hindenburg die Front ab. Er tat es nicht pro forma, sondern als der alte Militär, der er trotz seines schwarzen Gehrocks ist: sowie er die Militärkapelle passiert hat, tritt er neben den rechten Flügelmann des ersten Gliedes und kontrolliert. Dann macht er es gewissenhaft mit dem zweiten Gliede ebenso ...« Darauf kommt es an: Richtung im zweiten Gliede. Merk dirs, Republik!   Georges Clemenceau hat in einem offenen Brief an den Präsidenten Coolidge die Streichung der französischen Kriegsschulden gefordert. Gefordert. Ein Clemenceau stellt kein Bittgesuch. Die Offiziellen in Washington haben schroff refüsiert. Die Zeitungen taten Einiges an Hohn, Herausforderung und guten Mahnungen hinzu. Clemenceau will auch nicht an Gefühle appellieren. Er spricht mussolinisch hart und ultimativ. Bisher, so führte er aus, haben wir Franzosen in England den bösen Geist des Kontinents gesehen; heute wendet sich die Unruhe Amerika zu. Ihr wißt, daß unsre Kassen leer sind: unser Bankkonto sind die Gräber unsrer Jugend. Ihr wißt auch, daß Schulden solcher Art und Ausdehnung nur fiktive Bedeutung haben. Frankreich wird nicht in generationenlange Schuldknechtschaft kriechen. Frankreich ist nicht die Türkei. Das Unglück schafft seltsame Schlafkameraden. Vor Jahresfrist hat Leo Trotzki in seinem Pamphlet gegen England diese gallenbittern Sätze geschrieben: »Kein Dokument, das Moskau je in die Welt gesetzt hat, kann die gleiche revolutionäre Bedeutung beanspruchen wie der Dawes-Plan, der das gesamte industrielle Leben einer großen Nation an die eherne Kette der amerikanischen Kontrolle legt. Und dabei behauptet Amerika, Europa wieder aufhelfen zu wollen. Was es wirklich tut, ist: seinen Schuldnern abwechselnd Kredit zu geben und zu verweigern; bald ihnen den Dolch auf die Brust zu setzen, bald ihnen die Zügel wieder locker zu lassen. So ruft man aber die Revolution hervor. Verglichen mit Wall Street von heute ist der Kreml eine konservative Institution.« Das ist die finanzielle Allmacht der Vereinigten Staaten, gleichermaßen verwünscht von Demokrat wie Bolschewik. Es gibt eine verbreitete deutsche Eselei, die frohlockt, wenn Marianne von Amerika Schröpfköpfe angesetzt werden, und die noch immer glauben, das geschehe Deutschland zu Liebe. Aus dieser krausen Vorstellungswelt kommt auch die jüngste Mahnung des Reichsbankherrn Schacht: Amerika möge doch Polen keine Kredite gewähren, weil dieser Staat so furchtbar nationalistisch sei. Nun, Wall Street läßt sich so leicht keine Vorschriften machen, und die Hungerkur, in die sie Europa zwingen möchte, dient nicht einer zielbewußten pazifistischen Pädagogik, sondern dem eignen Machttrieb. Frankreich wankt in eine Tragödie hinein. Ob Poincarés Geldstabilisierung gelingt oder nicht: das ökonomisch so gründlich konservative Frankreich wird in einen Umformungsprozeß getrieben, der aus einem Volk von fleißigen und lebensfrohen Kleinbürgern, gewohnt, sich früh zur Ruhe zu setzen, verdrossene Arbeitssklaven machen wird, wie sie heute überall zu finden sind. Dagegen bäumt sich der französische Geist. In Deutschland, wo die Zweckbesessenheit schon vor dem Krieg tiefeingefressen war, beglotzt man ehrfürchtig die großen Raffer und Allesverschlinger. Ein trister Industriedespot wie Herr Minoux, der mit sauertöpfischer Miene von seinem achtzehnstündigen Arbeitstag erzählt, würde in Paris belächelt werden, in Deutschland bewundert man ihn als Übermenschen. Georges Clemenceau, der sich einmal gerühmt hat, niemals in seinem Leben ein nationalökonomisches Buch angesehen zu haben, fehlt der Sinn für wirtschaftliche Zusammenhänge, aber nicht der Blick für die Wirkungen. Er sieht sein geliebtes Frankreich in Industriefron versinken und erhebt wie ein grollender Demosthenes die Stimme gegen die unheimliche zerstörende Macht, gegen Amerika. Und es ist wie eine launige Improvisation der Weltgeschichte, daß es grade dieser unverwüstliche alte Hetzteufel sein muß, der vielleicht als Letzter den Protest der Seele gegen den Dämon Wirtschaft formt. Die Weltbühne, 17. August 1926 657 Ich hatt' einen Kameraden Kolonialfilm aus dem Weltkrieg. Man braucht ein militärisches Thema nicht unbedingt so anzufassen wie der geniale Eisenstein des Anstoßes. Es gibt noch andere Möglichkeiten. Aber es gibt heute keine Möglichkeit mehr, ein Stück Geschichte jüngster Vergangenheit in tränenreichen Familienkitsch aufzulösen. Ein Krieg zum Lachen, der da zwischendurch zelebriert wird; jede Manöverepisode wirkt aufregender. Wenn der Einfall ausbleibt, was sehr oft vorkommt, wird das Vakuum mit vaterländischer Musik gefüllt. So etwas ist eine Sünde nicht nur wider den Geschmack, sondern auch wider die Zeit. Und die Zeit wird sich rächen durch rasches Schimmeligwerden dieser scheinbar so lockenden Konjunkturware. Man konstatiert mit Bedauern, daß der geachtete Name des Regisseurs Conrad Wiene das reizlose Machwerk deckt. Von den Darstellern seien der Neger Brody genannt und ein paar Krokodile, die sich durch Frische des Spiels auszeichneten und trotz anfängerhafter Befangenheit dennoch zu den schönsten Hoffnungen berechtigen. – Theater am Nollendorfplatz (P.S. Das wäre der zweite von angesagten elf Militärfilmen. Nach dem fünften dürfte Ihr Referent sich wohl den Gefreitenknopf verdient haben.) Montag Morgen. 23. August 1926 658 Ehrhardt, Hugenberg, Severing Kapitän Ehrhardt reist im Lande herum als Propagandist für die geeinte Rechte. Die deutschnationalen Führer sind nicht besonders entzückt davon. Einstweilen wird geplänkelt. Schon hat ein völkisches Akademikerblättchen ausgepackt, daß Westarp sich entschlossen habe, Stresemanns Außenpolitik zu schlucken; selbstverständlich werden dabei für die nationale Opposition ein paar Ministersessel abfallen. Das hat die Vaterländischen verstimmt. In Wahrheit liegt der Konflikt tiefer. Es handelt sich darum, unter wessen Zeichen sich die kommende Neugruppierung auf der Rechten vollziehen soll. Wer soll die Führung haben: die Parteihäupter oder die Bandenchefs? Zum Schießen war Ehrhardt gut genug. Aber der neue Ehrhardt, der nach politischen Lorbeeren schielt und versichert, daß der Kampf in Zukunft nur noch im Parlament entschieden werden könne und nicht durch einen Schuß aus der Hecke – der wird weit weniger geschätzt. Die Kreaturen machen sich selbständig. Wer wird das Roß sein, wer der Reiter?   Freilich wird die Entscheidung weder bei Westarp noch bei Ehrhardt liegen, sondern bei Hugenberg. In solchen Situationen pflegt der Säckelmeister den Ausschlag zu geben. Man hat in den Blättern der Linken viel über den Mann orakelt, hat fanatischen Haß, dämonische Triebkräfte hinter seiner gleichgültigen Bürgermaske gesucht. Man übersieht bei dem Rätselraten, daß Herr Alfred Hugenberg heute vornehmlich Zeitungsverleger ist, der viel Geld in sein Unternehmen gesteckt hat und ebenso in die politischen Verbände, die ziemlich auf derselben Ebene wimmeln wie seine Blätter. Hugo Stinnes gründete sein Reich auf Kohle und Eisen: Hugenberg baut auf Zeitungspapier. Stinnes kaufte Blätter, um sie seinen Interessen entsprechend zu modeln. Hugenberg sicherte sich den Geist, den er begreift: den Lokalanzeiger, und änderte gar nichts daran. Während der ruhelose Raffer Stinnes sich in Spekulationen verlor, die schließlich den gehäuften Schatz wieder fraßen, hat der Käufer des Lokalanzeigers etwas viel Ausbeutungsfähigeres erworben: die deutsche Dummheit. Deren Bedürfnissen entspricht die Richtung des Lokalanzeigers, entspricht die Politik Hugenbergs. Wäre dieser Mann zufällig auch noch von Dämonen besessen: es gäbe heute keine deutsche Republik mehr. Ein gnädiges Schicksal will, daß Herr Hugenberg nur ein dürres, phantasieloses Köpfchen ist, Prototyp des alldeutschen Spießers, der den Radau des Radaus wegen liebt. Das kindliche Techtelmechtel mit Moskau, von dem Marauhn und Rechberg zu berichten wissen, entstammt ganz und gar demselben weltpolitisch gefärbten Schwachsinn, der im Kriege Vernichtung der Vereinigten Staaten durch Mexiko erhofft hat. Herr Hugenberg mag durch seine gigantischen Mittel gefährlich werden – er selbst bleibt immer der Herr Generaldirektor aus der Industrie, wie wir ihn bei tausend Gelegenheiten kennen gelernt haben: technisch und kaufmännisch geschult und tüchtig, politisch ein Analphabet, vollpfropft mit Vorurteilen unausgekochter Herrengefühle. Wir kennen seinen flachen Konservativismus, seine entfesselte Rückständigkeit – aber wissen wir wirklich um seine Pläne? Die sollen ja fast bis ans Blau des Himmels sich türmen. Wenn ein verrückt gewordener Enthusiast wie Léon Daudet heute in Frankreich plötzlich die Oberhand gewänne, so wäre die Wiederherstellung der Monarchie sicherlich eine Frage von Stunden. Aber würde ein Hugenberg als Herr des Staates etwa den Vertrag von Versailles zerfetzen, den Dawes-Pakt kündigen, das Locarno-Papier mit Hohngelächter nach Paris und London zurückschicken? Würde er seinen Hussong diplomatische Noten schreiben lassen? Seinen Breslauer zum Gesandten in Warschau ernennen, damit die Polen endlich zu sehen bekommen, was ein echter deutscher Mann ist? Gewiß: er ist mit Herrn Claß befreundet, dem Gewohnheits-Konspirator. Aber Herr Claß ist Politiker auf eigne Faust, Hugenberg dagegen mit allen seinen pangermanistischen Wallungen ein guter Industriepapa, ein Großverdiener, der zunächst und vor Allem für seine Familie sorgt. Er würde Das, was mit Kohle und Eisen Geschäfte macht, kräftig fördern, auch die befreundeten Agrarier nicht hungern lassen, die Sozialpolitik weiter verkümmern lassen und die Unabhängigkeit der Justiz peinlichst achten. Er würde also durchaus nichts Andres tun als Stresemann und Marx und Külz. Er würde Die zur bessern Deutlichmachung des Umschwungs zwar in Pension schicken, aber Herrn Geßler schon mit freundlichem Händedruck übernehmen. Wo ist da, sehen wir von allem durch die Parteiraison gebotenen Geschrei ab, der große Unterschied? Wo ist die tiefe, tiefe Kluft, die Hugenbergs Lager von Stresemanns Lager trennt, in dem ja auch die Herren um Koch gastieren? Die Wirkung ist auf jeden Fall die gleiche: der festgefügte Bürgerstaat mit der Vorherrschaft der Besitzenden. Die demokratische Presse macht einen Fehler: sie vergrößert den Gegner zum Titanen, um die eignen Mängel und Sünden kleiner erscheinen zu lassen. Die Demokraten, die im Lauf der Jahre so oft Gefahren übersehen und Warnungen in den Wind geschlagen haben, sind übernervös geworden. Deshalb die Furcht vor Hugenberg. Aber der Schatten ist schrecklicher als der Mann.   Hugenbergs Blätter, so wird berichtet, rüsten zu einem neuen großen Stoß gegen Severing. Der preußische Innenminister war bisher nicht zu erledigen gewesen. Nun soll es mit einer Korruptions-Campagne versucht werden. Die Enthüllung eines Panamas wird angekündigt. So wurde auch Erzberger von Helfferich zur Strecke gebracht. Severing ist so etwas wie das Symbol republikanischer Wehrhaftigkeit geworden. Aber auch hier ist der Schatten gewaltiger als der Mann. Er ist nicht so furchtbar, wie ihn seine Feinde, nicht ganz so heroisch, wie ihn seine Freunde machen. Ein unendlich fleißiger Mann, nicht ohne schnelle Entschlußkraft (die er zuletzt in der Magdeburger Affäre bewies), aber oft auch berauscht von seiner Energie, dann in Noske-Pose verfallend und allzu sehr geneigt, als Staatsretter zu paradieren. Die Wahrheit: der einzige Minister aus der Sozialdemokratie, dem die Macht nicht einfach unter den Händen zerronnen ist. Ein Mann, der viel geleistet hat und trotzdem immer das Letzte schuldig geblieben ist. Er hat sich gegen Cuno und Geßler erhoben, das ist wahr und soll ihm nicht vergessen werden, aber der gewissenhafte Chronist sucht vergeblich das Ende solcher tapfer begonnenen Aktionen. Er notiert: abgebrochen in der Mitte. Severing ist der Held unentschiedener Schlachten. Und trotzdem weiß die Reaktion, was sie tut, wenn sie ihre Kräfte gegen diesen Mann konzentriert und ihn, den Besonnenen, zu einem legendären roten Beelzebub aufschwindelt. Denn so angestrengt man auch das Plattland der Sozialdemokratie überschauen mag: nirgends ist Einer zu sehen, der ihn ersetzen könnte. Das Problem Severing liegt außerhalb der Person: es liegt in dem Mangel an Nachwuchs in der offiziellen Sozialdemokratie.   Übrigens macht der Plan den Schmutzstrategen in der Zimmer-Straße alle Ehre: Severing ist heute nicht mehr wie früher im Besitz einer festen Gesundheit. Das ist offenes Geheimnis. Vielleicht genügt nur ein kleiner Stoß, und seine Nerven geben nach, und er wirft, übersatt der Kränkungen, sein Amt hin. Dann fiele der Rücktritt des leidenden Mannes zusammen mit den Höhepunkten der Enthüllungs-Offensive. Man kann sich ohne Mühe diesen Triumph ausmalen. Die Rechte versichert, heute über die Ära des Putschismus hinaus zu sein. Selbst der alte Landsknecht Ehrhardt behauptet, sich zu den Mitteln der Politik bekehrt zu haben. Kampf mit geistigen Waffen also! Aber wenn die Verleumdung Severings die erste Probe aufs Exempel der neuen Taktik sein soll, dann erscheinen uns die alten Waffen sauberer. Neben dem Tintenfaß des Hugenberg-Redakteurs wirkt Tillessens Revolver beinahe chevaleresk. Die Weltbühne, 24. August 1926 659 Herr von Saint-Aubin Das alte Thema vom gemieteten Scheidungsgrund. Nur daß diesmal nicht der Gatte mietet, sondern ein reputierlicher Liebhaber, der nichts riskieren will. Natürlich siegt der Figurant. Das haben Picard und Harwood, die Autoren, recht hübsch pointiert. Im Mittelpunkt Ralph Arthur Roberts, der der typischen Gestalt des verbummelten Charmeurs Konturen des Teufelskerls im Sinne Shaws verleiht, Eulenspiegel und Held auf dem Kampfplatz der bürgerlichen Moral. Entzückend, wie er improvisiert, mit trockener Expertise, das für den kontraktlich ausgemachten Ehebruch erforderliche Sofa drapiert. Seit Pallenbergs Zavadil hat es nicht solche Lachorkane gegeben. Neben ihm sehr wirkungsvoll Landa und Licho, während seine schöne Partnerin Frau Steinsieck nur prächtige Kleider zu zeigen hat und gelegentlich durch einen schwärmerischen Blick auffällt, der nach seriöserer Anwendung lechzt. (Komödienhaus.) Montag Morgen, 30. August 1926 660 Man schnorrt für den Bismarck-Film Wie der »Anti-Potemkin« aussieht Berlin, 28. August Seit mehr als einem Jahre wird mit großzügiger Reklame der zweiteilige Bismarck-Film angekündigt, als die Gipfelung aller vaterländischen Filme, als der Über-Fridericus, sozusagen. Als der erste Teil im Spätherbst vorigen Jahres herauskam, sah man ziemlich erstaunt ein recht rückständiges Elaborat, das in langweiliger Idyllik den jungen Bismarck anekdotisch niedlichte. Der kreißende Babelsberg hatte ein recht schäbiges Mäuslein geboren. Jetzt geht ein Rundschreiben um, aus dem sich ergibt, daß die stärksten Minen noch nicht krepiert sind. Wir lesen da: »Wir bitten ganz ergebenst zu erwägen, daß der Bismarck-Film nicht nur verführte Volksmassen dem nationalen Gedanken zurückgewinnen und ein Gegengewicht zu dem überall verbreiteten, künstlerisch hervorragenden und dadurch um so gefährlicheren russischen ›Potemkin-Film‹ bilden wird, sondern auch im Ausland für Deutschland sprechen soll.« Der Anti-Potemkin also! So gingen wir denn mit berechtigter Spannung am Sonntag mittag ins Piccadilly, um die angekündigte Vorführung von Proben aus dem zweiten Teil zu bewundern. Um es gleich zu sagen: obgleich nur Bruchstücke vorgeführt wurden, der Eindruck war niederschmetternd. Eine kümmerliche Zusammenstellung von kostümierten Puppen, aus dem Tapezier- und Schneider-Ingenium eines neuen Anton von Werner geboren, alles historisch »richtig«, aber entsetzlich nüchtern, alles verkleinert, in peinlichste Panoptikumnähe gebracht. Bismarck: ein subalterner Glatzkopf mit einem ewigen treuen, leicht verkümmeltem Lächeln; Roon: ein Herrschaftskutscher aus Pommern, der alte Wilhelm: stereotype Leutseligkeit. Mit Schaudern sieht man in dem Gewimmel von Talentlosigkeiten das schöne südländische Profil der Morena und wendet sich betränt ab. So muß auch hier wie bei dem ganzen Genre die Begleitmusik alles schmeißen. Die setzte mit einem dröhnenden Fridericus ein und übermalte die trostlose Statisterie der Versailler Kaiser-Proklamation mit schmetterndem »Heil dir im Siegerkranz«, sehr zur Begeisterung des erschienenen »vaterländischen« Publikums. Wie denkt man sich nun eigentlich die angesagte Wirkung auf das Ausland? Nur ein Tor kann annehmen, es ließen sich mit einem Film, dessen Höhepunkte preußische Parademärsche sind und der im übrigen nur Geschichtsklitterung und Hohenzollern-Legende bringt und sonst nicht ein künstlerisch reizvolles oder menschlich ergreifendes Motiv aufweist, Exportgeschäfte machen. Doch darauf kommt es den Managern gar nicht an. Wie der Manuskriptmacher Herr Professor Ziehen in einer Ansprache ausführte, hat dieser Film die Aufgabe, aufzurütteln, er soll ein Kampfruf sein gegen die Schmach von Versailles und die Erinnerung an Deutschlands größte Zeit wachhalten. Ein ausgeprägter Revanchefilm, ein Film für monarchistische Propaganda also, dessen historische Treue sich in der Richtigkeit von Vollbärten und Gipsnasen beschränkt. Interessanter als die gezeigten Bilder ist die Tatsache, daß das Unternehmen, dessen Zweck Herr Professor Ziehen so deutlich gekennzeichnet hat, und der für die Öffentlichkeit noch jetzt als »politisch neutral« firmiert, noch immer unter der Schirmherrschaft des Reichspräsidenten von Hindenburg steht. Wie der Herr Professor sonst noch mitteilt, befindet sich die Gesellschaft in argen geschäftlichen Schwierigkeiten. Es fehlen für die Vollendung noch etwa 150 000 Mark, und die heutige Vorführung bezweckte im wesentlichen, Mäzene zu werben. So besteht die Möglichkeit, daß Bismarck Zwo niemals das Licht der Welt erblicken wird. Montag Morgen, 30. August 1926 661 Der Fall Völkerbund Der negative Ausgang der deutsch-belgischen Besprechungen um Eupen-Malmedy hat in Deutschland beträchtliche Verstimmung hervorgerufen und die außenpolitischen Wetterwarten in den großen Redaktionen sind sich nur noch nicht einig darüber, ob der Fehlschlag auf englische oder französische Ränke zurückzuführen sei. Unbestritten ist nur, daß von Belgien ein Angebot vorlag, ein ihm durch den Friedensvertrag zugesprochenes Territorium gegen entsprechende finanzielle Kompensationen zurückzugeben. Wer diese Absicht auch durchkreuzt hat, Chamberlain oder Poincaré, oder, wie am wahrscheinlichsten, Parker Gilbert, der Reparationsagent, er hat, ohne zu wollen, ein gutes Werk getan. Menschen sind kein Handelsobjekt wie Vieh oder Baumwolle. Mit einer solchen Abtretung, ohne die Bevölkerung zu befragen, wird nichts gut gemacht und der Verständigung nicht gedient. An Stelle der Deutschen wären plötzlich die Wallonen Minderheit geworden, und das Problem hätte nur die Farbe gewechselt. Die Not der Minoritäten ist international und heischt zentrale Lösung. Die Willkür eines Tauschgeschäftes könnte generelle Regelung in absehbarer Zeit nur erschweren.   Eines ist jedoch bemerkenswert an dieser belgisch-deutschen Episode: hier wird deutlich aufgezeigt, wie Deutschland jetzt im Spiel der Mächte dem beherrschenden Mittelpunkt näher rückt. Hier zu Lande stöhnt man noch immer über den Schmachfrieden und daß man vor lauter Ketten gar nicht laufen könne. So wie ein alter Drehorgelmann, der ein Vermögen geerbt hat, aus verwurzelter Gewohnheit noch immer tagtäglich am Wege seine Bänkelmelodie dudelt, den schäbigen Filz zwischen den Knien. Denn trotz Hungerfrieden und Dawes-Versklavung: die deutsche Wirtschaftsmacht arbeitet so intakt wie je und lädiert ist nur Väterchen Staat. Zwar sinkt die Lebenshaltung der Lohnempfänger tiefer und tiefer. Zwar ist das früher so wohlhäbige Bürgertum aus Kriegsfuror und Revolutionsangst expropriiert erwacht (es waren nicht die Roten, die geplündert haben!), aber die Kapitalsmacht steht fester als je zuvor. Aus der Niederlage des Kaiserreichs ist der unerhörte Triumph der deutschen Schwerindustrie gewachsen; und wenn in Frankreich, in Polen, in Italien noch immer von einer deutschen Gefahr gesprochen und die Möglichkeit deutscher Geheimrüstungen in dunkelsten Farben ausgemalt wird, so geschieht das nicht aus einem schon sagenhaft gewordenen Deutschenhaß, sondern aus Furcht, daß über kurz oder lang die neue Tatsache ihren politischen Ausdruck finden muß. Besiegtes Land? Rundum kranke Wirtschaften, bresthafte Valuten. In Deutschland überall Konzentration. Belgien, ein Siegerstaat, bietet Land für Geld. Das alles sieht man draußen schärfer als bei uns, wo man noch die Ohren voll hat von den Klängen hochoffizieller Jammerarien. Die Ketten von Versailles liegen nur noch zum Hausgebrauch da, und man jongliert damit so gelenkig wie Rastelli mit seinen Bällen.   Erhöhte Konfusion um Genf. Alarmruf aus Paris: »Der Völkerbund in Gefahr!« Antwort aus Berlin: »Deutschlands Haltung zu den bevorstehenden Ereignissen bleibt kühl und sachlich. Wir werden erst kommen, wenn die Andern einig sind. Wenn nicht, dann bleiben wir eben draußen. Deutschland braucht nicht den Völkerbund, sondern umgekehrt.« Stolze Spanier, stolzer als die im Escorial, die noch schnell das Tanger-Geschäft fingern möchten. Ob aber Deutschland seinen Ratssitz erhält oder nicht, – der Völkerbund hat einen ernsthaften Echec erlitten. Auch durch Erfüllung des deutschen Anspruchs ist der Schaden nicht repariert. Es wird bei uns übersehen, daß Deutschland, indem es seinen Beitritt an Bedingungen knüpfte, sehr viel zur gefährlichen Komplizierung der Situation beigetragen hat. Das war das Signal für die meisten Regierungskanzleien, die Pandorabüchse des sacro egoismo zu öffnen und Kompensations-Forderungen anzumelden. Der Saal der Reformation wurde zur Schacherbude. Der Geist des Wiener Kongresses stand wieder auf.   Ist der Fall Völkerbund überhaupt noch kurierbar? Selbst 1924 wäre der Eintritt Deutschlands noch ein großes moralisches Ereignis gewesen. Denn damals bestanden noch Möglichkeiten, den Völkerbund wirksam zu machen. Da zerschnitt Stresemann den Faden. Denn was unsre Außenpolitik an überstaatlicher Organisation goutieren kann, das ist nicht der Friedensbund demokratischer Nationen mit fester Bindung der Mitglieder, sondern ein zu nichts verpflichtender Honoratiorenkonvent, wo man sich auf der Bank der Großmächte dicke tut. Die Tragödie des Völkerbundes: der Krieg hat seinen eignen gut geschmierten Mechanismus, der selbsttätig läuft; der Frieden aber hängt noch immer von dem guten Willen der Menschen ab. Und diese Menschen sind nicht in der Überzahl, nirgends an der Macht. Mit Herriot und MacDonald sind die einstweilen letzten Chancen der Völkerbundsidee entschwunden. England wird heute vertreten durch Austen Chamberlain, in dem Albions pedantischer Weltbeherrschungsdünkel seine trostloseste Knochenwerdung gefunden hat. Für Frankreich steht Briand da, ein zeitweilig erleuchteter Occasionist, gleich brauchbar für Frieden wie Krieg. Wo ist der europäische Staatsmann, dem der Völkerbund die große, die erobernde Zukunftsidee ist und nicht eine hübsche rhetorische Floskel? Alle Außenpolitiker vertreten nur nationale Interessen, suchen nur diplomatische Erfolge. Deshalb gehen sie nach Genf, um für ihre Kabinettspolitik zu werben, zu streiten, zu mogeln. Der Völkerbund ist völlig zum Instrument der verschiedenen Imperialismen geworden. Das ist schlimm. Schlimmer, daß der Glaube an seine Möglichkeiten, an seine Zukunft immer mehr schwindet. Die Fragwürdigkeit der Form erschüttert die Idee.   In der Welt geht ein unerhörter Umformungsprozeß vor sich: unterdrückte Völker erwachen, ausgebeutete Rassen stehen plötzlich in einem mit modernen Mitteln geführten Emanzipationskampfe. Was hört der Völkerbund vom Brüllen Chinas, was von Afrikas dumpfem Grollen? Die Genfer Exzellenzherren wagen nicht einmal von den Bestialitäten in Marokko und Syrien zu sprechen. Aufgabe des Völkerbundes in einer Zeit, wo es überall revolutionär rumort, kann aber nur sein, nicht konservierend, sondern weiterführend zu wirken. Nicht Einbalsamierung modernder Präponderanzen, sondern Schutz des Werdenden, Versuche, unvermeidliche Entwicklungen möglichst zu entbarbarisieren, das müßte sein Programm sein.   Vielleicht würde ein Deutschland, das sich von vornherein um seine Aufnahme bekümmert hätte, manches Gute bewirkt haben. Das Deutschland Herrn Stresemanns steht heute, nach offizieller Lesart, »kühl und sachlich« vor der Tür. Wartet kühl und sachlich auf den Ausgang der vor ihm angerichteten Verwirrung. Was für eine Veranlassung bestand zum Beispiel, gegen Spaniens Ratssitz zu protestieren? Die Antwort ist so einfach: die Herren wollen im Triumph in den Völkerbund. Es muß etwas Prestige dabei sein, jemand muß sich darüber giften, sonst macht der ganze Pazifismus keinen Spaß.   Dieser Art von Außenpolitik kommt es nur immer darauf an, sich so weit zu decken, daß niemand ihre Korrektheit bezweifeln kann. Diese Korrektheit braucht nicht das Gleiche zu sein wie Ehrlichkeit: es kann sehr viel pfiffige Kalkulation dahinter lauern, sehr viel durch die glatte Maske schimmernder Affekt. Aber entspräche die zur Schau getragene Gleichgültigkeit auch Wunsch und Gesinnung, so bleibt doch die Frage, ob das heute noch genügt. Grade von Deutschland, dessen Haltung so viele böse Geister in Bewegung gesetzt hat, müßte jetzt ein warmes, ein entwaffnendes Wort kommen. Wir haben bisher von keinem deutschen Außenminister ein helles Bekenntnis zur Völkerbundsidee gehört. Was wir vernommen haben, war immer nur: »Wir müssen hinein, weil es unsre Interessen gebieten. Wir müssen hinein, um unser Recht dort zu vertreten. Wir müssen hinein, als Patron unterdrückter Minoritäten. Wir müssen hinein, um unsre Kolonien und das Recht auf Aufrüstung wieder zu erlangen. Wir müssen hinein, trotzdem der Völkerbund die Gründung des Mannes mit den vierzehn Punkten ist.