Johann Nestroy Freiheit in Krähwinkel Posse mit Gesang in zwei Abteilungen und drei Akten Erstaufführung am 1. Juli 1848 Personenverzeichnis: Bürgermeister und Oberältester von Krähwinkel Sperling Edler von Spatz Rummelpuff , Kommandant der Krähwinkler Stadtsoldaten Pfiffspitz , Redakteur der Krähwinkler Zeitung Eberhard Ultra , dessen Mitarbeiter Reakzerl Edler von Zopfen , geheimer Stadtsekretär Frau von Frankenfrey , eine reiche Witwe Sigmund Siegl und Willibald Wachs s ubalterne Beamte Frau Klöppl , Witwe Franz , Kellner Klaus , Ratsdiener Emerenzia , dessen Gattin Cäcilie , seine Tochter Der Nachtwächter Walpurga , dessen Tochter Pemperl , Klempnermeister und Ratsbeisitzer Schabenfellner , Kürschner und Ratsbeisitzer Frau Pemperl Frau Schabenfellner Babette , Pemperls Tochter Frau von Schnabelbeiss , Geheimrätin Adele , ihre Tochter Eduard , Bedienter der Frau von Frankenfrey Einwohner von Krähwinkel Erster Akt Zweiter Akt Dritter Akt Erste Abteilung: Die Revolution Erster Akt Wirtshaus in Krähwinkel Erste Szene Krähwinkler Bürger, darunter Nachtwächter, Pemperl und Schabenfellner (sitzen an einem großen Tisch und trinken). Chor . Was recht is, is recht, doch was z'viel is, is z'viel, Der Chef unserer Stadt tut mit uns, was er will! D' ganze Welt tut an Freiheit sich lab'n, Nur wir Krähwinkler soll'n keine hab'n. Die Krähwinkler, Mordsapprament, Sind eb'nfalls ein deutsch's Element, Drum lass'n wir jetzt nimmer nach, Freiheit muß sein! Wir erringen s', und sperren s' uns auch leb'nslänglich ein. Nachtwächter . Anders muß's werd'n und anders wird's werd'n, die Zeiten der Finsternis sind einmal vorbei. Pemperl . Wenn die Finsternis abkommt, können d' Nachtwachter alle verhungern. Nachtwächter . Hör' auf, Klampferer, mit deine blechernen G'spaß! Wir sitzen hier versammelt als Kern der Krähwinkler Bürgerschaft, und da kann nur von Geistesfinsternis die Red' sein. Schabenfellner . Mir wär' die Freiheit schon recht, wenn ich nur wußt', ob dann die hiesige Nationalgard' Grenadiermützen kriegt. Nachtwächter . Sie sind viel mehr Kürschner als Mensch. Pemperl . Durch die Freiheit kommt auch 's Fuchsschwanzen ab, is wieder ein Schaden für die Kürschner. Nachtwächter . Von einem Menschen, der seine War' aus Rußland bezieht, kann man nichts Liberales erwarten. Pemperl . Still, ich glaub' – richtig, 's kommt einer vom Amt. Zweite Szene Klaus. Vorige, Klaus (durch die Mitte) . Schön' guten Abend, meine Herrn Mitbürger. Nachtwächter (beiseite zu Pemperl) . Is schon wieder der Spitzl da! Pemperl (zum Nachtwächter) . Ach, das wär' z' rund, wenn der a Spitzl wär'. Klaus . Ich werd' a bisserl mittrinken, im übrigen trinken S' ganz ungeniert fort. Nachtwächter . Wir werd'n so frei sein. Klaus . So frei sein? So ruchlose Ausdruck' sollten Sie nicht gebrauchen. Ich bin vom Amt, und wir lieben das nicht, daß der Mensch frei is. Pemperl (zur Gesellschaft) . Setzen wir uns in Garten hinaus; 's is angenehmer in der freien Luft. Klaus . Wenn s' nur nicht gar so frei wär', die Luft – ich bleib' herin. Pemperl . Das is g'scheit, so brauch'n wir Ihnen nicht auf 'n G'nack' z' haben. (Zum Nachtwächter.) Komm' der Herr! Nachtwächter . Nein, ich bleib' noch a Weil' da, ich muß ihm a Gall' machen. Die Bürger (die Gläser nehmend, mit einem scheelen Blick des Hasses auf Klaus) . Schaun wir, daß wir weiter kommen. (Alle ab, Seitentüre rechts.) Dritte Szene Nachtwächter. Klaus. Klaus . Sonderbar, daß wir vom Amt so wenig Sympathie haben unter 'n Volk. Nachtwächter . Is Ihnen leid, daß S' jetzt nichts rapportieren können bei Seiner Herrlichkeit? Klaus . Herr Nachtwachter, frotzeln Sie mich nicht, Sie sind selbst Beamter. Nachtwächter . Ich tu' meine Schuldigkeit, deßtwegen bin ich aber doch ein freisinniger Mensch. Klaus . Als solcher sind Sie uns bereits denunziert. Wir wissen, daß Sie auswärtige Blätter lesen, sogar österreichische! Nachtwächter . Na, und was is's weiter? Klaus . Diese Blätter waren einst so unschuldig wie g'wasserte Milich, und jetzt unterstehn sie sich, den Absolutismus zu verhianzen. Nachtwächter . Unser Bürgermeister kriegt g'wiß über jeden Artikel die Krämpf'. Klaus . Sie haben noch einen Fehler, den wir recht gut wissen. Nachtwächter . Und der wär'? Klaus . Sie denken bei der Nacht über das nach, was Sie beim Tag gelesen haben; das liebt die Krähwinkler Regierung nicht. Nachtwächter . Natürlich, das Denken ist viel größeren Regierungen verhaßt. Klaus . Mit einem Wort, ich kann Ihnen sagen, Sie sind sehr schwarz angeschrieben bei uns. Nachtwächter . Mein G'schäft is die Nacht, die Nacht is schwarz, also verschlagt mir das nix. Klaus . Sie reden sich – Nachtwächter . Doch nicht um den Kopf? Klaus . Das will ich nicht direkte behaupten, aber um den Magen, wenigstens um das, was den Magen füllt – ums Brot. Nachtwächter . Larifari, in freisinnigen Ländern wachst auch Getreid'. Klaus . Sie reden in den Tag hinein, und das is bei einem Nachtwächter unverzeihlich. Nachtwächter (böse werdend) . Herr Klaus – Klaus . Kurz und gut, ich sag' Ihnen, beachten Sie meine bureaukratischen Winke, wenn Sie anders die Fortdauer Ihrer Existenz nicht in Frage gestellt wissen wollen. Nachtwächter . Kümmer' sich der Herr Ratsdiener um die seinige. Die Freiheit hat noch keinen einzigen Nachtwachter, wohl aber schon a paar tausend Spitzeln brotlos g'macht. Klaus (stolz) . Verhungert is deßtwegen doch noch keiner, ein Zeichen, daß s' noch alleweil heimlich g'futtert werd'n. Und jetzt schweigen Sie, Sie sind ein Aufrührer, ein Wühler, ein Demagog. Nachtwächter . Ich bin ein Nachtwächter, der in einer Minuten schreien wird: »Zwölfe hat's g'schlag'n!« Und die Zwölfe wird der Herr Klaus auf sein' Buckel haben. Klaus . Hilfe! Meuterei! Blutbad! Verrat! Vierte Szene Cäcilie. Walpurga. Die Vorigen. Cäcilie (mit Walpurga eintretend) . Himmel, der Vater Walpurga . Was is denn g'schehn? Nachtwächter . 's is nix als ein Streit. Klaus . Ein Meinungskrieg. Cäcilie . Aber der Herr Nachtwächter hat die Faust geballt. Klaus . Er spielt eine mir feindliche politische Farbe. Nachtwächter . Der Herr Klaus wird gleich braun und blau spielen. Walpurga . Wär' nicht übel, die Töchter flattern als sanfte Tauben herein – Nachtwächter . Und die Väter stehn da im Hahnenkampf. Cäcilie (zu Klaus) . Ich hab' Ihnen den Hausschlüssel gebracht. Walpurga (zum Nachtwächter) . Und ich dem Vater die Schlafhauben. Klaus (zu Cäcilie) . Du bist eine gute Tochter, die andere auch, aber – es is mir leid – Nachtwächter (zu Cäcilie) . Wenn Sie nicht die Ratsdienerische wären, hätt' ich gar nix gegen den Umgang mit meiner Tochter. Klaus (zu beiden) . Meine Beziehungen zum Staat machen eure fernere Freundschaft unstatthaft. Cäcilie . Was –!? Walpurga . Ich soll die Cilli nicht mehr gern haben? Nachtwächter (zu Cäcilie) . Sie haben einen absoluten Vater – Klaus (zu Walpurga) . Und Sie haben einen radikalen Erzeuger – Nachtwächter . Geb'n S' acht, daß S' von Radikalen kein' Radi krieg'n. Komm, Tochter, ehe mich diese bureaukratische Zuwag' zum zweitenmal aus der Fassung bringt. (Geht mit Walpurga zur Mitte ab.) Fünfte Szene Klaus. Cäcilie. Dann Sigmund und Willibald. Klaus . Maßlose Kühnheit! Aber jedes Wort soll zu den höchsten Staatsohren gelangen, nämlich zum Bürgermeister seine. – Schad', daß ich nicht g'sagt hab': »Sie Esel, Sie –!« Aber die guten Gedanken kommen immer zu spät. Cäcilie . Die Tochter aber kann doch gewiß nichts davor. Klaus . Still, unwürdiges Staatskind. (Sigmund Siegl und Willibald Wachs treten zur Mitte ein.) Sigmund . Was bedeutet die Aufregung, in der ich dem Nachtwächter begegnete? Willibald . Walpurga warf mir einen traurigen Blick zu. Klaus (lächelnd) . Ihnen? Glauben S', man weiß es nicht? – Willibald . Was? Klaus . Na, mir g'fallt das, wenn sich zwei Nebenbuhler so gut miteinander vertragen. Sigmund . Nebenbuhler? Klaus . Bei der Nachtwachtrischen Tochter. – Willibald . Die hat der Alte dem Schwadroneur Ultra zugedacht. Sigmund (leise zu Cäcilie) . Meine Cäcilie –! Cäcilie (leise) . Gott, wenn's der Vater merkt – Willibald . Ich habe keine Hoffnung. – Klaus . Die hätten Sie auf keinen Fall, denn das is ja der Beglückte. (Auf Sigmund deutend.) Willibald . Bei Walpurga –? (Beiseite.) Der Irrtum kann meinem Freunde von Nutzen sein. Klaus . Sehn S', jetzt gibt er grad meiner Cilli a Post auf an sie. Sigmund (ohne zu bemerken, daß er beobachtet wird, gegen Cäcilien gewendet) . Ach –! Klaus (zu Willibald) . Hör'n Sie 'n, wie er seufzt? (Laut.) Mussi Sigmund! Sigmund (erschrocken sich umwendend) . Herr Klaus – Klaus . 's is nichts, meine Cilli derf nicht mehr hin zu der Walperl. (Zu Cilli.) Geh nach Haus und sag's der Mutter, daß sie mir ja den Nachtwachter nicht mehr grüßt, wenn sie 'n begegn't. Cäcilie . Gleich, Vater! Adieu! (Mit einem schüchternen Knix Sigmund und Willibald grüßend, zur Mitte ab.) Sechste Szene Die Vorigen ohne Cäcilie. Klaus (zu Sigmund) . Nicht wahr, der Nachtwachter haßt nicht den Menschen, sondern den Beamten in Ihnen? Willibald . Rein nur um meiner ämtlichen Stellung willen feindet er mich an. Klaus . Ich frag' ja den! – (Auf Sigmund zeigend.) Willibald . Ja so! – Unter anderm, Herr Klaus, nicht wahr, Sie würden doch, wenn's Ernst würde, einem wirklichen Amtsaktuarius Ihre Tochter nicht verweigern? Klaus . O ja! Unbedingt! Sigmund . Wenn aber – Klaus . 's Mädl is gar nicht zum Heiraten. Willibald (lachend) . Das wär' der Teufel! Klaus . Konträr, sie is Himmelsbraut, sie geht ins Kloster. Sigmund . Wenn sie aber keine Neigung – Klaus . Das kommt schon, wenn s' nur einmal drin is! Sie is von Kindheit auf dazu bestimmt; sie war damals acht Jahr', und da hat meine Alte so an die Krämpf' g'litten; da haben wir 's kleine Madl ins Kloster verlobt, und von der Stund' an waren meiner Alten ihre Krämpf' wie weg'blasen. Willibald . Na, wenn man nur weiß, was hilft. Sigmund . Und deswegen soll sie ein Opfer – Klaus . Ich bin gewiß Bureaukrat mit Leib und Seel', aber (zu Willibald) das werden Sie doch einsehen, Himmelsbraut is halt doch was Höheres, als wann eine den schönsten Beamten kriegt. Ich richt' mich in allem nach dem, was mir die Ligorianer sagen, das sind meine Leut'. Sigmund . Willibald – mir wird so – es schnürt mir die Brust zusammen – Willibald (ihn unterstützend) . Aber, Freund – Klaus (zu Willibald) . Das is alles wegen der Nachtwachterischen. Führen Sie 'n nur in die Luft, ich kann nicht mitgehn – ich bin dahier einem freisinnigen Bandl auf der Spur. (Willibald führt Sigmund zur Mitteltüre fort.) Klaus (allein) . He, Kellner! – So viel is g'wiß, das is das mißvergnügte Wirtshaus, hier versammeln sie sich, hier ist der Herd der Revolution –! (Zum Kellner, welcher a tempo unter der Türe erscheint.) Bringen S' mir drei Paar Würsteln in Garten hinaus und a Schnitzel mit Erdäpfel, nachher saure Nierndln und ein Krenfleisch. (Der Kellner entfernt sich.) O, ich komm' noch auf alles, was hier aus'kocht wird! (Geht in die Seitentüre rechts ab.) Siebente Szene Ultra (tritt während dem Ritornell des folgenden Liedes ein) . Ultra . Lied 1.                   Unumschränkt hab'n s' regiert, Kein Mensch hat sich g'rührt, Denn hätt's einer g'wagt Und a freies Wort g'sagt, Den hätt' d' Festung belohnt, Das war man schon g'wohnt. Ausspioniert hab'n s' alls glei, Für das war d' Polizei. Der G'scheite is verstummt; Kurz, 's war alles verdummt;     Diese Zeit war bequem     Für das Zopfensystem. 2. Auf einmal geht's los In Paris ganz kurios, Dort sind s' fuchtig wor'n, Und hab'n in ihr'n Zorn, Weil s' d' Knechtschaft nicht lieb'n, Den Louis Philipp vertrieb'n. Das Beispiel war bös, So was macht a Getös', Und völlig über Nacht Ist Deutschland erwacht;     Das war sehr unangenehm     Für das Zopfensystem. 3. Da fing z' denken an Der gedrückte Untertan: »Zum Teuxel hinein, Muß i denn a Sklav' sein? Der Herrsch'r is zwar Herr, Ab'r i bin Mensch wie er; Und kostet's den Hals – Rechenschaft soll für alls Gefordert jetzt wer'n Von die großmächtigen Herrn.« –     Da war'n s' sehr in der Klemm'     Mit 'n Zopfensystem. 