Fritz Reuter Aus der Franzosenzeit   Ins Hochdeutsche übertragen von Heinrich Conrad Vorwort Fritz Reuter schuf seine Werke für das ganze deutsche Volk. Seine tief aus dem Volke ins Leben gerufenen blutwarmen Gestalten – sie tragen ja alle die Züge des ewigen deutschen Menschen – die köstlichen Kräfte seines urwüchsigen Humors sind Kraftquell der Nation. Ihn allen Volksgenossen in Nord und Süd, Ost und West unseres großen Vaterlandes zu erschließen, das will die vorliegende hochdeutsche Neuausgabe der Meisterwerke des Dichters. Mit großer Ehrfurcht vor dem Schöpfungswillen des Meisters hat Dr. Heinrich Conrad die Übersetzung ins Hochdeutsche durchgeführt. Liebevoll ist er dabei bedacht gewesen, die ganze Originalität Fritz Reuters in ihrer volksechten herzerfrischend treffsicheren Art zu wahren, damit die urgesunde Volkskraft, die in ihr ruht, auch in die Herzen der Volksgenossen überströmen kann, denen der Genuß von Fritz Reuters Meisterwerken durch Unkenntnis der plattdeutschen Mundart bisher versagt bleiben mußte. Möge die vorliegende Neuausgabe der musterhaften Übertragung Dr. Heinrich Conrads, die schon bei ihrem ersten Erscheinen einen tiefen und nachhaltigen Erfolg erlebte, dazu beitragen, daß der große deutsche Meister Fritz Reuter nun ganz zum Gemeingut des Volkes werde! Der Verlag Erstes Kapitel Warum Müller Voß nicht Bankerott spielen kann, und wie er dem Herrn Amtshauptmann in großer Not beisteht. Getauft bin ich und Paten hab ich auch gehabt; vier Stück. Und wenn meine vier Paten noch lebten und mit mir über die Straße gingen, da würden die Leute still stehen und sagen: »Guck mal, was sind das für tüchtige Kerle! Na, nach solcher Art kann man heutzutage lange suchen: das sind doch noch Paten!« Und Einer war darunter, der war einen Kopf länger als die anderen und ragte über sie hinaus, wie Saul über seine Brüder, das war der alte Amtshauptmann Weber, der hatte einen sauberen blauen Rock an und eine gelbliche Hose und lange, blankgewichste Stiefel. Und war sein Gesicht auch von Pocken zerrissen, und hatte auch der Teufel seine Erbsen darauf gedroschen, daß er aussah, als hätte er mit dem Gesicht auf einem Rohrstuhl gesessen – auf seiner breiten Stirn stand geschrieben und aus seinen blauen Augen konntet ihr lesen: »Keine Menschenfurcht, wohl aber Gottesfurcht!« Und er war ein Mann auf dem Platz. Morgens gegen elf Uhr saß er mitten in der Stube auf einem Stuhl, und seine liebe Frau schnürte ihm dann eine weiße Schabracke um den Hals – man nannte das damals einen Purgiermantel – und stäubte ihn mit Puder ein und band die Haare hinten zusammen und drehte ihm einen niedlichen Zopf. Das war ja gerade nichts Besonderes, und unsere Frauen drehen uns hinterm Rücken ja auch noch immer einen niedlichen Zopf; aber so einen, wie die Frau Amtshauptmann drehte, den kriegen sie heute nicht mehr zurecht; denn wenn der alte Herr mittags unter den Kastanienbäumen im Schatten spazieren ging, dann guckte das kleine Spitzbubenzöpfchen so fidel und gescheit über den blauen Rockkragen und sagte zu jedem, der es hören wollte: »Ja, schau, Klaus Abendsegen! Bezeichnung für einen dummen Menschen. Was du dir denkst! ich bin bloß das äußerst Ende von seinem Kopf und wipple schon so kurios in die Welt hinein – nun kannst du dir vorstellen, wie lustig es drinnen aussieht.« Und wenn ich mal eine Bestellung von meinem Vater auszurichten hatte, und hatte es glatt herausgekriegt, dann schlug er mich auf den Kopf und sagte: »Fix, Junge, wie ein Feuerschloß! Das darf nicht lange hacken und knarren und knacken; sowie du losdrückst, muß es auch blitzen. Nun geh zu Mamsell Westphal und laß dir 'nen Apfel geben.« – Zu meinem Vater sagte er dann: »Mein Herzenskindting – ne, was denn? Sie freuen sich wohl auch, daß Sie einen Jungen haben, Jungens sind besser als Mädchen; Mädchen sind mir zu quarrig. Gottlob, ich habe auch einen Jungen; ich meine meinen Jochen. – Ne, was denn?« Mein Vater sagte zu meiner Mutter: »Weißt du, was der alte Amtshauptmann sagt? Jungens sind besser als Mädchen.« Ich aber stand in der Kammer und hörte das und sagte natürlich: »Jawohl! mein Pate hat immer recht, Jungens sind besser als Mädchen, und alles nach Verdienst und Würdigkeit,« und nahm das große Stück Topfkuchen und gab meiner Schwester das kleine, und bildete mir nichts Geringes ein, denn nun wußte ich ja, daß ich ein großes Stück von einem kleinen Apfel sei. Aber das sollte nicht so bleiben, die Geschichte kriegte einen Umschwung. – – Eines Tages, es war zur Zeit, als das Takelzeug, die Franzosen, aus Rußland zurückgekommen waren, und als es bei uns sich schon zu rühren begann – da klopfte es an des Herrn Amtshauptmanns Stubentür. »Herein!« rief der alte Herr, und herein kam der alte Müller Voß aus Gielow, mit dem verkehrten Ende zuerst, und machte einen Diener, der arg verquert herauskam, als müßte er dem Herrn Amtshauptmann vor allen Dingen erst zeigen, aus was für Zeug sein Hosenboden gemacht wäre. »Guten Tag, Herr Amtshauptmann!« sagte er. »Guten Morgen, mein lieber Müller!« sagte der alte Herr. – Na, wenn sie sich auch verschiedene Tageszeit boten, so hatten sie doch jeder auf seine Art recht: denn der Müller stand morgens um vier auf, und bei ihm war's Nachmittagszeit, und beim Herrn Amtshauptmann war es zeitig am Morgen, denn er stand um elf auf. – »Was möchte Er, mein lieber Müller?« – denn damals wurden die Müller noch mit ›Er‹ angeredet. – »Je, Herr Amtshauptmann, ich komme zu Ihnen in 'ner großen Sache. Ich wollte Ihnen nur melden, ich wollte nun auch Bankerott spielen.« – »Was wollte Er, mein lieber Müller?« – »Bankerott spielen, Herr Amtshauptmann.« – »Hm, hm!« brummt der alte Herr, »das ist ja eine verzweifelte Sache,« und reibt sich den Kopf und geht in der Stube auf und nieder. »Wie lange wohnt Er schon im Stavenhäger Amt?« – »Nächsten Johannis werden's dreiunddreißig Jahre.« – »Hm, hm,« brummt der Herr Amtshauptmann weiter, »und wie alt ist Er, Müller?« – »Zur Erbsenernte werden's fünfundsechzig Jahre – möglicherweise können's auch sechsundsechzig sein; denn was unser alter Paster Hammerschmid war, der war nicht sehr für die Kirchenbücher und überhaupt nicht fürs Schreiben, und die Frau Pastern, die das Anschreiben besorgte – lieber Gott, sie hatte auch sonst ihre Last – die ließ es immer so auf drei Jahre ansummen, damit sich die Schreiberei auch lohnte, und ging dann eines Nachmittags durchs Dorf und schrieb die Gören auf; aber das ging dann immer mehr nach der Größe und Breite, als nach dem Alter, und meine Mutter sagte immer, sie hätte mir ein Jahr zum Schaden gerechnet, weil ich nur ein zartes Kind gewesen wäre – aber von fünfundsechzig brauch ich mir nichts abschneiden zu lassen; die hab ich gewiß.« – Der alte Herr Amtshauptmann ist unterdessen in der Stube auf- und abgegangen und hat mit halbem Ohr zugehört und steht nun vor dem Müller still und sieht ihm steif in die Augen und sagt barsch: »Müller Voß, dann ist Er viel zu alt zu seinem Vornehmen.« – »Wieso denn?« fragt der Müller ganz verdutzt. – »Bankerott machen ist ein schweres Geschäft, da wird Er in seinem Alter nicht mehr mit fertig.« – »Meinen Sie, Herr Amtshauptmann?« – »Ja, das meine ich. – Da sind wir beide zu alt dazu, das müssen wir jungen Leuten überlassen. Bedenkt einmal, was würden die Leute sagen, wenn ich Bankerott spielen wollte? Sie würden sagen: der alte Amtshauptmann auf dem Schloß ist verrückt geworden,« – und legte ihm mit Nachdruck die Hand auf die Schulter – »und sie hätten recht, Müller Voß. Ne, was denn?« – Der Müller sieht seine Stiefelspitzen an und kratzt sich hinterm Ohr: »Wahr ist's, Herr!« – »Na,« fragt der alte Herr und schüttelt den Müller ein bißchen an der Schulter, »wo drückt Ihn denn der Schuh? was quält Ihn denn hauptsächlich?« – »Quälen sagen Sie, Herr Amtshauptmann?« rief der Müller, und es war, als hätte ihn eine Biene hinters Ohr gestochen, so kratzte er; »schinden, Herr, sollten Sie sagen, schinden! – der Jude! der verfluchtige Jude! Und dann der Prinzeß, Herr Amtshauptmann! der verfluchtige Prinzeß!« – »Sieht Er, Müller? das ist auch ein Hansnarrenstreich von Ihm, daß er in seinem Alter sich in einen Prozeß einläßt.« – »Je, Herr, als ich mich in den einließ, war ich noch in guten Jahren, und ich dachte auch so, ich würde ihn noch bei Lebzeiten ausfechten; aber ich merke wohl, so'n Prinzeß hat einen längeren Atem als eine ehrliche Müllerlunge aushalten kann.« – »Er läuft nun aber, meine ich, stark zu Ende.« – »Ja, Herr Amtshauptmann, und dann läuft er mich tot; denn meine Sache wird wohl schlimm stehen, und die Advokaten haben sie verbruddelt, und was meinem Vaterbruder, dem alten Jochen Vossen sein Sohn ist, der jetzt das Ganze erbt, das soll so ein richtiger Schleicher sein, und die Leute sagen ja, er habe einen Schwur darauf getan, er wolle mich rausschmeißen aus der Borchertschen Wirtschaft zu Malchin. – Und, Herr Amtshauptmann, ich hab 'ne gerechte Sache, und wie ich zum Prinzeß gekommen bin, das weiß ich heute noch nicht, denn die alte Borchertsche, als sie noch lebte, war die Tante von meiner Mutter ihrer Schwestertochter, und Jochen Voß, was mein Vetter war...« – »Ich weiß die Geschichte,« sagte der Herr Amtshauptmann, »und wenn ich Ihm raten soll, dann vergleiche Er sich.« – »Das kann ich nicht, Herr! Unter der Hälfte tut es Jochen Vossens Schlingel nicht, und wenn ich die herausgeben soll, bin ich ein Schnorrer. Nein, Herr Amtshauptmann, es mag gehen, wohin's gehen will, geben tu ich mich nicht, ich gehe bis an den Herzog. – So'n Schlingel, so'ne Rotznase, der mit seines Vaters Geld in der Tasche gehn und ziehn kann, wohin er will, und nicht weiß, wie einem Menschen zumute ist, der einen Hausstand halten soll in diesen schlechten Zeiten; dem die gottverdammten Halunkenfranzosen sein Vieh nicht genommen haben und seine Mähren nicht aus dem Stall gezogen und sein Haus nicht geplündert haben, der will sich gegen mich rächen? Herr Amtshauptmann, Sie erlauben wohl, ich huste in so 'nen Bengel, und nehmen Sie's nicht übel, wenn ich unbescheiden bin.« – »Müller Voß,« sagt der alte Herr, »ruhig, Müller Voß! der Prozeß kommt ja auch einmal zu Ende, denn er ist ja in vollem Gang.« – »Im Gang, Herr Amtshauptmann? Ne, er ist im Schwung, wie der Teufel sagte, da hatte er Gotteswort an die Peitsche gebunden und schwenkte es sich um den Kopf herum.« – »Wahr, Müller Voß, – wahr ist es! Aber indessen, dies kann Ihn doch für den Augenblick nicht so arg drücken.« – »Drücken? klemmen, sagen Sie, Herr! klemmen, daß einem das Blut aus den Fingerspitzen spritzt. – Der Jude, Herr Amtshauptmann, der dreimal destillierte Jude!« – »Welcher Jude ist es?« fragt der Herr Amtshauptmann. Und der Müller dreht seinen Hut in den Fingern und sieht sich so halbwegs um, ob ihn auch einer hört, und geht so langsam mit schleppenden Schritten an den alten Herrn heran, legt die Hand an den Mund und flüstert halblaut: »Der Itzig, Herr Amtshauptmann.« – »Pfui!« sagt der alte Herr. »Wie kommt Er zu dem Kerl?« – »Herr Amtshauptmann, wie kommt der Esel zu den langen Ohren? Manche gehen aufs Erdbeerpflücken und verbrennen sich in den Nesseln, und der Gägelowsche Küster glaubte, er hätte seinen Schiebkarren voll heiliger Engel, und als er oben auf den Berg kam und glaubte, nun würden sie ausfliegen, da saß des Teufels Großmutter drin und grinste ihn an und sagte: ›Gevatter, wir sprechen uns noch!‹ – In meiner größten Not, als der Feind mir alles genommen hatte, habe ich mir zweihundert Taler von ihm geliehen, und nun hab ich seit zwei Jahren von Termin zu Termin immer unterschreiben müssen, und die Schuld ist hinaufgekrochen bis auf fünfhundert Taler, und übermorgen soll ich sie bezahlen.« – »Müller, hat Er sich unterschrieben?« – »Ja, Herr Amtshauptmann.« – »Dann muß Er sie auch bezahlen. Was geschrieben ist, ist geschrieben.« – »Je, Herr Amtshauptmann, ich dachte ...« – »Hilft Ihm nichts: was geschrieben ist, ist geschrieben.« – »Aber der Jude...« – »Müller, was geschrieben ist, ist geschrieben.« – »Je, Herr Amtshauptmann, was tu ich denn dabei?« – Der alte Herr ging in der Stube herum und rieb sich den Kopf und sah den Müller dann mal wieder so recht ernsthaft an, und der Müller sah ihn wieder so an, und endlich sagte er: »Müller, junge Leute kommen aus solchen Verlegenheiten besser heraus als alte; schick Er mir einen von seinen Jungens.« – Der alte Müller sah sich wieder auf die Stiefelspitzen und drehte sich mit einer halben Wendung um und sagte mit einer Stimme, die dem alten Amtshauptmann durch und durch ging: »Herr, wen soll ich schicken? Mein Jochen ist in der Mühle zu Tode gekommen, und Karl haben voriges Jahr die Franzosen mitgenommen nach Rußland, und er ist nicht wiedergekommen.« – »Müller,« sagt der alte Amtshauptmann und streichelt dem Müller den Rücken und faßt ihn unters Kinn, »hat Er denn gar keine Kinder?« – »Ja, Herr Amtshauptmann,« sagt er und wischt sich über die Augen, »noch so'n kleines Mädchen.« – »Ja,« sagt der alte Herr, »Müller, ich bin nicht sehr für die Mädchen; Mädchen sind mir zu quarrig!« – »Das sind sie, Herr, sie sind zu quarrig!« – »Und nützen können sie Ihm in solchen Umständen gar nicht, Müller.« – »Was wird denn aus meiner Sache?« – »Exekution, alter Freund – der Jude wird Ihm alles wegtragen lassen.« – »Na, Herr Amtshauptmann, das hat der Franzos schon zweimal getan, dann kann's der Jude nun auch mal versuchen. Die Mühlsteine wird er ja liegen lassen. Und zum Bankerott, meinen Sie, bin ich zu alt?« – »Ja, mein lieber Müller.« – »Na, denn adjüs, Herr Amtshauptmann!« – Damit ging er. Der alte Herr steht noch eine Weile und sieht dem Müller nach, wie er über den Schloßhof geht, und sagt zu sich: »'s ist ein schlimmes Stück für einen alten Mann, den anderen so allmählich an den schlechten Zeiten und an den noch schlechteren Menschen zugrunde gehen zu sehen. Wer aber kann ihm helfen? Das einzige ist, ihn Zeit gewinnen zu lassen. – Fünfhundert Taler! – Wer hat jetzt fünfhundert Taler? Ich glaube, wenn der alte Roggenbom auf Scharpzow ausgenommen wird, kann man das ganze Stavenhäger Amt aus den Kopf stellen und die Stadt dazu und es fallen keine fünfhundert Taler heraus; und Roggenbom tut es nicht. Zu Ostern ginge es möglicherweise; so lange wartet aber der Jude nicht. – Ja ja! für alte Leute ist's 'ne schlimme Zeit!« Und als er noch so aus dem Fenster sieht, da wird es draußen auf dem Hof so lebendig, und sieben französische Chasseurs reiten zum Tor herein, und der eine steigt ab und bindet sein Pferd an die Klinke von Mamsell Westphals Hühnerstall und geht geraden Wegs auf des alten Herrn Stube und fängt da an, ihm etwas vorzusackerieren und mit den Armen zu fuchteln, wobei der alte Herr ganz ruhig stehen bleibt und ihn anguckt. – Als es aber schlimmer wird, und der Franzose die Plempe blankzieht, geht der alte Herr an die Klingel und ruft nach Fritz Sahlmann – das war sein Kalfaktor, der die laufenden Geschäfte zu besorgen hatte – und sagt: »Fritz, lauf zum Herrn Bürgermeister hinunter, ob er nicht gleich ein bißchen kommen möchte, denn mein Latein wäre wieder mal zu Ende.« Und Fritz Sahlmann kommt denn nun zu meinem Vater herunter und sagt: »Herr Bürgermeister, kommen Sie fixing nach dem Schloß 'rauf; sonst geht's all meiner Tage nicht gut.« – »Was ist denn los?« fragt mein Alter. – »Auf dem Schloßhof halten sechs entfamtige französische Spitzbuben-Chasseurs, und was der Oberste von ihnen ist, der ist drinnen beim alten Herrn und hat allen Respekt vergessen und hat blank gezogen und fackelt ihm mit der nackten Plempe vor den Augen, und der alte Herr steht hochaufgerichtet vor ihm und rippt und rührt sich nicht, denn er versteht vom Französischen so viel wie die Kuh vom Sonntag.« – »Das wäre der Teufel!« rief mein Alter und sprang auf – denn er war ein beherzter, entschlossener Mann, und Furcht hatte er nicht so viel wie das Schwarze unter dem Nagel – und lief aufs Schloß. Als mein Vater zum Herrn Amtshauptmann hereinkommt, da tobt der Franzose da herum wie ein wildes Tier, und aus seinem Mundwerk prustet es heraus wie wenn der Zapfen aus einem Faß gezogen wird; der alte Herr aber steht ruhig da und hat seinen Dictionaire de poche in der Hand, und wenn er ein Wort von dem Franzosen halbwegs versteht, dann schlägt er nach, was Poche wohl dazu sagt, und als mein Alter herankommt, fragt er: »Mein Herzenskindting, was will der Kerl? – Ne, was denn? – Fragen Sie doch den Kerl, was er will.« – Mein Vater fängt also an mit dem Kerl zu reden, der aber stellt sich so ungebärdig an und schimpft und schandiert, daß der alte Amtshauptmann wieder fragt: »Mein Herzenskindting, was ereifert sich der Kerl?« – Nun, endlich kriegt mein Vater den Franzosen so weit, daß er mit seiner Sache herausrückt, und als er nun dem alten Herrn erklärt, daß der Franzmann fünfzehn fette Ochsen und eine Last Weizen und siebenhundert Ellen grünes Tuch und hundert Louisdor verlangt und dann außerdem für sich und seine Leute noch vielen ›du vin‹ , da sagt der alte Amtshauptmann: »Mein Herzenskindting, sagen Sie dem Kerl, wir wollten ihm brav...« – »Halt!« ruft mein Alter, »Herr Amtshauptmann! Das Wort sagen Sie nicht, das wird er in der letzten Zeit auf vielen Stellen schon gehört haben, und er könnte es möglicherweise verstehen. Nein, ich rate dazu, wir geben ihm den ›du vin‹ – dann wird ja vielleicht das andere sanft und selig vergessen werden.« – Und der Herr Amtshauptmann gibt ihm recht und ruft Fritz Sahlmann, er solle von Mamsell Westphal Gläser und Wein besorgen, aber nicht vom besten. Na, der Wein kommt, und mein Vater schenkt dem Franzosen ein, und der Franzose schenkt meinem Vater ein und es geht immer umschichtig, und mein Vater sagt: »Herr Amtshauptmann, Sie müssen mit 'ran und müssen mir helfen, denn das ist einer von der Art, die keinen Boden im Leibe hat.« – »Mein Herzenskindting,« sagt der alte Herr, »ich bin ein alter Mann und bin erster herzoglicher Beamter im Stavenhäger Amt – wie paßt sich das für mich, daß ich mich mit dem Kerl in die Zeche gebe?« – »Ja,« sagt mein Alter, »Not kennt kein Gebot – und dies ist fürs Vaterland.« – Und der Herr setzt sich mit heran und wirkt auch nach Kräften. Doch nach einiger Zeit sagt mein Alter: »Herr Amtshauptmann, der Kerl wird uns über; es wäre eine Gnade von Gott, wenn er uns jetzt einen schickte, der einen guten Magen und einen festen Kopf hätte.« Und als er dies sagt, klopft es an die Tür. »Herein!« – »Guten Tag auch!« sagt der alte Müller Voß aus Gielow und kommt zur Tür herein; »guten Tag, Herr Amtshauptmann.« – »Guten Tag, mein lieber Müller.« – »Je, Herr, ich komme noch einmal in meiner Sache.« – »Dazu ist heute keine Zeit,« sagt der alte Herr, »denn Er sieht wohl, in was für Umständen wir uns befinden.« – Und mein Vater ruft: »Mein lieber Voß, komm Er her und tu Er ein christliches Werk und leg Er sich quer vor den Franzosen ins Geschirr und nehm Er ihn mal zu Protokoll, aber scharf!« – Und Müller Voß guckt meinen Alten an und guckt den Herrn Amtshauptmann an und denkt sich sein Teil, wie jener Truthahn, und sagt zu sich: auf so einem Gerichtstag bin ich noch nicht gewesen – findet sich aber leicht in die Sache. Mein Vater geht nun an den Herrn Amtshauptmann heran und sagt: »Herr Amtshauptmann, das ist unser Mann, der wird mit ihm fertig, ich kenne ihn.« – »Schön,« sagt der alte Herr. »Mein Herzenskindting, wie werden wir aber mit den sechs Kerlen da draußen auf dem Schloßhof fertig?« – »Das ist nur so eine Marodeurs- und Landstreicherbande,« sagt mein Alter, »lassen Sie mir nur meinen Willen, ich mache ihnen bange.« Und er ruft Fritz Sahlmann und sagt: »Fritz, mein Sohn, geh hinten durch den Schloßgarten, daß dich niemand sieht, und laufe zum Uhrmacher Droz: er sollte sich stantepee seine Uniform anziehen mit den langen schwarzen Stiefeletten und der Bärenmütze und Obergewehr und Untergewehr und sollte sich durch die kleine grüne Pforte durch den Garten schleichen bis unters Eckfenster und dann sollte er husten.« Was nun den Uhrmacher Droz anbetrifft, so war er von Geburt ein Neuchateller, hatte vielen Potentaten gedient und auch den Franzosen, und war später in meiner Vaterstadt hängen geblieben, indem er eine Witfrau geheiratet hatte. Seine französische Uniform hatte er aufbewahrt, und wenn er abends in der Schummerstunde zum Uhrenflicken nicht mehr sehen konnte, dann zog er sich seine Montur an und ging immer in seiner kleinen Kammer auf und nieder, aber in bloßen Haaren, denn mit der Bärenmütze ging es nicht, die schrammte an die Decke an. Und dann redete er von ›la grande nation‹ und ›le grand empereur‹ und kommandierte das ganze Bataillon und ließ rechts einschwenken und links einhauen, daß Frau und Kinder sich hinters Bett verkrochen. Er war aber ein guter Mann und tat keinem Kinde was, und tagsüber lag ›la grande nation‹ im Koffer, und er flickte Uhren und pustete und schmierte sie und aß mecklenburgsche Pellkartoffeln und stippte sie in mecklenburgschen Speck. Na, während nun also der Uhrmacher sich die Stiefeletten anknüpfte und die Bärenmütze aufsetzte, saß Müller Voß mit dem Franzosen zusammen und ließ sich des Herrn Amtshauptmanns Rotwein sauer werden, und der Franzos stieß mit dem Müller an und sagte: »A vous!« und der Müller nahm dann sein Glas, trank und sagte: »Na nu!«, und bann stieß wieder der Müller mit dem Franzosen an, und der bedankte sich und sagte: »Serviteur!« und der Müller trank denn auch und sagte: »Sett en vor de Dör!« Setz' ihn vor die Tür. und so sprachen sie französisch miteinander und tranken. So wurden sie denn nun immer freundschaftlicher zu einander; der Franzose steckte die blanke Plempe in die Scheide, und es dauerte nicht lange, so raschelte sein schwarzer Schnurrbart dem alten Müller unter der stumpfen Nase, und der Müller schmiß ihm ein paar ins Gesicht, die sagten nur so ›steht!‹ – denn der alte Müller hatte ein Mundgeschirr, als wäre er mit der Wurfschippe aufgefüttert, und jeder von seinen Küssen konnte für drei tüchtige Durchschnittsküsse gelten. Gerade als dies geschah, hustete es unterm Eckfenster, und mein Vater schlich sich raus und sagte dem Uhrmacher Bescheid, was er tun sollte. Der Herr Amtshauptmann aber ging auf und ab und dachte, was wohl die hohe Herzogliche Kammer dazu sagen würde, wenn sie dies mit ansähe, und sagte zum Müller: »Müller, verzag' Er nicht; ich werd's Ihm gedenken!« Und der Müller verzagte auch nicht, sondern trank rüstig weiter. Der Uhrmacher ging unterdessen heimlich wieder durch den Schloßgarten zurück; als er aber auf dem gewöhnlichen Weg kam, der nach dem Schloß hinaufgeht, da warf er sich in die Brust und trampte auf, denn er war nun wieder ›grande nation‹ , und marschierte strack und stramm zum Schloßtor hinein, was er denn auch schön fertig kriegte, weil er von Angesicht und Statur ein ansehnlicher Kerl war. Na, die sechs Chasseurs, die bei ihren Pferden standen, die guckten und flüsterten untereinander, und einer von ihnen ging zu ihm 'ran und fragte ›wohin?‹ und ›woher?‹. Droz aber sah ihn recht höhnisch über die Schulter an und antwortete ihm kurz und barsch auf Französisch, er wäre der Quartiermeister vom 73. Regiment, und das käme in 'ner halben Stunde von Malchin 'rauf, und er müßte erst mit monsieur le baillif reden. Da schoß dem Chasseur die Angst in die Knochen, und als Droz ein bißchen handgreiflich mit dem Zaunpfahl auf Marodeurs zu spitzen anfing und erzählte, sein Oberst hätte gestern ein paar totschießen lassen, da drückte sich erst der eine und dann der andere, und wenn auch noch ein paar von ihnen zusammenschnatterten und auf das Schloß wiesen von wegen ihres Anführers, so hatte doch keiner rechte Zeit zum Warten, und im Handumdrehen war der Schloßhof leer, und im Brandenburger Tor standen wir Jungens und guckten den sechs französischen Chasseurs nach, wie sie den tiefen Lehmweg hinunterklabasterten, denn es war gerade in der schönsten Zeit der damaligen mecklenburgischen Landwege, so im Frühjahr, im Antau. Zweites Kapitel Was Mamsell Westphal und der Uhrmacher mit einander sprachen, und warum Friedrich dem Franzosen die Knöpfe von den Hosen schneiden will und ihn nachher im Stavenhäger Oberholz zu Bett bringt, und warum Fiken den MaIchiner Kaufmann nicht genommen hat. Als der Schloßhof leer war, marschierte der Uhrmacher mit Obergewehr und Untergewehr in Mamsell Westphals Speisekammer hinein, und Mamsell Westphal trocknete sich die Augen und sagte: »Herr Droi, Sie sind ein Engel der Rettung!« Sie nannte ihn nämlich immer ›Droi‹ statt ›Droz‹, weil sie glaubte, ›Droi‹ wäre richtigeres Französisch und die Leute gäben ihm nicht den richtigen Akzent. Der Engel der Rettung setzte nun seinen ›Schafschinken‹ an den Seifenbottich, hängte sein Käsemesser an den Fleischhaken, stülpte seine Bärenmütze auf das Butterfaß und setzte sich selber auf den Anrichteklotz, zog ein gewürfeltes Schnupftuch hervor, legte es sauber auf den Knien zusammen und fuhr sich damit zweimal sachte unter der krummen Nase durch; dann nahm er seine große runde Schnupftabaksdose heraus, streckte sie Mamsell Westphal hin und fragte: »Plaît-il?« – »Jawohl,« sagte Mamsell Westphal, »pläht'i mir das, denn, Herr Droi, ich habe sehr schlechte Augen, und seit dem vorigen Herbst sind sie immer schwächer geworden; ich hatte damals die große Krankheit, und die Doktoren gaben ihr einen hohen Namen; aber, Herr Droi, ich sage, das war das gewöhnliche miserable Stoppelfieber, und dabei bleibe ich! – So!« sagte sie dann und setzte vor Herrn Droz eine schöne gebratene Ente hin und eine Flasche Wein – aber von des Herrn Amtshauptmanns gutem – und machte einen Knicks, wie wenn einer im Wasser untertaucht, und sagte auch: »Pläht' i?« Na, dem Uhrmacher plähtite dies denn auch sehr und ihm wurde zumute, als wäre er ein wirklicher Engel, und Mamsell Westphals Speisekammer war im Vergleich mit seinen Pellkartoffeln und Speck ein Paradies, und als er bei der zweiten Flasche Wein war, redete er viel von dem schönen vin de Valengin und von ›der szöne Sweiz‹. Und Mamsell Westphal sagte: »Sie haben recht, Herr Droi, Schweiß ist 'ne schöne Sache, vor allem bei einem Schnupfen: ich trinke dann immer Fliedertee.« – »Ah!« sagte Herr Droz, »fierté! Oui, je suis fier von meine Land. Oh, Sie muß mal kommen in die Land, da singen die Vögel und da brummen die Bachen.« Na, mittlerweile war es dunkel geworden, und Fritz Sahlmann kommt in die Speisekammer und sagt: »Na, dies ist 'ne schöne Geschichte: der Herr Amtshauptmann läuft bei düsterer Nacht in bloßen Haaren im Garten 'rum und räsonniert vor sich hin, der Bürgermeister hat sich sachte aus dem Staub gemacht, Müller Vossens Friedrich hält nun schon 'ne ganze Stunde lang vor'm Tor und schimpft auf die verfluchten Patrioten und den Spitzbuben Dumouriez, und der Müller hält dem Franzosen die Faust unter die Nase und fragt, wo seine vier Mähren und seine sechs Ochsen geblieben seien, die die Franzosen ihm genommen, und der Franzose sitzt da und rippelt und rührt sich nicht und verdreht die Augen.« – »Fritz Sahlmann,« fragte Mamsell Westphalen, »rührt er sich nicht?« – »Ne, Mamselling!« – »Fritz Sahlmann, ich weiß, du hast zuweilen den Hasenfuß in der Tasche und trägst dich manchmal stark mit Unwahrheiten; ich frage dich auf dein Gewissen: rührt er sich gar nicht?« – »Ne, Mamselling – ganz und gar nicht!« – »Na, Herr Droi, dann kommen Sie! Dann wollen wir hinaufgehn und nach dem Rechten sehen. Nehmen Sie sich aber was von Ihrem Geschirr zum Hauen und Stechen mit, und wenn Sie sehen, daß er mir zu Leibe will, dann stehn Sie mir bei! Und du, Fritz Sahlmann, lauf zu Müllers Friedrich und sag ihm, er solle die Pferde absträngen und 'rein kommen; denn besser ist besser, und was einer gut tun kann, das wird zweien nicht sauer.« Friedrich kommt denn nun auch herein und kriegt einen tüchtigen Schnaps und schüttelt sich, wie's nach einem großen Schluck Mode ist, und der Zug geht darauf vorwärts nach des Herrn Amtshauptmanns Stube. Friedrich voran, dann Mamsell Westphal, die den Uhrmacher untergefaßt hat, und zuletzt Fritz Sahlmann im Hintertreffen. Als sie in die Stube kommen, sitzt der Müller am Tisch, hat zwei volle Gläser vor sich stehn und stößt mit dem einen an das andere, dann mit dem anderen an das eine und trinkt abwechselnd für zwei und grinst lustig über das ganze breite Gesicht. Den Rock hat er ausgezogen, weil ihm bei der Sache heiß geworden ist, auf dem Kopf hat er des Franzosen Kaskett mit dem langen Roßschweif und über seinen dicken Bauch hat er, so gut es gehen will, den französischen Säbel geschnallt. Der Franzos aber liegt lang ausgestreckt in der Sofaecke, hat des Herrn Amtshauptmanns baumwollene Schlafmütze auf und seinen rotgeblümten Schlafrock an, und der Spitzbube von Müller hat ihm statt des Säbels einen großen Flederwisch in die Hand gegeben, und damit fuchtelt der Chasseur stillschweigend in der Luft herum, denn reden kann er kein Wort mehr. Als Mamsell Westphal zur Tür hereinkommt und die Bescherung sieht, setzt sie beide Arme in die Seite, wie's jede rechtschaffene ältliche Person, die auf rechten Wegen ist, eigentlich tun sollte, und fragt: »Müller Voß, was soll das? Was heißt dies? Und was bedeutet dies?« – Der Müller will antworten, gerät aber ins Lachen und bringt mit knapper Not heraus: »Komödienkram!« – »Was!« ruft Mamsell Westphal. »Ist das 'ne Antwort von 'nem Mann mit Frau und Kindern? Ist das ein Respekt vor seinem Vorgesetzten, solche Eulenspiegelstreiche in seiner Studierstube anzustellen? Herr Droi, kommen Sie mit!« Damit geht sie auf den Franzosen los, reißt ihm die Schlafmütze vom Kopf, schlägt sie ihm zweimal um die Ohren und sagte bloß die beiden Worte: »Die unschuldige Schlafmütze!« und: »Du Ferkel!« Dreht sich um und ruft: »Und Er, Friedrich, komm Er her und helf Er dem Kerl aus des alten Herrn Rockelor heraus; und Sie, Herr Droi, denn Sie werden sich darauf verstehen, nehmen Sie dem unklugen Müller den Suppentopf vom Kopf und schnallen Sie ihm den Säbel los!« Als dies denn nun geschehen war, sagt sie: »Und du, Fritz Sahlmann, du alte Plaudertasche, du Schnackfaß von der Ecke! Du unterstehst dich nicht und sagst dem Herrn Amtshauptmann, was mit seinen Kommoditäten hier passiert ist; denn er läßt sie sonst verbrennen, und was können der Schlafrock und die Schlafmütze dafür, daß alte Leute zu Jungens werden!« Dabei guckt sie den alten grinsenden Müller scharf an, steckt den Pfropfen auf die Weinflasche, setzt wieder die Arme in die Seiten und fragt: »Was nun?« »Ich weiß!« sagt Friedrich, zieht sein Klappmesser aus der Tasche, macht es auf, geht auf den Franzosen los, reißt ihm die Montur auf und fängt an, ihm auf eine sehr sonderbare Art unter den kurzen Rippen herumzufummeln. »Herre Jesus, Friedrich!« ruft Mamsell Westphal und springt dazwischen, »was? plagt Ihn der Böse? Er wird hier doch keinen Mord anstiften?« – » Diable !« sagt Herr Droz und reißt Friedrich den Arm zurück, und Fritz Sahlmann, der unverständige Schlingel, reißt das Fenster auf und schreit: »Herr Amtshauptmann! Herr Amtshauptmann, nun geht's los!« Schwabb! hat er einen an den Ohren, der ihm ganz bekannt vorkam, weil er täglich von Mamsell Westphals Sorte etwa drei bekam – das heißt: in Bausch und Bogen berechnet, denn gezählt wurden sie nicht. Friedrich aber stand ganz ruhig da und sagte: »Wieso denn? Was meinen Sie? Denken Sie, daß ich Kinder fresse? Ich will ihm bloß die Knöpfe von der Hose abschneiden; denn so haben wir's immer gemacht, wenn wir welche gefangen hatten, als ich noch gegen die verfluchten Patrioten in Holland diente und gegen den Spitzbuben Dumouriez unter dem Herzog von Braunschweig in den neunziger Jahren.« Und zu Mamsell Westphalen gewandt: »Denn, Mamselline, dann können sie nicht schappieren; dann sinken ihnen die Hosen in die Knie.« »Schäm Er sich, Friedrich, mir so was zu sagen!! Was gehen mich dem Franzosen seine Hosen an und seine Knie! Und von solchem Anblick will ich hier nichts wissen, und kein Mensch soll sagen, daß hier in des Herrn Amtshauptmanns Studierstube so was Despektierliches zu sehen gewesen ist. Nein, lieber wollen wir ratschlagen, wo wir mit dem Kerl bleiben!« Da drängt sich Müller Voß nach vorne und will sich vor die Brust schlagen, schlägt sich aber weiter unten vor den Magen und sagt: »Bleiben? Was bleiben! Wo ich bleibe, bleibt er auch, und wir haben Brüderschaft getrunken, und er ist 'n richtiger Franzos, und ich bin 'n richtiger Mecklenburger, und wer davon was wissen will, der komme her!« Sieht sie alle der Reihe nach an, und als keiner was dazu sagt, klopft er dem Franzosen auf die Schulter und sagt: »Bruder! ich nehme dich mit!« – »Das ist auch das beste!« ruft Mamsell Westphal. »Dann sind wir ihn los ... Herr Droi, fassen Sie an!« – Und die eine ›grande nation‹ faßt die andere ›grande nation‹ an den Beinen, Friedrich hält ihn oben am Kopfende, Fritz Sahlmann trägt das Licht, Mamsell Westphal kommandiert das Ganze, und der Müller geht in einem kleinen Bogen hinterher. »So!« sagt Friedrich. »Nun man hinten 'rein ins Krett! So! Da liege du man! Fritz Sahlmann, sträng' mir die Mähren an! Und Sie, Herr Droi, helfen Sie dem Müller hinauf; aber nehmen Sie sich in acht, daß er nicht das Gleichgewicht verliere; denn ich kenne ihn: er überschlägt sich!« Als der Müller nun sitzt, fragt Friedrich: »Na? Alles an Bord?« – »Alles an Bord!« ruft Mamsell Westphalen. – »Na, denn man jüh!« sagt Friedrich. Kaum aber ist er ein paar Schritte weit gefahren, so ruft der Uhrmacher: »Alt! Alt! Friderik! Sie aben vergestern die Kamerad sein cheval , es stehn in die logis für die kleine poule .« – »Ja,« sagt Fritz Sahlmann, »es steht im Hühnerstall!« – »Na, dann hol's!« sagt Friedrich, »und bind's hinter den Wagen.« Dies geschieht denn auch, und als sie noch dabei sind, kommt der alte Amtshauptmann von seinem Spaziergang aus dem Garten zurück und fragt, was hier los sei. »Nix nicht!« antwortet Mamsell Westphal. »Müller Voß hat bloß den Franzosen eingeladen, mit ihm zu fahren und die Nacht auf der Gielowschen Mühle zu bleiben.« – »Das ist denn eine andere Sache!« sagt der alte Herr. »Adjüs auch, Müller, ich werd' Ihm das gedenken.« Der Müller brummelt was in den Bart von sehr schönem, fruchtbarem Wetter, und Mamsell Westphal flüstert Fritz Sahlmann zu, er solle voraus laufen und den Säbel und Pferdeschwanz des Franzosen aus des Herrn Amtshauptmanns Stube holen, damit sie ihm nicht in die Augen fielen. »Bringe sie nur in meine Stube,« sagte sie, »und stelle sie hinter mein Bett.« Friedrich aber schlug jetzt auf die Pferde und jagte den Schloßberg hinunter in die Malchiner Straße hinein und sagte zu sich selber: »Dies ist das Probestück. Wenn der Müller bei diesem Pflaster und bei diesem Jagen auf dem Sack sitzen bleibt, dann kommt er heute abend auch allein vom Wagen herab.« Aber als er an die Scheunen kam und sich umsah, da lag der Müller zwischen dem vordersten und hintersten Sack und Friedrich sagte: »Ohne Hilfe kommt der nicht wieder 'runter« – und holte ein paar Säcke hervor und deckte ihm diese über den Leib, damit er sich nicht erkältete. So kamen sie aus den Scheunen heraus, und die Pferde zogen den Wagen immer in sachtem Schritt durch den tiefen Weg und die finstere Nacht hindurch, und Friedrich kamen allerlei Gedanken. Zuerst fiel ihm die Müllerfrau ein, was die früher schon gesagt hatte, wenn der Müller alleine so ankam, und was sie jetzt wohl sagen würde, wenn er selbzweit so ankäme, und was Müllers Fiken wohl dazu sagen würde, und er schüttelte mit dem Kopf und sagte: »Keinen guten Gang geht's nicht.« – Und zum andern fiel ihm ein, daß es auch um diese Jahreszeit gewesen war und in solch einer Nacht, als er vor einem Dutzend Jahren von den Preußen aus Prenzlau desertierte, und daß er damals, bis er sich nach dem Stavenhäger Amt durchschlagen konnte, auch im Freien gelegen und sich mit einem Schlehdornbusch zugedeckt hatte. – Und zum dritten fiel ihm ein – und als ihm dies einfiel, da knirschte er mit den Zähnen – wie er mit dem Herzog von Braunschweig in Frankreich gewesen war, nichts auf dem Leibe, nichts in dem Leibe als die rote Ruhr, und wie die Franzosen ihn gejagt und gehetzt hatten, und wie so viele von seinen Kameraden an der Landstraße liegen blieben, und auch sein bester Freund, Krischan Krüger, und wie das Volk kein Erbarmen gehabt hatte. »Und die beiden schönen Braunen,« sagte er zu sich, »haben sie mir auch genommen, und ich muß hier mit zwei alten spattlahmen Schindern fahren? Und die sollen sich hier noch in dem tiefen Weg mit so einem Kanaillenvogel von Marodeur abquälen, der gar kein ordentlicher Militär ist? – Verfluchte Patrioten! Spitzbub – Dümurriöh!« – dies waren seine einzigen Flüche, wenn er böse war – »Purr, öh!« rief er und sprang vom Wagen und ging hinten herum und klinkte das Krett auf und packte den Franzosen an den Beinen und zog ihn halb aus dem Wagen, hockte mit der Schulter unter und trug ihn über den Graben in das Stavenhäger Oberholz und legte ihn unter eine Buche. – »Ja,« sagte er, als der Franzose anfing sich zu rühren, »es ist ja wohl ein wenig feucht, aber du bist inwendig feucht, warum denn nicht auch auswendig?« – und sah zum Himmel hinauf und sagte: »Für die letzten Tage im Februar ist es eine sehr schöne warme Nacht, und wenn der Kuckuck auch just nicht singt, so hab ich ihn doch vorigen Sommer in dieser Buche singen gehört, und – so Gott will – singt er dieses Jahr hier wieder.« – Und als der Franzose ein bißchen zusammenschauerte, wie wenn ihn fröre, sagte er: »Nicht wahr, Bruder, es ist ein bißchen kühl, und ich könnte dich nun hier schön zudecken mit einem guten Weidenprügel, und es würde nicht Hund noch Hahn danach krähen, aber ich will dir zeigen, daß ich ein christliches Herz habe,« und geht nach dem Wagen und holt ein paar Armvoll Stroh und wirft es über ihn und sagt: »Na, adjüs! Mitnehmen tu ich dich nicht, wozu sollen sich die Müllersleute und Fiken über dich ärgern!« Steigt auf den Wagen und fährt sachte nach Hause. Nicht weit von der Mühle weckte er den Müller auf und machte ihn munter und sagte: »Müller, setzen Sie sich stramm auf den Sack, ich helfe Ihnen dann herunter.« – Der Müller richtete sich auf und sagte: »Ich bedank mich auch, Herr Amtshauptmann!« und sah sich wild um, wo er wäre, und fragte, was das für ein Gaul sei, der hinter dem Wagen herbammelte, und als er sich ein wenig besonnen hatte, griff er hinter sich in das Krett und fragte: »Friedrich, wo ist der Franzos?« – »Je, wo ist der!« sagte Friedrich und fuhr vor der Haustür vor, sprang vom Wagen und half dem Müller herunter, ehe die Frauen mit Licht kamen. Sein Herr krabbelte sich nach der Diele hinauf, und die Müllerfrau kam ihm entgegen und sagte: »Na, Vatting, wie ist's geworden?« – Der Müller stolperte über die Türschwelle in die Stube hinein, legte Hut und Handschuhe auf den Tisch, ging ein paarmal in der Stube auf und nieder, wobei er scharf die Dielenritze ins Auge gefaßt hatte, und sagte: »Das ist ein schwerer Gang!« – »Das seh ich,« sagte die Müllerfrau. – Fiken saß hinterm Tisch und nähte Leinenzeug. – Und der Müller ging wieder stolz auf und nieder und fragte: »Seht ihr mir gar nichts an?« – »Genug,« sagte seine Frau. »Du hast wieder bei Bäcker Witt gesessen und hast deine bedrängten Umstände vergessen und deine Frau und Kinder, und hast dich in eine Zeche eingelassen.« – »So? meinst du? dann laß dir sagen: ein kluges Huhn legt auch vorbei. Nein, ich habe mit dem Herrn Amtshauptmann und dem Bürgermeister und einem französischen General, oder so was, Brüderschaft getrunken, und der Herr Amtshauptmann hat mir gesagt, er wollte mir's gedenken, denn dies ginge fürs Vaterland. – Und, Fiken, dir sag ich: schmeiße dich nicht weg! Das hast du nicht nötig! – Den Malchiner Kaufmann hättest du meinetwegen freien können; aber du wolltest ja nicht!« – Fiken sah von ihrer Näherei halb empor und sagte: »Vater, laß das doch, zum wenigsten heute abend!« – »Schön, Tochter; du hast recht, mein Kindting. Sieh, du bist ja mein einziges, denn wo sind Karl und Jochen? Ach, du lieber Gott! Aber ich sage bloß: schmeiß dich nicht weg! und weiter sag ich nichts. – Und, Mutter, unsere Geldsache? – Was sagt der alte Herr Amtshauptmann? – ›Müller Voß, ich will Ihm das gedenken‹. – Und dann der Franzose! Mutter, der Franzos! Wo, Donnerwetter, ist der Franzos? Er lag doch im Krett; Friedrich muß es doch wissen,« Und er reißt das Fenster auf und ruft: »Friedrich, Friedrich! Hörst du nicht?« Friedrich hörte ihn recht gut; aber er plinkte mit dem einen Auge und sagte: »Ja, schreie du nur! – Wozu soll ich das erst sagen, was die Müllerfrau gut genug sehen kann? Ich werde mir nicht die Finger klemmen.« Damit band er des Franzosen Pferd an die Raufe und nahm ihm das Sattelzeug ab, und als er den Mantelsack aufhob, sagte er: »Teufel! ist der schwer!« – legte ihn in seine Futterkiste, schüttete seinen Pferden die letzte Fütterung ein, legte sich ins Bett und schlief, als wäre ihm heute nichts passiert. Als nun der Müller anfangen wollte, darüber zu schelten, daß Friedrich nicht käme, sagte seine liebe Frau: »Vatting, laß ihn – du bist müde, bist den Tag über auf dem Wagen herumgeschüttelt worden und hast dir's sauer werden lassen. Komm zu Bett; Fiken soll dir ein bißchen Bier warm machen, damit dir die Nachtluft nicht schadet.« – »Mutting,« antwortete er, »du hast immer recht – ich habe mich schändlich abstrapeziert, denn Geldsachen greifen immer an. Na, meine sind in der Ordnung – so gut wie in der Ordnung; denn der tzerr Amtshauptmann sagte: ›Müller Voß, ich werde Ihm das gedenken‹. Und morgen muß ich beizeiten wieder hin nach Stavenhagen.« Und damit geht er in die Kammer, legt sich nieder und eins zwei drei, schläft er los. Mutter und Fiken bleiben noch eine Zeitlang auf, und Fiken sitzt still in Gedanken und näht emsig. – »Ja,« sagt die Mutter endlich, »Fiken, du bist fleißig, und ich lege die Hände auch nicht in den Schoß, und unser Vater hat seiner Lebtage gearbeitet und getan, was er konnte; aber was hilft das alles? Die schlimmen Zeiten wachsen uns über den Kopf, und was uns die Franzosen gelassen haben, das nehmen uns die Advokaten und die Juden; übermorgen sollen wir fünfhundert Taler an Itzig bezahlen, und wir haben keinen Schilling.« – »Vatting tut ja doch so, wie wenn er mit allem in Ordnung ist.« – »Kehr dich heut abend nicht an den; Abendrede und Morgenrede sind zweierlei; aber in einer Sache hat er heute abend recht gehabt: hättest du nur den Malchin« Kaufmann genommen!« – »Mutting,« sagt Fiken und legt ihre Hand leise auf die Hand ihrer Mutter und sieht ihr ruhig in die Augen: »Mutter, das war nicht der Rechte.« – »Mein Kind, ganz nach ihrem freien Willen heiraten heutzutage wenig in der Welt; irgend ein Haken ist immer dabei. Sieh, der Kaufmann hat sein gutes Brot, und wenn dein Vater und ich dich versorgt wüßten, dann wäre uns ein großer Stein vom Herzen genommen.« – »Mutting, Mutting, sprich nicht so! Ich sollte euch verlassen, wo ihr in Not seid! Und noch dazu auf eine unehrliche Weise?« – »Unehrlich, Fiken?« – »Ja, unehrlich, Mutter!« sagte Fiken, und man konnte ihr ansehen, daß ihr das Gespräch peinlich wurde; »denn als der Kaufmann um mich anhielt, dachte er, bei uns hinge viel aus, und darum wollte er mich haben; ich wollte ihn aber nicht betrügen, denn wenn du und Vater in eurer Güte mir's auch nicht gesagt habt, wie es mit uns steht, und daß wir arme Leute geworden sind, so habe ich es doch langst gemerkt. Nun wissen's die Leute so ziemlich alle, und wenn jetzt einer kommt und mich haben will, dann will er mich und nicht das Geld, und es ist ja möglich, daß er der Rechte ist.« Und damit stand sie auf und nahm ihr Nähgeschirr zusammen und küßte ihre Mutter: »Gute Nacht, Mutting!« – und ging in ihre Schlafkammer. Die Müllerfrau saß noch eine Zeitlang still in Gedanken und seufzte: »Recht hat sie, und unser Herrgott mag alles zum Besten regieren!« – Sie ging ebenfalls zu Bett, und alles lag in tiefer Ruhe; nur die Mühle, die drehte sich ohne Ruh und Rast und klapperte und jagte, und die Arme griffen nach links und nach rechts in wilder Hast, wie ein Mensch, der in Bedrängnis und Not sitzt und sich abarbeitet und sich quält, um heraus zu kommen aus dem Staub der Tagesfron; und vom Mühlrad troff das Wasser herunter, als war's der bittersaure Schweiß, und tief unten im Grunde da rauschte der Bach mit eintöniger Rede und eintönigem Sang: »Das hilft dir nicht! das hilft dir nicht! Ich bin dein Herz. So lange ich fließe mit Welle auf Welle, mit Wunsch auf Wunsch, so lange hast du keine Ruh. Wenn aber die Ernte kommt, und das Korn reift, dann wird mein Strom sachte fließen, dann macht der Müller das Wehr zu; dann steht alles still, und dann ist Sonntag.« Drittes Kapitel Warum Fritz Sahlmann eine Maulschelle kriegt, und der Uhrmacher die ganze Nacht mit Mamsell Westphals Gardinenbettstelle in der Stube herumfährt, und warum der französische Oberst in einer roten Bettdecke beim Uhrmacher zu Besuch kommt. Als der Müller den Schloßweg hinuntergefahren war, ging der Herr Amtshauptmann auf seine Stube zu, kehrte aber wieder um, kam auf Herrn Droz los und fragte: »Was bin ich Ihnen schuldig, mein lieber Droz?« Na, der sagte denn nun so gut, wie er konnte, er hätte es gern getan, denn die Allemagne sei nun seine Patrie, und er sei tout for die Patrie . – »Das meine ich nicht,« sagte der alte Herr; »ich meine für meine Taschenuhr, die Sie mir zurecht gemacht haben.« – Das wäre alles bezahlt, antwortete Herr Droz; die kleine garçon die Fritz Sahlmann, hätte alles richtig gemacht. – »Das weiß ich wohl,« sagte der alte Herr; »aber, mein lieber Droz, einen Uhrmacher muß man nicht bloß dafür bezahlen, daß er an einer Uhr was gemacht hat, nein, auch dafür, daß er nichts daran gemacht hat – und weil Sie das nicht getan haben, darum hier, mein lieber Droz« – und drückte ihm zwei Taler in die Hand und ging ins Haus. »Na,« sagte Mamsell Westphal, »lassen Sie ihn gehn! Er ist ein wunderlicher alter Heiliger, aber er meint es gut. Aber Herr Droi, nun kommen Sie mit 'rein und tauen Sie sich in meiner Stube ein bißchen auf, denn bei diesem alten grausigen Wetter kann einem ja die Seele im Leibe gefrieren.« Herr Droz kam auch mit, und als sie sich kaum hingesetzt hatten, kam Fritz Sahlmann herein, des Franzosen Pferdeschwanz auf dem Kopf und den blanken Säbel in der Hand, und hatte sich in aller Geschwindigkeit mit einer Lichtschnuppe 'nen Schnurrbart gemalt. Schwabb! hatte er einen von Mamsell Westphals Sorte an den Ohren: »Eulenspiegel!« Und sie riß ihm den Suppentopf vom Kopf und den Säbel aus der Hand und stellte sie hinter ihr Bett. »Eulenspiegel! An so einem Abend, wo wir alle in Nöten sitzen, willst du deine Hanswurststreiche machen? Geh lieber 'runter zur lieben Frau vom Herrn Droi und: ein Kompliment von mir, sie sollte sich nicht ängsten; Herr Droi wäre bei mir in meiner Stube, und Gefahr wäre hier gar nicht vorhanden.« Fritz Sahlmann geht, und nun sitzen sie da und erzählen von alten und neuen Zeiten; das heißt: was Herr Droz erzählt, das versteht Mamsell Westphal nur sehr schlecht, und was Mamsell Westphal erzählt, das versteht Herr Droz nicht recht. »Er sein bon !« sagt Droz und klimpert mit den beiden Talern in der Hand. »Jawohl sind sie gut!