Christiane Benedikte Naubert Conrad und Siegfried von Feuchtwangen, Großmeister des deutschen Ordens. Erster Teil Svintaroha Jahrhunderte verfließen, und reißen in ihrem Strome das Andenken manches Heldennamens, die Spur mancher Edeltat mit sich dahin, welche würdig gewesen wäre, für die Ewigkeit aufbehalten zu werden; doch zu dem Dichter geschieht zuweilen ein Wort in nächtlicher Stunde von längst vergessenen Dingen, und ein Genius flüstert in sein Ohr den Nachhall der Sage, welche längst nicht mehr über die Lippen der spätern Nachwelt gleitete. Taten reihen sich an Taten, Namen an Namen: das Glück wählt, wie überall, so auch hier, mit verbundenen Augen, bewahret diese als ein Heiligtum, und läßt jene, viele leicht von gleicher Würde, der Vergessenheit des Grabes: – ziemt demjenigen, welchem sich die Nacht der Vorzeit erhellt, gleiche Parteilichkeit? – Nein jeder Name, der sich an den Namen seines Helden kettete, werde genannt, jede Tat, die mit Siegfrieds und Conrads Taten wetteiferte, ans Licht gestellt; neben ihnen treten alle die glorreichen Ahnen des deutschen Ordens hervor, welche Feuchtwangens Zeitverwandte waren, und die Welt erfahre, wer Ulrich von Magdeburg, wer Heinrich Zuckeschwert, und Martin Golin waren; erfahre noch mehr, als selbst Peter von Dusburg wusste, und werde zweifelhaft, welcher dieser großen Männer, den Mann an der Spitze dieser Blätter zu verdrängen, wenigstens ihm zur Seite stehen würdig sei. * In einer Nacht, wie die gegenwärtige, da die Muse den Faden der Erzählung ergreift, in einer schwarzen, düstern, gestirnlosen Nacht, langten nach zehntägiger, unwegsamer, gefahrvoller Reise zwei Krieger zu Svintaroha an; ihre Stirn entstellten breite schirmende Hüte, wie sie der Landmann damals in den dasigen Gegenden zu tragen pflegte; die blanke Rüstung verhüllten raue flockige Mäntel; ihr Fußtritt war leise, leiser noch der Ton ihrer Stimme: wer ihr ganzes Alles in der Nähe musterte, hätte die Fliehenden, die Kundschafter, oder die heimlichen Werkzeuge zu großen Dingen nicht verkennen können. – Sie waren vielleicht eins, vielleicht alles, was wir eben genannt haben; welches am meisten, mag der Leser aus der Folge sehen. Die Gegend, die sie eben betraten, war öde und einsam; so wie sie der Mond, der zuweilen aus schwarzen Wolken hervor trat, auf Augenblicke sichtbar machte, eine weite unabsehliche Fläche, seit kurzer Zeit erst das, was sie jetzt war. Die Unebenheit des Erdreichs, die Hindernisse, die der Fuß fast bei jedem Schritte im Gehen fand, zeigten, daß vor wenig Wochen hier noch die düsteren Schatten eines Hains ruheten, den die Axt hinweg räumte, und dessen an der Grenze übrig gelassene Reste den Wanderern dann und wann, so wie zuweilen die Finsternis wich, am fernen Horizont wie schwarze Gewölke empor stiegen. Sie kannten den Ort nicht, den ihre Füße berührten; sie wussten nicht einmal so viel von ihm, als unsere Leser, seinen Namen, ungeachtet auch in diesem immer noch wenig genug gelegen haben würde, sie zu belehren. – Schon lange hatten sie, bald in Gedanken, bald mit leisen Worten gefragt: »Wo sind wir, und was begab sich auf dieser Stelle?« – Ein heimlicher Schauer weissagte ihrem furchtlosen Herzen, das sonst vor nichts zu zittern pflegte, ungemeine Dinge; aber Aufklärung ihrer dunklen Gefühle konnte ihnen niemand geben, denn – sie waren allein. Die Gegend war, bei allem unheimlichen Grauen, das sie umwehte, nicht unlieblich; weiches Moos kleidete den Boden an den Stellen, wo er nicht Überbleibsel ausgerotteter Bäume zeigte; zwei klare Ströme Die Vilna und Vilia. rauschten neben einander in hohen Ufern daher, bis an eine Stelle, da sie sich brüderlich vereinten, um den Weg zum Meere gemeinschaftlich fortzusetzen. Diese Stelle war die heimlichste und ahndungsvollste auf der ganzen Fläche. Das Rauschen der Flüsse war stärker, so wie sie zusammen strömten; fünf hohe Fichten, dem Anscheine nach so alt, wie der Boden, aus dem sie sich himmelan streckten, beschatteten den Winkel zwischen den Wasser: ein weißer Marmorstein, durch seinen blendenden Glanz selbst in der Nacht sichtbar, ruhete im Kreise der riesenförmigen Bäume; Charaktere waren ihm eingegraben, welche vermutlich Nachricht von dem enthielten, was hier geschah, Befriedigung für die Neugier der beiden Pilger; aber zum Unglück wurden diese durch Mangel an hinlänglichem Lichte gehindert, sich zu belehren. »Bruder«, sagte der eine zum andern, »der Weg war lang und beschwerlich, den wir gingen; ich schmachte nach Ruhe; ist's ratsam, sie an dieser Stelle zu nehmen?« »Lass uns weiter gehen, Ulrich! schwerlich ward dieser Stein zur Ruhe für müde Wanderer bestimmt.« »Die Gegend rund um ist heilig und schauervoll; vielleicht ein Schlachtgefilde, wo Heldenblut die Erde düngte.« »Vielleicht Blut unserer Brüder, oder Blut der Ritter vom Schwerte; Gelegenheit, für den Glauben zu bluten, fehlt in diesen Gegenden nimmer.« »Gott gebe, daß die, welche hier fielen, des süßen Todes mit dem Schwerte in der Faust starben, nicht des scheußlichen wehrlosen Todes unter der Wut ergrimmter Heiden!« Die Wut, die heidnische Völker dieser Gegenden zu bekehren, reizte die ihrige, angeerbte Meinungen zu verteidigen. Ihre Rache gegen die Christen, besonders gegen die geistlichen Ordensleute, ihre Verfolger und Bekehrer, war grausam. Hirzhols und der andere hier genannte starben unter ihren Händen des schrecklichen Feuertodes, andere auf noch fürchterlichere Art. Grausamkeit reizte zu grausamer Rache; auch die deutschen Ritter waren nicht ganz rein von unschuldig vergossenem Blute der Liefen, Preußen usw., und endlose Widervergeltung kostete von beiden Seiten manchem edlen Manne sein Heldenleben. Conrad hörte, was Ulrich sagte, und verstand seine Meinung; denn er sah, was dieser im Weitergehen gewahr ward, Spuren eines großen Brandes unter seinen Füßen. Ein hervor blickender Mondstrahl zeigte ihm, daß vor wenig Tagen hier ein Scheiterhaufen geflammt hatte. Weiß gebrannte Überbleibseln von Menschen- oder Tiergebeinen, die hier und da unter Asche und Kohlen zerstreut lagen, machten, daß ein Schauer durch seine Glieder bebte, kein Schauer der Angst, sondern des innerlichen Grimmes; er dachte an Hirzholzens und Heinrich Ulenbuschs gräulichen Märtyrertod, und knirschte mit den Zähnen. – Ulrichs und Conrads Empfindungen waren sich gleich: ihre Gedanken behielten, so wie beide den Weg fortsetzten, lange Zeit einerlei Richtung; aber sie ließen dieselbe durch kein Wort laut werden; die Gefühle, unter welchen ihre Seele arbeitete, waren zu mächtig, um Äußerung zu verstatten. Der Weg über die große Ebene war jetzt zurück gelegt; sie sahen sich am Eingange eines dichten Fichtenwaldes, den sie schon längst am Horizonte wie ein düsteres Gewölk hatten ruhen sehen. Eine kurze Berechnung des Wege, den sie zu nehmen hatten, und dann der Schluß, daß weder die Finsternis noch die Gefahren dieses Hains gescheuet werden dürften, um an Ort und Stelle zu gelangen, wohin sie von ihren Obern bestimmt waren. – Die Schrecknisse des Pfads, den die Helden betraten, waren nicht klein; doch, eben weil sie Helden waren, fühlten sie nur wenig von denselben; bei anderen, als sie, möchte dieser Hain, in welchem Bäume sich an Bäume drängten, im Zusammenhang mit der eben zurück gelegten Ebene zitternde Todesahndung erregt haben. Diese furchtbaren Schatten waren zweifelsfrei den alten Landesgöttern geweiht: jene Ebene trug, so wähnten die Ritter, die irgend noch sichtlichen Spuren von Rachopfer, die irgend einer beleidigten Gottheit dieser Gegenden geschlachtet worden wären. Ulrich und Conrad waren sich dessen, was ihnen an einer solchen Stelle bevor stand, lebhaft bewusst; doch gingen sie weiter, und nur Behutsamkeit war es, was die Vorstellung von Gefahr ihnen einflößte Behutsamkeit, die sich weniger auf ihre eigene Person, als auf die Sache des Ordens bezog, welche ihnen anvertraut war, und welche mit ihrem Leben verunglücken musste. Conrad von Feuchtwangen und Ulrich von Magdeburg, die beiden Helden, welche wir hier vor uns haben, gehörten so wohl, was Rang, als was Tapferkeit anbetraf, unter die ersten des deutschen Ordens. Ersterer, ein Ritter aus einem der ältesten schwäbischen Geschlechter, hatte schon zwei Mal das Landmeistertum von Samland ausgeschlagen, und Ulrich, – braucht die Sage den Mann noch erst zu rühmen, dessen Riesenarm, als der Feind die Schiffe Markgraf Ottos von Brandenburg überrumpelte, ein Fahrzeug des Mastbaums beraubte, und mit dieser seltsamen Wehre ein feindliches Schiff mit fünfzig Feinden versenkte? und gilt hier nicht Erwähnung einer einzelnen Tat für zwanzig andere? Die Taten der damaligen Helden grenzen nahe ans Unglaubliche; die Sage erzählt sie nach, und der Hörer scheuet sich, sie Lügen zu strafen. Die Fantasie findet ihre Weide im Außerordentlichen; gewöhnliche Dinge sind nicht wert, der Nachwelt wiederholt zu werden. Der deutsche Orden, welcher vornehmlich die Schule war, wo sich solche Helden bildeten, sah damals eine bedenkliche Epoche; die glänzenden Zeiten Hermanns von Salza, des Freundes der Fürsten, des Bezwingers der Ungläubigen, des Mehrers der Besitzungen der deutschen Ritter waren vorüber; das gegenwärtige Geschlecht der geistlichen Streiter hatte die volle Tapferkeit seiner Vorfahren geerbte; aber – nicht ihr Glück. Die Fürsten neideten die wachsende Größe des Ordens, und traten seinen Wünschen immer nur mit halben Herzen an die Seite; heimliche Feinde standen wider die Ritter auf, die gar bald öffentlich das Schwert blößten; und war gleich immer der Sieg zu ihrer Rechten, so fehlte es doch auch nicht an wichtigen Niederlagen, die wenigstens für die Zukunft ernstliche Besorgnisse entstehen ließen. Der damalige Hochmeister, Hanno von Sangerhausen, war nicht lässig gegen Fälle, die er voraus sah, Vorkehrungen zu machen, und, zum Rückhalt gegen einheimische Feinde, für auswärtige Stützen zu sorgen. In Geschäften dieser Art waren die beiden Ritter, deren Namen wir bereits genannt haben, ausgesandt worden. Ihr Weg ging weit über Land und Meer, und das, was sie in Litthauen zu besorgen hatten, war, so wichtig es auch für die gegenwärtige Not des Ordens sein mochte, noch immer nur das Nebenwerk. Conrad von Feuchtwangen und sein Gefährte Ulrich setzten die Reise, welche ihnen vom Hochmeister anvertrauet war, als halbe Flüchtlinge fort; Ihre Person, ihre Namen waren bei den Feinden bekannt genug, ihnen Gefahr bei der Entdeckung zu drohen; aus der schwer belagerten Festung Balka waren sie durch einen Strick über die Mauer entkommen; die Helden, welche niemals flohen, mußten jetzt fliehen; sich verbergen, die gebahnten Pfade vermeiden, und der Gefahr und dem Tode, welchem sie immer zu trotzen pflegten, ausweichen, damit die gemeine Sache der Brüder nicht mit ihrem Leben zu Grunde ginge; schwere Pflichten für sie, die aber nach Eid, Gehorsam und Ordenspflicht so wenig verabsäumt werden durften, als Aufopferung des Lebens bei der Fahne des Kreuzes. Sie setzten den gefährlichen Weg durch den Götzenhain, den sie eben begonnen hatten, so gut fort, als sie konnten, und erwarteten Erleichterung desselben von dem anbrechenden Tage, dem sie nun bald entgegen sahen. Schon grenzte die Nacht an den Morgen, als sich ihnen in der Ferne, mit dem Schimmer des ersten falben Dämmerlichtes vereint, der Glanz eines Feuers zeigte, das ihnen im Näherkommen das Herz des Waldes zu verzehren schien, und ihnen das Hindurchkommen als unmöglich vorstellte. Flammen wallten himmelan; rote Funken sprühten, und Wolken von Rauch verschleierten von Zeit zu Zeit die ganze Szene. – Die Nacht vergrößerte alle Gegenstände, bei mehrerem Herannahen erblickten die Wanderer keinen brennenden Wald, sondern nur einen Scheiterhaufen von ziemlicher Größe, der auf einer ausgeholzten Stelle des Hains flammte, und rundum weit genug von den Bäumen entfernt war, um ihnen keine Gefahr zu drohen. Jeder mehr herzu nahende Schritt zeigte den Rittern den Gegenstand ihrer Neugier deutlicher, zeigte ihnen endlich, was sie in dieser Wildnis seit mehreren Tagen nicht gesehen hatten, die Gestalt eines Menschen; eine bedenkliche Erscheinung in ihrer Lage! Ein einziges Auge, das sie zur Unzeit erblickte, ein einziger Mund, welcher nachsagen konnte, daß das Auge sie sah, drohete Verrat, und eine Kette von Zufällen, welche das große Ganze, auf welches hier alles ankam, vernichten mußten. Wer in Gefahr nichts zu wagen hat, als sein Leben, geht mit einigem Mute und dem Degen in der Faust meistenteils sicher: der, welcher in seiner Person wichtigere Dinge schonen muss, hat oft Ursache vor einem rauschenden Blatte zu beben: die beiden Pilger befanden sich in diesem Falle; doch sie bebten nicht, und nach einigen Zwischenreden war die Partie bald gefunden, welche sie zu ergreifen hatten. Die Figur, welche ihnen ersten Blicks Bedenken machte, war ohnedies nicht von der Art, daß bei ihrer nähern Untersuchung weitere Besorgnisse hätten Statt finden können. Ritter Ulrich trat, als sie die Grenze des Waldes ganz erreicht hatten, zuerst auf die von der Glut beleuchtete Gegend, und erblickte die Menschengestalt, welche sie noch vor einer Viertelstunde beim Scheiterhaufen auf- und abgehend und das Feuer schürend gesehen hatten, jetzt zur Seite im Schatten eines zur Nahrung der Flammen bestimmten Holzstoßes eingeschlummert, erblickte in ihm einen schwachen weißhaarigen Greis, noch mehr, einen Bekannten, einen Freund, der durch seine lange geprüfte Treue den Rittern noch unverdächtiger war, als durch sein schwaches Alter und seinen Schlummer. Ulrich untersuchte das Gesicht des schlafenden Alten noch einmal, und kehrte dann mit den Namen Jeroschin zu seinen Gefährten zurück. »Jeroschin?«, wiederholte Conrad, und eilte herbei, sich durch eigene Augen zu überzeugen. »Jeroschin Samile? der edle Pomesanier, den Heinrich Ulenbuschs Märterertod zum Christen, den sein Christentum zu meinem Freunde machte? – O erwache, erwache, guter Greis! Siehe dich hier in den Armen deines Sohnes, wie du mich so oft nanntest! siehe mich hier wieder in dem Falle, in den ich so oft kam, in dem Falle, Rat und Zurechtweisung bei dir zu suchen; Dienste, die ich dir nie vergelten kann.« Jeroschin Jeroschin Samile war, wie Conrad uns bereits sagte, ein Mann aus einem der edelsten pomesanischen Geschlechter; ein Mann, den Tugend, Rechtschaffenheit und Verstand noch mehr adelten, als seine Geburt, welche ihn seinen Landsleuten ehrwürdig machte. Nicht nur ehrwürdig, auch furchtbar war er den deutschen Rittern längst durch das Gerücht von seiner Weisheit, und durch die blutige Erfahrung, die sie oft von seiner Tapferkeit gemacht hatten. Jeroschin war der Besitzer großer Ländereien im Königsberger Gebiete, ein Abkömmling der uralten Beherrscher des Landes, ein eifriger Anhänger seiner Landesgötter, und auf diese Art einer der hartnäckigsten Gegner des deutschen Ordens. Jahrelang hatten ihn die Ritter als einen solchen gekannt und gefürchtet, bis ein Zufall die Verhältnisse umkehrte, und ihn zu ihrem Freunde und Verbündeten machte. Ritter Heinrich Ulenbusch, der Held, dessen Namen wir schon zwei Mal genannt haben, stieß einst, als er den Rückzug der fliehenden Ordensritter deckte, auf Jeroschins Leute. Jeroschin selbst befand sich bei der Schar, die gegen die Wenigen, welche an Ulenbuschs Seite fochten, schier für ein kleines Heer zu rechnen waren; doch hielt das Ordensvolk an Heinrichs Seite tapfer Stand, bis fast alle rund um ihn her sanken, und er selbst, aus zwanzig Wunden blutend, kaum das Schwert mehr zu halten vermochte. – »Laßt uns sterben, Brüder!«, rief er den wenigen, die noch an seiner Seite fochten, zu: »laßt uns sterben! unser Tod ist glorreich; Tausenden der Unsern rettet er das Leben!« Jeroschin hatte an diesem Tage vier Söhne durch Ulenbuschs streitbare Faust verloren. Rache gegen den, der ihn, so nahe am Grabe, jeder Stütze beraubte, ihn, den grauen Alten, kinderlos machte, wäre es Jeroschinen nach damaligen Grundsätzen vielleicht zu verzeihen gewesen: doch Rache war's nicht, was der edle Preuße gegen den Helden fühlte, nur Bewunderung. Gern hätte er ihm das Leben gefristet; er bot ihm Gnade an; aber man urteile, ob ein Mann, wie Ulenbusch, das Leben unter dieser Benennung annehmen konnte. – Jeroschin wusste seinen Worten Nachdruck zu geben. Seinem Wunsche nach, sollte und musste sein tapferer Feind leben, leben wider seinen Willen. Keine Viertelstunde, und Jeroschins Übermacht hatte so weit gesiegt, daß Heinrich ganz allein, zwar ohne weitere tödliche Wunde, aber auch ohne Waffen, mitten unter seinen Feinden, den Tod erwartend, da stand, und das Leben annehmen musste. – »Ich bin in eurer Hand«, lallte er mit schwacher Stimme, als Jeroschin ihn unter den Arm fasste, um seine schwankenden Schritte nach seinem nahen Schlosse zu leiten; »ich bin in eurer Hand; es war der Wille der Vorsicht; ich darf nicht wider sie murren. Gott gebe mir den Tod an meinen Wunden! wird mir diese Bitte nicht gewährt, so bitte ich euch, Jeroschin, laßt mich von eurer tapfern Faust sterben; ich liebe mein Leben nicht; des seid ihr Zeuge: aber unbeschimpft und ohne Qualen wünsche ich es doch aufzugeben.« »Dafür bürge euch mein Eid!«, rief Jeroschin, und drückte Ulenbuschs zitternde Rechte; »entweder ihr lebt, oder sterbt rühmlich durch meine Hand; meine Macht, mein Ansehen und meine Treue gibt euch volle Sicherheit.« Jeroschin hatte für den Argwohn seiner Landsleute schon zu viel und zu freundlich mit den deutschen Rittern gesprochen. Seine Macht und sein Ansehen, auf die er mit Grunde bauen konnte, wurden ihm genommen; sein treues gegebenes Wort war zu schwach, Ulenbuschen zu retten. Den Mann, dem er Leben oder rühmlichen schmerzlosen Tod versprochen hatte, musste er unter langen Qualen sein Leben ausatmen sehen. Ulenbuschs sterbender Blick suchte den seinigen. – »Ich vergebe dir, Jeroschin!«, stammelte er; »vergib auch du mir den Tod deiner Kinder!« Jeroschin litt wenigstens so viel, als der, für dessen Mörder er sich ansah, und dessen letzte Worte sein Herz durchbohrten. Sein unverstellter Gram um den deutschen Ritter machte ihn, so wie seine vorher gehenden zahllosen Bemühungen, ihn zu retten, in den Augen seines Volkes zum Landesverräter. Man stieß ihn aus; er floh zum damaligen deutschen Hochmeister Poppo von Osterna. Ulenbuschs Tod hatte ihm die blutgierige Religion seines Vaterlandes zum Abscheue gemacht; er ward ein Christ. Einer schönern Eroberung konnte sich das Christentum in den damaligen Zeiten nicht rühmen, als derjenigen, welche sie an diesem edlen Manne gemacht hatte; die Ritter wussten sie zu schätzen; aber sie erwarteten mehr von ihr, als sich mit Jeroschins Redlichkeit vertrug. Er war seinem Vaterlande, das ihn ausstieß, nicht untreu geworden, indem er seiner Religion entsagte. Aller Rat, alle Anschläge, die man von seiner Weisheit und Erfahrung zu ziehen hoffte, bezogen sich nur auf kluge Schonung. Er haßte die Grausamkeit, die ihm sein Volk verhaßt gemacht hatte, auch an den Christen; er hielt es für Gottlosigkeit, sein Vaterland zur Dankbarkeit für den Schutz, den er bei den Rittern fand, an sie zu verraten, und so geschah es freilich, daß er dem größern Teile von ihnen erst gleichgültig, dann lästig ward, und endlich, um weitern Unannehmlichkeiten zu entgehen, sich zur Flucht entschließen musste. Conrad von Feuchtwangen, und Ulrich von Magdeburg, beides edle Männer, die sich in vielen Stücken von seiner Weisheit leiten ließen, und in ihm einen Freund und Vater verehrten, halfen ihm bei seiner heimlichen Entkommung: sie vergaben dem Orden nichts durch diese Tat; sie ersparten nur einigen Unedlen die Beschämung, sich an einem Manne vergangen zu haben, der besser war und redlicher, als tausend geborne Christen. Perkunos Hain Dieses war der Bekannte, der Freund, welcher sich jetzt den beiden Pilgern so unvermutet zeigte. Wie er in diese Gegend kam; was hier sein Geschäft sei, war ihnen so unbekannt, als dem Leser. Sie suchten den Schlafenden zu erwecken, um, so wie über alles was ihnen zu wissen Not war, so auch hierüber Auskunft von ihm zu erhalten. »Jeroschin! Vater Jeroschin!«, rief Conrad unablässig, indem er seine Hand unter seinen Nacken schob; »erwache! siehe dich hier in den Armen deines Sohnes!« –Jeroschin lag in einem Totenschlummer; wie Blei ruhte der Fittich des Schlafs auf seinem Auge. Als er sich endlich ermunterte; als es den Rittern gelang, sich ihm kenntlich zu machen, folgte nichts, nichts von der Freude des Wiedersehens, das sie erwartet hatten, erst ein stummes Erstaunen, dann der lebhafteste Ausdruck der Angst und des Entsetzens, der aus seinen Augen leuchtete. »O wenn ihr es seid«, rief er endlich; »wenn ihr Ulrich und Conrad seid, so flieht! flieht augenblicklich! Ihr befindet euch in Perkunos Haine, die Schrecken des Donnergottes treffen euch, dafern ihr verweilet.« »Perkunos Hain?«, wiederholte Conrad; »Jeroschin der Hüter eines Götzenfeuers?« »Keine Fragen, Conrad! Noch einmal: euer Leben hangt so sehr von eurer Flucht ab; als das meinige von diesen Flammen!« Der flammende Scheiterhaufen, welcher den Rittern in der Ferne ein brennender Wald zu sein schien, hatte während dem Schlummer Jeroschins und dem kurzen Gespräche mit seinen Freunden viel von seiner Glut verloren; hier und da zischte und rauchte das Holz; dort war es gänzlich verloschen; dort drängte sich nur noch eine matte blauliche Flamme unter Dampfwolken himmelan. Die Angst, der Eifer, mit welchem Jeroschin bei diesem Anblicke sich aufraffte, um die Glut zu nähren, zeigte, daß der letzte Teil seiner Rede nicht nur ein bloßes Wortspiel war; daß in der Tat für ihn auf diese Flammen mehr ankam, als die christlichen Ritter begreifen konnten. – Unbesorgt, ob das, was sie taten, ihnen auch ganz zieme, unachtsam auf seine Worte, mit welchen er sie noch immer zur Flucht ermahnte, halfen sie ihm das Feuer schüren. Der Holzstoß flammte von neuem; man umarmte sich, und Jeroschin bezeichnete seinen Freunden, indem er sie von sich trieb, eine sichere Höhle im Walde, wo sie sich bis an den Mittag verbergen, und seiner Ankunft und mehrerer Belehrung gewärtig sein sollten. Jeroschins Geschichte Der Mittag verging; es kam der Abend, ohne daß der gute Greis sich erblicken ließ. Unmöglich war es den Rittern, ihren Zufluchtsort zu verlassen, ohne Jeroschinen noch ein Mal gesprochen zu haben. Von ihm erwarteten sie Zurechtweisung in so manchen unumgänglich nötigen Dingen, daß sie hätten bleiben müssen, bis er erschien, wenn auch ihre Reise noch größere Eile gehabt, wenn auch Hunger und Durst sie noch mehr zur Fortsetzung derselben getrieben haben sollte. – Am späten Abend erschien Jeroschin, und brachte Befriedigung für alle ihre Bedürfnisse. Man setzte sich zu einem äußerst sparsamen Mahle, dessen Beschreibung für die Leser wohl wenig Anlockendes haben möchte. Die deutschen Ritter hatten sich unter den rauen Nationen, wohin sie die Fahne des Kreuzes führte, an eine Kost gewöhnen müssen, die zärtern Gaumen vielleicht widrig gewesen wäre, und die nur durch die Not lieblich gemacht werden konnte. Doch die Besetzung ihrer Tafel ist dem gleichgültig, der vielleicht so begierig, als sie, auf die Aufklärung wartet, welche ihr Wirt ihnen über verschiedene verborgene Dinge zu geben versprochen hatte. – Noch ein Trunk berauschender Milch, Es ist bekannt, daß die Stutenmilch der alten Preußen, Litthauer und Liefen gewöhnliches Getränk, in einigem Übermaße genossen, die Kräfte des stärksten Weins äußerte. und er begann. »Ihr seid zweifelhaft, wo ihr euch befindet: ihr verlangt nach Zurechtweisung auf den Weg, welchen euch eure Ordenspflicht vorschreibt; ihr heget Besorgnisse, die teils eitel, teils nur allzu gegründet sind; – höret kürzlich meine Geschichte, seit wir uns auf der Ebene von Dramenau trennten; sie wird alles enthalten, was euch zu wissen Not ist. Von meinem Volke als ein vermeinter Landesverräter vertrieben, fand ich bei den Eurigen nur so lange den Schutz, welchen ich suchte, als man ähnlichen Wahn von mir hegte. – Man kannte meinen Rang, mein Ansehen, meine Geburt; man wusste, daß niemand das Innere des Landes, das man unterjochen wollte, besser beurteilen, seine Stärke und Schwäche genauer angeben konnte, als ich, und man überzeugte sich, daß ich alle diese Dinge zum Verderben meines Volks den Christen aufopfern würde; aber man erwartete hier Vorteile von mir, die ich nicht geben konnte. Hatte ich mich darum zu eurem Glauben gewendet, um seine ersten Grundgesetze durch die schwärzeste Verräterei zu übertreten? Nein, ich bin ein Christ nach dem Glauben, ein Preuße nach dem Blute; nie werdet ihr andre Ratschläge von mir erhalten, als die, durch Schonung eure Endzwecke zu befördern, so bald ich dieselben für gut und rechtmäßig erkenne. Glaubt mir nur: ein Volk, wie das meinige, weicht keiner Gewalttat, keiner Grausamkeit; das einzige Mittel – Doch der Eifer reißt mich unzeitig dahin; ich vergesse, daß ich mit Ulrich und Conrad spreche, welche Grundsätze hegen, die den meinigen ähnlich sind, und denen es noch über dieses in diesem Augenblicke um ganz andere Dinge zu tun ist, als die, auf welche mich das Andenken an meine unglückliche Flucht aus dem Gebiete eures Ordens leitete. – Ungern verstand ich, der nie floh, mich zu derselben: doch ihr kanntet den Verdacht eines heimlichen Einverständnisses mit meinen Landsleuten, den man auf mich geworfen hatte; ihr sähet Gefahren, die ich nicht sah; ihr sorgtet um mich, und leitetet mich zu einem Schritte, den ich bloß euch zu Liebe tat, und den ich seitdem, ach, wie oft bereute. – Wisset, daß ihr mich bei all eurer zärtlichen Vorsicht für meine Freiheit und mein Leben der Sklaverei und dem Tode in den Rachen jagtet. Ich fiel in die Hände meines Volks: das Schicksal, das dort meiner wartete, und das mich alle diese Zeit über bis auf die letzten vergangenen Monate festhielt, unterlasse ich euch zu schildern; es ist nicht nötig, euer Herz noch mehr gegen diejenigen zu erbittern, die ohnedies bei aller Milde eurer Gemütsart, ein Gegenstand eures Hasses und eurer Rache sind. – Dass man indessen nicht zum Ärgsten mit mir verfuhr, dafür bürgt euch mein Leben. Bei den Euren würde ich vielleicht unter solchen Verhältnissen weniger Schonung gefunden haben. – Ich entkam durch glückliche Zufälle, und mein Schicksal leitete mich in diese Gegenden. Die Schatten eines ungeheuren Fichtenwaldes, der damals noch die ganze Ebene bedeckte, gaben mir Zuflucht, die Wasser der Vilna und Vilia Labung, und eine kleine Hütte, welche in den Winkel, wo beide Ströme sich vereinigen, gebaut war, nebst den sie umgebenden Fruchtbäumen, Wohnung und Speise. Ich war erstaunt, in dieser wilden Einöde, wohin sich meines Erachtens vor mir nie ein Fuß verirrt haben konnte, Spuren zu finden, daß einst menschliche Wesen hier gehaust haben mußten. Die kleine Wohnung, die mir Obdach gab, war nicht ganz leer von Bequemlichkeit; die Bäume des umzäunten Fleckes an der linken Seite derselben, den ich einen Garten nannte, beugten sich unter der süßen Last wohl gepflegter, in diesem Himmelsstriche unbekannter Früchte; der Boden unter ihnen trug wohlschmeckende gesunde Kräuter, und fünfzig Schritte von meiner so glücklich gefundenen Einsiedelei, dicht am Zusammenflusse der Ströme, zeigte mir eine Bank unter den Schatten fünf uralter himmelhoher Fichten die Stelle, wo mein Vorfahrer in dieser Einsamkeit zu ruhen, und ernsten Betrachtungen nachzuhangen gepflegt haben mochte. – Nichts glich meiner Freude über das kleine ruhige Eigentum, das mir das Glück mitten in einer stürmischen geräuschvollen Welt aufbehalten hatte. Dankbar sah ich von ihm gen Himmel, und wünschte hier ewig zu bleiben. Auch konnte ich hoffen, daß mein Wunsch erfüllt werden würde; denn wer sollte mich in dieser Wildnis finden? wer mir meine stille Hütte beneiden, oder mich aus derselben vertreiben? Schon hatte ich mir die Jahre abgezählt, die ich nach einiger Wahrscheinlichkeit hoffen konnte, noch in dieser süßen Einsamkeit zuzubringen, schon mir die Stelle ausersehen, die ich am späten Abende des Lebens mir zum Grabe bereiten, und in ihr bei zunehmender Schwäche den Tod erwarten wollte, als das Schicksal, das mir in meinem Leben so viel Freuden störte, mir auch die letzte verdarb, und mir zeigte, daß ich noch nicht genug geduldet habe, um auf Ruhe hoffen zu dürfen; doch mein Unglück befiel mich nicht ungewarnt: ein Traum, den ich, weil ich nie auf Träume achtete, leider in den Wind schlug, sagte mir deutlich genug, was ich zu tun habe, um wenigstens einem Teile desselben zu entgehen. – Ich war einst nach Untergange der Sonne auf dem Ruheplatze unter den Fichten am Wasser entschlummert; da dünkte es mich, als käme aus den dichtesten Schatten des Waldes ein alter Mann zu mir herauf: sein Ansehen war hoch und königlich; seine Kleidung zeigte mehr den Krieger, als den Einsiedler, und doch sagte mir ein Gefühl, das uns im Traume oft das Ganze einer Sache mit einem Blicke übersehen läßt, er sei mein Vorweser in dieser Einsamkeit, der erste Erbauer und vieljährige Bewohner meiner lieben Hütte gewesen. – Er stützte sich auf seinen Stab, und sah mir lange, und wie mich dünkte, mit Wehmut ins Gesicht, so wie ich vor ihm lag und schlummerte. – ›Armer Jeroschin!‹ sprach er endlich mit halb lauter Stimme; ›du bist mir ein lieber Gast gewesen; aber nun muss ich dich vertreiben: meine Gebeine heischen die Stelle, auf welcher ich dich beherbergte. Säume nicht, mir zu weichen.‹ – Er hatte kaum geendigt, sich kaum in den Schatten verloren, so erhob sich ein seltsames Geräusch im Walde. Sägen rauschten und Äxte blinkten; alle Fichten neigten sich zur Erde. Von weitem flammte ein großes Feuer; alles ward Unruhe, alles Verwirrung. Mein Herz schlug vor Angst und Entsetzen; sein heftigeres Pochen war es, was mich erweckte. Was dieses Gesicht mir voraus sagte, sah ich in wenig Tagen erfüllt. – Ihr habt vielleicht gehört, daß diese Gegenden einst von einem guten Könige beherrscht wurden, welchem das Volk, das ihn anbetete, den Namen Svintaroha gab. Er machte nicht lange das Glück seiner Länder: Ringold, Mendogs Vater, der nachher so lange den Namen eines Fürsten von Litthauen führte, stieß ihn vom Throne, und nötigte ihn zu fliehen. Seinen damals noch unmündigen Sohn vertraute er seinem Vetter, dem Fürsten von Potolsk; er aber fand, nach langem Kampfe mit einem widrigen Schicksale, endlich Ruhe in diesen Schatten, wo auch mir das Glück einige ruhige Wochen gegönnt hatte. Während er mit Wissen des vorgenannten Fürsten hier einer vieljährigen Stille genoss; während ihm dieser treue Freund das Einsiedlerleben so süß und bequem, als möglich, zu machen suchte, besaßen seines Feindes, Ringolds Söhne, Enkel und Vettern den litthauischen Fürstenstuhl in ruhiger Erbfolge; sie schmückten sich mit Königsnamen, und hielten alles, was sie an Svintaroha begingen, für schon vergessen. Aber die Rache schlief nicht; das Schwert fraß bald diesen, bald jenen aus dem Hause des Eroberers, und als der Letzte seines Geschlechts den letzten von Svintarohas Freunden, den edlen Fürsten von Potolsk, meuchelmörderisch getötet hatte, musste auch er Voscelko, der letzte aus Ringolds Hause, tötete den Fürsten von Potolsk, und ward bald darauf von dem russischen Fürsten Leon überfallen und getötet. Vid. Kojalowicz. p. 100-139 fallen, und dem Geschlechte des rechtmäßigen Besitzers von Litthauen auf dem Throne Platz machen. Germund, Svintarohas Sohn, der mit dem Fürsten von Potolsk alles verloren zu haben glaubte, ward von seinem Volke für den einzigen übrigen Sprößling des alten Fürstenstammes gehalten, und zum Throne gerufen. Mit Jauchzen vernahm man von ihm, daß sein Vater, daß Svintaroha noch lebte. An der Spitze der entzückten Litthauer machte sich Germund auf, dem königlichen Einsiedler die Krone zu bringen. Sie fanden ihn, schwach und dem Grabe nahe, in dem Hause, das ich nach der Zeit einige Wochen lang bewohnte, fanden ihn auf der Ruhestelle zwischen den Fichten am Wasser, mit ganz andern Gedanken, als den Gedanken an den Thron, beschäftigt. Das Rauschen der Ströme, die sich hier vereinigen, um den Weg nach dem Meer gemeinschaftlich fortzusetzen, bildete ihm den Strom der Zeit, der ihn, wie er hoffte, der Wiedervereinigung mit dem letzten Freunde, welchen er verlor, nun bald entgegen führen würde; er dachte sich gemeinschaftliches, ungetrenntes Leben mit ihm in bessern Welten, und weihte, weil er doch dem, was von ihm auf der Erde zurück blieb, auch noch einen Blick schenkte, die Stelle, wo er sich so oft in die süßesten Träume von einer hellem Zukunft gewiegt hatte, zur Ruhestatt seiner Gebeine. Man urteile, ob der Mann, dem irdisches Glück so spät zu lächeln begann, der Mann, der längst jeden Wunsch diesseits des Grabes aufgegeben hatte, geneigt sein konnte, die Krone anzunehmen, die man ihm in einer solchen Stunde brachte. Die Freude seines Volks, das Entzücken seines Sohns, seinen Vater von der Stelle, wo er so oft mit ihm über widriges Geschick getrauert hatte, zum Throne holen zu können, rührte ihn nicht: er bestand darauf, Germund sollte König werden und er wollte hier sein Leben endigen; doch Germund siegte durch eine List. Er gab dem Volke ein, was es sagen sollte, und Svintaroha wich endlich der Versicherung, die man ihm einmütig gab, daß Germund nie die Krone tragen solle, sein Vater sei denn sein Vorgänger auf dem Throne gewesen. So sah Litthauen unter dem guten Svintaroha noch einige glückliche Jahre: er gewann auf dem Throne neue Lebenskraft, und fühlte sich noch am achtzigsten Lebensjahre stark genug, die Rüstung anzulegen, um das Blut seines Vorgängers von König Leons Händen zu fordern. Auf diesem Heereszuge war es, wo er seinen Heldentod fand. Der siegende Germund kehrte traurig mit der Leiche seines Vaters zurück, und ließ nach seiner Krönung sein erstes Geschäft sein, den letzten Willen des Verstorbenen zu erfüllen. Svintaroha wollte an den Ufern der Vilna und Vilia, deren Rauschen ihn in seinem vieljährigen Einsiedlerleben so oft in sanften Schlummer gewiegt hatte, begraben sein; und eben zu der Stunde, da mich mein weissagender Traum warnte, war König Germund schon im Anzuge, den väterlichen Willen auf die glänzendste Art zu vollziehen; er tat mehr, als Svintaroha, der in allen seinen Wünschen bescheiden und mäßig gewesen war, gefordert haben würde. – Tausend Äxte fällten die Hälfte des Fichtenhains, um der königlichen Leiche, welche Germund mit seinem Trauergefolge hierher begleitete, zum Scheiterhaufen zu dienen. Der dichte Wald ward zur weiten Ebene, damit man Raum hatte, das ungeheure Feuer zu rüsten, das außer Svintarohas Gebeinen, noch eine Menge von Sklaven und Pferden des Verstorbenen verzehren sollte; damit Raum war für die Hälfte der Bewohner des Landes, welche die Überreste ihres lieben Herrn mit Heulen und Klagegeschrei, wovon die fernen Gebirge ertönten, begleitete. Germund schien in dem Kontrast zu triumphieren, welchen die Prachtszene von Svintarohas Begräbnisse mit der Einsiedlerhütte machte, in welcher er die größte Zeit seines Lebens zugebracht hatte: kindliche Liebe war es, was ihn leitete; sie entschuldigte alles, was sich etwas in seinem Verfahren Übertriebenes finden möchte. Die Hütte, in welcher der königliche Einsiedler so lange Jahre gelebt hatte, in welcher er so gern gestorben wäre, wäre ohne Zweifel, als Andenken von Svintarohas seltsamen Geschicke, von der gemeinen Verehrung ausgenommen worden, welche Germunds Eifer seinem Vater zu Ehren hier angerichtet hatte; aber – man hatte mich in der heiligen Wohnung gefunden; man hielt sie durch meinen Aufenthalt entheiligt, und – sie musste geschleift werden. Die Bäume, welche mich genährt hatten, die Ruhestelle am Wasser, wo ich zu sitzen pflegte, erfuhr gleiches Schicksal; nur die fünf heiligen Fichten wurden verschont, und unter ihnen erhob sich ein marmornes Denkmahl mit Svintarohas Namen und Ruhm: gern hätte Germunds Liebe zum Übermaße den letzten vergrößert, wäre es möglich gewesen, in diesem Stück von seinem Vater etwas mehr, als die Wahrheit, zu sagen. Der Umstand, daß die Hütte des königlichen Einsiedlers mich einige Zeit beherbergt hatte, diente mir bei König Germunden zu schlechter Empfehlung: er war so erzürnt auf mich, daß er mir das Gehör versagte; doch wusste er nicht genau, was er mit mir machen sollte (denn gesündigt hatte ich eigentlich nichts), bis andere ihm hierin auf einen Gedanken halfen. – Jenseits des Fichtenhains, so weit, als die Axt etwas von demselben übrig ließ, liegt der berühmte Tempel Perkunos, des Donnergottes, den man in diesen Gegenden verehrt. Die Priester des Tempels hatten längst den Besitz des Waldes gesucht, ohne ihn von Germunds Vorfahren erhalten zu können: jetzt war die Zeit, ihre Wünsche zu erreichen. Der neue König, entzückt, neue Mittel zu finden, damit er das Andenken seines Vaters unsterblich machen könnte, schenkte den Priestern noch mehr, als sie baten, da sie sich erboten, Svintarohas geharnischtes Bild in ihrem Tempel, dem Bilde des Donnergottes gegenüber, zu setzen, und in Svintarohas Haine Die ganze Gegend erhielt von dieser Begebenheit den Namen Svintaroha. ihm zu Ehren ein ewiges Feuer zu erhalten. Das Andenken des frommen Königs, der in seinem Leben, wo nicht das Kriegsrecht gebot, wohl nie eine blutgierige Tat gebilligt hatte, Svintarohas Andenken noch mehr zu verherrlichen, war nichts mehr übrig, als seinen Hain, und das ewige Feuer, das ihm hier brannte, durch ein Menschenopfer zu weihen. Germund war zu allem bereit, was man ihm vorschlug, doppelt bereit dazu, da die Priester, welche sahen, daß mich der König haßte, oder die vielmehr selbst einen heimlichen Widerwillen auf mich geworfen hatten, meine Person zur schauervollsten Handlung ihres Gottesdienstes wählten. – Gott weiß, daß ich wenig Ursache habe, mein Leben zu lieben; aber ich kannte dies Land, kannte die abergläubische Priesterwut, hatte Heinrich Ulenbuschs Ende gesehen, und schauderte vor dem, was mir bevorstand, zurück. Es war mir wohl zu verzeihen, daß ich, als man mir die zugedachte Ehre ankündigte, auf Mittel sann, derselben zu entgehen, auch selbst, wenn das Mittel, das ich im ersten Entsetzen wählte, sich nicht ganz mit den Grundsätzen vertragen sollte, zu welchen ich mich bekenne. – Perkunos Gottheit wird in den Gegenden, wo ich geboren ward, so wohl verehrt, als in diesen; als ein Sprößling des Fürstenstammes war ich Perkunos geborner Priester, und vermittelst meiner Erziehung ein Eingeweihter seiner heiligsten Geheimnisse: dies durfte ich nur durch wenig Worte anzeigen, so schwand die Möglichkeit, daß ich ohne ein unmittelbares Verbrechen wider des Donnergottes Majestät sein Opfer werden konnte; aber zugleich fiel auch die Verbindlichkeit auf mich, ungesäumt in die Pflichten meines Standes einzutreten, sobald man es nur von mir forderte; und welch eine Forderung! ich, ein Christ, Diener am Altare einer heidnischen Gottheit! Perkunos Priester mußten mich als einen Abtrünnigen von der väterlichen Religion kennen; wie ließ sich sonst ihr Hass gegen mich, wie die Schnelligkeit erklären, mit welcher sie Augenblicks auf das fielen, was mich, den Gehaßten, in die größte Verlegenheit setzen musste? Auch war diese Kenntnis Möglichkeit; denn die Priesterschaft der Gottheiten, welche das Schwert der deutschen Ritter aus diesen Gegenden zu vertreiben sucht, steht in ungetrennter heimlicher Verbindung unter sich; was Jeroschin in seinem Geburtslande mit dem geistlichen Banne belegt hatte, konnte und musste hier längst bekannt geworden sein. Dass es nicht nur sein konnte, sondern auch wirklich also war, zeigte mir die Erfahrung. Als Perkunos Priester hatte ich mich bekannt gemacht, und an Perkunos Altare wurde ich noch am nämlichen Tage zum Dienste gefordert. Erspart mir die Beschreibung von der Beschämung, welche Jeroschin, welcher nie heuchelte, mit dem Weihrauchfasse in der Hand fühlen musste; aber was sollte er tun, sich derselben zu entbrechen? was, sich vor seinem eigenen Gewissen zu rechtfertigen? – Doch das Letzte war leichter, als das Erste. Ich diente dem Gotte des Donners: ist's nicht dieser, den ihr auch verehrt? ob ihr ihn Perkuno nennt, ihm Gottesdienste feiert, wie die unsrigen; dies waren Dinge, welche ich nicht bedenken durfte, wenn ich nicht sterben, oder, noch schrecklicher für mich, wenn ich nicht widerrufen wollte. Einer Schlinge meiner listigen Feinde war ich entgangen; doch sie waren nicht arm an mehreren Fallstricken, deren einer mich noch ungezweifelt fällen wird, wenn es euch, meine Freunde, nicht glückt, mich ihren Händen zu entreißen. Eins der Mittel, mich zu stürzen, ist jenes Feuer, bei welchem ihr mich in vergangener Nacht wachend oder vielmehr schlummernd fandet. – O Svintaroha! heiliger frommer Menschenfreund! hättest du wohl gedacht, daß du nach deinem Tode noch das tun solltest, was du lebend nie tatest, das Leben unschuldiger Menschen in Gefahr setzen? – Der Scheiterhaufen, welchen ihr gestern flammen sahet, war das ewige Feuer, welches Germund dem Andenken seines Vaters in Perkunos Haine anzündete. Es wird unablässig von Priestern bewacht, und der, unter dessen Hut es zufällig verlöschen sollte, müsste im Augenblicke der Entdeckung ein Raub der Flammen werden. Es ist fast unmöglich, daß eine Glut, wie diese, bei mäßiger Aufsicht zu flammen aufhörte; woher es indessen kommt, daß ich mich jedes Mal, wenn ich die Hut des Feuers habe, in den nämlichen Falle befinde, in welchem ihr mich gestern sahet, das ist nicht schwer zu erraten. Auch hier äußert sich die Tücke meiner Feinde. Mich trifft die Reihe meistens über die andere Nacht; die Schwäche und Schlafsucht, die meinen Jahren ohnedies eigen ist, scheint in diesen fürchterlichen Stunden, da mein Leben auf meiner Wachsamkeit beruht, wie durch Zauberkunst gemehrt. Ich gehe im halben Traume; mir sinken die Augenlieder; ehe ich es gewahre, falle ich in der Nähe oder Ferne der Glut hin, und entschlummere: indessen hemmt eine verborgene Macht die Flammen; das Holz, das ihnen zur Nahrung dienen soll, saugt, wie aus unterirdischen Schleusen, Ströme von Wasser in sich; ich höre den gräßlichen Ton des Zischens und Knisterns im Traume; er wird das Mittel, mich zu erwecken; ich fahre voll Schrecken auf, und bin oft kaum im Stande, durch alle Mittel der Kunst Feuer zu nähren, die mir aus meinen Lehrjahren in Perkunos Tempel vielleicht besser bekannt sind, als meinen Feinden allen, die Glut wieder anzufachen, mit welcher der Funke meines Lebens verlöschen muss. – Ihr wäret mir gestern beirätig bei diesem Geschäfte: ich zitterte mehr für euch, als für mich; ihr begreifet selbst, was eure Entdeckung nach sich gezogen haben würde. Diese Nacht bin ich frei von meiner gefährlichen Wache; ich bin entschlossen, euch diese Stunden ganz zu widmen; sie werden nicht zu lang sein, über alles zu Rate zu gehen, was euch in eurer, mir in meiner bedenklichen Lage zur Rettung dienlich sein möchte.« Gefährliche Gewissensrüge Die Ritter waren nicht ganz mit dem zufrieden, was ihnen Perkunos Priester sagte; sie waren bieder und geradsinnig nach ihrem Charakter, strenge in ihrem Glauben. Jeroschins gekünstelte Erklärung, welche seinen gegenwärtigen Stand rechtfertigen sollte, behagte ihrem Gewissen nicht: sie stritten heftig wider seine Verfahrensart, nannten das, was er tat, Heuchelei, welcher auch der schrecklichste Tod vorzuziehen wäre, und – fanden hierin bei ihm nur wenig Widerspruch. Jeroschin ward stille und traurig, und erwachte, wie aus tiefem Schlummer, als die ersten Morgenstrahlen, welche die Berge röteten, ihnen sagten, es sei Zeit zum zweiten Teile ihrer Beratschlagungen überzugehen, und das Vergangene, an welchem sich nichts bessern ließ, ruhen zu lassen, weil man noch so viel mit der Zukunft zu tun hatte. »Freunde!« sagte Jeroschin, welcher sich möglichst zu fassen suchte; »mich dünkt, über das, was ihr vor euch habt, lassen sich wenig Zweifel machen. Ihr seid von euren Obern, wie ihr sagt, mit wichtigen Geschäften an König Germunden gesandt; worin sie bestehen, verlange ich nicht von euch zu wissen, auch wenn ihr mir sie vertrauen wolltet; denn ich wünsche euch ungefesselt und unparteiisch zu raten. Ihr findet den König wenige Meilen von hier auf einer Burg, welche ihr, so bald ich euch über die Grenze des Waldes geführt habe, auf dem Berge liegen sehen werdet. Germunds Charakter kennt ihr aus meiner Erzählung; er ist im Grunde gut, und seine Schwächen wird Ritter Conrad, der ein Hofmann ist, schon zu seinem Vorteile zu nutzen wissen; auch findet ihr ihn auf guter Laune, und eurem Orden geneigt. Germund steht im Begriffe, einen zweiten Zug wider die Russen zu tun, in welchem er sich ungern von den Kreuzrittern durch erneute Feindseligkeiten würde gehindert sehen; Gesandte von ihm sind bereits nach Liefland, durch gütliche Vergleiche das Schwert der Christen dort in der Scheide zu erhalten; eine ähnliche Gesandtschaft dürfte vielleicht in wenig Tagen nach Preußen abgehen. Im Falle ihr also nicht gesandt seid, ihm Krieg anzukündigen, so kommt ihr wahrscheinlich seinen Wünschen zuvor. Nützt euren Vorteil, so gut ihr vermögt, ohne dem Volke allzu hart zu fallen, des ihr um eures Freundes Jeroschin willen schonen müßt; laßt sein Andenken nimmer bei euch erlöschen; laßt euch das Land, welches ihn gebar, noch um seinetwillen teuer sein, auch wenn er nicht mehr leben sollte, euch des zu erinnern, was ihr ihm so oft versprachet.