4. Das wär' wieder verflog'n, 's Wetter hätt' sich verzog'n, Wenn nicht etwas g'schehn wär', Was Großartigs, auf Ehr'. Auf einen Wink, wie von oben, Hat sich Östreich erhob'n. Dieser merkwürd'ge Schlag Hat g'steckt in ein' Tag Den Tyrannen ihr Ziel, Verraten ihr Spiel –     Jetzt war'n s' gänzlich Groß-Schlemm     Mit 'n Zopfensystem. Aus dem glorreichen, freiheitsstrahlenden Österreich führt mich mein finsteres Schicksal nach Krähwinkel her. Nach Krähwinkel, wo s' noch mit die physischen Zöpf' paradieren, folglich von der Abschneidungsnotwendigkeit der moralischen keine Ahnung haben. Nach Krähwinkel, wo man von Recht und Freiheit als wie von chimärisch-blitzblaue Spatzen red't. Is uns aber auch nit viel besser gegangen, und zwar aus dem nämlichen Grund; Recht und Freiheit sind ein paar bedeutungsvolle Worte, aber nur in der einfachen Zahl unendlich groß, drum hat man sie uns auch immer nur in der wertlosen vielfachen Zahl gegeben. Das klingt wie ein mathematischer Unsinn und is doch die evidenteste Wahrheit. Es is grad wie manche Frau, die sehr viele Tugenden hat. Sie hat einen freundlichen Humor und brummt nicht, wenn der Mann ausgeht – das is eine Tugend; sie hat ein gutes Herz, das ist eine Tugend; sie bringt die fünfte Schale Kaffee schon schwer hinunter, das is auch eine Tugend; und trotz so vieler ihr innewohnenden Tugenden is doch Tugend bei ihr nicht zu Haus! Grad so is's uns mit Freiheit und Recht ergangen. Was für eine Menge Rechte haben wir g'habt, diese Rechte der Geburt, die Rechte und Vorrechte des Standes, dann das höchste unter allen Rechten, das Bergrecht, dann das niedrigste unter allen Rechten, das Recht, daß man selbst bei erwiesener Zahlungsunfähigkeit und Armut einen einsperren lassen kann. Wir haben ferner das Recht g'habt, nach erlangter Bewilligung Diplome von gelehrten Gesellschaften anzunehmen. Sogar mit hoher Genehmigung das Recht, ausländische Courtoisie-Orden zu tragen. Und trotz all diesen unschätzbaren Rechten haben wir doch kein Recht g'habt, weil wir Sklaven waren. Was haben wir ferner alles für Freiheiten g'habt! Überall auf 'n Land und in den Städten zu gewissen Zeiten Marktfreiheit. Auch in der Residenz war Freiheit, in die Redoutensäle nämlich die Maskenfreiheit. Noch mehr Freiheit in die Kaffeehäuser; wenn sich ein Nichtsverzehrender ang'lehnt und die Pyramidler geniert hat, hat der Markör laut und öffentlich g'schrien: Billardfreiheit! Wir haben sogar Gedankenfreiheit g'habt, insofern wir die Gedanken bei uns behalten haben. Es war nämlich für die Gedanken eine Art Hundsverordnung. Man hat s' haben dürfen, aber am Schnürl führen! – Wie man s' loslassen hat, haben s' einem s' erschlagen. Mit einem Wort, wir haben eine Menge Freiheiten gehabt, aber von Freiheit keine Spur. Na, das is anders geworden und wird auch in Krähwinkel anders werden. Wahrscheinlich werden dann von die Krähwinkler viele so engherzig sein und nach Zersprengung ihrer Ketten, ohne gerade Reaktionär' zu sein, dennoch kleinmütig zu raunzen anfangen: »O mein Gott, früher is es halt doch besser gewesen – und schon das ganze Leben jetzt – und diese Sachen alle –, aber das macht nichts, man hat ja selbst in Wien ähnliche Räsonnements gehört. Und sonderbar, gerade die, die es am schwersten betrifft, verhalten sich am ruhigsten dabei. Das sind die Hebammen und die Dichter; für die Hebammen kann das gewiß nicht angenehm sein, daß jetzt die Geburt nix mehr gilt, und die Dichter haben ihre beliebteste Ausred' eingebüßt. Es war halt eine schöne Sach', wenn einem nichts eing'fallen is und man hat zu die Leut' sagen können: »Ach Gott! Es is schrecklich, sie verbieten einem ja alles.« Das fallt jetzt weg, und aus dem Grund und aus vielen andern Gründen – ah, mein Prinzipal! – Achte Szene Pfiffspitz. Der Vorige. Pfiffspitz (zur Mitte eintretend) . Da haben wir's, im Wirtshaus muß ich meinen Herrn Mitarbeiter suchen, da ist's freilich angenehmer als im Redaktionsbureau. Ultra . Ich bin überall gerne, wo man mir Vertrauen schenkt, und jedes Seitel, was man mir hier einschenkt, is verkörpertes Vertraun. Pfiffspitz . Ich bin nicht so glücklich. Hier im »Bock« borgt man mir nicht für fünf Groschen. Ultra . Ja, warum haben Sie die »Sechs Krügeln« gelobt; g'schieht Ihnen schon recht! Pfiffspitz . Was will ich denn tun, wenn mir der Wirt einen Eimer Wein aufdringt? Ultra . Das allein war nicht die Ursach'; machen Sie sich nicht schmutziger, als Sie sind. Die scheußliche Zensur, die Ihnen jeden vernünftigen Aufsatz streicht, hat Ihnen – da Sie einmal die Verpflichtung haben, Ihren Abonnenten kein weißes Papier zu verkaufen – keine andere Ressource gelassen als heut' dieses und morgen jenes Beisel auf Kosten der übrigen herauszustreichen. Wien is gewiß viel größer als Krähwinkel und hat gewiß viel g'scheitere Journalisten, als Sie sind – Pfiffspitz (gekränkt) . Herr Mitarbeiter –! Ultra . Auch g'scheitere, als ich bin, brauch' ich nur noch hinzuzusetzen. Wiens Journalisten haben in den ersten acht Tagen der Freiheit die fabelhafte Auszeichnung errungen, daß die österreichischen Blätter im Auslande verboten worden sind, und blättern Sie vier Monat' zurück in diese österreichischen Blätter, so werden Sie außer ein bisserl Theaterpolemik nichts anders finden als: »Neueröffnete Gasthauslokalität« – »abermaliger Zierdezuwachs der Residenz« – »prachtvolle Dekorierung« – »gediegener Geschmack des Herrn Pritschelberger« – »prompte Bedienung durch höfliche Kellner« – zum Schluß ein serviler Appendix über »das gemütliche Glück in Wien«. – Ja, so tief hat eine niederträchtige hohe Zensur die öffentlichen Organe erniedrigt, also brauchen Sie sich als Ausfüller der Krähwinkler Spalten keine Extraskrupeln zu machen. Pfiffspitz . Ja, wenn sie nur ausgefüllt wären, aber da sehen Sie her! (Zeigt ihm einen Pack weißes Druckpapier.) Ultra . Das verdammte weiße Papier! Dieser Druck in Rücksicht des Drucks is etwas Drückendes für einen Menschen, der da lebt vom Druck. Pfiffspitz . Alle Ihre Aufsätze hat man mir gestrichen. Ultra (mit Selbstgefühl) . Also hat mich meine Hoffnung nicht getäuscht, ich hab' etwas Gutes geliefert. Pfiffspitz (trostlos) . Aber das weiße Papier, liebster Mitarbeiter? Ultra ., Lassen Sie das drucken, was Sie selbst aufgesetzt haben, das wird gewiß im Geiste der Behörde sein, (beiseite) das heißt, es wird gar kein' haben. Pfiffspitz . Wenn ich selbst schreiben wollte, für was bezahlte ich einen Mitarbeiter? Ultra . Wo steht denn das g'schrieben, daß der Mitarbeiter der Alleinarbeiter sein soll? Aber trösten Sie sich, es muß anders werden. Pfiffspitz . Woher vermuten Sie das? Ultra . In dem klaren Gefühl, so kann's nicht bleiben, liegt eine Ahnungsgarantie, da steht immer schon die Zukunft als verschleierte Schönheit vor uns. Konstitution, Freiheit, junges Krähwinkel, das alles schwebt über unsern Häuptern, wir dürfen nur greifen darnach. Pfiffspitz . Revolution in unserm Krähwinkel? Dahin kommt es wohl nie! Ultra . Wer sagt Ihnen das? Alle Revolutionselemente, alles Menschheitempörende, was sie wo anders in großem haben, das haben wir Krähwinkler in kleinem. Wir haben ein absolutes Tyrannerl, wir haben ein unverantwortliches Ministeriumerl, ein Bureaukratieerl, ein Zensurerl, Staatsschulderln, weit über unsere Kräfterln, also müssen wir auch ein Revolutionerl und durchs Revolutionerl ein Konstitutionerl und endlich a Freiheiterl krieg'n. Pfiffspitz . Was tu' ich aber bis dahin mit meinen sechsunddreißig Abonnenten? Ultra . Die Zeit is näher, als Sie glauben. Dumpf und gewitterschwanger rollt's am politischen Horizont – (horchend) still, ich hör' wirklich was – (man hört rechts in Entfernung verworrene Stimmen) da geht was vor. – Pfiffspitz . Was denn? Neunte Szene Klaus. Vorige. Klaus (in großer Erregung aus der Seitentüre rechts kommend) . Aufruhr! Aufruhr! Krawall! – Pfiffspitz , Ultra (zugleich) . Was is denn g'schehn? Klaus . Sie haben mir den Haslinger zerbrochen und »Fort, Spitzl!« hab'n s' g'sagt – »Fort, Spitzl«, das waren die frevelhaften Worte. Pfiffspitz . Ist es möglich –? Klaus . Am Haslinger haben sie sich vergriffen –! Ultra . Haslingerverachtung, erster Morgenstrahl der Freiheitssonne! (Man hört Lärm von innen rechts.) Klaus . Sie kommen – fort aufs Amt! – Aufruhr – Krawall! (Rennt zur Mitteltüre fort.) Zehnte Szene Die Krähwinkler Bürger. Pemperl. Schabenfellner. Die Vorigen. (Die Krähwinkler tumultuarisch zur Seitentüre hereineilend.) Die Krähwinkler . Wo is er? Her mit ihm! Pfiffspitz . Woher diese großartige Demonstration? Die Krähwinkler . Schläg' muß er auch noch kriegen! Pfiffspitz . Gehn Sie nicht zu weit, meine Herren! Die Krähwinkler . Schläg' ohne Gnad'! – Ultra . Sie haben ihm den Haslinger zerbrochen – Die Krähwinkler . Ja! Ultra . Genügt Ihnen diese Errungenschaft oder genügt sie Ihnen nicht? Die Krähwinkler . Nein! Just nicht! Uns genügt gar nix mehr! Ultra . Das ist der Moment zu einer begeisternden Rede. (Steigt auf einen Stuhl.) Meine Herren – Die Krähwinkler . Vivat! Ultra . Erlauben Sie – (seine Rede beginnen wollend) meine Herren! – Die Krähwinkler . Vivat hoch! – Ultra . Ich bitte – (wie oben) meine Herren! – Die Krähwinkler . Vivat hoch! Dreimal hoch!! Ultra (vom Sessel steigend) . Der Enthusiasmus is zu groß, von Red'halten is da keine Idee. Also gleich zur Tat! (Zu den Krähwinklern, laut schreiend.) Auf also! Freiheit, Umsturz! Sieg oder Tod! Die Krähwinkler . Freiheit! Freiheit! Ultra (entzückt zu Pfiffspitz) . Das is unerhört für Krähwinkel! (Zu den Krähwinklern.) Also ans Werk! Her über die Gewissen, zittern sollen sie –! Wohin wenden wir uns? Wohin zuerst? Die Krähwinkler . Ins Kaffeehaus! Ultra (etwas verblüfft) . Wa – was denn dort –? Pemperl . Dort wird die Verabredung zu einer großartigen Katzenmusik getroffen. Ultra . Bravissimo! Die Krähwinkler (jubelnd) . Heut' abends is grandiose Katzenmusik. Vivat!! (Alle stürzen zur Mitteltüre ab). Ultra (triumphierend zu Pfiffspitz) . Hab'n Sie gehört? Katzenmusik! Diese erste Frühlingslerche der Freiheit wirbelt in die Luft, bald wird die Saat in vollster Blüte stehn. (Geht in großartiger Begeisterung zur Mitte ab. Pfiffspitz folgt ihm kopfschüttelnd nach.) Verwandlung Bureau in der Krähwinkler Staatskanzlei, rechts und links ein Kanzleitisch. Mitteltüre. Seitentüre rechts führt ins Kabinett des Bürgermeisters, Seitentüre links in das Kabinett des Geheimsekretärs, des Herrn von Reakzerl Edlen von Zopfen. Elfte Szene Sigmund. Dann Reakzerl. Sigmund (in großer Hast zur Mitteltüre hereineilend) . Das war Todesangst – eine Minute später, und der Bureautyrann kommt früher als ich, und geschehen war's um meine Existenz. (Hat schnell den Hut aufgehangen und setzt sich zum Schreibtisch.) Reakzerl (zur Mitte eintretend) . Hat sich noch kein Herr Ultra gemeldet? Sigmund . Untertänigst, nein. Reakzerl . Wenn er kommt, wird er sogleich ins Kabinett zu Sr. Herrlichkeit, dem Herrn Bürgermeister, geführt. Nicht wahr, Sie staunen? Sigmund . Untertänigst, ja. Reakzerl . Dem Mann steht eine große Karriere offen. Er sollte als unruhiger Kopf auf dem Schub fortgeschickt werden; aber ich gab Sr. Herrlichkeit zu bedenken, wie er dann im Auslande über unsere Institutionen schmähen würde. Wir werden ihn daher durch Anstellung an uns ketten und mit einem ansehnlichen Gehalt ihm das lose Maul stopfen. Auf diese Weise hat die Staatsklugheit schon manchen Demagogen unschädlich gemacht. – Was schon über drei Monate hier liegt, können Sie mir gelegentlich zur Unterschrift unterbreiten. (Geht in die Seitentüre links ab.) Sigmund (sich tief verbeugend) . Untertänigst, sehr wohl. Zwölfte Szene Willibald. Ultra. Sigmund. Ultra (mit Willibald zur Mitte eintretend) . Drum sag' ich, nur reden, offen reden – Willibald . Da, schau her, Sigmund! (Auf Ultra zeigend.) Der, den ich als vermeintlichen Nebenbuhler angefeindet hab', der ist mein Freund geworden. Ultra . Mich in Verdacht einer Heiratsidee zu haben! Eh'stand is Sklaverei, und ich bin Freiheit durch und durch. Mein Blut is rote Freiheit, mein Gehirn is weiße Freiheit, mein Blick is schwarze Freiheit, mein Atem is glühende Freiheit – Sigmund . Ich bitte, sprechen Sie nicht so laut! Ultra . Ich genier' mich nicht, zu reden. Sigmund . Aber wir müssen uns genieren, Sie zu hören, Willibald . Da rechts das Kabinett Sr. Herrlichkeit, da links das Bureau des Geheimen Herrn Stadtsekretärs, des Herrn Reakzerl Edlen von Zopfen. Ultra . Schöne Umgebung, die Sie da haben! Und außer Ihnen sind noch viele Beamte hier? Willibald . Im Expedite sehr viele – Sigmund . In der Registratur noch mehr! Willibald . Jetzt erst in der Buchhaltung! Sigmund . Und beim Magistrat! Ultra . Wirklich, ich seh', es is auch in Krähwinkel alles getan, um durch übertriebenes Beamtenheer die Finanzen zu schwächen. Sigmund . Wir Subalterne haben sehr kleine Gehalte. Willibald . Und sehr viele, wenn auch unnötige Arbeit. Ultra . Aber die, die nix tun, die ziehn die enormen B'soldungen – das is wo anders auch so, und damit das Enorme ins Himmelschreiende geht, kriegen s' noch Tafelgelder auch dazu. Sigmund (ängstlich) . Wir werden noch brotlos, bloß weil wir mit Ihnen gesprochen haben. Ich bitte, hineinzuspazieren. (Öffnet die Seitentüre rechts und meldet mit einer tiefen Verbeugung.) Herr von Ultra! (Ultra tritt in das Kabinett des Bürgermeisters ein, Sigmund macht hinter ihm die Türe zu.) Dreizehnte Szene Vorige ohne Ultra. Später Frau von Frankenfrey. Willibald . Wenn den der Bürgermeister umstimmt – Sigmund . O, gar kein Zweifel! Willibald . Dann sag' ich zum Frohsinn: »Fahre hin, du Flattersinn!