« ruft Mamsell Westphal. »Meinen Sie, der Herr Amtshauptmann werde Ihnen falsches Geld geben?« – »Ah, nix falsch Geld! Ich meinen ihn lui-méme ,« sagt Herr Droz und zeigt mit dem Finger nach oben. – »Ach so, Sie meinen den Herrn Amtshauptmann! Jawohl ist er bong , aber je älter er wird, desto wunderlicher wird er, denn er macht die Nacht zum Tage, Herr Droi. Sehn Sie, da muß ich nun sitzen und muß braten und rösten in die Nacht hinein, denn er ißt sein Abendbrot erst nachts um elf, und 's wird auch wohl zwölf; und wenn das liebe Essen vertrocknet und verbraten ist, dann schilt er, und Frau Amtshauptmann ist so sehr weichmütig und kriegt dann das Weinen. Dann sag' ich: ›Frau Amtshauptmann, was heulen Sie? Können wir dafür, daß er lebt wie ein Unchrist? Lassen Sie das Heulen, wir haben ein gutes Gewissen!‹ ... Aber, Herr Droi, das ist ein schweres Stück für mich, hier zu sitzen als 'ne einsame Person und zuzuhören, wie der Sturmwind ums Schloß 'rum braust, der Regen anklopft an die Fenstern, die Eulen schreien und der Zugwind durch die Gänge heult, als wären die bösen Geister los ... Nun hören Sie bloß, was ist das wieder für 'n Wetter! ... Herr Droi, Sie graueln sich wohl gar nicht?« – »Ah, non !« sagt Herr Droz, sitzt aber still und horcht nach dem Wetter 'raus und sagt endlich: » Attendez, du tonnerre! « – »Was, Pommdetähr?« fragt Mamsell Westphal? »was hat das Wetter in dieser Jahreszeit mit den Kartoffeln zu tun?« – »Ick meine nich die kleine garçon mit die graue Jack, ick meinen« – und er fährt mit dem Finger kreuz und quer durch die Luft – »ick meinen der helle Szick-Szack mit Rumpel, Pumpel, Rattetetah!« – »Dann haben Sie recht, Herr Droi; denn draußen geht es wirklich: Rumpel, Pumpel, Rattetetah.« – »Ah!« ruft Herr Droz. »Das sein des tambours , das sein meine Kamerad, die Grenadier!« Und springt auf und marschiert auf und nieder mit der Bärenmütze auf dem Kopf – denn hier war's hoch genug dazu – und steht dann wieder still: »Hork, sie marschier auf die marché , auf die Markt!« Und: »Hork? das sein der grand canon , die swere Geszütz!« – Und Mamsell Westphal sitzt da und hat die Hände im Schoß und guckt ihn an und schüttelt den Kopf und sagt: »Wo das doch mal drin sitzt! Er ist sonst ein ordentlicher Mensch – um was stellt er sich denn nun so wütig an? 's ist wie mit den alten Fuhrleuten; wenn sie nicht mehr fahren können, knallen sie immer noch gerne mit der Peitsche.« Und es dauerte nicht lange, da kam Stahlsche, die Webersfrau, in die Tür hinein, – das war Mamsell Westphals Apostel und tägliche Rapportbringerin; sie trug ihr das Neue aus der Stadt zu, und für jeden Mund voll Neuigkeiten, die sie aufs Schloß hinaufbrachte, trug sie einen Henkeltopf voll Essen wieder herunter – hatte den Rock über den Kopf genommen und leckte wie eine Dachrinne, schüttelte sich erst ein paarmal und sagte dann: »Brr, was ist das für'n Wetter!« – »Das ist es, Frau Meistern,« sagt die Mamsell – sie nannte sie immer ›Frau Meistern‹; »nicht wegen Stahlsche,« sagte sie, »nein, um meinetwillen, denn was würden die Leute dazu sagen, wenn ich mich mit einer gewöhnlichen Frauensperson abgebe – nein! ich habe auch meinen Stolz!« – »Mamselling,« sagte die Frau Meistern, »ich komme 'rauf: auf dem Markt grimmelt und wimmelt es voll Franzosen, und haben einen großen Haufen Kanonen mitgebracht, und der Bürgermeister hat nach meinem Mann geschickt, er soll bei diesem Wetter und in der düstern Nacht auf den Dörfern 'rumlaufen, und soll die Bauern und die Hofpächter zu Fuhrwerk bestellen auf morgen mittag, und passen Sie auf, Sie kriegen auch Einquartierung.« – »Das weiß der liebe Gott!« sagt Mamsell Westphal und geht an die Tür und ruft Karline und Fiken, sie sollen in der blauen Stube neben der ihrigen Feuer machen und zwei Betten aufschlagen, denn der Teufel würde wohl bald so einen großmäuligen französischen Obersten und so eine spuckende Kröte von Adjutanten den Schloßberg hinaufkarren – und dreht sich zu ihrer Gesellschaft um und sagt: »Da können sie liegen; und wenn der Spuk in der blauen Stube ein christlicher Spuk ist, dann werden sie in der Nacht just nicht viele Ruhe finden, und das gönn' ich ihnen. Denn, Herr Droi,« sagte sie, »hier nebenan spukt es; glauben Sie auch an Spuk?« Herr Droz sagt: nein – und mittlerweile gibt es draußen einen Lärm, und als Mamsell Westphal hinaussieht, kommt richtig ein französischer Oberst mit seinem Adjutanten in die Haustür herein, und ein paar Ordonnanzen folgen hinterher. Sie werden in die blaue Stube gebracht, wo sie sich trocken anziehen, und gehen dann zum Herrn Amtshauptmann hinauf und essen da Abendbrot. Unterdessen sitzt Herr Droz tief in Gedanken und sagt einmal übers andere: » Diable! « und » Diantre! « – und als sie ihn fragen, kommt er endlich damit heraus: er wäre in großen Schwulitäten, und es könnte sein Unglück sein, denn wenn er mit seiner Montur und der Bärenmütze und Obergewehr und Untergewehr aus der Stube ginge und durch die Straßen käme, dann könnte ihn die Ordonnanz sehen oder einer von den französischen Wachtposten oder irgend ein herumstrolchender Franzos, und sie könnten ihn fragen: »Wie und wer? und woher und wohin?« Und wenn er dann nicht Rede stehen könnte, dann möchte vielleicht der Teufel sein Spiel treiben und die Geschichte von heute nachmittag könnte herauskommen, und was dann? »Herr Droi,« sagt Mamsell Westphal, »das ist ein schlimmes Stück! Des Schlingels, des Fritz Sahlmanns Zeug können Sie nicht anziehen, denn wenn Sie auch Ihr liebes Mittelstück hineinpressen wollten, wo bleiben die Enden? – Und von des Herrn Amtshauptmanns Zeug? Nein, Herr Droi, verlangen Sie nicht von mir solche Untat, denn das wäre ja, als sollte ich mit eigener Hand das Schloß anzünden! Und andere Mannsleute haben wir, Gott sei Dank, nicht hier. – Aber Herr Droi, Sie haben uns heute nachmittag aus großer Not gerettet, und darum rette ich Sie wieder. Ihre Frau weiß, daß Sie hier oben unter Christenmenschen sind; Sie sollen diese Nacht in meiner Gardinenbettstelle schlafen, ich lege Ihnen frische Laken auf, und ich schlafe beim Stubenmädchen. Frau Meistern, kommen Sie!« Damit geht sie aus der Tür, und es dauert nicht lange, da kommt sie wieder herein und deckt frische Laken über das Bett und fragt wieder: »Herr Droi, graueln Sie sich auch?« – Herr Droi sagt wieder: »Nein,« – und sie sagt: »Das ist schön! denn manchmal geht es hier nebenan auf eine sonderbare Art um: ›Tap, tap, tap!‹ – Aber hier kommt es nicht hinein, ich habe ein Hufeisen auf meine Tür nageln lassen. – Nun höre mal einer! Nun höre mal einer! Nun gehen die Franzosen hier nebenan auch zu Bett. Nun höre mal einer das Geschnatter! Herr Droi,« fragt sie leise, »können Sie das alles verstehen?« – » Oui ,« sagt Herr Droz. – »Ich glaub's,« sagte sie, »denn die Wand ist sehr dünn; dies war früher eine große Stube; nun sind aber zwei daraus gemacht worden. – Na, gute Nacht auch, Herr Droi! Frau Meistern, kommen Sie!« – Herr Droz sagt auch seine gute Nacht auf Französisch, sieht aber aus, als hätte er noch etwas auf dem Herzen, was er nicht sagen könnte oder nicht sagen möchte, und Mamsell Westphal sagt leise zu der Frau Meistern: »Frau Meistern, Sie sind eine verheiratete Frau – für mich paßt sich das nicht; sagen Sie dem Mann Bescheid,« und geht. Als sie fort ist, geht der Uhrmacher mit der Frau Meistern auch hinaus. Als sie alle draußen sind, da witscht etwas über den Gang, wo die Nachtlampe brennt, in Mamsell Westphals Zimmer hinein – das ist der Spitzbubenjunge, der Fritz Sahlmann, hat unterm Arm einen großen Klumpen Eis, wie einen Hutkopf groß, und wie eine Katze springt er auf die Bettlade von Mamsell Westphals großer Gardinenbettstelle, legt den Eisklumpen oben auf den Himmel des Gestells und sagt zu sich: »Warte, du alter Racker! dies ist für die Maulschellen, die ich gekriegt habe; dies soll dir die aufsteigende Hitze wohl kühlen!« Und damit witscht er wieder aus der Tür. Herr Droz kommt nun auch wieder herein, zieht sich aus, legt › la grande nation ‹ vor das Bett auf den Stuhl, pustet das Licht aus und legt sich nieder, streckt sich in dem schönen weichen Bett lang aus und sagt: » Ah! c'est bon! « – horcht nun auf den Sturm draußen und auf den Regen, der vom Himmel herniedergießt, und auf das Räsonnieren der beiden Franzosen nebenan; doch endlich hört das Sackerieren auf, und Herr Droz ist gerade so zwischen Schlafen und Wachen, da geht es: Tap–tap–tap. »Aha,« denkt Herr Droz auf Französisch, »das ist der Spuk hier nebenan!« – und horcht nun, was seine Landsleute wohl dazu sagen würden. Die liegen ganz still; aber tap–tap–tap – geht es ruhig weiter, und nun ist es Herrn Droz, als wäre es in seiner Stube ... Ja, in seiner Stube ist es, und wenn's in seiner Stube ist, dann ist's zur Tür hereingekommen – wo sollte es sonst hereingekommen sein? Er greift also nach einem von seinen Schuhen und schmeißt nach der Tür. Bauz! fährt der Schuh gegen die Tür, und auf dem Gang bullert es, als wenn das Gewitter eingeschlagen hätte. Die Franzosen nebenan fangen an sich zu rühren und reden miteinander. Bald ist es indessen still; aber tap–tap–tap– geht es wieder dicht bei Herrn Droz' Bett. Herr Droz richtet sich empor und beugt sich vorneüber, um besser hören zu können – klatsch! – da fällt ihm ein Tropfen auf den kahlen Kopf – und klatsch! – noch einer auf die krumme Nase, und als er vor sich hingreift, da fühlt er, daß sein Oberbett so bei kleinem anfängt durchzuweichen. » Diantre! « sagt er, »das Dach ist nicht dicht, und es leckt durch den Boden. Was nun?« Er verfällt natürlich gleich auf das vernünftigste Mittel, worauf ein Mensch in solchen Umständen verfallen kann: Er will mit seinem Bett umziehen. Er steht also auf und fängt an das Kopfende der alten schweren Bettstelle abzurücken, denkt aber nicht an des Franzosen Helm und Säbel, die in der Ecke stehen, und – hast du nicht gesehen! – schurrt es an der Wand entlang und klappert und rasselt auf den Fußboden nieder. Herr Droz bekommt keinen schlechten Schreck und steht und horcht, und – richtig! – die beiden Franzosen sind von dem Spektakel aufgewacht und schelten und futern. Er denkt aber: Das mag ja wohl geholfen haben – und kriecht ins Bett. Nun war der alte Eisklumpen aber schon schön durchgetaut, und natürlich läuft es in einem seinen Strahl ins Bett hinein. Er liegt eine Weile, aber es läuft immer mehr, es wird ihm schon so kühl, das Wasser schlägt schon durch, und er denkt – natürlich auf Französisch: – »Nun schlafen sie wohl. Wenn du nun auch noch das Fußende nachbringen könntest, kämest du ja wohl von dem Leck los« – steht auf und rückt das Fußende ab, – bauz! – fällt sein Obergewehr an der Wand entlang auf den Fußboden, und hat es erst nicht geknallt, dann knallt es jetzt. Da stand nun der arme Uhrmacher und biß sich auf die Lippen und kaute an den Nägeln und hielt die Luft an, wie wenn sein Atemholen die Franzosen aufwecken könnte, die nebenan schon aus vollem Halse schimpften und fluchten und › Silence! !‹ riefen und an die Wand klopften. » Que faire? « dachte er auf Französisch; »der ersten Not muß abgeholfen werden, wie das alte Weib sagte, da schlug sie den Backtrog entzwei und machte damit das Säuerwasser heiß,« – kroch ins Bett und sagte: »Gott sei Dank! nun bin ich aus dem Leck.« Er war aber aus dem Regen in die Traufe gekommen, denn – strull! – goß es vom Boden herunter, – strull! – goß es ins Bett hinein. Ihm wurde ganz kalt und wässerig zumute, als wäre er ein Frosch zur Frühjahrszeit. Es half ihm alles nichts, er mußte wieder heraus und mußte wieder umziehen; aber ganz, ganz leise, um nichts umzustoßen. Er zog in die eine Ecke, da war's doch vorhin trocken gewesen; er zog in die andere Ecke, da war's doch auch trocken gewesen – und so fuhr er die schöne lange Nacht mit der Gardinenkutsche in der Stube immer rund herum, leise, ganz leise – aber wo er hinkam, war auch der Leck. So stand er denn nun im blanken Hemd mitten in der Stube und sann und sann, wie dies wohl wäre und wie das wohl wäre – und schlug sich endlich auf Französisch mit der Hand vor den Kopf und sagte: »Ich Schafskopf« – denn ihm war ein Licht aufgegangen. Das heißt im Kopf, denn in der Stube war es dunkel, und Licht mußte er doch haben. Er schlich sich also leise nach dem Gang heraus, und richtig – da brannte auch die Lampe noch. Er steckte sein Licht an, ging zurück, leuchtete nach dem Betthimmel hinauf, sah dort oben etwas liegen, sagte »Ah, Canaille« , stieg auf die Bettlade, konnte das Ding aber nicht erreichen. Er streckte sich nach Möglichkeit und grabbelte auf dem Eisklumpen herum; der war aber zu schlüpfrig, er ließ sich nicht fassen. Parbleu! Einen halben Zoll länger! Er legt sich mit aller Gewalt ins Geschirr – knack – sagt der Himmel, und Himmel und Eisklumpen und Droz, alles fällt gegen die Wand der Franzosen an, und da liegt Herr Droz unter den unschuldigen weißen Gardinen und strampelt mit den nackten Beinen in der Luft herum, als könnten die erzählen, wie's ihrem Herrn zumute ist. Mit einem Mal geht die Tür auf, und herein kommt der französische Oberst; der hat sich zum Schutz gegen Erkältung eine rote wollene Bettdecke umgenommen und hält ein doppelläufiges Pistol vor sich hin, und hinter ihm steht mit einem blanken Degen und sonst noch mit allerhand Blankem sein Adjutant. Herr Droz rappelt sich aus dem Betthimmel heraus, stülpt sich die Bärenmütze auf den Kopf, richtet sich stramm empor, legt die Hand an die Mütze und sagt: »Bon soir, mon colonel!« – Der Oberst, der guckt ihn an, der Adjutant guckt den Obersten an; sie hören, daß sie mit einem Franzosen zu tun haben, sie sehen die schwarzen Stiefeletten und die ganze grande nation vor dem Bett liegen, sie sehen Obergewehr und Untergewehr und – was toller ist als toll – sie sehen den Säbel und den Pferdeschwanz des Chasseurs. Was heißt dies? und was soll dies? Herr Droz stottert auf seine Art sich was zurecht, Herr Droz fängt an von Marengo und Jena zu erzählen, Herr Droz fängt an zu lügen, Herr Droz lügt wunderschön – nur schade, sie glauben ihm nicht. In der Stube und auf dem Gang wird es ein Höllenlärm; der Oberst schilt Herrn Droz einen Deserteur und Marodeur, der Adjutant ruft nach den Ordonnanzen; die Ordonnanzen stürzen von der einen Seite des Ganges in Hast und kurzem Zeug vor, als wäre jemand ins Wasser gefallen und sie wollten ihm nachspringen, ohne sich die Hosen naß zu machen; von der anderen Seite rückt Mamsell Westphal mit dem Stubenmädchen und der Köchin vor und hat eine große Stallaterne in der Hand, ist sonst aber nur in sehr bedrängten Kleidungsumständen. Sie hält sich die Hand vor die Augen, als wäre sie ganz geblendet von der Stallaterne, und über ihre Schulter sieht das Stubenmädchen und sagt zur Köchin: »Herrjeh doch, herrjeh doch! guck, Karline ...« – »Schäm dich was!« sagt Mamsell Westphal: »was soll sie gucken; was hast du zu gucken; und was ist hier zu gucken? Wir sind hier wegen des unchristlichen Wesens bei nachtschlafender Zeit, und weil Herrn Droi seine Stimme aus Aengsten und Nöten zu uns gerufen hat. Und nun dreht euch um!« Die beiden Mädchen und Mamsell Westphal drehen sich nun um und zeigen den Franzosen ihre Rückseite, und die Mamsell sagt: »Herr französischer Oberst, was soll dies? was ist dies? und was bedeutet dies? Was lassen Sie Herrn Droi nicht in meiner Stube ruhig schlafen? Dies ist ein christliches Haus und ein ruhiges Haus, und solchen Aufstand sind wir hier nicht gewöhnt.« Und setzt halblaut für sich hinzu: »Einer von dem alten Takelzeug wird mich ja wohl verstehen.« – Der französische Oberst guckt sich an, wie er dasteht in seiner roten Decke, und dann Herrn Droi mit der Bärenmütze auf dem Kopf und seinen spindelbeinigen Adjutanten, der in seinem Eifer herumhüpft, und Mamsell Westphals breite Hinterseite – und das Ganze kommt ihm so närrisch vor, daß er laut herauslacht. Und er sagt auf gut Deutsch: Sie solle nur weiter reden, er könne sie gut genug verstehen, denn er sei ein Deutscher, er sei ein Westphale. – »So schreib ich mich auch!« sagt Mamsell Westphal. – Der Oberst lacht und sagt: er wäre nur ein Westphale; er hieße ›von Toll‹.–Mamsell Westphal macht einen tiefen Knix von hinten: »Um Vergebung – zu fragen: sind Sie vielleicht ein Verwandter von dem Postmeister und Gastwirt Toll hier unten in der Stadt?« – »Das nicht!« sagte der Oberst – aber er fing allmählich an zu frieren; die Ordonnanzen sollten bei Herrn Droz bleiben, denn der würde wohl ein französischer Deserteur sein, und sie sollten auch nachforschen, wo der französische Chasseur geblieben wäre, dem der Säbel und der Helm gehörten. – Herr Droz fing nun wieder zu lügen an, und Mamsell Westphal schämte sich in seine Seele und drehte sich in ihrem Aerger herum und sagte: »Schämen Sie sich, Herr Droi, den Lehnstuhl für's Alter mit Schlechtigkeiten zu polstern; das gibt ein hartes Kissen fürs Gewissen. Und schämen Sie sich, Herr Droi! Welcher anständige Mannsmensch setzt sich erst die Mütze auf und zieht sich nachher erst die Hosen an!« Damit dreht sie sich wieder um, und als sie gewahr wird, daß das Stubenmädchen sich auch umgedreht hat, gibt sie ihr einen kleinen Stoß in die kurzen Rippen und sagt: »Dumme Dirn!« und macht wieder einen tiefen Knix von hinten und sagt: »Meine Empfehlung, Herr Oberst von Toll!« – und marschiert mit den beiden Mädchen ab. Die andern gingen nun auch, und bald wurde denn alles still, und der Herr Amtshauptmann hatte keine Ahnung davon, was in seinem Hause passierte, denn er schlief den Schlaf des Gerechten. Viertes Kapitel. Wie dem Müller am andern Morgen zumute war; warum Friedrich der Müllerfrau wie die Schlange aus dem Paradiesgarten vorkam, und warum Fiken der Meinung ist, daß Jochen Vossens Sohn von Gott geschickt sei. Am andern Morgen war dem Müller Voß zumute, als hätte er ein halbes Dutzend Sperlinge im Kopf, die nach Brummern schnappten – nicht bloß wegen des schweren Getränks von gestern abend, sondern in der Hauptsache wegen des Franzosen. »Mutter,« sagte er, als er sich die Stiefel anzog, und nickte dabei so mit dem Kopf hin und her und sah so steif in die Stiefelschäfte hinein: »Rotwein ist abends eine schöne Sache, aber morgens kommt er mir auch nur so vor wie Branntwein und Braunbier. Indessen – kommt einer über den Hund, so kommt er auch über den Schwanz; das Schlimme an der Geschichte ist bloß mit dem Franzosen! Im Krett hat er gelegen, und Friedrich muß wissen, wo er geblieben ist.« – »Vatting,« sagt seine Frau, »laß das; Friedrich muß ja kommen, denn es ist Zeit zum ersten Frühstück.« – Der Müller geht in seine Wohnstube und setzt sich hinter den Tisch, auf dem die Mehlsuppenschüssel steht, und langt mit dem Löffel zuerst in die Suppe, und darauf langt Mutter zu und Fiken und zuletzt die beiden Dienstmädchen – denn so war es damals Mode, und von Kaffee wußte noch kein Müller etwas. Der Müller ißt und legt den Löffel hin: »Wo Friedrich wohl bleibt?« Er ißt weiter und hört wieder auf und geht ans Fenster und ruft über den Hof: »Friedrich!« – Friedrich kommt nicht. Die Schüssel wird leer, die Mädchen tragen das Geschirr heraus und der Müller sagt: »Wenn ich einen Knecht gemietet habe, will ich keinen Herrn im Hause haben!« – und will eben hinaus und dem Knecht auf den Dienst passen, da kommt Friedrich zur Tür herein und trägt etwas unter dem Arm. – »Wo bleibst du, Halunke?« fragt der Müller. – »Müller,« sagt Friedrich und zieht sein Klappmesser aus der Tasche und klemmt es unter den Türdrücker; »gewöhnen Sie sich solche Redensarten ab, das paßt sich nicht für Sie und nicht für mich. – – Wenn wilde Gänse in der Luft sind, ist schlecht Erbsen säen, und wenn schnatterige Dirnen in der Stube sind, ist schlecht Geschichten erzählen. Darum hab ich so lange gewartet, bis die Mädchen draußen waren. Und hier!« sagt er und schmeißt etwas auf den Tisch, daß es drinnen klimpert und klingt, »und hier, Müller Voß, ist zwar nicht der Fuchs selbst und auch nicht sein Fell, aber sein Felleisen!« – »Was soll dies?« fragt der Müller und fährt in Hast auf den Mantelsack los und schnallt die Riemen auf. – »Was es soll?« sagt Friedrich, »das mögen Sie sagen, das ist nicht meine Sache. Meinen Teil hab ich mir genommen.« Der Müller schüttete den Mantelsack auf den Tisch aus, und ein Packen silberner Löffel fiel heraus und großes Silbergeld und schönes rundes gelbes Gold; auch eine kleine Schachtel kam zum Vorschein; und als die Müllerfrau diese öffnete, da lag darin Ring bei Ohrring, und die goldenen Ketten wanden sich hindurch wie Schlangen unter bunten Blumen. »Gott bewahre uns!« schrie sie aus und ließ die Schachtel fallen. Fiken war dagestanden und hatte alles mit angesehen, und die Hände legten sich ihr über die Brust, und ihre Augen wurden größer und größer, und blaß wie der Tod warf sie sich über den Tisch und über den goldenen und silbernen Schatz und deckte die Arme darüber und rief: »Das gehört dem Franzosen! das gehört dem Franzosen! Das ist nicht unser!« Sie hob den Kopf in die Höhe und sah ihren Vater an und sah aus, als hätte einer ihr ein Messer in die Brust gestoßen, und die Todesangst lag ihr auf dem Gesicht, und sie rief: »Vater, Vater!« – Und der alte Müller saß da und schob die Schlafmütze auf dem Kopf herum und sah sein Kind an und dessen Angst und dann wieder das blanke Geld, und auf einmal sprang er auf, daß er beinahe den Tisch umgestoßen hätte, und rief: »Gott im Himmel, ich weiß von nichts! – Ich weiß nicht, wo er geblieben ist; er lag in meinem Krett, das weiß ich!« Und ganz schwach setzte er hinzu: »Friedrich muß das übrige wissen.« – Fiken ließ das Geld und sprang auf Friedrich zu und schrie: »Wo ist der Franzos geblieben?« – Friedrich stand ruhig da und sah sie mit seinem alten eisernen Gesicht an und sagte: »Gott bewahre uns, das wird ja wohl ein ordentlicher Gerichtstag? Fiken! Fiken! Wie? Seh ich denn aus wie ein Räuber und Mörder? Den Franzosen hatte ich mit meiner eigenen Hand im Stavenhäger Oberholz unter eine Buche gelegt, und wenn ihm die Nacht nicht zu kühl geworden ist, dann liegt er noch da wie eine Ratte, denn er war steif betrunken.« – »Das war er,« sagt der Müller; und Fiken sieht Friedrich an und ihren alten Vater, und dieser sagt: »Friedrich, Friedrich! was kann ich dafür? Er hat schon immer solche Reden geführt von Umbringen und Franzosentotschlagen.« Und Fiken nahm die Schürze vor die Augen, warf sich auf die Bank hinterm Ofen und fing bitterlich an zu weinen. – »Dümurrjöh!« sagt Friedrich, »das hab ich! und wenn ich diesem verdammten Patriotentakel mit der Hand das Genick umdrehen könnte, dann tät ich's, aber einem Menschen, der sich nicht wehren kann – und dann noch um Geld und Gut ...?« – brummte was in den Bart und ging an die Tür und zog sein Klappmesser unter dem Drücker heraus, und als er hinausgehen wollte, drehte er sich um und sagte: »Müller, die Lust ist nun rein, denn die beiden Mädchen gehen nach dem Miststreuen. Ich habe Ihnen nun den Kram gegeben, überlegen Sie sich die Sache gut. Wollen Sie's behalten – gut! Meinetwegen, ich habe nichts dagegen, denn nach meinem dummen Verstand haben Sie ein Recht dazu. Die Franzosen haben Ihnen mehr genommen als dies, und wollen Sie nicht, daß darüber geredet wird – ich für mein Part kann schweigen. Wollen Sie's aber ans Amt ausliefern, und sollen beschwören, daß nichts davon abhanden gekommen ist, dann sagen Sie nur, ich hätte meinen Teil davon genommen.« – »Friedrich, Friedrich,« sagt die Müllerfrau, »bringe Er sich in keine Ungelegenheiten und uns auch nicht, denn in diesem Augenblick kommt Er mir vor, wie die Schlange aus dem Paradiesgarten.« – »Frau,« sagt Friedrich, »jeder muß wissen, was er zu tun hat. Vor zwei Jahren fuhr ich für Ratsherrn Krüger in Malchin Salz und kehrte im Klockower Krug ein, und als ich meine Zeche bezahlen wollte und ein Achtgroschenstück auf den Tisch legte, sprang so ein infamer Spitzbubenchasseur zu und grappste mir's weg, und als ich mich dagegen wehrte, fielen sie selb dritt über mich her und schlugen mir das Fell so mürbe, daß ich dachte, ich sollte am Leben verzagen. Die acht Groschen habe ich mir wieder genommen; aber die Schläge behalten sie noch zugute. Und hat dieser Kerl es auch nicht getan, dann hat's vielleicht sein Bruder getan oder sein Kamerad, und so bleibt es in der Verwandtschaft. Die acht Groschen behalte ich.« Und damit ging er aus der Tür. Der alte Müller war unterdessen in der Stube auf- und abgegangen und hatte sich den Kopf gerieben und sich in den Haaren gekratzt, war ab und zu einmal stehen geblieben und hatte das Geld angesehen, und als Friedrich aus der Tür war, ging er an seinen Schrank und holte den Kalender von Adlers Erben in Rostock heraus und sah das Datum an, das er schon hundertmal angesehen hatte, und seufzte vor sich hin: »Ja, morgen ist es.« – Seine Frau stand mit dem Rücken an die Stubentür gelehnt und schlug einmal übers andere die Hände zusammen und wunderwerkte im stillen. – »Ja,« sagt der Müller, »wenn wir's behalten, sind wir aus aller unserer Not.« – »Ach Gott, Vatting!« sagt die Frau und sieht so verzagt an ihm hinauf. – »Und gestohlen hat der Kerl es,« fährt er fort, »die silbernen Löffel haben ein großes Wappen, und wenn es sich auch ausfindig machen ließe, wem diese gehört haben, so ist doch das Geld von allerlei Art, und die einzelnen Stücke werden wohl kaum in die richtige Tasche sich zurückfinden.« – »Vatting,« sagt seine Frau, »du wagst den Hals; wenn der Kerl nun klagt, daß ihr's ihm genommen habt!« – »Der wird wohl den Mund halten, denn wenn er erzählen soll, wie er zu dem Gelde gekommen ist, dann werden sie ihn auch nicht gerade sein Leben lang mit Rosinen und Mandelkern fett machen! Und haben wir's denn genommen? Das Pferd haben sie uns auf dem Schloß hinterm Wagen angebunden; das Pferd hat den Mantelsack gestern Friedrich in den Stall hineingebracht; wer sagt denn nun, daß ich's genommen habe?« Und dabei fing er an, die Geldstücke auseinander zu lesen, und zählte sie in Reih und Glied auf. – »Ja, es gehört uns aber doch nicht,« sagt seine Frau. – »Wem gehört's dann?« fragt der Müller; »dem Franzosen gehört's auch nicht – und wenn wir's ihm auch wieder geben wollten, wo ist er?« – »Friedrich sagt ja: im Oberholz.« – »So?« fragt der Alte, »meinst du, daß der bei diesem Wetter von abends acht bis morgens neun dort liegen bleibt? Der wird längst seiner Wege gegangen sein; und wer hat mir zu befehlen, daß ich hinter ihm her karriolen und ihm sein Geld nachtragen soll?« Damit zählt er weiter, und die Frau setzt sich nieder und legt die Hände in den Schoß, sieht vor sich hin und seufzt: »Du mußt es wissen.« – Fiken sitzt auf der Bank und weint leise vor sich hin. Der Müller zählt das Geld zu Ende und sieht ab und an so unsicher nach Fiken hinüber, und dann ist es immer, als wenn er sich verzählen sollte. Endlich ist er damit fertig und stemmt die beiden Hände vor sich auf den Tisch und sieht noch einmal über das Geld hin und sagt: »Wenn ich das Drittelgeld Drittelgeld, die früher in Mecklenburg übliche Münze, eigentlich Drittel- und Zweidrittel-Talerstücke; auch in allgemeiner Beziehung in der Bedeutung ›Geld‹ gebraucht: »er hat Drittel« – heißt: »er hat Geld.« und das Gold zu preußischem Kurant rechne, dann sind es über siebenhundert Taler. Nun sind wir aus all unserer Not.« – Da steht Fiken auf und trocknet sich die Tränen, und ihr Gesicht ist ganz weiß und ruhig, und sie sagt still vor sich hin: »Unsere Not geht jetzt erst an.« – »Fiken, rede nicht so!« sagt ihr Vater und sieht zur Seite. – »Von nun an,« sagt sie, »essen wir ungesegnetes Brot und schlafen ungesegneten Schlaf, und du kannst das Geld vergraben und vergräbst deinen ehrlichen Namen mit!« – »Von vergraben ist keine Rede,« sagt der Müller. »Nein, ich bezahle ehrlich meine Schulden damit.« – »Ehrlich, Vater? Und wenn auch alles so wäre, wie es nicht ist – wird nicht der alte Herr Amtshauptmann fragen, mit was für Geld du den Juden bezahlt hast? und werden die Franzosen nicht fragen, woher du das Pferd hast? und wer steht dir dafür, daß Friedrich reinen Mund hält?« – Der Alte macht ein Gesicht, halb verdutzt und halb ärgerlich, und will eben lospoltern, wie's der Mensch tut, wenn ein anderer ihn auf einer Dummheit oder einer Unredlichkeit betrifft. Er will sich dann inwendig das Gewissen wegräsonnieren, wie es die Kinder tun, wenn sie im Finstern singen und pfeifen, um sich den Spuk vom Leibe zu halten. Aber Fiken ließ es dazu nicht kommen, sie warf sich hastig an ihren Vater heran, schlug die Arme um ihn, sah ihm so fest in die Augen und rief: »Vatting! Vatting! trag das Geld aufs Amt! Gib es dem alten Amtshauptmann! – Er hat gesagt, er wollte es dir gedenken; er wird dir auch dies gedenken. Wie oft hast du mir erzählt von deinem alten Vater, wie oft hast du mir gesagt von deiner Mutter, wie sie sich mit Spinnen ehrlich durchgeholfen hat bis an ihr Ende, wie oft hast du mir erzählt, wie du auf deiner Wanderschaft den Geldbeutel fandest, der dem andern Handwerksburschen gehörte, und wie du ihm den wiedergabst, wie der Mensch sich gefreut hat, und wie dir zumute gewesen ist!« – »Das war ja auch ganz etwas anderes,« sagt der Müller, »ich wußte ja, wem das Geld gehörte, und hier weiß ich's nicht; ich hab's ja auch nicht gestohlen und genommen. Ich habe ein gutes Gewissen.« Auf einmal springt die Müllerfrau von ihrem Stuhl auf und ruft: »Herre Jesus! da geht ein fremder Mensch am Fenster vorbei und kommt zur Tür herein!« – »Halt die Tür zu!« ruft der Müller und springt kurz herum nach dem Gelde, stößt an den Tisch, und einige Stapel fallen um, und das Geld rollt in die Stube hinein. – »Ist das euer gutes Gewissen?« fragt Fiken und sieht ihren Vater und ihre Mutter an und sagt: »Mutting, laß die Tür los! Den Menschen schickt unser Herrgott, der bringt uns Segen ins Haus.« – Die Müllerfrau läßt die Tür los und sieht still vor sich nieder; der Müller wird über und über rot und dreht sich hastig um und sieht aus dem Fenster. Draußen klopft es. »Herein!« ruft Fiken; und herein kommt ein junger sauberer Mann von zwanzig und einigen Jahren und sieht sich so ein bißchen neugierig um, wie es einer zu tun pflegt, der schon längst gerne gewußt hätte, wie es wohl bei den und den Leuten aussähe, und macht einen anständigen Diener mit einem kleinen Kratzfuß und sagt: »Guten Morgen!« – »Schönen Dank!« sagt Fiken; der Müller rührt sich nicht, und die Frau bückt sich und sammelt die Taler auf, die in die Stube gefallen sind. Als die beiden Alten ihm nicht ›schönen Dank‹ bieten, und er das Geld auf dem Tische gewahrt, sagt der junge Mensch: »Nichts für ungut! ich komme Ihnen wohl hier nicht gelegen?« – »O doch!« sagt Fiken und setzt einen Stuhl am Ofen zurecht. »Setzen Sie sich ein bißchen. Vater ist gleich mit seinen Angelegenheiten fertig.« – »Ja, gleich!« sagt der Müller und reißt das Fenster auf und ruft: »Friedrich! schirre die Mähren an den kleinen Wagen und binde das Franzosenpferd hinten an; wir fahren zu Amt.« Macht das Fenster zu, dreht sich um und sagt zu Mutter und Fiken: »So! mit der Sache sind wir durch. Nun packt den Kram hier zusammen in den Mantelsack, und Friedlich kann ihn nachher auf den Wagen schmeißen.« Geht auf den Fremden zu, streckt ihm die Hand hin und sagt: »Willkommen auch!« – »Müller Voß,« sagt der junge Mensch, gibt ihm die Hand und steht vom Stuhl auf, »lassen Sie sich nicht stören in Ihren Geschäften, meine Sache hat Zeit; und wenn ich auch in einer besonderen Angelegenheit gekommen bin, so hat diese doch keine Eile, und die Hauptsache dabei ist doch: ich wollte meine Verwandtschaft mal begrüßen.« – »Verwandtschaft?« fragt der Müller und sieht ihn unsicher an. – »Ja,« sagt der andere, »denn ich bin der Sohn von Jochen Voß und bin der Enkel von Ihrem Vatersbruder« – und als der Alte nichts sagt und seine Hand zurückzieht, setzt er noch hinzu: »Und vor vierzehn Tagen haben sie mich mündig gesprochen, und da dachte ich so bei mir: Schwestern und Brüder hast du nicht und auch keine Verwandtschaft hier in der Gegend, sollst mal ins Stavenhäger Amt fahren und mal nachsehen, ob sie dort wohl noch etwas von Jochen Vossens Sohn wissen wollen.« Und damit geht er auf die Müllerfrau zu und drückt ihr die Hand und auch Fiken, und als der Müller noch immer so kalt und ruhig dasteht und aussieht, als hätten ihm die Mäuse die Butter vom Brot genommen, sagt er: »Vetter, Ihnen liegt unser Prozeß im Sinn, lassen Sie den – wir können bei alledem gute Freunde sein.« – »So?« sagt der Müller, »und hast dich vor den Leuten berühmt, du willst mich rausschmeißen aus der Borchertschen Wirtschaft?« – »Was Leute!« sagt Hinrich Voß. »Die Leute reden. Was kann ich dafür? Mein Vater hat den Streit angefangen und glaubte auch, er hätte recht, und mein Vormund hat ihn weiter gefochten, und ich habe zugesehen. Aber das will ich ehrlich bekennen: ein schönes Stück Geld hat er mir schon aus den Fingern gerissen, und wenn wir uns einigen könnten, an mir sollte es nicht fehlen.« – »Du willst auf den Busch klopfen; dies Stück hat dir dein Advokat geraten.« – »Ich rate mir selber, Vetter,« sagt der junge Mann und greift nach seinem Hut, »denn wenn ich noch lange auf den Rat der Advokaten hören wollte, könnte mir das Wasser knapp werden, und meine Mühle bliebe still stehen. Bei Ihnen freilich ist das etwas anderes. Wer sein Felleisen so spicken kann, der kann noch lange braten, ehe er anbrennt,« und weist auf den Mantelsack, den Mutter und Fiken gerade vollgepackt hatten. – »Das geht dich einen Quai! an!« begehrt der Müller auf und dreht sich hastig um, ganz braun im Gesicht. »Das Geld – das Geld, das gehört nicht mir.« – Fiken geht an ihren Vater heran und streichelt ihn und sagt: »Vatting, es war ja nicht böse gemeint.« – »Nein,« sagt Hinrich, »ich bin in Gutem gekommen und will auch in Gutem gehen. Mein Fuhrwerk steht draußen vor der Hofstätte angebunden, und bis dorthin sind es nur ein paar Schritte.« – »Halt!« sagt Fiken, »Vetter Hinrich, nicht so hastig! Unser Vater hat heute morgen seinen Kopf voll von einer Sache, die besorgt werden muß. Es würde ihn arg verdrießen, wenn Sie im Unfrieden von ihm gegangen waren.« – »Fiken,« sagt der alte Müller und dreht sich um und küßt seine Tochter auf die Stirn, »du hast heute morgen schon zweimal recht gehabt, und ich zweimal unrecht; du bist mein liebes Kind,« – und streckt dem jungen Mann die Hand hin. »Und, Hinrich, das soll keiner von mir sagen, daß ich Jochen Vossens Sohn mit harten Worten aus meinem Hause getrieben habe! Du wolltest ohne Naß und Trocken von uns gehen? Nein, mein Sohn, du bleibst mir hier, bis ich wiederkomme; denn ich muß in einer notwendigen Sache Zu Amt. – Sieh, Friedrich hält schon. Na, adjüs, mein Sohn, und wenn du's mit dem Einigen ehrlich gemeint hast, dann kann etwas draus werden. – Adjüs Mutter, adjüs Fiken!« Damit geht er hinaus, und steigt auf den Wagen. Fünftes Kapitel Wie Friedrich dem Müller den preußischen Spruch ›Suum cuique‹ übersetzt und hinter dem Chasseur auf die Wilde-Gans-Jagd geht, und wie dem Müller klar wird, daß er sich in einen Bienenschwarm gesetzt hat. »Müller,« sagt Friedrich, als sie aus dem Gehöft heraus sind und in den tiefen Weg kommen, »haben Sie schon einmal eine alte Frau gesehen, wenn sie einen Topf entzweigeschmissen hat und dann die Stücke aneinanderpaßt und sagt: ›So hat's gesessen‹?« – »Warum meinst du?« fragt der alte Voß. – »Oh, ich meine man,« sagt Friedrich und streift so leise mit der Peitsche über die Pferde hin, als war's in der Fliegenzeit. Der Müller sitzt in Gedanken. – Nach einer Weile fragt Friedrich wieder: »Müller, haben Sie mal einen Jungen gesehen, dem der Sperling aus der Hand geflogen ist, und der dann in die leere Hand hineinguckt und sagt: ›Oh!‹« – »Warum meinst du?« fragt der Müller, und Friedrich sagt: »Oh, ich meine man.« – Der Müller sitzt wieder still da, läßt sich allerlei durch den Kopf gehen, und setzt gerade ein schönes Rechenexempel im Kopf zusammen: was wohl um Ostern herum der Scheffel Roggen kosten würde, wenn er morgen dem Juden das Geld nicht gäbe – und kommt dabei sehr in die Brüche. – Sie fahren und fahren; endlich dreht sich Friedrich so halb auf dem Sack herum und fragt: »Müller, kennen Sie wohl das Sprichwort: ›Gieße kein schmutziges Wasser aus, ehe du reines hast‹?« – Der Müller fing nun an sich zu ärgern, und als er sich so eine Zeitlang bedacht hatte, was Friedrichs Fragen wohl eigentlich bedeuten sollten, warf er die Unterlippe empor und sagte: »Wie? dies sollen ja wohl Spitzen sein?« – »Spitzen?« fragte Friedrich zurück. »Bewahre! – Ich meine man. – Aber ich weiß noch ein anderes Sprichwort, das heißt: ›Was einer hat, das hat er‹ – und wir Preußen haben einen Adler im Wappen, und darunter steht ein lateinischer Vers, Suum cuique = jedem das Seine. der hört sich beinahe an, wie wenn man ein Ferkel in den Schwanz kneift, und was unser Feldwebel bei der Kompagnie war, der war ein weggelaufener Student und verstand den Vers und übersetzte ihn: »Halte fest, was du hast, und nimm, was du kriegen kannst‹. Der Spruch ist manchmal gut zu brauchen, vor allem in Kriegszeiten. – Prrr öh!« fügt er und dreht sich wieder auf dem Sack herum: »Müller Voß, verflucht soll der Schilling sein, den ich in meinem Leben meinen Mitmenschen gestohlen oder genommen habe! Und verflucht soll das Korn, Hafer oder Roggen sein, das ich meinem Brotherrn veruntreut habe; aber im Kriege ist es anders: der Türke und der Franzose ist der Reichsfeind, und ein Reichsfeind ist um kein Haar besser als der Erzfeind, und unser Herrgott lacht übers ganze Gesicht, wenn einer dem Teufel mal ordentlich auf die Hühneraugen tritt. Wie sagte der alte Hauptmann von Restorf? ›Dem Feinde muß in jeder Weise Abbruch geschehen.‹ – Müller Voß,« und er zeigte auf den Mantelsack – »dies wäre denn nun wohl so ein Abbruch.« – »Laß das!« sagte der Müller kurz angebunden, »die Sache ist abgemacht; ich will nichts mit der Geschichte zu tun haben, ich bringe das Geld zu Amt, und ich wollte, ich könnte den Franzosen mit hinbringen; Fiken meint auch, es könnte ein schlimmes Stück werden.« – »Mir nicht zuwider,« sagt Friedrich. »Jüh!« – und er gibt den Pferden einen Schlag – »einige hören auf Mannsleute, und andere auf Frauensleute; ich bin nicht sehr für den Rat der Frauensleute.« – »Ich sonst auch nicht,« sagt der Müller. Sie fahren nun sachte weiter, und Friedlich fragt nach einer Weile: »Müller, was war das für ein schmucker Kerl, der heute in die Mühle hineinging?« – »Das war Jochen Vossens Sohn, mit dem ich den Prinzeß habe. – Gefällt er dir?« – »Ich habe ihn nur von hinten gesehen – ih ja, es gibt einen Grenadier.« – »Er sagt ja, er will sich mit mir vergleichen.« – »Dann gefällt er mir schon ein ganz Teil besser. Ein magerer Vergleich ist besser als ein fetter Prozeß.« – »Er will auf mich warten, bis ich wiederkomme.« – »So?« fragt Friedrich und dreht sich wieder halb um und sagt: »Müller, wissen Sie was? Er sollte sich lieber mit unserer Fiken vergleichen, das wäre das beste.« – »Wie meinst du das?« fragt der Müller. – »Ich meine man,« sagt Friedrich, und als er sich wieder umgedreht hat, biegt er sich vorne über und sieht scharf den Weg entlang, gibt dem Müller die Leine in die Hand, springt vom Wagen, bindet das Chasseurpferd hinten vom Krett los, und ehe der Müller noch recht weiß, was los werden soll, ist er mit der Mähre im großen Kölpiner Scheidegraben, biegt um eine Ecke und bindet das Tier an einen Dornbusch im Graben an, daß der Müller nichts von ihm sehen kann. – »Was hast du?« fragt der Müller, als er wiederkommt. – »Was ich habe? Ich habe nichts Gutes gesehen. Da hinten im Stavenhäger Stadtfeld kommen zweie angeritten, und als die Sonne ein bißchen hervorguckte, blitzte es so; das sind Franzosen, und wenn die hier ein Chasseurpferd mit Sattel und Zaum gefunden hätten, die würden nicht schlecht mit uns geredet haben.« – »Wahr ist's,« sagt der Müller. So kommen sie ans Stavenhäger Oberholz, und Friedrich zeigt mit der Peitsche nach der Buche, wo noch das Stroh liegt, und sagt: »Da hab ich ihn hingelegt.« – »Wenn er doch noch dort läge!« sagt Müller Voß. – »Nicht zu verlangen, Müller! Denn heute nacht hat es Bindfaden geregnet, und in dieser Jahreszeit hält so eine Buche nicht recht dicht.« – »Das ist wahr,« sagt der Müller, und als sie noch darüber reden, kommen zwei Franzosen angeritten und fragen in ihrer Weise nach der Gielowschen Mühle, denn hier war ein Kreuzweg; und ehe der Müller was antworten kann, weist Friedrich sie rechts ab nach dem Cummerowschen Holz hinein, und als sie fragen: wie weit noch? sagt er: »'ne kleine Lieue,« – und die Franzosen reiten ab. »Wie? plagt er dich, oder reitet er dich?« fragt der Müller und schüttelt den Kopf; »wenn die so weiter reiten, dann können sie ihr Lebelang die Gielowsche Mühle mit dem Schwanz angucken – aber wozu das?« – »Müller,« sagt Friedrich, »die Art trägt einem nichts ins Haus, und ich habe keine Lust, jeden Morgen zum ersten Frühstück aufgewärmten kurzen Kohl zu essen.« – »Wie meinst du das?« fragt der Müller. – »Oh, ich meine man. – Sehen Sie, Müller, wer weiß, ob die beiden, wenn sie nach der Mühle gekommen wären, sich nicht in unsere Stine verliebt hätten. Und es könnte ja auch möglich sein, daß sie ihr in den Kuhstall nachgegangen wären, und daß es ihnen im Stall ein bißchen beengt vorgekommen wäre, und daß sie unsere beiden letzten Milchkühe herausgezogen hätten; und wenn sie sie dann draußen gehabt hätten, hätten sie sie vielleicht in Gedanken vor sich hin getrieben, und dann wäre es mit der Milchsuppe des Morgens vorbei gewesen, und der grüne Kohl wäre an die Reihe gekommen, und ich mag den Kohl nicht.« – »Möglich wäre das,« sagte der Müller. – »Möglich ist es auch, daß es nicht den Kühen gilt,« sagt Friedrich. »Diese sind ein Paar von ihren Armeegendarmen; die suchen wohl was anderes, und ich glaube, es ist ein Glück von Gott, daß wir aus der Mühle heraus sind, denn – Müller, Müller, passen Sie auf! – sie suchen den Franzosen oder auch Sie selber! Wer weiß, was in Stavenhagen passiert ist! Da kann etwas ruchbar geworden sein – und wer weiß, ob Fiken nicht recht gehabt hat? Nun wollte ich selber, wir hätten den Franzosen.« – »Das sage ich!« ruft der Müller »das sage ich!« – »Hm,« sagt Friedrich, »gelegen hat er hier, und aufgestanden ist er, und hier ist er entlang gegangen; dies sind seine Spuren im tiefen Lehm, und sehen Sie, er hat das Stroh noch ein Stück Weges mit sich geschleppt, und nach Gülzow zu ist er gegangen. Nun will ich Ihnen das Pferd holen, und Sie fahren zu Amte und liefern Pferd und Mantelsack ab, und ich gehe hinter dem Franzosen her und greife ihn.« Gesagt, getan. Das Pferd wird angebunden, und Friedrich geht durch das Oberholz nach Gülzow zu und sagt bei sich selber: »Dümurrjöh! ich habe dem alten Müller was Schönes angerührt, und unser Fiken ist doch ein kleines verteufeltes Mädchen, und wenn der Franzose noch zwischen hier und Greifswald zu finden ist, her soll er!«– – Der Müller saß auf dem Wagen und fuhr nach Stavenhagen, und kratzte sich den Kopf und wunderwerkte, und allerlei ging ihm mit Grundeis. »Herr du meines Lebens,« sagte er, »wenn meine kleine Fiken nicht gewesen wäre, ich säße ja wohl schon in Block und Eisen, und 'raus bin ich noch lange nicht, denn der Teufel geht jetzt erst los, und regnen tut's nun auch schon, und das nicht schlecht.« So kommt er zwischen die Stavenhäger Scheunen. Der erste, der ihm begegnet, ist Bäcker Witt; der hält mit einem Strohwagen vor seiner Scheune und sagt: »Guten Morgen, Gevatter! Wie, Donner? Wie kommst du zu einem Franzosenpferd?« – »Je, das sage man mal!« sagt Müller Voß und erzählt ihm die Sache in aller Kürze. »Das ist ein schlimmes Stück!« sagt Bäcker Witt; »denn die ganze Stadt liegt voll von Franzosen, und das Pferd kannst du nicht durchbringen, ohne daß sie's merken; ich rate dir, stell es hier in mein leeres Scheunenfach.« Nun, das geschieht, und der alte Bäcker Witt zieht seinen krummen Messinghaarkamm von vorne nach hinten durch das graue Haar, schüttelt den Kopf und sagt: »Gevatter, du hast dich da in eine Sache eingelassen, von der du viele Ungelegenheiten haben kannst; und auf dem Schloß erst, da scheint es mir gar nicht richtig zu sein, denn der Herr Amtshauptmann hat sich heute morgen sein Herrenbrot zum Kaffee schon um acht holen lassen, statt sonst um elf; und Fritz Sahlmann sagt, Mamsell Westphal wäre feldflüchtig geworden; kein Mensch wüßte, wo sie abgeblieben wäre; und daß der Uhrmacher ins Bürgergehorsam geworfen ist, habe ich selber gesehen, und die Leute reden ja von Standrecht und von Totschießen.« – »Gott soll mich bewahren!« ruft der alte Müller. »In was für einen Bienenschwarm habe ich mich gesetzt! Aber das hilft nichts, den Mantelsack muß ich dem alten Herrn aufs Schloß bringen. Und, Gevatter, ich werde um die Stadt herumfahren bis nach der grünen Pforte des Schloßgartens und werde dort meine Pferde anbinden; geh mir nach und bringe das Fuhrwerk in Sicherheit, und sollten sie mich ins Loch bringen, dann fahre nach der Mühle hinauf und bringe es meiner Frau und Fiken glimpflich bei, und sage dem jungen Menschen, den du dort treffen wirst, er solle seinem Vetter zu Gefallen auf Mühle und Wirtschaft passen und die Fraunsleute nicht verlassen.« – Bäcker Witt verspricht ihm dies, und er fährt um den Schloßgarten herum, bindet das Fuhrwerk an und will den Mantelsack aufs Schloß tragen, da jagt des alten Pächters Roggenbom Kutscher, Johann Brümmer, durch die Pforte und schlägt auf die vier Hellbraunen, daß sie hinten ausschlagen und ihm den Dreck in die Augen schmeißen, und ruft: »Besser mir was ins Gesicht, als euch Striemen aufs Fell!« – Hinterdrein kommt der alte Zanner aus Gülzow mit seinen beiden Gelben und sagt: »Na, das fehlte noch! Schinderbande!« Und jagt im Galopp über den Amtsbrink. »Ja,« sagt der alte Ackersmann Adler aus Stavenhagen, hat seinen Sack über die Schultern genommen – denn das waren die damaligen Regenröcke – und schlagt seinem alten schwarzen Sattelpferd mit den Absätzen in die Rippen, »Kanonenfahren? Nicht wahr, Altsche, das wäre ein Geschäft für uns? – Nein, ich bringe euch ins Stavenhäger Stadtholz und binde euch in der Sandgrube an. 's ist ganz egal: zu fressen habt ihr zu Hause auch nichts. Aber regnen tut es ganz verflucht!« – Und als der Müller in den Garten kommt, da zieht und zerrt dort alles mit den Gespannen hinter den Büschen und hinterm Wall herum, und jeder will seine Mähren in Sicherheit bringen. – »Müller Voß,« sagt der Sohn vom Schulzen Besserdich aus Gülzow, »bring Er seine Pferde beiseite! Alles was ein bißchen klug ist, macht sich den schönen Regen zunutze, denn die Franzosen sind unter Dach und Fach gekrochen.