« So hat zuerst die Erfüllungspolitik der Ära Rathenau-Wirth, dann die nationale Realpolitik Luthers und Stresemanns gesprochen. Das ist trotz alledem recht vernünftig, gewiß, und wahrscheinlich sehr viel für Politiker, die von Rechts kommen, wo man immer noch glaubt, ein besonderes götzisches Verhalten sei den deutschen Interessen am dienlichsten. Aber, daß mit dem Völkerbund ein übernationaler Gedanke verknüpft ist, das hat Keiner der Regierer seit 1918 bisher zum Ausdruck gebracht. Der Weg nach Genf wurde immer nur auf seine geschäftlichen Möglichkeiten hin beleuchtet. Das aber hat zu einer gefährlichen innenpolitischen Festlegung geführt. Man muß entweder mit Glanz und Glorie einziehen oder draußen bleiben. Man muß entweder einen Privilegiertensitz erzwingen oder schallend absagen. Nicht Mitarbeit im Verein aller Nationen, sondern Mitbestimmung im Rat der Großen, das ist die deutsche Völkerbundsparole. Was ein Friedensfest sein könnte, wird zur Machtprobe mit Paukenschlag und Trompetengeschmetter.   Es sieht im Augenblick trotz alledem nicht so aus, als ob sich in Genf für die deutsche Politik große Ovationen vorbereiten. Erst in den letzten Tagen bequemt sich die gouvernementale Presse zuzugestehen, daß die Schwierigkeiten, die der Märztagung ein tragikomisches Ende bereitet haben, noch keineswegs beseitigt sind, daß, im Gegenteil, jeden Augenblick neue Widerstände auftauchen können. So steht man denn in kühler, sachlicher Erwartung. So hat man seit dreißig Jahren immer an den großen Entscheidungen vorbeigewartet. Einstweilen ist die Stimmung der diplomatischen Truppen noch vorzüglich. Noch immer diese Miene knorriger Verschlagenheit, so charakteristisch für den Kurs Stresemann. Noch immer diese Zwiespältigkeit der Attitüde: europäisches Tremolo für Außen, nationaler Dröhnbaß für Innen. Halb Händler, halb Held, halb Cherusker, halb Schadchen, feste Contenance und innerlich etwas bibbernd, so wartet man. Traurig, wenn durch irgend einen querköpfigen Mello Franco im letzten Augenblick wieder Alles zu Wasser würde. Denn dieser Völkerbund scheint uns für Deutschlands Mitwirkung völlig reif zu sein. Die Weltbühne, 31. August 1926 662 Die goldne Mitte Es gibt in Deutschland eine kleine Anzahl von tüchtigen und wertvollen Persönlichkeiten, auf deren Schultern eine ungewöhnliche Last und Verantwortung ruht und die wahrscheinlich den stärksten deutschen Zeittyp verkörpern würde, wenn ihnen nicht etwas Unerläßliches fehlte: die Beziehungen zur Politik. Vielleicht um das auszudrücken, nennt man sie: Wirtschaftsführer. Als Männer des Geschäftes und der Technik bedeuten sie eine Auslese – Rheinland und Westfalen zeugen von ihrem Unternehmungsgeist, die großen modernen Industriebauten von ihrem Blick für neue Architekturwerte und unromantische Schönheit – aber in der Politik sind sie Kinder geblieben, und ihr Sinn für soziale Zusammenhänge hebt sich selten über Spießerniveau. Sie waren und sind primitive Machtanbeter, Kopisten des vergangenen Agrar-Feudalismus, Verehrer des friderizianischen Krückstocks. Hinter jedem großen politischen Mißerfolg des alten und neuen Reiches haben sie als Anreger und Beweger gestanden. Von dem Marokko-Abenteuer der Mannesmannen bis zu Cunos Ruhrkrieg haben sie jede Torheit arrangiert, unterstützt und durch ihre Presse erst populär gemacht. Sie haben an Ludendorff geglaubt, Ehrhardt finanziert und nicht einmal über Hitler gelacht. Dann kam durch zahllose Mißerfolge nicht grade die Besinnung, wohl aber der Katzenjammer. Die deutsche Wirtschaft hatte sich selbst blockiert und schien am Ende zu sein. War man 1923 noch felsenfest überzeugt, daß nur Diktatur und Revanchekrieg Deutschland retten könnten, so war ein Jahr später schon die Annäherung an den demokratischen Staat vollzogen, die Erkenntnis auf dem Marsche, daß die Industrie-Herrschaft in der Republik sogar weit bessere Möglichkeiten habe als im alten Regime, das in seiner verbohrten landjunkerlichen Rückständigkeit in einem qualmenden Fabrikschlot so etwas wie das Symbol eines verwerflichen modernen Götzendienstes sah.   Neue Situation. Die Industrie ist aus dem selbstgebauten Turm gekommen, staunend, wie gut es sich auch in der Republik leben läßt. Die Zeit der Phantastereien ist vorüber. Die Industrie steht nicht nur herrschend mitten im Staat, sie hat auch wieder ihren Anteil am Weltgeschäft. Für diese Entwicklung muß eine neue Formel gefunden werden, auch eine neue pazifistisch-demokratische Mimikry, die im Verkehr mit andern Völkern Angleichung wenigstens an die Äußerlichkeiten des heute international geltenden Gesinnungstypus ermöglicht. Das ist gewiß sehr schwierig. Das Herz ist nicht dabei. Die Vernunft durch jahrzehntelange anderweitige Beschäftigung der Politik nicht vertraut. Und dennoch, einmal mußte es kommen, das Credo zur neuen Situation. Das hat nun Herr Geheimrat Silverberg übernommen. Seine Rede auf der Tagung des Reichsverbandes der Deutschen Industrie in Dresden kam nicht heraus wie das glühende Bekenntnis eines jungen Neophyten, sondern leise und stockend, wie der Klippschüler seinen Katechismus aufsagt. Der Beifall klang dünn wie die Worte. Wozu auch? Es war ja reine Formsache, wohlpräpariert und ohne Freude vorgetragen. Nichtsdestoweniger ist der Jubel in den Blättern der Mittelparteien überaus laut. Da wird mit aufgeregtem Gegacker eine neue Epoche der Weltgeschichte eingeleitet, und die Verzückung feiert Orgien. Was Herr Silverberg gesagt hat, gibt zu solchem Taumel kaum Anlaß. Richtig ist, daß aus dem Munde eines Industrieherrn kommend, einige seiner Erkenntnisse verblüffen können, – richtig ist aber auch, daß er nur Ideen zu Tage förderte, die 1926 überholt und abgestanden wirken, die aber etwa 1922 noch die damalige Politik Wirths bestätigt und Rathenau wahrscheinlich die von der Industriepresse gegossenen tödlichen Kugeln erspart hätten. Silverbergs Ausführungen auf knappste Formel gebracht: das Unternehmertum hat nicht nur den Boden des heutigen Staates gefunden, sondern auch die Bedeutung der Gewerkschaften erfaßt; deshalb müsse zur Herbeiführung innerpolitischer Stetigkeit ein neues Konkordat mit der Sozialdemokratie geschlossen werden. Das ist wahrscheinlich eine hervorragende Leistung für das Mitglied des Industrie-Präsidiums, eine sehr minimale indessen für einen aktuellen Politiker. Große Koalition als letzter Weisheitsschluß? Niemals ging eine solche Einladung schnurgrader an der Wirklichkeit vorbei. Die Sozialdemokratie steht abseits. Nicht so sehr in gewollter Opposition, als vielmehr in kaum bewußter Schau nach Innen. Diese Partei in scheinbarer Tatenlosigkeit macht eine Mauserung durch. Links von ihr ist Alles wieder in Bewegung. Die Sozialdemokratie würde ihre Zukunft als Arbeiterpartei verschütten, wollte sie grade jetzt einem selbst weniger naiven Lockruf folgen und in eine Koalition mit Bürgerlichen steigen. Wäre Herr Silverberg nicht nur ein dürftiger Repräsentationsredner, er würde ahnen, daß man eine Einladung an die sozialistischen Massen anders formulieren müsse. Man lasse doch endlich einmal die Redensarten beiseite, wie: Die Sozialdemokratie muß zur verantwortlichen Mitarbeit herangezogen werden et cetera. Das klingt so schrecklich von Oben herab. Die Arbeiterschaft will nicht mehr »herangezogen« werden, so wie ein armes Mädel, das man freundlich begönnernd in ein hochnobles Damenkomitee holt, damit es auch mal was Gutes zu sehen bekommt. Die Arbeiterschaft ist kein toleriertes Anhängsel mehr, sondern eine in sich selbst ruhende Kraft mit dem Recht auf Macht aus eigenem Willen. Natürlich fehlte bei Herrn Silverberg auch nicht das dick geschmierte Lob für die Gewerkschaften, weil sie so brav geholfen haben, die Revolution zu überwinden. Es gibt Instinktlosigkeiten, die wie Epidemien grassieren. Wenn die Leute nur ahnten, was für Gefühle sie damit bei der Arbeiterschaft auslösen, wie sie die sozialistischen Führer, auf die sie wirken wollen, damit vor den Massen kompromittieren! Doch man kann von Herrn Silverberg keine Erkenntnis verlangen, die auch den Leuchten des demokratischen Leitartikels noch keineswegs aufgegangen ist. So sind also die Industrie-Häupter bei der Republik gelandet. Das ist bei alledem kein kleines Ereignis, rechtfertigt aber weder den mittelparteilichen Wonneschauer noch das von Theodor Wolff gebotene »Herzlich willkommen!«, dessen sprühende Ironie nicht ganz den Seufzer der Erleichterung zu cachieren vermag. Zu einem »Herzlich willkommen!« mit Fahnen und bekränzten Türrahmen liegt kein Anlaß vor. Die Republik kann zu diesem Besuch nur die begeisterungslose Geste der überraschten Hausfrau aufbringen: »Anna, geh mal runter, es sind Leute da ...«   Wenn man irgendwo zufällig diese Sätze liest: »Jede neue Regierung in Deutschland bekommt ihr Gleichmaß am besten durch eine möglichst ausgiebige Beteiligung der Mitte. Erst dann lassen sich Kräfte und Forderungen ausbalancieren, bei de[nen] ein ehrlicher Makler keineswegs die Linke zu kurz zu kommen lassen braucht ...« – wenn man das liest, dann weiß man, daß der Verfasser nur ein Demokratenführer und von diesen nur Herr Erich Koch sein kann. Auch wer Herrn Koch bitter bekämpft hat, kann doch seiner Gelenkigkeit nicht den Respekt versagen. Er hat ja die schwere Aufgabe, eine zerfallende Partei so lange zu schleppen, bis er sie irgendwo abladen kann, und zwar so, daß sie dann noch Kurswert hat. Das nötigt Herrn Koch, den Opferstock der frommen Gefühle zu füllen, ohne die vitalen Interessen darüber zu vernachlässigen. Die frommen Gefühle sind bei Hörsings Republikanern, die Interessen bei Stresemann und der Hoffnung auf liberale Einung. Der Eine nötigt zum Schreien, der Andre zum Wispern. Im Zweifelsfalle hilft hüben wie drüben das Deutschlandlied. Jetzt hat Herr Koch in der demokratischen Presse einen Artikel veröffentlicht, der in seiner ziselierten Zweideutigkeit an die ruhmreichsten Drehungen der alten Nationalliberalen Partei erinnert. Ein respektvoller Kratzfuß vor Joseph Wirths Republikanischer Union: Ja, das wollen wir ja Alle, doch, à propos, lieber Freund, wie steht es denn mit ihrer eignen Partei ...? Verbindliches Lächeln, neuer Kratzfuß. Exit. Herr Koch wendet sich von dem Duft der Idee dem solidem irdischen Bratengeruch zu. Mit der Sozialdemokratie ist auch nichts mehr zu machen, das erkennt er viel deutlicher als manche bessern Demokraten. So bleibt nichts als die gegenwärtig regierende Mitte, die sich nach Rechts ausweiten muß: »Wer heute für die Weimarer Koalition eintritt, übersieht oder verkennt die Entwicklungstendenzen, die innerhalb der Deutschen Volkspartei vorhanden sind ... Die Volkspartei abzustoßen, ist unklug. Ich weiß recht wohl, wie schwer ihr die Entscheidung zwischen dem Alten und dem Neuen wird ... Aber der Fortschritt ist unverkennbar.« Das ist die Sammlung der Mitte. Die Einung unter der Formel des Liberalismus. Die Konzentration des Besitzes. Der Bürgerblock. Das entspricht der wirtschaftlichen Straffung Deutschlands und seiner neuen Geltung in der Welt. Herr Silverberg hat noch eine platonische Einladung an die Sozialisten gerichtet: so sicher hat die Schwerindustrie den Staat, daß sie sich sogar die Beteiligung der Sozialdemokraten leisten könnte; denn sie weiß, daß die Partei in dieser Gesellschaft von vornherein zur Ohnmacht verurteilt ist. Herr Koch geht auch darüber wie über eine längst erledigte Etappe hinweg. Diese politische Konstellation deckt sich mit der sozialen Struktur: Links Arbeiterschaft, Rechts nationalistische Libertinage. Dazwischen: der Besitz, der wieder expansiv gewordene Kapitalismus. Die Politik der goldnen Mittelstraße hat zur Herrschaft der Mitte geführt, die das Gold hat. Die goldne Mitte regiert. Langsam humpeln die Parteien der Entwicklung nach.   Der Überfall Herrn Bacmeisters auf Severing scheint gründlich fehlgeschlagen zu sein. Das Publikum beginnt der Panama-Entdecker müde zu werden; die ewigen Verleumdungen werden langweilig. Nach den ersten Gerüchten sollte der Vorstoß eigentlich von Hugenbergs Blättern geführt werden. Möglich, daß man dort seit dem Magdeburger Mißgeschick die Lust an solchen Affären ein wenig verloren hat und deshalb den Stoff dem benachbarten Herrn Bacmeister überließ, der die leckere Speise sofort mit dem fanatischen Appetit des geborenen Koprophagen hinunterschlang. Aber Severing ist unversehrt geblieben, und eine Mauer der Entrüstung deckt seine Person. Selbst auf der Rechten erheben sich Stimmen der Klage über die widerlichen Methoden des Kampfes gegen ihn. Ist also eine Renaissance der politischen Moral im Werden? Oder sitzt die Rechte heute schon so fest im Sattel, daß sie es sich wieder erlauben kann, anständig zu sein? Die Weltbühne, 7. September 1926 663 Vanity Fair Während in Genfer Festreden die Ära des Friedens begründet wird, geht der Krieg in China, den die imperialistischen Mächte durch chinesische Truppen-Vermieter, Generale genannt, führen lassen, munter weiter. Grade jetzt ist eine neue Wendung zu verzeichnen. Die Armee der von Russland inspirierten Republik Kanton hat sich des großen Handelsplatzes Hankau bemächtigt und damit das englische Geschäft empfindlich getroffen. Zur Vertreibung der Canton-Leute rüstet Sun Tschuan Fang, der Beherrscher der Provinzen um Shanghai, und Englands Segen ist bei seinen Kanonen. Wu Pei Fus Stern schwindet wieder. Dagegen ist Feng plötzlich von Moskau abgereist und vielleicht schon bei seiner alten Armee in Mongolei. Tschang Tso Lin, der Gewalthaber der Mandschurei und Garant der Interessen Japans, der neuerdings wieder mit Moskau Konflikt gesucht hat, soll, Gerüchten zufolge, mit Frankreich in Verhandlungen stehen. Der europäische Leser liest von Namen, Parteien, Landschaften, aber ein plastisches Bild will sich nicht formen und es bleibt nur ein Eindruck von Jammer und Zerrüttung. Und doch wird in China auch europäisches Schicksal entschieden. Hier ist die große Gefahrenzone, hier kann das Spiel der Mächte zuerst aufhören, Spiel zu sein. Noch immer wird der Krieg von Chinesen gegen Chinesen geführt. Wie lange noch? Der Völkerbund sieht in diesen Wirren innere Angelegenheiten Chinas, die keine Einmischung gestatten, obgleich einige seiner Mitglieder den Unfrieden eifrig genährt haben und den Emanzipationskampf des gewaltigen Reiches zu ihren Zwecken missbrauchen. Es ist gefährlich, einen Riesen Blindekuh spielen zu lassen: das werden alle an dem chinesischen Elend verantwortlichen Kabinette schließlich erfahren. Der Völkerbund müßte sich um eine Schiedsformel bemühen, sonst wird eines Tages die Intervention irgend einer Macht da sein und die Welt vor vollendeten Tatsachen stehen. Für den Völkerbund bliebe dann nichts als die Untersuchung der Schuldfrage.   Warum geht von dem Genfer Ereignis kein belebender Strom aus, nicht Festliches oder Zukunftweisendes? Wenn mir vor zwei Jahren jemand gesagt hätte, ich würde am Tage des deutschen Eintritts in den Völkerbund sehr gelassen und nicht ganz interessiert die Zeitungsberichte überfliegen, ich hätte dem Propheten ins Gesicht gelacht. Man soll empfundene und beobachtete Wahrheit aussprechen, auch wenn alles rundum sich in Begeisterung hineinflunkert: das deutsche Volk steht dem Ereignis mit einem Mangel an Anteil gegenüber, wie er ärger nicht gedacht werden kann. Hier rächt sich, dass Deutschland den folgenschweren Schritt völlig unvorbereitet unternimmt. Das sind die Aufgeklärtesten noch, die wissen, dass es ein Erfolg ist, weil man eben dabei sein muss. Die andern kümmern sich entweder überhaupt nicht darum oder sind überzeugt, mal wieder von den Juden verkauft zu sein. Die Zeitungen helfen mangelndem Verständnis durch Massenaufgebot von Blockbuchstaben nach und ziehen die Schilderungen im Stil der Siegesbulletins aus der Großen Zeit auf. Da schreibt das beliebteste Boulevard-Blatt: »Die Erwartungen der kleinen und sogenannten neutralen Mächte waren unberechtigt und unverständig. Deutschland war nun einmal eine kriegführende Macht und ist und bleibt nun einmal eine Großmacht ... Der Erfolg der Völkerbundpolitik von Stresemann, Schubert, Gaus und Hoesch wäre ziemlich problematisch, wenn sie nur zum Eintritt in diesen fragwürdigen Völkerbund geführt hätte; ihre realpolitische Vervollständigung erfuhr sie erst durch dieses fast noch wichtigere Faktum: die Wiederherstellung eines Konzerts der Großmächte.« Die armen kleinen Mächte, wie Die plötzlich geschrumpft sind! Sonst konnte man sie übern grünen Klee loben. Hat Herr Unden, der Schwede, der bis zur Selbstentäußerung für Deutschlands Ansprüche eingetreten ist, nicht noch den Weihrauch vom März in der Nase? Damals: der Mann, der die Würde des Bundes rettete. Heute: »unberechtigt und unverständig,« – ein Nebbich, der sich in die Angelegenheiten der bessern Leute drängt. Doch ein andrer politischer Boulevardier übertrumpft den Kollegen noch: »Der Völkerbund braucht heute Deutschland, und sein Einzug bedeutet für ihn gewissermaßen die Legitimation dafür, daß sein Bestehen berechtigt ist.« So ziehn wir aus zur Hermannsschlacht! Immer der Nabel der Welt: ob Wilhelm am Brandenburger Tor, ob Stresemann in Genf. Wird mit dergleichen aber der Republik, der Demokratie, ja, auch nur den befreundeten Herren im Auswärtigen Amt gedient? Und mit welchem Recht wagen liberale Blätter, die ihre Leser mit solchem Quatsch traktieren, sich etwa über Hugenbergs Verdummungszentrale zu entrüsten? Wie es nur eine Wahrheit gibt, so gibt es auch nur eine Dummheit, und der politische Anstrich ist nebensächlich. Gewiß, Herr Stresemann hat in Genf, für seine Verhältnisse, ganz ausgezeichnet gesprochen. Er musste innere Wärme schuldig bleiben, teils, um nicht in Deutschland eine in diesem Augenblick sehr unerwünschte Kritik zu provozieren, teils, um nicht bei den anderen Mächten durch irgend eine flott improvisierte Wendung anzuecken. Ein Leichtes wars für Briand, eine unerhörte Ovation für seine Rhetorik zu erringen, während der Applaus für Stresemann in erster Linie Deutschland galt. Vergebens versuchen deutschnationale Blätter den Beifall für Briand als eine Demonstration gegen Stresemann hinzustellen, nach dem alten Rezept: Saul hat Tausend geschlagen, David Zehntausend! Aber Stresemann hat nach manchen Schicksalsschlägen doch Disziplin gelernt. Davon ist zum Beispiel unser Külz noch weit entfernt. Der läßt in schöner Ahnungslosigkeit die folgende Erklärung verbreiten: »Mit der vom Völkerbund garantierten Hoheitsstellung seiner Mitgliedsstaaten vertragen sich die Funktionen der interalliierten Kontrollkommission ebensowenig, wie die fernere Besetzung deutschen Landes mit der Unverletzlichkeit des Gebietes der Völkerbundsstaaten. Für die interalliierte Kontrollkommission und für fremde Besatzung ist in einem Deutschland, das mit seinen Feinden von gestern nunmehr in ein und demselben ›Bunde‹ zusammengeschlossen ist, kein Raum mehr. Ausgleich und Verständigung würden unvollkommen sein, wenn nicht auch an der Saar politisch und wirtschaftlich normale Zustände erreicht werden könnten, und wenn Deutschland nicht bei der ersten sich bietenden Gelegenheit in den Kreis der Mächte zugelassen würde, die an der kolonialen Erschließung der Welt beteiligt sind.« Hei, wie die Logik da Kobolz schießt, und wie lustig es im Porzellanschrank klirrt! Wie sinnvoll, den Bund in Gänsefüßchen zu setzen! Wenn das einer der nationalistischen Minister des Kabinetts Poincaré, etwa Herr Tardieu, getan hätte, welch ein Geheul würde das gegeben haben! Und wie überaus erleuchtet, den Schrei nach Kolonien auszustoßen und zugleich Aufhebung der Militärkontrolle und der Besetzung zu verlangen! Aber wir wollen uns nicht über Herrn Külz lustig machen: denn er sagt genau das, was der deutsche Stammtisch auch sagt; so denkt man über Sinn und Nutzen des Völkerbundes, wo man sich überhaupt Gedanken darüber macht. Wir wollen frei sein, um selbst ein bißchen unterdrücken zu können, das ist unser Völkerbund-Programm. Großmacht-Kitzel, Sucht, an den Welthändeln teilzuhaben, Trödelkram der Eitelkeit – Vanity Fair. Deutschland hat ein großes Interesse im Bund zu sein, das steht außer Frage. Aber ein sehr geringes Interesse, in die weltpolitischen Verlegenheiten Englands und Frankreichs zu steigen. Die Aufnahme in den Völkerbund war schon lange möglich. Das Richtige wäre zunächst eine bescheidene und abwartende, aber selbständige Rolle gewesen. Das Streben nach dem Ratssitz und die endliche Erfüllung durch eine an Schiebung grenzende Konstruktion hat Deutschland mit der englischen Politik verklammert und seiner Bewegungsfreiheit beraubt. England wird für seinen freundlichen Sukkurs die Rechnung präsentieren. Eitelkeit ist immer teuer. Doch jetzt sind wir im Rat. Das Konzert kann beginnen. Warten wir es ab. Auch das Konzert der Mächte braucht Notenständer.   Spanien verläßt den Völkerbund enttäuscht und verstimmt. Das würde stärkern Wellenschlag erregen und die Genfer Festivität wohl auch erheblich mehr beeinträchtigen, wenn Alfonsos Reich zur Zeit nicht Opfer einer schweren innern Krise wäre. Abermals ist es der Diktatur gelungen, einen Anschlag abzuwehren. Die Situation war umso ernster, als nicht die ohnmächtigen Parteien, sondern Teile des Militärs diesmal versucht haben, den Diktator zu stürzen. Man muss dem dicken Primo lassen: er versteht mit Meutereien energisch, aber ohne Grausamkeit fertig zu werden. Sein unerschrockenes Vorgehen gegen die Kameraden von der Artillerie könnte auch gewissen Republiken zum Vorbild dienen. Der Mann weiß jedenfalls, wie man eine rebellierende Soldateska kirre macht: er überschätzt die Courage der Leute nicht. Primo ist überhaupt der sympathischste von all den Diktatoren. Kein Poseur wie Mussolini, kein brutaler Despot wie Kemal. Ein breiter, gemütlicher Herr, der immer etwas alkoholisiert aussieht, und der gewiß niemals wie der gewesene griechische Kollege Pangalos die Keuschheitspolizei auf kurze Weiberröcke loslassen wird. Für den sieggewohnten Artilleristen werden sie, im Gegenteil, noch viel zu lang sein. Zweimal hat Primo de Rivera sich mit dem Gedanken getragen, das marokkanische Abenteuer einfach durch Räumung der spanischen Zone zu beenden. Denn auch nach dem Sieg über Abd el Krim ist es in Nordafrika nicht ruhig. Ein unnützer, barbarischer Kleinkrieg geht weiter. Auf einem harten, steinigen Boden – zu steinig, um selbst das Blut der Toten einzusaugen – opfert Spanien seit fast zwanzig Jahren seine Jugend und seine schwachen materiellen Güter. Für nichts. Für ein imaginäres Hoheitsrecht über Wüste und Fels. Trödelkram der Eitelkeit – Vanity Fair.   Als die spanischen Offiziere begannen, abtrünnig zu werden, hat Primo de Rivera nicht ohne Geschick plötzlich die Bürger gegen das Militär ausgespielt: eine Art von Probeabstimmung soll nunmehr die Diktatur legitimieren. Solche Possen hat Mussolini nicht mehr nötig: seine Herrschaft steht sicher, zukunftslos, trostlos sicher. Wohl hat auch er wiederholt versucht, vom revolutionären Stoß in die Politik zurückzufinden – bald trieb ihn seine Anhängerschaft, bald die sozialistische Opposition wieder ins starre System zurück. Und ein Attentat, wie das vor wenigen Tagen mißglückte, wird ihn zu neuen Konzessionen an die Schwarzhemd-Bestie zwingen. Der Fascismus hat keine Mission und kein Programm mehr als die Ausrottung seiner Gegner. Es ist, als hätte die Geschichte hier ein Schulbeispiel aufstellen wollen für die Diktatur-Aspiranten aller Völker. Die Demokratie ist vom Leben unsrer Zeit nicht mehr zu trennen. Wo sie zu Tode getroffen liegt, da ist auch die Entwicklung zu Ende. Benito Mussolini begann mit der erregenden Gebärde eines neuen Bonaparte. Aber keine Verheißung wollte sich erfüllen, und er ist bis zum heutigen Tag nur der Bonaparte des innern Krieges geblieben. Verbrannte Gewerkschaftshäuser und Parteikanzleien, das sind seine Triumphmale. Im Kampf gegen das eigne Volk hat er sein Marengo, Austerlitz und Wagram geschlagen. Dort wird er seine Beresina finden. Die Weltbühne, 14. September 1926 664 Diplomaten – Juristen – Mörder Es gibt eine deutsche Politikersorte, die sich nicht mit dem Gedanken abfinden kann, daß die Ketten von Versailles immer lockrer werden, dass damit auch ein unbezahlbares Agitationsobjekt entschwindet. Der Eintritt Deutschlands in den Genfer Rat aber ist nicht nur ein Triumph der deutschen Politik, sondern, und vielleicht mehr noch, ein Zeichen, dass Europa des alten Haders müde wird. Unsere Nationalen sehen nichts, ahnen nichts. Weil Stresemann für Polens Ratssitz stimmte, schreien sie über neue Schmach. Es soll ihnen überdies gelungen sein, den Reichspräsidenten v. Hindenburg zu einem Protest-Telegramm an den Außenminister zu bewegen. Auch in Locarno gab es, wie man sich erinnert, Gerüchte über eine solche Intervention der höchsten Spitze. Doch ist die diplomatische Maschinerie bereits zu lebhaft in Gang, um durch Proteste noch gestört zu werden. Stresemann und Briand haben in intimer Aussprache alles behandelt, was zwischen Deutschland und Frankreich heute noch trennend steht: die Militärkontrolle; die Besatzung, die Saarfrage. Es ist nicht zu bezweifeln, dass Briand mit aller Kraft versuchen wird, sich durchzusetzen. Die französische Presse zeigt sich äußerst entgegenkommend. Sauerwein schreibt sehr offen, dass die deutsch-französische Freundschaft zwar das System der Friedensverträge erschüttere, dass das Ziel aber groß genug sei, selbst für diesen Preis erkauft zu werden. Denn bei allem, was Genf schuldig geblieben ist, was auch nach einem Akkord zwischen Deutschland und Frankreich weiterhin problematisch bleiben wird – zum ersten Mal seit 1918 durfte die patriotische Dummheit nicht mit dem Kopf durch die Wand. Der deutsche Nationalismus hat die erste große Bataille verloren. Die Diplomaten haben sich diesmal nicht um den vaterländischen Hinterwald gekümmert. Das ist ein großer Fortschritt.   