Friedrich Wilhelm Nietzsche Fragmente Frühjahr 1884 bis Herbst 1885 Inhalt [Dokument: Heft] [Frühjahr 1884] [Dokument: Heft] [Sommer — Herbst 1884] [Dokument: Heft] [Sommer — Herbst 1884] [Dokument: Heft] [Gedichte und Gedichtfragmente. 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[--]zwei nicht zu lesende Wörter [---] mehrere nicht zu lesende Wörter \<\> Ergänzungen nicht von Nietzsche. – – – Satz ist nicht vollständig. [+] Lücke im Text. [] Texte in diesen Klammern sind nicht von Nietzsche [Frühjahr 1884] [Dokument: Heft] 25 [1] Die ewige Wiederkunft. Eine Wahrsagung. Von Friedrich Nietzsche. Erstes Hauptstück: “Es ist Zeit!” 25 [2] (Nizza, März 1884.) Meine nächsten Aufgaben: Moral für Moralisten. Selbst-Erlösung. Die ewige Wiederkunft. Dionysische Tänze und Fest-Lieder. 25 [3] “Das Paradies ist unter dem Schatten der Schwerter.” Orient\<alisch\> 25 [4] “Geradezu stoßen die Adler” Olof Haraldssons Saga. 25 [5] “Wer der Wahrheit zu nahe auf dem Fuße folgt, läuft Gefahr, daß ihm einmal der Kopf eingeknickt wird.” englisches Sprüchwort 25 [6] Die ewige Wiederkunft Eine Wahrsagung.   Erstes Hauptstück. “Es ist Zeit!”   Zweites Hauptstück. Der große Mittag.   Drittes Hauptstück. Die Gelobenden. 25 [7] 1. Meine Freunde, ich bin der Lehrer der ewigen Wiederkunft. Das ist: ich lehre, daß alle Dinge ewig wiederkehren und ihr selber mit —, und daß ihr schon unzählige Male dagewesen seid und alle Dinge mit euch; ich lehre, daß es ein großes langes ungeheures Jahr des Werdens giebt, das, wenn es abgelaufen, ausgelaufen ist, gleich einer Sanduhr immer wieder umgedreht wird: so daß alle diese Jahre sich selber gleich sind, im Kleinsten und im Größten. Und zu einem Sterbenden würde ich sprechen: „Siehe, du stirbst und vergehst jetzt und verschwindest: und da ist Nichts, das von dir als ein „Du” übrig bliebe, denn die Seelen sind so sterblich wie die Leiber. Aber dieselbe Gewalt von Ursachen, welche dich dies Mal schuf, wird wiederkehren und wird dich wiederschaffen müssen: du selber, Stäubchen vom Staube, gehörst zu Ursachen, an denen die Wiederkehr aller Dinge hängt. Und wenn du einstmals wiedergeboren wirst, so wird es nicht zu einem neuen Leben oder besseren Leben oder ähnlichen Leben sein, sondern zu einem gleichen und selbigen Leben, wie du es jetzt beschließest, im Kleinsten und im Größten.” Diese Lehre ist noch nicht auf Erden gelehrt worden: nämlich auf der diesmaligen Erde und im diesmaligen großen Jahre. 2. “Dans le véritable amour c’est l’âme, qui enveloppe le corps”. 25 [8] Wer in unsrer Zeit jung war, der hat zu Viel erlebt: vorausgesetzt, daß er zu den Wenigen gehört, die noch tief genug sind zu „Erlebnissen”. Den Allermeisten nähmlich fehlt jetzt diese Tiefe und gleichsam der rechte Magen: sie kennen daher auch die Noth jenes rechten Magens nicht, welcher mit jedem Erlebniß “fertig werden” muß, die größten Neuigkeiten fallen durch sie hindurch. Wir Andern haben zu schwere, zu mannichfache, zu überwürzte Kost hinunterschlucken müssen, als wir jung waren: und wenn wir schon den Genuß an seltsamen und unerhörten Speisen voraus haben vor den Menschen einfacherer Zeiten, so kennen wir das eigentliche Verdauen, das Erleben, Hineinnehmen, Einverleiben fast nur als Qual. 25 [9] Meine Freunde, wir haben es hart gehabt, als wir jung waren: wir haben an der Jugend selber gelitten wie an einer schweren Krankheit. Das macht die Zeit, in die wir geworfen sind, — die Zeit eines großen immer schlimmeren Verfallens und Auseinanderfallens, welche mit allen ihren Schwächen und noch mit ihrer besten Stärke dem Geiste der Jugend entgegen wirkt. Das Auseinanderfallen, also die Ungewißheit ist dieser Zeit eigen: nichts steht auf festen Füßen und hartem Glauben an sich: man lebt für morgen, denn das Übermorgen ist zweifelhaft. Es ist Alles glatt und gefährlich auf unsrer Bahn, und dabei ist das Eis, das uns noch trägt, so dünn geworden: wir fühlen Alle den warmen unheimlichen Athem des Thauwindes — wo wir noch gehen, da wird bald Niemand mehr gehen können. Ich habe einsam gelebt und mich tüchtig und herzhaft in den Mantel der Einsamkeit gewickelt: das gehört zu meiner Klugheit. Es ist jetzt sogar viel List nöthig, um sich selber zu erhalten, selber oben zu erhalten. Jeder Versuch, es in der Gegenwart, mit der Gegenwart auszuhalten, jede Annäherung an die Menschen und Ziele von heute, ist mir bisher mißrathen; und ich habe die verborgene Weisheit meiner Natur angestaunt, welche bei allen solchen Versuchen sofort durch Krankheit und Schmerz mich wieder zu mir selber zurück ruft. Es versteht sich von selber, daß ich Alles das kenne, was man die Leiden des Genies nennt: die Verkennung, Vernachlässigung, die Oberflächlichkeit jeden Grades, die Verdächtigung, die Heimtücke; ich weiß, wie Manche uns wohl zu thun glauben, wenn sie uns in „bequemere” Lagen, unter geordnete zuverlässige Menschen zu bringen suchen; ich habe den unbewußten Zerstörungs-Trieb bewundert, den alle Mittelmäßigkeit gegen uns bethätigte, und zwar im besten Glauben an ihr Recht dazu. In manchen allzu erstaunlichen Fällen habe ich mich meines alten Trostes vertröstet: dies ist — französisch zu reden — la bêtise humaine — ein Ding, das mich im Grunde immer mehr ergötzt als verdrossen hat. Es gehört zu der großen Narrethei, deren Anblick uns höhere Menschen am Leben festhalten läßt. Und wenn mein Auge sich nicht täuscht: so ist hundert Mal mehr Dummheit in allem menschlichen Handeln als geglaubt wird. Insgleichen aber ist der Anblick der tiefen feinen ihrer selber sicheren, ihrer selber aber gänzlich unbewußten Heuchelei unter allen guten dicken braven Menschen für den, der sie sehen kann, ein Ding zum Entzücken: und im Gegensatz zur bêtise humaine ist hier die unbewußte Verschlagenheit entzückend. 25 [10] Die Leidenschaften benutzen wie den Dampf zu Maschinen. Selbst-Überwindung. 25 [11] Als Knabe war ich Pessimist, so lächerlich dies klingt: einige Zeilen Musik aus meinem zwölften, dreizehnten Lebens-Jahre sind im Grunde von Allem, was ich an rabenschwarzer Musik kenne, das Schwärzeste und Entschiedenste. Ich habe bei keinem Dichter oder Philosophen bisher Gedanken und Worte gefunden, die so sehr aus dem Abgrunde des letzten Neinsagens herauskämen, in dem ich selber zeitweilig gesessen habe; und auch was Schopenhauer betrifft, bin ich den Glauben nicht losgeworden, daß er zwar viel guten Willen zum P\<essimismus\> gehabt hat, aber auch einen viel besseren Widerwillen: den hat er nicht genug zu Worte kommen lassen, dank jenem dummen Genie-Aberglauben, den er von den Romantikern gelernt hatte, und dank seiner Eitelkeit, welche ihn zwang, auf einer Philosophie sitzen zu bleiben, die aus seinem 26ten Lebensjahre stammte und auch zu diesem Lebensalter gehört — wie wir Alle recht aus dem Grunde wissen, nicht wahr, meine Freunde? 25 [12] Wie groß das Gefühl der Unsicherheit ist: das verräth sich am meisten in dem Entzücken an kleinen festen Tathsachen (eine Art von  „fait-alisme”, welcher jetzt über Frankreich herrscht) — eine Art Wahnsinn, die auf Erden noch nicht da war: und nicht nur die Wissenschaft, sondern auch ein großer Theil der gegenwärtigen Kunst entstammt diesem Bedürfniß. Es verkleidet sich oft: z. B. in die Forderung der Unpersönlichkeit des Künstlers — das Werk selber soll ihn nicht verrathen, sondern wie ein getreuer Spiegel irgend ein factum bis ins Kleinste wiedergeben, feststellen: aber dies Bedürfniß selber nach solchen facten, die Stand halten, gleichsam wie Schmetterlinge festgeheftet sind vom Sammler — ist etwas sehr Persönliches. Am Mährchen und der Féerie haben wir das entgegengesetzte Gelüst, von Menschen, die selber sich festgeheftet fühlen mit Sitten und Urtheilen. — Zur Seite geht ein grobes Tasten nach nächstem Genuß: „das Nächste” wird das Wichtigste. 25 [13] Es sind uns, wie noch nie irgendwelchen Menschen, Blicke nach allen Seiten vergönnt, überall ist kein Ende abzusehn. Wir haben daher ein Gefühl der ungeheuren Weite — aber auch der ungeheuren Leere voraus: und die Erfindsamkeit aller höheren Menschen besteht in diesem Jahrhundert darin, über dies furchtbare Gefühl der Oede hinwegzukommen. Der Gegensatz dieses Gefühls ist der Rausch: wo sich gleichsam die ganze Welt in uns gedrängt hat und wir am Glück der Überfülle leiden. So ist denn dies Zeitalter im Erfinden von Rausch-Mitteln am erfinderischesten. Wir kennen alle den Rausch, als Musik, als blinde sich selber blendende Schwärmerei und Anbetung vor einzelnen Menschen und Ereignissen, wir kennen den Rausch des Tragischen d\<as\> ist die Grausamkeit im Anblick des Zugrundegehens, zumal wenn es das Edelste ist, was zu Grunde geht: wir kennen die bescheideneren Arten des Rausches, die besinnungslose Arbeit, das sich-Opfern als Werkzeug einer Wissenschaft oder politischen oder geldmachenden Partei; irgend ein kleiner dummer Fanatismus, irgend ein unvermeidliches Sichherumdrehen im kleinsten Kreise hat schon berauschende Kräfte. Es giebt auch eine gewisse excentrisch werdende Bescheidenheit, welche das Gefühl der Leere selber wieder wollüstig empfinden läßt: ja einen Genuß an der ewigen Leere aller Dinge, eine Mystik des Glaubens an das Nichts und ein Sich-Opfern für diesen Glauben. Und welche Augen haben wir uns als Erkennende gemacht für alle die kleinen Genüsse der Erkenntniß! Wie verzeichnen wir und führen gleichsam Buch über unsre kleinen Genüsse, wie als ob wir mit dem Summiren des vielen kleinen Genusses ein Gegengewicht gegen jene Leere, eine Füllung jener Leere erlangen könnten —: wie täuschen wir uns mit dieser summirenden Arglist! 25 [14] Es giebt Menschen, welche man mit erhabenen Gebärden überzeugt, aber mit Gründen mißtrauisch macht. 25 [15] Mit Feindschaften war es mir niemals lange ernst. Im Augenblick zwar, zumal unter dem Eindrucke eines bedeckten Himmels könnte ich leicht Jemanden tödten — ich habe mich einige Male schon gewundert, daß ichs noch nicht gethan habe. Aber ich lache zu bald wieder, als daß ein Feind sehr viel bei mir gutzumachen hätte. Überdieß bin ich aus letztem Grunde davon überzeugt, daß ich meinen feindselig erregten Gefühlen mehr zu danken habe als den freundschaftlichen. 25 [16] Der europäische Pessimismus ist noch in seinen Anfängen: er hat noch nicht jene ungeheure sehnsüchtige Starrheit des Blicks, in welchem das Nichts sich spiegelt, wie er sie einmal in Indien hatte, es ist noch zu viel Gemachtes und nicht „Gewordenes” daran, zu viel Gelehrten- und Dichter-Pessimismus: ich meine ein gutes Theil darin ist hinzu erdacht und hinzu erfunden, ist “geschaffen”, aber nicht Ursache, gemacht und nicht “geworden”. Es gab denkendere und zerdachtere Zeiten als die unsere ist: Zeiten, wie zum Beispiel jene, in der Buddha auftrat, wo das Volk selbst, nach Jahrhunderte alten Sekten-Streitigkeiten, sich endlich so tief in die Klüfte der philosophischen Lehrmeinungen verirrt fand, wie zeitweilig Europäische Völker in Feinheiten des religiösen Dogma's. Man wird sich am wenigsten wohl durch die “Litteratur” und die Presse dazu verführen lassen, vom „Geiste” unserer Zeit groß zu denken: zu alledem beweisen die Millionen Spiritisten und ein Christenthum mit Turnübungen von jener schauerlichen Häßlichkeit, die alle englischen Erfindungen kennzeichnet, bessere Gesichtspunkte — ein Zeugniß gegen sich selber. 25 [17] Als es mit der besten Zeit Griechenlands vorbei war, kamen die Moral-Philosophen: von Sokrates an nämlich sind alle griechischen Philosophen zuerst und im tiefsten Grunde Moral-Philosophen. Das heißt: sie suchen das Glück — schlimm, daß sie es suchen mußten! Philosophie: das ist von Sokrates an jene höchste Form der Klugheit, welche sich nicht vergreift beim persönlichen Glück. Haben sie wohl viel davon gehabt? Wenn ich denke, daß der Gott Plato's ohne Lust und Schmerz ist und der höchste Weise sich ihm nähert: so ist das ein persönliches Urtheil: Plato empfand das volle Gleichgültigsein als seine größte Wohlthat: sie wurde ihm wohl selten genug zu Theil! Aristoteles dachte sich seinen Gott als rein erkennend, ohne jegliches Gefühl von Liebe: und er selber hatte wohl so seine besten Augenblicke, wenn er kalt und hell (und freudig) den wollüstigen Schwindel der höchsten Allgemeinheiten genoß. Die Welt als System empfinden und das als Gipfel des menschlichen Glücks: wie verräth sich da der schematische Kopf! Und Epikur: was genoß er denn, als daß der Schmerz aufhörte? — das ist das Glück eines Leidenden und auch wohl Kranken. 25 [18] Die Verbrecher im Gefängniß schlafen gut; keine Gewissensbisse. Verlogenheit. Bei Frauen nervöse Anfälle to „break out” (schreien schimpfen fluchen, Alles zerbrechen) 25 [19] Viele Halb-Wilde (brave gesunde Jäger Fischler, mit viel unehelichen Kindern) werden in einer civilisirten Gesellschaft zu Verbrechern, namentlich weil Arbeit fehlt, und sie in schlechte Gesellschaft gerathen. Ihre Kinder vornehmlich stellen ein Contingent; verbunden mit Personen des Verbrecher-Typus. Rasche Entartung. 25 [20] Ich empfinde häufig “Mitleid”, wo gar kein Leiden da ist, sondern wo ich eine Verschwendung und ein Zurückbleiben sehe hinter dem, was hätte werden können. So z.B. in Bezug auf Luther. Welche Kraft und verschwendet auf was für Probleme! 25 [21] Ein gutes Capitel hätte ich über die Vielheit von Charakteren zu schreiben, die in jedem von uns steckt: und man soll Versuche machen, einige erscheinen zu lassen d. h. eine zusammengehörige Gruppe von Eigenschaften durch klug angeordnete Umstände, Umgebungen, Studien, Entschlüsse zeitweilig zu begünstigen, so daß sie sich aller vorhandenen Kräfte bemächtigen. Andere Eigenschaften werden dabei nicht oder wenig ernährt und bleiben zurück: denen können wir später einmal Luft machen. 25 [22] Ein gutes Capitel „die Kritik von Eltern, Lehrern, Vaterland, Heimat” — als Anfang der Befreiung, zunächst der Zweifel. 25 [23] “Von der Kraft des Willens”, den Mitteln, sie zu stärken und zu schwächen. 25 [24] “über die Verschwendung unsrer Leidenschaften” und wie wir uns leicht an eine dürftige Art ihrer Befriedigung gewöhnen. Der Ascetism als Mittel, unsre Neigungen zu concentriren und zu stauen. Balzac und Stendhal empfehlen allen produktiven Menschen die Keuschheit. In Hinsicht darauf, was produktive Menschen zuoberst und –erst noth\<wendig\> haben um nicht an den Würmern des Geistes zu leiden — Eier legen, gackern und Eier brüten mit Grazie in inf\<initum\>, im Bilde zu sprechen 25 [25] Vom Clima Genua's sagt Michelet “admirable pour tremper les forts”. Gênes est bien la patrie des âpres génies nés pour dompter l'océan et dominer les tempêtes. Sur mer, sur terre que d'hommes aventureux et de sage audace!” 25 [26] Balzac über W. Scott. 1838 nach 12jähriger Bekanntschaft: Kenilworth in Hinsicht auf Plan das Meisterstück (“der größte, der vollständigste, der außerordentlichste von allen”): les eaux de St. Ronan das Meisterstück und Hauptwerk comme detail et patience du fini. Les Chroniques de la Canongate comme sentiment. Ivanhoe (le premier volume s’entend) comme chef-d'œuvre historique. L'Antiquaire comme poésie. La prison d’Edimbourg, comme intérêt. — “Auprès de lui, lord Byron n’est rien ou presque rien.” — “Scott grandira encore, quand Byron sera oublié.” — “Le cerveau de Byron n'a jamais eu d'autre empreinte que celle de sa personnalité, tandis que le monde entier a posé devant le génie créateur de Scott et s'y est miré pour ainsi dire.” 25 [27] “Je comprends, comment la continence absoluc de Pascal et ses immenses travaux l'ont amené à voir sans cesse un abîme ä ses côté\<s\>“ — 25 [28] Notice biographique sur Louis Lambert “ein Werk, wo ich mit Goethe und Byron habe kämpfen wollen, mit Faust und Manfred“. „Il jettera peut-être, un jour ou l'autre, la science dans des voies nouvelles.” 25 [29] Über Stendhal “un des esprits les plus remarquables de ce temps”. „Er hat sich zu wenig um die Form gekümmert”, “er schreibt wie die Vögel singen” „notre langue est une sorte de madame Honesta, qui ne trouve rien de bien que ce qui est irréprochable, ciselé', léché.” La Chartreuse de Parme ein wunderbares Buch, ”le livre des esprits distingués.” 25 [30] “je n'ai pas de continuité dans le vouloir. Je fais des plans, je conçois des livres et, quand il faut exécuter, tout s'échappe.” 25 [31] In Betreff der Chartr\<euse\> „ich würde unfähig sein, sie zu machen. Je fais une fresque et vous avez fait des statues italiennes.” „Alles ist original und neu.” Schön wie l'italien, und wenn Macchavell in unseren Tagen einen Roman schriebe, so würde es die Chartreuse sein. „Vollkommen klar.” „Vous avez expliqué l’âme de l'Italie.” 25 [32] Zu lesen Custinés Roman Ethel. Sie gehören mehr zur Litteratur idée als zur littérature imagée: also zum 18 ten Jahrhundert durch die Beobachtung 'a la Chamfort et à l’esprit de Rivarol par la petite phrase coupée. Scribe kennt das Metier, aber er kennt die Kunst nicht. Er hat Talent, aber kein dramatisches Genie; es fehlt völlig an Stil! 25 [33] Einsamkeit, Fasten und geschlechtliche Enthaltsamkeit — typische Form, aus der die religiöse Neurose entsteht. Äußerste Wollust und äußerste Frömmigkeit im Wechsel. Fremdartige Betrachtung gegen sich: als ob sie Glas wären oder 2 Personen. 25 [34] Balzac „tiefe Verachtung für alle Massen”. „Es giebt vocations, denen man gehorchen muß: irgend etwas Unwiderstehliches zieht mich zum Ruhme und zur Macht.” 1832. “mes deux seuls et immenses désirs, être célèbre et être aimé.” 25 [35] Wollte man Gesundheit, so würde man das Genie abschaffen. Ebenfalls den religiösen Menschen. Wollte man Moralität, ebenfalls: Abschaffung des Genies. Die Krankheit. Das Verbrechen.                   und ihre Cultur-Mission. Das Laster. Die Lüge. 25 [36] Bevor wir an's Handeln denken dürfen, muß eine unendliche Arbeit gethan sein. In der Hauptsache aber ist das kluge Ausnützen der gegebenen Lage wohl unsre beste rathsamste Thätigkeit. Das wirkliche Schaffen solcher Bedingungen, wie sie der Zufall schafft, setzt eiserne Menschen voraus, die noch nicht gelebt haben. Zunächst das persönliche Ideal durchsetzen und verwirklichen! Wer die Natur des Menschen, die Entstehung seines Höchsten begriffen hat, schaudert vor dem Menschen und flieht alles Handeln: Folge der vererbten Schätzungen!! Daß die Natur des Menschen böse ist, ist mein Trost: es verbürgt die Kraft! 25 [37] Mißverständniß des Raubthiers: sehr gesund wie Cesare Borgia! Die Eigenschaften der Jagdhunde. 25 [38] Die Abnahme an Geist in diesem Jahrhundert. Die Pantoffel-Manier der englischen Gelehrten. Macchavell hat die Helligkeit des Alterthums. Der französische esprit ist eine Art Rococo des Geistes — aber doch ein véritable goût! Goethe langweilig und “undulatorisch”. Die englischen Gelehrten huldigen dem Zeitschriften-Genius und seiner tiefen Mittelmäßigkeit. 25 [39] Verhältniß von Mittelmäßigkeit zur Tugend – Aristoteles hat den fatalen Thatbestand angenehm empfunden! 25 [40] Plato — das Ungriechische an ihm, die Verachtung des Leibes, der Schönheit usw. Es ist eine Vorstufe des Mittelalters — Jesuitismus der Erziehung und Despotismus. Er wird charakterisirt durch seinen “indifferenten” Gott —: Lust und Unlust sind ihm schon peinlich. Offenbar fastete er und lebte enthaltsam. 25 [41] Den Zustand meiner Jugend fand ich sehr gut beschrieben in de Custine, mémoires et voyages. Er war 18 Jahre alt (1811) je n'aspire qu'à des affections puissantes et sérieuses p. 25. 25 [42] “Ce n’est pas par vanité, que le génie veut des encouragements, c’est par modestie, par défiance de lui-même.” De Custine. 25 [43] “L'homme de génie pressent, l'homme de talent raconte: mais nul ne se sent et n’exprime dans le même moment. Le vrai malheureux ne peut que se taire: son silence est l’effet et la preuve m8me de son infortune.” De Custine. 25 [44] “Tant d'intérêts à ménager, tant de mensonges à écouter avec cet air de dupe, première condition de la politesse sociale, fatiguent mon esprit sans l'occuper.” De Custine. 25 [45] Madame de Lambert sagte zu ihrem Sohn „mon ami, ne vous permettez jamais que les folies, qui vous feront grand plaisir.” “un crime, quand on y est poussé par une puissance qui vous paraît irrésistible, trouble moins la conscience qu'une faiblesse volontaire et vaniteuse.” De Custine. 25 [46] Madame de Boufflers: „il n'y a de parfaits que les gens, qu'on ne connaît pas”. 25 [47] Gerade die Lebhaftigkeit seiner Einbildungskraft macht die Schwierigkeit erklärlich, die erfindet zu handeln. Er ist in solcher Höhe des Gedankens angelangt, daß, für ihn, das intellektuelle Leben vom aktiven Leben durch einen Abgrund getrennt ist. Il (Werner) est l'Allemagne personnifiée. (1811) 25 [48] “Geboren in einer Periode, deren Meisterwerk René ist — muß ich mich der unfreiwilligen Tyrannei entledigen, die er auf mich ausübt”: De Custine 1811. Chateaubriand's Einfluß. 25 [49] “Die Unruhe des Geistes ist unersättlich wie das Laster.” De Custine. 25 [50] Der Nachtheil des Reisenden (des Cosmopolitismus des Gelehrten auch) gut bei De Custine, I p. 332-3. Beraubt der Billigung und der Überwachung, sucht er eine Stütze in der Verachtung der Menschen. Seine oberflächlichen Studien zeigen ihm das, was auf der Oberfläche ist: Fehler und Lächerlichkeiten. Wird er alt, so ist er unfähig geworden, tiefe Neigungen keimen zu lassen. 25 [51] Das Alterthum hatte jene kleine Dosis von Christenthum schon in sich, welche dem Aufblühen der Künste gut ist. Der Katholicismus aber war eine barbarische Vergröberung davon: einen Kirchenvater aus einem Plato gemacht! 25 [52] “noblesse tragique, cette dignité, égalité de style, nos gestes peu naturels, notre chant ampoule” — in England als Affektation erscheinend. Der Franzose empfindet das englische Theater als ignoble. “Bei Shakespeare herrscht der Sinn des Wahren über den \<des\> Schönen. Sein Stil, bisweilen erhaben, ist unter seinen Conceptions, selten befreit er sich von den Fehlern seines Jahrhunderts: les concetti, la recherche, la trivialité', l'abondance des paroles.” 25 [53] Die anziehende Kraft furchtbarer (vernichtender) Dinge: der Schwindel, sich in die Abgründe der Zukunft zu stürzen — 25 [54] quelque philosophe morose finira peut-être par oser dire de la liberté' moderne, qu’elle consiste dans la double faculté de mentir aux autres et de se mentir à soi-même (1822). 25 [55] Über Walter Scott: er erkennt mehr das Werk eines „Décorateur, als das eines Malers”. Er malt, was sich den Blicken bietet: die Analyse der Gefühle échappe à cette plume, qui n’est jamais qu'un pinceau. — Seine Poesie ist nicht l’expression immédiate de ce qui se passe dans son âme, er entschlüpft der Manier nicht, weil il ne prend pas lui-même assez de part à ce qu'il dit. “Anschein der Wahrheit.” Man wünscht sublime Züge, wo die Seele sich mit Einem Wort enthüllt. — Er ist der Rossini de la littérature — erwählt mit nicht genug Geschmack die Einzelheiten, die am bemerkenswerthesten sind. Seinen Bildern fehlt die Perspektive — zu viel Objekte im Vordergrund, parce qu'il ne sait pas prendre un parti pour la lumière. Es sind Prozession — nicht eine Handlung, für welche der Künstler allen Anschauern den einzigen richtigen point de vue giebt. An Stelle des Genies histor\<ischer\> Instinkt. Durch sein Talent, Illusion zu schaffen, wird er der populärste Autor des temps peu consciencieux où nous vivons. Sein Verdienst eine Revolution: er hat besser als irgend jemand vor ihm das Problem des histor\<ischen\> Romans gelöst. „pour avoir su ramener, si \<ce\> nèst le sentiment, au moins la mode du vrai dans, le siècle du faux.” 25 [56] “Die Vernunft macht es wie alle Sklaven: sie verachtet friedliebende Herren und dient einem Tyrannen. Mitten im Kampfe mit heftigen Leidenschaften läßt sie uns im Stich; sie vertheidigt uns nur gegen kleine affections.” 25 [57] Über das moderne Sklaventhum De Custine II p. 291. 25 [58] Zur Sonntags-Heiligung: on a rendu le délassement si pénible, qu'il fait aimer la fatigue — — — „sie kommen zurück in ihre Häuser, ganz glücklich zu denken, daß morgen die Arbeit wieder losgeht” 25 [59] Die großen englischen Schauspieler wie Kean haben die höchste Einfachheit der Gesten und das seltene Talent, mit Wahrheit die heftigsten Affekte auf ihrer höchsten Stufe nachzuahmen. Kean hatte auch in der Deklamation Einfachheit: im Gegensatz zu der Schule Kemblés, die un chant ampoulé eingeführt hatte très peu favorable aux grands effets tragiques. „Die Natur auf der That zu ertappen, in Zuständen wo sie am schwersten zu beobachten ist” — sein Talent. 25 [60] “Das Herz der Franzosen im Theater verhärtet sich wenn man es zu sehr rühren will. Es liebt die Ideen eines Autors zu vervollständigen: in England fürchtet man, etwas zu rathen zuhaben” 25 [61] “Die Poesie als eine Art Reaktion des Ideals contre le positif: je mehr die Seele gedrückt ist, um so mehr Kraft braucht sie in ihrem élan vers l'idéal. Der revolutionäre Geist wesentlich antipoetisch: denn die Poesie will sich an der Wirklichkeit rächen, dazu thut eine solide Basis noth, gegen welche sie ankämpft. Der conservative Geist ist in so fern günstig der Entwicklung des Génies: die Phantasie fliegt da aufwärts: Poesie und Glaube sind nur die Ahnung einer besseren Welt.” C\<ustine\>. Zur Erklärung Byron's in einer rechnenden Nation. 25 [62] “Die eingeborene Pedanterie der Engländer treibt Alles zum Extrem: die Ordnungsliebe wird minutie; le goût pour l'élégance puérilité (“Kinderei”), das Bedürfniß nach Bequemlichkeit wird zum Egoismus, der Stolz zu Vorurtheilen gegen die Nachbarn, die Thätigkeit zur Rivalität usw. 25 [63] Le comfort drinnen, la „fashion draußen — die tödtlichen Feinde des Glücks und der Ruhe der Engländer. Das Bedürfniß der Mode ist nur das Bedürfniß beneidet oder bewundert zusein.” 25 [64] Der Fluch, der den Menschen zur Arbeit verdammt, ist ihm auf der Stirn geschrieben. „Les Anglais sont des galériens opulens.” 25 [65] Kein Geschmack: das Resultat einer großen Intelligenz, die an einen kleinlichen esprit geknüpft ist und hartnäckig in der Neuerung ist. L’esprit de détail, l'attention aux petites choses produit le soin, mais „weder das Große noch das Schöne dans les arts.” 25 [66] L’esprit frondeur als Element aufgenommen in die Verfassung — das treibt zum Paradoxon. “Man schätzt die Dinge nicht wie Sie an sich sind, sondern nach ihren Beziehungen zur herrschenden Macht.” 25 [67] Die aufgeklärten Völker urtheilen schlechter über Menschen und Dinge: ihre présumption ist die Ursache. 25 [68] “Die Meinungen wechseln da vollständig und prompt par pur esprit de parti. Aus Haß gegen ein Ministerium weiß schwarz nennen, ist verhängnißvoller für die Moral als eine weitgetriebene soumission. Der Gehorsam läßt uns, weit getrieben, auf Rechte verzichten: l’esprit  de révolte läßt uns Pflichten opfern.” 25 [69] “Die Gewohnheiten regulär, die sentiments romanhaft.” 25 [70] NB. Das Überhandnehmen der sklavischen Gesinnung in Europa: der große Sklaven-Aufstand.- (ego) Der Sklave im Regiment. Das Mißtrauen gegen alle noblesse des Gefühls, Herrschaft der gröbsten Bedürfnisse. Die moralische Verlogenheit. Das Sklaven-Mißverständniß der Cultur und des Schönen. Mode, Presse, suffrage universel, faits — er erfindet immer neue Formen des sklavischen Bedürfnisses. Der niedere Mensch sich empörend z. B. Luther gegen die sancti die Unterwerfung unter die facta, als Wissenschaft der Sklaven. 25 [71] Die zunehmende Verdummung und Vergemeinerung Europa’s. Nachwuchs des Adels l'homme supérieur immer mehr angefeindet. die moralistische Cultur der Spanier und Franzosen im Zusammenhang mit dem Jesuitism. Dieser wird mißverstanden. Das Fehlen aller moralischen Praktik; Gefühle statt Principien. 25 [72] “il souffre, il succombe au lieu de combattre et de vaincre. Was soll man mit einem Gefühl gegen eine Passion machen! l'attaque et la défense viendraient de la même source! Wenn der Feind im Herzen ist, dann Autorität, Gewohnheit, dann Gehorsam, Erniedrigung, Regel, Disciplin, Gesetz, Übungen, selbst anscheinend puériles, dann ein Anderer als wir, ein Priester, ein Beichtiger, dessen Stimme unsere schweigen macht: das hat man nöthig, um uns vor uns selber zu retten.” C\<ustine\>. „Wenn man unsinnig wird, genügt es nicht, um sich nicht zu tödten, daß man geträumt hat, ein christlicher Philosoph zu sein: wie es die Mehrzahl der Protestanten sind, die denken.” 25 [73] Es thut also noth: eine Art Erzieher und Retter, auch Zufluchts-Stätten außerhalb der gewöhnlichen Welt, hartes Leben, viele Erfindungen der Askese zur Selbst-Beherrschung. Schutz vor der Sklaven-Gemeinheit und dem Pharisäismus. 25 [74] Höhepunkte der Redlichkeit: Macchavell, der Jesuitismus, Montaigne, Larochefoucauld die Deutschen als Rückfall in die moralische Verlogenheit 25 [75] “Die gemeinen Naturen täuschen sich über die noblen: sie errathen deren Motive nicht.”! 25 [76] „Die Fähigkeit, uns selber zu vergessen, die Hingebung, die Aufopferung — all das Verdienst so seltener Gaben ist verloren für den, welcher nicht weiß, sich geliebt zu machen, wenn er liebt. Diese leidenschaftlichen Seelen werden dann undankbar: sie profitiren von ihrer Civilisation, um sie zu verläumden. Wo können sie denn leben, wenn nicht in den Wäldern und nicht in der Welt!” 25 [77] „Wo sind die vollständigeren Charaktere in unserer Welt? Die Darstellung der Tugend in moral\<ischen\> Büchern hat alle Geister gefälscht, alle Herzen verhärtet, welche nur auf Eine Art gerührt werden.” „il ne faudra pas moins d'une ère toute entière de cynisme littéraire, pour nous débarrasser des habitudes d'hypocrisie.” 25 [78] „Ruhm dem Starken, den unsere Zeit als den Chef der romantischen Schule preist — Victor Hugo” 1835. 25 [79] „l'amour exalté de la vérité' est la misanthropie des bons coeurs” 25 [80] Aus dem Zeitalter der religiösen Heuchelei sind wir in die Zeit der moralischen Heuchelei hinübergegangen. „Eine der Wohlthaten des représent\<atif\> gouvernem\<ent\> ist genau dies, die Ehrgeizigen zu zwingen, die Maske der Moral und Menschlichkeit vorzunehmen. Aber warum dann sich ereifern über die Geistlichkeit, welche, so lange sie herrschte, die Civilisation unterstützte mit ganz ähnlichen Mitteln? — Den Priestern soll man nicht ihren Ehrgeiz vorwerfen, sondern wollen ohne zu können. Sie täuschen sich über ihre Zeit: darum thun sie Schaden.” In der Welt giebt es gar nicht Gute und Böse: diese sind immer à part. Die Übermenschlichen Tugenden sind insociables und ebenso die großen Verbrechen. Aber in allen Gesellschaften giebt es zurückgebliebene und „fortgeschrittene” Geister. Sie haben dieselbe Passion: aber die ersteren bedienen sich, um über ihre persönlichen Absichten zu täuschen, der Worte, deren Hohlheit die Welt schon kennt: und die Anderen reden, zu den gleichen Zwecken, eine Sprache, die die Masse noch täuscht: sie hat den Schlüssel zu diesen Worten nicht. Das ist der Unterschied zwischen den Mittelmäßigen und den höheren Geistern: die letzteren verstehen im Grunde die Sprache ihrer Zeit: die ersteren bemerken die Lüge nur in der Sprache ihrer Voreltern. Über „ewiges Heil” „Hölle” „Paradies” charité ist man aufgeklärt; unsere Enkel werden es über Philanthropie, liberté, privilégés, progrès sein. „Die Reformatoren einer Epoche sind die Conservatoren einer anderen. Dasselbe génie kann betrachtet werden comme créateur ou comme radoteur.” 25 [81] „Das Wahre ist niemals wahrscheinlich.” 25 [82] „Der luxe sollte nur dort erlaubt sein, wo die Armen guten Humor haben”: er verdirbt die, welche ihn beneiden. 25 [83] „— les apôtres modernes, les auteurs philosophes, mentent plus que les prêtres qu'ils ont détrônés sans les remplacer.” 25 [84] Es ist das Zeitalter der Verlogenheit: die moralische Güte ist das, was affichirt wird. Man wehrt sich gegen La Rochefoucauld und das Christenthum —: der große Sklaven-Aufstand. Festzustellen: der Mensch ist böse — ist das furchtbarste Raubthier, in Verstellung und Grausamkeit. Festzustellen: daß er noch böse ist, enthält die Hoffnung. Denn der gute Mensch ist die Caricatur, welche Ekel macht: er läuft dem Ende immer voraus. 25 [85] Die Verdummung, auch in der Wissenschaft. Die Anspruchslosigkeit in der Verehrung Darwins. Die Bescheidenheit in der Politik usw. 25 [86] Tendenz des Trauerspiels nach Schopenhauer II 495. “Was allem Tragischen den eigenthümlichen Schwung zur Erhebung giebt, ist das Aufgehen der Erkenntniß, daß die Welt, das Leben, kein wahres Genügen geben könne, mithin unserer Anhänglichkeit nicht werth sei: darin besteht der tragische Geist: er leitet demnach zur Resignation hin.” — Oh wie anders redet Dionysos zu mir! — Schopenhauer: “weil die Alten noch nicht zum Gipfel und Ziel des Trauerspiels, ja der Lebensansicht überhaupt gelangt waren”. 25 [87] Große Dichter haben viele Personen in sich: manche nur Eine, aber eine große! — 25 [88] Die Furcht — sklavenhaft. Zeitalter der Verlogenheit Der mindeste Aufwand an Geist (Nachahmung) Die Gleichgültigkeit und der Haß gegen das Seltne Die Häßlichkeit. — Das Durcheinander der Stile. Das ausbrechende Bedürfniß der Lüge — Epidemie. 25 [89] Das Wesentliche am Künstler und Genie: der Schauspieler. Kein Mensch besitzt zur gleichen Zeit Ausdruck und Gefühl; Worte und Wirklichkeit. Der tiefe égoisme unter der Sprache der sensibilité. 25 [90] “Mangel an Delikatesse in der Wahl der Mittel des Erfolgs, Mißbrauch der Invektive, Haß auf das, was da ist, Gleichgültigkeit gegen das, was sein wird — gemeinsam den französischen Schriftstellern der letzten 10 Jahre (1835) Rückkehr zum wilden Leben predigen mit einer Feder, von der man Ruhm und Glück in der socialen Welt erwartet — ist eine Undankbarkeit und eine Kinderei.“ 25 [91] “L’effet ordinaire du désespoir est de rendre l’énergie à ceux, qui sont témoins de cette maladie morale” 25 [92] “die Frauen immer weniger civilisirt als die Männer: im Grunde der Seele wild; sie leben im Staate wie die Katzen im Hause, immer bereit zur Thür oder zum Fenster hinauszuspringen und in ihr Element zurückzukehren” 25 [93] Das Moralische d. h. die Affekte — als identisch mit dem Organischen der Intellekt als „Magen der Affekte.” 25 [94] Die Identität im Wesen des Eroberers, Gesetzgebers und Künstlers — das Sich-hinein-bilden in den Stoff, höchste Willenskraft, ehemals sich als „Werkzeug Gottes” fühlend, so unwiderstehlich sich selber erscheinend. Höchste Form des Zeugung-Triebes und zugleich der mütterlichen Kräfte. Die Umformung der Welt, um es in ihr aushalten zu können — ist das Treibende: folglich als Voraussetzung ein ungeheures Gefühl des Widerspruchs. Bei den Künstlern genügt schon sich mit Bildern und Abbildern davon zu umgeben z. B. Homer unter den „erbärmlichen Sterblichen”. Das “Los-sein-von-Interesse und ego” ist Unsinn und ungenaue Beobachtung: es ist vielmehr das Entzücken, jetzt in unserer Welt zu sein, die Angst vor dem Fremden loszusein! 25 [95] Ich habe die Erkenntniß vor so furchtbare Bilder gestellt, daß jedes „epikureische Vergnügen” dabei unmöglich ist. Nur die dionysische Lust reicht aus — ich habe das Tragische erst entdeckt. Bei den Griechen wurde es, dank ihrer moralistischen Oberflächlichkeit, mißverstanden. Auch Resignation ist nicht eine Lehre der Tragödie! — sondern ein Mißverständniß derselben! Sehnsucht in's Nichts ist Verneinung der tragischen Weisheit, ihr Gegensatz! 25 [96] Meine Voraussetzungen: 1) keine End- “Ursachen”. Selbst bei menschlichen Handlungen erklärt die Absicht das Thun gar nicht. 2) die “Absicht” trifft das Wesen der Handlung nicht, folglich ist die moralische Beurtheilung der Handlungen nach Absichten falsch. 3) “Seele” als Vielheit der Affekte, mit Einem Intellekte, mit unsicheren Grenzen. 4) die mechanische Welt-Erklärung hat alles, auch das organische Leben ohne Lust Unlust Denken usw. zu erklären: also keine „beseelten Atome”! — sie sucht für das Auge alles Geschehen anschaulich zu machen. „Berechenbarkeit” zu praktischen Zwecken will sie! — 5) Es giebt gar keine selbstlosen Handlungen! 25 [97] Die Frage nach unserem “Wohl” ist durch das Christenthum und den Buddhism vertieft: dagegen ist die Engländerei blödsinnig-alltäglich: der Engländer meint “comfort”. Die Welt nicht nach unseren persönlichsten Begleit-Gefühlen messen, sondern wie als ob sie ein Schauspiel wäre und wir zum Schauspiel gehörten! 25 [98] “Im Zeitalter der öffentlichen liberté: die Franzosen von heute werden schwerfällig und dumm und kalt, wenn sie en public sind: aus Furcht, sich Feinde zu machen, werden sie da zu tiefen Diplomaten und raffinirten Heuchlern. Ohne esprit, ohne Urtheil und klug aus Furcht. Sklaverei des Individuums.” C\<ustine\>. 25 [99] An großen Viehheerden zu studiren: Die steigende Vergrößerung des Menschen besteht darin, daß die Führer, die „Vor-Ochsen”, die Seltenen entstehen. „Gut” nennen sich die Mitglieder der Heerde: das Hauptmotiv in der Entstehung der Guten ist die Furcht. Verträglichkeit, dem-Anderen-Zuvorkommen mit Güte, sich-Anpassen vieles Abwehren und Vorbeugen von Noth, mit stiller Erwartung, daß es uns gleich vergolten wird, Vermeiden der Feindseligkeit, Verzicht auf Furcht-Einflößen – das Alles, lange nur Heuchelei der Güte, wird endlich Güte. 25 [100] Alles Loben, Tadeln, Belohnen Strafen erscheint mir erst gerechtfertigt, wenn es als Wille der bildenden Kraft erscheint: also absolut losgelöst von der moralischen Frage “darf ich loben strafen?” — mithin völlig unmoralisch. Ich lobe tadle belohne strafe, damit der Mensch nach meinem Bilde sich verwandle; denn ich weiß, daß mein Loben Strafen usw. eine verwandelnde Kraft hat. (Dies vermöge der Wirkung auf Eitelkeit Ehrgeiz Furcht und alle Affekte bei dem Gelobten und Bestraften.) Solange ich noch mich selber unter das moralische Gesetz stelle, dürfte ich nicht loben und strafen. 25 [101] Von den Mitteln der Verschönerung. Eine Albernheit, die dem alten Kant zur Last zu legen ist: “es gefällt ohne Interesse.” Und da weist Mancher noch mit Stolz darauf hin, daß er beim Anblick einer griechischen Venus usw. Dagegen habe ich den Zustand beschrieben, den das Schöne hervorbringt: das Wesentlichste ist aber vom Künstler auszugehn. Sich den Anblick der Dinge erträglich zu machen, sie nicht zu fürchten, und ein scheinbares Glück in sie hineinlegen — Grundempfindung, daß der glückliche, Sich selber Liebende Mensch kein Wehethäter ist. — Dieses Umdeuten des Thatsächlichen  in's Glückliche „Göttliche” hat nun der Mensch auch auf sich verwandt: diese\<s\> Mittel der Selbst-Verschönerung und der Verschönerung des Menschen überhaupt ist Moral. Darin ist: 1) Wegsehn 2) Sehen, was gar nicht da ist — Zusammenfassen Vereinfachen 3) Sich verstellen, so daß Vieles nicht sichtbar wird 4) sich verstellen, so daß das Sichtbarwerdende einen falschen Schluß ergiebt. — Das Produkt ist der “gute Mensch”, wozu immer eine Gesellschaft gehört. Es ist also im Wesen der Moral Etwas, das wider die Redlichkeit geht: weil sie Kunst ist. Wie ist es nun möglich, daß es eine “Redlichkeit” giebt, welche die Moral selber zersetzt? — 1) Diese Redlichkeit muß aus dem Thatsachen-Sinn abzuleiten sein: nämlich man hat zu viel Schaden gehabt von dieser Heuchelei der Verschönerung, die Geschädigten reißen die Maske herunter 2) es giebt einen Genuß des Häßlichen, wenn es furchtbar ist: die Emotion des furchtbaren Anblicks der wahren menschlichen Natur ist oft gesucht worden von den Moralisten 3) der christliche Affekt der Selbst-Zerstörung, der Widerspruch gegen alles Verschönernde hat gearbeitet: die Lust der Grausamkeit- 4) der alte Sklaven-Sinn, welcher sich niederwerfen will und schließlich vor der nackten „Thatsache” niederwirft, nachdem nichts übrig geblieben ist, Vergötterung der facta, der Gesetze usw. ein Ausruhen nach langer Arbeit der Zerstörung von Göttern, Aristokratien, Vorurtheilen usw., und Folge eines Blicks ins Leere) Das Gesammt-Resultat aller Moralisten: der Mensch ist böse — ein Raubthier. Die „Verbesserung” geht nicht auf den Grund, und ist mehr äußerlich, das “Gute” ist wesentlich Decoration, oder Schwäche. Dabei aber standen die Moralisten selber unter der Nachwirkung der moral\<ischen\> Urtheile, oder des Christenthums, der Welt-Verneinung: Niemand noch hat ein Vergnügen an diesem Resultat gehabt. Das heißt: sie haben die Werthschätzung der “Guten” selber! “Man muß den Menschen verschönern und erträglich machen”: dagegen sagte das Christenthum und der Buddh\<ismus\> — man muß ihn verneinen. Es hat also im Grunde nichts so gegen sich als den guten Menschen: den haßt es am meisten. Deshalb suchen die Priester Selbst-Zerstörung des Genusses an sich mit allen Mitteln. Die griechischen Philosophen suchten nicht anders “Glück“ als in der Form, sich schön zu finden: also aus sich die Statue zu bilden, deren Anblick wohlthut (keine Furcht und Ekel erregt) Der „häßlichste Mensch” als Ideal weltverneinender Denkweisen. Aber auch die Religionen sind noch Resultate jenes Triebs nach Schönheit (oder es aushalten zu können): die letzte Consequenz wäre — die absolute Häßlichkeit des Menschen zu fassen, das Dasein ohne Gott, Vernunft usw. — reiner Buddhismus. Je häßlicher, desto besser. Diese extremste Form der Welt-Verneinung habe ich gesucht. “Es ist alles Leiden”, es ist alles Lüge, was “gut” scheint (Glück usw.) Und statt zu sagen „es ist alles Leiden” habe ich gesagt: es ist alles Leiden-machen, Tödten, auch im besten Menschen. “Es ist alles Schein” — es ist alles Lüge “Es ist alles Leiden” — es ist alles Wehe-Thun, Tödten, Vernichten, Ungerecht-Sein Das Leben selber ist ein Gegensatz zur ”Wahrheit” und zur Güte” — ego Das Leben-Bejahen — das selber heißt die Lüge bejahen. — Also man kann nur mit einer absolut unmoralischen Denkweise leben. Aus dieser heraus erträgt man dann auch wieder die Moral und die Absicht auf Verschönerung. – Aber die Unschuld der Lüge ist dahin! Die Griechen als Schauspieler. Ihr “Idealismus”. Die Ver-Griechung einmal darstellen als Roman. Rückwärts — auch die Sinnlichkeit, immer höher strenger. Endlich bis zur Offenbarung des Dionysischen. Entdeckung des Tragischen: „Bock und Gott”. 25 [102] Inwiefern die absolute Wissenschaftlichkeit noch Etwas von Christenthum an sich trägt, eine Verkleidung ist — — 25 [103] A) Zuerst: der Verfall der modernen Seele in allen Formen in wiefern von Socrates an der Verfall beginnt — meine alte Abneigung gegen Plato, als antiantik. die „moderne Seele” war schon da! B) Darzustellen: die zunehmende Härte Sinnen-Kraft Schamlosigkeit. das Unhistorische Wettkampf Gefühl gegen das Barbarische Haß des Unbestimmten Ungeformten der Wölbung die Schlichtheit der Lebensweise. Götter schaffen, als seine höhere Gesellschaft. C) — — — 25 [104] Auf die Schule des romantisme ist in Frankreich gefolgt l'école du document humain. Der Urheber des Ausdrucks ist Edmond de Goncourt. wissenschaftliche Hysterie – sage ich. Consequenz: die wissenschaftliche Lust des Menschen an sich selber. — Das Unwissenschaftliche daran ist die Lust am Ausnahmefall. 25 [105] Man muß von den Kriegen her lernen: 1) den Tod in die Nähe der Interessen zu bringen, für die man kämpft — das macht uns ehrwürdig 2) man muß lernen, Viele zum Opfer bringen und seine Sache wichtig genug nehmen, um die Menschen nicht zu schonen. 3) die starre Disciplin, und im Krieg Gewalt und List sich zugestehn. 25 [106] Die Perspektiven der griechischen Morasten: die Moralität die Folge von Urtheilen (und von falschen Urtheilen) – „warum?” falsche Frage und Entwicklung, das eigene Glück als Ziel alles Handelns (es muß das höchste Glück sein als Folge der höchsten Einsicht — voller Hypocrisie folglich) — die Schamlosigkeit im Präsentiren der Tugend (Vergöttlichung bei Plato) das Verleumden aller unbewußten Regungen, die Verachtung der Affekte — unbewußt streben sie alle nach der schönen Bildsäule — sie wollen vor Allem Tugend repräsentiren, es ist das große Schauspielerthum der Tugend. aber sie sind Kinder ihrer Zeit — nicht mehr tragische Schauspieler, nicht Darsteller des Heroen-thums, sondern “Olympier”, oberflächlich. Viel plebejischer Ehrgeiz und Parvenu-thum ist darin. “Rasse” soll nichts sein: das Individuum fängt mit sich an. Viel Ausländerei — der Orient, der Quietismus, die semitische Erfindung von der “Heiligkeit” wirken. Eifersucht auf die bildenden Künste 25 [107] Die alte Sittlichkeit hat jenen Grundglauben, daß es mit den Menschen rückwärts geht: daß Glück Kraft Tugend sehr fern von uns sind. Es ist das Urtheil derer, welche die Auflösung sehen und im Starrwerden das Heil. Ziel aller großen Moralisten bisher: eine endgültige Form “Denkweise“ zu schaffen — in China, im Brahmanenthum, in Peru, im Jesuitism, auch Aegypten; auch Plato wollte es. Eine Kaste schaffen, deren Existenz mit dem Starrwerden der moral\<ischen\> Urtheile verknüpft ist, als Lebens — Interesse — die Klasse der Guten und Gerechten. 25 [108] “Die französische Revolution hat eine Gesellschaft geschaffen, sie sucht noch ihr gouvernement”. — 25 [109] “1789: die Menschen “des guten Willens”, von denen die Bibel redet, schienen zum ersten Male die Herren der Dinge der Erde. Ein Volk, sanft, vertrauend, gewohnt seit Jahrhunderten geduldig zu leiden und von seinen Führern Lösung seiner Noth zu erwarten: eine mittlere Klasse, reich, aufgeklärt, honnet; eine noblesse, welche ihren Stolz hinein setzt, Privilegien fahren zu lassen, von der Philosoph\<ie\> entzückt, glühend für das öffentliche Wohl; ein Clerus, von liberalen Ideen durchdrungen: ein König bereit die Willkür-Macht zu vernichten und restaurateur de la liberté française zu werden” — Und warum mißräth Alles? Weil alle diese guten Leute willensschwach waren! le roi trop défiant, trop faible; die Königin in blindem Haß gegen die révol\<ution\>, die noblesse durch die Gefahr der Krone zu ihren alten Instinkten zurückgerufen, sieht jetzt in ihr einen Irrthum und comme une lâcheté ses concessions premières (ja! das ist die Art der Schwachen!) la maladresse janséniste macht einen unheilvollen Versuch, die Kirche durch den Staat zu organisiren und entfremdet so die Geistlichkeit: und auf dem Lande und den Städten gab es lange aufgehäuften Todhaß gegen die Feudalzeit (jetzt noch größer als die Furcht vor dem „rothen Gespenst”) 25 [110] Napoleon einer anderen Art Wesen zugehörig, bei denen die Kraft der Berechnung, die Macht der Combinationen, die Fähigkeit der Arbeit unsäglich entwickelter ist als bei uns, während man vergeblich gewisse moralischen Qualitäten suchen würde, die bei uns gewöhnlich sind: — fremd den Ideen der Gerechtigkeit, wenig gemacht die Geschichte und seine Zeit selber zu begreifen, ganz vom persönlichen Interesse beherrscht und dick blind über dies Interesse: Mangel an Unterscheidung von Gut und Böse, cette soif impérieuse de succès, absolute Gleichgültigkeit gegen die Mittel, alles das, was Verbrecher macht —: in moralischer Beziehung nicht besser und schlechter als unsers Gleichen. Aber was ihm am meisten fehlte, die wunderbarste Lücke: la grandeur d'âme (magnanimité) die noble Eigenschaft, die oft im Erfolge selber ihren Ursprung nimmt und sich mit unserem Glück in gleichem Schritt entwickelt und die schrittweise oft vulgären und des moralischen Sinnes entblößten Naturen auf die Höhe der Ereignisse hebt à la hauteur de la destinée imprévue. Gewiß, Größe der Conception existirte bei ihm, wenn das Maaßlose groß heißt (das was außer Proportion zu den Mitteln ist, mit denen wir hier unten handeln) Größe der Seele ist nicht: daß er, sonst so hart, nicht zu seinen Stunden indulgent war bisweilen bonhomie bienveillante, welche die Menge bei ihren Herren immer mit bonté verwechselt: aber ces rares relâchements eines immer gespannten Geistes, cette facilité intermittente d'un cœur indifférent. Er sah in Frankreich, „diese rührende Creatur voll sublimer Instinkte, aber unter dem Gewicht seiner Leiden und Fehler niedergesunken” nur seine Beute. Der erste Consul war vor das größte Schauspiel gestellt, er hätte die tiefste und désinteressée émotion fühlen müssen vor dieser Scene, die einzig in der Geschichte ist: denn Caesar fand eine alte und ausathmende Republik vor sich. Aber er dachte an sich! esprit mal cultivé, imagination méridionale — er nahm bald Cäsar bald Karl den Großen als Modell, imbu surtout du féticisme monarchique, il rêve pourpre, trône et couronne pour les siens, fast wie jene Barbarenchefs, welche glaubten sich zu vergrößern, indem sie den Hof von Constantinopel nachahmten. 25 [111] Zeigen, wo Alles es Grausamkeit giebt: wo Habsucht: wo Herrschsucht usw. 25 [112] Erste Frage: die Herrschaft der Erde — angelsächsisch. Das deutsche Element ein gutes Ferment, es versteht nicht zu herrschen. Die Herrschaft in Europa ist nur deshalb deutsch, weil es mit ermüdeten greisen Völkern zu thun hat, es ist seine Barbarei, seine verzögerte Cultur, die die Macht giebt. Frankreich voran in der Cultur, Zeichen des Verfalls Europa's. Rußland muß Herr Europas und Asiens werden — es muß colonisiren und China und Indien gewinnen. Europa als das Griechenland unter der Herrschaft Roms. Europa also zu fassen als Cultur-Centrum: die nationalen Thorheiten sollen uns nicht blind machen, daß in der höheren Region bereits eine fortwährende gegenseitige Abhängigkeit besteht. Frankreich und die deutsche Philosophie. R. Wagner von 1830-50 und Paris. Goethe und Griechenland. Alles strebt nach einer Synthese der europäischen Vergangenheit in höchsten geistigen Typen — — — — — eine Art Mitte, welche das Krankhafte an jeder Nation (z. B. die wissenschaftliche Hysterie der Pariser) ablehnt. Die Gewalt ist einmal getheilt zwischen Slaven und Angelsachsen. Der geistige Einfluß könnte in den Händen des typischen Europäers sein (dieser zu vergleichen dem Athener, auch dem Pariser — siehe die Schilderung Goncourt's in Renée Mauperin) Bisher sind die Engländer dumm, die Amerikaner werden nothwendig oberflächlich (Hast) — — — — Wenn aber Europa in die Hände des Pöbels geräth, so ist es mit der europäischen Cultur vorbei! Kampf der Armen mit den Reichen. Also ist es ein letztes Aufflackern. Und bei Zeiten bei Seite schaffen, was zu retten ist! Die Länder bezeichnen, in welche sich die Cultur zurückziehen kann — durch eine gewisse Unzugänglichkeit, z.B. Mexico. — — — — 25 [113] Sklavenhafte Moral und ihr Gegensatz der Werthe. Herrenhafte Moral. Grausamkeit und was davon in den Guten ist, und in Gerechtigkeit, Mitleid, Wahrhaftigkeit, Treue, Fleiß usw. Wollust Herrschsucht Habsucht Neid Krankhafte Tugenden und Tugendhafte — und das Gesunde am Raubthier. Unverhältnißmäßig wenig Bewußtsein über unsere Wirkungen. (Die Absichten und Zwecke als willkürliches Auslesen von Wirkungen) Falsche Voraussetzungen über unsere Beweggründe (Grund-Zweifel: ob unsere bewußten Gefühle und Gedanken “bewegen”) Der Leib als Lehrmeister: Moral Zeichensprache der Affekte. Der Schaden der Guten: Die Guten als zweiten Ranges, Entartung. Verdummung, Haß auf geistige Entwicklung. Individuum und Gemeinde. Das “Individuum” als Vielheit und Wachsthum. “Böse” als organische Funktion. Mitleiden. Für Andere. Die Religionen als Moralen mit Voraussetzung anderer Welten: aber herrenhaft oder sklavenhaft. 25 [114] In wiefern unsere jetzt übliche Ordnung der Werthe auf lauter falsche Voraussetzungen hinausläuft: Ursprung der herrschenden Grundschätzungen. NB! 25 [115] Die Deutschen verderben, als Nachzügler, den großen Gang der europäischen Cultur: Bismarck — Luther z. B.; neuerdings, als Napoleon Europa in eine Staaten-Association bringen wollte (der einzige Mensch, der stark genug dazu war!), haben sie mit den „Freiheits-Kriegen“ Alles vermanscht und das Unglück des Nationalitäten-Wahnsinns heraufbeschworen (mit der Consequenz der Rassenkämpfe in so altgemischten Ländern wie Europa!) So haben Deutsche (Carl Martell) die saracenische Cultur zum Stehen gebracht —: immer sind es die Zurückgebliebenen! 25 [116] Die seiende Welt ist eine Erdichtung — es giebt nur eine werdende Welt. — So könnte es sein! Aber setzt die Erdichtung nicht den Dichter als seiend voraus? — Vielleicht ist die erdichtete andere Welt erst eine Ursache davon, daß der Dichter sich für seiend hält und gegenüberstellt. — Wenn das Wesentliche des Fühlens und Denkens ist, daß es Irrthümer (“Realitäten”) ansetzen muß: Es giebt Fühlen und Denken: wie ist es aber in der Welt des Werdens nur möglich? — Die negativen Eigenschaften Oberflächlichkeit Stumpfheit der Sinne Langsamkeit des Geistes haben sich in positive Kräfte verwandelt (das Böse ist auch hier der Ursprung des Guten.) ein Bild setzen, fertig machen, auf Grund weniger Indicien, etwas als blei\<b\>end setzen, weil man die Veränderung nicht sieht. Die Fähigkeit zu leben begünstigt durch diese dichtende Kraft. 25 [117] Man hat für “unpersönlich” angesehen, was der Ausdruck der mächtigsten Personen war (J. Burckhardt mit gutem Instinkt vor dem Palazzo Pitti): “Gewaltmensch” — ebenso Phidias — das Absehen vom Einzel-Reize. — Aber die Herren möchten sich gerne verstecken und loswerden z. B. Flaubert (Briefe) 25 [118] Man muß gut und böse sein! Und wer nicht gut aus Schwäche war, war auch immer böse in hervorragendem Grade. 25 [119] Nach Absichten einen Menschen abschätzen! Das wäre als wenn man einen Künstler nicht nach seinem Bilde, sondern nach seiner Vision taxirte! Wer hat nicht seine Mutter getödtet, seine Frau verrathen, wenn es auf Gedanken ankommt! Man würde in einer artigen Einsamkeit leben, wenn Gedanken tödten könnten! 25 [120] Wir enthalten den Entwurf zu vielen Personen in uns: der Dichter verräth sich in seinen Gestalten. Die Umstände bringen Eine Gestalt an uns heraus: wechseln die Umstände sehr, so sieht man an sich auch zwei, drei Gestalten. — Von jedem Augenblick unseres Lebens aus giebt es noch viele Möglichkeiten: der Zufall spielt immer mit! — Und gar in der Geschichte: die Schicksale jedes Volks sind nicht nothwendig in Hinsicht irgend einer Vernunft: es liegen in jedem Volke viele Volks-Charaktere, und jedes Ereigniß nährt den einen mehr als den anderen 25 [121] Die zahme Barbarei Die thatsächliche Barbarei Europa's – und zunehmend: die Verdummung (“der Engländer” als Normal-Mensch sich anlegend) die Verhäßlichung (“Japanisme”) (der revoltirende Plebejer) die Zunahme der sklavischen Tugenden und ihrer Werthe (“der Chinese”) die Kunst als neurotischer Zustand bei den Künstlern, Mittel des Wahnsinns: die Lust an dem Thatsächlichen (Verlust des Ideals) die Deutschen als Nachzügler (in der Politik der Centralisation des Monarchischen, wie Richelieu: in der Philosophie mit Kant Skepsis (zu Gunsten der Biedermännerei und Beamten-Tugend), mit Hegel Pantheism zu Gunsten der Staats-Anbetung, mit Schopenhauer Pessimism zu Gunsten der christlichen Mystik „Pascalismus”), die schlechte Ernährung des ganzen europäischen Südens. England's bessere Gesellschaft ist durch Ernährung voran, “der gute Mensch” als das Heerdenvieh, aus dem Raubthier umgewandelt, die historische Krankheit als Mangel der bildenden idealen Kraft – „Gerechtigkeit” bleibt übrig und „Unschädlichkeit” im äußerlichen Sinne. Es ist die zahme Barbarei, die heraufzieht! die Geltung der Dummen, der Frauen usw. 25 [122] Man will den Leser zur Aufmerksamkeit zwingen „vergewaltigen”: daher die vielen packenden kleinen Züge des „Naturalisme” — das gehört zu einem demokratischen Zeitalter: grobe und durch überarbeit ermüdete Intellekte sollen gereizt werden! 25 [123] ich halte diese Gemeinheit Shakespeare’s und Balzac's mit Mühe aus: ein Geruch von pöbelhaften Empfindungen, ein Cloaken-Gestank von Großstadt, kommt überall her zur Nase. 25 [124] Ich will die Weiber wieder zurückformen: die Sand und M\<adame\> de Staël beweisen gegen sie. (Sévigné und Eliot sollten mehr sein als Schriftstellerinnen und waren es auch — zum Theil Nothbehelf) Ich verdamme sie zum Handel: der commis soll in Verachtung! 25 [125] Maler wie Dickens, V. Hugo, Gautier — auch dies heißt das Wort mißverstehn. Der Gegensatz des Malers ist der Beschreiber (wie Balzac) 25 [126] (Taine über Balzac:) “Die Tugend als Umformung oder Entwicklungsstufe einer Leidenschaft oder einer Gewohnheit”: l'orgueil, la roideur dèsprit, la niaiserie obéissante, la vanité, le préjugé, le calcul. Die Laster dienen dazu sie zu bilden (wie ein Parfum mit substances infectes) Der liebt die Armen wie ein Spieler das Spiel: Jener ist treu wie ein Hund. Der rechtschaffene aus Geschäftsstolz, Enge von Geist und Erziehung. Alle die kleinen Misères, die großen Häßlichkeiten des Tugendhaften. Die reinste Quelle der Tugend: la grandeur d'âme (M\<arc\> Aurel) und la délicatesse d’âme (P\<rincesse\> de Clèves) 25 [127] Früher suchte man Gottes Absichten in der Geschichte: dann eine unbewußte Zweckmäßigkeit z. B. in der Geschichte eines Volkes, eine Ausgestaltung von Ideen usw. Jetzt erst hat man, durch Betrachtung der Thier-Geschichte, angefangen, den Blick für die Geschichte der Menschheit sich zu schaffen: und die erste Einsicht ist daß es keinen Plan bisher \<gab\>, weder für den Menschen, noch für ein Volk. Die allergröblichsten Zufälle sind das Gebieterische im Großen gewesen — sie sind es noch. Bei jedem noch so zweckbewußten Thun ist die Summe des Zufälligen Nicht-Zweckmäßigen Zweck-Unbewußten daran ganz überwiegend, gleich der unnütz ausgestrahlten Sonnen-Gluth: das was Sinn hätte, ist verschwindend klein. 25 [128] “Nützlich” ist nur ein Gesichtspunkt für die Nähe: alle fernen Folgen sind nicht zu übersehen, und jede Handlung kann gleich nützlich und gleich schädlich taxirt werden. 25 [129] Alle bisherigen Werthschätzungen stammen aus Zuständen tiefster Unwissenheit. In den gegenwärtigen Schätzungen gehn die verschiedensten Moralen durch einander. 25 [130] Rousseau, in seiner Bevorzugung der Armen, der Frauen, des Volks als souverän, ist ganz in der christlichen Bewegung darin: alle sklavenhaften Fehler und Tugenden sind an ihm zu studiren, auch die unglaublichste Verlogenheit. Der will Gerechtigkeit lehren!) Sein Gegenstück Napoleon — antik, Menschen-Verächter 25 [131] Wer bisher mit dem M\<enschen\> im großen Stile zu thun hatte, taxirte ihn nach den Grund-Eigenschaften: es hat keinen Sinn, die zarteren Nuancen zu berücksichtigen. So that es Napoleon. Er machte sich nichts aus den christlichen Tugenden, nahm sie als gar nicht vorhanden (- er hatte ein Recht dazu) 25 [132] Dies Jahrhundert, wo die Künste begreifen, daß die Eine auch Wirkungen der anderen hervorbringen kann: ruinirt vielleicht die Künste! z.B. mit Poesie zu malen (Victor Hugo, Balzac, W. Scott usw. mit Musik poetische Gefühle erregen (Wagner) mit Malerei poetische Gefühle, ja philosophische Ahnungen zu erregen (Cornelius) mit Romanen Anatomie und Irren-Heilkunde treiben usw. 25 [133] “ce talent (Philosophie der Geschichte) ne consistait pas, à l allemande, dans l'improvisation risquée de théories sublimes” Taine 25 [134] Princip: 1) Tiefe Verachtung gegen die an der Presse Arbeitenden. — die Eroberung derMenschheit: 2) Eine Gattung von Wesen zu schaffen, die den Priester Lehrer und Arzt ersetzen. “die Herren der Erde.” 3) Eine Geistes- und Leibes-Aristokratie, die sich züchtet und immer neue Elemente in sich hinein nimmt und gegen die demokratische Welt der Mißrathenen und Halbgerathenen \<sich\> abhebt. 25 [135] In diesem Zeitalter, wo man begreift, daß die Wissenschaft anfängt, Systeme bauen, ist Kinderei. Sondern lange Entschlüsse über Methoden fassen, auf Jahrhunderte hin! — denn die Leitung der menschlichen Zukunft muß einmal in unsere Hand kommen! — Methoden aber, die aus unserem Instinkte von selber kommen, also regulirte Gewohnheiten, die schon bestehen z. B. Ausschluß der Zwecke. 25 [136] Darstellung der Maschine “Mensch” Cap. 1. Im Gesammt-Geschick der Menschheit herrschte absolut der Zufall: ab er die Zeit kommt, wo wir Ziele haben müssen!! Cap. II. die Ziele sind nicht da, die Ideale widersprechen sich — sie sind Consequenzen viel engerer Verhältnisse und auch aus zahllosen Irrthümern geboren. Kritik der Werthe — Selbstzersetzung der Moral. Cap. III. Bisheriges Mißverständniß der Kunst: sie schaute rückwärts. Aber sie ist die Ideal-bildende Kraft — Sichtbarwerden der innersten Hoffnungen und Wünsche 25 [137] Ich schreibe für eine Gattung Menschen, welche noch nicht vorhanden ist: für die “Herren der Erde”. Die Religionen als Tröstungen, Abschirrungen gefährlich: der Mensch glaubt sich nun ausruhen zu dürfen. Im Theages Plato's steht es geschrieben: “jeder von uns möchte Herr womöglich aller Menschen sein, am liebsten Gott.“ Diese Gesinnung muß wieder da sein. Engländer, Amerikaner und Russen — — — — 25 [138] Der große Landschafts-Maler Turner, der statt zu den Sinnen, zur Seele und zum Geiste reden will — philosophische und humanitäre Epopeen. Er hielt sich für den ersten der Menschen, und starb toll. “In Mitte eines Sturms, die Sonne in den Augen, den Schwindel im Kopf” so fühlt sich der Zuschauer. “In Folge der tiefen Aufmerksamkeit auf le moral de l'homme ist seine optische sensibilité désaccordée. Unangenehm fürs Auge! übertrieben, brutal, schreiend, hart, dissonant.” Taine. 25 [139] “Die Kunst will höhere Bewegungen hervorbringen, das Sinn-Vergnügen ist nur die Basis des Eindrucks, aber es muß mit Freude begleitet sein 1) Gefühl der Liebe für das gemalte Objekt 2) Begriff der Güte einer höheren Intelligenz 3) ein Aufschwung von Dankbarkeit und Verehrung für diese Intelligenz: Ruskin Freund Turners” 25 [140] NB. Der höchste Mensch als Abbild der Natur zu concipiren: ungeheurer Überfluß, ungeheure Vernunft im Einzelnen, als Ganzes sich verschwendend, gleichgültig dagegen: — — 25 [141] Ingres: l'inventeur au 19me siècle de la photographie en couleur pour la reproduction des Pérugin et des Raphaël. Delacroix c’est l'antipôle — Bild der décadence dieser Zeit, le gâchis, la confusion, la littérature dans la peinture, la peinture dans la littérature, la prose dans les vers, les vers dans la prose, les passions, les nerfs, les faiblesses de notre temps, le tourment moderne. Des éclairs du sublime dans tout cela. Delacroix eine Art Wagner. 25 [142] M\<anette\> Salomon I p. 197. Delacroix — er hat Alles versprochen, Alles angekündigt. Seine Bilder? foetus von Meisterwerken; der Mensch, der, après tout, am meisten Leidenschaften erregen wird comme tout grand incomplet. Ein fieberhaftes Leben in allem, was er schafft, une agitation de lunettes, un dessin fou — — er sucht la boulette du sculpteur, le modelage de triangles qui n’est plus contour de la ligne d'un corps, mais l’expression, l épaisseur du relief de sa forme — harmoniste désaccordé, tragische Unterfarben, Höllendämpfe wie bei Dante. Es giebt keine Sonne. — Ein großer Meister für unsere Zeit aber, im Grunde la lie de Rubens. 25 [143] Das Beste, was gegen die Ehe gesagt ist vom Gesichtspunkt des schaffenden Menschen Man\<ette\> Salomon I 200 sq. und 312. 25 [144] 1840 geht der romantisme einen Verband mit der Litteratur ein. peintres poètes. Vager Symbolism dantesque bei den Einen. Andere, mit deutschem Instinkt, durch die Lieder jenseits des Rheins verführt, wurden träumerisch, melancholisch, Walpurgis-Nacht. Ary Scheffer an der Spitze, malt weiße und lichte Seelen geschaffen durch Gedichte: Engel. Le sentimentalisme. Am anderen Ende un peintre de prose, Delaroche: geschickter Theater-Arrangeur, Schüler Walter Scotts und Delavigne’s, mit täuschenden Lokal-Farben — aber das Leben fehlt. — Solche Maler im Grund sterile Persönlichkeiten: sie könnten keinen Strom schaffen, keine eigentliche Schule. — Die Landschaft blieb gering geschätzt: sie hatte die Ideen der Vergangenheit gegen sich — Niemand wagte sich an das moderne Leben, Niemand zeigte den jungen Talenten ce grand côté dédaigné de l'art: la contemporanéité. — In dieser Ermüdung, und Verachtung der anderen Gattungen, schlossen sich alle Jungen an die beiden extremen Naturen an — die viel kleinere Zahl an Delacroix (le beau expressiv –), die Meisten an Ingres comme sauveur du Beau de Raphaël, römische Schule. 25 [145] Rückkehr des Menschen zur nature naturelle, in der sich alte Culturen erfrischen. — Bruch mit der historischen Landschaft. 25 [146] Wir wollen doch ja uns die Vortheile nicht entgehen lassen, die es hat, das Meiste nicht zu wissen und in einem kleinen Welt-Winkel zu leben. Der Mensch darf Narr sein — er darf sich auch Gott fühlen, es ist Eine Möglichkeit unter so vielen! 25 [147] Man wird mir, sagen, daß ich von Dingen rede, die ich nicht erlebt, sondern nur geträumt habe: worauf ich antworten könnte: es ist eine schöne Sache, so zu träumen! Und unsere Träume sind zu alledem viel mehr unsere Erlebnisse als man glaubt — über Träume muß man umlernen! Wenn ich einige Tausend Mal geträumt habe zu fliegen — glaubt ihr nicht, daß ich auch im Wachen ein Gefühl und ein Bedürfniß vor den Meisten M\<enschen\> voraus haben werde — und — — — 25 [148] Ich mußte Zarathustra, einem Perser, die Ehre geben: Perser haben zuerst Geschichte im Ganzen Großen gedacht. Eine Abfolge von Entwicklungen, jeder präsidirt ein Prophet. Jeder Prophet hat seinen hazar, sein Reich von tausend Jahren. 25 [149] Die Solidarität des jüdischen Volks als Grundgedanke: man dachte nicht an eine Vertheilung nach den Verdiensten des Einzelnen. Renan I p. 54. Keine persönliche Vergeltung nach dem Tode: das Hauptmotiv der Märtyrer ist die reine Liebe zum Gesetz, der Vortheil, welchen ihr Tod dem Volke bringen wird. 25 [150] Lue. 6, 25 der Fluch auf die, welche lachen — 25 [151] “Seid gute Bankhalter!” Dem Armen geben — das ist Gott leihen. 25 [152] Die Europäer verrathen sich durch die Art, wie sie colonisirt haben — 25 [153] Jesus, mit der Melancholie der schlechten Ernährung. 25 [154] “Schön” – c’est une promesse de bonheur. Stendhal. Und das soll “unegoistisch” sein! “désintéressé”! Was ist da schön? Gesetzt, daß St\<endhal\> recht hätte, wie! 25 [155] Man muß sich klar machen, was eigentlich die Meisten interessirt: was aber die höheren Menschen interessirt, das erscheint den niederen uninteressant, folglich die Hingebung daran etwas “Unegoistisches”! Der Sprachgebrauch der modernen Moralität ist durch die niederen Menschen gemacht, die den Blick von unten herauf zur Moralität heben: “aufopfernd” — aber wer wirklich Opfer bringt, weiß, daß es keine Opfer waren! wer liebt, der erscheint schon anti-egoistisch! Aber das Wesen des ego-Gefühls zeigt sich ja nur im Haben-wollen, — man giebt weg, um zu haben (oder zu erhalten) Wer sich weggiebt, der will etwas damit erhalten, was er liebt. 25 [156] Jesus: will, daß man an ihn glaubt, und schickt Alles in die Hölle, was widerstrebt. Arme, Dumme, Kranke, Weiber eingerechnet Huren und Gesindel, Kinder — von ihm bevorzugt: unter ihnen fühlt er sich wohl. Das Gefühl des Richtens gegen alles Schöne Reiche Mächtige, der Haß gegen die Lachenden. Die Güte, mit ihrem größten Contrast in Einer Seele: es war der böseste aller Menschen. Ohne irgend welche psychologische Billigkeit. Der wahnsinnige Stolz, welcher die feinste Lust an der Demuth hat. 25 [157] Die höchsten Menschen leiden am meisten am Dasein — aber sie haben auch die größten Gegen-Kräfte. 25 [158] Den ungeheuer zufälligen Charakter aller Combinationen erweisen: daraus folgt, daß jede Handlung eines Menschen einen unbegränzt großen Einfluß hat auf alles Kommende. Dieselbe Ehrfurcht, die er, rückwärts schauend, dem ganzen Schicksal weiht, hat er sich selber mit zu weihen. Ego fatum. 25 [159] Den vollkommenen Pessimism imaginiren (Schopenhauer hat ihn verdorben?) Unerkennbarkeit. — in wie fern betrübend? (nur für eine dogmatisch geübte Menschheit!) der Gedanke des Todes: “Todesfurcht” angezüchtet, “europäische Krankheit” (Mittelalterliche Todes-Sucht) die Nutzlosigkeit alles Ringens — betrübend unter Voraussetzung moralischer Grundurtheile d. h. wenn etwas festgehalten wird als Maaßstab, — es könnte auch Anlaß zum Lachen sein! der vollkommene Pessimism wäre der, welcher die Lüge begreift, aber zugleich unfähig ist, sein Ideal abzuwerfen: Kluft zwischen Wollen und Erkennen. Absoluter Widerspruch — der Mensch ein Dividuum zweier feindseligen Mächte, die zu einander nur Nein sagen. Begehren absolut unentrinnbar, aber zugleich als dumm begriffen und geschätzt (d. h. ein zweites Gegen-Begehren!) es gehört also zum Pessimism, daß er an gebrochenen, zweitheiligen Wesen hervortritt — es ist ein Zeichen des Verfalls — als Zeit-Krankheit. Das Ideal wirkt nicht belebend, sondern hemmend. 25 [160] Die Consequenzen absterbender Rassen verschieden z. B. pessimistische Philosophie, Willens-Schwäche wollüstige Ausbeutung des Augenblicks, mit hysterischen Krämpfen und Neigung zum Furchtbaren Zeichen des Alters kann auch Klugheit und Geiz sein (China), Kälte. Europa unter dem Eindrucke einer sklavenhaft gewöhnten furchtsamen Denkweise: eine niedrigere Art wird siegreich — seltsames Widerstreiten zweier Principien der Moral. 25 [161] “Gleich den unsterblichen Göttern die Freunde, die Anderen alle Aber als Nieten zu achten, des Nennens nicht würdig, noch Zählens.” 25 [162] Die Deutschen sind vielleicht nur in ein falsches Klima gerathen! Es ist Etwas in ihnen, das hellenisch sein könnte — das erwacht bei der Berührung mit dem Süden — Winckelmann Goethe Mozart. Zuletzt: wir sind noch ganz jung. Unser letztes Ereigniß ist immer noch Luther, unser einziges Buch immer noch die Bibel. Die Deutschen haben noch niemals “moralisirt”. Auch die Nahrung der Deutschen war ihr Verhängniß: die Philisterei 25 [163] Charakteristik des Europäers: der Widerspruch zwischen Wort und That: der Orientale ist sich treu im täglichen Leben. Wie der Europäer Colonien gegründet hat, beweist seine Raubthier-Natur. Der Widerspruch erklärt sich daraus, daß das Christenthum die Schicht, aus der es wuchs, verlassen hat. Dies ist unsere Differenz mit den Hellenen: ihre Sittlichkeit ist in den herrschenden Kasten gewachsen. Thukydides' Moral ist die gleiche, die überall bei Plato explodirt. Ansätze zur Ehrlichkeit z. B. in der Renaissance: jedes Mal zum Besten der Künste. M\<ichel\>Angelo's Conception Gottes als “Tyrannen der Welt” war ehrlich. Das Übergewicht des Weibes folgt daraus: und folglich eine ganz lügnerische “Schamhaftigkeit.” Es gehört beinah Verderbniß der Weiber dazu (wie in Paris), daß die Schriftsteller ehrlicher werden. — Der sklavenhafte Charakter der Moralität als einer von außen her gekommenen, nicht von uns geschaffenen, erzeugt fortwährend neue Formen ähnlicher Sklavereien z. B. die aesthetische (in Bezug auf das Alterthum) Es gehört fast Verderbniß des Charakters und Schwäche dazu beim Europäer, daß er sich von den Autoritäten emancipirt und “Geschmack” gewinnt. Unsere “Allschmeckerei” ist die Folge der verschiedenen Moralen: wir sind in der “historischen Krankheit”. 25 [164] Das “Objektiv-sein-wollen” z.B. bei Flaubert ist ein modernes Mißverständniß. Die große Form, die von allem Einzelreiz absieht, ist der Ausdruck des großen Charakters, der die Welt sich zum Bilde schafft: der von allem “Einzelreiz weit absieht” — Gewalt-Mensch. Es ist Selbst-Verachtung aber bei den Modernen, sie möchten wie Schopenhauer sich in der Kunst “los werden” — hineinflüchten in's Objekt, sich selber “leugnen”. Aber es giebt kein “Ding an sich” — meine Herren! Was sie erreichen, ist Wissenschaftlichkeit oder Photographie d. h. Beschreibung ohne Perspektiven, eine Art chinesischer Malerei, lauter Vordergrund und alles überfüllt. — In der That ist sehr viel Unlust in der ganzen modernen historischen und naturhistorischen Wuth — man flüchtet vor sich und auch vor dem Ideal-bilden, dem Besser — Machen, dadurch daß man sucht, wie Alles gekommen ist: der Fatalism giebt eine gewisse Ruhe vor dieser Selbst-Verachtung. Die französischen Romanschriftsteller schildern Ausnahmen und zwar theils aus den höchsten Sphären der Gesellschaft, theils aus den niedrigsten — und die Mitte, der bourgeois, ist ihnen allen gleich verhaßt. Zuletzt werden sie Paris nicht los. 25 [165] Negativer Charakter der “Wahrheit” — als Beseitigung eines Irrthums, einer Illusion. Nun war die Entstehung der Illusion eine Förderung des Lebens — — 25 [166] Man soll in der Historie ja nicht nach Nothwendigkeit in Hinsicht auf Mittel und Zweck suchen! Es ist die Unvernunft des Zufalls die Regel! Die große Summe der Ereignisse repräsentiren Grund-Begierden eines Volks, eines Standes — das ist wahr! Im Einzelnen geht alles blind und dumm zu. Wie in einem Bache ein Blatt seinen Weg läuft, ob es schon hier und da aufgehalten wird. 25 [167] Die Personen des Thucydides reden in Sentenzen des Thukydides: sie haben, nach seinem Begriff, den höchstmöglichen Grad von Vernunft, um ihre Sache durchzuführen. Da entdeckte ich den Griechen (manche Worte aus Plato dazu) 25 [168] Erst Bilder — zu erklären, wie Bilder im Geiste entstehen. Dann Worte angewandt auf Bilder. Endlich Begriffe, erst möglich, wenn es Worte giebt — ein Zusammenfassen vieler Bilder unter etwas Nicht-Anschauliches, sondern Hörbares (Wort) Das klein Bischen Emotion, welches beim “Wort” entsteht, also beim Anschauen ähnlicher Bilder, für die Ein Wort da ist — diese schwache Emotion ist das Gemeinsame, die Grundlage des Begriffs. Daß schwache Empfindungen als gleich angesetzt werden, als dieselben empfunden werden, ist die Grundthatsache. Also die Verwechslung zweier ganz benachbarten Empfindungen in der Constatirung dieser Empfindungen — wer aber constatirt? Das Glauben ist das Uranfängliche schon in jedem Sinnes-Eindruck: eine Art ja-sagen erste intellektuelle Thätigkeit! Ein „Für-wahr-halten” im Anfange! Also zu erklären: wie ein “für-wahr-halten” entstanden ist! Was liegt für eine Sensation hinter „wahr”? 25 [169] “Il n'a pas peur d’être de mauvais goût, lui.” Stendhal. 25 [170] Die Frau bei den Griechen von Homer bis Pericles immer mehr zurückgedrängt: dies gehört zur Cultur der Griechen — eine gewisse Gewalt geübt gegen die weichen milden Gefühle. Ausbrechen der Gegenströmung z. B. Pythagoras und die Thiere. Der Schwache Leidende Arme — es giebt Sklaven-Aufstände, die Armut treibt zum Äußersten (Thucydides) Sonst sind alle großen Verbrechen die des Bösen aus Stärke. 25 [171] Grund- Irrthum: wir legen unsere moral\<ischen\> Gefühle von heute als Maaßstab und messen darnach Fortschritt und Rückschritt. Aber jeder dieser Rückschritte wäre für ein entgegengesetztes Ideal ein Fortschritt. “Vermenschlichung” — ist ein Wort voller Vorurtheile, und klingt in meinen Ohren beinahe umgekehrt als in euren Ohren. 25 [172] Für die stete Wiederholung — – — usw. den Rhythmus der Reim-Dichtung sind wir musikalisch zu anspruchsvoll (vom mißverstandenenen Hexameter noch abgesehen!) Wie wohl thut uns schon die Form Platens und Hölderlins! Aber viel zu streng für uns! Das Spiel mit den verschiedensten Metren und zeitweilig das Unmetrische ist das Rechte: die Freiheit, die wir bereits in der Musik, durch R\<ichard\> W\<agner\>, erlangt haben! dürfen wir uns wohl für die Poesie nehmen! Zuletzt: es ist die einzige, die stark zu Herzen redet! — Dank Luther! 25 [173] Die Sprache Luthers und die poetische Form der Bibel als Grundlage einer neuen deutschen Poesie — das ist meine Erfindung! Das Antikisiren, das Reim-wesen — alles falsch und redet nicht tief genug zu uns: oder gar der Stabreim Wagners! 25 [174] Eine Kriegs-Erklärung der höheren Menschen an die Masse ist nöthig! Überall geht das Mittelmäßige zusammen, um sich zum Herrn zu machen! Alles, was verweichlicht, sanft macht, das “Volk” zur Geltung bringt oder das “Weibliche”, wirkt zu Gunsten des suffrage universel d. h. der Herrschaft der niederen Menschen. Aber wir wollen Repressalien üben und diese ganze Wirthschaft (die in Europa mit dem Christenthum anhebt) ans Licht und vor's Gericht bringen. 25 [175] Goethe’s vornehme Isolirtheit — es bedarf für die Höchstgeborenen eine Art Burgen- und Raubritterthum. Ich will mich Napoleon's annehmen: er gehört in seiner Verachtung der “christlichen Tugenden” und der ganzen moralischen Hypokrisie zum Alterthum (Thucydides). Friedrich der Große vielleicht — aber als Deutscher zu sehr Mensch der Hintergedanken mit Hinter-seelen. 25 [176] Die Tartüfferie der Macht seit dem das Christentum siegreich war. Der “christliche König” und “Staat”. Geschichte des Machtgefühls. 25 [177] Der Character der Europäer zu beurtheilen nach ihrem Verhältniß zum Ausland, im Colonisiren: äußerst grausam 25 [178] Die Ritterlichkeit als die errungene Position der Macht: ihr allmähliches Zerbrechen (und zum Theil: Übergang in's Breitere Bürgerliche). Bei La Rochefoucauld ist Bewußtsein über die eigentlichen Triebfedern der noblesse des Gemüths da — und christlich verdüsterte Beurtheilung dieser Triebfedern. Fortsetzung des Christenthums durch die französische Revolution. Der Verführer ist Rousseau: er entfesselt das Weib wieder, das von da an immer interessanter — leidend dargestellt wird. Dann die Sklaven und M\<istre\>ss Stowe. Dann die Armen und die Arbeiter. Dann die Lasterhaften und Kranken — alles das wird in den Vordergrund gestellt (selbst um für das Genie einzunehmen, wissen sie seit 500 Jahren es nicht anders als den großen Leidträger darzustellen!) Dann kommt der Fluch auf die Wollust (Baudelaire und Schopenhauer), die entschiedenste Überzeugung, daß Herrschsucht das größte Laster ist, vollkommene Sicherheit darin, daß Moral und désintéressement identische Begriffe sind, \<daß das\> “Glück Aller” ein erstrebenswerthes Ziel \<sei\> (d. h. das Himmelreich Christi). Wir sind auf dem besten Wege: das Himmelreich der Armen des Geistes hat begonnen. Zwischenstufen: der Bourgeois (in Folge des Geldes parvenu) und der Arbeiter (in Folge der Maschine) Vergleich der griechischen Cultur und der französischen zur Zeit Louis XIV. Entschiedener Glaube an sich selber. Ein Stand von Müssigen, die es sich schwer machen und viel Selbstüberwindung üben. Die Macht der Form, Wille, sich zu formen. „Glück” als Ziel eingestanden. Viel Kraft und Energie hinter dem Formenwesen. Der Genuß am Anblick eines so leicht scheinenden Lebens. — Die Griechen sahen den Aeg\<yptern\> wie Kinder aus. 25 [179] Der Mensch, als organisches Wesen, hat — Triebe der Ernährung (Habsucht) Triebe der Ausscheidung (Liebe) NB Hier nur die Innere Welt ins Auge gefaßt! (wozu auch die Regeneration gehört) und im Dienste der Triebe einen Apparat der Selbstregulirung (Intellekt) (dahin gehört die Assimilation der Nahrung, der Ereignisse, der Haß usw. 25 [180] Mein Begriff von „Aufopferung”. Ich mag diese Hypocrisie nicht! Natürlich, um durchzusetzen, was mir am Herzen liegt, werfe ich viel weg: manches auch, das mir “auch am Herzen liegt”! Aber die Hauptsache ist immer: dieses Wegwerfen ist nur Folge, Neben-Consequenz — die Hauptsache ist, daß mir Etwas mehr als alles Andere am Herzen liegt. 25 [181] Die Fülle pöbelhafter Instinkte unter dem jetzigen aesthetischen Urtheil der französischen Romanschriftsteller. — Und zuletzt: es giebt viel Verborgenes, was sie nicht heraussagen wollen, ganz wie bei R\<ichard\> W\<agner\> 1) ihre Methode ist leichter bequemer, die wissenschaftliche Manier der Stoff-Masse und der Colportage, es bedarf des großen Principien-Lärms, um diese Thatsache zu verhüllen — aber die Schüler errathen es, die geringeren Talente 2) der Mangel an Zucht und schöner Harmonie in sich macht ihnen das Ähnliche interessant, sie sind neugierig mit Hülfe ihrer niedrigen Instinkte, sie haben den Ekel und die Aegide nicht 3) ihr Anspruch auf Unpersönlichkeit ist ein Gefühl, daß ihre Person mesquin ist z. B. Flaubert, selber seiner satt, als “bourgeois” 4) sie wollen Viel verdienen und Skandal machen als Mittel zum großen momentanen Erfolg. 25 [182] Die Psychologie dieser Herren Flaubert ist in summa falsch: sie sehen immer nur die Außen-Welt wirken und das ego geformt (ganz wie Taine?) — sie kennen nur die Willens-Schwachen, wo désir an Stelle des Willens steht. 25 [183] Ich will einmal zeigen, wie Schopenhauers Mißverständniß des Willens ein “Zeichen der Zeit” ist — es ist die Reaction gegen die Napoleonische Zeit, man glaubt nicht mehr an Heroen d. h. Willensstärke. (In “Stello” steht das Bekenntniß: “es giebt keine Heroen und Monstra” — antinapoleonisch) 25 [184] Die Malerei an Stelle der Logik, die Einzel-Beobachtung, der Plan, das überwiegen des Vordergrundes, der tausend Einzelheiten — alles schmeckt nach den Bedürfnissen nervöser Menschen, bei R\<ichard\> W\<agner\> wie bei den Goncourts. R\<ichard\> W\<agner\> gehört in die französische Bewegung: Helden und Monstra, extreme Passion und dabei lauter Einzelheiten, momentaner Schauder. 25 [185]  (Psychologie) § Über „Inneres” und “Äußeres” umzulernen. § „Sein” unbeweisbar, weil es kein “Sein” giebt. Aus dem Gegensatz zum “Nichts” ist der Begriff Sein gebildet. § Begriffe entstehn, als Hörbilder, die eine Vielheit von symbolischen Seh-Bildern zusammenfassen. § Affekte als Gegenstück zu physiologischen Gruppen, die eine Art von Einheit des Werdens, einen periodischen Verlauf haben. § Der Intellekt als Mittelreich der Sinne, die Impressionen mit Hülfe des alten Materials verarbeitend, eine Art Magen aller Affekte (welche ernährt werden wollen.) § Wille? Das eigentliche Geschehen alles Fühlens und Erkennens ist eine Explosion von Kraft: unter gewissen Bedingungen (äußerste Intensität, so daß ein Lustgefühl von Kraft und Freiheit dabei entsteht) nennen wir dies Geschehn „Wollen”. § „Zweck” als vages Bild, ungenügend zu bewegen. § Das Aufeinanderwirken der Gedanken (im Logischen) ist scheinbar — es ist ein Kampf der Affekte. § Die Verschwendung von Kraft der wesentliche Charakter auch bei den zweckmäßigsten Handlungen. § Ursache und Wirkung — diese ganze Kette ist eine Auswahl vorher und hinterdrein, eine Art Übersetzung des Geschehens in die Sprache von unseren Erinnerungen, die wir zu verstehen meinen. 25 [186] Der Anblick großer Gebärden als Ursachen großer Handlungen — Folge von Corneille und Racine. 25 [187] Voltaire, als er Mahomet mißverstand, ist in der Bahn gegen die höheren Naturen; Napoleon hatte Recht, sich zu entrüsten. 25 [188] Napoleon: Religion als Stütze guter Moral, wahrer Principien, guter Sitten. Et puis l'inquiétude de l'homme est telle, qu'il lui faut ce vague et ce merveilleux qu’elle lui présente. Es ist besser, er sucht es da, als bei Gaunern und Cagliostro's. 25 [189] Die Bergpredigt: il se disait ravi, extasié de la pureté, du sublime et de la beauté d'une telle morale. 25 [190] “J'ai refermé le gouffre anarchique et débrouillé le chaos. J'ai déssouillé la révolution, ennobli les peuples et raffermi les rois. J'ai excité toutes les émulations, récompensé tous les mérites et reculé les limites de la gloire. Tout cela est bien quelque chose!” 25 [191] Zur Erklärung der Erfolge Muhamet's in 13 Jahren: vielleicht gab es lange Bürgerkriege vorher (meint Napoleon) unter welchen sich große Charaktere, große Talente, unwiderstehliche Impulsionen usw. gebildet hatten 25 [192] Die “erste Ursache” ist, wie “das Ding an sich”, kein Räthsel, sondern ein Widerspruch. 25 [193] Die Nachtheile der Vereinsamung, da der sociale Instinkt am besten vererbt ist — die Unmöglichkeit, noch sich selber zu bestätigen durch anderer Zustimmung, das Gefühl von Eis, der Schrei “Liebe mich” — die cas pathologiques wie Jesus. Heinrich von Kleist und Goethe (Käthchen von Heilbronn) 25 [194] Andrea Doria — Eins liegt ihm am Herzen, dem opfert er Alles Andere. Verräther seiner Freunde, Freund seiner Feinde. Ganz vereinsamt und eisig. Der Hund. Grausam gegen seine Neffen. 25 [195] Idealisten — z. B. am Himmel das Maaß, die Ordnung, die ungeheure Art von System und Einfachheit schaudernd-bewundernd, stellen die Dinge fern, sehen das Einzelne hinweg. Die Realisten wollen den entgegengesetzten Schauder, den des Unzählig-Vielen: deshalb überhäufen sie den Vordergrund, ihr Genuß ist der Glaube an den Überreichthum der schöpferischen Kräfte, die Unmöglichkeit, zählen zu können. 25 [196] Vielheit der Eigenschaften und deren Band — mein Gesichtspunkt. Die Doppel-Zwillings-Kräfte z. B. bei Wagner Poesie und Musik; bei den Franzosen Poesie und Malerei; bei Plato Poesie und Dialektik usw. Die Vereinzelung einer Kraft ist eine Barbarei – „umgekehrte Krüppel”. 25 [197] Der Natur-Geschmack des vorigen Jahrhunderts erbärmlich. Voltaire Ferney. Caserta. Rousseau Clarens! 25 [198] Die höheren Naturen haben alle Verbrechen begangen: nur daß sie nicht so thierisch-sichtbar sind. Aber Verrath, Abfall, Tödtung, Verleugnung usw. 25 [199] Den ganz großen Menschen ist die Lippe über ihr Innerstes geschlossen — keine Möglichkeit, jemandem zu begegnen, dem sie sich öffneten — Napoleon z. B. Düster — 25 [200] Wie sich die aristokratische Welt immer mehr selber schröpft und schwach macht! Vermöge ihrer noblen Instinkte wirft sie ihre Vorrechte weg und vermöge ihrer verfeinerten Über-Cultur interessirt sie sich für das Volk, die Schwachen, die Armen, die Poesie des Kleinen usw. 25 [201] Man muß die Grade wieder aufrichten und es unmöglich machen, daß ein dummes Weib einen höheren Rang von Moral beanspruchen kann. 25 [202] Die Gegensätze sich paarend wie Mann und Weib zur Zeugung von Etwas Drittem — Genesis der Werke der Genie’s! 25 [203] Mißverständniß der gloria, als Motiv der Schaffenden gedacht!! Vanité ist Heerden-Instinkt, Stolz Sache des Vor-Ochsen. 25 [204] “l'amour, nach Napoleon, l'occupation de l'homme oisif, la distraction du guerrier, l’écueil du souverain.” 25 [205] Charakter des Franzosen: immer les Gaulois d'autrefois: la légèreté, la même inconstance et surtout la même vanité. Wann werden wir sie endlich gegen ein wenig Stolz eintauschen können! 25 [206] “Die Menschen sind nicht undankbar: aber der Wohlthäter erwartet meist zu viel”. Er sagt, die Menschen verändern sich, im Guten wie im Bösen. Er meint, die allermeisten Handlungen sind nicht Charakter-Handlungen, sondern Moment-Handlungen, welche nichts für den Charakter beweisen. 25 [207] Die Wohlthaten, die wir empfangen, sind bedenklicher als alle Unglücke: man will Macht auf uns ausüben. — Es sollte zu den Vorrechten gehören, Wohl zu thun. Die griechische Empfindung, welche das „Zurückgeben können“ streng nahm, war vornehm. 25 [208] Das Unglück in der großen Hypocrisie aller alten Moral-Philosophen. Sie übten die Phantasie der Menschen darauf ein, von einander Tugend und Macht zu trennen. Macht erscheint als Anspruch auf Glück — das ist noch antik daran, Nachklang der aristokratischen Grundform. Von Sokrates an wird trotzdem die aoeth falsch verstanden, — sie mußte sich immer wieder erst begründen und wollte es doch nicht individuell thun! sondern tyrannisch “gut für Alle!” Versuch kleiner Staaten-Gründungen im Staate: wie jetzt bei den Muhamedanern Nord-Afrikas. 25 [209] Ich bin keinem begabten Menschen begegnet, der mir nicht gesagt hätte, er habe das Gefühl der Pflicht verloren oder es nie besessen. Wer jetzt nicht starken Willen hat — 25 [210] Die ehemaligen Mittel, gleichartige dauernde Wesen durch lange Geschlechter zu erzielen: unveräußerlicher Grundbesitz, Verehrung der Älteren (Ursprung des Götter- und Heroen glaubens als der Ahnherren) Jetzt gehört die Zersplitterung des Grundbesitzes in die entgegengesetzte Tendenz: eine Zeitung (an Stelle der täglichen Gebete) Eisenbahn Telegraph. Centralisation einer ungeheuren Menge verschiedener Interessen in Einer Seele: die dazu sehr stark und verwandlungsfähig sein muß. 25 [211] Es bedarf einer Lehre, stark genug, um züchtend zu wirken: stärkend für die Starken, lähmend und zerbrechend für die Weltmüden. Die Vernichtung der verfallenden Rassen. Verfall Europa's. Die Vernichtung der Sclavenhaften Werthschätzungen. Die Herrschaft über die Erde, als Mittel zur Erzeugung eines höheren Typus. Die Vernichtung der Tartüfferie, welche „Moral” heisst. (Das Christenthum als eine hysterische Art von Ehrlichkeit hierin Augustin, Bunyan) Die Vernichtung des suffrage universel: d. h. des Systems, vermöge dessen die niedrigsten Naturen sich als Gesetz den höheren vorschreiben. Die Vernichtung der Mittelmässigkeit und ihrer Geltung. (Die Einseitigen, Einzelne — Völker z. B. Engländer. Dühring. Fülle der Natur zu erstreben durch Paarung von Gegensätzen: Rassen-Mischungen dazu.) Der neue Muth — keine a priorischen Wahrheiten (solche suchten die an Glauben Gewöhnten!) sondern freie Unterordnung unter einen herrschenden Gedanken, der seine Zeit hat z. B. Zeit als Eigenschaft des Raums usw. 25 [212] “Hungriger Männer Schnack ist langweilig.” 25 [213] Die Tartüfferie (unter allen herrschenden Schichten) in Europa (oder die Moral unter dem Eindruck des Christenthums) Die Hysterie in Europa (Müssiggang, geringe Nahrung, wenig Bewegung — bricht in religiösen Wahnsinn aus wie bei den Indern. Mangel an geschlechtlicher Befriedigung.) Vortheil, daß sich die religiosi nicht fortpflanzten. Die Pedanterie des Sclaven und Nichtkünstlers als Glaube an die Vernunft, die Zweckmäßigkeit. Tritt auf als Nachwirkung der aesthetischen Zeitalter (welche lehren alles einfacher sehen als es ist: Oberflächlichkeit der griechischen Moralisten, insgleichen der Franzosen des 18ten Jahrhunderts Jetzt bei den Engländern als Moral (die Zufriedenheit mit der Comfort-Existenz, das Problem, glücklich zu leben, scheint ihnen gelöst: das spiegelt sich wieder in ihrer Denkweise. Das Sklavenmäßige als Verlangen nach Autorität. Luther. 25 [214] Meine Vollendung des Fatalismus: durch die ewige Wiederkunft und Präexistenz durch die Elimination des Begriffs „Wille”. 25 [215] Physikalisches Problem, den Zustand zu erfinden, der + und — ist. 25 [216] Der Mangel an mächtigen Seelen, auch bei den Weisen. Tartüfferie der Erkennenden vor sich selber: “Erkenntniß um ihrer selber willen!” Objektivität — als modernes Mittel, sich loszuwerden, aus Geringschätzung (wie bei Flaubert) die Logiker und Mathematiker und Mechaniker und ihr Werth. Wie viel Schwindel auch da herrscht! Die Schauspielerei der Alten: Socrates, der Pöbel sieht in der Tugend sein Ideal d. h. das Glück in der Befreiung von schmerzbringenden über heftigen pöbelhaften Begierden. Die Begierdenlosigkeit als Ziel der Erkenntniß. (“Alles hat wenig Werth” muß als Resultat kommen) Der Mangel der mächtigen der vornehmen der reichen und vielfachen der gesunden Seele bei den Philosophen bisher. 25 [217] Wikingszüge, Staatsverfassung und Sitten der alten Skandinavier. Von Stinnholm. Übers\<etzung\> v\<on\> Frisch. (Hamburg, Perthes 1879. 25 [218] Werth des Antisemitismus, die Juden zu treiben, sich höhere Ziele zu stecken und ein Aufgehen in nationale Staaten zu niedrig zu finden. 25 [219] Die Bewaffnung des Volks — ist schließlich die Bewaffnung des Pöbels. 25 [220] Menschen wie mir zu nützen ist schwer: ich lerne immer mehr, wie viel Oberflächlichkeit und Dreistigkeit in den Handlungen steckt, mit denen man mir “wohl zu thun” glaubt. Ich liebe seit lange keinen Menschen mehr: die paar vorzüglichen Talente, denen ich förderlich sein kann, will ich mir nicht durch Albernheiten einer tückischen Gans rauben lassen — dies Förderlich-sein ist beinahe meine einzige Genugthuung, die ich bisher aus dem Verkehre gehabt habe. 25 [221] Die Aufgabe ist, eine herrschende Kaste zu bilden, mit den umfänglichsten Seelen, fähig für die verschiedensten Aufgaben der Erdregierung. Alle bisherigen Einzel-Fähigkeiten in Eine Natur zu centralisiren. Stellung der Juden dazu: große Vorübung in der Anpassung. Sie sind einstweilen die größten Schauspieler darum; auch als Dichter und Künstler die glänzendsten Nachmacher und Nachfühler. Was ihnen anderseits fehlt. Wenn erst das Christenthum vernichtet ist, wird man den Juden gerechter werden: selbst als Urhebern des Christenthums und des höchsten bisherigen Moral-Pathos. 25 [222] Das 20te Jahrhundert hat zwei Gesichter: eines des Verfalls. Alle die Gründe, wodurch von nun an mächtigere und umfänglichere Seelen als es je gegeben hat (vorurtheilslosere, unmoralischere) entstehen könnten, wirken bei den schwächeren Naturen auf den Verfall hin. Es entsteht vielleicht eine Art von europäischem Chinesenthum, mit einem sanften buddhistisch-christlichen Glauben, und in der Praxis klug-epikureisch, wie es der Chinese ist — reduzirte Menschen. 25 [223] Der Grundtrieb des englischen Philosophirens ist Comfortismus. 25 [224] Wenn es zu deiner Gesundheit nöthig ist, wohlan! was liegt daran! Aber mache keinen Lärm darum! Es ist lächerlich, begeistert von grünen Gemüsen zu reden — wer so thut, hat wenig im Kopfe! 25 [225] Die Erd-Regierung ist ein nahes Problem. Die radikale Frage ist: muß es Sklaverei geben? Oder vielmehr: es ist gar keine Frage, sondern die Thatsache: und nur der verfluchte englisch-europäische Cant macht — — — In Wahrheit giebt es immer Sklaverei — ob ihr es wollt oder nicht! Z. B. der preußische Beamte. Der Gelehrte. Der Mönch. 25 [226] Der Tod. Man muß die dumme physiologische Thatsache in eine moralische Nothwendigkeit umdrehen. So leben, daß man auch zur rechten Zeit seinen Willen zum Tode hat! 25 [227] Die ewige Wiederkunft. Meinen Brüdern geweiht. Aber wo seid ihr, meine Brüder? Einleitung. Was haben eigentlich bisher Philosophen gewollt? Rückblick von den Brahmanen an. Ich will den Gedanken lehren, welcher Vielen das Recht giebt, sich durchzustreichen — den großen züchtenden Gedanken. 25 [228] Die Frage der Ehe. Einrichtung zu treffen für den Schaffenden: denn da ist ein Antagonismus zwischen Ehe und Werk. 25 [229] Hauptthema. Die Intelligenz muß Herr sein über das Wohlwollen: es muß neu abgeschätzt werden, und der grenzenlose Schaden, der fortwährend durch Akte des Wohlthuns gethan wird. Ironie der Mutter liebe. 25 [230] Über „Völker” führen die Sprachen irr: die auch am meisten der höheren Erkenntniß schaden. 25 [231] Die Irrthümer über das Gleiche und Ähnliche 1) weil es gleich aussieht 2) weil es gleich sich bewegt 3) weil es gleiche Töne von sich giebt. 25 [232] Die Nothwendigkeit der Sklaverei. 25 [233] Der Bildner (Abweisung des bisherigen „Idealismus” und seiner Spielerei mit Bildern. Es handelt sich um den Leib. 25 [234] In Europa sind die Juden die älteste und reinste Rasse. Deshalb ist die Schönheit der Jüdin die höchste. 25 [235] Die Affen sind zu gutmüthig, als daß der Mensch von ihnen abstammen könnte. 25 [236] Die Zähmung des Menschen ist bisher als “Moral” mißverstanden. 25 [237] Eine unbeschreiblich milde feste entschlossene und herzliche Betrachtung aller Dinge im I Zarathustra. 25 [238] “Philosophie der Zukunft” 1. Die moralische Tartüfferie. 2. Die Nothwendigkeit der Sklaverei (der Mensch als Werkzeug-) 3. Der Verfall Europa's. 25 [239] Die Freiheit des Willens von 2 entgegengesetzten Antrieben aus gelehrt: “liberum arbitrium kann nie gezwungen werden, denn wo Zwang ist, ist keine Freiheit, und wo keine Freiheit, da ist kein Verdienst” — aber die anderen schließen: “da giebt es keine Schuld “. Die Ersten wollen aus Stolzgefühl, die anderen aus “Sündengefühl” und “Demuth” den Satz vom freien Willen. 25 [240] Es gab in Deutschland bisher noch keine Cultur, sondern immer nur mystische Separatisten. Immer nur Einzelne – das ist Trost! 25 [241] Die Musik als Nachklang von Zuständen, deren begriffliche Ausdruck Mystik war — Verklärungs-Gefühl des Einzelnen, transfiguration. Oder: die Versöhnung der inneren Gegensätze zu etwas Neuem, Geburt des Dritten. 25 [242] Zur Signatur des Sklaven: die Werkzeug-Natur kalt, nützlich, — ich betrachte alle Utilitarier als unwillkürliche Sklaven. Menschen-Bruchstücke — das zeichnet die Sklaven. 25 [243] Erster Grundsatz: keine Rücksicht auf die Zahl: die Masse, die Elenden und Unglücklichen gehen mich wenig an — sondern die ersten und gelungensten Exemplare, und daß sie nicht aus Rücksicht für die Mißrathenen (d.h. die Masse) zu kurz kommen Vernichtung der Mißrathenen — dazu muß man sich von der bisherigen Moral emancipiren. 25 [244] Wir müssen das Christenthum auch noch aus vieler Musik heraushören und es überwinden. 25 [245] Einzelne Werkzeuge. 1. Die Befehlenden Mächtigen — welche nicht lieben, es sei denn die Bilder, nach denen sie schaffen die Vollen Vielfachen Unbedingten, welche das Vorhandene überwinden 2. Die Freigelassenen Gehorsamen — Liebe und Verehrung ist ihr Glück (Aufhebung ihrer Unvollständigkeit im Anblick des Höheren) 3. Die Sklaven „Knechtsart” — Behagen ihnen zu schaffen, Mitleiden unter einander 25 [246] Im ersten Theil ist der Verfall und seine Nothwendigkeit klarzumachen! In wiefern der Sklave Herr geworden ist, ohne die Tugenden des Herrn zu haben der Adel ohne das Fundament der Abkunft und Reinhaltung die Monarchen, ohne die ersten Menschen zu sein. 25 [247] Zu 1) die Verzweiflung und Unsicherheit in aller Form kommt an Zarathustra heran — er giebt die Erklärung. “Du bist ein Sklave” sagt er zum Könige, auch zum Philosophen. Wer soll der Erde Herr sein? Das ist der Refrain meiner praktischen Philosophie. Was ist da zu verwundern? Ihr habt den Sklaven zum Herrn gemacht. Refrain. “der kleinste Mensch“ “wo geschahen mehr Thorheiten als bei den Mitleidigen” sagt Zarathustra zum Weibe “Vaterland und Volk” — wie die Sprache irre führt! 25 [248] “Deutschland, Deutschland über Alles” — ist vielleicht die blödsinnigste Parole, die je gegeben worden ist. Warum überhaupt Deutschland — frage ich: wenn es nicht Etwas will, vertritt, darstellt, was mehr Werth hat, als irgend eine andere bisherige Macht vertritt! An sich nur ein großer Staat mehr, eine Albernheit mehr in der Welt. 25 [249] Letzte Rede: Hier der Hammer, der die Menschen überwindet ist der Mensch mißrathen? wohlan, erproben wirs, ob er diesen Hammer aushält! dies ist der große Mittag der Untergehende segnet sich er wahrsagt vom Untergang Zahlloser Einzelner und Rassen ich bin das fatum ich habe das Mitleiden überwunden — jauchzen des Künstlers beim Geschrei des Marmors. die Thiere und die Pflanzen ertragen diesen Gedanken (er wendet sich an seine Thiere) “Fort von mir!” — lachend geht er davon. Im letzten Theile wird Zarathustra immer fremder, ferner, stiller in seinen Reden. Endlich versinkt er in das tiefste Schweigen — 7 Tage lang. Während dem entsteht die Empörung, der stumme Druck bei den Jüngern. — ihre Loslösung, das Auseinanderfliehen, Gewitter und Sturm. Das Weib will ihn tödten, als seine letzten Jünger entschlossen sind, ihm ihr Nein zu sagen. 25 [250] Leo Gfrörer — “Gustav Adolf” Walter Rogge „parlament\<arische\> Grössen” 25 [251] Für das Princip „Deutschl\<and\> D\<eutschland\> über Alles” oder für das deutsche Reich sich zu begeistern, sind wir nicht dumm genug. 25 [252] Es hat nicht jeder das Recht, über jedes zu reden: ebenso wie nicht jedes in jede Hand genommen werden darf. Ich nenne \<das\> “die Maul- und Klauen-Seuche” 25 [253] Wie kann man nur dem Einzelnen Freiheit geben wollen gleich Luther in den höchsten Dingen! Zuletzt ist der Instinkt der Heerde stärker und sie fallen sofort wieder in die Knechtschaft (z. B. die Protestanten vor den erbärmlichsten kleinen Fürsten, — ein Bedientenvolk 25 [254] Die Werthschätzungen der Kirche sind die von Sklaven. Die tiefe Verlogenheit ist europäisch. Wer auf Europäer im großen Umfange wirken will, hat bisher die moral\<ische\> Tartüfferie nöthig gehabt (z. B. der erste Napoleon in seinen Proklamationen, neuerdings R. Wagner vermöge seiner Attitüden-Musik). Das “Wohl der Meisten” als Princip selbst bei Fürsten! 25 [255] Die Zukunft ist kaum in's Auge bisher gefaßt worden, außer bei den Römern. 25 [256] Im Orient erstarrten Völker unter der Herrschaft Eines Sittengesetzes. Europa lebendig geblieben unter der Herrschaft von 2 entgegengesetzten. Die Geschichte Europas seit der römischen Kaiserzeit ist ein Sklavenaufstand. 25 [257] Ohne Platonismus und Aristotelismus keine christliche Philosophie. 25 [258] Begriff des Mystikers: der an seinem eigenen Glück genug und zuviel hat und sich eine Sprache für sein Glück Sucht, — er möchte davon wegschenken! 25 [259] Man vergleiche die Wikinger zu Hause und in der Ferne: ehernes und goldenes Zeitalter, je nach dem Gesichtspunkt. Ebenso der große Mensch der Renaissance! Der Wurm des Gewissens ist eine Sache für den Pöbel, und eine wahre Verderbniß vornehmer Gesinnung. Jeder großgesinnte Mensch hat alle Verbrechen gethan; ob juristisch, das hängt mit der Milde und Schwäche der Zeit zusammen. Aber man denke an Luther usw. Und Christus — der die, welche ihn nicht liebten, in der Hölle braten ließ! Daß man viele schlimme Handlungen thut und aushält, emporgehalten durch Größe der Denkweise, welche sich nicht fürchtet vor der Verurtheilung des Rufes — eine ursprüngliche Festigkeit und Größe, abgesehen von angelernten Werthschätzungen. (Bei Rée fehlen alle ursprünglichen Menschen) Bismarck zu charakterisiren. Ebenso Napoleon — ein Wohlgefühl sonder Gleichen gieng durch Europa: das Genie soll Herr sein, der blödsinnige “Fürst” von ehedem erschien als Caricatur. — Nur die Dümmsten opponirten, oder die, welche den größten Nachtheil von ihm hatten (England) Man versteht große Menschen nicht: sie verzeihen sich jedes Verbrechen, aber keine Schwäche. Wie Viele bringen sie um! Jedes Genie — was für eine Wüstenei ist um ihn! Wer der Mensch “seines Verbrechens” wird, steht eben nicht erhaben genug über dem Urtheil. 25 [260] Der Weg der Freiheit ist hart. I Th\<eil\> 25 [261] Das hohe Individuum giebt sich alle die Rechte, welche der Staat sich erlaubt — zu tödten, zu vernichten, zu spioniren usw. Die Feigheit und das schlechte Gewissen der meisten Fürsten hat den Staat erfunden und die Phrase vom bien public. Der rechte Mann hat es immer als Mittel in seiner Hand benutzt, zu irgend einem Zwecke. Die Cultur ist nur in vornehmen Culturen entstanden — und bei Einsiedlern, welche um sich Alles niederbrannten mit Verachtung. 25 [262] Idealismus des Sclaven, der der Lügner ist: grösster Typus davon ein Papst! 25 [263] Der moderne Socialismus will die weltliche Nebenform des Jesuitismus schaffen: jeder absolutes Werkzeug. Aber der Zweck ist nicht aufgefunden bisher. Wozu! 25 [264] Die Nihilisten sollten sich nicht erniedrigen durch europäische Ziele: sie wollen nicht mehr Sklaven sein — 25 [265] Es hat nicht jeder das Recht zu jedem Problem z. B. Dühring, Luther — dafür Gedanken- und Preßfreiheit. — 25 [266] Es galt mir als Zeichen von „Armut am Geiste”, Schopenhauer und Hartmann in Einem Athem \<zu\> nennen. 25 [267] Krankheit und Gedrücktheit bringen eine Art von Irrsinn hervor: ebenso harte mechanische Arbeit. 25 [268] Der Bauer als die gemeinste Art von noblesse: weil er am meisten von sich abhängig ist. Bauernblut ist noch das beste Blut in Deutschland: z. B. Luther Niebuhr Bismarck Wo ist eine vornehme Familie, in deren Blut nicht venerische Ansteckung und Verderbniß ist? Bismarck ein Slave. Man sehe nur die Gesichter der Deutschen an (man begreift die Verwunderung Napoleons, als er den Dichter des Werther sah und einen Mann zu sehen bekam!): alles, was männliches überströmendes Blut in sich hatte, gieng in's Ausland: über die erbärmliche zurückbleibende Bevölkerung, das Bedienten-Seelen-Volk, gieng vom Ausland her eine Verbesserung, zumal durch Slavenblut. Der märkische Adel und der preußische Adel überhaupt (und der Bauer gewisser norddeutscher Gegenden) enthält gegenwärtig die männlichsten Naturen in Deutschland. Daß die männlichsten Männer herrschen, ist in der Ordnung. 25 [269] Wir sind ja keine albernen Keuschheits-Fasler: wenn man ein Weib braucht, wird man schon ein Weib finden, ohne darum Ehen zu brechen und Ehen zu gründen. 25 [270] Grundsatz: es giebt keinen Gott. Er ist so gut widerlegt, als irgend ein Ding. Man muß ins „Unbegreifliche” flüchten, um seine These durchzusetzen. Folglich ist es von jetzt ab Lüge oder Schwäche, an Gott zu glauben. Grundsatz: die männlichsten Männer sollen herrschen, und nicht die Halb-Weiber, die Priester und Gelehrten: — gegen die katholische Schwärmerei Comte’s Grundsatz: jenseits der Herrschenden, losgelöst von allen Banden, leben die höchsten Menschen: und in den Herrschenden haben sie ihre Werkzeuge. Krieger, Land-Bauern, Stadt-Industrie, am tiefsten die Händler. 25 [271] Der Bauer in Luther schrie über die Lüge des “höheren Menschen” an den er geglaubt hatte: “es giebt gar keine höheren Menschen” — schrie er. 25 [272] Bismarck wollte mit dem Parlament für den leitenden Staatsmann einen Blitzableiter schaffen, eine Kraft gegen die Krone und unter Umständen einen Hebel zur Pression auf das Ausland: — er hat da auch seinen Sünden- und Unfallsbock. 25 [273] Nach dem Grade der Unabhängigkeit von Ort und Zeit nimmt die noblesse zu. Menschen der höchsten Cultur, aus starken Leibern, stehen über allen Souveränen. 25 [274] Der zahme Mensch und der gezähmte Mensch — das ist die große Masse. 25 [275] Wer das Opfer Einer Leidenschaft ist, steht nicht hoch genug: er sollte ihr ent — — — 25 [276] Die Zukunft unserer Erziehungs-Anstalten der recht verstandene R. Wagner der recht verstandene Schopenhauer. Ihn ekelt an, was mich anekelt. 25 [277] Entschluß. Ich will reden, und nicht mehr Zarathustra 25 [278] Die Bösen, das sind mir namentlich die, welche als Könige usw. das falsche Bild des mächtigsten Menschen geben, auf Macht von Heeren, Beamten gestützt (selbst Genie’s ohne innere Vollendung wie Friedrich der Große und Napoleon), welche die Frage wozu? entstehen lassen. 25 [279] bien public ist das Sirenenlied: damit werden die niedrigen Instinkte geködert. 25 [280] Die noble Einfachheit des Spaniers, sein Stolz. 25 [281] Lob der Nihilisten: lieber vernichten und selber zu Grunde gehn! 25 [282] “Stil”. Nachahmung — als Talent des Juden. „Sich anpassen an Formen” — daher Schauspieler, daher Dichter wie Heine und Lipiner. 25 [283] Ehedem suchte man sein zukünftiges Heil auf Kosten seines gegenwärtigen. So lebt jeder Schaffende in Hinsicht auf sein Werk. Und die große Gesinnung will nun, daß in Hinsicht auf die Zukunft des Menschen ich auf Kosten gegenwärtigen Behagens lebe 25 [284] Das Lob des dévouement und héroisme zu verachten — aus Verachtung gegen die Lobenden des Mitleidens bin ich beinah hart geworden. 25 [285] Mein Haß gegen die großen Phrasen in Bezug auf mich. Wer könnte es mit seiner Phantasie erreichen, was ich alles mir bisher im Leben zugemuthet habe und welche Opfer ich gebracht habe, auch unter was für Widerständen ich meinen harten Gang weiter gegangen bin, eingerechnet, daß ich, was Länge und Stärke körperlicher Martern betrifft, vielleicht zu den erfahrensten Menschen gehöre. Und nun mich plötzlich wieder zu sehen in dem verkleinerten Aspekt durch die verkleinernden Augen von Verwandten Freunden, kurz von Jemanden , überschüttet von Verdächtigungen, ebenso wie von Vorwürfen der Schwäche, nebst Ermahnungen. — Und wer hätte auch nur das Recht mich zu ermuthigen! 25 [286] den Deutschen einen höheren Rang unter den Völkern geben — weil der Zarathustra deutsch geschrieben ist. — 25 [287] Egoismus! Aber noch Niemand hat gefragt: was für ein ego! Sondern jeder setzt unwillkürlich das ego jedem ego gleich. Das sind die Consequenzen der Sklaven-Theorie vom suffrage universel und der „Gleichheit”. 25 [288] Bei der Schönheit bleibt das Auge sehr an der Oberfläche. Aber es muß Schönheit noch in jedem inneren Vorgange des Leibes geben: alle seelische Schönheit ist nur ein Gleichniß, und etwas Oberflächliches gegen diese Menge von tiefen Harmonien. 25 [289] Meine Rede gegen die Bösen (welche den Sklaven schmeicheln –) die Weltverleumder die Guten (welche glauben, daß Wohlthun leicht sei und für Jedermann) (gegen die Pfaffenluft, auch die Pfarrhäuser-Luft 25 [290] Zeitalter der Versuche. Ich mache die große Probe: wer hält den Gedanken der ewigen Wiederkunft aus? — Wer zu vernichten ist mit dem Satz “es giebt keine Erlösung”, der soll aussterben. Ich will Kriege, bei denen die Lebensmuthigen die Anderen vertreiben: diese Frage soll alle Bande auflösen und die Weltmüden hinaustreiben — ihr sollt sie ausstoßen, mit jeder Verachtung überschütten, oder in Irrenhäuser sperren, sie zur Verzweiflung treiben usw. 25 [291] Man verstehe doch recht: die Nächstenliebe ist ein Recept für solche, welche schlimm gefahren sind in der Mischung der Eigenschaften. Ihre Verehrer wie Comte geben zu verstehen, daß sie sich satt haben. 25 [292] Man hat mit der grandiosen Paradoxie “der Gott am Kreuze” allen guten Geschmack in E\<uropa\> auf Jahrtausende verdorben: \<es\> ist ein schauerlicher Gedanke, ein Superlativ des Paradoxen. Ebenso wie die Hölle bei einem Gott der Liebe. Es kam da ein esprit barroco auf, gegen welchen das Heidenthum sich nicht mehr aufrecht halten konnte 25 [293] Daß wir wieder Homer empfinden, betrachte ich als den größten Sieg über das Christenthum und christliche Culturen: daß wir die christliche Verzärtelung, Verhäßlichung, Verdüsterung, Vergeistigung satt haben 25 [294] Man muß an der Kirche die Lüge empfinden, nicht nur die Unwahrheit: so weit die Aufklärung ins Volk treiben, daß die Priester alle mit schlechtem Gewissen Priester werden— — — ebenso muß man es mit dem Staate machen. Das ist Aufgabe der Aufklärung, den Fürsten und Staatsmännern ihr ganzes Gebahren zur absichtlichen Lüge zu machen, sie um das gute Gewissen zu bringen, und die unbewußte Tartüfferie aus dem Leibe des europäischen Menschen wieder herauszubringen. 25 [295] “Die Todesfurcht ist eine Europäer-Art von Furcht.” orientalisch. 25 [296] Die neue Aufklärung. Gegen die Kirchen und Priester gegen die Staatsmänner gegen die Gutmüthigen Mitleidigen gegen die Gebildeten und den Luxus in summa gegen die Tartüfferie. gleich Macchavell. 25 [297] Socrates: der gemeine Mensch: schlau: durch klaren Verstand und starken Willen Herr über sich werdend: Humor des Siegreichen: im Verkehr mit Vornehmen immer merkend, daß sie nicht sagen können warum (es gehört zur Vornehmheit, daß die Tugend ohne Warum? geübt wird –) Vorher die Wissenschaft bei lauter vornehmen Männern! In der Beurtheilung seines Todes: eine Art Falschheit, weil er seinen Willen zum Tode verbirgt: sodann bringt er eine Schmach über sein Vaterland. Doch mehr Egoist als Patriot. Die Dialektik ist plebejisch ihrer Herkunft nach: der Fanatismus Plato's der einer poetischen Natur für ihr Gegenstück. Zugleich merkt er, als agonale Natur, daß hier das Mittel zum Siege gegeben ist gegen alle Mitkämpfer, und daß die Fähigkeit selten ist. 25 [298] Vom Range. Die schreckliche Consequenz der „Gleichheit” — schließlich glaubt jeder das Recht zu haben zu jedem Problem. Es ist alle Rangordnung verloren gegangen. 25 [299] Unsere Voraussetzungen: kein Gott: keine Zwecke: endliche Kraft. Wir wollen uns hüten, den Niedrigen die ihnen nöthige Denkweise auszudenken und vorzuschreiben!! 25 [300] Sinn der Religion: die Mißrathenen und Unglücklichen sollen erhalten werden, und durch Verbesserung der Stimmung (Hoffnung und Furcht) vom Selbstmord abgehalten werden. Oder bei den Vornehmen: ein Überschuß von Dank und Erhebung, welcher zu groß ist, als daß er einem Menschen dargebracht werden könnte 25 [301] Ausbruch meines Ekels gegen die Unverschämtheit, mit der selbst Gänse sich das Recht geben, über “Gut” und “Bös” bei den großen Menschen zu reden. 25 [302] Bauernjungen, zu Priestern gemacht, nach dem Kloster riechend 25 [303] die deutsche Philosophie, welche nach dem Tübinger Stift riecht 25 [304] “Nichts ist wahr, alles ist erlaubt”. 25 [305] Zarathustra “ich nahm euch Alles, den Gott, die Pflicht, — nun müßt ihr die größte Probe einer edlen Art geben. Denn hier ist die Bahn den Ruchlosen offen — seht hin! — das Ringen um die Herrschaft, am Schluß die Heerde mehr Heerde und der Tyrann mehr Tyrann als je. — kein Geheimbund! Die Folgen meiner Lehre müssen fürchterlich wüthen: aber es sollen an ihr Unzählige zu Grunde gehen. — wir machen einen Versuch mit der Wahrheit! Vielleicht geht die Menschheit dran zu Grunde! Wohlan! 25 [306] I Theil. Der Berg zuletzt umdampft von Trübsal und Noth alle Arten Unmögliche flüchten zu ihm — ein Heer von Narren um mich! — Von der Sclaven-Religion — vom Range. — die Gottlosen, aus Ehrlichkeit kommen zu ihm 25 [307] Grundsatz. Alle bisherigen Werthschätzungen sind aus falschem vermeintlichem Wissen um die Dinge entsprungen: — sie verpflichten nicht mehr, und selbst wenn sie als Gefühl, instinktiv (als Gewissen) arbeiten. Grundsatz. Anstatt des Glaubens, der uns nicht mehr möglich ist, stellen wir einen starken Willen über uns, der eine vorläufige Reihe von Grundschätzungen festhält, als heuristisches Princip: um zu sehn, wie weit man damit kommt. Gleich dem Schiffer auf unbekanntem Meere. In Wahrheit war auch all jener “Glauben” nichts Anderes: nur war ehemals die Zucht des Geistes zu gering, um unsere großartige Vorsicht aushalten zu können. Grundsatz. Die Tapferkeit von Kopf und Herz ist, was uns europäische Menschen auszeichnet: erworben im Ringen von vielen Meinungen. Größte Geschmeidigkeit, im Kampfe mit spitzfindig gewordenen Religionen, und eine herbe Strenge, ja Grausamkeit. Vivisection ist eine Probe: wer sie nicht aushält, gehört nicht zu uns (und gewöhnlich giebt es auch sonst Zeichen, daß er nicht zu uns gehört z. B. Zöllner.) Grundsatz. Die Mathematik enthält Beschreibungen (Definitionen) und Folgerungen aus Definitionen. Ihre Gegenstände existiren nicht. Die Wahrheit ihrer Folgerungen beruht auf der Richtigkeit des logischen Denkens. — Wenn die Mathematik angewendet wird, so geschieht dasselbe, wie bei den „Mittel- und Zweck”-Erklärungen: es wird das Wirkliche erst zu recht gemacht und vereinfacht (gefälscht — —) Grundsatz. Das am meisten von uns Geglaubte, alles a priori ist darum nicht gewisser, daß es so stark geglaubt wird. Sondern es ergiebt sich vielleicht als eine Existenz-Bedingung unserer Gattung — irgend eine Grund-Annahme. Deshalb könnten andere Wesen andere Grundannahmen machen z. B. 4 Dimensionen. Deshalb könnten immer noch all diese Annahmen falsch sein — oder vielmehr: in wie fern könnte irgend Etwas “an sich wahr” sein! Dies ist der Grund-Unsinn! Grundsatz. Es gehört zur erlangten Männlichkeit, daß wir uns nicht über unsere menschliche Stellung betrügen: wir wollen vielmehr unser Maaß streng durchführen und das größte Maaß von Macht über die Dinge anstreben. Einsehen, daß die Gefahr ungeheuer ist: das der Zufall bisher geherrscht hat — Grundsatz. Die Aufgabe der Erdregierung kommt. Und damit die Frage: wie wir die Zukunft der Menschheit wollen! — Neue Werthtafeln nöthig. Und Kampf gegen die Vertreter der alten „ewigen” Werthe als höchste Angelegenheit! Grundsatz. Aber woher nehmen wir unseren Imperativ? Es ist kein “du sollst”, sondern das „ich muß” des Übermächtigen, Schaffenden. 25 [308] Die Philosophen haben gesucht, die Welt in 1) Bilder (Erscheinungen) oder 2) Begriffe aufzulösen oder in 3) Willen — kurz in irgend Etwas uns am Menschen Bekanntes — oder sie der Seele gleichzusetzen (als “Gott”) Das Volk hat “Ursache und Wirkung” von dem als bekannt geltenden Verhältniß des menschlichen Handelns in die Natur gelegt. „Freiheit des Willens” ist die Theorie zu einem Gefühl. Eine Sache, deren subjektive Herkunft erkannt ist, ist damit noch nicht bewiesen als „nichtseiend”, z.B. Raum, Zeit usw. Die Wissenschaft der Mathematik löst die Welt in Formeln auf. Das heißt, sie — — — Man muß dagegen festhalten, was Begriffe und Formeln nur sein können: Mittel der Verständlichung und Berechenbarkeit, die praktische Anwendbarkeit ist Ziel: daß der Mensch sich der Natur bedienen könne, die vernünftige Grenze. Wissenschaft: die Bemächtigung der Natur zu Zwecken des Menschen — — das Überschüssige Phantasiren bei Metaphysikern Mathematikern abschneiden: obwohl es nothwendig ist, als ein Experimentiren darauf hin, was vielleicht zufällig dabei erwischt wird. Die größte Masse geistiger Arbeit in der Wissenschaft verschwendet — auch hier noch waltet das Princip der größtmöglichen Dummheit. Grundsatz bei der Erklärung aller menschlichen Geschichte: die Anstrengungen sind unendlich viel größer als der Ertrag. 25 [309] Grundsatz: wie die Natur sein: zahllose Wesen zum Opfer bringen können, um Etwas mit der Menschheit zu erreichen. Man muß studiren, wie thatsächlich irgend ein großer Mensch zu Stande gebracht worden ist. Alle bisherige Ethik ist grenzenlos beschränkt und lokal: blind und verlogen gegen die wirklichen Gesetze außerdem noch. Sie war da, nicht zur Erklärung, sondern zur Verhinderung gewisser Handlungen: geschweige denn zur Erzeugung Wissenschaft ist eine gefährliche Sache: und bevor wir nicht ihrethalben verfolgt werden, ist es Nichts mit ihrer „Würde.” Oder gar wenn man in die Volksschule Wissenschaft trägt: und jetzt gar die Mädchen und die Gänse anfangen, wissenschaftlich zu schnattern; das liegt daran, daß sie immer mit moralischer Tartüfferie betrieben wurde. Damit will ich ein Ende machen. Alle Voraussetzungen der bestehenden „Ordnung” widerlegt. Gott widerlegt: weil alles Geschehen weder gütig noch klug noch wahr ist; weil “gut” und „böse” keine Gegensätze sind und die moralischen Werthe sich verwandeln weil “wahr” und „falsch” beide nöthig sind — Täuschenwollen wie Sich-täuschen-lassen eine Voraussetzung des Lebendigen ist “unegoistisch” gar nicht möglich. „Liebe” falsch verstanden. „Gebet” gleichgültig; “Ergebung” gefährlich. 25 [310] Daß unsere Sinnesorgane selber nur Erscheinungen und Folgen unserer Sinne sind und unsere leibliche Organisation eine Folge unserer Organisation, scheint mir etwas Widerspruchsvolles oder mindestens ganz unbeweisbares. Daß tartarus stibiatus mich erbrechen macht, hat mit allen „Erscheinungen” und “Meinungen” nichts zu thun. Die Photographie ist ein genügender Gegenbeweis gegen die gröblichste Form des “Idealismus”. 25 [311] Woher der Sinn für Wahrheit? Erstens: wir fürchten uns nicht, abzuweichen 2) er vermehrt unser Machtgefühl, auch gegen uns selber. 25 [312] die Welt “vermenschlichen” d. h. immer mehr uns in ihr als Herren fühlen — 25 [313] Fühlen, Begreifen, Wollen wären in Bezug auf die unsäglich kleine Bewegtheit der Atome gar nicht möglich, wenn nicht zu ihrem Wesen gehörten, das Zusammennehmen, Vergröbern, Verlängern, Gleichansetzen. Das Bild und der Begriff entsteht, indem eine produktive Kraft einige gegebene Reize gestaltet: eine “Erscheinung” macht 25 [314] In der Mathematik giebt es kein Begreifen, sondern nur ein Feststellen von Nothwendigkeiten: von Verhältnissen “welche nicht wechseln” von Gesetzen im Sein. Eine mechanische Weltanschauung d.h. eine solche, bei der zuletzt auf ein Begreifen verzichtet wird, wir “begreifen” nur, wo wir Motive verstehen. Wo es keine Motive giebt, da hört das Begreifen auf. Meine Absicht in Betreff auch der zweckmäßigsten Handlungen ist zu zeigen, daß unser “Begreifen” auch da ein Schein und Irrthum ist. 25 [315] Capitel: über das “Begreifen” von Handlungen. 25 [316] Das Ideal ist, das complicirteste aller Maschinenwesen construiren, entstanden durch die dümmste aller möglichen Methoden. 25 [317] Vor dem Kunstwerk kann man sich gehn lassen. Vor dem großen Menschen nicht! Daher die Pflege der Künste bei den Unterworfenen, die sich eine Welt der Freiheit schaffen — die Künstler sind meistens solche, welche nicht Herrscher sind. Die Herrscher lieben die Kunst, weil sie Abbilder von sich wollen. 25 [318] Lange p 822 “eine Wirklichkeit, wie der Mensch sie sich einbildet, und wie er sie ersehnt, wenn diese Einbildung erschüttert wird: ein absolut festes, von uns unabhängiges und doch von uns erkanntes Dasein — eine solche Wirklichkeit giebt es nicht.” Wir sind thätig darin: aber das giebt dem Lange keinen Stolz! nichts trügerisches, wandelndes, abhängiges, unerkennbares also wünscht er sich — das sind Instinkte geängstigter Wesen und solcher, die noch moralisch beherrscht sind: sie ersehnen einen absoluten Herrn, etwas Liebevolles Wahrheit-Redendes — kurz diese Sehnsucht der Idealisten ist moralisch-religiös vom Sklavengesichtspunkte aus. Umgekehrt könnte unser Künstler-Hoheits-Recht darin schwelgen, diese Welt geschaffen zu haben “subjektiv nur”, aber ich empfinde umgekehrt: wir haben's geschaffen! 25 [319] Formend — das ist der Trieb des Sittlichen: Typen zu bilden: dazu sind Gegensätze der Schätzung nöthig. Formen sehen oder ausrechnen ist unser größtes Glück — es ist auch unsere längste Übung. 25 [320] In allen ästhetischen Urtheilen stecken sittliche. P\<eter\> G\<ast\> ist zu gutmüthig, um Ein Wollen seinem Satze aufzuprägen, er giebt nach. 25 [321] Der große Stil besteht in der Verachtung der kleinen und kurzen Schönheit, ist ein Sinn für Weniges und Langes. 25 [322] Zarathustra wartend Anzeichen der größten Verwirrung. “Nichts ist wahr, Alles ist erlaubt” Er verkündet seine E\<wige\> W\<iederkunft\>. Unwille, Klage — bis zum Attentat. Zarathustra lacht, ist glücklich, denn er bringt die große Krisis die Weltmüden ziehn davon, die Schaar wird kleiner. Ihr theilt er seine Lehre mit, um zum Übermenschen den Weg zu finden und doch guter Dinge zusein Heiter wie im Feldlager. Festzüge usw. 25 [323] Die ewige Wiederkunft. Mittag und Ewigkeit. Es ist Zeit! Der grosse Mittag. Die Gelobenden. Wahrsagung von der ewigen Wiederkunft 25 [324] Sehen und Hören setzt voraus ein Sehen-lernen, Hören-lernen ganz bestimmter Formen. 25 [325] Daß in der morphologischen Kette der Thiere das Nervensystem und später das Gehirn sich entwickelt: giebt einen Anhaltepunkt — es entwickelt sich das Fühlen, wie sich später das Bilder-schaffen und Denken entwickelt. Ob wir es schon noch nicht begreifen: aber wir sehen, daß es so ist. Wir finden es unwahrscheinlich, Lust und Schmerz schon in alles Organische zu versetzen: und es ist immer noch auch beim Menschen der Reiz eine Stufe, wo beides nicht da ist. 25 [326] Wir sind mißtrauisch, vom “Denkenden” “Wollenden” Fühlenden in uns auszugehen. Das ist ein Ende und jedenfalls das Verwickeltste und Schwerst-Verständliche. 25 [327] Die Entstehung der subjektiven Raum- Zeit- Kraft-Causalitäts- Freiheitsempfindung, gesetzt sie sei erkannt: ebenso die Entstehung des Bildes (d. h. von Formen Gestalten), der Begriffe (d. h. Erinnerungszeichen für ganze Gruppen von Bildern mit Hülfe von Lauten): alle diese subjektiven Erscheinungen machen keinen Zweifel an der objektiven Wahrheit von den logischen mathematischen mechanischen chemischen Gesetzen. Eine andere Sache ist unsere Fähigkeit, uns auszudrücken über diese Gesetze: wir müssen uns der Sprache bedienen. 25 [328] Die Sprache vollerer Naturen finden — ihr Bild der Welt wiederstrahlen — 25 [329] Den Charakter zu einer Denkweise finden, wie meine ist: mechanisch, der Zufall, die Lust an schönen Gebilden, am Zerbrechen (weil es Werden ist) kluges Benützen, den Zufall ausbeuten, unverantwortlich, tapfer, ohne Steifigkeit 25 [330] Mittheilung von Zuständen — da reicht die Prosa lange nicht aus — die Wissenschaft aber kann nur den wissenschaftlichen Zustand mittheilen und soll nichts Anderes!! Von der Vielheit der Sprache (durch Bilder Töne) als Mittel des volleren Menschen, sich mitzutheilen. 25 [331] Zarathustra nachdem seine jünger erschreckt sich abgewendet haben und er lachend Übermenschlich-sicher seine Mission ausgedrückt hat: — — mit tiefster Zärtlichkeit sie zu sich rufend, gleichsam zurückkehrend aus der höchsten Entfremdung und Ferne: väterlich. 