« und zum Servilismus: – (es wird geklopft) Herein! Frau von Frankenfrey (zur Mitteltüre eintretend) . Ah, meine Herren – Sigmund . Meine Gnädige – Willibald . Wie lange wurde uns das Glück nicht zuteil, die interessanteste, eigentlich die einzige interessante Frau von Krähwinkel zu sehen, die Frau, der man es auf den ersten Blick gleich ansieht, daß sie eine Fremde, nur durch Zufall in unser Nest Hereingeschleuderte ist. Frau von Frankenfrey . Und durch welch traurigen Zufall!? Durch den Tod meines Gemahls – Sigmund . Auf der Reise sterben ist gar etwas Unangenehmes. Willibald . Dafür ist er in Krähwinkel gestorben, und an einem solchen Orte, wo das Leben nichts bietet, kann der Tod nicht besonders schwer sein. Frau von Frankenfrey . Ich muß also gleich mit dem Bürgermeister sprechen. Sigmund . In der Testamentssache? Willibald . Das ist eine üble Geschichte; hätte wirklich was Besseres tun können in seinen letzten Stunden, der Herr Gemahl, als sich den Ligorianern in die Arme zu werfen und dem Prior das Testament in die Hände zu geben. Frau von Frankenfrey . Ich habe aber den Inhalt genau gelesen, das Kloster erhält nur ein Legat, und nur für den Fall, als ich mich nicht mehr verehelichte, fällt nach meinem Tode das andere, höchst bedeutende Vermögen den frommen Herren zu. Und nun verweigert der Prior, das Testament meinem Advokaten einzusenden – Willibald . Die Gründe sind begreiflich. Sigmund . Ein Glück, daß der Herr Bürgermeister als Zeuge unterschrieben ist. Willibald . Das Glück ist nicht so groß; denn wenn es auch jeden von den beiden Herren einzeln verhindert, die gnädige Frau um das ganze Vermögen zu prellen, so werden sie ihr um so sicherer in brüderlicher Halbpartschaft jeder die Hälfte stehlen. Und daß der Herr Bürgermeister noch auf eine Hälfte, nämlich auf die reizende Witwe selbst, als Eh'hälfte spekuliert, das ist ja eine bekannte Sache. Frau von Frankenfrey . Eher den Tod als diesen gemeinen, vandalistischen Finsterling! Willibald . Und ihr stürzt nicht zusammen, ihr Mauern dieser Staatskanzlei, ob solchen Frevelworten?! Sigmund (horchend) . Täusch' ich mich nicht –? Ein Wortwechsel im Kabinette Sr. Herrlichkeit – Vierzehnte Szene Bürgermeister. Ultra. Vorige. Ultra (erzürnt aus der Seitentüre rechts kommend) . Kein Wort weiter, ich will nix mehr hören! Bürgermeister (ihm folgend) . Aber, mein Herr – Ultra . Für was halten Sie mich? Mir den Antrag zu machen, ich soll Zensor werden! Das is zu stark! Bürgermeister . Sind Sie denn wahnsinnig? Ich glaub', Sie wissen gar nicht, was ein Zensor ist! Ultra . Das weiß ich nur zu gut! Ein Zensor is ein menschgewordener Bleistift oder ein bleistiftgewordener Mensch, ein fleischgewordener Strich über die Erzeugnisse des Geistes, ein Krokodil, das an den Ufern des Ideenstromes lagert und den darin schwimmenden Literaten die Köpf' abbeißt. Bürgermeister . Welche Sprache?! Das ist unerhört in Krähwinkel! Ultra . Ich glaub's, weil's um hundert Jahr z'ruck seids, und diese Sprache ist noch keine vier Monat' alt. In dieser neuen Sprach' sag' ich Ihnen jetzt auch, was die Zensur is. Die Zensur is die jüngere von zwei schändlichen Schwestern, die ältere heißt Inquisition. Die Zensur is das lebendige Geständnis der Großen, daß sie nur verdummte Sklaven treten, aber keine freien Völker regieren können. Die Zensur is etwas, was tief unter dem Henker steht, denn derselbe Aufklärungsstrahl, der vor sechzig Jahren dem Henker zur Ehrlichkeit verholfen, hat der Zensur in neuester Zeit das Brandmal der Verachtung aufgedrückt. Bürgermeister (wütend) . Herr! Wenn's nicht zu hoch käm', für Sie ließ' ich extra eine Festung bauen, gegen die der Spielberg nur ein chinesisches Lusthaus wär'. Frau von Frankenfrey (mit Entrüstung zum Bürgermeister, indem sie vortritt) . So möchten Sie das freie Wort belohnen? Bürgermeister (frappiert) . Meine Verehrteste – Charmanteste – (Zu Sigmund und Willibald.) Warum hat man mir nicht gemeldet –? Frau von Frankenfrey (zu Ultra) . Sie haben mir aus der Seele gesprochen, Sie sind mein Mann! Ultra . Ich bin Ihr Mann? Frau von Frankenfrey . Das heißt nämlich – ich meinte – Ultra . Das Mißverständnis is so schön, daß ich auf gar keine Entschuldigung dringe. Bürgermeister (zu Frau von Frankenfrey) . Ist es gefällig, in mein Kabinett zu spazieren? – Ultra (zu Frau von Frankenfrey) . Da drin werd'n Anstellungen aus'teilt – wer weiß – die verstorbene Frau Bürgermeisterin is tot – Bürgermeister (wütend) . Mensch –! Ultra . Hätten Sie mir einen anderen Namen gegeben, so hätt' ich g'sagt: »Selber einer!«, aber so – Frau von Frankenfrey (zu Ultra) . Hielten Sie mich für fähig –? Bürgermeister . Ich bitte – (Will sie nach der Seitentüre rechts führen.) Frau von Frankenfrey . Ich bin, gekommen, Ihnen zum letzten Male zu sagen, daß Ihre Umtriebe in betreff meines Vermögens – Bürgermeister . Hier ist nicht der Ort – (Führt sie nach seinem Kabinett ab.) Ultra . Die Bureau-Jünglinge sollen nicht erfahren, was sie für einen Chef haben – Bürgermeister (sich an der Türe umwendend, zu Sigmund) . Fertigen Sie diesem propagandistischen Ausländer einen Laufpaß aus, in zwei Stunden muß er das Weichbild von Krähwinkel im Rücken haben. (Geht in die Seitentüre rechts ab.) Fünfzehnte Szene Ultra. Sigmund. Willibald. Ultra . Das Weichbild im Rücken? Das ist ein hartes Urteil. Willibald . Was liegt Ihnen denn soviel an Krähwinkel? Ultra . An Krähwinkel gar nix, aber alles an dieser unbekannten Dame, die mich ganz damisch macht. Wie sie g'sagt hat: »Sie sind mein Mann!« – merkwürdig, wie mich da alle Wonnen des Eh'stands durchschauert haben. O, er hat Recht, jener populäre Philosoph, wenn er so klar sagt, daß das Sein nur ein Begriffsaggregat mit markierten elektromagnetisch-psychologisch-galvanoplastischen Momenten ist. Willibald . Ihr Zustand scheint bedenklich! Was wollen Sie tun? Ultra . Den Bürgermeister stürzen und auf den Trümmern der Tyrannei den Krähwinklern ein' Freiheitsdom und mir einen Hymentempel bauen! Das is gewiß eine schöne Unternehmung. Sigmund . Ich muß Ihnen aber laut Befehl Sr. Herrlichkeit – und bei uns steht immer die Existenz auf 'n Spiel – einen – Ultra . Einen Laufpaß geben. Sagen Sie, Sie haben's getan – Sigmund . Aber zu meiner Legitimation – Ultra . Tragen Sie nur das Nötige g'schwind ein in Ihr Buch. Sigmund (sich zum Schreibtisch setzend) . Name – Ultra . Eberhard Ultra. Sigmund . Geburtsort – Ultra . Deutscher Bund. Sigmund . Alt – Ultra . Vierthalb Monat'. Sigmund . Was –? Ultra . Keine Stund' älter; so alt is die Freiheit, und das Frühere rechn' ich für nix. Sigmund . Augen – Ultra . Dunkel, aber hellsehend. Sigmund . Nase – Ultra . Freiheitsschnuppernd. Sigmund . Mund – Ultra . Wie ein Schwert. Sigmund . Statur – Ultra . Mittlere Barrikadenhöhe. Sigmund . Besondere Kennzeichen – Ultra . Unruhiger Kopf. Sigmund . Charakter – Ultra . Polizeiwidrig! – Jetzt haben Sie alles. (Zu Willibald.) Und jetzt sagen Sie mir, Freund, wie kann ich dem Bürgermeister hinter seine Regierungsschliche kommen, denn ich möcht' vorläufig mit List gegen ihn operieren, bis es Zeit is zum Gewaltstreich. Wem schenkt er sein Zutrauen? Sigmund . Niemandem als dem Geheimen Ratsdiener Klaus. Ultra . Und zu wem hat der sein Zutrauen? Willibald . Zu niemandem als zu den Ligorianern. Ultra . Das is mir schon genug. Willibald . Wie aber wollen Sie unerkannt hier verweilen? Ultra . Wie anders als verkleidet? Und dazu müssen Sie mir behilflich sein. Sie sehn, wie ich auf Ihre Freundschaft baue. Willibald . Glücklicherweise kann ich Ihnen hierin – das trifft sich herrlich – voriges Jahr konnte hier ein armer Theaterprinzipal den Pacht nicht bezahlen. Seine Herrlichkeit ließen ihm die Garderobe pfänden. Ultra . Damit sich der arme Teufel auch weiter nichts verdienen kann. Willibald (zu Ultra) . Zu dieser Garderobe kann ich Ihnen behilflich sein. Ultra . Sehen Sie, wie der Weltlauf immer nemesiserln tut. Seine eigene Schandtat liefert mir die Waffen gegen ihn. Sie begleiten mich jetzt, nicht wahr? Sigmund (zu Willibald) . Ich werde dich beim Herrn von Reakzerl als unpäßlich entschuldigen. Willibald (zu Sigmund) . Tu das! – (Zu Ultra.) Kommen Sie! – Ultra . Noch eins. (Zu Sigmund.) Wenn Sie die reizende Witwe sehn, so sag'n Sie ihr, wie Krähwinkel frei is, so werd' auch ich so frei sein und sie an gewisse Worte erinnern. Sie hat gesagt: »Sie sind mein Mann«, – sagen Sie ihr, daß ich in diesem Punkt keinen Spaß versteh'. Sie hat es vor Zeugen zu mir gesagt, so was is sehr delikat, ich glaub', sie is es meinem Ruf als Jüngling schuldig, daß sie mir am Altar gelegentlich ihre Rechte reicht. (Geht mit Willibald zur Mitte, Sigmund in die Seitentüre links ab.) Verwandlung Wohnzimmer des Ratsdieners Klaus. Im Hintergrund steht ein altes Kanapee. Keine Mitteltüre, sondern nur rechts und links eine Seitentüre, von welchen beiden die rechts der allgemeine Eingang ist, die links in die Küche führt. Sechzehnte Szene Klaus. Emerenzia. (Es ist Abend. Klaus kommt mit einem Pack Zeitungen aus der Seitentüre links mit Emerenzia, welche Licht bringt und auf den Tisch stellt.) Klaus . Ich sag' dir's, Alte, es is a so und nicht anders; so wie vor siebzehn Jahr'n die Cholera, grad so geht jetzt die Freiheit herum. Emerenzia . Mein Gott, wenn s' uns heimsuchet, könnt' s' dir was tun? Klaus . Na, ob! Die Freiheit packt immer zuerst das alte Ministerium, dazu gehör' ich offenbar, und so dürfte ich als eins der ersten Opfer fallen. Emerenzia . Na, sei so gut und mach' mich in meine alten Täg' zur Witib. Klaus . Hier is nicht von dem ordinären Tod, sondern von dem Verlust des Einflusses, von meiner Stellung zum Staat die Rede. Die Verhältnisse könnten mich zwingen, zu abdizieren. Das is für uns Große keine Kleinigkeit. Emerenzia . Was hast denn da für Zeitungen? – Klaus . Lauter östreichische. Ich trau' mir s' gar nicht z' lesen. Nein, wie wir uns in dem Östreich alle getäuscht haben, das is schauderhaft! Emerenzia . Sollen tun, was s' wollen, bis nach Krähwinkel dringt d' Freiheit doch nit. Klaus . Wenn uns etwas bewahren kann vor dieser Pest, so sind's die Ligorianer. Auf diese frommen Herren bau' ich noch meine einzige Hoffnung. (Es wird geklopft.) Siebzehnte Szene Ultra. Vorige. Emerenzia . Klopft hat wer – herein! Ultra (als Ligorianer kostümiert, tritt zur Seitentüre rechts ein) . Memento mori! Appropinquat pater fidelis animarum fidelium. Klaus (mit freudigem Staunen) . Ein fremder geistlicher Herr! Emerenzia . Wir küssen 's Kleid. – Ultra . Der Herr Klaus kennt mich nicht? – Klaus . Hab' noch nicht die hohe Ehre gehabt. Der Pater Severin kommt manchesmal her – Emerenzia . Der Pater Ignatius – Ultra (mit frommem Entzücken) . Von Loyola! Klaus . Der Pater Thomas Ultra . Ich bin der Pater Fidelius. Klaus . Unendliche Auszeichnung – Alte, einen Sessel – Ultra . Wenn der Herr Klaus die andern kennt, so kennt er mich auch, wir sind alle auf einen Schlag. Mich schickt der Pater Prior. Es handelt sich um das Seelenheil des Herrn Bürgermeisters. Klaus . Das is freilich keine Kleinigkeit. – Ultra . Drum wünscht' ich unter vier Augen – Klaus . Alte! – (Emerenzia entfernt sich auf seinen Wink.) Ultra . Er verschweigt uns manches aus weltlichen Rücksichten, er macht Umtriebe – Klaus . Das tut er, ja, aber alles im Einverständnis mit 'n Pater Prior. Ultra . Zur größten Ehre Gottes und zum Ruhm des heiligen Ignatius von Loyola. Der Pater Prior schickt mich nun mit dem Auftrag, der Herr Klaus soll mir alles sagen, was er weiß, damit wir kontrollieren können, ob uns der Bürgermeister wirklich alles vertraut. Klaus . Es is ein einziges – das is halt so was Wichtiges – das hat er nicht einmal dem Pater Prior g'sagt! – Müssen mich aber nicht verraten! Ultra . Ein Jesuit und Verrat –? Klaus . Freilich, da hat man gar kein Beispiel. Also sehen Sie, die Sache is die! – Wir haben die vorige Wochen ein hohes Reskript kriegt, ein abscheulichs hohes Reskript. Mehrere europäische Großmächte waren unterzeichnet, als: Lippe-Detmold, Rudolstadt, Reiß-Greiz-Schleiz, nur Rußland is mir ab'gangen, das is mir gleich aufg'fallen. Ultra . Und der Inhalt? Klaus . War eine Konstitution für Krähwinkel, die der Herr Bürgermeister augenblicklich hätt' proklamieren sollen. Ultra . Was er natürlich wohlweislich unterlassen hat. Klaus . Na, ich glaub's! Freiheit is ja was Schreckliches. Seine Herrlichkeit sagt immer: Der Regent is der Vater, der Untertan is a kleins Kind, und die Freiheit is a scharfs Messer. Ultra . Das is die wahre Ansicht, ich weiß genug. Von meinem Besuch muß der Herr Klaus weder dem Bürgermeister noch meinen geistlichen Brüdern was sagen. Klaus . Schon recht, strengstes Geheimnis! Jetzt erlauben aber Euer Hochwürden, daß ich Ihnen meine Alte aufführ'. (Zur Seitentüre rufend.) Kannst schon wieder einigehn. (Stellt ihm Emerenzia vor.) Das ist die Gattin meiner Wahl, das heißt, gewesen, jetzt nehmet ich s' nicht mehr. Ultra . Ah, freut mich! Emerenzia . Ich küss's Kleid. – Klaus . Vorigs Jahr hätt' ich s' bald verloren. – Ultra . O, da wär' ewig schad' gewesen, also hat die Frau sterben wollen? Klaus . Nein, sie hat wollen zu die Büßerinnen gehn, der Pater Prior aber hat g'sagt, es is nicht nötig, er wüßt' nit, für was? Ultra . Da hat er recht gehabt. – Still! (Horchend.) Habt ihr nichts gehört, gute Leute? Klaus . Der Wind geht draußten so stark. Ultra . Das wird's sein. Unter andern, ihr habt ja auch eine Tochter? Klaus . Freilich! Cilli! Cilli! Wo steckst denn? (öffnet die nach der Küche führende Türe.) Emerenzia . Sie is schon eine halbete Himmelsbraut. Ultra . Ah, das schlägt ja in unser Fach! Achtzehnte Szene Cäcilie. Vorige. Klaus . Da schau her, a geistlicher Herr ist da – Cäcilie (sehr schüchtern) . Ich küss's Kleid. Ultra . Warum denn? Lieber die Hand, so –! (Reicht ihr die Hand zum Kusse.) Emerenzia . Diese Auszeichnung! Klaus . 