« Der alte Müller geht aber stramm weiter und trägt seinen Mantelsack aufs Schloß. Sechstes Kapitel Was für einen Anblick von ihrem Bett Mamsell Westphal bekam, und warum sie sich von Karline ein paar ins Genick geben ließ; warum Fritz Sahlmann des Herrn Amtshauptmanns Pfeifen entzwei warf, und der französische Oberst beinahe den Degen gezogen hätte. Wenn einer eine Geschichte richtig erzählen will, dann muß er's gerade so machen wie die Pflüger, wenn sie einen Acker bestellen: er muß immer geradeaus pflügen, alles mitnehmen und keine ungepflügten Streifen stehen lassen. Aber wenn er dies auch alles befolgt, so bleibt doch hier und dort ein Ende liegen, und er muß zurückziehen und hier einen Keil ausspitzen und dort eine Anwende nachholen. So geht es mir denn nun auch, ich muß ein Stückchen zurückziehen und muß Herrn Droz und Mamsell Westphals Ende heranholen, damit ich dann wieder in gerader Flucht lospflügen kann. Am selben Morgen, als der Müller mit Kopfweh in seine Stiefelschäfte hineinsah, zog sich Mamsell Westphal vollständig an, denn sie war sehr ordentlich; und als sie ihre Mütze aufsetzen wollte, schien ihr die nicht mehr im richtigen Stande zu sein, denn sie war sehr reinlich; sie ging also nach ihrer Stube und wollte sich eine reine Mütze holen, klopfte aber erst an und fragte: »Herr Droi, sind Sie auch in Ihrem vollständigen Habit?« – »Oui,« sagte der Uhrmacher. – Sie machte die Stubentür auf – Gott im hohen Himmel! – Wie sah es da aus! so etwas hatte sie noch ihrer Lebtage nicht gesehen; denn in der Nacht war sie nur bis auf den Gang gekommen und hatte in ihre Stube keinen Blick geworfen. Der ganze Betthimmel war niedergebrochen, und quer vor der Stubentür lag einer von den Franzosen in den weißen Wolkengardinen und rauchte aus einer irdenen Pfeife, den schönen weiß- und rotgestreiften Pfühl unter dem Kopf; der andere saß in ihrem Lehnstuhl und hatte sich die Beine mit ihrem neuen Ueberrock zugedeckt; Herr Droz saß auf dem Fußende des Bettes, und unter seiner Bärenmütze sah ein Gesicht heraus, das von nichts anderem als von Jammer und Elend redete. Wie sah es in ihrem kleinen Stübchen aus! – Das war immer ihr Stolz gewesen, ihr Putzkasten; hier hatte sie immer auf ihre eigene Hand regiert, hier hatte sie immer in purer Ordnung und Reinlichkeit gesessen, hatte alles eigenhändig abgewischt und abgestäubt. Niemand durfte ihr hier was anfassen und umstellen, selbst die Frau Meisterin nicht: »Ne,« sagte sie, »die Frau Meistern ist recht gut; aber seitdem sie mir mal meine Bernsteinkorallen auf die Erde fallen ließ, seitdem trau ich ihr nicht. « Und nun! Alles war umgerissen und umgestellt, die Stube blau vom Tabaksqualm, ihre Kleidungsstücke waren unter dem Riegel herausgerissen und lagen bei Herrn Droz' Obergewehr und dem Pferdeschwanz des Chasseurs, und ihr Bett, ihr schönes Bett, stand mitten in der Stube. – Das Bett war ihr eigen; ihr Gevatter, der Tischler Reuß – der alte Reuß, nicht der junge – hatte ihr die Bettlade aus demselben Stück Holz gemacht, woraus er auch ihren Sarg hatte machen müssen; sie hatte das Garn zum Inlett selbst gesponnen; Meister Stahl hatte es gewebt – »ziemlich gut,« sagte sie, »aber jede Bahn zwei Finger breit zu schmal, und das ist 'ne Dummheit, denn ich bin ein etwas vollkommenes Fraunzimmer, und das muß er wissen.« Die Federn hatte ihr die Frau Amtshauptmann schenken wollen, sie hatte sie aber nicht angenommen und hatte sie ihr bezahlt – »denn,« jagte sie, »Frau Meistern, meine zeitliche und meine ewige Ruhe will ich mir verdient haben; denn das ist mein Stolz.« Und als nun das Bett so weit fertig war, kaufte sie sich zwei Bahnen schlohweiße Gardinen vom tauben Hirsch und steckte sie sich ans Himmelgestell und stellte sich in der Stube drei Schritte davon ab und nickte mit dem Kopf und sagte: »Frau Meistern, das Ende krönt das Werk!« – Nun lagen die Bettstücke in Unordnung herum, und die Krone lag auf der Erde. Zuerst steht sie wie angedonnert und guckt durch den Tabaksqualm, wie der Vollmond durch den Abendnebel; darauf geht sie ein paar Schritt auf Herrn Droz lös, und ihr Gesicht wird so rot wie der Boden des großen kupfernen Waschkessels in ihrer Küche. Ihre Nachtmütze zittert ihr auf dem Kopf vor Aerger; aber sie sagt nichts weiter, als: »Was ist das?« – Herr Droz stammelt etwas zurecht von diesem und jenem, aber sie sieht ihm scharf ins Gesicht und sagt: »Lügen, Herr Droi! Sie haben diese Nacht gelogen, Sie lügen auch heute morgen. Ich habe Ihnen aus Barmherzigkeit eine Schlafstelle, mein Bett eingeräumt – und dies ist mein Dank!« – Damit geht sie an ihre Kommode und holt sich eine reine Morgenmütze aus der Schublade und will nun aus der Tür gehen, ohne Herrn Droz anzusehen; da sieht sie aber ihr schönes Unterbett aus der Bettlade heraushängen, halb an der Erde; das jammert sie denn doch zu sehr, und sie will es aufheben, greift aber unglücklicherweise gerade in die nasse Stelle, wo das Wasser hineingelaufen war, schmeißt das Unterbett Herrn Droz an den Kopf und sagt: »Pfui! Auch das noch!« – und segelt aus der Tür und steht von hinten so preiswürdig und ehrenfest aus, wie wenn die Unschuld auf den Richtplatz geführt würde. Die beiden Franzosen lachen und sackerieren, sie aber kehrt sich nicht daran, und als sie den Gang hinunter geht, tritt der französische Oberst mit seinem Adjutanten in voller Uniform aus der blauen Stube und macht ihr eine höfliche Verbeugung. Freilich ist ihr gar nicht sehr nach Höflichkeit zumute; aber wie einer anfragt, muß er ja doch auch Antwort bekommen, und wie der Mann ist, muß ihm doch auch die Wurst gebraten werden; sie taucht also wieder mit einem Knix unter und sagt: »Guten Morgen, Herr Oberst von Toll,« und will vorübergehen. – Der Oberst hält sie aber an und sagt: »Erlauben Sie, ich muß den Herrn Amtshauptmann sprechen. Wo ist der wohl zu finden?« – Mamsell Westphal denkt, der Schlag soll sie rühren. »Was wollten Sie?« fragt sie ganz verdutzt..– Der Franzose trägt sein Anliegen noch einmal vor. – »Wie wäre das wohl möglich!« sagt Mamsell Westphal. » Unsern Herrn Amtshauptmann wollen Sie des morgens um halb acht sprechen?« Und als der Franzose dabei bleibt, sagt sie: »Herr Oberst von Toll, in meiner Stube ist mir diese Nacht das Oberste zu unterst gekehrt – leider Gottes muß ich mir das gefallen lassen – aber keiner soll von mir sagen, daß ich die Hand dazu geboten hätte, die Weltordnung umzukehren. Und wenn es auch kein christliches Schlafen ist mit dem alten Herrn, so ist er doch Herr und kann schlafen wie ein Herr und tun, was ihm gefällt. Kein König und kein Kaiser, und wenn unser Herzog Friedrich Franz selbst käme, sollten mich dazu bewegen, mich in eine Rebellion gegen das häusliche Herkommen einzulassen.« – Dann würde er es selber tun, sagte der Oberst, schob Mamsell Westphal höflich beiseite und ging die Stufen nach oben hinauf. »Gott soll mich bewahren!« sagte die alte Dame, und ihr sanken die Hände am Leibe herab; »ich glaube, der Mann tut's!« Und als sie den Franzosen in die Stube des alten Herrn hineingehen sieht, sagt sie: »Er tut's!« Und als der Adjutant nach ihrer Stube zu Herrn Droz geht, sagt sie: »Schiefbeiniger Ekel, du fehlst noch!« – und geht in die Küche und sagt zu den beiden Mädchen: »Fiken und Karline, unseres Herrgotts heutiger Tag fängt schlimm an, und wenn es so beibleibt, dann wird er selbst am besten wissen, womit er enden soll. – Morgen weichen wir Wäsche ein, dazu hab ich meine Gründe; heute geht jeder von uns an seine Arbeit und tut, wie wenn nichts passiert ist.« Und damit nimmt sie die Kaffeemühle, und dreht und dreht, und die Kaffeemühle, die rattert und rattert, und als sie die kleine Schublade unten ausschütten will, da ist nichts drin – denn sie hatte oben keine Bohnen aufgeschüttet. – – Oben beim alten Herrn wurde es jetzt sehr lebendig, und sehr laut wurde dort gesprochen, und Fritz Sahlmann, der unverständige Schlingel, der gerade dabei war, des alten Herrn irdene Pfeifen zu stopfen, wollte denn nun doch erzählen, wie es oben herging, und stürzte mit dem ganzen Pfeifengeschirr in der Hand zur Küchentür hinein, wo Fiken gerade ganz andächtig ihr Ohr an den Türpfosten gelegt hatte, um auch ein bißchen davon zu profitieren, und – bautz! – fährt er gegen Fiken, und – klacks! – liegt die ganze Pfeifenbescherung und klappert in der Küche herum. Mamsell Westphal streckt aber nicht ihre Hand über ihn aus; ihre Hände liegen in ihrem Schoß, und sie sagt ganz friedfertig: »Ganz in der Ordnung! Wenn alles untergehen und zusammenbrechen soll, bricht so eine irdene Pfeife wohl am ersten, und wenn der Himmel einfällt, fallen alle Sperlinge tot. Mich sollte es gar nicht wundern, wenn nun jemand hereinkäme und schmisse unser ganzes Porzellangeschirr durch die Fensterscheiben.« Der Streit oben wurde lauter. Der Wortwechsel schallte vom Vorplatz her, und der alte Herr Amtshauptmann stieg mit dem Obersten die Stufen nach dem Gang herunter. Der alte Herr sagte mit barschen kurzen Worten: der andere sollte tun, was er nicht lassen könnte, denn er hätte ja die Macht. Der Oberst sagte: das wüßte er. Bevor er aber von der Macht Gebrauch machte, wollte er erst untersuchen, wie die Sache stände – denn es könnte nicht anders sein: hier wären Dinge vorgegangen, die vertuscht werden sollten. – Er hätte nichts zu vertuschen, sagte der Amtshauptmann. Wenn hier etwas zu vertuschen wäre, dann hätten die Franzosen etwas zu vertuschen. Oder ob so ein Halunke, wie der Chasseur gewesen wäre, bei ihnen in Ehren und Achtung stände? Er für sein Teil wüßte weiter nichts, als daß der Kerl wie ein Räuber zu ihm gekommen wäre und wie ein Schweinehund sich betragen hätte, und daß seine Leute und der Uhrmacher Droz ihm gesagt hätten, der Gielowsche Müller hätte ihn auf dem Wagen und wollte ihn mitnehmen; denn gesehen hätte er ihn nicht. – Woher denn aber der Uhrmacher Droz in französische Uniform käme? fragte der Oberst. – Das kümmerte ihn nicht, sagte der alte Herr, dafür brauchte er nicht aufzukommen, denn der Mann wäre nicht amtssäßig. Er hätte nur gehört, der Mann zöge manchmal zu seinem Vergnügen die Uniform an. – Das wären Ausflüchte, sagte der Oberst. – Da brauste aber der alte Herr auf; er richtete sich zu seiner ganzen Länge empor, sah den Franzosen mit so einem vornehmen Blick an und sagte: »Ausflüchte sind Schwesterkinder von Lügen; Sie vergessen mein Alter und meinen Stand!« – Der Oberst wird heftiger und sagt: kurz und gut, die Sache wäre ihm unwahrscheinlich. – »So?« sagt der alte Herr, und unter seinen grauen Augenbrauen leuchtet es heraus mit einem Blick voll Haß und Groll, wie wenn aus einer finstern Donnerwolke ein Blitz über eine freundliche Landschaft fährt; – »das scheint Ihnen unwahrscheinlich?« – und macht eine halbe Wendung und guckt den Franzosen so über die Schulter an. »Warum sollte ein Franzose nicht zu seinem Vergnügen eine französische Uniform anziehen, wenn so viele Deutsche zu ihrem Vergnügen darin herumlaufen?« Feuerrot übergießt sich des Obersten Gesicht – einen kurzen Augenblick – blaß wie der Tod tritt er ein paar Schritte zurück und greift nach dem Degen, und es war, wie wenn eine grausige Gewalttat wie ein Gespenst hinter ihm stände und ihm die Hand lenken wollte – auch nur einen kurzen Augenblick – hastig drehte er sich um und ging mit starken Schritten den Gang hinunter. Und Fik, die in der Küche durch die Türritze alles mit angesehen hatte, sagte später immer, so etwas hätte sie in ihrem Leben nicht gesehen. »Er war ja ein schmucker Mann und hatte ein freundliches Gesicht,« setzte sie hinzu, »aber als er so den Gang herunterkam, da weiß ich nicht, da fiel mir mit einemmal ein, daß ich mal, als ich noch Gänse hütete, mitten im Sommer bei hellem Sonnenschein einen Wirbelwind erlebt habe, der im Handumdrehen von der schönen Eiche hinterm Priestergarten alle Aeste abbrach, daß alles durch einanderflog, und so flog es auch über sein Gesicht.« Der Oberst drehte sich wieder um, ging auf den Amtshauptmann los und sagte kalt und ruhig: sie sprächen sich über den Punkt wohl mal weiter; seine Pflicht verlangte, der Sache auf den Grund zu gehen. Warum der Uhrmacher diese Nacht auf dem Schloß geschlafen hätte? – »Er hat hier nicht geschlafen,« sagt der alte Herr. – Ja, sagte der Oberst; er hätte hier geschlafen, in der Stube hätte er geschlafen – und Zeigte auf Mamsell Westphals Stube. – »Nicht möglich!« rief der alte Herr und erhob die Stimme, als wollte er vor aller Welt eine Unschuld vertreten, »das ist Mamsell Westphals Stube. Das alte Mädchen ist über zwanzig Jahre in meinem Hause, und die sollte des Nachts Mannsleute bei sich beherbergen?« – »Karline!« sagte Mamsell Westphal in der Küche; »schlag mir dreimal tüchtig ins Genick, denn mich treten die Ohnmachten an, und alles geht mit mir rund!« Unterdessen reißt der Oberst die Tür auf, und da sieht denn der Herr Amtshauptmann den Uhrmacher vor sich stehen, den in der Zwischenzeit gerade der Adjutant ins Gebet genommen hat, und der alles mögliche erzählt hat, bloß nicht die Wahrheit: daß mein Vater ihn als Franzosenscheuche gebraucht, und der auf Stein und Bein geschworen hat, der Gielowsche Müller habe den Chasseur mitgenommen. – Der alte Herr Amtshauptmann kriegt einen tüchtigen Schreck, als er den Uhrmacher sieht, und ruft: »Dies ist mir unerklärlich!« – Der Oberst lacht höhnisch vor sich hin und sagt: er hoffe, es solle nicht lange unerklärlich bleiben; redet darauf ein paar Worte heimlich mit dem Adjutanten und verlangt den Schlüssel zum Amtsgefängnis. – »Den gebe ich nicht heraus für diesen Gefangenen,« sagt der Amtshauptmann, »denn der Mann hat kein Recht an das Amtsgefängnis. Er ist ein Bürger und gehört aufs Bürgergehorsam.« – Das wäre schön, sagt der Oberst, und so wär's ihm auch lieber, denn so wüßte er doch, daß nicht so leicht Durchsteckereien passieren könnten. Herr Droz wurde also von ein paar Soldaten in die Mitte genommen – denn mittlerweile wimmelte es auf dem Schloßhof schon von allerlei französischem Volk – und wurde nach dem Rathaus transportiert. Der Oberst ging auch; aber als er in der Tür war, drehte er sich um und sagte: wenn er strenge nach seiner Pflicht ginge, müßte er den Herrn Amtshauptmann auch arretieren lassen; aber weil er ein alter Mann wäre, und vor allem, weil er ihm persönlich so ein grausam bitteres Wort gesagt hätte, wollte er ihn in Frieden lassen, denn er möchte in dieser Sache auch nicht den entferntesten Schein auf sich laden, als wollte er sich für das Wort rächen; aber das sagte er ihm: sollte in der Untersuchung seine Gegenwart oder die von Mamsell Westphal nötig werden, dann könnte er's ihm nicht schenken, und er müßte für sich und Mamsell Westphal einstehen. Das sagte der alte Herr ruhig und kalt zu, und der Oberst ging, beorderte aber auf der Stelle ein paar Gendarmen nach der Gielowschen Mühle, wobei er den alten Herrn scharf ansah. Der alte Herr ging erst auf die Küche zu, und Fik verkroch sich schon und fuhr von ihrer Türritze zurück, denn sie dachte, der Herr würde hereinkommen. Der aber stand mit einem Male still und drehte sich um und sagte vor sich hin: »Was sagte der Kerl von Durchsteckerei und von Schein-auf-sich-laden? Was so ein französischer Oberst nur reden kann, kann der Amtshauptmann Weber gut tun: ich will auch nicht den Schein auf mich laden, als hätte ich im Sinn, Durchsteckerei zu treiben.« Und er ging in seine Stube. Siebentes Kapitel Was mein Onkel Herse sagte, und wer mein Onkel Herse war; und warum Fritz Sahlmann flöten mußte. Als der Uhrmacher den Schloßberg hinunter gebracht wurde, war natürlich Fritz Sahlmann mitgegangen, bloß um zu sehen, wie den Arrestanten die Sache kleiden würde, und ob er wohl nicht ausrisse; doch dies letztere geschah nicht. Der Zug ging langsam nach dem Rathaus, denn er mußte sich mit Mühe durch allerlei Gespanne und Fuhrwerke durchwinden, die zum Transportieren von Gepäck und Maroden und zum Kanonenvorspann aus den Dörfern und der Stadt kommandiert und jetzt auf dem Schloßhof und dem Wege zum Schloß zusammengetrieben und mit Franzosen umstellt waren, damit sie nicht wieder ausrissen – denn das verstanden die alten Bauern jetzt bereits ganz ausgezeichnet. – Der Uhrmacher ging geduldig wie ein Lamm und auch ganz ruhig mit seinen beiden Wächtern durch den Menschenhaufen; denn wenn er sich auch anfangs sehr erschrocken hatte, und wenn ihm die ganze Sache diese Nacht über auch sehr eklig und bedenklich war, so war er doch während des Verhörs, das der Adjutant mit ihm angestellt hatte, in eine Art von Verfassung geraten, die sich mit der Redensart bezeichnen läßt: »Rede du nur! Du kannst viel reden, ehe mir ein Wort davon gefällt!« – und seine Antworten waren äußerst sparsam ausgefallen. Und wenn er auch nicht so einen wilden Mut in sich hatte, der gleich auf alles losgeht, so war er doch schon so lange in der Welt gewesen und hatte schon so oft in der Tinte gesessen, daß er nicht gleich verzagte. Er ließ es an sich kommen. »Wie dies wohl wird?« sagte er selbst, als er in die Rathaustür hineingeschoben wurde. – »Fritz Sahlmann,« sagte Ratsherr Herse, als der Junge wieder nach dem Schloß hinauf wollte, »was heißt dies?« – Fritz erzählte denn nun mit der größten Wichtigkeit die Geschichte von gestern, und wie Herr Droz in Mamsell Westphals Stube geschlafen und alles kurz und klein geschlagen, und wie er selbst des Herrn Amtshauptmanns Pfeifen entzweigeschmissen hätte – er könnte aber nicht dafür, denn Fik wäre schuld daran – und wie der Oberst den Herrn Amtshauptmann hätte totstechen wollen, und wie Mamsell Westphal in der Küche säße als ein Bild des Leidens; vom Eisklumpen sagte er aber nichts. Nun war aber mein Onkel, der Ratsherr Herse, ein ungeheurer Patriot, wenn auch nur heimlich. Und das hatte seinen Grund. Denn, wie er mir nach langen Jahren, als Bonaparte schon tot war, zuflüsterte, gehörte er um diese Zeit zum Tugendbund. Und das will ich ihm glauben; denn wenn er in Gesellschaft war, spielte er immer mit einer langen Uhrkette aus sehr hellen Haaren – und Tante Herses Haare waren schwarz – und zeigte immer einen gefährlich großen eisernen Fingerring, womit er mal den Vagabunden, den Schlossergesellen Höpner, beinahe totgeschlagen hätte, als dieser sich in der Gerichtsstube sehr unhöflich aufführte. – »Fritz,« sagte er später zu mir, »dies helle Haar ist von einer heldenmütigen Jungfrau, die sich anno dreizehn fürs Vaterland den Kopf hat scheeren lassen, und der eiserne Ring hat mich meinen goldenen gekostet. Sprich aber nicht davon, ich mag das nicht.« Er war also um die Zeit, wo diese Geschichte spielte, mit Recht für Heimlichkeiten. Und möglich ist es auch, daß seine Art und Weise, alles im Ganzen, aus einem weiten Gesichtspunkt zu überschlagen, mit seiner heimlichen Verbrüderung zusammenhing; denn wenn mein Alter sich Tag und Nacht mit den nichtswürdigsten Plackereien und Schindereien abgeben mußte, damit das alte kleine dürftige Stadtwesen knapp noch zusammenhängen bliebe und nicht ganz aus dem Leim ginge, dann ließ Ratsherr Herse den Kutusow rechts marschieren und den Tschernitschew links, und lobte York und schalt auf Bülow, er verstände seine Sache nicht, denn er hätte sich nicht auf Berlin, er hätte sich mehr rechts nach Stavenhagen ziehen und Bonaparten in die Flanken fahren müssen. Kurz, er war so recht der Mann dazu, aus einem Riesen einen Donnerschlag zu machen: in jedem unschuldigen französischen Korporal sah er den korsikanischen Wüterich; und hatte der Stadtdiener Luth am blauen Montag bei einer Gesellenschlägerei ein paar Hiebe abgekriegt, dann regte er sich auf, als wäre der Herzog von Mecklenburg mit Maulschellen traktiert worden. – – »Halt deinen Mund, Junge,« flüsterte Ratsherr Herse sehr eindringlich, »willst du euer Todesurteil hier auf dem öffentlichen Markt ausschreien? Für des Uhrmachers Leben geb' ich keinen Groschen, denn das ist gewiß, daß der Müller und sein Friedrich den Chasseur totgeschlagen haben ...« – »Der Müller nicht,« fiel ihm Fritz in die Rede, »der Müller war gestern nichts wie Branntwein und Barmherzigkeit.« – »Na, dann sein Friedrich; das ist ein Preuß. Weiht du, was ein Preuß ist? Weißt du, was ein Preuß zu bedeuten hat? Weißt du ...? Dummer Junge, was guckst du mich an? Meinst du, daß ich dir meine Angelegenheiten auf die Nase binden soll? – Doch, was ich sagen wollte – den alten Amtshauptmann werden sie nach Bayonne in Frankreich schicken, wo sie den Schimmelhengst des Ivenacker Grafen, den Herodot, auch hingeschickt haben, und Mamsell Westphal – so viel wie ich die französischen Kriegsgesetze kenne – wird wohl einfach aufgehängt werden, und du mein Sohn, wirst wohl für die Bestellung, die du ausgerichtet hast, einen ungeheuren Buckel voll Schläge kriegen.« – Fritz Sahlmann sah denn nun in eine traurige Zukunft und machte auch ein Gesicht danach. »Herr Ratsherr, doch nicht auf dem öffentlichen Markt?« fragte er. – »Wo du gerade gehst und stehst – darum heißt es ja Standrecht. Wenn aber die Sache in die richtige Hand genommen wird, kann alles noch schön zurecht kommen. Kannst du schweigen?« – Fritz Sahlmann sagte, schweigen könnte er ganz riesig. – »Na, dann komm mal her und stecke die beiden Hände in die Hosentaschen und flöte mal. – So! das geht schon! – Und nun mache mal so ein gleichgültiges Gesicht, als fehlte dir weiter gar nichts, wie du's zur Sommerszeit machst, wenn du im Schloßgarten Aepfel von den Bäumen wirfst und Mamsell Westphal drüber zukommt. – Richtig! – Und nun merke dir jedes Wort, das ich dir sage. Jetzt gehst du mit diesem Gesicht und mit diesem schönen Schein von kindlicher Unschuld durch die Franzosen und die Bauern hindurch aufs Schloß in die Küche und rufst Mamsell Westphal allein in die Ecke und sagst dann bloß die beiden Worte: ›Rettung naht!‹ Sollte sie sich nicht damit zufrieden geben, so kannst du ihr in aller Glimpflichkeit sagen, was ich vom Aufhängen gesagt habe, und sollte sie sich darüber ein bißchen erschrecken, dann sagst du, sie sollte noch lange nicht verzagen, denn ich, der Ratsherr Herse, hätte die Sache in die Hand genommen. Vor allem aber sollte sie gleich die Küchentür abschließen und die Hintertür nach dem Garten hin, und sie und die beiden Mädchen und du sollten jeder ein Stück Dings in die Hand nehmen und keinen Franzosen hineinlassen, und sollten sich wehren bis auf den letzten Mann, bis ich komme. Ich aber werde gleich durch den Schloßgarten nach der Hintertür gehen – will mir nur erst einen Mantel holen, denn es regnet ja schon infam – und meine Parole wäre: ›Wohl, wohl!‹ und mein Feldgeschrei wäre: ›York!‹ Nein, das geht nicht, das versteht sie nicht. – Na, was denn? 's ist ganz egal – 's ist ganz egal. Na, mein Feldgeschrei wäre – wäre – ›Saures Schweinefleisch!‹ Das versteht sie. – Wenn also einer käme und dies Wort riefe, dann sollte sie die Hintertür aufmachen. – Hast du alles behalten?« – »Ja, Herr Ratsherr.« – »Na, dann geh! und niemand, selbst der Amtshauptmann nicht, erfährt davon ein Wort!« – Fritz ging, und der Herr Ratsherr auch. Mein Onkel Herse hatte sich natürlich gleich, als er Ratsherr geworden war, die blaue Ratsherrenuniform mit dem roten und goldenen Kragen machen lassen, und weil er ein großer, starker, stattlicher Mann war, zog er sie sehr gerne an, wenn nur irgend eine Gelegenheit dazu war – zum Beispiel, wenn die Spritzen probiert wurden, oder wenn am Maitag die Kühe auf die Weide kamen, oder wenn Einquartierung kam – um sich in den gehörigen Respekt zu setzen. Wenn dann mein Vater in seinem grauen Röckchen hinter dem Gerichtstisch saß und schrieb, daß ihm die Finger knackten, ging Ratsherr Herse vor dem Gerichtstisch auf und nieder und besorgte die Würde und den Glanz, wobei es ihn denn sehr kitzelte, wenn so ein Franzos ihn mit ›Monsieur le maire‹ anredete! Meinem Vater war das auch nicht zuwider, denn meistenteils gab es bei diesem Geschäft etwas auszubaden, und das überließ er dann mit dem Glanz ebenfalls dem Herrn Ratsherrn, und er übernahm die Arbeit. So hatten sie sich's richtig eingeteilt, und wenn Ratsherr Susemihl sein schweres Teil als Beisitzer beim Gerichtstag, und Stadtdiener Luth das Laufen auf der Straße besorgte, und Stadtsprecher Dohmstreich nicht dicker wurde, als er schon war, sodaß er noch ab und zu durch Feld und Holz ging und auf einem weichen Grabenrand seinen Mittagsschlaf beschaffte, wenn die Viertelsleute ab und zu die Spritzen probierten und die Bullenangelegenheit besorgten und Flurschütz Hirsch die Jungens aus den Erbsenschoten jagte – dann wollte ich doch mal sehen, wo eine Stadt und eine Feldmark zu finden wäre, die so im Zuge und auf dem Damm war, wie meine Vaterstadt Stavenhagen! Und das kam alles davon her, daß Ratsherr Herse gerne seine Uniform tragen mochte. Also, als mein Onkel Herse nun nach Hause ging – denn es regnete jetzt schon in Strömen – suchte er in seinem Kleiderschrank nach seinem grauen Mantel, und dabei fiel ihm seine Uniform in die Hand und er dachte: »Sieh, heute ist die Gelegenheit dazu, und wer weiß, sie kann mir vielleicht in meinem Vorhaben nützen!« – und zog sie an und setzte sich auch den schönen Dreimaster auf, den wir Jungens später immer als Kahn aus des alten Nahmachers Teich haben schwimmen lassen. Na, zu dieser Zeit war er noch im besten Stande, und als der Herr Ratsherr aus der Haustür ging, schlug er den Mantelkragen darüber, damit der Hut nicht naß würde, und mein Onkel Herse sah nun bei hellichtem Tag aus wie ein französischer General bei Nacht, wenn er nach den feindlichen Posten ausschaut. »So,« sagte er, »und nun kennt mich auch kein Mensch.« Er ging über den Markt und machte einen kleinen Umweg über den Bauhof, wo Pächter Nahmacher aus dem Eckfenster seinen Pferden nachsah, die ihm die Franzosen aus dem Stall gezogen hatten. »Guten Morgen, Herr Ratsherr!« sagte der Pächter; »mein Herzing, was ist dies für eine Zeit!« – »Still!« sagte mein Onkel Herse und ging weiter. Hinter der Bauhofscheune begegnet ihm Drechsler Schwerdtfeger: »Guten Morgen, Herr Ratsherr!« – »Halten Sie Ihren Mund!« sagt mein Onkel ärgerlich und geht hinterm Schloßgarten herum. – »Guten Morgen, Herr Ratsherr!« sagt des alten Spielmanns Hartloffs Junge – schwaps! hat er eins mit der umgekehrten Hand an den Kopf: »Dummer Junge! siehst du nicht, daß ich nicht kundbar werden will?« Damit geht er in den Schloßgarten und ärgert sich und sagt: »Das weiß der Teufel! Eine öffentliche Stellung liegt ordentlich wie ein Fluch auf einem!« Achtes Kapitel. Warum mein Onkel Herse mit Parole und Feldgeschrei kommt; warum Mamsell Westphal nicht im Torfmoor sitzen will, und warum der Herr Ratsherr auf des Müllers Wagen hinauf und auch wieder davon herunterkommt. Unterdessen ist Fritz Sahlmann mit dem vorgeschriebenen Gesicht, die Hände in der Tasche und mit Flöten aufs Schloß hinaufgegangen; doch als er in die Küche hineinkommt, vergißt er alle Vorschriften und setzt ein Gesicht auf, das konnte man in die Länge und in die Quere begucken, und es sah immer aus wie Bileams Gesicht, als sein Esel anfing zu reden – und stottert Mamsell Westphal ins Ohr: »Rettung naht!« – »Junge! Fritz Sahlmann!« sagt Mamsell Westphal; »was ist dies? was soll dies? und was bedeutet dies?« – Fritz sagte nun, was sie tun sollten, daß sie sich in der Küche bis auf den letzten Mann halten sollten und keinen Franzosen hineinlassen, und daß Ratsherr Herse mit Parole und Feldgeschrei kommen und das Kommando übernehmen wollte. »Lieber Gott!« sagt Mamsell Westphal, »was soll ich tun? Dem Herrn Amtshauptmann kann ich unter solchen Umständen nicht unter die Augen treten, denn das leidet meine Scham nicht. Ich will mich also getrost dem Herrn Ratsherrn in die Arme werfen und seinem Rat folgen, und der wird richtig sein, wofür wäre er sonst Ratsherr? – Fik und Karline, nehmt ihr beiden die Hintertür, Fritz Sahlmann und ich nehmen die Küchentür, und nun paßt gut auf, daß ihr das Feldgeschrei nicht verfehlt.« – Die Türen wurden abgeschlossen. Fik nahm einen Besen, Karline eine Feuerzange, Fritz Sahlmann eine Füllkelle, und Mamsell Westphal langte schon nach einer Mörserkeule, ließ sie aber liegen und sagte: »Gott soll mich bewahren, daß ich mit Mord und Totschlag meine Schuld größer mache; nein, ich weiß ein besseres Mittel,« – und sie holte einen Aschkasten, setzte ihn vor sich auf den Küchentisch, von wo aus sie die Hintertür und die Küchentür bestreichen konnte, und sagte: »So, nun mit Gott! Nun laß sie nur kommen! Wer aber eine Salve von meiner Art ins Gesicht bekommt, der soll sich gut die Augen wischen.« Es währte denn nun nicht allzu lange, da rief einer vor der Küchentür: »Wohl, wohl!« Und nach einer kleinen Weile rief dieselbe Stimme halblaut durch das Schlüsselloch: »Saures Schweinefleisch!« – »Das ist der Rechte,« sagt Mamsell Westphal; »Karline, mach die Tür mannsbreit auf, und wenn er drin ist, dann schnappe gleich wieder zu.« – Karline macht also die Tür ein Stückchen auf, und der Herr Ratsherr will sich da durchdrängen, da schiebt sich sein Mantelkragen zurück, und sein Dreimaster und der rote Uniformkragen kommen zum Vorschein, »Huch!« kreischt Karline und klemmt den Herrn Ratsherrn halb in der Tür fest, »ein Franzosenkerl! Ein Franzosenkerl!« – »Saures Schweinefleisch!« ruft Ratsherr Herse, »hört ihr nicht? Saures Schweinefleisch!« Aber es kam zu spät: Fik hatte ihm schon mit ihrem stumpfen Besen den Hut vom Kopf gestreift und das Gesicht zerschunden, und Mamsell Westphal hatte ihm schon zwei Hände voll Asche in die Augen geschossen. Mein Onkel Herse stand da und pustete und prustete und schnob und griff mit den Händen vor sich hin, wie wenn einer Blindekuh spielt – Nacht vor seinen Augen und helle Wut in seinem Herzen. Sein ganzes Vorhaben war Klackeierkuchen geworden, denn was will eine Heimlichkeit sagen, aus der ein Küchenspektakel wird? Was kann ein wichtiges Gesicht ausrichten, wenns mit einem stumpfen Besen bearbeitet ist? und wo bleibt aller Glanz, wenn die Torfasche darüber liegt, wie der Mehltau auf einer Blume? Die erste, die die Besinnung wiederbekam und gewahr wurde, wem eigentlich dies alles passiert war, war Fik; mit einem Satz war sie aus der Hintertür in den Regen hinein. Karline folgte ihr nach und rief: »Besser ein nasses Jahr von unserem Herrgott als von unserer Mamsell!« – Fritz Sahlmann rief: »Herrjeh, das ist der Herr Ratsherr!« – Mamsell Westphal stand da wie Lots Weib – nur daß sie vollständiger war als die Loten – und sah auf den Herrn Ratsherrn, als wäre er Sodom und Gomorrha, und rief ganz schwach: »Allbarmherziger! Wir wandeln alle in Finsternis!« – »Sie haben gut reden,« pustete mein Onkel Herse heraus; »Sie können doch sehen; aber ich kann die Augen nicht aufmachen; Wasser her!« – Nun ging denn das Waschen los und das Wischen und das Bedauern und das Wundern und das Schelten und das Begütigen; aber mein Onkel war zu böse und sagte: seinetwegen könnten alle Schloßmamsells aufgehängt werden, er würde sich wohl hüten und sich mit Frauensleuten in eine heimliche Verschwörung einlassen. – Mamsell Westphal zog die Schürze an die Augen und fing an zu weinen und sagte: »Herr Ratsherr, raten Sie mir; Vater und Mutter hab ich nicht mehr; dem Herrn Amtshauptmann kann ich in solchen Umständen nicht unter die Augen treten; Sie sind mein einziger Trost.« Mein Onkel Herse hatte ein Herz und ein gutes Herz, mein Onkel Herse hatte einen Sinn und einen weichmütigen Sinn; und als ihm die Asche nicht mehr in die Augen fraß, und als ihm Mamsell Westphal die Schrammen in seinem Gesicht mit süßem Rahm eingeschmiert hatte, daß sein liebes rotes Antlitz aussah wie ein weiß- und roter Fliegenschwamm, sagte er freundlich: »Lassen Sie das Weinen nur sein, ich helfe Ihnen zurecht: Sie müssen feldflüchtig werden.« – »Feldflüchtig?« rief sie und sah ganz verdutzt ihre Figur von oben bis unten an; »Herr Ratsherr, ich feldflüchtig!« – und dachte dabei an die Feldflüchter, die sie oben auf dem Taubenschlag hatte, und wenn ihre Umstände nicht so betrübt gewesen wären, hätte sie beinahe gelacht. – »Ja,« sagt mein Onkel; »können Sie bei diesem Weg und Wetter wohl so ein drei bis vier Meilen in einer Tour marschieren? Ein Fuhrwerk ist nicht zu kriegen, ist auch nicht heimlich genug.« – »Herr Ratsherr,« sagte Mamsell Westphal, und das Lachen verging ihr ganz und gar, »sehen Sie meine Person an, ich bin etwas völlig gebaut, und mir wird zu Zeiten schon das Treppensteigen etwas sauer.« – »Können Sie denn reiten?« – »Was sagen Sie?« – »Ich meine, ob Sie reiten können?« – Mamsell Westphal stand nun auf und setzte die Hände in die Seite und sagte: »Mit Schande will ich nicht leben! Welches Frauenzimmer reitet? Ich habe nur eine gekannt in meinem Leben, und das war ein Edelfräulein. Aber die war auch danach.« – Ratsherr Herse stand nun auch auf und ging ein paarmal in Gedanken in der Küche auf und ab und fragte endlich: »Trauen Sie sich's wohl zu, daß Sie bei dieser Witterung vierundzwanzig Stunden in unserm städtischen Torfmoor im Schilf sitzen können?« – »Herr Ratsherr,« sagt Mamsell Westphal und greift wieder nach der Schürze und trocknet sich die Augen, »sehen Sie, ich bin nun in den fünfzigen und habe vorigen Herbst die große Krankheit gehabt ...« – »Dann geht das auch nicht,« fällt Ratsherr Heise ihr ins Wort; dann gibt es bloß noch zwei Wege, einen nach oben und einen nach unten. Flüchten müssen Sie – entweder auf den Boden oder in den Keller.« – »Herr Ratsherr,« ruft Fritz Sahlmann und kriecht hinterm Feuerherd hervor, »ich weiß!« – »Junge,« sagt mein Onkel, »bist du hier?« – »Ja,« sagt Fritz ganz kleinlaut. – »Dann ist es wieder mit der ganzen Heimlichkeit nichts; denn was drei wissen, weiß die Welt.« – »Herr Ratsherr,« sagt Fritz, »ich sage wahrhaftigen Gotts nichts nach! Und, Mamselling, ich weiß eine Stelle: am Räucherboden ist die eine Planke los und läßt sich abbiegen, und wenn Sie sich ein bißchen dünn machen wollen, dann können Sie sich da hindurch zwängen, und dahinter ist unter den Dachsparren ein kleiner Verschlag, da findet Sie kein Teufel nicht.« – »Infamer Schlingel,« sagt Mamsell Westphal und vergißt all ihre Angst und Trübsal, »dann bist du es gewesen, der mir immer die Mettwürste vom Boden gestohlen hat; und, Herr Ratsherr, ich habe immer die unschuldigen Ratten im Verdacht gehabt.« – Mein Onkel rettet nun Fritz Sahlmann vor einer tüchtigen Tracht Schläge und sagt, es wäre jetzt die höchste Zeit, und sie müßte flüchten, und dies wäre die richtige Stelle. Sie flüchten nun alle drei nach dem Räucherboden hinauf, und als Fritz Sahlmann die lose Planke und die Gelegenheit dahinter gezeigt hat, sagt mein Onkel Herse: »So, Mamselling, nun setzen Sie sich hier auf den Räucherboden, denn sitzen müssen Sie nun; ich werde hinter Ihnen zuschließen, und wenn Sie hören, daß jemand hier vorne an die Tür kommt, dann kriechen Sie leise durch die Planke in den Verschlag und nehmen Sie sich vor Husten und Prusten in acht.« – »Das sagen Sie wohl, Herr Ratsherr – in diesem Rauch!« sagt sie. – »Das wollen wir wohl kriegen!« meint er und stößt die Luke auf. – Sie wollen gehen, da sagt sie: »Fritz Sahlmann, mein Sohn, verlaß mich nicht und bringe mir Bescheid, wie die Sache steht.« – »Unter keinen Umständen,« sagt der Ratsherr Herse, »darf er auf den Boden hinaufklettern; das könnte einer sehen, und dann ist alles vorbei.« – »Lassen Sie nur, Mamselling,« sagt Fritz, »ich werde das schon kriegen!« – und blinzelt ihr listig zu. – Sie gehen, und Mamsell Westphal sitzt in Trauer unter ihren Speckseiten und Schinken und Würsten und sagt: »Was hilft all der liebe Gottessegen, wenn einer in meinen Jahren auf der Flucht ist!« Als Onkel Herse Mamsell Westphal im Trocknen wußte, ging er wieder nach der Küche hinunter und schärfte Fritz Sahlmann noch einmal recht tüchtig mit einem kleinen Handgriff an die Ohren das Schweigen ein. In der Küche zog er sich den grauen Kragen von seinem Mantel wieder über den gestickten Rockkragen und den Dreimaster und schlich heimlich, wie die Katze vom Taubenschlag, aus der Hintertür. Knapp hatte er aber sein Obergestell aus der Tür gesteckt, da kreischte und juchte etwas los, und Fik und Karline, die geglaubt hatten, die Luft sei nun wieder rein, und in die Küche hinein wollten, stoben auseinander wie ein Paar weißbunte Tauben, wenn der Habicht zwischen sie fährt. – »Haltet euren Mund!« rief mein Onkel Herse, »ich tu euch nichts!« Doch was half das? Die Bauern, die noch mit ihren Pferden im Garten geblieben waren, sahen sich bei dem Kreischen um, und als sie hinter sich den vermummten französischen Offizier sahen – der aber eigentlich mein Onkel Herse war, – da rissen sie aus, alle auf die grüne Pforte los, und es dauerte nicht lange, da war kein Huf und keine Klaue von Kanonenvorspann mehr zu sehen. Der Herr Ratsherr schlug sich nun seitwärts in die Büsche, und als er so einen kleinen verdeckten Katersteig entlang geht, wer kommt da angegangen? Der alte Müller Voß mit seinem Mantelsack unterm Arm. »Guten Morgen, Herr Ratsherr!« – »Das weiß doch der Deuwel!« sagt Ratsherr Herse; »Müller Voß, sehen Sie nicht? Ich will ja nicht kundbar werden.« – »Na, danach verlangt mich auch nicht,« sagt der Müller. »Aber, Herr Ratsherr, Sie könnten mir einen Gefallen tun: an der grünen Pforte habe ich mein Fuhrwerk angebunden, bringen Sie mir das in Sicherheit! Ich tu Ihnen mal wieder einen Gefallen; sobald der Barsch im Mühlteich beißt, laß ich Sie's wissen.« – »Will's besorgen,« sagt der Ratsherr und geht nach der grünen Pforte. Und als er des Müllers Fuhrwerk dort findet, bindet er es los, steigt auf den Wagen und will eben losfahren, da tritt ihm eine Abteilung Franzosen entgegen, voran der Kanonenoberst selbst, auf dessen Befehl all der Vorspann anbefohlen war, und der nun viele sah, die nicht da waren, denn sie hatten sich so ziemlich alle davon gemacht. Mein Onkel Herse wurde denn nun gleich arretiert und vom Wagen gerissen, und als der Kanonenoberst seine Uniform sah, und er immer rief: er wäre Conseiller d'état – denn er wußte im Augenblick keinen besseren französischen Namen für einen Stavenhäger Ratsherrn zu finden, – da dachten die Franzosen, sie hätten einen rechten Fang gemacht und hätten den Häuptling vom Ganzen. Der Kanonenoberst verfluchte und verschwor sich im unchristlichsten Französisch, er wollte an ihm ein Exempel statuieren; vier Mann mußten ihn in die Mitte nehmen, und so wurde mein Onkel Herse, der in der schönsten Heimlichkeit gekommen war, ein gutes Werk zu stiften, zum offenbaren Spektakel über den Bauhof in die Stadt zurückgeführt, um an sich selber ein böses Stück zu erfahren. Als dies geschah, stand dicht dabei der alte Bäcker Witt hinter einem großen Kastanienbaum, denn er war ebenfalls gekommen, des Müllers Fuhrwerk in Sicherheit zu bringen. »Schaden kann es dem Herrn Ratsherrn nicht,« sagte er zu sich selbst, »er kauft seine Semmel von Guhl; warum nicht von mir? Na, er muß sich selber raten und er kann's auch, denn er ist sehr klug; aber das unschuldige unvernünftige Vieh kann's nicht, dafür muß unsereins sorgen.« Und damit stieg er auf den Wagen und fuhr langsam hinter den Franzosen her nach seiner Scheune und zog die Pferde ins Fach. Neuntes Kapitel Warum der Herr Amtshauptmann im Mark Aurel lesen mußte und sich das Gesicht nicht waschen durfte; und warum ihm Müllers Fiken nicht zu quarrig däuchte. Der alte Herr Amtshauptmann ging in seiner Stube herum und ärgerte sich; denn wenn er auch keiner von der hastigen Art war, so war er doch ein alter Mann, der das Kommandieren gewohnt war und seine Moden für sich hatte; und nun sollte er sich kommandieren lassen und hatte des Morgens um acht Uhr aufstehen müssen – was gegen seine Natur war – den Kaffee hatte er auch nicht bekommen, und als er sich zu seiner Aufmunterung eine irdene Pfeife ins Gesicht stecken wollte, waren keine Pfeifen da. Er klingelte einmal – Fritz Sahlmann kam nicht; er klingelte zweimal– Fik kam auch nicht. Er zog seine Schnupftabaksdose aus der Tasche und nahm die Prise mit so einem nachdenklichen Schnauben, wie einer tut, der sich auf alles mögliche Ungemach gefaßt machen will, zog die Lorgnette aus der Tasche und sah ins Wetter. Draußen regnete es Bindfaden, und in den hohen nackten Aesten der Ulmen saßen die Krähen so still und geduckt, als wären ihnen die Flügel zusammengeklebt worden, und leckten wie der alte Bauer Kugel, als ei eines Abends bis an die Hutkrempe im Dorfteich gesessen hatte. »Auch kein Vergnügen!« sagte der alte Herr. »Aber wo ist heute Vergnügen in deutschen Landen? Es ist doch eine sonderbare Sache mit der Weltregierung! Unser Herrgott läßt es zu, daß ein solcher Hundsvott die ganze Welt in Schaden bringt! Das ist für einen Christenmenschen schwer einzusehen. Hohe Herzogliche Kammer macht auch manchmal Einrichtungen und Verordnungen, die kein Christ und Beamter begreifen kann, aber hohe Domänenkammer ist doch auch nur so ein armer Sünder, dem von Anfang an bei allen hohen Eigenschaften die Dämlichkeit in den einen Rockschoß mit eingeknüpft ist; und das wissen wir und finden uns darein – das heißt mit gelindem Aerger und Verdruß. Aber hier, bei dem christlichen Glauben an eine göttliche Weltregierung den Nutzen von dem Hundsfott Bonaparte einzusehen, das ist – das ...« – und er nahm seine Schlafmütze ab und hielt sie etwa drei Zoll hoch über seinen Kopf – »unser Herrgott mag mir die Sünde vergeben! Ich habe gegen keinen Menschen einen Haß, gegen keinen Menschen Feindschaft, auch nicht gegen hohe Kammern mit ihren sakramentischen Monitorien, aber jetzt hab ich einen Haß,« – und er warf die Schlafmütze auf die Erde und setzte das Bein darauf – »jetzt hab' ich einen! und ich will ihn auch behalten!« Dies letzte mochte er wohl ein bißchen laut gerufen haben, denn seine liebe Frau kam ganz ängstlich zur Tür herein: »Weber! Weber! Was ist dir? Hat Fritz Sahlmann oder Fik ...?« – »Nee, Neiting,« fiel er ihr in die Rede, indem er die Schlafmütze aufnahm, »die nicht, bloß Bonaparte.« – »Gott im Himmel,« rief sie, »schon wieder! Was willst du dich an dem ärgern?« – und ging an des Herrn Amtshauptmanns Bücherschrank heran und holte ein Buch heraus und sagte: »Na, Weber, lies in deinem Buch!« Dies war nun das Buch von Mark Aurel, daraus las der Herr Amtshauptmann, wenn er in Aerger geraten war, ein Kapitel, und wenn's schlimm war, zwei. Er nahm nun also auch das Buch und las, und seine liebe Frau band ihm den weißen Pudermantel um, und strählte ihm das gute graue Haar und wickelte ihm das alte kleine kecke Zöpfchen und stäubte ihm sacht und leise den weichen Puder über den Kopf; Mark Aurel tat auch das Seinige, und alle die ärgerlichen Runzeln waren fort von seiner ernsthaften Stirn, als die Frau Amtshauptmann mit dem kleinen silbernen Putzmesser den Puder aus dem Gesicht schabte. – »Denn das muß sie ihm immer abkratzen,« sagte Fik, wenn sie darauf zu reden kam, »und waschen kann er sich dann nicht, weil ihm sonst das Weizenmehl die Augen zukleistern würde.« – »Neiting,« sagte der Herr Amtshauptmann, als sein Kopf in Stand gesetzt war, »sieh doch mal, wenn es dir paßt, unten in der Wirtschaft nach. Es ist doch eine sonderbare Sache! Fik kommt nicht, Fritz Sahlmann kommt nicht; die gottverd ... – wollte ich sagen – das gottlose Franzosenzeug hat ja wohl das ganze Haus umgekehrt. Ne, was denn?« Die Frau Amtshauptmann war eine kleine gute Frau, ein bißchen schwächlich von Person, dabei aber nicht verdrießlich und immer bereit, in Freundlichkeit die Wunderlichkeiten des alten Herrn Zu tragen. Sie hatten nur einen Sohn, ihren Jochen; der war schon in der Fremde, und so waren die beiden alten Leute in dem alten großen Schloß allein auf sich angewiesen und trugen in Treue und Ehrbarkeit Leid und Lust gemeinsam, und wenn die Langeweile sich bei ihnen einschleichen wollte, dann gab das Glück es immer, daß der Herr Amtshauptmann gerade zu rechter Zeit auf einen neuen wunderlichen Einfall verfiel, und aus dem Gähnen wurde dann ein rechter gesunder Nieser, der die Liebe wieder auffrischte; denn mit der Liebe ist es wie mit einem Baum: je mehr der Wind in der Krone und in den Blättern spielt, desto fester schlägt er seine Wurzeln. Na, daß der Herr Amtshauptmann von seiner lieben Frau heute morgen verlangte, sie sollte sich mal nach der Wirtschaft umsehen, war ja gerade kein wunderlicher Einfall, und darum schnob die Frau Amtshauptmann auch nicht gleich los, obschon in unserer jetzigen Zeit manche wohlerzogene Frau dies wohl getan hätte. Sie hatte sich gerade dazu auf den Weg gemacht, als der alte Müller Voß mit dem Felleisen in die Tür kam. »Guten Morgen, Herr Amtshauptmann,« sagte der Müller und machte seinen Diener, »mit Verlaub!« – und legte das Felleisen auf den Tisch. »Hier ist es!« – »Was ist hier?« fragt der alte Herr. – »Herr, was weiß ich? ich weiß etwas, ich weiß viel, ich weiß gar nichts: doch so viel weiß ich, Spitzbubenkram ist es.« – »Müller Voß, wie kommt Er zu Spitzbubenkram?« – »Wie kommt der Hund in die Wiese, Herr Amtshauptmann? Wie kam jenes Mädchen zum Kind? Ich weiß bloß, daß dies dem Franzosen sein Felleisen ist, und daß der Teufel mir den Franzosen gestern abend auf den Wagen, und mein Friedrich ihn nachher wieder heruntergeschmissen hat.« Und nun erzählte der Müller die ganze Geschichte. Der alte Herr ging unterdessen in der Stube auf und ab und brummte etwas von ›übele Sache!‹ in den Bart, und stand dann wieder vor dem Müller still und sah ihm fest in die Augen, und als der Müller zu Ende war, sagte er: »Müller Voß, das ist denn nun aber doch gewiß, daß der Franzose noch lebt?« – »Je, Herr Amtshauptmann, was weiß ich? Sehen Sie, ich mache meinen Rechnungsüberschlag so: kalt war es die Nacht für diese Jahreszeit gerade nicht; aber geregnet hat es die ganze Nacht, und wenn wir beide, Herr Amtshauptmann, Sie oder ich, die Nacht dort gelegen hätten, wir wären möglicherweise erfroren; aber ich rechne so: so 'n Volk ist das Herumliegen besser gewöhnt als wir, und hat es ihm in Rußland nichts getan, so mag es ihm ja wohl hier auch nicht geschadet haben. Und weggegangen ist er ja später; Friedrich ist ja hinter ihm her, und wenn ihm dann nachher noch etwas zugestoßen ist, so sind wir ja nicht schuld daran.« – »Müller, Müller,« sagte der alte Herr und schüttelte mit dem Kopf, »dies ist ein schlimmes Stück! Wenn Sein Friedrich den Franzosen nicht wieder greift, kann es Ihm an den Kragen gehen.« – »Gott soll mich bewahren!« rief der Müller, »von was für Dummheiten laß ich mich in meinen alten Tagen reiten! Herr Amtshauptmann, ich bin ja unschuldig und ich habe ja auch das Felleisen nicht behalten, und das Pferd steht in Bäcker Witts Scheune.« – »Das ist auch Sein Glück, Müller, das ist auch Sein großes Glück; denn dies kann ich Ihm bezeugen. Und lauter Gold und Silber ist in dem Felleisen, sagt Er?« – »Lauter Gold und Silber, preußisch Kurant und Drittel und Louisdor und silberne Löffel!« Und damit schnallte er das Felleisen auf und zeigte die Bescherung. Der Herr Amtshauptmann machte große Augen. »Gott bewahre uns!« rief er, »das ist ja ein Schatz.« – »Je, das sagen Sie man mal, Herr Amtshauptmann! Meine Frau sagt sonst nicht viel, aber als sie dies sah, schlug sie die Hände zusammen und sagte kein Wort.« – »Gestohlen ist dies alles, Müller. Hier auf dem Silberzeug ist das Oertzensche Wappen, das kenne ich. Die Löffel hat der Spitzbube hier in der Nachbarschaft gestohlen, aber damit wird Seine Sache nicht besser.« Der alte Müller stand da, als sollte er vergehen; der Amtshauptmann ging in der Stube herum und rieb sich den Kopf. Endlich ging er auf den Müller zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Müller Voß, ich hab' Ihn immer für einen ehrlichen Mann gehalten, aber solche Ehrlichkeit in solchen Umständen! Er kann nicht von einem Tag zum andern kommen, und Er gibt aus freiem Willen solch eine Menge Geld Zurück, von dem eigentlich niemand weiß, wo es hingehört?