25 [332] Zusammenhang des Aesthetischen und Sittlichen: der große Stil will Einen starken Grundwillen und verabscheut am meisten die Zerfahrenheit. Der Tanz und eine leichte Entwicklung aus einer Phase in die andere ist äußerst gefährlich — ein Schwertertanz. Denn die grobe Consequenz und Hartnäckigkeit geben dem Individuum sonst die Dauerhaftigkeit. Am schwersten vereinigt: Ein Wille, Stärke des Grundgefühls und Wandel der Bewegungen (Verwandlungen) 25 [333] Alles Organische, das “urtheilt”, handelt wie der Künstler: es schafft aus einzelnen Anregungen Reizen ein Ganzes, es läßt Vieles Einzelne bei Seite und schafft eine simplificatio, es setzt gleich und bejaht sein Geschöpf als seiend. Das Logische ist der Trieb selber, welcher macht, daß die Welt logisch, unserem Urtheilen gemäß verläuft. Das Schöpferische — 1) Aneignende 2) Auswählende 3) Umbildende Element — 4) das Selbst-Regulirende Element — 5) das Ausscheidende. 25 [334] Es giebt durch viele Generationen von Arten hindurch eine Nothwendigkeit, die schon im ersten Keim liegt: gesetzt daß die Bedingungen der Ernährung sich günstig hinzufinden, ist das organische Geschöpf für alle seine Zukunft bedingt: der Zeitpunkt des Eintretens der einzelnen neuen Formen (z. B. Nerven) hängt von den Zufällen der Ernährung ab. NB. Steigerung des Lebens nach der Dauer der Gestirne. 25 [335] Der große Mensch fühlt seine Macht über ein Volk, sein zeitweiliges Zusammenfallen mit einem Volke oder einem Jahrtausende: diese Vergrößerung im Gefühl von sich als causa und voluntas wird mißverstanden als “Altruismus” — — es drängt ihn nach Mitteln der Mittheilung: alle großen Menschen sind erfinderisch in solchen Mitteln. Sie wollen sich hineingestalten in große Gemeinden, sie wollen Eine Form dem Vielartigen, Ungeordneten geben, es reizt sie das Chaos zu sehn — Mißverständniß der Liebe. Es giebt eine sklavische Liebe welche sich unterwirft und weggiebt: welche idealisirt und sich täuscht — es giebt eine göttliche Liebe, welche verachtet und liebt und das geliebte umschafft, hinauf trägt. — — jene ungeheure Energie der Größe zu gewinnen, um, durch Züchtung und anderseits durch Vernichtung von Millionen Mißrathener, den zukünftigen Menschen zu gestalten und nicht zu Grunde zu gehen an dem Leid, das man schafft, und dessen Gleichen noch nie da war! — — Gesinnung der Mißrathenen, sich zu opfern: das der Sinn der Orden, welche sich Keuschheit geloben. — der Genuß an Formen in den bildenden Künsten: sie theilen einen Zustand des Künstlers mit (ruhig-verehrend). Der Musiker ist von den Affekten bewegt, ohne daß er Objekte dazu sieht — und theilt seinen Zustand mit. Viel umfänglicher als die Zustände des Malers. 25 [336] Zur Psychologie. Jedes “ethische” Gefühl, das uns zum Bewußtsein kommt, wird vereinfacht, je mehr es bewußt wird d. h. es nähert sich dem Begriff an. An sich ist es vielfach, ein Zusammenklingen vieler Töne. Die “innere” Welt ist unfaßbarer als die äußere: das Miterklingen vieler Obertöne läßt sich durch die Musik deutlich machen, die ein Abbild giebt. Damit in einer mechanischen Weltordnung etwas gewußt werden kann, muß ein Perspectiv-Apparat da sein, der 1) ein gewisses Stillestehen 2) ein Vereinfachen 3) ein Auswählen und Weglassen möglich macht. Das Organische ist eine Vorrichtung, an welcher sich Bewußtsein entwickeln kann, weil es selber zu seiner Erhaltung dieselben Vorbedingungen nöthig hat. Die innere Welt muß in Schein verwandelt werden, um bewußt zu werden: viele Erregungen als Einheit empfunden usw. Vermöge welcher Kraft hören wir einen Akkord als Einheit und noch dazu die Art des Instrumentklanges, seine Stärke, sein Verhältniß zum Eben-Gehörten usw.?? Die ähnliche Kraft bringt jedes Bild des Auges zusammen. Unsere fortwährende Einübung von Formen, erfindend, vermehrend, wiederholend: Formen des Sehens, Hörens und Tastens. Alle diese Formen, welche wir sehen, hören, fühlen usw. sind nicht vorhanden in der Außenwelt, welche wir mathematisch-mechanisch feststellen. Meine Vermuthung, daß alle Eigenschaften des Organischen selber uns deshalb aus mechanischen Gründen unableitbar sind, weil wir selber erst antimechanische Vorgänge hineingesehen haben: wir haben das Unableitbare erst hineingelegt. Vorsicht, das sehr Complicirte nicht als etwas Neues zu behandeln. 25 [337] Für einen vollen und rechtwinkligen M\<enschen\> ist eine so bedingte und verklausulirte Welt, wie die Kants, ein Greuel. Wir haben ein Bedürfniß nach einer groben Wahrheit; und wenn es diese nicht giebt, nun, so lieben wir das Abenteuer und gehen aufs Meer — zu beweisen, daß die Consequenzen der Wissenschaft gefährlich sind, meine Aufgabe. “Es ist vorbei mit gut” und “böse” —” — im Zeitalter des suffrage universel ist der Ton der Unehrerbietigkeit am höchsten, mit der jetzt der Philosoph behandelt wird: alle Gänse schnattern ja bereits mit! — man lese z. B. das philosophische Geschnatter der George Sand oder der Frau John Stuart Mill. Nun, ich ziehe vor, seine Stellung gehaßt und gefährlich zu machen: man soll ihm fluchen, wenn man ihn nicht anders zu ehren weiß! —der Kampf mit der Sprache. 25 [338] Es wird erzählt \<daß\> der berühmte Stifter des Christenthums vor Pilatus sagte „ich bin die Wahrheit”; die Antwort des Römers darauf ist Roms würdig: als die größte Urbanität aller Zeiten. 25 [339] “Gott” im Alterthum anders empfunden, ganz und gar ohne den monotheistisch-moralischen Beigeschmack. — Priap in den Gärten, als Vogelscheuche. Ein Hirt dankbar für die Fruchtbarkeit der Heerde z. B. Die Masse Dankbarkeit in der griechischen Religion. Später, im Pöbel, überwuchert die Furcht: Epicur und Lucrez. 25 [340] Grundsatz. Wenn es sich um bien public handelte, so wäre der Jesuitism im Recht, ebenso das Assassinenthum; ebenso das Chinesenthum. 25 [341] Grundsatz. Mit allen Kräften die stillstehenden ewigen Werthschätzungen umwerfen! Große Aufgabe. 25 [342] Die Revolution, Verwirrung und Noth der Völker ist das Geringere in meiner Betrachtung, gegen die Noth der großen Einzelnen in ihrer Entwicklung. Man muß sich nicht täuschen lassen: die vielen Nöthe aller dieser Kleinen bilden zusammen keine Summe, außer im Gefühle von mächtigen Menschen. An sich denken, in Augenblicken großer Gefahr: seinen Nutzen ziehen aus dem Nachtheile Vieler: — das kann bei einem sehr hohen Grade von Abweichung ein Zeichen großen Charakters sein, der über seine mitleidigen und gerechten Empfindungen Herr wird. 25 [343] Wenn ein inferiorer Mensch seine alberne Existenz, sein viehisch-dummes Glück als Ziel faßt, so indignirt er den Betrachter; und wenn er gar andere Menschen zum Zweck seines Wohlbefindens unterdrückt und aussaugt, so sollte man so eine giftige Fliege todtschlagen. Der Werth eines Menschen soll beweisen, was für Rechte er sich nehmen darf: die “Gleichstellung” geschieht aus Mißachtung der höheren Naturen und ist ein Verbrechen an ihnen. Dadurch, daß ein Mensch die Förderung einer Familie, eines Volkes usw. auf sich nimmt, gewinnt er an Bedeutung, vorausgesetzt, daß seine Kraft es ihm erlaubt, sich eine solche Aufgabe zu setzen. Ein Mensch, der nichts hat, als viehische Begierden im Leibe, sollte nicht das Recht zur Heirath haben. Die Rechte, die ein Mensch sich nimmt, stehn im Verhältniß zu den Pflichten, die er sich stellt, zu den Aufgaben, denen er sich gewachsen fühlt. Die allermeisten Menschen sind ohne Recht zum Dasein, sondern ein Unglück für die höheren: ich gebe den Mißrathenen noch nicht das Recht. Es giebt auch mißrathene Völker. Die alberne „Humanität”! Gegen die Thiere gerechnet, mag sich der Mensch als Mensch bei „Seines-Gleichen” fühlen. Aber als Mensch vor Menschen — 25 [344] Die Entartung der Herrscher und der herrschenden Stände hat den größten Unfug in der Geschichte gestiftet! Ohne die römischen Cäsaren und die römische Gesellschaft wäre der Wahnsinn des Christenthums nicht zur Herrschaft gekommen. Wenn die geringeren Menschen der Zweifel anfällt, ob es höhere Menschen giebt, da ist die Gefahr groß! Und man endet zu entdecken, daß es auch bei den geringen, unterworfenen, geistesarmen Menschen Tugenden giebt und daß vor Gott die Menschen gleich stehn: was das non plus ultra des Blödsinns bisher auf Erden gewesen ist! Nämlich die höheren Menschen maßen sich selber schließlich nach dem Tugend-Maaßstab der Sklaven — fanden sich „stolz” usw. — fanden alle ihre höheren Eigenschaften als verwerflich! — als Nero und Caracalla oben saß, entstand die Paradoxie: der niedrigste Mensch ist mehr werth als der da oben! Und ein Bild Gottes brach sich Bahn, welches möglichst entfernt war vom Bilde der Mächtigsten — der Gott am Kreuze! — die Römer haben bisher das größte Unglück Europas verschuldet, das Volk der Unmäßigkeit — — sie haben Extreme zur Herrschaft gebracht und extreme Paradoxien, wie den “Gott am Kreuze” — man muß erst die Unterscheidung lernen: für die Griechen, wider die Römer — das heiße ich antike Bildung 25 [345] Ursachen des Pessimismus die Sklaven-Moral im Vordergrund „Gleichheit” die gemeinsten Menschen haben alle „Vortheile” für sich die Entartung der Herrscher und herrschenden Stände die Nachwirkung der Priester und Weltverleumder. die Mitleidigen und Empfindelnden: Absenz der Härte, - die Schonung der Mißrathenen die Ziellosigkeit, weil der große Mensch fehlt, dessen Anblick schon das Dasein rechtfertigt. die falschen Ideale, vom Einen Gott her, “vor Gott Alle Sünder” die armen dürren Geister, feige dazu 25 [346] Man muß den Stolz des Unglücks lernen — 25 [347] Seneca als eine Culmination der antiken moralischen Verlogenheit — ein würdevoller Spanier, wie Grazian 25 [348] Die Wurzel alles üblen: daß sklavische Moral gesiegt hat, der Sieg der Demuth, der Keuschheit, absoluten Gehorsams, Selbstlosigkeit — — die herrschenden Naturen wurden dadurch 1) zur Heuchelei 2) zur Gewissensqual verurtheilt — die schaffenden Naturen fühlten sich als Aufrührer gegen Gott, unsicher, und gehemmt durch die ewigen Werthe — die Barbaren zeigten, daß Maaßhalten-können bei ihnen nicht zu Hause war: sie fürchteten und verlästerten die Leidenschaften und Triebe der Natur: — ebenso der Anblick der herrschenden Cäsaren und Stände. — es entstand anderseits der Verdacht, daß alle Mäßigung eine Schwäche sei oder Alt- und Müdewerden (so hat La Rochefoucauld den Verdacht, daß “Tugend” ein schönes Wort sei bei solchen, welchen das Laster keine Lust mehr mache) — das Maaßhalten selber war als Sache der Härte, Selbstbezwingung, Askese geschildert, als Kampf mit dem Teufel usw. das natürliche Wohlgefallen der aesthetischen Natur am Maaße der Genuß am Schönen des Maaßes war übersehen oder verleugnet, weil man eine antieudämonistische Moral wollte In summa: die besten Dinge sind verlästert worden (weil die Schwachen oder die unmäßigen Schweine ein schlechtes Licht darauf warfen) — und die besten Menschen sind verborgen geblieben und haben sich oft selber verkannt. 25 [349] Die Ausrottung der “Triebe” die Tugenden, die unmöglich sind oder die Tugenden, welche bei Sclaven, von Priestern beherrscht, am schätzenswerthesten sind die verfaulten herrschenden Stände haben das Bild des Herrschenden verdorben der “Staat”, als Gericht übend, ist eine Feigheit, weil der große Mensch fehlt, an dem gemessen werden kann. — zuletzt wird die Unsicherheit so groß, daß die Menschen schon vor jeder Willenskraft, die befiehlt, in den Staub fallen NB. Hohn über die Könige mit den Tugenden kleiner Bürgersleute 25 [350] Man redet so dumm vom Stolze — und das Christenthum hat ihn gar als sündlich empfinden machen! Die Sache ist: wer Großes von sich verlangt und erlangt, der muß sich von denen sehr fern fühlen, welche dies nicht thun — diese Distanz wird von diesen Anderen gedeutet als “Meinung über sich”: aber Jener kennt sie nur als fortwährende Arbeit, Krieg, Sieg, bei Tag und Nacht: von dem Allen wissen die Anderen nichts! 25 [351] Die Lehre mhden agan wendet sich an Menschen mit überströmender Kraft — nicht an die Mittelmäßigen. Die egcrateia und aschsiz ist nur eine Stufe der Höhe: höher steht die “goldene Natur”. “Du sollst” — unbedingter Gehorsam bei Stoikern, in den Orden des Christenthums und der Araber, in der Philosophie Kant's (es ist gleichgültig, ob einem Oberen oder einem Begriff). Höher als “du sollst” steht “ich will” (die Heroen); höher als “ich will” steht “ich bin” (die Götter der Griechen) Die barbarischen Götter drücken nichts von der Lust am Maaße aus — sind weder einfach, noch leicht, noch maaßvoll. 25 [352] Zu Zarathustra: “die Goldenen” als höchste Stufe. 25 [353] NB. Die Schlichtheit im Leben, Kleiden, Wohnen, Essen, zugleich als Zeichen des höchsten Geschmacks: die höchsten Naturen bedürfen des Besten, daher ihre Schlichtheit! Die üppigen bequemen Menschen, ebenso die prunkvollen sind lange nicht so unabhängig: sie haben an sich selber auch keine so ausreichende Gesellschaft. In wie fern der stoische Weise und noch mehr der Mönch ein Exceß ist, eine barbarische Übertreibung — 25 [354] — die Fürsten sind unter allen Umständen Menschen zweiten Ranges: die ganz hohen Menschen herrschen über Jahrtausende und können sich nicht für die gegenwärtigen Dinge so interessiren. Die Fürsten sind ihre Werkzeuge oder schlaue Hunde, welche sich als Werkzeuge stellen. Über dem Bilde des Fürsten (als Werkzeug des Weisen) das Bild des höchsten Weisen zu zeigen. 25 [355] Rangordnung: der die Werthe bestimmt und den Willen von Jahrtausenden lenkt, dadurch daß er die höchsten Naturen lenkt, ist der höchste Mensch. 25 [356] Das, was gemeinhin dem Geiste zugewiesen wird, scheint mir das Wesen des Organischen auszumachen: und in den höchsten Funktionen des Geistes finde ich nur eine sublime Art der organischen Funktion (Assimilation Auswahl Secretion usw.) Aber der Gegensatz “organisch” “unorganisch!”' gehört ja in die Erscheinungswelt! 25 [357] Die großen geistigen Thätigkeiten krankhaft als Beherrschtsein von Einem Gedanken; Mangel von Spontaneität — eine Art Hypnotismus. Sie entnerven und machen willensschwach unter anderen Umständen. Ob bei dem Gehorsam nicht oft so etwas ist wie Hypnotismus? 25 [358] NB. Grundsatz: jedes Erlebniß, in seine Ursprünge zurückverfolgt, setzt die ganze Vergangenheit der Welt voraus. — Ein factum gut heißen, heißt Alles billigen! Aber indem man Alles billigt, billigt man auch alle vorhandenen und gewesenen Billigungen — und Verwerfungen! 25 [359] Der größte Theil unserer Erlebnisse ist ungewußt und wirkt. 25 [360] Die Herrschaft über sich ist das Gleichgewicht vieler aufgehäuften Erinnerungen und Motive — eine Art Frieden unter feindlichen Kräften. voluntas ist ein zuletzt mechanisches unbedingtes Übergewicht, ein Sieg, der ins Bewußtsein tritt. 25 [361] Die Einübung des Auges in Formen: muthmaaßlich auch des Ohres und Getastes. Ebenso zeigt uns der Traum, wie sehr wir andere Personen sein könnten — wir machen es sehr gut nach. 25 [362] Die schöpferische Kraft — nachbildend, bildend, formend, sich übend — der von uns repräsentirte Typus ist eine unserer Möglichkeiten — wir könnten viele Personen noch darstellen — wir haben das Material dazu in uns. – Unsre Art Leben und Treiben als eine Rolle zu betrachten eingerechnet die Maximen und Grundsätze — — — wir suchen einen Typus darzustellen, instinktiv — wir wählen aus unserem Gedächtniß aus, wir verbinden und combiniren die facta des Gedächtnisses. 25 [363] Der Einzelne enthält viel mehr Personen, als er glaubt. “Person” ist nur eine Betonung, Zusammenfassung von Zügen und Qualitäten. 25 [364] Das Mißverständniß der Handlung, durch falsche untergeschobene Motive. 25 [365] NB. In wie fern unser bewußtes Leben durch und durch falsch und ein Schleier ist. 25 [366] Lügen, um zu lügen, ist der primitive Hang: in allen pöbelhaften Zeitaltern. Herrschen, um zu herrschen, und nicht, wie Helvétius meint, um die Genüsse zu haben. 25 [367] — allgemeiner Mangel an Kenntniß der Natur 25 [368] Der Philosoph weiß nicht, welche Motive ihn zum Forschen drängen. 25 [369] Von der Oberflächlichkeit des Bewusstseins 25 [370] Pessimismus des 19ten Jahrhunderts als Folge der Pöbel-Herrschaft. Le plaisir im 18ten Jahrhundert. 25 [371] Ursache und Wirkung ist keine Wahrheit, sondern eine Hypothese — und zwar eine solche, mit der wir die Welt uns vermenschlichen, unserem Gefühle näher bringen (“Willen” wird hineinempfunden) — mit der atomistischen Hypothese machen wir die Welt unserem Auge und unserer Berechnung zugleich zugänglich — es ist das Maaß des wissenschaftlich starken Geistes, wie sehr er aushält, den Wahn absoluter Urtheile und Schätzungen abzuweisen oder noch nöthig zu haben. Nämlich nicht unsicher werden! Und eine solche Hypothese mit einem zähen Willen festhalten und dafür leben! 25 [372] Man hat immer die Hauptsache vergessen: warum will denn der Philosoph erkennen? Warum schätzt er die “Wahrheit” höher als den Schein? Diese Schätzung ist älter als jedes cogito, ergo sum: selbst den logischen Prozeß vorausgesetzt, giebt es etwas in uns, welches ihn bejaht und sein Gegentheil verneint. Woher der Vorzug? Alle Philosophen haben vergessen zu erklären, warum sie das Wahre und das Gute schätzen, und Niemand hat versucht, es mit dem Gegentheil zu versuchen. Antwort: das Wahre ist nützlicher (den Organismus erhaltender) — aber nicht an sich angenehmer Genug, gleich im Anfang finden wir den Organismus als Ganzes, mit “Zwecken”, redend — also schätzcnd 25 [373] der Wohlgeschmack einer Speise ist die Folge ihrer Zuträglichkeit! 25 [374] Inwiefern der Mensch ein Schauspieler ist. Nehmen wir an, der einzelne Mensch bekomme eine Rolle zu spielen: er findet sich nach und nach hinein. Er hat endlich die Urtheile, Geschmäcker, Neigungen, die zu seiner Rolle passen, selbst das dafür zugestandene übliche Maaß von Intellekt: — einmal als Kind, Jüngling, usw. dann die Rolle, die zum Geschlecht gehört, dann die der socialen Stellung, dann die des Amtes, dann die seiner Werke — Aber, giebt ihm das Leben Gelegenheit zum Wechsel, so spielt er auch eine andere Rolle. Und oft sind in Einem Menschen nach den Tagen die Rollen verschieden z. B. der Sonntags-Engländer und der Alltags-Engländer. An Einem Tage sind wir als Wachende und Schlafende sehr verschieden. Und im Traume erholen wir uns vielleicht von der Ermüdung, die uns die Tags-Rolle macht, — und stecken uns selber in andere Rollen. Die Rolle durchführen d. h. Wille haben, Concentration und Aufmerksamkeit: vielmehr noch negativ — abwehren, was nicht dazu gehört, den andringenden Strom andersartiger Gefühle und Reize, und — unsere Handlungen im Sinne der Rolle thun und besonders interpretiren. Die Rolle ist ein Resultat der äußeren Welt auf uns, zu der wir unsere “Person” stimmen, wie zu einem Spiel der Saiten. Eine Simplifikation, Ein Sinn, Ein Zweck. Wir haben die Affekte und Begehrungen unserer Rolle — das heißt wir unterstreichen die, welche dazu passen und lassen sie sehen. immer natürlich 'a peu près. Der Mensch ein Schauspieler. 25 [375] Wir haben viele Typen in uns. Wir coordiniren unsere Inneren Reize so wie die äußeren zu einem Bilde oder einem Verlaufe von Bildern: als Künstler. Die Oberflächlichkeit unserer Typen, wie unserer Urtheile, Begriffe, Bilder. 25 [376] Der Raum beim Haschisch-rauchen viel ausgedehnter, weil viel mehr gesehn wird im gleichen Zeitraum als sonst. Abhängigkeit des Raumgefühls von der Zeit. 25 [377] Man muß “erkennen an sich” ebenso widerspruchsvoll finden wie “erste” Ursache und wie “Ding an sich”. Der Erkenntniß-Apparat als Verkleinerungsapparat: als Reduktions-Apparat in jedem Sinne. Als Mittel des Ernährungs-Apparates. 25 [378] Die Instinkte als Urtheile auf Grund früherer Erfahrungen: nicht von Lust- und Unlust-Erfahrungen: denn die Lust ist erst die Form eines Instinkt-Urtheils (ein Gefühl von vermehrter Macht oder: wie wenn sich die Macht vermehrt hätte) Vor den Lust- und Unlustgefühlen giebt es Kraft- und Schwächegefühle im Ganzen. 25 [379] Als nachahmendes Thier ist der Mensch oberflächlich es genügt ihm, wie bei seinen Instinkten, der Anschein der Dinge. Er nimmt Urtheile an, das gehört zu dem ältesten Bedürfniß, eine Rolle zu spielen. Entwicklung der mimicry unter Menschen, vermöge seiner Schwäche. Das Heerdenthier spielt eine Rolle, die ihm anbefohlen wird. 25 [380] Wollen das ist befehlen, etwas Seltenes deshalb, schlecht vererbt. 25 [381] Starker Wille erklärlich bei kalten Menschen und schwacher Wille bei heißen. Das Erstaunliche ist: ein glühender Affekt und ein kalter heller Kopf und Wille. 25 [382] Die Gefahr des Menschen steckt darin, wo seine Stärke ist: er ist unglaublich geschickt darin, sich zu erhalten, selbst in den unglücklichsten Lagen. (Dazu gehören selbst die Religionen der Armen Unglücklichen usw.) So erhält sich das Mißrathene viel länger und verschlechtert die Rasse: weshalb der Mensch, im Vergleich zu den Thieren, das krankhafteste Thier ist. Im großen Gange der Geschichte muß aber das Grundgesetz durchbrechen und der Beste zum Siege kommen: vorausgesetzt, daß der Mensch mit dem allergrößten Willen die Herrschaft des Besten durchzusetzen sucht. 25 [383] Ich erlaube nur den Menschen, die wohlgerathen sind, über das Leben zu philosophiren. Aber es giebt mißrathene Menschen und Völker: denen muß man das Maul stopfen. Man muß ein Ende machen mit dem Christenthum — es ist die größte Lästerung auf Erde und Erdenleben, die es bisher gegeben hat — man muß mißrathenen Menschen und Völkern das Maul stopfen. Man muß mit dem Christenthum ein Ende machen — es war und ist die größte Lästerung auf Erde und Erdenleben, welche es bisher gab — 25 [384] Aus der Ferne gesehen: Schopenhauer's Philosophie giebt zu verstehen, daß es unsäglich viel dümmer zugeht als man glaubt. Darin steckt ein Fortschritt der Einsicht. 25 [385] Unseren Glauben an den Leib, unsere Gefühle von Lust und Schmerz und dergleichen muß man festhalten: man muß hierin nicht versuchen, umzuwerfen. Der Widerspruch einiger Logiker und Religiösen hat sie selber nicht davon losgemacht — er kommt nicht in Betracht. Die Verurtheilung des Leibes als Merkmal der mißrathenen Mischung ebenso die Verurtheilung des Lebens: Zeichen der Besiegten. 25 [386] Vom Ursprung der Kunst. Die Fähigkeit zu lügen und sich zu verstellen am längsten entwickelt: Gefühl der Sicherheit und der geistigen Überlegenheit dabei beim Täuschenden. Bewunderung des Zuhörers: beim Erzähler, wie als ob er dabei gewesen wäre. Ebenso Sicherheit des Zuhörers, zu wissen, daß es Täuschung ist und daß diese gefährliche Kunst nicht zu seinem Schaden geübt wird. Bewunderung über menschlicher Beihülfe. — Beim Dichter häufig Entfremdung seiner Person: er fühlt sich “verwandelt”. Ebenso beim Tänzer und Schauspieler, mit nervösen Krisen, Hallucinationen usw. Künstler auch jetzt noch lügenhaft und gleich Kindern. Unfähigkeit, zwischen “wahr” und „Schein” zu scheiden. 25 [387] Vom Ursprunge der Religion. Menge von Hallucinationen und von allen möglichen Hysterien, nicht nur “diabolischen”. Die Sichtbarkeit der Götter ist Voraussetzung. Die Religionsstifter fühlen sich selber durch Krämpfe, Amnesie, Verlust des Willens begläubigt. 25 [388] Der Glaube an die Furchtbarkeit des “Nach dem Tode” ist antik und die Grundlage des Christenthums. Die Armen-Vereine mit ihrer “Brüderliebe” die andere Grundlage. Das Verlangen nach Rache an allem, was Macht hatte, die dritte. — Eine populäre Form des stoischen Weisen, der glücklich ist im größten “Unglück”: die plötzlichen Heilungen von Hysterischen, die Schmerzlosigkeit bei Verwundungen — — 25 [389] Wille — ein Befehlen: insofern aber diesem bewußten Akte ein unbewußter zu Grunde liegt, brauchen wir uns auch nur diesen wirksam zu denken. Aber bei einem Befehl an einen Gehorchenden? Das Wort des Befehls wirkt nicht als Wort, nicht als Laut, sondern als das, was sich verbirgt hinter dem Laut: und vermöge dieser Aktion wird etwas fortgeleitet. Aber die Reduktion der Laute auf “Schwingungen” ist doch nur der Ausdruck desselben Phänomens für einen anderen Sinn — keine “Erklärung”. Hinter der “sichtbaren” Schwingung verbirgt sich wieder der eigentliche Vorgang. Die Wissenschaft ist darauf aus, die selben Phänomene durch verschiedene Sinne zu interpretiren und alles auf den deutlichsten Sinn, den optischen, zu reduziren. So lernen wir die Sinne kennen — der dunklere wird durch den helleren erleuchtet. Die Bewegungen von Molekülen sind eine Consequenz des Gesichtssinnes und des Tastsinnes. — Wir verfeinern die Sinne — wir erklären Nichts. Hinter jedem “Willen” “Fühlen” setzen wir einen Bewegungs-Prozeß voraus, der für das Auge dasselbe wäre. 25 [390] Der Schmerz: nicht der Reiz als solcher, sondern im Intellekt erst gemacht zum Schmerz. Man muß sich ihn durch Vererbung wachsen denken — eine Summe von vielen Urtheilen: “dies ist gefährlich, bringt Tod, verlangt Defensive, größte Aufmerksamkeit”, ein Befehl “weg davon! gieb Acht!” eine große plötzliche Erschütterung als Resultat. 25 [391] Der physische Schmerz ist erst die Folge eines seelischen Schmerzes: dieser aber: Plötzlichkeit, Angst, Kampfbereitschaft, eine Menge von Urtheilen und Willensakten und Affekten in Einen Augenblick concentrirt, als große Erschütterung und in summa als Schmerz empfunden und projicirt an die Stelle hin. Affekte aller Art, deren Urtheile und die resultirenden Willensakte sind Eins im Augenblick des Schmerzes: die Attitüden der Vertheidigung sofort mit dem Schmerz da. Folge einer großen Nerven-Erschütterung (des Centrums): welche lange nachklingt. 25 [392] Verwandlung aller Vorgänge in optische Phänomene: und endlich wieder dieser Phänomene in reine Begriffs- und Zahlen-Phänomene. Dies ist der Gang in der Geschichte: man glaubt zu verstehen, wenn man will: wenn man fühlt: wenn man sieht: wenn man hört: wenn man es in Begriffe umsetzt: wenn man es in Zahlen und Formeln umsetzt. “Alles ist Wille” “Alles will” “Alles ist Lust oder Unlust” „Alles leidet” “Alles ist Bewegung” “Alles fließt” “Alles ist Laut” “Alles klingt” “Alles ist Geist” “Alles ist Geist” “Alles ist Zahl” „Alles ist Zahl” Also: die Verwandlung aller Vorgänge in unsere uns bekannte Welt, kurz: in uns — das ist bisher “Erkenntniß”. 25 [393] Der Mensch als eine Grenze darzustellen. 25 [394] Der Werth der Atomistik ist: Sprache und Ausdrucksmittel zu finden für unsere Gesetze. 25 [395] Die Wissenschaft der Natur ist “Menschen-Kenntniß” in Bezug auf die allgemeinsten Fähigkeiten des Menschen. 25 [396] Die Vergangenheit ist für jeden von uns eine andre: insofern er eine Linie hindurchzieht, eine Vereinfachung (wie bei Mitteln und Zwecken). 25 [397] Werthschätzungen entstehen aus dem, was wir als Existenzbedingungen glauben: wandeln sich unsere Existenzbedingungen oder unser Glaube darin, dann auch die Werthschätzungen. 25 [398] Erhaltung der Gemeinde (des Volkes) ist meine Correktur statt “Erhaltung der Gattung”. 25 [399] Furcht vor dem Tode ist vielleicht älter als Lust und Schmerz, und Ursache vom Schmerze. 25 [400] Schmerz — ein Vorwegnehmen der Consequenzen einer Wunde, die Gefühl der Kraftverminderung mit sich bringt? — Nein, eine Erschütterung. 25 [401] Vom Haschisch-Genuß und vom Träumen weiß man, daß die Schnelligkeit der geistigen Vorgänge ungeheuer ist. Offenbar bleibt uns der größte Theil davon erspart, ohne bewußt zu werden. Es muß eine Menge Bewußtseins und Willen's in jedem complizirten organischen Wesen geben: unser oberstes Bewußtsein hält für gewöhnlich die anderen geschlossen. Das kleinste organ\<ische\> Geschöpf muß Bewußtsein und Willen haben. 25 [402] Der heftigste Reiz ist an sich kein Schmerz: sondern in jener Erschütterung, welche wir fühlen, ist das nervöse Centrum erkrankt, und das erst projicirt den Schmerz an die Stelle des Reizes. Diese Projektion ist eine Schutz- und Defensiv-Maßregel. In der Erschütterung sind eine Menge Affekte: Überfall, Furcht, Gegenwehr, Arger, Wuth, Vorsicht, Nachdenken über Sicherheitsmaßregeln — die Bewegungen des ganzen Körpers resultiren hieraus. Schmerz ist eine tiefe Gemüthsbewegung, mit einer Unmasse von Gedanken auf Einmal; eine Erkrankung durch Verlust des Gleichgewichts und momentane Überwältigung des Willens. 25 [403] Ich setze Gedächtniß und eine Art Geist bei allem Organischen voraus: der Apparat ist so fein, daß er für uns nicht zu existiren scheint. Die Thorheit Häckels, zwei Embryons als gleich anzusetzen! Man muß sich nicht täuschen lassen durch die Kleinheit — das Organische nicht entstanden. 25 [404] Was für Eigenschaften man haben muß, um Gott zu entbehren — was für welche, um “die Religion des Kreuzes”? Muth, Strenge des Kopfes, Stolz, Unabhängigkeit und Härte, keine Grübelei, Entschlossenheit usw. Vermöge eines Rückgangs siegt immer wieder das Christenthum. — Gewisse Zeitumstände müssen günstig sein. 25 [405] Regulative Voraussetzungen. Die Entbehrlichkeit Gottes. Gegen die Tröster und Kreuzes-Tröstungen. Das Bewußte als oberflächlich. Kritik der guten Menschen. Kritik der Genie’s. Kritik der Religionsstifter. Kritik der Mächtigen. Die Rassen und die Colonisation. Der Geschlechtstrieb. Die Sklaverei. Kritik der griechischen Cultur. Geist der Musik. Geist der Revolution. Erdregierung. Feste. Das Mitleiden. Strafe, Lohn, Bezahlung. Meine Aufgabe: die Menschheit zu Entschlüssen zu drängen, die über alle Zukunft entscheiden! Höchste Geduld — Vorsicht — den Typus solcher Menschen zeigen, welche sich diese Aufgabe stellen dürfen! 25 [406] Unsere Ableitung des Zeitgefühls usw. setzt immer noch die Zeit als absolut voraus. 25 [407] Alle unsere Religionen und Philosophien sind Symptome unseres leiblichen Befindens: — daß das Christenthum zum Sieg kam, war die Folge eines allgemeinen Unlust-Gefühls und einer Rassen-Vermischung (d. h. eines Durch- und Gegeneinander im Organismus) 25 [408] Ehrfurcht vor den Instinkten, Trieben, Begierden, kurz alledem, dessen Grund man nicht völlig durchschaut! Es sind Kräfte da, welche stärker sind als alles, was formulirt werden kann am Menschen. Aber ebenso Furcht und Mißtrauen gegen dies Alles, weil es das Erbe sehr verschiedenwerthiger Zeiten und Menschen ist, das wir da in uns herumschleppen! — daß die höchste Kraft, als Herrschaft über Gegensätze, den Maaßstab abgiebt: — der menschliche Leib ist ein viel vollkommeneres Gebilde als je ein Gedanken- und Gefühlssystem, ja viel höher als ein Kunstwerk — — 25 [409] — das Kunstwerk als ein Zeugniß unserer Lust an der Vereinfachung, an dem Fort-Schaffen durch Concentration unter Ein Gesetz — der Intellekt ein Abstractions-Apparat — das Gedächtniß: alles, was wir erlebt haben, lebt: es wird verarbeitet, zusammengeordnet, einverleibt. 25 [410] Entwicklung der Grausamkeit: Freude im Anblick des Leidenden — auch bei blutigen Culten als Götter freude vorausgesetzt (die Selbstverstümmelung). der Anblick des Leidens erregt das Mitgefühl, und der Triumph des Mächtigen, Gesunden, Sicheren genießt sich als Lust an diesem eigenen Leiden — wir sind stark genug, um uns wehethun zu können! Die Lebens-Sicheren genießen also die Tragödie (vielleicht bei den Griechen der Glaube an Wiederkunft? als Gegengewicht) 25 [411] Unterschied von niederen und höheren Funktionen: Rangordnung der Organe und Triebe, dargestellt durch Befehlende und Gehorchende. Aufgabe der Ethik: die Werthunterschiede als physiologische Rangordnung von “höher” und “nieder” (“wichtiger, wesentlicher, unentbehrlicher, unersetzlicher” usw.) 25 [412] Die Hinter-Absichten bei den Philosophen z. B. die Scheinbarkeit der Welt (Brahmanen, Eleaten, Kant) hervorzuziehen: irgend eine Unzufriedenheit moral\<ischer\> Natur, als etwas Lügenhaftes: ein Werthurtheil. — Für einen sehr Übermüthigen könnte sogar der Schein als solcher entzücken. 25 [413] Die Vertröstungen auf das jenseits haben den Werth, Viele Schwer- und Mühsam-Lebende im Leben zu erhalten: die Mißrathenen zu propagiren: was (wie bei Rassen-Mischungen) werthvoll an sich sein kann, weil später einmal eine Rasse rein wird. Der ganze innere Widerstreit der Gefühle, das Bewußtsein der übermächtigen Triebe, die Schwäche vor der Außenwelt — das sind sehr häufige Thatsachen, aber der Charakter des Lebens bringt es mit sich, daß die zahlreichsten Exemplare mißrathen. Womit haben sich nun die An-sich-Leidenden das Leben doch acceptabel gemacht? Hoffnung Verlästerung des Lebens Verlästerung des Menschen — von sich selber Widerstand gegen eine Gattung von Menschen als Ursache der Noth Weniger-leiden-machen: Anaesthetika. Gar-nicht-leiden: Exstasen, Feste. seinem Schmerze Luft machen, Orgie der Trübsal 25 [414] Wie theuer machen sie sich bezahlt dafür, daß sie verehren! 25 [415] I Th\<eil\>. alle Arten von Anzeichen der Weltflucht sammeln: und deren Motive: die Anbrüchigen die in-sich-Haltlosen die Erfolglosen usw. wie die Trübsal böse macht: sie verdirbt die Musik 25 [416] Mit dem Schlusse seines Lebens hat — R\<ichard\> W\<agner\> sich durchgestrichen: unfreiwillig gestand er ein, daß er verzweifelte und sich vor dem Christenthum niederwarf. Ein Überwundener! — Das ist ein Glück: denn welche Confusion hätte sonst sein Ideal noch hervorgebracht! Die Stellung zum Christenthum entschied mich — zugleich über allen Schopenh\<auerianismus\> und den Pessimismus. W\<agner\> hat vollkommen Recht, wenn er sich vor jedem tiefen Christen in den Staub wirft: er steht wirklich viel tiefer als solche Naturen! — Nur soll er sich nicht beikommen lassen, die ihm überlegenen höheren Naturen zu seiner Attitüde herabzuziehen! Sein Intellekt, ohne Strenge und Zucht, war sklavisch an Sch\<openhauer\> gebunden: gut! 25 [417] “Le public! le public! Combien faut il de sots pour faire un public?” 25 [418] Ducis sagte “tout notre bonheur n’est qu'un malheur plus ou moins console”. 25 [419] Ich will etwas über die Propheten und Psalmen und Hiob sagen: und das neue Testament. — über Beethoven abhängig vom Gefühle Rousseaus — dessen Ausklingen. — von der Rangordnung, z. B. Montaigne im Verhältniß zu Luther — die prachtvollen Franzosen als noble Menschen — über Napoleon und seinen Einfluß auf das 19te Jahrhundert. — die Gebrüder Goncourt, Mérirnée, Stendhal. — ein Religionsstifter kann unbedeutend sein, ein Streichholz, nichts mehr! — die Araber in Spanien, die Provençalen: Lichtpunkte — auch zu Gunsten Louis XIV und Corneille’s — La Rochefoucauld — die Symptome des religiösen Affects (Heils-Armee) (die religiöse Ecstasis) — die Neurosen der schöpferischen Schauspieler, verwandt mit den Hysterischen — es giebt sehr viel gelungene Einzelne! — die Corsen und Spanier prachtvolle Männlichkeit. — eine Geschichte der deutschen Bewegung — Kasernen-Depression — Louis XIV und dagegen die Renaissance! — die noblen Illusionen, deren ein Volk wie die Franzosen fähig sind z. B. vor Napoleon — dies charakterisirt! Und die Deutschen — Scepsis! — der Erotismus und die Schwärmerei vom Kreuze neben einander 25 [420] Der Glaube an die Lust im Maaßhalten fehlte bisher — diese Lust des Reiters auf feurigem Rosse! . — Die Mäßigkeit schwacher Naturen mit der Mäßigung der starken verwechselt! 25 [421] — Der Unsinn in der Mutterliebe. Alle Liebe, wo nicht die Einsicht entsprechend groß ist, richtet Unheil an. 25 [422] — Die Weiber unter Vormundschaft. Eigenthum. — Vorzug der weiblichen Erziehung des vorigen Jahrhunderts bei den Franzosen. Madame Roland als die alberne „Bürgerin”, bei der die Eitelkeit auf weibl\<ich-\> pöbelhafte Art eklatirt. 25 [423] — das Vertrauen in die Weltordnung (“in Gott”) als Ausfluß nobler Gefühle — die Vertrauensseligkeit des vorigen Jahrhunderts. Ducis. Zärtlichkeit, Schwung, Delikatesse — Beethoven. — Mozart städtisch-social-höfisch —: Haydn ländlicher, vielleicht Zigeuner-Blut (schwarz) “Heide” (paganus)? 25 [424] Lange “liegt etwa die Begreiflichkeit der Dinge darin, daß man von seinem Verstand grundsätzlich nur einen mittelmäßigen Gebrauch macht?” — gegen die Bayreuther. 25 [425] — Die Gemeinsamkeit unserer Sinnes-Urtheile ist auch der Ausgangspunkt für unsere moralischen und ästhetischen Werthschätzungen. 25 [426] — Grundproblem der “Ethik”. Leid- und Lustmachen: mitleiden, wehethun — das setzt alles schon eine Werthschätzung von Leid und Lust voraus. “Nützlich“, “schädlich” sind höhere Begriffe: es kann sein, daß ich wehethun (und “auf schlechte Weise” wohlthun!) muß, um zu nützen. Gar im weiteren Sinne: es könnte sein, daß ich die ganze Immoralität brauchte, um im großen Sinne zu nützen. Aber was ist ursprünglicher, Lust und Leid — oder “nützlich und schädlich”? Ist vielleicht alles Schmerz- und Lustempfinden erst eine Wirkung des Urtheils “nützlich, schädlich” (gewohnt, Sicher, ungefährlich, bekannt usw.)? Im Urtheil über gewisse Dinge sehen wir Ekel verschwinden: die Harmonie der Töne ursprünglich ohne Lust. Der Genuß an Linien vielfach unbegreiflich. Der Genuß an Formeln, an dialektischen Bewegungen entsteht erst. Wenn aber Lust und Unlust erst Resultate von Werth-schätzungen sind so liegen die Ursprünge der Werthschätzung nicht in den Empfindungen. Die Urtheile “höhere” und “niedere Funktionen” müssen schon in allen organischen Gebilden da sein, lange vor allen Lust- und Unlust-Empfindungen. Die Rangordnung ist das erste Resultat der Schätzung: im Verhältniß der Organe zu einander müssen schon alle Tugenden geübt werden — Gehorsam, Fleiß, Zu-Hülfekommen, Wachsamkeit — es fehlt ganz der Maschinen-Charakter in allem Organischen (Selbst-Regulirung). 25 [427] NB. das Princip der Erhaltung des Individuums (oder “die Todesfurcht”) ist nicht aus Lust- und Unlust-Empfindungen abzuleiten, sondern etwas Dirigirendes, eine Werthschätzung, welche schon allen Lust- und Unlust-Gefühlen zu Grunde liegt. — Noch mehr gilt dies von der “Erhaltung der Gattung”: aber dies ist nur eine Folge des Gesetzes der “Erhaltung des Individuums”, kein ursprüngliches Gesetz. — Erhaltung des Individuums.- d. h. voraussetzen, daß eine Vielheit mit den mannichfaltigsten Thätigkeiten sich „erhalten” will, nicht als sich-selber-gleich, sondern “lebendig” — herrschend — gehorchend — sich ernährend — wachsend — Alle unsere mechanischen Gesetze sind aus uns, nicht aus den Dingen! Wir construiren nach ihnen die „Dinge”. Die Synthese “Ding” stammt von uns: alle Eigenschaften des Dinges von uns. „Wirkung und Ursache” ist eine Verallgemeinerung unseres Gefühls und Urtheils. Alle die Funktionen, welche die Erhaltung des Organismus mit sich bringen, haben sich allein erhalten und fortpflanzen können. Die intellektuellen Thätigkeiten haben sich allein erhalten können, welche den Organismus erhielten; und im Kampfe der Organismen haben sich diese intellektuellen Thätigkeiten immer verstärkt und verfeinert, d.h.— — — NB. — der Kampf als Herkunft der logischen Funktionen. Das Geschöpf, welches sich am stärksten reguliren, discipliniren, urtheilen konnte — mit der größten Erregbarkeit und noch größerer Selbstbeherrschung — ist immer übrig geblieben. 25 [428] Grundsatz: das, was im Kampf mit den Thieren dem Menschen seinen Sieg errang, hat zugleich die schwierige und gefährliche krankhafte Entwicklung des Menschen mit sich gebracht. Er ist das noch nicht festgestellte Thier. 25 [429] Welche „Tugenden” der Kampf der Thiere gezüchtet hat? (Gehorsam bei der Heerde — Muth Initiative Einsicht bei den Führern.) 25 [430] Die Rangordnung hat sich festgestellt durch den Sieg des Stärkeren und die Unentbehrlichkeit des Schwächeren für den Stärkeren und des Stärkeren für den Schwächeren — da entstehen getrennte Funktionen: denn Gehorchen ist ebenso eine Selbst-Erhaltungs-Funktion als, für das stärkere Wesen, Befehlen. 25 [431] Ob es im menschlichen Organismus, zwischen den verschiedenen Organen, „Mitleid” giebt? Gewiß, im höchsten Grade. Ein starkes Nachklingen und Um-sich-greifen eines Schmerzes: eine Fortpflanzung des Schmerzes, doch nicht des gleichen Schmerzes. (Aber ebenso steht es ja auch bei den Individuen unter einander!) 25 [432] Wir können alles das, was noththut, um den Organismus zu erhalten, als „moralische Forderung” fassen: es giebt ein „Du sollst” für die einzelnen Organe, das ihnen vom befehlenden Organe zukommt. Es giebt Unbotmäßigkeit der Organe, Willens- und Charakter-Schwächen des Magens z. B. — Es herrscht da nicht eine mechanische Nothwendigkeit — — —? es wird manches befohlen, was nicht völlig geleistet werden kann (weil die Kraft zu gering ist) Aber oft äußerste Anspannung des Magens z. B. um seine Aufgabe zu vollenden — ein Willens- Aufgebot, wie wir dies selber an uns kennen bei schweren Aufgaben. Die Anstrengung und ihr Grad ist nicht aus bewußten Motiven zu begreifen: Gehorsam ist am Organe nicht ein sich abspielender Mechanismus — — —? 25 [433] Das “Höher” und “Niedriger”, das Auswählen des Wichtigeren, Nützlicheren, Dringlicheren, besteht schon in den niedrigsten Organismen. “Lebendig”: d.h. schon schätzen: — In allem Willen ist schätzen – und Wille ist im Organischen da. 25 [434] Die ganze vorhandene Welt ist auch ein Produkt unserer Werthschätzungen — und zwar der gleichgebliebenen. — 25 [435] Die hohen Menschen: die Nothwendigkeit des Mißverständnisses, die allgemeine Zudringlichkeit der Menschen von heute, ihr Glaube über jeden großen Menschen mitreden zu dürfen. Ehrfurcht — — — — das dumme Gerede vom Genie usw. Das Gefühl der unbedingten Überlegenheit, der Ekel vor der Prostration und Sklaverei. Was sich aus dem Menschen machen läßt: das geht ihn an. Die Weite seines Blicks 25 [436] (nicht von Ursachen des Wollens, sondern von Reizen des Wollens sollte man reden) Wollen d\<as ist\> befehlen: befehlen aber ist ein bestimmter Affekt (dieser Affekt ist eine plötzliche Kraftexplosion) — gespannt, klar, ausschließlich Eins im Auge, innerste Überzeugung von der Überlegenheit, Sicherheit, daß gehorcht wird — “Freiheit des Willens” ist das “Überlegenheits-Gefühl des Befehlenden” in Hinsicht auf den Gehorchenden: „ich bin frei, und Jener muß gehorchen”. Nun sagt ihr: der Befehlende selber muß — — — 25 [437] Die Moralen Kants, Schopenhauers gehen, ohne es zu merken, schon von einem moral\<ischen\> Kanon aus: der Gleichheit der Menschen, und daß was für den Einen Moral ist, es auch für den Anderen sein müsse. Das ist aber schon die Consequenz einer Moral, vielleicht einer sehr fragwürdigen. Ebenso setzt die Verwerfung des Egoismus schon einen moral\<ischen\> Kanon voraus: warum wird er verworfen? Weil er als verwerflich gefühlt wird. Aber das ist schon die Wirkung einer Moral und keiner sehr durchdachten! — Und daß man eine Moral will, setzt schon einen mor\<alischen\> Kanon voraus! Man sollte doch Ehrfurcht haben vor dieser einverleibten Moral der Selbsterhaltung! Sie ist bei weitem das feinste System der Moral! Die thatsächliche Moralität des Menschen in dem Leben seines Leibes ist hundert Mal größer und feiner als alles begriffliche Moralisiren es war. Die vielen “Du sollst”, die fortwährend in uns arbeiten! Die Rücksichten von Befehlenden und Gehorchenden unter einander! Das Wissen um höhere und niedere Funktionen! Der Versuch zu machen, alles Zweckmäßig-Scheinende als das allein Leben-Erhaltende und folglich allein Erhaltene zufassen — — Wie der Zweck sich zum eigentlichen Vorgang verhält, so das moral\<ische\> Urtheil zu dem wirklichen vielfältigeren und feineren Urtheilen des Organismus — nur ein Ausläufer und Schlußakt davon. 25 [438] Wir wollen unsere Sinne festhalten und den Glauben an sie — und sie zu Ende denken! Die Widersinnlichkeit der bisherigen Philosophie als der größte Widersinn des Menschen. die vorhandene Welt, an der alles Irdisch-Lebendige gebaut hat, daß sie so scheint (dauerhaft und langsam bewegt) wollen wir weiter bauen — nicht aber als falsch wegkritisiren! unsere Werthschätzungen bauen an ihr, sie betonen und unterstreichen. Welche Bedeutung hat es, wenn ganze Religionen sagen: “es ist alles schlecht und falsch und böse!” Diese Verurtheilung des ganzen Prozesses kann nur ein Urtheil von Mißrathenen sein! freilich, die Mißrathenen könnten die Leidendsten und Feinsten sein? Die Zufriedenen könnten wenig werth sein? man muß das künstlerische Grundphänomen verstehen, welches Leben heißt — den bauenden Geist, der unter den ungünstigsten Umständen baut: auf die langsamste Weise — — — der Beweis für alle seine Combinationen muß erst neu gegeben werden: es erhält sich. 25 [439] Vor Allem: ohne Eile! Langsam! die Eroberung erst sicher stellen! Nach dem Vorbilde Rußlands! Und guter Dinge sein auf jeder Station! 25 [440] Der Anblick der Massen und der Lehrer der Massen verdüstert 25 [441] Warum die Ethik am meisten zurückgeblieben? Denn noch die letzten berühmten Systeme sind Naivetäten! Ebenso die Griechen! Die Lehren des Christenthums von der Sünde sind hinfällig geworden wegen des Hinfalls Gottes. — unsere Handlungen gemessen an unserem Vorbilde! Aber daß wir ein Vorbild haben und ein solches, ist schon Folge einer Moral. — der Jude, der sich an seinem Gotte maß — das hatte im Hintergrunde den Willen, sich selber zu verachten, und sich auf Gnade und Ungnade vor ihm niederzuwerfen. — Selbst Jesus wehrte sich dagegen, gut genannt zu werden. “Keiner ist gut, als Gott”, sagte er. Daß ihn Niemand einer Sünde zeihen konnte, ist etwas anderes: dies beweist nichts gegen die Kritik vor seinem Gewissen. Ein Mensch, der sich absolut gut fühlt, müßte geistig ein Idiot sein. — dieses Auf-Gnade-und-Ungnade-sich-niederwerfen ist im Christenthum orientalisch: nicht vornehm! — das Sklavenhafte an den jetzigen Juden, auch an den Deutschen — — Dies Sich-gleich-setzen, im Mitleiden, ist bereits die Consequenz eines moral\<ischen\> Urtheils: kein Grundphänomen und nicht überall: überdies ist es in der Seele des Heerden-Wesens ein anderes als in der Seele des Mächtigen: eigentlich nur ein Gefühl unter Gleichen —: für den Geringeren ist der leidende Höhere ein Grund zum Wohlgefühl und Übergefühl. — “die philosophischen wie die religiösen Systeme sind darüber einig, daß die ethische Bedeutsamkeit der Handlungen zugleich eine metaphysische sein müsse” usw. usw. Schopenhauer, Gr\<undlage\> der Moral p. 261. Perikles vor dem Tode: die Gedanken nehmen eine moralische Richtung. Nun, im Falle des Pericles: er erwägt seinen Nachruf bei seinen Bürgern. Der Schüler des Anaxagoras war Freigeist. — Es liegt auf der Hand, daß, weil diese Systeme das Leben der Seele glauben, sie im Momente des Todes ein Urtheil über den Werth des vollbrachten Lebens veranlassen: — was für ein ferneres Leben werden wir haben? Belohnung der Guten und Bestrafung der Bösen im Jenseits war das Zuchtmittel, welches die Religionen anwendeten, eine Art Vollendung der Welt-Ordnung, ein Ausgleich gegenüber den Thatsachen. 25 [442] Der Charakter eines guten Menschen “an sich selbst”: “daß er weniger als die übrigen einen Unterschied zwischen sich und Anderen macht” Schopenhauer 1. c. 265. 25 [443] Die bisherigen Ethiker haben keine Vorstellung, wie sie unter ganz bestimmten Vorurtheilen der Moral stehen: sie meinen alle schon zu wissen, was gut und böse ist. Socrates wußte es nicht: aber alle seine Schüler definirten es d.h. sie nahmen an, es sei da, und es handle sich, es gründlich zu beschreiben. Wie! Wenn ich sagte: ist es denn da? Hat man schon überlegt, wonach hier zu messen ist? Und andererseits: vielleicht wissen wir überhaupt nicht genug, um den Werth der Handlungen abschätzen zu können! Genug, daß wir versuchsweise für lange Zeiten nach Einer Moral leben! 25 [444] Wie viel betrüben wir uns über Leiden, die wir nicht gelitten, sondern verursacht haben! Aber es ist unvermeidlich; und wir sind nicht deshalb mit uns unzufrieden, außer in Zuständen der Schwäche und des Mißtrauens in unser Recht dazu! 25 [445] Bisheriger Verlauf der Philosophie: man wollte die Welt erklären, aus dem, was uns selber klar ist — wo wir selber glauben zu verstehen. Also bald aus dem Geiste oder der Seele, oder dem Willen, oder als Vorstellung, Schein, Bild, oder vom Auge aus (als optisches Phänomen, Atome, Bewegungen) oder Leibe, oder aus Zwecken, oder aus Stoß und Zug d. h. unserem Tastsinn. Oder aus unseren Werthschätzungen heraus, als Gott der Güte Gerechtigkeit usw., oder aus unseren aesthetischen Werthschätzungen. Genug, auch die Wissenschaft thut, was der Mensch immer gethan: etwas von sich, das ihm als verständlich, als wahr gilt, zur Erklärung benutzen alles Anderen — Vermenschlichung in summa. Es fehlt noch die große Synthese und auch die Einzel-Arbeit ist noch ganz im Werden z. B. die Reduction der Welt auf optische Phänomene (Atome) Wir legen den Menschen hinein — das ist Alles, wir schaffen immerfort diese vermenschlichte Welt. Es sind Versuche darüber, welches Verfahren am meisten Schluß-Kraft hat (z. B. mechanisch) 25 [446] Jemandem nicht zürnen, der uns schadet, weil alles nothwendig ist — das wäre selber schon Folge einer Moral: welche hieße „du sollst dich gegen das Nothwendige nicht empören”. — Es ist unvernünftig: aber wer sagt: „Du sollst vernünftig sein!“ 25 [447] Redlichkeit, als Consequenz von langen moralischen Gewöhnungen: die Selbst-Kritik der Moral ist zugleich ein moralisches Phänomen \<ein\> Ereigniß der Moralität. 25 [448] Die Methode der mechanischen Weltbetrachtung ist einstweilen bei weitem die redlichste: der gute Wille zu allem, das sich controlirt, alle logischen Control-Funktionen, alles das was nicht lügt und betrügt, ist da in Thätigkeit. 25 [449] Die vorläufigen Wahrheiten. Es ist etwas Kindisches oder gar eine Art Betrügerei, wenn jetzt ein Denker ein Ganzes von Erkenntniß, ein System hinstellt — wir sind zu gut gewitzigt, um nicht den tiefsten Zweifel an der Möglichkeit eines solchen Ganzen in uns zu tragen. Es ist genug, wenn wir über ein Ganzes von Voraussetzungen der Methode übereinkommen — über vorläufige Wahrheiten nach deren Leitfaden wir arbeiten wollen: so wie der Schiffahrer im Weltmeer eine gewisse Richtung festhält 25 [450] Das, was im Menschen am besten entwickelt ist, das ist sein Wille zur Macht — wobei sich ein Europäer nicht gerade durch ein paar Jahrtausende einer erlogenen, vor sich selber verlogenen Christlichkeit täuschen lassen muß. 25 [451] Philosophie als Liebe zur Weisheit. Hinauf zu dem Weisen als dem Beglücktesten, Mächtigsten, der alles Werden rechtfertigt und wieder will. — nicht Liebe zu den Menschen oder zu Göttern, oder zur Wahrheit, sondern Liebe zu einem Zustand, einem geistigen und sinnlichen Vollendungs-Gefühl: ein Bejahen und Gutheißen aus einem überströmenden Gefühle von gestaltender Macht. Die große Auszeichnung. wirkliche Liebe! 25 [452] Befehle “so sollt ihr schätzen!” sind die Anfänge aller moralischen Urtheile — ein Höherer Stärkerer gebietet und verkündet sein Gefühl als Gesetz für Andere. Aus dem Nutzen her würde man nicht das Verehren ableiten können. Zuerst sind Menschen verehrt worden: der Glaube an Götter tritt in den Vordergrund, wenn der Mensch immer weniger „verehrenswerth” erscheint — also der Glaube an “Urväter” oder an die Entscheidungen ehemaliger Richter. 25 [453] Zarathustra im 2ten Theil als Richter die grandiose Form und Offenbarung der Gerechtigkeit, welche gestaltet, baut und folglich vernichten muß (sich selber dabei entdeckend, überrascht, plötzlich das Wesen des Richtenden zu erkennen) Hohn dagegen: “zerbrecht den Guten und Gerechten” — schreit das Weib, das ihn mordet 25 [454] “Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muß” — es kommt auf das tempo an: die Griechen bewunderungswürdig: ohne Hast, — meine Vorfahren Heraclit Empedocles Spinoza Goethe 25 [455] Es bestehen moralische Werthschätzungen. Kritik: wo? seit wie lange? wo giebt es andere? wird es noch andere geben? Erklärung des Ursprungs dieser Werthschätzungen. Zurückführung auf andere Werthe. Werthe und physiologische Wichtigkeit usw. Loben, Tadeln (Ruhm) Mächtige Sklaven Kritik dieser Werthschätzungen. Widersprüche. woraus nehme ich die Kritik? Vorsicht, sie nicht wieder aus der Moral zu nehmen. “Nützlich” Gesetzt, man nähme sie aus der Moral selber, Beweis, daß sie kurzsichtig sind. Die Grundvorurtheile und was alles übersehn ist. das Problem ist erst gestellt. Bisher eine Art Astrologie — des Glaubens, daß die kosmischen Vorgänge in engem Bezug zu uns stehn.  Die Moralphilosophen selber sind Symptome. Selbst-Vernichtung der Moral. 25 [456] NB. “Ich bedarf dessen Allen nicht: aber ich nehme es wie ein Geschenk. Ich weihe es als der Nehmende” — so Zarathustra über viele Güter des Lebens. 25 [457] Wir wollen Erben sein aller bisherigen Moralität: und nicht von Neuem anfangen. Unser ganzes Thun ist nur Moralität, welche sich gegen ihre bisherige Form wendet. 25 [458] “Könnt ihr schwören? seid ihr eurer gewiß genug dazu?” fragt Zarathustra. 25 [459] Das Princip, vermöge dessen der Mensch über die Thiere Herr geworden ist, wird auch wohl das Princip sein, welches “den höchsten Menschen” festsetzt: Macht, Klugheit, Warten-können, Verabredung, Strenge, Krieger-Affekte. 25 [460] Alle Werthschätzungen sind Resultate von bestimmten Kraftmengen und dem Grad Bewußtheit davon: es sind die perspektivischen Gesetze je nach dem Wesen eines Menschen und Volkes — was nah, wichtig, nothwendig ist usw. Alle menschlichen Triebe, wie alle thierischen sind unter gewissen Umständen als Existenz-Bedingungen ausgebildet und in den Vordergrund gestellt worden. Triebe sind die Nachwirkungen lange gehegter Werthschätzungen, die jetzt instinktiv wirken, wie als ein System von Lust- und Schmerzurtheilen. Zuerst Zwang, dann Gewöhnung, dann Bedürfniß, dann natürlicher Hang (Trieb) 25 [461] Das Gefühl — eine Folge von Werthschätzungen. Sensorium commune 25 [462] Weil wir die Erben von Menschengeschlechtern sind, die unter den verschiedenstcn Existenz-Bedingungen gelebt haben, enthalten wir in uns eine Vielheit von Instinkten. Wer sich für “wahrhaftig” giebt, ist wahrscheinlich ein Esel oder ein Betrüger. Die Verschiedenheit der thierischen Charaktere: durchschnittlich ist ein Charakter die Folge eines Milieu — eine fest eingeprägte Rolle, vermöge deren gewisse Facta immer wieder unterstrichen und gestärkt werden. Auf die Länge hin entsteht so Rasse: d. h. gesetzt daß die Umgebung sich nicht ändert. Bei dem Wechsel der Milieu's entsteht ein Hervortreten der überall nützlichsten und anwendbarsten Eigenschaften — oder ein Zugrundegehen. Es zeigt sich als Assimilations-Kraft auch in ungünstigen Lagen, zugleich aber als Spannung, Vorsicht, es fehlt die Schönheit in der Gestalt. Der Europäer als eine solche Über-Rasse. Ebenso der Jude; es ist zuletzt eine herrschende Art, obwohl sehr verschieden von den einfachen alten herrschenden Rassen, die ihre Umgebung nicht verändert hatten. Überall beginnt es mit dem Zwang (wenn ein Volk in eine Landschaft kommt). Die Natur, die Jahreszeiten, die Wärme und Kälte usw. das Alles ist zunächst ein tyrannisirendes Element. Allmählich weicht das Gefühl des Gezwungenseins — 25 [463] Wir sind Gestalten-schaffende Wesen gewesen, lange bevor wir Begriffe schufen. Der Begriff ist am Laute erst entstanden, als man viele Bilder durch Einen Laut zusammenfaßte: mit dem Gehör also die optischen inneren Phänomene rubrizirte. 25 [464] NB. Die Begriffe “gut” usw. sind aus den Wirkungen entnommen, welche “gute Menschen” ausüben: — — selbst bei der Selbst-Beurtheilung. — 25 [465] Der Mensch unerkannt, die Handlung unerkannt. Wenn nun trotzdem über Menschen und Handlungen geredet wird, wie als ob sie erkannt wären, so liegt es daran, daß man über gewisse Rollen übereingekommen ist, welche fast jeder, spielen kann. 25 [466] Die Entwicklung der Raubsucht der Lüge und Verstellung der Grausamkeit des Geschlechtstriebes des Mißtrauens der Härte der Herrschsucht zu hochgeschätzten Dingen — andererseits die Veränderung der Werthschätzung böser Qualitäten, sobald sie Existenz-Bedingungen sind. vielleicht Rückführung aller Begehrungen auf den Hunger. 25 [467] Vivisection — das ist der Ausgangs-Punkt! Es kommt Vielen jetzt zum Bewußtsein, daß es manchen Wesen weh thut, wenn erkannt werden soll!! Als ob es je anders gewesen wäre! Und was für Schmerzen!! Feiges weichliches Gesindel! 25 [468] Ausgangspunkt: es liegt auf der Hand, daß unsere stärksten und gewohntesten Urtheile die längste Vergangenheit haben, also in unwissenden Zeitaltern entstanden und fest geworden sind — daß alles, woran wir am besten glauben, wahrscheinlich gerade auf die schlechtesten Gründe hin geglaubt worden ist: mit dem „Beweisen” aus der Erfahrung haben es die Menschen immer leicht genommen, wie es jetzt noch Menschen giebt, die die Güte Gottes aus der Erfahrung zu “beweisen” vermeinen. 25 [469] „Zu — Gericht — sitzen.” Von allen Urtheilen ist das Urtheil über den Werth von Menschen das beliebteste und geübteste — das Reich der größten Dummheiten. Hier einmal Halt zu gebieten, bis es als eine Schmutzigkeit, wie das Entblößen der Schamtheile, gilt — meine Aufgabe. Um so mehr als es die Zeit des suffrage universel ist. Man soll sich geloben, hier lange zu zweifeln und sich zu mißtrauen, nicht “an der Güte des Menschen” sondern an seiner Berechtigung, zu sagen „Dies ist Güte!” 25 [470] “Der Sinn für Wahrheit” muß, wenn die Moralität des “Du sollst nicht lügen” abgewiesen ist, sich vor einem anderen Forum legitimiren. Als Mittel der Erhaltung von Mensch, als Macht-wille. — ebenso unsere Liebe zum Schönen ist ebenfalls der gestaltende Wille. Beide Sinne stehen bei einander — der Sinn für das Wirkliche ist das Mittel, die Macht in die Hand zu bekommen, um die Dinge nach unserem Belieben zu gestalten. Die Lust am Gestalten und Umgestalten — eine Urlust! Wir können nur eine Welt begreifen, die wir selber gemacht haben. 25 [471] Das Gutheißen unserer Begrenztheit des Erkennens — die Vortheile dabei: es ist viel Muth und Lust da möglich. Das Seufzen und die Pascalsche Scepsis sind schlechtes Blut. — das Christenthum als die Wirkung des entarteten schlechten Blutes 25 [472] bonus = jan: der Glänzende, Hervorscheinende? malus man-lus (Manlius) = man der Verrückte? böse d. h. bass der Starke? gut Gothe (Gott) „der Göttliche” ursprüngliche Bezeichnung der Vornehmen Gothen. (oder gobt der Geber? wie optimus?) wird der Gott als der Gute (optimus) oder der Gute als göttlich bezeichnet? optimus op-  der Schenkende? 25 [473] Archimedes beim Baden ein Grundgesetz der Hydraulik findend Goethe: „mein ganzes inneres Wirken erwies sich als eine lebendige Heuristik, welche, eine unbekannte geahnete Regel anerkennend, solche in der Außenwelt zu finden und — in die Außenwelt einzuführen trachtet”. 25 [474] Die Pharisäer thaten Recht, Jesus zu verurtheilen. Ebenso die Athener. 25 [475] Goethe. “Ein Jeder leidet, der nicht für sich selbst genießt. Man handelt für Andere, um mit Anderen zu genießen.” 25 [476] Goethes Erklärung des “deutschen Gemüths” “Nachsicht mit Schwächen, fremden und eignen.” 25 [477] Wer so steht wie ich, verliert, mit Goethe zu reden, „eines der größten Menschenrechte, nicht mehr von Seinesgleichen beurtheilt zu werden”. 25 [478] “Die Meisterschaft gilt oft für Egoismus” Goethe. 25 [479] Vellejus Paterculus I 9,3 virum in tantum laudandum, in quantum intellegi virtus potest. 25 [480] Goethe: „wir Alle sind so bornirt, daß wir immer glauben Recht zu haben; und so läßt sich ein außerordentlicher Geist denken, der nicht allein irrt, sondern sogar Lust am Irrthum hat.” 25 [481] Chi non fa, non falla „irrt nicht”. 25 [482] “Magna ingenia conspirant.” 25 [483] Die moral\<ischen\> Werthurtheile sind vielmehr dreiste Werthzulegungen — und Werth — Aberkennungen — im Grunde eine sehr geringe Leistung der Urtheilsfähigkeit. 25 [484] Die Wege der Freiheit. — Sich seine Vergangenheit abschneiden (gegen Vaterland, Glaube, Eltern, Genossen — der Verkehr mit den Ausgestoßenen aller Art (in der Historie und der Gesellschaft) — das Umwerfen des Verehrtesten, das Bejahen des Verbotensten — die Schadenfreude in großem Stile an Stelle der Ehrfurcht — alle Verbrechen thun — Versuch, neue Schätzungen Gerechtigkeit als bauende ausscheidende vernichtende Denkweise, aus den Werthschätzungen heraus: höchster Repräsentant des Lebens selber. Weisheit und ihr Verhältniss zur Macht: einstmals wird sie einflußreicher sein — bisher war der Irrthum, die Pöbel-Werthschätzung auch im Weisen noch zu groß! 25 [485] Um Gerathenes und Mißrathenes zu unterscheiden, ist der Leib der beste Rathgeber, mindestens ist er am besten zu studiren. 25 [486] Die verschiedenen moral\<ischen\> Urtheile sind bisher nicht auf die Existenz der Gattung „Mensch” zurückgeführt: sondern auf die Existenz von „Volk” „Rassen” usw. — und zwar von Völkern, welche sich gegen andere Völker behaupten wollten, von Ständen, welche sich scharf von niederen Schichten abgrenzen wollten. 25 [487] Man soll jedem die Frage zugestehn: ist meine Existenz, gegen meine Nicht-existenz gerechnet, ein Ding, das gerechtfertigt werden kann? 25 [488] Grundeinsicht: die “guten” und die “bösen” Eigenschaften sind im Grunde dieselben — beruhen auf den gleichen Trieben der Selbst-Erhaltung, der Aneignung, Auswahl, Absicht auf Fortpflanzung usw. 25 [489] Der Weise und die Künste. (Er hat sie alle in sich) Der Weise und die Politik. Der Weise und die Erziehung. Der Weise und die Geschlechter. — als ein Wesen, dessen Einfluß spät erst zu spüren ist. Unabhängig, geduldig, ironisch — 25 [490] Weisheit und Liebe zur Weisheit. Fingerzeige zu einer Philosophie der Zukunft. Von Friedrich Nietzsche 25 [491] Die nothwendige Verborgenheit des Weisen: sein Bewußtsein, unbedingt nicht verstanden zu werden, sein Macchavellismus, seine Kälte gegen das Gegenwärtige. — die absolute Unverträglichkeit der Weisheit mit dem “Wohl der Massen”: “Preßfreiheit” “öffentlicher Unterricht” — das Alles verträgt sich bloß bei gröblichster Täuschung über den Charakter der Weisheit. Sie ist das gefährlichste Ding der Welt! — natürlich gilt mir eine Ehe ohne alle Sanction als einzig für den Weisen berechtigt. Es ist eine Komödie, wenn er sich anders dazu stellt, was unter Umständen rathsam z. B. Goethe. — Grundsatz, daß alle Zustände darauf eingerichtet sind, ihn unmöglich zu machen: die Ehrfurcht vor dem Weisen ist untergraben durch die Religionen, durch das suffrage universel, die Wissenschaften! Man muß erst lehren, daß diese Religionen Pöbel-Angelegenheit sind, im Vergleich zur Weisheit! Man muß die vorhandenen Religionen vernichten, nur, um diese absurden Schätzungen zu beseitigen, als ob ein Jesus Christus überhaupt neben einem Plato in Betracht käme, oder ein Luther neben einem Montaigne! 25 [492] Von der Rang-Ordnung. Wo “moralisch” geurtheilt wird, höre ich die feindseligen Instinkte, Abneigungen, verletzte Eitelkeiten, Eifersucht Worte wählen — es ist eine Maskerade in Worten — — ich fand es unmöglich, die “Wahrheit” zu lehren, wo die Denkweise niedrig ist. Zukünftiges Zeitalter der großen Kriege. Das Mißtrauen auf die Dauerhaftigkeit. Das Bestechen aller Parteien und Interessirten, die Anwendung aller schlechten Mittel 25 [493] —nur die Liebe soll richten— — Refrain die schaffende Liebe, die sich selber über ihren Werken vergißt — 25 [494] Zu demonstriren, daß einige Menschen bei Seite gehen müssen 25 [495] Wir heißen eine Eigenschaft an einem Thier “böse” und finden doch seine Existenz-Bedingung darin! Für das Thier ist es sein “Gutes” — es ist gesund und stark darin, zum Zeichen dafür! — Also: man nennt Etwas “gut” und “böse” im Verhältniß zu uns, nicht zu sich! d. H. die Grundlage von „gut” und “böse” ist egoistisch. Aber der Egoismus der Heerde! Jedes Nützliche ist nothwendig auch ein Schädliches, im Verhältniß zu anderen Dingen. “Ein guter Mensch” — das ist Eine Seite angesehn. Auf die Ferne beurtheilt, ist es ein Heerden-Mensch, schwach, und leicht zu täuschen und zu Grunde zu richten, auch geistig gehorsam, nicht schöpferisch. 25 [496] Sich niederwerfen vor dem, was man nicht hat, wenn man sich schlecht fühlt bei allem, was man hat z. B. Wagner: er glaubt ans Glück der unbegrenzten Hingebung, des unbegrenzten Zutrauens, das Glück des Mitleidenden, des Keuschen — Alles das kennt er nicht aus Erfahrung! Daher die Phantasterei! 25 [497] Die schlechte Manier zu verehren, etwa Shakespeare und Beethoven, um den Gedanken vorzubereiten, er sei die Vereinigung von Beiden. 25 [498] Es hat mich freier gemacht — jede tiefe Verunglimphfung, jede Verkennung: immer weniger will ich von den Menschen: immer mehr kann ich ihnen geben. Das Abschneiden jedes einzelnen Bandes ist hart, aber ein Flügel wächst mir statt des Bandes. — unbedingt in seinem Rechte sein: Mitleiden meine Schwäche, die ich überwinde. Es ist gut, wenn der abscheulichste Mißbrauch meines Mitgefühls und meiner Schonung mich endlich belehrt, daß ich hier nichts zu thun habe. 25 [499] — die „Umwandlung” eines Menschen durch eine herrschende Vorstellung ist das psychologische Urphänomen, auf welches das Christenthum gebaut ist; es sieht darin „ein Wunder”. Wir — — — Ich glaube ganz und gar nicht daran, daß ein Mensch auf Ein Mal ein hoher wertvoller Mensch wird; der Christ ist mir ein ganz gewöhnlicher Mensch mit ein paar anderen Worten und Werthschätzungen. Auf die Dauer wirken freilich diese Worte und Werke und schaffen vielleicht einen Typus: der Christ als die verlogenste Art Mensch. Daß er moralisch redet, das verdirbt ihn durch und durch: man sehe Luther. Ein greulicher Anblick, weichlich-sentimental, furchtsam, aufgeregt — — — komisch! wie der “Wahrheitssinn” erwacht und gleich wieder einschläft! — ich scheide mich von jeder Philosophie ab, dadurch daß ich frage: „gut?” „wozu!” und „gut?” warum nennt ihr das so? Das Christenthum hat “gut” und “böse” acceptirt und nichts hier geschaffen. 25 [500] Weisheit und Liebe zur Weisheit Prolegomena zu einer Philosophie der Zukunft. Von Friedrich Nietzsche. Amor fati. 25 [501] Kalt, schlau, lustgierig, schadenfroh — man kann fast alle Prozeduren eines Philosophen auf Charakterfehler zurückführen — — 25 [502] Es kommt vor, daß \<wir\> einen uneigennützigen Menschen schätzen und auszeichnen: nicht etwa weil er uneigennützig ist, sondern nur weil er ein Recht darauf zu haben scheint, einem anderen Menschen auf seine eigenen Unkosten zu nützen: und an einem, der zum Herren geschaffen ist, wird Selbstverleugnung und Uneigennützigkeit — — — Es fragt sich immer, wer es ist und wer Jener ist. Der unbedingte Hang zur Uneigennützigkeit würde uns nur als Zeichen der Heerden-Natur gelten 25 [503] Von der höchsten Stufe der Moralität: sie wendet den Blick gegen sich selber, versuchsweise. 25 [504] Die Liebe zur Weisheit. Die Missrathenen und Blutverderbten. (Gegen das Christenthum) Der Weise, und die Güter des Lebens. 25 [505] Diese perspektivische Welt, diese Welt für das Auge, Getast und Ohr ist sehr falsch, verglichen schon für einen sehr viel feineren Sinnen-Apparat. Aber ihre Verständlichkeit Übersichtlichkeit, ihre Praktikabilität, ihre Schönheit beginnt aufzuhören, wenn wir unsere Sinne verfeinern: ebenso hört die Schönheit auf, beim Durchdenken von Vorgängen der Geschichte; die Ordnung des Zwecks ist schon eine Illusion. Genug, je oberflächlicher und gröber zusammenfassend, um so werthvoller, bestimmter, schöner, bedeutungsvoller erscheint die Welt. Je tiefer man hineinsieht, um so mehr verschwindet unsere Werthschätzung — die Bedeutungslosigkeit naht sich! Wir haben die Welt, welche Werth hat, geschaffen! Dies erkennend erkennen wir auch, daß die Verehrung der Wahrheit schon die Folge einer Illusion ist — und daß man mehr als sie die bildende, vereinfachende, gestaltende, erdichtende Kraft zu schätzen hat — was Gott war “Alles ist falsch! Alles ist erlaubt!” Erst bei einer gewissen Stumpfheit des Blicks, einem Willen zur Einfachheit stellt sich das “Schöne”, das „Werthvolle” ein: an sich ist es, ich weiß nicht was. 25 [506] Ist der Hang zum Wahren wirklich der Sinn des guten Menschen? was für eine gründliche Verlogenheit gehört z.B. dazu, um das neue Testament zu machen! 25 [507] Alle Physik ist nur Symptomatik. 25 [508] Es ist unmöglich, die Existenz von Individuen zu erweisen. Es ist nichts an der “Persönlichkeit” fest. 25 [509] Es wäre eine Erklärung unserer „Welt” aus „falschen Annahmen” möglich. Alles nur perspektivisch, nur in Hinsicht auf die Erhaltung kleiner organischen Wesen. 25 [510] “Der gute Mensch” ein gefährliches Ding, ein Zeichen der Erschöpfung — mattwerdender Egoismus. 25 [511] Marc Aurel's Bekenntnisse sind für mich ein komisches Buch. 25 [512] Der religiöse Affekt ist die interessanteste Krankheit, der der Mensch bisher verfiel. Sein Studium macht einem die gesunden Menschen beinahe langweilig und widrig. 25 [513] Man muß das Sein leugnen. 25 [514] Die Entstehung des Gedächtnisses ist das Problem des Organischen. Wie ist Gedächtniß möglich? Die Affekte sind Symptome der Formation des Gedächtniß-Materials — fortwährendes Fortleben und Zusammenwirken. 25 [515] In wie weit Einer auf Hypothesen hin leben, gleichsam auf unbegrenzte Meere hinausfahren kann, statt auf „Glauben” ist das höchste Maaß der Kraftfülle. Alle geringeren Geister gehen zu Grunde. 25 [516] Katzen-Egoismus. Es giebt einen Hunde-Egoismus im Menschen und einen Katzen-Egoismus: die wählen entgegengesetzte Mittel. Der erste ist hingebend und begeistert — 25 [517] Lust und Unlust sind Bejahungen und Verneinungen. Urtheile sind 1) Glauben „das ist so” und 2) „das hat den und den Werth” Lust und Unlust sind Wirkungen der Gesamt-Intelligenz, Folge von kritischen Urtheilen, die wir als Lust oder Schmerz fühlen. 25 [518] — nach P. Secchi kann der Raum nicht unbegrenzt sein, da kein aus einzelnen Körpern zusammengesetztes Ding unendlich sein kann und weil ein unendliches von zahllosen Sternen bevölkertes Himmelsgewölbe wie die Sonne nach seiner ganzen Ausdehnung leuchtend erscheinen müßte — 75 [519] Maupertuis schlug vor, um das Wesen der Seele zu erforschen, möge man Vivisectionen mit Patagoniern machen. Jeder ächte rechte Moralist behandelt sich als Patagonier. 25 [520] Die Werthschätzungen nicht von Lust und Unlust abhängig: es ist der Werth nach der Erhaltung des Ganzen gemessen: also nach etwas Zukünftigem, was vorgestellt wird, nach Zwecken. Lust und Unlust sind erst Folgen von Zweck-Urtheilen. Alle Erhaltungs-Tendenzen sind nicht aus der Mechanik abzuleiten: sie setzen eine Vergegenwärtigung des Ganzen vor — seine Ziele, Gefahren und Förderungen; das niedrigere, gehorchende Wesen muß sich bis zu einem Grade auch die Aufgabe des höheren vorstellen können. Mit Lust und Unlust wird das einzelne Erlebniß charakterisirt in Hinsicht auf die Erhaltung. Werthschätzungen von Ereignissen in Bezug auf ihre Folgen. 25 [521] Unverständige Meinungen haben überall Bürgerrecht. Unverständliches erst in mir 25 [522] Die Welt des Guten und Bösen ist nur scheinbar. 25 [523] Gegen die Genügsamkeit Zarathustra I Das Kleinwerden und Schämen der Mächtigen — der Mangel, erhebende Menschen zu sehen. — die Häßlichkeit der Plebejer — der Neid und die Kleinlichkeit des Plebejers  der Sieg der moralischen Tartüfferie. — die Gefahr, daß die Weltregierung in die Hände der Mittelmäßigen fällt — das Ersticken aller höheren Naturen. ego als Ablenkung vom eudämonologischen Gesichtspunkt — historisch. 25 [524] gegen die Gleichheit gegen die moral\<ische\> Tartüfferie gegen das Christenthum und Gott gegen das Nationale — der gute Europäer. 25 [525] Ein Gott der Liebe könnte eines Tags sprechen, gelangweilt durch seine Tugend: „versuchen wir's einmal mit der Teufelei!” Und siehe da, ein neuer Ursprung des Bösen! Aus Langeweile und Tugend! 25 [526] Eine Meinung, gesetzt auch daß sie unwiderlegbar ist, braucht noch nicht wahr zu sein. [Sommer — Herbst 1884] [Dokument: Heft] 26 [1] Das Vorläufige und die Vorläufer 26 [2] Skeptische Einreden. 26 [3] Die großen Philosophen sind selten gerathen. Was sind denn diese Kant, Hegel, Schopenhauer, Spinoza! Wie arm, wie einseitig! Da versteht man, wie ein Künstler sich einbilden kann, mehr als sie zu bedeuten. Die Kenntniß der großen Griechen hat mich erzogen: an Heraclit Empedocles Parmenides Anaxagoras Democrit ist mehr zu verehren, sie sind voller. Das Christenthum hat es auf dem Gewissen, viele volle Menschen verdorben zu haben z. B. Pascal und früher den Meister Eckart. Es verdirbt zuletzt gar noch den Begriff des Künstlers: es hat eine schüchterne Hypocrisie über Raffael gegossen, zuletzt ist auch sein verklärter Christus ein flatterndes schwärmerisches Mönchlein, das er nicht wagt, nackt zu zeigen. Goethe steht gut da. 26 [4] “Die Menschen lieben aus Dankgefühl, aus überströmendem Herzen, weil man dem Tode entronnen ist” Lagarde p. 54 gegen die „Humanität”. 26 [5] Der Vortheil der Kirche, wie der Rußlands ist: sie können warten. 26 [6] Eine Religion, an deren Thür der Ehebruch Gottes steht (bei ihm ist ja kein Ding unmöglich!) 26 [7] — den Nächsten, den Feind selber lieben, weil Gott so thut — “er läßt regnen über Gerechte und Ungerechte. “Aber das thut er gar nicht. 26 [8] — Fichte, Schelling, Hegel, Schleiermacher, Feuerbach, Strauß — alles Theologen. 26 [9] — ich bin dazu gedrängt, im Zeitalter des suffrage universel, d. h. wo jeder über jeden und jedes zu Gericht sitzen darf, die Rangordnung wieder herzustellen. 26 [10] Bei altgewordenen Völkern große Sinnlichkeit, z. B. Ungarn, Chinesen, Juden, Franzosen (denn die Kelten waren schon ein Culturvolk!) — 26 [11] Die ächten Beduinen der Wüste und die alten Wikinger — 26 [12] NB. Die bestgeglaubten a priorischen „Wahrheiten” sind für mich — Annahmen bis auf Weiteres z.B. das Gesetz der Causalität sehr gut eingeübte Gewöhnungen des Glaubens, so einverleibt, daß nicht daran glauben das Geschlecht zu Grunde richten würde. Aber sind es deswegen Wahrheiten? Welcher Schluß! Als ob die Wahrheit damit bewiesen würde, daß der Mensch bestehn bleibt! 26 [13] Ich muß das schwierigste Ideal des Philosophen aufstellen. Das Lernen thut's nicht! Der Gelehrte ist das Heerdenthier im Reiche der Erkenntniß, welcher forscht, weil es ihm befohlen und vorgemacht worden ist. 26 [14] Es giebt an sich keinen Sinn für Wahrheit; aber weil ein starkes Vorurtheil dafür spricht, es sei nützlicher, die Wahrheit zu wissen als sich täuschen zu lassen, wird die Wahrheit gesucht — während in vielen anderen Fällen sie gesucht wird, weil sie vielleicht nützlicher sein könnte — sei es zur Vermehrung der Macht, des Reichthums, der Ehre, des Selbstgefühls. 26 [15] Auch hinter den eigentlichen Freunden der Wahrheit, den Philosophen arbeitet eine ihnen oft unbewußte Absichtlichkeit: sie wollen von vorn herein eine gewisse, so und so beschaffene “Wahrheit” — und oft genug haben sie ihre innersten Bedürfnisse verrathen, indem sie ihren Weg zu ihrer „Wahrheit” giengen. 26 [16] Der arme Schopenhauer! E. von Hartmann hat ihm die Beine, auf denen er einher gieng, und Richard Wagner gar noch den Kopf abgeschnitten! 26 [17] Wir können vom Willen nur das erkennen, was an ihm erkennbar ist — also vorausgesetzt, daß wir uns als Wollende erkennen, muß am Wollen etwas Intellektuales sein. 26 [18] Ein Erkenntniß-Apparat, der sich selber erkennen will!! Man sollte doch über diese Absurdität der Aufgabe hinaus sein! (Der Magen, der sich selber aufzehrt! –) 26 [19] Wie Winckelmann am Laokoon gleichsam am Ende des Alterthums den Sinn für dasselbe sich erwarb, so R\<ichard\> W\<agner\> an der Oper, der schlechtesten aller Kunstgattungen, den Sinn für Stil d. h. Einsicht, daß es nicht möglich ist, Künste zu isoliren. 26 [20] — der demagogische Charakter der Kunst Wagners: zuletzt mit der Consequenz, daß er sich vor Luther beugte, um Einfluß zu bekommen. 26 [21] — die deutsche Musik steht nicht außerhalb der Cultur-Bewegung: in Mozart ist sehr viel Rococo und jene Zärtlichkeit des 18ten Jahrhunderts. In Beethoven die Luft von Frankreich her, die Schwärmereien, aus denen die Revolution entsprang immer Nachklang, Ausklang. W\<agner\> und die Romantik. — wie steht es mit dem Zusammenhang der Musik und der bildenden Kunst? Und der Poesie? Verhältnismäßige Einsamkeit des Musikers, er lebt weniger mit, seine Erregungen sind Nachklänge früherer Gefühle. Es fehlt immer noch der große Stil in der Musik; und es ist dafür gesorgt, daß er jetzt nicht wächst! 26 [22] Alles, was ich über R\<ichard\> W\<agner\> gesagt hatte, ist falsch. Ich empfand es 1876 “es ist an ihm Alles unächt; was ächt ist, wird versteckt oder dekorirt. Es ist ein Schauspieler, in jedem schlimmen und guten Sinn des Worts.” 26 [23] Sich so fernstellen von den moralischen Phänomenen, wie der Arzt dem Hexenglauben und der Lehre “vom Griff des Teufels” fernsteht. 26 [24] Der Schmerz, die Ungewißheit, die Bosheit: zu diesen Dreien stehen die Heerden-Menschen sehr verschieden. 26 [25] Die Vortheile in dieser Zeit. “Nichts ist wahr: Alles ist erlaubt.” 26 [26] Ich betrachte Verbrecher, gestrafte und nicht gestrafte, als Menschen, an denen man Versuche machen kann. Schutz, nicht Besserung, nicht Strafe! 26 [27] — ein Volk, welches sich der Intelligenz eines Luther unterordnet! 26 [28] NB. Es sind gute Perspectiven: lauter ganz große Erschütterungen bereiten sich vor. Erwäge ich, was die französische Revolution erregt hat — auch Beethoven ist ohne sie nicht zu denken, ebensowenig Napoleon. So hoffe ich, daß alle Grundprobleme aufgedeckt werden und man gründlich über die Albernheiten des neuen Testaments oder über Hamlet und Faust, die beiden “modernsten Menschen”, hinauskommt. 26 [29] Ich habe mich in eine gute helle Höhe gehoben: und Mancher, der mir, als ich jung war, wie ein Stern über mir leuchtete, ist mir nun fern — aber unter mir z. B. Sch\<openhauer\> W\<agner\>. 26 [30] Man soll nicht bauen, wo es keine Zeit mehr ist. Das jauchzen der großen Bewegung: und ich bin, der sieht, worum es sich handelt: um alles „Gut” und “Böse”. 26 [31] R\<ichard\> W\<agner\> zu beschreiben — Versuch einer Dictatur. Aber zuletzt strich er sich selber durch, unfähig zu einer eigenen Gesammt-Conception. Die „Entzückungen” des Protestantischen Abendmahls verführten ihn! Montaigne — — — 26 [32] “Welt-Eroberung.” Auf welchem Wege der Mensch sich bisher die Dinge zu unterwerfen suchte: — die Grenzen, wo er nicht weiter konnte und sich unterwarf (Moira) — ”Gott”. Die “Herrscher” noch einmal als Welt-Herrscher in die Dinge hineingeträumt. — Tröstungen. Ergebung. 26 [33] “Der Frieden als Trugbild.” “Befriedigung” 26 [34] Tags ist der untere Intellekt dem Bewußtsein verschlossen. Nachts schläft der höhere Intellekt, der untere tritt ins Bewußtsein (Traum) 26 [35] Wie im Traume zum Kanonenschuß die Ursache gesucht wird und der Schuß erst hinterdrein gehört wird (also eine Zeit-Umkehrung stattfindet: diese Zeitumkehrung findet immer statt, auch im Wachen. Die “Ursachen” werden nach der „That” imaginirt; ich meine, unsere Zwecke und Mittel sind Folgen eines Vorganges??) Wie sicher wir eingeübt sind, nichts ohne Ursache zu glauben, das zeigt das eben erwähnte Phänomen: wir acceptiren den Kanonenschuß erst, wenn wir uns die Möglichkeit ausgedacht haben, wie er entstanden ist, d. h. allem eigentlichen Erleben geht eine Zeit voraus, wo die zu erlebende Thatsache motivirt wird. — dies könnte in der Bewegung jedes Nervs, jedes Muskels der Fall sein. Also in jeder sogenannten Sinneswahrnehmung giebt es ein Urtheil, welches den Vorgang, bevor er ins Bewußtsein “eintritt”, bejaht oder verneint Alles organische Leben ist als sichtbare Bewegung coordinirt einem geistigen Geschehen. Ein organisches Wesen ist der sichtbare Ausdruck eines Geistes. 26 [36] Das Nervensystem und das Gehirn ist ein Leitungssystem und ein Centralisationsapparat zahlloser Individual-Geister von verschiedenem Range. Das Ich-Geistige selber ist mit der Zelle schon gegeben. Vor der Zelle giebt es keine Ich-Geistigkeit, wohl aber entspricht allem Gesetzmäßigen d. h. dem Relationscharakter alles Geschehens nur ein Denkvorgang (Gedächtniß und Schluß) 26 [37] Wo es keinen Irrthum giebt, dies Reich steht höher: das Unorganische als die individualitätslose Geistigkeit. Das organische Geschöpf hat seinen Seh-Winkel vom Egoismus, um erhalten zu bleiben. — es darf nur soweit denken als es seiner Erhaltung frommt. — ein Dauerprozeß mit Wachsthum, Zeugung usw. 26 [38] Die Gedanken sind Kräfte. Die Natur ergiebt sich als eine Menge von Relationen von Kräften: es sind Gedanken, logisch absolut sichere Prozesse, es fehlt alle Möglichkeit des Irrthums. Unsere Wissenschaft hat den Gang gemacht, überall logische Formeln und nichts weiteres ausfindig zu machen. — alle diese Bewegungsvorgänge, die wir sehen oder fast sehen (Atome), sind Consequenzen 1. Die unzerstörbare Einerleiheit der Kraft, der Raum mit der Funktion Kraft. Alles Mechanik. 2. Die Mechanik im Grunde Logik. 3. die Logik unableitbar. Wie ist der Irrthum möglich? richtiger: Erhaltungsgesetze für Dauer-Prozesse setzen perspektivische Illusion voraus. 26 [39] “der gerechte Mensch” für den Betrachter sehr erquicklich, Ruhe gebend: sich selber aber eine furchtbare Qual 26 [40] Kunst — die Freude, sich mitzutheilen (und zu empfangen von einem Reicheren) — durch Gestalten die Seelen formen — 26 [41] Dies Bedürfniß, fertig die Erkenntniß um sich zu haben, ist bei einer sehr entschlossenen Natur nicht vorhanden — 26 [42] Ich stelle das Problem von der Rangordnung (Plato) des Künstlers neu; zugleich bilde ich den Künstler so hoch ich kann. Thatsächlich finden wir alle Künstler unterworfen unter große geistige Bewegungen, nicht deren Leiter: oft Vollender z. B. Dante für die katholische Kirche. R\<ichard\> W\<agner\> für die romantische Bewegung. Shakespeare für die Freigeisterei Montaigne’s. Die höheren Formen, wo der Künstler nur ein Theil des Menschen ist — z. B. Plato, Goethe, G\<iordano\> Bruno. Diese Formen gerathen selten. 26 [43] Alle philosophischen Systeme sind überwunden; die Griechen strahlen in größerem Glanze als je, zumal die Griechen vor Socrates. 26 [44] Die Umkehrung der Zeit: wir glauben die Außenwelt als Ursache ihrer Wirkung auf uns, aber wir haben ihre thatsächliche und unbewußt verlaufende Wirkung erst zur Außenwelt verwandelt: das, als was sie uns gegenüber steht, ist unser Werk, das nun auf uns zurückwirkt. Es braucht Zeit, bevor sie fertig ist: aber diese Zeit ist so klein. 26 [45] Unsere Werthschätzungen stehen im Verhältniß zu unseren geglaubten Lebensbedingungen: verändern sich diese, so verändern sich unsere Werthschätzungen. 26 [46] Coordination statt Ursache und Wirkung 26 [47] Der Weg zur Weisheit. Fingerzeige zur Überwindung der Moral. Der erste Gang. Besser verehren (und gehorchen und lernen) als irgend Einer. Alles Verehrenswerthe in sich sammeln und miteinander kämpfen lassen. Alles Schwere tragen. Asketismus des Geistes — Tapferkeit Zeit der Gemeinschaft. Der zweite Gang. Das verehrende Herz zerbrechen, (als man am festesten gebunden ist). Der freie Geist. Unabhängigkeit. Zeit der Wüste. Kritik alles Verehrten (Idealisirung des Unverehrten), Versuch umgekehrter Schätzungen. Der dritte Gang. Große Entscheidung, ob tauglich zur positiven Stellung, zum Bejahen. Kein Gott, kein Mensch mehr über mir! Der Instinkt des Schaffenden, der weiß, wo er die Hand anlegt. Die große Verantwortung und die Unschuld. (Um Freude irgendworan zu haben, muß man Alles gutheißen.) Sich das Recht geben zum Handeln. 26 [48] 1. Die Überwindung der bösen kleinlichen Neigungen. Das umfängliche Herz, man erobert nur mit Liebe. (R\<ichard\> W\<agner\> warf sich vor einem tiefen liebevollen Herzen nieder, ebenso Schopenhauer. Dies gehört zur ersten Stufe.) Vaterland, Rasse, alles gehört hierher. 2. Die Überwindung auch der guten Neigungen. unvermerkt solche Naturen wie D\<ühring\> und W\<agner\> oder Sch\<openhauer\> als noch nicht einmal auf dieser Stufe stehend! 3. Jenseits von Gut und Böse. Er nimmt sich der mechachanischen Weltbetrachtung an und fühlt sich nicht gedemüthigt unter dem Schicksal: er ist Schicksal. Er hat das Loos der Menschen in der Hand. Nur für Wenige: die Meisten werden schon im 2ten Weg zu Grunde gehen. Plato Spinoza? vielleicht gerathen? Sich endlich das Recht geben zum Handeln. Sich hüten vor Handlungen, die nicht mehr zur erreichten Stufe passen z. B. das Helfen-wollen bei Solchen, die nicht bedeutend genug sind — dies ist falsches Mitleid. 26 [49] NB. “Bewußtsein” — in wie fern die vorgestellte Vorstellung, der vorgestellte Wille, das vorgestellte Gefühl (das uns allein bekannte) ganz oberflächlich ist! “Erscheinung” auch unsere innere Welt! 26 [50] Maassstab. Wie viel hält Einer von der Wahrheit aus, ohne zu entarten! Und ohne durch Widerspruch und Feindseligkeit und Mißverstehen zur Verzweiflung gebracht zu werden? Auch nicht durch die Dummheit der Liebe derer, die ihn verehren? 26 [51] Welches schlimme Schicksal hat Schopenhauer gehabt! Seine Ungerechtigkeiten fanden Übertreiber (Dühring und Richard Wagner), seine Grundeinsicht vom Pessimismus einen Berliner unfreiwilligen Verkleinerer (E. von Hartmann)! 26 [52] Wir meinen, unser bewußter Intellekt sei die Ursache aller zweckmäßigen Einrichtungen in uns. Das ist grundfalsch. Nichts ist oberflächlicher als das ganze Setzen von „Zwecken” und “Mitteln” durch das Bewußtsein: es ist ein Apparat der Vereinfachung (wie das Wortreden usw.), ein Mittel der Verständigung, practicabel, nichts mehr — ohne Absicht auf Durchdringung mit Erkenntniß. 26 [53] “Zufall” — in großen Geistern Fülle von Conceptionen und Möglichkeiten, gleichsam Spiel von Gestalten, daraus Auswahl und Anpassung an früher Ausgewähltes. — Die Abhängigkeit der niederen Naturen von den erfinderischen ist unsäglich groß — einmal darzustellen, wie sehr alles Nachahmung und Einspielen der angegebenen Werthschätzungen ist, die von großen Einzelnen ausgehen. Z. B. Plato und das Christenthum. Paulus wußte schwerlich, wie sehr alles in ihm nach Plato riecht. 26 [54] Capitel. Vom Werthe des menschlichen Erkenntniss-Apparates. Erst langsam stellt sich heraus, was er leisten und nicht leisten kann: namentlich wie weit alle seine Ergebnisse in innerem Zusammenhang stehen oder sich widersprechen. 26 [55] Capitel. Wenn man nicht einen bestimmten Standpunkt hat, ist über den Werth von keinem Dinge zu reden: d. h. eine bestimmte Bejahung eines bestimmten Lebens ist die Voraussetzung jedes Schätzens. 26 [56] Man lobt und tadelt von sich aus: wer von höheren Gesichtspunkten aus den Lobenden übersieht, findet es unschmeichelhaft, von ihm gelobt zu werden. 26 [57] NB. In wiefern es nöthig ist, für den Menschen höchsten Ranges, von den Vertretern einer bestimmten Moral tödtlich gehaßt zu werden. Wer die Welt liebt, den müssen alle Einzelnen verdammen: die Perspektive ihrer Erhaltung fordert, daß es keinen Zerstörer aller Perspectiven giebt. 26 [58] NB. Die erste Grenze alles “Sinnes für Wahrheit” ist — auch für alle niederen belebten Geschöpfe — was nicht ihrer Erhaltung dient, geht sie nichts an. Die zweite: die Art und Weise ein Ding zu betrachten, welche ihnen am nützlichsten ist, wird vorgezogen und allmählich erst, durch Vererbung, einverleibt. Dies ist auch durch den Menschen noch keineswegs anders geworden: höchstens könnte man fragen, ob es nicht entartende Rassen gäbe, welche sich so zu den Dingen stellen, wie es der inneren Absichtlichkeit auf Untergang hin gemäß ist — also wider das Leben. Aber das Absterben des Veralteten oder Mißrathenen gehört selber in die Consequenz der Erhaltung des Lebens: weshalb Greise greisenhaft und ächte Christen weltfeindlich urtheilen mögen. An sich wäre es möglich, daß zur Erhaltung des Lebenden gerade Grund — Irrthümer nöthig wären, und nicht “Grund-Wahrheiten”. Es könnte z. B. ein Dasein gedacht werden, in welchem Erkennen selber unmöglich wäre, weil ein Widerspruch zwischen absolut Flüssigem und der Erkenntniß besteht: in einer solchen Welt müßte ein lebendes Geschöpf erst an Dinge, an Dauer usw. glauben, um existiren zu können: der Irrthum wäre seine Existenz-Bedingung. Vielleicht ist es so. 26 [59] In wessen Vorfahren die Liebe eine wichtige Angelegenheit war, der wird es spüren, wenn er verliebt ist und sich, zu seinem Erstaunen vielleicht, so benehmen, wie seine Vorfahren es getrieben haben: es fängt schwerlich Einer eine veritable Passion an — sondern auch Leidenschaften müssen erzogen und angezüchtet werden, die Liebe sogut wie die Herrschsucht und der Egoismus. 26 [60] Überall, wo große Zweckmäßigkeit ist, haben wir im Bewußtsein nicht die Zwecke und Mittel. Der Künstler und sein Werk, die Mutter und das Kind — und ebenso mein Kauen, Verdauen, Gehen usw., die Oekonomie der Kräfte am Tage usw. — alles das ist ohne Bewußtsein. Daß etwas zweckmäßig vor sich geht z. B. der Prozeß des Verdauens, das wird durch die Annahme eines hundertfältig verfeinerten Erkenntnißapparates nach Art des bewußten Intellekts noch keineswegs erklärt: er könnte der Aufgabe, die thatsächlich geleistet wird, nicht angemessen gedacht werden, weil viel zu feine Verhältnisse (in Zahlen) in Betracht kämen. Der zweite Intellekt würde immer noch das Räthsel ungelöst lassen. Wenn man sich nicht durch “groß” und “klein” in zeitlichen Verhältnissen täuschen läßt, ist der Vorgang einer einzelnen Verdauung geradeso reich an einzelnen Vorgängen der Bewegung, wie der ganze Prozeß des Lebendigen überhaupt: und wer für letzteren keinen leitenden Intellekt annimmt, braucht ihn auch für ersteren nicht anzunehmen. 26 [61] Der ganze Erkenntniß-Apparat ist ein Abstraktions- und Simplifikations-Apparat — nicht auf Erkenntniß gerichtet, sondern auf Bemächtigung der Dinge: “Zweck” und „Mittel” sind so fern vom Wesen wie die “Begriffe”. Mit “Zweck” und “Mittel” bemächtigt man sich des Prozesses (- man erfindet einen Prozeß, der faßbar ist!), mit Begriffen aber der “Dinge”, welche den Prozeß machen. 26 [62] Das Wesen einer Handlung ist unerkennbar: das was wir ihre “Motive” nennen, bewegt Nichts — es ist eine Täuschung, ein Nacheinander als ein Durcheinander aufzufassen. 26 [63] Mit der “Freiheit des Willens” fällt die ”Verantwortlichkeit” dahin. Es bleiben aber alle moralischen Fragen übrig: wie steht das Lebendige zur “Wahrheit”? Zu einem anderen Lebendigen? Und wenn aus Irrthum gestraft und belohnt wurde, warum dürfte dann nicht weiter gestraft und belohnt werden? Was ist gegen einen „Willen zur Unwahrheit” einzuwenden? Und woher die Schätzung des Uneigennützigen Gerechten? — Genug, der ganze Thatbestand der bisherigen moralischen Stellung des Lebendigen, 1) der Thatbestand der Schätzungen und 2) die Ursache der Werthschätzungen bliebe noch festzustellen. Wobei sich die Frage ergäbe 3), ob es einen Maaßstab giebt über allen bisherigen Werthschätzungen, eingerechnet die Frage, ob die zwei ersten Probleme ohne dies lösbar sind — und warum ich sie überhaupt stelle. 26 [64] Die großen Probleme vom Werth des Werdens gestellt durch Anaximander und Heraclit — also die Entscheidung darüber, ob eine moralische oder eine ästhetische-Schätzung überhaupt erlaubt ist, in Bezug auf das Ganze. Das große Problem, welchen Antheil der Zwecke — setzende Verstand an allem Werden hat — von Anaxagoras Das große Problem, ob es ein Sein giebt — von den Eleaten; und was Alles Schein ist. Alle großen Probleme sind vor Socrates gestellt: Socrates: die Einsicht als Mittel zur moralischen Besserung, das Unvernünftige in den Leidenschaften, das Unzweckmäßige im Schlecht-sein. Plato sagt, nein! Die Liebe zum Guten bringt die moralische Besserung mit sich; die Einsicht aber ist nöthig zur Erfassung des Guten. Socrates sucht nicht die Weisheit, sondern einen Weisen — und findet ihn nicht  aber dies Suchen bezeichnet er als sein höchstes Glück. Denn es gäbe nichts Höheres im Leben als immer von Tugend zu sprechen. 26 [65] Vielleicht ist das, was wir als das Gewisseste fühlen, am entferntesten vom “Wirklichen”. Im Urtheile steckt ein Glaube “so und so ist es”; wie, wenn gerade das Glauben selber die nächste Thatsache wäre, die wir feststellen können! Wie ist Glauben möglich?? 26 [66] Pythagoras gründet einen Orden für Vornehme, eine Art Tempelherrn-Orden. 26 [67] — Heraclit: die Welt eine absolute Gesetzlichkeit: wie könnte sie eine Welt der Ungerechtigkeit sein!  also eine moralische Beurtheilung “die Erfüllung des Gesetzes” ist absolut; der Gegensatz ist eine Täuschung; auch die schlechten Menschen ändern nichts daran, so wie sie sind, erfüllt sich an ihnen die absolute Gesetzlichkeit. Die Nothwendigkeit wird hier moralisch verherrlicht und gefühlt. 26 [68] Bisher sind beide Erklärungen des organischen Lebens nicht gelungen, weder die aus der Mechanik, noch die aus dem Geiste. Ich betone letzteres. Der Geist ist oberflächlicher als man glaubt. Die Regierung des Organismus geschieht in einer Weise, für welche sowohl die mechanische Welt, als die geistige nur symbolisch zur Erklärung herangezogen werden kann. 26 [69] Der Gedanke, daß das Lebensfähige allein übriggeblieben ist, ist eine Conception ersten Ranges. 26 [70] Zuletzt könnte die Unerkennbarkeit des Lebens eben darin liegen, daß alles an sich unerkennbar ist und wir nur begreifen, was wir erst gebaut und gezimmert haben; ich meine auf dem Widerspruche der ersten Funktionen des “Erkennens” mit dem Leben. Je erkennbarer etwas ist, um so ferner vom Sein, um so mehr Begriff. 26 [71] Egoismus als das perspektivische Sehen und Beurtheilen aller Dinge zum Zweck der Erhaltung: alles Sehen (daß überhaupt etwas wahrgenommen wird, dies Auswählen) ist schon ein Werthschätzen, ein Acceptiren, im Gegensatze zu einem Zurückweisen und Nicht-sehen-wollen. 26 [72] Werthschätzungen stecken in allen Sinnes-Thätigkeiten. Werthschätzungen stecken in allen Funktionen des organischen Wesens. Daß Lust und Unlust ursprüngliche Formen der Werthschätzung sind, ist eine Hypothese: vielleicht sind sie erst Folgen einer Werthschätzung. Das “Gute” ist, von zwei verschiedenen Wesen aus gesehen, etwas Verschiedenes. Es giebt ein Gutes, das die Erhaltung des Einzelnen; ein Gutes, das die Erhaltung seiner Familie oder seiner Gemeinde oder seines Stammes zum Maaße hat — es kann ein Widerstreit im Individuum entstehen, zwei Triebe. Jeder “Trieb” ist der Trieb zu “etwas Gutem”, von irgend einem Standpunkte aus gesehen; es ist Werthschätzung darin, nur deswegen hat er sich einverleibt. Jeder Trieb ist angezüchtet worden als zeitweilige Existenz — Bedingung. Er vererbt sich lange, auch nachdem er aufgehört hat, es zu sein. Ein bestimmter Grad des Triebes im Verhältniß zu anderen Trieben wird, als erhaltungsfähig, immer wieder vererbt; ein entgegengesetzter verschwindet 26 [73] Das „Unegoistische”. Die Vielheit der Personen (Masken) in Einem „Ich”. 26 [74] Das Gesetz der Causalität a priori — daß es geglaubt wird, kann eine Existenzbedingung unserer Art sein; damit ist es nicht bewiesen. 26 [75] Zur Einleitung. § 1. Die schwierigste und höchste Gestalt des Menschen wird am seltensten gelingen: so zeigt die Geschichte der Philosophie eine Überfülle von Mißrathenen, von Unglücksfällen, und ein äußerst langsames Schreiten; ganze Jahrtausende fallen dazwischen und erdrücken, was erreicht war, der Zusammenhang hört immer wieder auf. Das ist eine schauerliche Geschichte — die Geschichte des höchsten Menschen, des Weisen. — Am meisten geschädigt ist gerade das Gedächtniß der Großen, denn die Halb-Gerathenen und Mißrathenen verkennen sie und besiegen sie durch “Erfolge”. Jedes Mal, wo „die Wirkung” sich zeigt, tritt eine Masse Pöbel auf den Schauplatz; das Mitreden der Kleinen und der Armen im Geiste ist eine fürchterliche Ohren-Marter für den, der mit Schauder weiß, daß das Schicksal der Menschheit am Gerathen ihres höchsten Typus liegt. –Ich habe von Kindesbeinen an über die Existenz-Bedingungen des Weisen nachgedacht; und will meine frohe Überzeugung nicht verschweigen, daß er jetzt in Europa wieder möglich wird — vielleicht nur für eine kurze Zeit. § 2. Was muß im Weisen zusammenkommen? Da begreift man, warum er so leicht mißräth, ganz abgesehen von den äußeren Bedingungen. § 3. Die Welt der Meinungen — wie tief das Werthschätzen in die Dinge geht, ist bisher übersehen: wie wir in einer selbstgeschaffenen Welt stecken, und auch in allen unseren Sinnes-Wahrnehmungen noch moralische Werthe liegen. — Beschränktheit des Gesichtskreises des Kantischen Idealismus (zuletzt von ihm selber widerlegt: was geht uns die Wahrheit an, wenn es sich um unsere höchsten Werthschätzungen handelt — ”man muß dann dies und jenes glauben” meinte Kant) 26 [76] Es ist ein Problem, ob Lust und Unlust primitivere Thatsachen sind als Urtheil “nützlich” “schädlich” für das Ganze. 26 [77] Reiz begrifflich abzutrennen von „Lust” und „Unlust” 26 [78] Schopenhauer bekennt das “besondere Vergnügen”, die praktische Vernunft und den kategorischen Imperativ Kants “als völlig unberechtigte, grundlose und erdichtete Annahmen nachzuweisen und somit die Moral wieder ihrer alten, gänzlichen Rathlosigkeit zu überantworten” (Grundlage der Moral p. 116) 26 [79] Bedingungen des Weisen. Man muß sich durch Schuld aller Art aus der Gesellschaft lösen. 26 [80] Die Entwicklung des Organischen ergiebt eine große Wahrscheinlichkeit, daß der Intellekt aus sehr kleinen Anfängen gewachsen ist, also auch geworden ist: die Sinnesorgane sind nachweisbar entstanden, vor ihnen gab es noch keine „Sinne”. Es fragt sich, was immer dagewesen sein muß: z. B. welche Eigenschaften hat das Embryon, daß sich schließlich auch das Denken im Verlaufe seiner Entwicklung entwickelt? — 26 [81] Wir haben keine Ahnung bisher von den inneren Bewegungs-gesetzen des organischen Wesens. „Gestalt” ist ein optisches Phänomen: abgesehen von Augen Unsinn. 26 [82] Hauptsatz: keine rückläufigen Hypothesen! Lieber ein Zustand der epoch! Und möglichst viel Einzel-Beobachtungen! Zuletzt: wir mögen erkennen, was wir wollen, hinter allen unseren Arbeiten steht eine Nützlichkeit oder Unnützlichkeit die wir nicht übersehen. Es giebt darin kein Belieben, sondern alles ist absolut nothwendig: und das Loos der Menschheit ist längst entschieden, weil es schon ewig dagewesen ist. Unsre eifrigste Anstrengung und Vorsicht gehört mit hinein in das fatum aller Dinge; und ebenso jede Dummheit. Wer sich vor diesem Gedanken verkriecht, der ist eben damit auch fatum. Gegen den Gedanken der Nothwendigkeit giebt es keine Zuflucht. 26 [83] Welches ist der wünschenswertheste nützlichste Glaube? (wenn einmal es nicht auf Wahrheit ankommt) könnte man fragen. Aber da muß man weiter fragen: nützlich wozu? 26 [84] Kant sagt p. 19 R\<osenkranz\>, „der moralische Werth einer Handlung liege durchaus nicht in der Absicht, in der sie geschah, sondern in der Maxime, die man befolgte.” „Wogegen (Schopenhauer Grundlage der Moral p. 134) ich zu bedenken gebe, daß die Absicht allein über moralischen Werth oder Unwerth einer That entscheidet, weshalb die selbe That, je nach ihrer Absicht, verwerflich oder lobenswerth sein kann” u s w. ego: aber was er mit der That wollte, ob dies lobens- oder tadelnswerth ist, hängt doch von der Maxime ab, die der Lobende oder Tadelnde hat, und folglich von der Beurtheilung der Maxime, nach welcher der Handelnde gehandelt hat: ist es nämlich nicht die gleiche, so empört sich der gewöhnliche Mensch gegen den Handelnden, er setzt aber voraus, daß er gleich die Handlungen schätzt. Kant hat Recht, daß weil es verschiedene Maximen giebt, und von verschiedenem moralischen Werthe, der Werth einer Handlung zuletzt immer zur Frage nach dem Werthe der ihr zu Grunde liegenden Maxime zurückführt. Sch\<openhauer\> ist ebenso sicher zu wissen, was gut und böse ist, wie Kant — das ist der Humor der Sache. 26 [85] Das Befehlen und das Gehorchen ist die Grundthatsache: das setzt eine Rang-Ordnung voraus Sch\<openhauer\> p. 136 “Das Princip oder der oberste Grundsatz einer Ethik ist der kürzeste und bündigste Ausdruck für die Handlungsweise, die sie vorschreibt oder, wenn sie keine imperative Form hätte, die Handlungsweise welcher sie eigentlichen moralischen Werth zuerkennt, — also das o,ti der Tugend. Das Fundament einer Ethik hingegen ist das dioti der Tugend, der Grund jener Verpflichtung oder Anempfehlung oder Belobung, also das dioti der Tugend. — Das o,ti so leicht, das dioti  so entsetzlich schwer.” “Das Princip, der Grundsatz, über dessen Inhalt alle Ethiker eigentlich einig sind: neminem laede, immo omnes quantum potes juva — das ist eigentlich der Satz, welchen zu begründen alle Sittenlehrer sich abmühen — das eigentliche Fundament der Ethik, welches man wie den Stein der Weisen seit Jahrtausenden sucht.” Die Schwierigkeit, diesen Satz zu beweisen, ist freilich groß: er ist albern und sklavenhaft-sentimental. neminem laede warum nicht? neminem enthält eine Gleichsetzung aller Menschen: da aber die Menschen nicht gleich sind, so ist hierin eine Forderung enthalten, sie als gleich zu setzen. Also — “behandle jeden Menschen als Deinesgleichen” ist Hintergrund dieser Moral. “Nutzen” enthält die Frage “nützlich wozu?” also schon eine Werthschätzung und Ziel. Unter Umständen könnte, um Allen zu nützen, es nöthig sein Vielen zu schaden: also der erste Theil falsch sein. Es ist lächerlich, ein “Wohl- und Wehethun” an sich zu glauben, wenn man Philosoph ist. Ein Schmerz und Verlust bringt uns oft den größten Gewinn, und „es ist sehr gut, schlimme Feinde zu haben”, wenn aus dir etwas Großes werden soll.— also: erste Frage, ob die Moral praktikabel, ausfühbar ist. Aber wie kann ich “Allen nützen”! Es giebt Augenblicke in Schopenhauer, wo er der Sentimentalität Kotzebue’s gar nicht fern steht — auch spielte er täglich Flöte: das sagt Etwas. 26 [86] Schopenhauer hat sich mit Recht lustig gemacht über Kants “Zweck an sich” “absolutes Soll” “absoluter Werth” als über Widersprüche: er hätte das “Ding an sich” hinzuthun sollen. 26 [87] Wo die Gleichgültigkeit beginnt, bei lebenden Wesen, im Verhältniß zur Außenwelt — 26 [88] Der Weise am wenigsten durch starre Einförmigkeit des Blicks ausgezeichnet — so lange — — — 26 [89] Die ausgezeichneten Geister mißrathen leichter; ihre Leidensgeschichte, ihre Krankheiten, ihre Empörung über das dreiste Tugend-Gequieke aller sittlichen Gänseriche usw. Alles ist gegen sie verschworen, es erbittert sie, überall nicht am Platze zu sein. — Gefahr in demokratischen Zeitaltern. Absolute Verachtung als Sicherheits-Maaßregel. 26 [90] Was erreicht worden ist in der Erkenntniß, ist Sache des Philosophen, festzustellen; und nicht nur darin, sondern überhaupt! Die Geschichte als die große Versuchs-Anstalt: die bewußte Weisheit vorzubereiten, welche zur Erd-Regierung noththut. Das Zusammen-denken des Erlebten — 26 [91] Bei einem Überschusse von belebenden ergänzenden Kräften glänzen selbst die Unglücksfälle mit dem Glanze einer Sonne und erzeugen ihre eigene Tröstung: umgekehrt, alle die tiefe Niedergeschlagenheit, die Gewissensbisse, die langen bitteren Nächte treten ein bei geschwächten Leibern (oft wird noch die Nahrung verweigert) 26 [92] Das Unfreiwillige im Denken. Der Gedanke taucht auf, oft vermischt und verdunkelt durch ein Gedränge von Gedanken. Wir ziehen ihn heraus, wir reinigen ihn, wir stellen ihn auf seine Füße und sehen, wie er geht — alles sehr geschwinde! Wir sitzen dann über ihn zu Gericht: denken ist eine Art Übung der Gerechtigkeit, bei der es auch Zeugenverhör giebt. Was bedeutet er? fragen wir und rufen andere Gedanken herbei: das heißt: Der Gedanke also wird nicht als unmittelbar gewiß genommen, sondern nur als ein Zeichen, ein Fragezeichen. Daß jeder Gedanke zuerst vieldeutig und schwankend ist, und an sich nur ein Anlaß zu mehrfacher Interpretation und willkürlicher Festsetzung, ist eine Erfahrungssache jedes Beobachters, der nicht an der Oberfläche bleibt. — Der Ursprung des Gedankens ist uns verborgen; es ist eine große Wahrscheinlichkeit, daß er ein Symptom eines umfänglicheren Zustandes ist, gleich jedem Gefühl —: darin daß gerade er kommt und kein anderer, daß er gerade mit dieser größeren oder minderen Helligkeit kommt, mitunter sicher und befehlerisch, mitunter unsicher und einer Stütze bedürftig, im Ganzen immer beunruhigend und aufregend, fragend — für das Bewußtsein ist jeder Gedanke ein Stimulans — in dem Allen drückt sich irgend Etwas von einem Gesammt-Zustand in Zeichen aus. — Ebenso steht es mit jedem Gefühle — es bedeutet uns nicht an sich Etwas; es wird, wenn es kommt, von uns interpretirt, und oft wie seltsam interpretirt! Man erwäge alle die Nöthe der Gedärme, die krankhaften Zustände des nervus sympathicus, und des ganzen sensorium commune —: nur der anatomisch Unterrichtete räth dabei auf die rechte Gattung von Ursachen; jeder Unwissende aber sucht in solchen Schmerzen eine moralische Erklärung und schiebt dem thatsächlichen Anlasse zu Verstimmungen einen falschen Grund unter, indem er im Umkreis seiner Erlebnisse nach unangenehmen Erfahrungen und Befürchtungen, nach einem Grund sucht, sich schlecht zu befinden. — Auf der Folter bekennt sich fast Jemanden  schuldig: im Schmerz, dessen Ursache man nicht weiß, fragt sich der Gefolterte so lange und inquisitorisch, bis er sich oder Andere als schuldig findet, wie z. B. die Purit\<aner\> den ihrer unvernünftigen Lebensweise häufig anhaftenden Spleen sich moralisch, als Gewissensbiß auslegten. 26 [93] Die Handlung eines höheren Menschen ist unbeschreiblich vielfach in ihrer Motivierung: mit irgend einem solchen Wort, wie „Mitleid”, ist gar nichts gesagt. Das Wesentlichste ist das Gefühl „wer bin ich? wer ist der andere im Verhältniß zu mir — Werthurtheile fortwährend thätig. 26 [94] Über das Gedächtniß muß man umlernen: es ist die Menge aller Erlebnisse alles organischen Lebens, lebendig, sich ordnend, gegenseitig formend, ringend mit einander, vereinfachend, zusammendrängend und in viele Einheiten verwandelnd. Es muß einen inneren Prozeß geben, der sich verhält wie die Begriffsbildung aus vielen Einzelfällen: das Herausheben und immer neu Unterstreichen des Grundschemas und Weglassen der Neben-Züge. — So lange etwas noch als einzelnes factum zurückgerufen werden kann, ist es noch nicht eingeschmolzen: die jüngsten Erlebnisse schwimmen noch auf der Oberfläche. Gefühle von Neigung Abneigung usw. sind Symptome, daß schon Einheiten gebildet sind; unsre sogenannten „Instinkte” sind solche Bildungen. Gedanken sind das Oberflächlichste: Werthschätzungen, die unbegreiflich kommen und da sind, gehen tiefer — Lust und Unlust sind Wirkungen complizirter von Instinkten geregelter Werthschätzungen. 26 [95] Da Haß, Neigung, Begierde, Zorn, Herrschsucht usw. noch da sind, kann man vermuthen, daß sie ihre Funktionen der Erhaltung haben. Und “der gute Mensch” — ohne die mächtigen Affekte des Hasses, der Empörung, des Ekels, ohne Feindschaft ist eine Entartung, oder eine Selbst-Betrügerei. 26 [96] Die plumpe Pedanterie und Kleinstädterei des alten Kant, die groteske Geschmacklosigkeit dieses Chinesen von Königsberg, der aber doch ein Mann der Pflicht und ein preußischer Beamter war: und die innere Zucht- und Heimatlosigkeit Sch\<openhauer\>'s, der aber für den mitleidigen Biedermann sich begeistern konnte, gleich Kotzebue: und Mitleid für die Thiere kannte, gleich Voltaire. 26 [97] wer Freude an einem außerordentlichen Geiste hat, muß auch die Bedingungen lieben, unter denen er entsteht — die Nöthigung der Verstellung, Ausweichung, Ausbeutung der Gelegenheit; und das, was geringeren Naturen Widerwillen, im Grunde Furcht einflößt, zumal wenn sie den Geist als solchen hassen — 26 [98] Grundstellung: der Mangel an Ehrfurcht vor großen Geistern, aus vielen Gründen und auch daraus, daß es an großen Geistern fehlt. Die historische Manier unsrer Zeit ist zu erklären aus dem Glauben, daß Alles dem Urtheile eines jeden freisteht. Das Merkmal des großen Menschen war die tiefe Einsicht in die moralische Hypocrisie von Jemanden  (zugleich als Consequenz des Plebejers, der ein Kostümsucht). 26 [99] Es ist mein Trost, daß noch alle großen Menschenkenner sagen: „der Mensch ist böse” — und wo es einmal anders lautete, da war dem Einsichtigen sofort deutlich „der Mensch ist dort schwach”. Die Schwächung des Menschen war die Ursache der Revolutionen — der Sentimentalität. 26 [100] Was fehlte den Philosophen a) historischer Sinn b) Kenntniß der Physiologie c) ein Ziel gegen die Zukunft hin Eine Kritik zu machen, ohne alle Ironie und moralische Verurtheilung. 26 [101] Ein prachtvoller Intellekt ist die Wirkung einer Menge moralischer Qualitäten z. B. Muth, Willenskraft, Billigkeit, Ernst — aber zugleich auch von vieler polutropia, Verstellung, Verwandlung, Erfahrung in Gegensätzen, Muthwille, Verwegenheit, Bosheit, Unbändigkeit. Damit ein prachtvoller Intellekt entstehe, müssen die Vorfahren eines Menschen in hervorragendem Grade beides gewesen sein, böse und gut, geistig und sinnlich. 26 [102] Daß ein guter Mensch einen außerordentlichen Geist haben könne, müßte immer erst noch bewiesen werden: die großen Geister waren bisher böse Menschen. 26 [103] Diese guten friedfertigen fröhlichen Menschen haben keine Vorstellung von der Schwere derer, welche von Neuem die Dinge wägen wollen und zur Wage heranwälzen müssen. 26 [104] Die Menge der Mißrathenen erschüttert, noch mehr die Behaglichkeit und Sicherheit (der Mangel an Mitgefühl für die ganze Entwicklung „Mensch”) — wie Alles schnell zu Grunde gehen kann! 26 [105] Es ist nicht zu verwundern, daß ein paar Jahrtausende nöthig sind, um die Anknüpfung wieder zu finden — es liegt wenig an ein paar Jahrtausenden! 26 [106] Der Erkennende hat Freude an allen seinen schlechten Affekten, Begierden, Handlungen; er benutzt Krankheiten, Demüthigungen, er läßt den Schmerz tief graben und springt dann plötzlich zurück, sobald er seine Erkenntniß hat. 26 [107] Die Absicht, den guten Menschen darzustellen, hat bisher am meisten der Erkenntniß der Philosophen geschadet. Große Verlogenheit, am größten bei den Moralisten. 26 [108] Darüber giebt es heute keine wesentliche Verschiedenheit des Urtheils, was gut und was böse ist. Man fragt nur, warum giebt es keine wesentliche Verschiedenheit. Daß es so und so ist, daran zweifelt man nicht. — Socrates fragt “warum?” aber auch, er zweifelt nicht — und es gehört bisher zur Eitelkeit des Menschen, daß er wisse, warum er etwas thue — daß er auf bewußte Motive handle. — Von Plato an glaubte jeder, es genüge “gut” „gerecht” usw. zu definiren, da wisse man's, und nun müsse man darnach handeln. 26 [109] NB. Werden gute, gerechte Menschen mit Recht gelobt? 1) Hat der Lobende ein Recht, überhaupt zu urtheilen? 2) Ist sein Urtheil richtig — und nach welchem Maaßstabe richtig? 26 [110] Es ist viel bisher geurtheilt und verurtheilt worden, wo das Wissen fehlte z. B. über Hexen; oder bei der Astrologie. Es hat sich viel “Urtheilen mit bestem Gewissen” als unberechtigt ergeben. Könnte es nicht mit “gut” und “böse” so sein, da die Begründung bisher eigentlich keine Kritik in sich schloß — man stimmte überein. Auch könnte man fragen: sind die Guten für die Entwicklung neuer und starker Typen nützlicher oder die Bösen? Sind die Guten für die Erkenntniß nützlicher usw. Sind die Guten gesünder und ausdauernder, in Hinsicht auf Erhaltung einer Rasse? — Sind sie im Verhältniß zum Glück heiterer oder trübseliger? — Der äußerst vielfältige, vielspältige Thatbestand erst hinzustellen. Sind sie für die Künste nützlicher? Für die Dauer des menschlichen Geschlechts? Vor allem: was ist das Merkmal, daß Einer gut oder böse ist? Ist es ein Verhalten in sich? Oder zu Anderen? 26 [111] Der Weise erschrickt, wenn er dahinter kommt, wie wenig den Allermeisten an der Wahrheit liegt, welche sich für gute Menschen halten — und er wird sich vornehmen, die tiefste Verachtung gegen die ganze moralische Tugend-Sippschaft zu wenden. Der Schlechte ist ihm lieber. — Was hat er für Opfer gebracht! Und nun merkt er, daß die Menschen glauben zustimmen oder nein sagen zu können. — Ein Buch, das “gefällt”! 26 [112] Ich habe eine tiefe Verachtung gegen alles moralische Urtheilen, Loben und Verurtheilen — In Bezug auf das gewöhnliche moralische Urtheilen frage ich 1) ist der Urtheilende überhaupt berechtigt zu urtheilen? 2) hat er Recht oder Unrecht, so zu urtheilen? steht er hoch genug hat er Einsicht, Phantasie, Erfahrung genug, sich ein Ganzes vorzustellen 26 [113] NB außerhalb der Städte leben! 26 [114] Es giebt keine unmittelbaren Thatsachen! Es steht mit Gefühlen und Gedanken ebenso: indem ich mir ihrer bewußt werde, mache ich einen Auszug, eine Vereinfachung, einen Versuch der Gestaltung: das eben ist bewußt werden: ein ganz aktives Zurechtmachen. Woher weißt du das?— wir sind uns bewußt der Arbeit, wenn wir einen Gedanken, ein Gefühl scharf fassen wollen — mit Hülfe von Vergleichung (Gedächtniß). Ein Gedanke und ein Gefühl sind Zeichen irgend welcher Vorgänge: nehme ich sie absolut — setze ich sie als unvermeidlich eindeutig, so setze ich zugleich die Menschen als intellektuell gleich — eine zeitweilig erlaubte Vereinfachung des wahren Thatbestandes. 26 [115] Wir arbeiten mit allen Kräften, uns von der Unfreiheit zu überzeugen: um uns so frei vor uns selber zu fühlen wie vor der Natur — — Es kostet die äußerste Anstrengung, ein Gefühl dieser Art aufrecht zu erhalten und nicht herauszufallen. 26 [116] Der “Unwerth“ eines Menschen ist nur ein Unwerth in Hinsicht auf bestimmte Zwecke (der Familie Gemeinde usw.): man soll ihm einen Werth geben und ihn empfinden machen, daß er nützlich ist z. B. der Kranke als Mittel der Erkenntniß; der Verbrecher als Vogelscheuche usw. Die Lasterhaften als Gelegenheiten, an ihnen usw. 26 [117] Um mich zu erhalten, habe ich meine schirmenden Instinkte, von Verachtung, Ekel, Gleichgültigkeit usw. — sie treiben mich in die Einsamkeit: in der Einsamkeit aber, wo ich alles als nothwendig verbunden fühle, ist mir jedes Wesen göttlich. NB. um irgend Etwas schätzen und lieben zu können, muß ich es begreifen als absolut nothwendig verbunden mit allem, was ist — also um seinetwillen muß ich alles Das ein gutheißen und dem Zufalle Dank wissen, in dem so kostbare Dinge möglich sind. Könnten wir die günstigsten Bedingungen voraussehen, unter denen Wesen entstehen vom höchsten Wirthe! Es ist tausend Mal zu complizirt, und die Wahrscheinlichkeit des Mißrathens sehr groß: so begeistert es nicht, danach zu streben! — Scepsis. — Dagegen: Muth, Einsicht, Härte, Unabhängigkeit, Gefühl der Unverantwortlichkeit können wir steigern, die Feinheit der Wage verfeinern und erwarten, daß günstige Zufälle zu Hülfe kommen. — 26 [118] — alle Tendenzen haben nur auf einen gewissen Gesichtskreis hin Sinn z. B. es ist werthvoll, wenn die Vernunft verfeinert wird, es ist auch werthvoll, wenn sie vergröbert wird: der Weise begreift die Nothwendigkeit entgegengesetzter Maaßstäbe, er will den buntesten Zufall unter vielen Gegensätzen. — Um zu leben, muß man schätzen. Etwas schätzen hat als Consequenz alles gutheißen, also auch das Geringgeschätzte, Verabscheute: d. h. zugleich schätzen und nichtschätzen. — Scepsis, also das Recht- und Unrechtschätzen als sich bedingend schätzen. 26 [119] Einsicht: bei aller Werthschätzung handelt es sich um eine bestimmte Perspective: Erhaltung des Individuums, einer Gemeinde, einer Rasse, eines Staates, einer Kirche, eines Glaubens, einer Cultur — vermöge des Vergessens, daß es nur ein perspektivisches Schätzen giebt, wimmelt alles von widersprechenden Schätzungen und folglich von widersprechenden Antrieben in Einem Menschen. Dies ist der Ausdruck der Erkrankung am Menschen, im Gegensatz zum Thiere, wo alle vorhandenen Instinkte ganz bestimmten Aufgaben genügen. — dies widerspruchsvolle Geschöpf hat aber an seinem Wesen eine große Methode der Erkenntniß: er fühlt viele Für und Wider — er erhebt sich zur Gerechtigkeit — zum Begreifen jenseits des Gut- und Böseschätzens. Der weiseste Mensch wäre der reichste an Widersprüchen, der gleichsam Tastorgane für alle Arten Mensch hat: und zwischeninnen seine großen Augenblicke grandiosen Zusammenklangs — der hohe Zufall auch in uns! — eine Art planetarischer Bewegung — 26 [120] Fragen eines Fragwürdigen. 26 [121] Ich habe ein Mißtrauen gegen alle moralischen Menschen: ihr Mangel an Selbst-Erkenntniß und Selbst-Verachtung macht mich nicht nur gegen ihren Verstand ungeduldig — ihr Anblick beleidigt mich. 26 [122] Der Mann von hoher Seele ist nicht geneigt zur Bewunderung, denn das Größte ist ihm ja eigen und verwandt, es giebt für ihn nichts Großes. — Die äußeren Güter Reichthum Macht kommen nicht in Betracht, sie sind ja nicht von eigenem Werthe, sondern nur zu Besserem nützlich. “Der Hohe, dem man die Bewunderung durch nichts Anderes als Verehrung ausdrücken kann, wird durch diese Ehren nicht sonderlich erfreut (weil sie immer zu gering sind, für den Werth seiner Tugend): aber er wird sie nicht ablehnen, weil die Menschen ihm ja doch nichts Größeres zu geben im Stande sind.” 26 [123] Spaaß und Scherz dient der Erholung, ist eine Art Heilung, wodurch wir wieder Kraft zu neuer Thätigkeit bekommen. “besser ist das Ernste” — ist Aristotelisch. 26 [124] Daß ein unbegrenzter Wille zur Erkenntniß eine große Gefahr ist, haben noch Wenige begriffen. Das Zeitalter des suffrage universel lebt unter den gutmüthigen und schwärmerischen Voraussetzungen des vorigen Jahrhunderts. 26 [125] Es gab noch niemals genug Mißtrauen bei den Denkern. Vielleicht war es eine große Gefahr für die Erkenntniß, daß man Tugend und Erkenntniß zusammen finden wollte. Die Dinge sind über die Maaßen bösartig eingerichtet — im Gleichniß zu reden. 26 [126] Man arbeitet mit Voraussetzungen z. B. daß Erkenntniß möglich ist. 26 [127] Von der Vielartigkeit der Erkenntniß. Seine Relation zu vielem Anderen spüren (oder die Relation der Art) — wie sollte das ”Erkenntniß” des Anderen sein! Die Art zu kennen und zu erkennen ist selber schon unter den Existenz-Bedingungen: dabei ist der Schluß, daß es keine anderen Intellekt-Arten geben könnte (für uns selber) als die, welche uns erhält, eine Übereilung: diese thatsächliche Existenz-Bedingung ist vielleicht nur zufällig und vielleicht keineswegs nothwendig. Unser Erkenntniß-Apparat nicht auf „Erkenntniß” eingerichtet. 26 [128] Während ich will, geschieht eine veritable Bewegung: sollte diese mir unbekannte Bewegung nicht als causa efficiens zu betrachten sein? Der Willens-Akt ist ja selber der Abschluß eines “Kampfs der Motive” — diese selber aber — — — Verwerfung der causae finales Verwerfung der causae efficientes: sie sind ebenfalls nur Versuche, uns einen Vorgang — — — 26 [129] “Laub und Gras, Glück, Segen und Regen.” 26 [130] Geschichte der Werthschätzungen. Vornehm Hart 26 [131] causa efficiens causa finalis beides nur Mittel der Verständlichung. 26 [132] Ich denke mir die bösesten kaltblütigsten erbarmungslosesten Menschen. 26 [133] Befreiung von der Moral: 1) durch Handlungen 2) — — — 26 [134] NB. Mit Zweckgemäßheit beweist man den Zweck noch nicht. Bei der Thatsache, daß überall in Sitte und Recht es einen Zweck giebt, ist nicht gezeigt, daß er bezweckt ist bei der Entstehung und oft ist er unzweckmäßig in Hinsicht auf die Mittel eines solchen Zwecks. Widerspruch in Mitteln geringer Intelligenz und Zweck höchster Intelligenz. 26 [135] Die secundären Eigenschaften der Dinge unter dem züchtendem Einflusse des uns Nützlichen und Schädlichen (also nicht “an sich angenehm” „unangenehm”, manche Farben bevorzugt: es entwickeln sich unter Umständen Nerven usw. Sinnesorgane usw. Warm, Schwer usw.). 26 [136] “Ein Mensch von bestimmter Beschaffenheit” (nicht grausam) — das ist Unsinn, denn nur in lauter Relationen hat er überhaupt eine Beschaffenheit! 26 [137] Wie weit auch unser Intellekt eine Folge von Existenzbedingungen ist — wir hätten ihn nicht, wenn wir ihn nicht nöthig hätten und hätten ihn nicht so, wenn wir ihn nicht so nöthig hätten, wenn wir auch anders leben könnten. 26 [138] Die Anpassung an immer neue Verhältnisse und also das Übergewicht der Vererbung und Dauerfähigkeit auf Seiten der anpassungsfähigsten Wesen, der klügsten berechnendsten Einzelnen. 26 [139] Jenseits von Gut und Böse. Versuch einer aussermoralischen Betrachtung der moralischen Phaenomena.   Zurückführung der moralischen Werthschätzungen auf ihre Wurzeln. Kritik der moralischen Werthschätzungen. Die practische Überwindung der Moral. 26 [140] Das Gefühl der Macht Herren- und Sklaven-Moral 26 [141] Auszugehen von dem Individuum als Vielheit (Geist als Magen der Affekte) so auch Gemeinde. Die Existenz-Bedingungen einer Gemeinde in Gestalt von Werth — Urtheilen über Menschen und Handlungen erscheinend. Die Bedingungen der Fort- oder Zurück-Bildung des Typus in Gestalt von Werthurtheilen. Heerden- und Führer-Tugenden, entgegengesetzt. 26 [142] Erhaltung einer Art — und Weiterentwicklung. — Naturen, in denen sich dieser Begriffsunterschied als Widerspruch verkörpert Problem Erfindungen, um Erfahrungen zu ersparen (ein vergangenes Leben abzukürzen in immer kürzere Formeln) Der Philosoph als Herr, aber nicht in seiner Zeit. Bei Menschen wie Napoleon ist jedes Absehen von sich eine Gefahr und Einbuße: sie müssen ihr Herz verschlossen halten — ebenso der Philosoph. Zarathustra. Es geht furchtbar zufällig zu: immer mehr Vernunft hineinbringen! Vorsicht usw. 26 [143] Die Liebe zu jemandem ist an sich so wenig (und so v\<iel\>) werthvoll als der Haß oder die Rache. Es giebt in der Liebe so viel Blindheit der Hingebung, so viel Noth und Nöthigung, nämlich durch das Unbehagen im Entbehren der anderen Person, so viel Sklaven-Sinn (im Ertragen aller Art von schlechter Behandlung) — es giebt etwas so Verderbliches und Verderbendes in der Liebe, daß die geliebte Person meistens an Geist und Kraft und Vorsicht durch das Geliebtwerden herunter geht. — Die Mutterliebe an sich nicht werthvoll. — Wie etwas äußerst zweckmäßig sein kann, ohne deshalb auf einen Intellekt zurückzugehn, der deshalb zu verehren wäre: so sind viele Handlungen äußerst nützlich für die Erhaltung der Gesellschaft, oder eines Volkes, aber nicht um dieser Erhaltung willen gethan, noch weniger um ihretwillen entstanden: sie werden irrthümlich verehrt, weil man irrthümlich sie auf die guten Folgen hin abschätzt. 26 [144] Die Unabhängigen. 26 [145] Wonach mißt man den Werth (einer Handlung) im Verhältniß zu anderen Handlungen? Nach dem Erfolge (wie weit erkennbar?) (auch nach dem wahrscheinlichen Erfolge) (auch nach dem Gefühl beim Erfolge) Nach dem Thäter. nach der Ausführung Nach dem begleitenden Gefühle. Nach der Absicht (abgesehen, ob man's erreichte) der Werth einer Handlung, insofern sie Mittel ist (wie weit wohlgewählt oder zufällig als Mittel) Hauptproblem: wie weit reicht die Erkennbarkeit einer Handlung? 26 [146] Wo man kein Mißtrauen haben muß, sich gehen lassen darf, Wohlwollen und Gutmüthigkeit aus Augen und Gebärden redet, wo vielleicht gar unsre Fähigkeiten gern oder mit Bewunderung entgegengenommen werden, da pflegt Mancher sein Behagen in ein Lob solcher Menschen zu verwandeln: er nennt sie gut und möchte gern auch ihrem Urtheilsvermögen eine gute Censur geben — man hat sein Vergnügen dabei, hier sich selber zu täuschen. 