's Mädel kommt zum Handkuß, das is a Freud' für die Eltern. Ultra (zu Cäcilie) . Bis wann gedenken Sie den frommen Beruf –? Cäcilie . Ach Gott, ich weiß nicht – (Man vernimmt in weiter Ferne die Töne einer Katzenmusik.) Ultra (horchend) . Was is das –? Klaus . Jetzt hör' ich selber was. (Man vernimmt die Töne etwas lauter als zuvor.) Ultra (beiseite) . Richtig, 's geht schon los. Klaus . Das is ja grad' wie ein Rumor – Emerenzia . Ich krieg' die Krämpf' – Ultra . Ich muß eilen. Benedicat vos Dominus in aeternum! (Eilt zur Seitentüre rechts ab.) Klaus . Kommen der geistliche Herr nur gut nach Haus! Neunzehnte Szene Die Vorigen ohne Ultra. Emerenzia (händeringend) . Mann, um alles in der Welt, was wird das werd'n? – (Man hört fortwährend in Entfernung die Töne der Katzenmusik.) Klaus . Revolution, reine Revolution! Emerenzia . Gott steh' uns bei! – Cäcilie . Wenn nur den Beamten nichts g'schieht! – (Neuerdings Katzenmusik.) Klaus . Hört ihr s' singen, die höllischen Heerscharen der Freiheit –?! (Man hört in der Szene links stark an eine Fensterscheibe klopfen.) Emerenzia (aufschreiend) . Ach, sie brechen ein bei uns! Hilfe! Räuber! Mörder! (Sinkt in einen Stuhl. Das Klopfen wiederholt sich.) Cäcilie . Nein, nein – das Klopfen klingt ängstlich! – Es is einer, der Hilf' sucht. Klaus . Mir scheint selber, du hast recht! Cäcilie . Am End' ist's gar ein Beamter –! (Läuft zur Seitentüre links ab.) Klaus . Was sich denn das Madl so um die Beamten abängstigt! (Zu Emerenzia.) Alte, komm zu dir, es kommt wer zu uns! – Emerenzia . Au weh! – Mann, du wirst es sehn, es is a Halunk' – Cäcilie (zurückkommend, in größter Eile) . Der Herr Bürgermeister kommt! Emerenzia . Ist's möglich –?! Klaus (zugleich) . Seine Herrlichkeit –!? Zwanzigste Szene Der Bürgermeister. Die Vorigen. Bürgermeister (ist im Schlafrock und hat nur einen Mantel darüber geworfen und eine graue Filzkappe auf, den Schirm über das Gesicht berabgezogen) . He, Klaus – wo ist Er denn? Klaus . Euer Herrlichkeit – Bürgermeister . Das ist heillos. Emerenzia . Der hohe Besuch! – Und 's is nicht ausgerieben bei uns! – Bürgermeister . Klaus, ich bin außer mir! Klaus . Was is's denn, Euer Herrlichkeit? Bürgermeister . Das Entsetzlichste ist geschehen, der Krähwinkler Jüngste Tag bricht an, alle verstorbenen Bürgermeister drehen sich in die Gräber herum – man hat mir eine Katzenmusik gemacht, man macht sie mir noch – hört Er? – (Man vernimmt die Töne eben wieder etwas lauter.) Klaus . Gräßlich –! Mit was machen s' denn das? Bürgermeister . Da ist das ganze Orchester der Hölle losgelassen; was Krähwinkel je an Konzerten gehört, verschwindet in ein Nichts dagegen, das kreischt und tobt und trommelt und schnarrt, pfeift, braust, rasselt und klirrt – es macht den Kopf zur geladenen Bombe, die am Ende platzen muß. Emerenzia . Gott steh' uns bei! – Bürgermeister . Ich habe mich durch ein Hinterpförtlein geflüchtet. Hier vermutet mich niemand, ich werde bei Ihm übernachten, Klaus! Klaus . Diese Ehre –! Emerenzia (trostlos) . Und nicht ausgerieb'n! Klaus . Mein' Alte legt sich zu der Cilli ins Kammerl, und ich leg' mich in d' Kuchel hinaus. Bürgermeister . Ich werde mich auf diesem Kanapee durch ein paar Schlummerstündlein erquicken. Klaus . Ich werde Euer Herrlichkeit die Duchent und die Kopfpölster von meiner Alten bringen. Bürgermeister . Nein, Klaus! Ich will gar nichts, durchaus nichts als Ruhe. Klaus . Na, vielleicht – (Leise zu Emerenzia.) Wenn nur nicht den ganzen Tag deine Pintscherln auf dem Kanapee liegeten! (Laut.) Gute Nacht, Euer Herrlichkeit! Cäcilie und Emerenzia . Untertänigste ruhsame Nacht! (Klaus, Emerenzia, Cäcilie entfernen sich mit zeremoniösen Verbeugungen zur Seitentüre links.) Einundzwanzigste Szene Bürgermeister (allein). Bürgermeister . Ich glaube, der aufrührerische Krawall läßt nach. Ohne Zweifel ist Rummelpuff mit der Gewalt der Waffen eingeschritten. – Ich werde mein regierungsmüdes Haupt zur Ruhe legen – (macht sich's auf dem Kanapee bequem) und damit ich nichts davon höre, wenn's allenfalls nochmals losgehen sollte, ziehe ich mir den Mantel hoch – hoch über die Ohren. (Hat sich zur Ruhe gelegt und verhüllt sich ganz in den Mantel. Nach einer kleinen Pause beginnt im Orchester leise charakteristische Musik, welche, unruhige, beängstigende Träume schildernd, immer stärker wird. Nach einer Weile, während welcher man den Bürgermeister die Bewegungen eines unruhigen Schlafes machen sieht, hebt sich ein Teil der Rückwand, an welcher das Kanapee steht; man sieht einen Wolkenvorhang, welcher sich ebenfalls erhebt und den Traum des Bürgermeisters in einem Tableau darstellt. Man sieht nämlich den Moment, wo im Hofe des Wiener Landhauses ein auf dem Brunnen stehender Redner die versammelte Menge zur Erringung der Freiheit aufruft. Nach einer Weile endet die Vision. Die Wand schließt sich, die Musikbegleitung im Orchester hört auf. Der Bürgermeister erwacht.) Bürgermeister (stöhnend) . Ah, wo bin ich –? Oh! (Sich ermunternd.) Gott sei Dank, 's war nur ein Traum! – Klaus – Klaus! Aber schrecklich, schrecklich ist so ein Traum! Zweiundzwanzigste Szene Klaus. Der Vorige. Klaus (zur Seitentüre links hereineilend, in seinem früheren Anzuge, nur mit einer Schlafhaube) . Was is's denn, Euer Herrlichkeit, is was g'schehn? Bürgermeister . Viel – sehr viel – oder eigentlich nichts – ich schlafe sehr unruhig auf diesem Kanapee. Klaus (beiseite) . Kann mir's denken! Bürgermeister . So abscheuliche Träume – Klaus . Von was denn? Bürgermeister . Von Freiheit, nichts als Freiheit! Klaus . Was uns die Freiheit martert –! Ich weiß, was ich tu', ich setz' sie in die Lotterie. Bürgermeister . Narr! Klaus . Warum? »Freiheit« hat drei schöne Nummern: dreizehn, fünfzehn und sechsundzwanzig. Übrigens ist das nur im ersten Schlaf; und der Ort macht viel – Bürgermeister . Freilich, kein Wunder, wenn man in der Nähe einer Katzenmusik von Freiheit träumt. Klaus . Ich bin wieder in einer andern Lag'; ich schlaf' unter 'n Herd, mir haben lauter Schwabenstückeln traumt. (Geht zur Seitentüre links ab.) Dreiundzwanzigste Szene Bürgermeister (allein). Bürgermeister . Vielleicht hab' ich jetzt einen bessern oder, was das beste wäre, gar keinen Traum. (Verhüllt sich wie früher, nachdem er sich auf das Kanapee gelegt, und schläft ein. – Im Orchester hat leise Musikbegleitung begonnen, welche, wie oben, nach unruhigem Schlummer, den folgenden Traum charakteristisch vorbereitet. Nachdem sich, wie früher, die Wand und der Wolkenvorhang gehoben, sieht man im Tableau den Moment der Sturmpetition vom 15. Mai auf dem Hofplatz dargestellt. Nach einer Weile endet die Vision, die Wand schließt sich, die Musikbegleitung im Orchester hört auf, der Bürgermeister erwacht.) Klaus! Klaus!! – Das ist nicht auszuhalten – wenn so was je in Krähwinkel vorkommen sollte – Klaus – Klaus!! Vierundzwanzigste Szene Klaus. Bürgermeister. Klaus (hereinstürzend) . An wieviel Ecken brennt's? Bürgermeister . Nirgends als in meinem Kopf – aber ich halt' es nicht aus – die Träume werden immer schrecklicher – beängstigender – Klaus . Doch nicht wieder von Freiheit? Bürgermeister . Von was sonst? Es wird immer ärger, ich schlafe von heut' an gar nicht mehr. Klaus . Wär' nicht übel! Nein, nein, mir fallt ein Mittel ein. Um diese Freiheitsvisionen loszuwerden, legen sich Euer Herrlichkeit was Schwarzgelbes unter 'n Kopf, da kommen gleich andere Traumbilder. Bürgermeister . Ja, wo nehm' ich jetzt was Schwarzgelbes her? Klaus . Da haben Euer Herrlichkeit die »Wiener Zeitung«. (Zieht ein Blatt »Wiener Zeitung« aus der Tasche und breitet es auf der Kopfseite des Kanapees aus.) So, und setzen wir den Fall, es kommt in Krähwinkel zu was – Bürgermeister . Das wär' schauderhaft – Klaus . Nein; ich kenn' die Krähwinkler – man muß sie austoben lassen; is der Raptus vorbei, dann werd'n s' dasig und wir fangen s' mit der Hand. Da woll'n wir's hernach erst recht zwicken, das Volk. (Geht Seitentüre links ab.) Fünfundzwanzigste Szene Bürgermeister (allein) . Bürgermeister . Er hat nicht so ganz unrecht – und geht's nicht durch eigne Kraft, so gibt's ja auch noch fremde Hilfe – hm, hm, der Gedanke ist nicht schlecht – so muß es gehen. – (Sich wieder zur Ruhe legend.) Wart' nur, du Volk, du sollst mir nicht über den Kopf wachsen, du Volk, du –! (Hüllt sich in seinen Mantel und schläft ein. Im Orchester beginnt leise Musik, welche nach und nach einen höchst behaglichen Traum charakterisiert, die Wand öffnet sich, wie früher, ebenso der Wolkenvorhang, die Musik geht plötzlich in einen russischen Triumphmarsch über, und man sieht des Bürgermeisters Traum im Tableau. Auf einer Seite knien die Krähwinkler Bürger, auf der andern steht eine dem Bürgermeister ganz ähnliche Gestalt mit einem russischen General Arm in Arm unter einem Triumphbogen. Im Hintergrunde sieht man Kosaken ansprengen und russische Grenadiere, welche die Knute schwingen. Nach einer Weile schwindet das Traumbild, der Bürgermeister drückt im Schlaf die größte Behaglichkeit aus.) Der Vorhang fällt. Zweiter Akt Saal im Hause des Bürgermeisters. Mittel- und Seitentüren Erste Szene Sigmund (allein). Sigmund . Ich bin in großer Besorgnis für meinen Freund; er hat sich herbeigelassen, den Dolmetsch vorzustellen. Wenn nur Seine Herrlichkeit den Betrug nicht merkt! Da ist der Nachtwächter, der die stumme Rolle des Leibeigenen übernommen, weit weniger in Gefahr. Zweite Szene Sperling. Rummelpuff. Der Vorige. Sperling (mit Rummelpuff eintretend) . Es ist so, wie ich Ihnen sage, Herr Stadtkommandant, unsere gute Stadt genießt bereits die hohe Auszeichnung, einen russischen Fürsten in ihren Mauern zu haben. Rummelpuff . Warum hat man mir das nicht früher gesagt? Wieder die Gelegenheit zu einer Ausrückung versäumt! Auf diese Art wird Rußland nie zu einer richtigen Schätzung der Krähwinkler Militärmacht gelangen. Sperling . Schade! Sie hätten Seiner Durchlaucht bis an die Stelle, wo in hundert Jahren der Krähwinkler Bahnhof erbaut werden dürfte, entgegendefilieren und bedeutend Hochdieselben auf dieses großartige Werk der Zukunft aufmerksam machen können. Rummelpuff . Fatal! Die Parade wäre großartig geworden. Ich an der Spitze einer Kompagnie von vier Grenadieren, dann unmittelbar das Jägerbataillon, bestehend aus acht Schützen; nach Entwicklung dieser imposanten Massen hätte das Aufmarschieren des ersten und letzten Krähwinkler Infanterie-Regiments von neunzehn Mann den Mangel an Kavallerie auf eine glänzende Weise gedeckt. Sigmund (hat an der Seitentüre rechts gelauscht) . Seine Herrlichkeit, der Herr Bürgermeister – Dritte Szene Bürgermeister. Die Vorigen. Bürgermeister (aus Seitentüre rechts kommend, nach gegenseitiger zeremonieller Begrüßung) . Ich bin hocherfreut, die Großen meines Reiches versammelt zu sehen. Es gibt viele Große, aber Sie, meine Herren, sind die Größten – (Niest.) Rummelpuff . Zur Gesundheit! – Sperling . Zur Genesigkeit! Bürgermeister . Danke! (Fortfahrend.) Die Größten, die Krähwinkel aufzuweisen hat. Sperling . Wie gütig! Rummelpuff (salutierend) . Der Mann des Verdienstes fühlt sich und schweigt. Bürgermeister (zu Rummelpuff) . Ihnen vor allem muß ich danken für die energische Auseinandersprengung des Pöbelauflaufes verflossener Nacht – Rummelpuff . Wurde mir leider erst heute morgens gemeldet. Bürgermeister . Wie –? Sperling . Die Herstellung der Ruhe ist mir durch Vorlesung eines meiner poetischen Erzeugnisse: »Ode an den Bundestag« gelungen. Gleich die ersten Verse waren hinreichend, die erhitzten Gemüter zum schleunigen Nachhausegehen zu bewegen. Bürgermeister . Also wirklich, Sie –? Sperling . Die Macht der Poesie ist wunderbar. Bürgermeister . Zur Sache, meine Herren! Wir sind eben im Begriffe, einen Gesandten Rußlands zu empfangen – Sperling . Werde nicht ermangeln, diesen welthistorischen Moment mit einer Unzahl Sonette – vorläufig habe ich nur ein kleines Gedichtchen verfaßt, um es Seiner Durchlaucht auf dem Rückweg ins Hotel zu überreichen. Es ist ein Impromptu an die Knute. Euer Herrlichkeit erlauben! (Er entfaltet eine rosenrote Papierrolle und liest vor.) »O Knute, o Knute! Die schwingen man tute, Machst Wirkung sehr gute Bei frevelndem Mute. Was dem Kinde die Rute, Ist dem Volke die Knute; Du stillest die Wute Rebellischem Blute. Das alles, das tute Die Knute, die Knute! Weshalb ich mich spute, In einer Minute Poetischer Glute Schrieb ich an die Knute Dies Gedichtchen, dies gute.