Hans Ostwald Der lachende Koffer Einleitung. »Der Hut steht Ihnen glänzend, Sie sehen aus wie ein Kavalier!« (Daumier) Geld! Geld! Zeit ist Geld! schreit die Zeit dem Kaufmann in die Ohren. Jeder Pulsschlag klopft: Geld! Geld! So kommt es, daß, sich mancher Kaufmann zum nackten Kapitalisten entwickelt hat. Der Kapitalist aber: welch ein Menschenschreck! Ein Glück, daß die Kaufmannswelt eine Unzahl von Erscheinungen zeigt, nicht nur den Großkapitalisten, der wie ein buddhistischer Götze auf seinen Geldsäcken thront, sondern den vergnügten Lehrling, Angestellte jeder Art: Buchhalter, Schreiber, Prokuristen, Sekretärinnen usw. Dann aber den Herrn Reisenden, S. M. den Reisenden. Er und seine Kollegen gäben allein schon genügend Stoff ab für eine Kulturstudie, für ein Buch, Doch soll hier ein erheiterndes Bild aus dem gesamten Kaufmannsleben gebracht werden. Gerade durch das Mittel der humoristischen Anekdote, des Scherzes, der Schnurre und des Witzes lernt man die vielseitige Art eines Berufes und der ihm Angehörenden am schnellsten und unmittelbarsten kennen. Oft genug zielt der Witz allerdings auf die Schwächen des Berufes und der Menschen. Er zeigt sie nicht immer von der besten Seite. Er enthüllt und erhellt manche bösartigen Tiefen. Aber da diese Witze gerade von den Betroffenen am meisten herum erzählt und belacht werden, scheinen sie nicht allzu gefährlich zu sein – ja sie wirken vielleicht hier und da bessernd und vorbeugend. Im übrigen ist es der Kaufmann wohl gewöhnt, daß er nicht verhimmelt wird. In der Bibel und bei Homer, in römischen und manchen morgenländischen Geschichten sowie bei Rabelais und im Eulenspiegel kommt der Kaufmann meistens nur als Betrüger zum Vorschein. Bei Shakespeare ist Shylock ein gefährlicher, blutgieriger Gläubiger – und seine Gegner, die jungen venetianischen Handelsjunker, sind auch gerade kein Vorbild von seelischer Vornehmheit. Durch die frühen deutschen Schwankbücher, wie beim Pfaffen Ameis, wandelt der Raufmann als pfiffiger und gewissenloser Betrüger. Und Goethe weiß im Faust das nur zu wahre Wort zu finden: Krieg, Handel und Piraterie, Dreieinig sind sie, nicht zu trennen. Auch Fritz Reuter, der doch manchem Kaufmann gerecht wurde, zeigt manchmal den Händler als einen Menschen, der gern durch allerlei Manöver Vorteile erjagt – wie im »Pird-Handel«, in dem einem Pfarrer jenes Pferd wieder teuer verkauft wird, das er selbst erst billig zu Markte gebracht hat. Ein tiefsinniges Beispiel!... was sonst über den Kaufmann zu sagen ist, findet man im Buche; da äußern sich Abraham a Santa Clara, Wilhelm Busch, Oskar Blumenthal, Meyrink, Tucholsky, Eduard Bernstein, Moritz Toeb, Christian Morgenstern, Rudolf Sendig, Paul Gutmann, Mark Twain und viele andere recht deutlich. Auch bei Ludwig Thoma, Kalisch, Kopisch und anderen, die hier nicht alle zitiert werden konnten, ist der Kaufmann abgemalt. Und trotzdem eine große Anzahl von Geschichten und Reckereien den Kaufmann als einen gerade nicht sehr angenehmen Zeitgenossen hinstellen – ja ihn auch als einen Menschen entlarven, der ebenso geprellt und betrogen werden kann wie andere Menschen – siehe besonders die Abschnitte Reinfälle und Tricks und Kniffe –, so bleibt eine ganze Menge übrig, was zugunsten vom Kaufmann spricht. Er hat unzählige kulturelle Werke gefördert und vorwärtsgetrieben – nicht nur aus Genußsucht und Freude an ihnen, sondern auch durch seine berufliche Tätigkeit. Auf diesem Gebiet hat er vielleicht mehr getan als manche andern Schichten. Zum mindesten hat er im großen Stil völker- und länderverbindend gewirkt, hat Kulturgüter von einem Volk zum andern getragen, hat Brücken geschlagen. Gewiß, er wollte daran gewinnen. Aber er mußte auch sein vermögen und sein Leben einsetzen – durchaus nicht weniger als die Ritter, die ins heilige Land zogen. In meinem Buch »Kaufmanns Abenteuer« Sieben Stäbe Verlag, Berlin-Zehlendolf. habe ich den ersten