« Man hatte sich bei Anbeginne dieser Rede auf den Weg gemacht, der noch vor Sonnenaufgange geendiget sein musste; er führte durch einen Umweg über die Gegend zurück, welche die Ritter des vorigen Tages mit so viel Grauen betreten hatten. An der Grenze des Waldes schieden sie von ihrem treuherzigen Führer, der in seinen letzten Reden manches geäußert hatte, das ihnen um seine Person Sorge machte, und den Entschluss befestigte, seine Rettung von dem gefahrvollen Posten, auf welchen er zurück kehrte, ihr erstes Geschäft bei dem Könige sein zu lassen. Jetzt kannten sie die Geschichte der Ebene, deren ganzes All ihnen des vorigen Tages so befremdend war; die Spuren des Scheiterhaufens, der hier geflammt hatte, die Überbleibsel von Menschen- und Tiergebeinen waren ihnen, die schon an die rauen Sitten des Landes, in welchem sie lebten, etwas gewöhnt waren, jetzt gleichgültiger, als zuvor, da sie diesen Dingen die fürchterlichste Deutung gaben. Sie suchten die Ruinen von Svintarohas Hütte, besuchten die fünf hohen Fichten am Ufer der Ströme, lasen die Inschrift auf dem Denkmale des königlichen Einsiedlers, und langten, nachdem sie ihrer Fantasie hier genügsame Nahrung gegeben hatten, auf König Germunds Bergschlosse ganz in der Stimmung an, welche Beschäftigungen dieser Art fühlenden Seelen zu geben pflegen. Ritter Ulrich, ein Mann von festern Nerven und geringerer Fühlbarkeit, als Conrad von Feuchtwangen, merkte am ersten an, daß diese stille, ernste, etwas schwärmerische Laune nicht ganz diejenige sei, mit welcher man sich bei Hofe, sollte es auch an dem Hofe eines Königs von Litthauen sein, empfiehlt; auch erinnerte er Conraden, daß Jeroschin ihnen geraten hatte, die Verkleidung abzulegen, und die ritterliche Rüstung nebst den schwarz bekreuzten Mänteln frei in einer Gegend zu zeigen, wo sie ihnen, nach der jetzigen Lage der Sachen, Empfehlung sein musste. – Sie fanden bald, daß der, welcher sie nie getäuscht hatte, der, dessen Ratschläge sie nie irre leiteten, der treue Jeroschin, sich auch hier als weise, treu und wahrhaft behauptete. Ihre Kleidung, ihre bekannten Namen, ihre denen, welche einst ihrer Schwerter gefühlt hatten, eben so kenntliche Person – Dinge, von welchen sie in diesen Gegenden glaubten, alles besorgen zu müssen – verschafften ihnen auf König Germunds Burg eine auffallend günstige Aufnahme. Ritter Ulrich führte das Wort: er hütete sich wohl, den Auftrag des Ordens zu zeitig in seinem ganzen Umfange laut werden zu lassen, da er sich von dem Könige einen ähnlichen vermutete. Die Ritter litten, wie wir schon zuvor erwähnten, große Bedrängnisse von den heidnischen Preußen, sich des Friedens mit den Litthauern zu versichern, und sie durch mögliche Aufopferungen vom tätigen Beitritte zu ihren Feinden abzuhalten; darum waren Conrad und Ulrich zu König Germund gesandt. Germund hegte die nämlichen Wünsche, um den russischen König Leon ruhig überziehen zu können. Ulrich ließ ihn zuerst reden, und ermangelte nicht, ihm das, was er im Namen des Hochmeisters augenblicklich zusagte, auf eine bescheidene Art als Gefälligkeit anzurechnen, indessen Germund vor Entzücken und Dankbarkeit überfloß, das so schnell erhalten zu haben, was man von Seiten der Ritter selbst bittlich bei ihm hatte suchen wollen. Ritter Conrad, welchem außer den Dingen, die dem Leser schon bekannt sind, noch manches auf dem Herzen lag, das seinen Hang zu stiller Traurigkeit nährte, hatte bei dieser ganzen Verhandlung nur so viel getan, als Ritter Ulrichs Tätigkeit ihm überließ, und das Zeremoniell nötig machte; aber bei der Tafel, an welche sie vom Könige gezogen wurden, war er desto beredter. Er sprach von Svintarohas Denkmale, von dem Rufe des guten Königs, von seinen seltenen Schicksalen; alles Dinge, von welchen sein Herz noch voll war, und über welche er sich mit so viel Gefühl ausdrückte, daß er die Wohlneigung Germunds ganz gewann. Wovon hörte der zärtliche Sohn wohl lieber sprechen, als von seinem Vater! Er breitete sich weitläuftig über die Begebenheiten, welche die Ritter schon aus Jeroschins Munde gehört hatten, und die sie jetzt mit Vergnügen noch ein Mal aus dem seinigen vernahmen. Dieses Vergnügen, diese Aufmerksamkeit, diese Teilnahme, die wenigstens von Conrads Seite nicht erkünstelt war, machte den König zu allem geneigt, was man nur von ihm fordern konnte, und er erbot sich am Ende selbst zu schleuniger Leistung dessen, was noch zu Befestigung des gemachten Vertrags fehlte, zu Beschwörung des Bundes mit dem Orden in Perkunos Tempel, dagegen sich Ulrich von Magdeburg anheischig machte, ihn unter einer Bedingung, welche er zu seiner Zeit nennen wollte, auf seinem Heerzuge wider die Russen selbst zu begleiten; ein Versprechen, das Germund mit dem lebhaftesten Entzücken aufnahm, und für welches ihm, wie er sich ausdrückte, kein Preis zu hoch sein sollte. – »Und du«, fuhr Germund fort, indem er sich zu Conraden wendete, »Mann mit den sanften Augen, mit dem fühlenden Herzen! Mann, bei dem sich auf eine so seltene Weise Tapferkeit mit zarter Empfindung paart! willst du Svintarohas Sohn verlassen? Willst du nicht ausziehen, mit ihm den Tod des Helden zu rächen?« »König Germund!«, antwortete Feuchtwangen; »ob ich wünschte, die Reußen, die auch unserer Feinde sind, an der Seite der Litthauer zu bestreiten, davon ist hier die Rede nicht. Mein Freund hat Vergunst, seiner Neigung zu folgen; die habe ich nicht: mich ruft die Ordenspflicht, einen weitern Weg zu ziehen, als vielleicht noch meine eigenen Augen absehen können; doch genügt es dir, wenn ich dir an meiner Statt einen andern Mann stelle, der das, was ich Svintarohas Andenken leisten könnte, weit vollkommener leisten wird?« »Kannst du dich für ihn verbürgen? Wer deine Stelle vertreten will, hat große Obliegenheiten.« »Ich verbürge mich für ihn; der Mann, von welchem ich spreche, war Svintarohas Gastfreund, wurde nach seinem Tode noch einer Erscheinung von ihm gewürdiget.« – »Einer Erscheinung? – Conrad, was sagst du? – Wo ist der Glückliche, der meinen Vater später sah, als ich? der, als das irdische Band, das mich an den Teuren fesselte, schon zerschnitten war, noch seines Umgangs gewürdigt wurde? – – Lass mich ihn sehen! Ich brenne vor Ungeduld, Worte von ihm zu hören, die aus dem Munde des Verklärten gingen; von ihm zu erfahren, welches Los dem Helden in jener Welt zu Teile ward.« »Du wirst ihn sehen, Germund, wirst aus seinem Munde alles hören, alles erfahren, was du wünschest; doch hüte dich, das Wort zu brechen, das du gabst: mit Zernichtung desselben würde alles aufgegeben sein, was zwischen uns verhandelt ward.« »Welches Wort?« »Du sagtest, kein Preis sei dir zu hoch, durch welchen du dir die Begleitung der Ritter vom Kreuze beim Zuge wider die Reußen erkaufen könntest.« »Ich verstehe eure Meinung nicht; aber was ich sagte, wiederhole ich jetzt, und eile, mein Versprechen im Heiligtume des Donnergottes zu beschwören.« Der schwere Sieg Die Ritter wussten den König sehr gut bei seiner schwachen Seite zu fassen; diese schwache Seite war schwärmerische Liebe für das Andenken eines angebeteten Vaters: andre hatten diese rühmliche Schwäche schon genutzt, Germunden zu zweideutigen Handlungen zu verleiten; so war es ja wohl zu verzeihen, daß Jeroschins Freunde sich derselben zu Rettung eines Unschuldigen bedienten: daß es dieses war, was Ulrichs und Conrads Forderungen zum Grunde lag, wird der Leser schon ohne unsere Weisung erraten haben. Die Bedingung, unter welcher der eine sich anheischig machte, den Zug wider die Reußen mitzutun, war nichts anders, als Jeroschins Befreiung von Perkunos Priestertume. Der Mann, den der andere an seiner Statt stellen wollte, Svintarohas Blut rächen zu helfen, war kein anderer, als der, welchen er nicht mit Unrechte den Gastfreund des königlichen Einsiedlers nannte; Jeroschin, der, wie wir gesehen haben sich allerdings einer Erscheinung des erhabenen Verstorbenen rühmen konnte, aus welcher sich bei einem Gemüte, wie Germunds, die größten Vorteile für ihn entwickeln konnten. Was bei Benutzung dieser Dinge von List mit unterlief, konnte man wohl ohne Gewissenszweifel unter die erlaubten Kunstgriffe rechnen, sich aus so bedenklichen Lagen, wie die Lage der drei Freunde war, heraus zu winden. Der Weg nach dem Heiligtume des Donnergottes ward ohne Säumen angetreten, die Ritter verweilten Germunden zu Liebe unter Weges gern bei Svintarohas Denksteine, und ließen sich hier gern das zehn Mal Gehörte noch ein Mal erzählen, besonders Conrad, der bei allen solchen Dingen mehr Nahrung für seine Laune fand, als sein rauherer Gefährte. – Beim Eintritte in den Fichtenhain, wo Svintarohas heiliges Feuer flammte, bekam Germunds Beredsamkeit neue Nahrung; die Ritter wussten von den Dingen, die ihnen der gute König mitteilte, mehr, als er meinte; sie erwarteten jeden Augenblick den ersten Schein der Glut zu sehen, die ihnen, als sie sie in jener Nacht zuerst erblickten, ein brennender Wald dünkte. Sie glaubten, nach ihrer Rechnung, diesen Abend Jeroschin wieder als Hüter des Feuers zu finden, und bei dieser Gelegenheit das erste Wort zu seinem Besten zu reden; aber sie warteten sowohl vergebens, als Germund, der schon längst seine Augen weit geöffnet hatte, um sich an der heiligen Glut zu weiden, von Perkunos Priestern für die Ewigkeit bewacht, welche er für das glänzendste Ehrendenkmal des Verstorbenen hielt, und sich mit dem süßen Wahne täuschte, daß noch nach Jahrtausenden die späte Nachwelt bei demselben Svintarohas Namen nennen, und sich seine Geschichte erzählen würde. Es ist ein seltsames Ding um die Ewigkeit, die wir uns hier nieden träumen: oft nimmt sie schon bei unsern Lebzeiten ein Ende. Germund war verdammt, heute im Geiste das Vorspiel von dem zu sehen, was einer seiner Nachfolger Uladislaw, der die Götzendienste zerstörte, und die Litthauer in so großer Menge zur Taufe führte, daß man sie haufenweise mit einem Namen belegen mußte. 1388. hundert Jahre später bewirkte: in Trauer verwandelte Gottesdienste, und gänzliche Verlöschung der heiligen Feuer. – Doch die geweihte Glut, nach welcher der König und die Ritter gleich ängstig aussahen, war nicht ganz verloschen; nur hatte sie sich, wie man jetzt im Näherkommen endlich erblickte, in eine kleine traurige Flamme verwandelt, gleich den Klagopfern, welche die Ägyptier im Heiligtume ihrer Isis zur Söhnung begangener Verbrechen anzuzünden pflegten. Der alte Götterdienst hatte zu allen Zeiten, und in allen Gegenden gewisse Ähnlichkeiten, es ist nicht unmöglich, daß Perkunos Priester in ihrem Rituale etwas von den memphitischen Mysterien entbehrt hatten, wenigstens fand es sich, daß der Anblick, der den erhabenen Reisenden aus verschiedenen Ursachen gleich schrecklich war, auf etwas Ähnliches abzielt, als wir eben erwähnt haben. In Trauer gehüllte Priester gingen bei der kläglichen Flamme auf und ab, und traten, als sie den König und seine Begleiter, die jetzt aus den Schatten des heiligen Hains herauf kamen, gewahr wurden, ihnen schweigend entgegen. »Was weissaget mir euer verstörtes Ansehen?« schrie Germund. »Ist Svintarohas Andenken erloschen? droht dem Königreiche ein Unglück? oder ist das Geschäft, um dessen willen ich heute euer Heiligtum besuche, der Gottheit mißfällig?« »Die Gottheit«, erwiderte einer der Priester, »gedachte gegen uns des Geschäfts nicht, das dich heute in ihr Heiligtum führt: das Land ruht sicher unter deinem Schutze, und Svintarohas Andenken wird wohl ewig unvergeßlich bleiben.« »Oder«, schrie Conrad mit unvorsichtiger Eile, »ließ Jeroschin die Flamme verlöschen, die ihr hier zum Gedächtnisse des Königs nährt?« »Was weiß ein Christ von unsern Geheimnissen?«, fragte der Priester mit gerunzelter Stirn. »Zwar wer Jeroschin kennt, wie wir nun ihn kennen, dem ist alles erklärlich.« »Ich fordere Achtung für die Ritter, wie für mich selbst!«, rief der König: »sie sind meine Freunde, Freunde der Gottheit und des Landes. Man beantworte ihre Frage!« »Allerdings«, antwortete der Sprecher mit etwas milderer Stimme, »allerdings ist ein Priester, Namens Jeroschin, Ursache unserer Trauer, aber nicht, weil er die heilige Flamme verlöschen ließ, für welche die Gottheit wacht. Noch glimmt der ewige Funken, und bedarf nur mehrerer Nahrung, um zur vollen Glut zu wachsen; aber diese Nahrung ist ihm versagt, bis das Heiligtum gerochen ist, welches Jeroschin entweihte.« »Und wer ist dieser Jeroschin, den ich hier so oft nennen höre?«, fragte Germund. »Eben derjenige, welcher schon ein Mal zu Perkunos Opfer bestimmt war, und der sich durch Trug und Heuchelei dem Flammentode entriß. Jetzt tritt er selbst auf, diesen Trug, diese Heuchelei zu bekennen zu gestehen, daß er ein Abtrünniger sei, der nicht würdig war, an Perkunos Altare zu dienen; jetzt tritt er selbst auf, sich dem Opferherde darzubieten, den wir gleich wohl nicht eher für ihn schüren werden, bis uns Germund königliches Wort bevollmächtigt.« Die Ritter überlief ein eiskalter Schauer: nur gar zu leicht konnten sie sich enträtseln, was hier vorgegangen war. Jeroschins bisher kaum halb verstande letzte Reden gaben ihnen den Schlüssel zu allem. Ach, Ritter Ulrichs ungestümer Glaubenseifer, mit welchem er in jener Nacht Jeroschins Verfahren tadelte, und es sträfliche Heuchelei schalt, hatte Gewissensbisse in der Seele des edlen Preußen erregt, die sich nun auf diese schrecklichste Art geäußert hatten! Voll Reue, voll Beschämung, die lange gespielte Heldenrolle durch Betrug geschändet, sein Leben durch Heuchelei gerettet, als ein Christ an Perkunos Altare gedient zu haben, war es sein erstes Geschäft bei seiner Rückkunft in den Tempel gewesen, sich als den kund zu geben, der er war. Schon lange hatte man von ihm alles gewußt, was er selbst von sich sagen konnte, und man erfuhr also aus seinem Munde nichts Neues; aber der Beweis hatte gefehlt: und diesen fand man jetzt in seinem eigenen Geständnisse. – Voll Entzücken, nun zum Untergange des gehaßten Jeroschin, welchem Fluch und Bann der Geistlichkeit aus seinem Vaterlande in alle Winkel der Erde folgte, keine weiteren Umschweife, keine erkünstelten Ursachen nötig zu haben, würde man sogleich mit ihm zu dem Tode geeilt sein, den er jetzt selbst wünschte; aber man scheute sich, durch ein solches Verfahren eins der heiligsten Rechte der Priesterschaft zu verletzen, und sich dadurch vielleicht für die Zukunft Nachteil zu bereiten. Keiner von Perkunos Priestern durfte ohne Zustimmung des Königs sterben; ein Sicherheitsmittel, welches in der heiligen Gülde, da immer Uneinigkeit und Privathaß herrschten, zum Besten einzelner Glieder höchst nötig war. Jeroschin war einmal der Gottheit geweihter Priester, und man durfte bei ihm keine Ausnahme machen; daher das Klageopfer, die Fantasie des schwärmerischen Königs zu reizen, von welchem man wusste, daß er heute dieses Weges kommen würde; daher die feierliche Bitte um Jeroschins Blut, die ihren Endzweck so wenig verfehlte, daß schon die zitternden Ritter das Todesurteil ihres Freundes auf des Königs Lippen sahen, und es daher für nötig hielten, alle Umstände beiseit zu setzen, und vor Aussprechung des unwiderruflichen Worts deutlich zu sagen, was sie von ihm verlangten, und welches eigentlich die Bedingung des Bundes sein sollte, an welchem Germunden so viel gelegen war. »Halt ein, König!«, rief Ulrich von Magdeburg; »halt ein mit der Bewilligung dessen, was dieser Mann von dir fordert! Jeroschin, den er zum Opfer seiner Gottheit heischt, ist eben der derjenige, dessen Befreiung ich zur Bedingung meines Mitzugs wider die Reußen mache.« »Und eben derjenige«, fiel der sanftere Conrad ein, indem er Germunds Hand ergriff, »eben derjenige, den ich an meiner Statt an Ulrichs Seite stelle, für den ich mich mit meinem Blute verbürge, daß er bei Svintarohas Rache alles das leisten wird, was ich geleistet haben würde, wenn mich nicht meine Pflicht in andere Gegenden riefe. Jeroschin ist eben derjenige, welchen ich Svintarohas Gastfreund nannte; er ist der, welchen der Schatten des guten Königs einer Erscheinung würdigte. Lass ihn vor dich kommen, Germund! sieh ihn! sprich mit ihm über diese Gegenstände; und du wirst handeln, wie du handeln mußt, wenn du nicht unsere Freundschaft und den Beitritt des Ordens unwiderruflich verscherzen willst.« Nie hat sich wohl ein abergläubischer Fürst in einer peinlicheren Lage befunden, als Germund; auf der einen Seite das rührende Bitten eines Mannes, den er liebte, das ernste Drohen eines zweiten, den er fürchtete, auf der andern das wütende Eindringen tobender Priester, die Furcht, eine Lieblingsidee in Rauche aufgehen zu sehne, für welche er sein Leben aufgeopfert hätte. Sollte er Conraden kränken, Ulrichen und den Orden beleidigen? Sollte er die Gottheit Perkunos zurück setzen, und Svintarohas heiliges Feuer verlöschen sehen? – Eine fürchterliche Alternative für Jeroschin! Unsers Erachtens lag für einen Mann in Germunds Lage das Übergewicht nicht in der Schale, in welcher wir es wünschen, und wir können unserm Geschichtsschreiber kaum glauben, daß die Ritter siegten, und die Priester unterlagen; gleichwohl glauben wir ihm gern, weil er das erzählt, was wir wünschen, und schenken ihm die Angabe der Mittel, durch welche Ulrich und Conrad den schweren Sieg für ihren Freund erkämpften. Der Traum Perkunos Priester mußten sich zufrieden geben: Svintarohas Feuer flammte von neuem; die Ritter sahen ihren Freund gerettet in ihren Armen, und Jeroschin hatte eine lange heimliche Audienz beim Könige, in welcher er ihm seinen Aufenthalt in der Hütte des königlichen Einsiedlers auf so einer Seite vorstellte, daß sie ihm vorteilhaft ward. Die meiste Nachfrage geschah von Germunden nach dem Traume, in welchem sein Vater seinem so genannten Gastfreunde warnend erschien; und es wäre in der Tat für den Träumer zu wünschen gewesen, daß derselbe etwas zierlicher und umständlicher gelautet hätte. Jeroschin war zu ehrlich, mehr in sein Nachtgesicht zu legen, als er darin fand; aber das konnte er dem schwärmerischen Könige nicht verwehren, mehr darin zu finden, als darin liegen mochte. – Jeroschins Traum machte bei all seiner Einfalt einen tiefern Eindruck auf Germunden, als die am buntesten ausgeschmückte Vision gemacht haben würde. Wahrheit ist überall unverkennbar. Es ließ sich fühlen, daß dies kein Traum war, wie sie die Fantasie wachend auskünstelte: im Schlummer ist sie sparsamer mit Farben und Bildern; aber bedeutungsvoll und energisch ist jedes ihrer Gemälde, jedes ihrer Worte für den, welcher Glauben hat an solche Dinge: und wo hätte sich wohl ein stärkerer Glaube dieser Art finden sollen, als bei König Germunden? Er war ein Mann in der Schule des Unglücks erzogen, von den kleinsten Hoffnungen, fast der Unmöglichkeit zum Trotze, auf den Thron gehoben; ein Mann, bei den zärtlichsten Freundschaftsgefühlen oft durch die bittersten Trennungen gekränkt, fromm, ohne weit umfassende Einsichten, gutmütig, oft auf Kosten des Verstandes, tapfer, tugendhaft und großmütig, mehr aus Gewohnheit, als aus Grundsätzen, und daher oft schwankend in seinen Handlungen. Man gebe Acht, ob in Seelen dieser Art nicht Aberglaube und Schwärmerei am liebsten ihren Wohnsitz aufschlagen. Nachdem Jeroschin seinen Traum zum zehnten Male so kunstlos, wie das erste, erzählt hatte, musste er ihn auch noch schriftlich verfassen, und die Sage berichtet, König Germund habe, nachdem er sieghaft von den Reußen zurück kam, und sich in ruhiger Muße allein der Beglückung seiner Länder widmete, über diese kleine Anzahl von Worten einen Kommentar verfertigt, der für einen Schriftsteller, wie er, ziemlich voluminös war, und der seinem Volke lange Zeit zu einem Kompendium der tiefsinnigsten Wissenschaften diente: denn der fromme Sohn fand in jedem Worte des Schattens seines Vaters, in jedem Teile seiner Erscheinung alles, was er darin finden wollte, und das Volk folgte hierin seinem Beispiele. Germund war wohl zufrieden, daß der Gastfreund seines Vaters, den er ehedem, weil er ihm die Bewohnung von Svintarohas Einsiedlerhütte eben übel auszulegen beliebte, lieber getötet gesehen hätte, er war wohl zufrieden, sage ich, daß Jeroschin Ulrichen von Magdeburg zum versprochenen Zuge wider die Reußen begleitete. Dieser Heereszug war alles, was der alte preußische Held wünschte: er scheute den Tod nur unter den Händen wütender Priester; im Schlachtfelde scheute er ihn nicht; ihn dort, ihn an der Seite seines Freundes, des deutschen Ritters, zu finden, dieses war sein süßester Wunsche, der Wunsch, mit welchem er sich von Conraden beim Abschiede auf nimmer Wiedersehen trennte. – Auch mit Ulrichen, auch mit seinem neu gewonnenen Freunde, König Germunden, letzte sich Feuchtwangen, und darauf zog jeder seines Weges, der König und seine Freunde mit dem Heere dem Könige der Reußen entgegen, und er – des Weges, den meine Leser im folgenden Abschnitte sehen werden. Der Wald von Vincennes Wie dem wandernden Engel in dem Liede aller Lieder, als er aus dem Erebus herauf schwebte, und wieder das Angesicht der schönern Schöpfung begrüßte, so war es Conraden von Feuchtwangen, als er die wilden Gegenden hinter sich sah, die von Menschenblut und flammenden Scheiterhaufen geröstet, vom Götzendienst entstellt, von tausend Gefahren umlagert, wohl mit Recht die Hölle der Helden heißen konnte, die sich dem Dienste des Kreuzes gewidmet hatten. Der heiligen Fahne über Meer nach Orient zu folgen, war Kinderspiel gegen den Entschluss, dem Christentume in dem nördlichen Europa Anhänger zu erkämpfen; und die Ritter des deutschen Ordens, denen besonders dieses Los gefallen war, rühmten sich vielleicht nicht mit Unrecht gegen ihre stolzen Stiefbrüder, die Hospitaliter und Tempelherren, ihrer schweren schlechter belohnten Siege. Doch jeder von beiden Teilen hatte seine eigenen Gefahren zu bekämpfen: während Conrads Ordensbrüder täglich besorgen mußten, blutige Opfer scheußlicher Götzen zu werden, sanken jene in dem schönen Morgenlande nur allzu oft in die Fallstricke weichlicher Wollust, und verfehlten auf diese Art ihres Endzwecks, den die Besieger der Preußen, Litthauer und Liefen durch den Märterertod oft nur desto glorreicher erreichten. Conrad überdachte, so wie er seinen Weg fortsetzte, die Gefahren, denen er entgangen war, die Auftritte des Schreckens, die er gesehen, die Verluste, die er erlitten, die blutigen Siege, die er an der Seite anderer Helden erkämpft hatte, und pries Gott und die Schützerinnen seines Ordens, St. Maria und Elisabeth, Nicht die Freundin Mariens, sondern St. Elisabeth, die Landgräfin, welche damals vor kurzem erst die Kanonisation erhalten hatte. daß nun dies alles hinter ihm lag, und mildere Szenen ihm winkten. Zwar mancher Blick voll Kummer und Sorgen auf den bedrängten Zustand seines Ordens flog noch zurück; aber er war ja auf dem Wege, ihm Hülfe zu schaffen; ein Teil des von seinen Obern erhaltenen Auftrags war in dem so glücklich, so vorteilhaft geschlossenen Stillstände mit Litthauen schon geglückt: der andere zwar ruhte noch in seinen Händen, und in der Fügung des Glücks; aber er hatte Ursache, die besten Hoffnungen zu schöpfen: denn war er nicht an einen Mann gesandt, welcher der Frömmigkeit kein Opfer, der unterdrückten Sache des Glaubens keine Hülfe versagte? Waren nicht Mittel in seinen Händen, sich von diesem Manne noch ein besonders wohlwollendes Lächeln zu verschaffen? Feuchtwangens Zug ging gen Frankreich zu dem damaligen Schutzengel Wenigstens dem Willen nach war er es. des Christentums, zu Ludwig dem Heiligen. Welches die geheimen Geschäfte waren, die er in Sachen des Ordens bei ihm zu verrichten hatte, oder auf was für Art der fromme König durch seinen Beitritt den bedrängten Rittern in Preußen Hülfe schaffen sollte, davon berichtet die Sage nicht: nur dieses sagt sie, daß der damalige Hochmeister des deutschen Ordens, Hanno von Sangerhausen, der den König, den er in seinen Vorteil ziehen wollte, gut kennen musste, ihm durch Ritter Conrads Hand einige Heiligtümer übersandte, welche denen, die Ludwig der Reliquiensammler schon mit Millionen Nach einer neuern Berechnung ungefähr mit der Summe von 5.600.000 Lir. erkauft hatte, an Wichtigkeit und Werte nichts nachgaben. – Conrad dachte an das, was er dem Orden von Bedrängnissen zurück ließ, dachte an das, was er ihm an Vorteilen zu gewinnen hoffte; aber diese Dinge waren gleichwohl nicht der einzige Gegenstand seiner Reisegedanken. Ein jeder Mensch hat seine eigenen Angelegenheiten; auch Conrad hatte dergleichen: der größte und interessanteste Teil derselben war freilich, wie bei Männern seines Standes meistens der Fall ist, mit den Jahren der Jugend ins Reich der Träume übergegangen, sonst würde er vielleicht nicht geworden sein, was er gegenwärtig war; aber wenigstens an dem Andenken hing seine Seele noch mit der innigsten Sehnsucht. Jede lebhaftere Erinnerung war ihm willkommen; er freute sich, Frankreich zu sehen, wo er viele Erinnerungen dieser Art hoffen konnte, und trauerte, andre Landschaften, die ihm dieses traurig süße Gedankenfest noch vollkommener gewährt haben würden, dieses Mal nicht betreten zu dürfen; sondern sie zur Seite liegen lassen zu müssen. Welchen Weg er nahm; wie lange er auf demselben zubrachte; das ist nichts für uns, da wir unsern Lesern bereits das Wichtigere, das Ziel seiner Reise genannt haben, und noch hinzu setzen können, daß er dasselbe, das schöne Frankreich, schöner damals noch als in unsern Tagen, zu Ende des März 1270 glücklich erreichte. Wenig Sagenerzähler sind in der Benennung der Tage so pünktlich, als wir es in diesem Augenblicke sind: aber der Zeitpunkt, den wir angeben, ist auch zu wichtig, als daß er unbemerkt bleiben sollte. – Der Frühling des benannten Jahres war gerade die Zeit, da der König, an welchen Feuchtwangen abgesandt war, den lange gefaßten Entschluss zu einem neuen Kreuzzuge endlich ausgeführt, oder, um mich deutlicher auszudrücken, die Ausführung desselben begonnen hatte. Das Gerücht von diesem Umstände, welcher den Gang der Geschäfte des Ritters ein wenig zu verrücken schien, kam ihm von weitem entgegen; aber er setzte ihn nicht in Verlegenheit. Conrad dachte ein wenig nach, überlegte die gewöhnlichen Hinderungen, welche für eine Flotte, wie die französische, zu überwinden sind, ehe sie das hohe Meer gewinnen kann, glaubte noch zeitig genug zu Aiguermortes anzulangen, wo sich der König bereits befand, und änderte nichts an seinem anfänglich entworfenen Reiseplane. – Conrad wähnte, die zurück gelassene Königin als Regentin zu finden, und hoffte bei dieser lange von ihm gekannten und innig verehrten Dame mit seinen Verhandlungen desto glücklicher zu sein; aber er irrte. Margarethe, welche gern, so wie sie in jüngern Jahren getan hatte, ihren Gemahl auch jetzt in die Gegenden begleitet hatte, wohin ihn Andacht und Glaubenseifer trieben, wollte die Zeit, da sie von ihm getrennt leben musste, nicht mühseligen Regierungsgeschäften, sondern bloß dem Andenken an ihren König, und dem Gebete für sein Wohl widmen. Sie hatte ihren Aufenthalt in dem Palaste von Vincennes, einem Orte genommen, der auch Conraden wegen tausend süßer Erinnerungen teuer war; und dorthin war es, wohin sich der Ritter verfügte, nachdem er kurze Zeit zu Paris verweilt hatte, um daselbst dem zurück gelassenen Regenten des Königreichs, dem Abt von Saint Denis, einige nötige Dinge vorzutragen. Schön sind die ersten Tage des Frühlings in diesen Gegenden. Die Natur erwacht hier eher aus ihrem Schlummer, als in den nördlichen Regionen, aus welchen Conrad kam, und schmückte sich schon mit Blüten und grünendem Laube, wenn dort noch der Schnee des Winters ihren Scheitel deckt. – Der Ritter wandelte in blumigen Paradiesen. Die wehenden Schatten des Walds vor Vincennes empfingen ihn; seine Irrgänge, die sich bereits in dichteres Grün hüllten, ließen ihn die Spitzen des wohlbekannten Schlosses sehen, das er nunmehr vor zwanzig Jahren als achtzehnjähriger Jüngling zuerst betrat, und alles in demselben zurück ließ, was ihm das Leben damals hätte wünschenswert machen können. Er seufzte den Namen Adelheid, und sank in tiefes Nachdenken zurück. – »Werde ich sie noch an der Seite ihrer wohltätigen Schützerin finden, deren Händen ich sie damals anvertraute?«, sagte er zu sich selbst. »Wird mein Herz ihren Anblick aushalten? Doch welche Veränderungen vermögen zwanzig Jahre zu machen! mein Herz und ihre Reize wie verändert! das erste unter den Waffen für alle zärtlichen Gefühle abgestumpft, die letzten – verblüht! – O ja, ich kann, ich darf sie sehen! die unsterblichen Grazien der Tugend, die ihr ewig bleiben, werden in dieser nur zu ruhiger Freundschaft gestimmten Seele alte Gefühle nicht in solchem Grade beleben, daß ich vor dem Ordenskreuze, das ich trage, erröten müsste. Vielleicht finde ich sie vermählt, vielleicht Mutter glücklicher Kinder, die nun schon in den Jahren blühen, in welchen wir damals waren. – Gemahlin? – Mutter? – Conrad! Conrad! – Prüfe dich, ob du dieses ertragen könntest? – Ach dies Blut glüht noch zu heiß! dies Herz schlägt noch zu stark! Ich fühle es: es ist nicht zu spät für den Mann Conrad, vor Gefahren auf seiner Hut zu sein, denen er als Jüngling unterlegen haben würde.« Der gewissenhafte Ritter, den das heißere Glühen seines Blutes, das stärkere Schlagen seines Herzens unruhig machte, riss sich von Adelheids Andenken los, und lenkte sein Nachsinnen auf einen andern Gegendstand, der seinem Herzen nach ihr damals der teuerste war, auf einen Jüngern Bruder, den er, als die Gräfin von Wälschneuenburg, eben jene Adelheid, an seiner Hand das Haus ihres Schwagers verließ, als zehnjährigen Knaben mit nach Frankreich übernahm, und von dem er all diese Zeit über, so wenig als von ihr, etwas vernommen hatte. Das unablässige Kriegsgetümmel hatte frühere Nachfrage verhindert. – »Was mag aus ihm, was mag aus Herrmannen geworden sein?«, sagte er zu sich selbst. »Der Knabe hatte große Anlagen; ich liebte ihn, wie meine Seele. Ich war sein einziger übriger Verwandter; ich hätte ihn nicht von mir lassen sollen. Wenn ich ihn nun als Weichling, oder, was er an Ludwigs Hofe am ersten geworden sein könnte, als Mönch wieder fände? Ach Herrmann! Herrmann! möchtest du lieber in der Jugend gestorben, oder in reifern Jahren auf dem Schlachtfelde als tapferer Krieger gefallen sein! Leben kannst du nicht: einmal würde mir doch das Gerücht deinen Namen vor die Ohren gebracht haben! – Solltest du leben in unrühmlicher Dunkelheit? In der Hauptstadt kannte man deinen Namen nicht. – Ach auch dann lieber den Tod, als ein Leben, wo die Welt gar nichts, weder Gutes noch Böses, von uns zu sagen weiß!« Es ist lästig, Dinge auf eine unbestimmte Art erwähnen zu hören, von welchen man schlechterdings noch gar nichts weiß. Diese Adelheid von Wälschneuenburg, dieser Hermann von Feuchtwangen, welche der Leser jetzt zuerst nennen hört, wären zu glücklich, wenn sie ihm mit ihrer Erscheinung Neugierde und keinen Überdruß erweckt hätten; um das Letzte zu vermeiden, wollen wir das Erste annehmen, und zu Aufklärung aller Dunkelheiten mit Übergehung der Einführungszeremonien, die bei einer so großen Königin, wie Margarethe von Provence, Gemahlin Ludwigs des Neunten, denkbar sind, nicht die erste, sondern eine von den folgenden Audienzen schildern, welche der deutsche Ritter bei der Monarchin hatte; eine von den Stunden, wie man sie bei alten wieder gefundenen Bekannten nicht sogleich erlebt. Nicht erstes Augenblicks wird uns der, den wir in zwanzig Jahren nicht sahen, ganz der, welcher er vormals war; es gehört allerdings einige Zeit dazu, ehe wir es lebhaft empfinden können, daß diese unsern Augen fremd gewordene, so sehr geänderte Person, einst mit uns in einiger nähern Beziehung stand: aber endlich finden wir uns wieder, knüpfen das jetzige Heute an das alte Vormals, vernichten den dazwischen liegenden Zeitraum, und vergessen, daß das Schicksal jemals uns trennte. Bei Freunden ist dies nicht ganz so; sie bleiben unsern Herzen immer nahe: bei Bekannten, wie Ritter Conrad der Königin war, zeigte sich dieses langsame Zurechtfinden mehr, und es wird daher den Leser nicht befremden, daß erst am dritten oder vierten Tage nach Conrads Ankunft zu Vincennes Margarethe ihm mit gänzlicher Zurücksetzung des lästigen Zeremoniells den Arm zu einem Spaziergange in den Wald gab, dessen heilige Schatten sie, seit sie von Ludwig getrennt war, nie ohne die tiefste Rührung betreten konnte. – »Hier wandelte ich an seinem Arme, wie ich jetzt an dem eurigen wandle«, sagte die Königin zu dem Ritter, als er sie durch die blühenden Irrgänge des Waldes leitete. »Unter dieser hohen Eiche saß der gute König zu Gerichte, Es ist bekannt, daß Ludwig der Neunte oftmals in den Schatten von Vincennes die Gerechtigkeit hegte, und diesen Hain dadurch dem Andenken der Nachwelt heilig machte. um ihn her seine Ritter und Räte, und ich als Vorsprecherin der Beklagten. Dort gab er mir den letzten Scheidekuß. O Ritter, meint ihr, daß ich ihn wieder sehe? O ihr eilt von mir zu ihm; redet, redet mit ihm von meinem Andenken und diesen Thronen! Wahrt ihn von den Gefahren, die in jenem wilden Lande seiner warten; schützt ihn mit eurem Arme; bringt ihm mir zurück, und ich will euch danken, euch lohnen, wie nie eine Königin lohnte!« Conrad wusste von den letzten Geschichten des frommen Königs nur wenig mehr, als meine Leser wissen. Margarethen kräftiger trösten zu können, wünschte er bessere Aufklärung. Ihr Herz war zu freundlicher Mitteilung aufgeschlossen, und er erhielt leicht, was er suchte, und was wir hier, obgleich mit etwas kürzern Worten, als die Königin, welche der Kummer beredt machte, wiederholen wollen. Der König, dessen ganzes Leben aus Wohltun, Entsagungen und Andachtsübungen zusammen gesetzt war, Ludwig der Heilige, der seine Glorie mühsamer errang und besser verdiente, als hundert andre seiner umstrahlten Himmelsgenossen, hatte sein erstes Gelübde, Jerusalem aus den Händen der Muselmanen zu retten, durch Unglück, Zufall und Versehen irre geleitet, zu schlecht erfüllt, um sich bei seiner Rückkehr nach Frankreich damit befriedigen zu können. In Kummer, Bußübungen und Tränen brachte er seine Jahre hin, und nichts konnte ihn trösten, selbst nicht das Glück seines Volks, das schöne Heranwachsen seiner Kinder, und die Liebe seiner Gemahlin, die er jetzt nach dem Tode seiner Mutter Die Königin Mutter machte lange Jahre die Liebe der beiden Vermählten, Gott weiß aus welchem Eigensinne, zum verstohlnen Handel. ohne Furcht und uneingeschränkt genoss: Betfahrten wurden getan, und alle heiligen Gegenmittel wider unheilbare Schwermut gebraucht, welche die Andacht jener Zeiten vorschrieb. Vergebens! Ludwig blieb ungetröstet. Eine Wallfahrt war noch übrig, die, nach dem Gebirge von Sainte Beaume in dem Vaterlande der Königin, in der Provence. Die heilige Magdalena hatte dort eine Grotte bewohnt; ihre Wohnung in den Gebirgen von Marseille zu sehen, war dem König nicht geglückt; so wollte er sich bei dieser, welche gleichsam nur ein Abtritts quartier der Heiligen gewesen war, seines Schadens, so gut er konnte, erholen. Man denke sich die Freude der Königin, ihr schönes Vaterland wieder zu sehen, und die Gebirge wieder zu grüßen, wohin sie einst als Fräulein gewallfahrtet, und ihrer Patronin, St. Magdalenen, den stillen Wunsch des jungfräulichen Herzens, den Wunsch der Liebe dargebracht hatte. – Hier wollte sie König Ludwigs Bild zuerst im Traume gesehen haben, hier den ersten Funken der Zuneigung gegen den schönen Jüngling empfunden haben, der ihr damals noch unbekannt war, und mit dem sie nun, da sie St. Magdalenens Grotte wieder sah, schon so manches Jahr verlebt so manchen sauren Weg durch Elend und Todesgefahr gegangen war. – Das königliche Ehepaar kam zum Ziele seiner Wallfahrt, und es ist kein Zweifel, daß Margarethe, als sie mit ihrem Gemahle in der heiligen Höhle übernachtete, ihm die Geschichte ihrer ersten Pilgerreise in dieselbe erzählte. »Immer«, setzte sie hinzu, »immer waren solche Betfahrten mir günstig; immer ward mein Gebet an heiliger Stelle erhört, und selten verfehlte ich den Zweck meiner Gelübde. Nächst dem Glücke, das ich hier erflehte, dem Besitze meines Gemahls, feire ich indessen kein erhörtes Gelübde mit mehrerer Inbrunst, als das, welches ich am heiligen Grabe zu Jerusalem ablegte. »Am heiligen Grabe zu Jerusalem?«, erwiderte Ludwig. »Sind wir je dort gewesen?« »Wir? nicht mein Gemahl, aber ich. Als wir im Orient waren, so hielt euch teils die Unmöglichkeit, teils das zu lebhafte Gefühl eurer Unwürdigkeit ab, die heiligste Stelle zu betreten; mich trieb die Not dahin, wo ich am gewissesten Hülfe zu finden hoffte. Höret davon die Geschichte! – Ihr wäret Turanschahs Gefangner; ich lag krank zu Damiette; dem schmerzvollsten meiner Söhne, dem ich den Namen Tristan beilegte, hatte ich das Leben gegeben, und hoffte zu sterben. Der Tod verweilte; ich musste fürchten, ihn schrecklicher in der Gewalt der Feinde zu finden, die dem Zufluchtsorte, an welchem ich mich befand, mit fürchterlicher Macht drohten. Der Personen, die zu meinem Dienste und zu meiner Bewachung bestimmt waren, wurden immer weniger; die wachsende Gefahr rief einen nach dem andern von meiner Seite; ich war am Ende allein mit dem alten Bernard von Mutinis, dem Verwandten Rogers, des ehemaligen Großmeisters der Hospitaliter. »Ritter Bernard«, sprach ich, »gewährt mir am Rande des Grabes eine Bitte!« »Welche, meine Königin?«, fragte der alte Ritter. – »Ehe ihr mich in die Hände der Feinde kommen lasset, so tötet mich lieber, und rettet meine und des Königs Ehre!« – »Wahrhaftig, gnädige Frau«, versetzte er mit freundlichem Lachen; »ihr redet hier von einer Sache, die mir schon selbst in den Sinn gekommen ist, und die ich wohl ohne eure Bitte erfüllt haben würde. Verlaßt euch darauf: lebendig kommt ihr nicht in die Gewalt der Heiden; indessen denke ich noch nicht, daß es mit uns aufs Äußerste gekommen sei. Betet zu Gott und zu seinen Heiligen; gelobt ihm irgendein Gelübde, und er wird euch und uns Hülfe senden.« – Da öffnete ich meine Lippen vor Gott, und gelobte ihm eine Pilgerfahrt gen Jerusalem zum heiligen Grabe, wenn er tun würde, wie Ritter Bernard sagte. – Die Hülfe erschien: aber die Erfüllung meines Gelübdes war fast Unmöglichkeit. Ich war schwach und krank, der Weg nach Jerusalem mit tausend Gefahren umlagert. Bernard schüttelte den Kopf, und meinte, so viel hätte ich dem Herrn nicht geloben sollen. Doch war er der Erste und Einzige, mir zur Vollziehung meines unmöglichen Gelübdes behülflich zu sein. Es blieb vor jedermann ein Geheimnis; er allein war mein Vertrauter, so wie auch mein Begleiter zur heiligen Stelle. Rauhes Pilgergewand umhüllte uns. Ritter Bernard führte den Namen meines Vaters; mein Kind trug ich mit mir – so hatte ich es gelobt – im härnen Mantel. Nichts war in unserm Aufzuge, das unsern Stand verraten, oder die Raubgier der Feinde locken konnte. Auch ihre Grausamkeit schwieg beim Anblicke eines achtzigjährigen Greises und einer bleichen jungen Frau mit einem säugenden Kinde. An Gefahren rund umher fehlte es indessen nicht; doch oft war es selbst die Hand der Sarazenen, die uns hindurch half: auch in ihren Herzen wohnt Menschlichkeit, und sie ahndeten nicht, daß Frankreichs Königin, daß Ludwigs Gemahlin und sein Sohn in ihren Händen waren; Personen, durch welche sie sich so große Vorteile hätten erkaufen können. Ein schützender Engel bewachte die Nacht des Geheimnisses, in welche wir uns verhüllt hatten. Als wir auf der gebenedeiten Stätte knieten, ich meinen Sohn von derselben dankend für die geschehene Rettung gen Himmel hielt, da gingen neue Gebete über meine Lippen, Gebete um die Befreiung meines Königs, um glückliche Rückkehr in unser Vaterland, und Ruhe, Ruhe wenigstens von einigen Jahren in derselben. – Auch dieses Gebet ist nicht unerhört geblieben. Ihr wisst, wie unvermutet Turanschah entließ den König, ehe man daran denken durfte, unter, nach Verhältnis, wirklich leidlichen Bedingungen; und nach Turanschahs Tode, obgleich derselbe die Lage des noch nicht ganz entkommenen Ludwigs wieder bedenklich machte, nahm man doch seinen Eid als Bürgschaft für das Versprochene an, und ließ ihn ziehen. ihr eurer Gefangenschaft entkamt; ihr erinnert euch des frohen Wiedersehens auf den Schiffen, wo mich mein treuer Reisegefährte auf dem Rückzuge vom heiligen Grabe in Sicherheit gebracht hatte, und wo mich euer treuer Seneschall Joinville Joinville gedenkt in der Geschichte seines Königs nichts von Margarethens kühner Wallfahrt, vermutlich weil solche Nebenumstände außer seinem Gesichtskreise lagen. euch entgegen führte. – Endlich sahen wir auch Frankreich, obgleich nach mancher Verzögerung und manchen Gefahren, wieder; endlich beginnen wir hier wieder einige Ruhe zu schmecken: wäre Heilung eures schwermütigen Herzens möglich, so könnte ich hoffen, sie würde dauern bis an das Ende unsers Lebens, das uns Gott an einem Tage verleihe!« Die Erzählung der Königin hatte einen tiefen Eindruck, einen Eindruck von ganz anderer Art auf den heiligen Ludwig gemacht, als sie zur Absicht haben mochte. Man verließ nach gepflogenen Andachtsübungen die Höhle der heiligen Magdalene, aber trauriger, als zuvor. Die heldenmütige Pilgerfahrt der Königin zum heiligen Grabe konnte dem Könige, der dieses Grab nicht gesehen, es nicht so, wie er wünschte, aus der Gewalt der Heiden gerissen hatte, nicht erfreuen: er sah Margarethen mit Ehrfurcht an; er hielt nach seiner Demut seine Heiligkeit tief unter der der Heiligkeit einer Frau, die so viel wagen, so viel vom Himmel erflehen konnte. Von diesem Augenblicke an war wahrscheinlich der Entschluss zu einem zweiten Zuge nach Orient gefasst, dessen Vollziehung zwar Jahre lang verschoben, aber nun endlich doch, zu Margarethens tiefstem Herzenleide, die ihrem Gemahle jetzt nicht mehr folgen konnte, ausgeführt wurde. Seine Ausführung zu beschleunigen, musste noch der König von Tunis den unseligen Einfall haben, König Ludwigen eine Gesandtschaft zu schicken, mit der Erklärung, daß er gesonnen sei, feierlich zum Christentume überzutreten, und den frommen Beherrscher Frankreichs zum Paten bei seiner Taufe zu haben wünsche. – Welch ein Antrag für einen Mann, wie Ludwig! Erst nach Tunis zu der feierlichen Handlung, die sich der gute König als den höchsten Triumph des Glaubens dachte, und dann nach Jerusalem! Dies war der Plan, der nun völlig ausgearbeitet wurde, und zu dessen Ausführung man nach jahrelangen Vorbereitungen nun wirklich schritt. Mit voller Heeresmacht sollte der Zug unternommen werden; denn Ludwig wollte das heilige Grab nicht bloß als Pilger, nein, als Eroberer sehen: auch gab man ihm unter den Fuß, daß es nicht undienlich sein würde, seinem erlauchten Paten durch die Waffen Ehrfurcht einzuflößen, weil man doch nicht ganz wisse, was man sich zu ihm zu versehen habe, und ob es nicht mit der Gesandtschaft, welche dem Könige von Frankreich seine Begierde zum Christentume bezeugte, vielleicht eine ähnliche Bewandtnis habe, wie mit einer andern, Gleich im Anfange von Ludwigs erster Kreuzfahrt 1250 langten mogolische Gesandten zu Nikosia an, und wussten der schwachen Seite des Königs durch ähnliche Vorspiegelungen zu schmeicheln; er ließ sich dadurch vom rechten Wege ableiten, der sonder Zweifel geradezu nach Jerusalem gegangen war, verlor viel Zeit in Ägypten, und am Ende war die ganze Sache eine fromme Täuschung. die in die frühern Zeiten von Ludwigs christlichem Heldenleben gehört. – Selbst Margarethe, die doch sonst in den meisten Stücken, wo es auf Treue und Ehrlichkeit der Menschheit ankam, sehr starkgläubig war, selbst sie zweifelte, ob es mit den Dingen, welche ihren Gemahl von ihrer Seite rissen, ganz richtige Bewandtnisse habe; sie beschloss die Erzählung all dieser Begebenheiten mit Tränen, und gestand Conraden von Feuchtwangen, der tief denkend an ihrer Seite ging, daß sie – so unchristlich auch eine solche Äußerung lauten möchte – es lieber gesehen hätte, wenn der König von Tunis ungetauft, und Ludwig in ihren Armen geblieben wäre. Vergeßlichkeit der Großen Als der Ritter genugsam mit der Königin über diese bedenklichen Dinge gesprochen, sie getröstet, Plane mit ihr zu ihrer Beruhigung gemacht, und Aufträge von ihr erhalten hatte, so dünkte es ihm auch Zeit zu sein, von sich selbst zu sprechen, und Fragen laut werden zu lassen, die vielleicht der Hauptgrund seines Besuchs zu Vincennes waren, und die er nur, teils aus höfischer Bescheidenheit, teils aus jener schüchternen Zurückhaltung, welche damals den geistlichen Ordensleuten eigen war, bis hierher unterdrückt hatte. Länger konnte er sich jetzt nicht mehr halten; die Fesseln zerbrachen, und die Namen Adelheid und Hermann gingen zuerst über seine Lippen: doch der letzte eher als der erste, damit die Rechte des geistlichen Standes, die ihm die Nennung eines Frauenzimmernamens schier zur Sünde machen wollten in allem ihre Kraft behaupteten. – »Herr Ritter«, antwortete die Königin, »ihr sprecht mit mir von der jungen Dame, und dem schönen Knaben, die ihr nunmehr vor zwanzig Jahren meinem Schutze anvertrautet, und ich wollte wohl wünschen, euch bessere Auskunft über die Personen geben zu können, als in meiner Macht steht. Ich erinnere euch vielleicht, durch das Gerücht vernommen zu haben, daß bald, nachdem ihr Frankreich verlassen hattet, um in eurem Vaterlande den deutschen Orden anzunehmen, mein Gemahl seinen ersten Zug nach dem heiligen Lande antrat. Ich war damals glücklicher, als ich jetzt bin; ich konnte den König begleiten, und ich überließ, da ich auf diese Art unfähig gemacht wurde, etwas für die Gräfin von Wälschneuenburg zu tun, die Sorge für sie meiner Schwiegermutter, der Königin Bianca. Bianca war tot, als ich nach einigen Jahren voll Unruhe und Gefahren Frankreich wieder sah, und – und ich muss euch nur gestehen, an Adelheiden habe ich seitdem nicht wieder gedacht. Verzeiht, ich kannte diese Dame aus den wenigen Tagen, die ich mit ihr und euch zu Vincennes zubrachte, zu wenig, um ihr Andenken nach Orient mit übernehmen, und es wieder mit zurück bringen zu können. Bedenket selbst die Schicksale, die mich in dieser Zeit trafen, die Leiden, die ich ertrug; sie könnten mich wohl wegen Vergessenheit mir weit näher liegender Dinge entschuldigen.« Conrad seufzte tief. »Entschuldigen? Königinnen entschuldigen sich leicht; wer will mit ihnen rechten?« – »Also gar, gar nichts von Adelheid von Wälschneuenburg?«, rief er endlich nach einem langen schmerzhaften Stillschweigen. »Auch nicht ein Wort?« »Nicht ein Wort, guter Ritter! in der Tat, es schmerzt mich in der Seele! Ich bin strafbar. Wie konnte ich doch die interessante Fremde so vergessen, welche mich in den ersten Tagen ihres Aufenthalts so warm, so innig beschäftigte?