« Bürgermeister . Trefflich, erhaben! Viel Schwung! Sperling . Ich möchte es ins Tscherkessische übersetzen und den Bergvölkern am Kaukasus vorlesen lassen. Rummelpuff . Was ist das für ein Kasus, der Kaukasus? Sperling . Gütigster Musengott, das ist ja – Sigmund (in der Mitteltüre) . Sie kommen schon! Bürgermeister . Herr Sperling, ich erlaube Ihnen, das Wort zu führen. (Stellt sich mit Rummelpuff und Sperling in Positur.) Vierte Szene Ultra. Willibald. Nachtwächter. Die Vorigen. (Ultra ist karikiert in altrussischem Nationalkostüm als Fürst, Willibald als Dolmetsch, der Nachtwächter als Leibeigener gekleidet.) Ultra (mit furchtbar struppigem Haar und Bart zur Mitteltüre eintretend) . Schöngrussi, bulldoggi, Burgomastrow. (Sigmund entfernt sich, wie die Fremden eingetreten sind.) Sperling (auf den Bürgermeister zeigend) . Seine südwestliche Herrlichkeit sind entzückt über die nordische Ehre – Bürgermeister (zu Sperling) . Ich muß einige diplomatische Worte fallen lassen. (Zu Ultra.) Ist es nicht gefällig, Platz zu nehmen? – Ultra . Nixi sitzi – Sperling . Es wäre nur wegen der Austragung des Schlafes. (Sich an Willibald wendend.) Seine Durchlaucht verstehn doch Deutsch? Willibald (durch Haar und Bart unkenntlich gemacht, mit etwas verstellter Stimme) . Verstehen sehr gut, sprechen jedoch fast nur Russisch. Bürgermeister (zu Ultra) . Darf ich um den erlauchten Namen bitten? Ultra . Fürst Knutikof Sybiritschefsky Tyrannsky Absolutski. Bürgermeister (zu Sperling und Rummelpuff) . Das muß schon einer von die ersten dortigen Fürsten sein. Ultra (auf Willibald zeigend) . Den da Dollmetschki, (zum Nachtwächter) den da Leibeignski. Bürgermeister (beiseite) . Ich begreife nicht, woher ich so gut Russisch versteh'. (Laut zu Ultra.) Diese Leibeignen sind wirklich eine schöne Erfindung. Ultra (zum Nachtwächter) . Iwanof Kuschku! Nachtwächter (fällt, die Arme über die Brust kreuzend, vor Ultra auf die Knie). Ultra (zieht eine Knute aus dem Gürtel) . Taki strixi patoki. (Gibt dem Nachtwächter ein paar Streiche.) (Nachtwächter küßt den Saum von Ultras Kleid, dann die Knute und tritt wieder zurück.) Willibald . Dies ist der Charakter unserer ganzen Nation. Bürgermeister . Schicksal, warum hast du keinen russischen Bürgermeister aus mir gemacht!? Ultra . Ah, passionski regierski Volkski despotski. Willibald (zum Bürgermeister) . Jetzt zum Zweck unserer Sendung. Der Zar, der immer sein Hauptaugenmerk auf Krähwinkel richtet, weiß, daß revolutionäre Staaten Ihnen ein Reskript – Bürgermeister . Ich bitte – (leise zu Willibald) die Anwesenden sind nicht eingeweiht –, ich habe das Reskript gebührendermaßen unterdrückt. Willibald . Der Zar wünscht aber zur größeren Sicherheit, daß Sie es in die Hände des Fürsten übergeben. Ultra . Verbrennski Proklamazki Constituzki. Bürgermeister . Werde sogleich die Ehre haben. (Eilt in die Seitentüre rechts ab.) Fünfte Szene Die Vorigen ohne Bürgermeister. Sperling (leise zu Rummelpuff) . Was für ein Staatsgeheimnis da obwalten mag? Rummelpuff . Egal! Die Diplomatie ist nicht mein Feld, ich kann hier nichts tun als durch gemessene Haltung fortwährend imponieren. Ultra (nachdem er halblaut einige russische Worte zu Willibald gemurmelt, schließt mit dem Worte) . Aristokratitschef. Sperling (zu Willibald) . Was wünschen Se. Sibirischen Gnaden? Willibald . Seine Durchlaucht werden den Zar dahin vermögen, daß er die beiden Herren in die hohe Aristokratie einverleibt. – (Zu Sperling.) Sie heißen –? Sperling . Sperling Edler von Spatz. Ultra . Nix da! – Fürst Spatzikof! Sperling . O Wonne! Ins Wappen werde ich um eine von der Knute sanft umschlungene Lyra bitten. Willibald (zu Rummelpuff) . Und Ihr werter Name? Rummelpuff . Rummelpuff. Ultra . Nix da! – Fürst Rummelpuffkitschef! Rummelpuff . Ich war stets für den Zar und würde nie, um keinen Preis, die Offensive gegen Rußland ergriffen haben. Sechste Szene Bürgermeister. Die Vorigen. Bürgermeister (mit einer Pergamentrolle aus Seitentüre rechts kommend) . Hier ist das Bewußte! (übergibt selbe an Ultra.) Ultra . Taki papierloxi kapitalski! Bürgermeister . Wenn Sie nach Petersburg kommen – Sperling . So sagen Durchlaucht dem Zaren – (leise zum Bürgermeister) wir sind zu Fürsten vorgemerkt! Bürgermeister (erstaunt, leise) . Was –?! Sperling (wie oben) . Ihnen kann der Herzogtitel nicht fehlen. Bürgermeister (wie oben) . Ha! Sperling (fortfahrend zu Ultra) . Wenn wir so viel Huld und Gnade je vergessen könnten, so schicke man uns allsogleich nach Sibirien auf den Zoberlfang. Ultra . Gutti, Servutschi. (Will gehen.) Siebente Szene Sigmund. Die Vorigen. Sigmund (zur Mitte hereineilend) . Euer Herrlichkeit, eben meldet man, daß vor dem Rathause ein ungeheuerer Krawall losgebrochen. Bürgermeister (erzürnt) . Was?! Fähnrich Rummelpuff, treiben Sie die Ruhestörer auseinander, sammeln Sie Ihre Truppen! Rummelpuff . Wo werden die Kerls wieder stecken? Sperling (zu Rummelpuff) . Versuchen Sie es anfangs mit Güte, es sind ja doch Menschen. Rummelpuff . Menschen? Warum nicht gar! Der Mensch fängt erst beim Baron an! Ultra (ihn freundlich auf die Achsel klopfend) . Bravidschi Zopfski Aristokratski! (Alle gehen zur Mitte ab.) Verwandlung Platz in Krähwinkel. Im Vordergrunde rechts zieht sich das Haus des Bürgermeisters mit einem praktikablen Balkon in einer Breite von zwei oder drei Kulissen. Achte Szene Sigmund. Sigmund (allein, aus dem Haus des Bürgermeisters tretend) . Welchen Einfluß werden diese Bewegungen auf die Existenz der Beamten haben? – Was liegt mir im Grunde an meiner Existenz, da ich leider keine Hoffnung habe, sie je mit Cäcilien teilen zu können! (Bleibt tiefsinnig stehen.) Neunte Szene Klaus. Der Vorige. Klaus (aus dem Hintergrunde links auftretend) . Mich kriegen s' nicht mehr dran; wie wo ein Krawall is, geh' ich fort. Daß s' mir etwan wiederum ein' Haslinger zerbrecheten! Um den wär' mir gar leid, er is dicker und hat viel ein' schönern Schwung als der andere. – (Sigmund von rückwärts ansehend.) Was is denn das für ein niedergeschlagener Subaltern –? (Ihn erkennend.) Ah, der Mussi Siegl – Sigmund (sich aufrichtend) . Herr Klaus – Sie hier –? Klaus . Freilich! Sie sollen nur revoltieren, der Rummelpuff wird ihnen's schon zeigen. Aber schaun S', weil wir grad vieraugig z'samm'kommen – Ihnen muß ich ein' guten Rat geben. Sigmund . Und der wäre? Klaus . Heiraten S'! Diese Liebessehnsucht tut Ihnen nicht gut. 's Madl hat Ihnen g'wiß gern. Sigmund . Unendlich! Aber der Vater – Klaus . Der is ein Esel – Sigmund . Glauben Sie? Klaus . Mehr noch, er is mein Feind. Ich weiß es, daß Sie die Nachtwachterische lieben. Sigmund (in die Enge getrieben) . Sie sind im Irrtum. Klaus . Laugnen Sie's nicht! Sigmund . Wenn ich Sie versichere, ich liebe eine andere. Klaus . Lirumlarum! Übrigens, ich verlang' kein Geständnis; lieben Sie, wen Sie wollen. – (Beiseite.) Ich weiß doch, daß es kein' andere als die Nachtwachterische Walpurgerl is. (Zu Sigmund.) Ich sag' Ihnen nur, warum sollen denn Sie und 's Madl unglücklich werd'n wegen so einem bockbeinigen Sakrawalt? Sigmund . Der Vater hat einen andern Plan mit ihr. Klaus . Weiß es; dem Lumpen, dem Ultra, will er s' geben. Sigmund . Ach nein! Klaus . Na ja, richtig, Sie woll'n's nicht eing'stehn. – Alles eins, mit ein' Wort, da nutzt nix, Sie müssen durchgehn mit ihr. Sigmund . Den Rat geben Sie mir? Klaus . Als Amtsperson sollt' ich nicht – aber wissen S', ich hab' einen Pick auf den alten Narren. Sigmund . Und wenn ich drauf einginge, wohin sollt' ich mit ihr? Klaus . Na, an was immer für einen anständigen Ort, zu einer Frau wohin, wo sie bleibt, bis die Heirat – Sigmund . Da wär's wohl am besten, zur Frau von Frankenfrey. Klaus . Sein Sie so gut mit der? (Warnend.) Sie, die heirat't ja der Bürgermeister. Diese Bekanntschaft bringt Ihnen entweder um Ihr kleines Amt oder verhilft Ihnen zu einem großen. Sigmund . Ah, schweigen Sie! Meine Ideen sind ja einzig und allein – (seufzend) es ist jedenfalls umsonst, meine Geliebte ist ein zu fromm erzogenes Mädchen; sich von mir ohne Wissen ihres Vaters in ein fremdes Haus bringen zu lassen – darein willigt sie nun und nimmermehr. Klaus . Da fallt mir was ein! Ich lass' Ihnen nicht aus – ich muß ihm einen Schur antun, dem g'wissen Vatern, dem –! B'stellen Sie 's Madl wohin, in a Gassen oder in ein' Garten, da hol' ich's ab und führ's zu der Frau von Frankenfrey. Ich bin ein g'setzter Mann in Amt und Würden, mir wird sie doch folgen. Sigmund . Oh, Ihnen ganz gewiß! Klaus . Na also! Und mir g'schieht ein G'fallen, denn ich hab' schon lang' a Passion auf den alten Esel. Sie brauchen mir also nur den Tag und die Stund' zu sag'n. Sigmund . Da kommen Leut', wir wollen dort das Weitere besprechen. (Geht mit Klaus hinter dem Hause ab.) Zehnte Szene Pemperl. Schabenfellner. Mehrere Krähwinkler (treten von links im Vordergrunde auf). Schabenfellner (rechts in den Hintergrund schauend) . Mir scheint, sie haben sich schon beim Schopf. Pemperl . Ja, ja, es muß schon zur gegenseitigen Trischakung gekommen sein. Die Krähwinkler (neugierig) . Schaun wir hin! – Schabenfellner . Aber nur vorsichtig! Pemperl . Fürcht'st dich schon, Kürschner, daß du eins auf 'n Pelz kriegst? (Zu den übrigen.) Kommts, so was sieht man nicht alle Tag'. (Alle wollen nach dem Hintergrund rechts ab.) Elfte Szene Frau Pemperl. Frau Schabenfellner. Frau Klöppl. Mehrere Krähwinklerinnen. Die Vorigen. Die Krähwinklerinnen . Halt! Halt, Männer, halt! Frau Pemperl . Wo wollts denn hin? Pemperl . A bisserl Revolution anschaun. Frau Pemperl . Na, sei so gut, daß dir was g'schicht. – Frau Schabenfellner (zu ihrem Mann) . Du gehst gleich z' Haus! Schabenfellner . Nein, Weiberl, auf a fünf Minuten muß ich hinschaun. Pemperl . Wer weiß, wann wieder a Revolution is! Frau Pemperl . Nix da! Schabenfellner . Mich brächt' d' Neugier um zu Haus! Die Männer . Wir müssen hin! Die Frauen . Dageblieben! Die Männer . Um kein G'schloß! Die Revolution müssen wir sehn! (Alle rechts ab.) Zwölfte Szene Die Vorigen ohne die Männer. Frau Pemperl . 