Wilhelm Raabe Der heilige Born Blätter aus dem Bilderbuche des sechzehnten Jahrhunderts   Entstanden in der ersten Hälfte des Jahres 1860. Erstdruck: Kober \& Markgraf Wien und Prag 1861 (Pseudonym: Jakob Corvinus .) 548 Seiten. Vorwort zur zweiten Auflage Dieses Buch ist in den Jahren 1859 und 1860 geschrieben und im Jahre 1861 zum erstenmal gedruckt worden. Und nun, da ich es im Jahre 1891 behufs einer zweiten Auflage durchblättere, da kann es mir wohl zumute sein wie einem Alten, der in einem vergessenen Wandschrank, im hintersten, dunkelsten Winkel, ein Gerät, ein Spielwerk – sagen wir ein Steckenpferd! – aus seiner Jugendzeit wiedergefunden hat. Der Graubart steigt heute nicht mehr auf den närrischen, buntfarbigen Gaul mit dem drolligen, nach Urväter-Kinderkunst geschnitzten Märchenkopf und dem langen Holzstecken, der dort herauswächst, wo dem Herrn von Münchhausen bei der Erstürmung von Oczakow das Hinterteil seines »feurigen Lithauers« unterm Leibe abhanden kam. Er verbirgt ihn aber auch nicht wieder im Schrank und wirft den Schlüssel zu dem letztern verdrießlich aus dem Fenster. Im Gegenteil! Ihm ist sehr sonderbar, sehr wehmütig-vergnüglich und vor allem sehr mitteilungssüchtig zumute: »O du schöne Zeit, als man noch so zu Pferde saß und als solch ein Ding Schwingen ausbreitete, wie je ein Flügelroß, das einen geweihten Sänger in das ewige Blau emportrug!« Und damit trägt der alte Herr seine alte Merkwürdigkeit zu den jetzt jungen Leuten: »Seht einmal hier! Was der Mensch doch nach dreißig Jahren von sich wiederfinden kann!« – Darin liegt etwas, was mir erst in diesem Augenblicke ganz deutlich wird; nämlich, daß jeder Autor so schreiben soll, daß er sich ein Menschenalter später nicht vor seinem Geschriebenen zu fürchten braucht. Über sich und sein Geschreibsel lachen oder sich ärgern darf er ruhig; aber mit dem Sichfürchten ist es eine andere Sache. Das bringt zu viel Unruhe in das Blut! Und noch etwas liegt drin. Nämlich daß ein wenig Kinderromantik zu allem gehört, was dem Menschen auf dieser Erde hilft, ihm weiterhilft, wenn auch nur etwas behaglicher bis in den nächsten Tag hinein. Braunschweig, im Februar 1891 Raabe Erster Teil Erstes Kapitel beginnt unter drohenden Aspekten, zeigt aber auch, daß junges Volk sich nicht gleich fürchtet, auch nicht allzuleicht den Mut verliert. Das Jahr nach der Geburt unseres Herrn Jesus Christus eintausendfünfhundertsechsundfünfzig fing auf eine klugen Leuten und Einfaltspinseln gleich bedenkliche Weise an. Seit dem achtundzwanzigsten Februar nämlich blickte alles Volk, alt und jung, vornehm und gering, gelehrt und ungelehrt – mit Grausen und Entsetzen allabendlich, wenn die Sterne aufgingen, nach einem großen Himmelswunder, welches um diese Zeit mit den gewohnten freundlichen Lichtern im himmlischen Saal emporstieg und, von Nacht zu Nacht gewaltiger und dräuender werdend, seinen Weg dem mitternächtlichen Meerstern zu nahm. Dieses greuliche Wunderzeichen und Schrecknis war von weißer und bleicher Farbe, als ob ein Stern gestorben sei und nun wegen der Sünden, so auf ihm geschehen, als ein Totengespenst umgehen müsse, die andern, noch in Leben und Licht wandelnden Geschöpfe Gottes zu schrecken. Es zog einen grausamen Schwanz hinter sich her durch den Luftraum, nach der Meinung und Rechnung der Sternkundigen wohl hundertundachtzig oder noch mehr Meilen lang. Viele arme Kindlein lagen dazumal krank an der schweren Not und starben ohne Hülfe haufenweise. Unglück aller Art – Teuerung und Krieg – wurde vorhergesagt und traf auch in Hülle und Fülle ein. Erst am letzten April glitt das letzte Stücklein des feurigen Sternschweifes hinter den Horizont hinab, und wurde von da an nichts mehr gesehen am Nachthimmel als der gewohnten Sterne »Lauf, Licht und Figur«; und wenn auch auf diesen Kometen nach altem Recht ein gar heißer, schwerer Sommer erfolgte, so tat das doch dem nahen Frühling fürs erste nichts. Im Gegenteil rückte derselbe recht fröhlich und prächtig ein in das Land. Die Frösche hüpften vor aus ihren Schlupflöchern und sonnten sich auf den Wegen und hatten durchaus nicht die geringste Ahnung davon, daß es besser für sie gewesen wäre, wenn sie in ihren Winterwinkeln geblieben wären. Bäume und Büsche entfalteten wie gewöhnlich ihre großen Blattknospen und begrünten sich, die Vögel sangen ihre Loblieder, die Eichkätzchen rieben sich den Schlaf aus den klugen Äuglein, erzählten sich ihre Winterträume und fingen an, muntere Jagden zu halten um die Stämme der Buchen und Eichen. Alles Tierleben regte sich allgemach, munter und guter Dinge, und zuletzt fingen die Menschen auch wieder an freier zu atmen, da sie nur allein die gewöhnlichen lieben Sternbilder, den großen Bär und den kleinen, den Orion und die andern alle, so viel sie Namen haben oder nicht haben, am nächtlichen Himmelszelt erblickten, ehe sie schlafen gingen, nicht aber mehr das gräßliche geschweifte Ungetüm, dessen Art noch niemals der Menschheit viel des Guten gebracht hat und bringen wird. Doch so weit sind wir noch nicht! Am fünfundzwanzigsten März abends, wo unsere Geschichte ihren Anfang nimmt, steht der Komet noch schrecklich am schwarzen Himmel und durchzieht gleich einem alles verschlingen wollenden Drachen die Herde der übrigen silbernen Lichter. Die Unruhe und Angst ist noch groß in der Welt, also auch groß in dem Städtlein Holzminden an der Weser, allwo der lutherische Pastor Herr Magister Valentin Fichtner über seinen Studiertisch weg und seinen Garten, welcher sich gegen den Fluß hin erstreckt, den drohenden Boten Gottes gerade vor Augen hat – recht bequem, um über das Manuskript seines großen Werkes: De Daemonibus von Zeit zu Zeit durch das Fenster zu ihm auflugen zu können. Ein geistlicher Herr des neunzehnten Jahrhunderts würde dabei jedenfalls sehr nachdenkliche Rauchwolken aus seiner Tabakspfeife gesogen haben; Ehrn Valentin Fichtner tat das aber nicht. Zwar rauchte man bereits um diese Zeit in England das neue virginische Kraut, und nach Portugal schwamm eben über den Atlantischen Ozean das Schiff, welches den Leibarzt des spanischen Königs, Philipps des Zweiten, Don Francesco Hernandez, welcher den Tabak nach Portugal brachte, trug; im deutschen Reich kannte man jedoch dieses tröstende Labsal in jeglicher Bekümmernis und Bedrängnis, dieses Stärkungsmittel bei jeglicher Arbeit noch nicht. So mußte es denn auch der Pastor Fichtner entbehren, obgleich es ihm gewiß die besten Dienste geleistet haben würde bei der Abfassung des unheimlichen Kapitels seines Werkes, an welchem er eben schrieb: »Von den vielen und mancherlei Naturen der Teufel«, bei der Betrachtung des unheimlichen Sternes, welcher ob seinem Studium leuchtete. Viele dickleibige und schweinslederne Folianten und Quartanten hatte der wackere Mann nachgeschlagen, vieler hochgelehrten und frommen Männer Zeugnis hatte er treulich und ordentlich erforscht; und so wollen wir ihm über die Schulter schauen und seine Klassifikation des bösen Prinzips ablesen von dem Blatte vor ihm. Da hat er gefunden: »Zuerst – die Pseudothei, hoc est falsi Dei, das ist, falsche Götzen und abgöttische Teufel, welche sich Gottes allmächtigen Namen anmaßen und wie Gott selbst verehrt werden wollen. Der Fürst dieser Ordnung heißt: Beel-Zebub, ein Gott der Teufel.« »Zum andern – Spiriti mendaciorum, Lügengeister, wie deren einer aus dem Munde des Propheten Ahab ging. Der Fürst dieser Ordnung ist Python, die Schlange, von welcher der heidnische Abgott Apollo, Epythius genannt wird.« »In der dritten Ordnung stehen die Geister, so man vasa iniquitatis nennt: Instrumente, Werkzeuge und Gefäße aller Sünden, Laster und Schanden. Ihr Fürst ist Belial, ein ungehorsamer, schändlicher und verderblicher Geist.« »Der vierten Art sind die Rachegeister, ultores scelerum; deren Fürst wird Asmodeus genannt. V. Tob. 3.« »In der fünften Ordnung sind die Prestigiatores, die Zaubergeister. Ihr Fürst ist Satan, das ist: Feind und Widersacher Gottes.« »Zum sechsten stehen die acreae potestates, die Luftgeister. Dieser Fürsten nennen sie Meririm.« »Im siebenten Gliede sind zu zählen die Furiae, die unruhigen Geister, durch welche in der Welt greulicher Aufruhr, Zwietracht, Haß, Neid, Mord, Empörung und allerlei Uneinigkeit angerichtet wird. Diesen setzen sie zum Fürsten Abadonna, davon in der Offenbarung Johannis am neunten Kapitel gemeldet wird.« »Zum achten folgen die Criminatores, die Schmähgeister, deren Fürst ist Diabolus, ein Lästerer. Es tun etliche Gelehrte aber hinzu die Daemones exploratores, welcher Fürst Astaroth sein soll, ein Erforscher und Verführer.« »In der neunten und letzten Ordnung sind die Tentatores et insidiatores, die Verführer und arglistigen Geister, welche dafür gehalten werden, daß ein jeder insonderheit einen Menschen zu verführen in die Hand nehme. Sie werden auch genii mali, das ist: böse Engel genannt. Den Fürsten unter ihnen nennen sie Mammon.« Das war nun in der Tat eine diabolische Nomenklatur, bei deren Abfassung ein Theologe des sechzehnten Jahrhunderts wohl scheue Blicke nach dem dunklen Nachthimmel, allwo die Zornrute des allmächtigen zürnenden Gottes, der große Komet, in furchtbarlichster Schrecklichkeit brannte, werfen konnte. Von Zeit zu Zeit erhob sich der Alte auch unruhig genug aus seinem umfangreichen, gradlehnigen, schwarzbeschlagenen Lehnsessel und trat, die Feder in der Hand, an das niedere Fenster seiner Studierstube. Dann schüttelte er jedesmal bedächtig, sorgenvoll das ergrauende Haupt und hatte seine zweifelnden Gedanken, ob der im vorigen Jahre zwischen Kaiserlicher Majestät und den protestierenden Ständen zu Augsburg abgeschlossene Religionsfriede wohl stichhaltig und von Dauer sein werde. »Was Gott nicht hält, das geht zu Grund, Wenn's gleich auf eisern Mauern stund!« murmelte er mehr als einmal, wenn er so stand und die sorgengefurchte Stirn gegen die kalten Glasscheiben drückte. Jedesmal ging er schwer seufzend zurück zu seinem Tisch und seiner Arbeit, und die stumpfe Feder nahm ihren abgebrochenen Weg wieder auf über das handfeste Papier jener Zeiten. Wahrlich, es mußte das Papier damals handfester sein als das unsrige! Sie schrieben mit gar gewichtiger Faust, die alten Kämpfer im Chorrock und Mönchsgewand, die Kämpfer in ritterlicher Rüstung! Und die gewaltigen Folianten, die riesenhaften Dintenfässer paßten ganz zu dem Papier und den Handschriften. Wohl waren diese Dintenfässer geeignet, dem Gegner wie dem Teufel damit ein Loch in den widerborstigen Kopf zu werfen! Und wie das Rüstzeug, so waren auch die Leibesgestalten. Schaut diesen grübelnden Streiter des neuen Glaubens! Wie vierschrötig, gediegen steht der Mann auf seinen Füßen! Es gehört ein tüchtiger Sturm dazu, diese knorrige Eiche umzuwerfen. Auf dem kurzen Halse über den breiten Schultern hebt sich ein Kopf, wie man ihn sich nicht charakteristischer vorstellen kann. Breite Stirn und breites Kinn, graue, kluge, leuchtende Augen, kurz geschnittenes, graues, sprödes Haar und ein Bart von gleicher Art und Farbe – sind äußere Merkmale: wer kann das innerliche Feuer des wunderbaren Jahrhunderts, welches aus diesen Augen glüht, malen? ist nicht dieser lutherische Pastor zu Holzminden ein prächtiges Beispiel dieses Geschlechtes, welches so gewaltig war in seinen Siegen wie in seinem Unterliegen, in seinen Leiden wie in seinen Freuden, in seinem Haß wie in seiner Demut, in seinem Stolz wie in seiner Liebe? Seht ihn euch an, wie er da sitzt in dem schwarzen, pelzbesetzten Gewande seiner Zeit – tausend und aber tausend Bilder euerer Vorfahren in euren alten Bürgerhäusern zeigen ihn euch! – – Und jetzt legte Ehrn Valentin Fichtner, der Prediger der Kirche Gottes zu Holzminden, seine Feder zum letztenmal an diesem Abend nieder und trat wiederum an das Fenster. »Jawohl, tentatores et insidiatores!« murmelte er. »O wie ist die Welt voll davon in jeglicher Gestalt! O wie ist ihrer Zahl Legion!« Rückwärts über die Schulter blickte er auf das lebensgroße Bildnis des großen Doktors und teuren Mannes Gottes, Martin Luther, welches neben dem Ofen von der Wand herabschaute und neben welchem das Schwert hing, welches Johannes Fichtner, der einzige Sohn des Alten, so wacker geführt hatte vor Ingolstadt, bei Rochlitz und in den bösen Unglücksschlachten bei Mühlberg, wo der Johannes den Ritter- und Märtyrertod für den reinen Glauben starb, wo der Kurfürst gefangen wurde und der Schmalkaldische Bund, wie die Zeitgenossen sagten, wirklich zu einem »schmalen« und »kalten« Bunde ward. Das Bild, die Bibel, das Schwert und – die Monika, das waren die vier Schätze, an welchen das Herz des alten Pastors hing in dem Jammertale dieser Welt. Das Bild, die Bibel und das Schwert des toten Sohnes befanden sich an ihrem gewohnten Platze: wo aber war das Töchterlein, die Monika? »Was hat sie noch zu schaffen im Garten zu solcher nächtlichen Zeit, wenn solche unheimlichen Zeichen am Himmelsgewölbe einherziehen?« fragte sich der Pastor Fichtner, welcher plötzlich durch das Knarren einer Tür aus seinen tiefen Gedanken aufgeschreckt wurde und welcher gleich darauf einen Schatten durch den Garten gleiten sah. Er nahm sich vor, sein holdes Kind darüber auszufragen während der Abendmahlzeit, und schritt zu dem Ofen, um neues Holz auf die erlöschende Glut zu werfen; denn man spürte den abziehenden Winter doch noch recht gut an solchem Märzabend, und draußen ging ein gar kühles Wehen. – Wir lassen den von der Arbeit und dem Nachdenken und der Sorge ermüdeten Prediger seinen Sessel vor die Glut rücken und übergeben ihn bei den aufknatternden Flammen seinen Träumereien. Wir steigen die enge Treppe hinunter, welche in die untern Räume des Hauses führt, und gelangen durch den Hausflur, vorüber an dem großen Schranke, in welchem die fleißige Monika langsam ihre selbstgesponnenen Schätze an Leinen und feinen Tüchern sammelt und aufhäuft und allerlei allerliebste und heimliche Gedanken dazu legt, – durch einen abschüssigen, dunklen, engen Gang in den Garten. Die jungen, eben sich erschließenden Blattknospen des niedern Gebüsches sind mit Tautropfen behängt, einige frühe weiße und gelbe Blümchen leuchten von den Beeten matt durch die dämmerige Nacht, unter der Mauer des Gartens rauscht und murrt der alte Fluß, und, an die Brüstung gegen den Fluß zu gelehnt, steht die Monika Fichtner und blickt träumerisch scheu über den Spiegel der Weser, in welchem die Sterne und der große Komet ihr tausendfach gebrochenes Bild beschauen. Am gegenüberliegenden Ufer im Dorfe Stahle leuchten einige helle Hüttenfenster unter dem Wirenberge, auf welchem die Kapelle der holdseligen Jungfrau Maria steht, durch die Nacht. Der hellste Lichtschein fällt aus dem ebenfalls dicht am Ufer gelegenen katholischen Pfarrhause, wo der junge Vikarius Festus über seinem Breviarium sitzt, aber ohne darin zu lesen. Der uralte, halb blinde Pfarrer Chrysostomus hat bereits das Lager gesucht; er ist jetzt immer so leicht müde und weiß recht wohl, daß die Stunde nicht mehr fern sein kann, wo er der weckenden Hand und dem leisen Zuruf seines jungen Vikars nicht mehr antworten wird, wo sein Schlummer zu einem ewigen geworden ist. Er fürchtet diese Stunde durchaus nicht, er hofft sogar auf sie. – – Die Gärten der Bürger von Holzminden erheben sich terrassenförmig in ziemlicher Höhe über dem Flusse und werden durch schräge, tüchtige Mauern, die aber doch sehr oft nicht ausreichen, gegen die anstürmende Wut der Frühlingswasser geschützt. Zwischen diesen Gartenmauern und dem Strome läuft ein abschüssiger Kieselweg hin, zertreten von den Schiffern und Schifferpferden. Allerlei verwelkte Wassergewächse des vergangenen Jahres, Narrenkolben, Weiden, Rohr und Schilf flüstern und säuseln und rascheln am Ufer entlang, und dazwischen erschallt jetzt, kaum vernehmbar, ein elastischer Schritt. Ein Schatten schlüpft über den Pfad gegen die Mauer des Pfarrgartens heran; höher und ängstlicher beginnt das furchtsame Herz des jungen Mädchens auf der Höhe zu klopfen. Jetzt drückt sich eine jugendliche Männergestalt in den Schatten der Mauer, und leise ruft's empor: »Monika, liebe Monika! Bist du da, liebe Monika?« Das junge Mädchen kannte diese bittende, fragende Stimme sehr gut, und wenn es bei ihrem Klang auch noch mehr zusammenschrak, so beugte es sich dessenungeachtet schnell vor. Im nächsten Augenblick griff eine Hand über die Brüstung der Mauer, und eine halbe Sekunde später stand der jugendliche Nachtwandler vor dem Töchterlein des Pastors und hielt ihre Hände in den seinigen. Die Lippen der beiden begegneten sich im Kusse, fuhren aber sogleich, wie im höchsten Schrecken über solch ein ungeheuerliches Wagstück, schnell auseinander, und die Maid schob die ganze Schuld auf den Buben und rief leise: »Ach böser Klaus! Wie konntest du ...« Sie sprach nicht weiter, denn der Knabe zog sie tiefer in den Schatten; sie schob nur, wie gesagt, die Schuld des süßen Wagstückes dem Klaus allein zu, und das war ihr Mädchenrecht, und der Klaus nahm auch alle Verantwortung auf sich. In dem katholischen Pfarrhause drüben erlosch in demselben Momente das Licht. Der Vikar Festus trat aus der Tür, schritt langsam gegen den Fluß hinab, tauchte die heiße Hand in die kalte Flut und benetzte damit die glühende Stirn. Er erzitterte dabei, richtete das dunkle Auge auf und sagte ebenfalls: »Monika!« Wiederum erzitterte er am ganzen Körper. Seine Zähne schlugen zusammen wie im Fieberfrost. Er wußte, daß er sündige, indem er den Namen eines Mädchens auf solche Weise aussprach – und doch wiederholte er: »Monika!« »O du böser Klaus«, flüsterte auf der andern Seite der Weser das ängstliche Kind, »ich habe es also doch wieder gewagt?« »Wieder gewagt? Was gewagt? Hieher zu kommen? mich zu sehen? Ach Monika, wie du wieder sprichst!« »Ich fürchte mich so sehr! Wenn der Vater es merkte, der Vater, den du so sehr gekränkt hast? Und schau nur den Stern, den Schweifstern da oben. Sie sagen, er bedeute so viel Unheil. Ach Klaus, wenn er uns nur nicht auch Unheil und Schmerzen droht!« »Ach, laß nur den Vater und den Stern. Was können sie uns tun, wenn wir uns nicht auseinander bringen lassen? Und da ist keine Not; denn wir haben uns ja tausendmal versprochen, daß nur der bittere Tod uns scheiden soll. Freilich würde mich der Vater schön vornehmen und aushunzen, wenn er mich hier auf seiner Gartenmauer ertappte; aber er sitzt ja ruhig über seinen dicken Büchern, um welche wir in Unfried auseinander kommen sind. Und was den Stern angeht – na, da sind alle die alten Weiber noch schlimmer, welche so viel Böses und so viele Lügen über mich umtragen und sagen, ich sei ein Taugenichts, ein Nichtsnutz, ein Galgenstrick und noch viel was Schlimmeres! Aber dafür kann ich doch nichts und – ach Monika, ich wäre noch viel – viel böser, wenn, wenn – du – du nicht so gut wärst!« »Was böse? Was gut?« fragte urplötzlich eine wohlbekannte Stimme hinter den beiden jungen Leuten. Monika stieß einen Schrei des Schreckens aus; der Jüngling fuhr unwillkürlich drei Schritte zurück, bis an die Mauer: Ehrn Valentin Fichtnerus, der gestrenge Pastor von Holzminden, stand zwischen den beiden Liebenden und griff erzürnt nach der Hand seiner Tochter. »Was gut? Was böse?« wiederholte er und fuhr fort: »O Gott, heiliger Gott im Himmel! ist es denn eine Wahrheit, daß mein eigen Kind mein graues Haar zum Gespött der Welt machen will und mit einem solchen Buben buhlt in dunkler Nacht?« »Halt«, rief hier der junge Mann in die Rede des Alten und trat die drei Schritte, welche er zurückgewichen war, wieder vor. »Haltet, Ehrwürden! Eure Tochter, meine liebe, liebe Monika treibt nicht Spott mit Euren weißen Haaren, und ich bin auch kein loser Bube, wenn ich gleich das Latein nicht bei Euch erlernen konnt und mich nicht zum Schulmeisterlein machen lassen wollt, wozu ich schon im Mutterleib verdorben gewesen bin, allwo ich schon nicht hab stillsitzen können. Ich will sprechen – Monika – Monika, sage du ihm, daß du mich lieb hast und mich lieb haben wirst bis zum letzten Gerichtstage und drüber hinaus! Sage du ihm, daß ich gut sein und gut tun will –« Mit ganz veränderter Stimme fuhr der alte Pastor in die sich überstürzenden Beteuerungen des jungen Mannes hinein. Der Zorn, welcher ihn ob der Aufdeckung des längst geahnten verstohlenen Liebeshandels überkommen hatte, war bereits verraucht; der Pastor griff die Sache jetzt beim rechten Zipfel an. »Und ich sage dir, Klaus Eckenbrecher, daß meine Tochter, die Monika Fichtnerin – mit mir – in das Haus gehet und dich jungen Naseweis und Hansaffen, welchem noch nicht das Gelbe vom Schnabel gewischet ist, hier stehenläßt auf einem fremden Grundstück, bis der Flurschütz dich mitnimmt als einen Gartendieb und dir frei Losament im Turme anweist. Vale, wenn du's kannst, du ungeratener Knabe! He, du Dummkopf willst wohl deine Frau ernähren mit deinem Fischfang und Vogelfang? Gedenk an den alten Spruch: Drei Jäger, drei Fischer, drei Vogelsteller Könn'n nicht ernähren ein' Müßiggänger. Genug davon – und nun fort ins Haus mit dir, du Gänselein, daß nicht ein Schnupfen auf dich falle in der Nachtkühle. Ich will dir auch ein Sprüchlein sagen: Halt dich rein und acht dich klein, Sei gern mit Gott und dir allein, Mach dich nicht gar zu gemein, So bist ein frommes Jungfräulein! Ergo, laß den Burschen stehen, bis er hinter den Ohren trocken worden ist! Ins Haus mit dir!« »O haltet, haltet, Herr Pastore!« rief Klaus Eckenbrecher. »Höret mich erst an; denn ich verspreche Euch, Ihr sollt mich nicht wieder anschauen in langer, langer Zeit.« »O Klaus?!« flüsterte die arme Monika. »Halt den Schnabel, junges Ding!« sprach aber der Alte und wandte sich noch einmal halb zurück gegen den Knaben: »Deine Bedingung ließe sich hören. So sprich denn!« »Nun also, sehet, ehrwürdiger Herr, Euer Töchterlein, die Monika, die hole ich mir heim, das stehet so fest als Gottes Erde – das ist das erste! Und nun sehet, dort oben zieht der grimmige Stern, welcher Mord, Brand, Krieg und wieder Krieg ankündigt, – und nun schauet hier meinen Arm, welchen der stärkste Mann nicht biegt, wenn ich's nicht will, welchen ich mir aber abhacke, wenn die Monika es verlangt und darum bittet – und hier meine Hand sehet. Mit diesem Arm und mit dieser Hand will ich mir meine holde Braut, die Monika, erobern, und der liebe Gott wird mir dazu helfen, denn ich bin wahrlich nicht so schlimm, als man mich hält hier in Holzminden, allwo ich's auch satt, übersatt habe. Das ist das zweite.« »O Klaus, Klaus!« rief schluchzend Monika; aber der Pastor lachte: »Lirum, larum, das ist alles Wäscherei. Da also läuft's hinaus? Recht, folge nur des Teufels Heertrummel, denn das ist doch der langen Rede kurzer Sinn! Merke dir aber, daß ein allzu großes Maul noch niemalen was Rechtes erschrieen hat. Ich will nichts weiter hören, – komm Monika. Das ist das dritte und letzte.« Damit faßte der Pastor sein händeringendes Töchterlein, welches noch einmal gegen den Geliebten zueilen wollte, bei den Schultern und schob es vor sich her, dem Haus zu, wobei er sagte: »Geh, geh, du dummes, einfältiges Dirnlein. Laß den Buben laufen, der nur im großen Teich gut zu fischen vermeint. Hei, mit seiner starken Hand will er dich erobern. Laß es ihn versuchen; es ist wieder ein altes Wort: Wer nach ein'm güldnen Wagen ringet, Vielleicht davon ein Rad erzwinget. Verlier den Mut nicht, Monika; aber voran mit dir und sorge für das Nachtmahl und bitte Gott, daß er dich und den Burschen erleuchte und euch zeige, was für Kinder ihr seid, alle beide.« Damit verschwand der Pastor samt seinem weinenden schönen Kinde im Hause. Klaus Eckenbrecher hörte mit wirbelndem Kopf und Herzen, wie der Türriegel vorgeschoben wurde, und stieß dann einen gewaltigen Seufzer aus. Ein Schwindel ergriff ihn, er mußte sich niedersetzen auf die Gartenmauer. Er ließ die Beine baumelnd herabhängen und hatte trotz seinem großen Mute die allergrößte Lust, bitterlich zu heulen, und mußte sich sehr zusammennehmen, daß er nicht durch einen raschen Sprung in die Weser seinem Kummer ein Ende machte und sich auf immer abkühlte von Liebesglut und Liebespein. Drüben am linken Ufer ging noch immer der Bruder Festus auf und ab, seufzte und sagte: »Monika!« Der große Komet aber stieg immer höher am dunklen Nachthimmel, und die Wasser unten rauschten und murmelten, als ob auch sie zu seufzen und zu klagen hätten, aber ebenfalls ihre Seufzer und Klagen ersticken und unterdrücken müßten. Zweites Kapitel handelt von der Berechtigung der Existenz des Städtleins Holzminden und insbesondere von der Berechtigung der Existenz Klaus Eckenbrechers. Auf dem Rathause der Stadt Holzminden befinden sich wenige Dokumente, Urkunden und Belege über die Stadt selbst und noch weniger oder vielmehr gar keine über den Klaus. Wir haben aber trotz dem Zahn der Zeit und den Zähnen der Ratten und Mäuse durch unermeßlichen, fabelhaften Fleiß und nächtliches Studium mancherlei in Erfahrung gebracht, wofür wir uns den Dank der Gelehrten, welchen wir hier auf diesem Feld den ersten Pfad durch den Urwald bahnten, bei Gelegenheit ausbitten. Wir beginnen mit der Geschichte der Stadt, sagen, wo sie gelegen ist, was für ein Volk sie bewohnt, und gelangen dadurch endlich auch zu der Vorgeschichte unseres Klaus, der eine »historische Figur« ist und wohl wert, ein wenig aus der Nacht der Vergessenheit ans Licht und unter die Augen und Brillen des deutschen Publikums gehoben zu werden. Holtesminne oder Holtesmeni oder auch Holtesminnethun hieß bereits zur Zeit Karls des Großen dieser vergessene Erdenfleck. Die erste Benamsung steht auf dem alten Stadtsiegel. Was Minne ist, weiß ein jeder, oder sollte wenigstens ein jeder wissen, und Holtesminnethun bedeutet ein gar angenehmes, liebliches, minnigliches Ding und Örtchen am Holze – ein Winkelchen im grünen Walde, versteckt zwischen Berg und Tal – ein Eckchen gemacht für ein glückliches weltvergessenes Dasein! Und wahrlich, es ist gar kein übel gewählter Name für das Nestchen! Der große Wald, der Solling, zieht sich von Osten und Süden gegen die Feldmark der Stadt hinab, und hübschgeformte Berge blicken über die Stifter Corvey und Paderborn herein. Im Westen erheben sich der Ziegenberg und der Brunsberg über der Stadt Höxter, dann folgt der hohe Köterberg, welcher mit dem alten Brocken die zweifelhafte Ehre teilt, ein Lieblingsaufenthalt, Absteigequartier und Tanzplatz des bösen Feindes und des verruchten, schadenfrohen Volkes der Hexen zu sein. Gegen Nordwest bespült die Weser den Fuß der Klippen des Kiekensteins, welcher mit dem Knapp, der Graupenburg, dem Borrberg und dem Eberstein im Nordosten jenen Teil des Oggegaus – pagus Auga – , in welchem die Stadt Holzminden liegt, schließt. Römische Kohorten sind hier durch den schreckenvollen, geheimnisvollen Urwald gezogen und haben die gebleichten Gebeine vorangegangener Kriegsgenossen unter Schaudern vor den unbekannten Wäldern, Göttern und Menschen bestattet. Sie haben auch versucht, Siegeszeichen hier aufzurichten wie überall; es ist ihnen jedoch nicht gelungen. Cherusker und Sachsen haben hier gehaust, und letztere hausen hier noch. Die Sachsen hatten auch eine Feste auf dem Brunsberge, einen Ringwall, welchen der große Kaiser Karl mit gewaltiger Heersmacht belagerte und welchen Wittekind »de Heertog« entsetzen wollte, wobei aber ein großer Teil seines Volkes von den Franken in die gelben Fluten der Weser getrieben wurde und elendiglich umkam, die alten Götter anrufend. Viel könnte ich erzählen von dem Kaiser Ludwig dem Frommen, welcher das Stift Corvey gründete, die Gebeine des heiligen Märtyrers Stephan dahin führte und darauf mit unendlichem Gefolge von Pfaffen und Laien, singend, betend und sich geißelnd, die Reliquien des heiligen Vitus, dessen Bild noch zu sehen ist in der Abteikirche, allwo es steht und den abgeschlagenen Kopf in dem Arm trägt. Viel könnte ich sagen von den schrecklichen Einfällen und der grausamen Tyrannei der Hunnen, von dem großen Abt Saracho und den berühmten Grafen von Eberstein, deren letzter am Altar der Klosterkirche zu Amelungsborn erschlagen wurde und begraben liegt und denen die Stadt Holzminden vor undenklichen Zeiten zugehörig war. Ich bescheide mich aber und sage nur noch, daß die Grafen den Flecken Holtesminne schon im zwölften Jahrhundert zur Stadt machten und daß die Stadt im grausigen Jahr eintausendvierhundertsiebenundvierzig viel litt, als hier dreißigtausend Hussiten über die Weser gingen, nachdem sie eine blutige, brandschwarze Spur durch das deutsche Land gezogen hatten. Ich bescheide mich und versetze mich samt meinem großgünstigen Leser sogleich in das Jahr eintausendfünfhundertneunzehn, von welchem Jahre der Vers geht: »Dusend Fivhundert un Negentein Ward Dassel leider allto rein.« Das hat seine Bezüge auf unsern Klaus Eckenbrecher, und läuft der Faden davon also: Die großen Herren damaliger Zeit, Pfaffen und Laien, faßten sich und ihre Untertanen in ihren Mißhelligkeiten gegenseitig nicht mit Sammethandschuhen an, sondern zerzausten sich und ihnen so oft als möglich weidlich auf eine Art, welche eben nicht die allerchristlichste und gelindeste war, das Fell. So war nun in der berühmten und berüchtigten Hildesheimschen Stiftsfehde der Flecken Dassel am Sollinge, der gut bischöflich war, von den Braunschweigschen übel behandelt und ausgeplündert worden. Als nun im obengemeldeten Jahre des Herrn 1519 die hildesheimschen Herren und Obersten, Bischof Johann, Herzog Heinrich von Lüneburg, Karl von Geldern auf der Soltauerhaide so wacker dreingeschlagen hatten, daß sie nicht nur das Heer der Herzoge Erich und Wilhelm samt dem Zuzug eines ehrbaren Rates der Stadt Braunschweig vollständig zersprengten, sondern auch die beiden feindlichen Kriegsherren selbst gefangennahmen, da gedachten die Einwohner von Dassel sich rächen und ihren Schaden ungestraft gleichmachen zu können. Sie überfielen unversehens die feindlichen Dörfer Vorwohle und Bevern, trieben großen Unfug darin und zogen, nachdem sie ihr Mütlein gekühlt hatten, mit tüchtiger Beute wieder ab. Aber – übel gewonnen, übel zerronnen! – die Sturmglocken riefen die Geschichte bald aus im Lande, und was einen Harnisch, einen rostigen Schild, einen Flamberg, einen Spieß, eine alte Luntenbüchse oder nur eine Mistgabel, einen Dreschflegel, eine Holzaxt aufbieten konnte, war damit bereit und zog unter großem Geschrei aus, den »Pfaffenknechten« ihren Lohn heimzuzahlen und ihnen die Hellebarden, Kraut und Lot zu kosten zu geben. Zuerst waren die ergrimmten Bürger von Stadtoldendorf, das Volk der Leinweber, auf den Beinen; ihnen folgten die von Holzminden. Die umhersitzenden Edlen und Ritter, gleich den Wespen und Hornissen, die einen Honigtopf wittern, sattelten ebenfalls und zogen mit ihren Hintersassen den Städtern zu. Nun kam das Unheil den Leuten von Dassel auf die ungekämmten Köpfe! Unvermutet wurden sie mitten in ihrem Triumphe überfallen. Die Feinde stießen die eben erst wieder aufgebauten Häuser des Fleckens mit Brand an und machten so lustigen Kehraus, daß keine Wurst, keine Speckseite, kein Schinken, kein Huhn, keine Gans und Ente, kein Kuh- und Pferdeschwanz im Orte blieb. Die Chronisten streiten sich über die Kopfzahl des weggeführten Viehes; aber darin sind sie allesamt einig, daß Johann von Grone, Ritter, allein fünfhundert Malter Getreide ausdreschen und nach Jühnde im Göttingschen führen ließ. Ausnahmsweise ging aber das Fest ohne viel Verstürzung von Menschenblut ab. Hans Holtegel, ein Bürger von Dassel, wurde im ersten Anlauf erschossen, und einem andern, von dem sogleich die Rede sein wird, ward der Prozeß gemacht. Das war alles, und das war wenig. Das Rathaus des Fleckens stand in Flammen; Weiber und Kinder schrieen und heulten zwischen den schreienden und heulenden Angreifern; die waffenfähigen Bürger hatten sich in ihrer Not in die Kirche und auf den Turm der Kirche gerettet. Aber auch an dieses heilige Gebäude hielten nun die Sieger in ihrer Wut die Brandfackel und ließen johlend und brüllend von allen Seiten ihre Hakenbüchsen darauf abgehen, bis sie die unglücklichen Eingeschlossenen auf Ehrenwort: ihnen solle nichts an Leib und Leben geschehen – herausgeräuchert hatten. Halbgebraten krochen die Männer von Dassel hervor, und man hielt ihnen Wort bis auf ein Bruchteil, indem man dem Rädelsführer und Haupthahnen beim übelberatenen Beutezug, Lüdike Leifheit, den Kopf auf der Stelle vor die Füße legte. In diesen Wirrwarr versetzen wir uns nun. Noch brannte es lichterloh rings um die Kirche: die Schafe, Rinder, Kühe, Ochsen blökten, die Schweine quiekten, die Pferde wieherten, die Menschen jammerten und jubelten. Um die Beute und die Gefangenen tanzten die betrunkenen Sieger gleich Besessenen in der Berserkerwut ihrer gloriosen Heldentat, und ruhig hielt sich nur ein Reiter in all dem Spektakel. Mann und Roß sind wohl einer Beschreibung wert. Der Mann trug einen arg vom Rost zerfressenen Brustharnisch über einem langgedienten, abgeschabten, hellgrünen Wams, einen eingedrückten, grünen Spitzhut mit einer roten Hahnenfeder, an welcher Ratten genagt zu haben schienen. Ein Faustrohr hatte er vor sich quer über den schäbigen, mit einem Schaffell überzogenen Sattel gelegt, und ein breites, kurzes Schwert hing an einem breiten Bandelier an seiner linken Seite. Auch fehlte nicht ein tüchtiges Dolchmesser im Gürtel an der Rechten. In der rechten Hand hielt er eine Trompete, welche eigentlich seine Hauptwaffe war, – er nannte sich Tileke Eckenbrecher und war Stadttrompeter von Holzminden. Kleine, schwimmende, blinzelnde Augen blickten lustig und verwegen über eine große, rote, versoffene Nase, unter welcher ein verwahrloster Schnauzbart struppig über einen sehr respektablen Mund herabhing. Eine gewisse zwanglose Ungebundenheit sprach sich in allen Bewegungen des Mannes aus und schien sogar sich auf gewisse Weise dem Reittier desselben, welches ganz zu seinem Reiter paßte, mitzuteilen. Hochbeinig, hager, das Knochengestell behangen mit einem schlotternden, viel zu weiten, abgetragenen fuchsfarbenen Fell, stand es da und schien gleich seinem Herrn sein Seelengaudium an dem vorgehenden Spaß der Plünderung von Dassel zu haben und die ganze Sache für eine höchst angenehme Abwechselung des Alltagslebens zu nehmen. Für gewöhnlich ging es nämlich neben einer schwarzbunten Kuh einträchtiglich vor dem Pfluge oder dem Mistwagen und dulce est desipere in loco. – Seit man die unglücklichen Burschen von Dassel aus ihrer qualmenden Kirche hervorgezogen hatte, hatte Tileke Eckenbrecher seine ganze Aufmerksamkeit einem jungen Weibe zugewandt, welches bis zum letzten Augenblick mit großem Geschrei sich dem kurzen Prozesse widersetzte, den man mit dem armen Teufel Lüdike Leifheit machte. Dem gutmütigen Bürgermeister von Holzminden hatte dieses Weib die Gewährung der Gnade abgefleht und abgejammert; aber leider waren der Bürgermeister von Stadtoldendorf, die Ritter und das wüste, grimmige Volk aus den Bergen unerbittlich geblieben. Der Bürgermeister von Holzminden mußte also das Ding laufen lassen, wie es lief, so daß der armen Alheit Leifheit endlich nichts mehr übrig war, als sich die Haare zu raufen über dem kopflosen Tölpel Lüdike, ihrem – seligen Manne. Der Stadtzinkenist von Holzminden schüttelte bedachtsam das würdige Haupt, schneuzte sich mit dem Daumen und dem Zeigefinger und strich mit dem spiegelblanken Ärmel unter der Nase her – alles aus Rührung! Sein Fuchs schüttelte natürlich ebenfalls den verwegenen Kopf und blickte grade so seltsam verstört unter dem kurzen Stirnhaar hervor wie sein Herr unter seinem in die Stirn gezogenen Hute. »Alle Hageldonnerwetter – ist das ein Vergnügen!« sagte der Stadtzinkenist von Holzminden. – Als nun zuletzt keine Häuser mehr zu verbrennen, keine Töpfe und Pfannen mehr den unglücklichen Weibern vor der Nase zu zerschlagen waren, als alles Vieh und sonstige Wertvolle unter die Plünderer verteilt war, Holtegel und Leifheit nach besten Können und Kräften abgetan waren, fing die Heldenschar an, auf den Abmarsch aus dem verwüsteten Flecken zu denken, und fand, daß dem nichts mehr im Wege stand. Man knebelte also zum Beschlusse sechzehn der angesehensten Einwohner von Dassel die Hände auf dem Rücken zusammen, um womöglich späterhin noch Lösegelder von ihnen zu erpressen, teilte sich auch darin, und dann zogen Ritter, Bürger und Bauern, sehr zufrieden mit ihrem Tagewerk, am Martinsabend eintausendfünfhundertundneunzehn von dannen, ein jeglicher in seine Heimat. Das war die fünfte Verheerung, welche Dassel im Laufe des gesegneten sechzehnten Jahrhunderts auszustehen hatte! Einige Weiber nahm man ebenfalls als gute Beute mit, und der Bürgermeister von Holzminden, wie gesagt, ein weichherziger Herr, welcher in seinem Heimwesen bedeutend unter dem Pantoffel stand, hatte nichts gegen die Bitte seines Stadtpfeifers, sich der Alheit Leifheit annehmen zu dürfen, einzuwenden. »Bei Gott und Sankt Georgens Gaul«, sagte Meister Eckenbrecher, »es soll nichts Unehrenhaftes damit gemeint sein, Euer Gestrengen! 's ist mir nur von wegen der Einsamkeit in meinem Haus. Zu Holzminden will sich keine meiner erbarmen, und so mag das arme Ding mir das Wesen führen und mich zur Ordnung anhalten.« »Und das letztere ist Euch so notwendig wie das liebe Brot! Na, setzt nur das arme Geschöpf auf den Wagen dort und sprecht ihr ein wenig Trost zu und sagt ihr: ich könne nichts dafür, daß die Geschichte vorhin so übel ausgelaufen sei.« »Soll geschehen, Euer Gestrengen!« sprach der Stadttrompeter und tat, wie ihm geheißen war. Man brach auf. Nun gab es auf dem Wege durch den Sollinger Wald genug Gelegenheiten für den Trompeter, dessen sich keine mitleidige weibliche Seele in seiner Heimatsstadt annehmen wollte, die blutjunge Witwe von Dassel über den Verlust ihres rotköpfigen Ehemannes zu trösten, und es ist historisch zu beweisen, daß Meister Tileke Eckenbrecher keine einzige dieser Gelegenheiten unbenutzt vorübergehen ließ. Fort und fort trabte der Fuchs im Hahnentritt dicht neben dem Wagen her, auf dem die Alheit auf einer bunten Kiste, welche einst ihren Brautschatz enthalten hatte, saß. Es ist ebenfalls erwiesen, daß die Witwe nur auf der Hälfte des Weges ihr Gesicht weinend in der Schürze verbarg, daß sie dann anfing, von Zeit zu Zeit prüfende Seitenblicke auf die drollige Gestalt ihres Beschützers zu werfen, und daß sie sich zuletzt sogar in ein Gespräch mit demselben einließ und seine Tröstungen seufzend, aber ganz bereitwillig annahm. Im allerbesten Einvernehmen langte das Paar in Holzminden an, wo Glockenklang und weißgekleidete Jungfrauen und ein Lobgedicht die tapfern Sieger empfing und wo der Zinkenist der Marodeurswitwe bald darauf den annehmbaren Vorschlag tat, nach einem anständigen Trauerjahr seine eheliche Hausfrau zu werden. So etwas wäre gottlob jetzt freilich nicht mehr möglich; aber im Jahre fünfzehnhundertneunzehn waren die Herzen noch lange nicht so zart besaitet wie heutzutage. Damals stand die Zeit der ewigen Prügeleien in ihrer Blüte. Wer keine Püffe und Knüffe vertragen oder sie nicht mit Zinsen wieder heimzahlen konnte, der war übel beraten, verloren und verkauft und wurde unter die vom Weltschmerz Erfaßten gerechnet. Eine regelmäßig und unaufhörlich fortgesetzte Bearbeitung der Epidermis bleibt denn auch nicht ohne Einfluß auf die seelischen Zustände der Menschheit und stärkt nicht nur den Körper, sondern auch den Geist. So hatte es durchaus nichts Auffälliges, daß ein Jahr nach der Verbrennung von Dassel Tileke Eckenbrecher, der Stadttrompeter von Holzminden, und Alheit Leifheit, die Witwe des enthaupteten Lüdike, durch einen Benediktinermönch aus Corvey für die Zeitlichkeit und die Ewigkeit zusammengegeben und -genietet wurden. Der selige Gatte mochte darüber oben im blauen Himmel soviel oder sowenig Betrachtungen anstellen, als ihm gut dünkte. Die neue Ehe wurde bis zum Jahre 1530 in kürzern oder längern Zwischenräumen mit einem Kinde gesegnet, welches aber jedesmal, nachdem es kaum die Wände beschrieen hatte, der Welt wieder Valet sagte. Dann trat hierin ein Stillstand ein bis zum Jahre 1535, wo ein allerletzter Versuch, die Erde zu bevölkern, mit Erfolg gekrönt wurde, indem er unserm Klaus Eckenbrecher das Leben gab, seiner Mutter jedoch das ihrige kostete. Der Vater Tileke hatte auf diesen letzten Sprößling eigentlich gar nicht mehr gerechnet und durchaus nicht Anstand genommen, seine einstigen Erben soviel als möglich um ihre Freude wegen seines etwaigen Abscheidens zu betrügen. Sein ganzes Hab und Gut fast hatte er als ein lustiger Kauz zu seinem eigenen Vergnügen verjubelt trotz der wiederholten Einsprache seiner Hausehre, die manch liebes Mal über das schöne Sprichwort: »Liebschläge fallen wie Rosenblätter« zu seufzen hatte. Musikanten waren schon in jener Zeit ihres grenzenlosen Durstes wegen bekannt, und Hof und Haus, Kuh und Pferd glitten noch leichter, als jenes Kamel durch das Nadelöhr, die Gurgel des Trompeters hinab. Darob färbte sich die Nase des Wackern röter und röter, als schäme sie sich des übrigen Kerls. Sonnenuntergangsfärbig beleuchtete sie im Jahre 1540 Tileke Eckenbrechers Übertritt in die ewige Seligkeit, an deren Eingangstür der heilige Peter beim Anmarsch des Trompeters jedenfalls höchst verwundert und zweifelnd auf dem Schlüssel blies. – Somit haben wir gezeigt, daß es eine Stadt Holzminden gibt, und bitten unsere Leser, die Existenz unseres jetzigen Helden Klaus Eckenbrechers anzuerkennen. Wir lassen denn auch zur Belohnung den Vorhang fallen und ziehen ihn erst wieder im folgenden Kapitel auf, wo sich die Welt verändert hat, wie noch nie in so kurzem Zeitraum auf Erden, wo mancherlei, was vorher oben gestanden hat, nach unten gekommen ist und umgekehrt, wo aber Klaus Eckenbrecher als ein zwanzigjähriger Bursch in Wehmut und Kummer noch immer auf der Mauer des Pfarrgartens sitzen wird! – Drittes Kapitel Wie Herr Philipp von Spiegelberg, Graf zu Pyrmont, mit dem Abt von Corvey zu Tisch saß, einen Brief erhielt, dem Gemeinwesen von Holzminden einen gewaltigen Schreck einjagte und den Klaus Eckenbrecher mit sich nahm. Ja, was war alles in dem kurzen Zeitraum von 1519-1556, dem Jahre des großen Kometen, geschehen in der Welt! Welche Namen hat während dieser Spanne Zeit die Geschichte eingegraben auf ihre ehernen Tafeln! Was knüpft sich alles an die leuchtenden Zeichen: Karl der Fünfte – Franz der Erste – Soliman der Große – Luther – Melanchthon – Zwingli – Calvin – Ulrich Hutten – Albrecht Dürer – Cortez – Magalhaens – Thomas Münzer – Fiesco – Ariosto – Raffael – Michelangelo – Theophrastus Paracelsus – Lucas Cranach – Kopernikus – Holbein! Hundert mindere nicht zu nennen! Die Bibel war übersetzt, der Jesuitenorden gegründet, und der Zwiespalt der deutschen Nation war zum Besten der Welt, zum Jammer des Vaterlandes aber, von nun an auf lange, lange schwere, sich mühende, ringende Zeiten ein Faktum geworden! Und diese Teilung des Volkes in die zwei großen geistigen Heerlager war auch auf den kleinen Schauplatz unseres stillen Wesertals nicht ohne Wirkung geblieben. Von dem rechten Ufer des Stromes war der Katholizismus ziemlich vollständig verdrängt worden durch das Licht der neuen Lehre. Die gelben Fluten rauschten hier nun als Grenzmarke der beiden Glaubensparteien, in welche sich die Nation geschieden hatte. Doch was schwatzt der Geschichtenerzähler davon? Möge er sich genügen lassen, von dem zu sagen, was er versteht, und möge er seine Nase nicht in Dinge stecken, welche sehr kluge Leute viel besser verstehen als er. – Jetzt zogen nicht mehr die Zisterziensermönche von Amelungsborn, die Benediktiner von Corvey, die Franziskaner aus den Paderbornschen Klöstern auf der rechten Seite der Weser umher, zu taufen, zu trauen, zu firmeln und zu begraben. Überall saßen hier die lutherischen Pastöre bereits fest genug in den lutherischen Pfarrhäusern neben den lutherischen Kirchen, deren Turmhähne nach wie vor nur nach dem Wind sich drehten und nicht nach den großen Weltbegebenheiten. In Holzminden aber saß Ehrn Valentin Fichtner, predigte das unverfälschte, reine Wort Gottes und schrieb an seinem gelehrten Werke: De Daemonibus. Ehrn Valentin hatte noch den großen Doktor zu Wittenberg lehren hören und war ihm mit aller Glut der Seele zugefallen. Er war auf derselben Universität zum Magister gemacht worden und hatte bald darauf eine Nonne aus einem aufgehobenen und ausgeflogenen Kloster geheiratet. Katharina hieß diese treue Gefährtin, welche ihm den Johannes und die Monika geboren hatte und dadurch selig wurde, wie Katharina von Bora, deren Bildnis Meister Lucas Cranach zu Wittenberg mit der Inschrift gemalt hat: K. von Bora salvabitur per filiorum generationem, d. i. Katharina von Bora wird selig werden durch Kindergebären. Längst ruhte nun die Gute auf dem Stadtkirchhof zu Holzminden dicht neben der Kirche unter einem schmucklosen Leichenstein, auf welchem nur das Jahr ihrer Geburt und ihres Todes eingegraben war, auf welchem aber ebensogut wie auf jenem römischen Stein hätte stehen können: Fuit lanifica pia, pudica, frugi, casta, domiseda. Katharina Fichtnerin ahmte nicht jener dritten Katharina, dem Ehegespons des guten Philipp Melanchthon, nach, von der Camerarius leider schreiben muß, sie sei et victus et cultus negligens gewesen. Katharina Fichtnerin war fromm, eine gute Hausfrau und Mutter, sandte mit blutendem, aber ergebenem Herzen den einzigen Sohn in den heiligen Krieg, beweinte ihn und starb drei Jahre nach der Geburt der kleinen Monika, welche im Jahre 1556 kaum achtzehn Jahre alt war und welche der Taugenichts Klaus Eckenbrecher mit seinem starken Arm erobern wollte. Wir lassen die Toten und schauen wieder nach, wie die Lebendigen mit den Verwickelungen des Lebens fertig werden! Mancherlei trieb sich unter den wirren, blonden Locken und der harten Hirnschale Klaus Heinrich Eckenbrechers im Kreis, wie er in seinem Kummer auf der Mauer des Pastorengartens saß und, wie man zu sagen pflegt, mit den Beinen den Esel ausläutete. Mit dem, was ihm sein Vater als Erbteil hinterlassen hatte, war er ohne große Mühe bald genug fertig geworden. Von hundert Bürgern und Bürgerinnen Holzmindens haßten und fürchteten ihn neunundneunzig wie das Wildfeuer, den Brand im Getreide oder den Fuchs im Hühnerstall und den Marder auf dem Taubenschlag. Er war verrufen wie der Türke und der Papst, und sämtliche Hausväter der Stadt hätten ihn, seiner Streiche und Eulenspiegeleien wegen, nur allzugern zu Brei geklopft, wenn sie es gewagt hätten. Aber ein jeder hütete sich wohl, in ein Wespennest zu schlagen, und ein jeder kratzte sich gar bedenklich und trübselig hinter dem Ohr, wenn er des Schwanzes gedachte, den der Klaus, als ein Anführer und Häuptling aller wilden, unbändigen Gesellen des Gemeinwesens, hinter sich herzog. Die Monika aus dem Pfarrhause war bis jetzt fast das einzige Menschenwesen gewesen, welches den Tollkopf bändigen konnte. Und Tränen, bittere Tränen rannen eben diesem Tollkopf jetzt über die Wangen, wie er daran dachte, daß die gute Maid ihn nun nicht mehr ausschelten und nachher, hinter dem Rücken des Vaters, streicheln und küssen werde, sintemalen der »Alte« nun gar scharfe Wacht halten werde mit seinen scharfen Augen und Fußangeln und Selbstschüsse legen werde durch den ganzen Garten und rund um das Haus und rund um das holde Töchterlein her. Eben dieser Alte hatte es versucht, sich einen Gotteslohn an dem verwaisten Klaus zu verdienen, indem er denselben nach dem Tode des Trompeters, als niemand sonst sich um die junge Brut kümmern wollte, ins Haus nahm. Er gedachte dabei seiner eigenen hungrigen, durstigen, frierenden Jugend, seines Gesanges vor den Türen mildherziger Leute, und wie er zuletzt doch ein stattlicher, wohlangesehener Mann und Pastor zu Holzminden geworden sei mit Gottes Hülfe durch Gebet und Arbeit. Er hatte sich vorgenommen, aus dem Jungen etwas Rechtes zu machen – einen Lateiner, einen Gelehrten, ein Licht der evangelischen Kirche. Aber er hatte die Rechnung abgeschlossen, ohne das Musikantenblut und das Dasselsche Räuberblut, welches in den Adern seines Zöglings floß, als Faktoren aufzustellen. Je gedeihlicher der Bube an Körper aufwuchs, desto weniger wollte er mit den Büchern zu schaffen haben, und er fürchtete dieselben fast so sehr, wie die Nachbarn ihn fürchteten. Am liebsten strich er in Wald und Feld umher auf der Jagd nach Vogelnestern und dergleichen. Wie ein Fisch konnte er schwimmen, laufen wie ein Rehbock, klettern und springen wie ein Eichhorn. Körperliche Schmerzen und Anstrengungen achtete er nicht, um desto mehr aber geistige. Wie viele Prügel bekam er! Wieviel Gleichnisse, gute Lehren und Exempel ließ er zum rechten Ohr hinein, zum linken hinaus gehen! Gutmütig war der Bursch, eine frische, helle Stimme hatte ihm die Natur ebenfalls gegeben, mit ihr auch ein feines Gefühl für jede Musik, sei es, daß sie hervorgebracht wurde durch herumziehende Sänger und Pfeifer oder durch die Vögel im grünen Wald oder durch die Orgel in der feierlichen Kirche. Sein Lieblingsinstrument blieb aber das ganze Leben hindurch die Zinke – das hing ihm an wie die Erbsünde. Die Jahre kamen und gingen: der Knabe wuchs heran gleich einer jungen Tanne, welche einen guten Stand hat. Was er wollte, lernte er, und der Pastor Valentin Fichtner hielt es für sehr wenig. Er sagte deshalb auch seinem Zögling öfters voraus, daß er ihn einmal aus dem Hause werfen müsse und werde. Und – dictum, factum! – nach einer große Klage sämtlicher Nachbarn und Nachbarinnen trat das Vorhergesagte ein. »So geh, wenn du es nicht besser haben willst, du verlorener Sohn. Geh, und komm mir nicht wieder vor die Augen; in Unschuld wasch ich meine Hände!« Und der Klaus ging. Beim Abschiednehmen wurde ihm zum erstenmal klar, daß er die kleine Monika doch recht lieb habe und daß er wirklich ein recht großer Schlingel sei. Aber er ging doch, seine Reuetränen herunterschluckend, und lief mit einem Geleitbrief des guten Pastors zu einem Förster im Solling, dessen Freundschaft er schon lange erworben hatte und der ihn in seinem halbwilden Waldleben gern aufnahm. Hier, im düstern Forst, bildete er sich in allen den Künsten, an welchen sein Herz hing, mit größerm Eifer aus, als er in dem stillen Studierstüblein des geistlichen Herrn zu Holzminden an den Tag gelegt hatte. Er lernte mit der Armbrust und der Büchse umgehen, lernte jeden Laut und Ton der Vögel und Vierfüßler des Waldes nachahmen, so daß ihm der Jäger in Hellenthal bald das Zeugnis geben mußte: es stecke ein weidgerechter Jägersmann in ihm. Auf allerlei Kreuz- und Querwegen schlug sich Klaus Eckenbrecher durch die Welt bis zum fünfundzwanzigsten März des Kometenjahres 1556, wo er uns zum erstenmal vor die Augen trat. Wie alle im wilden Wald ohne Gnade, dem Erdenleben, von einem Mißgeschick Betroffenen gab er sich, nachdem der Pfarrherr sein weinendes Töchterlein fortgeführt hatte, einem etwas verworrenen Selbstgespräch hin, welches endlich in folgenden Worten zum Abschluß gelangte: »Ja, ich muß fort! Hier ist's vorbei für mich! Ich muß in die weite Welt; ich halte es hier nicht mehr aus. Wahrlich, ich will sehen – bei Sankt Georgen Gaul! wie mein Vater sagte – ob es hinter den Bergen auch noch Menschen gibt oder ob da wirklich alles mit Brettern vernagelt ist, wie die Dummköpfe meinen. Ja, in der weiten Welt will ich mir die schöne Braut erobern. Ach Gott, wenn ich sie nur gleich mitnehmen könnte, die Monika! O du lieber Gott, warum hab ich doch keinen Sinn und Schick gehabt fürs Lernen und für die grausamen Bücher! Wenn der Alte nur wollte, so könnte sich wohl alles machen; aber der Alte will ja nicht! – ach, der Alte, der Alte!« Der Redner stand plötzlich auf den Füßen und schlug die Arme übereinander: »In die weite Welt!« Der Nachtwind, welcher in seinen Haaren wühlte, schien ihm zuflüstern und auseinandersetzen zu wollen, daß die weite Welt, welche er aus Erfahrung kenne, wohl das Beste für ihn – den Klaus – sein werde. »Aber wohin, wohin?« Klaus rieb sich die Stirn, biß die Zähne aufeinander und war eben daran zu beschließen, die Sache sich während eines ruhigen Schlafes in der Dachkammer eines seiner Kameraden zu überlegen, als eine ungewöhnliche Lichterscheinung am Horizont seine ganze Aufmerksamkeit erregte und ihn fürs erste noch festbannte auf der Mauer des Pfarrgartens. In der Biegung, welche die Weser in der Nähe der Tonenburg macht, schlug plötzlich ein roter Schein empor wie von vielen Fackeln oder von einer Feuersbrunst. Zugleich glaubte Klaus den Klang ferner Trompeten und Hörner zu vernehmen. Er täuschte sich auch nicht. Die Töne näherten sich, und bald wurde es ihm deutlich, daß der Feuerschein ebenfalls nicht an einer Stelle hafte, sondern sich langsam den Fluß hinunter bewege. Nach einiger Zeit vernahm der aufmerksam Horchende zwischen dem Hörnerklang deutlich jubelnde Menschenstimmen und lauten, fröhlichen Gesang. »Holla! Was gibt's da? Alle Teufel, was ist das?« ... Das war Herr Philipp von Spiegelberg, der Graf zu Pyrmont, welcher von einem Besuche beim Abt von Corvey, einem sehr liebenswürdigen und gastfreundlichen Herrn, zurückkehrte nach seinem Schloß am heiligen Born und seiner Grafschaft, nachdem er einen sehr dringenden Brief von seiner ältesten Schwester Ursula erhalten hatte und dadurch zu seinem höchsten Ärger und zu größester Unruhe aus dem angenehmen Leben der reichen Abtei aufgestört worden war. Der Brief, geschrieben in der Orthographie der Damen jener Zeit, welche – ich meine die Rechtschreibung – noch ein klein wenig schlechter war als die, in welcher die weiblichen Gemüter heutiger Ära ihren Herzchen in Schimpf und Glimpf Luft machen, lautete, nachdem der junge Graf mit Hülfe des Abtes die »Uilen un Apen« – Eulen und Affen – , welche das Papier bedeckten, mühsam zu Buchstaben und Worten umgesetzt hatte, folgendermaßen: »Viel und sehr geliebter Herr Bruder! Der Walburg und meinen besten Gruß allzuvoran Euch und unserm Herrn Abt von Corvey, dessen geistlichen Segen wir allhier in Ehrfurcht erbitten. – Kehrt doch, geliebter Bruder, nachdem Euch dieses zu Händen geworden ist, sobald heim, als es angehen wird; denn wir finden uns allhier in großer Verlegenheit, und schwindelt uns armen Weiblein der Kopf mächtiglich. Es hat sich auf einmal angefangen das bresthafte Volk um unsern heiligen Born zu sammeln, daß nun eine fast große Vergadderung daraus worden ist und niemand hier weiß, was noch daraus werden wird. Erst kam es einzeln wie Tropfen vor dem Platzregen, dann immer mehr und mehr, gleich dem Platzregen selbst, in ganzen Strömen. In hellen Haufen hat sich urplötzlich das Volk versammelt, und jetzt liegt in allen unsern Dörfern und in Lügde und weit ins geistliche Land hinein alles voll. Ja, sie haben in den Gehölzen umbher ein ordentlich Heerlager aufgeschlagen, tun großen Schaden an Wild und Wald, und ist ihnen nicht zu wehren und zu steuern. Liebster Bruder, fahret doch heim; es tut weidlich not, daß Ihr zu Land und Leuten sehet! Die Knechte sitzen Tag und Nacht zu Pferde, Ordnung zu halten. Sie kommen aber nicht dazu, weil der Herr im Haus fehlt. – Viel Gaukler und fahrend, liederlich Gesindel hat sich allbereits auch schon angesammelt und treibet ein bös, gottlos Wesen. Lieber Bruder, kommet doch gleich, das Volk hat nichts zu essen, denn es ist ja nicht vorgesehen und vorgesorgt. Kommet doch ja bald, Philippe; kommet gleich! Sonst sind wir mit Gottes Hülfe hier allesamt wohl und heil, aber sehr unruhig in dem großen, schreckhaften Lärm und Getümmel. Es sind auch Briefe für Euch ankommen, geliebter Bruder, welche wir nicht geöffnet haben, sintemalen sie so große Siegel tragen, von Brandenburg und von Koburg. Der Herr nehme Euch und unsern lieben Herrn Abt und Gastfreund in seinen Schutz! Eure Schwester Ursula von Spiegelberg. Nachgeschrift: Wir haben viel geschlagen Holz verkauft an die geistlichen Herren zu Paderborn, und der Walburg weiße Stute hat geworfen ein schwarz Füllen. Ursula und Walburg.« Weidlich hatte der junge Graf zu Pyrmont geflucht, und sehr nachdenklich und bedächtig hatte der Abt von Corvey das ehrwürdige tonsurierte Haupt geschüttelt und das milde, glänzende Gesicht in düstere Falten gelegt, als beide über der Mittagstafel das schwesterliche Notschreiben zwischen den geleerten und vollen Flaschen und Humpen, den geleerten und vollen Schüsseln studierten, während der kotbespritzte Bote an der Tür wartete und das abgejagte Roß desselben im Schloßhofe auf und ab geführt wurde. Dann hatten beide Herren – der geistliche und der weltliche – diesen Boten weitläufig ausgefragt, und derselbe hatte eine umständliche Beschreibung von dem »seltsamen, tollen, unerhörten« Leben und Wesen in dem grünen Waldtal von Pyrmont geliefert. Darauf hatte der Abt betrübt gesagt: »Da ist nichts weiter zu machen, Philippe! Die armen Weiblein scheinen in der Tat drunten in großer Not zu sein. Also – macht, daß Ihr nach Haus kommt, Philippe!« Und der Herr von Spiegelberg, welcher den gastlichen geistlichen Herd gar ungern so bald verließ, fluchte noch ingrimmiger als zuvor und schlug mit der geballten Hand auf den Tisch, daß alles Geschirr klirrend hoch aufhüpfte. »Bei des Teufels Schnupftuch, das hat man nur von dem heilsamen Wasser, der allzu gesunden Gottesgabe! Nichts als Ärger und Not und Schaden! Der böse Feind hole den Spaß – wartet, ich will euch auskehren, wenn ich heimkehre!« Ob solcher bösen, unbedachten Worte bekreuzigte sich jedoch der Abt, verwies sie ernstlich seinem jungen Gaste in einer zierlich gesetzten Rede und hob die Tafel auf. Daraufhin hielt er dem Grafen eine zweite, noch eindringlichere Rede über seine gottlose Ansicht von der Sache, daß endlich Herr Philipp, wenn auch mit Widerstreben, einsah, der alte Herr habe recht. Die Abreise des Gastfreundes wurde schon auf denselben Abend festgesetzt. – Wohl war es unangenehm genug, dem behaglichen Leben, dem guten Keller, der vortrefflichen Küche der berühmten Abtei auf so schnöde, schnelle Weise den Rücken wenden zu müssen! Wer konnte es dem jungen Grafen verdenken, daß er, nachdem sich der Abt entfernt, seinen Gefühlen doch noch nach Herzenslust Luft machte? Nichtsdestoweniger aber befahl er seinem Gefolge, sich zur Abreise bereitzuhalten. Auch in die große Halle des Klosters schlug die unerwartete Nachricht ein gleich einem Blitzstrahl aus heiterem Himmel. Rosse und Reiter schüttelten darob traurig entsagend die Köpfe, und gewaltiges Getöse bewegte die Gewölbe und Höfe der sonst so stillen Abtei. Schon wurden auf Befehl des Abtes die Schiffe des Stiftes gerüstet und die Ruderer aufgeboten; denn der Graf zu Pyrmont wollte seine Heimfahrt wenigstens so lustig als möglich machen und zog die Wasserfahrt dem Ritte quer durch das Land vor. Gegen fünf Uhr des Nachmittags war alles bereit zur Fahrt die Weser hinunter. Drei große Kähne lagen unter den hohen, noch kahlen Kastanienbäumen am Ufer des Flusses und nahmen gegen sechs Uhr die Mannen von Pyrmont auf. Der erste Kahn trug ein Zelt, geziert mit den Farben der Abtei. In dieses stieg gestiefelt und gespornt, äußerlich beruhigt, aber innerlich grollend, Herr Philipp samt seinen Adelbursen, seinem Bannerträger, seinem Stallmeister und zwei Hornbläsern. In den beiden andern, größeren richteten sich die Knechte ein. Neben jedem Reiter stand das aufgezäumte Roß. Jetzt wurden Fässer mit Getränken, gut gegen die kühle Nachtluft, herbeigetragen und ebenfalls in die Schiffe gebracht. Der Abt samt seinen Mönchen gab den scheidenden Gästen das Geleit bis ans Ufer. Noch einmal entstand ein bedeutendes Händeschütteln zwischen Laien und Pfaffen, Beteuerungen, Freundschafts- und Dienstversicherungen aller Art mischten sich darein; dann stießen die Ruderer ab vom Lande, und unter lautem Zuruf glitten die Schiffe in die Mitte des Flusses. Die Hörner bliesen der gastlichen Abtei und ihren frommen Bewohnern zu Ehren zum Abschied ein lustiges Stücklein, die Reisigen riefen: Hallo und Vivat – die Rosse wieherten und ließen sich kaum bändigen, die Pagen schrieen: Heil dem Bruder Kellermeister! Heil dem Küchenmeister! Dreimal Heil dem Herrn Abt von Corvey! Die guten Benediktiner aber, mit ihrem freundlichen Abt an der Spitze, winkten vom Ufer mit den Händen und den Sacktüchlein und lachten fröhlich in geistlicher Dezenz ob dem unverhohlenen Unmut, mit welchem die Gäste schieden. Die Hintersassen der Abtei drängten sich ebenfalls an das Ufer von den Klosterfeldern her und schrieen ebenfalls aus vollem Halse: Vivat! Vivat! Heil! Heil! Aber schon ward die Dämmerung zur Nacht. Die Sterne und der große Komet mitten unter ihnen traten hervor am Himmelsgewölbe. Auf den drei Kähnen zündete man die mitgenommenen Fackeln an. Lustig spiegelte sich der Feuerschein im Strom, in den Brustharnischen der Reisigen, in den Bechern, in den Augen und allem, was sonst noch glänzen konnte. Jetzt riefen die Glocken der in Nebel und Dämmerung schwindenden Abtei zur Abendmette, und aus der Ferne drang leise das Geläut der Stadt Höxter herüber, während das protestantische Ufer stumm liegenblieb. Vorüber glitten die Berge und die Ebenen, die Dörfer und die einzelnen Gehöfte und Häuser, »Ho, ho, immer donne, immer donne!« erklang der Ruf der Ruderer, wie sie sich kräftig an die Ruder legten. In den beiden letzten Schiffen stimmten die Männer mit rauhen, unharmonischen Kehlen ein Wanderlied an, welches gar keine üble Wirkung machte. Nun lief der Schein der Fackeln an der Tonenburg herauf. Aus Albaxen strömten die aufgeschreckten und neugierigen Bauern haufenweise an das Ufer – nun war der Augenblick gekommen, wo Klaus Eckenbrecher von der Mauer des Pfarrgartens verwundert nach dem seltsamen Lichterglanz auf dem Flusse ausschaute. Aber nicht allein die Aufmerksamkeit der Albaxener Bauern und des Klaus wurde erregt, sondern ein jäher Alarm lief blitzschnell durch das ganze Städtlein Holzminden. Boten eilten zum Bürgermeister Herrn Henning Uhlenhut und zum fürstlichen Amtmann. Das Volk stürzte aus den Häusern in die Gassen und hinunter zum Fluß, und manch eine Abendsuppe wurde kalt darob, und manch ein Krug voll Bier wurde schal und stand ab. Die wackeren Bürger, nun schon wochenlang durch den greulichen Kometen in großer Aufregung gehalten, witterten in dieser ungewöhnlichen Lichterscheinung das verderbenbringende Geschick, welches der Schweifstern verkündigt hatte. Sie waren der Meinung, nun nahe das Schrecknis, nun komme Krieg, Mord und Brand, nun seien die bösen Zeiten des Glaubenskrieges von neuem vor der Tür. Mit unbegreiflicher Schnelligkeit hatte sich die Panik durch die Stadt verbreitet. Es wurde ein Leben in den Gassen, wie wenn der Ruf durchs Dorf erschallt: Der Weih kommt, der Weih kommt!, ein schwarzer Punkt, kaum bemerkbar dem unbewaffneten Auge, in der blauen Luft schwebt und Weiber und Hühner vor Angst und Not nicht wissen, wohin. Die Mutigsten der Bürger langten die verrosteten Hakenbüchsen von den Wänden und sahen sich nach Pulver, Kugeln und Lunten um; Spieße und Hellebarden wurden aus den Winkeln gerissen, die alten Schwerter umgeschnallt oder auf die Schulter gelegt, wenn die Mäuse das Lederwerk zerfressen hatten. Pickelhauben wurden auf gekämmte und ungekämmte Köpfe gestülpt, Brustharnische wurden umgeschnallt. – Die Hasenherzen dagegen und die Weiber warfen trostlose Blicke auf die Tapfern und auf ihre Habseligkeiten, ließen das Wertvolle unbeachtet und suchten mit zitternden Händen allerlei Rumpelei zusammen, um sich im Notfall damit zu retten aus der hereinbrechenden Verwüstung und dem Weltuntergang. Der Bürgermeister Uhlenhut, der Amtmann, die Ratsleute und alles Federvieh samt Ferkeln, Hunden, Katzen und Kindern war befehlend, rufend, gackernd, schnatternd, quietschend, bellend, miauzend, kreischend urplötzlich auf den Beinen. Wer konnte wissen, was da feurig die Weser herabschwimme, ob der Kaiser, der Teufel, der Papst oder der Türke? Alle vier gleich gefürchtet zu jener Zeit von den Anhängern Martin Luthers. Auf dem von der alten Burg der Grafen von Eberstein allein noch übriggebliebenen festen, runden Turme brachten die strategischen Genies des Gemeinwesens die einzige, verrostete Kartaune, welche die Stadt besaß, in solche Lage gegen den Spiegel des Flusses, daß wenigstens sein Schuß – wenn es Gottes Wille sein sollte und das alte Ding losging – ein Boot voll Übeltäter und Raubgesindel treffen und in den Grund bohren könne. Reisig häuften andere Kriegskundige an der Fähre zusammen, um es beim Näherkommen des Abenteuers in Brand zu setzen, damit man doch sehen könne, mit wem man es eigentlich zu tun habe. Hinter den Holzhaufen, welche zum Verflößen am Ufer bereit lagen, postierten sich die besten Schützen der Stadt, die Männer, welche gewöhnlich den Vogel auf dem Schützenhofe abschossen, und eifrig bliesen sie ihre Lunten an. Der Pfarrer Fichtner, welcher den Chorrock übergeworfen, die Bibel in die Tasche gesteckt und das Schwert seines Johannes unter den Arm genommen hatte, schritt hin und wider durch die Menge, ermutigend, tröstend, beruhigend, wie es einem mutigen, echten Seelenhirten zukam; denn überall herrschte Verwirrung und Not, und der einzige Gleichmütige und Sorglose in diesem wimmelnden und aufgestörten Ameisenhaufen war Klaus Eckenbrecher. Er sah sogar den kommenden Schrecknissen mit einem gewissen kitzelnden Behagen entgegen. Zu verlieren hatte er nichts, und vielleicht konnte er alles gewinnen, wenn ihm das Schicksal wohlwollte und ihm eine Gelegenheit gab, die holde Monika aus hundert Fährlichkeiten zu retten. Wie vortrefflich würde es dann sein, wenn der »Alte« nun einsähe und eingestände, der Klaus sei doch ein ganz ausgezeichneter Bursche! Wie hübsch würde es sein, wenn er – der Alte – aus Dankbarkeit ihn – den Klaus – auf der Stelle mit der holden Monika kopuliere und alles Volk von Holzminden dabeistünde mit abgezogenen Hüten und jämmerlich dem Klaus das angetane Unrecht abbitte! Mochte der Feuerschein bringen, was er wollte, dem Klaus Eckenbrecher sollte es nicht zum Schlechten ausschlagen! Der Bube hatte längst seinen Lugaus auf der Mauer des Pastorengebäudes aufgegeben und trieb sich nun, die Hände in den Taschen, das kohlblattähnliche Barett mit der Falkenfeder verwegen zur Seite gerückt, am Ufer der Weser umher, um das nahende Abenteuer aus der ersten Hand zu haben. Den Bürgermeister Uhlenhut, welcher in zitternder Hast, obgleich er vollkommen nüchtern war, einherwackelte gleich einem alten Bacchanten oder einem Leinweber – trat er auf den Fuß, ohne sich nur zu entschuldigen, ja, der abscheuliche Bösewicht lachte sogar noch hämisch über den Würdigen, welcher sich kaum regen konnte unter seinem Panzer und seiner Sturmhaube. Noch unverschämter aber gebärdete sich der Eckenbrecher, als der Vater der Stadt verlangte, Klaus möge ihm das gewichtige Schwert tragen, bis es zur Schlacht komme. »Davon schreibt Lukas noch lange nichts!« brummte das Dasselsche Blut. »Tragt's Euch selber oder reitet darauf; aber schneidet Euch um Gotteswillen um Eurer Frau wegen nicht daran!« lachte der Spötter und drehte sich auf den Fersen kurz um und wies dem ehrbaren Herrn den Rücken. Der Bürgermeister sah sich wütend nach seinem Ratsdiener um, daß er den verwegenen Burschen beim Kragen nehme. Da aber Schöppelmann, der Stadt-Haltefest, eben mit an der Donnerbüchse auf dem Burgturm beschäftigt war, so mußte der ergrimmte Herr seine Wut hinterschlucken. Näher und näher kam der Fackelschein, immer deutlicher vernahm man die Hornklänge, das Geschrei der Schiffenden. Immer größer wurde die Angst und Aufregung des Städtleins Holzminden. Jetzt war das Schrecknis grade der Stadt gegenüber funkensprühend und waffenblitzend! Eine tiefe Stille trat ein; die tapfersten Herzen klopften sehr vernehmbar, die stärksten Kniee schlugen aneinander! »Eins – zwei – drei!... Drei Schiffe! Drei Schiffe voll Kriegesvolk!« ging es durch das atemlose Volk. Die Lunten waren aufgeschroben, die Spieße gesenkt; alles hielt sich bereit zur mutigen Abwehr des unbekannten Feindes; und das blutdürstige, brandsüchtige, heillose Geschöpf, der Komet, richtete vor Vergnügen seinen Schweif steilrecht empor, und manch ein ehrlicher Bürger behauptete nachher sogar, es habe damit gewedelt. Und nun hielten die Schiffe grade auf das rechte Ufer und die Stadt zu; aber damit – endete auch die Angst, denn zwischen dem Jauchzen und Rufen vernahm man deutlich ein lustiges und friedfertiges Becherklingen, und aus Schlachtgesängen wurden Trinklieder; einige scharfäugige Bürger erkannten die Farbe des Zeltdaches über dem ersten Kahn und die Zeichen des Banners, welches sich im Vorderteil entfaltete. »Die Klosterschiff von Corvey! Die Fahn von Spiegelberg! Das Banner von Pyrmont!« schallte es jubelnd aus jedem Mund. Alle Not und Angst machte sich in einem unendlichen Geschrei Luft. Jedes Herz wurde leicht, jede Brust atmete freier! Man feuerte zum Willkommensgruß die Büchsen in die Luft und versparte die Ladung der Kartaune auf eine andere Gelegenheit. Man sprang und tanzte das Ufer entlang, man fiel sich um den Hals, langjährige Feinde schlossen einander in die Arme. Fröhliches Getümmel drängte sich um die landenden Schiffe und um Herrn Philipp von Spiegelberg, welcher grüßend an das Land trat und nicht wenig über den geharnischten Bürgermeister und seine mit allerlei Schwierigkeiten verknüpften Verbeugungen lachte. Noch mehr lachte der der Stadt wohlbefreundete Herr über die verworrene Erzählung der Bürgersleute und den unnötigen Angstschweiß, den sie sich immer noch von den Stirnen wischten. Der Graf zu Pyrmont war ein lustiger junger Bursch, kaum sechsundzwanzig Jahre alt, und fuhr nicht gern umsonst in solch lauer Vorfrühlingsnacht den alten Weserfluß hinab. Die hübschen niedersächsischen Mädchengesichter in den Haustüren und Fensteröffnungen den Strom entlang, die Wirtshäuser rechts und links waren wohl schon manchmal eines kleinen Aufenthaltes wert, und ein lustiges Abenteuer war auch nicht zu verachten. Ob das hübsche Mädchen oder das gute Bier protestantischen oder katholischen Ursprungs war, kümmerte den Spiegelberg wenig. Wie hätte er vorüberfahren können, ohne der guten Stadt Holzminden einen Abendbesuch abzustatten und wie der gemütlichste Vetter Michel ein klein Geschwätz zu halten mit dem Senat und Volk? Einen Becher Rheinwein, Bastard oder Muskatell aus dem Ratskeller auf das Wohl der Stadt, ihrer Bürger und Bürgerinnen zu leeren, hatte auch durchaus nichts Unangenehmes an sich. Solches geschah nun, und gewaltiger Jubel schlug an das Ohr des geschwänzten Ungetüms oben in der Luft. In ritterlichem Barett und grünem Jagdgewand, die goldenen Sporen an den Stiefeln, stand der Graf im Kreise der Bürgersleute, wohlgemut den Becher, welchen des Bürgermeisters schönes Töchterlein errötend kredenzt hatte, in der Hand haltend. Von allem mußte Philipp von Spiegelberg wissen: von Heirat, Taufe und Tod, vom letzten großen Viehsterben und vom greulichen Haselwurm, welchen man im Pipping gesehen haben wollte. Auf jede Gesundheit, welche im Kreise ausgebracht wurde, stieß er freudig an und lachte herzlich über jede Schnurre, welche zu Tage gefördert wurde. Über die Schulter des Bürgermeisters aber glotzte Klaus Eckenbrecher und hielt das jetzige Ereignis für die günstigste Gelegenheit, hinauszukommen in die weite Welt. Er wußte ganz genau, daß Herr Philipp von Spiegelberg nur seinetwegen in dieser Nacht an der Stadt Holzminden vorüber geschifft worden war. »Also einen solchen Schrecken hab ich euch eingejagt, ihr guten Leut?« rief nochmals lachend Herr Philipp. »Das ist mir wahrlich ein großes Leid, Herr Bürgermeister. Auf Euer Wohl, Herr Pastor! ... Ja, denk wohl, ihr hättet mir ein heißeres Willkommen gebracht als dies Gläslein kühlen Weines, wenn ich kommen wär, eure Stadt mit Sturm anzulaufen! Na, nichts für ungut: wir bleiben doch Freunde und Nachbaren, nicht wahr, ihr wackeren Männer und lieben Freunde, ihr schönen Frauen allgesamt?« »Ja, ja, ja – das sind und bleiben wir – vivat der Graf von Pyrmont!« schrie und jauchzte man umher. Nachdem man noch mancherlei hin und wider geredet hatte, nahm der Graf Abschied und wandte sich, um in sein Schifflein zurückzutreten. Nun aber sprang ihm der Klaus in den Weg, sein Barett in der Hand. »O, gnädiger Herr, noch ein einziges Wörtlein! Braucht Ihr nicht einen Jäger, einen Reiter, einen Büchsenspanner? O, gnädiger Herr, wollt Ihr mich nicht mit Euch nehmen? Ach, wenn Ihr doch wüßtet, wie es mir hier zu eng geworden ist im Nest!« Graf Philipp warf einen gutlaunigen Blick auf die frische, kecke Gestalt vor ihm. »Ho, ho, zu enge ist's dir hier worden? Was will das bedeuten, mein Meister?« »Gnädiger Herr«, fiel eifrigst der Bürgermeister Uhlenhut hier ins Gespräch, »zu ewiger Dankbarkeit wär Euch die Stadt verpflichtet, wenn Ihr dem Buben seine Bitte gewährtet.« »Wahrlich, Herr Graf zu Pyrmont, nehmt ihn mit Euch!« sagte die ehrliche, rauhe Stimme des alten Fichtner. »Vielleicht wird er draußen besser tun und gedeihen als hier, wo er nichts als Unfug anstiftet.« »Nehmet ihn mit, nehmet ihn mit, gräfliche Gnaden!« erschallte es im Chor rund umher, und alle ältern Weiber waren voran dabei. Die jungen Mädchen jedoch hielten sich ganz still; ihnen war der Eckenbrecher jedenfalls am wenigsten verhaßt, und wenn ihn der Graf mit sich fortnahm, ging ihnen der beste Tänzer auf den Kirchweihen, wenn man den Rosenkranz sang und den Ringelreihen schlang, verloren. »Nehmet das Unkraut mit Euch!« klang es lachend und ärgerlich zugleich, und Herr Philipp von Spiegelberg lachte am lautesten und hellsten über den Eifer, welchen das Weichbild von Holzminden, das räudige Schaf loszuwerden, an den Tag legte. »Wahrlich, mein Bub«, sprach er, »du scheinest mir ein loser Vogel zu sein. Was hast du ausgefressen, daß niemand ein gutes Wort von dir zu sagen weiß?« Klaus seufzte, schaute schief empor zum großen Kometen und zog nur die Achseln ein wenig zusammen, als jetzt alle Schleusen sich öffneten und eine wahre Flut von Vorwürfen und Anschuldigungen auf ihn einschoß. »Ein Taugenichts, ein Tagedieb, ein Nichtsnutz ist er! Ein Vagant, ein Galgenstrick, ein Fuchsschwänzer!« »Nein, Herr Graf«, sprach aber der Pastor Fichtner, »nein, ein Fuchsschwänzer ist er nicht, sondern nur ein Tollkopf, welcher sich die Hörner abrennen muß. Aber dazu ist's auch die allerhöchste Zeit! ... Vielleicht kann noch durch Hunger, Durst und Prügel bei ihm Rat geschafft und der Hangmann um seinen Hals betrogen werden. Wollt Ihr Euch damit befassen, dem Burschen die Ränke und Schwanke, deren er voll sitzt, wie der Buchenbaum voll Maikäfer, auszutreiben, so greifet Ihr ein verdienstlich Werk an.« »Und Euer Töchterlein, die süße Monika, führ ich doch heim!« schrie Klaus Eckenbrecher schluchzend. »O, Herr Graf, kehret Euch nicht an das, was sie sagen; ich tue wohl schon gut; aber meinen Schatz muß ich mir erreiten können!« »Ha«, rief Herr Philipp, »eigentlich gefällst du mir, Bub! Also, du willst mit mir gehen, in meinem Dienst dein Glück zu probieren? Kannst du schießen?« »Den Vogel im Flug!« schrie Klaus. »Ja, schießen kann er und Fische fangen und Vögel stellen!« riefen die Bürgersleute. »Und die Mädchen küssen!« schrie eine einzelne Stimme hell aus dem Haufen. Ein Genosse des Eckenbrechers gab so seinen Senf dazu. Einen wütenden Blick warf der Angeschuldigte nach der Seite, von welcher diese letzte schnöde Behauptung kam. »Nur die Monika! Bei Gott, nur die Monika, du Schuft!« brüllte er. »Komm heraus, wenn du was willst, und verkriech dich nicht hinter den Weiberröcken!« »Halt da!« rief der Spiegelberger lachend. »Ich will's schon glauben, daß du nur die Monika küssest! Das ist auch recht! Immer nur eine, die aber dann tüchtig! Wie nennst du dich eigentlich?« »Klaus Heinrich Eckenbrecher!« »Ins Schiff mit dir, Klaus! Ich geb dir ein Pferd, Wehr und Waffen und lasse dich aufhängen, wenn du nicht gut tust. Ich nehme dich mit mir; die Schwester schreibt mir ja, daß wir daheim nicht Leute genug haben, Haus und Hof zu schützen. Ade ihr Herren allgesamt! Grüß euch Gott und schütz euch Gott!« »Behüt Euch Gott und schütze Euch, Herr Graf zu Pyrmont!« rief das Bürgervolk und schwang die Hüte hoch in die Luft. Philipp von Spiegelberg sprang zurück in seinen Kahn, die Hornbläser setzten ihre Instrumente zu einem kräftigen Tusch an die Mäuler, die Ruderer legten sich an die Stangen und stießen ab vom Ufer. Wie im Traum stand Klaus Eckenbrecher neben dem Sitz des Grafen, seines jetzigen Herrn. Im roten Licht der Fackeln starrten ihn alle die Gesichter der Leute von Holzminden an, – er träumte, er träumte jedenfalls! Und jetzt glitt das Schifflein, welches ihn forttrug, vorüber an dem Pfarrgarten, und auf der Mauer stand, kaum erkennbar, eine zarte, schlanke Gestalt, und es war dem Klaus, als höre er ein leises Weinen und den klagenden Ruf: »Lebe wohl, lebe wohl, Klaus, und behüt dich Gott in der weiten Welt!« Zentnerschwer fiel's dem Knaben auf sein leichtsinniges Herz, er hob sich hoch und rief in die Höhe zu der wohlbekannten Mauer empor: »Ade, ade, ade, Monika! Bleibe treu; ich komme wieder! Ade, ade, ade!« Mit der Mütze winkte er und schaute rückwärts, bis Städtlein und Pfarrgarten und die Gestalt auf der Mauer versanken in der dunklen Nacht und das Schifflein unter den Felsen des Kiekensteins in die Biegung und die Stromschnelle schoß. »Wann sich zwei Herzen scheiden, Müssen vier Augen darob weinen!« In dieser Minute erst wurde dem wilden Klaus die ganze Bedeutung dieses alten, trüben Reimsprüchleins klar. – Viertes Kapitel Von dem Bruder Festus, und wie Herzen und Gedanken in dieser Welt so gar kuriosen Lauf nehmen. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, mit welchem der junge Vikar des Pfarrers Chrysostomus auf dem westfälischen Ufer die Waldhörner des Grafen von Pyrmont in der Ferne verhallen hörte und den Fackelschein verleuchten sah an den Bergen. Ein unendlich tiefes, namenloses Sehnen, welches längst sein Herz eingenommen hatte, überkam ihn ob diesen verzitternden Tönen in der dunklen Nacht, während der große Komet am Himmel erglühte, mit doppelter Gewalt. Es sagt der Spruch: »Krieg, Aufruhr, Blutvergießen viel Dir ein Komet besagen will; Unter den Leuten große Not, Auch großer Herrn und König Tod.« Ja, »unter den Leuten große Not« deutete der fremde, furchtbare Stern an, und dräuend leuchtete er auch über dem Haupte des Vikars Festus. Erst eine kurze Zeit, kaum ein Jahr, war vergangen seit dem Tage, an welchem Festus, der Mönch, aus seinem Kloster in der Pfaffengasse am Rhein in dem armen Dorfe Stahle an der Weser angekommen war, grad wie »der Wind die Schwalben herwehete«. Der Bruder Festus kam zu Fuß, den Wanderstab in der Hand, ohne irgendein anderes Hab und Gut als ein kleines Meßbuch, welches er selbst mit hübschen Bildern und bunten, goldenen Initialen ausgeziert hatte; denn er war ein guter Maler und wußte den Griffel und den Pinsel gleich wohl mit künstlicher Hand zu führen. Es war ein Abend gegen das Ende des April, als er in das Dorf an der Weser müde einwanderte und das Pfarrhaus erfragte von den grüßenden Bauern, welche seiner Ankunft schon lange entgegengesehen hatten. Sämtliche Kinder des Dorfes geleiteten ihn nach der niedern, mit Stroh gedeckten Hütte, und aus der Pforte derselben trat der alte Chrysostomus und streckte dem scheuen, errötenden Ankömmling beide zitternde Hände entgegen und sprach: »Gesegnet sei dein Eingang, mein liebes Kind! Sehnlichst haben wir dich erwartet, geliebter Sohn; nun gehe ein unter das Dach deiner Heimat und ruhe deine müden Füße!