« »So warm, so innig beschäftigte«, wiederholte Conrad traurig, »daß man freilich keine Vergessenheit hätte befürchten sollen!« »Damals vergaß ich sie nicht, Ritter!«, erwiderte Margarethe ein wenig verdrießlich. »Wie schon gesagt, ich empfahl sie der Königin Mutter, die ihr eine standesgemäße Stelle unter ihren Damen gab. – Freilich, was nach dem Tode der Königin aus ihr ward – Doch die meisten von Biancas Frauenzimmern haben in verschiedenen Klöstern den Schleyer genommen, und Adelheid wird also wohl – o sie wird gewiss das Nämliche getan haben! Eine Person von dem Range eurer Freundin kann nicht sehr verborgen sein; wollt ihr, so bringt eine genaue Nachfrage uns in den nächsten Tagen auf die rechte Spur.« »Ihr vergesset, gnädige Frau, daß, unserer Abrede zu Folge, schon der morgende der Tag meiner Abreise nach Aiguemorte seyn soll.« – »In der Tat, das vergaß ich! Aber ihr werdet Vincennes doch nicht eher verlassen, bis ihr euer Versprechen erfüllt, und mir eure Geschichte gegeben habt, so wie ich euch die meinige mitteilte?« Conrad fühlte das Bestreben der beschämten Königin, das Gespräch von einem Gegenstande abzulenken, der ihr gutes Herz bekümmerte, weil er einen so gerechten Vorwurf für sie enthielt. Das Versprechen, an welches der Ritter erinnert wurde, hatte er allerdings gegeben; aber war wohl ein Augenblick zu erdenken, in welchem er weniger geschickt gewesen wäre, es zu erfüllen, als der gegenwärtige? So bekümmert, so tief gebeugt durch fehl geschlagene Hoffnung, so sorgenvoll um eine Person, die ihm Jahre nicht gleichgültig hatten machen können, so ängstlich zweifelhaft, ob er seine erste, ganz unbeantwortet gebliebene Frage nach Herrmann noch einmal wiederholen, und darauf vielleicht einer ähnliche Kränkung, wie bei der zweiten, gewärtig sein sollte – – Nach einem langen, langen Stillschweigen, in welchem Margarethen, die ihm nachempfand, und die sich in diesem Augenblicke selbst haßte, die Tränen aus den Augen drangen, nach einigen vergeblichen Versuchen zu sprechen, brachte Feuchtwangen endlich die Bitte um Aufschub der verlangten Erzählung über die Lippen, und überwand sich, da er diese erhielt, doch zu Wiederholung der Frage in Ansehung seines Bruders. »Wohl mir«, erwiderte die Königin, »daß ich euch hierin besser befriedigen kann! Der schöne Knabe, den ihr euren Bruder nennt, und der nach Maßgabe der Jahre auch nicht wohl etwas anders sein konnte, kam damals in die Dienste des Prinzen Robert, des Bruders meines Gemahls: er begleitete uns auf der Reise nach Palästina, und ich erinnere mich, daß ich seiner, ob er wohl nur ein Kind war, bei verschiedenen Gelegenheiten auf die rühmlichste Art habe erwähnen hören. Hernach, als Prinz Robert fiel, ist er uns aus den Augen gekommen. Er mag wohl in die sarazenische Gefangenschaft geraten sein. Joinville hat nach der Zeit aus den Händen eines Sarazenen einen schönen Knaben erhalten, den er an Sohnes Statt annahm; ob wohl dieses euer Hermann gewesen sein möchte! – Nun, Ritter, ihr werdet den Herrn von Joinville an der Seite des Königs bald selbst sprechen; dort erhaltet ihr gewiss Nachricht von eurem Bruder! Trauert doch nicht so! zürnt doch nicht mit einer unglücklichen Frau, die über eigenen Leiden wohl die Angelegenheiten anderer vergessen konnte!« O heilig versprochene Vorsorge der Großen! was bist du? – Auch bei den Besten unter ihnen ein Sonnenstrahl, den die kleinste Wolke verdunkelt. – Margarethe fühlte das Unzulängliche, das Unbefriedigende ihrer gerühmten Antwort; sie sah Tränen in Conrads Augen; darum suchte sie ihn mit so herzgewinnender Milde und Herablassung zu besänftigen. Zürnen? wer konnte das gegen sie? – Aber nicht trauern? – O, Conrad hätte nicht Conrad, hätte nicht der Mann sein müssen, für welchen ihn selbst der wilde König von Litthauen erkannte, wenn er den Kummer fehl geschlagener Hoffnung nicht tief, nicht so tief gefühlt hätte, daß er sich entfernen musste. Doch vergaß er das Versprechen, das er der vergeßlichen Königin getan hatte, nicht, sondern kam, da seine Abreise nach Aiguemortes auf den folgenden Tag fest gesetzt blieb, gegen die Nacht wieder, um ihr mit aller Fassung, die er hatte erringen können, das zu erzählen, womit wir die nächsten Seiten anfüllen werden. Jugendgeschichte Conrads von Feuchtwangen »Ihr wollt es«, begann der Ritter, »und ich muss, mein Herz sei mir so schwer, als es wolle, die Erzählung von Dingen beginnen, die mir teils jetzt gleichgültiger sind, als der Frühlingshauch, der uns umweht, teils, mein Andenken hange auch mit noch so heißer Sehnsucht an ihnen, für mich auf ewig vergangen sind. Wie sehr, wie gänzlich alle Erdenfreude, auch die kleinste Spur derselben, für mich dahin ist, das kann niemand besser wissen, als die, welche das vergaß, worauf jetzt mein ganzes Wohl beruht. – Doch, keine Vorwürfe! höret, und ihr sollte urteilen, ob Adelheid es verdiente, mir nach zwanzig Jahren noch so teuer zu sein, wie im ersten Augenblicke heiliger Freundschaft; ob ich Ursache habe, um Hermann zu trauern, der mein Bruder war, den der letzte Wille seiner Mutter zu meinem Sohne machte; den ich nicht aus den Augen gelassen haben würde, wenn man im neunzehnten Jahre so dächte, wie nahe an dem vierzigsten. Die Unglücksfälle, welche dem edlen Hause, aus welchem ich entsproß, einen Teil seines Glanzes und seiner Größe raubten, gehören nicht in eine Geschichte, welche ich den eilenden Stunden zuliebe abkürzen muss. Mein Vater war tot, seit ich aus dem Knabenalter in die Jünglings jähre trat, und hatte mir außer einer Mutter und einem unmündigen Bruder nichts hinterlassen, als sein gutes Schwert und eine verfallene Burg, die vor Jahrhunderten der Stolz unseren Ahnen war. An Hermann und an Elisabeth von Feuchtwangen, dieser teuren, nie genug beweinten Mutter, hing mein Herz; ich konnte sie nicht verlassen: ohne sie würde ich bald den einen Teil der Verlassenschaft meines Vaters, die alte Burg, der völligen Zerstörung Preis gegeben, und Gebrauch von dem andern, von seinem Schwerte gemacht haben, mir Glück und Ehre zu erwerben; aber so jung ich war, so trug ich doch schon das Ansehen eines Schützers, Trösters und Versorgers in meinem Hause; ich musste bleiben, und ich blieb gern; denn mich hielt die Liebe. – Als in meinem achtzehnten Jahre der zarte Körperbau meiner Mutter dem nagenden Grame unterlag, und sie ihre nahe Auflösung fühlte, ließ sie mich an ihr Sterbelager kommen, wo Hermann, ihr Liebling, schon weinend kniete. – ›Nichts‹, sagte sie nach einer langen Pause, ›nichts macht mir das Sterben schwerer, als dieses Kind: du bist erwachsen; für dich sorgte die mütterliche Liebe nicht: aber was soll aus Hermann werden? – O Conrad! an deiner Treue lag es nicht, wenn mein Herz in den Jahren, da du mir alles warst, den Verlust deines Vaters nicht vergessen konnte! Lass deinen Bruder die nämlichen Vorteile genießen; ersetze ihm, was er an seinen Eltern verlor; sei ihm Vater und Mutter! ich würde in diesen schrecklichen Stunden weder zu leben noch zu sterben vermögen, hoffte ich nicht in dem, was ich jetzt von dir bitte, alles von deiner Liebe.‹ Der neunjährige Hermann verlor kein Wort von dem, was unsere Mutter sagte; er schlang sich um meinen Hals, und vereinigte das rührende Bitten der Kindheit mit dem ihrigen. Bedurfte es wohl des einen oder des andern bei einer Sache, zu welcher mich Pflicht verband, und mein Herz mich schon ohne dies selbst geneigt machte? Meine Mutter hatte vor ihrem Hinscheiden noch die Genugtuung, ihren alten Freund und Verwandten, Abt Berchtholden von St. Gallen, den sie durch Schreiben von ihrer Gefahr zu sich entboten hatte, anlangen zu sehen, und ihm uns empfehlen zu können. Nicht nur den Knaben Hermann, auch mich empfahl sie ihm und der Abt machte sich anheischig, für uns beide zu sorgen. – ›Es ist Zeit‹, sagte er, ›daß mein Pate Conrad die Welt sehe, und im Dienste irgend eines großen Herrn das Schwert üben lerne, das er, wie ich höre, schon jetzt so gut zu führen versteht. Das Haus des alten Grafen von Toggenburg hat schon manchen wackern Ritter gezogen; dorthin will ich eure Söhne bringen: denn ob ich gleich meinen Liebling, den kleinen Hermann, in Gedanken zum geistlichen Stande bestimme, so ist's doch gut, wenn auch er ein Jahr oder zwei die Weltsitte und das Leben der Großen kennen lernt, da er mir sicher kein gemeiner Mönch bleiben, sondern einst werden soll, was ich bin?‹ Der Graf von Toggenburg und seine tapfern Söhne waren weit und breit wegen der Vorzüge berühmt, die der Abt an ihnen pries. Vor kurzem waren erst zwei Freiherren von Regensberg, die mit seinen Söhnen erzogen worden waren, wehrhaft gemacht worden, und begannen, durch ihre Taten Aufsehen im Lande zu erregen, und der Graf von Habsburg, von welchem man in jenen Tagen zuerst große Dinge zu ahnden anfing, hatte einst öffentlich erklärt, Toggenburgs Hof sei eine Schule der besten Ritter; er habe unter seinen Leuten keine, die ihm lieber wären, als zwei oder drei, die als Knappen dort das Schwert führen lernten. Meine Mutter wusste dieses alles, und es stellte sich, so wie der Abt sprach, ihrer Seele aufs lebhafteste dar. Wie ein süßer Traum ging das künftige Schicksal ihrer Söhne vor ihren brechenden Augen über. Sie sah ihren Conrad schon im Geiste die Zierde der Ritterschaft, ihren Hermann Abt von St. Gallen; ein dankender Blick auf ihren ehrwürdigen Verwandten und einige gebrochene Worte zeugten von ihren Vorstellungen und von der Befriedigung, die sie aus denselben zog, und ich werde es unserm damaligen Tröster ewig danken, daß er ihr ihre letzten Augenblicke so heiter machte, obgleich wenig von dem, was sie beruhigte, erfüllt ward. Auch mir war es Trost, als die, die ich liebte, nun nicht mehr war, einen Mann, wie Abt Berchtholden, an der Seite zu haben. Was mich der Kummer hätte vernachlässigen lassen, davon ließ er nichts aus Acht. Er nahm die Trümmern unsers Vermögens zusammen, berichtigte all unsere Angelegenheiten, und führte uns dann ohne Säumen hinüber in das schöne Land, wo in der Zukunft unser Aufenthalt sein, wo der Grund zu unserm Glücke und Unglücke gelegt werden sollte. – Einige anderweitige Geschäfte, welche der Abt zu besorgen hatte, ehe er uns an den bestimmten Ort führen konnte, verlängerten unsere Reise, und verursachten Umwege, die ich doch nie bereuen werde, da sie mich in die Bekanntschaft eines Mannes brachten, welcher, so sehr sein Schicksal auch jetzt außerhalb meiner Geschichte zu liegen scheint, doch verdient, vor euren Ohren erwähnt zu werden. – Wir kamen in die Gegenden von Ödweiler; ein wilder Wald nahm uns auf, welchen unser Führer, wie wir aus den Befehlen, die er seinen Leuten erteilte, schließen konnten, nicht ohne Furcht betrat. Die Gerüchte von diesem Walde waren uns nicht unbekannt; sie waren bis in unser Vaterland erschollen, und Hermanns erste Erzieherinnen hatte die Geschichte desselben zum Schrecken seiner Kindheit gemacht, so wie sie jetzt, da er ein mutiger Knabe zu werden begann, der Gegenstand seiner lebhaftesten Neugier war. – Er wiederholte den Namen des Orts, als er ihn zuerst nennen hörte, und fragte, indem er sich schnell zu dem Abte wendete, ob hier die Höhle sei, aus welcher ein scheußlicher Lindwurm die ganze Gegend beunruhige, und den Müttern ihre Kinder, den Hirten ihre Herden raubte. – Unser Führer bejahte es, und hängte den Wunsch an, daß Gott doch diese Plage von dem Lande nehmen, und wenigstens uns glücklich vor der Gefahr vorüber führen möge! – Hermann meinte, wenn der hochwürdige Herr, der Abt, geborgen wäre, so wünschte er das Geschöpf wenigstens zu sehen, das man einen Lindwurm nennte, und von welchem er sich keinen Begriff zu machen wüßte; ich aber setzte die Frage hinzu, was man für Vorkehrungen getroffen habe, das Land zu befriedigen, und ob die Bekämpfung des Ungeheuers denn eine so unmögliche Sache sei, daß sich bis dahin noch kein Ritter gefunden habe, dieselbe zu wagen. – Der Abt, der uns liebte, und der sich aus meiner und Hermanns mit einigem Feuer getanen Frage, ich weiß nicht welche Neigung zu verderblichen Abenteuern vorstellte, ward bleich, und zitterte. Er rief einen unter den bewaffneten Knechten auf, die uns folgten, diesen jungen Verwegenen, wie er uns nannte, eine Beschreibung von Gefahren zumachen, welchen sie nur darum ins Angesicht zu sehen wünschen könnte, weil sie ihnen unbekannt wären. – Der Reisige, welcher den scheußlichen Verheerer des Landes gesehen, und einst seine Klauen empfunden zu haben vorgab, trat auf, und entwarf ein Gemälde, das zu abenteuerlich und furchtbar war, um selbst bei dem kleinen Hermann Glauben zu finden: er meinte die Stimme der Wärterinnen seiner Kindheit zu hören, und unterdrückte mit Mühe ein Lachen, welches ihm die Gegenwart unsers ehrwürdigen Verwandten zur Sünde gemacht haben würde; doch die Erzählung, welche weder mir noch ihm genug tat, erreichte schnell ihr Ende. Tief im Walde erhob sich ein Geräusch. Ich zog mein Schwert. Hermann stellte sich vor den Abt, und bat ihn, sich nicht zu fürchten, weil er für alles stehe, da indessen unsere Leute, wie vom Donner geschreckt, auseinander flohen, und hier und da in den Gebüschen ihre Zuflucht suchten; Bewegungen, aus welchen sich schließen ließ, daß uns allen, so viel unser waren, die Idee des Lindwurms, von welchem wir eben erzählen hörten, lebhaft genug vorschwebte, um in dem Geräusche, das wir immer näher vernahmen, seine Annäherung zu vermuten, nur daß unser Entsetzen, wovon keiner ganz frei war, sich auf verschiedene Art äußerte. – Die Erzählung, die wir eben aus dem Munde des Reisigen gehört hatten, bewaffnete das Ungeheuer, das dieses Gehölz bewohnte, mit ehernen Zähnen und Nägeln, mit gepanzerter Haut und Schwingen, deren Geräusch, so wie sie die Lüfte zerteilten, dem Anzuge vieler Gewappneten glich; dies war gerade der Ton, den wir jetzt vernahmen, und der sich unsern Augen nun bald erklären sollte. Sie waren fest auf die Gegend des Waldes gerichtet, wo er sich uns gegenüber jenseits einer großen Wiese öffnete, und von wo der gräßliche Ton, der unsere Leute in die Flucht gejagt hatte, sich nahte. Wir flohen nicht, denn wir sorgten einer um den andern; der Abt für unsere Jugend, wir für die Wehrlosigkeit seines Standes. Wäre jeder von uns allein gewesen, wer wüßte, ob er der Gefahr so kühnlich Trotz geboten hätte. * Jetzt kam das, was unser Schrecken und unsere Aufmerksamkeit erregte, völlig zum Vorscheine; aber kein schuppiges Ungeheuer, sondern eine Anzahl gewaffneter Leute, welche der Abt aus der Rüstung für die Diener der Gerechtigkeit des benachbarten Orts erkannte. Der Abt holte freier Atem; ich steckte beschämt mein Schwert in die Scheide, und Hermann ließ einen Ausruf des Unwillens hören, daß er getäuscht war. Die Reisigen zogen quer über die Matte, und kamen bei uns vorbei; sie führten in ihrer Mitte einen gefesselten Mann, der bei den Spuren des Kummers und des Elends, die sich auf seinem Gesichte zeigten, doch zugleich so viel Kennzeichen von Biedersinne und Edelmut in seiner Miene, so etwas Großes und Heldenmütiges in seinem ganzen Wesen trug, daß man auf die Bande zürnte, die seine Hände fesselten, und ihn unmöglich für einen Missetäter halten konnte. – Meinem Bruder traten die Tränen in die Augen, und er wendete sich zum Abte, eine Bitte an ihn zu tun, welche unnötig war; denn schon gab sich dieser dem Führer der Gewappneten kund, und erhielt durch das Ansehen, das ihm sein Name gab, sehr leicht umständliche Nachricht, was es mit dem Manne, der unsere Aufmerksamkeit so sehr auf sich zog, eigentlich für Bewandtnisse habe. Wir erfuhren, der Gefangene sei ein Mann aus Unterwalden, Ein Winkelried, wahrscheinlich der Ahnherr jenes großen Winkelrieds, der hundert Jahre später sich durch seinen Heldentod in der helvetischen Geschichte unvergeßlich machte. welcher einen Mord begangen habe, und welchem die Gerechtigkeit nun schon über ein Jahr auf den Fersen gewesen sei, ohne seiner mächtig werden zu können, bis man ihn endlich in diesen Gegenden gesehen habe, und eben heute durch eine blutige Spur, wahrscheinlich die Folge einer neuen Mordtat, nach seiner Wohnung geleitet worden sei, die er in diesem Haine, unweit der Höhle des Drachen, genommen habe. – Der Abt wünschte nähere Auskunft über diese Dinge, die ihm, zusammen genommen mit der redlichen Heldenmiene des Gefangenen, so befremdend vorkamen; aber die Antwort, die er von ihm erhielt, war so stolz, so abschreckend, wie sie oft beleidigte Unschuld in der Fülle des Unmuts zu geben pflegt, und dadurch Hülfe und Rettung von sich scheucht. Dass Arnold, dies war der Name, den man dem Gefangenen gab, daß dieser Mann, für den man nur Bewunderung und Mitleid fühlen konnte, unschuldig war, davon blieben Hermann und ich überzeugt, obgleich die gute Meinung des Abts durch seinen Starrsinn sich etwas gemindert zu haben schien. Er erklärte sich schon, er wollte, dafern dieses Mannes Verbrechen erwiesen sei, der Gerechtigkeit durch keine Vorbitte Eingriff in ihre Rechte tun; aber unsere Bitten an ihn drangen durch, sich dem Schutze eines Unglücklichen nicht so geschwinde zu entziehen, sondern ihm nebst uns in die Stadt zu folgen, daselbst seine Anklage und seine Verteidigung zu hören, und wenn alles sich so stände, wie wir hofften, nicht zu weichen, bis durch Vorspruch oder auf andere Weise ein Leben gerettet sei, welches längerer Dauer so würdig schien. – Der Abt ließ sich erbitten; der so genannte Mörder ward durch meine Vorsprach und Hermanns mitleidige Tränen tief gerührt. ›O Gott!‹, sagte er mit einem Blicke gen Himmel, der sein Gesicht unaussprechlich verschönerte; ›der ist noch nicht ganz von dir verlassen, für den die Unschuld weint und fleht!‹ Warum kann ich euch doch hier nicht umständlich Dinge erzählen, die zu einer andern Zeit, da uns die Augenblicke weniger sparsam zugemessen wären, alle eure Aufmerksamkeit verdienen müssen! Anscheinendes Verbrechen durch die Zeit gerechtfertigt, Verbrechen durch irgendeine große Tat ausgesöhnt, welch ein Schauspiel für eine Seele wie die eurige! Hört das, was ich euch gern weitläufigt sagte, in kurzem. – Wir folgten mit unsern Leuten, welche sich bald wieder zu uns fanden, dem Opfer der Gerechtigkeit nach der Stadt. Die Sache des Verbrechens ward untersucht. Arnold war ein Mörder, wie tausend edle unglückliche Männer es in unseliger Stunde durch Zufall, Übereilung, oder zu heftig aufgereizten billigen Zorn wurden. Tausend Dinge waren, die ihn entschuldigten: doch hätte er sterben müssen nach den strengen Gesetzen dieses Landes, hätte ihm nicht ein Umstand das Leben gerettet, den er nicht achtete, oder vielmehr, den er so großmütig als hartnäckig verschwieg. Mein Bruder war so glücklich, ihn ans Licht zu bringen. Dieser Knabe, welcher Vergunst hatte, den edlen Verbrecher in seinem Gefängnisse zu besuchen, ward, wie es sein Alter mit sich brachte, bald mit ihm vertraut. Arnold tadelte die Tränen, die sein kleiner Freund um seinen Tod vergoß, und schlug andere Gespräche vor. Die Geschichte jenes Tages, da wir ihn im Walde zuerst sahen, kam zum Vorscheine. Der Lindwurm spielte, wie man sich denken kann, in derselben seine Rolle. Arnold lachte des Schreckens, das uns alle in Erwartung dieses Ungeheuers befallen hatte, und behauptete, es gebe in der ganzen Natur kein solches Geschöpf, wie Hermann es, obgleich mit ziemlich gemäßigten Farben, schilderte. ›Das Untier‹, fuhr er fort, ›das diese Gegenden verheerte, und nun nicht mehr verheeren wird, war nichts Anders, als ein scheußlicher Wolf, vielleicht eine Hyäne: ich kann das wissen; denn ich habe ihn erschlagen. Wollte Gott ich wäre frei nur auf eine Stunde, um euch an die Stelle im Walde zu führen, wo der fürchterliche Feind liegt, der mir, indem ich ihn fällte, diese Wunde versetzte, die nun wohl vor meinem Ende nicht heilen wird. Ich wollte ihn euch zeigen, und euch bei seinem Anblicke die Lehre geben, die ihr in eurem Leben wohl werdet brauchen können, euch nicht an die ungeheuren Vorstellungen des Pöbels zu kehren, und gewiss zu sein, daß der tapfere Mann mit einiger Behutsamkeit alles überwinden kann.‹ – Herrmann stand mit weit geöffneten Augen. ›Ihr?‹ schrie er; ›ihr habt das Untier getötet? und ihr sollt sterben? – O laßt mich! laßt mich, daß ich dies meinem Oheime und meinem Bruder, daß ich es der ganzen Welt erzähle!‹ – Mit diesen Worten verließ der feurige Knabe Arnolds Kerker, und ermangelte nicht, unter Weges den Anfang zu Ausbreitung der großen Tat zu machen, die seine kindische Seele bewunderte, ohne den Einfluss noch ganz begreifen zu können, den sie auf das Geschick des Mannes haben musste, dessen Todesurteil uns alle bekümmerte. – Die Folgen von Hermanns Entdeckung ließen sich denken. Die wichtigsten Preise waren für denjenigen aufgesetzt worden, welcher das Land von seinem Verheerer befreien würde; wie hätte man dem, der die Heldentat beging, ohne an Ruhm oder Belohnung zu denken, wie hätte man ihm, zum Danke für die erhaltene Wohltat, sein Leben rauben sollen? Arnold ward begnadigt; die ganze Gegend zog hinaus auf die Stelle, wo das Ungeheuer lag, das man, ob es gleich kein Lindwurm war, wohl wegen seiner Größe und ungemeinen Gestalt für ein Wunder der Natur halten konnte. Jetzt klärten sich die Spuren von Blute auf, die dem unglücklichen Arnold eine neue Mordtat aufbürden sollten, und die, hätte man sie besser untersucht, augenblickliche Verteidiger seiner Unschuld hätten werden müssen. Voll dankbarer Beschämung standen dem Retter des Landes seine Verurteiler gegenüber; man wusste nicht, wie man vergüten, wusste nicht, wie man ihn lohnen sollte. Er schlug allen Lohn aus, und bat nur um Freiheit, dem Abt und uns zu folgen, und in der Nähe, wo sein kleiner Freund und Retter, der Knabe Hermann, leben würde, eine Einsiedlerwohnung zu beziehen. ›Der Umgang dieses edlen Kindes‹, sagte er, ›wird mir Trost und Beruhigung sein. Ich bin ein Mörder: man verurteile mich, oder spreche mich los! Ach! seit jener Tat, für welche man mein Leben nicht hinnehmen wollte, kenne ich keine Ruhe als in der Einsamkeit. Ich hasse die Gesellschaft von Menschen. Der, den ich ermordete, war mein Freund. Man entschuldige mich, wie man wolle, mein Gewissen wird mich nie entschuldigen.‹ Als wir in dem Hause des Grafen von Toggenburg, wo uns der Abt einführte, aufgenommen waren, schlug dieser außerordentliche Mann, dieser unschuldige Mörder seine Wohnung in dem benachbarten Walde auf. Ich so wohl als mein Bruder sahen ihn oft: es wird in meiner Geschichte noch ein oder zwei Mal die Gelegenheit geben, seiner zu gedenken. Wie soll ich euch das Haus schildern, welches nun auf kurze Zeit für meinen Bruder und mich das Haus liebender Eltern werden sollte? – O daß es immer unser Zufluchtsort geblieben wäre! daß nicht Unglück und Tod uns so bald aus demselben vertrieben hätten! – Der Graf von Toggenburg war einer der reichsten helvetischen Herren; alles atmete in seinem Hause stille Größe. Der mächtige Fürst zeigte sich hier in den geringsten Kleinigkeiten, obgleich über den Glanz, der sich nur an öffentlichen Hoftagen völlig äußerte, die meiste Zeit der Schleier des mäßigen Privatlebens geworfen war. Der Reichtum und die Macht unsers Beschützers wurde nur durch seine innere Würde übertroffen, die ernste stille Würde der Weisen, der, nachdem er ein ganzes Leben hindurch vom Sturme der Schicksale, vom Geräusche der Waffen betäubt und ermüdet ward, sich freut, am Abende des Lebens alles das nur aus der Ferne ansehen zu können. So ruhig der Graf auch auf seinen Schlössern lebte, oder zu leben strebte, so war er doch darum nicht untätig. Sein Rang verflocht ihn in alle Angelegenheiten seines Vaterlandes, und seine Söhne waren gleichsam die Werkzeuge, durch welche er sich derselben teilhaftig machte, und zum Besten seines Landes wirksam wurde. Sein Hof war zahlreich und glänzend; um ihn her blühte die junge Ritterschaft Helvetiens und anderer Länder; man drängte sich, in seinen Diensten zu stehen. Die Gräfin, Frau Jutta, war unter den Matronen das, was er unter den Greisen war, so hervor ragend in weiblicher Würde, als er in der männlichen, an Jahren fast so hoch, als ihr Gemahl, aber auch unter dem Schnee des Alters noch so liebenswürdig, daß man sie mit Recht ein schönes Denkmal der Vorzeit nennen konnte. – Von vielen Kindern waren diesem würdigen Ehepaare nur zwei Söhne übrig geblieben. Graf Diethelm, seinem Bruder an Jahren weit überlegen, schon längst vermählt, und ein Vater mehrerer Kinder, und Graf Friedrich, der noch nicht viel über zwanzig zählen konnte, und der sich eben mit den Freiherren von Regensberg, welche mit ihm zugleich das Schwert erhalten hatten, zum ersten Ritterzuge aus dem väterlichen Hause rüstete, als wir dasselbe betraten. – Er war es, welchen uns der Abt von St. Gallen besonders empfahl, und wir brauchten ihn nur zu sehen, ihn nur sprechen zu hören, um in dieser Empfehlung die Ahndung von einem Glücke zu finden, das leider nichts war, als ein Traum, der sich schnell und auf die schrecklichste Art endigte. – Wir waren unzertrennlich von ihm, ich, als sein Knappe, Der beste Edelmann durfte sich nicht schämen, der Knappe eines altern Ritters zu sein: es war Sitte, wenigstens ein Jahr lang in diesem Stande die Waffen zu tragen, ehe man auf den Ritterschlag hoffen durfte. Hermann als Page; Stellen, die seine Milde uns zur Ehre machten. Er begegnete uns als Freunden, und machte uns gern in naher Zukunft auf die Zeit aufmerksam, in welcher wir durch den Ritterstand ihm näher gebracht, und zu seinen Waffengefährten erhoben werden sollten. – Dies war die Sphäre, in welcher uns wohl war, dies die Schule, in welcher wir zu einer Laufbahn gebildet wurden, die wir freilich glorreicher in seiner Gesellschaft, unter seiner Anführung angetreten und zurückgelegt haben würden. Ach daß das Schicksal uns diesen Vorteil entzog! Wie werde ich euch die Geschichte Friedrichs erzählen können, ohne heute all das von neuem zu fühlen, was mich zu jener Zeit der Verzweiflung nahe brachte! * Man brauchte wenig Wochen auf der Burg des Grafen von Toggenburg zu sein, um zu spüren, daß der Friede, den man so oft in den Palästen der Großen mißt, auch hier nicht zu finden sei. Der Vater meines geliebten Friedrichs, meines Freundes, meines teuren, angebeteten Herrn, wie ich ihn als Knappe gern nannte, war nicht so glücklich, zwei gleiche Söhne gezogen zu haben. Der sanfte Friedrich war durch die milden Sitten des kaiserlichen Hofs, an welchem er erzogen worden war, noch sanfter und einnehmender geworden; der wilde Diethelm, der zu sehr geliebt wurde, um aus den väterlichen Augen gelassen zu werden, hatte durch den Vorteil, immer um den Helden zu sein, dem er das Leben zu verdanken hatte, nicht größere Liebe zu ihm, nicht gewissenhaftere Befolgung seiner Pflichten gelernt: er wuchs nur heran, um parteiische Vorliebe mit Herzeleid zu belohnen. – Nicht als wäre Diethelm ein Nichtswürdiger gewesen, der durch Feigheit den Heldenruhm seiner Ahnen beschimpft, oder ein Lasterhafter, der sich durch schändliche Taten der Welt zum Abscheue gemacht hätte; nein, er war tapfer und edel, aber zu viel Rauhigkeit, zu viel Ungestüm mischte sich in seine Taten, als daß er der frommen Mutter, zu viel Starrsinn und Eigenmächtigkeit, als daß er dem Vater hätte gefallen können, welcher seine Vaterrechte kannte, und zu behaupten wusste. – Dass Diethelmen die väterliche Burg bald zu enge wurde, und daß er dürstete, die Welt zu sehen, dies war nicht zu tadeln; auch wehrte man ihm nicht die Erfüllung eines Wunsches: der jedem feurigen Jünglinge eigen ist: aber kränkend war es für seine edlen Eltern, daß er zurück kam mit einem Abscheue an allem, was ihnen teuer war. Er spottete des glanzlosen mäßigen Lebens, das an Graf Toggenburgs Hofe eingeführt war, spottete der stillern Tugenden, welche hier geübt wurden, wollte den Lebensplan meistern und reformieren, welchen seine Eltern nun bald bis zum Grabe befolgt hatten, und mit fürstlichem Glänze auch fürstliche Unruhe in ein Haus bringen, wo man die Stille liebte. – Die Verdrießlichkeiten, welche dem alten Grafen und seiner guten Gemahlin aus dem Stolze und Übermute ihres altern Sohns erwuchsen, aufs höchste zu treiben, fiel er, als die Rede davon war, sich zu vermählen, noch auf eine Wahl, die recht den Wünschen seiner Eltern zum Trotze ersonnen zu sein schien. Er verschmähte die stillen Töchter seines Vaterlandes, verschmähte einige Damen vom kaiserlichen Hofe, bei welchen Tugend und Schönheit sich vereinten, und die ihm von seinem Vater vorgeschlagen wurden, und gab seine Hand einer Person, welche seinen Entschluss weder durch Schönheit noch weibliche Tugenden rechtfertigte, welche nichts besaß, das ihm schmeicheln konnte, als den Namen ihres Hauses und den vollen Weltton, den Graf Diethelm liebte, in welchen er alle Vollkommenheit setzte. – Diese Dame war Gertrud, Gräfin von Wälschneuenburg, die er in Frankreich kennen gelernt hatte, und mit welcher er, als ich in Graf Toggenburgs Haus kam, schon Jahre lang vermählt war. Diese stolze, übermütige, herrschsüchtige Schnur stimmte so ganz in den Ton ihres Gemahls ein, und ermüdete die Geduld ihrer Schwiegereltern so völlig, daß das Herz derselben sich jetzt ganz von ihrem ehemaligen Lieblingssohne los gerissen hatte. Graf Diethelm, dessen Habsucht von seinem großmütigen Vater übermäßig befriedigt worden war, hauste mit seiner Familie die meiste Zeit zur Rengerswyl, und sah die Burg seines Vaters nur selten; bei unumgänglichen Zusammenkünften herrschte unter Eltern und Kindern der kälteste Hofton, der nur zu oft von einer oder der andern Seite in die verdrießlichsten Äußerungen überging. * Es fehlte nicht an Leuten, welche die Fehler, die dieses Mißverständnis nach sich zog, ganz von Graf Diethelms Seite auf seine Eltern leiten wollten: Geiz, Eigensinn, eingeschränkte Begriffe wurden ihnen zur Last gelegt; aber man nehme sie an, und lege in die andere Wagschale des unartigen Sohns zahllose Vergehungen, wohin wird das Übergewicht fallen? – Graf Friedrich, welcher in den Tagen des aufkeimenden Mißverständnisses am kaiserlichen Hofe gelebt hatte, kam um diese Zeit auf die väterliche Burg zurück, und seine Erscheinung war für seine bekümmerten Eltern der erste Sonnenstrahl nach langen Stürmen. Er hatte in frühern Jahren weit hinter seinem Bruder zurück stehen müssen; er brachte vielleicht vom Hofe die nämlichen Fehler mit, die man an Diethelmen verabscheute; man erwartete nichts von ihm, und fand alles, was die eigensinnigsten Wünsche fordern konnten. – Schon sein einnehmendes Äußerliches fesselte das Auge; das Herz ward gefesselt, so wie sich bei genauerm Umgange die weit einnehmendere Schönheit seiner Seele immer deutlicher zeigte. Er ward der Trost und die Wonne seiner Eltern; bei ihm würden sie Diethelmen bald gänzlich vergessen haben; doch, daß dieses nicht geschah, dafür sorgte sein Großmut; nur Diethelmens Beleidigungen lehrte er sie vergessen; seine Person ihnen wieder teuer zu machen, das gestörte Einverständnis wieder herzustellen, dies war sein unablässiges Bestreben. – Unsäglich waren die Bemühungen, die Beleidigten von beiden Teilen wieder zusammen zu bringen und auszusöhnen. Jahre waren verlaufen, ehe dieses nur einigermaßen glückte; und als ich das Glück hatte, den edelsten aller Jünglinge kennen zu lernen, befand er sich eben erst im Anfange eines so schweren Siegs. – Ich ward Friedrichs Freund und Vertrauter: ich erfuhr, da seine unschuldige Seele noch keine andern Heimlichkeiten hatte, die Geheimnisse seines Hauses, und war Zeuge von seinem Entzücken über einen Triumph, den er über verhärtete Herzen erhalten haben wollte, und den er weit höher schätzte, als ich ihn schätzen konnte. Graf Friedrich war jetzt mit Bewilligung seiner besänftigten Eltern sehr oft zu Rengerswyl bei seinem Bruder: ich begleitete ihn die meisten Male, und lernte in kurzem die Familie seines Bruders weit richtiger beurteilen, als er. Zahllos waren die Warnungen, die ich ihm in dieser Rücksicht zu geben wagte; ach sie würden noch häufiger, noch ernstlicher gewesen sein, wenn mir nicht selbst die Besuche auf Graf Diethelms Burg immer lieber geworden wären: mein Herz begann in dieser Zeit zum ersten Male laut für einen angebeteten Gegenstand zu sprechen; seine Stimme betäubte mich für die Sprache der Vernunft; ich ward verblendet, wie mein Herr, und wir eilten beide dem Verderben entgegen. – Die Gräfin, Friedrichs Schwägerin, hatte noch eine Schwester; Gott weiß, wie dieser Engel in ihre Familie gekommen sein musste! Es war Adelheid, eben diese Adelheid, welche das Schicksal zur Ursache ungezählten Kummers für mich bestimmt hatte. In einem Kloster an der französischen Grenze ward sie erzogen: sie hatte eben das sechzehnte Jahr erreicht; ihre Bildung, so urteilte man mit Rechte, war vollendet; sie sollte den ersten Schritt in die Welt tun, in welcher sie, wenn Vorzüge Anspruch auf Glück gäben, eine so ausgezeichnete Rolle hätte spielen müssen. – Graf Friedrich ward von seinem Bruder gebeten, die Abholung des Fräuleins über sich zu nehmen, und ich, ob ich es gleich oft gemerkt hatte, daß man mich hier ungern an seiner Seite sah, begleitete ihn. – O Tag des ersten unruhigen Selbstgefühls, der ersten dunkeln Ahndungen von einem Glücke, das man auf dieser Welt so selten erreicht! wie soll ich dich schildern? Wie soll ich das überirdische Wesen schildern, das ich an diesem Tage zum ersten Male sah? – Keine Schilderung ist die beste! – Wie sie uns unter ihren heiligen Gespielinnen erschien! der Widerwille, ihre fromme Gesellschaft zu verlassen! die Tränen, die sie an dem Busen der Domina weinte! der kleine Eigensinn, mit welchem sie sich bei ihrem Schleier, bei dem düstern klösterlichen Gewande behauptete, das ihre Jugendblüte so unnennbar verschönerte! – Nein, Königin! ich kann das alles, alles nicht malen, und ihr vermögt mir schwerlich nachzuempfinden; denn welches Weib, und wäre es auch so gut, so zart fühlend, als ihr, erreicht in diesem Falle die Gefühle des Jünglings? Graf Friedrich war nicht kalt bei dem, was sich unsern Augen darstellte; aber ich war trunken von neuen, mir noch unbekannten Gefühlen. Diese Adelheid zog erstes Blicks mein ganzes Wesen an sich; ihr nahe zu sein, dünkte mich ein Glück, würdig mit Blut erkauft zu werden, und ich riss mit ziemlichen Ungestüme das Geschäft, ihr Pferd am Zügel zu leiten, an mich, welches sonst wohl durch einen Geringern hätte verwaltet werden können. – Der Taumel einer berauschenden Leidenschaft, der mich an diesem Tage ergriffen hatte, war dauernd; ich erinnere mich einer Menge der folgenden Auftritte nur wie im Traume; nur dieses weiß ich, daß wir fleißiger, als jemals, zu Rengerswyl waren; daß bei mir nicht mehr daran zu denken war, Friedrichen von den Besuchen bei seinem zweideutigen Bruder und seiner noch zweideutigem Schwägerin abzuhalten; ich, ich selbst feuerte ihn zu denselben an, ich, der ihn sonst so oft mit einer Weisheit, die meine Jahre überstieg, vor den dasigen Fallstricken gewarnt hatte. Erst dann schwand der Eifer, ihn nach der Burg Graf Diethelms zu locken, wohin ich ihn alle Mal begleitet, als es mir deutlich ward, daß der Graf von Toggenburg dort wohl sein Glück finden könnte, daß aber mir weder Adel noch Verdienste, noch künftige Hoffnungen, noch glühende Liebe je ein Recht geben würden, meine Augen nach der Gräfin von Wälschneuenburg zu erheben. – Adelheid selbst war es, die mir hierüber und über meine eigenen Gefühle ein Licht anzündete. Unter der Zucht der Gräfin Gertrud, ihrer Schwester, hatte sie mit dem Klostergewande, das hier lächerlich befunden ward, allmählich die blöde Klostersitte abgelegt. Die klösterliche Unschuld, die stille Reinheit des Herzens blieb immer ihr unverletzbares Eigentum; keine Lektionen einer Weltdame hätten diese zerstören können: auch wollte Gertrud dieses schwerlich: die Lasterhaften ehren oft das Bild der Tugend in denen, die ihnen lieb sind, und gönnen ihren Freunden gern einen höhern Grad von Vollkommenheit, als sie selbst erringen mögen. Adelheid hatte in der Schule ihrer Schwester nur gelernt, mit ihren schönen Augen freier um sich zu sehen, die Dinge, die sie umgaben, festen Blicks zu beurteilen, und aus ihrer Meinung von demselben kein Geheimnis zu machen: auch floh sie nicht mehr so, wie Anfangs, unsern Umgang; sie sah Graf Friedrichen gern, und entzog selbst mir nicht ihren Arm, wenn mich der Wohlstand zu ihrem Begleiter bestimmte. Wie einfältig sich der arme liebetrunkene Jüngling, der ich damals war, bei solchen Gelegenheiten benahm; wie leicht es einem jeden sein musste, sein unerfahrenes kunstloses Herz ganz zu durchschauen, das werde euch daraus klar, daß selbst Adelheid, so neu sie auch in den Angelegenheiten dieser Welt, so neu in Herzenssachen war, mich zu beurteilen, und nach ihrer himmlischen Güte zu warnen wusste. ›Herr von Feuchtwangen!‹ sagte sie eines Tages zu mir, als ich sie in dem Traume, in welchem ich jetzt immer ging, einen weiten Weg, wie ich glaube, durch Busch und Hecken, geführt hatte, ohne mit ihr zu sprechen, als durch den leisen Druck meiner Hand, zu welchem ich mich oft erkühnte; ›Herr von Feuchtwangen, ich schätze euch, und muss aufrichtig mit euch sprechen. Hängt euer Herz nicht an ein Geschöpf, welches vielleicht für einen andern bestimmt ist. Ermannt euch! Ihr werdet bald Ritter sein: kehrt euren ersten Speer wider eine törichte Leidenschaft, die euch für mich zu einem Gegenstand des Mitleids, für andere vielleicht gar des Spottes macht.‹ Ich weiß nicht, was ich dem großmütigen Mädchen antwortete, oder wie ich von ihrer Hand kam. So deutlich sie sprach, so glaubte ich sie doch kaum halb verstanden zu haben; doch noch der nämliche Tag sollte mir nähere Aufklärung geben. – Ich erhielt von Friedrichen das Geständnis, daß ihm ein wichtiges Geheimnis auf dem Herzen liege, und ward aufgefordert, ihm zu raten, auf was für Art er es seinen Eltern, denen es nicht länger verborgen bleiben dürfe, bekannt machen sollte. ›Mein Bruder‹, fuhr er fort, ›wünscht mich mit der Schwester seiner Gemahlin verbunden zu sehen; du kennst Adelheiden und kannst urteilen, ob meine Wünsche mit den seinigen übereinstimmen.‹ ›Himmel!‹, schrie ich; ›ihr liebt Adelheiden?‹ ›Ich liebe sie, oder werde sie einst lieben. Welcher weibliche Reiz würde im Stande sein, mein Herz zu rühren, wenn es bei den ihrigen kalt bleiben sollte?‹ ›Und Adelheid wird einst die Eurige?‹ ›Ob sie es wird, das weiß Gott! Schon dein Erstaunen, deine hastigen Fragen zeigen mir, daß dir keine der Schwierigkeiten verborgen ist, die sich den Absichten meines Bruders entgegen setzen können.‹ ›Und das Fräulein liebt euch?‹ ›Wie du fragen kannst! ich glaube, sie wird mich lieben; doch hier ist weder von Liebe noch von Gegenliebe die Rede; meine ganze Sorge betrifft die Einwilligung meiner Eltern. Mit welcher Miene soll ich bei ihnen um die Schwester derjenigen bitten, welche sie, und vielleicht nicht ganz mit Unrecht, hassen? – Wie soll ich nur Adelheids Namen vor ihnen nennen, der sich so genau an den Namen Gertrud von Wälschneuenburg drängt?‹ ›Ihr habt Recht: die Gräfin Gertrud ist eine Frau von einem hassenswürdigen Charakter. Ich wette, der Einfall, Adelheiden zu der Eurigen zu machen, ist ganz der ihrige!‹ Graf Friedrich, vielleicht der Einzige, der keinen Blick in mein Herz getan hatte, übersah das Abgeschmackte in dieser Antwort, übersah die Unruhe, die Zerstreuung, mit welcher ich das anhörte, was er mir noch in einer ganzen langen Stunde über diesen Gegenstand sagte; er glaubte in derselben mit mir über seine Angelegenheiten zu Rate gegangen zu sein, da er doch nichts getan hatte, als mir seine eigene Meinung weitläuftig vorzutragen, und dankte mir am Ende, daß ich ihm zu einem so guten Entschlüsse behüflich gewesen sei. Ich wusste nicht, worin dieser bestand, bis ich bei einiger wiedererlangten Fassung aus seinen Reden schloss, es sei dieser, seinen Eltern die reizende Adelheid, das vollkommene Gegenbild ihrer Schwester, bekannt zu machen, und erst dann von weitern Absichten zu sprechen, wenn sie durch die Vollkommenheiten dieses überirdischen Geschöpfs gefesselt genug wären, um sie sich selbst zur Tochter zu wünschen. – Dieser Plan war so gut, daß ich auch dann, wenn ich mehr bei mir selbst gewesen wäre, als ich wirklich war, nicht anders gekonnt hätte, als ihn billigen: ich war betäubt oder uneigennützig genug, um ihm meinen Beifall zu geben, aber dieses war auch alles: seine Ausführung sah ich nicht. Die streitenden Gefühle dieses Tages zusammen, genommen mit einigen andern zufälligen Ereignissen, welche einen nachteiligen Einfluss auf meine Gesundheit haben konnten, warfen mich auf ein langes Krankenlager. Ich war dem Tode nahe gewesen, und erholte mich nur darum zum Leben, um Dinge zu hören, welche während der Wochen meiner Bewußtlosigkeit zur Reife gekommen waren, und die mich in das äußerste Erstaunen setzen mußten. – Graf Friedrich saß an meinem Bette, wo ich den treuen Freund diese Zeit über in halbem Bewusstsein so oft hatte sitzen sehen. Er fasste meine Hand, und sah mir liebreich in die Augen, in welchen wieder ein kleiner Lebensfunken zu glimmen begann. ›Will mein Conrad‹, so fragte er, ›will er nicht durch guten Willen der Natur und den Ärzten zu Hülfe kommen, daß seine Wiedergenesung beschleunigt werde, und er an meinem Ehrentage das Ritterschwert erhalten kann?‹ ›An eurem Ehrentage, Herr Graf? Ich wünsche euch alles Glück zu eurer Vermählung mit Adelheiden; aber ich kann nicht bei derselben gegenwärtig sein.‹ ›Ach, Conrad! wie hat sich in deiner Krankheit alles geändert! Unser Plan verunglückte. Meine Eltern waren unerbittlich, waren für Adelheids Vollkommenheiten kalt und ohne Gefühl. Mir drohte der väterliche Fluch. Ich habe der kindlichen Liebe ein Opfer gebracht; Gott sei gelobt, es ward mir nicht allzu schwer; noch hatte ich mein Herz bewahrt, daß es für die junge Gräfin nichts, als Freundschaft, fühlte. Ich bin gegenwärtig der Verlobte der Gräfin von Montfort, die, wie du weißt, mir seit meinen Kinderjahren von meinen Eltern zur Gemahlin bestimmt war.‹ Mein Erstaunen über das, was ich vernahm, ist nicht auszudrücken; aber zugleich mit demselben schlich sich, ich weiß nicht, welche heimliche Freude in mein Herz, die mir ein kräftigerer Lebensbalsam war, als alle Heilmittel der Ärzte. Ich wusste mir selbst nicht zu erklären, was ich empfand, was meiner verwundeten Seele so wohl tat; ach! genährte Hoffnung der Liebe war es! gleich als ob Adelheid dadurch, daß sie nicht Friedrichs Gemahlin wurde, meinen Wünschen nun um einen Schritt näher gerückt worden wäre! – Als ich genas, erhielt ich von meinem Bruder Hermann genauem Aufschluß über diese Dinge, und mit denselben schlich sich eine Menge streitender Gefühle in mein Herz, die mit meiner Freude über die getrennte Verbindung einen seltsamen Kontrast machte. Ich bewunderte Friedrichen wegen seiner Überwindung, und doch war's auch, als fühlte ich eine Art von Unwillen gegen ihn, daß er einer Adelheid so schnell entsagen konnte. Ich wusste seinen Eltern ihren Eigensinn herzlich Dank, und doch haßte ich ihre Härte und ihre Unempfindlichkeit gegen das Urbild aller Vollkommenheit. Die junge Gräfin von Montfort, ein gutes, schönes, harmloses Geschöpf, das sich freilich mit keiner Adelheid messen konnte, neidete ich, daß sie ihre Nebenbuhlerin von ihrem Platze verdrängt hatte; und doch hätte ich ihr gern die Reize eines Engels gewünscht, daß Friedrich nur mit keinem Gedanken zu Adelheiden wiederkehren möchte. Am meisten lag mir an, diese Adelheid wieder zu sehen, und aus ihrem Munde zu hören, was sie von diesen Dingen denke: aber hierzu zu gelangen, war Unmöglichkeit; ich hätte allein und ohne Vorwand nach Rengerswyl reisen müssen. Graf Friedrich durfte die Burg seines Bruders nicht mehr besuchen: Adelheids Verschmähung, wie man es nannte, hatte Anlass zu offenem Bruche gegeben, und die Freigebigkeit des alten Grafen, der seinem gehorsamen Sohne am Tage der von ihm gewünschten Verbindung die Feste Toggenburg und das Schloß Wyl zum Zeichen seines Beifalls geschenkt hatte, mehrte die Verbitterung, die man zu Rengerswyl gegen ihn hegte. Friedrich erhielt durch diese Schenkung bei weitem nicht so viel, als sein Bruder schon vor ihm erhalten hatte: gleichwohl ist so viel gewiss, daß Neid und Eigennutz diese Vergabung als ungeheuer anstaunten, und auf dieselbe den Entschluss zu einer Rache bauten, der sie den Namen Gerechtigkeit gaben. Adelheids Vorzüge hatten bei ihren Besuchen zu Wyl, zu welchen man sie beredete, um Friedrichs Eltern für sie zu gewinnen, zwar bei diesen eigensinnigen Hassern des Hauses, aus welchem die junge Dame entsprossen war, ihres Endzwecks verfehlt: aber an anderweitigen Eroberungen, so wenig sie dieselben suchte, hatte es ihr nicht gefehlt. Fast keiner unter Graf Toggenburgs Rittern war, der bei ihrem Anblicke nicht in fast den nämlichen Zustande geriet, in welchen mich derselbe versetzte hatte. Herzen, welche noch nichts von Liebe wussten, wurden durch sie mit den ersten Gefühlen dieser Leidenschaft bekannt, andere, schon von frühern Banden gefesselt, oder auf dem Wege, der Minne gänzlich zu entsagen, wurden ihren getanen Gelübden abtrünnig. Keiner unter Adelheids Gefesselten befand sich, der nicht Graf Friedrichen um ihre Liebe, und den kranken Ritter Conrad, nach dem die Holdselige fleißig fragte, um ihr Mitleid beneidete. Es war ein allgemeiner Triumph, der hier ihrem Reize zu Teile ward, und der nur durch die Härte eines eigensinnigen Greises und einer strengen Matrone verdunkelt wurde. – Vielleicht war es eben das Gewühl von Anbetern, das dem alten Grafen von Toggenburg und der Gräfin Jutta ihre zugedachte Tochter verleidete; alles, was der Stille ihres Schlosses Gefahr drohte, war ihnen verhaßt; da niemand, selbst Friedrichs Eltern, der jungen Gräfin die Vorzüge des Verstandes und des Herzens nicht abstreiten konnten, da ihr sanfter Charakter selbst sie bezauberte, so würde Adelheid vielleicht gesiegt haben, hätte sie etwa nur die bescheidenen, unbewunderten Reize der jungen Montfort besessen: aber so viel Bewunderung, so zahlreiche Opfer! – nein, dies verdarb alles – Frau Jutta verglich die junge Dame, die sie nicht hassen konnte, ob sie sie schon verwarf, mit einem Kometen, der für sich ein ganz guter, schöner Stern sein möchte, aber in seinem Schweife lauter Unglück nach sich zöge. Unter den Eroberungen, welche die junge Gräfin von Wälschneuenburg auf Graf Toggenburgs Feste gemacht hatte, zeichnete sich besonders Leuthold, Freiherr von Regensberg, aus, ein junger Ritter, der sich durch Stand, Herkunft, Reichtum und Stolz überall hervor drängte. Er war mit Graf Friedrichen erzogen worden; aber es fehlte viel, daß er ihm gleich, oder sein Freund war, so sehr dieser ihm auch überall an Tugenden vorging, so redlich er es mit ihm meinte. Regensberg war in seinen Bewerbungen um Adelheiden unglücklich, blieb es auch dann, als Friedrich, der ihr entsagen musste, sein Wort bei ihr redete. Ihr Stolz, ihre Eitelkeit, ihre Liebe, alles empörte sich gegen Friedrichs gutmütige Vorsprache; ach! es war nur allzu gewiss, daß er ihr nicht so gleichgültig war, als sie ihm! Zu stolz, ihm dieses zu gestehen, ließ sie es dabei bewenden, daß sie ihn nur mit seiner Vorbitte heftig zurück wies, und ihn versicherte, daß Regensbergs Liebe und Graf Toggenburgs Schlösser in diesem Augenblicke vor ihr auf ewig verschworen würden. ›Das Band, das uns bisher zu fesseln schien,‹ fuhr sie fort, ›ist von nun an zerschnitten: nie komme es mir in den Sinn, es wieder anzuknüpfen, nie eure Hülfe zu wünschen, es müsste denn gegen den gewalttätigen Regensberg sein. Ich weiß, daß ich ihn beleidigt habe, weiß, daß ich ihn fürchten muss; solltet ihr einst hören, daß meine Besorgnisse gerechtfertigt wurden, so denkt alter Freundschaft, und eilet zu meiner Rettung herbei.