« – Der alte Müller wurde über und über feuerrot und sah auf seine Stiefelspitzen. »Ja, Müller,« sagte der alte Amtshauptmann weiter, »das ist ein besonderes Benehmen von Ihm; denn von dem, was hier passiert ist, kann Er keine Kunde haben; aber dank Er Seinem Schöpfer, denn es ist möglich, daß Ihm dies Stück das Leben rettet.« Die Gefahr, in der er sich glauben mußte, das unverdiente Lob, das ihm gerade so sanft ankam, wie wenn einer sich auf einen Lehnstuhl niedersetzt, auf den seine liebe Frau ein Nadelkissen gelegt hat, die Aussicht, daß er mit Gottes Hilfe noch durch ein kleines Loch aus diesem schlimmen Handel kriechen könnte, und daß er dies alles nicht verdiente – setzten dem alten Müller hart zu. Er stand mit niedergeschlagenen Augen da und wand sich hin und her und drehte seinen Hut schnell und schneller; endlich schlug er ihn mit beiden Händen zusammen, daß er ganz aus der Façon kam und rief: »Hol der Teufel die ganze Franzosengeschichte und mich dazu, Herr Amtshauptmann! Wenn unser Herrgott gegen mich Gnade für Recht ergehen lassen will und mir aus dieser Trübsal hilft, dann will ich auch nicht mit Ungerechtigkeiten gegen ihn bestehen! Nein, was wahr ist, ist wahr! Und wenn meine kleine Fiken nicht gewesen wäre, dann läge das infame Franzosengeld in meinem Schrank und ich baumelte heute abend am Galgen.« Und nun erzählte er die Sache. »Müller,« sagte der Amtshauptmann, als er alle Umstände erzählt hatte, »ich bin nicht sehr für Mädchen; Jungens sind besser; Mädchen sind mir zu quarrig; aber mit seiner Fiken ...? Das ist denn eine andere Sache. Müller, das gereicht Ihm und Seiner Frau zur Ehre, daß Ihr solch ein Kind aufgezogen habt. Müller, hör Er, wenn Er mal wieder zu Amt kommt, bring Er seine Fiken mal mit; ich – das heißt meine Frau – wird sich herzlich freuen. Ne, was denn? – Und nun nehm Er das Felleisen und trag Er's nach dem Rathaus herunter und melde Er sich dort, denn die Franzosen werden da wohl schon so eine Art Gerichtstag halten – wird auch danach sein – und frag Er erst nach dem Bürgermeister. Das ist ein wohlmeinender Mann und kann auch Französisch; und binnen kurzem werde ich da sein, und, was irgend möglich, werde ich für Ihn tun.« – »Schön, Herr Amtshauptmann! Mir ist ein ganz Teil leichter ums Herz. Und mit der anderen Geschichte, mit dem Bankerottspielen, meinen Sie ...?« – »Daß Er ein alter Narr ist, sich in seinen alten Tagen in noch mehr Weitläufigkeiten einzulassen.« – »Schön, Herr Amtshauptmann! Na, denn Adjüs!« Und damit ging de« Müller. Zehntes Kapitel Warum Fritz Sahlmann zur Winterszeit ohne Regenschirm im Kantapfebaum saß; warum er sich ein kleines Aktenbündel unter die Weste knöpfte, und warum Mamsell Westphal sich für eine arge Sünderin erklärt. Nach einer kleinen Weile kam die Frau Amtshauptmann wieder in die Stube hinein und sagte: »Weber, was heißt dies? Fritz Sahlmann ist nicht da, Mamsell Westphal ist nicht da, in ihrer Stube sieht es aus, wie wenn Heiden und Türken dort Haus gehalten hätten, und die Mädchen sagen, sie wissen von nichts, als daß Ratsherr Herse sich in die Hintertür hineingeschlichen hat, und Fik ist ihm aus Versehen mit einem stumpfen Besen übers Gesicht gefahren, und Mamsell Westphal hat ihm ein paar Hände voll Torfasche in die Augen geworfen, auch bloß aus Versehen, und nachher sind Fritz Sahlmann und Mamsell Westphal weg gewesen; und sie wissen nicht, wo sie sind.« – »Dies ist doch eine besondere Sache,« sagt der alte Herr; »was tut Ratsherr Herse in meiner Küche? Ich mag den Mann sonst wohl leiden, Neiting, er ist ein pläsierlicher Mann; aber er steckt seine Nase in jeden Quark, und was Vernünftiges ist dabei noch niemals herausgekommen. – Sag mal, Neiting, welche von den Dienstmädchen hältst du wohl für die verständigste?« – »Weber, was redest du? Von Verstand kann bei der Sorte wohl nicht gut die Rede sein!« – »Na, dann die klügste, die pfiffigste.« – »Oh, dann wohl Fik Besserdich, denn die Augen gehen ihr ganz fix im Kopf und das Mundwerk noch viel besser.« – »Ruf mir die doch mal herein.« Dies geschah, und Fik kam. – Fik Besserdich war eine kleine, fixe Dirne, so aufgeweckt und munter, wie eine Gülzowsche Schulzentochter nur sein kann – denn damals dienten die Schulzentöchter noch; – nun stand sie aber vor dem Herrn Amtshauptmann und schlug die Augen nieder und zupfte am Schürzenband, denn sie hatte es im Gefühl, daß dies Wohl eine Art Gerichtstag werden würde. – »Also,« fing der alte Herr an, »zur Wahrheit ermahnt und so weiter – Fik Besserdich, was weißt du von Mamsell Westphal? Fange von gestern abend an!« – Fik erzählte nun, was sie wußte, und was wir auch wissen. »Also,« sagte der alte Herr, »sie hat bei dir geschlafen und nicht in einer Stube mit Herrn Droz?« – »Weber, was redest du!« fiel die Frau Amtshauptmann ein. – »Neiting, jeder Umstand ist wichtig, wenn die Unschuld an den Tag kommen soll. Und du meinst nicht,« wandte er sich an Fik, »daß sie mit dem Herrn Ratsherrn Herse weggelaufen ist?« – »Nein, Herr, flüchtig ist sie, glaube ich; aber nicht mit dem Herrn Ratsherrn, denn der ist mir später allein in der Hintertür begegnet, als ich von meinem Bruder zurückkam; denn der war hier im Garten, Herr Amtshauptmann, mit unseren Pferden zu Vorspann; aber –« und hier schlug sie die Augen auf, und aus dem frischen Gesicht leuchtete so ein heller Spitzbube heraus, »aber, Herr Amtshauptmann, er ist den Franzosen ausgerissen.« – »So?« fragte der alte Herr; »er ist also ausgerissen?« – »Ja, Herr,« sagte Fik und lachte so schelmisch vor sich hin, »und er hat die ganze Ausreißerei angestiftet und hat den anderen die grüne Pforte gezeigt.« – »Das ist ein dummer Streich von ihm, und wenn die Franzosen ihn kriegen, werden sie's ihm eintränken. Ihr seid eine naseweise Art, Ihr Besserdichs. Neiting, hilf mir mal an den Schlingel, den Fritz Besserdich, denken! – Und wo ist Fritz Sahlmann?« Nun war Fik denn wieder sehr kleinlaut, und was jetzt kam, das kam nur ganz leise und tropfenweise heraus. »Je, Herr Amtshauptmann, heute morgen schmiß er alle Ihre Pfeifen entzwei, und nachher sagte er, ich hätte es getan. Und, Herr Amtshauptmann, ich konnte da nicht für, denn ich wollte bloß um die Ecke gucken, als der französische Oberst da so herumtobte; da lief er mir mit den Pfeifen entgegen, und nun liegen die Scherben in der Küche.« – »Und weiter hast du ihn heute morgen nicht gesehen?« – »Ja, Herr, als der Uhrmacher transportiert wurde, da lief er mit, und als er dann wiederkam, da redete er mit der Mamsell hochdeutsch, und nachher flüsterten sie zusammen.« – »Hochdeutsch? Fritz Sahlmann hochdeutsch? Was hat der Schlingel hochdeutsch zu reden? Was sagte er denn?« – »Er sagte: ›Rettung naht!‹« – »So? Und nachher kam der Herr Ratsherr?« – »Ja, Herr Amtshauptmann, und ich fuhr ihm mit dem Besen ins Gesicht; aber auch dafür konnte ich nichts.« – »Dies ist doch eine besondere Sache!« sagte der alte Herr und ging auf und nieder und faßte sich unters Kinn und sah auf die Diele und sah an die Decke. Endlich stand er still und sagte: »Neiting, die Sache ist mir klar: das alte Wurm, die Westphal, hat es mit der Angst gekriegt, und der Ratsherr hat sich da hineingemischt und hat irgend etwas Verdrehtes angestiftet. Du sollst sehen, sie hat sich versteckt.« – »Dann laß sie, Weber.« – »Das geht nicht, Neiting, sie muß zur Stelle, denn sie muß Zeugnis ablegen für den Uhrmacher und für den Müller; es kann den beiden sonst an den Kragen gehen. – Wenn ich nur wüßte, wo der Schlingel, der Fritz Sahlmann, ist, der weiß um die ganzen Umstände! – Und du weißt nicht, wo er ist, Fik?« – »Nein, Herr.« – »Na, dann kannst du gehen.« – Als Fik sich umdrehte, fielen ihre Augen auf das Eckfenster; aber weil ihre Augen sehr hell und munter waren, fielen sie auch durch das Fenster und sahen, was weit hinten passierte. Sie drehte sich schnell wieder um und sagte: »Herr Amtshauptmann, nun weiß ich, wo er ist.« – »Na, wo denn?« – »Sehen Sie, da sitzt er.« – »Wo?« fragte der alte Herr und legte seinen Vorspann von Lorgnette an die Augen und sah allenthalben hin, nur nicht dahin, wo Fritz Sahlmann saß. – »Da, Herr Amtshauptmann, da in unserm alten Kantapfelbaum, der an der Ecke von der Küche steht.« – »Wahrhaftig, ja! Dies ist doch eine besondere Sache! Neiting, im Winter! Wenn das im Herbst wäre, wenn Aepfel auf dem Baum sind; aber Neiting – im Winter!« – »Oh, Weber,« sagte seine liebe Frau, »er übt sich wohl nur darauf.« – »Fik Besserdich, du hast klare Augen, was tut er da?« fragte der alte Herr und schob die Lorgnette vor den Augen hin und her. – »Ja, Herr, eine lange Stange hat er da; aber was er damit bezwecken tut, das ist meinen Augen verborgen. Er hantiert damit gegen die Räucherbodenluke.« – »Neiting, gegen unseren Räucherboden! Was mag er da hantieren?« – »Ich weiß es nicht, Weber; aber wundern soll's mich nicht, wenn morgen wieder Würste fehlen.« – »Sieh mal! Sieh mal! Ih, dies wäre nett! – Das ist ja ein prächtiger Baum für meinen Fritz Sahlmann! Sommers Aepfel und Winters Wurst!« Damit machte er das Fenster auf und rief: »Fritz Sahlmann! Fritz! Komm herunter, mein Sohn! Du könntest dich da in dem Regen erkälten.« Es soll ein Tier geben, das man Faultier nennt; das braucht sieben Tage, bis es in den Baum hinaufkommt, und sieben Tage, bis es wieder 'runterkommt. Na, ganz so lange brauchte Fritz Sahlmann nicht, als er aus dem Apfelbaum kam; aber es war doch lange genug, und seiner Hosen wegen kletterte er wohl nicht so bedächtig, und als er unten war, da stand er augenscheinlich in starkem Bedenken, ob er kommen oder durchbrennen sollte. Aber Fritz Sahlmann war ein frommes Kind, er kam; nur manchmal hielt er sich ein bißchen auf. – »Fik, was macht er da hinter dem Stachelbeerenbusch?« fragte der alte Herr. – »Je, Herr, er hat wohl was dahinter geschmissen.« – »So? Das ist denn eine andere Sache. – Na, Fritz, komm nur durch die Küchentür herein! Und du, Fik, geh hin, und paß ihm auf, daß er nicht durch die Vordertür wieder ausreißt.« – Fik ging, und Fritz kam, langsam wie die teure Zeit, aber er kam. »Fritz Sahlmann, mein Sohn, so viel Einsicht wirst du schon haben, daß es nicht gut für die Gesundheit ist, bei Regenwetter draußen zu sitzen; nimm dir in Zukunft einen Regenschirm mit, wenn du draußen sitzen willst; und so viel Einsicht mußt du auch schon haben, daß es nicht gut für die Hosen ist, bei Regenwetter in einen Baum zu steigen, suche dir in Zukunft eine trockene Jahreszeit dazu aus. Nun sage mir mal: was tatest du in dem Baum?« – »Oh, Herr Amtshauptmann, doch nur so.« – »Hm,« sagte der alte Herr, »der Grund läßt sich hören. Aber was ich eigentlich sagen wollte: hast du nichts von Mamsell Westphal gesehen?« Fritz Sahlmann, der auf eine ganz andere Frage gefaßt gewesen war, lebte augenscheinlich wieder auf und sagte ganz munter: »Nein, Herr Amtshauptmann.« – »Ja, mein Sohn, warum solltest du auch von einer Sache etwas wissen, wovon keiner was weiß? Nun tu mir aber mal den Gefallen und sieh mir mal grade in die Augen.« – Fritz Sahlmann tat ihm den Gefallen; aber sein Blick war ein falscher Groschen, und der alte Herr mochte ihn wohl nicht für voll annehmen wollen, denn er sagte: »Fritz Sahlmann, hier ist ein Messer; geh mal nach dem Garten und schneide mir mal aus den Haseln – du weißt ja, wo sie stehen – so einen kleinen Stock, so wie ein – wie ein – na, wie dein Mittelfinger dick, und dann, mein Sohn, hast du hinter dem Stachelbeerbusch im Garten was verloren; ruf dir Fik Besserdich, die soll dir suchen helfen, damit du doch wieder zu dem Deinigen kommst. – Aber hörst du, Fik Besserdich soll mitgehen!« Fritz Sahlmann sah nun also unter sehr bedrängten Umständen in eine traurige Zukunft; er baute aber auf zwei Dinge, worauf die Menschen in ihrer Verlegenheit meistens bauen: nämlich erstens auf den Himmel, daß dieser noch zur rechten Zeit dem Vorhaben des alten Herrn einen Stein in den Weg werfen würde, und dann zweitens auf seine früheren Erfahrungen in solchen Verlegenheiten; und außerdem hatte er noch eine Hilfe in der Not, von der die gewöhnlichen Menschen nichts wissen – nämlich so ein kleines Aktenbündel, das er sich in bedenklichen Fällen unter die Weste zu knöpfen pflegte; dies vergaß, er denn nun auch heute nicht. Er ging also ziemlich beruhigt in den Garten, in der stillen Hoffnung, Fik, die mit ihm ging, würde den richtigen Stachelbeerbusch verfehlen; aber als er gerade beschäftigt war, die passende Gattung Haselruten auszusuchen, sah er mit inwendigem Grauen, daß das Mädchen gerade auf den Busch losging und dort etwas aufnahm, was ihm in der Ferne viele Aehnlichkeit mit einer Wurst zu haben schien. Er mußte sich also anders zu helfen suchen; er schnitt daher fürs erste ein paar unmerkliche Kerben in die Haselrute, was ja nicht gerade sehr zu ihrer Haltbarkeit beitrug, und dann versuchte er Fik den Fund abzuschnacken. Dies gelang ihm aber nicht, denn Fik hatte keine Lust ein zweites Examen vor dem Herrn Amtshauptmann zu bestehen, und dann fiel ihr ein, daß es möglicherweise Fritz Sahlmann gewesen wäre, der ihr vor acht Tagen eine Handvoll kurzgeschnittener Schweinsborsten ins Bett gestreut hatte. So kam denn nun Fritz Sahlmann mit dem Stock, und Fik mit einer kleinen niedlichen Mettwurst wieder vor den Herrn Amtshauptmann. »Fik,« sagte der Herr Amtshauptmann und nahm ihr die Wurst ab, »du kannst nun gehen, meine Tochter. – Neiting,« sagte er zu seiner lieben Frau und hielt ihr die Wurst vor die Augen, »dies nennen wir ein corpus delicti .« – »'s ist möglich, Weber, daß sie auf Lateinisch so heißt; wir sagen Mettwurst dazu.« – »Schön, Neiting! sag mal, kannst du behaupten, daß dies eine von unseren Mettwürsten ist?« – »Ja, Weber, ich kenne sie am Bande.« – »Fritz Sahlmann, wie bist du zu der Mettwurst gekommen?« – Dies war nun für Fritzen eine ganz infame Frage des Herrn Amtshauptmanns; der Himmel legte sich augenscheinlich nicht ins Mittel; seine Erfahrungen ließen ihn im Stich; der Herr Amtshauptmann stand vor ihm, in der einen Hand die Wurst, in der andern den Stock, und der Stock war knapp zwei Fuß von seinem Buckel ab; er war also völlig auf das kleine Aktenbündel angewiesen, und damit war es auch nur soso; der Herr Amtshauptmann hatte es schon mal am Klappen gemerkt. Er gab sich also verloren, fing an zu weinen und sagte: »Ich habe sie geschenkt gekriegt.« – »Das lügst du!« fuhr die Frau Amtshauptmann auf, »du hast sie mit der Stange vom Räucherboden geholt!« – »Neiting, ruhig! Keine Suggestivfragen! – Fritz, wer hat dir die Wurst gegeben?« – »Mamsell Westphal.« – »Fritz, wo?« – »Als ich im Baum saß.« – »Saß sie da bei dir?« – »Nein, sie saß auf dem Räucherboden; und da hat sie mir die Wurst auf die Stange gesteckt, in die ich einen Nagel eingeschlagen hatte.« – »Du hast mir doch eben gesagt, du wüßtest nicht, wo Mamsell Westphal wäre? Fritz Sahlmann, du hast also gelogen.« – »Herr Amtshauptmann, Herr Amtshauptmann! Schlagen Sie mich nicht! Ich kann ja nicht dafür. Ich und Ratsherr Herse haben uns verschworen, und ich habe ihm heilig versprechen müssen, keinem Menschen, auch Ihnen nicht, zu sagen, wo Mamsell Westphal wäre.« – »Stehst du bei dem Herrn Ratsherrn in Lohn und Brot, oder bei mir? Nu hast gelogen, Fritz, und wenn du lügst, dann kriegst du Schläge – so steht es in unserm Kontrakt.« Und damit nahm der Amtshauptmann Fritz beim Kragen und hob den Stock empor; und wenn der Himmel noch ins Mittel treten wollte, bann war es nun die allerhöchste Zeit, und – der Himmel tat's. Draußen wurde angeklopft und herein kam der Stadtdiener Luth: »Empfehlung vom Herrn Bürgermeister, und die Sache stände ganz schlecht für den Uhrmacher und den Müller, und der Herr Amtshauptmann möchte doch so gefällig sein, und sofort herunterkommen – vor allem aber Mamsell Westphal mitbringen, denn ihr Zeugnis wäre hauptsächlich von Wichtigkeit.« – »Ich komme gleich, mein lieber Luth. – Neiting, die Sache ist pressant. Fritz Sahlmann, hole mir meinen Rock, und du, Neiting, geh nach dem alten Unglückswurm auf dem Räucherboden und hole sie herunter.« – Wie fix brachte Fritz Sahlmann den Rock! Wie eilig hatte er's, dem Herrn Amtshauptmann aus den Augen zu kommen! »Frau Amtshauptmann, ich muß mit – Ihnen allein macht sie nicht auf, und eigentlich sitzt sie gar nicht auf dem Räucherboden, sondern sie sitzt dahinter auf einer Stelle, die ich alleine kenne.« So lief er denn vorauf, und die Frau Amtshauptmann folgte ihm. Fritz klopfte an die Tür: »Mamselling, machen Sie auf, ich bin's!« – Keine Antwort kam. – »Mamselling, wohl, wohl! Saures Schweinefleisch!« – Keine Antwort. – »Mamselling, die Franzosen sind weg!« – Da ließ sich etwas hören, und eine betrübte Stimme ließ sich vernehmen: »Fritz Sahlmann, du bist ein Lügner deines Namens. Führe mich nicht in Versuchung!« – Mittlerweile rief nun auch die Frau Amtshauptmann: »Westphal, machen Sie auf! Ich bin's, die Frau.« – »Ich kann mich nicht vor Ihnen sehen lassen,« rief die Stimme; »ich bin eine Sünderin, eine arge Sünderin!« – »Machen Sie nur auf, das kommt alles wieder in Ordnung.« Nach langen Redensarten machte Mamsell Westphal denn endlich auf und stand nun da, rot im Gesicht, und die hellen Tränen liefen ihr die Backen herunter. Aber bis auf den heutigen Tag weiß noch niemand: war es von Rührung, oder war es vom Rauch; genug, die Tränen liefen, und wenn man von einer korpulenten ältlichen Jungfrau den Ausdruck gebrauchen kann, so möchte ich sagen, sie stand da wie ein ›geknicktes Rohr‹. – »Frau Amtshauptmann,« sagte sie, »ich kann Ihnen nicht unter die Augen gehen, ich bin tief gesunken; über zwanzig Jahre bin ich in Ihrem gesegneten Hause, und niemals habe ich Ihnen so viel wie das Schwarze unterm Nagel entfernt; eine böse Stunde hat das anders gemacht: ich habe mich an dem Ihrigen vergriffen.« – »Ih, Westphal, lassen Sie das doch; kommen Sie nur mit herunter!« – »Keinen Schritt, Frau Amtshauptmann! erst ein umständliches Bekenntnis! – Sehen Sie, Sie wissen, ich bin auf der Flucht; Ratsherr Herse hat mir flüchten geholfen, und dieser Schlingel, dieser Fritz Sahlmann. Und nun sitz ich hier in Kummer und Elend und denke an Herr Droi's Schicksal und an alles andere, und denke, dieser Schlingel, der Fritz Sahlmann, soll mir Nachricht bringen, wie die Sache steht; da hör' ich draußen vor der Luke etwas husten, und da ruft es meinen Namen, und als ich mich heranschleiche an die Luke und hinaussehe, da denke ich doch, mich rührt der Schlag; denn denken Sie sich, Frau Amtshauptmann, das Unglückskind ist in den Kantapfelbaum gestiegen und ist den langen Ast entlang gerutscht und schwebt wie eine Krähe über dem Abgrund. ›Junge‹ sag ich, ›Fritz Sahlmann, willst du wohl aus dem Baum heraus!‹ Da grinst der Junge mich an. ›Junge‹ ruf ich, ›ich kann das nicht vor deinem Vater verantworten, dich in solcher Gefahr zu sehen.‹ Sehen Sie, Frau Amtshauptmann, da lacht der Junge laut auf und sagt: ›Ich wollte Ihnen bloß Nachricht bringen: Der Uhrmacher wird aufgehängt, und Ratsherrn Herse haben die Franzosen gekriegt, er liegt in Ketten; und ein ganzes Bataillon ist ausgeschickt, Sie zu suchen.‹ Frau Amtshauptmann, das war keine tröstliche Nachricht, und meine Angst war groß: aber ich kann mir das Zeugnis geben, meine Angst um den Jungen war größer. ›Junge,‹ ruf' ich, ›steig auf dem Baum!‹ Sehen Sie, da grinst er mich an wie ein Affe auf dem Kamel, und sagt: ›Ja, wenn Sie mir 'ne Wurst geben,‹ und damit fängt er an, allerlei Hanswurststreiche zu machen, und hüpft auf dem Ast herum wie ein Kaninchen im Kohlgarten, daß mir grün und gelb vor den Augen wurde. Da, Frau Amtshauptmann, da dachte ich: was ist eine Mettwurst? und was ist ein Menschenleben? Und in meiner Angst vergriff ich mich an Ihrem Eigentum; er hielt die Stange hinein, und ich steckte ihm die Wurst auf. Da rief ihn der Herr Amtshauptmann, und als er herunterstieg, rief er mir leise zu, er hätte mir was eingebildet, es wäre alles nicht wahr. Darum sag' ich: er ist ein Lügner, Frau Amtshauptmann, und dabei bleib ich.« – »Lassen Sie nur, Westphalen; er hat bei meinem Mann auch noch einen Schinken im Salz; er wird seinem Richter nicht entgehen.« Mit Mühe kriegte die Frau Amtshauptmann die alte Dame vom Boden herunter; und als sie unten ankamen, ging der Herr Amtshauptmann mit seinem stattlichen Schritt schon in vollem Anzug auf und ab und wartete. Ein schweres Stück war es noch, Mamsell Westphal zu bewegen, mit dem alten Herrn nach dem Rathaus hinunter zu gehen – »in den offenen Löwenrachen,« sagte sie. Sie wolle leiden, was sie in ihrem Unverstand verdient habe, obschon es aus Güte und in Ehren geschehen sei; aber vor all dem fremden Mannsvolk zu stehen und sich von wegen Herrn Droi zu defendieren, das gehe über ihre Kräfte als ordentliches Frauenzimmer. Und wenn der Herr Amtshauptmann doch darauf bestände, so müßten Fik und Karline auch mit, denn die müßten ihr wieder bezeugen, daß sie die Nacht bei ihnen geschlafen hätte. In diesem Punkt mußte der Herr Amtshauptmann ihr nachgeben, und als Mamsell Westphal in ihre Stube gegangen war, sich geschwind ein Tuch und eine Kappe zu holen, ging der alte Herr mit großen Schritten in Gedanken auf und ab und fuchtelte mit seinem Jenenser Ziegenhainer in der Luft – denn ohne diesen ging er niemals aus – und sagte endlich: »Neiting, sie hat recht; die Mädchen können uns nicht schaden. Aber, Neiting,« – und hier schnüffelte er so ein bißchen in der Luft herum – »es riecht hier ja nach Spickaal; ist der alte Neils aus Gülzow mit seinen Aalen hier gewesen?« – »Was redest du, Weber? Das ist ja von ihr, sie hat ja über eine Stunde auf dem Räucherboden gesessen.« – »Das ist denn eine andere Sache!« sagte der alte Herr, und seine Frau mußte die beiden Dienstmädchen rufen. Als auch Mamsell Westphal gekommen war, war der Zug beisammen und ging ab, nachdem die Mamsell von der Frau Amtshauptmann einen Abschied auf Leben und Tod genommen hatte. Niemand sprach ein Wort, nur als sie an das Schloßtor kamen, beugte sich Mamsell Westphal zurück und sagte: »Fik, wenn wir auf den Markt kommen, dann lauf hinüber zum Herrn Doktor Lukow, er sollte sich einfinden in meinem Unglück; mir könnte was Menschliches passieren, denn mich könnten die Ohnmachten antreten.« Elftes Kapitel Warum Bäcker Witt durch seinen Meerschaum-Pfeifenkopf mit ins Komplott kommt; warum Mamsell Westphal den Herrn Amtshauptmann für eine weiße Taube und Fik Besserdich für einen Gottesengel ansieht, und was für eine Meinung sie von dem französischen Auditeur hat. Ging es auf dem Schloß schon ziemlich bunt her, so sah es in der Stadt noch viel bunter aus. Freilich, wenn so ein Haufen Einquartierung über eine kleine Stadt kommt, wenn die Bauern vom Lande und die Bürger aus der Stadt zu Hand- und Spanndiensten zusammengetrommelt werden, wenn hier der Jammer und das Elend weint und klagt, und dort der Uebermut sich breit macht – dann kann es nicht still hergehen wie in der Kirche. Aber als 1806 Murat und Bernadotte und Davout hinter dem alten Blücher herjagten, und er ihnen bei Speck und Waren die Zähne zeigte, als von Berlin das saubere Stichwort ausgegangen war: ›Ruhe ist die erste Bürgerpflicht‹ – da ging es ruhiger her als zu dieser Zeit; da war bloß von Befehl und Gehorsam die Rede. Da plünderten und brandschatzten die Herren Franzosen nach Herzenslust, und das Volk duckte sich, und einer schob sich hinter den andern, und die richtige Niedertracht gab sich allerwegen kund, denn ein jeder dachte an sich und seine Habseligkeiten, und Meister Kähler in Malchow sagte zu Frau und Kindern: »Ich muß mich retten – an euch ist nichts gelegen; ihr bleibt hier, wenn die Franzosen kommen,« – und lief ins Erlenbruch und kroch ins Rohr. – Faul und anrüchig war alles, von oben bis unten. Die Zeiten sollten sich ändern. Die Not lehrt beten, aber sie lehrt auch sich wehren. Schill brach los und der Herzog von Braunschweig; in ganz Deutschland begann es zu spuken; niemand wußte, woher es kam; niemand wußte, wohin es führen sollte. Schill zog quer durch Mecklenburg nach Stralsund, auf Befehl von Bonaparte mußten ihm die Mecklenburger bei Damgarten und Triebsees den Paß verlegen; sie bekamen Schläge, denn sie schlugen sich hundsvöttisch schlecht. Ein Schillscher Husar nahm eine ganze Korporalschaft lange mecklenburgische Grenadiere gefangen. »Kinder,« rief er ihnen zu, »seid ihr schon gefangen?« – »Ne,« sagte der brave Korporal, »uns hat niemand was gesagt.« – »Na, dann kommt nur mit!« – Und sie gingen mit. – War das Feigheit? War das Furcht? Wer unsere Landsleute 1813 und 14 gesehen hat, wer etwas vom Strelitzschen Husarenregiment gehört hat, der urteilt anders. Wenn ein Stamm in Deutschland das Zeug hat, auf einem Schlachtfeld zu stehen, dann hat's der Mecklenburger. – Nein, es war keine Feigheit: es war der Unwille, gegen das zu streiten, was sie selbst im tiefsten Herzen trugen und wünschten. Es spukte in Mecklenburg; und als es in Preußen losbrach, war Mecklenburg das erste Land in Deutschland, das folgte. So ist es gewesen, und so muß es auch bleiben. Und die Zeiten waren anders geworden. Unser Herrgott hatte im russischen Winter dem Franzosen die goldscheinende Schlangenhaut abgestreift. Er, der sonst als Herr herumgepocht hatte, kam als Schnorrer und Pracher zurück und wandte sich ans deutsche Erbarmen, und dieses schöne deutsche Gottesgeschenk bekam die Oberhand über den grimmigen Haß. Keiner wollte die Hand aufheben gegen den Mann, der von Gott geschlagen war; das Mitleid ließ vergessen, was er verschuldet hatte. Kaum aber hatte sich die frosterstarrte Schlange im warmen deutschen Bett wieder erholt, als sie auch wieder den Stachel wies, und die Schinderei sollte wieder losgehen. Aber das Gespenst in Niederdeutschland war zum Schatten geworden, und der Schatten bekam Fleisch und Bein und bekam einen Namen, und der Name wurde laut auf der Straße gerufen: »Aufstand gegen den Menschenschlächter!« – das war das Feldgeschrei. Aber das Feldgeschrei war kein Tagesgeschrei. Nicht ein Haufen unbedeutender junger Leute, nicht der Janhagel auf der Straße fing damit an – nein, die Besten und Vernünftigsten traten zusammen, nicht zu einer Verschwörung mit Messer und Gift, sondern zu einer Verbrüderung mit Wehr und Wort gegen angetane Gewalt; die Alten redeten das Wort, und die Jungen schafften die Wehr. Nicht auf offener Straße blitzte die erste Flamme empor; wir Niederdeutschen leiden kein Feuer auf der Straße; sondern ein jeder zündete es still in seinem Hause an, und der Nachbar kam zum Nachbarn und wärmte sich an seiner Glut. Nicht als ein Feuer von Tannenholz und Stroh, das zuletzt nur ein Häufchen Asche zurückläßt, schlug die Lohe zum Himmel – nein, wir Niederdeutschen sind ein hartes Holz, das langsam Feuer fängt, aber dann auch Hitze gibt. Und zu damaliger Zeit war ganz Niederdeutschland ein großer Kohlenmeiler, der in sich schwelte und glühte, heimlich und still, bis die Kohlen gar waren; und als sie frei waren von Rauch und von Flackerflammen, da warfen wir unser Eisen in die Kohlenglut und schmiedeten unsere Waffe und Wehre darin, und der Haß gegen den Franzosen war der Schleifstein, der machte sie scharf; und was dann kam, weiß jedes Kind auf der Straße, und sollte einer es nicht wissen, dann ist's deutsche Mannespflicht für seinen Vater, ihm das so einzubläuen, daß er seiner Lebtage es nicht vergißt. Auch in unserer Gegend schwelte und rauchte der Kohlenmeiler, und die Franzosen rochen es in der Luft; sie fühlten bei jedem Schritt und Tritt, daß der Boden, auf dem sie marschierten, unter ihnen bebte wie eine Sumpfdecke: sie mußten erfahren, daß die sonst so demütigen Beamten und Magistratspersonen anfingen sich zu winden und zu sträuben und widerhaarig zu werden; sie sahen, daß Bürger und Bauer unbotmäßig geworden waren, und sie legten ihre Hand schwerer auf das Land. Das war nun nicht das Mittel, den obstinaten Sinn sanfter zu stimmen; das Volk wurde immer widerhaariger; die Befehle von den Franzosen und für die Franzosen wurden mit Absicht falsch verstanden; was sonst glatt gegangen war, war jetzt lauter Verwirrung. Zäh wie ein Riemen wehrte sich das Volk mit Listen von allerlei Art, und die Franzosen, die wohl merken mochten, daß ihr Regiment hier bald ein Ende haben würde, nahmen, was sie mit den Zähnen davon wegziehen konnten; denn der Soldat wußte, daß seine Offiziere es nicht besser machten. So bald, wie er wirklich losbrach, hatten sie freilich keinen offenen Aufstand erwartet; hätten sie aber verstanden in den Gesichtern zu lesen, zum Beispiel nur in des alten Bäcker Witts Gesicht, als er von des Müllers Fuhrwerk aus der Scheune zurückgekommen war und nun über seiner Halbtür lag und seine Pfeife Tabak schmauchte und dabei so giftig spuckte und hinter den Franzosen hersah – sie hätten sich gehütet, den Bogen zu straff zu spannen. Zum wenigsten hätte der Franzose, der eben an ihm vorbeiging und ihm den silberbeschlagenen Meerschaumpfeifenkopf aus den Zahnen riß und in seinem Uebermut ruhig daraus weiterrauchte, sich schneller auf die Beine gemacht. Denn der Alte hatte kaum den Ruck in den Zähnen gefühlt, als er aus der Tür fuhr, so einen kleinen faustgroßen Stein auflas und diesen dem Franzosen ein bißchen unsanft in das Genick legte, sodaß dessen Kopf und der Pfeifenkopf in den Rinnstein rollten. Und gerade als der Herr Amtshauptmann mit seinem Weiberzug auf den Markt kam, schlugen Bäckergesellen und Franzosen und Nachbarn mit scharfen und mit stumpfen Dingern aufeinander los, bis ein Offizier dazwischen kam und sie auseinander brachte. Der alte Bäcker Witt wurde mit einem blutigen Kopf nach dem Rathaus geschleppt; denn er hatte sich an der grande nation vergriffen; und was er auch sagte, daß die grande nation sich an seinem Pfeifenkopf vergriffen hätte – nichts half, er mußte mit. Auf dem Rathaus saß des französische Auditeur und hatte den alten Müller Voß im Verhör über den abhanden gekommenen Franzosen. Der Mantelsack mit dem Geld lag auf dem Tisch; der Oberst von Toll und mein Vater, als Bürgermeister, waren dabei anwesend. Mein Vater hatte die Geschichte, so weit er sie wußte, ganz der Wahrheit gemäß erzählt; bloß daß der Uhrmacher auf seinen Befehl den sechs Franzosen hatte bange machen müssen, hatte er verschwiegen; denn er dachte so bei sich: wozu? Der Uhrmacher wird's wohl selber sagen, oder wenn er's nicht sagt, dann muß er doch durch Mamsell Westphals Zeugnis frei kommen. Mit dem Müller stand die Sache aber schlimmer: er war von allen, die bei der Sache beteiligt waren, der letzte gewesen, der den Franzosen gesehen hatte; er hatte ihn nach seiner Mühle mitnehmen wollen, und der Kerl war nicht zu finden. Für ihn sprach, daß er sehr betrunken gewesen war, und daß er aus freien Stücken das Geld abgeliefert hatte, und daß auch das Chasseurpferd von ihm ohne Umstände, als in Bäcker Witts Scheune befindlich, nachgewiesen wurde. Als er diese Angaben gemacht und aus meines Vaters Fragen gemerkt hatte, daß ihm seine Betrunkenheit etwas nützen könnte, machte er eine grauliche und umständliche Beschreibung davon und blieb dabei, auf alle Fragen zu antworten: er wisse von nichts, denn er wäre rechtschaffen ›duhn‹ gewesen; wenn man aber Friedrich fragen wollte – der müßte alles wissen. So stand die Sache, als draußen auf dem Markt die Schlägerei mit Bäcker Witt losging. Mein Vater sprang aus der Tür, um zum Rechten zu sehen, da wurde auch schon der alte Witt herangeschleppt, wobei er denn ab und zu mit seinem Geleite ein paar Knüffe wechselte und für seine ›Spitzbuben und Räuber‹ ein paar ›Bougre‹ und ›Sacré‹ eintauschte. Dadurch, daß er in die Gerichtsstube hineingeschleppt wurde, wurde es drinnen nicht eben ruhiger; er schimpfte, er schalt, und mein Alter hatte himmelsgenug zu tun, ihn nur halbwegs still zu kriegen. – »Meinen Pfeifenkopf, Herr Bürgermeister! Ein Erbteil von meinem Vater! Was? Und den mir vor meinen sichtlichen Augen aus den Zähnen zu reißen! Was? Bin ich ein Stavenhäger Bürger oder nicht?« – Die Franzosen schnatterten und sackerierten dazwischen; Oberst von Toll war hinausgegangen, und der Auditeur befahl, den Bäcker zu binden, auf den Wagen zu werfen und mitzunehmen; das Weitere würde sich finden; er hätte sich an dem Franzosen vergriffen, und das wäre genug. Da trat mein Vater ihm entgegen und setzte ihm auseinander: der Bäcker wäre ein ehrlicher Mann, er hätte Lasten und Kriegskontributionen getragen und sich nicht gegen das französische Regiment, sondern nur gegen einen gewöhnlichen Spitzbuben gewehrt; oder ob etwa die Franzosen jetzt schon silberbeschlagene Pfeifenköpfe für Kriegskontributionen ansähen? – Dies stieg dem Franzosen in die Krone; er schnauzte meinen Vater an und machte ihm begreiflich, er wäre selber gar nicht in allzu großer Sicherheit. Mein Vater war ein kratzbürstiger Mann, und wenn er einmal etwas für Recht erkannt hatte, war er so hartköpfig, wie ein richtiger Mecklenburger überhaupt nur sein kann. Das wüßte er, sagte er, daß heutzutage kein ehrlicher Mann in seinem eigenen Lande sicher wäre – er für sein Teil aber hielte es für seine Pflicht, seinem Bürger beizustehen in einer gerechten Sache, und das würde er tun, und wenn auch so viele Franzosen im Lande wären, daß man Schweine damit füttern könnte. – Der Franzose schäumte vor Wut und sprudelte den Befehl heraus, meinen Alten sogleich zu arretieren und aus der Stube zu führen. Als dies nun losgehen sollte, sprang der alte Bäcker Witt vor und schoß ein paarmal mit ›Schnurrer und Spitzbuben‹ dazwischen, und auch Müller Boß war schon dabei, Faust und Mundregister in Stand zu setzen, als der Oberst von Toll wieder hereinkam und, als er erfahren hatte, was der Lärm bedeutete, sagte er: der Bäcker hätte in der Pfeifenkopfgeschichte recht; er hätte sich draußen danach erkundigt, und die ganze Geschichte wäre eine Nebensache; aber der Bäcker wäre derselbe Mann, in dessen Scheune das Chasseurpferd stände, und es käme ihm vor, wie wenn hier in einem großen Komplott ein Mord begangen wäre – und dabei sah er meinen Vater sehr scharf an – und das sollte herausgebracht werden, dafür setzte er sein Leben zum Pfande; und wenn es hier nicht heraus zu kriegen wäre, dann wüßte er ein Plätzchen, wo es wohl herauskommen sollte – und das Plätzchen hieße Stettin. Mein Vater, Müller Voß und Bäcker Witt erhielten nun Befehl, hinaus zu gehen; sie wurden in einer anderen Stube unter Wache gehalten, und der Herr Amtshauptmann wurde hereingerufen. Der alte Herr kam gerade aufgerichtet und stattlich, wie sich 's für einen ersten Beamten und ein gutes Gewissen gehört, mit dem Ziegenhainer in der Hand, zur Tür herein. Einer von den Franzosen wollte die Tür hinter ihm zumachen; aber so ging das nicht: Mamsell Westphal klemmte sich mit Nachdruck durch die Tür, und hinter ihr her schoben sich Fik und Karline in ihrem breiten Fahrwasser mit hindurch; denn sie wollten auch nicht, wie sie sagten, zum Spektakel für die Leute zwischen all den alten Franzosenkerls auf der offenen Diele stehen; und Mamsell Westphal sagte, als sie sich durchklemmte: »Musjöh Franzos, parduhn! Wo der Herr Amtshauptmann bleibt, bleibe ich auch; denn er ist mein Schutz.« Als der alte Herr hereinkam, drehte der Oberst sich um und sah aus dem Fenster. Der Auditeur fragte nun den Herrn Amtshauptmann durch den Dolmetscher, wer er wäre, und wie er hieße. – »Ich bin erster Beamter hier im Stavenhäger Amt, und mein Name ist Jochen Weber,« – und damit legte er Hut und Stock auf den Stuhl. Bei dem Namen ›Jochen Weber‹ war es, wie wenn der französische Oberst hellhörig würde; er drehte sich halb um und sah den alten Herrn an, und es war, als wollte er ihn nach etwas fragen; doch unterließ er es und sah wieder aus dem Fenster. Dem Herrn Amtshauptmann wurde nun bedeutet, er solle sich setzen. »Ich danke Ihnen,« sagte er; »zu meiner Bequemlichkeit bin ich hier nicht hergekommen, und im Verhör zu sein, ist eine zu ungewohnte Sache für mich, als daß ich sie im Sitzen abmachen könnte.« – Er erzählte nun auf Befragen von dem ersten Auftreten des Chasseurs und alles, was er davon wissen konnte; und, schloß er seine Rede: wenn man dem Müller daraus ein Verbrechen machen wollte, daß er geholfen hätte, den Kerl betrunken zu machen, dann träte er selber vor den Riß, denn auf sein Geheiß, hätte der andere sich auf die Sache eingelassen, und er wäre sein Vorgesetzter. – Hier lachte der Auditeur höhnisch auf und meinte, es sei spaßig, daß der Bürgermeister erst für seinen Bäcker, und daß der Amtshauptmann jetzt für seinen Müller eintreten wolle. – »Und darüber lachen Sie?« fragte der alte Herr so ruhig, als hätte er mit Fritz Sahlmann zu tun; »ist das in Frankreich nicht so? Sind in Ihrem Lande die Beamten nur dazu da, den Leuten das Fell über die Ohren zu ziehen? Müssen sie ihnen nicht in einer gerechten Sache beistehen? Und ist es nicht eine gerechte Sache, wenn man sich einen Räuber und Spitzbuben, der die Gewalt hat, mit ein paar Flaschen Wein vom Halse schafft?« Damit hatte er denn nun wieder dem Kalb ins Auge geschlagen. Räuber und Spitzbube und ein französischer Chasseur, das waren zwei Dinge, die sich nicht zusammenreimen konnten, oder besser gesagt: wollten. Der Oberst hatte sich vom Fenster abgewandt und ging mit großen Schritten hinter dem alten Herrn auf und ab, der Auditeur fuhr ihn mit harten Worten an; der Herr Amtshauptmann blieb ruhig, ging an den Tisch, holte aus dem Mantelsack des Franzosen einen silbernen Löffel heraus, hielt diesen dem Auditeur hin und sagte: »Sehen Sie hier dies Wappen! Ich kenne es und kenne auch die Leute, die es führen. Diese Art Leute verkaufen ihre silbernen Löffel nicht, und nach meiner Meinung hat ein ehrlicher Soldat was anderes zu tun, als Handel mit silbernen Löffeln zu treiben.« – Hiergegen war nun nicht viel zu sagen, der Auditeur machte also einen geschickten Seitensprung und kam auf den Uhrmacher und fragte den alten Herrn, wie dieser in die französische Uniform hineingekommen wäre, und was er Nachts auf dem Schloß zu tun gehabt hätte? – »Da fragen Sie mich zu viel,« sagte der Herr Amtshauptmann, »ich habe ihn das nicht geheißen; ich habe ihn nur am Abend, als der Müller mit dem Chasseur fortfuhr, flüchtig gesehen, und daß er die Nacht auf dem Schloß geblieben ist, ist gegen meinen Willen und ohne mein Wissen geschehen.« Der Auditeur mochte wohl merken, daß mit dem alten Herrn nicht viel aufzustellen war; er brach die Sache ab und bedeutete dem Herrn Amtshauptmann, er könne gehen, solle sich aber nicht aus dem Rathaus entfernen. »Schön!« sagte der alte Herr, und drehte sich um. »Also bis auf ausgemachte Sache.« Als er sich umdrehte und Hut und Stock nehmen wollte, hatte der französische Oberst seinen Stock in der Hand und betrachtete diesen so eifrig und doch so unsicher, wie wenn einer in der Zeitung seine Nummer mit dem großen Los findet. Und auf dem Stock war auch wirklich was zu lesen, denn er war aus des alten Herrn Jenenser Studentenzeit, und Name bei Namen war darauf eingeschnitten. Der Herr Amtshauptmann sah ihn einen Augenblick an, machte darauf ihm so eine flüchtige Verbeugung von oben herab und sagte: »Mit Verlaub, Herr Oberst, meinen Stock.« – Der Oberst fuhr etwas verlegen zusammen und gab ihm den Stock; und als der alte Herr aus der Stube ging, ging er ihm nach. Mamsell Westphal wollte ihm nun auch nach, und Fik und Karline schickten sich ebenfalls dazu an; aber »'alt! 'alt!« schrie der Auditeur, und wer nicht heraus kam, waren die drei Frauenzimmer. Mamsell Westphal hat später oftmals und vielmals dieses Verhör und ihren Zustand darin erzählt; aber immer fing sie damit an: ihr wäre zumute gewesen, als hatte sie auf dem Stavenhäger Glockenturm gestanden, wo die Glocken hingen, und alle die Glocken, groß und klein, hätten ihr in die Ohren gesummt, und als der Herr Amtshauptmann von ihr fortgegangen wäre, wäre es gewesen, als flöge eine weiße Taube aus dem Schalloch, und sie hätte ihm nachspringen wollen auf Leben und Sterben; aber der Kerl, den sie Auditeur geschimpft, der hätte sie am Rocksaum festgehalten. »Und,« setzte sie dann hinzu, »Frau Meistern, ich habe ein gutes Dutzend von Auditoren Bezeichnung für die angehenden mecklenburgischen Domanialbeamten. gekannt, die der Herr Amtshauptmann alle zusammen in der Lehre gehabt hat, und es waren lauter lustige Vögel; aber so ein bunter Vogel, und so ein Galgenvogel, wie dieser französische Auditor, war nicht darunter; denn sehen Sie, Frau Meistern, der Kerl hatte einen bunten Livreerock an, und der Galgen stand ihm auf dem Gesicht.« Mamsell Westphal ging es, wie vielen ehrlichen Seelen: sie haben eine große Angst vor einer Gefahr, die in der Ferne droht; find sie aber erst mitten drin, dann spielen sie damit; sie sind wie die Mücken: den Rauch können sie nicht vertragen, aber das Feuer lockt sie an. Als sie sah, daß die Brücken hinter ihr abgebrochen waren, und daß die Sache zur Entscheidung kam, stemmte sie die Hände in die Seiten, trat vor und stellte sich auf dieselbe Stelle, wo der Herr Amtshauptmann gestanden hatte. »Denn,« sagte sie nachher, »ich hatte gesehen, daß er so stolz dort gestanden hatte, und sein Geist kam über mich.« Der Auditeur fragte nun: was sie vom Uhrmacher wüßte. – »Ich weiß von ihm nichts, als daß er ein Deutschverderber ist, daß er zu Brot ›düh päng‹ und zu Wein ›düh wäng‹ sagt, und das ist das Ganze.« – Wie er in die französische Uniform gekommen wäre? – »Ich weiß nicht, wie er da hineinkommt, und weiß auch nicht, wie er da herauskommt; er wird es wohl so machen, wie die anderen Mannsleute alle.« – Warum er den Abend auf das Schloß gekommen wäre? – »Aufs Schloß kommen viele Leute, und lauter ehrliche Leute, mit Ausnahme von denen, die die Gendarmen bringen; und wenn ich mich darum kümmern sollte, was die alle vorhaben, dann könnte der Herzog mich zum Amtshauptmann machen, und der Herr Amtshauptmann könnte dann die Küche befolgen.« – Warum der Uhrmacher am Abend nicht nach Hause gegangen wäre? – »Weil es ein Wetter war, worin man keinen Hund aus der Tür jagt, viel weniger einen Christenmenschen, und ich halte den Mann vorläufig für einen Christen, wenn auch für keinen richtigen; denn wie ich nur gehört habe, geht er des Nachts auf die Hasenjagd – warum nicht bei Tage, wie andere Leute? – und dann bedient er sich eines Schemels mit einem Bein, den er sich hinterwärts anschnallt, und jeder andere Christenmensch sitzt auf einem Schemel mit drei Beinen; und er hat unsere Karline zu dieser albernen Mode auf der Kuhweide verführen wollen; sie hat ihm aber gedient: wenn es in seinem Lande Mode wäre, so könnte er ja mit dem Pfahl hintenraus herumlaufen – sie aber wollte sich nicht auf dem Melkplatz zum Eulenspiegel machen.« – Warum sie aber den Uhrmacher heimlich in ihre Stube aufgenommen hätte? – Hier schwieg Mamsell Westphal still; das Blut schoß ihr glühend heiß ins Gesicht über die Unverschämtheit von dem französischen Kerl; das war die Frage, die sie auf die Flucht und auf den Räucherboden getrieben hatte; aber als sie in ihrer wirklichen Herzensangst nach einer Antwort suchte, kam ihr Hilfe. Fik Besserdich und Karline drängten sich an sie heran und schossen nun los: das wären Lügen! Das wären ausgestunkene Lügen! Und sie wollten's beschwören: ihr Mamselling hätte bei ihnen geschlafen, und sie wollten's dem Herrn Amtshauptmann sagen. Und wenn es so losgehen sollte, dann könne es ihretwegen losgehen. – Es gab einen greulichen Lärm, und wenn der Auditeur kaum Ruhe gestiftet hatte, dann gingen sie wieder los mit spitzen Redensarten, bis endlich die ganze Gesellschaft herausgebracht wurde. »Frau Meistern,« sagte Mamsell Westphal nachher zur Weberfrau Stahl, »Sie wissen, ich habe mich immer geärgert über Fik Besserdichs loses Maulwerk; aber kein Gottesengel konnte mir in diesem Augenblick treuer zur Seite stehen, als sie mit ihrem Keifen. Frau Meistern, der Mensch soll das nicht verachten, was ihm zu Zeiten unbequem ist; wer weiß, wozu er's brauchen kann; und dazu gehört ein gutes Mundwerk und dabei bleib' ich. Und gedenken will ich's dem Mädchen.« Zwölftes Kapitel Warum der Herr Amtshauptmann und der französische Oberst sich beinahe geküßt hätten; warum meine Mutter den Herrn Amtshauptmann am Rock zupfte, und der korsikanische Lindwurm meinen Vater und meinen Onkel Herse wegschleppte. Als der Herr Amtshauptmann aus der Gerichtsstube trat, ging er schnurstracks nach der anderen Seite der Diele nach einem Ort, an den er vorher und nachher oft gekommen ist, nach der Stube meiner Mutter – denn wir wohnten im Rathaus. Meine liebe Mutter saß und nähte, und wir Kinder spielten um sie herum; denn was machen Kinder sich viel aus ernsten Ereignissen? Sie aber war ängstlich und traurig: still saß sie da und hörte vielleicht den Lärm gar nicht, den wir Um sie herum machten; sie wußte vielleicht noch gar nichts von dem schlimmen Handel, worin mein Vater saß, denn es war nicht seine Sache, seine Drangsal aufgeregt zu erzählen; aber mit einer guten Frau hat es seine eigene Bewandtnis: weiß ein tüchtiger Mann gleich auf der Stelle, woher der Wind weht, so weiß eine gute Frau schon lange vorher, daß etwas in der Luft ist. Der alte Herr kam also zu ihr in die Stube und sagte: »Guten Morgen, mein Herzenskindting! Wie geht es Ihnen? Viele Unruhe mit dem alten Franzosenvolk! Ne, was denn?« – Meine Mutter streckte ihm die Hand entgegen, denn sie hielt viel von dem alten ehrenwerten Mann, der so manche Stunde bei ihr saß und mit Weisheit und Rechtschaffenheit die Erfahrungen seiner grauen Haare vor ihr ausschüttete, und der doch lebendig und lustig genug war, um dann und wann ein bißchen Puder inzwischen zu stauben, wenn er von seiner Jenenser Studentenzeit erzählte, wie er und sein Bruder Adolf Dietrich – ›der Professor juris utriusque in Rostock, mein Herzenskindting‹ – im Amicistenorden herumgewirkt hatten. Meine Mutter hielt ihm die Hand entgegen, denn aufstehen konnte sie nicht; sie war in einer schweren Krankheit lahm geworden, und ich habe sie nicht anders gekannt, als daß sie in ihren guten Zeiten auf einem Stuhl saß und nahte – so fleißig, so fleißig, als wären ihre armen schwachen Hände gesund – und daß sie in ihren schlimmen Zeiten zu Bette lag und unter Schmerzen in den Büchern las. Was das für Bücher waren, weiß ich nicht mehr; aber Romane waren es nicht, und das weiß ich nur, daß des alten Herrn Amtshauptmanns Marc Aurel auch mit unterlief, denn ich mußte ihn hm und her tragen. Frauen bange zu machen, war nun des alten Herrn Sache nicht, und statt von dem Trubel in der Gerichtsstube zu reden, fing er lieber mit dem schlechten Wetter an und machte gerade eine kleine Beschreibung der Pfützen auf dem Stavenhäger Markt – denn der war damals noch nicht gepflastert – als die Tür aufging und der französische Oberst hereinkam. Der machte meiner Mutter einen kurzen Gruß und ging an den Herrn Amtshauptmann heran; wir Kinder ließen unser Spielwerk und krochen in der Ofenecke zu einem Klumpen Zusammen, wie die Hühner, wenn der Habicht in der Luft ist, und mögen ja wohl gedacht haben: »Wie dies wohl abläuft?« Dasselbe dachte wohl auch meine Mutter, denn sie sah den alten Herrn so ängstlich an, weil in sein Angesicht so ein ernsthaft vornehmer Ausdruck kam, den sie an ihm nicht gewöhnt war. Der Franzose trat aber gar nicht barsch auf, und in dem Klang seiner Stimme lag eine freundliche Höflichkeit, als er den alten Herrn fragte: »Um Vergebung, ich hörte eben in der Gerichtsstube den Namen Weber – heißen Sie Weber?