26 [147] Die große Complicirtheit der Mittel zu einem ”Zwecke” giebt immer Anlaß zum Argwohne, ob hier eine freie Vernunft anordnend gewirkt habe. 26 [148] “Niemand will freiwillig das Schlimme.” Bei Plato ist das Schlimme das, was einem schädlich ist. 26 [149] Gerechtigkeit, als Funktion einer weit umherschauenden Macht, welche über die kleinen Perspektiven von gut und böse hinaus sieht, also einen weiteren Horizont des Vortheils hat — die Absicht, etwas zu erhalten, was mehr ist als diese und jene Person. 26 [150] Wenn man das herausschält, was allen Thatsachen gemeinsam ist, die Grundformen der äußersten Abstraktion — kommt man da auf “Wahrheiten”? Es gab bisher diesen Weg zur Wahrheit, die Verallgemeinerung — man entdeckte so nur die Grundphänomene des Intellekts. Wirklich? 26 [151] Die Fähigkeit eines guten vorurtheilsfreien außermoralischen Sehens und Urtheilens ist auszeichnend selten. 26 [152] Wissentlich und willentlich lügen ist mehr werth als unwillkürlich das Wahre zu sagen — da hat Plato Recht. Obwohl die gewöhnliche Werthschätzung umgekehrt ist: nämlich man hält es für leicht die Wahrheit zu sagen. Aber das ist nur für die plumpen und oberflächlichen Menschen, die nicht mit feinen Dingen zu thun haben, so einfach 26 [153] Von der Entstehung des Philosophen. 1. Das tiefe Unbehagen unter den Gutmüthigen — wie unter Wolken — und das Gefühl, bequem und nachlässig zu werden, auch eitel. Es verdirbt. — Will man sich klar machen, wie schlecht und schwach hier das Fundament ist, so reize man sie und höre sie schimpfen. 2. Überwindung der Rachsucht und Vergeltung, aus tiefer Verachtung oder aus Mitleid mit ihrer Dummheit. 3. Verlogenheit als Sicherheits-Maßregel. Und noch besser Flucht in seine Einsamkeit. 26 [154] Ich habe überall hin geblickt — aber ein “Du sollst” ist nicht mehr zu finden für Menschen wie mich. Es versteht sich, daß in einem bestimmten Falle z. B. bei einer Wanderung durch Wildnisse ich jedem gehorchen würde, welcher die Fähigkeit hätte, hier befehlen zu dürfen, durch größere Erfahrung. Ebenso einem Arzte. Einem höheren Geiste würde ich mich unterwerfen, in Betreff der Werthschätzungen: einstweilen sage ich “ich will”; und warte darauf, daß mir noch einmal ein höherer Geist über den Weg läuft. 26 [155] Es ist die Zeit der Gelobenden: — freie Treue-Gelübde zu Gunsten irgend einer Tugend: nicht, weil diese Tugend befiehlt, sondern weil ich sie mir befehle. Der Werth der Tugenden für den Erkennenden. Der Nachtheil der Tugenden für den Erkennenden. Die Benutzung des Bösen, der Ausgestoßenheit, des Verurtheiltseins. Man wird nicht Führer, wenn man nicht erst gründlich von der Heerde ausgestoßen ist 26 [156] Der Prozeß des Lebens ist nur dadurch möglich, daß viele Erfahrungen nicht immer wieder gemacht werden müssen, sondern in irgend einer Form einverleibt werden — das eigentliche Problem des Organischen ist: wie ist Erfahrung möglich? Wir haben nur Eine Form des Verständnisses — Begriff, der allgemeinere Fall, in dem der spezielle liegt. In einem Falle das Allgemeine Typische sehen scheint uns zur Erfahrung zu gehören — insofern scheint alles „Lebendige” nur mit einem Intellekte uns denkbar zu werden. Nun giebt es aber die andere Form des Verständnisses — es bleiben nur die Organisationen übrig, welche gegen eine große Menge von Einwirkungen sich zu erhalten und zu wehren wissen. 26 [157] Zur Entstehung des menschlichen Bewußtseins könnte man die Entstehung des Heerden-Bewußtseins benutzen. Denn zuletzt ist ja der Mensch auch eine Vielheit von Existenzen: sie haben sich diese gemeinsamen Organe, wie Blutcirculation, Concentration der Sinne, Magen usw. nicht zu diesen Zwecken geschaffen, sondern zufällige Bildungen, welche den Nutzen ergaben, besser das Ganze zu erhalten, sind besser entwickelt worden und erhalten geblieben. Das Zusammenwachsen von Organismen, als Mittel, das einzelne Wesen länger zu erhalten — — wo Annäherung Anpassung am größten sind, ist die Wahrscheinlichkeit der Erhaltung am größten. 26 [158] Ich will nicht besorgt sein: der Schutz tiefer Bücher liegt jetzt darin, daß die Meisten keine Zeit haben, sie tief zu nehmen, gesetzt sie hätten selbst die Kraft dazu. Der Mißbrauch der Erkenntniß — 26 [159] Sch\<openhauer\> hat es stark und lustig genug gesagt, wie es nicht genug sei, nur mit dem Kopfe Philosoph zu sein. 26 [160] Die Entstehung des Philosophen ist vielleicht die gefährlichste aller Entstehungen: indem ich hier Einiges davon heraus nehme und “zum Besten gebe”, glaube ich ganz und gar nicht diese Gefährlichkeit zu vermindern: und zuletzt hat alle Mittheilung der Erkennenden eben nur den Sinn, zu verhüten, daß nicht jeder neue Erkennende alle die Erfahrungen erst wieder zu machen habe, die schon gemacht sind. 26 [161] Man könnte noch so Ungünstiges über die Herkunft der moralischen Werthschätzung nachgewiesen haben: jetzt, wo diese Kräfte da sind, können sie verwendet werden und haben als Kräfte ihren Werth. Ebenso wie eine Herrschaft auf List und Gewalt zurückgehn kann: aber der Werth, den sie hat, liegt darin, daß sie eine Herrschaft ist. — Es wäre denn die Sache so, daß alle Kraft der moralischen Werthschätzungen gebunden wäre an die Rechtmäßigkeit ihrer Herkunft oder überhaupt an einen bestimmten Glauben über deren Herkunft: so daß dann, mit dem Durchschauen eines Irrthums, die Kraft der Überzeugung vom Werthe dahinfiele. Indessen: wir sind in allen Stücken auf optische Irrthümer und Werthschätzungen eingerichtet. Die unzureichende Kenntniß eines Beefsteaks wird Niemanden hindern, es sich schmecken zu lassen. 26 [162] Die Weiber sind viel sinnlicher als die Männer (obschon die angezüchtete Schamhaftigkeit ihnen selber daraus ein Geheimniß macht): für die es zuletzt wichtigere Funktionen gibt als die geschlechtliche. Aber wenn sich ein schöner Mann einem Weibe nähert — Weiber sind überhaupt unfähig, sich ein Verhältniß zwischen Mann und Weib zu denken, das nicht eine Spannung der Geschlechtlichkeit mit sich brächte. 26 [163] Bedeutung der Frage nach der Geschichte der moralischen Empfindungen. Die Möglichkeit eines Wegfalls dieser moralischen Urtheile zu erwägen. Ob Einzelne ihrer entrathen. — Als Zeichen des Verfalls bei Verbrechern. 26 [164] Die Geschichte der Werthschätzungen und die Entwicklung der Erkennbarkeit der Handlung geht nicht Hand in Hand. 26 [165] Werth nach dem Erfolge. Gewöhnlich mißt man den Werth einer Handlung nach einem willkürlichen einzelnen Gesichtspunkte z.B. Werth einer Handlung für mein jetziges oder allgemeines Wohlbefinden — oder für meine Vergrößerung, Vermehrung von Concentration Selbst-Beherrschung oder Gefühls-Umfänglichkeit (Mehrung der Erkenntniß) — oder in Hinsicht auf Förderung meines Leibes, meiner Gesundheit Gewandtheit Rüstigkeit — oder für das Wohl meiner Kinder oder Gemeinde oder Land oder Fürst oder Vorgesetzte oder Amt oder Garten oder Landwirthschaft. — und jeder Andere kann meine Handlung noch auf sein Wohl usw. ansehn. auch läßt sich fragen, worauf eine Handlung nicht Einfluß hat 26 [166] Der Werth einer Handlung liegt in ihrer Alltäglichkeit oder Seltenheit oder Schwierigkeit — Gesichtspunkt der Vergleichung von Handlung mit anderen Handlungen die Art des Geschehens, wie weit willkürlich oder gehemmt, unterstützt, durch den Zufall vielleicht, als Glied in einer Kette — und wie gut ausgeführt oder wie halb und unklar. 26 [167] Meine Werthschätzung der Religionen. Ursprung jener Moral, welche Ausrottung der sinnlichen Triebe und Verachtung des Leibes fordert: eine Nothmaßregel solcher Naturen, welche nicht Maaß zu halten wissen und welche nur die Wahl haben, Wüstlinge und Schweine oder aber Asketen zu werden. Als persönlicher Ausweg wohl zu gestatten; ebenso wie eine christliche oder buddhistische Denkweise bei solchen, welche sich als Ganzes mißrathen fühlen; man muß es ihnen schon nachsehen, daß sie eine Welt verleumden, in der sie schlecht weggekommen sind. — Aber das ist Sache unserer Weisheit, solche Denkweisen und Religionen als große Irren- und Zuchthaus-Anstalten zu beurtheilen. 26 [168] Der Mensch, ein vielfaches, verlogenes, künstliches und undurchsichtiges Thier, allen anderen Thieren durch Klugheit und List unheimlich und furchteinflößend — gebärdet sich oberflächlich, sobald er moralisirt. 26 [169] Seht euch vor! Martyrium und Angegriffenheit verdirbt leicht den reinen Sinn zur Wahrheit: ihr werdet halsstarrig und macht euch blind gegen Einwände! Geht auch den Anfeindungen aus dem Wege! 26 [170] Wissenschaft — Umwandlung der Natur in Begriffe zum Zweck der Beherrschung der Natur — das gehört in die Rubrik “Mittel” aber der Zweck und Wille des Menschen muß ebenso wachsen, die Absicht in Hinsicht auf das Ganze 26 [171] Plato und Aristoteles giengen energisch darauf los, das Reich der Begriffe festzustellen — es war ein Mißverständniß ein Gegen-Reich zu schaffen d. h. eine Statistik und Werthabschätzung. 26 [172] der höchste Mensch, der die hellsten und schärfsten Augen, die längsten Arme und das härteste entschlossenste Herz hat, der Mensch der bewußtesten weitesten Verantwortlichkeit 26 [173] Wenn ich mich jetzt nach einer langen freiwilligen Vereinsamung wieder den Menschen zuwende, und wenn ich rufe: wo seid ihr meine Freunde? so geschieht dies um großer Dinge willen. ich will einen neuen Stand schaffen: einen Ordensbund höherer Menschen, bei denen sich bedrängte Geister und Gewissen Raths erholen können; welche gleich mir nicht nur jenseits der politischen und religiösen Glaubenslehren zu leben wissen, sondern auch die Moral überwunden haben. 26 [174] Bei allen Fragen nach der Herkunft von Sitten Rechten und Sittlichkeiten muß man sich wohl hüten, die Nützlichkeit, welche eine bestimmte Sitte oder S\<ittlichkeit\> hat, sei es für die Gemeinde, sei es für den Einzelnen, auch als Grund ihrer Entstehung anzusehn; wie es die Naiven der historischen Forschung machen. Die Nützlichkeit selber nämlich ist etwas Wechselndes, Schwankendes; es wird in alte Formen ein Sinn immer wieder hineingelegt, und der „zunächstliegende Sinn” einer Institution ist oft am letzten erst in sie hinein gebracht. Es steht da wie bei den “Organen” der organischen Welt; auch da glauben die Naiven, daß das Auge um des Sehens willen entstanden sei. 26 [175] Es ist eine Sache der Ehrlichkeit und zwar einer sehr mäßigen und keineswegs bewunderungswürdigen Ehrlichkeit, vom Glauben an Gott sich rein zu erhalten; und was ehemals z. B. noch zu Pascals Zeiten eine Forderung des intellekt\<uellen\> Gewissens war, kann heute als- ein Verbot desselben Gewissens in jedem kräftigen Manneskopfe und Mannesherzen gelten. Die gedankenlose Art, ohne Prüfung überlieferte Meinungen anzulernen und verehren zu lernen, ebenso die Verehrung für das, was unsere Väter geglaubt haben und endlich eine Furchtsamkeit vor den Folgen der Gottlosigkeit — das ist die Ursache 26 [176] Wer den Werth menschlicher Handlungen nur nach den Motiven Absichten mißt, muß auch als Forscher der Entstehung der Moralität darauf bestehen, daß die Moralität der Menschheit so viel werth sei als die Absichten, welche bei den primitiven moralischen Werthschätzungen, bei den Erfindern derselben gewaltet haben. „Warum ist der Uneigennützige gelobt worden?” 26 [177] Es giebt eine Überzahl von Familien und Geschlechtern, welche eine Art zu schätzen eben nur fortpflanzen und fortvererben: aber man soll die starken prüfenden und selbständigen Naturen nicht übersehen, welche sich einer Werthschätzung erst nach einer Kritik unterwerfen und noch öfter sie negiren und auflösen. Es giebt auch einen fortlaufenden Strom verneinender und prüfender Kräfte in der Entwicklung des moralischen Urtheilens. 26 [178] Der Fatalismus und seine Beweisbarkeit. (causa efficiens ebenfalls wie c\<ausa\> f\<inalis\> nur eine populäre Auswahl und Vereinfachung) Die Erkennbarkeit der Handlungen. Das Wesen der Handlungen wird erschlossen aus Zeugen. Gut und Böse als perspectivisch. Entstehung des Gefühls „Schuld“. Was ist Strafe? Die Beurtheilung von “ich” und „Gemeinde”, neuerdings “der Nächste” 26 [179] “Verantwortlich für etwas” als Freiheit des Willens verstanden (Heerden-Auffassung!) “Unverantwortlich, sein eigener Herr” “vor Niemandem sich verantworten müssen” diese Art Freiheit des Willens geht bis Plato, als Erbschaft der noblesse — absolute Unschuld. “Herr seiner Tugenden, Herr seiner Schuld” wie Manfred Unschuld wegen der Beherrschtheit durch das fatum ist die Sklavenauffassung. Der Stolz regt sich, wenn der Mensch für seine Verdienste als Urheber gelten will. — aber Homers Stolz und aller Inspirirten, nicht selber Urheber, sondern Werkzeuge eines Gottes zu sein! — man wird für den Erfolg bestraft, nicht für die Absicht — als Schadenanstifter. Da giebt es noch nicht “Schuld” im subjektiven Sinne. 26 [180] Es giebt Grundthatsachen, auf denen überhaupt die Möglichkeit des Urtheilens und Schließens ruht — Grundformen des Intellekts. Damit aber sind es Wahrheiten, — es könnten Irrthümer sein. 26 [181] Hymnus auf das fatum und das Glück der Unverantwortlichkeit. 26 [182] Verschiedenheit der Moralen 1) vom Gesichtspunkte der Fortentwicklung innerhalb des gleichen Stammes (primitive höhere) 2) vom Gesichtspunkte des gleichzeitigen Nebeneinanderherrschens verschiedener Moralen (z. B. 2 Stände) Bedingungen des Daseins überhaupt. Bedingungen der Entwicklung zum Höheren: a) in Hinsicht auf Gemeinden b) in Hinsicht auf Einzelne. 26 [183] Wie von Alters her der Mensch in tiefer Unbekanntschaft mit seinem Leibe lebt und an einigen Formeln genug hat, um darüber sich mitzutheilen: so steht es mit den Urtheilen über den Werth von Menschen und menschlichen Handlungen. Ein paar ganz äußerliche und nebensächliche Punkte werden festgehalten und übertrieben betont. 26 [184] Herren-Moral und Sklaven-Moral. Wie kostspielig sind alle diese Werthschätzungen der Sittlichkeit! Z. B. die Ehe wird jetzt bezahlt durch die tief greifende Verleumdung und innere Verderbniß des anderen Geschlechts-Verkehrs! Alle Heerden-Werthschätzungen sind ebenso sehr gegen die niedrigen Naturen gerichtet als gegen die Ausnahms-Weisen, Höheren Naturen. 26 [185] Damit daß Einer verrufen und von der Heerde in Bann gethan ist, ist er auch jener Verlogenheit enthoben, welche zu den ersten Verpflichtungen des Heerden-Gewissens gehört: und steckt Einer voll von bösen Trieben, wie Socrates, nach seinem eignen Zeugnisse, so leidet er wenigstens an dem nicht, was die Jammergeschichte des guten Menschen ausmacht 26 [186] Capitel über den Einfluß der Werthschätzungen auf die Entwicklung der Affekte. Zu unterscheiden: warum wird thatsächlich moralisch so und so geurtheilt? Und welchen Werth hat dies Urtheilen? Die Voraussetzungen alles moralischen Urtheilens: a) die Erkennbarkeit der Handlung (Gleichartigkeit von Handlungen, Möglichkeit einer begrifflichen Bestimmung) b) die Verschiedenheit des moralischen Werths von allen sonstigen Werthen. Damit aber, daß thatsächlich diese Voraussetzungen von jeher gemacht sind, sind sie nicht bewiesen. Es könnte stehn, wie bei der Astrologie. Dann bliebe noch übrig die Darstellung der bisherigen Art Moral, nebst der Untersuchung ihrer Ursprünge. 26 [187] Werth des Menschen im Verhältniß zu Thieren oder zu niedersten Wesen. 26 [188] Ich sah mich um, aber sah bisher keine schlimmere Gefahr für alle Erkenntniß als die moralische Heuchelei: oder, um gar keinen Zweifel zu lassen, jene Heuchelei, welche Moral heißt. 26 [189] Moral als Heuchelei. Wenn, bei fortschreitender Verfeinerung der Nerven, gewisse harte und grausame Strafen nicht mehr verhängt oder geradezu abgeschafft werden, so geschieht dies, weil die Vorstellung solcher Strafen den Nerven der Gesellschaft mehr und mehr wehe thut: nicht die wachsende Rücksicht auf den Verbrecher, nicht eine Zunahme der brüderlichen Liebe, sondern eine größere Schwäche beim Anblick von Schmerzen bringt diese Milderung des Strafcodex zu Wege. 26 [190] Bösartige und verrufene Menschen können der moralischen Erkenntniß ausgezeichnete Dienste leisten, vorausgesetzt daß sie überhaupt Geist und Geistigkeit genug haben, um Lust am Erkennen zu fühlen: während die Schwäche und Folgsamkeit des guten Menschen, sein Mangel an Mißtrauen, sein Hinwegsehenwollen, sein Nicht-genau-sehen-wollen, seine Furcht vor dem Wehethun, das mit allem Seciren von Fleisch und Seele verbunden ist, ebenso viele Gefahren für die moralische Erkenntniß sind. Schon daß einer, durch den Bann, den die Gesellschaft auf ihn legt, sich von der Verlogenheit enthoben fühlt, zu der, als zur ersten Pflicht und Bedingung ihres Daseins, jede Heerde jeden Heerden-Menschen anleitet — — — 26 [191] Man muß sich zu einer solchen Denkweise (wie die christliche ist) den idealen, ganz zu ihr geschaffenen Menschen denken — Pascal z. B. Denn für den durchschnittlichen Menschen giebt es auch immer nur ein Surrogat-Christenthum, selbst für solche Naturen, wie Luther — er machte sich ein Pöbel- und Bauern-Christenthum zurecht. 26 [192] Das Leben ist höchst räthselhaft; bisher glaubten alle großen Philosophen durch eine entschlossene Umkehrung des Blicks und der Werthschätzungen eine Lösung zu erzielen. — Ebenso glaubten alle daß für die niedrigen Intellekte ein Surrogat geboten bliebe, z. B. Moral, Glaube an Gott, Unsterblichkeit usw. (Seelenwanderung) Die Hauptsache ist, daß eine solche Umkehr nicht nur eine Denkweise, sondern eine Gesinnungsweise ist: für Menschen, die einer umwälzenden Gesammt-Werthschätzung nicht fähig sind, — höchster Grad der Selbst-Bestimmung — ist alles gelehrte Wissen um solche Systeme fruchtlos. — Die Fruchtlosigkeit der philosophischen Denkweise, z. B. bei Kant Schopenhauer R. Wagner usw. 26 [193] Darin, daß die Welt ein göttliches Spiel sei und jenseits von Gut und Böse — habe ich die Vedantaphilos\<ophie\> und Heraclit zum Vorgänger. 26 [194] Gebotene und verbotene Werke = gut und böse. 26 [195] Es liegt in der Art der menschlichen Entwicklung, daß ein formales „Du sollst dies und jenes thun, dies und jenes lassen” uns wohl eingeboren sein mag — ein Gehorsams-Instinct, der nach einem Inhalte begehrt; je mehr einer sklavisch oder weiberhaft ist, um so stärker wird dieser Instinkt sein. Nämlich bei den Anderen, Selteneren wird dieser Instinct durch einen anderen überwogen — einen Willen zu befehlen, voranzugehen, mindestens allein zu sein (dies ist die mildeste Form der befehlerischen Natur –) Wie weit andere Tugend-Instincte angeboren sein mögen — 26 [196] Es wird aus dem Bösen (Bös-Empfundenen) etwas „Gutes” (als Gut-Empfundenes); und wiederum kann manches Gute, wenn wir auf eine höhere Stufe steigen, in uns als Böse empfunden werden, z. B. der Fleiss für den vollkommenen Künstler, der Gehorsam für den zum Befehlen Gelangten, die Hingebung und die Gnade für den Vertreter großer persönlicher Ziele (Napoleon) Alle diese edelmüthigen Gefühle, welche der junge N\<apoleon\> mit seiner Zeit gemein hatte, waren Verführungen und Versuchungen, welche die Ausschließliche Verwendung der Kraft in Einer Richtung schwächen wollten. 26 [197] Daß man sich Tugenden zulegen und Fehler ablegen könne, ist kein Zweifel: was geschieht da eigentlich? 26 [198] Die Vergeltung der Werke an dem Thäter — ein Grundgedanke der Vedantaphilos\<ophie\>. Die ganze Welt selber ist nur die Vergeltung der Werke an dem Thäter — aber sie beruht auf dem Nicht-Wissen. 26 [199] “Ihn suchen die Brahmanen zu erkennen durch Vedastudium, durch Opfer, durch Almosen, durch Büßen, durch Fasten: die eigenen Mittel der Erkenntniß sind: Gemütsruhe, Bezähmung, Entsagung, Geduld, Sammlung” — Mittel zu einer mystischen Intuition als der höchsten Seligkeit des Menschen. 26 [200] Nämlich: was ist thatsächlich der höchste Glücks-Zustand des Menschen? Das hat in den verschiedensten Systemen den Maaßstab abgegeben. Haschisch 26 [201] Daß auch die Empfindung des Schmerzes auf Illusion beruht p. 448 26 [202] NB. Für wen es nicht mühsam ist, sich den Zustand der gewöhnlichen Menschen vorzustellen, der ist kein höherer Mensch. Aber insofern ein Philosoph es wissen muß, wie der gewöhnliche Mensch beschaffen ist, muß er dieses Studium treiben: da hat mir z. B. Reè genützt, der mit ausgezeichneter Redlichkeit, und ohne das Errathen höherer Zustände, welches Künstler haben, bei allen eine Gemeinheit — 26 [203] Die Grenzen des Menschen. Der Versuch zu machen, wie hoch und weit man den Menschen treiben kann: — die Unlust am Menschen verleitete die Brahmanen, Plato usw. nach einer außermenschlichen göttlichen Daseinsform zu trachten — jenseits von Raum Zeit Vielheit usw. Die Unlust bezog sich auf das Inconstante, Täuschende, Wechselnde, “Stinkende” usw. Thatsächlich gab den Anlaß zur Lösung 1) die Ecstase 2) der tiefe Schlaf. — nun könnte aber auch einmal das Lust- und Machtgefühl des Menschen nach einer weiteren Daseinsform trachten — eine Denkweise suchen, welche auch dem Inconstanten, Täuschenden, Wechselnden usw. sich gewachsen fühlte — die schaffende Lust. Grundsatz dabei: das Unbedingte kann nicht das Schaffende sein. Nur das Bedingte kann bedingen. — Thatsächlich ist die vorhandene Welt, die uns etwas angeht, von uns geschaffen — von uns d. h. von allen organischen Wesen — sie ist ein Erzeugniß des organischen Prozesses, welcher dabei als produktiv-gestaltend, werthschaffend erscheint. Von ihm als Ganzem aus gesehen: ist alles Gut und Böse nur perspektivisch für Einzelnes oder einzelne Theile des Prozesses; im Ganzen aber ist alles Böse so nothwendig wie das Gute, der Untergang so nothwendig wie das Wachsthum — die Welt des Unbedingten, wenn es existirte, wäre das Unproduktive. aber man muß endlich begreifen, daß Existent und Unbedingt widersprechende Prädikate sind. 26 [204] Die schöpferische Kraft (Gegensätze bindend, synthetisch) 26 [205] Alle welche etwas repräsentiren z. B. Fürsten Priester usw. müssen so und so zu scheinen suchen, wenn sie nicht so und so sind — das geschieht fortwährend in den kleinsten Verhältnissen, denn im Verkehr mit Menschen repräsentirt jeder immer Etwas, irgend einen Typus — darauf beruht der menschliche Verkehr, daß jeder sich möglichst eindeutig, gleichdeutig benimmt: damit nicht zu viel Mißtrauen nöthig ist (eine Vergeudung geistiger Kraft!) Man stellt sich in Verhältnisse, wo unsre geistige Aufmerksamkeit und Vorsicht nicht allzusehr angespannt wird — und schimpft, wenn es anders ist, gegen jeden, der uns dazu zwingt. Die großen Unruhe- Mißtrauen-stifter, die uns zwingen alle Kräfte zusammenzunehmen, werden furchtbar gehaßt — oder man unterwirft sich ihnen blindlings (es ist dies eine Ausspannung für beunruhigte Seelen — — um keine solche souveränen Schrecklichen zu haben, erfindet man Democratie, Ostracismus, Parlamentarismus, — aber die Sache liegt in der Natur der Dinge. Wenn der Abstand der Menschen sehr groß von einander ist — so bilden sich Formen darnach. Daß die hochbegabten Naturen gehorchen lernen, ist schwer; denn nur höher begabten und vollkommeneren Naturen gehorchen sie, aber wie, wenn es diese nicht giebt! 26 [206] Wie wir unverstandene körperliche Zustände als moralische Leiden auslegen — an uns, an unseren Mitmenschen uns dafür rächen — 26 [207] Es entspricht dem Verhalten des Weisen in gewissem Sinn das Verhalten des Organism gegen die Außenwelt, speziell ist der Intellekt prachtvoll als regierende, abhaltende, ordnende Macht, kalt bleibend unter dem Sturm von Eindrücken. 26 [208] Die tausend Räthsel um uns würden uns nur interessiren, nicht quälen, wenn wir gesund und heiter genug im Herzen wären. 26 [209] Der uralte Fehlschluß auf eine erste Ursache, auf einen Gott, als Ursache der Welt. Aber unser eigenes Verhalten zur Welt, unser tausendfältig schaffendes Verhalten in jedem Augenblick zeigt richtiger, daß Schaffen zu den unveräußerlichen und beständigen Eigenschaften der Welt selber gehört: — um die Sprache der Mythologen nicht zu verschmähen. 26 [210] Die Nachahmenden 26 [211] Den Magen und seine Thätigkeit moralisch beurtheilen: ursprünglich ist alles Geschehen moralisch interpretirt worden. Das Reich des “Wollens und Werthschätzens” immer kleiner geworden. 26 [212] Man muß wirklich drüber hinaus sein, sich zu ärgern über die Verurtheilung durch kleine niedrige Naturen — es giebt aber viel Affectation dieses “drüber hinaus” 26 [213] Der Anschein der erreichten Tugend wird uns zur Pflicht gemacht: jeder mäßig Redliche gienge zu Grunde unter allgemeiner Verachtung. 26 [214] Was das Weib betrifft, so neige ich zur orientalischen Behandlung: die ausnahmsweisen Weiber selber beweisen immer nur das Gleiche — Unfähigkeit zur Gerechtigkeit und unglaublich reizbare Eitelkeit. Man soll nichts an ihnen zu ernst nehmen, ihre Liebe am wenigsten: zum mindesten soll man wissen, daß die treuest und leidenschaftlichst Liebenden gerade eine kleine Untreue zur Erholung nöthig haben, ja zur Ermöglichung der Dauer der Liebe. 26 [215] Daß man liebt (verzeiht, nachsieht usw.), weil man nicht stark, fest genug ist, feind zu sein, wehe zu thun durch seine Feindschaft — daß man lieber liebt als gerecht-neutral bleibt, weil es uns zu kalt und unheimlich wird, so allein stehn zu bleiben — daß man lieber die Entehrung erträgt als jemandem böse zu sein — sehr weiblich! 26 [216] Ein Intellekt nicht möglich ohne die Setzung des Unbedingten. Nun giebt es Intellekte und in ihnen das Bewußtsein des Unbedingten. Aber das letztere als Existenz-Bedingung des Intellekts: — jeden Falls kann das Unbedingte dann nichts Intellektuelles sein: das Funktioniren des Intellekts, das Existiren des Intellekts auf eine Bedingung hin spricht gegen die Möglichkeit des Unbedingten als Intellekt. — Schließlich könnte das Logische möglich sein in Folge eines Grundirrthums, eines fehlerhaften Setzens (Schaffens, Erdichtens eines Absoluten) 26 [217] Ich sage: der Intellekt ist eine schaffende Kraft: damit er schließen, begründen könne, muß er erst den Begriff des Unbedingten geschaffen haben — er glaubt an das, was er schafft, als wahr: dies das Grundphänomen. Über die Bedingungen des logischen Denkens: 26 [218] Daß wir solchen Menschen zu gefallen wünschen, die wir verehren, ist nicht Eitelkeit — gegen Reè. 26 [219] Zarathustra 1. Überwindung der Eitelkeit Ehrfurcht 26 [220] 2. (3.) Zarathustra. Große kosmische Rede „in bin die Grausamkeit” „ich bin die List” usw. Hohn auf die Scheu, die Schuld auf sich zu nehmen — Hohn des Schaffenden — und alle Leiden — böser als je einer böse war usw. Höchste Form der Zufriedenheit mit seinem Werk — er zerbricht es, um es immer wieder zusammen zu fügen. Buddha p. 44, 46. neue Überwindung des Todes, des Leides und der Vernichtung der Gott, der sich klein (eng) macht und sich hindurchdrängt durch die ganze Welt (das Leben immer da) — Spiel, Hohn — als Dämon auch der Vernichtung. 26 [221] Zu: Theil 2 Aussermoralische Betrachtung 1 wahr verlogen 2 gut und böse als rein und unrein Buddha, p. 50 3 verehrlich verächtlich p. 296 4 als vornehm und niedrig 5 nützlich schädlich 6 gut als sich Los-Lösen von der Welt weltentsagend (nicht “handelndes Gestalten”) p. 50 böse = weltlich 7 geboten verboten 8 unegoistisch egoistisch 9 arm (Ebion) reich \<gut\> elend glücklich 10 Umkehrung: besitzend, reich (auch arya im Eranischen, und über gehend ins Slavische.) rein = glücklich böse = unglücklich die höchste Kraft, im Brahman\<ismus\> und Christenthum — sich abzuwenden von der Welt. p. 54— 26 [222] Zarathustra 1. furchtbare Spannung. Zarathustra muß kommen oder alles auf Erden ist verloren. 26 [223] Zarathustra 3 (2). die große Weihung des neuen Arzt-Priester- Lehrer-Wesens, welches dem Übermenschen vorangeht. 26 [224] Unegoistische Handlungen sind unmöglich; „unegoistischer Trieb” klingt mir in die Ohren wie ”hölzernes Eisen”. Ich, wollte, daß irgendwer den Versuch Machte, die Möglichkeit solcher Handlungen zu beweisen: daß sie existiren, daran glaubt freilich das Volk und wer ihm gleich steht — etwa wie der, welcher Mutterliebe oder Liebe überhaupt etwas Unegoistisches nennt. Daß übrigens die Völker die moralische Werthtafel “gut” und „böse” immer als “unegoistisch” und “egoistisch” ausgelet hätten, ist ein historischer Irrthum. Vielmehr ist gut und böse als „geboten” und „verboten” — ”der Sitte gemäß oder zuwider” — viel älter und allgemeiner. Daß mit der Einsicht in die Entstehung der moralischen Werthurtheile noch nicht eine Kritik und Werthbestimmung derselben gegeben ist — ebenso wenig eine Qualität durch Kenntniß der quantitativen Bedingungen, unter denen sie entsteht, erklärt ist. 26 [225] Übung im Gehorsam: die Schüler des Brahmanen. Die Tempelherrn-Gelübde, die Assasinen. Die Vergöttlichung des Machtgefühls im Brahmanen: interessant daß es in der Krieger-Kaste entstanden und erst übergegangen ist auf die Priester. 26 [226] Die Erkenntniß ist ihrem Wesen nach etwas Setzendes, Erdichtendes, Fälschendes: 26 [227] „Wissenschaft” (wie man sie heute übt) ist der Versuch, für alle Erscheinungen eine gemeinsame Zeichensprache zu schaffen, zum Zwecke der leichteren Berechenbarkeit und folglich Beherrschbarkeit der Natur. Diese Zeichensprache, welche alle beobachteten “Gesetze” zusammenbringt, erklärt aber nichts — es ist nur eine Art kürzester (abgekürztester) Beschreibung des Geschehens. 26 [228] Die ungeheure Masse von Zufälligem Widerspruch Disharmonischem Blödsinnigem in der jetzigen Menschen-Welt weist hin auf die Zukunft: es ist, von der Zukunft aus gesehen, das ihr jetzt nothwendige Arbeits-Feld, wo sie schaffen, organisiren und harmonisiren kann. — Ebenso im Weltall 26 [229] Von der Augenscheinwelt führen die Brahmanen und Christen ab, weil sie dieselbe für böse halten (fürchten –) aber die Wissenschaftlichen arbeiten im Dienste des Willens zur Überwältigung der Natur. 26 [230] Über wie viel Zufälliges bin ich Herr geworden! Welch schlechte Luft blies mich an, als ich Kind war! Wann waren die Deutschen dumpfer ängstlicher muckerhafter kriecherischer als in jenen fünfziger Jahren, in denen ich Kind war! 26 [231] NB. Der bisherige Mensch — gleichsam ein Embryon des Menschen der Zukunft — alle gestaltenden Kräfte, die auf diesen hinzielen, sind in ihm: und weil sie ungeheuer sind, so entsteht für das jetzige Individuum, je mehr es zukunftbestimmend ist, Leiden. Dies ist die tiefste Auffassung des Leidens: die gestaltenden Kräfte stoßen sich. Die Vereinzelung des Individuums darf nicht täuschen — in Wahrheit fließt etwas fort unter den Individuen. Daß es sich einzeln fühlt, ist der mächtigste Stachel im Prozesse selber nach fernsten Zielen hin: sein Suchen für sein Glück ist das Mittel, welches die gestaltenden Kräfte anderseits zusammenhält und mäßigt, daß sie sich \<nicht\> selber zerstören. 26 [232] Nicht “Menschheit”, sondern Übermensch ist das Ziel! Mißverständniß bei Comte 26 [233] Das Glück höherer Wesen auf Sternen (bei Dühring) eine feinere Ausflucht vor der irdischen Unbefriedigung! Gleich den Hinter- und Überweltlern! 26 [234] Die Hoffnungslosigkeit in Bezug auf die Menschen — mein Ausweg! Das Ziel, welches die Engländer sehen, macht jede höhere Natur lachen! Es ist nicht begehrenswerth — viel Glückliche geringsten Ranges ist beinahe ein widerlicher Gedanke. 26 [235] An den Wind Mistral. Eine Rhapsodie. 26 [236] Die Erkenntniß wird, bei höherer Art von Wesen, auch neue Formen haben, welche jetzt noch nicht nöthig sind. 26 [237]  “Ohne meine Pfeile wird das Troja der Erkenntniß nicht erobert” — sage ich Philoctet. 26 [238] Der Philosoph die höhere Species, aber viel mißrathener bisher. Der Künstler die niedere, aber viel schöner und reicher entwickelt! 26 [239] Zum Plan. A. Die regulativen Hypothesen im Vordergrund meine Philosophie: Inhalt des ersten Theils. B. Das Experiment C. Die Beschreibung (an Stelle der angeblichen „Erklärung”) die zugehörigen Seelen-Zustände als bisherige höchste Errungenschaften (von mir für mich) Philosophie als Ausdruck eines außerordentlich hohen Seelen-Zustandes. 26 [240] Die Erklärer von Dichtern mißverstehen, daß der Dichter Beides hat, die Realität und die Symbolik. Ebenso den ersten und den zweiten Sinn eines Ganzen. Ebenso Lust an dem Schillernden, Zwei-, Dreideutigen, auch die Kehrseite ist gut. 26 [241] Erster Theil. Die neuen Wahrhaftigen. Überwindung des Dogmatischen und des Dünkels der zugehörige höhere Seelen-zustand Überwindung des Sceptikers der Schwäche. A. die regulativen Hypothesen B. das Experiment. C. die Beschreibung das neue Macht-Gefühl: der mystische Zustand, und die hellste kühnste Vernünftigkeit als ein Weg dahin Zweiter Theil. Jenseits von Gut und Böse. 26 [242] Galiani meint, der Mensch sei das einzige religiöse Thier. Aber in der Art, wie ein Hund sich vor dem Menschen wälzt, erkenne ich die Art der “Gottseligen” wieder, wenn auch vergröbert. 26 [243] Die neue Rangordnung. Vorrede zur Philosophie der ewigen Wiederkunft. Immer strenger fragen: für wen noch schreiben? — Für Vieles von mir Gedachte fand ich keinen reif; und Zarathustra ist ein Beweis daß Einer mit der größten Deutlichkeit reden kann, aber von Niemandem gehört wird. — Ich fühle mich im Gegensatz zur Moral der Gleichheit. Die Ungleichheit der Menschen Führer und Heerde. (Bedeutung des Isolirten) Ironie gegen Moralisten Vollständige Menschen und Bruchstücke (Problem des Weibes z. B., auch des  wissenschaftlichen Menschen) Gerathene und Missrathene (letztere vielleicht die höheren in der Anlage, auch bei Völkern und Rassen. Problem: indogermanisch und — semitisch, letztere süden-näher NB. religiöser, würdevoller mehr raubthier-Vollkommenheit, weiser — erstere muskelkräftiger kälter gröber schwerer, verderbbar) Schaffende und “Gebildete” (“höhere Menschen” allein die Schaffenden) Die Ungleichheit der Schaffenden Die Künstler (als die kleinen Vollender) aber in allen Werthschätzungen abhängig. Die Philosophen (als die Umfänglichsten, die Überblicker, Beschreiber im Großen)     (aber in allen Werthschätzungen abhängig) , schon sehr viel mißrathener. Die Heerden-Bildner (Gesetzgeber), die Herrschenden, ein sehr mißrathener Typus (sich zum Werthmesser nehmend, kurze Perspective) Die Werthe-Setzenden (Religionsstifter) äußerstes Mißrathen und Fehlgreifen. Ein fehlender Typus: der Mensch, welcher am stärksten befiehlt, führt, neue Werthe setzt, am umfänglichsten über die ganze Menschheit urtheilt und Mittel zu ihrer Gestaltung weiß — unter Umständen sie opfernd für ein höheres Gebilde. Erst wenn es eine Regierung der Erde giebt, werden solche Wesen entstehen, wahrscheinlich lange im höchsten Maaße mißrathend. Die Ungleichheit der höheren Menschen Das Gefühl der Unvollkommenheit, höher oder schwächer, unterscheidet (Werth der “Sündengefühle” Das Gefühl nach Vollkommenem hin, als Bedürfniß vorherrschend (Werth der Frommen, der Einsiedler, Klöster, Priester) Die Kraft, etwas Vollkommenes irgend worin – gestalten zu können (Werth der „schönen Seelen”, der Künstler, der Staatsmänner) (Dionysische Weisheit) Die höchste Kraft, alles Unvollkommene, Leidende als nothwendig (ewig-wiederholenswerth) zu fühlen aus einem Überdrange der schöpferischen Kraft, welche immer wieder zerbrechen muß und die übermüthigsten schwersten Wege wählt (Princip der größtmöglichsten Dummheit, Gott als Teufel und Übermuth-Symbol) Der bisherige Mensch als Embryon, in dem sich alle gestaltenden Mächte drängen Grund seiner tiefen Unruhe — — — der schaffendste als der leidendste? 26 [244] Zur Vorrede. Zur Ehrfurcht erziehen, in diesem pöbelhaften Zeitalter, welches selber im Huldigen noch pöbelhaft ist, für gewöhnlich aber zudringlich und schamlos (auch mit seinem “Wohlthun” und “Mitleiden”) Eine Vorrede zum Fortscheuchen der Meisten. Ja, ich habe keinen, an den ich denke — es sei denn jene ideale Gemeinde, welche sich Zarathustra auf den glückseligen Inseln erzogen hat. 26 [245] Der beständige Blick nach dem Vollkommenen hin, und daher Ruhe — was Schopenhauer als aesthetisches Phänomen beschreibt, ist auch das Charakteristische der Gläubigen. Goethe (an Rath Schlosser): wahrhaft hochachten kann man nur, wer sich nicht selbst sucht ... ich muß gestehn, selbstlose Charaktere dieser Art in meinem ganzen Leben nur da gefunden zu haben, wo ich ein festgegründetes religiöses Leben fand, ein Glaubensbekenntniß, das einen unwandelbaren Grund hatte, gleichsam auf sich selbst ruhte, nicht abhieng von der Zeit, ihrem Geiste, ihrer Wissenschaft (das Orientalische, das Weib macht hier diese Wirkung –) 26 [246] In diesem Jahrhundert der oberflächlichen und geschwinden Eindrücke ist das gefährlichste Buch nicht gefährlich: es sucht sich die fünf, sechs Geister die tief genug sind. Im übrigen — was schadet es, wenn es diese Zeit zerstören hilft! 26 [247] Die Amerikaner zu schnell verbraucht — vielleicht nur anscheinend eine zukünftige Weltmacht. 26 [248] Leibnitz ist interessanter als Kant — typisch deutsch gutmüthig, voll edler Worte, listig, geschmeidig, schmiegsam, ein Vermittler (zwischen Christenthum und der mechanistischen Weltansicht), ungeheuer verwegen für sich, verborgen unter einer Maske und höfisch-zudringlich, anscheinend bescheiden. 26 [249] Die Franzosen tief artistisch — das Durchdenken ihrer Cultur, die Consequenz im Durchführen des schönen Anscheines — spricht gar nicht gegen ihre Tiefe — — — 26 [250] Plato dachte: was man befiehlt als von Gott aus, z. B. wenn man die Geschwister-Ehe verbietet als ein Greuel für Gott: er meint, das unbedingte Verbieten sei der genügende Erklärungsgrund für die moralischen Urtheile. Kurzsichtig! 26 [251] Man bewunderte den Unabhängigen im Alterthum, Niemand klagte über den “Egoismus” des Stoikers. 26 [252] Jedes Volk hat seine eigene Tartüfferie 26 [253] “Hier ist die Aussicht frei, der Blick erhoben.” 26 [254] Das Problem von Freiheit und Unfreiheit des W\<illen\>s gehört in die Vorhöfe der Philosophie — für mich giebt es keinen Willen. Daß der Glaube an den Willen nothwendig ist, um zu “wollen” — ist Unsinn. 26 [255] Geringschätzung gegen das jetzige Deutschland, welches nicht Takt genug hat, solche Klatschbasen-Bücher, wie das von Jans\<s\>en, einfach abzulehnen: wie es sich „den alten und neuen Glauben” des alten, sehr alten und gar nicht neuen Strauß hat aufschwätzen lassen. 26 [256] Zum Titel: ”Eine Wahrsagung”. Ich glaube, ich habe Einiges aus der Seele des höchsten Menschen errathen — vielleicht geht jeder zu Grunde, der ihn erräth, aber wer ihn gesehen hat, muß helfen, ihn zu ermöglichen. Grundgedanke: wir müssen die Zukunft als maaßgebend nehmen für alle unsere Werthschätzung — und nicht hinter uns die Gesetze unseres Handelns suchen! 26 [257] Complementäre Menschen — wo? 26 [258] Vorrede: von der Rangordnung des Geistes Von der Ungleichheit der Menschen a) Führer und Heerde b) Vollständige und Bruchstücke c) Gerathene und Missrathene d) Schaffende und “Gebildete” vor Allem aber „Ungebildete” und Tölpel bis in den letzten Grund hinein Von der Ungleichheit der höheren Menschen (nach der Seite der Kraftmenge) a) nach dem Gefühle der Unvollkommenheit, als entscheidend b) Gefühl nach dem Vollkommenen hin c) die Kraft irgend etwas Vollkommenes gestalten zu können d) höchste Kraft, auch das Unvollkommene als nothwendig zu fühlen, aus Überdrang der gestaltenden Kraft (dionysisch) Von der Rangordnung der Werthe-Schaffenden (in Bezug auf das Werthe-setzen) a) die Künstler b) die Philosophen c) die Gesetzgeber d) die Religionsstifter e) die höchsten Menschen als Erd-Regierer und Zukunft-Schöpfer. (zuletzt sich zerbrechend –) 26 [259] Philosophie der ewigen Wiederkunft. Ein Versuch der Umwerthung aller Werthe. 26 [260] In diesem pöbelhaften Zeitalter soll der vornehm geborene Geist jeden Tag mit dem Gedanken der Rangordnung beginnen: hier liegen seine Pflichten, hier seine feinsten Verirrungen 26 [261] Mißverständnisse im großen Stile z.B. der Ascetism als Mittel der Selbst-Erhaltung für wilde allzu erregliche Naturen. Die la Trappe als “Zuchthaus”, zu dem man sich selber verurtheilt (gerade unter Franzosen begreiflich, wie das Christenthum in der geilen Luft der südeuropäischen Hellenisirung). Der Puritanismus hat als Hintergrund die Überzeugung von der gründlichen eigenen Gemeinheit, vom allgegenwärtigen „inneren Vieh” (ego) — und der düstere trockene Stolz des puritanischen Engländers will, daß mindestens Jeder ebenso schlecht von seinem „inwendigen Menschen” denken soll wie er selber denkt! Die Sitten und Lebensweisen sind als bewiesene Mittel der Erhaltung gefaßt worden — darin erstes Mißverständniß und Oberflächlichkeit. Zweites Mißverständniß: es sollen nunmehr die einzigen Mittel sein. Fromme — Bewußtsein eines höheren Zusammenhangs aller Erlebnisse 26 [262] Mißverständniß des Egoismus: von Seiten der gemeinen Naturen, welche gar nichts von der Eroberungslust und Unersättlichkeit der großen Liebe wissen, ebenso von den ausströmenden Kraft-Gefühlen, welche überwältigen, zu sich zwingen, sich an's Herz legen wollen — der Trieb des Künstlers nach seinem Material. Oft auch nur sucht der Thätigkeits-Sinn nach einem Terrain. — Im gewöhnlichen “Egoismus“ will gerade das “nicht-ego”, das tiefe Durchschnittswesen, der Gattungsmensch seine Erhaltung — das empört, falls es von den Selteneren, Feineren und weniger Durchschnittlichen wahrgenommen wird. Denn diese urtheilen: „wir sind die Edleren! Es liegt mehr an unserer Erhaltung als an der jenes Viehs!” 26 [263] Alle bisherigen Moralen betrachte ich als aufgebaut auf Hypothesen über Erhaltungs-Mittel eines Typus — aber die Art des bisherigen Geistes war noch zu schwach und ihrer selber zu ungewiß, um eine Hypothese als Hypothese zu fassen und doch als regulativisch zu nehmen — es bedurfte des Glaubens 26 [264] NB. Wie bisher die Menschen sich höhere Gestalten, als der Mensch ist, vorgestellt haben — — 26 [265] NB. über die Schreie der Gebärerin wegen all der Unreinheit. Fest der Reinigung für die größten Geister nöthig! 26 [266] Der Schwächere Zartere als der Edlere. 26 [267] die ungeheure idealisirende Kraft, welche das Christenthum anwandte, um körperliche Unlust-Zustände und barbarische Unordnungs-Gefühle zu ertragen — sie deutet\<e\> alles seelisch um. 26 [268] Die Menschen müssen in dem Maaße gebunden werden, als sie nicht frei von sich aus laufen können. Moral-Revolutionen z.B. während des Christenthums sind 1) gegen entnervte verwüstete greise Völker gerichtet 2) gegen die gräßliche Roheit der Barbaren. 26 [269] Zarathustra muß seine Jünger zur Erd-Eroberung aufreizen — höchste Gefährlichkeit, höchste Art von Sieg: ihre ganze Moral eine Moral des Kriegs — unbedingt Siegen wollen 26 [270] An die höheren Menschen. Herolds-Rufe eines Einsiedlers. Von Friedrich Nietzsche. 26 [271] Die Menschen wollen ihre Handlungen und die Art ihres Handelns entweder verherrlichen — daher Moral der Verherrlichung oder rechtfertigen und verantworten (vor einem forum, sei dies die Gemeinde oder die Vernunft oder das Gewissen –) also die Handlung muß erklärbar, aus vernünftig-bewußten Motiven entstanden sein — und ebenso die ganze Handlungs-Weise oder verurtheilen, verkleinern, um so sich zu vergewaltigen oder um Mitleiden zu erregen und davonzukommen bei den Mächtigen. 26 [272] Im organischen Prozeß überreichlicher Ersatz — falscher Ausdruck und teleologisch gefärbt Selbst-Regulirung, also die Fähigkeit der Herrschaft über ein Gemeinwesen vorausgesetzt d. h. aber, die Fortentwicklung des Organischen ist nicht an die Ernährung angeknüpft, sondern an das Befehlen und Beherrschen-können: ein Resultat nur ist Ernährung. 26 [273] Der Wille zur Macht in den Funktionen des Organischen. Lust und Unlust und ihr Verhältniß zum Willen zur Macht. Angeblicher Altruism und der Wille zur Macht. Mutterliebe z. B. und Geschlechtsliebe Die Entwicklung der Gefühle aus dem Grundgefühle. Unfreiheit und Freiheit des Willens. Strafe und Lohn (der stärkere Typus als der höhere scheidet von sich ab und zieht an sich an) Pflicht und Recht. 26 [274] Zurückführung der Generation auf den Willen zur Macht er muß also auch in der angeeigneten unorganischen Materie vorhanden sein!): das Auseinandertreten des Protoplasma im Falle, daß eine Form sich gestaltet, wo das Schwergewicht an 2 Stellen gleich vertheilt ist. Von jeder Stelle aus geschieht eine zusammenziehende, zusammenschnürende Kraft: da zerreißt die Zwischen-Masse. Also: die Gleichheit der Machtverhältnisse ist Ursprung der Generation. Vielleicht ist alle Fortentwicklung an solche entstehende Macht-Äquivalenzen gebunden. 26 [275] Die Lust ist eine Art von Rhythmus in der Aufeinanderfolge von geringeren Schmerzen und deren Grad — Verhältnissen, eine Reizung durch schnelle Folge von Steigerung und Nachlassen, wie bei der Erregung eines Nerven, eines Muskels, und im Ganzen eine aufwärts sich bewegende Curve: Spannung ist wesentlich darin und Ausspannung. Kitzel. Die Unlust ist ein Gefühl bei einer Hemmung: da aber die Macht ihrer nur bei Hemmungen bewußt werden kann, so ist die Unlust ein nothwendiges Ingrediens aller Thätigkeit (alle Thätigkeit ist gegen etwas gerichtet, das überwunden werden soll) Der Wille zur Macht strebt also nach Widerständen, nach Unlust. Es giebt einen Willen zum Leiden im Grunde alles organischen Lebens (gegen „Glück” als “Ziel”) 26 [276] Wenn zwei organische Wesen zusammenstoßen, wenn es nur Kampf gebe um das Leben oder die Ernährung: wie? Es muß den Kampf um des Kampfes willen geben: und Herrschen ist das Gegengewicht der schwächeren Kraft ertragen, also eine Art Fortsetzung des Kampfs. Gehorchen ebenso ein Kampf: so viel Kraft eben zum Widerstehen bleibt. 26 [277] Gegen den Erhaltungs-Trieb als radikalen Trieb: vielmehr will das Lebendige seine Kraft auslassen – es “will” und „muß” (beide Worte wiegen mir gleich!): die Erhaltung ist nur eine Consequenz. 26 [278] Die Tugendhaften wollen uns (und mitunter auch sich selber) glauben machen, sie hätten das Glück erfunden. Die Wahrheit ist, daß die Tugend von den Glücklichen erfunden worden ist. 26 [279] Daß in den Folgen der Handlungen schon Lohn und Strafe liegen — dieser Gedanke einer immanenten Gerechtigkeit ist grundfalsch. übrigens steht er im Widerspruch mit der Vorstellung einer „Heils-Ordnung” in den Erlebnissen und Folgen: wonach schlimme Dinge aller Art als besondere Gunstbezeugungen eines Gottes, der unser Bestes will, aufzufassen sind. — Warum Leid auf eine Übelthat folgen soll, ist an sich nicht begreiflich: in praxi läuft es sogar darauf hinaus, daß auf eine Übelthat eine Übelthat folgen solle. — Daß einer, der anders ist als wir, es schlecht haben müsse, ist ein Gedanke der Vertheidigung, eine Nothwehr der herrschenden Caste, ein Mittel der Züchtung, — aber nichts besonders „Edles”. — Alle möglichen solchen Vorstellungen über „immanente Gerechtigkeit”, “Heilsordnung”, ausgleichende „transcendente Gerechtigkeit” gehen jetzt in jedem Kopfe herum — sie bilden das Chaos der modernen Seele mit. 26 [280] Wir stehen anders zur „Gewißheit”. Weil am längsten die Furcht dem Menschen angezüchtet worden ist, und alles erträgliche Dasein mit dem „Sicherheits-Gefühl” begann, so wirkt das jetzt noch fort bei den Denkern. Aber sobald die äußere „Gefährlichkeit” der Existenz zurückgeht, entsteht eine Lust an der Unsicherheit, Unbegrenztheit der Horizont-Linien. Das Glück der großen Entdecker im Streben nach Gewißheit könnte sich jetzt in das Glück verwandeln, überall die Ungewißheit und das Wagniß nachzuweisen. Ebenso ist die Ängstlichkeit des früheren Daseins der Grund, weshalb die Philosophen so sehr die Erhaltung (des ego oder der Gattung) betonen und als Princip fassen: während thatsächlich wir fortwährend Lotterie spielen gegen dies Princip. Hieher gehören alle Sätze des Spinoza: d. h. die Grundlage des englischen Utilitarismus. v. das braune Heft. 26 [281] Die dummen Moralisten haben immer die Veredelung angestrebt ohne zugleich die Basis zu wollen: die leibliche Veradlichung (durch eine “vornehme” Lebensweise otium, Herrschen, Ehrfurcht usw.) durch edel-vornehme Umgebung von Mensch und Natur, endlich sie haben an's Individuum gedacht und nicht an die Fortdauer des Edlen durch Zeugung. Kurzsichtig! Nur für 30 Jahre und nicht länger! 26 [282] Je nachdem ein Volk fühlt: „bei den Wenigen ist das Recht, die Einsicht, die Gabe der Führung usw.” oder “bei den Vielen” — giebt es ein oligarchisches Regiment oder ein demokratisches. Das Königthum repräsentirt den Glauben an Einen ganz Überlegenen, einen Führer Retter Halbgott. Die Aristokratie repräsentirt den Glauben an eine Elite-Menschheit und höhere Kaste. Die Demokratie repräsentirt den Unglauben an große Menschen und an Elite-Gesellschaft: “Jeder ist jedem gleich” “Im Grunde sind wir allesamt eigennütziges Vieh und Pöbel” 26 [283] Um den Gedanken der Wiederkunft zu ertragen: ist nöthig Freiheit von der Moral, neue Mittel gegen die Thatsache des Schmerzes (Schmerz begreifen als Werkzeug, als Vater der Lust — es giebt kein summirendes Bewußtsein der Unlust) der Genuß an aller Art Ungewißheit Versuchhaftigkeit, als Gegengewicht gegen jenen extremen Fatalismus Beseitigung des Nothwendigkeitsbegriffs Beseitigung des „Willens” Beseitigung der „Erkenntniß an sich” größte Erhöhung des Kraft-Bewußtseins des Menschen, als dessen, der den Übermenschen schafft. 26 [284] 1. Der Gedanke: seine Voraussetzungen, welche wahr sein müßten, wenn er wahr ist was aus ihm folgt 2. als der schwerste Gedanke: seine muthmaßliche Wirkung, falls nicht vorgebeugt wird d. h. falls nicht alle Werthe umgewerthet werden 3 Mittel ihn zu ertragen die Umwerthung aller Werthe: nicht mehr die Lust an der Gewißheit sondern an der Ungewißheit nicht mehr “Ursache und Wirkung”, sondern das beständig Schöpferische nicht mehr Wille der Erhaltung, sondern der Macht usw. nicht mehr die demüthige Wendung „es ist alles nur subjektiv, sondern “es ist auch unser Werk!” seien wir stolz darauf! 26 [285] Von der Heuchelei der Philosophen. die Griechen: verbergen ihren agonalen Affekt, drapiren sich als „Glücklichste” durch die Tugend, und als Tugendhafteste (zwiefache Heuchelei) (Sokrates, siegreich als der plebejisch Häßliche unter den Schönen und Vornehmen, der Niederredende unter einer Stadt von Rednern, der Besieger seiner Affekte, der gemeine kluge Mann mit dem „Warum?” unter dem Erbadel — verbirgt seinen Pessimismus) die Brahmanen wollen im Grunde Erlösung von dem müden lauen unlustigen Daseins-Gefühle Leibnitz Kant Hegel Schopenhauer, ihre deutsche Zwei-Natur Spinoza und der rachsüchtige Affekt, die Heuchelei der Überwindung der Affekte Die Heuchelei der “reinen Wissenschaft”, der Erkenntniß um der „Erkenntniß willen” 26 [286] Ich, wie ein Elephanten-Weibchen, mit einer langen Schwangerschaft behaftet; so daß mich wenige Dinge noch angehn, sogar nicht einmal — pro pudor — das „Kind” 26 [287] Versteht ihr wohl meine neue Sehnsucht, die nach dem Endlichen? dessen, der den Ring der Wiederkunft schaute — 26 [288] NB das fortwährende Schöpferische, statt des einmaligen, vergangenen 26 [289] Zarathustra 3 die Unstäten, die ewigen Wanderer der das Gehirn des Blutegels — — — der Häßliche, der sich maskiren will die Heuchler des Glücks die Sehnsucht nach dem Endlichen, nach Scholle und Winkel der neidische abgemagerte Arbeiter und Streber die Allzu-Nüchternen mit der Sehnsucht zum Rausche, der einst sie befriedigt. die Über-Nüchterten die Zerstörer Nothschrei der höheren Menschen? ja, der mißrathenden — 26 [290] Bei dem Willen zur Grausamkeit ist es zunächst gleichgültig, ob es die Grausamkeit an uns oder an Anderen ist. Genuß am Leiden lernen — — das Teufelische gehört wie das Göttliche zum Lebendigen und seiner Existenz. 26 [291] Montaigne I p. 174 “die Gesetze des Gewissens, welche unserem Vorgeben nach aus der Natur entspringen, entspringen vielmehr aus der Gewohnheit. Jeder verehrt in seinem Herzen die in seinem Lande gebilligten und eingeführten Meinungen und Sitten, so daß er sich denselben nicht ohne Gewissensbisse entziehen kann und denselben niemals ohne einiges Vergnügen gemäß handelt.” 26 [292] Vom Aberglauben der Philosophen. Von der Mittheilbarkeit der Meinungen. 26 [293] Die neue Aufklärung. Eine Vorbereitung zur “Philosophie der ewigen Wiederkunft”. 26 [294] Es ist nicht genug, daß du einsiehst, in welcher Unwissenheit Mensch und Thier lebt; du mußt auch noch den Willen zur Unwissenheit haben und hinzulernen. Es ist dir nöthig, zu begreifen, daß ohne diese Art Unwissenheit das Leben selber unmöglich wäre, daß sie eine Bedingung ist, unter welcher das Lebendige allein sich erhält und gedeiht: eine große, feste Glocke von Unwissenheit muß um dich stehn 26 [295] Der Wille zur Unwissenheit. Der Wille zur Ungewißheit. Der Wille zur Unwahrheit. Der Wille zur Macht. Der Wille zum Leiden. Der Wille zur Grausamkeit. Der Wille zur Vernichtung. Der Wille zur Ungerechtigkeit. Der Wille zum Häßlichen. Der Wille zum Unmäßigen. der Wille zum Rausche der Wille zur Erstarrung 26 [296] Beseitigung des Willens, des freien und unfreien. des „Muß” und der “Nothwendigkeit” der „Erkenntniß an sich” und des “Dinges an sich” des Erkennens um des Erkennens willen des “Guten und Bösen” die Heuchelei der Philosophen. Die Guten. Die Künstler. Die Frommen und Gottseligen. 26 [297] Jenseits von Gut und Böse. Der Philosoph als höherer Künstler. Die neue Rangordnung Vom Aberglauben. Der schwerste Gedanke. Die Lebens-Ermöglichung des Weisen. Die gesellschaftliche Verborgenheit des Weisen. Seine Ernährung. Seine Geschlechtlichkeit. Mittheilbarkeit seiner Meinungen. Das Über-Nationale, der gute Europäer. Schüler, usw. Grade der Einweihung. 26 [298] Die neue Aufklärung. Ein Vor- und Für-Wort zur Philosophie der ewigen Wiederkunft. Vom Aberglauben unter den Philosophen. Jenseits von Gut und Böse. Der Philosoph — ein höherer Künstler. Die neue Rangordnung. Die Ermöglichung des neuen Philosophen. Der schwerste Gedanke als Hammer. 26 [299] Dies ist ein Zeitalter, in dem der Pöbel immer mehr zum Herrn wird und pöbelhafte Gebärden des Leibes und Geistes überall schon Hausrecht erlangt haben, an den Höfen und bei den liebenswürdigsten Frauen —: ich meine sogar nicht nur „an” und „bei”, sondern „innen und drinnen“. mein Garten, mit seinem vergoldeten Gitterwerk, muß sich nicht nur gegen Diebe und Strolche schützen: seine schlimmsten Gefahren kommen ihm von seinen zudringlichen Bewunderern. “Ich Will meine Einsamkeit haben” — so gelobt sich der Weise, ich will meine Einsamkeit mit den Zähnen festhalten, mit einem goldenen Gitter vergittern — 26 [300] Die Philosophen eingenommen gegen den Schein den Wechsel den Schmerz den Tod das Körperliche, die Sinne das Schicksal und die Unfreiheit das Zwecklose von instinktiven Werthbestimmungen geleitet, in denen sich frühere Culturzustände spiegeln — — — NB. alles Menschliche, noch mehr das Thierische, noch mehr das Stoffliche die absolute Erkenntniß sie glauben an die Erkenntniß um der Erkenntniß willen Tugend und Glück im Bunde Erkennbarkeit der menschlichen Handlungen die falschen Gegensätze z. B. Lust und Schmerz gut und böse die Verführungen der Sprache 26 [301] Wille zur Wahrheit und Gewißheit entspringen aus Furcht in der Ungewißheit. 26 [302] kein Stoff (Boscovich) kein Wille kein Ding an sich kein Zweck 26 [303] Der Muth würde sicher keine Tugend heißen, wenn er zu den häufigen Tatsachen des Menschen gehörte, wie das freiwillige Abgeben von Urin: was, so viel ich verstehe, der liebe Spencer et hoc genus omne, unter die Äußerungen des Altruismus zu rechnen bereit sind. 26 [304] Die paar guten Bücher, die von diesem Jahrhundert übrig bleiben werden, richtiger: die mit ihren Ästen über dies Jahrhundert hinweg reichen, als Bäume, welche nicht in ihm ihre Wurzeln haben — ich meine das Mémorial von St. Helena und Goethes Gespräche mit Eckermann 26 [305] Am wenigsten habe ich wohl Lust, meine Meinung auszusprechen über — die Mittheilbarkeit der Meinungen (oder über die “Mittheilbarkeit der Wahrheit”, wie alle tugendhaften Heuchler in diesem Falle sich ausdrücken würden) Daß ich dies eigens hier noch ausspreche, geht beinahe schon über die Grenze hinaus, welche ich mir in dem angegebenen Bereiche gezogen habe. 26 [306] Es giebt auch jetzt noch viel mehr heitere Dinge auf Erden, als die Pessimisten eingestehen; z. B. E\<duard\> von H\<artmann\> selber. Die Laokoon-gruppe, von drei Clown's und ebenso vielen Regenschirmen dargestellt, erheitert mich nicht so, wie dieser Eduard mit seinen Problemen “ringend”. 26 [307] Deutsche Lyriker, namentlich wenn es Schwaben sind, z.B. Uhland mit den Gefühlen eines Burgfräuleins herausgeputzt, oder Freiligrath als — Oder Hölderlin — — — 26 [308] NB. Vollkommen klar darüber, ob man diese Welt der Sinne bejaht und fortsetzen will Kant überwunden. Entdeckung des Alterthums fortgesetzt. Eigentlicher Zweck alles Philosophirens die intuitio mystica. 26 [309] Der allerliebste circulus vitiosus: wenn unsere Sinnes-Organe erst Resultate unserer Sinne sind, wären alle Beobachtungen derselben als Ursachen unsinnig falsch! 26 [310] Über Gesundheit und Krankheit Genie Neurose, Dionysisch. 26 [311] Endlich — will man seine Meinungen nicht mehr los lassen: man hat eine Ahnung von der Spärlichkeit unseres Gartens bekommen, und erwartet nicht viel Gutes Neues mehr zu erwerben — man entschließt sich zu lieben, was man bereits hat. Und wehe dem, der uns jetzt solche lieb gewollte Meinungen nehmen will! 26 [312] Die Religion alle starken überraschenden plötzlichen fremdartigen Impulse als von außen kommend interpretirend. Moralität ist nur als Ein Mittel zur Religion hinzugekommen (ein Mittel zur Vergewaltigung der Götter oder zur Erreichung ekstatischer Zustände) Mißverständniß des Leibes: der Rausch, die Wollust, die Grausamkeits-Ekstase als Vergöttlichung, als Einswerden mit einem Gotte. Grunddifferenz des Alterthums: die Geschlechtlichkeit religiös verehrt; und folglich auch die Werkzeuge. Die Ekstasen sind verschieden bei einem frommen erhabenen edlen Menschen gleich Plato — und bei Kameltreibern, welche Haschisch rauchen und — — — Grundverwandlung der Religion: man will den Gott zwingen zu thun was uns lieb ist — Gebet z. B. man ergiebt sich in den Willen Gottes Ersteres ist die vornehme Form, 2) ist die Sklaven-Form. 26 [313] “Selbst-Erhaltung” nur Nebenfolge, nicht Ziel! Spinoza's Nachwirkung! 26 [314] Buratti, und sein Einfluß auf Byron. 26 [315] Das Gefühl im Süden z. B. bei Stendhal „Reise in Frankreich” ausgedrückt — worin besteht es? 26 [316] NB. Welche Prüfungen fehlen (an Stelle der nur intellektuellen oder fachmäßigen)? Die richtigen Widerlegungen sind physiologische (leibliche) also Beseitigungen von Denkweisen. 26 [317] Ich muß orientalischer denken lernen über Philosophie und Erkenntniß. Morgenländischer Überblick über Europa. 26 [318] Der höhere Mensch. Von den Philosophen. Von den Heerden-Führern. Von den Frommen. Von den Tugendhaften. Von den Künstlern. Kritik des höheren Menschen. 26 [319] Die Europäer bilden sich im Grunde ein, jetzt den höheren Menschen auf der Erde darzustellen. 26 [320] Die guten Europäer. Vorschläge zur Züchtung eines neuen Adels. Von Friedrich Nietzsche. 26 [321] Es giebt monologische Kunst (oder im „Zwiegespräch mit Gott”) gesellschaftliche Kunst, société vorausgesetzt, eine feinere Art von Mensch. demagogische Kunst z. B. Wagner für das deutsche „Volk”, Victor Hugo 26 [322] Wo für das Volk geschwärmt wird, da horchen immer gleich die Frauen hin, sie fühlen, das ist ihre Sache 26 [323] Die Gelehrten, und ihre Selbst-Überschätzung. Woher? Es ist auch da eine Emancipation der niederen Art, welche nicht mehr an die höhere glaubt. 26 [324] Der große Pöbel- und Sklavenaufstand die kleinen Leute, welche nicht mehr an die Heiligen und großen Tugendhaften glauben (z. B. Christus, Luther usw. die Bürgerlichen, welche nicht mehr an die höhere Art der herrschenden Kaste glauben (z. B. Revolution) die wissenschaftlichen Handwerker, welche nicht mehr an die Philosophen glauben die Weiber, welche nicht mehr an die höhere Art des Mannes glauben. 26 [325] Jenseits von Gut und Böse. Vorrede zu einer Philosophie der ewigen Wiederkunft. Von Friedrich Nietzsche.   26 [326] Der Sensualismus und der Hedonismus des vorigen Jahrhunderts ist die beste Erbschaft, welche dies Jahrhundert gemacht hat: hinter hundert Klauseln und feinen Mummenschanzen. Hedonism = Lust als Princip. Lust als Maaßstab thatsächlich gefunden bei den Utilitariern (Comfort-Engländer). Lust als regulatives Princip (thatsächlich nicht gefunden) bei den Schopenhauerianern von Hartmann ein oberflächlicher Querkopf, der den Pessimism durch Teleologie vermanscht und eine Behaglichkeits-Philosophie daraus machen will (nähert sich darin den Engländern an. Das, was auf den Pessimismus folgt, ist die Lehre von der Sinnlosigkeit des Daseins daß Lust und Schmerz keinen Sinn haben, daß Hedone kein Princip sein kann Dies im nächsten Jahrhundert. Lehre der großen Müdigkeit. Wozu? Es lohnt sich nichts! 26 [327] Der Wille wird erschlossen — ist keine unmittelbare Thatsache, wie Schopenhauer will. Ob mit Recht erschlossen, bleibt zu fragen — — 26 [328] Der Glaube an das “Sein” ist die Grundlage aller Wissenschaft, wie alles Lebens. Damit ist nichts über die Berechtigung zu diesem Glauben ausgemacht Fehlgriffe der Sinne (blau statt roth) sind kein Argument dagegen, daß ein Blatt grün ist. Die Entstehung eines farbenbildenden Sinnes in einer farblosen Welt ist ein Unsinn von Gedanke. Beschreibung und Feststellung der Thatsachen. 26 [329] Aus seinen Ursachen läßt sich ein Ding nicht errathen d. h. ein Ding = seinen Wirkungen. Die Kenntniß der Ursachen eines Dinges giebt keine Kenntniß seiner Wirkungen, d. h. keine Kenntniß des Dinges. 26 [330] Tief interessirt für Wahrheit — woher? Dem Christenthum verpflichtet — Pascal 26 [331] die verschiedenen Grade des Genusses für „wahr” z. B. Kant und Schelling Macchavell und Seneca Stendhal und Walter Scott Plato und Hafis 26 [332] 1 Wozu schwört man sich, erkennen zu wollen? “das Wahre lieber als das Unwahre” 2 Wozu will man (wirklich) erkennen? 3 Wozu soll man erkennen? und es ist wahr?! daß man das Wahre lieber will? 26 [333] Es giebt heute so viele oberflächliche Denker, welche beruhigt sind, eine Sache auf Gewöhnung und Vererbung zurückgeführt und damit erklärt zu haben. Aber “wie ist Gewohnheit möglich? Wie ist Vererbung möglich?” 26 [334] Der Glaube an die Wahrheit. Das Ausschweifende und Krankhafte an Vielem, was sich bisher „Wille zur Wahrheit” nannte. Mit schreckhaftem Ernste haben die Philosophen vor den Sinnen und dem Trug der Sinne gewarnt. Der tiefe Antagonismus der Philosophen und der Freunde des Trugs, der Künstler, geht durch die griechische Philosophie: “Plato gegen Homer” — ist die Parole der Philosophen! Aber Keiner hat auch die Kehrseite, die Untauglichkeit der Wahrheit zum Leben und die Bedingtheit des Lebens durch perspektivische Illusion begriffen. — Es ist eine der gefährlichsten Übertreibungen, das Erkennen nicht im Dienste des Lebens, sondern an sich, um jeden Preis, zu wollen: wie der Wollüstling seinen Trieben folgt, an sich, ohne die Controle der heilsamen anderen Instinkte, wenn es nicht eine Dummheit ist, — — — 26 [335] Kann man sich für dieses deutsche Reich interessiren? Wo ist der neue Gedanke? Ist es nur eine neue Macht-Combination? Um so schlimmer, wenn es nicht weiß, was es will. Frieden und Gewähren-lassen ist gar keine Politik, vor der ich Respekt habe. Herrschen und dem höchsten Gedanken zum Siege zu verhelfen — das Einzige, was mich an Deutschland interessiren könnte. Was geht es mich an, daß Hohenzollern da sind oder nicht da sind? — England's Klein — Geisterei ist die große Gefahr jetzt auf der Erde. Ich sehe mehr Hang zur Größe in den Gefühlen der russischen Nihilisten als in denen der englischen Utilitarier. Ein In-einander-wachsen der deutschen und der slavischen Rasse, — auch bedürfen wir der geschicktesten Geldmenschen, der Juden, unbedingt, um die Herrschaft auf der Erde zu haben. 26 [336] der Sinn für Realität Bruch mit dem englischen Princip der Volks-Vertretung, wir brauchen Vertretung der großen Interessen wir brauchen ein unbedingtes Zusammengehen mit Rußland, und mit einem neuen gemeinsamen Programm welches in Rußland keine englischen Scheinwesen zur Herrschaft kommen läßt. Keine amerikanische Zukunft! eine europäische Politik ist unhaltbar, und die Einengung gar in christliche Perspectiven ein ganz großes Malheur. In Europa sind alle gescheuten Leute Sceptiker, ob sie es sagen oder nicht. Ich denke, wir wollen uns weder in christliche noch in amerikanische Perspektiven einengen. 26 [337] buona femmina e mala femmina vuol bastone (Sacchetti Nov. 86) 26 [338] hinc mihi quidquid sancti gaudii sumi potest horis omnibus praesto est. Petrarca, famil. XIX 16. 26 [339] Der Wille, sich nicht täuschen zu lassen und der Wille sich täuschen zu lassen aber der Philosoph? Der Religiöse? Der Künstler? 26 [340] Giebt es noch Philosophen? In Wahrheit ist viel Philosophisches in unserem Leben, namentlich bei allen wissenschaftlichen Menschen, aber Philosophen selber giebt es so wenig noch, als es ächten Adel giebt. Warum? 26 [341] Wie die Franzosen die Höflichkeit und den Esprit der französischen Gesellschaft widerspiegeln, so die Deutschen etwas vom tiefen träumerischen Ernst ihrer Mystiker und Musiker und ebenso von ihrer Kinderei. Im Italiäner ist viel republikanische Vornehmheit und Kunst, sich gut und stolz zu geben, ohne Eitelkeit. 26 [342] Man glaubt nicht mehr an Philosophen, auch unter den Gelehrten; das ist die Scepsis eines demokratischen Zeitalters, das die höhere Art Menschen ablehnt. Die Psychologie des Jahrhunderts ist wesentlich gegen die höheren Naturen gerichtet: man will ihnen ihre Menschlichkeiten nachrechnen. 26 [343] Pythagoras war der Versuch eines antidemokratischen Ideals, unter den stürmischen Bewegungen zur Volksherrschaft hin. 26 [344] Der “Richter”. Einem Solchen bleibt es nicht erspart, zu befehlen: sein „du sollst” ist nicht abzuleiten aus der Natur der Dinge, sondern weil er das Höhere sieht, muß er es durchsetzen und erzwingen. Was liegt ihm am Zugrundegehen! Er opfert unbedenklich — Stellung des Künstlers zum Menschen: der große Mensch muß befehlen und die Werthschätzung, die er hat, einführen, auflegen, gebieten. Anders sind alle früheren Werthschätzungen auch nicht entstanden. Aber sie sind alle jetzt unmöglich für uns, ihre Voraussetzungen sind falsch. 26 [345] “Strafen”: dafür ein Rang-anweisen, ein Herabsetzen im Verhältniß zu unserem Ideal. Nicht aber ein Erhaltenwollen Vieler auf Unkosten Einzelner, überhaupt kein Gesichtspunkt der Gesellschaft! 26 [346] Mit “Glück” als Ziel ist nichts zu machen, auch mit dem Glücke eines Gemeinwesens nicht. Es handelt sich, eine Vielheit von Idealen zu erreichen, welche im Kampf sein müssen, das ist aber nicht das Wohlbefinden einer Heerde, sondern ein höherer Typus. Dieser aber wird nicht erreicht durch das Wohlbefinden der Heerde! so wenig als der einzelne Mensch auf seine Höhe kommt durch Behaglichkeit und Entgegenkommen. “Gnade”, „Liebe gegen die Feinde”, “Duldung”, “gleiches” Recht (!) sind alles Principien niederen Ranges. Das Höhere ist der Wille über uns hinweg, durch uns, und sei es durch unseren Untergang schaffen. 26 [347] Es ist verkannt worden, daß alle moralischen „Du sollst” von einzelnen Menschen geschaffen sind. Man hat einen Gott oder ein Gewissen haben wollen, um sich der Aufgabe zu entziehen, welche Schaffen vom Menschen fordert. Die Schwäche oder die Faulheit ist verborgen hinter der christlich — katholischen Denkweise. — Damit der Mensch aber Ideale schaffen kann, muß er lernen und wissen usw. 26 [348] Die Schule der “Objektiven” und “Positivisten” zu verspotten. Sie wollen um die Werthschätzungen herum kommen, und nur die facta entdecken und präsentiren. Aber man sehe zu z. B. bei Taine: im Hintergrunde hat er Vorlieben: für die starken expressiven Typen z. B., auch für die Genießenden mehr als für die Puritaner. 26 [349] Ein böses Buch einmal zu machen, schlimmer als Macchavell und jener sehr deutsche und mild-boshafte unterthänigste Teufel von Mephistopheles! Seine Eigenschaften: grausam (Lust am Zusehen, wie ein schöner Typus zu Grunde geht) verführerisch (einladend zur Lehre, daß man das Eine und auch das Andere sein müsse) spöttisch gegen die Tugenden des Mönchs, des Philosophen, den wichtigthuerischen Künstler usw., auch den guten braven Heerden-Menschen vornehm gegen das Neugierige, Zudringliche, Pöbelhafte der Erkennenden, ebenso gegen das Zopfige, Duckmäuserhafte; kein Lachen, kein Zorn. 26 [350] Wie solch ein Wort Einem durch das Herz geht! — „zu allem Land und Meer hat unsere Kühnheit sich den Weg gebrochen, überall sich unvergängliche Denkmale im Guten und Bösen gründend” — sagt Pericles. 26 [351] Wo, in pöbelhafter Art, Eine Begierde die Oberherrschaft führt (oder überhaupt die Begierden), da giebt es keinen höheren Menschen. Es versteht sich, daß ein Solcher (wie z.B. Augustin oder Luther) auch gar nicht die höheren Probleme kennt, die alle eine viel kühlere Höhe voraussetzen. Das ist Alles rein persönliche Noth bei Augustin und Luther. Es ist die Frage eines Kranken nach einer Kur. Die Religionen mögen wesentlich solche Thierbändigungs-Anstalten oder Irren-Anstalten \<sein\> für solche, die sich nicht selber beherrschen können. — Es ist komisch, diese Noth um den Geschlechtstrieb z. B. auch in Wagner's Parcival und Tannhäuser. 26 [352] Ich interessire mich nicht 2) für die Arbeiter-Frage, weil der Arbeiter selber nur ein Zwischenakt ist. 4) für die Denkweisen, welche nicht den Leib und die Sinne festhalten, und die Erde 5) nicht für die l'art pour l'art, die Objektiven usw. 26 [353] Gebet um Blindheit Moral ist vernichtet: factum darstellen! Es bleibt übrig: “ich will” Neue Rangordnung. Gegen die Gleichheit. An Stelle des Richters und des Strafenden der Schaffende. unsere gute Lage, als Erntende die höchste Verantwortlichkeit — mein Stolz! Heraufbeschwören des Bösesten. der Gesetzgeber und Politiker die Frommen (warum unmöglich?) erst den Leib hoch bilden: es findet sich da schon die Denkweise. Plato. bisher, nach langer kosmopolitischer Umschau, der Grieche als Mensch, der es am weitesten brachte. Europa. 26 [354] die Naivetät Plato's und des Christenthums: sie glaubten, zu wissen, was „gut” ist. Sie hatten den Heerden-Menschen errathen, — nicht den schaffenden Künstler. Schon bei Plato ist der „Heiland”, der zu den Leidenden und Schlechten niedersteigt, erfunden. Er hat keinen Blick für die Vernunft und Nothwendigkeit des Bösen. 26 [355] Nicht das Gute, sondern der Höhere! Plato ist mehr werth als seine Philosophie! Unsere Instinkte sind besser als ihr Ausdruck in Begriffen. Unser Leib ist weiser als unser Geist! Wenn Plato jener Büste in Neapel glich, so haben wir da die beste Widerlegung alles Christenthums! 26 [356] Socrates, scheint es, war dahinter gekommen, daß wir moralisch nicht in Folge eines logischen Räsonnements handeln — und er fand selber es nicht. Daß Plato und Alle nach ihm glaubten, sie hätten es, und das Christenthum auf diese platonische niaiserie sich hat taufen lassen, das war bisher der größte Anlaß für die Unfreiheit in Europa. 26 [357] Socrates, der sagt „ich weiß nicht, was gut und böse ist” war klüger als Plato: der definirt es! Aber Plato stellt es dar, den höheren Menschen. 26 [358] Das falsche Germanenthum bei R\<ichard\> W\<agner\> (und die gründliche psychologische Falschheit dieser höchst „modernen” Mischung von Brutalität und Verzärtelung der Sinne) ist mir ebenso zuwider wie das falsche Römerthum bei David, oder das falsche englische Mittelalter Walter Scotts. 26 [359] Das Problem der Wahrhaftigkeit. Das Erste. und Wichtigste ist nämlich der Wille zum Schein, die Feststellung der Perspectiven, die „Gesetze” der Optik d. h. das Setzen des Unwahren als wahr usw. Das Problem der Gerechtigkeit. Das Erste und Mächtigste ist nämlich gerade der Wille und die Kraft zur Übermacht. Erst der Herrschende stellt nachher „Gerechtigkeit” fest d. h. er mißt die Dinge nach seinem Maaße; wenn er sehr mächtig ist, kann er sehr weit gehen im Gewährenlassen und Anerkennen des versuchenden Individuums Das Problem des Mitleidens. Erst ein tiefer Instinkt der Grausamkeit, ein Genuß an fremden Leiden, muß großgezüchtet sein. Denn vorerst ist die ungeheure Indifferenz gegen alles “Außer-uns” da. Die Mitempfindung feinerer Art ist eine abgeschwächte Grausamkeit. Das Problem des guten Menschen. Der Heerden-Mensch, der die Eigenschaften, welche social machen, vorzieht und lobt. Die entgegengesetzten Eigenschaften werden von herrschenden Menschen geschätzt, nämlich an ihrem eigenen Wesen: Härte, kaltes Blut, kalter Blick, kein Entgegenkommen, Thatsachen-Blick, Blick für große Fernen und nicht für das Nächste und den Nächsten usw. 26 [360] Wie mir die Socialisten lächerlich sind, mit ihrem albernen Optimismus vom “guten Menschen”, der hinter dem Busche wartet, wenn man nur erst die bisherige „Ordnung” abgeschafft hat und alle “natürlichen Triebe” losläßt. Und die Gegenpartei ist ebenso lächerlich, weil sie die Gewaltthat in dem Gesetz, die Härte und den Egoismus in jeder Art Autorität nicht zugesteht. “Ich und meine Art” will herrschen und übrig bleiben: wer entartet, wird ausgestoßen oder vernichtet — ist Grundgefühl jeder alten Gesetzgebung. Man haßt die Vorstellung einer höheren Art Menschen, mehr als die Monarchen. Anti-aristokratisch: das nimmt den Monarchen-Haß nur als Maske und — — — 26 [361] Vermännlichung der Weiber ist der rechte Name für “Emancipation des Weibs”. Das heißt, sie formen sich nach dem Bilde, welches der Mann jetzt abgiebt, und begehren seine Rechte. Ich sehe darin eine Entartung im Instinkte der jetzigen Weiber: sie müßten wissen, daß sie ihre Macht zu Grunde richten, auf diesem Wege. — Sobald sie sich nicht mehr erhalten lassen wollen und ernsthaft Concurrenz mit dem Manne im bürgerlich-politischen Sinne machen, folglich auch auf jene milde und nachsichtig-schonende Behandlungsart verzichten wollen, mit der sie bisher behandelt wurden, so — — 26 [362] Im Orient und im Athen der besten Jahrhunderte schloß man die Frauen ab, man wollte die Phantasie-Verderbniß des Weibes nicht: das verdirbt die Rasse, mehr als der leibliche Verkehr mit einem Manne. 26 [363] Auf germanische Ursitte und Urkeuschheit nützt es nicht, sich zu berufen: es giebt keine Germanen mehr, es giebt auch keine Wälder mehr. 26 [364] Ich bin keinem Menschen begegnet, mit dem ich auf meine Art hätte über Moral reden können: keiner war mir bisher ehrlich und verwegen genug dazu. Daran mag Einiges die Sache des Zufalls sein: z. B. daß ich zu viel unter Deutschen gelebt habe, welche von jeher, in aller Unschuld, moralische Tartüffs gewesen sind, mehr als alles Andere. In der Hauptsache aber glaube ich, daß die Verlogenheit in moralischen Dingen zum Charakter dieses demokratischen Zeitalters gehört. Ein solches Zeitalter nämlich, welches die große Lüge “Gleichheit der Menschen” zum Wahlspruch genommen hat, ist flach, eilig, und auf den Anschein bedacht, daß es mit dein Menschen gut stehe, und daß “gut” und “böse” kein Problem mehr sei. 26 [365] Moral “du sollst” als falsche Ausdeutung von bestimmten Triebgefühlen. 26 [366] Die Stärksten an Leib und Seele sind die Besten — Grundsatz für Zarathustra — aus ihnen die höhere Moral, die des Schaffenden: den Menschen nach seinem Bilde umzuschaffen. Das will er, das ist seine Ehrlichkeit. 26 [367] Zarathustra 5. Die singende Säule, welche ein Strahl der Morgensonne trifft. 26 [368] Bei einer außerordentlichen Aufregung wirken heftige Schmerzen (Selbst-Verwundungen) nur als Stimulantia. 26 [369] Vorausgesetzt, daß man sich von den Naivetäten Kant's frei gemacht hat, welcher dort, wo er Instinkte, im Geistigen und Moralischen, entdeckt, sofort schloß, “das ist nicht von dieser Welt”. Die gleiche Naivetät herrscht noch bei den Engländern den „Instinktiven” und “Intuitiven”. Aber wo ich bedenklich werde, das ist: alle die physiologisch-historischen Forscher der Moral urtheilen: weil die moralischen Instinkte so und so reden, so sind diese Urtheile in Bezug auf die Erhaltung der Gattung wahr d. h. nützlich: weil sie übrig geblieben sind! Auf gleiche Weise sage ich, daß die unmoralischen Instinkte wahr sein müssen: nur prägt sich darin etwas anderes aus als gerade der Wille zur Erhaltung, nämlich der Wille zum Vorwärts, zum Mehr, zum — — — Ist denn Erhaltung das Einzige, was ein Wesen will? Und ihr denkt „Erhaltung der Gattung”, ich sehe nur, „Erhaltung einer Heerde, einer Gemeinde”. 26 [370] Man ist reicher als man denkt, man trägt das Zeug zu mehreren Personen im Leibe, man hält für „Charakter”, was nur zur “Person”, zu Einer unserer Masken, gehört. Die meisten unserer Handlungen kommen nicht aus der Tiefe, sondern sind oberflächlich: wie die meisten vulkanischen Ausbrüche: man muß sich durch den Lärm nicht täuschen lassen. Das Christenthum hat darin Recht: man kann einen neuen Menschen anziehen: freilich, dann noch einen neueren. Man irrt, wenn man einen Menschen nach einzelnen Handlungen beurtheilt: einzelne Handlungen erlauben keine Verallgemeinerung. 26 [371] Eine Philosophie, welche nicht verspricht, glücklicher und tugendhafter zu machen, die es vielmehr zu verstehen giebt, daß man in ihrem Dienste wahrscheinlich zu Grunde geht, nämlich in seiner Zeit einsam wird, verbrannt und abgebrüht, durch viele Arten von Mißtrauen und Haß hindurch muß, viele Härte gegen sich selber und leider auch gegen Andere nöthig macht: eine solche Philosophie schmeichelt sich niemandem leicht an: man muß für sie geboren sein — und ich fand noch Keinen, der es war (sonst würde ich keine Gründe haben dies zu schreiben) Zum Entgelt verspricht sie einige angenehme Schauder; wie sie dem kommen, der von ganz hohen Bergen aus eine Welt neuer Aspekte sieht; und sie macht nicht am Ende blödsinnig, was die Wirkung des Kantschen Philosophirens war (man ist grausam genug gewesen, neuerdings noch das übrig gebliebene Hauptwerk seines Blödsinns festlich herauszugeben — was ist doch unter Deutschen möglich!) 26 [372] So wie ich über moralische Dinge denke, bin ich zu langem Stillschweigen verurtheilt gewesen. Meine Schriften enthalten diesen und jenen Wink; ich selber stand kühner dazu; schon in meinem 25. Jahre verfaßte ich für mich ein pro memoria “über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne”. Ich bin sogar mit Menschen umgegangen, welche sich auf ihre Art mit Moral beschäftigten: sie werden mir bezeugen, daß ich nie auf meine Art mit ihnen von Moral gesprochen habe. Jetzt, wo ich einen freieren Überblick über diese Zeit habe, und Vieles mir erlaube, was ich früher für unerlaubt gehalten hätte, sehe ich keine Gründe mehr, hinter dem Berge zu halten. “Daß die ,Wahrheit’ in diesen Dingen schädlich ist”, um mich der Sprache der moralischen Hypokriten zu bedienen, und daß sie Viele zu Grunde richten kann, gebe ich zu: aber “schädlich sein” und „zu Grunde richten” gehört so gut zu den Aufgaben des Philosophen wie „nützlich sein” und „aufbauen”. 26 [373] Es giebt einen Hang zur Wahrheit: so unwahrscheinlich es klingt: bei einigen Menschen wenigstens. Es giebt auch einen entgegengesetzten Hang z. B. bei den Künstlern. Und wir wollen froh darüber sein, es ist aus Beiden viel Gutes und Schlimmes gewachsen. Im Ganzen ist der zweite Hang wichtiger, es hat gute Gründe daß die Philosophen selten sind, und daß ihr Einfluß stark zurückgedämmt wird. 26 [374] Aus der Selbstbespiegelung des Geistes ist noch nichts Gutes gewachsen. Erst jetzt, wo man auch über alle geistigen Vorgänge sich am Leitfaden des Leibes zu unterrichten sucht z. B. über Gedächtniß, kommt man von der Stelle. 26 [375] Der alte Kant stellt einige geistige Instinkte fest, welche vor allem Räsonnement und vor aller Sinnesthätigkeit wirken: ebenso später einen moralischen Instinkt, nämlich den, zu gehorchen. Daß damit eine Brücke geschlagen sei zu „einer anderen Welt”, war eine Übereilung. Selbst wenn festgestellt wäre, daß die Existenz des Menschen an diese Instinkte geknüpft ist, ist über ihre “Wahrheit” nichts ausgemacht. Es ist eben unsere Welt. 26 [376] Meine Philosophie bringt den siegreichen Gedanken, an welchlem zuletzt jede andere Denkweise zu Grunde geht. Es ist der große züchtende Gedanke: die Rassen, welche ihn nicht ertragen, sind verurtheilt; die, welche ihn als größte Wohlthat empfinden, sind zur Herrschaft ausersehn. 26 [377] Die intellektuelle Charakterlosigkeit Als Richard Wagner mir gar von dem Genusse zu sprechen begann, den er dem christlichen Abendmahle (dem protestantischen) abzugewinnen wisse, da war es aus mit meiner Geduld. Er war ein großer Schauspieler: aber ohne Halt, und inwendig die Beute von allen Sachen, welche stark berauschen. Er hat alle Wandlungen durchgemacht, welche die guten Deutschen seit den Tagen der Romantik durchgemacht haben: Wolfsschlucht und Euryanthe, Schauer-Hoffmann, dann “Emancipation des Fleisches” und Durst nach Paris, dann den Geschmack für große Oper, für Meyerbeersche und Bellinische Musik, Volkstribune, später Feuerbach und Hegel — die Musik sollte aus der „Unbewußtheit” heraus, dann die Revolution, dann die Enttäuschung, und Schopenhauer, und eine Annäherung an deutsche Fürsten, dann Huldigungen vor Kaiser und Reich und Heer, dann auch vor dem Christenthum, welches seit dem letzten Kriege und seinen vielen „Todtenopfern” wieder in Deutschland zum guten Geschmack gehört —, mit Verwünschungen gegen die „Wissenschaft”. 26 [378] Allen seinen natürlichen Hängen zu widerstehen und es zu versuchen, ob nicht auch vom entgegengesetzten Hange Etwas in uns ist: eine nützliche Sache, obwohl sie viel Unbehagen mit sich bringt. Wie wenn ein Mensch aus einer gewohnten trockenen Luft in ein feuchtes Klima versetzt wird. Es verlangt einen unerschütterlichen Willen — und wenn meine Denkweise nichts verlangt als dies, so ist es schon ein Grund, weshalb sie wenige Anhänger haben wird. Ein solcher starker und doch geschmeidiger Wille ist zu selten. 26 [379] Das Volk von Willensschwachen (wie Sainte-Beuve) hat einen innerlichen Widerwillen vor der entgegengesetzten Rasse z. B. vor Stendhal. 26 [380] Wie viel viehische Gemeinheit im Engländer, daß er jetzt noch nöthig hat, mit aller Gewalt das utile zu predigen! Es ist sein höchster Gesichtspunkt: sein dulce ist gar zu gering. — Auch die Heils-Armee! 26 [381] “une croyance presque instinctive chez moi, c’est que tout homme puissant ment, quand il parle, et à plus forte raison, quand il écrit.” préface „Vie de Napoleon” p. XV Stendhal. 26 [382] Man spricht mir bei Tisch von Eugen Dühring, man „entschuldigt” Vieles, denn, sagt man: er ist blind. Wie? Ich bin's beinahe. Homer war es ganz. Muß man deshalb schlechter Laune sein? Und voller Würmer? Und aussehen, wie ein Tintenfaß? Eugen Dühring hat neuerdings uns sein Leben erzählt: er hat keinen Verdruß vergessen, keine Kränkung von Kindesbeinen an, ich glaube, er kann stundenlang schlechte kleine kleinliche Geschichtchen von seinen Lehrern und Gegnern erzählen, von der Zeit her, wo er noch nicht blind \<war\>: zum Mindesten macht er ein Gesicht darnach, wenn anders das Bild gut ist, mit dem er sein Buch geschmückt und seine Philosophie widerlegt hat. — Er sagt uns, daß das Bild gut ist. 26 [383] Nachwirkungen des alten Gottes I) — So wenig ich mit dem bekannt bin, was heute unter Deutschen philosophirt wird: so bin ich, Dank einigen glücklichen Zufällen, dahinter gekommen, daß in Deutschland jetzt es an der Mode ist, zwar nicht an Schöpfung der Welt, aber doch an einen Anfang zu denken: man wehrt sich gegen eine “Unendlichkeit nach hinten” — Sie verstehen doch meine abgekürzte Formel? Darin stimmen Mainländer, Hartmann, Dühring usw. überein. Den unanständigsten Ausdruck für die entgegengesetzte Ansicht, daß die Welt ewig ist, hat Mainländer gefunden, ein Apostel der unbedingten Keuschheit, gleich Richard Wagner. Nachwirkungen des alten Gottes 2) ewig neu. 26 [384] Raum eine Abstraktion: an sich giebt es keinen Raum, namentlich giebt es keinen leeren Raum. Vom Glauben an den „leeren Raum” stammt viel Unsinn. — 26 [385] Daß wir einen Zeitinstinkt haben, einen Raum-Instinkt, einen Gründe-Instinkt; das hat nichts mit Zeit Raum und Causalität zu thun. 26 [386] Sieg der antiteleologischen mechanistischen Denkweise als regulativer Hypothese 1) weil mit ihr allein Wissenschaft möglich ist 2) weil sie am wenigsten voraussetzt und unter allen Umständen erst ausprobirt werden muß was ein paar Jahrhunderte braucht 3) — — — 26 [387] Kampf gegen Plato und Aristoteles. 26 [388] Hegel's gothische Himmelstürmerei (- Nachzüglerei). Versuch, eine Art von Vernunft in die Entwicklung zu bringen: — ich am entgegengesetzten Punkte, sehe in der Logik selber noch eine Art von Unvernunft und Zufall. Wir bemühen uns \<zu begreifen\>, wie bei der allergrößten Unvernunft, nämlich ganz ohne Vernunft die Entwicklung bis herauf zum Menschen vor sich gegangen ist. 26 [389] Gegen den Altruismus: derselbe ist eine Illusion. Das désintéressement in der Moral (Schopenhauer Comte) in der Erkenntnißlehre (die „Objektiven” — wie Taine), in der Kunst (die ideale Schönheit, an welche z. B. Flaubert glaubt) 26 [390] Als ich 12 Jahre alt war, erdachte ich mir eine wunderliche Drei-Einigkeit: nämlich Gott-Vater, Gott-Sohn und Gott-Teufel. Mein Schluß, war, daß Gott, sich selber denkend, die zweite Person der Gottheit schuf: daß aber, um sich selber denken zu können, er seinen Gegensatz denken mußte, also schaffen mußte. — Damit fieng ich an, zu philosophiren. 26 [391] Die vielen falschen „Gegensätze” (über die Verwandlung der Affekte, ihre Genealogie usw. 26 [392] Unzählig viele Einzelne höherer Art gehen jetzt zu Grunde: aber wer davon kommt, ist stark wie der Teufel. Ähnlich wie zur Zeit der Renaissance. 26 [393] Der Schauspieler. Der historische Sinn: davon hat Plato und alle Philosophie keinen Begriff. Es ist eine Art von Schauspieler-Kunst, zeitweilig eine fremde Seele anzunehmen: Folge der großen Rassen- und Völker-Mischungen, vermöge deren in jedem ein Stück von Allem ist, das war. Ein Künstler-Sinn, auf dem Gebiete der Erkenntniß. Zugleich ein Zeichen von Schwäche und Mangel der Einheit. Exotismus, Cosmopolitismus usw. Romantik. Der Sinn hat sich verschärft, z. B. jetzt ist Walter Scott uns nicht mehr möglich. Ebensowenig Richard Wagner. Rousseau, George Sand, Michelet, Sainte-Beuve — ihre Art von Schauspielerei. Die einen vor dem Volke, andere (wie Voltaire) vor der Gesellschaft. Ganz andere Schauspieler die Mächtigen, wie Napoleon, Bismarck. 26 [394] Wissen Sie, was ein Sumpf ist? — Der Zufall erlaubte es mir, wieder alles das bei einander zu sehen, was Richard Wagner und seine Leute zusammen in Worten gepredigt haben: in den übel berufenen Bayreuther Blättern. Sehen Sie, das ist ein Sumpf: Anmaaßung, Unklarheit, Unwissenheit und — Geschmacklosigkeit durcheinander. Wie der Alte singt, so zwitschern die Jungen; darüber wird sich Niemand wundern. Und wäre es nur ein Gesang! Aber es ist ein Gewinsel, die Wichtigthuerei eines alten Oberpriesters, der sich vor nichts mehr fürchtet als vor hellen deutlichen Begriffen. Und das will in Dingen der Philosophie und Historie mitreden! — Il faut être sec, sagt, mir nach dem Herzen, mein Freund Stendhal. Man soll den Morast nicht aufrühren. Man soll auf Bergen wohnen: also sprach mein Sohn Zarathustra. 26 [395] Es scheint, ich bin etwas von einem Deutschen einer aussterbenden Art. Gut deutsch sein heißt sich entdeutschen — habe ich einmal gesagt: aber das will man mir heute nicht zugeben. Goethe hätte mir vielleicht Recht gegeben. 26 [396] Pour être bon philosophe, il faut être sec, clair, sans illusion. Un banquier, qui a fait fortune, aune partie du caractère requis pour faire des découvertes en philosophie, c’est-à-dire pour voir clair dans ce qui est. Nicht täuschen wollen — das ist etwas ganz Anderes, das mag moralisch sein. Sich nicht täuschen lassen, namentlich wenn man den größten Hang dazu hat! 26 [397] Stendhal präcisirt (18. Dezember 1829) die moralischen Probleme. Was sind die Motive der menschlichen Handlungen: est-ce la recherche du plaisir, comme dit Virgile (trahit sua quemque voluptas) Est-ce la sympathie? Was ist der Gewissensbiß? Kommt er von Gesprächen, die wir gehört haben? ou naît-il dans la cervelle, comme l’idée de becqueter le blé qui vient au jeune poulet? 26 [398] Die Vergeistigung als Ziel gesetzt: so ist die scharfe Gegensetzung von Gut und Böse, Tugend und Laster ein Zucht-Mittel, den Menschen zum Herrn über sich zu machen, eine Vorbereitung zur Geistigkeit. — Aber wenn nicht Versinnlichung dabei ist, so wird der Geist sehr dünn. 26 [399] Die Deutschen sind ein gefährliches Volk: sie verstehen sich auf das Berauschen. Gothik, vielleicht auch Rococo (nach Semper), der historische Sinn und Exotismus, Hegel, Richard Wagner — Leibnitz auch heute noch gefährlich — die Bedientenseele (idealisirt als Gelehrten- und Soldatentugend) auch als historischer Sinn. Die Deutschen mögen wohl das gemischteste Volk sein. “das Volk der Mitte”, die Erfinder des Porzellans und einer chinesenhaften Art von Geheimräthen. 26 [400] Das tiefe Wohlwollen gegen alle Dinge. Es kostet mich eine Komödie, auf Menschen, die ich kenne, böse zu sein: vorausgesetzt daß ich nicht krank bin. 26 [401] Auch ein Philosoph muß sich zusprechen, wie jener Diplomat: “mißtrauen wir unseren ersten Regungen: sie sind fast immer gut”. 26 [402] Bismarck: so fern von der deutschen Philosophie als ein Bauer oder ein Korpsstudent. Mißtrauisch gegen die Gelehrten. Das gefällt mir an ihm. Er hat alles weggeworfen, was ihm die dumme deutsche Bildung (mit Gymnasien und Universitäten) hat beibringen wollen. — Und er liebt ersichtlich eine gute Mahlzeit mit starkem Wein mehr als die deutsche Musik: welche meist nur eine feinere weibsartige Hypokrisie und Vermäntelung für die alte deutsche Manns-Neigung zum Rausche ist. Er hat seine braven Beschränktheiten festgehalten, nämlich die gegen Gott und König: und später noch, wie billig, die Beschränktheit hinzugefügt, welche jeder hat, der etwas geschaffen hat, die Liebe zu seinem Werk (ich meine zum deutschen Reich) 26 [403] Michelet: schwitzende Sympathie, etwas Pöbelhaftes daran, wie als ob er den Rock auszöge, vor einer Arbeit. Volks-Tribun: er kennt auch die Raubthier-Wuthanfälle des Volks. Alles, was mir gefällt, ist ihm fremd. Montaigne so gut als Napoleon. Seltsam, auch er, der arbeitsame sittenstrenge Mensch, hat die neugierige Geschlechts-Lüsternheit des Galliers. 26 [404] Sainte-Beuve — stille Wuth aller feineren Franzosen über die „furchtbare Dummheit” —: möchte gern verleugnen, daß ihm alle Philosophie fehlt, ebenso aller Charakter, ja sogar, was nach Beiden nicht Wunder nimmt, aller feste Geschmack in artibus et litteris. Er weiß weder mit den starken Seiten Voltaire’s, noch mit Montaigne, Charron, Chamfort, Larochefoucauld, Stendhal zurecht zu kommen: — Er ärgert sich nämlich, mit einer Art Neid, über die Thatsache, daß diese Menschenkenner alle auch noch einen Willen und Charakter im Leibe haben. 26 [405] Die Art Hölderlin und Leopardi: ich bin hart genug, um über deren Zugrundegehen zu lachen. Man hat eine falsche Vorstellung davon. Solche Ultra-Platoniker, denen immer die Naivetät abgeht, enden schlecht. Irgend Etwas muß derb und grob sein am Menschen: sonst geht er auf eine lächerliche Weise zu Grunde vor lauter Widersprüchen mit den einfachsten Thatsachen: z. B. mit der Thatsache, daß ein Mann von Zeit zu Zeit ein Weib nöthig hat, wie er von Zeit zu Zeit eine rechtschaffene Mahlzeit nöthig hat. Zuletzt haben die Jesuiten herausgebracht, daß Leop\<ardi\> — — — 26 [406] In meiner Jugend, wo ich Vielerlei war, zum Beispiel auch Maler, habe ich einmal ein Bild von Richard Wagner gemalt, unter dem Titel: Richard Wagner in Bayreuth. Einige Jahre später sagte ich mir: “Teufel! es ist gar nicht ähnlich”. Noch ein paar Jahre später antwortete ich „um so besser! um so besser!” – In gewissen Jahren des Lebens hat man ein Recht, Dinge und Menschen falsch zu sehen, — Vergrößerungsgläser, welche die Hoffnung uns giebt. Als ich 21 Jahre alt war, war ich vielleicht der einzige Mensch in Deutschland, der diese Zwei, der zugleich Richard Wagner und Schopenhauer mit Einer Begeisterung liebte. Einige meiner Freunde wurden angesteckt. Im Grunde bin ich durch Händel — — — Als Knabe liebte ich Händel und Beethoven: aber Tristan und Isolde kam, als ich 17 Jahre alt war, hinzu, als eine mir verständliche Welt. Während ich damals den Tannhäuser und Lohengrin als „unterhalb meines Geschmacks” empfand: Knaben sind in Sachen des Geschmacks ganz unverschämt stolz. 26 [407] Der Gesetzgeber der Zukunft. Menschen, vor denen das Bild einer ungeheuren Aufgabe aufzudämmern beginnt, suchen ihr zu entrinnen: und man wird die kühnsten und verwegensten Versuche bei großen Menschen finden, irgendwohin zu entschlüpfen, z.B. sich einzureden a) die Aufgabe ist schon gelöst b) oder sie ist unlösbar c) oder ich bin zu schwach für sie d) meine Pflicht, meine Moralität weist sie ab als unmoralisch — e) oder sich fragen: wer muthet mir diese Aufgabe zu? Niemand. Skepsis gegen alle schweren Missionen. — Vielen gelingt es auszuweichen, es giebt ein feines schlechtes Gewissen für solche. Zuletzt ist es eine Frage der Kraft: wie groß fühlt man seine Verantwortlichkeit? Nachdem ich lange mit dem Worte “Philosoph” einen bestimmten Begriff zu verbinden suchte, fand ich endlich, daß es zwei Arten giebt 1) solche welche irgend einen großen Thatbestand festzustellen suchen 2) solche, welche Gesetzgeber der Werthschätzungen sind. Die Ersten suchen sich der vorhandenen oder vergangenen Welt zu bemächtigen, indem sie das Geschehen in Zeichen zusammenfassen: ihnen liegt daran, übersichtlich, überdenkbar, faßbar, handlich zu machen — sie dienen der Aufgabe des Menschen, alle Dinge zu seinem Nutzen zu verwenden. Die Zweiten aber befehlen und sagen: so soll es sein! sie bestimmen erst den Nutzen, was Nutzen des Menschen ist; sie verfügen über die Vorarbeit der wissenschaftlichen Menschen, aber das Wissen ist ihnen nur ein Mittel zum Schaffen. In der That ist ihre Lage ungeheuer, und sie haben sich oft die Augen zugebunden z. B. Plato, als er einst vermeinte, das Gute nicht festzusetzen, sondern es als etwas Ewiges vorzufinden. Und in gröberen Formen, nämlich bei den Religionsstiftern, ist ihr “Du sollst” ihnen als Befehl ihres Gottes zugekommen: wie im Falle Muhameds, ihre Gesetzgebung der Werthe galt ihnen als eine “Eingebung”, und daß sie sie ausführten, als ein Akt des Gehorsams. — Sobald nun jene Vorstellungen dahingefallen sind 1) die von Gott 2) die von ewigen Werthen: entsteht die Aufgabe des Gesetzgebers der Werthe in furchtbarer Größe. Die Mittel der Erleichterung, welche man früher hatte, sind dahin. Das Gefühl ist so schrecklich, daß ein solcher Mensch Zuflucht sucht 1) beim absoluten Fatalismus: die Dinge gehn ihren Gang und der Einfluß des Einzelnen ist gleichgültig 2) beim intellektuellen Pessimismus: die Werthe sind Täuschungen, es giebt an sich gar kein „Gut und Böse” usw. Aber der intellektuelle Pessimismus wirft auch den Fatalismus um, er zeigt, daß das Gefühl “Nothwendigkeit” und „Causalität” erst von uns hineingelegt worden ist, 3) bei der absichtlichen Selbst-Verkleinerung. 2. Der Entschluß 3. Das neue Problem: das Mittel der Mittheilung, und die ganze Frage der Wahrhaftigkeit 4. Das Problem der Züchtung, weil ein Einzelner zu kurz lebt. 26 [408] Es ist sehr gleichgültig, ob nun mein damaliges Bild des Künstlers oder des Philosophen, in Hinsicht auf das vielleicht zufällig mir dargebotene Subjekt (Richard Wagner), falsch ist: vielleicht, daß der Irrthum sogar ins Ungeheuerlichc geht, was liegt daran! Nach langen Jahren, welche aber nichts weniger waren als lange Unterbrechungen, fahre ich fort, auch öffentlich das wieder zu thun, was ich für mich immer thue und immer gethan habe: nämlich Bilder neuer Ideale an die Wand zu malen. 26 [409] Wie kommen Menschen zu einer großen Kraft und zu einer großen Aufgabe? — Alle Tugend und Tüchtigkeit am Leibe und an der Seele ist mühsam und im Kleinen erworben worden, durch viel Fleiß, Selbstbezwingung, Beschränkung auf Weniges, durch viel zähe treue Wiederholung der gleichen Arbeiten, der gleichen Entsagungen: aber es giebt Menschen, welche die Erben und Herren dieses langsam erworbenen vielfachen Reichthums an Tugenden und Tüchtigkeiten sind — weil, auf Grund glücklicher und vernünftiger Ehen und auch glücklicher Zufälle, die erworbenen und gehäuften Kräfte vieler Geschlechter nicht verschleudert und versplittert, sondern durch einen festen Ring und Willen zusammengebunden sind. Am Ende nämlich erscheint ein Mensch, ein Ungeheuer von Kraft, welches nach einem Ungeheuer von Aufgabe verlangt. Denn unsere Kraft ist es, welche über uns verfügt: und das erbärmliche geistige Spiel von Zielen und Absichten und Beweggründen nur ein Vordergrund — mögen schwache Augen auch hierin die Sache selber sehen. 26 [410] Der Glaube an Ursache und Wirkung, und die Strenge darin ist das Auszeichnende für die wissenschaftlichen Naturen, welche darauf aus sind, die Menschen-Welt zu formuliren, das Berechenbare festzustellen. Aber die mechanistisch-atomistische Welt-Betrachtung will Zahlen. Sie hat noch nicht ihren letzten Schritt gethan: der Raum als Maschine, der Raum endlich. — Damit ist aber Bewegung unmöglich: Boscovich — die dynamische Welt-Betrachtung 26 [411] Daß die mechanistisch-atomistische Entwicklung nur ein System von Zeichen schaffen will: sie verzichtet auf Erklärungen, sie giebt den Begriff „Ursache und Wirkung” auf. 26 [412] Kant's Ruhm ist heute ins Unbillige hinaufgetrieben, weil die vielen Kritiker eines kritischen Zeitalters ihre Cardinal-Tugend in ihm wiederfanden: sie loben sich, wenn sie vor Kant huldigen. Aber alle bloß kritischen Naturen sind zweiten Ranges, gehalten gegen die großen Synthetiker: an sie streift der unermeßliche Ehrgeiz Hegel's, der deshalb immer noch im Auslande als der größte deutsche Geist empfunden wird. Schopenhauers Ruhm hängt ebenfalls von der Zeit ab: eine verdrossene hoffnungslose entblätterte Zeit hat seine Denkweise hochgehoben, die 50er Jahre Deutschlands. In Frankreich „blüht” er jetzt. Sein Ruhm ist übertrieben. In ihm ist ein Zug Mystik und Unklarheit mehr als bei Kant: damit verführt er unsere d\<eutschen\> Jünglinge. — Anderseits bringt er für unsere schlecht erzogene Jugend mancherlei Wissenschaft und interessirt; auch citirt er gute Bücher und leidet, ebenso wenig als Friedrich der Große und Bismarck, an jener niaiserie allemande, die dem Ausländer an unseren besten Köpfen auffällt (selbst an Goethe) Er ist einer der bestgebildeten Deutschen, das will sagen ein Europäer. Ein guter Deutscher — man verzeihe mir's, wenn ich es zehnmal wiederhole — ist kein Deutscher mehr. — Fichte, Schelling, Hegel Feuerbach Strauß — das stinkt Alles nach Theologen und Kirchenvätern. Davon ist Schopenhauer ziemlich frei, man athmet bessere Luft, man riecht sogar Plato. Kant schnörkelhaft-schwerfällig: man merkt, daß die Griechen noch gar nicht entdeckt waren. Homer und Plato klangen nicht in diese Ohren. 26 [413] Die Naturwissenschaften haben sich ins Bockshorn jagen lassen mit der Rede von der “Erscheinungswelt”; es waltet da ein ganz mythologischer Begriff “reines Erkennen”, mit dem da gemessen wird. Das ist “hölzernes Eisen” so gut wie ”Ding an sich”. Die bisherigen Philosophen haben als ihr Hauptproblem meistens eine contradictio in adjecto. 26 [414] Unsere Werthschätzungen bestimmen welche Dinge überhaupt wir acceptiren und wie wir sie acceptiren. Diese Werthschätzungen aber sind eingegeben und regulirt von unserem Willen zur Macht. 26 [415] “Die Attitüde (Drama) ist das Ziel; die Musik nur ein Mittel zur Verstärkung ihres Eindrucks” — ist die Praxis Richard Wagner's 26 [416] Daß so etwas wie Spinozas amor dei wieder erlebt werden konnte, ist sein großes Ereigniß. Gegen Teichmüller's Hohn darüber, daß es schon da war! Welch Glück, daß die kostbarsten Dinge zum zweiten Male da sind! — Alle Philosophen! Es sind Menschen, die etwas Außerordentliches erlebt haben 26 [417] Ich freue mich der militärischen Entwicklung Europa's, auch der inneren anarchistischen Zustände: die Zeit der Ruhe und des Chinesenthums, welche Galiani für dies Jahrhundert voraussagte, ist vorbei. Persönliche männliche Tüchtigkeit, Leibes-Tüchtigkeit bekommt wieder Werth, die Schätzungen werden physischer, die Ernährung fleischlicher. Schöne Männer werden wieder möglich. Die blasse Duckmäuserei (mit Mandarinen an der Spitze, wie Comte es träumte) ist vorbei. Der Barbar ist in jedem von uns bejaht, auch das wilde Thier. Gerade deshalb wird es mehr werden mit den Philosophen. — Kant ist eine Vogelscheuche, irgendwann einmal! 26 [418] Mérimée sagt von einigen lyrischen Gedichten Pouschkin's ”griechisch durch Wahrheit und Einfachheit, très supérieurs pour la précision et la netteté“. 26 [419] Wie die Pasta einmal gegen Mérimée bemerkte: „man hat seit Rossini keine Oper gemacht, welche Einheit hätte und wo die Stücke alle zusammenhalten. Das, was Verdi z. B. macht, gleicht alles einer Harlekins-Jacke.” 26 [420] In Allem, was Goethe gemacht hat, sagt Mérimée, giebt es eine Mischung von Genie und von deutscher niaiserie (gut! das ist deutsch!) “moquirt er sich über sich selber oder über die Anderen?” — Wilhelm Meister: die schönsten Dinge von der Welt abwechselnd mit den lächerlichsten Kindereien. 26 [421] Après tout, il y a de bons moments, et le souvenir de ces bons moments est plus agréable que le souvenir des mauvais n’est triste. Mérimée. 26 [422] “Der Einfluß der Frauen, nicht vom Christenthum her, sondern vom Einfluß der nordischen Barbaren auf die römische Gesellschaft. Die Germanen hatten exaltation, sie liebten die Seele. Die Römer liebten nur den Leib. Es ist wahr, daß die Weiber lange Zeit keine Seele hatten. Sie haben sie noch nicht im Orient — schade!” Mérimée. 26 [423] In der Fremde leben ist für den alten Griechen das größte aller Malheurs. Aber gar darin sterben: es giebt nichts Erschrecklicheres für seine Einbildungskraft. Mérimée. 26 [424] Der erste Sinnen-Eindruck wird bearbeitet vom Intellekt: vereinfacht, nach früheren Schematen zurechtgemacht, die Vorstellung der Erscheinungswelt ist als Kunstwerk unser Werk. Aber das Material nicht — Kunst ist eben das, was die Hauptlinien unterstreicht, die entscheidenden Züge übrig behält, Vieles wegläßt. Dies absichtliche Umgestalten in etwas Bekanntes, dies Fälschen — “Historischer Sinn” ist dasselbe: ist den Franzosen gut gelehrt durch Taine, die Hauptthatsachen voran (Rangordnung der facta feststellen ist das Produktive des Historikers). Das Nachfühlen-können, die Impression haben ist freilich die Voraussetzung: deutsch. 26 [425] Weshalb der Philosoph selten geräth: zu seinen Bedingungen gehören Eigenschaften, die gewöhnlich einen Menschen zu Grunde richten: eine ungeheure Vielheit von Eigenschaften, er muß eine Abbreviatur des Menschen sein, aller seiner hohen und niederen Begierden: Gefahr der Gegensätze, auch des Ekels an sich er muß neugierig nach den verschiedensten Seiten sein — Gefahr der Zersplitterung er muß gerecht und billig im höchsten Sinne sein, aber tief auch in Liebe Haß (und Ungerechtigkeit) er muß nicht nur Zuschauer, sondern Gesetzgeber sein — Richter und Gerichteter (insofern er eine Abbreviatur der Welt ist) äußerst vielartig, und doch fest und hart. Geschmeidig. 26 [426] Die Philosophen der Zukunft. Von Friedrich Nietzsche. 26 [427] Petronius: hellster Himmel, trockene Luft, presto der Bewegung: kein Gott, der im Miste liegt; nichts Unendliches, nichts Lüstern-Heiliges, nichts vom Schweine des St. Antonius. Wohlwollender Hohn; ächter Epicureismus; — — — 26 [428] “Wird es überhaupt noch Philosophen geben? Oder sind sie überflüssig? Es ist genug jetzt als Überrest von ihnen in Fleisch und Blut von uns allen. Man wird auch keine Religionsstifter mehr haben: es sterben die größten Thiere aus.” — Dagegen sage ich: — — — 26 [429] Aus dem Unbedingten kann nichts Bedingtes entstehen. Nun aber ist alles, was wir kennen, bedingt. Folglich giebt es gar kein Unbedingtes, es ist eine überflüssige Annahme. 26 [430] Kein idealistischer Philosoph läßt sich über sein Mittagessen täuschen, als sei es nur eine perspektivische und von ihm ausgedachte Erscheinung. 26 [431] Daß „Kraft” und „Raum” nur zwei Ausdrücke und verschiedene Betrachtungsarten derselben Sache sind: daß „leerer Raum” ein Widerspruch ist, ebenso wie „absoluter Zweck” (bei Kant), “Ding an sich” (bei Kant) „unendliche Kraft” “blinder Wille” — — — 26 [432] Wenn ich an meine philosophische Genealogie denke, so fühle ich mich im Zusammenhang mit der antiteleologischen, d. h. spinozistischen Bewegung unserer Zeit, doch mit dem Unterschied, daß ich auch „den Zweck” und “den Willen” in uns für eine Täuschung halte; ebenso mit der mechanistischen Bewegung (Zurückführung aller moralischen und aesthetischen Fragen auf physiologische, aller physiologischen auf chemische, aller chemischen auf mechanische) doch mit dem Unterschied, daß ich nicht an “Materie” glaube und Boscovich für einen der großen Wendepunkte halte, wie Copernicus; daß ich alles Ausgehen von der Selbstbespiegelung des Geistes für unfruchtbar halte und ohne den Leitfaden des Leibes an keine gute Forschung glaube. Nicht eine Philosophie als Dogma, sondern als vorläufige Regulative der Forschung. 26 [433] Einem Menschen wie Sie sind, kann diese Philosophie nicht gefährlich sein. Ich glaube überhaupt nicht daran, daß Philosophien gefährlich sind. Die Menschen sind so und so — wozu sollte ich deutlicher reden! — und brauchen Kleiderchen und Masken um sich dennoch schön zu präsentiren: zu diesen Masken gehören die Philosophien. 26 [434] Eine untergehende Welt ist ein Genuß, nicht nur für den Betrachter (sondern auch für den Vernichtenden). Der Tod ist nicht nur nothwendig, “häßlich” ist nicht genug, es giebt Größe, Erhabenheit aller Art bei untergehenden Welten. Auch Süßigkeiten, auch Hoffnungen und Abendröthen. Europa ist eine untergehende Welt. Demokratie ist die Verfalls — Form des Staates. 26 [435] Montaigne, als Schriftsteller, ist oft „auf dem Gipfel der Vollkommenheit durch Lebhaftigkeit, Jugend und Kraft. Il a la grâce des jeunes animaux puissants. — L'admirable vivacité et l'étrange énergie de sa langue. Er gleicht Lucrez pour cette jeunesse virile. Un jeune chêne tout plein de sève, d'un bois dur et avec la grâce des premières années”. Doudan. 26 [436] “ich fange an zu glauben, cette race douce, énergique, méditative et passionnée hat immer nur in den Büchern existirt.” Doudan, über die Deutschen. 26 [437] Ich halte, mit Doudan, die große Mehrzahl der Musiker für Charlatans und auch für dupes — chantaient déjà, faute d’idées. 26 [438] Was soll man von dem französischen Geschmack halten! Doudan sagt: c’est un bruit dans les oreilles et un petit mal de cœur indéfinissable qu'on n'aime pas à sentir. 26 [439] “Motu quiescunt” — vom Glück der Aktivität, „la volonté désennuie” Doudan. 26 [440] Nur der echte Philosoph ist ein verwegenes Thier und spricht zu sich wie Turenne: “Carcasse, tu trembles? Tu tremblerais bien davantage, si tu savais où je te mène.” 26 [441] Die Bewunderung für Cicero: c’est une aimable et noble créature. Le petit parvenu d'Arpinum est tout simplement le plus beau résultat de toute la longue civilisation qui l'avait précédé. Je ne sais rien de plus honorable pour la nature humaine que l’état d’âme et d’esprit de Cicéron. Doudan. l'habitude d'admirer l'inintelligible au lieu de rester tout simplement dans l'inconnu: was für ravages hat sie in den Geistern der neuen Zeit hervorgebracht! Doudan. Er hatte zwischen sich und der Natur aucun de ces fantômes imposants, mais informes, qui ravissaient Saint Antoine dans le désert et Saint Ignace de Loyola dans le monde. “ il y a quelque chose de Cicéron dans Voltaire” 26 [442] Der deutsche Mystiker Die großen Selbst-Bewunderungen und die großen Selbst-Verachtungen und –Verkleinerungen gehören zu einander: der Mystiker, der sich bald Gott, bald Wurm fühlt. Was hier fehlt, ist das Selbst-Gefühl. Es scheint mir daß Bescheidenheit und Stolz eng zu einander gehören, und nur Urtheile je nach dem, wohin man blickt. Das Gemeinsame ist: der kalte sichere Blick der Schätzung in beiden Fällen. Es gehört übrigens zur guten Diät, nicht unter Menschen zu leben, mit denen man sich gar nicht vergleichen darf, sei es aus Bescheidenheit, sei es aus Stolz. Diese Diät ist eine aristokratische Diät. Gewählte Gesellschaft — lebende und todte. — Fatum ist ein erhebender Gedanke für den, welcher begreift, daß er dazu gehört. 26 [443] In Pascal zum ersten Mal in Frankreich la raillerie sinistre et tragique, — „la comédie et la tragédie tout ensemble”. Von den Provinciales. 26 [444] Von Genua sagt Doudan: On peut porter là les grandes tristesses sans souffrir d'aucun contraste. 26 [445] Schleiermacher: die deutschen Philosophen 26 [446] Renan, von dem Doudan sagt: „er giebt den Leuten seiner Generation, was sie in allen Sachen wollen, des bonbons, qui sentent l'infini”. “Ce style rêveur, doux, insinuant, tournant autour des questions sans beaucoup les serrer, 'a la manière des petits serpents. C’est aux sons de cette musique-là, qu'on se résigne à tant s'amuser de tout, qu'on supporte des despotismes en rêvassant 'a la liberté” 26 [447] Über Taine “mais que cela est rouge, bleu, vert, orange, noir, nacre, opale, iris et pourpre! ... c’est une boutique de marchand de couleurs. Mit Mirabeau le père sagen: quel tapage de couleurs! 26 [448] Das Auge, wenn es sieht, thut genau dasselbe, was der Geist thut um zu begreifen. Es vereinfacht das Phänomen, giebt ihm neue Umrisse, ähnelt es früher Gesehenem an, führt es zurück auf Früher-Gesehenes, bildet es um, bis es faßlich, brauchbar wird. Die Sinne thun dasselbe wie der “Geist”: sie bemächtigen sich der Dinge, ganz so wie die Wissenschaft eine Überwältigung der Natur in Begriffen und Zahlen ist. Es giebt nichts darin, was “Objektiv” sein will: sondern eine Art Einverleibung und Anpassung, zum Zweck der Ernährung. 26 [449] Ich fand noch keinen Grund zur Entmuthigung. Wer sich einen starken Willen bewahrt und anerzogen hat, zugleich mit einem weiten Geiste, hat günstigere Chancen als je. Denn die Dressirbarkeit der Menschen ist in diesem demokratischen Europa sehr groß geworden; Menschen welche leicht lernen, leicht sich fügen, sind die Regel: das Heerdenthier, sogar höchst intelligent, ist präparirt. Wer befehlen kann, findet die, welche gehorchen müssen — ich denke z. B. an Napoleon und Bismarck. Die Concurrenz mit starkem und unintelligentem Willen, welcher am meisten hindert, ist gering. Wer wirft diese Herren „Objektiven” mit schwachem Willen, wie Ranke oder Renan, nicht um! 26 [450] Gelehrte. Diese „Objektiven”, Nur-Wissenschaftlichen sind zuletzt gewissenhaft und lobenswerth und bleiben in den Grenzen ihres Vermögens, von irgend einer hochgeschätzten Sache zu zeigen, daß etwas Widersinniges dahinter ist, \<sie\> folglich, intellektuell gemessen, weniger Werth hat als man durchschnittlich glaubt. Nämlich, über logische Werthgrade fühlen sie sich allein berechtigt, mitzuurtheilen, mitzureden; sie selber haben keinen anderen Werth als logisch zu sein. 26 [451] Man muß zu heftigen Bewunderungen fähig sein, und mit Liebe vielen Sachen ins Herz kriechen: sonst taugt man nicht zum Philosophen. Graue kalte Augen wissen nicht, was die Dinge werth sind; graue kalte Geister wissen nicht, was die Dinge wiegen. Aber freilich: man muß eine Gegenkraft haben: einen Flug in so weite hohe Fernen, daß man auch seine bestbewunderten Dinge tief, tief unter sich sieht, und sehr nahe dem, was man vielleicht verachtete. — Ich habe meine Proben gemacht, als ich mich nicht durch die große politische Bewegung Deutschlands, noch durch die künstlerische Wagners, noch durch die philosophische Schopenhauers von meiner Hauptsache habe abspänstig machen lassen: doch ward es mir schwer, und zeitweilig war ich krank daran. 26 [452] Ich will Niemanden zur Philosophie überreden: es ist nothwendig, es ist vielleicht auch wünschenswerth, daß der Philosoph eine seltene Pflanze ist. Nichts ist mir widerlicher als die lehrhafte Anpreisung der Philosophie, wie bei Seneca oder gar Cicero. Philosophie hat wenig mit Tugend zu thun. Es sei mir erlaubt zu sagen: daß auch der wissenschaftliche Mensch etwas Grundverschiedenes vom Philosophen ist. — Was ich wünsche, ist, daß der ächte Begriff des Philosophen in Deutschland nicht ganz und gar zu Grunde gehe. Es giebt so viele halbe Wesen aller Art in Deutschland, welche ihr Mißrathensein gern unter einem so vornehmen Namen verstecken möchten. 26 [453] Was die Dinge werth sind abzuschätzen: dazu genügt nicht, daß man sie kennt: ob es schon nöthig ist. Man muß ihnen Werth zugestehen dürfen, geben und nehmen dürfen, genug, man muß Einer sein, der das Recht hat, Werthe zu vergeben. Daher heute die vielen „Objektiven” sie sind bescheiden und ehrlich, sich das Recht abzustreiten. 26 [454] Victor Hugo: reich und überreich an pittoresken Einfällen, mit Maler-Augen auf alles Sichtbare sehend, ohne Geschmack und Zucht, flach und demagogisch, sklavisch vor allen klingenden Worten auf dem Bauch, ein Volks-Schmeichler, mit der Evangelisten-Stimme für alle Niedrigen, Mißrathenen, Unterdrückten, aber ohne eine Ahnung von intellektuellem Gewissen und vornehmer Größe. Sein Geist wirkt auf die Franzosen in der Art eines alkoholischen Getränks, das zugleich berauscht und dumm macht. Die Ohren klingen Einem, wenn sein betäubendes Geschwätz losgeht: und man leidet, wie wenn ein Eisenbahn-Zug uns durch einen dunklen Tunnel fährt. Flaubert: falsche Gelehrsamkeit. Emphase. Von Rossini: kein Schauspieler kam ihm gleich, wenn er den Barbier von Sevilla sang. Einer der geistreichsten Menschen. 26 [455] “Die großen Worte, die Monstra von Ereignissen — zunehmend. Immer gab es sonst, in barbarischen unwissenden absurden Zeitaltern eine Art Compensation durch einige ganz große Menschen. Jetzt schnelles tiefes nivellement aller Intelligenzen.” 26 [456] Daß ein Beefsteak nur eine Erscheinung sein soll, eigentlich aber das Ding an sich, so etwas wie das Absolutum oder der liebe Gott: das glaube, wer — — — 26 [457] Bismarck: Bauer, Corps-Student: nicht gemütlich, nicht naiv, Gott sei Dank! Kein Deutscher, wie er “im Buche steht”! 26 [458] Was ich lache über Flaubert, mit seiner Wuth über den bourgeois, der sich verkleidet, ich weiß nicht als was! Und Taine, als M. Graindorge, der durchaus Weltmann, Frauenkenner usw. sein will! 26 [459] Meine Schulung zum Mißtrauen, zum memnhso apistein — auch etwas zum Auslachen! 26 [460] Problem: die Werthe “gut” “böse” „lobenswerth” usw. werden angelernt. Aber “feig” “muthig” „Hallunke” „Geduldig” werden angeboren und einverleibt. In Folge davon ist lernen und lernen etwas Verschiedenes: ein Charakter nimmt entgegen, ein anderer läßt sich etwas aufzwingen, ein dritter giebt nach, macht nach, ist Affe. Es giebt viel Widerstreben bei Anderen, bei mir z. B. viel gutwilliges Sich — Stellen, als ob ich annehme: während ich meine Entscheidung verschob: es war nur „vorläufig” und “zeitweilig”. Für mich allein glaubte ich an nichts davon. Ich habe keinen Menschen kennen gelernt, den ich in den allgemeinsten Urtheilen als Autorität empfunden hätte: während ich ein tiefes Bedürfniß nach einem solchen Menschen hatte. 26 [461] Der Unfug Kant's mit „Erscheinung”. Und wo er keine Erklärung findet, ein Vermögen anzusetzen! Dieser Vorgang war's, worauf hin der große Schelling-Schwindel losgieng. 26 [462] Eine gute Anzahl höherer und besser ausgestatteter Menschen wird wie ich hoffe, endlich so viel Selbstüberwindung haben, um den schlechten Geschmack für Attitüden und die sentimentale Dunkelheit von sich abzuthun, und gegen Richard Wagner ebenso sehr als gegen Schopenhauer \<sich wenden\>. Diese Deutschen verderben uns, sie schmeicheln unseren gefährlichsten Eigenschaften. Es liegt in Goethe, Beethoven und Bismarck eine kräftigere Zukunft vorbereitet, als in diesen Abartungen der Rasse. Wir haben noch keine Philosophen gehabt. 26 [463] Die Corsen sind nicht liebenswürdig: und wer zur Heerde gehört, ärgert sich darüber. 26 [464] Wenn Kant die Philosophie zur „Wissenschaft” reduziren wollte, so war dieser Wille eine deutsche Philisterei: an der mag viel Achtbares sein, aber gewiß noch mehr zum Lachen. Daß die “Positivisten” Frankreichs, oder die „Wirklichkeits-Philosophen” oder die „wissenschaftlichen Philosophen” an den jetzigen deutschen Universitäten ganz in ihrem Rechte sind, wenn sie sich als philosophische Arbeiter, als Gelehrte im Dienste der Philosophie benehmen, ist in schönster Ordnung. Ebenso daß sie nicht über sich selber hinaus sehen können und den Typus “Philosoph” nach ihrem Bilde sich zurechtmachen. 26 [465] Mittag und Ewigkeit. Eine Philosophie der ewigen Wiederkunft. Von Friedrich Nietzsche. 26 [466] Adventavit asinus Pulcher et fortissimus. Mysterium. 26 [467] Jenseits von Gut und Böse. Briefe an einen philosophischen Freund Satis. “Satis sunt mihi pauci, satis est unus, satis est nullus.” Von Friedrich Nietzsche. 26 [468] Was ist vornehm? Gedanken über die Rangordnung von Mensch und Mensch. Von Friedrich Nietzsche. 26 [469] Aber den — kenne ich nicht. Oft, wahrlich, mochte ich glauben, auch er wäre nur eine schöne Heiligen-Larve [Sommer — Herbst 1884] [Dokument: Heft] 27 [1] Das Nachdenken über „Freiheit und Unfreiheit des Willens” hat mich zu einer Lösung dieses Problems geführt, die man sich gründlicher und abschließender gar nicht denken kann — nämlich zur Beseitigung des Problems, vermöge der erlangten Einsicht: es giebt gar keinem Willen, weder einen freien noch einen unfreien. 27 [2] Unter gewissen Umständen folgt auf einen Gedanken eine Handlung: zugleich mit dem Gedanken entsteht der Affekt des Befehlenden — zu ihm gehört das Gefühl von Freiheit, das man gemeinhin in den „Willen” selbst verlegt (während es nur eine Begleiterscheinung des Wollens ist) 27 [3] Alle physiologischen Vorgänge sind darin gleich, daß sie Kraftauslösungen sind, welche, wenn sie in das sensorium commune gelangen, eine gewisse Erhöhung und Verstärkung mit sich führen: diese, gemessen an drückenden, lastenden Zuständen des Zwangs, werden als Gefühl der “Freiheit” ausgedeutet. 27 [4] Die Selbstüberwindung, welche der Forscher auf dem Gebiete der Moral von sich fordert, ist die, nicht voreingenommen gegen Zustände und Handlungen zu sein, die er zu verehren angelernt ist; er muß, solange er Forscher ist, „sein verehrendes Herz zerbrochen haben”. 27 [5] Wer die Bedingungen eingesehn hat, unter denen eine moral\<ische\> Schätzung entstanden ist, hat ihren Werth damit noch nicht berührt: es sind viele nützliche Dinge, und ebenso wichtige Einsichten auf fehlerhafte und unmethodische Weise gefunden worden; und jede Qualität ist noch unbekannt, auch wenn man begriffen hat, unter welchen Bedingungen sie entsteht. 27 [6] Bei allem Utilitarism ist im Hintergrunde das wozu nützlich? (nämlich Glück: will sagen englisches Glück mit comfort und fashion Wohlbehagen, hdonh) als bekannte Sache angesetzt; also ist er ein verkappter verheuchelter Hedonismus. Aber da müßte erst bewiesen sein, daß Wohlbefinden Wohlfahrt „an sich” bei einem Gemeinwesen oder selbst bei der Menschheit Ziel und nicht Mittel sei! Die persönliche Erfahrung lehrt, daß Unglücks-Zeiten hohen Werth haben — und ebenso steht es mit Unglücks-Zeiten von Völkern und der Menschheit. die Furcht und der Haß auf den Schmerz ist pöbelhaft. 27 [7] Das Gefühl entsteht erst bei einer gewissen Stärke des Reizes: es ist der Moment, wo das Central-Organ das Verhältniß des Reizes zum gesamten Organismus constatirt und mit “Lust” oder “Schmerz” dem Bewußtsein erkennbar macht: also ein Erzeugniß des Intellekts, so gut wie Farbe, Ton, Wärme usw. 27 [8] Der Mensch als Vielheit: die Physiologie giebt nur die Andeutung eines wunderbaren Verkehrs zwischen dieser Vielheit und Unter- und Einordnung der Theile zu einem Ganzen. Aber es wäre falsch, aus einem Staate nothwendig auf einen absoluten Monarchen zu schließen (die Einheit des Subjekts) 27 [9] Es giebt so viel verlorenes Unglück — so verloren wie der größte Theil der Sonnenwärme im Weltraum 27 [10] Der außerordentliche Mensch lernt durch Unglück, wie wenig Werth all die Würdigkeit und Ehrenhaftigkeit der ihn Beurteilenden hat. Sie platzen — wenn man sie in ihrer Eitelkeit verwundet — ein intolerantes beschränktes Vieh kommt zum Vorschein. 27 [11] Seelengröße nicht zu trennen von geistiger Größe. Denn sie involvirt Unabhängigkeit; aber ohne geistige Größe soll diese nicht erlaubt sein, sie richtet Unfug an, selbst noch durch Wohlthun-wollen und “Gerechtigkeit”-üben. Die geringen Geister haben zu gehorchen — können also nicht Größe haben. 27 [12] Es ist nichts, hart sein wie ein Stoiker, mit der Unempfindlichkeit hat man sich losgelöst. Man muß den Gegensatz in sich haben — die zarte Empfindung und die Gegenmacht, nicht zu verbluten, sondern jedes Unglück wieder plastisch “zum Besten zu wenden”. 27 [13] Das „Heil der Seele” ist ein viel vollerer Begriff als das Glück, von dem alle Moralisten schwätzen. Es soll gemeint sein die ganze wollende schaffende fühlende Seele und deren Heil — nicht nur eine Begleit-Erscheinung wie “Glück” usw. – Das Begehren nach “Glück” charakterisirt die halb- oder nichtgerathenen Menschen, die ohnmächtigen — alle andern denken nicht an's „Glück”, sondern ihre Kraft will heraus. 27 [14] “Freier oder unfreier Wille”. Unegoistische Handlungen. “Alles erlaubt” (wie dem Staate) Die Tartüfferie in Europa. Der religiöse Affekt. Das höchste Machtgefühl bisher. “Wissenschaft” als Mittel, ökonomisch zu denken Die bisher souverän gewordenen Werthe. Nützlichkeit der „Guten”. (Heerdenthiere,) Physiologie der Moral. 27 [15] “Die Menschen sind gleich” und „das Wohl der Gemeinde steht höher als das Wohl des Einzelnen” und „durch das Wohl des Einzelnen wird nothwendig auch das Gemeinde-Wohl am besten gefördert” und „je besser es vielen Einzelnen geht, um so größer ist die gesammte Wohlfahrt” — dies sind die landläufigen von England her kommenden Beschränktheiten. Es ist der Heerden-Instinkt, der hier zu Begriffen zu Worten kommt. Nun lehrte umgekehrt das Christenthum, daß das Leben eine Prüfung und Erziehung der Seele sei, und daß in allem Wohlbefinden Gefahr sei. Es begriff den Werth des Übels. 27 [16] Ich lehre: daß es höhere und niedere Menschen giebt, und daß ein Einzelner ganzen Jahrtausenden unter Umständen ihre Existenz rechtfertigen kann — d. h. ein voller reicher großer ganzer Mensch in Hinsicht auf zahllose unvollständige Bruchstück-Menschen. 