's sind doch schreckliche Waghäls', die Männer. Frau Klöppl . Ich bin froh, daß der Meinige schon tot is – wie leicht könnt' ihm da was g'schehn bei der G'schicht'! Frau Pemperl . Die Ängsten, die man aussteht! Frau Schabenfellner . Der Meinige soll sich g'freun, wenn er nach Haus kommt! (Leise Musik, den Aufruhr charakterisierend, beginnt und wird nach und nach stärker.) Frau Klöppl . Der Tumult zieht sich da her! Die Frauen . Himmel, was wird das werden!? Frau Pemperl . Wann meinem Mann was g'schicht, kehr' ich ganz Europa um. (Die Musik wird ganz laut und geht in folgenden Chor über.) Dreizehnte Szene Nachtwächter. Pemperl. Schabenfellner. Krähwinkler Bürger. Volk. Vorige. (Krähwinkler Bürger mit verbundenen Köpfen, Gesichtern, andere den Arm in der Schlinge usw. werden unter Ächzen und Stöhnen von den nichtverwundeten Krähwinklern aus dem Hintergrunde vorgeführt.) Chor der Verwundeten . Au weh, au weh! O je, o je! Wir sind ganz weg, Voll blaue Fleck', Voll Dippeln d' Stirn, Wir g'spürn kein Hirn, O je, o je! – Au weh, au weh! (Sämtliche Krähwinklerinnen sind mit ängstlicher Sorgfalt um ihre verwundeten Männer beschäftigt, welche sich dem Hause des Bürgermeisters gegenüber lagern.) Frau Pemperl (zu Pemperl) . Mann, wie schaust du aus!? Die Dippeln auf 'n Kopf! Pemperl (ächzend) . Solche hab' ich noch nie gehabt. Nachtwächter . Mir hab'n s' die Zähn' eing'schlagen, aber das macht nix, jetzt wird erst recht bissig g'red't! Frau Schabenfellner . Das soll dem Bürgermeister auf der Seel' brennen! Pemperl . Und wenn ich noch was getan hätt', aber gar nix als zug'schaut! Nachtwächter und Schabenfellner . Das is schändlich! Alle (durcheinander) . Tyrannei! Barbarei! Nachtwächter (auf die sich öffnende Balkontüre im Bürgermeisterhause sehend) . Da schauts her, er zeigt sich noch vor 'm Volk! Alle . Der Bürgermeister? Frau Pemperl . Da sollten s' doch aufstehn, die Gefallenen. Pemperl . Nix da, wir bleiben liegen. Nachtwächter . Justament, er soll's sehen, was er ang'richt't hat! (Allgemeines Gemurre.) Vierzehnte Szene Bürgermeister. Sperling. Ein Ratsherr. Die Vorigen. (Der Bürgermeister tritt, von Sperling und einem Ratsherrn begleitet, auf den Balkon.) Sperling (an das Volk) . Ich bitte sämtlich um Ruhe, Seine Herrlichkeit spricht, hört ihm zue! Bürgermeister . Meine lieben Krähwinkler! Da ich dazu ausersehen bin, an eurer Spitze zu stehen, hab' ich euch stets nach Möglichkeit stumpf zu machen gesucht. Und nur, weil ihr auf einmal eine Schneid' kriegt habt, so war ich genötigt, euch die Spitze zu bieten. Ich wünsche sehnlichst, daß das beklagenswerte Mißverständnis zwischen mir und meinen lieben Krähwinklern – Nachtwächter (beiseite) . Wenn er nochmals sagt: »Liebe Krähwinkler«, so rutscht mir was aus! Bürgermeister (fortfahrend) . Baldigst gelöst und die alte Ordnung und Eintracht – Nachtwächter (beiseite) . Und Niederträchtigkeit – Bürgermeister (fortfahrend) . Und Ruhe zurückkehren tun möge. (Man hört inner der Szene im Hintergrunde rechts Vivatgeschrei.) Alle . Was is das –!? Fünfzehnte Szene Klaus. Die Vorigen. Klaus (atemlos herbeistürzend) . Eure Herrlichkeit –! Ein Ereignis –! Ein neues Blatt Weltgeschichte! Es is einer angekommen! Alle . Wer?? Klaus . Ein Abgesandter von der europäischen Freiheits- und Gleichheits-Kommission! Bürgermeister . Trägt er die dreifarbige Farbe? Klaus . Nein, die siebenfarbige wie der Regenbogen – Sperling . Das scheint die kosmopolitische Farbe zu sein. Klaus . Er und sein Schimmel sind alle zwei voll siebenfarbigen Fahnen, Fahndln und Bändern! Alles jubelt, trompet't und schreit Vivat! Sechzehnte Szene Ultra. Krähwinkler. Volk. Die Vorigen. (Das Volk kommt mit Vivatgeschrei, Hüte und Mützen schwenkend, auf die Bühne, dann Trompeter und Pauker, einen Marsch spielend, hinter diesen reitet Ultra als europäischer Freiheits- und Gleichheitskommissär. Er ist phantastisch mit siebenfarbigen Bändern geschmückt und trägt statt Federn Fahnen auf dem Hut, in der Linken eine große siebenfarbige Fahne, in der Rechten die Pergamentrolle, die er als russischer Fürst dem Bürgermeister abgelockt; der Schimmel, welchen er reitet, ist in ähnlicher Weise geschmückt. Vor dem Hause des Bürgermeisters angelangt, hält er an und entfaltet die Pergamentrolle. Tusch von Trompeten und Pauken.) Ultra . Ich verkünde für Krähwinkel Rede-, Preß- und sonstige Freiheit; Gleichgültigkeit aller Stände; offene Mündlichkeit; freie Wahlen nach vorhergegangener Stimmung; eine unendlich breite Basis, welche sich erst nach und nach auch in die Länge ziehen wird, und zur Vermeidung aller diesfälligen Streitigkeiten gar kein System. Bürgermeister . Ah!! (Fällt in Ohnmacht, Sperling und der Ratsherr fangen ihn auf.) Alle . Vivat!! Vivat!! (Unter Jubelgeschrei, Trompeten- und Paukenschall zieht sich der Zug nach dem Hintergrunde der Bühne.) Der Vorhang fällt. Zweite Abteilung: Die Reaktion Dritter Akt Salon in der Wohnung der Frau von Frankenfrey Erste Szene Frau von Frankenfrey. Frau von Schnabelbeiss. Frau Pemperl. Frau Schabenfellner. Walpurga. Babette. Adele. Herr von Reakzerl Edler von Zopfen. Sperling Edler von Spatz. (Die Gesellschaft konversiert, die Frauen sitzen auf Kanapee und Fauteuils, die beiden Herren machen den Damen die Cour. Die Mädchen sind miteinander im Gespräch begriffen.) Reakzerl (zu Frau von Frankenfrey) . Und Sie sollten wirklich keinen besonderen Zweck damit verbinden, meine Gnädige? Frau von Frankenfrey . Womit? Reakzerl . Mit dem splendiden Dejeuner, womit Sie uns bewirtet haben? Frau von Frankenfrey . Ihre angenehme Gesellschaft zu genießen – ist das nicht Zweck genug? Und wenn Sie einen besonderen wollen, so wäre es der, Ihre allerseitigen Äußerungen über die neue Gestaltung der Verhältnisse zu vernehmen. Babette . Da verstehn wir wohl gar nichts. Adele . Von solchen Verhältnissen nämlich – Frau von Schnabelbeiss . Ach, die Politik! Die leidige Politik! Walpurga . Ich hör' gar kein anders Wort zu Haus. Frau Pemperl . D' Politik ließ' ich noch angehn, aber die Freiheit! Adele (entzückt) . Es ist etwas Herrliches um die Freiheit! Frau von Schnabelbeiss . Ob du schweigen wirst!? Du weißt gar nicht, was das ist. Sperling . Als Poet hab' ich nichts gegen die Freiheit, sie gewährt den Dichtern ein weites Feld zur Tummlung ihrer Pegasusse. Reakzerl . Der Staatsmann muß sie unbedingt verdammen; denn alles faselt jetzt schon von Menschenrechten, der subalterne Beamte sogar wagt Äußerungen, wenn er sich malträtiert fühlt. Frau Pemperl . Die Freiheit is einmal das, was die Männer ruiniert. Frau Schabenfellner . Wie die s' benutzen! Wer kann ihnen nachgehn auf jede Wacht? 's Nachhauskommen haben sie sich ganz abg'wöhnt. Frau Pemperl . Heute haben s' a Sitzung, morgen a Katzenmusik, den andern Tag ein Verbrüderungsfest; und so oft ich den Meinigen ans Herz drucken will, sagt er, er muß patrouillieren gehn. Adele . Mir gefallen die Männer erst, seitdem sie alle Säbel tragen. Wenn erst Studenten hier wären! Frau von Schnabelbeiss . Sprichst du schon wieder von Dingen, die du nicht verstehst? Sperling . Mir hat die Freiheit ein kleines Gedichtchen entlockt, welches ich mich berufen fühle der Gesellschaft mitzuteilen. (Liest aus einem Blättchen Papier.) An die Freiheit Ei, ei! Wie sind wir so frei! Das ist uns ganz neu, Sonst nur Sklaverei, Jetzt Freipresserei, Volksregiererei, – Drum Jubelgeschrei, Wie sind wir so frei! Ei, ei! Ei, ei! Es ist unmöglich, über diesen großartigen Gegenstand etwas Zarteres zu schreiben. Reakzerl . Herr von Sperling, solche Gedichte dürften Seine Herrlichkeit in hohem Grade mißbilligen. Zweite Szene Ultra. Die Vorigen. Ultra (in seiner natürlichen Gestalt zur Mitte hereintretend, zu Frau von Frankenfrey) . Gnädige Frau, ein Ultra, der keinen Absolutismus außer dem der Liebenswürdigkeit anerkennt, legt sich Ihnen zu Füßen. Reakzerl (beiseite) . Der hier –? Der Radikale – Frau von Frankenfrey . In dieser mir von Ihnen zuerteilten Machtvollkommenheit verurteile ich Sie für Ihre Saumseligkeit – Ultra . Zu was Sie wollen, denn ich bin des Pardons gewiß, wenn ich Ihnen Ursache und Resultat meiner Verspätung sage. Reakzerl . Sie wagen es, in Krähwinkel zu erscheinen? Sie, den der Herr Bürgermeister ausgewiesen? Ultra . Ja, das war noch vor der Freiheit, da haben die Bürgermeister noch die Leute ausgewiesen; jetzt danket mancher Gott, wenn er sich selbst ordentlich ausweisen könnt'! Reakzerl (drohend) . Herr, halten Sie Ihre Zunge im Zaume! Ultra . Das hab' ich in früheren Zeiten nicht immer getan, jetzt is schon gar keine Idee! Reakzerl . Frau von Frankenfrey, ich begreife wirklich nicht, wie Sie in Ihrem Hause, welches sogar der Herr Bürgermeister beehrt, einem Menschen Zutritt gestatten – Ultra . 's is wahr, der Bürgermeister und ein Mensch kommen ins selbe Haus, is halt a g'mischte Gesellschaft. Reakzerl (mehr gegen Frau von Frankenfrey) . Dieselbe Bemerkung hab' ich früher schon im stillen gemacht, als ich unter den Damen sogar die Nachtwächterstochter erblickte. Ultra . Hören Sie, die is ein braves Mädl, Sie beleidigen also nur die übrigen, wenn Sie da etwas Gemischtes herausfinden wollen. Frau von Schnabelbeiss (böse) . Mein Herr, ich bitt' mir's aus, meine Tochter ist auch dabei, und eine Geheimratstochter wird doch gegen eine Nachtwächterstochter ein etwas immenser Unterschied sein. Walpurga (gekränkt) . Ich hab' mich ja nicht aufgedrungen. Frau von Frankenfrey (zu Walpurga, welche die anderen Mädchen freundlich trösten) . Beruhigen Sie sich! Frau von Schnabelbeiss (noch aufgebrachter, zu Ultra) . So weit sind wir noch nicht mit der Gleichheit. Mein Seliger war Geheimer Rat, und ich werd' Ihnen schon noch zeigen, was eine Geheime Rätin ist. Ultra . Schaun Sie, erstens muß ich Ihnen sagen, für eine Geheime Rätin schreien Sie viel zu stark. Und dann is – Gott sei Dank – die Zeit vorbei, wo das »Geheimer Rat« eine Auszeichnung war. Ein guter ehrlicher Rat darf jetzt nicht geheim sein, 's ganze Volk muß ihn hören können, sonst is Rat und Ratgeber keinen Groschen wert. Frau von Schnabelbeiss . Das ist zu arg!! Luft –! Ich ersticke –! Reakzerl (drohend zu Ultra) . Sie führen eine Sprache –, Herr, trauen Sie mir nicht! Ultra . Gewiß nicht; Sie sind Reaktionär, und denen is nie zu trauen! Übrigens sag' ich Ihnen, Sie verzopfter Kanzleimann, wenn Sie glauben – Ein Bedienter (ohne Livree, zeigt sich anmeldend an der Türe) . Der Herr Bürgermeister kommt. Reakzerl (beiseite) . Dem Schlingel bleibt auch schon die »Herrlichkeit« im Halse stecken. Ultra (zieht sich zurück). Dritte Szene Bürgermeister. Die Vorigen. Bürgermeister (zu Frau von Frankenfrey) . Ich komme, Ihnen zu verkünden, welchergestalt ich am heutigen und morgigen Tage zwei Feste sondergleichen zu feiern gedenke. Eins werden Sie ahnen, holde Braut! Frau von Frankenfrey . Daß ich das nicht bin und nie sein werde, hab' ich Ihnen oft genug erklärt, Herr Bürgermeister! Bürgermeister . Ihre Widersetzlichkeit wird Ihnen so wenig als den Krähwinklern die ihrige nützen. Heute ist der Tag der Rache, der Triumph der Reaktion. Frau von Frankenfrey . Wie das –? Bürgermeister . Wir werden mit einer furchtbaren Heeresmacht über die Krähwinkler herfallen; Kommandant Rummelpuff ist tätig gewesen, hat in der Umgebung über zwanzig Mann Verstärkung geworben. Dieses Armeekorps, mit unserer Besatzung vereint, wird die Krähwinkler Rebellen zu Paaren treiben. (Zu den Frauen.) Wenn Sie keine Witwen werden wollen, so raten Sie ja Ihren respektiven Männern, zu Hause zu bleiben. Sperling . Wann dürfte dasjenige losgehen, was man den Teufel nennt? – Bürgermeister . Heute nachmittag um die halbdritte Stunde. Frau von Frankenfrey . Und ist das alles so gewiß? Bürgermeister . So gewiß ich morgen in der elften Vormittagsstunde die reizende Witwe Frankenfrey zum Altare führe. Frau von Frankenfrey . Ihre Zuversicht fängt an, mich zu beleidigen. Bürgermeister . Im schlimmsten Falle: gleichviel! Frau von Frankenfrey . Wer gibt Ihnen das Recht –? Bürgermeister . Die Macht! Ich bin die Macht und mache das Recht. Als eine ihr Glück von sich Stoßende sind Sie einer Wahnsinnigen gleichzustellen. Wahnsinnige bevormundet das Gesetz, ich bin das Gesetz, folglich Ihr Vormund, und als solcher nicht der erste, der seine widerspenstige Mündel zur Heirat zwingt. Es bliebe Ihnen nur der traurige Ausweg, der großen Erbschaft vom seligen Gemahl verlustig werden zu wollen. Frau von Frankenfrey . Ich werde mir das Testament – Bürgermeister . Sie wissen, daß es in den Händen des Pater Prior ist, der es nur in die meinigen geben wird. Ultra (vortretend) . Muß um Entschuldigung bitten, er hat es bereits in meine Hände ausgeliefert. (Allgemeine Bewegung des Staunens.) Bürgermeister (erstarrt) . Wie!? Was!? Der hier –!? Ultra (es an Frau von Frankenfrey übergebend) . Und jetzt wird es in den rechten sein. Frau von Frankenfrey . Ist es ein Traum –!? Bürgermeister (wütend) . Diebstahl ist es, Einbruch, Kirchenraub! Ultra . Da muß ich Ihnen doch den Preis sagen, um welchen mir's der Pater Prior gegeben hat. Bürgermeister (staunend) . Um einen Preis? Ultra . Ich hab' ihn in Berücksichtigung seines Alters durch das hintere Pförtlein entschlüpfen lassen, bevor noch in dieser Stunde das ganze Konvent von die frommen Herren gesäubert wird. Bürgermeister . Wer unterfängt sich das? Wer? Ultra . Jemand, der vieltausendmal mehr is als wir alle zwei miteinand', das Volk! Bürgermeister (wütend) . Ha, so will ich doch sehen, ob mein Ansehn die Aufrührer nicht bändigen kann! (Stürzt grimmig fort.) Frau von Schnabelbeiss , Frau Pemperl , Frau Schabenfellner . Euer Herrlichkeit –! Die Gefahr –! Euer Herrlichkeit –! (Eilen ihm in großer Besorgnis mit Sperling nach.) Reakzerl (triumphierend) . Macht nur Krawall, bringt die Verwirrung aufs höchste, dadurch steigen die Aktien der Reaktion! (Rasch zur Mitte ab.) Vierte Szene Frau von Frankenfrey. Ultra. Walpurga. Adele. Babette. Frau von Frankenfrey (zu Ultra) . Meinen Dank zu gelegener Zeit, jetzt – Ultra . Jetzt handelt sich's, wenn auch nur um Krähwinkler-, doch um Völkerglück, und ich fürchte, ich fürchte, Krähwinkel is nicht Wien, nicht Paris, nicht Berlin. Werden sie hier die nötige Ausdauer haben? Und dann is noch ein Übelstand – Frau von Frankenfrey . Welcher? – Ultra . Krähwinkel hat keine Studenten. Frau von Frankenfrey . Da könnte ich vielleicht Rat schaffen – Ultra (mit einem Anflug von Eifersucht) . So –? Adele . Ach, das