« – »Jochen Heinrich Weber,« sagte der Alte kurz und stand gerade wie ein Pfahl. – »Haben Sie nicht einen Bruder, der Adolf Dietrich heißt?« – »Adolf Dietrich, Professor in Rostock,« antwortete der alte Herr und rührte kein Glied. – »Herr Amtshauptmann,« sagte der Franzose und streckte ihm beide Hände entgegen, »lassen Sie vergessen sein, was heute morgen zwischen uns passiert ist; Sie gehen mich näher an, als Sie glauben. Ich habe auf Ihrem Stock einen Namen gelesen, der mir tief ins Herz geschrieben ist. Sehen Sie hier: Renatus von Toll.« – »Und den Mann kennen Sie?« fragt der alte Herr, und es war, wie wenn in seinem Gesicht ein helles Morgenrot aufginge. – »Wie sollte ich nicht!« sagte der Oberst; »es ist ja mein Vater.« – »Mann!« sagte der alte Herr, »Mann! Ne, was denn? Was denn?« – Und schob den Obersten ein Stückchen von sich zurück und sah ihm in die Augen, »Sie Renatus von Tolls Sohn?« – »Ja, und er hat mir oft und viel von seinen besten Freunden erzählt, von den beiden Weber, von den beiden langen Mecklenburgern.« – »Mein Herzenskindting,« rief der alte Herr und wandte sich an meine Mutter, »von wem habe ich Ihnen erzählt, am meisten erzählt? Ne, was denn? Von dem braven Westfalen, von dem Renatus?« – Meine Mutter nickte mit dem Kopf, denn die Freude des alten Herrn hatte so etwas an sich, was ihr die Tränen in die Augen brachte, und wir dummen Gören krochen auch hinterm Ofen hervor und Wurden dreister, und es war uns zumute, wie wenn ein Mutterbrudersohn ins Haus gekommen wäre. – »Jüngchen, Jüngchen!« rief der alte Herr, »ich hätte Sie kennen müssen, wenn die verdammte französische Uniform ... nein, lassen Sie's gut sein! Das wollte ich nicht sagen,« setzte er rasch hinzu, als er bemerkte, daß dem Obersten das Blut ins Gesicht schoß. »Sagen Sie mal, Kindting, hat Ihr Vater noch die hellen braunen Augen? Ne, was denn? Hat er noch die krausen, braunen Haare? Ne, was denn? – Ein prächtiger Mensch, mein Herzenskindting!« sagte er zu meiner Mutter, »ein Mensch, dem unser Herrgott den Mann auf die Stirn geschrieben hat!« – Der Oberst sagte denn nun, die braunen Augen wären wohl noch da; aber die braunen Haare wären auch schon verblaßt. – »Wahr! Wahr!« sagte der Herr Amtshauptmann; »das muß wohl so sein, Adolf Dietrichs Haare find auch schon grau. – Aber nun, mein Herzenskindting, nun kommen Sie mit mir nach dem Schloß hinauf und bleiben Sie eine Zeitlang bei mir. Weiß Gott, dies ist das erstemal, daß ich einen französischen Offizier einlade, bei mir Zu bleiben. Aber Sie sind ja eigentlich kein französischer Offizier, Sie sind ja ein Deutscher. Der Sohn von Renatus von Toll kann nur ein braver Deutscher sein, mein Herzenskindting,« sagte er und wandte sich dabei an meine Mutter, »ne, was denn?« – – Meine Mutter sah, wie es bei des alten Herrn Rede den Obersten heiß und kalt übergoß; sie winkte und blinzelte ihm zu; aber vergebens; und als er nun bei der letzten Frage ihr näher kam, zog sie ihn sachte am Rock, daß er schweigen solle. – Der alte Herr wandte sich kurz um und fragte: »Mein Herzenskindting, was zupfen Sie mich?« – Nun war die Reihe, rot zu werden, an meiner Mutter. Der Oberst hatte sich aber unterdessen gefaßt, er machte meiner Mutter eine leichte Verbeugung zu und sagte ernst und fest zu dem alten Herrn: »Herr Amtshauptmann, Ihre Einladung muß ich ausschlagen, denn in einer halben Stunde muß ich marschieren – und was diese Uniform anbetrifft, die Ihnen nicht gefällt, auch nicht gefallen kann – ich will es zugeben – so kann ich sie nicht dadurch beschimpfen, daß ich sie in der Stunde der Gefahr ausziehe. Sie sagen, ich bin ein Deutscher, meines Vaters Sohn muß ein Deutscher sein – Sie haben recht – aber wenn Sie mir ein Verbrechen daraus machen wollen, daß ich auf der anderen Seite stehe, dann schreiben Sie es nicht mir ins Gewissen, sondern meinem Landesherrn! Als ich Soldat wurde, stand der Kurfürst von Köln in einem Bündnis mit Frankreich, und als ich vor vier Jahren nach Spanien gehen mußte, lag ganz Deutschland mit allen seinen Fürsten dem französischen Kaiser zu Füßen. Seit drei Wochen bin ich aus Spanien zurück und finde Deutschland anders, als es war; was mir da durch den Kopf und durchs Herz gegangen ist, ist meine Sache; und wenn ich darüber mit einer Menschenseele reden sollte, dann könnte es nur mit meinem Vater geschehen; für den besten Jugendfreund meines Vaters muß das genug sein; es ist mehr, als, ich jemals zu einem anderen Menschen in dieser Angelegenheit gesagt habe.« Der alte Herr stand unterdessen vor ihm und sah ihm fest in die Augen und schüttelte dann und wann den Kopf, aber als er gewahrte, daß auf des Obersten Gesicht so ein rechter treuherziger Ernst lag, da wandte er seine Augen ab, und als der Oberst seine Rede schloß, sagte er: »Das ist denn eine andere Sache!« und drehte sich nach meiner Mutter um und sagte: »Mein Herzenskindting, ne, was denn? Der Mann hat recht. Renatus von Tolls Sohn hat recht. Nur schade, daß er recht hat!« – und faßte den Obersten an der Hand: »Mein lieber junger Freund, und hier bleiben können Sie nicht?« Und als der Oberst ihm versicherte, das sei unmöglich, rief er mich und sagte: »Fritz, Junge, du kannst schon eine Bestellung auslichten – lauf zu Neiting, zur Frau Amtshauptmann, und sage ihr, sie sollte herunterkommen, hier wäre ein erfreuliches Ereignis eingetreten, hörst du: ein erfreuliches Ereignis . Sonst ängstigt sie sich, mein Herzenskindting,« sagte er zu meiner Mutter. Na, ich lief denn nun, so schnell ich konnte, nach dem Schloß hinauf, und es dauerte auch nicht lange, da ging die Frau Amtshauptmann neben mir, still und leise, wie es ihre Art war, und ich hüpfte wie eine Bachstelze um sie herum, daß sie genug zu tun hatte, mich vor Pferden und Wagen in acht zu nehmen. Als wir über den Markt gingen, rüsteten die Franzosen stark zum Abmarsch, die Kanonen hielten angespannt da, das Bataillon stand in Reih und Glied, und man konnte sehen, daß es losgehen sollte. Die Frau Amtshauptmann ging ins Rathaus, sollte aber nicht weit kommen, denn auf der Diele wurde sie von Mamsell Westphal und den beiden Mädchen abgefangen, und ehe sie sich's versah, stand sie mitten in dem Knäuel von Mördern und Totschlägern bei Bäcker Witt, dem Uhrmacher Droz und Müller Voß, und jeder erzählte ihr seine Suche, und um dieses Knäuel wickelten sich nun noch Herrn Droz' Frau und Kinder mit Bitten und Weinen, und Frau Meistern hatte Mamsell Westphal hinten an dem Rockbund gefaßt und hatte sich, als wollte die alte Dame ins Wasser springen und sie müßte sie vor dem Selbstmord bewahren. Bäcker Witt schoß noch ab und zu einen Spitzbuben los, aber es war nur noch halbe Pulverladung in ihm, und als er das Jammern von des Uhrmachers Frau hörte, fiel ihm sein eigener Hausstand ein und er rief mich: »Fritzing, lauf 'rüber nach meinem Haus, mein Jünging, sollst auch einen Zuckerkringel haben, und rufe meinen Johann und meine Tochter, was die Strübingen ist, und sage ihr, sie sollten 'rüber kommen, denn die Spitzbubenfranzosen würden mich nun auch wohl mitnehmen in ihr gottvergessenes Land, wie sie's vordem schon mit meinem fünfjährigen braunen Fohlen gemacht hätten.« Ich bestellte den Auftrag, und als ich mit Johann und der Frau Strübing und dem Zuckerkringel zurückkam, hielt Müller Vossens Vetter Hinrich mit der alten Müllerfrau und Fiken Voß vor dem Rathaus auf Hinrichs Wagen; denn die Armeegendarmen hatten sich Zuletzt doch richtig nach der Gielowschen Mühle hingetastet und hatten da das ganze Nest ausgenommen. Nun ging das Jammern und Weinen von frischem los, und die einzige, die ruhig blieb, war Fiken. Sie fragte ihren Vater leise: »Hast du das Geld abgegeben?« – Der alte Müller zeigte auf die Gerichtsstube und sagte: »Da liegt's.« – »Vatting, dann sei nur getrost, unser Herrgott wird dich nicht verlassen.« Mein Vater war die ganze Zeit über still für sich auf der Diele hin- und hergegangen; in ihm mußte es wohl nicht ruhig sein, denn manchmal stand er still und fuhr sich in die Haare, wenn er das Jammern der Frauen anhörte, und einmal ging er an Herrn Droz heran und sagte: er solle sich nicht ängsten, für ihn sei es nicht so schlimm. Herr Droz nickte mit dem Kopf und sagte: » Bon! « – wurde einen ganzen Zoll größer, streckte das eine Bein vor und setzte getrost den Arm in die Seite. Nun mußte ja wohl so weit alles in Ordnung sein, denn der Adjutant rief den Obersten aus meiner Mutter Stube, und als dieser herauskam, hatte er eine viel freundlichere Miene aufgesetzt und ging mit dem Herrn Amtshauptmann an die Gefangenen heran und ordnete an, Mamsell Westphal und die beiden Mädchen sollten in Freiheit gesetzt werden. Und Mamsell Westphal tauchte dreimal mit einem Knix unter und sagte: »Ich bedanke mich auch, Herr Oberst von Toll.« – Der Herr Amtshauptmann gewahrte seine liebe Frau in dem Haufen und machte sie auch frei und während er sie dem Obersten vorstellte und ihr erzählte, was sich begeben hätte, kommandierte der Adjutant: Marsch! – und Müller Voß, Bäcker Witt und Herr Droz sollten hinausgebracht werden. Müllers Fiken hatte ihren Vater an den Arm gefaßt und wollte nicht von ihm lassen, und als sie mit Gewalt von ihm gerissen wurde, blieb sie ganz ruhig und sagte: »Vatting, wo sie dich auch hinbringen, ich bleibe doch bei dir.« – Mit dem alten Bäcker ging es leichter; er spuckte dreimal kurz aus, schoß ein paar Spitzbuben auf Gewinn und Verlust in die Luft, sagte seinem Johann kurz von der Wirtschaft Bescheid und ging aus der Tür. Aber mit dem Uhrmacher war es schlimmer: seine Frau und seine kleinen Kinder hängten sich an ihn und jammerten auf Deutsch und Französisch; daß es einen Stein erbarmen konnte. Jetzt konnte mein Vater es nicht länger aushalten; er trat vor und fragte, weswegen der Uhrmacher gefangen weggeführt werden sollte? Der Mann wäre ein ansässiger Bürger, der sich niemals etwas hätte zuschulden kommen lassen. Daraus, daß er oben auf dem Schloß die Nacht geschlafen hätte, könnte ihm niemand ein Verbrechen machen, denn der Herr Oberst und der Herr Adjutant hätten ja auch oben geschlafen, und daß er eine französische Uniform hätte, wäre natürlich, weil er unter den Franzosen gedient hätte; und daß er sie dann und wann anzöge, könnten ihm die Franzosen nur zugute rechnen, denn der Mann bewiese dadurch, daß er noch mit Lust und Liebe an die Zeit dächte, wo er sie in ihren Reihen getragen hätte. – Er hätte die Uniform mißbraucht! schrie der Adjutant dazwischen. – Das wäre nicht wahr! rief mein Vater. Das wäre kein Mißbrauch, wenn man sich durch eine unschuldige List Räuber und Spitzbuben vom Leibe hielte; und der Beweis, daß sie mit so einer Rasse zu tun gehabt hätten, läge in des Franzosen Mantelsack. Der Adjutant sah meinen Alten wütig und giftig an, als hätte er ihm gerne eins mit dem Degen versetzen wollen; der Oberst trat heran mit einem Gesicht, worin ein ganzes Donnerwetter heraufzog, und winkte mit der Hand, den Uhrmacher abzuführen; aber mein Vater, bei dem jetzt die kratzige Seite ganz herausgekommen war, sprang vor und rief: »Halt! Der Mann ist unschuldig, und wenn hier einer Schuld hat, dann bin ich's, denn auf meinen Auftrag und Befehl hat der Mann das Stück verübt. Wenn hier einer arretiert werden soll, dann bin ich's.« – »Kann geschehen,« sagte der Oberst kalt; »laßt den Mann los und nehmt diesen!« – »Mein Herzenskindting!« rief der Herr Amtshauptmann, »was tun Sie?« – »Meine Pflicht, Herr Amtshauptmann,« sagte der Oberst und gab ihm die Hand. »Leben Sie wohl, Herr Amtshauptmann, meine Zeit ist um!« Damit ging er aus dem Hause. Die ganze Sache ging so rasch vor sich, daß die meisten gar nicht wußten, wovon die Rede war; ich am allerwenigsten, denn ich war nur noch ein kleiner Dummbart; aber ich verstand doch schon so viel, daß mir klar wurde, mein Vater hatte sich etwas in die Suppe gebrockt und säße jetzt ganz niedlich drin. Ich fing denn nun natürlich zu weinen an, und als die kleinen Uhrmacherkinder ihre Tränen trockneten, liefen mir die Tränen über die Backen. Ich drängte mich hinter meinem Vater her, als er nach der Straße hinausgeschoben wurde; auch der Herr Amtshauptmann folgte. – »Herr Amtshauptmann,« sagte mein Vater, »trösten Sie meine arme Frau! Und du, Fritz,« rief er mir zu, »hol mir meinen Hut.« Ich lief ins Haus und holte den Hut; und als ich ihn brachte, hob er mich auf und gab mir einen Kuß und sagte mir ins Ohr: »Sag Mutting, ich wäre bald wieder hier.« Nun ging der Zug denn ab, zwei Mann vorne, zwei Mann hinten, und in der Mitte Müller Boß, Bäcker Witt und mein Vater. Als sie am Spritzenhause vorbeikamen, ging die Tür auf, und wer kam heraus? Mein Onkel Herse, ebenfalls mit zwei Mann, denn den hatte der Kanonenoberst vorläufig da einsperren lassen wegen des Ausreißens der Bauern. »Mein Gott!« sagte mein Vater, »Herr Ratsherr, was ist denn mit Ihnen?« – »Fürs Vaterland, Herr Bürgermeister!« rief mein Onkel Herse; »ich habe mich mit Mamsell Westphal in eine Verschwörung eingelassen, und nun hat mich der korsikanische Lindwurm in seinen Krallen; aber eigentlich ist es wegen Müller Vossens Fuhrwerk und wegen der alten verschmitzten Bauern.« – Sie erzählten sich nun in aller Kürze ihre Geschichte, und mein Onkel Herse ging mit seinem Dreimaster und mit seinem bunten Kragen so stattlich die Straße hinunter, als kommandierte er das Ganze. Mein Onkel Herse war kein Hasenfuß, er fürchtete sich nicht, er hielt dies für seinen größten Ehrentag; und als wäre er in der Nacht nach dem Regen zwei Zoll gewachsen, ging er hoch aufgerichtet die Brandenburger Straße entlang und grüßte nach rechts und nach links, nach Juden und Christen, und blinzelte dem Spritzenmeister Tröpner mit den Augen zu, er sollte ja nicht verraten, was er wüßte; und legte den Finger aus den Mund, als er am Juden Salomon vorbeiging, zum Zeichen, daß er schweigen solle; und kaum war er aus dem Tor heraus, da erzählte die alte Weberfrau Stahl allenthalben, den Herrn Ratsherrn hatten die Franzosen mitgenommen, sie wollten aus ihm einen General machen; die andern würden aber wohl aufgehängt werden. Dreizehntes Kapitel Warum Fritz Sahlmann in den Lehm fiel, Schuster Bunt einen mit dem Flintenkolben bekam, Herr Ratsherr Herse alle Mühlen im ganzen Lande anzünden will, und warum der König von Preußen für den Herrn Ratsherrn immer ein Gedeck bereithält. Als unsere Gefangenen aus dem Brandenburger Tor kamen, marschierten sie mit ihren zwei Mann hinten und zwei Mann vorne über den Amtsbrink den alten Brandenburger Weg entlang – denn Chausseen gab es damals noch nicht in Mecklenburg – und als sie in den Hohlweg kamen, der den Mühlenberg hinaufführte, den die Stavenhäger Bürger den ›Pferdetod‹ und auch wohl ›das Hals- und Bein-Ende‹ nannten, kommandierte die Wachtmannschaft Halt, und weiter ging es absolut nicht. Das ganze Kanonenfuhrwerk lag im Hohlweg und war dort im Lehm versunken, und wenn alle Pferde aus Stadt und Amt, die jetzt nicht da waren, zum Vorspann bei der Hand gewesen wären, sie hätten diesen Klumpen Unglück nicht aus dem Lehm gekriegt. Da saßen nun die Franzosen und wetterten und fluchten. Die Tagelöhner aus der Stadt und vom Amtsbrink wurden mit Hacke und Schaufel herangeschleppt, und frische Pferde wurden aus dem ritterschaftlichen Gebiet, aus Jürgensdorf und Klokow herankommandiert; und dabei regnete es, daß niemand einen trockenen Faden am Leibe behielt. – »Gevatter Voß,« sagt Bäcker Witt, »was ist dies für'n Regen!« – »Schönes Wetter für die späte Gerste,« sagt der alte Voß, »wenn man schon welche gesäet hat.« – »Ich kann mein Hemd schon auswringen,« sagt der Bäcker. – »Und mir laufen bei kleinem schon die Stiefel voll,« sagt der Müller. – »Herr Bürgermeister, stellen Sie sich hinter meinen Mantel in Deckung,« sagt mein Onkel Herse und macht sich noch ein bißchen breiter, als er von Natur schon war; »ich freue mich nur, daß diese ›Tyrannenknechte‹ auch durch und durch naß werden.« – Mein Vater stellte sich hinter den Mantel, sagte aber nichts, denn er hatte etwas ins Auge gefaßt. Oben am Rande des Hohlwegs standen allerlei Leute, Tagelöhner und Knechte und Bürger aus Stavenhagen, die trotz Regen und Unwetter aus Neugierde und Mitgefühl hinter dem Zuge hergegangen waren, und in diesem Haufen kroch Fritz Sahlmann hin und her und erzählte dem einen und dem andern, die's noch nicht wußten, den ganzen Hergang der Sache. Als mein Vater ihn bemerkte, stand er gerade beim alten Inspektor Nicolai aus Jürgensdorf, der zu Pferde gekommen war und mit den Franzosen reiten mußte, damit sie ihm seine Hofpferde nicht für immer mitnähmen. – Der alte Inspektor Nicolai war ein sehr guter Freund meines Vaters, und als ihm Fritz Sahlmann sein Stückchen erzählt hatte, konnte mein Vater deutlich sehen, wie ihm der alte Inspektor zunickte und dem Jungen was ins Ohr sagte. Fritz Sahlmann steckte nun die Hände in die Tasche und flötete sich was, und flötete sich an den Wegrand heran, und flötete sich zum Wege hinunter, und als er beinahe unten war, blieb er mit Geschicklichkeit hinter der Wurzel einer alten Weide hängen und stolperte ganz natürlich auf die Gefangenen los, und als er dicht bei meinem Vater war, fiel er, als könnte es gar nicht anders sein, in den Lehm. Mein Vater bückte sich und hob ihn auf. »Passen Sie auf das Pferd!« sagte der Junge, wurde aber auch gleich von den Franzosen aus dem Kreise gejagt, und kletterte wieder den Abhang des Hohlwegs hinauf. War mein Vater schon vorher halbwegs aufmerksam auf den Inspektor und den Jungen, so wurde er es jetzt noch mehr. Er sah, wie der alte Nicolai vom Pferde stieg, mit seiner Reitpeitsche klappte und sie Fritz Sahlmann in die Hand gab; wie der Junge jetzt das Pferd hin- und herzuführen anfing, immer auf und nieder, aber immer dichter an den Straßenrand, bis er endlich hinter einer alten Weide still hielt, als wollte er dort Schutz gegen den Regen suchen. Von hier aus machte er meinem Vater ein Zeichen, und dieser, der im Schutze von Ratsherrn Herses breitem Buckel stand, tat, als wenn er das Wasser aus seinem Hut schütteln wollte, und schwenkte ihm dreimal zu. Eine kleine Weile hatte es gedauert, da kam um die Ecke, wo der Ivenacker Weg in die Brandenburger Landstraße einbiegt, eine große Kutsche angefahren; in dieser saß ein General, der die Nacht beim Ivenacker Grafen im Quartier gelegen hatte. Er fuhr ebenfalls den Hohlweg hinauf, und als er an die Stelle kam, wo der Transport feststak, kam eine Unordnung in die Soldaten; sie mußten der Kutsche aus dem Wege gehen, und kaum wurde mein Vater dies gewahr, da flog er wie aus einer Pistole geschossen hinter des Ratsherrn Mantel heraus auf die andere Seite der Kutsche, den Abhang des Weges in die Höhe, hinter die alte Weide, riß Fritz Sahlmann Peitsche und Zügel aus der Hand, 'rauf auf den Gaul, und – hast du nichts gesehen! – den Berg hinunter. »Feu! Feu!« schrien die Franzosen; »Knack! Knack!« sagten die Hähne; und »Kasten!« antworteten die alten Feuerschlösser, denn das Pulver war so naß, wie der Kaffeesatz im Topf der alten Weberfrau Stahl. Als die Stavenhäger Bürger ihren Bürgermeister so über Feld und Gräben hinbürsten sahen, da war es einen kleinen Augenblick, als wollten sie ihm ein lustiges Hurra nachrufen, und Schuster Bank fing schon an: »Unser Bürgermeister viv...«, als ihm ein französischer Flintenkolben zwischen die Schultern gesetzt wurde, sodaß er bloß diesem Wink zu folgen brauchte, um mit der größten Geschwindigkeit unten am Berge anzukommen; die anderen folgten, und im Umsehen war der Wegrand leer bis auf den Inspektor Nicolai, der sich an eine Weide gelehnt hatte und dort in aller Ruhe seine Pfeife Tabak rauchte. Hatte nun niemand bemerkt, daß er zu Pferde angekommen war, oder hatten die Franzosen ausdrücklich gesehen, daß er nichts mit dem Handel zu tun gehabt hatte, weil er weit von seinem Pferde abstand – genug, ihm wurde nichts gesagt. Die drei übrigen Gefangenen aber bekamen doppelte Wachen und wurden aus dem Hohlweg aufs freie Feld hinaufgebracht, und von da, weil es doch ein bißchen mehr im Trockenen war, unter die alte Bockmühle, von der der Berg den Namen hat. Hier saßen sie nun Rücken an Rücken auf einem Mühlstein und hielten weise Reden. »Für den Bürgermeister ist's gut,« sagte der alte Witt und kämmte sich das nasse Haar mit dem Messingkamm hintenüber, »daß er auf solche Weise frei gekommen ist; aber für uns ist es schlimm, denn nun sind wir wie die Bienen ohne Weisel. Er hätte uns doch am Ende wohl noch freigekriegt.« – »Je, Gevatter, das soll wohl so sein,« sagte der alte Müller Voß und nickte dem Inspektor Nicolai zu, der sich ebenfalls unter die Mühle stellte. – »Hm! – Hm!« warf mein Onkel Herse dazwischen, »Meister Witt, in städtischen Angelegenheiten weiß er Bescheid, das streite ich ihm nicht ab; aber in Kriegsangelegenheiten, was das Militärische anbetrifft, darum hat er sich niemals bekümmert, davon weiß er gerade so viel, wie ... wie ...« – »Wie Sie und ich, Herr Ratsherr,« sagte der alte Müller Voß, ohne sich weiter was dabei zu denken. – »Müller Voß,« sagte der Ratsherr, und richtete sich ein Ende höher auf, »jeder rede von sich und nicht von den anderen. Was Sie davon verstehen, das wissen Sie seit gestern nachmittag; denn Sie und der alte Amtshauptmann, und der Bürgermeister haben uns in die Sache hineingefidelt, und wenn ich nicht dazwischen gekommen wäre, dann säße die alte Mamsell Westphal hier auch auf dem Stein und klapperte mit den Zähnen. Was ich davon verstehe, das will ich Ihnen bald zeigen. Kennen Sie Jahn?« – »Meinen Sie den alten Jahn von den Peenhäusern, der meiner Frau die Töpfe mit Draht bestrickt?« – »Ih wo! Turn-Jahn meine ich, der jetzt in Berlin ist, den Schwager von Kolloff in Lukow.« – »Nein, der Mann ist mir nicht bekannt.« – »Na, dann hören Sie: dieser Turn-Jahn geht mal mit einem Studenten in Berlin die Straße entlang und kommt nach dem Brandenburger Tor – denn die Berliner haben ebensogut ein Brandenburger Tor wie wir Stavenhäger – und zeigt dort oben hinauf, wo sonst die Siegesgöttin gestanden hat, die die Franzosen mitgenommen haben, und fragt den Studenten, was er sich dabei denkt. – ›Nichts‹, sagt der. – Schwabb! haut er ihn an den Hals!« – »Das war dreist,« sagt Müller Voß. – »Ja, Herr Ratsherr,« sagt der alte Witt, »mir sitzt die alte Hand auch verteufelt lose, aber ...« – »So laßt mich doch auserzählen!« sagt mein Onkel Herse. »›Musche Niedlich‹, sagte Turn-Jahn zum Studenten, als dieser sich über die Maulschelle stark verwunderte, – ›dies ist ein Denkzettel fürs Nichtsdenken; du hättest dir dabei denken müssen, daß wir uns die Siegesgöttin aus Paris wieder holen müssen‹.« – »Ja, aber ...« sagt Witt. – »Das ist denn doch aber ...« sagt der Müller. – Der Herr Ratsherr ließ sie aber nicht zu Worte kommen und wandte sich an den Müller: »Nun frage ich Sie, Müller Voß, wenn Sie sich diese Mühle so ansehen, was denken Sie sich dabei?« – »Herr Ratsherr,« sagt Müller Voß und steht auf und stellt sich ein bißchen abseits, »Herr Ratsherr, Sie werden mich doch nicht so traktieren?« – »Ich frage bloß, Müller Voß, was denken Sie sich dabei?« – »Je,« sagt der Müller und sieht an der Mühle in die Höhe, »was soll ich mir dabei denken? Ich denke, daß sie ein altes windschiefes Gestell ist, und daß sie in diesem Frühjahr neue Flügel haben muß, und daß, wenn die Steine oben nicht besser sind, als die, die hier unten liegen, die Stavenhäger verteufelt vielen Sand mit ihrem Mehl verzehren müssen.« – »Und darin hast du recht, Gevatter,« sagt der Bäcker. – »Und darin hat er unrecht!« ruft mein Onkel Herse; »wenn er richtig geantwortet hätte, dann hätte er sagen müssen: sie muß angezündet werden. Und sie wird angezündet werden; alle Mühlen im ganzen Lande müssen angezündet werden!« Und damit stand er auf und ging mit großen Schritten um den Mühlstein herum. – »Gott soll uns bewahren!« sagt Müller Voß, »wer soll diese Schandtat ausüben?« – »Ich!« sagte mein Onkel Herse und schlug sich vor die Brust und ging näher an die beiden heran, die gar nicht wußten, wie ihnen geschah, und flüsterte ihnen zu: »Wenn der Landsturm losbricht, dann stecken wir alle Mühlen als Feuerzeichen an; ein Fanal nennt man das, und der beste Beweis, daß ihr nichts vom Kriege versteht, ist, daß ihr nicht mal wißt, was ein Fanal ist.« – »Herr Ratsherr,« sagt Müller Boß, »'s ist mir ganz egal, ob das ein Fanal oder ein Kanal oder sonst ein anderer Aal ist; wer mir meine Wassermühle anzündet, der kann sich auf was gefaßt machen!« – »Bockmühlen, Windmühlen meine ich, Müller Voß; wer spricht denn von Wassermühlen? Wassermühlen liegen im Grunde und brennen nicht. Und nun frag ich euch: hat der Bürgermeister wohl die Kenntnis und die Courage, in Kriegszeiten so zu handeln wie ich ?« – »Daß er Mühlen anzünden will, hat er nicht gesagt,« sagte der Bäcker und sah den Herrn Ratsherrn ein bißchen sehr unsicher an, wie wenn er nicht wüßte, ob es Ernst oder Spaß sein sollte. – »Mein lieber Witt, Sie sehen mich an, wie die Kuh das neue Tor; Sie wundern sich über mich und denken: was will so ein Stavenhäger Ratsherr? Was weiß der von Kriegskunst? Mein lieber Witt, Sie kneten Ihren Teig mit den Fäusten im Backtrog, ich knete meinen mit Ueberlegung im Kopf. Wenn ich hingestellt würde, wo ich hingehöre, dann stände ich vor dem König von Preußen und redete mit dem Mann. ›Majestät‹ sagte ich, ›sind wohl ein bißchen sehr in Verlegenheit?‹ – ›Wie sollte ich nicht, Herr Ratsherr‹ sagt er, ›das Geld ist mir heute höllisch knapp,‹ – ›Weiter nichts?‹ sag' ich. ›Das ist 'ne Kleinigkeit! Geben Sie mir bloß 'ne Vollmacht, daß ich tun kann, was ich will – licentia poetica heißt das auf Lateinisch, Müller Voß – und ein Regiment Gardegrenadiere!‹ – ›Die sollen Sie haben, mein lieber Herr Ratsherr‹, sagt der König, und ich lasse die ganze Judenschaft aus allen seinen Staaten auf dem Schloßhof in Berlin zusammenkommen, besetze das Schloß mit meinen Gardegrenadieren, stelle mich an die Spitze einer Kompagnie und marschiere damit in den Schloßhof. ›Seid ihr jetzt alle da?‹ frag' ich die Juden. – ›Ja,‹ sagen sie. – ›Wollt ihr nun freiwillig,‹ sag' ich zu den Juden, ›die Hälfte eures Vermögens auf den Altar des Vaterlandes opfern?‹ – ›Das können wir nicht,‹ sagt einer von ihnen, ›dann sind wir ruiniert.‹ – ›Wollt ihr oder wollt ihr nicht?‹ frag' ich. ›Achtung!‹ kommandier ich. – ›Herr Ratsherr,‹ sagt ein anderer, ›nehmen Sie ein Viertel.‹ – ›Keinen Groschen unter der Hälfte!‹ sag' ich. ›Macht euch fertig!‹ – ›Wir wollen ja!‹ schreien die Juden. – ›Schön!‹ sag' ich. ›Dann gehe nun jeder einzeln 'rauf nach dem Weißen Saal, da sitzt des Königs Majestät auf dem Thron, und da lege ein jeder sein Geld vor die Stufen des Thrones.‹ – Wenn sie alle oben gewesen sind, gehe ich auch hinauf. ›Na,‹ sag' ich, ›Majestät, wie ist es nun?‹ – ›Wunderschön, mein lieber Herr Ratsherr!‹ sagt er, ›wenn's andere alles so wär!‹ – ›Das wollen wir wohl kriegen,‹ sag' ich. ›Geben Sie mir bloß ein Stücker zwanzig Regimenter Infanterie, zehn Regimenter Kavallerie und so viele Kanonen, wie Sie im Augenblick gerade entbehren können.‹ –›Die sollen Sie haben,‹ sagt der König. – ›Schön!‹ sag' ich und marschiere mit meinen Soldaten ab, immer durch Wiesen und Brüche und junge Tannenschonungen, Flanken stets gedeckt. Ich werfe mich auf Hamburg; den Prinzen Eckmühl Marschall Davout. überfalle ich, er wird vor mich gebracht. ›Baut mir mal einen recht hohen Galgen!‹ sag' ich. – ›Gnade!‹ sagt er. – ›Nichts da von Gnade!‹ sag' ich; ›das ist dafür, daß du Herzog von Mecklenburg hast werden wollen.‹« – – »Ich bitte Sie um Gotteswillen, Herr Ratsherr,« sagt Müller Voß, »reden Sie sich und uns nicht um den Hals; bedenken Sie nur, wenn die Kerle was davon verstanden!« – »Das wäre der Deuwel!« sagte mein Onkel Heise und sah die Franzosen der Reihe nach an; doch als er sah, daß sie auf ihn nicht acht gaben, sagte er: »Sie sind ein alter Hasenfuß, Müller Voß. Die Kerls verstehen kein Deutsch. – Also: ich hänge ihn auf und ziehe mich links ins Hannoversche 'rein und falle ihm selber, dem korsikan ... na, ihr wißt, wen ich meine – in den Rücken. Das andere ist alles dummes Zeug; in den Rücken fallen ist die Hauptsache. – 'ne große Schlacht! Fünfzehntausend Gefangene! Er schickt mir einen Trompeter: ›Waffenstillstand!‹ – ›Daraus kann nichts werden,‹ sag' ich, ›zum Spaß sind wir nicht hier.‹ – ›Frieden!‹ laßt er mir sagen. – ›Schön!‹ sag' ich, ›Rheinland und Westphalen, ganz Elsaß und dreiviertel Lothringen.‹ – ›Kann ich nicht!‹ sagt er, ›mein Bruder muß davon leben.‹ – Also wieder vorwärts! Ich ziehe mich rechts und beruhige Belgien und Holland; mit einmal schwenk ich links ein. ›Weiß der Deuwel!‹ sagt er; ›da hat das Unglück den sakramentischen Ratsherrn wieder auf meine Hinterseite gebracht!‹ – ›Erstes Grenadierregiment fällt 's Bajonett!‹ kommandier' ich; die Batterie wird genommen. ›Zweites Husarenregiment vor!‹ – Er wagt sich mit seinem Generalstab zu weit vor, wupp! haben ihn die Husaren bei den Schlaffitten. ›Hier ist mein Degen!‹ sagt er. – ›Schön!‹ sag' ich. ›Nun kommen Sie mal mit. Und ihr, Kinnings, könnt nun ruhig nach Hause gehen, die Sache ist vorbei.‹ Ich bringe ihn nun gefesselt an die Stufen des Thrones: ›Majestät von Preußen, hier ist er!‹ – ›Herr Ratsherr,‹ sagt der König, ›bitten Sie sich 'ne Gnade aus.‹ – ›Majestät,‹ sag' ich, ›Kinder hab ich nicht; wollen Sie aber was Uebriges an mir tun, dann geben Sie meiner Frau, wenn ich aus der Welt gehen sollte, 'ne kleine Pensionierung. Im übrigen wünsche ich wieder in den Privatstand als Stavenhäger Ratsherr zurückzutreten.‹ – ›Wie Sie wollen,‹ sagt der König; ›das merken Sie sich aber: wenn Sie mal nach Berlin kommen sollten, ein Gedeck ist immer für Sie aufgelegt.‹ – Ich mache meine Verbeugung: ›Adjüs!‹ und gehe wieder nach Stavenhagen.« – »Das ist brav von Ihnen!« sagt Bäcker Witt, »aber, was hilft uns die ganze schöne Kriegskunst? Die Sache ist diesmal mit dem verkehrten Ende zur Welt gekommen: Sie haben nicht ihn, er hat Sie und uns dazu, und wenn jemand gefesselt an die Stufen des Thrones gebracht wird, dann find wir es. Ich glaube, der Bürgermeister ist doch wohl der Klügste von uns gewesen; denn der ist jetzt über alle Berge und sitzt im Trockenen, und uns klappern die Zähne im Mund, wie wenn ein Beutel mit Haselnüssen geschüttelt wird.« – »Ach was!« sagte mein Onkel Herse. »Das ist keine Kunst, so vor allen sehenden Augen wegzujagen – ne, mein Rat ist, wir machen's seiner, mit 'ner Kriegslist; also mache sich ein jeder ein paar Kriegslisten zurecht, dann können wir ja nachher die beste davon aussuchen.« Der alte Müller Voß hatte unterdessen kein Wort gesprochen; er sah, so gut es in dem Regen ging, den Berg hinunter nach der Landstraße. »Mein Gott!« sagte er endlich, »das ist ja wohl rein unmöglich! Das sind ja wohl meine Fiken und Jochen Vossens Hinrich, die dort angefahren kommen?« Und so war es. Vierzehntes Kapitel Warum der Herr Amtshauptmann mit einer leeren Waschschüssel vor meiner Mutter stand. – Was Fiken und Hinrich wollten, und warum Fritz Sahlmann nicht mit seiner Rede zustande kam. Der traurigste Tag meiner Jugendzeit, aus den ich mich zu besinnen weiß, war dieser. Lieber Gott! wie sah's in Muttings Stube aus! Meine Mutter hatte wohl schon lange gemerkt, daß etwas vorging, was nicht sein sollte; und wenn sie auch einen sehr lebendigen Geist hatte und eine lebhafte Vorstellung, die ihr gleich alles vor die Augen brachte und ins Licht stellte, so hatten doch Krankheit und Leid sie daran gewöhnt, sich zu fassen und, was kommen mußte, in Ergebung zu tragen; aber Ungewißheit ist in solcher Lage sehr schlimm, und was noch schlimmer ist, das ist die Unmöglichkeit, sich Gewißheit zu verschaffen. Als sie die laute Rede meines Vaters auf der Diele hörte und die heftigen Worte des Franzosen und den kurzen Befehl des Obersten, ahnte sie, was dort geschah, ohne daß sie die Worte verstand; die Angst stieg in ihr auf, und kein Mensch war um sie, kein Mensch hörte auf ihr Klingeln. Ihre hilflose Lage und das bittere Gefühl, daß sie nicht helfen konnte, daß sie nicht dort stand, wo sie hätte stehen müssen: an der Seite meines Vaters – übernahmen sie, und als der alte Amtshauptmann in die Stube hereinkam, war sie ohnmächtig und lag wie tot in ihrem Krankenstuhl. Der alte Herr war mit dem schönsten Trostspruch aus Mark Aurel auf den Lippen eingetreten; aber als er den Zustand sah, fiel er ganz aus der Rolle und rief einmal übers andere: »Ne, was denn? Mein Herzenskindting! Was ist Ihnen? Was ist Ihnen?« Der alte Herr, der sonst nicht aus der Fassung zu bringen war, war mit seinen Gedanken rein aus Rand und Band geraten und hatte nur das dunkle Gefühl behalten, daß hier etwas geschehen müßte, und als ich mit hellen Tränen in den Augen hereinstürzte, stand er mit einer Waschschüssel, worin kein Wasser war, vor Mutting und rief: »Dies ist doch eine sehr sonderbare Sache!« – Endlich kamen auf mein Schreien die Frau Amtshauptmann und Mamsell Westphal zu Hilfe. Ich hatte mich an meine Mutter herangeworfen und rief einmal übers andere: »Mutting, lieb Mutting, er kommt wieder; ich sollte dir sagen, er wäre bald wieder hier!« Endlich, endlich kam sie zur Besinnung, und war es erst eine Angst gewesen, so wurde es jetzt ein Jammer. Trösten ist das leichteste Geschäft für den, der mit Redensarten, die nicht vom Herzen kommen, einem Traurigen einen Beweis seiner Höflichkeit geben will; aber es ist das schwerste Geschäft, wenn einer sein Herz, bis an den Rand voll Liebe, in ein anderes bedürftiges Herz ausschütten möchte, und dabei fühlt, daß alle die Liebe, die man bieten kann, nicht ausreicht, um das arme Herz zu neuer Hoffnung lebendig zu machen; und dieses schwere Geschäft wird zu einer Unmöglichkeit, wenn einer an seinen eigenen Trost nicht glaubt. Gott Lob und Dank, dies war hier nicht der Fall! Die treuesten Herzen standen uns bei, und dem alten Herrn und seiner guten Frau gelang es bei kleinem, meiner Mutter in ihrem Jammer Ruhe zu verschaffen; und als sie nur erst für Gründe zugänglich war, da sollte es daran nicht fehlen, denn hatte ein Mensch auf der Welt Gründe, so hatte sie der alte Herr Amtshauptmann, und heute sparte er sie nicht. Bei mir verschlugen die Gründe weniger, aber ich war darum doch noch eher getröstet, als meine Mutter. Mich hatte Mamsell Westphal auf den Schoß genommen, und während ihr die Tränen aus den Augen schossen, machte sie mir die prächtigsten Aussichten auf die schönsten Aepfel, und das tat's bei mir; ein Kinderherz ist bald getröstet, und verlangt ein Baum einen tüchtigen Regen, so wird ein Grashalm schon nach einem Tautropfen frisch. Als der erste Jammer vorüber war, kam Stadtdiener Luth herein und sagte dem Herrn Amtshauptmann, Müller Vossens Fiken stände draußen und wollte ihn auf ein paar Worte sprechen. »Mein Herzenskindting,« sagte der alte Herr, »das ist ein braves Mädchen, das weiß ich gewiß; und sie wird auch um ihren Vater in Aengsten sein; ich denke, wir hören hier, was das arme Wurm will. Wie sagt Horaz: ›est solamen miseris socios habuisses malorum.‹ Ich übersetz' Ihnen das nachher. – Luth, mein lieber Mann, laß Er das Mädchen hereinkommen.« Fiken kam herein. Sie war eine kleine, feingebaute Dirne, aber die Gesundheit lag auf ihren frischen Backen, und wenn ihre Augen jetzt auch traurig vor sich hinsahen, so konnte man doch sehen, daß sie zu Zeiten lustig in die Welt hineinlachen konnten. Ihr ganzes Aussehen zeigte, daß sie in allen Dingen ein geschicktes Mädchen war, das sich nicht von ihrem Unternehmen abwendig machen ließ; und auf ihrem treuherzigen Gesicht war zu lesen, daß sie sich nicht mit einem Unternehmen abgab, wenn sie es nicht für recht erkannt hatte. Sie hatte über ihre dreistückige Mütze wegen des Regens ein rotes Tuch gebunden, und stand so sauber in ihrem rot und grün gestreiften Rock vor dem alten Herrn, daß er sich nach seiner Frau umdrehte und halblaut sagte: »Ne, was denn, Neiting?« – Als Fiken ihm ihren Knix gemacht hatte, ging sie an die Frau Amtshauptmann und meine Mutter und Mamsell Westphal heran und machte ihnen auch einen und gab ihnen die Hand; so wollte es die alte treuherzige Zeit. »Herr Amtshauptmann,« sagte Fiken, »mein Vater und unsere Bauern haben immer viel Gutes von Ihnen erzählt, und darum bin ich so dreist, in meiner Drangsal zu Ihnen zu kommen.« – »Was hättest du denn wohl auf deinem Herzen, meine Tochter?« fragte der alte Herr freundlich und legte ihr die Hand auf den Kopf; »ne, was denn?« – »Herr, mein Vater ist unschuldig,« fuhr sie fort und sah dem Alten so recht mit Vertrauen in die Augen. – »Daß er das ist, weiß ich, mein Kindting,« sagte der alte Herr und nickte mit dem Kopf. – »Und darum habe ich auch keine Angst, daß er nicht bald frei kommen muß,« sagte Fiken. – »Hm! Ja! Das heißt, es wäre nicht mehr als recht – aber in der jetzigen Zeit geht Gewalt vor Recht, und ist es schon bei dem besten Willen in ruhigen Zeiten für den Menschen schwer, den Unschuldigen von dem Schuldigen zu unterscheiden, so ist es in Kriegszeiten noch schwerer, vor allem, wenn der gute Wille fehlt.« – »Davor hab' ich keine Bange,« fiel Fiken rasch ein; »frei kommen muß er und das bald. Aber Vatting ist ein alter Mann, ihm kann etwas zustoßen, und dann ist keiner um ihn herum, darum wollte ich ihm nach.« – »Mein Kind,« sagte der alte Herr und schüttelte den Kopf, »du bist jung, und Soldaten sind rauhe Gäste; das könnte kein Trost für deinen Vater sein, wenn er dich in deren Gesellschaft wüßte.« – »Herr, ich wollte auch nicht allein mit, mein Vetter Hinrich, Jochen Vossens Sohn, der wollte mit mir gehen; und wir dachten, wenn Sie uns ein Schreiben, so eine Art von Schutzbrief, mitgäben, dann könnte uns nichts passieren.« – »Einen Schutzbrief?« sagte der alte Herr und schüttelte stärker mit dem Kopf. »Mein Kind, das Volk wird sich viel an einen Schutzbrief von einem Stavenhäger Amtshauptmann kehren. Und doch, mein Herzenskindting!« – und er wandte sich an meine Mutter – »wenn ich ihr so einen Brief an den Obersten von Toll mitgäbe: ne, was denn? Neiting, er müßte nicht der Sohn von Renatus von Toll sein, wenn er dies kleine Mädchen ohne Schutz ließe. – Und du sagst,« wandte er sich wieder an Fiken, »dein Vetter Hinrich will mit?« – »Ja, Herr, er steht hier auf der Diele.« – »Ruf ihn mal herein!« Hinrich kam herein; er war ein strammer Bursch, breit in den Schultern und schlank in den Hüften, blau von Augen und hell von Haar; von der Art, die man bei uns in der Erntezeit von morgens sechs bis abends neun den Sensenbaum regieren sieht, als wäre er eine Schreibfeder, womit ein jeder sein Tagewerk verzeichnen müßte. »Und du, mein Sohn,« sagte der alte Herr, »du wolltest mit Fiken gehn?« – »Ja, Herr.« – »Und du wolltest ihr Schutz sein und wolltest sie nicht verlassen?« – »Ja, Herr! Und ich habe Pferde und Wagen hier, und ich dachte so, wenn das Franzosenzeug nichts dagegen hätte, könnten ja die Gefangenen mit Fiken fahren, und ich ginge dann nebenher.« – »Herr Amtshauptmann,« rief meine Mutter, »helfen Sie ihm bei seinem Vorhaben! Dies ist möglicherweise die einzige Gelegenheit, daß ich meinem Mann das Notwendigste nachschicken kann. Er ist ja, wie er ging und stand, auf die Straße gerissen worden, und noch dazu in diesem Wetter!« – »Wahr! Mein Herzenskindting! Ja, ich will dir den Brief schreiben, Fiken – und, Neiting, der alte Müller ist auch ohne Kleider weggekommen; sorge dafür! – Meinen Mantel, Mamsell Westphal und auch eine Schlafmütze, denn ich weiß, er trägt welche. Und, mein Herzenskindting,« sagte er zu meiner Mutter, »wer sich einmal daran gewöhnt hat, für den ist es schlimm, wenn er sie missen soll.« – »Fritz,« sagte Frau Amtshauptmann zu mir, »lauf hinüber zu Bäcker Witts, ob die Strübingen ihrem Vater nicht auch etwas mitschicken will.« Nun ging es denn ans Packen; und das war im Umsehen besorgt, und als alles auf dem Wagen lag, kam die Strübingen noch und trug einen großen Korb voll Butterwecken mit Mettwurst heran. Fiken saß schon auf dem Wagen, der Herr Amtshauptmann hatte den Brief fertig, und als er ihn Fiken gegeben hatte, rief er Hinrich beiseite und sagte: »Also du bist Jochen Vossens Sohn, der mit dem Müller so lange im Prozeß gelegen hat?« – »Ja, Herr Amtshauptmann, nehmen Sie's nicht übel, aber mein Vater war auch ein bißchen hartköpfig und hatte sich darauf versteift; aber ich bin gerade deswegen hergekommen und habe mit dem Müller schon gesprochen und nachher auch mit Fiken, und wenn's nach meinem Willen geht, dann kommt die Sache in Ordnung.« – »Mein Sohn,« sagte der alte Herr und gab ihm die Hand und schüttelte sie; »erstens will ich dir etwas sagen: du gefällst mir. Aber zweitens will ich dir noch etwas sagen: du hast dich zu Fiken Vossens Schutz aufgeworfen; läßt du mir dem Mädchen ein Haar krümmen, dann komm mir nicht wieder unter die Augen!« – Damit drehte er sich um, ging in die Stube meiner Mutter und sagte: »Ein prächtiges Mädchen, mein Herzenskindting!« »Was sagte der Herr Amtshauptmann zu dir?« fragte Fiken, als Hinrich an ihrer Seite saß und der Wagen fortfuhr. »Oh, er sagte nur so,« sagte Hinrich. »Aber du wirst dich erkälten,« setzte er hinzu und wickelte sie in des alten Herrn Mantel und fuhr in schlankem Trab die Straße hinunter. Als sie kaum aus dem Tor waren, kamen ihnen die Stavenhäger entgegen, die noch eine Weile mit den Franzosen und den Gefangenen gegangen waren; voran natürlich Fritz Sahlmann. Wie sah der Junge aus! Als hatte er den Tag über in Ziegelgrube und Lehmtrade gewirkt! »Der Bürgermeister ist ausgerissen!« rief er die Straße entlang; »der Bürgermeister ist auf des alten Nicolai Braunem in die Wicken gegangen! Ich hab ihm einen Wink gegeben, und heidi! war er.« – »Junge, was redest du?« sagte Schuster Banks Frau, die über der halben Haustür nach ihrem Mann aussah. – »Ja, Nachbarin,« sagte Spritzenmeister Tröpner, der nun herankam, »der Bürgermeister ist ihnen flöten gegangen; aber deinem Mann haben sie einen Denkzettel gegeben; koche ihm nur ein bißchen Safran und Roggenmehl und lege ihm das zwischen die Schultern, wo ihn der Franzos mit dem Flintenkolben gekitzelt hat.« Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht durch die Stadt: »Der Bürgermeister ist auf Nicolai seinem Braunen den Franzosen durch die Lappen gegangen!« Und der Stadtdiener Luth stürzte in die Stube meiner Mutter herein mit einem Gesicht, wie wenn der zweite Pfingst- und Ostertag auf einen Tag gefallen waren, und er wäre dazu angestellt worden, den Anteil von Vergnügen, der an diesen Tagen auf die ganze Stavenhager Bürgerschaft fiel, allein zu genießen. »Frau Bürgermeister!« rief er, »erschrecken Sie sich nicht! – Herr Amtshauptmann, 's ist was Gutes! – 's ist was Gutes, Frau Amtshauptmann! – Mamsell Westphal, wie ist's möglich! Unser Herr ist den Franzosen ausgerissen!« – Ach du lieber Gott, was wurde das für ein Aufstand! Meine Mutter bebte an Händen und Füßen, der Herr Amtshauptmann vergaß das Alter und seine Stellung, packte den Stadtdiener beim Kragen und schüttelte ihn nach Kräften: »Luth, Mann, besinn' Er sich! Uns ist hier nicht spaßig zumute!« – Die Frau Amtshauptmann ging in Besorgnis an meine Mutter heran, und Mamsell Westphal saß starr und steif und sagte: »Mit Verlaub zu sagen, Herr Amtshauptmann; er ist ein Hanswurst!« – »Herr Amtshauptmann, Herr Amtshauptmann!« rief Luth und lieh sich schütteln, »glauben Sie's mir doch, Fritz Sahlmann hat es ja mit angesehen und hat mir's gesagt.« – »Fritz Sahlmann? Mein Fritz Sahlmann?« fragte der alte Herr und ließ den Stadtdiener los. – »Herr Amtshauptmann,« sagte Mamsell Westphal ganz ruhig, »wie der eine heißt, sieht der andere aus. Fritz Sahlmann und die Wahrheit gucken einander an, wie Kuckuck und Siebengestirn.« – »Wo ist der Junge?« fragte der alte Herr. – »hier draußen steht er auf der Diele,« sagte Luth. Mit großen Schritten ging der alte Herr nach der Tür und rief hinaus: »Fritz! Fritz Sahlmann, komm hier mal 'rein!« – Fritz Sahlmann kam. In seiner Brust waren zwei Gewalten: die Lust, seine Heldentaten zu erzählen, und die Furcht vor einem nassen Jahr wegen seines Aussehens; die eine trieb ihn vorwärts; und die andere hielt ihn zurück, und es mochte ja wohl die eine nach links und die andere nach rechts wirken – genug, er kam schräge zur Tür herein, hatte aber doch seine Rechnung falsch überschlagen, denn er ließ dabei außer acht, daß auf diese Weise sein natürlicher Schwerpunkt, mit dem er sich in den Hohlweg niedergesetzt hatte, der Frau Amtshauptmann und Mamsell Westphal alsogleich vor die Augen, kommen mußte. – »Fritz Sahlmann,« fragte der alte Herr, »was ist dies alles?« – Fritz Sahlmann, der im ganzen mit einer Art von Stolz eingerückt war, ließ den Kopf hängen und sah sein Unterteil an: »O nichts, Herr Amtshauptmann! Bloß ein bißchen reiner Lehm.« – »Gott bewahre uns!« rief die Frau Amtshauptmann, »wie sieht der Junge aus! Wer soll den wieder rein kriegen?« – »Da müssen, Fik und Karline, jede mit einem stumpfen Besen drüber her,« sagte Mamsell Westphal ganz ruhig. – »Junge,« sagte der Herr Amtshauptmann, »nun sage mir gleich die reine Wahrheit: ist der Bürgermeister flüchtig oder nicht?« – »Ja, Herr Amtshauptmann,« sagte Fritz und sah wieder empor, »er ist ihnen schappiert.« – »Lügen!« warf Mamsell Westphal halbleise dazwischen. »Wie kann aus so einem unreinen Gefäß die reine Wahrheit kommen?« – »Erzähle. Fritz!« sagte der Alte. Und Fritz erzählte. Es kommt oft vor in der Welt, daß einer zu viele Ehre einernten will und darüber auch derjenigen verlustig geht, die ihm mit Recht zukommt. So ging es auch Fritzen. Als er zu seinem Anteil an der Geschichte gekommen war, erzählte er so umständlich, beschrieb seinen natürlichen Fall so genau und machte so viele Redensarten, um seine Tat in ein helles Licht zu stellen, daß er noch lange nicht mit der Geschichte zu Ende war, als Luth mit dem Spritzenmeister Tröpner hereinkam, und der Amtshauptmann sich an diesen wendete: »Mein lieber Meister, was wissen Sie von der Sache?« – Meister Tröpner fühlte aus dieser hochdeutschen Ansprache heraus, daß er von dem alten Herrn als ein gebildeter Mensch behandelt wurde, und beschloß, sich auch wie ein gebildeter Mensch zu betragen; er sagte also auf hochdeutsch: »Ich hätte es von Ur tau Enn' mit angesehen.« Nun erzählte er dann wieder die Sache von vorne, ließ Fritz Sahlmanns Anteil ganz weg und schloß seine Erzählung mit den Worten: »Un somit sprung de Herr Burmeister achter den Herrn Ratsherrn sinen Mantäng heraus, fuhr um die Ektlipasche rum, krawwelte sich fixing den Aeuwei in die Höchte, sprung achter die holle Weide, riß Fritzen vor Gewalt die Tägel aus die Hände, swung sich in den Sadel, und als er man erst die Fühlung von den Braunen unter sich hatte, bädelte er plängschaß den Barg hendal, ümmer auf die Pribbenowschen Wannen zu, was 't Tüg hollen wull.« – »Und die Franzosen?« fragte der alte Herr. – »Oh, Herr Amtshauptmann, die waren halb verklamt, un als sie schießen wollten, gung nichts nich los von wegen der Nassigkeit; sie schmissen sich also in ihrer Zornigkeit auf uns Unschuldswürm von bloße Zuschauer und hätten den Schustermeister Bank, aus der Bramborgsch Strat, mit den Kolben mang de Schullerbläder ramponiert, worauf wir alle uns exküsierten, indem daß wir den Barg 'runlepen.