27 [17] Ich lehre: die Heerde sucht einen Typus aufrecht zu erhalten und wehrt sich nach beiden Seiten, ebenso gegen die davon Entartenden (Verbrecher usw.) als gegen die darüber Emporragenden. Die Tendenz der Heerde ist auf Stillstand und Erhaltung gerichtet, es ist nichts Schaffendes in ihr. 27 [18] Die angenehmen Gefühle, die der Gute Wohlwollende Gerechte in uns einflößt (im Gegensatze zu der Spannung, Furcht, welche der große neue Mensch hervorbringt) sind unsere persönlichen Sicherheits-Gleichheits-Gefühle: das Heerdenthier verherrlicht dabei die Heerden-Natur und empfindet sich selber dann wohl. Dies Urtheil des Wohlbehagens maskiert sich mit schönen Worten — so entsteht „Moral”. Man beobachte aber den Haß der Heerde gegen den Wahrhaftigen — 27 [19] Der bestimmteste Wille (als Befehl) ist eine vage Abstraktion, in welcher unzählige Einzelfälle einbegriffen sind und also auch unzählige Wege zu diesen Einzelfällen. Was bringt nun die Auswahl des Einen Falles zu Stande, der wirklich eintritt? Thatsächlich gehören eine Unzahl von Individuen zur Ausführung, die alle in einem ganz bestimmten Zustand sind, als der Befehl gegeben wird — sie müssen ihn verstehen und auch ihre spezielle Aufgabe dabei d. h. es muß immer von neuem bis ins Kleinste hinein befohlen (und gehorcht) werden und dann erst, wenn der Befehl zergliedert ist in die Unzahl kleiner Unterbefehle kann die Bewegung vor sich gehen, die von dem letzten und kleinsten Gehorchenden anhebt — also eine Umkehrung findet statt, wie beim Kanonenschuß-Traum. Hier ist die Voraussetzung gemacht, daß der ganze Organismus denkt, daß alle organischen Gebilde Theil haben am Denken Fühlen Wollen — folglich daß das Gehirn nur ein enormer Centralisations-Apparat ist. 27 [20] Nach Glück suchen? Das kann ich nicht. Glücklich machen? Aber es giebt für mich so viel Wichtigeres. 27 [21] Bei Lust und Unlust wird zuerst die Thatsache abtelegraphirt an die nervösen Centren, dort der Werth der Thatsache (der Verletzung) bestimmt, darauf der Schmerz an die Stelle lokalisirt, wo die Verletzung stattfand und so das Bewußtsein auf diese Stelle aufmerksam gemacht, und durch den Grad und die Qualität des Schmerzes angewiesen, wie schnell die Hülfe noth thut. — Wie schnell das geschieht — denn die Gegenbewegungen z. B. bei einem Fehltritte kommen erst infolge eines Willens-Aktes vom Bewußtsein her und müssen nun erst alle die Einzel-Befehle feststellen, — und dann die Ordnung der Bewegungen in umgekehrter Folge vor sich geht! Also: zu jeder Lust und Unlust ist Denken nöthig (ob es schon nicht zum Bewußtsein kommt) und sofern Gegenhandlungen dadurch veranlaßt werden, auch Wille. 27 [22] Ein Mensch, der weder an Geld noch an Ehre noch an Gewinnung von einflußreichen Verbindungen, noch von Ämtern je gedacht hat — sollte der wohl die Menschen kennen? 27 [23] Zarathustra I alle Arten höherer Menschen und deren Bedrängniß und Verkümmerung (einzelne Beispiele z. B. Dühring, zu Grunde gerichtet durch Isolation) — im Ganzen das Schicksal der höheren Menschen in der Gegenwart, die Art, wie sie zum Aussterben verurtheilt erscheinen: wie ein großer Hülfeschrei kommt es zu den Ohren Zarathustra's. Alle Art von wahnsinniger Entartung höherer Naturen (z. B. Nihilismus) kommt an ihn heran. Zarathustra 2. – „die Lehre der ewigen Wiederkehr” — zunächst zerdrückend für die Edleren, scheinbar das Mittel, sie auszurotten — denn die geringeren, weniger empfindlichen Naturen bleiben übrig? „Man muß diese Lehre unterdrücken und Zarathustra tödten.” Zarathustra 3 „ich gab euch den schwersten Gedanken: vielleicht geht die Menschheit daran zu Grunde, vielleicht erhebt sie sich, dadurch daß die überwundenen lebensfeindlichen Elemente ausscheiden.” „Nicht dem Leben zu zürnen, sondern euch!“ — Bestimmung des höheren Menschen als des Schaffenden. Organisation der höheren Menschen, Erziehung der zukünftigen Herrschenden als Thema von Zarathustra 3. Eure Übermacht muß ihrer selber froh werden im Herrschen und Gestalten. Nicht nur der Mensch auch der Übermensch kehrt ewig wieder! 27 [24] Freiheit und Machtgefühl. Das Gefühl des Spiels bei der Überwindung großer Schwierigkeiten, z. B. vom Virtuosen; Gewißheit seiner selber, daß auf den Willen die genau entsprechende Aktion folgt — eine Art Affekt des Übermuthes ist dabei, höchste Souveränität des Befehlenden. Es muß das Gefühl des Widerstandes, Druckes dabei sein. — Dabei ist aber eine Täuschung über den Willen: nicht der Wille überwindet den Widerstand — wir machen eine Synthese zwischen 2 gleichzeitigen Zuständen und legen eine Einheit hinein. Der Wille als Erdichtung. man glaubt, daß er selber bewegt (während er nur ein Reiz ist, bei dessen Eintritt eine Bewegung beginnt man glaubt, daß er Widerstände überwindet man glaubt, daß er frei und souverän ist, weil sein Ursprung uns verborgen bleibt und weil der Affekt des Befehlenden ihn begleitet weil man in den allermeisten Fällen nur will, wenn der Erfolg erwartet werden kann, wird die „Nothwendigkeit” des Erfolgs dem Willen als Kraft zugerechnet. 27 [25] Lust als das sich fühlbar machende Anwachsen des Machtgefühls. Lust und Schmerz sind etwas Verschiedenes und nicht Gegensätze. 27 [26] Die Vielheit der Triebe — wir müssen einen Herrn annehmen, aber der ist nicht im Bewußtsein, sondern das Bewußtsein ist ein Organ, wie der Magen. 27 [27] Am Leitfaden des Leibes erkennen wir den Menschen als eine Vielheit belebter Wesen, welche theils mit einander kämpfend, theils einander ein- und untergeordnet, in der Bejahung ihres Einzelwesens unwillkürlich auch das Ganze bejahen. Unter diesen lebenden Wesen giebt es solche, welche in höherem Maaße Herrschende als Gehorchende sind, und unter diesen giebt es wieder Kampf und Sieg. Die Gesammtheit des Menschen hat alle jene Eigenschaften des Organischen, die uns zum Theil unbewußt bleiben \<zum Theil\> in der Gestalt von Trieben bewußt werden. 27 [28] Das verschiedene Werthgefühl, mit dem wir diese Triebe von einander abheben, ist die Folge ihrer größeren oder geringeren Wichtigkeit, ihrer thatsächlichen Rangordnung in Hinsicht auf unsere Erhaltung. 27 [29] Je nach der Umgebung und den Bedingungen unseres Lebens tritt ein Trieb als der höchstgeschätzte und herrschendste hervor; das Denken Wollen und Fühlen macht sich ihm insbesondere zum Werkzeuge. 27 [30] Ist die absolute Bedingung des Menschen eine Gemeinschaft, so wird der Trieb an ihm, vermöge dessen die Gemeinschaft erhalten wird, am kräftigsten entwickelt. Je unabhängiger er ist, um so mehr verkümmern die Heerden-Instinkte. 27 [31] NB. Unter bestimmten Veränderungen der Quantitäten entsteht das, was wir als verschiedene Qualität empfinden. So ist es auch im Moralischen. Hier entstehn Nebengefühle des Wohlthätigen, Nützlichen bei dem, der eine menschliche Eigenschaft in einem gewissen Quantum wahrnimmt; verdoppelt, verdreifacht, hat er Furcht vor ihr — — — 27 [32] Der Werth einer Handlung hängt davon ab, wer sie thut und ob sie aus seinem Grunde oder aus seiner Oberfläche stammt: d. h. wie tief sie individuell ist. 27 [33] Der Werth einer Handlung ist bestimmbar, wenn der Mensch selber erkennbar ist: was im Allgemeinen zu leugnen sein wird. 27 [34] Wir schließen auch bei uns selber auf die Ursprünge einer Handlung aus Zeichen: solche sind unsere der That voranlaufenden Affekte, Vorbilder, Zwecke usw. Daß eine Handlung einem Zwecke gemäß sich entwickelt, ist oft der Fall: aber der Zweck ist dabei nicht Ursache, sondern Wirkung derselben Vorgänge, welche die eigentliche Handlung bedingten. 27 [35] Wo alles noch ungestaltet liegt, da ist unser Arbeitsfeld für menschliche Zukunft! 27 [36] Die Naturwissenschaft will mit ihren Formeln die Überwältigung der Naturkräfte lehren: sie will nicht eine “wahrere” Auffassung an Stelle der empirisch-sinnlichen setzen (wie die Metaphysik) 27 [37] Grundlegung der Moral. Die Vorurtheile der Heerde. keine Die Vorurtheile der Mächtigen. Gewissens- Heuchelei Die Vorurtheile der Unabhängigen.   1. Erkennbarkeit des Menschen. Rangordnung der Triebe Vom Willen. “Unegoistisch”. Strafen und Belohnen Höhere und niedere Menschen. Rangordnung. “Menschheit.” und die angebliche Nützlichkeit der Guten. “Zweck”. Der religiöse Affekt und die Moral. Physiologie der Moral. Die Gegenwart Rechte und Pflichten. Der Geschlechtstrieb Die Tapferkeit Die Treue. 27 [38] Alles Leben beruht auf dem Irrthum — wie ist Irrthum möglich? 27 [39] Für die Zeit der Luftschiffahrt, wo die unwillkürliche gegenseitige Beaufsichtigung durch den Nächsten wegfällt, ist der Mensch nicht gut genug 27 [40] Die Bequemlichkeit, Sicherheit, Furchtsamkeit, Faulheit, Feigheit ist es, was dem Leben den gefährlichen Charakter zu nehmen sucht und alles „organisiren” möchte — Tartüfferie der ökonomischen Wissenschaft Die Pflanze Mensch gedeiht am kräftigsten, wenn die Gefahren groß sind, in unsicheren Verhältnissen: aber freilich gehn eben da die Meisten zu Grunde. Unsere Stellung in der Welt der Erkenntniß ist unsicher genug — jeder höhere Mensch fühlt sich als Abenteurer. 27 [41] Wollte man heraus aus der Welt der Perspective, so gienge man zu Grunde. Auch ein Rückgängig-machen der großen bereits einverleibten Täuschungen zerstört die Menschheit. Man muß vieles Falsche und Schlimme gutheißen und acceptiren. 27 [42] 1) Von der Verstellung vor „Seines-gleichen” als Ursprung der Heerden-Moral. Furcht. Sich-Verstehn-wollen. Sich-gleich-geben. Gleich — werden — Ursprung des Heerden-Thiers. (Hier der Sinn der Convention, der Sitten) Immer noch allgemeine Hypocrisie Moralität als Putz und Schmuck, als Verkleidung der schämenswerthen Natur. 2) Von der Schmeichelei vor dem Mächtigsten als Quelle der Sklaven-Moral (Verwandtschaft von Schmeichelei Verehrung Übertreibung Sich-im-Staube-wälzen und Sich-selber-Verkleinern - der Heerde gegenüber das ideale Heerden-Thier (gleich) - dem Mächtigen gegenüber das verehrendste nützlichste Werkzeug (sclavenhaft) “ungleich” (dies ergiebt eine zwiefache Heuchelei) 27 [43] Der höhere Mensch und der Heerden-Mensch Wenn die großen Menschen fehlen, so macht man aus den vergangenen großen Menschen Halbgötter oder ganze Götter: das Ausbrechen von Religion beweist, daß der Mensch nicht mehr am Menschen Lust hat (- “und am Weibe auch nicht” mit Hamlet) Oder: man bringt viele Menschen auf Einen Haufen, als Parlamente und wünscht, daß sie gleich tyrannisch wirken. 27 [44] Das “Tyrannisirende” ist die Thatsache großer Menschen: sie machen die Geringeren dumm. 27 [45] Lieber gefährdet und bewaffnet leben, als unter dieser feigen gegenseitigen Heerden-Freundlichkeit! 27 [46] Alle Menschen auf die bisher etwas ankam, waren böse. 27 [47] Man soll bei den Philosophen darauf Acht haben: irgend ein Ekel, ein Satthaben steckt dahinter, z. B. bei Kant Schopenhauer Indern. Oder: ein Wille zur Herrschaft wie bei Plato. 27 [48] Die Betrachtung des Werdens zeigt, daß Täuschung und Sich-täuschen-wollen, daß Unwahrheit zu den Existenzbedingungen des Menschen gehört hat: man muß den Schleier einmal abziehn. 27 [49] Die Nothwendigkeit der Heerden-bildung besteht in der Furchtsamkeit (der Schwächeren?) — die wohlwollenden Gefühle bei der Berührung mit dem Nächsten, wenn er, statt zu schaden oder zu drohen, sich „gütig” zeigt 27 [50] Die Entwicklung der List, der Widerspänstigkeit, in der Erkenntniß. 27 [51] Falsche Auslegung der Mutterliebe durch die, welche den Vortheil davon haben — und durch die Mütter selber. 27 [52] Ein Tiger, der einen ungeschickten Sprung thut, schämt sich vor sich selber. 27 [53] Lust — ein Verhältniß-Gefühl von diversen Graden von Unlust — also an Erinnerung und Vergleichen geknüpft! 27 [54] Wohlwollen auf erster Stufe: nicht-wehethun-wollen. 27 [55] Welche Wohlthat, daß so vieles in der Natur zählbar und berechenbar ist — kurz daß unser fälschender beschränkter Menschen-Verstand nicht alle Gesetze vorgeschrieben hat — — — 27 [56] Moral unter dem Gesichtspunkt der Verstellung (gleich-stellen), List und Heuchelei (“sich nicht zu erkennen geben”) — als Fälschung des Gemüths-Ausdrucks (Selbstbeherrschung) um ein Mißverständniß zu erwecken unter dem Gesichtspunkt des Schmucks, der Verkleidung Verschönerung, Schmeichelei unter dem Gesichtspunkt der Selbst-Täuschung zum Zweck des Sicherheits-Gefühls unter dem Gesichtspunkt der Selbst-Verherrlichung zum Zweck des Schrecken-Einflößens unter dem Gesichtspunkt des Unbehagens und des Mißrathens, theils als Rache an sich, theils als Rache an den Andern. unter dem Gesichtspunkt des unbedingt Befehlenden oder Gehorchenden unter dem Gesichtspunkt des Sich-Los-lösenden Einzelnen. unter dem Gesichtspunkt der Zähmung, oft unbeabsichtigt unter dem Gesichtspunkt der Züchtung einer bestimmten Art von Menschen (Gesetzgeber und Fürsten als Züchter, auch die öffentliche Meinung.) Jenseits von Gut und Böse: zur Erziehung der Herrscher — Naturen, welche die höchsten Pflichten zu erfüllen haben. 27 [57] NB. Zwei-Deutigkeit eines Organs entsprechend auf Zwei-Deutigkeit des Ganzen — 27 [58] Die ewige Wiederkunft. Eine Wahrsagung. Erster Theil. Der schwerste Gedanke. Zweiter Theil. Jenseits von Gut und Böse. Dritter Theil. Mensch und Übermensch. 27 [59] Der Mensch hat, im Gegensatz zum Thier, eine Fülle gegensätzlicher Triebe und Impulse in sich groß gezüchtet: vermöge dieser Synthesis ist er der Herr der Erde. — Moralen sind der Ausdruck lokal beschränkter Rangordnungen in dieser vielfachen Welt der Triebe: so daß an ihren Widersprüchen der Mensch nicht zu Grunde geht. Also ein Trieb als Herr, sein Gegentrieb geschwächt, verfeinert, als Impuls, der den Reiz für die Thätigkeit des Haupttriebes abgiebt. Der höchste Mensch würde die größte Vielheit der Triebe haben, und auch in der relativ größten Stärke, die sich noch ertragen läßt. In der That: wo die Pflanze Mensch sich stark zeigt, findet man die mächtig gegen einander treibenden Instinkte (z. B. Shakespeare), aber gebändigt. 27 [60] Die Erziehung zu jenen Herrscher-Tugenden, welche auch über sein Wohlwollen und Mitleiden Herr werden, die großen Züchter-Tugenden (“seinen Feinden vergeben” ist dagegen Spielerei) den Affekt des Schaffenden auf die Höhe bringen — nicht mehr Marmor behauen! — Die Ausnahme- und Macht-Stellung jener Wesen, verglichen mit der der bisherigen Fürsten: der römische Cäsar mit Christi Seele. 27 [61] NB. Wenn man die Bedingungen des Entstehens kennt, kennt man das Entstandene noch nicht! Dieser Satz gilt in der Chemie, wie im Organischen. 27 [62] NB. Von der Oberflächlichkeit des Geistes! — nichts ist gefährlicher als das Selbstgenugsame “Nabel-beschauen” des Geistes, wie bei den Brahmanen. 27 [63] NB. Alle Empfindungen, alle Sinnes-Wahrnehmungen sind ursprünglich in irgend einem Verhältniß zur Lust oder Unlust der organischen Wesen: grün, roth, hart, weich, hell, dunkel bedeuten etwas in Hinsicht auf ihre Lebensbedingungen (d. h. den organischen Prozeß) Thatsächlich sind viele von ihnen “gleichgültig” d. h. weder lust- noch schmerzhaft geworden, ihr Lust- und Unlust-Untergrund ist jetzt verblichen. Aber an dem Künstler kommt sie wieder heraus! — Ebenso bedeuten alle Formen und Gestalten ursprünglich etwas in Hinsicht auf Lust und Unlust des lebenden Geschöpfes (- sie bedeuten Gefahr, Ekel, Behagen, Sicherheit, Freundschaft, Frieden). — Ich meine, es stecken bestimmte Schätzungen, bestimmte Vorstellungen über Nützlichkeit und Schädlichkeit in allen Empfindungen, z. B. beim Ekel noch ersichtlich. Lust und Unlust als Zuneigung oder Abneigung-? 27 [64] Wir empfinden nur alles das von den Dingen, was uns irgendwie angeht (oder angieng) — der ganze organische Prozeß zieht in uns sein Resultat. „Erfahrung” d.h. das Resultat aller jener Reaktionen, wo wir auf etwas außer oder in uns reagirt haben. — Wir haben unsere Reaktion verschmolzen mit dem Dinge, welches auf uns agirte. 27 [65] Die gewöhnlichen Irrthümer: wir trauen dem Willen zu, was zahlreiche und complicirte eingeübte Bewegungen ermöglichen. Der Befehlende verwechselt sich mit seinen gehorsamen Werkzeugen (und deren Willen) 27 [66] Muß nicht überall der umgekehrte Prozeß da sein z. B. beim Klavierspieler, der Wille zuerst, dann die entsprechende Vertheilung der Aufgaben an die subordinirten Willen, dann das Anheben der Bewegung von der letzten untersten Gruppe aus — dem gröbsten Mechanismus bis hinauf in die feinsten Tast-Nerven? Nämlich: Akkord, Stärke, Ausdruck, alles muß vorher schon da sein —: Gehorsam muß da sein und Möglichkeit zu gehorchen! 27 [67] Zum Plan (Wir sind mitten im Feststellen von Thatsachen) Beschreibung, nicht Erklärung. (z. B. Morphologie als Beschreibung des Nacheinanders) Letzte Absicht solcher Beschreibung: praktische Bewältigung, im Dienste der Zukunft. Vorläufige Menschen und Methoden — Abenteuer (thatsächlich ist alles in der Geschichte ein Versuchen) Eine solche vorläufige Conception zur Gewinnung der höchsten Kraft ist der Fatalismus (ego — Fatum) (extremste Form „ewige Wiederkehr”) Um ihn zu ertragen, und um nicht Optimist zu sein, muß man „gut” und “böse” beseitigen. Meine erste Lösung: die tragische Lust am Untergange des Höchsten und Besten (es wird als beschränkt empfunden in Hinsicht des Ganzen): doch ist dies Mystik in Ahnung eines noch höheren „Guten” Meine zweite Lösung: das höchste Gute und Böse fallen zusammen. 27 [68] Dadurch, daß ich die subjektive Entstehung zeige z. B. vom Raum usw., ist die Sache selber weder widerlegt, noch bewiesen. Gegen Kant — — 27 [69] Zur Empfindung gehört Dauer — die Zeit ist “Sach-Zeit”, ist causal — — — 27 [70] Was am complicirtesten ist, enthält mehr Anlaß zum Vertrauen als das Einfache (z. B. das Geistige –) Der Leib als Leitfaden. 27 [71] Zarathustra 1. Zarathustra unter Thieren zu denen redend, die ihn besuchen — Theorie der Moral nach zoologischen Gesichtspunkten. Zarathustra 2. Höchster Fatalismus doch identisch mit dem Zufalle und dem Schöpferischen. (Keine Werthordnung in den Dingen! sondern erst zu schaffen.) 27 [72] Wenn einer, aus Sprache und Geschichte, die Entstehung der menschlichen Ansichten über Ernährung ergründete und die Genesis und den Verlauf dieser „Werth-Urtheile” darstellte — so hätte er über den Wert der Ernährung für den Menschen noch gar nichts ausgemacht. Und ebenso wäre eine Kritik der thatsächlichen Arten der Ernährung in der Geschichte auch damit noch nicht gegeben. Ebenso steht es mit der Moral: die Entstehung der moralischen Urtheile ist zu beschreiben — damit ist das thatsächliche Verhalten des Menschen die Geschichte seiner Moralität noch nicht beschrieben, noch weniger aber kritisirt. Am wenigsten aber ist der Werth der Handlungen überhaupt damit schon gegeben, daß die Geschichte der Urtheile über Handlungen gegeben wird. — — — 27 [73] seelische Gefühle — leibliche (Begleit- und Folgezustände Schmerz ist leiblich. 27 [74] Ich betrachte alle metaphysischen und religiösen Denkweisen als Folge einer Unzufriedenheit am Menschen eines Triebes nach einer höheren, Übermenschlichen Zukunft — nur daß die Menschen sich in's jenseits flüchten wollten: statt an der Zukunft zu bauen. Ein Mißverständniß der höheren Naturen, die am häßlichen Bilde des Menschen leiden. 27 [75] Dühring, oberflächlich, sieht überall Corruption — ich empfinde vielmehr die andere Gefahr des Zeitalters, die große Mittelmäßigkeit; es gab nie so viel Rechtlichkeit und Gutartigkeit. 27 [76] Von der Unehrlichkeit der Philosophen, etwas abzuleiten , was sie von vornherein als gut und wahr glauben (Tartüfferie z. B. Kant praktische Vernunft) 27 [77] Ich will das höchste Mißtrauen gegen mich erwecken — ich rede nur von erlebten Dingen und präsentire nicht nur Kopf-Vorgänge. 27 [78] Mißverständniß meiner Jugend: ich hatte mich noch nicht ganz von der Metaphysik losgemacht — aber das tiefste Bedürfniß nach einem andern Bilde des Menschen. An Stelle der Sündhaftigkeit erlebte ich ein viel volleres Phänomen — ich durchschaute die Armseligkeit in aller modernen Zufriedenheit. “alles Falsche an den Dingen an's Licht zu bringen” p. 49 — ich als ernsthafter Fortsetzer des Schopenhauerschen Pessimismus. 27 [79] Die neue Aufklärung. 1. Die Aufdeckung der Grundirrthümer (hinter denen die Feigheit Trägheit und Eitelkeit des Menschen stehen) z. B. in Betreff der Gefühle (und des Leibes) die Verirrung der rein Geistigen die Causalität die Freiheit des Willens das Böse das Thier im Menschen. Moralität als Zähmung Mißverständniß der Handlungen ”aus Motiven” Gott und jenseits als fehlerhafte Griffe des gestaltenden Dranges “reine Erkenntniß” “Wahrheitstrieb” “das Genie” Gesammt-Gefühl: an Stelle der Sündhaftigkeit das allgemeine Mißrathensein des Menschen 2. Die zweite Stufe: die Entdeckung des schöpferischen Triebes, auch in seinen Verstecken und Entartungen. (“Unser Ideal ist nicht das Ideal”, Taine Eng\<lische\> L\<itteratur\> 3 p 42) Hegel-Geist — Schopenhauer-Wille Die versteckten Künstler: die Religiösen Gesetzgeber Staatsmänner als umbildende Mächte: Voraussetzung: schöpferische Unzufriedenheit, ihre Ungeduld — statt am Menschen fortzubilden machen sie Götter und Helden aus vergangenen Größen 3. Die Überwindung des Menschen. neue Auffassung der Religion meine Sympathie mit den Frommen — es ist der erste Grad: ihr Ungenügen an sich — die Selbst-Überwindung als Stufe der Überwindung des Menschen 27 [80] Die ewige Wiederkunft. Eine Wahrsagung. Grosse Vorrede. Die neue Aufklärung — die alte war im Sinne der demokratischen Heerde. Gleichmachung Aller. Die neue will den herrschenden Naturen den Weg zeigen — inwiefern ihnen alles erlaubt ist, was den Heerden-Wesen nicht freisteht: Aufklärung in Betreff „Wahrheit und Lüge” am Lebendigen. Aufklärung in Betreff “Gut und Böse” Aufklärung in Betreff der gestaltenden umbildenden Kräfte (die versteckten Künstler) Die Selbst-Überwindung des Menschen. (die Erziehung des höheren Menschen) Die Lehre der ewigen Wiederkunft als Hammer in der Hand der mächtigsten Menschen,— — — 27 [81] Hat schon je ein Mensch auf dem Wege der Wahrheit gesucht wie ich es bisher gethan habe — nämlich allem widerstrebend und zuwiderredend, was meinem nächsten Gefühle wohl that? und — — — 27 [82] Die ewige Wiederkunft. Erstes Hauptstück. Die neuen Wahrhaftigen. Zweites Hauptstück. Jenseits von Gut und Böse. Drittes Hauptstück. Die versteckten Künstler Viertes Hauptstück. Die Selbst-Überwindung des Menschen Fünftes Hauptstück. Der Hammer und der grosse Mittag. [Gedichte und Gedichtfragmente. Herbst 1884] [Dokument: Heft] 28 [1] Allen Schaffenden geweiht. Welt-Unabtrennliche Laßt uns sein! Das Ewig-Männliche Zieht uns hinein. 28 [2] jeder Buckel krümmt sich tiefer – jeder Christ treibt Juden-Schacher – die Franzosen werden tiefer – Und die Deutschen täglich flacher! 28 [3] Sonnen — Bosheit. Bei abgehellter Luft, Wenn schon des Thaus Tröstung Zur Erde nieder quillt, Unsichtbar, auch ungehört — denn zartes Schuhwerk trägt Der Tröster Thau, gleich allen Milden – Gedenkst du da, gedenkst du, heißes Herz, Wie einst du durstetest, Nach himmlischem Thaugeträufel Versengt und müde durstetest, Dieweil auf sanften Gras-Pfaden Schweigsam abendliche Sonnenblicke Durch dunkle Bäume um dich liefen, Boshafte Sonnen-Gluthblicke, So aber fragte dich die Sonne schweigend: Was trägst du Narr Eine zerrissene Larve? Eine Götter-Larve? Wem rissest du sie vom Gesichte? Schämst du dich nicht, unter Menschen nach Göttern lüstern hinauszuschnüffeln? Wie oft schon! Der Wahrheit Freier? also stöhnte ich – Nein! Nur ein Dichter! Nach Larven lüstern, selbst verkleidet. Zerrissene Larve selber! Götter-Larventrug! Bei abgehellter Luft, wenn schon des Monds Sichel grün zwischen Purpurröthen und neidisch hinschleicht – mit jedem Schritte heimlich an Rosen-Hängematten hinsichelnd bis sie sinken nacht abwärts blaß versinken da wird er röther. steht er röther schlechter That sich schämend, — — — 28 [4] Die Wüste wächst: weh, wer zur Wüste ward! Wüste ist Hunger, der nach Leichen scharrt. Ob Quell und Palme sich hier Nester baun – Der Wüste Drachenzähne kaun und kaun Denn Sand ist Zahn an Zahn, vielfräßige Pein Bringt kinnladenhaft hier Stein auf Stein reibt ewig hier Kinnladen nimmer müd — — — Vielfräßiger Hunger malmt hier Zahn an Zahn Der Wüste Drachenzähne — — — Sand ist Gebiß, ist Drachen-Zähnesaat Das malmt und malmt — das malmt sich nimmer matt — — — Sand ist die Mutter die ihr Kind gekaut Mit fliegendem Dolche in deren Haut — — — 28 [5] Du Stachel Schmerz, wie weit wirst du mich treiben? Schon hab' ich Himmel umgestürzt Mit neuen Himmeln, Würzen überwürzt Die Götter ehrten — siegreich dir zu bleiben! Du Stachel Schmerz, dem ich die Hand verkürzt Dem ich die muntren Katzenfüße lähmte Was that ich einst, das mich beschämte — — —    Knoten    geschürzt — — —         zähmte — — —         Fell — — —         –eiben — — —         anbequemte — — —         schnell — — —         treiben 28 [6] Baum im Herbste Was habt ihr plumpen Tölpel mich gerüttelt Als ich in seliger Blindheit stand: Nie hat ein Schreck grausamer mich geschüttelt – Mein Traum, mein goldner Traum entschwand! Nashörner ihr mit Elephanten-Rüsseln Macht man nicht höflich erst: Klopf! Klopf? Vor Schrecken warf ich euch die Schüsseln Goldreifer Früchte — an den Kopf. 28 [7] auf neuem Weg zum alten Griechenthum ich dachte in dir den Deutschen zu erlösen dein Siegfried-Zerrbild Parsifal! 28 [8] Fern brummt der Donner übers Land Der Regen tropft und tropft: Geschwätzig früh schon, der Pedant, Dem Nichts das Maul mehr stopft. Der Tag schielt boshaft nach mir hin Löscht mir die Lampe aus! Oh gute Nacht! Oh Einsamkeit! Oh Buch! Oh Tintenfaß! Nun wird mir alles grau und leid 28 [9] Nun, da der Tag Des Tages müde ward, und aller Sehnsucht Bäche Von Neuem Trost plätschern, auch alle Himmel, aufgehängt in Gold-Spinnetzen, zu jedem Müden sprechen: „ruhe nun”, – was ruhst du nicht, du dunkles Herz, was stachelt dich zu fußwunder Flucht weß harrest du? du Verzweifelnder! Weißt du auch, – wie viel Muth machst du denen, die dir zuschaun ach wie du klagst!                          wohin meine Flucht? Ach wen du weidest! Gefangne noch weidest du. Wie sicher ist den Unstäten doch ein Gefängniß! wie ruhig schlafen verbrecherische Seelen, eingefangen — Nun, da die Maus den Berg gebar — Wo bist du Schöpferisches? Oh wärmt mich! liebt mich gebt heiße Hände erschreckt ob meines Eises nicht! Zu lange gespensterhaft auf Gletschern — — — umhergetrieben, aufgewirbelt auf welchem Spiegel habe ich nicht gesessen – ich Staub auf allen Oberflächen außer sich, vor Hingebung dem Hunde gleich Hohl, Höhle, voller Gift und Nachtgeflügel umsungen und umfürchtet, einsam – Ihr Wegelagerer! Euer bin ich nun! Was wollt ihr Lösegelds? Wollt Viel — so räth mein Stolz. Und redet kurz — das räth mein andrer Stolz. Ich liege still – ausgestreckt, Halbtodtem gleich, dem man die Füße wärmt – die Käfer fürchten sich vor mir ihr fürchtet mich? Ihr fürchtet den gespannten Bogen nicht? Wehe es könnte Einer seinen Pfeil dranlegen 28 [10] Nun wird mir Alles noch zu Theil Der Adler meiner Hoffnung fand Ein reines, neues Griechenland Der Ohren und der Sinne Heil — Aus dumpfem deutschem Ton-Gedräng Mozart Rossini und Chopin Ich sch nach griechischen Geländen Das Schiff dich, deutscher Orpheus, wenden. Oh zögre nicht nach südlichen Geländen, Glücksel'gen Inseln, griechischem Nymphen-Spiel Des Schiffs Begierde hinzuwenden Kein Schiff fand je ein schöner Ziel — Nun wird mir alles noch zu Theil Was je mein Adler mir erschaute —: Ob manche Hoffnung schon vergraute. – Es sticht dein Klang mich wie ein Pfeil Der Ohren und der Sinne Heil, Das mir vom Himmel niederthaute Der Ton, der auf mich niederthaute Hinaus, zu griechischen Geländen Das schönste Musen-Schiff zu wenden 28 [11] Arthur Schopenhauer. Was er lehrte ist abgethan, Was er lebte, wird bleiben stahn: Seht ihn nur an! Niemandem war er unterthan! 28 [12] 1) Ihr Wege-lagernden Gedanken Fleiß ehemals Qual des Schaffens 2) Nach Liebe suchend — und immer die Larve, die verfluchte Larve finden und zerbrechen müssen! 28 [13] Die Liebe ist's die mich mitgehen heißt, Die heiß ersehnte! 28 [14] Schafe. Den Adler seht! sehnsüchtig starr blickt er hinab in den Abgrund, in seinen Abgrund, der sich dort in immer tiefere Tiefen ringelt! Plötzlich, geraden Flugs, scharfen Zugs stürzt er auf seine Beute. Glaubt ihr wohl, daß es Hunger ist? Eingeweiden-Armut? – Und auch Liebe ist es nicht – was ist ein Lamm einem Adler! er haß\<t\> die Schafe Also stürze ich mich abwärts, sehnsüchtig, auf diese Lämmer-Heerden zerreißend, blutträufend, Hohn gegen die Gemächlichen Wuth gegen Lämmer-Dummheit — — — 28 [15] — die Sträflinge des Reichthums ihre Gedanken klirren gleich schweren Ketten 28 [16] sie erfanden die heilige lange Weile und die Begierde nach Mond- und Werkeltagen 28 [17] Seid kurz: gebt mir zu rathen oder ihr ermüdet den Stolz meines Geistes 28 [18] Hartnäckige Geister, fein und kleinlich 28 [19] kuhmüthiges Wohlwollen 28 [20] Die Bösen liebend. Ihr fürchtet mich? Ihr fürchtet den gespannten Bogen? Wehe, es könnte Einer seinen Pfeil darauf legen! Ach, meine Freunde? Wohin ist, was man gut hieß! Wohin sind alle “Guten”! Wohin, wohin ist die Unschuld aller dieser Lügen! Die einst den Menschen schauten so sehr Gott als Bock Der Dichter, der lügen kann wissentlich, willentlich Der kann allein Wahrheit reden “Der Mensch ist böse” so sprachen noch alle Weisesten – mir zum Troste. sündlich-gesund und schön gleich buntgefleckten Raubthieren wer gleich Katzen und Räubern in der Wildniß heimisch ist, und durch Fenster springt was still starr kalt glatt macht, was zum Bilde und zur Säule macht, was man vor Tempeln aufstellt, zur Schau aufstellt – Tugend 28 [21] Der Wahrheit Freier? Sahst du ihn? Still, starr, kalt, glatt, Zum Bilde worden und zur Säule, aufgestellt Vor Tempeln — sprich, Deß gelüstet dich? Nein, Larven suchst du Und Regen-Bogen-Häute Wild-Katzen-Muthwillen, der durch Fenster springt, hinaus in allen Zufalls Wildniß! Nein, Urwald brauchst du, deinen Honig zu schlürfen, sündlich-gesund und schön gleich buntgefleckten Raubthieren 28 [22] Die Weltmüden denkendere Zeiten, zerdachtere Zeiten als unser Heut und Gestern ist ohne Weiber, schlecht genährt und ihren Nabel beschauend – des Schmutzes Holde Übelriechende! also erfanden sie sich die Wollust Gottes bei bedecktem Himmel wo man Pfeile und tödtende Gedanken nach seinen Feinden schießt, da verleumdeten sie die Glücklichen sie lieben ach! und werden nicht geliebt sie zerfleischen sich selber weil Niemand sie umarmen will. ihr Verzweifelnden! wie viel Muth macht ihr denen, die euch zuschauen! sie verlernten Fleisch essen, mit Weiblein spielen, – sie härmten sich über die Maaßen. wie sicher ist dem Unstäten auch ein Gefängniß! Wie ruhig schlafen die Seelen eingefangner Verbrecher! Am Gewissen leiden nur Gewissenhafte! 28 [23] Jenseits der Zeit. Diese Zeit ist wie ein krankes Weib laßt sie nur schreien, rasen, schimpfen und Tisch und Teller zerbrechen. umhergetrieben, aufgewirbelt – auf allen Oberflächen habt ihr schon gesessen, auf allen eiteln Spiegeln schon geschlafen – Staub solche macht man mit Gründen mißtrauisch mit erhabnen Gebärden überzeugt man sie Zurück! Ihr folgt mir zu nahe auf den Füßen! Zurück, daß meine Wahrheit euch nicht den Kopf zertrete! erreglich gleich greisen Völkern an Gehirn und Schamtheilen außer sich, dem Hunde gleich, vor Hingebung 28 [24] Es erhob sich ein Geschrei um Mitternacht – das kam von der Wüste her 28 [25] Lob der Armut. Den Sträflingen des Reichthums, deren Gedanken kalt wie Ketten klirren, gilt mein Lied 28 [26] Oh gute Zeit, die jetzt mir blüht Oh feierliche große Jahreszeit – Vom Nord zum Süd Die Götter-Gäste – fremd und unbekannt, die Namenlosen Ihr göttlich-königlichen Gäste Von aller Höhe strömt mir Verkündigung Gleich Wohlgerüchen Gleich ahnungsvollen Winden läuft Vom Nord zum Süd Mein Herz, dem seine Festzeit blüht Einsiedler soll nicht länger einsam sein! Die Zeit ist nahe, die feierliche schöne große Jahreszeit, wo meine Gäste kommen — des Jahres Mitte, nun gleiche ich dem Liebenden dessen Sehnsucht Stunden abzählt, der späht und steht und sieht, unmuthig-selig, bis er, gedrückt von engen Stuben, sich in des Zufalls dunkle Gasse wirft – Und wenn der Wind des Nachts an's Fenster klopft, Mit Blüthen-Zweigen boshaft Schläfer weckend 28 [27] 6. Der Dichter — Qual des Schaffenden Ach, Wegelagerer! Nun bin \<ich\> euer Was wollt ihr, Lösegelds? Wollt Viel — so räth mein Stolz — und redet kurz: das räth mein anderer Stolz zu rathen lieb' ich: leicht ermüdet 's mich wohin meine Flucht? Ich liege still, ausgestreckt, Halbtodtem gleich, dem man die Füße wärmt – die Käfer fürchten sich vor meinem Schweigen – ich warte Alles heiße ich gut Laub und Gras, Glück, Segen und Regen 28 [28] von eurem Kommen von eurem Nahen — sie lieben mich Sie warten Alle — Allen sprach ich ja von euch, ihr 28 [29] Sind die Dinge nicht gemacht spitz für Tänzerfüße langsam kommt, wie Trampelthiere, Mensch und Mensch vorüber 28 [30] Hohl, Höhle, voller Nacht-Geflügel Umsungen und umfürchtet 28 [31] Hier saß ich sehend, sehend — doch hinaus! Die Finger spielend im zerpflückten Strauß Und wenn die Thräne aus dem Lide quoll Schamhaft-neugierig: ach wem galt sie wohl! Da — — — Hier saß ich liebend, liebend — unbewegt, Dem See gleich, der — — — Wer diesen Spiegel-See als Zauber sieht: Drin eint sich Milch und Veilchen und Granit. 28 [32] Das rothe Blatt Daß mir Vieles Gute nicht entschlüpft und ich undankbar scheide an den Vormittag. allen Gefängnissen entschlüpft (Ehe Amt I Ort usw.) südliche Musik an die Griechen (in Verhältniß zu Deutschen) an die Christen (ich habe das Christenthum nicht nöthig) Haß gegen die Engeländer (dagegen deutsch-russisch) Sehnsucht nach einer hohen Seele Honigopfer-Dank gegen den Frühling (Hohn) Lob des kriegerischen Geistes als mich vorbereitend der ernsteste Knabe — oh daß du im Alter Kind wirst! an Schopenhauer als den philosophischen Jüngling an Napoleon (Corsica) wo ist der Mann von Granit? Von der langen Leiter Mit Jedermann leutselig, auch mit Gräsern noch Humor eines, der über Alles gesiegt hat. Hohnlied über die Oberflächlichkeit der Menschen Der Verborgenste (Hohn eines ewig-unvermerkt Maskirten) An den Schlaf (3 Stunden Abwartens, sagend) kein Märtyrer! Dafür auch zu listig, ich entschlüpfe! (und ich habe es schlimmer gehabt als ihr Alle!) der gute Europäer die Mitternachts-Abreise Calina braunroth, alles zu scharf in der Nähe im höchsten Sommer. Gespenstisch (meine jetzige Gefahr!) an Richard Wagner 28 [33] „Mittags — Gedanken.” Von Friedrich Nietzsche. An Napoleon (Corsica: wo ist der Mann von Granit?) Von der längsten Leiter Mit Jedermann leutselig, auch noch mit Gräsern. Humor eines, der über Alles gesiegt hat. Hohnlied über die Oberflächlichkeit der Menschen. Der Verborgenste (Hohn über die ewig-unvermerkte Maskerade) An den Schlaf (drei Stunden Abwartens. Ihm sagend) Kein Märtyrer! (Dafür auch zu listig: ich entschlüpfe. Und doch habe ich's schlimmer gehabt als Alle! Die guten Europäer. Die Abreise um Mitternacht. Calina: meine jetzige Gefahr, im höchsten Sommer, gespenstisch, braun-roth, alles zu scharf in der Nähe An Richard Wagner. Das rothe Blatt (daß mir vieles Gute nicht entgehe und ich undankbar scheide! An den Vormittag. allen Gefängnissen entschlüpft (wie Amt, Ehe usw.) An die Griechen (gegen die Deutschen) Südliche Musik an die Christen (ich habe euer Christenthum nicht nöthig) Haß gegen die Engländer (dagegen deutsch-russisch Sehnsucht nach einer hohen Seele. Honig-Opfer. Große Danksagung. gegen den Frühling (Hohn). Bitte um Blindheit (an die Sonne Lob des kriegerischen Geistes — mich vorbereitend. Der ernsteste Knabe (d. h. daß du im Alter Kind wirst!) An Schopenhauer (als an den philosophischen Jüngling). 28 [34] Dem Fleißigen neid' ich seinen Fleiß: goldhell und gleich fließt ihm der Tag herauf goldhell und gleich zurück, hinab ins dunkle Meer, – und um sein Lager blüht Vergessen, gliederlösendes. 28 [35] Des Nachts — was schlägt mir an das Fenster? 28 [36] Das Honig-Opfer. Bringt Honig mir, eis-frischen Waben-Goldhonig! Mit Honig opfr' ich Allem, was da schenkt, Was gönnt, was gütig ist —: erhebt die Herzen! 28 [37] Herolds Rufe reich an Geist aus Nichts und Witz geschaffen 28 [38] Der du eifersüchtig des Nachts auf meinen Athem siehst und in meine Träume schleichen möchtest 28 [39] Einst — wie fern dies Einst! und ach! süß das Wort schon “Einst”, verirrtem Glockentone gleich, da kam der Tag, die Pflicht, die Pflugschaar, des Stiers Gebrüll, — — — 28 [40] Oh die ihr spielt, Ihr Kinder im Walde, ihr lachenden, Flieht nicht davon — nein! schützt mich, Versteckt das gehetzte Wild, Bleibt, hört! Denn was mich hetzt, seit grauem Morgen durch alle Irrniß hetzt, sind's Jäger? Wegelagerer? sind's Gedanken? Nicht weiß ich's noch, doch Kinder sehen und Kinderspiele — — — 28 [41] Der schönste Leib — ein Schleier nur, In den sich schamhaft — Schönres hüllt — 28 [42] An Hafis. Frage eines Wassertrinkers. Die Schenke, die du dir gebaut, ist größer als jed\<es\> Haus, Die Tränke, die du drin gebraut, die trinkt die Welt nicht aus. Der Vogel, der einst Phönix war, der wohnt bei dir zu Gast, Die Maus, die einen Berg gebar, die — bist du selber fast! Bist Alles und Keins, bist Schenke und Wein, Bist Phönix, Berg und Maus, Fällst ewiglich in dich hinein, Fliegst ewig aus dir hinaus — Bist aller Höhen Versunkenheit, Bist aller Tiefen Schein, Bist aller Trunkenen Trunkenheit – wozu, wozu dir — Wein? 28 [43] So sprach ein Weib voll Schüchternheit Zu mir im Morgenschein: “Bist schon du selig vor Nüchternheit Wie selig wirst du — trunken sein!” 28 [44] Wer hier nicht lachen kann, soll hier nicht lesen! Denn, lacht er nicht, faßt ihn „das böse Wesen”. 28 [45] An die deutschen Esel. Dieser braven Engeländer Mittelmäßige Verständer Nehmt ihr als „Philosophie”? Darwin neben Goethe setzen Heißt: die Majestät verletzen – majestatem Genii! Aller mittelmäßigen Geister Erster — das sei ein Meister, Und vor ihm auf die Knie! Höher ihn herauf zu setzen Heißt — — — 28 [46] Heil euch, biedere Engländer Eurem Darwin heil, verständ er Euch so gut wie als sein Vieh! Billig ehrt ihr Engeländer Euren Darwin hoch, verständ er Auch nicht mehr als Zucht von Vieh. Nur — zu Goethen ihn zu setzen Heißt die Majestät verletzen Majestatem genii! 28 [47] Beim Anblick eines Schlafrocks. Kam, trotz schlumpichtem Gewande, Einst der Deutsche zu Verstande, Weh', wie hat sich Das gewandt! Eingeknöpft in strenge Kleider Überließ er seinem Schneider, Seinem Bismarck — den Verstand! 28 [48] An Richard Wagner. Der du an jeder Fessel krankst, Friedloser, freiheit-dürst'ger Geist, Siegreicher stets und doch gebundener, Verekelt mehr und mehr, zerschundener, Bis du aus jedem Balsam Gift dir trankst – Weh! Daß auch du am Kreuze niedersankst, Auch du! Auch du — ein Überwundener! Vor diesem Schauspiel steh' ich lang Gefängniß athmend, Gram und Groll und Gruft, Dazwischen Weihrauch-Wolken, Kirchen-Huren-Duft Hier wird mir bang: Die Narrenkappe werf' ich tanzend in die Luft! Denn ich entsprang — — 28 [49] An Spinoza. Dem „Eins in Allem” liebend zugewandt, Ein amor dei, selig, aus Verstand – Die Schuhe aus! Welch dreimal heilig Land! Doch unter dieser Liebe fraß unheimlich glimmender Rachebrand: — am Judengott fraß Judenhaß! — — Einsiedler, hab ich dich erkannt? 28 [50] Für falsche Freunde. Du stahlst, dein Auge ist nicht rein – Nur Einen Gedanken stahlst du? — Nein, Wer darf so frech bescheiden sein! Nimm diese Handvoll obendrein – Nimm all mein Mein – Und friß dich rein daran, du Schwein! 28 [51] Römischer Stoßseufzer. Nur deutsch! Nicht teutsch! So will's jetzt deutsche Art. Nur was den „Babst” betrifft, so bleibt sie — hart 28 [52] Der „ächte Deutsche”. “O peuple des meilleurs Tartuffes, Ich bleibe dir treu, gewiß!” — Sprach's, und mit dem schnellsten Schiffe Fuhr er nach Cosmopolis. 28 [53] Das neue Testament. Dies das heiligste Gebet- Wohl- und Wehe-Buch? — Doch an seiner Pforte steht Gottes Ehebruch! 28 [54] Räthsel. Löst mir das Räthsel, das dies Wort versteckt: “Das Weib erfindet, wenn der Mann entdeckt— —” 28 [55] Der Einsiedler spricht. Gedanken haben? Gut! — so sind sie mein Besitz. Doch sich Gedanken machen, — das verlernt' ich gern! Wer sich Gedanken macht — der ist besessen und dienen will ich nimmer und nie. 28 [56] Entschluß. Will weise sein, weil's mir gefällt Und noch nach eignem Ruf. Ich lobe Gott, weil Gott die Welt So dumm als möglich schuf. Und wenn ich selber meine Bahn So krumm als möglich lauf’ Der Weiseste fieng damit an, Der Narr — hört damit auf. 28 [57] Die Welle steht nicht still, Nacht liebt lichten Tag – Schön klingt das Wort „ich will” Schöner noch „ich mag!” Alle ewigen Quell-Bronnen Quellen ewig hinan: Gott selbst — hat er ja begonnen? Gott selbst — fängt er immer an? 28 [58] Der Wanderer. Es geht ein Wandrer durch die Nacht Mit gutem Schritt; Und krummes Thal und lange Höhn – Er nimmt sie mit. Die Nacht ist schön – Er schreitet zu und steht nicht still, Weiß nicht, wohin sein Weg noch will. Da singt ein Vogel durch die Nacht: “Ach Vogel, was hast du gemacht! Was hemmst du meinen Sinn und Fuß Und gießest süßen Herz-Verdruß In's Ohr mir, daß ich stehen muß Und lauschen muß — — Was lockst du mich mit Ton und Gruß?” — Der gute Vogel schweigt und spricht: “Nein, Wandrer, nein! Dich lock' ich nicht Mit dem Getön – Ein Weibchen lock’ ich von den Höhn – Was geht's dich an? Allein ist mir die Nacht nicht schön. Was geht's dich an? Denn du sollst gehn Und nimmer, nimmer stille stehn! Was stehst du noch? Was that mein Flötenlied dir an, Du Wandersmann?” Der gute Vogel schwieg und sann: “Was that mein Flötenlied ihm an? Was steht er noch? – Der arme, arme Wandersmann!” 28 [59] Im deutschen November. Dies ist der Herbst: der — bricht dir noch das Herz! Fliege fort! fliege fort! – Die Sonne schleicht zum Berg Und steigt und steigt und ruht bei jedem Schritt. Was ward die Welt so welk! Auf müd gespannten Fäden spielt Der Wind sein Lied. Die Hoffnung floh – Er klagt ihr nach. Dies ist der Herbst: der — bricht dir noch das Herz. Fliege fort! fliege fort! Oh Frucht des Baums, Du zitterst, fällst? Welch ein Geheimniß lehrte dich Die Nacht, Daß eis'ger Schauder deine Wange, Die Purpur-Wange deckt? — Du schweigst, antwortest nicht? Wer redet noch? — — Dies ist der Herbst: der — bricht dir noch das Herz. Fliege fort! fliege fort! – „Ich bin nicht schön – so spricht die Sternenblume – Doch Menschen lieb' ich Und Menschen tröst' ich – sie sollen jetzt noch Blumen sehn, nach mir sich bücken ach! und mich brechen – in ihrem Auge glänzet dann Erinnrung auf, Erinnerung an Schöneres als ich: — — ich seh's, ich seh's — und sterbe so.” — Dies ist der Herbst: der — bricht dir noch das Herz! Fliege fort! fliege fort! 28 [60] Am Gletscher. Um Mittag, wenn zuerst Der Sommer in's Gebirge steigt, Der Knabe mit den müden, heißen Augen: Da spricht er auch, Doch sehen wir sein Sprechen nur. Sein Athem quillt wie eines Kranken Athem quillt In Fieber-Nacht. Es geben Eisgebirg und Tann' und Quell Ihm Antwort auch, Doch sehen wir die Antwort nur. Denn schneller springt vom Fels herab Der Sturzbach wie zum Gruß Und steht, als weiße Säule zitternd, Sehnsüchtig da. Und dunkler noch und treuer blickt die Tanne, Als sonst sie blickt Und zwischen Eis und todtem Graugestein Bricht plötzlich Leuchten aus — — Solch Leuchten sah ich schon: das deutet mir's. — Auch todten Mannes Auge Wird wohl noch Ein Mal licht, Wenn harmvoll ihn sein Kind Umschlingt und hält und küßt: Noch Ein Mal quillt da wohl zurück Des Lichtes Flamme, glühend spricht Das todte Auge: “Kind! Ach Kind, du weißt, ich liebe dich!” — Und glühend redet Alles — Eisgebirg Und Bach und Tann – Mit Blicken hier das selbe Wort: “Wir lieben dich! Ach Kind, du weißt, wir lieben, lieben dich!” Und er, Der Knabe mit den müden heißen Augen, Er küßt sie harmvoll, Inbrünst'ger stets, Und will nicht gehn; Er bläst sein Wort wie Schleier nur Von seinem Mund, Sein schlimmes Wort “mein Gruß ist Abschied, mein Kommen Gehen, ich sterbe jung.” Da horcht es rings Und athmet kaum: Kein Vogel singt. Da überläuft Es schaudernd, wie Ein Glitzern, das Gebirg. Da denkt es rings – Und schweigt — — Um Mittag war's, Um Mittag, wenn zuerst Der Sommer ins Gebirge steigt, Der Knabe mit den müden heißen Augen. 28 [61] “Der Wanderer und sein Schatten.” Ein Buch Nicht mehr zurück? Und nicht hinan? Auch für die Gemse keine Bahn? So wart' ich hier und fasse fest, Was Aug' und Hand mich fassen läßt! Fünf Fuß breit Erde, Morgenroth, und unter mir — Welt, Mensch und Tod! 28 [62] Yorick als Zigeuner. Dort der Galgen, hier die Stricke Und des Henkers rother Bart, Volk herum und gift'ge Blicke – Nichts ist neu dran meiner Art! Kenne dies aus hundert Gängen, Schrei's euch lachend in's Gesicht: Unnütz, unnütz, mich zu hängen! Sterben? Sterben kann ich nicht! Bettler ihr! Denn euch zum Neide, ward mir, was ihr — nie erwerbt: Zwar ich leide, zwar ich leide – Aber ihr — ihr sterbt, ihr sterbt! Auch nach hundert Todesgängen Bin ich Athem, Dunst und Licht – Unnütz, unnütz, mich zu hängen! Sterben? Sterben kann ich nicht! Einst erklang, in Spaniens Ferne Mir das Lied zum Klapperblech, Trübe blickte die Laterne, Hell der Sänger, froh und frech. Froh gedacht' ich meiner bösen Feinde da mit sel'gem Hohn: Kann ein Fluch euch nicht erlösen, Thut's ein heller Freuden-Ton. 28 [63] Yorick-Columbus. Freundin! sprach Columbus, traue Keinem Genueser mehr! immer starrt er in das Blaue – Fernstes lockt ihn allzusehr! Fremdestes ist nun mir theuer! Genua — das sank, das schwand – Herz, bleib kalt! Hand hält das Steuer! Vor mir Meer — und Land? — und Land? Dorthin will ich — und ich traue Mir fortan und meinem Griff. Offen ist das Meer, ins Blaue Treibt mein Genueser Schiff. Alles wird mir neu und neuer, Weit hinaus glänzt Raum und Zeit – Und das schönste Ungeheuer Lacht mir zu: die Ewigkeit 28 [64] Der Freigeist. Abschied “Die Krähen schrei'n Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: Bald wird es schnei'n – Wohl dem, der jetzt noch — Heimat hat! Nun stehst du starr, Schaust rückwärts ach! wie lange schon! Was bist du Narr Vor Winters in die Welt — entflohn? Die Welt — ein Thor Zu tausend Wüsten stumm und kalt! Wer Das verlor, Was du verlorst, macht nirgends Halt. Nun stehst du bleich, Zur Winter-Wanderschaft verflucht, Dem Rauche gleich, Der stets nach kältern Himmeln sucht. Flieg', Vogel, schnarr' Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! – Versteck', du Narr, Dein blutend Herz in Eis und Hohn! Die Krähen schrei'n Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: Bald wird es schnei'n, Weh dem, der keine Heimat hat!” Antwort. Daß Gott erbarm'! Der meint, ich sehnte mich zurück In's deutsche Warm, In's dumpfe deutsche Stuben-Glück! Mein Freund, was hier Mich hemmt und hält ist dein Verstand, Mitleid mit dir! Mitleid mit deutschem Quer-Verstand! 28 [65] Dich lieb' ich, Gräbergrotte! Dich, Marmor-Lügnerei! Ihr macht zum freisten Spotte Mir stets die Seele frei. Nur heute steh' ich, weine, Lass' meinen Thränen Lauf Vor dir, \<du\> Bild im Steine, Vor dir, du Wort darauf! Und — Niemand braucht's zu wissen – Dies Bild — ich küßt' es schon. Es giebt so viel zu küssen: Seit wann küßt man denn — Thon! Wer Das zu deuten wüßte! Wie! Ich ein Grabstein-Narr! Denn, ich gesteh's, ich küßte Das lange Wort sogar. 28 [66] 2. Freund Yorick, Muth! Und wenn dich dein Gedanke quält, Wie jetzt er thut, Heiß' Das nicht – „Gott”! Denn, weit gefehlt, Es ist ja nur dein eigen Kind, Dein Fleisch und Blut, was dich da drangsalirt und quält, Dein kleiner Schelm und Thu-nicht-gut! - Sieh zu, wie ihm die Ruthe thut! Und kurz, Freund Yorick! laß die düstre Philosophie — und daß ich hier Noch einen Spruch als Medizin Und Haus-Recept ins Ohr dir flüstre – mein Mittel gegen solchen spleen —: “Wer seinen Gott' liebt, züchtigt ihn.” 28 [67] Dort der Galgen, hier die Stricke, Henker hier, und Henkers Art, Rothe Nasen gift'ge Blicke – Und des Priesters Würden-Bart. Kenne euch aus hundert Gängen – Spei' euch gerne in's Gesicht – Wozu hängen? Sterben? Sterben — lernt' ich nicht. Bettler ihr! Denn, euch zum Neide Mir ward, was ihr — nie erwerbt. Zwar ich leide, zwar ich leide Aber ihr — ihr sterbt, ihr sterbt! Auch nach hundert Todesgängen Find' ich mich zurück zum Licht – Wozu hängen? Sterben? Sterben — lernt' ich nicht. Also klang, in Spaniens Ferne, Mir das Lied zum Klapper-Blech. Düster blickte die Laterne, Hell der Sänger, froh und frech. Wie ich horchend in die Tiefe Meiner tiefsten Wasser sank, Dünkte mich's, ich schliefe, schliefe Ewig heil und ewig krank. [Herbst 1884 — Anfang 1885] [Dokument: Heft] 29 [1] Solche macht man mit Gründen mißtrauisch; aber mit erhabenen Gebärden überzeugt man sie. — erreglich gleich greisen Völkern an Gehirn und Schamtheilen — was geht mich euer Glaube an, an dessen Thür der Ehebruch Gottes steht! — ihr folgt mir zu nahe auf dem Fuße: seht euch vor, daß ich euch nicht einmal den Kopf eintrete! — geraden Flugs und Zugs, gleich stoßenden Adlern — euer Paradies ist „unter dem Schatten der Schwerter” — sehnsüchtig starr blickt er in den Abgrund — den Abgrund, der sich hinab in immer tiefere Tiefen ringelt. — wie sicher ist dem Unstäten auch ein Gefängniß! Wie seelenruhig schlafen doch die Verbrecher! — ich lache zu bald wieder: ein Feind hat wenig bei mir gutzumachen. — bei bedecktem Himmel, wenn man Pfeile und tödtende Gedanken nach seinen Feinden schießt. — denkendere Zeiten, zerdachtere Zeiten, als unser Heut und Gestern ist — diese Zeit ist wie ein krankes Weib: laßt sie nur schrein, schimpfen, rasen und Tisch und Teller zerbrechen! — in fernsten und kältesten Gedanken umgehend, wie ein Gespenst auf Gletschern  ohne Weiber, schlecht genährt und ihren Nabel beschauend: also erfanden sie sich die Wollust Gottes. — “der Mensch ist böse”: so sprachen noch alle Weisesten, mir zum Troste. — sinnlich-gesund und schön, gleich buntgefleckten Raubthieren — einem Winde bin ich gleich, der alle Himmel hell und alle Meere brausen macht. — umhergetrieben, aufgewirbelt, ihr Reisenden, auf allen Oberflächen habt ihr einmal geschlafen, ihr, Staub auf allen Fensterscheiben und eitlen Spiegeln! — das Unglück schweigt: und wer von seinem Unglück erst singen kann, der flog auch über sein Unglück weg. — seid kurz, gebt mir zu rathen: oder ihr ermüdet meinen Stolz des Geistes. — sie erfanden die heilige längste Langeweile und die Begierde nach Montagen und Werkeltagen. — hier drehen sich furchtbare Dinge: schon gelüstet den Schwindelnden, sich in den Abgrund der Zukunft zu stürzen. — die Sträflinge des Reichthums: ihre Gedanken klirren gleich kalten Ketten. — Hartnäckige Geister, fein und kleinlich — Das ist der Hang der Kleinen: sie möchten das Große herabziehn, herabschmeicheln. — außer sich, dem Hunde gleich, vor Hingebung — ach, sie fallen zurück in die großen Worte und die schwachen Thaten: ach, sie heißen sich wieder Tugendhafte! — sie lieben, ach! und werden nicht geliebt! sie zerfleischen sich selber, weil Niemand sie umarmen will. — du bist zu reich, du verdirbst zu Viele: denn du machst zu Viele neidisch! — es steht schlimm: mancher meinte zu lügen und traf da erst die Wahrheit. — ihr Verzweifelnden! Wie viel Muth macht ihr denen, die euch zuschauen! — gleich Katzen und Weibern in der Wildniß heim sein und durch Fenster springen. — sie haben sich ihren Gott und ihre Welt aus Nichts geschaffen: was wunders, daß — — ihr sagtet nicht genug. Wie? Es ist Alles Schein? Es ist alles Lüge! Wie? Es ist alles Leiden und Untergang? Es ist alles Leiden- und Untergehen-Machen! — habt ihr ihn schon erfunden, den häßlichsten Menschen? Ohne Gott, Güte, Geist — — Ach, meine Freunde! Wohin ist das Gute und die Guten! Wohin ist die Unschuld dieser Lügen! — die einst den Menschen schauten, so sehr Gott als Bock — Wie! Tugend ist das, was still starr, kalt, glatt, was zum Bilde und zur Säule macht? Was sich an Tempeln zur Schau stellt? — ihr fürchtet den gespannten Bogen: wehe, es könnte Einer einen Pfeil darauf legen. — Wer nicht lügen kann, wissentlich und willentlich, wie sollte der je lernen, Wahrheit reden! — er härmt sich über die Maaßen und nährt sich kümmerlich; er verlernte Fleisch essen und mit artigen Weiblein spielen. — ungeschickt und scheu gleich einem Tiger nach mißrathenem Sprunge Mensch — ein langer Strick; und ihr wollt mich überreden, ich sei der Knoten, der hinein geknüpft ist? (Zarathustra lachend.) im Traume einen schlafenden Hund wecken: beide fahren sich an wie Todfeinde — und doch sind beide nur Erschrockene! bringt Honig heran, eisfrischen Waben-Goldhonig! Mit Honig opfr' ich allem, was schenkt, was gönnt, was gütig ist — erhebt die Herzen! dem Fleißigen neid' ich seinen Fleiß: goldhell und gleich fließt ihm der Tag herauf — und fern hinaus in dämmernde Ewigkeiten. Einst — ach, wie fern dies Einst! wie süß, verirrten Glockenschlägen gleich im Walde, wie süß das Wort schon! mit fliegenden Dolchen geschrieben — “Von alten und neuen Tafeln” – “Kuhmüthiges Wohlwollen” - der Tag klingt ab - Distelköpfe, Tüftel-Tröpfe - Särge und Sägespähne - gleich überschnellen Spinnenaffen – schnell hinein, schnell hinaus, wie bei einem Kaltwasserbade Es ist Zeit und Überzeit, daß ich aufbreche Schwindhunde rings um mich ein schmächtiges Gezücht 29 [2] Paul Grundprincipien der Sprachwissenschaft Sanders Leuthold, Rückert, Hebbel Keller, altdeutsche Dichter (Leihb\<ibliothek\> Antiqu\<ariat\>) Englische Lyriker? 29 [3] Angesichts eines Menschen, der uns fremd ist, gehen uns die Fragen durch den Kopf: wer ist er? was will er? was kann er? — und je nach den Antworten, die wir auf diese Fragen gewinnen, bestimmen wir den Werth dieses Menschen. Sind wir selber unabhängig, einflußreich, mächtig, so bestimmen wir dabei sofort seinen Werth als Werth für uns: sind wir abhängig und irgend einer Heerde und Gemeinschaft eingeordnet, so bedeutet unsere Frage nach seinem Werth: welchen Werth hat er für uns, d. h. die Heerde? 29 [4] (Es fehlt mir             1) Köchin 2) Musiker 3) Vorleser 4) eine Art Ceremonienmeister) Wahrscheinlichkeit des Erfolgs: Pyramidenhaft. Breite Anlage meines Lebens. Benutzung der Mißerfolge Als erster Erfolg: Köselitz (mein Geschmack) — als zweiter (moralischer Effekt) Stein. Finanzen:             bei Overbeck \>in Naumburg bei Schmeitzner. Was haben wir erreicht? festgestellt? 1) meine Wohnorte a) dem Engadin verdanke ich Leben Zarathustra b) Nizza verdanke ich die Beendigung des Zarathustra c) beide Orte gehören gut zu meiner Aufgabe: Nizza als kosmopolitisch, Sils als hochgebirgig (Beide sollen zu dem Eindruck von mir beitragen. –) Grundsätzlich — nicht in Deutschland leben, weil Europäische Mission. — nicht unter Universitäten — — meine Vorgänger: Schopenhauer und Richard Wagner bewähren sich als europäische Bewegungen. Vielleicht möglich an beiden Orten eine Art Lehr-Thätigkeit. Was bleibt zu erfinden zunächst? Verborgenheit. Erholungs-Orte. Calmirende Mittel. 29 [5] An die höheren Menschen. Herolds-Rufe von Friedrich Nietzsche. 29 [6] Jede Tugend hat ihre Kehrseiten und Einbußen 29 [7] zu lehren: Isolation gegen die Politik-Macherei Wille der Erd-Regierung nicht sich mit den Gutmüthigen und nicht mit den Selbst-Gerechten zu verwechseln nationen-verbindend gegen die Mächtigen und Reichen falls sie den Glauben an die höheren Menschen erschüttert haben — so wie die Kirche den Glauben an die Heiligen gegen den Gott als Motiv der Ergebung und des Nachlassens die höchsten Typen am meisten mißrathen Tod aller Unvergänglichen. Kraft, Wildheit, Energie, keine Milde Gluth, Drama 29 [8] Das Alleinsein mit einem großen Gedanken ist unerträglich. Plan. Ich suche und rufe Menschen denen ich diesen Gedanken mittheilen darf, die nicht daran zu Grunde gehen. Begriff des höheren Menschen: wer am Menschen leidet und nicht nur an sich, wer nicht anders kann als an sich auch nur “den Menschen” schaffen — gegen alles genüßliche Beiseitegehen und Schwärmen der Mystiker. — gegen die „Arrangirten”. — wir Mißrathenen! Höchster Typus! uns zu erlösen ist “den Menschen selber” erlösen: das ist unser “Egoismus”! 4. Zarathustra. Dies sind die Lieder Zarathustras, welche er sich selber zusang, daß er seine letzte Einsamkeit ertrüge: 29 [9] Ihr habt mich mit Ketten gebunden: aber selbst meine Henker sollen noch meine Jünger werden. 29 [10] sie sind schlecht gegen mich — aber deshalb will ich sie nicht verlassen; sie denken klein von mir: so will ich zusehn, wie ich sie selber vergrößere. 29 [11] — die Wellen steigen höher und höher: bald wird mein Nachen nicht mehr im Trocknen sitzen — der auch Eseln Flügel giebt und Löwinnen melkt — zur Stunde, wo Mittag auf den Fluren ruht: kein Hirt bläst da die Flöte — Lieder des unbekannten Gottes — entwölktes Schweigen (Alpenglühn) (Einsiedler) — süßliche Hunde 29 [12] 1. Herolds-Rufe.                2. Am großen Mittage. 3. Heuchelei der Guten.             4. Die Gelobenden. 29 [13] Von der Heuchelei der Guten. Motive: ihr führt mich zum Gericht — ich aber mache euch zu meinen Aposteln und dem Esel gebe ich Flügel Lieder der Höhe, allen Zukünftigen geweiht. Entwölktes Schweigen ich nehme euch in den Arm — ach, ich sehe die epileptische Zuckung des eigenen Kindes wo bleibt ihr? — da füllt es sich um mich mit Krüppeln alle Zukunft kämpft unerlöst in mir und euch — wie sollten wir nicht mißgeformt sein! an die Frommen. Sie fühlen das höhere Band der Ereignisse und die absolute Bedeutung der Person und sich als mißrathen. — Wenn alle Dinge ein fatum sind, so bin ich auch allen Dingen fatum. 29 [14] (4) Das Honig-Opfer. Besuch — Versuchungen (und Anzeichen) Riecht das nahende Elend der Dichter der besessene Jüngling der König (der Staatsmann “Bauer”) der Narr der großen Stadt das Weib (sucht den Mann der Wahrsager Sendet die Thiere auf Kundschaft. Die siebente Einsamkeit. Der Heilige “noch Ein Mal?” Entschluß. Löwe und Taubenschwarm. Die Botschaft. Abschied von der Höhle: Losreißung aus der Einsamkeit. Ewige Wiederkehr jedes guten Dings. 29 [15] der sterbende Zarathustra hält die Erde umarmt. — Und obgleich es Niemand ihnen gesagt hatte, wußten sie alle, daß Zarathustra todt war. 29 [16] An diesen alten Völkern ist nichts zu halten — sie mögen sich gegen einander stemmen und sträuben: von unten herauf sind sie gleich d. h. sie sind jetzt alle des Pöbels. Sprache und Zeitungen — 29 [17] 1 Ausnützung der Vielen durch die Besten 2 Die Einsiedler zerfallen in Cyniker und Stoiker — worin ihr Verbrauch an Kraft ihr Mangel an Kraft 3 unsere Gegner die Lehrer der absoluten Moral. 29 [18] die Ehrfurcht vor Gott ist die Ehrfurcht vor dem Zusammenhang aller Dinge und Überzeugung von höheren Wesen als der Mensch ist. Götter bilden — nach Göttern sich und Andere bilden — Der Künstler ist Götter-Bildner (er liest das Gelungene aus, unterstreicht es usw.) 29 [19] Zarathustra sagt seinen Thieren “Wir müssen uns für Gäste bereit machen”. 29 [20] Der Instinkt in moralischen Dingen bedarf wie in künstlerischen des feinsten ausgebildeten auswählenden Geschmacks. Die meisten menschlichen Handlungen sind “nicht zum Ansehen” für mich. 29 [21] Zarathustra zuerst von den Mißrathenen eingeladen — er weist sie ab ihr wollt nicht mit mir feiern sondern euch durch mich retten. Endlich kommen seine “Glückseligen” 29 [22] “Wer liebt mich noch” — ein erfrierender Geist Ein Epileptischer Ein Dichter Ein König 29 [23] Zarathustras tiefe Geduld und Zuversicht, daß die Zeit kommt. Die Gäste: der Wahrsager verbreitet schwarzen Pessimismus. die Milde gegen die Verbrecher (wie bei der fr\<anzösischen\> Revolut\<ion\>) Die Zeichen: die brennende große Stadt Versuchungen zur Rückkehr vor der Zeit — durch Erregung von Mitleid. Nachricht vom Untergang der Insel Endlich: ich will es erst noch erfragen, ob sie leben — sendet den Adler aus – Herolds-Rufe an die Einsamen Doppelte Reihe der Zeichen 1) vom Verfall der Menschen 2) vom Vorhandensein großer Einzelner Mit euch kann ich nicht Herr werden. 29 [24] Der Wanderer (Wißbegierige) Der König. Der Wahrsager. Der Jüngling vom Berge. Der Narr der großen Stadt. Der Heilige (zuletzt). Die Kinderschaar. Der Dichter 29 [25] Gegensatz darzustellen zwischen den Mißrathenen (Vereinsamten) und dem zusammen erwachsenen ausgewählten “Volke” 29 [26] Zarathustra: ich bin so übervoll des Glückes und habe Niemanden, dem ich abgeben, und nicht einmal den, dem ich danken könnte. So laßt mich euch, meinen Thieren, Dank darbringen. 1 . 1. Zarathustra seinen Thieren dankend und sie auf Gäste vorbereitend. Heimliche Geduld des Wartenden und tiefe Zuversicht auf seine Freunde. 2 — 9. 2. Die Gäste als Versuchungen, die Einsamkeit aufzugeben: ich bin nicht gekommen, den Leidenden zu helfen usw. (franz\<ösische\> Malerei) 3. der Einsiedler-Heilige Fromme. 10 — 14. 4. Zarathustra sendet seine Thiere aus auf Kundschaft. Allein, ohne Gebet, — und ohne die Thiere. Höchste Spannung! 15. 5. “sie kommen!” Als der Adler und die Schlange reden, kommt der Löwe hinzu — er weint! 16. Abschied für immer von der Höhle. (Eine Art Festzug!) Er geht mit den 4 Thieren entgegen, bis zur Stadt — — — 29 [27] Zögern der Jünger. “Wir halten es schon mit dieser Lehre aus, aber die Vielen werden wir damit zerstören?” Zarathustra lacht: “ihr sollt der Hammer sein, ich gab euch den Hammer in die Hand 29 [28] Alle Tugend ist erworbene Tugend, es giebt keine zufällige Tugend. Von Vätern her angesammelt — 29 [29] Das Problem der Einsamkeit mit und ohne Gott — dies Beten, Danken, Lieben verschwendet ins Leere 29 [30] der Wahrsager: ich entdeckte die geheime Müdigkeit aller Seelen, den Unglauben, Nichtglauben — scheinbar lassen sie sich's gut gehen — sie sind müde. Sie glauben alle nicht an ihre Werthe. Und auch du, Zarathustra! Es genügte ein kleiner Blitz, dich zu zerbrechen! Gut, aber da bleiben — — — 29 [31] sprach alles noch Ein Mal (wiederkehrend wie das Medusen-Haupt 29 [32] Erste Scene. Zarathustra ist thöricht mit seinen Thieren, bringt das Honig-Opfer, vergleicht sich mit der Pinie, dankt auch seinem Unglück, lacht über seinen weißen Bart Überrascht vom Wahrsager Gründe der großen Müdigkeit Evangelium der Leidenden, bisher ihre Zeit. Gleichheit. Heuchelei. 29 [33] Zarathustra 5: volle Anerkennung des Menschlichen in Betreff der sichtbaren Welt — Abweisung der idealistischen Philosophie und Erklärung aus Sattheit, Widerwillen am Menschen. — Die „Falschheit” in den Dingen zu erklären als Resultat unserer schaffenden Kraft! 29 [34] “Für euch Glück und Knechtschaft!” 29 [35] Unbewußt-Schaffendes und Künstlerisches in der Welt der Erscheinungen auch bewußt Unbewußte Lügner Die ganze unbewußte Seite unserer Moralität, z. B. unsere unbewußte Heuchelei 29 [36] Veredelung — Veradelung. 29 [37] Ob die Macht bei den Vielen oder bei den Wenigen sei, das Gefühl so oder so bestimmt eine aligarchische oder ochlokratische Form. 29 [38] trockne ausgetrunkene Seelen 29 [39] die 2 Könige mit dem Esel Pöbel, der nicht zu verehren lernt der froheste Mann — Wahrsager Verdüsterung der große ganze Mensch — das kranke Genie der Pöbel-feind — 2 Könige der Schöne-Vornehme — Arzt, Entartung und Schwäche der Nicht-Heuchler — Büsser des Geistes Verlogenheit die zitternden Leiber Schaar der Hülfeflehenden “Hört jetzt das Genie!” Zarathustra voll Ekel schweigt. die Seele der Trompeter die Heuchler des Glücks 29 [40] Die neue Aufklärung Eine Vorbereitung zur Philosophie der ewigen Wiederkunft. Von Friedrich Nietzsche. 29 [41] die Macht ist böse: wir sind nicht groß genug auch zu ihrem Bösen. Der Schaffende ist ein Vernichtet: wir sind nicht groß genug zum Schaffen und Vernichten. 29 [42] Kleines Gutmachen großen Mißrathens. 29 [43] oh Zarathustra, du bist der Erste und Einzige dem das Schicksal des Menschen am Herzen liegt: wir wissen schon, wer, du bist. Ehemals nahmen es darin auch die Schwersten leicht: siehe, sprachen sie, das geht über unser Vermögen und Vorhersehen, da mag Gott selber zusehen Du aber sprichst: “Vermögen? Vorhersehen? Was geht mich's an! Versuchen wir's! Alles hängt hier an Vorher thun!” 29 [44] Daß auch Andere sorgen lernen für des Menschen Zukunft, daß sie stumm bleiben, das Gewinsel los werden über uns und den Nachbarn und das Heute und bei all der Noth 29 [45] Du wartest daß dir Arme und Beine und Werkzeuge wachsen deines Werkes — daß dir Kinder wachsen und Erben 29 [46] Aber ich sollte besser sagen: dein gutes Gewissen, nämlich dein Rest von Redlichkeit. Ein kleiner Rest wohl, denn du bist ein Falschmünzer schon 29 [47] Und wer einen Namen dafür will, der mag es heißen: „die Versuchung Zarathustra's”. (Schluß) 29 [48] Das Beste habe ich nicht mit ihnen gemein. 29 [49] Auch noch in dieser Demuth ist ein Korn Kunst und Heuchlerei; aber das was ich sehe, was ich mit allen Sinnen rieche — du hast an dir selber Ekel. Du bist deiner selber satt und müde. 29 [50] Der wilde Jäger. Du Nachtwind in den Schluchten, was sprichst du? 29 [51] Zum Papst: du hast schöne Hände. Die Hände eines Solchen, der viel Segen ausgetheilt hat. Zarathustra zu seinen Gästen — ihr werdet in die Höhe gedrückt, zu mir; das Volk sagt “ihr steigt” der gute Europäer “ich habe alle Verbrechen begangen. Ich liebe die gefährlichsten Gedanken und die gefährlichsten Weiber. Der Papst: ihr verkennt mich: ich darf aufgeklärter als ihr sein. Lieber ihn in der Gestalt verehren als in gar keiner Gestalt! Der welcher sprach: “Gott ist ein Geist” — der machte bisher den größten Schritt und Sprung zum Unglauben; solch Wort ist auf Erden nicht leicht wieder gut zu machen. Zarathustra zum freiwilligen Bettler: “du hast gewißlich irgend einen Überfluß: gieb mir davon ab!” Daran erkenne ich Zarathustra. — Willst du von meinem Überflusse an Ekel? — sie tanzen wohl zum Besten der Armen, es ist jede Scham vor dem Unglücke dahin — Der Gewissenhafte Dicht neben dem Blutegel beginnt meine Unwissenheit: aber ich verlernte, mich deshalb zu schämen. 29 [52] Höherer Mensch im Zeitalter, wo die Zufriedenheit des Pöbels herrscht, ist der Ekel das Abzeichen der höheren Menschen 29 [53] Und wenn ich einmal mit Wölfen heulen muß, so heule ich besser als ein Wolf. 29 [54] Wer ein einziges Erlebniß wieder haben will, muß alle sich wieder wünschen. 29 [55] Ich bin ein Worte-macher: was liegt an Worten! was liegt an mir! 29 [56] Thut gleich mir: so lernt ihr, was ich lernte: nur der Thäter lernt. Stellt euch auf den Markt, daß ihr lernt, was Pöbel und Pöbel-Lärm ist: bald soll euch Hören und Sehen vergehn. was um mich wohnt, das wohnt sich bald auch ein. Hat euch einmal eine Tugend überredet und überwunden: so wißt und zürnt nicht darob: all das Schlimme in euch will seine Rache dafür haben: — Am härtesten nämlich, ihr höheren Menschen, werdet ihr für eure Tugend bestraft. 29 [57] W\<anderer\> Das Heimweh, nicht nach einem Heim, nicht nach einem Vaterhause und Vaterlande, denn ich hatte Beides nicht: sondern das Weh darob, daß ich kein Heim habe. 29 [58] ihr seid heute die höheren Menschen, der Fromme, dem sein Gott starb, der Übergütige in der Zeit des Pöbels, der Wanderer ohne Ziel und Heim-Kehr, der Wissende, und Gewissenhafte, der entzauberte Zauberer, der an sich selber zerbricht, der gepurpurte König, der Null ist und Zehn bedeutet ihr gepurpurten Könige, die ihr Nullen seid und Zehn bedeutet, ihr Gewissenhaften des Geistes — — — Auch ohne Geld, oh Zarathustra, auch ohne Geld! Nichts macht häßlicher als kein Geld haben! Seien wir allesammt froh und guter Dinge: und was Gott betrifft, ihr höheren Menschen, so mag ihn — der Teufel holen! 29 [59] Wenn den Einsamen die große Furcht anfällt, wenn er läuft und läuft, und nicht weiß wohin? wenn schlimme Stürme brüllen, wenn der Blitz gegen ihn zeugt, wenn seine Höhle ihn mit Gespenstern fürchten macht — Den Dichterlingen und Faulthieren sei's gesagt: wer nichts zu schaffen hat, dem macht ein Nichts zu schaffen. 29 [60] Die letzte Sünde 29 [61] das Frohlocken dieser höheren Menschen kam ihm wie ein Thauwind: seine Härte schmolz. Sein Herz zitterte bis in die Wurzel 29 [62] Hier kreißt die Zukunft, hier klafft der Abgrund, hier kläfft der Höllenhund, hier schwindelt dem Weisesten. 29 [63] Das Honig-Opfer. Der Wahrsager. Der Dichter. Die Könige. Der Heilige. Die siebente Einsamkeit. Unter neuen Thieren. Die Botschaft der Glückseligen. Abschied von der Höhle. 29 [64] — Und wieder liefen Monde und Jahre dahin, und Zarathustras Haar wurde weiß, aber Zarathustra saß an seiner Höhle, sah hinaus, achtete der Zeit nicht. Die Welt hatte Zarathustra's vergessen: hatte er auch der Welt vergessen? Kommt mir nicht zu nahe, wenn ihr euch an mir wärmen wollt — ihr möchtet euch sonst die Herzen versengen. Ich bin überheiß und zwinge mit Mühe meine Flammen, daß sie mir nicht aus dem Leibe brechen. Man hat dir die Pfoten gebunden: nun kannst du nicht kratzen, du Kratz-Katze! mit durstigen ausgedörrten Schwertern, welche zu lange an der Wand glänzten und — — —mit Schwertern, gleich rothgefleckten Schlangen 29 [65] Die Geburt der Tragödie. Unzeitgemässe Betrachtungen. Menschliches, Allzumenschliches. Der Wanderer und sein Schatten. Morgenröthe. Die fröhliche Wissenschaft. Also sprach Zarathustra. Dionysos oder: die heiligen Orgien 29 [66] Mittag und Ewigkeit. Von Friedrich Nietzsche. Zweiter Theil: die Herolds-Rufe. Mittag und Ewigkeit. Von Friedrich Nietzsche. Dritter Theil: der Namenlose segnet. 29 [67] von Ouwaroff, Nonnos von Panopolis der Dichter. Letourneau physiologie des passions (in der biblioth\<èque\> des sciences contemporaines) Amiel journal intime tom. II Mém\<oires\> I Viel Castel Guyau, esquisse d'une morale (Paris Alcan) Wellhausen, Skizzen 1 / Berlin Reimer 1884 Adolf Schöll, Goethe         “          Ges. Aufsätze z\<ur\> Klass. Litt. (Berlin, Hertz) Gozzi Casanova Goldoni De Brosses Mayer 4 B\<ände\> [Herbst 1884 — Anfang 1885] [Dokument: Heft] 30 [1] Möge Europa bald einen großen Staatsmann hervorbringen, und der, welcher jetzt, in dem kleinlichen Zeitalter plebejischer Kurzsichtigkeit, als “der große Realist” gefeiert wird, klein dastehen. 30 [2] Zum ersten Theil: meine Werthschätzung in die Logik einführen z. B. Hypothese gegen Sicherheit usw. 30 [3] Wo darf ich heimisch sein? Darnach suchte ich am längsten, dies Suchen blieb meine stäte Heimsuchung. Wozu sich in häßliche Sprachen verlieben, weil unsere Mütter sie sprachen? Warum dem Nachbar gram sein, wenn an mir und an meinen Vätern so wenig zu lieben ist! 30 [4] Zarathustra der Wahrsager der erste König der zweite König der häßlichste Mensch. der Gewissenhafte. der gute Europäer der freiwillige Bettler. der alte Papst der schlimme Zauberer. 30 [5] Es gereicht einem Zeitalter nicht immer zum Vorwurf, wenn es seinen größten Geist nicht erkennt und für das erstaunlichste Gestirn, das aus seiner eigenen Nacht emporsteigt, kein Auge hat. Vielleicht ist dieser Stern bestimmt, viel ferneren Welten zu leuchten; vielleicht wäre es sogar ein Verhängniß, wenn er zu früh erkannt würde — es könnte sein, daß damit das Zeitalter von seiner Aufgabe weggelockt \<würde\> und dadurch wieder einem kommenden Zeitalter Schaden zufügte: dadurch daß es ihm eine Arbeit übrig ließ, die bereits hätte abgethan sein sollen und welche vielleicht gerade den Kräften dieses kommenden Zeitalters weniger angemessen ist. 30 [6] Kritik der moralischen Werthschätzungen. 30 [7] Aber Zarathustra, ein Wort zu guter Zeit! Du hast mich heute zu deinem Abendmahle eingeladen: ich hoffe, du willst mich nicht mit solchen Reden abspeisen? ein ganzer Esel voll guten Weins Hast du keine verborgene Quelle, wo Wein fließt zwei Lämmer Wer mit essen will, muß auch Hand anlegen; hier giebt es Lämmer zu schlachten und Feuer zu zünden wie Wilde im Walde der Dichter soll uns singen Die Begrüßungen. Das Abendmahl. Der Improvisator. Die Räthsel der Thiere. Das Lied des Lachenden. 30 [8] Der Bezauberer. Ich bin müde; umsonst suchte ich zeit Lebens einen großen Menschen. Aber es giebt auch keinen Zarathustra mehr. Ich erkenne dich, sagte Zarathustra ernst, du bist der Bezauberer Aller, aber mich dünkt, du hast dir selber allein den Ekel eingeerntet. Es ehrt dich, daß du nach Größe strebtest, aber es verräth dich auch: du bist nicht groß. Wer bist du? sagte er mit entsetzten und feindseligen Blicken, wer darf so zu mir reden? — Dein böses Gewissen — antwortete Zarathustra und wandte dem Bezauberer den Rücken. 30 [9] Im Leben todt, ins Glück vergraben, — wer so — — — wie viele Male muß der noch auferstehen! Oh Glück, ich kam durch Haß und Liebe selber zu meiner Oberfläche: zu lange hieng ich in einer schweren Luft von Haß und Liebe: die schwere Luft trieb und schob mich wie einen Ball Heiter, wie Einer der seinen Tod voraus genießt. Steht nicht die Welt eben still? Wie mit dunklen Zweigen und Blättern umwindet mich diese Stille, Willst du singen, oh meine Seele? Aber das ist die Stunde, wo kein Hirt die Flöte bläst. Mittag schläft auf den Fluren. die goldene Trauer aller, die zu viel Gutes geschmeckt haben. Wie lange schlief ich mich aus? Wie viel länger darf ich nun mich auswachen! 30 [10] Die Nöthigung bei großer Gefahr, sich verständlich zu machen, sei es um sich einander zu helfen oder um sich zu unterwerfen, hat nur vermocht, jene Art Urmenschen einander anzunähern, welche mit ähnlichen Zeichen ähnliche Erlebnisse ausdrücken konnten; waren sie zu verschieden, verstanden sie sich, beim Versuche einer Verständigung durch Zeichen, falsch: so gelang die Annäherung, also endlich die Heerde nicht. Daraus ergiebt sich, daß im Großen und Ganzen die Mittheilbarkeit der Erlebnisse (oder Bedürfnisse oder Erwartungen) eine auswählende, züchtende Gewalt ist: die ähnlicheren Menschen bleiben übrig. Die Nöthigung zu denken, die ganze Bcwußtheit, ist erst auf Grund der Nöthigung, sich zu verständigen, hinzugekommen. Erst Zeichen, dann Begriffe, endlich “Vernunft”, im gewöhnlichen Sinn. An sich kann das reichste organische Leben ohne Bewußtsein sein Spiel abspielen: so bald aber sein Dasein an das Mit-Dasein anderer Thiere geknüpft ist, entsteht auch eine Nöthigung zur Bewußtheit. Wie ist diese Bewußtheit möglich? Ich bin fern davon, auf solche Fragen Antworten (d. h. Worte und nicht mehr!) auszudenken; zur rechten Zeit fällt mir der alte Kant ein, welcher einmal sich die Frage stellte: “wie sind synthetische Urtheile a priori möglich?” Er antwortete endlich, mit wunderbarem deutschem Tiefsinn: “durch ein Vermögen dazu”. — Wie kommt es doch, daß das Opium schlafen macht? Jener Arzt bei Molière antwortete: es ist dies die vis soporifica. Auch in jener Kantischen Antwort vom “Vermögen” lag Opium, mindestens vis soporifica: wie viele deutsche “Philosophen” sind darüber eingeschlafen! 30 [11] Wissen und Gewissen. Von Friedrich Nietzsche. 30 [12] Meine Freunde, ihr versteht euren Vortheil nicht: es ist nur Dummheit, wenn höhere Menschen an dieser Zeit leiden: sie haben es nie besser gehabt. 30 [13] Geburt der Tragödie. Im Anfang des Jahres 1872 erschien in Deutschland ein Buch, das den befremdlichen Titel führte: “die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik” und nicht bloß durch seinen Titel reichlich Anstoß zu Verwunderung und Neugierde gab. Man erfuhr, daß sein Urheber ein junger Philologe sei, insgleichen daß gegen ihn von Seiten philologischer Handwerker, und vielleicht sogar auf Anregung irgend eines philologischen Schulhauptes und Kuhhirten — — — — ein unabhängiges selbstgenugsames Buch, dem die Zeichen einer mystischen Seele aufgeschrieben waren, ohne Absicht auf — — — — voll Jugend und Ungeschick, schwül, übervoll, aussi trop allemand — in dem sich fast entgegengesetzte Begabungen drängten und stießen, auch — mit einer Geistigkeit, welche auf die Sinne wirkt — man gesteht sich mit einigem Schauder ein (vorausgesetzt daß man an der Haut empfindlich ist –) daß hier jemand von der unheimlichen Welt der dionysischen Dinge wie aus Erfahrung redet, wie nach großer Nähe und Berührung zurückgekehrt aus dem fremdesten aller Länder, nicht alles sagend, nicht alles verschweigend, unter die Kutte und Kaputze des Gelehrten versteckt und nicht genug versteckt. und Richard Wagner errieth aus der Tiefe jenes wahrsagerischen Instinktes heraus, der so sehr in Widerspruche zu seiner mangelhaften und zufälligen Bildung stand, daß er jenem verhängnißvollen Menschen begegnet sei, der das Schicksal der deutschen und nicht nur der deutschen Cultur in den Händen habe. [Winter 1884 — 85] [Dokument: Heft] 31 [1] Die practische Überwindung der Moral. 31 [2] In Zarathustra 4 ist nöthig: genau zu sagen, weshalb jetzt die Zeit des großen Mittags kommt: also eine Zeitschilderung, durch die Besuche gegeben, aber interpretirt von Zarathustra. In Zarathustra 4 ist nöthig: genau zu sagen, weshalb das “ausgewählte Volk” erst geschaffen werden mußte — es ist der Gegensatz der wohlgerathenen höheren Naturen im Gegensatz zu den Mißrathenen (durch die Besucher charakterisirt): nur an diese kann sich Zarathustra über die letzten Probleme mittheilen, nur ihnen kann er die Thätigkeit zu dieser Theorie zumuthen (sie sind stark und gesund und hart genug dazu, vor allem edel genug!) und ihnen den Hammer über die Erde in die Hand geben. in Zarathustra ist also zu schildern: die äußerste Gefahr des höheren Typus (wobei Zarathustra an sein erstes Auftreten erinnert) die Guten nehmen jetzt gegen den höheren Menschen Partei: das ist die gefährlichste Wendung! (- gegen die Ausnahme!) die Vereinsamten, Nicht-Erzogenen, Sich-falsch-Erklärenden entarten, und ihre Entartung wird als Gegengrund gegen ihre Existenz empfunden (“Genie-Neurose!”) Zarathustra muß erklären, was er gethan hat, als er zur Auswanderung rieth nach den Inseln, und wozu er sie besuchte (1. und 2..) (- sie waren noch nicht reif für seine letzten Offenbarungen?) 31 [3] In Zarathustra 6 die große Synthesis des Schaffenden, Liebenden, Vernichtenden 31 [4] In Zarathustra 4: der große Gedanke als Medusenhaupt: alle Züge der Welt werden starr, ein gefrorener Todeskampf. 31 [5] Sprachst du von dir oder von mir? Aber ob du nun mich oder dich verriethest, du gehörst zu den Verräthern, du, der Dichter! — schamlos gegen das, was du lebtest, dein Erlebniß ausbeutend, dein Geliebtestes zudringlichen Augen preisgebend, dein Blut in alle trocken ausgetrunknen Becher eingießend, du Eitelster! 31 [6] das Genie sieht Zarathustra wie die Verkörperung seines Gedankens 31 [7] Endlich: öffne deine Augen, sieh die ganze Wahrheit: Sein oder Nicht-sein des höheren Menschen!! 31 [8] “Dies nun, o Zarathustra ist dein Elend! Täusche dich nicht: der Anblick der Vielen machte dich düster, weil sie bescheiden und niedrig sind? Aber die Einsamen sind viel mehr mißrathen” — Dagegen führt Zarathustra die Gründe an 2) man hat ”gleich und gleich” gelehrt und dadurch die Einsiedler um das gute Gewissen gebracht — zur Heuchelei genöthigt und zum Kriechen in summa: der Nothschrei des höheren Menschen an Zarathustra. Zarathustra ermahnt sie zur Geduld, schaudert selber über sich: “es ist Nichts, was ich nicht selber erlebt habe!”, vertröstet sich \<auf\> seine Glückseligen und begreift: „es ist höchste Zeit”. Unmuth ausbrechend und Hohn über seine Hoffnungen in Betreff der Glückseligen. Du willst uns nicht helfen? Verhilf uns zu einer großen Rache Du bist hart gegen die Unglücklichen! — Ziehen ab. Mißtrauen und Angst bei Zarathustra zurück geblieben. Er sendet die Thiere aus. 31 [9] Zarathustra 4. (Plan.) Das Honig-Opfer. Nothschrei des höheren Menschen. Schwarm. (c. 50 Seiten) Zarathustra's Mitleiden auf der Höhe — aber hart; bleibt bei seiner Aufgabe – „es ist nicht Zeit” Verhöhnung Zarathustra's. Abzug, während der Wahrsager einen Stachel zurückläßt. Sendet die Thiere aus, voll Angst. Siebente Einsamkeit: — zuletzt “Medusenhaupt“. (c. 40 Seiten) Der Heilige besiegt ihn. Krisis. Plötzlich aufspringend. (Scharfer Contrast der frommen Ergebung) “An die große Natur.” Siegeslied. Löwe und Taubenschwarm. Rückkehr der Thiere (begreift, daß alle Vorzeichen da sind). Die Botschaft. Letzter Abschied von der Höhle (das Tröstliche der ewigen Wiederkunft zeigt zum ersten Mal sein Gesicht) 31 [10] der Unstäte, Heimatlose, Wanderer — der sein Volk verlernt hat zu lieben, weil er viele Völker liebt, der gute Europäer. der düstere ehrgeizige Sohn des Volkes, scheu, einsam, zu allem bereit, der Einsamkeit wählt, um nicht Zerstörer zu sein — bietet sich als Werkzeug an der Verehrer der facta, “das Gehirn des Blutegels”, voll schlechten Gewissens aus Übermaaß, will sich los sein! Das feinste intellektuelle Gewissen der Dichter, im Grunde nach wilder Freiheit gelüstend wählt die Einsamkeit und die Strenge der Erkenntniß. der häßlichste Mensch, welcher sich dekoriren muß (historischer Sinn) und immer ein neues Gewand sucht: er will seinen Anblick erträglich machen und geht endlich in die Einsamkeit, um nicht gesehen zu werden — er schämt sich. der Erfinder neuer Rausch-Mittel, Musiker, der Bezauberer, der endlich vor einem liebevollen Herzen sich niederwirft und sagt: nicht zu mir! sondern zu jenem will ich euch führen! ” der Reiche, der Alles weggegeben und jeden fragt: “bei dir ist irgendein Überfluß: gieb mir davon!” als Bettler Die Könige, der Herrschaft entsagend: wir suchen den, der würdiger ist zu herrschen!“ das Genie (als Anfall von Wahnsinn) erfrierend aus Mangel an Liebe ”ich bin kein Gedanke und auch kein Gott” — große Zärtlichkeit “Man muß ihn mehr lieben!” die Schauspieler des Glücks die zwei Könige, gegen die “Gleichheit”: es fehlt der große Mensch und folglich die Ehrfurcht die Guten                                         und ihr Wahn die Frommen                   „für Gott” das ist mein die “Für sich's” und Heiligen        “für mich”. Bedürfniß nach unbegrenztem Vertrauen, Atheism, Theismus schwermüthig-entschlossen das Medusenhaupt 31 [11] Entwurf. – Das Honigopfer. – Der Nothschrei. Gespräch mit den Königen. Der gute Europäer — erzählt von den Unfällen auf dem Meer. Das Hirn des Blutegels. Der freiwillige Bettler. Der Bezauberer. Der häßlichste Mensch. (Volk.) – Die Begrüßung. – Das Abendmahl. – Das Lied des Zauberers. Von der Wissenschaft. Von dem höheren Menschen. – Die Rosenrede. Der Einsiedler erzählt den Untergang. Von der 7 Einsamkeit. Der Erfrierende. Der Schwur. Der letzte Besuch der Höhle: Botschaft der Freude. Dort schläft er. Morgens steht er auf. Der lachende Löwe. — große Verwandlung und Verhärtung: in wenigen Worten. “Ich” vermeiden. 18: 100 6 108 8 10 zu machen 31 [12] Wohin willst du? fragte er laut, und seine Stimme kam fremd und verwandelt zu ihm zurück. — “Ich weiß es nicht” Und deine Thiere — wo sind deine Thiere? Oh Zarathustra nun lebt keiner mehr, den du liebst! — er warf sich auf den Boden hin, und schrie vor Schmerz und grub seine Hände in den Boden. Und Alles war umsonst! 31 [13] Wenn mir etwas mißräth: bin ich deshalb mißrathen? Und mißrathe ich selber, was liegt an mir? Ist der Mensch deshalb mißrathen? Das ist Krankheit und Fieber. 31 [14] der lachende Löwe — “noch vor 2 Monden hätte dies zu sehn mir das Herz im Leibe umgedreht 31 [15] Ihr kamt gerade noch vor dem Thorschluß meines Herzens: ich vergab es euch noch nicht, daß ihr in der 12èn Stunde erst hinein wollt. 31 [16] 1 Bis zur vollständigen Enthüllung des Einsiedlers. 2 Aus der siebenten Einsamkeit. 3 Entschluß, “willst du das Alles noch einmal, all dies Warten usw. — ” ich will! (Geht ab schwarz in die Nacht)     31 [17] Zarathustra zerbricht sein Herz gegen seine Freunde gegen seine Thiere. gegen alles, was er geliebt hat ganz Wille zum Mittag. Schluß: Dithyrambisches Zerbrechen seines Herzens 31 [18] (sage ihnen, daß ich schon neue Freunde habe — 31 [19] (du bist jünger als diese Kinder. Ist das die zweite Kindheit, von der man mir sprach? Zarathustra 6) 31 [20] Also stand Zarathustra auf wie eine Morgensonne, die aus den Bergen kommt: stark und glühend schreitet er daher — hin zum großen Mittage, nach dem sein Wille begehrte, und hinab zu seinem Untergange. 31 [21] Der Löwe aber leckte die Thränen, welche auf die Hände Zarathustras niedertropften. Sein Herz war im Innersten bewegt und umgewendet, aber er sprach kein Wort. Man sagt aber, daß der Adler, eifersüchtig, dem Treiben des Löwen zugeschaut habe usw. Endlich erhob sich Zarathustra von dem Steine, auf dem er geruht hatte: wie eine Morgensonne stand er auf, die aus den Bergen kommt, stark und glühend, zum usw. 31 [22] Mitternachts. Aus der siebenten Einsamkeit. Die Genesung. Der Schwur auf der Hand des Einsiedlers. Die Botschaft der Freunde und der lachende Löwe. 31 [23] — Dasselbe bezeugt auch der Löwe, aber nur zur Hälfte: denn er ist auf Einein Auge blind. 31 [24] — und sie lachten beide aus vollem Halse. “Was wissen wir Dichter uns doch zu putzen und aufzustützen! Ich meine usw. 31 [25] — ein Trieb der Selbst-Zerstörung: nach Erkenntnissen greifen, die einem allen Halt und alle Kraft rauben 31 [26] — wenn ihr das Gesetz von Lust und Unlust über euch fühlt und kein höheres: nun, wohlan, so wählt euch die angenehmsten und nicht die wahrscheinlichsten Meinungen: wozu bei euch Atheismus! 31 [27] — so wie die niederen Menschen zu Gott aufsahen, sollten wir billigerweise einmal zu meinem Übermenschen aufsehen. Zarathustra 6. 31 [28] - der Gegensatz von Atheism und Theism ist nicht: “Wahrheit” und “Unwahrheit”, sondern daß wir uns eine Hypothese nicht mehr gestatten, die wir Anderen recht gern noch gestatten (mehr noch!) Die Frömmigkeit ist die einzig erträgliche Form des gemeinen Menschen: wir wollen, daß das Volk religiös wird, damit wir nicht Ekel vor ihm empfinden: wie jetzt, wo der Anblick der Massen ekelhaft ist. 31 [29] — wir stellen uns gefährlicher hin und geben uns vielmehr dem Schmerze, dem Gefühl der Entbehrung hin: unser Atheismus ist ein Suchen nach Unglück, wofür die gemeine Art Mensch gar kein Verständniß im Leibe hat. 31 [30] Mittag und Ewigkeit. Von Friedrich Nietzsche. Erster Theil: die Versuchung Zarathustra's. 31 [31] Bei abgehellter Luft, wenn schon des Thaus Tröstung zur Erde niederquillt, unsichtbar, auch ungehört — — denn zartes Schuhwerk trägt der Tröster Thau, gedenkst du da, gedenkst du, heißes Herz, wie einst du durstetest, nach himmlischen Thränen und Thaugeträufel versengt und müde durstetest? — dieweil auf gelben Gras-Pfaden boshaft abendliche Sonnenblicke durch schwarze Bäume um dich liefen, blendende Sonnenblitze, schadenfrohe. Der Wahrheit Freier du? — so höhnten sie — Nein! Nur ein Zauberer! Ein Thier, ein listiges raubendes, schleichendes, das lügen muß, das wissentlich willentlich lügen muß, nach Beute lüstern, bunt verlarvt, sich selber Larve, sich selbst zur Brücke — Das — der Wahrheit Freier? Nein! Nur Narr! Nur Dichter! Buntes redend, aus Narren-Larven bunt herausschreiend, herumsteigend auf lügnerischen Regenbogen-Dunst-brücken — nicht still gleich denen, die du sahst, starr, glatt, kalt, zum Bilde worden, zur Gottes-Säule, aufgestellt vor Tempeln, eines Gottes Thürwart — nein, feindselig solchen Wahrheits-Standbildern, voll Katzen-Muthwillens, der durch jedes Fenster springt in jeden Zufall, in jeder Wildniß heimischer als vor Tempeln, jedem Urwalde sehnlicher zuschnüffelnd, daß du drin mit lüsternen Lefzen liefest, gleich buntgefleckten Raubthieren sündlich-gesund und schön, selig-höhnisch und selig-blutgierig. Oder dem Adler gleich, der lange starr in Abgründe blickt, in seine Abgründe, die sich hinab in immer tiefere Tiefen ringeln, dann, plötzlich, geraden Zugs, gezückten Flugs, hinab auf Lämmer stoßen, jach hinab, heißhungrig, gram allen Lammsseelen und was nur blickt mit schafmäßigem krauswolligem Lämmer-Wohlwollen: — also adlerhaft, pantherhaft sind des Zauberers Sehnsüchte, sind deine Sehnsüchte unter tausend Larven, du Narr! du Dichter! Der du den Menschen schautest so Gott als Schaf: den Gott zerreißend im Menschen und das Schaf im Menschen zerreißend lachen — Das, Das ist deine Seligkeit! Eines Panthers und Adlers Seligkeit! Eines Zauberers und Narren Seligkeit! — — Bei abgehellter Luft, wenn schon des Monds Sichel grün zwischen Purpurröthen und neidisch hinschleicht, — dem Tage feind, mit jedem Schritte heimlich an Rosen-Hängematten hinsichelnd, bis sie sinken, nacht-abwärts blaß hinabsinken: so sank ich selber einstmals aus meinem Wahrheits-Wahnsinn, aus meinen Tages-Sehnsüchten, des Tages müde, krank vom Lichte — sank abwärts, abendwärts, schattenwärts, von Einer Wahrheit verbrannt und durstig: — gedenkst du noch, gedenkst du, heißes Herz, wie da du durstetest? — daß ich verbannt sei von aller Wahrheit! Nur Narr! Nur Dichter! — — 31 [32] Wer wärmt mich, wer liebt mich noch? Gebt heiße Hände, gebt Herzens-Kohlenbecken! Hingestreckt, schaudernd, Halbtodtem gleich, dem man die Füße wärmt, geschüttelt, ach! von unbekannten Fiebern, zitternd vor spitzen eisigen Frost-Pfeilen — von dir gejagt, Gedanke! Unnennbarer, Verhüllter, Schöpferischer! Du Jäger hinter Wolken! Darniedergeblitzt von dir, du plötzlich Auge, das mich aus Dunklem anblickt — so liege ich, biege mich, winde mich, gequält von allen ewigen Martern, getroffen von dir, grausamster ewiger Jäger, du unbekannter Gott! Triff tiefer, triff Ein Mal noch! Zerstich, zerbrich dies Herz! Was soll dies Martern mit zähnestumpfen Pfeilen? Was blickst du wieder, der Menschen-Qual nicht müde, mit schadenfrohen Götter-Blitz-Augen? Nicht tödten willst du? Nur martern, martern? Der du auch des Nachts heranschleichst, mich eifersüchtig athmen hörst, mein Herz behorchst, in meine Träume einsteigst, in meine Träume gespitzte Zweifel und Pfeile werfend, herzzerbrechende: allzeit bereiter Henker-Gott, wozu! Wozu mich martern? Was willst du dir erfoltern? Was willst du, daß ich rede? Oder soll ich dem Hunde gleich vor dir mich wälzen, hingebend-begeistert-außer-mir dir Liebe zuwedeln? Umsonst! Stich weiter, grausamster Stachel! Nein, kein Hund — dein Wild nur bin ich grausamster Jäger! Dein stolzester Gefangner, du Räuber hinter Wolken! Sprich endlich, was willst du, Wegelagerer, von mir? — Du Blitz-Verhüllter, Unbekannter, sprich, du mein Gedanke: was willst du, unbekannter — Gott? — Wie? Lösegeld? Was willst du Lösegelds? Verlange Viel — das räth mein Stolz. Und rede kurz — das räth mein andrer Stolz! Haha! Mich willst du? Mich — mich ganz? Haha! Und marterst mich, Narr, der du bist, zermarterst meinen Stolz? Gieb Liebe mir — wer wärmt mich noch, wer liebt mich noch! Gieb heiße Hände, gieb Herzens-Kohlenbecken — gieb mir dem Einsamsten, den Kälte selbst nach Feinden, nach Feinden schmachten lehrt — gieb, ja ergieb, grausamster Feind mir — dich! — Ha! Davon! Da floh er selber, mein letzter einziger Genoß! mein großer Feind! Mein Unbekannter! Mein Henker-Gott! Nein! komm zurück, mit allen deinen Martern! Zum letzten aller Einsamen — oh komm zurück! all meine Thränenbäche strömen zu dir den Lauf! Und meine letzte Herzens-Flamme — dir glüht sie auf! Oh komm zurück, mein unbekannter Gott! Mein letztes Glück! — — 31 [33] — wie der Hirt über die Rücken wimmelnder Schafheerden hinblickt: ein Meer grauer kleiner wimmelnder Wellen. — knirschend schlage ich an das Ufer eurer Flachheit, knirschend wie eine wilde Woge, wenn sie widerwillig in den Sand beißt — — süßliche schmeichelnde Hunde — willfährig, lüstern, vergeßlich: sie haben's alle nicht weit zur Hure. — begeistert für grünes Gemüse, und den fleischlichen Freuden abhold — diese Dinge sind fein: wie so dürftet ihr darnach mit Schafsklauen greifen? Jeglich Wort gehört nicht in jedes Maul: aber wehe über diese kranke sieche Zeit! Wehe über die große Maul- und Klauenseuche. — Hohl, Höhle, voller Nachtgeflügel, umsungen und umfürchtet — “diese Dichter! sie schminken sich noch, wenn sie ihrem Arzte sich nackt zeigen!” (Und als Zarathustra hierauf nicht Nein sagte, sondern lächelte, siehe, da hielt der Dichter flugs seine Harfe schon im Arme und that den Mund weit auf zu einem neuen Liede. — ein grüner Blitz von Bosheit sprang aus seinen Augen, er öffnete den Mund und schloß ihn wieder. — der Abend kommt übers Meer: auf schweren grünen Wogen heranreitend wiegt er sich, der Sehnsüchtige, in seinen purpurnen Sätteln — — an die Erde gelehnt, wie ein Schiff, das müde in seine stille Bucht einlief: da genügt's, daß eine Spinne spinnt vom Lande zu ihm ihren Faden, keiner stärkeren Taue braucht es da noch! 31 [34] — Oh meine Thiere! Mein großes Glück macht mich drehen! Ich muß nun tanzen, — daß ich nicht umfalle! — sie liegen auf dem Bauche vor kleinen runden Thatsachen, sie küssen Staub und Koth zu ihren Füßen: und frohlocken noch: “Hier endlich ist Wirklichkeit!” — ihr redet mir von eurer Hoffnung? Aber ist sie nicht kurzbeinig und scheläugig? Sieht sie nicht immer um die Ecke, ob dort nicht schon die Verzweiflung warte? — Und wer von euch sagt noch ehrlich für sein übermorgen gut! Wer — darf noch schwören? Wer bleibt noch fünf Jahr in Einem Haus und Einer Meinung? der Mensch ist böse: so sprachen alle Weisesten mir zum Troste: ach, wenn es nur heute noch wahr ist! weshalb kam ich doch hier auf diese Höhe! Wollte ich nicht endlich einen großen M\<enschen\> sehen? Und siehe da, ich finde einen vergnügten alten Mann — mürbe Gräber, welche ihre Todten nicht mehr halten können. Wehe, da wird es bald Auferstehungen abgeben! vom Honig: “ich bedarf deiner nicht, aber ich nahm dich an wie ein Geschenk des Lebens: als der Nehmende weihe ich dich — daß ein Blitz in ihre Speise schlüge und ihre Mäuler lernten Feuer fressen! 31 [35] — beharrlich und einem Bauern gleich so grob wie listig — Menschen des “guten Willens”? Unverläßlich — fragt die Weiber: man gebiert nicht weil es Vergnügen macht! — man wird am härtesten für seine Tugenden bestraft.” — “es ist kühl, der Mond scheint, keine Wolke steht am Himmel: es lohnt sich nicht zu leben, oh Zarathustra!” — Mancher ward seiner selber müde: und siehe, da erst kam das Glück zu ihm, das auf ihn gewartet hatte von Anbeginn.” — Bin ich denn eine Wetterscheide? Alle Wolken aber kommen zu mir und wollen eine Auskunft — — ich sammle mich gleich einer wachsenden Wolke und werde stiller und dunkler: so thun alle, welche den Blitz gebären sollen. — “ihr wollt euch an mir wärmen? Kommt mir nicht zu nahe, rathe ich euch: — ihr möchtet euch sonst die Hände versengen. Denn seht doch, ich bin überheiß. Mit Mühe zwinge ich meine Flammen, daß sie mir nicht aus dem Leibe brechen.” — Man hat dir die Pfoten gebunden, du Kratz-Katze, nun kannst du nicht kratzen und blickst Gift mit deinen grünen Augen! — mit ausgedorrten blitzblanken Schwertern, welche zu lange durstig an der Wand hiengen: sie funkeln vor Begierde sie möchten wieder Blut trinken — und die Schwerter liefen durch einander gleich rothgefleckten Schlangen — ich horchte auf Wiederhall, ach! und ich hörte nur Lob. 31 [36] — Thut gleich mir, lernt gleich mir: nur der Thäter lernt. — im Verehren ist mehr des Ungerechten noch als im Verachten Bezauberer — ich weiß auch schon bunte Decken aufzulegen: und wer sich aufs Pferd versteht, versteht sich wohl auch auf's Satteln. — und wenn du dem Himmel gram bist, wirf deine Sterne hinauf in den Himmel —: das sei deine ganze Bosheit! — steht nicht die Welt eben still? Wie mit furchtbaren Ringeln umwindet mich diese Stille! — ihr wußtet euch gut zu bemänteln, ihr Dichter! — er hat sich von der Tugend überwinden lassen: und nun nimmt all sein Schlimmes in ihm Rache dafür. — hier bist du blind, denn hier hört deine Redlichkeit auf — ich horchte auf Wiederhall, aber ich hörte nur Lob — er warf sich aus seiner Höhe herab, die Liebe zu den Niedrigen verführte ihn nun liegt er mit gebrochenen Gliedmaaßen — er redet viel von sich, das war sein Kunststück, sich selber zu verbergen. — Heil! Wie kam es doch, daß die Wahrheit hier einmal zum Siege kam? Ein starker Irrthum kam ihr zu Hülfe. — er ward mir gleichgültig, er machte mich nicht fruchtbar — wie arm ist der Mensch! Man sagt mir, er selber liebe sich: ach, wie arm ist auch diese Liebe noch! — mit diesen Schwertern zerschneide ich noch jede Finsterniß! 31 [37] — und wer geboren hat, ist krank. — ihr Schaffenden alle, an euch ist viel Unreinliches: das macht, daß ihr Mütter sein müßt. — der Schmerz macht Hühner und Dichter gackern — ein neues Kind, ein neuer Schmutz. Und wer geboren hat, soll sich reinigen. — auf den Stelzen seines Stolzes — wie wenn man Oel und Wasser durcheinander schüttelt — was um euch wohnt, das wohnt sich bald auch in uns ein. — die Selbständigen, — ihr müßt euch selber stellen lernen oder ihr fallt um. — ich selber setzte mir diese Krone auf: keine Hand war sonst stark genug dazu — mit Diebsaugen, ob sie schon im Reichthum sitzen. Und manche von ihnen nenne ich Lumpensammler und Aasvögel. — krumm gehen alle großen Dinge zu ihrem Ziele und machen Buckel und schnurren vor Glück wie Katzen. Seht doch, ob ihr den Muth hättet, wie ein Strom krumm zu gehn. — deine Tugend ist die Vorsicht der Schwangeren: du schützest und schonst deine heilige Frucht und Zukunft. — ein Schiffbruch spie ihn wieder ans Land Bezauberer — ihr werdet bald wieder beten lernen. Die alten Falschmünzer des Geistes haben auch euren Geist falsch gemünzt. 31 [38] — er weiß nicht mehr, wohin? auf dem Lande regnet es Feuer, und das Meer speit ihn aufs Land zurück. — heiter wie einer, der heimlich seinen Tod voraus genießt — nur wer weiß, wohin er fährt, weiß auch, was sein Fahrwind ist — wenn der Teufel sich häutet, fällt auch sein Name ab: der ist auch Haut. — das Mütterliche verehrt mir. Der Vater ist immer nur ein Zufall. — vergiß nicht deine Einsamkeit mit ins Gedränge zu nehmen — du wolltest ihr Licht sein, aber du hast sie geblendet. Deine Sonne selber stach ihnen die Augen aus. — nun brüllt die Unterwelt, alle Schatten zeugen wider dich und schreien: Leben — das ist Folterung! — und doch willst du dem Leben fürsprechen? — lüsterne Augen und andre Zukost gallichter Seelen — wo ich lange Finger machen sehe, ziehe ich's vor den Kürzeren zu ziehen — der Teufel hält sich von Gott fern, denn er ist ein Freund der Erkenntniß. — glückselig und wunderlich, einem Elephanten gleich, der versucht auf dem Kopfe zu stehen. — es ist nicht genug, daß der Blitz nicht mehr schadet: er soll lernen für mich arbeiten. 31 [39] — er redet ihnen ein, sie hätten den Weg verloren — dieser Schmeichler! Es schmeichelt ihnen, daß sie einen Weg hätten. — er hat sein Ziel verloren: wehe, wie wird er seinen Verlust verscherzen und verschmerzen! Bezauberer — es verräth dich, daß du nach Größe strebst: du bist nicht groß. — die tiefste Liebe, welche ihren Namen nicht weiß und fragt: “bin ich nicht Haß?” — im Leben todt, verborgen, vergraben, versteckt: oh Zarathustra, wie viele Male wirst du noch auferstehn! —  das klärte sich auf: nun geht es mich nichts mehr an. Hüte dich! einst könntest du über Zu-Viel aufgeklärt sein! — nicht den freien Geist, sondern den neuen Geist hassen die Gebundenen mit ihrem besten Hasse. — oh Glück, ich kam durch Haß und Liebe zu meiner Oberfläche: zu lange hieng ich in der Tiefe gleich allen Schweren und Schwermüthigen — ich schlief mich lange aus, um mich länger — auszuwachen. — ausbündig ungerecht, denn sie wollen gleiches Recht für Alle — er brütet mit Recht so lange auf seinem Mißgeschick: in diesem häßlichen Ei verbirgt sich ein schöner Vogel. — er möchte, daß endlich die Sternbilder seiner Tugend leuchten: dazu hat er seinen Geist verdunkelt und eine neue Nacht sich vorgehängt. — unbehülflich wie ein Leichnam — “und die vier Thiere sprachen: Amen” 31 [40] — Auch der Heiligste denkt: “ich will leben, wie ich Lust habe — oder ich habe keine Lust mehr zu leben”. — ihr überreichen, ihr tröpfelt gleich bauchichten Flaschen aus allzuengen Hälsen: solchen Flaschen brach man oft schon die Hälse, hütet euch! — die kleine Wohlthätigkeit empört, wenn kaum die größte verziehen wird. — wo ich immer fürchtete, werde ich endlich noch wünschen! Man lernt es, zuletzt seinen Abgrund lieben. — was mich an einem Weisen am meisten wundert, das ist, wenn er einmal klug ist. — selig und müde, gleich jedem Schöpf er am siebenten Tage Europäer — wo darf ich heimisch sein? darnach suchte ich am längsten, dies suchen bleibt meine stäte Heimsuchung — “wir kommen, um den frohesten Mann des Jahrhunderts zu sehen” — er ist unerschütterlich; und wenn er klagt, thut er es mehr aus Nachsicht gegen euch als gegen sich. — seine Härte vermäntelt durch leutselige Art — lieber noch Händel als Händler! — sie sagen von ihm: “er steigt”; aber er wird dem Balle gleich durch euch in seine Höhe gedrückt — durch eure und meine schwere Luft, daß er an euch leidet, das macht ihn steigen. — hier ist selber der Ehrgeiz erdrosselt; es gelüstet sie eher noch die Letzten zu sein als die Ersten. 31 [41] — ihr vergaßet die Zukünftigen, als ihr rechnetet: ihr vergaßet das Glück der Meisten. — nun lebt keiner mehr, den ich liebe: wie sollte ich noch mich selber ertragen! — in der Tugend giebt es nur Sprünge und Flüge: da soll Niemand — — er suchte seinen Feind und fand seinen Freund — ihr Leichen-Räuber, die ihr allen diesen Todten noch etwas abzustehlen wißt! — eurem Willen ein Rückgrat schaffen — dem Gottes-Mörder, dem Verführer der Guten — voll tiefen Mißtrauens, überwachsen vom Moose der Einsamkeit, langen Willens, ein Schweigsamer, der Feind aller Lüsternen — — und wer sie (am tiefsten) abgründlich verachtete, war er nicht eben dadurch ihr größter Wohlthäter? “in ihrem Kopfe ist weniger Sinn für das Rechte als in meiner linksten Zehe” — mißtrauisch und geschwürig, bereit zu plötzlichem Wollen, ein Lauerer und Horcher — ich wollte es nicht vorher; so muß ich es schon nachher wollen — alles muß ich also „gut machen”. — ihr Käfiche und enge Herzen, wie wolltet ihr freien Geistes sein! ihr Rauchkammern und verdumpften Stuben Gewissenhafter — nicht für seinen Glauben wird er von innenher verbrannt, sondern daß er zu seinem Glauben keinen Wunsch finden konnte 31 [42] — liebe ich denn die Menschen? Aber sie gehören zu meinem Werke. — oh ihr Weisen, die ihr lerntet ob eurer Thorheit zu frohlocken! Oh ihr Armen, Geringen, überflüssigen, deren Joch leicht ist! Em\<erson\> 283 — als aber der Alte so sprach, griff Zarathustra nach seiner Hand, welche zitterte und küßte sie “Weiche von mir, mein Versucher”, sprach er dann und lächelte — denn mitten in seinem Schmerz kam ihm eine scherzhafte Erinnerung. — die Eintags-Lehrer und andre Schmeiß-Fliegen. — enge Seelen, Krämer-Seelen! Denn wenn das Geld in den Kasten springt, springt des Krämers Seele mit. — Vielfraße oder Schmeckerlinge der Erkenntniß — wo Gold klingelt, wo die Hure herrscht — Geld und Wechsler soll man mit Handschuhen angreifen: und alles, was durch alle Finger geht. — zum Eigennutz sind die Meisten zu dumm — irgend eine Liebe ist ihr Wahnsinn; sie opfern Alles für Eins — willst du diese kaufen, so biete nicht zu wenig: sonst sagen sie „Nein” und gehen gebläht davon, mit gestärkter Tugend, als die “Unbestechlichen”. — mein Freund, die Tugend thut kein Ding mit “um“ und “weil” und “damit”; sie hat kein Ohr für solche kleinen Worte. 31 [43] — ihr Dichterlinge und Faulthiere, wer nichts zu schaffen hat, dem macht ein Nichts zu schaffen! — leicht und fertig, ein flug-bereiter, ein göttlich Leicht-Fertiger — was ich euch thun muß, das könntet ihr mir nicht wieder thun: es giebt keine Vergeltung! — die Einsamkeit reift: aber sie pflanzt nicht. — sie verfolgen mich? Wohlan, so lernen sie mir folgen. Aller Erfolg war bisher bei den Gut-Verfolgten. ich laufe flüchtig über euch hinweg, wie ein Blick über Schlamm. — er sah meine tiefste Schmach, an dem Zeugen will ich allein meine Rache haben Gott, der Alles sah, mußte sterben: der Mensch ertrug es nicht, daß dieser Zeuge lebte. — ein Schamhafter, den man dazu zwingen und nothzüchtigen muß, was er am liebsten möchte. — ungeduldig wie ein Schauspieler: der, der hat keine Zeit, auf die Gerechtigkeit zu warten — ihr Starken, nun blickt ihr gar noch begehrlich nach den Tugenden der Schwachen: aber an diesen hübschen Mägden sollt ihr streng vorübergehen! — du fühlst nicht einmal, daß du träumst: oh, so bist du noch ferne vom Aufwachen! — Bin ich nicht die Wetterscheide? Kommen alle Winde nicht zu mir und fragen mich nach meinem ja und Nein? 31 [44] Mann des Volks — er strebt ins Verbotene: das ist der Ursprung aller seiner Tugend. — schnell genug reitest du zu deinem Ziele: aber dein lahmer Fuß sitzt auch mit zu Pferde. Wenn du vom Pferde springst — dort, auf deiner Höhe gerade wirst du stolpern! daran erkenne ich den überreichen: er dankt dem, der nimmt. — einsame Tage wollen auf tapfern Füßen gehn — ein neuer Frühling quillt in allen meinen Asten, der heißt Genesung. Ich höre die Stimme des Südwinds und schäme mich: nach dunklen dichten Blättern begehrt die Scham meines jungen Glücks. — schwimmend in Billigkeit und Milde, ihrer Dummheit froh und daß Glück auf Erden so wohlfeil ist — ausgetrunkne trockne Seelen Hefe auf dem Grund, und sandige Flußbetten Heimatloser — wie sicher ist dem Unstäten auch ein Gefängniß! Wie ruhig schlafen eingefangene Verbrecher! Bezauberer — solche, die man mit erhabenen Gebärden überzeugt, aber mit Gründen mißtrauisch macht — erreglich an Hirn und Schamtheilen gleich Juden und Chinesen — euer Glaube, an dessen Thür der Ehebruch Gottes steht — zu nahe folgt ihr mir, ihr Zudringlichen und auf dem Fuße: unversehens werde ich euch einmal den Kopf eintreten! (spricht die Wahrheit zu dem Gewissenhaften) — eures Friedens Sonne dünkt immer mich zu schwül: lieber noch sitze ich im Schatten meiner Schwerter 31 [45] — einem Winde gleich, der alle Himmel hell und alle Meere brausen macht — umhergewirbelt, umhergetrieben, ihr Unstäten; auf allen Oberflächen habt ihr einmal geschlafen, als Staub saßet ihr auf allen Spiegeln und Fensterscheiben — er singt: da flog er wohl auch über sein Unglück weg, der f\<reie\> Vogel? Denn der Unglückliche schweigt. — gebt mir zu rathen: mit eurem Bewei\<sen\> ermüdet ihr den Hunger meines Geistes. — sie erfanden sich die heiligste Langeweile und die Begierde nach Mond- und Werkeltagen — hier kreisen und drehen sich furchtbare Dinge, hier klafft der Abgrund hier kläfft der Höllenhund, der Zukunft heißt, hier wird die weiseste Seele schwindlig. — ihr Sträflinge des Reichthums, klirren nicht eure Gedanken gleich kalten Ketten? — ohne Weiber, übel genährt, Nabel-beschauerisch und Athemzüge abzählend, die Langweiligen: was konnten sie sich Besseres erfinden als die Wollust Gottes? — in fernsten und kältesten Gedanken umgehend, wie ein Gespenst auf Winterdächern, zur Zeit, wo der Mond sich in den Schein legt — einer, bei dem Feinde wenig gut zu machen haben: denn er lacht zu bald wieder. — wer in der Tugend zu Heim- und Hause ist, redet mit ihr vertraulicher spöttischer. 31 [46] Zarathustra: man muß seinen Gott aus der Ferne sehen: nur so nimmt er sich gut aus. Darum hält sich der Teufel von Gott fern, denn er ist ein Freund des schönen Scheins. 31 [47] Der Bezauberer. vor Tugenden und Entsagungen auf den Knieen, gleich dem Pöbel, sonderlich aber vor der großen Keuschheit: vor der betete ich und warf mich hin. Was mir fremd war, was \<ich\> nie kennen durfte, sprach ich heilig: meine Nase roch am liebsten die mir Unmöglichen Zarathustra sagt: Viel Pöbels mag wohl in dir sein: wer da zu Heim- und Hause ist, redet vertraulicher, spöttischer 31 [48] — diese Schwerfälligen Geängstigten, welche ihr Gewissen grunzen macht: denn sie leiden immer an ihrem inneren Vieh. — bei bedecktem Himmel, wenn man Pfeile und tödtende Gedanken nach seinen Feinden schießt — denkendere Zeiten, zerdachtere Zeiten, als unser Heut und Gestern ist — diese Zeit: ist sie nicht wie ein krankes Weib, das rasen schreien schimpfen und Tisch und Teller zerbrechen muß, daß es endlich wieder Ruhe habe? — hartnäckige Geister, fein und kleinlich — oh wie traurig seid ihr Alle! Oh wie traurig sind eure Hanswürste noch! — ihr Verzweifelnden, wie viel Muth macht ihr allen denen, die euch zureden! — es steht schlimmer als ihr denkt: mancher meinte zu lügen und siehe, da traf er erst die Wahrheit! — du bist zu reich, oh Zarathustra, du verdirbst zu Viele, du machst uns Alle neidisch! sie lieben ach! und werden nicht geliebt; sie zerfleischen sich selber, weil niemand sie umarmen will. “Ist denn Nichts an mir zu lieben?” so schreit ihre Verzweiflung. — das ist so der Hang der kleinen Seelen: sie möchten das Große zu sich herabschmeicheln, daß es mit ihnen zu Tische sitze. 31 [49] — ach, sie fallen zurück in die starken Worte und die schwachen Thaten! Ach, sie heißen sich wieder Tugendhafte! — sie haben sich einst ihren Gott aus Nichts geschaffen: was Wunders, daß er ihnen zu nichte wurde — Ihr sagt “Wehe! es ist alles Schein!” Aber es ist alles Lüge. Ihr sagt: “Alles ist Leiden und Untergehen!” Aber ihr sagt immer nicht genug: denn Alles will leiden machen und untergehen machen! — ohne Gott, ohne Güte, ohne Geist — wir haben ihn erfunden, den häßlichsten aller Menschen! — ach, meine Brüder! Wohin ist das Gute und der Glaube der Guten! Wohin ist die Unschuld aller dieser Lügen! — ungeschickt und scheu, einem Tiger ähnlich, dem sein Sprung mißlang. — er verlernte Fleisch essen und mit artigen Weiblein spielen, er härmt sich über die Maaßen — einst —: ach wie fern dies Einst! Wie süß das Wort schon “Einst”, verirrten Glockenschlägen gleich, in dichten Wäldern — — ja, Mensch, Mensch — das ist ein langer Strick, und Zarathustra heißt der Knoten, der hineingeknüpft wurde! (der Wahrsager) Fabel — wie ein Wanderer der von fernen Dingen träumt unversehens auf einsamer Straße einen schlafenden Hund anstößt: wie Todfeinde sahen da die Beiden sich an, diese zwei zum-Tod-Erschreckten! Und doch im Grunde: wie wenig fehlte, daß sie einander streicheln und liebkosen! — der Tag klingt ab, es ist Zeit und Überzeit, daß wir aufbrechen 31 [50] — Distelköpfe, Tüftel-Tröpfe — übereilig gleich springenden Spinnen-Affen — zwischen Särgen und Sägespähnen — Schwindhunde und schmächtiges Gezücht rings um mich — ein kaltes Bad: willst du da hinein mit deinem Kopf und Herzen? Oh wie bald wirst du als rother Krebs dastehn! — der Fleißige, Treuliche, dem der Tag goldhell und gleich herauffließt — umringt von dämmernden Ewigkeiten, und über mir entwölktes Schweigen. — der den Eseln Flügel giebt und aus seinen Anklägern seine Fürsprecher macht, der Löwinnen melkt die Wellen um mich steigen höher und höher: bald soll mein Nachen nicht mehr auf dem Trocknen sitzen. — ihr habt mich mit Ketten gebunden, aber Henker und Folterer sind Gründe, mit denen man am besten überredet, wenn uns das Maul verbunden ist — sie denken klein von mir: sie nehmen Rache darum daß ich sie größer machen wollte! — zur Stunde, wo kein Hirt die Flöte bläst: denn der Mittag schläft auf den Fluren. — ein Weib, das an dem, was es liebt, leiden will freiwilliger Bettler — jene alte pfiffige Frömmigkeit, welche sprach “den Armen geben das ist Gott leihen: seid gute Bankhalter!” Und wenn ich deines Glaubens wäre, so wollte ich auch deines Wandels sein. denn sein Wille verlangte nach dem großen Mittage und nach seinem Untergange 31 [51] — Ihr heißt mich einen Aufopfernden? Aber wer je Opfer brachte, weiß, daß es nicht Opfer waren, was er brachte. — ein Ungeheuer von Überfluß und Vernunft, ein Verschwender mit tausend Händen, gleichgültig darin gleich einer Sonne — es gab einst Einen, der sprach: “ich bin die Wahrheit”, und nie wurde einem Unbescheidenen höflicher geantwortet als ihm. Dichter — mein Sinn und meine Sehnsucht geht auf Weniges und Langes: wie verachte ich eure kleinen kurzen Schönheiten! — “nichts ist wahr, alles ist erlaubt”, so redet ihr? ach! also ist auch diese Rede wahr, was liegt daran, daß sie erlaubt ist! — durch Bilder Tänze Töne und Schweigsamkeiten reden: und wozu wäre alle Welt da, wenn nicht alle Welt zu Zeichen und Gleichniß wäre! — da stehen sie da, die schweren granitnen Katzen, die Werthe aus Urzeiten: wer vermag sie umzuwerfen! — ein großer Mensch, ein Solcher, der um seiner Sache willen sein Mitleiden hinwirft und sein billiges Herz zu zerbrechen weiß: der es wagt und von sich erlangt, Viele und Vieles zu opfern, damit Er gedeihe — — aufgerichtet zur Säule in der Wüste großen Unglücks, starr stier geworden und steinern — still in seiner goldbraunen Traurigkeit, als einer, der zu viel Gutes geschmeckt hat — mein Herren-Reich von tausend Jahren, mein hazar — — weißt du das nicht? In jeder Handlung die du thust ist alles Geschehens Geschichte wiederholt und abgekürzt ihr Sinn ist ein Wider-Sinn, ihr Witz ist ein Doch- und Aber-Witz 31 [52] — eifersüchtig auch im Hasse: du willst deinen Feind für dich allein haben! — wie wenig reizte die Erkenntniß, wenn nicht auf dem Wege zu ihr so viel Scham zu überwinden wäre! — ihr liebt den Nutzen als das Fuhrwerk eurer Neigungen: aber ist nicht der Lärm seiner Räder auch euch noch unerträglich? — der Schritt verräth, ob einer schon auf seiner Bahn schreitet: und wer seinem Ziel näher kommt, der tanzt. — ihr redet von eurer Treue: aber eure bequeme Art ist es, die nicht will, daß ihr aus eurem Bette aufsteht. — deine Tugend war dir lieb: so heiße sie nunmehr auch nicht mehr Tugend, sondern deinen Geschmack — so nämlich will es guter Geschmack! — aber Zarathustra, sagte die Schlange, du Kluger, wie konntest du so handeln! Das war eine Dummheit! — “Es ist mir auch schwer genug geworden”. — dein böses Gewissen in dir: das ist die Stimme deiner ältesten Vorvordern, die dir zuredet. “Erbsünde”, mein Freund, das ist gewißlich ein Beweis deiner Erbtugend. — was redet ihr doch von hohen Gefühlen! In der Höhe fühle ich mich tief und fest und endlich auf meinem Grund und Heim-Boden. — ein Lehrer von Grund aus, ein Solcher, der alle Dinge nur um des Schülers willen ernst nimmt, und sich selber auch. — Geist haben ist nicht genug: man muß ihn noch sich nehmen, und dazu gehört viel Muth. 31 [53] — oh über den wunderlichen und grausamen Gott, den ihr als “die Liebe” preist! als der Gott entstand, war wohl alle Liebe noch wenig göttlich? — kalte kühle Menschen, solche denen man ihre Thorheiten nicht glauben will — wer von Herzen willig und wohl ist, der liebt auch die Seitensprünge: wehe aber allen den Unbedingten! es ist eine kranke Art. — ist nicht das Loben zudringlicher als alles Tadeln? — ohne Gründe habt ihr dies einst glauben gelernt: wie könnte ich wohl durch Gründe dies euch umwerfen! — “ich liebe meinen Gott von Grund aus: wie dürfte ich wollen, daß er mich wieder liebte! Er soll nicht so thöricht sein an mich zu glauben! wie alle Liebenden thun. — ihr Fieberkranken seht alle Dinge als Gespenster, und ihr Fieberlosen als leere Schatten: und doch braucht ihr Beide die gleichen Worte! — mein Gedächtniß sagt: “das that ich”, mein Stolz aber sagt dazu “das konnte ich nicht thun” und bleibt unerbittlich. Zuletzt — giebt das Gedächtniß nach! — er hat kalte vertrocknete Augen, vor ihm liegt jedwedes Ding entfedert nackt und farbenlos: und nun meint ihr, seine Ohnmacht zur Lüge sei “Liebe zur Wahrheit!” — ihr saht schlecht dem Leben zu, wenn ihr den noch nicht schautet, der mit schonenden Händen — tödtet! — er schüttelt sich, blickt um sich, streift mit der Hand über den Kopf — und nun heißt ihr ihn einen Erkennenden! Aber Freiheit vom Fieber ist noch nicht Erkenntniß. 31 [54] — der Erkennende von heute, welcher lehrt: einst wollte Gott zum Thier werden: siehe das ist der Mensch: — ein Gott als Thier! — die große Liebe will nicht zurückgeben und vergelten, im Meere der großen Liebe ist die Vergeltung ertrunken. — lernt mir doch endlich: “jeglich schlimmes Ding hat gute Kehrseiten.” — ihr Ertrinkenden alle, meint ihr, ich wüßte nicht, was ihr hier wolltet? euch an einen starken Schwimmer anklammern, der ich selber bin. — meint ihr, ich wollte es dem höheren Menschen leichter machen und bequemere Pfade zeigen? Immer mehr dieser eurer Art sollen zu Grunde gehn, und immer besser will ich selber darüber lachen lernen — ihr würdet den Stärksten noch mit euch hinab in die Tiefe ziehn: so blind und blöde greift ihr nach einem Retter! — ich lernte größeres Unheil sehen und bin darob, daß ihr schreit, nicht unlustig. — was geht mich euer Elend an! Meine Sünde hieße: Mitleiden mit euch! — meint ihr, ich sei da gut zu machen, was ihr schlecht machtet? — nun werfe ich meine goldnen Angelruthen weit hinaus in dies dunkle Meer: schwirrend beißt ihr Pfeil hinein in den Bauch seiner Trübsal. — nun ködere ich mir die wunderlichsten Menschen-Fische, nun will ich mein goldbraunes Gelächter darob haben, was alles da unten miß- und krummgeboren wird — thue dich auf, du unreiner Schooß der Menschen-Narrheit! Du abgründliches Meer, wirf mir deine buntesten Ungethiere und Glitzer-Krebse zu 31 [55] Ihr Miesler und Wunderlichen, ihr Mißrathenden, was gienge mich noch euer Elend an, wenn nicht auch daran es Viel zu lachen gäbe! Mitleiden mit euch —: so hieße die Eine Sünde, die mir noch übrig blieb Ihr Ertrinkenden alle, meint ihr, ich wüßte nicht, was ihr von mir auf meiner Höhe wolltet: das Meer schlingt euch hinab: nun wollt ihr euch an einen starken Schwimmer anklammern? Und wahrlich, so blind und wild greift ihr mit Arm und Bein nach einem Retter, daß ihr den Stärksten noch in eure Tiefe hinabzöget! Dazu lache ich nun, ein starker Schwimmer, der keinen kleinen Finger euch mehr entgegenstreckt: denn, griffet ihr ihn, so würdet ihr auch noch Hand und Herz dazu nehmen. Das ist euer Unbescheidnes, daß ihr leben, leben wollt, ob ich gleich an euch zu Grunde gienge 31 [56] “Ihr Könige und du Einer Esel!” 31 [57] das Haar Zarathustra's schwarz werdend (Löwe und Taubenschwarm) 31 [58] — es lief eine Sehnsucht durch die Lande und klopfte allen Einsiedlern an die Thür und sprach “Lebt denn Zarathustra noch?” 31 [59] — Dem guten Frager ist schon halb geantwortet. 31 [60] — Man muß seine Augen auch hinter dem Kopfe haben! 31 [61] Gespräch mit den Königen “ich sehe Könige vor mir: aber ich suche den höheren Menschen.” — Mit dem Schwerte dieses Wortes zerhaust du unseres Herzens Finsterniß — wir sind nicht die Ersten und müssen es bedeuten: dieser Betrügerei sind wir zuletzt satt und ekel geworden — lernt mir endlich doch: “jeglich schlimmes Ding hat zwei gute Kehrseiten” — oh Zarathustra, in ihrem Kopfe ist weniger Sinn für das Rechte als in deiner linksten Zehe. — unter schlimmem Gesindel erdrosselt sich der Ehrgeiz selber: hier gelüstet es einen mehr, den Letzten zu bedeuten als dieses Volkes Ersten.” — dem guten Frager ist halb schon geantwortet.— — seht doch, wie dies kam und kommen mußte: man muß sein Auge auch hinter dem Kopfe haben! — ausbündig ungerecht: denn sie wollen gleiches Maaß für Alle — beharrlich, einem Bauern gleich so grob wie listig — sie klammern sich an Gesetze an, und möchten Gesetze “festes Land” heißen: denn sie sind der Gefahr müde, aber im Grunde suchen sie einen großen Menschen, einen Steuermann, vor dem sich die Gesetze selber auswischen die große Maul und Klauenseuche — feine Dinge — sie greifen mit Schafsklauen darnach. Jeglich Wort gehört nicht in jedes Maul. süßliche schmeichelnde Hunde, wenn sie verehren ihre Weiber: willfährig, lüstern, vergeßlich — sie haben's alle nicht weit zur Hure. Und wer von ihnen sagt noch ehrlich für sein übermorgen gut? Wer — darf noch schwören und versprechen? Wer von ihnen bleibt noch fünf Jahr in Einem Hause und Einer Meinung? Menschen des guten Willens, aber unverläßlich, und nach Neuem gelüstig, diese Käfiche und engen Herzen, diese Rauchkammern und verdumpften Stuben — sie wollen freien Geistes sein — sie fühlen sich vom Pöbel nach Leib und Herzen und möchten das verstecken \<und\> gerne das Vornehme an- und überziehn: Erziehung nennen's \<sie\> — sie treiben's eifrig sie reden vom Glück der Meisten und opfern ihnen alle Zukünftigen sie haben ihre Tugend, man kann sie nicht für jeden Preis kaufen. Biete nicht zu wenig, sonst sagen sie “Nein!” und gehen gebläht davon, gestärkt in ihrer Tugend. “Wir sind die Unbestechlichsten!” die Eintagslehrer und andre Schmeißfliegen und oft sind sie gleich jener Schamhaften, welche \<man\> zu dem, was sie am liebsten möchte, noch zwingen und nothzüchtigen muß. — seines Friedens Sonne dünkte mich schwül und flau: lieber noch sitze ich im Schatten geschwungener Schwerter. — schwimmend in Billigkeit und Milde, ihrer Dummheit froh und daß Glück auf Erden so wohlfeil ist 31 [62] Das Abendmahl. Also sprach der König und Alle traten auf Zarathustra zu und erwiesen ihm abermals ihre Ehrfurcht; Zarathustra aber schüttelte das Haupt und wehrte ihnen mit der Hand. “Willkommen hier! sprach er zu seinen Gästen. Von Neuem heiße ich euch willkommen, ihr Wunderlichen! Auch meine Thiere grüßen euch, voller Ehre und voller Furcht: noch niemals nämlich sahen sie so hohe Gäste! Doch seid ihr mir keine kleine Gefahr — so raunen mir meine Thiere zu. “Nimm dich in Acht vor diesen Verzweifelnden!” spricht mir die Schlange am Busen; — vergebt ihrer Liebe zu mir diese scheue Vorsicht! Von Ertrinkenden spricht mir heimlich meine Schlange: das Meer zieht sie hinab — da möchten sie sich gern an einen starken Schwimmer anklammern. Und wahrlich, so blind und wild greifen Ertrinkende mit Armen und Beinen nach einem Retter und Gutwilligen, daß sie den Stärksten mit in ihre Tiefe hinabziehn. Seid ihr — solche Ertrinkende? Den kleinen Finger strecke ich euch schon entgegen. Wehe mir! Was werdet ihr nun noch von mir nehmen und an euch reißen!” — Also sprach Zardthustra und lachte dabei voller Bosheit und Liebe, während er mit der Hand den Hals seines Adlers streichelte: der nämlich stand neben ihm, gesträubt, und wie als ob er Zarathustra gegen seine Besucher zu schützen hätte. Dann aber reichte er dem Könige zur Rechten die Hand, daß dieser sie küsse, und begann von Neuem, herzhafter noch als vorher: — — — 31 [63] Das Abendmahl. Das Lied des Lachenden. Die Begrüßung. Das Abendmahl. Die Improvisation. Die Rosenrede. 31 [64] Als aber Zarathustra seine Gäste dergestalt wieder fröhlich fand und durcheinander redend, verließ er sie und trat leisen Schrittes hinaus vor seine Höhle. “Sie sind glücklich, ich habe sie geheilt, sprach er zu seinem Herzen: wie gut will dieser Tag enden, der so schlimm begann! Da kommt schon der Abend über das Meer, heranreitend wiegt er sich, der Sehnsüchtige, in seinen purpurnen Sätteln. Der Himmel blickt klar dazu, die Welt liegt tief: oh all ihr Wunderlichen, die ihr zu mir kamt, ihr thatet Recht damit: es lohnt sich schon, bei mir zu leben!”