« Und Festus hatte dem Greise die Hand geküßt und dieselbe Hand segnend auf seinem Scheitel gefühlt. Dann hatte er sein Hülfsamt damit begonnen, daß er den alten Mann, sorgsam ihn unterstützend, zurückführte in das Haus. Mit heiligem Eifer widmete er sich dem ihm auferlegten Amte, in träumischer Gottinnigkeit die stille Weise des Klosters in das Leben übertragend. Bis in den fruchtreichen, segenvollen Herbst des Jahres 1555 saß er ruhig und still, hörte die Weser unter seinem Fenster vorüberrauschen, tröstete die Irrenden und die Betrübten, pflegte die Kranken und die Blumen des alten Chrysostomus und malte auf zierlich ausgeschnittenes Papier für die Kinder des Dorfes, die jungen Dirnen und Bursche den heiligen Georg und die heilige Agathe, die Mutter Maria und Sankt Peter mit den Schlüsseln oder der Geiß, auch viele andere heilige Männer und Frauen mit allerhand Marterwerkzeugen in den Händen. Am liebsten gab er freilich allen seinen Märtyrern statt der blutigen, grausamen Werkzeuge den stillen grünen Palmenzweig in die Hand. Und um jedes Bildnis malte er fein und zierlich einen Blütenkranz von Rosen oder Lilien oder von beiden zugleich. Der Bruder Festus liebte sehr die Rosen und die Lilien. Aber nicht allein die katholischen jungen Herzen beschenkte er mit solchen bunten Bildern; auch die lutherischen Kinder drüben am rechten Ufer des Flusses hatten solche zierliche Blättlein gern, und manch ein farbenreiches Blatt von der Hand des Bruders Festus flatterte über den Strom und nistete sich ein in einem ketzerischen Gesangbuch. Lag ja auch, zum Exempel, ein solches Bild der gottseligen Jungfrau in dem Liederbuch Martin Luthers, welches Eigentum der holden Monika Fichtner war. Klaus Eckenbrecher hatte es natürlich eingefangen, wer weiß wo, und es seinem Schatz zugesteckt in der Nachmittagskirche. – So flossen, wie gesagt, in müdem Frieden die Tage dem Bruder Festus dahin bis in den Herbst hinein, wo ein seltsames Ereignis auf das Dorf Stahle und den jungen Vikarius fiel und den letztern aus allem, was bisher einzig und allein seine Welt gebildet hatte, herausriß, ihn verstörte, verwirrte, erschütterte bis in das tiefste Herz. Eine Woche nach dem ewig denkwürdigen Tage, an welchem der König Ferdinand zu Augsburg den Religionsfrieden abschloß, zog gegen Abend ein grausames Ungewitter nach einem schwülen Tage über den Heinser Wald heran und fing sich in den Bergen, welche das Tal bilden, worin das Dorf Stahle und die Stadt Holzminden liegen, wie in einem Sacke. Tiefdunkel ward's, und alle Leute reckten mit Grausen die Hälse empor und harrten in Furcht des Unwetters, welches da kommen sollte. Bald brach es auch los mit aller Gewalt. Blitz folgte auf Blitz, Donner auf Donner. Ringsumher in der Gegend läutete man auf allen Kirchtürmen – katholischen und protestantischen – die Wetterglocke. In jedem Haus weit und breit streute man Salz auf die Tischecken, betete man den Wettersegen. Aber was geschehen sollte, geschah! Es fuhr ein Strahl herab aus den schwarzen Wolken, zündete in Stahle ein Strohdach an und brachte das ganze Dorf in die größte Gefahr; denn bald standen mehrere Hütten und erntevolle Scheuern in lichten Flammen. Vor einer Woche noch hätte das lutherische Ufer die Katholiken drüben mit Haus und Hof, Weib und Kind, Katze und Kegel verbrennen lassen, ohne Hand und Fuß zu rühren. Man würde nur die Achseln gezuckt, geseufzt und andächtige Betrachtungen über das wohlverdiente Unglück der Leute, die es nicht besser haben wollten, angestellt haben; jetzt aber stürzte sich die Bevölkerung des Städtleins, der Pastor Fichtner an der Spitze, in alle vorhandenen Kähne und Schiffe und kreuzte trotz Donner und Blitz, Wetter und Sturm den Fluß, um den hochbedrängten Nachbarn christliche Hülfe zu bringen in ihrer Not. Den vereinigten Anstrengungen der Dörfler und der Städter, sowie dem gleich darauf lustig hereinbrechenden Platzregen gelang es denn auch bald, dem Feuer Einhalt zu tun, und nach Löschung des Brandes feierten der Pfarrer Chrysostomus und der Pastor Valentin Fichtner ein eigentümliches Wiederfinden. In ihrer Jugend waren beide gute Freunde gewesen, wenn auch der katholische Geistliche dem protestantischen bedeutend an Alter vorging. Der Sturm der Reformation hatte sie auseinander gerissen, und sie waren als bittere Feinde voneinander geschieden. Wohl hatten sie sich dann das letzte Jahrzehent hindurch als Nachbarn gewußt – nur durch den Fluß getrennt –, aber keiner hatte diese Nachbarschaft zu neuem freundschaftlichen Anknüpfen benutzen wollen. Nun saßen sie, nachdem sie das Schicksal auf solche Art durch einen andern Sturm wiederum zusammengeführt hatte, beide alt und grau zum erstenmal nach so langer Zeit unter demselben Dache zusammen. Und der Katholik und der Lutheraner senkten die Häupter, sprachen von der Jugend, der alten Zeit und schüttelten sich die Hände ob der halberloschenen Erinnerungen. Die geistlichen Berührungspunkte vermieden sie sorgsam, denn beide Männer kannten das damals aufkommende Wort: daß man mit dem Auge und der Religion vorsichtig umgehen müsse, wenn man in guter Freundschaft zu bleiben wünsche. Der Vikar Festus lehnte während des Gespräches der beiden Alten an dem Stuhle seines Vorgesetzten und horchte mit allergrößter Gespanntheit. Es war das erstemal, daß er einen lutherischen Priester, einen aus dem Heerlager des Feindes, in der Nähe sah. So ließ er sich nichts entgehen und hing mit ganzer Aufmerksamkeit an der rüstigen, festen, kernigen Gestalt und dem ernsten, biedern Gesichte des Pastors von Holzminden. Er konnte nicht anders, er mußte sich gestehen, daß wohl auch ein tüchtiger Geist in dieser tüchtigen Körperhülle wohnen müsse. Nun sprach der Mann gar, ganz unbefangen, von seiner guten, toten Ehefrau, von seinem auf dem Schlachtfelde gefallenen Sohne und von seinem lieben Kindlein, der Monika, als ob das alles etwas ganz Natürliches sei und als ob durchaus nicht eine Verfinsterung des Himmels und ein Beben der Erde bis in die tiefsten Eingeweide die Folge davon sein werde. In eine ganz andere Welt, eine unbegreifliche Welt sah der Vikarius dabei. Ein Gefühl tiefster Unruhe und Beängstigung überkam ihn, eine Beklemmung, welche er auf keine Weise loszuwerden wußte, welche ihn nachher durch Tag und Nacht verfolgte. Also das waren die Ketzer, die nun schon nach Millionen zählten, welche Tausende und aber Tausende von Schwertern, Speerspitzen und Büchsenmündungen vorstrecken konnten, wenn man sie angriff; die Ketzer, welche blutige Schlachten geschlagen hatten, besiegt worden waren, gesiegt hatten, die Ketzer, welche so viele Bücher schrieben und druckten, so viele Kirchen bauten, so viele Glocken läuteten durch die ganze Christenheit?! ... Der geheimnisvolle, unheimliche Schleier, welchen die Ferne dem jungen Mönch um die Anhänger des neuen Glaubens gewoben hatte, lichtete sich plötzlich: die Gestalten, welche aus dem Nebel hervortraten, atmeten, sprachen, fühlten in Leidenschaft und Liebe gleich den Kindern der alleinseligmachenden Kirche. Gegen Schluß des Gespräches zwischen dem Pastor Fichtner und dem Pfarrer Chrysostomus wagte der Bruder Festus selbst ein Wort mit in die Unterredung zu werfen. Der Ring, welcher den Vikarius in den Kreis gewisser Meinungen und Anschauungen bannte, war gebrochen! – Die letzten Wetterwolken hatten sich längst zerstreut. Hier und da wälzten sich freilich noch einige dunkle Massen über den Abendhimmel dem Norden zu; über den westlichen Bergen aber ging die Sonne glühend unter. Die niedergebrannten Hütten sandten nur noch unschädliche schwarze Rauchwolken aus ihren Trümmern hervor. Die meisten Kähne der Städter hatten bereits den Fluß wieder gekreuzt oder schwammen eben über ihn hin, und zuletzt nahm auch der Pastor von Holzminden seinen Abschied von dem greisen, wiedergefundenen Freund. Chrysostomus und sein Vikarius begleiteten ihn bis zu seinem Schifflein und blieben am Ufer stehen, ihm nachzuschauen, bis der Kahn den dunkelgewordenen Augen des Greises verschwand. Darauf ging der Alte zurück, die abgebrannten Pfarrkinder zu trösten und für ihr Unterkommen Sorge zu tragen; sein junger Amtsgehülfe dagegen zögerte noch ferner am Ufer und verfolgte das heimkehrende lutherische Schifflein mit den Blicken, bis zum gegenüberliegenden Landungsplatz. Er hatte sehr scharfe Augen und sah deutlich, wie der Pastor Fichtner von einer Frauengestalt empfangen wurde. Lächelnd ertappte er sich über allerlei Vermutungen, ob das wohl die Monika sei, von welcher der geistliche Herr vorhin geredet hatte. Dann kam aber auch über ihn die Not und das Gewimmel des erschreckten Dorfes und riß ihn aus seinen Träumereien empor. Die Klagen der Abgebrannten, das Weinen der Weiber um ihre verlorenen armen Habseligkeiten drängten seine Gedanken gewaltig in eine andere Richtung, und er ging, für eine obdachlos gewordene Ziege einen Unterschlupf ausfindig zu machen. Der uralte Chrysostomus saß nach Sonnenuntergang noch lange in die Nacht hinein – ganz gegen seine sonstige Gewohnheit; denn er ging mit den Vögeln zu Bette und stand mit ihrem Morgenlied auf vom Lager. Er grübelte und sann und gedachte; wie doch alles so ganz anders geworden sei in der Welt und welch ein mächtiger Wille seine lenkende Hand ausstrecken müsse über all das in sich kochende und brodelnde Gewimmel des wunderlichen Menschenvolkes. Ihm war die Zeit des Hassens längst vergangen, mit der Hülfsbedürftigkeit war die Milde in sein Herz eingezogen. Lächelnd schlief er über dem Gedanken: wie vergeblich doch aller Streit sei – ein; er war jedoch viel zu alt, um auch noch darüber zu träumen! Mit einem andern Gedanken erwachte er am andern Morgen mit den Vögeln, wie gesagt. Frisch standen die Ereignisse und Erlebnisse des vergangenen Tages vor seiner Seele, und als um Mittag die Herbstsonne am wärmsten strahlte, fuhr er in Begleitung seines Vikars über den Fluß, um dem lutherischen Pastor seinen Gegenbesuch abzustatten, um demselben in dessen eigener Behausung nochmals für die gestern geleistete wackere Hülfe in der Not zu danken. Da war's, daß der Bruder Festus zum erstenmal den Fuß auf das rechte Ufer der Weser setzte, und sollte ihm das zu irdischem Verderb und unsäglichem Leide werden. So wollte es das Geschick! Langsam führte er, nachdem der Kahn gelandet war, seinen alten Freund und Amtsherrn den abschüssigen Uferhang hinauf und trat mit ihm in die offene Tür des Pastorengartens, zu welchem mehrere ausgehöhlte Steinstufen in die Höhe führten. Der Tag war warm und still, Wandervögel zogen hoch in der blauen, hellen Luft; der süße, heimliche Duft, welchen der Herbst so künstlich zu weben versteht, lag über der ganzen Gegend. Silberne Marienfäden hielten die Felder übersponnen oder schwebten langsam getragen einher und verhingen Weg und Steg. Schon hatten Büsche und Bäume ihr vielfarbig Herbstgewand angelegt, und erstere prangten anstatt mit Blüten im zierlichen Schmuck ihrer roten, schwarzen, blauen und weißen Beeren. Obgleich allgemach manches gelbe Blatt sich loslöste von den Zweigen der abgeleerten Obstbäume, so waren doch die engen Wege des Gartens, durch welche die beiden katholischen Herren schritten, schmuck und rein gehalten. Man ahnte, daß eine sorgliche Hand hier waltete und alles in Ordnung hielt. Niemand war zu erblicken, doch summte ganz leise hinter einem Gebüsch eine Mädchenstimme den Schlußreim eines Liedes. Und als die beiden Männer um dieses Gebüsch herumschritten, richtete sich die Sängerin, eine junge liebliche Maid, erschrocken und errötend auf von einem Beet voll blühender Astern. Der alte Chrysostomus trat aber lächelnd sogleich auf sie zu und streckte ihr die Hand entgegen mit den Worten: »Grüß Euch Gott, schönes Jungfräulein! Erschrecket nicht vor einem alten Mann! Nicht wahr, Ihr seid die Monika – die Monika Fichtner?« »Ja, Herr!« sagte das junge Mädchen und fügte zögernd hinzu: »Der Vater ist in seinem Studierstüblein; wollet Ihr ihn sehen, so will ich Euch den Weg weisen.« Der Pfarrer von Stahle neigte das Haupt, und Monika schritt den beiden fremden geistlichen Herren voran, die enge Treppe hinauf. Mit leisem Finger klopfte sie an die Tür ihres Vaters – sie wußte, daß er sich nicht gern stören ließ in seiner Arbeit. Der Bruder Festus hatte nur Augen für das liebliche Kind; er schaute sich nicht um, sonst würde er wohl gesehen haben, daß noch jemand hinter den herbstlichen Büschen des Gartens sich umhertrieb, sehr verdrossen wegen des Besuches, der ihm die Monika von ihrem Asternbeete forttrieb. Aber der Vikarius Festus kannte unsern lieben Freund Klaus Eckenbrecher nicht. Wie sollte er wissen, daß es einen solchen hoffnungsvollen jungen Menschen im alten Oggegau gab? »Vater, zwei geistliche Herren wünschen Euch zu sehen!« rief Monika in das Studierzimmer des Magisters Fichtner, welches sich von der Ausstattung des Wohngemaches im Pfarrhaus zu Stahle sehr unterschied. Der lutherische Pastor besaß sehr viele Bücher, der katholische Pfarrgeistliche eigentlich gar keine. Der katholische Pfarrgeistliche hegte und pflegte Vögel aller Art, Vögel in Bauern und frei umherhüpfende Vögel; der lutherische Pastor konnte – ecclesia militante – solch zwitscherndes, pfeifendes Gesindel durchaus nicht um sich dulden, es störte ihn allzusehr bei der Arbeit. »Sie sind willkommen«, sagte Ehrn Valentin, ohne sich umzuschauen, und beendete den angefangenen Satz. Dann warf er die Feder fort, erhob sich schnell aus seinem Sessel und trat den Besuchern entgegen. Seine Brauen waren noch düster zusammengezogen; denn er hatte soeben an einer Predigt voll Haß und Grimm gegen das »Babstthumb« geschrieben, und die faltenreiche Stirn, die zusammengepreßten Lippen gaben sattsam Zeugnis von dem Kampfeseifer, mit welchem sich der wackere Mann in dem wogenden Streitgetümmel dieses kämpfenden, ächzenden, keuchenden sechzehnten Jahrhunderts bewegte. Beim Anblick des milden Greisenhauptes des Chrysostomus glättete sich die Stirn, legten sich die Brauen auseinander, öffneten sich die Lippen zu einem freundlichen Lächeln. »Ei, das ist wacker von Euch, daß Ihr kommet; seid gegrüßet und herzlich willkommen!« rief der Pastor. Jedem der Besucher bot er die starke, knochige Rechte. »Hier setzet Euch, Chrysostomus, die Monika mag Euch ein Kissen holen für den alten Rücken!« Er schob dem Alten den eigenen Lehnstuhl hin und bat auch den Vikarius, sich niederzulassen. Dann befahl er der Monika, aus dem Keller einen Krug jenes allberühmten Einbecker Bieres zu holen, welches der fromme, gute Herzog Erich, des Kaisers Maximilianus Freund, und der Mann Gottes, der Doktor Martin Luther, so gern tranken. Mit dem Ritter und dem Reformator war ja das ganze trinkverständige Deutschland einig in dem Lob und Ruhm dieses edeln, herzstärkenden Getränkes. Auf das Gebot des Vaters schlüpfte das Töchterchen sogleich aus dem Zimmer und kam nach kurzer Zeit zurück, den steinernen Henkelkrug in der einen Hand tragend und drei künstliche silberne Becher in der andern. Es war ein so niedlich hausfrauliches Wesen in dem Schaffen der Monika, daß die verstohlenen Blicke des Jüngern katholischen Geistlichen immer häufiger wurden und er mehr als einmal eine etwas verkehrte, verworrene Antwort dem alten Fichtner oder seinem Vorgesetzten gab. Der Bruder Festus war ein halber Künstler und hatte einen feinen Blick für alles Schöne; er nahm sich vor, künftig die heilige Agnes und die Agathe und die andern heiligen Jungfrauen immer nur mit blondem Haargelock darzustellen auf seinen Bildwerken. Innerlich seufzend, gestand er sich, daß er bis jetzt doch noch nicht ein rechter Maler gewesen sei – das große Geheimnis der ewigen Schönheit enthüllte sich ihm urplötzlich; er war gleich einem Blinden, welchem durch ein Wunder das Augenlicht verliehen ward. Armer Festus! Unseliger Bruder Festus! – Das Gespräch der beiden Alten drehte sich, nachdem die Danksagungen für die gestrige Hülfe beim Brande nochmals vorgebracht und abgewehrt waren, natürlich nur um das große Ereignis der Zeit, welches die ganze christliche Welt bewegte, um den Abschluß des Religionsfriedens zu Augsburg und seine möglichen Folgen. »So ist denn der erste Schritt getan, und der Fuß unseres Glaubens ruht auf festem Grund!« sprach der Protestant. »Und die Welt hat Frieden – endlich, endlich Frieden!« sagte der alte Katholik. »So lange, als er dauert«, sprach der Protestant. »Gott tut kein Werk halb – was er anfängt, das führt er herrlich hinaus.« Chrysostomus neigte das Haupt: »Nicht mehr erwürgen sich die Brüder untereinander gleich den wilden Tieren des Waldes; nicht mehr werden die allerverborgensten Täler mit Mord und Brand gefüllt sein jenes wegen, der da sagte: Wie schön ist's, wenn Brüder einträchtiglich beieinander wohnen!« »Welcher aber auch sagte: Ich bin nicht gekommen, den Frieden, sondern das Schwert in diese Welt zu bringen!« sprach der Pastor Fichtner, und seine Brauen zogen sich wieder zusammen, und die geballte Hand legte er auf die auf dem Tische aufgeschlagene Bibel. Er ward aber unterbrochen durch sein Kind, die Monika, welche wieder in das Gemach trat und ein zierlich Sträußlein von Herbstblumen in der Hand trug. Dieses Sträußlein bot sie dem greisen Pfarrer von Stahle und erglühte dabei nicht wenig ob ihrer Kühnheit. Es war auch sehr hübsch anzusehen, wie sie sich niederbeugte und ein heller Sonnenstrahl durch ihre blonden Locken strahlte, daß sie ganz goldig schimmerten. Ihr Vater lächelte ihr freundlich zu und nickte sehr befriedigt über ihr Tun. Der alte Chrysostomus aber rief: »Dank, Dank, mein liebes Kindelein! Schau, ich bin eines andern Glaubens als du; aber der Segen eines Greisen hat seine Kraft durch die ganze weite Welt: so nimm ihn an, den Segen eines alten Mannes und Freundes, du schöne Jungfrau!« Die Monika neigte das feine Köpfchen unter die zitternde Hand des katholischen Geistlichen, und der Pastor Valentin Fichtner nickte abermals zustimmend und sagte weiter nichts als: »Jaja, es ist also! Ich danke dir, Chrysostomus!« Also fanden sich die Pfarrhäuser des rechten und des linken Ufers der Weser wieder zusammen; seit dem großen Jahre der Scheidung eintausendfünfhundertundsiebenundzehn, in welchem Jahre es auf dem Kirchturm der Menschheit einmal wieder zwölf schlug und alles Volk vom Tische in ein neues Weltenjahr hineinsprang. »Die neue Zeit ist über mich gekommen wie ein Traum; wie oft habe ich geglaubt, nun sei das Jüngste Gericht vor der Tür, nun werde die Posaune des erweckenden Engels alsogleich erschallen; aber es wechselt Tag und Nacht, und alles geht seinen Gang: der Herr führt es nach seinem Willen!« So sprach Chrysostomus zu seinem sinnenden jungen Begleiter, als der Ruderschlag des Knechtes den Kahn zurück über die gelben Fluten trieb. Es war aber dem Bruder Festus, als raune ihm unaufhörlich eine Stimme ins Ohr: »Wachet und betet, auf daß ihr nicht in Anfechtung fallet!« Er schaute nicht zurück nach dem lutherischen Ufer, obgleich er sich darin große Gewalt antun mußte. Und als er zu Hause angekommen war, schritt er über den kleinen Gottesacker des Dorfes in die stille Kirche, kniete nieder an dem Altar, über welchem die gnadenreiche Mutter der Schmerzen mit dem heiligen Kinde gemalt war, und betete eifrigst, inbrünstig. Den alten, müden Chrysostomus überkam wieder ein tiefer Schlummer in seinem Kämmerlein. Der Pastor Valentin Fichtner schritt zurück zu seiner Predigt; aber er konnte an diesem Tage nicht weiter daran schreiben. Die holde Monika stand am Herde und sah sinnend in die knisternden Flammen, bis draußen ein wohlbekanntes, lustiges Pfeifen erklang. Das war der Lockruf Klaus Eckenbrechers, welcher seine Angelrute als Vorwand benutzte, sich unter der Mauer des Pastorengartens aufhalten zu dürfen. – Am folgenden Tage regnete es, und das Plätschern der Dachrinnen hörte in vier Wochen nicht auf. Als es damit endlich zu Ende kam, war der Winter ins Land frühzeitig eingerückt mit seinem Schnee, seinen dunklen Tagen und langen Nächten. Im Dezember war die Weser so fest gefroren, daß sie Wagen und Reiter trug; trotzdem hatten die beiden Pfarrhäuser nicht weiter miteinander Verkehr gehabt. Dann waren die Tage allmählich wieder länger geworden, der Schnee war zerflossen; mit donnerartigem Krachen hatte der Fluß seine Eisdecke gesprengt. Im wirbelnden Zug hatten sich die Schollen durch die Berge und die Porta Westfalica hinausgedrängt in das offene Land. Die Kähne und Schiffe waren in ihr Recht zurückgetreten. Der Komet war emporgestiegen! Und jetzt wollte es von neuem Frühling werden. Die Waldanemonen, die Schneeglöckchen, die Veilchen und die Leberblümchen lugten aus der Erde oder öffneten bereits ihre Knospen. Alles Lebendige fing an, sich zu regen. Noch immer war der junge Pfarrgeistliche aus dem katholischen Lande nicht wieder eingekehrt in dem lutherischen Pfarrhaus. Manch liebes Mal hatte freilich sein Auge drüben an den blitzenden Fenstern gehangen, wenn die Abendsonne oder der Mondschein auf ihnen blitzte. Manch liebes Mal war er aufgefahren aus tiefstem Sinnen – aufgefahren, erschrocken ob seinen Gedanken und Träumen. Dann hatte er sich jedesmal verborgen in Dunkelheit und Einsamkeit und gebetet – heiß und inbrünstig gebetet! Aber ewig und immer waren dieselben Gedanken, dasselbe Bildnis um ihn und in ihm. Weder durch Gebet noch durch Fasten und Kasteiung konnte er diese Gedanken verscheuchen, dieses Bild auslöschen in seiner Seele. Und zu niemand, niemand durfte er sprechen, keinem Menschen konnte er seine große Not klagen. Jawohl ist wunderlich der Menschenherzen Lauf!   Und jetzt verklangen die letzten Töne der Waldhörner des Grafen von Pyrmont in der Flußbiegung am Heinser Walde, und der Bruder Festus stand am Ufer im tiefen Schatten wie festgebannt und lauschte. Sein Herz pochte in seiner Brust. O Frühling und Freiheit, o Fesseln und Bande! O Festus, Festus! Leise plätscherten und spielten die dunkelleuchtenden Wasser zu den Füßen des Mönches. Er gedachte an seine Jugend, an die hohen Mauern des Klosters, die kalten, kahlen Zellen, die öden Säle und widerhallenden, finsteren Kreuzgänge, er gedachte an einen von den Obern Verurteilten, welchem er einst das schwarze Brod und den Wasserkrug in die vermauerte Zelle zu reichen hatte. Inmitten der Frühlingsnacht fiel es ihm ertötend kalt und eisig aufs Herz: er war der in Ewigkeit Eingeschlossene, und das dunkle Himmelsgewölbe war die Decke des Kerkers, welcher ihn hielt. So stand er am Ufer, gottverlassen, weltverlassen! Ein Zweifler an sich selbst, ein Zweifler an allem außer ihm. In weiter, weiter Ferne zitterte der letzte Klang der Hörner aus. Fünftes Kapitel Der Leser wird an einen Ort gebracht, wohin ihn ein besserer Erzähler viel früher geführt haben würde. Nach der Astrologen maßgeblicher Meinung zeigt ein Komet an: Erstens: Grausame und übermütige Ratschläge, Uneinigkeit, Verräterei und Aufruhr. Zweitens: Räuberei, Unsicherheit der Straßen und große Angst und Schwermütigkeit unter den Leuten. Drittens: Großer Reiche und Könige Untergang, Krieg, Pestilenz und böse Krankheiten. Viertens: Veränderung der Religion, Gesetze und der weltlichen Ordnung, beneben einer unersättlichen Begierde zu allerhand Neuerungen. Von allen diesen schönen Sachen hatte sich bis jetzt, das heißt Mitte Juni 1556, noch wenig ereignet, und nur eine große Angst, Unruhe und Schwermütigkeit hatte sich, wie wir bereits im Anfange unseres Bilderbuches bemerkt haben, der Menschheit im allgemeinen und der so leichtlich träumerischen, vorsorglichen und nachdenklichen deutschen Nation bemächtigt. Man erwartete die grausen Dinge, welche die Zukunft bis jetzt noch in ihrem Schoße barg, wie ein Kranker beim Zahnarzt wartet, bis die Reihe an ihn kommt. Diese große Unruhe aber brachte natürlich mit dem Wunderstern auch das Geschrei in Verbindung, welches sich im Frühling des Jahres 1556 anhub von dem heiligen Born der Grafschaft Pyrmont, einen Büchsenschuß von der Paderbornschen Stadt Lügde gelegen. Wir haben die erste Nachricht davon erhalten durch das klägliche Notschreiben, welches Fräulein Ursula von Spiegelberg an ihren Herrn Bruder, den jungen Grafen zu Pyrmont, gerichtet hatte und welches denselben so eilig als möglich nach Haus beorderte, der Menschensündflut zu steuern. Nun war der Komet wieder verschwunden vom Himmelsgewölbe; alle Feuchtigkeit, welche die Erde nur irgend abgeben wollte, hatte das Ungetüm aufgesogen; der heiße, dürre Sommer, welcher die Folge davon war, stand in seiner vollsten Blüte. Wir führen den Leser ein in das Herz dieser wunderlichen Geschichte, ein in das grüne, von der Emmer durchrauschte Waldtal von Pyrmont, allwo auf dem Heiligen Anger der heilige Born, der Gesundbrunnen, welcher im Jahre 1556 einen ganz andern Anblick bot als heute, sprudelte. Aber es liegt uns daran, darzutun, daß wir das leichte, buntbemalte und ausgeputzte Gebäude unserer Geschichte nicht auf einem losen Grunde unvorsichtig und leichtsinnig erbaut haben, sondern daß wir uns wohl vorgesehen und alles in Obacht genommen haben, daß unserer Feder nichts entschlüpfe, was nicht zu verantworten, was eitel Gewäsch und Maultum sei. Gewichtiger Männer Zeugnis können und wollen wir dafür anziehen! Da ist zuerst der Herr Magister Heinrich Bünting, ein frommer und wohlgelehrter Mann, welcher in seiner: »Newen, vollständigen Braunschweig- und Lüneburgischen Chronika« erzählt: »Es brach aber im selbigen Jahr – Eintausendfünfhundertsechsundfünfzig – gegen den Frühling ein Geschrei aus von dem heiligen Brunn in der Grafschaft Pyrmont. – Dieser Brunn ist vor vielen Jahren wegen seiner Kräfte nicht unbekannt gewesen, denn Anno 1502 und die folgenden Jahre etliche Male die Wohlgeborene Fraw Margaretha, Geborne von der Lippe, Graf Bernhards Tochter, Graf Johann des Altern zu Rittberg Gemahlin, diesen Ort oftmals besucht und dieses Brunns heilsames Wasser zu ihren Leibesgebrechen ersprießlich gebrauchet.« »Aber im obgesagten Jahr 1556 ward dieser Brunn in den Ruhm und Ansehen gebracht, daß nicht allein aus den angrenzenden Provincien des deutschen Landes, sondern fast aus der ganzen Christenheit, aus Spanien, Frankreich, Engelland, Schottland, Dännemark, Schweden, Polen und Ungarn, ja, aus Italien selbst, Leute haufenweis dahinkamen, ihrer Krankheit durch Kraft dieses heiligen Brunnens sich zu entledigen. Unter vier Wochen haben sich daselbst über zehentausend Menschen befunden. Die benachbarten Dörfer waren Tag und Nacht mit Kranken beladen, daß schier kein Winkel ledig war. Die etwas Fürnehmes waren, machten sich nach der Stadt Lügde. Die ward dergestalt mit frembden Gästen erfüllet, daß in den Häusern kein Raum mehr übrig war. An Brod, Bier und anderem Proviant mangelt es offtermalen, daß die Armut große Not litte. – Es sammelte sich eine so große Menge, daß das Volk im Holze Lager aufschlug und Fleisch- und Brodscharren errichtete. In Summa, es war gleich einem großen Feldlager.« – Wir ziehen einen zweiten Gewährsmann aus der Nacht der Vergessenheit hervor, den Brunnendoktor Herrn Johannes Pyrmontanus, welcher also schreibt: »Anno 1556 ward dieser heilige Brunnen eines großen Ansehens, Würden und Namens – und seine Tugend überaus bekannt und ruchtbar, also daß er unversehens anfing zu unzähligen Krankheiten nützlich und heilsam gebraucht zu werden. Und ging es dieser Ordnung nicht anders zu, als wenn's lauter Aqua vitae – Fons salutis, ja Christus der lebendige Brunn selbst gewesen, so wirklich in diesem Wasser operiret hätte. In Summa, Menschenzungen, Schreiber und Dichter hätten nicht genugsam seine edle Kraft, Tugend und Operation ausreden, schreiben oder verfassen mögen. Es kamen zu derselben Zeit dahin allerlei Nationen, so bresthaft waren – so dieses Wunder, zum Teil ardore visendi, zum Teil durch verursachte Notdurft visitirten.« – Noch viele andere Schriftsteller könnten wir auf solche Weise zitieren; sie blasen alle mit vollen Backen das Lob unseres heiligen Borns. Aber es mag genug sein mit den beiden Angeführten. Ob nun der Emmerfluß von den Ambronen seinen Namen bekommen hat oder ob die Ambronen von dem Emmerfluß ihren Namen genommen haben, das wollen wir nicht weiter untersuchen; unsere gelehrte Untersuchung würde doch nur verdunkelnden Staub aufrühren, und die günstige Leserin den Husten davon bekommen. Ob der Prokonsul P. Quinctilius Varus nach seiner Versetzung aus Syrien nach Germanien in dem fons bulliens, dem Brodelbrunn, gebadet und aus dem heiligen Born getrunken habe, wird wohl in Ewigkeit eine Frage bleiben. Ob die Irmensäule auf dem Arminiusberge gestanden hat, ist auch sehr zweifelhaft. Weniger anzugreifen ist dagegen die Nachricht, daß der Kaiser Carolus Magnus, welcher bekanntlich die Quellen und lustigen Ströme gar sehr liebte und gern seine Hoflager an einem schönen Wasser hielt, im Jahre nach der Geburt unseres Herrn siebenhundertvierundachtzig in der Gegend der Stadt Lügde das Weihnachtsfest feierte. Da wird der gewaltige Herr trotz der Winterszeit den Wunderbrunn sich jedenfalls von einem gefangenen Sachsen haben zeigen lassen. Jedenfalls hat er dann auch, obgleich er meines Wissens durchaus nicht an den Nerven litt und nur im hohen Alter ein wenig von der Gicht gezwackt wurde, von dem heilsamen Wasser getrunken. Sagt ja auch der gelehrte Jesuit Nikolaus Schatenius in seiner Historia Westphalica: »Praeter Ambram, qui nunc Emmera dicitur, Carolum oblectarunt Pyrmontanae aquae in conspectu Ludae, acore et medela celebres.« Im vierzehnten Jahrhundert finden wir den frommen Mönch Henricus von Herford, einen Dominikaner aus dem Kloster des heiligen Apostels Paulus zu Minden, welcher den heilsamen Brunnen im Huetagau zuerst Fons sacer, den »heiligen Born«, nennt. Dieser Mönch ist im Jahre 1370 zu Minden gestorben und in der Dominikanerkirche begraben. Doch – manum de tabula! Blasen wir jetzt den gelehrten Staub, welcher sich während aller dieser dem Erzähler langweiligen und dem Leser gleichgültigen Auseinandersetzungen auf unserm Manuskripte angesammelt hat, lustig fort, und stürzen wir uns frischen Mutes in das bunteste und zugleich kläglichste Getümmel, welches die tollste Phantasie in ihren ausgelassensten Träumen aufsteigen lassen kann. Der Schauplatz, mit welchem wir es hier zu tun haben, dehnt sich zwischen der Stadt Lügde, den Dörfern Holzhausen, Oestorf, Löwenhausen und andern, welche wir nicht aufzuzählen brauchen. Ziemlich in der Mitte liegt das Schloß Pyrmont auf dem heiligen Anger, auf welchem vor Jahrhunderten der große fränkische Karl sein Heerlager aufgeschlagen hatte und auf welchem jetzt das Heerlager der Kranken, der Landstreicher, der Besessenen, der Gaukler, der Diebe, der Abenteurer aufgeschlagen war. Überall rauschten und plätscherten Bäche und Bächlein aus den Waldtälern lustig hervor und trieben mancherlei Mühlen, als die Hambornmühle, die Bruchmühle, die Trinkenaumühle und viele andere mehr, welche alle aber nicht ausreichten für den Bedarf des versammelten Volksspieles. Die Sonne glitt bereits wieder abwärts am wolkenlosen, tiefblauen Himmel. Es war ein sehr heißer Tag des heißen Sommers. In Oestorf wimmelte es durcheinander auf die merkwürdigste Weise. »Herren und Frauen, Jungkherrn und Reiter, Fuhrleut, Kärrner, Landsknecht, Freybeuter« – Menschen und Vieh drängten sich in den Gassen in Staub und Hitze. Die Häuser, gleich überfüllten Gefäßen, quollen über von Kranken und Gesunden, von reiner und schmutziger Wäsche. Aus allen Fensteröffnungen schauten schwitzende Menschengesichter, Kinder kreischten, Weiber zankten sich; die Bresthaften stöhnten, die Gesunden fluchten, die Esel schrieen, die Pferde wieherten, und immer neuer Zuzug drängte sich, die Dorfgasse entlang, dem heiligen Anger zu. Das verschüchterte Federvieh hatte sich über das Getümmel so hoch als möglich erhoben und errettet und schrie und gackerte von den Bäumen und Zäunen, ja von den Hausdächern seine Not und Verwunderung in die Welt aus. Es war ein wunderswürdiger Lärm, ein Lärm in der Blüte, ein Lärm, wie ihn nur das lärmende, hallohende, spektakelnde sechzehnte Jahrhundert in solcher Vortrefflichkeit hervorbringen konnte. Wenn man sich nun dazu die bunten Trachten von Mann und Weib vorstellt, die Federbarette, die Bettlermäntel, die absonderlichen Waffen und Fuhrwerke, die Rosse, Maulesel und Hunde der Fremden, die ausländische Dienerschaft derselben in ihren landesüblichen, fremdartigen Kostümen und über dieses alles einen Schleier von Sonnenglut und Staubwolken legt, so hat man ein schwaches Bild von dem Dorfe Oestorf am 15. Juni 1556. Mit wahrem Schauder und Widerstreben drängt man sich in eins der überfüllten Häuser; aber davon hilft uns jetzt kein Gott. Eins wimmelt wie das andere, und in der Arche Noah konnte kein wüsteres Durcheinander, nicht mehr Dreck, Stank und Übelstand herrschen. Wir treten in eins der niedrigen, mit Stroh gedeckten, hüttenartigen Gebäude, welches sich ziemlich am Ausgange des Dorfes, dem Schloß Pyrmont zu, befindet. Hier sitzen in einem dumpfigen, schwarz geräucherten Stübchen, welches der Bauer für schweres Geld und viele, viele gute Worte geräumt hat, welches aber die Fliegen nicht räumen wollen, da man nur Gewalt gegen sie anwendet, drei hochgelehrte und hoch beschwerte ältliche Herren an einem wackligen Tische auf wackligen Sesseln. Alle drei Herren sind mit dem Podagra behaftet und wollen den bösen Gast durch die Heilkraft des heiligen Borns vertreiben. Zwei der Herren haben das linke Bein, einer hat das rechte Bein dicht umwickelt. Alle drei sind in schwarze Gewänder gekleidet, deren Schnitt uns erkennen läßt, daß sie sämtlich dem Lehrstande angehören; alle drei haben ihre Krückstöcke neben sich, alle drei schwitzen und ächzen mehr, als sich eigentlich mit ihrer Würde verträgt – fett, fetter, am fettesten ist ihre Leibesbeschaffenheit, in aufsteigender Proportion, zu definieren. Ihr wackelnder Tisch ist mit Büchern, Papieren und Schreibgerätschaften bedeckt – der Gedanke, bei solcher Hitze, bei solchem Lärm vor dem Fenster zu schreiben, ist fürchterlich und würde jedes regelrecht organisierte Menschenkind auf der Stelle töten! Die drei schwarzgekleideten Herren müssen wohl nicht regelrecht organisiert sein, sie – haben geschrieben, und die Dinte ist noch nicht eingetrocknet in den niedergelegten Federn! Sie schwitzen entsetzlich und – sind benamset: Herr Helmerikus Bone – Herr Christopherus Studtius und – Herr Hermanus Huddäus, Rektor und nachher Pastor supremus zu Minden, einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit, welcher mit Philipp Melanchthon korrespondierte, »als welcher sein Präzeptor gewesen war«. Als Schüler eines solchen Mannes und eifrigster Lutheraner würde der Rektor Huddäus mit seinem Zipperlein lieber in einen lutherischen Hühnerstall oder Taubenschlag zu Oestorf gekrochen sein als das gute, aber katholische Quartier, welches man ihm in Lügde anbot, angenommen haben. In diesem Augenblick hielt der gute Mann ein mit lateinischen Versen beschriebenes Blatt Papier in der Hand. Er hatte die Lektüre des Poems soeben beendet und wischte atemschöpfend mit dem Sacktüchlein die glänzende Dichterstirn. Seine beiden gichtbrüchigen Freunde wischten sich ebenfalls die Stirnen mit den Sacktüchlein und gaben ihren Beifall und ihre vollkommene Übereinstimmung mit dem Vorgelesenen durch ein gravitätisches Kopfnicken und Gebrumm zu erkennen. »Sehr wacker, hochgelahrtester Herr Rektore!« sagte der Doktor Bone und schnitt dabei unwillkürlich eine erschreckliche Grimasse, weil ihm sein Übel in demselben Augenblicke auf die boshafteste Weise durch die Zehe fuhr. »Ei ei, o, o!« seufzte er. »Ach, meine Großmutter war ein künstliches Weib und der beste Doktor, so weit und breit zu finden war – uh, uh, was gäb ich drum, wenn sie mir ein richtig Mittel nachgelassen hätte gegen diese Teufelsplage! Wacker, sehr wacker, hochgelahrtester Herr Collega!« »Mirabile dictum, collega!« rief Herr Christophorus Studtius. »Virgilius Maro hätt's nicht besser gemacht und zu Wege gebracht! Uf – welche Hitze! Horazischer Schwung – ciceronianische Latinität, geehrter Herr Collega – ohe – eheu! eheu! heu! heu!« Auch er griff nach seinem schmerzenden Bein. Der Rektor Huddäus lächelte im befriedigten Autorgefühle sieghaft, aber bescheiden. Er setzte ein vergessenes Pünktlein über ein I und hob dann wieder den Blick: »Nun werd ich mit der günstigen Erlaubnis der Herren den Herren auch die Übersetzung für das gemeine Volk, den ungelehrten Haufen – profanum vulgus – vorlesen... o Himmel, hu, hu – o gütiger Gott!« Auch der letzte des gelehrten Dreigestirns erfuhr von neuem auf die eindringlichste Weise, daß er sein Bein nicht allein innehabe, sondern den Besitz desselben mit einem sehr ungern gesehenen und bewirteten Gaste teilen müsse. Aber noch etwas anderes verhinderte den deutschen Vortrag des Wackern. Ein mächtiges Klopfen erschütterte die baufällige Tür auf solche Weise, daß die drei Herren erschrocken in die Höhe fuhren. »Introite! Tretet ein; aber lasset die Türe ganz und heil!« rief der Rektor Huddäus, und ein junger Mann in der Reitertracht jener Zeit erschien auf der Schwelle und blies die Backen weit auf vor innerlichem Lachen ob dem Anblick der drei geplagten, schwarzen Gelehrten. Wir haben Mühe, in dem jungen Gesellen unsern guten Freund Eckenbrecher, den Galgenstrick von Holzminden, zu erkennen. Die fremde Luft und das fremde Brod haben ihm sehr wohl getan; Prügel hat er von seinen Kameraden dreimal tüchtig bekommen; man hat ihn zu einem stattlichen Reitersburschen mit Lederkoller, hohen Stiefeln, Schwert und breitkrämpigem Spitzhut herausstaffiert. Trotz seines heitern Temperamentes umschwebt in vergessenen Augenblicken ein Schatten innerlicher Rührung seine nichtsnutzige, windbeutelige Nase. Er hat erkannt, daß die Ferne sich zu einer Nähe verwandelt, welche keineswegs bloß Geld, Freiheit und Wonne ist. Klaus Eckenbrecher hat Zustände kennengelernt, in welchen sich der Mensch sogar nach dem Bakel eines Ehrn Valentin Fichtner und nach der lateinischen Grammatik zurücksehnen kann. – Der Rektor Huddäus und die beiden andern Herren schienen den Reiter recht gut zu kennen. Sie nickten ihm auf seine Verbeugung holdselig zu, und der Rektor von Minden fragte: »Nun, was bringet Ihr mir Gutes, mein junger Meister?« »Verzeihet, daß ich Euch störe, günstige Herren, bei der großen Hitz; aber Herrendienst ist ein schlimmer Dienst und gehet vor allem. Ich bringe Euch, Herr Rektor, einen schönen Gruß von meinem gnädigen Herrn, dem Herrn Grafen, an Eure Wohlgelahrtheit, und so Ihr die Gesetzlein für den Born fertig hättet, wär's seine Bitt, daß Ihr kämet, sie ihm vorzulesen. Mein Herr Graf möchte sie wohl heute noch hören und sie anschlagen am Lindenbaum, von wegen des Volkes, so nicht mehr zu bändigen ist, wenn ihm nicht alsogleich die zehn Gebote schwarz auf weiß vor die Rotznasen genagelt werden!« Man sieht aus dieser langen Rede, daß der Klaus bereits Höflichkeit im Hofdienst gelernt hatte und es verstand, sich recht zierlich und anmutig auszudrücken. Der Rektor Huddäus nahm seine Ansprache auch mit Wohlwollen auf und entgegnete: »Soeben ist mit Gottes Hülfe das geringe Werk gelungen. Gern wäre ich dienstwilligst bereit, Euch zu dem Herrn zu Pyrmont zu folgen; aber –« Hier brach der Rektor ab und blickte trübselig nieder auf sein umwickeltes krankes Bein, welches auf einem niederen Schemel ruhte. »O, daran hat mein gnädiges Fräulein Ursula fürsorglich gedacht!« rief lächelnd Klaus Eckenbrecher. »Sie hat ihre Sänfte mit mir gehen lassen und mir befohlen, Eure Würden anzufassen gleich einem rohen Ei. Vor der Tür wartet die Sänfte auf Eure Hochgelahrtheit, und wenn Ihr Euch mir anvertrauen wollt –« »Gratias ago dominae meae, ich danke dem gnädigen Fräulein!« sagte seufzend der Rektor, welcher viel lieber ruhig sitzen geblieben wäre bei den Kollegen. »Ich werde kommen«, sprach er, nahm seine Papiere zusammen, faltete sie und steckte sie zärtlich in die Brusttasche seines weiten Obergewandes. Mühsam und ächzend erhob er sich, wobei er sich auf den Arm Eckenbrechers stützte. »So bin ich bereit! Uf – mein Fuß! Vorsichtig – ach, Gnade! Vor – vorsichtig – oh!« Die beiden Kollegen beneideten den Rektor in diesem Augenblick nicht um die Ehre der Aufstellung der Bronnengesetze; es überlief sie sogar ein gewisses kitzelndes Behagen, als sie zuschauten, wie ihr gelehrter Freund Arm in Arm mit dem jungen Reisigen zur Tür hinaushumpelte hinein in die Sonnenglut und die turba magna, den Spektakel des großen Haufens. Behutsam hob man den Rektor Huddäus in die harrende Sänfte des Fräuleins Ursula; aber es ging trotz aller angewandten Sorgfalt nicht ohne verschiedene leisere oder lautere Wehrufe ab. Nachdem der wackere Mann sicher eingepackt war, setzten sich die schwitzenden Träger in Bewegung und bahnten sich mit großer Mühe einen Weg durch die Menschenhaufen, welche die Dorfgasse anfüllten. Unser Freund Klaus Eckenbrecher schritt dicht neben der Tür der Sänfte her, um den ihm anvertrauten Schatz von Gelehrsamkeit und Zipperlein, welcher in dem schwankenden Kasten in ein sehr trübseliges Selbstgespräch sich versenkte, so sicher als möglich durch das Getümmel zu geleiten. Es tat wahrlich not, daß der handfeste junge Reitersmann zugegen war; denn je mehr man sich dem heiligen Born näherte, desto toller wurde das Getümmel und Gedränge. Hier kam ein kreischender Karren, mühsam nachgeschleppt von einem spatlahmen Pferde, welches von einem alten, verdorrten Weibe gelenkt wurde. Unter der Leinwanddecke, welche über dieses Gefährt gespannt war, kauerten andere alte, verdorrte und verhutzelte Weiberlein, welche viele Spottreden und Sticheleien in der Menge zu ertragen hatten, sich aber weidlich dagegen nach Weiberart wehrten. Der heilige Born zu Pyrmont war ja auch als ein Jungbrunnen im Land ausgeschrieen, und was alt war und Vertrauen hatte, konnte durch das Wunderwasser wieder jung und frisch werden gleich dem jüngsten und frischesten Mägdelein. Das war ein Segen! Das verrunzelteste Greuel und Scheuel hatte die beste Aussicht auf rosige Wangen, helle Augen und Gliederfülle – jedes Urgroßmütterchen konnte das lustige Jugendleben mit Liebäugeln, Männer-Quälen und -Betrügen von vorn anfangen, ohne Gefahr zu laufen, deswegen von einem Hexengericht befragt zu werden. Hier wackelte ein Landsknecht mit verbundenem Arm oder Kopf einher und fluchte sich eine freie Bahn. Gegen jede Wunde und Brausche, mochte sie noch so alt und bösartig, mochte sie auf dem Schlachtfelde oder in der Schenke geholt sein, half das gute Wasser des heiligen Borns zu Pyrmont. Hier verlegte ein Haufe fetter Barfüßermönche aus einem allzu nahrhaften Kloster zu Paderborn den Weg; – gegen jede Verdauungsstörung war der heilige Born ein untrüglich Heilmittel! Weiter hin schlichteten Spiegelbergische Knechte einen ausgebrochenen Kampf, in welchem die blanken Waffen bereits mitgespielt hatten; mit eigener Lebensgefahr mußten die Schloßleute den hitzigen, ineinander verbissenen Streitern die Wehren aus den Hände reißen. Dort lagerte eine Schar Spielleute aus einer Bergstadt im Harz um ein Feuer; dort zerhackte man einen eben geschlachteten Ochsen. Hier schlief, quer über den Weg liegend, ein Trunkener seinen Rausch aus, an welchem das Wasser des heiligen Borns nicht schuld hatte; dort errettete eine Mutter mit hellem Geschrei ihr Kind vor den Fußtritten einer andringenden Bande, welche einem Bänkelsänger nachfolgte. In tausenderlei Gestalten umdrängte die Gefahr des Umwerfens die Sänfte, und Klaus hatte genug zu tun, seinen Gelehrten aus allen diesen Gefahren zu erretten. Im Kulminationspunkt der »großen Vergadderung« kam natürlich am meisten Not an'n Mann; und es war ein Glück für die Träger der Sänfte, für die Sänfte selbst, für den Rektor und Freund Eckenbrecher, daß in dem Augenblick, wo der Zug sich hier durchwand, von der andern Seite her zwei Reiter erschienen, welchen das Volk, ohne durch Bitten und Drohungen gezwungen zu werden, Platz machte, wodurch auch Klaus für sich und seinen Schutzbefohlenen Raum bekam. Der vorderste der Reiter war ein sehr vornehm in schwarzen Sammet gekleideter Mann von ungefähr dreißig und einigen Jahren. Ein Schwert, ebenfalls in schwarzer Sammetscheide, hing ihm an der Seite; er ritt auf einem schwarzen Rappen und ließ sein kühnes, dunkles Auge ruhig über die wogende Menge hingleiten. Sein schwarzes Haar hing in wohlgeordneten Locken bis auf die Schultern herab; die Farbe seines Gesichtes war gelblich-bleich, doch hatte sie durchaus nichts Kränkliches. Ihm nach folgte auf falbem Roß ein Diener, fast noch ein Knabe, welcher einen Mantelsack hinter sich über den Sattel geschnallt hatte und mit einem kurzen Feuerrohr und einem kurzen Schwert bewaffnet war. Man sah auf den ersten Blick, daß weder der Herr noch der Diener dem germanischen Stamme angehörten, daß ein südlicheres Blut in ihren Adern pulsiere. Es würde sich schwer angeben lassen, was das Volk ohne Murren dem ersten Reiter aus dem Wege weichen machte; ein herrischer Zug im Gesicht, ein drohendes Auge würden es nicht vermocht haben, noch viel weniger hätten es vielleicht Bitten vermocht. Jedenfalls sah man den unbewegten Mienen des Fremden an, daß er sich wohl öfters in noch wilderem Getöse bewegt hatte. Auch die Aufmerksamkeit Eckenbrechers zog der schwarzgekleidete Ankömmling in hohem Grade auf sich; aber der Reiter des Grafen von Pyrmont durfte nicht verweilen. Quer über den heiligen Anger, wo Zelt an Zelt, Laubhütte an Laubhütte aufgeschlagen und gebaut war, wo Feuer bei Feuer brannte, um die Krankensuppen und die Nahrung des Volkes zu kochen, zog Klaus mit seiner Sänfte dem Schloß zu und über die Zugbrücke durch das dunkle, hallende Tor ein in den Schloßhof. – Das Schloß Pyrmont hatte damals eine ganz andere Gestalt als heute. Hohe Mauern und Wälle umgaben es zu Schutz und Trutz. Türme und Türmchen, Erker und Giebel von allen Formen ragten und klebten überall daran. Das alte Gebäude ist längst dahin – es ist zu Grabe gegangen wie das Haus der Spiegelberger selbst! Andere Mauern sind aufgetürmt auf der Stelle, wo es sich einst stolz genug erhob; ein anderes Geschlecht leidet und freut sich in diesen neuen Mauern. – In dem düstern Burghofe – bei solcher Hitze das kühlste Fleckchen der ganzen Grafschaft – sprangen sogleich einige Diener schnell heran und hoben den Rektor Hermann Huddäus so vorsichtig als möglich aus der Sänfte ihres Fräuleins und setzten ihn auf die Füße oder vielmehr auf den Fuß, denn sein linkes Pedal zählte der Rektor selbst seit langer Zeit nicht mehr mit als Fuß. Ein Bogenfenster öffnete sich in der Höhe, und unser alter Bekannte, Herr Philipp von Spiegelberg, legte sich weit hinaus und rief fröhlich herunter: »Guten Abend, Herr Rektore! Sacht, sacht, Klaus Eckenbrecher, faß mir den Herrn behutsam an! Hans, Toffel, ihr Lümmel, heda, vorsichtig! Unterstützet den Herrn Rektor, daß er die Trepp hinauf kann.« Klaus, Toffel und Hans gebärdeten sich um den Gelehrten wie drei Ammen um ein krankes Kind, doch trotz des besten Willens nicht mit demselben Geschick. Die enge Wendeltreppe, welche zu dem Gemache des Grafen hinaufführte, wurde ein wahrer Marterweg für den Rektor von Minden. Der Arme gelangte halb ohnmächtig vor der Tür droben an; aber Herr Philipp empfing ihn so freundlich mit Gruß und Handschlag, entschuldigte sich so sehr wegen der Not und der Umstände, welche er dem gelehrten Manne mache, daß dieser bald seine Schmerzen darüber vergaß. Es war recht kühl und heimlich in dem hohen Gemache. Durch die bunten Scheiben flimmerte das Sonnenlicht und spielte zauberisch auf dem braunen Holzgetäfel der Wände, um die Hirschgeweihe und Waffenstücke: aber noch viel zauberischer um ein blondes Lockenköpfchen, welches sich schelmisch in dem hohen Lehnstuhl barg, der in der Fensternische dem Sessel gegenüber stand, von welchem sich Herr Philipp soeben erhoben hatte. Dieses blonde, von der Abendsonne und der roten, blauen, grünen und gelben Glut der Scheiben umspielte Lockenköpfchen eignete dem Fräulein Walburg von Spiegelberg, des Grafen jüngstem Schwesterlein. Es war im Jahre 1556 kaum sechzehn Jahre alt und wurde als das Nestküchlein des Hauses Spiegelberg – und der Liebling der ganzen Grafschaft und weit nach allen vier Weltgegenden ins Land hinein – gehalten. Ihr machte der Lärm der letzten Zeiten, der Tumult drinnen und draußen, der Andrang der Gäste, über welchem ihr Bruder sich die Haare hätte raufen mögen – bei welchem der Schwester Ursel, dem Hausmütterchen von Pyrmont, oft genug die Sinne vergehen wollten – das allergrößte Vergnügen. Ihr gefiel das Getümmel um den heiligen Born gar sehr. Sie als der Eulenspiegel und die neckische Fee des Schlosses auf dem heiligen Anger, war bei diesem Skandal recht in ihrem Elemente und kam bei Tag und Nacht nicht aus dem Lachen heraus. Eine verwegene Reiterin und Jägerin, eine gute Sängerin und Harfenschlägerin – wenn sie wollte – war Fräulein Walburg. Mutwillig und sanft, trotzköpfig und milde, spielte sie nach Gelegenheit in allen Farben, gleich einem Tautropfen in der Morgensonne. Ein gutes Dritteil aller seltsamen Ereignisse, welche das Schloßvolk den Kobolden und Hausgeisterchen zuschrieb, fiel von Rechts wegen auf des kleinen Fräuleins Rechnung. Auf ihr lastete das Leben noch nicht so schwer wie auf den beiden andern Waisen von Spiegelberg; sie führte ja nicht den Herrschaftsstab über das Land Pyrmont wie Bruder Philipp; sie trug ja nicht das Schlüsselbund der Grafschaft am Gürtel wie Hausmütterlein Ursula, die gute stille Schwester, welche durch den frühen Tod der Eltern schnell zu weiblicher Selbständigkeit gereift war und in Not und Sorgen das häusliche Regiment auf Pyrmont führen mußte. Wahrlich hatte Ursula die meiste Not und Sorge von dem tollen Wesen, das über ihr stilles, grünes Waldtal so urplötzlich, so verwirrend hereingebrochen war. Früh vor Tage, ehe die Hähne krähten, mußte sie aus dem Bett hervor, und als die allerletzte durfte sie in der Nacht das Lager suchen. Überall mußte sie ihre Stimme erklingen lassen, bittend, klagend, scheltend, befehlend, ihre braunen Locken schüttelnd. Ein jeder wandte sich an sie, ein jeder fragte sie um Rat, ein jeder verlangte von ihr Trost und Hülfe! In diesem Augenblick befand sie sich im Schloßgarten mit Frau Hedwig von Brandenburg, der Gemahlin des Kurfürsten Joachim, einer polnischen Prinzessin von grämlichem Gemüte, sauertöpfigem Aussehen und knarrend-kreischender Stimme. Die hohe Frau litt am Magenkrampf, wollte ihres Übels durch den Born zu Pyrmont ledig werden und machte der guten Ursel von Spiegelberg mit Zanken, Hadern, Grollen, Greinen, Keifen und Nagen das Leben schwer genug. Leider können wir dem armen Kinde nicht helfen, wir müssen sie ihrem bösen Geschick und der Prinzessin überlassen und in das Gemach des Grafen zurückkehren. Zwischen Herrn Philipp und dem Rektor Huddäus waren derweilen die Fragen nach der bösen Gicht und dem übrigen Befinden, die Komplimente und höflichen Worte abgetan. Klaus Eckenbrecher hatte dem Gelehrten einen Sessel gebracht, auf welchem dieser sich erst nach vielen Bitten niederließ, und sehr hübsch war es anzusehen, wie die kleine Walburg dann heranschlich und sich auf die Lehne dieses Sessels stützte zu nicht geringer Beklemmung und Beängstigung des Rektors. Hübsch war es ferner anzuschauen, wie die Schelmin sich bemühte, aus ihrem rosigen Gesichtchen eine faltenreiche, mürrische Schulmeisterphysiognomie zu machen. Hübsch war es anzusehen, wie ihr solches Vorhaben auf keine Weise gelingen wollte und wie sie es aufgab und sich für ihre vergebliche Mühe entschädigte durch eine Nase, die sie mit zierlichem Finger hinter dem Stuhle des gelehrten Mannes dem gelehrten Manne drehte. Eigentlich war das sehr unrecht von ihr, denn der Rektor Hermann Huddäus war in der Wahrheit ein sehr frommer und kluger Mann; aber – Kinder sehen solches nicht eher, bis sie selbst in die bedächtigeren Jahre hineinwachsen, und das ist wohl recht gut also, sintemalen das Leben in dieser Welt sonst doch gar zu langweilig werden würde. Herr Philipp von Spiegelberg hatte alle Mühe, ernsthaft zu bleiben, und biß sich dabei fast die Zunge ab. Er warf auch der niedlichen Gauklerin einen nach Möglichkeit grimmigen Blick zu, welcher Blick jedoch auf halbem Wege seine ganze Schreckhaftigkeit verlor und in das Gegenteil sich veränderte. Aus der Gefahr des Erstickens an unterdrücktem Lachen vermochte sich der Graf nur durch die schnelle Frage zu erretten: »Nun, Herr Rektore, Ihr habet also die Täfelein, so ich von Euch erbeten hatte, fertig gemacht?« Huddäus verbeugte sich und griff nach seiner Brusttasche, wo die Papiere, welche wir schon kennen, knisterten. »Die Gesetze des heiligen Borns sind geschrieben, wie Ihr, Herr Graf, es befohlen habet.« »Das ist mir eine gar weidliche Freud, und ich danke Euch recht sehr dafür. Aber nun setzet auch Euerer Güte das Kränzel auf und leset sie meinem neugierigen Schwesterlein und mir her. Nachher wollen wir sie anschlagen an der Linde neben dem Bronnen, und alles Volk, so dieselbigen übertritt, soll zu seinem Schaden und Eueren großen Ehren Euerer Gelahrsamkeit gedenken.« Der Rektor verbeugte sich abermals, räusperte sich und schaute erschrocken seitwärts auf seine linke Schulter, auf welche plötzlich ein leises Lockenringlein sich herabgesenkt hatte. Die Walburg als neugierige Evastochter blickte dem Rektor über die Schulter in das Konzept, und das war wieder sehr unartig von ihr, da sie mit Vorbedacht den Mann dadurch vollständig aus aller Fassung brachte. Erst nach mehrfachem Hin- und Herrücken hatte er sich soweit zurechtgefunden, daß er sich zum drittenmal verbeugen und zum zweitenmal räuspern konnte. Dann aber kam er in Zug und begann, gleichsam als ob er auf seinem Katheder zu Minden vor seiner in Ehrfurcht verstummten Prima sitze: »Periocha legum ad sacrum fontem affixarum – das ist die Überschrift ...« Und mit der Hand den Takt zu seinen Distichen schlagend, floß ihm in holdseliger Gebundenheit das Latein von den Lippen: »Justitiae fines ne Tu peregrine viator Ignores, Leges has tibi Semper habe! Primum qui sacrum –« Hier aber wurde der Strom seiner Rezitation leider schon unterbrochen. Der Spiegelberger Graf hatte nämlich Mund und Ohren so weit als möglich aufgesperrt und rückte nun selbst, wie eben noch sein Gast, unruhig auf seinem Sessel hin und her. Dann legte er die Hand auf den skandierenden Arm des Rektors und sprach mit höchst kläglicher Miene: »O mein allerliebster Herr Rektore, das ist ja Latein! Wie soll das ungelehrte Volk dieses verstehen? Und auch ich –« »Und auch ich«, kicherte die Spiegelbergerin hinter der hohen Stuhllehne. »Und auch ich«, fuhr der Graf fort, »auch ich verstehe es nicht und muß bekennen zu meiner großen Schande, daß leider Gottes kein Stab und Prügel hart genug war, mir solche schöne Sprache einzubleuen, als ich noch ein Büblein war.« Der Rektor, welcher seufzend in der Deklamation seines Virgilianischen Poems innegehalten hatte, neigte bescheiden das Haupt und sprach: »Dieses ist auch nur für die Leute von Gelahrtheit, so den guten Brunnen für ihre Leibesbeschwerden zu brauchen kommen; hier hab ich die Gesetzlein auch in teutsche Reime gebracht, das mag denn sein für den gemeinen Haufen.« »Danke, danke Euch, Herr Rektore!« jubelte Walburg, in die Hände klatschend, und ihr Bruder brach nun ebenfalls in ein helles Lachen aus. Die Gelegenheit war allzu günstig! Der Rektor aber quälte sich vergebens um den Grund dieser urplötzlichen Heiterkeit der Geschwister, und nur ganz dunkel schoß es ihm durch den Sinn, was für eine anmutige, höfliche Bemerkung er zum besten gegeben hatte, »Bitte, bitte, Herr Rektore«, rief der atemlose Philipp, »bitte, denket einmal, wir gehörten mit zum ungelehrten gemeinen Haufen, und leset der Walburg und mir erst die teutschen Gesetzlein her; das Latein geht uns nachher desto baß ein!« Herr Hermann Huddäus zuckte unmerklich die Achseln, gedachte unmutig des alten schönen Wortes vom Werfen der Perlen vor die Saue – margaritas ante porcos – , kam aber doch der Bitte des Grafen nach, zog sein anderes, umfangreicheres Blatt hervor und begann von neuem:   »Gesetze des heiligen Borns zu Pyrmont.   Daß sich ein jeder thu halten recht Bei diesen Brunn, will ich nun schlecht Des edlen Herrn und Grafen Will'n An Baum gehängte Artikel erzäll'n.   I Zum ersten soll'n, so diesen Fontein Besuchen; reich, arm, groß und klein, Sich allewege thun befleißen, Daß sie nicht göttliche Ehr beweisen Diesem Brunn, und machen ihn nicht Zu einem Abgott, sondern schlicht Zu Gottes Ehren sein genießen, Von Dem kömmt diese Gnad herfließen.   II Ein sicher Geleit thun wir auch geben Den, so sich halten recht daneben.   III Zum dritten soll sich ein jeder warten, Daß er den Leuten an Zäun und Garten, An Wiesen, Weid und Korn dazu Bei schwerer Straf kein Schaden thu.   IV Niemand soll hier auch richten an Unlust, es soll sich jedermann Gebührlich halten gegen sein'n Wirth, So bleibt der Gast auch unbeschwert.   V Wer hieher Proviant bringt feil Und ander Waar, sei was es will, Geb redlich Kauff's und handle recht Bei Straf, so da ist aufgelegt; Drei Groschen Stetgeld soll er geben Alle Woch'n, davon die Armen leben.«   So ging es weiter bis zum Ende:   »Der Wolgeborne Graf und Herr Hat diese Artikel löblich sehr An eine Linden bei dem Bronn Gehenckt, als man so findet ston, Danach ein jeder bei Straf und Pein Sich halten soll bei Straf und Pein!«   bis der Rektor von Minden Hermann Huddäus sein Blatt aufrollte und emporblickte zum Grafen, welcher aufgesprungen war. »So ist's recht! So ist's wacker! So hab ich's auch gemeint! Dank' Euch, dank' Euch! Und an die Linde wollen wir das heute noch – jetzt gleich hängen! Das ist schön!« »Wird dem Volk grad so viel leuchten, wie Dreck in der Latern!« brummte Klaus Eckenbrecher an der Tür, doch nicht so laut, daß jemand seine unmaßgebliche Meinung bestreiten konnte. »Aber nun auch das Latein – das Wahre –« »Ein andermal, liebes, altes, schwarzes Rektorlein!« jubelte Fräulein Walburg von Spiegelberg und sprang und tanzte im Gemach umher. »Das Latein auf ein anderes Mal! Jetzt das Deutsch! Wir wollen alle mitziehen, es an den Baum zu schlagen; wir wollen einen großen Zug machen Euch zu Ehren, mein Rektorlein, und Ihre keifenden kurfürstlichen Gnaden von Brandenburg sollen auch mitgehen, und Ihr sollt Hofprediger werden zu Berlin im Sande – das will ich Euch versprechen.« »Ja, so wollen wir tun!« rief Graf Philipp. »Und einmal zur guten Stunde kommt da eben mit der Ursel über den Hof die alte« – er schlug sich auf den Mund – »wollt ich sagen, die Frau Kurfürstin Hedwig. Heda, Klaus Eckenbrecher, sprich zu den Knechten, sie sollen ihre Spieße nehmen, und die Drommeter sollen sich bereithalten, uns vorzublasen. Wir gehen zum Bronn –« »Ach, aber gräfliche Gnaden –« seufzte der geschmeichelte Rektor und blickte auf sein krankes Bein. »O, das soll Euch nicht halten! Wir wollen Euch auf einen Sessel setzen – Ihr möget gleich auf diesem sitzen bleiben – und zwei Knechte sollen Euch tragen wie einen römischen Bürgermeister oder Feldmareschalk, so einen Triumphzug feierte. Das soll so sanfte gehen, als säßet Ihr auf einem geflügelten Esel oder Eurem Katheder.« –   Gesagt, getan! Einige Minuten später finden wir fast die ganze Hofhaltung von Pyrmont auf dem Schloßhofe versammelt, in der Mitte auf seinem Lehnstuhl den Rektor Huddäus samt seinem Zipperlein. Die Knechte und Pagen stellten sich auf zum feierlichen Zuge, und die schrille Stimme der Frau Kurfürstin von Brandenburg erfragte, was dieser neue Lärman bedeute und ob es denn niemalen Ruhe geben werde auf dem Schlosse zu Pyrmont. Den Grafen Philipp, welcher jedesmal, wenn sein fürstlicher Gast seine Stimme vernehmen ließ, eine Faust in der Tasche machte, stieß das Schwesterlein schalkhaft mit dem Ellenbogen in die Seite, als sie beide auf die ärgerliche hohe Dame und die arme, gequälte Ursula zuschritten. »Geh«, flüsterte Walburg, »sei ein artiger Knab und recht höflich.« »Der Teufel hole das Weib!« murmelte der Graf von Pyrmont, ehe er der Frau Hedwig unter tiefen Verbeugungen die Bedeutung und den Zweck des Aufzuges auseinandersetzte. Die Kurfürstin erklärte darauf) sie sei bereit mitzuziehen und durch ihre hohe Gegenwart zur Verherrlichung der Feierlichkeit beizutragen. Gellend schrie sie nach den Damen und Herren ihres Gefolges, nach ihren polackischen Läufern und ihrem Hofzwerge. Als alles sich zusammengefunden hatte, ergriff sie den Arm des kleinmütigen Grafen und stellte sich mit diesem dicht hinter den Spiegelbergischen Zinkenisten an die Spitze des Zuges. Zwischen den beiden Fräulein Ursula und Walburg aber wurde, wie es vorgeschlagen war, der Held des Tages, der Verfasser der Badegesetze des heiligen Borns, der Rektor Hermann Huddäus von Minden, in seinem Armsessel von zwei rüstigen Knechten gleich einem Triumphator einhergetragen. Ach, hätte der Gute in dieser seligen Stunde schon gewußt, daß sein lateinisches Gedicht der Welt ebenfalls nicht verlorengehen sollte, daß der berühmte Freund, der Doktor Philippus Melanchthon, dieses Poem in demselben Jahre noch zu Wittenberg, in Quarto, vermehrt mit einer Vorrede und Widmung an den Grafen von Hoya, drucken lassen würde: o, wie hätte das die Wonne seines Herzens vermehrt, wie hätte das die Schmerzen seines kranken Beines gemildert! Gravitätisch teilte der Haushofmeister von Pyrmont mit seinem Amtsstabe die herzudringende Menge, welche den Grundherrn und seine vornehmen Gäste auf die tumultuarischste Weise begrüßte auf ihrem Wege über den heiligen Anger. Alle Hunde, Diener und Dienerinnen des Schlosses, welche von ihren Geschäften nicht abgehalten wurden, zogen mit; die reisigen Knechte, unter welchen sich Klaus Eckenbrecher befand, beschlossen den Zug. Die Posauner bliesen mit vollen Backen in ihre Instrumente, gewaltiges, stets wiederholtes Jubelgeschrei der Menge stieg auf zum Himmel und klang wider von den Bergen. Man näherte sich der großen Brunnenlinde. In Purpur und Gold strahlte der Abendhimmel und überleuchtete mit roter Glut phantastisch die bunten Gewänder, die Zelte, die Hütten, die ineinandergeschobenen Wagen und Karren, die bunten flatternden Fähnchen, die wogende tausendköpfige Menge. Auf dem Wege, welchen heute die große Allee beschattet, bewegte sich langsam der Zug des Grafen und seiner Gäste, und eben hatte er sein Ziel, die große Brunnenlinde, erreicht, als die dort versammelte Volksmenge plötzlich nach allen Seiten hin auseinanderschlug und zurückdrängte mit großem Geschrei, wie ergriffen von Furcht und Erstaunen. Sechstes Kapitel Es kommt ein schönes Mädchen zum heiligen Born; Herr Philipp von Spiegelberg wird gewarnt, will aber nicht hören. Ein seltsames Abenteuer hatte sich am heiligen Born zu Pyrmont zugetragen und entwickelte sich soeben weiter. Darein verflochten war jener fremde Mann, dessen Ankunft vor zwei Stunden die Aufmerksamkeit Klaus Eckenbrechers und des Volkes so sehr erregt hatte. Wie wir schon erzählt haben, machte die Menge, welche die Gesundheitsquelle umlagerte, dem Fremden bereitwilligst Platz und öffnete ihm den Weg zu dem heiligen Wasser. Er stieg vom Pferde ab, schöpfte eine Handvoll des hervorsprudelnden, frischen, stahlkräftigen Trankes und führte ihn an die Lippen. Sein Knabe war ebenfalls abgestiegen und hatte auf das Gebot seines Herrn ein Fläschchen aus dem Bronnen gefüllt. Eben wollten sich Herr und Diener ruhig, wie sie gekommen waren, entfernen, als ein unerwartetes Ereignis, eine – Erscheinung sie aufhielt. Die Menge, welche bereits ihr Interesse an den Fremdlingen verloren hatte, wogte von neuem um die heilende Quelle ab und zu, murmelte Gebete, seufzte, ächzte, kreischte, stöhnte, fluchte, lachte, trank, füllte Schalen, Töpfe und Krüge nach gewohnter Weise, und der aufgewirbelte Staub hüllte alles in einen dichten Schleier. Aus diesem Nebel, aus diesem Menschengewühl wand sich auf einmal ein Weib hervor, welches von dem Getümmel dicht vor den Fremdling gedrängt wurde. Ein schönes Weib mit stolzem, lachendem Munde, Feuer in den schwarzen Augen, die hohe Gestalt reich von einem schweren, dunkelblauen Gewande umflossen, ein Hütchen mit Federn auf dem Haupte, ein karmoisinrotes Mäntelchen, welches nach der Mode der Zeit kaum auf die Hüften herabhing, um die Schultern geschlagen. »Fausta! Fausta!« rief der fremde Mann bei ihrem Anblick. Weit und starr wurden seine Augen, als erschaudere er im höchsten Schrecken vor einem Gespenst. Er schwankte und hielt sich kaum auf den Füßen; unwillkürlich griff er nach dem Schwert an seiner Seite. Auch das Weib schrak heftig zusammen, und ihre rechte Hand umfaßte krampfhaft den Griff eines reichen Dolches, welcher in ihrem Gürtel steckte. »Simone Spada!« hauchte sie, und ihre Lippen preßten sich zusammen, ihre Augen sprühten Blitze des Schreckens, des Hohnes, des Hasses. Einen kurzen Augenblick standen sich die beiden so, zweifelnd, verwirrten Blickes einander gegenüber, ein jedes verzaubert von dem Auge des andern. Sie kämpften mit den Augen, sie rangen damit gegeneinander an, und was dem staunenden Volk umher Sekunden waren, das wurde ihnen zu Undenklichkeiten voll Schmerz und Grimm. Plötzlich löste sich der Zauber, wie ein elektrischer Schlag schien es den fremden Mann zu durchzucken. Ein dumpfes Stöhnen entrang sich seiner Brust; dann tat er einen Sprung über den kurzen Raum, welcher ihn von dem schönen Weibe trennte. »Da das Kloster, der dunkle Kerker dicht nicht zu halten vermag, so stirb, Verworfene!« schrie er außer sich. Sein Degen blitzte in der Abendsonne – das Weib trat zurück und zog ihr Dolchmesser – ein Teil der umdrängenden Menge stob erschreckt auseinander, ein anderer Teil drängte neugierig näher; einige mutige Männer warfen sich dem Fremden entgegen – der Stoß seines Schwertes ging in die leere Luft. »Mord, Mord! Nieder, nieder mit dem Friedensbrecher!« schrie die Menge, und – Graf Philipp von Pyrmont samt seinen Gästen, Schwestern und Gefolge erschien unter der Linde am heiligen Born. Von seinem Lehnstuhl aus der Höhe hatte der Rektor Hermann Huddäus jedenfalls den besten und bequemsten Überblick über die sich nun abrollenden merkwürdigen Begebnisse. Mit dem Erscheinen des Grundherrn legte sich das Getöse und der Aufruhr allgemach. Der Fremde stand ruhig, hoch aufgerichtet zwischen den ihn umringenden Männern; hinter ihm hielt sein zitternder Knabe die Zügel der schnaubenden, stampfenden Rosse. Auch das Weib hatte ruhig die Arme über der Brust zusammengelegt und blickte in die Glut des Abendhimmels, als habe sie durchaus keinen Teil mehr an dem, was um sie her vorgehen würde. »Wer ist der Mann? Wer sind diese Leute?« fragte Philipp von Spiegelberg; aber er erhielt keine Antwort aus dem Volk. Ein jeder hing in tiefster Spannung an den Lippen des Unbekannten. »Wer seid Ihr? Sprecht!« wandte sich der Graf, die Stirn runzelnd, an den Fremden. »Ein Arzt, Simone Spada aus Bologna.« »Und was treibt Euch, freventlich den Frieden meines Grund und Bodens zu brechen und Eure Waffe zu erheben gegen ein wehrloses Weib?« »Sie ist eine Verfluchte«, sagte der Arzt Simone mit dumpfer Stimme. »Sie ist nicht wehrlos!« Das Weib lächelte. Herr Philipp zu Pyrmont ließ es nicht mehr aus dem Auge. Auch Simone Spada lächelte, als er diesen forschenden Blick des jungen Grafen erspähte, aber er lächelte auf sonderliche Weise und rief; »Hütet Euch, hütet Euch, Herr! Bei Eurem irdischen und ewiglichen Heil, hütet Euch!« »Was sollen die Worte?« sprach der Graf. »Antwortet mir, Meister Simone Spada, weshalb kommet Ihr hierher? Was suchet Ihr zu Pyrmont?« »Gott der Herr hat viele heilsame Kräfte in das Wasser dieser Quelle gelegt«, antwortete der Arzt. »Das Gerücht davon ist in die weite Welt gedrungen. Ich war auf der Reise in mein Vaterland begriffen und bin abgeschweift vom Wege, dieses Borns geheime Kräfte zu erkunden.« »Und wer seid Ihr?« wandte sich Philipp von Spiegelberg nun an die Unbekannte. Seine Stimme zitterte ein wenig, als er diese Frage tat. »Eine Verfluchte! Er sagt es ja! .... O, wie ich dich hasse, Simone Spada!« Eine Bewegung und ein Gemurmel ging durch die Menge; der Graf von Pyrmont trat einen Schritt zurück, seine Schwester Walburg faßte seinen linken Arm; seinen rechten Arm drückte Frau Hedwig von Brandenburg braun und blau. »Wie nennet Ihr Euch?« »Fausta La Tedesca!« »So heißt sie!« rief der Arzt, feierlich die Hand erhebend. »Und tot und verworfen ist sie, und wer sie anrührt, wird vergehen. Gebt mir mein Schwert und lasset mich meines Weges ziehen; ich gebe es auf, mit dem Verhängnis zu kämpfen. Sehet sie nicht an in ihrer Schönheit, Herr Graf von Pyrmont! Weichet von ihr!« »Gebet mir Raum und lasset mich denn, ihr alle!« rief Fausta, die Unbekannte. Sie wandte sich zum Gehen; aber Philipp von Spiegelberg vertrat ihr den Weg. »Nicht also! So darfst du nicht von dannen. Ich bin dieses Bodens Herr und befehle dir zu bleiben. Ich will das Geheimnis, so über dir lieget, kennen. Sprecht, Meister Spada, wer ist die Maid?« »Fragt sie selbst, gnädiger Herr! Erzähle, Fausta La Tedesca, wer du bist – sag, woher du kommst!« Die Angeredete schwieg und ließ nur ihr großes, dunkles Auge im Kreise umherschweifen. »Rede, rede, Fausta!« rief Simone. »Redet!« sprach der Graf, dessen Pulse und Herz klopften, vor dessen Augen alles in roter Glut schwamm. Fest schaute die Unbekannte dem Spiegelberger ins Gesicht; sie wußte, was in ihm vorging; plötzlich sank sie auf die Kniee und hob die Hände gegen den Grafen flehend auf: »Rettet, rettet mich! Duldet nicht, daß er mich töte; nehmet mich in Euren Schutz! – Ich hasse ihn, weil er mich liebt!« »Hütet Euch, Herr Graf«, rief Simone; »rührt sie nicht an, sie ist verflucht, sage ich Euch, und verflucht ist mit ihr der, welcher sie berührt!« »Glaubet ihm nicht, um der heiligen Jungfrau willen; rettet mich vor ihm. In Dunkelheit und Vergessenheit hat er mich begraben – lebendig begraben wollen; er –« »Ja, Unselige!« rief Simone der Arzt; »da das Kloster, der dunkle Kerker dich nicht halten konnten, so war's am besten, man wühlte eine Grube und würfe dich hinein und häufte Stein' und Erde auf dich und verbrächte sein Leben damit, einen Berg auf dich zu wälzen, auf daß du dich erst dann wieder ins Licht hinauf gewühlt hättest, wann die Trompeten zum Jüngsten Gericht rufen und der Herr niedersitzt zum letzten Spruch!« Von neuem und heftiger wurde die Menge ob solcher schrecklichen Worte von Entsetzen bewegt, und der leere Raum um die unbekannte Fremde, welcher solche Worte galten, erweiterte sich mehr und mehr. Nur der Graf und der Arzt blieben auf ihren Plätzen. »Was saget Ihr dagegen?« fragte der erstere. Die Fremde schüttelte stumm das Haupt und neigte es fast zur Erde nieder. »Sprich, Fausta, weshalb bist du nicht in der Finsternis geblieben?« fragte Simone Spada. »Weshalb bist du wieder unter die Lebendigen zurückgekommen? Wer hat dich hervorgezogen? Wer hat dich befreiet?« Die Fremde erhob das schöne, bleiche Gesicht, die tränenvollen Augen wieder; den Fragenden schien sie nicht zu beachten, gegen den Grafen gewandt, sprach sie mit tonloser Stimme: »Sehet, gnädiger Herr, auf allen Pfaden meines Lebens ist er mir zur bösen Stunde entgegengetreten, er und noch – ein anderer. Sie fürchteten sich vor mir, weil sie mir Böses zugefügt hatten, und führten mich gefangen fort in dieses kalte, fremde Land. Da schlossen sie mich in ein Kloster ein, und meinen Wächterinnen erzählten sie Lügen, daß auch diese mich fürchteten und mich einkerkerten in ein dunkles Gemach, wo ich keine menschliche Seele erblickte; denn Speise und Trank reichten sie mir durch eine enge Öffnung der Tür.« Hier schoß ein Strahl wilden Triumphes aus den Augen Faustas. »Wer hat mich je gehalten?« rief sie. »Zersprengt habe ich Ketten und Bande!« Der Strahl war wieder erloschen, und in tiefer Zerknirschung fuhr die Maid fort: »Tage, Wochen und Monden vergingen mir in Jammer und Elend. Wahnsinnig sei ich, hatte man den Nonnen gesagt, und es kam immer nur eine vorsichtige Hand durch die Klappe meiner Kerkertür, mir die hölzerne Schüssel und den irdenen Krug hineinzureichen. Hager und runzlig war diese Hand bis zu einem glücklichen Tage. Heil sei der Stunde, wo eine andere Hand, klein und weich gleich der meinigen hier mir Speise und Trank zuschob! Diese kleine, weiche Hand habe ich gefaßt und festgehalten, und sie hat mir geholfen und sich selbst auch. Nun schlug ein armes, mitleidiges Herz vor den Riegeln meines Gefängnisses, und dieses arme Herz war auch gefesselt und gefangen und härmte sich ab nach einem andern Herzen, welches draußen vor den Mauern des Klosters in Liebe für es klopfte. Pläne der Befreiung beredeten wir miteinander, bis die Stunde günstig war. Es war eine dunkle Sturmesnacht, im Walde harrte ein junger Reiter mit zwei ledigen Pferden, und die Riegel unseres Kerkers öffneten sich. Wir ritten die Sturmesnacht durch und den Tag auch. In Männerkleidung waren wir beiden Frauen. Meine Begleiter jagten stets so dicht als möglich nebeneinander her, und der junge Reiter küßte oft und heiß die kleine weiße Hand, welche die Schlösser meines und ihres Gefängnisses geöffnet hatte. Und wieder kam eine finstere Nacht, da hatten wir das katholische Land durchritten, und noch immer hatten wir die Verfolger dicht hinter uns. Da hörten wir das Rauschen eines Flusses in der Finsternis, und unser Schützer sagte: drüben finge das Reich der Ketzer an und drüben liege die Rettung, Schon vernahm unser Ohr wiederum den Hufschlag der Rosse unserer Verfolger, und wir befahlen unsere Seelen Gott und trieben unsere Pferde in das schwarze, rauschende Wasser. Über uns stand das Feuerzeichen Gottes, der große, erschreckliche Komet, und drohete furchtbarlich herab. Da hat die Flut meine Begleiter fortgerissen, und sie sind umgekommen, mir aber hatte das Wasser nichts getan, und auch die Kugeln der Feinde, welche dieselben vom Ufer auf uns abschossen, sind über meinem Haupte weggegangen. Der Herr hat die Unschuldige beschützt –« »Du lästerst Gott, Fausta La Tedesca!« rief Simone der Arzt; aber der Graf von Pyrmont stampfte mit dem Fuße auf: »Schweigt, schweigt Ihr! – Redet weiter, Fausta!« »Der Herr hat die Unschuldige geschützt; ungefährdet hab ich mich mit meinem Rosse an das Ufer gerettet; aber lang hab ich darauf krank gelegen in einer Hütte armer Bauern. Als ich mich wieder erheben konnte von meinem Schmerzenslager, hörte ich von dem Wunder, das sich begeben hatte – von dem Wunderbronn, welcher alles Weh und alles Gedächtnis von Weh wegspülen könne –« »Verflucht ist der Quell, aus welchem du trinkst!« rief Simone Spada. »Stopft ihm den Mund, ihr Knechte, wenn er nicht schweigen will!« rief wütend Philipp von Spiegelberg, und die Reisigen zogen den Arzt weiter aus dem Kreise fort. »Lasset ihn reden«, sagte Fausta, »mein Ohr und Herz sind verschlossen gegen das, was er sagt.« »Fahret fort, Fremde«, ließ sich Frau Hedwig von Brandenburg vernehmen. »Ich hatte weder Geld noch Schmuck; aber das gute Roß, welches mich aus dem Kloster und Gefängnis errettet, welches mich durch den wilden Fluß getragen hatte, stand noch in dem Stalle des Bauern, der mich aufgenommen hatte. Das Roß hab ich verkauft und mit Tränen Abschied von ihm genommen. Langsam bin ich zu Fuß weitergezogen all den einzelnen Wanderern und den Haufen nach, die von dem heiligen Bronnen gehört hatten und zu ihm wallfahrteten. Da hab ich den Fluß wieder gekreuzt und bin hier angekommen und habe den Simone wieder getroffen. Nun schützet, schützet mich vor ihm, Herr Graf! Bei Euerer Mutter beschwöre ich Euch, bei allem, was Euch am liebsten ist, lasset mich nicht wieder in seine Hände fallen!« Schluchzend umfaßte die Flehende die Kniee des jungen Grafen; – es schluchzten Ursula und Walburg, es schluchzte die Kurfürstin von Brandenburg, alle Weiber im Volke schluchzten, während alle Männer wilde, drohende Blicke dem Arzt zuwarfen. Es wurde bereits nötig, daß die reisigen Knechte den Simone gegen die Wut des Volkes schützten. Im nächsten Augenblick konnte das drohende Unwetter über seinem Haupte losbrechen, und außer einigen Mönchen, denen die Erzählung der Fremden von ihrer Klosterflucht durchaus nicht gefallen hatte, gab es niemanden, der nicht mit Vergnügen die Fäuste erhoben hätte gegen den Arzt Simone Spada aus Bologna. Mancherlei verworrene Gedanken bewegten den Geist des Grafen von Spiegelberg. Was sollte er tun? Was sollte er lassen? Die peinlichen Warnungen des Fremden erschütterten ihn mächtiger, als er sich merken ließ; aber noch mächtiger erschütterte ihn das schöne, wimmernde Weib zu seinen Füßen. Einen Augenblick hatte er die Absicht, den Arzt in Fesseln werfen zu lassen; aber ein neuer Blick auf die edle, vornehme Gestalt des Fremden ließ ihn sogleich davon abstehen. Dann kam ihm der Gedanke, sowohl den Mann wie das schöne Weib von seinem Gebiete zu treiben; aber an der Ausführung dieses Gedankens hinderte ihn ein Blick auf die holde Flehende zu seinen Füßen. Er beschloß, dem Arzt Simone allein das Betreten der Grafschaft Pyrmont zu verbieten. »Lasset den Mann frei; gebet ihm sein Schwert zurück!« rief er. »Er soll freien Raum haben zu gehen – öffnet ihm den Weg, und du, Klaus Eckenbrecher, folge ihm und führe ihn zur Grenze unserer Herrschaft. Hierher, ihr Knechte, geleitet die Maid zum Schloß, sie soll unter meinem Schutz stehen, bis wir nähere Erkundigungen über sie eingezogen haben.« »Dank, Dank, gnädiger Herr!« rief Fausta La Tedesca. Der Arzt aber richtete sich hoch auf. »Herr Graf zu Pyrmont, das Verderben faßt Euch; in ihrer schönsten Gestalt nehmet Ihr die Sünde in Euer Haus auf. Vergeblich ist's, Euch zu warnen. – Ihr seid dem Verhängnis verfallen! Ich gehe nach Euerem Gebot – Paul, führe die Pferde herzu – Fluch, dreimal Fluch dir, Fausta La Tedesca!« Der Arzt Simone Spada stieß sein Schwert, welches man ihm zurückgab, in die schwarze Sammetscheide zurück. Noch einmal wandte er sich gegen das Volk: »Viel heilsame Kräfte hat der gütige Gott in diesem heiligen Quell verborgen; ich sage euch, wenn jene da aus diesem Born getrunken hat, so betet, betet – Männer, Frauen und Kinder betet, daß Gott ihm seine Kraft lasse. Wahrlich, sehr zweifle ich, ob es geschehen werde.