Je mehr man sich in den Räuberroman der Fememorde einwühlt, desto verwickelter wird der einzelne Fall, desto klarer aber auch das Gesamtbild. Jedenfalls hat der Entdecker des Herrn Jahnke unser Wissen um die Geheimgeschichte des Jahres 1923 erheblich bereichert. Wer ahnte etwas von der lebhaften Vergangenheit dieses schweigsamen deutschnationalen Parlamentariers? Daß er schon während des Krieges in den Vereinigten Staaten unter der Ägide der Herren Boy-Ed und v. Papen vaterländisch gewirkt, daß er während des Ruhrkampfes still, aber erfolgreich als Generalissimus sämtlicher Brückensprengungen und Schienenverlegungen funktioniert hat? Da bekränzte man Helden von Leitartikels Gnaden, doch niemand redete von ihm, dem unbekannten Saboteur. Dabei hat der Tapfre wohl oft unter der Pflichtenbürde gestöhnt, hatte er doch gleich zwei Fronten zu bekämpfen: eine horizontblaue und eine schwarz-rot-goldene. Und obgleich die Schwarz-Rot-Goldenen die Unkosten für die Belästigung der Horizont-Blauen trugen, so war der Chef aller Mißgeschicke zwischen Rhein und Wupper wohl oft im Zweifel, nach welcher Richtung die Revolver-Mündungen zu dirigieren. Doch Einer, der in Amerika den Pinkertons was abgeguckt hat, bricht nicht über solchen seelisch-sittlichen Kompetenz-Konflikten zusammen. Das Ruhr-Wunder ging vorzeitig zu Ende. Sehr zum Glück für die guten sozialistischen, volksparteilichen und demokratischen Minister: schließlich hätte Herr Jahnke sich doch einmal für das Eine oder Andre entscheiden müssen – wahrscheinlich für das Andre – und die republikanischen Moneten zur passiven Bekämpfung Poincarés wären auf diesem Wege zu Spesen für die Abkillung der Herren Minister geworden. Die ahnungslosen Engel hätten also fast ihre eigne Hinrichtung honoriert. Viel Risiko war für Herrn Jahnke nicht dabei. Der deutsche Republikaner wurde damals dem französischen Erbfeind gleichgesetzt. Also: Schießt ihn tot! Das Schwurgericht fragt euch nach Gründen nicht! Sehr begreiflich, daß die Behandlung des Falles Jahnke im parlamentarischen Untersuchungs-Ausschuß nicht recht gedeihen will. Zuerst erklärt Herr Kuttner, daß sich gegen den Mann eigentlich gar nichts ergeben habe und die Affäre damit abgeschlossen sei. Der Demokrat Riedel, Eisenbahner-Vertreter und deshalb Ruhr-Kenner, protestiert. Neue Zeugen, neues belastendes Material. Da kommt ein Pfiff aus der Wilhelmstraße: Pst! Außenpolitische Gründe ...! Schlecht paßt zum Frühstück von Thoiry das Aroma von Dreiundzwanzig. Der Ausschuß steht machtlos vis à vis. Was ihm noch bleibt, konterkariert ein Ministerialrat Severings. Drei Schlussrufe. Drei Schlussrufe aus schlechtem Gewissen. Wenn Herrn Jahnke nicht einmal ein Konjunkturwechsel auf die andere Seite und damit zum Plaudern bringt, wird er sein Geheimnis mit ins Grab nehmen.   Und trotzdem sind diese parlamentarischen Untersuchungs-Ausschüsse unentbehrlich. Sie arbeiten agiler und sind frei von dem Gottähnlichkeitsdünkel, der die Richter verwirrt. Die Leistung des Höfle-Ausschusses, zum Beispiel, war für deutsche Verhältnisse recht beachtlich. Für die Ausschüsse spricht auch die Aufregung einiger Landgerichtsdirektoren auf dem Kölner Juristentag. Diese Herren sehen immer und überall jene richterliche Unabhängigkeit bedroht, die für sie das Recht bedeutet, über die Republik die Fuchtel zu schwingen, das Recht zu Willkür und Attentaten auf den gesunden Menschenverstand. Im übrigen ist der Juristentag eine äußerst manierliche Veranstaltung. Deshalb bleibt auch dort das Wichtigste ungesagt. Der Hang der Rechtsgelehrten zu Überpräzision führt nicht zu gedanklicher Zusammenfassung, sondern Splitterung. Merkwürdig, dass in den Gerichtssälen, also in der Praxis selbst, so wenig von der intellektuellen Feinmechanik zu spüren ist, die die Herrn Richter in ihren Versammlungen und Fachorganen entwickeln. Namentlich beim Strafgericht fahren die Paragraphen gewöhnlich so simpel aus dem Gesetzbuch wie Knüppel aus dem Sack. Das Ereignis des Kölner Juristentags war der neue Justizminister Dr. Bell. Ein Mann, nicht ohne Empfinden für die schwere Vertrauenskrise der Justiz und mit einigem Verständnis für die Ursachen. Was er sagte, war gewiß gut und richtig, aber allzu salbungsvoll vorgetragen und allzu »sichtlich bewegt«, wie die Berichte meldeten. Es kam für den Chef der Justiz in diesem Fall gar nicht darauf an, sichtlich bewegt zu sein, sondern die Herren Richter sichtlich zu bewegen. Die aber hörten sich die Emanationen des ministeriellen Gewissens seelenruhig an, dachten: Komisch, wie sich der Mann erhitzt! und kehrten, jeder in seinen Sprengel, zu altem Tun zurück. Herr Marx war ein schlechter Justizminister, weil er stumpf geworden ist und witterungslos für Probleme. Herr Bell verspricht ein gerührter Justizminister zu werden. Was wir brauchen, ist der reinigende Justizminister, der die Disziplin wiederherstellt und die schwarzen Talare von der erschlichenen Privilegiertenbank treibt. Was sollen wir heute mit dem mystifizierenden Geflunker von dem »heiligen Amt« des Richters? Wir wissen: der Richter ist zunächst Beamter, als solcher Techniker, Handwerker des Rechts, und wo er wächst, geschieht das nicht auf Grund der Bestallung in der Tasche, sondern aus Gnade und Kraft der berufenen Persönlichkeit. Kein Ingenieur denkt, sich als Prometheus-Enkel aufzuspielen; selbst die Ärzte haben ihre göttliche Abkunft ziemlich vergessen. Kein Stand begründet seine Ansprüche – und Anmaßungen – mehr pathetisch und aus höherer Sendung, sondern, wie es richtig ist, nüchtern, zweckhaft und aus sozialen Bedingungen. Der Kern der Justizkrise ist ja nicht nur ein politischer – das wäre zu eng, alle Fatalitäten auf den Gegensatz monarchistischer und republikanischer Auffassung zurückzuführen – nein, der Richter hat aufgehört, ein Bürger der Zeit zu sein. In allen den Jahren der Umwälzung, in die wir gewöhnliche Sterbliche auf Leben und Tod verflochten waren, hat der Richtersitz hoch über dem Gehudel gestanden. So ist der Richter einer neu gewordenen Menschlichkeit fern geblieben. Er sieht die Umwertungen, sieht, wie die übernommenen Eigentumsbegriffe ihren Sinn verloren haben, wie aus Frauenarbeit, Männernot und Wohnungsmangel neue Sexualsitten entstanden sind. Er sieht das, aber es ist noch nicht kodifiziert und deshalb nicht statthaft. »Ich verstehe die Welt nicht mehr«, sagt Hebbels Meister Anton. Und der Vorhang fällt, und das Drama ist aus. »Ich habe nicht nötig, die Welt zu verstehen«, sagt der deutsche Richter. Und dann geht der Vorhang leider auf, und das Drama beginnt.   Das Magdeburger Schwurgericht hat, wie seit der Aufklärung des Mordfalles Helling durch die Berliner Kommissare nicht mehr zu bezweifeln war, Richard Schröder schuldig befunden. Aus einem wohlgelittenen nationalen Jüngling, der vor ein paar Wochen noch Hugenbergs Reportern imponiert hat, ist ein geständiger Raubmörder geworden, und die »Affäre«, hinter der treibend und kurbelnd die ganze Reaktion stand, ist zerblasen. Seien wir gerecht: neben Hoffmann, Kölling und Tenholt nimmt sich der Mörder noch am vorteilhaftesten aus. Er muß die Tat mit seinem Kopf bezahlen, hat niemals Schonung erwartet, hat sozusagen nur der Geste halber geleugnet, als er, durch Hellings Scheck verraten, in Haft genommen wurde. Wie mag er erstaunt gewesen sein, als er plötzlich zum Mittelglied einer Justizkonspiration gegen den republikanischen Staat avancierte! Manchmal war er der Rolle müde, als Unschuldslamm präsentiert zu werden; es klingt wie eine Abschüttelung, wenn er sagt: »Am 15. Juli erklärte ich der Polizei, ich sei der alleinige Mörder. Ich hatte genug von der ganzen Geschichte. Man glaubte mir nicht – man sagte, ich sei verrückt!« Der vorbereitete Justizmord an Rudolf Haas ist misslungen – vielleicht wird das Disziplinarverfahren gegen Kölling und Tenholt zu Tage fördern, wie diese Verdächtigung entstehen konnte – der Fall Schröder, von politischem Seifenschaum befreit, stellt sich nunmehr dar als typisches soziales Elendskapitel: die alte Geschichte von Arbeitslosigkeit und verkommender Jugend. So mag wohl auch für Richard Schröder gelten, was Herr Doktor Friedensburg kürzlich mit sehr unbürokratischem Sozialinstinkt über die jungen Attentäter von Leiferde im Berliner Tageblatt geschrieben hat: »Alle drei jungen Leute sind weit entfernt von dem landläufigen Typ des ›Verbrechers‹. Meiner Überzeugung nach handelt es sich bei ihnen um Menschen, die, wenn auch vielleicht labiler Natur, doch in einem geregelten Leben voller Arbeit und Ordnung schwerlich zu Feinden der Gesellschaft geworden wären. Alle drei haben sich immer wieder gequält, dauernde Arbeit zu finden, und alle drei sind ohne Zweifel durch die monatelange, teilweise jahrelange Erfolglosigkeit dieser Bemühungen in eine mürbe Verzweiflungsstimmung hineingeraten, die sie allmählich jedes sittlichen Maßstabes, ja sogar jedes sittlichen Interesses beraubte.« Das entspricht dem vor einiger Zeit von Georg Hermann gemachten Vorschlag, eine Mitschuld der Gesellschaft an gewissen Verbrechen ins gesatzte Recht zu übernehmen. Not nicht, wie bisher, nur als mildernder Umstand, also abhängig vom Zufallseindruck, ob der Angeklagte Reue zeigt, sympathisch wirkt oder dergleichen, sondern klar: Mitschuld der Gesellschaft. Wir lesen in den Prozessberichten, Schröder habe, als er das Geld des Helling in Fingern hatte, sein Mädel sofort losgeschickt, um Lebensmittel zu kaufen. Situation: unten im Keller der Ermordete, mit Benzin übergossen, noch schwelend vom missglückten Verbrennungsversuch – oben schmort vielleicht ein Kotelett lustig in der Pfanne, summt der Kessel die verheißungsvolle Melodie vom gefüllten Magen. Unten: der Leichnam, soeben mit dem Beil für die Verscharrung zugerichtet; oben: zwei hungrige Mäuler, die sich wütend auf einen Laib langentbehrten weißen Brotes stürzen. Wie hier übergangslos Blut zu Geld wird und Geld zu Nahrung, das ist ein ungemein einleuchtender ökonomischer Vorgang, in seiner Primitivität an Kannibalismus grenzend zwar, aber von unheimlicher Symbolkraft und den Daseinsformen der hochentwickelten kapitalistischen Gesellschaft nahe verwandt. Die Weltbühne, 21. September 1926 665 Gloria Swanson in »Theaterfimmel« Ein schlecht gegliederter Film ohne Hebung und Senkung in der Handlung; alles plattgewalzt, alles eine Ebene. Doch in dem Wirrwarr von Köpfen behauptet sich siegreich ein Gesicht. Das verbotenste Gesicht, das die Filmleinwand je zeigte. Das Gesicht der Frommen Helene, um etliches proletarisiert noch; eine grotesk nach Höherem strebende Nase, spitze Backenknochen und ein breiter Mund, der eine Enzyklopädie von Frechheiten zu beherzigen scheint. Das Ganze ist eine Mischung von East-End und Kaschubei, unübertreffbar gewöhnlich. Aber wenn in diesen Augen ein Funke knistert, dann blitzt alle Ironie der Welt, und wenn sie traurig blicken, dann aschgrau rundum, und es ist, als wollte nie wieder die Sonne scheinen. Die Inhaberin dieser himmlisch hässlichen Visage war für Deutschland bisher kaum mehr als ein Name: Gloria Swanson . Man versteht ihre internationale Berühmtheit und Beliebtheit nach all den glatten Larven, die Amerika bisher versandte. Wenn ein weiblicher Rivale für den großen Charlie denkbar ist, dann ist es Gloria Swanson. (Mozart-Saal.) Montag Morgen, 27. September 1926 666 Freund Frankreich Seit Monaten wälzt sich der englische Bergarbeiterstreik qualvoll weiter wie ein zu Tode getroffenes Tier. Unerhört sind die Opfer der Arbeiter. Kein Wunder, dass in vielen Bezirken der Geist längst erlahmt ist und die Arbeit wieder aufgenommen wird. Verhandlungen sind bisher gescheitert: teils an der Uneinigkeit und Unredlichkeit von Regierung und Unternehmerschaft, teils an der Furcht einiger Arbeiterführer, den Kampf schließlich resultatlos abblasen zu müssen. Die Industrie erhält reichlich Kohlenzufuhr von Frankreich und Belgien, in hohem Maße von Polen und, indirekt, von Deutschland, wo das Geschäft über Holland geht. Denn das kohlenlose Holland, das seinen Bedarf zu 98 Prozent sonst aus Deutschland und England deckt, ist infolge des Ausfalls der englischen Produktion ganz auf Deutschland angewiesen. Da Holland im Allgemeinen 600 000 bis 700 000 Tonnen monatlich von Deutschland bezieht, im Juli aber zum Beispiel 1 270 276 Tonnen geliefert erhielt, also etwa 600 000 Tonnen über eignen Bedarf, so läßt sich annehmen, daß diese Menge nach England gegangen ist. Wozu noch 157 000 Tonnen gerechnet werden müssen, die den direkten Weg genommen haben. Fazit: fast 800 000 Tonnen deutscher Kohle in einem Monat! Der Transport wird überall von englischen Seeleuten besorgt. Das wirft einen schweren Schatten auf die Konferenz des Vorstandes der deutschen Bergarbeiter-Organisation, die in diesen Tagen in Bochum über die Unterstützung der englischen Kameraden beraten wird. Auf den Beschluss braucht man nicht neugierig zu sein: die Ausrede ist ja schon da. Bittere Lehre: die proletarische Solidarität endet noch immer dort, wo eine bescheidene Prosperität beginnt. Schließlich war es auch im Ruhr-Kampf nicht anders. Die englische Wirtschaft profitierte von der Konjunktur; die Arbeiterschaft tat mit. Man darf sich um die Konsequenz so heikler Feststellungen nicht herumdrücken: die Strategie internationaler Aktionen des Industrieproletariats liegt noch in bescheidenen Anfängen. Der englische Montanstreik ist verloren. Dahin der Gewinn des Generalstreiks vom Frühjahr: die starke Stimmung, der seelische Aufschwung durch die Genugtuung, einmal die große Probe gewagt zu haben. Hoffnungslosigkeit und unsagbares Elend herrscht heute in den Arbeiterhütten. Die Industriedespoten fühlen sich stärker denn je. Es gibt nur eine Möglichkeit für die Bergleute: den Kampf auf günstigere Zeit zu vertagen und sich Führer zu suchen, die etwas weniger in die eignen Parolen verliebt sind. Auch wer an Herrn Cooks frischem Elan Gefallen gefunden und ihn gegen die oft sehr rüden Attacken deutscher Gewerkschaftler verteidigt hat, wird den Zufall bedauern, der einen begabten Trompeter zum Stabschef gemacht hat. Die Devise: »Wenigstens sollen sie kkeinen lebendig haben!« darf außerhalb der böhmischen Wälder und der militärischen Edelfatzkerei keine Geltung haben, am wenigsten in der Arbeiterbewegung, deren Millionenziffern nicht über die Schwäche der einzelnen hinwegtäuschen dürfen. Schlimmste Cuno-Politik ist Das, was Cook und seine Freunde seit Monaten treiben, diese zähe Resistenz wider die Vernunft und die mystische Hoffnung auf Hilfe von draußen.   Nun musste die Genfer Festivität doch noch mit einem kleinen Knalleffekt enden. Der Ausbruch der deutsch-französischen Verständigung geschah so eruptiv. Vom Frühstück in Thoiry bis zur Billigung der Politik Briands durch das Kabinett Poincaré verlief alles so überraschend glatt, dass man bange werden mußte. (Innenpolitisch begibt sich ähnliches: die Brieftauben der Großen Koalition schwirren wieder; der redliche Volksparteiler Kahl taucht beim Republikanischen Reichsbund auf – hoffentlich schicken die Republikaner jetzt auch einen Austauschprofessor in den Stahlhelm –, es riecht überall nach Versöhnung.) Fast war man geneigt, den Göttern, wie Polykrates, etwas Geliebtes zu opfern, um ihre Mißgunst nicht zu erregen: man wusste nur noch nicht, ob Geßler oder Külz. Und dann kam die fahrplanmäßige Entgleisung. Nachts um die zwölfte Stunde verläßt der Tambour sein Grab. Nacht war es auch, als in unserm europäisch radebrechenden Stresemann plötzlich der Tambour erwachte. Bei einem geselligen Abend der deutschen Kolonie in Genf, die sonst von dem sehr nationalen Herrn Generalkonsul Aschmann geleitet wird, dem Schwager Karl Helfferichs, und die, dieser politischen Pädagogik entsprechend, den Ehrengast wahrscheinlich mit feindselig geschwungenen Humpen erwartet hat. Aber wie er da inmitten der geputzten Schar saß, da schwand auch der pazifizierende Weinduft diplomatischer Bankette aus der Nase: Ceres löste Bacchus ab; bierschaumgeboren stieg die Rede, Erinnerungen an die Branche belebten anmutig die Bilder. Die deutsche Eiche rauschte, und Alles war wieder gut. Und am nächsten Tag mußte nach Leibeskräften dementiert werden. Denn ein deutsch-patriotischer Journalist hatte trotz vorgeschrittener Stimmung noch mitstenographiert. Dieser Berufstüchtige sauste mit seinem Bericht sofort zur Schweizerischen Telegraphen-Agentur, die ihn in alle Welt kabelte. Einige Aufregung in Paris: Aha! Unverbesserlich diese Deutschen! Sie haben nicht nur eine Schwarze Reichswehr, sondern auch eine schwarze Außenpolitik ... Zwei Erfahrungen bleiben. Die eine: der Außenminister, in schwieriger diplomatischer Mission im Ausland, ist keine Attraktion für einen vaterländischen Kneipabend mit Hochgefühlen und Sauerkraut! Stresemann versank sogleich darin bis an die Achselhöhle, und das Unglück war fertig. Die andre: während die deutsche Presse den Minister zum Teil ziemlich scharf rüffelte, gaben sich die Pariser Offiziösen – Havas und Sauerwein vornan – weidlich Mühe, den Fall zu bagatellisieren. Das zeigt deutlicher als alles Andre, wo wir stehen, wie weit die deutsch-französische Verständigung schon fortgeschritten ist, was für Belastungsproben die Freundschaft zwischen Wilhelm-Straße und Quai d'Orsay schon zu ertragen vermag. Sie schwindeln schon für einander: das ist das untrügliche Kennzeichen der Entente Cordiale. So hat es zwischen Poincaré und Iswolski auch angefangen ...   Gewiß wird das Wetter nicht immer so ungetrübt bleiben. Dafür werden schon die Herren Marin und Tardieu, aber auch einige der Herren Minister des Kabinetts Marx sorgen. Auch Herr Poincaré selbst hat, von Stresemann angeregt, in seiner neuen Sonntagsrede von Saint-Germain gezeigt, daß er die alte Sprache noch beherrscht – und mehr wohl auch nicht zeigen wollen. Ein Nasenstüber, kein Faustschlag. Das ist nicht mehr fortzudisputieren: Frankreich ist ehrlich gewillt, über alle Streitthemen mit Deutschland zu verhandeln und in den wichtigsten Punkten nachzugeben. Denn Frankreich ist müde. Aus allen Reden dieser letzten Zeit klingt der Überdruß an ranzig gewordenen Phrasen und veralteter Feindschaft. Der Ehrgeiz, zum Rhein vorzustoßen, ist dahin. Richelieus Testament, Napoleons Pläne vergilben. Der stille Soldat am Triumphbogen hat über die lauten Generale gesiegt. Frankreich will Frieden. Ein bei mancher Aufgeregtheit unendlich gutartiges Volk wirft die lästig gewordenen Augengläser des Nationalhasses ab, betrachtet den alten Feind aus der Nähe und findet ihn ganz traktabel. Ebenso wie in Deutschland Niemand Frankreich ernstlich gehaßt hat und noch haßt, einige Kaffern aus Prinzip ausgenommen. Aber Frankreichs Wirtschaft liegt auch in schwerer Krise, und politisch ist es isolierter als jemals seit dreißig Jahren. Der Gedanke, mit dem ökonomisch aufsteigenden Deutschland einen Akkord zu treffen, wonach frühere Räumung der laut Friedensvertrag noch okkupiert zu haltenden Gebiete in irgendeiner Weise mit Beiträgen zur Valuta-Sanierung vergütet wird, liegt nahe, heischt aber Überwindung der noch gebliebnen Siegergefühle. Die schreitet fort, getrieben von zunehmender Vereinsamung. England ist kühl bei Seite getreten, fördert alle Feindschaften gegen Frankreich. Vom Mittelmeer eskamotiert es Mussolini mehr und mehr. Der hat sich nicht nur mit Spanien, dem Marokko-Verbündeten von gestern, verständigt, sondern auch mit Rumänien, das jahrelang unter Pariser Einfluß gestanden hat. Der Traum vom Orientreich ist beendet. Nichts erinnert mehr daran als ein ruhmloser Mandatskrieg in Syrien, Menschen und Geld fressend. Die Armee lastet wie ein Panzer auf ermüdeten Gliedern. Die französische Weltmacht trägt die Farben des Herbstes. Aber man glaube nicht, daß Frankreich sich aus Not etwa Deutschland an den Hals wirft. Törichter Michel-Stolz, das anzunehmen. Gewiß zwingen Tatsachen zu enger deutsch-französischer Gemeinschaft. Aber was bedeuten Tatsachen, wenn der nationale Prestigetic auf dem Spiele steht? Es gehört eine große moralische Anstrengung dazu. Frankreich ist im Begriff, der Welt ein solches Beispiel zu geben.   Deutsch-französische Verständigung ist heute möglicher denn je, wenn für kurze Weile nur gelingt, die heißen Faselhänse und die kalten Giftmischer, die es auf beiden Seiten gibt, fernzuhalten. Wer durch Jahre für die Verständigung gekämpft hat und dafür teutonisch angebrüllt wurde von politischen Charakteren, die heute europäisch flöten, darf wohl noch einen Schritt weiter gehen und eine neue Frage »aufrollen«. Verständigung ist gut. Aber Verständigung, politisch realisiert, ist nur ein Staatsvertrag, nur ein Papier ohne Eigenleben, das die Regierungen »im Ernstfall« nicht zu binden, das Volk nicht zu berühren braucht. Verständigung kann nicht Abschluß, sondern nur Anfang sein. Verständigung wozu? Das ist die neue Frage. Wenn erst die deutsch-französischen Wirtschaftsbeziehungen so engmaschig sein werden, daß gigantische Kohlen- und Eisen-Syndikate die Grenzen wesenlos machen, wenn jeden Morgen hüben und drüben mit Uhrwerksgenauigkeit die Männer in die Schächte, zum Eisenhammer gehen zu vielstündiger Fron für alliiertes, verschmolzenes deutsch-französisches Kapital – dann wird kein Sedan und Versailles mehr trennend zwischen den beiden Nationen stehen. Dann wird aber auch die neue und größere Aufgabe da sein. Und dann werden Die treu verbrüdert zusammenhalten, die schuldig sind an einem Jahrhundert erbitterter deutsch-französischer Feindschaft. Es ist kein Zufall, daß heute Chauvins von gestern die Streitaxt begraben wollen. Die Klassen lösen die Nationen ab, die sozialen Kämpfe die nationalen Kriege. Die Weltbühne, 28. September 1926 667 Von Germersheim bis Münsingen Ein französisch uniformierter Amokläufer hat ein paar Germersheimer Bürger niedergeschossen, weil er sich provoziert fühlte. Der Zwischenfall ist traurig, aber politisch nicht wellenbewegend. Die Schuldfrage – das heißt: wer zur Auseinandersetzung Anlaß gegeben hat – dürfte wahrscheinlich wegen Verschiedenheit der Zeugenaussagen nie geklärt werden. Daß aber jede minderwertige Rempelei mit der Waffe gesühnt werden muß, ist nicht auf einen von der französischen Uniform besonders kräftig genährten Blutdurst zurückzuführen, sondern gehört zum eisernen Bestand des militärischen Ehrbegriffs überhaupt. Zu Hause hätte der Unterleutnant Rouzier vielleicht ein paar streikende Arbeiter niedergeschossen, die seinem militärischen Rang die Reverenz versagten. Dennoch sieht es grade in der Pfalz besonders schlimm aus. Die lange Herrschaft eines ungezähmten Etappen-Paschas wie des Generals de Metz hat Haß hinterlassen; unvergessen ist noch die kurze Separatistenherrschaft und ihr schrecklicher Sturz. Überhaupt steht hier den fremden Truppen ein zu unbeherrschten Entladungen neigendes Volkstemperament gegenüber, sehr ähnlich dem südfranzösischen. Verschärfend kommt hinzu, daß die Pfalz als bayrisches Territorium ihre Direktiven aus München bezieht. Die Germersheimer Grabreden und ein etwas seltsamer Appell an das europäische Gewissen zeigen allzu deutlich, daß Münchner Einfluß gewaltet, und daß Bayern seinen Beitritt zum Völkerbund noch nicht vollzogen hat. Aus den französischen Maßnahmen geht hervor, daß man drüben zu unparteiischer Untersuchung gewillt ist. Sehr vernünftig war die sofortige Ablösung der bisherigen Garnison. Da aber Rouzier der Militärjustiz untersteht, dürfte der Ausgang kaum zweifelhaft sein. Auch das ist keine französische Eigenart. Denn auch bei uns sind in der kaiserlichen Zeit betreßte Zivilistenschlächter von den Kriegsgerichten sehr milde angefaßt worden, und seit die militärische Gerichtsbarkeit nicht mehr existiert, kümmern sich auch die Staatsanwälte nicht mehr um solche Fälle. Hat Hans Paasches Ermordung jemals zu einem Verfahren geführt? Und die Schießereien der Reichswehr während des sächsischen Einmarschs, die Dutzende von Opfern forderten, haben keine andre juristische Folge gehabt als die Bestrafung sozialistischer Redakteure, die den Mut gehabt hatten, an das heikle Thema zu rühren.   Nach dem Gespräch von Thoiry die Zusammenkunft Chamberlain-Mussolini. Während der englische Außenminister sich über den Zweck der Entrevue dürr und nichtssagend wie immer äußert, ist die römische Presse gesprächiger, und ihre Darstellung, die Unterredung habe neben den Mittelmeerfragen »die Kontrolle des deutsch-französischen Akkords behandelt, zu dem England und Italien als Garanten des Locarno-Pakts berechtigt und verpflichtet seien«, dürfte wohl richtig sein. Diese Begegnung ist eine aggressive Antwort auf Thoiry, wäre es auch, wenn die beiden Herren sich drei Stunden lang schweigend gegenübergesessen hätten. Bittre Lehre: die völlige Nutzlosigkeit des Systems der Garantieverträge ohne Abrüstung. Der Pakt von Locarno ist ratifiziert, das alte Mißtrauen geblieben. Weil am Rhein Friede werden könnte, wittert man im Foreign Office, in der Consulta neue Gefahr. Die imperialistische Politik kennt keine Verständigung für, nur gegen. In Paris, wo man über die englische Politik Bescheid weiß nicht umsonst war man so lange verbündet –, ist man zwar verstimmt, aber kaum überrascht. In Berlin dagegen, wo der weißbärtige Lord jahrelang die Nationalsten der Nationalen englisch tanzen ließ, ist man jetzt sehr verblüfft, statt des verbindlichen Lächelns die kalte Schulter zu sehen. Dennoch trägt man das Mißgeschick durchweg mit Würde. Nur der ›Vorwärts‹ bricht ungehemmt aus: »Sind es wirklich außenpolitische Interessen Groß-Britanniens, die den Minister Seiner Britischen Majestät zu der Erniedrigung zwingen, mit Mussolini ›gegenseitige persönliche Freundschaft‹ zu mimen?