Das Zillebuch von Hans Ostwald unter Mitarbeit von Heinrich Zille   Heinrich Zille   Mit 223 meist erstmalig veröffentlichten Bildern 181.-190. Tausend Paul Franke Verlag Inh.: Paul Franke \& Rudolph Henßel G.m.b.H. Berlin   Alle Rechte, besonders auch das Recht des öffentlichen Vortrags jeder Art, bleiben dem Verlag und Verfasser vorbehalten. Drei Abbildungen sind den im Verlage Dr. Selle-Eysler A.-G., erschienenen Zille-Alben entnommen. Zwölf Abbildungen sind bereits in den bei Carl Reißner erschienenen Zille-Alben enthalten, hier jedoch zum größten Teil nach den Originalen wiedergegeben. Einige Bilder befinden sich auch in dem Werke »Zeichner des Volkes«, Rembrandt-Verlag, sind hier jedoch nach dem Original wiedergegeben. Die mit einem »Z« versehenen Abschnitte sind von Meister Zille selbst geschrieben. Copyright 1929 by Paul Franke Verlag, Berlin. Druck von Hallberg \& Büchting (Inh. L. A. Klepzig), Leipzig Einleitung.   Motto: Am Tage: Arbeit, ernster Wille, Abends: einen Schluck in der Destille. Dazu ein bisken Kille-kille, Das hält munter –           Heinrich Zille.   Das Zillebuch – Es ist selbstverständlich, daß sich dies Zillebuch nicht mit kunstwissenschaftlichen oder kunsttechnischen Betrachtungen abgibt, sondern vor allem der Persönlichkeit des Künstlers gerecht zu werden versucht. Seine Bedeutung in der Kunst steht fest. Sie ist offiziell von seinen Kollegen durch seine Berufung in die Akademie der Künste anerkannt worden. Auch in diesem Buch wird hier und da auf einige wichtige Seiten seines Schaffens eingegangen werden. Es soll eine Darstellung seines Gesamtwerkes werden. Das Wesentliche aber ist der Mensch, der aus seinen Werken und aus seinem Wirken zu uns spricht. Zille ist immer ein ganzer Mensch gewesen. Als seine ersten Zeichnungen aus dem Volke in den humoristischen Zeitschriften auftauchten, um 1900 herum, empfanden alle Leser, daß hier eine durchaus besondere und bedeutende Persönlichkeit sich äußerte. Eine eigenartige, persönliche Auffassung sprach aus dem kräftigen Strich der Darstellung, die eine ebenso geschulte wie eigenwillige Hand erkennen ließ. Das Dargestellte aber selbst: Volk, elendes, gedrücktes Volk, das sich trotz allem den Humor nicht nehmen ließ, das mit Lachen gegen den Druck und gegen seine kümmerliche Lebenshaltung aufbegehrte. Zille wurde ein Programm. Was andere in langen Reden und dicken Büchern sagten, wozu andere jahrelange Untersuchungen brauchten, das teilte er durch seinen Zeichenstift mit wenigen Linien mit. Er übermittelte aber mit seinen humorvollen Darstellungen nicht nur Elendsmenschen und Elendswinkel. Mit voller Liebe und mit vollem Bewußtsein berichtete er auch von der Kraft des Volkes. Seine Gestalten sind durchaus nicht immer Elendsgestalten. Ja, auf den meisten Blättern sind Kinder und Frauen recht wohlgenährt und die Männer robust und kräftig. Er glaubte ja auch an das Volk. Er glaubt auch heute noch an das Volk. Vielleicht oft unbewußt half er mitarbeiten an der neuen Zeit. Häufig aber führte ihm auch Empörung über die Zustände die Hand bei seiner künstlerischen Arbeit. In welcher Zeit reifte er zum Künstler! Bigotterie und brutaler Materialismus von oben und eine heftige natürliche Reaktion des Volkes auf den Druck von oben umgaben ihn in der Jugend und während der Jahrzehnte, in denen er zum Künstler heranreifte. Näheres darüber ist in dem Kapitel: »Zille als Künstler« und in den Kapiteln von seiner Kindheit, seiner Lehr- und Gesellenzeit zu finden. Das waren jene Jahrzehnte, als die Menschen in Deutschland darauf erzogen wurden, barsch kommandiert zu werden. Diese Gemütslage ging aber gegen die germanische Eigenart. Sie war uns erst in Jahrhunderten anerzogen worden. Die Zeit nach dem Dreißigjährigen Kriege hatte besonders das »Radlertum« (nach oben krummer Rücken, nach unten treten) gefördert. Gegen diese Knechtsgesinnung hat sich Zille immer empört. In diesen Kapiteln äußert er sich auch ausführlich über das, was ihn zum Schaffen drängte, und über das, was ihn zum Zille werden ließ. Hier möge noch eine Mitteilung stehen, die er selbst nach seinem 70. Geburtstag über sich machte:   1. Pfefferkuchen nach einem Zillebild.   Mitmenschen! Ja – ich erinnere mich; als ich zum erstenmal, auf Drängen meiner Freunde, in der ersten Schwarz-Weiß-Ausstellung der Sezession, so um 1901 herum, in der Kantstraße neben dem Theater des Westens, meine Zeichnungen hingegeben hatte – Zeichnungen, die viel besser, wahrer waren als die, die ich später zum Broterwerb geleckter, frisierter bringen mußte, die das herbe Leben der Armen zeigten –, da standen vor den Bildern viele Menschen; und ich hörte, als ich mal lauschte, wie ein älterer Herr, wie es schien, Militär in Zivil oder Hauptmann an der Majorsecke, zu seiner Dame sagte: »Der Kerl nimmt einem ja die ganze Lebensfreude« – da schämte ich mich, so verstanden zu sein! Ja, und wie es mir passierte, daß ein reicher Kunstjünger, der »Armut« malen wollte und sich dachte, wenn er meine Modelle, die vom Wedding, hätte – daß er sich dann in das »Milljöh« könnte hineinarbeiten, oder daß ihm die Sache dann besser liege –, der aber auszusetzen hatte, der Mutter der Kinder gegenüber: »Det se doch so wenig sauber und so sehr dreckig wären« und daß die Mutter ihm entrüstet erwiderte: »Ja – und for Zillen ken'n se jarnich dreckig jenuch sind –« Soll man sich da eigentlich nicht schämen? Da hab' ich mich, als ich das später erfuhr, doch etwas geschämt. – Und als mein lieber Freund Karl Arnold, der Zeichner im »Simplicissimus«, ein Bild brachte, das mich zeigt, wie ich vor zwei »wohlhabenden« Männern »untertänigst« stehe und der wohlhabendste mich mit den Worten anspricht: »Nehm' Se sich noch ne frische Habana, Meister Zille, Sie ham uns mit Ihren Nutten un arme Leute imma so ville Freude jemacht!« ... Da schämte ich mich, daß das so wahr war. Z. Wenn Zille auch hinterher in seinem Alter manchmal sich kränkt, daß seine Schilderungen nur als Humoristika aufgenommen werden, so liegt doch in seinem Wesen und seiner Kunst so viel Humor, daß er selbstverständlich nicht nur als Elendsmaler gelten kann. Er selbst steckt so voller Eulenspiegeleien, daß er sogar in seiner Krankheit und unter den Erscheinungen des Alters seinen Humor immer wieder explodieren lassen muß. Näheres darüber findet der Leser in den letzten Abschnitten dieses Buches.   2. Pennbruder. Studie nach der Wirklichkeit. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Zille ist aber ganz gewiß der moderne Eulenspiegel. Er löckt mit tolldreisten Streichen und Aussprüchen wider bösartige Erscheinungen aller Art an. Seine humoristische, allerdings manchmal mit einem »Bittern« durchwürzte Lebensauffassung hat zweifellos unsere Weltanschauung und die allgemeine Einstellung zum Volke und zum Leben überhaupt beeinflußt. Zille selbst blieb allerdings durchaus in seinen Schichten, in seiner Lebensführung sowohl wie in seiner Anschauung. Er blieb im Volksviertel wohnen. Er blieb in seiner Empfindung und seiner Überzeugung kampflustiger Proletarier, der immer auf eine Besserung dieser »besten aller Welten« hindrängt. – Dies aber, daß er sich immer als »Knecht des Kapitals« fühlt, ist seine künstlerische Stärke. Dies befähigt ihn, aus innerstem Erlebnis heraus zu schaffen, jede Linie seiner Gestalten mit ihrem Empfindungsgehalt zu füllen. Er ist eben aufgewachsen in einer Zeit, als auf der einen Seite das Bürgertum nach außen hin fromm tat, als es aber in Wirklichkeit, verführt durch den Milliardensegen der siebziger Jahre, in übermütigem Genuß viele Ideale verlor. Das einfache Volk fühlte nur die Last der Anforderungen, den harten Druck der Verwaltung und eine quälende Verlassenheit. Die Berufenen, Kirchendiener und Staatsangestellte, fanden nicht den Ton und die Tat, um dem Volke Liebe und reine Lebensfreude zu geben. Zille weiß aus jener Zeit genug volkliche Derbheiten zu berichten und zu schildern. In Wort und Bild. Gründlich verfehlt wäre es jedoch, nach manchen Zille-Gestalten zu schließen: Zille habe nur die fragwürdigen Elemente des Berlinertums und der Hauptstadt schildern wollen oder er habe nur solche Gestalten als »Volk« gesehen. Nein, er hat alle Schichten des Volkes mit gleicher Liebe geschildert. Das Kleinbürgertum, das arbeitende und werktätige Volk sind in seinem Werk mit gleicher Liebe behandelt worden wie die Außenseiter der Gesellschaft. Ja, wer sein Werk mit Gründlichkeit betrachtet, wird finden, daß er mit besonderer Liebe das sich ehrlich ernährende Volk dargestellt hat. Allerdings ist er an den Außenseitern, an den Entgleisten und Verkommenen nicht lieblos vorbeigegangen.   3. »Wenn man so in de Kintöppe sieht, wie se sich haben – die Lotte Werkmeister, die Cläre Waldoff, die Söneland – der lange Westermeier und der schlacksige Lambert Paulsen – un' wie die Prominenten alle heißen, dann denkt man, det se woll alle in de Kaschemme sind uffgewachsen – aber keene Spur von Klammergast – de janzen Fisimatenten ham se sich von hinten rum abjekiekt und sich so quasi weggestohlen – Kunststück!!« Nach dem Original.   Er nahm sie als Ergebnis sozialer Bindungen und Vorgänge und erhob durch ihre Schilderung ebenso eine laute Anklage gegen die Verantwortlichen wie in den Darstellungen, in denen er die tausendfachen Nöte und die Duldungsfähigkeit der Werktätigen, besonders aber auch der Kinder und Frauen des Volkes allen jenen Menschen vor Augen führte, die nicht selbst in diesen erbärmlichen Höfen, Hinterhäusern und Mietskasernen leben brauchen. Auch im Bild 3 äußert er das in seiner humoristischen Weise. Über das Mittel der humoristischen Zeitschriften und Bücher führte er die Kenntnis und die Anteilnahme an dem »fünften« Stand auch in die eleganten und in die gutbürgerlichen Wohnungen und Landhäuser der besseren Wohngegenden ein ... So ist denn Zille selbst auch durchaus nicht begeistert darüber, daß sich der »Hofball bei Zille« ebenso wie die sich daraus entwickelnden Zille-Bälle im riesenhaften Sportpalast zu einem Stelldichein aller nachgemachten Kaschemmenmiezen, unechten Pennbrüder, Schieber und falschen Apachen auswuchsen. Er sagte selbst darüber: »Das sind alles bloß nebensächliche Sachen. Das ist jerade wie der Zille-Ball, was auch bloß een abjelöster Apachenschwoof is, als wenn es nischt wie blaue Oogen, Schiebermützen und Salonluden uff de Welt jäbe. Das war jarnicht das, was ich zeichnen wollte.« Und doch ist Zille nicht nur der soziale Kämpfer. Er ist und bleibt in seinem innersten Wesen eine vollblütige Eulenspiegelnatur, eine immer muntere und ermunternde Eulenspiegelseele. Darum werden ihn alle lieben – selbst jene, die seine Überzeugung nicht teilen. Denn ursprünglicher Humor ist immer willkommen. Und weil in diesem Buch das Wesentliche von seinen Scherzen und Schnurren und viel mehr Bedeutsames und Belustigendes, das noch nirgends veröffentlicht war, gesammelt ist und seinen Freunden und Verehrern dargebracht wird, hoffe ich, daß alle sich gern dem kräftigen und ermunternden Humor Heinrich Zilles hingeben werden. 1929. Hans Ostwald. Manche Abschnitte hat Heinrich Zille selbst geschrieben, die anderen schrieb ich nach den ganz persönlichen und sehr anschaulichen Erzählungen Zilles.   4. Mutter aus dem Volke. Nach dem Original.   Zille als Künstler Die nächsten Kapitel, besonders »Zille und seine Modelle« »Studien« usw., enthalten noch manches über Zille als Künstler Zille sprach von den Anfängen seiner Kunst: »Als ich anfing, war es ein großes Risiko, arme Leute zu malen. Damals koofte sowat keen Hammel – nicht einmal der Magistrat.« Er lächelte verschmitzt über diesen Witz und erzählte aus seiner Jugend: »Mit neun Jahren kam ich aus Sachsen nach Berlin, so um 1867. Am Anhalter Bahnhof kletterten wir aus dem Zug. Da hätten wir nun in der Gegend wohnen bleiben sollen. Denn die Leute siedelten sich damals in den Stadtteilen an, wo sie mit der Bahn ankamen. Die Pommern blieben am Stettiner Bahnhof, am Schlesischen Bahnhof wohnten die Ostpreußen und die Pollacken und am Görlitzer Bahnhof die Schlesier. Wir zogen aber in die Gegend am Schlesischen Bahnhof mit ihren engen, alten Häusern. Was ich da sah, habe ich schon in der Geschichte vom Kellner-Fränze und von Frau Clara mitgeteilt. Jugendeindrücke – die haften! – Na, und denn,, was man so als Lehrling und als Geselle erlebte. Da gibt's 'ne ganze Menge Geschichten ...« * »Das Sehen und Erleben in der Kinderzeit und in der Jugend half mir wohl später manche Bilder gestalten. Oft ist's umgekehrt. Arme Kunstjünger malen Reichtum und dicke Schinkenbrote. Und die reichen Jünglinge quälen sich, die Armut in Wort und Bild darzustellen.   5. Küchentisch bei Frau Clara. Studienblatt nach einem Winkel in einem Schusterkeller. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Ich bin bei meinem ›Milljöh‹ geblieben. – Ich wollte ja von meinem Milljöh aus der Jugendzeit erzählen ... Die Bewohner im Hause lernte ich alle gut kennen. Aus'm Vorderhaus, aus'm Seitenflügel und aus'm Quergebäude. Die hatten immer wat für mich zu tun. Da war der Kellner-Fränze, der meist in seiner Kneipe schlief, die Nachtbetrieb hatte. Seine Frau Clara ging schon in der Dämmerung auf die Straße – die Brüste hochgeschnürt, den kleinen Hut ins Gesicht gedrückt, um die Hüfte eine hohe Tournüre; unter dem Hut trug sie hoch aufgetürmte Locken, die am Tage im Tischkasten lagen, zwischen Kontrollbuch, Wurstenden, Schrippen, Schminke, Kämmen, Bindfaden, Gabeln, Löffeln, Mutterpflaster und allerlei anderm Kram. Ich mußte ihr schwachsinniges Kind bewachen – bei einem Teller dampfender Bratkartoffeln und einem Haufen gelbgehefteter Schundromane: ›Die Bauernfänger von Berlin.‹ Und wenn Frau Clara kein Geld hatte, wenn's regnete und nichts zu verdienen war auf der Straße – dann mußte ich zu ihrem Mann nach Geld laufen. Oft hatte er selbst nichts und gab mir seinen Frack zum Versetzen. Den nannte er im Kreise seiner Sauf- und Spielkumpane sein ›Feigenblatt‹. Und auch vom versoffenen Kommodentischler im Vorderkeller und von der blinden Rohrstuhlflechterin, vier Treppen hoch im Hinterhaus, wurde ich der Vertraute – und verdiente mir den Taler, den ich monatlich für die paar Zeichenstunden in der Woche an den alten Zeichenlehrer Spanner in der ärmlichen Dachstube in Berlin O, Blumenstraße, zahlen mußte.« * »Das ist komisch, wie man manchmal zu seinem Beruf kommt!« meinte Zille, zugleich sinnend und lächelnd. »Das Zeichnen machte mir ja schon in der Schule Spaß. Es ging mir eben leichter von der Hand als den andern Schülern. Und als nu die Zeit ran kam, wo man an einen Beruf denken mußte, sagte mein alter Zeichenlehrer zu mir: ›Das beste is, du lernst Lithograph. Zeichen kannste – und da sitzt du in 'ner warmen Stube – immer fein mit Schlips und Kragen. Brauchst nich schwitzen und kriegst keene dreckigen Kleider. Wirst mit ›Sie‹ angeredet – un vor allem – du sitzt in de warme Stube! Wat willste noch mehr?‹ Das gefiel mir – un so bin ich eben ›Zille‹ geworden.« * In einer Skizze: »Mein Lebenslauf« schildert Zille seine weitere Entwicklung: »1873 lernte ich Lithograph und ging die Woche zweimal abends in den Unterricht zum alten guten Professor Hosemann in die Kunstschule, die damals in der Akademie war, ebenso zweimal die Woche zum Professor Domschke, Anatomie, der sehr grob war – und die vollste Klasse hatte. ›Wenn Se noch nich mehr kenn', dann setzen Sie sich mit Ihr Brett uff die Treppe un' nehmen nich hier die hoffnungsvollen Jünglinge, die bald nach Italien wollen, den Platz weg!‹ – aber die Klasse war übervoll, die jungen Leute freuten sich über den alten Herrn, der so wie der olle Schadow sprechen sollte – nach ihm hat's P. Meyerheim verstanden, das ›Berlinern‹ weiter auszubilden. Der alte Hosemann ließ mich in seiner Wohnung, Louisenstraße, am Neuen Tor, ganz gern seine Skizzen und Zeichnungen ansehen und auch abmalen, sagte aber: ›Gehen Sie lieber auf die Straße 'raus, ins Freie, beobachten Sie selbst, das ist besser als nachmachen. Was Sie auch werden – im Leben können Sie es immer gebrauchen; ohne zeichnen zu können, sollte kein denkender Mensch sein.‹ Es ist ein nicht grade heiteres, von wenig Sonne erhelltes Feld, das ich wählte: der fünfte Stand, die Vergessenen! Ich bewunderte Hans Baluscheck, den ich so hoch verehre und nie erreichen werde! ...« Z. * In seiner Lehrzeit erlebte er dann auch manches »Milljöh-Stück«. Das findet der Leser in dem Kapitel, in dem jene Lehrjahre beschrieben werden. Hier sei auf seine künstlerische Ausbildung eingegangen: »Bei diesem Lithographen wurden die deutschen Heerführer und Fürsten dutzendweise in allen Größen fabriziert, ebenfalls nach Photographien verstümmelte und geheilte Soldaten für medizinische Werke auf Stein gezeichnet, Heiligenbilder, Madonnen mit blutenden Herzen, der Gekreuzigte usw., die dann in den Wohnungen der armen Leute, rechts und links neben den Regulatoren hingen. Darunter baumelten die Kriegsgedenkblätter und Kriegsmedaillen der gefallenen oder verstümmelten Väter und Söhne. Wir hatten damals ein merkwürdiges Kunstgewerbe, der Triumph in der Möbelarchitektur war der Muschelaufsatz. All das frühere Gute ist seit jener Zeit aus den Wohnungen der kleinen Leute verschwunden, das Kunstgewerbe ging an die Arbeit. – War auch die Arbeit am Tage nicht so erfreuend, um so mehr waren es die Abende in der Kunstschule und später im Abendaktsaal. Sonntag ging's ins Freie, um Landschaften zu versuchen. Die noch bleibende Zeit mühte ich mich, das auf der Straße Gesehene aus der Erinnerung zu zeichnen. Der Lehre folgte die Gehilfenzeit; ich kam in gute Werkstätten, arbeitete mit R. Friese und Frenzel, den späteren Tiermalern, und vielen tüchtigen Lithographen zusammen und erlernte den Buntdruck. Nach der Militärzeit ging ich zum graphischen Gewerbe, wie Lichtdruck, Zinkographie, Photogravüre usw., da hat mir das Etwas-zeichnen-können geholfen, gute Arbeit zu machen. Mancher Beitrag für Zeitungen war entstanden, die Zeichnungen und Skizzen sammelten sich an, so daß ich auf Zureden von Freunden mich zaghaft traute, in der ersten Schwarz-Weiß-Ausstellung der Berliner Sezession 1901 auszustellen. Man war entrüstet über die Verunglimpfung Berlins und seiner Bewohner. Nach und nach lernten die Leute sehen, urteilen und mich verstehen. Im Osten und Norden Berlins verstanden sie mich gleich, als meine Gestalten im Simplicissimus und der Jugend, den ersten Zeitschriften, die mir gnädig waren, auftauchten. Seit 1907 bin ich nicht mehr im graphischen Gewerbe und konnte mich mit dem, was mir am Herzen lag, nun ganz und gar befassen ...«   6. Rücken-Akt. Aus der Zeit, als Zille noch nicht selbständiger Künstler war. Diese Radierung, eine der neben seinem Broterwerb entstandenen Arbeiten, zeigt ihn schon abseits aller akademischen Süßigkeit. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   * Zille erklärte, daß nicht nur die Kindheitseindrücke auf ihn so stark gewirkt hätten: »Nie werde ich vergessen, was ich am Dönhoffplatz erlebte. Ich hatte 'ne kleine Privatarbeit und ging so früh in die Werkstatt, daß ich schon vor Arbeitsbeginn ein paar Stunden für mich arbeiten konnte. Es handelte sich um eine Technik, die nicht in der Werkstatt geübt wurde, in der ich mich aber selbst üben wollte. Und da war nu am Dönhoffplatz zweimal Wochenmarkt. Lauter Obdachlose kamen hin, die als Helfer wat verdienen wollten. Und damit sie nich die Zeit verpaßten – denn die Bauern aus der nächsten Umgebung, aus Schöneberg und Templow fuhren ziemlich früh an – kamen die armen Markthelfer schon am Abend vorher und pennten da – vor den Haustüren. Wie die Heringe lagen sie in den Hauseingängen. Die Schwächsten und die, die am meisten froren, ließen sie hinten liegen, wo't wärmer war. Die vorne, das waren die Stärksten. Manchmal aber kamen die Schutzleute. Die zogen die armen Kerle an die Schläfenhaare hoch. Und das tut verflucht weh. – Über diese Reihen von Ärmsten mußte ich wegsteigen, wenn ich meine Früharbeit anfing. Solche Eindrücke vergißt man nicht. Und wenn ich mal spät Unter den Linden lang ging – ich hatte doch Abendunterricht in der alten Akademie und daran schloß sich manchmal noch 'n kleiner Bummel – da saßen auf manchen Bänken die Obdachlosen. Schlafen sollten sie nicht. Und weil die Schutzleute kontrollieren kamen, stellten die Obdachlosen Wachen aus. Die mußten ›Polente!‹ rufen, wenn Schutzleute kamen. Erwischten die Schutzleute aber doch einen Schläfer, dann faßten sie ihn an den Füßen an und kippten ihn über seinen Kopp weg uff de andre Seite. Im Hotel de Rome und in den andern Hotels drüben neben den Palais aber war's noch hell und da ging's hoch her. Die Equipagen und die Droschkenkutscher warteten und verstauten die Angeheiterten und fuhren sie nach Hause. Und hier wurde den Armen die letzte Ruhe genommen ...«   7. Zerzauste Kiefer in der Nähe von Rummelsburg. Eine der Studien Arbeiten, die Zille vor oder nach seinen Broterwerbsstunden »für sich« machte. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   * »Ja, wenn ich meine eigene Arbeit für mich nicht gehabt hätte – dann hätte ich es wohl kaum ausgehalten – jahrzehntelang in der Tretmühle. Aber wenn ich morgens so 'n bißchen nach der Natur gezeichnet hatte, dann hatte ich Ruhe für die Brotarbeit. Ich mußte erst ein Bild für mich gemacht haben, ehe ich an die Arbeit ging. Und abends? Ja, da konnte es wohl vorkommen, daß ich bis vier in der Nacht arbeitete – bis der Hahn krähte. Früher gab's ja noch Hühner – in Rummelsburg, später in Karlshorst und auch hier in Charlottenburg in unserer Nachbarschaft. Als ich damals hierher zog – die Photographische Gesellschaft verlegte doch ihre Werkstatt vom Dönhoffplatz hier 'raus – da war's noch ländlicher. Am Kaiserdamm war große Heide. Da saßen die Weiber mit ihren Kindern – hielten sie ungeniert an die Brust – oder hielten sie ab: da konnte man sie belauschen ... Und überall waren freie Plätze, wo die Menschen sich noch auf die Erde setzen konnten. Na – und immer habe ich auch nicht bloß gezeichnet. Manchmal wurde es auch so spät über ein Buch: Dickens – – und Zola: Germinal, Nana, Fruchtbarkeit – und was ich sonst alles bekam. Aber auch später, als ich nicht mehr in die Werkstatt ging, saß ich morgens oft bis vier auf, am Reißbrett mit dem Stift oder stand vor der Staffelei. Na ja – wenn man was schaffen will! – Und ich rühmte mich zu Gaul: ›Du, jetzt geht's schon bis um viere‹!«   8. Zille vor seiner Staffelei. Hinter der Staffelei Senta Söneland. Nach einer Photographie.   Über Zilles wirklich ernste und gewissenhafte Einstellung zur Kunst mögen seine folgenden Äußerungen unterrichten und aufklären: »Es gab so viele, die sich vor eine Sache hinstellten oder hinsetzten und sie mühselig abmalten. Das Volk läßt sich das nicht immer gefallen. Und dann wechselt doch auch das Bild rasch. Auf der Straße – und auch sonst: Licht und Farbe. Ich machte mir bloß Notizen. Und sagte: ›Das müßt ihr euch ins Auge klemmen – und denn zu Hause verarbeiten! ...‹ Wer das nicht kann, der kommt nicht zu einer fertigen Sache.« * »Wie das so ist: erst hat man keine richtige Kritik für seine eigenen Sachen. Und so machte ich denn die Körper immer zu lang und die Köpfe zu klein. Bis mir eines schönen Tages der Bildhauer Krauß sagte: ›Mensch, Ihre Figuren haben ja alle zuviel Kopflängen!‹ Und das stimmte! Da sah ich mich vor. Und was kam nu!? Als Hyan mal meine Zeichnungen sah, meinte er: ›Na, Ihre Puppen haben wohl alle eens uff'n Kopp gekriegt!‹ Und das stimmte auch! Na – nun suchte ich eben das Richtige.« * »Liebermann fragte mich mal, warum ich keine Selbstbildnisse male. Ich antwortete ihm: ›Wenn ich mich früh im Spiegel gesehen habe, wenn ich mich gekämmt habe, habe ich genug von meinem Gesicht!‹ –« * »Liebermann fragte mich auch mal: ›Vakoofen Sie? Sie müssen doch mächtig Jeld machen!!‹ ›Nich wie Sie bei de Reichen‹, antwortete ich ihm. ›Ich verkoofe bloß an kleene Leute. Die können nich Dausende zahlen: Denen muß ick die Freude schon billiger machen!‹ ›Zille, det is schön von Ihnen!‹ Ich schwieg ein Weilchen, überlegte und sagte: ›Ach, Herr Professor, die Leinwand und die Ölfarbe achte ich viel zu hoch. Und denn: es malen schon zu viel Leute in Öl. Ich kritzle lieber auf Papier!‹ ›Na, denn kleben Se doch Ihre Zeichnungen uff Pappe und schmieren Lack drüber. Dann kriegen Se mehr Jeld vor!‹ riet mir der berühmte Maler. ›Ich bleibe aber lieber bei meinem Kritzeln!‹ schloß Zille.« * »Das ist alles nur mit Gewalt gemacht!« behauptet Zille von seinen Werken. »Nur mit Gewalt! Weil ich es gewollt habe. Weil ich mich immerzu gezwungen, immerzu geübt habe! Weil ich jedes kleine Ding beobachtete und abzeichnete. Jeden alten Latschen. Jeden krumm getretenen Stiebel. Jede alte Gosse. Jede Küchenecke. Jeden Straßenwinkel.« (Siehe die Bilder im Kapitel »Studien« sowie Bild 2, 5 und andere.) Und wenn man ihm erwidert: Aber auch die Küchenecke, der Stiebel und die Gosse sind doch von Ihnen so gezeichnet, wie es eben nur ein Meister kann! Dann sagt er, mit einem nach innen flimmernden Zwinkern seiner hellen Augen, halb bescheiden, halb ängstlich sich belauschend, wie wenn er sich vor einer geheimnisvollen Kraft in seinem Innern fürchte: »Nee, nee – das ist mit Gewalt gemacht! ... Das habe ich alles nur mit Gewalt erzielt. Nur mit Fleiß! Und immer wieder Gewalt! Sonst schafft man das nicht! Das ist nicht Begabung. Das ist nur Wollen. Ich wollte eben auch was für mich machen. Ich wollte nicht immer in der Werkstatt bloß an einer Sache ein bißchen rum arbeiten. Wie etwa so'n Arbeiter, der bloß sein ganzes Leben lang Türklinken macht – vielleicht bloß die Gußnaht abkratzen – oder den Gußkopp abkneifen. Nee – Da fragten mich die Herren von der Photographischen Gesellschaft, warum ich denn jeden Morgen schon zeichne – so 'n bißchen nach der Natur – und abends auch noch oft bis in die Nacht. Das hätte ich doch nicht nötig. Ich hätte doch mein Brot. Ja, ich wollte doch auch was für mich machen. Was Ganzes wollte ich machen. Ich wollte was machen, aus mir heraus . So, wie ich die Welt und die Menschen sah. Ich sah sie doch ganz anders, als die andern. Und das mußte ich eben machen ...« * »Alle möglichen und unmöglichen Kunstjünger – und solche, die sich dafür halten, schicken einem Proben oder rücken einem sogar selbst auf die Bude. Oder die lieben Eltern oder Onkels kommen und bringen Proben. Ja, was soll man dazu sagen? Soll man die Verantwortung auf sich laden, daß da wieder so 'n Kunstproletarier erzogen wird? Ich sage meist: ›Werdet Schofför; die leben wenigstens nicht lange – die haben aber Brot‹ ... Weiß man, wie solch Mensch sich entwickelt? Manch einer macht als Kind soviel Versprechungen – macht die schönsten Bilder. Überhaupt, wenn Vater selbst Künstler ist oder in der Familie allerlei Liebhaberei getrieben wird. Dazu kommt dann solche kindliche Ursprünglichkeit – und das Genie ist fertig. ›Unser Peter braucht doch kaum was zu lernen – ach, der braucht gar nicht mehr zu lernen. Sehen Sie nur, was der kann!‹   9. Die Jungfernbrücke im Schnee zeichnete Zille, nachdem er, nachts aus einer Kaschemme heimkehrend, sie im frischen Schnee gesehen. Er benutzte diese Skizze zu einem Rodelbild, und zu der Zeichnung, auf der die noch »immer frisch vom Lande« gekommene Dirne die Männer anspricht.–   Und es ist auch manchmal überraschend, was so'n Junge kann. Ja – und dann, wenn die Pubertät vorbei ist – dann soll er selber Charakter haben – und Fleiß – und Erfindung – Und denn ist er ein hohles Ei. Ausgepustet .... Nee – ich nehme die Verantwortung nicht auf mich. Ich sage immer: ›Gehn Sie man auf die Hochschule und holen Sie sich da Bescheid. Die Leute da sind angestellt und werden dafür bezahlt‹ ...« * In seinen früheren Jahren ist Zille von manchen Geschäftsleuten rücksichtslos ausgebeutet worden. Seine Zeichnungen wurden, ohne daß er gefragt oder dafür bezahlt wurde, in Massen zum Nachdruck verkauft. Auch erschienen viele Abbildungen von ihm, zu deren Reproduktion er keine Genehmigung erteilt hatte, die von den Verlegern gegen seinen Willen veröffentlicht worden waren. Zuerst hat er wohl manches ruhig geschehen lassen: »Man verliert sonst seine Beziehungen.« Dann hat er gemeinsam mit Kollegen Nachdruckskontrolle geübt, seine Zeit im Dienste der Kollegen geopfert. Jetzt steht er auf dem Standpunkt, von dem er erzählt: »Der Kunsthändler .... bot mir so recht niedliche Preise für meine Zeichnungen. Am liebsten hätte er den ganzen Schwung so auf Ramsch gekauft. Da sagte ich zu ihm: ›Gewiß doch – ich werde meine Zeichnungen pfundweise verkaufen!‹ Da merkte er denn, was los war und ging. –« * Selbstbewußt erzählt er, wie Liebermann immer für ihn eintrat, wie er ihn in die Akademie brachte (siehe Kapitel: »Wenn man berühmt ist«) und wie er auch bei andern Gelegenheiten Zilles Können anerkannte und bewertete: Ein großer Verlag stiftete einen Preis für den besten Illustrationszeichner. Selbstverständlich wollte er – schon um der Reklame wegen – seinen Hauszeichner ausgezeichnet sehen. Aber Liebermann, der neben andern als Schiedsrichter gebeten war, bestimmte Zille als Preisträger. Das gab dann einen langen Streit und Verhandlungen zwischen Liebermann und dem Verlag. Schließlich einigten sie sich auf Zille und den Hauszeichner. Der Verlag stiftete eben zwei Preise .... * Zu einer berühmten Sängerin sagte Zille nach Schluß des Konzertes: »Wie glücklich sind Siel Wenn Ihre Arbeit vorbei is, denn is se wech . . . Unsa Dreck bleibt immer!« * Einen bekannten, modernen Maler, der alles nach dem Modell zeichnet und malt, belehrte Zille: »Sie müssen das ins Auge klemm'n un denn nachher zu Hause ausschütten. Wenn Sie das nich können, denn is 'ne Photographie besser.« Überhaupt steht Zille der jüngsten Kunst – sehr kritisch gegenüber. So sagte er öfter: »Die soll'n man erst so'n Stiebel malen, wie'n der Anton (Werner) jemalt hat!« Diese Äußerung ist bezeichnend für seine Kunstauffassung. Ihm ist kein Gegenstand zu geringwertig. Er muß nur künstlerisch durchgearbeitet sein. Er bleibt dabei, daß »Kunst« von »Können« kommt. * Auch von andern Eindrücken sprach Zille, von solchen aus der Kunst früherer Zeit. Er ließ manchen gelten, der eine Zeitlang übersehen worden war. Sprach achtungsvoll von Paul Meyerheim, vergaß nie Hosemann und erläuterte mit der Eindringlichkeit des Schaffenden die Unterschiede zwischen dem Pessimismus von Wilhelm Busch und seiner eigenen, aufbegehrenden, auf Besserung dringenden Weltanschauung. Und wenn er gefragt wurde, ob das Volk ihm denn für das liebevolle Hinweisen auf seine Leiden und Nöte gedankt habe, fragte er mutwillig: »Soll es mir verhauen? ... Nee – dazu is't nich gekommen. Aber so'n bißken Liebe merkt man doch, wenn man sich ums Volk kümmert –« * Mit gutem Humor sieht er auf sein früheres Leben zurück und lacht über Erlebnisse und Angriffe mannigfacher Art: »Meine erste eigene Wohnung war im Osten Berlins im Keller; nun sitze ich schon im Berliner Westen, vier Treppen hoch, bin also auch ›gestiegen‹. Einige Radierungen sind ins Kupferstichkabinett gelangt und eine Anzahl Zeichnungen und Skizzen in die Nationalgalerie. Jetzt, 1924, bin ich sogar Mitglied der Akademie geworden. Dazu schreibe ich das, was das völkische Blatt, der ›Fridericus‹ sagt: ›Der Berliner Abort- und Schwangerschaftszeichner Heinrich Zille ist zum Mitglied der Akademie der Künste gewählt und als solcher vom Minister bestätigt worden. – Verhülle, o Muse, dein Haupt.« Z. * Wenn er auch nicht mehr ganz so handelt, wie er im Motto seines Lebens und Schaffens angegeben hat – wenn er auch längst den Schluck in der Destille und das Kille-Kille abgeschworen hat: mit dem Ergebnis seiner frohen Arbeit kann er gewiß zufrieden sein. Zwar zweifelt er manchmal und meint: »Das kommt ja doch alles in den großen Müllkasten der Zeit!«   10. Verhülle, o Muse, dein Haupt! Skizzenblatt, zum 1. Mal veröffentlicht.   Aber er hat auf seine Zeit gewirkt, hat beste Zeitkunst geschaffen, hat Augen und Herzen geöffnet. Und da er das mit wahrhaft klassischem Können und mit ernstestem Willen tat, wird er nicht im Müllkasten der Zeit verschwinden, sondern Zille, der Künstler unseres Volkes bleiben. Zille in der Liebe des Volkes Kein heutiger Künstler kann sich rühmen, so wie Zille vom Volke geliebt und gekannt zu sein. Das Volk hat, trotzdem er es in den humoristischen Zeichnungen für die Zeitschriften oft ein wenig komisch und von oben herab darstellen mußte, immer seine große Liebe hindurch empfunden – und hat sie ihm auch reichlich vergolten. Er selbst konnte denn auch auf die Frage eines Schriftstellers erwidern: »Ach ja – man merkt schon, daß man immer fürs Volk gearbeitet hat – so'n bißken Liebe merkt man schon. –« Im weitesten und gemütvollsten Sinne des Wortes war Heinrich Zille eben ein Heimatskünstler. Nicht zum geringsten schmeichelte er sich in die Liebe des Volkes ein durch das Mitgefühl für die Kümmernisse und für die Freuden, das aus allen seinen Blättern sprach. Nicht zum wenigsten machte ihn beliebt die Darstellung der Berliner Kinder. (Siehe Kapitel: »Zille-Kinder« und die Kinderstudien im Abschnitt: »Studien und Akte«.) Wer Kinder so wie Zille ablauschen und durch seinen Zeichenstift festhalten kann, wird immer beim Volke die allerwärmste Gegenliebe erleben. Er ging immer mit dem Zeichenstift in der Hand den Weg des Volkes. Nicht nur in die Kaschemmen und auf die Rummelplätze. Als um 1905 die sommerliche Auswanderung der Berliner in die Freibäder an den Spree- und Havelufern eine Wendung in der ganzen Lebensart der Hauptstädter brachte, ward Zille der Maler des Freibads. Aus einer Unzahl von Zeichnungen und Skizzen, in denen er die Lust der Berliner an Luft und Sonne betonte, sei hier wenigstens sein Blatt »Zurück zur Natur«, Bild 13, wiedergegeben. Auch in einigen andern Kapiteln (»Zille-Fräuleins« und »Zille-Witze«) sind mehrere Freibadbilder zu finden. Heinrich Zille fand auch den richtigen Weg, dem Volk die großen Kriegserlebnisse mit Humor zu würzen. Seine Bilderreihe »Vadding in Frankreich – Vadding im Osten« brachte   11. Een kleener Berliner Dickkopp. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   fast zweihundert heitere Erlebnisse eines Landsturmmannes und seines Freundes »Korl« während des Weltkriegs. Nie kamen auf diesen Blättern blutige Ereignisse vor. Zille wußte sie stets zu umgehen und dem in allen Lebenslagen, selbst im Granattrichter noch aufleuchtenden Humor des Volkes gerecht zu werden. Den schönsten Grund zur Liebe, mit der ihn das Volk umgibt, legte er aber durch die Schilderungen des Volkslebens und durch die Darstellung der Stadtgegenden und der Häuser und Winkel, in denen das Volk wohnte und wohnt. Er brachte naturgetreue Wiedergaben aus dem Scheunenviertel, aus dem baufälligen »Alt-Berlin«, aus Hinterhäusern und Höfen, wie sie in Neukölln wie am Wedding, in Moabit wie in Schöneberg, eben in allen Volksgegenden sich finden. (Siehe »Studien« und »Milljöh«.) Er brachte gewissermaßen die Landschaft, in der das Volk lebt. Das Volk fand sich und seine Umgebung durch die Arbeit eines überaus gutherzigen Künstlers auf den Blättern von Heinrich Zille wieder. Und das vergalt es dem Künstler. Kaum eine Ausstellung wurde so besucht, wie die Zille-Ausstellung zu seinem siebzigsten Geburtstag im Märkischen Museum. Der Bau an der Waisenbrücke, sonst kaum beachtet, hatte seine großen Tage. Des gewaltigen Andranges wegen mußte er oft geschlossen werden. Monatelang konnte man vor dem Eingang die Besucher in langen Schlangen anstehen finden – als gäbe es dort wichtige Lebensmittel. In vielen Familien sind Zeichnungen gesammelt oder wenigstens einzeln an die Wand genagelt worden. Und bei fast allen Gewerbetreibenden und in unzähligen Arbeiter- und Angestellten-Haushaltungen wird irgendein Zillebuch wie ein kleines Heiligtum aufbewahrt und von Zeit zu Zeit vorgeholt, um die Herzen zu erquicken und zu erfrischen. Wie er selbst zum Volke steht, drückte er einmal in einer kurzen, sehr treffenden Zeitungsplauderei aus: »Immer hab' ich mit den kleinen Leuten gelebt, mit denen ich aufgewachsen, die für mich die Großen waren: – Volk – die Armen. Die den Besitz und die Wohlhabenheit weniger müssen erhalten, vermehren und sich selbst mit Brosamen sollen abfinden. Ich versuchte mit Bild und Wort die Vergessenen zu bannen, so nach und nach kam ich in die Zeitungen, illustrierten Zeitschriften, in die Witzblätter und wurde so der ›Arme-Leute-Maler‹ – leider Witzblätter – es tut weh, wenn man den Ernst als Witz verkaufen muß. Der Verschönerungsrat, der Barbier, der mich betreute,   12. »Det is mein Auto janz alleene!« Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   hielt viel Zeitschriften zur Unterhaltung seiner Kunden, aber auch zu seiner eigenen Belehrung. Er legte mir schmunzelnd immer die neuesten Journale mit Zille-Bildern vor und sagte: ›Großartig!‹ Er kannte mich aber nicht. Ich fragte mal, wie sich das Publikum, seine Kunden, über die Bilder aussprechen. ›Großartig! Sie könn' jarnich erwarten, jeder will die Zeitung oder das neue Buch haben – aber es sin ooch Jegner dabei, die da sagen: Berlin würde dadurch beleidigt, verschandelt! Da hab' ick ihn' jesagt: ›Meine Herren – det verstehn Se wohl nicht – det is eben Zille sein Milljöh – und aus sein Milljöh kann er eben nich mehr raus!‹ – Und ich sagte: ›Er will es auch nicht.‹« Z. * Zur Vollendung seines siebzigsten Lebensjahres wurde eine große Übersicht über seine Werke von der Stadt Berlin im Märkischen Museum veranstaltet. Große Eröffnungsfeier. Der Oberbürgermeister – Stadträte – Stadtväter – mancherlei wichtige Personen aus der Staats- und Stadtverwaltung. Der Oberbürgermeister hält eine gründliche Rede auf Zille und sein Werk. Würdigt sein Wirken. Durch seine Arbeit sei das Berliner Volk in allen seinen Nöten und in seinem humorvollen Wesen erst so richtig in die Kunst eingeführt worden. Ihm sei es zu verdanken, wenn das Berliner Volk nun auch ebenbürtig sei in der großen Kunst. Durch sein Medium habe er es verklärt und habe auch seine scheinbaren Schattenseiten überwunden und auch die Elendesten dem Herzen der andern Schichten näher gebracht. Zille aber, der sich nicht wohl fühlte, dachte: »Die Brust schmerzt, als wenn sie mich sprengen wollte.« Und als auch der Direktor des Museums ihm bei anderer Gelegenheit Ähnliches sagte, da bedankte sich Heinrich Zille und wies mit einer Geste auf die Zeichnungen hin, auf denen das Berliner Volk in seiner ganzen ungeschminkten Art erscheint: »Das gilt ja nur dem Volk. Sie wollen in mir nur das Volk streicheln. ...« Die Feiern machte er vielleicht nicht ganz ungern mit. Aber bei allem Wohlgefühl, das er über seine Popularität empfand, war es ihm oft im Kreise der ihn umringenden Gratulanten und Standespersonen höchst ungemütlich. Ja, bei der öffentlichen Feier seines Geburtstages, inmitten von mehr als hundert hohen Beamten und andern Prominenten, plagte ihn sein Alter und sein Altersleiden, die Zuckerkrankheit. Und bei den langen Reden dachte er: Wenn's doch zu Ende wäre!   13. Zurück zur Natur. Aus: »Rund ums Freibad«, Verlag Dr. Selle-Eysler A.-G. Bilder aus den Freibädern.   * Am schlimmsten wurde Zille von seinen Verehrern bedrängt, als er durch die Feier seines siebzigsten Geburtstags in der Öffentlichkeit, in allen Zeitungen, in vielen Reden und bei allen möglichen Gelegenheiten genannt wurde. Er nahm alle die ihm überreich gespendeten Gaben gern an. Sein langer Arbeitstisch war mit Feinkostkörben und Blumentöpfen und Sträußen gefüllt. Nur über die Blumen war er nicht ganz begeistert. Am wenigsten über die weißen, großblumigen Chrysanthemen, von denen ihm mehrere gebracht worden waren. Er sah sie über seine Brillengläser hinweglugend an und meinte leise abwehrend: »Die haben was Totes an sich, wie weißes Papier. Ohne Farbe ... Das ist ja, wie wenn sie mich schon beerdigen wollen!« * Und eine junge Dame, die gar zu gern doch ein Zille-Autogramm haben wollte und mit einem großen eingehüllten Blumentopf sich durch die Tür hineingezwängt hatte in Zilles Arbeitszimmer, reichte schüchtern und wortlos dem Meister ihren Blumentopfgruß hin, den er schon mit stillem Grausen in die Hände nahm: Richtig – wieder eine weiße Chrysantheme! Er stellte sie zu den übrigen – sah mit gerunzelter Stirn zu der angstvoll Harrenden hin – und ging dann doch auf sie zu, ihre Hand zwischen seine Hände nehmend: »Na – Kindchen – Sie wollen gewiß auch meine Unterschrift haben? ... Und schönen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! ...« * Aber er erlebte nicht nur die Schattenseiten des Berühmtseins. Er weiß auch von den heiteren Erlebnissen zu berichten, die ihm begegneten: »Einmal habe ich mich doch gefreut. Da kam es raus, wie bekannt ich bin. Ich bekam eine Postkarte, auf der nichts als ein Kahn Elb- und Spreekähne heißen im Volke: Zille. Wahrscheinlich kommt dieser Ausdruck aus den sächsich-böhmischen Wäldern, wo die Elbkähne gezimmert wurden. auf der Adressenseite gezeichnet war.   14. Vadding in Frankreich. Weihnacht 1914. »Wenn ick man blot wüßt, wat ›Stille Nacht, heilige Nacht‹ uf französisch heet! Ick möcht de Lütt mal een dütsches Wihnachtslied vorsingen.« Ulk 1914.   * Der Postbote gab sie mir: ›Det können Sie doch bloß sein!‹ * »Neulich mußte ich mir'n Auto nehmen, um nach Hause zu fahren. Und als ich nun meine Straße und Hausnummer sagte, nickte der Schofför und sah mir so komisch prüfend an, daß mir ordentlich bange wurde. Und als wir dann durch den Tiergarten kamen, da stoppte er'n bißchen. Nanu, denke ich, was soll das werden? Da dreht er sich um und fragt lächelnd: ›Sie sind doch Zille, der Maler Zille?‹ Ich mußte nun ›Ja‹ sagen. ›Na, ick habe Sie doch jleich erkannt – nach den Bildern in der Zeitung. Haben Sie't eilig?‹ ›Das gerade nicht‹, antwortete ich. ›Aber ich muß fahren, weil meine Beine mich nicht mehr so weit tragen.‹ ›Woll'n Sie nich noch'n bißken spazieren fahren? Ick stelle de Uhr ab. Sie kommen doch jewiß nich mehr ville an de frische Luft! .. Un for Zille'n hab' ick immer'n bißken Zeit!‹ Und er fuhr mich raus bis Spandau und dann wieder nach Hause – So richtig durch die schöne Luft ...« * »Ein anderer Schofför hatte mich auch mal nach Hause gefahren. Als ich nach der Taxe sah, war die Uhr nicht eingestellt. Ich fragte: ›Ja, was habe ich Ihnen denn für die Fahrt zu zahlen?‹ ›Nischt. Herr Zille, nischt!‹ sagte er lächelnd. ›Was denn?‹ ›Na – Sie sind doch Meester Zille! Ick habe doch zu Hause alle Bücher von Ihnen. Und da müssen Sie mir schon mal das Vergnügen machen ...‹ Was sollte ich tun? Ich konnte ihm nur die Hand schütteln.« * »Als die Vorwahlen zur Wahl des ersten deutschen Reichspräsidenten waren (und die Wahl fiel auf Fritz Ebert), saß ich mit am Wahltisch, in einer kleinen Kneipe, als Beisitzer. Gegen 11 Uhr vormittag kam ein vergnügtes Volk, Masken vom Maskenball – hatten aber keine Ausweise und wurden durch die Verkleidung auch nicht erkannt. ›Na, aber Herr Direktor,‹ sagten die Mädels, ›wir sind doch alles Zillekinder!‹« * Sehr hübsche Erlebnisse erzählt Zille von Aufwärterinnen und anderen weiblichen Wesen, die seine Kunst verehrten:   15. Vadding in Frankreich. Vierzehn Tage Urlaub. »Du Korl, ick glöw, de Unnerstand von dien Patenkind is naß!« Ulk 1915.   »Eine Aufwärterin fragte mich, ob ich denn nun wirklich Professor sei? ›Nee,‹ sagte ich, ›das gibt's doch jetzt nicht mehr in der Republik, daß einer einen Titel kriegt, der nicht auch das Amt ausübt. Ich lehre doch nicht. Also kann ich doch auch nicht Professor sein. Ja früher, da kriegte jeder Steißtrommler, jeder Gymnasiallehrer den Professor!‹ ›Aber in de Akademie sind Se doch, Herr Zille! Det weeß ick doch. Een Schwager von mir is doch ooch da! Der freut sich immer so über Ihre Bilder!‹ Ich sah sie erstaunt an: ›Kennt er sie denn?‹ »Ja, er kennt sie alle.‹ ›Ein Schwager von Ihnen? Wer ist denn das? Was ist er denn? Ist er Dichter?‹ ›Nee‹ – ›Macht er laut? (d. h. ist er Musiker?)‹ ›Na – er is doch Heizer in de Akademie!‹« * »Da habe ich in dem Zimmer nebenan ganze Packen Studien-Blätter und Mappen. Die wollte ich eigentlich mal alle in den Ofen schieben. Was soll der ganze Kram in der Welt, wenn ich nicht mehr bin? ... Das hörte auch meine Aufwartefrau und bat: ›Och nee – machen Se doch det nich. Jeben Sie mir wat! Und wenn't bloß 'n paar Zettel mit so 'n paar Kinderkens oder Frauen sind – ick würde mir det zu jerne an de Wand hängen!'« * Ein kleines Geschäftsmädchen brachte Zille ein Paket. Sie bekam ihr Trinkgeld, druckste aber eine Weile und bat dann zögernd, ob sie nicht lieber »ne kleene Zeichnung kriejen könnte«. »Ja, aber Kind,« erwiderte Zille, »was soll ich Ihnen denn geben? Das ist nicht so leicht – ich werde ohnehin schon so geplündert!« »Ach,« meinte sie, »wenn't ooch janz wat Rüdijes is, ick freu mir darüber!« * Ein andermal erzählte Zille: »Einmal schrieb ein Konditor aus Chemnitz an mich, er hätte meine Bücher gekauft – und ob denn das wirklich so schlimm wäre mit der Not in Berlin. Ich möchte ihm doch einige Adressen schicken, wo es einen Zweck hätte, zu Weihnachten Stollen hinzuschicken.   16. Im Scheunen-Viertel, Füsilierstraßen-Ecke, inzwischen abgerissen. Nach dem Original.   Es ist noch viel schlimmer in Berlin! antwortete ich ihm und schickte ihm die gewünschten Adressen. Und dann hörte ich auch, daß mehrere arme Luders so rechte schöne große sächsische Stollen von ihm bekommen haben. Schließlich tauchte er selbst in Berlin auf und wollte sich überzeugen, ob's so schlimm war. Ging hin zu den Leuten, denen er Stollen geschickt hatte. Und besuchte mich nachher. ›Ja, das ist wirklich schlimmer als bei uns‹, sagte er mir. ›So elend wie hier sind die Menschen bei uns nicht. Wenn einer bei uns Unglück hat, dann kümmern sich doch die Nachbarn oder sonst wer um ihn. Wir kennen doch unsere Armen. Aber hier – so elend – so einsam – so. verlassen ... Es ist ja, als ob hier die Menschen allein sind, wenn sie ins Unglück kommen.‹ Seh'n Sie«, fügte Zille hinzu – »dadrum muß ich zu Weihnachten soviel Päckchen verschicken, damit sich die Leute nicht so allein auf der Welt fühlen ...« * Bei diesen unmittelbaren Erlebnissen blieb es nicht. Ganze Stöße von Briefen erfreuten den Meister. Manche kamen spontan, wenn irgendein Bild oder ein neues Album von Zille erschienen war. Viele Freunde aber dachten an ihn zu Weihnachten. Aus der Fülle solcher Festgrüße seien hier einige Proben gegeben. Aus dem Gedicht von zwei jungen Leuten zu Weihnacht 1924, aus dem Zille den mittleren Teil für ein Bild entnahm: »Alle Menschen sin vaeint –« seien hier die ersten und die letzten Zeilen nachgedruckt: »Stille Nacht, heil'je Nacht« Und da hab'n wa jedacht, Unsern lieben alten Zillen Woll'n wa 'n Weihnachtsjruß vapillen.   17. »Aetsch –Unser Vater is ooch in Tegel.« Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Lieba juta Weihnachtsmann, Streng dir mal 'n bißken an: Keenen Haß nich, keene Hiebe, Frieden wolln wa: Christboomliebe. * Mit herzlichem Weihnachtsgruß und allen guten Wünschen unserm lieben und verehrten Herrn Heinrich Zille W... C... und B... W... Weihnachten 1924 * Ein sehr hübsches Gedicht bekam Zille von einem Mann, den er bei seinen Fahrten durchs »Milljöh« kennengelernt hatte. Auch hier seien Anfang und Ende wiedergegeben. Hier haben wir gleich den heiteren Widerhall von Dingen, die in einigen folgenden Abschnitten – »Zille und seine Modelle«, »Wenn man berühmt ist« usw. – berührt werden. Lieber Onkel Heinrich höre Und verzeihe, wenn ich störe, Aber ich und meine Olle, Wir bekamen eine Stolle. Chemnitz/Sachsen, Anton Müller, Sandte als Befehls-Erfüller, Wunschgemäß, in Deinem Namen, Was wir gestern nun bekamen. Dieserhalb und derowegen Wünschen wir Dir Glück und Segen, Wollen wir uns auch bedanken, Doch die Sendung traf 'nen Kranken! Denke Dir, ich armer Schlucker Laboriere jetzt an Zucker, War ja stets ein süßer Junge, Pflegte Gaumen stets und Zunge. Wenn ich mir das recht bedenke, Krieg' ich allemal die Kränke, Möcht' mit »Dichten« mich beeilen Und       sche       die       n.     verman      denn     Zeile * Käte, wegen ihrer Gicht, Darf sie gleichfalls essen nicht. Doch ich bin der Lösung Finder, Gibt es denn nicht arme Kinder? Ja wir werden sie verteilen Und in Freude bei verweilen, Wenn die kleinen Krabben schlingen, Werden wir ein Liedchen singen. Auf das Lied, das altbekannte, Singen wir 'ne Variante:   18. »Mutta, wächst so ne Wurscht immer wieder?« Nach dem Original.   Zille Nacht, heitere Nacht, Die uns den Humor gebracht, Die uns lachend ertragen läßt, Lachend das Elend am Weihnachtsfest. Lachen, das bringt uns Ruh, Zille, ein Zaub'rer bist Du! So, mein lieber Onkel Zille, Klingt der Gruß aus uns'rer Stille, Nimm' ihn frohen Herzens an, Denke uns'rer dann und wann! Karl Maria Völkel. * Eine große Zahl von kennenswerten Gedichten brachte dem Meister sein siebzigster Geburtstag. Eine sehr bekannte Vortragskünstlerin schrieb ihm: An den großen Meister! Wenn ich nicht war an Grippe erkrankt, So kam ich zu Dir raufgewankt Und hätt' Dich als 70er bewundert. Und so ruf ich nur: Zille bis 100! Ich wollt' mein Haupt in Deinen Sauerkohl drücken, Aber du bist ja nicht sehr für ältere Zicken. Darum schick' ich lieber 'n paar Pullen Mosel hin, Das ist doch sicher mehr nach Deinem Sinn. Also bis 100! vielleicht wer'n wir dann Beide ein Paar – – Zilleken, das wäre doch wunderbar. Bis dahin drückt Dir in Verehrung die Hand Deine Dich liebende Söneland. * Ein Arzt schrieb: Altmeister Zille zum 70. Geburtstag. Heinrich heeßt er, Der große Meester. Dient als Lito-Graf Treu und brav Nur des Volkes Kunst Und steht hoch in dessen Gunst. Ihm gehört sein warmes Herz. Mit ihm teilt er Freud und Schmerz. Dufte Jungen, leichte Maid Zeichnet er stets stiftbereit, Frauen, dick mit ohne Linie, Andre schlank wie eine Pinie. Kesse Kinder, kugelrund,   19. »Was Junge – du rauchst?! Ich sollte dein Vater sein!« – »Det kenn' Se hab'n – Mutta is Witwe.« Nach dem Original.   