wär' schön! – Babette . Im Ernst? Adele . Ach, nur Studenten! Ultra . So angenehm mir das als Patriot ist, so unangenehm is es mir als Anbeter. Frau von Frankenfrey . Besorgen Sie nichts! (Zu den Mädchen.) Bleiben Sie hier, bis ich Ihnen meinen Plan mitgeteilt. Ultra . Und was ist meine Aufgabe? Frau von Frankenfrey . Eine höchst wichtige! Sie müssen es durch List dahin zu bringen suchen, daß der Bürgermeister mit dem auf Nachmittag angedrohten Überfall bis zum Abend zögert. Ultra . Es ist Ihr Befehl, und die Liebe muß ex officio Wunder wirken. Frau von Frankenfrey . Die Liebe, sagen Sie? Ultra . Na freilich, was denn sonst? An Ihnen zeigt sich neuerdings der große Unterschied zwischen die indischen und die europäischen Witwen; die indischen verbrennen sich selbst und die europäischen setzen andere Leut' in Feuer und Flammen. (Geht rasch zur Mitte ab. Frau von Frankenfrey und die Mädchen in die Seitentüre links.) Verwandlung Platz in Krähwinkel, im Hintergrunde links das Ligorianerkloster. Fünfte Szene Pemperl. Schabenfellner. Nachtwächter. Krähwinkler. Emerenzia. Cäcilie. (Die Krähwinkler, mit Hellebarden bewaffnet, umstellen die Pforte des Klosters.) Schabenfellner (zu Emerenzia, welche mit Cäcilie ins Kloster wollte) . Zurück, Alte! Pemperl (zu Cäcilie) . Und noch mehr zurück, Junge! Emerenzia . Was wär' denn das!? Nachtwächter . Bei die frommen Herren gibt's keinen freien Eintritt mehr! Pemperl . Es wird gleich der gezwungene Austritt losgehn. Emerenzia . Oh, ös gottlosen Leut' –! Die Krähwinkler . Weiter da! Cäcilie (ängstlich) . Gehn wir lieber fort! Sechste Szene Bürgermeister. Die Vorigen. Bürgermeister (von vorne rechts) . Was geht hier vor? Emerenzia . O, Euer Herrlichkeit, diese Ketzer wollen die Ligorianer vertreib'n. Bürgermeister . Meine intimsten Freunde?! Da will ich denn doch – (ergrimmt auf die an der Pforte stehenden Krähwinkler losgehend.) Fort! Augenblicklich! Ich werd' ein Gesetz ergehen lassen, daß nicht drei beisammenstehen dürfen. Schabenfellner . Hier steht ein freies Volk. Nachtwächter . Was sich selbst die Gesetze macht. Pemperl . Verstandevous? Emerenzia (den Bürgermeister nach vorne ziehend) . Lassen s' Euer Herrlichkeit gehn, es is nix z' reden mit die Leut'. Bürgermeister (seinen Grimm verbeißend) . Na, nur Geduld – Emerenzia . Mir is nur um mein' Mann, er is drin im Kloster. Bürgermeister . So? Emerenzia . Der Pater Prior hat ihm g'schrieb'n, er soll kommen und einige wichtige Schriften zur geheimen Aufbewahrung übernehmen, 's is gar ein g'scheiter alter Herr, der jeden Braten riecht, folglich auch – Siebente Szene Ein Kellner. Die Vorigen. Kellner (von Seite rechts auftretend) . Euer Herrlichkeit, ein Brief! Bürgermeister . Muß das hier auf der Straße –? Wozu hab' ich ein Einreichungsprotokoll? Kellner . Es ist ein Reisender, der keine sechs Wochen Zeit hat, ein hoher Herr Incognitus. Bürgermeister (den Brief nehmend) . Geb' Er her! – (Erbricht mit Unwillen den Brief und liest, nachdem er die ersten Worte unverständlich gemurmelt.) »... einen Staatsstreich betreffs der Rebellen mit Ihnen zu besprechen – erwarte Sie allsogleich, um Ihnen noch vor meiner Abreise wichtige Instruktionen –« (spricht) wer ist denn unterzeichnet? (Die Unterschrift im stillen lesend, mit dem Ausdruck des höchsten Staunens.) Ha –! Ist's möglich –!? Hört auf zu tanzen, ihr Buchstaben nein, nein, 's ist Wirklichkeit – hier steht der historisch-notorische Namenszug – ich muß nochmals jedes Wort – (Liest den Brief in höchster Spannung im stillen wieder durch.) Achte Szene Sigmund. Die Vorigen. Sigmund (von rechts auftretend und mit größter Vorsicht Emerenzia im Auge behaltend) . Cäcilie –! Cäcilie (ängstlich) . Still, um 's Himmels willen! Emerenzia . Mir is nur um mein' Mann! (Sieht mit ängstlicher Besorgnis nach der Klosterpforte.) Sigmund (zu Cäcilie) . Komm heute abends um acht Uhr zum Rathausbrunnen, aber verschleiert, und folge dem, der dich dort abholen wird. Cäcilie . Gott steh' mir bei – ich einem Manne folgen – nein, nein, das tu' ich nicht. Sigmund . Wenn's aber dein Vater ist –? Cäcilie . Ja, dann wohl – aber – ich glaub' gar, du machst dir ein' Spaß mit mir. Sigmund . Gewiß nicht, ich schwöre dir's, aber komm ja verschleiert und sprich kein Wort! (Wendet sich schnell um, als er sieht, daß Emerenzia ihn bemerkt, und geht wieder Seite rechts ab, woher er gekommen.) Neunte Szene Vorige ohne Sigmund. Emerenzia (zu Cäcilie) . Was hat er denn wollen, der –? Cäcilie . Ich weiß nicht – von Schleier hat er was gesagt – Emerenzia . Ah so; na, wann er's nur weiß, daß du a Himmelsbraut bist! Bürgermeister (nachdem er wiederholt im stillen mit Entzücken gelesen) . Soll pünktlich nach seinem erlauchten Willen – (zum Kellner) geschwind leg' Er mich zu Füßen – in der nächsten Minute werd' ich – muß nur erst Fassung gewinnen – pack' Er sich! – Kellner . Sehr wohl! (Seite rechts ab.) Zehnte Szene Vorige ohne Kellner. Nachtwächter (nach links in die Szene blickend) . Halt, da maust sich einer fort! (Eilt links ab.) Pemperl . Besatzung an das Hinterpförtlein! (Zwei Krähwinkler mit Hellebarden eilen dem Nachtwächter nach.) Bürgermeister . Was ist denn los –? Emerenzia . Die Heiden! Wie sie's in der Zeitung lesen von die großen Städt', so glauben s', sie müssen's nachmachen bei uns. Elfte Szene Nachtwächter. Klaus. Zwei Krähwinkler. Die Vorigen. Nachtwächter . Wir haben ihn schon! Klaus (im Ligorianerkostüm) . Aber ich bin ja keiner – ich bin ja der – Bürgermeister (staunend) . Klaus Emerenzia . Mein Mann –! Die Krähwinkler (lachend) . Ha, ha, ha, ha, der Klaus is a Ligorianer word'n. Nachtwächter . Was hat Er denn da? Klaus . Das geht euch nix an! Das is vom Pater Ignatius! (Wehrt sich um einen ziemlich großen. Bündel, welchen er unter dem Mantel trägt.) Nachtwächter . Nacher geht es uns erst recht an! (Entreißt ihm das Mitgebrachte.) Wird mit Beschlag belegt. Klaus . Na, wart', g'freu' dich! Bürgermeister . In meiner Gegenwart Lynch-Justiz –! Unerhört! Aber zittert! (Eilt Seite rechts ab.) Zwölfte Szene Vorige ohne Bürgermeister. Pemperl (zu Klaus) . Weiter jetzt um a Haus! (Zieht sich zu den übrigen an die Klosterpforte zurück, nur Klaus, Emerenzia und Cäcilie sind im Vordergrunde.) Emerenzia (sich vom Schreck und Staunen kaum erholend) . Aber, Mann – wie kommst denn ins heilige G'wand!? Klaus . Der Pater Sebastian hat g'sagt, ich soll tauschen mit ihm, ich hab' ihm mein' Uniform geben – Emerenzia . Und du hast dich geopfert? – Siehst es, Cilli! Klaus (Emerenzia umarmend) . Weil ich dich nur wieder hab'! Emerenzia . Diese Tat wird dir jenseits kurios – Klaus . Ich g'freu' mich auf nichts als auf 'n Jüngsten Tag. Du wirst sehn, außer unserer Famili und a paar Beamte noch kommt ganz Krähwinkel in die Höll'. (Nach dem Hintergrunde blickend.) Aber du, wie s' zusammlaufen da –! (Es beginnt Musik im Orchester. Ein großer Gesellschaftswagen fährt über die Bühne, die Krähwinkler bilden, als der Wagen hält, ein Spalier von der Klosterpforte bis zum Wagen. Die sämtlichen Ligorianer kommen aus der Pforte und besteigen den Wagen unter folgendem, von dem Volke gesungenen) Chor Wir sehen mit Freuden Die schwarzen Herren scheiden, O herrliche Zeiten!     Vorbei ist der Druck! 's is memento mori Für d' Brüder Ligori, O bittrer Zichori,     Kommts nimmermehr z'ruck! (Der Wagen ist mittlerweile gedrängt voll mit Ligorianern besetzt, das Volk jubelt, der Wagen fährt ab. Klaus und Emerenzia drücken im Vordergrunde händeringend Schmerz und Bedauern aus und geben mit Cäcilie im Vordergrunde links ab.) Verwandlung Vorsaal im »Hotel zum Bock«. Mittel und Seitentüren. Dreizehnte Szene Sperling. Kellner. Sperling (entzückt aus der Seitentüre rechts kommend, zum Kellner) . Trotz der Gegenwart des Bürgermeisters durft' ich ihm's vorlesen. Er hat es angenommen, der erlauchte Gestürzte, zu allem diplomatisch Lächelnde. Kellner (die Hand aufhaltend) . Darf ich bitten – Sperling . Morgen, Freund – ich weiß ja noch nicht, ob das Honorar ein brillantiertes oder ein dukatiges sein wird. (Für sich.) Ach, Gott, wie der Mann in Millionen schwimmt; so ein Gestürzter ist doch weit besser dran als unsereiner, wenn er noch so aufrecht steht. (Geht zur Mitteltüre ab, der Kellner folgt ihm.) Vierzehnte Szene Bürgermeister. Ultra (treten aus der Seitentüre rechts). (Ultra ist als Diplomat gekleidet, mit weißer Frisur und Adlernase, in einen schlichten Überrock, unter demselben aber in reichgestickte Staatsuniform gekleidet.) Bürgermeister . Bauen Eure erhabene Exzellenz ganz auf meine unbegrenzte Ergebenheit. Ultra . Also, durchaus vor Einbruch der Nacht kein Überfall! Bürgermeister . Hochdieselben scheinen überhaupt sehr für die Nacht portiert zu sein. Ultra . Die Nacht war immer das Element meines Wirkens. Die Großen der Erde sind Sterne, folglich können sie nur dann leuchten, wenn's finster ist. In der Sonne der Freiheit verlischt das Sternengeflimmer, drum darf man sie nicht zu lange leuchten lassen. Übrigens bleibt die Nacht nicht aus. Die allgemeine Verwirrung, die ich nähre, ist das dämmrige Dunkel, ein blutiges Abendrot, und die sternenfunkelnde Nacht der Reaktion triumphiert am politischen Himmel. Bürgermeister . Ich werd' ihm's ausrichten. Ultra . Wem? – Bürgermeister . Unserm Kommandanten Rummelpuff. Fünfzehnte Szene Klaus. Vorige. Klaus (statt in seinen Uniformfrack in Uniformkaput gekleidet, zur Mitte eintretend) . Euer Herrlichkeit, der Fähnrich Rummelpuff wart't bei Ihnen. Ultra . Das kömmt à propos. Bürgermeister . Ich werde ihm sogleich die diplomatischen Maßregeln – Ultra . Adieu! Bürgermeister . Tief-devotest Gehorsamster! Ultra . Wenn Sie nach London kommen, besuchen Sie mich. Jeder echt servil-legitime Stock-Absolute macht mir die Aufwartung dort. (Der Bürgermeister entfernt sich mit tiefen Bücklingen zur Mitteltüre.) Sechzehnte Szene Klaus. Ultra. Klaus (nachdem er Ultra mit scharfer Aufmerksamkeit betrachtet) . Er is es; ich kenn' ihn vom Porträt. Die Nasen is aber doch zu groß auf 'n Bildl. Ultra . Wünscht Er etwas, mein Freund? Klaus . Hab' ich wirklich die Ehre, den großen Erfinder der Staatsschulden –? Ultra . Der bin ich nicht; ich habe nur zu ihrer Ausbildung beigetragen. Klaus . Bescheidenheit ist des Talentes schönste Zierde, diese liebenswürdige Humanität gibt mir den Mut zu ein paar politischen Fragen. Ultra . Nun? Klaus . Sie haben den Don Karlos so nobel unterstützt; haben wir gar keine Hoffnung, daß er auf 'n Thron kommt? Und daß wir mit der Zeit in Deutschland eine Inquisition kriegeten? Ultra (achselzuckend) . Die Realisierung dieser schönen Idee muß wohl vorderhand problematisch bleiben. Klaus . So soll aus diese zahllosen österreichischen Zwanziger uns gar kein spanischer Segen erblühn? Und die guten Jesuiten in der Schweiz? Is es denn wirklich aus mit ihnen? Ultra . O, diesem Orden läßt sich neuerdings wieder ein günstiges Prognostikon prädestinieren. Klaus . Ah, bravo! Und, erlauben zur Güte noch eine Frag' – liegt das Geld wirklich gar so sicher auf der englischen Bank? Ultra . O, gewiß. Klaus . Selbst, wenn's gestohl'nes Geld is, hör' ich, kann einem 's kein Mensch anfechten? Ultra . Haben Sie welches? Klaus . Was halt recht is. Ultra (ihm vertraulich die Hand drückend) . Geben Sie's in englische Fonds – ich spreche aus Erfahrung. Klaus . Ex'lenz sind ein herrlicher Mann. Sie logieren in dem Gasthof? Da werden Sie gewiß abends ins Extrazimmer kommen. Ultra . Hm – möglich – (Wendet sich, um abzugehen.) Klaus . Das is g'scheit, ich muß Ihnen noch um einiges wegen Napoleon befrag'n, wo nur Sie Auskunft wissen. Jetzt leg' ich mich gehorsamst zu Füßen, war mir ein unendliches Vergnügen. (Geht zur Mitte ab.) Ultra . Adieu! (Geht in die Seitentüre ab.) Verwandlung Kurze Straße, nur eine Kulisse tief. Im Prospekt links das Haus des Klaus mit praktikablem Eingang. Siebzehnte Szene Willibald. Nachtwächter. (Willibald ist ganz légère gekleidet, mit aufgelöstem Halstuch, trägt ein Brecheisen in der Hand.) Nachtwächter (mit Willibald von Seite rechts auftretend) . Nein, Mussi Willibald, das hätt' ich mir in mein' Leben nicht denkt, daß ich Ihnen so seh'. Willibald . Nicht wahr? Statt der Feder das Brecheisen in der Hand! Nachtwächter . Statt Kanzleibögen herabzufetzen, reißen Sie 's Pflaster auf. Willibald . Statt Aktenstöße zu türmen – Nachtwächter . Helfen Sie beim Barrikadenbau. Willibald . Werden Sie mir nun auch noch die Hand Ihrer Tochter so hartnäckig verweigern? Nachtwächter . O Gott! Ich war ja mit Blindheit g'schlag'n, ich wollt', ich könnt' Ihnen großartig nach Verdienst – eine Tochter für so einen Patrioten, das is ja eigentlich so viel als nix! Willibald . Für mich ist es alles! – Nachtwächter . Na, mich g'freut's, wenn Sie so genügsam