« Der zitternde Knabe Paul hatte das schwarze Roß herzugeführt und hielt nun seinem Herrn den Steigbügel. Sicher schwang dieser sich in den Sattel – die Menge teilte sich, und langsam ritt der Arzt von dannen, ohne sich weiter umzuschauen. »Folge ihm, Klaus Eckenbrecher«, sprach der Graf, und der junge Reisige, ebenfalls zu Pferde, folgte dem Fremdlinge und wehrte das neugierige Volk mit Wort und Gewalt von ihm ab. Andere Knechte nahmen, ein wenig scheu, das junge Weib, über welches der Arzt so grausame Worte aussprach, nach ihres Herrn Befehl in ihre Mitte und geleiteten sie durch die Abenddämmerung über den heiligen Anger dem Schlosse zu. Philipp von Spiegelberg starrte ihr wie versunken in tiefem Traum nach, so daß Frau Hedwig von Brandenburg fast Gewalt anwenden mußte, um ihren jungen Wirt wieder zurückzuziehen in das Leben und die Gegenwart. Die gute Dame, sowie auch die Schwestern Ursula und Walburg waren freilich durch den abenteuerlichen Vorfall ebenso verstört und verwirrt wie der Graf; aber die Nacht brach bereits langsam herein, das Gras wurde taufeucht, kalte Füße bekam die Kurfürstin – alles drängte die Bewohner des Schlosses, des eigentlichen Zweckes ihres Zuges zu gedenken. Man tat also. Mit großer Feierlichkeit wurde die Anschlagung der Brunnengesetze an die große Linde vorgenommen und dem Rektor Huddäus das Kränzlein der Ehren aufgesetzt. Die ganze vornehme Gesellschaft trank einen Becher von dem heilsamen Quell, die Trompeter bliesen ein lustiges Stücklein, und alles Volk schaute zu und rief Vivat. Aber es lag schwer auf jedem Gemüte außer auf dem des Rektors Hermann Huddäus, welcher jeglichen Tropfen aus dem Becher des Ruhmes, der ihm floß, mit Wollust einschlürfte und innerlich ein Io triumpho über das andere rief. Das allein bedauerte der Gute, daß seine Kollegen Studtius und Bone, daß die ganze Lateinschule zu Minden, samt Herrn Philippus Schwarzerd, der Universität Wittenberg und dem übrigen Universum nicht Zeugen waren – Augen- und Ohrenzeugen – der Ehren, so ihm widerfuhren, und der Lobreden, so ihm mit spitziger Zunge und Lippen zulispelte Frau Hedwig, die Kurfürstin von Brandenburg, geborene Prinzessin in Polackien. Aber wie aller Jubel und jedes Hallo auf Erden, so kam auch diese Freudenstunde zu ihrem Ende. In langer Reihe zogen durch die dunkelnde Nacht durch Feuerglanz und Fackelschein und Mondenlicht die hochgeborenen und niedriggeborenen Bewohner des Schlosses Pyrmont zu Fuß und zu Roß heim zum Nachtmahl. Der Rektor Huddäus wurde von der Brunnenlinde, in dem Lehnstuhl sitzend, auf dem kürzesten Wege in sein Losament zu Oestorf zurückgetragen. Müde und zerschlagen an allen Gliedern kam er daselbst vor seinem Bauernhause an, und tat ihm dieser Abend an seiner Kur einen großen Schaden, welcher nur durch die innere geistige Befriedigung aufgewogen werden konnte. – Unterdessen geleitete unser Freund Klaus Eckenbrecher den Arzt Simone Spada nach seines Herrn, des Grafen, Befehl bis an den östlichen Grenzstein der Grafschaft, indem er neben dem Knaben Paul, welchen er, jedoch vergeblich, in ein Gespräch zu verwickeln strebte, einhertrabte. Bald hatten sie den heiligen Bronnen, die Feuer, Zelte, Hütten und das Dorf Oestorf hinter sich gelassen, und die stille abendliche Einsamkeit des Waldes am Königsberge nahm sie auf. Nur dumpf und verworren klang aus der Ferne der Tumult des menschenvollen Tales an ihr Ohr, und in der Stille der Sommernacht fand der italische Arzt allgemach das Gleichgewicht seiner Seele wieder, obgleich es noch oft genug wild in ihm aufkochte und unwillkürliche Ausrufe des Schmerzes und des Zornes sich seiner Brust entrangen. Solange es noch hell genug dazu war, hatte er im Reiten mit einem Stift ein Blättlein Papier aus seiner Brieftafel beschrieben. Dann hatte er es mit der Brieftafel wieder in seine Brusttasche versenkt. Rund und voll stieg der Mond über den Bergen hervor; auf den wolkenlosen Tag folgte eine ebenso wolkenlose Nacht. Kein Blatt am Baum, kein Grashalm regte sich, und lange Zeit wurde es kaum kühler auf den heißen Tag. Die Emmer rauschte aber munter zur rechten Seite der drei Reiter, und endlich, endlich strich ein erfrischender Luftzug durch den vom Hohen Stoll und Pinberg sich herabsenkenden Wald. Der Arzt Simone riß die Brustknöpfe seines Gewandes auf und atmete schwer und tief; »Fausta La Tedesca!« flüsterte er. »Fausta wieder unter den Lebendigen?! Fausta wieder auferstanden aus dem Grabe! O das Verhängnis, das Verhängnis!« – Unter dem Büsseberg, wo die schauerigen Felsen dicht am Wege und dem Emmerfluß emporragen, stand der alte, bemooste Grenzstein, bis zu welchem der Spiegelbergsche Reisige den welschen Arzt und seinen Diener zu geleiten hatte. An dieser Stelle hielt Klaus sein Roß an und nahm ganz höflich Abschied von den Fremden, um sie ihren Weg allein ziehen zu lassen. »Fahret wohl«, rief er, »und was ich bitten wollt, jaget uns doch, wenn Euch Euer Weg hier wieder durchführen sollte, nicht wieder solch einen grausamen Schrecken ein. Übrigens, im Vertrauen gesagt, ich traue Euerm ehrlichen Gesicht doch mehr als dem wunderschönen Weibsbild, deren richtige Geschichte Euer Knab mir nicht anvertrauen wollt.« »Möge ich nimmer hier wieder durchkommen!« sprach der Arzt, finster lächelnd. Er nahm seine Brieftasche heraus, zog das beschriebene Blatt hervor, faltete es zusammen und schrieb in einem Mondenstrahl die Adresse darauf. Darauf reichte er es dem Klaus und fuhr fort: »Hier nehmet diesen Brief und bringet ihn Eurem Herrn, dem Grafen zu Pyrmont. Und zum Dank für Euer gutes Geleit haltet Eure Hand auf.« Klaus Eckenbrecher nahm sowohl den Brief des Fremden als auch die beiden Goldstücke, welche dieser ihm mit in die Hand fallen ließ. »Ich danke Euch und will Euch noch eine gute Meinung mit auf den Weg geben: Lockert Euer Schwert in der Scheide und lasset Euern Knaben nach seinem Feuerrohr sehen; es streicht jetzo viel böses Gesindel auf den Wegen umher und geht des Nachts auf Raub aus. Gute Nacht und glückliche Fahrt!« Für den Italiener schien der Klaus mit seinem Dank und guten Rat gar nicht mehr in der Welt zu sein; seinem jungen Diener rief er zu: »Via, Via, Paul! Fort, mein Sohn! Schüttle den Staub von deinen Füßen und vorwärts – vorwärts! Diese Luft erstickt mich!« Im Galopp jagten beide weiter. Kopfschüttelnd blickte Klaus Eckenbrecher den Davoneilenden nach, bis sie in dem Gewirr von Licht und Schatten, welches der Wald über die Straße legte, verschwunden waren. Dann wandte er sein Roß, ließ einen hellen Pfiff vernehmen, ließ die beiden empfangenen Goldstücke in der hohlen Hand aneinanderklingen und setzte mit einem lauten Jubelruf seinem Schecken die Sporen in die Weichen. Heimwärts galoppierte auch er durch die wunderschöne Mondscheinnacht. – Als er sich dem Dorfe Löwenhausen näherte, ließ er sein Pferd allgemach langsamer gehen und zog die Zügel zuletzt ganz an. Seitwärts beugte er sich und horchte; denn zu seiner Linken erscholl von einem Waldwege her ein Gesang. Klaus glaubte den Sänger an der Stimme zu erkennen, und er irrte sich auch nicht. Näher und näher kamen die Töne. »Er ist es!« rief Klaus Eckenbrecher. Jetzt vernahm man auch ein Rauschen und Brechen der Zweige, und endlich trat aus dem Dickicht hervor in den bleichen Mondschein, welcher auf der Landstraße lag, einer jener fahrenden Leute damaliger Zeit – Kaspar Wicht, der Spielmann, mit Wanderstab, Fiedel und Bettelsack, am grauen Filzhut eine hohe, schwankende Hahnenfeder über einem Strauß von Waldblumen. Gar nicht übel klang seine Weise durch die stille Nacht, und Klaus Eckenbrecher, herzlich erfreut über das Zusammentreffen, fiel hell mit ein in das Lied des Wichtelkaspars: »Am Tage Sankt Johannis Wie lag die Welt in Sonne! Am Tage Sankt Johannis Wie schlug mein Herz in Wonne! Es zog ein fröhlich Klingen Wohl über die grüne Heide: Schön Lieb mit hellem Singen Schritt her im Festtagskleide. Sie hielt ein schwarzes Büchel Voll goldner, frommer Lieder, Dazu ein weißes Tüchel Gefaltet vor dem Mieder. Ringsum die Blumenglocken Aus Näh und Ferne grüßten Rot Röslein in den Locken, Weiß Röslein vor den Brüsten. O selig Sommerleben! Rot Röslein raubt ich lose; Drauf hat sie mir gegeben Auch noch die weiße Rose!« »Juhu!« jubelte der Sänger und schritt jetzt dicht an das Roß des Spiegelbergischen Reiters heran, und Reiter und Fiedelmann wiederholten jauchzend den ersten Vers: »Am Tage Sankt Johannis Wie lag die Welt in Sonne! Am Tage Sankt Johannis Wie schlug mein Herz in Wonne!« Damit brachten sie das Lied glücklich zu Ende und boten sich darauf die Zeit. »Nun, Alter, wie geht's? Wie fährt die Welt mit Euch?« »Nicht allzu säuberlich«, lachte der Sänger. »Von mir mag's auch heißen, was von dem schwarzen Galgenvogel gesagt wird: 's ist noch kein Rabe Hungers storben, Obgleich sein Sang nicht viel erworben!« »Woher treibt Euch denn wieder einmal der Wind, Kaspar?« »Immer aus dem Guten ins Bessere – vom Knüppelwege auf die Landstraße und von der Landstraße auf den Pferderücken. Willst du stehen, Mähre? Fürchtest auch wohl, daß dir meine alten Knochen und mein leerer Magen und Zwerchsack zu schwer sein könnten? Brr, brr, steh, Schecke! Keine Bange!« Damit schwang sich der Fiedler trotz seinem ziemlich hohen Alter rüstig hinter dem lachenden Klaus auf den Gaul und rückte seine lange, klapperdürre Gestalt behaglich auf dem gewonnenen Sitze zurecht. »Nun kann's mit Gottes Hülfe losgehen, Reiterlein. Trab, faules Vieh, sie brauchen den Wichtelkaspar heut nacht noch zu Oestorf in der Schenke zum letzten Heller. Ein hübsch Mädel hättet Ihr wohl lieber als mich hinter Euch sitzen, Klaus? Na, will's Euch nicht alsosehr verdenken; aber für dieses Mal müsset Ihr doch mit mir vorlieb nehmen.« Klaus Eckenbrecher ließ einen dicken Seufzer vernehmen; wirklich war ihm der Gedanke gekommen: wie viel hübscher es sein würde, wenn er statt mit dem Geiger mit der holden Monika Fichtner aus Holzminden so durch die Mondscheinnacht traben könne, gleich dem Ritter Peter mit dem goldenen Schlüssel und der schönen Magelone. »Ach, Monika!« seufzte der Reiter, hütete sich jedoch wohl, nach seiner Meinung, daß der Geiger den Namen verstand. Dieser verstand ihn aber doch, wiederholte ihn spottend und schlang zärtlich die Arme um den Reisigen, um nicht zu fallen. Dann stimmte er ein neues Lied an von Scheiden, Meiden und Sehnsucht, welches dem Erzähler verlorengegangen, jedenfalls aber in des Knaben Wunderhorn zu finden ist. – So trabten Reiter und Sänger durch den Wald und später durch das Dorf Löwenhausen. Vor der Schenke zum letzten Heller in Oestorf setzte der Reiter den Geiger ab. Mit gewaltigem Hussa und Jubel wurde der Wichtelkaspar von den anwesenden Reisigen und Knechten des Grafen Philipp, sowie dem andern nachtschwärmenden Volke begrüßt, und von allen Seiten wurde dem Eckenbrecher aufs Pferd zugetrunken. »Haltet mir einen Platz frei, ich komme wieder, wenn es angeht«, rief der junge Reiter, welcher nach den beiden Goldstücken des italienischen Arztes, die in seiner Gürteltasche klingelten, griff. Zu schnellerm Lauf trieb er sein schnaufendes Pferd an. Auf dem heiligen Anger war noch großes Getümmel und Gelärm, und die nächtlichen Schatten verhüllten manche Szenen, welche im Schein des Tageslichts Entsetzen und Widerwillen erregt hätten. Um die Feuer tanzten trunkene Haufen – es war, als ob die Fieberphantasien sämtlicher Kranken unter den Zelten und Laubhütten, zu einem tollen Ganzen zusammenfließend, sich verkörperten – ein Anblick, der einem Höllen-Breughel die Tragweite seines Talentes klarmachen konnte! Ohne sich aufzuhalten, ritt Klaus Eckenbrecher quer durch den Hexensabbat über die Zugbrücke in das Schloß Pyrmont ein. Er wurde sogleich zum Grafen beschieden. In seinem Gemache schritt dieser auf und ab, die Hände auf dem Rücken, das Haupt zur Brust hinabgesenkt. Sein großer Wolfshund folgte ihm aus einem Winkel des Zimmers fortwährend mit den klugen Augen und schien im geheimen seine Glossen über die seltene Nachdenklichkeit seines Herrn zu machen. Seltsam erregt und unruhig war Philipp von Spiegelberg von dem Zuge zur Brunnenlinde heimgekommen. Das Bild der Fremden, welche jetzt mit ihm unter einem Dache sich befand, kam ihm nicht aus dem Sinne. Anfangs strebte er, es zu verscheuchen, aber bald gab er solche vergeblichen Versuche auf. Mit Leib und Seele gab er sich dem Zauber hin, welcher immer fester und unlösbarer seine magischen Bande um ihn schlang. Dazwischen tönten fort und fort die erschütternden Warnungen des Arztes Simone in sein Ohr. Unheimlich war dem Grafen von Pyrmont zumute, und unwillkürlich schreckte er jedesmal zusammen, wenn im dumpfen Getöse des Volkes auf dem heiligen Anger ein durchdringender, gellender Schrei wilder Lust aufklang. Mit Eifer und mit Grauen nahm er das Schreiben des Arztes aus den Händen des Reiters und trat damit an die trübe Lampe, welche auf der Eichentafel in der Mitte des Gemaches brannte. So lautete der Brief, den der Doktor Spada aus Bologna an Herrn Philipp von Spiegelberg schrieb: »Wohlgeborener und edler Herr Graf! Noch einmal warne ich Euch! Es ist vor alten Zeiten in meiner Vaterstadt Bononia eine Jungfrau gewesen, anzuschauen gleich einem Engel Gottes. Sie hat viel Unheil angerichtet und Verderben gebracht über alle, welche ihr naheten. Alle, die ihr naheten, bezauberte sie mit dem Blick ihrer Augen, mit dem Klang ihrer Stimme; sie mußten ihr folgen, und ihre Pfade gingen hinab in den Tod. Es ist eine alte Sage, daß diese Jungfrau starb, aber nach ihrem Tode noch jahrelang umging in der Welt und wanderte von Ort zu Ort, von Land zu Land, nicht anders, als ob sie noch lebte. Sie war eine Lautenschlägerin, und auf vielen Reihen hat man sie des Spielwerks pflegen sehen, und alt und jung hat sich ihrer Schöne gefreut, obgleich sie eigentlich tot war. Endlich aber hat einmal während eines wilden Gelags, als jede Stirn mit Rosen bekränzet war und jedes Herz in toller Lust höher schlug, jemand im höchsten Schrecken auf die gegenwärtige Jungfrau gewiesen und ausgerufen: die bleiche Jungfrau sei tot! ... Und wie er das gerufen, da ist ein jähes Entsetzen durch die wilde Freude gefahren, und die bleiche Jungfrau ist niedergefallen und Staub und Asche geworden! ... Herr Graf zu Pyrmont, hütet Euch vor der toten, bleichen Jungfrau, welche Ihr unter das Dach Eures Hauses genommen habt. Ihr wisset, wen ich meine! Noch wandert das Gespenst, und feurig ist der Glanz seiner Augen, und weiß ist's und holdselig, und sanft ist seine Stimme, welche die Menschen betört. Hütet Euch, Herr Graf zu Pyrmont, die bleiche Jungfrau ist doch tot, und wenn das Schreckenswort ausgesprochen wird, so wird sie niederfallen zur Erde und ein Häuflein verwester Knochen und Asche sein. Haltet Euere Augen offen, Herr Graf! Hütet Euch! Hütet Euch! Simone Spada aus Bologna.« Der Graf ließ den Brief des italienischen Arztes sinken und starrte einige Minuten lang seinen Reiter an, welcher noch immer an der Tür auf weitere Fragen und Befehle harrte. Dann winkte er ihm stumm, sich zu entfernen, und sank, nachdem die Tür sich hinter dem Klaus geschlossen hatte, in seinen Lehnsessel und blieb ganz gegen seine sonstige Gewohnheit ruhig und allein sitzen bis tief in die Nacht. Selbst den geleerten Becher ließ er nicht wieder füllen – ein bedeutendes, klares Zeichen, daß mancherlei in seinem Innern nicht in Ordnung sein mußte. Bis tief in die Nacht, ja, bis in die Morgendämmerung hinein saß auch Klaus Eckenbrecher, aber nicht bewegungslos, nicht vor leerem Becher zu Oestorf in der Schenke zum letzten Heller. Wohl sagt man, daß der Pfennig hundert Wege habe; warum sollten zwei spanische Kronen nicht auch ein Wegelein finden, welches aus der Tasche ihres Besitzers herausführte und in die Tasche des Schenkenwirtes hinein? Führte nicht der Wirt zum letzten Heller, Martin Rosenhagen, einen Wein, nach welchem ein Erzengel alle zehn Finger lecken konnte? Wußte etwa der Klaus noch nicht, was eine Reiterkehle und ein Reiterdurst sei? Die beiden Goldstücke mit dem Bildnisse des Königs Philipp des Zweiten von Hispanien gingen vollständig drauf zwischen dem ersten Wächterruf und dem dritten Hahnenschrei zur unendlichen Qual und allergrößestem Mißmut des Rektors Hermannus Huddäus, welchen der Gesang, Lärm und Streit der Reisigen und der Landstreicher die ganze liebe, lange Nacht hindurch zu keinem ruhigen Schlaf kommen ließ. Die ganze Nacht hindurch trank Klaus Eckenbrecher samt dem Fiedelkaspar und der andern wüsten Kompanei auf das Wohl der holden Monika Fichtner zu Holzminden, auf das Wohl des ganzen hochgräflichen Hauses von Spiegelberg und Pyrmont, auf das Wohl des welschen Arztes Simone Spada aus Bologna – kurz auf jedes beliebige Wohl, welches mit irgendeinem Schein von Berechtigung getrunken werden konnte. Und jegliches Gläserklirren und Hochgeschrei ging dem Rektor Huddäus schrill durch die Seele. Er wand sich auf seinem heißen Lager gleich einer armen Seele im Höllenfeuer, wenn eben neues Öl in die Bratpfannen gegossen wird. »O gerechter Gott, und jetzt fängt der gräßliche Gesang auch wieder an!« stöhnte der Rektor, und – Kaspar Wicht begann ein neues Lied, in dessen Schlußreim der ganze Chorus sämtlicher Nachtschwärmer einstimmte. Gegen drei Uhr morgens ließ das Getöse ein wenig nach; zwei Drittel der Gesellschaft im »letzten Heller« schliefen unter dem Tische ihren Rausch aus, und das letzte Drittel strengte die heiseren Kehlen vergeblich an, um den Ausfall solcher Kräfte durch verdoppelte Anstrengung zu ersetzen. »Gottlob, bald müssen sie sich die Seele aus dem Halse gebrüllt haben!« ächzte der Rektor, die Nachtmütze über die klingenden Ohren ziehend. Wie schön hätte der Arme von den Ehren des gestrigen Tages träumen können, wenn das Schicksal es gewollt hätte! Gegen vier Uhr morgens erst kehrte Klaus Eckenbrecher Arm in Arm mit dem Falkenierer des Grafen ein wenig schwankend und stolpernd heim in das Schloß, und beide wackere Gesellen sangen mit unsicherer Stimme ein Lied, dessen Endreime, soweit sie zwischen Stolpern, Fluchen, Seufzen und Schluchzen verständlich waren, lauteten: »Ein Reiter hat dies Lied gemacht Seiner Herzallerliebsten zur guten Nacht Bei Pyremunt am Borne! In Liebespein und Sorgen Ist er gewest versunken; Er hat sein Leid vertrunken Bis an den hellen Morgen, Ha, Morgen!« Im magischen, bleichen Mondenschein tanzte jeglich Ding rund um die beiden guten Gesellen, und beide waren vollständig in jener seligen Stimmung befangen, in welcher man die ganze Welt mit Sonne, Mond und Sternen, allen hübschen Mädchen und allen tapfern Knaben liebevoll an sein Herz drücken möchte. Es konnte dem Klaus aber nur lieb sein, daß ihn Ehrn Valentin Fichtnerus, der Pastor von Holzminden, nicht in solchem höchst lobenswerten Zustande belauschte und daß der alte Magister nicht Zeuge davon war, wie er – der Eckenbrecher – in allerlei Fährlichkeiten und Kämpfe mit Hunden, erbosten Weibern und aufgestörten Schläfern von jedem Alter und jedem Geschlecht geriet. Der ehrwürdige Herr würde jedenfalls bedeutend den Kopf geschüttelt und der armen, kleinen Monika eine lange, wohlgesetzte Strafrede gehalten haben ob der leichtsinnigen und unbedachten Verschleuderung ihres Herzchens an einen solchen bodenlosen Hans Hasenfuß, Hans Dampf, Hans Wurst, Hans Liederlich und Hans in allen Gassen. Aber das ist ja das alte, ewig von vorn anfangende Lied, daß die Alten nie mehr wissen, wie den Jungen zumute ist, wenn sie einem allzu vernünftigen und widerspenstigen Nachtwächter begegnen, nachdem sie einen allzu großen Durst allzu eifrig gelöscht haben! Gegen fünf Uhr schlief Klaus Eckenbrecher im Stall auf dem Stroh neben seinem Schecken den Schlaf der Gerechten, nachdem er als ein kluger Jüngling vorher noch durch eine Sturmhaube voll kühlen Wassers aus dem Schloßbrunnen die innerliche Hitze seines Leibes gesänftigt hatte. Siebentes Kapitel Wie das Schloß Pyrmont träumte. Im weißen, magischen Mondlicht lag diese ganze Nacht hindurch das Schloß von Pyrmont und beschaute träumerisch seine märchenhafte Gestalt in den breiten, stillen, glänzenden Wasserflächen, welche es umgaben. Gleich einem echten Zauberschloß lag es in der holden Nacht da mit seinen alten Türmen und Türmchen, seinen grauen, moosigen Mauern, seinen Spitzbogenfenstern und Rundbogenfenstern. Tiefer Schlaf hielt das Schloß umfangen – Menschen und Tiere bis auf wenige. In der Küche unter dem Herde zirpte ein Heimchen fort und fort seine eintönige Weise, um den Taubenschlag strich lautlos ein schlankes Wieselchen, Katzen schlüpften über die Dächer – es wachte Fausta La Tedesca! Der Wärtel, welcher »auf dem Turm die Wacht beschlief«, lehnte auf seinem Lugaus an der Brüstung und nickte mit dem Kopfe. Ihm träumte: vom Iberg herab reite mit großem, stattlichem Heergefolge ein Mann mit langem, grauem Bart, ein Mann im wallenden Purpurmantel, eine güldene Krone auf dem Haupte tragend, ein mächtiges Schlachtschwert in der Rechten, gegen das Schloß Pyrmont heran; – alles Volk auf dem heiligen Anger aber neige sich und rufe: Heil, Heil, Heil dem Kaiser Carolo Magno! und er – der Wärtel – stoße in das gewundene Horn und blase den Willkommen dem alten Kaiser zur Ehre und Freude, und viel Gold regne es aus der Hand Karls! Auf seinem Lager regte sich der Kellermeister. Ihm träumte: er stehe am heiligen Born im heftigen Durst und müsse Gesichter schneiden über den allzu gesunden Trank, von welchem so viel Lob gesungen wurde; – plötzlich aber ändere sich die Sache und die Quelle fange an, einen Strahl emporzusenden, funkelnd wie Gold, himmelhoch, eitel Milch Unserer Lieben Frauen, und alles Volk jauchze dem Wunder zu, und alles Volk trinke, bis Himmel und Erde sich drehten, und er – der Kellermeister des Herrn von Spiegelberg – werde von nun an Kellermeister am heiligen Born zu Pyrmont und zwar mit Freuden! Es träumten im Schloß Pyrmont Jagdhunde, Reisige, Knechte, Mägde, Küchenjungen, Stalljungen; – es träumte der Schloßkaplan Bellin samt seinem Küster Boldewein. Der Kobold im morschen Gebälk des ältesten Mauerturmes träumte auch. Sein Traum war unruhig und schwer, wie die Träume der Kobolde immer sind, wenn den ihrer Obhut anvertrauten Häusern Gefahr droht. Dem Kobold des Hauses Spiegelberg träumte, daß das gute, alte Schloß Pyrmont nicht lange mehr stehen werde. Einen bösen, bösen Traum träumte der Kobold, einen Traum von Maurern und Zimmerleuten, einen Traum von Wandeinschlagen, Balkeneinreißen, Grundaufwühlen, einen Traum von Staub, Schutt, regellosen wüsten Steinhaufen – einen bösen, bösen Koboldstraum. Es träumte aber der Frau Kurfürstin Hedwig von Brandenburg, geborener Prinzessin aus königlichem Stamme in Polen, sie habe gegen die Kleiderordnung, welche ihr Gemahl, Herr Joachim, erlassen hatte, schwer gesündigt und sitze nun auf dem Cöllnschen Fischmarkt in einem großen hölzernen Käfig, und alles Volk von Berlin – la cour et la ville, die jungen Herren von der kurfürstlichen Leibguardia, die Gemahlinnen und Töchter der Geheimen Räte, die Damen vom Kurfürstlichen Hoftheater, der Oberbürgermeister samt dem Rat und Tausende des Namens Schulze und Müller – dränge sich um diesen abscheulichen Käfig und rufe: Vivat, es lebe unsere allergnädigste Kurfürstin! – Es träumte aber der Ursel von Spiegelberg von einer leeren Speisekammer und einer großen Hungersnot, von einem leeren Keller voll ausgelaufener Weinfässer und von einem großen Durste und Wehklagen im Schloß Pyrmont. Dagegen umfing die kleine Walburg ein viel hübscherer Traum. Von einem schönen Schloß weit hinten im Lande träumte ihr, einem Schloß, allwo ein junger, stattlicher, liebenswürdiger Ritter hauste, genannt Herr Georg von Gleichen, ein Urururenkel jenes weltberühmten Grafen, welcher aus dem Morgenlande die wunderschöne sarazenische Königstochter Melechsala seiner gutmütigen Gattin Ottilie als Reisegeschenk mitbrachte, um – ihr eine Freude zu machen. Der Walburg träumte, der junge Ritter tanze mit ihr auf grünem, sonnigem Wiesenplan den Reihen beim Klange der Pfeifen und Schalmeien und blicke zärtlich und flüstere süße Worte, und der Walburg träumte, sie sei dem Ritter Georg sehr gut und habe nichts dagegen, Gräfin von Gleichen zu werden, doch dürfe der Graf niemalen nach dem Morgenlande ziehen. Und von einer dreischläfernen Bettstelle wollte sie auch nichts wissen – selbst im Traume nicht. Herr Philipp von Spiegelberg träumte nach langem Hin- und Herwälzen auch – einen unsagbar ängstlichen Traum, einen jener Träume, aus welchen man in Schweiß gebadet, stumpfsinnig, fiebernd erwacht ohne die geringste Erinnerung an das, was während der nächtlichen Stunden sein wildes Spiel mit einem getrieben hat – Es gab im ganzen Schloß Pyrmont um die dritte Morgenstunde nur ein Menschenwesen, welches nicht schlief, aber dessenungeachtet träumte; welches wach, klaräugig wach war und welches Bilder aneinanderreihete, Geschehenes, wirklich Geschehenes – schrecklicher, phantastischer, als der tollste Traum schaffen konnte. Fausta La Tedesca wachte und grübelte über Vergangenem und Kommendem! Es war ein kleines, rundes Gemach in einem der aus den Eckmauern des Schlosses vorspringenden Türmchen, welches man auf Geheiß des Grafen dem jungen Weibe angewiesen hatte, kein Gefängnis, sondern ein hübsches Zimmerchen einer mittelalterlichen Burg. Durch zwei enge Spitzbogenfenster sah man weit in das Land und die Berge hinein. Die Ausstattung des Gemaches war freilich sehr einfach; sie bestand nur aus einem niedrigen Lager, einem Tisch und zwei Stühlen von rotbemaltem Tannenholz. Das Tal – die Halden, Felder, Wälder und Wiesen erglänzten im Mondlicht, und rotglühenden Meteoren glichen die Feuer des Volkes, welche überall weit und breit glimmten, zusammengedrängt auf dem heiligen Anger, zerstreuter und vereinzelter gegen die Berge hin. Wohl war endlich die wüste Orgie verstummt, aber nie ganz erlosch das Summen der Menge. Die Hunde bellten und antworteten einander aus der Nähe und Ferne, leise klangen die Glocken des Liborius-Klosters von Lügde herüber; in Holzhausen, Oestorf und Löwenhausen krähten die Hähne. Es war wohl eine Nacht, um an einem dieser engen Fenster im südöstlichen Ecktürmchen des Schlosses Pyrmont zu stehen und hinauszuschauen – tief und immer tiefer in die Mondscheinnacht hinein. Und am Fenster stand auch Fausta La Tedesca, die der Arzt Simone Spada verflucht hatte, in den Strahlen, welche der hinter die Berge sinkende Mond in das Gemach sandte. Die Fremde hatte die Arme über dem Busen zusammengelegt, und in schwarzen Fluten rollte ihr das gelöste Haar über die Schultern. Sie lehnte in der Fensternische in einer Stellung, wie sie niemals ein Künstler ausdrucksvoller einer Bildsäule des Verderbens hätte geben können. Weiß wie Marmor leuchteten Gesicht, Arme und Busen im weißen Mondlicht: eine marmorkalte Ruhe herrschte in den feinen, regelmäßigen Zügen des schönen Gesichts. Nur das dunkle Auge lebte und leuchtete: Triumph! Eine Viertelstunde hatte sie geschlafen, dann hatte sie sich von ihrem Lager erhoben und war an das Fenster getreten und hatte die Nacht durchwacht und überlegt. In diesem Augenblick lächelte sie, und der Graf zu Pyrmont drückte die geballte Hand fest auf die Brust und stöhnte im Schlaf: ein Vampyr umflatterte ihn, er fühlte den häßlichen Flügelschlag desselben, er wollte ihn von sich abwehren, aber die Hände waren ihm gefesselt. Enger und enger zog das Nachtgespenst seine Kreise um den Träumenden! – Und Fausta La Tedesca träumte. Eine schöne Nacht war's, um zu träumen – auch mit offenen Augen! Der Mondnebel wogt, hebt und senkt sich – das ist das Meer des Lebens, welches so viele Geheimnisse in seiner Tiefe birgt. Der Mondnebel wogt, hebt und senkt sich – das ist das Meer, das wirkliche Meer! Es heben sich Türme und Kuppeln aus dem Meer, es klingen ferne, feierliche Glocken über die Wogen, große schwarze Schiffe schlagen gleich riesenhaften Ungeheuern die Flut mit hundert Ruderfüßen. Vom Hauptmast weht die Flagge mit dem geflügelten Löwen, die Flagge von Venedig. »Venezia! Venezia!« jubelt die Mannschaft; mit dem Donner ihrer Geschütze grüßen die aus dem Archipelagus heimkehrenden siegreichen Galeeren die Herrscherin der Meere, und die Stadt antwortet dem Gruße: »Es lebe die Republik! Es lebe San Marco!« Langsam gleiten die schwarzen Kolosse einher; aber leicht schaukeln sich auf den Wellen der Adria die schwarzen Gondeln, die sich mehren, je höher die Türme und Kuppeln in der Ferne emporsteigen aus den Wassern. Fackelnglanz, Lautenklang, Gesang, Gelächter und heller Jubel! Schau dort jenen geschmückten Kahn, im Schein bunter Lampen strahlend. Schöne Damen in reichen Gewändern ruhen auf türkischen Polstern und kosen mit den zu ihren Füßen gelagerten feinen Kavalieren. Blumenkränze umschlingen den Bord der Gondel, und Weinpokale und Fruchtschalen gehen in der fröhlichen Gesellschaft von Hand zu Hand. Sieh dort den hohen, ehrfurchtgebietenden Mann mit der breiten Stirn, dem grauen, wohlgepflegten Bart, dessen Adlerauge lächelnd und sinnend auf der lieblichen Gestalt eines jungen Mädchens ruht, welches eben die gelbe Kapuze, um sich vor dem kühlen Nachtwinde zu schützen, über den Locken zusammenzieht. Tiziano Vecelli da Cadore wird jener hohe Mann mit der Künstlerstirn genannt; jenes junge Mädchen mit den dunklen Locken ist Fausta – Fausta La Tedesca – der Wunderstern, der vor kurzem emporstieg über der Meeresstadt – Fausta La Tedesca, die Kurtisane! Der große Meister erhebt sich halb von seinem Sitze im Hinterteil des Schiffes und berührt leise die Schulter eines jungen Mannes, welcher in tiefe Gedanken versunken hinter ihm lehnt. Girolamo Savoldo fährt empor, sein Auge folgt der deutenden Hand, ein Blitz des Genius durchzuckt ihn – das Mädchen wendet sich – der junge Maler schließt die Augen, er hat genug gesehen: gewonnen ist das Bild der Schleierhebenden, welches die Jahrhunderte fesseln und mit süßem Entzücken fesseln soll, wenn diese lebendige Welt von Schönheit, Jugend, Witz und Geist, welche sich auf den Wogen des Adriatischen Meeres schaukelt, längst versunken ist. An der Piazetta landet das Zauberschiff. Die Menge drängt sich um die Aussteigenden. Der alte Tizian bietet der schönen Fausta die Hand und führt sie über die Marmorplatten des Kais, die andern Herren und Damen der Gesellschaft folgen; aber das Volk hat nur Augen für seinen greisen Maler und für das junge Mädchen an der Seite desselben. »La Maga! La Maga!« flüstert's ringsumher. »O la bella donna!« »La bella, la falsa Maga!« rufen junge Patrizier, und ältliche Nobili und Senatoren küssen lächelnd die Fingerspitzen der ambraduftenden Handschuhe gegen die Schöne und winken und nicken und verbeugen sich, und auf und ab den Markusplatz wandelt der alte Meister, entzückt über das Beifallsgemurmel, welches um ihn her laut wird. – – – Von hundert Lampen erglänzt der Palast Barbarigo am Großen Kanal, die schwarzen Gondeln drängen sich haufenweise vor den Stufen der Eingänge, und immer neue schießen blitzschnell heran und setzen ihre Ladungen geputzter Gäste unter den Portalen ab. Was die Königin der Meere an Adel, Reichtum, Schönheit und Talent aufzuweisen hat, durchwogt in Glanz und Pracht die festlich geschmückten Säle des großen Malers Tizian Vecelli. Fröhliche Musik erklingt von blumengeschmückter Tribüne, die weißen Statuen blicken still von den Wänden auf das Getümmel herab, die bunte Schar der Dienerschaft läuft geschäftig hin und her. Die Damen auf den Sammetpolstern die Wände entlang bewegen ihre Federfächer in den zarten Händen auf und ab, die Kavaliere beugen sich über die Lehnen der Sessel und flüstern den Damen leise zu oder lachen laut und hell mit ihnen. Mit einem Richter vom Rat der Zehn schreitet der Meister Tizian auf und ab und unterbricht seine Unterredung, um einem Fächerwinke Faustas Folge zu leisten. Ein neuer Gast wird gemeldet: »Don Cesare Campolani!« Die Damen und Ritter schauen auf; der Name geht von Mund zu Mund; der Hausherr tritt vor, den neuen Ankömmling zu begrüßen. Es ist ein junger Mann, welchem die schwarze, vornehme Tracht sehr gut steht; sicher und gewandt bewegt er sich in der glänzenden Versammlung. Er ist fremd, er ist kein Venezianer; aus einem angesehenen sizilianischen Adelsgeschlechte stammt er. Man erfährt, daß er zu Bologna studiert hat, und man flüstert sich zu, daß er in die Dienste der Republik von Sankt Markus treten will, nachdem er infolge des letzten Studentenaufruhrs aus der berühmten Universitätsstadt hat entweichen müssen. Bald weiß man, daß er sehr reich ist; alle Damen, zu denen er tritt, lächeln ihm auf das liebenswürdigste zu. Aber sein Auge irrt suchend umher und wird dann erst ruhig, als es inmitten einer heitern Gruppe die schöne Fausta gefunden hat. Die schöne, lachende Fausta hat vergessen, daß Simone Spada aus Bologna sie liebte, und sie will vergessen, daß sie den armen Studenten verriet und daß sie eine Verlorene ist in all dem Glanz, in all der Herrlichkeit und Pracht, welche sie umgibt, in all dem Glanz, in all der Herrlichkeit und Pracht ihres Körpers und Geistes. Die schöne Fausta muß noch mehr zu vergessen suchen. Die schöne Fausta kennt den Ritter Campolani sehr gut; ihr Herz pocht, als er auf sie zukommt. – – – Sind das nicht Bilder seltsamlicher Art, welche da aufsteigen in der deutschen Mondscheinnacht vor den Augen der gefangenen Fausta La Tedesca auf dem Schloß Pyrmont? Aber die dämmerige Nacht birgt noch andere in ihrem geheimnisvollen Schoße. Da ist die alte, finstere, schmutzige Stadt Padua mit ihren winklichten Plätzen, ihren engen Gassen, ihren niedrigen Arkaden. Auf San Antonio schlägt es Mitternacht; es ist dunkel und stürmisch, Regenwolken treibt der Westwind über die Stadt. Aus den unheimlichen Säulengängen, welche die Gassen einfassen, von den Ecken aus erschallt das verrufene: Chi va lì? Chi va là? der lauernden Studenten, deren altes Recht ist, zu solchen Stunden diese Arkaden allein betreten zu dürfen. Aus der Ferne tönt der Hülferuf ruchlos überfallener Bürger; aus der Ferne tönt Schwertergeklirr, das Wehklagen von Verwundeten, Weiberstimmen dazwischen. Jetzt leuchtet Fackelschein über die Piazza dei Signori, Studenten, blanke Degen und Windlichter in den Händen tragend, geleiten in aufgeregtester Stimmung eine Sänfte, aus welcher sich ein Frauenkopf vorbeugt. Ein Reiter ist der Sänfte zur Seite und biegt sich herab und spricht mit der Dame. »Hoch Fausta! Hoch Cesare!« rufen die lärmenden Jünglinge, die Schwerter und Fackeln hochhebend. Was ist das? Hinter einer Bildsäule des heiligen Antonius und seines Schweines vor stürzt ein Mann, den Dolch in der Rechten, gegen die Sänfte heran. Die Studenten und der Reiter werfen sich dem Verwegenen in den Weg, ein kurzer Kampf – ein Fall – blutend bleibt der Angreifer auf dem Platze. Die schöne Dame lächelt, wild jauchzen und jubeln die Studenten, das Roß des Reiters schreitet über den bewußtlosen Körper des Gefallenen stolzen Schrittes fort – und der Zug verschwindet in der Nacht. Fausta La Tedesca heißt die Dame. Cesare Campolani heißt der Ritter. Der Verwundete ist ein junger Arzt, Simone Spada aus Bologna. Seit einiger Zeit lebt und studiert er mit einem alten Arzt aus Deutschland, Benedictus Meyenberger genannt, in Padua. Um der Fausta willen hat der alte deutsche Gelehrte seine Heimat verlassen; aber die Fausta flieht vor ihm. Die Fausta fürchtet sich vor dem kalten nordischen Schneelande, wo die Sonne nur während der Hälfte des Jahres scheint, die Fausta will nicht die hohen Alpen übersteigen mit dem Benedictus, die Fausta liebt die Sonne und die Freude, sie will nicht mit dem alten Deutschen gehen, sie haßt jetzt den Simone. Sie floh vor beiden aus Venedig, sie flieht vor ihnen jetzt auch aus Padua. – – Es wogt, hebt und senkt sich der Mondnebel über dem grünen Waldtal von Pyrmont – dichter zieht er sich zusammen, und wieder schaut Fausta La Tedesca aus dem Bogenfenster ihres Turmgemaches das Meer. Aber dieses Mal ist's nicht die blaue Adriatische See, auf der ihre irrenden Gedanken schiffen. Wieder ist es Nacht; aber der Morgen dämmert schwach im Osten. Es schneiet, und stürmisch brandet das Meer gegen die Küste; wild schlägt es gegen die Dämme, welche die Vernichtung abhalten von dem sich dahinter ausdehnenden, reichen, flachen Lande. Ein Schiff der Hansa kämpft auf dem grauen, empörten Meer. Notschüsse über Notschüsse feuert die Bemannung ab; aber ratlos stehen auf dem Hafendamme in Haufen die Bewohner der nordischen Stadt, in deren Port das Schiff einlaufen wollte. Mit klopfendem Herzen lauscht dieses Volk kühner Seemänner und Kaufleute! Es ist ein gutes Schiff, die »Jungfraw von Wineta«, und eiserne Hände und Herzen regieren es. Mit reicher Ladung ist es ausgefahren von Syrakus, hat eine lange, schwere Fahrt glücklich überstanden – nun muß es elend zugrunde gehen dicht vor dem heimatlichen Hafen. Die Mannschaft hat sich in die Boote gestürzt; aber nur ein einziges derselben gelangt glücklich ans Land; die andern verschlingt das tosende Element, und nur als Leichen finden die Matrosen und der Kapitän das Vaterland, welches nur noch eine Gruft für sie hat und das Jammern und Wehklagen der Witwen und Waisen. Unter den Geretteten befinden sich drei der Passagiere, ein älterer Mann, ein jüngerer und ein junges Weib. Die Frau ist sehr bleich; aber sie wird nicht ohnmächtig. Nur ihre Lippen sind krampfhaft zusammengepreßt, und wild und verwirrt blickt sie umher in der teilnehmenden Menge, welche die armen Schiffbrüchigen umgibt und ihnen liebreich ihre Hülfe und Gastfreundschaft anbietet und aufdringt. Die beiden Männer aber, welche das junge Weib in ihrer Obhut haben, danken den guten Leuten für alle ihre Anerbietungen und weisen sie von sich. Sie bitten nur, daß man sie in ein Gasthaus führen möge. Dieses geschieht, die drei Reisenden schließen sich darauf in ihr Zimmer ein – die verschiedenartigsten Gerüchte über sie durchlaufen die Stadt. Am Abend des folgenden Tages haben die Fremden die Stadt bereits wieder verlassen. Sie haben einen Wagen, eines der schwerfälligen Fuhrwerke jener Zeit, gemietet, und derselbe führt sie langsam tiefer in das Land hinein. Es ist eine mühselige, traurige Reise durch die flache, kahle, winterliche Gegend. Wenn es schneit, so zerschmelzen die Flocken in dem Augenblick, wo sie die Erde berühren, und weichen den Grund tief hinab auf. Grundlos sind die Wege, und oft versinken die Wagenräder bis an die Nabe; der Nordwind pfeift schrill und kalt über die leeren Felder und durch die blätterlosen Wälder; Scharen von Krähen begleiten krächzend die Reisenden. Das tief verhüllte junge Weib schaudert jedesmal, wenn es unter der Leinendecke des Wagens fröstelnd vorblickt, zusammen. Niemals öffnet es den Mund zu einer Frage, zu einer Bitte, und die Unterhaltung der beiden Männer beschränkt sich auf wenige kurze Worte, die mehr geflüstert als gesprochen werden. Nur der Fuhrmann flucht laut, wenn er absteigen muß, um seine Gäule an den gefährlichsten Stellen der Straße zu leiten; mit innerem Mißbehagen denkt er an den langen Weg, der noch vor ihm liegt, und dazu wird ihm die Gesellschaft, welche er führt, immer unheimlicher. Er liebt es, sich mit seinen Reisenden zu unterhalten; aber dieses Mal reden die beiden Männer in einer ihm unbekannten Sprache, und die verschleierte Frau spricht gar nicht und schluchzt höchstens leise vor sich hin. So geht es weiter, immer weiter. Durch schmutzige, verwahrloste Dörfer und Landstädte, durch wüste, menschenleere, verrufene Gegenden, wo jedes einsame Haus einer Räuberherberge gleicht. Aber auch durch große, volkreiche Städte voll bunten Lebens und Getümmels geht die Fahrt. Selten halten die Reisenden an, um die Pferde zu füttern und ruhen zu lassen, noch seltener, um sich selbst zu erquicken, um zu schlafen. Immer fort, immer fort! Es steigen Berge in der grauen Ferne aus der Ebene auf und versinken wieder, – dann steigen sie von neuem empor, näher und höher, aber verhüllt von Nebel und Regen. Nun führt der Weg durch große Wälder, bei deren Durchziehen eine berittene Schutzwache, welche die glimmenden Lunten auf die Fauströhre geschroben hat und die Schwerter in den Scheiden gelockert hält, den Wagen umgibt. Heimatloses, verbrecherisches Gesindel lauert hinter Busch und Baum, bedenkliche Schatten gleiten zwischen den Stämmen den Weg entlang, ein Armbrustbolzen schwirrt einmal aus dem Gebüsch und heftet sich in das Holzwerk des Wagens. Aber glücklich gelangen die Reisenden aus dem wilden, »gnadenlosen« Walde wieder in das Freie, und in der Ferne ragen abermals die Türme einer großen Stadt – einer mächtigen Reichsstadt. Bald rasselt der Wagen durch das dunkle Tor. »Jesus, Maria und Joseph, schützet uns! Was ist da im Werke?« ruft der Fuhrmann ängstlich. Aus der Ferne, vom Stadtmarkt her, kracht und knattert ununterbrochen Gewehrfeuer. Schwarze Rauchwolken, von brennenden Gebäuden aufsteigend, wälzen sich über den trüben Himmel. Von den Türmen klingen die Sturmglocken, bewaffnete Haufen durchziehen die Gassen, dringen verwüstend, zertrümmernd mit Hämmern, Äxten, Brecheisen und sonstigem Handwerksgerät in stattliche Häuser. Man trägt Tote und Verwundete vorüber, Banner der Innungen schweben über dem Getümmel: auf Tod und Leben kämpft das Bürgertum, das Plebejertum gegen den Rat, gegen die Patrizier. Aber nichts vermag die drei Reisenden aufzuhalten; sie bemerken kaum, was um sie her vorgeht, die eben abgespielte Tragödie des deutschen Städtelebens hat nicht den geringsten Sinn für sie. Auf Nebenwegen gelangen sie wieder aus der aufruhrvollen Stadt heraus, und abermals liegt für lange, ermüdende Tage der Weg vor ihnen. Aber endlich dämmert ein Abend, und das Ziel der Reise ist erreicht! Im Westen liegt ein blutroter Streif auf dem Horizont und deutet an, wo die Sonne unterging. Abermals windet sich die Straße über eine kahle Ebene, vorüber an trostlosen Wasserlachen und grünlich-fettig schimmernden Sümpfen. Verkrüppeltes, struppichtes Dornengebüsch ist über die ganze Fläche zerstreut; ein schwarzes Fichtengehölz umgibt einen Haufen unregelmäßiger Gebäude, die wiederum von einer hohen, altersgrauen Mauer umzogen sind. Über die Gipfel der Bäume und die langen, an den Giebelenden mit Kreuzen geschmückten Dächer ragt ein hoher, spitzer, mit Schiefer gedeckter Kirchturm. An einem verschlossenen Tore, über welchem in einer Mauernische ein Heiligenbild verwittert, hält der Wagen. »Gottlob, daß das vorbei ist!« murmelt der Fuhrmann. Der Jüngere der Reisenden steigt zuerst aus dem Fuhrwerk, zieht einen Glockenstrang, und gellend ertönt es in der Ferne. Nach geraumer Zeit öffnet sich dann eine Klappe in der Tür, und der Kopf einer alten Frau, einer Nonne, erscheint vorsichtig in der Öffnung. »Gelobt sei Jesus Christ!« erschallt der Gruß des jungen Fremden. »In Ewigkeit, Amen!« antwortet die Schwester Pförtnerin. »Was beliebt euch, ihr Herren?« Auch der Greis ist nun aus dem Wagen gestiegen und führt seine Begleiterin, über deren Körper fortwährende Fieberschauer zu laufen scheinen, mit sich gegen die Tür. Er verlangt die Äbtissin zu sprechen; die Nonne verschwindet, die Klappe schließt sich wieder und öffnet sich erst nach langem Harren abermals, um die Nachricht herauszulassen: man erwarte die Wanderer und bitte den Meister Benedictus Meyenberger mit seiner Begleiterin einzutreten. Die Tür erschließt sich nun, und der Alte verschwindet mit dem zitternden jungen Weibe hinter ihr. Der jüngere Mann, fröstelnd in seinen Mantel sich hüllend, bleibt neben dem Wagen und dem Fuhrmann zurück. Tausend wechselnde Empfindungen bewegen seine Brust, während er der Zurückkunft des Alten wartet. Und lange, lange Zeit muß er harren, und immer finsterer wird sein Blick, und immer schmerzhafter werden die Seufzer, welche sich seiner Brust entringen. Der Abend wird dunkler und stürmischer, eisigkalte Tropfen schlagen – wieder vereinzelt hernieder – – endlich, endlich öffnet sich die Tür und dreht sich kreischend und knirschend in ihren verrosteten Angeln. Wankenden Schrittes, mit Tränen in den Augen, erscheint der alte Mann auf der Schwelle. Er ist allein! Nur die Schwester Pförtnerin geleitet ihn, diesmal mit einer Laterne versehen. In die Arme Simone Spadas fällt der Meister Meyenberger – er weint laut auf, und der junge Mann weint ebenfalls – Fausta La Tedesca ist hinter den dunkeln, hohen Klostermauern zurückgeblieben – lebendig begraben, daß sie Buße tue und gerettet werde für die Ewigkeit! ... Auf dem spitzen Turme der Klosterkirche ruft die Glocke die geistlichen Jungfrauen soeben feierlich zum Gebet; die Fenster der Kirche, soweit man sie über die Mauer weg zu sehen vermag, haben sich erhellt, der Gesang der Nonnen tönt an das Ohr der beiden trauernden Männer, welche einen Augenblick noch stumm, mit gesenkten Häuptern lauschen und dann wieder in den Wagen steigen. Dem Fuhrmann wird ein Wink gegeben; er wendet den Wagen und treibt die Pferde an. Das Fuhrwerk rollt in die Nacht davon. Der Wind wird zum Sturm, die Regentropfen verwandeln sich in scharfe Eisteilchen – wie es heult und klagt und pfeift und grollt und lispelt und zischt um das einsame Kloster! Wie die Fenster erklirren unter den Stößen des Windes! Wie der Sturm sich fängt in den langen Kreuzgängen; wie er dem lauschenden Ohr jetzt eine Strophe des traurig ernsten Gesanges der Nonnen entführt, jetzt eine andere Strophe auf seinen Flügeln desto kräftiger und klangvoller herträgt! Und in einer engen, öden, kalten Zelle sitzt Fausta – Fausta, der Nachtstern von Venedig – Fausta, die Schöne, die Stolze, welche den Tizian unter ihre Bewunderer zählte – Fausta, la falsa Maga – Fausta, die grenzenlos Elende! Nicht mehr bereiten ihr alle Künste des Orients und des Okzidents das wollüstige Lager – nicht mehr harren Diener und Dienerinnen, nicht mehr vornehme Kavaliere, berühmte Dichter und Künstler ihres Winkes; machtlos, gefesselt ist die kleine, feine, weiße Hand, welche Vecelli am liebsten seinen Göttinnen und Heiligen gab auf der Leinwand! Neben dem ärmlichen Lager der eingeschlossenen Fausta steht ein Wasserkrug, liegt ein hartes schwarzes Brod; eine blutgerötete Geißel hängt von der Wand, die Geißel, womit die Vorbewohnerin dieser Zelle sich zerfleischte; auf dem rohgezimmerten Gebetpult liegt ein Totenkopf neben dem Rosenkranz und Breviarium und starrt aus seinen hohlen Augenhöhlen die große Sünderin – magna peccatrix – Fausta La Tedesca an! …... Und – »Frei, frei, frei!« ruft Fausta La Tedesca und hebt die Arme und holt Atem aus voller Brust, und draußen wogt und wallt der silberne Mondnebel magisch über den Bergen und Wäldern, Wiesen und Halden von Pyrmont, und in ihrer schönsten Blüte duftet und leuchtet die deutsche Sommernacht. Gleich einer Tigerin schreitet das Mädchen hin und her auf der glänzenden Bahn, welche der Mond durch das Turmgemach zieht. Mit einer wilden Bewegung wirft sie die schwarzen Haarflechten über den Nacken zurück. Sie ballt die rechte Hand: »Frei, frei, frei! Wer will mich halten in Ketten und Banden? Ohnmächtiger Simone!« Sie lacht; aber schauerlich klingt das Lachen in der stillen Nacht. Sie scheint selbst unheimlich dadurch berührt zu werden, hält in ihrem Gange inne, setzt sich nieder auf das Lager und stützt das feine Kinn sinnend mit der Hand. Lange sitzt sie so; der Mond ist hinter die Berge gesunken, der Nebel hat sich dichter zusammengezogen; das Frösteln, welches beim Anbruch des Tages den, welcher die Nacht schlaflos hinbrachte, überkommt, überfällt auch die schöne Fausta. Noch einmal springt sie empor: »Niemand, niemand soll mich fesseln und halten! Unglück und Verderben denen, welche es versuchen! Es ist wahr, unter einem bösen Stern bin ich geboren; aber es ist mein Stern, und er soll mich leiten. Und leitet er mich nicht gut? Und verwirrt und vernichtet er nicht die, welche mich aufhalten und mich irren wollen auf meinen Wegen? Verderben dir, Simone von Bologna! Verderben dir –« Sie fährt zusammen und spricht den zweiten Namen, dem sie flucht, nicht aus. Abermals tritt sie an das Fenster. Draußen ist alles grau und öde; aller Schein und alles Licht ist erloschen, der Horizont hat sich verengt, die Berge sind verhüllt, die verglimmenden Feuer des schlafenden Volkes um den heiligen Born gleichen festgebannten Irrlichtern auf einem großen Kirchhofe oder einem eben begrabenen Schlachtfelde. »O, du Herr dieses Schlosses, o du Herr dieses Landes, hüte dich! – Der arme Tor, der sich selbst nicht hüten konnte, hat dich gewarnt; aber es soll ihm und dir nichts helfen, Signor Conde. Mein sollst du werden, mein Sklave sollst du werden, Signor Conde; und den Fuß will ich dir auf den Nacken setzen, wie allen andern. Da kommt der Morgen! Gestern noch glaubte ich, sterben zu müssen, und heute – heute – ah, ich lebe noch, ich atme noch – wer fesselt und hält die Fausta, die Glückliche? – Siegen will ich und die Sonne sehen, ich, Fausta, Fausta die Glückliche, und mein Stern möge über mir leuchten!« – – – Im Osten leuchtete es rot über den Bergen, und als die sengende Sonne des Jahres fünfzehnhundertsechsundfünfzig ihre ersten Strahlen über das Tal von Pyrmont sandte und das Lager des Volkes am heiligen Born zu neuem Leben erwachte, als alle Träume des Schlosses Pyrmont zu einem Ende gekommen waren, als Turmwärtel und Kellermeister sich den Schlaf aus den Augen gerieben hatten, als Frau Hedwig von Brandenburg, geborene Prinzessin von Polackien, Gott gedankt hatte, daß ihr allergnädigster Traum nur Traum gewesen sei, als Fräulein Ursula mit beiden Füßen aus dem Bett und in ihr saueres Tagewerk hineingesprungen war, als Fräulein Walburg, rot wie ein Röslein, erwacht war mit einem kleinen Schrei über einen hübschen Schluß ihres Traumes, als Philipp von Spiegelberg seufzend sich wiedergefunden hatte im Licht des neuen Tages: schlummerte Fausta La Tedesca tief und fest und träumte nun selbst einen wirklichen Traum. In die Zukunft führte sie dieser Traum, und ein Lächeln spielte um die Lippen der Schläferin. Sie träumte, daß sie frei sei, trotzdem daß sie eine Gefangene war auf dem Schloß Pyrmont. Achtes Kapitel handelt von Zauberern, Zauberinnen und Verzauberten. Es war ein gläubiges, ungläubiges, abergläubiges Jahrhundert, dieses sechzehnte nach Christi Geburt! Selbst in den aufgeklärtesten, hellsten Köpfen schlangen sich Licht und Finsternis zu so seltsamem Knäuel zusammen, daß man nie wissen konnte, welche tollen, phantastischen, verrückten oder – erhabenen Gedanken, Meinungen, Taten im nächsten Augenblick daraus emporschlagen würden. Das siedete, kochte, brodelte, warf Blasen, sprühte Funken und flammte hier in leuchtenden, phantasmagorischen Farbenspielen auf, um dort in tiefster Finsternis zu versinken! Das Banner der religiösen Freiheit wird aufgeworfen, die Gewalt und Autorität des Papstes und seine Macht, »zu binden und zu lösen im Himmel und auf Erden«, wird siegreich angegriffen, die Rechtfertigung soll nicht mehr an das Individuum von außen kommen; aus dem Staub und Schutt der Jahrtausende wühlt und gräbt man die Pracht der versunkenen antiken Welt ans Licht zurück und – errichtet Scheiterhaufen und verbrennt Hexen. Ewig schöne Bilder und Gedichte werden geschaffen und – Volksleben und Gesellschaft sind dabei fast in Tierheit durch roheste Genußsucht verfallen! – Es war die Zeit der großen Gärung, die Zeit des Zersetzungsprozesses, der später seine Krisis im Dreißigjährigen Kriege fand, in welchem der morsche Bau des Mittelalters krachend zusammenbrach, damit aus der Blut- und Schmutzpfütze, aus dem gebirghohen Trümmerhaufen eine andere Welt mit andern Anschauungen sich erheben könne. – – Das Treiben und Wesen um den heiligen Born zu Pyrmont war im kleinen ein treues Bild jener Zeit, Alle Elemente der geistigen und körperlichen Lebensbedingungen des Jahrhunderts wirbelten in dem abgelegenen Waldtal durcheinander und flossen zusammen in einem Hexensabbat sondergleichen. Hinein in das bunte Gewirr und Gewimmel! Müde und abgespannt erwachte Graf Philipp von Pyrmont aus seinem kurzen Schlummer und seinen bösen Träumen. Schnell kleidete er sich an und stieg, nachdem er seine Lieblingsbüchse von der Wand genommen und sie über die Schulter geworfen hatte, hinab in den Hof, um vor Sonnenaufgang die Kühle zu genießen. Alles schlief noch innerhalb der Ringmauer bis auf Klaus Eckenbrecher, welchem die beiden spanischen Kronen des italienischen Arztes das Blut noch viel zu unruhig in den Adern herumtrieben, als daß er es hätte aushalten können auf seinem Lager, Mißmutig war er vor einer halben Stunde aufgesprungen und hatte abermals, der Erfrischung wegen, den schwindelnden, wirren Kopf unter das sprudelnde Löwenmaul des Schloßbrunnens gesteckt. Das hatte etwas geholfen, aber nicht ganz. Jetzt war der Reiter beschäftigt, seinen Schecken zu striegeln und zu putzen, während die Kameraden, die Wände entlang, ruhig fortschnarchten. Wir haben schon angedeutet, daß mit unserm Freund Klaus, seit ihn der Graf zu Pyrmont unter seine Reisigen aufgenommen hatte, eine günstige Veränderung vorgegangen war. Die hohen Hacken der Reitstiefeln erhöhten seinen Wuchs wenigstens um zwei Zoll; der eiserne Halskragen, das Schwert, der spitze Hut, das Spiegelbergsche Wappen auf dem Bruststück des Kollers erhöhten sein Selbstgefühl mindestens um das Doppelte, und daß Klaus Eckenbrecher ein nicht geringes Selbstgefühl auch vor seiner Standesveränderung hatte, wissen wir aus jenem Gespräch mit dem Pastor Fichtner im Pfarrgarten zu Holzminden. Sein größter Kummer nach dem Trennungsleid von seinem Schatz war, daß er es bis zu einem »türkischen Knebelbart« noch nicht hatte bringen können. Übrigens mußte man es dem Burschen lassen: er war ein tüchtiger, schmucker Reiter, und die Damen des Schlosses waren vollständig in ihrem Rechte, wenn sie ihn wohl leiden mochten. Aber zu seiner Ehre können wir hiermit verkündigen, daß der Gedanke an die Monika ihn freilich von keiner Tollheit, wohl aber von jeder Schlechtigkeit fernhielt, und das wollte viel sagen in jener Zeit. Auch die Gunst des jungen Grafen, seines Herrn, hatte sich Klaus bald errungen als ein wohlbefahrener Schütz und Jäger. Bald hatte er sich heimisch gemacht in den Wäldern von Pyrmont wie früher im Solling; bald genug wußte er wohl Bescheid zu Lügde, Holzhausen, Oestorf, Löwenhausen und Thal; bald genug kannte er Weg und Steg weit und breit umher, jeden Winkel und Eck im Wald und Feld. Daß er aber Weg und Steg in der Grafschaft und darüber hinaus so gut kannte, das hatte er nicht ganz allein den oft sehr kuriosen Aufträgen Herrn Philipps von Spiegelberg und der Jagd zu verdanken, sondern auch zum großen Teil einem unabweisbaren Bedürfnis nach Einsamkeit. Eine Art von Heimweh und Trübsinn überfiel ihn dann und wann; manchmal aus heiterm Himmel, manchmal begründeter wie jetzt, wo sie ihn nach dieser lustigen Nacht, in welcher er die Goldkronen Simons von Bologna auf so höchst vortreffliche und nützliche Weise losgeworden war, überkommen hatte. Zwischen den Zähnen brummend, sich selbst und die Welt mit den absonderlichsten Beiwörtern belegend, war er eben beschäftigt, seinem Gaul die Hufen zu putzen, als sich die Türöffnung des Stalles durch den Eintritt des Grafen verdunkelte und der Schatten desselben über den niedergebeugten Reiter fiel. Ärgerlich blickte dieser auf, doch sänftigten sich seine Gefühle, als er seinen Herrn erkannte. Auf ziemlich formlose Weise begrüßten sich Herr und Diener; dann sagte der erstere: »Laß den Gaul, Klaus, nimm deine Büchse und löse den Waldmann und den Dachshund von der Kette; wir wollen in den Wald, uns ein Maul voll frischer Luft zu holen, ehe die Sonne kommt; 's wird wieder eine schöne Hitze werden auf den Tag.« »Zu Befehl, Herr Graf!« sagte Eckenbrecher, den Hut aufstülpend. Im nächsten Augenblick war er samt dem höchst erfreuten Waldmann und Dachshund bereit. Der Graf schritt voran; aus seiner Höhle hervor fuhr der schlaftrunkene Torwärter, das Burgtor zu öffnen. Herr Philipp trat mit seinem Knappen hinaus auf den heiligen Anger. »O du heiliger Gott«, rief der Graf, beim Beginne seiner Wanderung sogleich stehenbleibend. »Ist's mir nicht jedesmal, wenn ich die Nase aus dem Loch stecke, als liefe mir eine Spinne darüber oder ein altes Weib oder ein Mönch mir über den Weg? Halb zu Tode ärgere ich mich jedesmal, wenn ich den Fuß über die Zugbrücke setze. Da schau nur, Bursch, wie das Volk unsern Grund und Boden zurichtet! Der böse Feind hat uns die Plage über den Hals gesandt, und wenn ich für gewiß wüßte, daß ich sie loswürde, wenn ich mich ihm verschriebe, so tät ich's, bei Gott, ich tät's!« Klaus Eckenbrecher zuckte die Achseln: »Ja, 's ist wahr, Herr Graf zu Pyrmont, sie tun viel Schaden und zertrampeln alles wie das Vieh; aber – aber, 's ist doch eigentlich eine gute Gabe und eine große Berühmtheit.« »Ich pfeife auf die Berühmtheit! Prosit!« schrie der Graf in Wut. »Von Land und Leuten muß ich, wenn das also fortgeht. Kahl fressen sie mich wie die Ratten, und die hier draußen sind noch lange nicht die Allerschlimmsten.« Klaus Eckenbrecher lächelte schlau und zuckte abermals die Achseln: »Weiß, wen Ihr meinet, gräfliche Gnaden; aber ich sag's nicht!« »Ich auch nicht – 's hilft auch zu nichts«, brummte Herr Philipp von Spiegelberg und schob das Barett ein wenig zur Seite, um sich bequemer am Hinterkopf kratzen zu können. Dabei blickte er böse über die Schulter nach dem Schlosse zurück und seufzte: »Das weiß der liebe Gott!« Um seinen Ärger nicht noch zu steigern und den schönen Morgen sich nicht noch mehr verderben zu lassen, vermied er mit seinem Begleiter das Lager um den heiligen Born und gelangte, indem er einen Bogen um die Zelte, die Hütten und das schlafende Volk machte, unter die ersten, zerstreuten Bäume des Waldes am Bomberg. Hier atmete er freier auf, tat einen Sprung über wenigstens drei Büsche und drang mit den lustig bellenden Hunden und dem Eckenbrecher tiefer in das Gehölz ein. Allmählich schwand nun das Gefühl von Beklemmung, welches seit dem gestrigen Abend auf ihm lastete, der letzte Nachhall des Spukes, den die vergangene Nacht mit ihm getrieben hatte, aus seiner Seele. Laut jauchzte er auf in der Waldesfrische und wunderte sich im geheimen, wie ihn die Erscheinung jener fremden Maid so seltsam hatte erschrecken und erregen können. Fest nahm er sich vor, nach seiner Rückkehr ins Schloß sogleich kurzen Prozeß zu machen und das Mädchen noch an diesem selben Morgen dem fremden Arzte, welcher doch wohl recht haben konnte, über die Grenze nachzusenden. Hallo! Hussa! Eifrig folgte der Graf der Spur eines Wildes, welches die Hunde aufgescheucht hatten; aber das Getier, längst verschüchtert durch den ungewohnten Lärm der letzten Zeit, ließ sich nicht mehr so leichtlich überraschen wie früherhin; abgehetzt und schweißtriefend mußte Herr Philipp die Jagd aufgeben. »Weshalb das gute Wasser nur nicht bei den singenden, betenden, glockenläutenden Paderbornschen Pfaffen aufgesprungen ist?« rief er ärgerlich. »Denen wär's ein gesundes Fressen gewesen! Die hätten es wahrlich besser brauchen können als der Graf zu Pyrmont! Die würden auf ihre Weise schon gesorgt haben, daß sie keinen Schaden dabei litten. Hoho, was haben die Hunde nun wieder? Ich tue keinen Schritt mehr ihnen nach. Ruf sie zurück, Klaus!« »Sie werden einen Fuchs wittern«, sagte Eckenbrecher und folgte dem Grafen, welcher ungeachtet seines letztausgesprochenen Vorsatzes bereits dem Gebell nachsprang. Nach fünf Minuten gelangten die beiden jungen Männer auf eine kleine Waldlichtung, wo sich ihren Augen ein unerwartetes Schauspiel darbot. Wütend umkreisten die Hunde ein kleines Zelt, welches hier aufgeschlagen war, und sprangen schnappend gegen einen ältlichen Mann an, welcher sich ihrer mit dem Kolben seiner Büchse kaum erwehren konnte. Ein anderer, jüngerer Mann, mit langem, schwarzem Bart und geschlossenen Augen, gekleidet in ein langes, schwarzes Gewand, welches um die Hüften durch einen feuerroten Gürtel zusammengehalten wurde, saß ruhig unter dem Zelt und schien sich nicht im mindesten um den Kampf seines Gefährten zu kümmern. Zwei Reitpferde und ein Lastpferd waren in der Nähe des Zeltes angebunden und benagten die herabhängenden Baumzweige. Auf den Ruf ihres Herrn ließen die Hunde von ihren Angriffen ab und zogen sich knurrend hinter den Klaus zurück. »Wer seid Ihr, und was treibt Ihr hier?« fragte der Graf ziemlich barsch, erbost über diese neue Beunruhigung seines Jagdgrundes. »Wer gab Euch die Erlaubnis, hier Euer Lager aufzuschlagen?« »Und wer seid Ihr, daß Ihr solche Fragen auf so schnöde Art stellet?« fragte der Mann unter dem Zelte. »Einer, der Euch hängen kann, wenn es ihm beliebt; Philipp von Spiegelberg, der Graf zu Pyrmont.« Der Mann, welcher mit den Hunden gekämpft hatte, zog betroffen den Hut ab und trat zurück. Der andere Mann, welcher unstreitig der Herr war, erhob sich. »Verzeihet, gnädiger Herr«, sprach er, indem er sich mit großer Würde verneigte, »mein Diener hat einen armen, blinden Mann zu schützen. Verzeihet meine Barschheit.« »Richtig, er ist blind! Wieder jemand, welchem der heilige Born helfen soll!« murmelte Klaus Eckenbrecher. »Wie nennet Ihr Euch?« fragte der gutmütige Herr Philipp, dessen Zorn sich bereits gelegt hatte. »Simon, gnädiger Herr.« »Simon? Wieder ein Simon? Gott schütze uns! ... Und was treibet Ihr? Wer seid Ihr?« »Sie nennen mich Simon den Magier. Ich bin ein Arzt!« »Alle guten Geister – Klaus Eckenbrecher, ich gehe nicht mehr hervor aus dem Schloß, ohne den Kaplan auf den Fersen zu haben. – Und was wollt Ihr hier, Meister Simon?« »Die Kranken heilen, die Besessenen befreien, die Bezauberten erlösen! Der Herr hat mir große Macht gegeben.« »Der Teufel mag Euch große Macht gegeben haben!« brummte Klaus Eckenbrecher, der Skeptiker, leise; aber des Blinden scharfes Ohr hatte die Zweifel an seiner göttlichen Sendung doch vernommen. »Ich weiß nicht, wer Ihr seid, der da eben sprach: aber – ob vornehm oder gering, hütet Eure Zunge! Der Herr liebt es nicht, daß man seiner Begnadeten spotte.« Klaus Eckenbrecher, welcher sich vor dem bösen Feinde nicht ganz so sehr fürchtete wie ein Professor der Theologie oder ein Oberkonsistorialrat des neunzehnten Jahrhunderts, tat einen Pfiff und wollte eben antworten, als ihm der Graf zu schweigen befahl. »Und Ihr wollt auch, weiser Meister Simon, Euere geheime Kunst zeigen am heiligen Born zu Pyrmont?« »Nicht meine Kunst will ich der sündhaften Welt zeigen, sondern die Gnädigkeit des allerhöchsten Gottes.« »So will ich Euch nicht hindern. Aber ich selbst warne Euch nun, daß Ihr zuschauet, daß Euch gelehrte und fromme Männer nicht des Teufelsdienstes überweisen. Hütet Euch, ein Holzstoß ist baldigst aufgebaut.« »Ich werde mich hüten!« sprach der Blinde, und ein unmerkliches Lächeln umspielte seine Mundwinkel. »Steiget also nieder ins Tal! Ihr sollt mir willkommen sein«, sagte der Graf. »Steigt hernieder, wir sind begierig, Eurer Kräfte und Künste zu genießen.« Simon der Magier verbeugte sich tief, und der Graf zog sich mit seinem Begleiter zurück. Hätte den beiden die aufgehende Sonne nicht so wohltuend und beruhigend auf die Köpfe geschienen, wer weiß, ob der Herr Graf zu Pyrmont trotz seiner Ritterlichkeit und Meister Klaus Eckenbrecher trotz seiner Wagehalsigkeit nicht ein leises Frösteln über den Körper und ein Kribbeln der Haare unter dem Barett gespürt haben würden. So aber eilten sie festen Schrittes durch den Wald; den Berg hinunter auf dem gradesten Wege dem Schlosse zu. Bald gelangten sie, aus dem Walde hervortretend, zu den Lagerstätten des Volkes, welche der Graf dieses Mal nicht vermied, obgleich nun das lebendigste Leben überall herrschte. Demütig drängte sich das Volk mit abgezogenen Hüten und Mützen an den Weg des Grundherrn und schielte nach einem gnädigen Blick oder einem Almosen. Es erhielt jedoch nichts von beiden, sondern der Graf schleuderte statt dessen mit einigen ärgerlichen Fußtritten verschiedenes Hausgerät, Körbe mit Lebensmitteln, Plunder und schreiende Kinder aus seinem Pfade fort und stieß seinen Büchsenkolben jedem ihm begegnenden arglosen Hunde so nachdrücklich in die Rippen, daß die Bestie jedesmal heulend davonflog. Auf diese Weise bahnte er sich seinen Weg und war fast in die Mitte des heiligen Angers gelangt, als ihn ein neues Abenteuer aufhielt. Zwischen dem gewöhnlichen Lärm und Tumult der Menge erklang auf einmal ein durchdringender Schrei, so ungewöhnlich, so schrill und herzzerreißend, daß im nächsten Augenblick sich die tiefste Stille über die drängenden Haufen legte, daß jedes Ohr in Schrecken horchte, ob dieser Schrei sich nicht wiederholen werde. Wirklich erklang er von neuem, und dann vernahm man einen wunderlichen, wildfremden Gesang, der in kurzen Absätzen von einem gellen, unnatürlichen Gelächter zerrissen wurde. Dann teilte sich dicht vor dem Grafen scheu das Volk, ein kreischendes, singendes, lachendes Weib sprang hervor und begann einen wilden, wahnsinnigen Tanz. Ihre Augen rollten, ihre gelösten Haare flogen, der Schaum stand ihr vor dem Mund. Das Volk sah im höchsten Entsetzen dem schrecklichen Schauspiel zu; der Graf und sein Reiter wußten nichts Besseres zu tun. Jetzt traten zwei Franziskanermönche, ihre Kreuze in den Händen erhebend, vor die Tänzerin hin, um den bösen Geist, von welchem sie dieselbe besessen glaubten, als tapfere geistliche Ritter zu bannen. Die Kruzifixe hielten sie ihr vor, Beschwörungsworte schrieen sie ihr zu. »Helfet ihr! Helfet ihr!« rief das entsetzte Volk. »Sehet, sehet, es packt sie wieder! O helfet ihr, helfet ihr!« »Bei der heiligen Dreifaltigkeit, bei den Geheimnissen der Menschwerdung, bei der allerseligsten Jungfrau«, brüllte der eifrigste der Barfüßer, »Satan, maledico te in maledicta tua arte! – ich verfluche dich, Satan, in deiner verfluchten Kunst! Fahre aus, du höllischer Gast, welcher du dieses Weib marterst!« Wie vom Blitz getroffen stürzte plötzlich das Weib nieder und wand sich in Krämpfen auf dem Boden. Der andere Mönch kniete neben ihr nieder und legte sein am Rosenkranz befestigtes Kreuz auf das Haupt der sich im Staube Windenden: »Fahre aus, aus, aus, o irreverendissime et irreligiosissime! Hebe dich von diesem Weibe, so du quälest!« »Komm, Klaus, ich habe genug davon!« rief Herr Philipp von Spiegelberg. »Komm fort, sie laden mir sonst auch noch dieses unglückliche Geschöpf auf. Beim Teufel, das ist ein Segen, der auf mein armes Land gefallen ist! Aus dem Wege, wenn's Euch beliebt, aus dem Wege sag ich!« Fort stürzte der Graf, und wiederum erklang hinter ihm der Schrei der Besessenen; atemlos, seufzend und mit den Zähnen knirschend kam der Spiegelberger in den Hallen seiner Ahnen wieder an. »Elsabe! Jadwiga! Kathinka! Fedora!« klang hier eine leider nur zu wohlbekannte Stimme ihm ins Ohr. Durch die Korridore des Schlosses stürzten die Dienerinnen; Fräulein Ursel von Spiegelberg, ebenso außer Atem wie ihr Bruder, eilte die Treppe empor: ihre kurfürstlichen Gnaden waren von ihrem alten Übel, dem Magenkrampf, befallen worden und schrieen aus vollem Halse und höchst gesunden Lungen nach Kraftwassern und heiß gemachten Topfdeckeln. »Bei meiner ritterlichen Ehre, wenn ich mir nicht vorkomme wie ein Hund voller Flöh und Fliegen, so will ich mich hängen lassen, wie ein –« rief der Graf, die Büchse an die Wand hängend. »O du heiliger Blasius, wie das Frauenzimmer schreit! ... Wo ist die Walburg, du Affe?« Diese letztere Frage galt einem Adelbursen, der ihm in den Weg kam. »Im Schloßgarten pflückt sie Rosen«, lautete die Antwort, und seufzend sagte Graf Philipp: »Das Kind ist die einzige, welche noch ein leichtes Herz hat im Schloß Pyrmont; Gott möge es ihr gesegnen! Arme Ursula!« Trotz seinem Mißmut entwickelte der Spiegelberger beim einsamen Morgenimbiß im großen Saale einen tüchtigen Appetit, bis er zufällig in die Tasche griff und das zerknitterte Schreiben des Arztes Simone Spada hervorzog. In demselben Augenblick waren Hunger und Durst vergangen, der letzte Bissen blieb dem Grafen im Munde stecken. »O, o, o!« sagte er und versank in tiefes Sinnen und Grübeln, aus welchem er mit der Frage erwachte: ob man die Dirne im Turmgemach auch mit allem Nötigen versehen habe? Der Zauber, den er für alle Ewigkeit abgeschüttelt zu haben glaubte, hatte ihn mit dreimal stärkerer Gewalt gefaßt, und vergeblich waren alle Anstrengungen, sich seiner Macht zu entziehen. Auch die übrigen Vorkommnisse des Tages, als da waren; lange, lange, ziffernbedeckte Rechnungen des Haushofmeisters Plückebüdel, lange, lange, schöne Reden des Hauskaplans, kurze, spitzige Bemerkungen der Frau Hedwig von Brandenburg über Vernachlässigung, ferner die Botschaft des Stallmeisters über die Erkrankung eines Lieblingsrosses, ferner die Nachricht des Falkenierers von dem Unwohlsein des Lieblingsfalken – vermochten nicht mehr als des Grafen eigene Anstrengungen. Das Bild Faustas war wieder emporgestiegen und schwebte siegreich dem Grafen auf Schritt und Tritt voran. Gegen Abend war Philipp von Spiegelberg ganz in der Stimmung, an den blinden Simon und seine Kunst zu glauben. Und grade um die sechste Stunde des Nachmittags brach ein so gewaltiges Geschrei los am heiligen Born, daß die Bewohner des Schlosses Pyrmont, welche doch gewiß durch die letzten Wochen an gräßlichen Lärm und Getöse gewöhnt waren, erschreckt auffuhren und an die Fenster oder aus dem Tore stürzten, die Bedeutung dieses Geschreis zu erkunden. Das Getöse legte sich nur, um im nächsten Momente desto kräftiger anzuschwellen. Alle die Tausende, die um den Gesundbrunnen lagerten, waren in Bewegung, gestikulierten mit den Armen und Händen in der Luft und sperrten die Mäuler so weit als möglich auf: »Wunder! Wunder! Wunder! Simon Magus! Wunder! Simon Magus! Wunder! Wunder!« Simon der Blinde war am heiligen Born erschienen und hatte seine erste große Tat vollbracht. Simon der Blinde hatte den ersten Teufel ausgetrieben, und niemand war auf dem heiligen Anger, der daran zweifelte. »Wunder! Wunder! Wunder!« Und in dem Augenblick, wo dieses Wunder-Geschrei das Waldtal von Pyrmont erfüllte, hatte Herr Philipp von Spiegelberg den Schlüssel jenes Turmgemaches, welches man der schönen Fausta angewiesen hatte, gedreht und stand auf der Schwelle und hielt sich an den Pfosten der Tür. Besiegt hatte ihn der Zauber, die enge Wendeltreppe hatte er ihn heraufgezogen. Ein blauer Nebel, in welchem alle Gegenstände tanzten, welchen tausend Funken und Lichter durchsprühten, lag vor den Augen des jungen Grafen, als sich die Tür öffnete; ihm schwindelte, er befand sich in einem durchaus unzurechnungsfähigen Zustande, und Fausta La Tedesca – wußte, daß er kommen würde! Sie lag, wie es schien, im tiefsten, ruhigsten Schlummer auf ihrem Lager. In üppiger Pracht rollten ihre schwarzen Locken ihr über die Schultern. Halb auf die Seite gewendet lag sie da, und nur das regelmäßige Senken und Heben der Brust verkündete, daß Leben in dem herrlichen Bilde sei. Die linke Hand der Schläferin hing an der Seite des Lagers ein wenig herab – diese Hand, welche der große Meister Tiziano Vecelli da Cadore einst so bewundert hatte. Mit blödem Herzen und bestürztem Mute stand der Graf zu Pyrmont, der sich heute morgen vorgenommen hatte, »kurzen Prozeß zu machen mit der Fremden«, in der Tür, und würde noch lange Zeit so gestanden haben, wenn nicht sein ihm nachfolgender großer Wolfshund es für angemessen gehalten hätte, ebenfalls sich nach dem, was es in diesem Turmzimmer gab, umzuschauen. Gravitätisch schob er sich neben seinem Herrn durch, und ehe dieser es verhindern konnte, hatte der Hund seine kluge, feuchte Schnauze ausgestreckt und beschnüffelte vorsichtig, ohne sich etwas Arges dabei zu denken, die wundervolle Hand, welche Tizian Vecelli in mehr als einem herrlichen Bilde der Nachwelt aufbewahrt hat. Mit einem in romantischen Erzählungen selten so richtig und wohl begründeten Schrei fuhr die schöne Schlafende empor, strich mit der rechten Hand die wirren Locken aus der Stirn und zog mit der linken die herabgesunkenen Gewänder züchtig und schamhaft über dem Busen zusammen. Wie die unschuldigste Unschuld, aus dem Schlaf aufgeschreckt, den Störenden anschauen kann, so blickte Fausta La Tedesca zu dem Grafen empor, und dieser – gab seinem Hunde einen Fußtritt und sagte zu seiner Gefangenen: »Verzeihung!«, was sehr viel war für einen Grafen des Heiligen Römischen Reiches einer Landstreicherin gegenüber. »Und guten Tag!« setzte er hinzu, wodurch er klärlich bewies, daß die Männer in außergewöhnlichen Fällen und Vorkommnissen damals schon ebenso geistreich sein konnten wie heutzutage. Die Weiber wissen sich seit Evas Apfelbiß bei derartigen Gelegenheiten viel besser zu benehmen. Schon hatte sich die schöne Fausta dem Herrn Philipp zu Füßen gestürzt. Sie schluchzte, rang die Hände, stieß unverständliche Worte und Sätze hervor und drohte in Ohnmacht zu fallen, welches letztere sie jedoch aus uns unbekannten Gründen nicht tat. So verblüfft und ratlos wie möglich machte sie den guten, ehrlichen, blondlockigen deutschen Tölpel. Die große Vagabondin hatte ihre Rolle gut durchdacht und spielte sie noch besser. Fausta La Tedesca, welche in Bologna, in Venedig, in Padua, in Rom, in Neapel alle Männer durch Schönheit und Geist bezwungen hatte, Fausta La Tedesca zwang den deutschen Grafen durch Schönheit und gut dargestellte Verzweiflung und Verrücktheit. Großartig, herrlich war sie in ihrem Wahnsinn! Herrn Philipp von Spiegelberg standen die Haare zu Berge – er rief nach Hülfe, nach seinem Hauskaplan, nach seinen Schwestern, er rief nach Simon dem Blinden, nach Simon dem Magier! Ja, nach Simon dem Teufelsbanner rief der Graf, und – »Wunder! Wunder! Wunder!« schrie das Volk am heiligen Born über denselben Teufelsbanner, welcher eben das unglückliche Weib, das heute morgen auf dem heiligen Anger angekommen war, aus den Krallen des Bösen befreit hatte. Was durch dieses Ereignis noch nicht aus dem Schlosse herausgelockt war, das stürzte dem Hülferuf des Grafen nach die Wendeltreppe hinauf in das Turmgemach. »Zu Simon dem Magier! Zu Simon dem Zauberer!« Neuntes Kapitel Wie der Arzt Simone Spada die Weser hinabfuhr und gen Osnabrück ritt. Durch die Mondscheinnacht, welche das Schloß Pyrmont auf so sonderliche Weise durchträumte, jagte im wildesten Galopp der italienische Arzt Simone Spada mit seinem jungen Diener. Gegen die Weser ritt er ohne Furcht vor den lauernden Strauchdieben und dem zum heiligen Born ziehenden böswilligen Gesindel, vor welchem ihn Klaus Eckenbrecher beim Abschied so eindringlich gewarnt hatte. Verdächtige Haufen begegneten den beiden Reitern auch oft genug, doch kamen sie unaufgehalten zwischen ihnen durch. Konnte Simone Spada einen andern Gedanken als den an das eben vorgegangene Wiederfinden fassen? »Fausta, Fausta La Tedesca wieder unter den Lebendigen! O Verhängnis! O Verhängnis!« rief er und schlug sich die Stirn mit der Faust und stieß immer von neuem seinem schäumenden und schnaufenden Rappen die blutigen Sporen in die Weichen. So jagte er vorwärts durch Schatten und Licht, durch Wald und Feld und mäßigte den Lauf seines Pferdes nicht eher, als bis die Hufschläge desselben dumpf auf der Brücke, welche über die Weser in die alte Stadt und Festung Hameln führt, widerhallten. Da die Tore bereits seit geraumer Zeit geschlossen waren, so mußte der Arzt wohl eine Stunde harren, ehe die Wacht ihm das Brückentor öffnete und ihn einließ gegen ein gutes Trinkgeld. Für ein gutes Trinkgeld geleitete ihn darauf ein Hellebardierer nach dem Schützenhause nahe der Weserpforte, wo Herr und Diener von den Rossen stiegen und ihr Nachtquartier nahmen. Der todmüde Knabe Paul schlief nach kurzem Mahl sogleich ein; Simone Spada aber schritt bis zum Morgengrauen im Zimmer auf und ab und verwünschte die allzu langsam schleichende Zeit, während er selbst von einem unter seinem Gemache hausenden Viehhändler aus dem Land Wursten zu allen Teufeln gewünscht wurde. Wie Fausta La Tedesca auf dem Schloß Pyrmont, so hatte in dieser bösen Nacht Simone Spada im Schützenhause zu Hameln seine wachen Träume, welche ihm den Schlaf vertrieben. Auch sein Gemach hüllte der Mond mit bleichem Schimmer, woraus dem Arzt die Bilder und Gestalten emporstiegen. Da tauchte vor ihm die große, berühmte Stadt Bologna auf mit ihren Laubengängen, ihren schweren, massenhaften Palästen, ihren hängenden Türmen und dem Studentengewimmel ihrer Gassen. Im Schatten von San Domenico erblickte er sein Geburtshaus, wo er unter den Augen seines gelehrten Vaters Antonio Spada und seiner Mutter Marcella seine Kindheit und sein frühes Jünglingsalter in stillen Studien verlebte. Die Hallen der Universität, die Säle der Bibliothek mit ihren hunderttausend Bänden, ihren Weltkugeln, Bildern und Bildsäulen dehnen sich vor seinem Auge. Der Knabe ist ein Jüngling geworden, ein Student der Medizin, welchen der Vater einführt in die Tiefen der Wissenschaft. Eine verhängnisvolle Gestalt, finster und drohend, hebt sich im bleichen Mondlicht – das ist der deutsche Arzt Benedictus Meyenberger, der Freund Antonio Spadas – ein unglücklicher Mann! Ein schweres Geschick hat ihn aus seinem nordischen Vaterland nach Italien, wo er einige Jahre im Hause von Simones Großvater verlebte, zurückgetrieben. Sein ihm geraubtes Kind sucht er und den Verderber seines Weibes. Und was er sucht, findet und verliert er wieder zu Bologna, und grenzenloses Leid fällt darüber auf Simone Spada. Es hebt sich Venedig aus dem bunten Traum. Tot sind die Eltern Simone Spadas; mit dem Gastfreund des Vaters sucht von neuem Simone nach dem verlorenen Kinde, nach der Fausta La Tedesca. Es ist eine schöne Nacht, leise wogt das Meer um eine öde Insel der Lagunen; auf dem feuchten Sande steht der deutsche Meister dem Räuber seines Glückes gegenüber; der volle Mond und die Fackel, welche Simone Spada hält, leuchten dem Kampfe der beiden Todfeinde. Der Leichnam Alexander Pazzis wird in die Fluten geworfen, ein Kahn tritt seine Rückfahrt zur Stadt an – – – was bricht urplötzlich die fröhliche Tanzmusik im Palast Barbarigo mit solchem Mißlaut ab? Ein Schatten ist über den Glanz des Festes gefallen, aus dem Arm Cesare Campolanis reißt der alte deutsche Arzt sein verlorenes Kind – Fausta La Tedesca! Wehe dir, Simone Spada! Vor ihrem Vater flieht Fausta. Gleich einem Irrlicht verschwindet sie hin, um in der Ferne wieder aufzutauchen. Wer hält und fesselt die Magierin Fausta La Tedesca? In hundert Formen und Farben, unter hundert Namen führt sie die ihr Folgenden in die Irre durch ganz Italien. In Padua sinkt der junge Doktor Simone in sein Blut durch das Schwert Cesare Campolanis. Sie ist hier, sie ist da – verschwunden! Mächtige Freunde und Beschützer stehen ihr zur Seite! Kardinäle, Prinzen, große Künstler. In Florenz wird sie gesehen am Hofe der Medicis; dann taucht sie in Rom auf, darauf in Neapel, und hier gibt sie endlich das Schicksal in die Hände ihrer Verfolger. Im Hafen flaggt das hanseatische Schiff »die Jungfrau von Wineta«, welches von Syrakus kommt und auf der Heimfahrt begriffen ist. Auf diesem Schiffe führen Benedictus und Simone die große Sünderin fort, daß sie im fremden Lande, unter einem fremden Himmel Buße tue in Einsamkeit und Dunkelheit. Wehe dir, Simone Spada, schrecklich sind deine Träume! Und nun, was nun? Was nun, da sie wieder unter den Lebenden wandelt und die Herzen vergiftet und die Leiber tötet? Was nun? Ja, was nun? Wie war der Arzt Simone, warum war er jetzt nach Hameln geritten? Er wußte selbst keine Rechenschaft davon zu geben! Fieberglut und Frost fühlte er wechselnd in seinen Adern und Knochen! Westwärts lag ja eigentlich jetzt sein Weg, nordwestwärts gen Osnabrück, wo der alte Benedictus nach seinen langen, schmerzenvollen Wanderungen seine letzte Ruhestelle gefunden zu haben glaubte. Mußte er nicht den Alten aufreißen aus seinem dunkeln Winkel durch die Nachricht, daß die schöne, schreckliche Tochter ihrer Bande ledig sei und zu neuem, verderblichen Flug die Schwingen rühre? O diese Nacht, diese Nacht! Wollte sie denn niemals ein Ende nehmen? Wie es in dem Gehirn des Nachtwandlers sauste und summte, wie sein Atem flog – wie sich das Fieber immer tiefer ihm ins Gehirn wühlte! »Gen Osnabrück, gen Osnabrück! Gott sei gelobt, da kommt der Morgen! Nun werden die Stadttore wohl wieder geöffnet sein! – Paul, Paul, zu Pferde, zu Pferde!« Wohl kam der Morgen wie alle Dinge in dieser Welt, wenn man nur warten kann und will; und der Knabe Paul führte die Pferde hervor, aber – der Arzt Simone Spada konnte das seinige nicht besteigen; halb ohnmächtig sank er aus dem Sattel seinem Diener in die Arme. »Zu Schiff, zu Schiff, die Weser hinab nach Minden – vorwärts im Namen aller Heiligen, vorwärts!« Der Wirt vom Schützenhause rief: sogleich fahre ein Kahn stromab, und die Fremden könnten mit demselben fahren, wenn sie wollten. »Zu Schiff, zu Schiff!