‹ Der Fall, welchen die unglückliche Adelheid besorgte, war eingetreten; an eben dem Tage, da der, welcher von ihr geliebt war, ohne es zu wissen, sein Vermählungsfest mit der glücklichern Montfort feierte, fiel sie auf einer Spazierreise, welche sie an der Seite ihrer Schwester machte, in Regensbergs Hände. Das Gerücht, welches diese Schreckenspost an die Hochzeitstafel brachte, warf einen starken Verdacht auf die Gräfin Gertrud, daß das Verlangen, ihre Schwester, über Friedrichen getröstet, und an einen der größten Herren des Landes vermählt zu sehen, sie zur Mitverschworenen dieser Tat gemacht habe. Einmal war so viel gewiss, daß Gertrud glücklich nach Rengerswyl entkommen war, um daselbst lässige Anstalten zu Befreiung ihrer Schwester zu machen, indes diese von ihrem Verfolger auf die Feste Uzenberg gebracht ward, wo er mit Recht hoffen konnte, seiner schönen Beute vor aller Gegengewalt sicher zu sein. – Das Schrecken, welches Adelheids Entführung zu Wyl anrichtete, war allgemein. Graf Friedrich dachte alter Freundschaft und Adelheids letzter Bitte: seine junge Neuvermählte, zu fromm, zu gutmütig, wider ihre ehemalige Nebenbuhlerin einen Groll im Herzen zu hegen, beweinte in ihr eine Jugendgespielin; der alte Graf und seine Gemahlin zitterten für die Eheschließung ihres Sohns, und ich? – Nun, daß ich diese Entschließung nicht abwartete, daß ich, während Graf Friedrich mit seiner Gemahlin noch zu den Füßen seiner Eltern lag, Vergunst von ihnen zu erhalten, die Pflicht der Freundschaft zu erfüllen, schon auf dem Wege war, der Geliebten meines Herzens Hülfe zu bringen, das wird derjenige erraten, welcher das Feuer der Jugend und das Gefühl heißer, bis zur Abgötterei getriebener Liebe kennt. – Worin diese Hülfe bestehen sollte, darum hätte ich wohl einen, der besser bei Sinnen war, als ich, fragen mögen: ich wusste es nicht. Ich war mir keines Dinges bewusst, als der Bedrängnis der schönen Adelheid, und der Notwendigkeit, ihr in derselben nahe zu sein; daß meine Nähe ihr wenig frommen würde, da ich keine andere Begleitung hatte, als drei oder vier reisige Knechte, dies bedachte ich nicht, und die Feste, welche Regensbergs köstlichen Raub verschloß, lag schon vor mir, als mir erst die Unmöglichkeit einfiel, diese himmelhohen Mauern, diese eisernen Tore zu durchdringen, welche mich von ihr trennten. ›Herr!‹ sagte einer meiner Knechte, der meine Verlegenheit sah, ›an dieser Burg möchte sich wohl ein ziemliches Heer den Kopf zerstoßen; wir haben nicht zu trauern, daß unserer wenig sind; ihrer Viel würden das Nämliche ausrichten. Mit Gewalt ist hier nichts getan: List ist die Losung; und was gilt's, ich will euch zu einem Fund behülflich sein, welcher das Fräulein in unsere Hände bringen muss. Regensbergs Burgen sind mir gar wohl bekannt, und besonders diese hier. Laßt uns die Dämmerung erwarten, daß niemand von den Zinnen unserer wahrnehme; dann will ich die äußere Mauer, so weit das möglich ist, umgehen; sie muss einen heimlichen Zugang zum Wasser haben: finde ich diesen, so ist ein Fahrzeug bald gewonnen; die Nacht deckt unsere Überfahrt, und bringt uns zu einem sichern Schlupfwinkel, welcher zu meinen Zeiten gar wohl zu Übung allerlei heimlicher Ränke, die dem Schloßherrn nicht bekannt werden durften, genützt wurde.‹ Ich befand mich damals in einer Lage, wo ich keinen Vorschlag unbeachtet lassen durfte. Cunos Rat wurde gehört, wurde ausgeführt, und ehe der Mond aufging, befanden wir uns jenseits des Stroms, vor einer kleinen verfallenen Pforte, welche Cuno, ehemals Regensbergs Reisiger, alter Kunstgriffe eingedenk, noch zu öffnen wusste, und welche uns hinab in einen der Schloßkeller führte, aus welchem er allein herauf stieg, Kundschaft einzuziehen, und neue Plane zu entwerfen. – Die Botschaften, welche er zu mir hinab brachte, die Verhaltungsbefehle, mit welchen er wieder hinauf geschickt wurde, und das ganze All, welches uns verschiedene Tage und Nächte beschäftigte, euch dieses umständlich mitzuteilen, würde eure Geduld ermüden. Das Resultat von allem war: Adelheid erhielt Nachricht, daß von Feuchtwangen zu ihrer Hülfe in der Nähe wäre: sie trug kein Bedenken, in die Entwürfe, welche zu ihrer Rettung gemacht wurden, zu willigen, kein Bedenken, sich mir zu vertrauen. Sie betrog ihre Hüter, und in der dritten Nacht war ich glücklich genug, sie auf eben den Wege davon zu bringen, auf welchem ich herein gekommen war. Trunken vor Entzücken, derjenigen, welche ich anbetete, einen wesentlichen Dienst getan zu haben; trunken vor Entzücken, einen Dank aus ihrem schönen Munde und das Geständnis einiger Verbindlichkeit zu erhalten, bekümmerte ich mich um nichts weiter, fragte ich nach nichts, und erhielt erst, nachdem wir eine gute Strecke Wegs zurück gelegt hatten, die Nachricht, welche mir Cuno auf ihren Befehl hatte verschweigen müssen, daß, während ich innerhalb der Burg in meiner Dunkelheit bemüht war, die schöne Gefangene durch List zu retten, Graf Friedrich von außen einige nicht unglückliche Versuche gemacht habe, das Nämliche durch ritterliche Gewalt zu bewirken. – Adelheid wollte lieber mir , als ihm ihre Freiheit zu danken haben; ein schmeichelhafter Vorzug, der mich aber nur halb gefreut haben würde, wenn man mich nicht versichert hätte, ich habe durch ihre heimliche Entführung nichts getan, als einen nur sehr zweifelhaften Sieg meines Freundes durchkreuzt. Man überzeugte mich, daß bei allem guten Anscheine es fast unmöglich sei, die Feste Uzenberg durch Gewalt zu gewinnen: auch gab mir die junge Gräfin Erlaubnis, Friedrichen sogleich durch Post von ihrer heimlichen Rettung von fernem vergeblichen Bemühungen abzuhalten. * Gern hätte ich diese Botschaft selbst übernommen; aber war mir's wohl möglich, die, welche ich anbetete, meine kaum gerettete Adelheid, in der Hut der Knechte, und Gott weiß, welchem Geschicke einsam zu überlassen? – Cuno übernahm den Ritt, und kam, ehe ich es meinte, zurück; aber er kam nicht allein, kam in Begleitung meines Bruders Hermann, kam mit Nachrichten zurück, welche die erste Ahndung von einem Unglücke in mir erregten, das nun einmal von einem unerbittlichen Schicksale in die Reihe der Dinge mit eingeflochten, von mir durch keine kluge Vorkehrung, durch keine eilige Ausführung gewagter Entschlüsse abzuwenden war. – Hermann war bleich und außer Atem; Cuno hatte ihn hinter sich auf dem Pferde mit überbracht: diese Reise zusammen genommen mit den Vorfällen, welche dieselbe veranlassten, waren für das zarte Alter des Knaben zu angreifend gewesen; er ward ohnmächtig, als er herab gehoben wurde. Sein erstes Wort, als er sich erholte, war der Name seines teuren Herrn, Graf Friedrichs, seine ersten zusammen hangenden Reden Äußerungen einer Angst, deren Ursache ich zu spät in ihrem vollen Umfange erfuhr, als daß ich sie euch in der Ordnung mitteilen könnte, wie ich sie nach und nach aus seinen stammelnden Worten zusammen reimte. Seit auf Adelheids Verschmähung wieder das alte Mißverständnis zwischen dem alten Grafen von Toggenburg und seinem Sohne Diethelm Platz genommen hatte, welches Friedrichs Vermittlung ohnedies bis dahin kaum zur Hälfte hatte aufheben können; seit die öffentlichen hofmäßigen Besuche zwischen beiden Teilen völlig aufgehört hatten, waren der Bemühungen unzählige gewesen, Friedrichen zu einer heimlichen Reise nach Rengerswyl zu bewegen. Friedrich haßte seinen Bruder nicht; er sah keine Ursache, ihn zu meiden, als die Ehrfurcht gegen seinen Vater, welcher schlechterdings alle Gemeinschaft zwischen dem gehorsamen und ungehorsamen Sohne aufgehoben sehen wollte; aber eben diese Ursache, seinen Bruder nicht zu sehen, eben diese Ehrfurcht gegen den Willen seines Vaters, war stark genug, Friedrichen von allem zurück zu halten, wäre es auch der herrschende Wunsch seines Herzens gewesen. Die Bemühungen Graf Diethelms und der Gräfin Gertrud waren also vergebens. Hermann, welchen seine Geschäfte von Friedrichen unzertrennlich machten, er, der aus Liebe und aus Pflicht fast weder Tag noch Nacht von seiner Seite kam, war oft Zeuge seiner Kämpfe und seiner Tränen, daß das Mißverständnis zwischen einem geliebten Vater und einem Bruder, welchen ihm sein gutes Herz zu hassen verbot, endlich unheilbar geworden war, und daß ihm in aller Absicht die Hände gebunden blieben, zur Heilung des unglücklichen Bruches auch nur das Kleinste beizutragen. – Hermann war ein Kind; er kannte die heiligen Pflichten der Verschwiegenheit noch nicht ganz; er enthielt sich zwar von dem, was in dem Kabinette seines Herrn vorging, gegen Verdächtige freventlich zu sprechen; selbst ich erfuhr nur wenig davon: aber Einer war doch, welchen eine gewisse Sympathie ihm so teuer gemacht hatte, daß er ihm nichts verschweigen konnte; es war der Einsiedler im Walde, eben jener tapfere Arnold, welcher das Ungeheuer zu Ödweiler erlegte, und von dessen Geschichte ich euch bei Erwähnung dieser Dinge bereits das Nötige berichtet habe. Er war vielleicht der Einzige, gegen welche sich die Gesetze des Stillschweigens brechen ließen, welche Hermann als Diener seines Herrn auf sich hatte, und er brach sie ohne Bedenken. Er redete mit ihm nach Knabenart von allem, was auf dem Schlosse vorging, und der weise Winkelried, dem im Grunde an dem Geschwätze seines kleinen Freundes wenig gelegen sein konnte, machte dasselbe zum Mittel, das Herz und den Verstand des Kindes, das er liebte, auszubilden, und es bei allen Gelegenheiten richtig denken, richtig fühlen zu lehren. Bei dem, was Arnold dem jungen Pagen über den heimlichen Kummer seines Herrn sagte, waren seine Bemerkungen nicht so einseitig. Er erklärte, so oft Hermann mit ihm über diese Dinge sprach, das volle Recht sei auf der Seite des alten Grafen von Toggenburg; er habe Ursache, seinen bessern Sohn von dem Hause seines Bruders zurück zu halten; er kenne Diethelmen besser, als der gutmütige Friedrich, die Namen, Kain und Abel, welche er ihnen oft zu geben pflegte, seien deutungsvoll, denn immer habe der erste Mörder heißer nach dem Blute seines vorgezogenen Bruders gedürstet, als man zu Rengerswyl nach Gelegenheit dürstete, sich in der Person des unschuldigen Friedrich eines gehaßten Nebenbuhlers abzutun. – Hermann hatte es auf Arnolds Veranlassung einige Mal gewagt, in kindischer Einfalt etwas von diesen Dingen zu äußern; aber er war von dem jungen Grafen alle Mal so ernst zurechte gewiesen worden, daß er schweigen musste; was hätte die Wahrheit aus dem Munde eines zehnjährigen Knaben für Eindruck machen sollen? Entweder Verdacht von verhaßter Überklugheit, oder der noch schlimmere, er sei das Sprachorgan eines andern, musste auf ihn fallen, und dieser Weg, Friedrichen zu warnen, war auf immer verschlossen. Auch waren die Veranlassungen, die Warnungen nötig machten, jetzt nicht so gar viel. Seit der junge Graf einst seinen treuen Pagen, welchem er über seine Jahre viel traute, mit Briefen nach Rengerswyl geschickt hatte, welche so beschaffen waren, daß sie der alte Graf mit entzückter Bewunderung gelesen haben würde, ungeachtet sie heimlich geschickt wurden, seitdem ließen Diethelms und Gertrudens Bemühungen nach, Friedrichen in ihre Mauern zu locken: die treuherzigen Ermahnungen, die er ihnen schriftlich übersandte, die Beweise von großmütiger, uneigennütziger Liebe, die er mit demselben verband, hatten diese bösen Herzen noch mehr erbittert, als sie es zuvor waren; aber sie waren entschlossen, die Ausführung schwarzer Anschläge in der Zukunft mehr dem Zufalle zu überlassen, und sich dadurch, wenn sie ein Mal glückten, alles Verdachtes noch mehr zu befreien. Mit Adelheids Entführung schien ein günstiger Augenblick für die Hasser Friedrichs, welche jetzt durch seine Vermählung mit der jungen Montfort noch mehr gegen ihn und seinen Vater aufgebracht waren, eingetreten zu sein. Wer Friedrichen kannte, konnte urteilen, wie er bei der Nachricht von der Bedrängnis seiner Freundin Adelheid handeln würde, Diethelm und Gertrud errieten es besser, als irgend jemand: die Entwürfe, welche sie auf diese Kenntnis gründeten, versprachen sichern Erfolg der Bosheit; aber fehlt es der Vorsicht wohl je an Mitteln, den Nebel, der den Abgrund verhüllt, zu zerstreuen? – Läßt sie wohl einen ihrer Lieblinge ganz ungewarnt verderben? Frei bleibt der Gewarnte freilich alle Mal, die Warnung in den Wind zu schlagen, und leider, leider war dieses bei Graf Friedrichen der Fall. – Den festlichen Tag von Friedrichs Vermähung mit der Gräfin von Montfort, welchen Toggenburgs Haus mit Jauchzen feierte, konnte der Knabe Hermann nicht mitbegehen. Seit einiger Zeit hing ihm eine schleichende Unpäßlichkeit an, die von ihm teils vernachlässigt wurde, die aber eben an jenem festlichen Tage dergestalt überhand genommen hatte, daß er um Erlaubnis bat, nicht bei der Feierlichkeit gegenwärtig zu sein, sondern diese Stunden zu einem einsamen Besuche seinem Freunde, dem Eremiten, wohin man ihm oft zu gehen verstattete, nützen zu dürfen. ›Ich hoffe‹, sagte er, als er am Morgen von mir Abschied nahm, ›Arnold wird ein Mittel für mein Übel wissen: er kennt die Kräuter des Gebirges und ihre Kräfte; sollte denn nicht eins unter denselben sein, mir die Mattigkeit zu benehmen, welche mich als Knaben zum alten Manne macht?‹ – Der Weg zu Arnolds Waldwohnung war nicht zu weit; Hermann bestand darauf, ihn zu Fuße zu machen, und er ward ihm noch zur Hälfte abgekürzt, indem der, welchen er besuchen wollte, ihm halben Weges entgegen kam. ›Gut, daß ihr kommt, Junker Hermann!‹, rief er dem Knaben entgegen, als er ihn von weitem gewahr ward. ›Ich erwartete euch heute nicht, und war im Begriffe, mir selbst einen Weg auf das Schloß zu machen, ob ich mit euch oder eurem Bruder sprechen könnte.‹ ›Ach!‹, erwiderte Hermann, indem er schwächlich auf einen Stein sank, ›mich treibt heute Krankheit in eure Wohnung!‹ ›Und mich Dinge von der äußersten Wichtigkeit auf Graf Toggenburgs Feste‹, erwiderte Winkelried. ›Das Leben Graf Friedrichs ist in Gefahr! Noch Vormittag wird er eine Botschaft erhalten, welche ihn aus den Armen seiner Eltern und seiner Gemahlin locken, und dem Verderben entgegen führen kann. Adelheid ist geraubt; er wird nicht ermangeln, ihr zu Hülfe zu eilen. Der nächste Weg führt durch diesen Wald; wählt er ihn, so fällt er Meuchelmördern in die Hände, deren Anschlag ich vor einer Stunde im Busche belauschte. Wählt er ihn nicht, und entgeht also ihren Fallstricken; so hüte er sich vor Graf Diethelms Burg: man wird Mittel finden, ihn nach Rengerswyl zu locken; und ist er dieses Weges einmal gezogen, so kehrt er ihn nie zurück.« Hermanns Mattigkeit floh bei Anhörung dieser Dinge; die Natur strengte all ihre Kräfte an, ihn zu Ausführung dessen stark zu machen, was ihm Arnold auftrug: doch wenig Schritte, so unterlag er dem Versuche. Die Krankheit, welche in seinem Innern keimte, ward vielleicht durch Angst und Schrecken über das, was er vernahm, gezeitigt: er sank ohnmächtig zu Arnolds Füßen nieder, der es über sich genommen hatte, sein Begleiter auf dem Rückwege nach Graf Toggenburgs Schlosse zu sein. – Welch ein Zufall! Was sollte der hülfreiche Einsiedler tun? Die nötige Zeit der Warnung versäumen? seinen Liebling hülflos im Walde zurück lassen? – Die stärkere Liebe zu seinem kleinen Freunde behielt die Oberhand; über den Bemühungen, die er zu seiner Erquickung anwendete, vergingen mehrere Stunden. Die Post von Adelheids Entführung hatten indessen bereits das Schloß erreicht; ich hatte zu ihrer Rettung schon dasselbe verlassen, und Graf Friedrich, der mit Hülfe seiner unglücklichen verblendeten Gemahlin, die ihn, um einer Freundin willen, selbst den Weg des Todes leitete, endlich die Einwendungen seiner Eltern wider diesen Zug besiegt hatte, kam schon mit seinen Reisigen von fern heran, den Unglückswald zu durchziehen, in welchen Gefahren lauschten, die ihm unbekannt waren. Arnold, welcher voraus sah, daß er hier nahe beim Eingange des Waldes noch vielleicht Gelegenheit haben würde, den Grafen vor der gefahrvollen Stelle zu warnen, hatte mit Willen seinen Kranken nicht von dem Orte hinweg gebracht, wo er gefallen war. Durch seine Hülfeleistungen war Hermann jetzt in so weit hergestellt, daß er auf Graf Friedrichs Anblick ihm mit Arnolden vereint entgegen eilen, und ihm alles das sagen konnte, was beiden die Besorgnis um ein Leben, das jedem Tugendhaften teuer sein musste, eingehen konnte. – Es fehlte viel, daß die Warnung den Eingang bei dem kühnen Friedrich fand, welchen man gehofft hatte. Sich von den bedenklichen Winkeln des Waldes, die man ihm bezeichnete, zurück halten zu lassen, dazu trug endlich noch die wenige Zahl seiner Begleiter, und das Gerücht von Räubern, das diese Gegenden verschrien machten, etwas bei; er entschloss sich, umzulenken, und den Weg zu ziehen, wo er den größern Teil seiner Gewaffneten hatte vorausziehen lassen: aber daß Gefahren, die ihm hier drohen konnten, ihm von einem Bruder bereitet wurden; daß von dieser Seite, wenn er auch dieser Schlinge entging, noch fürchterlichere Dinge zu besorgen wären, das dünkte ihm unmöglich. Er lachte, dankte Arnolden, dankte Hermannen für ihre gute Meinung, und versicherte sie, daß er am besten wisse, wem er zu trauen habe. ›Nun‹, rief mein Bruder mit einem Ernste welcher seine Jahre weit überstieg, ›so schwöret uns wenigstens, unter keinem Vorwande die Burg Rengerswyl zu besuchen, und wir wollen zufrieden sein.‹ Friedrichs Stirn runzelte sich ein wenig über die Kühnheit seines Pagen, und über die Zudringlichkeit des Einsiedlers. ›Es ist unnötig‹, sagte er, ›und ziemt mir nicht, mit eidlich zu Dingen verbindlich zu machen, die ich bereits aus andern Gründen zu meiden genötigt bin. Lebt wohl! ich verliere bei euch zu viel Zeit; mein Geschäft hat Eile. Bei der glücklichen Rückkehr komme ich wieder bei dieser Stelle vorüber; dann will ich euch umständlicher danken, und den jungen Feuchtwangen, den ich eurer Vorsorge vertraue, wieder mit mir auf die Burg zurück nehmen.‹ Arnold nahm meinen Bruder mit sich in seine Wohnung, und pflegte ihn, bis er genas. Es wurden zwischen den beiden keine Worte über Friedrichs Hartnäckigkeit gewechselt; aber jeder hatte in der Stille seine kummervollen Gedanken darüber, und Hermann fasste einen Entschluss, den er, so bald er sich zu seiner Ausführung stark genug fühlte, ins Werk richtete, ohne weitere Rücksprache mit seinem Freunde darüber zu halten, weil er sich einiger Einrede von ihm besorgte. Er machte sich in der Stille auf, Friedrichen zu Uzenberg aufzusuchen, und ihn durch seine Gegenwart von jedem Schritte abzuhalten, welchen er sich, nach Arnolds Warnung, für sein Leben gefährlich dachte. Die Überzeugung, daß Friedrichs Gehorsam gegen den Willen seines Vaters hinlänglich sei, ihn von der Nähe seines verräterischen Bruders zurück zu halten, befriedigte ihn nicht ganz; es schwebten seiner fantasiereichen Seele wundervolle Möglichkeiten vor, wie der Gewarnte wider seinen Willen dem Verderben entgegen gerissen werden könnte: aber als er nach Uzenberg kam, zu welcher Reise er sich der Hülfe eines Bauern, den er im Walde vorfand, bediente, zeigte es sich, daß das Schicksal all der bunten Gaukeleien nicht nötig gehabt hatte, wie sie sich die Einbildungskraft des Knaben gedacht haben mochte, um das zu bewirken, was der höchste Gegenstand seiner Besorgnisse war; daß eine ganz gemeine List hier alles getan habe, was Friedrichs Feinde wollten. – Die Belagerung von Uzenberg war aufgehoben. Graf Friedrich hatte, so viel erforschte Hermann durch seinen Führer, zuverlässige Nachricht erhalten, die Dame, welche er zu befreien gekommen war, sei bereits durch seinen Bruder, durch Graf Diethelmen, glücklich davon gebracht, aber dieser habe bei dem gewagten Streiche eine Wunde erhalten, welche ihm den Tod drohe, und liege jetzt zu Rengerswyl, voll Sehnsucht nach der Verzeihung seines beleidigten Vaters, voll Sehnsucht nach dem Bruder, durch dessen Vermittlung er sie allein zu erlangen hoffen könne. Welche Botschaft! Welche Möglichkeit für ein Herz, wie Friedrichs, dem, was dieselbe von ihm heischte, sich zu entziehen! Alle Bedenklichkeiten wurden überwogen, oder vielmehr, er bedachte gar nichts. Schnell zu rascher Handlung hingerissen, fiel er in die Fallstricke, die man ihm gelegt hatte; die Schlinge ward zugezogen; er war unwiederbringlich verloren! – Cuno; mein Abgeschickter an Graf Friedrichen, traf in dem ersten Augenblick des Entsetzens über Friedrichs Reise nach Rengerswyl auf Hermannen. Auf sein Verlangen brachte er ihn zu mir, und, wie ich schon erwähnt habe, es brauchte Zeit, ehe ich aus Hermanns gebrochenen angstvollen Worten das erfuhr, was ich euch hier umständlich mitgeteilt habe. Ich war erschrocken, Friedrichen in der Gewalt seines zweideutigen Bruders zu wissen; ich glaubte, so wie mein Bruder, nur wenig von dem Vorwande, unter welchem man ihn auf Graf Diethelms Feste gelockt hatte; aber es fehlte doch viel, daß ich über diese Dinge so außer mir hätte sein sollen, als der Knabe, dessen fieberhafte Einbildungskraft ihm Rengerswyl wie eine Mörderhöhle schilderte, und ihn Dinge ahnden machte, welche mir ungeheuer dünkten, und die doch nur gar zu sehr durch den Erfolg bestätiget wurden. – Adelheids Gefühle waren fast so lebhaft, als die Gefühle dieses Kindes; vielleicht daß der Charakter ihres Geschlechts sie so überspannter Ideen vom Mord und Hinterlist empfänglicher machte, als mich; vielleicht auch, daß sie von den gehässigen Gesinnungen Diethelms gegen seinen liebenswürdigen Bruder mehr wusste, als ich mir damals, bei aller schlechter Meinung, die ich immer von ihm gehegt hatte, nur als möglich denken konnte. – Auf ihr dringendes Bitten machte ich mich sogleich mit meinen Leuten nach Rengerswyl auf; sie wollte mir nicht dahin folgen, sondern fand nebst meinem Bruder Hermann, der zu schwach war, um die Reise weiter fortzusetzen, und dessen sie sich mit besonderer Zärtlichkeit annahm, Zuflucht in einem nahe liegenden Kloster, woselbst ich ihr versprach, sie nach meiner sonderbaren Expedition wieder zu finden, und an jeden Ort zu führen, welchen sie wählen würde. – Wohl mit Recht nannte ich meine Expedition nach Rengerswyl sonderbar: den Bruder in den Armen des Bruders unsicher zu halten; in der letzten Bitte eines Sterbenden Verrat oder Erdichtung zu ahnden; sich rüsten, mit List oder Gewalt einen Mann von einer gewähnten Gefahr zu retten, welcher vielleicht in den Armen brüderlicher Liebe ganz sicher ruhte, oder am Lager eines Sterbenden das göttliche Amt eines Friedensstifters verwaltete; dies hätte man wohl einen irrenden Ritterzug zu Bekämpfung fabelhafter Ungeheuer nennen können: mir selbst kam es zwar ein wenig, aber doch nicht ganz so vor; Verdacht hatte ich allemal wider Diethelmen gehegt, gerade so viel, als nötig war, meine Reise zu beschleunigen, und Klugheit und Vorsicht in meine Handlungen zu bringen. Ach! kann ich umständlich erzählen, was ich fand, und wie die schwärzesten Vermutungen durch die Erfahrung gerechtfertigt wurden? – Es war nur zu gewiss. Diethelms tödliche Verwundung samt seiner sterbenden Sehnsucht nach Vater und Bruder war eine teuflische Erdichtung, die Unschuld in die Schlinge zu locken, und das Blut eines tugendhaften Bruders zu vergießen. Was man für Vorteil von dieser höllischen Tat hoffen konnte, welche den Täter vor aller Welt vogelfrei und ehrlos machen musste, das würde sich schwerlich erraten lassen, wenn sich nicht in der Folge gefunden hätte, daß die Anlagen zu Friedrichs Ermordung so gemacht waren, daß der Verdacht nimmermehr auf seinen Mörder gefallen wäre; daß man ihm vielmehr die Rolle seines Schützers, Verteidigers, oder Rächers zugeteilt haben würde, wenn alles den vorgezeichneten Gang genommen hätte. Aber läßt wohl eine der menschlichen Handlungen sich mit allen ihren Folgen untrüglich berechnen? und wacht nicht über das Verbrechen ein besonderer Hüter, welcher seinen Schleier zerreißt, und seinen verborgenen blutigen Pfad dem schauenden Auge der Welt aufdeckt, wenn es am verborgensten zu handeln wähnt? Kain hatte seinen Bruder Abel erschlagen! In der ersten Nacht, da Friedrich unter seines Bruders Dache ruhte, ward das Mordschwert über ihn gezuckt; er fiel unbewacht, unbeschützt, vielleicht unerweckt aus dem süßen Schlummer, in welchem er lag. Mir war indessen, Dank sei es der Vorsicht, die Entdeckung der Greueltat nicht aufbehalten; Friedrichs Rächer waren früher angekommen, als ich. Der Einsiedler, nicht zufrieden, den Unglücklichen, der mir bei meiner Ankunft zu Rengerswyl entseelt entgegen getragen wurde, gewarnt zu haben, war auch auf dem Schlosse des alten Grafen von Toggenburg gewesen, ihn auf die Gefahr seines Sohnes aufmerksam zu machen. Hier hatte er mehr Glauben gefunden, und die väterliche Vorsorge hatte nicht gesäumt, die schleunigsten Anstalten zu Verhütung des Unglücks zu machen; aber welcher Riesenschritt holt den Gang des Schicksals sein? Ein Augenblick ist immer, da Rettung uns angeboten wird, da Rettung noch möglich ist: aber – wir verwerfen die Warnung, wir gehen fort auf unserm selbst gewählten Wege, und – die Zeit ist versäumt; wir sind für immer verloren. Erspart mir die Mühe, die Anwendung auf den unglücklichen Friedrich von Toggenburg zu machen; erspart mir das ganze klägliche Detail einer Geschichte, welche sich die späte Nachwelt noch wiederholen, und unglaublich finden wird! Die Leute des alten Grafen von Toggenburg, die Friedrichen retten sollten, kamen zu spät, kamen nur zu seiner Rache noch früh genug. Diethelms Burgen gingen in Rauch und Flammen auf, unstet und flüchtig ward er, wie der erste Mörder: ich konnte und mochte keinen Teil an den Dingen haben; mein Herz und meine strömenden Augen hingen an Friedrichs blutenden Leichname: meine ganze Sorge ging auf seine hochbejahrten Eltern, und die Möglichkeit, ihnen den Todesstreich mit Schonung zu versetzen. – Mir ward das schwere Geschäft übertragen, dem alten Grafen die Todespost zu bringen, und die Überreste seines entleibten Sohnes nach dem Grabe seiner Väter zu begleiten: eine schwere Pflicht, welcher ich, Friedrichs Freund, mich nicht gewachsen fühlte. Ich zog zuerst zu meinem Verwandten, dem Abt von Sankt Gallen, Rat und Hülfe bei ihm zu holen. Ich fand, was ich suchte. – Dieser Prälat, welcher eben einige andere Äbte und Bischöfe bei sich bewirtete, erklärte sich, nebst ihnen die Leiche nach Toggenburg zu begleiten, und den unglücklichen Eltern meines geliebten Friedrichs, nebst der Nachricht von ihrem Verlust auch zugleich geistlichen Trost und weltlichen Rat zu bringen, bei welchen letztern – man verzeihe mir diese Anmerkung – eigener Vorteil nicht vergessen werden sollte. Zufrieden, daß man mir den schwersten Teil meines Geschäfts von den Schultern nahm, weihte ich mich nun ganz dem gerechten Schmerze um dem besten liebenswürdigsten aller Jünglinge. Während die Bischöfe beim alten Grafen von Toggenburg nach ihrer Weise geschäftig waren, begleitete ich Friedrichs Leichnam in die Totenhalle, weinte nebst seiner trostlosen Gemahlin auf seiner Asche, und ordnete seine Exequien. * Adelheiden und meinen Bruder hatte ich in dem Gewühle anderer Empfindungen ganz vergessen: erst dann dachte ich ihrer, als zu Wyl Leichen sich zu Leichen häuften, und mich an die Möglichkeit erinnerten, auch alles, was ich liebte, zu verlieren, so wie hier alles verloren war. – Das Trauergewölbe, wo Friedrichs Gebeine der feierlichen Beerdigung harrten, umschloß nach wenig Tagen auch die Leichname der unglücklichen Eltern, die den Tod ihres Sohnes nicht überleben konnten: als der Leichenzug begann, die entseelten Körper in die Kapelle zu Toggenburg zu führen; als die ganze Gegend den drei edlen Verstorbenen laut nachweinte; als die bleiche verzweifelnde Witwe meines Friedrichs dem Tode entgegen schmachtete, und keine Hoffnung kannte, als bald die vierte zu sein, welche den Trauerweg nach Toggenburg hinab geführt wurde; da überfiel mich plötzlich der Gedanke an meine Lieben; ich fühlte, ich hatte noch etwas, hatte noch viel zu verlieren, da Adelheid und Hermann noch lebten; die erste war durch den Fall ihres Schwagers und ihrer Schwester in einen sehr hülflosen Zustand versetzt; der zweite hatte keinen Beschützer, keinen Verwandten, als mich. – Vor meiner Abreise entzweite ich mich noch mit dem Abte von St. Gallen; ich zürnte mit ihm daß er in den Stunden des tiefsten Kummers fähig gewesen war, an irdischen Vorteil zu denken, und mochte mit einem so niedrig gesinnten Mann, wie ich ihn in der Übereilung nannte, nichts mehr zu tun haben. Als der alte Graf von Toggenburg eifernd über Diethelms Untat, erklärte, ein Meuchelmörder könne nicht Erbe seiner Güter sein, da war der Abt von St. Gallen so eilfertig gewesen, sich mit den Festen Toggenburg und Wyl von dem gutwilligen Greise begaben zu lassen, daß ich es ihm nicht verzeihen konnte. Ich war ungerecht: ich bedachte nicht, daß mein Verwandter nicht die nämliche Ursache hatte, über Graf Friedrichen untröstlich zu trauern, als ich; bedachte nicht, daß es ein Teil seines Ordensgelübdes war, keine Gelegenheit zu Bereicherung der Kirche ungenützt vorbei streichen zu lassen. Gewohnt, in allem mein Herz reden zu lassen, verschwieg ich dem Abte von St. Gallen nichts von meinem Urteile über seine Handlungen. Er antwortete mir, wie es ihm zukam; ich wusste wider das, was er zu seiner Rechtfertigung sagte, nichts einzuwenden, aber wir schieden kaltsinnig von einander; und da mir ohnedies seine Bestimmung meines Bruders für die Kirche nicht gefiel, so nahm ich mir vor, weder für meine Person seine Hülfe weiter zu suchen, noch Hermannen wieder in seine Hände zu liefern. ›Der Knabe‹, sagte ich zu mir selbst, ›hat Anlage zu den größten Dingen: er soll einst etwas Besseres werden, als ein eigennütziger Pfaffe.‹ Das Gerücht von den schrecklichen Ereignissen zu Rengerswyl war früher zu Adelheiden gekommen, als ich: ich fand sie voll Tränen und Plane für die Zukunft. Sie hatte ihre Schwester, die Gräfin Gertrud, die unglückliche vertriebene Märterin ihrer eigenen Bosheit, indessen gesehen. Vorwürfe von der einen, Vorschläge von der andern Seite waren erfolgt. Adelheid konnte und wollte sich nicht dazu verstehen, durch Regenbergs Heirat sich für die Wahl des Hauses aufzuopfern, welches durch eigene Schuld gesunken war: eben so wenig hatte sie Neigung, mit einer Schwester, die sie nicht hoch schätzen konnte, wenn sie sie auch bemitleidete, das Klosterleben zu teilen, welches Graf Diethelms Gemahlin für sich gewählt hatte, indessen er, der unglückliche Brudermörder, mit dem Abscheue des Volks und der Verfolgung der Edlen kämpfend, auf dem Wege war, alles zu verlieren. Dass er nachmals wirklich alles verlor, bis auf ein einziges Schloß, auf welchem er einige Zeit hauste, ist mir bekannt; ob aber der Abt von St. Gallen, der Besitzer seiner väterlichen Herrschaften, irgend etwas tat, ihn zu unterstützen, das ist mir unbewußt: ich leugne es nicht, ich wagte hierüber einige Vorstellungen an meinen hochwürdigen Verwandten; auch der leidende Verbrecher ist für ein fühlendes Herz ein erschütternder Anblick. Adelheid entschloss sich nach langem Hin- und Hersinnen, zur Reise nach Frankreich, wo sie Verwandte hatte, und wohin ich sie begleitete. O Gott, was hätte ich darum gegeben, dem edlen Mädchen die Reise nach zweifelhaftem Schutze ersparen, und ihr in der Nähe ein standesgemäßes Glück anbieten zu können! Ich weiß nicht genau, wie Adelheid gegen mich gesinnt war; aber wäre ich reicher gewesen, als mich das Schicksal machte, ich hätte damals vielleicht mit einigem Glücke Anträge gewagt, zu welchen ich mich jetzt nicht erkühnen dürfte. – Alles, was ich in meiner damaligen Lage für sie tun konnte, war Begleitung nach dem Lande, wo sie Ruhe nach langen Stürmen hoffte. Hermann, welcher indessen völlig genesen war, jauchzte, uns begleiten zu dürfen: er kannte seine Bestimmung zum geistlichen Stande, und war froh, derselben entrissen zu werden, da seine junge Seele für das Schwert glühte. – Sein Freund, der Einsiedler Arnold, der uns an den damaligen Ort unsers Aufenthalts gefolgt war, billigte die Wünsche des Knaben, und gab ihm die Hand darauf, daß er, wenn er seine Vergehungen in der Einsamkeit genug gebüßt zu haben glaubte, ihm auf den Schauplatz der Waffen, da er kämpfen würde, folgen, und das Schwert an seiner Seite noch ein Mal führen wollte. – ›Mein Sinn‹, sagte er, ›steht mir nach einem Lande; wollte Gott die Vorsicht leitete euch dorthin! Ihr werdet nicht immer an der Hand eures Bruders gehen; das Schicksal trennt euch vielleicht bald: dann werdet ihr die Führung eines Älteren missen und bedürfen; und o wollte das Glück, daß ich der Schutzengel wäre, welcher euch zugesellt würde!« Die Liebe des edlen Winkelried gegen meinen Bruder war grenzenlos; sie verleitete ihn oft zu Verirrungen und Ungerechtigkeiten gegen andere. Hermanns erst gehobene Unpäßlichkeit war ihm nichts anders gewesen, als eine Folge des zu Rengerswyl genossenen Gifts; er ließ sich diesen Wahn nicht ausreden; er haßte Friedrichs Mörder auch aus diesem Grunde mit unsterblicher Feindseligkeit; er breitete seinen Widerwillen auf alles aus, was sich zu seinem Hause zählte, und selbst Adelheid war nicht frei von seiner Abneigung. Er sah seinen Liebling ungern von ihr geliebt, und immer an ihrer Seite. Er war wider die Reise nach Frankreich, und suchte sie auf alle Weise zu hintertreiben. – ›Geht nur!‹ rief er noch zuletzt, als er sah, daß alles vergebens war; ›sucht nur in diesem falschen Lande, was euch nimmer gewähren wird! In seinem guten Könige, der sich jetzt zum Zuge wider die Sarazenen rüstet, verliert es die Juwele, die ihm den einzigen Wert gibt: bei ihm ist noch Treue und Glauben, bei dem andern nichts als täuschende Höflichkeit und leere Versprechungen.‹ War der Mann vielleicht ein Prophet, daß er dies sagte? – Doch keine Anwendung seiner Weissagung! sie möchte ein Herz treffen, das ich ungern verwunden wollte! – Adelheid fand bei ihrer Ankunft in Frankreich die Personen tot, auf deren Schutz sie gebaut hatte. Sie schwamm in Tränen, und hielt sich für ganz gelassen; ich ward ihr Tröster. – Ich hatte von der Königin des Landes gehört, sie sei gut, fromm, mild und edel, sei würdig, die Gemahlin Ludwigs des Heiligen zu heißen. Ihr vertraute ich meine Freundin und meinen Bruder. O Gott, eine solche Freundin! einen solchen Bruder! Ihr Wert war so vollkommen, anerkannt, und nun nach einigen Jahren muss ich hören, daß man sie vergessen habe.« – – – Conrad von Feuchtwangen sah, daß bei den Vorwürfen, zu welchen er immer wiederkehrte, der Königin die Tränen aus den Augen stürzten. Er wollte sie nicht ferner bekümmern, und ermannte sich, seine Geschichte folgendermaßen zu endigen. * »Als ich meine liebsten Schätze solcher Gestalt geborgen glaubte, rüstete ich mich zur Rückreise nach meinem Vaterlande. Gern hätte ich ein Wort voll Liebeshoffnung auf eine glücklichere Zukunft aus Adelheids Munde mit mir genommen, aber alles, was ich erhielt, war die Erklärung, daß man mich schätze, daß man die lebhaftesten Freundschaftsgefühle für mich hege, daß man mich vielleicht geliebt haben würde, wenn kein Friedrich von Toggenburg in der Welt gewesen wäre, ›Ihm‹, setzte Adelheid mit unterdrückten Tränen hinzu, ›ihm ward, ich scheue mich jetzt nicht es zu bekennen, die Glut meiner ersten und einzigen Liebe zuteile; nach ihm vermag ich keinen andern zu lieben; um ihn werden ewig meine Tränen fließen.‹ Ihr hattet Recht, Königin, von mir zu glauben, ich würde bei meiner Rückkunft das Kreuz der geistlichen Ritter wählen. Adelheids Entschluss hatte diesen Vorsatz in mir erregt, und ich glaubte es, daß ich in dem ersten Schmerze über ihre Erklärung ihn ohne Rückhalt äußerte, doch fehlte noch viel zu seine Festigkeit; ein Mann sollte ihn wankend machen, von welchem ich nicht geglaubt hätte, daß ich je wieder mit ihm etwas zu tun haben würde. – Als ich wieder in die Gegenden kam, wo ich alles verloren hatte, wo mich Friedrichs Grab, seine verödete Burg, seine junge trostlose Witwe so lebhaft an die schreckliche Vergangenheit erinnerten, wo kein Hermann mir den Kummer hinweg lachte und hüpfte, keine Adelheid mir ein liebliches Gedankenspiel gab, da erhielt ich Botschaft von Abt Berchtholden von St. Gallen, der meine Wiederkunft, ich weiß nicht wie, erfahren haben musste, eilig zu ihm nach Toggenburg zu kommen, weil er Dinge von Wichtigkeit mit mir zu bereden habe. Ich war nicht in dem besten Verständnisse von diesem Manne geschieden, und ich rüstete mich mit all meiner Festigkeit, mich bei meinem Unwillen gegen ihn zu behaupten. Ihr wisst, was ich ihm Schuld gab: Mangel an Edelmut und Gerechtigkeit, Fehler, welche ein biederes Herz ungern verzeiht; aber bei all meinem Gefühle daß ich billig mit ihm zürne, schlich sich doch zuweilen, schlich sich besonders jetzt, da ich diese für mich so einsame, freundlose Gegend wieder betrat, der Gedanke bei mir ein, daß ich ihm viel zu danken habe; das er der Tröster meiner Mutter in ihren letzten Stunden gewesen sei; daß ich durch ihn in Friedrichs Bekanntschaft kam, und vor allem – daß er hier das einzige Band war, das mich an die Welt fesselte. Es ist eine traurige Lage, von allen Menschen abgerissen zu sein, niemand mehr anzugehören! Ich hätte die Welt darum gegeben, Abt Berchtholden noch hochschätzen zu können; ich begann bereits das, was ich an ihm tadelte, zu entschuldigen, und es war kein leichtes Werk, mich so, wie ich vorhin sagte, bei dem Unwillen gegen ihn zu behaupten, besonders da er jetzt den ersten Schritt tat, das getrennte Einverständnis wieder anzuknüpfen. Urteilt, ob die Art, mit welcher ich von ihm bewillkommt wurde, etwas betragen konnte, mich bei meiner Hartnäckigkeit zu erhalten. – Er empfing mich in der toggenburgischen Gruft, wo sich die Todestruhen, welche die Gebeine des alten Grafen, seiner Gemahlin und ihres ermordeten Sohnes umschlossen, als die neuesten, vor allen andern auszeichneten. Ein dünner Weihrauchduft durchwehte das kalte Gewölbe; zahlreiche Kerzen brachen seine Dunkelheit, und das ferne Murmeln der Totengebete seine Stille. – Der Abt kam mir in der Vorhalle dieses feierlichen Orts entgegen; er fasste liebreich meine Hand, und führte mich einige Schritte vorwärts. ›Bei den Verstorbenen, welche hier ruhen‹, rief er, ›Herr von Feuchtwangen, was habt ihr wider mich?‹ – Tränen quollen aus meinen Augen; ohne Antwort machte ich mich von seiner Hand los, an Friedrichs Grabe zu weinen und zu beten. Als ich mich wieder erhob, stand Abt Berchtholden mit in einander geschlagenen Armen, und verwunderungsvoller Miene mir gegenüber: – ›Und der‹, hob er von neuem an, ›welcher hier so heilige Tränen vergießen kann, hier, wo alles Friede ist, der kann sein Herz gegen einen Mann verschließen, welcher ihn nie beleidigte?' – Mein Herz war erweicht. Es war etwas Edles in Berchtholds Verfahren gegen einen Jüngling, dessen Huld ihn weder helfen, noch sein Zorn ihm schaden konnte. Ich hatte nichts wider ihn, als was einige vielleicht überspannte Begriffe von Recht und Unrecht mir eingaben. Er war ein Mann, dem ich Verbindlichkeiten hatte, jetzt mein einziger Freund und Verwandter. Noch einmal: mein Herz erweichte sich gegen ihm; ich warf mich in seine Arme. ›Was frommt es euch‹, rief ich, ›wenn derjenige euer Freund ist, der nicht der Richter eurer Handlung sein kann?‹ ›Ein jeder Tugendhafter‹, antwortete er, ›richtet mit Recht über die Taten des andern; mir wird sein Beifall nie gleichgültig sein, am wenigsten der Beifall eines jungen Menschen, von welchem mich keine Betrachtung los machen kann, da er mir von einer sterbenden Mutter zu Schutz und Leitung anbefohlen ward. Conrad von Feuchtwangen! denket ihr noch der Augenblicke, da sie eure Hand in die meinige legte? Wo ist euer Bruder Hermann, den sie mir nebst euch empfahl? Warum mußtet ihr mir dieses Kind, das ich liebte, entziehen?‹ ›Hermann taugte nicht für die Kappe‹, rief ich. »Ich habe ihn an den Hof des Königs von Frankreich gebracht; um dort das Schwert führen zu lernen.‹ ›Conrad! Conrad!‹, erwiderte der Abt nach einer langen Pause; ›ihr seid mir für diesen Streich Vergütung schuldig! ich wünschte, daß ihr eurem Bruder wohl geraten habt. Zwar ist er an dem Hofe des frommen Ludwigs, so kann ich's nicht tadeln; aber wer bürgt euch dort für alles, wofür ich gebürgt haben würde, hättet ihr ihn unter meinen Augen gelassen? und was sind für euch eure Plane für die Zukunft?‹ ›Ihr werdet mit mir zufrieden sein. Der Täuschungen der Welt müde, bin ich entschlossen, das Kreuz als geistlicher Ritter zu nehmen.‹ ›Ha der dreifachen Torheit, die in diesen Worten liegt! Im zwanzigsten Jahre der Welt müde zu sein, dem Himmel die Überreste dieses weltmüden Herzens zu opfern und zu wähnen, ich, weil ich ein Mönch bin, würde große Freude an diesem Opfer haben!‹ Berchthold sah einige Empfindlichkeit in meinen Blicken über das, was er sagte, und die Art, wie er es sagte: er wollte den kaum gedämpften Unwillen nicht wieder in meinem Herzen aufkommen lassen. – ›Kommt!‹, sprach er, indem er mit vertraulicher Art meinen Arm ergriff; ›kommt mit mir hinauf in mein Zimmer, und laßt uns weitläuftiger über Dinge sprechen, welche wohl einer ernsten Erwägung bedürfen!‹ – Ich folgte ihm, und eine Unterredung begann, in welcher er mir fast völlig wegen seines ehemals von mir getadelten Verfahrens genug tat, und mir erklärte, daß er das Mißverständnis zwischen uns bloß um meinetwillen aufgehoben zu sehen gewünscht hätte, indem es ihm unmöglich gewesen sei, mich raschen Entschlüssen, zu denen er mich geneigt wisse, ohne alle Leitung zu überlassen; Entschlüsse, von welchen der, dessen ich eben gedacht habe, ein neues Beispiel abgebe.« – »Doch, Königin, ich vergesse, daß die Zeit kostbar ist, und daß ich meinem Versprechen ein Genüge getan habe, indem ich euch mit dem Teile der Geschichte bekannte machte, der sich auf die Ursache meiner vorzüglichen Anhänglichkeit an eine Freundin und einen Bruder bezog, die nun für mich auf ewig verloren sind. Höret das Übrige in Kürze. Es war natürlich, daß ich von dem Manne, der sich das Recht anmaßte, und es vielleicht auch haben mochte, meine Entschlüsse zu meistern, Anlass zu andern forderte. Ich erhielt einen Vorschlag, den ich nimmermehr aus dem Munde des Abts von St. Gallen vermutet hätte. – Dieser mächtige geistliche Fürst, durch Graf Toggenburgs Vergabungen noch mächtiger gemacht, hatte unter allen Widersachern, welche ihm wachsende Größe und Stolz zuzog, keinen furchtbarern, als den jungen Grafen von Habsburg, Rudolfen, den jetzt das römische Reich als seinen Beherrscher verehrt; und eben diese war es, den mir dieser unerklärliche Mann als denjenigen empfahl, unter dessen Panier es gut für mich sein würde, das Schwert zu führen. – ›Habsburg‹, sagte Berchthold, ›ist mein Feind; aber er ist ein großer Mann. Noch größer wird er wahrscheinlich in der Zukunft werden. Kettet euer Schicksal an das seinige, und euch wird geholfen sein. Er hat jetzt eine wichtige Fehde mit dem Freiherrn von Regensberg: dort könnt ihr Gelegenheit finden, mit seinem und Zürichs Span Span, ein altes Wort, das sonst für Ursache zum Widerwillen gebraucht ward. Der Span, welchen die Züricher wider Regensberg hatten, war, daß sie ihn zum Schirmvogte verlangten, und von ihm mit einer wahrhaftig rehabeamschen Antwort zurück gewiesen wurden. Sie wendeten sich an Graf Rudolfen von Habsburg, welchem damals die erste Morgenröte des Ruhms zu tagen begann; er fühlte sich durch ihren Antrag geehrt, und ward ihnen ganz das, was sie wünschten. den eurigen auszufechten.