« – »Mein Herzenskindting,« rief der alte Herr; »dieser kleine Bürgermeister ist ein Kerl wie ein Ohrwurm! Das ist ein Kerl, fix wie ein Feuerschloß, mein Herzenskindting!« – Aber die, für die diese Rede bestimmt war, hörte sie nicht. Meine Mutter lag in ihrem Stuhl und weinte bitterlich. Als die Rede auf das Schießen kam, drückte sie den Arm der guten Frau Amtshauptmann so fest an sich, als wollte sie sich daran halten gegen die Ohnmacht, die sie befiel; aber als endlich die Gewißheit sich herausstellte, daß mein Vater gesund davongekommen war, stürzten ihr die Tränen aus den Augen; sie deckte ihr Tuch über ihr Gesicht und weinte still vor sich hin. Waren das Freudentränen? Wer weiß? Wer kann sagen, wo Freud und Leid sich scheiden? Sie spielen im Menschenherzen zu wunderlich ineinander über; sie sind Aufzug und Einschlag, und wohl dem, bei dem aus beiden ein festes Gewebe wird! Nie Träne, die aus Schmerz geboren ist, hat so gut ihren Einschlag von Hoffnung, wie die Freudenträne ihren Einschlag von Furcht. Die vergangene Angst um meinen Vater und die Furcht um seine Zukunft webten sich in meiner Mutter freudiges Dankgefühl, und die Träne, die auf die Erde fiel, war keine reine Freudenträne. Fällt überhaupt auf unsere Erde eine reine Freudenträne? Es war ganz still geworden; ein Engel flog durch die Stube – eine kurze Zeit nur; die Engel warten nicht lange bei uns – ich weiß es, denn ich stand mit dem Kopf an unsere braune Stubenuhr gelehnt und weinte und horchte auf den Perpendickel. Eine kurze Zeit! Ich blickte auf: der alte Herr sah durch das oberste Fenster in den grauen Himmel; meine Mutter und die Frau Amtshauptmann weinten; Mamsell Westphal auch; sie hatte Fritz Sahlmann an die Hand gefaßt, und beim letzten Flügelschlage des Engels sagte sie: »Fritz, mein Söhning, geh aufs Schloß und zieh dich trocken an. Fik soll dir dein Sonntagszeug geben.« – »Und ich, Herr Amtshauptmann,« sagte Luth, »will nach Gülzow, und Tröpner kann nach Pribbenow gehen, damit wir den Herrn Bürgermeister nicht verfehlen.« – Der alte Herr nickte mit dem Kopf, ging an meine Mutter heran, an deren Knie ich mich gelehnt hatte, und sagt«: »Sie und der Junge hier haben heute alle Ursache, unserm Herrgott zu danken, mein Herzenskindting.« Fünfzehntes Kapitel Warum sich der Oberst bei Fikens Rede abwenden mußte, und warum sich Fiken bei Hinrichs Rede abwenden mußte. – Warum der Herr Ratsherr auf die schmächtigen Leute schalt, und der Müller wünschte, daß er eine Krähe wäre. Als Fiken mit Hinrich an den Mühlenberg kam, flogen ihre Augen nach allen Seiten, und es dauerte auch nicht lange, so hatte sie ihren Vater erblickt, der mit seiner Gesellschaft dort unter der Mühle saß. »Da ist mein Vater,« sagte sie zu Hinrich. – »Na,« sagte Hinrich, »dann wollen wir hier rechts vom Hohlweg über den gepflügten Acker nach der Mühle zu hinaufbiegen. Schlecht wird es nur gehen; aber durch den Hohlweg ist ja nicht durchzukommen, und du kannst ja dann auch mit deinem Vater reden.« – »Halt!« rief Fiken; »nicht rechts nach der Mühle zu, sondern links von der Mühle ab biege aus dem Wege; ich will nicht mit ihm reden. – Lieber Gott! nun hat er uns schon gesehen, nun winkt er.« – »Fiken,« sagte Hinrich, als er nach ihrer Weisung fuhr, »was heißt das? Warum gehst du deinem Vater aus dem Wege?« – »Weil ich ihm nichts nützen kann, bevor ich den Brief bestellt habe. Wer weiß, wie die Franzosen es aufnehmen, wenn ich mit ihm spreche? Daraus kann Lärm und Streit entstehen, und wenn wir auf diese Art vor den Obersten gebracht werden, wird er uns nicht gerade mit freundlichen Augen ansehen. Und dann – wozu soll ich meinem alten Vater mit Aussichten unter die Augen gehen, die noch in weitem Felde liegen? Für den Augenblick ist es genug, wenn er weiß, daß wir in seiner Nähe sind.« Mittlerweile waren nun auch die Kanonen aus dem Hohlweg losgegraben und wieder aufgerichtet, und der Zug war wieder in Bewegung. Die Gefangenen wurden aus der einen Seite des Hohlwegs entlang kommandiert, und Hinrich fuhr auf der anderen, so schnell er in des alten Nahmachers Streckfurche vorwärts kommen konnte. Fiken sah nach dem Obersten aus. »Wenn ich ihn sehe, kenn ich ihn wieder,« sagte sie zu Hinrich, »er hat ein gutes Gesicht, wenn dieses auch hart aussah, als er den Bürgermeister fortbringen ließ.« So kamen sie an den Kanonen vorbei und an manchem Haufen Franzosen, die in dem tiefen Wege langsam weiter zogen. Zuletzt, dicht vor dem Bremsenkrug, sahen sie den Obersten, der mit einigen von seinen Offizieren Schritt vor Schritt vorwärts ritt. – »Hinrich,« sagte Fiken, »hier jage voraus und auf der Höhe halte still; ich will dann absteigen.« Dies geschah. Als der Oberst herankam, stand Fiken auf dem Fußsteig im Wege, ging ihm ein paar Schritte entgegen, reichte ihm den Brief zu und sagte: »Herr, ich habe einen Brief für Sie.« – Der Oberst hielt an, nahm den Brief, sah Fiken ein bißchen verwundert an und fragte: »Von wem, mein Kind?« – »Von unserm Herrn Amtshauptmann Weber.« – Der Oberst brach den Brief auf und las; sein Gesicht bekam einen so mitleidigen Ausdruck, und als er zu Ende gelesen hatte, schüttelte er still mit dem Kopf. Fiken hatte ihn mit der größten Angst angesehen. Sie las die Antwort auf den Brief in der Miene des Obersten; und als er so traurig mit dem Kopf schüttelte, stürzten ihr die hellen Tränen aus den Augen: »Herr, 's ist mein alter Vater, und ich bin sein einziges Kind!« rief sie. Sie hätte alles in der Welt sagen können, die schönste Rede und den kräftigsten Bibelspruch – nichts hätte solchen Eindruck auf den starken Mann gemacht, wie diese Worte in deutscher Sprache. – Er hatte auch einen alten Vater und war sein einziges Kind; sein Vater saß auf einem hohen Schloß im Westfalenland, aber in Einsamkeit, unzufrieden mit seinem Volk und seinem Vaterland; Zeit und Welt hatten manchen Stein zwischen ihn und den einzigen Sohn geworfen, bis es ein breiter Wall geworden war, über den hinüber sie sich nur schwach verständigen konnten. Mißverstehen und Unfrieden war daraus entstanden; und wo die sind, da meldet sich auch in stillen Stunden das Gewissen. Wie oft hatte sein Herz zu ihm gesprochen: »'s ist dein alter Vater, und du bist sein einziges Kind!« – Lust und Drangsal, Kanonendonner und Feldschlacht hatten wohl zu Zeiten die Stimme überschallen können; aber immer kam der wunde Fleck seines Herzens wieder zum Vorschein, wie eine blutige Stelle auf der Stubendiele. Zum erstenmal hörte er dies Wort von fremden Lippen aussprechen, zum erstenmal in der Sprache seiner Kindheit; ihm war, als läge kein Vorwurf mehr in diesem Wort, so weich wurde es gesprochen; es klang ihm leise ins Ohr, wie ein Wort von Vergebung; und als er das arme Kind vor sich stehen sah, mit seinem bangen, bekümmerten Gesicht, da wurde ihm zu warm – er mußte sich abwenden, und es dauerte eine Zeitlang, bevor er wieder mit ihr sprechen konnte. Zuletzt hatte er sich gefaßt und sagte zu ihr mit all der Herzlichkeit, die aus solch einem Augenblick geboren wird: »Mein liebes Kind, freilassen kann ich deinen Vater nicht; das wird aber wohl kommen. Du und deine Liebe zu deinem Vater sollen aber nicht umsonst bei mir angeklopft haben; du sollst um ihn bleiben, und er soll auf deinem Wagen mit dir fahren. – Und wenn wir in Neubrandenburg ankommen, dann melde dich bei mir.« Hierauf ordnete er das Nötige an und ritt mit seinen Offizieren weiter. Hinrich kam jetzt mit seinem Wagen näher heran, sprang herunter und fragte: »Fiken, wie ist es? – Aber was frag' ich noch lange? Du stehst ja aus, als säße dir das Herz auf der Zunge; nicht wahr, er hat den Alten freigelassen?« Und er schlug den Arm um sie: »Komm, Fiken, steig auf den Wagen; da kommt wieder so ein Haufen Volks, denen wollen wir aus dem Wege gehen.« – »Die tun uns nichts,« sagte Fiken und stieg höher nach dem Grabenrande hinauf und sah den Weg entlang. »Freigelassen hat er ihn nicht; aber er hat mir zugesagt, ich solle um ihn bleiben, und sie dürfen mit mir fahren; und, Hinrich, du könntest ja nun nach Hause gehen und auf die Mühle sehen und Mutter beistehen.« Hinrich band die Leine um eine Weide fest und bückte sich, schnallte am Geschirr und strich dann seinem Sattelpferd mit der Hand über den glatten nassen Rücken. »Du hast recht, Hinrich,« sagte Fiken; »du hast wohl Sorge, dein Fuhrwerk zu verlassen; aber das kann ja der alte Inspektor Nicolai aus Brandenburg mit zurücknehmen; der tut uns sehr gerne den Gefallen.« – »Fiken,« sagte Hinrich, »ans Fuhrwerk hab ich nicht gedacht; ich dachte an dich und an das, was der alte Herr Amtshauptmann zu mir sagte.« – »Was war das?« fragte sie. – »Wenn ich dir ein Haar krümmen ließe, dann sollte ich ihm nicht wieder vor die Augen kommen. Und, Fiken, ich hab ihm versprochen, für dich aufzukommen zu allen Zeiten, und als ich ihm das versprach« – und er ging zu ihr heran und nahm ihre Hand und sah ihr so recht ehrlich in die Augen – »da waren noch zwei zugegen, die haben's mit angehört, und keiner wußte davon als ich allein; das waren unser Herrgott, Fiken, und mein eigenes Herz.« – Fiken wurde rot wie eine Rose, und als er seinen Arm um sie schlug, wand sie sich heraus: »Hier nicht, Hinrich! Heute nicht, Hinrich, Gott im Himmel – da kommt mein alter Vater an!« Und damit ging sie von ihm fort ihrem Vater entgegen, und Hinrich stand still wie ein Baum zur Winterszeit, wenn die grünen Blätter abgefallen sind und die Vögel nicht mehr von Liebe und Lust in seinen Zweigen singen. Als sie sich aber umwandte, wieder zu ihm zurückging: »Hinrich! Hinrich!« und die hellen Tränen ihr aus den Augen schossen, und dann hastig wieder auf ihren Vater zuging – da schoß Blatt auf Blatt aus dem stillen Baum, und Lieder von Lust und Liebe klangen in seinen Zweigen, und das Frühjahr ging in ihm auf, das einzige Frühjahr, das durch das ganze Leben, in Sommerhitze, in Herbststurm und Winterkälte vorhalten muß, wenn es ein richtiges Frühjahr und ein richtiges Leben ist. »Fiken,« rief der alte Müller Voß, »wo kommst du her?« Und als Fiken ihm um den Hals fiel und ihm mit Tränen in den Augen die Umstände auseinandersetzte, da schalt der Alte und sagte, Hinrich hätte alleine kommen können, und dies wären Angelegenheiten, von denen Frauensleute wegbleiben sollten; aber Ratsherr Herse erklärte, von solchen Sachen verstände der Müller gar nichts, und Fikens Einfall mit dem Wagen wäre so schön, daß er ihn selber sich nicht besser hätte ausdenken können; denn seine postpapierenen Stiefel, die wären von Schuster Bank ausdrücklich für die Ratssitzungen gebaut worden und nicht für vier Meilen mecklenburgische Landwege in dieser Jahreszeit. Und als Bäcker Witt von dem Korb mit Mettwurst und Semmel hörte, schlug er sich auf den Magen und sagte: Fiken wäre sein bestes Patchen, und wenn er auch zu der Art gehörte, die ihre Futterkiste immer bei sich tragen, so veränderten doch Umstände die Sache. Und bei solchem Wetter müßte auch im besten Backofen ab und zu nachgeheizt werden. Der französische Sergeant hatte nun der Wachtmannschaft den Befehl des Obersten überbracht, und die Gesellschaft stieg auf den Wagen und machte sich's so warm und bequem wie jeder konnte. Mein Onkel Herse eignete sich die für meinen Vater bestimmten Kleider an, weil er als Kollege der nächste dazu war, und schalt auf die schmächtigen Leute im allgemeinen und auf meinen Vater im besonderen. Von der Länge, sagte er, wollte er nichts sagen, denn die könnte sich keiner geben und nehmen, aber für die richtige Breite könnte jeder vernünftige Mensch mit der Zeit sorgen. »Sehen Sie, Meister Witt, dies soll ein Rock für einen ausgewachsenen und durchgewachsenen Menschen sein!« Und damit hielt er meines Vaters Röckchen zum Spektakel in die Höhe. – »Herr Ratsherr,« sagte Bäcker Witt, »fahren Sie von vorne mit den beiden Armen in die Aermel, sodaß des Bürgermeisters Rückenblatt auf Ihrem Brustblatt zu liegen kommt; hier ist noch ein Rock, den hänge ich Ihnen hintenüber, so machen wir aus zwei kleinen einen leidlichen; der Mensch muß sich zu helfen wissen.« – Na, das geschah, und mein Onkel Herse sah aus wie eine schöne fette Auster, die schon eine Zeitlang auf Reisen geschickt ist: hinten und vorne hatte er eine feste Schale, aber auf den Seiten klaffte er ab und zu auseinander. Bäcker Witt hatte einen seidenen Rockelor von seiner verstorbenen Frau vorgefunden und band ihn um mit dem Kaninchenfelle nach außen; denn, sagte er, um das seidene Zeug wär's schade in solchem Wetter; aber die Felle könnten es vertragen, denn so viel er wüßte, liefen die Kaninchen auch mit den Haaren nach außen herum. Mit diesen beiden ging das Umkleiden im Ganzen ziemlich schnell, aber der Müller machte viele Umstände; denn als er hörte, daß der Mantel mit den sieben Kragen, der für ihn bestimmt war, eigentlich dem Herrn Amtshauptmann gehörte, kriegte er es erst mit dem Respekt und machte Diener über Diener, als stände der alte Herr vor ihm und wollte ihm den Vortritt an der Tür lassen; und nachher kriegte er's mit der Rührung, weil der alte Herr an seine Notdurft gedacht hätte, und sagte, das wäre er gar nicht wert; und als Fiken ihm den einen Aermel angezogen hatte, kam ihm das Bedenken, die Leute könnten ihn für einen vornehmen Mann halten. »Und, Gevatter,« wandte er sich an Witt, »wenn ich nun zu reden anfange, und wenn dann die Eselsohren aus den sieben Kragen herausgucken, was dann?« – »Ja, Gevatter,« sagt der Bäcker, »darin hast du recht: aus einem Schweinsohr läßt sich niemals ein seidener Geldbeutel machen; aber da gibt es ja ein einfaches Mittel: du kannst ja den Mund halten.« – »Ja, das kann ich allerdings,« sagt der Müller und setzt sich auf den vordersten Sack. Sie saßen jetzt alle, nur Hinrich nicht, »Hinrich,« sagte Müller Voß, »wie? du wirst dich ja doch wohl auf deinen eigenen Wagen setzen! Fiken, rück' ein bißchen mehr heran und mach dem Vetter Platz.« – Aber Hinrich litt es nicht; er schlang Fiken die Pferdedecke um die Füße und sagte: er wolle gehen. Er ging, und als er nun so ging und hier über den Graben sprang und dort wieder zurück, immer vorauf, um Fiken in die Augen sehen zu können, sagte Müller Voß: »Herr Ratsherr, 's ist mein Vetter, Jochen Vossens Sohn; ist er nicht ein strammer Kerl?« – Und Ratsherr Herse sagte: »Das ist er, Müller; er ist ein schmucker Kerl.« – Bäcker Witt sagte: »Er ist ein tüchtiger Kerl.« – Fiken sagte nichts, aber sie dachte: »Er ist ein guter Kerl und ein treuer Kerl.« Und sie hätte möglicherweise noch mehr von ihm gedacht, aber auf einmal stand Hinrich bei ihr und sah sie so freundlich an und fragte, ob sie auch fröre; da war es mit dem Denken vorbei, und sie gab ihm die Hand: »Faß mich nur an, ich bin ganz warm.« Bäcker Witt langte nun in den Wurst- und Semmelkorb und gab jedem sein Teil, und als der Herr Ratsherr die Semmel sehr lobte, sagte der alte Bäcker zu sich selbst: »Guck den Racker, sonst kauft er von Guhl; aber wenn man keinen anderen hat, ist die Eule auch ein Vogel.« – Der Herr Ratsherr beugte sich an den Bäcker heran und flüsterte ihm halblaut in die Ohren: »Meister Witt, da vor uns liegt der Bremsenkrug, und wenn die Schergen des korsikanischen Wüterichs noch eine Spur von menschlichem Gefühl in sich tragen, dann werden sie nichts dagegen haben, wenn wir uns da von dem alten Haker zu unserm Brot einen Schluck Schnaps einschenken lassen.« Dabei hatte er aber seine Semmel außer acht gelassen und sie mitsamt der Wurst ein bißchen über den Leiterbaum gehalten. Mit einemmal fühlte er, wie ihm etwas zwischen den Fingern krabbelte, und als er sich umdrehte, sah er, wie einer von den korsikanischen Schergen gerade in seine Wurst und in seine Semmel hineinbiß, und als er nun mit harten Worten gegen solch ein offenbares Marodieren losziehen wollte, langte ein anderer Sakramenter hinten über das Krett und führte sich den ganzen Korb zu Gemüte. »Gott soll mich bewahren!« rief mein Onkel Herse, »so schlecht hab ich mir die Zustände in unserm Vaterland doch nicht gedacht.« – »Infame Spitzbuben!« schoß der alte Witt wieder los, und der Müller, der fuhr, hatte in dem warmen Mantel des Herrn Amtshauptmanns seine Lage so ganz vergessen, daß er schon die Peitsche in die Höhe hob, um dem Franzosen eins zu verabreichen, als ihm Fiken den Arm festhielt: »Um Gotteswillen! Vatting, was tust du?« – »Hm! – Ja!« sagt der Müller und besann sich, »Fiken, du hast wieder recht,« und wandte sich an die Franzosen: »Nehmen Sie's nicht übel, ich tat nur so.« Na, die nahmen's denn auch sichtlich nicht übel und aßen ganz vergnügt die Wurst und die Semmel, daß dem Herrn Ratsherrn vor Aerger und Abgunst Gift und Galle in den leeren Magen stieg, und ihnen allen ihre Lage wieder zum Bewußtsein kam, die sie in der warmen Behaglichkeit des Wagens eine Zeitlang vergessen hatten. Sie fuhren also in dem grauen Abend nach Brandenburg zu; und wo sonst der Semmelkorb stand hinten im Krett, waren jetzt das Bedenken und die Sorge und die Traurigkeit aufgehockt und flüsterten ihnen allerlei beängstigende Geschichten in die Ohren, und als einmal ein Zug Krähen über sie wegflog, sagte mein Onkel Herse: »Ja, was habt ihr für Not – ihr könnt lachen!« Und der Bäcker sagte: »Die Art gibt keine Heuer und keine Steuer!« Und der alte Müller seufzte und sagte: »Ich wollte, ich wäre eine Krähe!« Aber in zwei Herzen fand die Sorge keinen Platz, da war die Liebe eingekehrt mit ihrem Hofstaat von heimlichen Wünschen und Hoffnung und Vertrauen; und die heimlichen Wünsche liefen als flinke Brautjungfern durch das ganze Haus und alle seine Kammern, räumten ab, was im Wege stand, und wischten den Staub von Tisch und Bänken und putzten die Fenster, daß man weit hinaus sehen konnte ins schöne Lebensland, und deckten den Tisch im hellen Saal und machten das Bett in der stillen Kammer und hingen frische Kränze von Laub und Blumen über Tür und Fenster und an die Wand die buntesten Bilder. Und die Hoffnung steckte ihre tausend Lichter an und setzte sich dann heimlich still in die Ecke, als wäre sie's gar nicht gewesen, als hätt' es ihre Stiefschwester getan, die Wirklichkeit; und das Vertrauen stand an der Tür und ließ niemanden ein, der kein Hochzeitskleid an hatte, und sagte zur Sorge, als sie nach Fiken fragte: »Geh deiner Wege, der alte Müller tanzt auf unserer Hochzeit,« – und sagte zum Bedenken, als es nach Hinrich fragte: »Geh deiner Wege, 's ist alles in Richtigkeit.« Sechzehntes Kapitel Warum ich Müllers Friedrich und keine Prinzessin durch das Gülzowsche Holz schicke; warum Friedrich zum Schulzen Besserdich ›Schwiegervater‹ sagt; warum er den Hund aus dem Ofen lockt, und warum Stadtdiener Luth über seinen eigenen Bürgermeister lacht. Wenn eine von den kleinen Mamsellchen, die dieses Buch lesen, sich darüber ärgern sollte, daß dies Kapitel mit einem Müllerknecht anfängt und nicht mit einer Prinzessin, so muß sie bedenken, daß Prinzessinnen gar nicht vorhanden sein könnten, wenn keine Müllerknechte da wären, und daß an manchen Orten ein Müllerknecht mehr wert ist, als eine Prinzessin zum Beispiel in diesem Augenblick für mich. Denn, wenn ich den französischen Chasseur wieder greifen will, so kann ich doch keine Prinzessin mit einer Krinoline und battist-musslinenen Schuhen in diesem Weg und Wetter durch das Gülzowsche Holz ihm nachschicken; dazu paßt ein Müllerknecht besser, und vor allen Müllers Friedrich. »Dümurrjöh!« sagte Friedrich, als er der Fußspur des Franzosen nachging, »wenn der Franzose zwischen hier und Greifswald zu finden ist, her soll er!« Friedrich spürte also dem Chasseur durch das Stavenhäger Oberholz und durch das Gülzowsche Holz nach und kam so auf den Gülzowschen Weg; aber da war's alle, da hatte eine Eule gesessen, und Spuren waren nicht da. War der Kerl links oder rechts gegangen? – Eine Zeitlang stand er ganz ratlos da; bald aber wurden ihm die Gedanken geschmeidig, und er sagte zu sich: »Wäre der Kerl nach Stavenhagen zu gegangen, so mußte ich ihm das doch als puren Unverstand anrechnen. Nein, der Racker ist nach Gülzow gegangen.« Und er ging ihm nach. In Gülzow stand Bauer Freier an seiner Heckenpforte und warf Steine, wie einen Hutkopf groß, in ein Wegeloch, was man stellenweise in Mecklenburg Wegebessern nennt. »Guten Morgen, Freier, hast du hier nicht heute morgen einen Franzosen laufen sehen?« fragt Friedrich. – »Einen Franzosen?« fragt Freier. – »Ja,« sagt Friedrich, »einen französischen Chasseur.« – »Einen Chasseur?« fragt Freier. – »Ja, in einer grünen Montur,« sagt Friedrich. – »Zu Pferde?« – »Ne, zu Fuß.« – »Was soll der?« – »Was er soll? Nichts soll er; ich wollte bloß mit ihm reden.« – »Was hast du mit einem Franzosen zu reden?« – »Dümurrjöh! Was hast du Schafskopf danach zu fragen? Ich frage ja bloß, ob du den Kerl gesehen hast?« – »In einer grünen Montur?« fragt Freier. – »Ja.« – »Mit einem Schacko?« – »Nein, im bloßen Kopf.« – »Mit bloßem Kopf und dann heute morgen in dem Regen?« – »Ja, du hörst ja!« ruft Friedrich voll Aerger; »so antworte doch, ob du den Kerl gesehen hast!« – »Warte mal! Haben wir heute nicht Donnerstag?« – »Ja,« sagt Friedrich. – »Nein, heute nicht; aber am Montag,« sagt Freier, »da waren hier welche, aber mit blauer Montur und zu Pferde; und heute ist mein Zamel mit Vorspann nach Stavenhagen.« – »Freier,« sagt Friedrich, »den Vorspann hättest du nicht nach Stavenhagen schicken sollen, den kannst du selber besser brauchen, vor allem, wenn du Leuten Antwort geben sollst.« – »Wieso?« – »Und dann, Freier, dann weiß ich noch ein gutes Geschäft für dich: du könntest Krebse nach Berlin 'rauftreiben; ein Kerl wie du, der kommt damit vorwärts.« – »Wie meinst du das?« fragt Freier verdutzt. – »O, ich meine man. Und nun, guten Morgen, Freier. Und wenn der Franzos kommt, den ich suche, dann sag ihm, ich hätte gesagt, du hättest gesagt, deine Großmutter hätte dir erzählt, wenn er fragte, was sie sagte, solltest du ihm sagen, hätte ich gesagt, er sollte nicht Schafskopf zu dir sagen – und nun adjüs, Freier!« – »Was?« sagt Freier und guckt ihm nach, als er das Dorf entlang geht, und dreht einen Stein von dreißig Pfund oder so in den Händen herum, »was? Er hätte gesagt, ich hätte gesagt? – Was? Du hättest gesagt, sollte ich sagen, er sollte nicht Schafskopf zu mir sagen? Was?« Und er nimmt den Stein und wirft ihn mit aller Gewalt zu den anderen: »Infamer preußischer Spitzbube! So macht er es immer!« Friedrich geht weiter; der alte Schulz Besserdich guckt über die Tür. »Schulz, hat Er heute morgen hier keinen Franzosen gehen sehen?« – »Einen Franzosen?« fragte der Schulze. »Na, die Art ist hier zur Zeit nicht gerade knapp; aber heute morgen, sagst du?« – »Na, nun fang' Er auch noch an zu fragen!« sagt Friedrich. »Ich will Ihm lieber die Geschichte erzählen, das wird schafflicher sein.« – Er erzählt nun also: So und so. »Und,« schloß er seine Rede, »her muß er!« – »Das muß er, Friedrich,« sagt der Schulz; »und ich will mit dir gehen, denn ich bin ja doch nun mal dazu eingesetzt, und unser Herr Amtshauptmann sagte noch neulich zu mir: ›Schulz,‹ sagte er, ›auf Ihm beruht das Ganze in Gülzow,‹ und gab mir einen Bogen Papier und sagte: ›diese Sache ist pressant.‹ Na, ich ließ mir das vom Landreiter vorlesen, und als er damit fertig war, sagte er: ›Schulz, die Sache hat aber Eile.‹ – ›Ne,‹ sag' ich, ›das weiß ich besser: der Herr Amtshauptmann hat mir gesagt, die Sache ist pressant; und wenn er das vordem gesagt hat, dann hab ich immer noch gute vier Wochen gewartet und bin immer noch zur rechten Zeit gekommen.‹ Und so kam es auch diesmal. Aber, Friedrich, deine Sache ist nicht pressant, die hat Eile; ich will mir bloß noch meinen Hut holen und dann kann's losgehen.« Dies geschah, und sie gingen. Als sie aus dem Dorf kamen, sagte der Schulz: »Friedrich, mein Hanne – du kennst ja den Jungen, er ist nun im sechzehnten, und ich dachte, ich wollte ihn noch so ein Jahr so 'rumlaufen lassen – der hütet hier die Schafe auf dem Roggen – denn siehst du, ich dachte mir so: das Futter ist dir knapp, und in dieser Jahreszeit vertreten sie sich schon eine Mahlzeit auf dem Felde. Und so jagte ich sie denn 'raus – sieh, der Junge kann möglicherweise den Kerl gesehen haben.« Sie fragen nun Hanne, und der Junge hat richtig den Kerl gesehen: er ist nach Pinnow zugegangen. In Pinnow gehen sie beim Schulmeister vor und fragen, ob er keinen Franzosen gesehen hätte. Der Schulmeister hieß Sperling; man nannte ihn aber immer Buchfink; einige sagten: weil er so schön singen könnte; andere: weil er immer Hans in allen Hägen wäre und mit jedermann seine Possen triebe. Der alte Schulz ließ sich auch richtig von dem Buchfink an der Nase herumführen; aber Friedrich sah bald, wie die Sache stand, und als er gewahr wurde, daß der Buchfink seiner Frau zublinzelte, sie sollte mit ihm in eine Kerbe hauen – dachte er: wart, dabei sollst du dich schneiden! – stand auf und sagte, er wollte sich aus der Küche eine Kohle für seine Pfeife holen. Der Buchfink redete dem alten Schulzen allerlei verfluchte Stückchen vor, und wenn der Schulz zu Worte kam und fragte, ob er den Franzosen nicht gesehen hätte, sagte der Buchfink ›nein‹, und seine Frau sagte auch ›nein‹. Als sie nun den alten Besserdich so hänselten, kam Friedrich wieder herein und sagte: »Frau, in Ihrem Wiem ist wohl was passiert, denn die eine Stange mit den Würsten liegt an der Erde.« – Die Frau springt heraus und kommt mit der Stange wieder herein und ruft: »Sieh so! Das haben wir davon: der verfluchte Kerl hat uns eine Wurst genommen.« – »Was für ein Kerl?« fragt Friedlich. – »Der Franzosenkerl, wonach ihr fragt.« – »Na, also ist er doch hier gewesen,« sagt Friedrich. – »Natürlich! und Sperling hat ihm noch einen Schnaps und Butterbrot gegeben und hat ihm den Weg nach Demzin gezeigt.« – »Na, dann adjüs!« sagt Friedlich. »Schulz, komm Er! Weiter wollten wir ja nichts wissen.« »Schulz!« sagt Friedrich, als sie ein Stück von Pinnow und dem Buchfink fort sind; »Er ist doch eine Art Gerichtsperson und muß es wissen: was steht eigentlich für eine Strafe auf eine Wurst?« – »Je, Friedrich,« sagt der Schulz, »mit Wurst weiß ich in dieser Art nicht Bescheid; was auf 'ne Speckseite steht, das weiß ich wohl, denn als mir der alte lahme Schuster dazumal eine aus dem Rauch genommen hatte, ließ ihn der Herr Amtshauptmann vierzehn Tage sitzen, und dazu kriegte er so seine zwölf in die Jacke.« – »Das wäre just nicht gefährlich,« sagt Friedrich; »denn wenn man danach berechnet, wie viel auf 'ne Wurst kommt, dann ist es blitzwenig.« – »Wieso?« – »Na, Schulz, sag' Er mal: wenn Er sieben Schweine einschlachtet, wie viele Speckseiten kriegt Er dann?« – »Vierzehn.« – »Das ist nicht wahr; Er kriegt nur dreizehn: eine kommt in die Wurst.« – »Da hast du recht!« sagt der Schulz. – »Und wie viele Würste macht Seine Frau denn nun wohl von sieben Schweinen? Doch wohl an die dreißig – also kämen dreißig Würste auf eine Speckseite, und auf eine Wurst käme also, in Bausch und Bogen berechnet, höchstens ein halber Tag und ein halber Schlag; und das estimiere ich für ein richtiges und ein gnädiges Gericht, und Er kann mir gleich hier auf frischer Tat den halben Schlag ins Genick geben, und den halben Tag will ich am nächsten Sonntag Nachmittag in Seinem Hause hinterm Ofen absitzen – denn seh Er hier: ich habe dem Buchfink die Wurst genommen.« – »Wie? Dich plagt ja wohl der Teufel?« sagt der Schulz. – »Der nicht, aber der Hunger,« sagt Friedrich und zieht die Wurst aus der Tasche und schneidet ein Stück ab. »Hier, Schulz! Die Wurst ist gut, die kann man ohne Brot essen.« – »Ne,« sagt der Schulz, »mit gestohlener Ware will ich nichts zu tun haben.« – »Wieso, gestohlen?« fragt Friedrich; »dies ist eine Fouragierung, wie wir beim Herzog von Braunschweig sagten, oder ein Mundraub, wie Ihr sagt. Und, Schulz, Er ist doch gewiß auch oft dem Priester in die Aepfel gestiegen?« – »Weiß der Teufel, was du heute hast! Ja, das bin ich, als ich ein unverständiger Junge war; aber jetzt habe ich große Kinder und soll ihnen mit einem Beispiel vorangehen.« – »Das ist wahr,« sagt Friedrich, »und was sich für den einen schickt, das schickt sich nicht für den anderen. – Schulz,« sagt er nach einer Weile, »wie alt ist seine Fiken?« – »Je,« sagt der Schulz, und seine Augen fangen an zu leuchten, »Friedrich, das Mädchen! ich sage dir: das Mädchen! Alt ist sie nicht, sie wird erst achtzehn; aber ich sage dir: klug ist sie, wie eine Biene.« – »Das weiß ich,« sagt Friedrich. »Ich habe noch gestern abend auf dem Stavenhäger Schloß bei ihr gesessen, und ich kann wohl sagen, sie hat mir so gut gefallen, daß ich imstande wäre, ihr zu Gefallen meinen ledigen Stand zu verändern.« – »Na, höre mal, du gehst gut!« sagt der Schulz und sieht Friedrich von oben bis unten an. – »Ja,« sagt Friedrich, »und ich dachte, für Seinen Fritz findet sich wohl was anderes, und Er wird schon alt, und wenn Er sich denn so aufs Altenteil gäbe, dann könnte Er uns die Hufe geben, dann hätten Fiken und ich eine schöne Brotstelle und Er könnte viele Freude an uns erleben.« – »Gott soll mich bewahren!« sagt der Schulz, »du meinst das doch nicht im Ernst?« – »Warum nicht?« sagt Friedrich und richtet sich hoch auf; »seh' ich nach Spaß aus?« – »Was!« ruft der alte Schulz und geht auf ihn los, »so ein alter Schnorrer, wie du bist, der wollte eine Schulzentochter freien? Meine Tochter! Ein junges Mädchen von achtzehn Jahren?« – »Schulz,« sagt Friedrich, »steh' Er zu seinen Worten! Alt, sagt Er? Seh Er mich an, ich bin in meinen besten Jahren: zwischen zwanzig und fünfzig. Schnorrer, sagt Er? Ich habe ihn noch um keine Pfeife Tabak gebeten. Aber wahr ist's, Seine Fiken ist im Ganzen jünger als ich; doch daraus mache ich mir nichts – ich nehme sie doch, denn sie ist klug und weiß, daß ein Kerl wie ich, der die Welt gesehen hat, mehr wert ist, als so ein Bauernjunge mit einem dicken roten Kopf und Flachshaar, der einen Diener macht wie ein Klappmesser und den Leuten in die Stube spuckt.« – »Hast du mir dem Mädchen schon Raupen in den Kopf gesetzt?« schreit der alte Schulz und hebt den Stock gegen ihn auf. – »Halt, Schulz!« sagt Friedrich. »Den Stock beiseite! Was würden die Leute sagen, wenn es hieße, ich hätte mich mit meinem Schwiegervater schon vor der Hochzeit auf der Landstraße geschlagen!« – Der Schulze ließ den Stock fallen. – »Schulz,« sagt Friedrich, »ich bin wohl imstande, so einem Buchfink eine Wurst zu stibitzen, aber niemals dazu, solch ein junges Blut um ihr Glück zu betrügen; ich habe Seiner Fiken keine Raupen in den Kopf gesetzt.« – Der alte Schulz sah ihn so von der Seite an, als wollte er sagen: dir mag der Teufel trauen! – sagte aber nichts. Sie gingen nun weiter, aber das Ei war entzwei. Als sie in die Nähe von Demzin kommen, steht dort ein junger Wirtschaftsschreiber, und Friedrich geht an ihn heran: »Um Vergebung, haben Sie hier keinen Franzosen gesehen?« – und so weiter. Der junge Mensch sagt: Ja, vor einer kleinen Stunde wäre so ein Kerl an ihm vorbeigegangen. Sie gehen durchs Dorf, und auf dem anderen Ende hat auch eine alte Frau den Chasseur gesehen. »Nun haben wir ihn bald,« sagt Friedrich. Aber als sie ein bißchen weiterhin auf dem Felde einen alten Mann treffen, der am Wege Weiden kappt, will dieser von keinem Franzosen etwas wissen und sagt, hier wäre der Kerl seit sechs Uhr Morgens nicht vorbei gekommen. Was nun? Den Weg weiter verfolgen? Das wäre eine richtige Wildgansjagd geworden. Aus dem Dorf war der Kerl aber heraus gegangen; wo war er geblieben? Der Schulz kratzte sich den Kopf, Friedrich sah sich überall um und beschaute sich die Oertlichkeit; endlich sagte er: »Schulz, weiter können wir nicht gehen; hier ist die Spur zu Ende: wir wollen uns also die Sache überlegen. Aber hier pustet es höllisch kalt über das freie Feld herüber; wollen uns dort hinter den Backofen setzen.« – Na, das tun sie. »Was ich für ein Narr bin,« sagt der Schulz, »hier in solchem Weg und Wetter hinter einem Franzosen herzulaufen!« – »Schwiegervater, laß Er den Franzosen,« sagt Friedrich, »den kriegen wir immer noch.« – »Fängst du mir schon wieder an mit deinem Schwiegervater, du preußischer Spitzbube?« – »Schulz, was Er nicht ist, kann Er ja noch werden! Ich habe viele Leute gekannt, die haben für diesen Namen ihre Tochter und dazu noch viel Geld gegeben.« – »Dann haben sie auch andere Schwiegersöhne dafür gekriegt, wie du bist!« – »Seh Er mich mal an, Schulz,« sagt Friedrich und stellt sich hoch aufgerichtet vor den Schulzen hin, »ein Advokat bin ich nicht und ein Doktor auch nicht; aber ich habe gesunde Knochen, und seh' Er meine Hand an, die kann von Arbeit mitreden. Und wenn Er seinen eigenen Augen nicht traut, dann kann Er ja meinen Müller fragen.« – »Je, weißt du, was der sagt? Der sagt, du wärest wohl ein tüchtiger Kerl und verständest auch eine Sache anzufassen; aber du hättest Redensarten an dir, unnütze Redensarten, mit denen keiner einen Hund hinterm Ofen hervorlocken könne.« – »Daß ich das kann, das will ich Ihm nachher beweisen. Aber nun, Schulz: will Er mir Seine Fiken geben?« – »Donnerwetter!« sagt der Schulz, »ich dachte erst, es sollte Spaß sein; und nun glaube ich, du Racker willst hier Ernst machen.« – »Schulz, mit der Hufe und dem Altenteil, das war Spaß; denn sein Fritz muß die Hufe haben, und Er braucht noch nicht aufs Altenteil; aber mit Seiner Fiken, das ist Ernst; und eine Hufe kriege ich schon.« – »Du Prahlhans!« sagt der Schulz. »Sieh, dies ist so eine Redensart, wie ich vorhin sagte, mit der du keinen Hund aus dem Ofen lockst.« – »Das will ich Ihm zeigen!« ruft Friedrich. – »Dicktuer!« sagt der Schulz und steht auf; »ich geh nach Haus, und du geh' auf den Hundefang oder greif dir deinen Franzosen.« – – »Den hab ich,« sagt Friedrich. – »Prahlhans!« – »Schulz, wenn in drei Minuten der Franzos vor Ihm steht, und ich mit meinen Redensarten einen Hund aus dem Ofen locke, will Er mir dann Seine Fiken geben?« – und hält ihm die Hand hin: »Da, schlag Er ein!« – »Du Lügenbalg!« ruft der Schulz, »bloß um dich mit der Nase darauf zu stoßen, daß du ein Prahlhans bist – ja!« – und er schlägt ein. Friedrich lacht leise spöttisch vor sich hin und bückt sich zum Backofenloch nieder: »Mossiöh, allong! ißi! – Allong! ißi!« – und was kriecht zum Vorschein? Der französische Chasseur. »Gotts ein Donner...!« ruft der Schulz. – »Pardon, monsieur!« ruft der Franzose. – »Schulz, wer hat die Wette gewonnen? Hier ist der Franzos, und hier ist auch der Hund! Wer kriegt nun Seine Fiken?« – »Preußischer Halunke!« ruft der Schulz und hebt wieder den Stock empor, »du willst mich hier zum besten haben? Du meine Fiken! Lieber will ich ihr doch ...« – »Schulz,« sagt Friedrich, »leg Er den Stock beiseite; der Franzos ängstigt sich, komm Er lieber her und helf Er mir bei dem Arretierungsgeschäft; über die Wette sprechen wir später.« – »Pardon!« ruft der Franzose dazwischen. – »Was hier, was da! Pardong!« ruft Friedrich. »Was läufst du mir unter der Buche fort, wo ich dich hingelegt hatte? Diesmal will ich dich mal nach meiner Art traktieren; hier ist keine Mamsell Westphal,« – und damit schneidet er ihm die Knöpfe von den Hosen ab: »Und nun allong! avang!« Und so geht es denn nun vorwärts durch Demzin nach Pinnow zu. Der alte Schulz geht in dem gießenden Regen still nebenher und ärgert sich, am meisten aber über sich selbst, und wenn er die Schuld auf Friedrich schieben will, dann muß er immer zu sich sagen: »Ein Halunke ist er; aber ein verteufelter Kerl ist er doch! Woher er wohl wußte, daß der Franzos im Backofen saß? Und dann dies mit dem Knopfabschneiden! Na, dies Stück will ich mir merken!« Als sie in die Nähe von Gülzow kommen, sagt Friedrich: »Schulz, wer zum Teufel kommt da quer über Euren Acker angejagt? Was hat er da zu jagen? Dem Regen jagt er ja doch nicht aus dem Wege.« – »Was Donner!« sagt der Schulz, »das ist ja dem Inspektor Nicolai sein Brauner, und der darauf sitzt, ist ja wohl gar der Stavenhäger Bürgermeister?« – Und so war es. Mein Vater kam heran, und als er den Franzosen sah und Friedrich, sagte er, jetzt sollte die Sache wohl in Ordnung kommen. »Aber,« setzt er hinzu, »Schulz, jetzt schnell nach Seinem Hause, denn mir friert die Seele in meinem Leibe, und durchnäßt bin ich bis auf die Knochen!« – »Das sag ich ja man, Herr, und wir sind auch schön durchgeweicht.« Als sie im Schulzenhause angekommen waren, brachte die Schulzenfrau allerlei überzähliges Zeug zum Vorschein; doch langte das nur kaum, denn die schlimmen Zeiten hatten auch in des Schulzen Kleiderkammer stark ihren Schabernack getrieben, und jeder dankte Gott, wenn er nur was fand, das ihm halbwegs paßte. Der alte Schulz konnte keine andere Behausung finden als in seiner eigenen Hose; Friedrich stak ganz stattlich in Fritzens Gottestischrock; und mein Vater, als der kleinste, mußte sich mit Johanns kurzer Jacke begnügen, was natürlich der Schulz nicht wollte, und worüber er viele Komplimente machte; aber wenn jemand aus einer Verdrießlichkeit in Sicherheit und aus einem Regen ins Trockene gekommen ist, dann stellt sich die Lustigkeit leicht ein, und mein Vater lachte über seinen Aufzug, daß ihm die Augen tränten. – »Lieber Gott,« sagte er auf einmal und wurde sehr ernst, »wir lachen hier, und unter uns sitzt ein Menschenkind, das schüttelt nicht der Frost allein, das schüttelt auch die Angst; und wir sollten ihm zum wenigsten das zugute tun, was wir können. Frau, Sie müssen auch dem Franzosen mit etwas unter die Arme greifen.« – Das ging denn nun man schwach, und als alles benutzt war, was sich irgend dazu eignete, mußte doch ein dicker Wollrock von der alten Schulzenmutter das größte Loch zustopfen. »Bruder, iß tüchtig!« sagte Friedrich, als sie um das reichliche Vesperbrot herumsaßen, und schob dem Franzosen so ein Stück Pökelfleisch von drei Pfund hin; »iß, Bruder! Solange der Mensch ißt, so lange lebt er noch.« – Und meinen Vater jammerte der Mann, und er redete ein paar Worte Französisch mit ihm in tröstlichem Ton, und der arme Sünder antwortete so sachte und de- und wehmütig, daß es dem alten Schulz, obwohl er nichts davon verstand, doch ans Herz griff und er sich an meinen Vater heranbeugte: »Herr Bürgermeister, wollen den Kerl wieder laufen lassen.« – Nein, sagte mein Vater, so ginge die Sache denn doch nicht; der Müller und der Bäcker säßen in großer Not und hätten eine gerechte Sache, und der Franzose säße auch in Not, hätte aber eine ungerechte Sache; und das Recht müßte doch in der Welt bestehen bleiben. Da kommt des Schulzen Fritz mit den Pferden auf den Hof geritten und kommt in die Tür: »Guten Abend, Vater! Ich bin den Franzosen ausgerissen!« – und gibt seinem Vater die Hand und geht an meinen Vater heran, der ihm den Rücken zukehrt, und gibt ihm einen recht niedlichen Denkzettel ins Genick: »Guten Abend, Hanne! Kannst du deinem Bruder nicht die Tageszeit bieten?« – Mein Vater fährt empor und dreht sich um, und Fritz steht nun da wie Lots Weib – »Gott soll mich bewahren!« ruft der Schulz; »kommt hier rein und schlägt mir den Stavenhäger Bürgermeister in meinem eigenen Haus – und der Schlingel will mal Schulz werden!« – »Laß ihn!« sagt mein Alter: »Dafür soll er aber heute abend nicht zur Ruhe kommen; er soll uns heute abend noch alle nach Stavenhagen fahren.« – »Durch die ganze Welt, Herr Bürgermeister,« sagt Fritz. – »Warum kommst du aber so spät ans Haus?« fragt der Schulz. – »Ja, Vater, ich dachte so: wenn sie dich kriegen, wird die Sache schlimm – und darum zog ich die Pferde ins Holz und stellte mich auf die Lauer und wollte warten, bis es Abend würde; und als ich so stand, da kam Stadtdiener Luth angegangen und der sagte mir, die Franzosen wären längst weg, und der Herr Bürgermeister wäre den Franzosen auch durchgebrannt, und er suchte ihn.« – »Wo ist er denn geblieben?« fragt mein Vater. – »Er wird gleich kommen,« sagt Fritz, »er fragte nur noch beim Schulmeister vor.« Mit der Zeit kam denn nun auch Luth, und als er nach meinem Vater fragte, und dieser ihm in der kurzen Jacke vor die Augen kam, war es mit seiner ganzen Bestellung vorbei; er vergaß alles, was er sagen sollte und wollte, und fing aus vollem Halse zu lachen an, und mein Vater ärgerte sich, denn er dachte nicht mehr an seinen Aufzug, sondern an meine Mutter und ans Haus, und faßte den Stadtdiener an den Kragen: »Luth, ist Er unklug geworden? Was machen meine Frau und meine Kinder?« – »Prächtig zuwege, Herr Bürgermeister! Hahaha! – Und der Herr Amtshauptmann liest der Frau Bürgermeister etwas aus den Büchern vor, und Mamsell Westphal stopft Fritzing mit Aepfeln und Kringeln; aber – hahaha! – nehmen Sie's nicht übel: ich muß lachen.« – Und Friedrich fing auch zu lachen an, und der alte Schulz und Fritz auch; und Schulzenmutter sagte, der Herr Bürgermeister sähe doch auch gar zu spaßig aus. – Meinem Vater war das Herz nun leicht geworden, und er lachte von Herzen mit. »Luth, lach' Er tüchtig,« sagte er, »aber lach' Er schnell! Denn für Ihn Hab' ich was Eiliges zu tun. Nicht wahr, die Franzosen haben den Mantelsack mit dem Geld und dem Silberzeug mitgenommen?« – »Ja, Herr, ich hab's gesehen, als sie es forttrugen.« – »Dann spute Er sich. Im Stall steht Inspektor Nicolais Brauner, den nimmt Er, und jagt, all was Er kann, nach Kittendorf zum Herrn Landrat von Oertzen – denn von dorther sind gestern die Chasseurs gekommen, und daher werden wohl auch die Löffel stammen – und dann erzählt Er dem Herrn Landrat, wie es uns in Stavenhagen gegangen ist, und bittet ihn, er solle Ihm einen sicheren Menschen mitgeben, der auf die Löffel schwören könne. Auf diese Weise könnte er vielleicht sein Eigentum wieder bekommen. – Und nun fort mit Ihm! Und du, Fritz, spann fixing an!« – Es dauerte auch kaum einen Augenblick, da saßen sie alle auf dem Wagen; nur den Schulzen wollte Mutter nicht mitlassen: »Du hast dort nichts zu tun; du könntest zu Hause bleiben.« – »Mutter,« sagte der Schulze und setzte den einen Fuß ins Rad und sah sich von oben herab um, »dies ist gegen unser Uebereinkommen. Du bist Herr im Hause, und ich bin Herr in meinen Schulzengeschäften, und einen Gefangenen zu transportieren, ist ein Schulzengeschäft,« und dabei klemmte er sich mit Friedrich und dem Franzosen auf einen Sack: »So, Fritz, nun man jüh!« Siebzehntes Kapitel Warum Friedlich eigentlich kein Spitzbube war; warum Kaiser Napoleon nichts mit dem Ratsherrn zu tun haben will, und warum der Oberst mit dem Herrn Ratsherrn Heimlichkeiten hat. Vor dem Rathaus zu Stavenhagen hielt der Wagen still, und mit einem Satz war mein Vater von seinem Sack herunter und sagte den anderen, sie möchten noch ein bißchen sitzen bleiben, bis er sie riefe. Als er auf die Diele kam, begegnete ihm Marie Wienke mit Licht, denn es war mittlerweile schon dunkel geworden. Mariechen, unser Dienstmädchen, hätte beinahe das Licht fallen lassen und wollte eben aufschreien, als sie meinen Vater aus Hanne Besserdichs Kleidern herauskannte; er zog sie aber schnell in seine Stube und sagte: »Halt deinen Mund, Marie! Du bist ja ein verständiges Mädchen!« – Mariechen war nur dummlich; aber nichts greift der Dummheit besser unter den Arm, als wenn sie für klug ausgegeben wird; in Mariechens Kopf wurde es denn auch ein ganz Teil heller. – »Ist der Herr Amtshauptmann noch hier?« fragte mein Vater. – »Ja, Herr.« – »Dann setze das Licht hierhin und geh' in die Stube hinein und laß dir meiner Frau gegenüber nichts merken und sage dem Herrn Amtshauptmann: draußen wäre einer, der ihn sprechen wollte; und dann bring' ihn hier herein.« Dies geschah nun, und der alte Herr kam herein: »Guten Abend, mein Sohn, was willst du, und was tust du hier in des Herrn Bürgermeisters Stube?« – »Herr Amtshauptmann, was machen meine Frau und Kinder?« – »Mein Jüngelchen, was weiß ich von deiner Frau und deinen Kindern? Wie kommst du zu Frau und Kindern?« – »Potztausend!« ruft mein Vater. »Kennen Sie mich denn nicht? Ich bin ja der Bürgermeister!« – »Das ist denn eine andere Sache!« ruft der alte Herr. »Das ist ja eine ganz besondere Sache! Ne, was denn? Consul Stavenhagenensis in einer kurzen Jacke! Aber was sagt Horaz? Nil admirari, sagt er! Vor allem in diesen Zeiten, mein Herzenskindting.« – »Herr Amtshauptmann, meine Frau?« – »Weiß, daß Sie los sind, mein Herzenskindting, und wird sich sehr freuen.« – »Aber ...?« – »Nein, es schadet ihr nicht, auch nicht, wenn sie Sie in einer kurzen Jacke sieht. Kommen Sie nur!« Alle Ueberraschungen taugen den Teufel nichts, selbst nicht die guten. Wenn die Freude dem Menschen mit einmal in die Ohren schallt, wie wenn dicht bei einem zwei Dutzend Musikanten zugleich hinterm Busch loslegen, dann reißt es einem durch das Herz und durch den Kopf, und das schönste Lied wird eitel Schmerz. Nein! Ich lobe mir die Freude, wenn sie ankommt wie ein schöner Singvogel im kühlen Wald, wenn sie näher kommt und immer näher von Zweig zu Zweig, bis sie mir zuletzt vom nächsten Busch ihr Lied voll in die Ohren singt. Die Freude kam bei meiner Mutter zuerst wohl ein bißchen hastig; aber das war überstanden; nun kam sie von Zweig zu Zweig, und als mein Vater in die Stube hereinkam, da sang sie ihr Lied ihr voll in die Ohren, und als der Vogel zuletzt gar in einer kurzen Jacke kam, da war's ihr, als wenn er ihr im Busch allerlei Wippchen vormachte, daß sie von Herzen darüber lachen mußte. – Und die Erinnerung an diesen Tag ist in unserem Hause lebendig geblieben bis in die spätesten Zeiten: wenn mein Vater unter Arbeit und Sorge mal recht lustig nach Hause kam, dann hieß es unter uns: »Vatting hat heute die kurze Jacke an.« Als sich die Freude einigermaßen zur Ruhe gesetzt hatte, fing der alte Herr an: »Und den Franzosen haben Sie gleich mitgebracht, mein Herzenskindting?« – »Ich nicht,« sagte mein Vater; »Müllers Friedrich hat wohl das Beste dabei getan, und der Gülzowsche Schulz hat ihm dabei geholfen.« – »Mein Herzenskindting, dieser Friedrich muß ein verteufelter Kerl sein, ein resolvierter Mensch; wollen ihn mal hereinkommen lassen.« Friedrich kam, und auch der Schulz. »Hör mal, mein Sohn, bist du das, der den Franzosen vom Wagen geschmissen hat?« – Friedrich dachte bei sich: wie? dies soll ja wohl wieder ein Gerichtstag werden? – und weil er diese Frage mit ja beantworten mußte, setzte er sich stracks auf die Hinterbeine und ließ es an sich kommen. »Ja, Herr,« sagte er. – »Weißt du denn auch wohl, daß du den Müller in große Verlegenheit gebracht hast?« – »Verlegenheit? Er ist Verlegenheiten gewöhnt; und eine mehr wird ihm nicht schaden.« – »Bist du das, der den Mantelsack vom Franzosenpferd genommen hat?« – »Ja, Herr.« – »Hast du dich dabei nicht um acht Groschen an des Franzosen Eigentum vergriffen?« – »Ich habe mir meine acht Groschen bloß wieder genommen,« sagte Friedrich und erzählte die Geschichte. – »Du hast sie dir gegen Gesetz und Recht genommen, und wie wird so einer belangt, der dies tut?« – Friedrich sah den alten Herrn dreist an, sagte aber kein Wort. – »Schulz Besserdich, wie wird so ein Mensch genannt?« – »Mit Verlaub, Herr Amtshauptmann, ein Spitzbube!« brach der alte Schulz los. »Und das ist er, Herr; er hat heute noch der alten Buchfinksch eine Wurst aus dem Rauch gestohlen! Und so ein Kerl will meine Fiken heiraten?