« murmelte Simone; die Knechte des Gasthauses führten die Pferde durch die Weserpforte an den Fluß; auf den Arm seines Dieners gestützt folgte wankend der Arzt. Noch lag der Morgennebel auf den Wassern, als die Schiffer mit großem Geschrei vom Ufer abstießen. Auf ein schlechtes Lager, bereitet von Strohbündeln und Säcken, sank Simone und verhüllte das Haupt mit seinem Mantel; in den Nebel hinein glitt der Kahn, und als die Sonne die Dünste, welche über dem Strome lagerten, aufgesogen hatte, war das Schiff mit den seltsamen Fremdlingen längst den Augen des am Ufer lungernden Wirtes vom Schützenhause und seiner Knechte verschwunden. Das war eine böse Fahrt! Wie die fürchterliche Sonne des Jahres 1556 auf das Gehirn des kranken Simones ihre Strahlenpfeile herabschoß! Wie die Gegend langsam, langsam vorüberschlich: Dörfer, Flecken, Städte, Berge, Wälder, Felder, Wiesen! O Qual, Qual! Oft genug hielt das Schiff an, ehe es durch die Porta Westfalica glitt und in Minden landete, wo der Arzt trotz dem Fieber, das ihn verzehrte, sein Roß wieder bestieg, um halb bewußtlos durch das Wiehengebirge und quer durch das offene Land gen Osnabrück zu jagen. Zerschlagen an Leib und Seele ritt er hier endlich ins Tor ein und hielt an in einer dunkeln, engen, schmutzigen Gasse vor einem mit künstlichem Schnitzwerk verzierten, buntbemalten Giebelhause. Ein jedes Kind in der Stadt kannte die Behausung des großen Doktors Benedictus Meyenberger, und auch Simone Spada aus Bologna kannte sie. Es war übrigens auch ein merkwürdiges Haus – merkwürdig war der Türklopfer, merkwürdig waren die gräßlichen Fratzengesichter, in welche die Dachrinnen ausliefen, merkwürdig war die Wetterfahne auf der Giebelspitze, welche einen Sankt Georg vorstellte, wie er ohne Gnade und Barmherzigkeit mit seinen heiligen Füßen auf dem Drachen herumtrampelte. Mehr als einmal mußte der arme, ermüdete Paul den merkwürdigen, höhnischen Türklopfer in Bewegung setzen, ehe im Innern des alten Gebäudes sich jemand regte. Endlich erschien ein altes Weib und schlug beim Anblick des kranken Italieners die Hände über dem Kopfe zusammen. »Ihr wieder, Meister? O Jesus, Maria und Joseph, wie sehet Ihr aus! O was gibt es, was gibt es? Möget Ihr doch bessere Botschaft bringen, als Euer Gesicht verkündet. Tretet ein!« Ohne auf die schwatzende Alte weiter zu achten, stürmte der Arzt, dem das erreichte Ziel alle früheren Kräfte wiedergab, an ihr vorüber und eilte mit schnellen Schritten eine dunkle Treppe hinauf, klopfte an eine altersschwarze, ebenfalls mit Schnitzereien verzierte, hohe Tür und trat in ein weitläufiges Gemach, in welches die Abendsonne eben ihre letzten Strahlen sandte. Ein Greis erhob sich schnell aus einem Armsessel mit hoher, steifer Lehne, hielt die Hand über die zweifelnden Augen und rief erschreckt: »Simone Spada, du? Du?« Mit zitternden Händen stieß er den Sessel zurück und trat auf den jungen Arzt zu. »Ja, ich, ich! Ich bin's!« rief dieser. »O rüstet Euch, wappnet Euch gegen den Schrecken, den ich Euch bringe, Messer Benedetto!« Der Alte griff hinter sich, als suche er nach einer Stütze; er hielt sich am Rande des Tisches: »Fausta?!« Simone Spada nickte, sank in einen Sessel und schlug die Hände vor dem bleichen, hagern Gesicht zusammen. Mühsam faßte sich der Meister Meyenberger zu der Frage: »Ich bin gewappnet. Sprecht, was ist's mit ihr? Was ist geschehen?« »Entflohen ist sie! Sie ist frei!« »So schütze uns Gott!« murmelte dumpf der Alte. Die Bilder längst vermoderter Patrizier und Patrizierinnen aus dem Hause der Meyenberger lächelten grimmig herab von den Wänden auf den letzten des Geschlechtes, der nicht wie sie alle des »Nachbars Kind« gefreiet hatte und nun dafür büßte. Das Skelett hinter dem Sessel des greisen Arztes schien die schönste Minute seines Daseins zu genießen. »Erzähle!« sagte der Doktor Meyenberger nach einer langen Pause. »Ich bin bereit und kann nun alles hören. Hast du sie gesehen, Simone? Wo hast du sie getroffen? Erzähle und verschweige mir nichts; es ist Gottes Wille, daß ich den Kelch der Schmerzen bis auf die Hefen leeren soll.« Und der junge Arzt erzählte: wie ihn auf seiner Heimreise nach Italien das Gerücht von den Wundern, die sich am heiligen Born zu Pyrmont begeben sollten, bewogen habe, dorthin von seinem Wege abzuschweifen – was da vorgefallen sei und wie und wo er die Fausta La Tedesca verlassen habe. Der Greis gab Zeichen der immer mehr sich steigernden Unruhe, Angst, Ratlosigkeit von sich; er schlug die Hände zusammen, er griff einmal sogar nach einem Seziermesser auf dem Tische wie nach einer Schutzwaffe, bis gegen Ende der Erzählung Simones eine vollständige Veränderung über sein ganzes Wesen kam. Ruhig lauschend saß er da, das Haupt war ihm zur Brust hinabgesunken, nur die tiefen Atemzüge verkündeten noch die Spannung, mit welcher er dem Berichte seines jungen Freundes folgte. Als dieser zu Ende gekommen war, saßen die beiden Männer abermals lange Zeit im brütenden Schweigen einander gegenüber. »Und was soll nun geschehen? Was sollen wir jetzt gegen sie tun?« fragte endlich Simone Spada. Der Alte erhob das Haupt und schaute mit einem unbeschreiblichen Ausdruck in den Augen auf. »Nichts!« sagte er. »Es ist alles geschehen, was wir tun konnten, was in menschlicher Macht lag; oder – oder – sollte ich ihr den Dolch in das Herz stoßen?!« Simone Spada machte eine abwehrende Bewegung des Schreckens. »Das wäre das letzte!« fuhr der Alte fort. »Nein, nein, es ist nichts mehr zu tun. Wie dich das Grauen übermannt hat, mein armer Sohn! Nun sollst du dich ruhen und dann – dann dein Roß wieder besteigen und heimziehen in dein Vaterland. Du bist mein lieber, guter Sohn, Simone, und meinen Segen, den ich schon neulich dir gegeben habe, will ich von neuem auf dein Haupt legen. Das Schicksal hat dich wie mich schwer und hart geprüft; fasse dich, mein armes Kind! In deinem Vaterlande lebe still, tue Gutes, lindere die Not der Armen und heile die Wunden der Kranken! Sieh, ich bin alt, und mein Leben wird wohl nur noch von kurzer Dauer sein; ich bin alt und müde, und meine Augen werden dunkel. O ich fühl's, ich fühl's, töricht haben wir in Gottes Willen eingreifen wollen – wir arme schwache Menschlein. – Jenen Herrn zu Pyrmont hast du gewarnt vor – vor ihr; was willst du ferner noch tun? Ach Simone Spada, wir wollen das andere dem großen Gott überlassen! ... Dir möge er Ruhe und Glück und eine stille Heimat für deinen künftigen Lebensweg geben; mir aber möge er bald einen stillen und sanften Tod senden. Ruhe dich aus, und dann wollen wir wieder scheiden. – Armes Kind, wie deine Pulse klopfen!« »O Meister, Meister!« schluchzte der junge Arzt. »Jaja, Simone, mein liebes Kind, gehe heim und denke daran, daß ›droben waltet der große Zeus, der alles sieht und lenkt‹. Wir können nichts mehr tun, Simone Spada, – nichts, nichts!« Und gewaltig brach nun doch der Schmerz und die Verzweiflung bei dem alten Manne hervor, er hob die Hände zum Himmel empor und rang sie fast wund: »Wehe mir, wehe! Wie Dante Alighieri habe ich die Hölle durchwandert, die tote Franzeska und den Verführer habe ich schweben sehen durch die purpurne Finsternis; alle Schrecknisse und Qualen habe ich ausgekostet, und noch immer ist es nicht genug. – Wehe mir, wehe! Vergebens alles, alles vergebens!« »O so lasset mich bei Euch bleiben, als Euer treuer Sohn!« rief Simone, die Hände des alten Freundes und Lehrers fassend, »Das Unglück hat mich zu Euerm Sohn gemacht, o lasset mich bleiben bei Euch, daß wir zusammen sitzen mögen und klagen über die Herrliche – die Schreckliche – die Verlorene!« Mühsam hatte sich der Greis ein wenig gefaßt. »Nein, nein, nein«, sprach er; »du bist jung, Simone, und zu lange, allzu lange habe ich dich in meine unglückseligen Bahnen hineingezogen. Gehe heim, mein Kind, gehe heim in dein schönes Vaterland; arbeite, vergiß und werde wieder glücklich!« »Der Himmel ist so dunkel über mir wie über Euch, Meister«, murmelte Simone Spada. »Nie wird es mir wieder tagen. O lasset mich bei Euch bleiben!« Der Alte faßte die Hand des Jüngern Mannes und führte ihn sanft an das Fenster und zeigte ihm eine Spinne, welche daselbst eben ihr Netz spann. »Schau, Simone, vor einer Viertelstunde habe ich ihr das kleine Haus unversehens zerstört, schau, wie unermüdlich sie alle die abgerissenen Fäden, an denen ihr Dasein hängt, wieder anknüpft; folge der Spinne, mein Kind, und knüpfe die zerbrochenen Fäden deines Daseins auch wieder an, suche dir warme, treue Freundesherzen in der Heimat, an denen du sie befestigen kannst. Die Liebe hast du verloren, nun greife mit deiner jungen Hand nach einer andern Krone, greife nach dem Ruhm! Törichtes Kind, was willst du hier bei uns? Als Zauberer und Schwarzkünstler dich zum Scheiterhaufen schleppen lassen? Gehe heim, gehe heim, Simone Spada! Gehe nach Bologna; arbeite und gewinne dir Ruhm und Ehre und lerne zu vergessen!« »Aber Ihr bleibt allein, so schrecklich allein mit dem Gedanken an – sie.« »Nicht allein, Knabe. Es wird freilich selten ein menschlicher Fuß dieses Gemach betreten, aber darum werde ich nicht allein sein. Für den Kampf gegen die bösen Gedanken habe ich meine Wissenschaft, meine Bücher, dort jene alten Schädel und Gebeine; meine treue Feder habe ich. Und den Kampf gegen das Geschick, – den, o Simone, gebe ich nicht auf, weil ich Angst habe, sondern weil ich müde, müde bis zum Tode bin.« Der junge Arzt erhob sich von seinem Sessel, er schien gehen zu wollen; aber jetzt verließen ihn die Kräfte, er wankte auf den Füßen und wäre zu Boden gestürzt, wenn ihn der Meister Meyenberger nicht unter die Arme gegriffen hätte. Der alte Arzt rief nach seiner Dienerin, und mit ihrer Hülfe gelang es ihm, den Bewußtlosen auf ein Lager zu bringen. Tiefgebeugt saß er dann nieder vor dem Bette und erwartete das Wiedererwachen des Kranken. Dieses trat aber erst gegen Mitternacht ein, und verwunderte Blicke warf Simone Spada umher, als er auffuhr aus seinem unruhigen Schlummer. »Ich bin's, Simone«, sagte der Alte. »Beruhige dich, mein Kind, du sollst noch nicht gehen. Du bist schwach und hast dich zu sehr angestrengt auf deiner schnellen Jagd hieher. Die Dora und ich, wir wollen dich recht pflegen, wie einst vor langen Jahren deine Großeltern mich gepflegt haben in deiner Vaterstadt Bologna.« Schwach drückte mit fieberhafter Hast der junge Mann dem Greise die Hand, und dieser schüttelte traurig, bedenklich das Haupt über die Fortschritte, welche die Krankheit machte. Der nächste Morgen fand den Simone Spada in den wildesten Fieberphantasien. Von Blut und Feuer rief er verworrene Worte, von schönen Jungfrauen, welche auf schwarzen, funkensprühenden Geisterrossen durch donnernde Gewitterwolken sprengten; von Sturm und Schiffbruch träumte er, vom Zusammenschlagen eiskalter Wogen über seinem Haupte; auf flammendem Scheiterhaufen wand er sich, und immer und immer wieder rief er aus der Todesqual mit schauerlich-verzweifelnder Stimme den Namen der falschen Magierin Fausta La Tedesca. Selbst jetzt, dicht vor den Toren der Vernichtung, ließ die Verderberin ihr Opfer noch nicht los; sie umschlang es im Gegenteil mit immer innigern Banden, wie die Schlange ihre Beute umschlingt. Benediktus Meyenberger glaubte, der Kranke werde ihm unter den Händen sterben; neben dem Lager seines jungen Freundes, den er Sohn nannte, saß der vielgeprüfte Mann und gedachte jener Nacht in Padua, von welcher Fausta La Tedesca in dem Turmgemach zu Pyrmont geträumt hatte. In jener Nacht und den darauf folgenden rang Simone Spada auch zwischen Leben und Tod, damals rief er im Fieberwahnsinn ebenfalls den Namen, der jetzt wieder gell das alte Haus zu Osnabrück durchklang. Auch damals saß Benedikt Meyenberger neben dem Lager des Verwundeten und errettete ihn. Der deutsche Meister sollte auch dieses Mal den Tod durch seine Kunst und seine Liebe zu dem Kranken besiegen, aber erst nach langen, langen, schweren, schmerzvollen Wochen! Zehntes Kapitel zeigt klärlich, weshalb der Reichspostmeister, Herr Leonhard von Taxis, Bankrott machen mußte. Stromabwärts fuhr der italienische Arzt Simone Spada; stromaufwärts fährt jetzt der Erzähler selbst und führt seine Zuhörer mit sich gen Holzminden auf dem bunten Zauberschifflein, welches ihm Frau Phantasia, seine Schutzpatronin, mit viel lieblichen Lehren und anmutigen Ermahnungen anvertraut hat. Hoiho, es ist ein lustiges Schifflein, wohl ausstaffiert mit Blumengewinden, goldenen und silbernen Zieraten und seidenen Segeln und Wimpeln. Hoiho, wohl ist der Wind gut, wohl spielt er schmeichelnd mit den Blumen, Wimpeln und Segeln; aber das Herz des Mannes am Steuer ist schwer – Kein stilles Fleckchen, Krieg drinnen und draußen! Kein dunkel Eckchen, Qual innen und außen! In Flammen die Welt! In Flammen das Herz! Was soll doch werden Aus all dem Schmerz? Was soll das werden, O arme Erden? Was soll das geben, O wildes Leben? Hoiho, hoiho, es rauschen die Wellen, sie hüpfen und glitzern im Sonnenschein, und das Schifflein schwebt fröhlich auf der unendlichen Tiefe; – dreimal verwünscht der Narr, der, wenn die Sirenen vom Zaubereiland ihren Herz und Sinn betörenden Gesang anstimmen, sich die Ohren mit Wachs verstopft und den unsterblichen Göttern Dank sagt für die Klugheit, welche sie ihm verliehen haben! Auch die unsterblichen Götter lächeln spöttisch herab aus ihrer seligen Höhe auf den Toren, und Aphrodite, die Goldbandlenkerin, hebt lachend den Eros in die Höhe, daß der Kleine über die Köpfe des erwachsenen Olymps weg den Narren drunten auch zu Gesicht bekomme. Bis in den Anfang seiner Mär greift der Erzähler zurück und schlägt von neuem eine Saite an, welche scheinbar mit den Waldhörnern des Grafen von Pyrmont verklungen war, als dieser am fünfundzwanzigsten März von Corvey her an dem katholischen Dörflein Stahle vorüberschiffte. Ach, schon ist gesagt worden, daß kein frommer Wettersegen, kein heißes Gebet, keine strengen Fasten die Flammen, welche über dem Herzen des Bruders Festus zusammenschlugen, sänftigen konnten. Schon ist gesagt, daß für den armen Festus im Himmel und auf Erden niemand war, dem er seine große Not klagen durfte. Tief, tief mußte der Vikarius die heiße Wonne und Qual in sich verschließen. Er rang sich freilich die Hände wund und zerbiß sich die Lippen und weinte in seinem Kämmerlein bittere, blutige Tränen ob seiner sündhaften Liebe zu dem Ketzerkinde mit den sanften, blauen Augen und den goldblonden Locken drüben am rechten Ufer des Stromes; aber was half das alles? Und die Tage gingen vorüber sonnig und hell; aber dem Bruder Festus vermehrte ein jeder nur die Last des Herzens. Der große Komet sank hinter dem Horizont hinab und erschien nicht wieder im Reigen der mildern Sterne. Die Bäume grünten und blühten, es grünte und blühte Wiese und Feld hüben und drüben den Fluß entlang. Mit Sankt Gertraudentag waren die Störche ins Land eingezogen, jedoch nur vereinzelt, als hätte das kluge Volk es vorher gewußt, wie rar die Frösche und das übrige feuchte Gewürm in diesem Jahre werden würde, als hätte es ein Vorgefühl der großen Dürre, welche der Sommer bringen sollte, gehabt. Weder am arbeitsvollen Tage noch in der Nacht, wenn alles Menschenhandwerk schweigt und nur die Natur ihr geheimnisvollstes Wirken beginnt, fand der Vikar Festus Ruhe. Und sie wußte nichts davon! Drüben ging sie in ihrer Lieblichkeit unter ihren Blumen, und der Bruder Festus sah ihr weißes Gewand schimmern auf der Mauer des lutherischen Pfarrgartens, wenn sie sehnend an die Brüstung gelehnt stand und den Wolken, Vögeln und Schmetterlingen in der blauen Luft nachschaute, in ihrem kindlichen Herzen ihnen Grüße mitgab an jemand jenseits der Berge und dazu das alte Lied, welches von solchem Tun handelt, summte. Wenn dann die Stimme des alten Chrysostomus erklang, des uralten Chrysostomus, welcher nun fast hundert Lebensjahre zählte und immer hier in der Stille gelebt und niemals etwas von solcher Pein, wie sie das Herz des Vikars verzehrte, geahnet hatte: o, so fuhr der Bruder Festus wirr empor, und fremd deuchte ihm alles ringsumher, und fast irr wurde er an der Welt und an sich selber. So kam der heiße, glühende, wasserlose Sommer heran. Allgemach sog die Sonne die letzte Feuchtigkeit und Kühle, die noch im Schoße der Erde sich barg, auf, und der Boden fing an, vor Durst sich zu öffnen in lauter klaffenden Ritzen und Spalten. In Jammer und Elend sollten alle lieblichen Verheißungen des Frühlings sich auflösen; keine einzige von allen Hoffnungen, welche er den Menschen gemacht hatte, sollte erfüllt werden. Schon fing die verzehrende Glut des Kometenjahres an, alles Lebendige niederzudrücken und krank zu machen. Nun schlief der greise Chrysostomus gleich den kleinen Kindern seiner Gemeinde fast den ganzen Tag und lächelte dabei im Schlafe so geheimnisvoll friedlich, daß sein junger Vikarius, wenn er mit dem Meßbüchlein auf den Knieen neben ihm saß und ihm die Fliegen abwehrte, ihn seufzend recht beneidete um dieses stille Hinüberdämmern in den ewigen Schlaf des Todes. Es war nicht möglich, daß dieses alte, nunmehr so befriedete Herz auch einmal einen solchen Kampf gekämpft hatte, wie der Bruder Festus jetzt ihn kämpfte. Der Bruder Festus war auch fest überzeugt, daß solches unmöglich sei: er, er allein war zu solchem Geschick aufgehoben, ihm, ihm allein unter allen gewesenen und kommenden Geschlechtern der Menschen war es also bestimmt. Unwiderstehlich trieb ihn dieser Gedanke jedesmal ins Freie, leise hob er sich von seinem Schemel neben dem Bett des Alten und schritt auf den Zehen aus der Kammer. Immer wieder mußte der junge Mönch den Versuch machen, ob er draußen in der freien Natur nicht freier atmen werde als in dem dumpf umschlossenen Raum. Vergeblich. Selbst der kurze Weg aus dem Schatten des Pfarrhauses zu dem Schatten der Dorfkirche war gleich einem Gange durchs Fegefeuer. Vergebens suchte der Vikarius Erquickung – Kühlung in dem kleinen, heiligen Gebäude, vergebens warf er sich vor dem Altar mit dem Bilde der schmerzenreichen Mutter Gottes nieder und drückte die brennende Stirn auf die Stufen des Altars. Auch hier erzitterte die überheiße Luft, auch hieher verfolgte ihn die flammende Herzensqual. Es starben aber an den bösen Krankheiten, welche die große Hitze erzeugte, viel Leute im Dorf – alt und jung. Und wenn die Gräber gegraben wurden, so konnte man schaufeln, so tief man wollte in den Grund, trocken und dürr war er, und keine feuchte Scholle warf der Spaten des Totengräbers empor. Bis unter die Grabhügel verfolgte die glühende Sonne die Gestorbenen. Auch in den umliegenden einzelnen Häusern und Gehöften der Pfarrgemeinde starben viele Leute; da mußte der Vikarius das Viatikum durch die versengten, dürstenden, trauernden Felder tragen zu den Hütten voll Not und Jammer und dumpfbrütender Verzweiflung. Um die verdorrten Büsche und Gesträuche flimmerte die kochende Luft, der Knabe, welcher dem Heiligtum voranschritt, vermochte kaum das Glöcklein zu rühren. Mit geheimem Grauen trug der Bruder Festus den Leib des Herrn; denn immerdar schwebte ihm auf seinem Wege das Bildnis der Monika voran. Was half es ihm, daß er die Augen schloß? Das Bildnis war darum nur heller und verlockender in seiner Seele – kaum hielt er die Monstranz in den zitternden Händen. Im Juli versiegte der Weserstrom so sehr, daß man schier trockenen Fußes hindurch schreiten konnte. Die Fische starben, die Muscheltiere und die andern Geschöpfe der Feuchte verwesten auf dem Sande, von welchem sich die gelben Fluten zurückgezogen hatten. Längst war alles Gras und alles Getreide und alle Früchte der Bäume verlorengegangen: alle Kreatur ängstigte sich, und ein Schrecken kam über das Volk, als sei der jüngste Tag, wo diese Welt durch Feuer untergehen soll, vor der Tür. Nicht genug können die Chronisten schreiben von diesem erschrecklichen Sommer des Jahres eintausendfünfhundertundsechsundfünfzig, der da folgte auf das Erscheinen des warnenden Boten Gottes, auf den großen Kometen! Und ein jeglicher hielt solche Hitze erst für den Anfang der Schrecknisse, welche noch kommen sollten. – Auch die holde Monika im Pfarrhause zu Holzminden trug in dem armen Herzchen ihren Teil an der allgemeinen Not und Sorge. Wohl ist das Schloß Pyrmont nur einen Katzensprung von Holzminden gelegen und das Städtlein in wenigen Stunden zu erreichen auf gutem Gaul; aber dessenungeachtet hatte die Jungfrau den Geliebten nicht wiedergesehen seit seiner Abfahrt mit Herrn Philipp von Spiegelberg. Die Wege waren zu damaliger Zeit weniger gut, weniger kurz, weniger sicher als heutzutage. Doch das hätte den Klaus freilich nicht abgehalten, vom heiligen Born herüberzureiten zu einem Zwiegespräch an der Mauer des Pastorengartens; zweierlei anderes legte sich ihm in den Pfad und hinderte ihn, zu kommen und seinem Schatz das sorgende Herzelein zu erleichtern. Das war erstens das Getümmel am heiligen Born, in welchem alle Dienstmannen des Grafen Philipp nötig waren zum Ordnunghalten. Das war zweitens der Wunsch des Knaben, vor dem Pastor Valentin Fichtner nicht bloß als ein armer, einfacher Reitersmann zu erscheinen, sondern mit Ehren bedeckt und mit Reichtümern beladen, wie es ihm einst seine Phantasie vormalte, wie er es an jenem denkwürdigen Abend so kühnlich sich und dem ehrwürdigen Herrn versprochen. Also sind nun die Männer oftmalen beschaffen, daß sie den Frauen lieber das gewonnene Glück demütig zu Füßen legen, als daß sie dieselben an dem Schwanken zwischen Hoffnung und Täuschung, zwischen Triumph und Entmutigung teilnehmen lassen. Wer aber weiß, ob die Frauen doch nicht lieber das letztere wünschen mögen, ob sie nicht lieber mit leiden und sich freuen möchten, bis das höchste Ziel erreicht ist? Nun aber glaubt der Erzähler in schönen Augen die Frage zu lesen: »Warum schrieb denn der Knabe Klaus wenigstens nicht, da er selbst nicht kommen konnte und mochte?« Und der Erzähler antwortet: Ei, schöne Augen, wohl schrieb der Klaus, aber die Briefbeförderung der damaligen Zeit war äußerst mangelhaft, und viel leichter war es, durch Vermittlung eines Kaufherrn ein Schreiben nach Venedig, Konstantinopel, Smyrna oder Paris gelangen zu lassen, als eine Korrespondenz zwischen dem Städtlein Holzminden und dem Schloß Pyrmont zu führen! Einen Reichspostmeister gab es freilich wohl in der Person Leonhards von Taxis; aber dieser arme Herr war dem Bankrott so nahe als möglich und hatte auch nicht lange vorher seinen Klagebrief über die Privatboten und Metzgerposten an Kaiserliche Majestät abgehen lassen. Wie konnte der Reichspostmeister bestehen und zu seinem Gelde kommen, wenn solch unberufen Gesindel, als da sind: lahme Botenfrauen, Fleischerburschen, Hausierer, Bettler den Briefwechsel der Ratfordernden, der Ratgebenden und der Verliebten deutscher Nation besorgten? Schönste Leserin, auch der Spiegelbergsche Reitersmann Klaus Eckenbrecher und Jungfräulein Monika Fichtner trugen ihr Teil zum Ruin des Reichspostmeisters bei, und auch auf sie war Herr Leonhards von Taxis Klagebrief an Kaiserliche Majestät mit gemünzt. Jedoch nur ein einziges Mal konnte Klaus Eckenbrecher seinem Schatz Nachricht über sein Verbleiben geben, und es geschah dieses durch Hülfe einer Persönlichkeit, deren Bekanntschaft wir bereits gemacht haben. Die Metzger- oder Hausierer-Post zu benutzen fand der Klaus keine Gelegenheit; er bediente sich deshalb der Bettlerpost, und Kaspar Wicht der Sänger und Fiedelmann war der Liebesbote, welcher wochenlang – fast den ganzen Juli hindurch – in seinem Schnappsack neben allerlei andern kuriosen Dingen ein zerknittertes Schreiben mit sich herumtrug auf seinen Fahrten, bis die Gelegenheit günstig war und er es abliefern konnte an die Adresse, die kleine Monika im Pastorenhaus zu Holzminden. Und die Gelegenheit kam! Gegen Ende des Juli neigte sich wieder einmal ein Tag, an welchem sich nur die Katzen und die Machandelbäume wohlgefühlt hatten, zum Abend; die Natur brätelte in die Dämmerung und die erquickungslose Nacht hinein. Weder auf den Feldern noch auf den Wegen noch auf den Straßen der Stadt Holzminden ließ sich ein lebendes Wesen blicken, und alles in den Häusern hatte einen solchen Anschein von Trostlosigkeit und dumpfem Hinbrüten, daß der Ton einer Geige, welcher sich, als die Sonne eben wie eine weißglühende Kugel auf den westlichen Bergen lag, dem Städtlein näherte, gleich einer schneidenden Satire auf alle Menschenheiterkeit klang. Jetzt hielt der fahrende Spielmann vor der Tür des Pastorenhauses und störte durch seine unzeitgemäße Tanzweise den Pastor Fichtner in tiefem Nachdenken und schmerzlichen Betrachtungen über die heiße Strafe, welche Gott verhängt hatte über die sündige Welt. Seufzend und kopfschüttelnd ließ Ehrn Valentin dem leichtsinnigen Spielmann sagen durch die Monika, er – der Geiger – möge schweigen und ihn – den Pastor – nicht ärgern mit seinem Gefiedel. Die Monika richtete als eine gehorsame Tochter die Botschaft aus, brachte aber zugleich dem Bettler einen Krug kühlen Landbiers, wofür zum Dank der Wichtelkaspar seinen Ranzen öffnete und mit grinsendem Lächeln das allmählich ziemlich unansehnlich gewordene Brieflein Eckenbrechers dem freudig aufschreienden Kinde übergab. Nun wäre das ein gar hübsches Bild geworden, wenn ein Maler den fahrenden Mann, das Jungfräulein und die Küche des Pastorenhauses abkonterfeit hätte. Da saß nun am schwarzen Herde auf einem Hackblock der Geiger, trank in kleinen Zügen sein Bier und warf listige Blicke über den Rand des Irdenen Kruges. Zu seinen Füßen lag mit wedelndem Schwanz und hervorhängender Zunge sein häßlicher Hund und blickte wie bittend zu dem jungen Mädchen empor, welches ihn aber fürs erste noch nicht berücksichtigte. War es nur der Schein des Herdfeuers in der dunklen Küche, welcher das Gesicht der Maid so erglühen machte? Ach nein, in den zitternden Händen hielt sie das zerknitterte Blättlein, welches ihr der Liebste geschickt hatte, und zwischen Weinen und Lachen buchstabierte sie die unkalligraphischen Schriftzüge, welche es bedeckten. Das Feuer knatterte und prasselte dazu, der Topf mit der Abendsuppe schien philosophische Betrachtungen in seinem schwarzen Bauche darüber anzustellen, und der Spielmann sang dazwischen leise ein altes Lied, welches ihm sehr passend erscheinen mochte für diese Gelegenheit: »In schönen Frühlingstagen Hat hoch mein Herz geschlagen; Die Welt hab ich durchritten, Hab ritterlich gestritten. Von Lieb wüßt ich zu melden, Von kühner Tat der Helden, Bis einmal ich vernommen, Der Winter sei gekommen. Da schaut ich auf mit Grauen: Kein Grün war mehr zu schauen, Kein Vogel sang im Walde, Der Wind ging über die Halde. Mein Haupt, einst braungelocket, Das war nun weiß beflocket; Vom Rosse mußt ich steigen, Das Haupt zur Erde neigen. Wie war mein Herz so traurig! Wie war die Welt so schaurig! Die Harfe tu ich schlagen, Mein Lied davon zu sagen! Die Welt muß ich durchziehen Mit müdem Fuß und Knieen!« Das Schreiben aber, welches die Monika in den Händen hielt und welches den Eindruck auf den unbefangenen Beschauer machte, als habe es ein halbes Jahr auf einem Taubenschlage gelegen und als sei darauf ein Volk Rebhühner durcheinander mit schmutzigen Pfoten darüber – weggelaufen, lautete folgendermaßen: »Herzallerliebstes Lieb! Lustig und guter Dinge bin ich und verhoffe, daß Du es auch seiest und Dir nichts aufmutzen lassest. Mein Bot, der Wichtelkaspar, hat mir heilig und teuer versprochen, dies Briefelein richtig zu bestellen an meinen Schatz zu Holzminden, allwo die Weser herfließet beim Pfarrgarten. Nun will ich Dir mein Herz ausschütten, und voll ist es bis zum Überlaufen. Ich bin jetzo ein Reiter worden, wie es mir bestimmt war, und trage Schwert, Lederkoller, Brustharnisch und Sturmhaub, und ein scheckicht Rößlein hat mir mein Herr, der Graf, nach seinem Wort auch gegeben. Ich will Dir sagen, Lieb, es ging mir zuerst doch schwer an und war mir schier zumute wie dem Bauernjung, so zum allerersten Meerrettich zu essen kriegte und schrie: Grüßet Vater und Mutter, ich muß sterben! – Aber nun weiß ich schon lang, daß man den Gaul nicht beim Schwanz aufzäumet, und habe mich in alles gefunden. Mit Güte kommet man nicht durch die Welt, das hab ich mir wohl gleich gedacht, aber nun hab ich es auch handgreiflich erfahren. Ich schreibe dieses allhier in der Wachtstub auf Schloß Pyremunt, und all mein Gesellen gaffen mit offenen Mäulern und großem Wunder ob dem Reitersmann, der so gut die Feder führen kann. – Dein Herr Vater, mein Lieb, hat den besten Ruhm davon! Der Drommeter hält mir das Dintenfaß, so mir der Schloßpfaffe geliehen hat, und glotzet wie ein Erpel. Ihrer sechs schauen mir auch über die Schulter; aber ich mag sie dreist schauen lassen, sie lesen mir keine Heimlichkeiten ab. Es ist mit ihnen, als ob der Esel ins Meßbuch gucke. Mein Herr Grave und meine gnädigen Herrschaften die Frölen halten mich gut und wohl; ich weiß auch wohl Bescheid jetzo mit der Falkenjagd. Herzallerliebster Schatz, viel tausendmal grüße ich Dich, und wärest Du und Dein rotes Mündelein bei mir, ich wär der glückseligst Mensch, so Gottes Erdboden trüge. Aber es soll ja nicht sein, woran bloß der Herr Vater schuld ist, der weiß gar nicht, was für eine Sünde er tut an uns zwei beiden. Verzeih mir, lieber Schatz! – aber bei Gott, wenn ich mit meinem Herrn Grafen auf der Jagd bin und der Reiher sich hebet aus dem Geröhricht und der Falk ihm nachschießt von der Faust, so ist es mir alleweg, als sei ich der kühne Falk und als sei der Reiher das höchste Glück, so ich erfliegen möcht und müßt, um es zu erfassen hoch oben in der blauen Luft und es zu den Füßen zu legen der kleinen Monika Fichtner in Holzminden an der Weser! Ich denk auch oft daran, was Ihr wohl macht hinter den blauen Bergen – zuerst Du, dann der böse Vater, dann die andern, welche ich auslache, der Herr Bürgermeister, der mich nicht wieder zu den Ratten in den Turm sperren soll, und die Bürger und die Weiber und die Kinder und die Buben. An die Mädchen denk ich gar nicht oder nur an eine, an welche dieser Brief kommt. An die Monika denke ich des Morgens und des Abends, auch in der stillen Nacht, wann alle andern schlafen und ich die Wacht halten muß. Wir haben hier einen künstlichen Mann – er bringet Dir, allerliebster Schatz, dieses Briefelein – der ist mit dem Kaiser Carolo dem Fünften im heißen Afrika gewesen, wo alle Leute ganz schwarz gebrannt werden von der Sonne, was allhier auch wohl bald kommen wird, wenn der liebe Gott nicht ein Einsehen tut. Dieser künstliche Mann hat mich gelehret, ein künstlich Gesätz zu machen, und nun mach ich alleweg Reime auf den Namen Monika, als: Sie ist nicht da! Ach, wär sie da! Wann ich sie sah! Wär ich ihr nah! und so fort. Aber ich kann noch keinen aufschreiben, weilen ich allemal gleich fertig bin. Liebes Lieb, behalte mich fest und treu eingeschlossen in Deinem Herzen! Es ist mir hier in der Ferne immer, als müßtest du immer schöner werden. Vergiß mich nicht und gedenk, wenn ich auch wollt, ich könnt doch nimmer dein vergessen. Wenn doch nur Krieg werden und mein Herr Graf mit ausreiten wollt! Gold, Silber, Edelgestein und alle Schätze wollt ich für die Monika erreiten. Da sollt der Vater wohl große Augen machen über den Klaus, den Nichtsnutz, wenn er käme auf stolzem Roß und hinter ihm hätte einen langen Schwanz von Knappen und Knaben, in Sammet und Seide angetan. Und zwei kohlrabenpechschwarze Mohren, wie die Frau Kurfürstin von Brandenburg allhier einen mit hergebracht hat, müßten dabei sein und müßten mit ihnen führen einen weißen Zelter vor die Pfarre zu Holzminden. Und dann würde ich sprechen: Herr Pastore, grüß Euch Gott und guten Tag und – wie nun? Hier ist nun der Lump, der Taugenichts, der Bösewicht, der Windbeutel, der Eckenbrecher, der Klaus; wollt Ihr ihm nun Euer Töchterlein mitgeben in Güte? – Hei, allerliebstes Lieb, wir wollten den Alten schon herumkriegen! Musikanten – Flöten und Pfeifen, Posaunen und Pauken hätt' ich mitgebracht, und darzu hinge der ganze Himmel voll Geigen. Und Flöten, Pfeifen, Posaunen und Pauken, die spielten uns allgesamt zu einem Reigen um und durch die ganze Stadt und zuletzt in die Kirche. Da traut uns der Vater selbst, und Bier und Wein sollt auf dem Markt fließen allem Volk, als ob der römische Kaiser gekrönet würde in des Reiches Stadt Frankfurt am Mainstrom. Und der Bürgermeister Uhlenhut und der Ratsdiener Schöppelmann, die sollten mir die Schleppe tragen, das stehet baumfest. Ach, ist das nicht alles eitel Träumerei und Torheit? Aber mir ist's doch, als sollt und müßt es einst Wahrheit werden. Und warum auch nicht? Seltsamere Geschichten haben sich zugetragen, wie in den alten Historienbüchen sattsam zu lesen ist. Hier ist noch immerfort ein groß Getös und Tumultus und wird noch alleweil stärker von wegen dem heiligen Born. Fürsten und Volk drängen sich, daß man fast bange wird ob der gewaltigen Menschheit und einem der Kopf schwindelt. Viel Kranke sind gesund worden durch die Kraft des guten Wassers und haben ihre Krücken oder Abbildungen ihrer bösen Gliedmaßen aufgehänget an der großen Brunnenlinde. Aber es ist auch ein alt Weib gehänget, so viel Giftwerk getrieben hat und mit gestoßenem, venedischem Scheibenglas die Leute vergeben hat; doch die Schlimmsten laufen noch frank und frei herum. Ich trinke das heilige Wasser auch, obgleich ich ganz heil und gesund bin, aber vielleicht hilft es für künftige Tage, und Vorsicht zieret den Mann. Wohl wünschte ich Euch her einmal, um das Treiben und Wesen allhier zu sehen. Ich hab hier hochgelahrte Bekanntschaften gemacht, wobei dem Herrn Vater das Herz im Leibe hüpfen würde – der Herr Rektore Huddäus aus Minden lasset ihn fein grüßen – bin aber selbst doch nicht gelahrter dadurch worden. – Es gehet allzu seltsam hier zu! Einen blinden Teufelsbanner, den das Volk Simon den Zauberer nennt, haben wir jetzt auch hier; der treibt mit Macht die bösen Geister, Teufel und Gespenster aus, vorzüglich aus den Weibern, als worinnen die meisten stecken, wie man saget. Die Geister reden leibhaftig aus den Besessenen, daß einem die Haare zu Berge stehen, und der blinde Teufelsbanner krähet wie ein Hahne und brüllet und schreiet greulich, daß es erschrecklich zu hören und zu sehen ist. Es kamen auch zwei schöne Dirnen zu dem heiligen Born, die auch mit dem Teufel besessen waren. Aus der einen trieb der blinde Simon den bösen Feind sogleich fort, und hat sich aus Dankbarkeit die Erlösete dem Zauberer mit Leib und Seel ergeben und folgt ihm auf Schritt und Tritt gleich einem Hündlein. In der andern, der schönsten Dirne, aber stecket noch der unsaubere Geist und will nicht weichen – die Dirne aber wohnet auf dem Schlosse zu aller Leute Bedenken; denn seit sie da ist, ist unser Herr Grafe gar nicht mehr wie sonst. Die Leute flüstern und schwatzen, auch meinem gnädigen Herrn sei es nun angetan, und ein fremdländischer Mann hat diese Dirne schon verflucht, als wir die Brunnengesetze anschlugen, und ein jeglicher meinet, wenn der Graf die schöne Dirne nicht von sich stieße, so würde es zu einem bösen Ende kommen. Ach, gäb es doch Krieg! Das würde nicht nur mir, sondern auch meinem jungen Grafen helfen! Ach, gäb es doch Krieg, im Sturm möcht ich Dich erobern, mein Lieb, und Dich heimholen. Es heißet wohl mit Recht: nimmer Dienst, nimmer Lohn; ach, wie möcht ich um die Monika dienen, und wenn es sieben oder siebenmal sieben Jahre wären. Gott schütze Dich, mein Lieb, und behalte mich lieb, Du! Vergiß mich nicht und sorge Dich nicht, ich komme einst und hole Dich und trage Dich auf den Händen und im Herzen bis in die Ewigkeit hinein. – Jetzt aber muß ich meine Geschrift zu einem Ende bringen, weil das Papier mir mangelt und ich auch wieder zu Pferde und hinaus in die greuliche Sonne muß. Gib dem Boten, dem Wichtelkaspar, einen frischen Trunk, daß er sich freue, und schreibe mir auch, wie es geht bei Euch und wie es steht in Deinem Herzen und ob Du mir auch immer gut bist. Der Kaspar wird es mir zustellen, wann er heimkehrt gen Pyrmunt von seiner Bettelfahrt durch die Lande. Nun lebe wohl, rosenrotes Lieb, und gedenke an mich im Wachen und im Traum! Wenn mir der Geigenkaspar Deinen Brief zu Händen gebracht hat, so will ich wiederum an Dich schreiben und werd auch wohl einen Boten finden, so es herüberträget. Lebe wohl und gedenke an Deinen Herzliebsten Klaus Eckenbrecher,              des Grafen von Pyrmunt, Herrn Philipps von Spiegelberg, freien Reiter.      Am dritten Tage des Heumonds, eintausendfünfhundertsechsundfünfzig, bei der allergrausamsten Hitz.« – – Wie leuchteten die Augen des jungen Mädchens, als sie mit diesem Schreiben ihres Schatzes zu Ende kam. Der Fiedelmann schaute ihr lächelnd in das Gesicht, nickte ihr mit den Augen zwinkernd zu und murmelte dabei vor sich hin: »Jaja, hab's immer gesagt und gesungen, es ist ein gut Ding um die Jugend.« »Wie dank ich Euch, daß Ihr kommen seid«, sagte die Monika. »Ich war in so großen Ängsten seinetwegen.« »Ho, ängsten müsset Ihr Euch nicht um den Buben, Jungfräulein, und was ich getan hab, das ist recht gern geschehen.« »Dank Euch! Dank Euch!« rief die Monika, und der struppige Hund des fahrenden Mannes erfuhr nun auch, daß ein fröhlich Herz am liebsten gibt. In ihrer Herzensfreude stellte ihm die Monika einen ganzen Topf voll Milch zum Ausschlecken hin und fing an, ihren Brief von neuem zu studieren, bis der Köter mit seiner Milch fertig war und Kaspar Wicht den leeren Bierkrug niedersetzte und sich erhob. »Das wär nun richtig bestellt, Jungfräulein, und – nun – wie wär's mit der Antwort an den Liebsten, he? Ich will Euch einen Vorschlag machen. Wisset Ihr, nun will ich gehen und umschauen im Land, ob die Mildtätigkeit und die Herzensfröhlichkeit durch die große Hitze ganz eingetrocknet und verdörret ist, will den Leuten die Weise vom Rosenkranz geigen und die Weise von der Schlacht bei Raven. Und dann will ich wieder vorgucken in einigen Tagen, daß Ihr mir anvertrauen möget, was Ihr dem Feinslieb in der Ferne zu melden habet. Gut will ich's abliefern, schönes Jungfräulein, wenn's Gottes Wille ist und der Bettelvogt mich unterwegs nicht beim Kragen nimmt. Na, der liebe Gott wird wohl nichts dagegen haben, er hat ja doch seinen Hauptspaß an solchem jungen, törichten Volk, wie Ihr seid. Also wollt Ihr?« Errötend und verlegen nickte die Monika und blies in das Feuer auf dem Herde, was gar nicht nötig war; denn lustig genug flackerten die Flammen um den singenden Topf. »Also abgemacht; gebt mir ein Patschhändlein und macht's wohl, bis daß ich wiederkehr!« »Behüt Euch Gott!« sprach das Mägdlein, und der Geiger ging und geigte am selbigen Abend noch zu Bevern vor dem Schloßgesinde, bis ihn der Schloßherr, welchem vor kurzem das sechzehnte Kind weggestorben war, vergeben durch eine lose Hexe gleich den fünfzehn vorhergegangenen Würmern – vom Hofe trieb. Zu Wolfenbüttel büßte die mörderische Unhuldin dafür auf dem Scheiterhaufen. – Während der Fiedler also im Lande umherstrich, stahl die Monika ihrem Herrn Vater einen schönen Bogen weißen Papieres und heimlich, daß niemand dahinter käme, schüttelte sie ihr Herzlein darauf aus. Sie schrieb so zierlich, wie eine Lerche schreiben würde, wenn ihr einmal einfiele, ihre Lieder, statt sie hoch oben in der blauen Luft auszujubeln, dem Papiere anzuvertrauen. Ehrn Valentin Fichtner war seinem Töchterlein ein guter Meister und Lehrer hierin gewesen. Nach acht Tagen kam der Wichtelkaspar, seinem Versprechen gemäß, zurück und sang, diesmal bei vollständiger Abenddämmerung, vor dem Pfarrhause zu Holzminden: »Ein Briefelein An meinen Schatz In weiter, weiter Ferne, Das schrieb ich fein Und legte drein, Was ich ihm gab so gerne: An jedes Ecklein Einen Kuß, Und in die Mitte Tausend Gruß, Viel Bangen, Hoffen, Seufzerlein, Mein ganzes, ganzes Herzelein – Eia, eia, ei, ei, ei, eia!« Einen künstlichen, verschnirkelten Pfiff und einen vollen Bogenstrich über die Saiten seiner Fiedel hing er daran. Der Hund, welchem plötzlich die Erinnerung an einen leckern Milchtopf in den rauhen Kopf kam, sprang mit Gebell voran. Es war sehr gut, daß der Herr Pastor eben mit dem Spaten in der Hand im Garten auf einen Maulwurf lauerte, der ihm durch sein Wühlen schon viel Kummer und Ärger verursacht hatte. Auch den Maulwürfen wurde es allmählich zu unheimlich und schwül in der dürren Erde! – Wenn Ehrn Valentin nichts von dem Gesang des Geigers vernahm, so hörte ihn desto besser die Monika, und sie segnete die Dämmerung, welche ihr erglühendes Gesichtchen dem fahrenden Manne verbarg. Scheu schlüpfte sie zu ihm heraus und drückte ihm verstohlen mit einem Patengulden aus ihrem Sparhafen die Antwort an den Klaus in die Hand. »So ist's recht, das wird einen Jubel geben auf dem Schloß Pyrmont!« flüsterte der Spielmann, als er beides nahm. Es war nur ein kleines, kleines Briefchen, welches in den Bettelsack glitt. Es stand aber gar Vieles und Wichtiges darin, und mehr und noch Wichtigeres ließ sich zwischen den Zeilen herauslesen. So schrieb die Monika Fichtner: »Mein herzlieber Klaus! Deinen Brief habe ich gelesen. O, wie hab ich mich gefreut darüber! Ich war sehr traurig, seitdem Du weggefahren bist in der Nacht mit dem Schiff; doch nun ist es gut, denn ich weiß, daß Du noch am Leben bist. Als ich Deinen Brief gelesen hatte, waren meine Augen naß und rot, und da mußte auch grade der Vater nach mir rufen. Ich schob alles auf das Herdfeuer und den Rauch. Ich lasse nun Deinen Brief nicht eher von mir, als bis Du mir einen andern schickest, und dann auch nicht, denn dann lege ich beide zusammen. Bitte, schicke bald den zweiten!!! Es ist doch recht traurig für ein armes Mädchen, wann es keine Mutter mehr hat! – Bei uns ist noch alles so, wie es war; wir haben hier auch einen sehr dürren Sommer. Meine Blumen sind alle tot und verwelkt, daß ich schier weinen möchte, wenn ich den Garten anschaue. Die Weser ist ganz weg getrocknet, und alle Leute klagen sehr und fürchten eine große Hungersnot. Der Vater ist sehr gut gegen mich; aber von Dir spricht er kein Wort, weder im Guten noch im Bösen; ach, lieber Klaus, wie soll das werden?! Neulich hat er auch – ich meine den Vater – Franz Schlachtmeyer und Justine Rotenberg zusammengegeben. Sie hatten eine große Hochzeit trotz der schweren Zeit, und alle Leute, wenn sie auch eingeladen waren und lustig mitmachten, haben sich schrecklich darüber aufgehalten. – Wenn ich auf solcher Hochzeit auch mit andern tanzen mußte, so war es mir doch immer, als hätt ich Dich im Arm, lieber Klaus, obgleich wir niemalen zusammen getanzt haben als nur, als wir noch Kinder waren, wann uns der einbeinige Hansel den Dudelsack aufspielte. Der Vater wollte es ja nie haben, daß Du mit mir tanztest. Lieber Klaus, wann so viele Menschen am heiligen Born zu Pyrmont versammelt sind, so sind gewißlich viele viel schönere Jungfern als ich darunter; allerliebster Klaus, tu mir um Gottes willen nicht das große Herzeleid an und schaue zu viel nach ihnen. Wann Du es tust, so muß ich mich darüber zu Tode grämen, denn ich werd es ganz gewiß bis hieher fühlen. Lieber Klaus, gedenk, daß Dich niemalen eine so lieb haben wird wie ich. Der alte katholische Pastor hat den Vater noch mehrmals besucht. Mit ihm ist auch der junge Mönch gekommen, jener mit den feurigen Augen, der so bleich ist. Ich fürchte mich erschrecklich vor seinen Augen, und himmelangst ward mir zumute, wie ich merkte, daß sie immerfort auf mich gerichtet sind. Wie die beiden das nächste Mal in ihrem Kahn herüberkamen, lief ich fort und versteckte mich, bis sie wieder gegangen waren, und solches war gewiß recht töricht; der Vater hat mich auch schön ausgescholten, daß ich nicht zur Hand war. Ich bin immer in heimlicher Angst, wie ich schreibe, und denk alle Augenblicke, der Vater schaut mir über die Schulter und sieht, was ich mache und wie lieb ich den Klaus habe. Ich glaube, es ist sehr unrecht, daß ich an Dich schreibe; aber ich tue doch nichts Böses, wenn ich es tue – nicht wahr? Ich muß schließen; denn ich halt es nicht aus vor übergroßer Angst, daß der Vater mich ertappt. Bleib mir treu, wie ich Dir treu bleibe! Vergiß nicht, vergiß niemalen Deine Monika. Nachschrift: Behüt Dich Gott! Nachschrift: Um Gottes willen keinen Krieg!! Bedenk, daß Du auch totgeschossen werden könntest wie mein Bruder Johannes. Ach, der Krieg muß etwas Schreckliches sein, und wenn Du umkämest, Klaus, so müßte ich auch sterben. Nachschrift: Nochmals viel tausendmal Lebewohl, lieber, lieber Klaus! Schreib mir recht bald wieder und zieh nicht in den Krieg! Behalte ewiglich lieb Deine Monika Fichtnerin.               Holzminden, am 1en des Erntemonats,     als alle Leute hofften, es käme ein Gewitter. Es kam aber keins.« –                  Dieses Schreiben war mit des Vaters rotem Siegelwachs fast unauflöslich verklebt; in Ermangelung eines Petschafts war jedoch nur die Spitze eines Fingerhuts darauf gedrückt. Da dieser Fingerhut aber sehr klein war und gewöhnlich an dem niedlichen Mittelfinger der Geliebten steckte, so konnte und durfte den Klaus Eckenbrecher kein einziges der hunderttausend kaiserlichen, fürstlichen, hochadeligen und adeligen Wappen des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation mehr erfreuen, und es ergreift auch der Erzähler dieser Historie die günstige Gelegenheit und versichert, daß er Briefe, die auf solche Weise durch Fingerhüte verpicht und versiegelt sind, viel lieber annimmt als andere mit künstlicheren, aber auch unliebenswürdigeren Siegeln. Der Geiger Kaspar Wicht war noch mitten im Abschiednehmen und eifrigsten Versicherungen der Treue und Zuverlässigkeit begriffen, als Ehrn Valentin Fichtner durch sein Erscheinen die Verhandlungen zu einem Ende brachte. Der Pastor hatte den Lohn seiner Geduld empfangen, der lang verfolgte Troglodyt war erledigt. Zwischen dem Töchterlein und dem fahrenden Mann erschien der Pastor, den Spaten in der rechten Hand und den erschlagenen schwarzen, weichpelzigen Gartenverwüster in der linken. »Mit wem schwatzest du da, Monika? Ei, ist der Vagabundus, der Lappenhäuser schon wieder da? Eheu, was für ein Leiden das ist! Hast du ihm einen Heller verabreicht, Mägdelein?« »Ja, mein Vater«, sagte schüchtern Monika. »Gut, so halte dich nicht auf, laß den Mann seines Weges gehen und komm mit ins Haus, wir wollen den Abendsegen beten und um Regen bitten; aber alle unsere Bitten wollen wir in den Herrn stellen. Da schau, Monika, den schwarzen Burschen, welcher mir soviel Mühe gemacht hat. Gehet mit Gott, Fiedler, und nehmet meinen Rat an, lasset vom Herumtreiben und haltet Euch an eine ehrliche Arbeit!« »Das tu ich lang, Herr Pastore.« »So?! Ei! Und was treibet Ihr, wenn man fragen darf, was treibet Ihr außer Eurem nichtsnutzigen Geigenspiel?« »Briefe trag ich im Land umher! Gute Nacht, Ehrwürden!« rief der Geiger und sprang trotz seinem hohen Alter in weiten Sätzen gegen die Weser hinunter. »So, so! Ei, ei!« murmelte der Pastor. »Komm, Monika!« Vater und Kind traten in das Haus, und der Alte schloß sogleich die Tür. – Fast die ganze Nacht hindurch schritt der Fiedler stromabwärts auf dem Schifferpfade neben dem Flusse hin. Die Bauern vernahmen, aus dem Schlaf erwachend, sein Saitenspiel, wunderten sich und drehten sich auf dem Stroh auf die andere Seite, um weiterzuschnarchen. Erst um Mitternacht machte der alte, rüstige, wandernde Spielmann halt. Auf einen Stein mitten im Flußbett, der sonst hoch vom Wasser bedeckt war, saß er nieder, kaute an einer Brodrinde und hörte dem leise zu seinen Füßen dahinkriechenden Wasser zu. Als er seine kärgliche Mahlzeit zu Ende gebracht hatte, strich er einige Male über die Fiedel, ließ dann den Bogen sinken und sang: »Nun stecke ich fest in dem Sumpfe hier, Und um mich zuckt es und flimmert's; Es krabbelt und kribbelt das Sumpfgetier, Doch goldig leuchtet's und schimmert's. Viel glänzende Flammen um mich her Viel seltsamen Reigen schlingen, Und fern in der Schenke der Brummbaß brummt, Und Geigen und Hörner erklingen. Ja, fern in der Waldschenk Tanzmusik! – Es fehlt nur die eine Geigen; Sie merken's nicht, und sie achten's nicht, Und lustig und wild schweift der Reigen! Rings um mich ist Nacht, es schwand der Mond; Wo sind nur die Sterne geblieben? O du Irrlichtervolk, das im Sumpfe wohnt, Sag, was hast du mit mir getrieben? Ja, fern in der Schenke zum blutigen Herz, In dem nächtlich dunkelen Walde, Da tanzet mein Lieb und treibet Scherz, Ach weh, sie vergaß mich gar balde! O du Irrlichtervolk, das im Sumpfe wohnt, Tanz du nun nach meiner Geigen! O ihr Kröten, ihr Unken, so viel ihr mich hört, Kommt alle, ich spiel euch zum Reigen!« Als der Wichtelkaspar dieses Lied beendet hatte, seufzte er schwer und saß noch eine ganze Zeit in tiefem Grübeln da und streichelte den Kopf seines Hundes. Dann aber sprang er jählings auf und schüttelte sich: »Ach, törichter, alter Knabe, das Vergangene ist vergangen und bleibt vergangen; verdorben bin ich, verdorben bleib ich, und der grüne Ast ist lang' zusammengebrochen unter mir – plumps – juchhe! Juchhe! Vivat das Wandern und der ewige blaue Montag! Vivat! Vivat Kaspar Wicht – Der Wind geht über die Heide, Das ist mir nicht zum Leide! Es geht der Wind gelinde, Ich fahre mit dem Winde! juchhe!« Nach diesem tollen Ausbruch warf er den Bettelsack wieder auf die Schulter, nahm die Fiedel unter den Arm und schlug einen kleinen Trab an, wobei er die nächste Stunde durch ununterbrochen vor sich hinmurmelte: »Immer der Nase nach! Immer der Nase nach! Immer der Nase nach!« So zog der fahrende Spielmann Kaspar Wicht gen Pyrmont mit dem Brieflein der holden Monika Fichtner. So ward Herr Leonhard von Taxis abermals in seinen Gerechtsamen beeinträchtigt! – Elftes Kapitel schließt den ersten Teil der Geschichte vom heiligen Born. Der Lizentiat Herr Hermann Hamelmann in seinem Traktat von der Hölle, ihren Namen und ihrer Pein, von den Segen, Wicker und Kristallen Teuffel, das ist von den Nachweisern, Schwarzkünstlern, Teuffelsbeschwörern, Kristallensehern und dergleichen, schreibt wütend und außer sich, pagina 98: »Ich kann mich nicht enthalten und muß sagen von der großen, stinkenden Landlügen des lügenhafftigen, unverschämpten Fischfressers und Carthäuser-Mönchs Laurentii Surii, der also schreibet: wie daß sollte dem heiligen thewren Mann Luthero, Anno 1545 ein Mägdelein aus Meissen vorgebracht sein. Und als er dasselbige in die Sacristerey gefordert, sollte er haben den Teuffel beschworen nach Lutherischer Art. Jedoch hätte ihn der Teuffel bespottet und unter dem hätte sich gern der Luther vertrollet und ein Ausflucht genommen. Aber der Teuffel hab die Tür berannt, daß er nicht daraus möchte, darumb er auch sich befleißiget zum Fenster hinaus zu fliehen, aber umb das eysern Gefeß halben hab er nicht können entweichen, und hätten etliche durch die eysernen Gitter ihm ein Axt einwerffen müssen, damit er die Tür geöffnet und davon gelaufen. Also hats der Lügenmaul und böshafftige Schelm und unflätige Lügenschreiber sampt seinem Trucker Gervino Calesio recitiret.« Es war diese Beschuldigung des frechmäuligen Karthäusers in der Tat danach, um darob in Wut und außer sich zu geraten. Vor dem Teufel Reißaus nehmen?! O infamia! Gab es wohl eine niederträchtigere Beleidigung als solche Anschuldigung? O Greuel und Schmach über den Pater Laurentius Surius! Welcher lutherische und katholische Kämpfer der Zeit der großen Kirchenspaltung hätte sich durch das Fenster errettet vor dem Affen Gottes und seinem Spuk? O blasphemia! Hohnlachen und Spott der Kinder über dich, Laurentius Surius! Das Dintenfaß dem bösen Feind an den Kopf? In die Tiefe, in den großen Abgrund mit euch allen, die ihr Namen habet: Lucifer, Satan, Belial, Beelzebub, Oriens, Pargimon, Mammon, Buflas, Hypocras, Coap, Ebiger, Bilech und so fort, so fort! Auf sie mit Singen und Beten, mit gesegneten Palmen und geweihten Lichtern, mit Stahl und Feuer! Auf sie! Nieder, nieder mit ihnen in den tiefsten Abgrund der Hölle! – – – An den Teufel glaubte jedermann, sein Erscheinen in tausendfältiger Form, in allen vier Elementen, in Menschen- und Tiergestalten bezweifelten weder Kaiser noch Papst, weder Reformatoren noch Mönche, weder Gelehrte noch Volk: weshalb sollte das Schloß Pyrmont daran zweifeln? Ein Papier mit seltsamen Charakteren bemalt und beschrieben mit den drolligen Worten: Amarathonta, tiros, posthos, cicalos, cicattri, eliapoli, starras, polen, solemque, linarrasque, edipos, edulpes, mala, draphanus, ulphanus, trax, caput orontis jacet hoc in virtute montis – hatte Simon der blinde Magier auf das schöne Haupt Faustas gelegt, und den schönen Leib der Tedesca hatte der böse Feind ärgerlich und widerstrebend verlassen, um – nach der Meinung von allem am heiligen Born versammelten Volk – von Herrn Philipp von Spiegelberg, Grafen zu Pyrmont, Besitz zu ergreifen. Und dasselbe geheimnisvolle Papier wollte auf dem wirren Lockenkopfe des jungen Grafen, von der betrübten Ursula heimlich darauf gelegt, während der Bruder schlummerte – durchaus nicht wirken, wie wir aus der Liebesepistel Klaus Eckenbrechers bereits herauslesen konnten. Zu solcher großen Not und Trübsal füllte sich das Schloß auf dem heiligen Anger immer mehr mit den vornehmsten Gästen aus der Nähe und der Ferne und »empfing davon nicht wenig Anfall und Schaden«. Mit geziemendem Gefolge kam von Koburg Frau Katharina, Herzog Hansens von Sachsen Gemahlin, welche den Brodelbronn für ihres Leibes Gebrechen brauchen wollte. Eine große Ehre und Freude gedachte sie den drei Spiegelbergschen Geschwistern durch ihre Einquartierung auf dem Schlosse anzutun. Es erschien auch Konrad, Graf zu Teckelnburg, der letzte seines Stammes, welcher vermeinte, durch Kraft des Wunderbrunnens wenigstens der Vorletzte seines Geschlechtes zu werden. Er täuschte sich aber und zog hager und dürr ab, wie er gekommen war, und seine Frau wurde ebenfalls durchaus nicht rundlicher durch das gute Wasser, welches ihr Ehegespons getrunken hatte. Kurze Zeit nach der Ankunft des Teckelnburgers kam Graf Sigismund von Gleichen, der viel besser getan hätte, wenn er zu Hause geblieben wäre; er verschied nämlich durch die allzu kräftige Wirkung des heiligen Borns. Was hilft es, das Register fortzusetzen? Der fürnehme Besuch war nur mit der Mäusenot, welche den Bischof Hatto von Mainz überzog, mit einem gefräßigen Heuschreckenschwarm, mit der Freierschar, welche das Haus des vagabondierenden Dulders Odysseus kahl fraß, zu vergleichen. – Der Born zu Pyrmont hat unter andern guten Eigenschaften auch die, daß er einen tüchtigen Appetit erzeugt, und die lieben Gäste legten sich durchaus keinen Zwang auf in dieser Beziehung, sondern hielten sich wacker an die Speisekammer, die Küche und den Keller der drei Spiegelbergschen Geschwister. Die arme Ursula, den ganzen Tag über und tief in die Nacht hinein treppauf treppab gejagt, verlor immer mehr alle Erinnerung an vergangenes behagliches, friedliches Stillsitzen, an frühere ruhige Nächte voll gesunden, traumlosen Schlafes. Zusehends magerte sie ab und fing allmählich an, an Schwindelanfällen, Blutdrang nach dem Kopfe, Gedächtnisschwäche und dergleichen zu leiden: das Wasser des heiligen Borns war dagegen natürlich ohne die mindeste Wirkung. Selbst die mutwillige, sorglose Walburg blickte jetzt oft ganz bedenklich drein und suchte sich stellenweise nützlich zu machen, steigerte dadurch aber nur die allgemeine Verwirrung. Fräulein Ursel und die übrigen Haus-, Hof- und Küchen-Tyranninnen verbaten sich daher auch bald genug jedes tätige Eingreifen ihrerseits, behaupteten, die Walburg stehe nur im Wege, und schickten sie zur – Frau Kurfürstin von Brandenburg. So hatte die Walburg allein auf dem Schloß Pyrmont Zeit und Ruhe, sich um den armen Philipp zu bekümmern und sich abzusorgen über die große Veränderung, welche mit ihm vorging. Allmählich ward aus dem lebensfrohen, frischen Jüngling, dem Trinker, dem Jäger, ein menschenscheuer, bleichgesichtiger Patron, welcher durchaus nicht mehr imstande war, den liebenswürdigen, den angenehmen Wirt zu spielen vor Ihren Hochfürstlichen Gnaden von Brandenburg und Sachsen-Koburg. Auch seinen männlichen Gästen vermochte der Graf nicht mehr wie sonst standzuhalten. Herr Konrad von Teckelnburg nahm ihm im Brettspiel und im Würfelspiel viel mehr Geld ab, als bei klareren Sinnen des Gegenparts möglich gewesen wäre. Herr Sigismund von Gleichen trank ihn sogar zur großen Verblüffung, zum – Entsetzen des aufwartenden Eckenbrechers fünfmal, sage fünfmal unter den Tisch. »Das weiß der – heilige Liborius zu Lügde!« sagte Klaus Eckenbrecher, welcher sich auf dem linken Weserufer einen reichen Schatz von katholischen Beteuerungen zulegte. »Ist's die Möglichkeit? Ich sage Euch, Falkenierer, hätt' ich's nicht selbsten gesehen mit meinen leiblichen Augen, kein Teufel hätt mir den Glauben daran beigebracht!« – »Ach, mein armes Brüderlein!« seufzte Fräulein Walburg von Spiegelberg, »wenn ich doch wüßte, was ihm fehlete! Die alte Hanne in der Spinnstube sagt, das fremde Weibsbild, so hier im Schloß aufgenommen ist, habe es ihm angetan, habe ihn verzaubert und scharfe Nadeln ihm in die Leber gehext. Ich will den Kaplan darum fragen, der muß Kundschaft davon geben können als ein geistlicher Herre.« Sie tat also und fragte den Schloßkaplan um Rat. »Hab's lange gemerkt, daß etwas nicht in der Ordnung ist bei unserm gnädigen jungen Herrn«, sprach dieser würdige Mann. »Wisset Ihr, Fräulein, ich will den Herrn Rektor von Minden, Herrn Hermannus Huddäus, der noch immer zu Oestorf seine Gicht kuriert und große Linderung verspüret durch das gute Wasser und ein hochgelahrter, frommer Mann und mein günstiger Freund ist, darob um seine Meinung fragen.« Er tat also und fragte den Rektor Huddäus um seine Meinung, Dieser schüttelte bedachtsam das Haupt und sprach: »Das ist ein böses Ding, und was das Zaubern von Nadeln in die Leber anbetrifft, so sind die Gelehrten darüber gar verschiedener Meinung. Ich will zum Nutzen meines werten Herrn Grafen nach Wittenberg schreiben an meinen lieben Freund und Lehrer Herrn Philippum Melanchthon, den Mann Gottes. Wenn einer nach dem Hinscheiden des gottseligen Doktor Martin raten kann, so ist er es.« Er tat nach seinem Worte und schrieb noch an demselben Tage einen schönen lateinischen Brief an Herrn Philipp nach Wittenberg, und Fräulein Walburg schickte einen expressen Boten mit solchem Schreiben ab. Der Herr Doktor Philipp freute sich über den Brief des Rektors höchlichst und schrieb einen noch schöneren, mit vielen griechischen Zitaten ausgeziert, zurück und sendete zugleich nebenher ein Paketlein. In diesem Paketlein befand sich ein in Schweinsleder handfest eingebundenes Buch mit künstlichen Messingklammern verschlossen, welches folgenden Titul führte: Der Teufel selbs das ist Wahrhaftiger und bestendiger und wolbegründeter Bericht von den Teufeln; was sie seien, woher sie gekommen und was sie täglich wirken. Derbey ihre große Tyranney, Macht und Gewalt. Item auch ihre Behendigkeit, List und Trügerey. Auff's vleissigst und eigentlichst beschrieben. Item, was von Verzauberungen, Verblendungen, Gifftwerken und sonst viel und mancherley Geplärren des Teufels zu halten sey. Dieses höchst vortreffliche Buch »trewlich und ordentlich aus Gottes Wort und vieler Gelahrten Bücher alt und new zusammengezogen durch Jodocum Hockerium, Osnabrugensem, Prediger der Kirchen Gottes zu Lemgo« – gewährte der ganzen Reihe der Ratfragenden viel Trost und Erbauung, brachte sie aber doch nicht zu irgendeinem Resultate in bezug auf den Zustand des jungen Grafen. Zum sechsten, zum siebenten, zum achten Male trank der Graf zu Gleichen Herrn Philipp von Spiegelberg unter den Tisch, und er würde seine Siege jedenfalls noch bedeutend vermehrt haben, wenn ihm nicht leider die Gicht in den Magen getreten und Asa födita und Moschus die Parole geworden wären. So entschlief er jedoch wenigstens »seliglich« in dem stolzen Bewußtsein, daß er als Überwinder aus der durstvollen Wüstenei dieses Erdenlebens scheide. Meister Jodokus Hockerius mochte in seinem Buche mancherlei gesagt haben von den Teufeln und gute Antwort gegeben haben auf die Fragen: Ob und wie die Teufel Wunder und Zeichen tun können? – Ob und wie sie weissagen und zukünftige Dinge wissen mögen? – Ob sie Krankheiten heilen und der Menschen Sinne äffen und betrügen können? – Ob sie der Menschen Gedanken erkennen und auch können in der Menschen Leiber fahren? – Ob und wie sie Corpora d. i. Leiber an sich nehmen? – Ob sie sich in die Gestalt der verstorbenen Menschen oder Seelen verkleiden mögen? – Ob sie Menschen in Tiere verwandeln mögen? – Ob sie auch können Träume und Nachtgesichte machen? – Ob sie auch Wetter machen und das Gewölk verstören können? – Ob sie auch mögen Buhlschaft treiben und wie man sagt Incubi und Succubi werden mögen? – Ob sie können Milch, Butter, Wein, Bier, Brod, Eier und andere Dinge stehlen? Wie sollte dem Kranken Hülfe geschafft werden, wenn die Zauberin Fausta La Tedesca im Schloß Pyrmont blieb und bleich und schön durch das scheue Gesinde schritt? Wohl konnte Fausta La Tedesca Wunder und Zeichen tun – wohl konnte sie der Menschen Sinne äffen und betrügen – wohl konnte sie der Menschen Gedanken erkennen – wohl konnte sie Träume und Nachtgesichte machen – wohl konnte sie Buhlschaft treiben, und daß sie in den andern Punkten des dämonischen Sündenregisters ebenfalls gut befahren sei, daran zweifelte weder Walburg von Spiegelberg noch der Kaplan noch das Schloßgesinde. Aber unbewegt von alledem, was über sie gesprochen wurde, unerschüttert durch alle leisen und lauten Drohungen, die sie auf ihren Wegen verfolgten, blieb Fausta La Tedesca im Schloß Pyrmont. Schon fingen auch die Hintersassen von Spiegelberg an, Leib und Seele ihres jungen Grafen für gefährdet zu halten, und am liebsten hätten sie die »fremdländische Hexe« verbrannt auf einem tüchtigen Scheiterhaufen von grünem Holz oder sie begraben auf einem Kreuzweg mit einem Pfahl durch das Herz. Man schoß einen Armbrustbolzen auf die schöne Maid ab, als sie eines Abends mit Herrn Philipp an der Emmer im Mondschein lustwandelte; und der Schuß ritzte ihre weiße, runde Schulter ein wenig, daß drei Blutstropfen durch das feine Hemdlein drangen. Der Täter, ein Mann aus Löwenhausen, ein Leinweber, wurde jedoch glücklich ergriffen und sagte aus: er hab die Armbrust abgedrückt aus Liebe zu seinem gnädigen Herrn und hab ihn dadurch lösen wollen aus den Banden des greulichen Gespenstes, so ihn – seinen gnädigen Herrn – gefesselt hätte. Der Graf zu Pyrmont nahm jedoch diese Liebe und Fürsorglichkeit sehr übel auf, ließ ein kurz Gericht halten über den getreuen Knecht Eckart und hing ihn auf an seinem hochgräflichen Galgen zu einem abschreckenden Beispiel für andere gleichgestimmte, wohlmeinende Seelen. Die beiden Schwestern von Spiegelberg, Ursula und Walburg, konnten nur stillschweigende Opposition gegen den unheilvollen, schönen Eindringling machen. – Nach Martin Luthers Ansicht haben Fürsten und Herren große treffliche Engel, denen sie in Schutz befohlen sind; Kinder und schlechtes Gesinde dagegen sind nur gemeinen Engeln anbefohlen; ach, so hoch der Schutzgeist des Grafen zu Pyrmont in der himmlischen Aristokratie stehen mochte, auf sein Amt gab er gar schlecht Achtung und überließ ihn – höchstwahrscheinlich durch eigene wichtige Geschäfte abgehalten – allen Anfechtungen des bösen Prinzips! Mit ihren schwarzen Augen sog Fausta La Tedesca Herrn Philipp alle Kraft und Macht aus, daß er immer bleicher und hohlwangiger wurde, immer finsterer und immer menschenscheuer. Am liebsten zog er einsam, nur von seinen Hunden begleitet, im Walde umher. Nach tagelanger Abwesenheit fanden ihn seine Jäger am häufigsten am Toren to mayen, dem »Klageturm«, welchen der römische Feldherr Germanicus dem toten Heer des Varus aufgerichtet haben soll. Hier, auf fremdem Gebiet, saß Herr Philipp, die Kniee in die Höhe gezogen und das Kinn auf die Kniee gelegt, und starrte regungslos in den düstern Forst hinein. Armer Philipp von Spiegelberg, wer hätte das damals gedacht, als du so fröhlich und wohlgemut Neuigkeiten austauschtest an der Fähre zu Holzminden mit dem Bürgermeister und den Bürgern? Armer Philipp von Spiegelberg, war das das große Unheil, welches der Komet dir verkündete? – Die Magierin Fausta hatte den deutschen Grafen gefangen und hielt den Zappelnden in ihrem Hamen hoch in der Luft und ergötzte sich nicht wenig an dem buntschillernden Farbenspiel des armen Burschen und wußte nichts von Gewissensbissen über solch abscheulich Spiel. Und mit der Fausta hielt Simon Magus die beste Freundschaft und gab ihr viele vortreffliche Ratschläge sowohl unter der Brunnenlinde als in dem Schloß Pyrmont und in dem kleinen Zelt auf der stillen Waldlichtung. In diesem kleinen Zelte zündete der Diener des Blinden allabendlich eine hängende Lampe an, und gelockt von dem Schein, welcher durch die zurückgeschlagenen Vorhänge fiel, kamen Nachtkäfer und Nachtschmetterlinge aller Art und umflatterten die Ampel. Seltsame Geschöpfe lockte das Licht im Walde an. Es stieg vom heiligen Born herauf Simon der Zauberer, geführt von jenem jungen Weibe, welches einstmal dem Grafen Philipp auf seinem Morgenspaziergang im wilden Tanz der Besessenen vor die Füße fiel. Nicht umsonst hatte der Magier seine Kraft und Kunst an ihr erprobt; da liegt vor uns eine alte Chronik, von deren staubigen Blättern der Erzähler abliest: »– und obwohl er blind war und jhre Schönheit nicht sehen konnte, dennoch nahm er sie zu der Ehe und zog mit jhr fort in seine Heimat. Und als sie daselbs wohneten, führet jhn das Weib einsmals auf den Balkon. Da erschienen jhr zwo weiße Münniche, das sonderzweiffel Teuffel gewesen sind, die hulffen jhr, schündeten auch zu, daß sie jhren blünden Kerl durch die Luken herunter stürtzet. Stieg darnach herab, und als die zwei weißen Münche jhr wiederumb erschienen, jhr halffen und zuschündeten, tödtet sie jhn fortan, hieb jhm den Kopf, Hände und Füße ab und stieß jhn in einen Offen, macht ein Fewer umb jhn her, der Meinung jhn aufzubrennen. Aber der Geruch von dem Branten drang zum Hause, das rings umb her versperret war, hinaus, daß man also das Branten über etliche Häuser riechen kundt. Derwegen wurden die Nachbarn wach, brachen das Haus auff und funden das Weib auff frischer That, die jhre Ubelthat frey bekennet, ist auch vom Erbarn Rathe zum Tode verurtheilet und gebürlicher Weise hingericht worden.« So steht es in den alten, schnörkelhaften Lettern auf dem gelben Papiere. Beim Umwenden der Blätter steigt ein unheimlicher – ein Blut- und Brandgeruch daraus auf; – fort damit, was geht hier uns das Ende Simons des Magiers an? Dum vivimus, vivamus! Seltsame Nachtkäfer und Nachtschmetterlinge, seltsames Gesindel sammelte sich um das rötlich strahlende Licht im Zelt des Blinden. Vom heiligen Anger herauf durch den Wald huschte es – ließ Wachtrufe, Pfiffe – Losungsworte und Zeichen erschallen. Hätte der Graf von Pyrmont die geringste Ahnung von dem gehabt, was allnächtlich auf der Waldlichtung am Bomberge beraten und besprochen wurde, die Lampe Simons des Magiers, welche er von den Fenstern seines Schlafgemaches aus an dem Berge gleich einem Pünktchen flimmern sah, wäre jedenfalls ausgeblasen worden. Die abenteuerlichsten Gestalten – Männer und Weiber – lockte und leitete die Lampe des Blinden; aber der schönste Nachtfalter, welcher heranflatterte, war Fausta La Tedesca – la falsa Maga, welche, wenn das Leben der Nacht im Walde sich regte, vom Schloß Pyrmont her durch die Dämmerung glitt, um von dem blutroten Weine des Zauberers Simon zu trinken und seinen Worten zu lauschen. In dem Zelte des Blinden vollendete Fausta ihre Erziehung – sie, die mit dem großen Meister Tizian Vecelli da Cadore auf dem Adriatischen Meere einst schiffte – sie, deren holde Glieder Michelangelo Buonarotti in Ton nachbildete – sie, welche an der Hand von Fürsten über die Marmorplatten der italischen Paläste schritt. Du hattest recht, daß du den Kampf aufgabst, Benedictus Meyenberger! Verhülle dein Haupt, Simone Spada! …... Der Erzähler legt die Feder nieder und stützt das Haupt auf die Hand. Noch sieht er vor sich im grün-goldenen Licht das Tal von Pyrmont mit dem bunten, tollen Leben und Treiben des Jahres eintausendfünfhundertsechsundfünfzig. Noch leuchten phantastisch all die farbenreichen Bilder. Um die Feuer lagern die Kranken und die Gesunden, die Sterbenden und die Zechenden und Schmausenden. Auf zusammengeschobenen Tonnen blasen und fiedeln die Bergleute vom Harz; im wildesten, ausgelassensten Reigen drehen sich die Tänzer und Tänzerinnen unter den grünen Bäumen. Noch blitzen die Waffen, noch erklingen die Trompeten, noch heben sich wiehernd die Rosse und drängen sich und schlagen wild aus. Fort und fort kommen und gehen die Züge der Saumtiere und Wagen. Noch waltet unter der großen Bronnenlinde, unter den Gesetzestafeln des Rektors Hermann Huddäus Simon der blinde Magus und heilt Kranke und Besessene. Noch wechselt fort und fort das sinnverwirrende Schauspiel; aber – allmählich, ganz leise, leise verbleichen die glänzenden Farben, und gleich einem Flor, gleich einem dünnen Nebel legt sich's über das schillernde Gemälde. Und grade jetzt, schau, da zieht ein lustiger Zug aus der dunklen Torwölbung hervor über die Zugbrücke des Schlosses Pyrmont, wie hinter einem duftigen Schleier bewegen sich die Gestalten der glänzenden Reiter und Reiterinnen vor den Augen des Erzählers. Kaum erkennt er noch an der Spitze des Zuges den jungen Grafen Herrn Philipp von Spiegelberg und Fräulein Walburg, seine Schwester, welche den Falken auf dem Fausthandschuh trägt. Pagen und Knechte drängen sich hintereinander und nebeneinander, und an der Sänfte der Frau Herzogin Katharina von Sachsen-Koburg schreitet gravitätisch Klaus Eckenbrecher mit erhobenem Haupte, den Hut in der Hand tragend, daß die lange Hahnenfeder den Boden fegt. – Aus dem Fenster ihres Turmgemaches beugt sich Fausta – Fausta, die falsche Zauberin, und blickt dem Zuge nach, wie er sich gegen den Wald zu bewegt; Simone Spada stöhnt auf seinem Schmerzenslager zu Osnabrück, und Benedikt Meyenberger legt ihm die alterskalte Hand auf die Stirn. Fausta lächelt, und Philipp von Spiegelberg ist sehr bleich und hängt trübselig auf seinem Gaule. Und immer farbloser werden die Bilder den Augen des Erzählers; die Sonne sinkt nicht, aber sie scheint sich zurückzuziehen in immer weitere Ferne. Immer kleiner und kleiner wird sie und schwimmt endlich nur noch einem winzigen, bleichen Stern gleich in dem bleifarbenen Dunst. Eine ungeheuere Trostlosigkeit und Verlassenheit bemächtigt sich darob des Herzens. Aber es wird nicht Nacht! Der winzige Sonnenstern verschwindet nicht ganz. Durch das schreckliche, totenfarbige Halblicht flimmert er, und eines Menschen Augen klammern sich verzweifelnd an den Schein: verschwände auch dieses Pünktchen, so wäre die Zeit vorbei – alles wäre wieder öde und leer! Ein dunkles Wasser rauscht, ein Schatten gleitet langsam das Ufer entlang. Das murmelnde Wasser ist die Weser, der Schatten, welcher die Hände nach dem kleinen Stern ausstreckt, ist der kranke Vikarius von Stahle, der Bruder Festus. Nun ist auf einmal jener Stern zum Lichtschimmer geworden, welcher aus einem Fensterlein am rechten Ufer des Flusses fällt. Das Spinnrad Monikas surrt nicht mehr, müde hat die Jungfrau das Köpfchen auf die Brust sinken lassen, sie schlummert, und die Lampe ist dem Erlöschen nahe. Viele hunderttausend Mädchenherzen träumen von dem morgenden Feiertag und von dem Herzliebsten, und die Monika träumt mit. In seiner Studierstube schreitet der Vater auf und ab; ja – morgen ist Sonntag, viel tausend lutherische Pastöre machen ihre Predigt und Ehrn Valentin Fichtner ebenfalls. Horch, da tönt ein Gesang in der Ferne! Ein langbeiniger Gesell schreitet durch die dämmerige Nacht heran. Das ist Kaspar Wicht der Fiedelmann, welcher ein zweites Brieflein von dem Klaus Eckenbrecher in seinem Bettelsack gen Holzminden trägt. Wild traurig klingt des Sängers Weise. Er hat auch viel bitteres Herzeleid erfahren in seinen jungen Jahren und singt es eben aus. Es geht kein Wort seines Liedes dem Ohr des Erzählers verloren: »Den Tod hab ich gesehen: Er kam im leisen Wehen, Er kam mit sanftem Hauchen, Nicht wollt Gewalt er brauchen. Er kam beim Sterneflimmern, Bei Mondes bleichem Schimmern; Kein Lüftlein sich bewegte, Kein Blatt am Baum sich regte: Ein Vöglein schwieg im Flieder, Ein Fünklein fiel hernieder, Ein Herz hört' auf zu schlagen Zwei Stündlein vor dem Tagen!« O, horch, und nun mischen sich viele lärmenden Instrumente in den melancholischen Gesang und verändern die Weise, und gell schallt sie fort: »Nun tu den Tod ich schauen, Er kommt im wilden Grauen! Er kommt im Wetterbrausen Zu Volkes-Not und Grausen! Die Glock zum Sturme rührt er, Des Krieges Feuer schürt er! Aus Nord und Süden rollt es, Aus Osten und Westen grollt es! Das Schwert in allen Händen! Die Pest an allen Enden! Wem mag es wohl gelingen, Den grimmen Tod zu zwingen?« Lichterglanz und das Gewühl eines festlich geschmückten königlichen Prachtsaales! Wo blieb der bleiche Stern? Wo blieb der friedliche Schein aus dem armen lutherischen Pfarrhause an der Weser? Wo blieb der Gesang des wandernden Spielmannes? In der großen Stadt Paris, in seinem Palast des Louvre sitzt beim glänzenden Mahl Heinrich der Zweite, König von Frankreich und Navarra. Er lacht, und Diana von Poitiers lächelt, und Katharina von Medici neigt die sinnende Stirn. Die schönen Damen und die edlen Ritter lächeln und kosen gleich ihrem König; aber zwischen Scherz und Lachen bewegt der Herrscher Unheil in seiner Brust gegen einen andern Herrscher, welcher nicht beim Gelage sitzt, sondern einsam, finster, bleich und krank vor einem Bilde des gekreuzigten Christus im Gebet liegt. Als dieser andere König sich von seinem Betschemel erhebt, tritt er an den Tisch, auf welchem eine große Karte von Flandern und Burgund ausgebreitet liegt. Draußen ruft die Wache die Ronde an, Partisanen klirren dumpf auf den Boden. Ein Mönch schleicht lautlos durch die Korridore, lauscht einen Augenblick an der Tür des finstern Königs und tritt ein – hoch klopft unter dem Brustpanzer das Herz des wachthabenden Soldaten. Totenstille herrscht jetzt im Schlosse zu Madrid. Die einsame Ampel, die im Vorgemach Philipp des Zweiten ihr trübes Licht auf den Harnisch des katalonischen Kriegers wirft, erlischt urplötzlich – alles um den Erzähler her versinkt in tiefste Finsternis – das Käuzchen, welches sich seit einigen Nächten vor seinem Fenster eingefunden hat, streift mit den Flügeln seine Fensterscheiben und läßt seinen schaurigen Klagelaut erschallen. Schnee liegt auf den Dächern und Bäumen. Memento mori! Zwölftes Kapitel Ein neues Jahr und neue Gesichter Ein harter Winter war auf den heißen, versengenden Sommer, welcher den Hütten des deutschen Volkes so viel Elend, Jammer und Not gebracht hatte, gefolgt. Mit dem ersten Blasen der Herbststürme war das wilde Getümmel um den heiligen Born nach allen Weltgegenden hin zerstoben. Heimgezogen waren die Fürsten und die Vornehmen, die Gelehrten, die Gaukler, Bettler, Vagabonden, die Gesunden und die Kranken. Nur die Toten und die Ureinwohner des Waldtales waren zurückgeblieben. Nicht mehr erklang die schrille Stimme der Kurfürstin Hedwig durch die Gänge des Schlosses, daß der armen Ursula von Spiegelberg eine Gänsehaut nach der andern über den Leib lief; nicht mehr war sämtliche weibliche Einwohnerschaft des Schlosses auf den Beinen, um der Frau Herzogin von Sachsen-Koburg Kamillentee zu kochen und Kräuterkissen zu wärmen. In die Gruft seiner Ahnen war Sigismund von Gleichen herabgestiegen oder vielmehr herabgeschwemmt; heimgezogen war Herr Konrad, der Graf zu Teckelnburg, mit der traurigen Aussicht, dereinst mit Helm und Schild als der Letzte seines Geschlechtes begraben zu werden. Dagegen hatte den Rektor Hermann Huddäus das heilsame Wasser der pyrmontischen Bronnen wirklich zum großen Teil von seiner Leibesplage, dem Zipperlein, befreit, und längst saß er daheim in Minden auf seinem Katheder und redete seinen Schülern Worte holdseliger Weisheit. Mit dem Rektor waren verschwunden die Herren Bone und Studtius – auch sie konnten fester auf ihre Füße treten und lobten Gott dafür. Simon Magus der Blinde war mit der Entzauberten, von welcher die Chronik sprach, in sein Geschick gezogen, um die Wahrheit des alten Sprichwortes: »Gleich Mann, gleich Maid, gleicher Ehestand!« darzutun. Öde und unbehaglich wie ein Jahrmarktsplatz nach dem Feste war das Tal von Pyrmont nach dem Zerstieben des bunten Schwarms der Gäste geworden. Wohl hatten die Einwohner von Lügde, Oestorf, Holzhausen, Löwenhausen und so weiter nicht wenig Geld verdient; aber sie waren auch nicht wenig verwildert worden durch die bunte, wüste, liederliche Menschenflut, welche ihr bis dahin so stilles, unbekanntes Waldtal überschwemmt hatte. Jetzt lagen tief unter dem Schnee begraben die zertretenen, verwüsteten, einst so lieblichen Triften des heiligen Angers; die Dörfer waren wieder leer, und allmählich fanden die Leute ihre verlorengegangenen fünf Sinne wieder zusammen. Das verschüchterte Wild hatte ebenfalls nach und nach wieder Besitz von seinen Wäldern genommen und wurde nur noch durch hungrige Wölfe und andere vierfüßige Raubtiere, nicht aber mehr durch Banden wilddiebender Strolche aufgescheucht und gejagt, Menschen und Tieren war zumute, als seien sie soeben aus einem tollen, abenteuerlichen Traum erwacht, und Menschen und Tiere fanden sich nur ganz allmählich in das gewohnte Leben zurück. Nur einer in dem Tal von Pyrmont erwachte nicht aus seinem Traum, und dieser eine war Herr Philipp von Spiegelberg. Er träumte fort und verlor sich immer tiefer in verwirrende Zaubergärten, aus denen Erlösung immer schwieriger, ja wohl schon unmöglich geworden war. Fausta die Magierin befand sich noch immer auf dem Schloß Pyrmont: wie hätte der Graf erwachen können? Weihnachten war gekommen und vorübergezogen unter Jubel, Scherz und Lachen nach guter, alter deutscher Sitte. Die Säle des Schlosses hatte dazu Fräulein Walburg von Spiegelberg ausgeschmückt, unter dem Beistand des Haushofmeisters, mit grünen Tannen, Lampen und Lichtern; die Weihnachtskuchen hatte Fräulein Ursel nach vortrefflichstem, weitberühmtem und gesuchtem Rezept gebacken; im Rittersaal hatten des Grafen Musikanten zum Tanz aufgespielt, und in der großen Küche hatte Kaspar, der für den Winter aus einem fahrenden Mann ein ansässiger Mann geworden war, die Fiedel künstlich gestrichen. Teilnahmlos hatte sich der Graf inmitten der allgemeinen Fröhlichkeit bewegt, obgleich er keine der Pflichten, welche ihm als Haus- und Grundherrn oblagen, vernachlässigte. Dann war der letzte Tag des Jahres 1556 gekommen; das Schloß Pyrmont hatte nach althergebrachter Art die Sylvesternacht durchschwärmt und hatte alles getan, was seit Heidenzeit in dieser Nacht zu tun ist; mit der Mitternachtsstunde war man vom Tisch und in das neue Jahr – eintausendfünfhundertsiebenundfünfzig – hineingesprungen. Immer höher hatte sich der Schnee aufgetürmt die folgende Woche hindurch, und lustig schneiete es fort an dem stürmischen Februarabend, an welchem der Erzähler seine bunte Historie weiterspinnt. In seinem Gemache saß einsam Herr Philipp von Spiegelberg vor dem Kamin, in welchem ein halber Wald prasselnd in Flammen aufging. Unberührt stand der silberne Becher auf dem Seitentischchen neben dem jungen Grafen, welcher schon seit Stunden den züngelnden Flammen zuschaute und von seinen Gedanken gewiß nicht die mindeste Auskunft hätte geben können. Sein Lieblingshund, welcher wie gewöhnlich zu seinen Füßen lag, nahm jedenfalls bedeutend mehr Anteil an den Vorgängen der Außenwelt als Herr Philipp. Oft erhob er seinen klugen Kopf von den Vorderpfoten, spitzte die Ohren und ließ ein zorniges, halb unterdrücktes Geknurr hören, als wolle er dadurch die Herausforderungen eines verhaßten Feindes beantworten. Durch den Lärm des Sturmes, der in kurzen, erbosten Stößen den Schnee gegen die runden, erklirrenden Scheiben der Fenster trieb, vernahm man von Zeit zu Zeit ein langgezogenes, widerliches Geheul, bald näher, bald ferner: die Wölfe, durch den Hunger aus ihren Wäldern und Schlupfwinkeln getrieben, umkreisten beutesuchend die Wohnungen der Menschen. »Nieder, Greif! Laß das Gesindel!