« Willst du genau erfahren, was sich ziemt, so frage nur bei edlen Frauen an. Dem ›Vorwärts‹ kommt das unbestreitbare Verdienst zu, die gesellschaftlich-moralische Seite eines Problems erkundet zu haben, das wir Andern für ein rein politisches halten. Er hat ernsthafte Bedenken gegen den nichtstandesgemäßen Umgang des Außenministers Seiner Majestät und macht sie in einer Sprache geltend, wie sie etwa Bernard Shaw Caesars köstlicher Sekretär Britannus führt. Wie, der piekfeine Sir Austen in Freundschaft mit einem kleinen Emporkömmling, der in seinem Glänze nicht einmal ein wetterfester Sozialist geblieben ist wie unser Friedrich Ebert? Aber warum appliziert der ›Vorwärts‹ nicht seine Pädagogik an dem Genossen Paul-Boncour, dem Sachwalter der finanziellen Ansprüche von Mecklenburg-Montenegro? Das liegt doch näher als ein Rüffel für den konservativen Außenminister Seiner Britischen Majestät. Wir Kritiker der Reichswehr haben bisher immer gefühlt, daß unsrer herrlichen Wehrmacht eigentlich noch etwas fehle. Wir wußten nur nicht recht, was. Jetzt wissen wir es endlich: es ist ein preußischer Prinz. Als diese Nachricht vor ein paar Tagen herauskam, zweifelten wir keinen Augenblick an der Wahrheit, waren wir völlig überzeugt, als der Kommandeur des in Frage kommenden Potsdamer Regiments so schnell und forsch dementierte. Denn ein militärisches Dementi kommt immer einer doppelten Bestätigung gleich. Als nicht locker gelassen wurde, gab der Herr Kommandeur schon zu, daß der älteste Sohn des Kronprinzen bei den letzten Manövern in Münsingen gewesen sei, um sich die Sache mal anzusehen. Nach der Bekundung des Berliner Tageblatts hat der Prinz nicht nur als Zuschauer sich dort aufgehalten, sondern auch Dienst getan, abwechselnd in Zivil und Uniform – zweitweise sogar in der Uniform der alten Armee. Ferner hat er in Uniform einem Konzert beigewohnt und mit der Traditionskompagnie einen Ausflug auf die Stammburg der Hohenzollern gemacht. Der hohe Herr wurde als »Gast des Regiments« betrachtet. Nachdem der Sachverhalt so weit geklärt ist, bleibt nur noch zu fragen, ob die Reichswehr schon früher solchen oder ähnlichen Besuch gehabt hat, und ob die Spitzen der Wehrmacht, die sich doch während des Manövers nicht ausschließlich auf dem Feldherrnhügel aufgehalten haben, Kenntnis von der Anwesenheit des Gastes hatten. Wahrscheinlich wird jetzt weiter dementiert werden, und wenn die Affäre endlich vor den Reichstag kommt, wird Herr Geßler mit seifigem Lächeln erklären, daß kein Gesetz den Hohenzollern verbiete, in die Wehrmacht zu treten. Und Herr Stresemann wird emphatisch sekundieren: Da seht Ihr, wie bombensicher die Republik steht – die Prinzen drängen sich schon ordentlich in die Armee! Aber was hier geschehen, war selbst in der schwärzesten Zeit der französischen Republik nicht ausdenkbar. Als Prinz Lulu Bonaparte sich Militär in der Nähe ansehen wollte, mußte er zu einer englischen Kolonialtruppe gehen und ist in Süd-Afrika gefallen. Es gibt überhaupt keine Republik in der Welt, wo der Prätendent der Legitimisten bei der Armee hospitieren könnte. Man würde die Verantwortlichen, den Kriegsminister und den Heereschef, unverzüglich zur Rechenschaft ziehen. Es bliebe ihnen nur die Flucht in die Demission, und sie würden demissionieren ohne jeden Versuch, den Anklägern Rede zu stehen. Das ist im Falle Deutschland selbstverständlich nicht zu erwarten. Es wird sich nun zeigen, ob der Reichstag der Republik wenigstens so viel Energie aufbringt wie der Reichstag der Kaiserzeit im Zabern-Jahre. Damals durfte noch ein begabter Bariton wie Konstantin Fehrenbach für zwei Stunden sein schönes Organ protestierend rollen lassen. Wo ist heute selbst ein Fehrenbach? Die republikanischen Fraktionen haben sich daran gewöhnt, in Militärfragen ihren schwächsten Tenor-Buffo vorzuschicken. Der »Gast des Regiments« hört sich ohnehin schon so an wie eine Operette. Es wird auch so enden.   Auf dem Kongreß der Deutschen Volkspartei in Köln hat der Reichswirtschaftsminister Curtius zu der deutschen Wirtschaftssituation gesprochen. Dieser Rede kommt insofern Bedeutung zu, als sie seit Monaten wieder die erste Äußerung eines Regierungsmannes ohne den offiziellen Silberstreifen ist. Es war wieder eine rechte Sorgenrede ohne den frischen Optimismus Stresemanns und Reinholds. Curtius hat keine Freude an einer »nationalen Befreiungspolitik«, die einen Loskauf des Rheinlands von der Okkupation befürwortet. Er sieht darin eine finanzielle Belastung, geeignet, die wirtschaftliche Sanierung und sogar die Währung zu gefährden. Das war sehr vorsichtig ausgedrückt, aber doch verständlich. Richtet sich also gegen Stresemann, indirekt auch gegen Schacht, der erst neulich eine Befreiungsanleihe für Eupen-Malmedy aufbringen wollte, und beweist nur, wie in der Regierung selbst die Meinungen über die Verwirklichung des Programms von Thoiry geteilt sind. Und dabei ist Curtius bisher nur das Sprachrohr Stresemanns gewesen.   Die Oberprüfstelle hat den Potemkin-Film in seiner verstümmelten Form endlich freigegeben (mit Verbot für Jugendliche). Der letzte verzweifelte Widerstand kam von Herrn Mühleisen und den Delegierten der Bendler-Straße. Die Herren Offiziere hatten sich einen gelehrten Vortrag zurechtgemacht, um nachzuweisen, daß Eisenstein es mit der historischen Richtigkeit nicht genau genug genommen habe. Selbst wenn Eisenstein die Geschichte frisiert hätte, die Herren also recht haben sollten – wir wissen aus dem Dittmann-Ausschuß, was für gediegene historische Qualitäten Geßlers Offiziere entwickeln, wenn sie eine deutsche Marine-Revolte begutachten –, so muß doch der Versuch, eine angemaßte Zensur mit pseudowissenschaftlicher Argumentation zu stützen, rücksichtslos zurückgewiesen werden. Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Viel ärger ist, was nach Zeitungsbericht der Herr Vertreter des Ministeriums sonst noch sagte: »Das Reichswehr-Ministerium sehe durch die Vorführung des Films die Disziplin im Heere gefährdet, und das Heer sei doch das letzte Notmittel für die Erhaltung der Staatsautorität. Und diese verlange, daß jeder Soldat sich im Notfalle dazu bereit erkläre, auch wenn es gegen Volksgenossen gehen sollte.« So, das ist deutlich. Wir haben es immer geahnt: es dreht sich beim Zank um ›Potemkin‹ für die Herren gar nicht um die Matrosen-Meuterei, sondern um die Szene auf der großen Treppe, um die Bürgerschlächterei durch die Kosaken. Der Reichswehr darf die Freude am Bürgerkrieg nicht verekelt werden. Und damit wären wir wieder bei Wilhelm und der harten Soldatenpflicht, auf Vater und Mutter zu schießen. Das Weitere siehe oben: Germersheim. Die Weltbühne, 5. Oktober 1926 668 Seeckt und Severing Ein junger Zivilist hat als Leutnant verkleidet bei den Soldaten hospitiert – ein Fall, der seit dem Hauptmann von Köpenick nicht dagewesen. Die republikanische Presse fordert Bestrafung des verantwortlichen Truppenführers und eröffnet einstweilen ein Verfahren gegen Unbekannt. Endlich meldet der Schuldige sich. Ungeheure Verblüffung. Es ist nicht ein monarchistischer Potsdamer Offizier, sondern der Generaloberst selbst, der Allmächtige der Reichswehr noch immer, trotzdem er seit Sommer 1925 nach Ententegebot nicht mehr Chef der Heeresverwaltung ist, sondern nominell nur militärischer Berater seines Ministers. Der Reichspräsident zögert, das Entlassungsgesuch anzunehmen. Der Wehrminister fordert den Rücktritt, das Kabinett erklärt sich mit ihm solidarisch. Komödienhafter Rollentausch: Hindenburg, der Seeckt seit 1915, sagen wir, kühl gegenübersteht, tritt schützend vor den General, dessen Absägung Geßler fordern muß. Welch seltsame Lösung! Ein paar Kaninchenjäger haben blind ins Dickicht geschossen und einen Löwen getroffen. Jetzt ist ihnen bei dem Triumph nicht recht wohl. Hätten sie den gleichen Jagdeifer entfaltet, wenn sie gewußt hätten, gegen Wen es ging? In den demokratischen Leitartikeln rinnen dicke Zähren. Das hat Niemand gewollt. Deshalb wird auch Seeckts Fall an der herrschenden Stellung der Wehrmacht im Staat nichts ändern. Ein Mann geht, der Zustand bleibt. Auch Herr Geßler bleibt. Bis auf weiteres wenigstens.   Fama hat aus Herrn v. Seeckt den neuen Scharnhorst gemacht, den heimlichen Organisator gewaltiger Heerespläne. Doch weder Huldigung noch Angriff haben ihn je aus der Reserve gelockt. Für die Öffentlichkeit ist er immer nur der General mit den kalten, illusionslosen Augen gewesen, die in die letzte Herzfalte der Menschennatur geblickt zu haben scheinen. Die Sphinx? Wir sind an geschwätzige Generale gewöhnt. Schon der alte Blücher trug sein Herz auf der weinschweren Zunge. Dieser hier findet nach kurzer Unsicherheit schnell eine aparte Geste, die ihn in rankünevollen Jahren von dem Trubel rundum sondert und ihm eine unerhörte Machtstellung sichert. Er ist mit Keinem versippt; Alle fürchten ihn mit einem Bodensatz Hoffnung, Alle hoffen auf ihn mit einem Bodensatz Furcht. Er denkt nicht daran, für Herrn Claß oder Graefes grüne Jungen den Narren zu machen. Er denkt aber auch nicht daran, die Republikaner zu ermutigen. Gute Demokraten suchen werbend seine Seele. Statt dessen blitzt sie sein Einglas an. Er mochte nie gern Farbe bekennen. Als die Döberitzer im Anmarsch waren und Noske verzweifelt Verteidiger suchte, zuckte er höflich die Achseln. Als Chef der Heeresleitung manifestiert er zunächst sehr schneidige Gesinnung; ein paar Revanchereden erregen Ärgernis. Dann kommt der entscheidende Umschwung. Er wird schweigsam. Er hat seine Rolle begriffen. Nimmt von nun an seine Aufgabe politisch, nicht militärisch. Je schärfer die Auseinandersetzung zwischen Monarchisten und Republikanern, desto stiller wird der General, desto unentzifferbarer sein Gesicht. Der Konflikt mit Bayern wird akut; Lossow affrontiert. Zum ersten Mal drohen Seeckts Nerven zu reißen: er will in Bayern einmarschieren und die Donaulinie besetzen. Ebert und Stresemann ringen die Hände. Der General droht mit Demission. Aber die Wallung ist schnell vorüber: er geht nicht und fordert auch nicht hart Subordination. Er sammelt bei den Gruppenkommandeuren Vertrauensvoten. Ganz wie ein Parteichef, dessen Führung von einer starken Opposition angezweifelt wird. So setzt er sich durch. Als Diplomat. Und so gelingt sein Meisterstück: die Schaffung einer Armee, die ganz exklusiv, ganz neben dem Staat lebt, getrennt von ihm durch eine neutrale Zone. Durch die ist noch Keiner gekommen. Was im Reichswehrministerium geschieht, vollzieht sich abgeschlossen wie ein Mysterienkult. So kann die Schwarze Reichswehr kommen und, vielleicht, gehen, ohne daß die höchste Verantwortlichkeit, nicht die der Buchrucker, festgestellt wird. Und plötzlich ist die Katastrophe da. Die Hohenzollern nahen mit einer kleinen Bitte. Zum ersten Mal seit sechs Jahren weicht die Maskenstarre von des Generals Antlitz, und er blinzelt. Und dieses Blinzeln hat ganz Deutschland gesehen.   Paris glaubt nicht, daß Seeckt in der Tat über die Prinzenaffäre gestolpert ist. Man munkelt, er sei geopfert worden. Entweder für Hindenburg, den er in Mannentreue deckte, oder für Stresemann, dessen Politik er stets bekämpft habe. Solche Mutmaßungen liegen, namentlich für das Ausland, nahe, treffen jedoch nicht zu. Fiele auf Hindenburg die Verantwortung für das Manöver-Gastspiel des Herrn Wilhelm Prinzen von Preußen, so wäre, wir halten jede Wette, der Skandal in Ruhe beigelegt worden. Auch Opposition gegen Stresemann hätte nicht zur Abschiebung des Generals zu führen brauchen. Überhaupt: wäre er entschlossen gewesen zu bleiben – wer hätte ihn eigentlich stürzen können? Geßler, der Partner seiner Sünden? Hindenburg, von einer Offiziers-Kamarilla beeinflußt, war zunächst bereit, ihn zu halten. Was genügt hätte. Denn nichts fürchten die Mittelparteien mehr als eine Präsidentenkrise. Und ist etwa Höpker-Aschoffs neuer Hohenzollern-Vertrag, vom gesamten preußischen Ministerium gebilligt, weniger schlimm als das Plazet zur Köpenickiade von Münsingen? Nein, Seeckt ist gegangen, weil einige Voraussetzungen seiner übermächtigen Position im Schwinden begriffen waren. Seine Sonderstellung war nur ermöglicht worden durch die anti-französische Orientierung aller frühern Reichskabinette. Als Politiker war er zu besonnen für die Plumpheit alldeutscher Vereinsmeier, als General aber pflegte er mit »Eventualitäten« zu rechnen, und namentlich im Osten erwartete er eine neue Gestaltung der Grenzen durch das Schwert. Er frühstückt mit Tschitscherin, während Stresemann Anschluß an die Westmächte sucht. Genf und Thoiry machen, einstweilen wenigstens, durch diese Ostpläne einen Strich. Seeckt wäre der Mann einer Außenpolitik gewesen, die ohne Bindung an den Völkerbund ausschließlich durch Paktverträge sich neue Großmachtstellung sichert. Es ist kein Zufall, daß sein Rücktritt kalendermäßig fast zusammenfällt mit dem Abschied des Viscount d'Abernon, des Protektors seiner Ideen. Die Hoffnung auf England hat seine Politik bestimmt. Von dem englisch-französischen Gegensatz erhoffte er freie Hand an der Weichsel. Darin unterschied er sich in keiner Weise von den Deutschnationalen. Indem Stresemann in direkte Verhandlungen mit Frankreich trat, zerstörte er dem Rivalen den »Feind«. Eine erledigte Feindschaft bedeutet immer das Ende einer politischen Generalskarriere. Für einen Mann wie Seeckt ist die Aussicht auf eine Aufgabe als oberster Administrator über Hunderttausend wenig reizvoll. Deshalb warf er hin. Weil seine Stellung einzigartig war und selbstgeschaffen, wird er auch keinen wirklichen Nachfolger finden. General Heye, der neue Mann, wird wirklich nur Berater des Reichswehrministers sein und die Macht in Zukunft bei den Gruppenkommandeuren liegen. Was die innere militärpolitische Situation kaum bessert, aber vielleicht einige neue außenpolitische Beklemmungen verhindert. Ein Sieg der Demokratie wäre der Wechsel dann, wenn die republikanischen Parteien endlich einen Gesetzentwurf einbrächten, durch den Mitgliedern früherer Fürstenhäuser der Heeresdienst verschlossen bleibt. Stattdessen bietet der preußische Staat dem Ex-Kaiser Schloß Homburg an. So ist bisher noch jede Gelegenheit versäumt worden.   Severing war, im Gegensatz zu Seeckt, stets ein aufgeschlagenes Buch. Einer, der fest zupacken konnte, aber auch oft die Zügel locker ließ und Worte für Taten gab. Er ist sicher der Beste von Allen gewesen, die 1918 nach oben kamen; aber mehr, als sozialdemokratische Tradition und Erziehung zuließ, konnte auch er nicht geben. Dabei steht er noch turmhoch über dem Genossen Otto Braun, der jetzt mit dem wahrhaft phantastischen Gedanken gespielt hat, Gustav Noske zurückzuholen. Karl Severing hat oft ein gutes republikanisches Temperament verkörpert. Über seine republikanische Energie sind wir andrer Meinung als die guten Menschen, die heute schon schwarz-rot-goldene Heilige kreieren. Am schwächsten war seine Personalpolitik. In seiner nächsten Umgebung selbst wimmelte es von reaktionären Beamten. Als vor einiger Zeit durch einen Erlaß verfügt wurde, daß zu Personalreferenten nur erprobte und überzeugte Republikaner bestellt werden sollten, meinte ein scherzhafter Kopf: »Gut, jetzt werden eben alle Personalreferenten zu erprobten und überzeugten Republikanern ernannt.« Die Rechtspresse glaubt nicht, daß Severing wirklich aus Gesundheitsrücksichten zurückgetreten sei, und orakelt ziemlich viel und wirr über seine Absichten. Zunächst: Severing ist, wenn auch noch kein kranker, so doch schon lange kein gesunder Mann mehr; seine Nerven sind erschüttert, und er ist zu gewissenhaft, um mit halber Kraft im Amt zu bleiben. Es wäre irrig, anzunehmen, Severing wiche vor der Großen Koalition – aber sein Scheiden wird sie beschleunigen. Er war doch der Stein des Anstoßes für die Deutsche Volkspartei. Sein Nachfolger wird es leichter haben: er braucht nur eine Tradition fortzusetzen, die heute schon einen über die Mittelparteien hinaus gehenden Kurswert hat, andrerseits fehlt aber der Anlaß zu den Schärfen, die seinem Vorgänger die Feindschaften eingetragen haben. Nichts steht der Großen Koalition mehr im Wege, nichts als der Wille der Massen ... Karl Severing hat sich gelegentlich bitter über jene Republikaner beschwert, die sein Werk zu bekritteln wagten. Er wird in der nächsten Zeit Gelegenheit haben, es von außen zu sehen.   Seeckt und Severing sind im März 1920 gekommen, nach der Liquidation des Kapp-Abenteuers. Wenn zwei Männer, die zugleich erschienen sind, auch zugleich abtreten, so bedeutet das, jenseits der Zufälligkeiten, das Ende einer geschichtlichen Epoche. Beide sind verknüpft mit der innern Konsolidierung, nicht wegzudenken aus den Vorgängen dieser sechs Jahre. Und so gewiß sie auf verschiedenen Wegen karrten, verschiedene Ziele im Auge: schließlich sind sie Beide auf der breiten Straße der Bürgerlichkeit gelandet. Der Sozialist und der konservative Militarist, sie haben Beide nur beigetragen, ein trübes Juste milieu zu schaffen. Sie haben als Realpolitiker viele Pflöcke zurückgesteckt, sind nie von der berühmten Politik des Möglichen abgewichen. Das Resultat ist: eine unmögliche Republik. Die Weltbühne. 12. Oktober 1926 669 Die Mittelmänner In den Münchner Verhandlungen des Feme-Ausschusses hat ein Abgeordneter der Deutschen Volkspartei namens Mittelmann den General Epp, der mit den Händen in den Hosentaschen vor den Zeugentisch trat, einen Flegel geheißen. Doch als am nächsten Tag der Herr General erklärte, er habe mit seiner lockern Attitüde nicht Alle treffen wollen und wisse überhaupt seine Leute wohl zu unterscheiden, da schwoll der wilde Mittelmann wieder ab und war zufrieden. Dieser Mittelmann ist Symbol für den ganzen Feme-Ausschuß, der mit Liktorenmiene gen München zog und mit einer Entschuldigung, die bayrischen Justizherren unbegründet verdächtigt zu haben, wieder abwanderte. Dieser Mittelmann ist das Symbol für unsern ganzen Parlamentarismus mit seinen kurzen Aufschwüngen und dem langen Versacken. Mittelmann, was für ein coulanter, Gegensätze streichelnd ausgleichender Name! Dieser eine Mittelmann sitzt bei den Nationalliberalen. Die andern Mittelmänner sitzen überall.   Unbegreiflich wie die Hohenzollern-Vorlage selbst ist die Art ihrer Durchpeitschung im Landtag gewesen. Das größte Rätsel geben die Sozialdemokraten auf. Warum, so fragt man, mußte die Fraktion, nachdem sie den Entschluß gefaßt hatte, sich durch Stimmenthaltung aus der Feuerlinie zu drücken, sich dann doch noch so weit exponieren, daß sie fast ganz allein die moralischen und materiellen Unkosten der Prügelei mit den Kommunisten trug? Daß die Sozialisten für die Hohenzollern gern zahlen, wissen wir seit Südekum – aber müssen sie auch noch für die Hohenzollern dreschen? Das wäre doch Sache der Demokraten gewesen, die durch ihren Höpker-Aschoff der Vorlage am nächsten verwandt sind, und von diesen haben sogar zwei, die Herren Greßler und Hermann, dagegen gestimmt. Was die Obstruktion der Kommunisten angeht, so war sie tausendmal berechtigt, nur schrecklich talentlos gemacht. Das hätte doch ein Volksfest sein müssen, mit klirrenden Schellen und sausenden Pritschen! Statt dessen ist den Kommunisten gelungen, daß man überall von den Unanständigkeiten der Opposition spricht und darüber ganz die Schamlosigkeit der kompakten Mehrheit vergißt. Das ist ein trauriger Erfolg bei so viel in die Ellenbogen gefahrener Gesinnung. Trotzdem können die Kommunisten zufrieden sein: sie sind gerächt, und zwar von einer Seite, von der sie es nicht erwarten konnten. Nämlich während die republikanischen Parteien grade für die Hohenzollern angetreten waren, gab die Fraktion der Deutschen Volkspartei ein Bulletin heraus, daß sie die Verhandlungen über die Erweiterung der Regierung »nach dem bisherigen Verhalten der Regierung und der Regierungsparteien« als abgebrochen ansehen müsse. Das ist des Teufels Dank! Da war tagelang der redliche Heilmann am Werk gewesen, die letzten Hemmungen zu beseitigen. Grzesinski wurde von Otto Braun zunächst nicht recht goutiert. Der Ministerpräsident war, wie die Mehrheit der Fraktion, für Leinert. Erst als Heilmann, auf sein Gewissen, sozusagen, versicherte, daß auch Grzesinskis Ernennung zum Innenminister die Große Koalition nicht mehr gefährden könne, sagte Braun sauer Ja. Die sozialdemokratische Führerschaft hatte einen sehr weitgehenden Plan. Um die Große Koalition für die Massen der Partei schmackhafter zu machen, wollte man Geßler über die Klinge springen lassen und durch Severing ersetzen, was kein schlechter Tausch wäre, vielleicht ... Aber die stupenden Taktiker unterschätzen doch die Stresemann-Partei. Die unfreundliche Absage im Augenblick der höchsten Dienstfertigkeit, das ist ein netter Vorgeschmack. Eines sollte die Sozialdemokratie endlich gelernt haben: Die von der andern Seite verkaufen sich nicht so billig. Für einen Severing im Reich wird die Deutsche Volkspartei schon ein ansehnliches Stück Preußen verlangen.   Eine lange Regierungskrise in der Tschechoslowakei hat jetzt die Lösung gefunden, die lange in der Luft lag: das neue Kabinett Svehla stützt sich auf eine deutsch-tschechische Koalition. Damit ist die Streitaxt selbstverständlich nicht begraben, denn von den beiden kämpfenden Nationalitäten haben sich vorerst nur die Agrarier gefunden. Dennoch ist das Beispiel klärend, deshalb nützlich, weil es unzweideutig beweist, wie wenig tief die Wurzel solcher in den äußern Formen so rigoros geführten nationalen Zwistigkeiten sitzt. Grade in Masaryks Reich zeichnete sich die tschechische Mehrheit durch einen besonders schneidenden Ton aus, während der rechte Flügel der deutschen Opposition, der jetzt den Weg in die Burg gefunden hat, unentwegt an seiner schon im alten Österreich oft erprobten Bornierheit festhielt. Wahrscheinlich werden die im Stich gelassenen Linksgruppen beider Lager jetzt furchtbar über die Charakterlosigkeit der neuen Alliierten zetern. Besser wäre, sie lernten daraus und machten es ebenso. Stärker als der Kampf der Rassen in einem Staat ist der Zwang der Interessen. Bei den tschechischen Regierungsdeutschen hat der bürgerliche Glaube den nationalen überwunden.   Episode aus dem Prozeß gegen den Deutschen Volksbund in Kattowitz: es wird ein Brief des ›Bayrischen Landesschützen-Verbandes‹ an den deutschen Sejm-Abgeordneten Ulitz verlesen, worin der Vorschlag gemacht wird, doch mit bayrischer Hilfe einen kleinen Bandenkrieg in Polnisch-Oberschlesien zu organisieren. Der Abgeordnete Ulitz war klug genug, das schroff zurückzuweisen, die polnische Anklagebehörde anständig genug, den Punkt fallen zu lassen. Wir brauchen kein Wort zu verlieren über die Münchner Dorfpolitiker, deren verbrecherische Dummheit namenloses Elend über polnische Staatsbürger deutscher Zunge hätte bringen können. Wir fragen aber, ob sich das Auswärtige Amt nicht ein wenig mit jenen Verbänden beschäftigen möchte, deren Zweck ist, irredentische Bewegungen zu schüren, und wie dieser Tatendrang am besten gezügelt werden könnte. Gewiß darf man die Münchner Mützenjäger nicht allzu ernst nehmen; aber daß es sich hier um Narren handelt, braucht man außerhalb der deutschen Grenzen nicht zu wissen. Und wenn wirklich einmal irgendwo ein Gewehr losgehen sollte, dann ist die Wilhelm-Straße an der Reihe, den Schaden gutzumachen, die Entschuldigungszettel zu schreiben und die Weisung an die Presse zu geben: Um Gottes willen, kein Wort davon sagen!   Der Parteikongreß der französischen Radikalen hat nicht den erwarteten Krach gebracht, sondern mit einem Kompromiß geendet: heftige Deklamationen gegen den bloc national, aber Fortsetzung des Zusammenregierens mit ihm unter Poincarés Zepter. Herriot, der Führer, wird durch den Senator Maurice Sarraut ersetzt werden. Einziges Plus: der Austritt Franklin Bouillons, eines kleinen Ehrgeizlings, der eine scharfe anti-sozialistische Politik forderte und gründlich abfiel. Im übrigen wurde laut und oft gesagt, daß die Zukunft dem Linkskartell trotz alledem gehöre. Mag sein. Die Gegenwart gehört ihm jedenfalls nicht, denn grade in diesen Tagen ist der lebhafteste Befürworter der Kartell-Erneuerung unter den Sozialisten, Jean Renaudel, aus dem ›Quotidien‹, dem Sammelorgan der Linken, geschieden. Tatsächlich bedeutet der Rücktritt Herriots von seinem Amt als Parteichef den sichtbaren Abschluß des Blocks der Mai-Sieger. Törichterweise bemühen sich die Sozialisten, Herriot auch in Lyon wegzutrommeln. Das ist nicht nur unpolitisch, sondern auch ungerecht, denn der Maire Herriot war immer größer als der Parteiführer und Minister. Hier in Lyon war er ein Stadtvater im freundlichsten Sinne des Wortes, ein moderner Kommunalpolitiker, ein Mann der sozialen Gerechtigkeit, wie wir in Deutschland keinen haben. Wären die französischen Sozialisten von heute nicht kleine Mandateheimser und rot überklebte Pharisäer: sie würden den Bürger Herriot an Lyon zu binden trachten, anstatt ihn dort stürzen zu wollen, wo er sich am schönsten bewährt hat.   Der alte Asquith ist von seinem Amt als liberaler Parteiführer zurückgetreten, und die persönlichen Huldigungen für diesen verdienten Veteran bringen mit sich, daß dabei auch von seiner Partei gesprochen wird, um die es sonst so friedhofstill geworden ist. Die große Karriere des jetzigen Lord Oxford begann Ende der achtziger Jahre, als er nach einem gewaltigen Dockarbeiterstreik den damaligen Arbeiterführer John Burns verteidigte und in seinem Plaidoyer mit mutigem Hohn englische Bürgerangst vor rebellierendem Proletariat glossierte. Seine letzte Leistung dagegen war ein peinlich philiströser Bannfluch wider die streikenden Bergarbeiter. Zwei Stationen, nicht aus dem persönlichen Schicksal des Führers, sondern aus dem der Partei. Aus dem einstigen durch beißenden Sarkasmus berühmten Abgeordneten und Anwalt Asquith ist immer mehr ein entzückend ironischer alter Herr geworden, von hohem persönlichen Zauber auf Freunde und Gegner – von dem allerdings die Bergarbeiter nichts erfahren haben –, während die Partei leider ohne allen Charme vergreist ist und von ihren ratlosen Ärzten sorgfältig vor aller Zugluft politischer Probleme bewahrt wird. Lloyd George, der unbequeme Außenseiter, dem man die Nachfolge wehren will, ist ein Mensch ganz ohne freundliche Abgeklärtheit, sogar ohne Manieren, aber er hat Spürnase und Fäuste und immer noch Ideen. Der könnte vielleicht wagen, die morsche Partei nochmals aus dem Spital zu holen und mit dem Geist der Zeit zu konfrontieren. Aber vielleicht stirbt sie schon beim bloßen Anblick, und dann hätte der gute alte Asquith doch recht gehabt.   