Versuch unternommen, dem deutschen Kaufmann auch gerecht zu werden als Menschen, der in den finstersten Zeiten und in den bedrohlichsten Schrecken seinen Mann zu stehen wußte – und immer als Kulturträger wirkte. Doch ich will hier kein Loblied auf den Kaufherrn und seine Mannen singen. Dies Buch hier zeigt ihn ja nur zu oft im vergnügten Zerrspiegel, wer will, kann sich hier manche scharfe Wahrheit sagen lassen. – Und wenn er selbst ein wenig Humor im Blut hat, wird er lachend die Meckerei hinnehmen und draus lernen. Ist doch selbst in den alten Anekdoten und Schnurren aus früherer Zeit so vielerlei Lebensweisheit und gesunder Menschenverstand enthalten, daß sie immer noch für uns Menschen gelten, wir sind nämlich wirklich nicht so sehr viel anders geworden als unsere Vorfahren, wir sind ein belustigend Gemisch von Gut und Schlecht – genau so, wie uns dies Buch den Kaufmann und sein Gelichter zeigt. Jedenfalls hat der Kaufmann, von dem zweifellos die meisten Scherze und Schnurren selbst stammen – viel praktische Lebensweisheit, viel Geistesgegenwart, Pfiffigkeit und Schlagfertigkeit in diese Erzählungen und Neckereien hineingelegt. In den Abschnitten » Pump und Pleite «, » Reklame «, vorzüglich aber in dem Teil » Vom Chef und seinen Leuten « und in » Tricks und Kniffe «, wird bewiesen, daß der Kaufmann sich zwar in allen Lebenslagen zu helfen weiß – daß er aber auch gern mit allerlei Sticheleien seine Berufsgenossen kitzelt – und sich über sich selbst lustig macht. Berlin-Zehlendorf. Hans Ostwald. Stimmen über den Kaufmann In der Einleitung habe ich auf die Stimme der Großen über den Kaufmann hingewiesen (Bibel, Homer, Shakespeare, Goethe u.a.). Da hier nur die erheiternden Äußerungen über die Kaufleute mitgeteilt werden sollen, also keine Kulturgeschichte des Kaufmanns geschrieben werden soll, mögen hier einige etwas barocke und stichelnde Charakteristiken genügen. Schließlich fehlt auch die haarscharfe Satire nicht, die Mark Twain auf die modernste Erscheinung kaufmännischer Organisationslust abgeschossen hat. – Spottbild auf die, die Anfang des 17. Jahrhunderts sich Münzprivilegien verschafften und schlechtes Geld ausgaben: Küpperer und Wipperer   Der Kaufmann, ein geplagter Mann. Betrachte jemand einen Kaufmann, der sein Fortun oder Glück suchet zu machen. Was Arbeit er nur hat! Er muß sein wie ein Hund, der fast einem jeden den Bratzen gibt. Er muß sein wie ein Hahn auf dem Turm, so sich auf alle Seiten zu wenden weiß. Er muß sein wie ein Passauer Kling, die durch lauter Bucken und Biegen ihr Prob zeiget. Er muß sein wie ein Flachs, der immerzu sich muß durch die Hechel ziehen lassen. Er muß sein wie ein Schütz, der da oft muß ein Auge zutun, wann er treffen will. Er muß bald lachen, bald wachen, Er muß bald sitzen, bald schwitzen, Er muß bald gehen, bald stehen, Er muß bald borgen, bald sorgen, Er muß bald stutzen, bald schmutzen und immer schmunzeln. Er ist zwar ein Hofmann, aber zugleich ein Burger in der Stadt Leiden. Dann das Leiden kann er nicht meiden. Er leidt: Wo? In den Augen, absonderlich wann er sieht, daß ihm einer vorgezogen wird. – Er leidt: Wo? In den Ohren; dann er gar vielmal etwas höret, und sich gleichwohl stellen muß, als höre er's nicht. – Er leidt: Wo? Am Maul; dann er selbes gar oft wider seinen Willen halten muß. – Er leidt: Wo? Am Hals; dann er vielmalen grobe Brocken zu schlucken hat. – Er leidt: Wo? An den Händen; dann er ziemlich muß in Beutel greifen, und ist doch sein Gespend kein Almosen. – Er leidt: Wo? An den Achseln; dann er stets auf beeden tragen muß. – Er leidt: Wo? An den Füßen; dann er mehr mit denselben scharren muß, als eine Henn auf dem Misthaufen. Endlich nach langer Zeit wird all seine Mühe, Arbeit, Fleiß, Sorge, Wachsamkeit, Unkosten oft nur mit einem Spott bezahlet, und er löset aus allen seinen Waren ein Kinderspiel. Abraham a Sancta Clara, Etwas für Alle.   