« – »Was will er?« – »Meine Fiken, Herr, die bei Ihnen dient, Herr, die will er heiraten, Herr.« – »So? so?« sagte der Herr Amtshauptmann und sah Friedrich von oben bis unten an, »das ist denn eine andere Sache! – Mein Sohn, dann kannst du herausgehen; aber ich werde dir den gestrigen und den heutigen Tag gedenken.« Friedrich ging und schalt in seinem Herzen auf den Schulzen und den Amtshauptmann: »Was will er mir gedenken?« fragte er sich, als er auf der Diele stand. Hätte er aber gewußt, was dieses Wort beim alten Herrn besagen wollte, dann hätte er wohl nicht so gefragt; denn im Bösen gedachte der alte Herr niemals etwas; das Böse ging an ihm vorüber, das blieb nicht an ihm haften, und er machte drei Kreuze dahinter her; kam ihm aber das Gute entgegen, dann war ihm bange, daß er's zu rasch verlieren sollte, dann hieß es: »Neiting, Fritz Sahlmann, Westphal, Kinder, helft mir daran gedenken.« Als Friedrich aus der Tür war, drehte der alte Herr sich um und lachte aus vollem Herzen: »Neiting, um Fritz Sahlmanns Wurst von heute früh bist du nun doch gekommen – die kriegt die Buchfinken in Pinnow; denn wenn dieser Bengel, der Friedrich, des Schulzen Fik freien soll, dann müssen wir ihn doch erst wieder ehrlich machen.« – »Ja,« rief mein Alter und legte ein Achtgroschenstück auf den Tisch, »und hier ist das Geld, das er dem Franzosen genommen hat.« – »Na, und nun, Schulz, wann wird die Hochzeit?« lachte der alte Herr. – Der alte Schulz stand da und machte ein Gesicht, als hätte ihm jemand von hinten eine Brille von Schuhsohlen aufgesetzt; er wußte nicht, was um ihn geschah. »Herr Amtshauptmann,« sagte er endlich, »der Kerl ist ja aber ein Schnorrer.« – »Schulz,« sagte der alte Herr, »die Sache kann sich ändern. Im Amt sind in diesen Zeiten Bauernhöfe frei geworden, und wer weiß, wie Hohe Herzogliche Kammer darüber denkt.« – »Ja, er ist aber doch auch ein Spitzbube, Herr.« – »Schulz, das wollte ich nur noch mal von Ihm hören. Als der Mann heute morgen sich die acht Groschen aus dem Felleisen holte, hätte er da nicht das Ganze behalten können? Wer hätte was davon gewußt? Und wenn er es auf den Nacken genommen hätte und wäre damit über die preußische Grenze gegangen, welcher Hund und welcher Hahn hätte danach gekräht? Ne, was denn?« – »Je, Herr, aber mit den acht Groschen und der Wurst?« –»Das eine hat er in seinem Unverstand für sein Recht gehalten, und das andere für einen Spaß.« – »Je, Herr,« sagt der Schulz und kratzt sich den Kopf, »wenn das alles auch so ist – meine Fik ist doch zu jung für den alten Bengel.« – »Mit Verlaub, Herr Amtshauptmann,« fiel hier Mamsell Westphal ein; »daß ich in Gerichtssachen und Bauernangelegenheiten hineinrede: Schulz Besserdich, das ist ein dummer Schnack von Ihm; denn wenn Seine Fik noch eine junge dumme Dirne ist, dann ist es gut, daß sie einen erfahrenen Mann bekommt; denn das hat immer seine Art gehabt. Und, Herr Amtshauptmann, nehmen Sie's nicht übel, er ist ein resolvierter Kerl und in dieser Zeit zu brauchen, und gestern abend – ich will nichts gegen Herrn Droi sagen, denn er muß wissen, wann es Zeit ist, mit Obergewehr und Untergewehr auf einen Menschen loszugehen – aber gestern ging Friedrich ganz allein auf den Franzosen los, und wenn auch seine Redensarten für Ihre Stube und meine Ohren nicht reinlich genug waren, so sagte ich doch zu mir: das ist ein Kerl, der hat es mit der Tat! Und, Schulz Besserdich, die beiden passen für einander, denn was er mit der Tat hat, hat sie mit den Worten: und, Herr Amtshauptmann, die kann sich einen Kerl vom Leibe halten, denn sie hat ein gottgesegnetes Mundwerk, und das sage ich.« Der alte Schulz sah Mamsell Westphal an und dann wieder den Herrn Amtshauptmann; er war ganz verdutzt: alle die Einwendungen, die er gemacht hatte, waren ihm zurückgeschlagen; er suchte nach neuen und fand keine, bis ihm zuletzt das einfiel, was ihm zuletzt immer einfiel; er kratzte sich also hinter den Ohren und sagte: »Je, Herr Amtshauptmann, ich muß erst hören, was Mutter dazu sagt.« – »Recht, mein lieber Schulz! Vor allem aber muß Er erst hören, was Seine Fiken dazu sagt; ich für mein Teil habe Ihm nur klar machen wollen, daß dieser Friedrich kein Spitzbube ist.« Somit war denn diese Angelegenheit vorläufig auf den Nimmermehrstag hinausgeschoben; die Frau Amtshauptmann war mit Mamsell Westphal schon auf das Schloß gegangen, und bei der anderen Gesellschaft war die Müdigkeit eingekehrt, als Stadtdiener Luth von seiner Fahrt nach Kittendorf zurückkam und ansagte, der Herr Landrat ließe eine schöne Empfehlung sagen und schickte wegen des Silberzeugs seinen eigenen Herrn Kammerdiener mit. Dadurch war denn nun alles schön in Ordnung gekommen; der Herr Amtshauptmann schrieb einen Brief an den französischen Oberst, mein Vater sagte dem Stadtdiener genau Bescheid, was er zu tun und zu sagen hätte, Friedrich und Luth nahmen den Chasseur zwischen sich auf den Wagen, der Herr Kammerdiener und Fritz Besserdich setzten sich vorne auf, und fort ging es in der dunklen Nacht und dem tiefen Weg nach Brandenburg zu. »Ja,« sagte der alte Schulz, als er allein in der Nacht nach Gülzow ging, »ihr habt gut reden! So ein Amtshauptmann und Bürgermeister und 'ne Mamsell auf dem Schloß, das sind vornehme Leute und haben keinen über sich; aber so einen Schulzen kommandiert ein jeder. Ja, wenn Mutter nicht wäre, und der Kerl wäre kein Spitzbube, und er wäre so ein zehn Jahre jünger, und er hätte eine Bauernstelle, und meine Fiken wollte ihn, ja, dann – dann kriegte er das Mädchen doch nicht, denn Mutter leidet es nicht.«– – Kein Mensch kann mir nun verdenken, daß ich beim Erzählen einer lustigen Geschichte keine Lust habe, grauliche Geschichten hineinzumengen, und darum sage ich von dem französischen Chasseur nichts weiter als nötig ist; ich sage nichts davon, wie ihm zumute war, als er nach Neubrandenburg kam; nichts davon, wie er vor dem Kriegsgericht stand; nichts davon, wie ihm die Angst, die Todesangst, immer näher kam, als er seinen bösen Lohn erhielt. Und wenn ich's auch wollte, so könnte ich's nicht, denn ich schreibe nur Dinge, die ich kenne, und dieses kenne ich nicht; ich habe es niemals übers Herz bringen können, einen armen Sünder neugierig auf dem letzten Gang zu begucken und zuzusehen, wie ein Sünder den anderen von menschlichen Gerichtes wegen voreilig vor das Gericht unseres Herrgotts bringt. Aber es war nun einmal so, und es geschah auch so; und als sein blutiger Leib auf dem Sande lag, hat wohl niemand daran gedacht, daß die Kugeln weit hinten in Frankreich viel härter in ein Herz schlugen, als in sein eigenes – ich meine in das Herz seiner alten Mutter. Ich will darum nur erzählen, daß durch die Ablieferungen des lebendigen Franzosen der Müller und der Bäcker von dem Mordverdacht freikamen, und daß durch sein Geständnis und durch das Zeugnis des Inspektors Nicolai und des Herrn Kammerdieners der Landrat von Oertzen wieder zum Seinigen kam, und daß der Oberst von Toll, als der Auditeur das bare Geld als herrenloses Gut zurückbehalten wollte, aufstand und in strengen Worten sagte: mit Raub und Diebstahl solle sein Regiment nicht besudelt werden. Damit nahm er das Felleisen und sagte zu Luth: »Mein lieber Freund, Sie scheinen mir ein vernünftiger Mann zu sein: nehmen Sie hier den versiegelten Mantelsack und geben Sie ihn dem Herrn Amtshauptmann Weber; er solle damit machen, was hier zu Lande Rechtens sei.« Luth bekam eine Schrift dazu, und so war die Sache abgemacht. Aber nun kam eine Schwierigkeit dazwischen, an die niemand gedacht hatte: was sollte aus meinem Onkel Herse werden? Als der Müller und der Bäcker und die anderen alle aus der Gerichtsstube heraus und von ihm weggegangen waren, stand mein Onkel Herse da, wie ein schöner einsamer Eichbaum in einer Lichtung, den der Förster um seiner Stattlichkeit willen allein verschont hat. Der Oberst sah ihn verwundert an und fragte ihn: »Was stehen Sie hier noch?« – Mein Onkel Herse bewegte seine Zweige, und an seinem dunkelroten Gesicht konnte man sehen, daß in seinem Wipfel der Sturmwind zu brausen anfing. »Das wollte ich Sie fragen,« war seine Antwort. Wäre in diesem Augenblick ein fremder Mensch zur Tür hereingekommen, er hätte wohl schweigen sollen, wenn man ihn gefragt hätte, wer Oberst und wer Ratsherr wäre. Eine stattliche Uniform hatten beide an, und beide hatten eine vornehme stolze Miene, und beide hatten sie diese aus Gewohnheit, wegen des Kommandierens; war der Oberst ein paar Zoll länger, so war mein Onkel einen halben Fuß dicker; hatte der Oberst den Krieg unter der Nase, so hatte mein Onkel ihn über das ganze Gesicht, denn er hatte sich ein paar Tage nicht barbieren lassen können; der alte Doktor Metz hatte vorgestern übergeschlagen, und was den Tag vorher und gestern und heute gewachsen war, wog reichlich so viel wie der Schnurrbart des Franzosen. »Wer sind Sie?« fragte der Franzose. – »Ich bin ein Ratsherr , ein Stavenhäger Ratsherr,« sagte mein Onkel. – Das schien den Obersten denn doch zu verblüffen; er ging auf und ab und blieb zuletzt vor meinem Onkel stehen und sagte: »Ich sehe den Vorteil für den Kaiser Napoleon nicht ein, wenn ich noch länger mit Ihnen im Lande herumziehe. Sie können gehen.« – So etwas war mein Onkel denn doch nicht gewöhnt: »Herr!« rief er, »diese Behandlung...!« – »Ich bedaure aufrichtig,« fiel ihm der Oberst ins Wort, »daß Sie überhaupt inkommodiert worden sind. Sie müssen rein aus Versehen mitgenommen worden sein.« – Das war denn nun doch für meinen Onkel ein zu starkes Stück! Er hatte sich den ganzen Weg entlang und die Winternacht hindurch damit getröstet, daß er ein ausgesuchtes Opfer des korsikanischen Drachen wäre – und nun sollte das Ganze ein bloßes Versehen sein? Er hatte in seiner Unschuld zum wenigsten auf eine öffentliche Ehrenerklärung vor der Front eines ganzen französischen Regiments gerechnet – und nun stieß ihn, mit Respekt zu sagen, der französische Oberst mit dem Fuß vor den Allerwertesten und sagte: er könnte nun gehen! – »Ein Mann, wie ich bin,« rief er, »aus Versehen mitgenommen!« – »Sie können noch von Glück sagen,« sagte der Oberst und klopfte ihm freundlich lachend auf die Schulter, »im Kriege kommt zuweilen noch viel Schlimmeres vor, da wird mancher aus Versehen totgeschossen. Sehen Sie die Sache als eine Prüfung von Gott an.« – »Wenn das eine Prüfung sein soll,« sagte mein Onkel, »dann ist es nur eine sehr dumme.« – Der Oberst lachte und faßte meinen Onkel untern Arm: »Kommen Sie, Herr Ratsherr; ich bin recht vergnügt in meinem Herzen, daß die Sache so aus der Welt gekommen ist, und daß ich dem Herrn Amtshauptmann habe zu Gefallen sein können. Und ich hätte wohl noch ein paar Worte im geheimen mit Ihnen unter vier Augen zu reden.« Im geheimen und unter vier Augen – das waren denn nun ein paar Worte, denen mein Onkel Herse nicht widerstehen konnte; er folgte also. »Herr Ratsherr,« sagte der Oberst, als sie draußen auf dem Markt vor dem Gasthof zum goldenen Knopf standen, denn im goldenen Knopf war des Obersten Hauptquartier, »Herr Ratsherr, sagen Sie dem alten braven Herrn Amtshauptmann, ich ließe ihn noch vielmals grüßen, und wenn ich seine Bitte glücklicherweise hätte erfüllen können, so möchte er doch zusehen, daß er auch meine erfüllte; und meine Bitte wäre: er sollte, wenn es mit Recht geschehen könnte, das herrenlose Geld dem kleinen Mädchen zuwenden, das mir gestern unterwegs den Brief von ihm gebracht hätte. Und Herr Ratsherr, Sie sehen ein, daß dies geheim gehalten werden muß, denn sonst könnte der Herr Amtshauptmann darüber verdächtigt werden.« – Mein Onkel Herse war nun wieder in seinem vollen Fahrwasser: »Sie meinen doch Fiken?« fragte er eifrig; »Müller Vossens Fiken, die dort steht?« – und er zeigte auf Fiken, die ein bißchen abseits bei ihrem Vater stand und ihm den Arm um den Hals gelegt hatte und vor Freuden weinte. – »Die meine ich,« sagte der Oberst und ging auf das Paar zu. Fiken ließ den Arm von ihres Vaters Nacken los, aber den Tränen konnte sie nicht wehren, und als der Oberst näher kam, war's ihr, als müßte sie noch mehr weinen; und als der Oberst ihr die Hand gab, machte sie stillschweigend einen Knix; sie konnte kein Wort herausbringen. So lange die Not wie eine dunkle Nacht auf ihr gelegen hatte, so lange war sie still und ruhig, ohne sich links und rechts umzusehen, ihren Weg gegangen. Und nur das Vertrauen auf Gott hatte ihr als ein schöner Stern geleuchtet. Jetzt, da die Sonne aufgegangen war, stand sie still, ihr Herz blühte wie eine schöne Rosenblume zum Licht empor, der frische Morgenwind spielte in ihren Blättern, daß sie sich umsehen konnte nach rechts und nach links und nach rückwärts und vorwärts, und der Morgentau fiel zur Erde. Der alte Müller stand ebenfalls stillschweigend vor dem Obersten; aber als dieser fragte, ob er der Vater des kleinen Mädchens sei, da kam das Reden über ihn und er sagte: »Ja, Herr. Und wenn es auch wahr ist, was unser Herr Amtshauptmann sagt, daß Jungens besser und Mädchen zu quarrig sind, denn das sind sie, Herr, wie Sie an Fiken sehen können« – und dabei wischte er sich selbst eine Träne aus den Augen – »so weiß ich doch für Ihre Güte keinen andern Wunsch, als daß unser Herrgott Ihnen mal so ein liebes kleines Dirnchen schenken möchte, wie meine kleine Fiken ist.« – Der Oberst mochte das auch wohl denken; aber er sagte es nicht, er wandte sich rasch nach Fiken um und fragte: »Mein liebes Kind, kannst du schreiben?« – »Ja, Herr,« sagte Fiken und machte einen Knix. – »Sie kann alles,« sagte der Müller, »sie kann geschriebene Schrift lesen und kann schreiben, wie ein Schulmeister; denn sie muß ja alle meine Schriften besorgen.« – »Na, denn, mein kleines Dirning,« sagte der Oberst, »schreib mir hier mal deinen Namen und den Ort herein, wo du her bist; aber plattdeutsch.« – Und Fiken schrieb in des Obersten Taschenbuch: ›Fiken Vossen up de Gielowsche Mähl in't Stemhäger Amt‹. – Der Oberst las es, klappte sein Buch zu, gab ihr und ihrem Vater die Hand und ging mit den Worten: »Adieu! Und wir treffen möglicherweise noch einmal wieder zusammen.« Achtzehntes Kapitel. Warum Bäcker Witts Topfmaß überläuft; warum die Stadt Stavenhagen die Tannenschonung angelegt hat; warum Vater Rickert die Sturmglocke zieht, und warum ich bei Julius Cäsar an meinen Onkel Herse denken muß. Nach einer kleinen halben Stunde fuhren aus dem Treptower Tor von Neubrandenburg zwei Wagen nach Stavenhagen zu; auf dem ersten Wagen saßen die Alten, der Herr Ratsherr und der Bäcker und der Müller und als Respektsperson der Herr Kammerdiener; auf dem zweiten saßen Fritz Besserdich mit Luth auf dem vorderen Sack, und auf dem anderen Hinrich und Fiken; Friedrich lag hinten im Krett. Als sie ein Stück Weges entlang gefahren waren, fing mein Onkel Herse zu reden an: »So!« sagte er, »aus der Klemme wären wir glücklich 'raus.« – »Jawohl, Herr Ratsherr,« antwortete der alte Bäcker Witt, »und das haben wir denn wohl dem Herrn Amtshauptmann und unserem Bürgermeister, vor allem aber wohl Müllers Friedrich zu verdanken.« – »Wie einer das ansieht, Meister Witt,« sagte mein Onkel; »ich für meine Person habe nichts gegen die drei; und daß der Chasseur zur Stelle gebracht wurde, hat uns gute Dienste getan – aber frei gemacht hat es uns nicht . Haben Sie nicht gesehen, wie der französische Oberst vor der Tür unter vier Augen mit mir redete?« – »Ja, Herr.« – »Na, dann lassen Sie sich sagen, wenn mich der Franzos nicht zu einem geheimen Auftrag gebraucht hätte, dann wären wir aus Neubrandenburg wohl durch ein anderes Tor als durch dieses herausgefahren.« – »Das wäre der Deuwel!« rief der alte Bäcker und sah den Herrn Ratsherrn so ein bißchen von der Seite an. Mein Onkel sagte nichts mehr; er blinzelte nur sehr ernsthaft mit den Augen und sah dann zur Seite über die kahlen Felder hinüber, als wollte er erst seine Worte auf den Bäcker gehörig wirken lassen. Das schlug ihm aber fehl; des alten Bäckers Kopf war wie sein Topfmaß, worin er sein Getränk verkaufte: war es erst bis an den Rand voll, dann nahm es nichts mehr auf, und was noch kam, troff in die Stube; und in diesem Augenblick war sein Kopf bis an den Rand voll von all den Sachen, die er erlebt hatte, so daß des Herrn Ratsherrn Worte richtig vorbeitropften; er sagte nichts. – »Meister Witt,« sagte der Herr Ratsherr nach einer Weile, »ich wollte, ich wäre in Stavenhagen.« – Dieses Tröpfchen ging noch in des Bäckers Topfmaß hinein, er sagte also: »Das wollte ich auch, denn es wird sich höllisch lange hinziehen.« – »Das meine ich nicht,« sagte der Herr Ratsherr, »ich meine wegen unseres Empfanges.« – Des Bäckers Topfmaß lief wieder über: »Wieso?« fragte er. – »Ich meine wegen unseres Empfanges mit 'ner Ehrenpforte.« – Jetzt troff es aus dem Topfmaß in Strömen auf die Erde: »Empfang? Ehrenpforte? Wieso? Kommt denn unser Herzog?« – »Meister Witt, der kommt nicht; aber w i r kommen.« – Nun war es dem alten Witt gerade, als hätte ihn einer beim Einmessen an den Arm gestoßen, und als wenn die Hälfte aus dem Topfmaß an die Erde flösse, und das andere, das darin blieb, sich alles durcheinander drehte. Dies war ein Glück, denn jetzt kriegte des Herrn Ratsherrn Erklärung Platz. »Meister Witt, ich sage: wir kommen. Sollten die Bürger einer Stadt, wie unsere Stadt ist, nicht ebensogut für ihre Mitbürger und Magistratspersonen, die fürs Vaterland gelitten haben, eine Ehrenpforte bauen wie für einen Herzog? Aber wer soll's tun? Der alte Amtshauptmann? Der Bürgermeister? Die denken nicht daran! – Oder meinen Sie, der alte Rektor, weil er mal so ein Ding von einem Transparent gemacht hat? Na, das war auch danach! Oder der alte Metz? Der hat es nur in den Worten, Meister Witt, wie das Eichhörnchen im Schwanz. Oder der alte Zoch? Vom Turm kann er blasen, weiter nichts! – Ja, wenn ich da wäre!« – »Aber, Herr Ratsherr,« sagte der Bäcker, bei dem sich der Wirbel allmählich beruhigte, »in dieser Jahreszeit! Wo sollen sie Blumen und Grünes hernehmen?« – »Blumen? Wozu handeln der alte Heimann Kasper und der alte Leip und die anderen Juden mit rotem und gelbem Band? Grünes? Wozu hat denn die Stadt Stavenhagen die Tannenschonung im Stadtholz angelegt?« – »Wahr ist's,« sagte der alte Witt, und jetzt war das Topfmaß wieder ganz voll. – »Was sagen Sie, Müller Voß?« fragte der Herr Ratsherr. – »Ich sage gar nichts, Herr Ratsherr,« sagte der Müller und drehte sich nach dem hinteren Sack um mit einem Gesicht so voller Runzeln, wie wenn ein zusammengeschnürter Tabaksbeutel über seine Schulter sähe, »ich sage gar nichts; ich denke bloß: als ich gestern nach Brandenburg fuhr, war mir nicht gut zumute, und heute, wo ich wieder von Brandenburg zurückfahre, habe ich wieder Magenschmerzen im Kopf.« – »Wieso denn?« fragte mein Onkel, und der alte Müller erzählte seine Verlegenheit mit Itzig. – »Hm,« sagte mein Onkel und strich sich leise mit der Hand von oben nach unten das Gesicht entlang bis ans Kinn; weiter kam die Hand nicht, da blieb sie hängen wegen des struppigen Barts: das Kinn zog sich nach unten, der Mund tat sich auf, und er sah so eine Zeitlang steif in die Luft hinein. Er versuchte es ein paarmal, aber es war immer dasselbe: über den Bart kam er nicht weg. Nun hatte mein Onkel Herse wohl einen rauhen Bart, aber er hatte einen weichen Sinn; und tat sich sein Mund weit auf, so tat sich auch sein Herz weit auf; und als er das letztemal mit seinen guten Augen in den grauen Himmel hineinsah, traf er auf ein blaues Fleckchen, und ein Stückchen des blauen Himmels fiel durch die Augen in sein weites Herz; er mußte ein gutes Werk stiften. »Meister Witt,« sagte er, »setzen Sie sich auf den vorderen Sack und lassen Sie den Müller hier sitzen; ich habe mit ihm zu reden.« Dies geschah, und Bäcker Witt sprach auf dem vorderen Sack sehr laut mit dem Herrn Kammerdiener, und der Herr Ratsherr redete auf dem hinteren Sack sehr leise mit dem Müller. »Müller Voß,« sagte mein Onkel, »ich helfe Ihnen aus der Tinte. Morgen laß ich Itzig kommen, und passen Sie auf, wie geschmeidig er sein wird; denn ich weiß was von ihm, was Heimliches, das niemanden weiter angeht; aber was Sauberes ist es nicht. Der Kerl soll Ihnen bis Ostern Zeit lassen, und ich will mich für Sie verbürgen; und morgen komm ich 'raus und sehe alle Ihre Schriften durch und nehme die Sache in meine Hand, denn sehen Sie,« – und damit holte er das Petschaft an seiner Uhrkette hervor – »ich bin dazu berechtigt und dazu eingesetzt. Hier steht's! Können Sie wohl lateinische Schrift verkehrt lesen?« – Der alte Müller antwortete, er könnte sie weder gerade noch verkehrt lesen. – »Na, schadet auch nicht. Hier steht: Not. Pub. Im. Caes . – Das heißt: Ich bin Notarius Publicus , und Im. Caes , Immatriculatus Caesareus. heißt so viel: ich kann in jedem Prozeß um Rat gefragt werden. Also, Müller, ich helfe Ihnen! Aber eine Bedingung habe ich: Sie sagen zu niemandem von meiner Bürgschaft und zu niemandem von unserem Abkommen, vor allem nicht zum alten Amtshauptmann. Die Sache bleibt heimlich.« – Das versprach der Müller denn auch. Auf dem zweiten Wagen war es in gewisser Art gerade so wie auf dem ersten: auf dem vorderen Sack wurde sehr laut gesprochen, und auf dem hinteren, wo Fiken und Hinrich saßen, sehr leise, und ich brauche nicht zu erzählen, was sie mit einander redeten, denn Friedrich lag ja hinten im Krett und hörte Wort für Wort, und der wird ja wohl zur rechten Zeit damit herauskommen. – An die drei Stunden später lief der Schlingel, der Fritz Sahlmann, durch die Straßen der guten Stadt Stavenhagen und rief: »Sie kommen! Sie kommen!« Er hatte auf dem Mühlenberg schon zwei Stunden lang Posten gestanden, und der Herr Amtshauptmann hatte während dieser Zeit schon siebenmal nach ihm geklingelt und war zuletzt aus Verdrießlichkeit zu meiner Mutter hinuntergegangen. »Sie kommen!« rief der Schlingel. – »Ist's wahr, Junge?« fragte der alte Rickert, der Pulsant auf dem Glockenturm war. – »Ja, Vater Rickert, sie sind schon auf dem Brink.« – Und der alte Rickert sagte zu sich: »Dann hilft es nicht, dann muß ich das Meinige tun!« – und ging nach dem Turm, und weil er doch nicht das ganze Geläute bezwingen konnte, zog er die Sturmglocke. Nun kam denn alles auf die Beine und vor die Türen: »Sie kommen!« – »Wer kommt?« – »Der Ratsherr und Bäcker Witt und der Müller und all die anderen!« – »Hurra!« rief Schuster Bank und schwenkte den Arm in der Luft, hatte aber vergessen, daß er einen Stiefel übergezogen hatte. »Hurra!« rief Schlosser Tröpner und stürzte in seinem Schurzfell auf die Straße; »aber, Kinder, alles in Ordentlichkeit und Manierlichkeit!« – und stieß der alten Weberfrau Stahl den Henkeltopf aus der Hand, den sie von Mamsell Westphal heruntergebracht hatte. – »Hurra!« rief Herr Droz und stürzte mit der Bärenmütze auf die Straße, sonst aber in kurzem Zeug, und hinter ihm standen seine kleinen französischen Gören und schrien: » Vive l'empereur !«, als der Herr Ratsherr auf dem ersten Wagen durch den Haufen fuhr. Der aber saß steil aufrecht auf seinem Sack und hielt die ganze Straße entlang die Hand an seinen Hut und drehte sein würdiges Gesicht nach rechts und nach links, und in seine Würdigkeit mengte sich die Rührung, und er flüsterte dem Müller zu: »Voß, dies läßt mich die Ehrenpforte vergessen.« – Und der alte Müller sah den Herrn Ratsherrn an, wie der es machte, und machte es ebenso und antwortete meinem Onkel: »Ja, Herr, und mich Itzig.« – Der Herr Kammerdiener dienerte immer nach seiner Seite von dem Wagen herunter und strapazierte seinen Hut auf das unmenschlichste, und auf der anderen Seite rief der alte Witt auf das allermenschlichste vom Wagen herunter: »Guten Tag, Gevatter! – Guten Tag, Bank, was macht dein Buckel? – Guten Tag, Johann! – Guten Tag, Strübingen! – Na? Alles wohl? Was machen die Schweine?« Als sie über den Markt kamen, da ließ Tante Herse eine halbe weiße Gardine aus dem Fenster herauswehen und wehte in meines Onkels Herses Herzen einen Sturmwind auf, daß sein Gefühl hohe Wellen und Wogen schlug und ihm das Wasser bis in die Augen spritzte. »Tante!« sagte er halblaut vor sich hin, »Tante!« – denn er nannte seine eigene Frau Tante und sie nannte ihn dafür Onkel – »Tante, ich kann deinem Wink nicht nachkommen, denn diese beiden Tage haben mit mir als öffentlicher Person und nicht als häuslicher, haben mit mir als Ratsherr und nicht als Onkel zu tun gehabt, und so müssen sie auch zu Ende gebracht werden. – »Bäcker Witt,« rief er und dabei drückte er sich den Dreimaster in die Augen, »nach dem Rathaus!« Der Ratsherr hatte über den Hausvater und Onkel den Sieg errungen. Ach, was war das für ein schöner Abend auf dem Rathause! Alles, was in Küche und Keller vor den Franzosen versteckt worden war, wurde hervorgeholt, und was fehlte, kam vom Schloß. Mariechen Wienke deckte einen langen, langen Tisch, und an den Tisch kam ein Anstecker nach dem anderen, und als die großen Tische nicht langten, kamen die kleinen, und als diese nicht langten, wurde für uns Kinder auf dem Stuhl gedeckt. Mamsell Westphal stand am Eckschrank und drückte Zitronen auf Zucker, und darauf wurde aus allerlei Flaschen allerlei aufgegossen, und der Teekessel ging immer von der Küche in die Stube und aus der Stube in die Küche, und der Herr Amtshauptmann stand dabei und probierte immer und schüttelte mit dem Kopf und goß dann auch mal was dazu, und zuletzt nickte er und sagte: »Mamsell Westphal, so ist's recht! Dies ist eine andere Sache!« Und zu meiner Mutter drehte er sich um und sagte: »Mein Herzenskindting, in einer Sache lassen Sie mir nun meinen Willen; den Punsch gebe ich .« Mein Vater hantierte mit dem Pfropfenzieher, und Luth besorgte das Schenken, und der Herr Kammerdiener stand am Ofen und schüttelte bei all diesen Anstalten immer den Kopf und wollte Luth zeigen, wie er präsentieren mühte, und als Luth es so machen wollte, goß er Mamsell Westphal ein Glas Punsch in den Schoß. Ja, es war ein schöner Abend! Friedrich stand an der Tür, steil wie ein Grenadier, und rippte und rührte sich nicht, nur daß er trank; und Fritz Besserdich stand bei ihm, rippte und rührte sich auch nicht, nur daß er auch trank, und daß er dann und wann hinausging und sich auf der Diele die Nase ausschnaubte. Und Fiken Voß saß bei meiner Mutter, und meine Mutter drückte ihr die Hände und streichelte ihr das weiche Gesicht, und als ich zu ihr herankam, streichelte sie mich auch und sagte: »Wirst du auch so viel von mir halten?« Der Herr Amtshauptmann aber rief Hinrich Voß in die Ecke und redete heimlich mit ihm. – Was hatte der Herr Amtshauptmann mit Hinrich Voß Heimliches zu reden, und warum schlug er ihn immer auf die Schulter? Der alte Müller Voß fragte sich auch im stillen danach, und als er's heraus hatte, daß es wegen des Prozesses wäre, sagte er zu Witt: »So! Mit dem Prozeß bin ich nun auch durch; nun bleibt mir nur noch der Jude, und den will ich mir heute abend in den Punsch stippen.« – »Du bringst mich auf einen Gedanken,« sagt der Bäcker und geht aus der Tür und kommt nach einer Weile zurück, in der einen Hand einen Henkelkorb und an der anderen die Strübingen. »Mit Verlaub, Herr Bürgermeister, daß ich doch auch meinen Teil zum Traktement beitrage; und hier sind ein paar Zuckerkringel, und hier, Frau Bürgermeister, ist meine Strübingen – nehmen Sie's nicht übel, sie hatte zu dieser Gesellschaft solche große Lust.« Was will aber dies alles bedeuten gegen den Glanz und die Ehre, die um meinen Onkel Herse aufgingen! Er hatte seinen Mantel abgenommen und stand nun da in blanker Uniform, und alles stand um ihn herum und bedankte sich bei ihm: mein Vater, daß er ihn in den Schutz seines Mantels genommen hätte; meine Mutter, daß er dadurch meinem Vater zur Flucht verholfen hätte; Mamsell Westphal tauchte dreimal unter und sagte, sie würde ihm's nicht vergessen, was er an ihr getan hätte, und Müller Voß sagte, eigentlich wären sie alle nur durch den Herrn Ratsherrn in Neubrandenburg freigekommen; und als der alte Witt dies ebenfalls bekräftigte, gelobte die Strübingen ihm in ihrem Herzen einen großen Kaffeekuchen. Sein schönes rotes Gesicht war blink und blank vor Lust und Behagen, und er bückte sich zu meiner Mutter nieder und sagte: »Ich weiß gar nicht, wo meine Tante bleibt.« Bei des Müllers Worten fiel ihm der Auftrag des Franzosen ein, und er wandte sich an den Herrn Amtshauptmann: »Herr Amtshauptmann, ich habe mit Ihnen ein paar Worte unter vier Augen zu sprechen, in einer besonders geheimen Angelegenheit.« Und dabei zog er den Herrn Amtshauptmann in eine Ecke. – Wir wissen, wovon die Rede sein sollte, aber wenn die Ecke reden könnte und uns erzählte, was der Herr Ratsherr da erzählte, da müßten wir sagen, wir wüßten von nichts. Zuletzt mußte mein Vater den Herrn Amtshauptmann erlösen; er nahm meinen Onkel und setzte ihn obenan auf den Ehrenplatz, und niemals ist ein Menschenkind so zur rechten Zeit auf seinen richtigen Platz gesetzt worden, wie mein Onkel; denn kaum saß er, da ging die Tür auf, und herein kam Tante Herse in einem schwarzseidenen Kleid, und hinter diesem Kleid standen der alte Doktor Metz, der Vater des jetzigen alten Metz, und der jetzige reiche Josef Kasper, der damals ein kleiner Judenjunge war. Und Tante Herse hatte einen Kranz von grünen Lorbeerblättern in der Hand; die hatte der alte Metz von seinem Baum gepflückt, von dem er sonst nur Blätter pflückte, wenn seine liebe Frau Brachsen kochte, und der Kranz war mit einem langen rotseidenen Band zugebunden, den hatte Josef Kasper besorgt, und dafür nahm Tante ihn mit. Tante ging auf Onkel zu und gab ihm einen Kuß und stülpte ihm von hinten den Kranz auf den Kopf, daß die roten Bänder ihm über den Rücken herunterhingen, und sagte ein paar sehr schöne Worte, die niemand gehört hat, denn Bäcker Witt brach zu zeitig mit ›Hurra!‹ los und der Müller mit ›Vivat hoch!‹ und alles stimmte mit ein und stieß mit den Gläsern an. Ja, es war ein schöner Abend! Und noch lange Zeit nachher, wenn ich ein Bild von Julius Cäsar sah, fiel mir mein Onkel Herse ein, denn gerade so stand ihm der Lorbeerkranz; nur daß mein Onkel ein gut Teil freundlicher und beleibter war, als der sauertöpfische, knochendürre Römer. Und noch lange Zeit nachher, wenn ich den schönsten Kuchen vor mir hatte, dachte ich an Bäcker Witts Zuckerkringel – und ich lobe sie auch heute noch: denn man konnte sehr viel davon essen und bekam keine Magenschmerzen. Neunzehntes Kapitel Warum der Müller wieder in seinen Stiefelschaft guckt; wie aus einer Metze ein Scheffel wird; warum Hinrich Abschied nimmt, und warum Friedrich der Meinung ist, daß die Frauensleute wohlfeil werden. Als am anderen Morgen Müller Voß auf seiner Gielowschen Mühle aus dem Bett gekrochen war, saß er wieder mit dem Kopf in der Hand und sah nachdenklich in den Stiefelschaft. »Mutter,« fragte er zuletzt, »Hab' ich mich gestern mit Hinrich erzürnt, oder hat mir das geträumt?« – »Ih wo, Vatting,« sagte seine Frau »du hast ihn ja immerzu geküßt und hast ihn immer deinen lieben Sohn genannt, und dem Friedrich hast du viel Geld versprochen, wenn du erst ein reicher Mann wärest, und das sollte nun so lange nicht mehr dauern.« – »Mutting, dann hab' ich sehr dummes Zeug angegeben.« – »Das sagt' ich dir schon gestern abend; aber da wolltest du es nicht Wort haben.« – »Gott soll mich bewahren!« rief der Müller, »ich komme ja aus den Dummheiten gar nicht heraus!« Friedrich kam herein: »Guten Morgen, Müller! Guten Morgen, Frau! Ich komme bloß herein, Müller, um Ihnen zu sagen, daß ich mir die Sache überlegt habe; ich will das Geld, das Sie mir gestern abend versprochen haben, noch eine Zeitlang bei Ihnen auf Zinsen stehen lassen, bis ich es notwendig brauche.« – »Hm!« rief der alte Müller und rutschte auf dem Stuhl hin und her. – »Ja,« sagte Friedrich; »aber ich hätte wohl eine andere Bitte: Wollen Sie mich nicht zu Ostern ziehen lassen, obschon es außer der Zeit ist?« – »Wozu? Was hast du vor?« – »Ich wollte heiraten.« – »Was, du heiraten?« – »Ja, Müller, ich heirate Schulz Besserdichs Fiken, die jetzt auf dem Schloß dient; und wenn Hinrich Voß unsere Fiken heiratet, und wenn unsere beiden Schwiegereltern nichts dagegen hätten, dann, habe ich mir so gedacht, könnten wir ja an einem Tage Hochzeit machen.« – Dies war denn nun dem alten Müller doch zu stark: »Du Schnorrer ...!« rief er, sprang auf und griff nach dem einen Stiefel. – »Halt, Müller!« sagte Friedrich und richtete sich auf; »die Redensart paßt nicht für mich und nicht für Sie. Wie es mit mir steht, weiß ich seit drei Tagen, und wie es mit Hinrich und unserer Fiken steht, weiß ich seit gestern nachmittag; ich lag hinter ihnen im Krett und habe alles mit angehört.« – »Vatting,« rief die Müllerfrau, »dies wäre das beste!« – »Das verstehst du nicht!« rief der Alte und schalt in der Stube herum. – »Na, Müller,« sagte Friedrich und ging aus der Tür, »überlegen Sie sich die Sache; was mein Schwiegervater ist, der geht auch schon seit vorgestern abend in Ueberlegung herum.« – »Du kannst deinen Schein kriegen,« rief der Müller hinter ihm her, »aber erst zu Johanni.« Warum war denn der alte Müller so böse? Er mochte doch Hinrich gerne leiden; er selbst hatte in den letzten Tagen oft daran gedacht, daß Hinrich und seine Fiken für einander paßten; er selbst hatte ihn seit gestern seinen ›lieben Sohn‹ genannt; aber das war es eben: gestern abend hatte ihn der Punsch zum reichen Mann gemacht, und heute guckte er als ein Bettler in seinen Stiefelschaft; und wenn auch Itzig sich umstempeln ließ und bis Ostern wartete, so war das nur eine Galgenfrist. – »Vatting,« sagte die Müllerfrau, »dies wäre das beste, was unserer Fiken und uns passieren könnte.« – »Mutter,« sagte der Alte, und es war ein Glück, daß er noch keine Stiefel anhatte, sonst hätte er vor Aerger mit den Beinen gestrampelt, »ich sage dir, das verstehst du nicht! Was? Ich sollte Jochen Vossens Sohn, der mit mir im Prinzeß liegt und mit einem großen Beutel Geld im Lande herumreist, mein Kind geben – mein bestes, liebstes Kind! – und sollte zu ihm sagen: da hast du sie, aber mitgeben kann ich ihr nichts, denn ich bin ein Bettler? – Nein, Mutter, nein! Ich sollte die Lappen borgen, worin mein einziges Kind, meine kleine Fiken, vor dem Traualtar stände? – Nein, nein, erst muß ich wieder in ordentlichen Umständen sein!« So geht es oft in der Welt: ein großes Glück hängt dicht vor einem; er braucht nur zuzugreifen, und wenn er die Hand ausstreckt und es fassen will, dann ist die Hand mit Ketten gebunden, und die Ketten sind in längst vergangenen Zeiten geschmiedet, ohne daß er's gewahr geworden ist, und sie sind weit hinter ihm festgemacht, so daß er sie nicht losmachen kann, weil seine Hand nicht so weit reicht. Des Müllers Kette war sein Prozeß und wohl auch seine schlechte Wirtschaft in früheren Zeiten, und als er nun nach dem Glück greifen wollte, da hielt sie ihn zurück, und er erboste und ereiferte sich vergebens. Er hätte sie nun wohl mit einem entschlossenen Hiebe durchhauen können, dann hätte er aber zeitlebens das Kettenende durch die Welt schleppen müssen, wie ein entlaufener Zuchthäusler, und das litt seine Ehre nicht. Der alte Mann konnte einen jammern; er ging jedem aus dem Wege und hantierte für sich alleine in Mühle und Stall herum, als wollte er an diesem Tage alles nachholen, was er seit langen Jahren versäumt hatte. Endlich wurde er erlöst; mein Onkel Herse kam, heute aber in bürgerlichem Aufzug: »Guten Tag, Voß. Na, unsere Sache ist in Richtigkeit.« – Aber dem Alten war heute nicht leichtgläubig zumute, und er sagte kurz angebunden: »Ja, wer's glaubt, Herr Ratsherr.« – »Wenn ich es sage, Müller Voß,« sagte der Herr Ratsherr und holte ein Paket Schriften aus dem Wagen und ging mit dem Müller in die Stube, »dann muß man's glauben, denn ich bin heute hier als Notarius publicus .« – »Mutter,« sagte der Müller, »laß uns allein, und du, Fiken, steck uns erst ein Licht an.« – Das hätte nun nicht gerade nötig getan, denn es war heller Tag; aber der Alte hatte gesehen, daß der Herr Amtshauptmann bei einem Gerichtstag immer einen Wachsstock brennen hatte, und so wollte er es auch haben, denn dies schien ihm sicherer, weil es vollständiger war. Und damit ging er an seinen Schrank und holte seine Brille heraus und setzte sie sich auf, was ebenfalls nicht nötig war, denn er konnte keine geschriebene Schrift lesen; aber ihm war doch so, als könnte er mit der Brille besser aufpassen; und darauf setzte er einen Tisch mitten in die Stube und zwei Stühle dazu. Als sie nun allein am Tisch und bei dem Licht saßen, las der Herr Ratsherr mit sehr deutlicher Stimme eine Schrift vor, wonach der Jude gegen des Herrn Ratsherrn Bürgschaft bis Ostern warten wollte, und als er diese gelesen hatte, legte er das Papier neben sich und sah den Müller mit einem Gesicht an, das sah aus wie: »Was sagst du nun, Flesch?« – Der alte Müller räusperte nun los mit ›hm‹ und ›ja‹ und ›aber‹ und kratzte sich in den Haaren. – »Müller Voß,« sagte mein Onkel sehr ärgerlich, »was soll das Gehuste? Hier steht mein Siegel drunter – sehen Sie, hier! – ein Hirsestengel, weil ich Herse heiße; ich hätte auch ein Fallgatter, darauf können stechen lassen, weil das auf Französisch ›herse‹ heißt, aber ich bin nicht für die Franzosen – und hier rund herum steht meine Befugnis: Not. Pub. Im. Caes. , und hier steht die Unterschrift des Juden: Itzig; und was geschrieben ist, ist geschrieben.« – »Das sagt der Herr Amtshauptmann auch,« sagte der Müller, und sein Gesicht wurde viel heller, »was geschrieben ist, ist geschrieben.« – »Was der sagt, ist mir ganz egal, ich, Müller Voß, ich bin dazu gesetzt durch mein Amt, geschriebene Schriften kräftig zu machen durch mein Siegel. Und durch diese Schrift sind Sie bis Ostern aus aller Verlegenheit.« – »Ja, Herr, und ich bedank mich auch, aber was dann?« – Jetzt kam die Reihe zu räuspern an meinen Onkel. »Hm! Was dann? – Je – na! – Na, Müller Voß,« und sein altes gutes Gesicht warf seine ganze Amtsmiene als Notarius publicus zur Tür hinaus und setzte sich die größte Menschenfreundlichkeit als Brille auf seine hübsche Nase und sah den alten Müller und die ganze Welt freundlich an: »Na, Müller Voß, hab' ich bis Ostern Luft geschafft, kann ich ja auch weiter Rat schaffen, ich bin hergekommen, um reinen Tisch zu machen. Dazu ist es aber nötig, daß Sie mir alle Ihre Umstände erzählen und alle Ihre Papiere zeigen.« – Das leuchtete dem alten Müller auch ein, und er erzählte und erzählte, daß ein anderer Kopf, als meines Onkels Herse Kopf, ganz dumm geworden wäre, und er holte so viele Papiere heraus, daß einem anderen angst und bange geworden wäre; aber mein Onkel war sehr eigen in seinen Geschäften; er mochte gerne Rätsel lösen und Bindfaden auseinanderwirren: er hörte und las alles mit Geduld, aber es nützte ihn nichts. »Müller Voß,« fragte er endlich »ist dies alles?« – »Ja, Herr,« sagte der Müller und ließ die Ohren hängen, wie ein Kartoffelfeld, wenn der Nachtfrost drüber gegangen ist, »und dies ist noch mein Kontrakt mit dem Stavenhäger Amt.« – Mein Onkel nahm den Kontrakt und las ihn gedankenlos durch und sah ebenfalls aus, als wäre ihm die Petersilie verhagelt; aber auf einmal sprang er auf: »Was ist dies? – Wir sind damit durch, Müller – In Zeit von ein paar Jahren ist Er Millionär! Das ganze Stavenhäger Amt ist mahlpflichtig und die Stadt Stavenhagen dazu. Hier steht's in Paragraph vier, und was sagt Paragraph fünf? ›Für jeden Scheffel, den der Müller mahlt, kann er rechtlich einen Scheffel als Mahllohn beanspruchen.‹« – »'ne Metze, Herr Ratsherr!« rief der alte Müller und sprang ebenfalls auf, »von jedem Scheffel eine Metze!« – »Nein! ein Scheffel! Hier steht: für jeden Scheffel einen Scheffel als Mahllohn; und was geschrieben ist, ist geschrieben. Und hier hat der Amtshauptmann das Amtssiegel drunter gesetzt.« – »Herr Ratsherr, Herr Ratsherr, mir summt der Kopf, das ist ja doch nur ein Versehen.« – »Versehen ist auch verspielt, und was geschrieben ist, ist geschrieben; das hat der alte Amtshauptmann Ihnen ja selber gesagt!« – »Das hat er, Herr,« sagte der Müller, »ja, das hat er. Das kann ich beschwören!« Und nun ging in dem alten Müller eine Aussicht auf Erlösung aus den Judenfingern auf, und eine Aussicht auf viele viele Scheffel Korn und auf viele viele blanke Taler, denn das ganze Amt war ja mahlpflichtig, das mußte ihm ja kommen. »Herr,« rief er, »das kann sich helfen – aber... aber ...« – »Voß,« sagte mein Onkel Herse, »was haben Sie mit Ihren Einwendungen? Die Sache ist klipp und klar.« – »Ja, Herr, aber ich meine nur – wie wird es dann aber mit den Säcken?« – »Mit den Säcken? Mit was für Säcken?« – »Mit den Säcken, worin mir das Korn gebracht wird. Das Korn kriege ich alles, aber wer kriegt die Säcke?« – »Hm,« sagte mein Onkel, »das ist eine schwere juristische Frage. Müller, daran hab' ich noch nicht gedacht, und im Kontrakt steht nichts davon; wenn ich Ihnen aber raten soll, dann behalten Sie sie vorläufig; denn was sagt das Lübsche Recht? › Beati possidentes ‹. Das heißt auf Deutsch: was einer hat, das hat er. – Müller, ich habe ihm nun aus allem herausgeholfen, aber eins bedinge ich mir aus: reinen Mund! Ueber die Sache wird mit keinem Menschen gesprochen – hören Sie! – zu keinem Menschen! Mit Itzig werde ich sprechen, der muß Korn statt Geld annehmen, und zu Ostern wird dann alles klar sein, und dann, Müller Voß ...« – »Und dann, Herr Ratsherr?« – »Dann kommt der bare Ueberschuß. – Aber Müller, die Sache bleibt im geheimen!« Der Müller versprach das, und der Herr Ratsherr reiste wieder ab, und Hinrich und Fiken sahen noch, wie er vom Wagen aus dem Alten zunickte und den Finger auf den Mund legte. »Fiken,« sagte Hinrich, »mir ist die Heimlichkeit nicht gegeben, ich muß reinen Wein einschenken; ich geh' jetzt zu deinem Vater und melde mich ihm.« – »Tu das,« sagte Fiken. Hätte sie aber gewußt, wie es mit dem Alten stand, sie hätte ihn wohl noch warten lassen. Mit dem Alten stand es aber ganz wunderlich. Heute morgen war er ein Bettler und wollte sein einziges Kind nicht ohne Mitgift weggeben; heute abend war er ein reicher Mann, und sein einziges Kind brauchte nicht jeden zu nehmen; sie konnte eine Madam werden, so gut wie nur eine. Für seinen Kopf war der Wechsel zu rasch gekommen, er wußte nicht recht, was mit ihm vorgegangen war; dazu kam nun noch eine heimliche Angst, daß nicht alles so wäre, wie es sein müßte, und eine große Unruhe, daß das, was geschehen sollte, nicht recht wäre. »Aber,« sagte er dann zu sich selbst, »der Amtshauptmann hat selber gesagt: was geschrieben ist, ist geschrieben; und was recht ist, muß der Ratsherr besser wissen als ich.« War er schon in ruhigeren Zeiten schwer zu einem Entschluß zu bringen, so war das in diesem Augenblick gar nicht möglich. Als Hinrich seinen Antrag vorgebracht hatte, fing er an vom Prozeß zu reden und sagte, Hinrich sollte ja nicht glauben,, daß er ein ruinierter Mann wäre. Ihn hätten viele in den Fingern gehabt, die ihn hätten untertauchen wollen, aber noch schwämme er oben. Hinrich sagte darauf: er hätte es gut genug im Sinn; er hätte sich so gedacht, die beiden Schwiegereltern sollten in Ruh und Frieden bis an ihr seliges Ende bei ihm wohnen, und der Müller sollte ihm seine Fiken geben, und seinen Pachtkontrakt sollte er ihm verkaufen. Da fuhr aber der alte Müller auf! Das glaubte er wohl, dazu hätte Hinrich wohl Lust! Aber niemand sollte: ›Holt Fisch!‹ rufen, ehe er welche hätte; er ließe sich auch nicht von einem Krabbenwagen überfahren, noch dazu von so einem jungen Burschen, wie Hinrich wäre. Seinen Kontrakt! Seinen Kontrakt wollte er behalten, und wenn ein König um seine Fiken freite! – Auf eine solche Rede war Hinrich nach allem, was vorgegangen war, nicht gefaßt gewesen; ihm stieg ebenfalls die Hitze zu Kopf, und er sagte hastig, der Müller sollte ja oder nein sagen, ob er ihm seine Tochter geben wollte oder nicht. Der Müller drehte sich kurz um, sah aus dem Fenster und sagte: »Nein!« Hinrich drehte sich auch um und ging aus der Tür, und eine halbe Stunde nachher hielt Friedrich mit Hinrichs Fuhrwerk auf dem Müllerhof; als er aber Hinrich rief, kam der mit Fiken aus dem Garten, und Fiken sah sehr blaß, aber auch sehr gefaßt aus und sagte: »Hinrich, das Wort, das ich dir gesagt habe, das halte ich – und halte du es auch!« Er nickte mit dem Kopf und drückte ihr die Hand, ging auf die Müllerfrau zu, die vor der Tür stand, sagte ihr ein paar Worte zum Abschied, stieg auf den Wagen und fuhr langsam vom Müllerhof. Als er ein Stück von der Mühle weg war, rief ihm etwas nach; und als er sich umsah, kam Friedrich quer über eine Ecke Roggensaat zu ihm heran: »Hinrich, wo fahren Sie hin?« – »Nach Stavenhagen.« – »Bleiben Sie die Nacht da?« – »Ja, ich dachte, ich wollte die Nacht bei Bäcker Witt bleiben, denn ich wollte noch erst mit dem Herrn Amtshauptmann reden.« – »Das muß ich einen verständigen Einfall nennen. Hinrich; und ich habe heute abend auch noch was in Stavenhagen auf dem Schloß zu tun, und möglicherweise habe ich mit Ihnen auch noch zu reden, und darum, Hinrich, fahren Sie nicht früher ab, als bis ich gekommen bin; ich komme aber erst spät, wenn alles in Ordnung ist.« Hinrich versprach also, er wolle auf ihn warten, und fuhr nach Stavenhagen. Unterwegs begegnete ihm Bäcker Witt, der mit einer Drömte Zwölf Scheffel = [ca. 1200 Liter] Weizen nach der Mühle fuhr, und sagte: »Na, Hinrich, fahren Sie nur bei mir vor; mit der Abendzeit bin ich auch wieder zu Hause, dann schnacken wir ein bißchen miteinander.« Ja, ja! Ja, ja! es war schon lange Abend, und der Bäcker war schon lange zu Hause; aber Hinrich war noch immer bei dem alten Herrn auf dem Schloß. Friedrich war auch schon gekommen und aufs Schloß gegangen, und der alte Witt sagte zur Strübingen: »Strübingen, auf der Mühle sind Geschichten passiert, das sollst du sehen; daß die Alte sitzt und weint, das hat gerade nicht viel zu bedeuten, denn die Tränen sitzen ihr ein bißchen lose; aber daß Fiken bei des Alten Schelten und Dummheiten still herumgeht und gar nichts sagt, sieh, das will mir nicht gefallen; und der Alte hat heute wieder seine richtigen Schrullen – aus dem ist nicht klug zu werden. Als ich ihn fragte: ›Gevatter, wann kann ich mir das Mehl holen?‹ sagte er: ›danach muß ich erst meinen Kontrakt fragen.‹ Und als ich sagte, ich brauchte das Mehl notwendig nächste Woche, sagte er, das wäre ihm ganz egal, er ginge nach seinem Kontrakt; und als ich wegfuhr, rief er mir nach, wenn mir mit dem Mehl ein wunderliches Stück passieren sollte, dann sollte ich nur zum Ratsherrn Herse gehen, der würde mir wohl die Sache auseinandersetzen, wenn er's für gut hielte.« – »Das ist ja schnurrig,« sagte Frau Strübing. Da kam Hinrich Voß zur Tür herein und sah sehr still und einerlei aus, und als der Bäcker von der Mühle anfing, und daß man ihm dort so sonderbar begegnet sei, brach Hinrich kurz ab und fragte: »Meister Witt, wollten Sie mir wohl einen Gefallen tun?« – »Warum das nicht?« sagte der Bäcker. – »Bei Ihnen kommen viele Leute, und Sie haben auch Stallraum; ich wollte meine Pferde und den Wagen verkaufen; wollen Sie mir nicht dabei behilflich sein?« – »Warum das nicht?