Aus Moskau wird die Verständigung zwischen Stalin und den Häuptern der Opposition gemeldet. Es muß ein maßlos erbitterter Kampf gewesen sein, wobei die Opposition gegen Sonne und Wind stand. Die Macht war bei dem regierenden Direktorium; die Opposition durfte nicht einmal für ihre Ideen werben, und da, wo sie es dennoch wagte, machten sich wieder die Zuhörer strafbar, und so kam es, daß gefeierte und berühmte Führer wie Trotzki und Sinowjew auch in den kleinsten Meetings ohne Mehrheit blieben. So scharf die Gegensätze waren: die Anwendung illegaler Mittel wagten auch die Opponenten nicht, und so blieb ihnen nichts als Kapitulation, die von beiden Seiten wahrscheinlich nur als Waffenstillstand betrachtet wird. Es war nicht ohne Pikanterie, daß Sinowjew, der unerbittlichste Verfolger demokratischer Regungen im Sozialismus, sich in diesen letzten Monaten einer Argumentation bediente, die wie aus der demokratischen Kinderfibel geholt schien. Wie das Ringen auch ausgehen mag: dieses Rußland in Größe und Niedrigkeit, in Logik und Absurdität, ist heute das einzige europäische Land ohne Mittelmänner. Die Weltbühne, 19. Oktober 1926 670 Sachsen, Preußen, Reich und Kaiser Ein Communiqué der Botschafter-Konferenz kündigt Wiederaufnahme der Militärkontrolle an. Beträchtliches Aufsehen. Die Wilhelm-Straße repliziert erregt: Thoiry gefährdet! Nachher stellt sich Alles als ein »Mißverständnis« heraus. Das erste, das alarmierende Communiqué stammte von Havas, das andre, das beschwichtigende von Reuter. Der Sinn der Übung dürfte wohl sein, daß die Botschafter-Konferenz von der Entwicklung der militärischen Angelegenheiten in Deutschland nicht grade entzückt ist, aber aus einer Mahnung keinen Konfliktstoff machen möchte. So kam das Spiel zustande, das wir, ach, so gut, kennen: der böse französische Havas runzelte die Stirn und pfiff ein paar Unfreundlichkeiten durch die Nase, und dann kam der herzige Onkel Reuter und lächelte Alles wieder glatt. Wann werden die Franzosen endlich so gescheit werden, auf Rollenwechsel zu dringen? Warum kann nicht einmal der begabte Havas den père noble, der mimisch so wandlungsfähige Reuter den Intriganten spielen?   Der Staatsgerichtshof zum Schutze der Republik hat Wiking und Olympia auf Herz und Nieren geprüft, nichts Verdächtiges gefunden und daraufhin das Verbot des Preußischen Innenministeriums vom 12. Mai aufgehoben. Vorbereitungen zum Rechtsputsch sind in Deutschland nicht strafbar. Findet sich schon eine Regierung, die einschreitet, so ist auch gleich ein Gericht da, das die Brüder wieder laufen läßt. Die ganze Claß-Verschwörung wird nur einem Einzigen fatal werden: nämlich jenem Doktor Dietz, der das Komplott an das Preußische Innenministerium denunziert hat, und den der neue Herr Oberreichsanwalt, der Vertraute des Reichsbanner-Heiligen Marx, schon heute fest am Kragen hält, nicht weil er Herrn Claß verpetzt, sondern weil er angeblich militärische Geheimnisse verraten hat. Das heißt: man hat so lange bei ihm gehaussucht, bis man ein Schreiben fand, aus dem sich ergab, daß er irgendeine Erfindung militärischen Genres, vom Reichswehr-Ministerium außerdem abgelehnt, ans Ausland hätte verkaufen wollen. Die neue Leistung des Staatsgerichtshofs zum Schutze der Republik trägt die Unterschrift des Herrn Niedner, der als Richter ja längst einen Ruf genießt, aber von der demokratisch-republikanischen Presse nicht viel behelligt wurde, weil er klugerweise die Kommunisten als Jagdobjekt bevorzugte. Nach diesen kleinen Vorpostengefechten wagt sich Herr Niedner nun an höheres Wild, und sein Debüt ist in der Tat ein Treffer mitten ins Schwarz-Rot-Goldne. Vielleicht werden die demokratischen Blätter sich jetzt endlich mit diesem Richter kritisch befassen, der zudem ihre höchsteigne Entdeckung ist, und den sie vor ein paar Jahren noch als »bon juge« gefeiert haben.   Das Reichsministerium des Innern beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit der Anfertigung von Ausführungsbestimmungen zum Artikel 48 der Reichsverfassung. Wie man sich das im Kanton Külz denkt, bewies ein Entwurf, der einen offensichtlichen Rückschritt selbst gegenüber dem gegenwärtigen Zustand bedeutet, da er, was bisher Willkür war, zum System macht. Herr Külz dementierte sofort sehr scharf, und die Gereiztheit seiner Sprache ließ erkennen, wie wert ihm das Ding war, das vor der Öffentlichkeit notgedrungen als Privatleistung eines x-beliebigen Referenten qualifiziert werden mußte. Der Artikel 48! Die Geschichte seiner Anwendung ist die Geschichte der Republik, und deren traurigster Erinnerungstag bezeichnet die Hochkonjunktur des Bajonett-Paragraphen. Grade jetzt vor drei Jahren, am 23. Oktober 1923, begannen die Feindseligkeiten der Truppen des Generals Müller gegen das sozialistische Kabinett Zeigner in Dresden. Kein Artikel in den patentierten Organen der Republik-Rettung, kein Reichsbanner mit Fackeln und Fahnen wird daran erinnern. Begreifliches Schweigen. Denn hier waren die Schwarz-Rot-Goldenen nicht wie sonst die Geprellten oder Schwachen: hier hatten sie die Initiative, und das Plazet sozialdemokratischer Stresemann-Minister, der Segen der Oberpriester in der Linden-Straße begleitete die grünen und schwarzen Krieger des Generals Müller auf ihrem Siegeszug gegen die republikanische Konstitution und gegen eine Regierung, die nicht um ein Jota vom Gesetz abgewichen war. Ein Politiker, schwach an Erfahrung und Menschenkenntnis, doch an Instinkt und lauterm Willen den Routiniers überlegen, der sympathischste Sozialistenkopf seit Kurt Eisner, hatte gewagt, wider das Monopol der Welse zu meutern, und dafür traf ihn des Reiches Acht und Aberacht. Wie dieser Einmarsch sich vollzogen, wie viele Blutopfer er in den armseligen Proletariernestern dieses ausgehungerten Industrielandes gekostet hat, ist niemals bekannt geworden. Durch den Ausnahmezustand war damals den wenigen wahrheitgewillten Blättern die Sprache genommen, und ein infam verlogener Strafprozeß gegen Erich Zeigner rückte Alles aufs Niveau der Spießer-Sensation und verdunkelte den politischen Tatbestand. Aber mochte man die Tragödie Sachsens selbst unterschlagen: die Folgen können nicht verschleiert werden. Ludwig Hatvanys Wort über Horthys Ungarn hat auch für Sachsen Geltung: Das verwundete Land! Seit 1923 ist Sachsen ein krankes Land: eine schlecht gepflegte Wunde, von Pfuscherfingern mit der Salbe Große Koalition bestrichen und für kuriert erklärt, ist vereitert. Rhein und Ruhr sind lange befriedet, doch Sachsen trägt noch immer jene Züge seelischer Zerknitterung, so charakteristisch für okkupiertes Gebiet. Im bürgerlichen Lager herrscht – mindestens seit der Abtretung Reinholds an die Reichsregierung – nur noch die eine durch Parteifahnen selbst für Kenneraugen schwach nuancierte Reaktion, während die Sozialdemokratie ihre Schwäche von 1923 durch ein spätes Schisma büßen muß. Die Linke ist Opposition und hat gegen Alle zu kämpfen, die Rechte, die sich nicht ohne Grund »Alte Partei« getauft hat, kämpft für die Fortführung der Allianz mit den Bürgerlichen und leistet sich, obgleich fast ganz ohne organisatorische Unterlage, dennoch eine Wahlkampagne, die auf einige Meilen gegen den Wind nach Industriegeldern riecht. Eine gespaltene Sozialdemokratie: das ist der Effekt der Großen Koalition in Sachsen. Lockt das zur Nachahmung? Deshalb wird der 31. Oktober, der sächsische Wahltag, die Probe aufs Exempel auch fürs Reich sein. Siegen die Koalitionsfreunde der Alten Partei, dann wird es für die Berliner Bonzokratie keine Hemmung mehr geben. Unsre Sympathien sind bei den Linken, nicht nur, weil sie einer gefährlichen Entwicklung eben noch Einhalt gebieten können, sondern weil diese Wahl überhaupt eine Appellationsinstanz für sie bedeutet, eine Berufung gegen das Unrecht von 1923.   Vergebens fragt man, warum die sozialdemokratischen Führer so lüstern sein mögen, sich nochmals mit einer Stresemann-Koalition zu kompromittieren. Haben die Herren Obergenossen denn noch nicht von dem ersten Versuch genug? Und das persönliche Vergnügen des Herrn Hilferding, sein Sitzfleisch wieder einmal für ein paar Wochen im Ministersessel zu dehnen, kann doch für eine so große Partei kein Motiv sein. Dabei ist der Sozialdemokratie auch in diesem Jahr ihr sprichwörtliches Schweineglück treu geblieben. Mochten ihre eignen Leistungen auch oft genug minimal sein: immer haben die Gegner für Zulauf gesorgt. Der letzte große Glücksfall der Partei ist die Abfindungsfrage gewesen. Als sie sich für den Volksentscheid erklärte, war sie plötzlich wieder Mittelpunkt. Niemals kommt die innere Substanzlosigkeit der Kommunisten deutlicher zur Erscheinung, als wenn die große Nachbarin entschlossene oppositionelle Politik macht: man sieht dann, daß die Kommunistenpartei eigentlich gar kein Eigenleben führt, sondern nur von der Unzufriedenheit der Massen mit den Sozialistenführern zehrt. Wir vertreten hier nicht die intransigante Auffassung, daß für eine Arbeiterpartei überhaupt nur die Alleinregierung in Frage komme: wohl aber hat eine Arbeiterpartei einen größern Prinzipienfonds zu riskieren und muß deshalb, tritt sie in eine Koalition, sich darüber klar sein, ob sie innerlich nicht Schaden nimmt, und ob die von den Partnern gebotenen Garantien genügen. Daran hat es bisher gehapert. Immer sind die sozialistischen Minister lädiert zurückgekommen, und von den Garantien wollen wir lieber gar nicht sprechen. Wenn jetzt gesagt wird, die Große Koalition binde die Deutsche Volkspartei an die Republik, so pfeifen wir auf diese Bindung, wenn die Arbeiter den Glaubenswechsel der Stresemänner mit sozialpolitischem Rückschritt honorieren müssen. Warum macht nicht endlich die Sozialdemokratie ihren Preistarif für Allianzen, so wie es die Andern auch tun, warum muß es immer die Millionenpartei sein, die nachher blamiert und lackiert davonschleicht? Wenn die Deutsche Volkspartei sich zur Zeit so spröde zeigt, daß nicht einmal das Hohenzollern-Geschenk des Genossen Otto Braun ihre Neigung auch nur zu Vorverhandlungen fördern kann, so sollte sich auch die sozialdemokratische Führerschaft endlich fragen, was diese geschäftstüchtige Partei erst verlangen wird, wenn die Verhandlungen ernsthaft eröffnet sein werden. Wissen die Führer, was im Lande vorgeht? Die Empörung gegen die Bewilliger ist allgemein. Als der Kuczynski-Ausschuß im vorigen Dezember zu arbeiten begann, war er ein isoliertes Gremium von Einzelgängern; als seine Parolen unter die Leute kamen, traten fünfzehn Millionen hinter ihn. Die ehrenwerte Bonzokratie möge sich nicht täuschen: es lebt eine Erregung im Volk, die dazu führen kann, daß nicht allzu viele Raten nach Holland abgeführt werden, und es wäre schlimm, wenn nicht die Mittel gefunden würden, auch das abgeschlossene Geschäft noch zu versalzen. Daß diesmal kein Gras über die Affäre wächst, dafür sorgt schon der reich beschenkte Wilhelm selbst. Hat nicht Höpker-Aschoff mit der Miene des Eingeweihten immer wieder beteuert, Gewißheit zu haben, daß der Exkaiser gar nicht daran denke, von dem ihm zugesprochenen Wohnrecht in Schloß Homburg Gebrauch zu machen? Doch kaum da ihm das Wort entfahren und die Vorlage unter Dach, erhöhte Tätigkeit in Doorn: Palaver mit dem holländischen Innenminister; unerwartete Ankunft Frau Herminens aus Deutschland; Telegramm an den Berliner Hearst-Korrespondenten, daß Wilhelm seine Rückkehr durchaus der Vorsehung anheimstelle. Das heißt, aus dessen Ausdrucksweise in unser geliebtes Deutsch übertragen: daß in Doorn schon die Koffer gepackt werden. Und wenn die Sozialdemokraten jetzt eilig ein Sondergesetz durchdrücken wollen und die Reichsregierung versichert, sie halte die Einreise für unerwünscht, so darf nicht unerwähnt bleiben, daß in dieser Regierung Herr Stresemann sitzt, der schon den Filius durchgeschmuggelt hat, und daß die Vorsehung, der Wilhelm mit der ganzen Glaubensstärke de[s] gewesenen summus episcopus vertraut, das gefällige Antlitz des Genossen Braun trägt. Die Weltbühne, 26. Oktober 1926 671 Thoiry und Geßler Ist die Übereinkunft von Thoiry ernsthaft gefährdet? Nicht so sehr die Quertreibereien französischer Nationalisten wie vielmehr die Schönfärbereien deutscher Demokratenblätter lassen an bitterböse Schwierigkeiten glauben. Die Kommunikation stockt, seit der Zauber der ersten Begegnung verflogen. Über die Inhaltlosigkeit der Zwiesprachen zwischen Briand und Hoesch täuschen die freundlichen Bulletins mit der Beteuerung des guten Willens auf beiden Seiten nicht hinweg. Am Frühstückstisch sah das Alles viel einfacher aus. Wohl war die Idee eines deutsch-französischen Wirtschafts-Konkordats brauchbar und sympathisch besonders für das unterm Inflations-Alb ächzende Frankreich. Aber was dann allzu früh und mit allzu voreilig einsetzender Claque an die Öffentlichkeit gelangte, das war noch im empfindlichsten Stadium der ersten Entwicklung und mußte unter kritischen Blicken erfrieren. Schon ist die angeregte Teilmobilisierung der Dawes-Obligationen am Widerspruch Amerikas gescheitert. Nichts ändert daran die treuherzige Verlautbarung der Wilhelm-Straße, man nehme es uns in Amerika nicht übel, an so etwas überhaupt gedacht zu haben. Briand und Stresemann, die so reich bepackt nach Hause gekommen schienen, stehen plötzlich vor einem Vacuum. Auch in der deutschen Wirtschaft findet man heute den noch kurz zuvor laut bejubelten Plan, die besetzten Gebiete »loszukaufen«, weniger ansprechend. Die Bankettreden sind längst verhallt; was sich zwischen Fisch und Braten unbeschwert heraussagen ließ, erscheint jetzt riskant und voll geheimer Fallen. Die Herren von Bank und Industrie sind sehr bedenklich geworden, und ihre Presse setzt hinter Stresemanns schallendes Ja mürrische Fragezeichen. Das Tempo hat nachgelassen; eine jener Pausen ist eingetreten, wo die Skepsis sich wieder Geltung verschafft. In Paris hat der Senator Henri de Jouvenel in seinen viel zitierten ›Matin‹-Artikeln das Thema noch mehr kompliziert, indem er die Frage der Unveränderlichkeit der deutschen Ostgrenzen in die Debatte warf. Es läßt sich annehmen, daß Herr de Jouvenel hier durchaus die persönliche Auffassung Poincarés wiedergibt. Und obgleich die spitze Diktion dieser Artikel grade in diesem Augenblick der Stockung doppelt erkältend wirkt, so kann nicht geleugnet werden, daß das angeschnittene Problem hier wichtiger ist als die wenig freundliche Form, und daß doch wohl notwendig ist, auch die deutsch-polnischen Beziehungen einer reinigenden Besichtigung zu unterziehen, wenn schon einmal alles Deutschland und Frankreich Trennende diskutiert werden soll. Denn der gefährlichste Zündstoff lagert im Osten, nicht mehr am Rhein. Darüber muß gesprochen werden, wenn die deutsch-französische Verständigung mehr sein soll als eine festliche Kulisse für Paradetage. Aber dies Alles wäre nicht so schlimm, wenn nicht Briand und Stresemann die Idee von Thoiry sogleich in ein falsches Klima verpflanzt hätten. Indem sie die deutsch-französische Versöhnung zu einer rein geschäftlichen Transaktion machten, schnitten sie der Idee die Flügel ab, verzichteten sie auf den Elan der friedengewillten Volkskräfte. Die Arbeiterschaft, abseits, sieht mit Mißtrauen aus dem schönen Gerede von Locarno bis Genf einen internationalen Industrie-Akkord wachsen, sieht, hilflos, wie immer in großen Entscheidungen, den proletarischen Löwengedanken des über die Grenzen fassenden Zusammenschlusses von den Kapitalisten usurpiert. Dieser kapitalistische Völkerfrühling aus dem Kalkül der Kohle- und Eisen-Kontore unterscheidet sich von dem, den wir ersehnen, vornehmlich dadurch, daß er jederzeit abgeblasen werden kann, wenn das Geschäft nicht klappt. Die Kettenhunde der Industrie-Presse, die vor ein paar Wochen noch Arien von Liebe und Treue winselten, beginnen schon wieder zu knurren. Eine kleine Verstimmung noch, und sie werden losgekoppelt. Zum Pazifismus gehört nun einmal eine Dosis Idealität und ein wenig Glaube. Ein Nationalist, der anti-nationalistische Politik machen sollte: das wäre der Sprung übern Schatten.   Botschaftsrat Dufour ist zum deutschen Unter-Generalsekretär in Genf gewählt worden. Man hätte sich für dieses hohe repräsentative Amt eine Persönlichkeit gewünscht, die schon zu einer Zeit für eine deutsche Völkerbund-Politik eingetreten ist, wo dergleichen auch in den Parteien der Weimarer Koalition noch sehr unpopulär war. Wir kennen indessen die Wunder unsrer neuen Personalpolitik, müssen also zufrieden sein, daß Herr Dufour sich wenigstens niemals als dezidierter Gegner des Völkerbundes bekannt hat. Auch hieße es das Auswärtige Amt verkehrt einschätzen, dort nach so großen politischen Maßstäben zu suchen. Die ehernen Gesetze der Ochsentour geben den Ausschlag. Aber tendenzlos ist die Ernennung des Herrn Dufour keineswegs. Der war jahrelang Berater des Botschafters Sthamer in London, damit einer der Dirigenten jenes unsäglichen angeblich anglophilen Kurses, der die deutsche Außenpolitik von einer Niederlage in die andre getrieben und stets die direkte Aussprache mit Frankreich durchkreuzt hat. (Grade in diesen Tagen wissen französische Blätter wieder von einer Abfuhr Sthamers bei Chamberlain zu melden; der deutsche Botschafter soll gebeten haben, auf die Kontrollkommission mäßigend einzuwirken.) Vielleicht wird Herr Dufour in Genf seine persönliche Eignung glanzvoll erweisen; aber mindestens für Paris ist er englisch gestempelt, und grade seine Wahl muß auf die Neigung Deutschlands hindeuten, auch im Völkerbund mit England durch Dick und Dünn zu gehen. Diesem amtlichen Anglophilentum stehen einige Francophile von besonderer Artung gegenüber, die nur dank ihrer Einflußlosigkeit bisher noch kein Unheil anrichten konnten. Es gibt Kreise, die sich bemühen, den sehr verdienten Herrn v. Hoesch von seinem Pariser Posten zu beißen und durch Arnold Rechberg zu ersetzen. Dessen publizistische Meriten um die Aufstöberung der diplomatischen Buffonerien des Herrn Oberst Nicolai in Moskau sollen keineswegs verkleinert werden. Aber auch Herr Rechberg träumt, wie sein Protégé Marauhn, wie der General Hoffmann Brest-Litowsker Angedenkens, von einem Kreuzzug gegen den Bolschewismus und verkörpert deshalb im Kampf gegen eine rechtsradikale Absurdität nicht die Vernunft, sondern nur die andre Absurdität.   Femeprozeß in Landsberg. Spaltenlange Berichte in der republikanischen Presse. In Schlagzeilen werden die Angeklagten als Bestien und Banditen qualifiziert. Wir brauchen in der ›Weltbühne‹ das Prozeßthema nicht zu rekapitulieren; für die Leser unsrer meisten Linksblätter ist es allerdings neu. Es hat also doch eine Schwarze Reichswehr gegeben? Die Leute, die darüber geschrieben haben, waren also doch nicht alle Landesverräter, Lügengeister, von der Entente besoldet? Wenn die verehrten Republikaner über Gedächtnis verfügten: sie würden ihre Leibblätter jetzt mit Briefen bombardieren. An der Verurteilung der Angeklagten ist nach dem gegenwärtigen Stand der Verhandlungen wohl kaum zu zweifeln. Zum ersten Mal sind die Burschen an ein Gericht geraten, das nicht in Heldenverehrung erstirbt, sondern Mord eben Mord nennt. Aber soll das Alles sein? Es ist in Landsberg von der Verteidigerbank gefragt worden, ob denn Herr Geßler 1922 und 1923 seine Pflicht getan oder die Landesverteidigung an den Oberleutnant Schulz verpachtet habe? Das hat der Rechtsanwalt Sack gesagt, und es ist trotzdem wahr. Darum, verehrte Demokraten, dreht es sich. Nur darum. Das ist das treffende Wort, das müßte, wie der arabische Märchenerzähler sagt, mit glühenden Nadelspitzen in die Augenwinkel gekritzelt werden. Daß das Pack aus den Küstriner Forts endlich justifiziert wird, ist notwendig. Wichtiger: die stete Betonung der politischen Verantwortlichkeiten für die Bildung dieser Mörder-Legion. Es sind in einem gewissen kritischen Zeitpunkt geheime Kadres aufgestellt worden, »Arbeitskommandos« genannt, angeblich zum Zweck der Waffensammlung. Herr Severing, das ist nicht fortzuwaschen, hat darum gewußt, wahrscheinlich geglaubt, es handle sich um Trupps zur Abwehr polnischer Insurgenten. Die Reichsregierung glaubte im Besitz englischer Genehmigung, also gedeckt zu sein gegen etwelche französische Repressalien. Lord d'Abernon, der Schlaufuchs, hat selbstverständlich nicht die bewaffnete Auseinandersetzung mit Polen forcieren wollen, wohl aber eine zuverlässige Schutztruppe gegen den Kommunismus gewünscht. Die politische Verantwortung für die Bildung der »Arbeitskommandos« teilt sich demnach; aber daß diese schwarzen Formationen so und nicht anders ausgesehen haben, dafür sind Reichswehr-Ministerium und Heeresleitung zu gleichen Teilen zu belasten. Niemals, außer in der trübsten Vergangenheit der Balkanstaaten, ist mit einer solchen Leichtfertigkeit rekrutiert worden. Daß ausschließlich die republikfeindlichen Verbände die Mannschaften stellen durften, ist schlimm genug; daß auch die legale Reichswehr aus schwarz-weiß-roten Reservoiren gespeist wird. (Paul Löbe hat jetzt endlich die Anregung zur Änderung des Wehrgesetzes gegeben.) Der Pakt mit den Verbänden aber wird fast harmlos neben dem katastrophalen Versagen der Kontrolle durch Ministerium und Oberkommando. Was wäre eigentlich geschehen, wenn etwa der Kommandant von Küstrin sich im entscheidenden Moment auf die Seite der Meuterer geschlagen hätte, oder wenn es Buchrucker oder Hertzer gelungen wäre, die Kommandantur zu besetzen? Dann wäre die schaurige Unterwelt der Kasematten plötzlich lebendig geworden und hätte sich übers Land ergossen. Und vor den Toren Berlins hätten sich Szenen abgespielt, würdig der tollsten Foltergeschichten aus dem Dreißigjährigen Kriege. Mannschaften, die den Revolver gegen ihre Offiziere richten und sie auch ohne Revolver beherrschen, weil sie von ihren Waffenschiebungen wissen – gefriert nicht noch nachträglich Herrn Geßlers joviales Lächeln bei dem Gedanken an diese seine Elite-Truppe? Ein in letzter Stunde im ›Berliner Tageblatt‹ von ihm unternommener Rechtfertigungsversuch zeigt seine Unbelehrbarkeit. Denn er versucht noch immer darzulegen, es habe im amtlichen Sinne niemals eine Schwarze Reichswehr gegeben. Aber daß es kein Journal mit der Aufschrift ›Schwarze Reichswehr‹ gegeben hat, des braucht Herr Geßler nicht zu erzählen. Wenn der Herr Minister im Reichstage über das Thema Schwarze Reichswehr befragt wurde – es ist allzu selten und allzu schüchtern geschehen –, dann ließ er alle Register seiner balkenbiegenden Rhetorik spielen. Interpellationen außerhalb des Reichstags beantwortete er dagegen kurz und knapp mit Landesverratsverfahren. Noch vor ein paar Wochen hatten Vertreter des Reichswehrministeriums die Stirn, auf der Polizei-Ausstellung das Wort »Fememorde« zu beanstanden. Alles, was Herr Geßler früher geltend machte: die angeblichen Interessen der Landesverteidigung, die Rücksicht auf das Ausland – das Alles ist erledigt, seit das Schwurgericht von Landsberg sich für volle Öffentlichkeit entschieden und der Staatsanwalt selbst solche Argumentation als kindlich abgetan hat. Das Geheimnis von 1923 besteht nicht mehr. Der Herr Reichswehr-Minister mag sich damals eine Art von Scharnhorst-Rolle vorgegaukelt haben. Heute werden selbst seine letzten Verteidiger unter den Demokraten zugeben müssen, daß kein Vaterlandsbefreier jemals seltsamere Soldaten gefunden hat. Geßler rief, und alle Klapproths kamen. Es wird eine kleine Geschichte kolportiert: bei der Abreise der Locarno-Delegation stand Geßler mit den Herren plaudernd auf dem Bahnsteig. Als ein Pressephotograph die Gruppe knipsen wollte, wehrte er lachend ab: »Ich gehe bei Seite – meine Gegenwart könnte kompromittieren.« Ein harmloser Scherz, der immerhin bedeutet, daß auch Herr Geßler besserer Einsicht fähig ist. Es wird Zeit für ihn, endgültig aus dem Bilde zu treten. Die Weltbühne. 2. November 1926 672 November Ricciotti Garibaldi, Träger eines erlauchten Namens, demokratischer Weltbürger und Biedermann von hochkarätigem Händedruck, Anti-Fascist aus eignem Entschluß, nicht durch Parteiband, ist in Frankreich als agent provocateur und Dirigent von Grenzzwischenfällen entlarvt worden. Auch bei dem katalonischen Unternehmen des Obersten Macia soll der feine Garibaldi-Enkel die Finger im Spiel gehabt haben. Carbonari-Romantik, wie bei Stendhal und Balzac, doch lange verjährt und ranzig geworden. Diese italienischen und spanischen Emigranten sind großenteils, nicht minder als Wrangels weiße Offiziere, entwurzelt und zeitfremd. Sie glauben noch immer, es genüge die Fahne der Empörung an der Grenze, und Alles erhebt sich schon wider die verhaßte Tyrannei. Von den seelischen und ökonomischen Wandlungen in der verlorenen Heimat ahnen sie nichts. Zu Heimlichkeiten gezwungen, werden sie allzu leicht Opfer von Jobbern und Spionen, und was mit himmelstürmenden Plänen begann, endet im Sumpf. Fanatische Kindsköpfe zappeln an den Fäden der politischen Polizei, die nach Belieben Putsche arrangiert und abbläst, Revolver entsichert, aus der Hand schlägt oder losgehen läßt. Erinnerungen werden wach an Asew und die Ochrana, an »Bonnet rouge« und Almereyda und den jungen Philippe Daudet. Auch der neue Mordanschlag auf Mussolini zeigt deutlich den Stempel des Polizeifabrikats. (Schon das Komplott Zaniboni-Capello wirkte unwahrscheinlich.) Der Fascismus brauchte ein Ausnahmegesetz, um die Restchen von offener Opposition auszutilgen und die wachsende geheime abzuschrecken. Mussolinis Diktatoren-Sendung, das Land aus den Wirren der Nachkriegszeit in ruhige Entwicklung zu führen, ist gescheitert. Sein geschulter Politikerverstand muß ihm sagen, daß auf die Dauer unmöglich ist, dreisteste Reaktion für soziale Revolution auszugeben. Sieht er noch einen Ausweg? Der Fascismus ist in sein anarchisches Stadium getreten; das Haupt, der umjubelte Duce selbst, ist sein Gefangener geworden. Der bankrotte Hasardeur flüchtet in einen roten Nebel von Terrorismus und außenpolitischen Konflikten. Heute wird Frankreich in Ventimiglia gereizt, morgen kann es am Brenner, an der Adria, sogar an der Schweizer Grenze losgehen oder ein neues Attentat die gewünschte Provokation liefern. Der desperate Mussolini ist eine europäische Gefahr.   