Nicht gefallen auf den Mund, Kommen fix, Machen einen Knix: Mutta, die is sehr dafür, Daß man Dir gratulier'. Hab' für Deine Güte Dank, Bleibe lang noch mang uns mang. Und Gott Vater in der Höh' Erhalt' gesund Dich unserm »Milljöh«. Ja, beim Meister Zille kann man's sehn: Es muß der Zeichner mit dem Volke gehn. Dr. Sch. * Und ein anderer Arzt wußte das Fest des 70. Geburtstages recht humorvoll zu schildern: An Vater Zillen . Heit liejen de Briefe hochaufjeschichtet. Se ham Dir stillen, bescheidenen Mann Von oben bis unten angedichtet, Und Du heerst allens jeduldig an. Se ham Dir jemalt, radiert und jekurbelt, Dir ooch noch interwivt hinterher; Und Du – Du denkst Dir, festlich umwirbelt: Wenn bloß der Klamauk schon vorieber wär'! – Sonst lebste so ruhig, sonst lebste so heißlich – Heit holen se Dir schon frieh aus dem Bett. Zu nischt haste Zeit mehr! 's is jradezu scheißlich. Se warten uff Dir schon vor dem Klosett. Et kommt von de Acker- und Linienstraße Der Orje, der Ede, der Fritz, die Marie; – Die scheenen Blumen! Keener verjaß se! Et kommt sogar »Max« von de Akademie. Und dann de Vereine, jroße und kleene – Wie sich det Volk uff de Treppe steeßt! – Und Brennert und Ilyan und Heilborn und Behne, Und wie det Federvieh sonst noch heeßt. Du – wer kloppt denn an't Fenster? Mensch is det meechlich? De Spatzen, die kommen ooch alle heit, De dankbaren Vejelchen, denen Du teechlich Uff Deinem Balkon det Futter jestreit! – – Au Backe, nu hätt ick beim vielen Quatschen Beinahe det Jratulieren verdöst! – Na also Heinrich, ick drick Der de Patschen Und winsch Der, daß De den Tach ieberstehst. Denn biste morjen frieh noch am Leben, Nach der Strapaze noch uff dem Kiehn, Dann wird's noch manchet Jubiläum jeben, Trotz Fachinger Wasser und trotz Insulin! Dr. E. H......(der andere H......, weeste, der Leibtierarzt von de Sammetbrieder). * Welchen Widerhall Zille im Volke gefunden, erläutern wohl am besten diese kleinen Beispiele und manche Erlebnisse, die in andern Kapiteln geschildert sind. Viele hundert solche Geschichten ließen sich erzählen. Und sie wirken noch überzeugender als die Menschenmassen auf den Zillefesten, als die vielen Zillebälle, die zur Karnevalzeit in ganz Deutschland, in den schlesischen Bergen wie in hinterpommerschen Städten, in Thüringen und im Hannoverschen gefeiert werden. Und auch die Ausstattungen so vieler Kneipen mit Zillebildern reden eine deutliche Sprache. Das liebste an seiner Berühmtheit aber ist Zille doch jene Liebe des Volkes, wie sie sich immer wieder in solchen kleinen Erlebnissen äußert. Wenn man berühmt ist ... »Berühmtheit ist eine schöne Sachel« meinte Heinrich Zille, »aber nicht immer! ... Manchmal nutzt sie einem ja. Man braucht nicht mehr überall so lange zu warten wie sonst. Die Verleger freuen sich mächtig, wenn man kommt – denn sie haben ja bloß Vorteile von den Berühmten und kein Risiko. Man kriegt auch manchmal 'n bißken mehr Geld für seine Arbeit und kann auch öfter mal 'n armen Deibel 'ne Freude machen oder da, wo's nötig ist, ein bißken nachhelfen – Menschen aus dem größten Druck rausholen. Aber – die Berühmtheit hat auch ihre Schattenseiten. Verflucht unangenehme Schattenseiten – für den, der berühmt ist.« Und Zille erzählte mancherlei Unangenehmes und Bitteres aus den letzten Jahren, als seine Popularität ihn zu einer maßgebenden Persönlichkeit der Reichshauptstadt, zu einem bestimmten Begriff gemacht hatte: »Manchmal habe ich ja auch meinen gründlichen Ärger gehabt über meine Berühmtheit. Die ganze Welt denkt, ich habe nun so viel Geld gescheffelt, daß ich gar nicht mehr weiß, wohin damit. Jawohl – 'ne Villa im Grunewald hätte ich. Na – hier seh'n Sie meine Villa.« Er machte eine Handbewegung und ließ seine Blicke durch die große Stube laufen. »Vier Treppen hoch – in dem alten Hause aus den achtziger Jahren. Höhenluft!« lächelte er und wies auf die Dächer mit den vielen Schornsteinen. »Hier mein großer Arbeits- und Eßtisch mit der elektrischen Lampe. Da mein Bett – mein Ruhe- und mein Sorgenlager. Da mein Arbeitsschrank mit der Klappe, an der ich zeichne und tusche. Die Staffelei und der Kleiderschrank – und der kleine Schrank mit den Andenken und den Photos von lieben Freunden. Ja, ja – Wieviel sind davon nicht mehr lebend zu seh'n ... Und denn da hinten meine kleinen Freunde, meine Vögelchen!   20. Die Stütze. Nach dem Original.   Ja, ja, seid man stille! Ich denke an euch!« Er geht hin zu ihnen und klopft mit dem Finger an die Stäbe der Vogelbauer. Und dann weist er auf die Tür zum Nebenzimmer: »Da liegen meine Bücher – und meine Mappen und sonst mancherlei. – Und dann ist noch 'ne Küche da – und ein Zimmer für meinen Sohn und meine Schwiegertochter. Det is nu meine Grunewaldvilla!« Und nun erzählte er, wie seiner Schwiegertochter in den benachbarten Geschäften ganz unerhörte Preise abgefordert wurden nach seinem siebzigsten Geburtstag. »Die Geschäftsleute sagten: ›Na, Professor Zille is doch jetzt 'n reicher Mann! Der hat doch mindestens Hunderttausende verdient. Der hat doch 'ne Villa im Grunewald und duht doch bloß so, als wenn er hier wohnen muß. Der kann doch zahlen! Der duht bloß so, als ob er noch nischt hat!‹ Meine Schwiegertochter mußte in eine andere Gegend zum Einkaufen gehen, wo sie keiner kannte!« * »Unzählige Bettelbriefe kamen, als sie von mir soviel in den Zeitungen schrieben. Manche schrieben ganz frech, ich sollte ihnen ein kleines Kapital stiften zu einer neuen Existenz, zu einem kleinen Laden. Andere wollten Geld haben für eine kleine Badereise. Sie möchten sich doch auch mal ein Stück Welt anseh'n. Ich schrieb ihnen zurück:   21. »Ick habe meinen Weihnachten!« Pfefferkuchen nach einem Zillebild.   Ich bin doch nich Ihr Bankier! Was die Leute wohl glauben, für wen man alles sorgen soll und sorgen kann! Und dann die fürchterlichen Menschen, die selber kamen! Da wohnt da drüben einer, in der Nachbarschaft. Läuft rum mit 'n Hut ohne Krempe. Der geht schon lange bloß auf Fahrt. Eines Tages klingelt's. Ich gehe an die Tür. Der Schnorrer steht da und sagt bloß: ›Ick bin schon dreiundsechzig Jahr!‹ ›So – und ich bin siebzig!‹ antwortete ich. Aber der Kerl wollte nich weichen, wollte sich in die Türe drängen. Wahrscheinlich hatte er auch gehört, ich wäre reich ...« Zille lachte belustigt auf und sah unter seinen buschigen Brauen mit seinen munteren Augen vor: »Reich! Ja, wer mich hier so sieht, mang dem vielen Geld!« Er hatte auf seinem langen Arbeitstisch lauter Päckchen von Kleingeldscheinen geordnet und klopfte zärtlich auf einige: »Ja – man möchte ja so gern an recht viel arme Biester denken. Alle sollen se wat haben ... Das da is für de Lise aus Moabit. Als sie noch nich in die Schule ging, habe ich sie mit ihrer Mutter gezeichnet. Vater war nich da. Jetzt hat sie selber schon ein paar Bälger. Aber 'n Vater hat sie ooch nich dazu. – Gott ja – wie det so is! Die Marie aus de Fennstraße hat ja auch schon mehrere. Die hat ja nu einen Vater für ihre Göhren. Aber den muß sie noch mit pflegen wie 'n kleines Kind: er is verschütt' worden im Kriege ... Na – überhaupt der Krieg! Der hat uns wat feines gebracht ... Die meisten Päckchen, die gehen an Witwen aus der großen Zeit. –« Und ein wehmütiger, von Ironie bewegter Zug zuckte in seinem Gesicht, als er von der »großen« Zeit sprach. »Nicht alle begnügten sich mit Briefen oder ließen sich an der Tür abfertigen. Einer, der ganz patent aussah, drang ganz dreist bis in mein Zimmer vor. Meine Schwiegertochter, die sonst alle erst abfängt, ist doch kränklich, das arme Wesen – und da hatte sie dem aufdringlichen Kerl wohl nicht energisch die Tür gewiesen. Da stand er plötzlich in meinem Zimmer: Er sei abgebaut. Sei Bankbeamter. ›Die Künstler haben doch in der Inflation so schöne Geschäfte gemacht bei der Handelsgesellschaft!‹ ›Ich nicht!‹ antwortete ich ihm. ›Ich nich!‹   22. »Mutta, schmeiß Stulle runta!« Pfefferkuchen nach einem Zillebild.   Und dann redete er lange auf mich ein. Er hätte nicht mal mehr eine feste Wohnung. Und das sei doch das Fürchterlichste. Wenn ein Mensch erst seine feste Bleibe aufgeben müsse ... Plötzlich fragte er mich: ›Kann ick nich da in der Ecke schlafen? Hinter dem Spinde? Ich schlafe im Stehen!‹ ›Bauen Sie sich da auf!‹ antwortete ich ihm spöttisch. Aber dann machte ich ihm doch klar, daß mir das nicht paßte, wenn hinter mir beim Schlafen ein fremder Mensch im Zimmer sei. – Man kann ja auch nicht wissen, was der in der Nacht vorhatte. – Der dachte doch auch, er findet Schätze bei mir. Und denn: im Schlaf kann sich keiner wehren ... – Er war ja noch ganz gut in Kluft. Also war das bloß Schwindel mit der Obdachlosigkeit. Trotzdem es ja genug Brüder gibt, die keine feste Bleibe haben. Aber das ist auch nicht immer bloß Mangel an Geld. Sie wollen sich eben nicht finden lassen. Oder, das Hin und Her gefällt ihnen besser. – Na – mit Mühe und Not habe ich den Bruder rausspediert! Und einer kam und erklärte' mir, wenn ich ihm nicht sofort gründlich helfen würde, dann würde er sich vor meiner Tür aufhängen. ›Wollen Sie einen Strick von mir dazu haben?‹ fragte ich ihn. Der sah bald ein, daß er an den Richtigen gekommen war – und zog stumm ab.« Nach einer Weile steckte Zille einige Scheine in alte Briefumschläge, die er aus Sparsamkeit selbst gewendet und wieder verklebt hatte: »Nee, nee – man hat so schon für genug Arme zu sorgen ...« * »Was meinen Sie wohl, wie man um Autogramme angebettelt wird! Aber die Leute, die um Autogramme schreiben, kriegen von mir einen Brief: ›Wenn Sie an die Frau Soundso fünf Mark schicken‹ – ich habe doch immer 'ne ganze Masse arme Witwen und andre arme Luders – ›dann will ich Ihnen gern meinen Namenszug zukommen lassen.‹ Und richtig – meistens schreibt mir dann auch irgendeine arme Alte, sie hätte von Demunddem fünf Mark gekriegt und sollte mir das mitteilen. Und 'n schöner Dank is auch meistens bei.« –   23. Alice Hechy in einer Zille-Rolle. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   »Da kam auch einer aus einer bekannten Großindustriellenfamilie. Einer von den drei großen Hetzern. Der kaufte sich gerade gerne ›mein Volk.‹ ›Das ist nicht die schlechteste Kapitalsanlage‹, meinte er. ›Man muß doch jetzt sein Interesse fürs Volk zeigen ... Wenn sie hier mal nachsehen kommen, dann kann ich doch beweisen, daß ich für das Volk was übrig hatte. Das ist gut angelegt für meine Familie; die Sachen behalten ihren Wert!‹ Als ich nun in die Akademie kam als Mitglied, da sagte der Sohn: ›Jetzt sind sie noch mehr wert! Und das Vergnügen dran haben wir dazu!‹ Sie luden mich denn auch ein in ihre Wohnung – Kurfürstendammgegend – Marmortreppe – Fahrstuhl – fingerdicke, echte Teppiche, 'ne Masse Silber und Kristall. Ja – wenn ich jetzt hier den Fahrstuhl im Hause hätte! ...« Und er sah traurig auf seine Beine herab, die ihn nur selten die vier schmalen Holztreppen hinab und herauf tragen wollten. – Dann winkte er abwärts, wie wenn das versinken müsse und fuhr fort: »Ja, und dann führten sie mich zu Tisch und sagten, heute gäb's mal was Besonderes. Saubohnen mit Fleisch. Es war noch in der Zeit, als wir andern überhaupt nischt hatten, als so 'n Happen auf Marken zugeteilt wurde. Na, ich sah mir denn das feingestickte Leinen, das echte Porzellan, die silbernen Löffel und Gabeln und Schüsseln an und sagte so 'n bißchen ironisch: ›Bloß – weil ich hier bin!‹ Und ich dachte mir: ›Sonst gibt's Fleisch und Geflügel und Wild und Schnitzel in Butter ... Ja, ja, se wollen uns immer für dumm verkaufen – aber wir wissen ja doch, wie's gekocht wird ...‹« * Ein Verlag wollte seinen Lesern auch Zillezeichnungen bieten. Zille war populär, war so behebt geworden, daß jede an ein größeres Publikum sich wendende Zeitung und Zeitschrift seine Berliner Zeichnungen bringen mußte. Die Inhaber hatten aber die Tendenz, nicht das soziale Elend zu Worte kommen zu lassen. Sie verlangten auch von Zille, er solle in seinen Abbildungen keine Gebrechen zeigen, keine schwangeren Frauen, keine Kranken, kein Elendsmilieu.   24. Westermeier und Lotte Werkmeister im Zille-Akt der Revue »Das hat die Welt noch nicht gesehn!«   Da antwortete ihnen Zille: »Dann kann ich Ihnen Berlin nicht zeichnen!« Und der Verlag hat schließlich auch gern »die echten Zilles« genommen und veröffentlicht. * Zu dem Echtesten und Persönlichsten gehört das, was Zille bei seiner Einführung in die Akademie der Künste erlebte. In der ersten Sitzung, an der die neuen Mitglieder teilnehmen, müssen sie, wie das seit langem Gewohnheit ist, ihren eigenhändig geschriebenen Lebenslauf überreichen. Max Liebermann, der Präsident der Akademie, nahm aus Zilles Hand dessen Selbstbiographie – sah auf das eng beschriebene Blatt – las einige Zeilen und meinte lächelnd: »Det is ja janz ulkig! Aber sagen Se mal – warum ham Se denn det so kleen jeschriem?« Zille antwortete schlagfertig: »Erstens sollte das alles uff eene Seite jehn – und denn braucht es ja doch ooch keener zu lesen!« »So – o – nu lesen Se't man selber vor?« sagte Liebermann. Zille nahm das Blatt und las seinen Lebenslauf. Solche echten volkstümlichen Worte hatte die hochmögende Kameradschaft der Akademie wohl noch nie an dieser Stelle gehört. Aber die Professoren schüttelten nicht entrüstet den Kopf. Ihre Gesichter hellten sich auf. Stilles Lächeln glänzte in den Augen, in den Mundwinkeln. Das stille Vergnügen an dem »Frischen Ton«, wie er in dem feierlichen Sitzungssaal bisher unbekannt gewesen war, explodierte schließlich in einem laut schallenden Gelächter. Aber Zille blieb ernst und las die letzten Sätze vor: »– Jetzt bin ich sogar Mitglied der Akademie geworden. Dazu schreibe ich, was das Blatt ›Fridericus‹ sagt: ›Der Berliner Abortzeichner Heinrich Zille ist zum Mitglied der Akademie der Künste gewählt und als solches vom Kultusminister bestätigt worden. Verhülle, o Muse, dein Haupt!« (Siehe Bild 10.)   25. »Komm man, Kleene!« Westermeier und Lotte Werkmeister in einem Zille-Akt. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Diese Worte zündeten derart, daß die Mitglieder in stürmischem Beifall Zille umringten. So unakademisch war wohl selten ein neues Mitglied begrüßt worden. Dann aber mußte er als jüngster Akademiker, trotz seiner sechsundsechzig Jahre, die Blechbüchse in die Hand nehmen und die Stimmen für seine Wahl von Mitglied zu Mitglied einsammeln. Bei dieser Arbeit meinte er: »Na, det jeht ja noch. Aber muß ick als Lehrling nu ooch den Schnaps for de andern holen?« Die Sitzung wurde schleunigst aufgehoben – und woanders weitergetagt, wo es gemütlicher war als in der Akademie. * Viel Freude hatte Zille durch andere Folgen seiner Berühmtheit. Die Pfefferkuchen, die nach seinen Bildern hergestellt wurden (siehe Bild i und die diesem Kapitel beigefügten Abbildungen), brachten gewisse heimatliche Schwingungen ins Berliner Weihnachtsfest. Und die vielen Filmstücke, die unter Berufung auf Heinrich Zille über die Flimmer-Leinwand gingen, haben seinen Ruf ebenso ausgenutzt wie gefördert. Bei einigen hat er mit geholfen durch Szenenentwürfe und Figurinen. So z.Nbsp;B. beim Film vom fünften Stand. Das reizte ihn sogar zu einer Zeichnung, auf der viele seiner Typen vor einem Kintopp erschienen und sagten: »Das sind wir ja alle!« Manchen Schauspielern gaben diese Zillefilme auch Gelegenheit, sich erst richtig zu entfalten, mehr auf der Leinwand als auf der offenen Bühne zu zeigen. Heinrich George bewies eine tragische Wucht in dem von Carl Boese ausgezeichnet gestellten Film: »Kinder der Straße«, die man ihm bisher nicht zugetraut – und die man auch den Gestalten Zilles, dem Berliner Volk nicht zugetraut hatte. Aber es hat ganz gewiß auch seine tragische Größe in sich ... So ist es auch zu verstehen, daß Zille in einem Bildchen (siehe Bild 3) einmal indirekt gegen die Filme sich äußerte – zugleich aber auch eine Anerkennung jenen Schauspielern aussprach, die seine Gestalten auf der Flimmerwand »geschoben« hatten. Der Erfolg dieser Filme – sie mußten meist viele Wochen lang gespielt werden und waren in allen Filmtheatern Berlins und von ganz Norddeutschland zu sehen – bewies, wie echt die Zillekinder und -mädchens gespielt wurden – und wie berühmt Zille ist .... * Hat nun die Berühmtheit auch Zille manches von dem gebracht, was eben jeder Berühmte über sich ergehen lassen muß: Belästigung durch die Organe der Öffentlichkeit, Hineinströmen aller möglichen und unmöglichen Menschen in sein eigenes Heim, neugieriges Hineinstarren in sein Leben, in sein alltägliches Gehaben, in sein Tun und Lassen, Hineindrängen in sein innerstes Wollen und Nichtwollen – und nicht zum wenigsten auch das Hereinzerren seiner Persönlichkeit in die Öffentlichkeit und in den Vergnügungsrummel von Groß-Berlin (siehe den Zilleball und die herben Worte, die er im Kapitel von den Zillefesten über ihn sagt) – er hat sich gewiß mit diesen Unannehmlichkeiten abgefunden und ist gewiß froh darüber, daß er auch dort berühmt geworden ist, wohin ihn seine menschlich stets mitempfindende Künstlerseele gezogen hat: Beim Volk, bei den Schichten, die in den dumpfen Winkeln und Mietskasernen wohnen. Von den Auswirkungen in diesen Kreisen mögen die Abschnitte »Zille in der Liebe des Volkes« und »Zille und seine Modelle« künden. Aber nicht nur bei ihnen, denen er durch seine ungeschminkten Schilderungen gedient und geholfen hat, ist er berühmt geworden. Er wird auch weiter berühmt bleiben als jener Meister, der das Volk unserer Tage mit der größten Liebe dargestellt hat. Zille-Feste. Der allgemeinen Beliebtheit, der Zille und seine Gestalten sich erfreuen konnten, verdankte er auch einige Anerkennungen, die nicht jedem Künstler dargebracht werden. Nicht nur in allen guten humoristischen Zeitschriften erschienen seine Blätter. Nicht nur wurden seine Bücher und Alben in vielen zehntausend Exemplaren verkauft – ja, manche Zillealben brachten es bis jetzt fast auf eine Auflage von nahezu einhunderttausend Stück. Die Popularität seiner Gestalten führte schließlich zur Einrichtung von Festen, die unter seinem Namen viele Tausende von Menschen in fröhlicher Ungebundenheit versammelten. Zuerst wurde Zille gebeten, sich an dem Karikaturistenball zu beteiligen. Groß war der Erfolg dieser Bälle, die bereits vor'm Kriege ihren Höhepunkt erreichten und die meistens in den Sälen des Admiralspalastes am Bahnhof Friedrichstraße ihren lustigen und bunten Balltrubel austoben ließen. Was Zille für diesen Ball bedeutete, möge ein Auszug aus der satirischen Festzeitung vom Karikaturistenball vom 17. Februar des Jahres 1912 erläutern: »Der Kaiser bei Zille. Das große Interesse des höchsten Schutzherrn deutscher Kunst an modernen Karikaturen veranlaßte eine Anfrage des Hofmarschallamtes bei dem Präservator deutscher Zeichenkunst Moritz Furunkel, von der ›L'Illustration Berlinoise‹, der einen Besuch bei dem mit dem Menzel-Preis ausgezeichneten Illustrator H. Zille vorschlug. Diesen Besuch hat der Kaiser vor einigen Tagen ausgeführt und wir geben nachstehend eine Schilderung unseres Hofberichterstatters Alfred Holzkopp über das historische Ereignis: Punkt 5 Uhr rollte das Hofauto in der Mulackstraße vor das primitive Kelleratelier, in dem der Meister hauste. Der Kaiser wurde zunächst von zwölf weißgescheuerten Ehrenjungfrauen empfangen, die ihm ein Bukett überreichten. Nachdem er hierauf mit Taucherhelm und Sauerstoffapparat ausgerüstet worden war, betrat er die mit Zillescher Eleganz ausgestatteten Kellerräume und besichtigte eingehend die ausliegenden Zeichnungen. Der Kaiser bestellte nun noch einige Entwürfe zu Kadiner Kacheln, und nachdem er aus der Hand des Meister Zille noch eine echte Berliner ›Weiße mit Strippe‹ kredenzt erhalten hatte, fuhr er hochbefriedigt ins Schloß zurück.«   26. Venus im Pelz. Parodie nach dem gleichnamigen Bild von Rubens. Aus einer Einladung zum Karikaturistenball 1925.   In der Wintertanzzeit 1924–1925 wurde dann im Großen Schauspielhaus der ›Hofball bei Zille‹ veranstaltet. Ein kleines Stück von Hans Brennert unter gleichem Namen brachte sehr hübsch und eindringlich einen Teil vom Zillemilljöh und von Zillegestalten auf die Bühne. Die Dekoration gab ein echtes Stück Alt-Berlin wieder. Die Szenenbeschreibung sei deshalb hier nach dem Entwurf von Brennert mitgeteilt: Hof im »Gelben Anton« in Berlin O. Rechts und links: Seitenflügel mit Eingängen zum Hintertreppenhaus. Hintergrund: Hofseite des Vorderhauses mit Hausflur zur Straße. Stallung. Müllkasten. Retirade. Fenster mit Wäsche und Blumenkasten. Über den rechten Seitenflügel sieht eine benachbarte Fabrik. Rohgezimmertes Podium für die Musikkapelle mit altem Klavier. Girlanden mit Lampions quer über den Hof von Flurfenster zu Flurfenster. Bierausschank in improvisierter Bude an der einen Hofseite. (Siehe Bild Nr. 24 und 25.) Um einen kleinen Überblick über die eigenartigen Personen des Stückes zu haben, möge auch das Personenverzeichnis folgen: Matrosenkarl Rosenfrieda Pyjamajule Radieschen Pinselheinrich Schrammelfredy Bollenjuste Honiglene Mieter im »Gelben Anton«   27. »Milchflaschen! Ersatz für Muttermilch!« Studie vom Weihnachtsmarkt. Nach dem Original.   Menke, Verwalter des »Gelben Anton« Frau Menke, seine Frau. Mieter, Mieterinnen, Kinder, Musikkapelle, Schutzleute. Das Stückchen schildert ein Volksfest auf einem Hof im Volksviertel, mit Musikkapelle, Männerquartett, Kinderreigen, Polonäse usw. Inhalt: Matrosenkarl ist aus Plötzensee gekommen, wo er zwei Jahre »gesessen« hat. Seine Freundin hat sich unterdessen einem andern Manne angeschlossen – Matrosenkarl ist niedergeschlagen – eine andere will ihn aufrichten – aber seine frühere Freundin verrät ihn und Matrosenkarl wird wieder abgeführt: nach Plötzensee. Diese einfache Handlung ist mit mehreren reizenden und auch einigen echten Gesängen durchzogen, von denen hier zuerst das Auftrittslied vom Matrosenkarl mitgeteilt sei: Zwee Jahre saß ick widder in de Plötze! Ach detse ickse nie jesehen hättse! Zwee Jahre Einzelhaft uf Flüjel C – Und täglich blauen Heinrich – na nu nee! Ihr werdet mein Jefiel ja leicht ermessen. Ihr habt ja alle ooch darin jesessen! O welch Jefiel voll Unbeschreiblichkeit –: Zwee Jahre ohne holde Weiblichkeit! Radieschen, eine Siebzehnjährige mit Kind, singt dann ein etwas wehmütiges Lied von der Singuhr von Parochial (der Parochialkirche), dessen erster Vers das Leben vieler Kinder jener alten Berliner Gegend recht anschaulich malt: Ick habe ooch jespielt als Kind! Der Hof war jrau und kahl, So wie die Höfe alle sind Um Sankt Parochial. De Mutter, die jing abends aus – Ick weeß et nich, wohin – – Ick saß de Nacht alleen zu Haus, Alleen im Stübeken. Ick jraulte mir – de Nacht war lang, Im Ofen jing der Sturm, Und stindlich bloß de Singuhr sang Vom Parochialkirchturm:   28. Nach einer Originalzeichnung.   (Mit leisem Glockenspiel im Orchester und im Ton der Singuhr) »Üb' immer Treu und Redlichkeit Bis an dein kiehles Jrab, Und weiche keenen Finger breit Von Jottes Weje ab –!« Das Hauptlied schildert den Hofball selbst. Der erste Vers lautet: Wo im Osten von Berlin Uf der Spree die Zillen zieh'n, Wo man jroße Weißen leert Und den jrünen Aal verzehrt – Da – da steht een Hinterhaus, Da – da sehn viel Meechens raus, Mit Jeschrei von Stock zu Stock: Uff 'n Hof is Feifohklock ...! »Mensch, heerst du den Jrammophong Hinten uff'n Hof? Da is heite Reünjong – Da is heite Schwoof! Brauchst dir nich jroß anzuziehn, Lacktöppe dabei –: Heite jeht's uff Holzpantin! Bis de Nacht um drei! –!« Der zweite Vers gibt die Höhe des Festes: Mutta tanzt wie wild sich warm, Mit det Jüngste uff'n Arm! Vater spielt im Hausflur Skat Mit die Herrn vom Mieterrat! Maxe rechts am Stall vahaut Eenen wejen seine Braut! Alles schiebt und tanzt mit Dampf – Else hat schon Wadenkrampf!   29. Rechtfertigung. – »und vorige Woche sollste auf der Radio-Diele die Nackttänzerin jemacht hab'n?« »Sache! – aber gestatte Emil – immer mit dem Brautschleier!« Nach dem Original.   Und im vierten und letzten Vers wird der Nachklang des Festes umschrieben: Um halb viere jeht's zu Bett – Mit de Lackschuh – mit's Korsett! Else träumt von die Musik – Bald ja pfeift schon die Fabrik! Träumt vom Hofball Berlin 0. – Träumt von ihrem Max und so: »Knutsch mir! Heute is Ausverkoof! Küß' ooch orntlich –! Nich so dof ...!« Von den andern Liedern sei hier nur der letzte Vers des Liedes vom Nußbaum mitgeteilt. Das gibt recht hübsch die Stimmung dieser alten, jetzt vom Magistrat der Stadt Berlin angekauften und als Denkmal bestimmten, aus dem 16. Jahrhundert stammenden Gastwirtschaft: »Zum Nußbaum« wieder. Sie liegt in dem alten Berliner Viertel zwischen Friedrichsgracht, Gertraudenstraße und An der Fischerbrücke. (Bild Nr. 110.) Im letzten Vers des Liedes wird sie geschildert: Im Nußbaum links vom Molkenmarcht – Die ihr so oft eich dort verbarcht, Jrießt mir die Prachtdestille! Durch meine Zelle zieht een Traum – Jrießt mir det Haus – den jrienen Baum Und ooch den Vater Zille! Aus den Figuren des Stückes darf man aber nicht den Schluß ziehen, als habe Zille ganz Berlin nur mit fragwürdigen Gestalten bevölkern wollen. Er sah als Künstler eben nicht nur Glanz und Sonnenschein, sondern auch die Tiefen des menschlichen Lebens. Aber deswegen ist er auch empört über die Manie, ihn zum Heiligen der Apachen machen zu wollen und als Zillegestalten nur Kaschemmenbrüder darzustellen. Schon der Hofball bei Zille hatte vieles von diesem Unechten und gar zu Aufdringlichen gebracht. Die elegantesten Damen hatten sich zurechtgemacht als Fischerliese oder Bollenjuste. Der Name stammt nicht von einer Händlerin mit Bollen, d. h. Zwiebeln, sondern war Spitzname eines Straßenmädchens, das mit »Bollen«, mit Löchern in den Strümpfen auf den Strich im alten Scheunenviertel ging. Die Herren kamen als Apachenjüngling, als Patentlude und Saloneinbrecher. Die Haare dick mit Pomade verschmiert und 'ne kesse Sechse in die Stirn gezogen. Viele hatten sich eine künstliche Tätowierung auf Hände und Arme malen lassen. Die meisten aber glaubten, mit einem »blauen« Auge den größten Eindruck zu schinden. Fast die gleichen Kostüme tauchen in jedem Jahr zu Hunderten auf dem Zilleball im Sportpalast auf. Manche Mädchen kommen auch in allen möglichen und unmöglichen Hosenkostümen: als Matrose, als Strolch, als Badeengel aus dem Freibad. Allerdings finden sich unter den Tausenden, die den Zilleball mit fröhlichem Karnevalulk, unverwüstlicher Tanzlust und mit derber Faschingslust erfüllen, auch recht viele wirklich gut und echt nach Zille »Angezogene«, Harfenjulen, die unbedenklich sich häßlich machen, alte Jungfern, die »über den Mann hinaus sind«, Budiker in Hemdsärmeln und blauer Schürze, alte Penner, »Damen« aus dem Scheunenviertel und aus der Parochialritze, Brüder aus dem »Nußbaum« und »Immertreu«-Leute aus der Koppenstraße, Kinder aus der Ackerstraße, vierter Hof, und noch mancherlei Volk vom Rummelplatz und Weihnachtsmarkt: Ringkämpfer, Ausschreier und die dickste Frau der Welt, Wandervögel und liebliche Zillemädchen. Sie alle sind hereingekommen mit der Polizeianmeldung, die umstehend wiedergegeben ist. Sie alle wandern unentwegt an dem Tisch vorbei, an dem Zille mit einigen Freunden sitzt. Und dann Paukenschläge – Tusch – und alles ruft »Hoch Zille! Hoch Vater Zille!«     Und er erhebt sich und dankt mit freundlichem Lächeln und immerwährenden Verbeugungen. Dann aber drängen sie zu Hunderten an die Balustrade und reichen ihm Postkarten, ja selbst feuchte Bierfilze, Notizblätter und auch Papierfetzen hin, die sonst zu geheimen Zwecken gebraucht werden. Unentwegt muß er unterschreiben. Immer wieder strecken sich ihre bittenden Hände hin und verlangen seinen Namenszug. Er, der schon schwach und müde auf seinem Stuhl lehnt, muß stundenlang seinen Namen malen und malen ... Immer wieder halten sie ihm   30. »Annekin, Annekin, drück doch mal, drück doch mal aufs Knöppkin!« Studie aus einem »Ballsalon«. Nach dem Original.   Papierwische hin. Und wenn seine Freunde die unvernünftig Bittenden abweisen wollen und schreien: »Nun ist's genug!« Dann nimmt er immer wieder seinen Bleistift und schreibt geduldig: Heinrich Zille ... Die Kapelle spielt brausend den Rixdorfer: »Uff den Sonntag freu ick mir!« Und dann: »Im Grunewald, im Grunewald is Holzauktion«. Und: »Durch Berlin fließt immer noch die Spree!« * In einer Tanzpause – der große Mittelraum ist fast leer – kommt ein Mann in Arbeiterkleidung, eine emaillierte Kaffeekanne und einen Frühstückspacken in Zeitungspapier in der Hand. Aufatmend läßt er sich auf den Rand des Podiums nieder, wickelt das Päckchen aus – nimmt eine Stulle und ißt – und nimmt einen Schluck aus der Kaffeekanne: ganz wie ein Straßen- oder Bauarbeiter, der seine Frühstückspause macht. Einige Herumstehende aber durchschauen, daß er auch nur ein Ballbesucher ist, der seine Frühstückspause mimt. Im Nu haben sie sein Päckchen geplündert – einer bricht dem andern ein Stück von dem Butterbrot ab – die Kanne wandert von Mund zu Mund: eine große vergnügte Menge umgibt den frühstückenden Arbeiter, mit dem auch sie gemeinsame Sache machen. Alle die Besucher des Zilleballes machen gemeinsame Sache, sind einig in dem Willen und in dem Bewußtsein, sich harmonisch und auf dem Boden eines gemütvollen, lustigen und verständigen Berlinertums zu unterhalten und ein ungezwungenes Fest zu genießen. Wer glaubt, das Berlinertum müsse sich hier roh und ordinär äußern, der irrt im wesentlichen. Hier offenbart sich der Berliner als durchaus gar nicht übelnehmerisch, als Liebhaber eines freudigen familiären Humors, als vielleicht nicht immer hoffähig aber »hof«-lustig. Ab und zu ist er auch mal derb. An der Rutschbahn freut er sich juchzend über das, was Mädchen sonst nicht zeigen, aber was sie hier nicht verstecken. Wer auf den Treppen hübschen Mädchen begegnet oder an dem sie vorbeigehen, während er mit fideler Gesellschaft am Tisch sitzt, beweist ihnen eine handgreifliche Huldigung, indem er sie auf den Teil des Rückens klatscht, wo er »anfängt schön zu werden«. Der Begleiter des schönen Mädchens rächt sich sofort, indem er bei der Frau dessen, der zuerst »klatschte«, den Klatsch wiederholt oder auch nur drohend-gutmütig sagt:   31. Berlinerin in der Knospe. Studie aus den neunziger Jahren. Nach dem bunten Original zum 1. Mal veröffentlicht.   »Det mach man in Zukunft bloß bei deiner Ollen! Sonst fühlt sich die zurückgesetzt!« Und damit ist alles ausgeglichen. Der Krach, wegen dessen der Berliner so verschrien ist, wird vergeblich auf solchen Festen gesucht. Die Weltstadt hat längst den Berliner, und besonders die mittleren Schichten, die den Zilleball bevölkern, zur Toleranz und Nachsicht erzogen. Eine gemeinsame Fröhlichkeit überbrückt alles. Und Frauen, denen man ansieht, daß sie keine handgreiflichen Späße verstehen, werden nicht angetastet. Der Berliner hat dafür einen feinen Geruch. Er fragt wohl eine einzelne Herumschweifende: »Na, Kleene – suchste mir oder mich?« »Nee, meinen Bruder suche ich!« »Wird ein schöner Bruder sein!« meint er lächelnd. »Soll ich suchen helfen?« Wenn sie aber ihn merken läßt, daß sie allein bleiben will, biegt er abseits – fragt vielleicht eine andere »Zillejöhre«. »Biste schon vergeben?« Und ist dann froh, wenn sie ihm nach einem prüfenden Blick mit zum Tisch seiner »Klique« folgt und ärgert sich höchstens, daß sie zuwenig Wein trinkt, die Hand aufs Glas hält, wenn er zugießen will, sich heimlich Essen bestellt und es selbst bezahlt – – wie das jetzt die Berlinerinnen machen, die »sich nicht verpflichten wollen« – und die schließlich auch meistens allein nach Hause gehen – und unterwegs in der Untergrund- oder in der Stadtbahn dann auf die echten Zillefamilien stoßen, die von ihren Vereinsfesten nach Hause kommen: mit gewonnenen Aluminiumkochtöpfen und anderen Töpfen für nächtliche Zwecke, mit Porzellankannen, Würsten, Kaffeemühlen und anderen nützlichen Gegenständen, die ihr ganzes Glück auszumachen scheinen ... Zille aber läßt um diese Zeit im Ballsaal müde den Bleistift sinken: »Nu jeht's nicht mehr!« Die meisten, die ihn quälen, enteilen zum Tanz. Eine dichte Welle von Tanzpaaren, bunt durcheinander, wirbelt um die Musikantenbühne herum. Und Zille, der schon die Freude am Fest verloren zu haben schien, sieht nochmals freudig hinein in diesen Trubel. Als aber wieder der Bettel um Autogramme anfängt, schüttelt er den Kopf:   32. »Bedaure – alles besetzt!« Stimmungsbild aus der Nachbarschaft des Zilleballes. Nach dem Original.   »Nee – nu ist's genug...!« Und leise sagt er zu seinem Nachbar: »Wenn ich für jedes Autogramm 'ne Mark kriegen würde, hätte ich vielleicht mehr, als wie ich so dafür kriege, daß se mit meinem Namen krebsen gehen ...« Man will ihm das nicht glauben. Neidische meinen, er werde reich durch den Zilleball. Aber er bekommt vielleicht für alle die wochenlangen Scherereien und Belästigungen – schon monatelang vorher quälen sie ihn um Freikarten, und muß er Ratschläge für die Ausstattung und Propaganda erteilen – nun, er wird höchstens einen Monatslohn eines Angestellten bekommen. »Ja, von die Arbeit wird man nich reich! Bloß, wenn man den Profit zieht von der Arbeit anderer ...« Und dann wollen noch Unzählige von ihm hören, ob sie »echt« sind, ob er sie für wirkliche Zillekinder halte. Väterlich gibt er manchem ein gutes Wort und sieht manch Mädchen freundlich an. Schließlich muß er noch die Prämiierung der besten Zilletypen überwachen oder gutheißen. Und nur ab und zu einen Schluck aus der Pulle. Aber nicht aus 'ne Sektpulle oder aus der Kognakflasche. Nein, schon seit einem Jahr begnügt er sich mit Fachinger Wasser oder einem andern Brunnen und kühlt seinen heißen Körper, der zu glühen scheint im Lärm des Balles, in der lauten Jazzmusik, dem Gesang und Gekreisch und Gejohle und dem Gedudel mehrerer Leierkasten der Fröhlichen und im heißen Dunst, der von den Tausenden von Tanzenden aufsteigt. Das letztemal kostete er vom Kognak beim Sommerfest im Lunapark, wo er auch als Preisrichter seines Amtes waltete. »Feine französische Marke! Aber ich nahm nur ein paar Tropfen auf die Zunge – das brannte im ganzen Körper wie Feuer! Das war richtiges Feuer!« Und abermals beginnt das Betteln um Autogramme und das Quälen um Begutachtung. Da gelingt es ihm, dessen Augen rot umrandet sind von der Anstrengung und Übermüdung, durch einen Seitenausgang hinaus zu kommen. Er zieht seinen alten verwetterten Hut in die faltige Stirn und läßt sich müden Ganges zum wartenden Auto geleiten. Im Wagen atmet er wieder auf – und hat einen neuen Einfall: »Also das Bild, wo die Masken alle nachts in ein Hotel wollen, und wo der Ober aus dem Fenster ruft: »Alles besetzt!« – das paßt doch auch auf den Zilleball! ... Da, sehen Sie mal, wie die Pärchen – seid umschlungen Millionen! – dahinziehen!« Und ein fröhliches Lächeln umspielt seine väterlichen Augen. Oft regt sich Zille über die unzureichenden Darbietungen und Einrichtungen beim Zilleball 1929 auf: »Das sollte ein Volksfest sein! Ein richtiges Volksfest! Sie machen aber eine Schampagnerpropaganda draus. – Ein Laubenfest sollte es diesmal werden. Was machen sie? Eine Ruine von einer Bude setzen sie in die Mitte vom Saal. Verschiedene Gäste machten sich darüber lustig und kletterten rauf. Ringsum die Reste von früheren Dekorationen. Nichts Neues gemalt. Keine Musik im Saal. Bloß auf der Galerie. Ein Haufen Leierkasten in dem unteren Umgang. Kein Ton von der Ballmusik war unten im Saal richtig zu verstehen. Kein Paar konnte darnach tanzen. Na, es ging auch nicht: der Tanzboden war ganz rauh – nicht mal gewachst! * Und die Tische, wo ich zwischen saß, nannten sie Zilletische. Alle tranken Schampagner. Mich aber ließen sie stundenlang auf meinen Brunnen warten. Wasser? Daran ist doch nichts zu verdienen ... Der Schampagner wurde sicher auf den ›Zilletisch‹ verrechnet. Ich habe keinen Tropfen getrunken. Ja – von den paar Pfennigen, die man bekommt, da hat man bloß den Grünspan ...« * »Beim Rundgang sah ich alle die Leierkastenmänner. Na, die armen Luders werden ja genug Geld von den Tanzenden bekommen haben. Bei einem saß ein Affe auf dem Kasten. Der mußte immer grüßen, wenn der Mann an der Kette zupfte. Der Affe sah erstaunt in die Menschenmassen, in den Dunst und den Trubel – mit ganz überwissenden Augen. Der dachte gewiß: ›Is det 'ne Afferei!‹« Zille und seine Modelle. Bezeichnend für den Menschen und für den Künstler ist seine Stellung zu seinen Modellen. Künstler, die wie Zille das Volk schildern wollen, müssen ganz in der Seele des Volkes aufgehen, dürfen seine Eigentümlichkeiten nicht von außen wie eine ethnographische Merkwürdigkeit betrachten. Sondern sie müssen mit dem Volke empfinden, müssen alles mit ihm miterleben, müssen mit ihm leiden und jammern, mit ihm aufbegehren und drohen, sich mit ihm freuen und mit ihm lachen. Das hat Zille denn auch Zeit seines Lebens getan. Er ist jahrzehntelang »ein Knecht des Kapitals« gewesen, hat sich immer als Proletarier gefühlt. Aus dieser seelischen Einstellung zur Umwelt ist er nie herausgewachsen. Vielleicht war es für ihn eine innere Begrenztheit. Er hatte in gewissem Sinne keine Entwicklung. Aber um so fruchtbarer machte ihn das auf seinem eigensten Gebiet, auf dem Gebiet dessen, was wir unter Zillekunst verstehen. Seine Gestalten, seine proletarischen Männer und Frauen, seine kessen und seine rhachitischen Zillekinder leben aus dem Innern heraus. Sie sind nicht nur abgezeichnet. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes in tiefster Seele erlebt. Sie haben in jedem Strich alles das, was ein überarbeiteter Mann, eine abgehetzte, verhärmte Frau, ein verschnapstes Wesen, ein verkümmertes Unglückskind empfinden und erleben. Dies haben sicher alle seine vielen Modelle aus dem Volke empfunden, die ihm freiwillig oder unfreiwillig Modell gestanden haben. Er stand sich immer gut mit ihnen. Und auch sie standen gut mit ihm. Er gehörte zu den wenigen Künstlern, bei dem das Volk gewissermaßen roch, daß er zu ihnen gehörte. Dennoch weiß auch Zille von manchem unfreundlichen Erlebnis zu berichten und äußerte nachdenklich: »Wenn ein Zeichner die Menschen aufs Papier bringen will, sind sie alle beleidigt, drehen den Kopf weg und schimpfen oder wollen ›einen aus dem Anzug stoßen!‹ Wenn aber ein Photograph sie auf die Platte haben will: Dann sind sie alle da und machen ein freundliches Gesicht!« * »Erst wollten viele von den Brüdern in den Destillen nichts von mir wissen. Sie waren höllisch mißtrauisch. Ich mußte sie heimlich zeichnen – hinter 'ne Zeitung oder hinter 'm Weißbierglas. Damals gab's ja noch die großen Bottiche, in die man mit'n Daumen reinfassen mußte, um sie hoch zu heben. Jeder kannte seine Stelle an seinem Daumengriff. Oder ich mußte heimlich unter'm Tisch rasch in't Buch skizzieren. Aber bald freuten sie sich, wenn ich kam. Ich kaufte ja auch meistens, was auf der Theke stand – Buletten oder Rollmöpse – und teilte aus. Und denn könnt' ick ooch mal 'n Witz riskieren. Und weil mir ein Schriftsteller schon oft gesagt hatte, er würde gern mit mir mitkommen, fragte ich eines Tages in der Kneipe, ob es ihnen recht wäre, wenn ich den mitbringen würde. ›Den?‹ sagten sie vergnügt. ›Ja, bringen Se den man mal mit. Denn kann er aber seine Dreckfinger amputieren lassen. Der schreibt ja bloß über uns, um Jeld zu schinden ... Der soll man kommen!‹ Sie mußten wohl gesehen haben, daß ich 'n bißchen stutzig wurde über ihre drohenden Gebärden. Sie beruhigten mich aber wieder: ›Nee – Meister Zille – Sie können immer wiederkommen. Ihnen duhn wir nischt. Sie meinen's ja ehrlich!‹«   33. Zilletypen. Eine Zusammenstellung von allerlei Bekannten.   Einmal hatte ich eine von den Damen, die damals in der Fischerstraße und Umgegend spazierengingen und den Hausdienern aus der Gegend und den Schiffern von der Friedrichsgracht zärtliche Augen machten, getreu abgezeichnet und dummerweise in den »Ulk« gebracht. Als ich nun auf die Redaktion kam, sagte mir Fritz Engel, sie hätte sich beschwert. Das gäbe noch einen Mordskrawall. Ich kriege einen Schreck und denke, das mußt du gleich wieder gutmachen. Also sofort hin in ihre Stammkneipe, in die Parochialritze. Es dauert nicht lange, kommt sie rein. Aber mit 'n Blick! – an mir vorbei. Ich rufe sie freundlich an: ›Lise, wat is denn?‹ ›Ick bin nich Ihre Lise!‹ Setzt sich und kehrt mir den Rücken zu. Da mußte ich also abzieh'n. Als ich an einem der nächsten Tage auf die Redaktion komme, ist große Aufregung. Lise ist da und verlangt Genugtuung. Und nicht zu leise! Sie war doch gewohnt, recht schön laut zu sprechen auf der Straße. Da nahm Franz Mehring, der damals noch lebte und mit Fritz Engel zusammen den ›Ulk‹ redigierte, einen Band von dem Witzblatt und zeigte ihn ihr: ›Sehen Sie, da is der Kaiser – der Kanzler – alle Minister und Könige. Keiner sagt was, wenn er angeulkt wird. Und nun werden Sie Krach machen wollen, wenn wir Sie veröffentlichen?‹ ›Das scheniert mir, wenn ick so in de Öffentlichkeit gezogen werde! Ick bin nich für die Öffentlichkeit!‹ ›Sind Sie denn überhaupt Frau Ebersdorf?‹ fragte Mehring. ›Nee – Fräulein Ebersdorf. Prostituierte! ...‹ Sie ließ sich schließlich beruhigen, diese öffentliche Dame, die nich for de Öffentlichkeit war. Ich ging dann öfter hin in die Parochialritze. Lise war erst mächtig böse, wenn sie mich sah. Andere sagten dann zu ihr: ›Is doch de beste Reklame! In de Zeitung!‹   34. Das bucklige Lieschen. »Hof«-Sängerin. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Nach Wochen lachte sie schließlich, wenn sie mich sah. Die alte Lise – Fräulein Ebersdorf ... Is nu ooch längst dot. –« * Von andern Erlebnissen mit seinen Modellen aus dem Volke plauderte Zille: »Das letztemal war's bucklige Lieschen bei mir, als sie aus dem Krankenhaus kam. Aus'm Friedrichshain. Mitten im kalten Winter. Bei zehn Grad Kälte. In 'ner dünnen Sommerbluse, ein Sommerröckchen an und 'ne dünne Hose drunter. Im Herbst hatte sie 'n Unfall gehabt. Mit dem Singen ging's wohl nicht mehr so recht. Da hatte sie ihr Kind genommen und hatte Unter den Linden Streichhölzer verkauft. Und da hatte sie nicht achtgegeben und war vom Auto angefahren worden. Das ganze rechte Bein aufgerissen. Bis an die Leiste. Als sie mir die Wunde zeigte, war sie noch ganz rot. Ein Streifen von unten bis an den Leib. Und so war sie vom Friedrichshain bis zu uns gelaufen – bis beinah nach Westend. Durch ganz Berlin – durch den Tiergarten – und durch ganz Charlottenburg. Mit der dünnen Kleidung und ohne was Warmes im Leibe. Kurz vor'm Mittagessen hatten sie das arme Wurm rausgeschickt in die Kälte. Da hat meine Schwiegertochter sich hingesetzt an die Nähmaschine und hat dem buckligen Weib 'n paar warme Stücke zurechtgenäht von den Sachen, die wir noch von meiner verstorbenen Frau da hatten. Und denn haben wir Lieschen ins Hospital untergebracht. Denn nu konnte sie natürlich nicht mehr so lange auf den Füßen sein und sich ihr Geld verdienen.« * »Einmal wollte ick 'ne Familie aus Berlin N bei't Essen am Familientisch zeichnen und sagte, ick würde zum Sonnabendabend kommen. Sie sollten sich man ein warmet Abendbrot machen. Ick würde det schon bezahlen. Als Modelljeld. Aber se sollten sich wat Ordentliches kochen. Nu wissen Se, wat se janz vagnügt ausriefen? Pellkartoffeln und Hering! Die armen Ludersch! Det war for se 'n Festessen!«   35. Else B ... (14½ Jahre alt) 4.12.03. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   »Cläre Waldoff, die als erste ein Zillemädchen mit ihrer ganzen Deftigkeit auf die Bühne brachte – in einem Kabarett in der Behrenstraße, 1922 war's wohl – stellte mir so um 1916 mal 'ne junge Kollegin vor. Die kam mir ja bekannt vor. Aber auf den Namen konnte ich mich nicht besinnen. Da lachte sie und sagte: ›Ich war doch mal Ihr Modell!‹ Und da erkannte ich sie: die Else, die ich so um 1904 als Modell gehabt hatte. Vierzehn-, fünfzehnjährig. Ich kriegte sie ja meist erst, wenn sie müde waren, die Modelle. Ich konnte nicht so früh da sein in der Aktstunde. Na – da zeichnete ich sie eben im Sitzen oder im Liegen. Das übt ja auch ... Aber ich hatte auch das Glück, daß mir künstlerische Kolleginnen standen. Ja, das war 'n besonderer Vorzug. Die üblichen schönen Modelle waren das nicht. Aber das war mein Glück. Da sah ich das Weib in seiner wirklichen Art. (Siehe Kapitel ›Studien‹.) In meiner Jugend habe ich die Modelle genommen, die mir die nächsten waren: Großmutter, Vater, Mutter. Die waren ja manchmal erstaunt, wenn sie aufm Fetzen Papier abkonterfeit waren. (Siehe Kapitel ›Kindheit‹.) Na, und selbstverständlich malte ich auch meine Kinder ab. Die wollten ja nicht immer stille halten. Dann mußte ich sie beim Spiel belauschen. Oder sie einfach zum Modellstehen antreten lassen. (Siehe Bild ›Die drei Zillekinder‹ im Kapitel ›Zillekinder‹.)« * Zille hat natürlich in seiner Jugendzeit brav nach Modellen in der Akademie der Künste gezeichnet. Das war um 1877 herum, als Anton von Werner Direktor der Akademie der Künste war. Viele junge Leute arbeiteten fleißig in den Unterrichtssälen und erleichterten sich die Arbeit durch übermütige Streiche. Nur nach stillstehenden, nackten Männern wurde in den Abendaktklassen gezeichnet. Immer eine ganze Woche lang nach demselben Mann. –   36. Müdes Modell, sitzender Backfisch. 20.11.02. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Weibliche Modelle bekamen die wenigsten zu sehen. Sie waren nur in den Meisterateliers zu finden – und nur bis zur Brust entblößt (Bruststück). Nur wenige bevorzugte Kunstjünger durften in diesen Ateliers Akt zeichnen. Zille sagte dazu: »Auf einem akademischen Fest der Schüler war unter vielen sehr guten Vorführungen auch eine ›Pythia‹, eine ›Hellseherin‹. Sie wurde gefragt: ›Wann bekommen wir einen weiblichen Akt?‹ Antwort: ›Nie nackt!‹ Na, so um 1900 ist's dann endlich anders geworden, aber nur in Privatmalschulen, die Akademie sträubte sich noch Jahre ... Wenn nun im Abendakt der ›schöne Adolf‹ Modell stand, dann war's gerammelt voll. ›Adolf‹ verstand die ›sehr geehrten Herren Maler‹ und die ›sehr geehrten Herren Bildhauer‹ mit seinen Akrobatenkunststückchen, Erzählungen und Vorträgen zu fesseln, dabei brauchte er nicht still zu stehen, wurde mit Apfelsinen usw. beworfen, bekam Zigarren – alles Vorteile. Der ›schöne Adolf‹, von allen Künstlern begehrt, um Rat und Hilfe angegangen, war wirklich nicht nur körperlich ein Prachtmensch, er hatte auch Gemüt, Liebe zur Kunst und war immer hilfsbereit. Brauchte ein Maler wie der alte Knaus alte abgetretene Holzdielen, um sein Bild ›Jägerheim‹ fertig zu malen, Adolf holte das Holz vom Abbruch der alten Schule in der Burgstraße. Wollte jemand ›Böcklinsch‹ malen, Adolf wußte, wer in Berlin noch 'ne Ziege oder Kaninchen hatte, er holte ran. Der Historienmaler lieh sich von ihm eine alte Lutherbibel, und den ›einzigen Esel‹, den damals Berlin hatte, sah ich oft hinter ihm hertraben, um irgendeinem Maler im zweiten Quergebäude im Norden Berlins zu einem ›italienischen‹ Bilde die Staffage zu geben. Auch rote Dachziegel brachte er den Malern, die nur Schieferdächer und Pappdächer um sich sahen. Manche Frau sagte: ›Von dem möchte ich ein Kind haben‹ (nicht als Modell), und mal soll er auch deswegen auf einige Zeit nicht Modell gestanden, sondern ›gesessen‹ haben.   37. Meine Mutter. Ruhepause. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Also der ›schöne Adolf‹ – und wenn er seine ›Requisiten‹ zum Taucher (von Fr. v. Schiller) mitbrachte, waren selbst die ältesten Professoren, die sonst gar nicht den Aktsaal betraten und doch Lehrer waren, als Hörer da. Da wurde der Aktsaal zur Arena. Auf den Fußboden streute Adolf große und kleine Muscheln, bunte große und kleine Kieselsteine, stellte selbsterfundene Seetiere aus Pappe und getrocknete Fische in den Sand, greuliche Masken und Larven lugten aus allen Winkeln des Raumes – trockenes Seegras mit Matratzenfedern (Spiralen) machten den Strand anschaulich. Adolf ›der Taucher‹ stand auf seinem Podium. Seinen geschmeidigen, straffen Körper zierte nur eine alte, abgetragene, schwarze Sammetweste, die er vom alten Historienmaler Camphausen zum Andenken erhalten hatte – die war, laut Gedicht, ›sein Mantel‹. Seine roten Hosenträger, um den Bauch gewickelt, waren der ›Gürtel‹. So ausgerüstet, deklamierte er das herrliche Gedicht, markierte die Stimmen der verschiedenen Personen, vortrefflich gelang ihm das Erröten und Bitten der Jungfrau, denn der schöne Adolf – das will ich noch einflechten – mußte manchmal auch als Weib Modell stehen bei Malern, die zänkische Frauen oder kunstfremde Mütter hatten. Bei den Worten – ›den Gürtel wirft er, den Mantel weg‹ – da fliegt beides auf den alten wackligen, eisernen Ofenschirm. Aber den Kopfsprung hat er nicht gemacht, trotz allem Zureden und Anfeuern. Wenn er dann zu der Stelle kam: ›Da hing auch der Becher an spitzen Korallen‹ – dann langte er so 'n kleinen Blechbecher von der alten, krummen, verrosteten Ofentürklinke, dazu hingehängt, herunter – und: ›sonst wär' er ins Bodenlose gefallen‹ – dazu diente ihm als Requisit eine alte Hose von irgendeinem berühmten Maler, der sich den Professor darin ersessen hatte.   38. Sohn Hans spielt mit Kegeln. Nach dem Original.   Die Hose war ›bodenlos‹, morsch, löcherich – und ›Adolf‹ ließ den Becher, zum Beweis, durchfallen. Kurz gesagt – er brachte alles mit Sprache und Gebärden, immer wieder Neues einflechtend, zum Gaudium der Zuhörer, zum Gehör. Man dankte und belohnte ihn mit Brüllen – das sollte das grollende Meer sein. Und schön ist noch, daß der schöne Adolf allen Ernstes glaubte, er hätte den unerfahrenen jungen Leuten einen naturwissenschaftlichen Vortrag gehalten. – Zur Berichtigung: ich, Zille, war kein Akademiker, nur ein geduldeter ›Hospitant‹.« * Daß Zille auch sonst Modelle gut beobachten konnte, beweist seine Skizze »Modellpause«. Da sitzen und stehen mehrere Aktmodelle verschiedenen Alters beisammen. Und eine Erfahrene unterweist die Jüngeren: »Bei die Malers müßt ihr erst lern' versteh'n wat se sag'n. Woll'n se een' nackt – dann sagen se ›Akt‹, mal'n se die Brüste – dann sagen se ›Büste‹ – und woll'n se den Rücken, wo er hübsch is – dann sagen se ›Kiste‹.