« war das einzige, was Herr Philipp sprach, als der Hund es zuletzt nicht mehr aushalten konnte, aufsprang und ein wütendes Gebell ausstieß. »Nieder, Greif, laß sie!« Murrend warf sich Greif von neuem der Länge nach auf den Boden wie einer, der fest entschlossen ist, selbst durch den Weltuntergang sich nicht mehr aus seiner Ruhe aufstören zu lassen. Von neuem fing der Graf an, mit der Eisenstange in den Kohlen seines Kamins zu wühlen, wobei er tief und schwer seufzte. Vor zwei Stunden noch hatte er in fast ausgelassener Heiterkeit sich mit dem Schwesterlein Walburg umhergetrieben, und jetzt saß er hohlwangig, traurig bis zum Sterben da. Herr Philipp von Spiegelberg war in der Tat sehr krank und ein trübselig Exemplum dafür, daß nicht alle Übel, welche den Menschen befallen mögen, durch das heilende Wasser des heiligen Borns geheilt werden konnten. »Nieder, Greif, zum letzten Male sage ich dir – nieder!« rief der Graf und drückte den widerstrebenden Kopf des Hundes mit dem Fuße auf den Estrich nieder. O Fausta, böse, böse Fausta! Von Augenblick zu Augenblick ward der Sturm heftiger, mit List und Gewalt umkreiste er gleich dem Wolf das Schloß Pyrmont, und keine Ritze, keine Spalte, keine Öffnung der Fenster und Türen, durch die er Eingang finden konnte, entging ihm; mit den seltsamsten Tönen füllte er das alte Gebäude vom Keller bis unter die Dächer, bis in die Turmspitzen. Alle Bewohner des Schlosses schauerten dann und wann zusammen und malten sich aus, was wohl daraus werden würde, wenn jetzt ein Feuerfunke, an einem verlorenen Strohhalm hinauflaufend, einen Strohsack, ein Bündel Heu, einen Bettvorhang oder eine Tapete in Brand setzte. Der Graf allein ließ sich durch das Zischen, Pfeifen, Rasseln, Sausen nicht stören in seinen Phantasien, er versenkte sich im Gegenteil nur immer tiefer darein. Bald sah er den grünen Wald im Sonnenschein, bald sah er ihn im Mondenlicht – die Nachtigall sang im Gesträuch – feenhaft schwebte eine Gestalt, halb Schatten, halb Wirklichkeit, durch die Wildnis – »Meine Augen, die haben verloren ihren Schein, Mein junges Herz hast du genommen ein; Meine Freud hat sich in Trauern verstellt, Kann nichts lieb han, als was mir jetzo gefällt!« O wie heulte und krachte und knatterte es jetzt in denselben Wäldern, die Herr Philipp mit seinen Traumgebilden bevölkerte! Wie brauste und sauste es durch die kahlen Zweige, wie häufte sich der Schnee um den Toren to Mayen, wie pfiff es um die Trümmer von Schell-Pyrmont und um die Burg des Arminius! O Fausta, böse, böse Fausta! Aber horch, was war das? War's nicht der Schall eines Horns, welcher da durch den Schneesturm klang? Noch einmal?! Nun wieder, und näher; nein, das ist nicht Täuschung, das ist wirklich Hörnerschall! Gott schütze die Armen, welche bei solchem Wetter ihren Weg durch den Schnee suchen müssen! »Hallo, was ist das?« rief der Graf, sich in seinem Lehnstuhl halb erhebend. »Sie halten vor meinem Tor?« Das Horn des Turmwärtels von Pyrmont antwortete plötzlich den Klängen draußen. »Besuch? Zu solcher Stund? Wer mag das sein?« Eilende Schritte erschallten auf dem Korridore – Sporengeklirr – Herr Philipp von Spiegelberg rief »Herein!«, als jemand an die Tür pochte. Klaus Eckenbrecher steckte den Kopf in das Gemach: »Herr Graf, es halten einige Reiter vor der Brücke und begehren Einlaß; 's ist unmöglich, bei dem Wetter sich über den Graben ihnen verständlich zu machen.« »So öffnet, lasset den Haushofmeister für sie sorgen und führet sie dann hierher.« Klaus drehte sich kurz auf den Fersen und verschwand, um den Auftrag seines Herrn auszuführen. Bald darauf wurde es lebendig im Schloßhofe und im Schlosse selbst, Hunde bellten, Diener liefen hin und her, dazwischen erklang die silberne Pfeife des Fräuleins Ursula. Walburg von Spiegelberg steckte das blonde Lockenköpfchen in das Zimmer ihres Bruders: »Wer ist es, Philipp?« »Weiß es selbsten noch nicht, kleine Neugierige. Werden es schon erfahren, gedulde dich, Schalk!« Die Tür fiel wieder zu; ein gewaltiger Lärm ließ sich von der Treppe her hören. Schwere Fußtritte stapften den Gang entlang, eine Baßstimme donnerte und erschütterte die Fensterscheiben des Schlosses Pyrmont schier noch mehr als der Sturmwind. »Alle Teufel, die Stimm kenn ich!« rief der Herr von Spiegelberg, der Tür zueilend; aber sie wurde weit aufgerissen, ehe er die Hand auf den Drücker gelegt hatte. Ein Schneemann erschien unter lautem Gelächter auf der Schwelle, schüttelte sich gleich einem Pudel, der aus dem Wasser kommt, zog den Grafen in eine nasse Umarmung, stieß ihn von sich und schrie: »Hoho, Herr Graf zu Pyrmont, kennt Ihr Euere besten Freunde nicht? Das Sauwetter muß uns schön zugerichtet haben!« »Herr Christof von Wrisberg!« rief der Graf. »Bei Gott, das ist ein unerwarteter Besuch – willkommen auf dem Schloß Pyrmont!« »Nicht wahr, ein unerwarteter Besuch durch Schnee und Sturm, Nacht und Nebel? Hohoho, der Wrisberger, wie er leibt und lebt! Wo sind die kleinen Mädchen? Wo ist mein Engelchen, die Ursel, und mein Schätzchen, die Walpurg? Schafft mir die Ursel und das Walburgel, Philippe! He, holla, aus den Betten und vom Stroh das ganze Haus Pyrmont! ... O heilige Not Gottes, ist das ein Satanswetter – platt auf dem Bauche muß man kriechen, wenn man gegen den Wind an will! Aber, was ich sagen wollt – das Wichtigste vergißt der Christoffel immer, das weiß das ganze liebe Heilige Römische Reich nur allzu gut – was ich sagen wollt, Herr zu Pyrmont, hier – hab Euch da jemand mitgebracht, der sich Euerer Gunst empfiehlt, so viel an ihm noch lebendig ist – Herr Ritter von Campolan!« Ein hochgewachsener, schwarzgekleideter Mann, ungefähr fünfunddreißig Jahre alt, etwas hager und bleich, aber von geistvollem Gesicht und Auge und vornehmem Wesen, welcher sich bis jetzt hinter dem Ritter Wrisberg gehalten, trat nun vor und erwiderte höflich die Verbeugung des Grafen von Pyrmont. »Wenn Ihr mein störendes Eindringen in –« »Ihr seid willkommen, Herr Ritter«, fiel ihm Philipp von Spiegelberg ins Wort; »möge es Euch unter meinem Dache gefallen!« Der Ritter Campolani verneigte sich abermals tief und sprach im gebrochenen Deutsch seinen Dank für das gastliche Entgegenkommen aus; aber Herr Philipp unterbrach ihn sogleich: »O haltet, haltet, ich bitte Euch! Wen ein solch wild Wetter unter Dach und Fach bläset, der hat wohl andere Dinge nötig als Worte und soll nicht mit Reden aufgehalten werden. Ich nur hab mich zu bedanken beim Geschick, so Euch zu mir geführt hat. Wir sind immer froh, einen genügsamen Gast bewirten zu können.« »So ist's!« rief Christof von Wrisberg. »Wie Salomo sprecht Ihr, Philippe. Trockne Wämser und Hosen und kein überflüssig Gewäsch von Verpflichtung und Freude und Dank – solches findet sich alles beim Abmarsch an seiner Stelle – trockne Habiter ist die Parole fürs erste! Holla Ihr da, alter Hahn« (dieses galt dem Haushofmeister), »der Koch weiß doch, daß der Wrisberger eingerückt ist, hungrig wie ein Wolf, durstig wie ein Landsknecht? ... O blutiger Christ, wie ich mich auf die Ursel und die Walpurg freu, das ist mit Worten gar nicht auszusprechen. Corpo di Bacco, wo stecken denn die Gän – die Fräulein, wollt ich sagen?« Lächelnd winkte der Graf von Pyrmont seinem Haushofmeister und den Lichter tragenden Dienern. Zu den Fremden gewendet sprach er: »Man soll Euch in Euere Gemächer führen, Ihr Herren, daß Ihr Euch trocknen könnt. Was das Schloß Pyrmont bietet, stehet zu Euern Diensten.« »Wohl gesprochen, Philippe«, rief der Wrisberger. »Kommt, Signor Campolan, Ihr könntet den Schnupfen kriegen, so eine italienische Haut ist empfindlicher gegen den Schnee, als das Fell von unsereinem. Haushofmeister, ich rate Euch, meldet dem Meister Koch, daß der Wrisberger angekommen sei.« »Zu Befehl, Herr Ritter!« sprach ehrbar der Alte und schritt gravitätisch den beiden Gästen voran gleich einem Mann, der von der Wichtigkeit seines Amtes bis in das Mark der Knochen durchdrungen ist. Als die Donnerstimme des deutschen Ritters in der Ferne verklungen war, stürzte mit entsetztem Gesicht Fräulein Ursula von Spiegelberg in das Gemach ihres Bruders, welcher mit großen Schritten auf und ab ging. »Mein Gott, Philipp, der Wrisberger?! Der Wrisberger ist angekommen?!« »So ist's, armes Schwesterchen! Das wird wieder Arbeit für dich geben! Er hat auch einen Fremden mitgebracht, einen Ritter Cam – Cam – Campoban – lan, weiß der Teufel, wie er heißt! Jedenfalls ziehen sie nicht umsonst zu solcher Winterszeit im Land umher; möcht wohl wissen, was wieder im Werk ist? »Unheil, Unheil, wenn der Wrisberger dabei ist! O Gott, Philipp, nimm dich in acht und sei auf deiner Hut und laß dich nicht mit ihnen ein! Du weißt ja, was der Wrisberger unternimmt, mißlingt alles.« »Sei unbesorgt, gute Ursula! Ich werde mich schon hüten«, sagte seufzend Herr Philipp. »Es soll ihnen schwer werden, mich in ihren Netzen zu fangen, wenn sie wirklich mit solcher Absicht gekommen sind; ich –« »Der Wrisberger! Der Wrisberger! Der Christoffel ist auf dem Schloß Pyrmont!« jubelte eine helle Stimme. Lachend, in die Hände klatschend, sprang Walburg von Spiegelberg ins Zimmer. »Der Stoffel von Wrisberg ist angekommen; hei, nun wird einmal wieder Leben in unsere vier Wände kommen, und auf alle langen Gesichter wird die Acht und die Aberacht gelegt. Es ist aber auch nötig, bin ich mir doch die letzten Monate hindurch vorgekommen, als sei ich lebendig begraben im Schnee und in der Wüstenei.« »Ach, mein allerliebster Jesus, und mir war so wohl in dieser Stille«, klagte Ursula. »Himmel, ich muß in die Küche! O horcht nur, Philipp, Walburg, horcht, da prügelt er schon die Knechte – Jesus, hat er 'ne Tür eingetreten? Ach, unser ruhiges Leben! Hört nur, hört, wie er toset!« Herr Philipp zog die Achseln in die Höhe. »Jaja, nun wird's wieder einmal hier sein, als wären Gott und der Teufel in ein Glas gebannt. Nun, tröste dich, Ursula, wer weiß, vielleicht bleibt der Störenfried nicht lang.« »Das gebe der Himmel!« seufzte Ursula und eilte fort, in der Küche ihre Befehle zu geben; die Treppe hinunter stürzte sie sich mit der Hast der Verzweiflung in die aus den Töpfen bereits aufsteigenden vortrefflichen, anmutigen, lieblichen Dämpfe. Zwei Stunden später saßen die Gäste mit ihren freundlichen Wirten in dem großen Bankettsaale um den reichbesetzten Eichentisch des Hauses Spiegelberg und Pyrmont. Auch hier verbreiteten gewaltige Feuer von den beiden einander entgegengesetzten Kaminen des wohlgepflasterten Gemachs aus eine wohltuende Wärme. Eine Hängelampe, tief auf den Tisch herabhängend, warf aus drei Löwenmäulern ihr Licht über die Tafel, ließ aber die entfernten Teile des Saales in Dämmerung, die Ecken in tiefster Dunkelheit. Neben dem Schenktisch stand der Schenke, seines Amtes wartend; an der Tür hielt sich ein reisiger Knecht mit der Hellebarde im Arm, der alte Haushofmeister leitete würdig die Bedienung und hatte seine Augen überall, auf daß den Speisenden nichts mangle. Die Gruppe um den Tisch verdiente wohl eine eingehendere Beschreibung. Die beiden Damen von Spiegelberg in ihren schweren Gewändern und hohen steif abstehenden Halskragen, welche die schlanken Gestalten, die jugendlichen hübschen Gesichter abscheulich genug verunstalteten – der feine, bleiche, schwarzgekleidete romanische Ritter – der derbe, vierschrötige Wrisberger im abgetragenen grünen Jagdgewand mit dem riesigen Schlachtschwert zwischen den Knieen – der blonde Graf Philipp mit seinem sorgenvollen, abgespannten Gesicht – der weißköpfige Hauskaplan am untern Ende der Tafel – alles das gab ein vortreffliches Bild, welches aus dem Halbdunkel des Saales wie auf einem alten niederländischen Gemälde hervortrat. Auch an tiefem tragischen Inhalt fehlte es diesem Bilde nicht; denn hinter den Stühlen Ursulas und Walburgs hielten sich einige Dienerinnen der beiden Fräulein, und über den Sessel der jüngeren Schwester beugte sich – Fausta La Tedesca, totenbleich, mit zitternden Lippen, und richtete die schwarzen glühenden Augen, wie eine Pantherin, die sich zum Sprunge rüstet, auf den Ritter Cesare Campolani. Was von Überraschung, Schrecken, Zorn, Fragen und Forschen sich in einen Blick zusammendrängen läßt, funkelte in dem Auge Faustas; doch Cesare, welcher, als die Zauberin aus dem Dunkel vortrat, auch zusammengefahren war und mit Mühe einen verwunderten Aufschrei unterdrückt hatte, erwiderte nur durch ein kaum merkliches Neigen des Hauptes diesen fragenden, zornigen, erschreckten, verwunderten Blick: »Später!« Kein einziger der Tischgesellschaft hatte das Mienenspiel der beiden belauscht; kein einziger, selbst nicht Graf Philipp von Spiegelberg, hatte eine Ahnung von diesem seltsam unerwarteten Wiederfinden, welches soeben stattgefunden hatte. Der Hauskaplan begann und endete sein gewohntes Tischgebet. Der Mundschenk füllte den Becher von Spiegelberg und reichte ihn mit tiefer Reverenz seinem Herrn, dieser reichte ihn wiederum seiner ältesten Schwester, welche sich von ihrem Sessel erhob, den Rand des alten, künstlichen Pokales mit den Lippen berührte und, gegen die beiden Gäste gewendet, sprach: »Willkommen, Ihr Herren, auf dem Schloß Pyrmont!« Hierauf ging der Becher von einer Hand zur andern, von einem Mund zum andern um die ganze Tafel, bis er wieder an den Hausherrn zurückgelangte, welcher ihn mit einer gewissen ehrerbietigen Vorsicht in die Hände des Kellermeisters zurückgab. Auf einen Wink des haushofmeisterlichen Stabes hoben die aufwartenden Diener die Deckel von den Schüsseln – die Abendmahlzeit hatte begonnen. Der Sturmwind, welcher draußen mit ungebrochener Kraft fortwütete, gab den Wirten Gelegenheit, die Ankömmlinge über die Zufälle und Beschwerden ihrer Reise zu befragen und sie zu bedauern; die freundlichen Gesichter der Wirte, das flackernde Kaminfeuer, der Braten und der gute Wein gaben dagegen den Gästen Gelegenheit, sich glücklich zu preisen und ihre Danksagungen auszusprechen. Sowohl der Wrisberger als auch der Ritter Cesare Campolani taten das, aber ein jeder auf eine andere Art. Dann hüpfte das Gespräch, – wie es zu geschehen pflegt, von einem Gegenstand zum andern, verweilte an dieser Stelle länger, an jener kürzer, rief jetzt ein Lächeln auf einem oder mehreren Gesichtern hervor, dann gleich darauf ein leichtes Stirnrunzeln und Zusammenziehen der Augenbrauen. Die Gabe, die Damen erröten zu machen, besaß der Wrisberger im hohen Grade und verfehlte nicht, sie in Anwendung zu bringen, wie man es Christof von Wrisberg überhaupt nicht nachsagen konnte, daß er seine guten und schlechten Eigenschaften gleich dem Licht im Evangelium unter den Scheffel stelle. Man trieb auch in jener Zeit schon Politik und Kannegießerei, und da der Ritter Campolani aus Paris kam, so wußte er viel zu erzählen von dem König Heinrich dem Zweiten, der jungen Königin Katharina von Medici und der schönen Herzogin von Valentinois, Diana von Poitiers. Mit großer Lebendigkeit beschrieb er das Leben am französischen Hofe, ohne jedoch mitzuteilen, was ihn zu solch böser Jahreszeit nach Deutschland geführt hatte. Dagegen erzählte er weitläufig von den Gefahren, welche ihn bei seinem Durchzug durch die flandrischen Provinzen, wo die Spanier bis an die Zähne gerüstet standen, bedrohten. Ein unterhaltsamer Mann war Don Cesare Campolani ohne Zweifel. Anders wie der Welsche gebärdete sich Christof von Wrisberg, wo jener flüsterte, schrie dieser seine Meinung laut hinaus, wo jener lächelte, lachte dieser, daß die Kannen, Krüge und Schüsseln auf dem Tisch erschütterten. Abenteuerliche Geschichten erzählte Christof von Wrisberg, unendliche Fluten von Getränken aller Art vertilgte er. Die Mühseligkeiten des Weges schienen auf seine eiserne Natur nicht den mindesten Einfluß gehabt zu haben, außer daß sie seinen Hunger und Durst auf das fabelhafteste in die Höhe schroben. Munter und schlau blinzelte er umher und verzog den breiten Mund zu einem ungeheuerlichen Grinsen jedesmal, wenn die jungen Damen auf ein seltsames Wort von ihm ihren Frauen einen wichtigen Auftrag gaben, um ihre Verlegenheit zu verbergen. Erst spät in der Nacht wurde die Tafel aufgehoben, und die Gäste zogen sich in ihre Gemächer zurück. »Bei meinem Bart, erst ein Uhr – Cam – Camplan – die – die Welt verschlimmbessert sich von Tag – N – N – Nacht zu Nacht! Nacht, Don Ces-s-sare!« lallte Christof von Wrisberg, der sich ein wenig schwerfällig auf den Arm eines Knechtes stützte. »Gute Nacht, Herr Ritter! Ich wünsche Euch einen guten Schlaf auf die Anstrengungen des Tages.« »Anstrengungen? Ho ho, Dummheit! Na, ich will Euch nicht aufhalten, Ihr – Ihr sscheint mir nicht so recht fest auf den Füßen zu – zu stehen.« – Eine halbe Stunde noch vernahm man einen rauhen, höchst unmelodischen Gesang aus dem Zimmer des Wrisbergers, und dieses Geheul schwieg nur, um in ein fast ebenso wohltönendes Schnarchen überzugehen. Dann verklang ein Lebenslaut nach dem andern im Schloß Pyrmont, eine Lampe nach der andern erlosch, bis endlich nur noch die brannte, welche das Gemach des italienischen Herrn erleuchtete. Nach Mitternacht hatte sich der Sturm ein wenig gelegt, wenngleich ein dumpfes Murren in der Ferne andeutete, daß seine Wut noch lange nicht erschöpft sei. Es hatte aufgehört zu schneien, und ein schwaches, verschleiertes Mondlicht fiel von Zeit zu Zeit durch die zerrissenen, jagenden Wolken auf die geisterhafte, weiße Landschaft. Don Cesare hatte sich nicht gleich niedergelegt. Nachdem man ihn allein gelassen, war jedes Zeichen von Ermüdung aus seinem Gesicht und seiner Haltung verschwunden. Solange noch Leben im Schlosse herrschte, war er auf und ab geschritten, nachdem aber jeder Laut, jeder Schritt verstummt war, hatte er sich an das Fenster gestellt und blickte mit übereinandergeschlagenen Armen in die deutsche Winternacht hinaus. Jeglicher Schimmer der sorglosen Heiterkeit, welche während des Nachtmahles Hauptausdruck der Gesichtszüge des Ritters gewesen war, war verschwunden. Die rechte Hand lag an der gedankenvollen Stirn, finster hatten sich die dunkeln Brauen zusammengezogen: wie der Lichtschein der Lampe sich in der Finsternis der Nacht verlor, so verlor sich die Seele des Mannes in der Dunkelheit der vergangenen Zeiten. Wie kam sie hieher? Was wollte sie hier? Seltsames Verhängnis! Rätselhaftes Spiel des Schicksals! Der italische Mann hatte einen so langen, mühsamen, gefährlichen Weg zurückgelegt durch den Nordsturm, durch die endlosen Wälder, in denen jeder Pfad verschneit und verweht war: das Wunder aber, daß er die Fausta – die Fausta La Tedesca nach so langem Vergessen in diesem abgelegenen Schlosse wiedertreffen mußte, das Wunder, man konnte sagen der Schrecken, verscheuchte jeden Gedanken an Ruhe und Schlaf. »Ich komme! Erwarte mich!« hatte sie dem Ritter zugeflüstert, und er wartete. Seine Diener hatten sein Gepäck in dem Gemache zurechtgestellt; er selbst legte nun ein geladenes, kurzes Feuerrohr auf den Tisch, das Schwert gürtete er nicht ab. Don Cesare Campolani wußte, daß der Zorn Faustas tödlich sei; er wußte auch, daß er diesen Zorn auf sein Haupt geladen hatte. Leise öffnete er von Zeit zu Zeit die Tür und blickte hinaus in den langen, engen Gang, in welchen durch enge, schießschartenartige Öffnungen ein zweifelhaftes Licht fiel. Ein geheimes Grauen überkam ihn bei dem Gedanken, daß sie plötzlich vor ihm stehen könnte – er fürchtete, von ihr überrascht zu werden; trotzdem daß er wußte, er handle feig, konnte er nicht umhin, immer wieder von neuem nach ihr auszuschauen. Wie kam sie hieher? Gegen zwei Uhr brach der Sturm mit verdoppelter Macht abermals los; die Wetterfahnen auf den Türmen wurden wild herumgerissen und knirschten und kreischten – die Flamme der Lampe auf dem Tische Cesares wurde seitwärts getrieben durch den Wind, vor dem die Fensterscheiben erzitterten; krachend brachen die Äste der Bäume unter den Fenstern, und Fausta La Tedesca überraschte doch den italischen Ritter! In dem Tosen der Elemente ging der kaum hörbare Schritt auf dem Gange, das leise Rauschen an den Wänden dem Ohr Don Cesares verloren; auf und zusammen fuhr er erst, als seine Tür sich geöffnet und wieder geschlossen hatte, als die Erwartete vor ihm stand, wie er es gefürchtet hatte. »Fausta!« »Cesare!« »Bist du es in Wahrheit, Cesare Campolani, oder ist's ein Nachtgesicht, welches mich äfft?« Der Ritter versuchte zu lächeln, aber es gelang ihm schlecht. »Ich bin es wirklich«, sagte er. »Ich bin's in Fleisch und Blut und wahrlich verwundert, Euch hier zu finden!« »So also sehen wir uns wieder! ist es das Schicksal, oder ist's der Zufall, was so toll mit uns spielt?« »Dasselbe fragte ich mich, Signora, als ich Euch am Stuhle jenes blonden Kindes lehnend fand.« »Aber Ihr verbarget Euere Überraschung meisterhaft.« »Ach, man wird älter, Schönste – freilich, das ist nicht für dich gesagt, meine schöne Zauberin, der deutsche Knabe, unser Wirt, sandte Blicke nach dir aus, welche ... ohime, Fausta, nicht wahr, wir spielen noch immer das alte Spiel mit Gold, Herzen und Schwerterklingen? Fausta, auch du mußt einmal eine tüchtige Rechnung den olympischen Göttern abzulegen haben.« »Ja!« sagte Fausta La Tedesca, setzte aber grimmig hinzu: »Aber wer ist schuld daran? In wessen Macht lag es allein, mich zu retten?« »Verzeihung, Fausta! Wahrlich, ich war's nicht, welcher die Hülle, die über dem Vergangenen liegt, aufritzt! Die Nacht war's – wahrlich, es ist eine Nacht, um Gespenster aus dem Boden heraufzubeschwören.« »Ihr habt recht, Cesare, wecken wir die Gespenster nicht – wenigstens nicht in dieser Nacht, und –« »Frische! Hoffnung! Zukunft!« fiel ihr der Ritter ins Wort. »Es ist nicht Zufall, daß wir uns hier in diesem verschneiten Erdwinkel wiedertreffen müssen. Du gehörst noch immer mir, Fausta La Tedesca, und ich halte mich an das Wort Messires Clement Marots: Rien n'a acquis des valeurs de ce monde Qu'une maistresse, en qui gist et abonde Plus de sçavoir parlant et escrivant Qu'en autre femme en ce monde vivant. Wenn du willst, Fausta La Tedesca, so werde ich dich befreien aus dieser kalten Hölle, welche Dante zum Vorbild gedient haben könnte. Gehörst du hieher, Fausta La Tedesca? Nein, nein, nein! Wohl mögen deine Flügel müde geworden sein für einen Augenblick, und dann bist du niedergesunken zur Erde, neue Kräfte zu sammeln. Du sollst dich wieder erheben, du mußt es; ein ungeheures Mitleid drückt mir fast das Herz ab, wie ich dich ansehe, Fausta La Tedesca!« »Cesare?!« »Blicke mich nicht so an, Weib! Bei allen Göttern, es ist so! Ich will dir sagen, was ich fühlte, ehe du eingetreten warst: ich fürchtete mich vor dir, ich wollte dich von mir stoßen durch Kälte, Spott und Hohn – Fausta La Maga, ich vermag es nicht – ich sage dir, daß ich schwach wie ein Kind bin, seit du in dieses Zimmer eingetreten bist!« Die Geisteskraft, welche zu allen Zeiten aus allen Gesichtszügen Faustas vorleuchtete, verlieh in diesem Augenblick ihr einen unendlichen Reiz. Jetzt – in dieser Minute war sie den Erwählten von Tausenden, den Auserkorenen, welche nicht gleiche Rechnung von ihrem Tun und Lassen abzulegen haben wie die gewöhnlichen Sterblichen – beizuzählen! Sie war unsäglich schön. »O schöner Nachtstern, sprich! Erzähle, wie du hieher kommst!« rief Cesare Campolani. »Setze dich dort in den Sessel; ich will das Feuer schüren – man hat es nötig in diesem Hyperboräerlande!« Eine fieberhafte Aufregung hatte sich des Ritters bemächtigt, und er suchte sich durch körperliche Bewegung Luft zu machen. Er schritt hin und her, er warf mehr Holz in den Kamin, er wühlte in den Flammen, daß sie höher aufloderten; er schob der Tedesca den Sessel hin. Der Zauber, welcher jeden, der in die Nähe Faustas kam, ergriff, faßte auch den Ritter wieder; atemlos horchte er den Worten der Magierin, die ihm erzählte von Benedikt Meyenberger und dem Arzt Simone Spada, von der Meerfahrt, von dem Klosterkerker, von ihrer Flucht! Mehr als einmal schüttelte Cesare Campolani sich, als ob ihm fröstele; aber nicht der deutsche Winter war schuld daran. »Und nun, Cesare«, sprach Fausta nach einer Pause, »nun liegt mein Leben offen vor dir seit der Stunde, in welcher wir uns trennten; nichts habe ich dir verborgen; nun sprich auch du, Cesare, was willst du auf diesem Schlosse? Es ist nicht der Zufall, der dich hertreibt; denn ich weiß, wie wenig Raum du dem Zufall in deinem Leben gönnst. Was willst du auf dem Schloß Pyrmont, Cesare Campolani?« Noch einmal versuchte der Ritter den magischen Bann von sich abzuschütteln. Lachend erhob er sich und sagte: »Ach, wenn Ihr wüßtet, schönste Freundin, was ich heute erduldet habe vom Wetter und dem deutschen Tolpatsch, meinem Begleiter, Ihr hättet ein wenig Mitleid mit mir und erließet mir solchen Bericht bis morgen. Schon hab ich Euch gesagt, ma mie, daß auch ich es nicht für einen Zufall, sondern für eine Fügung halte, Euch hier gefunden zu haben! ... Bei der Venus, gewiß bin ich nicht umsonst auf diesem verwünschten Schlosse. Aber, Signora, so schön Ihr seid, ich erblicke Euch doch nur durch einen Nebel von Schlaftrunkenheit.« »Ist das Eure Offenheit, Cesare?« »Nein, nein – nicht diese Augen, Fausta! Ich verspreche dir, du sollst in meiner Seele lesen wie in einem offenen Buch.« »So sprecht, sprecht!« »Nicht in dieser Nacht. Wie Messire Clement Marot könnte ich Euch nur erzählen: – de courses et chevaux, De sang, de feu, de guerre et de travaux! Hört nur den Sturm da draußen! Bei allen Mächten, das ist keine Nacht, um von einem Leben, wie das meinige, zu erzählen.« »Und ich, ein Weib, habe dir doch von dem meinigen erzählt!« sagte Fausta La Tedesca dumpf. »Darum beuge ich mich dir auch, darum vermag ich es nicht, dich von mir zu treiben, deshalb mußte – einst – ich es auch sein, ich, Cesare Campolani, welcher die Flucht vor dir ergriff. Fausta, Fausta, du hast wieder gesiegt, wir werden wieder zusammen gehen! Nach Paris sollst du mit mir zur Katharina. Es gibt nur noch ein Weib auf dieser Erde, welches dir gleichen wird in künftigen Tagen, Fausta La Tedesca – die Medicäerin ist's, die Frau Heinrichs von Frankreich, welche jetzt noch von niemand gekannt ist, die aber einst gleich einem blutigen Stern über der Welt aufgehen wird.« Die Augen Faustas leuchteten. »So führe mich, Cesare Campolani«, sagte sie. »Noch einmal will ich dir dienen, wie ich dir schon diente. Gebiete, ich werde dir folgen auf deinem Pfade als deine Sklavin, aber – bedenke es wohl – zugleich als deine Richterin.« Fausta La Tedesca legte die kleine Hand in die dargebotene Rechte Don Cesares. – Est politia inter daemones, sagt Martin Luther! »Und nun noch ein Wort«, sprach der Ritter nach einer Pause. »Bist du dieses Grafen von Pyrmont sicher?« Fausta lächelte. »Gut! Das ist mir sehr wichtig und wird unsere Pläne vortrefflich fördern. Träume von Gold, Sonne und Krieg, Fausta La Tedesca – heute über ein Jahr wollen wir im königlichen Louvre zu Paris von diesem Wiederfinden sprechen! Gute Nacht, mein prächtiger Nachtstern!« Fausta La Tedesca neigte das Haupt: »Gute Nacht, Don Cesare!« Noch einmal schaute sie von der Tür aus nach dem Ritter zurück, dann verschwand sie lautlos, wie sie gekommen war. und Cesare Campolani fand sich allein, fast mit noch weniger Neigung zum Schlaf als vorher. »Diavolessa!« murmelte er, während er den Türriegel vorschob. Noch einige Male schritt er im Gemache auf und ab. »Ah bah«, rief er endlich, »genug der Sorgen für einen Tag – erwarten wir, wie die Sachen im Licht sich gestalten werden – o Fausta – Fausta auf diesem Schloß Pyrmont!« Er gürtete sein Schwert los, kleidete sich aus und warf sich auf das Lager. Wider Erwarten und Hoffen überkam ihn der Schlaf doch; aber unruhig war er und voll wilder Träume. Mehr als einmal rief Cesare auffahrend den Namen Faustas der Magierin. Ununterbrochen lärmte bis zum ersten Morgengrauen der Sturm fort, ununterbrochen wirbelte der Schnee und verschüttete immer mehr alle Wege, die zum Schloß führten! Dreizehntes Kapitel handelt von Politik, berichtet, wer Christof von Wrisberg war und was Don Cesare Campolani suchte auf dem Schloß Pyrmont. Jetzt legt der Erzähler die Gänsefeder der Romantik nieder für einen Augenblick und greift verstohlen nach der Schwanenfeder der Historie. Ein beängstigendes Gefühl überfällt ihn, wie er die Spitze der letztern auf dem Daumennagel prüft; aber da er schon mancherlei in seinem Leben gewagt hat, so faßt er sich auch jetzt und – wirft einen kritischen Blick auf die allgemeine Weltlage des Jahres eintausendfünfhundertsiebenundfünfzig! Auf dem päpstlichen Stuhl rückte als Paul der Vierte Signor Giovanni Pietro Caraffa, ein sehr hitzköpfiger Herr, immerfort unzufrieden mit sich und der Welt, hin und her. Es war ihm nicht gegeben, einen Augenblick still zu sitzen und die andern still sitzen zu lassen, sein galliges Temperament erlaubte es durchaus nicht. Die lutherischen Ketzer haßte und verfolgte er bis in den Tod, ja bis über den Tod hinaus; aber noch viel mehr haßte er das Haus Habsburg, welches auf dem deutschen Kaiserthron und dem spanischen Königsthron saß, würdig vertreten durch Ferdinand den Ersten und den guten Philipp den Zweiten. Manche schlaflose Nacht verursachte der alte, jähzornige heilige Vater diesen beiden mächtigen Herrschern, diesen beiden eifrigsten Katholiken. Den Kaiser und den König zu demütigen, würde Paul der Vierte mit dem Sultan Soliman einen Freundschaftsbund geschlossen haben; ihnen neues giftiges Unkraut unter den Weizen zu säen, hatte er seinen Nepoten, den Kardinal Caraffa, nach Paris geschickt, um den König Heinrich zu einem neuen Kriege gegen die Spanier und den Kaiser aufzustacheln. Mit Hilfe der Guisen und der schönen Diana, der Herzogin von Valentinois, gelang dieses dem diplomatischen Kardinal aufs trefflichste. Der Waffenstillstand von Vauxelles wurde gebrochen, die Heeresscharen des französischen Königs rückten gegen die flandrischen Grenzen und verwüsteten nach dem alten Sprichwort: ein guter Anfang macht halbe Arbeit – mit Feuer und Schwert unter der Führung des Admirals Kaspar von Coligny das Artois. Um auf der andern Seite nichts zu versäumen, ging der Herzog von Guise selbst über die Alpen nach Italien, wo er aber einen Mann fand, der wohl fähig war, ihm standzuhalten, wo ihm nämlich Ferdinand von Toledo, Herzog von Alba, entgegentrat. Krieg, Aufruhr, Blutvergießen viel Dir ein Komet besagen will – Krieg! Krieg! Krieg! –   In der guten Stadt Paris auf dem Greve-Platz schaute vom hohen Balkon Heinrich von Valois samt seinem Hofstaat mit großem Vergnügen zu, wie man die Hugenotten über einem lustigen Feuer aufhing und sie an Rollen und Ketten künstlich aufzog und niederließ, bis sie kunstgerecht gebraten waren: den armen Ketzern in Deutschland aber tat er auf jede Weise Vorschub, gab dem Verräter Moritz von Sachsen Waffen und Geld zum Kampf gegen Karl den Fünften und floß über von Liebe, Freundschaft und Hochachtung gegen die Männer der Reformation. Daß er dadurch Metz, Toul und Verdun gewann, war der reine Zufall und durchaus nicht Absicht und Berechnung. Ein altes, ewig neues Spiel mit der Dummheit und dem Egoismus der Menschen, ein altes, altes Spiel, damals wie heute Politik genannt! O du »tapfere, kluge, wohlmeinende« deutsche Nation, wie hart strafst du dich selbst seit Jahrtausenden! Und wieder sollte das alte Spiel beginnen, und die Karten waren gemischt und wurden eben verteilt. Schon war das Reich überschwemmt von den werbenden, aufstachelnden, katzenpfötigen Emissären der Franzosen, welche dem einen in ihrem König den Beschützer und Freund des lutherischen Glaubens, dem andern die lockende Aussicht auf die reiche, kommende Beute vor die Augen stellten. Schon hatten die listigen Werber Tausende und aber Tausende deutscher Männer, darunter Freiherren, Grafen, Barone und Fürsten erkauft für Frankreichs Dienst – eintausend reisige Knechte hatte allein der Rheingraf aufgebracht! Und noch immer durchzogen die Schleicher in jeglicher Gestalt das Land. Es warb für den französischen König Don Cesare Campolani. Es warb für den französischen König Christof von Wrisberg! Widerliche Gesellen beide, sowohl der Romane wie der Germane! Der letztere war so recht einer jener wunderlichen Söldnerführer des totschlagmutigen sechzehnten Jahrhunderts. Abgehärtet gegen jeden Wechsel des Glücks wie gegen jeden Wechsel der Witterung, gewissenlos im höchsten Grade, hatte er im Jahre 1557 bereits ein wildes, wüstes, ereignisreiches Leben hinter sich. Schon 1546 hatte er für Karl den Fünften in Westfalen Reiter und Fußknechte geworben, und Nikolaus Mamertanus führt ihn unter den Generalen des Kaisers auf. Im Jahre 1547 stand er im Schmalkaldischen Kriege an der Spitze von einundzwanzigtausend Mann zu Fuß und zwölftausend Mann zu Roß und verlor im Verein mit Erich von Braunschweig im Mai bei Drakenburg an der Weser eine große Schlacht gegen die protestierenden Grafen von Oldenburg und von Mansfeld und die Hansestädte. Trotzdem machte er jedoch kein übles Geschäft dabei, indem er im entscheidenden Momente der Schlacht in der Hamburger »Losament und Lager« fiel, den wehrlosen Troß niederhieb oder verjagte und sich sämtlicher Habe der Knechte und ihres Führers Kurd Pfenning bemächtigte. Wütend sang das siegreiche Kriegsvolk: »Wir han das Feld, Wrisberg das Geld; Wir han das Land, Er hat die Schand!« Solches kümmerte aber »Fritzbergern den Helden« wenig, und er würde sich trotz seinem verminderten Kriegsruhm ins Fäustchen gelacht haben, wenn nicht die Geschichte nachher unangenehmere Folgen nach sich gezogen hätte. Auf dem Tage zu Halle nämlich legte ihm sein Waffengenoß Herzog Erich der Jüngere von Braunschweig vor dem Kaiser alle Schuld der verlorenen Schlacht auf, und trotz der gewandten Verteidigung Christofs ließ ihn der erzürnte Karl gefangensetzen. Mamertanus teilt die Schuld an dem Verlust der Schlacht in zwei gleiche Teile, stellt sich sogar ein wenig mehr auf die Seite des Wrisbergers. Seit dem Tage von Halle verschwindet Christof von Wrisberg aus den Berichten, Briefen, Chroniken der Zeitgenossen und tritt erst wieder hervor im Jahre 1557, wo er, wie gesagt, für den König von Frankreich, Heinrich von Valois, warb; – der Erzähler aber wirft die schwere Schwanenfeder fort und greift wieder nach der leichtern Gänsefeder, um seinen Lesern weitern Bericht von den Vorgängen auf dem Schloß Pyrmont zu geben. Nach dem schweren Tagemarsch durch den Schnee und Wind, nach dem guten Nachtmahl schlief der Ritter Christoffel, wenn auch nicht den Schlaf der Gerechten, so doch einen gesundern Schlaf als Don Cesare Campolani. Die Gespenster, welche der alte Kondottiere in seinem Leben aufgestört hatte, waren anderer Art als die, welche den romanischen Ritter belästigten, und wurden durch einen tüchtigen Trunk vielleicht allzu schnell verjagt. Und da der Wrisberger auf andere Weise eingeschlafen war wie der Sizilianer, so erwachte er auch auf eine andere Art, als kaum der Wintermorgen trübe, warm und windstill dämmerte. Dreimal nieste Christof, dreimal gähnte er und zeigte dabei ein ungeheueres Gebiß, welches sich im besten Zustande befand, dreimal reckte und dehnte er sich, daß das Bettgestell gar bedenklich in allen seinen Fugen erkrachte. Dann sprang er mit beiden Füßen zugleich vom Lager, öffnete das Fenster und sog begierig die feuchte Morgenluft ein, um seinen innern Leichnam dadurch abzukühlen. Pfeifend begann er darauf seine äußerst einfache Toilette und kam sehr bald damit zu einem Ende. Dann stieg er die Wendeltreppe hinab – er wußte sehr gut Bescheid auf dem Schloß Pyrmont – und trat in den Hof, wo sich bereits einiges Leben in den Ställen und um den Brunnen regte. Der alte Haudegen war durchaus nicht wählerisch in seinem Umgang. Das Lagerleben hatte ihn daran gewöhnt, in Ermangelung des Bessern mit dem vorlieb zu nehmen, was ihm zuerst in den Weg lief, und wenn es das Allerschlechteste war. Ja, das Allerschlechteste war ihm im Grunde der Seele eigentlich das Liebste! Nachdem er seine eigenen Knechte von der Streu aufgewettert hatte, stellte er eine genaue Inspektion der Ställe an, fuhr hie und da mit einem gräßlichen Fluch zwischen die Spiegelbergschen Mannen und ließ sich zuletzt, an der Stalltür lehnend, in ein langes Gespräch über Pferde, Hunde, Jagd und dem, was daranhangt, mit unserem Freunde Klaus Eckenbrecher ein. In dieses Gespräch suchte der alte Taugenichts aber auch jede Magd, welche mit ihrem Eimer am Brunnen erschien, durch gar feine, zierliche Scherzreden, die jedesmal ein großes Erröten und Gekicher, oft sogar ein eilfertiges Davonlaufen bewirkten, hineinzuziehen. Die Schloßbewohnerschaft wurde an diesem Morgen weniger durch das Horn des Turmwärtels und die Glocke des Haushofmeisters erweckt als durch das Lachen, Geschrei, Fluchen und Hundegebell, welches der Feldmarschalk Christof von Wrisberg im Schloßhofe erregte. Aus allen Fenstern, welche auf den Hof hinausgingen, lugten bald verschlafene Gesichter und unter ihnen das hübsche, rosige der kleinen Walburg. Diesem Lockenköpfchen zu Ehren blies der Wrisberger sogleich einen kunstvollen Jagdgruß auf seinem Hüfthorn. Dann rief er in die Höhe: »Holla he, holla he! Allerschönsten Gruß, allerschönstes Fräulein von Spiegelberg! Gut geschlafen? He, ausgeschlafen? Seid doch allgesamt ein träges Volk allhier auf dem Schloß Pyrmont. Schafft mir einmal den Grafen, Walpurgel! Heraus mit dem Grafen!« »Hei, Herr von Wrisberg«, rief das Jungfräulein lachend, »ist's nicht Euere eigene Schuld, Herr Christof, daß wir so spät erwachen? Könnt man wohl zu seiner Ruhe kommen vor dem abscheulichen Lärm, den Ihr in der Nacht verführtet?« »Todos Santos, wie mein guter Freund Alba sagt, Fräulein zu Spiegelberg und Pyrmont, Ihr seid doch gar zu hübsch mit Euren roten Wänglein. Per l'amor di Venere, wie der Herr von Meiß So nannten die deutschen Landsknechte im Schmalkaldischen Kriege Herrn Johann Jakob von Medici, einen von des Kaisers Kriegsräten. zu sagen pflegte, werft mir altem Kauz und Lumpenhund doch wenigstens eine Kußhand herunter. Lieb habt Ihr mich, erschrecklich lieb, das weiß ich. Wann soll denn die Hochzeit sein? ... Dummes Zeug, sagt Ihr? Was? Hat mich etwa ein anderer ausgestochen? Etwa der Herr zu Gleichen? – Hoho, ich habe ein Vöglein singen hören! Na, Walburg, in einer dreischläfernen Bettstell schlief' ich nicht, wenn ich an Eurer Stell war! Bitt Euch, überlegt's Euch ja, mein Herzelein!« Lachend fuhr das kleine Fräulein zurück, machte dem wüsten Alten eine allerliebste Faust zu und schloß, rot wie eine Rose, ihr Schlafkammerfenster. »Ho, da ist ja auch das Hausmütterchen!« rief der Wrisberger jetzt nach einer andern Weltgegend in die Höhe. »Schönen Gruß, Ursel; Gott tröste dich, Liebling, und schenke dir bald einen guten Mann!« »Danke, Herr Ritter. Habt Ihr gut geschlafen in der ersten Nacht auf Pyrmont?« »Wie 'n Toter nach der Schlacht – nein, wie 'ne junge Frau in der dritten Nacht nach der Hochzeitsnacht!« Schleunigst schloß sich das Fenster des Fräuleins Ursula. Die Arme hatte ihren Teil, und Herr Christof von Wrisberg blies den letzten Rest des Atems, welchen ihm ein donnerndes Gelächter übrig ließ, in sein Jagdhorn. »Kommet herauf, Wrisberg!« rief jetzt Philipp von Spiegelberg herunter aus seinem Gemache. »Der Morgentrunk wird bald bereit sein, und der Herr von Campolan ist auch schon auf den Beinen.« »Ei, ei, schau da, das Philippchen! Das Hähnchen von Spiegelberg! Wünsch Euch einen guten Morgen, mein Bübchen; Ihr machet mir viel Kummer und Sorgen, Grafe zu Pyrmont! Jammerhaft sehet Ihr aus – Philipp, Philipp, ich rate Euch als einer, der Euren Vater gekannt hat, ergebt Euch nicht dem stillen Soff!« »Habet keine Angst, Herr Christof; aber kommet jetzt zum Mahl, ich bitte Euch. Kommet herauf und macht Euch nicht zu einem Spott vor den Leuten!« »Hoho, Söhnlein, noch niemand hat des Wrisbergers ungestraft gespottet, außer er selber. Übrigens komme ich gleich! Also ihr Hunde« – dies galt seinen Knechten – »also den Mühlberger tüchtig gestriegelt und dem Rappen die Hufe geputzt, daß sie glänzen wie ein Weiberfuß, oder das Donnerwetter Gottes oder des Wrisbergers Faust – ich weiß nicht, was von beiden schlimmer ist – kommt euch auf den Buckel. Vergeßt auch den welschen Gaul nicht, rat ich euch. So 'n spanisch Vieh ist eine heikle Kreatur, und der Herr von Camplan lasset auch nicht mit ihm spaßen – basta!« Schwerfällig stampfte nach solcher Expektoration der wackere Krieger durch den tiefen Schnee, den die Besen der Mägde noch immer nicht bewältigen konnten. Keuchend humpelte er die Treppe hinauf zum Morgenmahl des Schlosses Pyrmont, und bei jedem Schritt stieß er das Schwert auf den Boden, daß das Mauerwerk erzitterte. Don Cesare hatte nach seiner Gewohnheit die allergrößte Sorgfalt auf seinen Anzug gewandt, prangte in einem stattlichen Kleide nach der neuesten französischen Mode und bewegte sich weltmännisch fein zwischen den einfachen deutschen Leutlein, mit denen er es zu tun hatte für die nächste Zeit. Ohne Zweifel sah er sehr edel und gewinnend aus in seinem glänzenden Kostüm mit Federbarett und reichverziertem Stoßdegen. Die Damen des Hauses Spiegelberg konnten nicht unterlassen, verstohlene, billigende Blicke nach ihm auszusenden. Noch einmal bewillkommnete Graf Philipp seine Gäste beim Tageslicht, dann hielt der Schloßkaplan sein gewohntes Gebet über Speisen und Getränke, und das Frühmahl nahm seinen Anfang und ungestörten Fortgang. Mit jedem der Gesellschaft wußte Don Cesare ein anmutig Gespräch zu führen. Mit den Damen sprach er von dem Leben am Hofe zu Paris und Fontainebleau; mit dem Grafen und dem Ritter von Wrisberg behandelte er das große, unerschöpfliche Thema der Jagd. Mit dem Schloßkaplan ließ er sich in eine Disputation über die Frage ein: ob der Doktor Martin Luther oder das Weib des Franceschetto Cibo, welchem der Papst den Ablaßertrag von Kursachsen zur Aussteuer schenkte, Ursache der Reformation gewesen sei. Während dieser letztern Reden und Gegenreden schlief der Wrisberger sanft ein trotz der frühen Tagesstunde, und Don Cesare gewann dadurch Raum, die Damen noch mehr zu gewinnen, indem er das soziale Verhalten des alten Söldners mit leiser Stimme herabsetzte. Am Nachmittag führte der Graf seine Gäste auf die Wolfsjagd, ein Vergnügen, welchem sich der italienische Ritter freilich mit verhaltenem Mißbehagen anschloß, welches dagegen dem Wrisberger mehr als ein Grunzen des Entzückens beim Ausritt entlockte. Unter lustigem Hörnerklang zogen die drei Herren mit ihrem Jagdgefolge hinaus in den verschneiten Wald, und manche schmeichelhafte Bemerkung machte Don Cesare dem Grafen zu Pyrmont über seine Meute. Der Himmel blieb den ganzen Tag über dunkel verhangen, und die Dämmerung kam um wenigstens zwei Stunden früher als eigentlich billig war. In der Dämmerungsstunde wirft der Erzähler einen Blick in das Frauengemach zu Pyrmont. Ursulas Spinnrad, ein Gerät, welches aus den Händen des Steinmetz Jürgens, des Erfinders selbst, hervorgegangen war, schnurrte fleißig im Winkel neben dem Kamin. Walburg hatte die künstliche Stickerei, an der sie arbeitete, so lange es hell genug war, in den Schoß fallen lassen und stellte geheime Vergleiche an zwischen dem fremdländischen Ritter Don Cesare Campolani und einem gewissen Georg von Gleichen-Tonna. Mit ungemeinem Vergnügen findet der Erzähler in den Schriften seiner Gewährsmänner, daß das Bild des Grafen Georg als Sieger aus dem gefährlichen Streite im Herzen des jungen Mädchens hervorging. Im dunkelsten Winkel des Zimmers griff eine Hand leise über die Saiten einer Laute. In dem dunkelsten Winkel des Zimmers saß Fausta La Tedesca und ließ Bilder künftigen Glanzes an ihrer Seele vorübergehen. In den kalten, finstern deutschen Winter hinein leuchteten ihr blendende Strahlen einer andern Welt, welcher sie einst angehört hatte, welcher sie wieder angehören sollte. Seltsamlich lächelte sie, wie sie mit halbgeschlossenen Augen so zu den beiden Fräulein von Spiegelberg hinüberschaute und bedachte, was sie gewesen war und was sie werden sollte. In Pracht und Herrlichkeit – wie Zenobia ihre wundervolle Stadt Palmyra baute – baute Fausta La Tedesca ihre Zukunft auf in ihrer Seele, ohne gleich der Zenobia zu gedenken, wie nahe das Verhängnis lauern könne, öfters griff sie nach der Brust, öfters hielt sie den fliegenden Atem an – es war ihr jetzt zumute, als sei sie in diesem Waldtale, in dieser nordischen Burg in ein Gefängnis eingeschlossen, enger, dunkler als der Klosterkerker, aus dem sie sich im vorigen Jahre befreit hatte. »Du bist tot – nichts hast du mehr unter den Lebendigen zu suchen!« hatte Simone Spada, der Arzt aus Bologna, gesagt, und wie ihr an diesem Abend dieses Wort wieder in den Sinn kam, o welch ein Strahl stolzen, sieghaften Hohnes flog da über ihre hohe Stirn. Fausta La Tedesca wußte jetzt, daß sie noch nicht tot sei, daß sie noch den Lebenden angehöre. Sie wußte, daß sie noch schön sei und noch schöner sein werde, sobald der erste heiße, glänzende Strahl der gewohnten Lebenssonne sie berühren werde. O, wie sie sich nach dieser Sonne sehnte! Der Mann, dem zuliebe sie einst Verbrechen begangen hatte, dessen plötzliches Erscheinen sie gestern abend zu den grimmigsten Racheplänen aufgestachelt hatte, brauchte sich nicht mehr vor ihr zu fürchten. Die schöne Tigerin zog wie früher bei seinem Anblick die tödlichen Krallen ein. Nicht mehr murmelte Fausta La Tedesca: »Vendetta! Vendetta!«, wenn sie Cesare Campolanis gedachte. »Ja, er soll mich retten, er wird mich retten!« murmelte sie jetzt. »Frei will ich wieder sein; was ich gewesen bin, will ich wieder sein!« Die Traumbilder jener ersten Nacht, welche sie auf dem Schloß Pyrmont zubrachte, stiegen wieder vor ihr auf, und neue, glänzendere reiheten sich daran. Sie vermeinte das Meer zu sehen – unermeßlich sich dehnend hinter den Fenstern des Frauengemaches zu Pyrmont –, aber es war nur das bleiche Leuchten des Schnees in der Abenddämmerung. Sie glaubte das Rauschen der Wellen an den Mauern des Schlosses zu vernehmen – aber es war nur der Wind, der von neuem aufwachte in den Wäldern! Aber jetzt – horch – in weiter Ferne durch das klagende Getön der Klang der Waldhörner! Da kam der Retter! Da kam der Erlöser! Alle Willenskraft mußte Fausta zusammennehmen, daß sie nicht in einen wilden Schrei des Triumphes ausbrach. »O Cesare, Cesare«, flüsterte sie, »komm und nimm mich! Ich bin bereit, hole mich und hebe mich aus der Dunkelheit und Vergessenheit, zum neuen Flug durch die Welt!« Näher und näher erklangen die Hörner der heimkehrenden Jäger, und das Horn des Türmers antwortete ihnen, wie die Hofhunde dem Gebell der Hunde draußen antworteten. Über die Zugbrücke stampften die Rosse, in den Schloßhof ergoß sich das fröhliche Getümmel. Fußknechte, Reiter, Bauern und Hunde drängten sich um die blutende Beute, und die Damen von Spiegelberg eilten die Stiegen hinunter, um die Herren zu begrüßen. Der Graf von Pyrmont kehrte noch bedeutend ernster und nachdenklicher, als er ausgezogen war, zurück. Christof von Wrisberg hatte die durch die Jagdlust herbeigeführte Seelenstimmung benutzt, Herrn Philipp mit dem Grunde des Besuches Don Cesares bekannt zu machen, und Don Cesare hatte darauf alle seine Beredsamkeit aufgeboten, den Arm und den Einfluß des wackern jungen Grafen für die Sache des französischen Königs zu gewinnen. Auch der Wrisberger war nicht auf das Maul gefallen, wenn es galt. Gut und eindringlich sprach er, wenn eine Sache durch die Kraft der Rede zu einem guten Ende zu bringen war. Oft genug hatte er davon Beweise gegeben vor der Front seiner Landsknechte, wenn es galt, den Feind anzugreifen, oder im Ringe, wenn der Sold ausgeblieben war und Meuterei drohte. Hier aber traf niedersassisch Blut gegen niedersassisch Blut, und Herr Philipp von Spiegelberg war nicht durch einen Netzwurf zu fangen. Stumm hatte er den beiden Gästen zugehört, mehrere Male den Kopf geschüttelt und endlich sich vor allem Bedenkzeit ausgebeten. Weder Christof noch Cesare hatten ihm fürs erste das Versprechen abringen können, daß er Herrn Heinrich von Frankreich und Navarra zuziehen wolle. »Ich muß morgen schon von dannen«, sagte der alte gewiegte Feldhauptmann Karls des Fünften, »das Feuer brennt mir auf den Nägeln. Aber, Philippe, ich will Euch den Ritter von Camplan zurücklassen; der mag Euch den Weg zu Eurem Besten noch genauer weisen. Glaubt's mir, Spiegelberg, kommt mit uns und lasset Euch nicht von denen Spaniern ködern! Ich sage Euch, die Hundsf ... ziehen Euch nur das Fell von den Ohren und bitten sich nachher noch ein Trinkgeld für solchen erwiesenen Liebesdienst aus. Glaubt's mir, Philippe, und haltet dran! Ich hab's erfahren, wie der Spanier Freundschaft tut, und kann am besten davon nachsagen im Heiligen Römischen Reich Teutscher Nation.« »Gut, gut; ich will's beschlafen, verlasset Euch darauf!« hatte Philipp gesagt, und Don Cesare hatte sich gegen den Grafen, seinen Wirt, verbeugt und das Gespräch fallen lassen. Der Graf hatte seinen grünen Jägerhut ein wenig gegen den Ritter gelüftet, dann einen riesigen Wolf niedergeschossen und darauf einen zweiten mit dem Jagdspeer erlegt. Die übrige Jagdgesellschaft hielt sich ebenfalls wacker an dieses aufregende Vergnügen, bis die zunehmende Dunkelheit sie in das Schloß zurücktrieb. Abermals folgte ein Nachtmahl, woran sich wiederum ein lustiges Trinkgelag schloß, bei welchem der tolle Wrisberger abermals dartat, daß er viel erlebt hatte und daß er viel berauschende Flüssigkeiten vertragen konnte, bei welchem der Italiener abermals viel mehr flüsterte als sprach, viel mehr lächelte als lachte, viel mehr beobachtete als sich beobachten ließ. Dieses Mal durfte Don Cesare nicht Müdigkeit vorschützen und sich daraufhin zurückziehen. Er mußte den gefüllten Humpen und den Trinksprüchen der beiden deutschen Edlen standhalten und bewies, daß er solches recht wohl vermöge, wodurch er in der Achtung Philipps von Spiegelberg nicht wenig stieg. »Hab ich's Euch nicht gesagt, Philippe, daß es ein guter Kumpan sei?« rief der Wrisberger, mit der Faust auf den Tisch schlagend. Dem Fräulein Ursula gefiel der Ritter von Campolani immer weniger, dem Fräulein Walburg gefiel er immer besser, ohne daß jedoch Georg von Gleichen-Tonna im Herzchen der kleinen Spiegelbergerin darunter litt. Nachdem die beiden jungen Damen den Trinksaal verlassen hatten, tauschten sie noch lange ihre Gedanken darüber aus, und Fausta La Tedesca hörte ihnen lächelnd zu, mischte sich aber mit keinem Worte in das Gespräch. Unterdessen ging das Gelage weiter; sämtliche Männer des Schlosses wurden allmählich hineingezogen, und jeglicher Unterschied des Ranges und Standes verschwand mehr und mehr. Ein wandernder Kapuziner, der auf dem Haus Pyrmont Nachtquartier genommen hatte, wurde von seiner Streu aufgestört und ließ sich leider nur allzugern und willig betrunken und zur Zielscheibe der rohesten Späße machen. Seinen Gipfelpunkt erreichte das Bacchanal, als der Wrisberger mit weinerlicher Stimme das schöne Lied von 1547, welches ihm selbst zum Hohne um jedes Lagerfeuer, in jeder Wachtstube erklang, absang: »Ein newes Lied wir heben an, Zu Lob so wollen wir singen Den frommen Landsknecht wohlgetan, Wie's ihnen tat gelingen« Lachend brüllte die Gesellschaft außer dem Ritter Campolani mit: »Herzog Erich betrogen ward Von Fritzberg also schwere – Daß er nicht kam zu rechter Fahrt, Verdroß den Fürsten sehre. Er sprach: wie geht das immer zu, Daß vir seynd so verlassen? ihr Reiter, Landsknecht, habt kein Ruh Und habt acht auf die Straßen!« Zuletzt fiel der »Fritzberger« mit Gekrach unter den Tisch und wurde von zwei Knappen zu Bett geschleift, wobei er den Spiegelberger immer ermahnte: »Philippe – nicht ge – gen die Franz – osen! – nicht – mit den Hisss – paniern! – ein ggut – ut – Wort ist besser – denn ein – Fffähnlein Panzerrreiter – terrr! Nicht für – die Hissspanier – nicht – für das Haus Österreich – Philippe!« Auch Philipp nahm, ein wenig schwankend, Urlaub von dem Ritter Campolani und wankte, auf die Schulter seines wankenden Haushofmeisters gestützt, seinem Schlafgemach zu. Cesare allein schritt ohne Beihülfe dem Klaus Eckenbrecher, welcher ihm vorleuchtete, in sein Zimmer nach. Hier angekommen, zündete der junge Reisige die Lampe auf dem Tische des Ritters an und wollte sich eben nach höflichem Gruße entfernen, als ihn der Fremde zurückrief: »Ihr seid ein guter Reiter, Freund. Hab solches wohl bemerkt heut während der Jagd. Wetter, Ihr seid auch wohl schon einmal gegen ein feindlich Büchsenfeuer angesprengt oder gegen eine Hecke von Speerspitzen?« »Leider noch nicht, gnädiger Herr; aber ich bitte Gott in jeder Nacht, daß er mir baldigst dazu verhelfen möge, das kann ich Euch sagen.« »So ist's recht«, sagte Don Cesare lächelnd. »Nun, Ihr könnt wohl noch dazu kommen – hätte, im Vertrauen gesagt, nicht übel Lust, Euch wie Euern Herrn, den Grafen, mitzuführen in den Krieg.« »In den Krieg?« schrie Eckenbrecher, dem vor freudigem Schrecken beinahe die Lampe entfiel. »In den Krieg?! Juhe, mit meinem gnädigen Herrn von Pyrmont in den Krieg? O Herr Ritter, wenn Ihr uns dazu verhelfen wolltet – beim Teufel, ich gäb ein Jahr meines Lebens darum!« »Wir wollen sehen!« sagte Don Cesare, in die Tasche greifend. »Ihr gefallt mir ganz gut – wollt Ihr auch wohl auf meine Gesundheit und die Erfüllung Eueres Wunsches trinken?« »Die ganze Nacht und die halbe Ewigkeit durch!« rief Klaus, welcher eigentlich schon genug getrunken hatte. Der Ritter Campolani ließ ihm einige Geldstücke in die Hand gleiten – nouveaulx Henricus, geprägt in dem Jahre, in welchem der Verfasser des Gargantua und Pantagruel das Zeitliche gesegnete und das »große Vielleicht« zu suchen ging. »Herr, Herr, das ganze Schloß Pyrmont wird Euch auf den Händen tragen, wenn Ihr es möglich macht, daß unser Graf aufsatteln läßt.« »Gut – ich glaube es – bringt Euern Kriegsgesellen meinen Gruß und schlafet wohl!« »Diese Nacht nicht, Herr Ritter – Krieg! Krieg! O Monika Fichtner! Krieg! Krieg!« Fort stürzte Klaus Eckenbrecher, in der Wachtstube das Lob des Herrn Camplan zu singen. Auf dem Gange beschaute er denn auch die empfangenen Geldstücke. »Schau, schau, Franzosen! Was für Geld aus aller Herrn Ländern man zu sehen bekommt im Reiterdienst! He – e – n – ri – cus – se – cun – dus – bon musjeh – vivat der Krieg! Vivat der Herr von Camplan! O Monika, jetzt mag unser Weizen zu blühen anfangen!« Plötzlich hielt er aber in seinem Jubel und Lauf ein; schwer fiel ihm ein Bedenken auf die Seele. »O Donner, ich hätt' ihn doch fragen sollen, gegen wen es eigentlich gehen soll. Da könnte mir der Teufel den Schwanz wieder einmal auf die Geschichte legen! ... Gegen uns gehe ich nicht mit, und wenn ich mir die heilige römische Kaiserkrone dadurch erreiten könnte.« »Wir« das waren für Klaus Eckenbrecher die Protestanten, wie » Wir« für Christof von Wrisberg der Geldsack und die Beute, wie »Wir« für den Ritter von Campolani für jetzt das Haus Valois war. Kurz faßte sich der Reiter und klopfte leise noch einmal an die Tür des Fremden. Dieser öffnete und fragte: »Ihr noch? Was gibt's denn noch, mein Bursch?« »Verzeihung, Herr Ritter; 's ist mir eine Frage auf das Herz gefallen: gegen wen wollt Ihr das Haus Pyrmont aufbieten?« Der Italiener hatte bereits eine ärgerliche Antwort auf den Lippen, aber er faßte sich noch zur rechten Zeit, schluckte sie hinunter und sagte sanft lächelnd: »Gern will ich Euch diese Frage beantworten: gegen die Spanier möchte ich Euern Grafen und Euch mit mir führen.« Dieses Mal tat Eckenbrecher vor Freuden einen Satz fast bis unter die Decke. »Juchhe!« schrie er, ohne weiteren Gruß forteilend, »Juchhe, das laß ich mir gefallen! Vivat die Monika Fichtner! Da müßte doch mein junger Herr nicht bei Trost sein, wenn er gegen die Spanier nicht mit auszöge. Gegen die Hispanier! gegen die Hispanier!« Gegen die Spanier! Welches lutherische Herz schlug seit dem Schmalkaldischen Kriege nicht noch einmal so schnell bei solchem Kriegsgeschrei? Atemlos, fast erstickend an der freudigen Nachricht stürzte der Klaus in die Wachtstube, wo die Knechte des Grafen, die Reisigen des Wrisbergers und die Diener Campolanis durcheinandersaßen und große Worte feil hatten. Die Diener des Italieners mußten sich freilich dabei auf Pantomimen beschränken, da sie kein Wort Deutsch verstanden. Jubelnd trompetete Klaus Eckenbrecher seine Nachricht aus, und ein gewaltiges Hallo war die Folge davon. »Gegen die Spanier! Gegen die Spanier!« An Kaspar Wicht den Fiedelmann, welcher gekommen war, die Mannen von Pyrmont durch sein Geigenspiel zu erfreuen, verlor im Würfelspiel, in derselben Nacht noch, Klaus Eckenbrecher seine welschen Henricus-Stücke. Unterdessen zog der Gesandte des französischen Königs in seinem Gemache allerlei Papiere aus einer Tasche, die er sorgsam verwahrt in seinem Wams auf der Brust trug. Sie waren bedeckt mit langen Reihen von Namen und Zahlen, und Cesare breitete sie auf dem Tische aus und brütete darüber und zählte zusammen alle die Reiter und Rosse, Fußgänger, Wagen, Kartaunen, Serpentinen, Falkonetlein, welche er in Deutschland geworben und aufgebracht hatte oder noch werben und aufbringen wollte. Auch in dieser Nacht trat Fausta bei ihm ein, »Siehe da, mein Nachtstern!« sagte Don Cesare. »Ich habe dich erwartet; aber – was ist dir, Fausta? Bist du krank?« »Ja krank, sehr krank.« Der Ritter war im nächsten Augenblick dicht neben ihr. »Was ist das, Fausta? Was bedeutet das?« »Das bedeutet, daß du mich gestört hast in den Bahnen, welche ich mir für mein künftiges Leben gezogen hatte. Das bedeutet, daß ich wieder ein Recht auf dich habe, Cesare Campolani –« »Ich kann nur wiederholen, was ich in der vergangenen Nacht gesprochen habe, Fausta.« »Das bedeutet, daß ich noch die Fausta bin, die ich einst war – die Fausta, welcher du einst angehörtest.« »Einst!« sagte der Ritter, die Hand an die Stirn legend. »Ach, Fausta La Tedesca, wieviel blutige Schlachtfelder, wieviel Arbeit im Ratssaal und auf der Walstatt liegen zwischen jenem ›Einst‹ und dem jetzigen Augenblick, Fausta, Fausta, ich bin alt, sehr alt geworden!« »Aber ich bin jung geblieben! Schau mich an, Cesare, ich bin jung geblieben, und was ist alle Wildheit deines Lebens gegen die des meinigen?« »Weib«, murmelte der Soldat und Diplomat, »Weib, du hast recht – schön bist du noch wie damals, wo du den alten Meister Tizian entzücktest. Fausta, Fausta, soll der alte Bann wieder über mich kommen? Bei allen Göttern, ich will nicht, ich will nicht, ich will dich nicht mehr lieben!« Er faßte ihre beiden Hände: »Höre, höre, Fausta la Maga – was ich in der verflossenen Nacht gesagt habe, das wiederhole ich jetzt; aber – täusche dich nicht, ich liebe dich nicht mehr, ich will dich nicht mehr lieben, und auch du liebst mich nicht mehr. Aber unsere Wege sollen wieder zusammen gehen – hoch in die Höhe! Wild und unbändig klopfen uns beiden die Herzen, und dunkelste Nacht ist in uns. Was ist uns noch die Liebe? Ein Spiel der Kinder! ... Andere Triumphe auf anderen Bahnen wollen wir erringen. Willst du wieder mein sein mit Leib und Seele, Fausta, so sprich es noch einmal aus, so lege noch einmal deine Hand zum Schwur in die meinige. Keiner von uns ist dann mehr einsam in seinem Streben, und verbunden wollen wir die Würfel auf den Tisch des Schicksals schleudern. Du weißt, wir haben Glück und mögen noch einmal den Venuswurf werfen.« »Wenn ich dich sehe, glaube ich dir, Cesare! Schließt sich die Tür hinter dir, so verzehre ich mich in qualvollster Unruhe, in Ungewißheit – Zorn – – in Haß. jetzt blicke ich dir ins Auge: was soll ich jetzt tun, als meine Hand dir reichen und sagen: Leite mich, ich folge!« »Vertraue mir, vertraue mir, Fausta! Nichts anderes kann ich sagen als: vertraue mir. Welche Bürgschaft sollte ich dir geben? Welches Pfand sollte ich in deine Hände legen?« »Du hast recht, es ist dir nichts geblieben!« sagte Fausta tonlos. »Wir sind schrecklich elend!« »Deshalb, deshalb laß uns das Bündnis, welches ich dir gestern vorschlug, welches ich dir in diesem Augenblicke wieder vorschlage, schließen. Töricht haben wir uns einst getrennt – laß uns auf andere Weise die zerbrochene Kette anknüpfen! Gedenke nicht mehr des Unwiederbringlichen; denke an das, was noch sein und geschehen mag!« »Ich bin doch nur ein armes, schwaches Weib, und ich vermeinte so stark zu sein!« »Und du bist auch stark, Fausta! Wärest du ein gewöhnliches Weib, so würde ich dir Lügen sagen und über dich lächeln, sobald du den Rücken gewandt hättest. Aber das kann ich nicht – ich sage dir, als Gleichberechtigte will ich dich halten auf meinem künftigen Lebenswege. Komm, komm mit mir; ich halte, was ich versprach, nach Paris führe ich dich zur Katharina – du sollst die Stelle haben, welche der Fausta La Tedesca gehört.« Mit ehrfurchtsvoller Höflichkeit führte der Ritter die schöne Vagabondin zu einem Sessel und nahm neben ihr Platz. In langer Rede legte er ihr dann unumwunden seine Pläne vor und entrollte ihren Blicken das Bild der Weltlage. Scharf, klar und bestimmt legte er alle Vorgänge der Zeit in Ursache und Wirkung auseinander. Und Fausta La Tedesca begriff! In immer höherem Glänze leuchteten ihre Augen, längst war sie aufgesprungen und schritt aufgeregt hin und her, während der Ritter Campolani endigte: »So wird denn der deutsche Eber, welcher mich hieher in diese Einöde geleitete, morgen das Schloß verlassen, um auf seine Weise zu wirken für unsere Sache, die, wenn auch nicht ganz die gute, so doch eine höchst nutzbringende ist. Im Frühjahr hat dieser Herr von Wrisberg seine Haufen zusammen – 's ist ein wahrer Segen, daß das Deutschland seine Knochen und sein Blut nicht besser zu verwerten weiß! – , und an der Spitze von Tausenden magst du, Fausta, der neuen Heimat entgegenziehen. Aber noch brauchen wir Namen, welche einen guten Klang im Lande haben, um diesem verblendeten Volk die eigenen Knochen, das eigene Blut zu seinem eigenen Schaden abzulocken. Diesen Knaben, diesen Graf von Pyrmont uns zu fesseln, soll deine Aufgabe sein, Fausta La Tedesca. Der Knabe liebt dich; er wird dir folgen!« »Er wird es!« sagte Fausta. »Gut! ... Nun gehe und schlafe, Freundin. Nicht wahr, durch Blut und Flammen gehen wir miteinander?« »So sei es. Durch Blut und Flammen!« Einen Augenblick später glitt wieder ein Schatten durch die Gänge des Schlosses: der böse Geist des Hauses Spiegelberg. – Don Cesare Campolani legte sich gar nicht zum Schlaf nieder; nach Faustas Abschied beugte er sich eifrigst von neuem über seine Papiere und erhob sich nur von Zeit zu Zeit, um an das Fenster zu treten, es zu öffnen und seine heiße Stirn zu kühlen. Es regnete. Alle die wunderlichen Dachtraufen des Schlosses Pyrmont spieen Wasserströme aus ihren offenen Rachen. Der Schnee der vorigen Tage sollte der letzte dieses Winters gewesen sein. Mit dem Regen in dieser Nacht begann der Frühling des Jahres eintausendfünfhundertsiebenundfünfzig. – Herr Christof von Wrisberg erwachte diesmal später und in nicht so behaglicher, nicht so heiterer Stimmung wie gestern. Das Rauschen und Plätschern vor seinen Fenstern trug auch nicht dazu bei, das wüste Summen und Sausen, die Folgen des übermäßigen Trinkens am gestrigen Abend, aus seinem Kopfe zu verscheuchen. In einem wahren Geschützfeuer der allergreulichsten Flüche suchte er seinen Gefühlen Luft zu machen. Mit den allerunsanftesten Rippenstößen, Fußtritten und Faustschlägen traktierte er gleich einem wahren Unhold seine Knechte, als sie zitternd erschienen, um seine Befehle für den bevorstehenden Abmarsch einzuholen. Die Aussicht, in einem solchen »Sauwetter« das behagliche, wohl versorgte Schloß Pyrmont, wo der Bratspieß in der Küche immerfort sich drehte, wo Koch und Kellermeister so wacker ihres Dienstes warteten, zu verlassen, hatte durchaus nichts Angenehmes und würde auch andere Leute mißmutig gestimmt haben. Und doch mußte der Wrisberger hinaus – nicht bloß aus dem warmen Bette, sondern auch in den Regen hinein. Was aber aufgeweichte Wege zu jener Zeit bedeuteten, wußte er gar wohl. Kein Wunder war es daher, daß er zwischen all den Schimpfreden, Anzüglichkeiten und Gewalttätigkeiten, welche er seinen Knechten angedeihen ließ, sich selbst schier nicht besser behandelte. Einen alten Esel, welcher niemals stillsitzen lernen würde, titulierte er sich einmal über das andere. »O Potzblitz und Höllenstank, corpo di santa Nulla, nicht anders werde ich's lernen, als wieder einmal in einem tüchtigen Turm mit zwei Hellebardierern vor der verriegelten Tür wie schon einmal.« Endlich, endlich gelangte er unter den heimlichen Stoßgebeten seiner Knappen in Kleider und Waffen, und nach einem tüchtigen Frühtrunk von glühend gemachtem Rotwein und grämlichem Abschied von dem verschlafenen Philipp auch auf seinen Lieblingsgaul, den Mühlberger. »Sacreee diable, zehntausend feurige Teufel sollen sich in Euch teilen, wenn Ihr mit den Spaniern zieht. Gehabt Euch wohl – uf, solch ein Hundewetter! – und laßt Euch von dem Camplan raten – Amen!« Das ganze Schloß Pyrmont schaute mit den verschiedenartigsten Gefühlen diesem Abritt des Wrisbergers zu und kroch nicht eher wieder zurück unter Dach und Fach, als bis der letzte Zipfel des Zuges im Nebel und Regen verschwunden war. Don Cesare Campolani aber blieb, wie es bestimmt war, noch zurück auf dem Schloß, und die gesamte Dienerschaft pries ihn als einen freigebigen, der Hauskaplan als einen recht gelehrten und sämtliche Weiber außer der Ursula als einen höchst liebenswürdigen Herrn. Die Ursula hielt sich so fern als möglich von ihm und warnte auch ihren Bruder. Philipp aber schüttelte nur das Haupt und zuckte die Achseln; – er gab wenig auf den Rat seiner Schwester, obgleich sie die verständigste Seele des ganzen Tales von Pyrmont war. – Vierzehntes Kapitel Wie das Eis aufging und es wieder einmal Frühling wurde. Mit dem Ritter Christof von Wrisberg verläßt auch der Erzähler das gastliche Schloß Pyrmont, die Geschwister von Spiegelberg, den Ritter Campolani, die schöne Fausta und den Reiter Klaus Eckenbrecher. Aber nicht lange zieht er mit dem Söldnerführer, an der nächsten Wegteilung nimmt er von dem griesgrämlichen, fluchenden alten Patron Abschied und zieht allein weiter im Schmutz vor Ostern. Grundlos sind die Wege in den triefenden Wäldern, jeder Schritt ist eine ermüdende Arbeit, und wenn man sich bis zum Weserfluß durchgerungen hat, kann man noch nicht einmal ein Schiff besteigen, um die Reise nach der Stadt Holzminden bequemer fortzusetzen! Der Strom, geschwellt vom Andrange der Frühlingsgewässer aus den thüringischen und hessischen Bergen, hat soeben den ihn bedeckenden Eispanzer mit Macht zerbrochen und schickt Scholle auf Scholle krachend, donnernd dem Meere zu, einer Riesenschlange gleich, welche sich von ihrer alten Haut befreit. Jetzt gewährte die Weser einen andern Anblick als im vorigen Sommer. In allen Dörfern, Städten und Flecken, welche an ihren Ufern liegen, waren die Männer und Jünglinge mit Haken und Stangen auf den Beinen, das drohende Unheil der Stauung der Eismassen, welches bei den unendlichen Krümmungen des Flusses und dem steilen Abfall so leicht eintritt, abzuwehren. Zu solcher Zeit läßt die Weser nicht mit sich spaßen, und oft schon hat sie über die Bewohner ihrer Ufer Verderben und Verwüstung ergossen. Manche Sturmglocke klang hülferufend in das Land hinein; hie und da hatte sich eine flache Gegend schon in einen See verwandelt; Angst, Schrecken, Verzweiflung, Arbeit, Not herrschten überall. Nur das Flügelroß der Phantasie schwingt sich leicht darüber weg und setzt uns ab an unserm Bestimmungsort, dem Städtlein Holzminden. Wäre das Nestchen nicht so höchst vortrefflich an seiner Planetenstelle befestigt gewesen, es würde ohne Gnade in die Weser hin ab geschwemmt worden sein; – so aber stemmte es sich wacker den aus dem Solling herabflutenden Wassern und dem Regen entgegen und hielt mit anerkennenswerter Ausdauer stand. Höchst schmutzig und verwahrlost sah es freilich dabei aus; aber das ließ sich nicht ändern. Bei Regenwetter zeichneten sich die Städte, Dörfer und Flecken des sechzehnten Jahrhunderts nie durch übergroße Sauberkeit aus. – Auch zu Holzminden war die Bürgerschaft natürlich in großer Aufregung – Rat und Geistlichkeit in allem voran. Der feiste Bürgermeister Uhlenhut und der Pastor loci Valentin Fichtner vervielfältigten sich schier. Überall waren sie mit Rat und Tat zur Hand: hier überwachten sie die Leerung eines Stalles, in welchem das Wasser den kläglich rufenden Kühen bis an den Bauch gestiegen war; dort suchten sie ein Unterkommen für eine arme Familie aus Lüchtringen, deren Anbauerhütte in diesem Augenblick höchst wahrscheinlich schon bei der Porta Westfalica angekommen war; – hier trieben sie einen Haufen junger Burschen am Stromufer zu erneueten Anstrengungen an, dort suchten sie einen Haufen weinender Weiber und heulender Kinder zu trösten. Keiner Mühe, keiner Gefahr entzogen sie sich; wie es einer christlichen Obrigkeit zukam, verhielten sie sich in dieser allgemeinen Not. – Auf der wohlbekannten Mauer des Pfarrgartens aber stand die holde Monika und blickte hinaus auf die Wasser- und Eiswüste, welche sich zu ihren Füßen ausbreitete und immer höher emporstieg zu ihr und ihren Gartenbeeten. Das arme Kind sah nicht mehr so rotwangig aus wie im vergangenen Sommer. Die Monika war bleich, recht bleich geworden und schien sich nur mit Mühe aufrecht zu halten. Sie war fast noch schöner geworden; aber – es war die Schönheit, welche nur das Herzweh und die allertiefste Sorge geben kann, über sie gekommen. Sonst hatte sie sich jedenfalls helfend und sorgend mit in solches Getümmel gestürzt; jetzt aber schaute sie müde, gleichgültig den nach Norden hinab sich drängenden Eisschollen nach. Seit der wandernde Spielmann ihr jenes Briefelein ihres Herzliebsten gebracht hatte, war ihr kein Gruß, kein Bote, kein Lebenszeichen von ihm gekommen. Auf den heißen Sommer war der Herbst gefolgt, und die Menschen hatten die kümmerliche Ernte, welche ihnen die böse Glut übergelassen hatte, eingebracht in ihre Scheunen: – vergeblich war das Hoffen der kleinen Monika gewesen. Nach dem Herbst war der kalte, lange Winter mit seinem Regen, Schnee und Eis gefolgt: – nichts, nichts hatte die arme Monika von dem Klaus erfahren. Nun kam der Frühling wieder, und wie das Herz im Frühling sich regt, das hat wohl jeder erfahren in Leid und Freud! Die Monika Fichtner spürte es zu großem Leide; – bängliche Schwermut drückte ihr fast das Herz ab. Lebte er noch? Hatte er sie noch lieb? Die Monika wurde krank in dem Gedanken, daß er tot, daß er hülflos in der Fremde gestorben sei; oder noch schlimmer, daß er sie längst vergessen habe um eine Schönere drüben hinter den blauen Bergen. »Die Disteln und die Dornen, die stechen allzusehr; Die falschen, falschen Zungen, die stechen noch viel mehr.« Alle neidischen Gespielinnen der Monika erzählten ihr mit verhaltener Schadenfreude von dergleichen Vorkommnissen, und wie so etwas gar nicht so selten sei in der Welt, wie man sich wohl vorstellen möchte. »Die eine redt dies, die andre redt das, Das macht mir gar oft die Äuglein naß.« Auch die Monika lachte schon lange nicht mehr über solches Zischeln, Flüstern und Sticheln. Mehr und mehr hatten die bösen Gedanken Raum gewonnen in ihrem armen, kleinen, ängstlichen Herzen. O wie sie sich quälte, wie sie häßliche Träume hatte und lange schlaflose Nächte, in welchen sie ihr Kopfkissen feucht weinen mußte! Und das alles so unnötigerweise und nur, weil die guten, lieben Weiber um so viel besser sind als die Männer, welche gar nicht verdienen, daß die guten, lieben Weiber ihretwegen geschaffen worden sind. Wie leicht hätte dieser nichtsnutzige Klaus dieses ängstliche, sorgende Herz beruhigen können; wie wenig ahnete er den Wert des Schatzes, der ihm in diesem kleinen Herz zugefallen war! Wie sehr hatte Ehrn Valentin recht, als er sein Töchterlein warnte, dieses Herz nicht gar so leichtsinnig wegzugeben! Aber wer konnte etwas dagegen tun? Geschehen war einmal das Unglück und konnte nicht wiedergutgemacht werden. Was die arme kleine Monika auf sich genommen hatte, das mußte sie nun tragen. – Drüben am linken Ufer der Weser hatte der Vikarius Festus auch seine liebe Not. Auf dem linken Ufer des Stromes war die Gefahr und die Verwirrung fast noch größer als auf dem rechten. In dem Augenblick, wo wir uns zu dem jungen Mönch wenden, schritt er, ein Kind auf dem rechten Arm, ein Vogelbauer mit einem höchst verwunderten Dompfaffen im linken Arm tragend, eilfertig hervor aus einem dicht am Fluß gelegenen und fast halb fortgeschwemmten Fischerhause, dessen sämtliche Bewohner in niedersächsischer Hartnäckigkeit sich in den Kopf gesetzt hatten, mit ihrem Obdach abzusegeln, obgleich damals noch nicht so viel Leute aus dem deutschen, gesegneten Vaterlande auswanderten nach Amerika. Auf seinen Stab gelehnt, stand der Vater Chrysostomus inmitten seiner sich um ihn drängenden Gemeinde. Er war nun ganz blind geworden und vermochte nichts weiter, als die Kügelchen seines Rosenkranzes durch die zitternden Finger rollen zu lassen; auf dem Bruder Festus allein lag alle schwere Sorge und Arbeit der Zeit. – Immer höher stiegen die Wasser. Schon erreichten sie das Pfarrhaus, und wenn nicht bald ein Stillstand eintrat, so mußte in kurzer Frist das ganze Dorf ihrem wilden Spiel anheimfallen. In stumpfsinniger Apathie standen die armen Bauern da, vergebens bat und flehete der Vikarius und ermunterte zu rettender Anstrengung. Man betete, man rief alle Heiligen an, man weinte und ballte auch wohl die Fäuste, man entgegnete dem mahnenden Geistlichen: »Es hilft doch nichts! Alles ist vergeblich! Was sollen wir uns quälen?« »Nicht also! Wehren sollt ihr euch! Gott gibt die Rettung, wenn ihr euch dazuhaltet.« »Es hilft nichts – 's ist alles verloren – die Sündflut bricht herein – der Komet hat's vorausgesagt!« Der Bruder Festus sank fast zusammen vor übergroßer Ermattung. »Wehren sollt ihr euch!« murmelte er noch einmal, als wiederum sein Auge an dem weißen Gewande auf der Mauer des lutherischen Pfarrgartens haftete. »Glaube ich denn an das, was ich ihnen sage?« Ratlos, die Hände ringend, irrte er umher am Rande der steigenden Flut, der donnernden Eismassen. Da erschien plötzlich hoch zu Roß inmitten des verzweifelnden Volkes ein Mann, dem einige Diener folgten. Das Auge des Ankömmlings flog über die Menschen und die Wasser; im nächsten Augenblick war er von seinem Pferde gesprungen, winkte er seinen Dienern, dasselbe zu tun. Schnell hatte er erkannt, wo es hier fehle, und was dem Vikarius Festus nicht gelingen wollte, das gelang dem – Arzt Simone Spada aus Bologna! Drohungen, welsche Flüche erweckten die Bauern aus ihrem Stumpfsinne. Das unerwartete frische Eingreifen übte seine Macht über die Gemüter. Von neuem griffen die Leute von Stahle zu ihren Haken und Stangen, um von neuem den Kampf gegen die sich aufeinanderschiebenden Eismassen aufzunehmen. Die am meisten bedrohten Häuser und Hütten wurden geräumt – alles half nach Kräften; die Männer arbeiteten am Fluß, die Weiber und Kinder trieben das Vieh auf die Höhen und bargen die ärmlichen Habseligkeiten. »Avanti, avanti! Nicht den Mut verloren – vorwärts, Leute – Gott hilft den Wackeren! Schauet drüben die Ketzer; – wollt ihr euch von ihnen beschämen lassen? Auf, auf im Namen der allerheiligsten Jungfrau!« Das half. Der Mut kehrte wieder, und der Himmel tat dazu das Seinige: die Wasser stiegen nicht mehr, wenngleich sie auch fürs erste noch nicht fielen. Als die Abenddämmerung hereinbrach, konnte der Bruder Festus dem Fremden an dem flammenden, behaglichen Feuerherd seines Pfarrhauses mit Tränen in den Augen danken. »Das war Hülfe in der Not! Gesegnet sei der Herr, welcher Euch gesandt hat. O nennet mir Euern Namen, daß ich ihn ewiglich in meinem Herzen aufbewahre!« »Ach, schreibet nicht meinem geringen Verdienst das glückliche Ende dieses Tages zu! Übrigens ist mein Name Simone Spada, ich bin ein Arzt und soeben auf der Reise nach meinem Vaterland Italien begriffen. Von Osnabrück komme ich, allwo ich einen teuren, väterlichen Freund zur Erde habe bestatten müssen und allwo ich vorher selbst lange Zeit krank gelegen habe.« »Noch einmal den herzlichsten Dank! O, nun setzet Euch und nehmet mit dem vorlieb, was unser armes Dach und die schwere Zeit Euch bieten kann.« Der Arzt Simone ließ sich am Kamin des Pfarrhauses zu Stahle nieder. – Scholle auf Scholle knirschte und krachte an der Mauer des Pfarrgartens zu Holzminden im wildesten Getümmel vorüber, so daß Monika schwindelnd sich an der Brüstung halten mußte. Eben kam ein größeres Eisstück vorbei, und auf ihm saß ein Rabe, welcher des Fliegens müde geworden war. Frech blickte der schwarze, drollige Gesell, als er vorüberschiffte, zu dem jungen Mädchen in die Höhe, als wolle er sagen: »Jaja, Jungferchen, wenn du meine Flügel hättest, so wüßt ich wohl, wohin du den Flug um Kundschaft richten würdest – krah – kräh – kräh.« Weiter stromabwärts wurde dem seltsamen Reisenden solche Fahrt wieder langweilig. Mit lautem, höhnischem Geschrei schüttelte er die Flügel, schwang sich in die graue Abendluft und flatterte gen Nordwest. Die arme Monika aber starrte ihm nach und nickte mit dem Kopfe den Takt zu einem Wanderlied, welches sie vor sich hinsummte, fast ohne es zu wissen. Jetzt kam der todmüde Vater in den Garten vom Hause her. Einige Augenblicke beobachtete er still sein Kind und schüttelte dabei sorgenvoll das graue Haupt. Als er die Monika dann leise und sanft anredete, schrak sie heftig zusammen. »Nun, mein Töchterlein«, sprach der Pastor Fichtner, »ist das nicht ein bös, bös Schauspiel? Aber wahrlich, der allmächtige Gott ist prächtig in seinen schrecklichen Werken, trotz dem Grauen wird man solches Anblicks doch nicht müde. Wehe, da gehet schon wieder ein eingedrückt Fachwerk! Wo mag das nun wieder fortgerissen sein?« »Die armen Leute!« seufzte Monika. »Jawohl, die armen Leute! Horch, da läuten sie Sturm zu Albaxen – da muß alles ein wüstes Meer sein. Die Wasser schlagen Wellen, wo die grüne Saat vor Stunden noch lustig aufsproß. Ach, was soll das Läuten – wer kann da helfen? Wir selbsten haben kaum Arme genug, das Verderben von uns abzuwehren. Gott mag Kraft geben. Da unten am Kiekenstein haben sie am meisten zu schaffen, um die Schollen im Gang zu halten. Der Küster sagt, vom Kirchturm sehe man weit ins Land hinein alles wie einen See. Das ist gleich den Tagen der Sündflut: der Herr lasse bald die Taube mit dem Ölzweig ausfliegen, der Herr sende bald den siebenfärbigen Bogen des Friedens!« »Der Herr schütze alle betrübten Herzen in der Nähe und in der Ferne!« seufzte Monika. »Amen!« sprach der Pastor von Holzminden und fuhr dann fort: »Du bist recht bleich, mein Kind; – komm mit mir ins Haus, der böse Anblick macht dich krank.« »O nein, mein lieber Vater, ich fühle mich ganz wohl.« »Ganz wohl? Kind, Kind, du machst mir viele Sorgen.« »Mein lieber Vater?!« »Jaja, Monika, viele Sorgen machst du deinem alten Vater. Schau, die Welt ist schon so voll böser Listen und Tücken; es dräuet auf allen Seiten dem Reich Gottes und der reinen Lehre so viel Gefahr, daß man sich schier verkriechen möcht mit seinem Glauben und seinem letzten Glück wie die Schneck in ihr Häuselein, wenn solches nicht feige und unmännlich und unchristlich wär! O lieb Kind, schaff deinem Vater nicht noch mehr Herzeleid!