‹ – Regensbergs Name ward für mich der Schlag, welcher den Funken aus dem Steine lockte. Unwille glühte auf meiner Stirn, Rache in meinem Herzen bei seiner Erwähnung. Regensberg war auf eine Art in Graf Friedrichs und Adelheids Geschichte verflochten, welche mir ihn oft nicht allein zum Unglücke der einen, sondern auch zum Verderben der andern mitwirkend vorgestellt hatte. Vielleicht war ich in diesem Stücke zu voreilig mit meinem Argwohne; aber Regensbergs Stolz und Übermut machten ihn jedermann zum Feinde, und begünstigten manchen Verdacht, den man auf ihn warf, weil man sich freute, Ursache zu haben, wider ihn die Rüstung anzulegen. – Der Abt sah, was in meiner Seele vorging, sah meinen Entschluss, nicht bloß aus Achtung für Habsburgen, nein, auch aus Widerwillen gegen Regensbergen den Weg einzuschlagen, den er mir vorzeichnete. Er freute sich der Wirkung seiner Worte. Regensberg war auch ihm verhaßt; und tue ich dem heiligen Manne Unrecht, wenn ich glaube, sein ganzes hier beschriebenes Verfahren gegen mich sei Wirkung des Wunsches gewesen, einen Feind gegen Regensbergen auszurüsten, der seine, des Abts Rache an ihm üben konnte, indem er glaubte, seine eigene zu üben? – O dieser Berchthold, dieser Abt von St. Gallen war von jeher ein Mann von unergründlicher Staatsklugheit; kam man ihm bei seinen Anschlägen hier und da auf die Spur, so konnte man sicher glauben, daß noch weit mehr verborgen lag, als sich mit gemeinen Augen absehen ließ. – Diese Meinung wurde mir bei meinem Aufenthalte zu Wyl, wohin wir uns von den Gräbern der Grafen von Toggenburg erhoben, durch tausend Dinge bestätigt. Dass Liebe zu mir, oder Sorge um mich die einzige Ursache gewesen sei, warum er mir bei einem Mißverständnisse zuerst mit dargebotener Hand entgegen eilte; die einzige Ursache, warum er mir eine wirklich rühmliche Laufbahn vorzeichnete; von diesem Wahne kam ich sehr bald zurück. Die Erkenntnis, ich habe mich hierin geirrt, tat indessen jetzt nichts mehr zur Sache, ich war entschlossen, Habsburgen wider Leutholden von Regensberg zu dienen, und blieb es, auch eilte ich, meinen Vorsatz auszuführen. Das tägliche Wohlleben auf Abt Berchtholds Burgen mißfiel mir, und ermüdete mich; er sagte mir unablässig, daß nicht Neigung zu gefüllten Bechern, sondern Notwendigkeit, diejenigen zu Freunden zu haben, welche das Wohlleben liebten, seine Tafel mit Gästen zu hunderten besetzte, auch glaubte ich ihm, aber gewöhnen konnte ich mich an seine Notwendigkeiten und an seine Regeln der Staatsklugheit nicht; ich schüttelte treuherzig die Hand, die er mir treuherzig darbot, versprach ihm seine Handlungen nie voreilig zu beurteilen, überall an den guten rechtmäßigen Grund derselben zu glauben, und eilte von den schwelgerischen Mönchen zu dem nüchternen Habsburger, den ich so, wie ich wünschte, unter den Waffen fand. Ich bedurfte keine weitere Empfehlung bei ihm, als die Anzeige, daß ich unter den Rittern des alten Grafen von Toggenburg zuerst den Gebrauch der Waffen gelernt habe, und Graf Friedrichs Knappe gewesen sei, er nahm mich auf unter sein ritterliches Gefolge, und Gelegenheit, das zu zeigen, was ich leisten konnte, fand sich bald. Die Züricher erfuhren den Nachdruck von Rudolfs schützenden Schwerte wider Regensbergen und den Bischof von Basel. Überall war ich an der Seite des Helden, den ich lieb gewann. An eben dem Tage, da Jacob Müller ihn durch eine tapfere Tat das Leben rettete, kann ich mich rühmen, das nämliche geleistet zu haben. Ich ward Rudolfen teuer, er brauchte mich zu Ausrichtung seiner liebsten Geschäfte. Nicht immer siegte man wider unsern mächtigen Feind mit dem Schwert in der Faust, wider etliche seiner unüberwindlichen Burgen musste List das Beste tun. Baldern war bereits auf diese Art in unsern Händen. Uzenberg, das Schloß, von welchem ich einst meine Freundin Adelheid heimlich davon brachte, gewannen wir, vermittelst des verborgenen Zugangs nach dem Wasser, der mir bekannt war. Regensbergs Stolz und Liebe zu übermütiger Pracht, legte ihm die dritte Falle. Mit zwölf Rittern in blanker Rüstung auf weißen Rossen, mit zwölf ähnlich gewappneten Knechten, welche die Jagdhunde des großen Freiherrn am Strick führten, ritt er täglich auf der Ütliburg aus und ein, die Jagdlust im Tal zu genießen. Er selbst war an der Spitze des Zugs in ganz goldner Rüstung, auf einem schwarzen Hengste, der an Größe und Stärke in ganz Helvetien seines gleichen nicht hatte. Der Zwerg, der vor ihm her ritt, der Burg die Ankunft ihres Herrn kund zu tun, trompetete allemal auf eine Weise, welche uns, die wir in der Nähe verborgen lagen, gar bald bekannt ward. Es waren unsere acht junge Ritter von Habsburgen in diese Gegend auf Kundschaft ausgesandt. Nach einiger Rücksprache mit unserm großen Anführer kam der Anschlag zu einer Tat zu Stande, welche gar bald ausgeführt war. Wir nahmen unsere wenigen Reisigen zusammen, und zogen sechzehn Mann stark wider Regensbergs vierundzwanzig, welche, während er Abenteuern, die mir unbekannt sind, im Walde nachging, den Eingang bewachten. Wir erbeuteten all seine Rosse nebst dem ganzen Jagdzeug, und während der Zwerg, der uns entwischte, seinem Herrn die Botschaft von seinem Verlust brachte, zogen wir schon seinen gewöhnlichen Pfad nach der Ütliburg hinauf, trompeteten sie an nach seiner Weise, wurden in der Dämmerung, welche unsere minder glänzenden Rüstungen unkenntlich machte, um der weißen Rosse und Hunde willen, für das Jagdgefolge des Schloßherrn gehalten und eingelassen. Hinter uns war der tapfere Habsburg, unserm Siege den Nachdruck zu geben. Die Ütliburg war unser, und ihr Verlust war das Signal zu Regensbergs völligem Untergange, der sich gar bald auf Bedingungen ergeben musste. Sieg und Ehre folgten Habsburg Schritten, wo er hinzog: er war zu edel, sich derselben zu überheben; er wollte durch löbliches Nachgeben noch größer werden, als durch das Schwert. Schon mehrere Jahre hatte ich unter seine Fahne gefochten, ohne genötigt gewesen zu sein, die Waffen wider Rudolfs Feind, meinen Verwandten, zu führen. Jetzt zeigte sich Gelegenheit zu einer Aktion, wie ich sie immer gefürchtet hatte; Gelegenheit, Graf Habsburgen meinen Arm zu versagen. – ›Herr Graf!‹, sagte ich, als mir eine Streiferei in Abt Berchtholds Gebiete aufgetragen ward; ›ich darf das Schwert nicht wider den Mann ziehen, dem ich das größte Glück meines Lebens danke.‹ ›Welches Glück?‹, fragte Rudolf voll Erstaunen, mich des Abts von St Gallen Freund zu finden. ›Das Glück‹, antwortete ich, ›euch zu kennen, und nun schon so lange unter euch gedient zu haben. Als ich einst mit ihm zu Rate ging, welche Beschäftigung für mein Schwert zu wählen sei, da pries er mir euch als einen wackern Heerführer. Er ist mein Feind, sagte er; aber ihr könnt keinen rühmlicheren Taten entgegen sehen, als die, zu welchen er euch anführt.‹ ›Und dies tat Abt Berchthold zu St. Gallen?‹, fragte Rudolf mit Erstaunen. ›Ja, Herr Graf! und urteilt nun, ob ich im Stande bin, ihm das Glück, das ich ihm danke, mit dem Schwerte zu lohnen.‹ Rudolf schwieg und überhob mich des Zuges; auch ließ er mich oft rufen, ihm von des Abts Tun und Wesen zu erzählen. Ihr wisst, Königin, daß ich bei weitem nicht in allem mit meinem Verwandten zufrieden war; aber von den Flecken seines Charakters, die vielleicht nur mir auffielen, hielt ich für gut, hier zu schweigen. Ich weidete mich an dem Gedanken, Frieden zwischen zwei Personen zu stiften, die ich ungern als Feinde sah; den Abt, weil er mein Verwandter war, Rudolfen, weil ich ihn verehrte. Ich sagte so viel von Abt Berchtholds guter Seite, als mir möglich war, ohne die Wahrheit zu verletzen, und brachte vielleicht dadurch einen Entschluss in der Seele des edlen Habsburgs zur Reife, den man noch in spätern Zeiten als einen seltenen Zug von Mut, Größe der Seele, gutem Zutrauen in die Redlichkeit eines andern, und Liebe zum Frieden bewundern wird. Ich stand in Habsburgs Gunst so hoch, daß ich in derselben nur einen über mir sah: es war ein Ritter von Mülinen, aus einem altadeligen helvetischen Heldengeschlechte, in welchem Ehre und Fürstengunst erblich geworden war. Ich neidete ihn nicht um Rudolfs Vorliebe, und war zufrieden, oft an den Vorzügen Teil zu haben, welche er genoss; Vorzüge der Gefahr und der Waffen waren es, deren wir uns an Habsburgs Seite rühmten, nicht solche, durch welche Fürstenlieblinge sich gemeiniglich auszeichnen. – Wir beide waren es, welche Rudolf einst zu sich beschied, ihn auf einem einsamen Ritte zu begleiten. ›Ritter!‹ sagte er zu uns, als wir bereits eine Strecke Weges zurückgelegt hatten, ohne zu wissen wohin, ›ihr beide waret immer die nächsten um mich, wo das Schwert blinkte: seid heute meine Gefährten zu einem Zechgelage. Ich höre, der Abt von St. Gallen bewirtet heute hundert Edle an seinem Tische; ich will ihn, und ihm sagen lassen, sein Feind Rudolf sei vorhanden; ob wir bei den gefüllten Bechern etwa Freunde werden möchten. Ihr erbleicht, Herr von Feuchtwangen? wenn alles das wahr ist, was ihr mir von Berchtholden sagtet, so habt ihr für mich nicht zu sorgen. Die Aufnahme wird gut sein, und die geschlossene Eintracht kann manch unschuldiges Menschenleben fristen. Auf den ärgsten Fall wisst ihr, wo ihr mich finden sollt.‹ – Mit diesen Worten schied Rudolf von uns: wir wollten ihm nach; sein Blick verbot uns, ihm zu folgen. Die Gegend, wo wir uns befanden, ward uns jetzt kenntlich: nur ein niedriger Hügel war es, der uns des Abts stolze Burg verborgen hatte, in welcher, so wie die Dämmerung anbrach, sich hundert Kerzen entzündeten, und mich eins von den schwelgerischen Gelagen ahnden ließen, von welchen ich oft Zeuge gewesen war. – Ich war außer mir. Rudolfs Entschluss, sich zu Erreichung irgend eines großen Endzwecks den Händen seines Feindes einsam anzuvertrauen, lag am Tage; ich war durch einige unvorsichtige Äußerungen vielleicht Veranlasser dieses seltsamen Wagestücks. In Habsburgs Reden schien dieses zu liegen; aber war dies meine Absicht gewesen, als ich von meinem Verwandten Gutes sprach? – Himmel, was hatt' ich getan! kannt' ich Abt Berchtholden genug, um das Leben des geliebten Helden in seinen Händen sicher zu wissen? und wenn ihm zu trauen war, was hatte man sich zu seinen Zechgenossen zu versehen? Was ist trunkenen Mönchen zu viel? und war auch wohl nur einer unter ihnen fähig, das Große in Rudolfs Tat ganz zu schätzen? – Meine Angst wurde durch die Vorwürfe meines Gefährten aufs höchste getrieben: sein Herz hing vielleicht an Habsburgen noch mehr, als das meinige; Sorge um sein Leben erfüllte seine Seele mit dem schwärzesten Verdacht, Verdacht auch gegen meine Redlichkeit, die ich ungeahndet nicht gelassen haben würde, wäre nicht meine ganze Seele so voll Kummer gewesen, als die seinige. Wir hatten uns der Burg so sehr, als möglich, genähert; die Nacht brach ein; Habsburg kam noch nicht zurück. Mülinen ward mit seinen Vorwürfen, welche ihm die Liebe zu dem angebeteten Helden eingab, so ungestüm, daß meine Geduld endlich verschwand; ich verteidigte mich heftig, und es war an dem, daß unsere Schwerter hätten bloß werden müssen, wenn sich nicht von der Burg her ein anderer Auftritt gezeigt hätte. Doch diesen zu erklären, erst etwas von Rudolfs Aufnahme auf der Burg! Wer kann das Erstaunen von Abt Berchtholds Zechgenossen schildern, als der gefürchtete und gehaßte Habsburg, auf dessen Verderben eben einige Feindselige die gefüllten Becher zu leeren im Begriffe waren, mitten unter sie trat, ein Mann hohen königlichen Anstandes, den Wenigsten persönlich bekannt, und eben darum von ihnen gehaßt und gelästert. Die, welche ihn kannten, und also bei dem, was man wider ihn redete, gern schwiegen, waren die ersten, die sich bei seinem Anblicke staunend erhoben; ihnen folgten zittern die andern, und Habsburgs Name tönte flüsternd von Munde zu Munde. Er aber ging lächelnd durch sie hin, zu dem Manne, um dessen willen er hier erschien, und sagte Worte zu ihm, die ich euch nicht zu wiederholen brauche, weil sie die innere Beschaffenheit von Streitigkeiten betrafen, welche außer eurem Gesichtskreise liegen. Kurz und voller Adel war seine Erklärung: der Abt behauptete sich in seiner Antwort bei dem Charakter, den ich ihm gegen Rudolfen gegeben hatte. Man gab sich treuherzig die Hand, und nahm die ganze Versammlung zum Zeugen des geschlossenen Bundes. Habsburg aber, voll edler Unbefangenheit, nahm Platz unter Berchtholds Gästen, und gewann durch Huld und Herablassung noch mehr Herzen, als er durch die kühne Tat, sich den Händen eines Feindes anzuvertrauen, gewonnen hatte. – Er sprach von den Feindseligkeiten des Bischofs von Basel, die er kürzlich erfahren hatte, und aller Herzen empörten sich gegen den, welcher Habsburgen beleidigen konnte. Er sprach von ritterlicher Rache, und alle Edlen zogen das Schwert, und schworen, bei der Fehde wider seinen Feind an seiner Seite zu sein. Mittlerweile war kund worden, daß zwei Ritter, Rudolfs Begleiter, außer der Burg zurück geblieben wären, und Abt Berchthold fertigte eine Gesandtschaft ab, uns herauf zu holen, um an dem Triumphe unsers Herrn Teil zu nehmen. Einige der vornehmsten Gäste führten den Zug, die Harfner spielten vor ihnen her, und die Dienerschaft folgte mit Fackeln: man glaubte, die Begleiter eines solchen Herrn nicht genugsam ehren zu können. – – Dies war der Auftritt, der unserer Feindseligkeit ein Ende machte. Wir hörten, was man uns von Rudolfen sagte, ohne es ganz begreifen zu können; aber als wir jetzt die Burg betraten, und das Getön: ›Lange lebe Habsburg, und verderben müsse der Bischof von Basel und seine Genossen!‹ uns entgegen schallte; als bei unserm Eintritte in den erleuchteten Gastsaal uns der Abt und einige der Bischöfe entgegen kamen, uns an die Tafel zu ziehen; da ward uns die Sache klar, und wir vereinigten uns mit den andern in Bewunderung des Helden, welcher gewohnt war, überall und auf alle Art den Sieg davon zu tragen. – – Nach diesem Tage war es, als wenn Rudolfs Auge nicht mehr mit so vieler Zuneigung an mir hinge, als vordem. Der Abt hatte bei jenem festlichen Mahle mit freudiger Überraschung mich für seinen Vetter, Conrad von Feuchtwangen, erkannt, hatte mich als denselben der Versammlung auf eine Art vorgestellt, welche mir mehr Anteil an Habsburgs Tat beimaß, als mit der Wahrheit und dem edlen Selbstgefühl des Helden bestehen konnte. Habsburgs edles Herz war nicht ganz frei von Verdacht und Argwohn; eine Kleinigkeit konnte ihn oft in ein Labyrinth von Mutmaßungen verleiten, aus welchem er sich nicht leicht wieder zu finden wusste. Ich hatte ihm nie gesagt, daß ich Berchtholds Verwandter sei: dieser unbedeutende Umstand stürzte mich; er folgerte aus demselben, Gott weiß welche absichtliche Verheimlichung, Gott weiß welches verborgene Einverständnis mit dem Abte. Vergebens suchte mich Mülinen, der sich jetzt völlig mit mir ausgesöhnt hatte, zu verteidigen; es ward mir unter den Fuß gegeben, mein Glück anderwärts zu suchen; nicht einmal bei dem Zuge wider die Baseler durfte ich gegenwärtig sein, und hatte also nun zum zweiten oder dritten Male, in meinem Leben die weite Welt vor mir, mein Schwert zu üben, wo ich wollte. Ist der Mensch immer eine schwache Ranke, welche sich schlechterdings irgend an ein Geschöpf seines gleichen anhängen muss, oder liegt diese Schwachheit nur in meinem Charakter? Habsburgs Gunst hatte ich verloren; der Abt war viel zu sehr von der Freundschaft seines großen Lehnsmannes eingenommen, um den, den er zurück setzte, noch viel holde Blicke zu gönnen; meine andern Lieben waren fern; selbst den Einsiedler Arnold suchte ich vergebens in seiner Waldwohnung: er hatte, so sagte man mir, einen gelobten Zug nach dem heiligen Lande angetreten. Da erwachte von neuem der Entschluss in mir, mich dem geistlichen Ritterstande zu weihen. Meine Wahl fiel auf die Johanniter; aber ich fand in ihnen heimliche Freunde des mörderischen Grafen Diethelm, der ihnen, zu Büßung seiner Blutschuld, die letzte Burg, die er besaß, zum Ritterhause eingeräumt hatte. Ich dachte an die tapfern Tempelritter von Jerusalem; aber sie waren mir zu fern, und es fehlte mir an Mitteln, zu ihnen zu gelangen. Da machte mich mein gutes Glück mit einem Ritter des deutschen Ordens, mit Heinrich Zuckeschwert, bekannt: durch ihn lernte ich die Vorzüge der edlen Gesellschaft kennen, zu welcher er sich zählte; durch ihn ward ich Einverleibter eines großen Bundes, der sich durch die ganze Welt ausbreitet, durch ihn ein Verwandter von Tausenden, die mich mit Freuden als Bruder begrüßten, und mich das Dasein wieder lieb gewinnen lehrten, welches mir, so lange ich mich als ein verwaistes, von der ganzen Menschheit abgesondertes Wesen betrachtete, so verhaßt geworden war, daß ich es um nichts hingegeben, oder es selbst geendet haben würde, wäre Selbstmord eine Tat, die einem christlichen Ritter ziemte. Von nun an begann für mich ein Leben, reich an Taten, reich an Gefahren und Siegen, zum Besten anderer, nicht für mich. Dies war die Sphäre, die mir gefiel, und welcher mich jetzt nichts, selbst Adelheids dargebotene Hand nicht entreißen sollte: ach, diese Versuchung habe ich nicht zu besorgen! Adelheid ist für mich dahin! nicht einmal ihres Anblicks, nicht einmal der Versicherung ihrer dauernden Freundschaft soll ich mich freuen! es ist ausgemacht, daß der Himmel sich den ausschließenden Besitz meines Herzens vorbehalten hat! Die Begebenheiten, welche mir im Dienste meines Ordens den größten Teil der vergangenen Jahre zustießen, sind kriegerischer Art, sind nicht so beschaffen, wie sie das Ohr einer Dame, einer Königin, ergötzen können. – Szenen des Schreckens voll heidnischer Gräuel und christlicher Tapferkeit, auch wohl voll irre geleiteten Glaubenseifers und Unterdrückung unglücklicher Menschen, welche keinen Fehler hatten, als daß sie frei sein und blieben wollten; Szenen dieser Gattung könnte ich euch genug schildern: aber mein Auge ermüdete, sie zu sehen; was würde mir und euch die Wiederholung für Freude geben? – Die Gunst meiner Obern, mein ziemliches Wohlverhalten verschaffte mir verschiedene Mal den Antrag solcher Würden, die ich nur darum ausschlug, weil sie mich an das Land gefesselt haben würden, in welchem ich nicht ewig zu bleiben wünschte. Mein Sinn stand von je her nach Palästina: dort muss mir, wenn Ahndungen nicht trügen, noch irgend ein Glück blühen; und wohl mir, daß mich die Aufträge meines Ordens zu dem frommen Könige, eurem Gemahle, bringen, in dessen Geleite ich zu bleiben nicht allein Freiheit, sondern sogar Befehl habe! wohl mir, daß ich bei Ludwigen den Mann treffen werde, der mir, wie ihr sagt, von meinem verlornen Bruder Hermann Nachweisung geben kann, den edlen Herrn von Joinville, den mich längst das Gerücht verehren hieß, ohne daß ich wusste, wie einst ein Teil meines Glücks in seinen Händen stehen würde!« Die Reise nach Afrika Conrad von Feuchtwangen endete hier seine Geschichte. Die Königin hatte auf Schilderung anderer Abenteuer gerechnet, als sie hier erhielt; sie wünschte aufgeheitert, und nicht durch schwermütige gleichgültige Bilder von Dingen, die sie wenig interessierten, noch mißmutiger gemacht zu werden. Dass der Ritter seine Geschichte am Ende abkürzte, dankte sie ihm vielleicht so sehr, als meine Leser. – Die dadurch gewonnene Zeit ward angewendet, ihm tausend Aufträge an den geliebten Gemahl mitzugeben, welcher aus Eifer zu seinem heiligen irrenden Ritterzuge, den Armen der Liebe zu zeitig entflohen war, und den Pflichten der Freundschaft Stunden entrissen hatte, die er ihr noch ohne Nachteil für seine Plane, ohne Verzögerung derselben ganz hätte schenken können. Der deutsche Ritter reiste von Vincennes ab, und kam zu Aiguemortes an: er hatte gute Weile, alle Aufträge seines Ordens, alle Aufträge der Königin auszurichten; denn Monate vergingen, ehe man in See gehen, Monate, ehe man ganz einig werden konnte, wohin sich eigentlich der Zug der heiligen Abenteurer wenden sollte. – Die Königin hatte Conraden bereits die Begierde, den König von Tunis zu taufen, als den Hauptantrieb zu der größten Reise bekannt gemacht; Conrad hatte davon geglaubt, was er wollte, hatte dieses Vorgeben für nichts gehalten, als für einen der mystischen Nebel, in welchen große Herren so gern ihre Anschläge hüllen. Seine Überzeugung, Ludwigs Fahrt könne nirgends hingehen, als zu Eroberung Jerusalems, nach dem Lande, wohin er sich sehnte, leuchtet noch aus den letzten Worten seiner Erzählung hervor, und man urteile also von seinem Unwillen, von seiner Ungeduld, als er fand, daß man noch schlechterdings gar nicht einig war, wohin man wollte, und daß allenfalls für Tunis noch mehr Wahrscheinlichkeit sei, als für Jerusalem. – Seinen Unmut aufs Höchste zu treiben, fand er auch lange keine Gelegenheit, seine persönlichen Angelegenheiten zu berichtigen. Den Herrn von Joinville fand er nicht bei dem Könige; er traf ihn erst zu Cagliari: aber ihn festzuhalten, ihn, den Mann von immer reger Tätigkeit, ihn, den die Liebe für seinen König und die Sorge um ihn bei den mannigfaltigen Bedenklichkeiten der gegenwärtigen Lage immer mit tausend wichtigen und unwichtigen Dingen beschäftigte, dies gelang Conraden erst unter den Ruinen von Karthago: doch, bis wir dahin kommen, wird es nötig sein, dem Leser, welchem Ludwigs Hof vielleicht noch unbekannter ist, als uns, einige vorläufige Kenntnis von einigen Hauptpersonen desselben zu geben, damit die Züge einiger künftigen Begebenheiten, in welchen sie ihre Rolle spielen werden, desto eher einiges Interesse für ihn haben mögen. Sollen wir von ihm, von Ludwig dem Heiligen anfangen, oder ist dieser verehrens- und bedauernswürdige Fürst dem Leser schon genugsam bekannt, um diese Schilderung unnötig zu machen? Patriarchalische Frömmigkeit nebst echtem Heldenmute vereinigte sich in seinem Charakter mit mittelmäßigem Verstande und einem Grade von Schwärmerei, der diesen zweifelhaften Führer oft ganz verblendete. Man rechne, so viel man will, auf den Charakter seines Zeitalters; die heiligen Abenteuer, auf welche dieser gute König nun schon zum zweiten Male auszog, zeigen doch immer, daß sein Herz besser war, als sein Geist, und die schlechten Mittel, welche er meistens wählte, geringe Endzwecke zu erreichen, drücken diesem Urteile das Siegel auf. Jerusalem zu erobern, wäre nach unserm heutigen Urteile kein großer Gewinn gewesen; und doch würden wir ihm diesen Irrtum verzeihen, hätte er nur seinen Endzweck ernstlich verfolgt und endlich erreicht, worin ihm – man lese seine Geschichte – meistens nur seine Verblendung hinderlich war. Auch jetzt ließ er sich durch ein Hirngespinst von dem Pfade ableiten, und während man in Palästina wirklich nach seiner Hilfe schmachtete, hielt er es für glorreicher, den gefährlichen Zug nach dem todatmenden Gegenden von Tunis zu nehmen, um dort einen Prinzen zu taufen, der nicht getauft sein wollte, und ihn mit seinen lockenden Gesandtschaften zum Besten hatte. Joinville, die zweite Person an Ludwigs Hofe, die wir für unsere Leser aus zwanzig merkwürdigen Charakteren ausheben, sah die Fehler seines Herrn mehr als irgend einer, ohne fähig zu sein, durch Zureden oder beißende Satire, welche ganz in seiner Gewalt war, das Schlimme besser zu machen. Die Zeit romantischer Tatensucht war auch für ihn gewesen; aber zwanzig Jahre hatten seinen Geist gereift, und er begleitete Ludwigen freilich mit mehr heiligem Eifer auf seinem ersten irrenden Ritterzuge in die Gebiete der Ungläubigen, als auf dem zweiten. Joinville war jetzt vierzig, ein schöner, hoch gebildeter Mann, wie sein König, bieder und rechtschaffen, wie er, fromm, aber nicht allzu andächtig, tapfer, und doch ein Feind unnützer Wagnisse, die er nur dann zu billigen im Stande war, wenn sie zur Rettung seines königlichen Freundes nötig waren, und bei den strengsten Grundsätzen doch kein Feind der Freude. Unter seiner Zucht herangewachsen, war der junge Montfaucon der Letzte, den wir von Ludwigs Hofe zu schildern vorgenommen haben, weil er der Einzige ist, der noch einigermaßen in unsere Geschichte eingreift. Wie er unter Joinvilles Vormundschaft kam, davon ein anderes Mal; jetzt nur so viel, daß es ihm auf keine Art gelang, den jungen Menschen nach seinem Sinne zu bilden. Gut und edel ward er, wie sein großmütiger Erzieher, aber für seine Wünsche zu andächtig und zu wenig tapfer; er zog das Schwert nur im höchsten Notfalle, und liebte mehr, mit dem Könige, dessen Kämmerling er war, zu beten und Messe zu hören, als an seiner Seite zu fechten. Seine wahre Herkunft wusste niemand, selbst der Her von Joinville nicht; seinen Namen hielten die meisten für angenommen, und dies gab Anlass zu dem Mißverständnisse, dessen wir nun bald gedenken werden. Der Herr von Joinville mochte spotten, oder ernste Vorstellungen machen; der Zug nach Palästina wurde doch mit dem nach Afrika verwechselt: noch rieten einige auf Ägypten, wo mächtige Bündnisse dem Könige von Frankreich ansehnliche Vorteile versprachen; umsonst: die große Tat, den König von Tunis zum Christen gemacht zu haben, überwog in Ludwigs Augen die wichtigsten Eroberungen. Seltsam genug war es, daß man sich zu einer friedlichen Taufhandlung mit gewaffneter Hand einstellte; Ludwigs gehoffter Pate konnte das leicht in Ungutem vermerken; doch der König von Frankreich dachte, wie er versicherte, hierbei nichts, als den hohen Täufling desto mehr zu ehren, nicht den zu zwingen, den er ohnedies zur Annahme des Christentums willig glaubte. Dass andere, welche sich nach Plünderung der Schätze von Tunis sehnten, im Stande waren, ohne seinen Willen den Weg zu Feindseligkeiten einzuleiten, das bedachte er nicht, bis die Tat vor Augen lag, und ihn nötigte, wider seinen Wunsch das Schwert zu ziehen. Abendgespräche auf der Burg Karthago Gleich das erste von Ludwigen zu Untersuchung des afrikanischen Hafens ausgesandte Schiff brach die Gesetze des Friedens. Feindseligkeiten zogen Feindseligkeiten nach sich; der fromme König konnte nicht mehr steuern; er fand sich zum Kriege hingerissen, da er zum Frieden gekommen war. Alle Waffen wurden angelegt, alle Schwerter entblößt: Conrad von Feuchtwangen brauchte redlich das seinige; wenn, wie und wo, ist in der Geschichte eines Ritters von seiner Art unbedeutend; Wunden und Gefechte kommen, wenn sie sich nicht durch außerordentliche Vorfälle auszeichnen, bei Helden so wenig in Rechnung, als andere alltägliche Vorgänge bei gewöhnlichen Menschen. – Ludwigs Heer litt Mangel an frischem Wasser; Wassermangel in den afrikanischen Flächen voll brennenden Sandes ist eine andere Sache, als in unsern Gegenden. Der Durst brachte die schmachtenden Krieger der Verzweiflung nahe. Endlich fand man eine Quelle in einem Tale, voll alter Ruinen und merkwürdiger Denkmale der Vorwelt, die niemand achtete. Der kleine Bach, der zwischen Sand und Kieseln hervor rann, und schon durch sein leises Murmeln Erfrischung verbreitete, war denen, welche unter dem sengenden Sonnenstrahle dem Tode entgegen welkten, wichtiger, als alle Überbleibsel alter römischer Größe, als alle Inschriften, welche sie damals wohl noch um einige Grade deutlicher und zahlreicher gefunden haben möchten, als die Altertumsforscher, die jetzt diese Gegenden besuchen. – Die klare Silberquelle, von welcher man jetzt Besitz nehmen wollte, war indessen kein so gemeinnütziges Gut, als man an den Ufern der Seine und des Rheins denken mag; das Eigentumsrecht auf sie musste mit Blut erkauft werden. Die Nymphe des Brunnens ward durch ein stattliches Schloß verteidigt, das sich über ihr auf dem Felsen erhob: man musste abermals das Schwert ziehen. Ritter Conrad und Joinville fochten tapferer, als je, um eins der notwendigsten Lebensbedürfnisse; sie ersiegten noch oben drein ihrem Könige den Besitz jener Burg: aber beide waren so schwer verwundet, daß sie auf der gewonnenen Feste unter den Händen der Arzte zurück bleiben mußten, indessen ihre Brüder glorreich ins Tal hinab stiegen, dem durstenden Könige mit dem ersten Becher frisches Wassers die Freudenpost von einer nicht unbeträchtlichen Eroberung zurück zu bringen. – Es war das Schloß von Karthago, das man eingenommen hatte, da man nur gekommen war, einen kühlenden Labetrunk zu gewinnen; ein unbeträchtliches Überbleibsel der stolzen Stadt, welche einst mit Rom um den Vorzug rechten durfte. Joinville lächelte seinem Wundgefährten Conrad, den er im Gefechte lieber gewonnen hatte, als zuvor, traurig zu, da er den Namen der eroberten Burg vernahm. Vielleicht lag der Gedanke in seinen Zügen, daß die Eroberungen, welche jetzt das Gehirn des Königs von Frankreich erhitzten, einst für die Nachwelt auch so ein leichtes Spiel sein würden, als ihnen der heutige Sieg gewesen war; ein Sieg, der den Helden der Vorwelt unsterbliche Lorbeeren um die Schläfe gewunden haben würde. – Ob der deutsche Ritter die Meinung seines Gefährten verstand; ob er seinen viel sagenden Blick gar nur beachtet, weiß ich nicht; denn Conrad war schwerer verwundet, als der Herr von Joinville, und rang noch mit Schmerz und Mattigkeit, da dieser schon als ein Wiedergenesener an seinem Lager sitzen, und ihm durch Ernst und frohe Laune die Stunden kürzen konnte. – »Herr von Feuchtwangen!«, sprach er einst in einer solchen Stunde freundschaftlicher Unterhaltung: »ich erinnere mich, vor einigen Monaten, da ich euch noch nicht genug kannte, um euch zu schätzen, oder euch einen Teil der mir kostbaren Zeit zu schenken, ich erinnere mich, damals von euch mit Ungestüm um Dinge gefragt worden zu sein, die ich weder wusste, noch sonderlich beachtete. Die Rede war von einem gewissen Hermann von Feuchtwangen, den ich nie gekannte habe, von einem verlornen Kinde, von welchem ich Nachweisung geben sollte, ohne daß man mir Zeit und Ort nannte, wenn und wo es verloren und gefunden sein sollte. Ich habe der Sache seitdem reiflicher nachgedacht, und so es euch gefiele, in den jetzigen Stunden der Muße eure Frage zu wiederholen, so könnte ihre Beantwortung euch, wenn auch kein Trost, doch vielleicht Zeitvertreib auf einige Augenblicke geben.« »Ach Herr von Joinville!«, rief der schwache Conrad; »ihr wäret grausam gegen mich! Meine Unruhe betraf und betrifft noch jetzt einen Bruder, den ich vor zwanzig Jahren verlor, und von welchem mir die Königin von Frankreich schmeichelte, ich würde ihn durch eure Hülfe wieder finden.« »Vor zwanzig Jahren?«, wiederholte der Freund König Ludwigs. »Ich dachte, die Rede sei hier von einem unmündigen Knaben.« –. »Ein Knabe war Hermann von Feuchtwangen damals; ich gab ihn unter der Schutz der Königin Margarethe, und der ganze Trost, den ich bei der Nachfrage erhielt, war, dieses Kind sei von ihr in die Hofstatt Roberts, Grafen von Artois, gebracht worden, habe als Page den ersten Kreuzzug des Königs mitgemacht, und sei dann verschwunden, so daß man den Unglücklichen für tot oder in sarazenischer Gewalt achten müsse, wenn nicht Herr von Joinville die Sache anders erläutern könne.« »Und warum ich, Ritter Conrad? ich, der ich mich nie um Graf Roberts Pagen sonderlich bekümmerte?« »Weil euch eben um damalige Zeit der Zufall ein verlassenes Kind in die Hände gespielt habe, dessen Versorger ihr mit christlicher Milde geworden wäret, und um welches ihr jetzt, das es nun durch Jahre zum Manne gemacht worden sein mag, wohl noch einige Wissenschaft haben möchtet.« »Ritter Conrad«, antwortete der Seneschall nach einem kurzen Nachdenken, »die Königin, Frau Margarethe, hat es mit euch gemacht, wie große Frauen, auch die besten, es immer zu machen pflegen. Eigene Vergessenheit hat sie dadurch zu beschönigen gesucht, daß sie euch mit eurem Gesuche an einen andern gewiesen hat. Von Rechts wegen hätte sie von diesem Hermann, der ihr empfohlen ward, die beste Rede und Antwort geben, oder hatte sie Verdacht, daß ich um ihn wüßte, mich selbst schon längst um ihn befragen sollen; aber ich versichere euch, dies hat die gute Königin, ungeachtet ich ihr Angesicht täglich sah, nie getan. Sie schickt euch zu mir; nun wohlan! was ich kann, das will ich tun: allerdings schwebt mir in diesem Augenblicke die Möglichkeit vor, daß ich euch vielleicht einige Befriedigung werde geben können.« »Höret hier ein Bruchstück von meinen Abenteuern in den Ländern der Ungläubigen, und nehmt euch aus denselben, was ihr für euren Zustand dienlich haltet. – König Ludwigs Siege hatten vor zwanzig Jahren so schlechten Fortgang, als ich besorge, daß sie immer haben werden, wenn er sie außerhalb seinem Reiche ausbreiten, und die Gebiete der Muselmannen beunruhigen will. Wir siegten damals; wir gewannen einige nicht unbeträchtliche Plätze; aber zur Hauptsache tat dies wenig, und immer ward uns das Eroberte durch Zufall, Säumseligkeit oder Verblendung wieder entrissen. Es wäre von diesen Dingen gar viel zu sagen: ich denke sie noch einst in ein eigenes Buch zu verfassen, und der Nachwelt zu hinterlassen. – – Wir waren auf einer Flucht begriffen, welche, weil sie durch mancherlei Fehler von unserer Seite veranlasst wurde, eben nicht unter die rühmlichsten zu rechnen ist. Graf Robert war tot, der Graf von Poitiers, der andre Bruder des Königs, gefangen. Der Feind war uns im Nacken; Ludwig, weniger um das Wohl der Christenheit, die in seiner Person gelitten haben würde, besorgt, nahm mit möglichster Vorsicht den Rückzug nach Damiette; ihm folgte, was nur noch halb gesund und fähig war, ein Schwert zu führen. Wir Schwachen und Kranken, deren jene heiße Gegenden viel machen, wie wir auch hier bald erfahren werden, mußten uns in die Fahrzeuge flüchten, welche in einer Bucht des Stroms verborgen lagen. – – Gott weiß, mit welcher Unruhe ich mich von meinem Könige trennte! sie war Vorbedeutung des schrecklichsten Vorfalls, dessen ich mich in meinem verhängnisvollen Lebenslaufe zu erinnern weiß. – Eine qualvolle Nacht hatte ich in Angst und Fieberhitze durchträumt; immer hatte ich Ludwigen gefangen oder tot vor Augen gesehen, als ein fürchterliches Geräusch mich ein wenig aus meinem schweren Schlummer erweckte. – Was heißt Erwachen bei einem Kranken, wie ich damals war? Übergang aus einem Traume in den andern. Es war über Nacht schlimmer mit mir geworden: die Kälte des Wassers, die Unbequemlichkeit des Nachens, der Mangel an Wartung hatten mich manchen Schritt näher zum Grabe gebracht. Ich hatte von meinen Leuten niemand bei mir behalten, als einen, der nur wenig Grade stärker war, als ich; alles, was gesund und stark war, musste dem Könige folgen. – Mein kranker Wärter, der das, was meine stumpfen Sinne dunkel vernahmen, deutlicher sah, wählte wohl das rechte Mittel, mich aus meiner totenähnlichen Unempfindlichkeit zu wecken; er rief mir in die Ohren, Ludwig sei gefangen, und wir in der Gewalt der Feinde. Mit einer unnennbaren Empfindung fuhr ich auf; den ersten Teil der Nachricht fühlte mein Herz, den andern sahen meine Augen, die ich jetzt weit öffnete, und rund um mich den Strom mit feindlichen Fahrzeugen bedeckt, um und neben mir die Luft mit Pfeilen und Klumpen griechischen Feuers erfüllt sah. Ein Tropfen des tödlichen Regens, der auf meinen Diener fiel, stürzte ihn tot neben mir nieder. Dass der nächste Schlag mich treffen möchte, war mein Wunsch, indem ich zu neuer Bewußtlosigkeit auf mein elendes Lager zurück sank. – ›Hier gilt es Verlust der Freiheit oder Tod!‹ donnerte mir nach einer Weile eine andere Stimme in die Ohren. ›Herr von Joinville, was wählet ihr? Wir sind im Begriffe, den Tod in den Wellen zu suchen, und so vereint ins Paradies zu fahren. Wollt ihr unser Gefährte sein?‹ – Ich konnte nicht antworten, sondern deutete mit der Hand auf eine kleine Kapsel mit einigen heiligen Reliquien, die eine Spanne weit von mir lagen, ohne daß meine Hand sie erlangen konnte. Man reichte sie mir; ich küßte sie mit mehrerer Inbrunst, als ich vielleicht in meinem Leben getan hatte, und gab dann ein Zeichen, sie ins Wasser zu werfen. Das Behältnis umschloß noch verschiedene andere Sachen, welche mir zu teuer waren, als daß ich den Gedanken hätte dulden könne, sie in den Händen der Ungläubigen zu sehen. Der Mann, der mich zur Reise nach dem Paradiese einlud, verstand das, was ich tat, als Einwilligung in seinen Entschluss, bei welchem nur zwei oder drei lebensmüde Helden eingestimmt hatten; die andern zogen die Gefangenschaft dem Tode vor. Ich war allein mit denen, welche mich zum Sterbensgenossen erwählt hatten. Sie kehrten, ohne weitere Rücksprache mit mir, den Kahn so, daß er das Übergewicht nach dem Strome erhielt: er schwankte und sank. Ich fühlte die Kälte des Wassers; ich dachte zu sterben; aber auf einmal war's, als trügen mich hülfreiche Arme empor: die Kälte wich, und es schlang sich um meinem erstarrten Leib, wie sanfte, wärmende Gewänder. Was weiter mit mir vorging, weiß ich nicht. Als ich mich erholte, Gott weiß, nach wie vielen Stunden dieses geschah, sah ich mich in einem der feindlichen Schiffe, rund umher Geräusche und Unordnung, um und neben mir nichts, als wilde Gesichter der Ungläubigen. – Ein Mann, der mir der nächste war, zeichnete sich vor andern aus; er trug die Kleidung eines gemeinen Sarazenen; aber Mitleid und Milde, die aus seinen Augen sprachen, machten ihn zu einem Halbgotte unter wütenden Ungeheuern. Meine matten Augen hingen, so oft sie sich ein wenig öffneten, an ihm mit Liebe und Dankbarkeit; es war, als wüßte ich bereits, was ich ihm zu danken habe, mein Leben. Dass er es war, der mir es erhielt, erfuhr ich erst spät, erfuhr ich nicht aus seinem Munde. Als ich aus dem umgestürzten Nachen in den Strom gleitete, und von den Wellen hinab getragen wurde, da zog ein günstiges Geschick seine Augen auf mich, und erfüllte sein Herz, ich weiß nicht, mit welchem wohlwollenden Erbarmen gegen meine Hülflosigkeit. Er warf sich in den Strom, und schwamm mir nach, bis er mich erreichte. Darauf nahm er mich auf die Schultern, und trug mich an den Bord eines sarazenischen Schiffs. Ich traue es seiner uneigennützigen Vorliebe und seiner Kenntnis von der Grausamkeit seiner Gefährten zu, daß er mich gern noch besser geborgen hätte. – Er trug mich dem Tode in den Rachen: drei Mal berührte das Mordmesser bereits meine Kehle, um aus meinem Kopfe ein elendes Geld zu lösen, das auf das Haupt jedes Christen gesetzt war; und drei Mal rettete mich mein Schutzengel mit dem Vorgeben, ich sei ihm bekannt, sei ein Vetter des Königs, der sich mit großem Gelde lösen werde – Diesen klüglich erdachten Fund flüsterte er mir zu, so bald er mit mir allein war, und mich fähig glaubte, seine Worte zu verstehen. ›Herr‹, sagte er leise, ›bleibt bei dem was ich zu eurem Besten ersann, ihr seid des Frankenkönigs Bruder oder Oheim; je näher ihm verwandt, je besser! Dies erhält euch das Leben, und mir die Erlaubnis, euch zu bewachen.‹ ›Wer bist du‹, fragte ich, indem ich ihm meine Hand dankend reichte, ›und was bewegt dich, um mich zu sorgen?‹ ›Ei nun‹, sagte er lachend; ›ihr seid ein Mensch wie ich; dies ist mir genug! Wollte Gott, ich hätte alle eure Gefährten mit euch retten können! Bleibt ihr nur bei dem, was ich sage, und kümmert euch um nichts.‹ Am Abend brachte er mir einige Labung und etwas Arzenei, die ich ohne Bedenken von seinen Händen nahm, und dadurch sein Herz noch mehr gewann. – ›Ihr müßt ein guter Mensch sein‹, sagte er, ›weil ihr einem andern nichts Böses zutrauen könnt. Da sind viel von euren gefangenen Gefährten, welche in jedem Tropfen, den ihnen ein Muselman reicht, Gift und Tod zu trinken glauben!‹ ›Billah‹, erwiderte ich, ›warum solltest du den vergiften wollen, dem du das Leben rettetest?‹ ›Ihr habt Recht‹, sagte er; ›denn ich meine es gut mit euch: auch will ich euch, ehe mich der Kriegsdienst weiter ruft – Gott gebe, daß ihr bis dahin genesen seid – noch einen Beweis geben, daß ich viel auf euch halte.‹ Ich genas unter Billahs Wartung zusehends; auch wusste er zu leiblicher Labung mir Trost für meine bekümmerte Seele zu geben. Meinem Könige gehe es wohl, sagte er; er sei in Turanschahs Händen; ein königliches Lösegeld nebst einigen Festungen werde ihn bald frei machen. ›O ist Ludwig frei‹, rief ich, ›so werde ich auch frei werden!‹ ›O, wäret ihr es schon!‹, sprach er. ›Macht euch indessen so wichtig, als ihr könnte, und versprecht zur Ranzion, was ihr nur halten könnt!‹ ›Was aber gebe ich dir, du Edler‹, rief ich, ›für deine mehr als brüderliche Treue?‹ ›Laßt das!‹, erwiderte er. ›Ehe wir scheiden, sollt ihr erfahren, womit ihr mir dienen könnt.‹ Billah blieb mein Hüter, bis wir nach Mansura kamen. Eine Stunde vorher, ehe ihn der Befehl seiner Obern weiter rief, trat er nach kurzer Abwesenheit in mein Zelt, mit einem kleinen Knaben an der Hand, den er mir zuführte, und ihm befahl, ein Knie vor mir zu beugen. ›Herr‹, sagte er zu mir, ›wenn ihr meint, daß ich mich eurer erbarmt habe, da ihr dem Tode nahe wäret, so erbarmt euch dieses hülflosen Kindes, das ich nicht weiter zu schützen vermag. An den Ufern des Nils ward es mir von einem alten Christen, der, nachdem ich ihm den letzten Labetrunk gereicht hatte, in meinen Armen verschied, anvertraut. Wer der Knabe ist, und wem er angehört, weiß ich nicht; ein Christenkind ist er einmal, und also bei einem Christen am besten aufgehoben.‹ – Mir drangen die Tränen aus den Augen ob den Taten des edlen Mannes: die Worte, welche mir mein Herz gegen ihn eingab, wurden durch die Bewegung, in welcher ich mich befand, gehemmt; auch hielt er sich nicht länger bei mir auf, drückte noch ein Mal meine Hand, und verließ das Zelt. Nie habe ich ihn seit der Zeit wieder gesehen. An jenem Tage werde ich ihn unter den frömmsten Bekennern des Christentums glänzen sehen.« »O Gott!«, unterbrach hier Conrad den Erzähler; »ich ahnde in diesem Knaben meinen verlornen Bruder. Redet, redet, edler Joinville! was sagte er? nannte er sich nicht Hermann von Feuchtwangen?« »Er nannte sich gar mit keinem Namen, der ihn kenntlich machen konnte; als der König frei ward, und wir andern auch frei wurden, machten verschiedene Umstände, welche ich und mein Freund uns zusammen reimten, daß wir dieses Kind für den Sohn eines Ritters von Montfaucon hielten, welcher in der sarazenischen Gefangenschaft gestorben war, und es nach dem Namen seines geglaubten Vaters nannten.« »Und gar nichts, gar nichts sagte er von sich selbst? O diese kluge Zurückhaltung lehrt mich meinen Bruder Hermann kennen!« »Ob bei diesem Kinde viel von kluger Zurückhaltung zu erwarten war, weiß ich nicht; wahr ist's indessen, daß ich ihn nie von etwas sprechen hörte, das sich auf seinen vorigen Zustand bezog: nur den Namen des alten Christen nannte er, der ihn sterbend Billahs Händen anvertraut hatte.« »Und dieser war?« »Arnold, wo ich nicht irre.« »Arnold? Arnold von Winkelried? – Himmel! Himmel! nun wird alles klar; es ist mein Bruder! er ist es! – O redet, Herr von Joinville! sagt mir, lebt Hermann von Feuchtwangen? und werde ich ihn bald sehen?« »Herr Ritter!«, lächelte der Seneschall König Ludwigs; »ich hatte da noch einen ganz artigen Rückstand hörenswürdiger Begebenheiten euch zu erzählen; aber ich merke wohl, ihr seid nun nach nichts begierig, als nach diesem Montfaucon, den ihr für euren Bruder haltet. Ob er es ist, das muss sich ausweisen. Er lebt, und ihr könnt ihn sehen, so bald ihr im Stande seid, dieses Schloß zu verlassen, und mit mir ins Lager zu gehen. Wahrscheinlich habt ihr ihn schon unter den Kämmerlingen des Königs mehr als ein Mal gesehen; und wenn er und euer Hermann eine Person sind, so halte ich von nun an nichts mehr von der gerühmten Stimme der Natur, da sie euch nicht bei seinem Anblicke sogleich den Brudernamen zurief.« Conrad verlor sich in Gedanken, ob unter König Ludwigs Hofleuten einer sei, in dem er sich seinen Bruder denken oder wünschen könnte; er fand nichts, und musste die Befriedigung seiner unruhigen Erwartungen auf die Zeit aussetzen, die ihm Joinville angegeben hatte. – Von seiner Geschichte verlangte er nun freilich nichts weiter zu wissen; aber desto zahlreichere Fragen hatte er über den so genannten Montfaucon. Joinville wusste sie mit nichts zu beantworten, als daß dieser junge Fremdling sehr bald aus seinen Händen unter höhern Schutz gekommen sei. »Der König gewann ihn lieb«, fuhr er fort; »er nahm ihn unter seine Pagen, dann unter seine Kämmerlinge; auch unter seine Ritter würde er ihn aufgenommen haben, wenn der junge Mensch Lust zu den Waffen bezeigt hätte.« »Hermann keine Lust zu den Waffen?«, wiederholte Conrad. »Ihr seid so fest überzeugt, daß dieser junge Mann euer Bruder ist«, erwiderte Joinville, »daß ich nicht weiß, wie ich mich gegen euch erklären soll. Beruhigt euch indessen; ihr werdet ihn bald sehen, und euch überzeugen, daß ihr euch seiner nicht zu schämen habt, wenn es uns auch nicht gelungen ist, einen Helden aus ihm zu bilden; eine Sache, welche vielleicht euch vorbehalten war.« Die Befreiung von Tunis Die Gemütsbewegungen, welche der letzte Teil von Joinvilles Erzählung erregte, waren für den verwundeten Conrad zu heftig gewesen. Die Freude, einen als Knaben verlornen Bruder als Mann wieder zu sehen, die Sorge um ihm, die Gedanken, die er sich seinetwegen machte, hatten seine Genesung um mehrere Schritte zurück gesetzt. Eben darum musste er noch mehrere Tage länger das Bett hüten, weil er vor Ungeduld starb, es bald werden zu können. Mittlerweile gewannen die Angelegenheiten der Kreuzfahrer, die sich Tunis naheten, um die Bekehrung des dasigen Königs endlich zu Stande zu bringen, ein immer bedenklicheres Ansehen. Der Fürst, der den guten, frommen Ludwig erst durch täuschende Gesandtschaften hierher gelockt hatte, wollte sich nun zu nichts von dem Versprochenen bequemen. Zwang sollte vielleicht von Seiten Ludwigs an die Stelle der Güte treten. Der König von Tunis trug wenig Belieben, denselben zu erwarten. Man sandte Botschaften hin und her; man bedrohte sich; man machte Anfang, die Drohungen auszuführen. Die Belagerung von Tunis war beschlossen. Mostanser Billah, – der Name des afrikanischen Königs, wenn wir ihn noch nicht genannt haben, – lachte heimlich, und war sicher. Er kannte die fromme Saumseligkeit, welche einen Teil von Ludwigs Charakter ausmachte; ehe alles, was er vorhatte, durch Gebete und Wallfahrten genug geweiht und vorbereitet war, konnte sich manches begeben, das der Sache eine andere Wendung gab; auch fehlte es dem barbarischen Fürsten nicht an Mitteln, Ludwigen bei seinem Zögern zu erhalten, nicht an geheimen Einverständnissen im christlichen Lager; man weilte dort, und weilte, bis fürchterliche Ereignisse eintragen, welchen die Klügern lange mit Grauen entgegen gesehen hatten, und die alle Furcht der Muselmanen zunichte machen mußten. »Über die Sandgefilde von Afrika, so stiefmütterlich sie auch von der Natur bedacht sind, wacht ein schützender Genius, seinen Kindern das Eigentumsrecht ihrer dürren Wüsteneien zu erhalten; keiner der sanftem Söhne des Äthers, nein, ein Geist wilder, rächerischer Art, vielleicht jener ägyptische Würgengel, der in einer Nacht tausend Väter ihrer ersten Söhne beraubte: nur bestimmte Zeit duldet er Fremdlinge unbeleidigt in seinen Regionen; ist diese verflossen, so ruft er dem verheerenden Winde aus der Wüste, und den todatmenden Dünsten des Stroms: sie erheben sich, und erfüllen die Luft mit den Samen zu tödlichen Krankheiten, und hauchen Gift auf Speise und Trank. Die eingedrungenen Gäste genießen in den Nahrungsmitteln den Tod, ziehen ihn mit Wasser und Luft ein; sie sinken hin und sterben, ohne daß die Einwohner nötig haben, sie durch des Schwerts Gewalt zu vertreiben.