« Er weiß also einiges aus dem Treiben der Maler recht erfrischend mitzuteilen. Aber auch das Leben und die Erlebnisse der Modelle sind ihm nicht verborgen geblieben, wie der Text zu einer Abbildung beweist, auf der ein Maler ein weibliches Wesen fragt: »Haben Sie schon mal gesessen?« Sie: »Erinnern Sie mir bloß nich an die Zeit!« Und auch die soziale Lage, die wirtschaftlichen Nöte der Künstlermodelle betont er, wenn er – mit verbissenem Humor – ein Mädchen zum Maler sagen läßt: »Ick wer Ihn' wat husten un' eenjal for'n Hungerlohn Venus sitzen ... ick verlange Üppigkeitszulage, det Se't wissen!« * Doch alle diese Berufsmodelle sind ja nicht die eigentlichen Zille-Modelle. Das sind vielmehr alle jene Gestalten aus den unteren Volksschichten, die uns auf seinen Zeichnungen und Bildern, auf den ernsten Darstellungen sowohl wie auf den Blättern für die humoristischen Zeitschriften begegnen und uns mit ihren entweder übermütigen, fidelen oder elenden und verkümmerten, duldenden, oft auch mit drohenden Augen ansehen. –   39. Der schöne Adolf. Eine berühmte Modelltype vor 50 Jahren. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Sie sind es, die gelegentlich selbst ihrem Meister Zille zugerufen haben: »Wer mir schief ankiekt, den stoß ick aus'n Anzug!« Andere riefen ihm aus dem Kellerfenster zu, wenn er sich vor ein Schaufenster stellte und unbeobachtet, als besichtigte er nur die ausgelegte Ware, irgendeine Gestalt oder eine Szene abzeichnen wollte: »Na – Ihr Vater war ooch keen Glasermeester! Der hat Ihnen keene Scheibe injesetzt!« Und Zille mußte beiseite gehen und seine Skizzenblättchen einstecken. Als er bekannter geworden war, als er mit dem Spitznamen »Pinselheinrich« herumlief, standen sie ihm allerdings gern Modell, ja, Mütter gruppierten sich besonders mit ihren Kindern vor ihm und selbst der Säugling wurde ermahnt: »Halte stille! Der Pinselheinrich will dir malen!« Zille selbst berichtet von seinen Modellen in vielen Anekdoten, die in manchen andern Kapiteln dieses Buches zu finden sind, vor allem in den Kapiteln: Zille-Milljöh, Zille-Kneipen, Zille-Kinder, Zille-Fräuleins, Zille-Mächens usw. Wie er sie selbst sieht, hat er einmal schriftlich niedergelegt: »›Sie haben woll sonst keene Zeit, det se det noch bei'n Regen missen zurechtfingern!‹ Die Ansprache der so wenig Vertrauen erweckenden Gestalten in der verregneten Gasse hätte wohl zarteren Kunstjüngern das Zeichnen verleidet. Mir sind die Menschen und Gassen seit langem vertraut, wie mal jemand sagte: ›Det is Zille sein Milljöh! Der fünfte Stand.‹ Menschen, die ihrem Geschick nicht entgehen können, die das Resultat der heutigen und früheren Gesellschaftsordnung sind. Bedauernswerte, in der ›Charité‹ oder im ›Fröbel‹ geboren, finden sie ihren Lebensweg schon in harten Lettern vorgeschrieben. Zusammengepfercht in hohe Mietskasernen, mit schmalen ungelüfteten Treppen. Elende Zufluchtsorte in nassen Kellern und über stinkenden Ställen, ohne Luft und Sonne. ›Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genau so gut töten, wie mit einer Axt!‹ Garstige finstere Höfe, stinkende Müllkästen, die verschwiegenen Leichenhallen für ›Abgetriebene‹ und Neugeborene. Unter Schlafleuten und Absteigemädchen, – so entwickelt sich der Lebensfilm Abertausender.   40. Großmutter, die ihr Enkelkind aus dem Trubel des Fahrdamms gerettet hat. »Das hätte dir wohl so gepaßt, det dir Jroßmutter 'n neuet Särgekin hätte koofen müssen!« Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.     41. Kauernder Backfisch. 23. 4. 02. Nach der Originalstudie zum 1. Mal veröffentlicht.   Eine Welt für sich – die man bekämpft – aber nicht heilt!« Z. * Aber dies bittere Wort ist nicht das einzige und letzte Wort, das Zille über seine Modelle zu sagen hat. Ihm ist die große Gabe des Humors gegeben, des Humors, der immer wieder aus vollem Herzen überströmt. Und so werden auch seine bittersten Schilderungen und Gestalten stets wieder vom lebensbejahenden Lachen aus ihrer Finsternis herausgehoben und uns nähergebracht. Sein Humor verhindert, daß selbst seine schrecklichsten Gestalten uns abstoßen. Es ist nicht nur der Witz, der alle, auch die ganz anders Denkenden, in menschliche Beziehungen zu Zilles Gestalten, zu seinen Modellen bringt. Nein, seine große Empfindung, die selbst das Herbste und das zum Weinen Zwingende mit Humor durchleuchten muß, sowie das unmittelbare Miterleben Zilles mit seinen Modellen – sie sind es, die uns diese Menschen so liebenswert machten, die uns alle nötigen, ihnen mit Freuden zu helfen, ihr Los zu bessern – und die uns mit Zilles Modellen, mit den untersten Volksschichten aufs innigste verbinden. Zille-Studien und -Akte. Wer dieses Kapitel aufmerksam durchblättert, wird einen ganz unbekannten , einen neuen Zille kennenlernen. Den Zille, der nicht nur der Meister des Milljöhs war, sondern der wirklich meisterhafte Akte und Studien jeder Art geliefert hat. Manche seiner Frauenakte sind von glänzender klassischer Form. Verraten, daß er nicht umsonst in der Berliner Akademie in der Schule gewesen ist, die einst Schadow leitete. Hier ist er weit mehr als nur Heimatkünstler. Wer diese Blätter aufmerksam betrachtet und wertet, muß bekennen, daß in Zille unter allen Umständen ein großer Künstler gesteckt hat, daß ihn nicht nur das künstlerische Interesse für die derbe Volkstümlichkeit zum Künstler gemacht hat. Aber aus diesen Studien – die wie fertige Werke wirken – spricht auch nicht nur die Kraft der Schule, der Akademie, in der er sich künstlerisch übte. Aus diesen Blättern spricht die eigene Kraft, das eigene Können, das persönliche Künstlertum. Das ist keine reine Schülerware. Das ist mehr als nur erlerntes Können. Das bekommt niemand nur vom Lernen fertig oder »mit Gewalt«, wie Zille immer bescheiden meint. (Siehe Kapitel: »Zille als Künstler«.) Dazu gehört ursprünglich Begabung. Nicht nur diese Begabung brachte Zille mit auf die Welt. Er brachte seine besondere Persönlichkeit mit. Wer diese Studien – und auch viele andere in diesem Buch – betrachtet, erkennt fast überall die besondere Hand des Meisters.   42. H. Zille: Meine Mutter. Diese ungeschminkte Porträtskizze zeigt auch die Begabung fürs Porträt, die durch die Porträtskizzen von seinen Kollegen dokumentiert wird. Man denkt unwillkürlich an Dürers Zeichnung von seiner Mutter. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Zille geht schon bei seinen frühesten Studien über das Akademische hinaus. (Siehe Bild 6 und die Akte aus den neunziger Jahren.) Ganz fest dokumentiert sich seine Persönlichkeit und seine Eigenart aber in den Akten aus dem Beginn dieses Jahrhunderts. Der Akt der Gertrud L.., die Akte nach den Jugendlichen (siehe auch Bild 28 und 34), die Studie nach Lotte Prietzel sind Beweise der unmittelbaren Fäden, die Zille mit der kraftvollen Natur verbinden. Er ist frei von allen Konventionen.   43. Tochter Gretel beim Frühstück vor dem Hause in Karlshorst. Nach dem Original aus Zilles Gesellenzeit, um 1885.   Wenn wieder manche Franzosen (Maillol) gepriesen werden dafür, daß sie das wirklich Weibliche aus allen Konventionen herausgehoben haben, so scheint mir dies im Anblick der Zilleakte ungerecht. Auch Zille ist wie manch anderer deutscher Künstler zu den Quellen der Kunst vorgedrungen. Wer kennt sie denn alle? Wer kennt alle ihre Werke? Wer ist durch alle ihre Werkstätten, ihre Mappen und Studienbücher hindurchgewandert?   44. Suppenschüssel. Aquarelliertes Studienblatt aus früher Zeit. Beachtenswert ist die Liebe, mit der jede Kleinigkeit beobachtet und mit weicher Hand wiedergegeben ist. Zum 1. Mal veröffentlicht.   Auch Zilles andere Studien sind ganz persönlich und durchaus meisterhaft. Zuerst entdecken wir Zille als Landschafter – als Landschafter von Bedeutung und feinster poetischer Empfindung. Und von hier aus finden wir auch die Erklärung, wie so viele seiner andern Zeichnungen und Werke, so empfindungsvoll auf uns wirken; weil Zille ein Mensch voller Poesie ist ... (Siehe Bild 7 »Zerzauste Kiefer« und die Studie »Weidenbaum« sowie die Schilderung aus Alt-Berlin im Kapitel »Milljöh«.) Auch an den anderen Skizzen merkt man die gute Schule, in der Zille sich geübt hat: Menzel ist sicher nicht ohne Einfluß auf ihn gewesen. Ist doch auch ihm nichts zu gering, daß es nicht gezeichnet und aufgezeichnet werden müßte. Unterwäsche und Strümpfe auf der Wäscheleine – und Stiefel. Anton von Werner, der damalige Direktor der Akademie, hat ja auch Stiefel gezeichnet und gemalt, mit durchaus echter Künstlerschaft. Zille notierte ebenso eifrig wie Menzel. Selten zeichnete er sich mehr als ein paar Striche auf. Die aber faßten das ganze Objekt, dessen äußere Erscheinung, dessen eigentümliche Bewegung, Beleuchtung und inneres Wesen. Zille schaute und zeichnete unablässig, sammelte ein gewaltiges Wissen. Und arbeitete, arbeitete. Eine Unzahl von Mappen hat er in seinem reifen Leben angefüllt mit Studienblättern. Viele große Blätter hat er mit seinen Studien beklebt. Auf beiden Seiten. Mit je dreißig bis vierzig Skizzen. – Zille malte natürlich keinen Soldatenstiefel wie Anton von Werner. Er nahm sich richtige »Trittlinge« vor. Und er wußte sie so klassisch wiederzugeben, daß sie wirken, als sei ein Schicksal mit ihnen gestaltet. Ein Schicksal spricht aus diesen brüchigen, zerschlissenen Trittlingen. (Bild 55.) Alle seine andern Studien – siehe besonders die Kapitel »Zille und seine Modelle«, »Zille-Kindheit«, »Lehr- und Gesellenjahre«, »Milljöh« und »Zille-Kinder« – sind von gleicher künstlerischer Inbrunst und Könnerschaft. Wenn Zille eine Gosse malt, wenn er einen Suppentopf auf dem Papier verewigt, oder einen Kinderwagen oder einen Arbeiterkopf mit wenigen Strichen in seiner verarbeiteten und verbissenen Art festhält: immer ist ein Stück lebendige Welt künstlerisch gestaltet.   45. Studienblatt aus frühester Zeit. Die Blumen in der Vase äußerst fein in Bewegung und Farben. Auch die leichten Umrisse der Gestalten zeigen schon das feine Auge für jede Bewegung, für den Charakter und das Wesen des Dargestellten. Zum 1. Mal veröffentlicht.     46. Blicke aus dem Fenster der Wohnung zu Rummelsburg. Studienblatt aus dem Jahre 1885. Wer genau hinsieht, findet schon den ganzen Zille.     47. Weidenbaum. Aquarellstudie aus dem Jahre 1884. Prachtvoll, dies flüchtig und doch vollständig lebendig skizzierte Stück Landschaft mit dem leicht angedeuteten Hintergrund! Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.     48. Blick auf die Ostbahn bei Rummelsburg im Jahre 1883. Im Garten die gießende Frau des Gendarmen, des »Pascha« von Rummelsburg. Auch diese Skizze ist ein Beweis für die große Begabung Zilles für die Landschaft. Genaue Sachlichkeit, von künstlerischem Temperament begleitet und beseelt! Nach dem Originalaquarell zum 1. Mal veröffentlicht.     49. Mein Soldatenrock. Aquarell aus dem Beginn der achtziger Jahre. Zille erhielt den Rock als Gabe von seinem Gefreiten, als er vom Militär (Leiber in Frankfurt-Oder) entlassen wurde. Er trug ihn jahrelang als Arbeitskittel. Auch hier tritt die Fähigkeit, den einfachsten Vorwurf durch Beseelung zum Kunstwerk zu erheben, deutlich hervor. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.     50. Weiblicher Akt. Aus Zilles Akademie-Stunden. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.     51. Aktstudie. Nach einem Mann, dessen Kopf häufig für Kaiserbilder benutzt wurde. Er fühlte sich sehr stolz als »Spezialist« und stand Akt nur im äußersten pekuniären Notfall. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.     52. Weiblicher Akt. Aus dem Ende der neunziger Jahre. Zeigt schon die Bevorzugung des nicht verschnürten Körpers. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.     53. Else B... Rückenansicht. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.     54. Kauernde auf Kissen. 12. 03. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Bei Zille gilt das Wort: das tägliche Leben ist durch Einfachheit ins Künstlerische zu erheben. Es ist weit entfernt von der Arroganz der Mystik. Aber es ist selbst ein Stück der Unendlichkeit, des Ewigen. Gerade da, wo das Leben am einfachsten ist, kann es erschüttern – durch künstlerische Darstellung.   55. Mädchen mit Fußbank, 15½ Jahre. 21.12.03 Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.     56. Gertrud L.... Akt einer älteren Frau. 2. 11. 04. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.     57. Frauen-Akt. Aus dem Jahre 1904. Zeigt, wie Zille nie sich nach der Mode richtete sondern das Weibliche in vollster Entfaltung darstellte. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.     58. Frauenstudie im Halbprofil. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.     59. Elfriede R.... auf dem Hocker. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.     60. Hühnerstudien. Nach dem Original aus der Zeit um 1890, zum 1. Mal veröffentlicht.   Allerdings erfordert das gesunde Kräfte. Diese Kräfte überwinden alles Böse, allen Jammer und führen zum Glück. Das Glück aber gedeiht nur, wo die Natur nicht vergewaltigt wird, wo Klarblickende zum Natürlichen, zur Einfachheit vordringen. Bei Zille kommt manchmal noch ein anderes hinzu:   61. Ehestandslokomotive. Studie nach einem vielgebrauchten Kinderwagen. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Er hat Mitempfinden, nicht nur Mitleid mit seinen Objekten. Er bringt Dirnen, verlauste Pennbrüder, beschmutzte Kinder, kesse Jungs und wiefe Männer, armselige Frauen, geradezu oft wandernde Lumpenbündel. Das alles ist so echt, daß die Gestalten fast riechen. Sie riechen nicht gut, wie Fritz Stahl zum siebzigsten Geburtstag von Zille schrieb: »Und doch fühlt man weder Ekel   62. Stiefel muß sterben – Studien aus der Jugendzeit. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   noch Grauen. Alles ist offenbar von einem Künstler gesehen, der beides nicht gekannt hat. Er hat alles sehr menschlich gesehen, voller Interesse für diese Leibhaftigkeit und ihre Formen und Bewegungen – nur mit ein bißchen Heiterkeit, wie man die unschuldigen Kinder und Tiere ansieht, wobei auch Moral und Ästhetik nicht mitzureden haben.   63. Auf dem Wege zur Arbeit. H. Zille: »Mein erster Versuch, etwas aus dem Arbeiterleben zu komponieren.« Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.     64. Varietétänzerin. Aquarellstudie vor 1900. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.     65. Weihnachtsmarkt im Osten von Berlin. Nach dem bunten Original aus dem Jahre 1910, zum 1. Mal veröffentlicht.   Zu diesem Stoff und zu diesem Ton paßte ganz wundersam der Stil. Stil war es nämlich trotz aller Wirklichkeitstreue. Realistische Darstellung im gewöhnlichen Sinne hätte die Stoffe unerträglich gemacht. Und um dieselbe Stimmung mitzuteilen, in der er selbst Zuschauer dieser kleinen Welt gewesen war, diese lächelnde Menschlichkeit, war es nötig, Distanz zu der Wirklichkeit zu geben. Dazu dienten ein leichter Strich, eine leichte Farbe, sozusagen ein Humor des Vortrags ...«   66. Auf dem Wege. Bewegungsstudie. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Stahl hat zweifellos mit vielen seiner Worte recht. Er deutet manches in Zilles Wesen und Kunst. Aber er enthüllt, begreift nicht alles.   67. »Nu man nich so hastig!« Skizze einer jungen Mutter, die ihr Kind gehen lehrt. Etwa 1910. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.     68. Gang ins Wasser. ›Mutta, is ooch nich kalt?« »Laß man, de Fische leben ja immer drin! ...« Nach dem zweiten Entwurf zu dem Selbstmordbild einer Arbeiterfrau, etwa 1905.     69. »Wenn ick so die Olle verkloppen könnte! ...« Nach der Originalstudie um 1910, zum 1. Mal veröffentlicht.     70. Die fahrende Kapelle. Skizze einer alten Frau, die mit ihrem geliehenen Leierkasten in den Volksvierteln von Hof zu Hof fährt und auf grauen Höfen »laut macht« – durch ihre Drehorgelei etwas Frohsinn bringt. Nach einer Originalstudie um 1914 zum 1. Mal veröffentlicht.   Zilles Wesen ist nur zu verstehen, wenn man weiß, daß er nicht nur Zuschauer dieser kleinen Welt war. Er lebte mit dieser Welt. Er lebte in dieser Welt. Er ist vertraut mit allem, was er darstellt. Er ist ein Stück von ihnen. Wenn er eine Gosse zeichnet, so war ihm selbst eine Gosse nähergekommen, als er in seiner ersten eigenen Wohnung, halb Kellerwohnung, dicht neben seinem Fenster das Leben der Gosse, das Tropfen und Klopfen, das Rieseln und Stürzen des Wassers miterlebte. Und so ist es auch mit seinen Menschen. Er lebt mit ihnen, mit diesem Volk. Er wohnt noch heute in einer Straße, in der, dicht neben dem vornehmen Kaiserdamm, »Volk« lebt, Frauen in Tüchern und mit Schürzen vor den gedunsenen Leibern, Kinder, die in zu großen Schuhen und in Latschen von der Mutter (die eigenen einzigen Schuhe sind beim Flickschuster) auf der Straße herum schlurren – und viele Männer, die mit Mützen daher kommen – und die Mädchen mit »ihm« vor der Düre stehn! ...   71. Arbeiter-Wäsche auf der Leine. Nach einer Originalstudie zum 1. Mal veröffentlicht.   Zille kennt ihre Heimlichkeiten und Freuden, ihre Kümmernisse und ihre Not. Er kennt ihre Lieder und Redensarten, ihren nie versagenden, oft eine böse Szene mit Lachen beendigenden Witz. Er hat ihre Hochzeiten, ihre Landpartien, ihre Vereinsfeiern, ihre Kindtaufen und Beerdigungen mitgemacht.   72. »Een paar dausend Steene schlepp ick jeden Dag.« Nach der Originalskizze eines Steinträgers.   Er ist kein Zuschauer geblieben, wie Stahl meinte. Er hat mit seinen Menschen alles miterlebt und mitgelebt. Er ist ihnen gefolgt von ihrer Kindheit an, behielt sie immer im Auge und im Gedächtnis, im Gefühl. So wie er sein eigenes Leben von seiner Kindheit an aufmerksam verfolgt hat und wiedergeben kann. Er steht nicht kühl beobachtend beiseite. Er lebt mit und sieht wie Schicksale sich erfüllen. Ihm ist wirklich nichts Menschliches fremd. Er glaubt nicht an Schuld. Er sieht nur Schwächen – Zustände, er sieht eben Schicksale. An anderer Stelle sagte ich schon, daß Zille sich als Knecht des Kapitals fühlt – und nur darum imstande sei, so unerhört echt und lebendig das Leben seiner Menschen wiederzugeben – die sich ja auch als verknechtet fühlen und nicht wissen, daß jeder sich befreien kann ... Dies Wort vom Knecht des Kapitals gilt für vieles, was er schuf. Er lebt in seinen Objekten. Mag das ein alter Stiefel, mag es ein Kind oder ein armes verlumptes Wesen sein: er lebt – in dem, was er zeichnet. Er bringt seine Werke dadurch zu diesem unerhörten Leben, das alle seine Werke, selbst die geringste Skizze erfüllt. Zille-Mächens. Alle abseits vom bürgerlichen Dasein sich durchs Leben schlagenden Menschen haben Heinrich Zille gereizt, sie mit seinem Zeichenstift auf dem Papier festzuhalten. Seine Zeichnungen würzte er meistens auch mit treffenden Aussprüchen, witzigen Redensarten aus dem Kreise jener, die er mit dem Bleistift und der Kohle verewigte. Das gab dann einen guten Zusammenklang. So haben wir in seinen Zeichnungen und ihren Unterschriften eine geradezu dokumentarische Schilderung dieser Nebenwelt, die allgemein »Halbwelt« und auch »Unterwelt« genannt wird. »Halbwelt« könnte man eigentlich nur die elegantere Prostitution nennen – soweit man den Anspruch gewisser reich fundierter, internationaler Kreise gelten läßt, »die Welt« zu bedeuten. Neben und mit ihnen leben nämlich diese Damen, die »halb« dazu gehören, die zufrieden sind, »Halbwelt« zu sein. Doch diese Damen haben Zille nie so recht interessiert. Ihn veranlaßten mehr die Damen der Unterwelt, also die Frauen, die unter der »Welt« standen und die sich auch in der unteren Schicht bewegten, die unter der Welt, die öffentlich anerkannt war, ihren Lebensgehalt und Unterhalt suchten. – Diese »armen Mächens«, wie Zille sie bedauernd oft nennt. Es sind gewiß keine »Damen«. Aber darum schildert er sie wohl voll Mitgefühl. Doch ich will hier keine Kulturgeschichte dieser Mächens schreiben. In meinem Buch »Das galante Berlin« habe ich mich über sie und ihr Tun und Treiben gründlich ausgesprochen, habe vor allem darauf hingewiesen, wie sich Veranlagung und sozialer Zwang, Schuld der Mitmenschen und eigene Schuld in jedem dieser Mädchen ganz verschieden mischen. Eine Unzahl von Typen! Zille hat sie fast alle dargestellt. Von der kleinen minderjährigen »Nutte« an bis zu dem alten Wrack, das schon selbst wieder »Nutten« auf den Strich schickt.   73. Erinnerung an die Schwiegerstraße in Hamburg. (1895.) Nach dam Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Diese jugendlichen Mädchen sind durchaus nicht zag bei ihrem werbenden Gewerbe. Zille läßt eine besonders keck und fidel Daherkommende fragen: »Denkst woll, ick loofe for'n Cecillienverein?« Dieser Verein wurde von der letzten deutschen Kronprinzessin für die Besserung von »Gefallenen« gegründet. Doch da war selten was zu bessern. Manche kriegten zwar das graue Elend wie Fränze, det »Kiek in die Halbwelt«: »Nu dreh ick det Jesicht nach de Wand, ick will von die janze Welt nischt mehr wissen!« Aber die meisten hatten jene selbstbewußte Art, die Zille von einem Mädchen berichtet, das bei einer Straßenpflasterung von einem Steinsetzer angerufen wurde: »Fräuleinchen, hier jehts nich mehr lang, der Weg is' jesperrt!« »Quatsch nich, Mensch, un' vermassle mir nich die Fahrt!« Das ist ungefähr dieselbe Art, die in der Bar den »Onkel« umringt: »Aba Alfred, mach dir man keen' Fleck! Jieb uns doch wenigstens noch eene Mark für die Puschfrau!« Unter diesen Mächens fanden sich auch jene, die ihre Ersparnisse gern in Edelsteinen anlegten, die gern mit Schmucksachen protzten und möglichst viel im Auto fuhren – die eben ihr Geschäft verstanden. Gute Wirtschafterinnen ... Sie kletterten, wenn's sein mußte, nur mit Widerwillen in den alten von Pferden gezogenen grünen Polizeiwagen. Die Brillantenjule: »Aba, Herr Wachmeester, immer noch keen blauet Auto!?« Doch gab es auch viele einfache Mädchen unter diesen »Strichvögeln«.   74. Nutten. Jugendliche Straßenmädchen kurz nach dem Kriege. Nach dem Original.   Sehr typisch war: Die Schifferliese. »Aus dem Spreewald, mit einer Spreezille kam die nach Berlin. Als Amme wollte sie geh'n und stieg an der Jungfernbrücke aus. Am Bollwerk, in den alten Häusern, wo nur Flaschenkinder schrien, blieb sie. Schlief am Tag in dumpfer Stube, nachts und abends stand sie an der Brücke. Sie lief den Männern entgegen, drückte die Brust heraus und frug: »Kind, willste mitkommen? Immer noch frisch von's Land!« Z. Solchen armen Mächens ging es oft bald wie der Karren-Mieze. Das unruhige Leben, das nächtliche Herumtreiben auf   75. »Ob die Schafsnäse ruffkommt?« Nach dem Original.   den Straßen und in schlechtgelüfteten Kneipen – eben der »Lebenswandel« – rieb die Mächens bald auf. Sie wurden zwar am Alexanderplatz von der Sittenpolizei regelmäßig auf Geschlechtskrankheiten untersucht. Aber sie gingen doch schließlich zum Privatarzt und baten: »Ja, Herr Doktor, horchen Se mal, wie's da aussieht. Ick jeh alle Woche eenmal nach de Sitte; aba, det wolle Jott, det sich die Kieker ooch mal um die edleren Teile bemühten!«   76. Kinder der Straße. Erster Entwurf zum Deckel des gleichnamigen Zillebuches, der vom Verlag als zu kräftig abgelehnt wurde ... Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Außer diesen nur ihrem Beruf lebenden Mächen fand Zille auch noch manche Frauen, die nicht weit von ihnen einzuordnen waren. Er neckte sie, indem er zwei von ihnen, die aus ihren Fenstern miteinander sprachen, bekennen ließ: »Komm' Sie denn mit Ihr'n Wirtschaftsgeld aus – Frau Nachbarin?« »Det ick nich wüßte! Ick muß ooch so'n bißken mitverdien!« »Ick ooch!« (Bild 75.) Zugleich hat Zille mit diesen Worten ein scharfes Urteil über Zustände ausgesprochen, in denen die Männer nicht genug Wirtschaftsgeld für ihre Familien verdienten ... * Was diese Mächens oft durchzumachen hatten, hat Zille in vielen Bildern und in vielen Unterschriften geschildert. Die Abschnitte »Zille-Milljöh« und »Zille-Kneipen« enthalten manches davon. Vor allem sei auf Frau Clara im Abschnitt »Zille als Künstler« hingewiesen, auf die Kellnerfrau, die den Frack ihres Mannes als Feigenblatt benutzte und deren Lebenswandel und deren Umgebung Zille selbst so eindringlich beschrieben hat. Das Stärkste – und nicht etwa Ungewöhnliche erzählte er aber mündlich: »Ja, die Frieda, diese Ruine von 'ner Sängerin, die im Jüdenhof wohnte, ging doch für den langen Paul. Da traf ich sie beide eines Tages auch in der Parochialritze. Damals wohnten noch ein paar Schuster da. Die Parochialstraße war ja überhaupt mal die Schusterstraße. Im Keller, im Laden, in jeder Ecke hausten Flickschuster, von denen auch mancher mit alten, ausgebesserten Stiefeln handelte. Einer von den übrig gebliebenen, ein altes Männeken, war der einzige Gast außer Paul und Frieda und mir. Plötzlich – warum war nicht zu merken – wurde Paul wütend und fiel über Frieda her. Mit einem Stoß lag sie in der Ecke. Und denn mit 'nem Stuhl über sie her. Erst die Stuhlbeine auf sie kaputt – dann den Sitz noch.   77. »Mit Minister und Geheimräte bin ick früher man so rumgesprungen!« Zwei Straßenmädchen, die »Firma« zeigen (saubere Unterwäsche), d. h. Reklame laufen. Nach einer farbigen Original-Radierung.   Wie das ein Mensch aushält! – Man sollte meinen, er müßte dann zu Gelee zerkloppt sein. Und als der alte Schuster was dazwischenrief, – Paul hin zu ihm – den Mann mit dem Stuhl hoch – und ihn auf dem Stuhl raus zur Tür. Der arme Kerl verschwand humpelnd in seinem Schuhkeller ... Frieda stand wieder auf. Paul erholte sich aufatmend von dem Hinauswurf des Schusters. Und dann standen die beiden, Paul und Frieda, an der Theke und versöhnten sich, tranken Versöhnung. So gingen sie noch weiter. Die Versöhnung mußte doch gefeiert und vor den Kollegen und Kolleginnen besiegelt werden. Im zweiten Lokal ging die Keilerei wieder los. Frieda wurde nochmals geschleudert und mit Füßen getrampelt. Aber schließlich zogen die beiden Arm in Arm nach ihrer Wohnung im Jüdenhof ... Frieda hatte den langen Paul verpfiffen. Die Keile war ihr wohl doch zuviel geworden. Sie hatte eben angegeben, daß er von ihr Geld genommen hatte. Daher vielleicht auch ab und zu seine Wutausbrüche – weil er wußte, sie brauche sich nicht alles gefallen lassen – sie könne sich einmal rächen. Als sie aber vor Gericht gegen ihren Paul aussagen sollte, nahm sie alles zurück. Es war ihr Glück. In der Parochialritze hatte kein Mensch mehr mit ihr gesprochen. Selbst ihre Kolleginnen auf der Straße waren ihr ausgewichen. Die hatten Angst, sich mit ihr sehen zu lassen. Und wenn sie nun woanders hingefahren wäre, hätte sie auch nicht lange Ruhe gehabt. An der neuen Stelle hätten die Männer bald erfahren, wo sie vorher war und hätten nachgefragt: Dann wäre sie von Berlin aus verpfiffen worden.   78. Trine. Armes Straßenmädchen um 1900. Nach dem Original.   Und wenn sie nicht zurückgenommen hätte, wäre sie schließlich totgeschlagen worden. –« * Zu diesen Kreisen gehörten auch Gestalten wie die dicke Fischern, von der Zille erzählte: »Die dicke Fischern war wieder mal wegen Stubenkuppelei nach Moabit geladen. Die Nacht vorher hatte sie noch in Männerkleidung bei einem Herrenabend des Artistenklub R. verbracht und kam ›geladen‹. Mit Schürze und Umschlagetuch – nicht, wie man sie sonst kennt, mit großem Hut, Zigarette und Bulldogge, wenn sie vormittags von den von ihr einquartierten Mädchen die Tagesmiete einkassiert oder abends neue Schäfchen an den Straßenecken ausstellt, mit den ermunternden Worten: ›Hier bleibst du stehn, olle Kuh, bis dir eener anquatscht‹ – einfach gekleidet kam sie vor die Schranken. Sie war ›geladen‹; ›heite besorje icks die Schwarzen!‹ ›Angeklagte, haben Sie noch etwas zu erwidern?‹ ›Hoher Herr Gerichtshof, ick will nich lange mäckern, aber es hat so mancher Assessor und Referendar bei meine Meechens gepennt. Wenn se aber den Trauermantel umhab'n, dann kenn se een markier'n, der die Gefühle verbietet. Darum bitte ick den hohen Gerichtshof um mildernde Umschläge!‹ Nüchtern, ohne Umschläge – aber ›geladen‹ kam die Fischern erst nach drei Tagen in ihre, häusliche Arena.« * Wenn diese Menschen alle recht gemütlich beisammensitzen, dann reden sie auch von den Künstlern, die besonders gern Zilletypen darstellen und meinen: »Wenn man so in die Kintöppe seht, wie se sich hab'n, – die Lotte Werkmeister, die Cläre Waldoff, die Söneland – der lange Westermeier, un' der schlaksige Lambert Paulsen – un' wie die Prominenten alle heißen – dann denkt man, det se woll alle in die Kaschemmen sin' uffjewachsen – ihre janzen Fisimatenten hab'n se sich von uns so hintenrum abjekiekt und sich so quasi wejjeschnüffelt – Kunststück!« (Siehe Bild 3.)   79. Eigene Rechtspflege. Im Korridor des Kriminalgerichts Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Das sind dieselben Menschen, von denen Zille unter ein sehr echtes, unter sein bestes Bild aus dem Scheunenviertel schrieb: Sehet die Vögel unter dem Himmel, sie säen nicht, sie ernten nicht – – Auf diesem Bild gingen Straßenmädchen neben alten gebückten Arbeitern, schwangeren Frauen und rhachitischen, unterernährten Kindern an den verfallenden Häusern entlang. Das Äußere der Mächens hat sich ja zwar gewandelt – wenige gehen jetzt noch mit dem hohen Haarwulst und der Schürze. Sie haben alle die Mode mitgemacht, sich verjüngt. Laufen mit Bubikopf und kurzen Kleidern und brauchen nicht mehr mit dem weißen Unterrock »winken«, brauchen nicht mehr die Röcke anheben (Bild 77). Aber ihr Lebensinhalt ist der gleiche geblieben. Die meisten bleiben stecken in dem »Lebenswandel« und tippeln als Straßenmädchen weiter ihren Weg, leben weiter zwischen alten, gedrückten Arbeitern, kränklichen, unterernährten Kindern und überbürdeten Frauen. * Voll Bitternis über soziale Ungerechtigkeiten schrieb Zille unter ein Bild, das Mächens zeigte, wie sie zur ärztlichen Kontrolle nach der Sittenpolizei gehen: Und wirst du die Geschlechter beide fragen: »Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte.« * Aber er zeigte die Mächens auch, wie sie ihre Erlebnisse – selbst im Warteraum der »Sitte« auf dem Alex – gern mit Scherzen heiter durch würzten: »Det dauert ja heite so fürchterlich lange!« »Weeßte, da is'n neuer Doktor, der scheniert sich noch.« Manchmal wurden sie auch elegisch: »Weeßte, so im Frühjahr muß ick immer an mein' ersten Bräutijam denken!« »Welcher? Der Schiele? – Der Lange?« »Nee, nee, der mit'n Holzbeen!«   80. »Mutta, verjiß nich die Visitenkarten mit die neue Adresse drucken zu lassen. Nach dem Original.   Und auf gute Beziehungen zu ihrer Familie legten sie auch Wert. Zu Vaters Jubiläum brachten sie Sekt und sagten liebevoll: »Hier Vata, noch wat janz Extra's von mein Baron, wat wir imma bei Adlon trinken.« Aber sie konnten auch schadenfroh sein und beim abgebauten Schutzmann auftrumpfen: »Na, Schutzmannskarl, nu kannste keen fleißiges Meechen mehr die Tour vermasseln!«   81. Morgenstimmung. »Nu halt' mir ordentlich feste, un wenn mir eener kennt, denn seid ihr meine Töchter.« Nach dem Original.   Aber es gab auch Schwachköpfe unter ihnen, wie Lene mit's Jlasooge: Bei ihrem neuen Liebsten machte Lene außerdem noch Sonntags auf dem Rummel die Frau Direktor, sie rekommandierte: Bild jefällig? usw. Nur konnte sie, Männern gegenüber, die beiden Gewerbe immer nicht recht auseinanderhalten und flüsterte oft: »Na, Kleener, mitkomm? Jleich um die Ecke!«   82. In der Kaschemme. »Warum heiratste nich de Liese, Paule? Sie kocht dir, se wäscht dir – un wenn de besoffen bist, weeßte, wo de hingehörst!« Nach dem Original.   Wenn man sie jedoch sehr mit Abgaben bedrohte, erklärten die Mächen sich für »Selbsthilfe«: »Wenn se uns ooch noch sollten eene neue Steier uffknallen, weeß Jott, Olja, ick passe – da wer ick lieber wieder anständig!« War die Zeit der Liebe vorbei – war Lude gestorben, dann machten sie seine Kleidung wieder zu Geld und brachten sie zum Leihhaus, wenigstens so lange, bis sich ein anderer Bräutigam dafür fand: »Fünf Mark auf die Hose, Fräulein, ick denke Ihr Bräutigam is tot?« »Is er auch. Ich habe se ihm aber nich mitgegeben!« Wenn aber ihre Zeit vorbei war, wenn die vergängliche Schönheit abgefallen war, dann dachten sie an Abfindung und an eine gute Brotstelle, wie die »Schokoladen-Toni«. »I – mein Schwarm is' – – wenn mir mein Jraf eene Damentoalette in een pickfeinet Restaurant pachten täte, dann hat man doch immer noch Anschluß an die noble Welt!« Daß ihr Lebenswandel nicht nur eitel Sonne und Wonne war, mußten sie meistens schon früh erfahren. Zu Weihnachten, wenn andere Menschen ihrem eigenen Gefallen leben dürfen, wenn die jungen Mädchen in der Familie gehütet und gehätschelt werden, dann müssen sie, trotz Kälte und Nässe, »Geld verdienen«. Und wenn es ihnen nicht glückt, recht viel zu erwischen, dann werden sie in der Familie ihrer Kuppelmutter barsch angeschrien: »Zehn Em uff den Heiligenabend! Det ihr eich nich schämt! Aber wart' man, ick bringe euch noch in die Fürsorgeerziehung!« Sehr zärtlich sind ja die Kupplerinnen und Mädchenhüterinnen nicht immer. Und da stehen dann die Schäfchen auf der Straße und bitten: »Frau Müller, machen Se uff, 's is kalt, et regnet, 's is nischt mehr los – wir frier'n –« Trotzdem verstehen die Mädchenhüterinnen immer wieder Nachwuchs an sich heranzuziehen. Und erinnern die Jungen an die vielen Lustmorde, dann tröstet die Alte:   83. »Det Jift soll ihr bis hinten durchgebrannt sind!« Nach dem Entwurf zu dem bekannten Zillebild, das den Selbstmord eines Mädchens illustriert. Nach dem Original.   »Dann kriegt ihr ooch 'n pickfeinet Begräbnis – 'n weißen Sarj Jungfrauensarg. und der Verein singt! – –« * Hierzu sind die nächsten Kapitel: »Die Männer der Mächens«, »Milljöh« und »Zille-Kneipen« und die in ihnen enthaltenen Bilder zu beachten. Die Männer der Mächens. Zu den Mächens, die hauptsächlich im vorigen Kapitel und auch im Abschnitt »Kneipen« geschildert sind, gehören auch deren Männer. Auch sie waren Stoff für Heinrich Zilles Zeichenstift. Er hat sie von mancherlei Seiten erlebt, gesehen und dargestellt. Sie sind eben nicht nur mit dem bestimmten Wort »Zuhälter« abzutun. Unter ihnen gibt es die verschiedensten Typen, die verschiedensten Gründe und Ursachen für ihre Lebensweise. Auch hierüber habe ich ausführlich im »Galanten Berlin« geschrieben. Ebenso wie diese Männer manchmal Mädchen und Frauen anlocken, unter ihre Botmäßigkeit stellen und zu dem »Lebenswandel« nötigen, ebenso locken auch solche Mächens Männer an. Und zwar besonders gern stattliche Gestalten. »Bei mir hast' et ja viel besser!« (Bild 85.) Sie kluften ihren Freund ein, machen ein »Klub«-Mitglied aus ihm (Bild 86), der auch manchmal »nachdenkt« (Bild 87), der voll Stolz herausfordernd mit den Mächens sich sehen läßt – der in Kneipen verkehrt, wo die Mächens zu »Witwen« gemacht werden (Bild 89) – und der schließlich im Dämmer der Gefängniszelle sinnt: »Wer nie sein Brot mit Tränen aß.« (Bild 90.) Zille hat diesen Werdegang in einer Reihe von Zeichnungen geschildert, die diesem und dem vorausgehenden Kapitel sowie den Kapiteln »Kneipen« und »Milljöh« beigefügt sind. * Und damit sind wir bei der Umwelt dieser Unterwelt angelangt. Da kommt ein kesser Junge zum Witwenball, Berlin N, Müllerstraße: Franz, der Löwe des Nordens: »Ober, wo sind denn die Damen?« »Ausjehoben!« Bald sind sie sehr empfindlich und rufen übermütig dem Schupo nach: »Wat, der Jrüne? Dem is woll lange keen Ooge über't Schemisett jerollt!!« Aber sie parieren auch, wenn ihr Kaschemmenwirt kommandiert: »Achtung, Kinder! Die Polente kommt – singt een frommet Lied!« Alle: »– – Heil dir im Siegerkranz!« (Bild 113.) Diese Herren erkennen auch die Tüchtigkeit ihrer »Leibeigenen« an. »Ick kann nich klagen, meine is fleißig, die kiekt den janzen Tag aus d' Fenster!« sagte einer zum andern. Zwar haben auch diese Freunde und Bräutigame sich der Neuzeit angepaßt, gehen nur selten noch in Sportwesten, ohne Kragen, mit flatterndem Apachentuch und flacher Mütze. Sie passen sich noch mehr als früher der Umgebung an und halten auf gute Kleidung, gehen zu ihren Festen und Beerdigungen mit Smoking und Frack, mit Zylinder und Lackschuh. Wie sie sonst zu ihren Mächen stehen, das zeigt nicht nur dies Kapitel, sondern mancher Satz aus mehreren anderen. * Viele meinen es gewiß gut mit ihren Mächens und suchen zu einem Erwerb zu kommen, bei dem sie ehrlich was leisten. Manchen gelingt es auch. Ebenso wie manchem Mächen. Allerdings halten sie sich für den Wohltäter der Mächens und trösten sie: »Frieda, sei zufrieden, daß de det blaue Ooge hast, sonst is der Steckbrief sehr jenau.«   84. Mächens und ihre Freunde. Charlottenburg vor 1900. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Zille neckt sie deshalb auch einmal. Er läßt ein Mächen der Friedrichstraße den Notschrei ausstoßen: »Herr Schutzmann, mein Bräutigam will det Jeld nich nehm'n.« In der Wirklichkeit geben nämlich auch oft die Mächens alles, was sie sich erwerben, ihrem »Bräutigam«. Eine will die andere übertreffen. Sie kaufen ihm Pelze und Ringe, Lackschuhe, silberne Zigarettendosen und goldene Uhren. Wer den andern in die Unterwelt hinabgezogen hat, wer ihn dort festhält – ob der Mann die Frau oder die Frau den Mann – oder ob die soziale Lage sie hineingezerrt hat, oder irgendwelche Sonderveranlagung – das ist nur sehr schwer in jedem Einzelfall zu ermitteln. Und so kommt es denn oft zu Aussprachen heftiger Art, in denen er sie anschreit: »Von wegen Bräutigam, dein Freund soll ick sind!« Aber ebenso oft machen sie auch einander Freuden: diese Männer und diese Mächen. Da sagt z. B. Krawattenmaxe zu seiner Olga: »In Paris tragen jetzt die feinen Meechens Ringe an die Zeh'n, und da bring ick dir ooch wat vor deine Pfoten, Olja.« Und Ede denkt immer an seine Erna und überrascht sie zum Geburtstag: »Nee, Ede, die Freide! Du hast dir for mir fotografiern lassen?« »Ja, siehste, wie se mir damals uff'n Alexanderplatz zwangsweise geblitzt ha'm, hab ick mir gleich gedacht, det Bild klau ick for meine Erna!« Sie haben denn auch manchmal Gelegenheit, miteinander zu arbeiten. Doch ist es recht selten geworden, daß ein Mächen mit ihrem Mann losgeht und ihm nach einem Überfall auf einen von ihr Angelockten zuruft: »Da haste nu schon wieda det Messer stecken lassen. So 'ne Bummelei! Du willst een Lude sind!«   85. »Oskar, laß doch die Olle! Bei mir hast et ja viel besser!« Verführung eines Bauarbeiters durch ein Straßenmädchen. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.     86. »Klub«-Mitglied aus der Friedrichstadt. 1900–1914. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Immerhin kommt es schon mal vor, daß in die Kreise, die sonst jetzt ziemlich viel auf Reputation halten, sich auch Leute mischen, die nach verübtem Verbrechen den Bericht in der Zeitung lesen und voll Dankbarkeit den Vorschlag machen: »Weeßte Schorsch, die Rezensjon von unsen Einbruch is einfach knorke! Ob wir den Pinkel mal nachts 'ne Stippvisite machen?«   87. »Laß mir mal nachdenken!« Skizze nach einem Mädchenfreund. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Auch andere »Geschäftsleute« drängen sich in diese Kreise. Spieler amüsieren sich über den dummen Vogel, den sie rupfen: »Weeßte Emil, Skat is langweilig, wir woll'n wat Besseres zeigen, weeßte! Jottes Segen bei Cohn, da kann er viel jewinn!« Und wenn sie dann als Zeugen zum Kriminalgericht müssen, meinen sie: »Man weeß nie, Oskar, ob se een wieder weglassen!« Und der Transporteur, der die Festgenommenen und Verurteilten an den Ort der Buße bringt, neckt sie gar: »Jetzt werden die Zellen alle rund jebaut!« Der Sträfling: »Warum denn?« Der Transporteur: »Daß ihr nischt mehr sollt in die Ecken machen!« Während sie »sitzen« entsteht Trauer im Gesangverein: »Die Bässe sitzen in Plötzensee, da krieg'n wir keen anständiges Lied mehr zusammen!« Ehrfurchtsvoll mahnt der Vorsitzende ihres Ringvereins beim Stiftungsfest: »Ehe die Fidelitas steigt, woll'n wir noch der Männer unserer Frauen in Plötzensee gedenken und einige Ansichtspostkarten loslassen laut § 3 unserer Statuten.« Sind sie dann entlassen, singen sie wohl: Ja, in Hamburg bin ich gewesen, In Sammet und in Seide gehüllt. Meinen Namen durft' ich nicht nennen, Denn ich war ja ein Mädchen für Geld. Ach Mutter, ach herzliebste Mutter, Verstoß' nicht dein unglücklich Kind! Unterm Herzen hast einst mich getragen, Für das Gute, da war ich zu blind. Und schließlich sagen die armen Verwandten, wenn sie die reiche Tochter ihres Onkels besuchen: »Weeß Jott, Lilli, bei dir ist's dufter als in ›Tegel‹!« * Zille selbst erzählt von manchem, der wegen irgendeiner Rauferei vor dem Kriege nach Plötzensee mußte: »Im Krieg machte ich auch manchmal meine Runde durch die Lokale. Da traf ich sie alle, die Mitglieder vom Verein Norden und den andern Ringvereinen. Draußen war keiner. Und wer nicht da war: ›saß‹! –« Z.   88. »Das war die Liebetrut, die war dem Berger gut. Sie war erst 15 Jahr, als er ihr Lude war.«   Straßenmädchen und ihre Freunde. Entwurf aus dem Jahre 1903. Nach dem Original.   Von einem, der sich besonders überlegen fühlte, berichtete Zille: »In einer Kellerkneipe lernte ich auch den ›Fürst ohne Hirn‹ kennen. Der warf einfach einen andern Gast, dessen Nase ihm nicht gefiel oder der ihn angesehen hatte, durchs Fenster auf die Straße. Kam – schob seine breiten Schultern durchs Lokal – kriegte ein rotes Genick, riß das Messer raus – haute es in den Tisch. Wenn gespielt wurde, stieß er den Bankhalter weg und schrie: ›Wat is los?‹ Strich alles Geld vom Tisch und steckte es ein. Alles war mäuschenstill. Später war er im Krieg. Soll 'n Leutnant über Bord gestoßen haben. Vor Gericht spielte er den ›wilden Mann‹ – kam ins Irrenhaus – nachher wieder raus. Keiner wollte sich mehr mit ihm einlassen. Er hatte den ›Jagdschein‹, d. h. er stand unter § 51 = unzurechnungsfähig ...« * »Einst sagte ich an einem Tisch in einer Kaschemme: ›Als ich in Sonnenburg (Zuchthaus) war –‹ ›Unter welchem Direktor?‹ fragte einer hastig. ›Als ich euch bewachte!‹ antwortete ich. ›Ach so –‹ antwortete er enttäuscht.« * »Im Krieg war einer, der hatte es weg. Als sie den einzogen, bückte er sich nach rechts und sagte: ›Das ist es nicht!‹ Dann bückte er sich nach links und sagte wieder: ›Das ist es nicht!‹ Und so bückte er sich immerzu und sagte: ›Das ist es nicht!‹ Sie untersuchten ihn. Aber bei den Ärzten machte er's ebenso. Und da sie nicht aus ihm klug wurden, kriegte er Strafe. Aber er bückte sich immer nach der einen und nach der andern Seite und sagte: ›Das ist es nicht!‹ Schließlich bescheinigten sie ihm seine Krankheit. Und als er entlassen war und die Dokumente hatte, sagte er: ›Das ist es‹!«   89. »Jetzt wollen se uns schon wieder zu ›Witwen‹ machen.« Razzia in einer Kneipe der Männer und Mächens. Nach dem Original.   »Da ist der Klub in der T-straße. Wer nicht 180 Pfund stemmen kann, wird nicht Mitglied. Der hatte in einem Prachtsaal des Nordens sein Fest. Ein Riesensaal voll Menschen, von denen jeder sein Aktenstück hatte ... An den Seiten standen die vom 17. Mai, Sie wissen ja: § 175. An den Tischen Budiker, Kuppelwirte, Ärzte dazwischen, bekannte Leute. Tausende von Menschen. Und ein Stück wurde gespielt: ›Die Halbwelt im Westen und im Osten‹. Die eine mit seidenen Betten und Spitzenhemden. Die andere mit 'n wackeliges Holzbette und in Lumpen. Gespielt wurde gut. Die brauchten ja nur aus ihrem Leben raus spielen. Auch 'n Gardeoffizier spielten sie – mit Reitstiefeln, 'n Adlerhelm auf dem Kopf, was sonst verboten war. Aber diese geschlossene Gesellschaft konnte sich das erlauben. – Die Damen waren natürlich auch dabei und lachten am lautesten über die Witze, die auf der Straße nicht zu erzählen waren. –« * »Einen Verbrecherball habe ich auch mitgemacht. Auch irgendein Verein. Irgendwo in einem Hinterhaus in der Volksgegend – 'ne Wendeltreppe rauf. Scharfe Kontrolle: ›Woher haben Sie das Billett?‹ ›Na – von einem Wirt in der Linienstraße.‹ ›Was heißt Wirt – Linienstraße! Die is lang! ... Wie heeßt er denn?‹ ›Den Namen weiß ich nicht.‹ ›Denn könn' Se nich rin!‹ ›Na – er is tätowiert – vom Fingernagel bis zur großen Zeh'.‹ ›Ach so – der? – Na, denn jehn Se man ruff.‹ Oben im Saal erregte ich mächtiges Aufsehen. Ich paßte doch gar nicht zu ihnen. Die waren alle im Smoking – ich bloß in grauem Anzug. Gleich kam mir ein Bekannter entgegen:   90. Wer nie sein Brot mit Tränen aß – Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht – ihr himmlischen Mächte – Im Gefängnis. Nach dem Original.   ›Zille! – Na meinswegen. Aber nich zeichnen! Det gib's hier nu nich!‹ ›Nee – nee! Sag man den andern, daß ich ungefährlich bin!‹ beruhigte ich ihn. Bescheiden setzte ich mich an einen Seitentisch. Dann kamen sie auch bald an aus der Friedrichstadt. Elegant die Damen, mit Hosenrock, wie das gerade modern war. Manche Herren kamen gleich mit drei Damen an, die für sie tippelten. Die schönsten Gelbsternfiguren. Dann zeigten die Männer Kraftproben. Athletenstücke, nackend, nur einen schmalen Schurz vor. Aber das Verblüffendste war mir doch 'ne Nebensache: der Flügel stand ihnen im Wege. Da nahmen ihn zwei und stellten ihn von der Bühne runter in den Saal, wie wir einen Stuhl aus dem Wege stellen. Dann wär's mir beinah schlecht gegangen. Ich mußte doch zeichnen, konnte nicht anders. Da saßen in meiner Nachbarschaft Internationale. Fesche elegante Kerls. Mit Mädchen. Sprachen fremd. Englisch. Da zog ich 'n Blättchen und skizzierte heimlich unterm Tisch. Gleich kamen sechs angetrappst durch den Saal: ›Det haben wir uns gedacht!‹ Ich sagte: ›Seh'n Sie mal Ihre Gardrobenfrauen. Die drücken sich die Nase breit an den Glastüren. Die können ja viel mehr erzählen als ich!‹ Da sagten sie schließlich: ›Bleib man!‹ Aber die Notizen mußte ich zerreißen. Ich war schließlich auch 'n ›Gezeichneter‹ – weil ich so viel gezeichnet hatte! ...«   91. Der feine Alex und »Seine«. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   »Milljöh.« Zilles »Milljöh«, ist sprichwörtlich geworden, ist ein allgemein bekannter Begriff. Er umfaßt nahezu sein gesamtes Schaffen. Und Zille ist so volkstümlich geworden, weil er in seinem Werk immer unser Volk, unsere heimatliche Umgebung in ihren besten und oft belustigenden Erscheinungen gezeigt hat. Auch da, wo er als sozialer Warner und Schilderer auftrat, mußte man ihm oft beistimmen. In fast allen seinen Arbeiten, Zeichnungen und Unterschriften ist er jedenfalls ein prächtiger Mensch und Künstler – wie es ja dieses Buch, das alle seine Schilderungen und Späße aus seinem Milljöh in den verschiedensten Kapiteln zusammenfaßt, beweist. Hier kann nur auf alle diese Kapitel – besonders auf »Kneipen«, »Mächens«, »Männer«, »Fräuleins«, »der fünfte Stand« und auf die Kapitel hingewiesen werden, die seinen Werdegang schildern. Er bevorzugt mit Vorliebe die nicht Bevorzugten, und um des unmittelbaren Eindrucks willen sei hier noch einiges mitgeteilt, was er außerdem erzählt: »Das bucklige Lieschen! Ach Jott – nu is sie längst im Hospital . . . Die kleine Hofsängerin! Da hat sie öfters am Tisch gesessen und hat alle die Geldstücke aus die Schürzentaschen geklaubt – und aufgeschichtet – und gezählt – die Sechser – die Zweipfennigstücke und Einpfenniger. Die hatte sie sich ehrlich verdient mit ihrem Gesang auf den Höfen. Sie sang doch zu gern das Lied von dem schwarzen Husaren! Als sie das letztemal bei mir war, fragte sie mich noch, ob sie mir nicht ihr Lieblingslied vorsingen solle ... (Siehe Bild 34.) Ja – die kleine Hof Sängerin –, und die Hellseherin: die Irene! Die traf ich alle bei der Frau Doktor in der Kopenhagener Straße. Auch so einer armen Eheverlassenen. Der Mann – so ein Ethiker –, mit dem sie als Sekretärin ein paarmal nach Amerika gefahren war, hatte sie schließlich mit den Kindern hier sitzen lassen in Elend und ging allein nach den Vereinigten Staaten und machte nun den Amerikanern schöne große Worte von der großen Liebe und Allmacht.   92. Das »Graue Elend«. Treppe im sogenannten Rattenhaus, der ehemaligen Kaserne in der Alexanderstraße gegenüber der Magazinstraße, in dem Gerhart Hauptmanns »Ratten« spielten und in dem H. Zille als Junge Kommißbrot von den Soldaten kaufte. Nach der Originalstudie zum 1. Mal veröffentlicht.   Na ja – ich wurde denn nu mal zum ›Tee‹ gebeten zu Frau Doktor, Kopenhagener Straße, Hof, Quergebäude. Ne schmale graue Stube. Ein ausgesessenes Sofa, auf dem die Frau Doktor saß, ein schwächliches ältliches Frauchen, und Zirkel hielt. Kisten als Stühle. Die Beleuchtung ganz herrschaftlich: 'ne Küchenlampe ohne Schirm. Vorm Fenster eine alte Waffelbettdecke gehängt. Vorhänge – dazu reichte es doch nicht ... Als ich eintrat, kam mir ein ganzes Rudel Katzen entgegen. Ein schwarzer Kater sprang mir an die Brust und schlug mir ins Gesicht. Die Weiber schrien: ›Figaro! Willst du artig sein!‹ Sie taten so, wie wenn es ihre Lieblinge wären. Aber sie werden wohl ab und zu einen in den Topf gesteckt haben ... Die Nachbarn brachten alle Abfälle zum Futtern. Ein ganzer Berg Bücklingsschalen lag vor der Tür. – Dann wurde an die Wasserleitung geklopft. Und daraufhin erschienen die Nachbarn. Das bucklige Lieschen – die Hellseherin Irene, die immer wahrsagte, aber schließlich nicht mehr wollte – die Masseuse, die schon Vorstrafen hatte wegen § 186 (Abtreibung) und deren Mutter, die ehemalige Hebamme, die auch schon ein paarmal Z. (Zuchthaus) hinter sich hatte, aber dick und gemütlich hereinwalzte. Die hatte Kundschaft bis hinter Stettin und bis hinter Frankfurt. – Na – und dann die Männer. Irene mit ihrem Kohlenträger, einem breiten Kerl mit mächtigem Schnurrbart, der sich auch zu Tode gesoffen hat. Und der sie oft an ihren Haaren durch die Stube schleifte. – Der Kerl hat sich denn auch an der kleinen Tochter von der Irene vergangen. Sieben Jahre war das kleine Mädchen. Aber das lag so in der Familie. Ihrer Mutter, der Irene, war das auch mit sieben Jahren passiert. Das ist eben Tradition. Einer von den Männern war tätowiert von den Fingerspitzen bis zum Zeh. Eine Nichte von der Frau Doktor rief: ›Onkel, zieh doch mal die Hosen runter und zeig deine Abziehbilder!