Wenn Geßler sich schon nicht auf seine Offiziere verlassen kann: seine Richter lassen ihn nicht im Stich. Die in Landsberg haben, nach ganz anderm Auftakt, schließlich seinen Schulz freigegeben, alles für Geßler Peinliche von der Erörterung ausgeschlossen und ihm selbst die Zeugenschaft erspart. Pardon für Geßler in Landsberg. Pardon auch im Reichstag? Das bleibt abzuwarten. Paul Löbe hat jetzt die Forderung erhoben, das Rekrutierungssystem der Reichswehr durch Schaffung einer Zentralstelle für Werbungen umzugestalten, was ein bedeutender Fortschritt gegenüber dem bisherigen Zustand wäre, der das Zusammenspielen von Offizieren und Wehrverbänden gradezu begünstigt und den Bestand der Republik in das diskretionäre Ermessen der Herren Kompagnieführer legt. Lobes Anregungen sind dankenswert, aber noch unzureichend. Was machen schon die paar Rekruten aus, die in Zukunft vielleicht die Gewerkschaften stellen werden, wenn sich im Offiziercorps nichts ändert, wenn das Ministerium nicht ausgefegt, wenn der Etat kritiklos wie bisher genehmigt wird! Arme Konzessions-Republikaner in dieser Reichswehr. Eine beträchtliche Zunahme der Soldaten-Selbstmorde: das wäre der einzige Effekt. Radikale Wandlung der Personalpolitik unter schärfster parlamentarischer Kontrolle tut not. Und vor Allem: es gibt kein neues System, solange Geßler bleibt. Dennoch ist gut, daß der erste wichtige Reformversuch an der Reichswehr von Paul Löbes unkompromittierter Reputation gestützt wird. So, wie Herriot gegen den alten Kampfgenossen Caillaux aufstand, als er durch ihn die Demokratie bedroht glaubte, so müßte jetzt der sozialistische Präsident des Reichstags den Mann richten, der mit glatter Gleisnermiene das Parlament jahrelang genasgeführt hat, der ein Hemmschuh war jeder freiheitlichen Entwicklung im Innern wie jeder verständigungsbereiten Außenpolitik, und dessen Name für immer unlösbar verknüpft sein wird mit der tiefsten Erniedrigung der deutschen Republik. Mit der ganzen Autorität seines makellosen Rufes muß Löbe dafür sorgen, daß Das, was er angeregt hat, nicht wieder in jener fraktionellen Kleinherzigkeit und Rechnungsträgerei versande, die Geßler stets gerettet hat. Ihre historische Stunde, Paul Löbe, ist da!   Es wird schon ein gehöriger Stoß notwendig sein, um die lieben Republikaner in Bewegung zu bringen. Der ›Vorwärts‹, zum Beispiel, bewahrt jene schöne Ruhe, die seine Partei die Hohenzollern-Mästung widerspruchslos ertragen ließ, und die Demokraten drehen sich verlegen hin und her und schimpfen auf Klapproth. Einzig Carl Misch in der ›Vossischen Zeitung‹ tritt energisch für die Rehabilitation der »Landesverräter«, insbesondere Erich Zeigners, ein und rettet damit die Ehre der demokratischen Presse. Er betont mit wünschenswerter Schärfe, daß Sachsen die Cuno-Regierung wieder und wieder ermahnt habe, den Trennungsstrich gegenüber den rechtsradikalen Verbänden zu ziehen. Doch wenn Misch dann meint, Zeigner würde richtiger getan haben, sein Verhalten dem der preußischen Regierung anzupassen, so müssen wir aus unsrer Kenntnis der Dinge ergänzen, daß von Zeigner ein solcher Verständigungsversuch unternommen worden ist, aber keine Gegenliebe gefunden hat. Wir wissen, wie konsterniert Zeigner am Abend des Cuno-Sturzes von einer Unterredung mit Severing gekommen ist: er hatte mit reichem Material dem preußischen Innenminister seine Sorgen über die Lage mitgeteilt und war höflich abkomplimentiert worden. Tatsache ist leider, daß Braun und Severing, teils als Exponenten der sozialdemokratischen Parteipolitik, teils als Minister der Großen Koalition, gar kein Interesse an einer Verständigung mit den sächsischen Revoluzzern hatten. Weil in der Linden-Straße auch für Sachsen die Große Koalition gewünscht wurde, begegnete Zeigners Auftreten von Anfang an dem harten Veto der Zentrale. Enttäuscht und verlassen trug er den Kampf in die Berliner Parteiorganisation und schloß endlich den verhängnisvollen Pakt mit den Kommunisten. Misch hat wohl recht, wenn er darlegt, die geschickte Taktik der preußischen Regierung habe den Rechtsputsch auf einen kleinen Platz im Osten lokalisiert und damit totgemacht; aber richtig ist auch, daß die offizielle sozialdemokratische Politik die Roten in Sachsen mindestens ebenso gehaßt hat wie die Schwarzen in Küstrin. Diese Taktik hat den Putsch zwar isoliert vertrocknen lassen, aber den sächsischen Radikalismus in gleicher Weise behandelt und ganz konsequent zum militärischen Zuge nach Dresden geführt. Stresemann konnte den Streich wagen, weil er wußte, daß die Sozialdemokratie neutral bleiben würde.   Arnold Rechberg hat in dem von Millerand kontrollierten ›Avenir‹ ein deutsch-französisches Militärbündnis vorgeschlagen, und selbstverständlich sekundiert Hochmeister Marauhn in seinem Vereinsblatt. Nach Rechbergs Projekt soll ein aus deutschen und französischen Generalen zusammengesetzter Generalstab geschaffen werden, der sowohl der deutschen wie der französischen Armee übergeordnet sein soll, das Besichtigungsrecht hat über die Truppen beider Länder und die gemeinsamen Verteidigungspläne ausarbeitet. Das Stärkeverhältnis soll auf fünf zu drei festgelegt werden, wobei Frankreich der Vorrang eingeräumt wird. Herr Rechberg, bei dem Vernunft sich immer seltsam mit Wunderlichkeit mischt, mag sich einbilden, daß diese Militär-Allianz den europäischen Frieden auf Granitquadern stelle – uns scheint sie nur den Krieg mit Rußland unvermeidlich zu machen. Rechbergs Irrtum: den deutsch-französischen Ausgleich auf jene Machtpolitik zu bauen, die durch den Ausgleich grade überwunden werden soll. Das Ziel darf nicht sein: einen gemeinsamen Generalstab zu bilden, sondern: gemeinsam alle Stäbe zum Teufel zu schicken. Rechberg beklagt sich, daß Westarp diese seine Lieblingsidee einen Witz genannt habe. Nur nicht verzagen! Wenn die Westarps einmal die Regierung haben sollten, werden sie das gar nicht mehr so komisch finden.   Die Wahlen in Sachsen haben keine Klärung gebracht. Die Alt-Sozialisten sind, mit Recht, zerschlagen worden; die Demokraten mußten das letzte Fett lassen; die Links-Sozialisten haben sich, ohne vollen Erfolg, ehrenvoll behauptet. Sie hatten Alles gegen sich, und die Kommunisten schlachteten in skrupellosester Weise die Haltung der preußischen Genossen zur Hohenzollern-Spende gegen sie aus. Wer ein Schrumpfen der Kommunisten erwartet hatte, wurde enttäuscht. Man muß sich überhaupt gewöhnen, den Einfluß des innern Randais der Kommunistenpartei auf ihre Wähler gering einzuschätzen: die stimmen so, weil sie mit der Sozialdemokratie unzufrieden sind, und kümmern sich gar nicht um Sinowjew oder Stalin. Was nun? Das Bündnis zwischen Links-Sozialisten und Kommunisten scheitert an beiderseitiger Abneigung. Die Große Koalition ist für die Sozialdemokratie undenkbar und würde ihrer Haltung seit 1923 den Sinn nehmen. Der Parteivorstand drückt zwar; Pessimisten flüstern, es seien bereits Bestrebungen im Gange, die Partei abermals zu spalten und einen bestimmten Flügel zu den Alt-Sozialisten abzukommandieren, um auf diesem Wege die ersehnte Koalition zu machen. Wir vermögen daran noch nicht zu glauben, obgleich nicht unbekannt ist, daß gewisse Herren in und um die Zentrale in den Buck-Genossen noch immer »die Eigentlichen« sehen. Die größere Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß zunächst mit dem Provisorium eines Beamtenkabinetts gerechnet werden muß. Das wäre selbstverständlich keine Lösung und könnte nicht von Dauer sein. Die sächsische Beamtenschaft ist stockreaktionär, die Demokraten nicht ausgenommen; die Wahlen aber bedeuten trotz alledem einen heftigen Ruck nach Links. Etwas ist für diese Wahlen symptomatisch: das Emporschnellen der Wirtschaftspartei von Null auf Zehn. Diese Partei, die keine ist, jeweils improvisiert von mandatlüsternen Hausagrariern, wird damit ein unbestreitbarer Machtfaktor. Das ist ein Debakel ohnegleichen für alle andern Parteien und wälzt die Müllabfuhr-Probleme der Bezirksämter in die Parlamente. Nicht unschuldig daran ist allerdings die Sozialdemokratie, die niemals den Ton für die Kleinsten der kleinen Bürger gefunden hat. Die gehören in Frankreich und England zum eisernen Bestand der Linken. In Deutschland haben die Sozialisten dagegen den armseligsten Flickschuster immer wie einen fluchwürdigen kapitalistischen Exploiteur behandelt, und noch heute, wo sie sich mit der Industrie lange vertragen und wieder verzankt haben und Silverbergs Silberklängen andächtig lauschen, haben sie dem Kleinbürgertum gegenüber noch nicht den hochnäsigen marxistischen Jargon verloren. So machen auch in Sachsen die guten Leute, getreu dem geistigen Vermächtnis ihres grade jetzt vor acht Jahren entwichenen Großmoguls, ihren Dreck alleene. Und es ist auch danach. Halt, ist es wirklich erst acht Jahre her, daß aus dem Novembergrau rote Fahnentücher leuchteten? Was für Tage voll Verheißungen und Seelenaufruhr waren das! Kaiserliche Generale trugen die Farbe der Revolution, hartgesottene Industrie-Syndici fraternisierten mit Kohlenschippern, die ›Kreuz-Zeitung‹ holte ihr Signum vom Titelkopf, die Fürsten drückten sich mit unbegründeter Hoffnungslosigkeit, und die Prinzessinnen stürmten en masse zum Scheidungsrichter, um die neue Freiheit zu eröffnen. Das ist so fern, als wäre es nie gewesen. Hoffentlich macht man nun wenigstens zum zehnten Jahrestag die große Republik-Ausstellung. Das wird ein Gedränge geben am Kaiserdamm. Die Weltbühne, 9. November 1926 673 Die Arbeitslosen Es ist schön und wirksam, in einer Zeitungsüberschrift feststellen zu dürfen, daß es in Berlin wieder dreitausend Arbeitslose weniger gibt. Und es ist noch schöner, wenn ein Herr Geheimrat dem informationsbedürftigen Journalisten sagen kann, daß es von Tag zu Tag besser geht. Denn Optimismus ist seit dem Abgang des grauen Bilanzknechts Schlieben wieder ministerielle Parole. Wie in des seligen Hermes Tagen. Aber wenn wir auch nicht mehr wie damals auf dem Vulkan tanzen, so ist doch das neue Parkett unter unsern Füßen noch zu dünn, um einen solchen Polterabend von Zukunftsseligkeit zu ertragen. Gewiß hat die Arbeitslosigkeit im letzten Semester beträchtlich abgenommen – am 15. Oktober zählte man fast 700 000 Unterstützungsempfänger weniger als am 15. Februar –: aber es sind noch immer zwischen anderthalb und zwei Millionen Menschen, die jetzt, an der Schwelle des Winters, notgedrungen feiern. Wird selbst diese graduelle Besserung anhalten? Das parlamentarische Kompromiß in der Erwerbslosenfrage, »wegen der herrschenden Krise« die laufenden Unterstützungen bis zum 31. März zu verlängern, nannte Richard Lewinsohn in der Vossischen Zeitung kürzlich nicht ohne Ironie eine der Krise gesetzte Bewährungsfrist: »Hat sie sich bis zum 1. April nächsten Jahres nicht gebessert, wird sie zur Dauerkrise erklärt.« Und Julius Hirsch nennt im Berliner Tageblatt die Besserung eine offensichtliche Scheinblüte; er weist auf den für die deutsche Wirtschaft zum Bombengeschäft gewordenen englischen Kohlenkampf hin und spricht in diesem Zusammenhang von einem »Transfer der Arbeitslosigkeit« von England nach Deutschland. Geht der Kohlenkampf zu Ende, so folgert Hirsch, »dann beginnt trotz der weit überschätzten, langfristigen deutschen Lieferungsverträge fraglos der Rücktransfer der Arbeitslosigkeit. Er wird vielleicht durch Wirkungen der Jahreszeit (Landwirtschaft, Baugewerbe) noch verschärft. Mit wachsender Arbeitslosigkeit gehen wir dann durch den Winter«. Sieht man in den Amtsstuben die gleiche Gefahr wie diese nüchternen Beurteiler, und wie rüstet man sich? Was für Pläne liegen für Arbeitsbeschaffung vor? Wir von außen sehen nur amtlichen Optimismus und diesen bestätigende Zahlen, die uns Statistik präsentiert, die stets gefällige Dame. Selbstverständlich könnte der Staat, der nicht nur den Fürsten Millionen nachwirft, sondern auch in diesen Jahren hinreichend baufällig gewordene Gesellschaften von streng arischem Firmenschild mit Subventionen gefüttert hat, genügend Mittel aufbringen, um bei Kulturbauten und Siedlungsarbeiten Arbeitermassen produktiv und dem nationalen Wohlstand dienend zu beschäftigen. Und selbst wenn die Bureaukratie sich zu so weitgespannten Projekten nicht entschließen möchte: das heutige System der Arbeitslosen-Unterstützung ist derartig ungenügend, daß es den Einzelnen wohl vor dem Hungertode bewahrt, aber nur, um ihn dem viel ärgeren Hungerleben auszuliefern. Hier ist der Punkt, wo die sogenannte Stabilisierung ihren Widersinn enthüllt. Bleiben zwei Millionen Deutsche etwa erwerbslos bei Seite, so mag das nebelhafte Abstraktum »Wirtschaft« stabilisiert sein: das deutsche Volk ist es nicht, und das böse Wort Clemenceaus von den paar Millionen Deutschen zu viel wird nicht von den Franzosen, sondern von den allmächtigen Gebietern der Konjunktur in die Tat umgesetzt. Denn Vieles läßt sich beweisen, aber nicht, daß diese Konjunktur, von Menschen geschaffen und je nach Vorteil gewandelt, wie ein unabwendbares tellurisches Ereignis getragen werden soll. Es gibt heute eine Grenze, wo die »Wirtschaft« aufhört. Es gibt eine wirtschaftslose Zone, ohne Arbeit, ohne Produktion, mit bettelhaft geringem Konsum, wo das Wollen verwest, die Kräfte faulen und giftige Dünste ausströmen, die Region der Schaffenden gefährlich umzirkend. Ahnen die Lenker des Staates, wie hier aus dumpfer Hoffnungslosigkeit ein neuer Nihilismus entstehen muß, sein Gefüge bedrohend? In den Industrie-Syndikaten weiß man diese Hölle zu schätzen: mit dem bloßen Fingerzeig darauf zwingt man ja die Arbeiter und Angestellten unter die Fuchtel des Hungerlohns. Aber der Staat, der brave Ordnungsstaat, der grade Paragraphen schustert, um uns vor Schund und Schmutz zu bewahren, sollte vor der seelischen Verwüstung zittern, die durch dauernde Arbeitslosigkeit entsteht.   Dennoch muß man unserm Reichstag lassen: er hat die Arbeitslosenfrage mit gehörigem Ernst behandelt. Und wenn auch für die Erwerbslosen nichts dabei herausspringt, so bekommt die Regierung Marx doch ihre Große Koalition. Das ist sicherlich sehr wunderbar; aber wer die hurtig schnuppernden Rin-Tin-Tins der Mittelparteien auf ihren halsbrecherischen Wegen zur Bergung des geliebten Kindleins verfolgt hat, der ist über dies Ergebnis kaum erstaunt. Einmal mußte es doch so kommen. Mindestens bedeutet diese Entwicklung die Entlarvung eines faulen Spiels. Die Sozialdemokratie mußte mit Rücksicht auf ihre Arbeiterwähler gegen die unzulängliche Regierungsvorlage auftreten. Zu ihrem größten Entsetzen befand sie sich plötzlich in Gesellschaft aller übrigen Oppositionsparteien von Rechts bis Links, und die Regierung saß in der Minderheit. Große Verlegenheit: Niemand hatte gedacht, das Kabinett ernsthaft zu gefährden. Die Regierung Marx lebt ja von einem stillen Kontrakt mit der Opposition, und jede Abstimmung von Belang wird zu einer Porzellantour: Achtung, nicht stürzen! Nun hatten sich durch einen unglücklichen Zufall alle Opponenten zusammengefunden, und die Fuhre lag mitten auf der Straße. Erregtes Palaver. Schließlich Erklärung der Sozialdemokraten: es war eine Schamlosigkeit von den Deutschnationalen, mit uns zu stimmen; wir verbitten uns das und werden, um so unliebsame Zwischenfälle zu vermeiden, uns in Zukunft von Fall zu Fall mit der Regierung verständigen. Das ist sehr komisch: man verständigt sich mit der Regierung, die man bekämpft, aus Angst, ihr wehzutun. Und, was noch komischer ist: auch die Deutschnationalen hätten sich ihren Coup dreimal überlegt, wenn sie dies Ende vorausgesehen hätten. Aus der Verständigung von Fall zu Fall, das heißt: von Umfall zu Umfall, sollen nun Besprechungen zur Schaffung eines dauernden Bündnisses werden. Möglich, daß in der Sozialdemokratischen Partei noch Kräfte vorhanden sind, das zu verhindern: in der Fraktion sind die Widerspenstigen in der Minderzahl. Es ist seltsam, daß knapp vor dieser Wendung der besonnene Demokrat Erkelenz seinem Zweifel an Sinn und Nutzen der Großen Koalition beredten Ausdruck gegeben hatte. Diesen Demokraten hat man überhört, andre, die seit Jahr und Tag an die »Verantwortungsfreudigkeit« der sozialdemokratischen Führer appelliert haben, hat man leider besser verstanden. Zwar besteht die trübe Möglichkeit, daß die Sozialdemokratie sich wieder in langen, fruchtlosen Verhandlungen blamiert, daß im letzten Augenblick der rechte Flügel der Deutschen Volkspartei nicht mitmacht oder die Bayernpartei einen Korb gibt: – wer das für ausschlaggebend hält, unterschätzt die Verantwortungsfreude der sozialdemokratischen Führer. Was bedeutet schon die Billigung der Leistungen von Geßler und Külz? Neue Koalition, Eintritt in die Regierung – für die Hilferdinge ist das schließlich auch ein Arbeitslosenproblem.   Bei der großen Landtags-Prügelei um den Hohenzollern-Mammon ist auch der sozialdemokratische Abgeordnete Osterroth übel mitgenommen worden. Wie erinnerlich nahmen sich die beiden jungen Söhne Osterroths die dem Haushaltungsvorstand widerfahrene Kränkung so sehr zu Herzen, daß sie den einen Beleidiger, den Kommunisten Schultz, in der Abenddämmerung familientreu und risikolos verdroschen; eine Vendetta, die das helle Entzücken des in Ehrenfragen besonders sachkundigen ›Berliner Lokalanzeigers‹ gefunden hat. Das war der manuelle Teil des Rachewerks; den andern, sozusagen geistigen, nahm Osterroth Vater selbst auf sich, indem er als sozialpolitischer Direktor der ›Preußag‹ die Entlassung des zweiten Beleidigers, des Abgeordneten Abel, bewirkte, der dort als Bergmann beschäftigt war. Begründet wurde der Hinauswurf mit § 82 Ziffer 5 des Berggesetzes, dahin lautend, daß fristlose Entlassung erfolgen kann: »wenn ein tätlicher Angriff gegen den Brotherrn und seine Familie vorliegt«. Nach keiner Verfassung der Welt aber darf ein Abgeordneter wegen einer im Parlament und als Parlamentarier begangenen Handlung seiner beruflichen Stellung enthoben werden. Dies Prinzip durchbrochen zu haben, ist einem sozialpolitischen Direktor und sozialdemokratischen Brotherrn vorbehalten geblieben. Wenn schon die verletzte Brotherrlichkeit des Herrn Osterroth nach dem bedauerlichen Vorfall im Landtag eine Gemeinschaft mit dem Bergmann Abel bei der ›Preußag‹ nicht mehr zu ertragen vermochte, so ist doch anzunehmen, daß Herr Osterroth dem Entlassenen zu einer andern Anstellung oder – vertraute Klänge – wenigstens zu einer Abfindung verholfen hat. Wir fragen den Herrn sozialpolitischen Direktor, ob das geschehen ist, und bitten höflichst, die Antwort nicht durch seine Söhne besorgen zu lassen. Die Weltbühne, 16. November 1926 674 Das bißchen Europa Java ist altes Aufruhrland. Die Mynheers von Amsterdam und Delft, im spanischen Jahrhundert die ersten glücklichen Vorkämpfer von Bürgerfreiheit, haben auf ihrem überseeischen Besitz nicht weniger grausam gewütet als bei ihnen zu Hause einst die Generale und Pfaffen des Escorial. In Java war es, wo der hoffnungsvolle Kolonialbeamte Eduard Douwes Dekker sein Entsetzen über die zivilisatorischen Methoden seiner Landsleute zuerst in die Welt hinausschrie, um als Multatuli hinfort ein leidenschaftlicher Ankläger gegen den »Raubstaat zwischen Schelde und Nordsee« zu werden, in dem wir stammverwandten Nachbarn einen in breites niederdeutsches Phlegma getunkten Kleinstaat zu sehen gewohnt sind. Diese Schreckenszeiten sind wohl längst vorüber, und nur bei gelegentlichen Strafexpeditionen ins Innere mag die alte Tradition noch hochgehalten werden. Die moderne Zeit hat auch in Insulinde Einzug gehalten; in den Städten hat sich eine malayische Bourgeoisie gebildet, deren Söhne auf den Universitäten der Weißen mit Nutzen alle Theorien über das Selbstbestimmungsrecht der Nationen studiert haben. Demgegenüber versucht die niederländische Regierung seit Jahren eine kalmierende Taktik, indem sie den Eingeborenen in einem »Volksrat« ein unschädliches Recht zum Mitreden eingeräumt hat. Das mochte nach Jahrhunderten schweigenden Duldenmüssens ein Fortschritt gewesen sein; heute, wo China und Indien mitten in einen unerhörten Emanzipationsprozeß geschleudert sind, wirkt das eher revoltierend als mäßigend. Bulletins aus dem Haag melden voreilig die Erstickung einzelner lokaler Unruhen; von andrer Seite jedoch wird behauptet, eine Erhebung des gesamten Inselreiches liege durchaus im Bereich des Möglichen. Wie soll das kleine Holland fünfzig Millionen Malayen zur Botmäßigkeit zwingen? England betrachtet interessiert die Entwicklung; Amerika und Japan könnten im Fall einer englischen Intervention zu Gunsten der holländischen Herrschaft auch eine Rolle spielen. Vielleicht kommt die Börse von Amsterdam noch einmal mit dem Schrecken davon. Aber es gibt von jetzt an in der tropischen Welt ein politisches Erdbebengebiet mehr, und Europa hat um eine Position mehr zu kämpfen.   Die ersten amtlichen Meldungen aus dem holländischen Kolonialministerium sprachen von einem kommunistischen Aufruhr. Was auf das ängstliche Bürgertum einen vorzüglichen Eindruck gemacht hat, aber nicht mehr Tatsachenwert beanspruchen kann als eine uns so wohl bekannte Deklaration über Ausschreitungen »national-kommunistischer Haufen«. Die armen Malayen haben nämlich nicht den Kommunismus einführen, sondern nur behaupten wollen. Von altersher gibt es auf dem indischen Archipel eine Art Gütergemeinschaft, nicht viel anders als in den paradiesischen Zeiten, wo Adam grub und Eva spann. Die Holländer, im Vollbewußtsein ihrer kulturellen Mission, wollten etwas für die kommerzielle Aufklärung der braunen Naturkinder tun. Die aber haben sich immer gegen die Aufzwingung fremder Eigentumsbegriffe gesträubt, und die Wurzel fast aller ernsthaften Rebellionen ist in dieser soziologischen Meinungsverschiedenheit zu suchen. Möglich, daß diesmal Agenten aus dem nicht fernen Canton etwas nachgeholfen haben – das wird besser, wenn dort Külz einmal als Völkerbunds-Kommissar einzieht –, auch die konspirativen Talente der Moskauer sind allzu bekannt, um ihre Mitwirkung ganz außer Zweifel zu lassen; aber die Annahme, daß der Kreml Revolutionen gratis und franko ins Haus liefert, ist ein bürgerlicher Aberglaube, nicht weniger Verblasen als die Phantasien von den Weisen von Zion oder die Angst katholischer Winkelblätter vor der mystischen Weltmacht der Brüder Freimaurer. Mag Rußland auch nationalen Aufständen Etiketts und Parolen liefern; die Konflikte selbst kann es nicht fabrizieren, die sind da, und seine Sache ist nur, sie deutlich zu machen. Die europäischen Ausbeuter »farbiger« Völker müssen sich eben mit dem Gedanken vertraut machen: wo Unterdrückung ist, gibt es auch »Bolschewismus«; die Zeiten ungestörter Ausbeutung sind vorüber und kommen nicht mehr wieder. Rußland, in Europa wirtschaftlich und politisch in der Defensive, abgeschnitten von den Meeren, hat einen letzten unerhörten Trumpf ausgespielt: es hat das Patronat über alle Erhebungen wider den Imperialismus übernommen; es bohrt überall nach, wo der Rost schon im Eisen verjährter Herrschaftsansprüche frißt. So hat sich Moskau einen uneinnehmbaren Gürtel von Fortifikationen geschaffen und eine vielnamige Waffe, die heute China heißt, morgen vielleicht wieder Persien oder Afghanistan. Und wenn der inzwischen längst sagenhaft gewordene »deutsche Gedanke in der Welt« seinerzeit wahrscheinlich nicht einmal von seinem Autor verstanden worden ist: der russische Gedanke in Asien wird verstanden und birgt die Sowjet-Union in einem Stachelpanzer, stark genug, die Jahre zu überdauern, die nötig sind, um nach einem mißlungenen Vorstoß in die Utopie seine endgültige soziale Form zu finden.   Große Ereignisse haben immer winzige Anlässe. Aus einem unverbindlichen Rat des deutschen Außenministers an die Türkei, doch dem Völkerbund endlich beizutreten, mußte sich die Entrevue von Odessa entwickeln, die in London Bestürzung und in keinem andern europäischen Kabinett Freude erweckt hat. Kismet. (Trotzdem hätte Herr Doktor Stresemann besser getan, seinen wohlgemeinten Rat der von ihm subventionierten Deutschen Allgemeinen Zeitung zu geben.) Was haben Tschitscherin und Ruschdi Bei in Odessa verhandelt? Wahrscheinlich sind die Ergebnisse magerer als die Gerüchte, die von dem Projekt eines russisch-asiatischen Völkerbunds zu berichten wissen. Es spricht jedoch für die Wirkung der russischen Politik, daß eine pure Demonstration, eine Unterhaltung zwischen Tschitscherin und dem türkischen Kollegen, imstande ist, die ganze Welt in Aufregung zu versetzen. Ob Rußland im Ernst eine Liga asiatischer Nationen – einen Anti-Völkerbund, sozusagen – plant, muß dahingestellt bleiben. Zunächst erscheint es wenig hoffnungsvoll, Völker so verschiedener Art unter das Dach einer verpflichtenden Satzung zu bringen. Denn verpflichtend muß diese Satzung sein: ein Genf des Fernen Ostens, wo Jeder tun und lassen kann, was er will, wäre für Rußland nicht nur sinnlos, sondern auch gefährlich. Ferner darf nicht übersehen werden, daß es gar nicht in Moskaus Interesse und Absicht liegt, sich ostentativ von Europa zu entfernen. Viel näher liegt der Gedanke, daß in Odessa die ersten Erörterungen eines zukünftigen Paktsystems stattgefunden haben, das von Moskau über Angora–Teheran–Kabul nach Peking führen und insbesondere die Türkei so eng an Rußland binden soll, daß dieses endlich den ersehnten freien Durchgang zum Meere erhält. Die Angora-Türkei ist ein weder politisch noch wirtschaftlich lebensfähiges Gebilde; sie würde bei der Anlehnung an einen Stärkern vielleicht zur puren Satrapie herabsinken, aber auch vor der Gefahr bewahrt bleiben, auf gewaltsamem Wege ihr Ende zu finden. Das Bündnis mit Rußland würde ihr wenigstens das Existenzminimum gewähren, dem großen Partner aber den seit Jahrhunderten ersehnten Zugang zum Mittelmeer verschaffen. Daß sich dies Alles hinter verschlossenen Türen abspielt, daß eines Tages die Welt wieder vor einem fait accompli stehen wird, ist gewiß sehr unerfreulich, doch begreiflich, solange Europa selbst an den Methoden der Geheimdiplomatie festhält, der Völkerbund durch das System der Garantiepakte in eine Schattenrolle gedrängt wird und die Abrüstungsfragen der Heiligen Allianz der Generale zur ausschließlichen Behandlung überlassen bleiben. Was bedeutet schließlich das bißchen Europa neben der Welt, die es sich zu beherrschen angemaßt hat? Was bedeuten die Querelen am Rhein neben dem Erwachen am Jangtse? Was die Deklamationen Mussolinis über die Notwendigkeit der kolonialen Expansion Italiens neben dem Faktum, daß die Canton-Truppen Shanghai näher rücken? England, das stets Elastische, hat zuerst den Mut zur Konsequenz gefunden und das Band, an dem seine Dominions zerrten, freiwillig gelockert. Weisheit oder Not? Europas wirtschaftliche Omnipotenz ist von Amerika zerschlagen worden. Onkel Shylocks Schuldner spielen heute noch vor Braunen, Gelben und Schwarzen die Herren. Die Völker Europas wahren ihre heiligsten Güter noch in alter Positur – aber der Stock, den sie schwingen, ist der Bettelstab.   