« Diese Worte eines der morgenländischen Schriftsteller, die von diesen Dingen geschrieben haben, wurden sehr bald auch an Ludwigen und seinem Heere erfüllt. Hier und da begann schon einer und der andere welkend das Haupt zu senken. Hitze, ungesunde Luft, verdorbenes Wasser, schlechte Lebensmittel, Nachlässigkeit in Begrabung der Toten vermehrte das Übel; und nicht lange, so verbreitete sich die fürchterliche Seuche im ganzen Lager. Der gemeinen Soldaten starben viele in einem Tage; die Großen wussten sich etwas besser zu schützen, selbst der König, der sich sonst nicht besser, als der gemeinste Krieger, hielt, war genötigt, um das Leben eines geliebten Sohns zu retten, aus dem Lager auf eine nahe gelegene Burg zu fliehen. Dort war es, wohin der treue Freund und Tröster, Joinville, zu ihm beschieden ward. Er musste den schwachen Conrad verlassen, der vor Ungeduld brannte, ihm zu folgen, und auf das Schreiben, das er am dritten Tage von dem Seneschall erhielt, auch wirklich folgte, ungeachtet noch viel zu seiner völligen Genesung fehlte. So schrieb Joinville: »Der Graf von Nevers, der Sohn des Königs, ist tot. Ludwig, welcher dieses als Strafe des Himmels ansieht, weil er ihn durch Flucht dem Tode entreißen wollte, kehrt in das Lager zurück, wo bereits alles von Kranken und Leichen wimmelt. Was wird die Folge dieses gewagten Schrittes sein? O der Tod würde uns wohl hier gefunden haben! wir hatten nicht nötig, ihm in den Rachen zu eilen! – Ich zittre für meinen königlichen Freund; kennt Ritter Conrad hier auch einen Freund, vor dem er zu zittern hat, und den er diesseits des Grabes noch umarmen möchte, so eile er herbei. Wer weiß, wer den künftigen Morgen erlebt. Montfaucon, dem ich etwas von unsern letzten Gesprächen sagte, schmachtet, seinen Verwandten kennen zu lernen.« Ein wieder gefundener Hermann Conrad fand im Lager die größte Unordnung. Die Seuche hatte in der kurzen Zeit, welche zwischen der Einladung des Seneschalls und der Ankunft des Geladenen verfloß, einen fürchterlichen Fortgang gehabt; die Ebene, welche von den französischen Gezelten bedeckt wurde, glich mehr einem großen Siechhause, als einem Heerlager. Die Vergiftung der entzündeten Luft ward mehr als einem Sinne merkbar, so wie man sich der Gegend näherte, welche mit einem bläulichen, übel riechendem Dunste bedeckt war. Kranke, Tote und Trauernde traf man auf jedem Schritte; auch die, welche den Namen von Gesunden führten, hatten ein bleiches, schmachtendes Ansehen, und aus ihren hohlen Augen sprach die Gewißheit, bald das zu werden, was ihre beweinten Brüder waren. Das Entsetzen, welches hier herrschte, war diesen Morgen durch die Zeitung vermehrt worden, welche sich allgemach ausbreitete, und die man lange genug verschwiegen hatte, um es nun nicht länger zu können. Auch der König, der gute Vater seines Volks, von ihm aufs innigste geliebt, ungeachtet er es hierher den Weg zum Grabe geleitet hatte, auch er sei gefährlich befallen worden, befallen mit der hier wütenden Seuche, die uns die Geschichtsschreiber nicht scheußlich genug beschreiben können. Conrad fand viele der Krieger, die wohl um sich und ihre nächsten Freunde zu trauern hatten, weinend und händeringend über den Tod des guten Königs, den man vor Augen sah, und hier und da schon als geschehen beklagte. Ludwig lebte noch; aber die Bestätigung seiner äußersten Gefahr fand der deutsche Ritter in den Augen des Herrn von Joinville, der ihm, sobald er sich den königlichen Gezelten nahte, entgegen kam. »O Herr von Feuchtwangen!«, schrie der Freund des Königs von Frankreich; »wozu habe ich euch eingeladen? zur Trauer um das, was ihr kaum wieder gefunden habt! Vielleicht zum eigenem Tode! – O kehrt zurück! kehrt zurück, wenn ihr euch noch retten wollt! Wäre das Übel hier bereits so verzweifelt gewesen, da ich meinen Brief abgehen ließ, als es nun ist, ich hätte ihn nicht geschrieben.« »Da hättet ihr unrecht getan, Herr von Joinville!«, versetzte Conrad. »Die Kranken bedürfen der Wartung der Gesunden; für völlig gesund halte ich mich, seit ich in diesen Gegenden bin: auch ihr seht noch ganz wohl aus; wir beide können hier mächtig viel Gutes schaffen.« Joinville schwieg und weinte; denn er dachte an Ludwig. »Was macht der König?«, fragte Conrad, der den Gegenstand von Joinvilles Gedanken erriet. »Er ist äußerst schwach.« »Kann ich ihn sprechen?« – – »Unmöglich! er sieht niemand mehr, als seinen Beichtvater, mich, und die Personen, welche unmittelbar zu seiner Wartung nötig sind.« »Aber meinen Bruder?« »Den Herrn von Montfaucon? Schwerlich. Er kommt fast nicht von dem Könige. Ich besorge, der Grund zu seinem eigenen Tode ist an Ludwigs Krankenlager schon gelegt. Montfaucon ist ein geborner Hospitaliter; er tut offenbar zuviel. Was allen zusammen zu schwer ist, verrichtet er allein! – Ich weiß nicht, ob wir ihn zu sehen bekommen, bis das Ärgste, das ich für unvermeidlich halte, erfolgt ist. Doch folgt mir! Gelingt es mir, den Namen seines Verwandten vor seine Ohren zu bringen, so erscheint er uns vielleicht wenigstens auf Augenblicke.« Der deutsche Ritter folgte dem Seneschall in das Zelt, das dem königlichen das nächste war. Leise Botschaften von Ludwigs Krankenlager wurden hier mit Gebeten und Tränen vermischt, von Einem zum Andern geflüstert. Joinville ging ab und zu. Der Mann, in welchem Conrad einen Bruder zu finden hoffte, erschien nicht. Er dachte vor Ungeduld, Angst und Kummer zu vergehen. Endlich gegen die Nacht kam der erwünschte Anblick. In Joinvilles Arme trat ein schlanker, bleicher Jüngling, welcher dem Herrn von Feuchtwangen die Rechte entgegen streckte, und ihn mit einem: »Ist's möglich! Ist's möglich?« bewillkommte. Conrad sah eine Gestalt, die er unter den Höflingen des Königs sehr oft bemerkt hatte, die ihm aber immer, so schön sie auch sein mochte, sehr gleichgültig gewesen war. Wenigstens den wackern Hermann, der schon in seinem zehnten Jahre höhern Wuchs und mehr Männlichkeit versprach, als dieses zarte Geschöpf, ihn, den er jetzt als einen dreißigjährigen, völlig ausgebildeten Helden wieder zu sehen hoffte, hätte er in dieser Gestalt nicht vermutet. * »Ist's möglich«, schrie Montfaucon, »für den, der so lange Jahre nie einen Verwandten kannte, in dem bewunderten Ritter Conrad von Feuchtwangen so nahe am Grabe noch einen zu finden?« »Und ihr seid also wirklich mein Bruder?«, stammelte Conrad. »Bruder, oder wie ihr mich nennen wollt! mir ist's genug, daß ich euch angehöre! – Himmel! Himmel! so werde ich also nicht ganz verlassen sterben! so werde ich die Geheimnisse meines Herzens vor meinem Tode noch in einen verwandten Busen ausschütten können! So wird noch jemand sein, der mir über die dunklen Tage meines frühern Lebens ein Licht aufstecke! Herr von Feuchtwangen, ihr wisst ohne Zweifel alles, und von euch werde ich erfahren« – – – Hier eine Botschaft vom Könige, der Herr von Montfaucon sollte eilig kommen, um den hohen Kranken beim Gebete zu unterstützen, das er, so schwach er war, immer auf bloßer Erde kniend zu verrichten pflegte. Der junge Mensch schüttelte seinem neu gefundenen Bruder noch einmal mit einer Träne im Auge die Hand, und flog dahin, wohin man ihn rufte. Joinville ging mit ihm, und es war Conraden also nicht möglich, das, was er dachte, gegen irgendjemand laut werden zu lassen. Er verließ das Zelt, und ging ins Freie. Allzu weit durfte er sich nicht entfernen, weil er nicht wusste, was für wichtige Augenblicke er vielleicht durch seine Abwesenheit versäumte: er wählte also zu seinem Spaziergange den Begräbnisplatz, wo sich in wenig Tagen Totenhügel zu Totenhügeln gehäuft hatten, und den man – freilich sehr schicklich – wie es denn in diesem Lager nicht an seltsamen Anstalten fehlte – in der Nähe des königlichen Zeltes gewählt hatte. Conrad ging in Gedanken verloren zwischen Gräbern umher: doch waren Grab und Tod nicht das Einzige, was ihn hier beschäftigte; dieser neu gefundene Bruder, dieser seinsollende Herrmann riss all seine Aufmerksamkeit an sich. Es war unmöglich; er konnte es nicht sein. Wuchs, seine Züge, sein Charakter, nichts stimmte mit dem Bilde überein, das er sich aus Hermanns Knabenjahren von seinem männlichen Alter machen konnte; und sein mutmaßliches Alter, selbst dieses gab reichlichen Stoff zu neuen Zweifeln. Conrad konnte nicht begreifen, wie dieser zarte Jüngling vor zwanzig Jahren schon als Kind in die Hände des Seneschalls könne gekommen sein. Der schüchterne Blick der Weltunerfahrenheit, die sanfte süß tönende Stimme, selbst die Leichtgläubigkeit, mit welcher dieser Montfaucon gleich bereit war, den, der sich seinen Bruder nannte, voll Entzücken aufzunehmen, und ihm volles Zutrauen zu schenken, selbst das weiße mit blauen Adern durchzogene Kinn, um welches sich noch kein Härchen krümmte, sprach von seiner Jugend, und ließ ihn glauben, Joinville habe ihn mit der ganzen Erzählung zum besten gehabt. Doch war dies wohl die Zeit zu ähnlichen Scherzen? hätten sie nicht wenigstens heute widerrufen werden müssen? heute, da alles hier das traurigste Ansehen trug? – Während Conrads Anwesenheit auf dem Begräbnisplatze öffneten sich mehrere Gräber, neue Leichname zu empfangen, man gab ihnen ur wenige Hände voll Erde; damit die Seuche ja unaustilgbar bliebe, so lange ihr gieriger Zahn hier noch Menschenleben zu würgen fand. * Conrad nahm sich ernstlich vor, mit dem Seneschall, so bald er ihn sähe, auch hierüber zu sprechen; aber als dieser erschien, kein Wort weder von Montfaucon noch von den schlecht verwahrten todatmenden Grabhügeln: die Nachricht, die der Ankommende im Munde führte verscheuchte jeden andern Gedanken, und ließ Conraden auf einige Zeit sich selbst vergessen. »Ach!« schrie Joinville, dem man den Ort, wo der deutsche Ritter sei, gemeldet hatte, und der sich ihm jetzt mit dem höchsten Ausdrucke des Schmerzens in seine Arme warf: »ich kann ihn nicht sterben sehen, ich kann den besten König nicht sterben sehen! Alles, alles ist vorüber, nach einigen schrecklich durchkämpften Stunden – das öftere Brustschlagen und der Name der heiligen Stadt, der fleißig über seine Lippen ging, zeigte von seinen Sorgen – liegt er nun in Totenmattigkeit, stille, sprachlos und mit lechzender Zunge. Die Arzte sagen, einige Tropfen kühles Wasser können ihn laben, vielleicht retten; aber ist das Wasser, das wir hier haben, auch ein Labetrank? Eher findet ihr bei uns die teuersten Weine, als das, was in unserm schönen Europa Erquickung des gemeinsten Bettlers ist!« »Wasser? kühles Wasser?«, schrie Conrad; »das mangelt euch? sah ich nicht bei meiner Überkunft in dem Wäldchen, eine Viertelstunde vom Lager, einen klaren Quell? Und das ist euch unbekannt? Doch keine Beschreibung dessen, was eure verblendeten Augen übersahen! Lebt wohl, Seneschall! in kürzerer Zeit, als ihr denken mögt, bin ich wieder bei euch, eurem Könige die Labung zu bringen, nach welcher er schmachtet.« Zweifel Der kühle Felsbrunnen, aus welchem sich Conrad vermaß, dem Könige von Frankreich Gesundheit und Leben zu schöpfen, war nicht so leicht wieder zu finden, als er dachte. Er wusste gar eigen, daß er selbst sich gestrigen Tages im Vorüberreiten daraus erquickt hatte: aber jetzt täuschte ihn entweder die Nacht, oder das böse Wesen, das hier überall zum Verderben der Christenheit die Hand im Spiele hatte, saß bei der Quelle, deren Genuss er seinen Feinden beneidetet, und deckte sie mit Rabenfittich, oder mit dem bläulichen Nebel, der hier alle Gegenstände verhüllte. Der deutsche Ritter suchte die ganze Nacht, suchte den größte Teil des folgenden Tages vergeblich, und kehrte endlich unverrichteter Sache, und selbst bis zum Tode durch Durst und Müdigkeit erschöpft, nach dem Lager zurück, wo ihm die Post von dem Tode des Königs entgegen kam. Laute Tränen flössen über das Absterben des guten Vaters, des heiligen Mannes, des frommen Helden, und wie die Beinamen alle heißen mochten, welche man hier einem Könige, einem Könige der Franzosen, dessen Andacht dem Lande teuer zu stehen gekommen war, mit unverstelltem Herzen beilegte. * Conrad strebte vergebens, jemand von seinen Bekannten unter den Leuten des Königs zu sehen: es war tief in die Nacht, da erst Joinville ihn aufsuchte. »O Herr von Feuchtwangen!«, rief er; »was für Stunden haben wir seit eurem Abschiede von gestriger Nacht durchlebt! – Nichts von Ludwigs Tode! ich weiß, ihr beklagt ihn, wie alle Welt ihn beklagen muss; aber fasset euch! das Verderben tritt eurem Herzen noch näher. Euer wieder gefundener Bruder! Mein armer Montfaucon! – Kommt! eilt, wenn ihr ihn noch lebend finden wollet! – Aus Treue gegen seinen Herrn, und um nur den Dienst bei ihm ungestört verwalten zu können, hat er verborgen, daß er insgeheim schon längst von der Seuche angesteckt war; jetzt nach Ludwigs Tode zeigt sich's, daß er geleistet hat, was alle menschliche Kräfte übersteigt! Er konnte sich fast keine Stunde länger halten; er liegt ganz darnieder, und die lange unterdrückte Krankheit reißt ihn mit so mächtigen Schritten zum Grabe, daß ich nicht weiß, wie wir ihn finden werden, ob er gleich vor einer Viertelstunde noch Besonnenheit genug hatte, seinen Bruder zu nennen, und nach ihm die ängstliche Sehnsucht zu bezeigen.« Conrad setzte, während sein Gefährte sprach, an seiner Seite emsig den Weg fort, der ihn zu dem Sterbebette des jungen Menschen führen sollte. Er schwieg, und indessen der Seneschall sich in Ausrufungen über die starke Stimme der Natur erschöpfte, welche hier einen Bruder den andern so schnell habe kennen und lieben gelehrt, wusste er gar nicht, was er von der Sache denken sollte. Sie traten in Montfaucons Zelt, welcher eben die Augen öffnete, und Conraden erkannte. »Ihr seid es! ja, ihr seid es, mein neuer Bruder!«, sprach er, als Feuchtwangen näher zu seinem Lager trat. »O warum nicht ehe! nach einer verwandten Seele hatte ich so lange geseufzt! – Seht, ich muss sterben! – ich empfehle euch meinen Leichnam; schützt ihn vor Beschimpfungen, und beerdigt ihn nicht eher, bis ihr den Anfang dieser Blätter gelesen habt: ich habe sie längst auf einen Fall, wie der heutige, geschrieben.« Conrad suchte zwischen diese schwachen, mühsam und in langen Zwischenräumen gesprochenen Worte oft etwas einzuschieben; aber der Kranke wehrte ihm durch Zeichen des Unwillens, und reichte ihm die Schrift, von welcher er sprach, so unablässig zu, daß Conrad, der jetzt mehr Zweifel hatte, als jemals, sie endlich nehmen musste. »Noch eins!«, setzte er leise hinzu, als der Seneschall sich ein wenig vom Bette entfernte. »Laßt mein Geheimnis euch heilig sein, selbst der gute Joinville darf es nie erfahren: was den Inhalt dieser Blätter anbelangt, so diene er besonders, euch die Namen Hermann und Adelheid unvergeßlich zu machen. Ach mein Bruder! wie viel hätte ich euch hierüber zu sagen!« »Hermann und Adelheid?«, schrie Conrad. »Also wär's doch gewiss, daß ich in euch meinen verlornen Bruder wieder fand?« »Zweifelt ihr noch hieran?« – lallte der Kranke – »O dies fehlte noch, mir meine letzten Stunden schwer zu machen! Was habe ich für eine andre Stütze, als euren Glauben?« »Wir haben keine andre Stütze, als den Glauben der Christen«, rief hier der Beichtvater des Königs, welcher gerufen worden war, den sterbenden Montfaucon zu trösten, und der die letzten Worte, die er aus seinem Munde hörte, ganz falsch verstand. Conrad stand auf, ihm Platz zu machen, wohl recht unwillig, in einem Gespräche von solcher Wichtigkeit gestört worden zu sein. Vielleicht fühlte selbst der fromme Montfaucon hierüber einiges Mißvergnügen. Ach die Zeit zu Erklärungen diesseits des Grabes war verlaufen! Conrad hatte den ganzen Tag über nicht wieder Raum, mit dem Kranken zu sprechen. Die nächste Stunde, in welcher er mit ihm allein war, war bereits Verstand und Sprache des guten Jünglings dahin, und er entschlief noch in selbiger Nacht in seinen Armen. Auflösung Der Anschein mochte sein, welcher er wollte, so glaubte doch Feuchtwangen große Ursache zu haben, zu zweifeln, ob es der verlorne, der so ängstig gesuchte Hermann sei, der jetzt an seinem Busen verschieden war. Doch in diesen Augenblicken kam diese Ungewißheit nicht in Anschlag: er beweinte den Entschlafenen eben so herzlich: als hätte er den Namen wirklich mit Recht führen können, welcher nächst den Tröstungen seiner Religion das einzige Labsal seiner scheidenden Seele gewesen zu sein schien. Sein unverstellter Kummer machte die Umstehenden noch gewisser, er sei dem guten Montfaucon so nahe verwandt gewesen, als er glaubte, und niemand bezweifelte ihm hier das Recht, der Ausrichter seines letzten Willens zu werden, wozu er selbst ihn bestimmt hatte. Conrad nutzte, nach der Bitte des Verstorbenen, den ersten Augenblick der Einsamkeit, die Blätter zur Hand zu nehmen, deren Beherzigung er ihm noch vor Beisetzung seines Leichnams empfohlen hatte. Er öffnete, er las einige Blätter, warf die Schrift voll Erstaunen auf die Seite, und eilte zu den kalten Überbleibseln des Schreibers, seine Augen mit dem höchsten Ausdrucke der Verwunderung auf sein schönes Gesicht zu heften, welches die sanften Züge eines ruhig Schlafenden zeigte. Tränen überströmten seine Wangen, so wie er stand und schaute; er verlor sich in Betrachtungen; doch ein Geräusch von außen störte ihn: noch ein Kuss auf Montfaucons kalte Hand, und dann die unbefangenste Miene, welche er annehmen konnte, gegen den Eintretenden. Man kam, den Leichnam zu waschen und zu salben; Conrad verwehrte es. »Ich finde«, sagte er; »mein Bruder wünscht bloß in das heilige Gewand gehüllt zu werden, das er einst von einer Reise nach dem heiligen Grabe zurück brachte, und verbietet alle weiteren Umstände bei seiner Beerdigung.« Man machte Einwendungen; aber Conrad beharrte auf seiner Meinung, und wich, um der Erfüllung seines Willens desto gewisser zu sein, nicht von dem Leichname desjenigen, den er jetzt so oft als möglich seinen Bruder nannte, bis ein Hügel von Erde ihn auf ewig der Neugier aller Lebendigen entzog. Die Zeit, welche bis dahin verflossen war, hatte er dem Lesen der Blätter gewidmet, deren Inhalt wir unsern Lesern mitteilen müssen, wenn wir die Bewegung unsers Conrads und seine Handlungen rechtfertigen wollen. Montfaucon »Noch immer irre ich einsam und freundlos in der Welt umher, wo ich keinem menschlichen Wesen angehöre. O wo bist du, wo bist du, dessen Anblick ich, so lange ich denken lernte, vom Himmel erflehte, Mann oder Weib von meinem Blute, zu dem ich sagen kann, du bist mir näher, als alle andern? Aber wie soll ich dich finden? kenne ich auch selbst so viel von meinem Ursprünge, um dich in Irrgängen zurecht zu leiten, worin du dich so hülf- und ratlos verirrst, als ich? – Vielleicht bist du bereits tausend Mal vor mir übergegangen, ohne mich zu kennen! wer will den Zauber lösen, der unser beider Augen gefangen hält? Hermann und Adelheid, ihr teuren, ihr einzigen Namen, deren ich mich noch aus den dunklen Tagen meiner Kindheit erinnere! ihr seid noch das, woran ich mich mit einer Festigkeit halten konnte, aber auch ihr habt mich irre geleitet. Ich habe der Menschen eures Namens viel gesehen, aber keinen, der die Person sein konnte, welche mir mein Herz unter denselben schilderte. Ach vielleicht würde ich auf der ganzen Erde vergebens suchen; vielleicht seid ihr bereits dahin gegangen, wo wir uns alle wieder finden, alle uns kennen werden! Eine Wallfahrt zu dem heiligen Nicolaus von Varengis hat mein Herz beruhigt – Es muss ja nicht eben mein Freund oder mein Bruder, muss ja nicht eben meine Mutter sein, die ich wieder finde. Es gibt der guten Menschen mehr; und habe ich ihn nicht bereits gesehen, gesehen im heiligen Traume, den Engel, der mir den Weg zum Grab erleichtern wird? – Ich lag, so dünkt es mich, auf dem Bette der Schmerzen; da trat ein Mann zu mir, ein freundlicher schöner Mann, der mich Bruder nannte, und mir weinend die Augen schloss. – O du, der mir einst diesen letzten und besten Dienst erzeigen wird! du, an welchen von diesem Augenblicke an mein Herz mit der heißesten Sehnsucht hangt! an dich will ich diese Blätter richten. Du mußt den kennen, den du so liebreich Bruder nennen wirst: und da vielleicht die Zeit unseres Umgangs kurz ist; da ich vielleicht erröte, dir mündlich die Wahrheit zu gestehen, so erfahre es durch diese Blätter, das heimlichste all meiner Geheimnisse, das von den jetzt Lebenden niemand weiß: wisse, du liebtest in mir keinen Bruder, nein, eine unglückliche Schwester. Mein Name ist Adelheid; so nannte sich meine verlorne Mutter: ob ihr und mir der Name Montfaucon zukommt, weiß ich nicht. Als ich noch keinen Namen unter meinen jetzigen Bekannten hatte, hatten sie Ursache, mir diesen zu geben, und ich hatte Ursache zu glauben, er könne mir zukommen. Mir ist's, als hätte meine Mutter, eben jene Adelheid, einen ähnlichen oft genannt. Ein Montfaucon konnte ja wohl mein Vater sein. Das früheste Bild aus meiner zarten Kindheit – in Bildern besteht fast meine ganze Erinnerung aus diesen dunklen Gegenden – eins der frühesten Bilder, das mir vorschwebt, ist eine große Reise über Land und Meer. Ich war ein zartes Kind, und saß fast immer auf dem Schöße meiner Mutter. Einmal wurde ich aus demselben gerissen. Es war viel Streit und Unruhe um uns her. Menschen wurden erschlagen, andere verwundet. Meine Mutter weinte, und ich erfüllte die Luft mit meinem Geschreie. – Hier ist eine große Lücke in meinen Erinnerungen. – Ich mag krank gewesen sein – denn die nächste Vorstellung, die ich mit aller Mühe in meinem Gedächtnisse finden kann, zeigte mich mir auf einem Bette liegend, meine Mutter weinend an meiner Seite, und um mich her stille Düsterheit, welche zum Schlafe einzuladen schien. Ich schlief, und schlief, wahrscheinlich bis es besser mit mir ward. Wir waren in schönen wohlgeschmückten Gemächern; es fehlte uns an nichts von allen den Dingen, deren Wert wohl auch ein Kind zu schätzen weiß. Viel Personen waren um mich her, unter denen aber keine mich so sehr interessierte, als ein Knabe, den ich für sehr groß hielt, weil er einige Jahre mehr haben mochte, als ich, und den man Hermann nannte. O Hermann! Hermann! entzückender Laut! welche Erinnerung führst du meiner Seele aus dem schönsten Teile meines Lebens, aus den Tagen der ersten Kindheit zu! Mich dünkt, dieser Knabe, der mein Spielgefährte ward, und den meine Mutter mich Bruder nennen lehrte, hatte noch einen Namen; aber die Zeit hat ihn gänzlich aus meinem Gedächtnisse verwischt: doch wenn ich zuweilen in meinem Gehirne nach demselben forsche, so ist mir's, als würde ich, wenn mir ein ähnlicher vor die Ohren gebracht würde, mich so wohl auf denselben besinnen, als auf den Namen Montfaucon, den meine Mutter zuweilen zu nennen pflegte. Ich ward ein, vielleicht auch zwei Jahre älter, und lernte besser verstehen, was um mich vorging. Ich erinnere mich, daß meine Mutter und Hermann sehr oft heimliche Ratschläge hielten, in welchen das Wort, Entkommen fleißig genannt wurde; dieses einzige Wort ist es, was mir jetzt Mutmaßung gibt, warum ich auf ein Mal meiner Mutter beraubt wurde, und sie, ungeachtet alles Weinens und Suchens, nirgends finden konnte: sie war wahrscheinlich entkommen, aus dem Orte, wo sie, wie mir es jetzt dünkt, nicht ganz mit ihrem guten Willen war. – Warum sie mich doch nicht mit sich genommen haben muss? Wie viel Kummer hätte das mir, vielleicht auch ihr ersparen können! Hermann ward mein Tröster, und tröstete mich sehr bald. Die Leute, welche für uns sorgten, schalten mich, daß ich nie ohne ihn sein konnte, und sagten, ich müsse mich von ihm entwöhnen, weil er bald frei werden würde. Ich konnte dieses Wort damals nicht begreifen; erst in der Folge habe ich es verstehen gelernt. Einst in einer Nacht kam Hermann in meine Kammer, wo meine Wärterinnen schliefen. Er weckte mich, verbot mir zu schreien, und trug mich davon. An einem verborgenen Orte hüllte er mich in Knabenkleider, und sagte mir, von nun an sei ich ein Knabe, und heiße Barthelemy. Darauf führte er mich zu einem alten Manne, der an der Mauer wartete, und wollte mich ihm übergeben. Ich erhob ein mächtiges Geschrei. Auch der Alte schien mich ungern anzunehmen. Man stritt; man ward endlich einig; und nachdem mir Hermann schmeichelnd vorgesagt hatte, Arnold, so hieß der Alte, wollte mich zu meiner Mutter führen, so ließ ich mit mir machen, was man wollte. Ein Hüter an der äußersten Pforte befragte uns. Arnold nannte seinen Namen, und sagte, ich sei das Kind, welches er heute ranzioniert habe. ›Ich bin ein Knabe, und heiße Barthelemy‹, rief ich hier mit den Worten, die mir mein junger Freund in den Mund gelegt hatte. Arnold gebot mir Stillschweigen, und führte mich davon, einen weiten Weg, dessen Ende wir nie erreichten. Ach! Arnold brachte mich nicht zu meiner Mutter, so oft ich auch fragte, ob ich sie bald sehen würde. Wir hatten den mühseligen Weg, der zu ihr führen mochte, vielleicht kaum zur Hälfte zurück gelegt, so gerieten wir wieder unter wilde Krieger, und ich sah die Auftritte noch ein Mal, die ich in den allerersten Jahren meines Lebens im Arme meiner Mutter schon einmal erlebt hatte. Arnold ward an meiner Seite tödlich verwundet; das Getümmel der Waffen zog sich von uns hinweg. Die Stelle, wo Arnold blutend und ich weinend lag, war einsam. Arnold schmachtete nach einem Trunk frischen Wasser, und sandte mich aus, ihm denselben zu holen. Meiner Rechnung nach, die freilich mein Alter sehr ungewiß angibt, konnte ich damals kaum das fünfte Jahr erreicht haben. Ein Sarazene fand mich an dem Brunnen, wo ich mühsam schöpfte. Er half mir, und brachte mich zu der Stelle zurück, die ich ihm bezeichnete, und wo er Arnolden mit dem Tode ringend fand. Kaum hatte der wohltätige Morgenländer Zeit, den sterbenden Alten mit dem Wasser, das wir brachten, zu laben, und ihm auf seine Art einigen Trost einzusprechen; kaum hatte Arnold Zeit, mich Verlassene seinem Tröster mit einigen Worten zu empfehlen; so entfloh seine Seele: seine Augen schlössen sich auf ewig, und mit ihm starb für mich die Möglichkeit, je die Stelle wieder zu finden, auf welche mich das Schicksal bei meiner Geburt gesetzt hatte. Ich wusste weder den Namen meines Vaterlandes noch meiner Eltern; ich gehörte von nun an niemand an, als der Hand der Menschenliebe, die sich meiner erbarmen wollte. Diese treue wohltätige Hand war gegenwärtig die Hand meines Sarazenen, des guten Billah, der, als sein Stand es ihm unmöglich machte, weiter für mich zu sorgen, mich dem Herrn von Joinville empfahl, der für mich tat, was nur ein Mann für ein fünfjähriges Kind tun kann. Freilich mißte ich überall die zärtliche Pflege von Weiberhänden; das zeigte meine Kleidung und meine ganze Person, welche nun seit mehreren Wochen weder geändert, noch gereinigt worden war. So schmutzig ich war, so hatte ich doch das Glück, des eben wieder frei gewordenen Königs von Frankreich Augen auf mich zu ziehen. Er ließ sich von Joinville die Art erzählen, wie ich in seine Hände gekommen sei, und fragte nach meinem Namen. ›Ich bin ein Knabe, und heiße Barthelemy‹, antwortete ich. Joinville lachte, und sagte, dies sei die Formel, mit welcher ich allemal diese Frage zu beantworten pflege; auch setzte er hinzu, man halte mich aus verschiedenen Umständen für einen Sohn des Ritters Amis von Montfaucon, der in der sarazenischen Gefangenschaft gestorben sei, und ich behielt also den Namen Barthelemy von Montfaucon, bis auf diesen Tag. ›Wahrhaftig‹, sagte der fromme König mit einer Träne im Auge; ›wer ein solches Kind aufnimmt in Gottes Namen, der nimmt ihn selbst auf. Seneschall, schenkt mir euren angenommenen Sohn; wir wollen den versprochenen Lohn an jenem Tag teilen!‹ ›Mein König‹, antwortete Joinville, ›der möchte wohl ganz allein auf die Rechnung des Sarazenen Billah fallen: weder ihr noch ich taten für den jungen Montfaucon, was dieser Ungläubige tat.‹ Das Ende von diesem Gespräche, welches ich damals nicht so beachtete, sondern es nach der Zeit erst, wenn mir die Geschichte meiner ersten Kindheit wiederholt ward, oft erzählen hörte, das Ende von diesem Gespräche war, daß mich der König, so wie ich war, auf seine Arme Keine besondere Überwindung für den, welcher aus Andacht einst einem Aussätzigen die Hand küßte. nahm, mich küßte, und einem seiner hinter ihm stehenden Hofbedienten übergab. Mein Glück sorgte wunderbar für mich. Unter was für guten Menschen hatte es mich Verlassene stufenweise gebracht! Arnold, der Sarazene, Joinville und sein König wetteiferten zu meinem Besten; aber den Preis vor allen trug doch derjenige davon, der mich aus des Königs Hand in seine Arme nahm, und nach seiner Wohnung trug, mir daselbst die zahllosen Dienste zu leisten und leisten zu lassen, deren ich so sehr bedürftig war. Es war der alte Ysembart, der Koch des Königs, der mit ihm in Turanschahs Gefangenschaft gewesen war, und ihm daselbst die höchste Treue erwiesen hatte. Seit er nebst seinem Herrn frei geworden war, bekleidete er unter den Höflingen eine Stelle, die er nicht so wohl darum gewählt hatte, weil sie ansehnlicher war, als seine erste, sondern weil sie ihn der Person seines lieben Herrn näher brachte. Keine frömmere, edlere, truglosere Seele, als dieser Ysembart, gibt es nicht: ihm danke ich mein ganzes All; ihm danke ich die Erziehung, die Grundsätze, die mich in dieser und jener Welt glücklich machen müssen, die mir mein hiesiges Los erleichterten, und mich dort ein besseres hoffen lehrten. Ysembart wusste sehr wohl, daß sein Zögling eine Adelheid und kein Barthelemy war; aber ehe er es dem Könige meldete, hielt er es für gut, deshalb mit seinem Beichtvater, einem alten Franziskanermönche, darüber zu sprechen. Die Ursache, warum dieser für gut hielt, daß ich meinen Namen beibehalten sollte, die Ursache, warum mir, so wie ich älter ward, von diesen beiden, welche meinen wahren Namen allein kannten, unablässig eingeschärft wurde, mich niemanden zu offenbaren, habe ich nie erfahren können: ich folgte den Anweisungen, die ich von meinem Pflegevater und dem Bruder St. Remi, meinem Lehrer, erhielt, blindlings, und noch habe ich nicht Ursache gehabt, meine Folgsamkeit zu bedauern; als Mädchen würde ich in der Welt eine noch armseligere Rolle gespielt haben, denn als Jüngling. Der edle Herr von Joinville ließ sich den Anteil an meiner Erziehung, auf welchen er Ansprüche zu haben glaubte, nicht nehmen: er sähe mich täglich mehrere Stunden, und strebte mich zu dem zu machen, was ich vermöge meines Charakters, vermöge meines Geschlechts nie werden konnte. Ach! dieser Arm war zu schwach, das Heldenschwert führen zu lernen, das er mir so oft in die Hände gab! diese stille Seele neigte sich von Natur mehr zu frommer, andächtiger Melancholie, als zum kühnen Mute eines Kriegers! Ich gestehe, daß ich dieserhalb viel von ihm gelitten habe, und daß ich, bloß um seine Achtung nicht ganz zu verlieren, oft über mein Vermögen tat: doch kann ich mich nie rühmen, eine Rittertat, würdig seines Beifalls, vollbracht zu haben, als ein Mal, da es Ludwigs Leben galt, und es mir gelang, ihn zu retten. Zu ihm, zu diesem Könige neigte sich meine ganze Seele hin; ich liebte ihn ihm nicht allein den Fürsten, der der Abgott seines ganzen Volkes war, nicht allein meinen Vater und Versorger, nicht allein den, der, um einem Verlassenen persönliche Lehre und Unterricht zu erteilen, oft die königliche Würde vergaß; nein, auch Ludwig den Heiligen. Mein Pflegevater, Ysembart, und mein Lehrer, St. Remi, lehrten mich ihn bereits bei seinem Leben als ein überirdisches Wesen betrachten, und zeigten mir sichtbar die Glorie um sein Haupt, die ihn einst in himmlischen Welten verherrlichen musste. Ysembart, der Zeuge seines Lebens, seiner Andacht, und seiner Leiden in Turanschahs Gefangenschaft, zu der Zeit, da den heiligen König niemand beobachtete, war unerschöpflich in kleinen Geschichten, welche meine Andacht zu ihm fast über die Gebühr erhöhten. Es entzückte ihn, das nämliche Feuer für den geliebten König in mir zu entzünden, das in seinem eigenen Herzen glühte. ›Ich bin alt‹, hörte ich ihn einst zu dem Bruder St. Remi sagen; ›es ist billig, daß ich unserm Ludwig bei meinem Tode eine gute Seele hinterlasse, welche, so wie ich getan habe, für sein Bestes wachen wird. Schade ist's, daß unser Montfaucon ein Weib ist; wie nahe könnt' ich ihn, war' er ein Jüngling, an die Person unsers Königs fesseln!‹ ›Nicht schade, Ysembart!‹, antwortete der Franziskaner: ›das Geschenk, das ihr ihm in unserer Adelheid macht, ist um desto köstlicher. Kein männliches Herz ist der Stärke und Zärtlichkeit, des Ausdauerns im Elende, der Treue bis zum Tode so fähig, als das weibliche. Unsere Pflegetochter wird mehr für Ludwigen tun, als selbst ihr leisten konntet. Ihr Geschlecht tut hierbei nichts, da es verborgen bleibt.‹ Dankbarkeit, Bewunderung und natürliche Sympathie waren es also nicht allein, was mich für diesen König fesselte, auch der Wille meiner Freunde. Was ich zu Ludwigs Ruhm von Ysembart und St. Remi täglich hörte, das wiederholte mir auch Joinville, nur in etwas nüchternerem, weniger überspanntem Tone, als jene; und was diese drei mir sagten, das bejahte das Volk im Chor, und mein eigenes Herz sprach Amen dazu, da ich Gelegenheit hatte, den mildtätigen, frommen, fehlerlosen König in seinen geheimsten Stunden zu beobachten. Wunsch, diesen Heiligen nachzuahmen; Wunsch, wenn ich dieses nicht könnte, mich wenigstens seinem Dienste ganz aufzuopfern, brannte in meiner Seele, und nichts konnte mich niedergeschlagener machen, als der Gedanke, einst von ihm scheiden zu müssen. * Ich wuchs heran: der Herr von Joinville sprach mit mir von den Waffen, und Ysembart nebst dem Franziskaner, ich weiß nicht, ob mit vollem Ernste, vom Kloster. Ich verwarf das eine und das andere, und erhielt, ohne weitere Rücksprache mit einem von meinen Ratgebern zu halten, einst ohne Mühe vom Könige die Anweisung zu dem einzigen Geschäfte, das ich mir im Leben wünschte, eine Stelle unter den Kämmerlingen des heiligen Königs. Joinville zürnte mit mir, und nannte mich einen weibischen Menschen: meine anderen beiden Vormünder ergaben sich gern in das, was sie, vielleicht Ysembart wenigstens, ernstlich wünschten. Der Franziskaner meinte, die Zeit müssen meinen Beruf bestätigen, und ich könne, fände ich dereinst eine andere Stimme in meinem Herzen, alle Mal noch heimlich dem Hofe entfliehen, und mich dem Kloster widmen. Zwei Dinge machten mich in der Folge gewiss, wenn ich auch noch irgend gewankt hätte, und der Dienst des heiligen Ludwigs ward und blieb dem Dienste jedes andern Heiligen, welchen mir der Beichtvater vorschlug, unabänderlich vorgezogen. Der König ward bald nach seiner Rückkunft in sein Land gefährlich krank; der Tod seiner Mutter, der Königin Blanca, der Gram beim Wiedersehen aller geliebten Gegenstände, die er in Frankreich zurück gelassen hatte, nur sie zu vermissen, war es ohne Zweifel, was ihn danieder warf: nie hat man ein Herz voll frömmerer, kindlicher Liebe gefunden, als das seinige. Seine Gemahlin, die Königin Margarethe, kam bei Tage nicht von seinem Lager, Ysembart, St. Remi und ich waren die Hüter seiner Nächte. In einer Nacht, in welcher ich mit dem ersten die Wache hatte, war es, da mich eine Begebenheit völlig zu jener tiefen Verehrung des heiligen Königs hinriß, welche mich einst lehren wird, auch mein Leben willig für ihn aufzuopfern. Ysembart hatte mich bis um Mitternacht mit dem unterhalten, was er ehedem an der Seite seines Herrn in der orientalischen Gefangenschaft erfuhr, wie nur er, der glückliche Ysembart, den Zutritt bei dem königlichen Gefangenen behielt, nur er sein Tröster in mancherlei Leiden und Demütigungen, sein Pfleger in der fürchterlichen Krankheit war, mit welcher der Heilige damals befallen wurde. Ich beneidete das Geschick des Erzähler, das ihn so großer Proben der Treue fähig machte. Tränen flössen in seine Worte. Unsere Empfindungen übermochten uns; wir schwiegen beide; der geliebte Kranke schlief; die Kerzen brannten dunkel; rund um uns her ruhte die tiefste Stille der Mitternacht. Meine Augen waren fest auf eine große Flügeltür gerichtet, welcher ich gegenüber saß; sie öffnete den Eingang zu des Königs Kapelle, und es ist zu erraten, mit welchen Gedanken ich meine Blicke zu dem Heiligtume erhob, wo ich ihn so oft mit der Miene eines Verklärten hatte beten gesehen. Auf einmal erhob sich ein leises Geräusch im Zimmer: die Flammen der Kerzen wehten, wie von sanftem Winde bewegt; die Tür ging auf, und eine dünne Nebelgestalt schwebte herein, die ich nicht beschreiben kann; sie war zu leicht, zu unwesentlich, um mit irdischen Augen ganz gefasst zu werden. Ich hatte mir wohl oft in Stunden schwärmerischer Andacht die Erscheinung überirdischer Wesen gewünscht: auf diese hier war ich nicht vorbereitet. Mein Herz schlug hörbar. Ich machte eine Bewegung, als wenn ich mich erheben wollte; da winkte mir mein bejahrter Gefährte mit ernster Miene, zog meinen Sitz dichter zu sich heran, und hielt meine Hand fest in der seinigen. Ich zitterte, nachdem die Gestalt die Runde im Zimmer gemacht hatte, sie sich dem Bette des erlauchten Kranken nähern zu sehen; ich besorgte irgend ein Übel für ihn, und wollte zum zweiten Male aufstehen; Ysembarts zürnender Blick und seine starke Rechte hielten mich fest auf meinem Orte, bis der Geist von Ludwigs Lager zurück kam, schnell vor uns vorüber gleitete, und in der Tiefe des Zimmers wie Dunst zerfloß. Wir sahen seinem Verschwinden nach, ich wahrscheinlich mit mehr Empfindung, als mein Beisitzer; denn meine Haare sträubten sich empor, und ein Fieberschauer bebte durch alle meine Glieder. ›Montfaucon‹, sagte Ysembart, nachdem er aufgestanden war, nach dem Könige gesehen, und die Lichter heller brennen gemacht hatte, ›ihr müßt diese Dinge gewohnt werden; die Erscheinung, welche euch so mächtig bestürzt macht, sah ich heute nicht zum ersten Male. Als Ludwig, der wohl mit Recht unter besonderer Obhut guter Geister ruht, zu Mansure dem Tode nahe war, erhellte die nämliche Gestalt unsern Kerker, trat zu des Königs Strohlager, und legte die Hand auf seine Stirn. Dieses Wesen sei was es sei, ich halte es für den Engel der Genesung, und verzage nun nicht an Ludwigs Aufkommen. Er genas auch jenes Mal; der Sultan von Ägypten ließ ihn frei, und wir sahen nach manchen Mühseligkeiten das Vaterland wieder, das wir auf ewig für uns verloren glaubten. Auf alle Fälle sehet ihr, daß dies ein Gesicht guter Deutung ist, und daß wir nicht zu zittern haben.‹ Was der treuherzige Alte voraus zu sehen glaubte, geschah: unser guter König genas. Auf mich tat diese kleine Begebenheit, welche vielleicht bei den Wenigsten Glauben finden wird, die Wirkung, daß sie meinen Entschluss, mich ganz dem Dienste meines frommen Herrn zu weihen, unumstößlich machte. Teils meiner Bestimmung noch gewisser zu werden, teils mir zu derselben die nötigen Kräfte zu holen, unternahm ich eine Wallfahrt nach dem heiligen Grabe. Ich entfloh heimlich von des Königs Hofe; ich achtete es nicht, alle, die ich liebte, ein Jahr lang in Kummer und Ungewißheit zu lassen, wohin ich geraten, oder was aus mir geworden wäre, und kam in der bestimmten Zeit von dem Orte, den man mit großer Heereskraft und weitläuftigen Anstalten so selten erreicht, glücklich zurück, ohne etwas Anders, als die gewöhnliche Pilgermühseligkeiten, erfahren zu haben. Mein gewagter Zug, der denen, welche mein Geschlecht und meine natürliche Furchtsamkeit kannten, noch gefährlicher dünkte, erwarb mir überall Liebe und Achtung, und, ich kann mich rühmen, von dieser Zeit an Ludwigs liebster Diener geworden zu sein. Er hörte mich gern von den heiligen Orten sprechen, die ich gesehen hatte, und fasste vielleicht in diesen Augenblicken Entschlüsse, deren Ausführung ich nun mit Entzücken entgegen sehe. ›Himmel!‹, höre ich ihn oft sagen; ›meine Gemahlin, mein Diener haben es gewagt, was ich nicht wagte; gesehen, was ich nicht sah. Steht nur für Ludwigen der Weg zum heiligen Grabe nicht offen? soll nur er nicht an der heiligen, gebenedeiten Stelle knieen?‹ – So hoff' ich denn zu Gott, meinen Herrn noch ein Mal auf einem Zuge wider die Ungläubigen zu begleiten. O daß er uns nur genau in die Gegenden führen möchte, wohin ich wünsche! Gott verzeihe mir, wenn meine Begierde nach dem heiligen Kreuzzuge nicht das Verlangen ist, das Blut der Feinde des Glaubens fließen zu sehen! Ich bin ein Weib, und verabscheue jeden Blutdurst, auch selbst wenn ihn, wie man sagt, die Religion rechtfertigt: friedliche Andacht zieht mich wieder in jene Gegenden, und dann noch ein Gedanke, der freilich zu profan ist, um einen rechtmäßigen Grund zu einer heiligen Reise abgeben zu dürfen. Ich weiß, es war eine der orientalischen Städte, Gott weiß welche, in welcher ich meine erste Jugend zubrachte, meine Mutter verlor, und meinen Freund Hermann zurück ließ: sollte es nicht möglich sein, dort auf Spuren zu kommen, welche zu meinem Glücke leiteten? Ich arme Verlassene, Einsame, in die Welt Hingeworfene! wer bin ich? weiß ich auch nur meinen Namen? und ist mir's zu verdenken, wenn ich Sehnsucht nach dieser Kenntnis fühle? – O du mein unbekannter Freund und Verwandter, an den ich diese Blätter richte! nicht denkbar ist dir meine traurige Lage, nicht denkbar die Sehnsucht, mit welcher ich dem Augenblicke, der uns vereinigen soll, entgegen sehe. Seit ich die Welt sah, seit ich besser beurteile, welch seliges Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern und Blutsverwandten Statt findet, seitdem fühle ich mit doppelter Bangigkeit, wie einsam ich bin; noch mehr fühle ich es, seitdem mein Pflegevater Ysembart und der fromme St. Remi nicht mehr sind. Mit ihnen ist alles Irdische mir abgestorben; kein Sterblicher weiß jetzt mehr um meine wahre Lage. Sollte Ludwig sterben – früher Tod ist ihm geweissagt – sollte ich dann, wie gewiss geschehen wird, dieses Lebens müde werden, und mich nach der Stille eines Klosters sehnen, wer soll mir dann in die heiligen Schatten verhelfen? – Sollte ich selbst frühzeitig ins Grab sinken – und solche Ahndung schwebt mir oft vor – welche Beschimpfung hat mein Andenken noch nach dem Tode zu gewarten? Wird nicht selbst der edle Joinville, auf dessen Beifall mir nächst Ludwigs alles ankommt, wird er nicht mit Verachtung, Misstrauen und dem schimpflichsten Verdachte auf das verkappte Mädchen hinsehen, mich eine Falsche, eine Betriegerin, Gott weiß, was alles schelten, anstatt meine Asche zu segnen, und für die Ruhe meiner Seele zu beten? O du, dem ich mich einzig anvertrauen möchte, dessen Erscheinung mir auf mein Gebet verheißen ward! Freund, Bruder oder Verwandter! komm bald! mein Schicksal gebietet Eile.« Auf der Küste von Afrika »Ich habe kürzlich einen Mann gesehen, kürzlich einen Namen gehört, welcher in mir die seltsamsten Gefühle rege macht. Was ist's, das ich für diesen Fremdling fühle? – Liebe vielleicht? sollte mein Herz einer so weltlichen Empfindung fähig sein? Und sein Name? – Feuchtwangen? Schweben nicht Erinnerungen aus tiefer Vergangenheit herauf, welche mir sagen, ich hätte diesen Namen mehr gehört? – Hermann! Hermann! täuscht mich mein Gedächtnis nicht, so war es der deinige! Solltest du dieser Unbekannt selbst sein? – Unmöglich! wenn die Zeitrechnung mich nicht irre leitet! Aber vielleicht dein Bruder, ein Angehöriger von dir, der auch um mich wissen, auch mir in mancher Dunkelheit zurecht helfen könnte! – O daß ich ihn näher kennen, ihn nur ein Mal sprechen könnte, diesen edlen Deutschen! O Conrad! Conrad! als der König die heiligen Reliquien, die Gaben deines Ordens aus deinen Händen empfing, da verband sich mein Herz mit dem deinigen. Ich würde mich zu dir drängen, würde um deine Freundschaft werben, machte nicht die Kenntnis, die ich von mir selbst habe, mich schüchterner, als ein Jüngling sein darf; sagte mir nicht ein geheimes Gefühl: ich liebe, und muss den meiden, dessen Anblick mich zu Empfindungen hinreißt, welche meiner Bestimmung entgegen sind. Ach es ist ein sonderliches Geschick, das meinige! wär' es nicht lästerlich, ich würde sagen, überall ward ich von demselben gemißleitet! Selbst diese Reise, diese lange erwünschte, vom Himmel erbetene Kreuzfahrt an der Seite meines frommen Königs, führt sie mich auch in die Gegenden, wohin ich wünschte? Ach jene Paradiese, welche ich gleichsam nur im Traume sah, liegen weit, weit von den brennenden Sandflächen, auf welchen wir jetzt schmachten. Zu unserm Verderben schienen wir hierher geladen zu sein! Der Wind aus der Wüste, die dörrende Sonnenglut bringt uns um! schon fühle ich den Tod in allen Adern! Mein Herz ist matt. Gott gebe, daß es nicht eher aufhöre zu schlagen, bis ich dich lange gewünschter Freund gefunden, Conrad von Feuchtwangen noch ein Mal gesehen, und dem Heiligen, dessen Dienst ich mich weihte, die höchste Treue bewiesen habe.