‹   93. »Heute jibt's keen Frühstück! Vater is in Tegel un Mutter is nach de Entbindungsanstalt jebracht!« 1. Figur zu dem Bild. Nach der Originalstudie zum 1. Mal Veröffentlicht.   Das Lieschen hatte auch so einen, den sie noch mit ernährte – auch ein strammer Kerl, der sechs Tage nichts tat und am Sonnabend beim Barbier Seifenschaum schlagen half. Zu was anderm war er zu dumm. Na, schließlich kriegte denn das bucklige Lieschen auch vorn einen Buckel. Ich sagte: ›Aber Lieschen! Muß denn das sein!?‹ ›Na – man will doch ooch 'n Mann haben!‹ trumpfte sie auf. – – Und denn saßen wir beisammen. Es gab Flaschenbier. Ich kriegte das einzige Glas. Die andern tranken alle aus der Pulle. Und denn hielt die Frau Doktor von ihrem ausgewuchteten Sofa aus ihre Reden. Und die andern erzählten Erlebnisse aus ihrem Leben. Da gab's was zu hören. Beim Schein der Küchenlampe. – Das war der Salon in der Kopenhagener Straße, Hof, Quergebäude.« * Freiheit. »Als der übelste Teil des sogenannten Scheunenviertels noch stand, fristete in einem der engsten Höfe der verkommenen modrigen Gassen ein Eschenbäumchen sein kümmerliches Dasein. Wie die Menschen, mit denen es die Atmosphäre äußerster Armut teilen mußte. Die Rinde zerhackt, zerschnitten, die ärmlichen Äste mit Lumpen behängt, umlagert von Müll und Unrathaufen. In diesem dumpfen Gefängnis, früh bis spät umstrichen von menschlichem Elend, rang es, wie ein Kranker, nach Luft und Sonne. Es waren hier wohl früher Gärten gewesen und die Esche die letzte Erinnerung an Kieswege und Blumenbeete. Nun ist der ganze Stadtteil abgerissen, das Bäumchen steht wieder in Luft und Sonne. Es hat den Abbruch mit angesehen, wie vor vielen Jahren den Aufbau der elenden Zufluchtsstätten. Es hat Blätter, die bis zum Herbst aushalten. Seine Bedränger, die finsteren Mauern, sind als Bausteine in Haufen aufgestellt und, von der Sonne beschienen, ganz freundliche Nachbarn. Mancher von denen, die in dem Hause aufgewachsen, als Kind das Messer an der Rinde des Baumes probierten, ist jetzt noch Gefangener in einsamer Zelle. Von Zeit zu Zeit besuche ich das Bäumchen.« Z. »Meine Freundin Radieschen erwarb ihren Lebensunterhalt mit Heben und Ringen auf Rummel- und Schützenplätzen. Ihre Spezialität war Gürtelringen. Ihr Mann war ihr ständiger Partner dabei. Er rang selbst mit ihr, damit nicht andere sie dabei hinwarfen und ihr schadeten. Er unterstützte sie eben, trat immer als ein anderer Mann auf. Wenn einer aus dem Publikum mit ihr ringen wollte, kam er herauf   94. Abbruchschilderung aus dem Scheunenviertel. Nach der Originalstudie zum 1. Mal veröffentlicht.   auf die Bretter. Er hatte sechs Anzüge und kam immer als anderer Mann, zog sich inzwischen immer rasch um. Manchmal ›knackte‹ er auch. (Bild 95.) Als ich sie zeichnen wollte, wurde der Mann zum Bierholen geschickt. Oder er ging mit einem Freunde aufs Dach und ließ seine Tauben fliegen. Trank auch mal feste. Aber vor allem trank Radieschen. Sie trank so viel, daß ich dachte: Wo trinkt sie denn das nur hin? Sie platzt doch! Jetzt wiegt sie 565 Pfund, bedient in einem Bierstall. Eisenbahn kann sie nicht fahren. Sie geht einfach nicht hinein.« * Der Budenengel. »Schon zu meiner Jugendzeit gab's die Marktunternehmer, wenigstens solche, die Buden für die Verkäufer aufbauten. In den siebziger und achtziger Jahren baute ein gewisser Engel auf dem Dönhoffplatz den Markt auf. Arbeitslose machten das natürlich. Sie nächtigten vorher in den Hausfluren, um ja zur rechten Zeit zur Stelle zu sein. Gleich früh stellten sie die Buden auf. Um eins wurde wieder abgebaut. Der dicke Engel paßte nur auf und kassierte bei den Händlern das Budengeld ein. Die Arbeitslosen lauerten die ganze Zeit auf Bezahlung. Engel stand da, quatschte mit den Händlern – sah die Hungernden gar nicht. Schließlich reichte er ihnen ihre Groschen mit abgewandtem Gesicht. Seine Jungs aber ließ er studieren ...« * »Einmal saß ich gerade in einem Spielkeller. Vorn war's natürlich 'ne Budike. Nur im Hinterzimmer wurde fleißig ›gezogen‹. Plötzlich kam einer raus. Brüllte, brüllte: ›Mein Jeld is weg! Falschspieler! ... Mein Jeld – mein Jeld!‹ Der dicke Wirt und der Spanner, der an der Türe aufpaßte, daß kein Unberufener reinkam, hielten ihn fest. Er schrie noch lauter. Da schob ihm der Wirt 'ne Handvoll Geld in de Tasche: ›Sie haben ja Jeld! Wat wollen Sie denn noch?‹ Er stutzte – ließ das Geld durch die Finger gleiten – wollte erst die Treppe rauf – raus. Aber dann machte er wieder kehrt und rannte in die Spielstube.« * »Irene, die Wahrsagerin, eine Bucklige, hatte eine Hebamme als Mutter. Die durfte aber nicht mehr greifen (bei Geburten helfen). Hatte viel ›Z‹ (Zuchthaus). Die zweite   95. Gürtelringkampf zwischen Mann und Frau in der Bude auf dem Rummelplatz. Nach dem bunten Original zum 1. Mal Veröffentlicht.   Tochter hatte auch ›Z!‹. Die massierte ... Irene hatte natürlich 'n ›Bräutigam‹ mit Schnurrbart und breite Schultern. Als ich einmal zu Besuch bei ihr war, hatte sie 'n ganz spitzen Kürbis (Bauch). ›Nanu» Irene? Wülste ooch wat Kleenes haben?‹ fragte ich. ›Hab' doch 'n Bräutigam!‹ antwortete sie stolz. Neulich aber erzählte sie mir, daß er tot sei. Sie hatte ihn ja gut gepflegt. Aber das Leben! Der ville Schnaps! Und die wilden Sachen. Sie lebte noch. Wollte aber nicht mehr wahrsagen für die reichen Leute – Filmautorin wollte sie werden. Ich sollte ihr bei helfen. Das ging doch nicht. Wovon sie jetzt lebt – weeß ick nich ...« * »In diesem Haus in der Waisenstraße wohnte eine alte Frau in einer Stube, in die nie Licht, geschweige denn die Sonne hineinkam. Erst als das Haus in der Neuen Friedrichstraße, das davor stand, abgerissen wurde, sagte die Alte freudestrahlend: »Jetzt scheint mir die Sonne in den Hals!« Aber es dauerte nicht lange. Bald wurde ein neuer, noch höherer Komplex in der Neuen Friedrichstraße aufgeführt. Da saß die Alte wieder im dunklen Loch.« (Bild 96.) * Aus einer Erzählung in Briefform »Berliner Hochzeit« Aus dem Buch: »Zwischen Spree und Panke«, Verlag C. Reißner. seien hier dazu einige charakteristische Proben mitgeteilt: »Erinnerst Du Dich noch an Fritz und Lene, die vorm Krieg die verschiedenen ›Bouillonkeller‹ hatten, wo wir, um das ›Müljöh‹ zu studieren, manche Nacht verbrachten – mit und ohne Gefahr? Zu denen war ich zur Hochzeit geladen. Den Kelch durfte ich nicht vorübergehen lassen, die alten Beziehungen mußte ich wieder auffrischen. Also hin nach   96. Rückfront von der Waisenstraße nach dem Abriß der Häuser in der Neuen Friedrichstraße, die auf diese Weise das erste Mal Licht bekam. Nach der Originalstudie zum 1. Mal veröffentlicht.   Berlin O, Nummer 30; das Haus sah bös aus, Revolutionsruine, keine ganze Fensterscheibe, Risse in den Wänden von Fliegerbomben, schien ganz ohne Bewohner, nur im Laden, der geschlossen war – Musike. Ein junges, recht feierlich aussehendes Mädchen, das mit einem halbwüchsigen, feldgrauen Burschen ein altes, lahmes, müdes, zerrissenes Sofa vom Handwagen lud und gerade erst in das Haus einzog, frug ich, wo Lene wohne: ›Immer da, wo't lustig is!‹ Sie zeigte auf den Laden. ›Ick bringe bloß noch mein Jeschäft in Ordnung un' verklebe det Fenster, denn bin ick ooch dabei.‹ An der Hintertür klopfte ich an. Mit großer Freude wurde ich empfangen und kam gerade recht zum Kaffee: Kaffee, Sahne, Kuchen, alles Marke 1913, noch alles da! Die Festtafel: Bretter mit weißen Tischtüchern. Überall nickten mir, zwischen Grün und Blumenpracht, die Gesichter der alten Bekannten zu. Da gab's keine Vermißten, Internierten, in fremden Ländern Gefangengehaltenen, keine Verletzten, überall blanke Augen, rote Wangen, selbst Totgesagte waren hier, wer fehlte, saß! * Die Herren in tadellosen modernen Oberhemden mit funkelnden Knöpfen; der Bequemlichkeit halber hatten sie sich die Röcke ausgezogen. Die Damen waren sowieso luftig kostümiert. Na, und das Hochzeitspaar, Fritze und Lene! Du weißt ja, daß beide nicht heiraten konnten, es war irgendwas dazwischen. Unter der neuen Regierung gings aber nun glatt. Die Kinder, die Du noch klein gesehen, sind jetzt groß und kräftig, Hans zwanzig und Grete neunzehn, der kleine Fritz vierzehn Jahre, alles echt Berlin. Bouillonfritze ist stärker geworden. Das macht wohl die frische Luft. Das bekommt ihm besser als früher das nächtliche Kellerleben; er spielt noch seine ›1000-Mark‹-Geige, die mal jemand – im Keller ›vergessen‹ hat. Auch die Kinder sind musikalisch, Ziehharmonika, Mandoline, Guitarre, Hans spuckt auch auf den Knüppel, er bläst Flöte. Ich fragte:   97. Alt-Berlin. Alte Häuser in der Parochialstraße. In dem kleinsten Hause befindet sich jetzt eine anarchistische Buchhandlung gegenüber vom Stadthaus. Nach der Originalstudie zum 1. Mal veröffentlicht.   ›Na, Fritze, was treibste, wie jehts denn?‹ ›Bloß Schiebung, Heinrich, fahre Schiebung, schiebe selber. Komm mal uff'n Hof, seh mal, det sin' meine vier Wagen un' meine Pferde, alle viere scheene rund.‹ ›Kann Dir nich mal een so'n früherer hast so'n Pferd zum Pferdeschlächter abholen?‹ ›Kiek, Heinrich, hier schlafe ick, alles Alarmbereitschaft, Jewehr, Revolver, Handgranaten – die Freindschaft kann ick jut erwidern! Un Hans is' Stallknecht, ooch Kutscher. Jrete fährt Reisende mit Jepäck von Bahnhof zu Bahnhof.‹ * Jetzt kamen auch noch ›Radieschen‹, das noch runder ist als früher und zwei Stühle braucht, Deine gute Bekannte, die ›Liese‹ die ›Kunststopferin‹, die ›Lene‹, die ›Pinkelmartha‹ und unsere ›ehrpusselige Frieda‹, die ›Germaniapuppe‹. Sie ist noch majestätischer, länger und stärker, nebenbei noch verheiratet. Den Schnapsladen hat sie nicht mehr, die geistigen Getränke verschiebt sie in der Wohnung. Du weißt, daß ich sie ›Germaniapuppe‹ taufte – lange vorm Krieg – und sagte: ›Frieda, wenn sie Dich an den Rhein stellen, kommt keen Aas rüber!‹ – na, nu haben wir den Krieg verloren. Der Glanzpunkt der Feier: Essen und Trinken. Hör, Wilhelm: Schweine- und Kalbsbraten, Spargel, Kohl, Reis, alle Arten Kompotts, alles, alles, bloß keine Kartoffeln. Frau Lene sagte: ›Kinder, Kartoffeln hab'n wir nich, die woll'n wir die arme Leite lassen!‹ Wein, Schnaps, Bier, die besten Marken, Vertrauenssache – Woher? wurde nicht verraten –, aber es schmeckte nach ›Ein- und Ausbruch‹, gut abgelagert. Schneckenmaxe, Du kennst doch noch den Klavierluden aus Lenes Brühkeller, der mit den runden Beinen, der seine Hosen über 'ne Tonne getrocknet hat, der spielte den Hochzeitsmarsch aus ›Lohengrin‹, und das Kauen konnte losgeh'n. * Die Toilettengelegenheit noch die alte biedere Art, wie wir's früher im Brühkeller kennenlernten: Faß, Eimer, Topf – Stechbecken.   98. Ein Fräuleinszimmer. Nach der Originalzeichnung zum 1. Mal veröffentlicht.   Lieber Wilhelm, das Fest war gut. Kein Stolz, keine Scheu, sozial, unabhängig, kommunistisch, vertraulich – – rein menschlich. Aber so schön es war: während des Tanzes und aller anderen Überraschungen drückte ich mich. Wollte nicht, daß vielleicht einer der Gäste, und wäre es auch nur aus Ehrgeiz, vor mir in meiner Wohnung gewesen wäre.« Z. * Über die Umwelt der Kinder in manchen Volksfamilien plaudert Zille in einer schriftlichen Skizze: »Berlin N, zweites Quergebäude. Schmaler Hof, aber dafür schön hoch, sagt der Hauswirt. Frau Meyer, die Meyersche, wie man sie im Hause nennt, wohnt hier vier Treppen. Seit Jahren ist sie von ihrem Mann verlassen, trotzdem – die Mutterschaft stellt sich jährlich pünktlich ein. Kinder leben noch, vom 13jährigen bis zum Flaschenkind. Frau Meyer hat noch Licht. Wenn man sie alle zusammen sehen will, dazu noch die Schlafmädchen, muß man spät abends kommen. Die größeren Kinder tragen Zeitungen aus, die Kiemen treiben sich auf Rummelplätzen und bei den ›Kintöppen‹ herum, ihre geistige Nahrung. Die leibliche Nahrung holen sie meist aus der Schulküche, wovon Mutter mitißt. Nach langem Klopfen wird geöffnet. ›Ach Jott doch, hab ick mir erschrocken! Ick dachte schon, die Polente kloppt. Wat sie woll denkt! Ick habe keene Fohsen, bin keene Kuppelbosten (Kuppelmutter)!‹ Küche und Stube, voll von schlechten Betten und alten Matratzen. Elender Hausrat, aus der Brockensammlung erstanden. Schlechte Luft.   99. Vier Zillegören vom Wedding. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Dore, die Fünfjährige, die drolligste von den Kleinen, macht sich nicht bemerkbar. ›Nee, Dorchen schläft nich, kommt jleich, is' drei Treppen uffs Kloster, unsert is' verstoppt, heit abend war se im Kintopp.‹ Da kommt sie auch schon, ein Liedchen singend ... * ›Det wird mal ne richtige Giftige, aber nu rin in de Flohkiste –‹, und Dorchen legt sich zur schwangeren Schlafburschin Ida.« Z. * In der Schilderung einer andern Hochzeitsfeier hat Heinrich Zille in ganz klassischer Weise das Leben der Berliner Unterwelt festgehalten. Um seine wirklich plastische und lebensechte Darstellung zu beweisen, seien hier einige größere Stellen aus »Bindedrahts Hochzeit« Aus dem Buch »Berliner Geschichten und Bilder«, Verlag C. Reißner. zitiert: »Ja, Bindedraht macht Hochzeit mit Trude, ›die Braut‹. Beide neu eingekleidet. Emils linke Hand, mit Trauring über dem Handschuhfinger, auf der Brust. Alle Leute müssen es sehen, er ›macht ihr (die Braut) ehrlich‹. Seit sie im ›Karree‹ geht, heißt sie ›die Braut‹. Die großen müden Augenlider, ihr zaghaftes Ansprechen der Männer gab ihr den Namen. Schläfrig geht sie an seiner Seite. Ihr alter trauriger Vater und zwei Männer, Bindedrahts Bekannte, folgen als Trauzeugen. An den Fenstern der alten wackligen Häuser lauern die aus den Betten gekrochenen Kolleginnen der Braut, es ist ja Trudes Ehrentag – ›Heite wird sie sittefrei!‹ Das von Ludwig von Hofmann mit Bildern geschmückte Standesamt in Alt-Berlin erlebte manche solche Trauung. Der Stadtbezirk hat viele solche Existenzen.   100. Mansardenzimmer eines Mädchens. Aquarell-Studie nach der Wirklichkeit. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Die allzu aufgeklärte Jugend und neugierige Frauen erwarten beim Amor des Standesamts das getraute Paar. Schiffer, alte Freunde der Braut, die sich am Bollwerk der Spree aufgestellt haben, rufen lachend rüber: ›Trude, wir gratulieren dir! Haste ooch keene Angst vor die Brautnacht?‹ * Die Krebslene (sie hat den Brustkrebs), die Wirtin von Schnalles Stammkneip«, erwartet das Paar schon vor der Schenke. Mit lauerndem Blick: ›Na, alles dufte? Habt ihr eire Klamotten zusammengeschmissen?‹ Sie eilt befriedigt nach der finsteren Küche, um den Festbraten, eine von einem Freier Trudes gespendete Gans, fertig zu schnuddeln. Die Freunde Bindedrahts, die Zunft nennt sich unter sich ›Brider‹, sitzen schon, wie alltäglich, saufend, rauchend und bei sonstigen guten Dingen beim Kartenspiel. * Dann aber ruft der lange Paul in seinem natürlichen rauhen Ton: ›Emil, nu ran hier, zieh de Handschuh aus, es fehlt een Dummer am Tisch!‹ Emil spielt mit. * Trude sitzt in Krebslenes altem Lehnstuhl und schläft, ist sie doch bis gegen Morgen das Karree abgegangen. In die noch von etwas Frühlingssonne erhellte Gaststube schleicht sich eine kleine, verhutzelte, scheu blickende Frau. Das zerknitterte seidene Kleid zeigt, daß es selten aus dem engen Kommodenkasten rauskommt. Sie schiebt schnell hinter den großen Ofenschirm – Bindedrahts Mutter, Kuppelbosten. Die Sonne, das große Licht, ist ihr zu hell, ein beinah unbekannter Stern. Ihr Platz ist nachts an der Kochherdecke, horchend auf knarrende Treppenstufen, Tür öffnen – Geld nehmen – Tür schließen. Der fensterlose Liebesalkoven gibt ihr am Tage Nachtruhe. * Trude träumt, grübelt. Emil will sie nicht mehr auf den Strich schicken, weil sie immer müde ist. Sie soll ihm alles sauber halten. Aufwartestellen bei alten Herr'n annehmen, alte Kunden kämen noch genug von selbst.   101. Treppe im Krögelhaus. Eine der ersten echten Zillekompositionen aus dem Jahre 1891. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   ›Ja – nee – bloß nischt mit die Sitte mehr – und Fröbel (Frauengefängnis) – nee – nich riechen.‹ Sie weiß, er hat noch drei zu loofen, vielleicht lassen sie'n mal alle wer'n – jäh schreckt sie auf – ›Emil, wann ziehste in eire eijene Wohnung?‹ fragt mit schnarrender Stimme Salon-Willi, ihr früherer Liebster, während des Kartenspiels vom Nachbartisch rüber. ›Det hat noch Beene, eene Schwindsichtige is' noch drin, die nibbelt aber bald ab (stirbt bald). Dann muß se ausjewanzt und tapziert wer'n, ooch sind Schwaben drin – so lange kann se noch loofen!« Mutter Bindedraht wird unruhig – es ist spät, die Pflicht ruft, lautlos, wie sie gekommen, schleicht sie sich weg. Krebslene macht Feierabend. Nun geht's noch zum Schlesischen Karl, eine Straße weiter, wie alle Abende. Nach alter Gewohnheit läuft Trude allein auf dem anderen Bürgersteig. Ein Mann spricht sie an, aber Emil ruft rüber: ›Hau ab, Trude, heite nich!‹« Z. * Einige von Zilles Bildunterschriften, die bestimmte Seiten seines Milljöhs beleuchten, seien hier noch mitgeteilt: Auf dem Flur des Kriminalgerichts in Moabit sagt »Kriminalstudent« Bolle, genannt: »Der Lindenpinscher!«: »Unter drei Jährikin kommt der da drin nich weg. Junge, Junge – wie mußt du dir amüsiert hab'n!« Von dem Kulturzustand der Rummelplätze zeugte eine Unterhaltung aus einer Ausstellerfamilie: Auf dem Rummel. »Wat schrubberst de denn uff de Lola rum –« »Na heite als Engel mit det weiße Triko – da scheint ja allens durch!«   102. »Heute jibt's keen Frühstück! Vater is in Tegel un Mutter is nach de Entbindungsanstalt jebracht!« 2. Figur zu dem Bild. Nach der bunten Originalstudie.   Was Kinder in gewissen Kreisen zu hören und zu sehen bekommen und was für sie ganz selbstverständlich ist, erläutert: Frau Storchens Ruhetage. »Wo is denn eire Mutter, Kinder? Is se uff Kundschaft?« »Uff Muttern kenn Se diesmal nich rechnen, die sitzt schon drei Wochen, die hat Mißjeburten jemacht!« * Und wie Vater und Mutter ohne Rücksicht auf ihre Sprößlinge ihrem Vergnügen nachgehen, kritisiert Zille: Beim Morgengrauen. »Ach Jotte ne, Mann, kiek doch, wie munter Erich aussieht, hat der aber ooch gepennt im Geigenkasten!« * Das führt dann zu den vielen Kindergräbern und Kinderbegräbnissen, von denen Zille zu melden weiß: Zur Mutter Erde. »Besauft eich nich und bringt det Sarj wieder, de Müllern ihre Möblierte braucht'n morgen ooch.« Die Dürftigkeit, die nicht einmal einen eigenen Sarg fürs Kind der Liebe kaufen kann, macht die Mutter auch oft lieblos, wie das illustriert wird: Beim Photographen. »Warum nicht zwee Bilder, Freilein, von die Kleene; vielleicht vor'n Bräutijam eens?« »Den Affen! Ick will bloß een Andenken von det Kind, heute abend setz' ick die Jöhre aus!« Das sind die Folgen jener Freuden und Zillefeste, die in mehreren andern Kapiteln geschildert sind und die hier ergänzt seien durch die Unterschrift vom Erntefest auf dem II. Hof, Berlin O. Maxe, komm in' Kientopp rin, Heut' wechselt det Programm, Wir nehm' 'nen reservierten Platz, Wir rücken dicht beisamm'. Maxe, wenn et dunkel wird, Dann macht es riesigen Spaß, Wir knutschen, knutschen, knutschen uns, Bis wieder brennt der Gas.   103. Das Fräuleinskind. Meist sah man die kleine Anna in der Gosse spielen. Ihr gekrümmter Rücken und die zusammengezogenen Beinchen ließen sie nicht mit anderen Kindern umherspringen. Nun ist Annekin im Himmel. Die Engel haben den Buckel aufgemacht, die gequetschten Flügel rausgelassen und geplättet. Sie jubiliert in Luft und Sonne. Auf dem Weg zum Kirchhof, ihrer ersten und letzten Wagenfahrt, gab ihr der Himmel Regengeplätscher für Musik und Tränen. Und doch, der Tod, der alte Gleichmacher, erfreute die Mutter noch. Er verbesserte dem Schöpfer sein Werk. Die gekrümmten Glieder streckten sich, grad und schlank lag Annekin zum ersten Mal – aber im Sarg. »Ja, Freilein,« sagte die alte Nachbarin, »so'n kleenet Kind is eijentlich erst scheen, wenn's tot is!«   Auch auf die Tanzfeste hat Zille hingewiesen. Maskenball des Gesangvereins »Hoffnung«                 (gemischter Chor). »Herr Wirt, jeben Se mir mal von Ihr Zweirad die Luftpumpe; een Herr hat mir soeben den Busen injedrückt!« * Ein Lieblingsfeld seiner Studien und Schilderungen waren immer die Freibäder. Deswegen seien auch hier noch einige Scherze mitgeteilt, die Zille im Freibad einfielen: Man kann auch »zu Hause« naß werden. * »Der kleene Dicke – der sieht doch aus, als wenn det Thielscher wäre!« »Thielscher – der kommt doch nich' her!« »Na – der will doch ooch mal baden!« * »Die Menschen sind doch viel lustiger im Wasser.« »Gewiß, hier müssen sie den Kopf hochhalten.« * »Erst wollte mich der Olle uff Händen tragen, un' nu nimmt er den janzen Buckel dazu.« * Die Dichterin Elfriede von Köckeritz wird durch das Gemurmel der Spree und das Rauschen des Schiffes elegisch angehaucht – aber sie kann's nicht bannen – sie hat nichts zum Schreiben. Da kommt ein jovialer Berliner ihr entgegen. »Mein Herr – bitte – haben Sie vielleicht ein Stückchen Papier?« – »Och – nehmen Se doch Jras!« * Aufklärung. »Mutter, warum baden die Leite nich' nackicht?« »Weil se sich dann nich' kenn seh'n lassen.«   104. Wochenende. »Wenn de noch lange kiekst – schielste!« (Luftbad an der Havel.) Aus Hans Ostwald: Urberliner Band I.   * »Maxe, warum trägt man eijentlich Trikots?« »Damit et nich so piekt, wenn man sich uff'n Kienappel setzt.« * Zille kritisiert oft auch gewisse Mängel, wie das im Kapitel »Zille als Sozialkritiker« ausführlich behandelt wird. Aber seine Kritik klang meist spaßhaft. Sein Ärger über das Gefrierfleisch, mit dem die ärmere Bevölkerung vorliebnehmen muß, machte sich Luft: * Das überseeische gefrorene Hammelfleisch. »Minna, det Fleisch is hart!« »Mann, vielleicht steckt noch Frost drin!« * Und daß Berlin außerdem auch seine k'essen Armen hat, bewies Zille mehrfach und auch mit der Zeichnung vom Abend im Tiergarten. »Keene Bleibe, lieber Herr, jeben Sie mir een Jroschen fürs Nachtlager!« »So? Sie haben ja noch 'ne Zigarette!« »Aber Mensch, uff die Zigarette kann ick doch nich schlafen!« * Ein buntes Kaleidoskop von Menschen, Zuständen, von Irrungen und Wirrungen: das ist Zilles Milljöh. Mit einer bewundernswerten Universalität hat er es »ins Auge geklemmt« und wiedergegeben – was in diesem Kapitel und auch sonst in diesem Buch berichtet, dargestellt und erläutert wird. Zille-Kneipen. Wenn man Zille will verstehn, muß man in Zillekneipen gehn. Also in die Lokale, in denen das einfache Volk verkehrt und auch in solche Gastwirtschaften, in denen allerlei Entgleiste und Verunglückte, vor allem auch die Armen im Geiste und im Gelde eine billige Geselligkeit und eine wohlfeile Betäubung ihres Elends suchen. Dort wird man nicht nur seine Menschen finden, sondern zugleich auch manche Aufschlüsse über sie. Aus seinen Schilderungen wird das Berliner Kneipenleben der letzten Jahrzehnte wach. Sie sind ein Stück Kulturgeschichte der Reichshauptstadt. Vor allem die Schilderungen aus den Kellern. Diese Kellerlokale sind ja in letzter Zeit fast ganz verschwunden – bis auf den berüchtigten Jägerkeller in der Jägerstraße, in dem auch gewisse Kavaliere aus der Friedrichstraße und manche von ihren Damen verkehren. Auch der »Stramme Hund« am Oranienburger Tor, in dem nach durchkneipter Nacht Studenten, Kellner, Künstler, Universitätsprofessoren und Droschkenkutscher an weißgescheuerten Tischen beisammen saßen und Erbssuppe speisten, besteht noch – mit fast demselben Publikum (Bild 106). Nur kommen anstatt der Droschenkutscher mit den blauen Pelerinenmänteln jetzt Schofföre in Lederjacken. Sie riechen nicht mehr nach Pferd und Stall, sondern nach Öl und Benzingas. Im Osten und auch im Norden gibt's noch Kellerwirtschaften. Aber sie sind doch recht vereinzelt. Und der Hammelkopp-Keller, in dem die abgeknabberten Köpfe unter den Tisch geworfen wurden, ist auch eingegangen. Von einem andern typischen Bierkeller (siehe Bild 105) erzählt Zille: »Vor fünfundzwanzig Jahren verkehrte ich im Bayrischen Bierkeller in der Poststraße. Es ging eine gewundene Treppe runter. Unten saßen wir im Halbdunkel auf einfachen Bänken an Holztischen. Aber 'n großen Seidel gab's. Der Wirt – nu ooch schon tot ... Da konnte man Leute finden. Fast alle ohne Kragen. Hausdiener – und Schiffer von der Mühlenschleuse. Und Gelegenheitsarbeiter. Feine Leute bei! Die jetzt bloß auf die Groschens für den Topp warteten und denn gleich runterkamen in den etwas dustern Raum. Feine Leute – zum Beispiel ein Deutsch-Russe, der in Rußland Inspektor auf einem ganz großen Gut gewesen war und Sonnabends Tausende an: die vielen hundert Arbeiter ausgezahlt hatte. Jetzt hatte er keinen Pfennig mehr in der Hand. Und der Bierkeller ist längst ein Produktenkeller geworden. Alter Dreck wird da gestapelt ... Außer den diesem Kapitel beigefügten Bildern sind zur Ergänzung zu beachten: die Abbildungen zu »Die Männer der Mächens«, »Milljöh« und Bild 3. « In diesen Kellern hat Zille manches Motiv gefunden. Das bezeichnendste ist wohl: »Methyl. ›Der Bückling war jut. Bloß der Schnaps hatte so 'n Beijeschmack nach Rosenlikör.‹« In diesen Kellern verkehrte eben oft die armseligste Gesellschaft, die nicht viel für einen Schnaps zahlen kann. Und der Wirt ist auch nicht immer sehr gewissenhaft. Er will doch auch bestehen! Und die Leute verlangen doch nun einmal ein großes Glas »Kognak« für zehn Pfennige! Z. * Außer diesen Kellern gibt's dann auch noch einzelne »Bouillonkeller«, die etwa um 1900 und bald darauf aufkamen. Das waren Lokale ohne Konzession, Schnaps und Bier auszuschänken ... Sie hatten auch meist die ganze Nacht auf und schänkten billig warmen Kaffee und Milch sowie andere alkoholfreie Getränke. Es waren Ersatzlokale für die zu teuern Kaffeehäuser. In ihnen suchten alle Menschen Erfrischung, die nachts in der Weltstadt unterwegs sein mußten: Zeitungsdrucker, Kutscher, Straßenmädchen, deren Freunde, ferner Bettler – und auch Künstler, die nicht so leicht zur Ruhe kommen. Neuerdings hat ja ein ganz einfaches Kellerlokal einen ungeheuren Zulauf von Künstlern, Rechtsanwälten und andern Nachtbummlern. Allerdings gibt's da auch Alkohol ...   105. Der Bayrische Bierkeller in der Poststraße. Typisches Lokal, in dem Straßenhändler, Bettler, Hausdiener und Schiffer verkehrten. Nach einer Original-Radierung zum 1. Mal veröffentlicht.   In die Bouillonkeller aber kamen auch jene Nachtgestalten, von denen Zille allerlei erlauschte. Wieviel rührende Sehnsucht und Zuversicht äußerte sich in dem Seufzer der blinden Bettlerin zu ihrem erbärmlich ausschauenden neuen Führer: »Willem, ich glaube, du mußt ein schöner Mann sein!« * In manchen Bouillonkellern wurde auch gespielt. In der Mitte ein Tisch für den Bankhalter. Ringsherum die »Klub«mitglieder aus der Friedrichstraße, bepelzte Bardamen und andere Nachtvögel. Die Geldscheine wurden in der Inflation nur gebündelt in die Bank geschmissen oder dem Gewinner hingeworfen ... In solchen Bouillonkellern wurden aber auch gute Ratschläge von guten Freunden erteilt: »Warum heiratste nich die Liese, Paule? Sie kocht dir, sie wäscht dir, sie flickt dir, – und wenn de besoffen bist, weeste wo de hinjehörst!« (Bild 82.) Manche der Keller waren so niedrig oder hatten einen so niedrigen Eingang, daß größere Menschen sich beim Hinabsteigen bücken mußten. Sie bekamen dann davon ihren Namen, wie das »Hotel Bück Dich«. Der Wirt, der Patriotenwillem, hielt eine derbe Standpauke an seine Gäste, kümmerliches Bettelvolk:   106. Unterm Niveau. Im Keller zum Strammen Hund. »Der Herr und die Dame! Zweimal Schweineschnauze!« Nach dem Original.   »Wenn ihr eene blasse Ahnung von Staatserhaltung un Sittlichkeit hätt', tat ick eich wat von unse Parade vor S. M. erzählen. Aber ihr wißt ja nich eenmal, wer eich rausgelassen hat. Denkt bloß ans Fressen un Saufen, mir anzupumpen un Lause an de Stuhlbeene zu schmieren.« Aber es gab auch andere Keller, zu denen bessere Gäste hinabstolperten. Zille erzählt: »Ja, da war in der Jägerstraße auch der Meyerkeller. Wo jetzt der Jägerkeller ist. Da standen anstatt Tische nur Tonnen. Und auf einer Tonne saß so'n verkrachter Assessor. Der machte den Clown. Dafür hatte er Essen und freie Zeche. Der hängte jedem, der 'rein kam, einen Namen an: Nasenmeyer – wenn er eine große oder 'ne Himmelfahrtsnase hatte. Bartmeyer – wenn er einen langen Bart trug. Hutmeyer – wenn der Hut auffällig war. Schielmeyer – wenn er nicht grade sehen konnte. Und dabei waren; die Leute vergnügt – und die Hauptsache war der Suff.« * Die meisten Kellerlokale aber waren von der Art der »Pansch-Apotheke«, deren Wirt einer jungen Mutter den allzu weisen Rat gab: »Junge Frau, der Schnaps is gut for Kinder, da verdrücken sich die Würmer!« Wie manche Wirte lebten und endeten, erzählte Zille einst drastisch: »Ja, der eine Kellerwirt fürchtete das Delirium. Aber den ganzen Tag trank er nur Kognak. Wasser oder Kaffee oder gar Essen kam nicht über seine Lippen. Abends aß er ein Pfund Butter. Wenn er ganz voll war vom Kognak, dann ging er aufs Klosett und nahm sich ein Pfund Butter mit, das er da aß. Oft fanden wir ihn morgens da eingeschlafen. Einmal schrieb er an mich, aber ich kam schon zu spät   107. »Weißbier macht so voll!« Studie zu einem Bilde aus einer Weißbierkneipe. Nach dem Original.   hin. Er war schon tot. Hing schon ganz kalt am Fensterriegel. Ich sollte wohl für seinen kleinen Jungen sorgen, der bei der Großmutter lebte ...« * »Vor allem aber gab es bei diesen Kellerwirten immer die echte Berliner Weiße. Für bessere Gäste, die 25 oder gar 3o Pfennige anlegen konnten, die große ›Märzweiße‹, ein Getränk, das nicht zu sehr mit Wasser versetzt war und mehrere Wochen oder Monate im dunklen Kellerloch lagerte. Und sonst die ›kleine Weiße‹ für 10 und i5 Pfennige. Zwischen jedem Glas Weißbier wurde ein Kümmel genehmigt. Die große Weiße wurde aus der Steinkruke in breite Glasstumpen ausgeschänkt, die von mehreren Gästen gemeinsam ausgetrunken wurden. Mit dem Daumen wurde ins Glas hineingefaßt und es an den bärtigen Mund geführt. Das war die Gegend, in der die dickbäuchigen und rotnasigen Trinker sagten: ›Weißbier macht so voll‹ – ›Ja – und es gibt Leute, die jar keens trinken können!‹ Da neckten sich die echten Schnapsbrüder: ›Ja, Willem, Nagels Kirsch mußte immer verdünn', sonst'en kriegste Löcher ins Hemde!‹ Und die Familienmutter wies ihr Kind zurecht in solchem mit Papierband zurecht gemachten ›Bürgerheim‹: ›011er Brüllaffe, Vater muß doch erst trinken, dann kannste det Jlas auslecken!‹« * Eine solche gute Alt-Berliner Kneipe schilderte Zille mir in diesen Worten: »An der Ecke vom Krögel war vorm Kriege noch so 'ne richtige alte Berliner Weißbierkneipe. Wunderbar – echt Biedermeier. Mit bunten Glasecken im Fenster – Tisch und Stühle echt – die Schnapspullen fein gebaucht – und allerlei Raritäten.   108. »Familienleben.« »Zu ville derf man ooch nich saufen, Fräulein, sonst kann man zu Hause de Olle nicht vahaun!« Im alten Weißbierlokal am Molkenmarkt. Nach einem bunten Original.   Die Gastwirtstochter war ein feines Mädchen. Sie schänkte ja noch ein – aber sie hatte Stimme und nahm Gesangunterricht. Sie ist nu auch Sängerin. Und neulich war sie mit ihrer Tochter bei mir. Schon ein großes Mädchen. Aber die will doch nu nich singen lernen – nee, zum Film! Und denn gleich Diva! ... Ja, die hatten dann die schöne Kneipe verpachtet. Und der Pächter hat keine Pacht gezahlt und hat ein Stück nach dem andern aus der schönen Einrichtung verkauft. Die schöne goldene Uhr unter dem Glassturz – Gläser – Stühle – Schränke. Die alten Wirtsleute mußten die Budike wieder selbst übernehmen und sie neu einrichten. Aber die schönen alten Sachen waren futsch. In alle Winde zerstreut.« * Erschütterndes erzählt Zille aus einer andern Kneipe aus Alt-Berlin: »An der Wand hingen verrostete Schlittschuhe. Wer im Winter auf den Hof wollte zur P.P.-Tonne, mußte sich die Dinger anschnallen und über die gefrorene Feuchtigkeit in die verschwiegene Ecke schuddern. Dabei rannte ick im Dunkeln gegen einen. Der rührte sich aber nich vom Fleck. Und da steck ich 'n Streichholz an – und denke, ich bin im Panoptikum. Da hatte sich nämlich einer aufgehängt – und ich hatte ihn bloß 'n bißchen ins Schaukeln gebracht.« * Der Gasthof zum Grünen Baum im Scheunenviertel war natürlich nicht mit dem Gasthof in der Krausenstraße zu vergleichen. Er hatte ganz andere Gäste, die sich einquartierten und einschätzten nach dieser Tabelle: Ein Bett, täglich bezogen. Ein Bett, zweimal in der Woche bezogen. Ein Bett, einmal in der Woche bezogen.   109. Gasthof zum Grünen Baum im Scheunenviertel, in dem es Betten gab nach der Taxe. Täglich frische Wäsche. Wöchentlich 2x frische Wäsche. Wöchentlich 1x frische Wäsche. Auch, wenn jeden Tag ein anderer Gast im Bett schlief. Nach einem bunten Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Und wer noch weniger Geld hatte, legte sich in ein Bett, das immer monatlich einmal bezogen wurde und in dem also vielleicht schon zehn oder zwanzig andere Gäste geschlafen hatten. – * Von solchen Kneipen und ihren Gästen entwirft Zille selbst ein anschauliches Bild: »Im Schatten Schiefe Häuser, dunkle steile Treppen, winklige Stuben, zum Verkriechen einladend. Wenige kennen die alten engen Gassen, mitten in der Stadt, das Rauschen der Großstadt flutet abseits vorbei. Dazwischen ein Häuschen, wie aus einer Kleinstadt geholt, mit spitzem Giebel nach der Straße gestellt. Beschattet von einem alten Nußbaum, dessen Wurzeln sich im Keller und unter dem Straßenpflaster festhalten. ›Kuchenhaus‹ nannten es die Gäste der Gastwirtschaft ›Zum Nußbaum‹. Wer fand Süßigkeit? Die der Nußbaum festhielt, verkamen in Bitternis, Krankheit und Elend. Leute mit Namen gab es hier. ›Der Major, der Schutzmannskarl, die gnädige Frau, der Fürst ohne Hirn, der polnische Graf, die Veilchengräfin‹ und so viele. Mädchen, mit kurzgeschnittenen Haaren, aus der Strafanstalt entlassen, schlürfen im wilden Tanz Freiheit und Schnaps. Bleiche Männer, scheublickend, unterernährt, Schädel und Wangen rasiert, noch Zuchthausluft ausatmend, lassen sich hier wieder ›Herr‹ nennen. Wer wieder frei, den zog es nach des Nußbaums Schatten. So war's vor Jahren – So war's noch jetzt. – ›Matrosenkarl‹, ›Bockwurst‹, ›Ede‹, ›der lange Paul‹,›Schnepperchen‹, ›der Löwe des Ostens‹, ›Schmorjule‹, ›Liese mit's Jlasoge‹, ›Elsa mit 'n Doppelarsch‹ – nur andere Namen. Paula mit den bandagierten Krampfaderbeinen, grauem Kopf, ›aber def Herze is' noch jung!‹ Als sie jung, waren die Hausdiener ihre Freier, nun sind's die Herren Chefs, – ›die Konfektion is' mir treu!‹ Der ›Judenmaxe', der schlanke Juden Jüngling und brutale Zuhälter. ›Jiebt's woll noch een Jewerbe, wo sich der Jude nich rindrängelt!‹ sagt der frühere Damenschneider Milli, jetzt auf den Namen ›Wanda‹ hörend. Wanda hieß auch die kleine dicke Budikerfrau im ›Hotel de Bückdich‹, acht ausgetretene Stufen führten hinunter. Mutter Wanda hatte immer noch einen kleinen Gratislikör übrig, gegen Würmer und Bauchweh, für schnapsholende Kinder. ›Wat willste Paule?‹ »Für zwee Jroschen Leichenwagen mit Troddeln!‹ Ob Pauls Vater seinen Leichenwagen in dieser Ausstattung später an der Somme auch bekommen hat?« Z. * Über dies Nußbaumhaus, über dies Wahrzeichen Alt-Berlins in dem Winkel an der Ecke der Fischerstraße, das schon Jahrhunderte überdauert hat und nun vom Magistrat vor dem Zusammenbruch durch einen gründlichen Innenausbau gerettet wurde, schrieb Hans von Zwehl zum siebzigsten Geburtstag Zilles: »Ein toller Gasthof mit einer tollen Geschichte! Ein paar Häuser weiter hat einst Michael Kohlhaas gehaust, der Monomane der Gerechtigkeit, der Dörfer für ein paar Pferde verbrannte, und der vom Scharfrichter mit dem Beil hingerichtet wurde. Heute tropft noch Moder, Pilz und Unrat auf die engen Höfe und die Phantasie der Kinder, die in dem schmalen Durchgang nach der Spreebrücke vor den alten Schweineställen spielen, ist von struwelpetrigem Aberglauben erfüllt. Vor dem Wasser, in der Köllnischen Straße, ist auch eine Herberge für die ›Berber‹, die Bettler, die hier ›Platte‹ schlafen, das heißt auf dem Tisch oder, wenn sie reicher sind, auch im Bett. Die greisenhaft komischen, manchmal auch ganz jungen und überreifen Insassen dieses Herrenhauses der Armut, das Selma Lagerlöf geschrieben haben könnte, sind von unerhörter Naturtreue. Einen von ihnen nennen sie Kasimir, der ist wie der arme Tom im Lear. Ein Irrer, der einen nackten Plattschädel zwischen zwei Haarbüscheln trägt und die gefolterten Augen nach innen dreht, ein Nietzschekopf im letzten Stadium, der ein gehetztes, wissenschaftliches Kauderwelsch hersagt und ständig das Pensum eines in ferner Kindheit dunkelnden Gymnasiums daherplappert: ›pepaideuka, pepaideukas‹, und manchmal sagt er auch mit herrischen Gebärden: ›Accent aigu, accent grave‹. Die Alte dort am Ofen, die auf jeden Fremden mit sehnsüchtig dürstenden Blicken zueilt, ist die Schönste des Hauses: eine verlebte 63jährige Dirne, aber von biegsamer Schlankheit der Glieder und mit den klugen leuchtenden Augen eines gestrandeten Lebens. Die Graue hat dem Meister Zille, wenn er gut gelaunt war und Geld ausgab, um Schnaps zu trinken und Speck und Käse zu holen, oft Modell gesessen. Und es heißt, daß der Meister ihrem Liebsten, der blind wurde, eine größere Summe Geld gegeben hat, um ihn vor dem Elend zu bewahren. Jedenfalls verfügt sie über größere Autorität gegenüber den jüngeren Weibern und ist Gebieterin auch über einen Teil der Männer, die hier auf der Lauer herumsitzen und sich nach einem Spender sehnen. Da ist der Ringnepper und der Spritzapotheker und der Diskant junge im Mufflonfell mit Puderquaste, grünem Kleid und roter Bluse, die Musikantin mit dem fanatischen Ausdruck der Lesbierin, dem intelligenten Gesicht und den gestorbenen Pupillen, dazu die Fahrer in den tschechischen Äppelkähnen, die Hamburger Stüermanns, die Händler mit Knöpfen und Hosenträgern, die Hofsänger und die Fuhrleute, und wenn einer Geld zeigt und es eine Stubenlage gibt, lacht das ganze Milieu.« H. v. Zwehl fragte einst Zille: »Und der Nußbaum? Und das Geld für den Blinden?«   110. »Der Nußbaum«. Bierlokal in Berlin C.   »Det Nußbaumhaus,« sprach Zille langsam, »ja, det habe ick bekannt jemacht. Und ick soll eenen Jeld jejeben haben? Davon kann er doch nicht blind geworden sein... Viel Jeld hab ich ja ooch jar nich. Na, ick will Ihnen de Wahrheit sagen: es ist eine jrößere Jesellschaft jewesen, und da haben wir für den Ollen jesamnielt, wenn Se't janz jenau wissen wollen. Aber er war ja blind, und da kann man ja nich wissen, ob er ooch die Nutznießung davon jehabt hat. Er soll ja nachher verhungert sein ...« Wenn Zille in den Nußbaum kam, wußte bald die ganze Gegend: »Zille is da!« Alle Nachbarn rannten hin in Hemdsärmeln und Latschen, wie sie gerade zu Hause rumliefen. Manche redeten ihn als Professor an. Einige fragten auch, ob er auch genug dafür bekomme, wenn er nu in der Akademie sei. Zille sieht vergnügt über seine Brille weg – er weiß schon, die Nachbarn spekulieren auf ein paar Lagen – ablehnend sagt er: »Nee – det kostet nischt und et jibt nischt – basta!« * Aber es gibt auch andere Zillekneipen. Auch in das muffige Gebiet der »Roten Laterne« hat Zille hineingeleuchtet. Am erschütterndsten in dem Bild, wo Kinder vor solcher »Roten Laterne« stehen und zur Mutter sagen: »Mutter, ick seh Vätern sitzen bei der roten Hexe! Du mußt ihr mal wieder ordentlich mit den Besenstiel zudecken!« * Auch die Geschäftsgeheimnisse der sogenannten Kabaretts, dieser ehemals Tingeltangel genannten Singspielhallen, die jetzt fast ganz von den Kinotheatern verdrängt sind, enthüllte Zille. Die Sängerinnen, die sich wohl andere Beziehungen zur Kunst vorgestellt hatten, mußten mit den Gästen »auf Prozente« trinken, d. h.: sie bekamen fast gar keine oder nur eine ganz geringe Gage. Von den Getränken, die an dem Tisch verzehrt wurden, an dem die Sängerinnen sich zu den männlichen Gästen setzten, erhielten sie ihre Prozente. Also: recht viel spendieren lassen! Recht viel trinken! Je größer die Zeche, je mehr Prozente ... In den kleinen Nebenzimmern solcher Kabaretts bekamen diese meist ihren Eltern entlaufenen Sängerinnen von den alten, angetrunkenen Weinonkeln weinerlich zu hören:   111. Die rote Laterne. »Mutter, ick seh Vatern sitzen bei die rote Hexe! Du mußt ihr mal wieder ordentlich mit den Besenstiel zudecken!« Nach dem ersten Entwurf zum 1. Mal veröffentlicht.   »Zwee Jahre such ick meine Tochter. Sie is ooch uff de Bühne jejangen, dabei hab ick mir det Saufen anjewöhnt!« * Von einer Wanderung durch diese Kabaretts berichtete mir Zille: »Eine Sängerin schrieb einmal an mich. Das heißt, eine, die aus der Provinz gekommen war und die nun hier studierte. Sie möchte doch einmal sehen, wie es in den Kabaretts und in den Singspielhallen zugeht. Sie wollte zu mir kommen oder wir könnten uns auch woanders treffen. Wir trafen uns denn auch in einem feinen Weinlokal. Sie war ein hübsches Mädchen – und stellte mir ihren Bräutigam vor. Einen Lederhändler, einen jüdischen Mann, der es aber ehrlich mit ihr zu meinen schien. Reich schien er ja zu sein. Wahrscheinlich bezahlte er auch die Pension für sie – im bayrischen Viertel. Aber na – er hat sie wohl geheiratet ... Sie war ja nun sehr glücklich, daß ich gekommen war und sie durch die Tingeltangel führen wollte. Und er betrug sich auch sehr bescheiden und durchaus gebildet. Und dann gingen wir nach'm Oranienburger Tor zum Café Boulevard – wo gleich vorne rechts die ›Fleischbank‹ war – wo die Sängerinnen in ihren ballettartigen, bunten Kostümen oder in losen, hemdartigen Hängern Schau saßen. Das Fräulein guckte. Und sah sich scheu um unter den Herren, die auf die Bühne starrten. Dann gingen wir in das Elsässer Schloß an der Novalisstraße, wo die Bühne in der Ecke bei den Schaufenstern eingebaut war – wo die Mädchen schon seit Jahren den ›Wa–alzertraum‹ sangen – und ›Ich laß mich nicht verführen!‹ Von da aus führte ich sie noch zu Haberland in der Münzstraße – wo's in dem niedrigen langen Ladenraum ganz voll war von jungen Pärchen und alten Herren – und wo man vor Tabakrauch die Komiker und die Soubretten nur wie durch 'n Schleier sah.   112. »Mensch, ick sage dir – wenn meine Liese merkt, det 'n Auto vorfahren will, denn fährt se quer vor den Stinkwagen!« Studie aus einer Droschkenkutscherkneipe, 1906. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Und zum Schluß ging ich mit der jungen Sängerin und ihrem Bräutigam noch nach der Parochialritze, nach der kleinen Destille in der Parochialstraße. Das hübsche Mädchen war schon ein bißchen ernüchtert. Und nun nach dem Anfang in der schönen Weinkneipe der Schluß in der Parochialritze! Ich fragte nach der Frieda. Die war auch mal Sängerin gewesen. Jetzt tippelte sie für den langen Paul – immer auf dem Strich ... singen konnte sie ja schon lange nicht mehr. Sie war aber nicht da. Sie war in ihrer Wohnung im Jüdenhof. Ich ließ sie nun holen. Als sie hörte, ich sei da, kam sie auch. Und hatte sich extra fein gemacht. Einen Straußfederhut auf. Ja, und 'ne seidene Bluse. Na, das schöne Fräulein erschrak ja ein wenig, als ich ihr die Frieda als ihre Kollegin vorstellte. Frieda, diese Ruine. Ins Breite – und gedunsen. Wir saßen damals vergnügt beisammen. Der Bräutigam lud alle ein. Und Frieda ließ sich nicht lange quälen und sang stolz ihr Lieblingslied: ›Hier hab ich so manches liebe Mal Mit meiner Laute gesessen! –‹ Diese Ruine – mit ihrer gebrochenen, verwüsteten Stimme. Alkohol – und Nachtluft – und Rauch – und der Lebenswandel ... Mir sträubten sich die Haare – wie Frieda glaubte, sie könne noch singen. Wie sie ihr ganzes Gefühl in die unmöglichen Töne legte. Mir schauderte. Und die junge Sängerin wurde ganz blaß. Ich glaube, sie wollte nicht mehr zum Kabarett – zum Tingeltangel. Die hatte gesehen, wie das Ende ist. –« Von diesen »Kabaretts« ist es in jeder Beziehung nicht weit bis zu den Kneipen, die zu Anfang als »Parochialritze« geschildert wurden. Die Mädchen, die man erst auf der Bühne gesehen, findet man bald auch in den »Wärmehallen«, wie die Gaststätten der Prostituierten genannt werden. Von Erlebnissen in solchen Lokalen erzählte Zille gelegentlich: »Kennen Sie Café Filzlaus? An der Ecke Klosterstraße und Parochialstraße? Wissen Sie, woher das seinen Namen hatte? Na, die Mädchen, die da verkehrten, veranstalteten zum Zeitvertreib Wettrennen mit Filzläusen. Sie brachten jede ein paar Tierchen mit in Streichholzschachteln und schütteten die aus auf den Tisch – welche nun am raschesten über den Tisch lief ... Die Tiere waren schon ganz schlapp – hatten bloß 'n kleinen roten Faden durch den Leib – sonst waren sie ganz durchsichtig – bloß Haut. Na, die Mächens hatten ihren Spaß damit.« * »Bei Dulli in der Linienstraße gegenüber von der Kleinen Auguststraße habe ich auch allerlei erlebt. Namentlich in der ersten Zeit, als ich ›Volk‹ zeichnete. Ich hatte keine Ahnung, daß da nur Immertreu-Leute verkehrten – aber als ich eintrat, kam es mir doch nicht ganz geheuer vor. Ich stellte mich also mit dem Rücken gegen den Schanktisch und sah mir die Leute an. Die meisten spielten Karten. Dem einen saß auch sein Mädchen auf dem Schoß. Die andern Mädchen saßen an einem Tisch für sich. Sie schienen sich aufzuwärmen von ihren Pendelgängen. Aber als sie sahen, daß ich sie beobachtete, wurden sie unruhig – und mehrere gingen hinaus. Schließlich war kein Mädchen mehr drin. Und die Kerle spielten zwar weiter – aber sie sahen immer zu mir hin – und tuschelten miteinander. Plötzlich schrie die Wirtstochter, die hinter dem Schanktisch stand, mir von hinten in die Ohren: ›Wat wollen Sie? – Machen Sie, dat Se rauskommen!‹ Ich sagte mir: Ruhigbleiben ist die Hauptsache. Leise antwortete ich: ›Erst trink ich mein Bier aus!‹ ›Wer sind Sie?‹ schrie das Mädchen mir in die Ohren. ›Sie treiben mir alle Gäste raus!‹ Na, ich trank den Rest – und ging langsam nach der Tür – immer die Augen auf die Männer, die ihre Karten hingelegt hatten. Einer stand schon auf – da hatte ich aber schon die Tür – die Stufen runter – rechts und links standen ganze Reihen von Mädchen und Kindern – die warteten, daß ich rausfliegen sollte. Nu kam ich aber ganz ruhig – ging bis auf den Fahrdamm – ging ruhig in der Mitte weiter – immer die Ohren nach hinten – ob sich keiner anschleicht. Es ging dann ruhig ab. Aber wenn ich nicht die Augen auf die Kerle gerichtet hätte – dann wäre ich sicher rausgeflogen – vielleicht auch mit 'n Messerstich im Rücken –. Ein andermal, als ich in einer andern Kneipe wieder sowas erlebte, sagte ich: ›Nu – nu lassen Se mir mal noch einen Augenblick!‹ Und dann stopfte ich mir die Pfeife – und es blieb ruhig ... Später war ich ja ganz gut Freund mit den Herren. Sie luden mich sogar ein zu ihren Landpartien nach dem Grunewald. Dreißig Kremser. Ein paar sogar mit Musik. Trinken und Essen die Hülle und Fülle. Alles beste Qualität. Echtes Bier in Fässern – französischen Kognak – Würste und Schinken von Hefter. Damals, als wir andern bloß Brot und Rübenmarmelade hatten ... Nachher waren sie mir nochmal böse – wegen der ›Hochzeit‹ in meinem einen Buch – wo ich sagte, ich ginge lieber 'ne Stunde vor Festschluß, weil ich doch nicht wollte, daß mir inzwischen einer von den Gästen Besuch macht. ›Haben Sie denn wat, dat sich lohnt?‹ fragte mich daraufhin einer von den Brüdern. ›Nee, eben nich!‹ antwortete ich: ›Aber ihr hättet euch schließlich darüber geärgert und hättet mir meine paar Klamotten zertrümmert!‹   113. In der Kaschemme. Der Wirt: »Polente kommt, singt een frommet Lied!« Alle: »Heil dir im Siegerkranz –« Nach dem Original-Entwurf.   Na – da lachten sie denn – und jetzt sind wir alle mit Humor wieder gute Freunde.« * Aber nicht immer geschieht was in solchen Lokalen. Wer nicht mit den richtigen Augen und Ohren hinkommt, merkt jedenfalls nichts. Zille erzählte: »Da ging ich auch mal im Osten bummeln mit Doktor – na, der Name tut ja nichts. Es war eben ein Doktor. Er schreibt sonst ganz gut. Ganz lebendig und aus dem Leben raus – wenigstens soweit es seine Kreise trifft. Aber der sah nischt, als ich ihn da im Osten führte – am Schlesischen Bahnhof – Koppenstraße und so. Da waren wir auch in dem ... Keller. Da saß der Weber-Emil. Fünf Jahre Z. Der Matrosen-Karl – acht Jahre Z. wegen Notzucht und solch schöner Sachen. Der Antennen-August – solch langer Latsch. Und denn die Damen! Die Stubenmuttern, Klettermarie und wer alles da war. Radieschen war auch dazwischen. Sie ging jetzt nicht mehr selber. Sie schickte jetzt selbst Mädchen auf'n Talon, aufs laufende Band ... Auf Bänken und auf Bretterstühlen. Bei einer Gasflamme in der Mitte. Da konnte man doch was studieren. Da brauchte man bloß in die Gesichter zu sehn. Dann erlebte man doch Schicksale ... Aber Dokterchen fragte: ›Wann kommt denn nu der Mord?‹ ›Den gibt's nicht auf Bestellung!‹ sagte ich ihm. ›Monate vergehen, ehe sowas geschieht. – Und Ihnen wird überhaupt nichts geschehen. Den ›Sehern‹ geschieht selten was, wenn sie sich anständig betragen. Bloß nicht aufdringlich sein oder von oben herab ...‹ Aber der Doktor sah nichts. Dem war das mächtig langweilig. Und dabei ringsherum: Nichts als Erlebnisse. –« * Wer eben nur in diese Kneipen geht, um Kuriosa zu suchen, dem kann es gehen wie der »feinen Gesellschaft«, die in Ballkleid und Frackanzug vom Hoteltanz kommen und in der Kaschemme beim Anblick der schwebenden Paare ausrufen: »Hier tanzen sie ja anständiger als bei uns!«   114. Heinrich-Zille-Klause. Fahrgast: »So, Herr Vorsitzender, da sind wir ja, schön Dank, das Lokal haben Sie ja schnell gefunden!« Kutscher: »Det wär jelacht! – Die Heinrich-Zille-Klause, W 8, Charlottenstraße 46, kennt jeder Kutscher und Schofför!« Nach dem Original.   