Die Gloriole von Thoiry verdunstet. Stimmung in Paris und Berlin, trotz offiziöser Aufpulverungsversuche, gleich deprimiert. In der Frage der Militärkontrolle soll angeblich eine Annäherung erreicht sein. Aber Alles ist noch vage, und wenn sich in den Berliner Regierungsblättern die Hoffnung wieder kräftiger regt, so nur, weil Herr Stresemann in den nächsten Tagen endlich die lang entbehrte Rede halten wird. Im Auswärtigen Ausschuß hat der gemäßigte Deutschnationale Otto Hoetzsch kürzlich behauptet, daß von dem Thoiry-Programm eigentlich gar nichts mehr übrig sei – eine Meinung, der zum Teil auch auf den Bänken der Regierungsgruppen lebhaft beigepflichtet wurde. Vielleicht wärs schon hier zum Krach gekommen, wenn nicht ein bekannter linksrepublikanischer Zentrumsmann plötzlich den Ausschuß mit dem Einfall überrascht hätte, daß nur ein deutsch–italienisch–russisches Bündnis Europa retten könne. Wir haben jetzt so viele Allianzen und Pakte: warum kann mans nicht mal so versuchen? Europa als Kreuzworträtsel. Schweigend hörte der Ausschuß die Meinung des beliebten Republikaners an und vertagte sich in tiefem Nachdenken.   Seit Monaten wird von den reaktionären tschechischen Parteien ein erbitterter Kampf gegen die Politik der »Burg« geführt, das heißt: gegen den demokratischen Kurs des greisen Masaryk, der heute am stärksten von dem Außenminister Benesch gestützt wird. Führer der Campagne ist der alte chauvinistische Raufbold Kramarsch, der nach der Präsidentenwürde trachtet und in Benesch den chancenreichsten Nebenbuhler haßt. Gearbeitet wird mit allen Mitteln der Verleumdung; Korruptionsskandale werden inszeniert – kurz: es könnte Alles auch von Bacmeister sein. Wenn Masaryk unerreichbar für die Anwürfe ist: Benesch ist es nicht; und wenn nicht Alles trügt, wird der geschäftige Mann sich bald für einige Zeit mit einer notgedrungenen Muße abfinden müssen. Das ist bedauerlich, denn Doktor Eduard Benesch gehört zu den Staatsmännern, die aus dem Bilde des neuen Europa kaum fortzudenken sind. Ursprünglich ganz in der Versailler Orthodoxie befangen und unter den geistigen Nachwirkungen seiner Emigranten- und Konspiratoren-Zeit im Kriege stehend, hat er sich immer mehr und mehr freigemacht und zu einem Politiker von europäischem Blick entwickelt. Wie er früher der gern gesehene Vermittler zwischen London und Paris war, so hat er von Locarno bis Genf unermüdlich an der Verständigung Deutschlands mit den Westmächten gearbeitet. Herr Doktor Benesch hat bei uns eine sehr schlechte Presse, und besonders die Demokraten hassen ihn: teils, weil er wirklich ein sehr guter Demokrat ist, teils, weil er an den deutschen Abrüstungswillen lange Zeit nicht recht glauben wollte und dem auch öffentlich Ausdruck gegeben hat. Heute, wo die Schwarze Reichswehr mit klingendem Spiel selbst in die Schlagzeilen des kleinsten Demokratenblatts einmarschiert ist, liegt eigentlich kein Grund zum Groll mehr vor. Oder ist so unbekannt, daß Walther Rathenau noch kurz vor seinem gewaltsamen Ende sich mit dem Gedanken trug, eine direkte Aussprache mit der Entente herbeizuführen und sich dabei der Vermittlung von Benesch zu bedienen? Rathenau, der Übervorsichtige, dürfte sich für diese delikate Vermittlerrolle kaum Jemand ausgesucht haben, dem er nicht voll vertraut hätte. Das übersehen die deutschen Benesch-Fresser gewöhnlich. Ebenso, daß er, der angebliche Hetzer, grade von den extremen nationalistischen Gruppen am giftigsten befehdet wird. Die Weltbühne, 23. November 1926 675 Große Woche im Reichstag Man kann sich nichts Kümmerlicheres vorstellen als den Verlauf der lange angekündigten außenpolitischen Debatte im Reichstag. Dabei war Das seit dem Frühsommer die erste Stellungnahme des Parlaments zu Stresemanns Politik; dazwischen liegen Genf und Thoiry. Es gab weder einen Blick in die Zukunft noch eine Übersicht über die Vergangenheit. Der Außenminister beschränkte sich auf eine laue Ergänzung lauer Parteisprüchlein. Der ›Vorwärts‹ als sozusagen führendes Oppositionsblatt fand sogar das zu üppig und meinte, die ganze Debatte wäre nur durch das Agitationsbedürfnis der Deutschnationalen verursacht worden. Die Regierungsparteien ließen von Herrn Emminger eine gemeinsame Erklärung verlesen, der man noch anroch, wieviel Schweiß sie sichs hatte kosten lassen, um jeden Inhalt zu vermeiden. Immerhin schloß diese Erklärung mit einem Ausdruck der Genugtuung über den deutschen Wahlsieg in Polnisch-Oberschlesien. Eine Taktlosigkeit ohnegleichen in einer Plattform, die sonst Komplimente für Alle enthält, und wohl eine Konzession an die Bayern darstellt, für die Außenpolitik ohne zerteppertes Geschirr undenkbar ist. Aber dieser Gruß nach Ost-Oberschlesien ist auch eine Heuchelei in dem Augenblick, wo im Auswärtigen Amt mit dem Gedanken einer deutsch-italienischen Allianz gespielt wird, falls Verständigung mit Frankreich sich nicht als lohnend genug erweisen sollte. Deshalb sind die Deutschen an der Etsch plötzlich abgemeldet; Niemand spricht mehr von ihnen; Niemand flucht mehr den römischen Bedrückern, und die Pfeile der Sehnsucht fliegen wieder nach der Weichsel.   Die deutsche Locarno-Politik scheint einstweilen bei einem gründlichen Katzenjammer angelangt. Der nüchterne Beurteiler wird finden, daß eigentlich noch gar nichts verdorben ist. Wohl aber sind die Hoffnungen und Wünsche nicht realisiert, hat sich alles Das verflüchtigt, was man zwischen den Zeilen zu lesen geglaubt hatte. Indem Frankreich die Frage der Militärkontrolle wieder zur pièce de résistance erhebt, zerstört es vorschnelle deutsche Hoffnungen auf kontinentale Präponderanz. Das ist die Enttäuschung. Man sah sich schon wieder mitten im imperialistischen Weltverteilungs-Konzern. Auf die Hors d'oeuvres von Thoiry sollten die großen Fleischgerichte von Genf folgen: Aufrüstung und Kolonien. Die Friedenspolitik sollte sich bezahlt machen, und nun drücken die Franzosen den Preis. Wieder reist Herr Tschitscherin nach Westeuropa, und am Quai d'Orsay dürfte man diesen Besuch wahrscheinlich zu einer neuen Geste gegen den Berliner Tarif benutzen. Daß Frankreich wieder die Militärkontrolle aufs Tapet bringt, ist politisch wenig großzügig und zudem antiquiert, aber psychologisch begreiflich. Denn sie ist das Einzige, was heute noch an den Sieg erinnert: sie ist das Schibboleth, nachdem alle andern Trophäen längst ins Museum gewandert sind. Dennoch müßten die Franzosen begreifen, daß das kaum mehr Gefühlswert hat. Grade vom französischen Standpunkt aus müßte man nach den Enthüllungen der letzten Wochen und namentlich nach den Veröffentlichungen der ›Weltbühne‹ aus Mahrauns Denkschrift über das Zusammenspiel von Reichswehr und Geheimverbänden einsehen, wie wenig die Kontrolle in Wahrheit doch gefruchtet hat. Sind allerdings diese Geschichten bekannt gewesen und von den Kontrollgeneralen weiterberichtet worden, so muß man als Deutscher auch zugestehen, daß die französische Politik in diesen Jahren trotz äußerer Schärfe eine kluge Mäßigung gezeigt hat, und es wäre manches nach Paris gesandte harte Wort abzubitten.   In der außenpolitischen Debatte hat die »nationale Opposition« durch Herrn Professor Hoetzsch an die Regierung Marx–Stresemann ein ziemlich dürftig kaschiertes Koalitions-Angebot ergehen lassen, aber auch Herr Hermann Müller hat als Sprecher der Sozialdemokraten nichts Andres gesagt. Glückliche Regierung, die von ihren beiden Oppositionen nicht feindlich, sondern freundschaftlich bedrängt wird! Wer wird beim Wettlauf um die Regierungsgunst gewinnen: Westarp oder Müller? Der sozialdemokratische Parteivorstand möchte Alles hübsch in Ruhe abmachen, ohne durch Zwischenrufe aus seinem Publikum belästigt zu werden. So ist kürzlich an die Parteipresse die strikte Anweisung erteilt worden, keinerlei Äußerungen zur Frage der Großen Koalition zu bringen, weder redaktionelle Artikel noch Beiträge externer Mitarbeiter. Die Partei werde zu gegebener Stunde allgemeingültige Richtlinien erteilen. Auch auf den Zahlabenden soll jede Diskussion über das Thema vermieden werden.   Dieser Wirrwarr um die Koalitionen erklärt die amtliche Weiterexistenz Otto Geßlers. Der Reichswehrminister ist parlamentarisch nicht mehr zu halten – das hat mit wünschenswerter Offenheit nicht ein Linksrepublikaner, vielmehr der jungdeutsche Wortführer Bornemann erklärt. Zum ersten Mal ist Herr Geßler, der lächelnde Beweger der parlamentarischen Kulissen, der Geschobene. Im Reichstag mußte er nach einer ersten wirkungslos verpufften Erklärung nochmals reden – »auf besondren Wunsch des Herrn Reichsaußenministers«, wie er bemerkte –, um sich über die Wahnsinnspläne des Generals Watter auszulassen, ein Verfahren, das er bei jedem seiner Kritiker als Landesverrat gebrandmarkt hätte, und das am deutlichsten zeigt, wie weit der alte Zauberer die Herrschaft über die Geister verloren hat. Nur wenn die Rechte in die Regierung einrücken sollte, bestünde für ihn noch eine vage Möglichkeit, sich zu halten. Auf jeden Fall heißt sein Schicksal Stresemann, der ja schon 1925 seine Präsidentschafts-Kandidatur »aus außenpolitischen Gründen« kaputt gemacht hat. Einstweilen werden viele Namen genannt, aber keiner gewinnt Profil, und keine der Linksparteien traut sich recht ran an den Speck. Die Demokraten wünschten ein paar Tage lang den Abgeordneten v. Richthofen; auch der sächsische Generalmajor Breßler, der zum Reichsbanner zählt, aber politisch sonst nicht engagiert ist, findet Freunde. Der Jungdeutsche Orden propagiert den Generalleutnant Salzenberg, gleichfalls ein unbeschriebenes Blatt. Die Sozialdemokraten servierten selbstverständlich ihren Noske, was jedoch von den Demokraten herb abgelehnt wurde; neuerdings wird der Dortmunder Polizeipräsident Lübbring genannt, früher in Königsberg – als Platzhalter für Severing, der jetzt noch nicht hervortreten soll. Lauter Zwischenlösungen. Man fühlt nirgends den Willen, mit dem Mann auch das System hinauszuwerfen. Aber was ist von Geßlers Herrlichkeit geblieben, und wo sind seine Freunde? Wo steckt der große Etatsredner Roenneburg? Wo der Deputierte Theodor Heuß, der vor ein paar Monaten noch die pazifistische Kritik an der Reichswehr als »subaltern« bezeichnete? Selbstverständlich: dieses Kaliber Demokraten kennt immer nur ganz, ganz hohe Gesichtspunkte. Im Reichstag-Restaurant, gut gesättigt, bei der guten Zigarre, da denkt man nur in Jahrhunderten und Weltteilen, da fühlt man sich den größten Geistern eben noch verwandt. Das ist die Blaue Stunde des republikanischen Parlamentariers, wo er sich lässig auf die andre Seite träumt, den echappierten Landesvätern ihre paar Milliönchen gönnt, und wie aus Wolkenhöhen herabblickt auf Flachland, wo sich tief unten das kleine Kroppzeug abmüht, demokratisch, republikanisch, sozialistisch, ganz ohne Horizont und Niveau, und so gräßlich subaltern.   Unsern Külz hat es gewurmt, nur ein Derzeitiger zu sein. Er wollte etwas Bleibendes schaffen, bei Lebzeiten schon sich ein Ehrenmal errichten. So kam er darauf, seinen Namen mit der Schund- und Schmutz-Vorlage zu verbinden. Man kann an der parlamentarischen Behandlung dieses Gesetzes wieder die völlige Ohnmacht des geistigen Deutschland erkennen. Vor dem Parlament einmütige Proteste von Künstlern und Schriftstellern, sogar die Akademie erwacht – drinnen nimmt bei schwach besetztem Hause die Sache ruhig ihren Trott. Nicht einmal die Demokratische Fraktion ist zu geschlossener Ablehnung heranzubringen. Und hier hätte es doch, weiß Gott, nichts gekostet. Vergeblich wendet die demokratische Presse in letzter Stunde noch ultimative Töne an. Es hilft nichts: der Fraktion bedeutet ein Külz in der Hand mehr als zehn Wölffe auf dem Dach. Herr Theodor Heuß, den man bisher für den Garanten eines großen Schriftstellerverbandes gehalten hat, salbadert intellektuell à la Hellpach. Das Zentrum schickt nicht seine akademischen Leuchten vor, sondern die Sozialbeamtin Weber, eine kreuzbrave Person, außerhalb der sozialpolitischen Windelwäsche eine Bürgerin von Böotien. Für die Bayern keift eine Frau Lang-Brumann gegen Berlin; der schonungslose Kürschner verrät, daß sie auf den Vornamen Thusnelda hört. Zwar erhebt Preußen Einspruch. Durch Herrn Staatssekretär Weismann, der auf dem bizarren Umweg über die amtliche Pflicht wohl zum ersten Mal die bessere Sache vertritt. So ist das Leben! Doch jetzt ist es zu spät zu Einwänden und Beschwörungen. Es war ein Fehler, von vorn herein nur die sogenannten Giftzähne des Gesetzes ausbrechen zu wollen. Die Regierung hätte gezwungen werden müssen, den Entwurf fallen zu lassen. Jetzt verhallen die Gegenreden; Külz und Thusnelda haben das Wort. Der spitzbärtige Maire von Zittau bemüht sich, dem Hohen Hause klar zu machen, was Schund und Schmutz sei. In jeder Hand demonstrierend ein buntes Heft, erklärt er: »Was ich in der Linken habe, ist Schmutz, was ich in der Rechten habe, ist Schund.« Da wagt auch der erbittertste Gegner nicht zu widersprechen und freut sich mitten in peinlichster Kulturblamage an der heitern Erkenntnis, daß Deutschland nach einer Galerie tragischer Gestalten endlich einmal wieder eine richtige Witzblattfigur sein eigen nennen darf.   Vor uns liegt ein gedrucktes Formular: Sudetendeutsche Legion Sektion des Sudetendeutschen Heimatbundes, e. V. Reichsverband Sitz Berlin SW 68, Zimmer-Straße 87. Fernsprecher: Zentrum 8689 Aufnahmegesuch: ...gebürtig zu ... erklärt, daß er deutschblütig ist, in Sudetendeutschland beheimatet ist. Über die Zwecke und Ziele der sudetendeutschen Legion ist er unterrichtet. Er bekennt sich mit Einsatz seiner Persönlichkeit zum großdeutschen Gedanken und sieht nur im Anschluß an ein Großdeutschland die Lösung der sudetendeutschen Frage. Er erklärt, daß er ungedient ist, bzw. in der tschechischen Armee gedient hat: Wenn ja, bei welchem Truppenteil? .............. welche Charge? :........................ Er erklärt, für die abgelieferten Waffen die Wehrprämie von 300 Mark erhalten zu haben. (Nur von Landsleuten auszufüllen, die bewaffnet die deutsche Grenze überschritten haben.) Er erklärt, für seine Gesinnung folgende Bürgen stellen zu können: ... Er erklärt, bei seiner Aufnahme allen Anordnungen, bzw. Befehlen der Leitung unbedingten Gehorsam leisten zu wollen, ebenso den Leitungen der angeschlossenen Wehrverbände. Diese Wehrverbände sind: Die Legion der Waffenstudenten, Bundesleitung in Prag; die völkischen Wehrverbände (Spitzenorganisation der V.V.V.) Leitung Berlin. Er erklärt, daß er vermögenslos ist, bzw. über bewegliche, unbewegliche Vermögenswerte in der Tschechoslowakei verfügt. Er erklärt, daß er die Feme-Abteilung der Sudetendeutschen Legion als Bundesgerichtsbarkeit anerkennt und sich bei Verrat und ähnlichen Verbrechen ihrem Urteilsspruch unterwirft.                 ...................den                    ..........................................192 ...                 Unterschrift der Bürgen.                Unterschrift des Antragstellers. Wachsen der Hydra der Geheimverbände immer neue Köpfe nach? Oder handelt es sich hier um eine lange schon im Stillen vegetierende Verrücktheit, die Niemand wehtut, und die einigen konspirativen Vereinsmeiern zur Verbilligung der Lebenshaltung dient? Mögen die zuständigen Stellen nach dem Rechten sehen. Die Weltbühne, 30. November 1926 676 Kompromiß und Klarheit Briand hat für sein Duell mit dem deutschen Außenminister eine höchst gefährliche Form unverwüstlicher Herzlichkeit gefunden. Jedesmal, wenn aus Stresemann plötzlich wieder der nationale Urton quillt, spricht Briand doppelt hinreißend europäisch. Jedesmal, wenn Stresemann seine weltbürgerlichen Empfindungen trotzig zu limitieren beginnt, setzt Briand dem Gefühl keine Schranken und fällt Madame Europa lachend und weinend um den Hals wie Einer, der sich akkurat nicht mehr halten kann. Dabei denkt Briand gar nicht daran, sich festzulegen oder etwa Positionen zu opfern. Aber selbst sein Nein klingt melodischer als ein Ja Stresemanns, und seine Weigerungen werden durch die kostbare Geste fast zum Geschenk. Stresemann, der übrigens schon ganz gut europäisch sprechen kann, begeht in entscheidenden Augenblicken immer wieder den Fehler, sich ausschließlich innenpolitisch einzurichten. Das zwingt dazu, nicht klüger zu sein als der Reichstag, und mag die Emminger beglücken, wirkt aber außerhalb der deutschen Grenzen nicht so vorteilhaft, und schafft vor allen Dingen für Genf ungünstige Voraussetzungen. Dieses nicht mehr ganz neuartige Spiel wäre leidlich amüsant, wenn nicht der einzige Geschädigte dabei der Völkerbund wäre. Denn grade in solchen Situationen zeigt er unheimlich kraß seinen völligen Mangel an Autorität. Alle diese Winkelzüge der großen Staaten, sich entweder um Selbstverständliches zu drücken oder eine Überlegenheit in die Waagschale zu werfen, bedeuten für ihn eine Minderung seines ohnehin geringfügigen moralischen Gewichtes. Der fehlende Wille zur Macht muß einstweilen durch etwas Theorie ersetzt werden. Da soll zum Beispiel über die wirtschaftlichen Sanktionen disputiert werden. Wie schattenhaft, wie unlebendig ist das! Papier, Papier, Stoff für Doktor-Dissertationen, nicht das, was uns unter den Nägeln brennt. Es gibt nur ein zentrales Thema: die Abrüstung. Hier, nur hier haben die Völkerbündler ihren Befähigungsnachweis zu erbringen. Daneben ist die Frage der Militärkontrolle in Deutschland eine sehr inferiore Sache. Aber für die Andern nützlich, weil von der Hauptsache ablenkend. Doch, Hand aufs Herz, prüfen wir die deutsche Politik, so müssen wir leider zu dem Schluß kommen, daß auch unsern passioniertesten Locarnesen fünfzig Jahre Militärkontrolle erträglicher sind als die allgemeine Abrüstung. Führen wir das Geschrei an die Genfer Tagung, führen wir die Hausse in Prognosen auf einen einfachen Nenner zurück: um Scheinprobleme werden Scheinkämpfe geführt. Nur wenn China die Drohung wahrmachen sollte, seine Zwangsverträge mit den Mächten zur Diskussion zu bringen, würde mitten in einem Maskenball von Phrasen plötzlich die unerbittliche Wirklichkeit stehen.   Der »Manchester Guardian« hat vor einigen Tagen bemerkenswerte Mitteilungen gemacht über eine gewisse Tätigkeit der Junkers-Werke in Rußland. Es muß sich um einen ziemlich argen Fall handeln, wenn ein so gewissenhaftes und Deutschland gegenüber stets offenkundig wohlwollendes Blatt wie dies Reveille trommelt. Tragen die Bemühungen Herrn Nicolais Früchte? Es wird Zeit, dieses Dickicht gründlich zu durchleuchten. Es ist mehr als einmal unwidersprochen behauptet worden, im Jahre 1925 hätten Besprechungen stattgefunden zwischen russischen Unterhändlern und Offizieren des Herrn General Heye, der damals als Wehrkreis-Kommandeur in Königsberg saß. Inzwischen ist Herr Heye Seeckts Nachfolger geworden. So peinlich die Enthüllungen des »Manchester Guardian« für Herrn Stresemann grade jetzt als Auftakt der Genfer Verhandlungen sein mögen, einmal mußten die Mysterien der Brückenbauer nach dem Osten doch bekannt werden. Vertuschen hat keinen Sinn mehr. Kürzlich weilte eine Delegation von ostpreußischen Notablen in Rußland. Über die Art und Weise diese Herren zu behandeln, sandte Botschafter Krestinski ein informierendes Telegramm nach Moskau. Darin wurde der Rat gegeben, die deutschnationalen Herren der Delegation mit ganz besonderer Hochachtung zu behandeln, dagegen die andern Mitglieder, von der Deutschen Volkspartei an, in gradueller Herabminderung der Wertschätzung. Hauptsächlich jedoch sei bei jeder Gelegenheit zum Ausdruck zu bringen, daß die Entlassung des Generalobersten von Seeckt einen schweren politischen Schaden für Deutschland bedeute. Wir nehmen es den Russen gar nicht übel, wenn sie die Dummheit deutscher Spießbürger, die in Weltpolitik dilettieren, für ihre Zwecke gebrauchen. Rußland ist ein bedrohtes Land, und die Not schafft seltsame Schlafkameraden. Das sei den Russen gern konzediert. Aber: der gleiche General, der von den deutschen Kommunisten als Fascistenchef und leibhaftiger weißer Schrecken verketzert wurde, wird in Moskau noch heute als eine Art Bundesgenosse betrachtet. Hier stimmt etwas nicht. Und wer leitet nun eigentlich das Zweiggeschäft der Roten Internationale in Deutschland: – Thälmann oder Westarp? Die Kommunistische Partei sollte sich einmal ernsthaft mit dieser Frage beschäftigen. Es würde ihre Selbsterkenntnis fördern. Seit Wochen doktert der Reichstag jetzt an Geßler herum. Der Mann ist unmöglich, das weiß man, und trotzdem quält man sich um eine Konkordienformel. Wahrscheinlich wäre Herr von Seeckt noch heute im Amt, wenn zur Zeit des Münsinger Skandals nicht grade Parlamentsferien gewesen wären. Der Reichstag hätte es verstanden, auch diese völlig klare Situation zu vermasseln. So aber stand Seeckt ohne schützende Zwischeninstanz der republikanischen Öffentlichkeit gegenüber: die Presse führte den Kampf allein und siegte. Woraus zu ersehen ist, daß es in Deutschland ohne Zweifel demokratische Energien gibt. Daß sie aber in den republikanischen Fraktionen des Reichstags am allerwenigsten zu finden sind. Obgleich Loebe jetzt sehr heftig gegen Geßler trommelt, gibt es unter den sozialdemokratischen Führern noch immer genug, die den Sturz Geßlers nicht wünschen und mit neuen »Zusicherungen« zufrieden wären. Vor ein paar Tagen ging die Mitteilung durch die Blätter, daß der General Loßberg demnächst in den Ruhestand gesetzt werden würde. Das ist richtig, aber unvollständig: mit Loßberg soll auch der General Reinhardt in Stuttgart abgehalftert werden. Über Loßberg braucht kein Wort verloren zu werden, aber Reinhardt ist eine interessante und wichtige Persönlichkeit. Im März 1920 war er der einzige General, der bereit war, das Regierungsviertel gegen die Döberitzer zu verteidigen. Er hätte eigentlich Chef der Heeresleitung werden müssen, doch der ewig zweideutige Seeckt fand wärmere Fürsprache. Statt dessen wurde Reinhardt beauftragt, eine verfassungsmäßige Musterbrigade zum Schutze der Reichshauptstadt zu bilden. Als jedoch das Entwaffnungsgebot der Entente kam, wurde die republikanische Mustertruppe selbstverständlich zuerst aufgelöst, und Reinhardt ging als Wehrkreiskommandeur nach Stuttgart. Tief enttäuscht und wohl auch in dem Gefühl, keinen Boden unter den Füßen zu haben bei derlei Republik, näherte er sich schließlich den Wehrverbänden. Jedenfalls ist er mit allen seinen Schwankungen unter der neuen Generalität zur Zeit der einzige Mann von Format. So sieht Geßlers Kompromiß mit den Sozialdemokraten aus: mit dem schlechtesten Mann soll auch der beste in die Wüste geschickt werden. Eine ideale Lösung. Der sozialistische Acheron hört zu schäumen auf und kehrt beruhigt in sein breites Bett zurück. Die »Weltbühne« wird demnächst auf die Hintergründe dieser merkwürdigen Übereinkunft zurückkommen.   