— Also sprach Zarathustra zu seinem Herzen und wurde immer stiller: inzwischen aber war Einer nach dem Andern von den Gästen Zarathustra's aus der Höhle hinausgetreten; und das, was sie hier draußen sahen, machte endlich jeden von ihnen stille. So standen sie bei einander, sich stumm die Hände reichend und hinausblickend: da aber kam aus der Tiefe heimlich der Klang jener alten schweren Brummglocke, jener Mitternachts-Glocke Zarathustra's, deren Schläge er gerne abzählte und mit Reimen absang, und auch dies Mal kam sie schwer beladen mit Lust und Wehe: — da schauerte ihnen Allen das Herz. Zarathustra aber, welcher Alles wohl errieth, sprach mit Bosheit sowohl als mit Liebe, ohne sie anzusehn, vielmehr wie Einer, der zu sich allein redet, wenig laut, aber deutlich genug: “Oh seht mir doch diese Verzweifelnden! Oh seht mir doch diese Verzweifelnden!” — Sobald aber seine Gäste dies Wort hörten, wurden sie sich mit Einem Male ihrer Verwandlung und Genesung bewußt: da lachten sie über sich selber und Alle sprangen auf Zarathustra zu, dankend, verehrend und liebend oder ihm die Hände küssend, so wie es der Art eines jeden zu eigen war: also daß auch Einige weinten. Der Wahrsager aber tanzte vor Vergnügen; und wenn er auch, wie Manche meinen, damals voll süßen Weins war, so war er sicherlich noch voller des süßen Lebens und hatte aller Lebens-Müdigkeit abgesagt. Zarathustra gab Acht darauf, wie der Wahrsager tanzte und zeigte mit dem Finger darnach: dann aber entriß er sich mit Einem Male dem Gedränge der Dankenden und Liebenden und nahm seine Zuflucht zu einer schroffen Klippe, an der er einige Schritte emporkletterte, indem er sich im Steigen einige Rosen und Rosenranken abriß. Von dieser Höhe her und, wie eben gesagt, mit Rosen in den Händen, nahm er an jenem Abende zum letzten Male das Wort: hinabschauend auf diese Schaar von Verzweifelten, welche nicht mehr zweifelten, von Ertrinkenden, welche auf gutem festem Lande standen, lachte er aus ganzem Herzen, wand die Rosen zum Kranze und sprach die Rede, welche man heißt: Die Rosen-Rede. Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone.- ich selber setze mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelächter. Keinen Anderen fand ich heute stark genug dazu. Wie gut doch, daß ihr zu meiner Höhle kamt, Dies zu schaun! Wie danke ich's eurer Sorge und Sehnsucht, welche Berge stieg und am rechten Orte anfragte: “Lebt denn Zarathustra noch?” Einem guten Frager ist halb schon geantwortet. Und wahrlich eine ganze gute Antwort ist das, was nur hier ihr mit Augen seht: Zarathustra lebt noch und mehr als je: — Zarathustra der Tänzer, Zarathustra der Leichte, der mit den Flügeln winkt, ein Flugbereiter, allen Vögeln zuwinkend, bereit und fertig, ein göttlich Leichtfertiger — ich selber setzte mir diese Krone auf! — Zarathustra der Wahrsager, Zarathustra der Wahr-Schweiger, kein Ungeduldiger, kein Unbedingter, einer der Sprünge und Seitensprünge liebt — ich selber setzte mir diese Krone auf! Schüttelt mich zusammen mit allen Erden-Thränen und allem Menschen-Jammer: immer werde ich wieder obenauf sein wie Oel auf Wasser. Und bin ich der Erde einmal gram: des Himmels Sterne reißt da meine Bosheit noch herab zur Erde — das ist so die Art aller Zarathustra-Rache. Und wenn es auf Erden auch Moor und Trübsal giebt und ganze Meere schlimmen Schlammes: wer leichte Füße hat, läuft über Schlamm noch dahin — schnell wie über gefegtem Eise. Und wenn ich Feinde brauche und selber oft mein schlimmster Feind bin: Feinde haben wenig bei mir gut zu machen, ich lache zu schnell wieder nach jedem Unwetter Und ob ich schon in vieler Wüste war und Wüsten-Wildniß: zum Wüsten-Heiligen ward ich nicht, noch stehe ich nicht da starr, stumpf, steinern, eine Säule: vielmehr — ich schreite. Der Schritt verräth, ob Einer schon auf seiner Bahn schreitet. So seht mich gehen! Wer aber seinem Ziele nahe kommt, der — tanzt! Krumm kommen alle guten Dinge ihrem Ziele nahe, gleich Katzen machen sie da Buckel, sie schnurren innewendig vor ihrem nahen Glücke: alle guten Dinge lachen! Welches war hier auf Erden die größte Sünde? Das war das Wort dessen, der sprach: „Wehe denen, die hier lachen!” Fand er zum Lachen auf der Erde selber keine Gründe? So suchte er nur zu schlecht: ein Kind findet hier noch Gründe. Oh daß er sich doch selber — gefunden hätte! Der — liebte nicht genug, sonst hätte er auch uns noch geliebt, die Lachenden. Aber er haßte uns und höhnte uns nur; Heulen und Zähneklappern verhieß er uns, den Lachenden! Wo man ihn nicht liebte, diesen Unbedingten, da wollte er gleich sieden und braten. Er selber liebte nicht genug: sonst hätte er weniger begehrt, daß man — ihn liebe. Geht aus dem Wege allen solchen Unbedingten! Das ist eine arme kranke Art, eine Pöbel-Art. Sie sehen schlimm diesem Leben zu, sie haben schwere Füße und Herzen. Erhebt eure Herzen, meine Brüder, hoch! höher! aber vergeßt mir auch die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und besser noch: ihr steht auch auf eurem Kopfe! Es giebt auch im Glücke schweres Gethier, es giebt Plumpfüßler von Anbeginn. Wunderlich mühen sie sich ab, solche Glückselige, einem Elefanten gleich, der sich müht, auf dem Kopf zu stehen. Besser aber noch, närrisch sein vor Glücke als vor Unglücke! Besser plump tanzen als lahm gehn! So lernt mir doch meine Weisheit ab: “Jedwedes schlimme Ding hat zwei gute Kehrseiten.” So verlernt mir doch das Trübsal-blasen und alle Nachtwächter-Traurigkeit! Oh wie traurig dünken mich heute die Hanswürste noch! Dies Heute ist des Pöbels: so verlernt mir doch dies — Heute! Dem Winde thut mir gleich, der hier aus seinen Berghöhlen herunter stürzt. Nach seiner eignen Pfeife will er tanzen, die Meere zittern und hüpfen unter seinen tanzenden Fußtapfen. Der den Eseln Flügel giebt, der Löwinnen melkt: ehrt mir doch diesen unbändigen guten Geist, der allem Heute und allem Pöbel wie ein Sturmwind kommt, — — der Distel- und Diftelköpfen feind ist und allen kleinen mürrischen Unkräutern, diesen wilden guten freien Sturmwind, der allen Schwer- und Schwarzsichtigen, Schwärsüchtigen Staub in die Augen bläst: — der die Pöbel-Schwindhunde haßt und alles mißrathene düstere Gezücht: ehrt mir doch diesen Geist aller freien Geister, diesen lachenden Sturm, welcher über Meeren und Trübsalen wie auf Wiesen tanzt. Hinaus, hinaus nun, du Wildfang und Unband! Von wem redest du doch? Fliege fern hinaus, du guter Brausewind! Wie ein Schrei und ein jauchzen fliege über weite Meere, bis du die glückseligen Inseln findest — grüße meine Kinder auf ihren Inseln, bringe ihnen den Gruß eines Nachbarn der Sonne, eines Nachbarn des Schnees, eines Nachbarn des Adlers, bringe ihnen zum Gruß die Liebe ihres Vaters! Meine Kinder, meine Wohl-Geborenen, meine neue schöne Art: was zögern meine Kinder auf ihren Inseln? Ward es nicht Zeit und höchste Zeit — so blase ihnen ins Ohr, du guter Sturmgeist — daß sie endlich zu ihrem Vater kommen? Warte ich nicht auf meine Kinder als Einer, dess Haar weiß und greis ward? Hinaus, hinaus, du unbändiger guter Sturmgeist! Stürze hinab ins Meer aus deinen Berghöhlen, spute dich und segne vor Abend meine Kinder noch — segne sie mit meinem Glücke, mit diesem Rosenkranz-Glücke! Wirf diese Rosen über ihre Inseln hin, wie ein Fragezeichen, welches fragt: „Woher kam solch Glück?” — bis sie fragen lernen: „Lebt unser Vater noch? Wie, lebt unser Vater Zarathustra noch? Liebt unser alter Vater Zarathustra seine Kinder noch?” Locke meine Kinder zu mir mit meinem besten Glücke! Ködere sie hinauf zu meiner treulichen goldbraunen Vater-Sehnsucht! Träufle auf sie den Honig einer langen langen Vater-herzens-Liebe! Der Wind bläst, der Wind bläst, der Mond scheint, — oh meine fernen fernen Kinder, was weilt ihr nicht hier, bei eurem Vater? Der Wind bläst, keine Wolke steht am Himmel, die Welt schläft. — Oh Glück! Oh Glück! Kaum aber hatte Zarathustra diese Worte gesprochen, da erbebte er bis in die Wurzel seines Herzens: denn er merkte, als er zu seinen Füßen hinabblickte, daß er ganz allein war. Er hatte seine Gäste vergessen — hatten seine Gäste auch ihn vergessen? “wo seid ihr? Wo seid ihr?” rief Zarathustra in die Nacht hinaus: aber die Nacht schwieg. — “Wo seid ihr? Wo seid ihr, meine Thiere?” rief Zarathustra abermals in die Nacht hinaus. Aber auch seine Thiere blieben stumm — — 31 [65] Das Lied des Zauberers. Von der Wissenschaft. Die Rosenrede. 31 [66] Die Glücklichen sind neugierig. 31 [67] Und wenn ihr mich euren Herrn und Meister nennt: so will ich's euch in Reimen sagen, was dieser Meister von sich selber denkt. Also nämlich schrieb ich einst über meine Hausthür, ich meine über den Eingang dieser Höhle: — — — 31 [68] Auf dieser Erde giebt es kein größeres Unglück als wenn die Mächtigen der Erde nicht auch die ersten Menschen sind. Da nämlich wird alles schief falsch und — — — Wenn aber alles falsch wird, was Wunders, wenn dann der Pöbel trachtet Herr zu sein? Dann spricht die Pöbel-Tugend “siehe, ich allein bin Tugend! Solches geschieht zwischen Heut und Morgen: wie das aber kam und kommen mußte — — — 31 [69] ich will d\<eutsch\> und deutlich mit euch reden Bis jetzt weiß ich wenig mit euch anzufangen — Das Beste ist noch, daß wir mit einander schmausen. 31 [70] die 2 Könige der freiwillige Bettler der Zauberer der Gewissenhafte des Geistes der häßlichste Mensch der Papst außer Dienst der Wanderer der Mittags\<schläfer\> [Winter 1884 — 85] [Dokument: Heft] 32 [1] Zurückführung der moralischen Werthschätzungen auf ihre Wurzeln. 32 [2] Er sprach für uns Alle, du erlöstest uns vom Ekel — dies ist eine der schlimmsten Krankheiten dieser schlimmen Zeit Zarathustra: welches Geschenk brachtet ihr mir — ihr könnt selber nicht wissen, was ihr mir eben schenktet! du lehrst einen neuen Adel zu züchten du lehrst Colonien gründen und die Staaten-Krämer-Politik verachten dir liegt am Schicksal des Menschen du führst die Moral über sich hinaus (Überwindung des Menschen, nicht nur “gut und böse” Sündenbewußtsein) Zarathustra's Rede vom höheren Menschen ihr müßt die Vortheile dieser schlimmen Zeit ausfindig machen. 32 [3] Die gute Mahlzeit. Von den höheren Menschen. Das Lied des Zauberers. Von der Wissenschaft. Die Rosenrede. 32 [4] Zum “häßlichsten Menschen” Verzage nicht, oh meine Seele, ob des Menschen! Lieber weide noch dein Auge an allem seinem Bösen, Seltsamen und Furchtbaren! “Der Mensch ist böse” — so sprachen zu meinem Troste mir noch aller Zeiten Weiseste. Oh daß das Heute mich seufzen lehrte: “Wie! Ist es auch noch wahr?” “Wie? Ist dieser Trost dahin?” Also seufzte mein Kleinmuth. Nun aber tröstete mich dieser Göttlichste. 32 [5] Pöbel, das will heute sagen: Mischmasch. Darin ist Alles in Allem durcheinander: Hallunken und Heilige und Junker und Juden und Gott und jeglich Vieh aus der Arche Noah. Und diese Frauen von heute — sind sie nicht auch rechte schlechte Pöbel-Frauen? willfährig, genüßlich, vergeßlich, mitleidig, — sie haben's alle nicht weit zur Hure. — Meine Freunde, so ihr Solches euren Frauen einmal erzählt, so sagt schicklich und gütlich dazu, “Du allein nämlich, meine Liebste, bist die Ausnahme. Und Zarathustra läßt dich grüßen.” 32 [6] Du schlimmer alter Zauberer, das ist dein Bestes und Redlichstes was ich an dir ehre: daß du endlich deiner müde wurdest und aussprachst: „ich bin nicht groß”. Spät genug kamst du zu dieser Redlichkeit. Du Friedloser, Falscher, Unerlösbarer, wie manche Stunde flüsterte dir dein Teufel zu: “mache vorerst doch an dich glauben, sprich, du gerade könntest sie erlösen, du bist falsch genug dazu!” 32 [7] Aber nun laßt mir diese Kinderstube, meine Höhle und kommt heraus! Kühlt hier draußen euren heißen Übermuth und lernt stille werden vor Glück. Die Nacht blickt klar, der Mond scheint, keine Wolke steht am Himmel: fragt mich, fragt euch, ihr Wunderlichen, ob es sich lohnt — zu leben! Zarathustra aber sprach die Worte, die er schon Ein Mal gesprochen, damals als er dem Leben sein Jawort für die Ewigkeit, und die Ewigkeit für dies selbe und gleiche Leben: seine Stimme aber hatte sich verwandelt. Und alle, die Zarathustra's Frage hörten, antworteten darauf mit ihrem Herzen, keiner aber sprach ein Wort. So standen sie bei einander, sich stumm bei den Händen haltend und hinausblickend. Da — — — 32 [8] Das Heimweh ohne Heim. Der Wanderer. — also daß wenig mir zum ewigen Juden fehlt, es sei denn, daß ich weder ewig und auch nicht Jude bin. — was um mich wohnt, das wohnt sich auch bald ein. — wenn der Teufel sich häutet, fällt auch sein Name ab: der ist auch Haut. — nur wer weiß, wohin er fährt, weiß auch, was sein Fahrwind ist — er hat sein Ziel verloren: wehe, wie wird er seinen Verlust verscherzen und verschmerzen! — er redet ihnen ein, sie hätten den Weg verloren — dieser Schmeichler! Es schmeichelt ihnen, daß sie einen Weg haben sollen! — das klärte sich auf: nun geht es mich nichts mehr an. — Hüte dich, du könntest über zu-Viel aufgeklärt werden! — auch der Heiligste denkt: “ich will leben, wie ich Lust habe — oder ich habe keine Lust mehr zu leben! — wo darf ich heimisch sein? Darnach suchte ich am Längsten: das Suchen blieb meine stäte Heimsuchung. — ich wollte es nicht vorher, so muß ich es schon nachher wollen — Alles muß ich also “gut machen” — nun lebt keiner mehr — den ich liebe: wie sollte ich noch mich selber ertragen! — diese Käfiche und engen Herzen — wie wollten sie freien Geistes sein! Und wer nicht alle Verbrechen gethan hat, wie — — die Eintagslehrer und andere Schmeißfliegen — wo Gold klingelt, wo die Hure herrscht, wo man nur mit Handschuhen greifen und angreifen darf — die Allzuschamhaften, die man noch zu dem zwingen und nothzüchtigen muß, was sie am liebsten möchten — erreglich an Hirn- und Schamtheilen, gleich Juden und Chinesen — solche, die man mit erhabenen Gebärden überzeugt, aber mit Gründen mißtrauisch macht — wie sicher ist dem Unstäten auch ein Gefängniß! Wie ruhig schlafen eingefangene Verbrecher! “siehe dich vor, daß du der Wahrheit nicht zu nahe auf dem Fuße folgst: sie dürfte dir sonst den Kopf eintreten! “Wie? Du nennst dich einen freien Geist? Hast du schon alle Verbrechen gethan? dein verehrendes Herz zerbrochen? — ausgetrocknete sandige Seelen, trockne Flußbetten: wie — freie Geister? — er strebte ins Verbotene: das ist der Ursprung aller seiner Tugend. — bis du in fernsten und kältesten Gedanken umgegangen, einem Gespenste gleich auf Winterdächern? — aufgewirbelt, umhergetrieben, unstät: auf allen Oberflächen habe ich schon einmal geschlafen, als Staub saß ich schon auf jedem Spiegel, jeder Fensterscheibe es steht schlimmer als ihr denkt: mancher meinte zu lügen, und da erst traf er die Wahrheit! — — diese Schwerfälligen Geängstigten, welche ihr Gewissen grunzen macht: denen gleiche ich nicht — was macht Europa? — Oh das ist ein krankes wunderliches Weibchen: das muß man rasen schreien und Tisch und Teller zerbrechen lassen, sonst hat man nimmer vor ihm Ruhe: ein Weib, das an dem, was es liebt, leiden will. — denkendere Zeiten, zerdachtere Zeiten, als unser Heut und Gestern ist — ach, wohin ist das Gute und der Glaube der Guten! Ach, wohin ist die Unschuld aller dieser edlen Lügen! — der Gott, den sie einst aus Nichts geschaffen — was Wunder! er ist ihnen nun zu Nichts geworden — übereilig gleich springenden Spinnaffen — ein kaltes Bad — willst du da hinein mit deinem Kopf und Herzen? Oh wie bald wirst du als rother Krebs dastehen! (Zarathustra sieht einen feuerrothen Menschen kommen) — zwischen Särgen und Sägespähnen leben; ich hatte keine Lust zum Handwerk der Todtengräber — „nichts ist wahr! alles ist erlaubt!” ich habe alle Verbrechen begangen: die gefährlichsten Gedanken, die gefährlichsten Weiber — einst gieng mein Sinn auf Weniges und Langes: aber wo fände sich das heute! so verachte ich denn die kleinen kurzen Schönheiten nicht — wie wenig reizte die Erkenntniß, wenn nicht auf dem Wege zu ihr so viel Scham zu überwinden wäre — — die Erkennenden von heute, welche lehren: einst geschah's, daß Gott zum Thier werden wollte Gott selbst als Thier: siehe, das ist der Mensch! — ein freier Geist, aber ein schwacher Wille; Flatter-Flügel, aber ein gebrochenes Rückgrat — bald sperren sie sich, bald zerren sie sich, diese lieben Vaterländer 1, 9, 24, 2, 39, 13, 14 6, 5, 4, 35, 8, 37, 30 38, 11, 10 21, 32, 33, 23, 27, 16, 28 15, 36, 22, 20, 34, 7, 25, 3, 16, 26, 29 18, 12 19 Der gute Europäer 1, 9, 24, 2 (lachend über die Vaterländer) Heimatlos, Herumstreicher 13, 14 genüßlich 8 6, 5, 4, 35 ziellos, durch Nichts im Zaum gehalten 37, 30, 38 schwachen Willens 11, 10 21, 32, 33 an die stärksten (stimulantesten) Gedanken, die kältesten Bäder 23 gewohnt: 27 voraus: das heißt Europäerthum 16, 28 und greise Völker gleich Juden 15, 36 (Scham überwinden — — 22, 20 Verbrechen des Gedankens 34 “alles ist erlaubt” 7, 25, 3, 16, 26, 29 voller Hohn über die Moral 18, 12 Gefahr in einen Käfich sich selber einzufangen 19 des Geistes müde, verekelt 32 [9] Der Wissen- und Gewissenhafte. — Ein Erkennender von heute, welcher fragt: was ist doch der Mensch? Gott selber als Thier? Einstmals nämlich, dünkt mich, wollte Gott zum Thiere werden. — kalte kühle Menschen, solche denen man ihre Thorheiten nicht glauben will: man legt sie schlimm aus als schlimme Klugheiten. — ohne Gründe habt ihr dies nicht glauben gelernt: wie könnte ich wohl durch Gründe euch diesen Glauben umwerfen! — ist nicht das Loben zudringlicher als alles Tadeln? Ich verlernte auch das Loben, es fehlt darin an Scham. — diese Wissen- und Gewissenhaften; wie sie mit schonender Hand- tödten! — ihr Gedächtniß sagt „das that ich”, ihr Stolz aber sagt “das konntest du nicht thun”: und läßt sich nicht erbitten. Zuletzt — giebt ihr Gedächtniß nach. — er hat kalte vertrocknende Augen, vor ihm liegt jedwedes Ding entfedert und ohne Farbe, er leidet an seiner Ohnmacht zur Lüge und heißt sie „Wille zur Wahrheit”! — er schüttelt sich, blickt um sich, streicht mit der Hand über den Kopf, und nun läßt er sich einen Erkennenden schelten. Aber Freiheit vom Fieber ist noch nicht "Erkenntniß”. — die Fieberkranken sehen alle Dinge als Gespenster, und die Fieberlosen als leere Schatten — und doch brauchen sie beide die gleichen Worte. — Aber du Kluger wie konntest du so handeln! Es war eine Dummheit! — “Es ist mir auch schwer genug geworden.” — Geist haben ist heute nicht genug: man muß ihn noch sich nehmen, sich Geist „herausnehmen”; dazu gehört viel Muth. — es giebt auch solche, die verdorben sind zum Erkennen, weil sie Lehrer sind: sie nehmen nur um des Schülers Willen die Dinge ernst und sich selber mit. — da stehen sie da, die schweren granitnen Katzen, die Werthe aus Urzeiten: und du, oh Zarathustra, du willst sie umwerfen? — ihr Sinn ist ein Wider-Sinn, ihr Witz ist ein Doch- und Aberwitz. — jene Fleißigen Treulichen, denen jeder Tag goldhell und gleich herauffließt — wie ein Wanderer, der von fernen Dingen träumt, unversehens auf einsamer Straße einen schlafenden Hund anstößt: wie Todfeinde sahen Beide sich an, zum Tod erschreckt. Und doch! wie wenig fehlt im Grunde daß sie einander streichen, liebkosen, trösten: diese zwei Einsamen! — hartnäckige Geister, fein und kleinlich — gieb mir zu rathen: dein Beweisen ermüdet den Hunger meines Geistes. — du fühlst noch nicht einmal, daß du träumst: oh, da bist du noch fern vom Aufwachen! — mein Freund, die Tugend thut kein Ding mit “um“ und “weil” und „damit” sie hat kein Ohr für solche kleinen Worte. — voll tiefen Mißtrauens, überwachsen vom Moose der Einsamkeit, langen Willens, ein Schweigsamer, du Feind aller Lüsternen — nicht für seinen Glauben wird er verbrannt, von innen her, mit kleinem grünem Holze: sondern dafür, daß er zu seinem Glauben heute keinen Muth mehr finden kann — unbehülflich wie ein Leichnam, im Leben todt, vergraben, versteckt: er kann nicht mehr stehen, dieser Kauernde, Lauernde: wie könnte er jemals — auferstehen! — es ist nicht genug, daß der Blitz nicht mehr schadet, er soll lernen, für mich zu arbeiten. — du wolltest ihnen Licht sein, aber du hast sie geblendet. Deine Sonne selber stach ihnen die Augen aus. — wie geschah es doch, daß die Wahrheit hier zum Siege kam? Kam ihr wohl ein starker Irrthum zu Hülfe? — hier bist du blind, denn hier hört deine Redlichkeit auf. — sie liegen auf dem Bauche vor kleinen runden Thatsachen, sie küssen Staub und Koth zu ihren Füßen, sie frohlocken: hier ist endlich Wirklichkeit! 32 [10] Der freiwillige Bettler. Erst dann kehrte ich zur Natur zurück — Gehörst du zu denen, welche begeistert sind für grünes Gemüse, allen Freuden des Fleisches abhold? predige Bergpredigten und Philosophie fürs liebe Vieh — sie sind kalt: daß ein Blitz in ihre Speisen schlüge und ihre Mäuler lernten Feuer fressen! — meiner selber ward ich müde: und siehe, da erst kam mein Glück zu mir, das auf mich gewartet hatte seit Anbeginn. — sie sitzen da mit gebundenen Pfoten, diese Kratz-Katzen, nun können sie nicht kratzen, aber sie blicken Gift aus grünen Augen. — mancher schon warf sich aus seiner Höhe herab. Das Mitleiden mit den Niedrigen verführte ihn: nun liegt er da mit gebrochnen Gliedmaßen. — was half es, daß ich so that! Ich horchte auf Wiederhall, aber ich hörte nur Lob. — mit Diebsaugen, ob sie schon im Reichthum sitzen. Und Manche von ihnen nenne ich Lumpensammler und Aaasvögel. — ich sah sie, wie sie's von ihren Vätern her gewohnt sind, lange Finger machen: da zog ich's vor, den Kürzeren zu ziehn. — lüsterne Augen, gallichte Seelen — lieber noch Händel als diese Händler! Mit Handschuhen soll man Geld und Wechsler angreifen! — die kleine Wohlthätigkeit empört, wo die größte kaum verziehen wird. — ihr überreichen, ihr tröpfelt gleich bauchichten Flaschen, aus allzuengen Hälsen: hütet euch, solchen Flaschen brach Ungeduld oft schon die Hälse! — ich schämte mich des Reichthums, als ich unsre Reichen sah, ich warf von mir was ich hatte und warf mich dabei selber hinaus in eine Wüste. 2 — Mein werther Fremdling, wo weiltest du? Treibt heute nicht Jedermann Schacher? sie sind allesammt selber käuflich, nur nicht für jeden Preis: willst du sie aber kaufen, so biete nicht zu wenig, du stärkst sonst ihre Tugend. Sie sagen dir sonst Nein! und gehn gebläht davon, als die Unbestechlichen — alle diese Eintagslehrer und Papier-Schmeißfliegen! — enge Seelen, Krämer-Seelen: denn wenn das Geld in den Kasten springt, springt des Krämers Seele mit hinein. — “Daran erkenne ich den überreichen: er dankt dem, der nimmt” sagt Zarathustra. — Sträflinge des Reichthums, deren Gedanken kalt gleich Ketten klirren. — sie erfanden sich die heiligste Langeweile und die Begierde nach Mond- und Werkel-Tagen — wie ein Wanderer, der von fernen Dingen träumt, unversehens einen schlafenden Hund auf einsamer Straße anstößt: wie Todfeinde sahen da die Beiden sich an, beide zum Tod erschreckt: und doch, im Grunde: wie wenig fehlte, daß die Beiden sich streichelten und liebkosten, die zwei Einsamen! — nicht aus jener alten pfiffigen Frömmigkeit, welche sprach, “den Armen geben, das ist Gott leihen. Seid gute Bankhalter!” — ihr liebt den Nutzen als das Fuhrwerk eurer Neigungen, aber ist der Lärm seiner Räder euch nicht unerträglich? Ich liebe das Unnützliche. — ihre Weiber: willfährig lüstern vergeßlich: sie haben's alle nicht weit zur Hure. Ich liebe die Stille, und jene lieben den Lärm, darum — — — 32 [11] Vom höheren Menschen. “So ihr nicht werdet wie die Kinder” — Nein! Nein! Drei Mal Nein! Das ist vorbei. Wir wollen auch gar nicht ins Himmelreich. Männer sind wir worden, So wollen wir das Erden-Reich. (Nein! Nein! Drei Mal Nein! Was Himmel-Bimmel-bamm! Bam! Wir wollen nicht ins Himmelreich: das Erden-reich soll unser sein!) “ihr werdet in die Höhe gedrückt, zu mir: mag das Volk sprechen “ihr steigt”. Ihr seid mir — Gedrückte! — im Zeitalter, wo die Zufriedenheit des Pöbels herrscht, und wo der Ekel schon den höheren Menschen bezeichnet: 32 [12] Die sieben Einsamkeiten. Und wenn ich einmal mit Wölfen heulen muß, so mache ich's gut genug; und mitunter sagte ein Wolf: „du heulst besser als wir Wölfe”. 32 [13] Der Rundgesang. Als sie aber lange so gestanden hatten und die Heimlichkeit der Nacht ihnen näher und näher ans Herz kam, da geschah das, was an jenem erstaunlichen langen Tage das Erstaunlichste war. Zuerst nämlich begann der häßlichste Mensch von Neuem zu gurgeln und zu schnauben: als er es aber bis zu Worten gebracht hatte, da kam eine Frage klar und deutlich aus seinem Munde, die Allen, die sie hörten, das Herz im Leibe umdrehte. Meine Freunde insgesamt, sprach der häßlichste Mensch, was dünket euch? Um dieses Tags Willen — ich bin's zum ersten Male zufrieden, daß ich dies ganze Leben lebte. Und daß ich soviel bezeuge, ist mir noch lange nicht genug. Es lohnt sich auf der Erde zu leben; Ein Tag mit Zarathustra zusammen lehrte mich die Erde lieben. “War Das — das Leben? will ich zum Tode sprechen. Wohlan! Noch Ein Mal! Um Zarathustra's Willen!” Meine Freunde, was dünket euch? Wollt ihr nicht gleich mir zum Tode sprechen: “War Das — das Leben? Um Zarathustra's Willen — wohlan! Noch Ein Mal!” — Und du unser Arzt und Heiland — laß uns, oh Zarathustra, fürderhin mit dir gehen! Also sprach der häßlichste Mensch; es war aber nicht lange vor Mitternacht. Da griff Zarathustra ungestüm nach seiner Hand, preßte sie in seine Hände und rief erschüttert aus, mit der Stimme eines Solchen, dem ein kostbares Geschenk und Kleinod unversehens vom Himmel fällt: “Wie? Du sprichst das, mein Freund? Dies ist dein Wille? Dies ist dein ganzer letzter bester größter Wille? Wohlan! Sprich es noch Ein Mal!” — — Und der häßlichste Mensch that, wie ihm geheißen wurde: sobald aber die andern höheren Menschen sein Gelöbniß hörten, wurden sie sich mit Einem Male ihrer Verwandlung und Genesung bewußt, und wer ihnen dieselbe geschenkt habe: da sprangen sie auf Zarathustra zu, dankend, verehrend, liebkosend oder ihm die Hände küssend, so wie es der Art eines jeden gegeben war: also daß Einige lachten, Einige weinten. Der alte Wahrsager aber tanzte vor Vergnügen, und wenn er auch, wie Manche meinen, damals voll süßen Weins war, so war er sicherlich noch voller des süßen Lebens und hatte aller Müdigkeit abgesagt. Es giebt sogar Solche, die erzählen, daß damals der Esel getanzt habe; der häßlichste Mensch nämlich habe ihm vorher Wein zu trinken gegeben statt Wasser, damals als er ihn als seinen neuen Gott anbetete. Dies mag sich nun so verhalten oder auch anders — und wahrlich, nicht alle, welche die Historie Zarathustras erzählen, werden's glauben —: gewißlich aber wäre der häßlichste Mensch auch dieser Schlechtigkeit fähig gewesen. Zarathustra selber aber gab Acht darauf, wie der Wahrsager tanzte und zeigte mit den Fingern darnach; dann aber entriß er sich mit Einem Rucke dem Gedränge der Liebenden und Verehrenden, legte den Finger an den Mund und gebot Stille. Um jene tiefe Nachtstunde war es, daß Zarathustra den großen Rundgesang anstimmte, in welchen seine Gäste der Reihe nach einfielen; der Esel aber, der Adler und die Schlange horchten zu, ebenso wie die Höhle Zarathustras zuhörte und die Nacht selber. Dieser Rundgesang aber lautete also: Erhebt eure Herzen, meine Brüder, hoch! höher! — aber vergeßt mir auch die Beine nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tänzer, und besser noch, ihr steht auch auf eurem Kopfe! Horch! Horch! Es naht die tiefe Mitternacht! Da fiel der alte Wahrsager ein: „Es giebt auch im Glücke schweres Gethier, es giebt Plumpfüßler von Anbeginn. Wunderlich mühn sie sich ab, einem Elefanten gleich, der sich müht, auf dem Kopf zu stehn. Horch! Horch! Es naht die tiefe Mitternacht!” Da fiel der häßlichste Mensch ein: „Besser noch, plump tanzen als auf lahmen Beinen gehn, besser närrisch sein vor Glücke als Unglücke. Dies aber ist Zarathustras beste Wahrheit: auch das schlimmste Ding hat zwei gute Kehrseiten. Horch! Horch! Es naht die tiefe Mitternacht! “ Da fiel der alte Zauberer ein: „Nun verlernte ich das Trübsal-Blasen und alle Nachtwächter-Traurigkeit. Dem Winde will ich's gleich thun, der alle Himmel hell und alles Meer brausen macht: Zarathustra will ich's nunmehr gleich thun. Horch! Horch! Es naht die tiefe Mitternacht!” Da fiel der König zur Rechten ein: „Schüttelt mich zusammen mit allen Erden-Thränen und Menschen-Jammer, immer wieder werde ich obenauf sein wie Oel auf Wasser. Das aber lernte ich diesem Zarathustra ab. Horch! Horch! Es naht die tiefe Mitternacht!” Da fiel der König zur Linken ein: “Und muß ich der Erde einmal gram sein: des Himmels Sterne reißt da meine Bosheit noch herab zur Erde: das ist so die Art aller Zarathustra-Rache. Horch! Horch! Es naht die tiefe Mitternacht!” Da fiel der gute Europäer ein: “Und wenn es auf Erden auch Moore und Trübsal giebt und ganze Meere schwarzen Schlamms: wer leichte Füße hat, gleich Zarathustra, läuft über Schlamm noch dahin, schnell wie über gefegtem Eise. Horch! Horch! Es naht die tiefe Mitternacht!” Da fiel der freiwillige Bettler ein: „Der Schritt verräth, ob Einer schon auf seiner Bahn schreitet: seht Zarathustra gehn! Wer aber seinem Ziele nahe kommt, der — tanzt. Horch! Horch! Es naht die tiefe Mitternacht!” Da fiel der Gewissenhafte des Geistes ein: “Krumm kommen alle guten Dinge ihrem Ziele nahe, gleich Katzen machen sie da Buckel sie schnurren innewendig vor ihrem nahen Glücke, alle guten Dinge lachen. Horch! Horch! Es naht die tiefe Mitternacht!” Da fiel der alte Papst ein: “Welches war hier auf Erden bisher die größte Sünde? Das war das Wort dessen, der sprach: “Wehe denen, die hier lachen!” Horch! Horch! Es naht die tiefe Mitternacht!” 32 [14] Die letzte Sünde. 1. Aber was geschah damals mit Zarathustra selber? — Ja, wer möchte das errathen, was sich in jener Nacht mit ihm zutrug! — Er fiel nämlich, als er das Glück seiner höheren Menschen sah, mit einem Male nieder wie ein Eichbaum, der lange vielen Holzschlägern widerstanden hat —, schwer, plötzlich, zum Schrecken für die selber, welche ihn fällen wollten. Die Axt aber, die Zarathustra darniederschlug — Mitleiden hieß diese Axt, Mitleiden mit dem Glück dieser höheren Menschen. 2. Die höheren Menschen stürzten hinzu, als er so zu Boden lag, daß sie ihm wieder aufhülfen: aber schon sprang er von selber empor, stieß alle von sich, die sich um ihn drängten und schrie: “Fort! Fort! Fort!” „Laßt mich davon”, schrie er, so schmerzlich und schrecklich, daß seinen Freunden das Herz erstarrte; und ehe nur eine Hand sich ausstreckte, ihn zurückzuhalten, zog er sein Gewand über den Kopf, lief in die schwarze Nacht hinaus und war verschwunden. Da nun standen seine Freunde eine lange Weile betäubt und stumm, denn sie waren in diesen Bergen fremd, und niemand hätte um diese Stunde auch nur hundert Schritt weit einen Weg gefunden. Es gieng nämlich gegen Mitternacht. So traten sie, als sie sich nicht zu helfen und zu rathen wußten, endlich wieder in die Höhle Zarathustra's, ob sie ihnen gleich traurig und kalt dünkte, und ertrugen daselbst die Nacht, mit wenig Schlaf und vielen schlimmen Gedanken und Gespenstern. Es geschah aber um die Stunde der ersten Früh-Dämmerung, daß jener Wanderer, welcher sich den Schatten Zarathustra's nannte, seine Gefährten heimlich verließ und vor der Höhle nach dem Verlorenen ausspähete. Und nicht lange darauf rief er in die Höhle hinein: “dort kommt Zarathustra!” Da warfen sie Alle den Schlaf und die schlimmen Gedanken von sich und sprangen auf, voller Hoffnung, daß es nun wieder Tag werde. Als sie aber mit einander ausspäheten — und auch der Esel war mit ihnen hinausgegangen und spähete nach Zarathustra — siehe, da gewahrten sie in der Ferne ein seltsames Schauspiel. Zarathustra kam nämlich des Wegs herauf, langsam, langsam. bisweilen stand er still und blickte zurück: hinter ihm aber schritt ein mächtiges gelbes Thier, gleich Zarathustra selber zögernd, langsamen Ganges und oft zurückblickend. Immer aber wenn Zarathustra den Kopf nach ihm umwandte, kam es einige Schritte schneller vorwärts, dann aber zögerte es wieder. Was geschieht da? fragten sich da die höheren Menschen, und ihre Herzen klopften; denn sie argwöhnten, daß dieses mächtige gelbe Thier ein Löwe des Gebirges sei. Und siehe, plötzlich wurde der Löwe ihrer gewahr: da stieß er ein wildes Gebrüll aus und sprang auf sie los: also daß diese alle mit Einem Mund aufschrieen und davon flohen. Und in Kürze war Zarathustra allein und stand staunend am Eingange seiner Höhle. „Was geschah mir doch?” sagte er zu seinem Herzen, während der starke Löwe schüchtern sich an seine Kniee drängte. „Was hörte ich doch eben für einen Nothschrei!” Da aber kam ihm die Erinnerung, und er begriff mit Einem Male Alles, was geschehen war. Hier ist der Stein, sprach er frohlockend, auf dem saß ich gestern am Morgen: da hörte ich den gleichen Schrei. Oh ihr höheren Menschen, es war ja euer Nothschrei! Und meine Noth war's vor der jener alte Wahrsager gestern am Morgen mich warnte; zu meiner letzten Sünde wollte er mich verführen, zum Mitleiden mit eurer Noth! Aber euer Glück war meine Gefahr — — Mitleiden mit euerm Glücke, das — errieth er nicht! Oh was erriethen diese höheren Menschen wohl von mir! Wohlan! sie sind davon — und ich gieng nicht mit ihnen: oh Sieg! oh Glück! Dies gerieth mir gut! Du aber, mein Thier und Wahrzeichen, du lachender Löwe, du bleibst bei mir! Wohlan! Wohlauf! Du kamst mir zu Ehren und zur rechten Zeit, du bist mein drittes Ehren-Thier! Also sprach Zarathustra zu dem Löwen und setzte sich auf den Stein nieder, an dem er Tags zuvor gesessen hatte, mit einem tiefen Aufathmen —: da aber blickte er fragend in die Höhe er hörte nämlich über sich den scharfen Ruf seines Adlers. Meine Thiere kehren zurück, meine zwei alten Ehrenthiere, rief Zarathustra und frohlockte in seinem Herzen: Erkunden sollten sie, ob meine Kinder unterwegs sind und zu mir kamen. Und wahrlich, meine Kinder kamen, denn der lachende Löwe kam. Oh Sieg! Oh Glück! 32 [15] Das Zeichen. Des Morgens aber nach dieser Nacht sprang Zarathustra von seinem Lager auf, gürtete sich die Lenden und kam heraus aus seiner Höhle, glühend und froh, wie die Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt. “Sie schlafen noch, rief er, während ich wache — das sind nicht meine rechten Gefährten, diese höheren Menschen. Höhere als sie müssen kommen, Hochgemuthere, Freiere, Hellere — lachende Löwen müssen zu mir kommen: was geht mich all dies kleine kurze wunderliche Elend an! Deß warte ich nun, deß warte ich nun” — und indem Zarathustra so sprach, setzte er sich nachdenklich auf den Stein vor seiner Höhle. “Wer soll der Erde Herr sein? so begann er wieder. Nun! Diese da wahrlich nicht — lieber noch zerschlüge ich Diese da mit meinem Hammer. Ich selber aber bin ein Hammer. Sie halten es gerade auf der Erde aus, wenn man sie mit Erdenlust lüstern macht, ihnen herzhaft zuspricht. Wie! auf dieser Erde es nur — aushalten? Um der Erde Willen schäme ich mich solcher Reden. Lieber will ich doch wilde böse Thiere um mich als diese zahmen Mißrathenen; wie selig will ich sein, wieder die Wunder zu sehen, die heiße Sonne ausbrütet — — alle die reifen und wohlgerathenen Thiere, deren die Erde selber stolz ist. Mißrieth ihr der Mensch bisher? Wohlan! Aber der Löwe gerieth.” Und wieder versank Zarathustra in ferne Gedanken und Länder und in das Schweigen, das auch dem eignen Herzen aus dem Wege geht und keinen Zeugen hat. 32 [16] Das Honig-Opfer. Der Nothschrei. Gespräch mit den Königen. Der Wanderer. Der freiwillige Bettler. Der Papst außer Dienst. Der Büßer des Geistes. Der Gewissenhafte. Der häßlichste Mensch. Der Mittagsschläfer. Die Begrüßung. Das Abendmahl. Vom höheren Menschen. Das Lied des Zauberers. Von der Wissenschaft. Der Nachtisch-Psalm. Der Auferstandene. Mitternachts. Der wilde Jäger. Der lachende Löwe. 32 [17] Der gute Europäer. Was ist Deutsch? Die Tartüfferie der Guten. Die großen Geister. Der Philosoph. Künstler und Betrüger. Der Pessimist des Intellekts. Geist und Besitz 310 Von der Herrschaft der Wissenden 318 Zur Heilkunst. 32 [18] Von der großen Politik. Was ist deutsch? Gegen den Begriff „Strafe”. Zu Heilkunst. Gegen die Nächsten-Liebe. Die großen Geister. Von den Griechen. Christen und Heilige. Die Tartüfferie in der Moral. Gegen unsere Erziehung. Heerden-Moral. 32 [19] Staatsdienst und Staatsdiener. Gelehrte — Verkehrte. Was von den Griechen zu lernen ist Vom Aberglauben der Philosophen. Der gute Europäer (Socialismus) Gottlos, N. 125 Gegen Mitleiden und Nächstenliebe 32 [20] Zu Gunsten des Adels. Gegen die Aufhebung der Sklaverei. Gegen die Socialisten, Nr. 235 Vom Tode des Staates. Moral als Heerden-Instinkt. Der große Mann. Die Unvernunft in der Strafe. Wie verlogen die Künstler sind. Gegen die Pessimisten und andere — — — Der gute Mensch und die Verdummung. Der Werth falscher Auslegung, Nr. 126 Der feine Obscurantism Was ist deutsch. Mißverständniß des Genies. 32 [21] Aus der Tiefe quillt herauf ein Geruch, der keinen Namen hat, ein heimlicher Geruch der Ewigkeit Oh Mitternacht! Oh Ewigkeit! 32 [22] Anfang 1888 entstanden Die nihilistische Katastrophe: Zeichen: Überhandnehmen des Mitleids die geistige Übermüdung und Zuchtlosigkeit Lust oder Unlust — darauf reduzirt sich Alles — Gegenbewegung gegen die Kriegs-Glorie Gegenbewegung gegen die Abgrenzung und Nationen — Feindschaft “Fraternität”.. . die Religion unnützlich geworden, so weit sie noch Fabeln und harte Sätze redet Ungeheure Besinnung: gleichsam an einer alten Festung [Winter 1884 — 85] [Dokument: Heft] 33 [1] Die gute Mahlzeit. Es war um die Mitte dieses langen Abendmahls, welches schon des Nachmittags begonnen hatte: da sagte jemand: “Hört, wie der Wind draußen saust und pfeift! Wer möchte jetzt gern draußen in der Welt sein! Es ist gut, daß wir in Zarathustra's Höhle sitzen. Denn, ob sie schon eine Höhle ist, so ist sie doch, für Schiffe, wie wir sind, ein guter sicherer Hafen. Wie gut, daß wir hier — im Hafen sind!” Als diese Worte gesprochen waren, sagte Niemand eine Antwort, Alle aber sahen sich an. Zarathustra selber jedoch erhob sich von seinem Sitze, prüfte seine Gäste der Reihe nach mit einer leutseligen Neubegierde und sprach endlich: “Ich wundere mich über euch, meine neuen Freunde. Ihr seht wahrlich nicht aus wie Verzweifelnde. Wer glaubte es wohl, daß ihr kürzlich hier in dieser Höhle nothschriet! Mich dünkt, ihr taugt euch selber schlecht zur Gesellschaft, ihr macht einander das Herz unwirsch, wenn ihr bei einander sitzt? Es muß wohl Einer zu euch kommen, der euch lachen macht — — ein guter fröhlicher Hanswurst, ein Tänzer mit Kopf und Beinen, ein Wind und Wildfang, irgend ein alter Narr und Zarathustra — was dünket euch?” Bei diesen Worten erhob sich der König zur Rechten und sprach: “Rede nicht mit solchen kleinen Worten von deinem eigenen Namen, oh Zarathustra! du thust damit unsrer Ehrfurcht wehe. Siehe, wir wissen wohl, wer das macht, daß wir schon nicht mehr nothschrein! und weshalb unser Auge und Herz offen und entzückt steht und unser Muth muthwillig wird. Oh Zarathustra, nichts wächst Erfreulicheres auf Erden als ein starker hoher Wille: der ist ihr schönstes Gewächs. Eine ganze Landschaft erquickt sich an Einem solchen Baume. Dem Pinien-Baum vergleiche ich, wer gleich dir, oh Zarathustra, aufwächst: lang, schweigend, hart, allein, besten biegsamsten Holzes, herrlich — — zuletzt aber hinausgreifend mit starken grünen Ästen nach seiner Herrschaft, starke Fragen fragend vor Winden und Wettern und was auf Höhen heimisch ist, — stärker antwortend, ein Befehlender, ein Siegreicher: oh wer sollte nicht, solche Gewächse zu schaun, auf hohe Berge steigen? Deines Baumes hier, oh Zarathustra erlabt sich auch der Düstere, der Mißrathene, an deinem Anblicke wird auch der Unstäte sicher und heilt sein Herz. Wie gut doch, daß wir erst also Noth schrien: so mußten wir hinauf zu deinem Anblicke! Wie danken wir's nun allem Ekel, aller schweren Luft, daß sie uns fragen und suchen und steigen lehrten, — — fragen lehrten am rechten Orte, in der rechten Höhe: “Lebt denn Zarathustra noch? Wie lebt Zarathustra noch?” Einem guten Frager ist halb schon geantwortet. Und wahrlich, eine ganze gute Antwort ist das, was wir hier mit Augen sehn: Zarathustra lebt noch, und mehr als je, — — Zarathustra der Tänzer, Zarathustra der Leichte, der mit den Flügeln winkt, ein Flugbereiter, allen Vögeln zuwinkend, bereit und fertig, ein göttlich Leichtfertiger, — Zarathustra der Lachende, Zarathustra der Schweiger, kein Ungeduldiger, kein Unbedingter, einer, der Sprünge und Seitensprünge liebt, — der die Krone des Lachens trägt, eine Rosenkranz-Krone. Du selber nämlich, oh Zarathustra, setztest dir diese Krone auf's Haupt, kein Andrer wäre heute stark genug dazu! Und ob du gleich Schlimmeres schautest und Schwärzeres als irgend ein Schwarz-Seher und durch deine Höllen noch kein Heiliger gegangen ist, — ob du gleich neue Nächte um dich hülltest und gleich eisigem düsterem Nebel hinein in neue Abgründe stiegst: immer wieder spanntest du endlich dein buntes Zelt über dich, — dein Lachen spanntest du aus über Nacht und Hölle und Nebel-Abgrund; und wo dein hoher starker Baum steht, da darf der Himmel nicht lange dunkel sein.” Hier aber unterbrach Zarathustra die Rede des Königs, legte ihm den Finger auf den Mund und sagte: ja diese Könige! — — sie verstehen sich auf's Huldigen und die großen Worte: sie selber sind's gewohnt! Aber was soll dabei aus meinen Ohren werden! Meine Ohren werden dabei klein und kleiner, seht ihr nicht? sie verkriechen sich nämlich vor allen großen Prunkreden. Und wahrlich, ihr Könige, mit solchem Lobe könntet ihr den Stärksten umwerfen, einen solchen Becher Weins soll man Niemandem zutrinken. Es sei denn mir: denn ich trotze jedem Lobe, Dank meiner ehernen Stirn — Dank meinem ehernen Willen: der aber heischt harte hohe feine Dinge: den erreicht Lob und Ehre nicht. Und dies ist wahr: zum Wüsten-Heiligen ward ich nicht, ob ich schon in vieler Wüste lebte und Wüsten-Wildniß, noch stehe ich nicht da, starr, stumpf, steinern, eine Säule. Dem Baume gleiche ich den du meintest, einem hohen starken Baume, dies ist wahr: knorrig und gekrümmt und mit biegsamer Härte stehe ich über dem Meere, ein lebendiger Leuchtthurm. Und gerne will ich, meine neuen Freunde, euch als ein solcher Baum zuwinken, breitästig, starkwillig: kommt herauf zu mir, will ich sprechen, und schaut mit mir diese weiten Fernen! 33 [2] Zum ”Noch Ein Mal!” Da geschahen der Reihe nach Dinge, von denen Eins seltsamer als das Andre war. — und ob er schon mit den Zähnen knirschte und die Lippen zusammenschloß, überkam ihn doch das Mitleiden wie eine schwere Wolke und Betäubung. Da — der Adler!  — Wo bin ich! Er entflieht. [April — Juni 1885] [Dokument: Heft] 34 [1] Gaisaber. Selbst-Bekenntnisse. von Friedrich Nietzsche. S\<elbst-Bekenntnisse\>: Im Grunde ist mir das Wort zu feierlich: ich glaube bei mir weder an das Bekennen noch an das Selbst. Im Grunde ist das Wort mir zu feierlich: wollte ich das Buch aber so nennen, wie es mir besser gefiele, “500 000 Meinungen”, so würde es meinen Lesern zu possenhaft klingen. In Rücksicht also auf meine Leser — — — Hohe Erziehung. Die höchste Erziehung. Gedanken über die Philosophen der Zukunft. Vermuthungen über die Ph\<ilosophen\> der Zukunft. 34 [2] Ich werde Jahr für Jahr offenherziger, in dem Maaße, in welchem mein Blick für dieses neunzehnte Jahrhundert, für dies Jahrhundert der großen mor\<alischen\> Tartüfferie, tiefer und tiefer wird: ich finde immer weniger Gründe, heute — hinter dem Berge zu halten. Welche Meinungen könnten heute gefährlich sein! wo nichts mehr “in tiefe Brunnen” fällt! Und wären sie gefährlich und zerstörerisch: es ist wünschenswerth daß Vieles umfällt, damit Vieles gebaut werden muß 34 [3] In meiner Jugend hatte ich Unglück: es lief mir ein sehr zweideutiger M\<ensch\> über den Weg: als ich ihn als das erkannte, was er ist, nämlich ein großer Schauspieler, der zu keinem Ding ein ächtes Verhältniß hat (selbst zur Musik nicht): war ich so angeekelt und krank, daß ich glaubte, alle berühmten M\<enschen\> seien Schauspieler gewesen sonst wären sie nicht berühmt geworden, und an dem, was ich „Künstler” nannte, sei eben das Hauptsächliche die schauspielerische Kraft. 34 [4] Wie verkleidet hatte ich das zum Vortrag gebracht, was ich als “dionysisch” empfand! Wie gelehrtenhaft und eintönig, wie bei weitem nicht gelehrt genug, um auch nur die Wirkung hervorzubringen, einigen Generationen von Philologen ein neues Feld der Arbeit zu eröffnen! Dieser Zugang zum Alterthum ist nämlich am besten verschüttet; und wer sich eingebildet hat, besonders über die Griechen weise zu sein, Goethe z. B. und Winckelmann, hat von dorther nichts gerochen. Es Scheint, die griechische Welt ist hundertmal verborgener und fremder, als sich die zudringliche Art heutiger Gelehrten wünschen möge. Wenn hier je erkannt werden soll, so gewiß nur das Gleiche durch das Gleiche. Und wiederum — nur Erlebnisse aus aufspringenden Quellen — die geben auch jenes neue große Auge, das Gleiche in der vergangenen Welt wieder zu erkennen. 34 [5] NB. Die größten Ereignisse gelangen am schwersten den Menschen zum Gefühl: z. B. die Thatsache, daß der christliche Gott “todt ist”, daß in unseren Erlebnissen nicht mehr eine himmlische Güte und Erziehung, nicht mehr eine göttliche Gerechtikeit, nicht überhaupt eine immanente Moral, sich ausdrückt. Das ist eine furchtbare Neuigkeit, welche noch ein paar Jahrhunderte bedarf, um den Europäern zum Gefühl zu kommen: und dann wird es eine Zeit lang scheinen, als ob alles Schwergewicht aus den Dingen weg sei. — 34 [6] Ich habe mich durch das glänzende Erscheinen des deutschen Reichs nicht täuschen lassen. Ich nahm als Hintergrund, als ich meinen Zarathustra schrieb, einen Zustand in Europa, bei dem auch in Deutschland dasselbe schauerliche und schmutzige Parteitreiben herrscht, welches wir heute schon in Frankreich finden. 34 [7] Hat man je schon einem Weibskopfe “Tiefe” zugestanden? Ich habe vor keinem Weibskopfe bisher Respekt gehabt. D'Epinay im Vergleich mit Galiani! Und Gerechtigkeit, — ist jemals diese — — — 34 [8] Die Italiäner allein in der blutigen Satire ächt und ursprünglich. Von Buratti an, der dem Genie Byron die entscheidende Wendung gab. Selbst an Carducci ist nichts, was nicht Deutsche oder Franzosen besser gemacht hätten. 34 [9] Ich kenne mich nicht: die Aufforderung zur Selbst-Erkenntniß scheint mir ein göttlicher Spaaß oder eine griechische Kinderei (niaiserie): sie sind reich daran! — Hat Einer aber über 500 Dinge seine Meinungen gesagt, so ist es möglich, daß Andere ihn “erkennen”. Wohlan! 34 [10] Affectation der „Wissenschaftlichkeit” z. B. „Femininisme”, aber auch deutscher Zeitschriften-”Revue-Styl” 34 [11] Unsere Zeit zehrt und lebt von der Moralität früherer Zeiten. 34 [12] Pascal beleidigt durch die Vorstellung daß das Wetter, daß heller und heiterer Himmel auf ihn Einfluß habe. Jetzt — ist die Theorie des Milieu am bequemsten: alles übt Einfluß, das Resultat ist der Mensch selber. 34 [13] Dinge, mit denen mein Magen schlecht oder gar nicht fertig wird: Kartoffeln, Schinken, Senf, Zwiebeln, Pfeffer, alles im Fett gebackene, Blätterteig, Blumenkohl, Kohl, Salat, alle geschmälzten Gemüse, Wein, Würste, Buttersaucen am Fleisch, Schnittlauch, frische Brotkrumen, alles gesäuerte Brod Alles auf dem Rost Gebratene, alles Fleisch saignant, Kalb, Rostbeef, Gigot, Lamm, Eidotter, Milch auch Schlagsahne, Reis, Gries, gekochte warme Äpfel grüne Erbsen Bohnen Carotten Wurzeln Fisch, Kaffee Butter braune Weiß-Brodkruste. 34 [14] Die Art offener und herzhafter Vertraulichkeit, wie man sie heute, in einem demokratischen Zeitalter, nöthig hat, um beliebt und geachtet zu sein — kurz das, woraufhin man heute als “rechtschaffener Mensch” behandelt wird: das giebt einem Moralisten viel zu lachen. Alle tiefen Menschen genießen hier ihre Art Erleichterung: es macht so viel Vergnügen, Komödie zu spielen und — — — 34 [15] Die Alten lasen laut. 34 [16] Unter unmäßigen Menschen, z.B. engländischem Pöbel, gewinnt natürlich die Lehre der Enthaltsamkeit ungeheure Kraft. Unter Mäßigen ist sie eine Sache zum Lachen. 34 [17] Dionysisch. Welche unglückliche Schüchternheit, von einer Sache als Gelehrter zu reden, von der ich hätte als “Erlebter” reden können. Und was geht den, der zu dichten hat, die „Ästhetik” an! Man soll sein Handwerk treiben, und die Neugierde zum Teufel jagen! 34 [18] Das XX. Jahrhundert. Der Abbé Galiani sagt einmal — — — da ich nun durchaus nicht die unkriegerischen Ansichten meines verstorbenen Freundes Galiani theile, so fürchte ich mich nicht davor, Einiges vorherzusagen und also, möglicherweise, damit die Ursache von Kriegen heraufzubeschwören. 34 [19] Eine ungeheure Besinnung, nach dem schrecklichsten Erdbeben: mit neuen Fragen. 34 [20] NB. Die vorletzten Jahrhunderte lehnten die Gothik als eine Barbarei ab (der Gothe war damals synonym mit dem Barbaren), das vorletzte Jahrhundert lehnte Homer ab. Darin liegt ein Geschmack: ein starker Wille zu seinem Ja und seinem Nein. — Die Fähigkeit, Homer wieder genießen zu können, ist vielleicht die größte Errungenschaft des europäischen Menschen, — aber sie ist theuer genug bezahlt. 34 [21] Baudelaire, ganz deutsch bereits, eine gewisse hyper-erotische Ankränkelung abgerechnet, welche nach Paris riecht 34 [22] Taine, der die Kühnheit der Erfindung hatte, zwischen Hegel und Henri Beyle das Typische zu finden, seine Methode, welche wesentlich heißt: die Geschichte kann nur durch Begriffe begriffen werden, die Begriffe aber muß der historische Mensch schaffen: und die Geschichte, wo es nur 4, 5 Faktoren giebt, ist am begreiflichsten. 34 [23] die Maskerade des bourgeois, z. B. als Salambô und als heiliger Antonius 34 [24] Manche, im Grunde flache und leichte Wesen — Völker sowohl wie Einzelne — haben ihre schätzenswerthesten und höchsten Augenblicke, wenn sie einmal, zu ihrer Verwunderung, schwer und schwermüthig werden. Ebenso ist vielleicht für das Vieh von Pöbel, welches ehemals im englischen Puritanismus oder heute als englische Heils-Armee moralisch zu grunzen anfängt, der Bußkrampf ihre höchste Leistung von “Humanität”; das soll man billig anerkennen. — Aber Andere werden höher, wenn sie leichter werden! Es ist kein Zweifel: wenn eine Art Mensch ganze Geschlechter hindurch als Lehrer Ärzte Seelsorger und Vorbilder gelebt hat, ohne beständig nach Geld oder Ehren oder Stellungen aus\<zu\>blicken: so entsteht endlich ein höherer feinerer und geistigerer Typus. Insofern ist der Priester, vorausgesetzt daß er sich durch kräftige Weiber fortpflanzt, eine Art der Vorbereitung für die einstmalige Entstehung höherer Menschen. 34 [25] Solche dogmatische Menschen wie Dante und Plato sind am fernsten und vielleicht dadurch am reizvollsten: die in einem zurechtgezimmerten und festgeglaubten Hause der Erkenntniß wohnen. Der Eine in seinem eigenen, der Andere im christlich-patristischen. Es gehört eine ganz verschiedene Kraft und Beweglichkeit dazu, in einem unvollendeten System, mit freien unabgeschlossenen Aussichten, sich festzuhalten: als in einer dogmatischen Welt. Leonardo da Vinci steht höher als Michelangelo, Michelangelo höher als Rafael. 34 [26] Man lobt unter den Gebildeten von Heute (welche alle –pro pudor! — Zeitungen lesen) die tiefen Menschen. Aber was dürften die, welche tiefe Menschen zu loben im Stande sind, selber von der Tiefe wissen! — Es sind gefährliche Menschen: daran ist gar nicht zu zweifeln. Man pflegt doch sonst die Abgründe nicht zu loben! 34 [27] Briefe an einen philosophischen Freund. Bei Gelegenheit von Also sprach Zarathustra. Von Friedrich Nietzsche. 34 [28] Aberglaube: an das Seiende zu glauben, an das Unbedingte, an den reinen Geist, an die absolute Erkenntniß, an den absoluten Werth, an das Ding an sich! In diesen Ansätzen steckt überall eine contradictio. 34 [29] Skeptische Einreden. 34 [30] Die Wahrnehmung der Sinne geschieht uns unbewußt: alles, was uns bewußt wird, sind schon bearbeitete Wahrnehmungen 34 [31] Die große Loslösung macht er für sich — nicht, daß er sie von Anderen verlangt oder gar seine Pflicht darin sähe, sie Anderen mitzutheilen und aufzudrängen 34 [32] Die große Ebbe seit Jahrtausenden in der Erfindung von Werthen 34 [33] Die Gesetzgeber der Zukunft. Die Herkunft. Der gebundenste Geist. Die grosse Loslösung. Das Leiden am Menschen. Der neue Wille. Der Hammer. 34 [34] Acedia bei mir — umgekehrt wie bei den Mönchen. Ich ärgere mich über das übergroße Mitleiden bei mir: ich freue mich, wenn mein ego wach und guter Dinge ist. 34 [35] 1. Abälard wollte in die kirchliche Autorität Vernunft bringen, schließlich fand Descartes, daß alle Autorität nur in der Vernunft sei. 2. Die Selbst-Überwindung der Vernunft inneres Problem Pascals — zu Gunsten des christlichen „Glaubens.” 34 [36] Das Problem des „Glaubens” ist eigentlich: ob der Instinkt mehr Werth hat als das Räsonnement und warum? Unter den vielen Streiten über “Wissen und Glauben”, Util\<itarismus\> und Intuitionismus verbirgt sich diese Frage der Werthschätzung. Socrates hatte sich naiv auf Seiten der Vernunft gestellt gegen den Instinkt. (Im Grunde aber war er doch allen moralischen Instinkten gefolgt, nur mit einer falschen Motivirung: als ob die Motive aus der Vernunft kämen. Ebenso Plato usw.) Unwillkürlich suchte Plato, daß die Vernunft und der Instinkt dasselbe wollen. Ebenso bis auf heute Kant, Schopenhauer, die Engländer. Im Glauben ist der Instinkt des Gehorsams gegen die höchste Autorität vorangestellt, also Ein Instinkt. Der kategorische Imperativ ist ein gewünschter Instinkt, wo dieser Instinkt und die Vernunft Eins sind. 34 [37] Kant, ein feiner Kopf, eine pedantische Seele 34 [38] Man vergebe mir diese anmaaßliche Behauptung: genau weil ich eine höhere und tiefere, auch wissenschaftlichere Auffassung des Weibes habe, als die Emancipatoren und Emancipatricen desselben, wehre ich mich gegen die Emancipation: ich weiß besser, wo ihre Stärke ist, und sage von ihnen: „sie wissen nicht was sie thun”. Sie lösen ihre Instinkte auf! mit ihren jetzigen Bestrebungen. 34 [39] Bentham und der Utilitarismus ist abhängig von Helvétius — der ist das letzte große Ereigniß der Moral. In der deutschen Philosophie (Kant Schopenhauer) ist es immer noch “Pflicht” oder „Instinkt des Mitleidens” — die alten Probleme seit Sokrates (d. h. Stoicismus oder Christenthum, Aristokratie des Individuums oder Heerden-Güte) 34 [40] Ich brauche a) Jemanden, der meinen Magen überwacht b) Jemanden, der mit mir lachen kann und einen ausgelassenen Geist hat. c) Jemanden, der stolz auf meine Gesellschaft ist und “die Anderen” auf die richtige façon des Respekts gegen mich einhält d) Jemanden, der mir vorliest, ohne ein Buch zu verdummen 34 [41] Plaire — das große Geheimniß des französischen Willens, und im Grunde der Heerden — Moral. “Mitleid-haben”, Altruismus, ist die hypokritische Ausdrucksweise dafür. 34 [42] NB. Bisher gehörten die meisten Künstler (eingerechnet die Historiker), selbst einige der größten, unter die Bedienten (sei es von Ständen oder Fürsten oder Frauen oder “Massen”), nicht zu reden von ihrer Abhängigkeit von Kirche und Moralgesetz. So hat Rubens die vornehme Welt seiner Zeit porträtirt, aber nach einem ihr vorschwebenden Geschmack, nicht nach seinem Maaß der Schönheit, — im Ganzen also wider seinen Geschmack. Darin war van Dyk vornehmer: welcher allen denen, die er malte, etwas von dem beilegte, was er selber bei sich am höchsten ehrte: er stieg nicht hinab, sondern zu sich hinauf, wenn er “Wiedergab”. Die sklavische Unterthänigkeit des Künstlers vor seinem Publikum (wie sie selbst Sebastian Bach in unsterblich beleidigenden Worten dem Widmungsschreiben seiner Hohen Messe anvertraut hat) ist aus der Musik heraus vielleicht schwerer zu erkennen, aber sie steckt um so tiefer und gründlicher darin. Man würde es nicht aushalten, mir zuzuhören, wenn ich hierüber meine Beobachtungen mittheilen wollte. 34 [43] NB. Das langsame Hervortreten und Emporkommen der mittleren und niederen Stände (eingerechnet der niederen Art Geist und Leib), welches schon vor der französischen Revolution reichlich präludirt und ohne Revolution ebenfalls seinen Weg vorwärts gemacht hätte, im Ganzen also das Übergewicht der Heerde über alle Hirten und Leithämmel, bringt mit sich  1) Verdüsterung des Geistes — das Beieinander eines stoischen und frivolen Anscheins von Glück, wie es vornehmen Culturen eigen ist, nimmt ab: man läßt viel Leiden sehn und hören, welche man früher ertrug und verbarg. 2) die moralische Hypokrisie, eine Art, sich durch Moral auszeichnen zu wollen, aber durch die Heerden-Tugenden: Mitleid Fürsorge Wohltätig\<keit\>, welche nicht außer dem Heerden-Vermögen erkannt und gewürdigt zu werden \<pflegen\> 3) eine wirkliche große Menge von Mitleiden und Mitfreude, das Wohlgefallen im großen Beieinander, wie es alle Heerdenthiere haben — “Gemeinsinn”, “Vaterland”, alles, wo das Individuum nicht in Betracht kam 34 [44] Diderot zeigte sich; nach Goethe’s Urtheil, wahrhaft deutsch (Saint Ogan p. 248) in Allem, was die Franzosen tadelten. Aber auch die Neapolitaner, nach Galiani, acceptirten seinen Geschmack vollständig. 34 [45] Baudelaire, von deutschem Geschmack, wenn ihn irgend ein Pariser haben kann, empfindet deutsch, wenn er Victor Hugo nicht aushält und ihn einen “Esel von Genie” nennt. 34 [46] Wenn ich etwas von einer Einheit in mir habe, so liegt sie gewiß nicht in dem bewußten Ich und dem Fühlen Wollen Denken, sondern wo anders: in der erhaltenden aneignenden ausscheidenden überwachenden Klugheit meines ganzen Organismus, von dem mein bewußtes Ich nur ein Werkzeug ist. — Fühlen Wollen Denken zeigt überall nur Endphänomene, deren Ursachen mir gänzlich unbekannt sind: das Aufeinanderfolgen dieser Endphänomene, wie als ob eines aus dem anderen folgte, ist wahrscheinlich nur ein Schein: in Wahrheit mögen vielleicht die Ursachen solchergestalt an einander gebunden sein, daß die End-Ursachen mir den Eindruck logischen oder psychologischen Verbandes machen. Ich leugne, daß ein geistiges oder seelisches Phänomen direkte Ursache ist von einem anderen geistigen oder seelischen Phänomen: ob es gleich so scheint. Die wahre Welt der Ursachen ist uns verborgen: sie ist unsäglich complicirter. Der Intellekt und die Sinne sind ein vor allem vereinfachender Apparat. Unsere falsche, verkleinerte, logisirte Welt der Ursachen ist aber die Welt, in welcher wir leben können. Wir sind soweit „erkennend”, daß wir unsere Bedürfnisse befriedigen können. Das Studium des Leibes giebt einen Begriff von der unsäglichen Complikation. Wenn unser Intellekt nicht einige feste Formen hätte, so wäre nicht zu leben. Aber damit ist für die Wahrheit aller logischen Thatsachen nichts bewiesen. 34 [47] Die listige Selbst-Verkleinerung des Socrates, um damit seinen Gegner arglos und sicher zu machen, so daß er sich gehn läßt und gerade heraus sagt, was er denkt: ein Kunstgriff des Pöbel-manns! Die Logik war nicht zu Hause in Athen. 34 [48] NB. Etwas helleren Kopf und etwas guten Willen: und man hält es nicht mehr aus, aus Gründen des Geschmacks, seine Erlebnisse “zu Ehren Gottes” zurecht zu deuten, ich meine, überall die Spuren seiner Fürsorge, Warnung, Bestrafung, Erziehung zu sehn. Ebenso wie ein guter Philologe (und überhaupt jeder philologisch geschulte Gelehrte) einen Widerwillen gegen falsche Text-Ausdeutungen (z. B. die der protestantischen Prediger auf den Kanzeln — weshalb die gelehrten Stände nicht mehr in die K\<irche\> gehn –) hat, ebenso, und nicht infolge großer “Tugend” “Redlichkeit” usw., geht einem die Falschmünzerei der religiösen Interpretation aller Erlebnisse gegen den Geschmack. — 34 [49] Unsere Lust an Einfachheit, Übersichtlichkeit, Regelmäßigkeit, Helligkeit, woraus zuletzt ein deutscher “Philosoph” so etwas wie einen kategorischen Imperativ der Logik und des Schönen entnehmen könnte — davon gestehe ich einen starken Instinkt als vorhanden zu. Er ist so stark, daß er in allen unseren Sinnesthätigkeiten waltet und uns die Fülle wirklicher Wahrnehmungen (der unbewußten –) reduzirt, regulirt, assimilirt usw. und sie erst in dieser zurechtgemachten Gestalt unserem Bewußtsein vorführt. Dies “Logische”, dies ”Künstlerische” ist unsere fortwährende Thätigkeit. Was hat diese Kraft so souverain gemacht? Offenbar, daß ohne sie, vor Wirrwarr der Eindrücke, kein lebendes Wesen lebte. 34 [50] (Ich sehe nicht ein, warum das Organische überhaupt einmal entstanden sein muß — —) 34 [51] In der Chemie zeigt sich, daß jeder Stoff seine Kraft so weit treibt als er kann: da entsteht etwas Drittes. Die Eigenschaften eines Kindes sind aus der allergenauesten Kenntniß von Vater und Mutter nicht abzuleiten. Denn es sind die Wirkungen des Dritten auf uns, diese Eigenschaften: die Wirkungen des Ersten aber und die Wirkungen des Zweiten d. h. ihre Eigenschaften sind unmöglich zu addiren, als “Wirkungen des Dritten” 34 [52] Die Kette der Ursachen ist uns verborgen: und der Zusammenhang und die Abfolge der Wirkungen giebt nur ein Nacheinander: mag dasselbe auch noch so regelmäßig sein, damit begreifen wir es nicht als nothwendig. — Doch können wir hinter einander verschiedene Reihen, solcher Aufeinanderfolgen constatiren: z. B. beim Klavierspiel das Aufeinander der angeschlagenen Tasten, das Aufeinander der angeschlagenen Saiten, das Aufeinander der erklingenden Töne. 34 [53] Kritik des Instinkts der Ursächlichkeit. Der Glaube, daß eine Handlung auf ein Motiv hin geschieht, ist instinktiv allmählig generalisirt worden, zu den Zeiten, wo man alles Geschehen nach Art bewußter lebender Wesen imaginirte. „Jedes Geschehn geschieht auf Grund eines Motivs: die causa finalis ist die causa efficiens” — Dieser Glaube ist irrthümlich: der Zweck, das Motiv sind Mittel, uns ein Geschehn faßlich praktikabel zu machen. — Die Verallgemeinerung war ebenfalls irrthümlich und unlogisch. Kein Zweck. Kein Wille. 34 [54] Die umgekehrte Zeitordnung. Die “Außenwelt” wirkt auf uns: die Wirkung wird ins Gehirn telegraphirt, dort zurechtgelegt, ausgestaltet und auf seine Ursache zurückgeführt: dann wird die Ursache projicirt und nun erst kommt uns das Factum zum Bewußtsein. D. h. die Erscheinungswelt erscheint uns erst als Ursache, nachdem „sie” gewirkt hat und die Wirkung verarbeitet worden ist. D.h. wir kehren beständig die Ordnung des Geschehenden um. — Während “ich” sehe, sieht es bereits etwas Anderes. Es steht wie bei dem Schmerz. 34 [55] Der Glaube an die Sinne. Ist eine Grundthatsache unseres Intellekts, er nimmt von ihnen entgegen das Rohmaterial, welches er auslegt. Dies Verhalten zum Rohmaterial, welches die Sinne bieten, ist, moralisch betrachtet, nicht geleitet von der Absicht auf Wahrheit, sondern wie von einem Willen zur Überwältigung, Assimilation, Ernährung. Unsere beständigen Funktionen sind absolut egoistisch, machiavellistisch, unbedenklich, fein. Befehlen und Gehorchen auf's Höchste getrieben, und damit vollkommen gehorcht werden kann, hat das einzelne Organ viel Freiheit. Der Irrthum im Glauben an Zwecke. Wille — eine überflüssige Annahme. Die umgekehrte Zeit-Ordnung. Kritik des Glaubens an Ursächlichkeit. Der Glaube an die Sinne als Grundthatsache unseres Wesens. Die Central-Gewalt — darf nicht wesentlich verschieden sein von dem, was sie beherrscht. Die Geschichte der Entstehung erklärt die Eigenschaften nicht. Letztere müssen schon bekannt sein. Historische Erklärung ist Reduktion auf ein uns gewohntes Aufeinander: durch Analogie. 34 [56] Die mechanistische Welt-Erklärung ist ein Ideal: mit so wenig als möglich möglichst viel zu erklären, d. h. in Formeln zu bringen. Nöthig noch: die Leugnung des leeren Raumes; der Raum bestimmt und begrenzt zu denken; ebenso die Welt als ewig sich wiederholend. 34 [57] Wie ein Volks-Charakter, eine “Volks-Seele” entsteht, das giebt Aufschluß über die Entstehung der Individual-Seele. Zunächst wird eine Reihe von Thätigkeiten ihm aufgezwungen, als Existenz-Bedingungen, an diese gewöhnt es sich, sie werden fester und gehen mehr in die Tiefe. Völker, welche große Wandelungen erleben und unter neue Bedingungen gerathen, zeigen eine neue Gruppirung ihrer Kräfte: dies und jenes tritt heraus und bekommt Übergewicht, weil es jetzt nöthiger ist zur Existenz, z. B. der praktische nüchterne Sinn am jetzigen Deutschen. Aller Charakter ist erst Rolle. Die “Persönlichkeit” der Philosophen — im Grunde persona. 34 [58] Die Zahl ist unser großes Mittel, uns die Welt handlich zu machen. Wir begreifen so weit als wir zählen können d. h. als eine Constanz sich wahrnehmen läßt. 34 [59] Durch moralische Hinterabsichten ist der Gang der Philoso\<phie\> bisher am meisten aufgehalten worden. 34 [60] Auch innerhalb unserer Welt der Sinne, wenn wir sie nur verschärfen oder verschärft denken, ergiebt sich eine Welt, welche ganz anders auf unser Gefühl wirkt 34 [61] Das Vorurtheil der Ursächlichkeit das Vorurtheil des Willens das Vorurtheil des Zwecks das Vorurtheil der Persönlichkeit Erkenntniß: ein falscher Begriff d. h. ein Begriff, zu dessen Aufstellung wir kein Recht haben. Beseitigung des Willens der Zwecke als „wozu” und „wodurch” folglich auch der Ursächlichkeit (welche aus Beidem sich ableitet) 34 [62] “Wie sind synthetische Urtheile a priori möglich?” — durch ein Vermögen dazu” war die berühmte Kantische Antwort, welche Vielen solche Genugthuung gegeben hat. 34 [63] Die nützlichsten Begriffe sind übrig geblieben: wie falsch sie auch immer entstanden sein mögen. 34 [64] Im ersten Buche der „Glaube an die Wahrheit” zu erschüttern: Wahrhaftigkeit ist nützlich, aber nur in einem kleinen Quantum, vor allem bei solchen, welche nichts zu verantworten haben. Ebenso die Achtung vor den Philosophen. 34 [65] Die allgemeine Vergröberung des europäischen Geistes, ein gewisses täppisches Geradezu, welches sich gerne als Geradheit, Redlichkeit oder Wissenschaftlichkeit rühmen hört: das gehört der Herrschaft des Gedankens des demokratischen Zeitgeistes und seiner feuchten Luft: noch bestimmter — es ist die Wirkung des Zeitungslesens. Bequemlichkeit will man oder Betrunkenheit, wenn man liest: bei weitem das Meiste, was gelesen wird, ist Zeitung oder Zeitungs-Art. Man sehe unsere Revuen, unsere gelehrten Zeitschriften an: jeder, der da schreibt, redet wie vor “ungewählter Gesellschaft“ und läßt sich gehn, oder vielmehr sitzen, auf seinem Lehnstuhle. — Da hat es Einer schlimm, welcher am meisten Werth auf die Hintergedanken legt und mehr als alles Ausgesprochene die Gedankenstriche in seinen Büchern liebt. — Die Freiheit der Presse richtet den Stil zu Grunde und schließlich den Geist: das hat vor 100 Jahren schon Galiani gewußt. — Die “Freiheit des Gedankens” richtet die Denker zu Grunde. — Zwischen Hölle und Himmel, und in der Gefahr von Verfolgungen Verbannungen ewigen Verdammnissen und ungnädigen Blicken der Könige und Frauen war der Geist biegsam und verwegen geworden: wehe, wozu wird heute der “Geist”! 34 [66] Immer ironice: es ist eine köstliche Empfindung, einem solchen wahrhaftigen Denker zuzusehn. Aber es ist noch angenehmer, zu entdecken, daß dies Alles Vordergrund ist, und daß er im Grunde etwas Anderes will und auf sehr verwegene Weise will. Ich glaube, daß der Zauber des Socrates der war: er hatte eine Seele und dahinter noch eine und dahinter noch eine. In der vordersten legte sich Xenophon schlafen, auf der zweiten Plato und auf der dritten noch einmal Plato, aber Plato mit seiner eigenen zweiten Seele. Plato selber ist ein Mensch mit vielen Hinterhöhlen und Vordergründen. 34 [67] NB. Unser Zeitalter ist in seinen wesentlichsten Instinkten skeptisch: fast alle feineren Gelehrten und Künstler sind es, ob sie es sich schon nicht gerne zugeben. Der Pessimismus, das Nein — sagen ist nur für die Bequemlichkeit des Geistes leichter: unser feuchtes Zeitalter mit demokratischer Luft ist vor allem bequem. Wo der Geist delikater ist, sagt er: „ich weiß nicht” und “ich traue mir und Niemandem mehr” „ich weiß nicht mehr, wo aus, noch ein”, und “hoffen —” das ist eine Phrase für Verlogene oder für demagogische Redner und Künstler. Skepsis — ist der Ausdruck einer gewissen physiologischen Beschaffenheit, wie sie bei einer großen Kreuzung vieler Rassen nothwendig entsteht: die vielen vererbten Werthschätzungen sind mit einander im Kampf, stören sich gegenseitig am Wachsen. Die Kraft, welche hier am meisten abhanden kommt, ist der Wille: deshalb große Furcht vor der Verantwortlichkeit, weil Niemand für sich selber gut sagen kann. Versteck unter Gemeinschaften, „Eine Hand deckt die andere” heißt es da. So bildet sich eine Heerden — Art aus: und wer einen starken befehlerischen und verwegenen Willen hat, kommt unbedingt auch zur Herrschaft in solchen Zeiten. 34 [68] Man klagt, wie schlimm es bisher die Philosophen gehabt haben: die Wahrheit ist, daß zu allen Zeiten die Bedingungen zur Erziehung eines mächtigen verschlagenen verwegenen unerbittlichen Geistes günstiger waren als heute. Heute hat der Demagogen-Geist, wie auch der Gelehrten-Geist günstige Bedingungen. Aber man sehe doch unsere Künstler an: ob sie an einer Zuchtlosigkeit fast nicht alle zu Grunde gehen. Sie werden nicht mehr tyrannisch, so lernen sie auch nicht mehr, sich selber tyrannisiren. Wann war das Weib so gering, wie heute! Alles wird schwächer, weil Alles es bequemer haben will. — Ich bin durch die härteste Schule körperlicher Schmerzen gegangen: und das Bewußtsein, darunter mich selber festgehalten zu haben und schweigsam — — 34 [69] Die feinsten Köpfe des vorigen Jahrhunderts, Hume und Galiani, alle mit Staatsdiensten vertraut: ebenso Stendhal Tocqueville 34 [70] Hume fordert (um mit Kants Worten zu reden) die Vernunft auf, ihm Rede und Antwort zu geben, mit welchem Rechte sie sich denkt: daß etwas so beschaffen sein könne, daß, wenn es gesetzt ist, dadurch auch etwas anderes nothwendig gesetzt werden müsse, denn das sagt der Begriff der Ursache. Er bewies unwidersprechlich, daß es der Vernunft ganz unmöglich sei, a priori und aus Begriffen eine solche Verbindung zu denken usw. — Aber die Thorheit war, nach Gründen für das Recht der Begründung zu fragen. Er that das Thun, welches er eben prüfen wollte. 34 [71] Die Lüge des Erziehers z. B. bei Kants kategorischem Imperativ. “Sollte Gott doch ein Betrüger sein, trotz Descartes?” 34 [72] NB. Wahrhaftig, moralisch-streng und häßlich gehört zusammen: das hat das Christenthum gut gefühlt. Der schöne Mensch kann weder wahrhaftig, noch gütig sein, nur ausnahmsweise. 34 [73] Was uns ebenso von Kant, wie von Plato und Leibnitz trennt: wir glauben an das Werden allein auch im Geistigen, wir sind historisch durch und durch. Dies ist der große Umschwung. Lamarek und Hegel — Darwin ist nur eine Nachwirkung. Die Denkweise Heraklit's und Empedokles' ist wieder erstanden. Auch Kant hat die contradictio in adjecto “reiner Geist” nicht überwunden: wir aber — — — 34 [74] Der menschliche Horizont. Man kann die Philosophen auffassen als solche, welche die äußerste Anstrengung machen, zu erproben, wie weit sich der Mensch erheben könne, besonders Plato: wie weit seine Kraft reicht. Aber sie thun es als Individuen; vielleicht war der Instinkt der Cäsaren, der Staatengründer usw. größer, welche daran denken, wie weit der Mensch getrieben werden könne, in der Entwicklung und unter “günstigen Umständen”. Aber sie begriffen nicht genug, was “günstige Umstände” sind. Große Frage: wo bisher die Pflanze “Mensch” am prachtvollsten gewachsen ist. Dazu ist das vergleichende Studium der Historie nöthig. 34 [75] Es ist merkwürdig, wie die Stoiker und fast alle Philosophen keinen Blick für die Ferne haben. Und dann wieder die Dummheit der Socialisten, welche immer nur die Bedürfnisse der Heerde repräsentiren. 34 [76] Die mechanistische Vorstellung, als regulatives Princip der Methode voranzustellen. Nicht als die bcwiesenste Weltbetrachtung, sondern als die, welche die größte Strenge und Zucht nöthig macht und am meisten alle Sentimentalität bei Seite wirft. Zugleich eine Probe für das physische und seelische Gedeihen: mißrathene willensschwache Rassen gehen daran zu Grunde, durch Sinnlichkeit oder durch Melancholie oder, wie Inder, durch Beides. 34 [77] Großes Lob auf das Christenthum als die ächte Heerdcn-Religion. 34 [78] Mittag und Ewigkeit. Frei zum “wahr” und „unwahr” frei zum „gut” und “böse” frei zum „Schön” und “häßlich” der höhere Mensch als der mächtigere, und die bisherigen Versuche: “es ist die rechte Zeit”. der Hammer — eine Gefahr, an der der Mensch zerbrechen kann. 34 [79] Kant meinte, mit seiner Kategorien-Tafel in der Hand “das ist das Schwerste was jemals zum Behufe der Metaphysik unternommen werden konnte.” — man mißverstehe doch ja nicht, wo er seinen Stolz hatte. 34 [80] Derbheit und Delikatesse zusammen bei Petronius, auch bei Horaz: mir am angenehmsten. Es gehört zum griechischen Geschmack. Homer war den Menschen um La Rochefoucauld herum zu derb, sie konnten das Triviale nicht genießen. Sie hielten eine gewisse hohe Empfindung bei sich fest, wie jetzt viele Deutsche, und verachte\<te\>n sich, wenn etwas wie Genuß an niederen Sphären in ihnen sich regt\<e\>. Aristophanes ist das Gegenstück: nihil humani — ist antik. 34 [81] An die Spitze zu stellen: auch die Instinkte sind geworden; sie beweisen nicht\<s\> für das Übersinnliche, nicht einmal für das Animalische, nicht einmal für das typisch Menschliche. Daß der Geist geworden ist und noch wird, daß, unter zahllosen Arten des Schließens und Urtheilens, die uns jetzt geläufigste irgendwie uns am nützlichsten ist und sich vererbt hat, weil die so denkenden Individuen günstigere Chancen hatten: daß damit Nichts über “wahr” und „unwahr” bewiesen ist, — — — 34 [82] — Anti-Kant. “Vermögen, Instinkte, Vererbung, Gewohnheit” — wer mit solchen Worten etwas zu erklären meint, muß heute bescheiden und überdies schlecht geschult sein. Aber am Ausgange des vorigen Jahrhunderts wüthete es. Galiani erklärte alles aus Gewohnheiten und Instinkten. Hume erklärte den Causalitätssinn aus der Gewohnheit; Kant, mit großer Ruhe sagte: “es ist ein Vermögen”. Alle Welt war glücklich, besonders als er auch ein moralisches Vermögen entdeckte. Hier lag der Zauber dieser Philosophie: die jungen Theologen des Tübinger Stifts gingen in die Büsche — alle suchten nach — Vermögen. Und was fand man nicht Alles! Schelling taufte es “die intellektuelle Anschauung”, ein Vermögen für's „Übersinnliche”. Schopenhauer meinte an einem schon bereits genügend geschätzten Vermögen, am Willen, dasselbe gefunden zu haben und mehr, nämlich das “Ding an sich”. In England entstanden die Instinktivisten und Intuitionisten der Moral. Es war die alte Sache vom Glauben und Wissen, eine Art „formaler Glauben” welche irgend einen Inhalt in Anspruch nahm. Die Geschichte geht wesentlich die Theologen an. Im Stillen wird Leibnitz wieder lebendig, und hinter Leibnitz — Plato. Die Begriffe als anamnhoiz usw. Diese skeptisch beginnende Bewegung ist in der That gegen die Scepsis gerichtet, sie hat einen Genuß in der Unterwerfung 34 [83] NB. Das Lästigste, was die Schriften unklarer, schlecht geschulter und unphilosophischer Geister an sich haben, ist noch nicht einmal ihre mangelhafte Schlußfähigkeit und der unfeste wackelnde Gang ihrer Logik. Es ist die Unfestigkeit der Begriffe selber, für welche sie sich der Worte bedienen: diese Menschen haben nur ungestaltete schwimmende Kleckse von Begriffen im Kopfe. — Den guten Autor aber zeichnet nicht nur die Kraft und Bündigkeit seiner Satz-Form aus: sondern man erräth, man riecht, falls man der Mensch feiner Nüstern ist, daß ein solcher Schriftsteller sich beständig zwingt und übt, vorerst seine Begriffe auf strenge Weise festzustellen und fester zu machen, also mit seinen Worten eindeutige Begriffe zu verbinden: und, bevor das nicht gethan ist, nicht schreiben mag! — Übrigens giebt es manche Zauber auch im Unsicheren, Dämmernden, Halblichten: so wirkte vielleicht Hegel auf das Ausland am meisten durch seine Kunst, in der Weise eines Betrunkenen von den aller nüchternsten und kältesten Dingen zu reden. Dies war wirklich in dem großen Reiche der Berauschungen eine der seltsamsten, die je erfunden wurden, — und recht eigentlich eine Sache der deutschen Genialität! Denn wir haben, wohin nur Deutsche und deutsche “Tugenden” gedrungen sind, überall auch die Lust und Begierde der groben und feinen Alcoholica hingetragen und mitgebracht. — Vielleicht gehört hierhin auch die berückende Gewalt unserer deutschen Musik. 34 [84] NB. Was Plato und im Grunde alle Nach-Sokratiker thaten: das war eine gewisse Gesetzgebung der Begriffe: — sie stellten für sich und ihre Jünger fest “das und das soll unter uns bei diesem Worte gedacht und gefühlt werden”: — damit lösten sie sich am bestimmtesten aus ihrer Zeit und Umgebung los. Es ist dies eine der Arten feinen Ekels, mit dem sich höhere, anspruchsvollere Naturen gegen die unklare Menge und ihren Begriffs-Wirrwarr empören. 34 [85] Was ist denn diese ungeheure Macht, welche dermaaßen seit 2 Jahrtausenden die Philosophen narrt und die Vernunft der Vernünftigen zu Falle bringt? Jener Instinkt, jener Glaube, wie ihn das Christenthum verlangt: das ist der Heerden-Instinkt selber, der Heerden-Glaube des Thiers “Mensch”, das Heerden-Verlangen nach der vollkommenen Unterwerfung unter eine Autorität — (dasselbe, was aus dem deutschen Heerden-Instinkte heraus Kant den „kategorischen Imperativ” getauft hat.) In der That ist es die größte Erleichterung und Wohlthat, für gefährdete schwankende zarte schwache Heerden-Thiere, einen absolut Befehlenden, einen Leithammel zu bekommen: es ist ihre erste Lebensbedingung. Die Brahmanen verstanden sich auf diese Erleichterung, die Jesuiten ebenfalls, fast in allen Klöstern ist der Grund-Hang dieser: endlich einmal die ewige Agitation, welche das Selbst-Sich-Befehlen mit sich bringt, los zu werden. Dieser Instinkt zum Glauben ist auch der eigentlich weibliche Instinkt; und wenn die Weiber Einen unerbittlichen Lehrer finden, der von ihnen Gehorsam und Niederwerfung will, oder auch nur einen Künstler, der das Weib in der Attitüde seiner “Vollkommenheit”, als anbetendes hingebendes hingegebenes Geschöpf, als Opfer zeigt, wie z. B. R\<ichard\> W\<agner\>, da sind sie vor Glück “außer sich“: nämlich in ihren letzten Instinkten vor sich selber bestätigt und befriedigt. — In schwächerer Form sieht man es an den Franzosen, die, als die liebenswürdigsten Europäer, auch die heerdenmäßigsten sind: es wird ihnen nur wohl, wenn sie vor ihrem esprit es sich erlauben dürfen, einmal “unbedingt zu gehorchen”: wie vor dem Napoleon. Oder auch vor den “Ideen der französischen Revolution” — oder auch vor Victor Hugo (welcher sein langes Leben lang diesem allerschönsten Heerden-Instinkte immer im Namen der Freiheit schöne Worte und Prunkmäntel umgehängt hat). — Das Alterthum war, als das Christenthum kam, inwendig durch Gegensätze der Werthschätzungen hin- und hergerissen (in Folge der physiologischen Bedingung des unsinnigen Gleichheits-Begriffs civis Romanus oder von jener unsinnigen Staats-Erweiterung des imperium Romanum) und das Christenthum gab die große Erleichterung. 34 [86] Worte sind Tonzeichen für Begriffe: Begriffe aber sind mehr oder weniger sichere Gruppen wiederkehrender zusammen kommender Empfindungen. Daß man sich versteht, dazu gehört noch nicht, daß man dieselben Worte gebraucht: man muß dieselben Worte auch für dieselbe Gattung innerer Erlebnisse brauchen — und man muß diese gemeinsam haben. Deshalb verstehen sich die Menschen Eines Volkes besser: oder, wenn Menschen lange in ähnlichen Bedingungen des Climas, der Thätigkeiten, der Bedürfnisse zusammen gelebt haben, so gewinnt eine gewisse Gattung von solchen ihnen allen nächst verständlichen Erlebnissen die Oberhand: das schnelle Sich-Verstehn ist die Folge. Und das Sich-Verheirathen, und die Vererbung ist wieder die Folge davon. Es ist das Bedürfniß, schnell und leicht seine Bedürfnisse verstehn zu geben, was Menschen am festesten an einander bindet. Andererseits hält Nichts von Freundschaft, Liebschaft fest, wenn man dahinter kommt, daß man bei den Worten Verschiedenes meint. Welche Gruppen von Empfindungen im Vordergrund stehn, das bedingt nämlich die Werthschätzungen: die Werthschätzungen aber sind die Folge unserer innersten Bedürfnisse. — Dies ist gesagt, um zu erklären, warum es schwer ist, solche Schriften wie die meinigen zu verstehen: die inneren Erlebnisse, Werthschätzungen und Bedürfnisse sind bei mir anders. Ich habe Jahre lang mit Menschen Verkehr gehabt und die Entsagung und Höflichkeit so weit getrieben, nie von Dingen zu reden, die mir am Herzen lagen. Ja ich habe fast nur so mit Menschen gelebt. — 34 [87] Wir bilden uns ein, daß das Befehlende, Oberste in unserem Bewußtsein stecke. Zuletzt haben wir ein doppeltes Gehirn: die Fähigkeit, etwas von unserem Wollen, Fühlen, Denken selber zu wollen, zu fühlen und zu denken fassen wir mit dem Wort “Bewußtsein” zusammen. 34 [88] NB. Jene gesetzgeberischen und tyrannischen Geister, welche im Stande sind, einen Begriff fest zu setzen, festzuhalten, Menschen mit dieser geistigen Willenskraft, welche das Flüssigste, den Geist, für lange Zeit zu versteinern und beinahe zu verewigen wissen, sind befehlende Menschen im höchsten Sinne: sie sagen “ich will das und das gesehen wissen, ich will es genau so, ich will es da zu und nur dazu”. — Diese Art gesetzgeberischer Menschen hat nothwendig zu allen Zeiten den stärksten Einfluß ausgeübt: ihnen verdankt man alle typischen Ausgestaltungen des Menschen: sie sind die Bildner — und der Rest (die Allermeisten in diesem Falle –) sind gegen sie gehalten nur Thon. 34 [89] Die festgesetztesten Bewegungen unseres Geistes, unsere gesetzmäßige Gymnastik z. B. in Raum- und Zeit-Vorstellungen, oder in dem Bedürfniß nach „Begründung”: dieser philosophische habitus des menschlichen Geistes ist unsere eigentliche Potenz: also daß wir in vielen geistigen Dingen nicht mehr anders können: was man psychologische Nothwendigkeit nennt. Diese ist geworden: — und zu glauben, unser Raum, unsere Zeit, unser Causalitäts-Instinkt sei etwas, das auch abgesehn vom Menschen Sinn habe, ist nachgerade eine Kinderei. 34 [90] Ich bin feindselig 1) gegen die Entsinnlichung: sie stammt von den Juden, von Plato, der durch Ägypter und Pythagoreer verdorben war (und diese durch Buddhisten) Dem provençalischen Geiste, der heidnisch geblieben ist, ich meine „nicht germanisirt”, verdankt man die Vergeistigung des amor der Geschlechtsliebe: während es das Alterthum nur zu einer Vergeistigung der Päderastie gebracht hat. 2) gegen alle Lehren, welche ein Ende, eine Ruhe, einen “Sabbat aller Sabbate” ins Auge fassen. Solche Denkweisen kennzeichnen gährende, leidende, oft auch absterbende Rassen, z.B. solche Verse, wie bei R\<ichard\> W\<agners\> “Nibelungen” 34 [91] “ Gewohnheit”: das bedeutet bei einem sklavisch gesinnten Menschen etwas Anderes als bei einem Vornehmen. 34 [92] Man verdankt der christlichen Kirche: 1) eine Vergeistigung der Grausamkeit: die Vorstellung der Hölle, die Foltern und Ketzergerichte, die Autodafés sind doch ein großer Fortschritt gegen die prachtvolle aber halb blödsinnige Abschlachterei in den römischen Arenen. Es ist viel Geist, viel Hintergedanke in die Grausamkeit gekommen. — Sie hat viele Genüsse erfunden — 2) sie hat den Europäer-Geist fein und geschmeidig gemacht, durch ihre “Intoleranz”. Man sieht es sofort, wie in unserem demokratischen Zeitalter, mit der Freiheit der Presse, der Gedanke plump wird. Die Deutschen haben das Pulver erfunden — alle Achtung! Aber sie haben es wieder quitt gemacht: sie erfanden die Presse. Die antike Polis war ganz ebenso gesinnt. Das römische Reich ließ umgekehrt viel Freiheit im Glauben und Nichtglauben: mehr als heute irgendein Reich läßt: die Folge war sofort die allergrößte Entartung Vertölpelung und Vergröberung des Geistes. — Wie gut nimmt sich Leibnitz und Abälard, Montaigne, Descartes und Pascal aus! Die geschmeidige Verwegenheit solcher Geister zu sehn ist ein Genuß, welchen man der Kirche verdankt. — Der intellektuelle Druck der Kirche ist wesentlich die unbeugsame Strenge, vermöge deren die Begriffe und Werthschätzungen als festgestellt, als aeternae behandelt werden. Dante giebt einen einzigen Genuß dadurch: man braucht unter einem absoluten Regiment keineswegs beschränkt zu sein. Wenn es Schranken gab, so waren sie um einen ungeheuren Raum gespannt, Dank Plato: und man konnte sich darin bewegen wie Bach in den Formen des Contrapunkts, sehr frei. — Baco und Shakespeare widern fast an, wenn man diese “Freiheit unter dem Gesetz” gründlich schmecken gelernt hat. Ebenso die neueste Musik im Vergleich zu Bach und Händel. 34 [93] Wie sich Friedrich der Große beständig über den "féminisme” in der Regentschaft seiner Nachbarstaaten lustig macht, so Bismarck über den “Parlamentarismus”: es ist ein neues Mittel, zu machen, was man will. 34 [94] Der Anblick des jetzigen Europäers giebt mir viele Hoffnung: es bildet sich da eine verwegene herrschende Rasse, auf der Breite einer äußerst intelligenten Heerden-Masse. Es steht vor der Thür, daß die Bewegungen zur Bindung der letzteren nicht mehr allein im Vordergrund stehn. 34 [95] Gegen den falschen Idealismus, wo durch übertriebene Feinheit sich die besten Naturen der Welt entfremden. Wie schade, daß der ganze Süden Europas um die Vererbung jener gebändigten Sinnlichkeit gekommen ist, durch die Abstinenz der Geistlichen! Und daß solche Shelleys, Hölderlins, Leopardis zu Grunde gehn, ist billig, ich halte nicht gar viel von solchen Menschen. Es ergötzt mich, an die Revanchen zu denken, welche die derbe Natürlichkeit der Natur bei solcher Art Menschen nimmt z. B. wenn ich höre, daß L\<eopardi\> früher On\<anie\> trieb, später impotent war. 34 [96] NB. Ein großer Mensch, ein Mensch, welchen die Natur in großem Stile aufgebaut und erfunden hat, was ist das? Erstens: er hat in seinem gesamten Thun eine lange Logik, die ihrer Länge wegen schwer überschaubar, folglich irreführend ist, eine Fähigkeit, über große Flächen seines Lebens hin seinen Willen auszuspannen und alles kleine Zeug an sich zu verachten und wegzuwerfen, seien darunter auch die schönsten „göttlichsten” Dinge von der Welt. Zweitens: er ist kälter, härter, unbedenklicher und ohne Furcht vor der „Meinung” ; es fehlen ihm die Tugenden, welche mit der „Achtung” und dem Geachtetwerden zusammenhängen, überhaupt alles, was zur „Tugend der Heerde” gehört. Kann er nicht führen, so geht er allein; es kommt dann vor, daß er Manches, was ihm auf dem Wege begegnet, angrunzt. 3) er will kein “theilnehmendes” Herz, sondern Diener, Werkzeuge, er ist, im Verkehre mit Menschen, immer darauf aus, etwas aus ihnen zu machen. Er weiß sich unmittheilbar: er findet es geschmacklos, wenn er „vertraulich” wird; und er ist es gewöhnlich nicht, wenn man ihn dafür hält. Wenn er nicht zu sich redet, hat er seine Maske. Er lügt lieber, als daß er die Wahrheit redet: es kostet mehr Geist und Willen. Es ist eine Einsamkeit in ihm, als etwas Unerreichbares für Lob und Tadel, als eine eigene Gerichtsbarkeit, welche keine Instanz über sich hat. 34 [97] Was ich an dem Deutschen gerne wahrnehme, das ist seine Mephistopheles-Natur: aber die Wahrheit zu sagen, man muß sich einen höheren Begriff des M\<ephistopheles\> machen, als Goethe, \<der\> nöthig hatte, um seinen “inwendigen Faust” zu vergrößern, seinen M\<ephistopheles\> zu verkleinern. Der wahre deutsche Mephistopheles ist viel gefährlicher, kühner, böser, verschlagener und folglich offenherziger: man denke sich das Innewendige von Friedrich dem Großen. Oder von jenem viel größeren Friedrich, von jenem Hohenstaufen Friedrich 2. — Der ächte deutsche Mephistopheles steigt über die Alpen, glaubt, daß ihm dort Alles zugehört. Deshalb wird ihm wohl, wie es Winckelmann wohl wurde, wie Mozart. Er betrachtet Faust und Hamlet als Carikaturen, die zum Lachen erfunden sind, insgleichen Luther. Goethe hatte gute deutsche Augenblicke, wo er über das Alles innewendig lachte. Aber dann fiel er selber wieder in die feuchten Stimmungen zurück. Das Erstaunen Napoleon's, als er einen deutschen Dichter sah und — einen Mann fand! Er hatte erwartet, einen deutschen Dichter zu finden! — Der Deutsche ist umfänglich: an der einen Seele hat sich eine zweite angebärt, es giebt Höhlen, Zwischengänge, er kann oberflächlich scheinen, die Offenheit und Biederkeit gehört zu den Kunstfertigkeiten des Deutschen. – „Gutmüthig und tückisch” ist bei anderen M\<enschen\> eine Unmöglichkeit; aber man lebe nur eine Zeitlang unter Schwaben! — 34 [98] Ein Zeitalter der Demokratie treibt den Schauspieler auf die Höhe, in Athen, ebenso wie heute. R\<ichard\> W\<agner\> hat bisher Alles darin überboten, und einen hohen Begriff vom Schauspieler erweckt, der Schauder erwecken kann. Musik, Poesie, Religion, Cultur, Buch, Familie, Vaterland, Verkehr — alles vorerst Kunst , will sagen Bühnen-Attitüde! 34 [99] Schweine-Deutsch! — Verzeihung! Zeitungs-Deutsch! Da lese \<ich\> Friedrich Albert Lange, ein braves Thier, welches man sogar, in Ermangelung braverer Thiere, deutschen Jünglingen anempfehlen darf: aber er schreibt zum Beispiel: “Mit dem Lobe der Gegenwart verbindet sich der Cultus der Wirklichkeit. Das Ideale hat keinen Cours; was sich nicht naturwissenschaftlich und geschichtlich legitimiren kann, wird zum Untergang verurtheilt.” Wozu lernt man eigentlich auf deutschen Schulen lateinisch und griechisch: wenn man nicht einmal den Ekel vor einem solchen schmutzigen Mischmasch lernt! Und welche Begeisterung haben gerade die eigentlichen Deutsch-Verderber erregt, ehemals Hegel, neuerdings Richard Wagner, allerjüngst Eugen Dühring! 34 [100] Schrecklich zu denken, wenn ich durch meine Gedanken über das Weib irgend eine Schriftstellerin, nachdem sie sich und die Welt schon genugsam mit ihren Büchern gequält hat, zu dem Rachegedanken treiben könnte, zu Kindern zu kommen! 34 [101] “Wenn ein Weib zu Kindern kommen will, läßt es gewöhnlich nicht die Kindlein zu sich kommen, sondern die Männer!” sagte eine alte Hebamme. 34 [102] — Man gebe Acht darauf, ob das, was die Deutschen ihre Literatur nennen, nicht zum besten Theile auf Pfarrerssöhne zurückgeht. — Nun liegt in dieser Abkunft der deutschen Prosa von vornherein die Wahrscheinlichkeit, daß die feierlichen, würdevollen, langsamen, gravitätischen Gattungen am besten gepflegt sind: daß es am Allegro oder gar am Presto fehlen wird. Die außerordentliche Munterkeit eines Stils, wie il principe (ganz abgesehn vom Ernste seiner Angelegenheit), die Kürze Kraft, eine Art Lust am Gedräng schwerer Gedanken, giebt einen Nachhall florentinischer Beredsamkeit, namentlich der Advokaten. Auch im Voltaire ist Advokaten-Geschick höchsten Ranges, Advokaten-tempo. Das schnellste Tempo das ich vorfand in einem Schriftsteller, ist bei Petronius: der läuft wie ein geschwinder Wind und ist folglich nicht lüstern: er ist zu lustig dazu. 34 [103] Die Deutschen. Vermuthungen und Wünsche von F. N. 34 [104] NB. Die Deutschen, von denen ich hier nur rede, sind etwas Junges und Werdendes: ich trenne sie ab von den Deutschen der Reformation und des dr\<eißigjährigen\> Krieges und will nicht an der Geschichtsfälscherei Antheil haben, welche über diese Kluft hinwegspringt: wie als ob damals nichts geschehen wäre. Daß sich in dem 16. Jahrhundert etwas mit ihnen zugetragen hat, was dem Untergang einer früheren Rasse gleichkommt, wird sich schwerlich leugnen lassen: diese Erscheinung der Entmuthigung, der Feigheit, der Greisenhaftigkeit, des chinesischen Zopfes, im Bilde zu reden — das muß im Ganzen die Folge einer furchtbaren Blutverderbniß gewesen sein, hinzugerechnet, daß die männlichen Männer fort und fort in's Ausland giengen und im Auslande starben oder verdarben. Andererseits hat damals eine unfreiwillige Mischung mit wenig verwandten Rassen stattgefunden: die Unzucht des Krieges war, nach allen Beschreibungen, über die Maaßen unheilvoll. Es gab wohl hier und da noch Reste einer stärkeren Rasse: z. B. ist der Musiker Händel, unser schönster Typus eines Mannes im Reiche der Kunst, ein Zeugniß davon: oder, um ein Weib zu nennen, Frau Professor Gottsched, welche mit Fug und Recht eine gute Zeit lang über die deutschen Professoren das Scepter geführt hat, — man sehe sich doch die Bilder von Beiden an! Manche Gegenden reinigten sich schneller und kamen zur Gesundheit im Ganzen zurück, z. B. Hannover Westphalen Holstein, — da sitzt auch heute noch eine brave bäuerliche und phlegmatische Rasse. — Am schlimmsten stand es wohl mit dem deutschen Adel: der war am tiefsten geschädigt. Was davon zu Hause blieb, litt am Alcoholismus, was hinaus gieng und zurückkam, an der Syphilis. Bis heute hat er in geistigen Dingen wenig mitgeredet; und selbst was Bismarck betrifft, so ist seine Urgroßmutter aus dem Leipziger Professorenstande. — 34 [105] Der Deutsche — nicht zu reden von den blödsinnigen deutschthümelnden Jünglingen, welche auch heute noch von “germanischen Tugenden” faseln — seine mystische Natur. Es gab noch keine deutsche Bildung: es gab Einsiedler, welche sich mit erstaunlichem Geschick verborgen zu halten wußten, inmitten der gröbsten Barbarei. 34 [106] Der deutsche Schreibe-stil. Mephistopheles. 34 [107] Brutalität und dicht dabei krankhafte Zärtlichkeit des sinnlichen Gefühls bei R\<ichard\> W\<agner\> — ist höchst Pariserisch. 34 [108] Ich nehme die demokratische Bewegung als etwas Unvermeidliches: aber als etwas, das nicht unaufhaltsam ist, sondern sich verzögern läßt. Im Großen aber nimmt die Herrschaft des Heerden-Instinkts und \<der\> Heerden-Werthschätzungen, der Epicuräismus und das Wohlwollen mit einander zu: der Mensch wird schwach, aber gut und gemüthlich. 34 [109] NB. Die Parlamente mögen für einen starken und biegsamen Staatsmann äußerst nützlich sein, er hat da etwas, worauf er sich stützen kann — jedes solche Ding muß widerstehn können! — wohin er viele Verantwortung abwälzen kann! Im Ganzen aber wünschte ich, daß der Zahlen-Blödsinn und der Aberglaube an Majoritäten sich noch nicht in D\<eutschland\> wie bei den lateinischen Rassen festsetzte; und daß man endlich auch noch etwas in politicis erfinde! Es hat wenig Sinn und viel Gefahr, die noch so kurze und leicht wieder auszurottende Gewohnheit des allgemeinen Stimmrechts tiefer Wurzel schlagen zu lassen: während seine Einführung doch nur eine Noth- und Augenblicks-Maaßregel war. 34 [110] Mir scheint das erfinderische Vermögen und die Anhäufung von Willens-Kraft am größten und unverbrauchtesten bei den Slaven zu sein, Dank einem absoluten Regimente: und ein deutsch — slavisches Erd-Regiment gehört nicht zu dem Unwahrscheinlichsten. Die Engländer wissen die Consequenzen ihrer eigenen starrköpfigen “Selbst-Herrlichkeit” nicht zu überwinden, sie bekommen auf die Dauer immer mehr die homines novi ans Ruder und zuletzt die Weiber ins Parlament. Aber Politik treiben ist zuletzt auch Sache der Vererbung: es fängt Keiner an, aus einem Privatmann ein Mensch mit ungeheurem Horizonte zu werden. 34 [111] Die Deutschen sollten eine herrschende Kaste züchten: ich gestehe, daß den Juden Fähigkeiten innewohnen, welche als Ingredienz bei einer Rasse, die Weltpolitik treiben soll, unentbehrlich sind. Der Sinn für Geld will gelernt, vererbt und tausendfach vererbt sein: jetzt noch nimmt es der Jude mit dem Amerikaner auf. 34 [112] Ich zeige auf etwas Neues hin: gewiß, für ein solches demokratisches Wesen giebt es die Gefahr des Barbaren, aber man sucht sie nur in der Tiefe. Es giebt auch eine andere Art  Barbaren, die kommen aus der Höhe: eine Art von erobernden und herrschenden Naturen, welche nach einem Stoffe suchen, den sie gestalten können. Prometheus war ein solcher Barbar. — 34 [113] Kein Volk von „Politikern von Beruf”, von Zeitungslesern! 34 [114] — — — Die Kleinheit und Erbärmlichkeit der deutschen Seele war und ist ganz und gar nicht eine Folge der Kleinstaaterei: man ist bekanntlich in noch viel kleineren Staaten stolz und selbstherrlich gewesen: und nicht die Großstaaterei an sich macht die Seele freier und männlicher. In wessen Seele ein sklavischer Imperativ „du sollst und mußt knieen!” eine unfreiwillige Nackenbeugung gebietet vor Ehren-Titeln, Orden, gnädigen Blicken von Oben hinunter, der wird sich in einem „Reiche” nur noch tiefer bücken und den Staub vor dem großen Landesvater nur noch inbrünstiger auflecken, als er es vor dem kleinen that: daran ist nicht zu zweifeln. — Man sieht den Italiänern der unteren Stände es heute noch an, daß aristokratische Selbstgenugsamkeit und männliche Zucht und Gewißheit ihrer selber zur längsten Geschichte ihrer Stadt gehört und ihnen am besten vorgemacht worden ist; ein armer Gondoliere in Venedig ist immer noch eine bessere Figur als ein Berliner wirklicher Geheimrath, und zuletzt gar noch ein besserer Mann: das greift man mit den Fingern. Man frage darüber bei den Weibern an. 34 [115] Die Bedienten-Seele. Die Blut-Verderbniß. Die moralische Tartüfferie. Das „Gemüth”. Die Unklarheit. Die Verzögernden. Muthmaaßung über das Südländische. Die Häßlichkeit. Die Hinter-Seele. Die Abhängigkeit von Frankreich. Der deutsche Professor und der Offizier. Die niaiserie allemande. Der deutsche Schreibestil. Die Einsiedler. Das „Ewig-Weibliche” am deutschen Manne. Der Rausch und die Musik. Der „historische Sinn”. Der Schauspieler. Die Bequemlichkeit (Philister) und der Krieg. Die Philosophen. Der Pessimismus. (Vergleich mit Frankreich). Mehr Heerdenthier als je — aber es giebt günstige Bedingungen auch für Einzelne. 34 [116] Das Achtbarste an Kant ist, daß er über die Leibnitzische Verführung hinwegkam und das Beste vom vorigen Jahrhundert, den Sensualismus festhielt. 34 [117] NB. Schopenhauer, in seiner Jugend durch die Romantiker verführt und von seinen besten Instinkten abgelenkt, war im Grunde Voltairianer mit Kopf und Eingeweiden, und recht ein Kind des vorigen Jahrhunderts — im Übrigen aber durch die Griechen und durch Goethe über den französischen Geschmack hinausgeführt, und vor allem — kein Theolog! Die “Unveränderlichkeit des Charakters”, auf deutsch vielleicht die Faulheit, und andererseits der Glaube an die Unfehlbarkeit des Genie's (auf deutsch vielleicht die Eitelkeit) brachte ihn dazu, seine “Jugendsünde”, ich meine seine Metaphysik des Willens, vorzeitig heilig zu sprechen; und sich selber nicht mehr zu „entwickeln”. Ein M\<ensch\> von seiner Begabung und inneren discordia hatte das Zeug zu fünf besseren Systemen im Kopfe, und eines immer wahrer und falscher als das andre. 34 [118] Wir verstehn einen “causalen” Zusammenhang nicht, wir sehen aber, daß ein Factum, um constatirt zu werden, mehrere Facta in sich begreifen \<soll\>. Unsere Analyse stellt ein Nacheinander auf. Die Zahlen, die sich dabei ergeben, bedeuten nichts für den Zusammenhang jener Erscheinungen unter sich, sondern können irreführen: weil der Mensch in manchen Instinkten festgestellt ist, ergiebt sich eine Ähnlichkeit der Zahlenverhältnisse in Bezug zu ihm. 34 [119] Stehen unsere Gedanken in einem causalen unmittelbaren Verhältniß zu einander? Oder ist deren logische Verbindung ein Schein? Ich meine, eine Folge davon, daß die veranlassenden Vorgänge jedes dieser Gedanken in einer Verbindung stehn, welche sich uns als „Schluß” und dergleichen darstellt. Es sind lauter Endglieder? — Oder giebt es ein unmittelbares Einwirken eines Gedankens auf einen anderen? Ein „Verursachen” hier wenigstens? 34 [120] Die Erscheinungswelt “leerer Schein und Trug”, das Causalltäts-Bedürfniß, welches zwischen Erscheinungen Verbindungen herstellt, ebenfalls „leerer Schein und Trug” — damit kommt die moralische Verwerfung des Trügerischen und Scheinbaren zu Wort. Man muß darüber hinweg gehn. Es giebt keine Dinge an sich, auch kein absolutes Erkennen, der perspektivische, täuschende Charakter gehört zur Existenz. 34 [121] Daß meine Werthschätzung oder Verurtheilung eines Menschen noch keinem anderen Menschen ein Recht giebt zu der gleichen Werthschätzung oder Verurtheilung: — es sei denn, daß er mir gleich steht und gleichen Ranges ist. Die entgegengesetzte Denkweise ist die der Zeitungen: daß die Werthschätzungen von Menschen und Sachen Etwas “an sich” seien, zu denen jeder wie nach seinem Eigenthum greifen dürfe. Hier ist eben die Voraussetzung, das Alle gleichen Ranges sind. — Wahrhaftig sein ist eine Auszeichnung 34 [122] Daß Etwas Entstandenes nicht erkannt ist, wenn man seine Entstehung (Vater und Mutter) kennt: sondern daß man es schon kennen muß, um in den Entstehungs-Bedingungen etwas „Verwandtes” zu entdecken — und daß dies meist ein Schein ist: — in Wahrheit ist ja das Wiedererkennen des väterlichen und mütterlichen Elements im Kinde nur bei einem Aggregat möglich, und unwillkürlich suchen wir, um zu erklären, etwas Neues nur als ein Aggregat, eine Zusammenordnung zu fassen d. h. die Analyse bezieht sich nicht auf die wirkliche Entstehung, sondern auf eine fingirte, gar nicht geschehene “mechanische” Zusammenordnung und Addition. Der Erklärende nimmt die Thatsachen dümmer und einfacher als sie sind. 34 [123] Daß der Mensch eine Vielheit von Kräften ist, welche in einer Rangordnung stehen, so daß es Befehlende giebt, aber daß auch der Befehlende den Gehorchenden alles schaffen muß, was zu ihrer Erhaltung dient, somit selber durch deren Existenz bedingt ist. Alle diese lebendigen Wesen müssen verwandter Art sein, sonst könnten sie nicht so einander dienen und gehorchen: die Dienenden müssen, in irgendeinem Sinne, auch Gehorchende sein, und in feineren Fällen muß die Rolle zwischen ihnen vorübergehend wechseln, und der, welcher sonst befiehlt, einmal gehorchen. Der Begriff „Individuum” ist falsch. Diese Wesen sind isolirt gar nicht vorhanden: das centrale Schwergewicht ist etwas Wandelbares; das fortwährende Erzeugen von Zellen usw. giebt einen fortwährenden Wandel der Zahl dieser Wesen. Und mit Addiren ist überhaupt nichts gemacht. Unsere Arithmetik ist etwas zu Grobes für diese Verhältnisse und nur eine Einzel-Arithmetik. 34 [124] Die Logik unseres bewußten Denkens ist nur eine grobe und erleichterte Form jenes Denkens, welches unser Organismus, ja die einzelnen Organe desselben, nöthig hat. Ein Zugleich-Denken z. B. ist nöthig, von dem wir kaum eine Ahnung haben. Vielleicht ein Künstler der Sprache: das Zurückrechnen mit der Schwere und Leichtigkeit der Silben, das Vorausrechnen, zugleich das Analogie-suchen von der Schwere des Gedankens mit den lautlichen resp. physiologischen Kehlkopf-Bedingungen, geschieht zugleich — aber freilich nicht als bewußt. Unser Causal-Gefühl ist etwas ganz Grobes und Vereinzeltes gegen die wirklichen Causal-Gefühle unseres Organismus. Namentlich ist das “Vorher” und „Nachher” eine große Naivetät. Zuletzt: wir mußten alles erst erwerben für das Bewußtsein, einen Zeit-sinn, Raum-sinn, Causal-sinn: nachdem es ohne Bewußtsein lange schon viel reicher existirt hatte. Und zwar eine gewisse einfachste schlichteste reduzirteste Form: unser bewußtes Wollen, Fühlen, Denken ist im Dienste eines viel umfänglicheren Wollens Fühlens und Denkens. — Wirklich? Wir wachsen fortwährend noch, unser Zeit- Raumsinn usw. entwickelt sich noch. 34 [125] Es läßt sich Nichts voraussagen, aber bei einer gewissen Erhöhung des Typus Mensch kann eine neue Kraft sich offenbaren, von der wir bisher nichts wußten. (Nämlich eine Synthesis von Gegensätzen?) 34 [126] Der Seufzer Kleist's über die schließliche Unerkennbarkeit — 34 [127] Wir sind Anfänger im Lernen z. B. mit unserer Art Logik. Oder unseren Leidenschaften. Oder unserer Mechanik. Oder unserer Atomistik, welche der ehrlichste Versuch ist, die Welt für das Auge zu construiren, und für den zählenden arithmetischen Verstand (also anschaulich und berechenbar) 34 [128] Unsere „Mittel und Zwecke” sind sehr nützliche Abbreviaturen, uns Vorgänge handlich, überschaulich zu machen. 34 [129] Der Wille zur Wahrheit. Jenseits von Gut und Böse. Der Mensch als Künstler. Von der hohen Politik. Der züchtende Gedanke. 34 [130] Das abstrakte Denken ist für Viele eine Mühsal, — für mich, an guten Tagen, ein Fest und ein Rausch. 34 [131] Wie ein Feldherr von vielen Dingen nichts erfahren will und erfahren darf, um nicht die Gesamt-Überschau zu verlieren: so muß es auch in unserem bewußten Geiste vor Allem einen ausschließenden wegscheuchenden Trieb geben, einen auslesenden —, welcher nur gewisse facta sich vorführen läßt. Das Bewußtsein ist die Hand, mit der der Organismus am weitesten um sich greift: es muß eine feste Hand sein. Unsere Logik, unser Zeitsinn, Raumsinn sind ungeheure Abbreviatur-Fähigkeiten, zum Zwecke des Befehlens. Ein Begriff ist eine Erfindung, der nichts ganz entspricht; aber Vieles ein wenig: ein solcher Satz „zwei Dinge, einem dritten gleich, sind sich selber gleich” setzt 1) Dinge 2) Gleichheiten voraus: beides giebt es nicht. Aber mit dieser erfundenen starren Begriffs- und Zahlenwelt gewinnt der Mensch ein Mittel, sich ungeheurer Mengen von Thatsachen wie mit Zeichen zu bemächtigen und seinem Gedächtnisse einzuschreiben. Dieser Zeichen-Apparat ist seine Überlegenheit, gerade dadurch, daß er sich von den Einzel-Thatsachen möglichst weit entfernt. Die Reduktion der Erfahrungen auf Zeichen, und die immer größere Menge von Dingen, welche also gefaßt werden kann: ist seine höchste Kraft. Geistigkeit als Vermögen, über eine ungeheure Menge von Thatsachen in Zeichen Herr zu sein. Diese geistige Welt, diese Zeichen-Welt ist lauter “Schein und Trug”, ebenso schon wie jedes “Erscheinungsding” — und der “moralische Mensch” empört sich wohl! (wie für Napoleon nur die wesentlich\<en\> Instinkte des Menschen bei seinen Rechnungen in Betracht kamen und er von den ausnahmsweisen ein Recht hatte, keine Notiz zu nehmen z. B. vom Mitleiden — auf die Gefahr hin, hier und da sich zu verrechnen) 34 [132] Was ist denn „wahrnehmen”? Etwas- als — wahr — nehmen: ja sagen zu Etwas. 34 [133] NB. Es ist etwas Krankhaftes am ganzen bisherigen Typus der Philosophen, es mag viel an ihm mißrathen sein. Statt sich und die Menschen höher zu führen, gehen die Philosophen am liebsten bei Seite und suchen, ob es nicht einen anderen Weg gäbe: das ist vielleicht an sich schon das Anzeichen eines entartenden Instinkts. Der wohlgerathene Mensch freut sich an der Thatsache “Mensch” und am Wege des Menschen: aber — er geht weiter! 34 [134] Was mein Werth-Urtheil ist, ist es nicht für einen Anderen. Das Annehmen von Werth-Urtheilen wie von Kleidungsstücken ist trotzdem die häufigste Thatsache: so entsteht von außen her erst Haut, dann Fleisch, endlich Charakter: die Rolle wird Wahrheit. 34 [135] Diesen deutschen Idealisten habe ich oft zugesehn, sie aber nicht mir: — sie wissen und riechen nichts davon, was ich weiß, sie gehen ihren sanften Schlendergang, sie haben das Herz voll anderer Begierden als ich: sie suchen andere Luft, andere Nahrung, anderes Behagen. Sie sehen hinauf, ich sehe hinaus, — wir sehen nie das Gleiche. — Mit ihnen umzugehn ist mir verdrießlich. Sie mögen an ihrem Leibe schon die Reinlichkeit lieben: aber ihr Geist ist ungewaschen, ihr “folglich” riecht mir faul, sie entrüsten sich, wo bei mir die fröhliche Neugierde anhebt, sie haben sich die Ohren nicht ausgewischt, wenn ich bereit bin, mein Lied zu singen. 34 [136] — Dieser Sokrates, der schlaue Gründe dafür suchte, so zu handeln, wie die Sitte anbefahl, war ganz nach dem Herzen der “delphischen Priesterschaft”: und seine Bekehrung des Plato war das Meisterstück seiner Verführungs-Kunst. Die angelernten Begriffe als göttlichen Ursprungs, die volksthümlichen Werthschätzungen als die ewigen und unvergänglichen: — aber sie, für ein feineres Geschlecht, neu aufzuputzen, ihnen den Pfeffer und Beifuß der dialektischen Freude beizugesellen, sie unter einer geschwätzigen und verliebten Jugend zur Entzündung von Rede- und That-Wetteifer zu benutzen — 34 [137] — Sie sind mir so fremd: ich müßte ihnen, um mit ihnen zu leben, immer gerade das Entgegengesetzteste lehren, von dem, was ich für wahr halte und was mir erquicklich scheint: und unter ihnen erdachte ich das Sprüchwort “nicht nur das Gold, auch das Leder glänzt”. 34 [138] In Deutschland hat es immer an Geist gefehlt, und die mittelmäßigen Köpfe kommen dort schon zu den höchsten Ehren, weil sie schon selten sind. Was am besten geschätzt wird, das ist Fleiß und Beharrlichkeit und ein gewisser kaltblütiger kritischer Blick; und um solcher Eigenschaften willen ist deutsche Philologie, deutsches Kriegswesen über Europa Meister geworden. 34 [139] NB. Für feinere und klügere Ohren klingt fast jedes Lob einer Tugend lächerlich: sie hören noch keine Tugend heraus z. B. wenn einer „bescheiden” genannt wird (falls er sich richtig abschätzt!) oder daß einer „wahrhaftig” heißt (falls er nicht getäuscht sein will!) \<oder\> „mitleidig” (falls er ein weiches nachgebendes Herz hat) oder keusch (falls er ein Frosch ist und andererseits doch nicht gern an Sümpfen lebt) 34 [140] NB. Es giebt \<eine\> Arglosigkeit der wiss\<enschaftlichen\> M\<enschen\>, welche an Blödsinn grenzt: sie haben keinen Geruch davon, wie gefährlich ihr Handwerk ist, sie glauben im Grunde ihres Herzens, daß „Liebe zur Wahrheit” und “das Gute, Schöne und Wahre” ihre eigentliche Angelegenheit sei. Ich meine nicht “gefährlich” in Hinsicht auf die auflösenden Wirkungen, sondern in Hinsicht auf das ungeheure Schwergewicht der Verantwortlichkeit welches Einer auf sich fühlt, welcher zu merken beginnt, daß alle Werthschätzungen, nach denen die Menschen leben, auf die Dauer den Menschen zu Grunde richten. 34 [141] NB. Die entmännlichenden und vielleicht entmannende Wirkung des vielen Betens gehört auch unter die Schädigungen des deutschen Wesens seit der Reformation. Es ist eine Sache schlechten Geschmacks unter allen Umständen, viel zu bitten, statt viel zu geben: die Mischung demüthiger Servilität mit einer oft hoffärtig-pöbelhaften Zudringlichkeit, mit der sich z. B. der heilige Augustin in seinen confessiones vor Gott wälzt, erinnert daran, daß der Mensch vielleicht nicht allein unter den Thieren das religiöse Gefühl hat- der Hund hat für den Menschen ein ähnliches „religiöses Gefühl”. — Der betende Verkehr mit G\<ott\> züchtet die erniedrigende Stimmung und Attitüde, welche auch in unfrommen Zeiten, durch Vererbung, noch ihr Recht behauptet: die Deutschen erstarben bekanntlich vor Fürsten oder vor Parteiführern oder vor der Phrase „als unterthänigster Knecht”. Es soll damit vorüber sein. 34 [142] NB. Es ist mir nie in den Sinn gekommen, sämmtliche Tugenden aus dem Egoismus “abzuleiten”. Ich will erst bewiesen haben, daß es „Tugenden” sind und nicht nur zeitweilige Erhaltungs-Instinkte bestimmter Heerden und Gemeinden. 34 [143] Diese weichliche Angst vor dem ”gräßlichen Fanatismus” 34 [144] NB. — er bewegte und schloß wieder die Lippen und blickte wie Einer, der noch etwas zu sagen hat und zögert es zu sagen. Und es dünkte denen, welche ihm zusahen, daß sein Gesicht dabei leise erröthet sei. Dies dauerte eine kleine Weile: dann aber, mit Einem Male, schüttelte er den Kopf, schloß freiwillig die Augen — und starb. — Also geschah, daß Zarathustra untergieng. 34 [145] Er führt seine Freunde immer höher, auch an seine Höhle und endlich auf den hohen Berg: da stirbt er. — segnend: Gräberinsel Höhle. Die Stationen: und jedesmal Reden. Mittag und Ewigkeit Von Friedrich Nietzsche. Erster Theil die Heroldsrufe. Zweiter Theil: die Verkündigung. Dritter Theil: die Gelobenden. Vierter Theil Aufgang und Untergang. 34 [146] Einem, dem daran gelegen ist, unter welchen Bedingungen die Pflanze “Mensch” am Kräftigsten in die Höhe wächst, — einem solchermaaßen Beschäftigten ist das Erscheinen einer neuen politischen Macht, falls sie nicht auf einen Gedanken sich stellt, noch kein Ereigniß: er hat kaum Zeit, näher zuzusehn. Man mißverstehe mich nicht: ich wollte mit diesem Buche erklären, weshalb die Entstehung des deutschen Reiches mir gleichgültig geblieben ist: ich sehe einen Schritt weiter in der Demokratisirung Europas — nichts mehr, nichts Neues. Die Demokratie aber ist die Form eines Verfalls des Staates, einer Entartung der Rassen, eines Übergewichts der Mißrathenden: das habe ich schon Ein Mal gesagt. 34 [147] Ein Mensch, dem fast alle Bücher oberflächlich geworden sind, der vor wenigen Menschen der Vergangenheit noch den Glauben übrig hat, daß sie Tiefe genug besessen haben, um — nicht zu schreiben, was sie wußten. Ich habe so viele verbotene Dinge gedacht und bin dort guter Dinge und zu Hause, wo auch rechtschaffenen und tüchtigen Geistern der Athem ausgeht: so sehe ich es immer mit Erstaunen,  wenn ich noch etwas mitzutheilen finde. Ob ich gleich recht gut weiß, daß mir meine Gedankenstriche lieber sind als meine mitgetheilten Gedanken. Wie viele Gelehrte könnte ich beschäftigen; und wenn ich vielleicht in einzelnen Fällen dies gethan habe — Der Übelstand, den es hat, Gelehrte auf Gebiete zu treiben, wo Freiheit, Feinheit und Unbedenklichkeit noth thun, liegt darin, daß sie nicht über sich hinaus sehen können — daß sie dort kein Auge haben, wo sie keine Erlebnisse haben. Um z. B. darzustellen, was das moralische Gewissen ist, dazu müßte Einer tief und verwundet und ungeheuer sein wie das Gewissen Pascals und dann noch jenen ausgespannten Himmel von heller und boshafter Geistigkeit besitzen, welche von oben herab dieses Gewimmel von Erlebnissen übersieht, ordnet und auslacht. Als ich jünger war, meinte ich, daß mir einige hundert Gelehrte fehlten, welche ich wie Spürhunde in die Gebüsche — ich meine in die Geschichte der menschlichen Seele — treiben könnte, um mein Wild aufzujagen. Inzwischen lernte ich, daß zu den Dingen, welche meine Neugierde reizen, auch Gelehrte schwer zu finden sind. 34 [148] Ich glaube zu fühlen, daß Socrates tief war — seine Ironie war vor Allem die Nöthigung, sich oberflächlich zu geben, um überhaupt mit Menschen verkehren zu können —; daß Caesar Tiefe hatte: insgleichen vielleicht jener Hohenstaufe Friedrich der Zweite: sicherlich Leonardo da Vinci; in nicht geringem Grade Pascal, der nur dreißig Jahre zu früh starb, um aus seiner prachtvollen bitterbösen Seele heraus über das Christenthum selber hohnzulachen, wie er früher und jünger über die Jesuiten gethan hat. 34 [149] NB. Ich ehre M\<ichel\> Angelo höher als Raffael, weil er, durch alle christlichen Schleier und Befangenheiten seiner Zeit hindurch, die Ideale einer vornehmeren Cultur gesehn hat, als es die christlich-raffaelische ist: während Raffael treu und bescheiden nur die ihm gegebenen Werthschätzungen verherrlichte und keine weitersuchenden, sehnsüchtigen Instinkte in sich trug. M\<ichel\> Angelo aber sah und empfand das Problem des Gesetzgebers von neuen Werthen: ebenso das Problem des Siegreich-Vollendeten, der erst nöthig hatte, auch “den Helden in sich” zu überwinden; den zuhöchst gehobenen Menschen, der auch über sein Mitleiden erhaben ward und erbarmungslos das ihm Unzugehörige zerschmettert und vernichtet, — glänzend und in ungetrübter Göttlichkeit. M\<ichel\> A\<ngelo\> war, wie billig, nur in Augenblicken so hoch und so außerhalb seiner Zeit und des christlichen Europas: zumeist verhielt er sich condescendent gegen das Ewig-Weibliche am Christenthum; ja es scheint, daß \<er\> zuletzt gerade vor diesem zerbrach und das Ideal seiner höchsten Stunden aufgab. Es war nämlich ein Ideal, dem nur der Mensch der stärksten und höchsten Lebens-Fülle gewachsen sein kann, nicht aber ein altgewordener Mann! Im Grunde hätte er ja das Christenthum von seinem Ideale aus vernichten müssen! Aber dazu war er nicht Denker und Philosoph genug. — L\<eonardo\> da Vinci hat vielleicht allein von jenen Künstlern einen wirklich überchristlichen Blick gehabt. Er kennt „das Morgenland”, das innewendige so gut als das äußere. Es ist etwas Über-Europäisches und Verschwiegenes an ihm, wie es jeden auszeichnet, der einen zu großen Umkreis von guten und schlimmen Dingen gesehn hat. 34 [150] NB. Schopenhauer, ein rechtschaffner Denker, insgleichen kein übler Schriftsteller über philosophische Gegenstände, wenngleich für sich selber kein Philosoph: in Hinsicht auf die jetzige Jugend (und auch auf solche Alte, welche in ihren Ansprüchen an Schärfe der Begriffe, Helle des Himmels und — Wissenschaftlichkeit bescheiden sind) noch nicht zu ersetzen, denn er lehrt Verehrung, wo er selber verehrt hat, vor dem kritischen Geiste Kants, vor Goethe, vor den Griechen, vor den freigeistischen Franzosen: zu seiner Zeit war er vielleicht der bestgebildete Deutsche, mit einem europäischen Horizonte: es giebt selbst Augenblicke, wo er mit morgenländischen Augen sieht. Der Pessimismus, wie er ihn verstand, ist ebenfalls kein kleiner Lehrmeister der Verehrung auf Gebieten, wo Verehrung nicht zu Hause war: z. B. vor dem indischen Alterthum, vor dem alten eigentlichen Christenthum, dem katholischen, gegen welches die protestantische Schul-Erziehung den Geschmack \<zu\> wenden pflegt. 34 [151] Über das “Genie”. Wie wenig Begabung z. B. bei R\<ichard\> W\<agner\>! Gab es je einen Musiker, der in seinem 28. \<Jahre\> so arm war (nicht so unentwickelt, unaufgeschlossen, sondern so arm), daß er auf Meyerbeer neidisch war — so arg neidisch, um sich sein Leben lang darüber zu ärgern? um folglich, mit der Folgerichtigkeit “schöner Seelen”, es ihm sein Lebenlang nachzutragen? Andererseits lernt man, wie Kant mit Recht Fleiß und Beharrlichkeit als das rühmt usw. 34 [152] Unter guten Musikern gilt Verdi für reich, gegen W\<agner\> gerechnet: der Gründe hatte, sparsam zu sein und seine “Erfindungen” gut “anzulegen”, Wucher mit “Leitmotiven” zu treiben und sein “Gold” bei sich zu behalten, daß man darauf hin einen tausendfach zu großen Credit genießt: hat es W\<agner\> den Juden abgelernt? 34 [153] NB. Ein Weib will Mutter sein; und wenn sie das nicht will, ob sie es schon sein könnte, so gehört sie beinahe in's Zuchthaus: so groß ist dann gewöhnlich ihre innewendige Entartung. 34 [154] NB. Deutschland hat nur Einen Dichter hervorgebracht, außer Goethe: das ist Heinrich Heine — und der ist noch dazu ein Jude. Aber in Frankreich ebenso wie in Italien, Spanien und England und wo man nur — — — ; er hatte den feinsten Instinkt für die blaue Blume “deutsch”, freilich auch für den grauen Esel “deutsch”. Die Pariser behaupten außerdem, daß er Mit 2 anderen Nicht-Parisern die Quintessenz des Pariser Geistes darstelle. — 34 [155] Über die Philosophen. Über die Weiber. Über die Musiker. Über die Völker. Über die Gelehrten. Über die Schriftsteller. Über die Frommen. Über Heerde und Heerden-Instinkte.      “der gute Mensch” Über die Herrschenden. Über die alten Griechen. Dionysos — Diabolus. Die guten Europäer. Ein Beitrag zur Beschreibung der europäischen Seele. 34 [156] Eine Vorrede über Rangordnung. Dies sind meine Urtheile: und ich gebe, dadurch daß ich sie drucke, noch Niemandem das Recht, sie als die seinen in den Mund zu nehmen: am wenigsten halte ich sie für öffentliches Gemeingut, und ich will dem “auf die Finger klopfen”, der sich an ihnen vergreift. Es giebt Etwas, das in einem Zeitalter des “gleichen Rechts für Alle” unangenehm klingt: das ist Rangordnung. 34 [157] NB. Zur Erklärung jenes innerlichen verwegenen Scepticismus in Deutschland, der daselbst größer und seiner selber gewisser ist als in irgend einem Lande Europa's, gehört jene Thatsache, daß die protestantische Geistlichkeit immer an Kindern fruchtbar gewesen ist und gleich Luthern nicht nur auf der Kanzel ihre Stärke gehabt hat: und aus dem gleichen Grunde, aus dein Machiavell den Scepticismus der Italiäner ableitet — sie haben den Stellvertreter Gottes und seinen Hof immer zu nahe vor Augen gehabt — haben Allzuviele von den deutschen Philosophen und Gelehrten als Kinder von Predigern und sonstigem Kirchen-Zubehör dem „Priester” zugesehn — und glauben folglich nicht mehr an Gott. Der Protestantismus ist von vornherein wesentlich Unglaube an den „Heiligen”; die deutsche Philosophie ist wesentlich Unglaube an die homines religiosi und die Heiligen zweiten Ranges, an alle die Land- und Stadtpfarrer, hinzugenommen die Theologen der Universität — und insofern mag die deutsche Philosophie eine Fortsetzung des Protestantismus sein. 34 [158] NB. Die Außen-Welt ist das Werk unserer Organe folglich ist unser Leib, ein Stück Außenwelt, das Werk unserer Organe — folglich sind unsere Organe das Werk unserer Organe. Dies ist eine vollständige reductio ad absurdum: folglich ist die Außenwelt nicht das Werk unserer Organe. 34 [159] Pfeile. Gedanken über und gegen die europäische Seele Das Recht der Vorrechte. 34 [160] Pfeile. Gedanken über und gegen die deutsche Seele. Von Friedrich Nietzsche. 34 [161] NB. Ein tüchtiger Handwerker oder Gelehrter nimmt sich gut aus, wenn er seinen Stolz bei seiner Kunst hat und genügsam und zufrieden auf das Leben blickt; und nichts hingegen ist jämmerlicher anzuschauen, als wenn ein Schuster oder Schulmeister, mit leidender Miene, zu verstehen giebt, er sei eigentlich für etwas Besseres geboren. Es giebt gar nichts Besseres als das Gute! und das ist: irgend eine Tüchtigkeit haben und aus ihr schaffen, virtù, im italiänischen Sinne der Renaissance. 34 [162] NB. Heute, in der Zeit wo der Staat einen unsinnig dicken Bauch hat, giebt es in allen Feldern und Fächern, außer den eigentlichen Arbeitern noch “Vertreter“ z. B. außer den Gelehrten noch Litteraten, außer den leidenden Volks-Schichten noch schwätzende prahlerische Thunichts-gute, welche jenes Leiden “vertreten”, gar nicht zu reden von den Politikern von Berufswegen, welche sich wohl befinden und Nothstände vor einem Parlament mit starken Lungen “vertreten”. Unser modernes Leben ist äußerst kostspielig durch die Menge Zwischenpersonen; in einer antiken Stadt dagegen, und im Nachklang daran noch in mancher Stadt Spaniens und Italiens, trat man selber auf und hätte nichts auf einen solchen modernen Vertreter und Zwischenhändler gegeben — es sei denn einen Tritt! 34 [163] Der kirchliche Druck von Jahrtausenden hat eine prachtvolle Spannung des Bogens geschaffen, insgleichen der monarchische: die beiden versuchten Entspannungen (statt mit dem Bogen zu schießen) sind 1) der Jesuitism 2) die Demokratie. Pascal ist das herrliche Anzeichen von jener furchtbaren Spannung: er lachte die Jesuiten todt. — Ich bin zufrieden mit despotischen Zuständen, vorausgesetzt, daß man mit gemischten Rassen zu thun hat, wo immer eine Spannung überhaupt gegeben ist. Freilich: die Gefahr solcher Versuche ist groß. — Die europäische Demokratie ist nicht oder \<ist nur\> zum kleinsten Theile eine Entfesselung von Kräften, sondern vor Allem eine Entfesselung von Sich-gehen-lassen, von Bequem-haben-wollen, von inneren Faulheiten. Ebenso die Presse. 34 [164] Die europäische D\<emokratie\> ist zum kleinsten Theil eine Entfesselung von Kräften: vor Allem ist sie eine Entfesselung von Faulheiten, von Müdigkeiten, von Schwächen. 34 [165] Der Spiegel. Eine Gelegenheit zur Selbstbespiegelung für Europäer. Von Friedrich Nietzsche. 34 [166] Das Gemeinsame in der Entwicklung der Europäer — Seele ist z. B. zu merken bei einer Vergleichung Delacroix' und R\<ichard\> W\<agners\>, der Eine peintre-poète, der Andere Ton-Dichter, nach der Differenz der französischen und deutschen Begabung. Aber sonst gleich. Delacroix übrigens auch sehr Musiker — eine Coriolan-Ouverture. Sein erster Interpret Baudelaire, eine Art R\<ichard\> W\<agner\> ohne Musik. Der Ausdruck expression von Beiden vorangestellt, alles Übrige geopfert. Von Litteratur abhängig Beide, höchst gebildete und selbst schreibende Menschen. Nervös-krankhaft-gequält, ohne Sonne. 