In den letzten Jahren ist dann noch eine Zillekneipe aufgemacht worden, die mehr einen Zillekult treibt. In manchen Lokalen – Kaffeehäusern und Bierhallen – sind Zillebilder als Dekoration an die Wand gemalt worden. Im bayrischen Viertel so gut wie in Neukölln und am Wedding wie in Moabit sowie in der Gegend am Alexanderplatz. Besonders zu Bockbierfesten werden Zilleszenen und Zillewitze gern vergrößert an die Wände gemalt und von einem Pseudo-Zille erklärt. Aber in dieser Zillekneipe, in der Zilleklause in enger Nebenstraße von Unter den Linden, hängt fast alles Wichtige, was Zille in Zeitschriften und sonst im Druck veröffentlicht hat, in guten, von ihm handkolorierten Abzügen, säuberlich gerahmt an den Wänden einer gemütlichen Hinterstube. Sogar einige Originale sind da – und auch mehrere sonst unbekannte Stücke. Und allerlei Zeichnungen und Photos, die Zille in verschiedenster Stellung, im Arbeitszimmer und bei Ausflügen wiedergeben. Das alles wird betreut von einer Stammtischrunde, zu der zwar nicht jene Zillegestalten gehören, die aber doch auch ihre besonderen Beziehungen zu seinem Wesen hat. Zille hat ja früher immer einen guten Durst gehabt. Je kräftiger der Trunk, je lieber. Und diese Stammtischrunde nennt sich Ki–wa–ko–sta. Das heißt: Kirschwasser–Wachholder–Kognak–Stammtisch. Das Alkoholische der Zillekneipen ist da. Die Stammtischbrüder haben neben dem Alkoholischen aber Zilles Kunst und Art so gepflegt, daß er auch jetzt noch – Antialkoholiker – gern an sie denkt und von dieser Zilleklause sagt: »Sie ist wie eine grüne, blühende Insel im grauen Meer der Großstadt.« Sie ist aber vor allem wie ein Zillemuseum. Wer möglichst viele Zillebilder kennenlernen will, findet sie dort am besten beisammen – und auch alle Abbildungen von den Zillekneipen. Die Originalkneipen kann ja nicht jeder aufsuchen. Sie bestehen auch nicht mehr alle. Aber in der Zilleklause findet man sie alle beisammen – an der Wand. Zille-Fräuleins. Zillefräuleins – das sind natürlich ganz andere Wesen als die Zillemächens. Fräuleins gehen nicht mit jedem mit. Fräuleins nehmen nicht jeden mit. Es war in den achtziger Jahren, als man davon zu sprechen anhob, daß »sie« »Sein Verhältnis« sei oder daß »Die ein Verhältnis miteinander haben«. Es hatte schon früher »Verhältnisse« gegeben. Jetzt wurde das Wort ein technischer Ausdruck. Die jungen Männer, ganz gleich, ob Studenten, Kaufleute, Leutnants oder junge Angestellte, hatten meist eine Freundin, mit der sie Ausflüge in die ländliche Umgebung, auf dem Fahrrad oder zu Fuß, Sportpartien oder Theaterbesuche unternahmen und gemeinsam Kaffeehäuser und Bierlokale besuchten. Diese Verhältnisse waren durchaus nicht die üblichen Liebschaften, die mit Verlobung und Ehe enden. Die weibliche Seite war sich genau so darüber klar, wie die männliche dies bei der weiblichen voraussetzte. Und doch herrschte in solchem Verhältnis eine gewisse Kameradschaftlichkeit. Es war bedingt durch eine Anhänglichkeit und ein gewisses Verständnis füreinander. Ja, oft fehlte es nicht an Aufmerksamkeit und Gefühl füreinander. An Zärtlichkeit und ein wenig Liebe fehlte es wohl nie. – In den neunziger Jahren und um neunzehnhundert herum wurde viel vom »Verhältnis« gesprochen. Durch das Anwachsen der großen Stadt und durch den Brauch, daß Beamte und Akademiker und vielfach auch Kaufleute und Techniker erst spät heirateten, hat sich die Zahl der alleinstehenden jungen Männer sehr vermehrt. Sie kamen meist von außerhalb, saßen fremd und einsam auf ihren möblierten Buden. Einsame Abende in kalten, nüchternen Räumen, im Theater, im Tingeltangel oder allein verbrachte Sonntagsnachmittage lassen die Sehnsucht nach dem Weibe, die sowieso schon lebendig genug geworden ist, fast unwiderstehlich werden. Und zu gleicher Zeit schwoll die Zahl der sich selbständig ernährenden Mädchen, die nicht nur als Fabrikarbeiterin oder dürftige Heimarbeiterin sich ernährten, in die Zehntausende an. Verkäuferinnen, Kontoristinnen und Modistinnen – sie alle waren meist auch ohne Aussicht auf baldige Heirat. Sie standen fast alle neben dem Leben, das in den Großstadtstraßen lockte und gleißte. Lebensgenuß – wenn er auch nur oft glitzernde Oberfläche ist – den ganzen Tag denkt sie daran und freut sich darauf, daß sie abends abgeholt und ausgeführt wird, daß sie ein Stück Leben genießen darf, dessen Glut, und Reiz sie nur aus quälender Ferne ahnte, und die sie mit sehnsuchtsheißem Herzen erhoffte. Glücklich und selig über all das Neue und Schöne, fühlt sie ihre Sinne berauscht. Was ihr bei kühler Überlegung lächerlich erschien, wird nun schließlich doch zur Wahrheit: ihr Herz schlägt für ihn, der ihr das geboten und vermittelt. Aus der Dankbarkeit quillt manchmal heiße Liebe. Und sie gibt ihm alles, was sie geben kann – und nimmt auch alles, was sie nehmen kann ... Fräuleins haben ihren Bestimmten, haben ›Ihren‹, haben ein Verhältnis. Sie stehen gewissermaßen zwischen jenen Mächens und den Ehefrauen. Sie haben meist einen Freund, mit dem sie zusammen wohnen oder der doch ständig ihr Verehrer und meistens auch ihr Ernährer ist. Um ihn festzuhalten, dürfen sie sich »nich de Figur verderben«. Viele haben aber auch noch ihren Beruf für sich, verdienen alles, was sie brauchen. Das sind die Mädchen, die im Varieté auftreten: »Mich hat' ein jeder gern, – Bin ein bekannter Stern –«   115. Flaschenkind. »Warum jeben Sie denn den Kleenen nich de Brust?« »Mein Freund will nich, det ick mir de Figur verderbe!« Nach dem Original. Um 1910.   Andere machen sich am Sonntag »fein«: »Wenn ich mich richtig gewaschen und Weiß aufgelegt habe, glaubt keiner, daß ich im Butter- und Käsegeschäft konditioniere.« * Bei den meisten ist der Beruf nur schwer zu merken. Sie alle verstehen sich so geschickt anzuziehen, daß der junge Mann fragen muß: »Und was ist Ihr Beruf, Fräulein?« »Ick arbeete uff Strom!« »Dann hat Ihr Vater einen Kahn?« – »Ach nee, uff die A. E. G.« – * Andere betätigen sich nur erstklassig: »Mit Ihre Klara, Frau Eiring, ist's woll nischt mehr mit de Schreibmaschine!?« »Ooch, Frau Brömel, da hat se lange abgehaun, se filmt uffn Kientopp, aber nur erstklassig!« * Und schließlich sind sie so geschäftstüchtig und unfraulich geworden, daß Heinrich Zille sie uzen kann: »Mama, ich jeh jetzt ins Jeschäft, deine Milch kocht, soll se noch heißer werden?« * Aber selbst im Beruf behalten die meisten Frauen das Weibliche, wie Zille einst von einer Berliner Droschkenkutscherin feststellte, wie sie zu ihrem Pferd vorwurfsvoll sagte: »Aber Lenchen, du sollst doch nich immer dein Kleid verlier'n!« * Immer sind sie jedoch nicht so zärtlich, sondern wissen deutlich zu antworten, wenn sie gar zu aufmerksam gefragt werden:   116. »Juste« mit dem Bubikopf. Frau K.: »Was hat denn die Herrschaft jesagt zu die abjeklemmten Haare?« Juste: »Die Jnädige lachte und sagte: ›Nu kann sich woll keen Mann mehr dran feste halten!‹ Der Professor brummte: ›Endlich haben die Suppen mit lange Haare uffjehört!‹« Aus »Bilder vom alten und neuen Berlin«, Verlag C. Reißner.   »Gnädiges Fräulein haben solch interessante Blässe.« »Wat heeßt Weihnachtsboom – 'nen Bandwurm hab' ick. Aber wenn ick'n mal zu fassen kriege, dreh' ick'n det Jenick um – dann hat er ausjesung'n!« * Und wenn einer sie zu Unrecht und zweideutig fragt, ob sie »Stütze der Hausfrau« wären, dann bekommt er zur Antwort: »So sehn Se ooch aus! Da bilden Sie sich woll noch was druff in? Ick brauche keene zu ›stützen‹, Jott sei Dank, ick habe mein Bräutijam for mir alleene!« * Sie wissen,, was sie tun. Mutter fragt: »Aba Trude, mitten in de Woche ziehst du een reenes Hemde an?« »Ja, Mutter, ick will doch mal mit'n Hauswirt über een kleen' Mietsnachlaß sprechen!« * Und wenn der Freund mißtrauisch wird, wissen sie sich zu rechtfertigen (Bild 29): »– und vorige Woche sollste auf der Radiodiele die Nackttänzerin jemacht hab'n?« »Sache! – aber gestatte Emil – immer mit dem Brautschleier!« * Sie sind es, die auch das Freibad beleben (Bild 13, 104 u. a.) und dort vergnügt herum schwärmen: »Du bist doch die Juste aus de Ackerstraße?« »Sache – zeige Badekluft – darf nich ins Wasser.« * »Weeßte, Dickerchen, uff dir sitzt sich's besser wie uff die Jummibiester – biste ooch von hinten uffgepust?«   117. Aus vergangener Zeit. Als die Frauen die Männer ersetzen mußten, als sie in jedem Amt und jedem Gewerbe während des Weltkrieges »ihren Mann stellten«. Studienblatt. Nach dem Original.   »Schnell den Schirm vor, da läuft mein Chef.« »Wenn er aber hinten rumgeht?« »Da kennt er mich nicht.« * Und sie zieren sich auch nicht, wenn sie im enganliegenden Badetrikot von »ihm« geknipst werden und lachen, wenn die kleine Schwester sagt: »Mutta, er hat Absichten, er knipst ihr schon wieder!« * Manchmal führt die Knipserei oder Baderei zur Ehe. Aber manchmal kommt auch was anderes bei heraus: Streit nach dem Bade. »Nu biste eifersüchtig! Wat kann ick denn dafor, wenn dein Bräutijam mal will eene Schwarze hab'n!« * Auch innerhalb der Familie finden die Fräuleins ihre Sonntagsfreuden. (Bild 144.) Es sieht so aus, als opfere sich das Fräulein für die Familie. Aber nur zu häufig ist das eine mütterliche Beschönigung – eine Ausrede. Die Fräuleins wollen was vom Leben haben. – * Das ist so die Art der Mädchen, die jetzt auch als weibliche Junggesellen bezeichnet werden. Ich schilderte sie in meinem Werk »Das galante Berlin«: »Im großen und ganzen steht die Mehrzahl der Frauen den vielen Problemen, die das weibliche Junggesellentum heraufbeschwört, noch verständnislos, ja überhaupt unbewußt gegenüber. Und selbst die meisten weiblichen Junggesellen sind sich über sich selbst noch nicht bewußt geworden. Sie leben instinktmäßig dahin – als weibliche Junggesellen, die ihr Lebensrecht auf jede Weise suchen und für jede glückliche Stande dankbar sind. Manche gehen allerdings mit vollster Klarheit und zielbewußt ihre Wege. Sie sind fern jeder gemütbeschwerten Stimmung, haschen nur nach dem Genuß, wehren sich gegen jede innere und äußerliche Bindung und stehen nur unter dem Ziele: »Du darfst.«   118. »Na Freilein, uff wat warten Sie denn noch?« »Uffn Abend. Mir is mein Kostüm jeplatzt!« Freibad. Aus Hans Ostwald: Urberliner II.   Immer mehr dringt der neusachliche, schamfreie Mädchentyp durch. Eine gymnastisch-tänzerische Generation, die keine Gemütshemmungen kennt, entzaubert und mechanisiert die Erotik. Sie ergibt sich einem übertriebenen Körperkulturfimmel, schminkt sich zwar die Lippen brennend rot in Herzform, kümmert sich aber um herzliche Bindungen nicht. Sie begnügt sich mit der kalten Phrase von der neuen Sachlichkeit. Ihr Ziel ist, mit allen Mitteln der Schönheitsindustrie zu wirken und zu werben, und ihr Wesen wird im Grunde ebenso geschminkt und gepudert, wie ihr Gesicht. Nicht alle Fräuleins leben so selbstherrlich dahin wie Junggesellen. Von mancher heißt es: »Bei Die hat sich einer verloofen!« Und eine Nachbarin warnt: »Ick sage Ihnen, Freilein Hella, lassen Se det mit den Kerl. Der lullt Se so mit Redensarten in, det Se nich kenn aus de Oogen kieken 1« * Schließlich folgt ein tränenreiches Geständnis bei der Mutter und sie sagt dann: »So, det is ja ne recht nette Geschichte – un nu: wie heißt er denn?« »Da hab' ick jarnich nach jefragt – er stotterte ooch so sehr –« »So, das ist ja recht nett! Aba Lene – Kind – als jebildetes Meechen sagt man doch: und mit wem hatte ich die Ehre!« (Bild 119.) * Von den Kolleginnen werden solche Fräuleins vergeblich aufmerksam gemacht: »So ville mußte doch von't Koofmännische in de Fortbildungsschule bejriffen haben, daß de mit Herren aus de Konkurrenzgeschäfte nich pussieren derfst.«   119. Ne nette Geschichte. »So, det is ja ne recht nette Geschichte – un nu: wie heißt er denn?« »Da hab' ick jarnich nach jefragt – er stotterte ooch so sehr –« »So – det is ja recht nett! Aba Lene – Kind – als jebildetes Meechen sagt man doch: und mit wem hatte ich die Ehre!« Aus »Berliner Geschichten und Bilder«, Verlag Reißner.   Und immer wieder geschieht allerlei mit der Filia Hospitalis. Die Studentenwirtin muß sagen, wenn sie ihrem Mieter den Morgenkaffee bringt und die Tochter sich im Naturzustand photographieren läßt: »Wat is' denn det nu wieder for ne neue Afferei mit Lotten, Herr Doktor!« »Es ist gleich fertig, Mutter Huckauf. Lottchen will mal ein anständiges Bild von sich hab'n und nicht den Kitsch aus dem Warenhaus!« * Und der Leutnant sagte einst in der Dunkelkammer beim Entwickeln der Platten zum weiblichen Besuch: »Bis jetzt hab ich noch jede photographiert.« * Bei solchen Besuchen auf der Bude ihres Freundes erwischen die Fräuleins manchmal allerlei Krankheiten und der mitleidige Arzt sagt: »Nur nicht ängstlich, liebes Fräulein! Ich habe Ihr Fräulein Mutter behandelt, ich habe Ihr Fräulein Großmutter behandelt, ich bin Ihnen doch nicht so fremd!« * Wenn die Krankheit überstanden war, fragte die Freundin sie: »Kommste mit uff den Witwenball?« »Nich in die Hand, mir is jarnich wie Witwe!« * Sie hätte vielleicht auch die typischen Ballerlebnisse gehabt: »Wegen wat hat denn dein Kavalier abjehau'n?« »Wegen zwee Bockwürschte, die er alleene uffressen wollte –« * Witwenball bei Ida Hoppe am »Nordufer«. Maxe: »Jeben Se mir Ihren Fächer, Freilein, denn mache ick Sie kalt!« * Tausendundeine Nacht. Maskenball beim Budiker. »– na weeßte – mir hab'n se doch nich mit de Müllschippe gepäppelt! Uff eenmal merk ick det nich, det een Mann in die Amme steckt? Beim ersten Tango hab ick det schon jespürt!«   120. »Fräulein Müller – Ihre Konten stimmen aber ooch nie. Immer schreiben Sie den Kunden mehr an!« »Is doch besser als zu wenig!«   Und wenn sie am Aschermittwoch im Maskenkostüm nach Hause gekommen wäre, hätte sie ihre Mutter aufklären müssen: »Aba Mutta – von wegen een Mann! Eene Freindin aus't Geschäft is se, bloß ausschlafen will se, bis de Elektrische fährt!« * Abends hätte sie sich vielleicht selber aufklären lassen: Bei der Kartenlegerin. »Die Karten liegen jut, eens, zwee, drei, vier, fünfe, sechse, sieben Carobube, een Herr Hegt uff de Stube, een blonder – aber nu hier, Zwillinge, dunkle, Freilein, Sie kriegen noch zwee Kinder – –« »Frau Dreyer, un von de Heirat steht wieder nischt drin?!« * Sie sind nämlich nicht alle gefeit gegen die mystischen Mächte – diese sonst so aufgeklärten Zillefräuleins. Sie gehen zwar ganz ungeniert mit ihrem Freund als seine Ehefrau ins Hotel und kümmern sich nicht viel darum, wenn das Zimmermädchen ihnen nachredet: »Uff eenmal lacht ne Fliege, die woll'n verheirat sin un hab'n in een Bett jeschlafen!« * Und sie antworten auch offenherzig auf dem Standesamt: »Sie sind nun schon vier Jahre Wirtschafterin und haben fünf Kinder; warum heiraten Sie denn den Mann nicht?« »Ne, wissen Se, er is mir nicht sympathisch!« * Bei der Volkszählung bekennen sie aufrichtig: Der Magistratsbeamte: »... und einen Mann haben Sie nicht?!« »Ach Jott nee, se loofen ja alle wieder weg!« (Bild 121.) * Auch in der Stillstube der Fabrikarbeiterinnen sind sie heimisch und mucken auf: »Nu hat mir wieder eene meine Jöhre vertauscht!«   121. Der Magistratsbeamte. »– und einen Mann haben Sie nicht?!« »Ach Jott, nee, se loofen ja alle wieder weg!« Aus »Zwischen Spree und Panke«, Verlag Carl Reißner.   * Alle Schrecken der Mutterschaft, die ihr Kind nicht so pflegen kann, wie es wünschenswert, kommen über sie. Meistens aber gestattet ihnen ihre Berufstätigkeit nicht, daß sie ihr Kind bei sich haben. Oder sie machen sich auch nichts daraus und überlassen ihr Kind einer kinderlieben Freundin oder Schwester. Daraus entstehen dann Zusammenstöße: »So, uff eenmal is dir die Schlafstelle bei uns zu teier! Hast'n Hausschlüssel, warme Stube, und deinen Jungen still ick ooch noch!« * Und schließlich enden die Mutterfreuden der Fräuleins nur zu oft wie beim Fräuleinskind (Bild 103), von dem die alte Nachbarin sagte: »Ja, Freilein, so'n kleenet Kind is eijentlich erst scheen, wenn'ts tot is!« * Aber viele dieser Fräuleinsmütter sorgen gut für ihre vaterlosen Kinder, bringen sich durch als Heimarbeiterinnen und erziehen sich an ihrem Kinde einen guten Kameraden. (Bild 98.) Ob dies Milieu immer gut ist für diese Kinder, ob die Mutter immer reichlich genug für sie sorgen kann, ist allerdings sehr fraglich. Sie suchen sich darum wieder einen Vater für ihre Kinder. Der aber will besonders gut behandelt werden, wie der spät heimkehrende Schlafbursche, der seiner Schlummerwirtin auf ihre Ermahnungen zum soliden Lebenswandel erwidert: »Nu mach man wieder Meck, Meck! Du kannst doch keen nacklichten Mann een Bonbon ans Hemde kleb'n! Du bleibst die Schlafbosten, un ick dein Aftermieter! Ick komme wie ick will!« * Das ist die Antwort der Männer auf den etwas rauhen Empfang. Vielleicht haben diese Fräuleins eben nicht jene innere Sanftheit, die den Mann fesselt und von der Zille schelmisch und vieldeutig sagt: Det Inn're sanft, doch rauh de Hille – So sieht de Damen Heinrich Zille.   122. Ihre Sorge. »Mieze, wird denn im Frieden ooch die jraue Uniform bleiben?« »Ick weeß nich! Warum denn?« »Du, die fällt in der Küche jarnich uff!« Lustige Blätter 1915.   Zille-Kinder. Die Kinder hat Zille mit besonderer Liebe ins Herz geschlossen. Seine eigenen Kinder haben ihm zu allen Zeiten zu Studien gedient, auch als er noch nicht der seihständige Künstler war. (Siehe Bild Nr. 38 und besonders die Kinderbilder dieses Kapitels und die der Kapitel 1, 2, 3, 4 und 23.) Aber bald dehnte er seine Liebe auf alle Kinder aus. Mit großer Inbrunst widmete er seinen Zeichenstift den Weltstadtkindern, den Kindern der Stadt Berlin. Die Stadt, die den Erwachsenen eine verschwenderische Fülle von Kulturgütern und Bildungsmöglichkeiten bietet, in deren Mauern Kunst, Politik, Theater, Wissenschaft und noch viele andere Gebiete des modernen Lebens täglich so viele Genüsse bereit halten, daß ein einzelner nur einen Bruchteil genießen und bewältigen kann – diese Stadt ist oft hart und geizig, lieblos und unmütterlich gegen die jungen menschlichen Geschöpfe, die ihr anvertraut werden. Was für eine traurige Kindheit verleben die Massen der Großstadtkinder! (Siehe auch Bilder aus andern Kapiteln, z. B. Nr. 22, 40, 98, 103, 111 u. a.) Kaum kann man es noch eine Kindheit nennen. Die Wagen und Klingelzeichen der elektrischen Straßenbahnen und das Töfftöff der Autos spielen eine größere Rolle in ihrem Leben und in ihrer Phantasie als etwa das Leben unserer Haustiere. Von dem Pflegen und Gedeihen der Blumen und vom Beackern der Scholle, vom Säen und Ernten wissen sie nichts aus eigener Anschauung. Und was nicht aus eigener Anschauung oder in voller Tätigkeit erworben ist, das ist ein tönernes Wissen, dem fehlt der Inhalt.   123. Die drei Kinder von Heinrich Zille – angetreten zum Modellstehen. Studie aus dem Jahre 1894. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Doch daran wird wenig zu ändern sein. Die großen wirtschaftlichen Umwälzungen und Umbildungen, die unser Volk durchzumachen hat, bringen aber schwere Schäden mit sich. Die Bevölkerung ist nun einmal von dem Zug in die Industrie und in die Großstadt ergriffen worden. Sie befindet sich im Stadium einer Völkerwanderung, wie sie die Menschheit noch in keiner Epoche erlebt hat. Sie löst sich los von ihrer alten Scholle und schafft sich eine ganz und gar neue Heimat in den Großstädten. So müssen denn die Familien auch sehen, wie sie ihre Kinder in den Lebensverhältnissen der neuen Heimat großziehen. Am schlimmsten und erbarmungswürdigsten geht es nun natürlich den Kindern der größten Großstadt von Deutschland, den Kindern in Berlin – dieser Stadt, die mit ihren Vororten zusammen ungefähr vier Millionen Menschen beherbergt. Manche der Vororte haben ja noch einen nicht zu weltstädtischen Charakter, sie bieten also den Kindern wenigstens Luft, Sonne, Erde und Grün. Aber gerade die kopfreichsten größten Vorstädte wie Schöneberg, Neukölln, Lichtenberg, Charlottenburg und Wilmersdorf sind schon so verwachsen mit Berlin, so berlinisch geworden, daß ihre Kinder nicht anders aufwachsen wie Weltstadtkinder. Und wie ist das nun? Da sah ich neulich von der Hochbahn aus auf einem richtigen Berliner Hof einen kleinen Jungen stehen. Einen Jungen, dessen Geschwister wohl zur Schule gegangen waren und der nun auf sich allein angewiesen war. Er stand da, die eine Hand an der blauen Schürze, die andere verlegen am Mund. Hilflos sah er sich um auf dem asphaltierten Hofe. Nichts als grauer Stein ... so ganz abgeschlossen von der lebendigen Erde, mit der er hätte spielen können ... Was hatte er davon, daß er die Hochbahn und die Elektrische, die vielen Autos und die Omnibusse sehen konnte? Am Ende stand er doch da, wie wenn er gefangen wäre ... Dieser traurige Junge auf dem asphaltierten, engen, luft- und sonnenlosen Hofe ist das Sinnbild des Lebens der Weltstadtkinder. Ihnen fehlt der frische Sauerstoff, der aus den lebenden Pflanzen und aus der Erde aufsteigt. Ihnen fehlt die Sonne, die nicht in die hochummauerten schachtartigen Höfe hinein kann und die selbst in die Straßen nur kurze Zeit ihre Wärme hinabschickt über die hohen Häuserreihen.   124. Kräh-Kräh! Zilles Tochter Gretl im Winter 1886 im Garten zu Kietz-Bummelsburg, dem östlichen Vorort von Berlin. Nach dem Original, das noch die Art der Hosemann-Zeit, aber schon eine kräftigere Hand zeigt, zum 1. Mal veröffentlicht.     125. »Ick habe zu ville Bonbons jefressen!« Nach einer Studie zum 1. Mal veröffentlicht.     126. Die Pulle schmeckt! Nach einem Studienblatt.   Am schlimmsten sind jene Kinder dran, deren Eltern erwerbsunfähig sind, oder die als Heimarbeiter sich ein kärgliches Brot verdienen. Allein in der Konfektion sind mehr als hunderttausend Heimarbeiter in Berlin beschäftigt; dazu kommen noch viele Tabaksarbeiter, Portefeuillemacher, Schuhmacher, Plätterinnen und allerlei andere Heimarbeiter. Die leben fast alle in kleinen Wohnungen von einem Zimmer und Küche, von denen sie oft das Wohnzimmer an Schlafburschen vermietet haben. Nun hausen sie mit ihren Kindern in einem engen Raum, wo geschlafen, gekocht, gearbeitet und gegessen wird; das ganze Familienleben spielt sich in diesem engen, von Ausdünstungen aller Art geschwängerten Gemach ab. Da ist eine typische Familie: Vater, Mutter und fünf Kinder. Der Vater ist lungenkrank und liegt fast den ganzen Tag hustend auf dem Sofa oder in einem alten zerschlitzten Lehnstuhl. Die Mutter tritt am Fenster von früh bis spät die Nähmaschine. Die Kinder – nun, vormittags sind sie in der Schule, nachmittags aber lungern sie auf dem winkligen, dumpfen Hof oder im Hausflur herum. Oft müssen sie auch schon helfen, Fäden ausziehen, Nähte trennen – alles in dem engen Raum, dessen Luft verbraucht und verdorben ist. Zu all diesem äußeren Elend kommen noch die Eindrücke der weltstädtischen Umgebung. Weltstädtische Umgebung! Welch ein Hohn! Gerade nüchterne Straßen. Eine wie die andere. Selten unterbrochen von einem kleinen Schmuckplatz oder einer breiteren Straße, deren Bäume ebenso am Sauerstoffhunger leiden wie die Weltstadtkinder. Und die Bewohner dieser Straßen? Außer den kleinen Geschäftsinhabern fast alle Lebensgenossen jener Familie. Auf gleichem Flur mit ihr wohnt ein ehemaliger Bauarbeiter, der jetzt den ganzen Tag mit einer Schnapsbrüderkolonne an der Ecke bei einer Destillation steht, abends betrunken nach Hause kommt und seine Frau und Kinder schlägt. Die Frau ernährt die ganze Familie – sie geht waschen.   127. Hofwinkel in einem alten Hause in der Rosenstraße. Nach der farbigen Originalstudie zum 1. Mal veröffentlicht.   Die Kinder aber sind den ganzen Tag sich selbst überlassen. Wenn die Weihnachtszeit naht, ziehen sie nach der Friedrichstraße, nach dem Leipziger Platz und anderen westlichen Laufgegenden und schreien mit kläglicher Stimme: »'n Sechser de laufende Maus!« »Een' Jroschen der Hampelmann!« Mit aufgeweichten Schuhen stehen sie bis in die Nacht auf dem naßkalten Pflaster. (Bild 27, 65, 108 und Kapitel »Zille als Sozialkritiker.«) Ein anderer Nachbar jener Familie ist die Frau, deren Mieterinnen bis in den Nachmittag hinein schlafen, dann halbangekleidet in der Wohnung herumlaufen, in den Fenstern hegen und abends aufgedonnert auf die nächtliche Straße gehen. Manchmal werden sie wohl auch von Schutzleuten fortgeführt. Und der Hallo, der dann entsteht! Die Redensarten und Schimpfworte! Das ist dann ein Hauptvergnügen für die johlende Kinderschar, die bis zum Polizeibureau hinschwärmt und wartet, bis die »Grüne Minna« – das Polizeiauto – die Häftlinge nach dem Alexanderplatz schafft. Wahrlich, ein weltstädtischer Eindruck. Was bleiben den Kindern dieser Arbeiterstraßen noch für Spiele und Unterhaltungen? Blumenpflücken und ein Austummeln auf sonniger Wiese, ein stärkendes Buddeln im Sand lernen sie nie kennen. Also bleibt ihnen nur immer wieder der Hof und die Straße. An der Teppichstange dürfen sie nicht herumklettern. Die Hofsänger, die täglich kommen, plärren die zweideutigen Gassenhauer. Hier und da haben sich auch schon sommerliche Hoffeste eingebürgert. Auf dem Hof werden Kaffeetafeln gedeckt. Der Wirt oder ein Ausschuß spenden Kaffee und Kuchen – und ein Leierkasten dudelt den ganzen Tag seine zwei, drei Tänze. (Bild 28, 129.)   128. Mutter mit Kind. Erste Studie zu dem Selbstmordbild: »Mutter, is ooch nich kalt?« »Hab keene Angst. Die Fische leben immer dadrin«! Nach einem Studienblatt zum 1. Mal veröffentlicht.   Außer allgemein bekannten Bewegungsspielen – Greifzeck, Fuchs aus dem Loch –, die wegen des häufigen Wagenverkehrs aber nur auf dem schmalen Bürgersteig gespielt werden dürfen, bleibt also nur noch jene Art von Spielen wie »Himmel und Hölle«. Wenn die Straße mal umgepflastert wird, wenn neue Gasröhren gelegt werden, feiern diese Kinder wahre Freudenfeste. Die Sandhaufen sind Berge. Und endlich sehen sie die Erde! Aber lange dauert das nicht! Und es wird wie vorher. Nun bieten ja die Schaufenster alle möglichen Anregungen. Da liegen Waren aus vielen deutschen Orten, aus den Obstdörfern, aus dem westfälischen Industriegebiet, aus dem Erzgebirge und von der Wasserkante, ja, aus allen Erdteilen. Aber haben die Kinder davon tiefere Anregung? Selten, nur ganz selten. Sie gehen an den Dingen vorbei, nehmen sie mit den Augen auf, aber ins Gemüt und in den Geist gelangt dabei nur wenig. Kirschen sehen sie wohl, wissen auch, wie sie schmecken. Aber wie ein blühender Kirschbaum aussieht, davon wissen sie nichts. So bleibt denn auch das Gemüt der Kinder meist leer und ungepflegt. Im besten Falle kommen sie zu jener Gewitztheit, die ja in dem Weltstadtleben ganz angebracht ist, die aber doch nur wenig Liebe erweckt. (Bild 19.) Sie wird sehr gut illustriert durch den Witz: Mehrere Kinder einer armen Familie kommen heim zur Mutter und legen der eine gestohlene Gans auf den Tisch: »Da Mutta – die fühlte sich so einsam – da haben wir se mitgenommen!« (Bild 131.)   129. Zirkusspiele auf einem Berliner Hof. Nach der Originalzeichnung.   Zu all diesem kommt noch die immer mehr sich vollziehende Trennung der Klassen. Die Reichen ziehen immer mehr nach gewissen Straßen des Westens und nach bestimmten auserwählten Vororten. Die Wohlhabenden und der gut verdienende Mittelstand drängt sich in den großen Wohnvierteln von W. W. zusammen. So bleiben denn die niederen Klassen in gewissen Vierteln ganz unter sich – wodurch die Einseitigkeit der Kindheitseindrücke immer größer wird. Auch von der Arbeit sehen die Weltstadtkinder nicht jene befruchtende Vielheit, wie Kleinstadt- und Dorfkinder. Für sie existiert nur die geisttötende Heimarbeit. Und wenn sie außerdem auf der Straße noch Eindrücke erhaschen, so sind   130. Wedding. »Weeste Willy, ick jloobe, det Eis schmeckt nach jrüne Seefe!« Nach der Originalzeichnung. (Aus Urberliner I.)   es Luxusreize: das Auto des Großhändlers, die Auslagen der Juweliere und Modegeschäfte, Stiefelhandlungen und Warenhäuser. Alles das und nicht viel mehr bekommen die Kinder des kleinen Mittelstandes zu sehen, die Kinder der besser gestellten Arbeiter, der Buchdrucker, Mechaniker, der Bureauangestellten und Tausenden von Beamten und der kleinen Geschäftsleute. Auch sie wohnen in diesen Zimmern, in die so selten die hebe Sonne hineinscheint. Ja, die Kinder der Geschäftsleute haben es noch schlechter. Denn bei den Läden befinden sich nur zu oft die engsten und beschränktesten, dumpfigsten Wohnräume. Vor allem aber, was sehen alle diese Gastwirtskinder! Was hören sie! Denn daß der Alkohol die besten Instinkte löst, wird niemand glauben. Und in den   131. Am Heiligabend: »Mutta, die hat sich so einsam gefühlt, und da haben wir se mitgenommen!« Nach der Originalzeichnung. (Aus Urberliner II.)   Berliner Destillen wird nicht die zarteste und gemütvollste Sprache gesprochen ... Wenn auch in das Leben der Kinder dieser Schichten, deren Lebenshaltung zwischen der proletarischen und der bürgerlichen steht, manchmal ein Lichtblick fällt – es kommt doch im Effekt beinahe auf das gleiche heraus, wie das der proletarischen Klasse. Schön – sie werden im Sommer ab und zu einmal mitgenommen zu den Kinderfreudenfesten der Biergärten. Aber auch dort kommen sie nur wieder in ein neues großstädtisches Milieu. Diese Gärten sind heute fast ohne Ausnahme eingerahmt von hohen Mietskasernen, die womöglich kalte Brandmauern den Gärten zukehren. Unter den Baumreihen stehen gerade aneinandergereihte Tischreihen – Tisch bei Tisch, Stuhl bei Stuhl.   132. Steppke: »Ick weeß schon, wo wir wohnen: Ackerstraße zweehundertundvier, uffn Hof in' Keller!« Nach einem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Nirgends ein Tummelplatz für die Kinder. Nachmittags ist Konzert, abends aber oft Tingeltangel, wo die Kinder geschminkte, halbbekleidete Soubretten krähen und allerlei Zweideutigkeiten hören können. Und Kientöppe gibt's fast in   133. »Du Schießbudengesichte! Ick hau dir eens uff de Neese, det dir der Stehkragen platzt!« (Szene vor einem Kintopp in Berlin O.) Studienblatt. Erste Fassung.   jeder Straße. Noch lange nicht ist das Repertoire dieser Bühnen für die Kinder berechnet. Aber gerade das lockt sie. Und dann die Rummelplätze, meist leere Baustellen zwischen kahlen Hintermauern! Karussell, Schieß- und Würfelbuden, Zelte für Ringer und »Schöne Geheimnisse«. Zille hat ein Bild von solchem Platz humorvoll unterschrieben: Schaukel hin und Schaukel her! Det jefällt die Meechens sehr – Kriej nur keene Bange! Jeht dir ooch im Schaukelsaus Momentan de Puste aus – Dauert's doch nich lange – Außer diesen gibt's ja noch Kreise, die mit ihren Kindern es besser meinen und Sonntags oft Ausflüge machen. Aber: welcher von den Familienvätern vermag immer die Fahrgelder aufzubringen, die meist eine solche Fahrt ins Freie kostet? Und was nutzt auch solch Sonntagsausflug, wenn die sechs Wochentage auf dem Asphalt der Weltstadt und im Banne ihrer Zustände verbracht werden? Nun haben ja auch Tausende von Vätern und Müttern ein Stückchen Land in den Laubenkolonien gepachtet. Die Kinder, die dort ihre Freistunden verbringen, sind ja nun ein wenig besser dran. Aber sie leben doch im Bannkreis der »Weltstadtkultur«. Und auch die »Tiergartenmischung« – wie die Sprößlinge der wohlhabenden Viertel nach einer bekannten Grassorte genannt werden, sind eigentlich bedauernswerte Geschöpfe. Auch sie sind vielfach auf die engbebauten Straßen angewiesen und können nicht den ganzen Tag im Tiergarten spazieren geführt werden. Und sie leiden unter einem Zuviel, wo die Proletarierkinder unter einem Zuwenig leiden; sie werden nur zu oft mit teurem Putz und allerlei Tand behängt, der ihnen alles Kindliche nimmt. Wieviel vier- und sechsjährige sieht man mit Sonnenschirm und Handschuhen und in einer Kleidung, in der sie aussehen wie eine Miniaturausgabe der lächerlichsten, oberflächlichsten, aber so oft verhimmelten Modedamen! Sie – denen die Sonne doch so gut tut – müssen sich mit einem Schirm schleppen. Arme reiche Weltstadtkinder! ...   134. Eine Reihe Zille-Göhren. »Hinaus in die Ferne, for'n Sechser fetten Speck, den eß ick jar zu jerne, den nimmt mir keener weg, un wer det tut, den hau'n wir uff n Hut, den hau'n wir uff die Mütze bis die Nase blut!« Berliner Kindervers. Nach der Originalzeichnung.   Die Scherze, mit denen Zille seine Kinderbilder würzte, bestätigen, was ich oben sagte. (Siehe Bild 93.) Dazu seien hier eine Anzahl angeführt: Das kalte Frühstück. »Heute jibt's keen Kaffee! Vater is in Tegel un Mutter is nach de Entbindungsanstalt jebracht!« * »Mutta, draußen haun sich'n paa Besoffne, aba Vata is nich mang – –!« * Zweites Quergebäude, Hof, im Keller. »Armer Vogel, kriegst keene Sonne uff unsen dustern Hof! un wenn mir ooch Vata uff'n Abend verhaut – ick laß dir raus – flieg ins Vogelland.« * »Ick jeh so jerne ›Unter de Linden‹ – bei uns zu Hause riecht's so nach arme Leite.« * Besuch vom Lande. »Sehste Jroßvater, da staunste, hier trauste dir nich über'n Damm!« * »Vata jeht stehl'n – ick soll beten –« * Berlin N, Gerichtsstraße. »Erwin, machs Fenster zu, meine Arbeit wird rußig!« – »Ach Mutta, det riecht heite wieder mächtig fein nach den fettigen Rooch von's Krematorium.« * »Mutta, sieh mal, Kremtorte!« »Wie haste denn die jemacht?« »Mit Spucke, Mutta!«   135. Jüdisches Kind aus dem Seheunenviertel. Nach einem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   »Wenn ick will, kann ick Blut in den Schnee spucken!« (Bild 175.) * »Mutta, een Schmetterling!« ruft ein »Hof«-Kind erstaunt, wenn endlich einmal solch kleines Tier sich zeigt und »Hof«-Sommer bringt. In solcher Umgebung kommt denn auch wenig kindlich Gemütvolles zum Ausdruck. Die sittlichen Zustände sind schon viel zu kompliziert und brüchig, wie das Zilles Unterschriften beweisen: »Vater wird sich frein, wenn er aus't Zuchthaus kommt, det wir so ville sind.« * »Herr Schutzmann, der Mann hat mir eben anjesprochen!« sagt ein kleines Kind zu einem Jungen im Spiel: das Echo einer bedenklichen Straßenszene! * Ja, die Spiele werden manchmal noch deutlicher: »Jetzt spiel'n wir Friedrichstraße. Ihr müßt schrein ›Die Sitte kommt‹ und dann faß ick eich!« Die Kinderwelt spiegelt eben oft die Welt der Großen. * Von Weihnachtsgeschenken wissen diese Kinder zu erzählen: »Det machen se alles in die Zuchtheiser; Vater hat ooch mal geholfen, und denn quatschen se wat von Weihnachtsmann.« Und ein Schulkind muß als Zeugin aussagen: »So wat trau ick mir laut jar nich zu sagen.« Sie weiß also schon ganz gut, was los ist –. (Siehe Bilder »Die Jugendlichen«.) * Im Freibad hört man nur zu oft das Badegespräch: »Sag et doch deine Mutta!« – »Hast ja gar keene! Bist ja der Fehltritt von deine Tante!« Schließlich kommt es unter diesen Kindern sogar zur Rekordbelehrung: »Deine Mutta is schon zwee Jahre verheirat, und ihr seid drei Jöhren, aba meine Mutta is erst drei Jahre verheirat, und wir sind schon sechse un wat die bucklige Lehmann is, die ihre zähl'n nich, die is noch Freilein.« *   136. Fritzchen schläft. Nach der Originalzeichnung zum 1. Mal veröffentlicht.   Und da die Kinder auch »mit der Zeit leben«, fragen sie: »Sie, Zeitungsonkel, is noch keen neuer Mord?« Daß sie auch nicht allzuviel Schamgefühl zeigen können bei dem, was sie alles sehen, begründet Zille mit einem Bild, auf dem er ein Mädchen zeigt, wie es vor einem Kreis von Zuschauern sein Bedürfnis erledigt: Eine der Frauen, die mit ihren Kindern herumsitzen, sagt entrüstet: »Det se jrade mittags ihre vier Buchstab'n muß zeigen – det soll woll uff uns jehn – so 'ne Jöhre – na dreckig is se jenug, det se sich mal kann in die Spree häng'n« – »Na, ihre Schwester jestern war noch ville dreckiger!« »Nu wenn schon, aber die is ja ooch ville älter!«   137. Fritzchen schläft. Aus dem Ulk.   Beim Spiel äußert sich immer wieder das, was die Kinder hören: »Den ick erwische, muß mir heiraten. Vata is ooch so rinjeschliddert!« * Sie tun auch manchmal harmlos, zum Beispiel auf der Eisbahn, wo der Kontrolleur sie anhält: »Ne, Freilein, forn Sechser kannste bei mir nich loofen, der Schport kost' immer noch'n Jroschen!« »Na, ick habe man aber bloß een Schlittschuh.« * Diese Worte sind zugleich ein charakteristisches Echo aus Berlin N und O: man hat dort oft »nur einen Schlittschuh«. Daß die Kinder so helle werden, ist auch begründet durch die Ansprüche, die von den Eltern an sie gestellt werden, wie das Zille in einem Bildchen ausdrückte: »Wat –? Janze 30 Fennige von Weihnachtsmarkt? Ihr kommt mir immer mehr wie so'n Weihnachtsjeschenk von de Armen-Kommission vor!«   138. Großvaterpflicht. Nach einer Originalzeichnung zum 1. Mal veröffentlicht.   Das macht sie natürlich aufgeweckt. Und mit einer frühreifen Selbstironie antworten sie, wenn sie gefragt werden: »... und in welche Klasse geht ihr Kleinen?« – »Bei die Jummipuppen!« – »Gummipuppen?«   139. 'ne Gummipuppe. Die rhachitischen Kinder nennt man wegen ihrer krummen Beine Gummipuppen. Nach der Originalstudie zum 1. Mal veröffentlicht.   »Na ja, in de letzte Klasse, wo se noch die krummen Beine hab'n!« * Das veranlaßt dann manch unglückliches mißratenes Wesen zu äußern:   140. »Siehste, wat schmeißte die Pulle hin! Nu wird uns Mutta feste verdreschen!« Nach einem Studienblatt zum 1. Mal veröffentlicht.   »Wenn ick jewußt hätte wie ick aussehe, dann hätt' ick mir nich' lassen uff die Welt komm'!« * Aber nicht alle nehmen einen Naturfehler tragisch, sondern meinen: »Weeßte Juste, wegen det bißken dicken Nabel brauchste mit Wanda'n ooch nich jleich zum Doktor loofen, det sin merschtentels versetzte Pupers.« »Na immer! Det Pflaster hat ihn fein rinjebracht. Soll se sich vielleicht, wenn se jrößer is, von ihr'n Bräutijam veräppeln lassen?«   141. »Halt dir feste, sonst kommen wir zu spät!« Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Auf solchem Boden wachsen auch die »Hausmütterchen«, die zu ihren kleinen Geschwistern sagen: »Wat? – ne Stulle willste? – ne Backpfeife kannste krieg'n – – und dann hopps ins Bette!«   142. Frühlingsspiel. Nach dem bunten Original, etwa aus 1890, zum 1. Mal veröffentlicht.   Verweichlicht werden die Kinder nicht, sie werden abhärtend angeschrien: »Schport treiben und heulen? Det is nischt vor unsen Fritze Ebert, wenn er dir Sonntags ins Stadion zukiekt!« »Aba Mutta! Ooch – jrade – in – de Schnauze!« * Und so kommt zwischen ihnen und ihren Eltern oft eine freundschaftliche, neckende Art zustande, die sich in solchen Scherzen äußert: »Heite hat's aba bei uns in de Klasse jeknallt, Vata! Uns'en Freilein is een Darm jeplatzt – weeßte – der dicke Brummer – uff die Jeije!« * »Mutter, weeßte wie man keene Flöhe kriegt?« »Na, wie denn?« »Man muß daneben jreifen!« * Die Kinder haben auch genug Selbstbewußtsein, um nicht unglücklich zu sein, wenn sie gefragt werden: »Biste ooch ›von‹?« »Jawoll – Mutter weeß bloß nich von wem!« * Zeitig meldet sich natürlich weibliche Koketterie: »Großmutter, wie mein Kostüm sitzt. – Ob ick den Schönheitspreis kriege?« * Wer aber zu stolz in die Ferienkolonie zieht, bekommt von den Zurückbleibenden zu hören: »Paß ooch uff, det eich nich die Lause seekrank wer'n!« * Wie weit diese Kinder von der Natur entfernt sind, ironisiert Zille in dem bekannten Scherz: »Vater? Haben Brombeer'n Beene?« –   143. »Och – so viel Schokolade!« Kinder vor einem Schaufenster, in dem nach dem Kriege zum ersten Male wieder Schokolade auslag. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   »Nee! –« »Na, dann hat Frieda eben zwee Mistkäfer jefressen!« * Trotzdem bleiben diese Zillekinder wie etwas besonders Liebes in unserm Gefühl und in unserm Gedächtnis. Sie wirken nicht bitter. Sie machen uns aufmerksam auf die Jugend um uns herum, bringen sie unserm Herzen näher. Diese Kinder sind ja auch nicht verhungert. Einige sind vielleicht ein wenig rhachitisch. Aber Zille konnte doch nicht anders als durch seinen Stift zu melden und zu beweisen, daß Berlin seine Kinder nicht hungern läßt. Seine Kinder sind alle schön rund und derb. Und wenn sie auch unter den Großstadtschäden leiden: sie haben ihren Humor, springen vergnügt ins Leben hinein und werden schon wissen, das Leben besser einzurichten. Und da jetzt viel Luft und Licht für die Kinder in den Großstädten geschaffen wird, dürfen wir hoffen, daß sie es von Jahr zu Jahr besser haben, die Zillekinder ... . Die Jugendlichen. Neben den Kindern und zwischen ihnen leben die Jugendlichen, die Halbwüchsigen, wie sie eine Zeitlang genannt wurden. Es sind die jungen Menschen, die eigentlich schon über die Kindheit hinaus sind, aber auch noch nicht ganz zu den Erwachsenen gehören, die vor allem noch nicht offiziell mündig erklärt sind. Sie fühlen sich aber durchaus mündig. Und das ist selbst häufig bei Kindern schon zu finden, wie das manche Zeile in dem Kinderkapitel beweist. Meistens aber befinden sich unter den Halbwüchsigen Lehrlinge, Laufburschen, Radler, Boten aller Art und – Fürsorgezöglinge. Zur Charakterisierung seien hier einige Sätze aus einer Studie von mir über diese Halbwüchsigen abgedruckt: Dort, wo nur vereinzelte Häuserblocks mit kahlen, grellen Wänden über brache, umzäunte Bauplätze, Holzhandlungen und den Exerzierplatz hinwegragen, zogen die fünf Burschen entlang. Franz vorauf mit einer lauten Mundharmonika. Die andern paarweise hinterdrein, pfeifend, was Franz blies: »Ha–ab'n Se nicht den kleenen Kohn jesehn?« Die Kindertrupps, die in der letzten Dämmerung von den Laubenkolonien aus durch den Schlesischen Busch nach Hause zogen, blieben stehen und starrten den Burschen nach. Einige der Jungen sangen auch, hastig mit dem Kopf nickend, den Gassenhauer mit, einen nachäffenden, höhnischen Zug im Gesicht. Als die Burschen um die Ecke nach der Görlitzer Bahn zu abbogen, brach der Harmonikaspieler jäh ab: »Ach wat – ich spiel' nich mehr!« Die Burschen, die mit den Händen in den Hosentaschen und vornübergebeugten Nacken hinter ihm her schoben, pfiffen stumpfsinnig weiter. Erst nach einer Weile sagte einer: »Na – Franz – nu mach keene Kaleika und blase noch wat.« »Wozu denn? Wenn ick doch keene Lust mehr habe?« »Wat heeßt Lust ...?« Sie gingen eine Weile schweigend in der zunehmenden Dunkelheit vorwärts auf dem hellgrauen Steinpflaster. Plötzlich brach einer von ihnen los: »Natürlich, dein Willi is ja nich dabei! ... Er wird schon noch kommen! ... Oder ärgerst du dir, daß er noch mal ins Kittchen muß? ... Denkste, das dauert bei dem lange, daß er draußen is? Der is doch immer gleich wie'n Verrückter, wenn ihm eener wat sagt!« Sie kamen an eine Stelle des Zaunes, von der die Eisenspitzen und Stacheln herabgerissen waren. Wie die Katzen kletterten sie hinüber und schlichen innen ein Stück entlang. Dann setzten sie sich auf die Böschung. Der größte von ihnen, der schon vorhin gesprochen, holte Zigaretten hervor und verteilte sie mit den ärgerlichen Worten: »Nu habt euch man nich so um den Willi! Ihr dhut ja jrade, als wenn det der reene Joldengel is ...« In sein vom aufflammenden Streichholz erhelltes Gesicht kam eine geringschätzige Linie. Die dünnen, welken Backen, der blasse, schmallippige Mund und das knochige Kinn zogen sich nach unten, als er das Streichholz den anderen hinhielt: »'t is woll euer Liebling? Wat? – weil er von feine Eltern abstammt? He!« Franz wollte gerade seine Zigarette anzünden, da blies ein dritter das Streichholz aus. »Laßt doch solche Kindereien!« fuhr Franz die anderen an, die laut und fröhlich lachten. Der Große, der inzwischen tüchtig paffte, entzündete wortlos ein neues Streichholz.   144. Sonntagsfreuden. »Ihre Else läßt sich ja orn'tlich abknutschen, Frau Meyer, is et denn een ernstet Verhältnis?« »Nich in die Hand, 's is unser möblierter Zimmerherr, een anständiger Mensch, da muß man schon een Ooge zudrücken!« Aus »Mein Milljöh«, Verlag Dr. Selle-Eysler A.-G.   Auch diesmal bliesen sie es ihm aus: »Hier ist't zu windig!« »Ja, ihr seid mir scheene! Windige Brieder seid ihr!« sagte Alfred, der ein drittes Streichholz in Brand setzte. Da lachten die anderen noch mehr – und zuletzt lachten Alfred und Franz mit. »Die reenen Kinder seid ihr doch!« machte Alfred, als er endlich die Streichhölzer fortstecken konnte. »Na – sonst könntet ihr euch ooch nicht so um den Marzipan-Willi haben.« »Na – nu laß endlich den Willi zufrieden!« fuhr Franz auf. »Wat hat er dir denn jedhan? ...« Er rückte sich zurecht und sagte grollend: »Der dhut sich nischt dadruff zu jute, deß er aus de Fürsorge (Fürsorgeanstalt) ausgekniffen is wegen Strafe, von wegen jemauste Äppel!« »Nee, aber ich kann mir wat dadruff zu jute dhun! Jewiß, ick bin ausgekniffen. Ick habe ooch Äppel jestohlen. Aber dadrum schäme ick mir noch lange nich! Im Jejenteil! Dadruff bin ick stolz! ... Und – denn is det ieberhaupt keene Art nich, eenen det immerzu vorzuschmeißen! Du – –« Die anderen murmelten, als ob sie ihm recht gäben. »Als wenn ick dir immer vorklönen wollte, deß du deine Mutter, die euch alle Mann durch Waschen satt macht – deß du deine Mutter de Laken aus't Bett verkooft hast!« »So – wer hat mir denn dazu anjestift't? Wer is denn immer zu uns ruffjekommen und hat mir in de Ohren jelegen? Un wer hat denn die Dinger verschärft? ... Du – det ick nich krätig werde!« * Zille selbst schildert die Jugendlichen in manchen Zeichnungen. Einige der Unterschriften geben das richtige Milljöh dieser Menschenkinder: »So'n Lärm, ick wer't eire Mutta sag'n, und ooch noch een fremder Mensch is da!« »Aba, Frau Schmidt, det is doch Metas Verhältnis, der is von de Fürsorje jetürmt!«   145. Rodelfreuden. Nach der Originalzeichnung.   Paule war mit seinen dreizehn Jahren schon zweimal vorm Jugendgericht, hat sich ne »Brume« rangelacht, die Pinkelfrieda ist seine Braut, und wenn die Drehorgel ertönt, Paule tanzt, wie man in Berlin sagt, schon eine ganze »kesse Sohle«. Wie lange wird's dauern, und Paules Daumenabdruck ist auf dem Alexanderplatz. (Siehe Bild 28.) * »Jroßmutter –¦ hab ich schon Brust?«, fragt eine Zwölfjährige beim Ankleiden. * Da haben wir solche, die in die »Fürsorge« kommen. Und wie es um die steht, die heraus kommen, zeigt die Antwort der zu Entlassenden: »Na, Alwine, hast du noch einen Wunsch?« »Mit 'ner modernen Kluft möchte ick bei mein' Verhältnis antreten, enges Kleed und Bluse mit Oberlicht, Herr Direktor!« * Nicht alle Jugendlichen sind so heile. Da sagt Zille mit fideler Selbstverspottung: »Wo woll'n Se denn hin mit det Mächen – Frau Kulike?« »Ach, det is doch meine Nichte, de Paula. Zu nischt doocht se, sechs Stell'n hat se jehabt in fünf Wochen, nu will ick ihr als Modell bei Zill'n bring'n!« * Dann rufen sich wieder die richtigen Großstadtpflanzen zu: »Wo'n hin, Else?« »Rangdewuh!« »Wo'n?« »Bei die Schale in Lustgarten.« »Ick ans Knie!« * Das sind die Jugendlichen, die in bestimmten Wirtschaften ihre »geschlossenen« Vereine haben, wo sie ungestört miteinander knutschen können: »– Nun ick bin dafor, det wir uns 'ne andre Vereinsbudike suchen, so 'ne Zigarette for'n Pfennig is in Damenjesellschaft nich mehr zu roochen!«   146. Vor dem Jugendgericht.»Det trau ick mir jarnich öffentlich zu sagen!« Nach dem Originalentwurf zum 1. Mal veröffentlicht.   Auch findet man sie in den Konditoreien, in denen Holzwände kleine Poussierwinkel bilden. Da steht dann in der Knutschstunde der Kellner und denkt: »Stille Zeit!« Und die kein Geld für Konditoreien und Vereine haben, machen's in der Feierstunde so: »Schnell noch 'in Kißken, Karl, ick muß in'n Meechenschutz!« * Und auch die Wandervögel neckt Zille ein wenig; trotzdem er sich an ihrem kameradschaftlichen Wesen und ihrer Einfachheit freut: »Jehn wa heite nacht in die Jugendherberge, Irma?« – »Nu nee – nich in de Hand, ick bin for Natur. Ick bleibe mit Fritze ins Jrüne.« * Und dann kommt auch mal die Angriffslust des jugendlichen Alters zum Vorschein – die in berlinischer Bildhaftigkeit sich äußert: »Det ick dir nich 'nen Schatten ins Profil setze!« * Allerdings sind manche unter ihnen, die einen kleinen Knax von ihrer Kindheit her haben. Einzelne fangen auch an zu versagen, wenn die Ansprüche des Lebens an sie herantreten. Aber die Mehrzahl arbeitet sich durch alles moralische und sittliche Gestrüpp der Großstadt durch, ist blind oder unempfänglich für die blendenden Verführungen um sie herum. Jeder Großstadtjüngling, jedes junge Mädchen wird tausendfach von allen möglichen Lockungen bestürmt. Wer ihnen nachgibt, muß dafür bestimmt sein. Denn den andern blieben sie nicht erspart. Sie aber wandern durch allen Schmutz und durch allen sozialen Druck und bleiben aufrecht und klar. Also haben wir: Hoffnung auf die Jugend! Kleinbürger und Proletarier. Hierzu auch Bilder der Kapitel »Kinder«, »Fräuleins«, »Milljöh«. Ich muß hier einiges zur Ehrenrettung des Kleinbürgers sagen. Denn bisher wird das Wort Kleinbürger immer nur als eine verächtliche Bezeichnung gebraucht. Und doch ist die Kleinbürgerschicht der reiche Wurzelboden für kulturelle Entwicklungsstufen, für Höchstleistungen, für Persönlichkeiten, die unser Kulturleben, unsere Kunst, unsere Wirtschaft, unsere Wissenschaft ganz bedeutend gefördert haben. Waren nicht die Väter und Großväter fast aller wichtigen Persönlichkeiten Schmiede, Schuster, Bäcker, Maurer, Kleinkaufmann oder irgendwas Ähnliches? Mag das Kleinbürgertum manche komische Seite an sich haben: Gerade, weil es Kleinbürgertum ist, bietet es so ausgezeichneten gesunden Nährboden für Entwicklung und Aufwärtsstreben. Manches von seinem Spießertum ist doch im stillen auch ein Ideal recht vieler Intellektueller. Die Stille im Heim nach hastiger Lebensfahrt in der Großstadt gibt recht gute Kräfte zum Weiterkämpfen. Und derartiges ließe sich noch vieles sagen. Zum mindesten ist in vielen Kleinbürgerfamilien auch Interesse für kulturelle und künstlerische Fragen vorhanden. Und wenn diese Mittelschicht nicht soviel Ideale für Ordnung und Reinlichkeit, Lernen und Wissen hätte: die Oberschicht allein würde es nicht schaffen, und die Unterschichten hätten nicht die Vorbilder, nach denen sie sich doch in Wirklichkeit richten. Was ich sonst vom Kleinbürgertum und von dem ihm benachbarten Proletariat zu sagen habe, schrieb ich in meiner Kultur- und Sittengeschichte Berlins.   147. Holzfuhre zwischen dem Grunewald und dem Westen Berlins. Heute stehen auf diesem Fleck große Häuserblocks. Nach dem Original, März 1895     148. »Komm, rasch, sonst fährt dir das Auto über!« Bewegungsstudie. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Die Frau des kleinen Beamten und der Kleinbürgerkreise, die Handwerksmeister-, Vorarbeiter- und kleine Händlersgattin ist selten engherzig egoistisch. Sie sieht viel zu viel Auf und Nieder um sich herum, als daß sie verhärten könnte. Sie bringt allen Unglücklichen jenes mütterliche Gefühl entgegen, das auch die einfachste Frau mit einem verklärenden Schein umgibt. Die kleinbürgerliche Berlinerin hat stets ungezählte Wohltaten geübt, ihrer Nachbarin in schweren Stunden beigestanden, Hungernden den knurrenden Magen gestillt, alten Bettlern irgendein Kleidungsstück aus dem Schrank des Mannes hervorgesucht, armen Kindern der Verwandtschaft einen Weihnachtstisch bereitet und so im stillen in ihrer beschiedenen Art nicht weniger Wohltaten verrichtet, wie manche öffentlich gelobte Vereinsdame und Wohltätigkeitshyäne. Und dabei sieht es meist in ihrer Häuslichkeit sauber aus, auch hält sie die Wäsche und die ganze Wirtschaft allein in Ordnung. Ihr haftet allerdings oft was Spießbürgerliches an; sie ist fast nie interessant und pikant – denn sie hat reichlich genug mit ihrer Wirtschaft, ihren Kindern und ihrem Mann zu tun. Die Frau des kleinen Handwerkers und des Arbeiters ist immer dem schwersten Lose des Weibes verfallen gewesen. Sie mußte, wenn sie nach jahrelangem Arbeiten für andere endlich dazu kam, für sich zu wirtschaften, alles in Ordnung halten, mit bescheidenen Groschen die Mahlzeiten bereiten, die Kinder besorgen, den Mann betreuen und nur zu oft noch selbst mit hinzuverdienen. Jede Frau wird wissen, was es heißt, mit zwei Armen Geld schaffen und zugleich kochen, scheuern, nähen, waschen, Kinder nähren und warten und sich die gute Laune behalten. Denn die hat die Berlinerin sich meist nie nehmen lassen. Wenn es ihr zu arg wird, schimpft sie sich mit den Nachbarinnen oder mit ihrem Mann herum – und sie ist wieder obenauf. Wie viele solcher Frauen haben schon stets unermüdlich für andere gearbeitet, gewaschen, geplättet, aufgewartet und gescheuert! Sie sparten sich womöglich dabei das Essen vom Mund ab, um es ihren Kindern heimlich mitbringen zu können. Chamisso hat das Motiv zu seiner »Waschfrau« ja nur in Berlin gefunden. Und es muß wohl ein häufiges gewesen sein. – Für Bildung hatten diese Arbeitsbienen nie viel Zeit. Aber irgendein Monatsblatt wurde doch manchmal in solchen Familien gehalten – allerdings auch oft Kolportageromane. Aber mit den vordringenden radikalen Anschauungen, die seit   149. Mittagspause. Studie aus dem Südosten Berlins, wo die Fabrikarbeiter mittags »frische Luft schnappen«. Nach dem Original 1904 zum 1. Mal veröffentlicht.   den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts überall hinfanden, verloren diese Schunderzeugnisse ihren Boden in vielen Familien – leider nicht in allen. Und ein Gegengewicht gegen die Verwüstungen, die von den sozialen Zuständen in manchen Familien herbeigeführt wurden, fand sich nur selten. Die Töchter der Fabrikarbeiter besuchten zwar die Volksschule, aber wie oft mußten sie zeitig mitverdienen und so früh wie möglich in die Fabrik gehen. Da hieß es früh aufstehen und fast den ganzen Tag in eintöniger Arbeit an einer Maschine verbringen. So fand sie die Ehe, die oft frühzeitig geschlossen wurde, als eine Frau,, die von der Hauswirtschaft nur wenig verstand, die mit Ach und Krach die kleine Wohnung von Stube und Küche sauber hielt, die Kinder in Ordnung brachte und nur zu oft die ganze Wirtschaft gehen ließ wie sie wollte, weil sie selbst noch arbeiten mußte und sich nur abends um die Familie kümmern konnte. Trotzdem – es gab auch hier immer zahllose Frauen, die sich keine Minute Ruhe gönnten und Heber sich abrackerten, als ihre kleine Wohnung oder gar ihre Kinder in Schmutz verkommen zu lassen. Allerdings: die Wirtschaftskunst mußte bei solchen Verhältnissen leiden. Und so mag es kommen, daß die Berlinerin der unteren Kreise nur zu oft nicht fähig ist, das Heim so recht gemütlich zu machen. Diese schweren drückenden Verhältnisse brachten es auch mit sich, daß die Lebensart des niederen Volkes sich nicht verfeinern konnte. Wo Frauen in Masse bei schwerer Arbeit zusammen sind, werden gewöhnlich keine bildenden Gespräche geführt. Mehrere haben immer frühzeitig intime Beziehungen zu den Männern – und ihre zynische Offenheit nimmt den andern die Reinheit und reizt ihre Neugier und Eitelkeit. Der Lohn wird bald nicht mehr ganz zu Hause abgegeben, sondern zu Putz verwendet und das Tanzlokal vollendet die Erziehung zu jener üblen Großstadttochter, die manchmal durch einen braven fleißigen Mann oder durch eine Mutterschaft zu einer verehrenswürdigen Frau wird, die aber auch oft der Prostitution anheimfällt. Die schlechten Wohnungsverhältnisse haben auch stets beigetragen, den Mädchen jede Unbefangenheit zu nehmen. Oft mußten von den Eltern Schlafburschen gehalten werden. Das enge Beieinanderleben, das Reinigen der Männer und Mädchen zu gleicher Zeit am Morgen in einer Küche, die jedem Ohre zugänglichen Gespräche nicht allzu keuscher Art und vieles andere mußte manches Mädchen rauh und leicht machen. Andere blieben weiblich trotz aller Anfechtungen bis an ihr Lebensende, ließen sich von dem später geheirateten Mann geduldig mißhandeln und sorgten wohl gar noch für ihn. Sie schlugen sich durchs Leben und meinten humorvoll:   150. Im Regen: »Mutter, ick werde nich naß.« Nach dem handkolorierten Originalstich.   »Herrjott, sind wir verjnügt und haben't jarnich nötig!« Sie ließen sich als echte Berlinerinnen nicht unterkriegen und meisterten in ihrer Weise ihre Lebensverhältnisse. Sie mußten, um sich erhalten zu können, praktisch und derb werden. An Pflichtgefühl, Nüchternheit und einem gewissen gesunden, sparsamen und anstelligen Ordnungssinn fehlt es ihnen nicht. Aber manche Frauen aus dem Volke, besonders aus dem ein wenig bemittelten Kleinbürgertum, können widerwärtig engherzig, neidisch und kleinlich sein; andere wieder sind gastlich und durchaus frei von jener Eitelkeit, die kleine eigene Taten für das Bedeutendste hält und darüber die großen der andern vergißt ... Auch Zille hat in seiner alles begreifenden und aufzeichnenden Art manche Sympathie für das Kleinbürgertum – vor allem aber für das Proletariat. Da sich aber zweifellos Kleinbürgertum und Proletariat vielfach ineinander verflechten, da heute ein Mensch Kleinbürger, morgen aber schon Proletarier sein kann, da aber auch viele Proletarier durchaus kleinbürgerlich leben und andere wieder bald sprunghaft, bald mit schweren Kämpfen vom Proletariat ins Kleinbürgertum hinüber wechseln, ist hier Kleinbürgertum und Proletariat zusammengefaßt. Die Lebenshaltung beider Schichten ist durchaus gleichartig. Nur bei jenen, denen das Glück ganz unhold ist, die sich gar nicht behaupten können und die schließlich zum fünften Stand abrutschen, ist das Dasein ein wesentlich anderes. Doch davon in einem anderen Kapitel. Heinrich Zille nimmt sich vor allem das Familienleben vor und enthüllt mit seinem derben Stift und seiner witzigen Rede so mancherlei. Zuerst einmal: »Glück im Winkel« (Bild 152). Eine andere Seite dieses Glückes bespöttelt er in folgenden Scherzen:   151. Blumenfrau. Nach der farbigen Originalstudie 1903 zum 1. Mal veröffentlicht.   Ahnungen. »Nu halt' man de Luft an, Olja – det kannste doch nich bestreit'n, det ick nich immer een juter Jatte un Vata war!« – »Hab' ick ooch jarnischt jejen – aba et is nu mal mein Traum, deste mir ooch mal nichtern vahaust!« – * Familienleben. »Zu ville derf man ooch nich saufen, Willem, sonst kann man zu Hause die Olle nich vahaun!« * »Nee, Frau Maier, det olle Schnarchen hab' ick mein Mann schon als Bräutijam abjewöhnt!« * Auf den Landpartien und Ausflügen zeigen sich auch manche sonderbaren Seiten des Familienlebens. Eine Frau sagt zur andern: »Mein Mann is ooch mächtig fors Jrüne, aber er hat nichts von – er is immer jleich blau!« * Und wenn Steppke, der unterwegs zuviel gegessen hat, jammert: »Vata mir is iebel!« Dann antwortet der Papa liebevoll: »Dann stell' dir nich so bei mir, – geh bei Muttern!« * Auch sonst weiß Zille aus solchen Familien Erbauliches zu berichten: Zartes Geständnis. Welch friedlich sonntägliches Bild! Herr Fritze Schulze lächelt mild, denn seine Gattin Karoline verriet ihm mit verschämter Miene: »Herr Jesses, Fritze, denk dir man, ick jlobe, bei mir, da kommt wat an!«   152. Glück im Winkel. Nach dem bunten Original um 1912, zum 1.Mal veröffentlicht     153. Kremserfahrt nach dem Grunewald. Eine der letzten Zeichnungen von Heinrich Zille, die ihn durchaus auf der Höhe seiner Kunst zeigt. Nach dem Original.     154. »Mein Mann ist sehr für sexuelle Aufklärung. Er kann et die Kinder bloß nich so beibringen. Er wird immer jleich zu jemein!« Aus »Mein Milljöh«, Verlag Dr. Selle-Eysler, A.-G.   Selbst moderne Bewegungen spiegeln sich manchmal eigenartig in solchen Familien: »Mein Mann ist ja auch für sexuelle Aufklärung, er kann et die Kinder bloß nich so beibringen, er wird immer jleich zu jemein!« (Bild i54.) * Und Zille neckt auch auf diesem Gebiet wieder die Frauen, die in der Abwesenheit des Mannes ihren Freund bei sich haben und denen das böse Gewissen schlägt: »Mein Jott, wer schließt denn da!? Det is woll der Wirt, der de Miete holt ... oder mein Mann ...« (Bild 155.) * Zimperlich ist man ja überhaupt nicht in diesen Kreisen. Der Segler sagt zu seiner Frau: »Mutter! – – –« »Na wat denn?« »Heb' mal det Hemde hoch, ick will seh'n wo der Wind herkommt!« * Das führt denn dazu, daß getreue Nachbarn und dergleichen plappern: »Die Schulzen hat'n Jung'n jekriecht – der sieht aba sein Vata ähnlich.« – »Nanu – kenn' Se denn den?« »Wat, Schulzen soll ick nich kenn'? Ick meen doch Schulzen von uns'e Etasche.« »Und ick meen doch den Vata von de Schulzen ihr'n Jung'n.« * Die Frauen und Mädchen dieser Kreise neckt Zille besonders gern. Siehe auch das Kapitel »Fräuleins« und das Bild »Sonntagsfreuden«, Nr. 144. Die Sparsamkeit dieser Frauen hat es Zille besonders angetan: »Sind Sie eene Spreewälder Amme?« wird eine Kinderfrau im Tiergarten gefragt. »Ach nee, ick bin Frau, 'ne Berlinerin, det is mein Kostüm vom Maskenball, ick hab' nischt anders mehr anzuziehn. Sind Sie Spreewälderin?«   155. Das böse Gewissen. »Mein Jott, wer schließt denn da? Det is woll der Wirt, der de Miete holt – oder mein Mann.....« Nach einer Originalzeichnung.   »Nich in de Tüte; ick bin Berlinerin, verheirat nich, aber als Amme bei 'ner Spreewäldern. Ick muß ihre Kluft anziehn, sie handelt angroo Boll'n un Jurken. Se jeht ganz modern, vor zwee Jahr' war se noch Amme.« * Solche Erfahrungen veranlassen manche Mädchen zu dieser Äußerung:   156. Sparsam. Frau: »Manne, schnell hol den Doktor Fronzig, der Hans hat nen Fünfpfenniger verschluckt. ...« Nach dem Original.   – »Ich könnte janz jut als Amme jehn, für Berlin W, es is ja alles da – aber erst saugen se ein aus und dann be – – betrügen se ein! Da jeh ick lieber zum Film und brauch's bloß so zu markiern!« * Aber auch die Männer sind tüchtig und strebsam. Von ihnen verkündet Zille: Kunstgewerbe. »Wo habt Ihr denn die feine Einrichtung her?« –   157. Raumkunst. Nach dem Original, 1. Fassung, zum 1. Mal veröffentlicht.   »Det hat mein Mann alles selbst jebaut; er war doch mal Hausdiener in det Jeschäft für Raumkunst und Innendekoration.« So sagt die Frau stolz von den Möbeln, die ihr Mann aus Kisten gezimmert hat. (Bild 157.) * Neues vom Baumarkt. »Det Jahr bau ick noch ne Jarage for'n Kinderwagen an, un nächstet Jahr will ick uffstocken!« So sagt der kleine Laubenbesitzer, der nur wenige Quadratmeter besitzt. * Am Rande der Stadt. »Siehste Aujust, so krabbelt man sich hoch! Det sin de letzten Kartoffeln, die ick uff det Land kultiviere. Det nächste Jahr wohn' ick hier in Keller und habe die Portjestelle.« (Bild 179.) * Das sind dieselben Männer, die um Weihnachten herum einen kleinen Handel mit Weihnachtsbäumen eröffnen. Sie verstehn das kahlste Bäumchen anzupreisen: »Det is doch een janz scheener Boom! So'n finden Se in janzen Jrunewald nich mehr! Da brauchen Se nischt ran zu häng'n, ooch macht er die Stube nich duster!« * Weihnachtsbaumhandel ist gewöhnlich ihre erste Spekulation. Allerdings fangen viele auch schon auf dem Weihnachtsmarkt mit ganz geringen Mitteln an, verkaufen rasch, stecken möglichst viel vom Gewinn wieder ins Geschäft. Und so kommen sie oft in den vierzehn Tagen bis zum Fest zu einem kleinen Kapital, mit dem sie einen andern Handel weiter treiben. Denn nicht alle unter diesen Weihnachtshändlern sind so arm an Geld und Begabung, daß sie immer im Elend stecken bleiben ...   158. Weihnachten. »Alle Menschen sin vaeint, keener is det andern Feind – Reich läßt Arm' 'n Süpp'ken essen, det der ooch mal kann wat fressen, iebahaupt, da sind se wieda allens Schwestern, alles Brieda. Ach, wie wär'n wa alle froh, wenn et doch man imma so! Lieba guter Weihnachtsmann, streng dir mal n' bißken an: Keenen Haß nich, keene Hiebe, Frieden woll'n wa,                   Christboomliebe! Aus dem Gedicht von Berthold Wolfsohn an H. Zille 1924. Nach einer Originalzeichnung.     159. Arbeiterfrau trägt Mittag. Nach der Originalstudie, 1897, zeigt schon ganz die große Kraft und Art von H. Zille. Zum 1. Mal veröffentlicht.     160. Arbeiterfrau geht heimwärts vom Mittagtragen. Nach der Originalstudie, 1897, Gegenstück zu Bild 159. Zum 1. Mal veröffentlicht.   Manche treiben es aber so kräftig wie jener Kneipwirt: »Mensch, Budiker, deine Eisbeene sind ja lauter Knochen!« »Det is jetzt so 'ne Sorte Schweine, die hab'n doppelte Knochen!« * Oder wie ein anderer, von dem Zille meldet: Meine Wurscht is jut – Wo keen Fleesch is – da is Blut – Wo keen Blut is – da sind Schrippen – An meine Wurscht is nich zu tippen! * Schlimmer noch ist jener Schlächter, aus dessen Wurstfleischtonnen die Maden in großen Zügen aufsteigen – die dann der Meister alle mit der Wurstmasse verarbeitet: »Wat man mit det Viehzeug for eene Arbeet hat, det et bloß nich zu die Kunden alleene hinlooft!« * In diesen Kreisen gedeiht dann auch die echte Spießermoral. Ein Vielseitiger sagt. »Bei mir jiebt's det janze Jahr bloß zwee Feiertage! Det is Kaisersjeburtstag und der erste Mai!« * Mudike macht Bilanz: »Ick habe meine Seelige übastanden – Ick habe Kaiser Wilhelm übastanden – Ick wer' ooch die Republik übastehn!« * In solchen Händlerfamilien gedeiht auch Protzerei und komische Selbstgefälligkeit:   161. Familie Panke, Berlin O. (Schlächter und Hauswirt), zeigt sich ihren Mietern, die keine Ahnung vom Freibad haben, in ihrem Badekostüm: »Und so jehn wir ans Ufer spazier'n, un denken uns jarnischt dabei!« Nach dem Original 1909.   »Wat habt ihr denn nu so die janze Zeit ins Seebad jemacht?« »Wir hab'n uns immer abjeseeft! Erst seefte er mir ab – und dann seefte ick ihn ab!« * Das sind die Männer, deren Witwe erschreckt sagt: »Ein Kilo! und im Leben hat er zweiundachtzig Kilo gewogen!« * Und die auf ihrem Krankenbett antworten, wenn ihre Frau sie besorgt fragt: »Emil, brauchst du ne Wärmflasche?« »Ja, aber eene mit drei Sterne!« * Das sind die Männer, die betrunken nachts auf der Straße sitzen und die der Schutzmann fragt: »Wissen Sie denn überhaupt, wo Sie wohnen?« Betrunkener: »Lassen Se mich nur, Herr Wächter, noch vier Laternenpfähle – dann bin ick zu Hause!« * Selbst brave Zeitgenossen, die in der alkoholgegnerischen Laubenkolonie zum »Blauen Kreuz« ihre Wohnlaube haben, liegen manchmal berauscht auf der Erde und werden angerufen: »Sie – Mann! Gehen Sie doch in Ihre Laube, Sie werden erfrieren!«   162. Die Witwe. »Ein Kilo! Und im Leben hat er 82 Kilo gewogen!« Ulk, August 1907.   »Wat heeßt Weihnachtsboom: Ick hab' den Schlüssel in de Kneipe verlor'n!« * Aber dieselben Männer mühen und quälen sich auch wiederum für ihre Familie, schleifen mühsam Holz heran aus der Heide, schaffen in den Mußestunden in ihren »Rittergütern« in den Laubenkolonien und wissen auch sonst gut für ihre Familie zu sorgen. Schließlich behalten die Frauen sie doch lieb trotz allem, was sie mit ihnen durchmachen müssen, und sagen im Alter humorvoll:   163. »So, ick setze mir'n bißken. Det mein Oller ooch mal wat uff die Bank hat!« Nach der Originalzeichnung.   Der fünfte Stand. Der fünfte Stand – das sind die wirklichen Proletarier. Das sind die Leute, die nichts mehr besitzen, die nicht mal mehr die Hoffnung besitzen. Die nicht mehr die Möglichkeit sehen, aus diesem Zustand herauszukommen. Die andern Proletarier sind ja heute in Wirklichkeit keine Proletarier mehr. Durch das Kassenwesen, durch die öffentlichen Versicherungen sind sie mit der ganzen Wirtschaft verknüpft und haben Anteil an dem gewaltigen Besitz des Reiches und der Gemeinden und an unendlich viel andern Gütern. Wirkliche Proletarier sind heute eigentlich nur noch die Landstreicher und Pennbrüder. Auf den Straßen sieht man sie selten. Sie haben ihre stillen Winkel, wo sie ungestört ihr glückselig-unglückselig Leben verbringen. Auf einzelnen Plätzen, in der Nähe berühmter Schnapslokale, halten sich wohl einzelne Trupps. Sie verschwinden da in der Masse der Menschen, sie sind geborgen durch die Menge. Aber meist haben sie dort, wo sie einen gelegentlichen Verdienst finden, wo sie zur Nacht unterkriechen können, ohne Geld dafür ausgeben zu müssen, und wo sie vor jedem spähenden Auge sicher sind. Viele »pennen« in Möbelwagen. Überhaupt sind die Fuhrhöfe und Garagen ein beliebter Unterschlupf der Pennbrüder. Da verdienen sie sich ab und zu durch Handreichungen die Erlaubnis, in den Ställen nächtigen zu dürfen. Auch in der Nähe von Steinplätzen und Holzhandlungen halten sie sich auf. Am häufigsten aber leben sie auf den großen Terrains der zahlreichen Güterbahnhöfe Berlins. Die vielen Lagerplätze, die Schuppen, die Warenstapel, die vielen Zäune und Bretterbuden – vor allem aber die Schlupfwinkel, die ihnen die Bahnviadukte geben, verlocken die Pennbrüder zu ihrem ungebundenen Leben. Diese, einem jeden geordneten Dasein abholden Menschen finden auf den verlorenen Wegen und auf den Güterfeldern zwischen den Schienensträngen ihr Paradies. Hier sind sie sicher vor der Polizei, hier erwerben sie sich durch kleine Besorgungen, die sie für die Wärter und Arbeiter ausführen, und durch Auflesen der Abfälle ihren geringen Lebensunterhalt, hier feiern sie ihre kümmerlichen Orgien – und hier vergrübeln und verdämmern sie die übrigen Stunden. Es ist eine merkwürdige Menschensorte. Manch ein Philosoph könnte sie für sein Ideal halten. Nach irdischem Glanz und Ruhm streben sie nicht mehr. Das haben sie längst aufgegeben. Sie fragen nicht, ob sie noch einmal in einem mit schönen Bildern geschmückten Zimmer an reich gedecktem Tisch, der mit blendenden weißen Leinentüchern überzogen und mit Blumen bestreut ist, sitzen werden. Sie verlangen nicht nach einem Schlafzimmer, dessen Möbel aus kostbarem Rosenholz gefügt und neben dem ein farbenglühender, mit Mosaik ausgelegter Baderaum zu zeitigem Aufstehen einladet. Alles ist eitel! meinen sie und schlucken aus der schmierigen Schnapsflasche eine Wonne der Vergessenheit und ihren siebenten Himmel .... Was sie zu solchen antikulturellen Anschauungen geführt? Hunger und Liebe, Schwäche und Kraft, Verdorbenheit und Größe, natürlich auch soziale Not – bald dies, bald das, bald nur eins und bald wieder mehreres – und ganz, wie es jeder auslegen will. Philosophen mögen sich darum streiten. Eins ist jedenfalls sicher: Ihre Verkommenheit konnte nicht alle persönlichen Züge austilgen. Und trotz der zerlumpten Kittel, der zerbeulten Hüte, der Stiefel ohne Absätze und der verschnapsten Gesichter, die fast allen gemeinsam sind, hat doch jeder seine Eigenheiten, unterscheidet sich einer von dem andern. Viele von ihnen nächtigen auch oft im Asyl für Obdachlose und in den Herbergen, die von der Heilsarmee, der inneren Mission, den Innungen und Gewerkschaften unterhalten werden. Das sind Tausende, die wirklich keinen Halt mehr haben, Unzählige, die einst Luftschlösser bauten und denen die Luft jetzt das einzige Besitztum ist. – (Bild. 165.)   164. Hundestunde der armen Frau, die nichts hat auf der Welt als ihren Hund. Nach der Originalzeichnung zum 1. Mal veröffentlicht.   Daneben gibt es natürlich noch manche, die zwischen dieser Schicht und den andern Schichten schweben und hin und her pendeln. Zille schilderte mir einige solcher Figuren, die er ja gut kennt: »Die Familie, die mit ihrem Kram auf dem kleinen Wagen unterwegs war, das waren Trockenwohner. Vorm Kriege wurden neue Häuser nicht gern sofort bezogen. Und da lernte ich 'ne Familie kennen, die wohnte immer nur als Trockenwohner. Die zahlte nie Miete. Den Mann und Vater nannten wir Nulpus. Der bildete sich was auf seine Schlauheit ein, daß er mietefrei wohnte. Der hätte auch keine Miete zahlen können. Das arme Luder – der war doch schwach im Kopf.« * »Der Krögelmax verstand sich durchzubringen durchs Leben. Der wohnte auf'n Hof im alten Krögel und hatte 'n paar Hühner. Die liefen da rum. Und davon lebte er fast ganz. Die Eier lieferte er nämlich an einen Bereiter in den Marstall von Wilhelm II. Der wollte täglich frische. Wenn die Hühner aber nicht genug legten, packte Krögelnaxe auch andere dazwischen, die er im Laden gekauft hatte ... Als ich nach Jahren mal wieder in die Gegend kam, stand Maxe mit'n kleinen Wagen am Straßenrand und verkaufte Speiseeis. ›Willst mir woll zeichnen!‹ rief er mir zu und wendete sich ab, damit ich nicht sein Gesicht auf mein Papier kriegte. Ich beruhigte ihn und wünschte ihm Glück zu seinem neuen Unternehmen. Ach, Maxe war vielseitig. Er ging auch abends als Anreißer für einen Photographen auf den Rummel. Ja, er guckte sich das Photographieren ab und ging schließlich selbst mit'n kleinen Apparat los – in die Kneipen und in die Vereine, die da tagten.« * Außerdem hat Zille diese wirklichen Proletarier in seinen Unterschriften gekennzeichnet. Da ruft ein Zerlumpter vor einem Keller aus, in dem Lumpen angekauft werden: »Wenn ick jetzt Lumpen hätte!«   165. Penner: »Da Ede, een Luftschiff – ich baute mal Luftschlösser!« Aus »Zwischen Spree und Panke«, Verlag C. Reißner.   Ihre Hauptspeise wird durch diese Frage enthüllt: »Wat jiebt's heite, Kleener?« »Blauen Heinrich!« Eine Gefängnissuppe aus Hülsenfrüchten, Reis usw. * Den mangelhaften Gehalt der Armensuppe kritisiert Zille in einem Zwiegespräch: »Entschuldigen Se, junger Mann!« »Schad't nischt, det macht keene Fettflecke!« * So ist es denn kein Wunder, daß sie beim Auseinanderklauben der Müllhaufen begeistert rufen: »Liese, aus'n Kempinskihaufen en feiner Knochen! Det de det nich so ißt, det is zu fett! Vater hat noch'n Schluck Henkell Trocken!« * Und andere, verschämte Arme bekennen: »Ich werde immer magerer und mein Hut wird immer fetter.« * Im Budikerkeller bekommt man aber auch oft zu hören, daß es manchen dieser Bettelbrüder ganz gut gelingt: »Heite dreimal warmes Mittagbrot und sechsmal feine belegte Stullen gekriegt. Wenn ick nu nich bald uffhöre im Westen zu betteln, muß ick wirklich bald zu arbeeten anfangen!« * Und Erfahrene geben im Hammelkopp-Keller die weise Anschauung weiter: »Junger Künstler – Kunst ist – wenn Sie noch jeden Tag Ihren Hammelkopp haben und sich satt essen können – wie unser Nachbar hier – –«   166. Arme Mutter. Berlin O., 3. Hof im Keller. Nach der Originalzeichnung zum 1. Mal veröffentlicht.   Eine besonders bevorzugte Klasse sind die alten Kriegsveteranen, die sich unterhalten (den Veteranen von 1870 ist ein Ehrensold von »Drei Mark« bewilligt worden, 1925): »Wat willste denn mit den Daler Ehrensold anfang'n, Justav?«   167. Freilicht-Theater auf Picheiswerder (»Albrecht der Bär«). »Herr Direktor, brauch'n Se Statisten? Wir sinn echte Wenden, un eigne Kostüme hab'n wir ooch un wohnen jleich in die Häuschen.«   »Na, dafor laß ick mir mein Holzbeen schwarzweißrot anstreichen und loofe für die ›Retterregierung‹ Reklame.« * Arbeitsveteranen sitzen sinnend auf den Bänken in den Parkanlagen: »Weeßte – man darf jarnich drüber nachdenken –«   168. »Herrlichen Zeiten führe ich Euch entgegen! ...« Kriegsverletzter – »Krüppel!« behauptet H. Zille hartnäckig. »Sie wollen bloß das schlimme Wort nich hören!« Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Viele von ihnen benutzen in den milden Jahreszeiten diese Bänke als Bett. Sie bevorzugen die frische Luft und verzichten aufs stickige Obdach. Sie rufen sich frühmorgens zu: »Aujust, hörste, schon der erste Stadtbahnzug! Ach Jott nee, um die Zeit mußte ick früher nu schon uffstehn!« * Wer aber noch 15 Pfennig aufbringen kann, sucht manchmal die Stadtbahn als Ruheort zu benutzen, wird aber meist entdeckt: »Sie fahren schon zum viertenmal um Berlin, wo woll'n Sie denn hin!« »Jarnich! Ick lese Zeitung, der Petroleum is mir zu teier!« * Bei den Armensuppen sind Gespräche zu hören, die von manchem grausigen Schicksal künden: »Die Athletenminna holt ja nischt mehr – is se ausjewandert?« »Ach, mit die soll et sehr schlecht stehn. Die liegt in die Klinik, die soll der Nabel ans Rückjrat anjetrocknet sind.« * Das waren Frauen, die sich beim Gürtelringkampf in der Schaubude betätigten und von denen ausgerufen wurde: »Hundert Mark demjenigen, der den Champion von Frankreich, Aimable de la Galmette, besiegt. Die Begräbniskosten zahlt der Sieger!« (Bild 95.) * Da erfährt man auch von Klau-Maxes Bescherung, dessen Frau krank im Bett lag, als er berauscht den Weihnachtsbaum umstieß und das übliche Weihnachtsfeuer verursachte: »Mann, der Boom fällt um! Ach Jott, 's is man jut, det ick die Jardin'n nich mehr waschen konnte!« * Oder es wird berichtet von der schlagfertigen Antwort eines andern Klaubruders: »So, Sie haben das Messing nicht gestohlen. Wozu haben Sie denn die Türschilder abgeschraubt?« »Von wegen jestohlen – jestohlen – putzen wollt' ick se, un die Kleen' sollt'n wat zu lesen hab'n –« *   169. »Wir winden Dir den Jungfernkranz! ...« Singende Bettlerfamilie, 1903. Nach dem Original.   Und schließlich kommt aus einer Zilleunterschrift zum Vorschein, daß nicht alles Elend echt ist. Da sagt ein angeblich Gelähmter zu seinen Leuten: »Heite abend is mein Kejelabend, ihr braucht mir nich zu holen, die Karre lass' ick bei'n Budiker un loofe nach Hause.« * Manche von ihnen wissen sich eben gut auf ihre Weise gegen das Elend zu wahren. Und manche von ihnen rappeln sich auch auf mancherlei Art heraus – wie z. B. der Krögelmaxe, von dem Zille erzählte. Fast alle aber sind doch bedauernswerte, hilfsbedürftige Menschen. Sie haben Unglück gehabt. Ihnen fehlt die Begabung, das Unglück, das ja jeden anrempelt, zu überwinden. Das hat Zille empfunden und erkannt. Und darum hat er mit Vorliebe den Minderbegabten und Minderbeglückten die Hilfe seines Stiftes geliehen ... Zille als Sozialkritiker. Heinrich Zille hat zwar viel mit Käte Kollwitz gemeinsam. Auch Käte Kollwitz zeichnete das Volk in Not. Aber sie läßt nur Krankheit und Armut und erdrückendes Leid sehen. Zille aber setzt fast allen seinen Bildern humoristische Lichter auf. Er zeichnet das Volk nicht nur als passiven, leidenden Teil. Er betont gern die Kraft des Volkes, seine Aktivität. In vielen seiner Skizzen und Bilder leben Männer und Frauen von ungebrochener Kraft. Mit großer Inbrunst gab er auch einen Eindruck von zusammengefaßter Volkskraft und zeichnete 1918 den Arbeiterzug von Spandau nach Berlin – nachdem er Jahrzehnte vorher den Maiausflug der Arbeiterfamilien skizziert hatte. (Siehe das Bild in diesem Kapitel.) Ja, Zilles Freude an der Volkskraft bricht durch alle Elendsschilderungen durch. Und wenn es oft auch nur jene Gerissenheit und jene verschmitzte Schlauheit ist, die sich aus Selbsterhaltungstrieb einstellen muß, wenn das Volk keine andern Auswege sieht – Zille weiß sie mit dem Zeichenstift ebenso zu fassen und für sie zu wirken wie mit den Sprachproben, die er gibt. Er läßt den einen Obdachlosen zum andern sagen: »Wat brauchen wa Alkohol, wenn wa Schnaps haben?« Oder eine alte Frau setzt sich vergnügt auf eine Bank im öffentlichen Garten und meint: »Damit mein Oller ooch mal wat uff de Bank hat!« (Bild Nr. 163.) Diese Menschen, die nie bei einem Geldinstitut ein Bankguthaben besitzen, finden sich mit dieser tragikomischen Bemerkung mit ihrer Besitzlosigkeit ab. – In diesem Ausspruch der Alten kommt auch Zilles schalkhafte Sprachkunst zur Geltung. Er weiß immer sehr anschauliche, bildliche und beziehungsreiche Ausdrücke zu finden. Auch in seinen Unterschriften und in seinen kleinen Erzählungen offenbart er ein leuchtendes Stück jener ursprünglichen Volkskraft, die in ihm steckt. Er findet stets Wendungen, die aus dem Volkstum hervorsprudeln, die in jeder Weise dem Volklichen innewohnen. Sie sind dem Volk nicht nur verwandt. Sie sind das Volk selbst. Wer Zilles Unterschriften liest, wird das Volk und dessen Auffassung von der Welt und vom Leben viel leichter begreifen, als wenn er sich selbst darum müht. Zilles Unterschriften sind ein ausgezeichnetes Mittel, das Volk kennenzulernen, es zu verstehen. Und gerade in seinen gesellschaftskritischen Äußerungen kommt der Kern mancher Dinge und Empfindungen des Volkes deutlich ans Tageslicht. Ob es immer recht hat, ist eine andere Frage. Aber man muß wissen, wie es denkt und fühlt. Man muß es hören. Dann wird man ihm auch gerecht werden können, wird seine berechtigten Wünsche nicht mißverstehen, sondern versuchen, sie zu erfüllen. Diese Mission des Meisters Heinrich Zille ist ihm heilig. Sie drückt sich in der Lebensphilosophie einer armen Frau aus: »Von's Verjnügen der reichen Leute ham wir Armen doch noch immer wat: von die Pferde die Wurscht, von die Zigarr'n und die Zigaretten die Stummel, von die Flieger die Notdurft un von die Automobile den Jestank!« * Er selbst zeichnet sich, wie er auf einem Dach sitzt, umgeben von qualmenden Schornsteinen: »Der Kassenarzt hat mir Höhenluft verordnet –« Er wohnt eben vier Treppen hoch und wird oft genug Schornsteindunst atmen müssen. *   170. »Hof«-Kinder aus Berlin N. Typische, rhachitische Sprößlinge, die an Luftmangel und Sonnenlosigkeit leiden. Nach der Originalstudie zum 1. Mal veröffentlicht.   Wie der Galgenhumor alles überwindet, zeigt sein Wort: »Aus großer Zeit«: »Nich mal begraben kann man wer'n, et jiebt keene Särje mehr!« »Ick fange an zu stinken, dann wer'n se mir schon holen! ' * Bitter klagt Zille die verständnislose Zeit vor dem Kriege an in der Unterschrift: »Wat hat denn der Kronprinz jesagt, Großmutter?« »Er hat mir een Zehnpfenniger zum Andenken gegeben und sagte, ich soll'n nich vernaschen!« * Aus dem Krieg selbst stammt der echte Volksliedvers: Die Gesundheit ist verloren, Wo soll'n wir denn nun hin? Alsdann so wird es heißen: Ein Vogel ohne Nest – Nun Bruder nimm den Bettelsack, Soldat bist du gewest! * Auch dieser Schmerz stammt aus den Hungerjahren des Krieges: »Na, Olle, laß man nichts in de Suppe fall'n!« »Wenn schon! eene Laus in Kohl is besser wie jar keen Fleesch!« * Und die Verständnislosigkeit für das, was dem hungernden Volk am nächsten liegen muß, äußert sich bei dem mit der Bibel in einem frommen Verein beschenkten Familienvater nach der Christbescherung in Berlin NO.: »Wenn jetzt eener wat von uns will, denn hau' ick ihm mit det Wort Jottes uff'n Schädel, det er brüllt wie'n Affe!«   171. Noch 'ne Gummipuppe. Ein richtiger Berliner Steppke, dein schon die Skepsis aus dem. gedrückten Gesicht sieht. Nach der Originalstudie zum 1. Mal veröffentlicht.   Der Mann, der jahrzehntelang seine besten Kräfte im Dienst eines Betriebes geopfert hat, wird von seinen Arbeitsgenossen zum Jubiläum aufgefordert: »Fritze, wir gratulieren dir, nu jeh. man zum Scheff, der muß doch was zum besten jeben!« Und dort erhält er diesen freundlichen Spruch zum Ehrentage: »So, heute sind Sie fünfundzwanzig Jahre bei mir, nun denken Sie mal, wieviel Geld Sie mir schon haben weggeschleppt.« Dies Wort ist gewiß scharf, aber leider nur zu treffend. Die Arbeitgeber wissen nicht, wieviel Wind sie säen, weil sie nicht für die Altersjahre ihrer Mitarbeiter sorgen ... * Und weil sie dafür nicht sorgen, erzählen schon die Kinder im Volke: Paul »De olle Schulzen sagt, mit 'ner Zuckerschnur uffhäng'n wär een süßer Tod!« Sonja: »Wenn och – aber de Seele muß hinten raus!« * Stark beschäftigten sich Zilles Gedanken auch mit der Wohnungsnot. Er sah täglich, ja stündlich die Nöte der Menschen in den Mietskasernen – die ja nicht immer ganz unverschuldet sind, weil viele Menschen im Volke nicht den Wert der guten Wohnung kennen und schätzen und mehr Geld für andere Dinge als für ein wirklich ausreichendes Heim ausgeben. Hier muß eben Erziehung und Fürsorge durch Verantwortliche noch stärker einsetzen. – Zille wendet sich gegen das Verbot der Feuerungsanlagen in den Laubenkolonien: Mutter sagt zum Schupo: »So! – Ofen und Kochen is nich mehr? – Denken Sie vielleicht, wir wollen uns een Sechser-Käse über die Petroleumlampe wärm'!« * Und das Schlafstellenunwesen kennzeichnet Zille in mehreren glänzend gefaßten Sätzen: »Die Schlafstelle is für een, der det nachts arbeet und am Tage schläft; wir hab'n bloß det eene Bette!«   172. »Die uns geführt Lasalle!« Ausflug eines Arbeiter-Vereins mit Familien im Beginn der neunziger Jahre. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   »Die Kambüse ohne Fenster hab'n Se ooch vermiet?« »Na, bloß an een blinden Klavierspieler.« * Im alten Schlafburschenheim, das mit zahlreichen Menschen überfüllt ist, aber sagt der Vermieter trotzdem: »Seit Errichtung des verdammten ›Ledigenheims‹ ist's bei mir wie ausjestorben.«   173. »Mensch, det is der reene Schwindel! Da kriege ick zu Hause janz andere Sachen zu sehn! –« Vor den Bildautomaten, Lustige Blätter 1911.   Die Schlafstellenvermieterin jedoch triumphiert: »Bei mir is nie een Bette leer!« * Mit diesen wenigen Sätzen ist Zille mehr gegen die Wohnungsnot angegangen, als andere mit langen Abhandlungen. Am meisten leiden unter den unzulänglichen Wohnungsverhältnissen die Kinder. (Siehe das Kapitel »Zillekinder«.)   174. »Mein Oller is 'n schlechter Steuermann. Nich een Jahr steuert er mir an de Hebamme vorbei!« sagt Frau Müller aus der Schulstraße, 2. Hof, vier Treppen. Nach der Originalstudie einer Frau aus Berlin N. zum 1. Mal veröffentlicht.   Im stillen Gäßchen, in dem kein Halm blüht, sitzt das lahme kranke Kind. Der Bruder sagt: »Mutta, jieb doch die zwee Blumentöppe raus, Lieschen sitzt so jerne ins Jrüne!« * Und auf dem Hof schreit die Mutter zum Fenster heraus, als die Kleinen in der Nähe ihres zum Abregnen hinausgestellten Blumentopfes spielen: »Wollt ihr von die Blumen weg, spielt mit'n Müllkasten!« * Das sind dieselben Mütter, die einander erzählen: »Ick habe sechs Kinder uff'n Kirchoff, is det noch keene Bemühung fürs Vaterland?!« * Auf diese Weise ironisiert Zille den oft unklug und mit untauglichen Mitteln geführten Kampf gegen den Geburtenrückgang. Bitter beklagen sich solche Mütter auch über ihren Ehemann: Vor der Klinik: »Mein Oller, det is ooch so'n Steuermann! Nich een Jahr bringt er mir um det Kap der juten Hoffnung rum! * Und wer will sich wundern, daß sie scheinbar gefühllos antworten: »Aber Frau! Sie waschen in der stillen Woche, das bringt Unglück, da kann Ihnen was sterben!« »Schad' nischt, Frau Rat, wenn eens weniger wird, wir hab'n jenug!« * Oder daß sie gar ins Wasser gehn; selbst mit einem Kinde auf dem Arm und einem Kinde unterm Herzen:   175. »Ick kann Blut spucken wenn ick will!« Erste Fassung des bekannten Bildes. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   »Mutter, is's ooch nich kalt?« »Sei ruhig – die Fische leben immer drin!« (Bild 68 und 128.) * Daß die Frauen sich über die Kinder im klaren sind, erzählt man in der Poliklinik: »Das Kleine sieht recht mikrich aus.« »Is die Nachbarn ihrs! An die Mutter is ooch nischt! * Nicht alle Kinder haben eben einen sorgenden Vater. Und so sagt denn eine Frau zur andern, wenn wieder eine Säuglingsleiche im Müllkasten gefunden wird: »Haben Se sich nich so, Schulzen, draußen in de Lauben * Aber die meisten Mütter sorgen doch, daß ihre verstorbenen Kinder wenigstens eine »schöne Leiche« sind. Siehe das Bild vom Fräuleinskind (Bild 103) und dieses Zwiegespräch: »Nu hat det de Maiern doch durchjesetzt mit das weiße Sarch for ihrn kleen' Justaf?« »Na ja, se hatte doch jrade Jeburtstag, da hatte ihr ihr Oller damit überrascht!« * So ist es denn zu verstehen, wenn ein angetrunkener Arbeiter philosophisch zu Kindern sagt: * Nun werden zwar viele Kinder auf alle Art gefördert, kommen auch unentgeltlich in die Ferienkolonien. Da sind nun aber die Großeltern. Die sagen beziehungsvoll: »Nu is Maxe weg! Uns tät's ooch janz jut, mal in de Ferienkolonie zu kommen!« Das Wort enthält gewiß keinen Neid, sondern nur eine Erkenntnis. Denn der vom Begräbnis seines Sohnes heimkehrende Vater gibt seiner Lebensgefährtin den Zuspruch: »Nu laß man, Mutter – er weiß nich und erfährt's auch nich, daß wir uns die Papp-Palme und die Papierblum' nur leihen konnten!«   176. »Herr Doktor, Brot soll ick nich essen?« »Nein, liebe Frau.« »Na, ich hab auch kein Geld, mir welches zu kaufen.« Aus »Mein Milljöh«, Verlag Dr. Selle Eysler A.-G.   * Und eine Mutter äußert zum blinden Vater den bescheidenen Wunsch: »Ach Jotte doch, Vata, wenn de bloß det noch kieken kennt'st, det wäre so'n: Särjekin for mein Willy!« * Aber nicht jeder im Volke ist so rührend bescheiden. Es gibt auch genug Menschen, die ständig einen stillen Groll mit sich herumtragen, die derart sich gedrückt und getreten fühlen, daß sie bei jeder Kleinigkeit losbrüllen, wie der arme Hundebesitzer: »Wat fällt Ihn' denn in, mein Hund von de Laterne wegzustoßen! Der bezahlt vielleicht mehr Steier als Sie!« * Das sind Erkenntnisse, die man auf der Straße sammeln kann, wenn man das offene Ohr und offene Augen dafür hat. So manche Frau ernährt sich mit Straßenhandel. Voll Wut schreit sie, wenn sie von den einträglichsten Stellen fortgewiesen wird: »Schreib'n Se mir man uff, – mir, eene Frau von vierzig Jahren, kenn' Se nich mehr trocken lejen, – det war' jelacht!« * Und der Blinde, der ja ein besonders feines Gehör und Empfinden hat, sagt philosophisch beim Bettelnstehen zu seiner Frau: »Mutter, wat man in de Friedrichstraße alles hört, ick könnte lachen, mir tun bloß jleich die Oogen so weh!« * Ein anderer weiß zu berichten: »– een jutes Herz hab'n de Leute bloß, wenn se besoffen sind, aba dann seh'n se mir nich.« * Zille weiß auch, daß mit Redereien und wüsten Schimpfereien nichts erzielt wird. Er verhöhnt die bloße Propaganda sehr kräftig auf volkstümliche Art, indem er einen Volksredner quasseln läßt: »Es hat schon immer arme und reiche Leute gegeben, so wie man hübsch und häßlich aussehende Menschen hat. Der Reichtum kann eine schwere Last werden, der Arme möchte   177. Der Krieger tröstet: »Na laß man, wenn ick wiederkomme, denn ziehste de Hosen aus. Denn kochste wieder for uns und ick arbeite for euch alle!« Studie aus dem Weltkrieg. Zum 1. Mal veröffentlicht.   die Last gerne tragen. Reichtum ist keine Schande und Armut macht nicht glücklich! Wer nischt erheiratet und nischt ererbt – der bleibt een dummes Luder und verderbt. Es soll ein Kamel eher durch ein Nadelöhr gehen, als daß ein Reicher in den Himmel kommt! Wo viel ist – da wird bald noch mehr dazu kommen, wer wenig hat, dem wird bald noch das Wenige genommen – wenn du aber gar nichts hast – Lump, dann lasse dich begraben – denn ein Recht zum Leben haben nur die – die etwas haben! Macht euch das Leben hier recht schön – kein Jenseits gibt's – kein Wiedersehn! Schmiede das Eisen wie dich selbst, und liebe deinen Nächsten solange er warm ist! Also – die Kartoffeln aufs Brot geschmiert, der kleinste Arm muß werden wie'n Stiefelschaft!« Z. Wenn aber die Prophezeiungen nicht eintreffen und das geneppte Volk ungeduldig wird und dem Volksbeglücker auf die Bude rückt, muß einer von dem inzwischen Verschwundenen melden: »Das ist alles, was er uns hier gelassen hat – den ›Baum der Freiheit‹.« Ein kleiner kranker Blumentopf wird der versammelten Gemeinde gezeigt .... Der richtige Volksredner entschuldigt sich erst, ehe er auf die Wohlhabenden, auf die Schlemmer schimpft: »Stoßt eich nicht an meinen Bauch, den sollt ihr alle auch bekommen – ich sage euch: noch besser!« * Meister Zille hat viele Leute angehört, viele Menschheit beglückende Ideen vernommen. Er tritt diesen Beglückern oft – leider nicht immer – mit dem angebrachten Mißtrauen entgegen. Er weiß, daß nur allzu viele der Zukunftsmacher nichts als Geschäftemacher sind. Weiß, daß sie Propaganda und revolutionäre Volksaufklärung nur um ihrer selbst willen machen und läßt darüber kräftige Worte fallen.   178. Das eiserne Kreuz. »Mutta, bis Vata wieda kommt, vermieten wir an 'n Schlafburschen!« Nach dem ersten Entwurf zu einem Bilde aus dem Kriege. Der Junge weiß noch nicht, daß das übersandte Kreuz bedeutet: sein Vater ist gefallen. Nach dem 1. Entwurf zum 1. Mal veröffentlicht.     179. »In der Nähe großer Städte.« Mühselige Arbeit des Fabrikarbeiters, nach Feierabend Kartoffeln für die Familie zu gewinnen. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Trotzdem aber bleibt er bei der Stange. Und wenn er auch manchmal über das Ziel hinausschießt und oft nicht mit den ehrlich arbeitenden Weggenossen marschiert, sondern sich an jene »Volksredner« mit Anführungsstrichen verliert – er hat ja doch leider nur in zu vielem recht, wenn er ironisch und bitter anklagend unter eines seiner Bilder von Arbeitsinvaliden setzt: – unser Leben währet 70 Jahr, und wenn es hochkommt, so' sind es 80 Jahr, und wenn es köstlich gewesen, so ist es Mühe und Arbeit gewesen – Aus Zilles Kindheit. Zu diesem Kapitel ist besonders zu beachten das Kapitel »Zille als Künstler«, in dem schon manches von seiner Kindheit gesagt ist. Wie fast alle Menschen aus dem Volke, weiß Zille wenig von seiner Familie und seinen Vorfahren. Eines aber ist sicher: Er, der scheinbar so ganz waschechte Urberliner, stammt nicht aus Berlin. Daß er aber durch und durch Berliner geworden ist, daran ist nicht zu zweifeln. Seine ganze Art ist berlinisch – spöttisch gegen sich selbst und gegen allerlei Auswüchse, besonders aber gegen Stärkere, ist er gefühlvoll mit den Schwachen. Und außerdem eignet ihm eine gewisse Lebhaftigkeit. Die aber hat er gewiß von seinen Vorfahren, die aus Sachsen stammen und gewiß auch böhmisches Blut in sich hatten. Am meisten weiß Zille von den Vorfahren »von Mutters Seite«. Die Mutter hat zweifellos auch in seinem Leben ein wesentliches Quellengebiet seiner Begabung und seiner Künstlerschaft und seiner ganzen Art gebildet. Wie ja im Leben vieler Künstler die Mutter entscheidend ist. Hier müßte es wirklich heißen: Suchet die Mutter! Allerdings scheint Zille nicht nur von der Mutter Gutes geerbt zu haben, sondern auch vom Vater. Er erzählt von ihm: »Der hatte Schmied gelernt. Auf der Wanderschaft fand er eine Stellung als Schlosser. Und als er in den siebziger Jahren nach Berlin kam, gelang es ihm, bei Siemens anzukommen und dort an den Morse-Telegraphen und ähnlichen Apparaten zu arbeiten. So hatte er sich in seiner Arbeitsweise ohne besondere Lehre verfeinert und konnte schließlich in die große Goldschmiedewerkstatt von Friedländer, Unter den Linden, als Werkzeugmacher eintreten. Er führte die bei den Goldschmieden bis dahin fast ganz unbekannte Drehbankarbeit ein und brachte den Goldschmieden auch sonst mancherlei technische Kniffe bei. Bis in seine letzten Jahre und Wochen – er wurde auch über siebzig Jahre alt – arbeitete er für diese Werkstatt. Und als er nicht mehr hingehen konnte, ließ er sich die Arbeit in seine Wohnung bringen. Die alten Gesellen aus der Werkstatt, die einst in der Rosmarienstraße lag, sagen:   180. H. Zille: Meine Großmutter. Nach dem Originalaquarell.   ›Ja, die Werkzeuge von dem alten Zille, die halten wir noch in Ehren!‹« Der Vater hatte mehrere Brüder. Von denen erfuhr Zille wenig. Sie wußten selbst untereinander fast nichts von ihren Brüdern. Nur alle paar Jahre tauchte mal einer von ihnen auf – um dann wieder jahrzehntelang nichts von sich hören zu lassen. Zille selbst wurde 1858 in Radeburg geboren. Der Vater betätigte sich damals als Uhrmacher, schmiedete aber auch eiserne Gitter. »Mein Vater hat mir genau aufgeschrieben, wo überall Werkstücke von ihm sind. Die sollte ich mir später alle ansehn ....« Zilles Großvater war Bergmann. Auch an der Forstschule von Tharandt sind Arbeiten seines Vaters. Nicht nur der Großvater Zilles war Bergmann und ist später Uhrmacher geworden. Auch ein Onkel von ihm, ein Bruder seiner Mutter, ging in die sächsischen Bergwerke. Die waren damals noch sehr wenig ausgebildet. Oft lag die Einsteigstelle in den Schacht eine Stunde zu Fuß von zu Hause weg. Und wenn sie endlich da waren – die Leiter runtergeklettert und wieder 'ne Stunde Wegs zurück fast bis an die Stelle, wo sie wohnten. Da mußte dann, oft krauchend oder auf dem Rücken liegend, zehn Stunden lang das Gestein losgehauen und in die »Hunde«, die kleinen Kohlenkarren, geschaufelt werden. Und doch reichte der Lohn für die schwere Arbeit nicht aus, um die Familie zu ernähren. Viele Kinder jener Gegend mußten damals in die Streichholzfabrik gehen und die Hölzer in Phosphor und Schwefel tunken – schließlich hatten die Kinder gar keine Fingernägel mehr... Kriegte dann der Bergmann seine paar Mark Hungerlohn – höher kam er damals nicht in der Gegend, wo ja 'ne Heimarbeiterin in der ganzen Woche nicht mehr als dreiundzwanzig Pfennig verdiente – dann wollte er seiner Familie was Gutes antun und kaufte ein geschlachtetes Kietzel – 'ne Katze, oder wenn's ganz hoch hergehen sollte, ein Stück von einem Hund. Ja ja, in den armen Gegenden im Erzgebirge werden heute noch Katzen und Hunde verspeist – ganz so, wie das Rosenow im »Kater Lampe« geschildert hat. Die Leute reden sich damit raus, sie essen's wegen dem Fett, das gegen manche Krankheit gut sein soll. Aber in Wirklichkeit essen sie das Zeug doch bloß wegen der Armut ... Und der Bergmann durfte nichts sagen, wenn der Kohlenbaron Viere lang fuhr durch die schmalen Straßen, daß der Dreck in die Fenster spritzte und der Arbeiter sich an die Hauswand drücken mußte – und sich die Spritzer aus't Gesicht wischen durfte. »Mein Onkel – na, der hatte noch Glück. Der hatte 'n Unfall!« sagte Zille mit bitterem Hohn. »Da brauchte er nicht wie die andern bis an sein Lebensende unter der Erde rumkrauchen. Eigentlich hätte er nun mit dem Kasten, in dem ein kleines Spielbergwerk zu bewegen war, durch die Lande betteln gehen können. Das Recht hatte er durch den Unfall erworben – ja: ›Nu kannste betteln gehn!‹ hieß es damals, wenn man sein Bein oder seinen Arm bei der Arbeit verloren hatte! – Aber mein Onkel hatte ja manches von meinem Großvater Heinitz, der ja auch basteln konnte, was eben vorkam. Und mein Onkel suchte sich nun auch sitzende Beschäftigung, als er sein Bein verloren hatte. Er fing die Uhrmacherei an, schaffte sich bald ein Häuschen, dann ein Haus – fing einen kleinen Handel an – auch mit Geschmeide – und machte so sein Glück durch den Unfall.« * Von dem Vater seiner Mutter plaudert Zille manchmal sehr anschaulich. »Der alte Heinitz hatte auch einen Unfall gehabt und legte sich aufs Uhrenausbessern. Er machte die Uhren seiner Arbeitskameraden ganz, und sie kamen auch alle zu ihm – ja, das war Ehrensache. Manchmal brachten sie auf Handwagen ihm ganz große Wanduhren an. Die Frau zog und der Mann trug, damit 's nicht zu schwer sein sollte, die Gewichte. Meist waren's auch bloß schwere Steine. ›Ach, Herr Heinitz ...‹ fingen sie an und erzählten 'ne lange Geschichte, was sie schon alles versucht hätten, um die Uhren wieder in Gang zu bringen. ›Na, ich werde mal nachsehen,‹ sagte der Großvater, ›kommen Sie mal wieder mit heran.‹ Ich schleppte die Uhr, wenn sie nicht zu schwer war, in'n Garten, machte das Gehäuse auf und fegte mit'n Gänseflügel erst mal 'n ganzen Schwung Schwaben und Wanzen raus. Ja, beim Großvater mußten wir alle ran. Sehr oft hab' ich auch die Räder putzen müssen. Die Leute brachten auch Taschenuhren, noch die alten, dicken Spindeluhren. Wenn wir die nachsahen, lagen darin vertrocknete Flöhe. Beim Aufziehen mußten sie wohl aus'm Ärmel reingefallen sein. Die hatten sich dann ins Werk geklemmt. Wenn die Werke sauber gemacht waren, dann gingen sie wieder. Ja, der Vater von der Mutter, der alte Heinitz, war 'n spaßiger Mann. Was der alles anstellte! Mal hatte er kleine goldene Mützen gemacht – und Spatzen gefangen, die bekamen die Mützen aufgesetzt. Als sie dann weder weggeflogen waren und sich über die Pferdeäpfel hermachten, rief mein Großvater die Mädchen und Frauen aus der Nachbarschaft zusammen und zeigte sie ihnen. Die staunten aber bloß immer: ›Ach nä – Herr Heinitz!‹ ›Ja, das sind welche aus Afrika, das is 'ne ganz besondere Sorte‹, belehrte Großvater sie. Wenn er draußen im Hof arbeitete, dann sang er dabei allerlei Lieder. Die waren manchmal ganz saftig. Und die Frauensleute kicherten. Ich stand auch dabei und hörte zu, aber ich verstand ja nichts davon.   181. Der Ortsvorsteher von Stralau-Rummelsburg. Nach dem bisher unveröffentlichten Original.   Sonntags setzte er sich an sein Instrument, ein altes Harmonium, und spielte Kirchenlieder. ›So, nun ist Kirche‹, sagte er.« * Aus trüben Kindertagen sagte Zille vor sich hin: »Als ich noch kleen war, da klappte was nich bei meinem Vater – un Mutter un wir Kinder mußten zu Jroßmuttern. Na – 'ne Weile lang ging ja das ganz gut. Da hatte ich auch Jelegenheit, die Vaterlandsverteidiger und das ganze Soldatenwesen kennenzulernen. Sechsundsechzig kam mit'n Mal der Preuße an. Un da marschierten zuerst unsere sächsischen Vaterlandsverteidiger ein. Da wurden immer Berge von belegten Broten hingestellt. Die braven Soldaten fraßen den Belag herab und sagten murrend und drohend: ›Is des was for uns Vaterlandsverteid'ger?