« Monika verbarg ihr Köpfchen an der Brust des sorglichen Alten, und dieser führte sie fort von der Mauer, indem er sagte: »Wacker soll der Mensch kämpfen gegen jeden bösen Feind, komme er von außen oder von innen. Vielen Geistern hat der Herr die Macht gegeben über unsere Herzen und Nieren, aber auch viele Kräfte und gute Waffen hat er uns gegeben, sie wieder zu schlagen. Komm ins Haus, Töchterlein, die Luft des Frühjahrs machet müde; auch meine alten Knochen spüren den schweren Tag.« Ach, nicht die Frühlingsluft war's allein, welche die Monika Fichtner so bleich und müde machte, und Ehrn Valentin schob ihr auch nicht die ganze Schuld des kummervollen Aussehens seiner Tochter zu. Ob er aber den eigentlichen Grund davon wußte, das wollen wir dahingestellt sein lassen, der Pastor Fichtner war ein gar kluger Mann mit scharfen Augen, aber im höchsten Grade schweigsam in gewissen Angelegenheiten. Nachdem er sein krankes Kind in das Haus geführt hatte, stieg er an diesem Abend nicht, wie es sonst seine Gewohnheit war, sogleich hinauf in sein Studierstüblein, sondern blieb sitzen neben dem schnurrenden Spinnrad der Monika. Das Rollen und Grollen des nahen Flusses würde ihn doch allzusehr in seinen Arbeiten gestört haben. Fein, fein, fein lief der Flachsfaden durch die zierlichen Finger der geschickten Spinnerin, die sich auch nicht mehr, wie ihre Mutter noch, mit der unbequemen Spindel abzuquälen hatte. Fein, fein, fein wickelte sich der Faden auf die Rolle, damit später der Meister Weber ein schönes, weißes Stück Leinen daraus webe – zum Brauthemd? Zum Totenhemd? – ach, was für Gedanken liefen auf dem feinen, feinen Flachsfaden! Draußen tobte die Weser immerfort. Von Zeit zu Zeit verließ der Pastor das behagliche Kaminfeuer, um neue Nachricht über den Stand der Wasser einzuholen. Auch kamen wohl Leute, um Nachricht zu bringen oder von neuem Trost und Rat von dem geistlichen Herrn zu erbitten. Es war ein fortwährendes Ab- und Zugehen. Auch der Herr Bürgermeister erschien nach eingenommenem Nachtmahl. Wir haben den Mann bereits kennengelernt an jenem Abend, wo der Graf Philipp von Spiegelberg ihm und der guten Stadt Holzminden einen so großen Schrecken einjagte. Er hatte sich wenig verändert in dem Jahr, nur sein Leibesumfang war noch ein klein, klein wenig ins Breite gegangen. Der Bürgermeister Uhlenhut hatte sich heute jedenfalls eine Bürgerkrone verdient, indem er trotz seiner körperlichen Unbeholfenheit die Rührigkeit und den guten Willen des jüngsten Mannes seiner Stadtgemeinde übertraf. Wenn die Stadt Holzminden nicht untergegangen und fortgeschwemmt war, so hatte sie das einzig und allein ihrem Bürgermeister und ihrem Pastor zu verdanken. Diese beiden Männer konnten wirklich stolz auf ihr Tagewerk sein. – Die Begrüßung zwischen den beiden Würdenträgern des Weichbilds war würdig und anstandsvoll wie immer, aber doch weniger zeremonienhaft wie sonst. Man schüttelte sich herzlicher wie gewöhnlich die Hände, man kam eher wie gewöhnlich »zur Sache« und in eine fließende Unterhaltung. Anfangs drehte sich das Gespräch nur um die große allgemeine Not des Tages und die dagegen anzuwendenden Schutzmittel, als da sind: Haken, Stangen, Bibelsprüche, lutherische Kirchenlieder usw. Nachher wandte sich die Rede jedoch auch zu andern Gegenständen wie: der Welt Regiment, und wie alles zum Schlechtem sich wende, und wie der liebe Gott recht bald ein Einsehen werde haben müssen, wenn nicht der Teufel die Oberhand gewinnen solle. Vom Teufel kam man auf den Türken, vom Türken auf den heiligen Vater zu Rom, vom Papst natürlich auf den Antichrist und das Tausendjährige Reich, vom Tausendjährigen Reich gelangte man zum Deutschen Reich und dem Kaiser, von diesen wandte sich das Gespräch naturgemäß zu den Spaniern und den Franzosen, auf welchem ausgiebigen Felde es mit am längsten verweilte. Beim Abschiednehmen sprach der Bürgermeister seufzend: »So ist es, Herr Pastore, und es ist so! Wie ich Euch sage, es wird ein böses Jahr werden, ein noch viel schlimmeres als das vorige. Der Komet hat's wohl angekündigt; – drunten in Flandern stehen sie schon dicht aneinander, und was Kaiser und Reich tun werden, das weiß allein Gott. Nun, er schütze nur unsern lutherischen Glauben; behalten wir den, so mag alles andere dahinfahren.« »Das ist das Wahre, Meister Uhlenhut«, sprach Ehrn Valentin Fichtner. »Halten wir uns an das, was der hochselige Herr Doktor gesungen hat: Nehmen sie uns den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib, Laß fahren dahin, Sie haben's kein Gewinn, Das Reich muß uns doch bleiben!« »So ist es!« sagte der Bürgermeister, erhob sich und lüftete das Barett. »Gott behüt Euch, Jungfräulein Monika; sorgt aber auch Ihr selber, daß mit dem Frühling Eure roten Wangen wiederkehren. Weshalb wollet Ihr das gute Mittel, so meine Hausfrau gegen die Bleichsucht hat, nicht nehmen? Laßt sie's doch versuchen, Herr Pastore – probatum est!« Sittsam grüßend erhob sich die Monika von ihrem Binsenstuhl und verneigte sich vor dem sich zur Tür wendenden guten, alten, dicken Hausfreunde, versicherte aber: sie fühle sich durchaus nicht krank und sei des heilsamen Mittels ganz und gar nicht bedürftig. Der Pastor begleitete seinen Gast hinaus und schritt nochmals mit ihm gegen den Fluß, über welchen sich jetzt nächtliches Dunkel gelagert hatte, hinab, um noch einmal sich die Sicherheit zu holen, daß das Wasser nicht mehr gewachsen sei. Die Monika knüpfte den zerrissenen Flachsfaden nicht wieder an. Sie faltete erst die Hände im Schoß und verbarg sodann das Gesicht in ihnen. »Ach je, deshalb hör ich nichts von ihm, deshalb weiß ich nicht, ob er tot oder noch am Leben ist. In den Krieg wird er gezogen sein – wie er es immer gesagt hat! O, nun kann er freilich Generalfeldmareschall werden gleich Herrn Schartlin von Burtenbach, von welchem der Vater vorhin sprach; aber ihm kann auch eine Kugel durch das Herz gehen wie dem Johannes oder wie dem wilden Fritz, dem einzigen Sohne der alten Christine, die nun im Siechenhause wohnt. Weh mir, und das letztere wird kommen – o Klaus, Klaus!« Wahrlich, der Eckenbrecher wußte wenig davon, wie lieb er gehalten wurde; aber ein neues Brieflein hatte er doch geschrieben, und war dasselbige auch schon unterwegs. Zu Münden verheiratete soeben Herzog Erich der Jüngere von Braunschweig seine Schwester an Wilhelm von Rosenberg, einen adeligen Herrn aus dem Böhmerland. Dieser Feierlichkeit wegen hatte der Graf zu Pyrmont einen glückwünschenden Boten an den Herzog abgesandt, und in der Tasche dieses Boten ruhte neben dem gräflichen Schreiben, welches dem stolzen, üppigen, landstreicherischen Braunschweiger galt, ein winziges Liebesbrieflein, welches der kleinen Monika Fichtner zu Holzminden bestimmt war. Mit einbrechender Nacht war der Spiegelbergsche Reiter in Stahle angekommen und hatte daselbst die Gastfreundschaft des Bruders Festus für die Nacht angenommen, nachdem er sich überzeugt hatte, daß es nicht möglich sei, das Brieflein seines Kameraden über den wilden Strom zu tragen. Ach, hätte doch die arme Monika gewußt, wie nahe ihr der Trost in ihrem Leide sei! Eine schlaflose Nacht wäre ihr dadurch erspart worden. – Fünfzehntes Kapitel Martyrium magnum Im Pfarrhause zu Stahle saß der Spiegelbergsche Reiter neben dem alten Chrysostomus, dem Bruder Festus und dem italienischen Arzt am Feuer und trocknete seine Kleider. Das Wasser war glücklicherweise nicht vollständig in die Behausung der geistlichen Herren des Dorfes eingedrungen; es spülte nur leise gegen die eine Seite der Hausmauer an; es zog sich nun bereits ein wenig zurück gegen sein gewohntes Bett. Die größeste Gefahr war vorüber. Nur den inständigsten Bitten des Vikars hatte Simone Spada nachgegeben, indem er in dieser Nacht nicht weiterzog. Es war ganz behaglich in dem Gemache. Die Magd des Pfarrhauses hatte, so gut es sich tun ließ, für eine Bewirtung gesorgt; der blinde Vater Chrysostomus nickte in seinem Lehnsessel, Franz Lindwurm, der Reiter von Pyrmont, erzählte von den Beschwerlichkeiten seines Weges, wozu auch der Arzt mancherlei hinzufügen konnte. Zu hellerer Glut schürte Festus die Flammen im Kamin auf. Ach, der Arme wußte nicht, welch ein Schmerz für ihn in der schwarzen Ledertasche, die hinter dem Stuhl des Spiegelbergschen Reiters hing, verborgen sei! Zum ersten Male im Jahre 1557 gewinnen wir Muße, uns den jungen Geistlichen wieder einmal genauer anzusehen. Was hatte der Bruder Festus den Winter über getrieben? Die bösen Zeichen, welche noch tiefer auf seiner Stirn eingegraben standen, redeten davon. Als die Regengüsse des Herbstes die fast versiegte Weser von neuem geschwellt hatten, als darauf die Decke des Eises sich über den Fluß gelegt hatte und die Bewohner der beiden Ufer zu Fuß und Wagen zueinander hierüber gekommen waren in Handel und Wandel, oder um ein freundschaftlich-nachbarlich Geschwätz miteinander zu halten, da hatte auch der Vikar öfters den Fluß gekreuzt und war zu dem lutherischen Ufer hinübergeschritten. Aber nicht bei Tage mit den übrigen Menschen, sondern In tiefdunkler Nacht. Aufgetrieben hatte es ihn mit unwiderstehlicher Gewalt von seinem Lager, und einem Diebe gleich war er, wenn alle Menschen schliefen, über das Eis geschlichen, unter welchem die Wasser des Todes wühlten. Einem Diebe gleich war er an der Mauer des Pfarrgartens in die Höhe gestiegen, um in der Finsternis den Fuß auf den Boden zu setzen, auf welchem sie im Licht des Tages wandelte. Im Schnee begraben lagen die Blumenbeete des Gartens, im Schneeschimmer leuchtete matt das Dach des lutherischen Pfarrhauses. Im Schlaf lag der Pastor Fichtner, und die Bibel war auf dem Tische neben seinem Kopfkissen aufgeschlagen. Im Schlaf lag die Monika, und unter ihrem Kopfkissen lag der eine Brief, welchen im Sommer der Fiedelmann Kaspar Wicht ihr gebracht hatte. Was wollte der Mönch Festus in dem Pfarrgarten zu Holzminden? Ja, wenn er diese Frage hätte beantworten können! Erst wann der erste Hahn rief, in der Stunde, wo die Gespenster verschwinden, verließ auch der Mönch das lutherische Ufer. Erst am linken Rande des Flusses erwachte der Unglückliche aus seinem unheimlichen Nachtwandeln. Und jetzt sollte es von neuem Frühling werden! – Der Arzt Simone Spada hatte den jungen Geistlichen den ganzen Abend hindurch aufmerksam beobachtet. Anfangs schob er das verwüstete Aussehen desselben auf die Aufreizungen und Mühen des Tages und riet ihm, sich recht bald zur Ruhe niederzulegen. Allmählich jedoch erkannte der geschickte Arzt, daß es nicht allein körperliche Erschöpfung sei, welche den Mönch niederdrücke; er erkannte, daß auch die Seele desselben krank, recht krank sein müsse, und beschloß Näheres zu erkunden vor seiner Abreise. Jetzt erhob sich Franz Lindwurm, der Bote des Grafen zu Pyrmont, und sagte: »Wahrlich, man fühlet seine Knochen, wenn man den ganzen Tag auf dem Gaul gehangen hat oder das müde Vieh hat schleppen müssen am Zaum durch den Teufelsbrei. Gebt mir Urlaub, geistlicher Herr; ich will mir eine Streu zurechtmachen im Stall neben meinem Tier. Und dann tut mir noch einen Gefallen. Schauet, hier hab ich ein' Geschrift von einem Stallgesellen, welcher besser verstehet mit der Feder umzugehen, als ich, und welcher es geschrieben hat für ein Jungfräulein drüben zu Holzminden. Ich kann nicht warten allhier, bis sich das übergewaltige Wasser und das Eis verlaufen hat, und – Ihr brauchet mich nicht so anzusehen, Herr Vikarius, es ist nichts Böses dabei! Mein Kamerade ist ein ehrlicher Gesell und will die Dirn heimführen, sobald er kann. Wollt Ihr das Brieflein bestellen oder bestellen lassen, Herr Vikarius?« »An wen ist's?« fragte Festus. Der Spiegelbergsche Reiter hatte das Schreiben Eckenbrechers hervorgeholt aus seiner Tasche und übergab es dem Mönch. Dieser warf einen Blick darauf, griff schnell nach der Stirn und stieß einen Ruf hervor, welcher den blinden Chrysostomus erweckte. »Was hast du, mein lieber Sohn? ist ein neues Unglück über unser armes Dorf hereingebrochen? Steigen die Fluten immer noch?« »Nein, nein, mein Vater!« murmelte Festus, der mühsam nach Fassung rang. »Aber zum Teufel, Herr Vikare, was ist Euch?« fragte Franz Lindwurm. »Ist Euch übel? Ihr seid schier noch bleicher geworden, als Ihr vorhin waret!« »Nichts, nichts! Es ist die Ermüdung! Es wird sogleich vorübergehen, guter Freund – ich dank Euch. Ich hab mich den Tag über allzusehr angestrengt – das wird es sein – ängstet Euch nicht um mich!« Der Arzt Simone unterstützte den Schwankenden und führte ihn zu einem Sitz. »Ich will den Brief bestellen!« flüsterte Festus und versuchte es, den besorgten Reiter anzulächeln. »Danke Euch, Herr Doktore, es ist schon vorüber. Wie doch die Ermattung so plötzlich über einen kommen kann!« »Gehet zu Bett, geistlicher Herr; Ihr sehet wirklich sehr schlecht aus – ein tüchtiger Schlaf wird Euch schon wieder auf die Beine bringen«, erwiderte Franz Lindwurm und fügte hinzu: »Erwachet morgen auch nicht zu früh. Ich will jetzt schon Abschied von Euch nehmen, daß ich Euch nicht zu stören brauche in der Frühe.« Festus drückte schwach die ihm dargereichte Hand. Noch einmal versuchte er's, sich zu einem Lächeln zu zwingen. »Und von wem ist die Liebesbotschaft, zu deren Überbringer Ihr mich machen wollt?« »Klaus Eckenbrecher heißet der Gesell. ist ein Reiter Herrn Philipps von Spiegelberg gleich wie ich. Ihr kennet den Knaben gewiß. Er wird's Euch zu großem Dank anrechnen, und ich sag Euch nochmals, daß gewiß nichts Schlechtes und Heimtückisches mit unterläuft.« »Ich will den Brief sicher bestellen; verlasset Euch drauf.« »So danke ich Euch und will dem Klaus auch davon sagen, sobald ich heimkomme von der Hochzeit zu Münden. Alles hat doch seinen Herzensschatz und gehet aufs Freien aus, Fürst und Knecht, reich und arm – 's ist ein Leiden! Ihr geistlichen Herren wisset gar nicht, wie gut ihr es habt, daß ihr euch nicht damit zu behelligen habt wie unsereiner! – Also – nochmals meine Bedankung für gute Bewirtung und Dienstwilligkeit und schlafet wohl, Herr Pfarrer, auf daß Ihr morgen frischer aus den Augen sehet als wie heute abend.« »Gute Nacht und glückliche Reise!« sagte Festus, und der Reiter schritt pfeifend zu seinem müden Roß in den Stall hinaus, bereitete sich aus einigen Strohbündeln ein Lager und schlief die ganze Nacht wie einer, welcher seine Pflicht getan hat. Der Vikarius legte das empfangene Schreiben auf den Tisch und führte den alten Chrysostomus in sein Kämmerlein. Während er aus dem Zimmer entfernt war, nahm der italienische Arzt den Brief auf und las kopfschüttelnd die Überschrift: »An die Monika im Pfarrhause zu Holzminden an der Weser. Heimlich abzugeben, auf daß der Herr Vater nicht darhinterkomme.« »Was fehlet diesem Mönche?« fragt sich Simone Spada. »Nein, nein, das war nicht bloß körperliche Ermüdung und körperliches Unwohlsein. Ich möchte wohl wissen, was diesem jungen Mönche eine solche Falte auf die Stirn gegraben hat!« Hier strich der Arzt finster über die eigene Stirn, wo er eine ähnliche Falte fühlte. »An diesem Briefe haftet das Geheimnis, welches ich wissen will!« Schnell legte er das Schreiben Klaus Eckenbrechers nieder; der Bruder Festus trat wieder ein und ließ sich dem Arzte gegenüber auf seinem Schemel am Kamin nieder. Verstohlen glitten die forschenden Blicke des Arztes zu ihm hinüber. Welch seltsames Spiel des Schicksals hatte diese beiden Männer zusammengeführt! – – »Wie glücklich das Alter doch ist«, sprach der Vikarius; »er schläft schon, und – ohne Träume wird er schlafen.« »Ich hoffe, auch Ihr werdet einen guten Schlaf tun auf einen solchen schweren Tag wie der heutige«, meinte der Arzt. »Ich hoffe es auch!« sagte Festus seufzend. »Aber Ihr selbst werdet jetzt der Ruhe bedürfen, mein freundlicher Helfer in der Not! Soll ich Euch Euer Gemach zeigen? Ihr werdet freilich, wie schon gesagt, vorliebnehmen müssen; selbst in ruhigeren Tagen bietet unser armes Dach nicht viel Bequemlichkeiten, und heute habe ich noch einige der obdachlos gewordenen Familien darunter aufnehmen müssen.« »Wenn Ihr wüßtet, welche seltsame Nachtquartiere mir auf meinem Lebensweg zuteil geworden sind, Ihr würdet gewißlich Euere Worte und Entschuldigungen sparen«, sprach lächelnd der Arzt. »So kommet.« Der Bruder Festus führte seinen Gast in das obere Gestock des Hauses, wo sich ein noch leeres Kämmerchen befand dicht unter dem Strohdach, eingerichtet zur Benutzung für durchziehende Amtsbrüder. Hieher hatte Paul, der Diener Simones, bereits die Mantelsäcke seines Herrn gebracht und sich selbst ein Lager auf dem Fußboden bereitet. Die andern Knechte des Italieners schliefen mit Franz Lindwurm im Stall neben den Pferden. »Der Herr sei mit Euch!« sagte Festus, indem er seinem Gast die Hand drückte. »Und mit Euch – in Ewigkeit, Amen!« antwortete der Arzt, worauf ihn der junge Geistliche verließ, nachdem er die Lampe auf dem rohen Tischchen von Tannenholz niedergesetzt hatte. »Es sind böse Gewalten, die solche Furchen über solche jungen Stirnen ziehen«, murmelte Simone. »Ich will mehr davon wissen.« Er entkleidete sich, warf sich auf das harte Lager, ohne die Lampe auszublasen, und ließ sich schneller, als er dachte, von den Wassern, die unfern dem kleinen, einzigen Fenster seines Schlafgemaches vorbei rauschten, in den Schlaf lullen. Der Vikar Festus rang sich wachend die Hände wund auf seinem Lager und stöhnte: »Monika, o Monika, Monika!« So kam die Mitternachtsstunde heran. Als der Nachtwächter zu Holzminden den darauf bezüglichen Vers absang, richtete sich Simone Spada, durch die Berührung einer Hand aus dem Schlafe aufgeschreckt, erschrocken in die Höhe: »Wer ist da?« »Ich!« flüsterte eine kaum hörbare Stimme. »O, erschreckt nicht; ich bin's, Festus, der Vikar, der arme Mönch Festus!« Es war finstere Nacht, die Lampe war erloschen, unheimlich grollte und donnerte der Fluß. Der Arzt griff nach der mageren, zitternden Hand, welche nach der seinigen suchte, und drückte sie teilnehmend. »Was ist Euch, mein Freund? Ihr seid krank; sprecht, kann ich Euch helfen, so will ich es gerne tun.« »Hört mich, hört mich; ich trage es nicht länger für mich allein – Feuer um mich und in mir! – o Gott, in welche Schrecken und Qualen stürzest du deine Geschöpfe! Ich muß sprechen, ich will sprechen! Ich will zu Euch sprechen, obgleich ich Euch nicht kenne! O, seid barmherzig und hört mich an, Ihr, welcher aus einer Welt kommt, von der ich keinen Begriff habe. Morgen geht Ihr ja wieder, und in bunter Pracht wechselt das Leben um Euch, und ich bleibe hier zurück in meinem Jammer –« »Ihr liebt!« rief der Arzt Simone, und der Priester fiel neben der Lagerstatt nieder und verbarg schluchzend sein Haupt in den Kissen. »Ihr liebt! Ihr liebt! Redet, redet! Gott hat uns in Wahrheit zusammengeführt. Sprecht, sprecht! Ich kenne die wahnsinnige Glut, die Euch verzehrt, die Flammen, in denen Ihr Euch krümmt gleich dem Salamander, die Ihr nur löscht mit dem eigenen Herzblut. Ihr sollt sprechen, Ihr müßt sprechen, Freund, Bruder!« Er zog den jungen Geistlichen zu sich empor und hielt ihn in seinen Armen; er fühlte das Herz desselben an dem seinigen klopfen, zu neuem Leben wachten die eigenen Flammen wieder auf, die in ihm unter leichter Aschendecke geschlafen hatten. »O, könntet Ihr ahnen«, sprach Festus, »könntet Ihr ahnen, was ich trage, seit das große Geheimnis sich mir enthüllt hat, seit es von meinen Augen gefallen ist gleich Schuppen, seit sich die Welt mir gezeigt hat, wie eine schöne Zauberlandschaft während einer Gewitternacht in einem urplötzlichen Blitzstrahl sich zeigt. Nun trage ich die tiefe Sehnsucht in mir, und in jedem Augenblick verliere ich zu tausendfacher Todesqual das, was ich nie besessen habe! Und immer ist's mir, als verliere ich das unsagbare Glück durch eigene Schuld, immer ist's mir, als brauche ich nur die Hand auszustrecken, um die Krone des Lebens zu ergreifen und sie mir auf die Stirn zu drücken. Und der böse Geist steht neben mir und zählt die Sekunden eine nach der andern, tagelang, nächtelang, und jeder Schlag meines Herzens ist Qual, grenzenlose Qual in der Zeit und Verderben und Verworfenheit in der Ewigkeit! O Gott, Gott, du weißt, wie ich gefleht habe zu dir und allen deinen Heiligen; o Gott, Gott, erlöse mich von der Pein, sende mir Ruhe, Ruhe! Wie sie durch die finsteren Wolken meiner Seele schwebt in all ihrer Lieblichkeit! Die Sonne strahlt golden durch ihre goldenen Locken, und sie lächelt und weiß nicht, welches Verbrechen an einem Menschenwesen durch ihre Schönheit verübt wird! Keine, keine Rettung im Himmel und auf Erden! O, du fremder Mann aus der Welt der Lebendigen, der sie auch angehört und ich nicht, sage: fallen solche Qualen auch auf euch? Sprich, wie wehrt ihr euch, daß euere Seelen nicht in Wahnsinn versinken?« »Wohl kennen wir dieselbe Pein, Armer! O, Bruder Festus, schrecklich ist's, den Wahnsinn fürchten zu müssen; aber noch schrecklicher ist's, wenn man auf ihn hofft wie auf den einzigen Retter. Ich habe geliebt wie Ihr, Festus, und – niemand konnte auch mir helfen.« »Drüben im Lande der Ketzer wohnt sie. Der wilde Strom rollet seine Fluten zwischen uns. Verloren ist ihre Seele in alle Ewigkeit, sagt die Lehre unserer Kirche.« »Und sie weiß von deiner Liebe, Festus?« »Nein, nein, nein!« rief der Mönch. »Hast du's nicht gehört? Einen andern liebt sie! Morgen will ich ihr den Brief, auf den sie harrt, durch die Fluten und die Eisschollen tragen.« »Und sie ist würdig, geliebt zu werden? Sie ist nicht bloß ein schönes falsches Blendwerk?« »Sie ist rein wie Gottes unschuldigste Engel – wer zweifelt daran?« rief der Mönch wild. »Glücklicher, Glücklicher!« murmelte Simone Spada. »Festus, Festus, glaube mir, du trägst noch nicht den schlimmsten Schmerz! Dein Herz mag dunkel sein; aber ein heller Stern, der Glaube an die Reinheit, an die teuere Herrlichkeit des selbstgeschaffenen Idols leuchtet noch darin in unbeflecktem Glanze. Mag sie einem andern angehören, sie hat dir nicht das Wort gebrochen! Sie hat nicht an deiner Brust geruht und dich verraten in ihren Küssen! Sie hat dir nicht weinend gesagt, daß sie dich liebe – im tiefsten Innern frohlockend über die gräßliche Lüge!« »Und solches ist Euch geschehen, und Ihr lebet?« »Solches ist mir geschehen, und ich lebe! Wohl ist mir das Dasein farblos und leer – wohl habe ich die Tramontana, den hellen Stern, welcher uns über die Wogen des Lebens leitet, auf Ewigkeit aus dem Gesicht verloren; aber – ich lebe und ich – will leben!« Ein tiefes Schweigen folgte diesen Worten Simones. Draußen donnerte fort und fort der Strom, und der Bruder Festus hob das Haupt von der Brust des Arztes. Endlich sagte er: »Hörst du? – Horch! Das ist die schreckliche Stimme des Verhängnisses! Sie ist immer in meinen Ohren, bald leise flüsternd, bald donnernd wie jetzt! ... Ich will gehen, wer kann mir helfen?« Simone Spada drückte dem Mönch schweigend die Hand, aber er hielt ihn nicht zurück. Was konnte er ihm sagen? Mit geheimem Schauder horchte er, wie die schleichenden Fußtritte des Bruders Festus sich entfernten und die Tür leise sich schloß. »Unselig Verlorener!« murmelte er und fügte hinzu: »O Fausta, o Fausta La Tedesca!« – Am andern Morgen ritt Franz Lindwurm, der Bote des Grafen von Pyrmont, vor Tagesanbruch weiter gen Münden zur Hochzeit des Herrn von Rosenberg und der schönen Katharina von Braunschweig. Der Arzt Simone Spada, noch einmal aufgehalten auf seinem Wege ins Vaterland, blieb fürs erste noch im Pfarrhause zu Stahle und sendete nur seine Diener weiter gen Nürnberg. Nur den Paul behielt er bei sich. Sechzehntes Kapitel zeigt, wer der Monika Fichtner den zweiten Brief des Spiegelbergschen Reitersmanns, Klaus Eckenbrechers, zustellte. Am dritten Tage nach der im vorigen Kapitel beschriebenen Nacht brach die Sonne wieder durch die Wolken; ein Kahn schaukelte über die immer noch aufgeregten Wellen der Weser von Stahle nach Holzminden hinüber. Der Knecht des katholischen Pfarrhauses regierte die Ruder, Simone Spada stand aufrecht in dem gebrechlichen Schifflein und schaute, die Hand über die Augen haltend, nach einer Mädchengestalt auf einer der Mauern des lutherischen Ufers. Simone Spada trug das Brieflein des Klaus zur Monika; der Vikar Festus war krank und konnte sein Lager nicht verlassen. Bald erreichte der Kahn das rechte Ufer und landete am lutherischen Pfarrgarten. Simone sprang ans Land. »Gott grüß Euch, Signorina. Seid Ihr die Monika Fichtner, welche einen Brief erwartet aus der Ferne?« Das erschrockene Mägdlein vermochte ob der unerwarteten Frage kaum den Gegengruß und die leise bejahende Antwort auf die Frage hervorzubringen. Noch mehr erschrak sie fast, als ihr der fremde Mann das Brieflein hinaufreichte auf ihre sichere Höhe. Kaum wußte sie, ob sie es nehmen oder ob sie davonlaufen sollte. »Von dem Schatz in der Ferne!« sagte lächelnd Simone, und mit einem Schrei griff das Jungfräulein nach dem gefalteten Blatte und barg es erglühend im Busen. Sie mußte sich, um das Schreiben zu nehmen, niederbeugen, und der Arzt hatte die beste Gelegenheit, ihr in das liebliche Gesichtchen zu schauen. Eine der blonden Locken des Kindes berührte seine Hand. Also das war die, welche den Bruder Festus verzaubert hatte, wie er selbst durch die Fausta verzaubert worden war. Der Arzt mußte sich gestehen, daß er noch nie etwas Anmutigeres gesehen habe. So war ihm die Liebe in der Fausta nicht erschienen! »Armer Festus!« dachte er. »Dank, Dank! O, Gott segne Euch!« rief Monika. »Mit wem sprichst du da, Monika?« fragte eine andere Stimme. Das graue Haupt des Pastors erschien neugierig forschend über der Schulter seiner Tochter. Der Arzt kam schnell der tödlichen Verlegenheit des jungen Mädchens zu Hülfe, indem er den Alten höflichst grüßte und sagte: »Ich bin ein Reisender und wurde an jenem Ufer durch den großen Eisgang aufgehalten. Ich bin ein Arzt, und da den Vikarius drüben die übermächtige Anstrengung bei der Bändigung der Weser auf ein bös Krankenlager niedergeworfen hat, so bin ich herübergefahren, Herr, um in Euerm Städtlein nach Heilmitteln zu suchen, welche mir drüben allgesamt mangeln. Ich wollte Euch um Rat ersuchen und erkundete soeben den Weg zu Euch von Euerm Töchterlein, ehrwürdiger Herr!« Der gewandte Redner blickte während dieser Rede verstohlen nach der Monika, aber diese hatte die Hand auf den Busen gelegt, auf die Stelle, wo der Brief Eckenbrechers im heimlichen Versteck lag. Ihr Auge glitt mit unbeschreiblichem Glanze einem Schwarm silberfarbiger Tauben, welche in der blauen Luft ihre ersten Frühlingsspiele trieben, nach. »Armer Bruder Festus!« dachte abermals Simone Spada. »Seid mir gegrüßt, Herr Doktore!« sprach Ehrn Valentin Fichtner. »Tretet ein bei mir; ich will Euch nach Kräften behülflich sein, daß Ihr bei uns findet, was Ihr suchet.« Er öffnete dem Arzt die Gartentür und führte ihn ins Haus unter teilnehmenden Erkundigungen nach dem Befinden des Vikars. Als die Monika sich allein sah, atmete sie aus voller Brust auf, zog schnell den Brief aus seinem süßen Versteck hervor und erbrach ihn mit zitternden Händen. Lange dauerte es, ehe sie durch die hervorbrechenden, erleichternden Tränen einen Buchstaben erkennen konnte; aber noch länger dauerte es, ehe sie irgendeinen Sinn in das tolle Gekritzel des Spiegelbergschen Reiters brachte. Dreimal überflog sie das Schreiben vom Anfang bis zum Ende. Er lebte noch, er war ihr noch treu, und einen Brief hatte der Kaspar Wicht verloren, das wußte sie dann; aber was und wie er eigentlich geschrieben hatte und was der Brief außer den beiden großen Hauptsachen weiter enthielt, solches zu fassen, mußte sich ihr Herzklopfen doch noch mehr legen. Und jetzt rief gar der Vater! Und man sah es ihr gewiß an, daß sie geweint hatte! Und wieder rief der Vater, und sie mußte dem Ruf folgen – antworten! In ihrem Köpfchen drehete sich alles und alles tanzte um ihr und in ihr. Aber er lebte ja, er war treu! Sie war so glücklich, so überglücklich, so unsäglich glücklich! »Gleich, gleich, liebster Vater!« Sie trocknete die Augen und eilte dem Hause zu. »Bring einen Trunk und einen Imbiß!« rief ihr der Pastor oben von der Treppe zu. Wie gut doch der liebe Gott war! Nun konnte sie auch noch verweilen in der Küche und in dem Keller, daß der Vater sich nicht zu ängstigen brauchte über ihre roten Augen und ihren fliegenden Atem. Wie wohl der Klaus an den fremden, ausländischen Mann gekommen war? War es nicht seltsam, daß er einen so vornehm dreinschauenden Boten senden konnte? Der gute Bursche! O nun war alles, alles gut! Recht töricht war es doch gewesen, sich so zu ängstigen! O der böse Geigenkaspar! Wie hatte sie nur denken können, daß der Klaus sie vergessen würde? Ach, wenn der Vater ihm nur nicht so böse wäre, sie könnten alle, alle so glücklich sein; aber – nun, der liebe Gott ist ja gut, und er wird ja wohl ein Einsehen haben; die Hochzeitsmusik wird erschallen und die Myrte ihre schönsten Zweiglein hergeben zum Brautkranz! ... Der Arzt Simone Spada aus Bologna schaute ganz verwundert ob dem Glanz, der von dem Angesicht der Jungfrau ausstrahlte, als sie ihm das silberne Ehrenkrügel des Hauses bot. Auch der alte Fichtner fragte sich innerlich: »Was hat die Dirne? Was ist dem Mägdlein begegnet, seit es heute Tag geworden ist? Nun, der Herr sei gepriesen, wenn seine Frühlingssonne solchen Einfluß auf ihre Wangen und Augen hat! Wahrlich, ganz verändert ist das Mägdlein!« Bereitwillig hatte der Pastor dem fremden Arzte seinen ganzen Vorrat von Hausmitteln, Spiritibus, Arcanis, Kräutern, Tinkturen, kurz allen Medikamenten, welche ein vorsorglich eingerichtetes Haus jener Zeit darzubieten hatte, zur Verfügung gestellt. Er führte ihn dann auch zu dem einzigen Jünger Äskulaps, welchen das Städtchen Holzminden aufzuweisen hatte, dem Meister »Balbierer«, welcher den Fremden aber ein wenig mißgünstig und schnöde ansah. Jedoch gab er, wenn auch murrend, einige gebrannte Wasser heraus zusamt seinem Aderlaßapparat. Mit alledem beladen schiffte Simone Spada über den Strom zurück, und Ehrn Valentin Fichtner begleitete ihn willigen Herzens. Erleichternden Herzens aber sah Monika den Kahn über die blinkenden Wogen tanzen. Nun durfte sie ohne Furcht, gestört zu werden, ihren Schatz von neuem hervorziehen und mit Muße nachschauen, was der Klaus eigentlich schrieb. Scheu, in lieblichster Schamhaftigkeit, wich sie dem Sonnenstrahl aus, welcher durch das Fenster in das Gemach fiel, in das dämmerigste Eckchen zog sie sich zurück und las: »Allerliebstes Herzlieb, wir reiten, wir reiten, wir reiten! Wir sind gesattelt und gespornt und stehen schon mit einem Fuß im Bügel! Daß es doch das liebe Glück so gut mit einem Taugenichts meinen kann! Um Pfingsten sind wir schon im Feld mit dem Wrisberger. Dreißig Fähnlein Knechte und etlich Reiterfahnen sammelt er, und wir ziehen ihm zu, der Graf zu Pyrmont mit Wagen, Roß und Mann, und ich mit, gegen die Hispanier. Wir reiten in Flandern, allwo der große Krieg schon losgehet. Es ist allhier auf dem Schloß ein lustiger Lärm mit Waffenputzen und Zureiten der Rosse und allem, was sonsten darzu gehöret. – Daß ich Dir erzähle: es ist hier zu Pyrmont ein fürnehmer Herr ankommen, genannt der Ritter von Kamplan. Solchen hat der Wrisberger hergeführt, auf daß er meinen Grafen aufbiete ins Feld gegen die Spanier. Nun war freilich im Anfang der Trunk meinem Herrn Grafen sauer, und wollte er nicht recht dran, aber nun will er, und alle Leute sagen, daran sei nur die schöne fremde Maid, die Fausta, welche der blinde Zauberer im vorigen Jahr vom Teufel befreiet hat, schuld. Sie gehet immer noch um allhier auf dem Schloß, hat auch große Macht, und ich will es dahingestellt sein lassen, ob Wahres an dem ist, was die Leute schwatzen. Früher mochten wir alle im Stall und in der Küche sie nicht; aber wenn sie unsern gnädigen Herrn Philipp wirklich herum- und in den Krieg gebracht hat, so hat sie nun doch ein gut Werk getan. – Dem Wichtelkaspar hab ich einen Tritt gegeben. Er hat gestanden, daß er den Brief verloren hat, den ich Dir um Sankt Gallus schrieb. Da könnt ich wohl auf Antwort harren! Es ist hier jetzt am heiligen Born keine Menschenseel zu finden, das große Getümmel hat sich verlaufen wie Wasser durch ein Sieb. – Der Schloßkaplan Bellin hat mir auf der Landkarten anzeigen müssen, wohinaus das Flandern eigentlich lieget. Ach, der Weg gehet leider Gottes nicht durchs Städtlein Holzminden und nicht vorüber an Eurer Gartenmauer. Juchhe – aber der Rückweg! Sperre nur die Augen auf, Herzlieb – heut übers Jahr sind wir Mann und Frau! In der Neujahrsnacht hab ich um Mitternacht aus einer Büchsenkugel das Blei gegossen, und es sind zwei verbundene Herzen daraus worden. O wie hab ich mich gefreuet über solches gute Vorzeichen! Dem Herrn Vater wird es wohl auch lieb sein, daß ich gegen die Spanier ausziehe – meinest du nicht, Monika? Ich weiß, er hat eine große Tücke auf sie, und Euern Johannes haben sie ja auch erschossen. Drunten in Flandern soll die allerherrlichste Beut zu machen sein, sagen die Alten, welche schon einmal dorten waren. Die Leute sind allda so reich, daß sie ihre Stuben mit eitel Silbergülden pflastern, und die Bettlermäntel sind aus lauter Sammet und Seide zusammengeflicket. Heiliger Gott, wenn ich doch einmal auf solchen Silbergüldenfußboden den Fuß zuerst setzte! Das sollte eine Lust werden, Monika.« Hier unterbrach die Lesende plötzlich ihre Lektüre, ließ den tollen Brief halb erschrocken in den Schoß sinken und seufzte: »Ach du lieber Gott, das mag alles wohl so sein und ist auch recht gut; aber in Flandern sind auch die allerschönsten Mädchen – solches stehet schon im Liede! – , wie leichtlich mag das ein Unglück geben; ach, es würde mir das Herze abstoßen!« Von neuem nahm sie das Schreiben des Liebsten auf und las weiter: »Auch gibt es in Flandern die allerköstlichsten Schätze, so man aus fernen Weltteilen als wie aus Asia und Africa auch India bringet, denn um das ganze Land fließet das große Weltmeer. Aber über das Weltmeer brauchen wir nicht zu schiffen, um hineinzukommen, und das ist auch recht gut. – Wann ich ihn lassen kann, so will ich Dir einen Affen heimbringen oder einen Papagoyenvogel. Einen schwarzen Mohrenmenschen zu erbeuten, darauf steht mein ganzer Sinn. Ihre kurfürstlichen Gnaden von Brandenburg ließen sich von einem solchen kohlpechrabenschwarzen Ungeheuer die Schleppen tragen, und mein ich, es würde sich gar hübsch lassen, wenn hinter meinem lilienweißen und rosenroten Herzlieb auch solch ein schwarz Ding herzöge. – Herzallerliebste Monika, weine nur ja nicht deine Augen rot, weilen ich in so ferne Länder ziehe; wenn ich in Holzminden geblieben wäre, würd ich dich nimmermehr erangeln mit Fischfangen und fangen mit Vogelstellen. Du bleibest ewiglich mein alleredelst Vögelein und Fischlein; aber Du mußt mich lieb behalten in Deinem Herzen und kein falsch Wort und Werk zwischen uns aufkommen lassen nun und nimmer.« An dieser rührenden Stelle ankommend, ließ die kleine Monika den Brief zum zweitenmal in den Schoß sinken, und abermals seufzte sie recht tief. Aber dieses Mal lächelte sie trotz ihrem Geseufz und sagte: »Nein, nun und nimmermehr! Ach, der gute Knab!« Und abermals senkte sie ihr holdes Näselein herab auf das Schreiben, welches also seines wunderlichen Weges weiter lief: »Wie ich Dir schon geschrieben habe, heißet Fausta die fremde, stolze Maid, so hier auf dem Schloß umgehet, und ich glaube doch, daß sie den Grafen, meinen Herrn, verhext hat. Ich möcht mich wahrlich nicht trauen; meinem Grafen alles das zu sagen, was die Leut auf den Dörfern und zu Lügde über ihn und die Maid in die Ohren flüstern. Und der Kamplan steckt mit der Fausta unter einer Deck, das ist fest und sicher, und ich weiß recht gut, wer stockblind ist und die Leute hängen lässet, wenn sie ihm die Augen öffnen wollen! – Hab neulich einen wandernden Pfaffen aus Paderborn predigen hören mit großem Wunder. Redete er auch von den bösen Geistern und ihrer Macht, und sagte er aus: im Anfang habe der Herrgott das ganze Gezücht in einer großen Tonne verschlossen gehalten und den Luzifer, der damalen noch ein allerheiligster Erzengel gewesen, darauf als Wacht gesetzet, auf daß kein Unhuld ausschlüpfe. Aber die Bösen seien so fein, daß sie durch die allerengste Ritze aus- und eingehen könnten, und so sei das große Unglück geschehen, daß sie allesamt eines Tages in den heiligen Engel fuhren, als er bei greulich heißer Witterung auf seiner Tonne eingeschlafen war. Da sei der Luzifer vom schrecklichen Bauchgrimmen aufgeweckt und habe einen greulichen Tanz im Himmel angefangen, habe Töpfe und Pfannen, Sessel, Tische und Bänke zerschmissen und sei umhergesprungen wie ein Verrückter. Kein Mittel habe anschlagen wollen, und endlich sei dem lieben Gott nichts übrig geblieben als das letzte Mittel – er habe also den Luzifer aus dem Himmel und der ewigen Seligkeit herausgeworfen, als worauf solcher in dem grausamen Fall wohl einen Teil des bösen Gezüchtes von ihm gegeben habe, einen andern Teil aber auch habe im Leibe behalten müssen. – Nun hätte ich wohl gewünschet, daß der Herr Vater, der Herr Pastore, diesen Pfaffen hätte predigen hören, das würd ein schöner Lärm in dem Waldkirchlein worden sein! – Doch was ich sagen wollt – ich glaub, wenn aus der Fausta ein Teil der bösen Geister ausgetrieben ist vom blinden Zauberer, so ist doch ein nicht kleiner Teil zurückgeblieben in ihr. Wer solches doch meinem Grafen sagen wollt! ... Was schwatz ich doch für töricht Zeug, wenn ich von Rechts wegen heulen sollt vor Herzbrechen, weilen ich Abschied nehmen muß von meinem Lieb und in den Krieg ziehen muß! Aber ich bin so froh und so voller guter Hoffnung, daß die Monika nun binnen kürzester Frist meine eheleibliche Frau ist, daß ich um alles Unglück in der Welt nicht zu heulen vermöcht. Also soll es darbey verbleiben: frisch Herz und Blut und frommen Mut, bis der Klaus in Ehren wiederkehrt und die allersüßeste Braut heimholt! Franz Lindwurm, mein Reitersgesell, so gen Münden zur Hochzeit fahrt, bringt dieses Brieflein von dem Klaus Eckenbrecher,        dem Kriegsmann und Bräutigam. In diesem Jahr 1557 am 25sten des Hornung. Um eines schönen Mägdleins Kranz Setzt Klaus sein Blut an jede Schanz; Um eines schönen Mägdleins Kuß Wagt Klaus sein Blut zu Roß und Fuß.« »Eia!« jubelte Monika über diesen Schlußvers, ließ aber in demselben Augenblick zum dritten und letzten Mal den Brief des hoffnungsreichen Eckenbrechers in den Schoß sinken und setzte klagend hinzu; »Ach lieber, lieber, lieber Gott, so ist es denn also fest und sicher, und er gehet wirklich in den abscheulichen Krieg! ... Der arme Knab, er tut es doch nur um meinetwillen! ... O mein herziges Reiterlein, wenn nur – ach Himmel, da ist der Vater schon wieder. Man hat doch nimmer ein ruhig Stündlein. Ach Klaus, Klaus, brich mir das Herz nicht um einen Affen oder Papagoyen oder einen schwarzen Mann oder um einen Haufen Silber und Gold! ... Wahrlich, der katholische junge Pastor zu Stahle muß recht krank sein, der Vater schaut gar betrübt aus. Wenn ich nur wüßt, was ich eigentlich gegen den jungen katholischen Pastor hab? Gott verzeih mir die Sünd; wenn ich nur wüßt, weshalb ich den Herrn Vikarius gar nicht leiden mag! O Gott, 's ist mir im tiefsten Herzen, als könnt ich nicht im kleinsten trauern über ein Unglück, so ihn überkäme!« – – Der Pastor Valentin Fichtner kehrte wirklich recht betrübt heim von seinem Besuch im Pfarrhause am linken Ufer der Weser. Die geistige und körperliche Hinfälligkeit des uralten, blinden Chrysostomus war ihm schwer auf sein mutig Herz gefallen; mit warmem, christlichem Mitleid hatte er die heiße, fiebernde Hand, welche ihm der kranke Vikar Festus von seinem ärmlichen Lager entgegenstreckte, gedrückt. Traurig sah es in dem katholischen Pfarrhause aus. Öde und leer waren alle Räume desselben, denn die Bewohner hatten sich längst jedes irgend überflüssigen Hausrates entschlagen, um die Not ihrer Pfarrkinder während der vergangenen harten Zeit zu lindern. Dem Wort der Heiligen Schrift: Verkaufet, was ihr habt, und gebet Almosen – hatten sie buchstäblich Folge geleistet, so daß jetzt ein jeder nur das Gewand besaß, welches er auf dem Leibe trug. Längst hatten die armen Weiblein des Dorfes die überzähligen Röcke ihrer geistlichen Herren zu Röckchen für die nackten Kinder verschnitten und vernäht. Wackere Herzen schlugen unter den beiden übrig gebliebenen groben Kutten! Nur für die Kranken und Kinder des hungernden Dorfes hatten die Ziege und die Kuh des Pfarrhauses ihre Milch hergegeben; ach, und jetzt gehörte der arme Bruder Festus selbst zu den Todkranken! Auf seinem Bett lag er regungslos, hohlwangig, mit halbgeschlossenen Augen, und »niemand konnte ihm helfen«. Kopfschüttelnd stand der Pastor Fichtner mit dem Arzt Simone neben ihm, und der mitleidige Blick des Lutheraners wanderte von dem jungen Mönch zu dem blinden alten Mönch und wieder zurück. Der Vater Chrysostomus erkannte die Stimme seines Jugendfreundes nicht mehr und vergaß den Namen desselben im nächsten Augenblick. Zusammengebrochen saß er neben dem Lager seines Vikars, und er legte seine kalte Hand auf die glühende Stirn desselben, als glaube er, auf diese Weise das wilde Feuer, welches unter dieser Stirn loderte, löschen zu können. In seinem Halbschlaf fühlte der Bruder Festus diese eisige Hand. Sie ängstigte ihn, als sei sie die Hand des Todes, aber Kraft sie abzuschütteln hatte er nicht. Dann und wann durchschauerte ihn eine Ahnung von der gräßlichen Ironie, welche in dieser eiskalten Hand des Alters auf dem jungen glühenden Scheitel verborgen lag. In einem heisern Gelächter machte sich diese Ahnung Luft, in einem Gelächter, welches den Pastor Fichtner besorgt fragende Blicke auf den Arzt Simone Spada werfen machte. Einen bessern Arzt für das Leiden des Bruders Festus, als Simone Spada war, hätte man nirgends in der weiten Welt gefunden, und – Simone Spada zuckte die Achseln! Was konnte hier seine Kunst, was konnten hier des Meisters Balbierers Arcana und des Pastors Fichtner Hausmittel helfen? Aber ein ganzes Schifflein voll Lebensbedürfnisse sandte Ehrn Valentin nach seiner Heimkunft dem katholischen Pfarrhaus über den Strom. Daß allerlei Geschwätz in der eigenen Gemeinde über solche Mildtätigkeit entstand und daß die männlichen und weiblichen Frau-Basen ein großes Geschrei darob erhoben, kümmerte den Ehrenmann nicht im mindesten. Unbefugten Stänkern und Kläffern wußte der Pastor Fichtner trefflich heimzuleuchten. Allen überfrommen Vermutungen eines Teils seiner Gemeinde zum Trotz schlief er in der folgenden Nacht recht gut und wurde nicht einmal durch irgendeinen neckenden Traum gestört. Dagegen träumte sein Töchterlein desto mehr, jedoch waren ihre Träume keineswegs unlieblich und beängstigend. Einen Ritter in silberner, funkelnder Rüstung erschaute sie. Die Weser lag hell im Sonnenschein, und über die glitzernden Fluten schritt leicht das weiße Roß des Ritters, ohne seine Hufe naß zu machen. Ein langer Zug von Mohren schwebte hinter dem schönen Ritter drein, und ein jeder schwarze Mann trug ein köstlich Ding aus den fremden Ländern. Viel Trommetenklang und Jubelruf vernahm die kleine Monika Fichtner bis zum dritten Hahnenschrei. Dann erwachte sie urplötzlich, als eben der Ritter unter der Gartenmauer seinen Schimmel anhielt und die Hand erhob, um das Helmvisier zurückzuschlagen – – verschwunden war das herrliche Traumbild, und es fühlte die schlaftrunkene Maid nach, ob die zwei Brieflein des Klaus sich noch unter ihrem Kopfkissen befänden! Siebzehntes Kapitel Wie der italienische Arzt Simone Spada seine Lebensgeschichte und die Geschichte der schönen Fausta erzählte, und was darnach erfolgte. »Ihr habt mich neulich gefragt, armer, kranker Freund, ob man in unserer Welt, der Welt, welche Ihr nicht kennet, auch von so schlimmen Qualen, wie sie Euer Herz bedrängen, wisse. Wohlan, die Stunde ist gekommen, wo ich Euch die Geschichte erzählen mag, welche Euch Kunde davon geben soll. Wenn ich fern von Euch sein werde, möget Ihr daran gedenken und sie Euch wiederholen in den Augenblicken, wo Ihr vermeinet, das Dasein nicht mehr tragen zu können. Wohlbedachtsam hab ich diese Erzählung Euch und mir aufgesparet für die letzten Stunden, welche wir miteinander zubringen, Festus. Es ist Feuer, was ich auf die brennende Wunde legen muß – – wollet Ihr mich hören, Bruder Festus?« Es war in der Nacht von dem vierundzwanzigsten auf den fünfundzwanzigsten März des Jahres 1557, als der Arzt Simone Spada aus Bologna also zum Vikarius Festus im Pfarrhause zu Stahle sprach. Sie saßen einander in der zehnten Stunde gegenüber am Kamin; denn seit einigen Tagen hatte sich der junge Mönch von seinem Krankenlager wieder erhoben, freilich ohne gesundet zu sein. Kränker, ruheloser, unglücklicher, verlorener als je war er; aber er wandelte umher, ging den Pflichten seines Amtes nach, und jedermann außer dem Arzt Simone war der festen Meinung, der Frühling, dem man alles klagen darf – »was einem der Winter hat Leids getan –« werde die vollständige Heilung des Vikars schon vollenden. So glaubte die Gemeinde des katholischen Dorfes, so glaubte der Pastor Valentin Fichtner. Sie hatten keine Ahnung davon, wie anders der Lenz, welcher allen andern Kranken Trost und Hoffnung und Erleichterung bringt, solchen Leidenden wie der Bruder Festus erscheint! – Der Fluß hatte sich längst gesänftigt, sein Grollen war wieder zum leisen Murmeln geworden; der volle Mond spiegelte sich in den leis hüpfenden Wellen. Aus den Fenstern des Gemaches, in welchem sich der Arzt und der Vikar befanden, hatte man die Aussicht auf einen Abschnitt der glänzenden Wasserfläche der Weser und auf einen Teil der Dorfgasse, die gegen die Fähre hinabführte. »Wollet Ihr mich hören, Festus?« fragte Simone Spada, und der Vikarius nickte. »Ich will, ich will es gern! Morgen gehet Ihr fort, und niemalen werd ich Euch wiedersehen – Euch, den einzigen Menschen, welchem ich meine Seele öffnen konnte, welchem ich keinen Winkel meines Herzens verschlossen gehalten habe.« »Ja, Euer Herz hat Euch sicher geleitet; von allen Menschen auf dieser Erde war ich vielleicht der einzige, welcher Euch verstehen konnte, armer Bruder Festus, weil ich ähnlich gelitten habe wie Ihr, weil Ihr mir seid gleich einem Spiegelbild meines eigenen Ichs.« Der Vikar reichte dem Arzt die magere Rechte über den Tisch: »O redet – denket, wie kurze Stunden wir noch Zusammensein werden! Erzählet mir alles von Euch, den der Herr in seiner Gnade dem großen Sünder gesendet hat.« Die Stirn mit der Hand stützend, begann Simone Spada: »Welche seltsame Dinge haben geschehen müssen, um mich, das Kind des Südens, mit Euch, Bruder Mönch, an diesem Tische zusammenzuführen! Weit, weit zurück in die Vergangenheit muß ich greifen, um die ersten Fäden auszufinden, welche durch die Jahre bis in die heutige Nacht hinüberlaufen. – Es ist aber also geschehen! Vor langen Jahren wohnte in einer Euerer nordischen, großen und reichen Städte ein Mann, entsprossen aus edlem Patriziergeschlecht, wohlbegütert und von großem Ansehen in der Gemeinde. Sein Name war Martin Meyenberger; er war ein Witwer und besaß einen einzigen Sohn, welchen er sehr liebte. Er gab ihm die sorgsamste Erziehung und sandte ihn, als die rechte Zeit dafür gekommen war, auf eine deutsche Hochschule, damit er daselbst weiterstudiere. Ein reger Wissensdrang lebte in dem Jüngling, dessen Name Benediktus war. Mit dem glühendsten Eifer widmete er sich der Wissenschaft, welche er sich erkoren hatte, der edlen Medizin, ohne daß er jedoch seine anderweitige Ausbildung vernachlässigte. Herrlich an Geist und Körper wuchs er heran – in meinem Vaterhaus zu Bologna hänget ein jugendlich Bildnis von ihm, gemalt von einem deutschen Meister, das gibt Kunde davon – immer vorwärts trieb ihn die heilige Flamme des Wissensdranges, welche in seiner Seele angezündet war. – So mußte endlich der alte Vater den Bitten des Sohnes nachgeben und ihn ziehen lassen nach meinem Vaterland Italia, nach meiner Vaterstadt Bologna, in welcher damals mein Großvater Matteo Spada ein berühmter Lehrer der Chirurgie war. – In dessen Haus – jetzo ist es das meinige – zog nun Benediktus und schloß daselbst eine Herzens-Freundschaft mit dem Sohne des Matteo, mit Antonio Spada. Der war mein Vater und ist nun auch lange tot. Tot ist Matteo Spada, tot Antonio Spada, zu Osnabruga hab ich jetzt auch den alten Benediktus begraben! Tot ist meine Mutter, tot ist Lydia Santoni, welche die Frau des Benediktus war! – – Neben meinem väterlichen Haus, dicht an der großen Kirche San Domenico wohnte die Lydia mit ihrer Mutter, und so kam es, daß der deutsche Scholar sie täglich sah und in heißer Liebesglut gegen sie entbrannte. Als seine Zeit in meinem Vaterlande um war, gestand er der Lydia seine Liebe, und sie zog mit ihm als sein eheliches Weib in seine nordische Heimatstadt. Als sie nach langer Fahrt daselbst ankamen, erwartete den Benedetto ein großer Schmerz. Der alte Vater Martino war gestorben, ohne daß er seinen vielgeliebten Sohn wiedererschaut hatte. Aber das Volk – reich und arm – bewillkommnete den aus der Fremde heimkehrenden Benediktus mit Freuden und nahm ihn und sein Gemahl auf in großen Ehren; bald ward er ein gar berühmter Arzt in der Stadt und hatte viel Zulauf aus der Nähe und aus der Ferne. In Friede und Eintracht lebte der Benedetto nun mit der Lydia, seinem Weibe, mehrere Jahre hin; doch ward ihre Ehe anfangs nicht mit Kindern gesegnet, und zuletzt überfiel die Lydia ein schweres Übel, das Heimweh nach dem Süden, welches mit jedem deutschen Winterschnee stärker wiederkehrte. – Da ward endlich den Eltern ein Kind geboren, das nannten sie Fausta, die Glückbringende; aber das Mägdelein brachte kein Glück. Ein schauerlich Trauerspiel war jetzt nahe vor der Tür! Nach langen, langen Wanderungen in allen Landen der Welt war der große, berühmte Arzt Theophrastus Paracelsus von Hohenheim, arm und elend, überall verfolgt von der Dummheit, dem Neide und der Mißgunst, heimgekehrt nach Deutschland und hatte endlich, endlich eine Zuflucht gefunden bei dem Fürstbischof von Salzburg, dem guten und gelehrten Pfalzgrafen Ernst, Herzog zu Bayern und bei Rhein, welcher den vielgeprüften, edlen Dulder mit offenen Armen aufnahm. – In Salzburg an der Brücke stehet das Haus, in welchem der hochweise Paracelsus starb kurze Zeit nach seiner Heimkunft aus der Fremde – und, bei Gott, die mögen wohl recht haben, welche da sagen: er sei keines natürlichen Todes gestorben! Zu dem Theophrast zog es nun mit unwiderstehlicher Gewalt den Arzt Benedetto Meyenberger; zu den Füßen des großen Mannes zu sitzen, seinen Worten zu lauschen, war der höchste Wunsch seines Lebens. Und so ließ der Verblendete sein Weib und sein achtjährig Töchterlein und machte sich auf den Weg gen Salzburg, sein Wissen und seine Kunst zu mehren. Aber im folgenden Jahre bereits, als man schrieb: eintausendfünfhundertundeinundvierzig, ist der weise Meister Paracelsus gestorben – erlegen der Mörderhand abergläubischen Pfaffentums oder heimtückischer Kunstgenossenschaft. Wenige sind seinem Sarge in Trauer und Wehmut gefolgt zum Leichenhof Sankt Sebastian, allwo er seine letzte und einzig sichere Ruhestätte gefunden hat. Unter den wenigen, welche dem großen Doktor das letzte Geleit gaben, schritt natürlich auch der Benediktus Meyenberger einher, welcher nunmehr seine Heimfahrt zu Weib und Kind antreten konnte, wie denn auch geschah. Ein großes Schrecknis erwartete ihn daheim! Seine Abwesenheit hatte die Schande benutzt, um sich in sein Haus zu schleichen. Sie hatte darin genistet, bis des Benediktus ehrbare Mitbürger dem häßlichen Wesen ein Ende machten, indem sie es aus ihrer Mitte verscheuchten. Ein ödes Haus, ein entehrtes Haus erwartete den Heimkehrenden. Mit einem vom Adel aus der Stadt Florenz, welcher mit dem Kaiser Karl dem Fünften nach Deutschland gekommen war, war die Lydia, des Benedettos Weib, vor dem Zorn, der Entrüstung der Nachbarn aus dem Heimwesen ihres Gatten geflohen! Treue und Eid hatte sie dem angetrauten, wackern Mann gebrochen, gefolgt war sie dem falschen Verräter, und ihr Kindlein hatte sie mit sich genommen auf die Flucht. Da ist der Benediktus gleich einem Wahnsinnigen gewesen und hat alles hinter sich gelassen und ist der Spur der Flüchtigen jahrelang vergeblich durch die weite Welt nachgeeilt, bis er endlich zu Paris in einem Kirchhofswinkel das Grab des einst so heiß geliebten Weibes fand. Aber damit war die wilde, verzweiflungsvolle Jagd noch nicht zu Ende. Sein Kind, sein Kind wollte der unglückliche Vater wiederhaben; Rache wollte er nehmen an dem verräterischen Zerstörer seines Glückes! So ist der Arzt Benediktus Meyenberger abermals gen Italia gezogen und hat seinen Aufenthalt zu Bologna im Hause des Jugendfreundes, in meines Vaters Hause, genommen. Da hat sich das Verhängnis meines Lebens erfüllen müssen! Denn als der deutsche Meister Benediktus kam und an die Tür meines Vaterhauses klopfte, ach, da kannte ich die Fausta schon und liebte mit der ganzen Glut der ersten Liebe die, welche ich für einen Engel des Lichtes hielt. O Festus, Bruder Festus, die verlorene Maid, welche der Vater suchte, kannte ich seit Monden, als der Benediktus zu uns kam! O Festus, Bruder Festus, neunzehn Jahr war ich alt, achtzehn war sie alt, als sie in all ihrer Schönheit zu Bologna erschien. Wir hielten sie für die Tochter Aleardo Pazzis, des florentinisthen Ritters, mit welchem sie kam, um als seine Schülerin ihr schreckliches Spiel zu treiben. Auf einer Villa in der Nähe der Stadt lebte der Ritter anfangs mit ihr in tiefster Zurückgezogenheit, aber bald ging ein leises Murmeln von der wunderbaren Schönheit der fremden Jungfrau von Mund zu Munde. Die, welchen das Glück geworden war, sie zu sehen, gingen einher gleich Verzauberten; die, welche ihr gutes Geschick vor solchem Glück bewahrt hatte, suchten in törichter Verblendung das leuchtende Verderben auch auf sich herabzuziehen. Unter diesen letzteren war ich, und wehe – wehe mir, ich sah sie! Ich sahe die Fausta – Fausta la Maga! Nicht lange dauerte das Schweigen, das auf der Villa des Aleardo Pazzi lag; allnächtlich hub sie an zu strahlen im Schein der bunten Lichter und Lampen. Köstliche Musik erschallte hinter den blühenden Büschen hervor, welche den Garten und das Haus umgaben. Die edelsten Jünglinge der Stadt und der Fremde drängten sich vor den Gittertoren – die ganze Jugend der großen Universität umkreiste allnächtlich die Villa Pazzi, wie die leichtsinnigen Nachtfalter die tödliche Flamme umflattern. Festus, Bruder Festus, da hab auch ich die Magierin Fausta gesehen und war – verloren wie hundert andere, aber schrecklicher als die andern; denn einen Augenblick – eine flüchtige Sekunde lang hat sie mich geliebt, geliebt mit dem vollsten Wert des Wortes! Eine Sekunde lang hat sie nicht mit mir gespielt wie mit den andern! In dieser Sekunde habe ich alle Freuden des Himmels und alle Qualen der Hölle genossen; denn in dieser Sekunde hat die Fausta – Fausta die Magierin weinend mich in die tiefsten Tiefen ihres Herzens blicken lassen, und in dieser Stunde habe ich erkannt, welch ein Herz hier in alle Ewigkeiten verloren – verloren sei! O Bruder, Bruder Festus, da habe ich gezweifelt, ob ein Gott sei; denn wie könnt ich fassen in meinem armen Hirn und Herzen, daß ein Gott also sein schönstes Werk durch die Hand des Satans gleichgültig zerstören lassen würde? Wie könnt ich begreifen lernen, daß ein Gott der Güte und der Schönheit sein herrlichstes Geschöpf also dem Verderber zum Spielball in die Hände geben würde? ... O Bruder Festus, was hatte Aleardo Pazzi aus dem Kinde des deutschen Meisters Benediktus gemacht! Festus, Festus, du hast mich gefragt, ob ich die Qualen kenne, welche dich bedrängen – zweifelst du noch daran?« »Nein, nein, schrecklich ist's, was Ihr erzählet! O weiter, weiter, sprechet weiter, auf daß das Grauen, welches Eure Worte mir erregen, zu einem Ende komme!« rief der Mönch, und der Arzt, nachdem er an das Fenster getreten war und die frische Nachtluft in sich gesogen hatte, ließ sich wieder nieder und fuhr fort: »Blitzschnell ging der Augenblick vorüber, in welchem Fausta an meiner Brust schaudernd die höllischen Bande, die sie tödlich umstrickten, erkannte. Ihre Kräfte waren schwach, sie tastete an ihren Ketten eine flüchtige Minute herum; aber sie schlossen sich nur fester um sie – sie richtete ihr Haupt von meiner Brust empor, sie lächelte durch ihre Tränen – sie lachte – sie war verloren – ewiglich. Wie dem Wanderer auf nächtlichen Wegen, dem der Blitzstrahl zuckend eine himmlische Zauberlandschaft enthüllt und der in der folgenden Sekunde in desto tieferer Finsternis wandelt, so war Euch zumute, Bruder Festus, als Euch die Liebe überfiel; nun stellet Euch vor, welches Licht, welche Finsternis mich in ein und demselben Augenblick umgab! Und nun war ich gleich den andern, welche der Zauberstab der Magierin berührt hatte; ich lästerte Gott mit den Spöttern, ich trank mit den Trunkenen, ich ward der Wüsteste unter den Wüsten; denn – sie wollte es ja. Es war das Leben eines Verdammten im Pandämonium; aber außer diesem Kreise war kein Leben für mich; in den feurigen Wirbeln der Hölle schwebte sie ja – in engelhaftester Hülle, die große Sünderin Fausta! O Festus, Festus, Festus, ein schwerer Kampf ist Euch zuteil geworden; aber gedenket meiner und gedenket der Fausta La Tedesca, so werdet Ihr genesen und siegreich vorgehen aus Eurem Ringen!« Der Vikarius barg sein Gesicht in den Händen, antwortete jedoch nicht, und weiter sprach Simone Spada: »Meine Mutter war, als solches auf mich fiel, bereits tot, und auch mit meinem Vater neigete es sich zum Ende: der deutsche Arzt Benediktus Meyenberger fand, als er in unser Haus kam, seinen Jugendfreund auf dem Sterbebett. Wie bin ich da zwischen allen Schrecken umhergeworfen worden, bis sich das Verhängnis erfüllte und der Meister Benedetto den florentinischen Ritter Aleardo und die Fausta gesehen hatte! Das geschah in der Nacht, in welcher mein Vater starb. Mit einem gellen Mißton ist die lockende Musik, das Geflüster, Lachen und Kosen abgebrochen, als der Meister Benediktus mit dem Schwert in der Hand Rechenschaft von dem Ritter Pazzi forderte. Doch andere Klingen sind gegen den Deutschen gezückt worden, und ein großer Aufruhr ist darob ausgebrochen in der Stadt Bologna. In zwei Feldlager haben sich die Studenten geteilt. Für den Meister Benediktus zogen die Deutschen, die Engländer und die aus Dänemark und Schweden die Schwerter; auf des Aleardo Seite stellten sich die Romanen, und viel Blut ist in den Gassen meiner Vaterstadt um Fausta La Tedesca geflossen! Von dem Grabhügel meines Vaters fort habe ich mich in den Kampf gestürzt und zum erstenmal mit meinem zweiten Vater Benediktus Meyenberger den Kampf gegen das Geschick aufgenommen. Mit Hohnlachen hat die Fausta ihren Vater von sich gestoßen, und gelacht haben Aleardo Pazzi und Cesare Campolani, welchen letzteren nach mir die Magierin Fausta in ihre Arme aufgenommen hat. Drei Tage und drei Nächte durch währte der Kampf in den Gassen; in der dritten Nacht ging die Villa Pazzi in Flammen auf; denn nachdem ein Teil der Italiener und Franzosen und die Behörden der Stadt und Universität zu der germanischen Zunge übergetreten waren, gewann diese die Oberhand und trieb im Sturm die Gegner in die Kirchen und Kollegienhäuser. Aber von Hunderten geleitet, entkamen Aleardo Pazzi und Fausta La Tedesca aus der Stadt, und man konnte nun die Leichen in den Gassen aufheben und sie begraben. Mit dem unseligen Benediktus habe ich die Spur des fliehenden Verführers und der verlorenen Fausta verfolgt im Zickzackzug durch das Land, bis zu Venedig auf einer Laguneninsel Aleardo Pazzi von dem Schwert des deutschen Meisters gefallen ist. – Aus dem Palaste des großen Meisters Tiziano haben wir die Fausta fortgeführt; aber von neuem ist sie uns mit Hülfe ihres jetzigen Geliebten Cesare Campolanis entflohen, und zu Padua bin ich zu Tod verwundet worden durch ihren Buhlen. Da hat mich zum erstenmal Benediktus Meyenberger durch seine Kunst errettet und mich dem Leben wiedergegeben. Dann sind wir abermals der Verderblichen nachgeeilt und haben sie gesucht zu Florenz, zu Genua, zu Rom, zu Neapel; denn verbergen konnte sie sich nicht mehr, weil ihr Name – Fausta La Tedesca – von den Alpen bis zum Capo Spartivento in jedem Munde war. Freilich wechselte sie hundertmal diesen Namen, und Hunderte von mächtigen Beschützern warfen sich zwischen uns und sie; aber zu Neapel haben wir sie doch ereilet und sie mit Gewalt und List auf ein hanseatisch Schiff, welches nach der Heimat absegeln wollte, geführt. Wie konnte der Vater es aufgeben, die Seele seines Kindes retten zu wollen? An der deutschen Küste ging das gute Schiff im Sturm zugrunde; doch erretteten wir uns in einem Boote an das Land. Tief in das Innere haben wir die Fausta in ein Kloster gebracht, daß sie in der Abgeschiedenheit ihr ferneres Leben hinbringe, bereue und – ihre Seele gerettet werde. Mit bittern Tränen hat der unglückliche Vater von ihr Abschied genommen, mit ihm bin ich in seine Heimat gezogen, und still haben wir dort eine Zeitlang gelebt, zusammen studieret und die Kranken geheilt und den Armen geholfen. Aber wer konnte die Fausta fesseln? Wer konnte sie halten? Ihre Arme hat sie aus den Banden gezogen, und als ich, überredet von meinem zweiten Vater, zum erstenmal auf dem Heimzuge nach Italien war, im vorigen Sommer, als der große Komet am Himmel stand, da ist sie mir wieder vor die Augen getreten, schön und strahlend wie immer, am heiligen Born zu Pyrmont. Diesmal hab ich nicht versucht, ihrem Geschick mich in den Weg zu werfen; diesmal hab ich nicht gewagt, dem schrecklichen Stern, welcher über ihr leuchtet, Trotz zu bieten; entsetzt bin ich geflohen und nach Osnabruga zum alten Benediktus zurückgeeilt, ihm Kunde zu geben, daß die Fausta wieder unter den Lebendigen wandele. Todkrank bin ich vor dem Hause des Meisters angelangt, und zum zweiten Male hat er mir das Leben gerettet. Auch er hat sich zu schwach gefühlt, um den Kampf mit der Fausta La Tedesca von neuem aufzunehmen; nachdem ich mich von dem Krankenlager erhoben, ist er darauf niedergesunken – vor sechs Wochen ist Benediktus Meyenberger, der Fausta Vater, in Kummer und Gram in meinen Armen verschieden. Ruhe, Ruhe seiner Asche!« »Ruhe seiner Asche – wehe, welch ein ander Leben!« rief der Vikarius. »Ja, wahrlich, welch ein ander Leben! O Festus, Festus, was ich versprochen habe, habe ich gehalten; nun gedenket in jeder bösen Stunde der Geschichte des alten Meisters Benediktus Meyenberger, gedenket der Geschichte Simone Spadas und der schönen Fausta La Tedesca! – Horch, was war das?« »Nichts, nichts! Die Weser oder der Nachtwind in den Baumästen ... O, Eure Erzählung ist schrecklich, ist furchtbar!« rief der Bruder Festus. »Und sie – sie, wo ist sie jetzo?« Der junge Arzt zuckte die Achseln. »Wer weiß es? Vielleicht noch am heiligen Born zu Pyrmont, vielleicht zu Rom, vielleicht zu Paris! Wer kann es sagen? Der Herr schütze mich davor, daß ich je wieder den Saum ihres Gewandes erschaue; der Herr schütze mich vor dem Blicke ihrer Augen – todbringend sind sie!« »Und er lebt – er ist nicht gestorben!« murmelte der Vikarius vor sich hin; aber Simone hörte doch die leisen Worte. »Ja, ich lebe!« sprach er, und sein Haupt sank in die Hand, und ein Zittern überlief seinen Körper. »Und das ist die Welt?!« murmelte der Vikarius, und tiefe Stille herrschte eine geraume Zeit in dem katholischen Pfarrhause. Außer dem leisen, eintönigen, ewigen Rauschen des Flusses wurde die Ruhe der Mondscheinnacht durch keinen andern Laut gestört. In den bittersten Tiefen Ihrer Seele wühlend, saßen die beiden Männer zu Stahle einander gegenüber. Plötzlich blickte Simone Spada wiederum auf und horchte. »Aber das ist nicht der Wind! Das ist nicht das Getön der Wasser! Horcht – horcht – da ist es wieder!« »Wahrlich, das klang aus der Ferne gleich wildem Geschrei; zu Holzminden ist es nicht!« »Und da ein Schuß! Was ist das?« rief Simone aufspringend und zum Fenster eilend. Der Mond und die Sterne leuchteten im vollen Glanze, aber im tiefen Schlaf lag das Dorf, und nicht ein einziges Licht schimmerte aus irgendeiner Hütte. »Hätte ich mich doch getäuscht?« fragte sich Simone Spada. »Nein, nein – da ist es wieder! – Viele Pferde im Galopp! – Was ist das?« Er nahm sein Schwert aus dem Winkel, in welchem es lehnte. Er gürtete es um die Hüften, zog es halb hervor und ließ es wieder zurückgleiten in die Scheide; denn in jenen Zeiten verließen sich die Männer, was ihr Leben, ihr Eigentum, die Ehre ihrer Weiber und Töchter anbetraf, mehr auf sich selbst, als auf die Polizei. »Festus, Festus, wachet auf!« Der Arzt legte dem Vikarius die Hand auf die Schulter, und der Vikarius fuhr aus seinem halb bewußtlosen Brüten in die Höhe. »Ja, Ihr habet recht, das ist eine schreckliche Geschichte, eine Geschichte des Grauens!« sagte er. Wiederum eilte Simone zu dem Fenster. Näher erklang der Hufschlag, und dann donnerte es die Dorfgasse hinunter, geradezu auf die Weser und die Fährstelle. Wieder erkrachte ein Schuß in der Ferne, dann ein zweiter. Die Waffen der Heransprengenden blitzten im Mondschein; »il fiume, il fiume! Der Fluß, der Fluß! Gerettet, gerettet!« riefen einzelne Stimmen; vor den Fenstern des Pfarrhauses bäumte sich ein weiß Pferd, welchem die andern Rosse nachdrängten. Warum fuhr Simone Spada zusammen? Weshalb faßte seine Hand unwillkürlich nach dem Schwertgriff? Das weiße Roß wurde von einer Frau gezügelt, und mit starren Augen folgte Simone Spada jeder Bewegung dieser Frau. Nein, nein, es war nicht möglich! Es konnte nicht möglich sein! »Holla, Holla, Fährmann! Fährmann!« wurde jetzt gerufen. Zwei der Reiter sprangen von den Pferden und schlugen an die nächsten Hüttentüren. Verschiedene Lebenskundgebungen zeigten an, daß die Dorfbewohner aus dem Schlaf erwachten. »Wie weit ist der Herr noch zurück?« fragte jetzt die Frau auf dem weißen Roß in italienischer Sprache, und Simone Spadas Brust entrang sich beim Klang dieser Stimme ein dumpfes Stöhnen; aber noch immer vermochte er es nicht, seinen Sinnen zu trauen. Es war nicht möglich! Es konnte nicht möglich sein! »Kaum zweihundert Pferdelängen, Signora«, klang die Antwort ebenfalls auf italienisch. »Sie wollten die Brücke hinter sich abwerfen.« »Gut, Jacopo. Animo, animo! Schlagt die Türen ein, wenn die verschlafenen Tölpel nicht erwachen wollen! Alles geht vortrefflich, Jacopo!« »Sicuramente, Signora! Holla, holla, Fährmann – zwanzig Goldgulden demjenigen, welcher uns an das andere Ufer schafft!« Allmählich hatte sich jetzt ein Haufe verschüchterter Bauern, Männer und Weiber, um die Reiterschar versammelt, Lichter irrten hie und da durch das Dorf, Fackeln leuchteten auf und vermischten ihren roten Schein mit dem bleichen Glanz des Mondes; auch Simone Spada stürzte hervor aus dem Pfarrhause, auf dem Fuße gefolgt von dem Bruder Festus. Eine Bewegung des Schreckens entstand unter den Reitern; mehr durch Zeichen als durch Worte erfuhren sie, daß das Fährschiff drüben in Holzminden liege und daß es keinesfalls möglich sein werde, die Rosse der Fremdlinge in den zerbrechlichen Fischerkähnen des Dorfes über den Strom zu schaffen. »Wo bleibt der Herr? Wo bleibt Don Cesare?« fragte die Frau, unruhig die Dorfgasse entlang schauend, und diesmal stieß Simone Spada einen Schrei aus – Sie war es! Fausta La Tedesca! …... Im Schatten des Pfarrhauses stand der Arzt und faßte mit eiserner Faust die Schulter des Bruders Festus und deutete auf die hohe Gestalt auf dem weißen, schnaubenden Roß inmitten der bewaffneten Reiter und der angstvollen Bauern: »Fausta La Tedesca!« Der Mönch faltete zitternd die Hände, zwischen denen er den Rosenkranz hielt: »Fausta La Tedesca?!« »Fausta La Tedesca – in Mondlicht und Feuerschein – wie immer! Schau, schau, wie schön sie ist! – Wehe mir, was bedeutet solches? Schau die Schreckliche, Festus! Hat meine Erzählung sie wieder zu meinem Verderben herbeigerufen? Wehe mir, was soll das geben? Was soll das werden?« Während der Arzt und der Vikar also aus dem Schatten des Pfarrhauses die Tochter Benedikt Meyenbergers belauschten, hatten die Diener Faustas am Ufer der Weser die Kähne des Dorfes überzählt, und Jacopo beschäftigte sich bereits damit, durch Schwerthiebe die Seile der den Flüchtigen unnötigen Fahrzeuge zu zerhauen und sie mit Fußtritten weit hinauszutreiben in den Strom. Den Eigentümern füllte Fausta die Hände mit Gold. »Ich ahne, was es ist«, murmelte Simone Spada. »Aber –« »II signore, il signore cavaliere!« schrieen plötzlich die Diener – wieder klang Hufschlag die Dorfgasse hinab, und ein Hüfthorn erklang. »Va bene! Mut, Mut, meine Freunde!« rief Fausta, und ein triumphierendes Lächeln umkräuselte Ihre Lippen. »Verspielt, verspielt, Herr Graf zu Pyrmont!« »Ah!« rief Simone Spada. Er wußte nun, weshalb die Fausta durch die Nacht floh. Ein zweites Horn rief in der Ferne. »Il signore conde!« riefen die flüchtigen Männer am Ufer der Weser und schauten ängstlich nach den Bergen, von denen her das zweite Horn erklang. »Campolani hier! Hier Campolani!« rief der barhäuptig auf schäumendem Rosse, gefolgt von zwei Begleitern und einem ledigen Pferd, heransprengende Don Cesare. »Hie Fausta La Tedesca!« rief die Tochter des Meister Meyenberger. »Alles in Ordnung, Cesare!« »Cesare Campolani!« stöhnte Simone Spada, das Schwert aus der Scheide reißend. »O Fatum, Fatum!« »Hie Campolani!« rief der italische Ritter, von seinem Pferd herabspringend. »Und dort die Weser! Wir sind also geborgen! Aber schnell, schnell, der wütende Narr ist dicht hinter uns!« Mit kurzen Worten setzte Jacopo jetzt dem Ritter die Sachlage auseinander, und einen wilden Fluch stieß Don Cesare aus, als er erfuhr, daß die Pferde bei der Überfahrt zurückbleiben müßten; düster überflog sein Auge die um ihn her haltenden Reiter und die halbnackten, zitternden Dorfbewohner, welche scheu einen weiten Kreis um die fremdartige Gruppe bildeten. »Acht Männer und ein Weib!« murmelte Cesare. »Wo ist Luigi?« »Da ist sein Pferd. Reiterlos lief es mit – Blut auf dem Sattel!« »Herunter, herunter von den Gäulen!« schrie der Ritter, zur Erde springend. Drohend näher erklang das Horn von Pyrmont. Von dem Zelter hob Cesare die Fausta. »Seht nach den Lunten! In die Kähne – presto! presto! Lasset die Gäule – drüben findet sich das andere!« Zwei Kähne befanden sich noch am Ufer, in sie verteilten sich die fliehenden Männer, die Ruder ergreifend, als man eben in der Ferne abermals Hufschlag und wildes Rufen vernahm. In den Fluß hinein glitt das eine gebrechliche Fahrzeug, auf den Rand des zweiten setzte Cesare, nachdem er der Fausta beim Einsteigen behülflich gewesen war, soeben den Fuß. »Hoho, die Narren! Zu spät, zu spät, mein Herr von Pyrmont! Hie Campolani! Campolani hie!« »Hie Spada! Simone Spada hie!« schrie außer sich der Arzt, sich losreißend aus den Armen des Bruders Festus und mit gehobenem Degen aus der Dunkelheit, dem Schatten des Pfarrhauses vorspringend gegen den Todfeind. Ein Ausruf der Verwunderung entrang sich der Brust des Ritters, und auch Fausta La Tedesca sprang von ihrem Sitze im Vorderteil des Kahnes in die Höhe. »Teufel, Simone Spada?!« rief Don Cesare. »Simone Spada, Simone Spada?!« rief Fausta. »Ja, Mörder! Verräter! Simone Spada! Denk an Bologna, denk an Venedig, denk an Padua! Hab acht und wehre dich!« »Maledetto!« murmelte Cesare, seine Klinge mit der des Arztes kreuzend und den ersten wilden, verzweifelten Angriff abwehrend. Ein guter Fechter war Simone, der Kampf konnte lang währen, und schon stürmten die Spiegelbergischen die Gasse des Dorfes hinab gegen die Fähre – die Rettung der Fliehenden hing an einem Haare. In dem Kahne wurden zwei Feuerröhre erhoben und gegen die Brust des Arztes gerichtet. »Schießt nicht – Diavolo, schießt nicht!« rief der Ritter. »Es freut mich, Euch zu sehen, Signor Spada – Schad, daß die Zeit zu kurz ist, um länger mit Euch zu plaudern!« »Verräter, Verräter!« stöhnte Simone, immer wilder auf den Feind eindringend. »Ereifert Euch nicht, Signor«, lachte Cesare, unterbrach sein Gelächter jedoch: »Diavolo!« Das Schwert Simones fuhr in seine Achsel, ohne ihn freilich gefährlich zu verwunden. Aber nun stürzten im wildesten Galopp die Verfolger heran – allen voran Philipp von Spiegelberg, der Graf von Pyrmont »Schießt, schießt!« schrie Fausta den beiden Knechten zu, welche ihre Feuerrohre schußfertig in den Händen hielten. In demselben Augenblick hallte auch schon der Krach der zwei Büchsen von den Bergen wider; Simone Spada griff nach seiner Brust, ließ den Degen sinken, taumelte und stürzte rückwärts in die Arme des Bruders Festus. »Das war nicht meine Schuld, – entschuldigt, Signor Spada!« rief Cesare Campolani, in den Kahn springend und mit kräftigem Fußtritt denselben vom Land abstoßend. Einem Wahnsinnigen glich Philipp von Spiegelberg, wie er sein Roß gegen den Strom spornte. Auch er blutete aus einer leichten Stirnwunde von einer rückwärts gesandten Kugel Don Cesares. Und wieder leuchtete es in den Kähnen auf – zweimal, dreimal, schnell hintereinander, und die Kugeln pfiffen um die Köpfe des Grafen und seiner Reiter. Nach allen Seiten stoben mit lautem Angstgeschrei die Bauern, welche sich der zurückgelassenen abgetriebenen, zitternden Pferde der Flüchtigen bemächtigt hatten oder sich um ihren Vikarius und den blutenden Fremden drängten – auseinander. In dem Flusse bäumte sich das entsetzte Roß des Grafen von Pyrmont hoch auf, und es war ein Glück, daß einer der Spiegelbergschen Reiter schnell seinem Herrn in die Zügel griff. »So nicht! So nicht, Herr Graf!« rief Klaus Eckenbrecher und riß Herrn Philipp aus den Fluten empor. »Mörderbande! Hinterlistige, niederträchtige, falsche, welsche Halunken!« schrie er, als von den Kähnen aus eine Kugel ihm den Hut vom Kopf riß. »Gebt es ihnen zurück! Feuer, Feuer auf die Hunde!« Von ihren Gäulen springend, schossen die Spiegelbergschen ihre Büchsen auf die Kähne ab, und fort und fort krachten die Schüsse jetzt hinüber und herüber. »Einen Kahn, einen Kahn – schafft einen Kahn!« schrie der Graf von Pyrmont. »Einen Kahn, einen Kahn – wo sind eure Kähne?« schrieen seine Knechte die Bauern an. »Die hat der Teufel allesamt geholt und stromab schwimmen lassen«, lautete die Antwort, und in ohnmächtiger Wut und Verzweiflung raufte sich Philipp von Spiegelberg die Haare. Die sicher geglaubte Rache entschlüpfte ihm, und zwischen dem Büchsenfeuer und dem Geschrei und Tumult glaubte er deutlich das Hohnlachen Don Cesare Campolanis und der falschen Zauberin Fausta La Tedesca zu vernehmen. – – – Was wir soeben langsam nacheinander erzählt haben, folgte natürlich mit Blitzesschnelle eins dem andern, und unmöglich ist es bei solchen Gelegenheiten der Feder, treu zu schildern. Seitdem Fausta La Tedesca in dem Dorfe Stahle an der Weser erschienen war und Simone Spada mit dem Bruder Festus aus dem Pfarrhause hervorstürzte, waren noch keine zehn Minuten vergangen. Nun lag Simone bereits zu Tode verwundet in den Armen des jungen Mönchs, wildester Aufruhr füllte das eben noch so stille, schlafende Dorf; die Männer schrieen, die Weiber kreischten, die Hunde bellten, die Pferde wieherten, bäumten sich und schlugen aus, die Büchsen knallten. Wie konnte das Drama; Fausta und Simone anders als im Lärm des Gefechtes zu Ende gehen? – Auch die Stadt Holzminden am rechten Ufer der Weser ward jetzt lebendig. Lichter bewegten sich den Fluß entlang, die kurzen, ängstlichen Schläge der Sturmglocke riefen die Bürger aus den Betten, zu den Waffen. War das katholische Dorf drüben von Räubern überfallen? Rüsteten sich die Päpstlichen wieder einmal zum Angriff auf die Anhänger der reinen Lehre? Zu den Waffen! Zu den Waffen! Grade Jahrestag war's, seit das Städtlein von einer ähnlichen Panik überfallen wurde, und damals wie in dieser Nacht mußte der Graf von Pyrmont, der gute Freund der Stadt, der Urheber solches Schreckens sein. Ein Getümmel gleich dem vorjährigen entstand zu Holzminden, nur waren die Kostüme und Bewaffnungen noch regelloser und mangelhafter als damals, wo man doch etwas mehr Muße hatte, um sich auf das Kommende vorzubereiten. Gegen den Fluß stürzten die Bürger, Leben und Ehre, Gut und Blut zu verteidigen, und die Klugen behielten auch dieses Mal einen Fuß hinten, um im Notfall sogleich das Hasenpanier aufwerfen zu können. Im hellen Mondschein konnte man jede Bewegung in den sich nahenden beiden Kähnen erkennen, und es bedurfte kaum der angezündeten Fackeln. Daß dieses Mal ein ernstlich Spiel gespielt wurde, war keinem verborgen; daß es zwischen Verfolgern und Verfolgten um Leben und Tod galt, erkannte man aus mehr als einem Schrei, der kein Triumphruf war. Und jetzt landete der eine Kahn, und die Waffen schwingend sprangen seine Insassen ans Land; der zweite Kahn folgte dem ersten im Augenblick darauf. Totenbleich stand in ihm Don Cesare Campolani. In der Rechten hielt er den blanken Degen, mit dem linken Arm umschlang er den Leib Faustas, welche schwer – schwer an seiner Brust lag und niedergesunken wäre, wenn der Ritter sie nicht gehalten hätte. Blutige Tropfen rieselten über die linke Hand Cesares, welche das schöne Weib aufrecht erhielt. Eine Leiche war Fausta La Tedesca, als der Kahn das Ufer berührte! ... Zu Ende war das große Trauerspiel; Fausta La Tedesca! Eine Kugel aus dem Rohre Klaus Eckenbrechers, des Spiegelbergischen Reiters, hatte ihm ein Ende gemacht. Jählings, blitzschnell war der Tod gekommen. Ein leiser Schrei – ein Griff nach dem Herzen – nichts weiter! Aufrecht stehend, sich festklammernd an die Brust Cesare Campolanis, war Fausta La Tedesca, Fausta die Zauberin gestorben – geh zur Ruh, Simone Spada! …... Wankend unter der traurigen Bürde, die er in den Armen trug, stieg Don Cesare den Uferhang hinauf; scheu wichen die andrängenden Bürger von Holzminden zurück. »Tot, tot!« murmelte Cesare, als er den Leichnam unter der Mauer des Pfarrgartens niederlegte, neben ihm niederkniete und mit zitternder Hand das einst so wild, so stolz klopfende Herz suchte. »Tot! tot! Madonna, das war der Mühe nicht wert! O Fausta! Fausta!« Stumm drängten sich die Knechte um ihren Herrn und die Leiche, stumm starrten die Bürger von Holzminden auf die schreckliche Szene. Aber die Zeit drängte; noch immer leuchtete und knallte es vom linken Weserufer her, und der Ruf: »Hol über, hol über« erklang immer drohender. Ängstliche Blicke warfen die italischen Knechte auf ihren Herrn, und endlich wagte es Jacopo, ihm leise die Hand auf die Schulter zu legen. »Gnädiger Herr!« Wirr schaute Cesare Campolani empor; dann fuhr er mit der Hand über die Stirn und sprang auf die Füße. »Ihr habt recht, wir müssen fort. Jammer, Jammer – muß ich ihre Leiche dem blöden Knaben dort lassen?! Ihr habt recht – fort, fort! – Lebe wohl, Fausta – o daß du so enden mußtest, du Schöne, Stolze, Herrliche!« Abermals kniete er neben der Leiche nieder und drückte einen letzten Kuß auf die bleichen Lippen Faustas. Dann erhob er sich, und düster überzählte sein Auge die Genossen. Zwei der Knechte, welche zu Stahle mit den andern in die Kähne gesprungen waren, fehlten; auch sie waren von Spiegelbergschen Kugeln ereilt, und ihre Leichname trieben bereits weit abwärts die Weser hinunter. »Schafft mir Pferde für mich und meine Leute!« herrschte Don Cesare den Bürgermeister Uhlenhut an. »Ich will sie gut bezahlen.