« Beherzigungen Dieses war's, was der deutsche Ritter in den Blättern lesen konnte, zu welchen er auf so wunderbare Art gekommen war. Dem, was wir dem Leser davon vorgelegt haben, folgte noch ein Anhang, von welchem wenig leserlich war. In einer Zeichensprache geschrieben, mit Willen undeutlich gemacht, oder schon im Taumel tötender Fieberhitze aufs Papier hingeworfen, enthielten diese Zeilen vielleicht nichts, als Ergießungen eines Herzens, welches nicht wusste, was es aus sich selbst und seinen Gefühlen machen sollte, eine Seele, die an schwärmerischer Liebe und Andacht krank lag, und durch körperliche Schwäche in noch verwickeltere Labyrinthe geleitet wurde. Es ist unmöglich, das auszudrücken, was Conrad bei Lesung dieser Blätter empfand. Welches männliche Herz hätte sich nicht für die unglückliche Schreiberin interessieren sollen? und wie musste ihm zu Mute sein, dem diese Adelheid viel näher anging, als jedem andern? Die Schwärmerei, mit welcher sie ihr Herz vom ersten Anblicke an ihn gehängt zu haben schien, war nicht das Einzig, was das seinige unruhiger für sie schlagen machte; in ihrem Namen, in ihren Jugendschicksalen lag viel, was ihn auf die sonderbarsten Mutmaßungen leitete. Wer war sie? wer ihre Mutter? wer jener Hermann? War es bloße Täuschung eines durch Liebe irre geleiteten Gedächtnisses, daß sie dem Freunde ihrer Kindheit den Zunamen Feuchtwangen gab? – Fand er nicht vielmehr in diesen Dingen unversehene Fingerzeige eines spielenden Verhängnisses, wohin er seine Nachforschungen nach einem Bruder richten sollte, der, wenn man die Sache aufs genaueste nahm, die einzige Ursache seiner orientalischen Reise war? »O Montfaucon! Montfaucon!«, rief er; »du warst mir, so heiß du es wünschtest, nicht durch Blutsfreundschaft verbunden, mir nicht durch jene Sympathie verwandt, die nun nach deinem Tode erst für dich in meinem Herzen erwacht; aber verflochten in meine Schicksale bist du auf die wunderbarste Art: die, welche dir die Liebsten waren, waren es sicher auch mir. Sie wieder zu finden, wirst du mir ein leitender Engel, dessen Wink ich verehre, und ihm blindlings zu folgen gedenke.« Der deutsche Ritter las die Aufsätze des so genannten Montfaucon mit immer neuer Überzeugung, jener Hermann sei auch der seinige, und in Orient müsse er ihn suchen: was Adelheid von Wälschneuenburg betraf, die er gern für die Mutter seiner verstorbenen Freundin gehalten hätte, so konnte er auf keine Weise mit sich einig werden; Irrtümer in Zeit und Charakter hätten hier angenommen werden müssen, die er sich nicht als möglich denken konnte. Während Ludwigs Tod den schnellen Rückzug der christlichen Völker aus diesen tödlichen Regionen verursachte; während Joinville und die andern Freunde des geliebten Königs für seine teuersten Überreste sorgten, erwog Conrad, daß für ihn nun nichts mehr in diesen Gegenden sei; daß er die Geschäfte seines Ordens weiter tragen, und dabei das Geschäft seines eigenen Herzens, die Wiederfindung des Verlornen, nach Möglichkeit betreiben müsse. – Nie hat wohl ein irrender Ritter seinen Zug mehr auf das Ungewisse richten müssen, als er in Ansehung des letzten. Er hatte keinen andern Wegweiser, seine Mutmaßungen zu leiten, als Montfaucons Nachrichten; und wie ungewiß waren dieselben! Welches waren die Gegenden, wo sie zuerst in den Armen ihrer Mutter jenen Hermann kennen lernte? befand sich dieser Hermann auch noch daselbst? Wo sollte man ihn suchen? – In Orient? O fürwahr, die Gegenden, welche man unter diesem Namen begriff, waren weitläuftig genug, einen Forscher das ganze Leben hindurch zu beschäftigen, und ihm am Ende mit nichts, als der Entdeckung zu lohnen, daß man einem Hirngespinste nachgejagt sei! Von all den Wegen, welche der deutsche Ritter nahm, von all den Abenteuern, welche ihm auf demselben aufstießen, nichts! wir sehen uns nahe am Ende des ersten Teils einer Geschichte, in welche so viel unvermeidliche Episoden sich einflochten, daß der Vorwurf der Weitschweifigkeit schwer zu vermeiden ist, noch schwerer der, daß einer der Helden, die wir Anfangs unsern Lesern nannten, sich noch gar nicht gezeigt hat, und zu wenig Raum behielt, seine Rolle zu spielen. Von den sonderbaren Dingen, die unserm Conrad auf seiner Fahrt begegneten, dürfen wir jedoch eins nicht übergehen: oft führt nach langem Herumirren ein einziger Zug, ein einziger Nebenpfad uns ans Ende wunderbar verschlungener Wege. Die Reise durchs Leben geht in dichten Schatte zwischen Gebüschen und Hügeln hinweg; wir sehen wenig mehr von unserm Pfade, als den Schritt, welchen wir eben tun. Das Ziel der mühsamen Wanderschaft bleibt uns oft bis ans Ende verborgen; doch zuweilen tritt es schnell aus dem Nebel hervor: eine kleine Anhöhe, ein unbedeutendes Gesträuch verbarg es uns, und wir sind eher am Ende, als wir meinten. Ein alter Freund Das Jahr lief zu Ende, welches dem Ritter von seinen Obern zur orientalischen Reise bestimmt worden war: noch befand er sich in den Gegenden von Niederägypten, wo tausend kleine Umstände seinen Aufenthalt verlängerten. Geschäfte mit dem Statthalter des Sultans von Ägypten hatten ihn lange zu Damiette aufgehalten; die Schiffe, welche zur Überfahrt nach Europa fertig lagen, wurden durch ungünstige Winde gefesselt; alles schien sich vereinigt zu haben, zu Stunden des langen Verweilens noch Stunden, zu Tagen noch Tage hinzu zu tun. Die Gegenden um Damiette sind schön, lieblich ihre Orangenwälder, entzückend ihre Aussichten durch ewig grünende Gebüsche auf die Wasser des Nils, und die noch schönere spiegelhelle Fläche des Sees Menzaleh zahlreiche Inseln übersäen ihn, alle mit dichten Schatten von Zitronen- und Tamarindenwäldern bekrönt, alle von Wohlgerüchen duftend. Auf einer derselben hatte der Statthalter eine Villa, welche er dem Ritter, den er liebte, und mit dessen Verhandlungen er zufrieden war, zum Aufenthalte verstattete. Conrad lebte hier wie ein kleiner orientalischer Fürst; nichts gebrach, ihn zu allen Wollüsten einzuladen, deren Genuss ihm das Kreuz, das er trug, versagte, und für welche sich in seinem Herzen wenig Neigung regte: Einsamkeit, Nachdenken, Erinnerung, Sehnsucht, Kummer über fehl geschlagene Erwartungen, schwache Hoffnung zu besserm Glücke, dies beschäftigte ihn hinlänglich, um ihm jeden andern gefährlichern Zeitvertreib entbehrlich zu machen; und da er diesen traurigen Genuss überall haben konnte, so betrauerte er die Gegenden von Damiette nicht sonderlich, die er nun, wie ihm eine Botschaft des Statthalters meldete, morgen verlassen konnte. Der Mann, der ihm dies berichtete, war einer von Ebn Aibecks Sklaven, welchen Conrad, ungeachtet seines langen Aufenthalts zu Damiette, noch nicht gesehen hatte; und wie war es auch möglich, die Herren von Dienern zu kennen, welche den Hofstaat eines Lieblings des Sultans von Ägypten ausmachen; Leute; die, ob sie gleich den Namen von Sklaven führten, doch nichts an sich hatten, das die Kette verriet, und die vielleicht mit den Dienern manches europäischen Königs nicht würden getauscht haben? Der Abgeschickte des Statthalters war einer von denen, welche den Schimmer ihres Standes besonders sichtbar trugen: er war Ebn Aibecks Liebling, der Aufseher über seine weitläuftigen Besitzungen, der Joseph dieses neuen Potiphars. Conraden besonders zu ehren, hatte er eben ihn zum Abgeschickten gewählt, und er hatte vielleicht noch einige andere Ursachen, sich gern zu diesem Geschäfte wählen zu lassen. Conrad empfing ihn, wie man ausgezeichnete Diener großer Herren empfängt; empfing ihn mit doppelter Aufmerksamkeit, weil er in seiner Person etwas fand, das dieselbe ganz fesselte. Nach einer kurzen Unterhaltung über die Ursache seiner Ankunft fragte Conrad nach seinem Namen. »Welchen verlangt ihr zu wissen«, fragte der Ägyptier, dessen Farbe bei den schönsten ausgebildetsten Zügen, die man bei einem bejahrten Manne finden kann, von seinem heißen Vaterlande zu zeugen schien; »welchen verlangt ihr zu wissen? meinen morgenländischen, oder den, welchen ich in meinem Vaterlande führte?« »Welches ist euer Vaterlande?« »Europa.« »Ziemlich unbestimmt! Welcher Teil von Europa?« »Beinahe der nämliche, wo ihr das Licht erblicktet.« »Der nämliche? Kennt ihr mich?« »Wenn ich euch nicht kennte, würde ich mich so gedrungen haben, Conraden von Feuchtwangen zu sehen?« »O Gott!«, schrie Conrad; »sollte ich das Glück haben, in diesen Gegenden einen Bekannten zu treffen?« »Will es der großmütige Feuchtwangen nicht viel lieber Unglück nennen, einen seiner Bekannten einen Sklaven zu sehen? Kehrt Euch nicht an den guten Anschein meines Loses; kehrt euch nicht daran, daß ich selbst euch gestehe, mein Herr ist mein Freund, Ketten lasten allemal, man wünscht sie abzuschütteln.« »O«, rief der deutsche Ritter, »diese Fesseln sollen bald gebrochen werden, wenn Geld oder Vorspruch Euch lösen kann! Wo mein Vermögen nicht hinreicht, da stehe ich für die Verwendung meines Ordens. Wollt Ihr abwarten, was ich in Europa für Euch tun werde, oder glaubt Ihr daß der Statthalter meine Bürgschaft annehmen wird?« »Davon hernach!« fiel Ebn Aibecks Diener ein; »wenn Ihr meinen Namen wüßtet, Ihr würdet mir zutrauen, daß das Verlangen, frei zu werden, nicht die Hauptursache meiner Überkunft ist. Meine Loskaufung hat Zeit; ich bin meinem Herrn noch auf zwei Jahre und ein halbes verbunden. Erst dann, wenn ich seine Besitzungen, die er meiner Aufsicht vertraute, ganz nach europäischer Art verschönert habe, erst dann ist mir es erlaubt, an die Freiheit zu denken, die mir vielleicht, ich hoffe es zu der Großmut des Statthalters wohl, unentgeltlich zu teil werden möchte.« »Wenn es dieses nicht ist«, schrie Conrad voll Ungeduld über die Weitschweifigkeit des Alten, »was treibt Euch denn, mich aufzusuchen?« »O daß Jahre meine Gesichtszüge so ganz geändert, oder mein Andenken so ganz aus eurer Seele verlöscht haben! O daß ihr in mir nicht den Einsiedler von Ödweiler erkennen, und aus meinem Namen euch mein Geschäft bei euch erklären könnt« »Der Einsiedler?«, schrie Feuchtwangen; »der edle, von mir als tot beweinte Arnold von Winkelried? Unmöglich! wie könnte der, welcher in Billahs Armen verschied, noch leben? wie könnte der, den die Hand des hohen Alters bereits zur Erde gebeugt haben müsste, hier noch in der Stärke des fünfzigjährigen Mannes vor mir stehen?« »Conrad!«, antwortete Arnold nach einer gedankenvollen Pause; »mein Leben ist voll der sonderbarsten Schicksale; wie ich jemals vom Tode errettet wurde, auf was Art sich meine gesunkenen Kräfte wieder verjüngten, dies bedürfte wohl einer eigenen, stundenlangen Erzählung: doch euch diese zu geben, kam ich nicht hieher. Mich zog die Begierde, euch Nachrichten zu erteilen, welche eurem Herzen wohl näher sind, als die Geschichte des vergessenen Winkelried.« Die Augen des deutschen Ritters füllten sich mit Tränen. – »O«, rief er, »Hermanns Freund und Adelheids Retter! wär's möglich, daß ich von dem Einzigen, was mir auf dieser Welt teuer ist, von einem verlornen Bruder durch euch Nachricht erhalten, sie in dem Augenblicke erhalten könnte, da ich schon alles aufgegeben hatte?« »Ihr erratet das Glück, das ich euch bringe. Nicht so bald erfuhr ich gestern bei meiner Rückkunft aus Oberägypten, wohin mich die Geschäfte meines Herrn getrieben hatten, daß hier ein Herr von Feuchtwangen sei, der nach einem verlornen Bruder frage; nicht so bald erfuhr ich all die Mühe, die sich Ebn Aibeck, euch zu Liebe, dieserhalb umsonst gegeben hat, als ich ihn, diesen guten Herrn, um Erlaubnis bat, euch Trost zu bringen, ehe Meere sich zwischen euch und den Einzigen legen, der ihn euch erteilen kann, ja, Conrad von Feuchtwangen, ich weiß alle Schicksale eures Bruders, weiß, wo er gegenwärtig lebt, weiß die Mittel, ihn wieder in eure Arme zu bringen; aber ich verzage, daß ihr im Stande sein werdet, sie zu brauchen. Hermann ist weit von hier; ihn aufzusuchen; würde eine zweite Reise nötig machen; die euch bestimmte Zeit ist verlaufen, und ich kenne die strengen Gesetze eures Ordens.« Wer jemals erfuhr, wie demjenigen zu Mute ist, der nach fruchtloser Mühe mehrerer Monate endlich alle Hoffnung verlor, jemals den Zweck seines Bestrebens zu erreichen; wie demjenigen zu Mute ist, der es sieht, daß nur ein Schritt zwischen ihm und der gänzlichen Vernichtung derselben lag, und dem in dem Augenblicke, da er es am wenigsten meinte, noch Hoffnung zu besserm Geschicke aufgeht, der denke sich Feuchtwangens Zustand, und schildre es besser, als ich es können würde, was er tat und sagte, gegen Arnolden Freude, Dank, Verwunderung, Ungeduld, und tausend namenlose Gefühle zu äußern, die in diesem Augenblicke sein Herz überströmten. Das Ende von Arnolds Rede, welche wohl im Stande gewesen wäre, seine Freude zu mäßigen, ward gar nicht von ihm beachtet. Er wusste, Hermann lebte, lebte an einem bestimmten Orte, wo er nicht, wie bisher, ihn vergebens zu suchen fürchten musste, lebte seines Namens und seiner Verwandtschaft nicht unwert; dies war ihm genug! Zeit, Mühe, Versäumnis und Verantwortung, welche er bei Aufsuchung des geliebten Bruders nicht achten durfte, kamen gar nicht in Anschlag; er überflog in dem ersten Entzücken, mit dem Feuer eines fünfzehnjährigen Jünglings, in wenig Augenblicken die ganze Weite, die ihn und den Geliebten trennte, und sah ihn schon in seinen Armen. Seine Ungeduld zu mäßigen, gab ihm Arnold die Geschichte von den Schicksalen des Verlornen, die wir unsern Lesern, so wie sie Conrad von ihm erhielt, mitzuteilen verbunden sind. Conrads und Arnolds Abreise durfte nicht verzögert werden: der letzte trieb zur Abfahrt, und der erste glaubte mit jedem Schritte, der ihn von seinem gegenwärtigen Aufenthalte entfernte, dem Ziele seiner Wünsche näher gebracht zu werden. Sie schifften auf den grünlichen Fluten des Menzaleh zwischen seinen blumigen Inseln hindurch: der Einsiedler von Ödweiler erzählte, und Conrad schenkte dem, was er von ihm erfuhr, einen Grad von entzückter Aufmerksamkeit, den wir freilich von unsern Lesern nicht hoffen dürfen. Geschichte des Verlornen »Es sind heute einundzwanzig Jahre«, begann Arnold seine Erzählung, »daß ich euch nebst dem zehnjährigen Hermann, in Begleitung der schönen Adelheid von Wälschneuenburg, eine Reise antreten sah, die, ihr werdet es doch nicht vergessen haben, mir nicht allerdings gefiel. Hättet ihr doch lieber den Knaben in der Gewalt des Abts von St. Gallen gelassen, oder noch mehr, hättet ihr ihn lieber mir anvertraut, als ihn in solcher Gesellschaft nach einem solchen Lande übergebracht! Ich will dem schönen Gallien nichts zu nahe geredet haben, aber, wenn ihr nicht selbst allda bleiben wolltet, was konntet ihr dort für teilnehmende Sorge für einen fremden Knaben erwarten? Auch will ich mich nicht erkühnen, eure angebetete Adelheid herab zu setzen: aber daß sie bei weitem nicht das war, wofür ihr sie hieltet, das leuchtete jedem Unbefangenen in die Augen, und das werdet ihr aus der Folge dieser Geschichte gar bald erfahren, wenn euch nicht die Geschichte jenes unglücklichen Mädchens, das, wie ihr mir sagtet, unter dem Namen Montfaucon in euren Armen starb, bereits auf gewissen Mutmaßungen gebracht hat.« »Mutmaßungen?«, fiel hier Conrad etwas unwillig ein; »Mutmaßungen schweigen, sobald sie mit der Unmöglichkeit zu tun haben.« »Unmöglichkeit?«, erwiderte Arnold mit Lachen: »wenn ihr noch gesagt hättet, Unwahrscheinlichkeit. Unwahrscheinlichkeit lag allerdings in Adelheids geglaubtem Alter und ihrer gerühmten Truglosigkeit, daß sie, als man sie zur Gemahlin Friedrichs von Toggenburg machen wollte, schon Mutter eines zweijährigen Kindes sei; aber die Künste des Putztisches machen die Jahre unserer Damen immer zweifelhaft; und bei einer Ratgeberin, wie Adelheid an ihrer Schwester Gertrud fand, lernte sie vielleicht manches verschweigen, manches über ihr Gewissen bringen, wozu sie sonst unfähig gewesen sein möchte. Höret, was ich in der Folge von diesen Dingen erfuhr. Adelheid war bereits in sehr zarten Jahren am französischen Hofe mit einem gewissen Ritter von Montfaucon in Liebe verstrickt worden, welchem sie die Hand heimlich gab, weil ihre stolze Schwester Gertrud, und einige andere Verwandten, unter deren Aufsicht sie lebte, eine Verbindung mit einem gemeinen Ritter ihrem hohen Stande ungemäß gehalten, und nimmermehr zugegeben haben würde. Das Geheimnis der armen Liebenden ward entdeckt: man trennte sie, schickte den Gemahl nach dem heiligen Lande, und die junge Gemahlin in ein Kloster, wo jene Adelheid, die Namensträgerin ihrer Mutter, das Licht der Welt erblickte. Man wusste Mittel, Montfaucons unglückliche Gemahlin mit der Zeit auf unverdächtige Art zu überzeugen, sie sei Witwe; ihr Geliebter sei in Verteidigung des heiligen Grabes gefallen. Man gönnte ihr einige Zeit ihre Tränen, trennte sie dann von ihrem Kinde, und brachte sie in ein anderes Kloster, wo sie bei der Miene von Unschuld und sanfter Schwermut, bei ihrer großen Jugend, die noch wenig Abenteuer vermuten ließ, sehr gut für das gelten konnte, was sie nicht war. Ihr seid Zeuge von dem Widerstreben gewesen, mit welchem sie die heiligen Mauern verließ, als ihr und Graf Friedrich von Toggenburg von Adelheids Schwester abgeschickt wurdet, sie aus dem Kloster zu holen. Ich will glauben, daß sie wirklich die klösterlichen Schatten, die ihrem Zustande so wohl ziemten, damals ungern verließ: ob ihre Gesinnungen sich immer gleich blieben; ob nicht Friedrich von Toggenburg oder der zärtliche Conrad von Feuchtwangen sehr bald einen Eindruck auf ihr Herz machten, welches Montfaucons Andenken nachteilig war, dies kann ich weder bejahen noch verneinen. Ihr, wären eure Augen nicht von Leidenschaft verblendet worden, ihr hättet hierin, so wie in vielen andern Adelheids Charakter betreffenden Dingen, viel richtigere Bemerkungen machen können, als ich, der das meiste von dem, was ich sage, nur vom Hörensagen habe, welches sich aber freilich in der Folge durch den Augenschein bestätigt hat. Das blutige Ende des Romans mit dem jungen Grafen von Toggenburg, und die regensbergischen Geschichten, welche euch besser bekannt sind, als mir, verleiteten Adelheiden, ihr Vaterland und das Haus ihres unglücklichen, verbrecherischen Schwagers zu verlassen; sie entschloss sich, zu fliehen, zu fliehen an eurer Hand. Mütterliche Sehnsucht nach ihrer kleinen, in Frankreich zurück gelassenen Tochter zog sie in dieses Land: die Treue, mit welcher ihr sie begleitetet, würde vielleicht eurer Liebe Vorteil gebracht haben, ihr würdet vielleicht das Glück gehabt haben; dereinst der Gemahl der ältern, und der Vater der Jüngern Adelheid zu werden, hätte die erste nicht an dem Orte, wohin ihr sie brachtet, eine Nachricht vorgefunden, welche eure Hoffnungen mit einem Male zerstörte. Die Änderung in Adelheids Gesinnungen, die hartnäckige Zurückweisung eurer Liebe, hattet ihr das der Post zu danken, der tot geglaubte Gemahl eurer Geliebten, daß Montfaucon noch lebte. Die alte Liebe erwachte; die Treue gegen den Vater der kleinen Adelheid forderte ein Opfer. Plane und Entschlüsse wogten in der Seele der ältern Adelheid auf und ab, deren Entwicklung ihr nicht für gut hieltet, abzuwarten, da euch von dem ganzen geheimen Romane eurer Dame nichts bewusst war. Man schützte sich gegen euer Eindringen mit dem Vorgeben unsterblicher Liebe gegen den ermordeten Friedrich von Toggenburg. Voll Verzweiflung verließet ihr Frankreich, und kehrtet in euer Vaterland zurück, kehrtet einsam zurück, ohne euren Bruder mit euch zu nehmen, den ihr unter dem Schutze eurer Adelheid und der Königin von Frankreich recht wohl aufgehoben hieltet. O Conrad! in was für Händen ließet ihr dies verlassene Kind! in den Händen einer Königin, welche an nichts dachte, als an den irrenden Ritterzug ihres sonderbaren Gemahls, den sie mitmachen wollte; in den Händen einer jungen Frau, welche selbst für ein Kind zu sorgen hatte, und die mit weit aussehenden romantischen Planen umging, den ersten Geliebten ihres Herzens aus der sarazenischen Gefangenschaft, in welcher er sich befinden sollte, in eigener Person frei zu machen. Die beiden Damen konnten sich der lastenden Sorge für den jungen Hermann nicht besser entledigen, als indem sie ihn unter den Hofstaat es Grafen Robert von Artois brachten, der ihn mit sich zum Heereszuge nach dem heiligen Lande nahm, wohin er seinen Bruder, König Ludwigen, begleiten musste. Um doch auch etwas für eure Freundin zu tun, welche ihr der Königin Margarethe so angelegentlich empfohlen hattet, brachte sie sie in das Frauenzimmer der Königin Blanca, ihrer Schwiegermutter, und tat damit der guten Adelheid keinen sonderlichen Dienst, welche lieber sogleich dem Heereszuge des heiligen Ludwig gefolgt wäre, um ihren Montfaucon desto eher wieder zu sehen. Adelheid befand sich unter den Damen der Königin Blanca noch aus einer Ursache nicht an einem gewünschten Orte. Man sagte sich hier von ihrem Abenteuer viel ins Ohr, das sie mit dem undurchdringlichsten Schleier des Geheimnisses zu bedecken glaubte. Der Verdruss über die mannigfaltigen Anspielungen auf heimliche Liebesbündnisse, in welchen man euch, guter Conrad, eine Rolle gab, die Montfaucon gespielt hatte, zehrte die arme Adelheid fast auf: je mehr sie stritt, und in Rücksicht auf euch mit Recht streiten konnte, je hartnäckiger ward man in seinen Behauptungen. Weil man Adelheids Roman nicht recht wusste, so schmiedete man Geschichten, in welchen Adelheid, Conrad von Feuchtwangen, und der schöne Knabe, den sie mit herüber gebracht hatte, wider alle Wahrscheinlichkeit aufs wunderlichste durcheinander gemischt wurden. Die Sagen behaupteten sich bei ihrem Rechte, kamen auch in der Folge vor die Ohren der Königin Margarethe, und wurden vielleicht der Grund von dem Kaltsinne, gegen Adelheids Andenken den ihr ihr so sehr zur Last legtet. Adelheid, des Geschwätzes endlich überdrüssig, und voll Sehnsucht nach dem Gemahle, den sie aus der Gefangenschaft der Sarazenen befreien wollte, entschloss sich, Frankreich heimlich zu verlassen. Der Graf von Poitiers sollte seinem Bruder, dem Könige, noch einen ansehnlichen Rückstand von Völkern nachführen; Adelheid nahm ihre kleine Tochter aus dem Kloster, begab sich unter erdichtetem Namen in den Schutz des Grafen, der sie nicht kannte, und trat auf diese Art eine Reise an, die sie statt des erhofften Endzwecks zu ihrem Unglücke führte. Während sie die langweilige Schifffahrt begann, welche, durch widrige Winde verzögert, die Ursache von dem gehemmten Kriegsglücke des heiligen Ludwigs ward, hatte dieser König mit dem ersten Heere der Kreuzfahrer Ägypten erreicht. Damiette war bereits sein, Scherinschah und verschiedene andere, Plätze; die Siege noch weiter auszudehnen, erwartete man nur noch den langsamen Grafen von Poitiers, und versäumte darüber kostbare Augenblicke, welche, nach dem Urteile der Verständigen, hätten genutzt werden sollen. Niemand fand das Säumen des frommen Königs, niemand die verträumten Tage, mit Beten und Wallfahrten ausgefüllt, lästiger, als der feurige Graf Robert von Artois, in dessen Gefolge sich unser Hermann befand. Robert war ein junger feuriger Herr, für welchen selbst die fliegende Zeit einen zu trägen Schritt ging, und der nicht den kleinsten Teil derselben ungenutzt, mit Taten unbereichert verstreichen lassen wollte. Während Ludwig den säumenden Grafen von Poitiers mit Gebet Durch dreitägige Wallfahrten ward, so sagen einige Geschichtsschreiber der damaligen Zeit, seine Ankunft endlich vom Himmel errungen. und Fasten herbei zu ziehen suchte, wagte er wider des Königs Willen, wider aller weisen vorsichtigen Krieger Rat, eine kühne Tat, bei welcher er den Nachdruck des ganzen Heeres hätte haben müssen, wenn sie hätte ganz glücken sollen. Roberts Hofstaat bestand aus lauter jungen feurigen Leuten, die sich seinem Charakter näherten. Die kühnsten Ritter waren in seinem Gefolge; wer sich zu lange überdachtem weisen Zögern neigte, und überall der guten Gelegenheit erwarten konnte, der fand keine Gnade vor seinen Augen: alles was sich frühzeitig hervor drängte, und die reifende Zeit einzuholen strebte, das hatte Anspruch auf seine Aufmerksamkeit: urteilt hieraus, mit was für Augen er unsern Hermann angesehen haben müsse, diesen Knaben, der im zehnten Jahre schon Jüngling zu sein glaubte, und den auch wirklich die Natur, diesen Wahn zu begünstigen, über sein Alter gebildet hatte. Sein Gesicht zeigte die volle Schönheit und Blüte der zarten kindischen Jugend, indes sein Wuchs sich hoch empor streckte, und die Stärke seiner Glieder ihm immer einige Jahre mehr gab, als er wirklich hatte. – Wie sein schönes Äußeres, so war auch seine Seele. Sanftmut, Zärtlichkeit, Festigkeit und hoher Mut waren in seinem Charakter in dem Grade vereint, der die vollkommenste Liebenswürdigkeit ausmacht. – So wie er war, musste er das Herz seines Herrn gewinnen; so wie Graf Robert war, musste er die heiße, schwärmerische Anhänglichkeit seines jungen Dieners ganz auf sich ziehen. Hermann hat mich in der Folge oft versichert, seine Liebe zu Friedrichen von Toggenburg sei nichts gegen diejenige gewesen, mit welcher er an dem Prinzen von Frankreich hing; keine Wunder; der sanfte Friedrich bei all seinen Vorzügen war auch kein heldenmütiger Artois. Graf Robert begünstigte nichts lieber, als frühe Tatensucht; dem jungen Hermann, der bereits ein leichtes Pferd tummeln, und ein mäßiges Schwert schwingen konnte, war schon verschieden Mahle verstattet worden, seinem Herrn ins Treffen zu folgen. Nur kleine Scharmützel waren vorgefallen; doch Hermann rühmte sich einiger Wunden, die er erhalten hatte, mit so vielem Stolze, als ein alter Krieger seiner Siege. Das eine dieser Ehrenzeichen schmerzte noch, als Graf Robert den gewagten Streich unternahm, dessen ich eben gedacht habe, und welcher nichts Geringers betraf, als die Eroberung von Mansure. Dass es bei dieser Aktion heiß zugehen würde, fühlte selbst der kühne Graf von Artois: er versammelte um sich nur die Ritter, welche nicht allein die kühnsten, sondern auch die geprüftesten waren. Dem jungen Hermann den Mitzug zu verstatten, war kein Gedanke; seine Gegenwart würde nutzlos, und für seine zarten Jahre so viel als gewisser Untergang gewesen sein. Auch durfte sich der Prinz gar keiner unüberlegten Bitte in diesem Stücke von dem Knaben besorgen. Hermann war noch unter den Händen der Wundärzte, und der Endzweck des gegenwärtigen Zugs wurde gar nicht vor seine Ohren gebracht. ›Lebe wohl, mein Sohn!‹ sagte Robert, der sich nicht entbrechen konnte, den jungen Feuchtwangen, ehe er zu Pferde stieg, noch ein Mal zu besuchen; ›lebe wohl, und rechne darauf, mich morgen um diese Zeit wieder zu sehen!‹ ›Ich hoffe dieses Glück noch eher!‹, stammelte Hermann. ›Lebet wohl, großer Prinz! Sieg oder rühmlicher Tod sei der Lohn eurer Waffen!‹ O Hermann! ruhte der Geist der Weissagung auf dir? Sieg oder Tod, sagtest du? Sieg und Tod ward dem heldenmütigen Artois zuteile. Durch die seltenste Wagnis, die nur der schlechte Erfolg mit dem Worte tollkühn, brandmarken kann, ward Mansure an diesem Tage von dem christlichen Heere erobert; Robert triumphierte schon über diejenigen, welche nichts gespart hatten, ihn von der glänzenden Tat zurück zu halten; ach! seine treuen Ratgeber, die Tempelritter und einige erfahrnere Helden als er, sahen voraus, daß diese Eroberung schwer, aber doch nicht so schwer, als die Behauptung derselben sein würde! Während die Christen in Mansure den Meister spielten, kam den bestürzten Sarazenen Hülfe von außen. Dem unglücklichen Artois, welcher mit den Seinen schnell wie ein Sturmwind vorgedrungen war, hatte fast niemand folgen können, als der Graf von Salisbury und die tapfern Tempelritter, die ihn nicht verlassen wollten, ungeachtet sie heute durch Hohn und verschmähten Rat vielfach von ihm beleidigt worden waren. Von dem übrigen christlichen Heer waren die kühnen Überwinder abgeschnitten, eingeschlossen in der eroberten Stadt mit dem Tode und ihren Feinden. An diesem Tage fielen der Ritter vom Tempel zu Jerusalem mehr als zweihundert, auch der Bruder ihres unvergleichlichen Großmeisters, auch Richard von Sonneck fiel, und Salisbury und noch mehr der edlen Helden, durch die Verwegenheit des jungen Robert von Artois unaufhaltsam in das Verderben hinab gerissen. Der Streit war hart in den engen Gassen der Stadt und auf den Mauern: Prinz Robert lag blutend in einem Winkel bei einer Moschee, auf deren Türmen die Hüter des Gebets, die sich durch das Blutbad unten in der Stadt nicht von der Verwaltung ihres Amts abhalten ließen, eben den noch lebenden Muselmanen die dritte Stunde der Andacht zuriefen. Der klare tönende, seinen Ohren ungewohnte Laut erweckte den tödlich Verwundeten aus dem Todesschlummer, in welchem sich seine Seele allgemach von den Banden des Leibes los zu machen strebte. Er öffnete mit Mühe die Augen: es war einsam um ihn; nur ein einziger Kriegsknecht kniete an seiner Seite, und beschäftigte sich mit seinen Wunden: eine zarte jugendliche Gestalt, nur durch das hoch behelmte Haut und die drohenden Federn zu gewöhnlicher Mannsgröße erhoben. ›Wer bist du, mein Helfer?‹, stammelte Artois; ›ich sah dich heute unablässig an meiner Seite.‹ ›Da will ich auch sterben!‹, schrie Hermann, welcher den Helm abwarf, und mit Tränen, die seinem Alter besser ziemten, als die übrigen Taten des heutigen Tages, die Hand seines geliebten Herrn an sein Herz drückte. ›Hermann! Hermann!‹, röchelte Robert, ›warum mußtest du mir folgen?‹ Hermann antwortete nicht: mit der letzten Tat, die ihm die Treue für seinen Herrn eingegeben hatte, schwanden seine Kräfte; er legte sich zum Todesschlummer an Roberts Seite, und die Stille, die vorher ihre Flügel über diesen grauenvollen Winkel ausgebreitet hatte, kehrte wieder. Nach einer Stunde, da die Sarazenen ihre Überwinder völlig überwunden hatten, und sich nun beschäftigten, die Leichname der vornehmsten Erschlagenen aufzuheben, kam man auch an diese Stelle, und fand den erstarrten Körper des Prinzen, und neben ihm den jungen Hermann, in welchem noch ein Lebensfunke zu glimmen schien. Die Feinde stellten sich größere Dinge von diesem Funde vor, als mit der Wahrheit bestand. Die prächtige Rüstung des Grafen von Artois war ihnen das Abzeichen königlicher Hoheit. Zu dem Gerüchte, das sich gleich Anfangs verbreitet hatte, König Ludwig habe hier in Person gefochten, gesellte sich nun der Ruf, er, der gefürchtete Feind der Ungläubigen, sei erschlagen. Den jungen Hermann hielt man für einen der französischen Prinzen, und diesem Wahne hatte er die Sorgfalt zu danken, mit welcher man bemüht war, ihn für dieses Leben zu erhalten. Während der Waffenrock des vermeinten Königs in der Stadt unter dem lauten Zujauchzen des Volks zur Schau getragen, und öffentlich über den Fall des sarazenischen Erbfeindes triumphiert wurde, brachte man den geglaubten Prinzen in den Palast des Emirs Fackreddin, des feigherzigen Fackreddin saß eben im Bade, da Mansure von den Christen überfallen wurde. Es war schon über, ehe er sich noch waffnen konnte; und von ihm wäre es wohl ungerettet geblieben, wenn sich nicht Bonduckdari mit Hülfe von außen eingefunden hätte. Verteidigers von Mansure, der sich nicht schämte, den heldenmütigen, kaum noch atmenden Knaben vor sich bringen zu lassen, und ihn mit Hohn und Beschimpfungen anzureden. Hermann antwortete nichts, weil er zu matt war zu sprechen, vielleicht zu matt, das zu verstehen, was der Übermütige zu ihm sagte. Ohnmächtig brachte man ihn aus dem Vorsaale in das Frauenzimmer, in welches ihn Fackreddin, um ihn, wegen seiner zarten Jahre zu verspotten, zur Heilung bringen ließ. Von dem weitern Fortgange der sarazenischen und christlichen Waffen, von den Bemühungen König Ludwigs, das Blut seines Bruders zu rächen, und tausend andern hierher gehörigen Dingen schweige ich, um meine Geschichte nicht zu weit auszudehnen. – Laßt uns bei Hermann bleiben, über dessen unvermutete Erscheinung bei der Eroberung von Mansure ihr euch wohl nicht werdet gewundert haben, da euch der Mut und die Schlauigkeit des Knaben noch erinnerlich sein wird. Nachricht von der diesmaligen Unternehmung seines Herrn zu erhalten, und seine Wächter zu betriegen, musste ihm ja so leicht geworden sein, als es seinem edlen Herzen leicht ward, mit Überwindung aller Todesfurcht, mit Hintansetzung aller Schwachheit und Schmerzen, Roberten nachzueilen ins Waffengetümmel. Er blieb in Emir Fackreddins Frauenzimmer, und fühlte, weil er die morgenländische Sitte nicht kannte, nichts von der Beschimpfung, die für ihn in diesem Aufenthalte liegen sollte. Er ward eher geheilt, als man erfuhr, daß man sich in seiner Person geirrt, und in ihm, statt eines französischen Prinzen, nur einen gemeinen Edelknaben erbeutet hatte. Der Wert, den man auf seine Person setzte, schwand hierdurch freilich, aber mit demselben auch ein Teil des Zwanges, unter welchem er bisher gelebt hatte: zurück gesetzt ward er darum unter seinen Pflegern und Pflegerinnen nicht; er hatte sich durch das geduldige Leiden bei seiner schmerzhaften Heilung, und durch tausend gute Eigenschaften, besonders aber durch die Schönheit seiner Person aller Herzen erworben, und ward nach wie vor bedient, wie ein Prinz, ob er gleich nicht mehr dafür gehalten wurde. Um diese Zeit war es, daß Fackreddins Harem, der billig für den glänzendsten in ganz Orient gehalten wurde, eine neue Schönheit sah; eine junge christliche Sklavin, welche man für den wichtigsten Teil der Beute hielt, die einer fliegenden Schar des endlich einrückenden Grafen von Portiers bei einem Scharmützel abgenommen worden war. Ich habe euch den Grafen von Portiers genannt, und ihr erratet bereits, welches die Dame war, die aus seinem Schutze in die Hände der Barbaren fiel. Die unglückliche Adelheid! Fesseln zu zerbrechen, war sie in ein Land gekommen, wo selbst Fesseln ihrer warteten! Einen gefangenen Gemahl wollte sie befreien; die Nachricht von den Gegenden, in welchen er der Sklave eines harten Herrn war, hatte sie nicht irre geleitet; der hohe Preis, ihn los zu kaufen, war in ihrer Hand; der Graf von Portiers hatte sie zu Vollziehung der Sache mit einer gewaffneten Bedeckung versehen: aber ehe sie Rosette, wo Montfaucon in der Gefangenschaft schmachtete, erreichen konnte, kam ihr die bestätigte Post von dem Tode des Geliebten entgegen; sein treuer Diener, bisher sein Mitsklave, überbrachte sie ihr nebst wenigen mit Blute auf die Leinwand eines Turbans geschriebenen Abschiedsworten, die der Unglückliche fast im Augenblicke des Todes an seine treue Befreierin abgefaßt hatte, um sie über fehl geschlagene Hoffnungen zu trösten, und sie auf Freiheit und Wiedersehen in lichtvolleren Welten hinzuweisen. Welch ein Trost konnte in einem solchen Abschiede liegen? Adelheid rang mit der Verzweiflung; so nahe dem Wiederfinden, nach langer Trennung, den gehofften Endzweck zu verfehlen, war mehr, als sie ertragen konnte. Ihre Person war ihren Begleitern von dem Grafen von Portiers, der nicht blind für Adelheids Reize war, ganz besonders empfohlen worden. Sie in den Ohnmächten zu unterstützen, welche sie nach der Schreckenspost mehr als ein Mal an die Pforten des Todes brachten, verweilte man in einem Gehölze, dessen Gefahren man nicht kannte. Da fielen Fackreddins Leute, deren einige Kohorten in diese Gegenden verlegt waren, heraus; ihre Anzahl war der kleinen christlichen Schar überlegen; sie siegten, und eure Adelheid, mein teurer Conrad, ward eine Sklavin, da eben ihre Seele von der Freiheit in himmlischen Welten träumte, deren ihr Gemahl bereits genoss. Mit ihr geriet ihre kleine Tochter, die sie nicht aus den Armen lassen wollte, in die Gewalt der Sarazenen; und während ihren Begleitern, so viel deren lebendig blieben, gleichfalls die Fesseln angelegt wurden, brachte man sie zu leichterer Gefangenschaft in Fackreddins Frauenzimmer. Nichts war wohl, das das Elend der unglücklichen Dame ganz hinweg nehmen konnte, als der Tod; aber Linderung war leicht, und sie sollte sie noch an dem nämlichen Tage erhalten. Krank zum Tode ward Adelheid nach Mansure gebracht; krank war auch das schöne Kind in ihren Armen, welches das Interessante ihrer Erscheinung noch vermehrte. Das allgemeine Mitleid war rege bei dem Leiden der reizenden Frau: selbst Fackreddins Weiber bemitleideten ihre Schmerzen, und wünschten ihr zu helfen: aber dies war unmöglich, da sie aus Unkunde der Sprache nicht mit einem Worte zu verstehen geben konnte, was ihr oder ihrem Kinde fehle. Da besann sich schnell eine der Morgenländerinnen auf den europäischen Knaben, welcher eben die Sprache zu reden schien, die man aus Adelheids Munde hörte. Hermann ward Adelheiden vorgestellt; er sah, er erkannte sie; ihr matten Augen öffneten sich, auch ihn zu erkennen, und ihr mögt urteilen, ob ihr sein Anblick Trost war in diesem fremden Lande, mögt urteilen, ob Bekanntmachung ihrer Bedürfnisse, die man aus seinem Munde erwartete, der einzige Vorteil war, der ihr aus der Wiederfindung ihrer jungen Freundes zuteile ward! * In großen Leiden, wo wir wähnen, die ganze Welt sei zu arm, uns Trost zu bringen, ist's oft eine Kleinigkeit, die uns Linderung schafft. Adelheids Zustand ward durch Hermanns Erscheinung um nichts gebessert; sie blieb Witwe und Sklavin, ungeachtet ihr ihn das Schicksal entgegen führte: auch war ihre Zuneigung für ihn in Europa nicht so glühend gewesen, daß man hier außerordentliche Freude des Wiedersehens hätte erwarten können; gleichwohl war es eurer Freundin, als sie euren Bruder sah, als fiele ein großer Teil ihrer Leiden von ihren Schultern. Auch Hermanns Entzücken war groß, und man schloss sich gegenseitig mit solchen Ausbrüchen der Freude in die Arme, daß sich jedermann überzeugte, Mutter und Sohn, oder Bruder und Schwester haben sich hier wieder gefunden. Der Wahn von dieser Verwandtschaft und die gemeinschaftliche Sprache, die hier sonst niemand verstand, ward das Mittel, den jungen Hermann von seiner alten Bekannten unzertrennlich zu machen. Ihr habt viele Winke von diesen Dingen in der Geschichte der jüngern Adelheid erhalten; die meinige kann euch zum Schlüssel jener Rätsel dienen, welche ihr aus dem Munde des unglücklichen Mädchens vernahmt, das das Schicksal euch so wunderbar entgegen führte, um in euren Armen zu sterben. Sie war damals der Hauptgegenstand der Sorge ihrer bekümmerten Mutter; für ihre eigene Person würde die ältere Adelheid eher Licht in der Zukunft erblickt haben, als für dieses beklagenswürdige Kind, welches Erbe von allen widrigen Schicksalen seiner Eltern zu sein schien. Adelheid hatte, so lange sie krank war, nur Mitleid und zärtliche Teilnahme erregt: bei ihrer Wiedergenesung, bei Erneuerung ihrer ehemaligen Blüte zog sie Bewunderung und Neid auf sich. Fackreddins Favoritin, die schöne Zulima, sah schon im Geiste das klägliche Glück, von ihm vorgezogen zu sein, auf eine andre übergetragen, und suchte diesem Unfälle vorzubeugen. Hermann, welcher bei Zulima so wohl gelitten war, als bei allen Damen des Serails, merkte der Favoritin bald den Wunsch ab, Adelheiden zu entfernen, und säumte nicht, seiner Freundin, deren Vertrauter er, ungeachtet seiner großen Jugend, geworden war, Nachricht davon zu geben. Auf dieselbe gründeten sie sich eine Reihe ernster Beratschlagungen, deren Resultat endlich war, Zulima in den geheimen Vorteil zu ziehen, und durch sie zu bewirken, was ihr eigener Wunsch sein musste, die Befreiung der schönen Gefangenen. Noch war die Sache, die man durch sie zu erlangen suchte, nicht allzu schwer. Adelheid war noch von niemand gesehen worden, als von den Hütern des Harems, welche zu bestechen waren, und den andern Frauen, welchen das schnelle Verschwinden einer Schönheit, von welcher sie verdunkelt wurden, gleichfalls am Herzen lag: der Emir wusste noch nichts von dem köstlichen Schatze, den er in seinen Mauern verschloß, und konnte also ohne Mühe um denselben betrogen werden. Zulima war entzückt, als ihr Hermann den ersten Wink von Adelheids Wünschen gab; sie, welche kein größeres Glück kannte, als in dem goldenen Gefängnisse, das sie einschloß, immer die Königin zu spielen, konnte sich es kaum als möglich denken, daß die schöne Fremde ihr ihre Siege willig aufopfern würde. Sie eilte, die als Freundin zu umarmen, die sie schon als ihre ärgste Widersacherin zu betrachten begann. Man ging zu Rate: die Hüter wurden mit einem Teile von Adelheids Kostbarkeiten bestochen; ein anderer wurde zu Geschenken an die übrigen Frauen verwendet, und unsere Dame sah sich so leicht, so schnell am Ziele ihrer Wünsche, daß sie, wenn sie sich auf dergleichen Berechnungen verstanden hätte, leicht hätte denken können, irgend eine Widrigkeit stehe ihr noch im Augenblicke des Glücks bevor. Ach, es war die höchste, welche die zärtliche Mutter betreffen konnte! Ihr selbst ward die Freiheit ohne Bedenken zugestanden, man war froh, sie entfernen zu können: aber keine Möglichkeit war, für ihre kleine Tochter ein ähnliches Glück von der strengen Zulima zu erhalten. Ach dies war's, was Adelheid, welche die Grundsätze des Serails jetzt ein wenig kannte, vom Anfange besorgt hatte! Die kleine Adelheid war ein sehr schönes Kind, und versprach in reifern Jahren ihre Mutter noch an Reizen zu übertreffen. Zulima, eine Schwester der berühmten Sultanin Dschegeredur, Dschegereddur, nachmals regierende Sultanin von Ägypten, kam als Sklavin in das Frauenzimmer des Sultans Nedsjuneddin; aber sie ward sehr bald seine Beherrscherin. Die höchste Gewalt des Reichs war in ihren Händen: sie gab sie nach des Sultans Tode in die Gewalt seines Sohnes Turanschah; aber bald stürzte sie ihn, um sich selbst auf den Thron zu setzen. Von ihr weiter unten. war das, was sie war, nach Grundsätzen, war Beherrscherin von Fackreddins Serail, und wünschte es immer zu bleiben. Sie, die freilich jetzt noch keine Nebenbuhlerin in Fackreddins Gunst dulden mochte, sah doch so viel ein, daß die Herrschaft eigner Schönheit nicht ewig dauern könnte. Sehr richtig berechnete sie, daß die Reize der kleinen Adelheid ungefähr um die Zeit aufblühen würden, da die ihrigen für alle Hülfe der Kunst unwiederbringlich verloren sein würden; sie dann an ihre Stelle zu schieben, durch die Macht fremder Reize das verlorne Ansehen wieder an sich zu reißen, dies war ihr Plan, dessen weit hergeholte Anlage ihrem Verstände und ihrer Vorsichtigkeit Ehre machte, wenn wir sie nach den Grundsätzen ihres Vaterlandes beurteilen, wo ähnliches Verfahren nichts Seltnes Die Frauen der Patriarchen, welche ihre Mägde zu ihren Nebenfrauen machten, hatten im Grunde vielleicht nichts anders zur Absicht, als hier Zulima. ist. Adelheid, welche von diesen Dingen aus Zulimas besonderer Zärtlichkeit gegen ihre kleine Tochter, aus dem Bestreben, dieses Kind immer um sich zu haben, viel mutmaßte, hatte gehofft, durch List zu siegen, indem sie ihrer bei dem Freiheitsvertrage gar nicht gedachte; sie hoffte, sie in dem Augenblicke, da sie das Serail verlassen würde, durch Überraschung davon zu bringen. Dass die Tochter der Mutter folgen müsste, verstand sich ja von selbst; wer sollte hiergegen in der Eile eine Einwendung machen? – So klug indessen die Sache veranstaltet war, so schlecht glückte sie. Zulima nahm der scheidenden Adelheid am Tore des goldenen Palasts ihr reizendes Kind nur auf einen Augenblick aus den Armen, um den schlafenden Engel noch ein Mal zu küssen. Die Kleine erwachte, und drohte, durch ihr Geschrei diejenigen rege zu machen, welche nicht um den heimlichen Handel wussten. Schon hatte sie einer der Kämmerlinge, um sie zu begütigen, aus Zulimas Armen genommen, und sie wieder nach dem innern Palaste gebracht. Man trieb die klagende Mutter von dannen: man versprach ihr, das Kind solle in der nächsten Stunde nachgebracht werden; aber daß dieses nicht geschah, werdet ihr euch aus der Erzählung erinnern, die ihr in dem Lager von Tunis von diesen Dingen vernahmt. Hermann war über den nur halb geglückten Anschlag seiner Freundin vielleicht so voll Verzweiflung, als sie selbst. Er äußerte seinen Unwille, Wut möchte ich es fast nennen, mit aller Unbefangenheit, die seinem Alter und seinem Charakter eigen war; er beteuerte, er wolle, wenn man noch verzöge, der Mutter ihr Kind wieder zu geben, dem Emir die ganze Kabale entdecken, die man in Rücksicht auf Adelheiden gespielt habe, und dadurch Zulima unausbleiblich stürzen. – Diese Drohung, deren Erfüllung man ihm zutrauen konnte, würde vielleicht dem unvorsichtigen Knaben den Tod gebracht haben, wenn sich nicht eben um selbige Zeit Mittel gezeigt hätten, seiner auf andere Art los zu werden. – Ihr wisst, Ritter Conrad, wie ungern ich meinen Liebling, eben den Hermann, von welchem ich alle diese Zeit über geredet habe, aus meiner Obsicht ließ; wie unzufrieden ich mit eurer Reise nach Frankreich war, und wie wenig Gutes ich mir von derselben für euch und für euren Bruder versprach; – müßig bei dem zu bleiben, was mir Sorge machte, war meine Sache nicht. Ich war euch unverzüglich gefolgt, um selbst Zeuge von dem Schicksale des geliebten Knaben zu sein, und es notfalls zu verbessern. Leider hatte mich Krankheit unter Weges so lange aufgehalten, daß ich erst nach Gallien kam, da ihr schon nach Deutschland zurück wäret, und Hermann im Gefolge des Königs von Frankreich den Zug nach Orient schon angetreten hatte. * Sonderbares Geschick, das Kind, das ich liebte, und das ich nicht zu verlassen geschworen hatte, auf dem Wege nach dem Lande zu wissen, nach welchem meine ganze Seele strebte! Ihr wisst meine Geschichte, Ritter Conrad – Mein Gewissen folterten noch nicht genugsam gebüßte Vergehungen. Vor dem Auge der Welt waren sie längst abgetan, vor einem strengern Richterstuhle nicht. Mich der innern Qual zu entledigen, hatte ich eine Wallfahrt nach dem heiligen Grabe gelobt, und durch sonderbare göttliche Schickung fand ich mich auf ein Mal in dem Falle, durch Erfüllung des einen Gelübdes auch dem andern, das mich an meinen Liebling, meinen jungen Lebensretter, Hermann, band, Genüge zu leisten. Der erste Transport der christlichen Heere war hinüber. Mich zu dem Grafen von Poitiers zu gesellen, war ebenfalls zu spät; ich begann einsam die weite Reise, und legte sie vielleicht darum desto glücklicher zurück. Mein guter Engel leitete mich richtig: alle Nachrichten, die ich unter Weges einzuziehen wusste, trafen pünktlich zu, ich suchte meinen Hermann zu Mansure, und fand ihn. Zum Glücke hatte ich meine Reise nicht mit der gewöhnlichen Armut der Pilger angetreten; Gold genug war in meinen Händen, den geliebten Knaben aus Fackreddins Gefangenschaft los zu kaufen. Es wird zu Zeiten den Christen verstattet, Brüder, die in der Sklaverei schmachten, mit großen Kosten zu lösen: der Emir und seine Sklavenhüter kannten den Wert des Kindes nicht, das er in seinen Harem gesteckt hatte; sie wussten nichts weiter von ihm, als daß es ein gemeiner Edelknabe, kein Prinz von Frankreich sei; der