‹ Die alten Semmeln, eine Festgabe für uns Kinder, schmissen sie uns an den Kopf. Die Preußen, die kamen ja denn bald – un die waren vernünftig – die aßen wat se kriegten. Die hielten Ordnung un Mannszucht. Die sahen, daß wir selbst nichts hatten und schenkten uns Jungs hier und da 'ne Scheibe Kommißbrot. Ja – da kriegte ick wat zu sehen un zu hören. Die Uniform macht doch die Menschen gar zu leicht überheblich und unvernünftig! – Aber schließlich – det kostete ja doch allerlei, wenn wir alle mitaßen. Un wenn't Jeld kost't, is't selbst Jroßmuttern schließlich uff die Dauer zu ville ...« * »Als wir noch bei Jroßmuttern uff't kleene Nest hausten, da waren wir froh, wenn wir Kinder 'ne harte Semmel kriegten. Die gab's damals fürs halbe Geld. Das ging fast alle Kinder so. So alt war die Semmel, daß wir sie nicht beißen konnten. Dann gingen wir an'n Brunnen und hielten sie unters Wasser – un weichten sie erst auf, um sie überhaupt essen zu können. Das war noch was Feines, damals – 'ne harte Semmel ....« * »Schließlich zogen wir nach Dresden. Und da lernte ich schon mithelfen. Damals mußten doch de Joldfischjläser auf der Kommode zwischen den Fenstern oder auf'n Disch in der guten Stube stehn. Da hielt jede ordentliche Familie drauf. Und in den Gläsern mußte auch was drin sin – nich bloß Fische. Wer was uff sich hielt, hatte auch noch Korallen drin – so'n roten Zweig. Echt waren die selbstverständlich nicht. Die mußten künstlich sein. Und da machte ich die aus Draht und dann noch was rumgewickelt – und dann mit so'n bestimmten Lack überzogen – und der Korallenzweig aus der Südsee war fertig.« * »Jaja, meinem Vater ... dem war's schlecht gegangen. ›Mösers Ruh‹, das alte Schuldgefängnis in der Köpenicker Straße, kennen Sie doch? Da soll jetzt 'ne Kneipe drin sein. Aber früher wurden Leute festgesetzt, ihrer Schulden wegen vom Gläubiger. Hatten mehrere 'ne Schuld aufgenommen, dann konnte einer den andern ablösen. Das nannte man ›Wechselhaft‹. Na, und in solche Sache war mein Vater ganz ahnungslos reingeschliddert. Zuerst saß er auf dem Boden des Dresdner Gerichtsgebäudes in der Landhausstraße und genoß seinen unfreiwilligen Landaufenthalt. Wir konnten ihn besuchen. Manche leere Wein- und Bierflasche – noble Abenteurer waren darunter – ging dann mit und wurde im Lumpenkeller verschärft. Als aber das Gesetz über die Schuldhaft fiel, wurden die Gläubiger erst recht unangenehm. Mein Vater ging ihnen aus dem Wege und fuhr nach Dänemark. Wir andern zogen im November 1867 nach Berlin. In der Kleinen Andreasstraße 17 hatten wir unsere erste Wohnung. Na, viel Wirtschaft besaß die Mutter nicht. Ein Ofen, ein Schemel, eine Tasse ohne Henkel und als Tisch der Koffer, das war unser Speisezimmer – auf der Erde schliefen wir. Es war manchmal hartes Lager ...« * »Ja, damals gab's noch allerlei Originale in Berlin: Guckkastenmänner und Drehorgelspieler mit dem Abzeichen aus den Befreiungskriegen. Die Pferde wurden in der Spree geschwemmt, und weil's noch keine Wasserleitung gab, schöpften Männer das Flußwasser in Tonnen und ›handelten mit der Spree‹. Die Frauen nahmen das weiche Flußwasser gern zur großen Wäsche. Auf der Spree selbst kamen Hunderte von Torf- und Holzkähnen an. Torfweiber, wie sie Hosemann und Dörbeck gezeichnet haben, barfbeinig und bis in die Ohrenlöcher schwarz, trugen den Torf in Kiepen auf dem Rücken den Käufern zu.« * Zille war schon als Kind sehr betriebsam. Das hatte er zweifellos zuerst von der Mutter, die sehr geschickte Hände hatte: »Was die Mutter einmal sah, das konnte sie gleich!« Er bewährte sich auf allen möglichen Gebieten: Als ich noch 'n kleiner Junge war, mußt' ich für unsre Hauswirtin in der Krautstraße, 'ne Schlächtersfrau, die Briefe, die Anmeldungen und so schreiben; sie konnte das nich. Dafür kriegte ich jedesmal 'n Stück Wurscht; sie zahlte regelmäßig mit Wurscht. Ich hatte manchmal so ville, daß ich in der Schule davon abgeben konnte. Damals hieß ich jradezu »Wurscht-Zill«. Ja, nun staunste: »Zill«. Jahrelang, noch in meiner ersten Zeichnerzeit, hieß ich Zill. So steht's auf meinen Zensuren, auf meinen Zeugnissen ... Erst viel später entdeckte ich, daß mein Vater bei unserer Übersiedlung nach Berlin das »e« hinten stillschweigend abgehängt hatte – um seinen drängenden Gläubigern zu entgehen. * In der Gemeindeschule in der Krautstraße und mehr noch im Umgang mit den Jungs seiner Straße wurde der »gleene Sachse« dann rasch zum richtigen Berliner. Zum Spielen mit den Straßenjungs blieben ihm jedoch oft nur wenige Minuten. Er mußte seiner Mutter bei der Heimarbeit fleißig helfen.   182. Die von der Arbeit erschöpfte Mutter. Nach der bisher unveröffentlichten Originalzeichnung.   Abends hatte er einen kleinen Nebenverdienst gefunden. Vor dem Wallnertheater verkaufte der Knirps Theaterzettel. »Einmal bin ich sogar in 'ner Loge des Theaters gewesen. Ein Herr und eine Dame meinten, wenn ich mit den Zetteln handle, müßte ich auch das Stück kennen – und nahmen mich mit. Ausgerutscht bin ich auf dem glatten Parkett nich – ich war barfuß. Die ›Mottenburger‹ wurden gespielt. Na, ich glaube, beim damals viel gefeierten Puppenspieler Linde hat's mir besser gefallen.« Wir mußten alle mitverdienen. Mutter schnitt Tierchen aus Stoffresten; daraus nähte sie Tintenwischer oder Nadelkissen. Die durften aber nicht mit Sand gefüllt werden. Im Sand rosteten die Nadeln. Da ging ich denn in die Lumpenkeller und kaufte den Weberstaub. Beim Weben ballt sich doch der Wollstaub, der dabei abfliegt, zusammen. Ich sagte natürlich nicht, wozu ich den Staub gebrauchte. Hätten die Lumpenmatze gewußt, wozu ich die Ballen haben wollte, daß ich die zum Geldverdienen brauchte, hätten sie mir feste Geld abgenommen. Ich sagte, daß ich's zum Spielen brauchte. Da bekam ich die Dinger für'n paar Pfennige. In den Pelzläden in der Post- und in der Königstraße holte ich die Abfälle in Säcken, ein paar Pfennige für den Sack voll. Allerlei Reste und selbst Fuchsschwänze gab's zu. Daraus wurden auch Tierchen genäht und gestopft. Aber die Langhaarigen waren dazu nicht zu verwenden. Da kam ich auf'n Trick: Den Jungs in meiner Schule, die doch alle keine wilden Tiere kannten, bot ich Pelzsammlungen an. Ich stellte Kollektionen von Resten zusammen – Füchse, Marder, Persianer, Karnickels und was so an Pelztieren rumkraucht –, auf ein Stück Papier geklebt. Wenn ich keinen Namen für das Fell wußte, wurde einer erfunden! Die Jungs kauften fast alle. Als das nicht mehr zog, wurden Haare von den Lehrern gesammelt. Vor allem von einem Rothaarigen, der sich eine Perücke hatte machen lassen. Am Katheder suchten wir nach, wenn die Stunde um war. Aber von dem Roten fanden wir wenig. Dann kamen Münzen ran. Die meisten sahen wir bei Lumpenfritzen in der Krautstraße; die hatten im Kellerfenster Schachteln mit Münzen und Eisernen Kreuzen. Aber über Dreier und Heller kamen wir nicht 'raus ... Schließlich, als ich schon fast sechzig war, vorm Kriege, hatte ich doch ein Goldstück gesammelt – englisches Pfund –, das ich dann 1915 auf dem Altar des Vaterlandes opferte ...«   183. H. Zille: Mein Vater, der Werkzeugmacher des großen Juwelengeschäfts Unter den Linden. Nach einer bisher unveröffentlichten Studie.   Zille lachte höhnisch auf: »Jetzt sammle ich Kommerslieder. – Werde bald ein paar Millionen beisammen haben ...« * »Auch andre Kostbarkeiten machte ich als Schuljunge damals. Jeder, der was auf sich hielt, hatte doch solche schönen glänzenden Öldruckbilder. Und mit den glatten Rahmens waren sie damals nicht recht zufrieden. Da wurden nu aus Lederresten Blumenblätter ausgeschnitten und bunt bemalt. Und dann wurden sie mit Leim oder anderm Klebstoff auf die Rahmen aufgepappt. Dadurch wurden sie dann hart und steif. Und die Stadtkinder, die damals nicht rauskamen aus den Straßen und als es noch keene Blumenbeete auf den Plätzen gab, die dachten dann, so sind alle Blumen – so sind natürliche Blumen. Und das hatten wir mit unsern Kinderhänden zusammenjepappt.« * »Im Rattenhaus habe ich als Junge oft Kommißbrot eingekauft. Das ist das alte Haus in der Alexanderstraße gegenüber Magazinstraße, in dem »Die Ratten« von Gerhart Hauptmann spielen. Damals war es noch Kaserne, so aus der Zeit vom Soldatenkönig, deftig, aber mit niedren Stuben und dunklen Gängen. Wo heute die Stadtbahn auf den hohen Bogen fährt, floß der Festungsgraben. Und auf der andern Seite vom Graben lag die andere Kaserne. Das war wohl das Kadettenhaus. Im Rattenhaus holte ich von den Soldaten die schwarzen Brote, das Stück zu siebzehn und achtzehn Pfennige. Da mußte man sich vorsichtig auf den weiten Gängen, die nach Putzzeug und Stiefelschmiere rochen, herumdrücken. Die Unteroffiziere waren nicht immer gemütlich. Aber die Soldaten selbst auch nicht. Wenn man zwei Pfennige weniger bot, gab's gleich 'n Katzenkopp! Ich holte nicht bloß für uns das Brot. Nein, gleich fürs ganze Haus – auf'n kleinen Wagen. Und gab's im Rattenhaus nicht genug Brot, dann gingen wir über den Steg nach der andern Kaserne. Da war immer Bedarf nach Bargeld ...« * »Mit zehn Jahren habe ich Fremde geführt. Damals kannte man die Provinzler noch viel leichter 'raus. Wenn man in die Nähe vom Schloß kam – namentlich um die Mittagsstunde, wenn die Wachtparade aufgezogen war –, dann standen sie in Reihen und Gruppen auf der Schloßbrücke und bei der Schloßfreiheit. Und dann führte ich die Leute bei den Museen vorbei – auf die Lange Brücke zum alten Kurfürsten, bei Rudolph Hertzog vorbei, der ja damals mit seinem Geschäft das größte Warenhaus in Berlin war, zum Rathaus und zum Molkenmarkt, wo noch das Polizeipräsidium stand und die Almas und Rosas zur Kontrolle in das Tor reinstolzierten – immer in der feinsten Kluft, mit so 'nem Cul de Paris ...« (Eine Handbewegung um die hintere Hüftenseite deutete die aufgebauschte Mode jener Zeit an.) »Und zum Schluß wollten die Herrschaften denn auch meist 'ne richtige Berliner Weißbierkneipe kennenlernen. Dann führte ich sie zum Landré in der Stralauer Straße. Wenn sie nicht von selbst wollten, dann sagte ich eben, daß sie das doch kennengelernt haben müßten. Das Weißbier war den Fremden aber meist zu sauer. Dann habe ich's ausgetrunken! Man wird nämlich durstig, wenn man bei der Hitze durch die Straßen läuft. Und damals, als noch so viel Pferdefuhrwerke unterwegs waren und viel mehr Leute durch das Zentrum liefen – die Straßen zwischen den Linden und dem Molkenmarkt waren dichte voll – da war's noch stoobig in Berlin.« * Zille sah bei dieser intensiven Beziehung zur Umwelt mancherlei was ihm auffiel. Sittliche und soziale Zustände. Im Kapitel von seiner Künstlerschaft wird darauf eingegangen, wie das auf sein künstlerisches Werden einwirkte. Die Clara mit dem Kellnerfrack als Feigenblatt, der versoffene Kommodentischler und manche andere Gestalt aus seiner Kindheit kann er heute noch – nicht nur mit dem Zeichenstift, sondern auch sehr lebendig durch Worte hinstellen. So erzählte er von einer Frau Direktor, die mit fünf Tingel-Tangelmädchen in einer kleinen Wohnung über einem Roßschlächterkeller hauste: »Der Vertraute und Laufjunge der Kapelle war ich, damals zwölf Jahre alt. Trug Briefe weg, schleppte den mit Kostümen vollgestoppten Reisekorb nach den Bahnhöfen oder in einen neuen Tingel-Tangelkeller Berlins. Auf das Packen des Korbes mußte ich immer warten und mir die Zeit beschaulich ausfüllen. Halbnackend, beim Waschen und Ankleiden übten sie noch das neue Programm. Damals waren mir die Sängerinnen angezogen lieber; Die dunklen Flecke auf Brust und Leib waren mir Schönheitsfehler. Am besten gefiel mir die Thusnelda, vor allem, wenn sie auf dem hohen Veloziped Sonntags nach dem Tiergarten gondelte. Mit fünfzehn Jahren war sie Kassiererin in einem anatomischen Kabinett. Dann stand sie im Trikot ›Muster‹ vor einer Athletenbude in der Hasenheide. Auch machte sie den ›Bunten Komiker‹, was man auch ›Klamotte oder Kittneese‹ nannte, auf einer Sommerbühne. Dabei mußte sie ›laut machen‹, eine Trompete blasen. Am liebsten waren ihr ›Hosenrollen‹. Weil sie ein hübsches Mädchen war, geigte sie als ›Blindspieler‹ bei einer Damenkapelle den mit Seife eingeschmierten ›toten Bogen‹. Bei Castan war Thusnelda für kurze Zeit die ›Dame ohne Unterleib‹, und ehe sie Sängerin wurde, machte sie den ›Untermann‹ bei einem Parterreakrobaten. Ihr damaliger Verehrer, ein Engros-Schweineschlächter vom Viehhof, entdeckte ihre Stimme und ließ sie ausbilden.   184. Der Eingang zu unserm Wohnhaus in Rummelsburg. Nach dem Originalaquarell.   So kam Thusnelda vom Parterre in den Tingel-Tangelkeller.« * Doch war Zille in seiner Kindheit nicht nur betriebsam und aufmerksam auf seine Umgebung. Er war sicher auch ein guter Schüler. Von der Schule erzählt er: »Manches Gute habe ich auch wohl in der Schule empfangen. Wir hatten damals einen alten Lehrer Ulrich. Der hatte langes, lockiges Haar wie Uhland. Der war geduldig mit uns Berliner Jungs, in der Schule in der Krautstraße. Wir waren doch alle zwölf und dreizehn Jahre alt! Da haben wir dem alten Mann das Leben nicht leicht gemacht. Wenn damals auf der Straße das Hurraschreien losging – es war 1870 und Kriegs- und Siegesdepeschen kamen fast alle Tage –, dann mußte er sie uns reinholen lassen. Denn dann mußte er uns doch freigeben. Ganz traurig las er vor von den Gefallenen und Gefangenen. Und dann sagte er nachdrücklich: ›So – nu geht nach Hause und sagt das eurer Mutter!‹ Aber erst mußten wir noch singen: ›Freiheit, die ich meine, die mein Herz erfüllt, Komm mit deinem Scheine, süßes Engelsbild!‹ Ja, ganz wehmütig wurde der alte Ulrich dabei und wenn er von den Toten erzählte. – Ja – da mag wohl denn die erste Saat von der Sehnsucht nach Freiheit in mir gekeimt sein – gemerkt habe ich damals nichts davon und heute auch noch nicht viel von der Freiheit.« * »Wir Schulkinder machten damals schon Ausflüge nach dem Zoo. Weil wir aber keinen Groschen zum Fahren hatten, liefen wir den ganzen Weg von der Krautstraße bis zum Zoo, meistens am Wasser entlang – durch die ganze Stadt durch. Damals waren die armen Tiere noch in Käfigen auf Rollen eingesperrt. Ganze große Fetzen vom Fell hatten sie sich beim Hin- und Herlaufen in den engen Käfigen abgewetzt. Wir hatten Mitleid mit den Biestern und fürchteten uns auch. Na – dann wurden ja auch bessere Käfige gebaut ....« * »Nachmittags, wenn Schönwetter war, machten wir manchmal Landpartien nach der Lausewiese – der Weberwiese. Die Lehrer ließen eben den Nachmittagsunterricht, der sonst noch üblich war, ausfallen. Da konnten wir beobachten, wie die Weber ihre Arbeit zwischen den Bäumen aufhängten und trockneten. Und dann konnten wir auch aufpassen, daß wir uns nicht selbst Läuse holten. Denn eine Menge Sonnenbrüder lagen da und ließen sich bescheinen. So hießen doch früher die Penner und alten Bettler.« * Da haben wir wieder den echten Zille, der schon in seiner Kindheit die offenen Augen für die verschiedenen Volksschichten und besonders für den fünften Stand hatte. Nach allem diesen ist es zu verstehen, wenn er in seinem Lebenslauf, den er bei seinem Eintritt in die Akademie einreichen und vorlesen mußte, sagte: »Als Kind bei Entbehrungen aller Art aufgewachsen, machten die Hogarthschen Stiche, die ich als Junge in den Pfennigmagazinen entdeckte, großen Eindruck auf mich; ich verglich den Inhalt der Bilder mit dem Leben, das ich um mich sah. Mein Vater war der älteste Insasse des Schuldgefängnisses, den die Gläubiger schon jahrelang festhielten, bis das Gesetz über die ›Wechselhaft‹ fiel. Dort erlebte ich Szenen, wie sie Dickens im ›David Copperfield‹ geschildert hat. Aus buntem Tuch und Pelzresten verstand Mutter Schweinchen, Hunde, Katzen, Mäuse usw. plastisch darzustellen, wobei die Schwester und ich bis in die Nacht hinein halfen. Dann wurden die Tierchen auf ausgezackte Tuchläppchen genäht und gingen als Tintenwischer in die Welt – nachmittags, nach der Schule von mir verhandelt in den kleinen Schreibwarenläden – im Osten Berlins. Es kauften auch größere Geschäfte, und ich hole mir noch heute mein Zeichenmaterial von Bormann in der Brüderstraße und lege mein Geld dafür auf denselben Tisch, auf dem ich als Junge den kargen Verdienst für unsere Arbeit mürrisch hingeschoben bekam.« Aus Zilles Lehrzeit. Selten erkennen die Eltern die Eigenarten ihrer begabten Kinder. Viele sehen ihre Sprößlinge als Wunderkinder an und verhimmeln sie – um später zu erfahren, daß die »Wunder« nichts weiter als ein Echo, ein Abklatsch von irgendwelchen Dingen der Umgebung der Kinder waren und jede Eigenart, jedes eigene Können fehlt. Das Wunder fällt ab. Das Kind bleibt. Wenn solche Wunderkinder hinaus kommen in die Welt, platzt ihr Genie wie eine Seifenblase. Sie sind die unglücklichsten Wesen auf der Welt, besitzen oft nicht die geringsten Elementarkenntnisse. Die Eltern sagten einst: »Unser Junge kann schon alles! Von wem soll der noch was lernen ...« Und nun kann er gar nichts. – Darum war es bei Zille vielleicht sehr gut, daß man ihn nicht zu Hause verhimmelte, trotzdem er schon bei seinem alten Zeichenlehrer Spanner in der Mansarde in der Krautstraße recht gute Fortschritte gemacht hatte. (Siehe Kapitel »Zille als Künstler«.) Er sollte, vierzehn Jahre alt, zu einem Schlächter in die Lehre. Ja, er führte sogar einmal einen Hammel an der Leine in die Linienstraße und legte ihn auf den Block. Aber er konnte das Tierabschlachten nicht mitmachen. – Er, der jeden frechen kleinen Spatz füttert und der von einer ganzen Schar hungriger Sperlinge gequält wird, wenn er ihnen nicht zur rechten Zeit Futter streut! – In der ärmlichen Dachstube in der Blumenstraße hatte ihm der alte Spanner immer wiederholt: »Wenn du Lithograph wirst, sitzt du gut angezogen mit Kragen und Schlips in der Stube. Du schwitzt nicht und bekommst keine dreckigen Hände. Was willst du noch mehr?« Sein Lehrer vermittelte ihm die Lehrstelle beim Lithographen Hecht in der Alten Jakobstraße. Zille schreibt: »Bei diesem Lithographen wurden die deutschen Heerführer und Fürsten dutzendweise in allen Größen fabriziert, ebenfalls nach Photographien, verstümmelte und geheilte Soldaten für medizinische Werke auf Stein gezeichnet, Heiligenbilder, Madonnen mit blutendem Herzen, der Gekreuzigte und so weiter, die dann in den Wohnungen der armen Leute rechts und links neben dem Regulator hingen. Darunter baumelten die Kriegsgedenkblätter und Kriegsmedaillen der gefallenen oder verstümmelten Väter und Söhne. Wir hatten damals ein merkwürdiges Kunstgewerbe, der Triumph in der Möbelarchitektur war der Muschelaufsatz, all das frühere Gute ist seit jener Zeit aus den Wohnungen der kleinen Leute verschwunden. Denn bis 1870 waren die klein-bürgerlichen Wohnungen trauliche Räume mit praktischem, man kann sagen, stilvollem Hausrat. Jetzt kam der Aufschwung der Industrie: Polstermöbel, Wandteller, – Abzahlungsgeschäfte. War auch die Arbeit am Tage nicht so erfreuend, um so mehr waren es die Abende in der Kunstschule und später im Abend-Akt-Saal. Ich ging die Woche zweimal in den Unterricht zum alten guten Professor Hosemann in die Kunstschule, die damals in der Akademie war, ebenso zweimal die Woche zum Professor Domschke, Anatomie, der sehr grob war und die vollste Klasse hatte. ›Wenn Se nich mehr kenn', dann setzen Se sich mit Ihr Brett auf die Treppe un nehmen nich hier die hoffnungsvollen Jünglinge, die bald nach Italien wollen, den Platz weg!‹ – Aber die Klasse war übervoll, die jungen Leute freuten sich über den alten Herrn, der so wie der olle Schadow sprechen sollte – nach ihm hat's P. Meyerheim verstanden, das Berlinern weiter auszubilden. Der alte Hosemann ließ mich in seiner Wohnung, Luisenstraße am Neuen Tor, ganz gern seine Skizzen und Zeichnungen ansehen und auch abmalen, sagte aber: ›Gehen Sie lieber auf die Straße raus, ins Freie, beobachten Sie selbst, das ist besser als nachmachen. Was Sie auch werden   185. Blick auf Stralau über den Rummelsburger See. 1875. Nach der unveröffentlichten Original-Bleistiftzeichnung aus Zilles Lehrzeit. Seine Eltern wohnten damals in Rummelsburg.   – im Leben können Sie es immer gebrauchen; ohne zeichnen zu können, sollte kein denkender Mensch sein.‹« * »In dieser Zeit, also nach dem Krieg 1870/71, setzte eine Hochflut von auf den Stein gezeichneten Kriegsbildern ein. Fürsten, Feldmarschälle, Generäle, Schlachtenbilder wurden Tag und Nacht gezeichnet und gedruckt – die Kriegsgreuel verherrlicht und verewigt. Der ›Öldruck‹ war damals erfunden, meisten wurden nun die Bilder bunt gedruckt – die ›Ölgemälde der Armen‹. Die Bilder waren billig, ›zierten‹ die Wohnung und deckten zugleich die vielen Flecke von den an den Wänden zerquetschten Wanzen zu. Ab und zu wurden die Rückseiten abgesucht, die Bilder dienten damit zugleich als ›Wanzenfalle‹. Ich sehe noch immer – in einer erbärmlichen Stube, wo sieben Menschen hausten – sich das Porträt des alten Kaiser Wilhelm I. leise bewegen – – – – so viel Wanzen krabbelten hinter dem Bilde. Es war die ›Gründerzeit‹, die Bauwut setzte ein, viele Stadtteile entstanden – Wände waren genug da für Bilder. Die Druckereien konnten nicht genug liefern. Die Lithographenlehrlinge wurden mit großen Versprechungen entführt und als Gehilfen hoch bezahlt. Viele Gehilfen fuhren nur mit Droschke ›erster Güte‹(Klasse) zum Arbeitsplatz. Ich kam in viele Wohnungen, wo die Bilder, an denen ich mitgearbeitet, hingen, zu armen kranken Menschen, Bedauernswerten, die ihre Gesundheit auf den Schlachtfeldern von 1864, 1866, 1870/71 gelassen hatten. Die mit dem Leierkasten gingen und die man ›Krüppel‹ nannte. Der ›Weltkrieg‹ hat das Wort ›Kriegsverletzte‹ erfunden, das nicht so weh tut. Da regte sich so nach und nach in mir der Wunsch, dies armselige Leben zu zeichnen, zeichnen zu können – Gesehenes aus der Erinnerung wiederzugeben. Ich dachte an die Kinderzeit, an häßliche und heitere Erlebnisse, versuchte diese aufs Papier zu bringen, mit Ernst und Humor zu versehen. Wie anders als das Abzeichnen von Vorlagen und Photographien für den Steindruck! Keine Stunde ließ ich unbenutzt, beobachtete und strichelte drauf los und konnte, trotzdem ich im graphischen Gewerbe war und damit mein Brot verdienen mußte, manchen Beitrag für Zeitschriften mit Erfolg loswerden – auch in Ausstellungen meine Zeichnungen zeigen. Als ich als Fünfundsechzigjähriger mich ganz von meiner Zeichnerei ernähren mußte, das graphische Gewerbe verlassen hatte, meinen Lieblingswunsch, ›Die Vergessenen‹ zu beschreiben und zu zeichnen, ausführen konnte, da wurde so sachte der Armeleutemaler fertig, und ich kam wirklich zu meinem ›Schicksal‹.« –   186. Titelblatt zu einem, erotischen Büchlein, das eine Szene im Orpheum, dem berühmten Tanzlokal der Gründerzeit darstellt. Nach der zeitgenössischen Lithographie. Solche Bücher wurden damals auf den Bahnhöfen verkauft.   Weiter erzählt Zille aus seiner Lehrzeit: ›Als ich Lithograph lernte, kam ich auch wieder ins ›Milljöh‹. Ich lernte in der Alten Jakobstraße. In dem Hause war das berühmte und berüchtigte Ballokal ›Das Orpheum‹. Zum Frühstück mußte ich Bier holen – bei den Kellnern der Tanzsäle. Sie hatten eine eigene Kantine und putzten vormittags den Fußboden, die Spiegelscheiben und was zu solchen Lokalen dazu gehört. Wenn ich hinein kam, lagen noch betrunkene Männer und Weiber in den Nischen und Logen auf den Plüschsofas: die Glücklichen der Gründerzeit, die die Ernte der Kriegserfolge von 1870 einheimsten. Ich kam mal dazu, wie die Kellner ein betrunkenes dickes Frauenzimmer über den Stuhl gelegt hatten und auf ihrer entblößten Kehrseite einen Dauerskat kloppten ...« * »Monatelang habe ich Lithographien koloriert. Meistens Hosemanns. Da gab's ein paar Drucker in Berlin, die mit solchen kolorierten Drucken handelten. Von denen kauften die Buchhändler und Papierhändler die bunten Bildchen. Auch andere Geschäftsleute hingen manchmal solche Bildchen in ihre Schaufenster. Die waren ja meistens noch viel kleiner als heute. Und da fiel solch Bildchen auf. Das war damals ein Reklametrick. Damals war das Kolorieren noch Heimarbeit. Für jedes Blatt gab's 'n paar Pfennige – manchmal auch noch weniger. Damit hat sich manches arme Mächen sein trocken Brot verdient. Manche Familie hat bis in die Nacht um den Tisch rum gesessen und gepinselt. Jeder hatte seine bestimmte Farbe aufzutragen. Aber man lernte ein bißchen sehen dabei.« »Als Kind und als Stift hatte ich auch manchmal im neuen   187. Modeblatt aus den siebziger Jahren. Kostüm mit dem »Cul de Paris«, der sogenannten Tonhalle. Nach der Lithographie aus Zilles Lehrzeit.   Industriegebäude in der Kommandantenstraße zu tun. Das war damals eine alte Kaserne. Und die Soldaten aus dieser Kaserne exerzierten auf dem Dönhoffplatz, der kahl war und nur eine Reihe Bäume am Rande hatte. Irgendein großer Häuserspekulant, der nach dem siebziger Kriege viel umbaute – das viele Geld floß doch ins Land, die Milliarden aus Frankreich – dieser Unternehmer kaufte die alte Kaserne und schlug der Bauordnung ein Schnippchen. Wenn er die alten Gebäude niedergerissen hätte, dann hätte er viel Gelände abtreten müssen. Nun baute er auf den alten Kabachen erst Dächer auf – und dann erst mauerte er die untern Stockwerke um, brach Läden aus und richtete Cafés und Kneipen ein. Und in diesem neuen Gebäudekomplex, der im damaligen altväterlichen Berlin wie ein Monumentalbau wirkte, richtete auch der Berliner Künstlerverein seine erste Bleibe ein. Die Künstler wohnten ja damals noch nicht alle im Westen. Viele hausten noch in der Ritterstraße und auch in der Innenstadt. Und im unfertigen Bau, zwischen Schutt und Mörtelhaufen hatte sich eine Papierhandlung aufgetan. Bei der mußte ich Papier holen. Hinten, auf dem Hof ging eine eiserne Wendeltreppe zum Verein der Künstler rauf. Und im Eingang hing eine große eingerahmte Lithographie von dem berühmten Lithographen Lelio de Maaß aus der Neanderstraße. Der wohnte da noch in einem kleinen alten Haus. Das wurde auch umgebaut nach dem Milliardensegen. Er saß da in einer kleinen Stube an einem Fenster, das auf einen grünen Garten ging, auf einem alten durchgesessenen Rohrstuhl – 'ne alte Hose ohne Hosenboden hatte er über die Beine und einen verschlissenen Schlafrock über. Bei dem Alten war ich auch ein paarmal. Da kriegte man Respekt vor'm Können. So'n alter Mann! Aber immer noch beim Schaffen ...«   188. Titelblatt zu einem zweideutigen Büchlein, das von Erlebnissen im Chambre séparée erzählte. Nach einer Originallithographie aus Zilles Lehrzeit.   Wie wenn Zille von einem zwar nicht gewollten aber doch befolgten und verehrten Vorbild spricht, so klingen die Worte von dem alten Lithographen. Zille ist ja nun auch ein alter Künstler. Aber auch er ist immer noch beim Schaffen. Wenn er oft auch müde und schlapp ist: kramt er in seinen Mappen und Studien, dann wird er immer wieder lebendig, verbessert wohl hin und wieder hier und da, zeigt die Blätter und schüttelt den Kopf, wenn er sich erinnert, von wo und von wann es ist – und sagt wohl auch: »Ja – ja, die Lehre! .... Da muß man arbeiten lernen! ... meine Lehrzeit! – – –« Aus der Gesellenzeit Heinrich Zilles. Und nun begannen Zilles Gesellenjahre, in denen es nicht mehr nur lernen hieß, sondern in denen er fertige Arbeit leisten und mit mancher Technik sich befreunden mußte, die eigentlich nicht künstlerisch war, die aber doch künstlerische Empfindung, Geschmack und künstlerische Fertigkeit verlangte. Er kam nach einigen Stellungen in kleinen Betrieben, in denen er manche sonderbaren Milljöhstudien machen mußte (siehe »Milljöh« und das Kapitel »Zille als Künstler«), ziemlich bald zur Photographischen Gesellschaft. In diese Gesellenzeit fallen seine Soldatenjahre (nächstes Kapitel), fällt seine Verheiratung, seine ersten Ehejahre und die erste Zeit als Familienvater. (Kapitel »Zillekinder«.) In dieser Zeit bleibt er trotz aller Pflichten seiner Gewohnheit treu, immer »etwas für mich zu machen«. Er will nicht nur Handlanger sein. Seine künstlerische Schöpferkraft verlangt ihr Recht. Daher die vielen Studien, die »Blicke aus der Werkstatt« und die Landschaftsbilder aus der nächsten Umgebung von Berlin. (Siehe Kapitel »Studien und Akte«, »Lehrer und Kollegen« und verschiedene andere Kapitel, in denen Arbeiten aus jenen Jahren enthalten sind.) Schließlich begnügte er sich nicht mehr damit und arbeitet, selbst in gereifteren Jahren, gewissermaßen schon Altgeselle, Werkmeister, an seiner Ausbildung, zeichnet unermüdlich Akte, Porträts und notiert sich allerlei Gestalten und Ereignisse von der Straße. Menschen hatten ihn ja schon immer künstlerisch gefesselt. Vater und Mutter, Tochter und Sohn – Kollegen und Mitarbeiter – sie alle wurden in kurzer Zeit mit oft nur wenigen, aber immer gewissenhaften Strichen aufs Papier gebracht. Er selbst erzählt aus jenen Tagen: »Als junger Geselle kam ich zu einem Musterzeichner in die Sebastianstraße. Da zeichneten wir Musterhefte von Henckels Messern mit Schildpatt- oder Hirschhorngriffen. Und das mußte genau zu erkennen sein, was für Material das war. Solche Musterbücher wurden damals nicht gedruckt, sondern gezeichnet. Das Drucken war noch zu teuer. Vor allem die Klischees. Und die meisten Musterbücher wurden nur in ein paar Exemplaren für die Reisenden hergestellt. Aber alle halbe Jahr neu! Auch Beleuchtungskörper mußten wir zeichnen. Elektrisch Licht gab's noch nicht. In den guten Stuben standen große Prunklampen mit Petroleumbassins. Oben, um die Flamme abzudämpfen, wurden Glasstulpen mit eingeätzten Bildern aufgestülpt. Diese Bilder mußten genau in den Musterzeichnungen zu erkennen sein. Das war 'ne knifflige Arbeit. Da mußte man sein Handwerk verstehen. Und dann die Modezeichnungen! Das waren damals lauter Lithographien. Feine Kleider mit Schleifen, Falten, Rüschen, aufgebauscht an den Hüften – und hinten erst! Die Tournüre – na, das nannten wir damals Tonhalle ... (Siehe Bild 187.) Außerdem machten wir auch Deckel für die kleinen Bücher mit interessanten Geschichten. Das mußten immer hübsche tanzende Püppchen sein – mit'n Sektglas und hübschen Waden. So'n Frauenbein – das war damals was! Die Büchlein (siehe Bild 186 und 188) wurden auch kaum von ordentlichen Buchhändlern vertrieben. Die kriegte man damals auf den Bahnhöfen und bei Papierhändlern. Wir jungen Leute kannten natürlich alle die Geschichten.   189. Gosse an der ersten Wohnung Zilles im Keller. Nach dem bisher unveröffentlichten Originalaquarell.   Drei Jahre lang machte ich als Geselle Soldatenbilder. Damals wurden diese wunderschönen Lithographien tausendweise gedruckt; jetzt noch sind sie in sogenannten guten alten Familien zu finden: immer mit den Zeichen eines bestimmten Regiments. Für jede Waffengattung: als Kavallerist, Infanterist, Artillerist, Pionier, Eisenbahner usw. Jeder, der stolz auf seine Dienstzeit war – und wer war det nich! – kaufte sich solch Ding, manchmal für die Eltern, manchmal für die Braut, manchmal für sich selbst zur Erinnerung an die schönen Tage im Drill. Dann wurde sein photographischer Kopf aufgeklebt. Und drunter geschrieben: Wilhelm Schulze, 1873 bis 1876, 4. Schwadron, 2. Gardedragonerregiment. Und damit es möglichst echt aussah, kolorierten wir die Pferde. Da hieß es, Pferde erfinden. Weiß mit braunen Beinen, braun mit weißen Beinen. Ganz braun. Gescheckt, gefleckt. Ganz schwarz. Oder Appelschimmel. Jeder wollte doch auf dem Bilde solch Pferd reiten oder führen, das er am meisten während der Dienstzeit zwischen den Schenkeln gehabt hatte.« * »Eine Zeitlang arbeitete ich bei einem Lithographen, der seine Werkstatt in einer ehemaligen Dienstmannswohnung eingerichtet hatte. Das war im Winter. Und als wir heizen wollten, fanden wir im Ofen ein' Topp, der sonst ganz wo anders hingehört – bis oben ran voll. Da hatte der Dienstmann, der wegen rückständiger Miete exmittiert worden war, uns ein ordentliches Ei als Andenken überlassen ....« * »Nachher, bei der Arbeit, wurde es noch schöner. Als der Gasmotor arbeitete und die Schnellpresse lief, purzelten bei jedem Stoß Wanzen aus der Decke. Wir legten nun unsere Kleidung auf Schemel und breiteten Papier drüber. Da liefen die Wanzen, die darauf fielen, Schneeschuh über die weiße Fläche. – Schließlich wurden sie alle ... Weil's aber so kalt war und der Meister zu wenig Feuerung spendierte – damals gab's noch Torf, und die schwarzen Torfweiber trugen noch die schwarzen Körbe voll aus den Kähnen und sahen selbst schwarz aus wie die Deibel – da wanderten die Möbelstücke, die der Dienstmann dagelassen hatte, nach und nach durch den Ofen in den Himmel. Erst das Bett, dann Bretter, Stühle, und schließlich brachten die Lehrlinge auch 'ne Leiter an. Die wanderte dann von ›Stufe zu Stufe‹ hinterdrein. –   190. Heinrich Zille beim Ausflicken seines alten Bootes am Rummelsburger See. Das Boot war ihm von einem Bootsverleiher überlassen worden, der es nicht mehr verleihen durfte. »Ick konnte ja mit versaufen!« sagte Zille, »da hatte er ja dann keine Verantwortung. Oft fand ich es Sonnabends nicht vor. Andere hatten's inzwischen wo anders hingerudert. Oder es war überhaupt nicht da – war versackt. Dann mußte ich's erst wieder heben. – Aber na: koofen konnte ich kein Boot. Und das hatte ich mir erworben mit Anstrich der andern Boote. Man war doch Bootsbesitzer!« Nach der unveröffentlichten Bleistiftzeichnung.   In der Elisabethstraße arbeitete ich als blutjunger Geselle. Der Meister, der öfter auswärts war – auf Bestellungen ranholen oder zur Ablieferung oder auch am Stammtisch – hatte uns, mich und einen Kollegen, mit zwei Mädchen eingesperrt, die Bogen anlegen und falzen sollten. Der Meister glaubte gewiß, die Mädchen tun uns nischt. Na – getan haben sie uns ja auch nischt. Aber getanzt haben wir zusammen, daß die Steine wackelten.« – * »Jahrzehntelang arbeitete ich dann in der Photowerkstatt der Photographischen Gesellschaft, die anfangs ihre Räume an der Südseite vom Dönhoffplatz hatte. Da oben vom Dach aus konnte ich auf das Markttreiben an zwei Wochentagen herabsehen – mit den Gänsewagen und Blumenständen und bunten Obst- und Gemüsetischen – und auf die andere Seite vom Platz, wo das alte Abgeordnetenhaus lag – ein ehemaliges Palais. Da konnte man die Herren Abgeordneten und die Minister und den Bismarck hinein- und hinausstolzieren sehen. Viele kamen auch in glänzenden Equipagen, manche auch bloß in den alten Kasten zweeter Güte an. Oben drüber weg, über die ganzen Dächer mit den Schornsteinen und dem Ruß, da sah man im Norden die leuchtende Kuppel von der Schloßkirche, und 'n bißken weiter rechts den viereckigen Turm von's damals noch neue Rathaus.« * »Die Arbeit war nicht leicht. In einem Kasten wurden die Bilder aufgespannt und dann Asphalt und Kolophonium in den Kasten geblasen. Der feine Staub setzte sich an den Stellen, die Linien und Schatten zeigen sollten. Und dann mußte man das im Gefühl haben, ob es nun genug war oder nicht.   191. Märkische Kiefern. Aquarell aus der östlichen Umgebung von Berlin. Nach dem Original zum 1. Mal veröffentlicht.   Das waren damals die besten Reproduktionen von den großen Kunstwerken. Die Bilder wurden für 'ne Mark verkauft. Heute gibt's bessere und billigere Verfahren. Damals gab's noch keinen Bilderdruck auf der Schnellpresse. Von dem Photodruck wußten wir noch nichts. Wir machten eben photographische Vervielfältigungen. Da hieß es noch was: Retoucheur sein! Das war ein Maler mit Bleistift und Tuschepinsel! Das übte! ....« * Zille ärgert sich übrigens ganz ehrlich über allerlei Unklarheiten und Schiefheiten, die ihm übereifrige »Freunde« andichten. Wie jeder Fachmann, der seinen Beruf liebt und in seiner Kunst lebt und wirkt, ist Zille auch von seinem »Fach« eingenommen. Da berichtet ein Mann, der viele Jahre lang bei Zille verkehrte, ihn belauschte und alles aufnotierte und es mit Heimlichkeit verarbeitete und so den ahnungslosen Meister gewissermaßen plünderte, Zille habe ihm einen Kommentar über die maschinelle Bildreproduktion, über Rasterverfahren, Ätzung, Rotations- und Offsetdruck gehalten. Zille wäre darin erstaunlich bewandert. Und um dies zu beweisen, stellt der Berichterstatter die ganz widersinnige Behauptung auf: Als vor Jahrzehnten der Erfinder Klisch die neuerfundene, nach ihm benannte Klischeetechnik in Wien vor einem Kreise von Fachleuten aus aller Welt mitteilte, war Zille von der Photographischen Gesellschaft dazu hingeschickt worden. Jeder Fachmann und jeder Liebhaber des Druckverfahrens weiß, daß es Klischees schon seit dem Jahre 1575 gab. Das Verfahren des Herrn Klisch, der zufällig einen der Technik verwandten Namen besaß, hat also nicht der Klischeetechnik den Namen gegeben.   192. Blick auf den Rathausturm von der ersten Werkstatt der Photographischen Gesellschaft am Dönhoffplatz, in der H. Zille lange Zeit als Geselle arbeitete. Nach dem Originalaquarell aus dem Jahre 1876, zum 1. Mal veröffentlicht.     193. Blick aus der Werkstatt der Photographischen Gesellschaft am Dönhoffplatz auf die Türme von Berlin mit der Kuppel der Schloßkirche. Nach der Original-Aquarellstudie aus Zilles früher Gesellenzeit zum 1. Mal veröffentlicht.     194. Buckelhans. Federzeichnung nach einem Theaterstück aus dem Jahre 1893. Zum 1. Mal veröffentlichte Skizze.   Zille ärgerte sich ehrlich, daß er auf diese törichte Weise als ein Nichtkenner blamiert wird. Und er ist doch mit Recht stolz auf alle seine technischen Kenntnisse und Fertigkeiten. Beweisen doch z. B. das Schabblatt »Ahornallee« und die Radierung »Bayrischer Bierkeller«, daß er selbst diese schwierigen Techniken beherrscht. Oft erzählt Heinrich Zille mit Bitterkeit und mit Groll von der Rücksichtslosigkeit, mit der ihn die Gesellschaft nach drei Jahrzehnten treuen Dienstes entlassen hat – ohne jede Anerkennung, ohne für sein Alter zu sorgen –, nachdem sie seine besten Kräfte und seine besten Jahre für sich in Anspruch genommen hat. Er ist heute noch empört, daß die Inhaber sich Villen bauten und große Geländestücke in Charlottenburg als Gewinn buchen konnten – Gelände, das sie billig gekauft hatten und das inzwischen das Vielfache an Wert gewonnen hatte. Die Angestellten, denen kleine Eigenhäuser versprochen worden waren, gingen leer aus. (Kapitel: »Zille als Künstler.«) »Ja, als ich meine Jahrzehnte treu bei der Photographischen Gesellschaft zugebracht hatte, als meine besten Jahre um waren, da kündigten sie mir. Und der Prokurist, der mir mitteilte, daß die Gesellschaft sich umstellen müßte, wollte mir klarmachen, daß mir kein Unrecht geschehe und daß er schuldlos sei: ›Nu geben Sie mir die Hand, lieber Zille!‹ Da antwortete ich: ›Nee, sie sind dreckig!‹ Ob er nu verstanden hatte, er sei dreckig – oder meine Hände – ich weiß nicht!« * In der Sorglosigkeit und Verantwortungslosigkeit der Verantwortlichen findet Heinrich Zille immer wieder die Quelle zu seinem sozialen Zorn .... Mit zwiespältigem Lächeln sagt er zwar: »Na – nu mußte ich mich eben selbständig machen – mit fünfzig Jahren – als Künstler. Vielleicht war's also gut. Aber – ich vergesse es denen doch nicht! ...« Heinrich Zille und die Soldaten. Heinrich Zille, diesem großen und stattlichen Menschen, blieb es nicht erspart, volle zwei Jahre als Grenadier zu dienen. Er kam zu den »Leibern«, dem Leibregiment in Frankfurt a. d. Oder. Man wußte im »Kommiß« noch nichts von dem natürlichem Vorrecht des künstlerischen Menschen, die Dienstzeit abzukürzen. Wußte nicht, daß schöpferische, schaffende Menschen einen unermeßlichen Wert für die Kultur und Wirtschaft des Volkes bedeuten. So wurde denn Zille in der Zeit der allgemeinen Wehrpflicht zwei Jahre fast ganz seiner Ausbildung und seinen Aufgaben entzogen. Er ließ sich aber nicht ganz seiner Aufgabe entziehen. Er war viel zu sehr besessen von seinem Talent, von seinem Können und übte unter allen Umständen seine Fähigkeiten. Manche Kameraden machten sich wohl über ihn lustig. Auch manche Vorgesetzten fanden es lächerlich, daß solch »strammer Kerl« sich mit Zeichnungen plagte, von Kunst was verstehen, in der Kunst leben wollte. Aber bald machten sie sich das zunutze. Manche Geländeskizze, die nach den größeren Übungen die Herren Leutnants dem Obersten vorlegten, stammte vom Grenadier Zille. Das verschaffte ihm Ansehen und Achtung – und seine Kameraden, vor allem aber manche unverständigen und ungebildeten Unteroffiziere, betrachteten ihn verständnislos und hüteten sich, ihm zuviel zuzumuten. Als er mit einem Zug Soldaten zur Wache in das Zuchthaus Sonneburg kommandiert wurde, gewann er erschütternde und unglaubliche Eindrücke, die später in manchen Zeichnungen wieder auftauchten. Aber auch andere typische Erlebnisse berichtet er und läßt die unsinnig verbrachten Jugendjahre, die gequälten Tage und Nächte im Geist an sich vorüberziehen: »In der Garnison Frankfurt a. d. Oder wurden wir als zukünftige Vaterlandsverteidiger vom Oberst empfangen: »Na, da hätten wir ja die Nordhafenlouis aus Berlin!« Derselbe Oberst wurde mal gegen Abend an der Oderbrücke von einer Rotte junger Arbeiter von seinem Kampfroß runtergeholt und ganz gründlich verhauen. Dabei brüllte er mit seiner tiefen Kommandostimme: »Wo sind denn meine Grenadiere!« Als wir mit unseren Habseligkeiten in den Händen auf dem Kasernenhof angekommen, auf die Verteilung in die Kompagnien warteten, ermahnte dieser Oberst die Offiziere, Unteroffiziere und Rekrutengefreiten wiederholt eindringlich: »Nur die Leute mit Worten erziehen«, bei Androhung von Strafe: »Keinen Mann anfassen!« Gleich darauf besichtigte derselbe Oberst die in drei Reihen hintereinander aufgestellten Mannschaften von hinten und ertappte einen Jüngling, der schlecht auf Vordermann stand. Er tippte ihm auf die Schulter und sagte väterlich: »Stellen Sie sich auf Vordermann!« Der Mann rührte sich nicht. Der Oberst wurde heftiger: »Sie sollen sich auf Vordermann stellen!« – Der Mann versteht das nicht. – Jetzt brüllt der Oberst: »Herrgott, ist denn kein Unteroffizier da, der den Lausehund in die Rippen stößt!« Wir wurden in die Kompagnien verteilt, kamen in die Stuben, die Wanzen lauerten schon auf uns. In den Betten lag Häcksel als Stroh – zerlegenes Müll. Schlechtes Essen gab's. Dafür wurden wir täglich von einigen Offizieren mit einer Kloake von Kasernenhofblüten und Witzen besudelt. Die Roheiten einzelner Unteroffiziere, denen ihre Dienstzeit nur die Vorübung und Lehre war, um dann nach neun Jahren als Schutzmann, Steuer-, Post-, Eisenbahnbeamter usw. gut untergebracht zu sein, wurden außerdem noch, mit der Pensionsberechtigung belohnt.   195. Der alte Ulan. »Na Rieke – so'n oller Ulan wie ich kriege doch eenen umsonst!« »Wat denn!« »Na 'n Schnaps – det andre – det holen wir uns wie Moltke: immer umzingeln.« Nach einer Bleistiftzeichnung aus H. Zilles erster Soldatenzeit um 1880, zum 1. Mal veröffentlicht, zeigt bereits viele Eigenheiten und die große Gewissenhaftigkeit des Zeichners.   Zur Mannschaftsausbildung gehörte auch: Sonntags vormittags, bei der Spindrevision, zeigte ein junger Leutnant auf das Bild meiner Liebsten, das auf der inneren Seite der Tür befestigt war, mit der höhnischen Frage: »Ihre Sau?« Z. * Von einem Manövererlebnis erzählt Heinrich Zille: »Da war ich 1887 in Quartier. In Angermünde, bei Mutter Samin. Das war das kleine Haus – da um die Ecke hauste ich in einem kleinen leeren Raum. Bloß ein Strohsack als Bett und 'ne Kiste als Stuhl. Vater Samin, der ein Pferdchen und 'n Wagen hatte, machte Fuhren in der Stadt. Seine Familie stammte aus Frankreich. Aber von der Kultur war nichts mehr zu merken. Ich mußte morgens dem Wachhund draußen seinen Freßnapf wegnehmen und ihn ausspülen, um mich waschen zu können. Und Mutter Samin kochte noch auf offenem Feuer. Der Topp hing noch an 'ner Säge überm Herd. Ehe das Feuer in Gang kam, mußte ich längst zum Dienst. Kaffee kriegte ich nie morgens. Aber Mutter Samin meinte es gut. Gab mir Milch und auch sonst mal 'n Happen. Die treue Seele bemutterte mich. Das war damals, als ganz Deutschland mit dem neuen Gewehr üben mußte. Griffe kloppen – den Kasten mit zehn Patronen einschieben. Die leeren Hülsen flogen einzeln im Bogen raus, wenn die nächste vorgeschoben wurde – immer dem Nachbar auf die Hand oder zwischen Mantel und Affen (Tornister). Ja, das waren trotzdem schöne Tage bei Mutter Samin.« * Und aus den Sonneburger Wachewochen weiß er allerlei mitzuteilen: »In Sonneburg mußte ich als Soldat die Zuchthäusler bewachen. Die jugendlichen »Sonneburger« klebten bunte und blanke Kotillonorden. Tagelang – wochenlang – monatelang... Ob die feinen Fräuleins, die auf den vergnügten Bällen die Orden an ihre Galane verteilten und dann lustig in ihren Armen walzten, wohl wußten, wer den schönen Flitterkram gemacht hatte? – Ja – die Blicke, mit denen die Zuchthäusler uns von der Bewachung ansahen: Ihr seid frei – wir sind in Bewachung.   196. »Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus! – –« Nach dem Aquarell von H. Zille aus seiner Dienstzeit, Sonneburg 1882, zum 1. Mal veröffentlicht. Bis auf einige zeitgenössische Emblemo bereits eine fein belebte Landschaftsstudie.   Wir laufen rum als »Schokoladenjünglinge« – von wegen der braunen Kluft.. .« * »Schließlich wurde ich so eine Art Vertrauensmann für unsern Leutnant (v. L.). Der war ein ganz versoffenes Huhn und schickte mich vor allem immer nach Bier. Aber weil ich ein Wappen für ihn malte, ließ er stets zwei Glas Bier holen, so daß auch ich nicht Durst leiden brauchte. – In der Sonneburger Kirche hängen doch alle Wappen von den Familien, von denen ein Mitglied zum Johanniterorden gehörte. Da hatte denn mein Leutnant auch ein Wappen seiner Familie entdeckt. Und das mußte ich ihm abmalen. Das war mir natürlich lieber als die Bewachung der armen Deibels im Zuchthaus. – Wenn ich nun in der Kirche arbeitete – an dem Wappen – bis zur Dämmerung, stand immer eine andere von den vielen Pastorstöchtern an der Kirchentür: »Papa läßt bitten zum Kaffee!« Der Pastor rauchte seine lange Pfeife, die Töchter strickten oder machten die damals beliebte Spritzmalerei. Ich saß dazwischen: nicht als Kommiß, sondern ich gehörte dazu. So lernte ich auch die Seite vom Leben kennen.« * »Sonneburg war damals nur ein großes Dorf. Fischer und Ackerbürger und kleine Handwerker. Und dann Witwen von Aufsehern. Die besorgten den Aufsehern und den Soldaten die Wäsche und die Handschuhe. Witwen gab's genug. Ihre Männer, die Aufseher, wurden eben verrückt am Dienst. Zwölf Stunden in Filzlatschen rumschleichen – die andern Menschen beschleichen – immer achten, daß sie nicht miteinander sprachen – Nur immer Schnupftabak in die Nase stopfen. Das einzige, was sie machen durften, um sich wach zu halten – damit sie bewachen konnten ... bis ins Hirn – den Tabak. Da mußten sie ja bald verrückt werden.«   197. »R – rau – s!« Wachruf aus der Sonneburger Zeit. Der Herr Leutnant kommt. In der Soldatenfigur bereits echter Zille. Im Hintergrund landschaftliche Feinheiten. Nach der Original-Bleistiftzeichnung zum 1. Mal veröffentlicht.     198. Nach dem Zapfenstreich. Szene aus der Zeit der Wehrpflicht, als ständig Streit zwischen Soldaten und Zivilisten entstand. Nach der unveröffentlichten Zeichnung aus den Soldatenjahren Zilles, zum 1. Mal veröffentlicht.   »Der Leutnant hatte einen ganzen Haufen Ehrenzeichen geerbt. Von Onkeln, die 1813 bis 15 mitgemacht hatten. Meistens Ehrenzeichen für Nichtkombattanten. Eines Tages sagte mir der Leutnant: »Hier, schmeiß' den Dreck auf den Müll!« »Aber – das sind doch Ehrenzeichen!« »Ja, gewiß, die sind von meinem Großonkel. Was soll ich damit?«   199. An der Alexanderkaserne 1898. In der Alexanderstraße stand eine große Kaserne für ein Garde-Fußregiment. Im benachbarten Scheunenviertel waren oft die Abschiede der Soldaten von ihren Bräuten zu beobachten. Nach dem Aquarell von H. Zille, zum 1. Mal veröffentlicht.   »Ich war damals Schreiber vom Feldwebel. Die ganzen Akten von den Zuchthäuslern lagen bei uns im Büro. Damals ließen sich keine Schiebungen mit den Akten machen. Wir Soldaten kamen nicht so dicht mit den Zuchthäuslern zusammen, um Kabrusche zu machen. – Fliehen konnten sie damals auch nicht so leicht. In bestimmter Entfernung standen Wachen beim Schilderhaus, die   200. Vadding in Frankreich. »Du, Korl, du denkst woll, du bist in 'n Hotel garni, dat du dien Schlammbottiche vor de Döhr stellst!« Aus dem Ulk.   immer hin und her pendelten und sich ihre Meldung zuflüsterten. Da hieß es aufpassen. Die Unteroffiziere kamen auf dicken Filzsohlen zur Kontrolle. Wenn wir nicht gleich das Gewehr fällten und anriefen, wurden wir angegeben.« * »Und die Kerle selbst, die Zuchthäusler, übten auch ihre Spaße mit uns. Ich schob Wache. Da hatte einer irgendeine Arbeit draußen zu machen, irgend 'ne Erdarbeit. Reden durften sie doch nicht mit uns. Wir durften auch nicht mit ihnen reden. Wenn sie uns ansprachen, sollten wir sie melden. Da fängt der an und sagt: »Gestern früh hat's ooch gefroren!«   201. Vadding im Osten. »Süh, Korl, hier wer'n de Lüd gegen Verstopfung impft!« Satire auf die übermäßige Impferei im Kriege. Aus dem Ulk.   Ich denke – antwortest nicht – melden werde ich auch nicht. Der brabbelt immer vor sich hin: »Ick bin ooch aus Frankfurt – ick seh' doch, daß du ein Leiber bist. (Vom Leibregiment Frankfurt a. d. Oder.) Die sollen hier spannen (aufpassen). Tu' nur nicht so! Ihr hört ganz gut!« Ich wußte nicht: würde der Kerl mich melden? Sollte ich ihn melden? Er sagte weiter: »Tu' nur nich so!... Ihr seid ja hier ooch bloß Gefangene! – Aber ihr müßt noch Knöppe putzen!« Recht hatte er. Ich hab' ihn auch nicht gemeldet...«   202. Vadding im Osten. »Süh, Korl, nu bin ick um twei Pund lichter wor'n!« Scherz über die Entlausungsanstalten im Kriege. Aus dem Ulk.   Wie sie die Leute manchmal bei dem Kommiß schindeten! Da war ein Kamerad mit kurzem Bein. Der Hauptmann hatte ihm beim Rottenmarschüben hineingestochen ins Knie. Der war wütend gewesen, weil nicht alles glatt in der Reihe ging, weil der Mann über einen Stein oder einen Grasbüschel gestolpert war. Da hatte der Hauptmann einfach den Degen gezogen und vom Pferd runter drauf los! Der Kerl durfte doch nun nicht früher entlassen werden, ehe er wieder hergestellt worden war. Als der Stich verheilt war, war das Knie krumm. Nun legten ihn die Sanitätsunteroffiziere auf eine flache Pritsche und wollten das steifgewordene krumme Bein strecken. Ein flaches Brett aufs Bein und dann alle Mann mit ganzem Gewicht und voller Wucht drauf!   