34 [167] In jedem Sinnes-Urtheil ist die ganze organische Vorgeschichte thätig: „das ist grün” z. B. Das Gedächtniß im Instinkt, als eine Art von Abstraction und Simplification, vergleichbar dem logischen Prozeß: das Wichtigste ist immer wieder unterstrichen worden, aber auch die schwächsten Züge bleiben. Es giebt im organischen Reiche kein Vergessen; wohl aber eine Art Verdauen des Erlebten. 34 [168] Die Guten, ihr Verhältniß zur Dummheit. Erziehung und Züchtung. Das liberum „nego”. “vorläufig: Nein!” Verehrung, Zorn und Tapferkeit 34 [169] Die Abzählbarkeit gewisser Vorgänge z. B. vieler chemischen, und eine Berechenbarkeit derselben giebt noch keinen Grund ab, hier an “absolute Wahrheiten” zu tasten. Es ist immer nur eine Zahl im Verhältniß zum Menschen, zu irgend einem festgewordenen Hang oder Maaß im Menschen. Die Zahl selber ist durch und durch unsere Erfindung. 34 [170] Ein logischer Vorgang, von der Art, wie er „im Buche steht”, kommt nie vor, so wenig als eine gerade Linie oder zwei „gleiche Dinge”. Unser Denken läuft grundverschieden: zwischen einem Gedanken und dem nächsten waltet eine Zwischenwelt ganz anderer Art z. B. Triebe zum Widerspruch oder zur Unterwerfung usw. 34 [171] Synthetische Urtheile a priori sind wohl möglich, aber sie sind — falsche Urtheile. 34 [172] Nux et crux. Eine Philosophie für gute Zähne. 34 [173] Jede Philosophie, wie sie auch entstanden sein möge, dient zu gewissen Erziehungs-Zwecken z. B. zur Ermuthigung oder zur Besänftigung usw. 34 [174] Das Gute eine Vorstufe des Bösen; eine gelinde Dosis des Bösen: — 34 [175] Wenn Einer sich um die Andern und nicht um sich kümmert, kann das ein Zeichen der Dummheit sein: so denkt das “Volk” bonhomie. 34 [176] Die Moralen und Religionen sind das Haupt-Mittel, mit dem man aus dem Menschen gestalten kann, was Einem beliebt: vorausgesetzt daß \<man\> einen Überschuß von schaffenden Kräften hat und seinen schaffenden Willen über lange Zeiträume durchsetzen kann, in Gestalt von Gesetzgebungen und Sitten. Indem ich über die Mittel nachsann, den Menschen stärker und tiefer zu machen als er bisher war, erwog ich vor Allem, mit Hülfe welcher Moral dergleichen bisher bewerkstelligt worden ist. Das Erste, was ich begriff, war, daß man dazu die in Europa übliche Moral nicht gebrauchen kann, von der freilich die Philosophen und Moralisten Europa's meinen, es sei die Moral selber und allein — ein solcher Philosophen-Unisono ist in der That der bessere Beweis dafür, daß jene Moral wirklich herrscht. — Denn diese Moral ist der eigentliche Heerden-Instinkt, welcher Behagen, Ungefährlichkeit, Leichtigkeit des Lebens nur ersehnt und als letzten hintersten Wunsch sogar den hat, allen Führern und Leithammeln entrathen zu können. Ihre beiden am besten gepredigten Lehren heißen: “Gleichheit der Rechte” und “Mitgefühl für alles Leidende” – und das Leiden selbst wird von allen Heerden-Thieren als etwas genommen, das man abschaffen muß. Wer aber darüber nachdenkt, wo und wie die Pflanze Mensch bisher am kräftigsten und schönsten emporwächst, wird im Gegensatz zur europäischen Heerden-Moral und Geschichts-Fälscherei so viel aus der Geschichte entnehmen, daß dazu die Gefährlichkeit seiner Lage gesteigert, sein Erfindungs- und Verstellungsgeist durch langen Druck und Zwang herausgefordert werden muß, und daß folglich heute, Grausamkeit, Verschwiegenheit, Ungemüthlichkeit, Ungleichheit der Rechte, Krieg, Erschütterungen aller Art, kurz der Gegensatz aller Heerden-Ideale noth thut. Daß eine Moral mit solchen umgekehrten Absichten nur in Anknüpfung an das beherrschende Sittengesetz und unter dessen Worten und Prunkworten gelehrt werden könne und angepflanzt werden könne, daß also viele Übergangs- und Täuschungsformen zu erfinden sind, und daß, weil das Leben Eines Menschen viel zu kurz zur Durchsetzung eines so langwierigen Willens ist, Menschen angezüchtet werden müssen, in denen einem solchen Willen Dauer durch viele Generationen verbürgt wird: dies begreift sich so gut als das lange nicht leicht aussprechbare Und-so-weiter dieser Gedanken. Eine Umkehrung der Werthe bei einer bestimmten starken Art von Menschen vorzubereiten und unter ihnen eine Menge in Zaum gehaltener und verläumdeter Instinkte zu entfesseln: darüber nachdenkend erwog ich, welche Art Mensch unwillkürlich und überhaupt schon der also gestellten Aufgabe bisher gearbeitet hat. Ich fand die Pessimisten, indem ihre Unzufriedenheit mit Allem sie auch zur Unzufriedenheit mit dem Gegenwärtigen mindestens logisch nöthigte: deshalb begünstigte ich Schopenhauer und die langsam über Europa aufdämmernde Kenntniß der indischen Philosophie. Auch ein Alpdruck ist ein Mittel, Menschen plötzlich aufzuwecken. — Insgleichen hatte ich ein Wohlgefallen an gewissen unersättlich-dualistischen Künstlern, welche wie Byron unbedingt an die Vorrechte höherer Menschen glauben und unter der Verführung der Kunst bei ausgesuchten Menschen die Heerden-Instinkte übertäuben und die entgegengesetzten wachrufen. Drittens ehrte ich die Philologen und Historiker, welche die Entdeckung des Alterthums fortsetzten, weil in der alten Welt eine andere Moral geherrscht hat als heute und in der That der Mensch damals unter dem Banne seiner Moral stärker böser und tiefer war: die Verführung, welche vom Alterthum her auf stärkere Seelen ausgeübt wird, ist wahrsch\<einlich\> die feinste und unmerklichste aller Verführungen. Diese ganze Denkweise nannte ich bei mir selber die Philosophie des Dionysos: eine Betrachtung, welche im Schaffen Umgestalten des Menschen wie der Dinge den höchsten Genuß des Daseins erkennt und in der „Moral” nur ein Mittel, um dem herrschenden Willen eine solche Kraft und Geschmeidigkeit zu geben, dergestalt sich der Menschheit auf zudrücken. Ich beobachte Religionen und Erziehungs-Systeme darauf hin, wie weit sie Kraft ansammeln und vererben; und nichts scheint mir wesentlicher zu studiren, als die Gesetze der Züchtung, um nicht die größte Menge von Kraft wieder zu verlieren, durch unzweckmäßige Verbindungen und Lebensweisen. 34 [177] Ich bin abgeneigt 1) dem Socialismus, weil er ganz naiv vom Heerden-Blödsinn des “Guten Wahren Schönen” und von gleichen Rechten träumt: auch der Anarchismus will, nur auf brutalere Weise, das gleiche Ideal 2) \<dem\> Parlamentarismus und Zeitungswesen, weil dies die Mittel sind, wodurch das Heerdenthier sich zum Herrn macht. 34 [178] Mein Augenmerk darauf, an welchen Punkten der Geschichte die großen M\<enschen\> hervorspringen. Die Bedeutung langer despotischer Moralen: sie spannen den Bogen, wenn sie ihn nicht zerbrechen. 34 [179] Daß es eine Entwicklung der ganzen Menschheit gebe, ist Unsinn: auch gar nicht zu wünschen. Das viele Gestalten am Menschen, die Art Vielartigkeit des Menschen herauszuholen, ihn zu zerbrechen, wenn eine Art von Typus ihre Höhe gehabt hat — also schaffend und vernichtend sein — dünkt mich der höchste Genuß, den Menschen haben können. Plato war gewiß nicht so beschränkt, als er die Begriffe als fest und ewig lehrte: aber er wollte, daß dies geglaubt werde. 34 [180] Nicht mehr Vernunft in die ganze Geschichte des Menschen legen als in der übrigen Welt ist: Vieles ist möglich, aber man darf es nicht auf zu lange wollen. Der Zufall zerbricht alles wieder. Der Mensch als ein Schauspiel: das ist der historische Sinn — aber er enthält ein gefährliches Element, der Mensch lernt sich fühlen als der Gestaltende, welcher nicht nur zusieht und zusehen will. Der Deutsche — — — — es versteht sich, daß öffentlich und heimlich von allen organischen Grund-Absichten des M\<enschen\> nur unter tausend Maskeraden geredet wird: man lese eine Rede Bismarcks. NB. — der geistigere Mensch, der bisweilen hinter die Masken gesehen hat und zu sehen versteht, der überhaupt begriffen hat, wie sehr Alles Maske ist — ist billigerweise darüber in bester Laune. „Geistigkeit” ist der Kitzel eines ewigen Carnevals, sei es nun, daß wir selber dabei mitspielen oder nur gespielt werden. — der historische Sinn und der geographisch-klimatische Exotismus neben einander. 34 [181] So will ich, als ein müssiger Mensch, der nichts Besseres zu thun hat, meinen Freunden einmal erzählen, was ich mir unter der Philosophie des Dionysos denke: denn daß auch Götter philosophiren, scheint mir eine würdige und fromme Vorstellung, an der auch der Gläubigste noch seine Freude haben kann. Ich werde vielleicht, dem Geschmacke meiner Freunde nach, in der Freimüthigkeit meiner Erzählung zu weit gehn: dieser Gott selber aber ist, im Zwiegespräch mit mir, viel weiter gegangen und ich würde, falls ich ihm schöne heuchlerische Prunknamen zulegen dürfte, viel Rühmens von meinem Muthe, von meiner Ehrlichkeit Wahrhaftigkeit Redlichkeit “Liebe zur Wahrheit” und dergleichen, zu machen haben. Aber mit allem diesem schönen Plunder und Prunk weiß ein solcher Gott nichts anzufangen — zu meiner Rechtfertigung genügen zwei Worte, welche man freilich in Deutschland nicht leicht “ins Deutsche” übersetzt: gai saber. Behalte dies doch für dich und deinesgleichen: ich habe keinen Grund, meine “Blöße” zu decken. Genug, es ist eine ganz unverschämte Art von Gottheit. Es war Frühling, und alles Holz stand in jungem Safte: als ich so durch den Wald gieng und über eine Kinderei nachdachte, schnitzte ich mir eine Pfeife zurecht, ohne daß ich recht wußte, was ich that. Sobald ich aber sie zum Mund führte und pfiff, erschien der Gott vor mir, den ich seit langem schon kenne. Nun, du Rattenfänger, was treibst du da? Du halber Jesuit und Musikant —, beinahe ein Deutscher! In wunderte mich, daß mir der Gott auf diese Art zu schmeicheln suchte: und nahm mir vor, gegen ihn auf der Hut zu sein. Ich habe alles gethan, sie dumm zu machen, ließ sie in Betten schwitzen, gab ihnen Klöße zu fressen, hieß sie trinken, bis sie sanken, machte sie zu Stubenhockern und Gelehrten, gab ihnen erbärmliche Gefühle einer Bedientenseele ein Du scheinst mir Schlimmes im Schilde zu führen, die M\<enschen\> zu Grunde zu richten? Vielleicht, antwortete der Gott; aber so, daß dabei Etwas für mich herauskommt. — Was denn? fragte ich neugierig. — Wer denn? solltest du fragen. Also sprach zur mir Dionysos. 34 [182] Dionysos. Versuch einer göttlichen Art, zu philosophiren. Von Friedrich, Nietzsche 34 [183] Wie kommt es doch, daß die Weiber ihre Kinder lebendig gebären? Ich meinte immer, die armen Thiere müßten, bei der geringen Beschaffenheit ihrer Widerstands-Kräfte, erstickt zur Welt kommen. Die Pforte ist eng und der Weg ist schmal, wie geschrieben steht: oder, wie sind lebendige Kinder a priori möglich? — Und indem ich so fragte, erwachte ich völlig aus meinem dogmatischen Schlummer, gab dem Gotte einen Stoß vor den Bauch, und fragte, mit dem Ernst eines Chinesen aus Königsberg: “In summa: wie sind synthetische Urtheile a priori möglich?” — “Durch ein Vermögen dazu” antwortete der Gott und hielt sich den Bauch. 34 [184] Hegel: die Neigung der Deutschen sich selber zu widersprechen — daraus eine Gothik, Wagner: der kein Ende \<zu\> finden wußte und auch dies zu einem Princip machte: auch eine Gothik. 34 [185] Nicht die wirkliche historische Bedeutung Kants fälschen! Er selber war stolz auf seine Kategorientafel und das Vermögen dazu entdeckt zu haben: seine Nachfolger waren stolz darauf, solche Vermögen zu entdecken, und der Ruhm der deutschen Philosophie im Auslande bezog sich darauf: namentlich die intuitive und instinktive Erfassung der „Wahrheit” war es, was den Ruhm der Deutschen machte. Ihre Wirkung gehört unter die große Reaction. Eine Art Ersparnis von wissenschaftlicher Arbeit, ein direkteres Zuleibegehn an die „Dinge” selber — eine Abkürzung des Weges der Erkenntniß: dieser Traum berauschte! — In der Hauptsache bringt Schopenhauer dasselbe Entzücken hervor: nur nicht bei zufriedenen spinozistisch gesinnten M\<enschen\> sondern bei Unzufriedenen: er packt „den Willen” oder vielmehr die Velleität die "Willelei“ die Begehrlichkeit oder Sinn und Verstand 34 [186] “Gelassen hingestützt auf Grazien und Musen” Schiller „die Künstler”. 34 [187] Die Entwicklung des Bewußtseins als eines Regierungs-Apparates: nur für die Verallgemeinerungen zugänglich. Schon das, was das Auge zeigt, kommt in's Bewußtsein als verallgemeinert und zurechtgemacht. 34 [188] Vorrede: die Rangordnung der Menschen. Erkenntniß als Wille zur Macht. Jenseits von Gut und Böse Die versteckten Künstler. Die große Politik. Der Hammer. 34 [189] die Sinnlichkeit, welche bei kleinen blassen Juden oder Parisern so lächerlich erscheint, und beinahe comme une neurose — 34 [190] im vorigen Jahrhundert bekam die bonté das gute Gewissen auf ihre Seite, welches lange bei ganz anderen Gefühlen war 34 [191] Mittag und Ewigkeit. Eine Philosophie der ewigen Wiederkunft. Von Friedrich Nietzsche. Vorrede: von der menschlichen Rangordnung. Erster Theil: Wissen und Gewissen. Zweiter Theil: jenseits von Gut und Böse. Dritter Theil: Die versteckten Künstler. Vierter Theil: hohe Politik. Fünfter Theil: der Hammer (oder Dionysos). 34 [192] Vorrede.         Für wen? Das Erfinderische. Der Umfang der Seele. Die Tiefe. Die Kraft und Verwandlung. Die befehlende Kraft. Die Härte. Das Wissen: Lust des Eroberers Die große Verantwortlichkeit. Die Kunst der Maske. Transfiguration. Die Kraft der Mittheilung. - das Dionysische — 34 [193] Die Skeptiker der Moral erwägen nicht, wie viel moralische Werthschätzung sie in ihrer Skepsis tragen: ihr Zustand ist beinahe ein Selbstmord der Moral und vielleicht sogar eine Verklärung derselben. 34 [194] Woher sollen wir die Werthschätzungen nehmen? Vom “Leben”? Aber „höher, tiefer, einfacher, vielfacher” — sind Schätzungen, welche wir erst ins Leben legen. „Entwicklung” in jedem Sinne ist immer auch ein Verlust, eine Schädigung; selbst die Spezialisirung jedes Organs. Die Optik der Selbsterhaltung und des Wachsthums. Optik des Wachsthums. Daß die Zerstörung einer Illusion noch keine Wahrheit ergiebt, sondern nur ein Stück Unwissenheit mehr: Wissen und Gewissen. Eine Moral für Moralisten. Von Felix Fallax. 34 [195] Die Philosophen 1) hatten von jeher das wunderbare Vermögen zur contradictio in adjecto. 2) sie trauten den Begriffen ebenso unbedingt als sie den Sinnen mißtrauten: sie erwogen nicht, daß Begriffe und Worte unser Erbgut aus Zeiten sind, wo es in den Köpfen sehr dunkel und anspruchslos zugieng. NB. Was am letzten den Philosophen aufdämmert: sie müssen die Begriffe nicht mehr sich nur schenken lassen, nicht nur sie reinigen und aufhellen, sondern sie allererst machen, schaffen, hinstellen und zu ihnen überreden. Bisher vertraute man im Ganzen seinen Begriffen, wie als einer wunderbaren Mitgift aus irgendwelcher Wunder-Welt: aber es waren zuletzt die Erbschaften unserer fernsten, ebenso dümmsten als gescheitesten Vorfahren. Es gehört diese Pietät gegen das, was sich in uns vorfindet, vielleicht zu dem moralischen Element im Erkennen. Zunächst thut die absolute Scepsis gegen alle überlieferten Begriffe noth (wie sie vielleicht schon einmal Ein Philosoph besessen hat — Plato: natürlich \<hat er\> das Gegentheil gelehrt —) 34 [196] Hier kommt eine Philosophie — eine von meinen Philosophien — zu Worte, welche durchaus nicht “Liebe zur Weisheit” genannt sein will, sondern sich, aus Stolz vielleicht, einen bescheidneren Namen ausbittet: einen abstoßenden Namen sogar, der schon seinerseits dazu beitragen mag, daß sie bleibt, was sie sein will: eine Philosophie für mich — mit dem Wahlspruch: satis sunt mihi pauci, satis est unus, satis est nullus. — Diese Philosophie nämlich heißt sich selber: die Kunst des Mißtrauens und schreibt über ihre Haustür: memnho apiotein. 34 [197] Ihr demonstrirt aus dem Elend des Weibs heraus, daß man seine Lage verbessern müsse: aber ich wollte, ihr thätet es auf Grund seiner besseren Lage und Kraft 34 [198] Die großen Tugenden, die Verantwortlichkeit. „Die Guten” als ein Hintergrund der demokratischen socialistischen Bewegung. 34 [199] 1) Zarathustra gefangen — Anklagerede gegen ihn, als Verführer großer Gegensatz zwischen der ungeheuren Unsicherheit und dem kleinen Menschen Zarathustra preist die Entronnenen (große Krisis bei ihm) er überredet die Väter zu einem Gedächtniß-feste Hinzuströmen aller Aristokraten von allen Enden der Erde Zuletzt kommen die Kinder selber. 2) die Rangordnung der Menschen: er scheidet die Hinzuströmenden nach Gruppen von sich ab, er bezeichnet zuletzt damit die Grade der Erziehung des Menschen (durch Generationen) 3) Vor der kleinsten Auswahl: die Gesetzgeber der Zukunft, mit den großen Tugenden (Verantwortlichkeit), der Hammer. 4) der Abschied: die Wiederkunft als Religion der Religionen: tröstlich. Zarathustra gefangen, kritisirt die Lage der Entronnenen. es strömt hinzu (zugleich sein Publicum abscheidend) zuletzt kommt die Schaar. Die Rangordnung als Stufen der Erziehung des Menschen (durch viele Generationen) die höchsten Gesetzgeber, mit dem Hammer. Darstellung der großen Tugenden. der Abschied. 34 [200] Der Philosoph hat viele Vordergrund-Tugenden nöthig und namentlich prunkvolle Worte: wie Wahrhaftigkeit, Redlichkeit, Liebe zur Wahrheit. 34 [201] Der Gesetzgeber der Zukunft. die menschliche Rangordnung. Jenseits von Gut und Böse. Der Philosoph als Künstler. Dionysos. 34 [202] Die Herren der Erde. Gedanken über Heute und Morgen. Von Friedrich Nietzsche 34 [203] Der Zustand Europa's im nächsten Jahrhundert wird die männlichen Tugenden wieder heranzüchten: weil man in der beständigen Gefahr lebt. Die „allgemeine Militärpflicht” ist schon heute das sonderbare Gegengift gegen die Weichlichkeit der demokratischen Ideen: erwachsen aus dem Kampf der Nationen (Nation — Menschen, die Eine Sprache sprechen und dieselben Zeitungen lesen, heißen sich heute “Nationen” und wollen gar zu gern auch, gemeinsamer Abkunft und Geschichte sein: was aber auch bei der ärgsten Fälscherei der Vergangenheit nicht gelungen ist.) 34 [204] Meine Freunde, womit bin ich doch seit vielen Jahren beschäftigt? Ich habe mich bemüht, den Pessimismus in die Tiefe zu denken, um es aus der halb christlichen, halb deutschen Enge und Einfalt zu erlösen, in der er mir, in \<der\> Metaphysik Schopenhauers, zuerst entgegentrat.- so daß der Mensch dieser Denkweise durch den höchsten Ausdruck des Pessimismus gewachsen ist. Ich habe insgleichen ein umgekehrtes Ideal gesucht — eine Denkweise, welche die übermüthigste lebendigste und weltbejahendste aller möglichen Denkweisen ist: ich fand sie im Zuendedenken der mechanistischen Weltbetrachtung: es gehört wahrlich der allerbeste humor von der Welt dazu, um eine solche Welt der ewigen Wiederkunft, wie ich sie durch meinen Sohn Z\<arathustra\> gelehrt habe — also uns selber im ewigen da capo mit begriffen — auszuhalten. Schließlich ergab sich für mich, daß die weltverneinendste aller möglichen Denkensarten die ist, welche das Werden, Entstehen und Vergehen an sich schon schlecht heißt und welche nur das Unbedingte, Eine, Gewisse, Seiende bejaht: ich fand, daß Gott der vernichtendste und lebensfeindlichste aller Gedanken ist, und daß nur durch die ungeheuerliche Unklarheit der lieben Frommen und Metaphysiker aller Zeiten die Erkenntniß dieser „Wahrheit” so lange hat auf sich warten lassen. Man vergebe mir, daß ich selber ganz und gar nicht Willens bin, auf eine dieser beiden Denkweisen zu verzichten — ich müßte denn auf meine Aufgabe verzichten, welche entgegengesetzte Mittel braucht. Es ist, zum Zugrunderichten oder zum Verzögern und Vertiefen von Menschen und Völkern, zeitweilig (unter Umständen für ein paar Jahrtausende), eine pessimistische Denkweise vom höchsten Werthe; und wer im großen Sinne die Ansprüche des Schaffenden erhebt, wird auch die Ansprüche des Vernichters erheben und vernichtende Denkweisen unter Umständen lehren müssen. In diesem Sinne heiße ich das bestehende Christenthum und den Buddhismus, die beiden umfänglichsten Formen jetziger Welt-Verneinung, willkommen; und, um entartenden und absterbenden Rassen z. B. den Indern und den Europäern von heute den Todesstreich zu geben, würde ich selber die Erfindung einer noch strengeren, ächt nihilistischen Religion oder Metaphysik in Schutz nehmen. Nach dem, was ich vorher sagte, lasse ich wohl Niemanden darüber in Zweifel, welche Bedeutung ich in einer solchen Religion dem Gedanken „Gott” beigeben würde. Die besten Nihilisten unter den Philosophen waren bisher die Eleaten. Ihr Gott ist die beste und gründlichste Darlegung vom buddhistischen Nirvana; Sein und Nichts ist da identisch. 34 [205] Was Richard Wagner betrifft: so habe ich die Enttäuschung vom Sommer 1876 nicht überwunden, die Menge des Unvollkommenen, am Werke und am Menschen, war mir auf Ein Mal zu groß: — ich lief davon. Später begriff ich, daß die gründlichste Loslösung von einem Künstler die ist, daß man sein Ideal geschaut hat. Nach einem solchen Blicke, wie ich ihn in jungen Jahren gethan habe — Zeugniß ist meine übriggebliebene kleine Schrift über Richard Wagner — blieb mir nichts übrig, als, knirschend und außer mir, von dieser „unausstehlichen Wirklichkeit” — wie ich sie mit Einem Male sah — Abschied zu nehmen. — Daß er, alt geworden, sich verwandelte, geht mich nichts an: fast alle Romantiker dieser Art enden unter dem Kreuze — ich liebte nur den Wagner, den ich kannte, d. h. einen rechtschaffnen Atheisten und Immoralisten, der die Figur Siegfrieds, eines sehr freien Menschen, erfunden hat. Seither hat er noch, aus dem bescheidenen Winkel seiner Bayreuther Blätter heraus, genugsam zu verstehen gegeben, wie hoch er das Blut des Erlösers zu schätzen wisse, und — man hat ihn verstanden. Viele Deutsche, viele reine und unreine Thoren aller Art glauben seitdem erst an R\<ichard\> W\<agner\> als ihren „Erlöser”. Dies geht mir Alles wider den Geschmack. — Es versteht sich von selber, daß ich Niemandem so leicht das Recht zugestehe, diese meine Schätzung zur seinigen zu machen, und allem unehrerbietigem Gesindel, wie es am heutigen Leibe der Gesellschaft gleich Läusen wimmelt, soll es gar nicht erlaubt sein, einen solchen großen Namen, wie der R\<ichard\> W\<agner\>s ist, überhaupt in das Maul zu nehmen, weder im Lobe, noch im Widerspruche. 34 [206] Jahrmarkts-Jahrhundert.— 34 [207] Der Gesetzgeber der Zukunft. Charakteristik Europa's als verfallen. Jahrmarkt. Die große Ebbe seit Jahrtausenden in der Erfindung von Werthen. Meine zeitweilige Ermuthigung durch die Musik: was ich unter ”dionysisch” verstand. R\<ichard\> W\<agner\>. Die Loslösung von der Moral. Pessimismus zu Ende denken und ebenso den Optimismus. Die Deutschen. Hartmann Dühring Bismarck R\<ichard\> W\<agner\> 34 [208] NB. "Der Kampf um's Dasein” — das bezeichnet einen Ausnahme-Zustand. Die Regel ist vielmehr der Kampf um Macht, um „Mehr” und „Besser” und “Schneller” und „Öfter”. 34 [209] diese unsere Welt von heute, unser Zeitalter des großen Bumbum, welches, mit seinem Jahrmarkts-Geschmack, selbst an Ereignissen das Ungeheure, Lärmende gelten läßt und schließlich — solche Ereignisse hervorbringt 34 [210] Giebt es denn ein 19. Jahrhundert? Oder nicht vielmehr ein verdünntes verdummtes und schrecklich in die Länge gezogenes achtzehntes? Was ist denn Großes geschehen, und geschaffen, was nicht vor 1800 geschehen und geschaffen ist? Obschon manche Frucht, die im 18. Jahrhundert wuchs und reifte, erst in diesem vom Baum gefallen ist. Nehmt die französische Revolution und Napoleon hinweg aus der Politik — damit nehmt ihr die Demokratie und die — — —, den französischen Sensualismus und Hedonismus, nebst deutsch-englischem Scepticismus, aus der Philosophie — — — 34 [211] Der mächtige Nachklang der tragischen Ereignisse jener französischen Generation der dreißiger und vierziger Jahre, zu der auch, mit richtigem Instinkt, sich Richard Wagner gesellt, jene prachtvolle und krankhafte Art von Unersättlichen, welcher Beethoven in Tönen Byron in Worten präludirte: die Wirkung des Ungeheuren auf M\<enschen\>, deren Nerven- und Willenskraft schon zu schwach dafür war 34 [212] — das große Silentium — im Jahrmarkts-Zeitalter — die Segnung der Gesetzgeber (auch „ihr sollt euch Feinde sein”) — aus der Seele ihrer Entwicklung: wie sie ihrer ungeheuren Aufgabe entlaufen wollen. — Analyse des Heerdenthieres. Man muß mehr Menschen opfern, als je für Kriege — die großen schauerlichen Gedenkfeste. — Mitgefühl mit den großen Menschen aller Zeiten, uns nicht hinabsteigen lassen! — wollt ihr den Leib, die Sinne usw. — Lob der kühlen Vernunft, als Labsal für Menschen des Labyrinths — die Melancholiker haben die Heiterkeit nöthig. 34 [213] Gai saber. Versuch einer göttlichen Art zu philosophiren. Von Friedrich Nietzsche. Wissen und Gewissen. Moral für Moralisten. Gedanken über Heute und Morgen. Von der Rangordnung. 34 [214] Selbst — Verklärung. Die Guten und die Bösen Das 20. Jahrhundert. 34 [215] Eugen Dühring, mit allen Tugenden und Fehlern eines Stubengelehrten und Pöbelmanns geziert, wozu auch der schlechte Geschmack aller seiner Attitüden gehört. 34 [216] NB. A) Es giebt Stunden, sehr helle lustige Feststunden des guten Gewissens, wo wir das ganze prachtvolle Geschwätz der bisherigen Menschen von der Moral nicht anders zu bezeichnen wissen, als mit dem Wort: “höherer Schwindel”. Die Reichs-Narrheit B) Die Unwahrheit in allem unserem Loben und Tadeln, Schätzen und Verurtheilen, Lieben und Hassen macht Scham: das ist das Leiden jedes tiefen Menschen. Noch einen Schritt weiter: und auch diese Scham macht Scham: und endlich — lachen wir uns aus. 34 [217] NB. Wir stehen mitten drin zu entdecken, daß der Augenschein und die nächste beste Wahrscheinlichkeit am wenigsten Glauben verdienen: überall lernen wir die Umkehrung: z. B. daß die geschlechtliche Zeugung im Reiche alles Lebendigen nur der Ausnahmefall ist: daß das Männchen im Grunde nichts mehr als ein entartetes verkommenes Weibchen ist: — oder daß alle Organe an thierischen Wesen ursprünglich andere Dienste geleistet haben als die, auf Grund deren wir sie “Organe” nennen: überhaupt daß alles anders entstanden ist als seine schließliche Verwendung zu vermuthen giebt. Die Darstellung dessen, was ist, lehrt noch nichts über seine Entstehung: und die Geschichte der Entstehung lehrt noch nichts über das, was da ist. Die Historiker aller Art täuschen sich darin fast allesammt: weil sie vom Vorhandenen ausgehn und rückwärts blicken. Aber das Vorhandene ist etwas Neues und ganz und gar nicht Erschließbares: kein Chemiker könnte voraussagen, was aus zwei Elementen bei ihrer Einigung würde, wenn er es nicht schon wüßte 34 [218] NB. Es ist gar nicht möglich, daß ein Mensch nicht die Eigenschaften seiner Eltern und Voreltern habe: was auch der Augenschein dagegen sagt. Gesetzt man kennt Einiges von den Eltern, so ist ein Schluß auf das Kind erlaubt: so wird z. B. irgend eine viehische Unenthaltsamkeit, irgend ein tölpelhafter Neid — Beides zusammen macht den pöbelhaften Typus aus — auf das Kind übergehen müssen, und das Kind wird Mühe haben, solche Vererbung zu verhehlen. Daß das Talent zum Schauspieler in den Menschen niederer Abkunft größer ist, als bei Vornehmen: und ebenso die Tartüfferie der „Tugend”. 34 [219] Jenen oberflächlichen und tölpelhaften Gelehrten, welche unverschämt genug sind, sich als „freie Geister” zu fühlen, gilt alles als Feigheit oder Verrath an der Wahrheit, Schwächlichkeit des Willens, was zur Krankheits-Geschichte der höheren Menschen gehört: jenes Sich-Unterwerfen, Vor-sich-Furcht-haben — — — 34 [220] Die christlichen Gefühle mit der griechischen Schönheit und womöglich noch mit dem modernen Parlamentarismus zu versöhnen — das was sich heute etwa in Rom “Philosophie” nennt. — Dazu ist viel Feinheit im Kopfe nöthig und andererseits viel mehr Schwärmerei. 34 [221] Das Beste, was Deutschland gegeben hat, kritische Zucht — Kant, F. A. Wolf, Lessing, Niebuhr usw. Abwehr des Scepticismus. — Strenger und beherzter Muth, die Sicherheit der Hand, welche das Messer führt, Lust am Neinsagen und Zergliedern. Gegenbewegung — die Romantik, mit Richard Wagner als letztem Romantiker (pathetisch, — — — 34 [222] NB. Die Verschiedenheit der Menschen ist bisher so groß. Die Urtheile, welche ich in meinem ganzen Leben über Menschen gehört habe, die ich kannte, lagen gewöhnlich so weit von dem ab, was ich bei mir selber für wahr hielt, daß ich endlich für meinen Hausgebrauch die Maxime machte: „es ist indiscret, über Menschen nicht zu lügen”. Sonderlich macht es mir Verdruß, daß etwas, dessentwegen mir ein M\<ensch\> gefällt, sobald ich es mit Namen nennen wollte, sofort auch seinem “Rufe” Schaden bringen würde. 34 [223] NB. Grundsatz: es giebt etwas von Verfall in allem, was den modernen Menschen anzeigt: aber dicht neben der Krankheit stehen Anzeichen einer unerprobten Kraft und Mächtigkeit der Seele. Dieselben Gründe, welche die Verkleinerung der Kleinlichen hervorbringen, treiben die Stärkeren und Selteneren bis hinauf zur Größe. 34 [224] Oh Teufel über das Gequak! Die Deutschen prahlen wieder einmal mit ihrer berühmten “deutschen Tugend”, von der die Historie schlechterdings nichts weiß. Am schlimmsten treiben es einige Antisemiten, hinzugezählt was am Sumpfe des Bayreuther Meisters sitzen geblieben ist. 34 [225] Wahlspruch: ich habe keine Zeit für mich, — vorwärts! 34 [226] NB. Sphinx. Reduktion auf das Urtheil: “dies ist nicht wahr”. Folgt der Imperativ: „folglich darfst du es nicht für wahr halten!” Oder heißt es wirklich: “folglich kannst du es nicht mehr für wahr halten”? — Nun sehen wir fortwährend z. B. den Sonnen-Auf- und Untergang und glauben, was wir als unwahr wissen. Ganz so steht es überall. Ein “du darfst nicht” wäre ein Imperativ, der das Leben verneinte. Folglich muß man betrügen und sich betrügen lassen. 34 [227] Jenen R\<ichard\> W\<agner\>, welchen man heute in Deutschland verehrt und mit all dem prahlerischen Plunder der schlimmsten Deutschthümelei verehrt: jenen R\<ichard\> W\<agner\> kenne ich nicht, ja — daß ich einen Verdacht ausspreche — den hat es nie gegeben: das ist ein Phantom. 34 [228] Zum schlechten Geschmack der heutigen D\<eutschen\> rechne ich: die tugendhafte Deutschthümelei, welche die Geschichte gegen sich hat und die Scham gegen sich haben sollte 34 [229] NB. Grundirrthum aller Historiker: die facta sind alle viel kleiner als daß sie zu fassen wären. 34 [230] Der Versucher. Es giebt vielerlei Augen. Auch die Sphinx hat Augen: und folglich giebt es vielerlei „Wahrheiten”, und folglich giebt es keine Wahrheit. 34 [231] Die feinste beweglichste Geistigkeit mit hunderttausend Fühlhörnerchen, durch jeden Anhauch geformt und fortgeblasen, bei völliger Zersplitterung des Willens — ist etwas sehr Lächerliches. Wie bei den feinen Parisern, welche seufzen, weil alles auf sie einstürmt. 34 [232] Als ich jung war, bin ich einer gefährlichen Gottheit begegnet, und ich möchte Niemandem das wieder erzählen, was mir damals über die Seele gelaufen ist — sowohl von guten als von schlimmen Dingen. So lernte ich bei Zeiten schweigen, so wie, daß man reden lernen müsse, um recht zu schweigen: daß ein Mensch mit Hintergründen Vordergründe nöthig habe, sei es für Andere, sei es für sich selber: denn die Vordergründe sind einem nöthig, um von sich selber sich zu erholen, und um es Anderen möglich zu machen, mit uns zu leben. 34 [233] Zeichen des unwissenschaftlichen Menschen: er hält eine Meinung für wahr, wenn sie ihm schmeichelt, und er sich in ihrem Lichte gut ausnimmt. 34 [234] NB. Es ist immer noch nicht der Gegen-Beweis dafür erbracht, ob gut sein nicht ein Zeichen geistiger Rückbildung ist und ob Tugend, als Gefühl und Hochgefühl, nicht zu den Symptomen beginnenden Blödsinns, mindestens zu seinen Anfällen gehört. Wir finden bei einem Überblick der Geschichte die geistige Rückbildung überall, wo das Heerdenthier Mensch zum Übergewicht kommt, und dem einzeln oder rudelweise schweifenden Raubthier Mensch die Bedingungen des Lebens erschwert werden: wir finden immer an demselben Punkte der Entwicklung die “guten” Menschen. Bei allen Völkern „dumm bis zur Heiligkeit”. 34 [235] NB. Jede Moral ist eine Gewohnheit der Selbst-Verherrlichung: vermöge deren eine Art von Mensch ihrer Art und ihres Lebens froh wird: sie wehrt den Einfluß von Menschen anderer Art damit von sich ab, daß sie dieselben als “unter sich” fühlt. 34 [236] NB. Daß ein Weib vieles zu Kleine und Wunderliche beständig im Kopf haben muß und sich neben den Aufgaben der Männer nothwendig als komisch empfindet — die häßlichen Frauen abgerechnet, welchen viele Sorgen erspart sind in Körper Bett und Kinderstube und neuerdings Bücher “legen” wie eine Henne Eier legt —, und daß allen unternehmenden und tiefen Männern es eine Wohlthat ist, Wesen zu begegnen, welche oberflächlich heiter und zu angenehmen Begierden anstellig sind, damit der düstere Anschein des Lebens sich ihnen mildere. Man muß es in aller Tiefe nachempfinden, welche Wohlthat dies Weib ist. 34 [237] Antisemiten und anderes in dem Grund verlogenes Gesindel, das die großen Worte nöthig hat, vor sich selber mehr noch als vor aller Welt 34 [238] Und lieber gleich einer schwarzen halbzerstörten Feste allein auf seinem Berge sitzen, nachdenklich und still genug; also daß sich die Vögel selbst vor dieser Stille fürchten 34 [239] Daß es moralisch ist, zu thun, was unser Interesse erheischt, das suchen die Engländer sich zu beweisen, von Bentham an, der es von Helvetius übernommen hat. Und das allein soll Moral sein, und darauf hin soll die Moral entstanden sein. Was, historisch, ganz unsinnig ist: und auch jetzt geht der Geschmack dagegen. Umgekehrt: früher suchten alle Philos\<ophen\> zu beweisen, daß neminem laede, immo omnes quantum potes juva das Fundament der Ethik, welches man wie den Stein der Weisen seit Jahrtausenden sucht. — Daß das thatsächliche Verhalten des Menschen moralisch sei, suchen sich die Engländer zu überreden. Daß der Heerden-instinkt die Moral selber und allein sei, ehemals — — Wichtig NB. — von Helvetius an! 34 [240] Das Problem „Mensch”. Von Friedrich Nietzsche. 1. Der Irrweg der Philosophen. 2. Der Irrweg der Moral-Prediger. 3. Die Rangordnung der Menschen. wonach? wie sehr sie die Kraft haben, die furchtbare Naturthatsache M\<ensch\> zu ertragen und trotzdem – 4. Das Problem — wohin? Es bedarf eines neuen Terrorismus. 34 [241] NB. Wie viele falsche Ausdeutungen der Dinge hat es schon gegeben! Man erwäge, was alle Menschen sich vom Verband der Ursachen und Wirkungen denken müssen, welche beten: denn Niemand wird uns überreden, aus dem Gebet das Element „Bitte” und den Glauben, daß es Sinn hat zu bitten, daß es „erhört” werden könne — wegzustreichen. Oder jene andere Ausdeutung, in der die Schicksale eines Menschen ihm “geschickt” sind zu seiner Besserung, Ermahnung, Bestrafung, Warnung; oder jene dritte Ausdeutung, daß im Verlaufe der Dinge selber Recht und Gerechtigkeit liege, und hinter allem causalen Geschehen noch eine Art von kriminalistischem Hinter-Sinn. — So könnte auch die gesammte moral\<ische\> Ausdeutung unseres Handelns nur ein ungeheures Mißverständniß sein: wie es ganz ersichtlich die moral\<ische\> Ausdeutung alles natürlichen Geschehens gewesen ist. 34 [242] Ein rechtlicher besonnener mildherziger tüchtiger M\<ensch\>, ein Mann mit dem “Herzen am rechten Flecke” — es thut uns wohl, in seiner Nähe zu sein. Aber warum sollte dieser ungefährliche M\<ensch\>, welcher uns wohlthut, mehr für uns werth sein, als der gefährliche, unerkennbare, unberechenbare, welcher uns zwingt auf der Hut zu sein? Unser Wohlgefühl beweist nichts. Frage: ob es unter den großen M\<enschen\> je einen von der geschilderten ungefährlichen Art gegeben hat? 34 [243] NB. Der Mensch der höchsten Geistigkeit und Kraft fühlt sich jedem Zufalle gewachsen, aber auch ganz in den Schneeflocken der Zufälle darin; er leugnet die Vernünftigkeit in jedem Nacheinander und zieht das Zufällige daran mit Spott ans Licht. — Ehemals glaubte man nur an Zwecke: es ist eine Vertauschung eines Irrthums mit einem anderen, daß man heute nur an causae efficientes glaubt. Es giebt weder causae finales, noch efficientes: in Beidem haben wir einen falschen Schluß aus einer falschen Selbstbeobachtung gemacht: 1) wir glauben, durch Willen zu wirken 2) wir glauben mindestens, zu wirken. Freilich: ohne diesen Glauben gäbe es nichts Lebendiges: braucht er deshalb aber schon — wahr zu sein? 34 [244] NB. „Erkennen” ist der Weg, um es uns zum Gefühl zu bringen, daß wir bereits etwas wissen: also die Bekämpfung eines Gefühls von etwas Neuem und Verwandlung des anscheinend Neuen in etwas Altes. 34 [245] “die Verbrecher höchsten Ranges sind dem Capitol ebenso nahe als dem tarpejischen Felsen” hat, glaube ich, Mirabeau gesagt. 34 [246] Das Leben als ein wacher Traum; je feiner und umfänglicher ein Mensch ist, um so mehr fühlt er die ebenso schauerliche als erhabene Zufälligkeit in seinem Leben, Wollen, Gelingen, Glück, Absicht heraus; er schaudert, wie der Träumer, der einen Augenblick fühlt "ich träume”. Der Glaube an die causale Necessität der Dinge ruht auf dem Glauben, daß wir wirken; sieht man die Unbeweisbarkeit des Letzteren ein, so verliert man etwas den Glauben an jenes Erste. Es kommt hinzu, daß “Erscheinungen” unmöglich Ursachen sein können. Ein ungewohntes Ding zurückzuführen auf schon gewohnte Dinge, das Gefühl der Fremdheit zu verlieren — das gilt unserem Gefühl als Erklären. Wir wollen gar nicht “erkennen”, sondern nicht im Glauben gestört werden, daß wir bereits wissen. 34 [247] Etwas kann unwiderlegbar sein: deshalb ist es noch nicht wahr. Das Ganze der organischen Welt ist die Aneinanderfädelung von Wesen mit erdichteten kleinen Welten um sich: indem sie ihre Kraft, ihre Begierden, ihre Gewohnheiten in den Erfahrungen außer sich heraus setzen, als ihre Außenwelt. Die Fähigkeit zum Schaffen (Gestalten Erfinden Erdichten) ist ihre Grundfähigkeit: von sich selber haben sie natürlich ebenfalls nur eine solche falsche erdichtete vereinfachte Vorstellung. “Ein Wesen mit der Gewohnheit zu einer Art von Regel im Traume” — das ist ein lebendiges Wesen. Ungeheure Mengen solcher Gewohnheiten sind schließlich so hart geworden, daß auf ihnen hin Gattungen leben. Wahrscheinlich stehen sie in einem günstigen Verhältniß zu den Existenz-Bedingungen solcher Wesen. Unsere Welt als Schein, Irrthum — aber wie ist Schein und Irrthum möglich? (Wahrheit bezeichnet nicht einen Gegensatz zum Irrthum, sondern die Stellung gewisser Irrthümer zu anderen Irrthümern, etwa daß sie älter, tiefer einverleibt sind, daß wir ohne sie nicht zu leben wissen und dergleichen.) Das Schöpferische in jedem organischen Wesen, was ist das? — daß alles, das, was jedem seine „Außenwelt” ist, eine Summe von Werthschätzungen darstellt, daß grün, blau, roth, hart, weich, vererbte Werthschätzungen und deren Abzeichen sind. — daß die Werthschätzungen in irgend einem Verhältniß zu den Existenzbedingungen stehn müssen, doch lange nicht so, daß sie wahr wären, oder präcis wären. Das Wesentliche ist gerade ihr Ungenaues Unbestimmtes, wodurch eine Art Vereinfachung der Außenwelt entsteht — und gerade diese Sorte von Intelligenz ist günstig zur Erhaltung. — daß der Wille zur Macht es ist, der auch die unorganische Welt führt, oder vielmehr, daß es keine unorganische Welt giebt. Die „Wirkung in die Ferne” ist nicht zu beseitigen: etwas zieht etwas anderes heran, etwas fühlt sich gezogen. Dies ist die Grundthatsache: dagegen ist die mechanistische Vorstellung von Druck und Stoß nur eine Hypothese auf Grund des Augenscheins und des Tastgefühls, mag sie uns als eine regulative Hypothese für die Welt des Augenscheins gelten! — daß, damit dieser Wille zur Macht sich äußern könne, er jene Dinge wahrnehmen muß, welche er zieht, daß er fühlt, wenn sich ihm etwas nähert, das ihm assimilirbar ist. — die angeblichen “Naturgesetze” sind die Formeln für “Machtverhältnisse” von — — — Die mechanistische Denkweise ist eine Vordergrunds-Philosophie. Sie erzieht zur Feststellung der Formeln, sie bringt eine große Erleichterung mit sich, — die verschiedenen philosophischen Systeme sind als Erziehungsmethoden des Geistes zu betrachten: sie haben immer eine besondere Kraft des Geistes am besten ausgebildet; mit ihrer einseitigen Forderung, die Dinge gerade so und nicht anders zu sehen. 34 [248] Dionysos. Dionysos als Erzieher. Dionysos als Betrüger. Dionysos als Vernichter. Dionysos als Schöpfer. 34 [249] Das Muster einer vollständigen Fiction ist die Logik. Hier wird ein Denken erdichtet, wo ein Gedanke als Ursache eines anderen Gedankens gesetzt wird; alle Affekte, alles Fühlen und Wollen wird hinweg gedacht. Es kommt dergleichen in der Wirklichkeit nicht vor: diese ist unsäglich anders complicirt. Dadurch daß wir jene Fiction als Schema anlegen, also das thatsächliche Geschehen beim Denken gleichsam durch einen Simplifications-Apparat filtriren: bringen wir es zu einer Zeichenschrift und Mittheilbarkeit und Merkbarkeit der logischen Vorgänge. Also: das geistige Geschehen zu betrachten, wie als ob es dem Schema jener regulativen Fiktion entspräche: dies ist der Grundwille. Wo es “Gedächtniß” giebt, hat dieser Grundwille gewaltet. — In der Wirklichkeit giebt es kein logisches Denken, und kein Satz der Arithmetik und Geometrie kann aus ihr genommen sein, weil er gar nicht vorkommt. Ich stehe anders zur Unwissenheit und Ungewißheit. Nicht, daß etwas unerkannt bleibt, ist mein Kummer; ich freue mich, daß es vielmehr eine Art von Erkenntniß geben kann und bewundere die Complicirtheit dieser Ermöglichung. Das Mittel ist: die Einführung vollständiger Fictionen als Schemata, nach denen wir uns das geistige Geschehen einfacher denken als es ist. Erfahrung ist nur möglich mit Hülf,- von Gedächtniß. Gedächtniß ist nur möglich vermöge einer Abkürzung eines geistigen Vorgangs zum Zeichen. Die Zeichenschrift. Erklärung: das ist der Ausdruck eines neuen Dinges vermittelst der Zeichen von schon bekannten Dingen. 34 [250] Daß wir wirkende Wesen, Kräfte sind, ist unser Grundglaube. Frei: heißt “nicht gestoßen und geschoben, ohne Zwangsgefühl”. NB. Wo wir einem Widerstand begegnen und ihm nachgeben müssen, fühlen wir uns unfrei: wo wir ihm nicht nachgeben sondern ihn zwingen, uns nachzugeben, frei. D. h. es ist das Gefühl unseres Mehr von Kraft, welches wir mit “Freiheit des Willens” bezeichnen, das Bewußtsein davon, daß unsere Kraft zwingt im Verhältniß zu einer Kraft, welche gezwungen wird. 34 [251] Im Wollen ist ein Affekt. 34 [252] Erkenntniß: die Ermöglichung der Erfahrung, dadurch daß das wirkliche Geschehen, sowohl auf Seiten der einwirkenden Kräfte, als auf Seiten unserer gestaltenden, ungeheuer vereinfacht wird: so daß es ähnliche und gleiche Dinge zu geben scheint. Erkenntniß ist Fälschung des Vielartigen und Unzählbaren zum Gleichen, Ähnlichen, Abzählbaren. Also ist Leben nur vermöge eines solchen Fälschungs-Apparates möglich. Denken ist ein fälschendes Umgestalten, Fühlen ist ein fälschendes Umgestalten, Wollen ist ein fälschendes Umgestalten —: in dem Allen liegt die Kraft der Assimilation: welche voraussetzt einen Willen, etwas uns gleich zu machen. 34 [253] Wahrheit ist die Art von Irrthum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte. Der Werth für das Leben entscheidet zuletzt. Sehr gemeine und tugendhafte M\<enschen\> — — — 34 [254] Ich habe ihn geliebt und Niemanden sonst. Er war ein Mensch nach meinem Herzen, so unmoralisch, atheistisch, antinomistisch, welcher einsam lief und nie daran glauben mochte, daß — — — 34 [255] NB. Eine neue Denkweise — welche immer eine neue Meßweise ist und das Vorhandensein eines neuen Maaßes, einer neuen Empfindungs-Scala voraussetzt, welche immer ein ächter Gl\<aube\> ist — will sich durchsetzen und sagt mit ihrem Feuer der ersten Liebe zu allem, was ihr widerstrebt: “das ist falsch”. In diesem Kampfe verfeinert sie sich, lernt sich vertheidigen und hat nöthig, um zu besiegen, dem Gegner seine Waffen abzulisten und seine Kunst abzulernen. “Das ist falsch” heißt ursprünglich „ich glaube nicht daran”; noch feiner zugesehn “ich fühle nichts daran, ich mache mir nichts daraus”. 34 [256] Ich habe manche nicht unbedenkliche Versuche gemacht, um mir Menschen heranzulocken, denen ich von so seltsamen Dingen reden könnte: alle meine Schriften waren bisher ausgeworfene Netze: ich wünschte Menschen mit tiefen reichen und ausgelassenen Seelen mir dazu einzufangen. An wen sich wenden? Meinen längsten Versuch machte ich an jenem vielfachen und geheimnivollen Menschen, dem vielleicht von den Menschen dieses Jahrhunderts die meisten guten und schlimmen Dinge über die Seele gelaufen sind, an R\<ichard\> W\<agner\>. Später gedachte ich die deutsche Jugend zu „verführen” — denn es ist mir gut bekannt, wie gefährlich es in den Zwanziger Jahren in einem Deutschen zugeht. Noch später machte ich mir eine Sprache für verwegene Mannsköpfe und Mannsherzen zurecht, die irgendwo in einem Winkel der Erde auf meine wunderlichen Dinge warten mochten. Endlich — doch man wird es nicht glauben, zu welchem “endlich” ich gelangte. Genug, ich erdichtete “Also sprach Zarathustra”. Soll ich es gestehen? Ich fand Keinen bisher, aber immer wieder irgend eine wunderliche Form jener “rasenden Dummheit”, welche sich gern noch als Tugend anbeten lassen möchte: ich nenne sie am liebsten “die moralische Tartüfferie”, ehre sie als das Laster unseres Jahrhunderts und bin bereit, ihr noch hundert Fluchworte beizugesellen. 34 [257] Tiefe und ferne M\<enschen\> haben ihre Vordergründe: und zu Zeiten haben sie nöthig, sich zu geben, als ob sie nur Vordergrund wären. 34 [258] Einsam inmitten guter Freunde und getreuer Nachbarn, lächelnd und erstaunt über ihre “rasende Dummheit”, über das zudringliche Wohlwollen. 34 [259] Tiefe und ausgelassene Geister! [Mai — Juli 1885] [Dokument: Heft] 35 [1] Ein Moralist ist das Gegenstück eines Moral-Predigers: nämlich ein Denker, welcher die Moral als fragwürdig, fragezeichenwürdig, kurz als Problem nimmt. Ich bedaure hinzufügen zu müssen, daß der Moralist, eben deshalb, selber zu den fragwürdigen Wesen gehört. 35 [2] Der historische Sinn: die Fähigkeit, die Rangordnung von Werthschätzungen schnell zu errathen, nach welchen ein Volk, eine Gesellschaft, ein Mensch lebt —, die Beziehung dieser Werth-Schätzungen zu den Lebens-Bedingungen, das Verhältniß der Autorität der Werthe zur Autorität der wirkenden Kräfte (das vermeintliche meistens noch mehr als das wirkliche): dies Alles in sich nachbilden können macht den historischen Sinn. 35 [3] Manche der aesthetischen Werthschätzungen sind fundamentaler als die moralischen z. B. das Wohlgefallen am Geordneten, Übersichtlichen, Begrenzten, an der Wiederholung —, es sind die Wohlgefühle aller organischen Wesen im Verhältniß zur Gefährlichkeit ihrer Lage, oder zur Schwierigkeit ihrer Ernährung. Das Bekannte thut wohl, der Anblick von etwas, dessen man sich leicht zu bemächtigen hofft, thut wohl usw. Die logischen, arithmetischen und geometrischen Wohlgefühle bilden den Grundstock der aesthetischen Werthschätzungen: gewisse Lebens-Bedingungen werden als so wichtig gefühlt, und der Widerspruch der Wirklichkeit gegen dieselben so häufig und groß, daß Lust entsteht beim Wahrnehmen solcher Formen. 35 [4] Die Verfeinerung der Grausamkeit gehört zu den Quellen der Kunst. 35 [5] Moral ist die Lehre von der Rangordnung der Menschen, und folglich auch von der Bedeutsamkeit ihrer Handlungen und Werke für diese Rangordnung: also die Lehre von den menschlichen Werthschätzungen in Betreff alles Menschlichen. Die meisten Moral-Philosophen stellen nur die gegenwärtige herrschende Rangordnung dar; Mangel an historischem Sinn einerseits, andrerseits sie werden selber von der Moral beherrscht, welche das Gegenwärtige als das Ewig-Gültige lehrt. Die unbedingte Wichtigkeit, die blinde Selbstsucht, mit der sich jede Moral behandelt, will, daß es nicht viele Moralen geben könne, sie will keine Vergleichung, auch keine Kritik: sondern unbedingten Glauben an sich. Sie ist also im Wesen antiwissenschaftlich — und der vollkommene Moralist müßte schon deshalb unmoralisch sein, jenseits von Gut und Böse. — Aber ist Wissenschaft dann noch möglich? Was ist das Suchen nach Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Redlichkeit, wenn nicht etwas Moralisches? Und ohne diese Werthschätzungen und ihre entsprechenden Handlungen: wie wäre Wissenschaft möglich? Die Gewissenhaftigkeit im Wissen weg — wohin ist die Wissenschaft? Ist Scepsis der Moral nicht ein Widerspruch, insofern die höchste Verfeinerung der moralischen Ansprüche hier gerade aktiv ist: sobald der Sceptiker diese feineren Werthabschätzungen des Wahren nicht mehr als maaßgebend fühlt, so hat er keinen Grund mehr zu zweifeln und zu forschen: es müßte denn der Wille zum Wissen noch eine ganz andere Wurzel haben als die Wahrhaftigkeit. — 35 [6] "Seele" zur Bezeichnung eines Systems von Werthschätzungen und Werthaffekten — 35 [7] Wenn Philosophen unter sich zusammenkommen, so fangen sie damit an, vielen schönen Plunder von sich zu werfen; vor allem, sie nennen sich nicht mehr “Philosophen” und hängen “die Liebe zur Weisheit” wie eine steife Amtstracht und Maskerade an den Nagel. „Wir sind Freunde des Mißtrauens, so sagen sie zu einander, wir wollen uns nicht betrügen lassen. Daß wir Niemanden betrügen wollen, — das soll man freilich von uns glauben, dazu müssen wir alle Welt feierlich überreden. Denn unter uns geredet: — — — 35 [8] Die Starken und die Schwachen. Gedanken und Gedankenstriche eines guten Europäers. 35 [9] Diese guten Europäer, die wir sind: was zeichnet uns vor den Menschen der Vaterländer aus? Erstens: wir sind Atheisten und Immoralisten, aber wir unterstützen zunächst die Religionen und Moralen des Heerden-Instinktes: mit ihnen nämlich wird eine Art Mensch vorbereitet, die einmal in unsere Hände fallen muß, die nach unserer Hand begehren muß. Jenseits von Gut und Böse, aber wir verlangen die unbedingte Heilighaltung der Heerden-Moral. Wir behalten uns viele Arten Philosophie vor, welche zu lehren noth thut: unter Umständen die pessimistische, als Hammer; ein europäischer Buddhismus könnte vielleicht nicht zu entbehren sein. Wir unterstützen wahrscheinlich die Entwicklung und Ausreifung des demokratischen Wesens: es bildet die Willens-Schwäche aus: wir sehen im „Socialism” einen Stachel, der vor der Bequemlichkeit — — — Stellung zu den Völkern. Unsere Vorlieben; wir geben Acht auf die Resultate der Kreuzung. Abseits, wohlhabend, stark: Ironie auf die “Presse” und ihre Bildung. Sorge, daß die wissenschaftlichen Menschen nicht zu Litteraten werden. Wir stehen verächtlich zu jeder Bildung, welche mit Zeitungswesen oder gar –schreiben sich verträgt. Wir nehmen unsere zufälligen Stellungen (wie Goethe, Stendhal) unsere Erlebnisse als Unterkunfts-Hütten, wie sie ein Wanderer braucht und hinnimmt — wir hüten uns, heimisch zu werden. Wir haben eine disciplina voluntatis vor unseren Mitmenschen voraus. Alle Kraft verwendet auf Entwicklung der Willens-kraft, eine Kunst, welche uns erlaubt, Masken zu tragen, des Verstehens jenseits der Affekte (auch “übereuropäisch” denken zeitweilig) Vorbereitung dazu, die Herren der Erde zu werden: der Gesetzgeber der Zukunft. Zum Mindesten aus unseren Kindern. Grundrücksicht auf die Ehen. 35 [10] Dieselben Bedingungen, welche die Entwicklung des Heerdenthieres vorwärts treiben, treiben auch die Entwicklung des Führer-Thiers. 35 [11] Bei der ”Emancipation des Weibes” wollen die Weiber, welche nicht zu Gatten und Kindern kommen, die Gesammtstellung des Weibes zum Manne wesentlich beeinflussen d. h. die mißrathenden Elemente (welche der Zahl nach überall im Übergewicht sind) wollen die Stellung der Art ändern d. h. zu Gunsten der Zahl soll die Qualität der Art verringert werden. (Man denke nur über die Eine Consequenz nach: daß nun auch die häßlichen Weiber die Befriedigung ihrer Triebe durch die Männer verlangen — der unbewußt treibende Grund dieser Bewegung) Oder, bei der G\<eorge\> Sand, die nie Männer genug hatte und die, welche sie hatte, bald satt bekam. 35 [12] Der Unsinn der größten Zahl als der größten Vernunft zeigt sich am verhängnißvollsten, wenn man erwägt, in wiefern Alles Gute, Wohlgerathene, Glückliche, Geistig-Geistliche auf Erden, kurz alles, wodurch das durchschnittliche Mißrathen und Mißwollen — — — 35 [13] Europa ist zuletzt ein Weib: und die Fabel lehrt, daß so ein Weib sich unter Umständen von gewissen Thieren fortschleppen läßt. Ehemals, zur Zeit der Griechen, war's ein Stier. Heute — der Himmel behüte mich, das Thier zu nennen. 35 [14] Was sind diese guten Europäer, von denen du redest und noch mehr schweigst als redest? Was zeichnet sie vor uns, den guten Vaterländern, aus? 35 [15] Zum Plan. Einleitung. 1. die organischen Funktionen zurückübersetzt in den Grundwillen, den Willen zur Macht, — und aus ihm abgespaltet. 2. denken, fühlen, wollen in allem Lebendigen — was ist eine Lust anders als: eine Reizung des Machtgefühls durch ein Hemmniß (noch stärker durch rhythmische Hemmungen und Widerstände) — so daß es dadurch anschwillt. Also in aller Lust ist Schmerz einbegriffen. — Wenn die Lust sehr groß werden soll, müssen die Schmerzen sehr lange, und die Spannung des Bogens ungeheuer werden. 3. der Wille zur Macht sich spezialisirend als Wille zur Nahrung, nach Eigenthum, nach Werkzeugen, nach Dienern — Gehorchen und Herrschen: der Leib. — der stärkere Wille dirigirt den schwächeren. Es giebt gar keine andere Causalität als die von Wille zu Wille. Es ist bisher noch gar keine mechanistische — — — 4. die geistigen Funktionen. Wille zur Gestaltung, zur Anähnlichung usw. Anhang. Die grossen Missverständnisse der Philosophen. 35 [16] Man möchte vielleicht einmal versucht sein, die Frage aufzuwerfen ob sich nicht alle großen Menschen unter die bösen Menschen rechnen lassen. 35 [17] Der Mensch, in welcher Lage er auch sich befinden möge, braucht eine Art Werthschätzungen, vermöge deren er seine Handlungen, Absichten und Zustände vor sich selber und namentlich vor seiner Umgebung rechtfertigt d. h. selbstverherrlicht. Jede natürliche Moral ist der Ausdruck der Zufriedenheit einer Art von Menschen mit sich selber: und wenn man Lob nöthig \<hat\>, hat man auch eine übereinstimmende Werthtafel nöthig, auf der die Handlungen am höchsten geschätzt sind, deren wir am fähigsten sind, worin unsere eigentlich Kraft sich ausdrückt. Wo unsere Kraft ist, damit wollen wir auch gesehn und geehrt werden. 35 [18] (50) Ob man nicht ein Recht hat, alle großen Menschen unter die bösen zu rechnen? Im Einzelnen ist es nicht immer aufzuzeigen. Oft ist ihnen ein meisterhaftes Versteckspielen möglich gewesen, so daß sie die Gebärden und Äußerlichkeiten großer Tugenden annahmen. Oft verehrten sie die Tugenden ernsthaft und mit einer leidenschaftlichen Härte gegen sich selber, aber aus Grausamkeit — dergleichen täuscht, aus der Ferne gesehn. Manche verstanden sich selber falsch, als sie — — — nicht selten fordert eine große Aufgabe große Qualitäten heraus z. B. die Gerechtigkeit. Das Wesentliche ist: die Größten haben vielleicht auch große Tugenden, aber gerade dann noch deren Gegensätze. Ich glaube, daß aus dem Vorhandensein der Gegensätze, und aus deren Gefühle, gerade der große Mensch, der Bogen mit der großen Spannung, entsteht 35 [19] Man muß sich los machen von der Frage: was ist gut? was ist mitleidig? — sondern “was ist der Gute, der Mitleidige?" fragen. 35 [20] Eine Moral war bisher zu allererst der Ausdruck eines conservativen Willens zur Züchtung einer gleichen Art, mit dem Imperativ: “Es soll allem Variiren vorgebeugt werden; es soll der Genuß an der Art allein übrig bleiben”. Hier werden eine Anzahl von Eigenschaften lange fest gehalten und großgezüchtet, und andere geopfert; alle solche Moralen sind hart (in der Erziehung, in der Wahl des Weibes, überhaupt gegen die Rechte der Jugend) Menschen mit wenigen, aber sehr starken und immer gleichen Zügen sind das Resultat. Diese Züge stehen in Beziehung zu den Grundlagen, auf denen solche Gemeinwesen sich durchsetzen und gegen ihre Feinde behaupten können. Auf Ein Mal reißt das Band und der Zwang einer solchen Zucht (- es giebt zeitweilig keine Feinde mehr –): das Individuum hat keine solchen Schranken mehr, es schießt wild auf, ein ungeheures Zugrundegehn steht neben einem herrlichen, vielfachen, urwaldhaften Emporwachsen. Es entsteht für die neuen Menschen, in welche jetzt das Verschiedenste vererbt wird, eine Nöthigung, sich selber eine individuelle Gesetzgebung zu machen, angemessen für ihre absonderlichen Bedingungen und Gefahren. Es erscheinen die Moral-philosophen, welche gewöhnlich irgend einen häufigeren Typus darstellen und mit ihrer disciplina einer bestimmten Art von Mensch Nutzen schaffen. 35 [21] Ich habe meinen Geist und \<meine\> Mühe auf Fragen verschwendet, wie: was ist gut? was ist schlecht? — Jeder dieser Philosophen nahm sich als typischen Menschen und wollte sich gegen alle anders Gearteten durchsetzen: sie treten in den Kampf mit diesem ihrem Glauben an ihr Ideal. Auch ihre Moral ist die der Selbst-Zufriedenheit, aber des Individuums. 35 [22] Man weiß aus den Erfahrungen der Züchter, daß Arten, denen ein Übermaß von Nahrung und jede Art Sorgfalt und Schutz zu Theil wird, in der stärksten Weise zur Variation des Typus neigen und reich an Wundern und Monstrositäten (auch an m\<onströsen\> Lastern) sind. Nun sehe man einmal eine Aristokratie als eine Veranstaltung zum Zweck der Züchtung an: lange Zeit fehlt jenes Übermaaß der günstigen Bedingungen, sie hat Noth, sich überhaupt durchzusetzen, sie hat beständige Gefahr um sich, Furcht festzuhalten. Dazu fühlt sie als nothwendig, daß eine bestimmte Art von Eigenschaften (Tugenden) vor allen und zuoberst erhalten werden muß: sie unterdrückt zu Gunsten dieser Tugenden alle übrigen, sie führt diese Tugenden als Existenzbedingungen. Endlich entsteht eine Glückslage, der große Zwang ist nicht mehr nöthig: und sofort tritt, in dem Treibhaus ihrer Cultur, eine ungeheure Menge von Varietäten und Monstren (Genie's eingerechnet) auf: mitunter geht an deren Kampfe das Gemeinwesen zu Grunde. Die Art- Varietäten (als Abartung, theilweise Entartung) treten auf, wo günstige Bedingungen des Lebens da sind: die Art selber aber tritt auf, wird fest und stark unter dem langen Kampf mit immer gleich ungünstigen B\<edingungen\>. Die Sorge für die Erhaltung der Art, ihrer treuen Wiederholung, ihrer wesentlichen Gleichförmigkeit ist eingegeben durch Liebe für diese Art, Bewunderung derselben durch Vergleichung mit ihrer Umgebung, also Zufriedenheit damit: Grundlage aller Aristokratien, man ist glücklich in seiner Art und will sich selber fortsetzen durch gleiche Nachkommenschaft: aber man muß auf dieser Stellung erhalten werden durch beständig wiederkehrende Gefährdung, und durch den Vergleich mit nahen, niedriger stehenden Wesen. Der Gedanke an einen „Fortschritt” und ebenso der Gedanke an “gleiche Rechte Aller” muß fehlen: Erhaltung des Typus, Genuß aller typischen Züge und sonst Widerwille (auch gegen alles Fremde) möglichst den Vorfahren gleichen als dirigirende Moral: Trauer beim Gedanken der Veränderung und Varietät. Nun aber giebt es leidende, unterdrückte, halb mißrathende, kranke mit sich unzufriedene Arten: wenn auch sie nach Lehrern, Tröstern und gleichsam Ärzten dürsten, wenn auch sie sich eine Moral schaffen: wonach werden sie am liebsten greifen und verlangen? Vor allem nicht nach Erhaltung ihrer leidenden Art, oder ihrer Zustände. Sondern „fort davon! Und lieber Tugend wo anders hin!” Im Ganzen wird ihre Moral sich also wie eine Art Selbst-Verneinung — — — andererseits ihre liebste Praxis wird die „Selbstlosigkeit”, der Ekel vor sich, die Abkehr vom Egoistischen — ihr großer Haß wendet sich gegen die Glücklichen, Stolzen, Siegreichen! Daneben die Entzückungen des Gefühls, welche in der Hingebung, Aufopferung, im Vergessen-seiner-selber, in der Liebe liegen: von der hündischen Schwanzwedelei des Sclaven bis hinauf zur mystischen ”Vereinigung mit Gott”. Thatsächlich wird so eine Art von Leidenden und Halbgerathenden im Leben erhalten, und gewissermaaßen lebensfähig gemacht: und indem sie Anpassung an Einander vor allem lernt, entsteht ein niedrigerer, aber lebensfähigerer Typus. Zum Beispiel der jetzige Europäer, so wie der Chinese. Die Verkleinerung des Menschen: aber wenn Alle ihre Kräfte zusammenthun, werden sie über die vornehme Rasse Herr: und da diese selber oft von ihren noblen Instinkten her zum Wegwerfen ihrer harten Existenz verführt sind (auch von ihren glücksbedürftigen Instinkten), oder selber entartet sind, so daß sie nicht mehr an sich glauben, so geschehen dann z.B. solche große Thorheiten wie die Vorspiele der französischen Revolution. Dann tritt eine Art Übergewicht der Vielzahl, folglich der geringsten Art Mensch über die Ausgesuchteren und Selteneren ein, ein demokratischer Grund-Geschmack aller Werthschätzung, bei dem zuletzt der Glaube an große Dinge und Menschen sich in Mißtrauen, endlich in Unglauben verwandelt und zur Ursache davon wird, daß das Große ausstirbt. 35 [23] Der Durst nach großen und tiefen Seelen — und immer nur dem Heerdenthier zu begegnen! 35 [24] 1) ist der „Philosoph” heute noch möglich? Ist der Umfang des Gewußten zu groß? Ist die Unwahrscheinlichkeit nicht sehr groß, daß er nicht zum Überblick kommt, und zwar je gewissenhafter er ist? Oder zu spät, wenn seine beste Zeit vorbei ist? Oder beschädigt, vergröbert, entartet, so daß sein Werthurtheil nichts mehr bedeutet? — Im andern Fall wird er zum “Dilettanten” mit tausend Fühlhörnerchen und verliert das große Pathos, die Ehrfurcht vor sich selber — auch das gute feine Gewissen. Genug, er führt nicht mehr, er befiehlt nicht mehr. Wollte er es, so müßte er zum großen Schauspieler werden, zu einer Art von philosophischem Cagliostro. 2) was bedeutet uns heute philosophisch leben weise-sein? Ist es nicht fast ein Mittel, sich gut aus einem schlimmen Spiele herauszuziehn? Eine Art Flucht? Und wer dergestalt abseits und einfach lebt, ist es wahrscheinlich, daß er damit seiner Erkenntniß den besten Weg gewiesen hat? Müßte er es nicht persönlich mit dem Leben auf 100 Arten versucht haben, um über seinen Werth mitreden zu können? Genug, wir glauben, daß Einer ganz und gar “unphilosophisch”, nach den bisherigen Begriffen, gelebt haben muß, vor allem nicht als scheuer Tugendhafter — um über die großen Probleme aus Erlebnissen heraus zu urtheilen. Der Mensch der umfänglichsten Erlebnisse, der sie zu allgemeinen Schlüssen zusammendrängt: müßte er nicht der mächtigste Mensch sein? — Man hat den Weisen zu lange mit dem wissenschaftlichen, und noch länger mit dem religiös-gehobenen Menschen verwechselt. 35 [25] Problem: viele Arten von großen Menschen sind vielleicht nicht mehr möglich? z.B. der Heilige. Vielleicht auch der Philosoph. Endlich das Genie? Die ungeheuren Distanz-Verhältnisse zwischen Mensch und Mensch haben vielleicht abgenommen? Mindestens hat das Gefühl dieser Distanz abgenommen, und das bringt als Wirkung eine weniger schroffe Haltung und Zucht mit sich, vermöge deren es der Mensch auch nicht mehr so hoch bringt, wie ehedem. — Wir bedürfen eines neuen Begriffs der Größe des Menschen; welcher wir fähig sind, und von der die Meisten von uns tief abgetrennt sind. Voilà: diese demokratische Welt verwandelt jeden in eine Specialität, also ist heute Größe das Universal — sein. Sie schwächt den Willen, also ist Stärke des Willens heute Größe. Sie entwickelt das Heerdenthier, also gehört Alleinstehn und Auf-eigene-Faust-leben heute zur Größe zu rechnen. Der umfänglichste Mensch, allein gehend, ohne Heerden-Instinkte, und mit einem unbezwinglichen Willen, welcher ihm erlaubt, viele Verwandlungen zu haben und unersättlich in neue Tiefen des Lebens zu tauchen. — Wir müssen die Größe des Menschen dort suchen, wo wir am wenigsten zu Hause sind. Für Zeitalter der Energie ist der sanfte entsagende beschauliche Mensch die große Ausnahme; es gehört große innere Zucht und Härte dazu, um aus einem halbwilden Thiere zu einem Socrates zu werden. Der Indifferentism des Epicur wirkt fast wie eine Verklärung. Wir kommen zu entgegengesetzten Idealen: und zuerst haben wir die alten Ideale für uns selber zu zertrümmern. 35 [26] Dionysos. Buch der Wahrsagung. 35 [27] Unsere Psychologen, deren Blick unwillkürlich nur an den Symptomen der décadence hängen bleibt, lenken immer wieder unser Mißtrauen wider den Geist. 35 [28] Neue Barbaren. Man sieht immer nur die schwächenden verzärtelnden verkränkelnden Wirkungen des Geistes: aber es kommen nun: Die Cyniker. Vereinigung der geistigen Die Versucher. Überlegenheit mit Die Eroberer. Wohlbefinden und Überschuß von Kräften. 35 [29] Die Epochisten, die Ephektiker. Er bleibt gern vor offenen Problemen stehn und ist ironisch gegen die schnellen Hypothesen gestimmt; er lehnt die Art Befriedigung ab, welche das Rund-machen, das Voll-machen, das Ausstopfen eines Lochs mit irgend welchem Werg mit sich bringt. So verhält er sich, nicht aus seiner Schwäche heraus, sondern aus seiner Stärke: er geht nicht gleich zu Grunde, wenn er den Halt solcher „Geländer” entbehrt, welche z. B. heute den Pessimisten als ihre Stütze dienen. — Grundthatsache: daß es in den moralischen Gebieten noch an jeder Wissenschaft fehlt, mehr noch an jedem Materiale zur Wissenschaft. Die praktischen Hinter-Absichten unterbinden dem Forscher die Adern. Es ist die Zeit für das Suchen der allerweitesten regulativen Hypothesen, um an ihnen Material zu sammeln. Also ist hier noch lange nicht eigentliche strenge Ephexis der Wissenschaft möglich; wir sind im Vorstadium. Die Verschärfung der methodischen Ansprüche wird später kommen. Die Wissenschaften entwickeln sich keineswegs gleichzeitig: sondern wie die Organe ihr schnelleres oder langsameres Wachsthum, Reifwerden haben, so steht es hier. Es liegt auf der Hand, daß die Wissenschaft, welche am weitesten zurück sein wird, die ist, welcher man am längsten widerstrebt hat, mit dem Glauben, hier dürfe gar nicht geforscht werden. Hier sei die Wahrheit da, hier sei der Glaube an sie Pflicht — noch jetzt bäumt sich das „moralische Bewußtsein” mitunter selbst im Gewande einer Art „Philosophie” gegen das Recht einer Analysis der Moral auf. Und unsere letzten Moralforscher sind gründlich eben davon überzeugt: hier habe die Wissenschaft nur den Thatbestand zu ergründen, nicht zu kritisiren. 35 [30] 1. das Problem der Moral sehen und zeigen — das scheint mir die neue Aufgabe und Hauptsache. Ich leugne, daß dies in der bisherigen Moralphilosophie geschehn ist. 35 [31] Man muß nicht Wissenschaftlichkeit affektiren, wo es noch nicht Zeit ist, wissenschaftlich zu sein; aber auch der wirkliche Forscher hat die Eitelkeit von sich zu thun, eine Art von Methode zu affektiren, welche im Grunde noch nicht an der Zeit ist. Ebenso Dinge und Gedanken, auf die er anders gekommen ist, nicht mit einem falschen Arrangement von Deduktion und Dialektik zu “fälschen”. So fälscht Kant in seiner „Moral” seinen innewendigen psychologischen Hang; ein neuerliches Beispiel ist Herbert Spencer's Ethik. — Man soll die Thatsache, wie uns unsere Gedanken gekommen sind, nicht verhehlen und verderben. Die tiefsten und unerschöpftesten Bücher werden wohl immer etwas von dem aphoristischen und plötzlichen Charakter von Pascals Pensées haben. Die treibenden Kräfte und Werthschätzungen sind lange unter der Oberfläche; was hervorkommt, ist Wirkung. 35 [32] Ich wehre mich gegen alle Tartüfferie von Wissenschaftlichkeit: 1) in Bezug auf die Darlegung, wenn sie nicht der Genesis der Gedanken entspricht, 2) in den Ansprüchen auf Methoden, welche vielleicht zu einer bestimmten Zeit der Wissenschaft noch gar nicht möglich sind, 3) in den Ansprüchen auf Objektivität, auf kalte Unpersönlichkeit, wo, wie bei allen Werthschätzungen, wir mit zwei Worten von uns und unseren inneren Erlebnissen erzählen. Es giebt lächerliche Arten von Eitelkeit z. B. Saint-Beuvés, der sich zeitlebens geärgert hat, hier und da wirklich Wärme und Leidenschaft im “für” und “Wider” gehabt zu haben und es gern aus seinem Leben weggelogen hätte. 35 [33] (51) Man giebt sich heute gern den Anstrich einer sehr bunten und vielgestaltigen Ankünstelung von Wissenschaftlichkeit — begreiflich in einem so unächten Jahrhundert, wo “gleiche Rechte” auch “das Gefühl gleicher Ansprüche” nach sich ziehen z. B. auch den Anspruch, wissenschaftlich sein zu können, falls man es nur will. Fast alle Litteraten glauben es von sich; mehr noch, es gehört jetzt zum Ehrgeiz der Romanschriftsteller. 35 [34] Nichts Kläglicheres als die moralistische Litteratur im jetzigen Europa. Die utilitarischen Engländer voran, plump wie Hornvieh in den Fußtapfen Bentham's wandelnd, wie er selber schon in den Fußtapfen des Helvetius wandelte; kein neuer Gedanke, nicht einmal eine wirkliche Historie des Früher-Gedachten, sondern immer die alte moral\<ische\> Tartüfferie, das englische Laster des cant unter der neuen Form der Wissenschaftlichkeit nebst geheimer Abwehr von Gewissensbissen, wie sie eine Rasse von ehemaligen Puritanern anzufallen pflegen. — Sie möchten sich um jeden Preis überreden, daß man dem eignen Nutzen nachgehen müsse, insofern gerade damit dem allgemeinen Nutzen, dem Glück der Meisten, am besten bedient werde: also daß das Streben nach englischem “Glück”, ich meine nach comfort und fashion auf dem rechten Pfade der Tugend sei: ja daß, so weit es in der Welt Tugend gegeben habe, sie im derartigen Streben nach eignem, folglich auch allgemeinem Glück bestanden habe: Niemand von allen diesen schwerfälligen, im Gewissen beunruhigten Heerden-Thieren — denn das sind sie allesammt — will etwas davon wissen, daß es eine Rangordnung der Menschen giebt, folglich Eine Moral für Alle eine Beeinträchtigung der höchsten Menschen ist, daß was dem Einen billig ist, durchaus noch nicht dem Anderen es sein kann; daß vielmehr das Glück der Meisten für jeden ein Ideal zum Erbrechen ist, der die Auszeichnung hat, nicht zu den Meisten zu gehören. — Von Frankreich her ist neuerdings noch die oberflächliche Gegenüberstellung Comte's vom Altruismus und Egoismus — aber es giebt gar keinen Altruismus! — nach England gedrungen; und nun sehen wir z. B. bei Herbert Spencer den Versuch, auch damit wieder sich zu vertragen, mit einem solchen schlechten Willen, irgend einen Begriff noch streng zu nehmen, daß nunmehr Urinlassen in England bereits schon unter die altruistischen Thätigkeiten gehören dürfte. In Deutschland — wo man noch nicht einmal mit der moralistischen Naivetät Kant's und Schopenhauer's, dem kategorischen Imperativ und andrerseits dem “Mitleiden” fertig zu werden versteht — hat E. von H\<artmann\> neuerdings den Comte'schen Gedanken ins Breite getreten — in die Breite von 871 Seiten —; und, ohne daß irgend ein Deutscher darüber gelacht hat, vorne den Egoismus feierlich und förmlich zur Thür hinausgeworfen, um ihn hinten, im Namen des „Altruismus”, wieder hereinzunöthigen. In der That, man kann sich die unheimliche Thatsache einer fast plötzlichen Verdummung der Völker Europa's — sichtbar so gut im jetzigen Deutschland und England, wie in Frankreich und Italien — nicht besser sich zu Gemüthe führen als durch ein Blättern in ihren moralistischen Büchern. Ich wüßte höchstens drei kleine Schriften herauszuheben (obwohl auch in diesen nichts Fundamentales gesagt ist): Einmal das Buch eines deutschen Juden, Paul Rée, das den Titel führt — Es verdient seiner Form wegen Auszeichnung und trägt etwas von jenem ächt-philosophischen habitus an sich, dem Stendhal einmal einen scharfen Ausdruck gegeben hat: — — — Rée nimmt mit feiner Hand die strengeren Geschmacks-Gewohnheiten der alten französischen Moralisten wieder auf — sein Buch kommt wie ein erquicklicher Geruch aus jener „guten alten Zeit”, fern von allen erbaulichen Hinterabsichten, nach welchen deutsch geschriebene Moral-Bücher zu riechen pflegen —: leider hat er auch dieselben Mängel, wie jene Franzosen, den engen Horizont, die Armseligkeit des Wissens; seine Hypothesen sind wohlfeil und in den Wind geredet; es fehlt ihm gänzlich „der historische Blick und Takt”, das will sagen, die eigentliche und einzige Tugend, welche die deutsche Wissenschaft des 19. Jahrhunderts vor allen älteren Wissenschaften voraus hat. Zuletzt ist es ein Buch, welches “Appetit macht”. Zweitens nenne ich das feine, schwermüthig-herzhafte Buch eines Franzosen — — —, welches freilich, wie fast Alles, was jetzt aus Paris kommt, zum Übermaaß zu verstehen giebt, wo eigentlich heute der Pessimismus zu Hause ist: nämlich nicht in Deutschland. Und was hilft aller Positivismus und das entschlossene Kniebeugen vor den "petits faits”! Man leidet in Paris wie an kalten Herbstwinden, wie an einem Frost großer Enttäuschungen, als ob der Winter kommt, der letzte, endgültige Winter — und die Besten und Tapfersten, wie jener brave Guyau, \<zittern und schaudern dabei, auch wenn sie eine noch so gute Miene zu ihrem „positivisme” machen: wer glaubt es ihnen, wozu sie uns mit Ironie überreden möchten, daß jenes Zittern und Schaudern noch zu den Reizen und Verführungskünsten des Lebens gehöre? Freilich: „das Schaudern ist der Menschheit schönster Theil” — das hat Goethe gesagt, und Goethe — durfte es sagen! Aber ein Pariser? — Endlich zeichne ich die polemische Schrift eines deutschen Halb-Engländers aus, welche genug Geist, Säure und Wissenschaft enthält, um jene Vereinigung von bêtise und Darwinismus, welche Herbert Spencer unter dem Titel: "Data of Ethics” in die Welt gesetzt hat, gründlich zu „zersetzen”: Rolph, Biologische Probleme 1881. Freilich, vom Polemischen abgesehen ist an dem Buche nichts zu loben; und im Grunde beleidigt hier, ebenso wie bei dem Buche, welches er bekämpft, das Mitreden-wollen unbedeutender Menschen auf Gebieten, wo nur eine ausgesuchte Art von Erkennenden und “Erlebten” ohne Unbescheidenheit zu Worte kommt.\> 35 [35] Was mich am gründlichsten von den Metaphysikern abtrennt, das ist: ich gebe ihnen nicht zu, daß das “Ich” es ist, was denkt: vielmehr nehme ich das Ich selber als eine Construktion des Denkens, von gleichem Range, wie “Stoff” “Ding” “Substanz” “Individuum” “Zweck” “Zahl”: also nur als regulative Fiktion, mit deren Hülfe eine Art Beständigkeit, folglich “Erkennbarkeit” in eine Welt des Werdens hineingelegt, hineingedichtet wird. Der Glaube an die Grammatik, an das sprachliche Subjekt, Objekt, an die Thätigkeits-Worte hat bisher die Metaphysiker unterjocht: diesen Glauben lehre ich abschwören. Das Denken setzt erst das Ich: aber bisher glaubte man, wie das “Volk" im “ich denke” liege irgend etwas von Unmittelbar-Gewissem und dieses “Ich” sei die gegebene Ursache des Denkens, nach deren Analogie wir alle sonstigen ursächlichen Verhältnisse “verstünden”. Wie sehr gewohnt und unentbehrlich jetzt jene Fiktion auch sein mag, das beweist nichts gegen ihre Erdichtetheit: es kann etwas Lebensbedingung und trotzdem falsch sein. 35 [36] Freigeworden von der Tyrannei der “ewigen” Begriffe, bin ich andrerseits fern davon, mich deshalb in den Abgrund einer skeptischen Beliebigkeit zu stürzen: ich bitte vielmehr, die Begriffe als Versuche zu betrachten, mit Hülfe deren bestimmte Arten des Menschen gezüchtet und auf ihre Enthaltsamkeit und Dauer — — — 35 [37] Die Falschheit eines Begriffs ist mir noch kein Einwand gegen ihn. Darin klingt unsere neue Sprache vielleicht am fremdesten: die Frage ist, wie weit er lebenfördernd, lebenerhaltend, arterhaltend ist. Ich bin sogar grundsätzlich des Glaubens, daß die falschesten Annahmen uns gerade die unentbehrlichsten sind, daß ohne ein Geltenlassen der logischen Fiktion, ohne ein Messen der Wirklichkeit an der erfundenen Welt des Unbedingten, Sich-selber-Gleichen der Mensch nicht leben kann und daß ein Verneinen dieser Fiktion, ein praktisches Verzichtleisten auf sie, so viel wie eine Verneinung des Lebens bedeuten würde. Die Unwahrheit als Lebensbedingung zugestehn: das heißt freilich auf eine schreckliche Weise die gewohnten Werthgefühle von sich abthun — und hier, wenn irgend wo, gilt es, sich an der “erkannten Wahrheit” nicht zu “verbluten”. Man muß sofort in dieser höchsten Gefahr die schöpferischen Grund-Instinkte des Menschen heraufrufen, welche stärker sind als alle Werthgefühle: die, welche die Mütter der Werthgefühle selber sind und im ewigen Gebären über das ewige Untergehn ihrer Kinder ihre erhabene Tröstung genießen. Und zuletzt: welche Gewalt war es denn, welche uns zwang, jenem “Glauben an die Wahrheit” abzuschwören, wenn es nicht das Leben selber war und alle seine schöpferischen Grund-Instinkte? — so daß wir also es nicht nöthig haben, diese “Mütter” heraufzubeschwören: — sie sind schon oben, ihre Augen blicken uns an, wir vollführen eben, wozu deren Zauber uns überredet hat. 35 [38] — Und was die eigentl\<iche\> Philos\<ophie\> im jetzigen Frankreich betrifft: man glaube ja nicht, daß diese braven Positivisten aus der Schule Comte's, oder die Nachkommen Stendhal's Montesquieu's Condillac's — eben das Beste was das 18. Jahrhundert hatte — wie Taine, ein Gegensatz zu der skeptischen Stimmung des Jahrhunderts ausmachen. 35 [39] Mittag und Ewigkeit. Von der Rangordnung. Die Gesetzgeber. (Züchtung neuer herrschenden Kasten) Vom Ring der Ringe. Oder: ”der Spiegel”. Die großen Segnungen. 35 [40] Mittag und Ewigkeit. Gesichte und Wahrsagungen. 35 [41] Mittag und Ewigkeit. Wahrsagungen eines Zukünftigen. Erster Theil: von der Rangordnung. Zweiter Theil: von den Herren der Erde. Dritter Theil: vom Ring der Ringe. Vierter Theil: vom neuen Sterben. 35 [42] — bis wir auch uns mit gutem Stolze das Wort zurufen dürfen, welches Pericles seinen Athenern in jener Grabrede zurief: — zu allem Land und Meere hat unsere Kühnheit sich den Weg gebrochen, überall sich unvergängliche Denkmale im Guten und Schlimmen gründend. 35 [43] Zuletzt wehren wir uns noch gegen die Menschenkenntniß solcher Sainte-Beuve's und Renan's, gegen diese Art Seelen-Aushorchung und –Anschnüffelung, wie sie von diesen unmännlichen Genüßlingen des Geistes ohne Rückgrat gehandhabt wird: es scheint uns gegen die Scham zu gehen, wenn sie mit neugierigen Fingern an den Geheimnissen von Menschen oder Zeiten herumtasten, welche höher, strenger, tiefer waren und in jedem Betracht vornehmer als sie selber: so daß sie nicht so leicht ihre Thüren irgend welchen herumschweifenden Halbweibern aufgethan hätten. Aber dieses neunzehnte Jahrhundert, welches alle feineren Instinkte der Rangordnung eingebüßt hat, weiß nicht mehr den unerwünschten Eindringlingen und Thore-Erbrechern auf die Finger zu schlagen; ja es ist stolz auf seinen “historischen Sinn”, vermöge dessen es dem schwitzenden Plebejer erlaubt wird, vorausgesetzt, daß er mit gelehrten Folter-Werkzeugen und Fragebogen kommt, sich auch in die Gesellschaft von höchster Unnahbarkeit einzudrängen, unter die Heiligen des Gewissens so gut als unter die ewig verhüllten Herrschenden des Geistes. Unter dem historischen Sinn und Umspähen liegt mehr Scepsis verborgen als man zunächst sieht: eine beleidigende Scepsis gegen die Rangverschiedenheit von Mensch und Mensch gewendet, und derselbe unverschämte Anspruch auf „Gleichheit” wird sogar in Hinsicht auf die Todten ausgedehnt, welchen sich die bezahlten Diener der öffentlichen Meinung jetzt gegen jeden Lebenden herausnehmen. Wir aber sind keine Sceptiker, — wir glauben noch an eine Rangordnung der Menschen und Probleme und warten die Stunde ab, wo sich diese Lehre vom Range und von der Ordnung der pöbelhaften Gesellschaft von heute wieder in's breite Gesicht einschreiben wird. Vielleicht ist diese Stunde auch unsere Stunde. Sind wir vielleicht, wenn wir keine Sceptiker sind, Kritiker oder "Kriticisten”? Und wenn wir den Versuch und die Lust am Versuche durch unseren Namen noch besonders unterstrichen haben, geschieht das etwa deshalb, weil wir uns des Experimentes in einem weiten und gefährlichen Sinne, aber zum Behufe einer tiefer verstandenen Kritik, zu bedienen lieben? Sind wir vielleicht, im Geheimen, zum Besten unserer Erkenntniß, als Experimentirende gezwungen weiter zu gehen als es der weichmüthige und verzärtelte Geschmack des Jahrhunderts gutheißen kann? In der That, wir möchten nicht alle jene Eigenschaften entbehren, welche den Kritiker vom Skeptiker abheben: die Sicherheit der Werthmaaße, die bewußte Handhabung einer Einheit von Methode, der gewitzte Muth, das Alleinstehen- und sich verantworten können; ja wir gestehen eine Lust am Neinsagen und Zergliedern, eine gewisse Grausamkeit der Hand zu, welche das Messer sicher führt, auch wenn das Herz dabei blutet. Wir sind härter —, und vielleicht nicht nur gegen uns, — als “humane” Menschen wünschen mögen; wir lassen uns nicht mit der „Wahrheit” ein, weil sie uns “gefällt” oder “erhebt” oder “begeistert” — unser Glaube ist vielmehr gering, daß die Wahrheit je solche angenehme Gefühle mit sich bringen könnte. Es klingt vielen Ohren peinlich wenn wir sagen: gerade dort springt unser Mißtrauen hervor, wo unser Gefühl zu schönen Wallungen emporsteigt; wir lächeln, wenn jemand etwas damit zu beweisen glaubt, daß er sagt: „aber dieser Gedanke erhebt mich: wie sollte er nicht wahr sein?” Oder: “dieses Werk entzückt mich — wie sollte es nicht schön sein?” Oder: “dieser Künstler vergrößert mich wie sollte er nicht groß sein?” Wir haben vielmehr mit den Kritikern — 35 [44] Aberglaube über den Philosophen, Verwechslung mit dem wissenschaftlichen Menschen. Als ob die Werthe in den Dingen steckten und man sie nur festzuhalten hätte. In wiefern sie unter gegebenen Werthen forschen (ihr Haß auf Schein, Leib usw.) Schopenhauer in Betreff der Moral. (Hohn über den Utilitarismus) Zuletzt geht die Verwechslung so weit, daß man den Darwinismus als Philosophie betrachtet: und jetzt ist die Herrschaft bei den wissenschaftlichen Menschen. Auch die Franzosen wie Taine suchen oder meinen zu suchen ohne die Werthmaaße schon zu haben. Die Niederwerfung vor den “Facten” eine Art Cultus. Thatsächlich vernichten sie die bestehenden Werthschätzungen. Erklärung dieses Mißverständnisses. Der Befehlende entsteht selten, er mißdeutet sich selber. Man will durchaus die Autorität von sich ablehnen und in die Umstände setzen. — In Deutschland gehört die Schätzung des Kritikers in die Geschichte der erwachenden Männlichkeit. Lessing usw. (Napoleon über Goethe) Thatsächlich ist diese Bewegung durch die deutsche Romantik wieder rückgängig gemacht: und der Ruf der deutschen Philosophie bezieht sich auf sie, als ob mit ihr die Gefahr der Scepsis beseitigt sei, und der Glaube bewiesen werden könne. In Hegel kulminiren beide Tendenzen: im Grunde verallgemeinerte er die Thatsache der deutschen Kritik und die Thatsache der deutschen Romantik — eine Art von dialektischem Fatalismus, aber zu Ehren des Geistes, thatsächlich mit Unterwerfung des Philosophen unter die Wirklichkeit. — Der Kritiker bereitet vor: nicht mehr! Mit Schopenhauer dämmert die Aufgabe des Philos\<ophen\>, daß es sich um eine Bestimmung des Werthes handele: immer noch unter der Herrschaft des Eudämonismus (Spott über Hartmann) das Ideal des Pessimismus. 35 [45] Der Philosoph als Gesetzgeber, als Versucher neuer Möglichkeiten, seine Mittel. Er benutzt die Religion. Das neue Testament — was das Christenthum kann. Sein Gegensatz: die Moral der Heerdenthiere. Ebenso die Freidenker usw. Wie sich die Heerdenthiere heute den höheren Menschendenken: an V. Hugo zu zeigen. Meine Vorbereiter: Schopenhauer — in wie fern ich den Pessimismus vertiefte und durch die Erfindung seines höchsten Gegensatzes erst ganz mir zum Gefühl brachte. Sodann: die ideal\<en\> Künstler, jener Nachwuchs aus der Napoleonischen Bewegung. Sodann: die höheren Europäer, Vorläufer der großen Politik. Sodann: die Griechen und ihre Entstehung. Ich gab Winke in der „Geburt der Tragödie” über das Verhältniß „Noth” und „Kunst”. Die Deutschen und der Geist. Die persönliche Erziehung des Philosophen in der Einsamkeit. Das Dionysische. 35 [46] Paete, non dolet! Paete, dieser Pessimismus thut nicht weh! Paete, Eduard beißt nicht! Paete, siehe mich an: bin ich nicht freundlich blau, ja sogar preußisch blau; Paete, in der That, ich lasse gar nichts zu wünschen übrig Paete, non dolet! Paete, dieser Pessimismus thut nicht weh! Paete, deine Arria beißt nicht! Paete: Eduard ist voller Rücksicht, behaglich, human, freundlich, sogar reichsfreundlich, sogar preußisch-blau, kurz Eduard ist ein Mädchen für Alles und sein Pessimismus läßt gar nichts zu wünschen übrig Ich war damals im Irrthum: ich meinte E\<duard\> v\<on\> H\<artmann\> sei ein feiner überlegener Kopf und Spaaßvogel, der sich über die pessimistische Verlegenheit des Zeitalters lustig mache; ich fand die Erfindung seines „Unbewußten” so boshaft, so witzig, es schien mir eine rechte Mausefalle für die Trübseligen und Dummen des philosophischen Dilettantismus, wie er sich mehr und mehr über Deutschland ausbreitet. Nun aber bleibt man dabei, mich zu versichern, daß er es ernst meine: und man zwingt mich beinahe, daran zu glauben: sollte er aber damit aufhören, für mich erheiternd zu sein? Sollte ich aufhören müssen zu lachen, wenn diese Arria wieder und wieder ihrem Paetus zuredet, sich nicht vor dem Dolche, ich meine vor dem Hartmannschen Pessimismus, zu fürchten? Paete, ruft sie zärtlich, non dolet! 35 [47] § Keine Kritiker. Die Verlegenheit. Endlich „der wissenschaftliche Mensch”. Engländer. § Weder Pessimisten noch Optimisten. Schopenhauer's große Stellung — daß die Zerstörung einer Illusion noch keine Wahrheit ergiebt, sondern nur ein Stück Unwissenheit mehr, eine Erweiterung unseres „leeren Raums”, einen Zuwachs unserer “Oede” — § Grundgedanke: die neuen Werthe müssen erst geschaffen werden — dies bleibt uns nicht erspart! Der Philosoph muß wie ein Gesetzgeber sein. Neue Arten. (Wie bisher die höchsten Arten (z. B. Griechen) gezüchtet wurden: diese Art “Zufall” bewußt wollen) § Seine Mittel: Religionen, Moralen § Bedeutung des Christenthums. § Bedeutung der demokratischen Denkweise. § Freidenker, zu dieser Bewegung gehörig? Victor Hugo. § Unbewußte Gegenbewegungen: Napoleon, die 30er, R\<ichard\> W\<agner\>. § Der neue Philosoph kann nur in Verbindung mit einer herrschenden Kaste entstehen, als deren höchste Vergeistigung. Die große Politik, Erdregierung in der Nähe; vollständiger Mangel an Principien dafür — (Ironie auf den leeren deutschen Geist.) Der Europäer und seine Bildung. Periode der großen Versuche. Menschen, mit einem eignen Werth-Kanon. Institutionen zur Züchtung höherer Menschen. § Das “Einstweilen” der Philosophen. Ihre Einsamkeit. § Das “jenseits von Gut und Böse” vorbereiten. Zustand der “Moral”. 15 § Dionysos. 15: 100 16 3 große Seiten jeder Abschnitt 35 [48] Vorrede. Es liegt mir heute wenig daran, ob ich in Bezug auf R\<ichard\> W\<agner\> und Schopenhauer Recht oder Unrecht gehabt habe: habe ich mich geirrt, nun, mein Irrthum gereicht weder den Genannten, noch mir selber zur Unehre. Gewiß ist, daß es mir, in jenen jungen Tagen, eine ungeheure Wohlthat war, meine idealistischen Farben, in welchen ich die Bilder \<des\> Philosophen und \<des\> Künstlers schaute, nicht ganz ins Unwirkliche, sondern gleichsam auf vorgezeichnete Gestalten aufmalen zu können; und wenn man mir den Vorwurf gemacht hat, daß ich die Genannten mit einem vergrößernden Auge gesehen habe, so freue ich mich dieses Vorwurfs — und meiner Augen noch dazu. Zum Mindesten sollten die Leser der zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung nicht darüber im Ungewissen sein, wie wenig mir immer an der Wahrheit gelegen hat und — — — Was ich damals geschrieben — und weniger geschrieben als gemalt habe, noch dazu hitzig und, wie mich heute dünkt, in einem nicht unbedenklichen und verwegenen Alfresco: das würde dadurch noch nicht wahrer werden, daß ich es nunmehr, wo vielleicht Hand und Auge etwas hinzugelernt haben, noch einmal zarter, lautrer und strenger darstellte. Jedes Lebensalter versteht “Wahrheit” auf seine eigene Weise; und wer mit jungen und brausenden Sinnen und großen Ansprüchen vor jene Gemälde tritt, wird an ihnen so viel Wahrheit finden, als er zu sehn im Stande ist. Meine vier ersten U\<nzeitgemäßen\> B\<etrachtungen\>, denen ich nunmehr, nach zehn Jahren, eine fünfte, sechste und siebente zugeselle, waren Versuche, die Art Menschen an mich heranzulocken, welche zu mir gehören: also Angelruthen, ausgeworfen nach „Meines-Gleichen”. Damals war ich jung genug, um mit ungeduldiger Hoffnung auf solchen Fischfang zu gehen. Heute — nach hundert Jahren, wenn ich die Zeit nach meinem Maaße messen darf! — bin ich mir noch nicht alt genug, um jede Hoffnung oder Geduld verloren zu haben. Wie fremd klingt es mir auch heute noch in den Ohren, wenn ein Greis seine Erfahrungen in diese Worte drängt: — — — So spricht Goethe: sollte er Recht haben? Wie wenig Vernunft hätte es dann, so alt, so vernünftig wie Goethe zu werden! Und es wäre billig, den Griechen ihr Urtheil über das Alter abzulernen: — sie haßten das Altwerden mehr als den Tod, und liebten es zu sterben, wenn sie fühlten, daß sie auf jene Art anfingen vernünftig zu werden. Inzwischen hat auch die Jugend ihre eigne Art Vernunft: eine Vernunft, welche an Leben, Liebe und Hoffnung glaubt 35 [49] Was R\<ichard\> W\<agner\> betrifft: so gab es einen Augenblick meines Lebens, wo ich ihn mit Heftigkeit von mir stieß. Weg von mir! — das schrie ich. Diese Art Künstler ist gerade darin unzuverlässig, wo ich keinen Spaaß verstehe. Er versuchte sich mit dem bestehenden Christenthum zu “arrangiren", indem er die linke Hand dem protestantischen Abendmahle entgegenstreckte — er hat mir von den Entzückungen gesprochen, die er dieser Mahlzeit abzugewinnen wisse — die rechte Hand aber zu gleicher Zeit der katholischen Kirche: er bot ihr seinen “Parsifal“ an und gab sich für alle, die Ohren haben, als “Römling” in partibus infidelium zu erkennen. 35 [50] Die Denkgesetze als Resultate der organischen Entwicklung — eine fingirende setzende Kraft muß angenommen werden — ebenfalls Vererbung und Fortdauer der Fiktionen. 35 [51] In einer Welt des Werdens, in der Alles bedingt ist, kann die Annahme des Unbedingten, der Substanz, des Seins, eines Dinges usw. nur ein Irrthum sein. Aber wie ist Irrthum möglich? 35 [52] Das Nacheinander immer deutlicher zeigen heißt Erklärung: nicht mehr! 35 [53] Wahrnehmen auch für die unorganische Welt einräumen und zwar absolut genau: da herrscht “Wahrheit”! Mit der organischen Welt beginnt die Unbestimmtheit und der Schein. 35 [54] Daß eine Gleichgewichts-Lage nie erreicht ist, beweist, daß sie nicht möglich ist. Aber in einem unbestimmten Raum müßte sie erreicht sein. Ebenfalls in einem kugelförmigen Raum. Die Gestalt des Raumes muß die Ursache der ewigen Bewegung sein, und zuletzt aller “Unvollkommenheit”. Daß “Kraft” und “Ruhe” “Sich-gleich-bleiben” sich widerstreiten. Das Maaß der Kraft als Größe als fest, ihr Wesen aber flüssig, spannend, zwingend, — — — 35 [55] ”Zeitlos” abzuweisen. In einem bestimmten Augenblick der Kraft ist die absolute Bedingtheit einer neuen Vertheilung aller ihrer Kräfte gegeben: sie kann nicht still stehn. “Veränderung” gehört ins Wesen hinein, also auch die Zeitlichkeit: womit aber nur die Nothwendigkeit der Veränderung noch einmal begrifflich gesetzt wird. 31 [56] Die Zeit ist nicht a priori gegeben — Spir 2, p. 7 unlogischer Charakter unserer Erkenntniß der Längen. ds. 2 p. 93. 35 [57] Daß es gleiche Dinge, gleiche Fälle giebt, ist die Grundfiktion schon beim Urtheil, dann beim Schließen. 35 [58] In der chemischen Welt herrscht die schärfste Wahrnehmung der Kraftverschiedenheit. Aber ein Protoplasma, als eine Vielheit von chemischen Kräften, hat eine unsichere und unbestimmte Gesammt-Wahrnehmung eines fremden Dings. 35 [59] Der Übergang aus der Welt des Anorganischen in die des Organischen ist der aus festen Wahrnehmungen der Kraftwerthe und Machtverhältnisse in die der unsicheren, unbestimmten — weil eine Vielheit von miteinander kämpfenden Wesen (= Protoplasma) sich der Außenwelt gegenüber fühlt. 35 [60] Der rastlose Wille zur Macht oder zur beständigen Schöpfung oder zur Verwandlung oder zur Selbst-überwältigung 35 [61] “die sogenannte Zeit eine bloße Abstraktion, weder objektiv daseiend, noch eine nothwendige und ursprüngliche Vorstellungsart des Subjekts” \<Spir\> 2. p. 15. 35 [62] Die Deutschen haben keine Cultur: sie sind nach wie vor von Paris abhängig — die Ursache ist, sie haben noch keinen Charakter. Unsere großen Menschen bezeichnen keine Rasse, sondern Einzelne. Was ist aber das, was ich ehemals ausnahm und worauf ich Hoffnungen gründete, die deutsche Musik? 35 [63] NB. Das Mißverständniß über Richard Wagner ist heute in Deutschland ungeheuer: und, da ich dazu beigetragen habe, es zu vermehren, will ich meine Schuld abtragen und versuchen, es zu verringern 35 [64] Es gab ein Jahrhundert lang nur einen Gegensatz von französischer und ital\<ienischer\> Musik. Im Kampfe Glucks mit Piccini verschärfte er sich und kam auf seine Spitze: Gluck wurde hierbei durchaus als Vertreter des französischen Geschmacks empfunden — als Vertreter des Vornehmen, Pomphaften und Rationalistischen. Die Deutschen als Musiker haben bald nach Frankreich bald nach Italien hingehorcht: einen eigenen deutschen Geschmack in der Musik giebt es auch heute noch nicht Es scheint mir, daß Wagner noch einmal den französischen Geschmack zum Übergewicht über den italianisirenden gebracht hat d. h. über Mozart, Haydn, Rossini, Bellini, Mendelssohn, aber es ist der Geschmack Frankreichs von 1830: die Litteratur Herr geworden über die Musik wie über die Malerei: “Programm-Musik”, das “sujet” voran! 35 [65] Beethoven gehört zu Rousseau und zu jener humanitären Strömung, welche der Revolution theils vorauslief, theils verklärend nachlief, noch mehr aber zu dem Hauptereigniß des letzten Jahrtausends, dem Erscheinen Napoleons. Mozart die Gesellschaft des Rococo-Zeitalters voraussetzend 35 [66] Unterschied zwischen Schauspieler, wie Schiller und Wagner und — — — Goethe isolirt, zwischen Pietismus und Griechenthum, zweifelhaft, ob er nicht französisch schreiben soll. Lessing — Bayle Friedrich der Große begierig nach Frankreich der Friedrich II. nach maurisch-morgenländischer Aufklärung Leibnitz zwischen Christenthum Platonismus und Mechanik. Bismarck von Napoleon III. lernend und Cavour 35 [67] Wenn die Mechanik nur eine Logik ist, so folgt auch für sie, was für alle Logik gilt: sie ist eine Art Rückgrat für Wirbelthiere, nichts an-sich-Wahres. 35 [68] Zum Ring der Ringe. NB. Zu der Kraft, die sich wandelt und immer die gleiche bleibt, gehört eine Innenseite, eine Art Charakter von Proteus-Dionysos, sich verstellend und sich genießend in der Verwandlung. Die “Person” als Täuschung zu begreifen: thatsächlich ist die Vererbung der Haupteinwand, insofern eine Unzahl von formenden Kräften aus viel früheren Zeiten ihren fortwährenden Bestand machen: in Wahrheit kämpfen sie in ihr und werden regirt und gebändigt — ein Wille zur Macht geht durch die Personen hindurch, er hat die Verkleinerung der Perspective, den “Egoismus “ nöthig, als zeitweilige Existenz-Bedingung; er schaut von jeder Stufe nach einer höheren aus. Die Verkleinerung des wirkenden Princip's zur “Person”, zum Individuum. 35 [69] NB. Wie viel Einer aushält von der Wahrheit, ohne zu entarten, ist sein Maaßstab. Ebenso wie viel Glück — — ebenso wie viel Freiheit und Macht! Zur Rangordnung 35 [70] Die strengste Schule nöthig, das Unglück, die Krankheit: es gäbe keinen Geist auf Erden, auch kein Entzücken und jauchzen. — Nur großgestimmte gespannte Seelen wissen, was Kunst, was Heiterkeit ist. 35 [71] Z\<arathustra\> kann nur beglücken, wenn er erst die Rangordnung hergestellt hat. 35 [72] NB. Es muß viele Übermenschen geben: alle Güte entwickelt sich nur unter seines Gleichen. Ein Gott wäre immer ein Teufel! Eine herrschende Rasse. Zu “die Herrn der Erde.” 35 [73] I. Zarathustra kann nur beglücken, nachdem die Rangordnung hergestellt ist. Zunächst wird diese gelehrt. II. Die Rangordnung durchgeführt in einem System der Erdregierung: die Herrn der Erde zuletzt, eine neue herrschende Kaste. Aus ihnen hier und da entspringend, ganz epicurischer Gott, der Übermensch, der Verklärer des Daseins. III. Die Übermenschliche Auffassung der Welt. Dionysos. IV. Von dieser größten Entfremdung liebend zurückkehrend zum Engsten und Kleinsten, Zarathustra alle seine Erlebnisse segnend und als Segnender sterbend. 35 [74] Zarathustra 5 Große Trompeten-Herolds-Lärm. Glück der lauten Töne! Zarathustra I. Ich bin jener prädestinirte Mensch, der die Werthe für Jahrtausende bestimmt. Ein Verborgener, ein überallhin Gedrungener, ein Mensch ohne Freunde, der jede Heimat, jedes Ausruhen von sich gestoßen. Was den großen Stil macht: Herr werden über sein Glück wie sein Unglück: ein — — — Mein Geschenk ist erst zu empfangen, wenn die Empfänger da sind: dazu Rangordnung. Die größten Ereignisse werden am spätesten begriffen. — Insofern muß ich Gesetzgeber sein. Die Zeit seines Auftretens: die gefährlichste Mitte, wo es hingehen kann zum “letzten Menschen”, aber auch — — charakterisirt durch das größte Ereigniß: Gott ist todt. Nur merken die Menschen noch nichts davon, daß sie nur von ererbten Werthen zehren. Die allgemeine Nachlässigkeit und Vergeudung. — Grundeinsicht: “gut” und „böse” wird jetzt als vom Auge des ”Heerdenthiers” betrachtet. Gleichheit der Menschen als Ziel. Dagegen ich. (Der Eine Gott als Vorbereitung der Heerden-Moral!) der Lehrer von der Rangordnung. Führer, Heerden und Isolierte. Die Versucher. Vollständige Menschen und Bruchstücke. Gerathene und Mißrathene. Schaffende und Gestaltete. Kraft-verschiedenheit. Die Künstler als die kleinen Vollender. die wissenschaftlichen Menschen als Beschreiber und umfänglichste Organe. die herrschaftlichen Menschen, als Versuche der Züchtung. die Religionsstifter, als Versuche neuer allgemeiner Werthsetzungen. das Gefühl der Unvollkommenheit: die Bußfertigen Der Drang nach einem Vollkommenen hin: die Frommen, die schönen Seelen, die große Sehnsucht Die Kraft, irgend worin Vollkommenes zu thun (Handwerker-Meister Künstler Beamte Gelehrte usw. die Erde jetzt als Marmor-Werkstätte daliegend: es ist eine herrschende Rasse nöthig, mit unbedingter Gewalt. 35 [75] Zarathustra auf der alten Festung erwachend. Hört die Trommeln der Herolde. Die Prüfung: „Gehört ihr zu mir?” Der Rosenfest-Zug. Die Lehre von der Rangordnung. Nachts an der Brücke. 35 [76] (49) Was ist vornehm? Vorrede zu “Vermischte Meinungen und Sprüche” — die Sorgfalt im Äußerlichsten, selbst der f\<rivole\> An\<schein\>, in Wort, Kleid, Haltung, insofern diese Sorgfalt abgrenzt, fern hält, vor Verwechslung schützt. — die langsame Gebärde, auch der langsame Blick. Es giebt nicht zu viel werthvolle Dinge: und diese kommen und wollen von selbst zu dem Werthvollen. Wir bewundern schwer. — das Ertragen der Armut und der Dürftigkeit, auch der Krankheit. — das Ausweichen vor kleinen Ehren, und Mißtrauen gegen jeden, welcher leicht lobt: denn der Lobende glaubt daran, daß er verstehe, was er lobe: verstehen aber — Balzac hat es verrathen, dieser typisch-Ehrgeizige — comprendre c’est égaler. — Unser Zweifel an der Mittheilbarkeit des Herzens geht in die Tiefe; die Einsamkeit nicht als gewählt, sondern als gegeben, — die Überzeugung, daß man nur gegen Seines-Gleichen Pflichten hat, gegen die Andern sich nach Gutdünken verhält: daß nur inter pares auf Gerechtigkeit zu hoffen (leider noch lange nicht zu rechnen) ist. — die Ironie gegen die “Begabten”; der Glaube an den Geburtsadel auch im Sittlichen. “Aristokratie des Geistes” ist ein Leibwort für Juden. — immer sich als den fühlen, der Ehren zu vergeben hat: während nicht gar häufig sich jemand findet, der ihn ehren dürfte. — immer verkleidet: je höherer Art, um so mehr bedarf der Mensch des incognito. Gott, wenn es einen gäbe, dürfte, schon aus Anstandsgründen, sich nur als Mensch in der Welt bezeigen. — die Fähigkeit zum otium, die unbedingte Überzeugung, daß ein Handwerk in jedem Sinne zwar nicht schändet, aber sicherlich entadelt. Nicht „Fleiß” im bürgerlichen Sinne, wie hoch wir ihn auch zu ehren wissen, oder wie jene unersättlich gackernden Künstler, die es wie die Hühner machen — gackern und Eier legen und wieder gackern. — wir beschützen die Künstler und Dichter und wer irgend worin Meister ist: aber als Wesen, die höherer Art sind, als diese, welche nur etwas können, als die bloß “produktiven Menschen”, verwechseln \<wir\> uns nicht mit ihnen. — die Lust an den Formen: das In-Schutz-nehmen alles Förmlichen, die Überzeugung, daß Höflichkeit eine der großen Tugenden ist; das Mißtrauen gegen alle Arten des Sich-gehen-lassens eingerechnet alle Preß- und Denkfreiheit, weil unter ihnen der Geist bequem und tölpelhaft wird und die Glieder streckt. — das Wohlgefallen an den Frauen, als an einer vielleicht kleineren aber feineren und leichteren Art von Wesen. Welches Glück, Wesen zu begegnen, die immer Tanz und Thorheit und Putz im Kopfe haben! Sie sind das Entzücken aller sehr gespannten und tiefen Mannsseelen gewesen, deren Leben mit großer Verantwortlichkeit beschwert ist. — das Wohlgefallen an den Fürsten und den Priestern, weil sie den Glauben an eine Verschiedenheit der menschlichen Werthe, kurz an die Rangordnung, selbst noch in der Abschätzung der Vergangenheit zum Mindesten symbolisch und im Ganzen und Großen sogar thatsächlich aufrecht erhalten. — das Schweigen-können: aber darüber kein Wort vor Hörern. — das Ertragen langer Feindschaften: der Mangel an der leichten Versöhnlichkeit. — der Ekel am Demagogischen, an der „Aufklärung”, an der “Gemüthlichkeit”, an der pöbelhaften Vertraulichkeit. — das Sammeln kostbarer Dinge, die Bedürfnisse einer hohen und wählerischen Seele; nichts gemein haben wollen. Seine Bücher, seine Landschaften. — wir lehnen uns gegen schlimme und gute Erfahrungen auf und verallgemeinern nicht so schnell. Der einzelne Fall: wie ironisch sind wir gegen den einzelnen Fall, wenn er den schlechten Geschmack hat, sich als Regel zu gebärden. — wir lieben das Naive und die Naiven, aber als Zuschauer und höhere Wesen, wir finden Faust ebenso naiv als sein Gretchen. — wir schätzen die Guten gering, als Heerdenthiere: wir wissen, wie unter den schlimmsten bösartigsten härtesten Menschen oft ein unschätzbarer Goldtropfen von Güte sich verborgen hält, welcher alle bloße Gutartigkeit und Milchseele — — — — wir halten einen Menschen unserer Art nicht widerlegt weder durch seine Laster, noch durch seine Thorheiten. Wir wissen, daß wir schwer erkennbar sind, und daß wir Alle Gründe haben, uns Vordergründe zu geben. 35 [77] Briefe des Grafen — — — Herausgegeben von J. v. A. Nach dem Tode meiner Mutter. Anekdoten erfinden. 35 [78] Vorrede. Darf man Briefe veröffentlichen? — Ein verehrungswürdiger Freund pflegte das Wort “öffentlich” nie ohne Bosheit auszusprechen. Das neunzehnte Jahrhundert, sagte er einmal, liebt wie man weiß die Wahrheit: nun, es geht mir gerade mit diesem Geschmacke wider meinen Geschmack! Ich fürchte, wenn das so weitergeht, schreibt man nur noch öffentliche Briefe. Ja, sagte er ein ander Mal, es könnte kommen, daß irgendwann ein anständiger Mensch seine ganze Moral in Einen Satz faßt: du sollst — lügen! Mein Herr, Sie sollen unbedingt und jeder Zeit lügen! Oder aber, auch Sie sind, was schon alle Welt ist, — “öffentlich”! — Das war seine geheime Meinung über den Geschmack unseres Jahrhunderts. Als ich darüber nachsann, seiner Brief- und Meinungensammlung einen Titel zu geben, gieng es mir durch den Kopf, sie dergestalt zu bezeichnen:. „Der Spiegel. Eine Gelegenheit zur Selbst-Bespiegelung. Für Europäer.” Möge man aus diesem geschmacklosen Einfalle wenigstens abnehmen, welchen Werth ich bei mir selber diesen Briefen zulege — und warum ich mir das Recht gebe, gerade aus Haß gegen alles, was heute “öffentlich” heißt, diese Briefe zu veröffentlichen. 35 [79] Jahrhundert der Spielleute (d\<ie\> M\<enschen\> des unehrlichen Begräbnisses) (Galiani) Mörder Langeweile. 35 [80] Die Deutschen von gestern und von übermorgen Ein Beitrag zur Kritik der deutschen Seele 35 [81] Die Demagogen in der Kunst — Hugo Michelet Sand R. Wagner. 35 [82] Eine pessimistische Denkweise und Lehre ein ekstatischer Nihilismus kann unter Umständen gerade dem Philosophen unentbehrlich sein: als ein mächtiger Druck und Hammer, mit dem er entartende und absterbende Rassen zerbricht und aus dem Wege schafft, \<um\> für eine neue Ordnung des Lebens Bahn zu machen oder um dem, was entartet und absterben will, das Verlangen zum Ende einzugeben. Zum Verzögern und Vertiefen von Völkern und Rassen kann eine pessimistische Denkweise, eine Religion der Verneinung und Welt-Flucht, eine ekstatische Entsinnlichung und Verhäßlichung des Lebens — — — 35 [83] Aber indem ich dergestalt mir Sorgen mache und auf eine solche Frage eine lange Antwort vorbereite — ach, vielleicht bin ich selber nichts als eine lange Antwort auf diese Frage? — höre ich schon jene gebrochene und boshafte Stimme 35 [84] Gaisaber. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft. Von Friedrich Nietzsche. An den Mistral. Einleitung. Erstes Buch: die Vorurtheile der Philosophen. Zweites Buch: jenseits von Gut und Böse. Drittes Buch: an die Künstler. Viertes Buch: der Spiegel. Eine Gelegenheit zur Selbst-Bespiegelung für Europäer. Fünftes Buch: die vornehme Seele. Unter Freunden. Ein Nachgesang. das ideale Kloster, zur Erhaltung der zarten Pflanzen die Zukunft der Musik — Europäer-Musik Musik des großen Stils die Fallstricke der Sprache die Wagnerei und die Hegelei als Rausch-mittel “klassisch”- unanwendbares Wort in der Musik die Einsiedler, wie Goethe, Beethoven, und die demagogischen oder höfischen oder käuflichen Künstler. Bildung der Musiker gegen die “nationalen” Bestrebungen in der Kunst Begriff der Cultur; — Stil usw. Ablehnung des Pessimismus, sowie aller eudämonistischen Gesichtspuncte. III An die Künstler. Neuer Begriff des Schaffenden; das Dionysische. Neue Feste. Die Verklärung. “Vollendete Unendlichkeit” Schmerz und Lust Zweck Werthurtheile in den Geschmacksempfindungen, Farben, Tönen Begriffe feststellen die Umdeutbarkeit der Welt — aber das Festhalten der Grundzüge Krankhaftes an den Philosophen Ursache und Wirkung der Haushalt der Affekte die “persona” Luthers Sprache, die Bibel als Grundlage einer neuen poetischen Form. [Juni – Juli 1885] [Dokument: Heft] 36 [1] Gaisaber. Vorspiel zu einer Philosophie der Zukunft. Von Friedrich Nietzsche. Anhang Die moderne Seele. Versuch einer Aufklärung über Heute und Morgen. 36 [2] Niemals ist lebendigen Geschöpfen mehr zugemutet worden, als bei der Entstehung des Festlandes: da mußten sie, gewöhnt und eingerichtet für das Leben im Meere, ihren Leib und ihre Sitten umdrehen und umstülpen und in Allem etwas Anderes thun als sie bis dahin geübt waren — es hat bisher auf Erden keine merkwürdigere Veränderung gegeben. — Wie nun damals, durch Einstürze, durch ein langsames Zusammenbrechen der Erde das Meer sich in die Brüche Höhlen und Gruben senkte und Tiefe bekam: so möchte das, was jetzt unter Menschen geschieht, im Gleichniß zu reden, vielleicht das gerade Gegenstück dazu abgeben: nämlich ein Ganz- und Rundwerden des Menschen, ein Verschwinden der Brüche Höhlen und Gruben und folglich auch — ein Verschwinden des festen Landes. Für einen Menschen, den meine Denkweise rund und ganz gemacht hat, “ist Alles im Meere”, ist das Meer überall: aber das Meer selber hat an Tiefe verloren. — Doch ich war auf dem Wege zu einem ganz anderen Gleichnisse und habe mich nur verlaufen! Ich wollte sagen: ich bin gleich Jedermann als Landthier geboren — und nun muß ich trotzdem Meer-Thier sein! 36 [3] Deutschland, welches reich ist an geschickten und wohlunterrichteten Gelehrten, ermangelt in einem solchen Maaße seit langer Zeit der großen Seelen, der mächtigen Geister, daß es verlernt zu haben scheint, was eine große Seele, was ein mächtiger Geist ist: und heutzutage stellen sich, beinahe mit gutem Gewissen, und aller Verlegenheit bar, mittelmäßige und dazu noch übel gerathene Menschen an den Markt und preisen sich selber als große Männer, Reformatoren an; wie zum Beispiel Eugen Dühring thut, ein geschickter und wohlunterrichteter Gelehrter, der aber doch fast mit jedem Worte verräth, daß er eine kleinliche Seele herbergt und durch enge neidische Gefühle zerquetscht wird; auch daß nicht ein mächtiger, überschäumender, wohlthätig-verschwenderischer Geist ihn treibt — sondern der Ehrgeiz! In diesem Zeitalter aber nach Ehren zu geizen, ist eines Philosophen noch viel unwürdiger als in irgend einem früheren Zeitalter: jetzt wo der Pöbel herrscht, wo der Pöbel die Ehren vergiebt! 36 [4] Wenn der Philosoph sich unter die homines bonae voluntatis begiebt, unter die Gutmüthigen, Mitleidigen, Sanften, Alltäglichen, so geschieht ihm, wie wenn er in eine feuchte Luft und unter einen bedeckten Himmel gerathen sei: eine kurze Zeit thut es ihm wohl, er fühlt sich gleichsam erleichtert; giebt er aber gut Acht, so merkt er, wie er selber in dieser falschen Umgebung bequem und nachlässig wird; auch eitel — vor Allem aber schwermüthig. Um schnell zu lernen, wie schwach und gering dieses gutmüthige Zeug von Menschen beschaffen ist, mit allem ihrem gefälligen Anschein, mag er ihre Eitelkeit reizen und verwunden, er bringe sie so weit, daß sie schimpfen: da wird sich schnellstens die “Untiefe” dieser Gewässer verrathen, und wohl auch, was unter aller dieser artigen leichten blauen Oberfläche für Sand und Unflath oder für Anmaaßlichkeit verborgen liegt. 36 [5] Die Frauen in Europa, ganz abgesehn von ihrem eigentlichen Geschäfte (“Kinder zu legen”) sind zu vielen guten Dingen nütze. Mit Wienerinnen ist es angenehm zu tanzen. Mit einer Französin kann man causer, mit einer Italiänerin poser, mit einer Deutschen — oser. Unter den Jüdinnen giebt es allerliebste Schwätzel-Weiber: das Muster davon, ganz in Goethesche Spitzen und Selbstgefälligkeiten gewickelt, war die Rahel. Eine Russin hat gewöhnlich etwas erlebt, bisweilen Etwas gedacht. Engländerinnen wissen auf die weiblichste und himmlischeste Weise zu erröthen, beinahe ohne Grund, gleich den Engeln: — kurz, man kommt nicht zu Ende, wenn man die Nützlichkeit des Weibes — etwas, woran alle Welt glaubt — erst noch nach dem V\<orbilde\> der e\<nglischen\> utilitarians steif und standhaft beweisen wollte. 36 [6] Gaisaber. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.   An den Mistral. Ein Tanzlied. I Theil. 1. Ohne ein leidenschaftliches Vergnügen — Schluß. “Und wißt ihr auch, was mir die Welt” ist? — II Theil. Schluß. “Als ich sehr jung war, Dionysos. III Theil. Von der Zukunft der Künste. IV Theil. Der Spiegel. V Theil. Unter freien Geistern. 36 [7] Mein “Mitleid”. — Dies ist ein Gefühl, für das mir kein Name genügt: ich empfinde es, wo ich eine Verschwendung kostbarer Fähigkeiten sehe, zum Beispiel beim Anblicke Luthers: welche Kraft und was für abgeschmackte Hinterwäldler-Probleme (zu einer Zeit, wo in Frankreich schon die tapfere und frohmüthige Scepsis eines Montaigne möglich war!) Oder wo ich, durch die Einwirkung eines Blödsinns von Zufälligkeit, Jemanden hinter dem zurückbleiben sehe, was aus ihm hätte werden können. Oder gar bei einem Gedanken an das Loos der Menschheit, wie wenn ich, mit Angst und Verachtung, der europäischen Politik von heute einmal zuschaue, welche, unter allen Umständen, auch an dem Gewebe aller Menschen-Zukunft arbeitet. Ja, was könnte aus “dem Menschen” werden, wenn — —! Dies ist meine Art “Mitleid”; ob es schon keinen Leidenden giebt, mit dem ich da litte. 36 [8] Moralia Wie von Alters her der Mensch in tiefer Unbekanntschaft mit seinem Leibe lebt und an einigen Formeln genug hat, sich über sein Befinden mitzutheilen, so steht es mit den Urtheilen über den Werth von Menschen und Handlungen: man hält bei sich selber an einigen äußerlichen und nebensächlichen Zeichen fest und hat kein Gefühl davon, wie tief unbekannt und fremd wir uns selber sind. Und was das Urtheil über Andre anlangt: wie schnell und “sicher” urtheilt da noch der Vorsichtigste und Billigste! 36 [9] Moralia. Es bedarf eines sparsamen Nachdenkens, um dahinter zu kommen, daß es nichts “Gutes an sich” giebt — daß etwas Gutes nur als “gut wofür” gedacht werden muß, und daß was in Einer Absicht gut ist, nothwendig zugleich in vieler andrer Absicht “böse und schädlich” sein wird: kurz daß jedwedes Ding, dem wir das Prädikat “gut” beilegen, ebendamit auch als “böse” bezeichnet ist. 36 [10] Wie lange ist es nun her, daß ich bei mir selber bemüht bin, die vollkommne Unschuld des Werdens zu beweisen! Und welche seltsamen Wege bin ich dabei schon gegangen! Ein Mal schien mir dies die richtige Lösung, daß ich dekretirte: “das Dasein ist, als etwas von der Art eines Kunstwerks, gar nicht unter der juridictio der Moral; vielmehr gehört die Moral selber in's Reich der Erscheinung.” Ein ander Mal sagte ich: alle Schuld-Begriffe sind objective völlig werthlos, subiective aber ist alles Leben nothwendig ungerecht und alogisch. Ein drittes Mal gewann ich mir die Leugnung aller Zwecke ab und empfand die Unerkennbarkeit der Causal-Verknüpfungen. Und wozu dies Alles? War es nicht, um mir selber das Gefühl völliger Unverantwortlichkeit zu schaffen — mich außerhalb jedes Lobs und Tadels, unabhängig von allem Ehedem und Heute hinzustellen, um auf meine Art meinem Ziele nachzulaufen? — 36 [11] Im Grunde ist die Moral gegen die Wissenschaft feindlich gesinnt: schon Sokrates war dies — und zwar deshalb, weil die Wissenschaft Dinge als wichtig nimmt, welche mit “gut” und “böse” nichts zu schaffen haben, folglich dem Gefühl für “gut” und “böse” Gewichtnehmen. Die Moral nämlich will, daß ihr der ganze Mensch und seine gesammte Kraft zu Diensten sei: sie hält es für die Verschwendung eines Solchen, der zum Verschwenden nicht reich genug ist, wenn der Mensch sich ernstlich um Pflanzen und Sterne kümmert. Deshalb gieng in Griechenland, als Sokrates die Krankheit des Moralisirens in die Wissenschaft eingeschleppt hatte, es geschwinde mit der Wissenschaftlichkeit abwärts; eine Höhe, wie die in der Gesinnung eines Democrit, Hippocrates und Thukydides, ist nicht zum zweiten Male erreicht worden. 36 [12] Mensch im Verkehr Es ist ein Merkmal eines Mangels vornehmer Gesinnung, wenn jemand auf der Straße einen Gruß eher erwiedert, als er die Person, welche grüßte, erkannt hat: — Gruß und Art des Grußes sollen ja Auszeichnungen sein — den einzigen Fall ausgenommen, daß ein Fürst (oder der qui range aux souverains) seines Weges geht und gegrüßt wird. Es ist sein Vorrecht, Niemanden kennen zu müssen, aber von Allen gekannt sein zu müssen. Ein Gleichniß. 36 [13] Der Mensch mit sich allein: Wie verschieden empfindet man das Geschäft und die Arbeit seines Lebens, wenn man damit der Erste in seiner Familie ist oder wenn schon Vater und Großvater in gleicher Weise thätig gewesen sind! In jenem Falle, daß man der Erste ist, hat man viel mehr innere Noth dabei, auch einen viel plötzlicheren Stolz; das gute Gewissen ist mit einer solchen Thätigkeit noch nicht verschwistert, und Etwas daran wird leicht als beliebig, als zufällig empfunden. 36 [14] Welchen Werth Wagner für den Nicht-Musiker haben mag, auch fürderhin behalten mag, diese Frage soll uns für jetzt noch erspart bleiben. Richard Wagner hat ohne allen Zweifel den Deutschen dieses Zeitalters die umfänglichste Ahnung davon gegeben, was ein Künstler sein könnte: — die Ehrfurcht vor dem „Künstler” ist plötzlich ins Große gewachsen: überall hat er neue Werthschätzungen, neue Begierden, neue Hoffnungen erweckt; und vielleicht nicht am wenigsten gerade durch das nur ankündigende, unvollständige, unvollkommene Wesen seiner Kunstgebilde. Wer hat nicht von ihm gelernt! Und wenn auch nicht so unmittelbar, wie die Künstler des Vortrags und die Attitüden-Menschen jeder Art, so doch mindestens mittelbar, “bei Gelegenheit von Richard Wagner”, wie man sagen dürfte. Sogar die philosophische Erkenntniß hat keinen geringen Anstoß durch sein Erscheinen bekommen, daran ist nicht zu zweifeln. Es giebt heute eine Menge aesthetischer Probleme, von welchen, vor Richard Wagner, auch die Feinsten noch keinen Geruch hatten, — vor allem das Problem des Schauspielers und seines Verh\<ältnisses\> zu den verschiedenen Künsten, nicht zu reden von psychologischen Problemen, wie sie der Charakter Wagners und die W\<agnersche\> Kunst in Fülle vorlegt. Freilich: so weit er sich selber in das Reich der Erkenntniß begeben hat, verdient er kein Lob, vielmehr eine unbedingte Zurückweisung; in den Gärten der Wissenschaft nahm er sich immer nur als der unbescheidenste und ungeschickteste Eindringling aus. Das „Philosophiren” Wagner's gehört zu den unerlaubtesten Arten der Dilettanterei; daß man darüber nicht einmal zu lachen verstanden hat, ist deutsch und gehört zum alten deutschen “Cultus der Unklarheit”. Will man ihm aber durchaus auch noch als einem “Denker” zu Ehren und Statuen verhelfen — der gute Wille und die Unterthänigkeit seiner Anhänger wird das sich nicht ersparen können — wohlan! so empfehle ich, ihn als den Genius der deutschen Unklarheit selber darzustellen, mit einer qualmenden Fackel in der Hand, begeistert und eben über einen Stein stolpernd. Wenn Wagner “denkt”, stolpert er. — Aber uns wird der M\<usiker\> Wagner angehen 36 [15] Hätte die Welt ein Ziel, so müßte es erreicht sein. Gäbe es für sie einen unbeabsichtigten Endzustand, so müßte  er ebenfalls erreicht sein. Wäre sie überhaupt eines Verharrens und Starrwerdens, eines “Seins” fähig, hätte sie nur Einen Augenblick in allem ihrem Werden diese Fähigkeit des “Seins”, so wäre es wiederum mit allem Werden längst zu Ende, also auch mit allem Denken, mit allem “Geiste”. Die Thatsache des “Geistes” als eines Werdens beweist, daß die Welt kein Ziel, keinen Endzustand hat und des Seins unfähig ist. — Die alte Gewohnheit aber, bei allem Geschehen an Ziele und bei der Welt an einen lenkenden schöpferischen Gott zu denken, ist so mächtig, daß der Denker Mühe hat, sich selber die Ziellosigkeit der Welt nicht wieder als Absicht zu denken. Auf diesen Einfall — daß also die Welt absichtlich einem Ziele ausweiche und sogar das Hineingerathen in einen Kreislauf künstlich zu verhüten wisse — müssen alle die verfallen, welche der Welt das Vermögen zur ewigen Neuheit aufdekretiren möchten, das heißt einer endlichen, bestimmten, unveränderlich gleich großen Kraft, wie es “die Welt” ist — die Wunder-Fähigkeit zur unendlichen Neugestaltung, ihrer Formen und Lagen. Die Welt, wenn auch kein Gott mehr, soll doch der göttlichen Schöpferkraft, der unendlichen Verwandlungs-Kraft fähig sein; sie soll es sich willkürlich verwehren, in eine ihrer alten Formen zurückzugerathen, sie soll nicht nur die Absicht, sondern auch die Mittel haben, sich selber vor jeder Wiederholung zu bewahren; sie soll somit in jedem Augenblick jede ihrer Bewegungen auf die Vermeidung von Zielen, Endzuständen, Wiederholungen hin controliren — und was Alles die Folgen einer solchen unverzeihlich-verrückten Denk- und Wunschweise sein mögen. Das ist immer noch die alte religiöse Denk- und Wunschweise, eine Art Sehnsucht zu glauben, daß irgendworin doch die Welt dem alten geliebten, unendlichen, unbegrenzt-schöpferischen Gotte gleich sei — daß irgendworin doch “der alte Gott noch lebe”, — jene Sehnsucht Spinoza's, die sich in dem Worte “deus sive natura” (er empfand sogar “natura sive deus” –) ausdrückt. Welches ist denn aber der Satz und Glaube, mit welchem sich die entscheidende Wendung, das jetzt erreichte Übergewicht des wissenschaftlichen Geistes über den religiösen götter-erdichtenden Geist, am bestimmtesten formulirt? Heißt er nicht: die Welt, als Kraft, darf nicht unbegrenzt gedacht werden, denn sie kann nicht so gedacht werden — wir verbieten uns den Begriff einer unendlichen Kraft als mit dem Begriff “Kraft” unverträglich. Also — fehlt der Welt auch das Vermögen zur ewigen Neuheit. 36 [16] Geht es nach meinem Willen: so ist es an der Zeit, der europäischen Moral den Krieg zu erklären, und ebenso allem, was auf ihr gewachsen ist. Man muß diese zeitweilige Völker- und Staaten-Ordnung Europa's zertrümmern. Die christlich-demokratische Denkweise begünstigt das Heerden-Thier, die Verkleinerung des Menschen, sie schwächt die großen Triebfedern (das Böse –), sie haßt den Zwang, die harte Zucht, die großen Verantwortlichkeiten, die großen Wagnisse. Die Mittelmäßigsten tragen den Preis davon und setzen ihre Werthmaaße durch. 36 [17] Aber zu wem rede ich dies? Wo sind denn diese “freien Geister”? Giebt es denn ein solches “unter uns”? — Ich sehe um mich: wer denkt, wer fühlt darin wie ich? Wer will, was mein verborgenster Wille will? Aber ich fand Niemanden bisher. Vielleicht habe ich nur schlecht gesucht? Vielleicht müssen die, welche an meiner Art neuer Noth und neuem Glück leiden, sich gleichermaßen verbergen, wie ich es thue? Und Masken vornehmen, wie ich es that? Und folglich schlecht zum Suchen von Ihresgleichen taugen? Wir neuen Philosophen, wir Versuchenden, denken anders — und wir wollen es nicht beim Denken bewenden lassen. Wir denken freier — vielleicht kommt der Tag, wo man mit Augen sieht, daß wir auch freier handeln. Einstweilen sind wir schwer zu erkennen; man muß uns verwechseln. Sind wir „Freidenker”? In allen Ländern Europas, und ebenso in Nordamerika giebt es jetzt “Freidenker”: gehören sie zu uns? Nein, meine Herren: ihr wollt ungefähr das Gegentheil von dem, was in den Absichten jener Philosophen liegt, welche ich Versucher nenne; diese spüren wenig Versuchung, mit euch lügnerische Artigkeiten auszutauschen. Ja, wenn ihr “Freidenker” nur einen Geruch davon hättet, wovon man sich frei machen kann und wohin man dann getrieben wird! ich meine, ihr würdet zu den wüthendsten Gegnern dessen gehören, was ich meine “Freiheit des Geistes”, mein “Jenseits von Gut und Böse” nenne. Daß ich es nicht mehr nöthig habe, an “Seelen” zu glauben, daß ich die “Persönlichkeit” und ihre angebliche Einheit leugne und in jedem Menschen das Zeug zu sehr verschiedenen “Personae” (und Masken) finde, daß mir der “absolute Geist” und das “reine Erkennen” Fabelwesen bedeuten, hinter denen sich schlecht eine contradictio in adjecto verbirgt — damit bin ich vielleicht auf der gleichen Bahn, wie viele jener “Freidenker”, noch ganz abgesehen von der Leugnung Gottes, mit der auch heute noch einige biedere Engländer vermeinen, eine ungeheure Probe von Freisinnigkeit zu geben. Was mich von ihnen trennt, sind die Werthschätzungen: denn sie gehören allesammt in die demokratische Bewegung und wollen gleiche Rechte für Alle, sie sehen in den Formen der bisherigen alten Gesellschaft die Ursachen für die menschlichen Mängel und Entartungen, sie begeistern sich für das Zerbrechen dieser Formen: und einstweilen dünkt ihnen das Menschlichste, was sie thun können, allen Menschen zu ihrem Grad geistiger “Freiheit” zu verhelfen. Kurz und schlimm, sie gehören zu den "Nivellirern“ , zu jener Art Menschen, die mir in jedem Betracht gröblich wider den Geschmack und noch mehr wider die Vernunft geht. Ich will, auch in Dingen des Geistes, Krieg und Gegensätze; und mehr Krieg als je, mehr G\<egensätze\> als je; ich würde den härtesten Despotismus (als Schule für die Geschmeidigkeit des Geistes) noch eher gutheißen als die feuchte laue Luft eines “preßfreien” Zeitalters, in dem aller Geist bequem und dumm wird und die Glieder streckt. Ich bin darin auch heute noch, was ich war — ”unzeitgemäß”. Wir neuen Philosophen aber, wir beginnen nicht nur mit der Darstellung der thatsächlichen Rangordnung und Werth-Verschiedenheit der Menschen, sondern wir wollen auch gerade das Gegentheil einer Anähnlichung, einer Ausgleichung: wir lehren die Entfremdung in jedem Sinne, wir reißen Klüfte auf, wie es noch keine gegeben hat, wir wollen, daß der Mensch böser werde als er je war. Einstweilen leben wir noch selber einander fremd und verborgen. Es wird uns aus vielen Gründen nöthig sein, Einsiedler zu sein und selbst Masken vorzunehmen, — wir werden folglich schlecht zum Suchen von unsresgleichen taugen. Wir werden allein leben und wahrscheinlich die Martern aller sieben Einsamkeiten kennen. Laufen wir uns aber über den Weg, durch einen Zufall, so ist darauf zu wetten, daß wir uns verkennen oder wechselseitig betrügen. 