« »Wer seid Ihr? Woher kommt Ihr? Wer ist diese tote Frau?« schallte es ihm von allen Seiten entgegen. »Diener des Kaisers sind wir, verfolgt von des Kaisers Feinden! Pferde, Pferde! Im Namen Kaiserlicher Majestät! jegliche Verzögerung fällt schwer auf Euere Häupter.« Das barsche, stolze Auftreten des Fremden, seine befehlende Redeweise, untermischt mit unverständlichen, ausländischen Worten, schüchterte die guten Bürger von Holzminden samt ihrem Bürgermeister gewaltig ein. Don Cesare Campolani erhielt, was er verlangte – Pferde für sich und seine Begleiter; ob dem Kaiser Ferdinand dem Ersten jedoch damit von der Stadt Holzminden ein Dienst erwiesen wurde, war mehr als zweifelhaft. Noch einen letzten Blick warf Cesare auf die Leiche des Weibes, welches er einst geliebt hatte, welches er wieder zu Glück und Glanz führen wollte; dann schwang er sich auf eines der herbeigeschafften Rosse, erkundigte sich nach verschiedenen Wegen und jagte mit seinem Gefolge davon, während vom linken Ufer der Weser immer wilder und nachdringlicher das Rufen nach dem Fährmann ertönte: »Hol über, hol über, hol über!« Ratlos, außer sich vor Angst und Verlegenheit, rannte der Bürgermeister Uhlenhut, unter dessen Helm der Zipfel der weißen Nachtmütze verräterisch vorlugte, hin und her. »Was soll ich tun? Was soll ich tun? O Herr Pastore, so höret doch und gebt mir einen Rat!« Der Pastor Fichtner hörte weder noch gab er irgendeinen Rat; er sprach ein Gebet an der Leiche Fausta La Tedescas, die jetzt von den Weibern von Holzminden umgeben war. »Hol über, hol über, hol über!« »Gebet Kunde, wer ihr seid!« schrieen die kräftigsten Lungen im Haufen der Bürger. Eine Antwort schallte herüber, war aber den meisten ganz unverständlich, während wenige behaupteten, das Wort »Spiegelberg« verstanden zu haben. »Was sagen sie, Neckevedder?« fragte der Bürgermeister den Stadtschreiber, welcher das feinste Ohr in der Gemeinde hatte. »Sie sagen, sie seien Spiegelberger, Leute des Grafen zu Pyrmont.« »Ach du liebstes Wort Gottes, wenn's wahr war! Jobst Strohsack, frage sie mal, ob's auch auf ihrer Seelen Seligkeit wahr sei.« Jobst Strohsack war der Nachtwächter der guten Stadt Holzminden, und seine Stimme war ebenso berühmt in der Gemeinde wie das Ohr des Schreibers Neckevedder. Alle Kraft nahm der Wackere zusammen, als er den Befehlen des Bürgermeisters nachkam. »Holla da – a – a!« brüllte er, »sin da – a gu'e Frünne? Sin da – a gu'e Frünne« (gute Freunde)? »Ja, ja, ja«, schallte es immer ungeduldiger zurück. »Hal over, hal over, hal over!« Zur Bestätigung der freundschaftlichen Gesinnungen knallten wieder einmal ein Paar Büchsen drüben, und die Kugeln pfiffen so bedrohlich dicht über die Köpfe der Bürger von Holzminden fort, daß die Schwachherzigen Reißaus nahmen, die Tapfern aber vor den bleiernen Liebesversicherungen höflichst sich verbeugten. »Jobst Strohsack, schrei ihnen zu, daß wir kommen wollten«, rief der Bürgermeister den Ratsnachtwächter an, und dieser hielt beide Hände an den Mund und brüllte über den Strom: »Wi kummet, wi kummet! Lat das verfluchtige Scheiten, et gifft süst noch'n Unglück!« (Wir kommen, wir kommen! laßt das verfluchte Schießen, es gibt sonst noch ein Unglück.) »Also, in Gottes Namen; einen Tod sind wir Gott schuldig!« rief der alte, tapfere Vater der Stadt und stieg seufzend als der erste in die bereitliegende Fähre. Ihm nach stiegen die Mutigsten seiner Bürger, doch mußte er jeden einzelnen einzeln dazu auffordern. Als nun das breite, flache Fährboot langsam nach dem linken Flußufer hinüberglitt, wandte sich der größte Teil des Volkes der Gruppe zu, welche sich um die Leiche der unbekannten schönen Frau, die von dem fremden, wilden Ritter ans Land gebracht und an dem Pfarrgarten niedergelegt war, gebildet hatte. Hier stand immer noch mit gefalteten Händen der Pastor Valentin Fichtner, an dessen Arm sich die zitternde Monika klammerte. Kein lautes Wort wurde an dieser Stelle gesprochen, nur ein leises Flüstern ging von Zeit zu Zeit durch den Kreis, welchen die Männer und Frauen und Kinder von Holzminden um die tote Fausta La Tedesca schlossen. »Wer ist sie? Wo kam sie her? Wer hat sie getötet? Weshalb ist sie tot?« Das waren die Fragen, welche jeder an den andern tat, obgleich er wußte, daß niemand die rechte Antwort darauf finden würde. Tot war sie – darauf konnte man sich nach dem Ausspruch des Meister Balbierers verlassen. Man hatte den Körper ein wenig aufrecht an die Mauer des Pastorengartens gelehnt und ihm die herrlichen Arme auf die Brust ins Kreuz gelegt. Zugedrückt waren die Augen Faustas durch die zitternde Hand der Totenfrau von Holzminden – sie hatten ja ausgeleuchtet, diese Augen; was sollten sie noch in ihrer glanzlosen Starrheit die Menschen schrecken? Wenig Blut war aus der tödlichen Wunde unter der linken Brust geflossen, und die unbeschreibliche Schönheit, welche der schnelle Tod durch eine Kugel bei Verblutung nach innen dem Verschiedenen verleiht, lag auf dem Gesichte Faustas. Es war, als spiele noch das Lächeln über die so nah geglaubte Rettung um den feinen Mund; nur die rechte Hand hatte sich krampfhaft geballt, und die Spannung der Muskeln wollte noch immer nicht weichen. Der Pastor Fichtner hatte es aufgegeben, diese drohende kleine rechte Hand mit der linken nach christlichem Gebrauch zusammenzufalten. – – So lag Fausta La Tedesca am Ufer der Weser inmitten des fremden Volkes, und niemand kannte sie, niemand wußte von ihr zu sagen, bis das Fährschiff zurückkam und der Graf von Pyrmont Philipp von Spiegelberg mit seinen Mannen ans Ufer sprang. Mit zerzaustem Haar, hohlwangig, gealtert um zehn Jahre, setzte Philipp von Spiegelberg den Fuß auf das lutherische Ufer und sandte seine irrenden Blicke suchend umher. Das war nicht mehr der Jüngling, welcher vor einem Jahre im Kreise eben dieser Bürger von Holzminden im jugendlichen Übermut gescherzt und gelacht hatte! »Dort, dort, gnädiger Herr, da lieget sie!« rief und deutete der Bürgermeister Uhlenhut, welcher den Grafen und seine Leute vom katholischen Ufer herübergeholt hatte. Mit einem wilden Schrei stürzte der Graf von Pyrmont gegen die Leiche Faustas. Dicht auf dem Fuße folgten ihm Klaus Eckenbrecher und die andern Knechte; Klaus Eckenbrecher, der nur auch sein Feuerrohr abgeschossen hatte. Alle trugen sie die schußbereiten Feuerröhre und Lunten oder die blanken Schwerter in den Händen. Vom Pulver geschwärzt waren ihre Gesichter und Hände; auch unter den Spiegelbergern waren einige, die aus Streifwunden bluteten; und Tote und Schwerverwundete hatten sie in Stahle zurückgelassen. »Fausta! Fausta!« rief Philipp von Spiegelberg, neben der Leiche der Magierin niedersinkend. Er hob das bleiche Haupt der Toten schluchzend empor; er ließ es wieder sinken und zerzauste sich das Haar. »Fausta! O Fausta! Tot, tot, tot!« In Stahle krähete zum ersten Male der Hahn. »Sie ist tot, tot! In Staub und Asche ist die Schönste zerfallen, wie es vorausgesagt war! Wehe, wehe mir und ihr!« Es kräheten jetzt auch die Hähne zu Holzminden. Es wollte Morgen werden. »O Fausta, Fausta, höre mich! O Fausta, solches hab ich nicht gewollt. Erwache, Fausta ... in Staub und Asche sollte dein schöner Leib zerfallen? Nein, nein – erwache, o erwache, Fausta La Tedesca!« Der greise Prediger von Holzminden beugte sich kopfschüttelnd nieder und legte dem jungen Grafen die Hand auf die Schulter. »Fasset Euch, erhebet Euch, mein gnädiger Herre! Ich weiß nicht, was Euch diese Tote ist; aber Gottes Wille ist geschehen, als sie starb, und Gottes Wille und Ratschluß ist immer das beste. Erhebet Euch und lasset uns diesen irdischen Leib in mein Haus tragen – höret, und nehmet Vernunft an, Herr Grafe zu Pyrmont.« »Wo ist der Verruchte? Der falsche Teufel?« schrie Philipp plötzlich sich aufrichtend. »Wo ist der Mörder Cäsar Campolani? Er – er hat sie getötet, nicht wir! Hie Spiegelberg! Spiegelberg! ... zu Roß, zu Roß – ihm nach, dem Verfluchten! Wohin er geflohen sein mag – ihm nach bis ans Ende der Welt, bis in die Hölle, die seine Heimat ist!« Nach und nach hatte man vom linken Ufer auch die Pferde der Mannen von Pyrmont nach Holzminden übergeschifft. Jetzt galt kein gutes Wort, kein Zureden: Philipp von Spiegelberg warf sich von neuem auf sein schweißtriefendes, keuchendes, abgejagtes Roß, um dem falschen Abgesandten des Königs von Frankreich nachzusetzen. Seine Reiter mußten ihm folgen; der einzige Glückliche im Kreise um die Leiche Faustas – Klaus Eckenbrecher – drückte einen Kuß im Fluge auf den Mund der Monika. – – – – Zu Roß, zu Roß! Vorwärts stürmten die Spiegelberger auf der ihnen angegebenen Straße. Die erschossene Fausta trug man durch den Garten in das Pfarrhaus und legte sie auf einem schnell bereiteten weißen Lager nieder. Es war graue Morgendämmerung. Achtzehntes Kapitel zeigt, wie es gekommen war. Wenn urplötzlich ein großes Unglück, dessen Kommen im Augenblick vorher niemand ahnete, die Menschen überfällt; wenn eine Katastrophe, gegen welche kein menschliches Schutzmittel ausreicht, die einzelnen oder die Völker überrascht: dann beugt man, solange die Blitze zucken, der Donner rollt, die Häupter, unfähig zu grübeln, zu denken. Man unterwirft sich, sei es in Demut, sei es grollenden Herzens, der waltenden höheren Macht, deren Wille das Unheil herbeigeführt hat. Das Grübeln, das Denken, die Frage; wie ist es gekommen? weshalb ist es gekommen? folgt erst, wenn die dunkeln Wolken über den Horizont hinabsinken, die Sonne wieder glänzend vom blauen Himmelsgewölbe herabstrahlt und alles sein gewohntes Ansehen wieder annimmt. Nun ist die eigentliche, rechte Zeit da, wo die große Klage anhebt über die zerstörten Saaten – die gestorbenen Freunde – die vernichteten Völkerhoffnungen: Wie ist es gekommen? – – – Ja, wie war es gekommen? Was hatte die Pläne Don Cesare Campolanis auf dem Schloß Pyrmont scheitern gemacht? Was hatte die schöne Fausta dem bleichen Tod in die Arme geworfen? Was hatte den Arzt Simone Spada aus Bologna darniedergestreckt am Ufer des Weserstroms? Der Erzähler darf es wie die übrigen Erdbewohner machen und nach hereingebrochener Katastrophe die Lösung der Frage: Wie kam es? unternehmen. Nachdem Christof von Wrisberg im vergangenen Monat vom Schloß Pyrmont abgezogen war, um die Werbetrommel im Kreis Niedersachsen für den König von Frankreich zu rühren, hatte auf dem Schloß selbst Don Cesare Campolani das begonnene Werk auf seine Weise fortgesetzt, indem er nicht nur den Grafen Philipp mehr und mehr in seine Netze verwickelte, sondern auch von der Burg am heiligen Born aus seine Schlingen weit nach allen Seiten ins Land hinein nach den umsitzenden Herren auswarf. Überall wurde der Gast Philipps von Spiegelberg mit Zuvorkommenheit aufgenommen, und alles schien seinen Plänen und Absichten so günstig wie möglich zu verlaufen. Weit und breit wurde sein Lob von jeglicher Zunge gesungen, alle Damen auf den Schlössern und Burgen schwärmten für den italienischen Edelmann und somit auch für die Sache desselben. Gegen Ende März hofften der Wrisberger und Don Cesare an der Spitze von zwanzigtausend Mann den Zug gegen den Rhein, Herrn Heinrich von Valois zu Hülfe, antreten zu können! Wohl wußte Philipp von Spiegelberg, daß die Seite, auf die ihn sein Gast hinüberziehen wollte, die falsche sei; wohl wußte er, daß sein Lehnsherr Erich von Braunschweig nicht unter dem weißen Lilienbanner reiten würde; wohl wußte er, daß in kommenden Zeiten groß Ärgernis für ihn entstehen würde, wenn das Panier von Spiegelberg und Pyrmont im Heereshaufen des Wrisbergers wehen würde; aber – wenn er auch den lockenden Vorspiegelungen Don Cesares widerstanden hatte, welche Kraft konnte er aufbieten gegen die Fausta La Tedesca? Was das glatte Wort Cesares nicht ausrichtete, das brachte das Auge und die Zunge Faustas zustande. Beide wußte die große Verführerin gut zu gebrauchen. Wenn der Ritter Campolani das Weltgetriebe von seiner glänzendsten, buntesten Seite gemalt hatte, von allen Ehren und Freuden, die da draußen, hinter den Bergen, in der blauen, unbekannten Ferne zu gewinnen waren, gesprochen hatte, dann heftete sich das Auge Faustas fragend auf den jungen deutschen Grafen: »Und du sitzest hier, um kümmerlich deine Tage zu verträumen? Draußen ringen sie um alles, was die Erde Köstliches bietet, und du willst dich vergraben in diesen armseligen Mauern, willst dir ein Genügen sein lassen, von Tag zu Tage das Wild in deinen Wäldern zu jagen? Hörst du nicht, wie draußen andere Hörner zu einer andern Jagd rufen? Glaubst du, mich – mich, die Fausta, dadurch zu gewinnen, daß du dich blöde hinter die Spinnrocken deiner Schwestern verkriechst?« Wie oft griff an den langen Abenden des Vorfrühlings die Hand der Gauklerin Fausta in die Saiten der Laute, wenn Don Cesare Campolani schwieg. Dann sang sie – nicht mehr liebelockende, klagende, sehnsüchtige Weisen – nein, von der Lust des Streites sang sie; von Helm und Schild und Schwert, vom Donner der Schlacht, von Siegesruf und Lorbeerkränzen und ewigem Ruhme sang sie, daß atemlos alle Hörer auf dem Schloß am heiligen Born lauschten und Philipp von Spiegelberg das hochklopfende Herz kaum zu bändigen wußte. Dazu regte es sich mehr und mehr im Land. Alltäglich sprachen einzelne Knechte im Schloß Pyrmont ein und erzählten den Mannen von Spiegelberg, Krieg gegen die Spanier gebe es, zu Tausenden schare man sich schon um den Wrisberger. Alltäglich verkündete das Horn des Turmwärtels den Durchmarsch größerer Haufen, welche mit Sang und Klang zu Roß und zu Fuß über den heiligen Anger zogen. Krieg, Krieg! Einerlei für wen und gegen wen! Krieg, Krieg! Wer will hinter dem Ofen sitzen bleiben, wenn Frühling und Krieg zusammen den Weckauf blasen? So kam endlich die Stunde, wo die Fausta in den Blick ihres Auges auch den kalten Hohn, den vernichtenden Spott legte: »Du, du liebst die Fausta? Du Feigling, du Schwächling? O Herr Graf zu Pyrmont, also gewinnt Ihr die Fausta La Tedesca nicht! Bleibe denn in deinem vergessenen Winkel, schwacher Knabe! Laß die Fausta ziehen! Tor, der den Venuswurf werfen will und nicht Kraft und Macht hat, den Würfelbecher, welchen ihm das günstige Geschick in die Hand gibt, zu schütteln!« Da ward Philipp von Spiegelberg, der Graf zu Pyrmont, gewonnen für Heinrich von Valois, den König von Frankreich und Navarra, und gewaltiger Jubel brach aus im Schloß, als der Graf seinen Vasallen das Wort verkündete. Das war am vierundzwanzigsten März des Jahres fünfzehnhundertsiebenundfünfzig. »Hab ich es gut gemacht? Bist du zufrieden?« fragte Fausta, und der Ritter zog sie in die Arme und küßte sie auf die Stirn: »Wie wird es die Mediceerin mir Dank wissen, wenn ich ihr die Zauberin Fausta La Tedesca zuführe! Gewonnen! Gewonnen!« Boten gingen an demselben Tage noch ab an die übrigen von dem französischen Werber geworbenen Herren der Umgegend, um sie aufzufordern, sich bereit zu halten. Am letzten März wollte man dem großen Haufen, der sich um den Wrisberger sammelte, zuziehen. Am Abend desselbigen Tages kehrte aber auch Franz Lindwurm von Münden von der Hochzeit des Herrn von Rosenberg zurück, und mit ihm kam ein Gesandter des Braunschweigers Erich, welcher dem Grafen von Pyrmont ein Schreiben des Herzogs brachte, in welchem Schreiben Herr Erich seinen Lehensmann aufforderte, mit Roß und Mann bereit sich zu halten für den Dienst Don Philipps des Zweiten von Spanien. »Zu spät!« murmelte der Graf, das Schreiben des Herzogs zusammenknitternd. Wüst und häßlich sah es in seinem Innern aus. Nach jeder Seite hin hatte er den Halt verloren; er wagte kaum, zu den Bildern seiner Ahnen, die grimmig von den Wänden herabschauten, aufzublicken. Niemals hatten die alten Herren und Frauen so drohende Blicke aus ihren Rahmen herabgesandt. Die flackernde Lampe konnte nicht allein die Schuld daran haben. »Noch etwas hätte ich zu erzählen«, sprach Franz Lindwurm, welcher sich noch immer an der Tür hielt, nachdem er seinen Bericht von der Hochzeit der Herzogin Katharina abgestattet hatte. »Noch etwas hätt ich zu erzählen, aber – aber –« »Nun«, fragte Philipp seufzend, »was ist's? Was stotterst du? Rede frei weg, was hast du mir noch zu sagen?« »Ich weiß nicht recht, ob ich davon sagen darf, Herr Graf. Meine Sendschaft gen Münden betrifft's nicht, sondern – sondern jemanden, so hier auf diesem Schloß Pyrmont ist.« »Ah, ah«, dachte der Graf, »so haben sie schon Wind davon, was hier im Werke ist.« Laut fuhr er fort: »Zum Teufel mit den Umschweifen – dem Herrn von Campolan gilt's, nicht wahr?« Der Reiter schüttelte das Haupt: »Nicht den fremden Herrn betrifft's, sondern die fremde –« Mit einem Satz war Herr Philipp dicht vor dem Franz. »Die Fausta?! Was ist's? Was ist's? Bursch, Bursch, nimm dich in acht! Was hast du gehört? Was ist geschehen?« Franz Lindwurm machte eine abwehrende Handbewegung, warf einen scheuen Blick über die Schulter, schien sehr zu bedauern, daß er sich nicht weiter von seinem Herrn zurückziehen konnte, und sprach endlich leise: »Sie ist gerichtet!« Mit beiden Fäusten packte der Graf seinen Reiter an der Brust. »Bist du toll, Franz? Von wem sprichst du? Bei der Hölle und allen ihren Teufeln, wer ist gerichtet? Die Fausta ist gerichtet?« »Nein, nein i – um Gottes willen, gnädiger Herr – die andere, die andere meine ich!« »Welche andere, Dummkopf? Rede, rede!« »Die andere Verzauberte vom vorigen Sommer«, stammelte Franz Lindwurm hervor, »das Weib des blinden Zauberers Simon, der allhier am heiligen Born sein Zauberwerk trieb. Was viele fromme und gottesfürchtige Leute prophezeiet haben, das ist richtig gekommen am Ende; denn wo die Teufel durch Beelzebub ausgetrieben werden, da geht der Krug doch nur so lange zu Wasser, bis er bricht, oder der liebe Gott –« »Zur Sache, zur Sache; mach mich nicht wahnsinnig, Bursche!« »– seinen Willen darzu gibt«, fuhr Franz Lindwurm, immer mutiger werdend, fort. »Wisset Ihr, wohin vom heiligen Born der blinde Simon gezogen ist, gnädiger Herre? Gen Münden ist er gekommen und hat daselbsten sein junges, liederlich Weibsbild sich antrauen lassen durch einen Pfaffen, welches wohl einer von der rechten Art gewesen sein mag. Die junge Frau ist aber des blinden Satans bald überdrüssig worden, hat ihn vom Hausboden gestürzet, daß er Hals, Arm und Bein gebrochen hat. Darauf hat sie das Aas im Backofen verbrennen wollen, ist aber darbei gegriffen und von den Stadtknechten in den Turm gebracht. Auf meine Ehre und Seligkeit, Herr Graf zu Pyrmont, ich habe selbsten bei ihrem Scheiterhaufen gestanden und hab sie brennen sehen und hab sie nicht im allerwenigsten bedauert, indem –« »Aber bei allem, was vernünftig ist, was soll mir das? Was hat das mit der – der Fausta zu tun?« »Höret, mein Herre Graf, und versprechet mir, daß Ihr es mich nicht entgelten lassen wollet, was ich euch zu sagen hab als ein treuer Dienstmann.« »Sprich, sprich.« »Gut denn! ... Sie haben sie – ich meine das Weib des blinden Teufelsbanners – auf die Tortur gebracht, und sie hat alles gestanden, sintemalen der Meister Scharfrichter zu Münden seines Amtes im Peinigkeller gut zu warten gewußt hat.« Der Graf griff mit beiden Händen vor Ärger in die Haare und stampfte vor Ungeduld die Steinplatten des Bodens, daß das Gemach erzitterte. In seiner Gemütsstimmung war solch zickzackartig laufender Bericht in der Tat eine wahre Höllenqual. »Erzürnt Euch nicht, ich bitte Euch, Herr Graf«, fuhr Franz Lindwurm fort. »Also hat der Meister Hammerling alles aus dem Geschöpf herausgezogen, was dem peinlichen Gericht zu wissen nötig war, und noch ein bißchen mehr, und das ist's, was Euch, Herr Graf zu Pyrmont, mit anbetrifft. Alles, was der Blinde und sie – das Weibsbild, allhier im vorigen Sommer am heiligen Born getrieben haben, ist eitel Gaukelspiel gewesen. Vom Teufel ist sie – ich meine immer des Blinden Beiläuferin – besessen gewesen, aber nicht von einem solchen, so sich durch solchen betrügerischen Halunken austreiben ließe. Sie hat sich nur also anstellen müssen, als sei sie besessen, und der Blinde, der Simon Magus, hat sie darauf erlöset mit leichter Mühe – alles, um das Volk anzulocken. Ihr wisset, Herre Graf, wie gut ihnen solches leider Gottes allhier gelungen ist.« »Weiter, weiter!« »Ja, weiter. Da solches das hochnotpeinliche Gericht nichts anging, so hat man es auf sich beruhen lassen und sich nur an den Mord des blinden Kerls gehalten und daraufhin den Urtelspruch gefället. Ich hätt auch nichts darvon in Erfahrung gebracht, wenn nicht der Stadtschreiber, so die Geständnisse bei der Torquierung alle aufgezeichnet hat, in der Schenke mein guter Freund worden wäre. Hat er mich also gefraget, ob allhier auf dem Schloß Pyrmont noch eine Maid umgehe, genennet Fausta. Und als ich dazu genicket und – und ihr Lob gesungen hab, hat er mit dem Kopf geschüttelt und gesprochen: wenn er in Euerer Stell wäre, Herr Graf, so würde er weit die Augen aufhalten, auf daß er nicht hinter das Licht geführet würde; eine Gauklerin, Landläuferin, Betrügerin sei die Fausta gleich dem Weib des blinden Simons. – Herr Graf, Herr Graf, o höret mich, ich bin Euer treuer Diener, und Ihr könnet mich hängen lassen, wann's Euch beliebet; aber meinen Kopf setz ich zum Pfande ein, daß diese Fremde, diese Fausta, ein falsch Spiel gespielt hat, mit dem blinden Zauberer Simon und allein, und auch jetzt wieder falsche Karten ausspielt mit dem Herrn von Camplan, Euch, meinem lieben Herrn, Leib und Seele zu betören und zu verderben!« »Nein, nein, nein!« rief Herr Philipp von Spiegelberg, die Hände ballend. »Es ist nicht wahr! Eine Lüge ist's, eine schandbare Lüge!« »Gnädiger Herr, der Stadtschreiber hat's mir auf seine Ehre versichert und einen teuern Eid darauf geleistet, und die Gauklerin hab ich brennen sehen. Man hätt sie wohl noch länger im Turm gelassen, aber den hohen Herrschaften, so anwesend zur Hochzeit waren, zum Vergnügen und zur Ehren hat man den Scheiterhaufen alsogleich getürmet auf Befehl der fürstlichen Gnaden von Braunschweig. Alle Fürsten, Grafen, Barone und Herren sind in Person, ein jeder mit seinem Gefolge, zugegen gewesen!« »Nein, nein, nein!« stöhnte Philipp von Spiegelberg. »Es ist nicht möglich, es kann nicht sein – die Fausta ist keine falsche Betrügerin – keine Gauklerin; ich will sie fragen, ich will –« »Gnädiger Herre!« »Geh, geh – fort mit dir, und danke Gott, daß ich dir das lose Maul nicht stopfe, wie ich es eigentlich tun sollt!« Schnell genug kam Franz Lindwurm diesem Gebote nach, und da ihm der Mund nicht gestopft war, so wußte man binnen kürzester Zeit im Schloß Pyrmont, was der junge Reiter zu Münden über die Fausta La Tedesca in Erfahrung gebracht hatte. Auch Fausta La Tedesca wußte bald darum, und unter der Einwirkung der seltsamen, drohenden Blicke, die ihr überall begegneten und folgten, verlangte sie sehr nach der Heimkehr Cesares. Dieser aber war mit seinen Leuten nach Lügde, wo er im Liboriuskloster mit den Mönchen gute Freundschaft hielt, geritten und sollte erst am folgenden Tage zurückkommen. Mancherlei Boten, die der Ritter auf dem Schloß Pyrmont nicht empfangen konnte und wollte, traf er bei den Vätern Franziskanern zu Lügde. Schwer, schwül und schwarz zog es sich um das Schloß am heiligen Born zusammen. Jeden Augenblick konnte das Ungewitter losbrechen, und daß es losbrechen würde, wußte jedermann. O wie lang sind in solchen Stunden die Minuten! Man fürchtet und man ersehnt den ersten Blitzstrahl, den ersten Donnerschlag, der freilich vernichten kann, aber jedenfalls der zusammengepreßten Brust das freie Atmen wiedergibt. Vergebens sollten die Schloßbewohner heute hoffen, harren und sich ängsten – heute brach es noch nicht los! Der Graf kam nicht zum Nachtmahl herab, verschlossen blieb seine Tür, welche sich den inständigsten Bitten seiner sorgenden Schwestern nicht öffnete. Auch die Fausta stieg an diesem Abend nicht mehr herab aus ihrem Turmgemach. Bleiern schlichen die Stunden der Nacht hin, bis endlich – endlich der fünfundzwanzigste März dämmerte. Daß der Spiegelberger während des Abends – während der Nacht nicht kam, Rechenschaft von ihr zu fordern, hatte die Fausta mehr als alles andere beunruhigt. Mit wahrer Sehnsucht hatte sie auf jedes Geräusch gehorcht; aber kein Schritt war die Wendeltreppe heraufgekommen. Trat der Graf in ihr Gemach ein, so wußte sie, daß sie ihm den Fuß von neuem auf den Nacken setzen würde. Er kam nicht, und ruhelos durchwachte sie die Nacht. Und Cesare mußte dazu auch abwesend sein; sein Rat, sein Arm fehlte ihr – sie fühlte sich verlassen, hülflos wie noch nie. Das Mondlicht lag draußen auf den Wäldern und Bergen wie in jener ersten Nacht, die sie auf dem Schloß Pyrmont zubrachte, in jener Nacht, welche sie so seltsam mit ihren Träumen und Erinnerungen bevölkerte. Diesmal hafteten ihre Gedanken nicht in der Vergangenheit; der Zukunft wandte sie sich zu: was wird der Morgen bringen? Als die Dämmerung des neuen Tages kam, hielt Fausta die Abwesenheit des italischen Ritters und seiner Leute nicht mehr für einen unglücklichen Zufall, sie hielt sie im Gegenteil für ein Glück. Noch vor seiner Rückkehr in die Mauern der Burg, die sich so leicht in Kerkermauern verwandeln konnten, mußte dem Ritter Nachricht werden von dem, was auch ihm verderblich werden konnte in seinen Folgen. – Gegen Mittag öffnete sich die Tür des Grafen, und Herr Philipp schritt hervor, anzuschauen gleich einem von langer schwerer Krankheit Auferstandenen. Walburg von Spiegelberg stieß einen Schreckensschrei aus, als sie ihm in das Gesicht blickte; mit einem Schrei schloß ihn Ursula in die Arme. Sanft machte er sich aus der schwesterlichen Umarmung los und schritt durch den Korridor zu der engen, niedern Spitzbogentür, durch welche man die Wendeltreppe betrat, die emporführte im Turme Faustas. Als die beiden Schwestern die Absicht ihres Bruders merkten, rief Ursula mit unterdrücktem Schluchzen: »Du findest sie da oben nicht, Philipp!« »Wo ist sie?« »Sie hat ein Roß satteln lassen und ist davongeritten – eine Stunde mag es her sein.« »Weshalb hat sie keiner gehindert?« rief der Graf wild. »Wer sollte sie hindern?« fragte mit sanftem Vorwurf Fräulein Ursula. »War es nicht dein Wille, daß dieses Weibes Wort in diesen Mauern soviel galt?« Herr Philipp seufzte, neigte das Haupt, antwortete aber nicht. Er stieg hinunter in den Schloßhof, rief ebenfalls nach seinem Rosse, warf sich darauf und jagte über die Zugbrücke. Kopfschüttelnd blickten ihm Pförtner und Knechte nach, doch wurden sie sogleich durch die Stimme des Fräuleins Ursel in ihren Betrachtungen unterbrochen. Da Klaus Eckenbrecher der erste war, welcher der Schwester seines Herrn in den Weg trat, so wandte sie sich an ihn: »Schnell, schnell zu Pferd, Klaus; reite dem Herrn nach; gib acht auf ihn – schwer liegt's mir auf dem Herzen, als müsse uns ein großes Unglück treffen! Schnell, schnell – o das abscheuliche Weib – ach, der fremde Arzt hatte wohl recht, als er ihr seinen Fluch zurief. O hätten wir sie doch niemalen erschauet!« Als Klaus nach dem Befehl des Fräuleins sich auf seinen Gaul schwang, rief ihm Ursula noch zu: »Höre, Klaus, der Graf möchte dich fragen, weshalb du ihm nachreitest; sage darauf, ich habe dich gen Lügde geschickt, um –« »Euch Nadeln zu holen! Wohl, wohl, sorget nicht – kein Haar soll dem Herrn gekrümmet werden, und ein bös Gesicht soll er auch nicht ziehen ob Eurer Fürsorglichkeit.« Damit gab auch der Klaus seinem Pferd die Sporen. – Den ganzen Vormittag durch hatte es mit kurzen Unterbrechungen leise geregnet, jetzt brach die Sonne durch das Gewölk und leuchtete in das letzte Schauer hinein. Als Herr Philipp über die Emmerbrücke galoppierte, bildete sich in der Luft der prächtigste Regenbogen und überspannte die liebliche Landschaft. Niemals hatte der Graf von Pyrmont viel Sinn für solche Naturschönheiten gehabt, wie konnte er in seiner jetzigen Stimmung darauf achten? Er sah weder noch fühlte er das funkelnde, glitzernde Demantengewirbel. Wohin war die Fausta geritten? Jetzt waren die Wiesen zu Ende, und der Weg lief in einen Winkel durch ein Gehölz, bestehend aus alten, gewaltigen Buchen und dicht verwachsenem Unterholz. Obgleich die Zweige noch kahl waren, so gewährten die dichtgedrängten Baumstämme gegen den Regen etwas Schutz. – Der Graf hielt sein Roß an; in der Ferne bewegte sich über dem Gezweig des Buschwerks ein Etwas, eine schwarze Feder, eine Feder, wie sie Don Cesare Campolani auf seinem Barett trug, und – da – da neben dieser schwarzen Feder bewegte sich ein anderes Etwas, purpurfarbig gleich dem spitzen Sammethütlein der Fausta. Atemlos horchte der Spiegelberger – wie ein Blitz schoß es ihm durch Herz und Hirn. »Falsch Spiel spielt sie mit dem Ritter«, hatte sein Reiter gesagt. Ohne zu wissen, was er tat, stieg der Spiegelberger vom Roß und knüpfte den Zügel desselben an einen Ast. Von Stamm zu Stamm schlüpfte er, vorsichtig, lautlos durch das triefende Gebüsch sich windend, der Gruppe hinter den alten Buchen zu. – Er hatte sich nicht getäuscht! Zu Roß hielten Cesare und Fausta dicht nebeneinander im eifrigen Gespräch. Zehn Schritte von ihnen stand der Graf und horchte. Seine Brust zerfleischte er, seine Lippen zerbiß er, »O Falsche! Falsche!« stöhnte er. »O der schändliche Verräter!« Finster horchte der Ritter Campolani dem Berichte seiner Genossin. Sollte das klug übernommene und fortgeführte Werk im Augenblick des Gelingens scheitern? Sollte das Netz reißen in dem Augenblick, wo die Beute vollständig gefesselt zu sein schien? »Fausta, es ist nicht möglich!« rief Cesare. »Halte mir diesen Knaben; du weißt, wie wichtig er uns ist. Zurück zum Schloß, Fausta; noch ist er in deiner Gewalt; sprich zu ihm, verantworte dich gegen ihn – noch ist er unser. Zum Teufel, nicht ihn allein verlören wir, wenn er sein gegeben Wort zurückzöge. Das darf nicht sein! Fausta, Fausta, er darf uns nicht verloren gehen, hörst du? Ans Werk, Zauberin, tue deine Pflicht, Fausta La Maga, und fessele mir diesen deutschen Tölpel – – da kommen meine Leute von Lügde – reite vorauf, Fausta, und kehre zurück ins Schloß, doch auf einem andern Wege! Langsam folge ich dir auf diesem. Ich hätte nicht gedacht, daß du dich so leicht erschrecken ließest, ma mie – nun, nun, reite nur und baue auf mich, wir wollen die Sache schon wieder ins Geleise bringen.« Ein gelles Lachen antwortete diesen Worten des italienischen Ritters. Das Schwert in der Hand stand Philipp von Spiegelberg vor Cesare und Fausta, deren Rosse erschreckt durch die unerwartete Erscheinung sich hoben. »Weiter, weiter, Herr Ritter von Campolan! Weiter, Fausta! Laß dich nicht irren, du falsche H...!« Einen Fluch stieß der Italiener aus. Jetzt ließ sich nichts mehr gut machen. Vergeblich hatte der Abgesandte des Königs von Frankreich seine köstliche Zeit auf dem Schloß Pyrmont vergeudet. Zornig griff er nach dem Schwertgriff und schaute über die Schulter nach seinen Leuten, deren Waffen und Harnische in der Ferne, auf der Landstraße blitzten. Langsam ritten sie von Lügde heran. »Verräter, heimtückischer Verräter!« schrie Philipp von Spiegelberg. »Herunter vom Gaul und sehet zu, ob Euere Kunst standhalten wird gegen den Tölpel von Pyrmont!« »Sei's denn!« knirschte Don Cesare. »Dummer Zufall. Fausta La Tedesca, wir kehren nicht zurück ins Schloß Pyrmont; reite zu den Knechten, ich werde im Augenblick bei Euch sein. Zu Eueren Diensten, Signor Conde!« Vom Pferde sprang er, riß ebenfalls das Schwert aus der Scheide und kreuzte es mit der Klinge des Grafen. Schon hatte er seine ganze Kaltblütigkeit wiedergewonnen, und ein Lächeln umspielte seine Lippen, als die Waffen gegeneinander klirrten. »Auf meine Ehre, Herr Graf, es tut mir sehr leid, daß unsere Freundschaft also zu einem übeln Ende geraten muß – hütet Euch, das war unvorsichtig. Rechnet's aber der Fausta nicht zu hoch an, was geschehen ist; wir sind alte Bekannte, amor antico mai non invecchia, alte Liebe rostet nicht, wie Ihr saget – corpo di bacco, so deckt Euch doch, zum zweitenmal gehörte Euer Leben eben mir! – Hört mich, Herr Graf, wollt Ihr im Ernst um eines Weibes willen unsere stolze Sache aufgeben?« »Verräter! Verräter! Falscher, heimtückischer Verräter!« »Nicht also, Herr Graf – bei Gott, Euer Leben ist in meiner Hand; aber ich töte Euch nicht! Ich bitte Euch, fasset Euch, lasset nicht eines Weibes wegen von uns – – was ist das?« Von Pyrmont her erschien im vollen Galopp Klaus Eckenbrecher und stieß seinem Gaul die Sporen bis an die Fersen in die Weichen, als er seinen Herrn mit dem Ritter Campolani im Kampf erblickte. »Hie Spiegelberg! Hie Spiegelberg!« »Bellissimo, da kommt Euch Hülfe, Signor Conde. Das ändert die Sache, wir müssen scheiden. Noch einmal: gebt um eines Weibes willen unsere Sache nicht auf; wir warten auf Euch im Lager des Herrn von Wrisberg und so denn – ecco!« Einem leuchtenden Blitz gleich flog die Klinge Philipps durch die Luft und schoß weit seitwärts von den Kämpfenden in das Gebüsch. Ehe der Graf den Dolch herausreißen und sich von neuem auf seinen Gegner stürzen konnte, hatte dieser sich auf sein Roß geschwungen und eilte zu seinen zwanzig Schritt entfernt haltenden Knechten. »Weshalb habt Ihr ihn nicht getötet?« fragte Fausta; aber Cesare antwortete nicht. Im Sattel sich wendend, rief er gegen den Grafen zurück: »Nun hütet Euch, Herr Graf zu Pyrmont! Meinen Dank für Euere Gastfreundschaft hab ich Euch soeben abgestattet – wir sind jetzt quitt – hütet Euch, mir von neuem die Brust zu bieten! Mein bleibt Fausta La Tedesca, die deutsche Glückbringerin –« Ein Schuß krachte, und die Kugel riß die schwarze Feder vom Barett des Ritters, der sich gegen den Grafen lächelnd verneigte und gefolgt von seinen Knechten gegen Lügde zurück trabte. »Verflucht!« brummte Eckenbrecher, die abgeschossene Büchse schüttelnd. Im wildesten Galopp jagten der Graf und der Klaus zum Schloß am heiligen Born zurüdc, die Mannen von Pyrmont zur Verfolgung der schönen, falschen Zauberin Fausta La Tedesca aufzubieten. Eine Stunde später vernahmen die Flüchtigen das Spiegelbergsche Horn hinter sich. Sie hatten von Lügde aus einen Bogen gegen Nordwesten gemacht, wurden aber bald gezwungen, von ihrem Wege abzuweichen und sich in die Wälder zu werfen, die vom Teutoburger Walde sich in die Ebene hineinziehen. Da die Spiegelbergschen mit Weg und Steg allhier wie mit ihrer Tasche bekannt waren, so gelang es ihnen bald, dem Ritter Campolani den Pfad zu verlegen. Endlich, nach kurzem Rat wandten die Verfolgten ihre Rosse wieder und jagten gegen die Weser. Mit einbrechender Nacht waren die Verfolger dicht hinter ihnen; Schüsse wurden gewechselt, als der Mond aufging; mehr als einmal hielt hinter einem geschwollenen Waldbach Don Cesare Campolani dem Grafen von Pyrmont stand. Was dann um Mitternacht zu Stahle am Ufer der Weser und auf dem Flusse geschah, ist im vorigen Kapitel erzählt worden. Tot war Fausta La Tedesca! – – Tot war Simone Spada aus Bologna! – – – Neunzehntes Kapitel Wie Simone Spada und die schöne Fausta La Tedesca begraben wurden, und was mit dem Bruder Festus geschah. Es war, als blicke man in das öde, leere Nichts, welches herrschte, ehe Gott der Allmächtige das Wort sprach, das Licht ward und die Dinge auftauchten aus der großen Wüste. Undurchdringlich lag der Nebel über dem Weserflusse und den Bergen. Man sah nicht drei Schritte weit seinen Weg, man vernahm keinen Laut. Es war, als ob die ganze Natur teilnähme an dem, was sich vorbereitete in dem Dorfe Stahle und der Stadt Holzminden. Zwei Tage waren vergangen seit dem großen Schrecken, welcher das Dörflein und das Städtlein überfallen hatte. Zwei Särge waren gezimmert worden: der eine stand am linken Ufer der Weser in dem katholischen Pfarrhause, der andere stand am rechten Ufer in dem lutherischen Pastorenhause. Still lagen die bleichen Schläfer in den schwarzen Schreinen, zwischen denen der Strom seine Fluten rollte; aber noch lehnten die Sargdeckel an den Wänden, noch blickte in das Gesicht Faustas Philipp von Spiegelberg, der Graf zu Pyrmont. Vergeblich war des letztern wilder Ritt hinter dem Ritter Cesare Campolani her gewesen. Glücklich hatte dieser sich zum Wrisberger gerettet, und manche gute Büchse und Hellebarde, geworben für den Dienst des Königs von Frankreich, lagerte sich jetzt zwischen ihn und seinen grimmigen Feind. Sein gutes Roß hatte der Spiegelberger zu Tode gejagt auf dieser wilden Jagd; dann war er zerschlagen, todmüde und krank zurückgekehrt nach Holzminden zur Leiche der falschen, schönen, geliebten Fausta. Den Sarg hatte er ihr zimmern lassen, und nun sollte sie begraben werden an diesem Nebelmorgen. In dem Pfarrhause zu Holzminden saß der Graf und mühete sich vergebens ab zu fassen, wie das alles so gekommen sei. Wohl war der Bruder Festus über den Fluß gekommen, um dem Grafen den letzten Gruß zu bringen von Simone dem Arzte aus Bologna. Wohl hatte der Bruder Festus dem Grafen die Geschichte des toten Freundes und der toten Fausta erzählt nach dem letzten Wunsche Simone Spadas. Aber der Graf hatte nur genickt, als sei das alles ganz in der Ordnung, sein Auge hatte die kleine Wunde unter der linken Brust der Toten nicht verlassen. Der Zauber, welchen die lebendige Fausta auf ihn ausgeübt hatte, waltete mit verdoppelter Macht jetzt, wo das Herz der Zauberin ausgeschlagen hatte. Vergessen war das falsche Spiel, welches sie mit ihm getrieben hatte – das war alles nur ein trügerischer Traum gewesen –, Fluch, dreimal Fluch über alle, welche ihn verlockt, sie in den Tod zu jagen, sie, die Schöne, die Heißgeliebte. Wehe, wehe, rief Philipp von Spiegelberg über sich selbst, und der Abt von Corvey, der mit einigen seiner Benediktinermönche auf die Nachricht von dem Geschehenen gen Holzminden gekommen war, konnte nur dem lutherischen Pastor Valentin Fichtner beistimmen, welcher da meinte: das Rätlichste werde sein, den Leib der schönen Dirne sobald als möglich zur Erde zu bestatten, um die »Verzauberung« zu lösen. Daß eine solche waltete, davon war jedermann überzeugt, Pfaffen und Laien, Katholiken und Lutheraner. Was bannte den jungen Grafen so an den Sarg des erschossenen Weibes? Falsches und Wahres schlang sich zu seltsam-schauerlichen Gerüchten zusammen, welche für lange kommende Jahre Stoff zu Wintermärchen und unheimlichen Sagen gaben. Die Spiegelbergschen Knechte vermehrten durch ihre Erzählungen, deren Grundton sich je nach der erzählenden Persönlichkeit änderte, diese unbestimmten Schauer, welche die »fremde Leiche« umgaben. Und dann drüben am linken Ufer der andere Tote!? Bald wußte man zu Holzminden und weit im Lande umher, daß auch er um der Fausta wegen erschossen worden sei. Seit Anno 1542, wo die Meißner und die Hessen ihr Lager bei Holzminden aufgeschlagen hatten, war das Städtlein durch kein Ereignis so aufgeregt worden wie durch das jetzige. Seit der schrecklichen Nacht, welche Fausta leblos an das rechte Ufer der Weser geworfen hatte, war das Städtlein wie in einem Traum befangen gewesen. Da lungerten die Spiegelbergschen Reiter durch die Gassen, da schritten die Mönche von Corvey, die sonst sich nicht gern auf dem protestantischen Boden zeigten, um und in das Haus des Pastors Fichtner; die bekanntesten Gegenstände blickten die guten Bürger und Bürgerinnen ganz fremdartig an, so waren sie in ihrem träge dahinschleichenden Leben aufgerüttelt und aufgeschüttelt worden. – Endlich war der Morgen gekommen, an welchem der Leib der »Fremden« begraben werden sollte an der Seite dessen, der drüben zu Stahle im schwarzen Totenschrein lag. Auf katholischem Boden mußten ja die katholischen Leichen ruhen, und die zwei Gruben – waren bei Laternenschein in der vergangenen Nacht gegraben auf dem kleinen Dorfkirchhofe. Es war alles bereit – die Nacht war vergangen, aber die Nebel wollten nicht weichen. Im Pfarrhause zu Stahle zur Rechten des von dem armen, ungeschickten Dorftischler rohgezimmerten Sarges Simones saß der uralte, blinde Chrysostomus, ohne zu wissen, was um ihn her vorging; zur Linken kniete mit verhülltem Gesicht der Bruder Festus. Die Fenster und die Türe des Gemaches standen weit offen, und stumm drängte sich davor die Dorfbevölkerung, scheue Blicke auf die beiden geistlichen Herren und den Toten werfend. Zu Füßen des Sarges kauerte der Knabe Paul und rang schluchzend die Hände: »O Madonna, Madonna, nimm meinen guten Herrn auf in dein ewiges, seliges Reich! O Madonna, o Madonna, wer soll nun mich Verlassenen heimleiten in die Heimat?« Wie schön war Simone Spada in seiner letzten Ruhe! Auch er trug seine Todeswunden an der Brust, und das edle Gesicht war verschont geblieben von den mörderischen Geschossen, welche die Fausta auf ihn gelenkt hatte. Die schwarzen Locken umwallten zierlich sich kräuselnd die breite, hohe Stirn und fielen bis auf die Schultern herab. Sein schwarzes Sammetgewand trug der Tote, und das Schwert von prächtiger Mailänder Arbeit an der Seite. Die Hände hatte ihm der Bruder Festus auf der Brust zusammengelegt, und sie hatten sich nicht dagegen gesträubt. So lag Simone Spada aus Bologna zum letzten Schlaf ausgestreckt in männlicher Totenschönheit da! – Dicht neben dem Kirchlein waren die beiden Gräber, in denen Simone und Fausta ruhen sollten, gegraben, und in dem kleinen Turme des Kirchleins standen zwei Kinder neben dem herabhängenden Glockenstrang und warteten, um im rechten Augenblick das Zeichen zu geben, welches die Fausta La Tedesca zu dem toten Simone herüberrufen sollte. Jetzt erhob sich der Knabe Paul und legte leise dem Vikarius Festus die Hand auf die Schulter, und der junge Mönch erhob zusammenfahrend das Gesicht und schaute mit irrem Blicke umher. »Es ist Zeit!« flüsterte Paul mit tränenvoller Stimme. Der Bruder Festus fuhr mit der Hand über die Stirn, als besinne er sich, dann nickte er. Dasselbe Wort – wurde am rechten Ufer zu Herrn Philipp von Spiegelberg gesprochen, und auch dieser hob das Gesicht aus den Händen und nickte. Auf beiden Seiten des Flusses traten die Meister Schreiner mit ihrem Werkzeug heran, um die Sargdeckel über die Toten zu legen, und Seufzen und Klagen begleitete ihr trauriges Werk. Währenddem hielt in der noch blätterlosen Laube des Pfarrgartens Klaus Eckenbrecher, der junge Reiter, die zitternde Monika umfangen, so daß der dichte Nebelschleier, welcher hüben und drüben so viel Elend, Sünde und Jammer bedeckte, wenigstens ein Glück den Augen der Welt verbarg. Zum erstenmal in diesen bewegten, wunderlichen Tagen durften die beiden Kinder in der Einsamkeit und Stille sich ungestört zusammenfinden; niemand achtete auf sie, niemand hatte Zeit, sich um sie zu kümmern; – wie konnte der Vater Fichtner weichen von der Seite des Grafen von Pyrmont und des Abtes von Corvey? In perlenden Tropfen zog sich der Nebel an dem Gezweig herunter, sammelte sich an den Spitzen der schwellenden Blattknospen und fiel mit leisem Klingen zur Erde nieder; – perlende Tröpflein fielen aus den Augen der seligen Monika, die dem Geliebten so viel zu sagen, zu klagen hatte, und doch kaum einzelne Worte hervorbringen konnte. »Treu! Treu! Treu!« Wie der Tautropfen sich aus dem grauen Dunst, der die Welt verhüllte, zusammenzog, so zog sich dieses Wort aus dem Nebel zusammen, welcher so lange ihr armes, banges Herz bedeckt hatte. »Ja treu, treu, treu!« jubelte Klaus Eckenbrecher. »O liebstes Lieb, wie konntest du daran zweifeln?« Hoch schlug dem Knaben das Herz, als er der Maid den roten Mund küßte; alle Kraft mußte er zusammennehmen, auf daß er sein Glück nicht laut hinausjubelte in die mißgünstige, neidische Welt. »O Monika, Monika, wie habe ich mich gesehnt! Und nun fass ich und halt ich dich –« »Und alles ist gut! Gelobt sei Gott der Herr, welcher dich behütet hat unter den fremden Leuten, in dem fremden Lande. Und wenn du nun auch wieder von dannen ziehest, so weiß ich doch nun für gewiß, daß du noch lebest und immer mich noch lieb hast wie sonst.« »Ja treu, treu!« flüsterte Klaus. »Und wenn ich auch wieder reiten muß, so stehet dieses Mal über unserm Abschied nicht solch ein böser Stern wie vor einem Jahr – gedenkst du noch daran?« »Jaja; ach, wie hab ich mich gehärmt vor einem Jahre, als der schlimme Stern in der Höhe leuchtete und du fortschifftest mit dem Grafen in der dunkeln Nacht.« »Aber der Stern hat uns nicht gegolten! Uns deutete er kein Unheil vor, nur große Sehnsucht und übermächtig Verlangen hat er uns gebracht, dieses ganze Jahr durch. Nun ist alles gut; ich habe dich und halte dich – treu, treu, treu in alle Ewigkeit!« Die Monika legte das Köpflein an die Brust des Geliebten, und dieser zog sie fester an sich; aber im selbigen Augenblicke schaueten beide auf und fuhren dann erschrocken auseinander. Vom Hause her erklangen rasch aufeinanderfolgende, dumpfe Hammerschläge. »Horch, horch!« »Sie schlagen den Sarg der Zauberin zu, die meinen Herrn verhext hat.« »O Klaus – horch, wie schauerig! Laß uns gehen, ich fürchte mich – o dieser Nebel – wird er nicht immer schwärzer?« »Bleibe, Monika – fürchte dich nicht; was haben wir mit der Toten zu tun?« »Nein, nein, – laß – laß mich aus deinen Armen – horch, was ist das – schaue da, da – horch, horch!« Schatten glitten gegen das Haus zu durch den grauen Duft; eine Trompete klang rufend in einiger Entfernung. »Das ist das Spiegelbergsche Horn – Peter Frost bläst's – das ruft uns zum Begräbnis – zum Scheiden, Monika!« Mit einem Schrei faßte die Maid den Herzliebsten wieder fest in die Arme. »Schon, schon?! O Klaus, lieber Klaus!« Wieder begegneten sich die Lippen der armen Kinder im heißen Kusse. »Es muß sein!« sagte der Reiter mit kläglicher Stimme. »Horch, schon wieder ruft das Horn, und da wird's lebendig am Strom – sie werden mit dem Sarg der Hexe aus dem Haus fürgehen,« »Bleibe hier, bleibe bei uns, Klaus!« schluchzte Monika. »Der Vater wird gut sein, er wird uns nicht mehr trennen wollen –« »Ich hab nicht Haus, nicht Hof, dich heimzuführen; – o tröst dich, mein Lieb, und weine nicht und brich mir nicht das Herz – es kommt doch noch alles zu einem guten End.« »Ach, Klaus –« Fest umschlangen sich noch einmal die beiden und küßten sich lang und heiß, dann riß der junge Reiter sich los aus den Armen der Braut, von der Mauer des Pfarrgartens sprang er herab und eilte nach der Fähre zu. »Ach Klaus, Klaus!« rief ihm die Monika nach; aber schon war er verschwunden im ziehenden Dunst. Auf beiden Ufern der Weser hatten die Meister Schreiner ihr traurig Werk vollendet; die Träger warteten an der Tür. Mit frühen Blumen waren beide Särge geschmückt, mit Märzveilchen, Schneeglöckchen, Maßliebchen und Tannenzweigen. Niemand hatte der Hand der Monika zu Holzminden gewehrt, als sie die Gewinde um den Schrein der großen Sünderin Fausta legte. – – Wie der Nebel wogte! Es war, als verdichte er sich immer mehr; die Brust preßte er zusammen, das Atmen erschwerte er; es war, als werde die Sonne niemals ihn besiegen können; es war, als müsse er von nun an bis in alle Ewigkeit die Erde bedecken. Im Pfarrhause zu Holzminden war der Abt von Corvey zu dem Grafen von Pyrmont getreten, welcher noch immer neben dem geschlossenen Sarge Faustas saß; er hatte sich zu dem Armen niedergebeugt: »Erhebet Euch, Philippe, es ist Zeit, den Leib der Erde zu geben; die Träger und die Schiffe harren – man ruft uns – horcht!« Leise klagend klang es aus der Ferne über den Strom – kaum vernehmlich zu Holzminden war die Stimme des winzigen Glöckleins von Stahle, und doch war Gottes Stimme darin; Gottes Stimme rief den Leib der großen Sünderin über den Strom; – über dem grauen Nebelschleier, welcher die Erde deckte, war Gericht gehalten worden über Simone Spada und Fausta La Tedesca, das Kind des Benediktus Meyenberger! .... Sechs junge Bürger von Holzminden trugen den Sarg der Zauberin herab gegen den Fluß, wo das schwarz behängte Fährschiff harrte. Zwischen dem Pastor Fichtner und dem Abt von Corvey folgte ihm Herr Philipp von Spiegelberg, ihnen nach traten die Mönche des Benediktinerstifts, und diesen folgten in Wehr und Waffen die Spiegelbergschen Knechte, deren Rosse bereits früher schon an das linke Ufer geschafft waren. Schattenhaft glitt die Reihe der Gestalten dem Flusse zu durch den Nebel; in Masse zog das Volk der Stadt, Männer und Weiber, Jünglinge und Jungfrauen, Greise und Kinder, mit und stürzte sich, als der Sarg in dem Fährschiff niedergesetzt war, ebenfalls in die Boote, um ihm über die Weser zu folgen. Fort und fort wimmerte von Stahle das Totenglöckchen, während von langsamen Ruderschlägen getrieben die Kähne in dem grauen Duft über die Wasser dahinglitten. Die Mönche von Corvey sangen das Miserere – die Sterbelitanei; in den begleitenden Kähnen schluchzten die Weiber, die Männer sahen grimmig in Furcht und Schauer. So schaukelten die Fluten der Weser die große Sünderin zum letzten Male auf ihrem Rücken, und immer, immerzu und immer, immer näher klang das Glöcklein von Stahle, immer dringender rief es die Fausta La Tedesca! – Auf dem armen, kleinen Kirchhofe des katholischen Dorfes war der Sarg des Arztes Simone Spada aus Bologna bereits neben den offenen Gräbern niedergesetzt und harrte. Neben ihm stand der Bruder Festus – eine unheimliche Gestalt in dem zweifelhaften Halblichte. Der alte Chrysostomus stützte sich auf den Arm seines Vikarius und lächelte kindisch vor sich hin, die armen Bauern mit ihren Weibern und Kindern bildeten einen Halbkreis um die Gruppe. Jetzt ging ein Flüstern umher: »Sie kommen, sie kommen!« In der Tiefe gegen den Fluß hin tauchte es im Nebelgrau auf, heran gegen den Kirchhof schwebte es – »Sie kommen, sie kommen!« Näher erklang der schwermütige Gesang – jetzt hatte der schattenhafte Zug die Umzäunung des Kirchhofes erreicht, man vernahm die Fußtritte der Nahenden – über die Gräber wälzte es sich heran – der Bruder Festus trat einige Schritte vor – zur Erde setzten die Träger den Sarg der Fausta La Tedesca neben der für sie bestimmten Gruft; der Gesang der Benediktiner brach ab. Aus dem Nebel traten gegen die Geistlichen des Dorfes der Abt, der Graf, der Pastor Fichtner und die Mönche heran, die Spiegelbergschen Reisigen und das Volk von Holzminden schlossen den Kreis, und dicht an den Reiter Klaus Eckenbrecher wurde zufälligerweise ein Jungfräulein gedrängt, um dessen Hüfte der Klaus sogleich den Arm schlang, obgleich sich das Mägdlein soviel, als tunlich war, dagegen sträubte. »Liebe, liebe Monika!« flüsterte der junge Reitersmann. »Hier und überall halt ich dich in meinem Herzen, und in meinem Arm halt ich dich, wo ich dich zu fassen krieg – o daß wir nun so bald wieder scheiden müssen!« Ein Seufzer antwortete dem Seufzer, und nicht mehr sträubte sich die Monika, dicht schmiegte sie sich an den geliebten Knaben. – Unter dem Gesang der Mönche von Corvey und des katholischen Volkes des linken Weserufers versank nun zuerst der Sarg der großen Sünderin Fausta La Tedesca in die Erde, und der Graf Philipp von Pyrmont schaute ihm glanzlosen Auges, gebrochen an Leib und Seele, nach. Dann knarrten die Seile um den schwarzen Schrein Simone Spadas, und auch er glitt in die offene Grube hinunter. Gespensterhaft bewegten sich die arbeitenden Männer in dem seltsamen, schauerlichen Helldunkel um die beiden Gräber, und der traurige Ton, den die herabgeworfenen Erdschollen auf den Särgen hervorbrachten, wurde noch unheimlicher in diesem Lichte, welches nicht Tag, nicht Nacht war. Als aber die beiden Hügel sich erhoben, ging eine Veränderung in der Atmosphäre vor. Von den Bergen im Westen her ging ein Wehen aus, in unruhige Bewegung gerieten die Nebelmassen, sie wogten hin und her, ballten sich hier zusammen, lichteten sich dort; es war, als ob eine unsichtbare Hand an dem Vorhang, welcher die Erde deckte, zupfe und ihn lüften wolle. Hochaufgerichtet stand der Bruder Festus neben dem Grabhügel des Freundes: er sollte dem Simone und der Fausta die Grabrede halten. Seine Augen glüheten im Wahnsinn, als er begann: »Höret die Stimme aus der Erde, die da spricht: ›Liebe ist stark wie der Tod. Ihre Glut ist feuerig und eine Flamme des Herrn. Viele Wasser mögen die Liebe nicht auslöschen, und die Ströme mögen sie nicht ersäufen, und wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, so gälte es doch alles nichts!‹ Höret die Stimme des toten Simone aus der Erden – o wie schlecht habet ihr eures Amtes gewartet, ihr Totengräber! Helft, helft, ihr Männer, daß wir die Stimme ersticken – her die Schaufeln! Erde, Erde auf die Stimme, daß sie begraben werde in der Tiefe!« Ein Gemurmel, unterdrückte Rufe ob dieser Worte des jungen Vikarius gingen durch das Volk – einige traten vor, andere wichen zurück. Alle außer dem Pfarrer Chrysostomus und dem Knaben Paul erschraken über diese wilden Worte; der Knabe Paul war aber zu tief in seinen Schmerz um den Tod seines guten Herrn versunken, Chrysostomus war zu alt, um über seines Vikars Grabrede zu staunen und sich zu entsetzen. »Wehe euch und mir – helft, helft, daß wir die Stimme ersticken!« rief der Bruder Festus. Einen Spaten griff er auf, und mit fieberhafter Hast fing er von neuem an, Erde zu werfen auf den Grabhügel Simone Spadas. Die Hände zusammenschlagend näherte sich ihm der Abt von Corvey, einige der Mönche versuchten es, dem Wahnsinnigen den Spaten zu entreißen; aber der Bruder Festus hob ihn hoch über das Haupt, als wollte er ihn wie eine Waffe gebrauchen; – immer stärker ward das Wehen von Westen her, welches die Nebel vor sich her gegen den Fluß trieb. »Fliehet, fliehet!« rief mit geller Stimme der Vikarius. »Vergeblich ist's, die Stimme ersticken zu wollen – vergeblich ist's, Totengebein, Gestein und Staub darauf zu türmen berghoch! Horcht, wie es wimmert!« Im grenzenlosen Schrecken und Schauder schrie jetzt das Volk auf, und in demselben Augenblick fuhr ein stärkerer Windstoß in die Nebelmassen, die noch auf dem Kirchhofe zu Stahle lagen – – urplötzlich traten die Gräber Faustas und Simones in das hellste Tageslicht, während der Dunst gegen den Fluß hin wie eine weiße Wand sich auftürmte. Wie geblendet schaute jedes Auge im Kreise umher – hier drängten sich mit ausgestreckten Armen die Mönche von Corvey mit ihrem Abt gegen den Vikarius von Stahle – dort hielten sich neben ihrem Herrn und dem lutherischen Pastor Valentin Fichtner und dem Bürgermeister Uhlenhut die Mannen von Spiegelberg in ihren kriegerischen Rüstungen, einen weiten Kreis bildete das Volk von beiden Ufern der Weser um die Gräber – grade vor dem Bruder Festus, kaum sechs Schritte von ihm entfernt, tauchten Klaus Eckenbrecher und die Monika aus dem Grau des Nebels auf. Noch standen die beiden aneinander gelehnt, mit den Armen sich umschlungen haltend; vor dem Getümmel der letzten Augenblicke hatte sich die junge Maid noch fester an den Knaben gedrängt. Weit und starr heftete sich das Auge des Mönchs Festus auf die Liebenden – er wollte vorstürzen – er sank halb in die Knie: »Monika! Monika!« Alle Blicke hefteten sich auf den Mönch und das junge Paar; der Pastor Fichtner trat aus dem Volk hervor gegen die Gruppe. »Was ist das? ... Her zu mir, Monika! Um Gottes willen, Mönch, Mönch – Festus – was ist –« »Monika! Monika!« Klaus Eckenbrecher schob die Monika ein wenig hinter sich zurück und legte die Hand an das Schwert; mit offenem Munde sah er dabei den Vikarius an. Dieser ließ den Spaten sinken und kroch zusammengeduckt mit vorgestreckten Armen gegen das junge Mädchen heran, daß dieses entsetzt zurückwich. »Unglücklicher, was willst du von meinem Kinde?« schrie der Pastor Fichtner. »Hebe dich weg, Wahnsinniger!« »Flammen schlagen empor aus der Erde! Wehe, wehe mir – rette mich, Jungfrau Maria, Mutter Gottes – rette mich, Monika!« Von neuem näherte sich der Mönch der jungen Maid. »Unseliger, was beginnst du, was willst du?« rief der lutherische Pfarrer. »Gerechter Gott, ihr katholischen Leute, ihr Herren von Corvey, höret ihr das? Her zu mir, Monika – Klaus Eckenbrecher, schütze mir das Kind, schütze deine Braut! Deine Braut nun soll sie sein! Fort, fort von ihr, Mönch!« Mit einem Jubelschrei faßte Klaus der Reiter das zitternde Kind mit dem linken Arm und ballte die rechte Hand gegen den Bruder Festus. »Zurücke, zurücke, Narr! Was schaust du mich an, Pfaff? Bei Luthers Namen, die Hand, welche du gegen mein Mädchen ausstreckst, hau ich dir vom Leibe!« »Recht, recht, 's ist recht, Klaus!« rief das lutherische Volk vom rechten Ufer der Weser. »Wehe, wehe, es ist unserm Vikarius angetan! Schütze ihn Gott, schütze ihn Maria!« rief das katholische Volk vom linken Ufer der Weser. »Haltet ihn, fesselt ihn!« rief der Abt von Corvey. »Der böse Feind spricht aus ihm. In nomine Jesu – werfet ihn in Banden! Laßt ihn nicht los, Bruder Antonius!« Der Bruder Antonius hatte sich gegen den Wahnsinnigen geschlichen, jetzt packte er seine Arme und zog sie auf dem Rücken zusammen; die andern Mönche faßten ihn an den Schultern und der härenen Kutte. »Schande! Schande!« rief der alte Pastor von Holzminden. »Klaus Eckenbrecher, aus freiem Herzen geb ich dir mein Kind, daß solche Schmach von seinem unschuldigen Haupt genommen werde, ich –« Er wurde unterbrochen durch einen Aufschrei alles versammelten Volkes – mit einer wilden Bewegung hatte der wahnsinnige Bruder Festus die ihn haltenden Mönche von sich geschleudert, noch einmal stand er frei und hoch aufgerichtet da: »Wehe mir und wehe euch – Flammen ringsum – schaut ihr die Fratzen der Hölle, die aus dem dampfenden Boden steigen? Wo ist Gott, daß er uns helfe in der Not, die seine Schuld ist? Wehe euch und mir – kein Gott im Himmel und auf Erden – dreimal wehe, wehe, wehe!« Er reckte die Hände zum Himmel empor und taumelte; plötzlich raffte er sich auf und sprang über die Gräber und schwang sich über die niedrige Mauer des Kirchhofes. Entsetzt, zitternd, vom tiefsten Grauen geschüttelt, blickte ihm das Volk nach, ohne daß sich ein Fuß regte, um dem Unseligen, dem Verlorenen in den Weg zu treten, ohne daß sich eine Hand regte, ihn aufzuhalten. Noch lag die weiße Nebelwand gegen den Fluß zu hoch aufgetürmt unerschüttert da, während plötzlich der Kirchhof mit dem glänzendsten Sonnenschein übergossen wurde, und gegen die westliche Mauer des Kirchhofes drängte nun alles Volk, außer dem blinden, hundertjährigen Chrysostomus, welcher auf seinen Stab gestützt allein neben den Gräbern Faustas und Simones zurückblieb. Drunten lief gegen die Nebelwand mit erhobenen Armen der Bruder Festus, eben noch im hellen Sonnenlicht, jetzt im leichten ziehenden Dunst – verschlungen hatte ihn das Nichts, die Leere – von neuem brach die Menge in einen wilden Schrei aus. »Ihm nach – schnell, um aller Heiligen willen!« rief der Abt von Corvey, die Hände ringend. »Der Fluß, der Fluß –« »Ihm nach – ihm nach!« wiederholte die Menge. Über die Mauer des Kirchhofes sprangen die Schnellsten und stürzten hinter dem Verschwundenen her, Reisige und Mönche, Bauern und Bürger, Weiber und Kinder eilten den Hügel hinunter gegen den verhüllten Fluß. Auf dem Kirchhof blieben mit dem alten Chrysostomus nur der Abt von Corvey, der Graf von Pyrmont, der Pastor Fichtner, Klaus Eckenbrecher und die Monika zurück und horchten den rufenden Stimmen drunten im Nebel und Dunst. Vergeblich war das Rufen und Suchen des Volkes, der Reiter und der Mönche; die Weser, welche geheimnisvoll durch die seltsame Dämmerung rauschte und murmelte, gab keine Kunde über das Verbleiben des verlorenen Bruders Festus. Wer konnte sagen, ob sie ihn aufgenommen hatte in ihren kühlen Schoß? Wer konnte sagen, ob der Kampf des Bruders Festus zu Ende sei, ob die wilden Flammen, die sein Herz verzehrt hatten, gelöscht seien? Ehe der Nebel vollständig gewichen war, mußte alles Suchen nach dem Bruder Festus – nach dem Leibe des Bruders Festus vergeblich sein! Auf dem Kirchhofe standen ratlos die Zurückgebliebenen um den blinden Chrysostomus. Vergeblich waren die Fragen, die der Abt von Corvey über den Bruder Festus an den Alten richtete; kindisch lächelte dieser und gab die seltsamsten Antworten auf alle Erkundigungen des geistlichen Herrn. Seufzend gab dieser seine Versuche auf, das traurige Rätsel auf diese Weise zu lösen. In tiefes Sinnen versunken stand Ehrn Valentin Fichtner und hielt sein weinendes Kind an der Hand. Ihm war das Geschehene und das Warum jetzt klar, klar in der Seele; aber Bericht gab er dem Abte auch nicht, sondern zog sein Barett ab und betete leise und inbrünstig. Unendlichen Jubel verschloß Klaus Eckenbrecher in seiner Brust. Obgleich ihm vielleicht am allerwenigsten das Geschick, welches den Bruder Festus betroffen hatte, klar war, so wünschte er ihm doch instinktmäßig alles Böse, und wenig würde er geklagt haben, wenn man die Leiche des unglücklichen Vikarius aus dem Nebel drunten hervorgetragen hätte. Gerührt war er aber auch, und im höchsten Grade: Seine Braut solle er schützen, hatte ihm der Vater Fichtner zugerufen – gewonnen war des Vaters Wort, gewonnen – gleichviel auf welche Weise – Triumph, Triumph! Seitwärts von der Gruppe stand neben dem Grabhügel, welcher den Leib Faustas deckte, Herr Philipp von Spiegelberg, auf sein Schwert gestützt. Was ging ihn der Bruder Festus und die Monika an? Was in ihm von Leben und Denken war, haftete alles an diesem Grabe. Allmählich kehrten vereinzelt oder haufenweise die Reiter, die Mönche und das übrige Volk von dem vergeblichen Forschen nach dem verlorenen Bruder Festus zurück. Alle stiegen sie wieder den Hügel hinauf und sammelten sich auf dem Kirchhofe. Niemand brachte die geringste Kunde von dem Mönche, doch waren wenige, die noch festhingen an der Meinung, der Bruder Festus lebe noch und irre stromabwärts oder -aufwärts in den Wäldern und Feldern umher. Die meisten hielten fest daran, daß der Fluß die Leiche des Vikarius von Stahle gen Mitternacht hinabtrage. Nach einer Stunde verflüchtigte sich der Nebel vollständig, glänzend trat der Fluß ins Licht, und das ganze Wesertal lag im funkelnden Sonnenschein da. Von neuem forschte man nach dem verschwundenen Festus; den Fluß durchsuchte man mit Stangen und Haken, weit ins Land hinein gingen Boten stromabwärts, stromaufwärts. Alles vergeblich! Verloren war der Bruder Festus – verschlungen hatte ihn der Nebel, das Nichts, und nicht schaffte der helle, klare Tag den Verlorenen zurück. Das katholische Volk kniete auf dem Kirchhof zu Stahle und betete für die arme Seele des Bruders Festus; dem Beispiel des katholischen Volkes folgten die Lutheraner vom rechten Ufer der Weser; auch sie beteten für die arme Seele des unseligen Vikarius von Stahle. Eine Stunde später war der kleine Dorfkirchhof, welcher so Schreckliches an diesem Tage gesehen hatte, leer. Der Abt von Corvey ließ dem Dorfe und dem blinden Chrysostomus den Mönch Antonius zurück und zog auf seinem Maultier, gefolgt von seinen Benediktinern, seiner Abtei zu. Das Volk von Holzminden war zu seinen Häusern zurückgekehrt, wandelte aber den ganzen Tag umher, ohne die gewohnte Arbeit aufzunehmen. Der Pastor Valentin Fichtner schlug in seiner Studierstube die Bibel auf, stützte das greise Haupt auf die Hand, und manch ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust, wie er die Blätter des Folianten umwandte. Oft genug schweiften seine Gedanken von dem heiligen Texte ab. »So mag Gott diese Liebe zum besten kehren! Ei, ei, wie hat mich der große Schreck überrumpelt!« murmelte er mehr als einmal, sorgenvoll das Haupt schüttelnd. In ihrem Kämmerlein weinte sich die Monika in Glück und Wonne und Dank recht ordentlich aus und folgte tief in Gedanken dem Liebsten, der sie nun offen und ehrlich lieben konnte vor der Welt und der nun bereits wieder mit dem Grafen zu Pyrmont und den Genossen durch die Wälder ritt gegen das Schloß am heiligen Born. O wie gern hätte der Eckenbrecher seiner Seligkeit durch ein helles Aufjauchzen Luft gemacht, wenn es nur die Trauer seines Herrn erlaubt hätte. Gesenkten Hauptes ritt Herr Philipp von Spiegelberg seinen Mannen voran; ein trauriger Heimzug war ihm beschert. Zu Falkenhagen fanden die Spiegelberger den Luigi, den Knecht Don Cesare Campolanis. Eine Kugel hatte ihm bei der Verfolgung der Fausta und des Ritters die Hüfte zerschmettert. Der Graf versprach, für den Armen sorgen zu wollen, und gab ihm alles Geld, welches er bei sich trug. Klaus Eckenbrecher in seinem Glück gab ihm ebenfalls den Silbergulden, welcher sein ganzes Besitztum ausmachte. Zu Hause ankommend, wurde der Graf zu Pyrmont von neuen Boten Herzogs Erich des Jüngern bewillkommnet, welche ihm ein neues Schreiben ihres Herrn überreichten. Dringender rief dieses Schreiben Herrn Philipp von Spiegelberg zu den Waffen für Philipp den Zweiten von Hispanien; von Siegesruhm, von Ehre sprach es. »Den Tod will ich mir erreiten«, seufzte der Graf zu Pyrmont, »den Tod und die Rache will ich mir erreiten!« Zwanzigstes Kapitel Was Klaus Eckenbrecher am heiligen Born von der Schlacht bei Saint Quentin erzählte. War im Jahre fünfzehnhundertsechsundfünfzig ein großes Getöse und gewaltiger Tumult um den heiligen Born von Pyrmont gewesen, so brachte der Sommer des Jahres fünfzehnhundertsiebenundfünfzig dem grünen Waldtale die Menschenflut in schier noch verdoppeltem Maße zurück. Aber eine sehr merkbare Veränderung war in der Zusammensetzung des Volksspiels, welches sich um die Wunderquelle versammelte, vorgegangen. Es waren viel weniger Kranke und viel mehr Gesunde als im vorigen Jahre gekommen; viel, sehr viel hatte der heilige Born von Pyrmont von seinem Nimbus verloren. Wieviel frische Gräber waren aufgeworfen auf den Kirchhöfen zu Oestorf, Löwenhausen, Holzhausen und Lügde – Gräber, um die niemand sich kümmerte, an denen niemand klagte und betete –, landfremde Gräber! Ein guter Teil der Kranken des vorigen Jahres war auf der Heimreise den Beschwerden des Weges unterlegen oder gleich nach der Rückkehr in die Heimat gestorben; ein guter Teil war viel elender und kränker heimgekommen, als er ausgezogen war. Viel verlor der heilige Born zu Pyrmont von seiner Glorie auch durch den Brodneid des Brunnendoktors von Schwalbach, des Meisters Tabernaemontanus, zu deutsch Schenkenberg, welcher eine Schmähschrift gegen ihn drucken ließ und schnöde darin behauptete: das heilige Wasser zu Pyrmont enthalte wohl genug Auripigment, Arsenik, Rattengift, um einen Menschen in die andere Welt zu befördern, aber durchaus nichts, was einem Kranken die Gesundheit wiedergeben könne. Auch der Ruhm des Pyrmontschen Quells als ein solcher Jungbrunnen, wie ihn Lukas Cranach so ergötzlich geschildert hat – ein Jungbrunnen, in welchen man auf der einen Seite alt, lahm, krüppelhaft hineinsteigt, um auf der andern Seite jung, frisch und rosig daraus hervorzugehen –, auch solcher Ruhm verblich allgemach, sintemalen kein einzig verdorrt, eingehutzelt Mütterlein auf dem heiligen Anger wieder als eine blühende Jungfrau mit den des Wunders harrenden lustigen Gesellen getanzt hatte. Bedeutend weniger Wagen und Schubkarren voll alter Weiber und vertrockneter Jungfrauen wurden im Jahr fünfzehnhundertsiebenundfünfzig am heiligen Born abgeladen. – Freilich hatte sich trotz alledem an der dicken Linde, an welcher die Gesetztafeln des Rektors Hermann Huddäus angeschlagen waren, eine ziemliche Menge von Krücken und Wachsgebilden menschlicher kranker Glieder, von den Geheilten daselbst dankbaren Herzens aufgehängt, angesammelt. Und manch ein armer Kranker, dessen Nachbar nicht gestorben war nach der Heimkehr, auch nicht kränker heimkehrte, manch ein armer Kranker, welcher des Doktors Tabernaemontani Giftbüchlein nicht gelesen hatte, hatte noch Vertrauen und machte sich auf, zu Pyrmont neue Gesundheit zu holen. Aber, wie gesagt, die Gesunden hatten im zweiten Jahre, nachdem der Ruf von dem Wunderborn im Land ausgegangen war, die Oberhand auf dem heiligen Anger. Für jeden Gaukler, Gauner, Taschenspieler, Musikanten, für jeden heimatlosen Abenteurer, für jede liederliche Dirne, welche im vorigen Jahre hier ihr Wesen getrieben hatten, waren fünfzig erschienen, um das grüne Waldtal zu ihrem Tummelplatz zu machen. Ein wüstes, gottloses Treiben, viel, viel greulicher als im vorigen Jahre, brach los; Raub, Mord und Unzucht gingen hoch im Schwange und hatten frei Spiel! Die alten Chronikenschreiber sind auch allgesamt der Meinung: der heilige Quell habe nur durch die Schuld des sündhaften Volkes seine Wunderkraft verloren; ein Teil der Besucher habe sie trotz der Warnung des Rektors Huddäus nicht wie eine gnädige Gabe Gottes, sondern wie einen Abgott, dem man heidnische Verehrung schulde, angesehen; ein anderer Teil habe aber durch »öffentliche Schande, Sünde, Hurerey und Büberey« dazu beigetragen, daß der Allmächtige sein Geschenk zurückgezogen und dem Brunnen seine Macht und Kraft wieder genommen habe. – Keine männliche Hand hielt mehr die eiserne Rute über das wilde, gottverlassene Gesindel; im Mai schon war Herr Philipp von Spiegelberg, der Graf zu Pyrmont, ausgeritten aus dem Schloß seiner Väter, fortgezogen in den Krieg, aber nicht für die Franzosen, nicht mit dem Herrn von Wrisberg, sondern für den König von Hispanien und gegen den Wrisberg. Zum Wrisberger hatte sich ja Don Cesare Campolani geflüchtet, und mit den Herzögen von Braunschweig, Heinrich und Erich dem Jüngern, warf sich Philipp von Spiegelberg auf den alten Bandenführer und die in Niedersachsen geworbenen Haufen. Die dreißig Fähnlein Fußknechte und Reiter, welche Herrn Heinrich von Valois zuziehen sollten, wurden zwar auseinandergesprengt, aber den Campolani erreichte das Schwert des Grafen von Pyrmont nicht, und manch einer seiner Hintersassen mußte bei diesem Anlauf das Leben lassen nach dem alten Sprüchel: Wann die Jungherrn zum Raufen schreien, Müssen die Bauern die Haare herleihen. Christof von Wrisberg wurde auf der Flucht von Hans Barner ereilt und gefangen; der alte Bursche hatte viel Unglück in seinem Leben, aber er verlangte es im Grunde gar nicht besser, und als nun wieder einmal die Gefängnistür hinter ihm verriegelt wurde, fügte er sich diesem Geschick mit philosophischem Gleichmut und würfelte und soff mit den ihn bewachenden Partisanenträgern Tag und Nacht, solange seine Haft dauerte. Mit fünfzig tollkühnen Gesellen entkam Don Cesare Campolani dem ihm nachjagenden Philipp von Spiegelberg, welcher ihm gar oft dicht auf den Fersen war. Don Cesare hatte mehr Glück als der arme Christof von Wrisberg und rettete sich zum Rheingrafen; für den führte er einen Trupp deutscher Hülfsvölker zum Coligny und Andelot in die feste Stadt Saint Quentin in der Pikardie, gegen welche sich die Kriegeswolken langsam, drohend heranwälzten. Wacker hielt sich Klaus Eckenbrecher in diesem Strauß gegen den Wrisberger und machte gute Beute, von welcher der Monika Fichtner zu Holzminden ein silbern Ringkettlein zu Händen kam. Freudigen Mutes zog er sodann mit seinem jungen Herrn und Herrn Erich dem Jüngern fürder zu neuen Taten; man hätt Ihm viel bieten müssen, wenn er seine Hoffnungen dafür hätte hingeben sollen. – Aus Brüssel, wo Don Philipp von Spanien prächtig Hof hielt, wo der leichtsinnige Erich von Braunschweig von den Reizen der wunderschönen Katharina von Wedden sich fesseln ließ und wo Klaus Eckenbrecher nicht viel Gutes lernte, kam der letzte Brief des Grafen Philipp von Pyrmont an die beiden armen, verlassenen Schwestern auf dem Schloß am heiligen Born. Ein trauriger, finsterer Brief war's; Ursula von Spiegelberg weinte bitterlich darüber, bedenklich schüttelte der Kaplan Bellin das Haupt darob, und selbst die wilde, sorgenlose Walburg wurde ganz melancholisch dadurch gemacht. Die arme Ursula! Sie wußte sich fast keinen Rat mehr. Von den Fenstern ihres Gemaches aus blickte sie oft in Verzweiflung auf das Gewoge des heiligen Angers, der sein Beiwort »heilig« schon lange nicht mehr mit Recht trug, da die wüste Menge darauf ihr scham- und sittenloses Wesen immer toller, immer unbändiger, immer frecher trieb, da niemand war, der ihr wehrte. Wie mochte solch ein junges, schwach Mägdelein diese wirbelnde, kreischende, jauchzende, in Wut und Lust brüllende, ruchlose Menschensündflut bändigen? Die Hintersassen, die Knechte, welche der Kriegszug des Grafen zurückgelassen hatte zum Schutz des Heimwesens, waren selbst nur allzu bereit, dem ansteckenden, dem üppigen, liederlichen, rasenden Veitstanze zu verfallen. Bis in die Ringmauern des Schlosses erstreckte die große Verderbnis ihre ekeln Fangarme und zog allgemach, unwiderstehlich die Dirnen und Frauen in den Strudel der Schande und der Sünde hinein. Keine Zucht, keine Ordnung galt mehr; einem kochenden, brodelnden Giftkessel glich das sonst so friedliche, liebliche Waldtal, welches die Emmer durchrauscht; Sitte und Scham hatten längst ihre weißen Flügel entfaltet und hatten schaudernd sich in reinere Lüfte geflüchtet. War schon im Lichte des Tages der Anblick des Wesens am heiligen Born widerlich und abstoßend, so nahm die Szene mit hereinbrechender Dämmerung, mit der Nacht erst die rechte Färbung an. Dann schlangen oft trunkene Tausende von wahnwitzigen Männern und Weibern um die hochlodernden roten Feuer endlose Reihentänze, und Orgien fanden statt, von denen sich das Auge mit Schauder und Entsetzen abwandte. Dazwischen krachten bei Tag und bei Nacht, in Glimpf und im blutigen Ernst die Feuergewehre; vollständige Schlachten lieferte sich die rasende Menge und zerriß sich selbst im Wahnsinn viehischer Wut und Lust. Gleich zu Anfang des Sommers hatten die Vornehmen, die Ehrbaren und Reichen, welche der Ruf der Heilquelle noch herbeigezogen hatte, die Flucht genommen und dem Gesindel das Feld geräumt; die edeln Herren der Umgegend waren sämtlich gen Flandern zu den Heeren geritten, die Autorität der Geistlichkeit war gleich Null – nirgends war Rat und Hülfe zu finden für die beiden verlassenen, jungen Waisen auf dem Schloß Pyrmont. Dazu kamen von Zeit zu Zeit die tollsten, abenteuerlichsten Gerüchte aus der Ferne, ohne daß man erfuhr, wie und von wem sie ausgegangen waren. Bald war Brüssel und der Haag, bald war Paris genommen, bald hatten die Spanischen, bald die Franzosen große Schlachten gewonnen, bald sollte der König von Spanien, bald der allerchristlichste König tot oder gefangen sein, bald war Herr Philipp von Spiegelberg mit großem Pomp als Sieger in die gestürmte Stadt Quentin eingezogen, bald lag er darin elendiglich gefangen. Das war wohl eine Zeit des Schreckens und der Angst für die beiden Fräulein auf dem Schloß Pyrmont! Vorgesichte und unheildrohende Zeichen aller Art schreckten das Hofgesinde und die beiden Herrinnen. Eine weiße Elster nistete sich über dem Schloßtore ein, und oft huschten vor den Augen des Fräuleins Ursula weiße Mäuslein durch die Säle, Gänge und über die Treppen der Burg, welches beides großes Trübsal bedeutet und unfehlbar anzeigt, daß ein Haus bald einen andern Herrn erhalten werde. Im Waffensaal löste sich eine zurückgelassene Rüstung des Grafen plötzlich, ohne daß jemand den Grund davon anzugeben vermochte, vom Nagel und fiel klirrend zu Boden. Viel unheimliches Gepolter, Schleichen, Rauschen ließ sich in nächtlicher Weile hören, daß Mägde und Knechte und Jungen zitternd zusammenkrochen. Auch eine weiße Gestalt wollten die Wachen gesehen haben, und allnächtlich pickte eine Totenuhr hinter dem Getäfel am Bett der alten Amme Herrn Philipps von Spiegelberg, allnächtlich umflatterte das Leichenhuhn mit kläglichem Geschrei das Schloß und streifte mit den Flügeln die Kammerfenster der zwei Schwestern. Gegen Ende des Sommers häuften sich diese Vorzeichen immer mehr, und am achten September ging wieder einmal unter dem Volk am heiligen Born ein Gemurmel aus, der Grundherr sei – tot, sei gefallen »drunten in Flandern«. Kaspar Wicht, der Fiedelmann, brachte die Nachricht zuerst in das Schloß, wo das Gesinde sie anfangs nur mit halbem Glauben aufnahm, da ähnliche Gerüchte schon öfters entstanden waren und sich doch stets als grundlos erwiesen hatten. Aber dieses Mal hielt sich die Nachricht leider Gottes! Immer lauter und bestimmter erklang das anfangs leise geflüsterte Wort. Eine gewaltige Feldschlacht sei geschlagen worden, wußte man, doch waren die Meinungen darob verschieden, welche von den beiden Parteien den Sieg behalten habe. In das Frauengemach drang das böse Gerücht, und laut weinend umschlangen sich die Schwestern von Spiegelberg, welche das Schloßgesinde ratlos umringte. Boten ritten ins Land aus nach sichern Nachrichten, aber kehrten zurück, ohne viel mitzubringen: im Franziskanerkloster des heiligen Liborius zu Lügde, wo man sonst politische Neuigkeiten immer am ersten und genauesten holen konnte, wußte man weiter nichts, als daß in der Tat eine große Schlacht in der Pikardey vorgefallen sei; von den Gebliebenen konnte man noch keine Auskunft geben. »Es wird so sein – er ist tot! Er ist tot!« klagten die Schwestern von Spiegelberg. Am folgenden Tage sang man zu Paderborn Te Deum laudamus und Gloria in excelsis über den Sieg bei Sankt Quentin, und der Bischof sandte einen Trauerboten gen Schloß Pyrmont. – Das Gerücht hatte diesmal wahr gesprochen: Herr Philipp von Spiegelberg war ritterlich gefallen auf dem Siegesfelde! Das alte berühmte Geschlecht war zu Grabe gegangen, die weiße Elster über dem Schloßtore, die weißen Mäuslein hatten recht gehabt: die Burg auf dem heiligen Anger bekam einen andern Herrn! – Graf Philipp zu Pyrmont war tot und lag in ritterlichen Ehren begraben zu Kammerich, welches von den Welschen Cambray genannt wird. Sein verwüstet Herz hatte unter dem schweren Leichenstein Ruhe gefunden, sein stolzes, untadeliges Schild war zerbrochen worden über dem Sarge, Schwert und Helm hatte er mit in die Gruft genommen nach ritterlichem Brauche. Und – seltsamerweise – veränderte sich mit der Nachricht von dem Tode des Grafen der Anblick des Tales von Pyrmont ganz und gar. Wie vor dem Anhauche Gottes zerstob urplötzlich die gewaltige, zusammengelaufene Volksmenge nach allen Seiten mit solcher Schnelle, daß die Chronisten nicht genug Wunder darüber rufen können. Wie der Ruf des heiligen Bronnens meteorartig geleuchtet hatte, so verging er meteorartig wieder, und für lange, lange Zeit versanken die heilenden Quellen in die allertiefste Vergessenheit. Gegen Ende des Septembers befand sich bis auf wenige vereinzelte Nachzügler, die den Wölfen glichen, welche auf einem unbegrabenen Schlachtfelde umherirren, kaum mehr ein Fremder in dem armen, in jeder Art zertretenen und verwüsteten Waldtale, welches Zeuge so mannigfacher, bunter Schauspiele gewesen war. Noch viel betäubter als im vergangenen Jahr nahmen die eigentlichen Bewohner des Tals ihre halbvergessenen Arbeiten wieder auf. Verdrießlich, müde schlichen sie umher – vorbei war der Rausch, die große Orgie der letzten Zeit; Mensch und Natur sanken zusammen und verkümmerten unter den Folgen. Recht früh ward es in diesem Jahre Herbst. Vorzeitig verblühten die Blumen, welche von den Füßen der Menge verschont geblieben waren; vorzeitig machten die Wandervögel ihre Flugordnung und zogen südwärts von dannen. Viel zu früh war der Herbst gekommen! – Und es war ein solcher, die Seele niederdrückender Herbsttag, wo die Sonne freilich wohl den ganzen Tag über schien, wo man aber stundenlang ungeblendet ihre bleiche Kugel auf ihrer Bahn durch den bleigrauen, leichenfarbenen Duft, welcher das Himmelsgewölbe überzog, verfolgen konnte. Mit feinen Schimmerfäden waren die Stoppelfelder überspannt, und Reineke Fuchs lag, auf Beute lauernd, geduckt in der Furche, umkreise von erbosten, krächzenden Krähenscharen. Über alle Wege und Stege wurde durch kurze, eisige, hohlbrausende Windstöße das welke Laub der Wälder getrieben und mit den Staubeswolken in Wirbeln auf und nieder gekreiselt. Und es neigete sich zum Abend. – In ihren schwarzen Trauergewändern saßen auf dem Schloß Pyrmont, welches finster und altersgrau in der grauen Beleuchtung dalag, die beiden Fräulein Ursel und Walburg von Spiegelberg, bleich und mit verweinten Augen, und horchten stumm den tröstenden und ermahnenden Worten des Kaplans Bellin, welcher mit dem Gebetbuch auf den Knieen neben ihnen saß. Verstaubt und mit gelockerten Saiten lehnte die Harfe der jüngern Schwester im Winkel; niemand hatte darauf gespielt, seit die falsche Gauklerin Fausta La Tedesca mit dem Ritter Campolani vom Schloß geflohen war. Des Grafen Philipps Wolfshund hatte den klugen Kopf in den Schoß Ursulas gelegt und blickte mit den treuen, traurigen Augen zu ihr auf und winselte leise, als wisse er recht gut, daß sein Herr nie mehr zurückkehren würde aus der Ferne, daß der Greif nie mehr mit fröhlichem Gebell ihm über die Zugbrücke entgegenspringen werde. Wohl lag es trübe und schwer auf dem Tal Pyrmont, aber am trübsten und schwersten lag es doch auf dem Herrenschloß im Tal! Die Wappen und Ahnenbilder waren mit Trauerfloren verhängt; tiefstes Schweigen herrschte in den Gängen, in den Sälen, in dem Hofe; nie hörte man wie sonst ein lustiges, loses Wort der Knechte und Dirnen, nie hörte man ein fröhliches Gelächter – nirgends erblickte man ein lächelndes Gesicht. Wie war das frühere bunte Leben verhallt und verblichen – das Schloß auf dem heiligen Anger war tot, wie sein Herr tot war! – Jetzt wurde der Kaplan zu einem Schwerkranken in Holzhausen, der ebenfalls des Trostes des alten geistlichen Herrn bedürftig war, gerufen; auf den Zehen schlich der geistliche Herr fort und ließ das Schwesternpaar allein in der Dämmerung, die immer tiefer herabsank. Immer unbändiger sauste der Wind um die Schloßtürme. – Während nun der Kaplan Bellin am Lager des sterbenden Bauern zu Holzhausen weilte, erreichte ein kleiner Zug Reiter, welchem zwei Wagen folgten, bei Hagen den Grenzstein von Pyrmont, nachdem er spät am Nachmittag durch Lemgo gezogen war. Langsam schritten die Rosse einher auf dem Wege, auf welchem der Graf Philipp gen Flandern aus der Heimat fortgeritten war. Reitern und Pferden sah man an, daß sie einen langen, mühseligen Weg zurückgelegt hatten: verrostet und bestaubt waren die Waffen, Harnischstücke und Kleider, hager und gebräunt waren die Gesichter der Reiter, hager und abgetrieben sahen die Pferde aus. Sobald der kleine Kriegerhaufen die Grenze der Grafschaft erreicht hatte, begrüßten sie die Männer mit einem lauten, wilden, langhallenden Geschrei, welches auf den benachbarten Feldern seinen Widerhall fand. Von allen Seiten eilten die Bauern und Arbeiter von den Fluren gegen die aus Flandern heimkehrenden Spiegelbergschen Mannen heran, und blitzschnell wußte man zu Holzhausen: »Sie kommen, sie kommen! ... sie sind da!