203. Vadding in Frankreich. »Süh, Korl, den Granattrichter! Da seggen se ümmer, wi maken Geschichte – wi maken ook Georgraphie!« Aus dem Ulk.   Ich höre den armen Kerl heute noch schreien und brüllen .... Nach Hause kommen durfte er auch nicht. Sein Vater hatte ihm gesagt: »Bleibe, bis du gesund bist!« Na – da wollten sie ihn eben so lange bearbeiten, bis er von selber ging und unterschrieb, daß er gesund entlassen war.« * »Vor mir hatten die Unteroffiziere Angst. Überhaupt in Sonneburg. Da war ich Vertrauter vom Leutnant Ich war zwar nur Hundsgemeiner. Aber Angst hatten sie!« * Auch diese Jahre beim Kommiß hatten ihr Gutes für Zille. Der Weltkrieg kam. Und wir mußten uns alle zu diesem Schicksalsschlag einstellen. Da fand Zille seinen Weg durch diese Zeit: den richtigen Weg. Er fand seinen »Vadding in Frankreich« und dessen Freund, seinen Korle. Später reihten sich naturgemäß an: »Vadding im Osten«, »Vadding im Süden« und so weiter. Er gab Bilder von allen Fronten, von allen Schlachtfeldern und Kampfgebieten. Und er wußte diese Landschaften, die Stimmung, ja selbst die militärischen Einzelheiten so echt und überzeugend zu treffen, daß alle glaubten, er sei auch »vorn« gewesen. Niemand, der selbst im Felde gewesen, wollte ihm glauben, daß er in der ganzen Kriegszeit nicht aus Berlin herausgekommen und nur einmal seinen ältesten Sohn, einen Lehrer, in Hinterpommern besucht habe. Alles, was an der Soldatenausrüstung zu schildern war, brachte Zille echt und stimmungsgemäß. Er ging eben auf die Bahnhöfe, in deren Wartesälen die bald vom Westen nach dem Osten, bald vom Osten nach dem Süden geworfenen Soldaten und Regimenter sich ausruhten oder den nächsten Zug zur Front abwarteten. Dort »merkte« er sich alles Wichtige und sog auch die echte Stimmung ein. Dort holte er sich auch die künstlerische Eingebung für seinen »Schützengraben«, für den »Granattrichter« und viele andere Landschaften, in denen Vadding seine immer munteren und menschlichen Aussprüche zum Kriegserlebnis von sich gab.   204. In der Wüste. Vadding und Korl auf ihrer Weltreise im Kriege. Aus dem Ulk.   Die Sprache von »Vadding«, diesem echten, behäbigen Norddeutschen, traf er ebenfalls so gut, als sei er kein geborener Sachse gewesen. Er lebte ja allerdings seit seinem zehnten Jahre in Berlin, dessen Sprache einen Untergrund von Platt hat. Das schärfte sein Gehör für den Klang der Sprache der norddeutschen Ebene so gut, daß er ein Platt schrieb, das immerhin von den Pommern und denen von der Waterkant verstanden, aber auch von den meist hochdeutschen Lesern begriffen wurde. Vor allem aber begriffen sie eins: Außer dem Gebot der Waffentaten und Kämpfe gab es ein immer über allem stehendes Gebot: Das Gebot der Menschlichkeit. Das hat Zille in seinen trotz aller Blutereignisse nie mit Blut oder Haß oder Roheit gefüllten Zeichnungen und Weisheiten seines Vadding und seines Korle stets hochgehalten. Er hielt sich und seine Arbeit frei von Kriegspsychose, Haßgesang und Kriegsbegeisterung. Er streute lebendigen Humor über diese blutrünstigen Tage mit ihren Katakomben von Toten und Verstümmelten. Er rief unermüdlich zum liebevollen Menschentum. (Siehe auch die Vaddingbilder im Kapitel »Zille in der Liebe des Volkes«.)   205. Vadding unterwegs von Osten nach Westen. »Süh, Korl, nu geiht's all wedder rut. Weist worüm? Korl und Vadding sünd eben ümmer K.V.!« (Am Ende des Krieges, als Frauen alle Ämter im Innenland versahen und die Jugend unruhvoll als Wandervögel hin und her schwärmte.) Aus dem Ulk.   Und so kam es, daß an den Schützengräben, an der Front Zille mit seinem Vadding populär wurde, daß viele Kämpfenden auf ihn warteten. So gab er auch vielen Soldaten in den rauhen Tagen von seinem großen Herzen ein wenig Wärme hin – – Zilles Lehrer und Kollegen. Bezeichnend ist für einen Menschen, wie er zu seinen Lehrern und Kollegen steht. So gewiß oft ein Genie in Konflikt mit seinem Lehrer kommt, so oft findet sich auch ein kameradschaftliches und freundschaftliches Verhältnis zwischen Lehrer und Lernenden. Bei Künstlern kommt es jedenfalls sehr oft vor. Nicht immer sind die Lehrer von der Unfähigkeit ihrer Schüler überzeugt oder voll Haß gegen den nachdrängenden Nachwuchs. Und wer ehrlich ist, wird unter all den unausstehlichen Lehrern seiner sonstigen Schulzeit auch einen finden, den er liebte und von dem er fühlte, daß er ihm Liebe und Verständnis entgegenbrachte. Zille berichtet jedenfalls von mehreren solcher prachtvollen Naturen. Da ist der alte Zeichenlehrer Spanner in der ärmlichen Dachstube in der Blumenstraße, bei dem er die ersten Sehversuche und Strichübungen macht. Dann erzählt er hier und da von Hosemann, wie der ihn ermahnte, gründlich nach der Natur zu zeichnen. Und aus den Jahren, als er abends Stunden in der Akademie besuchte, ist auch mancherlei von Zille zu erfahren. Wie es zuging, ist an mehreren Stellen dieses Buches geschildert, z. B. auch im Kapitel »Modelle«. Und was er als Lehrling und junger Geselle in den Werkstätten lernte und erlebte, ist in den voraufgehenden Kapiteln geschildert. Soviel bedenkliche Sachen er sah: gute gewerbliche Grundlagen bekam er jedenfalls. Er lernte arbeiten, gut arbeiten. In dieser Zeit des jungen Gesellentums hatte er – wohl durch die abendlichen Zusammenkünfte im Akademie-Zeichensaal – allerlei Kunstbeflissene kennengelernt. Von einem solchen Original erhielt er manchen weisen Rat für seine Arbeit. Zille meint: »Raabe, die olle Nebelkrähe, wie ihn Vater Tübbecke in Stralau nannte, sagte mir: ›Im Winter müssen Sie die Knochen von den Bäumen zeichnen und im Sommer das Fleisch!‹ Er meinte, dann kann man den Aufbau an den Stämmen und Ästen besser erkennen und im Sommer die Blätter besser hinzufügen. Das war der Raabe, der zu Tübbecke im Stralauer Krug hinauswanderte, dem Tübbecke Schnaps und Bier gab, ihn dann an die Schulter packte, nach Berlin umdrehte und ihn so auf den Weg brachte. Sonst wäre er an der Kirche vorbei im Suff in die Spree gelaufen. Raabe ist ja dann auch in den moorigen Wiesen umgekommen...« Der Vater Tübbecke in Stralau war auch ein verunglückter Maler. Er war in Alt-Stralau als Gastwirt gelandet, wo er seinen bevorzugten Gästen einen »siebenköpfigen Spree-Athener« aus sieben verschiedenen Schnapssorten mischte. Dieser akademisch gebildete Weißbierwirt widmete seine ganze Liebe, die von der Kunst nicht erwidert worden war, den ewig durstigen und ewig »blanken« Künstlern. »Und wenn er't besonders jut meinte, und die Olle guckte jerade wech, denn legten wir ihm beim Bezahlen 'n Sechser hin, uff den er uns 'ne Mark rausgab.« Von andern Käuzen aus jener Zeit und jener Schicht erzählt Zille: »Bildhauer Wagener, das war ein hübscher Kerl. Dichte, braune Locken – ein Flatterschlips – fein in Kluft: Hosen nach französischem Schnitt, unten eng. Studierte in der Akademie, als ich hospitierte. Ich sah ihn damals öfter. Er kriegte wohl Geld – sein Vater konnte es wohl. Ja – und dann sah ich ihn nach Jahren auf einer Bank in der Berliner Straße in Charlottenburg – zwischen den armen alten Leuten, die sich da in der Sonne wärmten. Wo waren die Locken? – Ganz kahl war sein Schädel. Und als ich ihn ansprach, wunderte er sich, daß ich ihn erkannte. Er schämte sich: vorher immer in feiner Kluft – jetzt in Lumpen...   206. Ein Hilfsarbeiter aus der Photographischen Gesellschaft. Nach dem Originalaquarell zum 1. Mal veröffentlicht.   Ja – ja, der Alkohol! Sie haben doch gewiß noch die alte italienische Weinkneipe von Raffo gekannt? Unter den Linden. Nicht auf der Gehseite, sondern auf der Seite der Schadowstraße. Die Fenster waren so tief, daß man hineinsehen konnte. Und wenn man hineinsah, saß immer Wagener da. Der war eben einer von den fidelen Köpfen, die immer gern gesehen werden, weil sie Leben in die Bude bringen, weil sie die Gäste unterhalten. Dabei hat er trotzdem gearbeitet. Den jungen Goethe in Straßburg. Den werden doch die Franzosen nicht umgestürzt haben?... Aber nee, das war ja kein Fürst! Ja, als Wagener mal beim Preisausschreiben siegte, da rief er: »Jetzt habe ich Geld!!« Das war aber nicht so schlimm. Die Gläubiger kamen. Und von den Monatsraten blieb nicht viel übrig für ihn. Beinahe hätte er den Auftrag noch verloren. Professor Eberlein hatte den Straßburger Spießern den Kopf heiß gemacht: Wagener wäre ein Säufer! So eine Klatsche! – Und dann kriegte Wagener auch keinen Auftrag für die Siegesallee und wurde bloß von Begas ein bißchen beim Denkmal vom alten Wilhelm beschäftigt. Dann traf ich ihn wieder im »Schwarzen Ferkel« – der Weinstube, die damals noch in der Neuen Wilhelmstraße lag, wo heute die Kunsthandlung ist. Der Maler Munch verkehrte da. Und Strindberg und sein Kreis. Adolf Paul, Richard Dehmel – Ludwig Schleich. Und da war ja dann so 'ne Kameradschaft. Wer hatte, der zahlte. – Wagener hatte natürlich nichts. Und als ich ihn fragte, warum er nicht mehr bei Raffo verkehre, schimpfte er: »Bei dem Budiker! Zu dem Kerl geh' ich nicht mehr! Der will Geld von mir!«... Ja, und nun saß er da – mit kahlem Schädel – und in Lumpen – und wunderte sich, daß ich ihn erkannte. Viel zu helfen war ihm nicht mehr. Er war fertig...« * Von den Kollegen, die Zille in seinem Arbeitsbetrieb kennenlernte, weiß er sehr viel zu erzählen: »Ja, sehen Sie, der arme Kerl mit dem Stelzbein, der hat auf Zeichenlehrer studiert. Soundsoviel Jahre. Und als er fertig war, da sagten sie ihm: ›Wir können Sie nicht anstellen. Die Kinder lachen über Sie!‹   207. Ein einbeiniger, verwachsener Kollege aus der Photographischen Gesellschaft auf dem Wege zur Arbeit in der Ahornallee in Charlottenburg. Nach einem Schabkunstblatt zum 1. Mal veröffentlicht.   Na – und nun hatte der Mann mehrere Jahre Studium verloren. Hätte man ihm das nicht früher sagen können? Er mußte nu in die Fabrik gehn. Und hätte doch so gern unterrichtet.« (Bild 207.) * »Der kleine Krumme mit dem Radmantel – ja, das war auch ein Kollege von mir. Der war auch Maler gewesen – und begnügte sich dann als Retoucheur. Der Mann war ein rechter Pechvogel. Bei mir hat er zwei Jahre tüchtig und gut gearbeitet. Aber er kam – wohl ohne seine Schuld – mit irgend jemand in Konflikt und wanderte durch verschiedene Werkstätten. Dabei konnte er wirklich was, hatte auch in Wien zwei Jahre auf der Hochschule gearbeitet. Aber als er nun in die Berliner Buden kam, da kriegte er Schwierigkeiten mit den Gewerkschaftsmitgliedern. Wer daran schuld war – das kann ich nicht entscheiden. Was da vorgekommen ist, weiß ich nicht. Nun steht solch armer Mensch da – immer verbissen. Wir waren alle hilfsbereit. Aber vielleicht waren ihm auch einige nicht wohlgesonnen und schädigten ihn. Mancher Mensch hat solch Pech... * Aus den Tagen, da Zille sich mehr dem selbständigen Künstlertum näherte, erinnerte er sich schmerzvoll und freudevoll zugleich: »Ja, als wir noch jung waren, jing's ja man knapp her. Nachher ist ja manch einer immer an'n weißgedeckten Disch gesessen und mit silberner Gabel un Messer. Da war auch Gaul, der Tierbildhauer. Der hat ja denn nachher geheirat't und hat mit der Frau fein gelebt. Aber ob er so glücklich war, wie damals am Schöneberger Ufer, als wir noch alle in seine einfache Junggesellenbude zu ihm kamen? Da brachte jeder was mit – der eine 'n Viertel Schinken, der andre 'n Stücke Leberwurscht – ein Dritter 'n bißken Käse – Ja, das wurde dann mit's Papier uff'n Disch gelegt, un jeder konnte zugreifen, was ihm zusagte. Ich glaube, da waren wir alle glücklicher. Da strebten wir noch.«   208. Auf dem Heimwege. Nach der Originalzeichnung.   Aus dieser Zeit der jungen Künstlerschaft wird erzählt: »Bildhauer Krauß bekam den Auftrag zum letzten Askanier. Aber woher die beiden zeitgenössischen Hermenköpfe nehmen? Bilder von denen gab es nicht. Nach der Originalmumie buddeln lohnte nicht. – Da traf der Bildhauer seinen Freund Heinrich Zille. Und da war's gefunden. So etwa konnte der askanische Edle Wedigo von Plotho ausgesehen haben! Breite Stirn, trotzig lauernde Augen, kurze, derbe Nase. Zilles derber Künstlerkopf wurde in Ton modelliert. Dieser Kopf gefiel dem »Allerhöchsten Auftraggeber« – und Berlin erhielt am 22. März 1900 sein Zilledenkmal. Freunde, die den Hergang wußten, kamen nicht aus dem Lachen. Massenhaft kamen scherzhafte Briefe und Zeichnungen, darunter eine, die den Gefeierten darstellt, wie er splitternackt auf einem Sockel steht und schamhaft seine Blöße verdeckt. »Wenn Zille nun wirklich enthüllt würde!« * »Wir hatten damals einen Kegelabend in einer Gartenkneipe zwischen Wilmersdorf und Westend. Es ist ja 'ne spießige Sache. Aber es gab keine Gelegenheit für ältere Männer, sich mal auszuarbeiten. Und man wollte doch mal seine Kraft von sich geben. Und dann war das auch eine Art Fachgeselligkeit. Alles, was ein bißchen was in der Sezession bedeutete, machte mit. Corinth und Wenck und Kalkreuth und Slevogt. Paul Cassirer fehlte auch nicht. Das war dann eine große Geselligkeit und gründliche Unterhaltung. Oft mußten die Kegler drei-, viermal gerufen werden, wenn sie ihre Kugel schieben sollten. Aber wichtig war diese Kegelei. Wenn zum Beispiel Künstler oder Händler aus Frankreich kamen, mußten sie zum Kegelabend kommen, wenn sie richtig Fühlung haben wollten.   209. Bildhauer Gaul, der sehr schöne Tiergruppen schuf. Ein naher Freund von H. Zille. Nach dem Schwarz-Weiß-Original.     210. Bildhauer Krauß. Nach dem Schwarz-Weiß-Original.   Ein bißchen spießig war es ja. Aber gesund. Besser als die verbrauchte Luft in den Kaffeehäusern. Man konnte doch seine Kraft ausgeben und sich auffrischen.«   211. Käte Kollwitz. Die bekannte Zeichnerin. Nach der Schwarz-Weiß-Porträtskizze zum 1. Mal veröffentlicht.   »Dieser Klub war eigentlich vom Bildhauer Karl Begas gegründet worden. Begas, selbst ein großer Reiter, Pferdekenner, Sportfreund und Athlet, wollte immer, daß alle seine jugendlichen Helfer auch nicht nur Atelierhocker würden und veranlaßte sie zu dem Kegelabend. Als er nun gute Tierbildhauer zu seinem großen Denkmal Wilhelm I. brauchte, mußten Gaul und Krauß helfen. Ehe er ihnen aber die Arbeit übertrug, fragte er: ›Reiten Sie auch selbst?‹ Gaul und Krauß verneinten. Da verlangte Begas, daß sie selbst reiten müßten. Sonst könnten sie kein richtiges Pferd schaffen. Sie müßten jeden Nerv, jede Sehne, den ganzen Aufbau und vor allem die Seele des Pferdes selbst erlebt haben, wenn sie eins schaffen wollten. Sie müßten es selbst anfassen, die Zügel selbst in der Hand haben, selbst das Tier zwischen den Schenkeln fühlen, sonst würde es nichts...« Zille erzählt, wie eifrig Gaul nun im Tiergarten Reitübungen machte – wie stolz er war, ein Reiter zu sein – und wie komisch er aussah... »Aber wir haben doch nun wenigstens eine Unmenge hübsche Tierbronzen an dem Monstrum von Denkmal!« meint Zille. »Sehn Sie bloß mal die Löwen an – und die Amphibien an der Wasserseite. Und das Pferd ist auch nicht schlecht...« * »Als Gaul mir das erzählte – vom Reiten und vom Pferdemodellieren –, da nahm ich mir das auch zu Herzen. Und wenn ich mir auch kein Pferd zum Reiten halten konnte – ich habe doch schärfer als vorher beobachtet. So war Karl Begas auch mein Lehrer!« – * Zille selbst war immer beflissen, das Auge zu üben und die Erscheinungen des Lebens künstlerisch zu verbuchen – zu »merken«: »Weil doch sonst keine Gelegenheit war zu gemeinsamen Aktzeichnungen – ein Modell für einen allein wurde zu teuer –, richtete ich am Kurfürstendamm einen Kursus ein zum Aktzeichnen.   212. Der Zeichner H. Struck. Nach dem Schwarz-Weiß-Original.   Das ging denn auch ganz gut. Das wäre für den einzelnen nicht teuer geworden. Aber die Maler vergaßen das Modell zu bezahlen. Keiner legte die paar Groschen hin. Da machte ich denn den Kassierer und sammelte ein. Wer nicht zahlte, durfte nicht mehr mitmachen. Da konnten sie zahlen. Na – ich konnte doch nicht für die feinen Herren auch noch das Modell liefern.« * Er hatte allerdings auch sonst noch manche Erlebnisse mit künstlerischen Kollegen, über die er nicht sehr entzückt war. Er war durch seine Zeichnungen in den Kreis der Sezessionisten gekommen, die ihn schätzten, trotzdem er von offiziellen Seiten angegriffen und totgeschwiegen wurde. »In der Sezession war anfangs Kameradschaft. Wirkliche Kameradschaft. Liebermann hatte mich hineingebracht. Damals stellte ich zum erstenmal aus. Die Berliner Presse, wenigstens 'ne gewisse, schrie, ich schimpfierte Berlin. Na – die Berliner denken jetzt anders darüber. – Jedenfalls hielt die Sezession zu mir, trotzdem ich angeblich Berlin verunglimpfte. Aber dann ging das wie immer. Es bildeten sich Gruppen. Der Neid erwachte. Wenn vier zusammen saßen, sprachen sie über einen fünften. Und wenn der vierte wegging, klatschten die andern drei neidisch über ihn.« Aber er erlebte die Nöte des Künstlertums auch selbst sowie mit seinen Kollegen mit, und sein Humor erwachte, und er machte seine kleinen Eulenspiegeleien. Aus einer Familie eines Kunstmalers berichtet er selbstbespöttelnd: Sie: »Was schreibt denn die Ausstellung?« Er: »Man hat mich in die Jury und Hängekommission gewählt.« Sie: »Willst du es denn annehmen?« Er: »Ganz gewiß, Rös'chen! Denke, vierzehn Tage gutes Mittagessen, dazu täglich eine Apfelsine, ein ›Mokka mit Kuchen und eine Havannazigarre‹!« – * Zum »Frühlingsmaler« sagt dessen Frau, die ihm Modell steht, während der Säugling schreit: »Ottomar, hau' doch den ollen Brüllaffen eens mit den Pinsel uffs Maul, aber nich mit det teure Jrün!« * Und von einem Freund berichtet er: »Mein lieber Franz Jüttner, der hochverehrte, gut bekannte Maler, sagte mir, daß er, wenn er abends spät nach Haus kommt, die Fehler seiner Tagesarbeit sofort bemerkt und noch in später Nacht das Werk verbessert – ich hab' ihn mal belauscht.«   213. Baumeister Pölzig. Nach der Schwarz-Weiß-Porträtskizze zum 1. Mal veröffentlicht.   Da hatte er Jüttner abgezeichnet, wie er bezecht mit der Petroleumlampe in der Hand vor der Staffelei stand – die Lampe schief hielt, so daß dicker Qualm über die Zeichnung sich legte... * Auch neckte er die Kunstbeflissenen, die mehr Sitzfleisch als Kunstfertigkeit zeigten: Sie hat's doch! »Fräulein Müller – Sie müssen sich mehr dahintersetzen – intensiver arbeiten – mehr Sitzfleisch – sonst kommen Sie nicht weiter!« »Aber Herr Professor, das hab' ich doch wohl genug!« * Und wie's in Künstlerkreisen zugeht, bewies er mit dem Bildchen von Malers Verlobung: Er ist Maler und sie hat auch nichts! * Weil die Kunstjüngerinnen meist weniger Schönheit zeigen als ihre Werke, zeichnete er eine badende Malerin, der sich unvorsichtigerweise ein Schwan genähert hatte und schrieb unter das Bild: Die Malerin Fräulein Leda und der entsetzte Schwan. * Als er dann berühmt wurde, traf er manchen seiner alten Arbeitsgenossen wieder. Da entwickelte sich etwa solch Gespräch: »Wie ich mich freue, Sie zu sehen, Herr Kollege, können Sie denn jetzt noch malen?« »Nee, Herr Professor, nur was so verlangt wird – Plakate für Gastwirte: Eisbeinessen – Garderobe abgeben – Achtung Keller – Hunde an der Leine zu führen – Kegelbahn – Sommergarten ist eröffnet – Für Herren – Für Damen – na, ich male ooch so – und Sie, Herr Kollege?« »Ja, Herr Professor, Sie wissen, ich war linkshändig, nun hat mir der Zucker den Arm genommen – bin alle. Wenn auch Professor Max Liebermann sagt: ›Es ist jut, wenn sich mal so 'n Maler die Hand bricht und mit der andern janz langsam wieder von vorne anfängt – es würden janz andere Schöpfungen werden, weil die alte geschulte Hand zu sehr den Schlenker der Virtuosität des Geldverdienens hätte‹ – ja – ich hatte nicht mehr Zeit dazu und habe meine musikalischen Kenntnisse benutzt und leire mich so durch als Hoforgeldreher. – So vergeht die Herrlichkeit der Welt!« * Wie er noch an seinen alten Werkkollegen hing, an die Jahrzehnte gern zurückdachte, als er mit ihnen gemeinsam acht bis zehn Stunden in den Werkstätten und Ateliers gearbeitet hatte, zeigte sich, als er nach seinem siebzigsten Geburtstag die jetzigen Angehörigen seines einstigen Berufes um sich versammeln konnte:   214. Verlobung. Er is Maler – und sie hat ooch nischt! Aus »Bilder aus dem alten und neuen Berlin«, Verlag C. Reißner.   Märkisches Museum. Zilleausstellung. Sonntag nachmittags. Der Verein der Lithographen und verwandter Gewerbe wird von Zille durch die Räume geführt. Zille erzählt bei einzelnen Bildern – von seinem Vater – von der Mutter – von der Kindheit – von der Soldatenzeit – von allerlei Modellen. Die Männer und Frauen umdrängen die ausgestellten Blätter. Und dann umdrängen sie ihn. Er spricht zu ihnen. Von der Zeit, als er ein Kollege von ihnen war. Selber die Steine bearbeitete. Dann in den Werkstätten der Photographischen Gesellschaft mit ihnen jahrzehntelang die Freuden und Leiden des Arbeiters teilte. »Und was ist aus den Kollegen geworden? Jahrzehntelang haben wir geschuftet. Die Herren haben große Gelände gekauft. Haben sich Villen gebaut. Uns wollten sie auch Häuschen bauen. Gesprochen wurde davon. Aber ehe es dazu kam, wurden wir gekündigt ... Billigere Kräfte kamen ran. – Ja – und die Kollegen? Einer is Pennbruder geworden – einer hat sich das Leben genommen – und einen versorge ich mit. Der wohnt irgendwo in einem düstern Keller. Seine Rente reicht natürlich nie. Da muß ich öfter aushelfen. Zyankali hat er sich natürlich damals auch mitgenommen. Aber ich sagte ihm: ›Gustav, schließen Sie den Dreck weg. Der taugt nischt mehr. Morgen früh wachen Sie auf und dann ärgern Sie sich!‹ Na, bis jetzt hat er't noch nich genommen ... Und ich? Ich habe mich eben selbständig machen müssen. Mit fünfzig Jahren. So lange die beste Kraft für andere geopfert – und dann: Sieh man zu, wo du bleibst! Ick hab's ja geschafft. Aber es war doch ein furchtbares Erlebnis. – Und ich werde nie vergessen, daß ich jahrzehntelang als Arbeiter habe leben müssen – daß ich zu euch gehöre ...« Alle waren still – fast alle holten die Taschentücher vor und wischten sich heimlich die Tränen weg ... Zille-Witze. In diesem ganzen Buch sind ja Zillewitze enthalten. Hier kann nur noch das Wesen und die Art der Zillewitze erläutert und eine kleine Nachlese gehalten werden. Das Wesen der Zillewitze ist eine unerhörte Treffsicherheit. Sie haben Natürlichkeit und Lebendigkeit, was nicht von allen Witzen zu sagen ist. Sie sind eben nicht erdacht. Sie sind erlebt. Sie bringen immer ein Stück Leben. An anderer Stelle habe ich schon einmal gesagt, daß Zille ein Heimatskünstler ist. Er ist es wirklich in dem Sinne, daß er aus dem Menschentum um sich herum seine Motive schöpfte und daß er verstand, sie ganz unverfälscht, unpoliert und mit aller Deutlichkeit wiederzugeben. Seine Blätter, seine Zeichnungen und Unterschriften wurden immer als Witze über die Schichten, über einzelne Volksgruppen genommen. Sie sind es aber nicht immer. Zille, der zweifellos von einem inneren Weltverbesserergefühl getrieben wurde, konnte in seiner Art nicht als freier Künstler leben, mußte entweder in einem praktischen Beruf tätig sein – was er bis zu seinem fünfzigsten Lebensjahr auch tat – oder er mußte Platz in den Witzblättern suchen. Nur in denen wurden seine Gestalten, sein »Milljöh«, seine »Kinder der Straße«, seine Darstellungen »Aus Alt- und Neu-Berlin« geduldet. Daß er diese Bühne fand, auf der er in die Öffentlichkeit treten konnte, war ein großes Glück für ihn und für uns, seine Leser und Verehrer. So fand er ein breites Publikum – und das Publikum fand ihn. Wer hätte sich sonst wohl Originale von Zille erwerben können? Er erzählt ja selber von einigen reichen, protzenhaften Käufern seiner Bilder – gerade nicht beglückt, dort seine Werke zu wissen. Wir andern aber: wir waren schon froh, wenn wir die   215. Senta Söneland. Die bekannte Kabarettkünstlerin in charakteristischer Mimik. Nach der Original-Porträtskizze zum 1. Mal veröffentlicht.   paar Pfennige für die Witzblätter aufbringen oder die Witzblätter im Barbierladen, im Kaffeehaus oder sonstwo durchblättern konnten und dann aufleuchteten: »Ein neuer Zille!« * Er neckte besonders gern die Frauen. Über sie seien hier noch einige Scherze mitgeteilt, die er zu Hunderten machte und von denen ja fast alle Kapitel dieses Buches einige enthalten:   216. Erich Mühsam. Nach der satirischen Porträtskizze zum 1. Mal veröffentlicht.   Beim Kassenarzt erzählt eine Patientin von ihrer Schwägerin. Der Arzt fragt: »Liebe Frau, am besten wäre es, Ihre Schwägerin käme selbst zu mir – hat sie vielleicht Würmer?« »Jawohl, Herr Doktor, drei Stück, un det vierte is unterwejens!« Die Patientin hatte die Sachlichkeit des Arztes als berlinische Redewendung aufgefaßt. »Würmer« – das sind nicht nur Parasiten des menschlichen Körpers. Der Berliner bezeichnet Kinder ein wenig mitleidig als »Würmer«. * Ein anderer Scherz ist bitterer und weist auf die Oberflächlichkeit und Herzlosigkeit mancher Frauen hin. Am Spreeufer steht eine hilfeflehende Dame. Ein Hinzukommender fragt: »Was ist denn passiert?« »Ach Jott, mein Mann is ins Wasser jesprug'n, mein Pompadour war mir in de Spree jefallen ...« »Aber beruhigen Sie sich doch, Frau! Kann er denn schwimmen?« »Nee, eben nich! Es sin ja die schwer'n Schlüssel drin!« * Und die Unerfahrenen neckt Zille: »Jroßmutter: der Bademeester sagt, hier verkehren Fremde aus zwei Hemisphären, damit meint er wohl was recht Unanständiges –« * Über die unüberlegte Redeweise vieler Frauen, die unfreiwillig die größten Zweideutigkeiten sagen, äußert sich der Künstler: Die Schaffnerin und der »Anhänger«. »Bei mir vorne is voll! Im Hintern is noch Platz!« * Und wie sie, die oft sich Zierenden, beim Arzt zum Natürlichen und Sachlichen zurückkehren, verspottete er, indem er das Bild Seite 421 skizzierte. (Bild 217.) * Wiederum weiß er auch ihre Eitelkeit zu verhöhnen, indem er von einer Wasserpartie erzählen läßt:   217. »Recht tief atmen, Frau Krüger.« Nach dem Originalentwurf zu einer Arztkarikatur, zum 1. Mal veröffentlicht.   »– ja un det Boot war so voll, und bei's Aussteig'n fiel eene dicke Dame ins Wasser. Na, da hab'n die Sanitäter so eene Stunde an ihr rumjeturnt, bis se wieder ihre Verstehste hatte – aber wissen Se, wat ihr erstes Wort war: ›Hab'n Se nich een Spiegel?‹« * Den Übergang zu seinen sozialkritischen Witzen stellt der folgende dar: Berliner Sprachstudien. Er: »Schon widder Kohl mit ohne Fleesch als Beilage? Ick eßte doch jestern erseht – – –« Sie: »Et heeßt nich: Ick eßte! Man sacht: Ick aß!« Er: »Uff dir mach ja det stimm'. Ick brauch' mir nich Aas nennen!« * In diesem Scherz neckt er wieder die Frauen: Frau Olga Ritz, Hebamme (Torwächterin) in Berlin NO. »– ob ich mir nun auch noch 'nen Bubikopp schneiden lasse? – Ach nee, nee – dann denken die Geburten, da lauert een Mann und trauen sich nich raus!« * Doch weiß er auch den Männern witzig die Wahrheit zu sagen: Herr Zeitler ist so ein pünktlicher Quartalsäufer, daß nach seinem Kommen die Normaluhren reguliert werden. * Auf das Gebiet der Sittenschilderung führt die Beobachtung aus dem Sensationsprozeß: »Ihre Frau interessiert sich wohl nicht für die Verhandlung?« »Nee, absolut nich, janz un jar nich, die hat zehn Jahre lang det Theater erlebt als Stütze in so'n ›Pängsionat‹.« * Auch dieser Satz ist in Moabit (dem Kriminalgericht) geerntet worden: Kriminalstudent Bolle, genannt der »Lindenpinscher«:   218. Verkehrsstörung. »Wenn wir 'n Hoch uff S. M. ausbringen, müssen alle uffstehen!« Nach dem Original aus dem Ende des Weltkrieges.   »Unter drei Jährekin kommt der da drin nich weg. Junge, Junge – wie mußt du dir amüsiert hab'n!« * Doch hat Zille nicht nur auf den Gängen und in den Vorräumen des Gerichts das Volk belauscht. Er hat auch in den Gerichtssälen allerlei gesehen und gehört, z. B., wie ein Angeklagter seinem für ihn plädierenden Anwalt zuflüstert: »Herr Verteidiger! Sie müssen ooch mal zu die Jeschwor 'nen rüberquatschen; fünfe schlafen schon!« * Und auch hinter die Gitter hat er selbst geblickt – wenn auch nicht mit leiblichen Augen, so aber mit geistigen, mit künstlerischen. Die sehen ja manchmal weiter als die Augen im Gesicht: Der Zuchthausinspektor sagt zum Neuling: »Die Wolle ist schlecht gezupft!« Sträfling: »Wenn Ihn' meine Arbeet nicht paßt, dann kann ick ja jehen!« * Da haben wir schon einen kräftigen sozialkritischen Witz. Davon gibt's eine Menge. Einmal fragt Zille: Wo aber ist die Sonne? »Mutta, Erna heilt wie 'n Boomaffe, se heert janich mehr uff!« »Half se in de Sonne, det se trocknet!« * Überhaupt neckt Zille auch gern die »Grünen«, die »Blauen«, die Polizei, wie in der Plauderei in der Bodega: Der Spitzel: »Nein, mein Lieber, hab'n Sie 'ne Ahnung von de Polizei, wir brauchen Verbrecher. Wenn wir keine hätten, dann müßten wir se machen; wovon soll'n wir denn sonst leben!« * Der ängstlichen Exzellenz, die wohl mit Schrecken an die Fabel von dem Bramarbas und dem furchtlosen Barbierlehrling denkt, läßt er durch den das Messer handhabenden Friseur sagen: »Keine Angst, Herr Minister, ich bin nicht müde. Ich rasiere totsicher auch mit geschlossenen Augen.«   219. Auf Urlaub. Nach der Originalzeichnung aus dem Weltkriege.   Dann aber hat Zille auch unendlich viele Witze gemacht, die nichts als eine harmlose Schilderung des Volkslebens sind. Einige Beispiele mögen hier noch folgen: »Mensch, August, die Fische sinn nich so dämlich wie wir! Bei det Sauwetter sitzen se alle unter de Brückenbogen, det se nich naß wem!« * Beim Umzug. »Fritze, wat is denn det for'n Gestelle von Bette?« »Na, Mensch, een Himmelbette, wenn sich Lehmann mit seiner Frau jezankt hat, schmeißt er die Olle oben ruff!« * Der Stolz der Familie. Der kleine Oskar fährt mit seiner Mutter in der Elektrischen. Da sagt ein Herr wohlwollend zu ihm: »Junge, du hast aber ein paar dicke Beine!« »Au – da sollten Sie erst mal die von meiner Mama sehen!« * Moabit. »– und dann haben Sie den Zeugen mit einem Instrument geschlagen!« »I wo, Herr Richter, ick habe noch nie een Klavier besessen!« * Beim Arzt. »Wenn Sie so weiter trinken, bekommen Sie ein Bierherz, Leber, Nieren und Magen wie hier auf der Abbildung.« »Pfui Deibel, Herr Doktor, da muß ick aber jleich nachher een druff trinken!« * Die Nachbarn. »Wat – ihr Mann is ooch Musiker?« »Ja in die Affenschwanzdiele in de Tauentzienstraße macht er laut!« (Spielt Klavier.) »I so wat! Un meiner pust in die Scala uff'n Knüppel!« (Bläst Flöte.) * Doch machte er manchmal gern seine Scherze mit künstlerischen Freunden. So ließ er Schauspielerkollegen voneinander äußern:   220. Hinten anstellen. rufen die Kinder Spaßeshalber den Hunden zu. Große Kartoffelpolonäse. Nach der Originalzeichnung aus dem Ende des Weltkriegs.   »– daß muß ich sagen, er ist in seinem Heim ein prachtvoller Mensch, kein Schauspieler –« »Kunststück – Herr Kollege – auf der Bühne doch ooch nich –«   221. Herrschaftliche Hundestunde. »Habt ihr euren Hund abgeschafft, Juste?« »Ja, der Gnädgen is neulich een Floh vom Moppel in die Suppe gehopst – und sie ißt doch keen Fleesch!« Nach der Originalzeichnung.   Auch in seinem täglichen Leben macht der alte Meister gern seine kleinen Scherze: »Karl Boese, der Filmregisseur, fragte, ob er heute mit mir das neue Manuskript durchsehen könne. Da hat er aber Böse – geträumt!« lachte Zille beziehungsvoll. * Und wenn diese »Zilles« vielleicht etwas mehr als Witz aufgefaßt, als belustigende und erheiternde Berichte über   222. Der Geburtstag der Mutter Kranzler.   Nach einem Farbendruck. gewisse Volksschichten – etwas anders verstanden wurden, als Zille es selbst wollte: das war kein Nachteil und kein Mangel. Weder für Zille und seine Kunst, noch für die Volksschichten. Zille wurde nur um so beliebter, je mehr Erheiterung er schaffte. Und die Volksschichten und ihre Nöte wurden auf diese Weise um so gründlicher ans Tageslicht gebracht. Denn das war auch für den erheitertsten Beschauer nicht zu umgehen: Hier war manch Trauriges und zum Nachdenken und zur Hilfe Aufforderndes mit lachendem Munde gesagt. Darum wurde es auch herzlich aufgenommen. Wäre es nur kühl, sachlich, mit drohender Forderung gesagt worden: Niemand hätte es angesehen. Alle hätten es abgelehnt. Es wäre ein großer Mißerfolg geworden: künstlerisch und auch ethisch. So aber hatte Zille seine Wirkung mit heiterem Herzen erzielt, hatte andere heiter gemacht – und mit frohem Herzen mehr erreicht und gewirkt, als mit der geballten Faust. Seine Heiterkeit, sein Witz haben gesiegt. Zille-Weisheiten. Wer dieses Buch aufmerksam gelesen hat, wird schon mancherlei Zilleweisheiten haben herauspflücken können. Es bestehen noch sehr viel mehr. Jeden Tag entstehen dazu neue. Zille ist unermüdlich in gedankenvollen und beispielhaften Erzählungen, Schilderungen und Äußerungen. Alle diese Aussprüche sind wie der ganze Kerl: voll Weichheit und Zorn, voll Verzagtheit und trotziger Auflehnung, voll Schalkhaftigkeit und vielseitigen Beziehungen, oft voll herzlichster Zartheit, oft aber auch voll Brutalität – wie eben das Leben selbst. Und weil Zille alle diese Vielfältigkeit des Lebens in sich trägt und in seinen Werken und Worten so ganz ursprünglich von sich geben kann, so muß man ihm schon ein Stück Weisheit zugestehen. Allerdings keine bewußte Weisheit, keine gelehrsame, predigende Weisheit, keine, die ein System entwickelt und es nun den Menschen mit Gewalt aufzuzwingen versucht – was übrigens schon wieder die größte Unweisheit ist. Nein, Zilles Weisheit ist eine milde, väterliche, ihren Samen ohne Voraussetzung ausstreuende Weisheit. Sie wächst wild wie die Blumen auf dem Felde. Jeder mag sie pflücken und sich an ihr erfreuen. Viele solcher Weisheiten sind in seinen Erlebnissen zu finden, die in diesem Buch geschildert sind. Sie sind aus wirklichen Vorkommnissen entstanden. So wie dieses ernste Geschichtchen: »Das ahnt ja keiner, was ich alles gesehen habe ... Wie viele traf ich, die ihr Fläschchen Zyankali bei sich in der Tasche haben, um nachzuhelfen, wenn's mal gar nicht mehr gehen will. Und wie oft hab ich abschrecken müssen: Laß man den Unfug, das Zeuch taucht doch nischt mehr. – Nee, ich möchte das alles nich noch mal mitmachen müssen – es trägt sich verdammt nicht leicht.« In solchen kleinen Sätzen prägt sich seine Stellung aus zu Schicksalsverkettungen mannigfacher Art, zu den Abgründen menschlicher Tragik, zu den erschütternden und vielfachen Zusammenhängen des menschlichen Lebens. Im Grunde bewegt ihn doch trotz aller Skepsis eine große Hoffnung und Zuversicht. Er glaubt auch – trotz alledem – an die Menschen – an seine Menschen. Trotz seines leidenden Zustandes (Zuckerkrankheit) ist er ein unverwüstlicher alter Mann. Peter Bang schilderte ihn einmal vorzüglich nach einem Besuch: »Schon erscheint er selbst, wie üblich in Hemdsärmeln, an der Tür seines Schlaf- und Arbeitszimmers und nötigt den ›Besuch‹ hinein. Stöße von Zeitungen, Briefen und losen Zeichenblättern bedecken die Hälfte des großen Tisches, der die Mitte des Zimmers einnimmt. Dahinter das breite Bett, zu dessen Kopfende seine feinen Freunde, seine Dompfaffen, stehen. »Ich decke se immer erst um neune zu. Wenn ick hier zu sprechen habe, wollen se doch immer mitreden«, sagt er mit pfiffigem Zwinkern der kleinen Augen über die Brille hinweg. Und wirklich mischt sich, wenn die Unterhaltung lauter wird, vergnügtes Zwitschern aus den drei Käfigen hinein. Und es wird lebhaft. Denn wenn Zille auf den Film zu sprechen kommt, wird er wieder jung. Immer wiederholt er, was er sagte, als er das erstemal seine zum Filmleben erweckten Zeichnungen auf der Leinwand vorüberhuschen sah: »Es ist nur gut, daß du so schön alt bist. Mit deiner Zeichnerei würde es jetzt bald vorbei sein, wenn diese jungen Leute mit ihrer Kamera das Leben selber festhalten.« Er sieht einen ganz wehmütig an, wenn er soweit ist, und fährt fort: »Was habe ich mich mein Leben lang gequält, um – sagen wir – einen Hund zu zeichnen, der mit dem Schwanz wedelt. Man mußte es darunter schreiben. Jetzt im Film, da wedelt er wirklich mit dem Schwanz!« Zille hat natürlich seine Empfindlichkeiten als alter Mann und als Künstler. Er kann sich in unsere Zeit des Lärms und Radaus nicht hineinfinden und lehnt deshalb auch das geräuschvolle Radio ab: »Also das ist ganz fürchterlich, wie man durch Radio gestört wird! Wenn man sich ein bißchen besinnen will, dann stellen die unten rechts – und die unten links – und dann die zwei Treppen tiefer die Lautsprecher an. Und dann geht das stundenlang durcheinander, das Gequarre. Aber Ich kauf mir nächstens tausend Nägel, tausend Nägel. Und klopfe die alle in die Wand. Tausend Nägel! ...« * Trotz seines Alters und der Behinderungen aber bleibt er der alte, immer zu allerlei Eulenspiegeleien aufgelegte Meister, ein Schalksnarr von Gottes Gnaden, wie diese Erzählungen aus den letzten Monaten beweisen: »In einer vornehmen Gesellschaft – in einer Villa in Tempelhof –, wo man mit mir protzen wollte, wurden die Gäste vorgestellt: »Herr Leutnant –!« »Frau Major –!« »Herr Kommerzienrat –!« und noch eine Masse andere lange Titel: »Herr Major –!« »Frau Rittmeister –« »Zille!« sagte ich. »Hundsgemeiner!« Da war's vorbei mit dem Titelfimmel ...« * »Meine Uhrkette ist aus Stahl – und 'n Kreuz baumelt auch dran. Da fragen mich immer die Guten ganz ergeben, wenn sie die Stahlkette sehen: ›Für Gold?‹ Damit meinen sie, ob ich im Kriege eine Goldkette für 'ne Eisenkette hingegeben hätte. Mein letztes Goldstück habe ich ja hingegeben, das einzige, das ich in meiner Münzensammlung hatte: ein englisches Pfund. 1915 – fürs Vaterland! Wenn ich nu gefragt werde, ob ich Gold für Eisen gab, sage ich: ›Ja – für Gold!‹ Aber die Kette stammt von einem Schirm. Früher trugen doch die Herren auch Sonnenschirme – aus grauem Kattun. Die hatten Ketten. Durch den Stock, daß man sie bequem tragen konnte. Die habe ich mir abgemacht. Das ist meine Uhrkette!« * »Ja, es gibt auch in unserm heutigen rationalisierten Berlin allerlei Originale. Da kam ein Tütenfabrikant zu mir. Ich sollte ihm 'ne Zeichnung machen für den Konsumverein. Er hatte sich wohl mit dem Verein ein bißchen quergestellt und wollte sich nun wieder mit den Leuten gut stellen. Mit meiner Zeichnung führte er sich auch wieder gut ein. Der Verein benutzte sie wohl auch als Reklame. Na – er zahlte gleich, als er das erstemal kam. Ich hatte noch keinen Strich gemacht. Es sollte bloß 'ne kleine Zeichnung sein. Viel könnte er nicht anwenden. Er sei ja kein Millionär. Draußen im Osten hatte er ein Grundstück mit 'ner Fabrik gehabt. Das war alles weg durch Krieg und Inflation. Er arbeitete nun flott weiter. Und dann schrieb er, ob ich schon angefangen hätte – und schickte fünfzig Mark mit. Da schrieb ich ihm: ›Es wächst schon!‹ Beim zweitenmal, als er wieder nachfragte, schickte er noch fünfundzwanzig Mark mit. Da antwortete ich: ›Es wird noch größer!‹ Ja – und nun hat er wohl wieder mehr Papierlieferungen zu machen – und nun hat er bloß den Fimmel, Arme aufzusuchen. Ganz im Ernst. Immer will er helfen. Ich muß mich wehren, daß er mir Geld gibt. Und nun hat er doch gesehn, daß meine Schwiegertochter kränklich ist. Das arme Mädchen ... Nun will er durchaus für sie was tun. Na – ich schicke ihn dann zu andern. Es gibt ja genug Arme. Aber der ist nur glücklich, wenn er helfen kann ...« * Welch eine Fülle von geschickten, großzügig-stilistischen Wendungen, glücklich gewählten Beispielen enthalten Zilles Briefe! Hier seien nur kurze Ausschnitte aus einigen seiner letzten Briefe mitgeteilt. Sie enthalten die Abwehr des leidenden Alters gegen die Umwelt, die doch noch so viel von seinem Werk retten und fruchtbar machen will, wie nur möglich ist: »Auf Ihr Schreiben, das mir durch Firma ... gesandt wurde. Dieser Brief ist der letzte , den ich in Angelegenheit: Zilles Werdegang schreibe ... Ich schreibe keinen Zillewerdegang. So eingebildet bin ich nicht, daß ich mein Tun und Leben müßte der Mitwelt in Wort und Bild unterbreiten – nee – ich habe sogar manchem Zeitungskuli und Schreiber gesagt: »Was wollen Se haben, wenn Sie nichts über mich schreiben!« Nein, ich schreibe, was Sie wohl mir nicht verübeln werden, meine Erinnerungen in Wort und Bild. Da ich nun nicht mehr lange lebe, ist's die höchste Zeit. Da ich meine Erinnerungen nur selbst weiß, so kann ich keinen Zwischenmann gebrauchen und muß mich so gut wie möglich damit quälen, vielleicht verlischt das Lebenslämplein noch nicht. Denn ich bin von Zeitungen und Verlegern dauernd daran erinnert worden, sogar mit großen Zahlungsversprechen. Letztere sind's nun nicht, die mich begeistern, sondern nur die simplen Erinnerungen: »Was ich sah« – niederschreiben – und mein Leben noch mal langsam vorbeiziehen lassen. Ob aus dem gedachten › Werdegang ‹ noch was wird, das glaube ich nicht. Denn wie ich schon hier schrieb, mir liegt an der Beweihräucherung nichts.« Aus einem zweiten Brief: »Ich kann mich nicht zerfleischen, damit andere zur rechten Zeit mich verspeisen können ...« Aus einem dritten Brief: »Ich kann erst wieder zum Bilderzusammensichten kommen, wenn ich stabiler bin und auch erst Drucke gesehen habe. Die Eile hat keinen Zweck – besser Schritt für Schritt. Es ist sehr viel Material vorhanden, daher Ruhe und Vorsicht. Der alte Vertrag sollte ja nicht gelten, er sollte mir günstiger gebaut werden, es wäre gut, darüber nachzudenken und zu formulieren. Denn bei diesem großen Bildermaterial, jedenfalls auch noch manches Wort von mir, ist der Gewinn für mich beschämend. Ich habe von Verlegern und den Abdruckern nur Schaden – die haben die Höhenluft und Auto – und ich: Schornsteinrauch und schlechte Stiefelsohlen ...« * So ungeduldig er in seinen Briefen war, so arbeitsam und schaffensfreudig war er immer, wenn er jemand zu sich kommen Heß. Und war man den langen Korridor hinunter gegangen, dann kam er selbst – immer in Hemdsärmeln, arbeitsbereit – aus seinem Arbeitszimmer, lugte heraus und holte den Besucher freundlich herein. Wenn es ihm zuviel wurde, rief er wohl auch in immer bildkräftiger Sprache: »Mich kratzen sie noch aus der Erde heraus!« Dann aber war er nur immer bedacht, den Wunsch des Besuchers zu erfüllen, kramte in seinen aufgehäuften Schätzen, in den Mappen und Studienstapeln herum, ging ins Nebenzimmer, trotzdem er vor Schwäche schwankte, und kroch auf dem Boden herum, um irgendein ihm wichtig erscheinendes Blatt oder Heft zu finden. Und wenn ihn auch die Schwäche übermannte und er zusammensank, wenn die erschreckten und um ihn bangenden Besucher ihm auch abredeten von dem anstrengenden Suchen: er hatte wohl die Empfindung, daß zu einem bestimmten Werk oder Artikel auch noch eine ganz bestimmte Zeichnung gehörte. Und es war wie unausweichliche Bestimmung, die ihn trotz der Anfälle trieb: »Das Werk zu vollenden.« * Hier mögen als Ergänzung, um das Wesen Heinrich Zilles und seine Kunst zu verstehen, einige Sätze aus dem Artikel stehen, den Fritz Stahl zum siebzigsten Geburtstag von Heinrich Zille veröffentlichte. Sie geben Aufschluß über den Menschen sowohl wie über seine Kunst – und auch über die Weisheit Zilles: »Heinrich Zille ist bis in seine Mannesjahre im graphischen Gewerbe tätig gewesen. Seine Kunst ist gewissermaßen als Nebenbeschäftigung entstanden, zunächst ganz sicher aus reiner Lust und ohne jeden Blick auf das Publikum. Sie hat nur so entstehen können – Können und Form entwickelten sich langsam an ihrem Gegenstand. Das ist sehr schön, ja, das beste, was es für einen Künstler geben kann. Keine Einflüsse, keine Theorien, kein Hin und Her; was alles in den Biographien der Künstler des 19. Jahrhunderts einen so großen Raum einnimmt. Aber es geht sehr, sehr langsam. Und eine ungeduldige Zeitgenossenschaft ist keineswegs geneigt, einer solchen Entwicklung ruhig zuzusehen und sie zu unterstützen. Da muß der Künstler sie selbst finanzieren. Es ist sogar fraglich, ob es gut für Zille war, daß er diesen praktischen Beruf aufgegeben hat. Er konnte ja nicht als freier Künstler leben. Platz für ihn gab es nur im Witzblatt. Er hat der Gefahr der Mechanisierung glücklich widerstanden, er blieb in seinem ›Milljöh‹ und blieb dadurch frisch. Aber es schadete der richtigen Wirkung seiner Blätter. Sie wurden als Witze über die Schicht genommen, die er vorstellte, und Witze sind sie nicht und sollen sie nicht sein. Dann kam es, wie es immer kommt, zu einem Widerspruch durch Gegensatz. Zille ist als Mensch und Bürger Sozialdemokrat, und Gesinnungsgenossen machten ihn deshalb zu einem sozialistischen Künstler. Vielleicht glaubt er selbst an so etwas, besonders nachdem es schwarz auf weiß in Büchern stand. Aber davon kann ja gar nicht die Rede sein. Als Mensch ist er natürlich nicht mit diesem Leben einverstanden, das er schilderte, und wünscht diesen Mitmenschen ein besseres Los. Aber als Künstler ist er voll und ganz einverstanden, und in seiner Darstellung fehlt jede Spur von Tendenz (ein paar Blätter ausgenommen, die man wenigstens so deuten könnte). Ich möchte dieses Verhältnis noch etwas bestimmter formulieren. Würde der liebe Gott Zille fragen, ob er wünsche, daß dieses ganze Volk von morgen ab in Gartenstädten leben solle mit allem Komfort von Moral und Hygiene und Körperkultur, so würde er gewiß ohne Besinnen ja sagen. Er selbst aber wäre nach dem Verschwinden seines ›Milljöhs‹ kreuzunglücklich, ohne Heimat und ohne Stoff.« * Zille ist eben in jeder Weise mit seinem »Milljöh« verknüpft. Auch in seiner Weisheit. Adolf Heilborn, sein langjähriger Freund, erzählt dazu sehr hübsch: »In den Vortagen zu seinem siebzigsten Geburtstag wurde Zille von Photographen geradezu überlaufen. ›Ein paar hab' ick rausjeschmissen un nich zu knapp‹ – hat nicht Menzel mal in ähnlicher Situation gesagt: ›Ich bin nicht zu Hause; hier ist kein Panoptikum!‹? – aber einige allzu Hartnäckige verstanden doch, an ihr Ziel zu gelangen. Einer kam Silvester nachmittag, als es schon schummerig wurde. Um dem Kurbelmann die Aufnahme doch noch zu ermöglichen, trat Zille auf seinen winzigen Balkon, nahm einen der Blumentopfuntersätze, die er, mit Semmelbröckeln gefüllt, für die Spatzen dort immer stehen hat, in die Hand und ließ sich kurbeln. »Weeßte,« sagte er mir ein paar Tage später; »ick habe janicht dran jedacht. Nu wem die Leute sagen – hat Zille aber kleene Teller, und wat der Mensch allens freßt!« * In letzter Zeit ist Zille auch zur Erkenntnis gekommen, daß »Durscht« nicht nur mit alkoholischen Getränken, sondern auch mit Heilbrunnen und anderem Wasser gelöscht werden kann. Er sagt durchaus ernsthaft: »Ja, es wäre vielleicht besser, der Alkohol würde ganz verboten. Er ruiniert zu viele. Seit dreiviertel Jahr trinke ich keinen Schluck Alkohol. Der Arzt sagt zwar, ein Gläschen französischer Kognack würde mir ganz gut tun. Aber wenn die Flasche dasteht – und das Zeug schmeckt wieder, wenn man sich dran gewöhnt ... Nee – lieber keinen Tropfen! Ich habe mir 'n Gelöbnis gegeben – an einen, der gar nicht da is ... Will mir nicht sagen lassen, meine Krankheit ist schlimmer geworden. Ich habe noch viel zu tun. Nichts Neues. Aber aufkramen – Ordnung schaffen. Da liegt noch so viel rum ... Das muß noch gesichtet und gerichtet werden ...« * »Zu viele haben 'ne Warnung gekriegt. Mein Freund Krauß, der Bildhauer, auch. Bei solch vergnügter Kneiperei – plötzlich: den Schlag! Die Ärzte wollten ihn beruhigen und sagten, das wäre von einer Fischvergiftung. Aber Krauß sagt, er weiß Bescheid. Er trinkt nicht mehr! Und den sollen Sie mal sehen! Trotz seines Alters turnt der noch in seinem Garten im Grunewald, macht die Welle am Reck – wie 'ne Mühle! ...« * Trotz seiner Schwäche ist er immer noch bereit, seinen Verehrern einen Gefallen zu tun. So schrieb er im Sommer 1928 an ein Berliner Abendblatt: Der 14. Juli, der Tag für den Lunapark, rückt heran. Ich denke, daß ich in diesen Tagen, bis zum 14. Juli, so viel Kraft und Ausruhen gesammelt habe, um den Gästen des Lunaparks ein fröhliches »Wochenendgesicht« für einige Stunden zeigen zu können. Ich werde kein Läufer sein, wegen meiner Füße (lebe auf großem Fuß), aber viel sitzen. Sollte ich meine Lederschuhe nicht anziehen können, so müßte ich als »Laubennachbar« in Hausschuhen kommen. Es würde entschuldigt werden, Hauptsache ist ja »det Jesicht«! Schönen Gruß Ihr H. Zille. Immer der muntere Zille! Auch selbst in dem, was jetzt erzählt wird, spricht seine lebensstarke Art: Zille, der nach seinem siebzigsten Geburtstag noch bekannter und beliebter geworden ist als vorher, der von Liebhabern seiner Kunst und von Bettlern jeder Art, nicht nur von Autogrammbettlern, überlaufen wird, hat an die Eingangstür zu seiner Wohnung einen weißen Zettel geklebt: Bitte, keinen Besuch. Bin krank! Er ist wirklich ruhebedürftig. Hat sein ganzes Leben lang schwer gearbeitet. Ist leidend und wünscht sich Ruhe. Er erzählt: »Ich wollte hinschreiben:              Ich bin tot. Aber da sagte mir der Briefträger: ›Machen Se det nich – denn brechen se bei Ihnen ein!‹ Nun muß mir das Krankenschild etwas Ruhe schaffen.« * Mit grimmigem Humor findet Zille sich mit seinem Alter ab. Zuckerleiden plagt ihn. Lächelnd streift er, der fast immer nur im Hemd, Hose und Weste in seinem Schlaf- und Arbeitszimmer lebt und nur ganz selten noch auf die Straße geht, den Ärmel hoch und zeigt seinen Unterarm: »Da – mit jedem Tag werde ich dünner. Das Fleisch schwindet ... Damit ich leichter werde, wenn sie meinen Sarg die Treppe runtertragen müssen!–« * Die beispiellose Bildhaftigkeit und Sprachkraft, die in jeder seiner Äußerung immer noch steckt, die immer noch mutvoll auf alles zu erwidern weiß, läßt aber alle seine Freunde hoffen, daß er noch lange nicht »im Sarge die Treppe hinuntergetragen« wird. Wenn er auch nicht viel Neues vollbringen kann – er kann doch noch die großen Schätze sichten und ordnen, die er aufgestapelt hat, kann dies und jenes Blatt, das er angefangen hat, vollenden und kann sich so seine Wünsche, die er noch hat, selbst erfüllen. Denn der ganze Künstler will auch ein ganzes Werk hinterlassen. –