sein, und meine Tochter wird's auch g'freun. (Entzückt in die Kulisse sehend.) Aber da schaun S' nur her –! Willibald . Was denn? Nachtwächter . Wie sich das macht! (Mit Enthusiasmus.) Das kleine Krähwinkel schaut ordentlich großartig aus, seitdem's Barrikaden hat! Was gäbet ich drum, wenn ich Wien g'sehen hätt' an dem Tag! Hier hab'n s' schon diese himmlischen Pflastersteine nicht, die sind dort wie gemacht dazu. Willibald . Das is wahr, übrigens ist es nicht der Granitwürfel allein – unerschütterlicher Wille und Todesverachtung ist's, was den Barrikaden die Festigkeit verleiht. Nachtwächter . Ich g'freu' mich schon –! Willibald . Nun, so weit wird's wohl nicht kommen. (Geht mit dem Nachtwächter Seite rechts ab.) Achtzehnte Szene Klaus, Cäcilie, Sigmund (kommen von links). (Cäcilie hat einen Strohhut mit grünem Schleier auf und hält den Schleier, sorgfältig ihr Gesicht verbergend, fest.) Klaus (Cäcilie am Arme führend) . Nein, das Zittern und Herzklopfen, das is ja, als wie wenn a Uhrwerk in Ihnen wär'. Sigmund . Die Arme fürchtet sich so. Klaus (zu Cäcilie) . Haben Ihnen vielleicht die Steinhaufen ängstlich g'macht, über die wir haben kraxeln müssen? Sigmund . Ach nein! Sie fürchtet nichts als ihren Vater. – Klaus . Na, jetzt, der soll uns nicht gar zu viel Mäus machen. Meine Begleitung macht die Sache so anständig, daß gar kein Mensch einen Anstand dran finden kann. (Für sich.) Die zwei Leut' g'fallen mir mit ihrem G'heimnis, als ob ich nicht trotz dem Schleier doch wüßt', daß es die Nachtwachterische Walperl is – Sigmund (welcher leise ein paar Worte mit Cäcilie gewechselt) . Sie frägt mich eben, warum wir diesen Umweg machen? Klaus . Das hat einen wichtigen Grund. Ich hab' müssen bei mein' Haus vorbei. Wissen S', es gehen heut' allerhand Leut' herum in der Stadt, daß ei'm völlig angst und bang wird, wenn man s' sieht, und da hab' ich in einem Wiener Blatt etwas g'lesen von einem Zauberspruch, der weit mehr als Schloß und Riegel wirkt. Wir werd'n gleich fertig sein. (Zieht ein Stück Kreide aus der Tasche und schreibt an das Haustor.) Cäcilie (leise zu Sigmund) . Ich hab' Todesängsten – Sigmund . Nicht doch, beruhige dich! Klaus . So, das wär' in der Ordnung –! (Hat auf die Türe die Worte: »Heilig sei das Eigentum!« geschrieben.) Neunzehnte Szene Vorige. Ultra. Ultra (als Arbeiter gekleidet, mit einer Spitzhacke in der Hand, von Seite rechts kommend) . Ah, mir g'schieht ordentlich leicht, seit ich wieder einem rechtschaffenen Menschen gleichseh'. Klaus (Ultra bemerkend) . Aha –! (Zu Sigmund.) Da ist schon so ein verdächtiges Individuum. (Zu Ultra.) Da, Freund, lies Er's nur, was auf der Türe steht. Ultra . »Heilig sei das Eigentum!« O, ihr Kapitalisten, wie albern seid ihr! Klaus . Ah, mein Geld hab' ich nicht z' Haus liegen, so g'scheit bin ich schon. Aber man hat auch noch andere Sachen, in die man hohen Wert setzt. Ultra . Sie sind ein – ich mag nicht sagen, was, denn es betreffet zu viele. »Heilig sei das Eigentum!« Wenn diese Worte den Arbeitern nicht ins Herz g'schrieben wären, was nutzet denn auf alle Türen das Geschmier'? Klaus (zu Sigmund und Cäcilie) . Der wird noch grob –! (Zu Cäcilie.) Ich bring' Ihnen an den Ort Ihrer Bestimmung, und wenn sich Ihr Vater gar nicht überreden lassen will so sag' ich ihm's franchement ins G'sicht, daß er ein dummer Kerl is. (Geht mit Cäcilien, welcher er den Arm gibt, und mit Sigmund Seite rechts ab.) Zwanzigste Szene Ultra (allein). Ultra . Auf was gibt denn der gar so acht da drin, auf d' Letzt' –? Neugierig bin ich etwas – na, und warum – 's Anläuten verletzt ja das Eigentum noch nicht. – (Läutet am Hause des Klaus.) Einundzwanzigste Szene Emerenzia. Der Vorige. Emerenzia (von innen) . Was is's –? (Die Haustüre halb öffnend.) Was will der Herr? Ultra . Is d' Frau allein zu Haus? Gar niemand sonst? Emerenzia (ängstlich werdend) . Allein bin i – mutterseelenallein – (mit steigender Angst) um alls in der Welt – Ultra . Jetzt hat die Ängsten! Mach' d' Frau 's Türl zu! Emerenzia . Gott steh' mir bei! (Verschließt sich wieder in ihr Haus.) Zweiundzwanzigste Szene Ultra (allein). Ultra . Und da schreibt der Kerl: »Heilig sei das Eigentum!« Ah, diese Kreidenverschwendung, das ist zu stark! – Wer hätt' sich aber jemals dieses regsame, bewegte Leben in dem friedlichen Krähwinkel als möglich gedacht? Wir haben jetzt halt überall die zweite Auflag' von der vor vierzehn Jahrhunderten erschienenen Völkerwanderung. Nur mit dem Unterschied, daß jetzt die Völker nicht wandern, sich aber desto stärker in ihren stabilen Wohnsitzen bewegen. Natürlich, so was wirkt nach allen Seiten hin, gärt und muß sich abbeißen und kann folglich nicht so g'schwind vorübergehn. Lied 1.                                     In Sizilien beiden             Wär'n d' Menschen z' beneiden,             Herumspazier'n immer             In ein' herrlichen Klima,             In d' Politik nix pantschen,             Schön fressen Pomerantschen,             Singen Lieder der Minne             Zur Mandldoline,             Selbst vesuvischem Brande             Ruhig zuschaun vom Strande; So hätt's Leben in Neapel recht a friedliches G'sicht, Aber d' Weltgeschicht' sagt: justament nicht!             Nach Freiheit hab'n s' g'rungen,             's is ihnen gelungen –             Da denkt sich der Köni:             »Da wär' i ja z' weni.             's Volk schreit mordionisch:             ›Nur nix mehr bourbonisch!‹             Die G'schicht' ändern kann i,             I zahl' d' Lazzaroni,             Den Gusto soll'n s' büßen,             Ich lass' s' halt zsamm'schießen –«                 Sie, das is kurios,                 Aber 's gibt noch ein' Stoß,                 Die Gärung is z' groß,                 Es geht überall los. 2.             In England wär's herrli,             So find't man's wohl schwerli,             's Geld nach Pfund, nit nach Kreuzer,             Chesterkäs statt an Schweizer,             Diese Beefsteaks, das Porter,             Die gelehrten Oxforder,             Und trotz daß 's Volk herrscht allmächti,             Geht's der Königin doch prächti;             Der Prinz Albert, nix weiter             Als »Viktoria!« schreit er; So hätt's Leben in London recht a friedliches G'sicht, Aber d' Weltgeschicht' sagt: justament nicht!             Betracht'n wir's politisch,             Steht's in England sehr kritisch,             So viel Millionen Gulden             Hat gar kein Staat Schulden.             In dem Reich der drei Inseln             Tut auch z'viel Armut winseln,             Aufgeklärt O'Conellisch,             Wird Irland rebellisch,             Denn der Hung'r psychologisch             Is rein demagogisch.                 O, ich bin drauf kurios,                 Na, da gibt's noch ein' Stoß,                 Denn die Gärung is z' groß,                 Es geht überall los. 3.             Frankreich denkt sich: »Was tu' i,             Es prellt uns der Louis             Um d' Freiheit allmählich             Durch d' Minister gar schmählich;             's tut's nicht mehr Orleanisch,             Wer'n wir republikanisch!« –             's kommt zur Realisierung             D' Proletarier-Regierung.             In ein' Tag waren s' auf Rosen             Gebettet, d' Franzosen; So hätt's Leben in Frankreich recht a friedliches G'sicht, Aber d' Weltgeschicht' sagt: justament nicht!             Es woll'n d' Republiken             In Europa nicht glücken,             Selbst für die von die Schweizer             Geb' ich keine fünf Kreuzer –             Von d' Pariser nicht wenig'             Woll'n schon wieder ein' König –             Woher nehm'n und nicht stehlen!             Viele krieg'rische Seelen             Ein' Napoleon verlangen;             Da wer'n sie's erst fangen.                 O, i bin drauf kurios,                 Na, da gibt's noch ein' Stoß,                 's is d' Gärung zu groß,                 Es geht überall los. 4.             Anders tut sich Östreich machen,             Da gehn um'kehrt die Sachen;             Zwar is d' Aufgab' ka kleine,             Da z' kommen ins reine,             's soll ein Zirkel Völkerschaften             An ein' Mittelpunkt haften;             Unsere Stellung war schwierig,             Und viele hab'n schon gierig             G'wart't auf unsre Auflösung.             (Niest.) Atzi! Zur Genesung! Sie hab'n schon glaubt, daß alles feindlich in Teile zerbricht – Aber d' Weltgeschicht' sagt: justament nicht!             Eine Freiheit vereint uns,             So wie a Sonn' nur bescheint uns;             G'schehn auch Umtrieb' von Ischl             Oder von Leitomischl,             Wir kommen zur Klarheit,             G'sunder Sinn find't schon d' Wahrheit;             Und trotz die Diff'renzen             Wird Östreich hoch glänzen             Fortan durch Jahrhundert',             Gepriesen, bewundert –                 Wir stehn da ganz famos                 Und wir fürchten kein' Stoß,                 Is die Gärung auch groß,                 Bei uns geht nix mehr los! –                 (Rechts ab.) Verwandlung Die Bühne stellt den Teil des Hauptplatzes in Krähwinkel dar, wo derselbe in eine etwas bergauf gehende Gasse einmündet. Am Eingang der Straße in der Tiefe der zweiten Kulisse ist eine Barrikade erbaut, weiter im Hintergrunde eine zweite, ganz im Hintergrunde eine dritte. Am Horizont sieht man Vollmond, alle Fenster sind erleuchtet. Vor den Barrikaden stehen Arbeiter mit ihren Werkzeugen, darunter Willibald, Sigmund und der Nachtwächter, auf den Barrikaden Krähwinkler, darunter Mädchen, in Studentenuniform gekleidet, hinter ihnen Bürger mit Hellebarden, Pemperl und Schabenfellner. Unter den auf der vordersten Barrikade befindlichen, als Studenten verkleideten Frauenzimmern sieht man Frau von Frankenfrey als Akademiker mit der Offiziersschärpe, dann Walpurga, Cäcilie, Babette, Adele als Akademiker. Dreiundzwanzigste Szene Alle obbenannten Personen. (Mit der Verwandlung wird mit Orchesterbegleitung eine Strophe von dem Liede »Das deutsche Vaterland« gesungen. Mit Ende der Strophe schweigt die Musik. Die als Studenten gekleideten Frauenzimmer treten hinter die Barrikaden.) Vierundzwanzigste Szene Bürgermeister. Klaus. Zwei Wächter. Die Vorigen. Bürgermeister (wütend mit Klaus und den Wächtern von Seite links auftretend) . Kühnheit ohnegleichen! Man errichtet Barrikaden –!? Klaus . Das ist noch nicht dagewesen! Bürgermeister . Und in fünf Stunden erfrecht man sich fertig zu sein!? Klaus . Der Magistrat hätt' vier Monat' dran gebaut. Frau von Frankenfrey (mit den übrigen als Studenten gekleideten Frauenzimmern plötzlich auf den Barrikaden erscheinend) . Was soll's? – Wir sind bereit zum Kampf auf Tod und Leben! – Bürgermeister (wie vom Donner gerührt) . Himmel – Studenten! Klaus (perplex) . Studenten –! Frau von Frankenfrey . Seht ihr die Totenköpfe auf unsern Kalabresern? Sie sind euch ein warnendes Bild; so werden in kurzem eure hohlen Schädel ausschaun, wenn's euch zum Kampfe mit uns gelüstet! Bürgermeister (vernichtet) . Studenten! Klaus, hier ist nichts mehr zu tun. (Zu den zwei Wächtern.) Sprengt zurück zu Rummelpuff, ich lass' ihm sagen, es ist nichts mit der Reaktion. (Zu den übrigen.) Und du, widerspenstiges Krähwinkel, suche dir einen andern Bürgermeister, ich geh' nach London. Alle . Vivat! Klaus (dem Bürgermeister nachrufend) . Bei so viele gestürzte Große hat auch ein gestürzter Dicker Platz. Fünfundzwanzigste Szene Ultra. Die Vorigen ohne Bürgermeister. Ultra (von Seite rechts auftretend, mit einer Fahne in der Hand, zu Frau von Frankenfrey) . Darf ich Sie nun an Ihre ersten Worte zu mir erinnern, allwelche lauteten: »Sie Sind mein Mann«? Frau von Frankenfrey . Von den Trophäen der Freiheit, von den Barrikaden herab reich' ich Ihnen meine Hand. Willibald (zu Walpurga) . So wie du mir die deinige – Nachtwächter . Mit Nachtwachtersegen. Sigmund (zu Cäcilie) . Und du, Cäcilie?! – Klaus (aufs höchste betroffen) . Was – was ist das? – Himmel, meine Tochter is ein Student –!? Sigmund (zu Klaus) . Sie selbst haben sie zu Frau von Frankenfrey geführt, um sie mit mir zu vereinen. Klaus . Ein Student is meine Tochter! Meintwegen, aber das sag' ich euch, vor der ersten Kindstauf' sieht mich kein Mensch in Krähwinkel! (Läuft ab.) Ultra . Also, wie's im großen war, so haben wir's hier im kleinen g'habt, die Reaktion ist ein Gespenst, aber G'spenster gibt es bekanntlich nur für den Furchtsamen; drum sich nicht fürchten davor, dann gibt's gar keine Reaktion! (Alles singt die erste Strophe der Volkshymne: »Was ist des Deutschen Vaterland?«, Marsch von Strauß jun., während welchem ein Fackelzug über die Bühne geht, unter Jubelgeschrei fällt der Vorhang.) Ende