« Aus allen Türen stürzten die Männer und Frauen, die jungen Leute, die Greise und die Kinder in Angst und Hoffnung. Freunde und Verwandte waren ja die meisten der in den Krieg mit dem Grafen Ausgezogenen: nun sollte man erfahren, wer heil und wohlbehalten die Heimat wiedergewann. Lautes Wehklagen und Weinen und Schluchzen mischte sich bald in lärmende Ausrufe des Jubels und der Freude. Auch der Kaplan Bellin begrüßte mit Tränen in den Augen die Krieger, die er fast alle hatte aufwachsen sehen. Vorwärts bewegte sich der Zug dem Schlosse zu. Die ganze Bevölkerung von Hagen, Holzhausen, Oestorf und der umliegenden Gegend schloß sich ihm an, und bald klang durch das Brausen des Windes das dumpfe Getöse der nahenden Menge empor zu den Fenstern Walburgs und Ursulas von Spiegelberg. Vom Turm erklang das Horn des Wärtels, in das Fräuleinzimmer stürzte der Haushofmeister: »Das Banner, das Banner von Spiegelberg! Sie kommen, sie kommen!« Mit einem Schrei hoben Ursula und Walburg die Hände, in langgezogenen Tönen klang rufend, klagend vor der Zugbrücke eine andere Drommete. In lautes Weinen brach die arme kleine Walburg aus; aber Ursula stand jetzt bleich und stolz in der Mitte des Gemaches, und ihrer Stimme merkte man kaum ein leises Zittern an, als sie rief: »Öffnet das Tor den Mannen von Pyrmont!« Lichter und Fackeln durchirrten das Schloß und sammelten sich auf dem Burghofe. Die Zugbrücke rasselte nieder, und dumpf erklangen der Hufschlag und die Fußtritte der nachdringenden Menge auf den eichenen Planken. Vorauf den Kriegern ritt der Führer, der quer über die Stirn und das linke Auge eine schwarze Binde trug. Matt und krank schien er sich kaum noch im Sattel halten zu können; aber hoch und stolz hielt er mit Aufwendung der letzten Kräfte das schwarzumflatterte Banner von Spiegelberg und Pyrmont empor. Klaus Eckenbrecher war dieser Führer – da alle Bessern vor ihm gefallen waren, so durfte er dem geringen Rest des Spiegelbergschen Häufleins in die Heimat voranreiten. Die Fackeln im Burghofe gossen ihr rotes, phantastisches Licht über die Reiter, die Rosse und das Volk aus; erklirrend in ihren Harnischen schwangen sich die Mannen von Spiegelberg von den Pferden, und hätten nicht der Schloßkaplan Bellin und andere zugegriffen, so wäre Klaus Eckenbrecher vor übergroßer Erschöpfung dabei zusammengebrochen. In der gotischen Türe, welche zum Hauptgebäude der Burg führte, erschien jetzt der Haushofmeister, der sich schnell in sein festlich Gewand geworfen hatte, neigete seinen Stab gegen die sieghaft heimkehrenden Krieger und rief: »Im Rittersaal harren eurer die gnädigen Fräulein, Fräulein Ursula von Spiegelberg, Gräfin zu Pyrmont, und Fräulein Walburg von Spiegelberg, Gräfin zu Pyrmont. Tretet ein und seid willkommen!« Vor schritt Klaus Eckenbrecher mit dem Panier, ihm folgten paarweise die Reisigen die Treppe hinauf, hinein in den großen Saal, und alles Volk, Männer und Weiber, Kinder und Greise, ging auch hierhin mit, und niemand wehrete ihm sein Recht. Wachskerzen und hängende Lampen erleuchteten hell die weite Halle, die jetzt einen merkwürdigen, feierlichen Anblick darbot. Auf einer mit Teppichen belegten Erhöhung am Ende des Saales saßen die beiden Schwestern Ursula und Walburg; zwischen ihren Sitzen stand ein dritter Sessel, an dessen Rücklehne die Wappen von Spiegelberg und Pyrmont, in Holz geschnitzt, prangten. Dieser Stuhl – der Sitz des Grafen Philipp – war leer. Kopf an Kopf gedrängt, füllte das Volk den Saal hinter den heimgekehrten Kriegsmannen, auf deren Sturmhauben und Harnischen rötlich der Wiederschein der Lichter glänzte. Aller Augen richteten sich auf die beiden jungen Mädchen, deren Blicke sich dagegen auf die bärtigen, verwilderten Gesichter der Krieger richteten, von welchen die meisten durch Pflaster und schlechtverheilte Narben dartaten, daß sie nicht für ein Kinderspiel die Heimat verlassen hatten. Allmählich löste sich nun das verwirrte Getöse, welches den Eintritt der Reisigen und der Menge in die Halle begleitet hatte; man vernahm nur dann und wann das leise Rasseln und Klirren eines Waffenstückes, dann und wann ein tieferes Atmen, einen Seufzer oder das stille Weinen einer Mutter oder Braut, welche ihren Schmerz um den verlorenen Gatten, Sohn oder Herzliebsten nicht mehr zu unterdrücken vermochten. Auch Walburg von Spiegelberg weinte, es weinte aber nicht Ursula von Spiegelberg. Nun trat Klaus Eckenbrecher vor, beugte mühsam die Knie vor den Herrinnen und senkte die zerschossene und zerrissene Reiterfahne. Die beiden Fräulein neigten sich darüber und küßten das zerfetzte, geschwärzte, blutbefleckte Tuch; dann fragte Ursula von Spiegelberg mit klarer, voll den Saal durchtönender Stimme: »Wer hat dieses edle Banner von Spiegelberg aus der Feldschlacht heimgeführt gen Schloß Pyrmont?« »Ich!« sprach Klaus Eckenbrecher. »Es waren alle, denen das Recht darzu zustand, gefallen vor dem Feind. Ich, Klaus Eckenbrecher, hab das edle Panier heimgetragen.« »Wir danken Euch!« sprach das Fräulein, das Haupt gegen den Reiter neigend. »So möget Ihr nun, Klaus Eckenbrecher, Uns und dem Volk erzählen, wie sich alles begeben und zugetragen hat und wie das alte, berühmte Haus Spiegelberg ritterlich zu Grund gegangen ist.« Ein dumpfes Gemurmel zog durch die Halle, ein jeder suchte vorwärts zu drängen, und Kaspar Wicht, der wandernde Sänger, hob sich so hoch als möglich auf den Zehen und lauschte mit atmenlosester Aufmerksamkeit. Lag's nicht ganz und gar an ihm, wenn in den kommenden Tagen im Lande von dem Fall des edlen Hauses Spiegelberg gesungen und gesagt werden sollte? Alle Schwäche und Mattigkeit schüttelte der wunde Klaus von sich ab, und mit kräftiger Stimme, halb gegen die Fräulein, halb gegen das Volk gewandt, begann er seinen Bericht von der »großen Schlachtung für Sankt Quintin«: »So horchet denn, wie es angegangen ist, seinen Fortgang genommen hat und wie es zu einem Ende kommen ist! Vor Sankt Quintin, der festen Stadt, hatten wir abgesattelt, Deutsche, Hispanier, Engelländer, Wallonen, Burgunder, Niederländer und noch allerlei Volk aus allerlei Völkern, ob wir die Vestung in der Berennung nicht nehmen möchten. Ein Lager war aufgeschlagen und als oberster Feldhauptmann war uns vom König in Hispanien gesetzet Herr Immanuel Philibertus von Sophoi (Savoyen). Viel Städte, Dörfer und Flecken haben wir vorher gewonnen durch Gewalt oder in Güte, und sind auch viel derselben an allen vier Ecken mit Feuer angestoßen worden. Nun lag in der Stadt Sankt Quintin der Franzosen-Ammiral und sein Bruder in großer Not, denn es ward ihnen keine Ruhe gelassen bei Tag und bei Nacht, und ward ihnen fort und fort sehr hart zugesetzet mit der Bestürmung. Als sie nun sahen drinnen, daß es bald Matthäi am letzten sein würde, wenn ihnen nicht baldigst Entsatz würde, so schickten sie Eilboten über Eilboten an den Connestable, so der Französischen oberster Feldherre genennet wird. Es war aber dieser Connestable der Herzog von Momerantz, ein hochgewaltiger Kriegesmann. Und weil nun in der Vestung Not an 'n Mann gekommen war und die Guarnison allbereits großen Mangel erlitt an Proviant und Munition, so hat der Momerantz dem Ammiral zugesaget, daß er kommen wolle, die Stadt Sankt Quintin mit Gewalt zu entsetzen und zu bespeisen. Hatte er aber die Rechnung gemacht ohne den Wirt und ist ihm und seinem Volke weidlich die Kolbe gelauset, und in der großen Feldschlacht, die darob geschlagen ward, hat unser Herr Philipp ritterlich sein Blut verstürzet und hat sein jung Leben allda auf dem Plan lassen müssen. Und mit ihme sind gestorben als treue, tapfere Spiegelbergsche Herzen des Grafen Lieutenant Hennig Rodendeck, und Franz Lindwurm, und der lange Meier, und der Sohn des Wirts zum letzten Heller Peter Rosenhagen, und der Bub Hans Bösendahl, und Meister Martin Speck der Posauner, und Peter Mann der Sudler, und Hans Kahle und Hans Ritter und Hans Nothdurft! Ob noch aber noch welche in der welschen Gefangenschaft sind, kann ich nicht sagen ...« Unaufhaltsam brach während dieser Aufzählung die Wehklage des Volkes los; laute Verwünschungen und heller Jammer durchtosten den weiten Saal, so daß der Redner abbrechen mußte und erst nach geraumer Zeit in seinem Berichte weiter fortfahren konnte: »Die ich euch genennet habe, sind gewißlich tot, und Gott möge ihren Seelen gnädig sein!« »In Ewigkeit, Amen!« rief das Volk. »Sie sind auch weidlich gerächet«, fuhr der Klaus fort, »und manch ein französischer Schnarchhans, Pocher und Pracher hat ins Gras beißen müssen ihnen zu Ehren und zulieb – ist es nicht also, ihr Reiter von Spiegelberg?« Wildjauchzend rasselten und klirrten die heimgekehrten Krieger zur Bestätigung der Worte ihres Vorsprechers mit den Waffen. »Sie haben's gespürt! Bei allen Teufeln, wir haben's ihnen wohl heimgezahlt, doppelt und dreifach!« Weiter sprach der Eckenbrecher: »Also um sein Werk zu einem guten End zu bringen, hat der Connestable vorrücken lassen zweiunddreißig Fähnlein deutscher Knechte, an die eilftausend stark unter des Rheingrafen Befehl, darzu viel französisches Fußvolk und alle französischen und gaskonischen Reiter, in die fünftausend Pferde samt achthundert Schützenpferden. Darauf hat er vierzehen große Büchsen auf eine Höhe gestellet unserm Lager grad gegenüber zwischen zwei Dörfern, so sie in ihrer Sprache heißen Essigni und Lizerolles. Alles am zehenten August dieses selbigen Jahres. Diese große Macht sollte aber nur unseren Feldhauptleuten und Herren die Augen voll Sand streuen, auf daß sie nicht sähen, worauf es eigentlich abgesehen war. Es wollte nämlich der Momerantz, während wir mit diesem Haufen anbänden, sich mit einem andern Zug gegen die Stadt schleidien, sie also zu bespeisen und seiner Schwester Sohn den Ammiral zu entsetzen. Aber es kam ganz anders, als er's sich eingebildet hatte, weilen unsere Herren Wind darvon bekamen und auf ihrer Hut waren, daß sie nichts verabsäumeten. Durch das Lager ritt der Herzog Immanuel Philibertus mit seinem Gefolge, und alles hob sich in Waffen, daß es eine herrliche Pracht war. Die Posauner und Drommeter bliesen, die Heerpauker ließen ihre Pauken erschallen, alle Fähnlein weheten lustig im Winde, und lustig klang der Trummelschlag der hinter den Reitern aufrückenden Landsknechte. Zuerst ritten nun die Reiter ins Feld, dem Feind entgegen, und wir Spiegelberger zogen mit den Braunschweigern, und vor jedem Geschwader ritten die Herren in stolzer Rüstung mit gesenktem Visier und hielten Speer und Schwert zur kühnen Arbeit bereit. Es waren aber benebst unserm Herrn der Rossefähnlein-Führer, der Graf von Egmont, für die leichten Pferde, die Herren von Braunschweig Erich und Ernst der Alte, dann Graf Peter Ernst von Mansfeld und Graf Otto von Schauenburg, der Graf von Wittgenstein und Der von Horn mitsamt den andern niederländischen Bannerherren. Den Reitern nach zog das Fußvolk, doch blieben zurück Graf Günther von Schwarzburg und Herr Curd von der Boyneburg, das Lager und den Troß zu schützen. Wir andern zogen mit wehenden Fahnen und dem Gespiel recht freudigen Herzens gegen den Feind, auf daß sein Anschlag zu Schanden würde. Es war ihm auch allbereits das Herz ziemlich in die Hosen gesunken, und eilends ließ der Connestable von Momerantz sein vorgeschickt Volk mit dem Geschütz zurückziehen. Als er sah, daß es Ernst werden sollte, wollte er noch in der letzten Stund das Spiel aufgeben, hatte aber wiederum falsch gerechnet; denn zwo Meilen von der Stadt Sankt Quintin bei den Dörfern Essigni und Lizeroll stelleten wir ihn und waren auf ihn mit aller Macht. Und als nun die Trompeten und Heerpauken zum Sturm riefen, da hab ich das Aug unseres genädigen Herrn seit langer Zeit zum erstenmal hell wieder leuchten gesehen, als er sich rückwärts auf dem Sattel wandte und einmal das Helmvisier hob und uns zurief: ›Nun haltet euch wacker, ihr Mannen von Spiegelberg – drauf und dran mit Macht – vorwärts gehet der Weg!‹ – Ich glaub, der Herr Grafe hat es vorgewußt, daß er in den Tod ging, und ich glaub auch, er hat sich gefreut darob. Verflucht seien in alle Ewigkeit die, so schuld daran haben.« »Fluch der Zauberin! Fluch der Unhuldinne, der Hexe! Fluch dem falschen Ritter Campolan!« brach wütend das Volk von Pyrmont los, und höher hob sich Klaus Eckenbrecher und zog aus seiner Gürteltasche eine zerrissene goldene Kette, welche er mit wildem Triumph in die Luft hielt. »Das ist die Brustkette des falschen Verräters Cäsar Campolani, der unsern Herrn Philipp erschossen hat in der Schlacht für Sankt Quintin, und hab ich ihn vom Pferde gehauen, und hab ich ihm den Dolch dazu in die Kehle gestoßen, als ich auf der Erd mit dem welschen Hund rang und die Reiterschlacht über uns weg ging!« Von ihren Sesseln sprangen die beiden Fräulein von Spiegelberg auf; ein unbeschreiblicher Tumult erhob sich in der weiten Halle. Eine zitternde Hand streckte Ursula von Spiegelberg gegen die Kette aus, und Klaus Eckenbrecher legte das Kleinod des Ritters in diese kleine Hand, welche die Kette krampfhaft faßte und zu Boden schleuderte. Den Fuß setzte die Schwester des Grafen zu Pyrmont auf das Ehrenzeichen Don Cesare Campolanis, welches ihm von dem französischen König Heinrich von Valois gegeben worden war. »Fluch, Fluch dem Verräter! Fluch dem falschen Elenden!« rief die Ursel. »Fluch! Fluch! Fluch!« und »Vivat dem Klaus!« hallte die Menge nach und drängte abermals soviel als möglich gegen die Estrade an. »Weiter, weiter, Klaus Eckenbrecher!« rief Walburg von Spiegelberg dem tapfern Reiter zu. »Segen und Glück über Euch, Klaus! Weiter, weiter!« Tief holte der Klaus Atem und fuhr fort in seinem Bericht: »Kaum hatte unser Herre uns angesprochen, wie ich gesaget habe, so wurde das Zeichen zum Anlauf gegeben mit allen Trommeten, Zinken, Trommeln, Pauken und Posaunen. Auf schrieen und schnoben Mann und Roß, vor stürzte alles, dann kam ein gewaltiger Anprall, schwarz wurde es einem vor den Augen, und der Himmel wurde dunkel wie die Nacht, und alles war Schwindel und Verwirrung in einem und um einen, daß man nicht wußt, wo man war, ob an der Erden oder ob hoch in den Lüften. Dann erkannte man zuerst wieder das große Geschütz, das Krachen und Brummen der Kartaunen, Büchsen und Feldschlangen, und dann wurden die Sinne wieder frei, und man kannte sich aus. Wir waren mitten unter den Gaskognern, doch sah ich zuerst unsern Grafen nicht mehr; das Getümmel hatte ihn zur Seite fortgerissen von uns –« »Ich war bei dem Herrn«, rief hier einer der Krieger. »Wir waren zu den niederländischen Völkern, so der Herr von Habrincourt führete, geraten. Unser Herr Philipp rief ihm etwas zu, was ich nicht verstand; aber der Habrincourt fiel in demselben Augenblick unter die Gäule und war tot, ehe er antworten kunnt.« »So ist es geschehen«, sagte Klaus Eckenbrecher. »Ach, ihre beiden Seelen sind allzubald in der ewigen Seligkeit wieder zusammengekommen! ... Lange Zeit war nun alles ein verworrener Knäuel, daß niemand wußt, wer das Feld behalten sollt; aber unter den französischen Schützen bin ich wieder zu unserm Grafen gestoßen und bin bei ihme geblieben bis an seinen Tod. Unter den französischen Schützen rettete unser Herre dem Fürsten von Braunschweig, dem Herzog Erich, der mit seinem Gaul zu Boden lag, das Leben, und sein Hengst wurde dabei am Schenkel wund, und ich hab ihm meinen Fuchs geben und hab für mich selbst ein reiterlos französisch Pferd erhaschet. Indem schied sich aber Freund und Feind aus der ersten Wirrnis besser auseinander, und man sahe sein Werk klarer vor sich. Es brachten Braunschweigische den Vizegrafen von Turone, des Connestables Eidam, gefangen rückwärts, und ist derselbe am siebenten Tage nach der Schlachtung in des Herzogs Erichs Lager verschieden an seinen Wunden. Imgleichen lagen schon auf dem Feld der Herzog von Momyonsier, wie auch der Marschalk von Sankt Andreä, des Königs in Frankreich oberster Kämmerer. Von neuem Anlauf und Sturm, und immer von neuem, bis zuletzt sich die Franschen zur Flucht wandten. Und nur die deutschen Schlachthaufen zu Fuß unter Hans Philipp dem Rheingrafen, dem Grafen von Barby, Friedrich Reiffenberger und Hauptmann Stern, des Rheingrafen Lieutenant, hielten sich noch wacker und zogen sich gleich einem Igel in einen bösen, stachlichten Klumpen zusammen. Gegen diesen Klumpen warf sich die ganze Hauptmacht unserer Fußvölker, doch nicht wir Reiter; denn wir waren alle – Spiegelberger, Mansfeldsche, Braunschweiger, vermenget mit den Spießen des Herrn von Horn hinter und unter der flüchtigen Cavalcada des Feindes, daß alles über und über ging. Da jageten vor uns her in wilder Hast und Angst, auf daß sie erretteten, was sie im Wams trugen, die allergrößesten Herrn, als: der Herzog von Langeville, Herr Ludwig von Gonzaga, des Herzogen zu Mantua Bruder, der Herr von Mambron, des Constabels jüngster Sohn, der Herr von Lansack, der Herr von der Rosche-Foucaut, der Graf Georg von Westerburg, der Graf Arbogast von Heben, der Herr von Roschefort, der Herr von Allii, Oberster über des Königs von Frankreich Adel im Nachzug, der Herr von Kapelle, des Constabels Lieutenant, der Herr von Bottesin, der Herr von Schenü, der Herr von Esden, der Herr von Estrolt und viel andere edle und fürtreffliche Herrn – Gaskognier, Schützen, Pikarden, Deutsche und Franzosen durcheinander. Es wurden aber die genannten Herren allesamt gefangen, und retteten sich durch die Flucht nur der Herzog von Nivers, der Graf von Villars, der Prinz von Conde, der Prinz von der Rosche-Scirion und der Herzog von Anguien, so aber an zwei Schüssen nicht lange nachher verstarb. In Staub und Feuer und Qualm ging es durch das Gebrüch und das Gemöse fort und fort. Wie wetterte unser Herre gleich einem wütigen Leuen darzwischen! Da ward auch der Momerantz, der Connestabel, durch die Hüfte geschossen und gefangen; da fielen auf unserer Seit viel gute deutsche, spanische und niederländische Herren und auch Graf Philipp von Waldeck und Hans von Braunschweig-Grubenhagen, da – erjageten wir auch den Campolan! ... Und als er ihn erblickte, schrie unser Herre auf, daß es den allerschrecklichsten Tumult der Feldschlacht übertönete, und –« Eine neue Bewegung entstand im Saal des Schlosses Pyrmont. »Weiter, weiter, Klaus Eckenbrecher!« rief Ursula. Zitternd, atemlos, vorgebeugt standen die Schwestern und ihre Hintersassen, finster und schweigend die heimgekehrten Kriegsmannen. »Wir erkannten den Ritter, weil er den Helm verloren hatte; er ritt einen stolzen Falben und trug die Rüstung und Feldbinde von des französischen Königs Adelhaufen. Vergeblich mühete er sich ab, die fliehenden Scharen zum Stehen zu bringen; alles stürmte in wilder Eile an ihm vorüber. Als ihm unser Herre zuschrie, wandte er sich und erkannte uns sogleich, und ein höhnisch Lachen lief über sein Gesicht. Ich hatte eben noch mit einem von den Gaskogniern zu schaffen; aber mein Herr Graf war gleich auf den italischen Hund mit aller Wut. Um uns her krachte und rasselte, stampfte und klirrte und brüllte es wie tausend Schock losgelassene Teufel – das war alles Blitz und Schlag – ich hatte meinen Windbeutel zu Boden und flog über Roß und Mann weg und war im nächsten Augenblick dem Herrn wieder zu Seiten; aber da war das Unheil schon geschehen. In den Dampf und Qualm der Schlacht fuhr aus dem Feuerrohr des welschen Hallunken ein neuer Blitz, und unser Herr griff mit der Hand in die Luft, sein Schwert entfiel ihm; ehe ich zugreifen konnte, stürzt' er zu Boden; sein scheu geworden Pferd hob sich hoch und jagte ausschlagend davon und schleifte unsern Herrn noch eine Strecke mit hinein in das dickste Getümmel; dann lösete sich der Fuß aus dem Bügel, und die Speerreiter Des von Horn rasselten über den ritterlichen stolzen Leib meines Grafen weg! Das hab ich alles in Not und Wut erschauet, der einzige von den Spiegelbergern; denn wir waren alle voneinander gekommen, und jeder jagte den Feind auf seine eigene Faust. Aber in meiner Todesstunde noch soll mir ein Trost sein, daß mir es gegeben war, meinen lieben Herrn an dem Campolan zu rächen! Zu Boden hab ich ihn gerungen, und sein Leben hat er verhauchen müssen unter meiner Hand, und ob er gleich um Pardon schrie, hat es ihm doch nichts geholfen.« Nun hob noch einmal die Wehklage des Volkes von Pyrmont um den gefallenen Grafen Philipp an; in übergroßer Ermattung sank jetzt aber auch Klaus Eckenbrecher zusammen, als er in seiner Erzählung soweit gekommen war, und ein anderer Reiter, Jobst Bügel aus Löwenhausen, trat hervor und berichtete in einfacher, unbeholfener Weise weiter von dem Verlauf der großen Schlacht. Von dem wackern Widerstand der deutschen Landsknechte unter dem Rheingrafen sprach er: wie sie standen, »den linken Fuß voran fest aufgestemmt, das Schaftende der Picken vor dem rechten Fuß in den Boden gestoßen, ihre Speerspitzen den Reitern und Fußvolk gleich eiserner Hecke entgegenstreckend«. – Von der endlichen Zertrennung und Niedermetzelung dieses tapfern Haufens erzählte er, von des Geschützes Eroberung und den gewonnenen »zweiundsiebenzig Reiter- und Knechtsfahnen«. Dann hatte sich der Klaus ein wenig wieder erholt und konnte den Bericht zu Ende bringen: »Ja, und am andern Tage nach dieser großen Viktorien ist auch der König Philipp von Hispanien, der von der Schlacht sich ferngehalten hatte, in das Lager kommen und auch zu unseres Herrn Leiche, die, mit Grün und Blumen geschmückt, auf einer Bahre im Zelt lag und mit großen Ehren bewachet und angesehen wurde, bis wir sie mit stolzem Geleit gen Kammerich führeten, allwo nun unser Herre Philipp mit den andern gefallenen Helden begraben lieget in der Domkirche. Alle Fürsten, Grafen, Ritter und Kriegsmänner, so vom Heeresdienst abkommen konnten, sind den Särgen in Wehr und Waffen mit den Panieren gefolget, und hat also unser Herr den ewigen Ruhm davongetragen. Am siebenundzwanzigsten Augusti ist die Stadt Sankt Quintin zum letzenmal angelaufen und mit stürmender Hand eingenommen. Ist darinnen fast kein Stein auf dem andern blieben, und wurde der Ammiral mit allen seinen Leuten, so dem Schwert entrannen, gefangen genommen. Darnach sind wir Spiegelberger mit des Herzogs Erich Gnaden heimgezogen, in Trauer und Wehmut, daß unser Herr Graf nicht mit uns kehrete. Viel fürnehme französische Gefangene samt dem Rheingrafen Hans Philipp hat der Herzog mit ihm geführet nach seinem festen Haus Calenberg, auf daß sie sich lösen sollen, ihres Leibes Gewicht in Gold, und wird auch ein gut Teil solcher Lösung auf uns fallen. – So sind wir jetzo trotz der großen, herrlichen Viktoria in Jammer und Leid nach langem, mühesamem Weg hier! Gott segne euch, ihr Fräulein von Spiegelberg – es ist nicht unsere Schuld, daß unser Grafe, der Herre Philipp, nicht mit uns heimkommen ist!« Und wiederum klang der Schrei des Volkes von Pyrmont auf, daß die alten, festen Mauern des Schlosses auf dem heiligen Anger es bis in den Grund spürten. Mit wilder Gewalt brachen die Tränen der beiden Schwestern aus, und sie sanken einander in die Arme. Es weinte jedermann ob des jungen Grafen Philipp von Spiegelberg, der so früh den blutigen Tod hatte finden müssen. Es klagte jedermann den Fall des uralten, stolzen Hauses Spiegelberg. Nun konnte Kaspar Wicht, der Spielmann, sein Lied davon machen und im Land umtragen! ... Einundzwanzigstes Kapitel Was Landsknechte, Juden, Spielleute und Handwerksburschen zu Holzminden vom Klaus Eckenbrecher erzählten. Und wieder stand die Monika Fichtner auf ihrer Gartenzinne und sah dem Spiel zu, welches der Oktoberwind mit den bunten Blättern der Bäume und den Schilf- und Rohrgewächsen des Weserufers trieb. Wieder hatte die arme Kleine den ganzen Frühling und Sommer über viel Angst um den abwesenden Schatz ausgestanden, und solches dieses Mal mit mehr Recht wie sonst. Seit jenen schrecklichen Tagen, welche den Arzt Simone Spada aus Bologna und die schöne, falsche Fausta auf dem kleinen Dorfkirchhofe zu Stahle zur letzten Ruhe zusammengeführt hatten, jenen wonnigen Tagen, welche den Herzliebsten der Monika in die Arme zurückgebracht hatten, seit jenen Tagen waren die Wetterwolken des Krieges, den der Komet des vorigen Jahres verkündigt hatte, wirklich über der bangenden Welt losgebrochen, und auch in dem winzigen Städtlein in dem Wesertale vernahm man das ferne Rollen, sah man das ferne Blitzen. In das Gerücht, daß der Wrisberger wieder einmal auf sei mit Reitern und Knechten für den Franzosen, war der Graf von Pyrmont auf der wilden Jagd nach dem Campolani und der Fausta hineingeritten, und die Tragödie, die daraus folgte und welche den guten Leuten von Holzminden in ihren meisten Teilen für immer ein unenthülltes Mysterium blieb, hatte lange Zeit alles andere aus den Gedanken und Gesprächen verdrängt. Dann aber verbreitete sich das Gerücht: Herr Philipp von Spiegelberg habe mit Seiner Fürstlichen Gnaden dem Herzog Erich dem Jüngern und vielen andern Herren von Adel den Christof von Wrisberg überzogen, sein Beginnen zu hindern. Das schon war der Monika Fichtner schwer aufs Herzlein gefallen! Und gegen Ende Mai, als schon allerlei Unkraut über den »Gräbern der Fremden« zu Stahle zusammenschlug, da keine liebende Hand sich um dieselben kümmerte, kam ein zweites Gerücht aus: die für den Franzosen geworbenen Fähnlein des Wrisbergers seien von den verbündeten Herren gesprengt und zerstreuet, und der Wrisberger selbst sei gefangen, und viel Blut sei auf beiden Seiten dabei geflossen. Dieses Gerücht preßte der armen Monika das ängstliche Herz noch viel mehr zusammen: War er glücklich davongekommen? ... Nun kamen bald vereinzelte »gartende« Knechte, bald größere Haufen der zersprengten Wrisbergschen Armada auch durch das Wesertal, bettelten, stahlen und plünderten auch wohl ein wenig, wo man ihnen nicht in Güte gab, was sie verlangten, und sagten aus: vorbei sei's mit dem Wrisberger, und der Teufel solle sie bei lebendigem Leibe holen, wenn sie es noch einmal mit ihm versuchten; kein Führer im Heiligen Römischen Reiche habe jemalen soviel Pech gehabt als der Christof! Zerflossen sei das gesammelte Heer wie Butter an der Sonne. Ja, es sei schon recht – erzählten sie –, blutige Köpfe habe es bei der Sache gegeben, und der Wrisberger sei gefangen und dem Zug zu den Franzosen ein Riegel vorgeschoben, und ein Trost sei nur, daß so manch ein Spiegelbergscher und Braunschweigscher darob hab ins Gras beißen müssen. – – Am zweiten Juni strolchte ein Kerl, welcher den Arm in einer blutigen Binde trug, ins Städtlein Holzminden ein, gab sich für einen abgedankten Reiter des Herzogs Erich aus, bettelte am Pfarrhaus, erhielt einen Zehrpfennig und wurde gefragt, ob er nicht einen kenne unter den Spiegelbergern, des Namens Klaus Eckenbrecher. Da verschwor sich der Lump hoch und teuer: wohl kenne er einen solchen, doch dem habe man allbereits die drei letzten Schaufeln Erde auf den Leib geworfen, den habe eine Wrisbergsche Kugel vom Gaul geholt, der habe sein letztes Brod gegessen, der habe sein letztes Lied gepfiffen, mit dem sei's zu Ende, der sei kaputt, solches wisse er – der Erzähler – ganz genau, so wahr er ein freier Reitersmann des Braunschweigers gewesen sei, er – Hinz Kurz – sei ja selbsten dabei gewesen und habe eine Schaufel geführet, als man den jungen Knaben mit den anderen auf der Walstatt eingescharrt habe! Auf diesen Bericht hin ist die Monika fortgestürzt und erst nach langem Suchen in ihrem Kämmerlein auf ihrem Bette in Ohnmacht wiedergefunden worden. Da hat der alte Pastor Fichtner manche angstvolle Nacht an dem Krankenlager seines Kindes verwacht und hat mehr als einmal die Hoffnung aufgegeben, daß sein Töchterlein wieder aufkommen werde. Wieder kamen alle alten und jungen Frauen der Gemeinde mit ihren guten Hausmitteln, mit ihren Süpplein und Tränklein; aber alles das wollte nicht anschlagen bei dem kranken Kinde. Das rechte Mittel mußte ganz woanders herkommen, und es kam. Ein Handelsjud aus Beverungen hatte es in seinem Zwerchsack und gab es im Pfarrhaus zu Holzminden ab. »Gottswunder, allerschönstes Jungferlein, hab ich doch mein Lebtag nicht gesehen solch einen lebendigen Menschen als den jungen Gesellen, als den jungen Meister Klaus! Hat er nicht seinen Scherz mit mir getrieben, daß ich mich kaum dafür zu helfen wüßt? Bei Moses, und hier ist das Kettlein – ich hab's ihm auch abhandeln wollen, aber er wollt nicht – schauet, wie fein, wollt ich doch hundert Gülden wetten, daß einer der geharnischten Hauptleut des grimmen Herrn von Wrisberg es getragen hat zum schönsten Schmuck! Gottswunder, Jungfräulein, ja, ja, er lebet! Warum sollt er nicht leben? Hat er doch dieses Briefelein geschrieben auf einer Trummel, wo hab ich's denn – ach so – hier ist's – Jungfräulein, auf meine Seligkeit, ich freu mich hoch, daß ich Euch das Kettlein und das Brieflein zu bringen gehabt hab!« – – »Juchhe, herzallerliebster Schatz«, schrieb der Klaus, »juchhe, herzallerliebster Schatz, zu wissen tu ich Dir, daß wir im Feld sind und daß es keinen glücklicheren Bub gibt in der ganzen weiten Gotteswelt als mich! Den Wrisberger haben wir geschlagen und gefangen und seine Haufen in alle vier Winde zerstreuet; nun gehet es weiter gen Flandern, und da wird erst das rechte Leben angehen – juchhe! Ich schick Dir ein silbern Kettlein, so ich erbeut't hab, und jedes Ringlein dran bedeutet ein glücklich Jahr für uns zwei beide. Ich küß Dich viel tausendmal in Gedanken, weilen ich dem Mauschel die Kuß nicht mitgeben kann. Grüß den Herrn Vater und sag ihm, der Klaus würd immerdar ein ehrlicher Kerl bleiben. Vivat die ganze Welt! Leb wohl, mein Lieb, ich kann nicht mehr schreiben – halt fest im treuen Herzen mich, bis daß ich komme und hole Dich. Klaus Eckenbrecher. Im Jahr 1557. Weiß nicht, an welchem Tag.« Der Pastor Ehrn Valentin Fichtner mochte sonst die Juden durchaus nicht leiden und hielt sie nicht anders als ein schmutzig beißend Ungeziefer, so sich am reinen Leibe der deutschen Nation eingenistet habe und welches durch Kamm und Bürste zu vertreiben sei; aber mit diesem Hebräer, welcher seinem kranken Kinde das Leben wieder gab, hätte er sein Bett geteilt, wenn er es verlangt hätte. Seinen Tisch teilte er mit ihm, und als Mauschel Itzig Abschied nahm, mußte er sich gestehen, durch die Ablieferung der Kette und des Briefes ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Wie eine Blume nach dem Regen hob die Monika ihr Köpfchen – im Umsehen blühten ihre Wangen von neuem auf, im Umsehen gewannen ihre Augen den alten Glanz zurück. – – – Drei Tage nach diesem glücklichen Vorgang erschien abermals ein Strolch in zerlumpten Pluderhosen und zerfetztem, schmierigem, zerschlitztem Wams im Pfarrhause zu Holzminden, bat um ein Almosen, erhielt es und berichtete zum Dank dafür: er habe zu Soest in Westfalen auf der Hochzeit des Klaus Eckenbrecher, der eine reiche Marketenderin mit zwei Zwillingskindern geheiratet habe, getanzt und müsse sagen, daß es hoch hergegangen sei. Diesen Lappenhäuser trieb der Pastor Fichtner mit Gewalt aus dem Hause, und die Monika lachte hell auf über die tolle Lüge des Gartbruders; sie härmte sich deshalb nicht mehr halb zu Tode. Und als der Sommer in seiner allerschönsten Pracht stand, an einem Abend, als der ganze Himmel in Purpur und Gold strahlte und die Monika unter dem Fliederbusch an der Gartenmauer saß und die Vögel singen, den alten Strom rauschen, die Schiffer bei der Arbeit rufen hörte und recht viele und doch gar keine Gedanken hatte, da erklang es plötzlich unter der Gartenmauer, gleich als wenn ein lustiger Kobold des Mägdleins Träume tief in des Mägdleins Herzen erkannt und ein Lied daraus gemacht habe: »O Lieb, o Lieb, blas auf die Flamm, Das Hoffen laß nicht fahren; Und kommen wir heut nicht zusamm', Geschieht es wohl nach Jahren!« Da stand dicht am Weserufer der langbeinige Fiedelmann Kaspar Wicht mit seinem struppigen Hunde, grinste, nickte zur Fliederlaube empor, strich scharf über die Saiten seiner Geige und fuhr fort in seinem Sange: »Am Morgen, wann die Winde wehn, Rührt's Blättlein sich am Baume; Und wann im Dorf die Hähne krähn, So fahr ich aus dem Traume. Wie Windhauch ist die Liebe mein. Rege alle mein Gedanken, So um das süße Herze dein Sich schlingen und sich ranken. O Lieb, o Lieb, blas auf die Flamm, Das Hoffen laß nicht fahren; Und komm'n wir heute nicht zusamm', Geschieht es doch in Jahren!« O wie freudig reichte die Monika dem Alten von ihrer Mauer herab die Hand. »O bitte, bitte, er lebet? Nicht wahr, Kaspar, er lebet?« »Er? Er? Wer Er? Ach so, der Klaus, der Taugenichts?!« rief der fahrende Sänger, schlau mit den Augen zwinkernd. »Weshalb sollt er nicht leben? Unkraut vergehet nicht also leicht.« »Wie garstig Ihr seid, böser Kaspar!« »Na, na, nichts für ungut, mein's nicht so bös. Ihr wißt wohl schon, daß er – ich mein der Bub – mit dem Grafen von Pyrmont zum König von Hispanien ist?« »Ach ja, ich weiß es!« seufzte die Monika. »Habt Euch nicht, Kindlein; ich wäre selbsten gerne mitgegangen, allein damit ist's leider zu End für dieses Leben, und ob in dem künftigen von solchen Dingen die Red sein wird, darauf hat noch kein lutherischer und kein katholischer Pfaff die rechte Antwort finden können in seinen Büchern. Na, was ich sagen wollt und sollt: er lasset Euch schön grüßen; ich hab ihn zuletzt gesehen nach dem Scharmützel mit den Wrisbergschen – war beiläufig gesagt ein recht Kinderspiel! – Ich sollt Euch auch fragen, ob Euch die Kette richtig zuhanden kommen sei, er – ich meine der Klaus – hab dem Juden eigentlich nicht um die Ecke getrauet. Ist der Mauschel hier gewesen?« Die Monika griff lächelnd nach ihrer weißen Halskrause, unter welcher sich die silbernen Ringlein des Eckenbrecherschen Beutestücks herzogen. »Ja, er hat treu und redlich sein Wort gehalten. Brief und Kettlein hat er mir gebracht. Ach, ich – war damalen recht krank und vermeinte zu sterben, weil ein Gesell mir erzählet hatt, der Klaus sei von den Wrisbergern erschlagen.« »Der Halunk!« rief der Wichtelkaspar. »Armes Kind, also habet Ihr Euch gehärmet? Ist's doch eine Schande um solche Teufelsbrüder! Na, 's ist nur gut, daß die roten Wänglein so bald wieder gekommen sind.« »Ja, 's ist recht gut«, meinte die Monika treuherzig und setzte dann schnell hinzu: »Aber habet Ihr keinen Brief für mich?« »Tut mir wahrlich leid; er sagte, er habe keine Zeit zu schreiben. Da sehet Ihr dran, daß Ihr künftig Euch gar nicht so sehr beeilen müsset, seinetwegen Euch zu Tod zu grämen.« »Ach!« »He, he, laß das Seufzen, Kind, Männerlieb und Frauentreu werden vom Schuster über einen Leisten geschlagen. Laßt das Seufzen, Jungfräulein, einst kommt doch die Stund, wo es heißet: Bei zweiundsiebzig Kerzen Schein Führt man die junge Braut hinein! He, he, ich rat Euch, daß Ihr den Fiedelkaspar nicht vergesset, wann's den Hochzeitsreigen und den Kehraus zu fiedeln gibt: Bei Flötenspiel und Zymbelschall Führt man die Braut ein in den Saal!« »Ach!« seufzte die Monika abermals; dann rief sie: »Aber was laß ich Euch da stehen, o kommt doch ins Haus, kommt in die Küche – der Vater erlaubet's schon.« »So, so, der Vater erlaubet's schon?! Das ist mir lieb zu hören, und ich nehme mit meinem Köter Euer freundlich Wort mit Dank an. Auf, Bettelmannshund, mach der schönen Maid ein welsch Complimentum für kommende gute Bewirtung.« Lachend schaute die Monika den drolligen Sprüngen und Kapriolen des klugen, hungrigen und durstigen Tieres zu, dann schritt sie ihm und seinem Herrn durch den Garten voran in das Haus. »Schau, schau«, sagte Ehrn Valentin Fichtner, der eben an das Fenster seiner Studierstube trat, »schau, schau, hat sie schon wieder einen Vagabonden ergattert, um sich von ihm Bericht zu holen über den Klaus, der auch ein Landstreicher ist, so mir Gott in seinem Zorn zum Schwiegersohn bestimmt hat. Muß nur nachschauen, daß dem Kind nicht wieder eine Lüge oder Windbeutelei aufgemutzt wird. Ist das ein Leiden!« Mit solchen Worten trat er vom Fenster zurück, klappte im Vorübergehen an seinem Schreibtisch seine Bücher zu und stieg die Treppe hinunter. In der Küche saß der Spielmann vor einem guten Stück Schinken und einem vollen Bierkrug, während sein Hund im Winkel an einem Knochen nagte. Dem Kaspar gegenüber saß die Monika, hatte nachdenklich den Zeigefinger der rechten Hand an das Kinn gelegt und soeben die Frage getan, ob der Kaspar Wicht auch schon einmal bei einer Schlacht gewesen sei. »Freilich, freilich, Jungfräulein, in manch einer wilden, grimmigen, in Deutschland, in Italia und im heißen Mohrenlande Afrika, allwo ich war mit dem Kaiser Karl dem Fünften, der jetzo in ein Kloster gangen und Mönch worden ist. Jaja – so geht die Welt mit einem; der großmächtigste Kaiser und Herr der Welt wird ein armer Mönch, wenn er vom Roß steigen muß; und Kaspar Wicht, das arme Reiterlein, zieht als ein Bettelmann im Land um, wann er hat absatteln müssen.« »Es war wohl ein schrecklich Ding, als Ihr zum allerersten Male in solch eine greuliche Mordschlacht 'nein mußtet, Kaspar?« Der fahrende Mann lachte gutmütig. »Ei, Kind, das ist so lang her, als ich zum ersten Male darbei war, wo man mit eisernen Besen stäupt, daß ich fast vergessen habe, wie mir damalen zumute gewesen ist. War ich ein blutjunger Bursch und beim Troß, als der gute Kaiser Maximilianus, dessen Seele Gott haben möge, bei Regensburg die Böhmen und den Pfalzgraf Ruprecht windelweich klopfte, als man zählete fünfzehnhundertundvier ... Gott grüß Euch, ehrwürdiger Herr – nehmt's nicht für ungut, daß ich allhier in Eurer Küchen meine alten Knochen raste.« Der Pastor Fichtner nickte dem sich erhebenden Fiedelmann zu. »Bleibet sitzen, wo Ihr sitzet, und fahret fort in Eurer Red; ich hab wohl ein Viertelstündlein über, Euch zuzuhören.« »Dank Euch, Ehrn; ich verzähl eben der Jungfrau, wie ich gezogen bin im Troß mit dem guten Kaiser Maximilian und dem Herzog Erich – ich meine den Alten – gegen die Böhmen, Anno fünfzehnhundertundvier.« Der Pastor lüftete ein wenig das schwarze Käppchen, welches sein Haupt schützte: »Das waren beide ein paar hochgewaltige, wackere und gottesfürchtige, fromme Herren, sowohl der Kaiser als der Herzog.« »Das waren sie, bei Gott!« rief der Spielmann, den Bierkrug zur Bekräftigung seines Wortes fest vor sich niedersetzend. »Und es war damals auch noch eine andere Zeit – heiliger Tod von Basel, wenn ich daran gedenk, wird's mir jedesmal ganz warm ums alte Herz. Damals trug man noch Eisen auf dem Leib und nicht so einen Firlefanz, so man heut anschnallt und eine Rüstung nennt. Wie machten es die Böhmen bei Regensburg? Ihre hohen Schilde, die unten in eiserne Spitzen ausliefen, hatten sie vor sich in den Boden gestoßen und also eine echte, wahre Schildburg um sich her gemacht, eine Mauer, welche zu zerbrechen ein echt, wahr Kunststück war. Hei, wie hat Kaiserliche Majestät ihre Kraft und Kunst an dieser Schildburg erprobet! Ja, drauf und dran und abermalen und wieder und nicht nachgelassen! Wie rasaunten die Kesselpauken und Drommeten, wie war alles lustig, wild und guter Dinge! Ich hab es nachher abgekonterfeiet auf dem Calenberg an einer Wand in des Herzogs Gemach gesehen. War's von einem künstlichen Meister gemachet, aber gegen die Wirklichkeit kam's doch nicht an. In dieser gewaltigen Schlacht hat der Erich den güldenen Stern der Ehren und der Treue in den Helmbusch sich gewonnen, als er dem tapfern Kaiser Maximiliano mit großer Gefahr das Leben errettete.« »Wahrlich«, sprach Ehrn Valentin Fichtner, »Ihr habet recht, es waren wackere Herren und stolze Herzen. O, wie ist ihre Art doch ausgestorben in der Welt! Der jetzige Erich, der sich den Jüngern nennen läßt und der nun mit gen Flandern fährt, ist auch von einem andern Schlage. Im Grabe würde sich sein Herr Vater umdrehen, wenn er wüßt, was für ein Regiment nach ihme im Lande kommen ist! Wahrlich in seiner Todesstund noch wird diesem Erich dem Jüngern, diesem Abtrünnigen, diesem Julian Apostata und landfahrenden Meister Liederlich das Bild und Angedenken des Mannes Gottes Anton Corvinus, des gottseligen evangelischen Märtyrers, welchen dieser Herzog im dunklen Kerker hat verschmachten lassen, erscheinen – Mene mene tekel upharsin!« Stumm nickte der Geiger den zornigen, bewegten Worten des alten lutherischen Pastors seinen Beifall; dann sprach er: »Jaja, so ist's! Gott befreie uns von der Fürsten verfluchtem Wandern und Fahren in alle Welt, so nun eingerissen ist. Das Ihrige verachten sie, um fremden Abfall buhlen sie; wie ist's ein Wunder, daß bei solchem Ärgernis auch das Volk endlich fremdgierig wird und der Franschen und der Welschen Dreck für Bisam nimmt?« »Ihr redet wie ein kluger Mann, Meister; hatt's Euch, aufrichtig gesagt, nicht zugetraut!« rief der Pastor ganz verwundert, und der Fiedelmann, angefeuert durch solches Lob, fuhr im Eifer fort: »Ja, wodurch geschieht's, daß alles sich zum Schlechten kehret? Gott schütz unsern evangelischen Glauben; aber seit dem Jahr Siebenzehn ist's aus mit der Macht und Herrlichkeit der deutschen Nation für lange, lange Zeit, und ich glaub –« »Halt da!« schrie der Pastor zornig. »Was schwatzet Ihr nun für Unsinn – ein Narr seid Ihr doch, und wenn Ihr ein gut Wort sagt, ist's, als wenn die blinde Henn ein Korn findet. Ich frage Euch, was kümmert Euch des deutschen Reiches Macht und Herrlichkeit, wenn das Reich Gottes durch ihren Untergang gewonnen wird? Ich sage Euch, mag des Reiches Macht und Herrlichkeit aufgegriffen werden wie ein Vogelnest, darin, wie geschrieben stehet, ›niemand eine Feder reget oder den Schnabel aufsperret oder zischet‹ – wenn nur das Evangelium Jesu Christi, das reine Wort Gottes hell leuchtet in alle Ewigkeit! Solches ist das Wahre und das Einzige!« »Und ich sage Euch«, schrie der Spielmann, »ich sage Euch, das Wahre mag solches wohl sein, aber das Einzige ist's doch nicht. Geboren bin ich als ein katholisch Kind, dem reinen Glauben bin ich zugefallen als ein Mann, dem Kaiser Karl hab ich treu gedient gegen die Franzosen und die Mohren; aber des schmalkaldischen Handels wegen bin ich ein Spielmann, wie Ihr saget, ein Tagdieb und Landstreicher geworden, ob ich wohl Schwert und Hellebarde noch hätt führen können.« »Trinkt aus und packt Euch«, sagte der Pastor Fichtner. »Wir passen nicht zusammen, das ist klar wie die liebe Sonne. Habet Ihr Euere Botschaft an die Monika ausgerichtet?« »Alles in Ordnung, Ehrwürden«, lachte der Wichtelkaspar. »Nicht wahr, Jungfräulein?« Die Monika, welche beim Ausbruch der Kontroverse ängstlich gehorcht hatte, zupfte errötend und lächelnd am Schürzenzipfel und nickte. »Reicht mir Euere Hand, Ehrwürden«, sagte der Geiger. »So viel Köpfe im Reich, so viel Sinne; der liebe Gott hat's einmal so eingerichtet, und es wird wohl seinen Nutzen haben. Reicht mir Euere Hand, ich mein sonst, Ihr zürnt mir in Wahrheit, und das würd mir den langen Weg, so ich heut abend zu gehen hab, recht sauer machen.« »Da, Patron«, sagte der Pastor halb unwillig, halb lachend. »Nun laufet und bittet Gott, daß er Euch erleuchten möge.« »Behüt Euch Gott, Herr Pastore«, sprach der fahrende Mann. »Und, Jungferlein, Ihr könnet Euch darauf verlassen, daß, wenn auch eine Schlachtung kein Plumpsackspiel ist, doch manch einer heil und munter, mit ganzen Beinen und ganzen Armen draus hervorgehet. Und glaubt's, einen Bräutigam verschonen die Kugeln vor allen andern, – das ist eine Merkwürdigkeit, aber eine Wahrheit.« »So hab ich mein Tröpflein Trost!« sprach die Monika, und der Fiedelkaspar pfiff seinem Hunde und ging. – – Am fünfzehnten des Heumonds, an einem Freitage, stand die Sonne ganz dunkelrot am Himmel, und ein blauer Zirkel – nach Pastor Fichtners Tagebuch »so blaw als ein' Kornblume« – zog sich um sie her. Am siebenzehnten desselbigen Monats, als die Leute eben aus der Kirche kamen, »hat es Blut geregnet, daß der Frawen weiße Tücher ganz beflecket damit wurden.« Im Anfang Augusti ist im Pipping von zwei Stadtleuten wieder einmal der Haselwurm gesehen – »achtzehn Schuh lang, dick wie ein Mann um die Hüfft. Am Kopfe ist er wie eine Katze gestalt, der Leib grün und gelb gewesen, die Füße hat er am Bauch gehabt. Diese Würme lassen sich selten sehen, sind aber so gar unbekandt nicht. Haselwurm wird dieser Wurm darum genannt, weil er sich gemeinlich unter den Haselstauden finden lasset.« – In diesen Tagen, während der Monika armes Herz in Zittern und Zagen jedem Gerücht lauschte, welches aus dem Westen herüberdrang, fing der Pastor Valentin Fichtner eine neue Schrift an: »Wider des Babsts Abgötterey«. Mit dem allergrößesten Eifer vertiefte er sich in dieses Werk und half sich so viel leichter als sein Kind über die schwere Zeit fort. Am fünfundzwanzigsten August, als Ehrn Valentin grade schrieb an dem Kapitel: »Über die Verderbnis der christlichen Kirchen durch das Babstthumb« – gelangte die erste unbestimmte Nachricht von einer gewesenen großen Schlacht in Flandern nach Holzminden, und Wunderdinge wurden erzählt von dem, was in der Ferne geschehen sein sollte. Mit entsetzten Blicken eilte die Monika in das Zimmer des Vaters und berichtete, was sie vernommen hatte, und der Alte hatte genug zu tun, das aufgeregte, ängstliche Kind zu Ruhe zu sprechen. Am achten September brach ein erschreckliches Hagelwetter über dem Städtlein Holzminden los, und waren »die Hagelsteine von der Größe der Hünereier und hatten ringsumbher grosse Zacken« – Vergebens harrte das Pfarrhaus den ganzen Herbstmonat durch auf Nachricht von dem Klaus. Kein Bote, kein Brief, kein Zeichen kam! So gelangen wir endlich zu dem düstern Nachmittag des Oktobertages, wo wir, wie im Anfang dieses Kapitels gesagt ist, die Monika wieder einmal an der Gartenmauer lehnend finden, während Ehrn Valentin in seinem Studierstüble in eben von »der List, grausamer Tyranney und gräuligen Unfläterey, so in denen Klöstern in Schwange gehet« – handelt. So eifrig war der alte Kämpfer mit seiner Arbeit beschäftigt, daß er nicht im geringsten acht auf die Welt außerhalb seines Manuskriptes hatte. Was kümmerte es ihn, ob draußen der Wind pfiff und an allem, was nicht niet- und nagelfest war, als da sind Baumblätter, Locken, Hauben, Hüte und Fensterläden, rüttelte und schüttelte? Recht schaurig und unfreundlich war's draußen. Oft genug fröstelte die Monika auf ihrem Luginsland zusammen und barg Arme und Hände in der Schürze, hielt aber dessenungeachtet tapfer dem Winde stand und wich nicht zurück in das Haus, obgleich sich der Abend mehr und mehr näherte und seine Schatten immer dichter wob. Nach Westen, über den Strom weg schaute die Maid. Dorther mußte er ihr zurückkommen, wenn er noch lebte, wenn er nicht gefallen war mit seinem Herrn in der bösen Schlacht vor Sankt Quintin. – Mit seinem Herrn? Ja, daß der Graf Philipp zu Pyrmont gefallen sei, wußte man am zweiten Oktober zu Holzminden. Dem Wind und den Wassern lauschte die Monika und verwebte in ihr Getön immer nur den einen Gedanken: »Lebt er noch? ist er tot?« Da schreckte sie plötzlich ein heller Zuruf auf. Zwei Handwerksgesellen waren soeben in einem Kahn von Stahle herübergeschifft und begrüßten mit Jubel nach langer Umfahre das Heimatsstädtchen, wo sie ihren Wanderstab nach dreijähriger Abwesenheit endlich in den Winkel setzen durften. Beide Burschen waren Bürgersöhne aus Holzminden und kannten die Monika Fichtner recht gut. Ihre Hüte schwangen sie dem jungen Mädchen zu: »Viel schöne Grüß! Daheim! Daheim!« Nachdem des Pastors Töchterlein die verbrannten, bärtigen Gesellen erkannt hatte, grüßte auch sie freundlich: »Willkommen daheim! Gott grüß Euch, Otto! Gott grüß Euch, Anton!« »Viel schönen Willkommen, Jungfer Monika! Hurra, daheim! daheim! All's in guter Ordnung im Städtlein, Jungfer Monika?« »Eure Eltern sind gesund und die Margaret auch, Anton – das wird eine Freud bei Euch zu Haus geben – – – ach!« »Juhe, Juho!« jauchzte Anton Pfefferkorn und sprang in hohen Sätzen auf und davon, daß ihm das Ranzel auf dem Rücken auf und nieder hüpfte. Der andere Wanderbursch blickte ihm gleich der Monika mit einem Seufzer nach. Seine Eltern waren längst tot, und keine Braut wartete seiner mit ausgestreckten Armen und klopfendem Herzen. Er trat näher zu der Mauer des Pfarrgartens heran und rief der Maid in die Höhe: »Ich hab Euch einen Gruß mitgebracht von Pyrmont, Jungfer Monika –« Einen Schrei stieß die Monika aus, so laut, daß er selbst den in sein Manuskript vertieften Vater aufjagte und so schnell als möglich hinuntertrieb in den Garten. Hier fand der Pastor sein Kind ohnmächtig in den Armen des erschreckten Otto Klusmeier. »Jesus, Herr Pastore, sehet her und helfet – sie stirbt, sie will sterben.« »Was ist denn geschehen, um Gottes willen?« »Ach, weiß ich's denn? Einen Gruß hab ich ihr bringen wollen von Pyrmont von dem Klaus Eckenbrecher, da hat sie aufgeschrieen und ist umgefallen. Bei allem, was heilig ist, 's ist nicht meine Schuld, Herr Pastore!« »Ah, einen Gruß vom Klaus?! So, so, na dann tröst dich, mein Bursch, sie wird schon wieder ins Leben kommen. Monika, Monika, besinne dich! ... einen Gruß vom Taugenichts! Einen Gruß vom Klaus! Hier, Otto, hilf mir, sie ins Haus zu bringen; 's wird schon nichts auf sich haben mit dem Sterben.« Die beiden Männer trugen sanft das ohnmächtige junge Mädchen in das Haus und setzten sie leise nieder in einen Lehnstuhl. Nach dem Worte des Pastors hatte es in der Tat nichts zu sagen mit dem Sterben. Nach einigen Augenblicken schlug die Monika die Äuglein wieder auf und besann sich auf das, was sie soeben erfahren hatte. Fest hing sie sich an des Vaters Brust und fing laut an zu weinen, wozu doch in der ganzen weiten Gotteswelt kein Grund vorhanden war. »Er lebt, er lebt – er ist heimgekommen – o guter, guter Vater, zürnt mir nicht – er lebt – er ist so gut – o lieber Otto, ist er nicht heimkommen? – O Vater, Vater, ich hab ihn wirklich so lieb!« Ehrn Valentin sagte weiter nichts als: »Na, na, nur Ruhe, nur Ruhe! Wer will wohl so weinen und heulen! Ich mein ja, du hältst's für ein Glück, daß dem Bub nicht das Lebenslicht ausgeblasen worden ist drunten in Flandern? He, was heulst du denn, törichtes Dirnlein? Nun schluck einmal die Tränen hinunter und laß uns hören, was der Schreiner da von dem Vaganten für Nachrichten mitgebracht hat. Bin gar neubegierig darauf.« Auch der Schreinergesell Otto Klusmeier mußte erst sein Weinen herunterfressen, ehe er seinen Bericht beginnen konnte. »Ist das ein weichmütig Geschlecht!« rief der alte Pastor, mißmutig die Hauskappe auf dem Haupt hin und her schiebend. Endlich hatten der junge Gesell und die Maid ihr Schluchzen bewältigt, und Otto erzählte, wie er auf der Heimfahrt vorgestern nach Pyrmont gekommen sei, in das Dorf Holzhausen am heiligen Born. Eben sei daselbst die Belehnung des Grafen Simon Hermann von der Lippe mit der Grafschaft ausgerufen worden, und ein großer Tumult habe da geherrschet. Auf dem heiligen Anger sei er – Otto Klusmeier – dem Klaus begegnet, der sei gar stattlich einhergeschritten und sei noch gut beim Leben; aber – aber – er, Otto Klusmeier, habe ihn doch erst nicht wiedererkannt – erstens, wegen des fürnehmen Aufzugs – zweitens, weil – weil – weil der Klaus ein gewaltig schwarz Pflaster über dem linken Auge getragen habe. Hier erbleichte die Monika von neuem im jähen Schreck, daß der Schreiner sie schnell durch die Nachricht beruhigte: Arme und Beine habe der Klaus Eckenbrecher im guten Zustande zurückgebracht aus dem Kriege und das Pflaster hab ihm auch gar so übel nicht gestanden. Hundert Fragen tat die Monika an den Schreiner, und alle beantwortete er so gut und ausführlich, als er es vermochte. Dann nahm er Abschied, und es begleitete der Pastor das heimgekehrte Stadtkind noch ein Stück Weges in die Stadt hinein, um, als sie das Pastorenhaus hinter sich hatten, sogleich zu fragen: »Nun, Otto, wie ist's mit dem Pflaster? Was hat's damit auf sich? Redet ohne Scheu!« »Ja, 's ist nicht anders«, antwortete der Gesell, »das linke Aug hat der Teufel geholt. Der arme Narr, der Klaus, ist in großer Not ob dem, was sein Schatz, Euer Töchterlein, dazu sagen wird. Herzbrechend hat er mir seinen Jammer geklagt, und er gebärdet sich gleich einem geschorenen Pudel aus Scham.« »Da haben wir nun die Bescherung!« sagte kopfschüttelnd Ehrn Valentin, ohne jedoch an das schlechte Wortspiel zu denken. »Da hat er nun, was er wollte! O, o, o – oh! Saget, Otto, habet Ihr nicht gehöret, wie seine Kameraden, seine Kriegsgesellen von ihm sprechen?« Der junge Gesell blieb stehen. »O«, rief er, »die solltet Ihr sprechen hören, Ehrwürden. Alle Mäuler fließen über vom Lob des Klaus; Wunderdinge soll er ausgerichtet haben drunten in Flandern. Auch die jungen Gräfinnen auf dem Schloß am heiligen Born sind ihm von Herzen hold, weil er ihren Herrn Bruder, den Grafen Philipp, so ritterlich in der Schlacht gerächt hat!« »So, so, so! Und stattlich schreitet er einher?« »Das kann ich Euch sagen! Ich hab ein Vöglein singen hören, daß ihm auf dem Schloß Pyrmont noch ein großes Glück bevorstehe. Weil er des Grafen Tod gerächet hat und die Spiegelberger so gut heimführte aus Flandern, so soll er als Hauptmann und Jägermeister des Grafen Simon Hermann auch fürderhin die Mannen von Pyrmont befehligen und den Wald dazu unter sich haben. Was saget Ihr dazu? He, hat unser Galgenstrick nicht sein Glück gemachet in der Fremde?« »Welches Auge ist's, was er verloren hat, Otto?« »Das linke. Ha, die Schönheit vergehet; aber Ehrwürden, bei Gott, ein braver Bursch ist der Klaus Eckenbrecher und ist's auch immer gewesen. Ach, wenn Ihr doch wüßtet, wie er sich hat um die Monika und sein Auge! Er fürchtet sich schrecklich, der Braut also vor die Augen zu treten.« »So, so, so! Und wann will er kommen?« »Sobald er kann, Ehrwürden! Wenn er sich nur nicht also sehr schämte!« »So, so, so! Nun – gute Nacht, Otto Klusmeier. Haltet Euch brav, da Ihr nun wieder bei uns seid. Euer Vater war ein braver Mann, folget seinem Beispiel und – horcht – sorgt, daß Ihr bald eine ordentliche, gute Frau bekommet, wenn Ihr Meister worden seid. Es tut nicht gut, daß der Mensch allein sei.« »Gute Nacht, Herr Pastore, und Dank für guten Rat. Ihr habt wohl recht, 's ist recht traurig, wenn man heimkehrt und hat niemanden, so einen mit Freuden empfanget!« »Also handelt nach meinen Worten! Seid fleißig, betet, schaffet Euch einen Herd und setzet ein lieb Weib daran! Behüt Euch Gott; wenn Ihr Rat bedürfet, so sprechet bei mir vor!« »Herzlichen Dank, Ehrwürden – Gott vergelte Euch Euere freundlichen Worte – ach, Ihr könnt mir glauben, hundeelend war mir zumut, als ich heut von Stahle her über die Weser schiffte mit dem Anton Pfefferkorn und der mir immerfort schwatzte von seinen Eltern, seiner Mutter, seinem Vater und dem Gretchen Henning!« In tiefen Gedanken kam Valentin Fichtner heim und stieg wieder in sein Studierstüblein empor zu seiner Schrift: Wider des Babsts Abgötterey. Die Monika muß der Erzähler mit ihren Gedanken, mit ihrem Herzen allein fertig werden lassen. Zweiundzwanzigstes Kapitel Der Erzähler ärgert sich über sich selbst und wirft seine Feder aus dem Fenster. In dem Kopf und der Brust eines Reiters, welcher acht Tage nach der Heimkehr des Schreiners Otto Klusmeier und des Schusters Anton Pfefferkorn in den Bergen und Wäldern des linken Weserufers am Spätnachmittag mühsam seinen Weg dem aufwachenden Herbststurm abkämpfte, sah es wirr und wild aus. Wir wollen nur ohne Umschweife sagen, daß dieser Reiter, der über dem linken Auge ein großes schwarzes Pflaster trug, kein anderer als unser guter Freund Klaus Eckenbrecher war, welcher seine im Krieg, in der Fremde gewonnenen Schätze und verwirklichten Träume kläglich seufzend und grimmig fluchend dem süßen Bräutchen heimtrug. Wohl hatte er Ruhm und Ehre aus Flandern mitgebracht, aber Geld und Geldeswert wenig; wohl kam er nicht als simpler Reitersbub, sondern mit dem Federbusch eines Lippe-Pyrmontschen Hauptmanns auf dem Hute heim, aber teuern Preis hatte er dafür bezahlen müssen. Alle Augenblicke griff er, die Zähne zusammenbeißend, nach dem Pflaster, welches sein linkes Auge verdeckte. »O Gotts Teufel, was wird sie dazu sagen? Sacrrrrre! Was hilft's mir und ihr, daß der Hund vermodert, so das Unheil angericht't hat? O Sacrrrrre! O Monika, Monika!« Nicht, wie er es sich in seinen Träumen einst vorgemalt hatte, fiel sein Heimzug aus. Nicht kam er zurück aus dem Krieg mit Flöten und Pfeifen, mit Pauken und Posaunen; nicht führte er mit sich einen Schwanz von Knappen und Pagen und Mohren in köstlichen Gewändern; nicht kam er heim im hellen, glänzenden Sonnenschein; ach, die Stimmung des jungen Veteranen paßte ganz vortrefflich zu dem Wetter, durch welches er sein Roß lenkte. Vom Köterberg her pfiff und sauste es, als ob sämtliches Hexenvolk, welches auf dem kahlen Gipfel jenes Berges sein Wesen treibt, den Kopf darauf gesetzt habe, den Klaus samt seinem Gaul, seinem Ärger und seiner Angst platt auf den Boden zu legen, und das so schnell als möglich! Hui, wie strich es gleich dem wütenden Heer durch die Hohlwege und Schluchten, wie fing es sich in den Schlüften und kehrte um, wütend die Äste der Eichen und Buchen zerzausend! Zum Tollwerden war's, in solchem Wetter bei so freudigem, behaglichem Mute der Heimat und der Herzallerliebsten entgegenzureiten. Ein Nürnberger Eilein hatte der Hauptmann Eckenbrecher in der Schlacht bei Sankt Quentin auch nicht erbeutet, um darauf nach der Tagesstunde zu schauen. Der Weg ward immer schlechter, oft mußte der Reiter sein Pferd anhalten, um sich zu vergewissern, daß er sich noch auf dem rechten Pfade befand. Aus Herzensgrunde verwünschte er das gutmütige Bäuerlein, welches ihn durch seine verlockenden Angaben verführt hatte, einen »Richteweg« einzuschlagen und von der bekannten Landstraße abzuweichen. Es mußte nach der Berechnung des Klaus ungefähr vier Uhr nachmittags sein, als der Pfad in einem engen, düstern, verwachsenen Tal ein Ende nahm und der Lippesche Hauptmann plötzlich im Gebüsch festhing. »Sacrrrrrre!« fluchte der Eckenbrecher. »Diable – morbieu!« setzte er hinzu. Er hatte solche fremdländische Kraftworte in Flandern aufgegriffen und bediente sich ihrer nur allzuhäufig. »Das ist nun auch wieder, um zu platzen! Richtig festgefahren! Holla – heda! Keine Menschenseele weit und breit, um einem Christenmenschen auf den rechten Weg zu helfen. Heda – holla!« Aus vollen Lungen schrie der Verirrte seine Not nach allen vier Himmelsgegenden aus; aber niemand hörte, niemand antwortete seinem Rufen. Dabei bedeckte sich der Himmel, soviel von ihm durch das Gezweig der Bäume zu sehen war, immer mehr mit dunkeln Wolken. Es fielen einzelne Tropfen – nach fünf Minuten regnete es ganz lustig, wodurch der Sturmwind zu erneueten Kraftanstrengungen ermuntert zu werden schien. Immer unbehaglicher rückte der Klaus im Sattel hin und her, hob sich in den Steigbügeln, schauete nach rechts und nach links: »O hätt ich doch den Hallunk, den Bauer, hier, so mich verlocket hat! Steh du Hund von einem Gaul! Will das Vieh sich auch noch mausig machen? Das fehlte grad mir noch. Holla, heda, holla! Hört denn keine Menschenseele – morbieu – o hätt ich den Bauer hier, holla, heda, hol – alle guten Geister –« Hoch bäumte sich der Rappe im jähen Schreck und hätte seinen nicht weniger erschreckten Reiter fast aus dem Sattel geschleudert. Dicht vor Roß und Mann starrte aus dem Gebüsch ein Gesicht, welches wohl durch seine geisterhafte Erscheinung Schrecken und Schauder erregen konnte. Aus dem Gebüsch hervor wand sich ein Wesen, eine Gestalt, welche man wohl in Verbindung mit der fahlen Beleuchtung und dem sausenden Sturm dem Geisterspuk des alten Zauberbergs, des Köterbergs, zurechnen konnte. Klaus Eckenbrecher der Hauptmann griff unwillkürlich nach dem Schwert: »Alle guten Geister – Donnerwetter, was ist – wer seid Ihr?« Die Erscheinung blickte den Reiter starr an. »So antworte doch, in drei Teufels Namen, oder zeige mir den Weg, oder packe dich fort!« schrie der Klaus. »He – zum letztenmal – wer und was bist du? Antworte!« Die Gestalt hob das geisterhafte Gesicht empor zu dem jungen Reiter, mit hohler Stimme fragte sie: »Warst du nicht dabei, als man mich begrub? Warst du nicht auf dem Kirchhofe?« Klaus Eckenbrecher bog sich mit offenem Munde über den Hals seines Pferdes und blickte dem rätselhaften, unheimlichen Wesen schärfer in die Augen. »Jesus Christus, wer seid Ihr? Jesus Christus, Ihr seid der Mönch von Stahle, Ihr seid der Vikarius Festus, der verlorenging, als wir die Gauklerin Fausta und den Doktor Spada begruben! Seid Ihr nicht ertrunken? Habt Ihr Euch nicht in die Weser gestürzt? Was ging Euch die Monika Fichtner an?« »Als ich noch lebte, war ich der Bruder Festus«, antwortete die Gestalt; »aber ich bin tot und begraben. Ich kenne dich nicht, aber ich weiß, daß du bei meinem Begräbnis warst – bete für die irrende Seele, bete für die verdammte Seele des Bruders Festus!« »Gott schütze uns«, murmelte der Hauptmann Eckenbrecher; »'s ist wirklich der Vikarius von Stahle, 's ist der Bruder Festus!« »Nein, nein«, sagte die Erscheinung, »ich bin nicht Festus der Mönch, ich bin tot – lange tot und eingescharrt in die Erden; die Toten haben keinen Namen – bete für die arme Seele, die umgeht bis zum jüngsten Tage.« Dem Reiter standen die Haare steilrecht zu Berge, und kalte Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn; er wurde irre an sich selbst, er zweifelte wirklich, ob die Gestalt vor ihm wirklich ein Wesen von Fleisch und Blut oder nur ein Phantom, ein gräßlicher Schein, ein Affenspiel der Hölle sei. Sein Roß ängstete sich wie er, er fühlte es unter sich erzittern. Und – jetzt-jetzt streckte das Gespenst die dürre Hand aus; ohne sich Rechenschaft über das, was er tat, geben zu können, drückte der Lippesche Hauptmann seinem Gaul die Sporen tief in die Weichen, und mit einem gewaltigen Satze flog das Tier seitwärts in das Gebüsch. Der erschrockene Reiter achtete nicht der Zweige, die ihm das Gesicht, das wunde bepflasterte Auge trafen; mit aller Gewalt brach er durch das Unterholz, ohne auf die Richtung, die er nahm, Achtung zu geben. Ein Schrei wahrhaften Entzückens entrang sich ihm daher auch, als plötzlich, unverhofft, als er noch endlosen Wald vor sich zu haben glaubte – ein letzter Satz seines Pferdes ihn ins Freie, auf die breite Landstraße, die der Weser zu führte, brachte. Das Bäuerlein hatte doch recht gehabt mit seinem Richteweg. Nach dem gewaltigen Sprunge, welchen das scheue Roß über Busch und Graben weg getan hatte, stand es einen Augenblick zitternd von der Anstrengung da. Krampfhaft die Zügel in der Hand zusammenpressend hing der Eckenbrecher im Sattel und schöpfte ebenfalls tief Atem nach dem Schrecken und tollem Ritt. Aber schon raschelte es im Gebüsch und brach hindurch, und abermals setzte der Hauptmann in heftiger Furcht vor dem Gesicht des wahnsinnigen Mönchs seinem Rappen die Sporen in die Seiten und jagte davon durch das graue Zwielicht. Als die Landstraße nach zwanzig durchmessenen Pferdelängen sich um eine Holzecke wandte, blickte der Klaus noch einmal über die Schulter zurück und sah einen Schatten den weißen Weg entlang, daher, ihm nachgleiten. »Jesus Christus!« schrie er, und im wildesten Galopp jagte er vorwärts – immerzu, immerzu – bergauf, bergab, und stets vermeinte er, den schrecklichen Schatten neben sich zu haben, bald auf der rechten, bald auf der linken Seite; stets glaubte er das unheimliche Keuchen und Atmen des gespenstigen Mönches dicht neben sich zu hören. Dem war aber nicht also! Langsam schritt der Bruder Festus, nachdem er hinter dem Klaus her ebenfalls die Landstraße erreicht hatte, durch die Dämmerung und den Sturm ebenfalls gegen die Weser. Wohl war er ein Bild des Grauens! Sein weites graues Gewand, zerfetzt und verwahrlost, wurde durch einen Strick um die Hüften zusammengehalten. Wild wühlte der Wind in den langen, wirren Haaren des Mönchs und warf sie bald zurück, bald über das hagere Gesicht. Die Arme über der Brust kreuzend, stier vor sich hinblickend, schritt der Wahnsinnige dahin. Die Regenwolke hatte der Sturm bereits seitwärts fortgetrieben, und eben zog sie in der Ferne zur rechten Seite schwarz in grau über eine Berglehne. Auf die Landstraße schlugen nur noch vereinzelte Tropfen schwer herab. – – Wo war die arme Seele des Bruders Festus gewandert in der Welt seit jenem schrecklichen Tage, an welchem der Vikarius von Stahle in dem Nebel und Dunst verschwand? Weit, weit, weit! Hier und da – ruhelos – rastlos. Durch den Frühling und seine Blütenpracht, durch den glühenden Sommer, durch die dichten, rauschenden, in Licht und Schatten funkelnden Wälder, über die grünenden Ebenen, durch die golden nickenden Saaten, über welchen die Lerche in der blauen Luft schwebte – blind und taub war die arme, irrende Seele des Mönchs gewandert: »Der Bruder Festus ist tot! Betet für die arme Seele des Bruders Festus!« Durch große und kleine Städte, durch Flecken und Dörfer, vorüber an einsamen Häusern und Hütten war die arme Seele gewandert; »Der Bruder Festus ist tot! Betet für die arme, verlorene Seele des Bruders Festus.« Und die Kinder, die auf den Wegen ihre Spiele trieben, flüchteten scheu zu ihren Müttern, und diese hoben im höchsten Schreck die Hände. In Feld, Wiese und Wald richteten sich die Arbeiter von ihrer Arbeit auf, wenn der Bruder Festus vorüberschritt: »Jesus Maria, schütze uns!« O wie weit, wie weit war die Seele des Bruder Festus in die Irre gegangen! Und nun wurde sie zurückgetrieben im kalten, schaurigen Herbst, willenlos zurückgetrieben nach dem Unglücksorte, von welchem sie ausgewandert war. – Betet für die arme Seele des Bruders Festus!... Es war vollständig dunkel, als der junge Hauptmann Klaus Eckenbrecher in das Dorf Stahle mit hochklopfendem Herzen einritt. Das Herz drohete ihm zu zerspringen vor Angst und Jubel – »O Monika – süße, süße Monika!« Aus dem niedern Fenster des katholischen Pfarrhauses fiel der Schein der Lampe auf die Dorfgasse, und sein Roß hielt der Klaus an vor dem Pfarrhaus, bog sich nieder und klopfte an die trüben Scheiben. Noch immer saß der alte Chrysostomus in seinem Stuhl – der Tod schien ihm vorbeigehen zu wollen! – Von seinem Breviarium hob der neue Vikar, der Nachfolger des Bruders Festus, das Gesicht, als Klaus Eckenbrecher abermals anpochte. Er stand auf, schritt zum Fenster und öffnete es: »Wer ist da?« »Den Bruder Festus hab ich gesehen!« rief der Lippesche Hauptmann. »Weiß nicht, war's sein Geist oder war er es selber; aber gesehen hab ich ihn. Im dicken Wald ist er mir erschienen und wird mir wohl folgen. Wollt's Euch nur sagen, Pater, auf daß Ihr Achtung geben könnt – behüt Euch Gott!« Der Mönch bekreuzigte sich, und Klaus Eckenbrecher ritt gegen den Fluß hinab. Drüben flimmerten die Lichter von Holzminden – der alte Fluß rauschte, und kalt und wild umsauste der Wind den Reiter. Starr blickte der Junge Reiter auf eins der Fünkchen unter den jenseitigen Lichtern – alle Angst, alle Sorge, alle Zweifel waren wie weggeblasen aus seiner Brust – die Tränen stürzten ihm unaufhaltsam aus dem unversehrten Auge; dann hob er sich hoch im Sattel und jauchzte hell auf und schwang den Hut in die Luft – »O Monika! Monika!« Am liebsten hätte er seinen Rappen in den Strom getrieben, um schwimmend jenes holde Lichtpünktchen drüben am andern Ufer zu erreichen; kaum konnte er die Ankunft des Fährbootes, das er mit aller Kraft seiner Lungen anrief, erwarten. Endlich erschien es, der Klaus führte sein Pferd hinein, und die beiden Fährleute begrüßten mit großer Verwunderung und unverhohlenem Respekt den einstigen Taugenichts von Holzminden. Eine wahre Ewigkeit schien diesem die Überfahrt, und dreimal wieherte der Rappe, als endlich das Boot auf der rechten Seite des Flusses an das Ufer stieß. Unter der Gartenmauer des Pastors Fichtner band der Eckenbrecher sein Pferd an, dann fand er trotz der Dunkelheit mit Leichtigkeit jene Stelle, wo man die Mauer ohne Mühe erklimmen konnte. Im nächsten Augenblick stand er im Garten, dessen Bäume der Nachtsturm wild hin und her riß. Mit fliegendem Atem schlich der Klaus gegen das Haus und lauschte an dem Fenster, dessen Lichtschein ihn so hold, so traulich über die Weser angeflimmert hatte. Wie brauste und sauste die Windsbraut hohl über die Welt! Bitterkalt war's, und wieder schlugen eisige Tropfen hernieder, kein Sternlein schaute durch die Wolken. Aber drinnen die kleine Stube leuchtete in desto hellerem, lieblicherem Glanz. O wie gut kannte der Klaus diese kleine Stube und jedes Gerät darin! Jeder alte Stuhl, der schwerfällige Tisch von altersschwarzem Eichenholz, der gewaltige Kachelofen, alles und jedes rief in ihm eine Erinnerung der Kindheit wach. Wie manche Kinderfreude, wie manches Kinderleid knüpfte sich an diesen engen Raum! O welch ein Blick aus der kalten, stürmischen Nacht hinein in dieses süße, heimliche Schlupfwinkelchen! Wie war es denn? Gestern noch waren der Klaus und die Monika kleine, kleine Kinder – wie war es denn gekommen, daß sie heute nicht mehr hinter diesem schwarzen Ofen sich verkrochen, daß sie nicht mehr auf diesem alten Eichentische ihr Spiel mit Blumen, Steinchen, Muscheln des Flusses trieben? War es nicht recht seltsam, daß der Fluß auf dieselbe Weise unter der Mauer des Pfarrgartens vorüberrauschte, während die Kinder so ganz andere geworden waren? War das nicht ein recht großes, ein unbegreifliches Wunder, daß der Klaus Eckenbrecher, der gestern noch ein so kleiner Knabe war, heute so viel gesehen, so viel erlebt hatte, in der schrecklichen Schlacht bei Sankt Quintin mitgekämpft und dem König von Hispanien den Sieg mit gewonnen hatte? War es nicht ein schier noch viel größeres, viel unbegreiflicheres Wunder, daß da im Stübchen im Schein der kleinen Lampe die wunderschöne Jungfrau mit den blonden Locken saß und im tiefen Sehnen an den lauschenden Klaus dachte? War diese wunderholde Jungfrau die Monika, welche gestern noch mit dem Klaus kindisch die zerbrochene Puppe beweinte? Wie hing der Blick des jungen Hauptmanns an der Braut, welche in der Mitte ihres Stübchens auf niedrigem Schemel hinter dem Spinnrade saß gleich der Prinzessin inmitten des Zaubermärchens! Fort und fort drehte sich surrend das Rad, und mit halbgeschlossenen Augen saß die liebliche Spinnerin und nickte mit dem müden Köpfchen und sang mit leiser Stimme: »Ich träumte so holden, So seligen Traum; Drin baut ich ein Schloß In den Himmelsraum. Drin baut ich ein Schloß Aus Edelgestein Und setzte den Liebsten Als König darein. Doch als die Sonne Zur Höhe sich hob, Der schöne Traum Im Lichte zerstob. Mein Liebster ist fern, Er ist nicht allhier; O Sonne, o Sonne, Was leuchtest du mir? Gott grüße dich, Abend, Gott grüße dich, Nacht; Ihr habt mir den Traum Und das Glück gebracht!« Mit einem hellen Schrei fuhr die Sängerin in die Höhe; vor dem Fenster klang es jubelnd: »Gott grüße dich, Abend, Gott grüße dich, Nacht, Die Liebe zu Liebe Zurück ihr gebracht!« Zu dem Fenster stürzte die Monika und riß es auf: »Klaus, Klaus – um Gottes willen, Klaus, lieber Klaus, bist du es? Bist du es wirklich?« »Wirklich und wahrhaftig!« jauchzte der junge Hauptmann, und Lippe an Lippe, Brust an Brust, durcheinander schluchzend und lachend, hielten sich die beiden Verlobten umschlungen. Hundert heiße Küsse wechselten sie, ehe eins von beiden ein irgend verständliches Wort hervorbrachte. Erst als ein Windstoß die Lampe auf dem Tische ausblies und alles um sie her in die tiefste Nacht versank, wand sich die Monika aus den Armen des Klaus und eilte aus dem Zimmer, um die Tür, die aus dem Hause in den Garten führte, dem heimgekehrten Herzliebsten zu öffnen. Auf der Flur trat ihr der Vater entgegen, welcher mit seiner Studierlampe aus seinem Studierzimmer herabgestiegen war, um dem Lärm in den untern Räumen des Hauses nachzuforschen. »Der Klaus, mein Klaus ist da!« rief die Monika, an dem Vater vorübereilend und den Riegel der Tür, welche den Schatz ausschloß in die dunkle Nacht, zurückschiebend. Herein stürzte der Klaus, und mit ihm kam ein neuer Windstoß, welcher auch die Lampe Ehrn Valentins auspustete. »Eh!« rief der Alte. »O über den Windbeutel – ist das ein bös Omen!« »Monika, Monika, wo bist du?« jubelte der Klaus, und abermals lagen die Liebenden einander in den Armen, während der Pastor in der Küche ärgerlich mit Stahl, Feuerstein und Schwefelfaden sich abquälte. »O, wie hab ich dich lieb, mein herzig Reiterlein! O, wie hab ich geweint, als ich vom Vater herausgebracht hatt', daß dein armes Aug verlorengangen sei in der greulichen Schlacht!« schluchzte die Monika. »Du weißt es schon?« rief der Eckenbrecher. »Ich dacht –« »O gräm dich nicht, gräm dich nicht, noch viel lieber hab ich dich, Herzlieb –« »Ich hab mich also den ganzen Weg von Flandern her vergeblich um das gequält, was du dazu sagen würdest? Himmeldonnerwetter – morbieu, ich möchte mich zu Tode heulen!« »Man lasse solches greuliche Fluchen!« sprach Ehrn Valentin, der endlich über die mangelhaften Feuerzeugseinrichtungen des sechzehnten Jahrhunderts Meister geworden war und nun mit seiner Lampe vom Kopf bis zu Füßen den einstigen Zögling beleuchtete. Er seufzte mehrmals bedenklich, über das schwarze Pflaster schüttelte er das Haupt, sprach aber während dieser Untersuchung kein Wort. Nach Beendigung derselben befahl er der Monika, für Speise und Trank zu sorgen, er selbst führte, nachdem der Klaus sein Roß in den Stall neben dem blinden Gaul des Pfarrhauses untergebracht hatte, den Reitersmann in seine Studierstube hinauf, deren Tür er hinter sich verriegelte, um weder durch das Töchterlein noch sonst Magd, Knecht oder Nachbar gestört zu werden. Eine böse halbe Stunde verlebte der unglückliche Klaus nun unter einem Kreuzfeuer der verfänglichsten Fragen. Aber als ein mutiger Kriegsmann hielt der jetzige Lippesche Hauptmann diesem Feuer stand, holte jedoch tief und freudig Atem, als der Alte den Riegel der Tür wieder zurückschob und das Examen dadurch für beendigt erklärte. »Kann ich jetzt hinuntergehen?« fragte der Kriegsheld demütig, schüchtern, bittend. »Meinetwegen«, brummte der Alte. »Kann ich was dargegen tun? Packe dich!« Mit einem Satz war Klaus aus der Tür und die Treppe hinunter. Ehrn Valentin Fichtner stand recht nachdenklich da; dann saß er nieder vor seinem Schreibtisch und fing ein neues Kapitel an in seinem Traktat wieder des Babsts Abgötterey: »Was es mit dem Cölibat für eine Bewandtnis hat, und was dagegen zu sagen ist.« Er kam aber an diesem Abend über diese Überschrift nicht hinaus. Nach einer halben Stunde schon saß er in der einstigen Kinderstube des Pfarrhauses zwischen dem Klaus und der Monika und ließ sich von dem Klaus Eckenbrecher die Schlacht von Saint Quentin und den Tod des Grafen zu Pyrmont und des Ritters Don Cesare Campolani berichten, wahrend der Herbststurm draußen immer wüster forttobte. Nach der Schlacht von Saint Quentin erzählte der Klaus von der Erscheinung des Bruders Festus, und dichter drängte sich die Monika zusammenschauernd an den Geliebten und warf einen scheuen Blick in die Dunkelheit hinter den Fenstern. Der alte Pastor Fichtner aber nahm das Käpplein ab und stimmte aus den Liedern des teuern Mannes Gottes Martin Luther den Vers an: »Von allem Übel uns erlös, Es sind die Zeit und Tage bös; Erlös uns von dem ewgen Tod Und trost uns in der letzten Not, Bescher uns all'n ein selges End, Nimm unsre Seel in deine Händ!« Beide Kinder stimmten in den Gesang ein – o hätte der Sturmwind doch die feierlichen, holden Töne über die Weser zum Kirchhof von Stahle, zu den »Gräbern der Fremden« tragen können! Auf dem Grabhügel Simone Spadas kauerte eine Gestalt und starrte in die Nacht hinein hinüber nach den Lichtern des Städtleins Holzminden. Auf dem Grabhügel Simone Spadas fanden am andern Morgen die Bauern von Stahle den leblosen Leib des Bruders Festus.   Dreihundert Jahre sind vergangen! Weiß schimmert in der Nacht nach Christi Himmelfahrt 1860 die Apfelblüte vor den Fenstern des Erzählers; es ist Frühling, schönster Frühling geworden. In der Mitternachtsstunde durchzieht ein warmes Lüftchen säuselnd die Bäume – am Himmel funkeln Millionen Sterne – es schneiet Blüten! Anno 1640 ist der Glaubenskrieg mit allen seinen Greueln über das Wesertal fortgezogen; in Flammen ist die lutherische Stadt Holzminden, in Flammen ist das katholische Dorf Stahle aufgegangen. Dorf und Stadt sind wieder aufgebaut worden, aber wer kennt noch zu Stahle und Holzminden die »Gräber der Fremden«? Noch leuchten Berg und Tal und Fluß im jugendlichen Glanz, aber wer weiß noch in Holzminden und Stahle ein Wörtlein von dem Klaus und der Monika Eckenbrecher? Wer weiß noch Bericht zu geben von dem unseligen Vikarius Festus? Es schneiet Blüten! Noch einmal ziehen in langer Reihe alle Gestalten seines Buchs dem Erzähler in der Mitternachtsstunde vorüber, dann verschwinden sie im Dunkel – es schneiet Blüten, die Geister müssen weichen. Aus dem offenen Fenster wirft der Erzähler seine Feder jauchzend in die Nacht hinaus: »Was mir der Winter hat Leids getan, Das klag ich diesem Sommer an!« Memento vivere!