Stickige Opportunität. Das Nationalliberale grassiert als Geistesseuche. Es ist eine Freude, daß es trotzdem noch Klärungen gibt. Eine Freude, die kaum durch die Tatsache vermindert wird, daß nicht die republikanische Linke den Fehdehandschuh hingeworfen hat. Die Reaktion ist in die Offensive gegangen, und wir sind ihr dankbar dafür. Das Schund- und Schmutzgesetz hat eine Klarheit gebracht, die noch vor einer Woche nicht vorstellbar war. Ursprünglich hat in allen Regierungsparteien eine recht geteilte Auffassung über die Zweckmäßigkeit der Vorlage bestanden. Man fühlte sich nicht wohl dabei. Dann begann der Proteststurm; es war wirklich so etwas wie eine Volksbewegung. Und nun geschah das, was wir so oft, zuletzt bei der Abfindungs-Campagne, erlebt haben: vor jeder Volksbewegung, vor jeder Regung spontaner Demokratie verhärtet sich der Reichstag dreifach. Es scheint, als würde bessere Einsicht gewaltsam niedergedrückt, nur damit Die da draußen nicht Recht behalten. Denn dieses Parlament ersetzt Würde und Haltung aus Bewußtsein inneren Wertes durch Corpsgeist. Nach der Zerstückelung des Gesetzes in der zweiten Lesung wußten mindestens die mittelparteilichen Deputierten, daß es unmöglich geworden war. Deshalb ließ man es nicht etwa fallen, sondern mogelte ein Kompromiß zusammen, indem man einfach die Länderprüfstellen in Reichsprüfstellen umtaufte. So entstand die Phalanx von Kube bis zu den demokratischen Jugendpflegern. Im Reichstag hat Herr Külz für das Gesetz grade gestanden. Er war dazu ressortmäßig verpflichtet, aber sein Auftreten bezeugt auch, daß es ihm persönlich Spaß gemacht hat. Und trotzdem war der Herr Innenminister nur der Wandschirm des Reichskanzlers Marx. Vielleicht hätte Herr Külz das hoffnungslos zerrupfte Gesetz fallen lassen – er hat ja selbst erklärt, daß es für ihn keine Kabinettsfrage sei – aber für das Zentrum und seinen Kanzler war es eine. So mußte das Gesetz durch. Herr Marx, der immer ein schwarzer Orthodoxer war und vor Jahren schon sich mit Eifer für die Konfessionalisierung der Universitäten eingesetzt hat, ist auch hier sich selbst treu geblieben. Die demokratische Presse handelt unrichtig, sich ausschließlich gegen die Deutschnationalen zu wenden. Dieses Gesetz ist die persönlichste Angelegenheit des Zentrums gewesen. Natürlich war es dabei der Unterstützung der Rechten gewiß. Jetzt nach der Annahme kann man wieder Republikanische Union feiern. Das Zensurgesetz ist da, und wir wollen gern gestehen: es gehört zum Bild der falschen Republik, seine Ablehnung wäre ein Stilfehler gewesen. Wir haben eine Dichterakademie und eine amtliche Kunstpflege, und wir haben ein Ausnahmegesetz gegen die Literatur. Das paßt schön zusammen. Die pompöse Fassade deckt eine Wachtstube. Werden die deutschen Schriftsteller auch dies Signal überhören? Für geistige Freiheit und gegen die Zensur zu stehen, ist immer ihre beste Aufgabe gewesen. Der Musengott ist nicht nur der Herr der schönen Künste, sondern auch der Schinder des Marsyas. Voilà ... Die Weltbühne, 7. Dezember 1926 677 Völkerbund ohne Völker Als sich Briand, Chamberlain und Stresemann grade um die Militärkontrolle rauften, kam die in dieser Situation absonderliche Nachricht, daß ihnen Nobels Friedenspreis zugesprochen sei. Wenn es Schreiber politischer Komödien gäbe, hier wäre ein Stoff von umwerfender Lustigkeit. Seit der Überreichung der päpstlichen Tugendrose an die selige Isabella von Spanien ist keine Auszeichnung so gründlich falsch adressiert worden. Das Aufhören der Militärkontrolle sichert Stresemann einen Achtungserfolg fürs deutsche Heim. Die sogenannte Investigation war nach Lage der Dinge nicht zu verhindern, obgleich man in Deutschland darauf gehofft hatte. Im Übrigen ist diese Ratstagung recht disharmonisch verlaufen. Nicht nur, daß Poincarés Schatten breiter als sonst über den Tisch fiel, auch das halb vergessene Gespenst der Botschafterkonferenz entfaltete eine ungeahnte Aktivität. Daß Herr Stresemann es diesmal recht sauer hatte, verdankt er der vortrefflichen deutschen Militärpolitik und der Eigenmächtigkeit von Geßlers Generalen. Hinzu kam die Enttäuschung, daß England die Frage der Lieferung von Kriegsgerät ganz unerwartet zur pièce de résistance machte und daß Herr Chamberlain auch optische Instrumente zu den Kriegsgeräten zählte, was für die tüchtige industrielle Schulung dieses prämierten Friedensfürsten spricht. Weitere Sorgen hatte der Hohe Rat diesmal nicht. An und für sich war der Völkerbund als Forum der Menschlichkeit gedacht. Nun, es geht heute in allen Himmelsrichtungen sehr unmenschlich zu. Nationale Minoritäten werden geknechtet ... Leider in der Satzung nicht vorgesehen. In Rumänien werden Juden geschlachtet und Oppositionelle sektionsweise niedergemacht ... Der Völkerbund hat sich nicht in innere Angelegenheiten der Staaten einzumischen. Deshalb hört die Kompetenz auf, wo das Problem beginnt. Deshalb wird der Vertreter bluttriefender Gewalthaber als eher confrère begrüßt und darf mitraten, wie die internationale Moral zu heben sei, ohne daß seine Auftraggeber gestört werden. Italien hat durch einen »Pakt« die Hand auf Albanien gelegt, in Süd-Slavien fühlt man sich dadurch bedroht, und der alte Kampf um die Adria lebt wieder auf. Frankreich hat Truppen an die italienische Grenze geworfen, Italien seine Schwarzhemden-Miliz an die französische. Der Völkerbund nimmt amtlich keine Kenntnis. Der gläubige Pazifist registriert die Garantiepakte und Schiedsverträge, verweist strahlend auf die Fortschritte in den deutsch-französischen Beziehungen. Das stimmt. Aber nicht die ratifizierten Urkunden sind ausschlaggebend, das Betrübende ist, daß diese feierlichen Papiere nichts an der Welt ändern. Daß der Zustand der Unsicherheit nicht nur geblieben ist, sondern eher noch zugenommen hat. Daß die Rüstungshysterie heute größer ist als jemals. Daß der Mänadentanz der Kapitalsinteressen weiter geht und die Staaten in seinen Taumel reißt. Daß kein Mensch im Grunde glaubt, der Völkerbund könnte eine ernsthafte Belastung überstehen. Denn was in Genf tagt, das ist nicht ein Welt-Parlament, sondern ein Club von Außenministern, die alle gezwungen sind, für Kabinett und Kammer ein paar nette Sächelchen mitzubringen. Das wissen die Herren. Und deshalb nimmt Jeder auf den Kollegen Rücksicht. Es gibt nichts Einsameres als diesen Völkerbund der Diplomaten, hinter dem keine Völker stehen, obgleich so viel Betrieb rund herum ist, und von dem Niemand reden würde, wenn die Pressephotographen plötzlich streikten. Es gibt nur noch eine politische Institution, die so völlig neben der Wirklichkeit lebt: – der deutsche Reichstag.   Die vom ›Vorwärts‹ aufgenommenen Enthüllungen des ›Manchester Guardian‹ über geheimes deutsch-russisches Zusammenspiel hat die Kommunisten fast noch mehr aus dem Häuschen gebracht als die Deutschnationalen. Begreiflich. Für die Rechte war das nichts Neues, nur über die Kommunisten kam es wie ein kalter Guß. Deshalb ist auch an der Echtheit der kommunistischen Entrüstung nicht zu zweifeln. Wenn zum Beispiel Papa Pieck loskollert, alles sei Schwindel, so kann man sicher sein, daß er bona fide handelt. Denn unsere Kommunisten sind nicht intrigant und konspirativ, sondern die Ehrlichkeit selbst, wenngleich die bei den erlesenen Führern einen Grad erreicht, wo sie anfängt, gegen die guten Sitten zu verstoßen. Selbstverständlich war der an sich verdienstvolle Feldzug des ›Vorwärts‹ nur von dem Wunsche diktiert, den benachbarten Kommunisten als Revanche für ihre Haltung bei der Fürstenabfindung ein paar Pfund Fleisch aus dem Leibe zu schneiden. Käme es dem ›Vorwärts‹ wirklich aufs Ganze an, so müßte er sich auch deutlicher über das Ziel der privaten Entente zwischen Reichswehrministerium und dem russischen Außenamt äußern. Wenn man das so liest, möchte man fast annehmen, die Russen wollten nächstens Wilhelm II. mit Waffengewalt wieder einsetzen. Daß das leitende Motiv die gemeinsame Feindschaft gegen Polen war, vermeiden die tapfern Enthüller klar herauszusagen, denn auch sie schwören ja auf die vom Auswärtigen Amt inaugurierte anti-polnische Politik, auch sie sind weit davon entfernt, anzunehmen, daß es heute keine brennendere Frage gibt als die deutsch-polnische Verständigung. Die deutschen Republikaner mögen indessen bei ihrem Gezeter über Moskaus Hinterhältigkeit nicht übersehen: die Russen sind harte Realisten und klopfen nur dort an, wo sie eine Macht wissen. Wenn Tschitscherins Agenten nach sorgfältigem Erkundungsgang durchs deutsche Gelände schließlich bei Seeckt erschienen sind, anstatt bei Hermann Müller oder Erich Koch, so liegt darin eine Einschätzung, die unsre Republikaner zum Nachdenken bewegen sollte. In bestimmten Intervallen kehrt bei uns eine Regierungskrise wieder, die Herrn Doctor Scholz, das Fraktionshaupt der Deutschen Volkspartei zum Autor hat. Ein Politiker, der selbst unter unsern Parlaments-Celebritäten eine triste Sonderstellung einnimmt, ein Machiavelli mit Pferdefüßen und ohne Fähigkeit zur Stimmdämpfung. Wenn er in Insterburg hinter geschlossenen Türen flüstert, hört man es in den Reichstags-Korridoren. Dennoch: – er sei gesegnet für und für. Denn er hat, ohne recht zu wissen, was er tat, den Papageien der Großen Koalition den geschäftigen Schnabel endgültig nach hinten gedreht. Die Silverberg-Melodie ist verklungen. Die zwangsläufigen Gegensätze siegen über den Verschleierungswillen der Führer. Wenn Sozialdemokratie und Deutsche Volkspartei manchmal nur durch eine halbe Breitscheid-Länge getrennt schienen, Herr Dr. Scholz hat sich, unfreiwillig, das Verdienst erworben, die natürlichen Grenzen wieder herzustellen. In diesen zwei Jahren benebelnden Schwatzes um große und kleine, stille und laute Koalitionen ist alle Innenpolitik hoffnungslos volksfremd geworden. Innenpolitik ist heute eine Sache für Eingeweihte, die den Ariadnefaden durch das Labyrinth der Grüppchen und Klüngel besitzen, oder reine Liebhabersache wie ein Herbarium oder eine Briefmarken-Sammlung. Der Chronist verzeichnet die Situationswechsel am innenpolitischen Skattisch ohne Vergnügen und, vor Allem, ohne Glauben an die Bedeutung der ausgespielten Karten. Ob die linke Mittelgruppe des rechten Flügels der Demokraten oder ob die linken Außenseiter des sonst rechtsgerichteten Agrarierflügels des Zentrums mit dem rechten Flügel des linken Flügels der Deutschen Volkspartei ..., das ist so gleichgültig, weil es nur Interesse hat für die Plauderecken der Couloirs, weil es keine öffentliche Resonnanz findet, weil für die Öffentlichkeit überhaupt Alles, was in den Parteien und zwischen den Parteien vorgeht, zu einer Geheimwissenschaft geworden ist, deren Schlüssel zu suchen keinen Wert hat. Wenn Herr Stresemann aus Genf zurückkommt, wird er die von seinem Scholz servierte Krise noch duftend auf dem Frühstückstisch finden. Die Linke ist verstimmt, die Rechte anbiederungsbereit. Vielleicht wird ihm diese Wandlung gar nicht unlieb sein. Schon um den beiden andern Nobelpreiskollegen zu zeigen, daß er imstande ist, selbst mit den Locarno-Gegnern zu regieren. Lassen wir uns nicht bange machen, daß es ganz schlimm kommt, wenn die jetzige Regierung der Mitte abtreten müßte. Schon regen sich die Klageweiber. Dieses Kabinett hat nicht einmal negativ nützlich gewirkt. Es hat nichts verhindert, sondern stets Alles getan, was die Reaktion wollte, von der Fürstenabfindung bis zum Zensurgesetz. Sein Sturz erspart uns die Schmach, daß das klerikale Reichsschulgesetz und das verschlechterte Vereinsgesetz von Männern verteidigt und durchgeführt werden, die außerhalb ihres Amtszimmers Wert darauf legen, für Republikaner gehalten zu werden. Mag an ihren Platz kommen, wer will: gegen Marx und Külz gibt es überhaupt keinen schlechten Tausch. Niemand soll sie halten. Sie sollen gehn. Die Weltbühne, 14. Dezember 1926 678 Krippenspiel im Reichstag Helle Aufregung in der Wandelhalle. Wirrwarr in den Fraktionszimmern. Regierungskrise in Sicht. Das dreizehnte Kabinett der Republik wackelt. Doch fern vom Lärm, in einem epheuumsponnenen Gelaß, sitzen ernste Männer mit zerfurchten Stirnen, die das Alles nichts angeht. Das ist der Untersuchungs-Ausschuß. Da probiert das Parlament, das noch niemals Geschichte gemacht hat, wenigstens Geschichte zu erforschen. Was war 1917 los? Wer hat die Friedensbemühungen des Papstes kaputt gemacht? Ein historisches Seminar tut sich auf. Polemischer Ton ist verpönt. Der deutschnationale Vorsitzende schwingt den Pädagogenfinger. Hier gibt es weder Kläger noch Beklagte, sagt er. Alle Aufmerksamkeit sammelt sich um ein kleines, putziges Männchen, sehr gravitätisch in seinem für eine Stunde aufgebügelten Glanz. Diese hochgeworfne Stirn über all der Putzigkeit, diese martialisch knarrende Stimme – das kennen wir. Das ist das gute, alte, mit Recht so unbeliebte Preußen. Das könnte der Regimentsschreiber sein, der dem Leutnant Katte, dem Sündengenossen des jungen Fritz, das Todesurteil verlas. Nein. Es ist Georg Michaelis, der einem unbestätigten Gerücht zufolge einmal Reichskanzler gewesen sein soll. Unwahrscheinlich die Gestalt, unwahrlich wie die Luft dieses Raumes, wie die Leute darin, die alle diesen selben Michaelis einmal unterstützt, ihn toleriert, ihm geglaubt haben. Da sitzen sie, die einstigen Acteurs und Puppen dieses, dieses Michaelis und fragen ihn bitter ernst, wie es denn damals gewesen sei. Denn sie machen nicht Politik, sondern Wissenschaft. Hier liegt ein grundsätzlicher Irrtum vor: Verantwortungen für Krieg und Niederlage, für diplomatische und militärische Fehlgriffe katastrophaler Art werden in revolutionären Ländern im allgemeinen unter der Laterne geklärt. Bei uns ist man für solche Methoden zu wissenschaftlich. Bei uns erklären die Beklagten sich selbst zum politisch-neutralen Experten-Komitee und sprechen sich gegenseitig frei. Dennoch ist dies Intermezzo im Untersuchungs-Ausschuß nicht uninteressant. Denn es zeigt uns nochmals den deutschen Parlamentarismus, wie er sich im Juli 1917 etablierte. Wir können vergleichen. Er hat sich nicht geändert seitdem.   Woran ist das Kabinett Marx eigentlich gescheitert? Bei allen Attacken von rechts und links wollte ihm doch im Grunde genommen Niemand ernsthaft was tun. Schon darum nicht, weil Niemand ohne Bangen an die Nachfolge denken konnte. Das Kabinett Marx war eine Zusammenfassung der schlechtesten Mitte, eine Ballung von Ohnmächten, ohne Köpfe und Qualitäten, stockreaktionär, aber doch in seinen Verlautbarungen zu zag, um irgendwo zu provozieren – mit einem Wort: für alle Beteiligten das kleinere Übel. Solche Kabinette pflegen in Zeitläuften ungeklärter Mehrheitsverhältnisse uralt zu werden. Nicht die Regierung, wohl aber ihre Presse hat einen kapitalen Fehler begangen, indem sie das stille Abkommen zwischen Marx und der Sozialdemokratie in alle Welt hinausschrie. Geheime Allianzen pflegt man nicht zu plakatieren: das könnte die Demokratenpresse von der Reichswehr lernen. Aber die guten Leute wollten von der stillen zur lauten Koalition: deshalb machten sie das Geheimabkommen publik und tuteten Victoria. Denn grade die Demokraten befinden sich in einer hoffnungslosen Ahnungslosigkeit über Das, was die Sozialdemokratie vor ihren Arbeiterwählern verantworten kann. Natürlich hätte ohne Lautwerden der Vereinbarung die Partei auch weiterhin in ihrer halben Oppositionsstellung bleiben können. Da die Regierung jedoch den Freundschaftsbund mit der Durchpeitschung des Zensurgesetzes besiegelte und der immer stärker anschwellenden Kritik an der Reichswehr ein bockiges Schweigen entgegensetzte, mußte die Sozialdemokratie, die, einem heiligen Christophorus gleich, mehr als eine seltsame Regierung auf dem geduldigen Specknacken durch den Fluß getragen hat, ihre Bürde abwerfen. Die Partei bäumte sich plötzlich auf, und das Marx-Kabinett ersoff. Ohne die Indiskretion der Zeitungen wäre das noch lange gut gegangen.   Jetzt ist die Not groß. Von allen Seiten kommen Absagen; sogar die Deutschnationalen sperren sich. Und trotzdem: wozu eigentlich der Lärm? Gewiß hat Herr Scheidemann mit tönender Kriegserklärung die Katastrophe vollendet. Aber auch die Sozialdemokraten schienen zunächst von der oppositionellen Verve ihres Sprechers überrascht gewesen zu sein. Schon Müller-Franken setzte das jäh explodierende Temperament der Seinen auf halbe Ration und durfte versichern, daß die Geneigtheit seiner Partei zur Großen Koalition niemals größer gewesen sei als jetzt. War das nur ein Manöver, um den plumpen Herrn Scholz sachlich zu depossedieren? Oder wars nur eine unverbindliche Verbeugung vor den Mittelparteien, die sehr böse waren, weil Scheidemann in seine Aggressivrede auch die Reichswehr einbezogen hatte? Denn in bezug auf die Reichswehr hat sich in dieser Debatte eine merkwürdige Einheitsfront gebildet. Daß Scheidemann auch in das russische Techtelmechtel geleuchtet hatte, deswegen haben die Kommunisten ebenso gegrollt, wie Die rechts und in der Mitte. Die große Anklagerede des dissidierenden Kommunisten Doctor Schwarz, zum Beispiel, die weit über die Enthüllungen des ›Manchester Guardian‹ hinausging, ist fast von der gesamten mittelparteilichen Presse unterschlagen worden. Dolmetsch dieser neuen Einheitsgefühle war merkwürdigerweise Herr Joseph Wirth, der selbstverständlich die entscheidende Debatte nicht vorübergehen lassen konnte, ohne sich staatsmännisch in Empfehlung zu bringen. Mit großer Pose trat er schützend vor das Schwarze Heer, dessen längst geahnten Ursprung aus dem Geist der Demokratie enthüllend. Feierlich nahm er, Joseph Wirth, die Verantwortung vor der Geschichte auf sich. Ja, er, der Erfinder der Republikanischen Union, ist auch der Erfinder des Ostdeutschen Grenzschutzes gewesen. Das war das Werk der vaterländischen Männer Ebert, Rathenau und Wirth, verkündet der vaterländische Mann Joseph Wirth. Nur schade, daß dies vaterländische Unternehmen nachher in die Hände der noch vaterländischern Geßler und Seeckt überging, um schließlich bei den allervaterländischsten Buchrucker und Schulz zu landen. Wäre Joseph Wirth ein wirklicher Politiker und nicht ein rhetorisch echauffierter Oberlehrer, der in seiner Aufregung anstatt der Kehrseiten seiner Schüler das Kalbfell der großen Politik betrommelt, hier würde er geschwiegen haben. Mag man auch vor Gott und der Geschichte sich pompös zur Autorschaft des Grenzschutzes bekennen, nachdem man soeben einen Republikanerverein zur Bekämpfung der traurigen Folgen dieser andern Gründung hat gründen müssen, stellt das der politischen Klugheit kein gutes Zeugnis aus. Aber die Hauptsache: man ist überall dabei gewesen. Man muß das den Zeitgenossen nachdrücklichst in Erinnerung bringen. Bald geht man druff wie Robert Blum (»Der Feind steht rechts!« Jawohl, man hat ihn selbst hingestellt.); bald bekennt man mit nationalen Herztönen, jede nationale Dummheit mitgemacht zu haben. Doch das Wichtigste: der Täufer der Republikanischen Union gießt den Rest des Weihwassers über Herrn Geßler aus. Der ist jetzt salviert. Gewiß, er war oft zu lasch, er hat nachher nicht gut aufgepaßt, aber die Verantwortung vor der Geschichte, die tragen wir: – Ebert, Rathenau und Wirth. So wird mit magistraler Geste ein Tuch, das ein Geheimnis hüllt, für Sekunden gehoben und wieder fallen gelassen. Herr Wirth hat zwar den Willen zur Einheit dokumentiert, aber einen Ausweg aus dem Wirrwarr hat er auch nicht weisen können. Denn im Mittelpunkt dieser Krise steht nun einmal der Reichswehr-Skandal. Das macht ihre Lösung so schwierig. Denn hier sind alle mitschuldig, von Westarp bis Höllein. Deshalb kann Keiner dem Andern eine Anklage ins Gesicht schleudern, ohne sich selbst zu decouvrieren. Der Reichstag weiß kein andres Mittel als die Flucht in die Ferien. Schon einen Tag später ist kein Fraktionshäuptling mehr in Berlin. Stresemann fährt für einen Monat nach Ägypten, dem Scholz seines Vertrauens die Vertretung in der Parteiführung überlassend. Er tut recht, weil er seiner Sache sicher ist. Wohin es auch gehen mag, er wird dabei sein. Nach Wochen wird ihn vielleicht in Heluan ein Telegramm erreichen: »Alles in Ordnung.« Und auf der Rückreise wird er sich auf dem deutschen Consulat in Alexandrien erkundigen, in was für einer Regierung er nun eigentlich sitzt. Beim Rechtsblock oder bei der Großen Koalition. Oder als Fachminister bei den Schwarz-Rot-Goldnen.   Das Dresdner Schwurgericht hat über ein Liebespaar wegen gemeinsamen Mordes das Todesurteil ausgesprochen. Und liest man selbst nur die spärlichsten Zeitungsberichte über diesen Mordprozeß Donner, dann versinkt der ganze politische Betrieb ins Wesenslose und man hört die Sprache jener fanatischen Leidenschaft, die kein Gesetz, keine Furcht vor Strafe bisher hat domestizieren können. Das Gericht hat Mord angenommen, obgleich höchstens eine Affekthandlung vorliegt, die sich aus einer Verkettung unseliger Umstände ergeben hat. In Frankreich spricht man schöne Sünderinnen einfach frei; und auch ohne solche sehr ästhetische Bewertung glattweg zu akzeptieren, empfindet man sie menschlicher als die blutdürstige Moralität des Dresdner Tribunals. Die sächsischen Gerichte haben in der Behandlung von Frauen bekanntlich Tradition; man weiß das von der unglücklichen Grete Beier her. Gab es denn wirklich keine Möglichkeit zu mildrer Beurteilung? Muß denn dem Sächsischen Spießer mit aller Gewalt ein Frauenkopf auf den Weihnachtstisch geworfen werden? Oder lächeln an der Pleiße und Elster die Penaten holder als anderswo und muß deshalb ein Vergehen gegen den Frieden des häuslichen Herdes so furchtbar hart geahndet werden? Den menschlichen Kern der Tragödie, warum die junge Frau Annemarie Donner den Gärtnergehilfen Krönert dem korrekten, begüterten Assessor Donner vorgezogen hat, wird der Scharfsinn keines Richters jemals ergründen. In dem bibbert nicht nur der aufgeschreckte Ehemann, auch der Standesgenosse der Ermordeten meldet sich vernehmlich und verurteilt doppelt hart die Frau, die unter ihrem Stande gesündigt, die sich den Bettgenossen ihrer Wahl ausgerechnet im Proletariat gesucht hat. Aber wenn die Angeklagte auf die Frage, wie sie nach dem Tode ihres Gatten die Beziehungen zu Krönert habe fortsetzen können, ganz schlicht antwortet: »Ich gehörte ihm ja ...«, dann müßte selbst ein bis in jede Pore sächsischer Richter eine ewige Melodie klingen hören und die Begrenztheit aller Rechtsprechung ahnen. Die Weltbühne, 21. Dezember 1926 679 Das Schilderhaus am Rhein Ein französisches Kriegsgericht hat ein dummes, herausforderndes Urteil gefällt. Ein Urteil, das nur ungenügend qualifiziert wird, wenn man es einen nationalistischen Tendenzakt nennt. Gegen Angehörige einer andern Nation hätten die Herren Offiziersrichter zur Not noch eine Degenspitze Objektivität aufgebracht. Aber Die neben Rouzier auf der Anklagebank saßen, waren nicht nur Deutsche, sondern, schlimmer noch, Wesen von einem andern Planeten, nämlich: Zivilisten. Man kann in solchem Fall nicht von den Militärs eine Entscheidung contre cour erwarten. Die französische Regierung hat anerkennenswert schnell den Schaden zu reparieren versucht: sie hat die Verurteilten in Freiheit gesetzt. General Guillaumat, den die Pariser Linksblätter für den Spruch verantwortlich machen, hat selbst die Begnadigung befürwortet. Auf höhere Weisung? Was amtlich zu tun war, ist geschehn. Die Herren des Kabinetts Poincaré sind durchaus nicht lauter exemplarische Demokraten und Pazifisten. Aber sie wissen, daß die Verständigung mit Deutschland ein Hauptstück ihres Programms bildet. Sie selbst werden über das Urteil von Landau am heftigsten erschrocken gewesen sein, denn sie mußten darin mit Recht eine ernste Störung ihrer Politik erblicken. Man darf ihnen zutraun, daß sie sich nicht anders verhalten hätten, auch wenn der deutsche Proteststurm weniger präzis ausgebrochen wäre. Denn politisches Interesse begegnet sich hier mit dem guten demokratischen Instinkt der französischen Linken, die aus eigner Erfahrung weiß, was Urteile der Militärjustiz bedeuten. Aber der Proteststurm? Die selbstverständliche Empörung darf nicht eine kritische Betrachtung der geräuschvollsten Entrüster hindern. Dabei soll der Fortschritt gegen früher nicht verkannt und gern zugegeben werden, daß sich dies Mal wenigstens der größre Teil der Linkspresse schneller als sonst der Entrüstungs-Regie entzogen und Wert darauf gelegt hat, sich in der Tonart von der ›Deutschen Tageszeitung‹ zu unterscheiden. Daß Hugenberg sofort seine tarnopolitanische Musterbrigade ins Treffen führte und diese Braven so unerhört drauflos logen, als gelte es, nicht einen kleinen Dreitage-Konflikt, sondern gleich einen richtigen Weltkrieg zu arrangieren, braucht nicht zu verwundern. Bemerkenswerter ist schon die durchschnittliche mittelparteiliche Presse, die seit Locarno auf höhern Befehl im Europäerviertel logiert und sich jetzt mit unbändigem Appetit auf den lang entbehrten Stoff wirft, wie ein beklagenswerter Zwangsvegetarier, dem der Arzt für den Sonntag Roastbeef gestattet. Wann hätte man sich bei uns jemals so intensiv über militaristische Exzesse aufgeregt? Viel Firnis ist in diesen Tagen abgefallen, und aus vielen heiligen Verwahrungen keift der ganz profane Neid. Daß wir Das nicht mehr haben, nicht mehr dürfen! Daß sich unsre Rouziers seit 1918 nur noch innerhalb der Grenzen ausleben dürfen. Hans Paasche und die Gemeuchelten der Revolution legen Zeugnis ab von deren Tatendrang. Und von dem Fehlen einer Instanz, die, wenn sie schon das Verbrechen nicht zu sühnen vermag, doch wenigstens, wie die französische Regierung, die Ehre des Landes zu retten trachtet. Übrigens wird gegen die Okkupation selbst noch eifervoller demonstriert als gegen die Herren Militärrichter. Ein reichlich unkluges Beginnen, auch wenn es sich etwa um eine Parole aus der Wilhelm-Straße handeln sollte. Denn die Besetzung ist kein Sturmobjekt mehr: sie trägt ein hippokratisches Gesicht, wird vielleicht bald ohne großes Aufsehn verlöschen, und diese mehr breite als starke Attacke ist eher geeignet, die Tatenlust der entgegenstrebenden französischen Kräfte nochmals aufzustacheln als die natürliche Entwicklung zu beschleunigen. Das müßten grade die realpolitischen Spitzentänzer der verpflichteten und freiwilligen Stresemannschaft spüren, die sich sonst so viel Mühe geben, den Ungläubigen Respekt vor den dreimal geheiligten Imponderabilien beizubringen. Es ist nun einmal eine tragische Sache um Deutsche und Franzosen. Diese beiden Völker, in Vielem so gründlich konträr, teilen in der Politik den gleichen romantischen Irrtum, die überlieferten Ausdrucksformen der Macht für die Macht selbst zu halten. Weil ein Schilderhaus am Rhein steht, mit einem horizontblau angestrichnen Proletarier davor, der die Aufgabe hat, andersfarbenen Proletariern zu imponieren, deshalb glauben die Franzosen Garantien für alle Zukunft in der Tasche zu haben, Garantien gegen Rüstungen, Garantien für die Aufrechterhaltung des Weltbildes von Versailles, – aus dem gleichen Grunde aber bilden die Deutschen sich ein, wirklich und wahrhaftig unterdrückt zu sein. Romantik. Das Schilderhaus am Rhein hat Deutschland nicht gehindert, wieder in die Reihe der Großstaaten einzurücken, hat Frankreich nicht vor Verlusten an Gütern und Prestige bewahren können. Was auch die Zukunft bringen mag, in den Kasernen und Arsenalen residiert die Macht nicht mehr. Ironie des Zufalls will, daß grade dort am Rhein, wo die Franzosen exerzieren, jene modernen Industrie-Imperien beginnen, die das Fatum unsrer Zeit verkörpern, und sich so hoch über die Institutionen der welkenden Nationalstaaten erheben, wie die Feueressen ihrer Werke über die Wachtstuben und Kasematten zwergenhaft gewordener Autoritäten. Die Entwicklung ist an den Garnisonen vorbei geeilt, ohne den Herren Generalen die vorschriftsmäßige Ehrenbezeugung zu erweisen. Das zu verstehen, wäre für Deutsche wie Franzosen gleich nützlich. Seit dem Dawes-Pakt ist Deutschland in ein weltumspannendes kapitalistisches System fest eingefügt, das sich nicht um Grenzen, nicht um altverbriefte Herrschaftsansprüche bekümmert. Wenn die Franzosen einmal abgezogen sind, sollte man die blau-weiß-roten Schilderhäuschen stehen lassen. Als Museumsstücke zur Erbauung der Enkel. Als Attrappen und leere Hülsen versunkener Gewalt. Sie sind es heute schon. Die Weltbühne, 28. Dezember 1926