Preis für seine Freiheit ward mir leicht gemacht, Es war Klage über ihn aus dem Frauenzimmer gekommen: man war froh, ihn ohne gewalttätige Mittel, die auch der Boshafteste ungern gebraucht, los zu werden; ich zahlte mein Geld auf die gewöhnliche Art, und ward auf die gewöhnliche Art angewiesen, meinen Befreiten zur bestimmten Stunde in Empfang zu nehmen. Eine Zusammenkunft ward mir vor dem Augenblicke, den ich nicht erwarten konnte, mit Hermannen verstattet, und sie war auch der einzige Lohn, den ich von dem kleinen Undankbaren für meine Treue erhielt. Es ist wahr, das geliebte Kind wieder zu sehen, es so vollkommen, so ausgebildet wieder zu sehen, sich an seinem Entzücken über mich, über meine treue Liebe, an seinen Tränen, an seinem rührenden Danke zu weiden, dies lohnte schon die Mühe und Kosten, die ich für ihn angewendet hatte; aber der Genuss dieser einzigen Stunde war auch alles. Als ich mich einstellte, meinen Befreiten in Empfang zu nehmen, ward mir an seiner Statt ein kleines in Knabenkleider gehüllte Mädchen aufgedrungen, um dessen Befreiung ich wohl keinen Schritt aus der Stelle gesetzt haben würde. Ihr wisst die ganze Begebenheit aus der Geschichte derjenigen Adelheid: sie war eine Probe von Hermanns kindischer Großmut, der lieber selbst Sklave bleiben wollte, um der Tochter seiner Freundin die Freiheit zu verschaffen; vielleicht mischte sich auch etwas Knabenschalkheit ins Spiel, die es ihm zur Freude machte, der Zulima, die er haßte, und ihren Kreaturen einen Streich zu spielen. Wie es ihm gelang, bei der ganzen Sache so eigenmächtig zu verfahren, weiß ich nicht; nur so viel ist mir bekannt, daß er mich durch sein holdseliges Bitten, durch den dringenden Zwang seiner Tränen endlich nötigte, das Kind unter dem Namen, den er selbst als seinen wahren angegeben hatte, anzunehmen, und ihm zu geloben, es zu seiner Mutter zu bringen, die, wie er meinte, vielleicht noch nicht zu Schiffe gegangen sein möchte. Ich brachte die Beute, welche ich nicht gesucht hatte, glücklich davon, und tröstete mich mit der Möglichkeit, daß ein zweiter Versuch, meinen Liebling loszukaufen, glücklicher, und mein Vermögen dazu hinreichend sein würde. Mir lag jetzt nichts heftiger an, als die Gräfin Adelheid bald zu finden, mich meines Auftrags zu entledigen, und dann zu neuen Unternehmungen nach Mansure zurück zu kehren. – Wie schlecht mir dieses gelang, wisst ihr bereits. Adelheid war längst über Meer; man hatte nicht gesäumt, den Willen der schönen Zulima durch eine schnelle Einschiffung zu erfüllen. Bekannt wird euch gleichfalls sein, daß ich am Ufer des Nils einem Trupp Sarazenen in die Hände fiel, welche mich in den Zustand setzten, in welchem Billah mich fand. Ich fühlte mich dem Tode nahe: der großmütige Musulman tröstete und labte mich, so gut er vermochte; das hülflose Kind, das meiner Sorgfalt anvertraut war, lag mir schwer auf dem Herzen: ich empfahl es ihm, und setzte, so viel ich mich erinnere, mit gebrochner Stimme etwas von der Herkunft der kleinen Adelheid und dem Orte hinzu, woselbst sie am ersten hoffen konnte, Unterstützung und Nachricht von ihrer Mutter zu erhalten; er scheint mich nicht verstanden zu haben, oder die Todesangst hatte bereits meine Zunge dermaßen gelähmt, daß es mich zu verstehen Unmöglichkeit war; ein Zufall, welcher dem verlassenen Kinde lebenslängliches Unglück und Ungewißheit zuzog. – Ich ward von den Armen des edlen Billah unterstützt: ich sah seine tröstende Gestalt vor meinen brechenden Augen, so lange ich so noch zu öffnen vermochte. Er verließ mich wahrscheinlich nicht eher, bis er meines Todes gewiss zu sein glaubte, der auch wohl wirklich erfolgt sein würde, hätte mir der Himmel nicht eine Hülfe gesandt, die ich wohl übernatürlich nennen möchte. Verzeihet, Ritter Conrad, daß sich hier meine Geschichte in einige Dämmerung hüllt: Zeit und Umstände verbieten mir; weitläuftig zu sein; und das müsste ich werden, wenn ich mich euch vollkommen verständlich machen wollte. – Ich lag am Ufer des Nils in Todesschlummer: der Lebensfunke, der noch in mir glimmen mochte, war so schwach, daß ihn kein gewöhnlicher Hauch zu finden und aufzublasen vermocht hätte. Gleichwohl fühlte ich nach langer Bewußtlosigkeit etwas in mir, das der ersten Empfindung eines Menschen gleicht, welchen eine äußere Macht aus tiefem Schlafe erweckt. Wärme und Atem kehrten allmählich wieder; ich kam endlich so weit, die Augen aufschlagen zu können. – Es war Nacht um mich; neben mir kniete ein Mann, den mir eine kleine Leuchte, die er neben sich stehen hatte, sichtbar machte; seine linke Hand lag auf meinem Herzen; die Rechte war beschäftigt, mich mit einem stark riechenden Öle zu netzen, das mich je mehr und mehr mit neuer Lebenskraft durchdrang. Ich vermochte bald einige Worte zu stammeln, und das zu verstehen, was er mir antwortete. – Er tat einige Fragen an mich; wie konnte ich sie dem Retter meines Lebens mit Nein beantworten? Ich willigte ein, ihm zu folgen, wohin er mich führen würde; wie konnte ich dem, der mir die Kraft gab, mich zu erheben, das Recht versagen, meine Schritte zu leiten? – Er führte mich wenige Tage nach meiner völligen Herstellung nach Kahira, von da noch weiter nach jenen bewunderungswürdigen Gebäuden, die bis an das Ende der Tage ein Denkmal von den Geheimnissen der Vorwelt bleiben werden. Ich ging ein in das Dunkel der Pyramiden, um dort in der Gesellschaft der weisesten und besten Menschen das wahre Leben kennen zu lernen; um dort in den Armen meines Freundes, den ich glaubte ermordet zu haben, Loszählung von meinem lange beweinten Verbrechen zu finden. Jahre wurden mir zu Tagen: ich vergaß im eigentlichen Verstande die Vergangenheit, um nur in der Gegenwart und Zukunft zu leben, vergaß auch Hermannen, dich! Verzeihe, verzeihe, Geliebter, daß ich meinen Vorsatz, dich zu befreien, Jahre lang hintansetzen, und dadurch vielleicht deinem ganzen Schicksale eine widrige Wendung geben konnte! Auf einer der Wanderungen, Die damaligen Zeiten begünstigten sehr die Sage von einer Gesellschaft heiliger, mit übernatürlichen Geheimnissen bekannter Männer, die, als Abkömmlinge der alten ägyptischen Priester, in den Pyramiden wohnten, und von da zuweilen wie wohltätige Gottheiten herab stiegen, Besserung und Glück unter den Menschen zu verbreiten. welche wir aus unserm unbeunruhigten Zufluchtsorte fleißig in die Gebiete der Menschen tun, um Leiden zu lindern, und diejenigen, welche von der Hand des Unglücks unheilbar verletzt sind, in unsere friedliche Stille einzuladen, geriet ich an den Ufern des Nils gerade auf die Stelle, wo vor mehreren Jahren einer unserer weisesten Väter, Ritter Bernard, mich ins Leben zurück rief. Tränend dankte ich hier dem Himmel meine Auferstehung zu einem bessern Dasein; aber zugleich kehrte auch Andenken und Gefühl des Vergangenen so lebhaft zurück, daß ich mein gegenwärtiges Glück nur halb fühlte, und Wünsche zu bilden begann, deren Erfüllung, weil sie mich zu weit von der Gesellschaft, deren Mitglied ich war, entfernt haben würde, ich nicht für möglich hielt. – Ich dachte an den verlassenen Hermann, und seine unterbliebene Befreiung, sehnte mich nachzuholen, was versäumt war, sehnte mich zu wissen, was aus dem geliebten Kinde, das nun die Zeit schon zum Jünglinge gemacht haben musste, geworden sein möchte. – Traurig kehrte ich in die geweihten Schatten zurück, und grämte mich lange in der Stille, bis Ritter Bernard, den das Schicksal mir besonders verbunden hatte, mir mein Geheimnis entriß, und mir lächelnd zeigte, daß ich vergebens getrauert habe. – ›Ist es dir darum zu tun‹, sagte er, ›daß du wissen möchtest, wie es dem jungen Deutschen ergeht, so kannst du hier davon, so wie von allen Begebenheiten der Erde, die richtigste Kunde erhalten. Willst du ihn von Banden befreien, in denen er wirklich gegenwärtig, ich fürchte unrettbar, schmachtet, so ist dir, wie ich hoffe, ein Versuch nicht verwehrt; verziehe bis morgen, und du sollst Einwilligung oder Abschlag haben.‹ Ich erhielt das Erste. Ich letzte mich mit meinen Brüdern, und stieg in die Ebene hinab, und fand das wörtlich wahr, was ich aus dem Munde der Alleswissenden schon vor meiner Abreise vernommen hatte. Der Streich, welchen Hermann vor nunmehr fast zehn Jahren der Königin von Fackreddins Serail durch Befreiung der kleine Adelheid gespielt hatte, machte ihn zum Gegenstande ihres lebhaftesten Widerwillens. War er vorher hier von jedermann angebetet worden, so haßte und verfolgte man ihn nun aufs äußerste; er hatte Mut, allen die Stirn zu bieten: das Ärgste, was ihm der Zorn wütender Frauen antun konnte, den Tod, fürchtete er entweder nicht, oder er hoffte, mich, seinen unermüdeten Freund und Befreier, bald wieder zu sehen. – Ich kam nicht, und Gott weiß, was aus ihm geworden sein möchte, hätte ihn das Schicksal nicht auf eine andre Art in eine glücklichere Sphäre versetzt. Zulimas Schwester, die Sultanin Dschegereddur, hatte eben damals das Zepter von Ägypten in die Hände Turanschahs übergeben, und für ihr kluges Verhalten Diese außerordentliche Frau, die dem Sultan Nedsjuneddin ins Lager gefolgt war, weil er keine Stunde ohne sie leben konnte, sah ihn in ihren Armen sterben; sie trocknete schnell ihre Tränen, um mit wahrer Staatsklugheit zu tun, was zur Ruhe des Reichs nötig war. Sein Tod ward verheimlicht. Sie und einige vertraute Minister ordneten alles so, gaben alle Befehle so, als ob er noch gelebt hätte, bis Turanschah, des Sultans Sohn, aber nicht der ihrige, von ihr herbeigerufen, erschien, den Thron seines Vaters zu besteigen. zum Lohne Verdacht heimlicher Kabalen eingeerntet. Sie konnte sich desselben nicht besser entbrechen, als dadurch, daß sie, die vor kurzem noch in einer höhern Sphäre geglänzt hatte, ganz in den gemeinen Wirkungskreis der Ägyptierinnen zurückkehrte. Ein Leben aus Essen, Trinken, Putzen, Spazierengehen, und Abstattung unbedeutender Besuche, versteckte die großen Anschläge, die wirklich in ihrem Gehirne reifen mochten. Auch Fackreddins Geliebte, Zulima, genoss die seltene Ehre, ihre königliche Schwester bei sich zu sehen. Man unterhielt sich auf die gewöhnliche Weise; man wiegte sich in den von Ambra und flammenden Aloeholz duftenden Zimmern auf weichen Küssen; man plauderte; man lachte; man sagte sich Süßigkeiten; man mischte sich unter die tanzenden Sklavinnen; man genoss Erfrischungen. – Unter den Sklaven, welche die letztern auftrugen, war Hermann. Er zog das Auge der Sultanin auf sich. Zulima sprach viel zu seinem Nachteile, das die kluge Dame noch aufmerksamer machte: Zulima wünschte seiner los zu sein, und gestand, daß sie am Ende sich des seidenen Stricks würde bedienen müssen. Dschegereddur erbot sich, sie der drückenden Last zu entnehmen, die sie an diesem jungen Verräter zu haben glaubte. Gern willigte man ein, und von diesem Augenblicke an war Hermann der Sklave der Sultanin von Ägypten. * Es würde zu weitläuftig sein, euch das neue Los des jungen Menschen zu schildern: es war unvergleichlich besser, als das alte, um so vieles besser, als Dschegereddur auf alle Weise unter den Frauen einen höhern Rang behauptete, als ihre Schwester Zulima, ungeachtet beide so ziemlich nach einerlei Grundsätzen handelten. Hermann war noch kurze Zeit unter dem Hofstaate der Sultanin gewesen, als die Notwendigkeit, ihr eigenes Leben zu schützen, sie zu einer Handlung bestimmte, welche sich schon manche große Frau erlaubt hat: Turanschah musste fallen, weil er Dschegereddur stürzen wollte, und sie ward Sultanin von Ägypten. Zehn Jahre lang war nun Hermann an ihrem Hofe von einer Stufe zu der andern gestiegen. Tugend hatte ihn hier gehalten und erhoben, wo andere, die ihr Glück auf entgegen gesetzten Wegen suchten, längst zu Grunde gegangen waren. Ob er gleich seine Pflicht zu gut kannte, um sein Schwert wider die Hauptfeinde der Sarazenen, die Christen, zu brauchen, so hatte es ihm doch nicht an Gelegenheit gefehlt, sich von andern Seiten den Ruhm der Tapferkeit zu erwerben. Dies machte sein Ansehen unerschütterlich: Reichtum und Größe ward ihm zu Teile, endlich selbst die Freiheit; und er hätte nur einen einzigen Schritt zu tun gebraucht, um einen noch schönern Lohn mit der Hand der schönen Esbee, der Tochter der Sultanin, einzuernten. – Ich sah ihn in dem Glanze, der ihn umgab, und ward mit Entzücken von ihm erkannt. Er dankte mir meine Treue; er hörte meine Anerbietungen; aber – sie anzunehmen war ihm unmöglich. Ach, Esbees Liebe hielt ihn fest! Dies waren die Bande, in welche der arme Jüngling, wie Vater Bernhard sagte unrettbar schmachtete, aus welchen er nicht einmal befreit zu werden wünschte! Ich ließ es nicht bei einem Versuche: noch manches Jahr verfloß über mehreren derselben. Ich ging und kam, so oft es mir erlaubt war, in die Welt zu gehen, und in die heilige Einsamkeit zurückzukehren. Ich schilderte dem verlornen Hermann die Gefahren des ägyptischen Hofs, die Seligkeiten unserer geheimnisvollen Stille; aber er war ein Jüngling, konnte noch nicht Geschmack an demjenigen gewinnen, was dem Greis wünschenswert dünkt. Er schwor mir tausend Mal zu, den Besitz der schönen Esbee nie auf unerlaubte Bedingungen anzunehmen; eben so wenig war er gesonnen, seine Fürstin mit Undank zu lohnen, und eine geliebte Tochter aus ihren Armen zu verlocken; aber – ihr kennt ja die Möglichkeiten, welche in dem Gehirne des feurigen Jünglings schwärmen, deren eine sich das Glück zuweilen die Mühe nimmt, zu erfüllen. Dschegereddur hatte den Thron von Ägypten lange genug besessen, um zu besorgen, er möchte einst unter ihr wanken. Sich auf den ärgsten Fall in Sicherheit zu setzen, hatte sie bereits alle möglichen Vorkehrungen getroffen; nur für das Kostbarste, das sie besaß, für ihre Tochter, war noch nicht gesorgt, oder vielmehr, dem Anschlage, der schon längst in dem mütterlichen Busen reifte, fehlte noch die Ausführung. – Worin derselbe bestand, das mutmaßte wohl niemand weniger, als der, den er vornehmlich betraf, euer Bruder. – ›Hermann‹, sagte die Fürstin eines Tages zu ihm, als sie alle Lauscher von sich entfernt hatte, und sich ganz einsam mit ihm wusste; ›du liebst Esbee! Du hast dir ihren Besitz auf keine Art erkaufen wollen, der deinen Grundsätzen widerspricht; ich billige das, was du tatst: es ist edel! Du bist ein Christ, und willst es bleiben; noch mehr: du hast deine junge Geliebte zu dem nämlichen Glauben übergezogen, den du bekennst. – Erröte nicht! denn auch dieses kann ich nicht tadeln: ich war in den glücklichen Tagen unbefleckter Jugend selbst das, was Esbee nun ist, und was sie, meinen Wünschen nach, ewig bleiben mag. – Aber was soll nun aus der Unglücklichen werden? Sie ist für ihr Vaterland verloren! Ich bin sterblich; Hermann wird nach meinem Tode hier nicht bleiben. – Wem gehört sie an, wenn du und ich sie verlassen haben? – Nimm sie, nimm deine Esbee! bei meinem Leben, sie ist dein! Ziehe mit ihr in dein glücklicheres Vaterland; an Schätzen, fürstlich zu leben, soll es euch nicht fehlen.‹ Hermann wusste nicht, ob er träumte: er war zu den Füßen seiner Königin gesunken; seine Tränen dankten ihr mehr, als seine Worte. Sie hob ihn auf, und empfahl ihm Eile und Behutsamkeit. ›Wisse‹, sagte sie, ›diese Nacht umarme ich Esbee zuletzt als mein Eigentum; von Mitternacht an ist sie dein. Diese Nacht, aber nur diese Nacht allein wirst du die Zugänge zu ihren Zimmern offen finden. Siehe, daß du sie davon bringest. Der Hindernisse sollen dir nicht viele in den Weg gelegt werden, doch immer genug, daß die Sache das Ansehen einer Entführung trage. Führe deine Beute, so eilig du kannst, an einen Ort der Sicherheit; denn obgleich die Mutter in dein Glück willigt, so kannst du doch wohl denken, daß die Sultanin von Ägypten genötigt ist, den Räuber einer Prinzessin zu verfolgen. – O, daß es deinen Verfolgern nicht glücke, dich zu ereilen! Unglücklich wärest du, unglücklich wäre auch ich, wenn ich den strafen müsste, den ich liebe, und gern mit dem Liebsten, was ich habe, belohnen wollte. – Stehe auf, Hermann! vielleicht werden wir beobachtet. Vorsicht und Eile ist alles, was ich dir empfehlen kann!‹ Hermann war genötigt, den entzückten Dank in seinem Herzen zu verschließen; auch hat er ihn der edlen Sultanin nie abstatten können. Esbee war von allem unterrichtet. Die Liebenden flohen, und die Nähe des Zufluchtsorts, den Hermann für seine schöne Beute fand, war Ursache, daß sie schon geborgen waren, als die Sultanin den Raub ihrer Tochter laut werden ließ, und sich die Ebenen von Kahira mit Hermanns Verfolgern bedeckten. Kaum werdet ihr, Ritter Conrad, wenn ihr die Gegenstände, von welchen ich euch unterhalte, genau kennet, den Ort erraten können, der euren Bruder und seine Geliebte aufnahm. Der Umkreis der Pyramiden ist heilig; nie sah ihr Innerstes das Auge eines Weibes; gleichwohl trug die Gesellschaft der Weisen, die dort im Stillen wohnen, kein Bedenken, ein Paar verfolgte Liebende im Schutz zu nehmen. Ich, der eben in jener Nacht der seltsamen Flucht auf die Fliehenden stieß, wagte bei meinen Brüdern für sie die Bitte um Sicherheit, und ward nicht zurück gewiesen. Man liebte hier Hermannen; man schätzte in der Sultanin von Ägypten eine mächtige Beschützerin unserer Geheimnisse, und verehrte in der jungen Esbee die zarte jungfräuliche Unschuld. Neugier, vorwitziges Forschen nach dem, was ihr nicht gezeigt ward, oder kühne Zudringlichkeit, konnte man von einer Seele, wie die ihrige, gar nicht gewärtig sein: so blieb sie in den Vorhöfen unsers Heiligtums, sie genoss hier des Unterrichts der Weisen mehrere Jahre, indessen Hermann, nachdem draußen das Ungewitter vorüber gerauscht war, hinaus ging in die christliche Welt, sich auch da einen Namen zu machen, wie er bereits unter den Ungläubigen getan hatte. Esbee war achtzehn, und Hermann siebenundzwanzig Jahr, als er sie aus unsern Händen empfing, und nach Akra führte, um im Angesichte seiner Freunde, der Tempelherren, daselbst sich öffentlich zum christlichen Glauben zu bekennen, und dann seine Gemahlin zu werden. Ich begleitete das Paar, das ich liebte, und welches mich den Schöpfer seines Glücks nannte; aber ich sah den Anblick desselben nicht lange: ich sah Esbee eine Christin, sah Hermannen durch ihren Besitz beglückt, sah beide die Einwohner einer herrlichen Burg, welche die Templer Hermannen zum Danke für die Hilfe seines Schwerts schenkten: aber als ich die Glücklichen mit dem Versprechen verließ, bald wieder umzukehren, und neue selige Stunden an ihrer Seite zu zählen, da lauerte auf mich im Tale das Unglück. – Ich fiel in Räuberhände: ich ward, nachdem ich verschiedne schwere Ketten getragen hatte, der Sklave des Statthalter von Ägypten, dem ich nun über ein Jahr diene, und dem ich noch zweimal so lange zu dienen verbunden bin, um frei zu werden, und zu meinen Brüdern zurück kehren zu dürfen. Ebn Aibeck liebt mich, das seht Ihr schon aus der leichten Bedingung, unter welcher mir meine Freiheit versprochen ist. Die Beweise seiner Zuneigung sind unzählig; und ich rechne die Erlaubnis, euch zu sehen, für keinen der geringsten. O Conrad, mein Herz brannte, als ich euren Namen hörte! Ich ahndete, was ihr in diesen Landen suchtet; mein Herz brannte, euch auf den rechten Weg zu leiten. Jetzt wisset ihr, wo ihr Hermannen zu suchen habt: auf der Burg Sidon, nicht weit von Akra. Glaubt ihr, daß ihr die Verlängerung eurer Reise bei eurem Orden verantworten könnt, so lasset die segelfertigen Schiffe morgen ruhig in die mittelländische See stechen, und nehmt eilig den Rückweg, den ich euch bezeichnen werde. Nicht allein die Freude des Wiedersehens hängt hiervon ab, sondern auch Warnung vor Gefahr! Sagt eurem Bruder im Namen seines alten Warners: obgleich fünf Jahre seit Esbees Entführung verflossen wären, so habe man doch zu Kahira die Tat noch nicht vergessen. Seine Feinde wissen seinen erborgten Namen, und den Ort, wo er lebe. Die starke Burg Sidon sei für List und Gewalt nicht unüberwindlich; er solle eilen, und wenigstens seine Gemahlin retten, ehe Rettung zu spät sei.« Mißverständnis Arnold hatte seine Geschichte geendigt; die Fahrt auf dem Menzaleh war am Ziele; das Fahrzeug landete; man stieg aus, und legte den Rest des Weges bei hellem Mondscheine vollends zu Fuß zurück: ein lieblicher Weg zwischen Palmen, Orangen und Tamarindenschatten. – Arnold und Conrad fühlten wenig von seinen Schönheiten; denn ihre ganze Seele war mit den Gesprächen beschäftigt, welche sie unter sich führten. Viel hatten sie sich über das Gehörte und Gesagte mitzuteilen, viel Anschläge für die Zukunft, viel Plane zum frohen Wiedersehen zu machen. – Das Erste, worüber man einig ward, war, daß der Statthalter nichts davon erfahren müsse, wie der deutsche Ritter seinen Weg geändert habe. Eben Aibeck blieb also in dem Wahne, Conrad sei mit den fertig liegenden Schiffen nach Europa abgegangen, indes dieser einen ganz andern Pfad einschlug, der ihn mit weniger Gefahr, Abenteuern und Mühseligkeiten an den bestimmten Ort brachte, als er vielleicht auf einem Wege von gleicher Länge Zeitlebens gefunden haben mochte. – Ach das Schicksal wollte ihm seine Tücke erst am Ende seiner Reise beweisen, wollte ihm die bitterste Fehlschlagung gerade in dem Augenblicke fühlen lassen, da sein Herz ähnlichen Schmerzen am empfänglichsten war; in dem Augenblicke, da sich schon seine Arme öffneten, den lang verlornen Bruder an sein Herz zu drücken! – Die Burg Sidon war erreicht. Arnold hatte, wie man denn im Drang, gehäufter Empfindungen immer etwas vergißt, vergessen, seinem Freunde den Namen bekannt zu machen, unter welchem Hermann von Feuchtwangen in diesen Ländern lebte. Der Fehler schien nicht groß. Conrad begehrte vor den Besitzer des Schlosses gebracht zu werden, und die Kleidung, welche er trug, verursachte, daß man augenblicklich gehorchte; aber wie erstaunte er, als er in dem Manne, dem er vorgestellt ward, einen alten Ritter in Tempelherrentracht erblickte, welcher wohl mit dem, den er hier suchte, nicht die geringste Ähnlichkeit hatte, viel weniger er selbst sein konnte! – Nach dem ersten ahndenden Entsetzen, das uns oft beim ersten widrigen Anschein, die ganze Fülle des Unglücks malt, fragte Conrad mit der Ehrfurcht, welche die Tracht, welche der alte Humbert von Ronnay Ein Bruder Heinrichs von Ronnay, der vor diesen Zeiten eine ansehnliche Stelle unter den Hospitalitern bekleidete. trug, von ihm heischte, ob der Eigner des Schlosses abwesend sei. »Welcher?«, erwiderte Humbert mit rauher Stimme. »Eigner der Burg Sidon ist der Tempelorden; ob er dieselbe einem andern auf kurze Zeit lehnsweise übertragen haben möchte, das tut wenig zur Sache.« »Für mich sehr viel«, antwortete Conrad etwas empfindlich; »denn eben dieser andere ist derjenige, welchen ich suche!« »Nennt mir seinen Namen, und vielleicht kann ich euch Auskunft geben.« »Er ist mein Bruder«, fuhr der immer unwilliger werdende Conrad fort. »Mein Name ist Feuchtwangen; ob er sich hier einen andern gegeben haben mag, so verdiene ich doch wenigstens, daß man mich zurecht weise.« Humbert versicherte, der Name Feuchtwangen sei hier unbekannt. So viel wisse er, daß der Mann, der vor ihm auf Vergunst des Tempelordens hier residiert habe, nicht also geheißen habe. Veränderung der Namen sei übrigens eine missliche Sache, und er erzeige seinem vorgeblichen Bruder einen schlechten Dienst, wenn er ihm dergleichen Züge der Falschheit aufbürde. Conrad, voll Unmut, mit dergleichen Gemeinplätzen aufgehalten zu werden, deutete auf sein Ordenskreuz, und forderte die Achtung, die man selbem schuldig sei. »Ich weiß wohl, Ritter! ich weiß wohl!«, lächelte der fatale Alte: »wir haben hierin gleiche Ansprüche. Ihr seid deutscher Ritter, ich bin Templer; auch denke ich nicht, daß ich es an nötiger Achtung gegen euern Stand habe fehlen lassen; zu etwas mehrerm könnte nur Freundschaft mich verbinden; und nach unserer ersten Unterredung zu urteilen, möchte wohl nie eine besondere Sympathie unter uns stattfinden.« Feuchtwangen fühlte die Wahrheit in den letzten Worten des Tempelritters so lebhaft, daß er seinen Besuch abkürzte, und mit Unmut auf der Stirn, mit tiefem nagendem Kummer im Herzen Abschied nahm. Der Tempelherr Wie oft sind wir doch Ursache an unsern Fehlschlagungen! wie oft können wir durch ein wenig Sanftmut, Nachgeben und Klugheit uns aus den verwickeltsten Händeln reißen! Humbert von Ronnay war wohl allerdings einer der sonderbarsten seines geheimnisvollen Ordens; aber derjenige, für welchen Conrad ihn hielt, war er nicht, war nicht der Feind des gesuchten Hermanns, nicht ein boshafter Alter, der mit Vorsatz den Bruder um die Umarmung des Bruders betrog. Conrad machte sich, indem er die Burg Sidon verließ, und niemand auf derselben der weitern Ansprache würdigte, gleich eine ganze Geschichte, die zur Erklärung dessen dienen sollte, was hier Widriges und Rätselhaftes begegnet war; Humbert war in derselben der Tyrann, Hermann das Schlachtopfer der Bosheit. – Er irrte weit: Hermann, ein alter Verbündeter des Tempelordens, ward von allen Mitgliedern desselben geschätzt, und von dem alten Humbert wie ein Sohn geliebt; eben diese Liebe war der Grund seines seltsamen Verfahrens gegen Conraden; auch er beurteilte gern die Dinge voreilig. Conrad war ihm aus verschiedenen Gründen verdächtig, und er hätte sich auf eine andere Art bei ihm ankündigen, aus einem andern Tone mit dem wunderlichen Alten sprechen müssen, hätte er sein Vertrauen gewinnen wollen. – Die Gefahr, vor welcher Feuchtwangen auf Arnolds Geheiß seinen Bruder warnen wollte, war hier längst bekannt, und man hatte bereits alle möglichen Vorkehrungen getroffen, Hermannen vor seinen mächtigen Feinden zu verbergen und zu schützen. Schon seit mehreren Monaten hatte er mit seiner Gemahlin und einem kleinen Sohne Sidon verlassen, um an Orten Sicherheit zu suchen, die nur ihm und den Tempelherren bekannt waren. – Jetzt erschien Conrad von Feuchtwangen, dessen Name wirklich hier ganz unbekannt war, ein deutscher Ritter, gegen welchen die Templer, als ihre gefürchteten Nebenbuhler in Macht und Hoheit, immer ein kleines Vorurteil hegten, ein Mann, der, wie hier jedermann wusste, gerades Weges vom Hofe des ägyptischen Statthalters kam, er fragte nach Hermann, gab sich für seinen Bruder aus, wusste gleichwohl so wenig von ihm, daß er nicht einmal seinen Namen nennen konnte: sollte dies nicht Verdacht heimlicher Nachstellung erregen? Wäre es nicht Unvorsichtigkeit gewesen, den kühnen Nachfrager auf Hermanns Spur zu leiten? und konnte Humbert von Ronnay wohl anders handeln, als er tat? Es waren Vorkehrungen getroffen, daß der deutsche Ritter mit seinem Nachfragen in der ganzen Gegend nicht weiter kam, als auf der Burg Sidon. Voll Unmut entschloss er sich, gar nicht mehr zu fragen, sondern den Zufall für Entwicklung dieser undurchdringlichen Geheimnisse sorgen zu lassen, oder vielmehr hier Gelegenheit zu suchen, ein Leben rühmlich zu endigen, dessen er nach so vielfachen Fehlschlagungen endlich von Herzen müde war. * Was er suchte fand er sehr bald. Auf dem Wege nach Akra, auf den er sich mehr maschinenmäßig in der Betäubung streitender Gefühle als absichtlich gelenkt hatte, gesellte sich zu ihm ein Tempelherr, dessen einnehmende zuvorkommende Freundlichkeit, mit welcher er ihm die Hand bot, den Widerwillen, den ihm die Unterhandlung mit Humbert von Ronnay gegen seine Ordensbrüder eingeflößt hatte, ganz überwand, und ihn mit einem unnennbaren Wohlwollen zu seinem Gefährten hinzog. »Ritter!«, sagte der Fremde; »der Weg, den wir gehen, ist einsam; ahndet ihr in mir den guten Gesellschafter, den ich in euch zu finden glaube, wir gingen mit einander.« »Ich würde wahrscheinlich hierbei mehr gewinnen, als ihr«, versetzte der traurige Conrad, indem er dem Templer die Hand schüttelte; »wem Gram am Herzen nagt, von dessen Umgange läßt sich wenig Vergnügen hoffen.« »Gram? – guter Ritter! – o daß ich euch zu trösten vermöchte! aber ich selbst bin nicht ohne Kummer. Doch, hinweg mit Sorgen, die die allwaltende Vorsicht des Himmels beleidigen! – Nennt mir euren Namen, damit ich den kennen lerne, in dessen edlen Gesichtszügen ich einen künftigen Freund ahnde.« »Meinen Namen? – Man ist in diesem Lande so geheimnisvoll mit Namen, daß ich billig den meinigen gegen einen neuen Bekannten verschweige. Ihr würdet wenig mit demselben gewinnen; man hat mir diesen Morgen gesagt, er sei in diesem Lande nie gehört worden; was ich euch also offenbarte, wären nichts, als einige fremde Töne, durch die ihr mich nicht kennen lernen würdet.« »Auch gut! – Was mich anbelangt, ich nenne mich Bartholomäus von Ronnay.« – »Von Ronney?«, unterbrach Feuchtwangen den Tempelherrn; »ein Verwandter Humberts, der mich die unfreundlichste Begegnung erfahren ließ?« »Beurteilt den Mann nicht falsch, lieber Ritter! Kann sein, daß ihr ihn in einer seiner Launen trafet.« »Ha! was gelten Launen, wenn es darauf ankommt, einem Mitbruder Auskunft über Dinge zu geben, an welchen sein Herz und sein Leben hangt.« »Was er versah, kann vielleicht ich verbessern. Fraget mich, lieber Fremdling! ich fühle, daß ich euch keine Beantwortung versagen könnte!« »Guter, mildherziger Mann! wie unähnlich seid ihr eurem Verwandten! Doch was meine Frage anbelangt, so habe ich sie zu oft vergebens wiederholt, um euch damit beschwerlich zu fallen. Der Letzte, dem ich sie vorlegte, sagte mir treuherzig genug, daß sie sonderbar wären, und daß ich mich mit denselben verdächtig machte. Euch verdächtig zu werden, durch irgend einen falschen Schein ein edles Herz von mir zurück zu scheuchen, das sich mir ungesucht darbietet, das wünschte ich wohl nicht; lasst mich also von meinen Angelegenheiten schweigen, und unterhaltet mich lieber mit den eurigen.« »Ritter! Ritter! eure Vorsicht lehrt mich Behutsamkeit! Vor der Hand nichts auch von mir, bis wir uns näher kennen; und eine solche Gelegenheit möchte wohl nahe vor der Tür sein.« »Welche?« »Der Krieger lernet den Krieger nicht besser kennen, als im Streite: wollt ihr morgen mein Waffengenosse sein? Einen Mann, wie euch, möcht ich gern für meinen Orden werben. Das schwarze Kreuz auf eurem Mantel hindert euch nicht, für die Sache des roten Kreuzes zu fechten; wir sind alle Diener eines Glaubens!« »Das sind wir! – Hier meine Hand! Ich fechte an eurer Seite! Mein Schwert ewig für , nicht wider euch! Mein Leben für das eurige!« Die Ritter umarmten sich, und Tränen traten in ihre Augen. Conrad, ein Mann bereits von vierzig, ein Mann, der nie in seinem Leben viel von schnell geschlossenen Freundschaften hielt, zog sich am ersten zurück; doch blieb seine Hand in der fest geschlossenen Rechten des Herrn von Ronnay: man wandelte erst stille schweigend, dann in unaufhaltsam strömenden Gesprächen fort, und ward sich in wenig Stunden so teuer, daß jeder tief im Herzen den Wunsch ewiger Vereinigung fühlte. Sie langten bei einem Vorwerke nahe vor Akra an; ein einsames, mit dichtem Gebüsche umgebenes Gebäude, in welchem das Geheimnis zu wohnen schien. Die Nacht begann einzubrechen; die Schatten, welche hier schon alles bedeckten, da rund umher die Gegend noch in rötlicher Dämmerung schwamm, hätten vielleicht einem andern an der Hand eines unbekannten Mannes Furcht und Besorgnis heimlicher Aufsätze eingeflößt; Conrads furchtloses, mit zutraulicher Liebe zu seinem neuen Freunde erfülltes Herz fühlte nichts, als allenfalls ein wenig Neugier, da sich jetzt, auf ein gegebenes Zeichen, um den Tempelherrn eine ziemliche Schar Krieger mit rot bekreuzten Mänteln versammelte, die durch die volle Rüstung unter den Wappenröcken zeigten, daß sie sich hier nicht um friedlicher Ursache willen verborgen hatten. »Brüder«, sagte Ronnay, nachdem er sie begrüßt und ihre Zahl vollständig gefunden hatte; »ihr wisst unser Vorhaben; es ist gewagt, und Verstärkung unserer Macht ist nicht zu verachten; mir hat das Glück so wohl gewollt, euch eine solche Verstärkung zu bringen. Und ob ich euch gleich diese Nacht etliche hundert Mann zugeführt hätte, unsere eingeschlossenen Brüder zu Akra entsetzen zu helfen, so hätte ich wohl nicht so viel getan, als da ich euch diesen einzelnen Mann zuführe, den ich unter Weges kennen lernte. Seht ihn an; genießt seines Umgangs etliche Stunden, wie ich ihn genossen habe, und ihr werdet urteilen, wie ich. Er ist ein geistlicher Ritter, obwohl nicht unsers Ordens. Er hat in Europa wider die Ungläubigen gefochten, und Heldentaten verrichten helfen, von welchen das Gerücht zeitig zu uns herüber kam, und bei deren umständlicher Erzählung er mir nur den Anteil verschwieg, den sein Name, der mir noch unbekannt ist, daran genommen hat: diese edle Bescheidenheit charakterisiert den Mann ganz; es ist Verletzung derselben, daß ich ihn vor seinen Ohren gegen euch rühme; aber die Not heischt es: wir haben nicht zu säumen, und ich will, daß ihr ihn mit eben den Augen ansehet, mit welchen ich ihn betrachte. Fasset seine Hand, wie ich sie fasse! Schwört ihm, ob mich bei unserer nächtlichen Aktion ein Unfall treffen sollte, ihn für euren Anführer zu erkennen, und bei ihm zu leben und zu sterben, wie ihr mit mir gelebt haben und gestorben sein würdet!« Es war etwas Feierliches in der Art, mit welcher der Ritter von Ronnay diese Worte an die Templer richtete: sie traten nach der Reihe hinzu, und schworen, was er ihnen vorsagte; nur einige Alte murrten, und meinten, es sei zu viel, daß dieser Fremde, der selbst nur noch das halbe Ordenskreuz trüge, sich unterstehen dürfe, ihnen noch einen andern Fremdling, den er selbst nicht kenne, an seiner Statt aufzudringen; – ein kleiner Mißlaut, der von der Harmonie des Ganzen verschlungen wurde, und der beiden Hauptpersonen nicht einmal zu Ohren kam. Glück am Rande des Grabes Akra war damals durch einen Zufall, von welchem die Geschichte nichts Umständliches meldet, in Gefahr, aus den Händen der Ritter von neuem in die Hände der Ungläubigen zu fallen. Waffenstillstände wurden nicht allemal auf das gewissenhafteste beobachtet. Man war von Seiten der Christen vielleicht oft zu sicher. An heimlichen Verrätern und Überläufern fehlt es nicht: genug, die Gegenden vor der wichtigsten Schutzwehr der Christen, seit Damiette dahin war, schwärmten von feindlichen Waffen; die Besatzung in der Stadt war, weil die Ritter in andern Gegenden zu tun hatten, ungewöhnlich schwach; für Lebensmittel war schlecht gesorgt, und man konnte den schrecklichsten Auftritten entgegen sehen, wenn nicht ein Streich, wie der gegenwärtige, glückte. Eine Anzahl von Tempelrittern hatte sich verschworen, diese Nacht ihre Brüder zu entsetzen; Humbert von Ronnay war an der Spitze des Bundes. Seine Jahre, und die notwendige Behauptung der Burg Sidon verhinderten ihn, selbst bei der Ausführung des großen Anschlags zu sein; aber er hatte den edlen Verschwornen, den jungen Mann an seiner Statt zum Anführer gegeben, dem wir jetzt nebst Conraden in das kleine Gehölz vor Akra gefolgt sind, und der, ob er gleich wirklich dem Orden nur zur Hälfte angehörte, doch von allen wie ein wirklicher Mitbruder geliebt, von den meisten hier Gegenwärtigen gern als Anführer erkannt, und nur von einigen gehaßt wurde. Wie schon gesagt: weder er noch Conrad hörte die murrende Stimme der Ungewogenen; die besser Gesinnten dämpften sie, und die beiden neuen Freunde konnten das Vergnügen, Beweise grenzenloser Achtung erteilt und erhalten haben, ohne Bitterkeit genießen. Conrad fasste dankend Ronnays Hand, und führte ihn abwärts von dem Gedränge nach einer vom aufgehenden Monde beglänzten Stelle, wo die Natur zwischen zwei sich umarmenden Tamarindenbäumen eine natürliche Laube bildete. Beide hatten nach dem weiten Wege, den sie gegangen waren, die Ruhe einer Viertelstunde nötig, um auf die künftige Nacht gestärkt zu sein. Feuchtwangen schämte sich seines Mißtrauens gegen seinen edlen Freund; sein Herz schloss sich gegen ihn auf, und er bereitete sich zu Eröffnungen, welche von den wichtigsten Folgen gewesen sein würden, als das Geschrei: »Zu den Waffen! zu den Waffen!« das von den ausgestellten Vorposten erschall, der kaum genommenen Ruhe ein Ende machte, und die Freunde um die seligsten Augenblicke betrog, welche sie noch diesseits des Grabes hätten genießen können. – Ein Teil des Anschlags, der Akra zum Besten gereichen sollte, schien verraten zu sein. Der Feind war im Anrücken. Ein Gefecht begann, wie es in der Geschichte der morgenländischen Kriege nur wenige gibt. So verteidigten Joinville, Beaujeu und Soissons die Brücke, welche ehemals Ludwig dem Heiligen den Weg zum Entsatze offen erhalten sollte. So verteidigte Jocerant von Brancion das christliche Lager, und starb in der Verteidigung desselben, wie hier die Tempelritter unter der Anführung der beiden Freunde den engen Paß im Gehölze verfochten, durch welchen gegen den Morgen dem bedrängten Akra noch mehr Hülfe zugeführt werden sollte. Mit demselben bewahrten sie sich auch das Geheimnis ihres Anschlags; das Blut floss in Strömen, und keiner von denen, welche entdeckt hatten, daß hier Krieger im Walde lauschten, kam davon, seine Entdeckung nachzusagen. Schon begann der Morgen zu grauen, als die Helden aus der nächtlichen Gefahr des Waldes als Sieger hervor gingen, um die Entsetzung von Akra vorzunehmen, welcher man in der Stadt bereits um Mitternacht entgegen gesehen hatte. Conrads edler Freund war verwundet; sein Heldenarm hatte nicht immer das Schwert von ihm abkehren, nicht immer ihn mit mächtigem Schilde decken können. Die Verbindlichkeiten waren gegenseitig; auch Conrad dankte seinem tapfern Waffengenossen einige Mal das Leben; auch Ronnay hatte sich hier und da zur Mauer für ihn gegen die Wut des Feindes gemacht, und mit besserm Erfolg; denn Conrad war noch ganz ohne Wunden. Die Helden schöpften Luft, und trockneten den Schweiß von dem glühenden Gesichte: sie sagten sich durch einen Händedruck, wie teuer sie sich in dieser Nacht geworden waren. War es am Abende Zug heimlicher Sympathie gewesen, der sie zueinander hinriß, so machte sie am Morgen Kenntnis des gegenseitigen Werts, den sie unter sich fanden, und gemeinschaftlich überstandene Gefahr zu geprüften Freunden. Nicht nur Ronnays Herz, nicht nur die Herzen der Wohlgesinnten hatten sich in dieser Nacht fester mit dem tapfern Conrad verbunden; nein, auch die Gemüter der Ungewogenen schienen besänftigt: sie traten mit den andern hinzu, und gelobten zu der Hauptaktion, die noch bevor stand, neue Treue, und verbargen wenigstens den Neid, der noch in ihren Herzen glimmen mochte. Unter ihnen waren Raynald von Ibelin und Guyon de Montfort. – Kein Augenblick war nun mehr zu verlieren. »Hin in die Ebenen von Akra, ehe die Sonne herauf kömmt! Hindurch, durch den schlafenden Feind, ehe er noch gänzlich vermag die Betäubung des Schlummers abzuschütteln!« Dies waren die Worte, die einer dem andern zurief, bis die Nähe des Feindes Stillschweigen gebot, und jeder flüsternde Laut gehemmt wurde, weil Überraschung das einzige Mittel war, über eine dreimal überlegene Anzahl zu siegen. Wie ein Wetter kamen die Helden dem Feinde über den Hals; wie ein Sturmwind rissen sie hindurch; alles stürzte vor ihnen nieder. Der Feind floh, weil das Schrecken ihre Anzahl dreimal vergrößerte, und ließ ihnen ein Lager zur Beute, mit dessen Raube sie hoffen konnten, dem befreiten Akra doppelt willkommen zu sein. In den Mauern der Stadt begann bereits Hunger hinter der Teurung herzuschleichen, und hier war Überfluß und Vorrat in Menge. – Alles jauchzte, alles triumphierte, nur das Häuflein nicht, das sich zunächst bei den beiden Freunden hielt. – Ach, die Krieger, welche hier fochten, wussten allein, wie teuer sie den Sieg hatten erkaufen müssen! – Kaum hielt sich Ronnay noch an Conrads Armen aufrecht, er blutete aus zwanzig Wunden; ein Corps, das ihn auf Feuchtwangens Kommando in dem hitzigsten Gefechte, das beide Freunde trennte, hatte entsetzen sollen, hatte seine Schuldigkeit schlecht getan. Parteisucht und nicht genugsam gestillter Neid kosteten einem der edelsten Helden das Leben. Raynald und Guyon waren die Anführer des treulosen Haufens. Ein gleicher Streich war Conraden zugedacht; aber sein bessres Geschick, oder sein wachsamerer Schutzengel rettete ihn. Dem Tode nahe fand Feuchtwangen seinen Waffenbruder, als er sich mit ihm des Sieges zu erfreuen gedachte. Ronnay stützte sich schwach auf Conrads Schultern. »Lass mich in deinen Armen sterben!« sagte er mit gehemmter Stimme. »Ihr andern verberget meinen Zustand. Deren sind noch genug, die mich lieben; mein Tod würde Verwirrung verbreiten, und unnötige Rache erregen; wie leicht könnte so uns einer der schönsten Siege entrissen werden!« »Mein Bruder!«, sagte der trauernde Conrad, der seine Freund, den er nicht mehr zu halten vermochte, sanft auf einen Mantel bettete; »du bist sehr matt: soll ich dich denn schon im ersten Anbeginne unserer Freundschaft verlieren? Gönne mir nach deinen Wunden zu sehen!« »Meinen Wunden ist geraten so gut man vermochte«, sprach der Tempelritter; »sie sind tödlich! – Wie Gott will! ich sterbe gern! – sieh zu, ob wir einsam sind.« »Die Krieger haben sich alle auf die Seite des siegenden Heers gewendet, nach deinem Verlangen, deinen Zustand zu verbergen. Zwanzig Schritte von hier stehen deine beiden Waffenträger, unsere Einsamkeit zu schützen.« »Gut, mein Bruder! ich sterbe also ruhig und in deinen Armen. – Nenne mir deinen Namen, Geliebter, damit ich wisse, wie ich dich hier nennen, und dort wieder finden soll. Ach zu kurz, zu kurz dauerte unsere Freundschaft diesseits des Grabes!! »Mein Name ist Conrad.« »Conrad? Du hast also außer diesem Kleide noch eine Ähnlichkeit mehr mit Einem, den ich liebe! – O Conrad! Conrad! wenn du einst nach Deutschland wiederkehrtest! – Ich denke, du bist ein Deutscher.« – »Bruder, dich drückt etwas auf dem brechenden Herzen! Entdecke mir alles! – Ja, ich bin ein Deutscher! macht irgendetwas in meinem Vaterlande dir Unruhe, so traue meiner Treue bei deinen Aufträgen! – Ist's möglich, daß ich dich überlebe, so schwöre ich dir die pünktliche Ausrichtung.« »Du wist, du wirst mich überleben! – Was ist neue Freundschaft, und wäre sie auch der unsrigen gleich! – Aber es gibt eine Person, die mich nicht überleben wird. Ach, Conrad! ich habe eine Gemahlin! »Du bist vermählt?« Man sagt, daß in den Tempelorden so wohl, als in den deutschen auch Verehelichte aufgenommen wurden; doch durften solche nur das halbe Kreuz tragen. »Und einen Sohn! – Conrad, die Geschichte meines Lebens ist lang und traurig, und meine Augenblicke sind gezählt. – Dort erfährst du alles!« »Ronnay! Ich bitte dich, vermagst du es, nur noch einige Worte!« »Auch habe ich noch nicht geendet. – Verfolgung trieb mich aus dem Schoße der Sicherheit. Ich fand Zuflucht in dem heiligen Orden. Meine Gemahlin und meinen unmündigen Sohn sandte ich nach Deutschland.« »Warum nach Deutschland?« »Ich dachte ihnen dorthin zu folgen. In Deutschland habe ich einen Bruder, einen Ritter des Ordens, zu welchem du dich zählest, sein Name ist – Conrad von Feuchtwangen.« »O Hermann! Hermann! teurer, unglücklicher, wieder gefundener Bruder!« schrie Conrad, und sank ohne Gefühl an des Sterbenden Seite nieder. Tod des Helden von Akra Humbert von Ronnay hatte von den Gefahren gehört, welche die Befreier von Akra auf ihrem Wege vorgefunden hatten; dieses bewog ihn, sich selbst an die Spitze des Entsatzes zu stellen, und ihnen zu Hülfe zu eilen. Das Geschrei des Siegs kam ihm entgegen. Die Mauern von Akra hatten sich geöffnet, ihre Helfer einzulassen. Der Feind war geflohen: die Gegend rund umher war sicher. Das Volk strömte ein und aus, die Siegesstätte zu besehen, und die Beute zu teilen. Humbert fragte bald nach dem, der bei diesem herrlichen Siege die Hauptrolle gespielt hatte, nach seinem so genannten Neffen, oder vielmehr nach dem, den meine Leser nun besser zu nennen wissen, und der nur darum Humberts Namen angenommen, um unter demselben seinen Verfolgern desto unentdeckbarer zu sein. Humbert von Ronnay liebte Hermannen, und sorgte für seine Sicherheit; selbst die Rauhigkeit, mit welcher er des vorigen Tages Conraden von sich gewiesen hatte, zeigte es; ach, er dachte nicht, daß er durch diese gut gemeinte Strenge zwei Brüder trennte! Jetzt wies man den alten Ritter, den bei der Abwesenheit seines Lieblings zu mißdünken begann, mit seinen Nachfragen an diejenigen, welche zunächst beim Anführer gefochten hatten, und so leitete ihn endlich einer, der ihm aus dem Zustande des Helden von Akra kein Geheimnis machen durfte, auf die Stelle, wo Conrad sich eben erholt hatte, seinen sterbenden Bruder von neuem zu umfassen, und neue Versuche zu machen, um seine scheidende Seele aufzuhalten. – Es war vergebens; die Freude, einen Bruder wieder gefunden zu haben, die auf den starken Conrad eine so gewaltsame Wirkung getan hatte, erschütterte den verwundeten Hermann noch heftiger. Er war eine Zeit lang ohne alles Lebenszeichen, und sein Bewusstsein kehrte ihm nur auf Minuten zurück, um durch abgebrochene Worte, durch Blicke voll Liebe und einige Tränen zu verstehen zu geben, daß er fühle, glaube, zu schätzen wisse, was er aus Conrads Munde vernahm. Conrad sprach zu ihm von seiner Liebe, seiner Freude, seinem Kummer, seinen langen fruchtlosen Nachsuchungen, die sich nun mit dem Tode endigten. Hermanns brechendes Auge hing an seinem Munde; der Ton der brüderlichen Stimme war Musik in seinem Ohre: vielleicht verstand er nicht völlig, was er hörte; aber ganz gingen diese im Drange der Empfindungen ausgesprochenen Worte doch nicht für ihn verloren. »O Conrad!«, flüsterte er – »diese zwanzig Jahre! – Ich glaubte mich vergessen! – Und nun! – Meine Gemahlin! meinen Sohn! – Ich sandte sie dir! – sie sind dein! – Sei der Vater Siegfrieds von Feuchtwangen!« Mit diesen gebrochenen Worten hauchte der so spät Wiedergefundene seine letzten Kräfte aus. – Als Ritter Humbert von Ronnay sich an die Stelle leiten ließ, wo sein sterbender Liebling lag, und Conrad neben ihm kniete, vermochte er nur noch die Hand des letzten an sein Herz zu drücken, und mit einem Blicke auf den alten Herrn von Ronnay, kaum hörbar zu sagen: »Es ist mein Bruder.«   Ende des ersten Teils.