« fragte Witt; »aber Hinrich,« setzte er nach einer Weile hinzu, und man konnte beinahe von außen sehen, wie er drinnen die Gedanken sammelte und zu einem Faden aneinanderknüpfte, woran er die Unterhaltung weiter spinnen wollte, »aber, Hinrich, das hat ja Zeit, die Pferde – die Pferde – sieh, jetzt sind sie wohlfeil. Warum? Je, was weiß ich! Wohl darum, weil keiner sicher ist, daß ihm der Franzose sie nicht über Nacht aus dem Stall holt; aber die Pferde – du sollst sehen – sie werden teuer; denn – du sollst sehen – in Zeit von ein paar Wochen marschiert alles gegen den Franzosen.« – »Das hab ich eben von einem Mann gehört, der es besser wissen kann, als wir beiden, Meister Witt, aber gerade darum will ich sie los sein.« – »Ja,« fiel Friedrich ein, der während der letzten Worte des Bäckers in die Stube gekommen war, »ja, die Gäule werden teuer, und die Frauensleute wohlfeil. Nach den Pferden wird viele Nachfrage sein, wenn's losgeht, und nach den Frauensleuten wenig; und wenn's vorbei ist, und die Hälfte der jungen Leute totgeschossen, noch weniger. – Und los geht's! Gestern in Neubrandenburg nahm mich einer beiseite, der sah aus, als hätte er die blauen Bohnen schon probiert; der sagte zu mir, nach meinem Aussehen hätte ich auch schon den Schafschinken geschleppt, und wenn ich Lust hätte, so wüßte er ein Plätzchen für mich. – Ich sagte, ich wollte mich besinnen; aber gestern ist nicht heute, heute brauch ich mich nicht zu besinnen. Ich bin von den Preußen desertiert – aber nur, weil ich bei meinem Hauptmann Kinder wiegen sollte; und gestern besann ich mich nur, weil ich dachte, ich würde mal meine eigenen Kinder wiegen; und heute besinn ich mich nicht mehr, sondern gehe gegen den Franzosen. – Und, Meister Witt, ich habe keinen auf der Welt, der nach dem Meinigen sieht; wenn Sie hören, daß ich von der Mühle fort bin, dann sehen Sie nach meiner Lade. Und nun adjüs, ich muß diese Nacht wieder nach der Mühle.« Damit ging er. Hinrich ging ihm nach: »Friedrich, was heißt dies?« – »Was dies heißt?« fragte Friedrich, »das will ich Ihnen sagen: Wie der eine heißt, sieht der andere aus. Uns ist beiden dasselbe passiert, nur daß Ihre Fiken weint, und meine Fiken lacht. Ich bin ihr nicht jung genug. Na, schadet auch nicht! Dem Mann in Brandenburg war ich nicht zu alt, und was dem einen seine Eule ist, ist dem andern seine Nachtigall.« – »Friedrich,« antwortete Hinrich nun leise, »sprich nicht so laut. Du willst Soldat werden, und ich auch.« – »Was?« – »Still! Ja, ich auch. Ich habe keine Verwandten weit und breit und stehe alleine in der Welt; nun habe ich mit dem alten Herrn Amtshauptmann geredet, und der hat mir versprochen, ein Auge auf mein Eigentum zu werfen; meine Mühle in der Parchimer Gegend kann ich jeden Augenblick verpachten, und Pferde und Wagen verkaufe ich.« – »Hurra,« rief Friedrich, »Hand her, Kamerad! Dümurrjöh! Ich sah dir's gleich den ersten Morgen an, daß in dir ein Soldat steckte.« – »Ja,« sagte Hinrich, »das ist alles recht gut! den Willen habe ich, aber wo bleibt das Vollbringen?« – »Bruder, wenn einer was Schlechtes im Sinn hat, ist der Teufel gleich bereit, ihm den Weg zu zeigen; unser Herrgott wird sich vom Teufel nicht lumpen lassen, er wird uns die richtigen Wege wohl zeigen, denn es geht fürs Vaterland. – Sieh, ich kann nicht, bis Ostern muß ich bleiben; aber du fahre morgen gleich nach Brandenburg und frage in dem Wirtshaus, wo wir gewesen sind, nach einem stattlichen Mann mit einem grauen Schnurrbart und einer Narbe über die rechte Backe – du wirst ihn wohl finden, und bei dem melde dich und mich an: ›Friedrich Schult‹, und hätte schon gedient, brauchst aber nicht zu sagen, daß ich mal vorm Kinderwiegen desertiert bin, und wenn du's in Richtigkeit hast, dann gib mir Bescheid, dann komm' ich.« – »Das soll gelten!« rief Hinrich. »Und, Friedrich, du grüße euer Fiken von mir und sage ihr, sie sollte sich nicht stutzig machen lassen – was ich ihr gesagt hätte, das hielte ich.« – »Das will ich bestellen, und nun: gute Nacht!« – »Gute Nacht!« – Und als Hinrich noch so stand und auf Friedrichs Tritte horchte, da hörte er von der Apothekerecke her: »Dümurrjöh! Verfluchte Patrioten!« Zwanzigstes Kapitel Wie es in der Welt, in Stavenhagen und im Müllerhause bunt übereck geht; warum der Müller und Friedrich nach Stavenhagen fahren und Fiken ihnen nachgeht. Der Franzose kam nicht wieder in unsere Gegend; aber darum wurde es doch nicht ruhiger. Der Landsturm brach los, der Herr Amtshauptmann kommandierte das Ganze, und unter ihm Kapitän Grischow; aber deren Leute hatten nur Piken – nur Rektor Schäfer hatte sich von Schlosser Tröpner eine Hellebarde machen lassen – mein Onkel Herse dagegen errichtete ein Schützenkorps von einundzwanzig Schrotflinten, und die jungen Landleute saßen zu Pferde mit großen Säbeln an der Seite. Das ist zum Lachen, sagen die neunmalklugen Herren; ich sage, das ist zum Weinen, daß solch eine Zeit so selten in deutschen Landen wiederkommt, daß solch eine Zeit keine anderen Folgen gehabt hat, als die letzten vierzig Jahre aufzuweisen haben. Ein einziges Regiment Franzosen hätte den ganzen Schwindel auseinandergejagt, sagen die Neunmalklugen; das ist möglich sage ich; aber den Geist hätten sie nicht verjagt; über das Einzelne konnte einer lachen, über das Ganze lachte damals keiner, selbst Bonaparte nicht. An einem und demselben Tag ging durch ganz Niederdeutschland, von der Weichsel bis zur Elbe, von der Ostsee bis nach Berlin der Ruf: »Die Franzosen kommen!« – Jetzt sagt man, dies wäre absichtlich angestiftet worden, um zu sehen, was Niederdeutschland tun würde. Wenn es wahr ist, dann haben sie's zu sehen bekommen: Niederdeutschland bestand die Probe. Ueberall, weit und breit, gingen die Sturmglocken, kein Dorf blieb zu Hause; allerwegen wurde abmarschiert, hierhin und dorthin, und das eine französische Regiment hätte lange Beine haben müssen, wenn es überall zugleich hätte löschen wollen. Die Stavenhäger marschierten nach Ankershagen: in Neustrelitz sollte der Franzos sein; die Malchiner marschierten nach Stavenhagen: in Stavenhagen sollte der Franzos sein. Ja, es war 'ne bunte Wirtschaft! Auf dem Markt wurden die Pikenleute in Züge und Kompagnien eingeteilt, Herr Droz und Müllers Friedrich sollten die Sache einrichten, weil sie alleine was davon verstanden; aber die Bürger wollten ihnen nicht Order parieren, weil der eine ein Franzos war, und der andere ein Knecht. Im zweiten Gliede wollte keiner stehen: Schuster Deichert nicht, weil Schuster Bank im ersten stand; Steuereinnehmer Grot nicht, weil Weber Stahl von vorne beim Bajonettfällen ihm immer mit dem verkehrten Ende der Pike in die kurzen Rippen fummelte, und das konnte er nicht vertragen. In der Pferdekoppel exerzierte mein Onkel Herse im vollen Feuer mit den einundzwanzig Schrotflinten, immer im Ganzen. Sein Hauptkommando war: »Ruff! Ruff!« Dann mußten sie alle mit einmal losschießen, erst mit losem Pulver, später mit scharfer Ladung; als aber beim zweitenmal Doktor Lukows weißbunte Kuh totgeschossen wurde, wurde dies eingestellt. Später sagten alle, Schneider Zachow hätte es getan; das ist aber nicht festgestellt worden. Endlich waren sie alle schön in Reih und Glied, und als Kapitän Grischow ›links schwenken‹ kommandierte, kamen sie auch alle richtig in die Brandenburger Straße herein und marschierten in einem schönen Klumpen hinaus, und als sie draußen waren, suchte sich jeder einen trocknen Fußsteig, und sie marschierten einer hinter dem andern, wie die Gänse in der Gerste. Beim Eulenberg wurde halt gemacht, sie warteten auf ihren Kommandanten, auf den Herrn Amtshauptmann. Der Herr Amtshauptmann war zum Gehen zu alt, und reiten konnte er nicht; er fuhr also in den Krieg. Stattlich saß er auf seinem langen hohen Korbwagen, sein Degen lag neben ihm auf der Bank. Als er ankam, kriegte er ein ›Vivat!‹ von seinen Truppen und hielt darauf eine Anrede und sprach: »Kinnings! Soldaten sind wir nicht, und Dummheiten werden wir machen, das schadet aber nicht; wer darüber lachen will, kann's tun. Wir wollen aber unsere Schuldigkeit tun, und die ist: wir wollen den Franzosen zeigen, daß wir auf dem Platz sind. Schlimm aber ist es, daß ich nichts von Kriegskunst verstehe, und darum will ich mich beizeiten nach einem Mann umsehen, der darin bewandert ist. Herr Droz, steigen Sie zu mir auf den Wagen, und wenn der Feind kommt, sagen Sie mir Bescheid, was zu tun ist. – Verlassen, Kinnings, werde ich euch nicht. Und nun vorwärts fürs Vaterland!« – »Hurra!« rief sein Volk, und fort ging's gegen den Feind. Die Pribbenowschen Bauern und die Tagelöhner aus Jürgensdorf und Kittendorf kamen mit Heuforken und allerlei Dingern und schlossen sich an. »Hanning Heinz,« sagte mein Onkel Herse zu seinem Adjutanten, »dies sind unsere Unregelmäßigen. Zu Zeiten ist die Art gut zu gebrauchen, wie wir bei den Kosaken gesehen haben; aber sie bringen leicht Wirrwarr in die regelmäßigen Truppen, darum haltet euch immer gut auf einem Haufen, und, wenn's losgeht, dann immer ›Ruff‹!« Die Kavallerie wurde auf Kundschaft ausgeschickt und ritt voraus, und der alte Inspektor Nicolai und der Reiseschreiber aus Ivenack hatten Pistolen; damit schossen sie ab und zu, wahrscheinlich um den Franzosen bange zu machen, und so kamen sie bis nach Ankershagen; aber die Franzosen trafen sie nicht. Als sie dies dem Herrn Amtshauptmann meldeten, sagte er: »Kinnings, mich dünkt, für heute ist's genug; und wenn wir jetzt umkehren, dann kommen wir noch bei Tage nach Hause. Ne, was denn?« – Der Einfall war gut; Kapitän Grischow kommandierte ›Kehrt!‹ und alles ging nach Hause, bis auf eine halbe Kompagnie Piken und zwei Schrotflinten, die in den Kittendorfer Krug einfielen und dort Wunderdinge verrichteten. Als sie zurückmarschierten, kam Weber Stahl an den Herrn Amtshauptmann heran und fragte: »Mit Verlaub, Herr Amtshauptmann, soll ich meine Pike wohl ein bißchen in Ihren Wagen legen?« – »Recht gern, mein lieber Meister.« – Und es kam Schuster Deichert, und es kam Schneider Zutow, und es kamen viele, und es kamen alle mit derselben Bitte, und als der Herr Amtshauptmann zum Stavenhäger Tor hereinfuhr, da sah sein alter frommer Korbwagen wie eine Kriegsmaschine und ein Sichelwagen aus Perser- und Römerzeiten aus. Ratsherr Herse ließ auf dem Markt noch dreimal ›Ruff!‹ schießen, und jeder ging zufrieden nach Hause. Bloß mein Onkel war verdrießlich: »Hanning Heinz,« sagte er zu seinem Adjutanten, »daraus kann nichts werden; warum ließ uns der alte Amtshauptmann nicht erst die Bockmühle anstecken?« Ging es in der Welt bunt übereck zu, so ging es auf der Gielowschen Mühle nicht anders. Die Leute brachten Korn und bekamen kein Mehl; die Mühle stand still, und das Korn wurde auf den Kornboden geschüttet. Jud Itzig kam und holte Sack über Sack, und jedesmal, wenn er vom Müllerhof fuhr, sagte der Müller: »Gott sei Dank, schon wieder dreißig oder vierzig Taler abbezahlt!« – Je nachdem wie es war. Aber vergnügt war er nicht dabei, sondern eher kleinmütig, und nur, wenn der Herr Ratsherr bei ihm gewesen war und ihm frischen Mut eingesprochen hatte, dann saß er hoch zu Pferde und redete vom großen Christopher. Wenn seine Frau saß und weinte, und Fiken mit ihrem stillen Gesicht um ihn herumging, dann wurde ihm freilich wieder sehr unruhig zu Sinn, und dann mußte er sich mit lautem Reden die Furcht vom Leibe halten, und wenn Fiken, was öfter geschah, ihn an die Hand faßte, oder ihm um den Hals fiel, und so recht eindringlich mit Tränen in den Augen fragte: »Vatting, was ist dir eigentlich? Was hat dein Tun zu bedeuten?« – dann antwortete er ganz verschieden, je nachdem ihm zumute war. Hatte er seine Anfälle, wo er sich als reicher Mann fühlte, dann küßte er sein Kind und sagte, sie sollte nur warten, es würde für sie schön in Ordnung kommen; hatte er seine Anfälle von Bangigkeit, dann schob er sie von sich und sagte hart und barsch, seine Sachen wären keine Frauenzimmersachen, und er müßte wissen, was er zu tun hätte. Es war ein heimliches Quälen und ein heimliches Aengsten auf beiden Seiten; aber endlich mußte es offenbar zutage brechen, als Bäcker Witt sein Weizenmehl wollte. Er hatte darum geschickt, er hatte darum geschrieben; nun kam er selbst, und es gab ein Lärmen und ein Schelten, und als der Bäcker vom Hofe fuhr, schoß er mit ›Spitzbuben‹ und drohte mit Klagen. Alle Tage kam neue Aergernis. Das Osterfest kam heran; von den Höfen und aus den Bauerndörfern kam viel Korn zum Festmehl. Des Müllers Weizen blühte, aber viel, viel Unkraut stand dazwischen. Der Landreiter ritt auf den Hof und sollte sich nach der Sache erkundigen; der Müller schwatzte unverständliches Zeug von seinem Kontrakt und von seinem Recht. Den Tag vor Ostern kam Itzig und holte die letzte Fuhre Korn, und der Müller kam zum Mittagessen zu seiner Frau und Fiken und sagte: »So! Mit dem sind wir auseinander, der hat sein Geld.« – Seine Frau und seine Fiken schwiegen still, und der Müller feierte kein gutes Osterfest in seinem Herzen, denn ein fröhlicher Glaube an eine sichere Zukunft wollte in ihm nicht auferstehen. Und den Tag nach Ostern kam der Landreiter wieder und bestellte den Müller auf den nächsten Tag zu Amt und fragte auch nach Friedrich, und als der kam, sagte er ihm, er solle auch zu Amt kommen. »Wenn ich will,« sagte Friedrich und drehte sich kurz um, denn ihm fiel das Wort des Herrn Amtshauptmann ein: ›Das will ich dir gedenken‹. – »Wenn du nicht kommst,« sagte der Landreiter, »dann geschieht es auf deine Gefahr.« – »Die Herren meinen immer,« lachte Friedrich, »wenn ihre Pflaumen reif sind, soll unsereiner sie pflücken. Aber ich will morgen so wie so nach Stavenhagen, denn meine Zeit beim Müller ist um.« – »Du sollst dich wohl schicken!« brummte der Müller, »bis Johanni habe ich dich gemietet.« Am andern Tage fuhr der Müller mit Friedrich nach Stavenhagen. Keiner sprach ein Wort. Als sie auf den Markt kamen, wollte Friedrich zu Bäcker Witt herüberfahren. – »Halt!« rief der Müller, »da will ich nicht hin; ich kehre bei Guhl ein.« – »Na, Müller,« sagte Friedrich und sprang vom Wagen und warf ihm die Leine zu; »dann fahren Sie sich nur selber hin, denn ich kehre bei Witt ein.« Und damit ging er. In guten Tagen hätte der Müller dies wohl nicht gelitten; er würde seinen Knecht schön hoch genommen haben, und wenn's auch Friedrich war; heute sagte er nichts, er war der alte Müller nicht mehr, er seufzte tief auf, fuhr vor Guhls Tür vor, ohne einzutreten, und ging nach des Herrn Ratsherrn Haus herüber. Kaum war der Wagen vom Müllerhof, da kam Fiken in ihrem besten Zeug zu ihrer Mutter herein, die hinter dem Ofen saß und weinte. »Mutting, ich kann mir nicht helfen, ich kann den Gedanken nicht los werden, heute ist für uns ein großer Tag; heute wird es sich ausweisen, ob wir auf der Mühle bleiben oder nicht. Vatting hat etwas angerichtet, was es auch ist...« – »Er hat's in seiner Dummheit getan!« rief die Müllersfrau dazwischen. – »Und darum will ich ihm nach. Ich will den Herrn Amtshauptmann bitten oder die Frau Amtshauptmann, oder sonst wen – ich weiß es ja auch noch nicht – unser Herrgott wird mir ja wohl die Wege weisen und mich die Worte lehren.« – »Geh, Fiken,« sagte ihre Mutter. Fiken ging, sie konnte den Wagen noch vor sich hinfahren sehen. Sie kam nach Stavenhagen und ging, wie immer, nach Witts Haus; sie frug nach dem Bäcker, der war schon zu Amt; sie ging in die Stube herein, da saß Friedrich und sprach mit einem Soldaten, der hatte eine grüne Jacke an und hatte ihr den Rücken zugekehrt. Friedrich sprang auf: »Dümurrjöh! Fiken, wo kommen Sie her?« – Der Soldat sprang auch auf. Lieber Gott! Was war das? Das war ja wohl der Hinrich? – Ja, der war's, er schlang den Arm um sie: »Fiken, meine liebe kleine Fiken! Kennst du mich denn nicht mehr?« – Ach, wohl kannte sie ihn noch, laut schrie sie auf: »Hinrich, Hinrich, du unter den Soldaten?« – »Na,« rief Friedrich dazwischen, »Fiken, Sie machen sich gut! Wo gehört denn heute ein tüchtiger Kerl anders hin als unter die Soldaten?« – Fiken hörte nicht auf seine Worte, sie hatte mit ihren Gedanken zu tun, und in Gedanken brach es über ihre Lippen: »Ach Gott, und auch daran ist mein alter Vater schuld. Was heißt dies mit ihm, was ist mit ihm?« – »Fiken,« sagte Hinrich, »meinetwegen braucht er sich kein Gewissen zu machen, und wenn ich auch anfangs nur fort wollte, gleichviel wohin und wozu, jetzt ist das anders, jetzt weiß ich erst, wofür ich Soldat geworden bin, und wofür es ins Feld geht, jetzt weiß ich erst, was es heißt, wenn ein Kamerad zum Kameraden steht, und wenn ein ganzes Regiment mit Leib und Leben fürs Vaterland ins Feld zieht. – Sieh, du weißt, wie viel ich von dir halte, aber wolltest du mir heute deine Hand reichen, ich könnte sie nicht nehmen, ich muß mit; aber dein Herz nehm ich mit mir.« – »So spricht ein Mann!« rief Friedrich. – »Gut, Hinrich,« sagte Fiken, »du hast recht, und so geh denn: aber wenn du zurückkommst, darfst du uns hier nicht mehr suchen; über uns bricht das Unglück zusammen, und wer weiß, wie lange uns die Mühle noch Dach und Fach gibt.« – »Ih was, Fiken,« sagte Friedrich, »der Alte hat sich was eingebrockt; er ist bis an den hals ins Wasser gegangen, aber darum brauchen ihm die Wellen noch nicht über dem Kopf zusammen zu schlagen; er hat noch gute Freunde, die ihm die Hand reichen können.« – »Wer kann ihm helfen?« sagte Fiken, setzte sich hin und ließ die Hände in den Schoß fallen, »niemand weiß, was er sich in den Kopf gesetzt hat.« – »Oh,« sagte Friedrich, »etwas weiß Hinrich; er hat heute morgen so ein Vögelchen singen hören, und das lassen Sie sich nur von ihm erzählen, denn ich muß nun auch zu Amt.« Einundzwanzigstes Kapitel Warum der Müller dabei bleibt: was geschrieben sei, sei geschrieben; warum der Herr Amtshauptmann Fritz Sahlmann am Ohrzipfel nimmt, und warum Onkel Herse immer aus der Fassung kommt. – Womit denn auch die Geschichte ganz schön zu Ende kommt. Er ging, und Hinrich und Fiken blieben allein. Auf dem Schloß saß der alte Herr Amtshauptmann mit dem Pudermantel auf dem Puderstuhl; er war verdrießlich. »Neiting,« sagte er, »der Mantel schnürt mich.« – »Ih, Weber, wie kann er schnüren?« – »Neiting, er schnürt mich; und ich bin kein türkischer Pascha, der ausprobiert, wie es tut, wenn einer sich mit der seidenen Schnur erwürgt.« – »Na, ist es so gut?« – »Hm, ja; aber das ist eine verdrießliche Sache.« – »Was denn, Weber?« – »Mit dem alten Gielowschen Müller; der alte Mensch ist ja wohl verrückt geworden, will ich sagen, obschon seine Sache sehr nach Schlechtigkeit schmeckt.« – »Was hat er?« – »Je, was hat er? Alles Korn hat er behalten, das ihm die Leute zum mahlen gebracht haben, und nachher soll er's an Itzig verkauft haben. – Was guckst du, Neiting?« – »Oh, ich sehe ihn da eben mit Ratsherrn Herse heraufkommen.« – »Ratsherrn Herse?« rief der alte Herr, stand auf und sah aus dem Fenster. »Was will Ratsherr Herse, Neiting?« – »Er spricht ja mit dem Müller.« – »Und recht angelegentlich spricht er mit ihm, Neiting,« sagte der alte Herr, und sein Gesicht erhellte sich, und ein lustiges Lachen glitt über seine Miene; »Gott sei Dank, nun werde ich den Müller von Schlechtigkeiten lossprechen müssen, dies wird auf eine Dummheit herauskommen, denn der Herr Ratsherr sitzt dazwischen.« – »Der Ratsherr ist doch so ein guter, ehrlicher Mann.« – »Das ist er, Neiting, aber er macht Stückchen – Stückchen macht er!« Damit ging der Herr Amtshauptmann in die Gerichtsstube. Vor der Gerichtsstube standen Pächter Roggenbom und Bäcker Witt und Schulz Besserdich und noch ein Dutzend andere, die alle den Müller verklagt hatten. Als dieser nun mit dem Herrn Ratsherrn zwischen sie trat und seine besten Freunde gegen sich sah, sank ihm das Herz in die Hosen, und als sie ihm alle aus dem Wege gingen, und er seine Schande in ihren Augen lesen konnte, wurde ihm schwach zumute; er mußte sich an des Herrn Ratsherrn Arm halten und sagte leise: »Mein lieber Herr Ratsherr, mein lieber Herr Ratsherr, mir wird nicht gut zumute.« – So etwas steckt an; meinem Onkel Herse wurde auch nicht gut zumute. Zum erstenmal während der ganzen Zeit, daß das Stück spielte, stieg in ihm eine düstere Ahnung auf, daß er sich wahrscheinlich in die Nesseln setzen würde. Alles, was er für den Müller sprechen wollte, wirbelte in ihm um und um, und als der Müller in die Gerichtsstube hereingerufen wurde, und er mitging, war bei ihm alles aus dem Text, bis auf sein würdiges Aussehen, und auch dieses fing gewaltig zu wackeln an, als der alte Herr ernsthaft auf ihn losging: »Was verschafft mir die Ehre, Herr Ratsherr?« Mein Onkel Herse war sehr stark in richtigen Antworten, aber man mußte ihm Zeit lassen, er mußte immer erst einen großen Bogen machen, ehe er an die Sache herankam; diese Frage war ihm zu gradezu, und des alten Herrn Gesicht war ihm zu stramm; er stolperte also mit dem Notarius publicus und dem Rechtsbeistand des Müllers über seine Lippen herüber. »Beistand?« fragte der alte Herr, und über sein Gesicht flackerte so ein schnurriges Licht. »Schön, Herr Ratsherr, setzen Sie sich gefälligst und hören Sie zu.« – Mein Onkel Herse setzte sich also, und dies war ein Glück für ihn, denn im Sitzen konnte er besser nachdenken und sich auch besser fassen. Und so dachte er denn nach und faßte sich. »Müller Voß,« fragte der alte Herr, »hat Er von dem und dem Korn zu mahlen bekommen? Ne, was denn?« – »Ja, Herr Amtshauptmann.« – »Wo ist das Korn geblieben?« – »Das habe ich an Itzig verkauft; aber die Säcke liegen in meinem Haus, die will ich ans Gericht abliefern.« – »So? Das ist ja recht nett. Aber weiß Er auch, daß Er sich in große Unrechtmäßigkeiten eingelassen hat, und daß dies sehr stark nach Betrügerei schmeckt?« – »Herr Amtshauptmann,« sagte der Müller, »ich bin in meinem Recht,« und wischte sich mit der Rückseite der Hand den Angstschweiß vom Kopf. – »Ja,« sagte mein Onkel Herse und stand auf, »wir sind...« – »Herr Ratsherr,« sagte der Herr Amtshauptmann, »ich habe in meiner Gerichtsstube meine eigenen Moden, setzen Sie sich und hören Sie zu.« – Warum war mein Onkel Herse aber auch aufgestanden? Nun war er wieder aus der Fassung gekommen und mußte sich wieder setzen, um sich von frischem zu fassen. – »Müller Voß, was redet Er von seinem Recht?« – »Je, Herr, Sie haben mir selbst gesagt: was geschrieben ist, ist geschrieben, und in meinem neuen Kontrakt vom vergangenen Jahr steht es geschrieben, daß ich von jedem Scheffel einen Scheffel Mahllohn haben soll.« – »Wo ist Sein Kontrakt?« – »Hier,« antwortete der Müller und gab das Papier hin. – Der alte Herr las den Kontrakt, schüttelte mit dem Kopf: »Hm, hm! Das ist ja eine sonderbare Sache!« – nahm die Klingel und klingelte: »Fritz Sahlmann soll mal rein kommen!« Fritz kam. »Fritz, komm mal hier näher!« Fritz kam näher. Der Herr Amtshauptmann faßte ihn am Ohrläppchen und zog ihn an den Tisch, wo der Kontrakt aufgeschlagen lag: »Fritz, was hab ich dir immer gesagt: du richtest in deiner Flüchtigkeit noch mal allerlei Unheil an, und jetzt ist es richtig so gekommen: jetzt hast du ein paar alte Leute zu Dummheiten verführt, die ihnen teuer zu stehen kommen könnten, wenn ich nicht wüßte, daß es eben bloß Dummheiten sind. Nimm die Feder und streiche hier ›Scheffel‹ aus und schreibe ›Metze‹ darüber.« Fritz tat das; der Herr Amtshauptmann nahm den Kontrakt und gab ihn dem Müller: »So, Müller Voß, nun ist alles in Richtigkeit.« – »Aber, Herr Amtshauptmann...« rief der Müller. – »Müller,« unterbrach ihn der alte Herr, »ich werde mit den Klägern reden, daß sie Ihm acht Tage Frist geben, dann muß Er aber das Korn oder das Geld dafür schaffen, sonst geht es nicht gut.« – »Aber, Herr Amtshauptmann ...« rief mein Onkel Herse und stand auf. Der Herr Amtshauptmann sah ihn an, mein Onkel war augenscheinlich außer Fassung. »Herr Ratsherr, setzen Sie sich und hören Sie zu,« sagte der alte Herr sehr ernsthaft. »Herr Ratsherr, Sie haben nicht Kind noch Kegel, und haben so viel, daß Sie gut so leben können; geben Sie den Notarius publicus auf, und können Sie nicht von ihm lassen, dann bleiben Sie mit ihm aus dem Amtsgebiet fort; Segen kommt für uns nicht dabei heraus.« Damit drehte er dem Herrn Ratsherrn den Rücken zu, klingelte und sagte: »Des Müllers Knecht, Friedrich Schult, soll hereinkommen.« Der alte Müller war ganz geschlagen und gebrochen an die Tür gegangen, mein Onkel war ihm nachgegangen; aber man konnte sehen, daß es in seinem Kopf schäumte und brauste. In der Tür stand er still und streckte die beiden Arme vor sich hin; noch sagte er nichts; aber jetzt – jetzt kam Friedrich herein und schob ihn ein Stückchen beiseite und aus der Tür – er warf einen hastigen Blick auf Friedrich – der alte Amtsdiener Ferge machte die Tür zu, und das war der letzte Blick, den er in Rechtssachen getan hat, denn seitdem hing er den Notarius an den Nagel. »Mein Sohn,« sagte der Herr Amtshauptmann zu Friedrich, »komm ein bißchen näher 'ran! Du bist es ja wohl, der meine Fik Besserdich heiraten will?« – »Ne,« sagte Friedrich. – »Ih,« sagte der alte Herr und sah ihn genauer an, »dienst du denn nicht bei dem Müller?« – »Ne,« sagt Friedrich wieder und rührt sich nicht. – »Was?« fragt der alte Herr, »bist du nicht der Müllerknecht, Friedrich Schult, zu dem ich mal gesagt habe, ich wollt's ihm gedenken? Ne, was denn?« – »Der Friedrich Schult bin ich, Herr; aber bei dem Müller diene ich nicht mehr, da bin ich gegangen; und das Mädchen will ich nicht mehr, denn die läßt mich gehen, und Müllerknecht bin ich auch nicht mehr, denn seit einer halben Stunde bin ich unter die Soldaten gegangen.« – »Na, so geh und geh! Ich glaube, jetzt bist du auf die rechte Stelle gegangen. Aber, mein Sohn, du hast noch einen Schinken bei mir im Salz. Bist du das nicht gewesen, der zuerst den Mantelsack vom Chasseurpferd genommen hat?« – »Ja.« – »Und du hast den Mantelsack aufgemacht und hast dir da Geld herausgenommen und hast also gewußt, daß Geld darin war?« – »Das hab ich,« sagte Friedrich und sah patzig aus, »und das bestreite ich auch nicht.« – »Na, dann höre mal genau zu, was ich dir sagen will. Das Geld ist herrenloses Gut, denn die Franzosen haben es aufgegeben, und du hast's gefunden und hast dich auch schon in den Besitz gesetzt, denn du hast davon genommen; nun ist aber noch ein Kerl, den nennen sie ›Fiskus‹, das ist ein toller Kerl, der schluckt alles über, was er kriegen kann, und vor allem ist er erpicht auf herrenloses Gut, und dieses hat er sozusagen auch schon in seinem Rachen; aber zuweilen kriegt er auch sanftmütige Anwandlungen, wenn er eine ordentliche, echte Ehrlichkeit sieht, und wenn ihm einer diese recht beweglich vor die Augen rückt. Das letzte habe ich nun nach meinen Kräften getan, und der Herr Fiskus hat zu deinen Gunsten auf das Geld Verzicht geleistet. Und hier, mein Sohn, dies ist der Schinken, den du bei mir im Salz hast!« Damit schlug er ein Tuch zurück, und des Franzosen Mantelsack kam zum Vorschein. »Friedrich Schult, der Mantelsack und das Geld sind dein.« Friedrich stand da und sah den Herrn Amtshauptmann und den Mantelsack an, und dann wieder den Mantelsack und den Herrn Amtshauptmann und fing endlich an, sich mit großem Eifer hinter den Ohren zu kratzen. – »Na,« fragte der alte Herr und legte ihm die Hand auf die Schulter; »ne, was denn, Friedrich?« – »Hm, ja, Herr Amtshauptmann, und ich bedanke mich auch vielmal; aber es paßt mir nicht recht.« – »Das Geld paßt dir nicht?« – »Ih ja, das Geld paßt mir wohl; es paßt mir nur gerade jetzt nicht, das Mädchen will mich nicht, und ich bin unter den Soldaten, da kann ich's doch nicht mitnehmen.« – »Hm,« sagte der alte Herr und ging mit großen Schritten in der Stube auf und nieder, »das ist doch eine sonderbare Sache.« Endlich blieb er vor Friedrich stehen und sah ihm mit einem eigentümlichen Blick in die Augen: »Friedrich Schult, bares Geld ist heutzutage sehr knapp, und ich weiß Stellen, wo der Hausvater sich darum den Bast von den Fingern ringt, und Frau und Kind in Tränen sitzen.« – Der Müllerknecht Friedrich Schult sah auf, er sah dem alten Herrn in die Augen, und es war ihm, als wenn ihm daraus ein Strahl entgegenleuchtete, der ihm warm ins Herz fiel. »Dümurrjöh!« rief er, griff nach dem Mantelsack und nahm ihn unter den Arm; »ich weiß Bescheid, Herr Amtshauptmann. Adjüs, Herr!« – Er wollte gehen, der alte Herr ging ihm bis an die Tür nach und ergriff seine Hand und sagte: »Friedrich Schult, mein Sohn, wenn du aus dem Kriege wieder zurückkommst, sprich ein bißchen bei mir vor, du sollst mir erzählen, wie es dir gegangen ist.« Die Gerichtsstube war leer, der Herr Amtshauptmann saß bei seiner Frau in deren Stube und sagte: »Neiting, dieser Müllerknecht, dieser Friedrich! Wenn der mal wieder zu mir zurückkommt, ich glaube, ich freue mich mehr, als wenn 'ne Prinzessin bei mir zum Besuch kommt.« Als der Müller und mein Onkel Herse den Schloßberg hinuntergingen, sagten sie kein Wort, aber aus ganz verschiedenen Ursachen; der Müller schwieg, weil er ganz in sich war, mein Onkel, weil er ganz außer sich war; er konnte die Worte nicht finden. Zuletzt brach er los: »Das soll ein Gerichtstag sein? Das soll ein Urteil sein?! Der alte Amtshauptmann, der alte grobe Kerl! Läßt der einen Menschen zu Worte kommen?! Müller Voß, wir gehen weiter, wir gehen an die zweite Instanz.« – »Herr Ratsherr,« sagte der alte Müller ganz schwach, »ich gehe nicht weiter, ich bin weit genug gegangen, ich sitze schon vollständig fest.« – »Gevatter,« sagte der alte Bäcker Witt, der hinter ihnen hergegangen war und des Müllers Worte gehört hatte, »nimm dir das nicht zu sehr zu Kopf, das kann alles besser werden. Und nun komm mit nach meinem Hause, deine Fiken ist auch da.« – »Meine Fiken?« – Aber der Bäcker ließ ihn nicht weiter zu Worte kommen, und der alte Müller folgte ihm ins Haus wie ein willenloses Kind. Nicht die Armut, die Schande drückte ihn nieder. Mein Onkel Herse ging nicht mit ins Haus, er ging vor der Tür auf und nieder, und ihm kamen allerlei Gedanken. Mein Onkel hatte immer viele Gedanken, und für gewöhnlich spazierten sie in seinem Hirnkasten herum, wie kleine niedliche schmucke Kinder mit hellen blauen Augen, und wenn sie sich auch manchmal ein bißchen jagten und übereinander herpurzelten, und wenn sie auch manchmal Blindekuh spielten und allerlei verdrehtes Zeug zutage brachten, so waren sie doch immer sonntäglich angezogen und für ihn schmuck und niedlich anzusehen; aber diese Gedanken, die ihm vor Bäcker Witts Tür kamen, waren eine Bande zerlumpter Bettelkinder, die sich nicht abweisen ließen und die Hände ausstreckten und aus vollem Halse riefen: »Herr Ratsherr, Herr Ratsherr Herse, helfen Sie dem Müller! Sie haben ihn in die Tinte gebracht, jetzt helfen Sie ihm wieder heraus.« – »Mein Gott,« sagte mein Onkel, »so laßt mich doch, laßt mich doch, ich will ja; ich will eine Hypothek auf mein Haus aufnehmen, aber wo soll's herkommen? Wo soll 's bare Geld herkommen?« Und die kleinen Bettelkinder brachten ihn so in die Enge, daß er in Witts Torweg treten mußte, um ihnen aus dem Wege zu kommen. Hier stand Hinrich und sattelte und zäumte seine beiden Braunen, die noch nicht verkauft waren, und als mein Onkel ihn in der grünen Jacke und mit dem Krieg unter der Nase sah, kam Friedrich in den Torweg herein und warf seinen Mantelsack in die Krippe, daß es klimperte und rasselte, »Hinrich,« rief er, »aller Anfang ist schwer, sagte der Teufel, da hatte er sich mit Mühlsteinen geschleppt, aber...« hier wurde er den Herrn Ratsherrn gewahr und unterbrach sich: »Guten Morgen, Herr Ratsherr, und nehmen Sie's nicht übel, aber Sie könnten mir einen großen Gefallen tun: sehen Sie, der Müller hat mich noch bis Johanni gemietet, und eigentlich müßte ich aushalten; aber ich habe doch schon die größte Lust mitzugehen, und nun sagen Sie ihm, wenn er mich gehen ließe, dann wollte ich ihm das Franzosengeld leihen, bis ich wiederkäme, denn das haben sie mir heute auf dem Schloß zugesprochen, und es liegt hier in der Krippe.« Weg waren aus meines Onkels Verstandskasten die kleinen Bettelkinder, und die kleinen sonntäglich herausgeputzten Kinder standen darin herum und schossen Kobolz, und er selber schoß beinahe Kobolz über eine Halfterkette, als er auf Friedrich lossprang: »Friedrich, Friedrich! Er ist ein – ist ein – ist ein Engel.« – »Ja, ein alter schöner Engel!« sagte Friedrich. – »Friedrich,« rief mein Onkel, »und das wollen wir gleich schriftlich machen.« – »Nein, Herr Ratsherr,« sagte Friedrich, »das wollen wir nicht tun, da könnte sich wieder ein Schreibfehler einschleichen, und dann könnte wieder Elend daraus entstehen. Was von Mund zu Mund gesprochen ist, das soll gelten. – Hinrich, bist du mit allem und mit Fiken im klaren?« – Hinrich stand hinter seinen Pferden, hatte die beiden Arme auf den Sattel gelegt und sah darüber hin und nickte mit dem Kopf, denn reden konnte er nicht. »Nun denn!« rief Friedrich und langte nach dem Zügel des spattlahmen Sattelpferdes; Hinrich riß ihm den Zügel aus der Hand, schwang sich in den Sattel und warf ihm den Zügel des schönen braunen Wallach zu: »Bruder, das Beste ist für dich nicht zu schlecht.« – »Mein Gott,« rief mein Onkel, »wollt ihr denn dem Müller und Fiken nicht ...?« – »Ist alles schon gut!« rief Friedrich. »Adjüs, Herr Ratsherr!« und heraus trabten sie aus dem Brandenburger Tor. Wir Kinder standen am Tor und sahen ihnen nach. »Das sind keine Franzosen,« sagte Hanne Bank. – »Das sind welche von unseren,« sagte Fritz Risch, und es war, wie wenn ein eigener Stolz in uns eingekehrt wäre. »Gott gebe, daß sie wiederkommen!« sagte der alte Vater Rickert.   Und sie kamen wieder. Nach Jahr und Tag und zum andernmal nach Jahr und Tag war ein Frühjahr für Deutschland angebrochen. Schlachten waren geschlagen, Blut war geflossen auf den Bergen und in den Gründen, aber der Regen hatte es abgespült, und die Sonne hatte es getrocknet, und die Erde ließ Gras darüber wachsen, und die Wunden des Menschenherzens waren von der Hoffnung verbunden, mit einem Balsam, den man Freiheit heißt. Viele sind später wieder aufgebrochen, denn es mochte wohl nicht der richtige, vom Himmel stammende Balsam sein. Aber daran dachte in diesem schönen Frühjahr niemand, und in meiner kleinen Vaterstadt grünte und blühte es in Garten und Feld, und die bange Menschenbrust atmete tief auf, denn auf der Welt lag Menschen- und Gottesfriede. Meines Onkels Herse Schützenkorps hatte seine einundzwanzig Schrotflinten hinter den Schrank gestellt, und er hatte daraus ein Musikkorps zusammengestellt, das er eine ›Kapelle‹ nannte, und es kam ihm sehr zu statten, daß er sie in der Kriegszeit dazu angelernt hatte, alle zugleich loszuschießen, denn nun fielen sie von selbst mit Fiedeln und Flöten und Klarinetten zusammen ein. Des Abends brachten sie Ständchen, und die Melodie kann ich heute noch singen, denn sie spielten immer ein und dasselbe Stück, und mein Onkel hat mir später gesagt, es wären Variationen gewesen zu dem schönen Thema: ›Gestern abend war Vetter Michel da‹. – Als die Schlacht von Leipzig gewonnen war, brannten die Freudenfeuer auf dem Eulenberg und dem Mühlenberg, und die Stadt war illuminiert; geschossen wurde zwar nicht, denn wir hatten keine Kanonen, aber Kanonendonner hatten wir doch, denn des Herrn Ratsherrn Adjutant Hanne Heinz und der alte Doktor Metz waren auf den glücklichen Einfall gekommen und hatten etliche Zentnersteine auf eine Misttrage gelegt und schmissen sie mit aller Gewalt gegen den Torweg des alten Podagra-Kasper, daß ein richtiger Kanonendonner herauskam und der Torweg in Stücken lag. Und was war es für ein Jubel, und was war es für eine Herrlichkeit, wenn eine Mutter der anderen erzählte: »Gevatterin, mein Jochen ist auch dabei gewesen, und er hat geschrieben, daß er glücklich davongekommen ist.« Und Hinrich hatte auch geschrieben, und Friedrich hatte grüßen lassen. Und als dies in Stavenhagen bekannt wurde, da ging es von Mund zu Munde: »Ja, der alte Friedrich! Den laßt nur! Das ist ein alter Gedienter!« Und ein jeder redete vom alten Friedrich, und so hat sich allmählich in meiner Vaterstadt Stavenhagen die Sage ausgesponnen, der alte Unteroffizier Friedrich Schult hätte eigentlich die Schlacht bei Leipzig gewonnen: er hätte seinem Obersten Warburg gesagt, wie's gemacht werden müßte, und der hätte es des alten Blüchers Adjutanten gesagt, und der hätte es dem alten Blücher gesagt, und der alte Blücher hätte gesagt: »Friedrich Schult hat recht!« hätte er gesagt. Aber auch diese Zeit voll Jubel und voll Zweifel, voll Furcht und voll Hoffnung war vorüber, und das schöne Frühjahr war gekommen, von dem ich vorhin gesagt habe, und eines Tages war eine schöne Kutsche nach dem Schloß hinaufgefahren, und die Leute sagten, auf dem Schloß sollte es hoch hergehen, und eines Tages kam Fritz Sahlmann herunter und erzählte, mit Mamsell Westphal würde es nun bald zu Ende gehen, denn wenn dies acht Tage so weiter ginge, dann würde sie wohl bloß noch in den Gräten hängen, und die Gäste, sagte er, wollten acht Tage bleiben. Den andern Tag kam er wieder und erzählte, der Herr Amtshauptmann wäre schon um neun Uhr aufgestanden und hätte das Fenster aufgemacht und hätte gesungen, mit seiner natürlichen Stimme gesungen! und die Frau Amtshauptmann hätte hinter ihm gestanden und hätte die Hände überm Kopf zusammengeschlagen, und er, Fritz Sahlmann, sollte eine schöne Empfehlung ausrichten an meinen Vater und meine Mutter, und, wenn's möglich wäre: zu Mittag. Und am dritten Tage wurde ich sauber angezogen und aufs Schloß geschickt: 'ne Empfehlung an den Herrn Amtshauptmann und die Frau Amtshauptmann und die fremden Herrschaften: und zu Tee und Abendbrot, und Mamsell Westphal auch; und meine Mutter schärfte mir gehörig ein: ich sollte zu der jungen Dame immer ›gnädige Frau‹ sagen. Und als ich hinaufkam und meine Bestellung anbrachte, da saß der Herr Amtshauptmann auf dem Sofa, und bei ihm saß ein alter Herr, der sah sehr ernsthaft aus, und der Herr Amtshauptmann sagte zu ihm: »Mein Herzenskindting, das ist mein Patchen, das ist des Bürgermeisters Fritz. Ne, was denn?« Und der fremde Herr wurde freundlicher, und ich mußte ihm die Hand geben, und er fragte mich nach diesem und jenem. Und als ich noch so stand, da ging die Tür auf, und hereinkam – der französische Oberst von Toll, und den Arm hatte er um eine junge wunderhübsche Dame geschlungen, das war seine gnädige Frau. Ich sah den Obersten an und mir war, als hätte ich ihn schon gesehen, und weil der Mensch in der Ungewißheit nicht gerade die klügsten Gesichter macht, mochte es mir eben auch wohl passieren, denn sie lachten beide, und als ich meine Empfehlung von Vater und Mutter herausstotterte, da sagten sie, sie wollten kommen, und die fremde Dame strich mir über den Kopf und sagte: ich hätte starres Haar, ich hätte auch wohl einen starren Sinn; und der Herr Amtshauptmann sagte: »Da haben Sie recht, mein Herzenskindting, den hat er; und was er mit seinem harten Kopfe verschuldet, das wird er Wohl mit einem mürben Buckel ausbaden müssen.« Am Abend ging es wieder hoch bei uns her, aber nicht so lustig wie damals, als mein Onkel Herse Julius Caesar war; und Punsch gab es auch nicht, aber Mariechen Wienke mußte Langkork bringen, das war damals der beste Wein; denn lein Mensch wußte damals etwas von Chateau und Champagner. Die Männer redeten von den Kriegszeiten, und die Frauen von der Müllerhochzeit, die morgen auf der Gielowschen Mühle gegeben werden sollte, und als die Gäste fortgingen, drehte der Oberst sich zu meinem Vater um und sagte: »Aber, Herr Bürgermeister, keiner darf fehlen von allen denen, die damals in diesem Stück mitgespielt haben!« Mein Vater versprach ihm das. Am andern Mittag geschah es wieder einmal, daß des Herrn Amtshauptmanns Streit- und Rüstwagen geschmiert wurde, und nachher saßen er und sein Renatus von Toll darin und fuhren aus dem Malchiner Tor. »Frau Meistern,« sagte Mamsell Westphal nachher, »da saßen sie beide denn zusammen in dem Chaisewagen und sahen so freundlich und unschuldig in die Welt hinein, wie ein paar neugeborene Zwillinge. Und, Frau Meistern, in der fremden Glaskutsche hatten die gnädige Frau von Toll und die Frau Amtshauptmann und die Frau Bürgermeister und ich die Ehre zu fahren, und die Frau Bürgermeister hatte den Jungen, den Fritz mitgenommen, und der Schlingel lag mir den Weg über auf dem Leibe, daß mir richtig der Fuß einschlief, und wenn der Husarenunteroffizier Friedrich Schult nicht gewesen wäre, dann wäre ich beim Aussteigen vom Wagentritt gefallen. Das kommt von den Gören, und das sage ich. « – Und auf einem großen Erntewagen saßen Bäcker Witt und die Strübingen und Luth und Fik Besserdich und Fritz Sahlmann und Herr Droz, und hinten lag ein Haufen Beine und Arme, das waren Herrn Droz' kleine französische Kinder. Mein Vater und der Oberst ritten zu Pferde. »Wo aber ist der Herr Ratsherr?« fragte der Oberst. – »Er kommt,« sagte mein Vater, »aber wann und wo, das mag der liebe Gott wissen; denn als er mir dies versicherte, blinzelte er mit dem einen Auge und hatte ein Gesicht aufgesetzt, das ich an ihm kenne, und das ich sein ›heimliches Gesicht‹ nenne.« Als der Herr Amtshauptmann ankam, stand Müller Voß mit einer schwarzmanchesternen Kappe auf dem Kopf vor der Tür, und seine Frau stand bei ihm in einem schwarzkalmankenen Rock, und er dienerte, und sie knixte, und der Amtshauptmann fragte: »Na, Müller Voß, wie geht's?« – »Ganz prächtig!« sagte der alte Müller und ließ den Tritt herunter. Und der Herr Amtshauptmann beugte sich an seinen Renatus heran und sagte: »Mein Herzenskindting, der alte Müller ist jetzt gut wieder imstande; er ist klug geworden und hat das Wirtschaften aufgegeben und hat seine Fiken wirtschaften lassen.« Nun kam die Kutsche, die Damen stiegen aus, und Friedrich trug meine Mutter in die Stube hinein; er hat sie später noch oft getragen. Der Erntewagen hielt still; alles sprang herunter, alles ging ins Haus; ich mit; nur die kleinen Droz liefen, zuerst in den Garten und fielen über die unreifen Stachelbeeren her. In der Stube stand der Herr Pastor, er hatte schon gewartet, und bei ihm stand Hinrich mit seiner Fiken. Wie war Fiken schön! Wie ist eine Braut doch schön! – Der Herr Pastor hielt seine Traurede, seine beste; er wußte von der Art drei, und eine ging immer über die andere, und danach richtete sich auch der Preis. Die von der Krone war die schönste und die teuerste, die kostete einen Taler sechzehn Groschen; dann kam die von dem Hirsch, kostete einen Taler; und zuletzt kam die von ›ein jämmerlich erbärmlich Ding‹, die kostete nur acht Groschen und war für den kleinen Mann. Heute zog er das große Register von der Krone auf, denn so wollte es der Müller haben. »Herr Pastor,« hatte der Müller gesagt, »meine Fiken will durchaus, es soll eine stille Hochzeit werden, und sie soll auch ihren Willen haben; aber was zu einer Hochzeit überhaupt gehört, das soll vom besten Ende sein.« Und so geschah es auch. Und als die Rede zu Ende war, da ging die schöne gnädige Frau an Fiken heran und gab ihr einen Kuß und schlang ihr eine goldene Kette um den Hals, daran hing ein hübsches Schild, und darauf stand der Tag, an dem Fiken den Obersten um ihren Vater gebeten hatte. Der Oberst war an Hinrich herangetreten, und als er ihm die Hand drückte, da ruhten des fremden alten Herrn Augen so freundlich auf ihm, daß der Herr Amtshauptmann nach seiner Hand faßte und zu ihm sagte: »Mein Herzenskindting, ne, was denn?« – Er mochte wohl mehr von der Sache wissen, als wir anderen. Nun ging es zum Essen. Die Strübingen war bei der Suppe angestellt, und Luth beim Braten, und Fik Besserdich besorgte mit den beiden Müllermädchen die Aufwartung. Und kaum hatte der Müller den ersten Teller voll Hühnersuppe zu Leibe, da stand er auf und hielt eine eindringliche Rede an seine Gesellschaft, sah aber dabei immer nur den Herrn Amtshauptmann an. Er hätte die ganze Gesellschaft, sagte er, nur zu einer Hochzeit ohne Musik, so auf ›mir nichts, dir nichts‹ eingeladen, seine Fiken hätte das so gewollt, und die Herrschaften sollten's nicht übelnehmen; aber wenn sie auch keine Musik hätten ... – Hier war es mit seiner Rede zu Ende, denn draußen brach es mit einemmal los: ›Gestern abend war Vetter Michel da, Vetter Michel, der war da‹, und als die Tür aufgerissen wurde, da stand mein Onkel Herse da mit seiner ganzen Kapelle, hatte des Müllers Handstock ergriffen und schlug den Takt auf einem Mehlsack, daß das Ganze aussah, als flöteten und trompeteten die lieben heiligen Engel aus einer schönen, weißen Sommerwolke heraus. Das war eine Freude, das war ein Leben! Der Oberst sprang auf und begrüßte sich mit meinem Onkel und zog ihn an seine Seite, und der Herr Amtshauptmann flüsterte seinem Renatus in die Ohren, sodaß der ganze Tisch es hören konnte: »Das ist der Ratsherr, mein Herzenskindting, von dem ich heute morgen das verdrehte Stück mit dem Kontrakt erzählte; ist sonst ein guter pläsierlicher Mann.« – Und der alte Müller zog die Kapelle in die Stube, und die heilige Cäcilie wurde in die Ecke gestellt, und die Hühnersuppe löste sie ab, und dann kam Vetter Michel wieder, und den löste der Braten ab, und so ging es immer umschichtig. Und als der Abend kam, kriegte mein Onkel Herse es wieder mit einer Heimlichkeit; er und sein Adjutant Hanne Heinz wirkten und hantierten im Dunkeln hinter dem Garten herum; endlich wurden wir aber nach draußen genötigt, und ein Feuerwerk ging los, und es hätte schön werden können; aber – schade! schade! – das eine war zu schwach, dabei mußte gepustet werden, und das andere war zu stark, das flog in die Luft, und eine Gnade von Gott war es, daß Friedrich gerade auf dem Misthof stand, als der zu brennen anfing; denn sonst wäre es wohl schlimm geworden. Mein Onkel Herse wollte aber seine Sache durchsetzen und hatte schon wieder ein frisch Feuerzeug beim Wickel; aber der Herr Amtshauptmann ging an ihn heran und sagte: nun wär's genug, und es wäre sehr schön gewesen, und er bedankte sich auch vielmal. Den anderen Tag aber schickte er den Landreiter durch das ganze Stavenhäger Amt: Wer sich unterstände und im herzoglichen Amt Feuerwerk abbrennte, den sollte ein Donnerwetter regieren. So schloß der Tag, und so schließt auch meine Geschichte; der Tag war lustig, und jeder war damit zufrieden – ich wollte, meine Geschichte wäre auch lustig, und jeder wäre ebenfalls damit zufrieden. Aber, wo sind sie geblieben, alle die lustigen und treuherzigen Leute, die in diesem Stück mitgespielt haben? Alle tot, alle tot! Sie alle sind dahingegangen; sie schlafen alle den langen Schlaf. Bäcker Witt war der erste, und der Stadtdiener Luth ist der letzte gewesen; und wer ist übrig geblieben? Na, wir beiden Jungens, Fritz Sahlmann und ich, und Fik Besserdich. Fik Besserdich hat richtig des alten Bauern Freier flachsköpfigen Jungen geheiratet und sitzt nun in stattlichen Verhältnissen in Gülzow, auf dem ersten Bauernhof linker Hand. Fritz Sahlmann ist ein tüchtiger Kerl geworden, und wir sind immer gute Freunde geblieben, und sollte er mir's übel nehmen, daß ich von ihm Geschichten erzählt habe, dann werde ich ihm die Hand hinhalten und werde sagen: »Mein Herzenskindting, was geschrieben ist, ist geschrieben; das läßt sich nicht mehr ändern. Aber böse bist du mir darum doch nicht! Ne, was denn?«