36 [18] Ich hüte mich, von chemischen “Gesetzen” zu sprechen: das hat einen moralischen Beigeschmack. Es handelt sich vielmehr um eine absolute Feststellung von Machtverhältnissen: das Stärkere wird über das Schwächere Herr, so weit dies eben seinen Grad Selbständigkeit nicht durchsetzen kann, — hier giebt es kein Erbarmen, keine Schonung, noch weniger eine Achtung vor “Gesetzen”! 36 [19] Es ist unwahrscheinlich, daß unser “Erkennen” weiter reichen sollte als es knapp zur Erhaltung des Lebens ausreicht. Die Morphologie zeigt uns, wie die Sinne und die Nerven, sowie das Gehirn sich entwickeln im Verhältniß zur Schwierigkeit der Ernährung. 36 [20] Auch im Reiche des Unorganischen kommt für ein Kraftatom nur seine Nachbarschaft in Betracht: die Kräfte in der Ferne gleichen sich aus. Hier steckt der Kern des Perspectivischen, und warum ein lebendiges Wesen durch und durch “egoistisch” ist. 36 [21] Das Schwächere drängt sich zum Stärkeren, aus Nahrungsnoth; es will unterschlüpfen, mit ihm womöglich Eins werden. Der Stärkere wehrt umgekehrt ab von sich, er will nicht in dieser Weise zu Grunde gehen; vielmehr, im Wachsen, spaltet er sich zu Zweien und Mehreren. Je größer der Drang ist zur Einheit, um so mehr darf man auf Schwäche schließen; je mehr der Drang nach Varietät, Differenz, innerlichem Zerfall, um so mehr Kraft ist da. Der Trieb, sich anzunähern — und der Trieb, etwas zurückzustoßen, sind in der unorganischen wie organischen Welt das Band. Die ganze Scheidung ist ein Vorurtheil. Der Wille zur Macht in jeder Kraft-Combination, sich wehrend gegen das Stärkere, losstürzend auf das Schwächere ist richtiger. NB. Die Prozesse als “Wesen”. 36 [22] Die Verbindung des Unorganischen und Organischen muß in der abstoßenden Kraft liegen, welche jedes Kraftatom ausübt. Leben wäre zu definiren als eine dauernde Form von Prozeß der Kraftfeststellungen, wo die verschiedenen Kämpfenden ihrerseits ungleich wachsen. In wie fern auch im Gehorchen ein Widerstreben liegt; es ist die Eigenmacht durchaus nicht aufgegeben. Ebenso ist im Befehlen ein Zugestehen, daß die absolute Macht des Gegners nicht besiegt ist, nicht einverleibt, aufgelöst. “Gehorchen” und “Befehlen” sind Formen des Kampfspiels. 36 [23] Die fortwährenden Übergänge erlauben nicht, von “Individuum” usw. zu reden; die “Zahl” der Wesen ist selber im Fluß. Wir würden nicht von Zeit reden und nichts von Bewegung wissen, wenn wir nicht, in grober Weise, “Ruhendes” neben Bewegtem zu sehen glaubten. Ebenso wenig von Ursache und Wirkung, und ohne die irrthümliche Conception des “leeren Raumes” wären wir gar nicht zur Conception des Raums gekommen. Der Satz von der Identität hat als Hintergrund den ”Augenschein”, daß es gleiche Dinge giebt. Eine werdende Welt könnte im strengen Sinne nicht “begriffen”, nicht “erkannt” werden: nur insofern der “begreifende” und “erkennende” Intellekt eine schon geschaffene grobe Welt vorfindet, gezimmert aus lauter Scheinbarkeiten, aber fest geworden, insofern diese Art Schein das Leben erhalten hat — nur insofern giebt es etwas wie “Erkenntniß”: d. h. ein Messen der früheren und der jüngeren Irrthümer an einander. 36 [24] Die Sonne: ihre Bewegungen sind Resultanten 1) vom Triebe, auf die Planeten los zu stürzen 2) dies bringt eine Annäherung an Alle hervor 3) sich wehrend gegen eine stärkere Sonne 36 [25] Ich glaube an den absoluten Raum, als Substrat der Kraft: diese begrenzt und gestaltet. Die Zeit ewig. Aber an sich giebt es nicht Raum, noch Zeit: “Veränderungen” sind nur Erscheinungen (oder Sinnes-Vorgänge für uns); wenn wir zwischen diesen noch so regelmäßige Wiederkehr ansetzen, so ist damit nichts begründet als eben diese Thatsache, daß es immer so geschehen ist. Das Gefühl, daß das post hoc ein propter hoc ist, ist leicht als Mißverständniß abzuleiten; es ist begreiflich. Aber Erscheinungen können nicht “Ursachen” sein! 36 [26] “Subjekt” “Objekt” “Prädikat” — diese Trennungen sind gemacht und werden jetzt wie Schemata übergestülpt über alle anscheinenden Thatsachen. Die falsche Grundbeobachtung ist, daß ich glaube, ich bin's, der etwas thut, der etwas leidet, der etwas “hat“, der eine Eigenschaft “hat“. Dies “thun” “leiden” “haben” — — — 36 [27] Die Philosophie, so wie ich sie allein noch gelten lasse, als die allgemeinste Form der Historie, als Versuch das Heraklitische Werden irgendwie zu beschreiben und in Zeichen abzukürzen (in eine Art von scheinbarem Sein gleichsam zu übersetzen und zu mumisiren) 36 [28] Daß “Vererbung”, als etwas ganz Unerklärtes, nicht zur Erklärung benutzt werden kann, sondern nur zur Bezeichnung, Fixirung eines Problems. Eben das gilt vom “Anpassungs-Vermögen”. Thatsächlich ist durch die morphologische Darstellung, gesetzt sie wäre vollendet, nicht erklärt, aber ein ungeheurer Thatbestand beschrieben. Wie ein Organ benutzt werden kann zu irgend einem Zwecke, das ist nicht erklärt. Es wäre mit der Annahme von causae finales, so wenig wie mit causae efficientes in diesen Dingen erklärt. Der Begriff „causa” ist nur ein Ausdrucksmittel, nicht mehr ; ein Mittel zur Bezeichnung. 36 [29] Es giebt Analogien, z. B. zu unserem Gedächtniß ein anderes Gedächtniß, welches sich in Vererbung und Entwicklung in Formen bemerkbar macht. Zu unserem Erfinden und Experimentiren ein Erfinden in der Verwendung von Werkzeugen zu neuen Zwecken usw. Das, was wir unser “Bewußtsein” nennen, ist an allen wesentlichen Vorgängen unserer Erhaltung und unseres Wachsthums unschuldig; und kein Kopf wäre so fein, daß er mehr construiren könnte als eine Maschine, — worüber jeder organische Prozeß weit hinaus ist. 36 [30] Man ist unbillig gegen Descartes, wenn man seine Berufung auf Gottes Glaubwürdigkeit leichtfertig nennt. In der That, nur bei der Annahme eines moralisch uns gleichartigen Gottes ist von vornherein die „Wahrheit” und das Suchen der Wahrheit etwas, das Erfolg verspricht und Sinn hat. Diesen Gott bei Seite gelassen, ist die Frage erlaubt, ob betrogen zu werden nicht zu den Bedingungen des Lebens gehört. 36 [31] Der siegreiche Begriff “Kraft”, mit dem unsere Physiker Gott und die Welt geschaffen haben, bedarf noch einer Ergänzung: es muß ihm eine innere Welt zugesprochen werden, welche ich bezeichne als „Willen zur Macht”, d. h. als unersättliches Verlangen nach Bezeigung der Macht; oder Verwendung, Ausübung der Macht, als schöpferischen Trieb usw. Die Physiker werden die “Wirkung in die Ferne” aus ihren Principien nicht los: ebensowenig eine abstoßende Kraft (oder anziehende) Es hilft nichts: man muß alle Bewegungen, alle „Erscheinungen”, alle “Gesetze” nur als Symptome eines innerlichen Geschehens fassen und sich der Analogie des Menschen zu Ende bedienen. Am Thier ist es möglich, aus dem Willen zur Macht alle seine Triebe abzuleiten: ebenso alle Funktionen des organischen Lebens aus dieser Einen Quelle. 36 [32] Leibnitz ist gefährlich, als ein rechter Deutscher, der Vordergründe und Vordergrunds-Philosophien nöthig hat, verwegen und geheimnißvoll in sich bis zum Äußersten, aber ohne Vergangenheit. Spinoza ist tiefer umfänglicher höhlenverborgener als Cartesius: Pascal wiederum tiefer als Spinoza. Gegen solche Einsiedler des Geistes und Gewissens gemessen sind Hume und Locke Menschen der Oberfläche;— — — 36 [33] Zur Kritik der deutschen Seele. 36 [34] Von den Welt-Ausdeutungen, welche bisher versucht worden sind, scheint heutzutage die mechanistische siegreich im Vordergrund zu stehen: ersichtlich hat sie das gute Gewissen auf ihrer Seite; und keine Wissenschaft glaubt bei sich selber an einen Fortschritt und Erfolg, es sei denn, wenn er mit Hülfe mechanistischer Prozeduren errungen ist. Jedermann kennt diese Prozeduren: man läßt die “Vernunft” und die “Zwecke”, so gut es gehen will, aus dem Spiele, man zeigt, daß, bei gehöriger Zeitdauer, Alles aus Allem werden kann, man verbirgt ein schadenfrohes Schmunzeln nicht, wenn wieder einmal die “anscheinende Absichtlichkeit im Schicksale” einer Pflanze oder eines Eidotters auf Druck und Stoß zurückgeführt ist: kurz, man huldigt von ganzem Herzen, wenn in einer so ernsten Angelegenheit ein scherzhafter Ausdruck erlaubt ist, dem Principe der größtmöglichen Dummheit. Inzwischen giebt sich gerade bei den ausgesuchten Geistern, welche in dieser Bewegung stehen, ein Vorgefühl, eine Beängstigung zu erkennen, wie als ob die Theorie ein Loch habe, welches über kurz oder lang zu ihrem letzten Loche werden könne: ich meine zu jenem, aus dem man pfeift, wenn man in höchsten Nöthen ist. Man kann Druck und Stoß selber nicht “erklären”, man wird die actio in distans nicht los: — man hat den Glauben an das Erklären-können selber verloren und giebt mit sauertöpfischer Miene zu, daß Beschreiben und nicht Erklären, daß die dynamische Welt-Auslegung, mit ihrer Leugnung des „leeren Raumes”, der Klümpchen-Atome, in Kurzem über die Physiker Gewalt haben wird: wobei man freilich zur Dynamis noch eine innere Qualität — — — 36 [35] Am Leitfaden des Leibes.— Gesetzt, daß “die Seele” ein anziehender und geheimnißvoller Gedanke war, von dem sich die Philosophen mit Recht nur widerstrebend getrennt haben — vielleicht ist das, was sie nunmehr dagegen einzutauschen lernen, noch anziehender, noch geheimnißvoller. Der menschliche Leib, an dem die ganze fernste und nächste Vergangenheit alles organischen Werdens wieder lebendig und leibhaft wird, durch den hindurch, über den hinweg und hinaus ein ungeheurer unhörbarer Strom zu fließen scheint: der Leib ist ein erstaunlicherer Gedanke als die alte ”Seele”. 36 [36] Es ist zu allen Zeiten besser an den Leib als an unser gewissestes Sein, kurz als ego geglaubt worden als an den Geist (oder die “Seele” oder das Subjekt, wie die Schulsprache jetzt statt Seele sagt). Niemand kam je auf den Einfall, seinen Magen als einen fremden etwa einen göttlichen Magen zu verstehen: aber seine Gedanken als “eingegeben”, seine Werthschätzungen als „von einem Gott eingeblasen”, seine Instinkte als Thätigkeit im Dämmern zu fassen: für diesen Hang und Geschmack des Menschen giebt es aus allen Altern der Menschheit Zeugnisse. Noch jetzt ist, namentlich unter Künstlern, eine Art Verwunderung und ehrerbietiges Aushängen der Entscheidung reichlich vorzufinden, wenn sich ihnen die Frage vorlegt, wodurch ihnen der beste Wurf gelungen und aus welcher Welt ihnen der schöpferische Gedanke gekommen ist: sie haben, wenn sie dergestalt fragen, etwas wie Unschuld und kindliche Scham dabei, sie wagen es kaum zu sagen “das kam von mir, das war meine Hand, die die Würfel warf“. — Umgekehrt haben selbst jene Philosophen und Religiösen, welche den zwingendsten Grund in ihrer Logik und Frömmigkeit hatten, ihr Leibliches als Täuschung, und zwar als überwundene und abgethane Täuschung zu nehmen, nicht umhin gekonnt, die dumme Thatsächichkeit anzuerkennen, daß der Leib nicht davon gegangen ist: worüber die seltsamsten Zeugnisse theils bei Paulus, theils in der Vedanta-Philosophie zu finden sind. Aber was bedeutet zuletzt Stärke des Glaubens! Deshalb könnte es immer noch ein sehr dummer Glaube sein! — Hier ist nachzudenken: — Und zuletzt, wenn der Glaube an den Leib nur die Folge eines Schlusses ist: gesetzt, es wäre ein falscher Schluß, wie die Idealisten behaupten: ist es nicht ein Fragezeichen an der Glaubwürdigkeit des Geistes selber, daß er dergestalt die Ursache falscher Schlüsse ist? Gesetzt, die Vielheit, und Raum und Zeit und Bewegung (und was alles die Voraussetzungen eines Glaubens an Leiblichkeit sein mögen) wären Irrthümer, welches Mißtrauen wird gegen den Geist das erregen, was uns zu solchen Voraussetzungen veranlaßt hat! Genug, der Glaube an den Leib ist einstweilen immer noch ein stärkerer Glaube als der Glaube an den Geist; und wer ihn untergraben will, untergräbt eben damit am gründlichsten — auch den Glauben an die Autorität des Geistes! 36 [37] Menschliches Allzumenschliches: mit diesem Titel ist der Wille zu einer großen Loslösung angedeutet, der Versuch eines Einzelnen, sich von jeglichem Vorurtheile welches zu Gunsten des Menschen redet loszumachen und alle Wege zu gehn, welche hoch genug führen, um, für einen Augenblick, wenigstens, auf den Menschen hinab zu sehen. Nicht das Verächtliche am Menschen zu verachten, sondern bis in die letzten Gründe hinein zu fragen, ob nicht selbst noch im Höchsten und Besten und an Allem, worauf der bisherige Mensch stolz war, ob nicht \<an\> diesem Stolze selber und der harmlosen oberflächlichen Zuversichtlichkeit seiner Werthschätzungen etwas zu verachten bleibt: diese nicht unbedenkliche Aufgabe war Ein Mittel unter allen den Mitteln, zu denen eine größere, eine umfänglichere Aufgabe mich gezwungen hat. Will Jemand mit mir diese Wege gehn? Ich rathe Niemandem dazu. — Aber ihr wollt es? So gehn wir denn! 36 [38] Goethe ist eine Ausnahme: er lebte unter Deutschen auf feine Weise verschanzt und verkleidet; Schiller gehört zu jenen Deutschen, welche die großen glänzenden Worte und Prunk-Gebärden der Tugend liebten (- selbst sein Geschmack an der Kantischen Moral und ihrem unbedingten Commando-Tone gehört hierhin –) Es thut den Deutschen wehe, sich einzugestehen, wie sehr sie die Deutschen Kotzebues gewesen sind (und zu einem guten Theile noch nicht –); und jener lebensgefährlicher Schwärmer Sand nahm vielleicht seine Rache nur an der falschen Stelle, wie es so oft geschieht. Jans\<s\>en 36 [39] Wenn irgend etwas den jetzigen Deutschen zur Ehre gereicht, so ist es dies, daß sie die großen glänzenden glitzernden Schillerschen Worte nicht mehr aushalten, welche ihre Großväter 36 [40] Die deutschen Kleinstädter, wie sie Kotzebue gemalt hat — und das Gemälde war gut — sind nach dem Bilde der Weimaraner gemacht, zur Zeit Schillers und Goethes. 36 [41] Die Kleinheit und Erbärmlichkeit der deutschen Seele, ihr theils genüßliches, theils neidisches Im-Winkel-sitzen, ihre eingefleischte „Kleinstädterei”, um an Kotzebue zu erinnern, ihre “Froschperspective” für alle hohen Dinge, um mit den Malern zu reden, — wie schmerzlich — — — 36 [42] Die preußischen Juden würden, wenn allein Geist, Fleiß und Anstelligkeit in Betracht kämen, bereits im Besitz der höheren Staats-Beamtungen, besonders im Verwaltungs-Fache sein: kurz, sie würden die „Macht” auch in den Händen haben (wie sie dieselbe schon — nach vielfachen Zeugnissen zu schließen — ”in der Tasche” haben). Das was sie davon ausschließt, ist ihre Unfähigkeit, die Macht zu repräsentiren. Die Juden sind selbst in ihrem Vaterlande keine herrschende Kaste gewesen: ihr Auge überzeugt nicht, ihre Zunge läuft leicht zu geschwinde und überschlägt sich dabei, ihr Zorn versteht sich nicht auf das tiefe ehrliche Löwen-Gebrüll, ihr Magen hält großen Gelagen, ihr Verstand starken Weinen nicht Stand — ihre Arme und Beine erlauben ihnen keine stolzen Affekte (in ihren Händen zuckt oft, ich weiß nicht welche — Erinnerung –); und selbst die Art wie ein Jude aufs Pferd kommt (oder ein jüdischer Musiker auf sein Thema kommt — “der jüdische Ansprung” –) ist nicht unbedenklich und giebt zu verstehen, daß die Juden niemals eine ritterliche Rasse gewesen sind. Wenn die Juden vielfach als untauglich zur Richter-Würde empfunden werden, so ist damit nicht ihre Moralität, sondern nur ihre Unsicherheit, diese Moralität zu repräsentiren, verurtheilt. Nun ergiebt sich hieraus sofort, daß der Jude Preußens eine herabgebrachte und verkümmerte Art von Jude sein muß: denn an sich versteht der Orientale das Repräsentiren unvergleichlich viel besser als etwa ein Norddeutscher: — Delacroix. Diese Entartung des Juden hängt mit einem falschen Clima und der Nachbarschaft mit unschönen und gedrückten Slaven Ungarn und Deutschen zusammen: unter Portugiesen und Mauren bewahrt sich die höhere Rasse des Juden ja im Ganzen ist vielleicht die Feierlichkeit des Tod\<es\> und eine Art von Heiligung der Leidenschaft auf Erden bisher noch nicht schöner dargestellt worden als von gewissen Juden des alten Testaments: bei denen hätten auch die Griechen in die Schule gehen können! 36 [43] Die Gefahren der jüdischen Seele sind: 1) sie sucht sich gern irgendwo schmarotzerisch einzunisten 2) sie weiß sich “anzupassen”, wie die Naturforscher sagen: sie sind dadurch geborene Schauspieler geworden, gleich dem Polypen, der wie Theognis singt, dem Felsen die Farbe abborgt, an dem er klebt. Ihr Talent und mehr noch der Hang und Fall zu beidem hin scheint ungeheurer zu sein; die Gewöhnung, um ganz kleine Gewinnste viel Geist und Beharrlichkeit dranzugeben, hat eine verhängnißvolle Furche in ihrem Charakter hinterlassen: so daß auch die achtbarsten Großhändler des jüdischen Geldmarktes es nicht über sich gewinnen, wenn die Umstände es mit sich bringen, die Finger \<nicht\> kaltblütig nach kleinen mesquinen Übervortheilungen auszustrecken, dergleichen einen preußischen Finanzmenschen schamroth machen würde. 36 [44] Die Zukunft der deutschen Cultur ruht auf den Söhnen der preußischen Offiziere 36 [45] A. Die Juden, die älteste und reinste Rasse. Schönheit der Frauen. B. Die Juden die Schauspieler: in einem demokratischen Zeitalter. Reduktion des Litteraten auf den Schauspieler C. Problem einer Verschmelzung der europäischen Aristokratie oder vielmehr des preußischen Junkers mit Jüdinnen. 36 [46] der deutsche Atheismus. die Schulmeister-Cultur. der deutsche Pessimismus. 36 [47] Die Gefahren der jüdischen Seele: Schmarotzerthum und Schauspielerei Der Jude “repräsentirt" nicht Die Schulmeister-Cultur. Der deutsche Pessimismus. Die Einsiedler: Die Deutschthümelei. Die deutsche Musik. Die Litteraten. Die Frauen. Mißtrauen gegen die modernen Ideen. Der deutsche Anarchismus. 36 [48] Feindschaft gegen alles Litteratenhafte und Volks-Aufklärerische, insonderheit gegen alles Weibs-Verderberische, Weibs-Verbildnerische — denn die geistige Aufklärung ist ein unfehlbares Mittel, um die Menschen unsicher, willensschwächer, anschluß- und stütze-bedürftiger zu Machen, kurz das Heerdenthier im Menschen zu entwickeln: weshalb bisher alle großen Regierungs-Künstler (Confucius in China, das imperium romanum, Napoleon, das Papstthum, zur Zeit, wo es die Macht und nicht nur den Pöbel zum Besten hielt) wo die herrschenden Instinkte bisher kulminirten, auch sich der geistigen Aufklärung bedienten; mindestens sie walten ließen (wie die Päpste der Renaissance) Die Selbsttäuschung der Menge über diesen Punkt z. B. in aller Demokratie, ist äußerst werthvoll: die Verkleinerung und Regierbarkeit des Menschen wird als “Fortschritt” erstrebt! 36 [49] Über den deutschen Pessimismus.— Die Verdüsterung, die pessimistische Färbung, kommt nothwendig im Gefolge der Aufklärung. Gegen 1770 bemerkte man bereits die Abnahme der Heiterkeit; Frauen dachten, mit jenem weiblichen Instinkt, der immer zu Gunsten der Tugend Partei nimmt, daß die Immoralität daran Schuld sei. Galiani traf ins Schwarze: er citirt Voltaires Vers. — Wenn ich nun vermeine, jetzt um ein paar Jahrhunderte Voltairen und sogar Galiani — der etwas viel Tieferes war — in der Aufklärung voraus zu sein: wie weit mußte ich also gar in der Verdüsterung gelangt sein! Dies ist auch wahr: und ich nahm zeitig mit einer Art Bedauern Acht vor der deutschen und christlichen Enge und Folge-Unrichtigkeit des Schopenhauerschen oder gar Leopardischen Pessimismus und suchte die principiellsten Formen auf (- Asien –) Unter die Fortdenker des Pessimismus rechne ich nicht E\<duard\> v\<on\> H\<artmann\>, vielmehr unter die “angenehmen Litteraturen” — — — usw. Um aber diesen extremen Pessimismus zu ertragen (wie er hier und da aus meiner “Geburt der Tragödie” heraus klingt) “ohne Gott und Moral” allein zu leben, mußte ich mir ein Gegenstück erfinden. Vielleicht weiß ich am besten, warum der Mensch allein lacht: er allein leidet so tief, daß er das Lachen erfinden mußte. Das unglückliche und melancholische Thier ist, wie billig, das heiterste. 36 [50] Über die deutschen Lyriker. — 36 [51] Süden und Morgenland. 36 [52] Brahms, kein “Ereigniß”, keine Ausnahme, kein Riß der Kette vor Wagner, vielmehr ein Ring mehr, ein — — — Wenn man von dem absieht, was er gleichsam einem gastfreundlichen Genius fremder Arten und Menschen gelegentlich geopfert hat — auch Opfer der Pietät gegen große Lehrer, alte und neue, hinzugerechnet — so ist er der Musiker, welcher bisher allein auf die Bezeichnung „der norddeutsche Musiker” Anspruch hat. 36 [53] Die Deutschen sind noch nichts, aber sie werden etwas; also haben sie noch keine Kultur, — also können sie noch keine Cultur haben! Dies ist mein Satz: mag sich daran stoßen, wer es muß: nämlich wer Deutschthümelei im Schädel (oder im Schilde) führt! — Sie sind noch nichts: das heißt: sie sind allerlei. Sie werden etwas: das heißt, sie hören einmal auf, allerlei zu sein. Dies letzte ist im Grunde nur ein Wunsch, kaum noch eine Hoffnung; glücklicher Weise ein Wunsch, auf den hin man leben kann, eine Sache des Willens, der Arbeit, der Zucht, der Züchtung so gut als eine Sache des Unwillens, des Verlangens, der Entbehrung, des Unbehagens, ja der Erbitterung: kurz, wir Deutschen wollen Etwas von uns, was man von uns noch nicht wollte — wir wollen Etwas mehr! Daß diesem “Deutschen was wird und noch nicht ist” — etwas Besseres zukommt als die heutige deutsche “Bildung”, daß alle “Werdenden” ergrimmt sein müssen, wo sie eine Zufriedenheit auf diesem Bereiche, ein dreistes “Sich-zur-Ruhesetzen” oder “Sich-selbst-Anräuchern” wahrnehmen: das ist mein zweiter Satz, über den ich auch noch nicht umgelernt habe. 36 [54] Wie ein Theologe heute ein gutes Gewissen bei seiner Christlichkeit haben kann, ist mir unverständlich und unzugänglich; aber es giebt genugsam gutes Gewissen bei ihm — es scheint mit dem “guten Gewissen” nicht viel auf sich zu haben! 36 [55]  “Deutsch.” Fragen und Gedankenstriche. Gedanken über Zucht und Züchtung. 36 [56] Der beleidigte Stolz, der Verdruß darüber, dort geliebt zu haben, wo man hätte verachten können, eine hinzukommende Schwermuth über die entstandene Leere und Lücke, endlich der Biß der intellektuellen Eitelkeit, welche sagte „du hast dich betrügen lassen” —: dies war das nächste Erlebniß. Aber ein philosophischer Mensch treibt alles Erlebte ins Allgemeine, alles Einzelne wächst zu Ketten 36 [57] Die asiatischen M\<enschen\> sind hundert Mal großartiger als die europäischen 36 [58] Die Urwald-Vegetation „Mensch” erscheint immer, wo der Kampf um die Macht am längsten geführt worden ist. Die großen Menschen. 36 [59] Selbst die Entwicklung der höchsten Intelligenzen ist unter der Unfreiheit und dem Gegendrucke gezüchtet worden. Dem “liberalen Geiste” wird nichts bisher verdankt. Man unterschätzt, welche Verfeinerung die Gewissensqual einer zugleich christlichen und wissenschaftlich-logischen Weltauslegung für den Geist mit sich gebracht hat. 36 [60] “Zur Kritik der modernen Seele.” [Juni – Juli 1885] [Dokument: Heft] 37 [1] Gegen das, was ich in diesem Buche vorzutragen wage, läßt sich gewiß, aus der Nähe, und noch mehr von der Ferne her, mancher herzhafte Einwand machen. Einen Teil dieser Einwände habe ich selbst, Dank mannichfacher Übung im Verhören und Zwiegespräch zu Einem, vorweggenommen, leider aber immer auch vorweg beantwortet: so daß bisher die ganze Last meiner „Wahrheiten” auf mir liegen geblieben ist. Man wird verstehen, daß es sich hier um lästige Wahrheiten handelt; und wenn es einen Glauben giebt, der selig macht, nun wohlan, hier ist ein Glaube, der das nicht thut! Aber weshalb sollten die Dinge darauf eingerichtet sein, um uns Vergnügen zu machen? — Obschon ich gerade dies Mal, aufrichtig gesagt, gerne das Vergnügen genösse, widerlegt zu werden. — Und wenn uns andererseits die Erkenntniß — — — wozu dann Erkenntniß? — Zuletzt ist auch das vielleicht nur eine Frage der Zeit: man verträgt sich am Ende selbst mit dem Teufel. Und wenn die Dinge nicht darauf eingerichtet sein sollten, uns Vergnügen zu machen, wer könnte uns hindern, sie — darauf einzurichten? 37 [2] Es ist ein schlechter Geschmack mit Vielen übereinstimmen zu wollen. Mir genügt im Grunde schon mein Freund Satis: ihr wißt doch wer das ist? Satis sunt mihi pauci, satis est unus, satis est nullus. Und zuletzt bleibt es dabei: die großen Dinge bleiben für die Großen übrig und aufgespart, die Abgründe für die Tiefen, die Zartheiten und Schauder für die Feinen, und, im Ganzer. und Kurzen, alles Seltene für die Seltenen. Mein Urtheil ist mein Urtheil: dazu hat nicht leicht auch ein Anderer das Recht. — Und Sie, mein Herr Nachbar, der Sie mir eben über die Achsel in's Buch gucken, Sie sogar bestehen darauf, mir hierin zuzustimmen? Sie schauen in dieß Buch und sagen ja dazu? Fort mit Ihnen! Ich will durchaus nicht Ihrethalben gegen das, was ich eben schrieb, mißtrauisch werden. Auch ich nämlich liebe die Wahrheit, gleich allen Philosophien: alle Philosophen liebten bisher ihre Wahrheiten — — 37 [3] Ich vergaß zu sagen, daß solche Philosophen heiter sind und daß sie gerne in dem Abgrund eines vollkommen hellen Himmels sitzen: — sie haben andere Mittel nöthig, das Leben zu ertragen als andere Menschen, denn sie leiden anders (nämlich ebensosehr an der Tiefe ihrer Menschen-Verachtung, als an ihrer Liebe). — Das leidendste Thier auf Erden erfand sich — das Lachen. 37 [4] Moral und Physiologie. — Wir halten es für eine Voreiligkeit, daß gerade das menschliche Bewußtsein so lange als die höchste Stufe der organischen Entwickelung und als das Erstaunlichste aller irdischen Dinge, ja gleichsam als deren Blüte und Ziel angesehen wurde. Das Erstaunlichere ist vielmehr der Leib: man kann es nicht zu Ende bewundern, wie der menschliche Leib möglich geworden ist: wie eine solche ungeheure Vereinigung von lebenden Wesen, jedes abhängig und unterthänig und doch in gewissem Sinne wiederum befehlend und aus eignem Willen handelnd, als Ganzes leben, wachsen und eine Zeit lang bestehen kann —: und dies geschieht ersichtlich nicht durch das Bewußtsein! Zu diesem “Wunder der Wunder” ist das Bewußtsein eben nur ein “Werkzeug” und nicht mehr — im gleichen Verstande, in dem der Magen ein Werkzeug dazu ist. Die prachtvolle Zusammenbindung des vielfachsten Lebens, die Anordnung und Einordnung der höheren und niederen Thätigkeiten, der tausendfältige Gehorsam welcher kein blinder, noch weniger ein mechanischer sondern ein wählender, kluger, rücksichtsvoller, selbst widerstrebender Gehorsam ist — dieses ganze Phänomen “Leib” ist nach intellectuellem Maaße gemessen unserem Bewußtsein, unserem “Geist”, unserem bewußten Denken, Fühlen, Wollen so überlegen, wie Algebra dem Einmaleins. Der “Nerven- und Gehirnapparat” ist nicht, um überhaupt Denken, Fühlen, Wollen hervorzubringen, so fein und ”göttlich” construirt: vielmehr dünkt mich daß gerade dazu, zum Denken, Fühlen, Wollen, an sich noch gar kein “Apparat” nöthig ist, sondern daß dies, allein dies — “die Sache selbst” ist. Vielmehr wird eine solche ungeheure Synthesis von lebendigen Wesen und Intellekten, welche “Mensch” heißt, erst leben können, wenn jenes feine Verbindungs- und Vermittlungs-System und dadurch eine blitzartig schnelle Verständigung aller dieser höheren und niederen Wesen geschaffen ist — und zwar durch lauter lebendige Vermittler: dies aber ist ein moralisches, und nicht ein mechanistisches Problem! Von der “Einheit”, von der “Seele”, von der “Person” zu fabeln, haben wir uns heute untersagt: mit solchen Hypothesen erschwert man sich das Problem, so viel ist klar. Und auch jene kleinsten lebendigen Wesen, welche unseren Leib constituiren (richtiger: von deren Zusammenwirken das, was wir “Leib” nennen, das beste Gleichniß ist –), gelten uns nicht als Seelen-Atome, vielmehr als etwas Wachsendes, Kämpfendes, Sich-Vermehrendes und Wieder-Absterbendes: so daß ihre Zahl unbeständig wechselt, und unser Leben wie jegliches Leben zugleich ein fortwährendes Sterben ist. Es giebt also im Menschen so viele “Bewußtseins” als es Wesen giebt, — in jedem Augenblicke seines Daseins, — die seinen Leib constituiren. Das Auszeichnende an dem gewöhnlich als einzig gedachten „Bewußtsein”, am Intellecte, ist gerade, daß er vor dem unzählig Vielfachen in den Erlebnissen dieser vielen Bewußtseins geschützt und abgeschlossen bleibt und, als ein Bewußtsein höheren Ranges, als eine regierende Vielheit und Aristokratie, nur eine Auswahl von Erlebnissen vorgelegt bekommt, dazu noch lauter vereinfachte, übersichtlich und faßlich gemachte, also gefälschte Erlebnisse, — damit er seinerseits in diesem Vereinfachen und Übersichtlichmachen, also Fälschen fortfahre und das vorbereite, was man gemeinhin “einen Willen” nennt, — jeder solche Willensakt setzt gleichsam die Ernennung eines Diktators voraus. Das aber, was unserem Intellecte diese Auswahl vorlegt, was schon die Erlebnisse vorher vereinfacht, angeähnlicht, ausgelegt hat, ist jedenfalls nicht eben dieser Intellect: ebensowenig, wie er das ist, was den Willen ausführt, was eine blasse, dünne und äußerst ungenaue Werth- und Kraft-Vorstellung aufnimmt und in lebendige Kraft und genaue Werth-Maaße übersetzt. Und gerade dieselbe Art von Operation, welche hier sich abspielt, muß sich auf allen tieferen Stufen, im Verhalten aller dieser höheren und niederen Wesen zueinander, fortwährend abspielen: dieses selbe Auswählen und Vorlegen von Erlebnissen, dieses Abstrahiren und Zusammendenken, dieses Wollen, diese Zurückübersetzung des immer sehr unbestimmten Wollens in bestimmte Thätigkeit. Am Leitfaden des Leibes wie gesagt, lernen wir daß unser Leben durch ein Zusammenspiel vieler sehr ungleichwerthigen Intelligenzen und also nur durch ein beständiges tausendfältiges Gehorchen und Befehlen — moralisch geredet: durch die unausgesetzte Übung vieler Tugenden- möglich ist. Und wie dürfte man aufhören, moralisch zu reden! — — Dergestalt schwätzend gab ich mich zügellos meinem Lehrtriebe hin, denn ich war glückselig, Jemanden zu haben, der es aushielt, mir zuzuhören. Doch gerade an dieser Stelle hielt Ariadne es nicht mehr aus — die Geschichte begab sich nämlich bei meinem ersten Aufenthalte auf Naxos —: “aber mein Herr, sprach sie, Sie reden Schweinedeutsch!'“ — “Deutsch, antwortete ich wohlgemuth, einfach Deutsch! Lassen Sie das Schwein weg' meine Göttin! Sie unterschätzen die Schwierigkeit, feine Dinge deutsch zu sagen!” — “Feine Dinge! schrie Ariadne entsetzt auf: aber das war nur Positivismus! Rüssel-Philosophie! Begriffs-Mischmasch und –Mist aus hundert Philosophien! Wo will das noch hinaus!” — und dabei spielte sie ungeduldig mit dem berühmten Faden, der einstmals ihren Theseus durch das Labyrinth leitete. — Also kam es zu Tage, daß Ariadne in ihrer philosophischen Ausbildung um zwei Jahrtausende zurück war. 37 [5] In Aphorismenbüchern gleich den meinigen stehen zwischen und hinter kurzen Aphorismen lauter verbotene lange Dinge und Gedanken-Ketten; und Manches darunter, das für Oedipus und seine Sphinx fragwürdig genug sein mag. Abhandlungen schreibe ich nicht: die sind für Esel und Zeitschriften-Leser. Ebensowenig Reden. Meine “unzeitgemäßen Betrachtungen” richtete ich als junger Mensch an junge Menschen, welchen ich von meinen Erlebnissen und Gelöbnissen sprach, um sie in meine Labyrinthe zu locken, — an deutsche Jünglinge: aber man überredet mich zu glauben, daß die deutschen Jünglinge ausgestorben seien. Wohlan: so habe ich keinen Grund mehr, in jener früheren Manier “beredt” zu sein; heute — könnte ich es vielleicht nicht mehr. Wer Tags, Nachts und jahrein jahraus mit seiner Seele im vertraulichsten Zwiste und Zwiegespräche zusammengesessen hat, wer in seiner Höhle — es kann ein Labyrinth oder auch ein Goldschacht sein — zum Höhlenbär oder Schatzgräber wurde, wer wie ich sich allerhand Gedanken, Bedenken und Bedenkliches durch den Kopf über das Herz laufen ließ und läßt, das er nicht immer mittheilen würde, selbst wenn er Geister seiner Art und ausgelassene tapfere Kameraden um sich hätte: dessen Beriffe selber erhalten zuletzt eine eigene Zwielicht-Farbe, einen Geruch ebensosehr der Tiefe als des Moders, etwas Unmittheilsames und Widerwilliges, welches jeden Neugierigen kalt anbläst: — und eine Einsiedler-Philosophie, wenn sie selbst mit einer Löwenklaue geschrieben wäre, würde doch immer wie eine Philosophie der “Gänsefüßchen” aussehen. 37 [6] Man hört auch den Schriften eines Einsiedlers etwas von dem Wiederhall der Oede, etwas von dem Flüsterton und scheuen Um-sich-blicken der Einsamkeit an: seine stärksten Worte und seine Schreie selber klingen gleichsam noch wie eine neue und gefährlichere Art des Schweigens, Verschweigens heraus. 37 [7] Gesetzt, man denkt sich einen Philosophen als großen Erzieher, mächtig genug, um von einsamer Höhe herab lange Ketten von Geschlechtern zu sich hinaufzuziehen: so muß man ihm auch die unheimlichen Vorrechte des großen Erziehers zugestehen. Ein Erzieher sagt nie was er selber denkt sondern immer nur, was er im Verhältniß zum Nutzen Dessen, den er erzieht, über eine Sache denkt. In dieser Verstellung darf er nicht errathen werden; es gehört zu seiner Meisterschaft, daß man an seine Ehrlichkeit glaubt. Er muß aller Mittel der Zucht und Züchtigung fähig sein: manche Naturen bringt er nur durch Peitschenschläge des Hohns vorwärts, Andere, Träge, Unschlüssige, Feige, Eitle, vielleicht mit übertreibendem Lobe. Ein solcher Erzieher ist jenseits von Gut und Böse; aber Niemand darf es wissen. 37 [8] Es naht sich, unabweislich, zögernd, furchtbar wie das Schicksal, die große Aufgabe und Frage: wie soll die Erde als Ganzes verwaltet werden? Und wo zu soll “der Mensch” als Ganzes — und nicht mehr ein Volk, eine Rasse — gezogen und gezüchtet werden? Die gesetzgeberischen Moralen sind das Hauptmittel, mit denen man aus den Menschen gestalten kann, was einem schöpferischen und tiefen Willen beliebt: Vorausgesetzt, daß ein solcher Künstler-Wille höchsten Ranges die Gewalt in den Händen hat und seinen schaffenden Willen über lange Zeiträume durchsetzen kann, in Gestalt von Gesetzgebungen, Religionen und Sitten. Solchen Menschen des großen Schaffens, den eigentlich großen Menschen, wie ich es verstehe, wird man heute und wahrscheinlich für lange noch umsonst nachgehen: sie fehlen; bis man endlich, nach vieler Enttäuschung, zu begreifen anfangen muß, warum sie fehlen und daß ihrer Entstehung und Entwicklung für jetzt und für lange nichts feindseliger im Wege steht, als das, was man jetzt in Europa geradewegs “die Moral” nennt: wie als ob es keine andere gäbe und geben dürfte — jene vorhin bezeichnete Heerdenthier-Moral, welche mit allen Kräften das allgemeine grüne Weide-Glück auf Erden erstrebt, nämlich Sicherheit, Ungefährlichkeit, Behagen, Leichtigkeit des Lebens und zu guterletzt, “wenn alles gut geht”, sich auch noch aller Art Hirten und Leithammel zu entschlagen hofft. Ihre beiden am reichlichsten gepredigten Lehren heißen: “Gleichheit der Rechte” und “Mitgefühl für alles Leidende” — und das Leiden selber wird von ihnen als Etwas genommen, das man schlechterdings abschaffen muß. Daß solche “Ideen” immer noch modern sein können, giebt einen üblen Begriff von — — — Wer aber gründlich darüber nachgedacht hat, wo und wie die Pflanze Mensch bisher am kräftigsten emporgewachsen ist, muß vermeinen, daß dies unter den umgekehrten Bedingungen geschehen ist: daß dazu die Gefährlichkeit seiner Lage ins Ungeheure wachsen, seine Erfindungs- und Verstellungs-Kraft unter langem Druck und Zwang sich emporkämpfen, sein Lebens-Wille bis zu einem unbedingten Willen zur Macht und zur Obermacht gesteigert werden muß, und daß Gefahr, Härte, Gewaltsamkeit, Gefahr auf der Gasse wie im Herzen, Ungleichheit der Rechte, Verborgenheit, Stoicismus, Versucher-Kunst, Teufelei jeder Art, kurz der Gegensatz aller Heerden-Wünschbarkeiten, zur Erhöhung des Typus Mensch nothwendig sind. Eine Moral mit solchen umgekehrten Absichten, welche den Menschen ins Hohe statt ins Bequeme und Mittlere züchten will, eine Moral mit der Absicht, eine regierende Kaste zu züchten — die zukünftigen Herren der Erde — muß, um gelehrt werden zu können, sich in Anknüpfung an das bestehende Sittengesetz und unter dessen Worten und Anscheine einführen; daß dazu aber viele Übergangs- und Täuschungsmittel zu erfinden sind, und daß, weil die Lebensdauer Eines Menschen beinahe nichts bedeutet in Hinsicht auf die Durchführung so langwieriger Aufgaben und Absichten, vor allem erst eine neue Art angezüchtet werden muß, in der dem nämlichen Willen, dem nämlichen Instinkte Dauer durch viele Geschlechter verbürgt wird: eine neue Herren-Art und –Kaste — dieß begreift sich ebenso gut als das lange und nicht leicht aussprechbare Und-so-weiter dieses Gedankens. Eine Umkehrung der Werthe für eine bestimmte starke Art von Menschen höchster Geistigkeit und Willenskraft vorzubereiten und zu diesem Zwecke bei ihnen eine Menge im Zaum gehaltener und verläumdeter Instinkte langsam und mit Vorsicht zu entfesseln: wer darüber nachdenkt, gehört zu uns, den freien Geistern — freilich wohl zu einer neueren Art von “freien Geistern” als die bisherigen: denn diese wünschten ungefähr das Entgegengesetzte. Hierher gehören, wie mir scheint, vor allem die Pessimisten Europas, die Dichter und Denker eines empörten Idealismus, insofern ihre Unzufriedenheit mit dem gesammten Dasein sie auch zur Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen Menschen mindestens logisch nöthigt; insgleichen gewisse unersättlich-ehrgeizige Künstler, welche unbedenklich und unbedingt für die Sonderrechte höherer Menschen und gegen das „Heerdenthier” kämpfen und mit den Verführungsmitteln der Kunst bei ausgesuchteren Geistern alle Heerden-Instinkte und Heerden-Vorsichten einschläfern; zudritt endlich alle jene Kritiker und Historiker, von denen die glücklich begonnene Entdeckung der alten Welt — es ist das Werk des neuen Columbus, des deutschen Geistes — muthig fortgesetzt wird (- denn wir stehen immer noch in den Anfängen dieser Eroberung). In der alten Welt nämlich herrschte in der That eine andere, eine herrschaftlichere Moral als heute; und der antike Mensch, unter dem erziehenden Banne seiner Moral, war ein stärkerer und tieferer Mensch als der Mensch von heute, — er war bisher allein “der wohlgerathene Mensch”. Die Verführung aber, welche vom Alterthum her auf wohlgerathene, d. h. auf starke und unternehmende Seelen ausgeübt wird, ist auch heute noch die feinste und wirksamste aller antidemokratischen und antichristlichen: wie sie es schon zur Zeit der Renaissance war. 37 [9] Über alle diese nationalen Kriege, neuen “Reiche” und was sonst im Vordergrunde steht, sehe ich hinweg: was mich angeht — denn ich sehe es langsam und zögernd sich vorbereiten — das ist das Eine Europa. Bei allen umfänglicheren und tieferen Menschen dieses Jahrhunderts war es die eigentliche Gesammtarbeit ihrer Seele, jene neue Synthesis vorzubereiten und versuchsweise “den Europäer” der Zukunft vorwegzunehmen: nur in ihren schwächeren Stunden, oder wenn sie alt wurden, fielen sie in die nationale Beschränktheit der “Vaterländer” zurück —, dann waren sie “Patrioten”. Ich denke an Menschen wie Napoleon, Göthe, Beethoven, Stendhal, Heinrich Heine, Schopenhauer; vielleicht gehört auch Richard Wagner hierher, über welchen, als über einen wohlgerathenen Typus deutscher Unklarheit, sich durchaus nichts ohne ein solches “Vielleicht” aussagen läßt. Dem aber, was in solchen Geistern als Bedürfniß nach einer neuen Einheit oder bereits als eine neue Einheit mit neuen Bedürfnissen sich regt und gestaltet, steht eine große wirthschaftliche Thatsache erklärend zur Seite: die Kleinstaaten Europas, ich meine alle unsere jetzigen Staaten und “Reiche”, müssen, bei dem unbedingten Drange des großen Verkehrs und Handels nach einer letzten Gränze, nach Weltverkehr und Welthandel, in kurzer Zeit wirthschaftlich unhaltbar werden. (Das Geld allein schon zwingt Europa, irgendwann sich zu Einer Macht zusammen zu ballen.) Um aber mit guten Aussichten in den Kampf um die Regierung der Erde einzutreten — es liegt auf der Hand, gegen wen sich dieser Kampf richten wird — hat Europa wahrscheinlich nöthig, sich ernsthaft mit England zu “verständigen”: es bedarf der Kolonien Englands zu jenem Kampfe ebenso, wie das jetzige Deutschland, zur Einübung in seine neue Vermittler- und Makler-Rolle, der Kolonien Hollands bedarf. Niemand nämlich glaubt mehr daran, daß England selber stark genug sei, seine alte Rolle nur noch fünfzig Jahre fortzuspielen; es geht an der Unmöglichkeit, die homines novi von der Regierung auszuschließen, zu Grunde, und man muß keinen solchen Wechsel der Parteien haben, um solche langwierige Dinge — — — man muß heute vorerst Soldat sein, um als Kaufmann nicht seinen Kredit zu verlieren. Genug: hierin, wie in anderen Dingen, wird das nächste Jahrhundert in den Fußtapfen Napoleons zu finden sein, des ersten und vorwegnehmenden Menschen neuerer Zeit. Für die Aufgaben der nächsten Jahrhunderte sind die Arten “Öffentlichkeit” und Parlamentarismus die unzweckmäßigsten Organisationen. 37 [10] Ich unterscheide, unter den höheren Menschen sowohl wie unter Völkern, solche, welche die Welt rund, ganz und fest haben wollen, — groß vielleicht, sehr groß aber ganz und gar nicht “unendlich” — und solche, welche die Wolken lieben: weil Wolken verhüllen, weil Wolken “ahnen” lassen. Zu letzteren gehören, unter den Völkern, die Deutschen; und deshalb ist es für einen Denker entgegengesetzten Sinnes nicht rathsam, sich unter ihnen seine Hütte zu bauen. Die Luft ist ihm da zu wolkig. Die deutsche “Einfalt”, den deutschen Glauben an den „reinen Thoren”: er übersetzt sich das immer ins Französische und nennt es la niaiserie allemande. Das deutsche „Gemüth”: er versteht darunter wörtlich, was Goethe darunter verstand: “Nachsicht mit fremden und eignen Schwächen”. Der deutsche Ungeschmack: er findet ihn haarsträubend; — ich zeigte schon einmal bei Gelegenheit eines altersschwachen Buches von Strauß mit den Fingern darauf hin. Vom Auslande aus gesehen, darf man zweifeln ob Deutschland jetzt zehn Männer aufzuweisen hat, welche in Fragen der litterarischen Form urtheilsfähig sind und Tiefe haben. Tiefe nämlich ist nöthig um die zarten Bedürfnisse nach Form überhaupt zu begreifen; erst von der Tiefe aus, vom Abgrunde aus genießt man alles Glück, das im Hellen, Sicheren, Bunten, Oberflächlichen aller Art liegt. Aber die Deutschen glauben sich tief, wenn sie sich schwer und trübsinnig fühlen: — sie schwitzen, wenn sie denken, das Schwitzen gilt ihnen als Beweis ihres “Ernstes”. Ihre Geister sind plump, der Geist des Bieres ist mächtig auch noch in ihren Gedanken — und sie heißen es gar noch ihren “Idealismus”! Freilich, die Deutschen haben, wie sie wenigstens selber vermeinen, es gerade mit diesem Idealismus weit, “bis an die Sterne weit” getrieben, und sie dürfen sich, wenn es sonst die deutsche Bescheidenheit erlaubte, darauf hin ungescheut neben die Griechen niedersetzen, als das berühmte Volk der “Dichter und Denker”. Oder, um dieses Selbstvertrauen auch einmal unbescheiden reden zu lassen, und zwar mit dem Verse eines großen Idealisten: “Was lobt man viel die Griechen! “Sie müssen sich verkriechen, “Wenn sich die teutsche Muse regt. “Horaz in Flemming lebet, “In Opitz Naso schwebet, “In Greiff Senecens Traurigkeit.” Leibnitz. 37 [11] Der Socialismus — als die zu Ende gedachte Tyrannei der Geringsten und Dümmsten, der Oberflächlichen, der Neidischen und der Dreiviertels-Schauspieler — ist in der That die Schlußfolgerung der modernen Ideen und ihres latenten Anarchismus: aber in der lauen Luft eines demokratischen Wohlbefindens erschlafft das Vermögen, zu Schlüssen oder gar zum Schluß zu kommen. Man folgt, — aber man folgert nicht mehr. Deshalb ist der Socialismus im Ganzen eine hoffnungslose, säuerliche Sache. und Nichts ist lustiger anzusehen als der Widerspruch zwischen den giftigen und verzweifelten Gesichtern welche heute die Socialisten machen — und von was für erbärmlichen gequetschten Gefühlen legt gar ihr Stil Zeugniß ab! — und dem harmlosen Lämmer-Glück ihrer Hoffnungen und Wünschbarkeiten. Dabei kann es doch an vielen Orten Europas ihrerseits zu gelegentlichen Handstreichen und Überfällen kommen: dem nächsten Jahrhundert wird es hie und da gründlich im Leibe “rumoren”, und die Pariser Commune, welche auch in Deutschland ihre Schutzredner und Fürsprecher hat (z. B. in dem philosophischen Grimassen-Schneider und Sumpfmolch E\<ugen\> D\<ühring\> in Berlin), war vielleicht nur eine leichtere Unverdaulichkeit gemessen an dem, was kommt. Trotzdem wird es immer zuviel Besitzende geben, als daß der Socialismus mehr bedeuten könnte als einen Krankheits-Anfall: und diese Besitzenden sind wie Ein Mann Eines Glaubens “man muß etwas besitzen, um etwas zu sein”. Dieß aber ist der älteste und gesündeste aller Instinkte: ich würde hinzufügen “man muß mehr haben wollen als man hat, um mehr zu werden”. So nämlich klingt die Lehre, welche allem, was lebt, durch das Leben selber gepredigt wird: die Moral der Entwicklung. Haben und mehr haben wollen, Wachsthum mit einem Wort — das ist das Leben selber. In der Lehre des Socialismus versteckt sich schlecht ein “Wille zur Verneinung des Lebens”; es müssen mißrathene Menschen oder Raçen sein welche eine solche Lehre ausdenken. In der That, ich wünschte, es würde durch einige große Versuche bewiesen daß in einer socialistischen Gesellschaft das Leben sich selber verneint, sich selber die Wurzeln abschneidet. Die Erde ist groß genug, und der Mensch immer noch unausgeschöpft genug, als daß mir eine derart praktische Belehrung und demonstratio ad absurdum, selbst wenn sie mit einem ungeheuren Aufwand von Menschenleben gewonnen und bezahlt würde, nicht wünschenswerth erscheinen müßte. Immerhin, schon als unruhiger Maulwurf unter dem Boden einer in die Dummheit rollenden Gesellschaft wird der Socialismus etwas Nützliches und Heilsames sein können: er verzögert den “Frieden auf Erden” und die gänzliche Vergutmüthigung des demokratischen Heerdenthieres, er zwingt die Europäer, Geist, nämlich List und Vorsicht übrig zu behalten, den männlichen und kriegerischen Tugenden nicht gänzlich abzuschwören und einen Rest von Geist, von Klarheit, Trockenheit und Kälte des Geistes übrig zu behalten, — er schützt Europa einstweilen vor dem ihm drohenden marasmus femininus. 37 [12] In der Hauptsache gebe ich den Künstlern mehr Recht als allen Philosophen bisher: sie verloren die große Spur nicht, auf der das Leben geht, sie liebten die Dinge “dieser Welt”, — sie liebten ihre Sinne. Entsinnlichung zu erstreben: das scheint mir ein Mißverständniß oder eine Krankheit oder eine Kur, wo sie nicht eine bloße Heuchelei oder Selbstbetrügerei ist. Ich wünsche mir selber und allen denen, welche ohne die Ängste eines Puritaner-Gewissens leben — leben dürfen, eine immer größere Vergeistigung und Vervielfältigung der Sinne; ja wir wollen den Sinnen dankbar sein für ihre Feinheit, Fülle und Kraft und ihnen das Beste von Geist, was wir haben, dagegen bieten. Was gehen uns die priesterlichen und metaphysischen Verketzerungen der Sinne an! Wir haben diese Verketzerung nicht mehr nöthig: es ist ein Merkmal der Wohlgerathenheit, wenn Einer gleich Goethen mit immer größerer Lust und Herzlichkeit an „den Dingen der Welt” hängt: — dergestalt nämlich hält er die große Auffassung des Menschen fest, daß der Mensch der Verklärer des Daseins wird, wenn er sich selbst verklären lernt. Aber was redest du? wirft man mir ein. Giebt es nicht unter Künstlern gerade heute die ärgsten Pessimisten? Was denkst du zum Beispiel von Richard Wagner? Ist das kein Pessimist? — ich kraue mir die Ohren: \<ihr habt Recht, ich vergaß Etwas einen Augenblick lang.\> 37 [13] Die Historiker wollen heute zu viel und sündigen allesammt wider den guten Geschmack, sie drängen sich ein in die Seelen von Menschen, zu deren Rang und in deren Gesellschaft sie nicht gehören. Was hat z. B. so ein aufgeregter schwitzender Plebejer wie Michelet mit Napoleon zu schaffen! Es ist gleichgültig, ob er ihn haßt oder liebt, aber weil er schwitzt, gehört er nicht in seine Nähe. Was jener mittelmäßige, im schlechten Sinne elegante Thiers mit demselben Napoleon! er macht lachen, der kleine Mann, wenn er den großen Mann gegen Cäsar, Hannibal und Friedrich mit der Miene eines weisen Richters abschätzt. Ich schätze es höher, wenn einer auch als Historiker zu erkennen giebt, wo für seinen Fuß der Boden zu heiß oder zu heilig ist; ein Historiker aber, der zur rechten Zeit “die Schuhe auszieht” oder die Schuhe anzieht und davongeht, ist heutzutage, im Zeitalter der unschuldigen Unverschämtheit, ein seltener Vogel. Die deutschen Gelehrten, bei denen der “historische” Sinn erfunden worden ist, — jetzt üben sich die Franzosen auf ihn ein — verrathen sammt und sonders, daß sie aus keiner herrschenden Kaste stammen; sie sind, als Erkennende, zudringlich und ermangeln der feineren Scham. 37 [14] Ich nannte meine unbewußten Arbeiter und Vorbereiter. Wo aber dürfte ich mit einiger Hoffnung nach meiner Art von Philosophen selber, zum Mindesten nach meinem Bedürfniß neuer Philosophen suchen? Dort allein, wo eine vornehme Denkweise herrscht, eine solche, welche an Sklaverei und an viele Grade der Hörigkeit als an die Voraussetzung jeder höheren Kultur glaubt; wo eine schöpferische Denkweise herrscht, welche nicht der Welt das Glück der Ruhe, den “Sabbat aller Sabbate” als Ziel setzt und selber im Frieden das Mittel zu neuen Kriegen ehrt; eine der Zukunft Gesetze vorschreibende Denkweise, welche um der Zukunft willen sich selber und alles Gegenwärtige hart und tyrannisch behandelt; eine unbedenkliche, “unmoralische” Denkweise, welche die guten und die schlimmen Eigenschaften des Menschen gleichermaaßen ins Große züchten will, weil sie sich die Kraft zutraut, beide an die rechte Stelle zu setzen, — an die Stelle, wo sie beide einander noth thun. Aber wer also heute nach Philosophen sucht, welche Aussicht hat er, zu finden, was er sucht? Ist es nicht wahrscheinlich, daß er, mit der besten Diogenes-Laterne suchend, umsonst Tags und Nachts über herumläuft? Das Zeitalter hat die umgekehrten Instinkte: es will vor allem und zuerst Bequemlichkeit; es will zuzweit Öffentlichkeit und jenen großen Schauspieler-Lärm, jenes große Bumbum, welches seinem Jahrmarkts-Geschmacke entspricht; es will zudritt, daß jeder mit tiefster Unterthänigkeit vor der größten aller Lügen — diese Lüge heißt “Gleichheit der Menschen” — auf dem Bauche liegt, und ehrt ausschließlich die gleichmachenden, gleichstellenden Tugenden. Damit aber ist es der Entstehung des Philosophen, wie ich ihn verstehe, von Grund aus entgegengerichtet, ob es schon in aller Unschuld sich ihm förderlich glaubt. In der That, alle Welt Jammert heute darüber, wie schlimm es früher die Philosophen gehabt hätten, eingeklemmt zwischen Scheiterhaufen, schlechtes Gewissen und anmaßliche Kirchenväter-Weisheit: die Wahrheit ist aber, daß eben darin immer noch günstigere Bedingungen zur Erziehung einer mächtigen, umfänglichen, verschlagenen und verwegen-wagenden Geistigkeit gegeben waren als in den Bedingungen des heutigen Lebens. Heute hat eine andere Art von Geist, nämlich der Demagogen-Geist, der Schauspieler-Geist, vielleicht auch der Biber- und Ameisen-Geist des Gelehrten für seine Entstehung günstige Bedingungen. Aber um so schlimmer steht es schon mit den höheren Künstlern: gehen sie denn nicht fast alle an innerer Zuchtlosigkeit zu Grunde? Sie werden nicht mehr von Außen her, durch die absoluten Werthtafeln einer Kirche oder eines Hofes, tyrannisirt: so lernen sie auch nicht mehr ihren „inneren Tyrannen” großziehen, ihren Willen. Und was von den Künstlern gilt, gilt in einem höheren und verhängnißvolleren Sinne von den Philosophen. Wo sind denn heute freie Geister? Man zeige mir doch heute einen freien Geist! — Nun! Reden wir nicht zu laut! Die Einsamkeit ist heute voller Geheimnisse und mehr Einsamkeit als je — — In der That, ich lernte inzwischen, daß der freie Geist Einsiedler sein muß. 37 [15] Ein anderes demagogisches Talent unserer Zeit ist Richard Wagner: aber der gehört nach Deutschland. — Wirklich? Lasse man einmal eine umgekehrte Schätzung zu Worte kommen. Die Pariser mögen sich gegen Richard Wagner noch so sehr sperren und sträuben: zuletzt gehört er nach Paris, und jedenfalls mehr dorthin als in irgendeine andere Hauptstadt Europas. Zugegeben, daß die ihm verwandteste Art von Franzosen jetzt erst dort selber spärlich geworden sein mag: — ich meine jenen Nachwuchs des romantisme der dreißiger Jahre, unter denen er, in der entscheidendsten Zeit seines Lebens, hat leben wollen. Dort fühlte er sich selber verwandt und heimischer als in Deutschland, mit seiner ungeheuren Begierde nach erotischen Gerüchen und Farben und unerprobten neuen Ausschweifungen des Erhabenen, mit seinem sonnenarmen gequälten Glück an der Entdeckung des Häßlichen und Gräßlichen. Was suchten diese Romantiker Anderes, was fanden und erfanden sie Anderes als Richard Wagner? Waren sie nicht allesammt gleich ihm geistreich-krank, gewaltsam und ihrer selber unsicher, von der Litteratur beherrscht bis in ihre Augen und Ohren, meistens sogar selber Schreibende, Dichtende, Künstler des Ausdrucks um jeden Preis, — ich liebe Delacroix hinaus, — Vermittler und Vermenger der Künste und der Sinne selber, heraufgekommene Plebejer, welche \<sich,\> gleich Balzac, im Verlangen nach Glanz und Ruhm unersättlich und eines vornehmen tempo im Leben und Schaffen — eines lento — unfähig zeigten? Man gestehe es sich doch ein: wieviel Wagnerisches ist doch an dieser französischen Romantik! Auch jener hysterisch-erotische Zug, den Wagner am Weibe besonders geliebt und in Musik gesetzt hat, ist am besten gerade in Paris zu Hause: man frage nur die Irrenärzte —; und nirgendswo werden einmal die hypnotisirenden Griffe und Hand-Auflegungen, mit denen unser musikalischer Magus und Cagliostro seine Weiblein zur wollüstigen Nachtwandelei mit offnen Augen und geschlossenem Verstande zwingt und überredet, so gut verstanden werden als unter Pariserinnen. Die Nähe von krankhaften Begierden, die Brunst rasend gewordener Sinne, über welche der Blick durch Dünste und Schleier des Übersinnlichen auf gefährliche Weise getäuscht wird: wohin gehört das mehr als in die Romantik der französischen Seele? Hier wirkt ein Zauber, der unvermeidlich einmal noch die Pariser zu Wagner belehren wird. — Wagner aber soll durchaus der eigentlich deutsche Künstler sein: so dekretirt man heute in Deutschland, so verehrt man ihn, in einer Zeit, welche wieder einmal die prahlerische Deutschthümelei auf die Höhe bringt. Diesen “eigentlich deutschen“ Wagner giebt es gar nicht: ich vermuthe, der ist die Ausgeburt sehr dunkler deutscher Jünglinge und Jungfrauen, welche sich mit diesem Dekrete selbst verherrlichen wollen. Daß irgend Etwas an Wagner deutsch sein mag, ist wahrscheinlich: aber was? Vielleicht nur der Grad, nicht die Qualität seines Wollens und Könnens? Vielleicht nur, daß er alles stärker, reicher, verwegener, härter gemacht hat als irgend ein Franzose des neunzehnten Jahrhunderts machen könnte? Daß er gegen sich selber strenger und den längsten Theil seines Lebens in deutscher Weise, auf eigne Faust, als unerbittlicher Atheist, Antinomist und Immoralist gelebt hat? Daß er die Figur eines sehr freien Menschen, des Siegfried, erdichtete, welche in der That zu frei, zu hart, zu wohlgemuth, zu unchristlich für den lateinischen Geschmack sein mag? — Freilich hat er auch diese Sünde wider die französische Romantik am Ende wieder quitt zu machen gewußt: der letzte Wagner in seinen alten Tagen ist mit seiner Siegfried-Caricatur, ich meine mit seinem Parsifal, nicht nur dem romantischen, sondern geradezu dem römisch-katholischen Geschmack entgegengekommen: bis er zuletzt gar noch mit einer Kniebeugung vor dem Kreuze und mit einem nicht unberedten Durste nach “dem Blute des Erlösers” Abschied genommen hat. Auch von sich selber! Denn es gehört bei altgewordnen Romantikern zur leidigen Regel, daß sie am Schlusse ihres Lebens sich selber “verleugnen” und verkennen und ihr Leben — durchstreichen! — Zuletzt sei noch gesagt: wenn jenes Geschlecht der dreißiger Jahre in Blut und Nerven die Erben und noch mehr die Opfer jener tragischen Erschütterungen jener napoleonischen Zeit sind, — Beethoven hat diesem Geschlechte in Tönen und Byron in Worten präludirt — wird es nicht erlaubt sein, an eine ähnliche Abkunft der Seele Richard Wagners zu denken? Er ist 1813 geboren. 37 [16] Ich beobachte; daß unter denen, welche jetzt in der Welt herumreisen, Niemand gern sich als Franzose angesehen sieht, wenn er es nicht ist. Als Engländer geschätzt zu werden, scheint einigen Nordländern, z. B. den Schweden, Vergnügen zu machen: der Engländer ist stolz. Der Deutsche genießt jetzt im Auslande einen Zuschuß von Erstaunen und Achtung, gegen frühere Zeiten gerechnet, aber er macht keine Freude; der Preuße insonderheit ist den Südländern Europas immer noch peinlich, nicht wegen seines Stolzes — denn er ist nicht stolz — sondern wegen seiner Unbescheidenheit und schlechten, harten, oft zudringlichen Manieren. Der Süddeutsche ist plump, bäurisch, gutmüthig und doch nicht vertraueneinflößend: man wittert bei ihm die berühmten „zwei Seelen in einer Brust”. 37 [17] Man kann nicht hoch genug von den Frauen denken: aber deshalb braucht man noch nicht falsch von ihnen zu denken. Man soll darin gründlich auf der Hut sein. Daß sie selber imstande wären, die Männer über “das ewig-Weibliche” aufzuklären, ist unwahrscheinlich; sie stehn sich vielleicht zu nahe dazu, — und überdies ist alles Aufklären selber — bisher wenigstens — Männer-Sache und Männer-Gabe gewesen. Endlich darf man bei alledem, was Weiber über das Weib schreiben, ein gutes Mißtrauen sich vorbehalten: nämlich ob nicht, ganz unwillkürlich, ein Weib, auch wenn es schreibt, zuletzt thun muß, was — bisher wenigstens — ewig-weiblich war: nämlich “sich putzen”! Hat man jemals einem Weibskopfe schon Tiefe zugestanden? Und einem Weibsherzen — Gerechtigkeit? Ohne Tiefe aber und Gerechtigkeit — was nützt es, wenn Weiber „über das Weib” urtheilen? Mit der Liebe und dem Lobe selbst wenn man sich selber liebt und lobt, ist sicherlich die Gefahr nicht vermindert, ungerecht und flach zu sein. Mögen manche Frauen einen guten Grund haben, zu denken, daß ihnen die Männer nicht mit Lob und Liebe entgegenkommen: ganz im Großen gerechnet, dünkt mich, daß bisher “das Weib” am meisten von den Weibern gering geachtet worden ist — und durchaus nicht vom Manne! 37 [18] Ein Mensch, der nach Großem strebt, betrachtet Jemanden , dem er auf seiner Bahn begegnet, entweder als Mittel oder Verzögerung oder als zeitweiliges Ruhebett. Seine ihm eigenthümliche hochgeartete Güte gegen Mitmenschen ist nicht möglich, wenn er auf seiner Höhe ist und herrscht. Die Ungeduld und das Gefühl, bis dahin immer zur Komödie verurtheilt zu sein, verdirbt ihm jeden Umgang: diese Art Mensch kennt die Einsamkeit und was sie vom Giftigsten an sich hat. [Juni – Juli 1885] [Dokument: Aufzeichnungen zu Jenseits von Gut und Böse] 38 [1] Der Gedanke ist in der Gestalt, in welcher er kommt, ein vieldeutiges Zeichen, welches der Auslegung, genauer, einer willkürlichen Einengung und Begränzung bedarf, bis er endlich eindeutig wird. Er taucht in mir auf — woher? wodurch? das weiß ich nicht. Er kommt, unabhängig von meinem Willen, gewöhnlich umringt und verdunkelt durch ein Gedräng von Gefühlen, Begehrungen, Abneigungen, auch von andern Gedanken, oft genug von einem ”Wollen” oder ”Fühlen”  kaum zu unterscheiden. Man zieht ihn aus diesem Gedränge, reinigt ihn, stellt ihn auf seine Füße, man sieht, wie er dasteht, wie er geht, Alles in einem erstaunlichen presto und doch ganz ohne das Gefühl der Eile: wer das Alles thut, — ich weiß es nicht und bin sicherlich mehr Zuschauer dabei als Urheber dieses Vorgangs. Man sitzt dann über ihn zu Gericht, man fragt: was bedeutet er? „was darf er bedeuten? hat er Recht oder Unrecht?” — man ruft andere Gedanken zu Hülfe, man vergleicht ihn. Denken erweist sich dergestalt beinahe als eine Art Übung und Akt der Gerechtigkeit, bei dem es einen Richter, eine Gegen-Partei, auch sogar ein Zeugenverhör giebt, dem ich ein wenig zuhören darf — freilich nur ein wenig: das Meiste, so scheint es, entgeht mir. — Daß jeder Gedanke zuerst vieldeutig und schwimmend kommt und an sich nur als Anlaß zum Versuch der Interpretation oder zur willkürlichen Festsetzung, daß bei allem Denken eine Vielheit von Personen betheiligt scheint —: dies ist nicht gar zu leicht zu beobachten, wir sind im Grunde umgekehrt geschult, nämlich beim Denken nicht an's Denken zu denken. Der Ursprung des Gedankens bleibt verborgen; die Wahrscheinlichkeit dafür ist groß, daß er nur das Symptom eines viel umfänglicheren Zustandes ist; darin daß gerade er kommt und kein anderer, daß er gerade mit dieser größeren oder minderen Helligkeit kommt, mitunter sicher und befehlerisch, mitunter schwach und einer Stütze bedürftig, im Ganzen immer aufregend, fragend — für das Bewußtsein wirkt nämlich jeder Gedanke wie ein Stimulans —: in dem allen drückt sich irgend etwas von unserem Gesammtzustande in Zeichen aus. — Ebenso steht es mit jedem Gefühle, es bedeutet nicht an sich etwas: es wird, wenn es kommt, von uns erst interpretirt und oft wie seltsam interpretirt! Man denke doch an die uns fast “unbewußte” Noth der Eingeweide, an die Blutdruck-Spannungen im Unterleibe, an die krankhaften Zustände des nervus sympathicus —: und wie Vieles giebt es, wovon wir kaum durch das sensorium commune einen Schimmer von Bewußtsein haben! — Nur der anatomisch Unterrichtete räth bei solchen ungewissen Unlust-Gefühlen auf die rechte Gattung und Gegend der Ursachen; alle Anderen aber, im Ganzen also fast alle Menschen, so lange es Menschen giebt, suchen bei solcher Art von Schmerzen keine physische, sondern eine psychische und moralische Erklärung und schieben den thatsächlichen Verstimmungen des Leibes eine falsche Begründung unter, indem sie im Umkreise ihrer unangenehmen Erfahrungen und Befürchtungen einen Grund herausholen, sich dermaßen schlecht zu befinden. Auf der Folter bekennt sich fast Jemanden  schuldig; bei dem Schmerz, dessen physische Ursache man nicht weiß, fragt sich der Gefolterte so lange und so inquisitorisch selbst, bis er sich oder Andere schuldig findet: — wie es zum Beispiel der Puritaner that, welcher den einer unvernünftigen Lebensweise anhaftenden Spleen sich gewohnheitsmäßig moralisch auslegte, nämlich als Biß seines eigenen Gewissens. — 38 [2] Das logische Denken, von dem die Logik redet, ein Denken, wo der Gedanke selbst als Ursache von neuen Gedanken gesetzt wird —, ist das Muster einer vollständigen Fiktion: ein Denken der Art kommt in Wirklichkeit niemals vor, es wird aber als Formen-Schema und Filtrir-Apparat angelegt, mit Hülfe dessen wir das thatsächliche, äußerst vielfache Geschehen beim Denken verdünnen und vereinfachen: so daß dergestalt unser Denken in Zeichen faßbar, merkbar, mittheilbar wird. Also: das geistige Geschehen so zu betrachten, wie als ob es jenem regulativem Schema eines fingirten Denkens wirklich entspräche, das ist das Kunststück von Fälschung vermöge deren es etwas wie “Erkenntniß” und “Erfahrung” giebt. Erfahrung ist nur möglich mit Hülfe von Gedächtniß; Gedächtniß ist nur möglich mittelst einer Abkürzung eines geistigen Vorgangs zum Zeichen. “Erkenntniß”: das ist der Ausdruck eines neuen Dings durch die Zeichen von schon “bekannten”, schon erfahrenen Dingen. — Heute freilich faselt man gar von einem empirischen Ursprung der Logik: aber was nicht in der Wirklichkeit vorkommt, wie das logische Denken, kann auch nicht aus der Wirklichkeit genommen sein, ebenso wenig als irgend ein Zahlengesetz, während es noch keinen Fall gegeben hat, in welchem die Wirklichkeit mit einer arithmetischen Formel sich gedeckt hätte. Die arithmetischen Formeln sind ebenfalls nur regulative Fiktionen, mit denen wir uns das wirkliche Geschehen, zum Zweck praktischer Ausnützung, auf unser Maaß — auf unsre Dummheit — vereinfachen und zurechtlegen. 38 [3] — — — durch das Denken wird das Ich gesetzt; aber bisher glaubte man wie das Volk, im “ich denke” liege irgend etwas von Unmittelbar-Gewissem, und dieses “Ich” sei die gegebene Ursache des Denkens, nach deren Analogie wir alle sonstigen ursächlichen Verhältnisse verstünden. Wie sehr gewohnt und unentbehrlich jetzt jene Fiktion auch sein mag, — Das allein beweist noch nichts gegen ihre Erdichtetheit: es kann ein Glaube Lebensbedingung und trotzdem falsch sein. 38 [4] “Wahrheit”: das bezeichnet innerhalb meiner Denkweise nicht nothwendig einen Gegensatz zum Irrthum, sondern in den grundsätzlichsten Fällen nur eine Stellung verschiedener Irrthümer zu einander: etwa daß der eine älter, tiefer als der andere ist, vielleicht sogar unausrottbar, insofern ein organisches Wesen unserer Art nicht ohne ihn leben könnte; während andere Irrthümer uns nicht dergestalt als Lebensbedingungen tyrannisiren, vielmehr, gemessen an solchen “Tyrannen”, beseitigt und “Widerlegt” werden können. Eine Annahme, die unwiderlegbar ist, — warum sollte sie deßhalb schon wahr sein? Dieser Satz empört vielleicht die Logiker, welche ihre Gränzen als Gränzen der Dinge ansetzen: aber diesem Logiker-Optimismus habe ich schon lange den Krieg erklärt. 38 [5] Auch jetzt noch ist Frankreich der Sitz der geistigsten und raffinirtesten Cultur Europas, aber man muß dies „Frankreich des Geschmacks” zu finden wissen. Wer zu ihm gehört, hält sich gut verborgen: im Vordergrunde wälzt sich ein verdummtes und vergröbertes Frankreich, das neuerdings, bei dem Leichenbegängnisse V. H\<ugo\>'s eine wahre Orgie des Ungeschmacks gefeiert hat — es mag eine kleine Zahl sein, dazu Menschen die nicht auf den kräftigsten Beinen stehen, zum Theil Fatalisten, zum Theil Verzärtelte (solche die Gründe haben sich zu verbergen) — sie insgesammt erkennen als ihre Vorfahren und Meister etwa folgende höhere Geister an. Vorerst Stendhal, das letzte große Ereigniß des französischen Geistes, der mit einem Nap\<oleonischen\> tempo durch sein unentdecktes Europa marschirt ist und zuletzt sich allein fand — schauerlich allein: denn es hat zweier Geschlechter bedurft, um ihm nahe zu kommen. Jetzt wie gesagt commandirt er, ein Befehlshaber für die Ausgewähltesten; und wer mit feinen und verwegenen Sinnen begabt ist, neugierig bis zum Cynismus, Logiker beinahe aus Ekel, Räthselrather und Freund der Sphinx gleich jedem geborenen Europäer, der wird ihm nachgehen müssen. Möge er ihm auch dahin folgen, voller Scham vor den Heimlichkeiten, welche die große Leidenschaft hat, stehen zu bleiben! Diese Noblesse des Schweigen-Könnens, Stehen-bleiben-Könnens hat er zum Beispiel vor Michelet und sonderlich vor den deutschen Gelehrten voraus. — Sein Schüler ist Mérimeè, ein vornehmer zurückgezogener Artist und Verächter jener schwammichten Gefühle, welche ein demokratisches Zeitalter als seine “edelsten Gefühle” preist, streng gegen sich und voll der härtesten Ansprüche an seine künstlerische Logik, beständig bereit, kleine Schönheiten und Reize einem starken Willen zur Nothwendigkeit zu opfern: — eine ächte, wenngleich nicht reiche Seele in einer unächten und schmutzigen Umgebung und Pessimist genug, um die Komödie mitspielen zu können, ohne sich zu erbrechen. — Ein anderer Schüler Stendhals ist Tainc, jetzt der erste lebende Historiker Europas, ein entschlossener und noch in seiner Verzweiflung tapferer Mensch, welchem der Muth so wenig als die Willenskraft unter dem fatalistischen Druck des Wissens in Stücke gegangen ist, ein Denker, welchen weder Condillac in Hinsicht auf Tiefe noch Hegel in Hinsicht auf Klarheit beeinträchtigt haben, einer vielmehr, der zu lernen verstand und für lange Zeit verstehen wird zu lehren: — die Franzosen der nächsten Generation haben in ihm ihren geistigen Zuchtmeister. Er vornehmlich ist es, der den Einfluß Renans und Sainte-Beuves zurückdrängt, welche beide ungewiß und skeptisch bis auf den letzten Grund ihres Herzens sind. Renan, eine Art katholischer Schleiermacher, süßlich, bonbon, Landschaften und Religionen anempfindend: Sainte-Beuve, ein abgebrannter Dichter, der sich auf die Seelen-Anschnüffelei verlegt und gar zu gern verbergen möchte, daß er weder im Willen, noch in der Philosophie irgend einen Halt hat, ja sogar, was nach Beidem nicht Wunder nimmt, eines eigentlichen festen Geschmacks in artibus et litteris ermangelt. Zuletzt merkt man ihm die Absicht an, noch aus diesem Mangel eine Art Princip und Methode von kritischer Neutralität zu bilden: aber der Verdruß verräth sich zu oft, einmal darüber, daß er in der That für gewisse Bücher und Menschen wirklich einigemale nicht neutral, nämlich begeistert gewesen ist — er möchte diese schrecklichen “petits faits” aus seinem Leben wegstreichen, weglügen — sodann aber über das viel unangenehmere grand fait, daß alle großen französischen Menschenkenner auch noch ihren eigenen Willen und Charakter im Leibe hatten, von Montaigne, Charron, La Rochefoucauld bis auf Chamfort und Stendhal: — denen allen gegenüber ist Sainte-Beuve nicht ohne Neid und jedenfalls ohne Vorliebe und Vorverständniß. — Viel wohlthätiger, einseitiger, tüchtiger in jedem Sinne ist der Einfluß Flauberts: mit einem Übergewicht von Charakter, der sogar die Einsamkeit und den Mißerfolg vertrug, — etwas außerordentliches unter Franzosen —, regiert er augenblicklich in dem Reiche der Roman-Asthetik und des Stils — er hat das klingende und bunte Französisch auf die Höhe gebracht. Zwar fehlt auch ihm wie Renan und Sainte-Beuve die philosophische Zucht, insgleichen eine eigentliche Kenntniß der wissenschaftlichen Prozeduren: aber ein tiefes Bedürfniß zur Analyse und sogar zur Gelehrsamkeit hat sich zusammen mit einem instinktiven Pessimismus bei ihm Bahn gebrochen, wunderlich vielleicht, aber kräftig genug um den gegenwärtigen Romanschriftstellern Frankreichs damit ein Vorbild zu geben. In der That geht auf Flaubert der neue Ehrgeiz der jüngsten Schule zurück, sich in wissenschaftlichen und pessimistischen Attitüden vorzuführen. — Was von Dichtern jetzt in Frankreich blüht, steht unter Heinrich Heines und Baudelaires Einfluß, vielleicht Leconte de Lisle ausgenommen: denn in gleicher Weise wie Schopenhauer jetzt schon mehr in Frankreich geliebt und gelesen wird als in Deutschland, ist auch der Cultus Heinrich Heines nach Paris übergesiedelt. Was den pessimistischen Baudelaire betrifft, so gehört er zu jenen kaum glaublichen Amphibien, welche ebensosehr deutsch als pariserisch sind; seine Dichtung hat etwas von dem, was man in Deutschland Gemüth oder “unendliche Melodie” und mitunter auch “Katzenjammer” nennt. Im Übrigen war Baudelaire der Mensch eines vielleicht verdorbenen, aber sehr bestimmten und scharfen, seiner selbst gewissen Geschmacks: damit tyrannisirt er die Ungewissen von Heute. Wenn er seiner Zeit der erste Prophet und Fürsprecher Delacroix’ war: vielleicht, daß er heute der erste “Wagnerianer” von Paris sein würde. Es ist viel Wagner in Baudelaire. 38 [6] Victor Hugo, ein “Esel von Genie” — der Ausdruck ist von Baudelaire — welches immer den Muth zu seinem schlechten Geschmacke gehabt hat: er verstand damit zu commandiren, er, der Sohn eines napoleonischen Generals. In seinen Ohren hatte er die Bedürfnisse einer Art von militärischer Rhetorik, er ahmte Kanonenschüsse und das Knattern von Raqueten in Worten nach; der französische esprit erscheint bei ihm gleichsam durch Dampf und Lärm verdunkelt, oft bis zur baren nackten Dummheit. Niemals hat ein Sterblicher solche dumpfe platzende Antithesen geschrieben. Zum andern Theil gab er auch den Maler-Begierden seiner Augen die Herrschaft über seinen Geist: er strotzt von pittoresken Einfällen und thut oft nichts als genau abschreiben, was er sieht, was die Maler-Hallucination ihm vor seine Augen stellt. Er, der Plebejer, der seinen starken Sinnes-Begierden, ich meine seinen Ohren und Augen, auch mit dem Geiste zu Willen ist — Das nämlich ist die Grundthatsache des französischen romantisme, als einer plebejischen Reaktion des Geschmacks —: er ist damit auf der entgegengesetzten Bahn und will gerade das Umgekehrte von dem, was die Dichter einer vornehmen Kultur, wie zum Beispiel Corneille, von sich wollten. Denn diese hatten ihren Genuß und Ehrgeiz daran, ihre vielleicht noch stärker gearteten Sinne mit dem Begriffe zu überwältigen und gegen die brutalen Ansprüche von Farben, Tönen und Gestalten einer feinen hellen Geistigkeit zum Siege zu verhelfen: womit sie, wie mich dünkt, auf der Spur der großen Griechen waren, so wenig sie gerade davon gewußt haben mögen. Genau Das, was unserem plump sinnlichen und naturalistischen Geschmack von Heute Mißbehagen an den Griechen und den älteren Franzosen macht, — war die Absicht ihres künstlerischen Wollens, auch ihr Triumph: denn sie bekämpften und besiegten gerade den “Sinnen-Pöbel”, dem zu einer Kunst zu verhelfen der Ehrgeiz unserer Dichter, Maler und Musiker ist. Zu diesem künstlerischen Wollen Victor Hugos stimmt sein politisches und moralisches: er ist flach und demagogisch, vor allen großen Worten und Gebärden auf dem Bauche, ein Volks-Schmeichler, der mit der Stimme eines Evangelisten zu allen Niedrigen, Unterdrückten, Mißrathenen, Verkrüppelten redet und nicht einen Hauch davon weiß, was Zucht und Redlichkeit des Geistes, was intellektuelles Gewissen ist, — im Ganzen ein unbewußter Schauspieler, wie fast alle Künstler der demokratischen Bewegung. Sein Genie wirkt auf die Masse nach Art eines alkoholischen Getränks, das zugleich berauscht und dumm macht. — Dieselbe Gattung von Sympathien und Antipathien und manches Ähnliche in der Begabung besitzt ein anderer Fürsprecher des Volks, der Historiker Michelet, nur an Stelle der Maler-Augen eine bewunderungswürdige Fähigkeit, Gemüths-Zustände bei sich nachzubilden, nach Art der Musiker: — im unklaren D\<eutschland\> würde man ihn heute daraufhin als einen Menschen des Mitleids ansprechen. Dieses “Mitleid” ist jedenfalls etwas Zudringliches; in seinem Verkehr und noch in seiner Verehrung vergangener Menschen liegt viel Unbescheidenheit, ja, es scheint mir bisweilen, als ob er an seine Gefühls-Arbeit mit einem Eifer herangeht, daß er dazu nöthig hat, seinen Rock auszuziehen. Seine Augen sehen nicht in die Tiefe: alle leicht “begeisterten” Geister waren bisher oberflächlich. Er ist mir zu erregt: Gerechtigkeit ist ihm ebenso unzugänglich als jene Gnade, welche nur aus der höchsten Überlegenheit quillt. Auf einer gewissen Höhe von Erregung überkommt ihn jedesmal der Anfall des Volks-Tribunen, er kennt auch aus eigner Erfahrung die Raubthier-Wuthanfälle des Pöbels. Daß ihm Napoleon ebensosehr als Montaigne fremd ist, bezeichnet das Unvornehme seiner Moralität genügend. Seltsam, daß auch er, der arbeitsame sittenstrenge Gelehrte, reichlich an der neugierigen Geschlechts-Lüsternheit seiner Rasse Theil hat: und je älter er wurde, desto mehr wuchs diese Art der Neugierde. — Demokratisch endlich und folglich ebenfalls schauspielerisch ist das Talent der George Sand: sie ist beredt in jener schlimmen Manier, daß ihr Stil, ein bunter, zuchtloser übertreibender Weiber-Stil, jede halbe Seite mit ihrem Gefühle durchgeht, — nicht umgekehrt, so sehr sie wünscht, daß man das Umgekehrte glaube. In der That, man hat viel zu sehr an ihr Gefühl geglaubt: während sie reich in jener kalten Geschicklichkeit des Schauspielers war, der seine Nerven zu schonen weiß und das Gegentheil davon alle Welt glauben macht. Man darf ihr zugestehen, daß sie eine große Begabung zum Erzählen hat; aber sie verdarb alles und für immer durch ihre hitzige Weibs-Koketterie, sich in lauter Manns-Rollen zu zeigen, welche gerade ihrem Wuchse nicht zusagten — ihr Geist war kurzbeinig —: sodaß ihre Bücher nur eine kleine Zeit ernst genommen wurden und schon heute unter die unfreiwillig komische Litteratur gerathen sind. Und wenn es vielleicht nicht nur Koketterie sondern auch Klugheit war was sie trieb, sich immer mit Manns-Problemen und männlichem Zubehör zu drapiren, eingerechnet Hosen und Cigarren: zuletzt springt das sehr weibliche Problem und Unglück ihres Lebens trotzdem in die Augen, nämlich daß sie zuviel Männer nöthig hatte und daß auch noch in diesen Ansprüchen ihre Sinne und ihr Geist uneins waren. Was konnte sie dafür, daß die Männer, an denen ihr Geist Wohlgefallen fand, jedesmal zu kränklich waren, um ihren Sinnen genug zu thun? Daher das ewige Problem zweier Liebhaber zugleich und eine ewige Nöthigung der weiblichen Scham, über diesen Thatbestand zu täuschen und sich zu geben, wie als ob ganz andere, viel allgemeinere, viel unpersönlichere Probleme bei ihr im Vordergrunde stünden. Zum Beispiel das Problem der Ehe: aber was ging sie die Ehe an! 38 [7] Man ist jetzt überall bemüht, von dem eigentlichen großen Einflusse, den Kant in Europa ausgeübt hat, den Blick abzuziehen — und namentlich über den Werth, welchen er sich selber zugestand, klüglich hinwegzuschlüpfen. Kant war vor Allem und zuerst stolz auf seine Kategorien-Tafel und sagte, mit dieser Tafel in den Händen: das ist „das Schwerste, was jemals zum Behufe der Metaphysik unternommen werden konnte” (man verstehe doch dies „werden konnte”!) — er war stolz darauf, im Menschen ein neues Vermögen, das Vermögen zu synthetischen Urtheilen a priori entdeckt zu haben. Es geht uns hier nichts an, wie sehr er sich hierin selber betrog: aber die deutsche Philosophie, so wie sie im ganzen Europa seit hundert Jahren bewundert wird und gewirkt hat, hängt an diesem Stolze und dem Wetteifer der Jüngeren womöglich etwas noch Stolzeres zu entdecken — und jedenfalls neue Vermögen! Es machte den eigentlichen Ruhm der deutschen Philosophie bisher aus, daß man durch sie an eine Art “intuitiver — und instinktiver Erfassung der Wahrheit” glauben lernte; und auch Schopenhauer, so sehr er Fichten, Hegeln und Schelling zürnte, war im Grunde auf derselben Bahn, als er an einem alten bekannten Vermögen, dem Willen ein neues Vermögen entdeckte — nämlich selber “das Ding an sich” zu sein. Das hieß in der That kräftig zugreifen und seine Finger nicht schonen, mitten hinein ins “Wesen”! Schlimm genug, daß dieses Wesen sich dabei unangenehm erwies, und, infolge verbrannter Finger, durchaus der Pessimismus und die Verneinung des Willens zum Leben nöthig erschien! Aber dieses Schicksal Schopenhauers ist ein Zwischenfall, der für die gesammte Bedeutung der deutschen Philosophie, für ihren höheren “Effekt", ohne Einfluß blieb: in der Hauptsache nämlich bedeutete sie in ganz Europa die frohlockende Reaktion gegen den Rationalismus des Descartes und gegen die Skepsis der Engländer, zu Gunsten des “Intuitiven”, “Instinktiven” und alles “Guten, Wahren und Schönen”. Man meinte, der Weg zur Erkenntniß sei nunmehr abgekürzt, man könne unmittelbar den “Dingen” zu Leibe gehen, man hoffte ”Arbeit zu sparen”: und alles Glück, welches edle Müßiggänger, Tugendhafte, Träumerische, Mystiker, Künstler, Dreiviertels-Christen, politische Dunkelmänner und metaphysische Begriffs-Spinnen zu empfinden fähig sind, wurde den Deutschen zur Ehre angerechnet. Der gute Ruf der Deutschen war auf einmal in Europa hergestellt: durch ihre Philosophen! — Ich hoffe, man weiß es doch noch, daß die Deutschen in Europa einen schlechten Ruf hatten? Daß man bei ihnen an servile und erbärmliche Eigenschaften, an die Unfähigkeit zum “Charakter”, an die berühmte Bedienten-Seele glaubte? Mit Einem Male aber lernte man sagen: “die Deutschen sind tief, die Deutschen sind tugendhaft, — man lese nur ihre Philosophen”! Im letzten Grunde war es die verhaltene und lange aufgestaute Frömmigkeit der Deutschen, welche in ihrer Philosophie endlich explodirte, unklar und ungewiß freilich, wie alles Deutsche, nämlich bald in pantheistischen Dämpfen, wie bei Hegel und Schelling, als Gnosis, bald mystisch und weltverneinend, wie bei Schopenhauer: in der Hauptsache aber eine christliche Frömmigkeit, und nicht eine heidnische, — für welche Goethe und vor ihm schon Spinoza so viel guten Willen gezeigt haben. 38 [8] Der Wille. — In jedem Wollen ist eine Mehrheit von Gefühlen vereinigt: das Gefühl des Zustandes, von dem weg, das Gefühl des Zustandes, zu dem hin, das Gefühl von diesem “weg und hin” selber, das Gefühl der Dauer dabei, zuletzt noch ein begleitendes Muskel-Gefühl, welches, auch ohne daß wir Arme und Beine in Bewegung setzen, durch eine Art Gewohnheit sobald wir “wollen“ sein Spiel beginnt. Wie also das Gefühl und zwar vielerlei Fühlen als Ingrediens des Willens anzuerkennen ist, so zweitens auch noch das Denken: in jedem Willensakte commandirt ein Gedanke, — und man soll ja nicht glauben, diesen Gedanken von dem Wollen selber abscheiden zu können, wie als ob dann noch Wollen übrig bliebe. Drittens ist der Wille nicht nur ein Complex von Fühlen und Denken, sondern vor Allem noch ein Affect: und zwar jener Affect des Commandos. Das was Freiheit des Willens genannt wird, ist wesentlich das Überlegenheits-Gefühl in Hinsicht auf den der gehorchen muß: “ich bin frei, er muß gehorchen” — dieß Bewußtsein steckt in jedem Willen, und eben jene Spannung der Aufmerksamkeit, jener klare Blick, der ausschließlich Eins ins Auge faßt, jene ausschließliche Werthschätzung “jetzt thut dieß Noth und nichts anderes”, jene innere Gewißheit darüber, daß gehorcht wird, wie dieß Alles zum Zustande des Befehlenden gehört. Ein Mensch der will —, befiehlt einem Etwas in sich, das gehorcht, oder von dem er glaubt daß es gehorchen wird. Nun aber beachte man, was das Wesentlichste am “Willen” ist, an diesem so complicirten Dinge, für welches das Volk Ein Wort hat. Insofern wir im gegebenen Falle zugleich die Befehlenden und Gehorchenden sind und als Gehorchende die Gefühle des Widerstehens, Drängens, Drückens, Bewegens kennen, welche sofort nach dem Akte des Willens zu beginnen pflegen; insofern wir aber die Gewohnheit haben mit dem synthetischen Begriff “Ich” uns über diese Zweiheit hinweg zu setzen, hinweg zu täuschen , hat sich an das Wollen noch eine ganze Kette von irrthümlichen Schlüssen und folglich von falschen Werthschätzungen des Willens selber angehängt: — so daß der Wollende in gutem Glauben glaubt, sein Wille selber sei zur gesamten Aktion das eigentliche und ausreichende mobile. Und weil in den allermeisten Fällen nur gewollt worden ist, wo auch die Wirkung des Befehls, der Gehorsam, also die Aktion erwartet werden durfte, so hat sich der Anschein in das Gefühl übersetzt, als ob es da eine Nothwendigkeit der Wirkung gäbe: genug, der Wollende glaubt, mit einem ziemlichen Grade von Sicherheit, daß der Wille und die Aktion irgendwie Eins seien — er rechnet das Gelingen der Ausführung des Willens noch dem Willen selber zu und genießt dabei einen Zuwachs jenes Machtgefühls, welches alles Befehlen mit sich bringt. “Freiheit des Willens”: das ist das Wort für jenen sehr gemischten Zustand des Wollenden' der befiehlt und zugleich als Ausführender den Triumph der Überlegenheit über Widerstände genießt, der aber urtheilt, der Wille selber überwinde die Widerstände: — er nimmt die Lustgefühle des ausführenden erfolgreichen Werkzeugs — des dienstbaren Willens und Unterwillens — zu seinem Lustgefühle als Befehlender hinzu. — Dieses verflochtene Nest von Gefühlen, Zuständen und falschen Annahmen, welches vom Volk mit Einem Worte und wie Eine Sache bezeichnet wird, weil es plötzlich und auf “Ein Mal” da ist und zu den allerhäufigsten, folglich “bekanntesten” Erlebnissen gehört: der Wille, so wie ich ihn hier beschrieben habe — sollte man es glauben, daß er noch niemals beschrieben worden ist? Daß das plumpe Vorurtheil des Volks bisher noch in jeder Philosophie ungeprüft zu Recht bestanden hat? Daß darüber, was „wollen” sei, es unter den Philosophen keine Verschiedenheit der Meinung gab, weil alle glaubten, hier gerade habe man eine unmittelbare Gewißheit, eine Grund-Thatsache, hier sei Meinen gar nicht am Platze? Und daß alle Logiker noch die Dreieinigkeit “Denken, Fühlen, Wollen” lehren, wie als ob “Wollen” kein Fühlen und Denken enthalte? — Nach alledem erscheint Schopenhauers großer Fehlgriff, als er den Willen wie die bekannteste Sache von der Welt, ja wie die eigentlich und allein bekannte Sache nahm, weniger toll und willkürlich: er hat ein ungeheures Vorurtheil aller bisherigen Philosophen, ein Volks-Vorurtheil, nur übernommen und, wie es im Allgemeinen Philosophen thun, übertrieben. — 38 [9] Die Gefahr bei außerordentlichen Geistern ist keine kleine, daß sie irgend wann die fürchterlichen Genüsse des Zerstörens, des Zugrunderichtens, des langsam Zugrunderichtens erstreben lernen: wenn ihnen nämlich durchaus die schaffende That, etwa durch den Mangel an Werkzeugen oder sonstigen Unfug des Zufalls, versagt bleibt. In dem Haushalte solcher Seelen giebt es dann kein Entweder-Oder mehr; und vielleicht müssen sie gerade das was sie bis dahin am Meisten geliebt haben, mit der Lust eines Teufels auf eine feine langwierige Art \<verderben.\> 38 [10] Der Mensch ist ein Formen- und Rhythmen-bildendes Geschöpf; er ist in nichts besser geübt und es scheint daß er an nichts mehr Lust hat als am Erfinden von Gestalten. Man beobachte nur, womit sich unser Auge sofort beschäftigt sobald es nichts mehr zu sehen bekommt: es schafft sich Etwas zu sehen. Muthmaßlich thut im gleichen Falle unser Gehör nichts anderes: es übt sich. Ohne die Verwandlung der Welt in Gestalten und Rhythmen gäbe es für uns nichts “Gleiches”, also auch nichts Wiederkehrendes, also auch keine Möglichkeit der Erfahrung und Aneignung, der Ernährung. In allem Wahrnehmen, das heißt dem ursprünglichsten Aneignen, ist das wesentliche Geschehen ein Handeln, strenger noch: ein Formen-Aufzwingen: — von “Eindrücken” reden nur die Oberflächlichen. Der Mensch lernt seine Kraft dabei als eine widerstrebende und mehr noch als eine bestimmende Kraft kennen — abweisend, auswählend, zurechtformend, in seine Schemata einreihend. Es ist etwas Aktives daran, daß wir einen Reiz überhaupt annehmen und daß wir ihn als solchen Reiz annehmen. Dieser Aktivität ist es zu eigen, nicht nur Formen, Rhythmen und Aufeinanderfolgen der Formen zu setzen, sondern auch das geschaffene Gebilde in Bezug auf Einverleibung oder Abweisung abzuschätzen. So entsteht unsre Welt, unsre ganze Welt: und dieser ganzen uns allein zugehörigen, von uns erst geschaffenen Welt entspricht keine vermeinte “eigentliche Wirklichkeit”, kein “An sich der Dinge”: sondern sie selber ist unsre einzige Wirklichkeit, und “Erkenntniß” erweist sich, dergestalt betrachtet, nur als ein Mittel der Ernährung. Aber wir sind schwer zu ernährende Wesen und haben überall Feinde und gleichsam Unverdauliches —: darüber ist die menschliche Erkenntniß fein geworden und zuletzt so stolz noch auf ihre Feinheit, daß sie es nicht hören mag, sie sei kein Ziel, sondern ein Mittel oder gar ein Werkzeug des Magens, — wenn nicht selber eine Art von Magen! — — 38 [11] Der höhere philosophische Mensch, der um sich Einsamkeit hat, nicht weil er allein sein will, sondern weil er Etwas ist, das nicht Seinesgleichen findet: welche Gefahren und neuen Leiden sind ihm gerade heute aufgespart, wo man den Glauben an die Rangordnung verlernt hat und folglich diese Einsamkeit nicht zu ehren und nicht zu verstehen weiß! Ehemals heiligte sich der Weise beinah durch ein solches Beiseite-Gehen für das Gewissen der Menge, — heute sieht sich der Einsiedler wie mit einer Wolke trüber Zweifel und Verdächtigungen umringt. Und nicht etwa nur von Seiten der Neidischen und Erbärmlichen: er muß Verkennung, Vernachlässigung und Oberflächlichkeit noch an jedem Wohlwollen heraus empfinden, das er erfährt, er kennt jene Heimtücke des beschränkten Mitleidens, welches sich selber gut und heilig fühlt, wenn es ihn, etwa durch bequemere Lagen, durch geordnetere, zuverlässigere Gesellschaft vor sich selber zu “retten“ sucht, — ja er wird den unbewußten Zerstörungstrieb zu bewundern haben, mit dem alle Mittelmäßigen des Geistes gegen ihn thätig sind, und zwar im besten Glauben an ihr Recht dazu! Es ist für Menschen dieser unverständlichen Vereinsamung nöthig, sich tüchtig und herzhaft auch in den Mantel der äußeren, der räumlichen Einsamkeit zu wickeln: das gehört zu ihrer Klugheit. Selbst List und Verkleidung werden heute noth thun, damit ein solcher Mensch sich selber erhalte, sich selber oben erhalte, inmitten der niederziehenden gefährlichen Stromschnellen der Zeit. Jeden Versuch, es in der Gegenwart, mit der Gegenwart auszuhalten, jede Annäherung an diese Menschen und Ziele von Heute muß er wie seine eigentliche Sünde abbüßen: und er mag die verborgene Weisheit seiner Natur anstaunen, welche ihn bei allen solchen Versuchen sofort durch Krankheit und schlimme Unfälle wieder zu sich selber zurückrief. 38 [12] Und wißt ihr auch, was mir “die Welt” ist? Soll ich sie euch in meinem Spiegel zeigen? Diese Welt: ein Ungeheuer von Kraft, ohne Anfang, ohne Ende, eine feste, eherne Größe von Kraft, welche nicht größer, nicht kleiner wird, die sich nicht verbraucht sondern nur verwandelt, als Ganzes unveränderlich groß, ein Haushalt ohne Ausgaben und Einbußen, aber ebenso ohne Zuwachs, ohne Einnahmen, vom “Nichts” umschlossen als von seiner Gränze, nichts Verschwimmendes, Verschwendetes, nichts Unendlich-Ausgedehntes, sondern als bestimmte Kraft einem bestimmten Raum eingelegt, und nicht einem Raume, der irgendwo “leer” wäre, vielmehr als Kraft überall, als Spiel von Kräften und Kraftwellen zugleich Eins und “Vieles”, hier sich häufend und zugleich dort sich mindernd, ein Meer in sich selber stürmender und fluthender Kräfte, ewig sich wandelnd, ewig zurücklaufend, mit ungeheuren Jahren der Wiederkehr, mit einer Ebbe und Fluth seiner Gestalten, aus den einfachsten in die vielfältigsten hinaustreibend, aus dem Stillsten, Starrsten, Kältesten hinaus in das Glühendste, Wildeste, Sich-selber-widersprechendste, und dann wieder aus der Fülle heimkehrend zum Einfachen, aus dem Spiel der Widersprüche zurück bis zur Lust des Einklangs, sich selber bejahend noch in dieser Gleichheit seiner Bahnen und Jahre, sich selber segnend als das, was ewig wiederkommen muß, als ein Werden, das kein Sattwerden, keinen Überdruß, keine Müdigkeit kennt —: diese meine dionysische Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens, des Ewig-sich-selber-Zerstörens, diese Geheimniß-Welt der doppelten Wollüste, dieß mein jenseits von Gut und Böse, ohne Ziel, wenn nicht im Glück des Kreises ein Ziel liegt, ohne Willen, wenn nicht ein Ring zu sich selber guten Willen hat, — wollt ihr einen Namen für diese Welt? Eine Lösung für alle ihre Räthsel? ein Licht auch für euch, ihr Verborgensten, Stärksten, Unerschrockensten, Mitternächtlichsten? — Diese Welt ist der Wille zur Macht — und nichts außerdem! Und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht — und nichts außerdem! 38 [13] Als ich jünger war, machte ich mir Sorge darüber, was denn eigentlich ein Philosoph sei: denn ich glaubte an den berühmten Philosophen entgegengesetzte Merkmale wahrzunehmen. Endlich ging mir auf, daß es zwei unterschiedliche Arten von Philosophen giebt, einmal solche, welche irgend einen großen Thatbestand von Werthschätzungen, das heißt ehemaligen Werthsetzungen und Werthschöpfungen (logischen oder moralischen), festzuhalten haben, sodann aber solche, welche selber Gesetzgeber von Werthschätzungen sind. Die ersteren suchen sich der vorhandenen oder vergangenen Welt zu bemächtigen, indem sie dieselbe durch Zeichen zusammenfassen und abkürzen. Diesen Forschern liegt es ob, alles bisher Geschehene und Geschätzte übersichtlich, überdenkbar, faßbar, handlich zu machen, die Vergangenheit zu überwältigen, alles Lange, ja die Zeit selbst abzukürzen, eine große und wundervolle Aufgabe. Die eigentlichen Philosophen aber sind Befehlende und Gesetzgeber, sie sagen: so soll es sein! sie bestimmen erst das Wohin und Wozu des Menschen und verfügen dabei über die Vorarbeit der philosophischen Arbeiter, jener Überwältiger der Vergangenheit. Diese zweite Art von Philosophen geräth selten; und in der That ist ihre Lage und Gefahr ungeheuer. Wie oft haben sie sich absichtlich die Augen zugebunden, um nur den schmalen Saum nicht sehen zu müssen, der sie vom Abgrund und Absturz trennt: zum Beispiel Plato, als er sich überredete, das Gute, wie er es wollte, sei nicht das Gute Platos, sondern das Gute an sich, der ewige Schatz, den nur irgend ein Mensch Namens Plato auf seinem Weg gefunden habe! In viel gröberen Formen waltet dieser selbe Wille zur Blindheit bei den Religions-Stiftern: ihr “du sollst” darf durchaus ihren Ohren nicht klingen wie “ich will”, — nur als dem Befehle eines Gottes wagen sie ihrer Aufgabe nachzukommen, nur als “Eingebung” ist ihre Gesetzgebung der Werthe eine tragbare Bürde, unter der ihr Gewissen nicht zerbricht. — Sobald nun jene zwei Trostmittel, das Platos und das Muhameds, dahin gefallen sind und kein Denker mehr an der Hypothese eines “Gottes” oder “ewiger Werthe” sein Gewissen erleichtern kann, erhebt sich der Anspruch des Gesetzgebers neuer Werthe zu einer neuen und noch nicht erreichten Furchtbarkeit. Nunmehr werden jene Auserkornen, vor denen die Ahnung einer solchen Pflicht aufzudämmern beginnt, den Versuch machen, ob sie ihr wie als ihrer größten Gefahr nicht noch “zur rechten Zeit” durch irgend einen Seitensprung entschlüpfen möchten: zum Beispiel indem sie sich einreden, die Aufgabe sei schon gelöst, oder sie sei unlösbar, oder sie hätten keine Schultern für solche Lasten, oder sie seien schon mit andern näheren Aufgaben überladen, oder selbst diese neue ferne Pflicht sei eine Verführung und Versuchung, eine Abführung von allen Pflichten, eine Krankheit, eine Art Wahnsinn. Manchem mag es in der That gelingen auszuweichen: es geht durch die ganze Geschichte hindurch die Spur solcher Ausweichenden und ihres schlechten Gewissens. Zumeist aber kam solchen Menschen des Verhängnisses jene erlösende Stunde, jene Herbst-Stunde der Reife, wo sie mußten was sie nicht einmal “wollten”: — und die That, vor der sie sich am meisten vorher gefürchtet hatten, fiel ihnen leicht und ungewollt vom Baume, als eine That ohne Willkür, fast als Geschenk. — 38 [14] Was uns von allen Platonischen und Leibnitzischen Denkweisen am Gründlichsten abtrennt, das ist: wir glauben an keine ewigen Begriffe, ewigen Werthe, ewigen Formen, ewigen Seelen; und Philosophie, soweit sie Wissenschaft und nicht Gesetzgebung ist, bedeutet uns nur die weiteste Ausdehnung des Begriffs “Historie”. Von der Etymologie und der Geschichte der Sprache her nehmen wir alle Begriffe als geworden, viele als noch werdend; und zwar so, daß die allgemeinsten Begriffe, als die falschesten, auch die ältesten sein müssen. “Sein”, “Substanz” und “Unbedingtes”, “Gleichheit”, “Ding” —: das Denken erfand sich zuerst und zu ältest diese Schemata, welche thatsächlich der Welt des Werdens am gründlichsten widersprachen, aber ihr von vornherein, bei der Stumpfheit und Einerleiheit des anfänglichen, noch unterthierischen Bewußtseins, zu entsprechen schienen: jede “Erfahrung” schien sie immer von Neuem und sie ganz allein zu unterstreichen. Die Gleichheit und Ähnlichkeit wurde allmälig, mit der Verschärfung der Sinne und der Aufmerksamkeit, mit der Entwickelung und dem Kampfe des vielfältigsten Lebens, immer seltener zugestanden: während für die niedersten Wesen Alles “ewig sich gleich”, “Eins”, “beharrlich", “unbedingt”, “eigenschaftslos” erschien. Allmälig vervielfältigte sich dergestalt die “Außenwelt”; aber ungeheure Zeiträume hindurch galt auf Erden ein Ding als gleich und zusammenfallend mit einem einzigen Merkmale, zum Beispiel mit einer bestimmten Farbe. Die Vielheit der Merkmale an einem einzelnen Ding wurde mit der größten Langsamkeit zugestanden: noch aus der Geschichte der menschlichen Sprache sehen wir ein Widerstreben gegen die Vielheit der Prädikate. Die längste Verwechselung aber ist die daß das Prädikat-Zeichen mit dem Ding selber als gleich gesetzt wird; und die Philosophen, welche gerade die ältesten Instinkte der Menschheit auch die ältesten Ängste und Aberglauben (wie den Seelen-Aberglauben) am besten in sich nachgebildet haben — man kann bei ihnen von einem Atavismus par excellence reden — drückten ihr Siegel auf diese Verwechselung, als sie lehrten, gerade die Zeichen, nämlich die “Ideen” seien das wahrhaft Vorhandene, Unveränderliche und Allgültige. Während thatsächlich das Denken, bei der Wahrnehmung eines Dings, eine Reihe von Zeichen umläuft, welche das Gedächtniß ihm darbietet, und nach Ähnlichkeiten sucht; während der Mensch mit einem ähnlichen Zeichen das Ding als “bekannt” ansetzt, faßt, ergreift: meinte er lange es eben damit zu begreifen. Das Greifen und Fassen, das Aneignen bedeutete ihm bereits ein Erkennen, ein Zu-Ende-kennen; die Worte sogar in der menschlichen Sprache schienen lange — und scheinen dem Volke heute noch — nicht Zeichen sondern Wahrheiten in Betreff der damit bezeichneten Dinge zu sein. Je feiner die Sinne, je strenger die Aufmerksamkeit, je vielfältiger die Aufgaben des Lebens wurden, um so schwerer wurde auch die Erkenntniß eines Dings, einer Thatsache als endgültige Erkenntniß, als “Wahrheit” zugestanden; und zuguterletzt, auf dem Punkte zu welchem uns heute das methodische Mißtrauen gedrängt hat geben wir uns gar nicht mehr das Recht, von Wahrheiten im unbedingten Sinne zu reden, — wir haben dem Glauben an die Erkennbarkeit der Dinge ebensosehr wie dem Glauben an die Erkenntniß abgeschworen. Das “Ding” ist nur eine Fiktion, das “Ding an sich” sogar eine widerspruchsvolle unerlaubte Fiktion: aber auch das Erkennen, das absolute und folglich auch das relative, ist ebenfalls nur eine Fiktion! Damit fällt denn auch die Nöthigung weg, ein Etwas das “erkennt”, ein Subjekt für das Erkennen anzusetzen, irgend eine reine „Intelligenz”, einen „absoluten Geist”: — diese noch von Kant nicht gänzlich aufgegebene Mythologie, welche Plato für Europa in verhängnißvoller Weise vorbereitet hat und die mit dem christlichen Grund-Dogma “Gott ist ein Geist” alle Wissenschaft des Leibes und dadurch auch die Fortentwicklung des Leibes mit dem Tode bedrohte, — diese Mythologie hat nunmehr ihre Zeit gehabt. 38 [15] Ich habe seltsame Dinge in Bezug auf Wirkung von meinen Büchern erlebt. Kürzlich traf der Brief eines alten vornehmen Holländers ein, welcher Menschliches Allzumenschliches als seinen treuesten Lebensgesellen betrachtet; die Geburt der Tragödie hat vielleicht im Leben R\<ichard\> W\<agner\>'s den größten Glücks-Klang hervorgebracht, er war außer sich, und es giebt wunderschöne Dinge in der Götter-Dämmerung, welche er in diesem Zustande einer unerwarteten äußersten Hoffnung hervorgebracht hat. (Damals — — — Ich möchte wissen, ob dies Buch von Jemandem verstanden ist: seine Hintergründe gehören zu meinem persönlichsten Eigenthum. Zarathustra hat die Werthschätzungen von ein paar Jahrtausenden gegen sich; ich glaube absolut nicht daran, daß Jemand heute im Stande ist, seinen Gesammt-Ton klingen zu hören: auch setzt sein Verstehen eine solche philologische und mehr als philologische Arbeit voraus, wie sie heute Niemand daran setzen wird, aus Mangel an Zeit. Ich selber bin mit der Thatsache sehr zufrieden, daß mein Geschmack in musicis und philosophicis, welcher 1865 (wo ich vielleicht der einzige Deutsche war, der Sch\<openhauer\> und W\<agner\> gleich und — — — jetzt zum deutschen Geschmack gehört. Die Auswahl, welche man in Bezug auf meine Bücher macht, giebt mir zu denken. 38 [16] der unbedenkliche Gebrauch von Lückenbüßern und der Geistesaufwand und –Reichthum, um hier einer Schwäche die Attribute der Kraft zu geben: was beinahe dem Wagnerschen Stile den Charakter giebt — 38 [17] Schopenh\<auers\> Perversität der Gesinnung und meine Geburt der Tragödie! 38 [18] “er hätte anders handeln können” — dieser Gesichtspunkt zur Entstehung des Gerechtigkeitsgefühls von Reè falsch angewendet. 38 [19] Der ersten Spur philosophischen Nachdenkens, der ich, bei einem Überblick meines Lebens, habhaft werden kann, begegne ich in einer kleinen Niederschrift aus meinem 13. Lebensjahre dieselbe enthält einen Einfall über den Ursprung des Bösen. Meine Voraussetzung war, daß für einen Gott Etwas denken und Etwas schaffen Eins und Dasselbe sei. Nun schloß ich so: Gott hat sich selbst gedacht, damals als er die zweite Person der Gottheit schuf: um aber sich selber denken zu können mußte er erst seinen Gegensatz denken. Der Teufel hatte also in meiner Vorstellung ein eben solches Alter wie der Sohn Gottes, sogar einen klareren Ursprung — und dieselbe Herkunft. Über die Frage, ob es einem Gott möglich sei seinen Gegensatz zu denken, half ich mir damit hinweg, zu sagen: ihm ist aber Alles möglich Und zweitens: daß er es gethan hat, ist eine Thatsache, falls die Existenz eines Gott-Wesens Thatsache ist, folglich war es ihm auch möglich, — — — 38 [20] Ohne ein leidenschaftliches Vergnügen an den Abenteuern der Erkenntniß wird es Einer schwerlich lange in ihrem gefahrvollen Reiche aushalten; und jedem, der für derlei “Ausschweifungen” zu feige oder zu keusch ist, sei es billigerweise zugestanden, sich auch daraus eine Tugend und ein Lob zurecht zu machen. Für die stärkeren Geister aber gilt jene Forderung, daß man zwar ein Mensch der Leidenschaft, aber auch der Herr seiner Leidenschaften sein müsse, auch hinsichtlich ihrer Leidenschaft zur Erkenntniß. Wie Napoleon, zum Erstaunen Talleyrand's, seinen Zorn zur gewählten Zeit bellen und brüllen ließ und dann wieder, ebenso plötzlich, zum Schweigen brachte, so soll es der starke Geist auch mit seinen wilden Hunden machen: er muß, wie heftig auch immer in ihm der Wille zur Wahrheit ist — es ist sein wildester Hund —, zur gewählten Zeit der leibhafte Wille zur Unwahrheit, der Wille zur Ungewißheit, der Wille zur Unwissenheit, vor Allem zur Narrheit sein können. 38 [21] Die Abnahme der Anmuth. — Zu den Symptomen der allgemeinen Verhäßlichung, wie sie einem Zeitalter gemäß ist, das den Pöbel immer mehr zum Herrn macht, gehört nicht am wenigsten das wachsende Sich-gehen-lassen des Weibes und eine Art “Rückkehr zur Natur” d. h. zum Pöbel: auch an Orten, an denen man früher auf vornehme und strenge Gewohnheiten wie auf sein Vorrecht hielt: z. B. an den Höfen. Man steht verwundert vor dem Mangel an Feinheit selbst im Verkehr mit den liebenswürdigsten Frauen: und wir helfen uns — — — 38 [22] Ein Garten, an dem selbst das Gitterwerk vergoldet ist, hat sich nicht nur gegen Diebe und Strolche zu schützen: seine schlimmsten Gefahren kommen ihm von seinen zudringlichen Bewunderern, die überall Etwas abbrechen und gar zu gern dies und jenes zum Andenken mitnehmen möchten. — Und merkt ihr es denn nicht, ihr Müssiggänger in meinen Gärten, daß ihr euch nicht einmal neben meinen Kräutern und Unkräutern rechtfertigen könnt, daß sie euch ins Gesicht sagen: fort, ihr Eindringlinge, ihr — — — [August – September 1885] [Dokument: Heft] 39 [1] Der Wille zur Macht. Versuch  einer neuen Auslegung alles Geschehens. Von Friedrich Nietzsche. 39 [2] “wolkichter Geist” Wie ein Kind bei fremden Feiertagen: scheu steht es da — nie hörte es noch diese Glocken, nie sah es noch diese Zierden und Feierkleider. Bin ich denn ein Spiegel, der gleich trübe und blind wird, weil ein fremder Athem mich anhaucht, anfaucht? Was willst du den Flaum von solchen Dingen schaben? — Wahrheiten, die kein Lächeln vergüldet hat 39 [3] Zarathustra 5 (die Jugend als Grundton) kriegerisch im höchsten Grade Auf einer alten Festung die Trommeln der Herolde. (Finale) des Nachts wie am Rialto. das Rosenfest. Zarathustra der gottlose Einsiedler, der erste Einsame, der nicht betete. Seid ihr jetzt stark genug für meine Wahrheiten? Wer gehört zu mir? was ist vornehm? „Seid ihr Solche?” (als Refrain) die Rangordnung: und ihr müßt alles in euch haben, um herrschen zu können, aber auch unter euch! Refrain: und wenn ihr nicht sprechen dürft: „wir ehren sie, doch sind wir höherer Art” — so seid ihr nicht von meiner Art. Das Rosenfest. Nachts an der Brücke. Zarathustra glücklich darüber, daß der Kampf der Stände vorüber ist, und jetzt endlich Zeit ist für eine Rangordnung der Individuen. Haß auf das demokratische Nivellirungs-system ist nur im Vordergrund: eigentlich ist er sehr froh, daß dies soweit ist. Nun kann er seine Aufgabe lösen. — Seine Lehren waren bisher nur an die zukünftige Herrscher-Kaste gerichtet. Diese Herren der Erde sollen nun Gott ersetzen, und das tiefe unbedingte Vertrauen der Beherrschten sich schlaffen. Vorerst: ihre neue Heiligkeit, ihre Verzichtleistung auf Glück und Behagen. Sie geben den Niedrigsten die Anwartschaft auf Glück, nicht sich. Sie erlösen die Mißrathenen durch die Lehre vom “Schnellen Tode”, sie bieten Religionen und Systeme an, je nach der Rangordnung. 39 [4] Die Selbst-Bespiegelung des Geistes, das Geknarre des logischen Räderwerks, die Aufdröselung der Instinkte Gesetzt, ihr hättet alles in Formeln aufgelöst: was wäre dann? Sollen wir mit schlechtem Gewissen leben? Ich bewundre die großen Fälschungen und Ausdeutungen: sie heben uns über das Glück des Thiers empor. Die Überschätzung der Wahrhaftigkeit, in Kreisen des Heerdenthiers, hat guten Sinn. Sich nicht betrügen lassen — und folglich nicht betrügen Daß an sich der Wahrhaftige mehr werth sei als der Lügner, ist aus nichts zu erweisen: und vorausgesetzt, daß das Leben auf einem consequenten Getäuschtwerden beruht, so könnte ein consequ\<enter\> Lügner unter Umständen zu den höchsten Ehren kommen. Daß man schädigt, indem man nicht „die Wahrheit sagt”, ist eine Naivetät. Wenn der Werth des Lebens in gut geglaubten Irrthümern liegt, liegt das Schädigende im “Wahrheitsagen”. 39 [5] Das jenseitige Leben weg? — man hat dem Leben die Pointe genommen. 39 [6] Wie die Feige matador ihr Ziel verfolgt, das verderbend, was sie nur als Stütze haben will: so die Vernunft den Philos\<ophen\>. Was bedeutet eine jede Philosophie für das Leben des Menschen? Sei es als Erhöhung des Machtgefühls: Oder als Mittel ein unerträgliches Dasein zu maskiren? Hinter dem Bewußtsein arbeiten die Triebe. 39 [7] Ernährung Eigenthum Fortpflanzung Wollust (als Narkose Arbeit Überwindung von Schwingungen) Der sublime Mensch hat den höchsten Werth, auch wenn er ganz zart und zerbrechlich ist, weil eine Fülle von ganz schweren und seltenen Dingen durch viele Geschlechter gezüchtet und beisammen erhalten worden ist. Urwald-Thiere die Römer. 39 [8] Die Vergöttlichung des Teufels — wie geschah diese himmlische Illusion! — Der Glaube an die Güte Gerechtigkeit und Wahrheit im Grunde der Dinge hat etwas Haarsträubendes. Die Masken des Teufels. 39 [9] Die Auslegung der Natur: wir legen uns hinein. — der furchtbare Charakter. 39 [10] Zarathustra 1. die Ansätze der Differenzirung. Alles “Glück” nur als Kur oder Ausruhen erlaubt. Gegen die “Glücklichen” und “Guten” und die Heerdenthiere. Zarathustra 2. die “Selbst-Überwindung” des Menschen. Grösster aller Kämpfe und längste Züchtung. Als Mittel die “Versucher” heraufbeschwören. Zarathustra 3 vom Ringe der Urwald, alles in furchtbarer Grösse 39 [11] Um nicht Entgegengesetztes vom Wesen der Welt auszusagen, muß man festhalten, daß jeder Augenblick eine nothwendige Gesammt-Verschiebung aller Veränderungen bedeutet; aber als Denkendes Schaffendes muß es freilich vergleichen, folglich auch seinen eigenen inneren Zuständen gegenüber zeitlos sein können. 39 [12] Cap. Ernährung. Zeugung. Anpassung. Zurückgeführt auf Willen zur Macht. Vererbung. Arbeitstheilung. Cap. Die Nebenstellung des Bewußtseins neben dem eigentlich Treiben den und Regierenden. Cap. Die Umkehrung der Zeitordnung: auch im embryonischen Wachsthum (die organische Entwicklung umgekehrt, als sie im Gedächtniß eingelagert ist: zugleich das Älteste als das Stärkste voran). Wie die ältesten Irrthümer gleichsam das Rückgrat abgeben, an dem alles andere sich festhält. Cap. Die Entwicklung des Logischen 39 [13] Die Eigenschaften des organischen Wesens. Die Entwicklung der organischen Wesen. Der Verband des Organischen und des Unorganischen. “Erkenntniß” im Verhältniß zu den Bedingungen des Lebens. Das “Perspektivische”. “Naturgesetze” als Feststellung von Machtverhältnissen. “Ursache und Folge” ein Ausdruck für die Nothwendigkeit und Unerbittlichkeit dieser Machtfestsetzung. Freiheit des Willens und Macht. Schmerz und Lust im Verhältniß zum Willen zur Macht. “Person” “Subjekt” als Täuschung. Ein beherrschtes Gemeinwesen. Am Leitfaden des Leibes. Regieren und gehorchen als Ausdruck des Willens zur Macht im Organischen. Entstehung des Logischen. “Begründung”. Gegen die Selbst-Bespiegelung. Mathem\<atik\>. Die physische Welt wie die seelische beide falsch, aber dauerhafte Irrthümer. Der Künstler und der Wille zur Macht. Der Eindruck von Neutralität ist bezaubernd für Heerdenthiere. Palazzo Pitti und Phidias. Kunst je nach der Moral, für Heerde oder Führer: — — — die Widerlegung Gottes, eigentlich ist nur der moralische Gott widerlegt. Rechte und Pflichten. Die Strafen. Ausgangspunkt. Ironie gegen Descartes: gesetzt es gäbe im Grunde der Dinge etwas Betrügerisches, aus dem wir stammten, was hülfe es, de omnibus dubitare! Es könnte das schönste Mittel sein, sich zu betrügen. Überdies: ist es möglich? “Wille zur Wahrheit” als “ich will nicht betrogen werden” oder “ich will nicht betrügen” oder „ich will mich überzeugen und fest werden”, als Form des Willens zur Macht. “Wille zur Gerechtigkeit” “Wille zur Schönheit” alles Wille zur Macht. “Wille zum Helfen” keine Güte. 39 [14] Zur Vorrede. Das menschliche Begreifen — welches zuletzt nur ein Auslegen nach uns und unseren Bedürfnissen ist — steht im Verhältniß zum Range, den der Mensch in der Ordnung aller Wesen einnimmt. Es möge als Beispiel dienen, wie viel der Finger von dem weiß, was der Klavierspieler mit ihm ausführt. Er wird nichts als mechanische Vorgänge spüren und diese logisch combiniren. Auch unter Menschen üben die Niederen ihre Kräfte, ohne Ahnung, wozu sie im Großen Ganzen dienen. Die gesammte physische Causalität ist hundertfältig ausdeutbar, je nachdem ein Mensch oder andere Wesen sie ausdeuten. — Für gröbere Arten Mensch war die menschliche Art von Güte oder Gerechtigkeit oder Weisheit nachweisbar aus der Natur. Indem feinere geistigere Menschen jetzt diese Nachweisbarkeit ablehnen, thun sie es, weil ihr Begriff von Güte Gerechtigkeit und Weisheit gewachsen ist. Der Atheismus ist die Folge einer Erhöhung des Menschen: im Grunde ist er schamhafter, tiefer und vor der Fülle des Ganzen bescheidener geworden; er hat seine Rangordnung besser begriffen. Je weiter unsere Kenntniß wächst, um so mehr empfindet sich der Mensch in seinem Winkel. Die unverschämtesten und festesten Glaubensartikel, die wir in uns tragen, stammen aus der Zeit der größten Unwissenheit z. B. daß unser Wille Ursache ist usw. Wie naiv tragen wir unsere moralischen Werthschätzungen in die Dinge z. B. wenn wir von Naturgesetzen reden! Es möchte nützlich sein, einmal den Versuch einer völlig verschiedenen Ausdeutungsweise zu machen: damit durch einen erbitterten Widerspruch begriffen werde, wie sehr unbewußt unser moralischer Kanon (Vorzug von Wahrheit, Gesetz, Vernünftigkeit usw.) in unserer ganzen sogenannten Wissenschaft regirt. Populär ausgedrückt: Gott ist widerlegt, aber der Teufel nicht: und alle göttlichen Funktionen gehören mit hinein in sein Wesen: das Umgekehrte gieng nicht! Er täuscht, er schafft täuschende Intellekte Er zerstört mit Vorliebe Er verdirbt, indem er die Besten antreibt zur höchsten Veredelung Im Walde: er läßt seine Unschuld anbeten Zuletzt: warum hassen wir ein solches Wesen? 39 [15] Zur Einleitung. Nicht der Pessimismus (eine Form des Hedonismus) ist die große Gefahr, die Abrechnung über Lust und Unlust, und ob vielleicht das menschliche Leben einen Überschuß von Unlustgefühlen mit sich bringt. Sondern die Sinnlosigkeit alles Geschehens! Die moralische Auslegung ist zugleich mit der religiösen Auslegung hinfällig geworden: das wissen sie freilich nicht, die Oberflächlichen! Instinktiv halten sie, je unfrommer sie sind, mit den Zähnen an den moralischen Werthschätzungen fest. Schopenhauer als Atheist hat einen Fluch gegen den ausgesprochen, der die Welt der moralischen Bedeutsamkeit entkleidet. In England bemüht man sich, Moral und Physik zu verbrüdern, Herr von Hartmann Moral und die Unvernünftigkeit des Daseins. Aber die eigentliche große Angst ist: die Welt hat keinen Sinn mehr In wiefern mit ”Gott” auch die bisherige Moral weggefallen ist: sie hielten sich gegenseitig. Nun bringe ich eine neue Auslegung, eine “unmoralische”, im Verhältniß zu der unsere bisherige Moral als Spezialfall erscheint. Populär geredet: Gott ist widerlegt, der Teufel nicht. — 39 [16] Mit der närrischen und unbescheidenen Frage, ob in der Welt Lust oder Unlust überwiegt, steht man inmitten der philosophischen Dilettanterei: dergleichen sollte man sehnsüchtigen Dichtern und Weiberchen überlassen. Auf einem nahen Sterne könnte schon so viel Glück und Lustbarkeit sein, daß damit “der Menschheit ganzer Jammer” zehn Mal aufgewogen würde: was wissen wir davon! Und andererseits wollen wir doch ja nur die Erben des christlichen Tiefsinns und Feinsinns sein, daß wir nicht an sich das Leiden verurtheilen: wer es nicht mehr moralisch, zum “Heil der Seele” zu nützen weiß, der sollte es mindestens aesthetisch gelten lassen — sei es als Künstler oder Betrachter der Dinge. Die Welt, das Leiden weggedacht, ist unaesthetisch in jedem Sinne: und vielleicht ist Lust nur eine Form und rhythmische Art desselben! Ich wollte sagen: vielleicht ist Leiden etwas vom Wesentlichen alles Daseins. 39 [17] Man darf hoffen daß der Mensch sich so hoch erhebt, daß ihm die bisherigen höchsten Dinge, z. B. der bisherige Gottesglaube, kindlich-kindisch und rührend erscheinen, ja daß er noch einmal es macht, wie er es mit allen Mythen gemacht hat, nämlich \<sie in\> Kindergeschichten und Märchen verwandelt. 39 [18] NB. Die Glaubwürdigkeit des Leibes ist erst die Basis, nach der der Werth alles Denkens abgeschätzt werden kann. Gesetzt, wir hätten lauter Dinge erdacht, die es nicht giebt (wie z. B. Teichmüller annimmt!) usw. Der Leib erweist sich immer weniger als Schein! Wer hat bis jetzt Gründe gehabt, den Leib als Schein zu denken? Der vollendete Brahman-Verehrer. 39 [19] Weib. Und wo einmal ein Weib zum Bewußtsein über irgend eine Begabung kommt: wie viel lächerliche Selbstbewunderung, wie viel “Gans” ist jedes Mal zugleich damit entfesselt! 39 [20] Jude — ich hebe mit Auszeichnung Siegfried Lipiner hervor, einen polnischen Juden, der die mannichfaltigen Formen der europäischen Lyrik auf das Zierlichste nachzubilden versteht, — ”beinahe ächt”, wie ein Goldschmied sagen würde — 39 [21] Hellwald, Naturgeschichte des Menschen. Hermann Müller         über Pflanzen. Burmeister 39 [22] Zarathustra 4. sagt zu den Seinen: gebt Acht, wer gegen Leiden, Schein, Narrheit redet — der gehört zum Volk, auch als Philosoph. Wie man am besten zur Masse redet? Ich weiß es nicht, es gehört nicht zu meiner Aufgabe. Es scheint mir, daß man ihr das Leben sehr erschweren muß durch die Forderungen strenger Tugenden: sonst werden sie faul und genüßlich, auch im Denken. Für die niederen Menschen gelten die umgekehrten Werthschätzungen: es kommt darauf an, in sie die Tugenden zu pflanzen. Die absoluten Befehle, furchtbare Zwingmeister, sie dem leichten Leben entreißen die Bedeutung der Religionen Zarathustra als Verführer der Jugend, die Rache der Väter, er heißt sie warten. Zarathustra auf den Wällen der Festung gehend: — er hört den absoluten Pessimismus predigen. Die Stadt wird umringt. Er schweigt. [August – September 1885] [Dokument: Heft] 40 [1] Müde, Leidende, Geängstigte meinen Frieden, meinen Unbewegtheit, Ruhe, etwas dem tiefen Schlafe Ähnliches, wenn sie an das höchste Glück denken. Davon ist viel in die Philosophie gekommen. Ebenso hat die Angst vor dem Ungewissen, Vieldeutigen, Verwandlungsfähigen seinen Gegensatz, das Einfache, Sich-Gleich-bleibende, Berechenbare, Gewisse zu Ehren gebracht. — Eine andere Art Wesen würde die umgekehrten Zustände zu Ehren bringen. Aber als ich vor zehn Jahren — — — 40 [2] Der Wille zur Macht. Versuch einer neuen Auslegung alles Geschehens. (Vorrede über die drohende “Sinnlosigkeit”. Problem des Pessimismus.) Logik. Physik. Moral. Kunst. Politik. 40 [3] Für wen diese Auslegung wichtig ist. Neue “Philosophen”. Es mag hier und dort einen Solchen geben, der in ähnlicher Weise seine Unabhängigkeit liebt, — aber wir drängen uns nicht zu einander, wir “sehnen” uns nicht nach einander. 40 [4] Wir sind die Erben der unvollkommenen schlechten Art, der längsten Art zu beobachten und zu schließen. Unsere gründlichsten und einverleibtesten Begriffe werden wohl am falschesten sein: soweit mit ihnen nämlich sich leben ließ! Aber man kann umgekehrt fragen: würde Leben überhaupt möglich sein mit einer feineren Beobachtung und strengerem vorsichtigerem Schlußverfahren? Auch heute noch ist der praktische Theil unseres Lebens im gröbsten Sinne versuchsweise, auf gut Glück hin: man sehe nur zu, was die meisten Menschen von der Ernährung wissen! Daß die Zweckmäßigkeit der Mittel in der gesammten Geschichte der Organismen zugenommen habe (wie Spencer meint) ist ein englisch-oberflächliches Urtheil; im Verhältniß zur Complicirtheit unsrer Zwecke ist die Dummheit der Mittel wahrscheinlich sich gleich geblieben. 40 [5] Die Zunahme der Verstellung in der Rangordnung der Wesen (in der anorganischen Macht gegen Macht ganz roh, in der organischen Welt List usw.) die höchsten Menschen wie Caesar Napoleon (Stendhals Wort über ihn) ebenso die höheren Rassen (Italiäner usw.) Sollte man es nicht für möglich halten, daß die tausendfältigste Verschlagenheit mit in das Wesen höherer Geschöpfe gehöre? Natürlich würde der Sinn der Wahrheit (zu sehen, was ist) auch zunehmen müssen, als Mittel, um scheinen zu können. Der Schauspieler. Dionysos. 40 [6] Wie arm sind die Philosophen bisher, wo ihnen nicht die Sprache, mindestens die Grammatik, im Ganzen das, was „Volk” in ihnen ist, soufflirt! In den Worten stecken Wahrheiten, mindestens Ahnungen der Wahrheit: das glauben sie alle steif und fest: daher die Zähigkeit, mit der sie sich an “Subjekt” “Leib” “Seele” “Geist” klammern. Welches Unheil liegt allein in jenem mumisirten Irrthum, den das Wort „Abstraktion” birgt! Als ob durch Weglassen und nicht vielmehr durch Unterstreichen, Hervorheben, Verstärken das entstünde, was man damit bezeichnet! So wie jedes Bild, jede Gestalt in uns entsteht und möglich wird, durch Vergröberung! 40 [7] Wie der Entstehung der Arithmetik eine lange Übung und Vorschulung im Gleichsehen, Gleichnehmen-wollen, im Ansetzen identischer Fälle und im “Zählen” vorausgegangen sein muß, So insgleichen auch dem logischen Schließen. Das Urtheil ist ursprünglich noch mehr als der Glaube “das und das ist wahr”, sondern “gerade so und so will ich, daß es wahr ist!” Der Trieb der Assimilation, jene organische Grundfunktion, auf der alles Wachsthum beruht, paßt sich, was es aus der Nähe sich aneignet, auch innerlich an: der Wille zur Macht fungirt in diesem Einbegreifen des Neuen unter den Formen des Alten, Schon-Erlebten, im Gedächtniß noch-Lebendigen: und wir heißen es dann — “Begreifen”! 40 [8] Der Begriff “Individuum” “Person” enthält eine große Erleichterung für das naturalistische Denken: welches vor Allem sich beim Ein-mal-eins wohl fühlt. Thatsächlich stecken dort Vorurtheile: wir haben leider keine Worte, um das wirklich Vorhandene, nämlich die Intensitäts-grade auf dem Wege zum Individuum, zur “Person” zu bezeichnen. Zwei wird aus Eins, Eins aus Zwei: das sieht man mit Augen bei der Zeugung und Vermehrung der niedrigsten Organismen; der Mathematik wird beständig im wirklichen Geschehen widersprochen, wider lebt, wenn der Ausdruck erlaubt ist. Ich habe einmal den Ausdruck “viele sterbliche Seelen” gebraucht: ebenso wie jeder das Zeug zu vielen personae hat. 40 [9] Es giebt schematische Köpfe, solche, welche einen Gedankencomplex dann für wahr er halten, wenn er sich in vorher entworfene Schemata oder Kategorien-Tafeln einzeichnen läßt. Der Selbst-Täuschungen auf diesem Gebiete giebt es unzählige: fast alle großen “Systeme” gehören hierhin. Das Grundvorurtheil ist aber: daß die Ordnung, Übersichtlichkeit, das Systematische dem wahren Sein der Dinge anhaften müsse, umgekehrt die Unordnung, das Chaotische, Unberechenbare nur in einer falschen oder unvollständig erkannten Welt zum Vorscheine komme — kurz ein Irrthum sei —: — was ein moralisches Vorurtheil ist, entnommen aus der Thatsache, daß der wahrhaftige zutrauenswürdige Mensch ein Mann der Ordnung, der Maximen, und im Ganzen etwas Berechenbares und Pedantisches zu sein pflegt. Nun ist es aber ganz unbeweisbar, daß das Ansich der Dinge nach diesem Recepte eines Muster-Beamten sich verhält. 40 [10] — Descartes ist mir nicht radikal genug. Bei seinem Verlangen, Sicheres zu haben und “ich will nicht betrogen werden” thut es Noth \<zu\> fragen “warum nicht?” Kurz, moralische Vorurtheile (oder Nützlichkeits-Gründe) zu Gunsten der Gewißheit gegen Schein und Ungewißheit. Darauf sehe ich die Philosophen an, von der Vedanta-Philosophie bis jetzt: warum dieser Haß auf das Unwahre, Böse, Schmerzhafte usw.? — Zur Vorrede. Erst die moral\<ischen\> Werthschätzungen erledigt! — Zum “kategorischen Imperativ” gehört ein Imperator! 40 [11] — Die Kinder der Unschuld, welche an “Subjekt” Prädikat und Objekt glauben, die Grammatik-Gläubigen, welche noch von unserem Apfel der Erkenntniß nicht gehört haben! 40 [12] Teichmüller p. 25 “ist es ein Schluß, wenn wir die sogenannten Dinge für seiend erklären, so müssen wir also schon vorher wissen, welche Natur (terminus medius) das Seiende (terminus major) habe, um diesen Begriff den Dingen zusprechen oder absprechen zu können” Dagegen sage ich: “zu wissen meinen”. “Logische Gesetze” bei Spir I p. 76 definirt als “allgemeine Principien von Affirmationen über Gegenstände d. h. eine innere Nothwendigkeit, etwas von Gegenständen zu glauben”. Meine Grundvorstellungen: “das Unbedingte” ist eine regulative Fiction, der keine Existenz zugeschrieben werden darf, die Existenz gehört nicht zu den nothwendigen Eigenschaften des Unbedingten. Ebenso “das Sein”, die “Substanz” — alles Dinge, die nicht aus der Erfahrung geschöpft sein sollten, aber thatsächlich durch eine irrthümliche Auslegung der Erfahrung aus ihr gewonnen sind. Die bisherigen Auslegungen hatten alle einen gewissen Sinn für das Leben – erhaltend, erträglich machend, oder entfremdend, verfeinernd, auch wohl das Kranke separirend und zum Absterben bringend Schlußcapitel meine neue Auslegung giebt den zukünftigen Philosophen als Herrn der Erde die nöthige Unbefangenheit. 1. Nicht sowohl “widerlegt”, als unverträglich mit dem, was wir jetzt vornehmlich für “wahr” halten und glauben: insofern ist die religiöse und moralische Auslegung uns unmöglich. 40 [13] Die Logik ist geknüpft an die Bedingung: gesetzt, es giebt identische Fälle. Thatsächlich, damit logisch gedacht und geschlossen werde, muß diese Bedingung erst als erfüllt fingirt werden. Das heißt: der Wille zur logischen Wahrheit kann erst sich vollziehen, nachdem eine grundsätzliche Fälschung alles Geschehens vorgenommen ist. Woraus sich ergiebt, daß hier ein Trieb waltet, der beider Mittel fähig ist, zuerst der Fälschung und dann der Durchführung Eines Gesichtspunktes: die Logik stammt nicht aus dem Willen zur Wahrheit. 40 [14] Man könnte sagen, die Complicirtheit der Wege (z. B. einer Pflanze, um zur Befruchtung zu kommen) sei ein Argument gegen die Absichtlichkeit: denn hier werde ein raffinirter Geist gedacht, der zu große Umwege wähle, in Hinsicht auf den Weg klug, auf die Wahl gerade dieses Weges dumm — also eine widerspruchsvolle Art Geist. Aber gegen diese Auffassung würde ich auf unsre menschliche Erfahrung verweisen: wir müssen dies Zufällige und Störende ausnützen und mit in jeden unsrer Entwürfe aufnehmen, so daß Alles, was wir durchführen, den ganz gleichen Charakter trägt, eines Geistes, der seinen Plan trotz vieler Hemmnisse durchführt, also mit vielen krummen Linien. Denken wir uns den Fall ins Ungeheure übersetzt: so wäre die scheinbare Dummheit des Weltenganges, der Charakter von Verschwendung, von nutzlosen Opfern vielleicht nur eine Betrachtung aus der Ecke, eine perspektivische Betrachtung für kleine Wesen, wie wir sind. In Anbetracht daß wir die Zwecke nicht kennen, ist es kindlich, die Mittel nach Seite ihrer Vernünftigkeit zu kritisiren. Gewiß ist es, daß sie nicht gerade “human” sind. 40 [15] Das Urtheil, das ist der Glaube: “dies und dies ist so”. Also steckt im Urtheil das Geständniß, einem identischen Fall begegnet zu sein: es setzt also Vergleichung voraus, mit Hülfe des Gedächtnisses. Das Urtheil schafft es nicht, daß ein identischer Fall da zu sein scheint. Vielmehr es glaubt einen solchen wahrzunehmen; es arbeitet unter der Voraussetzung, daß es überhaupt identische Fälle giebt. Wie heißt nun jene Funktion, die viel älter, früher arbeitend sein muß, welche an sich ungleiche Fälle ausgleicht und anähnlicht? Wie heißt jene zweite, welche, auf Grund dieser ersten usw. “Was gleiche Empfindungen erregt, ist gleich”: wie aber heißt das, was Empfindungen gleich macht, als gleich “nimmt”? — Es könnte gar keine Urtheile geben, wenn nicht erst innerhalb der Empfindungen eine Art Ausgleichung geübt wäre: Gedächtniß ist nur möglich mit einem beständigen Unterstreichen des schon Gewohnten, Erlebten — — Bevor geurtheilt wird, muß der Prozeß der Assimilation schon gethan sein: also liegt auch hier eine intellektuelle Thätigkeit \<vor\>, die nicht in's Bewußtsein fällt, wie beim Schmerz infolge einer Verwundung. Wahrscheinlich entspricht allen organischen Funktionen ein inneres Geschehen, also ein Assimiliren, Ausscheiden, Wachsen usw. Wesentlich, vom Leibe ausgehen und ihn als Leitfaden zu benutzen. Er ist das viel reichere Phänomen, welches deutlichere Beobachtung zuläßt. Der Glaube an den Leib ist besser festgestellt als der Glaube an den Geist. “Eine Sache mag noch so stark geglaubt werden: darin liegt kein Kriterium der Wahrheit.” Aber was ist Wahrheit? Vielleicht eine Art Glaube, welche zur Lebensbedingung geworden ist? Dann freilich wäre die Stärke ein Kriterium. Z. B. in Betreff der Causalität. 40 [16] Was thut denn im Grunde die ganze neuere Philosophie? sie macht, versteckt oder offen, ein Attentat auf den alten Seelenbegriff — das heißt auf die Grundlage des Christenthums, auf das “Ich”: sie ist antichristlich im feinsten Sinne. Ehemals glaubte man unbedingt an die Grammatik: man sagte: “Ich” ist Bedingung, “denke” ist Prädikat. Man versuchte, mit einer bewunderungswürdigen Zähigkeit, ob man nicht aus diesem Netze heraus könne — ob nicht vielleicht das Umgekehrte wahr sei: “Denken” Bedingung — und “ich” bedingt, als eine Synthese, welche das Denken vornimmt. Kant wollte im Grunde beweisen, daß vom Subjekt aus das Subjekt nicht bewiesen werden könne, das Objekt auch nicht. Die Möglichkeit einer Schein-existenz des “Subjekts” dämmert: ein Gedanke, welcher, wie in der Vedanta-Philosophie, schon einmal auf Erden dagewesen ist. Will man einen neuen wenngleich sehr vorläufigen Ausdruck dafür, so lese man \<die Geburt der Tragödie\> 40 [17] Die Vergröberung als Grundmittel, um Wiederkehr, identische Fälle erscheinen zu lassen; bevor also “gedacht” wurde, muß schon gedichtet worden sein, der formende Sinn ist ursprünglicher als der “denkende”. 40 [18] Zur Moral. Wir benehmen uns der Rangordnung gemäß, zu der wir gehören: ob wir es schon nicht wissen, noch weniger Andern demonstriren können. Ein Imperativ “benimm dich der Rangordnung gemäß, zu der du gehörst” ist unsinnig: weil wir 1) uns 2) jene Ordnung kennen müßten, was Beides nicht der Fall ist — und 3) weil es überflüssig ist, etwas zu befehlen, das ohnedies geschieht. Rangordnung: nicht nur zu unseren Nächsten, sondern, unter Umständen, zur Nachwelt, ebenso zu den Bewohnern anderer Sterne; denn wir wissen nicht, ob jemand da ist, der uns mit ihnen vergleicht. — Alles Imperativische in der Moral wendet sich an die Vielheit der Masken, die wir in uns tragen, und will, daß wir dies hervorkehren und jenes nicht, also unsern Anschein verändern. “Besserung” ist: etwas sichtbar werden lassen von dem, was den guten Menschen gefällt — nicht mehr! 40 [19] Und was Nachkommenschaft betrifft: so muß man sich klüglich und zur Zeit entscheiden: aut libri aut liberi. 40 [20] Abgesehn von den Gouvernanten, welche auch heute noch an die Grammatik als veritas aeterna und folglich als Subjekt Prädikat und Objekt glauben, ist Niemand heute mehr so unschuldig, noch in der Art des Descartes das Subjekt “ich” als Bedingung von “denke” zu setzen; vielmehr ist durch die skeptische Bewegung der neueren Philosophie die Umkehrung, nämlich das Denken als Ursache und Bedingung sowohl von “Subjekt” wie von “Objekt”, wie von “Substanz” wie von “Materie” anzunehmen — uns glaubwürdiger geworden: was vielleicht nur die umgekehrte Art des Irrthums ist. So viel ist gewiß: — wir haben die “Seele” fahren lassen und folglich auch die “Weltseele”, die “Dinge an sich” so gut wie einen Welt-Anfang, eine “erste Ursache”. Das Denken ist uns kein Mittel zu “erkennen“, sondern das Geschehen zu bezeichnen, zu ordnen, für unsern Gebrauch handlich zu machen: so denken wir heute über das Denken: morgen vielleicht anders. Wir begreifen nicht recht mehr, wie “Begreifen” nöthig sein sollte, noch weniger, wie es entstanden sein sollte: und ob wir \<schon\> fortwährend in die Noth kommen, mit der Sprache und den Gewohnheiten des Volks-Verstandes uns behelfen zu müssen, so spricht der Anschein des beständigen Sich-widersprechens noch nicht gegen die Berechtigung unsres Zweifels. Auch in Betreff der “unmittelbaren Gewißheit” sind wir nicht mehr so leicht zu befriedigen: wir finden “Realität” und “Schein” noch nicht im Gegensatz, wir würden vielmehr von Graden des Seins — und vielleicht noch lieber von Graden des Scheins — reden und jene “unmittelbare Gewißheit” z. B. darüber, daß wir denken und daß folglich Denken Realität hat, immer noch mit dem Zweifel durchsäuern, welchen Grad dieses Sein hat; ob wir vielleicht als “Gedanken Gottes” zwar wirklich, aber flüchtig und scheinbar wie Regenbogen sind. Gesetzt, es gäbe im Wesen der Dinge etwas Täuschendes Närrisches und Betrügerisches, so würde der allerbeste Wille de omnibus dubitare, nach Art des Cartesius, uns nicht vor den Fallstricken dieses Wesens hüten; und gerade jenes Cartesische Mittel könnte ein Hauptkunstgriff sein, uns gründlich zu foppen und für Narren zu halten. Schon insofern wir doch, nach der Meinung des Cartesius, wirklich Realität hätten, müßten wir ja als Realität an jenem betrügerischen täuschenden Grunde der Dinge und seinem Grund-Willen irgendwie Antheil haben: — genug, “ich will nicht betrogen werden” könnte das Mittel eines tieferen feineren gründlicheren Willens sein, der gerade das Umgekehrte wollte; nämlich sich selber betrügen. In summa: es ist zu bezweifeln, daß „das Subjekt” sich selber beweisen kann — dazu müßte es eben außerhalb einen festen Punkt haben und der fehlt! 40 [21] Ausgangspunkt vom Leibe und der Physiologie: warum? — Wir gewinnen die richtige Vorstellung von der Art unsrer Subjekt-Einheit, nämlich als Regenten an der Spitze eines Gemeinwesens, nicht als “Seelen” oder “Lebenskräfte”, insgleichen von der Abhängigkeit dieser Regenten von den Regierten und den Bedingungen der Rangordnung und Arbeitstheilung als Ermöglichung zugleich der Einzelnen und des Ganzen. Ebenso wie fortwährend die lebendigen Einheiten entstehen und sterben und wie zum “Subjekt” nicht Ewigkeit gehört; eben daß der Kampf auch in Gehorchen und Befehlen sich ausdrückt und ein fließendes Machtgrenzen-bestimmen zum Leben gehört. Die gewisse Unwissenheit, in der der Regent gehalten wird über die einzelnen Verrichtungen und selbst Störungen des Gemeinwesens, gehört mit zu den Bedingungen, unter denen regirt werden kann. Kurz, wir gewinnen eine Schätzung auch für das Nichtwissen, das Im-Großen-und-Groben-Sehen, das Vereinfachen und Fälschen, das Perspectivische. Das Wichtigste ist aber: daß wir den Beherrscher und seine Unterthanen als gleicher Art verstehn, alle fühlend, wollend, denkend — und daß wir überall, wo wir Bewegung im Leibe sehen oder errathen, wie auf ein zugehöriges subjektives unsichtbares Leben hinzuschließen lernen. Bewegung ist eine Symbolik für das Auge; sie deutet hin, daß etwas gefühlt, gewollt, gedacht worden ist. — Das direkte Befragen des Subjekts über das Subjekt, und alle Selbst-Bespiegelung des Geistes hat darin seine Gefahren, daß es für seine Thätigkeit nützlich und wichtig sein könnte, sich falsch zu interpretiren. Deshalb fragen wir den Leib und lehnen das Zeugniß der verschärften Sinne ab: wenn man will, wir sehen zu, ob nicht die Untergebenen selber mit uns in Verkehr treten können. 40 [22] NB. “Es wird gedacht: folglich giebt es Denkendes” — darauf läuft die Argumentation des Cartesius hinaus — aber die Realität eines Gedankens ist es nicht, die Cartesius wollte. Er wollte über “Einbildung” hinweg zu einer Substanz, welche denkt und sich einbildet. 40 [23] Seien wir vorsichtiger als Cartesius, welcher in dem Fallstrick der Worte hängen blieb. Cogito ist freilich nur Ein Wort: aber es bedeutet etwas Vielfaches: manches ist vielfach und wir greifen derb darauf los, im guten Glauben, daß es Eins sei. In jenem berühmten cogito steckt 1) es denkt 2) und ich glaube, daß ich es bin, der da denkt, 3) aber auch angenommen, daß dieser zweite Punkt in der Schwebe bliebe, als Sache des Glaubens, so enthält auch jenes erste “es denkt” noch einen Glauben: nämlich, daß “denken” eine Thätigkeit sei, zu der ein Subjekt, zum mindesten ein “es” gedacht werden müsse — und weiter bedeutet das ergo sum nichts! Aber das ist der Glaube an die Grammatik, da werden schon “Dinge” und deren “Thätigkeiten” gesetzt, und wir sind fern von der unmittelbaren Gewißheit. Lassen wir also auch jenes problematische “es” weg und sagen wir cogitatur als Thatbestand ohne eingemischte Glaubensartikel: so täuschen wir uns noch einmal, denn auch die passivische Form enthält Glaubenssätze und nicht nur “Thatbestände”: in summa, gerade der Thatbestand läßt sich nicht nackt hinstellen, das “Glauben” und “Meinen” steckt in cogito des cogitat und cogitatur: wer verbürgt uns, daß wir mit ergo nicht etwas von diesem Glauben und Meinen herausziehn und daß übrig bleibt: es wird etwas geglaubt, folglich wird etwas geglaubt — eine falsche Schlußform! Zuletzt müßte man immer schon wissen, was “sein” ist, um ein sum aus dem cogito herauszuziehn, man müßte ebenso schon wissen, was wissen ist: man geht vom Glauben an die Logik — an das ergo vor Allem! — aus, und nicht nur von der Hinstellung eines factums! — Ist “Gewißheit” möglich im Wissen? ist unmittelbare Gewißheit nicht vielleicht eine contradictio in adjecto? Was ist Erkennen im Verhältniß zum Sein? Für den, welcher auf alle diese Fragen schon fertige Glaubenssätze mitbringt, hat aber die Cartesianische Vorsicht gar keinen Sinn mehr: sie kommt viel zu spät. Vor der Frage nach dem „Sein” müßte die Frage vom Werth der Logik entschieden sein. 40 [24] Man soll die Naivetät des C\<artesius\> nicht verschönern und zurechtrücken, wie es z. B. Spir thut. “Das Bewußtsein ist sich selber unmittelbar gewiß: das Dasein des Denkens kann nicht geleugnet, noch bezweifelt werden, denn diese Leugnung oder dieser Zweifel sind eben selbst Zustände des Denkens oder des Bewußtseins, ihr eigenes Vorhandensein beweist also das, was sie in Abrede stellen, es benimmt ihnen folglich jede Bedeutung.” Spir 1, 26. “Es wird gedacht”, ergo giebt es etwas, nämlich “Denken”. War das der Sinn des Cartesius? Teichmüller p. 5 und 40 stehen Stellen. “Etwas, das sich selber unmittelbar gewiß ist” ist Unsinn. Gesetzt z. B., Gott dächte durch uns, und unsere Gedanken, sofern wir uns als Ursache fühlten, wären ein Schein, so wäre das Dasein der Gedanken nicht geleugnet oder bezweifelt, wohl aber das ergo sum. Sonst hätte er sagen müssen: ergo est. — Es giebt keine unmittelbaren Gewißheiten: cogito, ergo sum setzt voraus, daß man weiß, was “denken” ist und zweitens was “sein“ ist: es wäre also, wenn das est (sum) wahr wäre, eine Gewißheit auf Grund zweier richtiger Urtheile, hinzugerechnet die Gewißheit, daß man ein Recht überhaupt zum Schlusse, zum ergo hat — also jedenfalls keine unmittelbare G\<ewißheit\>. Nämlich: in cogito steckt nicht nur irgend ein Vorgang, welcher einfach anerkannt wird — dies ist Unsinn! —, sondern ein Urtheil, daß es der und der Vorgang ist, und wer z. B. nicht zwischen denken fühlen und wollen zu unterscheiden wüßte, könnte den Vorgang gar nicht constatiren. Und in sum oder est steckt immer noch eine solche begriffliche Ungenauigkeit, daß noch nicht einmal damit fit oder “es wird” abgelehnt ist. „Es geschieht da etwas”, könnte an Stelle von “da giebt es etwas, da existirt etwas, da ist etwas” gesetzt werden. 40 [25] Der Glaube an die unmittelbare Gewißheit des Denkens ist ein Glaube mehr, und keine Gewißheit! Wir Neueren sind Alle Gegner des Descartes und wehren uns gegen seine dogmatische Leichtfertigkeit im Zweifel. „Es muß besser gezweifelt werden als Descartes!” Wir finden das Umgekehrte, die Gegenbewegung gegen die absolute Autorität der Göttin “Vernunft” überall, wo es tiefere Menschen giebt. Fanatische Logiker brachten es zu Wege, daß die Welt eine Täuschung ist; und daß nur im Denken der Weg zum “Sein”, zum “Unbedingten” gegeben sei. Dagegen habe ich Vergnügen an der Welt, wenn sie Täuschung sein sollte; und über den Verstand der Verständigsten hat man sich immer unter vollständigeren M\<enschen\> lustig gemacht. 40 [26] Scheinbar entgegengesetzt die 2 Züge, welche die modernen Europäer kennzeichnen: das Invidualistische und die Forderung gleicher Rechte: das verstehe ich endlich. Nämlich, das Individuum ist eine äußerst verwundbare Eitelkeit: — diese fordert, bei ihrem Bewußtsein, wie schnell sie leidet, daß jeder Andere ihm gleichgestellt gilt, daß er nur inter pares ist. Damit ist eine gesellschaftliche Rasse charakterisirt, in welcher thatsächlich die Begabungen und Kräfte nicht erheblich auseinandergehn. Der Stolz, welcher Einsamkeit und wenige Schätzer will, ist ganz außer Verständniß; die ganz “großen” Erfolge giebt es nur durch Massen, ja man begreift es kaum noch, daß ein Massen-Erfolg immer eigentlich ein kleiner Erfolg ist: weil pulchrum est paucorum hominum. — Alle Moralen wissen nichts von ”Rangordnung” der Menschen; die Rechtslehrer nichts vom Gemeinde-Gewissen. Das Individual-Princip lehnt die ganz großen Menschen ab und verlangt, unter ungefähr Gleichen, das feinste Auge und die schnellste Herauserkennung eines Talentes; und weil jeder etwas von Talenten hat, in solchen späten und civilisirten Culturen, also erwarten kann, sein Theil Ehre zurückzubekommen, deshalb findet heute ein Herausstreichen der kleinen Verdienste statt wie niemals noch: — es giebt dem Zeitalter einen Anstrich von grenzenloser Billigkeit. Seine Unbilligkeit besteht in einer Wuth ohne Grenzen nicht gegen die Tyrannen und Volksschmeichler, auch in den Künsten, sondern gegen die vornehmen M\<enschen\> welche das Los der Vielen verachten. Die Forderung gleicher Rechte (z. B. über Alles und jeden zu Gericht sitzen zu dürfen) ist anti-aristokratisch. Ebenso fremd ist ihm das verschwundene Individuum, das Untertauchen in einen großen Typus, das Nicht-Person-sein-wollen: worin die Auszeichnung und der Eifer vieler hohen Menschen früher bestand (die größten Dichter darunter); oder “Stadt-sein” wie in Griechenland; Jesuitismus, preußisches Offizier-Corps und Beamtenthum; oder Schüler sein und Fortsetzer großer Meister: wozu ungesellschaftliche Zustände und der Mangel der kleinen Eitelkeit nöthig ist 40 [27] So wie Mathematik und Mechanik lange Zeiten als Wissenschaften mit absoluter Gültigkeit betrachtet wurden und erst jetzt sich der Verdacht zu entschleiern wagt, daß sie nichts mehr und nichts weniger sind als angewandte Logik auf die bestimmte und beweisliche Annahme hin, daß es “identische Fälle” giebt — Logik selber aber eine consequente Zeichenschrift auf Grund der durchgeführten Voraussetzung (daß es identische Fälle giebt) —: so galt ehemals auch das Wort schon als Erkenntniß eines Dings, und noch jetzt sind die grammatischen Funktionen die bestgeglaubten Dinge, vor denen man sich nicht genug hüten kann. Es ist möglich, daß dieselbe Art Mensch, die später Vedanta-Philosophien ausdachte, Jahrtausende früher vielleicht auf der Grundlage unvollkom\<mener\> Sprachen sich eine philosophische Sprache ausdachte, nicht, wie sie meinten, als Zeichenschrift, sondern als Erkenntniß der Welt selber: aber welches „das ist” bisher auch aufgestellt wurde, eine spätere und feinere Zeit hat immer wieder daran aufgedeckt, daß es nicht mehr ist als “das bedeutet”. Noch jetzt ist die eigentliche Kritik der Begriffe oder (wie ich es einst bezeichnete) eine wirkliche “Entstehungsgeschichte des Denkens” von den meisten Philos\<ophen\> nicht einmal geahnt. Man sollte die Werthschätzungen aufdecken und neu abschätzen, welche um die Logik herum liegen: z. B. “das Gewisse ist mehr werth als das Ungewisse” “das Denken ist unsre höchste Funktion”; ebenso den Optimismus im Logischen, das Siegesbewußtsein in jedem Schlusse, das Imperativische im Urtheil, die Unschuld im Glauben an die Begreifbarkeit im Begriff. 40 [28] Es muß gedacht worden sein, lange bevor es Augen gab: die “Linien und Gestalten” sind also nicht anfänglich gegeben, sondern auf Tastgefühle hin ist am längsten gedacht worden: dies aber, nicht unterstützt durch das Auge, lehrt Grade des Druckgefühls, noch nicht Gestalten. Vor der Einübung also, die Welt als bewegte Gestalten zu verstehen, liegt die Zeit, wo sie als veränderliche und verschiedengradige Druck-Empfindung “begriffen” wurde. Daß in Bildern, daß in Tönen gedacht werden kann, ist kein Zweifel: aber auch in Druckgefühlen. Die Vergleichung in Bezug auf Stärke und Richtung und Nacheinander, die Erinnerung usw. 40 [29] In Betreff des Gedächtnisses muß man umlernen: hier steckt die Hauptverführung eine “Seele” anzunehmen, welche zeitlos reproduzirt, wiedererkennt usw. Aber das Erlebte lebt fort “im Gedächtniß”; daß es “kommt”, dafür kann ich nichts, der Wille ist dafür unthätig, wie beim Kommen jedes Gedankens. Es geschieht etwas, dessen ich mir bewußt werde: jetzt kommt etwas Ähnliches — wer ruft es? weckt es? 40 [30] Die große Gefahr steckt in der Annahme, daß es unmittelbares Erkennen gäbe (also “Erkennen” im strengen Sinn überhaupt!) Teichm\<üller\> p. 35 — 40 [31] Das müßte etwas sein, nicht Subjekt, nicht Objekt, nicht Kraft, nicht Stoff, nicht Geist, nicht Seele: — aber man wird mir sagen, etwas dergleichen müsse einem Hirngespinnste zum Verwechseln ähnlich sehn? Das glaube ich selber: und schlimm, wenn es das nicht thäte! Freilich: es muß auch allem Andern, was es giebt und geben könnte, und nicht nur dem Hirngespinnste zum Verwechseln ähnlich sehn! Es muß den großen Familienzug haben, an dem sich Alles mit ihm verwandt wiedererkennt — — 40 [32] Gesetzt, ihr fragt: “Hat denn vor 50 000 Jahren der Baum schon grün ausgesehen?” so würde ich antworten: “vielleicht noch nicht: vielleicht gab es damals erst die zwei Hauptgegensätze der valeurs, dunklere und hellere Massen: — und allmählich haben daraus sich die Farben ausgewickelt. 40 [33] Vor der Logik, welche überall mit Gleichungen arbeitet, muß das Gleichmachen, das Assimiliren gewaltet haben: und es waltet noch fort, und das logische Denken ist ein fortwährendes Mittel selber für die Assimilation, für das Sehen-wollen identischer Fälle. 40 [34] Unser “Gedächtniß”, was es immer sei, mag uns als Gleichniß dienen, etwas Wichtigeres damit zu bezeichnen: in der Entwicklung jedes organischen Wesens zeigt sich ein Wunderding von Gedächtniß für seine gesammte Vorgeschichte, soweit organische Wesen eine Vorgeschichte haben, — und zwar ein nachbildendes Gedächtniß, welches die frühesten und längstens einverleibten Formen eher nachbildet als die letzterlebten: somit zurückgreift und nicht schrittweise, wie man vermuthen sollte, mit einem regressus vom Letzten zum Fernst-Erlebten geht, sondern gerade umgekehrt alles Jüngere und Frischer-Eingedrückte zunächst bei Seite läßt. Hier ist eine erstaunliche Willkür da: — auch die “Seele”, welche in allen philosophischen Verlegenheiten gewöhnlich zu Hülfe gerufen wird, vermag hier nicht zu helfen: zum Mindesten nicht die Individuai-seele, sondern ein Seelen-continuum, welches im ganzen Prozesse einer gewissen organischen Reihe waltet. Wiederum: da nicht Alles nachgebildet wird, sondern nur Grundformen, so müßte in jenem Gedächtniß ein subsumirendes Denken, Simplificiren, Reduziren beständig stattfinden: genug, etwas Analoges dem, was wir von unserem Bewußtsein aus als “Logik” bezeichnen. — Und wie weit mag diese Nachbildung des früher Erlebten gehen? Gewiß auch bis zur Nachbildung von Gefühls- und Gedankengängen. Aber was halten wir von den “angeborenen Ideen”, welche Locke in sie zog? Es ist sicherlich viel mehr wahr als nur dies, daß Ideen angeboren werden, vorausgesetzt, daß man den Akt der Geburt nicht bei dem Wort ”angeboren” unterstreicht 40 [35] Die allgemeine Verlogenheit der Menschen über sich, das moralisch-Ausdeuten dessen, was sie thun und wollen, wäre zu verachten, wenn es nicht auch etwas sehr Lustiges wäre: und es bedürfte wirklich der Zuschauer — so interessant ist das Schauspiel! Nicht von Göttern, wie Epicur sie sich dachte! Sondern homerischer Götter: so fern und nahe den Menschen und ihnen zusehend, wie etwa Galiani seinen Katzen und Affen stand: — also ein wenig verwandt den Menschen, aber höherer Art! 40 [36] Die mathematischen Physiker können die Klümpchen-Atome nicht für ihre Wissenschaft brauchen: folglich construiren sie sich eine Kraft-Punkte-Welt, mit der man rechnen kann. Ganz so, im Groben, haben es die Menschen und alle organischen Geschöpfe gemacht: nämlich so lange die Welt zurecht gelegt, zurecht gedacht, zurecht gedichtet, bis sie dieselbe brauchen konnten, bis man mit ihr “rechnen” konnte. 40 [37] Sollte nicht es genügen, uns als “Kraft” eine Einheit zu denken, in der Wollen Fühlen und Denken noch gemischt und ungeschieden sind? Und die organischen Wesen als Ansätze zur Trennung, so daß die organischen Funktionen sämmtlich noch in jener Einheit beieinander sind, also Selbst-regulirung, Assimilation, Ernährung, Ausscheidung, Stoffwechsel? Zuletzt ist als “real” nichts gegeben als Denken und Empfinden und Triebe: ist es nicht erlaubt zu versuchen, ob dies Gegebene nicht ausreicht, die Welt zu construiren? Ich meine nicht als Schein: sondern als so real wie eben unser Wollen Fühlen Denken ist — aber als primitive Form desselben. Die Frage ist zuletzt: ob wir den Willen wirklich als wirkend anerkennen? Thun wir das, so kann er natürlich nur auf etwas wirken, was seiner Art ist: und nicht auf “Stoffe”. Entweder muß man alle Wirkung als Illusion auffassen (denn wir haben uns die Vorstellung von Ursache und Wirkung nur nach dem Vorbilde unseres Willens als Ursache gebildet!) und dann ist gar nichts begreiflich: oder man muß versuchen, sich alle Wirkungen als gleicher Art, wie Willensakte zu denken, also die Hypothese machen, ob nicht alles mechanische Geschehen, insofern eine Kraft darin ist, eben Willenskraft ist. — Die “sterblichen Seelen” resp. die Unmöglichkeit, das numerische Verhältniß auf diese Dinge zu übertragen. Gegen das Individuum. Das “Zählen” ist nur eine Vereinfachung, wie alle Begriffe. Nämlich: überall wo etwas rein arithmetisch gedacht werden soll, wird die Qualität weggerechnet. Ebenso in allem Logischen, wo die Identität der Fälle die Voraussetzung ist, also der eigentliche spez\<ielle\>  Charakter jedes Vorgangs einmal weggedacht ist (das Neue, nicht aus den Bedingungen des Entstehens Zu-Begreifende — r\<espektive\> Inbegriffene) 40 [38] Es kommt darauf an, die Einheit richtig zu bezeichnen, in der Denken Wollen und Fühlen und alle Affekte zusammengefaßt sind: ersichtlich ist der Intellekt nur ein Werkzeug, aber in wessen Händen? Sicherlich der Affekte: und diese sind eine Vielheit, hinter der es nicht nöthig ist eine Einheit anzusetzen: es genügt sie als eine Regentschaft zu fassen. — Daß die Organe sich überall herausgebildet haben, was die morphologische Entwicklung zeigt, darf als Gleichniß gewiß auch für das Geistige benutzt werden: so daß etwas “Neues” immer nur durch Ausscheidung einer einzelnen Kraft aus einer synthetischen Kraft zu fassen ist. Das Denken selber ist eine solche Handlung, welche auseinanderlegt, was eigentlich Eins ist. überall ist die Scheinbarkeit da, daß es zählbare Vielheiten giebt, auch im Denken schon. Es giebt nichts “Addirtes” in der Wirklichkeit, nichts “Dividirtes”, ein Ding halb und halb ist nicht gleich dem Ganzen. 40 [39] Die Physiker sind jetzt mit allen Metaphysikern darüber einmüthig, daß wir in einer Welt der Täuschung leben: glücklich, daß man nicht mehr nöthig hat, darüber mit einem Gotte abzurechnen, über dessen “Wahrhaftigkeit” man zu seltsamen Gedanken kommen könnte. Das Perspektivische der Welt geht so tief als heute unser “Verständniß” der Welt reicht; und ich würde es wagen, es noch dort anzusetzen, wo der Mensch billigerweise überhaupt vom Verstehen absehn darf — ich meine dort, wo die Metaphysiker das Reich des anscheinend Sich-selbst-Gewissen, Sich-selber-Verständlichen \<ansetzen\>, d. \<h.\> im Denken. Daß die Zahl eine perspektivische Form ist, so gut als Zeit und Raum, daß wir so wenig “Eine Seele” als “zwei Seelen” in einer Brust beherbergen, daß die “Individuen” sich wie die materiellen “Atome” nicht mehr halten lassen, außer für den Hand- und Hausgebrauch des Denkens, und sich in ein Nichts verflüchtigt haben (oder in eine “Formel”), daß Nichts Lebendiges und Todes zusammenaddirt werden kann, daß beide Begriffe falsch sind, daß es nicht drei Vermögen der Seele giebt, daß “Subjekt” und “Objekt” “Aktivum und Passivum” “Ursache und Wirkung” “Mittel und Zweck” immer nur perspektivische Formen sind, in summa daß die Seele, die Substanz, die Zahl, die Zeit, der Raum, der Grund, der Zweck, — miteinander stehen und fallen. Gesetzt aber nun, daß wir nicht so thöricht sind, die Wahrheit, in diesem Falle das x, höher zu schätzen, als den Schein, gesetzt daß wir entschlossen sind zu leben — so wollen wir mit dieser Scheinbarkeit der Dinge nicht unzufrieden sein und nur daran festhalten, daß Niemand zu irgend welchem Hintergedanken in der Darstellung dieser Perspektivität stehen bleibt: — was in der That fast allen Philosophen bisher begegnet ist, denn sie hatten alle Hintergedanken und liebten Ihre “Wahrheiten” — Freilich: wir müssen hier das Problem der Wahrhaftigkeit aufwerfen: gesetzt, wir leben in Folge des Irrthums, was kann denn da der “Wille zur Wahrheit” sein? Sollte er nicht ein “Wille zum Tode” sein müssen? — Wäre das Bestreben der Philosophen und wissenschaftlichen Menschen vielleicht ein Symptom entartenden absterbenden Lebens, eine Art Lebens-Überdruß des Lebens selber? Quaeritur: und man könnte hier wirklich nachdenklich werden. 40 [40] Scepsis gegen die Sceptiker. — Welches Glück giebt der zarte Flaum den Dingen! Wie leuchtet das ganze Leben von schönen Scheinbarkeiten! Die großen Fälschungen und Ausdeutungen waren es, die uns bisher über das Glück des Thiers emporhoben — ins Menschliche! Und umgekehrt: was hat bisher das Geknarr des logischen Räderwerks, die Selbst-Bespiegelung des Geistes, die Aufdröselung der Instinkte mit sich gebracht? Gesetzt, ihr hättet alles in Formeln aufgelöst und euern Glauben in Grade der Wahrscheinlichkeit: da ihr darnach nicht leben könntet, wie? solltet ihr mit schlechtem Gewissen leben? Und wenn der Mensch erst den Glauben an Güte Gerechtigkeit und Wahrheit im Grunde der Dinge als haarsträubende Fälschung empfindet: wie soll er sich selber fühlen, insofern er doch Theil und Stück dieser Welt \<ist\>? Als etwas Haarsträubendes, Falsches: — — — 40 [41] Es giebt keine unmittelbaren Empfindungen Spir 2 p. 56. keine unmittelbaren Schmerzgefühle keine unmittelbaren Gedanken Wenn es ein unmittelbares Wissen gäbe, so dürfte man nicht, wie J. St. Mill, von dem “Relativismus des Wissens” reden. 40 [42] Die Annahme des Einen Subjekts ist vielleicht nicht nothwendig; vielleicht ist es ebensogut erlaubt, eine Vielheit von Subjekten anzunehmen, deren Zusammenspiel und Kampf unserem Denken und überhaupt unserem Bewußtsein zu Grunde liegt? Eine Art Aristokratie von “Zellen”, in denen die Herrschaft ruht? Gewiß von pares, welche mit einander an's Regieren gewöhnt sind und zu befehlen verstehen? Meine Hypothesen: das Subjekt als Vielheit der Schmerz als intellektuell und abhängig vom Urtheil “Schädlich”: projicirt die Wirkung immer “unbewußt”: die erschlossene und vorgestellte “Ursache” wird projicirt, folgt der Zeit nach. die Lust ist eine Art des Schmerzes. die einzige Kraft, die es giebt, ist gleicher Art wie die des Willens: ein Commandiren an andere Subjekte, welche sich daraufhin verändern. die beständige Vergänglichkeit und Flüchtigkeit des Subjekts, “sterbliche Seele” die Zahl als perspektivische Form. 40 [43] Innerhalb einer Heerde, jeder Gemeinde, also inter pares, hat die Überschätzung der Wahrhaftigkeit guten Sinn. Sich nicht betrügen lassen — und folglich, als persönliche Moral, selber nicht betrügen! Eine gegenseitige Verpflichtung unter Gleichen! Nach außen hin verlangt die Gefahr und Vorsicht, daß man auf der Hut vor Betrug sei: als psychologische Vorbedingung dazu auch innen. Mißtrauen als Quelle der Wahrhaftigkeit. 40 [44] Gesetzt, die Welt wäre falsch, Leben nur auf dem Boden des Wahns, unter dem Schirme des Wahns, an dem Leitfaden des Wahns zu begreifen.- was bedeutete dann „der Natur gemäß leben”? Könnte die Vorschrift nicht gerade die sein: „sei ein Betrüger”? Ja sogar, wie wollte man es verhüten zu täuschen? Wir irren uns über uns selber und sind uns unfaßbar: wie viel mehr sind wir es für die „Nächsten”! Aber sie glauben sich nicht getäuscht durch uns — und daraufhin beruht aller Verkehr mit gegenseitigen Rechten und Pflichten. — Daß das Täuschen nicht in meiner Absicht liegt, zugegeben! Aber feiner zugesehn: ich thue auch nichts dazu, meine Nächsten aufzuklären, darüber, daß sie sich über mich täuschen. Ich verhindere nicht ihren Irrthum, ich bekämpfe ihn nicht, ich lasse ihn geschehn —: in so fern bin ich zuletzt doch der Betrügende mit Willen. Genau so verfahre ich aber auch gegen mich selber: die Selbsterkenntniß gehört nicht unter die Gefühle der Verpflichtung; selbst wenn ich mich zu erkennen Suche, so geschieht es aus Gründen der Nützlichkeit oder einer feineren Neugierde, — nicht aber aus dem Willen der Wahrhaftigkeit. — Daß der Wahrhaftige mehr werth sei als der Lügner, im Haushalte der Menschheit, wäre immer noch erst zu erweisen. Die ganz Großen und Mächtigen waren bisher Betrüger: ihre Aufgabe wollte es von ihnen. Vorausgesetzt, daß es sich ergäbe, Leben und Vorwärtskommen sei nur möglich auf einem consequenten und langen Getäuscht-werden: so könnte der consequente Betrüger zu den höchsten Ehren kommen, als Lebensbedinger und Förderer des Lebens. Daß man schädigt, indem man nicht die Wahrheit sagt, ist der Glaube der Naiven, eine Art Frosch-Perspektive der Moral. Wenn das Leben und der Werth des Lebens auf gut geglaubten Irrthümern ruht, so könnte gerade der Wahrheit-Redende, Wahrheit-Wollende der Schädigende sein (als der Aufdröseler der Illusionen). 40 [45] Der Philosoph der Zukunft. Gedanken über Zucht und Züchtung. 40 [46] NB. Unsre ferne einstmalige Bestimmung waltet über uns, auch wenn wir noch kein Auge für sie offen haben; wir erleben lange Zeiten nur Räthsel. Die Wahl von Menschen und Dingen, die Auswahl der Ereignisse, das Wegstoßen des Angenehmsten, oft des Verehrtesten — es erschreckt uns, wie als ob aus uns ein Zufall, eine Willkür hier und da einem Vulkane gleich herausbräche: aber es ist die höhere Vernunft unserer zukünftigen Aufgabe. Vorwärts gesehn mag sich all unser Geschehen nur wie die Einmüthigkeit von Zufall und Unsinn ausnehmen: rückwärts gesehn weiß ich für mein Theil an meinem Leben nichts von Beidem mehr ausfindig zu machen. 40 [47] Die Herkunft. Was ist vornehm? Die Entstehung des Adels. Die nachahmenden Talente wie Voltaire. Die große Loslösung. Die sieben Einsamkeiten. Der Wille zur Macht. 40 [48] Von der Rangordnung Vorspiel einer Philosophie der Zukünftigen. Erstes Buch: Züchtung und Zucht. Zweites Buch: die große Loslösung. Drittes Buch: die sieben Einsamkeiten. Überwindung der Moral. Viertes Buch: der Wille zur Macht. 40 [49] Seien wir mißtrauisch gegen alle anscheinende “Gleichzeitigkeit”! Es schieben sich da Zeit-Bruchstücke ein, welche nur nach einem groben Maaße, z. B. unserem menschlichen Zeitmaaße klein heißen dürfen; in abnormen Zuständen, z. B. als Haschischraucher oder im Augenblick der Lebensgefahr bekommen aber auch wir Menschen einen Begriff davon, daß in einer Sekunde unserer Taschenuhr tausend Gedanken gedacht, tausend Erlebnisse erlebt werden können. Wenn ich das Auge aufmache, steht die sichtbare Welt da, scheinbar sofort: inzwischen aber ist etwas Ungeheures geschehen, ein Vielerlei von Geschehen: — erstens zweitens drittens: doch hier mögen die P\<hysiolo\>g\<en\> reden! 40 [50] Unter dem nicht ungefährlichen Titel “der Wille zur Macht” soll hiermit eine neue Philosophie, oder, deutlicher geredet, der Versuch einer neuen Auslegung alles Geschehens zu Worte kommen: billigerweise nur vorläufig und versucherisch, nur vorbereitend und vorfragend, nur “vorspielend” zu einem Ernste, zu dem es eingeweihter und auserlesener Ohren bedarf, wie es sich übrigens bei allem, was ein Ph\<ilosoph\> öffentlich sagt, von selber versteht, — mindestens verstehen sollte. Aber heute, Dank dem oberflächlichen und anmaaßlichen Geiste eines Zeitalters, welches an die “Gleichheit aller Rechte” glaubt, ist es dahin gekommen, daß man durchaus nicht mehr — — — Denn jeder Philosoph soll insoweit die Tugend des Erziehers haben, daß er, bevor er zu überzeugen unternimmt, erst verstehen muß zu überreden. Ja der Verführer hat vor allem Beweisen zu untergraben und zu erschüttern, vor allem Befehlen und Vorangehn erst zu versuchen, in wie weit er versteht, auch zu verführen. 40 [51] Die Begriffe sind etwas Lebendiges, folglich auch etwas bald Wachsendes, bald Schwindendes: auch Begriffe sind eines elenden Todes gestorben. Sie wären im Gleichnisse erst als Zellen zu bezeichnen, mit einem Zellen-Kern und einem Leibe herum, der nicht fest und — — — 40 [52] Es giebt verhängnißvolle Worte, welche eine Erkenntniß auszudrücken scheinen und in Wahrheit eine Erkenntniß verhindern; zu ihnen gehört das Wort „Erscheinungen”. Welches Wirrsal die “Erscheinungen” ausrichten, mögen diese Sätze verrathen, welche ich verschiedenen neueren Philosophen entlehne. 40 [53] gegen das Wort “Erscheinungen”. NB. Schein wie ich es verstehe, ist die wirkliche und einzige Realität der Dinge, — das, dem alle vorhandenen Prädikate erst zukommen und welches verhältnißmäßig am besten noch mit allen, also auch den entgegengesetzten Prädikaten zu bezeichnen ist. Mit dem Worte ist aber nichts weiter ausgedrückt als seine Unzugänglichkeit für die logischen Prozeduren und Distinktionen: also “Schein” im Verhältniß zur “logischen Wahrheit” — welche aber selber nur an einer imaginären Welt möglich ist. Ich setze also nicht “Schein” in Gegensatz zur “Realität” sondern nehme umgekehrt Schein als die Realität, welche sich der Verwandlung in eine imaginative “Wahrheits-Welt” widersetzt. Ein bestimmter Name für diese Realität wäre “der Wille zur Macht”, nämlich von Innen her bezeichnet und nicht von seiner unfaßbaren flüssigen Proteus-Natur aus. 40 [54] Die Absichtlichkeit der Handlungen ist nichts Entscheidendes in der Moral (gehört in die kurzsichtige individualistische Tendenz). “Zweck” und “Mittel” sind im Verhältniß zur ganzen Art, woraus sie wachsen, nur symptomatisch, an sich vieldeutig und unfaßbar beinahe. Das Thier und die Pflanze zeigen ihren moralischen Charakter, je nach den Lebensbedingungen, in welche sie gestellt sind. Hinter der “Absichtlichkeit” liegt erst das Entscheidende. Man wird nie das Individuum isoliren dürfen: “Hier, muß man sagen, ist ein Gewächs mit einer solchen Vorgeschichte.” 40 [55] Die Gesetzmäßigkeit der Natur ist eine falsche humanitäre Auslegung. Es handelt sich um eine absolute Feststellung der Machtverhältnisse, um die ganze Brutalität, ohne die Milderung, welche im organischen Leben das Vorausnehmen der Zukunft, die Vorsicht und List und Klugheit, kurz der Geist mit sich bringt. Die absolute Augenblicklichkeit des Willens zur Macht regirt; im Menschen (und schon in der Zelle) ist diese Feststellung ein Prozeß, der bei dem Wachsthum aller Betheiligten sich fortwährend verschiebt — ein Kampf, vorausgesetzt, daß man dies Wort so weit und tief versteht, um auch das Verhältniß des Herrschenden zum Beherrschten noch als ein Ringen, und das Verhältniß des Gehorchenden zum Herrschenden noch als ein Widerstreben zu verstehen. 40 [56] Über vornehme und gemeine Moral. Sittlichkeit: ein Typus des Menschen soll erhalten werden. Vornehme Moral. Das Menschliche in irgend welchem Maaße soll erhalten werden: gemeine Moral. 3. Die Absichtlichkeit der Handlungen. Das Böse in den Tugenden. 4. Die schlimmen Triebe und ihre Nützlichkeit. 40 [57] NB! Ist aber etwas Ruhendes wirklich glücklicher als alles Bewegte? Ist das Unveränderliche wirklich und nothwendig werthvoller als ein Ding, das wechselt? Und wenn sich Einer tausend Male widerspricht und viele Wege geht und viele Masken trägt und in sich selber kein Ende und \<keine\> letzte Horizontlinie findet: ist es wahrscheinlich, daß ein Solcher weniger von der “Wahrheit” erfährt als ein tugendhafter Stoiker, welcher sich ein für alle Mal wie eine Säule und mit der harten Haut einer Säule an seine Stelle gestellt hat? Aber dergleichen Vorurtheile sitzen an der Schwelle zu allen bisherigen Philosophien: und sonderlich das, daß Gewißheit besser sei als Ungewißheit und offene Meere, und daß der Schein es sei, den ein Philosoph als seinen eigentlichen Feind zu bekämpfen habe. 40 [58] Es liegt Jetzt noch wenig daran, daß man wisse, was ich damals eigentlich von Richard Wagner wollte (obwohl der Leser meiner Geburt der Tragödie darüber nicht im Unklaren sein sollte), ja daß ich, durch ein Verlangen dieser Art, allerdings auf das Gründlichste bewiesen habe, wie sehr ich mich über ihn und sein Vermögen im Irrthum befand. Genug, daß mein Irrthum — eingerechnet den Glauben an eine gemeinsame und zusammengehörige Bestimmung — weder ihm noch mir zur Unehre gereicht, und, unter allen Umständen, uns Beiden damals, als zwei auf sehr verschiedene Weise Vereinsamten, keine kleine Erquickung und Wohlthat war Es kam der Augenblick, wo ich empfand, in wie fern ich viel zu viel in Bezug auf Richard Wagner gewollt hatte: und, etwas später, der noch schlimmere Augenblick, wo er meine — — — 40 [59] Schluss von “der Mensch im Verkehr“ Vorrede und Vorfrage: “was sind freie Geister?” \<1.\> “Eine Seele, in welcher die Weltweisheit wohnt, muß durch ihre Gesundheit auch den Körper gesund machen“: so sagt es Montaigne, und ich gebe heute gern mein Jawort dazu, als Einer, der auf diesem Bereiche Erfahrung hat. “Es kann nichts Muntreres, Aufgeweckteres, fast hätte ich gesagt, Kurzweiligeres geben als die Welt und ihre Weisheit”.- so sage ich ebenfalls mit Montaigne — aber unter welchen bleichen und schauerlichen Larven gieng damals die Weisheit an mir vorbei! Genug, ich fürchtete mich oft genug vor ihr und war ungern dergestalt mit ihr allein — — — und begab mich, allein und schweigsam, aber mit einem zähen “Willen zur Weisheit” und zum Süden, — auf die Wanderschaft. Damals nannte ich mich bei mir selber einen “freien Geist”, oder “den Prinzen Vogelfrei” und wer mich gefragt hätte: wo bist du eigentlich noch zu Hause, dem würde ich geantwortet haben “vielleicht jenseits von Gut und Böse, sonst nirgends”. Aber ich trug dergestalt hart daran, daß ich keine Wandergenossen hatte: so warf ich denn eines Tags einen Angelhaken nach anderen “freien Geistern” aus — mit eben diesem Buche, das ich bereits mit Namen nannte als “ein Buch für freie Geister”. Heute freilich — was lernt man nicht alles in zehn Jahren! — weiß ich kaum noch, ob ich mit diesem Buch nach Gefährten und “Wandergenossen” suche. Inzwischen nämlich lernte ich, was jetzt Wenige verstehen, Einsamkeit ertragen, Einsamkeit — ”verstehen”: und ich würde es heute geradezu mit unter die wesentlichen Anzeichen eines “freien Geistes” setzen, daß er lieber allein läuft, lieber allein fliegt, ja selber noch, wenn er einmal kranke Beine hat, lieber allein kriecht. Die Einsamkeit tödtet, wenn sie nicht heilt: das ist wahr; die Einsamkeit gehört zu einer schlimmen und gefährlichen Heilkunst. Aber gewiß ist, daß sie, wenn sie heilt, auch den Menschen gesünder und selbstherrlicher hinstellt, als je ein Mensch in Gesellschaft, ein Baum in seinem Walde stehen könnte. Einsamkeit erprobt am gründlichsten, mehr als irgend eine Krankheit selber, ob Einer zum Leben geboren und vorbestimmt ist — oder zum Tode, wie die Allermeisten. Genug, ich lernte erst aus der Einsamkeit heraus die zusammengehörigen Begriffe “freier Geist” und “Gesundheit” ganz zu Ende denken. 2. Wir “freien Geister” leben einzeln und hier und dort auf Erden — daran ist nichts zu ändern; wir sind Wenige — und so ist es billig. Es gehört zu unserem Stolze zu denken, daß unsere Art eine seltne und seltsame Art ist; und wir drängen uns nicht zu einander, wir “sehnen” uns vielleicht nicht einmal nach einander. Freilich: treffen wir einmal zusammen, wie heute, so giebt es ein Fest! Wenn wir das Wort “Glück” im Sinne unserer Philosophie gebrauchen, so denken wir dabei nicht wie die Müden, Geängstigten und Leidenden unter den Philosophen vorallererst an äußeren und inneren Frieden, an Schmerzlosigkeit, Unbewegtheit, Ungestörtheit, an einen ”Sabbat der Sabbate”, an etwas, das dem tiefen Schlafe im Werthe nahe kommen mag. Das Ungewisse vielmehr, das Wechselnde Verwandlungsfähigen Vieldeutige ist unsere Welt, eine gefährliche Welt —: mehr noch sicherlich als das Einfache, Sich-selbst-Gleich-Bleibende, Berechenbare, Feste, dem bisher die Philosophen, als Erben der Heerden-Instinkte und Heerden-Werthschätzungen, die höchste Ehre gegeben haben. In vielen Ländern des Geistes bekannt und umhergetrieben usw. 3. Habe ich euch damit beschrieben? Oder nur auf eine neue Weise verschwiegen? Ich weiß es nicht: aber ihr sagt mir, ihr befürchtet in jedem Falle, daß ich mich mit diesem Namen vergriffen habe? Daß der Name “freier Geist” vorweggenommen sei? Daß er irre führe? Daß man uns, auf diesen Namen hin, verwechseln werde? — Aber warum, unter uns gesagt, warum doch, meine Freunde, sollten wir nicht irreführen? Was liegt daran, daß man uns verwechselt? Werden wir uns deshalb verwechseln? Und zuletzt: wäre es vielleicht nicht schlimmer, wenn — —? Wohlan, ich verstehe euch. ihr wollt durchaus einen anderen, einen neuen Namen! “Aus Stolz”, sagt ihr mir: das beste Argument, auf das hin man jede Dummheit thun darf. So fange ich denn von Neuem an: macht nur eure Ohren für meine Neuigkeiten auf! — Aber hier unterbrecht ihr mich, ihr freien Geister. Genug! Genug! höre ich euch schreien und lachen — wir halten es nicht mehr aus! Oh über diesen schauerlichen Hanswurst! Diesen tugendhaften Verräther und Verleumder! Willst du uns bei der ganzen Welt den Ruf verderben? Unseren guten Namen anschwärzen? Uns Zunamen anhängen, die sich nicht nur in die Haut einfressen? Stille, du Gewissens-Störenfried! Und wozu am hellen blauen Tage diese düsteren Fratzen, diese Gurgeltöne, diese ganze rabenschwarze Musik? Sprichst du Wahrheiten: nach solchen Wahrheiten können keine Füße tanzen, also sind es keine Wahrheiten für uns. Ecce nostrum veritatis sigillum! Und hier ist Rasen und weicher Grund: was gäbe es Besseres als geschwind deine Grillen wegjagen und uns, nach deiner Nacht, einen guten Tag machen! Aber Jemand muß uns dazu auch spielen! Und fort erst mit allen Wetterwolken! Es wäre Zeit, daß sich endlich wieder ein Regenbogen über dies Land ausspannte; irgend eine bunte schöne Lügen-Brücke, auf der nur Geister, sehr freie, sehr luftige lustige Geister wandeln können! Und zu guterletzt und allererst: hast du keine Milch zu trinken? Du selber hast uns Durst gemacht nach deiner Milch!” — “So viel ihr wollt, meine Freunde. Dort seht ihr ja meine Heerde springen, alle meine zarten sonnigen windsillen Lämmer und Böcke: und hier steht schon für euch ein ganzer Eimer Milch bereit, ein Eimer voll frischgemolkener Wahrheiten, noch warm genug, um euch warm zu machen. Incipit: “Menschliches, Allzumenschliches. Gute Milch für freie Geister.” Wollt ihr davon trinken? Schön ist's, mit einander schweigen — — — 40 [60] Künstler-Pessimismus. — Es giebt sehr unterschiedliche Arten von Künstlern. Wenn Richard Wagner Pessimist sein muß, so zwingt ihn hierzu der Widerwille gegen sich selbst, der Wurm vielfacher Selbstverachtung, die Nothwendigkeit von Berauschungsmitteln eingerechnet seine Kunst, um das Leben überhaupt auszuhalten, und wieder der Ekel hinter dem Rausche, zu alledem das Bewußtsein der Schauspielerei, der Druck der Unfreiheit, an welcher jeder leidet, der sich verkleiden muß, weil er sich selber nackt nicht aushält —, andrerseits der unersättliche Hunger nach Lob und Lärm, weil solche Komödianten sich den Glauben an sich immer erst von außen her und immer nur auf Augenblicke schenken lassen müssen: es steht ihnen gar nicht frei, auf Lob und Lärm zu verzichten! Aber was helfen auch die wonnevollsten Augenblicke der vanitatum vanitas, was hilft aller Weihrauch, alle Selbst-Vergötterung! Gleich darauf gräbt der alte Gram von Neuem! und über alle Stimmen der Leidenschaft, oder der als Leidenschaft maskirten Unenthaltsamkeit, wird zuletzt immer wieder eine innere schwache zögernde Stimme hervortönen, eine verurtheilende Stimme: — Solche Künstler verherrlichen in ihrer Kunst unwillkürlich und unvermeidlich ihr “Nicht-Ich” und alles, was den äußersten Gegensatz zu ihnen macht: da also, im Falle Wagners, alle ausschweifenden Tugenden z. B. die unbedingte Treue oder die unbedingte Keuschheit oder die Einfalt des Kindes oder die asketischen Selbst-Opferungen: so daß bis zu einem gewissen Grade man ein Recht hat, gegen den Charakter jenes Künstlers argwöhnisch zu sein, der immer gerade nur ausschweifende Tugenden verherrlicht: denn damit will er von sich los und verneint sich selber! Aber seien wir doch damit zufrieden! Zuletzt lobt und preist solch ein Künstler bei allem seinem Willen zur Weltverneinung etwas, das eben doch in dieser Welt möglich ist: die Kunst kann nichts anderes sein als Welt-Bejahung Und euer Einwand, meine Freunde, war kein Einwand. Also mein Freund: man wird es seinem Urtheile anmerken, selbst wenn man demselben nicht beipflichtet, daß er Wagner sehr geliebt hat: denn ein Gegner nimmt seinen Gegenstand niemals so tief. Es ist kein Zweifel, daß indem er an Wagner leidet, er auch mit Wagner leidet. 40 [61] Zum Plan. Unser Intellekt, unser Wille, ebenso unsere Empfindungen sind abhängig von unseren Werthschätzungen: diese entsprechen unseren Trieben und deren Existenzbedingungen. Unsere Triebe sind reduzirbar auf den Willen zur Macht. Der Wille zur Macht ist das letzte Factum, zu dem wir hinunterkommen. Unser Intellekt ein Werkzeug Unser Wille Unsere Unlustgefühle          schon abhängig von den Werthschätzungen Unsere Empfindungen 40 [62] Die beschönigende Geschichtsschreibung Ranke's, seine Leisetreterei an allen Stellen wo es gilt, einen furchtbaren Unsinn des Zufalls als solchen hinzustellen; sein Glaube an einen gleichsam immanenten Finger Gottes, der gelegentlich einmal etwas am Uhrwerk schiebt und rückt: denn er wagt es nicht mehr, der Über-Ängstliche, weder ihn als Uhrwerk, noch als Ursache des Uhrwerks anzusehn 40 [63] Vorrede zu ”Vermischte Meinungen und Sprüche”. Welche Art Menschen mag das sein, die an solchen Aufzeichnungen Freude hat? — Man gestattet mir, mein Bild von dieser Art rasch an die nächste beste Wand zu malen: hierhin, auf die Blätter einer “Vorrede”. Ich möchte auch am wenigsten gleich eine Bezeichnung, ein einzelnes Wort für sie in Anspruch nehmen, obschon es dergleichen geben mag: — vielleicht findet Einer, der mein Bild sieht, von selbst das Wort — das “rechte Wort”. Diese Art Menschen beschützt den Künstler und Philosophen, aber verwechselt sich nicht mit ihm. Sie sind müssig, sie haben die Vernunft zum otium 40 [64] Ich habe mir lange Zeit die allerbeste Mühe gegeben, in R. W\<agner\> eine Art von Cagl\<iostro\> zu sehn: man vergebe mir diesen nicht unbedenklichen Einfall, der zum mindesten nicht vom Haß und der Abneigung eingegeben ist, sondern von der Bezauberung, welcher dieser unvergleichliche Mensch auch auf mich ausgeübt hat: hinzugerechnet, daß nach meiner Beobachtung die wirklichen “Genies”, die Achten höchsten Ranges, allesammt nicht dergestalt “bezaubern”, so daß „das Genie” allein mir nicht zur Erklärung jenes geheimnißvollen Einflusses auszureichen schien. 40 [65] Vorrede Wer die Begierden einer hohen und wählerischen Seele hat, dessen Gefahr wird zu allen Zeiten groß sein: heute aber ist sie außerordentlich. In ein lärmendes, pöbelhaftes Zeitalter hineingeworfen, mit dem er nicht aus Einer Schüssel essen mag, kann er leicht vor Hunger und Durst, oder, falls er endlich dennoch “zugreift”, vor Ekel zu Grunde gehn. Einem solchen Menschen müssen schon zur rechten Stunde ein paar Glücksfälle zu Hülfe kommen, welche es irgendwie noch ausglichen, worin er etwa durch eine ungesättigte sehnsüchtige und vereinsamte Jugend zu Schaden gekommen ist: zum Beispiel daß sich für ihn ein strenger Beruf findet, in dessen Dienst er zeitweilig sich selber und seiner Krankheit entfremdet, und ganz und gar nur den Aufforderungen einer tapferen Geistigkeit zu leben hat. Oder daß er einem Ph\<ilosophen\> sein Ohr aufmacht, der ihn von allem Zeitgemäßen und Zeitgefälligen zu “dauerhafteren” Zielen, als die Gegenwart ist, zurück- und wegführt, ohne doch durch ein Übermaaß von Verneinung den Sinn der Ehrfurcht selber bei seinem Schüler zu beschädigen; daß er guter Musik und am besten auch guter Musiker selber Freund wird — ein großes Labsal (denn die guten Musiker sind alle Einsiedler und “außer der Zeit”) und ein gutes Gegengift gegen ein allzu kriegerisches und zorniges Herz, das Lust hat, sich auf die heutigen Menschen und Dinge zu stürzen. Es geschah spät — ich war schon über die zwanziger Jahre hinaus —, daß ich dahinter kam, was mir eigentlich noch ganz und gar fehle: nämlich die Gerechtigkeit. “Was ist Gerechtigkeit? Und ist sie möglich? Und wenn sie nicht möglich sein sollte, wie wär da das Leben auszuhalten?” — solchermaaßen fragte ich mich unablässig. Es beängstigte mich tief, überall, wo ich bei mir selber nachgrub, nur Leidenschaften, nur Winkel-Perspektiven, nur die Unbedenklichkeit dessen zu finden, dem schon die Vorbedingungen zur Gerechtigkeit fehlen: aber wo war die Besonnenheit? — nämlich Besonnenheit aus umfänglicher Einsicht. Was ich mir allein zugestand, das war der Muth und eine gewisse Härte, welche die Frucht langer Selbstbeherrschung ist. In der That gehörte schon Muth und Härte dazu, sich so Vieles und noch dazu so spät einzugestehn. Genug, ich fand Gründe und immer bessere Gründe, meinem Lobe wie meinem Tadel zu mißtrauen und über die richterliche Würde, die ich mir angemaaßt hatte, zu lachen, ja ich verbot mir mit Beschämung endlich jedes Recht auf ja und Nein; zugleich erwachte eine plötzliche und heftige Neugierde nach der unbekannten Welt in mir, — kurz, ich beschloß, in eine harte und lange neue Schule zu gehen und möglichst weit weg von meinem Winkel. Vielleicht, daß mir unterwegs wieder die Gerechtigkeit selber begegnen würde! Also begann für mich eine Zeit der Wanderschaft. Was begab sich damals eigentlich mit mir? Ich verstand mich nicht, aber der Antrieb war wie ein Befehl. Es scheint, daß unsere ferne einstmalige Bestimmung über uns verfügt; lange Zeit erleben wir nur Räthsel. Die Auswahl der Ereignisse, das Zugreifen und plötzliche Begehren, das Wegstoßen des Angenehmsten, oft des Verehrtesten: dergleichen erschreckt uns, wie als ob aus uns eine Willkür, etwas Launisches, Tolles, Vulkanisches hier und da herausspränge. Aber es ist nur die höhere Vernunft und Vorsicht unserer zukünftigen Aufgabe. Der lange Satz meines Lebens will vielleicht — so fragte ich mich unruhig — rückwärts gelesen werden? Vorwärts, daran ist kein Zweifel, las ich damals nur „Worte ohne Sinn”. Eine große, immer größere Loslösung, ein willkürliches In-die-Fremde-gehn, eine “Entfremdung”, Erkältung, Ernüchterung — dies allein, nichts weiter war in jenen Jahren mein Verlangen. Ich prüfte Alles, woran sich bis dahin überhaupt mein Herz gehängt hatte, ich drehte die besten und geliebtesten Dinge um und sah mir ihre Kehrseiten an, ich that das Entgegengesetzte mit allem, woran sich bisher die menschliche Kunst der Verleumdung und Verlästerung am feinsten geübt hat. Damals gieng ich um Manches, das mir bis dahin fremd geblieben war, mit einer schonenden, selbst liebevollen Neugierde herum, ich lernte billiger unsere Zeit und alles “Moderne” empfinden. Es mag im Ganzen wohl ein unheimliches und böses Spiel gewesen sein; — ich war oft krank daran. (Jene Loslösung kommt plötzlich wie ein Erdstoß: die junge Seele muß sehen, was sich mit ihr begiebt. Es ist eine Krankheit zugleich, die den Menschen zerstören kann, dieser erste Ausbruch von Kraft und Willen zur Selbst-Bestimmung; und viel krankhafter sind die ersten wunderlichen und wilden Versuche des Geistes, sich mit eigener Faust nunmehr die Welt zurechtzurücken.) Aber mein Entschluß blieb stehen; und, selbst krank, machte ich noch die beste Miene zu meinem “Spiele” und wehrte mich boshaft gegen jeden Schluß, an dem Krankheit oder Einsamkeit oder die Ermüdung der Wanderschaft Antheil haben könnten. “Vorwärts, sprach ich mir zu, morgen wirst du gesund sein, heute genügt es dich gesund zu stellen.” Damals wurde ich über alles “Pessimistische” bei mir Herr; der Wille zur Gesundheit selbst, das Schauspielern der Gesundheit war mein Heilmittel. Was ich damals als “Gesundheit” empfand und wollte, drücken diese Sätze verständlich und verrätherisch genug aus (p. 37 der ersten Auflage): “eine gefestete milde und im Grunde frohsinnige Seele, eine Stimmung, welche nicht vor Tücken und plötzlichen Ausbrüchen auf der Hut zu sein braucht und in ihren Äußerungen nichts von dem knurrenden Tone und der Verbissenheit an sich trägt — jenen bekannten lästigen Eigenschaften alter Hunde und Menschen, die lange an der Kette gelegen haben; — und als der wünschenswertheste Zustand, jenes freie furchtlose Schweben über Menschen Sitten Gesetzen und den herkömmlichen Schätzungen der Dinge”. — In der That eine Art Vogel-Freiheit und Vogel-Umblick, etwas wie Neugierde und Verachtung zugleich, wie dergleichen ein jeder kennt, der unbetheiligt ein ungeheures Vielerlei übersieht. — “Ein freier Geist” — dies kühle Wort thut in jenem Zustande wohl, es wärmt beinahe; der Mensch ist zum Gegenstück derer geworden, welche sich um Dinge bekümmern, die sie nichts angehn; den freien Geist — giengen lauter Dinge an, die ihn nicht mehr “bekümmern”. Es hilft nichts, ob es gleich eine harte Nuß ist, die hier geknackt werden will: — der höhere Mensch, der Ausnahme-Mensch, muß, wenn anders er — — — Das persönliche Ergebniß von alledem war damals (Menschliches, Allzumenschliches, p. 31), wie ich es bezeichnete, die logische Welt-Verneinung: nämlich das Urtheil, daß die Welt, die uns überhaupt etwas angeht, falsch sei. “Nicht die Welt als Ding an sich — diese ist leer, sinn-leer und eines homerischen Gelächters würdig! — sondern die Welt als Irrthum ist so bedeutungsreich, tief, wundervoll, Glück und Unglück im Schooße tragend”: so dekretirte ich damals –. Die “Überwindung der Metaphysik”, “eine Sache der höchsten Anspannung menschlicher Besonnenheit”, p. 23, galt mir als erreicht: und zugleich stellte ich die Forderung für mich, für diese überwundenen Metaphysiken, insofern von ihnen “die größte Förderung der Menschheit” gekommen sei, einen großen dankbaren Sinn festzuhalten. Aber im Hintergrunde stand der Wille zu einer viel weiteren Neugierde, ja zu einem ungeheuren Versuche: der Gedanke dämmerte in mir auf, ob sich nicht alle Werthe umkehren ließen, und immer kam die Frage wieder: was bedeuteten überhaupt alle menschlichen Werthschätzungen? Was verrathen sie von den Bedingungen des Lebens, deines Lebens, weiterhin des menschlichen Lebens, zuletzt des Lebens überhaupt? — 40 [66] Entwurf zu (2) der Vorrede: wer nichts Ähnliches erlebt hat, hat nichts hier zu schaffen. Ein Buch der Vorbereitung. Man muß eine Vorrede schreiben, nicht nur um einzuladen, sondern um fortzuscheuchen. “Unsere höchsten Einsichten müssen und sollen usw. Um der Verwechselung vorzubeugen, habe ich Vieles zugefügt, um den Zustand zu ergänzen, auf dem ich damals : er ist ein nothwendiger Durchgangs-Zustand für einige Menschen. Manches könnte ich jetzt verständlicher sagen. Abwehr der ”Freidenker”. Gegen die scabies anarchistica. Es ist ein Buch, wodurch die Naturen, die zum Herrschen Vorangehn bestimmt sind, unter Umständen zu furchtbaren Entschlüssen, zum Nachdenken gebracht werden sollen über die Zucht gegen sich selber, die Art Überlegenheit und Zugänglichkeit zu vielen Denkweisen (Geschmeidigkeit) und jene ungeheure Gesundheit, welche selbst die Krankheit nicht entbehren will zu einem höheren Zwecke. Jene Zucht und Selbstbeherrschung des Geistes, welche ebenso sehr eine Geschmeidigkeit des Herzens und eine Kunst der Maske ist: jene innere Umfänglichkeit und Verwöhnung, welche es erlaubt, die Wege zu vielen und entgegengesetzten Denkweisen zu gehen, ohne daß wir Gefahr liefen, uns in sie zu verirren oder zu verlieben, jene ungeheure Gesundheit, welche selbst die Krankheit nicht entbehren will, ja Überschuß an plastischen nachbildenden wiederherstellenden Kräften 40 [67] Damals erst bekam ich ein Auge für die Geschichte: Ranke. Die Unwissenheit in den Naturwissenschaften und der Heilkunst macht unsere Historiker zu bescheidenen Advokaten der Facta: wie als ob irgend etwas Gutes uns doch “heraus” komme, irgend ein kleiner “Finger Gottes” mindestens. 40 [68] Nr. I von M. Allzum.: Die Sphinx.— Schluß von Abschnitt I: der neue Oedipus. 40 [69] Unser Geist sammt “Gefühlen” und Empfindungen ist ein Werkzeug, welches einem vielköpfigen und vielspältigen Herrn zu Diensten ist: dieser Herr sind unsere Werthschätzungen. Unsere Werthschätzungen aber verrathen etwas davon, was unsere Lebens-Bedingungen sind (zum kleinsten Theil die Bedingungen der Person, zum weiteren die der Gattung “Mensch”, zum größten und weitesten die Bedingungen, unter denen überhaupt Leben möglich ist). 40 [70] „Deutsch”. Fragen und Gedankenstriche. Der deutsche Pessimismus Die deutsche Romantik. Die Wieder-Entdecker der Griechen. Der deutsche Anarchismus. Die Gefahr der jüdischen Seele. Die Litteraten. Die Frauen. Die Einsiedler. Die Demagogen in der Kunst. Der deutsche Stil. Die deutsche Musik. Süden Morgenland (zwei Süden: Venedig und die Provence) Die “Aufklärung” und die modernen Ideen. Die Schulmeister-Cultur. Die Wagnerei. Der Europäer. Der deutsche Geist. Der Jude Voilà un homme. Die “Tiefe” Der christliche Europäer. [August – September 1885] [Dokument: Heft] 41 [1] Sils-Maria Ende August 1885 Friedrich Nietzsche, gesammelte Schriften. Erstlinge.             Die Geburt der Tragödie. Unzeitgemässe Betrachtungen. Rede über Homer. Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister. „Unter uns”. Vermischte Meinungen und Sprüche. Morgenröthe. Gedanken über die moralischen Vorurtheile Gaisaber. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft. Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. Mittag und Ewigkeit. Vermächtniss eines Wahrsagers. “Exultabit Solitudo et florebit quasi lilium” Isaias. 41 [2] Neue unzeitgemäße Betrachtung. 1. Man verehrt und verachtet in jungen Jahren wie ein Narr und bringt wohl seine zartesten und höchsten Gefühle zur Auslegung von Menschen und Dingen dar, welche nicht zu uns gehören, so wenig als wir zu ihnen gehören. Jugend selber ist etwas Fälschendes und Betrügerisches. Es scheint, daß das Ehrfürchtige und Zornige, was der Jugend eignet, durchaus keine Ruhe hat, als bis es sich Menschen und Dinge so zurecht “gefälscht hat”, bis es an denselben seine Affekte entladen kann. Später, wo man stärker, tiefer, auch “wahrhaftiger” geworden ist, erschrickt man zu entdecken, wie wenig man damals die Augen offen gehabt hat, als man auf diesen Altären opferte. Man zürnt sich, all das Eitle, Übertreibende, Unächte, Geschminkte, Schauspielerische an unseren geliebten Götzen nicht gesehn zu haben, — man zürnt sich wegen dieser Selbst-Verblendung. Wie als ob sie eine unredliche Blindheit gewesen sei. In diesem Übergange nimmt man Rache an sich, durch Mißtrauen; man ist auf der Hut gegen seine “begeisterten Gefühle” — ja das “gute Gewissen” selber erscheint Einem schon wie eine Gefahr, wie eine Selbst-Verschleierung und Ermüdung der inneren Redlichkeit. Wieder ein Jahrzehend später: und man begreift, daß auch dies Alles noch — Jugend war. 2. — Was ich selber einstmals, in meinen “jungen Jahren”, über Schopenhauer und Richard Wagner schrieb und weniger schrieb als malte — vielleicht in einem allzuverwegenen übermüthigen überjugendlichen al fresco — das will ich am wenigsten heute auf “wahr” und “falsch” hin ins Einzelne prüfen. Gesetzt aber, ich hätte mich damals geirrt: mein Irrthum gereicht zum Mindesten weder den Genannten, noch mir selber zur Unehre! Es ist etwas, sich so zu irren; es ist auch etwas, gerade mich dergestalt zum Irrthum zu verführen. Auch war es mir in jedem Falle eine unschätzbare Wohlthat, damals als ich “den Philosophen” und “den Künstler” und gleichsam meinen eigenen “kategorischen Imperativ” zu malen beschloß, meine neuen Farben nicht ganz in's Unwirkliche hinein, sondern gleichsam auf vorgezeichnete Gestalten aufmalen zu können. Ohne daß ich es Wußte, sprach ich nur für mich, ja im Grunde nur von mir. Indessen: Alles, was ich damals erlebt habe, das sind für eine gewisse Art von Menschen typische Erlebnisse, welchen zu einem Ausdruck zu verhelfen — — — Und wer mit einer jungen und feurigen Seele jene Schriften liest, wird vielleicht die schweren Gelöbnisse errathen, mit denen ich damals mich für mein Leben band, — mit denen ich mich zu meinem Leben entschloß: möchte er Einer jener Wenigen sein, die sich zu einem gleichen Leben und zu gleichen Gelöbnissen entschließen — dürfen 3. Es gab einen Zeitpunkt, wo ich im Geheimen anfieng, über Richard Wagner zu lachen, damals als er zu seiner letzten Rolle sich anschickte und mit den Gebärden eines Wundermannes, Heil-Verkünders, Propheten, ja sogar Philosophen vor den lieben Deutschen auftrat. Und da ich noch nicht aufgehört hatte, ihn zu lieben, so biß mich mein eignes Gelächter noch in's Herz: wie es zur Geschichte eines jeden gehört, der von seinem Lehrer unabhängig wird und endlich seinen eignen Weg findet. In dieser Zeit entstand der hier folgende lebhafte Aufsatz, aus dem, wie mir scheint, mancher junge Deutsche auch heute noch seinen Gewinn ziehen kann: — ich selber, so wie ich jetzt gesinnt bin, würde Alles geduldiger, auch herzlicher und schonender gesagt wünschen. Inzwischen errieth ich Allzuviel von der schmerzlichen und schauerlichen Tragödie, welche hinter dem Leben eines solchen Menschen, wie Richard Wagner es war, verborgen liegt. 4. Richard Wagner hat ohne allen Zweifel den Deutschen usw. 5. Aber der Musiker Richard Wagner? — “Richard Wagner und kein Ende”: das ist heute die Lösung. Aber wir Freunde der Musik sind damit am Ende unserer Geduld. Wir haben so lange die beste Miene zum bösen Spiele der Wagnerei gemacht und mit Hülfe aller Tugenden und Ästhetiken uns einen ganzen langen Regentag hindurch zugeredet und ermahnt: “wie schön ist auch das schlechte Wetter! Wie viel Reize liegen in den Falten des Unwetters versteckt! Wie fein sich der Regen auf die “unendliche Melodie” versteht! Wie unvergleichlich leuchtet ein Blitz inmitten langer grauer Trübsal! Und gar der Donner: wie schön ist die Chromatik des Donners!” Aber endlich, endlich wollen wir auch den aufgeklärten Himmel wieder sehn und zum Mindesten den schönen Abend haben, den wir verdienen, nach einem so tugendhaften, aber so bösen Tage! — Wirklich? Den Abend? Will es denn wirklich schon “Abend werden”? Geht nun auch noch unsre beste Kunst, die Musik, auf die Neige? Meine Freunde, hier ist Einer, der nicht mehr daran glaubt! Es ist noch lange nicht Zeit für den Abend! Und Wagner bedeutete weder den Tag, noch den Abend unserer Kunst, — sondern nur einen gefährlichen Zwischenfall, eine Ausnahme und ein Fragezeichen, welches unser Gewissen auf die Probe gestellt hat! Noch zur rechten Zeit lernten wir Nein! sagen: jeder rechtschaffne und tiefe Musiker sagt heute Nein zu Wagner und zu sich selber, so weit er noch “wagnerisirt” — und zwar je gründlicher gerade er bei Wagner in die Schule gegangen, bei Wagner gelernt hat. 6. Um so schlimmer mag es freilich um die geringer begabten, auch um die geld- und ehrgeizigen Musiker bestellt sein: es giebt gerade für sie ausgesuchte Verführungen in der Art Wagner's, Musik zu machen. Es ist nämlich leicht, mit Wagnerischen Mitteln und Kunstgriffen zu componiren, es mag auch, bei dem demagogischen Verlangen heutiger Künstler nach Aufregung der “Massen”, lohnbringender sein, nämlich “wirkungsvoller”, “überwältigender”, ”schlagender”, “packender”, und wie die verrätherischen Lieblingsworte des Theaterpöbels und der dilettantischen Schwärmer lauten. Aber was bedeutet zuletzt, in Sachen der Kunst, der Lärm und die Begeisterung von “Massen”! Gute Musik hat niemals ein “Publikum”: — sie ist und kann niemals “öffentlich” sein, sie gehört den Ausgesuchtesten zu, sie soll immer und allein — im Gleichnisse gesprochen — für die “camera” da sein. “Massen” fühlen den heraus, der ihnen am besten zu schmeicheln versteht: sie sind auf ihre Art allen demagogischen Talenten dankbar und geben es ihnen zurück, so gut sie können. (Wie “Massen” zu danken verstehen, mit welchem “Geiste” und “Geschmacke”, dafür gab der Tod Victor Hugo's ein belehrendes Zeugniß: ist in allen Jahrhunderten Frankreichs zusammen so viel Frankreich entwürdigender Unsinn gedruckt und geredet worden, wie bei dieser Gelegenheit? Aber auch bei dem Begräbnisse Richard Wagner's verstiegen sich die Schmeicheleien der Dankbarkeit bis hinauf zu dem “frommen” Wunsche: “Erlösung dem Erlöser!” –) NB. Es ist kein Zweifel, daß die W\<agnerische\> Kunst heute auf die Massen wirkt; daß sie das kann — sollte damit nicht über diese Kunst selber etwas ausgesagt sein? — Für drei gute Dinge in der Kunst haben “Massen” niemals Sinn gehabt, für Vornehmheit, für Logik und für Schönheit — pulchrum est paucorum hominum —: um nicht von einem noch besseren Dinge, vom großen Stile zu reden, zu welchem bisher auch die höchstgearteten Künstler der neueren Zeit weder Ja noch Nein sagen durften: — sie haben noch kein Recht auf ihn gehabt, sie fühlen sich vor ihm ferne und beschämt, und diese Scham war gerade noch ihre höchste Höhe. Vom großen Stile steht Wagner am Fernsten: das Ausschweifende und Heroisch-Prahlerische seiner Kunstmittel steht geradezu im Gegensatze zum großen Stile; und ebenso das Zärtlich-Verführerische, das Vielfältig-Reizende, das Unruhige, Ungewisse, Spannende, Augenblickliche, Heimlich-überschwängliche, die ganze „übersinnliche” Maskerade kranker Sinne, und was nur Alles im typischen Sinne “Wagnerisch” heißen darf. Und dennoch, trotz dem gründlichsten Unvermögen dazu: Wagner schielt nach dem großen Stile, er, der nicht einmal die gewöhnliche, rechte, ächte Logik vermag! Er weiß dies gut genug, er erkannte es zeitig: aber sofort gieng er daran, mit der unbedenklichen Schauspieler-Gewandtheit die seine Meisterschaft ausmacht, sich seinen Mangel zum Vortheile auszulegen. Es liegt im Unlogischen, Halblogischen viel Verführerisches — das hat Wagner gründlich errathen —: namentlich für Deutsche, bei denen Unklarheit als “Tiefe” empfunden wird. Die Männlichkeit und Strenge einer logischen Entwicklung war ihm versagt: aber er fand “Wirkungsvolleres”! “Die Musik, hat er gelehrt, ist immer nur ein Mittel, der Zweck ist das Drama.” Das Drama? Nein die Attitüde! — so verstand es Wagner bei sich selber. Vor Allem und zuerst die ergreifende Attitüde! Etwas, das umwirft und schaudern macht! Was liegt am „zureichenden Grunde”! Eine Art Vieldeutigkeit, selbst in der rhythmischen Phrasirung, gehört insgleichen unter seine liebsten Kunstmittel, eine Art Trunkenheit und Traumwandeln, welches nicht mehr zu “folgern” weiß und einen gefährlichen Willen zum blinden Folgen und Nachgeben entfesselt. Man sehe nur unsre Frauen an, wenn sie “wagnetisirt” sind: welche “Unfreiheit des Willens”! Welcher Fatalismus im erlöschenden Blicke! Welches Geschehen-Lassen, über-sich-ergehen-lassen! Vielleicht ahnen sie sogar, daß sie, in diesem Zustande des “ausgehängten” Willens, einen Zauber und Reiz mehr für manche Männer haben? —: welcher Grund mehr zur Anbetung ihres Cagliostro und Wundermannes! Bei den eigentlichen “Mänaden” der Wagner-Anbetung darf man unbedenklich sogar auf Hysterie und Krankheit schließen; irgend Etwas ist in ihrer Geschlechtlichkeit nicht in Ordnung; oder es fehlt an Kindern, oder, im erträglichsten Falle, an Männern. 7. Was die Jünglinge betrifft, welche Wagner'n huldigen so sind sie gemeinhin schlecht musikalisch. (Einer von den Besten sagte mir sogar einmal treuherzig "ich verstehe gar nichts von Musik, aber Wagner vereinigt alles Gute, was es heute giebt — er ist Antisemit, Vegetarianer und verabscheut die Vivisektion”) Die Wagnerischen Jünglinge, in manchem Betracht eine sehr erquickliche und edle Art von Jünglingen, — verehren in Wagnern ungefähr das Gleiche, was die leidenschaftlichen jünger Victor Hugo's gegen 1828 in ihrem Abgotte verehrten: vor allem den Meister großer Worte und Gebärden, den Fürsprecher aller schwellenden Gefühle, aller erhabenen Instinkte, sodann den wagenden Neuerer und Kettenlöser im Kampfe und Gegensatze zur älteren strengeren, vielleicht beschränkteren Kunstschulung, den Eröffner neuer Zugänge, neuer Ausblicke, neuer Fernen, neuer Tiefen und Höhen, endlich, und nicht am Wenigsten: diese deutsche Jugend verehrt an Wagnern das Befehlerische, die Fähigkeit, lärmend zu kommandiren, auf sich allein zu stehen, auf sich allein zurückzuweisen, hartnäckig zu sich selber ja zu sagen, und immer im Namen des “auserwählten Volks”, der Deutschen! — kurz, das Volkstribunenhafte und Demagogische an Wagner. Von welchem schlechten, ja abscheulichen Geschmacke diese ganze “Selbst-in-Scene-Setzung” Wagner's ist, davon sehen solche begeisterte Jünglinge noch Nichts: die Jugend hat einmal das Recht zum schlechten Geschmack, — es ist ihr Recht. Will man aber kennen lernen, wohin die Unschuld und die unbedenkliche Bereitwilligkeit von Jünglingen durch einen alten umgetriebenen Rattenfänger geführt und verführt werden kann, so werfe man einen Blick auf jenen litterarischen Sumpf, aus welchem zuletzt der altgewordene Meister mit seinen “Jungen” zu singen liebt (ist “Singen” das rechte Wort?) ich meine die übel berufenen “Bayreuther Blätter”. Das ist wirklich ein Sumpf: Anmaaßung, Deutschthümelei und Begriffswirrwarr im trübsten Durcheinander, ein unausstehlicher Zucker “süßesten” Mitleidens darüber gegossen, dazwischen jene schon angedeutete Neigung für grüne Gemüse und jene zweckbewußte Salbung und Rührseligkeit zu Gunsten der Thiere, dicht neben dem ungeschminkten ächten und gründlichen Hasse auf die Wissenschaft und überhaupt der Verhöhnung und Beschimpfung alles dessen, was Wagnern im Wege steht und stand — wie stand seinem Einflusse die vornehmere Natur Mendelssohns, die reinere Natur Schumann's im Wege! — dabei ein kluges Ausschielen nach neuen Hülfstruppen, ein “Entgegenkommen” nach der Seite mächtiger Parteien hin, zum Beispiel das vollends unsaubere Spielen und Äugeln mit christlichen Symbolen — Wagner, der alte Atheist, Antinomist und Immoralist, ruft sogar einmal salbungsvoll das “Blut des Erlösers” an! im Ganzen die Frechheit eines alten dick-umräucherten Oberpriesters, der über alle erdenklichen gerade ihm gänzlich entzogenen und verbotenen Bereiche des Denkens seine dunklen Gefühle wie Offenbarungen verlautbart; und dies alles in einem Deutsch, einem eigentlichen Sumpf-Deutsch der Unklarheit und Übertreibung, wie es vielleicht selbst von den Deutschfeindlichsten Schülern Hegel's nicht erreicht worden ist! 8. Vielleicht, daß nunmehr erst deutlich gemacht werden kann, wohin Wagner gehört: nämlich nicht in die große Reihe der Eigentlichen und Ächten höchsten Ranges, nicht in diesen olympischen “Hof der Höfe”. Vielmehr gebührt Wagner ein ganz anderer Rang und eine ganz andere Ehre — und in der That, keine kleine und gemeine: Wagner ist eines von jenen drei Schauspieler-Genie's der Kunst, von welchen die Menge in diesem Jahrhundert — und es ist ja das “Jahrhundert der Menge”! — beinahe erst den Begriff “Künstler” gelernt hat: ich meine jene drei wunderlichen und gefährlichen Menschen, Paganini, Liszt, Wagner, welche, fragwürdig in die Mitte gestellt zwischen “Gott” und “Affe”, ebenso sehr zum “Nachmachen” als zum Erfinden, zum Schaffen in der Kunst des Nachahmens selber vorherbestimmt waren, und deren Instinkt alles errathen hat, was zum Zweck des Vortrags, des Ausdrucks, der Wirkung, der Bezauberung, der Verführung ausfindig und ausgiebig gemacht werden kann. Als dämonische Mittler und Kunst-Interpreten wurden sie — und sind sie heute die Meister aller Künstler der Interpretation überhaupt: Jemanden  in diesen Kreisen hat von ihnen gelernt; — unter Schauspielern und ausübenden Spielleuten jeder Art wird man deshalb auch den Herd und insgleichen die Herkunft des eigentlichen “Wagner-Cultus” zu suchen haben. Abgesehen aber von diesen Kreisen, denen man alles Recht zu ihrem Glauben und Aberglauben zusprechen darf, und im Hinblick auf die gesammte Erscheinung jener drei Schauspieler-Genie's und ihren geheimsten und allgemeinsten Sinn, komme ich bei mir nicht darüber hinweg, immer dieselbe Frage wieder aufzuwerfen: was sich in jenen Dreien scheinbar neu ausdrückt, ist das vielleicht doch nur der alte und ewige „Cagliostro”, nur neu verkleidet, neu in Scene gesetzt, “in Musik gesetzt”, in Religion gesetzt, — wie es dem Geschmack des neuen Jahrhunderts — dem Jahrhundert der Menge, wie gesagt, — am besten entsprechen mag? Also nicht mehr wie der letzte Cagliostro als der Verführer einer vornehmen und ermüdeten Cultur, sondern — als demagogischer Cagliostro? — und unsre Musik, mit deren Hülfe hier “gezaubert” wird: — was, ich bitte und frage euch, bedeutet unsere d\<eutsche\> M\<usik\>! 9. — Dieser letzte Wagner, im Grunde ein zerbrochner und überwundener Mensch, der aber die große Schauspielerei nicht lassen konnte, dieser Wagner, der zuletzt gar noch von den “Entzückungen” sprach, die er dem protestantischen Abendmahle abzugewinnen wisse, während er zu gleicher Zeit mit seiner Parsifal-Musik allem eigentlich Römischen die Hände entgegenstreckte: dieser überallhin sich anbietende Schmeichler aller deutschen Eitelkeiten, Unklarheiten und Anmaaßungen, — dieser letzte Wagner sollte der letzte und höchste Gipfel unsrer Musik und der Ausdruck der endlich erreichten Synthesis der “deutschen Seele” sein, der Deutsche selber? — Es war im Sommer 1876, daß ich diesem Glauben bei mir abschwor; und damit begann jene Bewegung des deutschen Gewissens, von der sich heute immer ernstere, immer deutlichere Zeichen zu erkennen geben, — und der Rückgang der Wagnerei! 41 [3] Es giebt nur Geburtsadel, nur Geblütsadel. (Ich rede hier nicht vom Wörtchen “von” und dem Gothaischen Kalender: Einschaltung für Esel.) Wo von “Aristokraten des Geistes” geredet wird, da fehlt es zumeist nicht an Gründen, etwas zu verheimlichen; es ist bekanntermaaßen ein Leib-Wort unter ehrgeizigen Juden. Geist allein nämlich adelt nicht; vielmehr bedarf es erst etwas, das den Geist adelt. — Wessen bedarf es denn dazu? Des Geblüts. 41 [4] Die deutsche Philosophie als Ganzes — Leibnitz, Kant, Hegel, Schopenhauer, um die Großen zu nennen — ist die gründlichste Art Romantik und Heimweh, die es bisher gab: das Verlangen nach dem Besten, was jemals war. Man ist nirgends mehr heimisch, man verlangt zuletzt nach dem zurück, wo man irgendwie heimisch sein kann, weil man dort allein heimisch sein möchte: und das ist die griechische Welt! Aber gerade dorthin sind alle Brücken abgebrochen, — ausgenommen die Regenbogen der Begriffe! Und die führen überall hin, in alle Heimaten und ”Vaterländer”, die es für Griechen-Seelen gegeben hat! Freilich man muß sehr fein sein, sehr leicht, sehr dünn, um über diese Brücken zu schreiten! Aber welches Glück liegt schon in diesem Willen zur Geistigkeit, fast zur Geisterhaftigkeit! Wie ferne ist man damit von “Druck und Stoß”, von der mechanistischen Tölpelei der Naturwissenschaft, von dem Jahrmarkts-Lärme der “modernen Ideen”! Man will zurück, durch die Kirchenväter zu den Griechen, aus dem Norden nach dem Süden, aus den Formeln zu den Formen; man genießt noch den Ausgang des Alterthums, das Christenthum, wie einen Zugang zu ihm, wie ein gutes Stück alter Welt selber, wie ein glitzerndes Mosaik antiker Begriffe und antiker Werthurtheile. Arabesken, Schnörkel, Rokoko scholastischer Abstraktionen — immer noch besser, nämlich feiner und dünner, als die Bauern- und Pöbel-Wirklichkeit des europäischen Nordens: immer noch ein Protest höherer Geistigkeit gegen den Bauernkrieg und Pöbel-Aufstand, der über den geistigen Geschmack im Norden Europa's Herr geworden ist und welcher an dem großen “ungeistigen Menschen”, an Luther, seinen Anführer hatte. — In diesem Betracht ist deutsche Philosophie ein Stück Gegenreformation, sogar noch Renaissance, mindestens Wille zur Renaissance, Wille fortzufahren in der Entdeckung des Alterthums, in der Aufgrabung der antiken Philosophie, vor Allem der Vorsokratiker — der best-verschütteten aller griechischen Tempel! Vielleicht, daß man einige Jahrhunderte später urtheilen wird, daß alles deutsche Philosophiren darin seine eigentliche Würde habe, ein schrittweises Wiedergewinnen des antiken Bodens zu sein, und daß jeder Anspruch auf “Originalität” kleinlich und lächerlich klinge im Verhältnisse zu jenem höheren Anspruche der Deutschen, das Band, das zerrissen schien, neu gebunden zu haben, das Band mit den Griechen, dem bisher höchst gearteten Typus “Mensch”. Wir nähern uns heute allen jenen grundsätzlichen Formen der Weltauslegung wieder, welche der griechische Geist, in Anaximander, Heraklit, Parmenides, Empedokles, Demokrit und Anaxagoras, erfunden hat, — wir werden von Tag zu Tag griechischer, zuerst, wie billig, in Begriffen und Werthschätzungen, gleichsam als gräcisirende Gespenster: aber dereinst, hoffentlich auch mit unserem Leibe! Hierin liegt (und lag von jeher) meine Hoffnung für das deutsche Wesen! 41 [5] Man schlägt ein weibliches Buch auf: — und bald seufzt man “wieder eine verunglückte Köchin!” 41 [6] Zu den höchsten und erlauchtesten Menschen-Freuden, in denen das Dasein seine eigene Verklärung feiert, kommen, wie billig, nur die Allerseltensten und Best-Gerathenen: und auch diese nur, nachdem sie selber und ihre Vorfahren ein langes vorbereitendes Leben auf dieses Ziel hin, und nicht einmal im Wissen um dieses Ziel, gelebt haben. Dann wohnt ein überströmender Reichthum vielfältigster Kräfte und zugleich die behendeste Macht eines “freien Wollens” und herrschaftlichen Verfügens in Einem Menschen liebreich bei einander, der Geist ist dann ebenso in den Sinnen heimisch und zu Hause, wie die Sinne in dem Geiste zu Hause und heimisch sind; und Alles, was nur in diesem sich abspielt, muß auch in jenen ein feines außerordentliches Glück und Spiel auslösen. Und ebenfalls umgekehrt! — man denke über diese Umkehrung bei Gelegenheit von Hafis nach; selbst Goethe, wie sehr auch schon im abgeschwächten Bilde, giebt von diesem Vorgange eine Ahnung. Es ist wahrscheinlich, daß bei solchen vollkommenen und wohlgerathenen Menschen zuletzt die allersinnlichsten Verrichtungen von einem Gleichniß-Rausche der höchsten Geistigkeit verklärt werden; sie empfinden an sich eine Art Vergöttlichung des Leibes und sind am entferntesten von der Asketen-Philosophie des Satzes “Gott ist ein Geist”: wobei sich klar heraus stellt, daß der Asket „der mißrathene Mensch” ist, welcher nur ein Etwas an sich, und gerade das richtende und verurtheilende Etwas, gut heißt — und “Gott” heißt. Von jener Höhe der Freude, wo der Mensch sich selber und sich ganz und gar als eine vergöttlichte Form und Selbst-Rechtfertigung der Natur fühlt, bis hinab zu der Freude gesunder Bauern und gesunder Halbmensch-Thiere: diese ganze lange ungeheure Licht- und Farbenleiter des Glücks nannte der Grieche, nicht ohne die dankbaren Schauder dessen, der in ein Geheimniß eingeweiht ist, nicht ohne viele Vorsicht und fromme Schweigsamkeit — mit dem Götternamen: Dionysos. — Was wissen denn alle neueren Menschen, die Kinder einer brüchigen vielfachen kranken seltsamen Mutter, von dem Umfange des griechischen Glücks, was könnten sie davon wissen! Woher nähmen gar die Sklaven der “modernen Ideen” ein Recht zu dionysischen Feiern! 41 [7] Als der griechische Leib und die griechische Seele „blühte”, und nicht etwa in Zuständen krankhafter Überschwenglichkeit und Tollheit, entstand jenes geheimnißreiche Symbol der höchsten bisher auf Erden erreichten Welt-Bejahung und Daseins-Verklärung. Hier ist ein Maaßstab gegeben, an dem Alles, was seitdem wuchs, als zu kurz, zu arm, zu eng befunden wird: — man spreche nur das Wort „Dionysos” vor den besten neueren Namen und Dingen aus, vor Goethe etwa, oder vor Beethoven, oder vor Shakespeare, oder vor Raffael: und auf Ein Mal fühlen wir unsre besten Dinge und Augenblicke gerichtet. Dionysos ist ein Richter! — Hat man mich verstanden? — Es ist kein Zweifel, daß die Griechen die letzten Geheimnisse “vom Schicksale der Seele” und Alles, was sie über die Erziehung und Läuterung, vor Allem über die unverrückbare Rangordnung und Werth-Ungleichheit von Mensch und Mensch wußten, sich aus ihren dionysischen Erfahrungen zu deuten suchten: hier ist für alles Griechische die große Tiefe, das große Schweigen, — man kennt die Griechen nicht, so lange hier der verborgene unterirdische Zugang noch verschüttet liegt. Zudringliche Gelehrten-Augen werden niemals etwas in diesen Dingen sehen, so viel Gelehrsamkeit auch im Dienste jener Ausgrabung noch verwendet werden muß —; selbst der edle Eifer solcher Freunde des Alterthums, wie Goethes und Winckelmanns, hat gerade hier etwas Unerlaubtes, fast Unbescheidenes. Warten und sich-vorbereiten; das Aufspringen neuer Quellen abwarten, in der Einsamkeit sich auf fremde Gesichte und Stimmen vorbereiten; vom Jahrmarkts-Staube und –Lärm dieser Zeit seine Seele immer reiner waschen; alles Christliche durch ein Überchristliches überwinden und nicht nur von sich abthun — denn die christliche Lehre war die Gegenlehre gegen die dionysische —; den Süden in sich wieder entdecken und einen hellen glänzenden geheimnißvollen Himmel des Südens über sich aufspannen; die südliche Gesundheit und verborgene Mächtigkeit der Seele sich wieder erobern; Schritt vor Schritt umfänglicher werden, übernationaler, europäischer, übereuropäischer, morgenländischer, endlich griechischer — denn das Griechische war die erste große Bindung und Synthesis alles Morgenländischen und eben damit der Anfang der europäischen Seele, die Entdeckung unserer ”neuen Welt“: — wer unter solchen Imperativen lebt, wer weiß, was dem eines Tages begegnen kann? Vielleicht eben — ein neuer Tag! 41 [8] Den deutschen Bildungs-Zuständen habe ich in jüngeren Jahren den Krieg erklärt und brav dabei meinen Degen geführt: anders geht es nicht. Die Weiber fort, auch die männlichen Weiber und Zärtlinge! das versteht nichts vom Kriege und jammert sich halbtodt über einen vergossenen Blutstropfen. Man rückt mir vor, ich hätte früher den alten David Strauß “umgebracht”? Ich werde wohl noch andere Menschenleben auf dein Gewissen haben — aber so bringt es Krieg und Sieg mit sich. Ein Ding, das zum Sterben reif ist: wozu dergleichen noch künstlich pflegen, schonen und einwickeln? An den deutschen Bildungs-Zuständen aber will nichts geschont sein: das ist “reif”. 41 [9] Vorrede. Wer die Begierden einer hohen und wählerischen Seele hat und nur selten seinen Tisch gedeckt, seine Nahrung bereit findet, dessen Gefahr ist heute keine geringe. In ein lärmendes und pöbelhaftes Zeitalter hineingeworfen, mit dem er nicht aus Einer Schüssel essen mag, kann er leicht vor Hunger und Durst, oder, falls er endlich dennoch “zugreift” —, vor Ekel zu Grunde gehn. Dies war die Gefahr meiner Jugend, einer ungesättigten, sehnsüchtigen, vereinsamten Jugend; und die Gefahr kam auf die Höhe, als ich eines Tages begriff, was für Speisen ich zuletzt doch mir zugeführt, und wozu mich der ungestüme Hunger und Durst meiner Seele verlockt hatte. Es war im Sommer 1876. Damals stieß ich, wüthend vor Ekel, alle Tische von mir, an denen ich bis dahin gesessen hatte, und ich gelobte mir, lieber zufällig und schlecht, lieber von Gras und Kraut und unterwegs, wie ein Thier, lieber gar nicht mehr zu leben als meine Mahlzeiten mit dem „Schauspieler-Volk” und den “höheren Kunstreitern des Geistes” — solche harte Ausdrücke gebrauchte ich damals — zu theilen: — denn ich schien mir unter lauter Cagliostros und unächte Menschen gerathen zu sein, und zürnte und tobte darüber, dort geliebt zu haben, wo ich hätte verachten sollen. Nachdem ich endlich ruhiger geworden war, obschon durchaus nicht billiger und versöhnlicher, löste ich mich langsam und ohne Unart aus meiner bisherigen „Gesellschaft”, und gieng auf die Wanderschaft, — krank, lange Jahre krank. Eine große, immer größere Loslösung — denn philosophische Menschen treiben das Einzelne gern ins Allgemeine — eine willkürliche “Entfremdung” war in jener Zeit meine einzige Labsal: ich prüfte Alles, woran sich bis dahin überhaupt mein Herz gehängt hatte, ich drehte die besten und verehrtesten Dinge und Menschen um und sah mir ihre Kehrseiten an, ich that das Umgekehrte mit Allem, woran sich bisher die menschliche Kunst der Verleumdung und Verlästerung am besten geübt hat. Es war ein böses Spiel: ich war oft krank daran — aber mein Entschluß blieb stehen. Ich “zerbrach mein verehrendes Herz” selber und sah mir noch seine gebrochenen Stücke und deren Kehrseiten an, — nicht ohne vielerlei neue Lust und Neugierde: denn man ist in dem Grade grausam als man der Liebe fähig ist. Endlich kam ich, Schritt vor Schritt, zu der letzten Forderung meiner innewendigen Härte: ich setzte mir die beste Miene zu meinem bösen Spiele auf, lachte allen “Pessimismus” bei mir aus und wehrte mich boshaft gegen jeden Schluß, an dem Krankheit und Einsamkeit einen Antheil haben könnten: — “vorwärts, sagte ich mir, eines Tags wirst du gesund sein, heute genügt es, sich gesund zustellen! Der Wille zur Gesundheit ist schon das allerbeste Heilmittel!” Darauf machte ich zum ersten Male meine Augen auf — und sah alsbald viele Dinge und viele Farben der Dinge, wie sie ängstliche Eckensteher und um sich besorgte Geister, die immer zu Hause geblieben sind, niemals zu sehen bekommen. Eine Art Vogel-Freiheit, eine Art Vogel-Umblick, eine Art Mischung von Neugierde und Verachtung, wie sie jeder hat, der unbetheiligt ein ungeheures Vielerlei übersieht — das war endlich der erreichte neue Zustand, mit dem ich es lange aushielt. Ein “freier Geist” und nichts mehr: so fühlte, so nannte ich mich damals; und ich war wirklich das Gegenstück derer geworden, welche sich um Dinge bekümmern, die sie nichts angehn, — mich giengen lauter Dinge an, die mich nicht mehr – „bekümmerten“. Dies waren Jahre der Genesung, vielfältige Jahre voll bunter und schmerzlich-zauberhafter Begebnisse, von denen die Gesunden, die Vierschrötigen des Geistes eben so wenig Etwas begreifen und riechen dürften als die Krankhaften, die Verurtheilten, die zum Tode und nicht zum Leben Vorherbestimmten. Damals hatte ich „mich” noch nicht gefunden: aber ich war tapfer unterwegs nach “mir” und prüfte tausend Dinge und Menschen, an denen ich vorbei kam, ob sie nicht zu „mir” gehörten oder Etwas mindestens von “mir” wüßten. Welche Überraschungen gab es dabei! Welche Schauder! Welche kurze kleine Winkel des Glücks! Welches Ausruhen in der Sonne! Welche Zärtlichkeiten! Und immer wieder diese harte innere Stimme, welche befahl: “fort von hier! Vorwärts, Wanderer! Es sind noch viele Meere und Länder für dich übrig: wer weiß, wem Alles du noch begegnen mußt?” Daß ich es also dankbar eingestehe: es sind mir damals, als ich die Regel “Mensch” zu studiren begann, seltsame und nicht ungefährliche Geister, mitunter sogar sehr freie Geister begegnet und über den Weg gelaufen, — und vor Allem Einer, und dieser immer wieder, kein Geringerer als der Gott Dionysos selber: — derselbe, dem ich einst, in viel jüngeren Jahren ein ehrfürchtiges und unschuldiges Opfer dargebracht hatte. Vielleicht finde ich noch einmal Muße und Stille genug, um meinen Freunden Alles, was ich von der Philosophie des Gottes Dionysos behalten habe, zu erzählen. mit halber Stimme, wie billig, — denn es handelt sich um vieles Heimliche, und manches Unheimliche. Daß aber Dionysos ein Philosoph ist und daß also auch Götter philosophiren, dünkt mich jedenfalls ein wichtiger und der sorgsamsten Mittheilung würdiger Umstand, welcher nichts gegen sich hat, außer daß er vielleicht nicht zur rechten Zeit bekannt wird: denn man glaubt heute ungern an Götter. Vielleicht, daß ich auch in der Freimüthigkeit meiner Erzählung etwas weiter gehen müßte, als den strengen Ohren meiner Freunde immer liebsam sein mag. Gewiß ist, daß der genannte Gott bei unseren Zwiegesprächen weiter gegangen ist und immer um einige Schritt mir voraus war: er liebt das Weitgehen! Ja, ich würde, falls es erlaubt wäre, ihm nach Menschenbrauch, schöne heuchlerische Prunk- und Tugend-Namen beizulegen, viel Rühmens von seinem Forscher- und Entdecker-Muthe, von seiner Redlichkeit, Wahrhaftigkeit und Liebe zur Weisheit zu machen haben. Aber mit allem diesem schönen Plunder und Prunk weiß ein solcher Gott nichts anzufangen. “Behalte dies, würde er sagen, lieber für dich und deines Gleichen, und wer sonst es nöthig hat! Ich — habe keinen Grund, meine Blöße zu decken.” Man sieht, es fehlt dieser Art von Gottheit und Philosophiren etwas an Scham. So sagte er gleich bei unserer ersten Unterredung zu mir: „unter Umständen liebe ich den Menschen — und dabei spielte er auf Ariadne an —: es ist ein angenehmes erfinderisches Thier, das auf Erden nicht seines Gleichen hat, es findet sich in allen Labyrinthen noch zurecht. Ich denke oft darüber nach, wie ich ihn noch vorwärts bringe und ihn stärker, böser und tiefer mache als er ist.” — Stärker, böser und tiefer? fragte ich erschreckt. “Ja, sagte er noch Ein Mal, stärker, böser und tiefer: auch schöner” — und dazu lächelte der Gott, wie als ob er eben eine bezaubernde Artigkeit gesagt habe. Man sieht hier zugleich: es fehlt dieser Gottheit nicht nur an Scham —; und es giebt überhaupt gute Gründe dafür, zu muthmaaßen, daß in einigen Stücken die Götter insgesammt bei uns Menschen in die Schule gehen könnten. Wir sind menschlicher. Und hiermit sind wir angelangt und am rechten Orte: nämlich am Ende. Denn man wird bereits sattsam begriffen haben, was es heißen soll: “Menschliches, Allzumenschliches”. Und warum dieses Buch “ein Buch für freie Geister” ist. 2. Was an diesem Titel die Worte „Menschliches, Allzumenschliches” bedeuten sollen, habe ich schon zu verstehn gegeben — zum Mindesten für solche, die feine Ohren haben. Was aber in aller Welt dachte ich mir damals unter “freien Geistern”, nach denen ich den Angelhaken meines Buches auswarf? Es scheint, ich wünschte mir — Gesellschaft? 41 [10] — — — Darum kann ich die drei Glücksfälle meines Lebens nicht genugsam preisen, welche zur rechten Zeit noch ausglichen, worin ich etwa durch eine ungesättigte, sehnsüchtige und vereinsamte Jugend zu Schaden gekommen war. Das Erste war, daß ich in jungen Jahren eine achtbare und gelehrte Beschäftigung fand, welche mir erlaubte, mich in der Nähe der Griechen heimisch zu machen, wenn man mir diesen unbescheidnen aber deutlichen Ausdruck nachsehen will. Solchermaaßen bei Seite gerückt und auf das Beste unterhalten brachte ich es nicht leicht über mich, über Etwas, das sich heute begiebt, heftig zu zürnen. Dazu kam, daß ich einem Philosophen ergeben war, der auf eine tapfere Art allem Gegenwärtigen zu widersprechen wußte, ohne doch durch ein Übermaaß von Verneinung die Ehrfurcht selber bei seinem Schüler zu entwurzeln. Endlich bin ich von Kindesbeinen an ein Liebhaber der Musik und auch jeder Zeit guten Musikern selber Freund gewesen: dies Alles zusammen ergab, daß ich wenig Grund hatte, mich um die heutigen Menschen zu kümmern: — denn die guten Musiker sind alle Einsiedler und außer der Zeit. Ich war schon über die zwanziger Jahre hinaus, als ich dahinter kam, daß mir die Kenntniß der Menschen fehlte. Ist es denn wahrscheinlich, daß Jemand zum Menschenkenner werden könne, der seinen Sinn weder auf Ehren, noch auf Ämter, noch auf Geld, noch auf Weiber ernstlich gerichtet hat und die längsten Stücke jedes Tages mit sich allein verbringt? Hier gäbe es mancherlei Anlaß zu spotten, wenn es nicht wider den guten Geschmack wäre, daß der Urheber eines Buches dessen Vorrede dazu mißbraucht, über sich selber zu spotten. Genug, ich fand Gründe und immer mehrere und bessere Gründe, meinem Lobe wie meinem Tadel gründlich zu mißtrauen; zugleich erwachte eine heftige und plötzliche Neugierde nach den Menschen: kurz, ich beschloß, in eine harte und lange Schule zu gehen. 41 [11] “Denken” im primitiven Zustande (vor-organisch) ist Gestalten-Durchsetzen, wie beim Crystalle. — In unserem Denken ist das Wesentliche das Einordnen des neuen Materials in die alten Schemata (= Prokrustesbett), das Gleich machen des Neuen. 41 [12] Schluß von I. Ich sehe neue Philosophen heraufkommen. So wie ich euch kenne, meine Freunde, ihr freien Geister, so fliegen unter euch auch diese “kommenden”, schönen, stolzen Vögel! — ich — — — 41 [13] — — — Was aber den angeführten Imperativ des deutschen Instinktes betrifft, welcher gebietet: „Keine neuen Juden mehr! Und die Thore nach dem Osten zugeschlossen halten!” — so dürfte die kluge Erwägung den deutschen Juden selber zu einer derartigen “Grenz-Regulirung” rathen: ihre Aufgabe, in das deutsche Wesen hineinzuwachsen und zu einem deutscheren Typus des Ausdrucks und der Gebärde, endlich der „Seele” zu gelangen — denn dies ist der Gang, von Außen nach Innen, vom „Schein” zum „Sein” — darf nicht immer wieder durch die schauerliche und verächtliche Häßlichkeit neu einwandernder polnischer und russischer, ungarischer und galizischer Juden ins Unlösbare zurückgeschoben werden. Hier ist der Punkt, wo die Juden auch ihrerseits zu handeln, nämlich sich “Grenzen zu setzen” haben: — der einzige und letzte Punkt, in dem jüdischer und deutscher Vortheil sich noch zu einem gemeinsamen Vortheile ausgleichen könnte: aber freilich, es ist Zeit, ja die höchste Zeit! 41 [14] Es gab bisher noch keine deutsche Cultur. Gegen diesen Satz ist es kein Einwand, daß es in Deutschland große Einsiedler gab — Göthe z. B.: denn diese hatten ihre eigene Cultur. Gerade aber um sie herum, gleichsam wie um mächtige trotzige vereinsamt hingestellte Felsen, lag immer das übrige deutsche Wesen als ihr Gegensatz, nämlich wie ein weicher mooriger unsicherer Grund, auf dem jeder Schritt und Tritt des Auslandes “Eindruck” machte und “Formen” schuf: die “deutsche Bildung” war ein Ding ohne Charakter, eine beinahe unbegrenzte Nachgiebigkeit. 41 [15] — ich lachte ein armes anmaaßliches moderiges Buch öffentlich zu Tode, in das sich die „deutsche Bildung” vernarrt hatte, — nun, man kann auf Erden noch manchen gefährlicheren Gebrauch von seinem Gelächter machen! Vielleicht habe ich selbst unversehens dabei einen alten Mann, den alten würdigen David Strauß, virum optime meritum, “umgebracht”? — man giebt es mir zu verstehen. Aber so bringt es Krieg und Sieg mit sich; und ich will mit gutem Gewissen noch ganz andre Menschenleben einmal “auf dem Gewissen” haben! Nur die Weiber fort, auch die männlichen Klage-Weiber und Zärtlinge! Das versteht nichts vom Kriegs-Handwerke und jammert sich halbtodt über jeden „Mangel an Schonung”. Damit etwas Andres anfangen könne, muß man hier erst ein Ende machen: ich hoffe doch, daß man mich hier — versteht? An der “deutschen Bildung” aber will nichts mehr geschont sein: hier muß man seiner selbst nicht schonen und endlich ein Ende machen — oder Etwas Anderes kann gar nicht anfangen 41 [16] Die Deutschen sind tief. der christliche Europäer. der deutsche Geist jener unbedenkliche Enthusiast die Demagogen in der Kunst. Vom Rückgange der Wagnerei. Wie wenig der deutsche Stil die Juden Ranke, der beschönigende Advokat der Thatsachen [August – September 1885] [Aufzeichnungen zu einer neuen Auflage von Menschliches, Allzumenschliches] 42 [1] Der Spiegel. Eine Gelegenheit zur Selbst-Bespiegelung für Europäer. Der latente Anarchismus. Arten und Ursachen der Welt-Verleumdung. III Die Deutschen. Gedanken über Zucht und Züchtung. Hintergründe der Logik. Die Verlegenheit der Physiker. II Was sind “freie Geister”? Die Demagogen in der Kunst. Das Ewig-Weibliche. Die Moral in Europa. Die Zucht des Willens. Von der Rangordnung. Christus und Dionysos. Der Historiker. I Die Philosophen der Zukunft. Die Abnahme der Heiterkeit. Von der Einsamkeit. Süden und Morgenland. Ein Wort für Musiker. Welt-Auslegung, nicht Welt-Erklärung. (Litteratur und Schauspieler-Cultur.) Der „letzte Wagner”. — Der eigentlich königliche Beruf des Philosophen (nach dem Ausdruck Alcuins des Angelsachsen): prava corrigere et recta corroborare et sancta sublimare. Versuch einer Kritik der modernen Seele. 42 [2] Der Atheismus und seine Ursachen. Der latente Anarchismus. Der Nationalismus und die Weltwirthschaft. Von der Rangordnung und der Gleichheit. Die moralische Skepsis Die Weltverleumdung und die Abnahme der Heiterkeit Norden Süden Die Musik Die Philosophen Die Historiker Die Demagogen in der Kunst. Das Weib. Die Zucht des Willens. Die Ernährung. Lesen und Litteratur-Presse. 42 [3] Menschliches, Allzumenschliches. 1 Metaphysica Hätte die Welt ein Ziel, so müßte es erreicht sein Am Leitfaden des Leibes Wer der Geschichte irgend einer einzelnen Wissenschaft nachgegangen ist Was wir im Traume erleben Was uns von aller Platonischen und Leibnitzischen Denkweise Der Mensch ist ein Formen- und Rhythmenbildendes Geschöpf Der Gedanke ist in der Gestalt, in welcher er kommt “Wie sind synthetische Urtheile a priori Was mich am gründlichsten von den Metaphysikern abtrennt, Wahrheit: das bezeichnet innerhalb Das logische Denken, von dem die Logik redet Es giebt Wahrheiten, die am besten von mittelmäßigen Köpfen Schluß: In welcher seltsamen Vereinfachung Der neue Oedipus. Schein, wie ich es verstehe. Menschliches, Allzumenschliches II Abschnitt Moralia. “Unsere höchsten Einsichten müssen — und sollen wie Thorheiten, ja wie Verbrechen” “Insofern es zu allen Zeiten, so lange es Menschen gegeben hat, auch Heerden” “Die Moralen sind das Hauptmittel” “Es beleidigt einen noch, wenn Einer” “Das alte theologische Problem vom Glauben und vom Wissen” “Die Gemeinheit. — Worte sind Tonzeichen für Begriffe” “Nichts kläglicher als die moralistische Litteratur usw.” “Die Verschiedenheit der Menschen zeigt sich nicht nur in der Verschiedenheit ihrer Gütertafeln” “Im Grunde ist die Moral gegen die Wissenschaft feindlich gesinnt” Menschliches Allzumenschliches. Religiosa. “Die menschliche Seele und ihre Grenzen” “Die Philosophen werden sich auch der Religionen” “Im jüdischen Alten Testamente —” “Die Engländer, düstere, sinnliche” Schluss “Zu den höchsten und erlauchtesten Menschenfreuden” Menschliches Allzumenschliches. 4 Kunst Im Ganzen gebe ich den Künstlern mehr Recht: Pessimismus. Schluss: Gegen R. Wagner. Vom Rückgange der Wagnerei. – Wie wenig der deutsche Stil mit dem Klange Menschliches Allzumenschliches. 5. Höhere Cultur. Die deutsche Philosophie als Romantik Man nennt die Deutschen tief. Wagner und Paris Auch heute noch ist die feinste Cultur Victor Hugo Die Demagogen in der Cultur Kant's Einfluß in Europa Gesetzt man denkt sich einen Philosophen als geistigen Erzieher Von der Überzeugung und der Gerechtigkeit (Vorletztes) Der Mensch im Verkehr. Wenn die Philosophen sich unter die homines Menschliches Allzumenschliches. Weib und Kind. Die größere Sinnlichkeit Man kann nicht hoch genug von den Frauen denken Die Abnahme der Anmuth. — Menschliches Allzumenschliches. Staat. Der Socialismus ist die zu Ende Über alle diese nationalen Kriege, neue Reiche Es giebt einen Geblütsadel Jener unbedenkliche Enthusiast Die Deutschen, an deren germanischen Vorfahren Die deutschen Juden. —  Die guten Europäer. Die Deutschen waren noch nichts, denn sie werden etwas Menschliches, Allzumenschliches. Der Mensch mit sich allein. — Die Gefahr bei außerordentlichen Geistern Ein Mensch der nach Großem strebt — Daß viele von Dingen reden, in Bezug auf welche — Der Einsiedler, der höhere philosophische Mensch. I darauf: „Freidenker” Drittletztes II „der freie Geist” und die Einsamkeit III 2 (Am Ende) Der starke Geist IV Schluß: In Genua: Oh meine Freunde. versteht ihr dieß „Trotzdem”? 42 [4] Der Erkennende Jenseits des Guten und Bösen Neue Fabeln von Gott Mann und Weib Freund, Feind und Einsamkeit 42 [5] Allein oder zu zweien — 6, 13, 14,24,36,48 Opfer —  19, 18 Verachtung des Weibes — 20, 16, 17, 23, 37 nicht zuviel Worte — 22, 15 Kind Mann Weib — 28 die Schaffenden — 29, 30 Gegen die Selbsterkenntniß — 38, 45 Um geliebt zu werden — 46 Absichten — 57 Heerde — 62 Ehe — 60, 53, 18, 17 Teufel Gott — 47 Zeit und Zukunft — 76, 102 42 [6] S. I. Es giebt kein Gemein-Gut: — dies Wort widerspricht sich selber, denn was gemein sein kann, muß immer von gemeinem Werth also nicht gut sein. 1 Dogmatiker. Plato und der ”reine Geist”. die prachtvolle Spannung durch die Dogmatiker. 2 Skeptiker. Die Befehlenden selten. Zuletzt regieren in der Philosophie die Mittelmäßigsten! Wo ist Wille noch vorhanden? 3 Die Kritiker: Gehört die deutsche Philosophie in die kritische oder skeptische Bewegung? Kant. Nein, es ist eine Gegenbewegung, im Grunde eine theologische. “Ohne ein leidenschaftliches Vergnügen”. 4 Die Engländer und die Philosophie, gänzlich ungeeignet zur moralistischen “Jagd”. Die Franzosen. Richard Wagner. 5 Heerden-Moral. Das Christenthum verkleinernd \<das\> Alte Testament. Socialismus. Freidenker. “Aufklärung” 6 Der Philosoph als Versucher neuer Möglichkeiten der Werth der Unmoralität für die Erziehung. seine Grausamkeit seine Vereinsamung. Teichm\<üller\> 7 Meine Vorbereiter. Über meine “Unzeitgemäßen Betrachtungen” ein Wort über den Pessimismus. ein Wort über die Künstler: das Dionysische. Gestaltung der Seele Europas. Bedeutung der Griechen, ihrer Entdeckung der historische Sinn 8 Das Dionysische. 42 [7] — meine Hirngespinste zum Verwechseln ähnlich — vor 50 Tausend Jahren sahen die Bäume schon grün aus? — vor der Logik liegt, der Zeit nach, die Herstellung identischer Fälle, Assimilation — das Gedächtniß in der organischen Folge — “angeborene” Ideen — die Heuchelei wäre abzuschaffen, wenn es nicht lustig wäre, sie anzusehen. Nicht Götter nach Epicur, sondern nach Homer: oder wie Galiani — die Mathematiker, die fortschließen, bis das Atom für sie brauchbar werde! Aber so haben es, in gröberer Form, die M\<enschen\> immer gemacht. Was liegt an der Wirklichkeit, bevor sie nicht für unser Haus brauchbar ist! 42 [8] Ja die Philosophie des Rechts! Das ist Eine Wissenschaft, welche wie alle moralische Wissenschaft noch nicht einmal in der Windel liegt! Man verkennt z. B. immer noch, auch unter frei sich dünkenden Juristen, die älteste und werthvollste Bedeutung der Strafe — man kennt sie gar nicht: und so lange die Rechtswissenschaft sich nicht auf einen neuen Boden stellt, nämlich auf Historien- und Völker-Vergleichung, wird es bei dem unnützen Kampfe von grundfalschen Abstraktionen verbleiben, welche heute sich als “Philosophie des Rechts” vorstellen und die sämmtlich vom gegenwärtigen M\<enschen\> abgezogen sind. Dieser gegenwärtige M\<ensch\> ist aber ein so verwickeltes Geflecht, auch in Bezug auf seine rechtlichen Werthschätzungen, daß er die verschiedensten Ausdeutungen erlaubt [Herbst 1885] [Dokument: Heft] 43 [1] Entwurf Das erste Problem ist: wie tief der “Wille zur Wahrheit“ in die Dinge hinein geht? Man ermesse den ganzen Werth der Unwissenheit im Verband der Mittel zur Erhaltung des Lebendigen, insgleichen den Werth der Vereinfachungen überhaupt und den Werth der regulativen Fiktionen, z. B. der logischen, man erwäge vor Allem den Werth der Ausdeutungen, und in wiefern nicht „es ist”, sondern „es bedeutet” — — — so kommt man zu dieser Lösung: der „Wille zur Wahrheit” entwickelt sich im Dienste des “Willens zur Macht”: genau gesehen ist seine eigentliche Aufgabe, einer bestimmten Art von Unwahrheit zum Siege und zur Dauer zu verhelfen, ein zusammenhängendes Ganze von Fälschungen als Basis für die Erhaltung einer bestimmten Art des Lebendigen zu nehmen. Problem: wie tief der Wille zur Güte hinab in das Wesen der Dinge geht. Man sieht überall, bei Pflanze und Thier, das Gegentheil davon: Indifferenz oder die Härte oder Grausamkeit. Die “Gerechtigkeit” “die Strafe”. Die Entwicklung der Grausamkeit. Lösung. Das Mitgefühl ist nur bei socialen Bildungen (zu denen der menschliche Leib gehört, dessen lebendige Einzelwesen mit einander fühlen) da, als Consequenz davon, daß ein größeres Ganze sich erhalten will gegen ein anderes Ganze, und wieder weil im Gesammt-Haushalt der Welt, wo es keine Möglichkeit des Zugrundegehens und Verlierens giebt, Güte ein überflüssiges Princip \<sein\> würde. Problem: wie, tief die Vernunft dem Grunde der Dinge zukommt. Nach einer Kritik von Zweck und Mittel (— kein faktisches Verhältniß, sondern immer nur ein hineingedeutetes), der Charakter der Verschwendung, der Verrücktheit ist \<im\> Gesammthaushalt normal. Die “Intelligenz” erscheint als eine besondere Form der Unvernunft, beinahe als ihre boshafteste Caricatur. Problem: wie weit der „Wille zum Schönen” reicht. Rücksichtslose Entwicklung der Formen: die schönsten sind nur die stärksten: als die siegreichen halten sie sich fest, und werden ihres Typus froh, Fortpflanzung. (Platos Glaube, daß selbst Philosophie eine Art sublimer Geschlechts- und Zeugetrieb sei.) Die Dinge also, welche wir bisher am Höchsten geschätzt haben: als das “Wahre”, „Gute”, “Vernünftige”, „Schöne”, erweisen sich als Einzelfälle der umgekehrten Mächte — ich zeige mit dem Finger auf diese ungeheure perspektivische Fälschung, vermöge deren die Species Mensch sich selber durchsetzt. Es ist ihre Lebensbedingung, daß sie an sich selber Lust deshalb hat (der Mensch hat Freude an den Mitteln seiner Erhaltung: und zu ihnen gehört es, daß der Mensch sich nicht will täuschen lassen, daß Menschen sich gegenseitig helfen, sich zu verstehen bereit \<sind\>; daß im Ganzen die gelungenen Typen auf Unkosten der mißrathenen zu leben wissen). In dem Allen drückt sich der Wille zur Macht aus, mit seiner Unbedenklichkeit zu den Mitteln der Täuschung zu greifen: es ist ein boshaftes Vergnügen denkbar, daß ein Gott empfindet beim Anblick des sich selber bewundernden Menschen. Also: der Wille zur Macht. Consequenz: wenn uns diese Vorstellung feindselig ist, warum geben wir ihr nach? Heran mit den schönen Trugbildern! Seien wir Betrüger und Verschönerer der Menschheit! Thatsache, was eigentlich ein Philosoph ist. 43 [2] Mißverständniß der Logik: sie erklärt nichts, im Gegentheil Mißverständniß des historischen Entwickelns: das Nacheinander ist eine Beschreibung Oberflächlichkeit unseres Causalitäts-Sinns. “Erkenntniß” — in wiefern in einer Welt des Werdens unmöglich? Mit der organischen Welt ist eine perspektivische Sphäre gegeben. Erkennbarkeit der Welt — an sich eine Unbescheidenheit für den Menschen. Auflösung der Instinkte — Verwandlung in Formeln und Formelmenschen. Gegen den Naturalismus und Mechanismus. Die “Berechenbarkeit” der Welt, ob wünschenswerth? damit wäre auch der schöpferische Akt “berechenbar”? Mechanik eine Art Ideal, als regulative Methode — nicht mehr. Spott gegen die Idealisten, welche dort die “Wahrheit“ glauben, wo sie sich “gut” oder “erhoben” fühlen. Klassisch: Renan, citirt bei Bourget. Leugnung des leeren Raums und Reduktion der Mechanik auf die Tyrannei des Auges und Getasts. Leugnung der actio in distans. Gegen Druck und Stoß. Die Gestalt der Welt als Ursache ihres Kreisprozesses. Nicht Kugel! Die Kraft continuirlich. Gegen Laplace-Kant. Kampf der Atome, wie der Individuen, aber, bei gewisser Stärkeverschiedenheit wird aus zwei Atomen Eins, und aus zwei Individuen Eins. Ebenso umgekehrt aus Eins werden zwei, wenn der innere Zustand eine Disgregation des Macht-Centrums bewerkstelligt. — Also gegen den absoluten Begriff „Atom” und “Individuum”! Das Atom kämpft um seinen Zustand, aber andere Atome greifen es an, um ihre Kraft zu vermehren. Beide Prozesse: den der Auflösung und den der Verdichtung als Wirkungen des Willens zur Macht zu begreifen. Bis in seine kleinsten Fragmente hinein hat er den Willen, sich zu verdichten. Aber er wird gezwungen, um sich irgendwohin zu verdichten, an anderer Stelle sich zu verdünnen usw. Weltkörper und Atome nur größenverschieden, aber gleiche Gesetze. 43 [3] Die Deutschen, an deren germanischen Vorfahren kein Tacitus den Geist, oder auch nur eine Lust am Geistigen, etwa am argute loqui, zu rühmen wußte, haben noch dazu alles gethan, durch viele Jahrhunderte hindurch, sich dumm zu machen; und ein boshafter Gott, welcher deutschfeindlich — vielleicht in Furcht vor ihrem vorbestimmten Atheismus und Götterdämmerung? — über ihnen waltete, gab ihnen lauter Neigungen ein, mit welchen ein Volk die Thüren auch für das Kommen des Geistes zuschließt: z. B. indem er sie hieß, in überheißen Betten schwitzen, in dumpfen engen Stuben hocken, lauter Schwerverdauliches wie Klöse und schwere fettige Brühen zu ihren Leibspeisen machen, vor Allem trinken bis sie sanken: so daß schlafen gehen und angetrunken sein lange Zeiten hindurch zu den Nachbar-Vorstellungen eines deutschen Kopfes gehörte. Man möchte fast glauben, daß, wenn es endlich doch so etwas geben sollte, wie “deutschen Geist”, er erst durch Entdeutschung, ich meine durch Mischung mit ausländischem Blut ermöglicht worden ist. Wer rechnet nach, was den Slaven oder den Kelten oder den Juden für die Vergeistigung Deutschlands alles verdankt wird! Am wichtigsten aber mag die Blut-Mischung selber gewesen sein, indem sie im gleichen M\<enschen\> verschiedene Instinkte und nicht immer nur “zwei (sondern zwanzig Seelen” in Eine Brust anpflanzte, jene ungeheure Blut-Verderbniß der Rasse, welche in Europa nicht ihres Gleichen hat und endlich aus dem Deutschen ein alles verstehendes, alles nachfühlendes und sich aneignendes Volk der Mitte, der Vermittlung gemacht hat — eine Ferment-Rasse, bei der nunmehr “kein Ding unmöglich ist”. Man rechne sich die Geschichte der deutschen Seele nach, man begreife \<,wie\> diese in sich unausgeglichenen vielspältigen, vielfachen M\<enschen\> äußerlich schwach, servil, bequem, ungeschickt, innerlich ein Tummelplatz geistiger Versuchungen und Kämpfe wurden: wie endlich wenigstens eine Art aufrührerischer Bauern- und Prediger-Geist hervorsprang (Luther ist das schönste Beispiel davon, er, der den Bauernkrieg des Geistes gegen die “höheren Menschen” der Renaissance anführte wie dieser Bauern- und Prediger-Geist später zum angriffsbereiten, schneide- und beißlustigen Bürger- und Kritikergeiste sich wandelt — Lessing ist davon wieder das schönste Beispiel, er, der einen “Bürger-Krieg”, den Krieg des deutschen bourgeois gegen den aristokratischen Geist der französischen Cultur anführte: Lessing gegen Corneille, Lessing der Fürsprecher Diderot's): bis endlich unser letzter Doppel-Typus des fortentwickelten Geistes, Goethe und Hegel, den Alles umfassenden Boa-Constrictor “Geist an sich” und seine Ferment-Natur an den Tag brachte, die kosmo- und theopolitische Allzugänglichkeit des Deutschen, die Überlegenheit seiner Abstraktionen, die kluge Geschmeidigkeit seines aneignenden Historisirens: seine letzte und vornehmste Artung, die eine mandarinenhafte Überlegenheit und “Jenseitigkeit” — — — — ganz Europa sank vor Bewunderung auf die Knie — — freilich ebenso sehr auch den vollkommenen Mangel an Grenzen, an Maaß im griechischen Sinn, an “Stil” in jedem Sinn, an eigentlichem Inhalt — ich meine an neuen Werth-setzungen, Werth-Schöpfungen. Immerhin: im Verhältniß zu dieser letzten großen europäischen Merkwürdigkeit, zum „deutschen Geiste”, ist das augenblicklich so wichtig genommene “deutsche Reich” kein Gegenstand ernsthaften Interesses, zum Mindesten in dem Auge eines Philosophen. Wozu in aller Welt ein neues Reich, wenn es nicht auf einem neuen Gedanken, zum mindesten doch einer neuen Dummheit ruht? Aber noch einmal diese alte Dummheit — gleiche politische Rechte, Volks-Vertretung, Parlamentarismus, Zeitungen, als Grundlage eines Staates — noch ein Mal die blödsinnig machende Europäer-Krankheit des beständigen Politisirens auf ein großes Volk mehr ausgedehnt: was hätte ein Ph\<ilosoph\> da Neues zu lernen — oder gar zu verachten! [Herbst 1885] [Aufzeichnungen zu einer neuen Auflage von Menschliches, Allzumenschliches] 44 [1] Die Capitel. Von der Auslegung. Von der Rangordnung. Die Wege zum Heiligen. Die ewige Wiederkunft. Der Aberglaube der kritischen Philosophen. Kritik Pascals: er hat bereits die christlich- moralischen Auslegungen um die Natur des Menschen und meint den „Thatbestand” zu fassen. Auch Sainte-Beuve. 44 [2] Es ist nichts seit Pascal passirt, die deutschen Philosophen kommen gegen ihn nicht in Betracht. 44 [3] Die Deutschen haben keine Prosa, welche klingt und springt. 44 [4] Die klassische Prosa der Franzosen von 1648: was zusammenkommen muß. 44 [5] Die Abwesenheit der moral\<ischen\> Zucht; man hat die M\<enschen\> wachsen lassen. Vielleicht sind die M\<enschen\> von Port-Royal wie künstliche Gärten. Es fehlt Autorität. Es fehlt die Mäßigung innerhalb ruhiger Horizonte; — man hat aus der Unendlichkeit eine Art Betrunkenheit gemacht. Es fehlt die Feinheit in der Beurtheilung. Es herrscht ein Chaos von widersprechenden Werthschätzungen. 44 [6] Was ist denn das, dieser Kampf des Christen “wider die Natur”? Wir werden uns ja durch seine Worte und Auslegungen nicht täuschen lassen! Es ist Natur wider etwas, das Natur ist. Furcht bei Vielen, Ekel bei Manchen, eine gewisse Geistigkeit bei Anderen, die Liebe zu einem Ideal ohne Fleisch und Begierde, zu einem “Auszug der Natur” bei den Höchsten — diese Wollen es ihrem Ideale gleich thun. Es versteht sich, daß Demüthigung an Stelle des Selbstgefühls, ängstliche Vorsicht vor den Begierden, die Lostrennung von den gewöhnlichen Pflichten (wodurch wieder ein höheres Ranggefühl geschaffen wird) die Aufregung eines beständigen Kampfes um ungeheure Dinge, die Gewohnheit der Gefühls-Effusion — alles einen Typus zusammensetzt: in ihm überwiegt die Reizbarkeit eines verkümmernden Leibes, aber die Nervosität und ihre Inspiration wird anders interpretirt. Der Geschmack dieser Art Naturen geht einmal 1) auf das Spitzfindige 2) auf das Blumige 3) auf die extremen Gefühle. — Die natürlichen Hänge befriedigen sich doch, aber unter einer neuen Form der Interpretation z. B. als “Rechtfertigung vor Gott”, “Erlösungsgefühl in der Gnade” (— jedes unabweisbare Wohlgefühl wird so interpretirt! —) der Stolz, die Wollust usw. — Allgemeines Problem: was wird aus dem Menschen, der sich das Natürliche verlästert und praktisch verleugnet und verkümmert? Thatsächlich erweist sich der Christ als eine übertreibende Form der Selbstbeherrschung: um seine Begierden zu bändigen, scheint er nöthig zu haben, sie zu vernichten oder zu kreuzigen. — Die epikureische Art des Christen und die stoische Art — zur ersteren gehört François de Sales, zur letzteren Pascal Sieg Epicurs — aber gerade diese Art Mensch wird schlecht verstanden und muß schlecht verstanden werden. Die stoische Art (welche es sehr nöthig hat zu kämpfen und folglich den Werth des Kämpfenden über die Gebühr schätzt –) verleumdet immer den “Epicur”! 44 [7] Das griechisch-römische Altherthum hatte eine tyrannische und übertreibende Anti-Natur-Moral nöthig; die Germanen ebenfalls, in anderer Hinsicht. Unsre jetzige Art Mensch entbehrt eigentlich der Zucht und der strengen Disciplin; die Gefahr ist dabei nicht groß, weil die Art Mensch schwächer ist als frühere und andrerseits, weil die unbewußten Zuchtmeister (wie Fleiß, der Ehrgeiz im Vorwärtskommen, die bürgerliche Achtbarkeit) sehr hemmend wirken und im Zaume halten. — Aber wie Menschen aus der Zeit Pascals zusammengehalten werden mußten! Das überflüßige Christenthum: dort, wo keine extremen Mittel mehr nöthig sind! Da wird alles falsch, und jedes Wort, jede christliche Perspective eine Tartüfferie und Schönrednerei. 44 [8] Das neue Japan. Ich las mit vieler Bosheit der Hintergedanken, was ein deutscher Anarchist unter dem Begriff „freie Gesellschaft“ — — — “Die freie Gesellschaft” — alle Züge als groteske Wort- und Farben-Aufputzung einer kleinen Art von Heerdenthieren. “Die Gerechtigkeit” und die Moral der gleichen Rechte — die Tartüfferie der moralischen Prädikate. “die Presse”, ihre Idealisirung. “die Abschaffung des Arbeiters” “es schlägt die vorarische Rasse durch”: und überhaupt die ältesten Arten von Gesellschaft der Niedergang des Weibes die Juden als herrschende Rasse. Vornehme und gemeine Cultur. der Gelehrte überschätzt: und eine triumphirende liebevollere und herrschaftliche Fülle des Herzens — wie ich dies Alles gesehn habe, ohne Liebe vielleicht, aber doch auch ohne Hohn, und was hiernach vielleicht Wunder nimmt — mit der Neugierde eines Kindes, das vor dem buntesten und zierlichsten aller Guckkästen steht. — — — 44 [9] Februar 1886 entstanden Man erwäge, wie alles Leiden den M\<enschen\> auf sich zurückdrängt, ein Schaden gesetzt daß es klug macht sicherlich in eben dem Grade auch schlecht macht (eng, kleinlich, argwöhnisch, lieblos — — — Denn deren Zahl ist immer klein: die Anderen aber, die Leidenden, haben nichts, was sie in dem Maaße von den schlimmen Folgen vielen Leidens heilt und — — — [Herbst 1885] [Dokument: Heft] 45 [1] Zucht des Herzens 45 [2] Des Prinzen Vogelfrei Lieder und Gedanken. Von Friedrich Nietzsche. 45 [3] Widmung und Abgesang 45 [4] Lieder und Gedanken des Prinzen Vogelfrei. Von Friedrich Nietzsche 45 [5] Das Unglück holt den Flüchtigen ein — und sei's Als goldner Kummer der verarmten Hand, Als Traurigkeit des ewig-Schenkenden: Das Unglück fieng den Flüchtigen ein — und sei's Sorglos und selber uneingedenk Warf er die Perlen weg Das den Besiegten nieder zwingt Das jeden Stolz zu Thränen kehrt: Unheimliches Gebild, — Warfst du die Perlen in den Sand — Das Meer schlang sie in seinen Schlund! Was dankt das Leben dem Verschwendenden 45 [6] Wie man über die Selbst-Zerstörung hinwegkommt. Die Harpyien. Die Loslösung. Zur Geschichte des “freien Geistes”. Beschreibung der freien Geister. 2) Heiterkeit 3) Masken 4) Vornehmheit die Frauenfrage Künstler-Pessimismus 45 [7] Der Tag klingt ab, es gilbt sich Glück und Licht, Mittag ist Ferne. Wie lange noch? Da kommen Mond und Sterne Und Wind und Reif: nun säum’ ich lange nicht, Der Frucht gleich, die ein Hauch vom Baume bricht