Der ›Commis voyageur‹ . Wie man sich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts einen Geschäftsreisenden vorstellte, zeigt die nachfolgende Schilderung aus einer damaligen Zeitschrift. »Es gibt Leute, die gezwungen sind, die Hälfte ihres Lebens auf Reisen zuzubringen, Leute, die jahraus, jahrein vier Monate auf Dampfschiffen und Schnellposten und dann acht Monate lang in Gasthöfen biwakieren. Zu diesen gehört die täglich zunehmende Zahl der ›Commis voyageurs‹ oder sogenannten Musterreiter, die im Pêle-Mêle der menschlichen Gesellschaft jetzt eine eigene Kaste oder Gilde, Gruppe oder Sippschaft bilden. Jeden derselben, gleichviel ob er – wir bedienen uns hier des technischen Kunstausdrucks – in Wein oder Tabak, in Baumwolle oder Seide, in Papier oder Tuch macht, erkennt man sehr leicht an folgenden Merkmalen: 1. er trägt eine schwarze Krawatte und auffallend steife Vatermörder; 2. er ist ein Feind von Handschuhen und trägt einen dicken, meist hohlen Siegelring; 3. er liebt seidene Taschentücher, parfümiert sich und trinkt gern Champagner; 4. er schnupft dann und wann Tabak, singt Barkarolen und versäumt kein Theater, denn er ist ein Beschützer der Künste und ein Widersacher der Kritik; 5. er liebt die Oper, haßt das Schauspiel und hebt sich seine Kontremarken auf; 6. an der Table d'hôte macht er den meisten Lärm und kokettiert mit allen Damen. Trotz mancher unangenehmen Eigenschaft ist der Commis voyageur ein lustiger Gesellschafter, vollgepfropft mit Anekdoten und tausend Schwänken, die er nicht oft genug erzählen kann.«   Die Krankheiten der Kaufleute. Eine Tischrede in Männergesellschaft. Von R. Löwenstein. Der Arzt und der Kaufmann – beide beschäftigen sich mit Operationen, beide machen ihren Schnitt und lassen den Geschnittenen bluten: aber ein wesentlicher Unterschied ist zwischen beiden: Der Arzt schneidet nur weg, was faul ist, der Kaufmann läßt sich mit faulen Dingen erst gar nicht ein, wenn er nicht selbst – faul ist. Überhaupt sind die Krankheiten der Kaufleute so wesentlich verschieden von denen anderer Menschen, daß man eine ganz eigentümliche Pathologie für sie schreiben müßte. Fragen Sie, meine Herren, nicht danach, ob ich zu solchem Werke berufen bin! – In einer Zeit, wo ein Schäfer den Gott Merkur aus der Medizin und aus den Gliedern der Venusverehrer treibt, wo die Doktoren kaufmännisch spekulieren und die Kaufleute die Ärzte behandeln, wo den Frauen die Männer alles verschreiben (was sie, sonderbarerweise, selbst einnehmen) – in einer Zeit, wo selbst ein Volk dem andern spanische Fliegen hinters Ohr setzt und ein zuvorkommender Nachbar – der sich sonst nie übereilt hat – dem andern eiligst zur Ader läßt, bloß des entzündlichen Zustandes halber (eine Blutentziehung, die, mit Kurieren abgemacht, sich nie wieder kurieren läßt) – in einer solchen Zeit wird es wohl auch einem Laien verstattet sein, über die Krankheit der Kaufleute zu sprechen. Der Kaufmann ist von Natur schon ganz anders gebaut als jeder andere Mensch. – Was zunächst die inneren Teile betrifft, so ist bei ihm am stärksten und größten ausgebildet der Magen: »denn ein Kaufmann kann ungeheuer viel einnehmen, verdauen und verarbeiten und – gibt doch nur wenig von sich.« Das Herz, das bei den meisten Menschen auf der linken, bei sehr seltenen Exemplaren auf der rechten Stelle des Leibes, bei Frauen, Mädchen, Diplomaten, offiziell begeisterten Dichtern und Jesuiten auf der Zunge, bei anderen wieder, z. B. bei jungen, bartlosen Helden, in den Expressiblen – vulgo: Hosen – sitzt, das Herz sage ich, sitzt bei ihm im Beutel. Daher kommt es auch, daß ihm, ähnlich den Beuteltieren, die die nackten Jungen in ihrem Beutel herumtragen, seine Barschaft fest ans Herz gewachsen scheint, und daß er, wie jene, sich gern auf die Hinterfüße setzt; jedoch ist sein Blut wesentlich von dem der Säugetiere unterschieden: es ist zwar fließend, d. h. kurant, und vom Herzbeutel nach dem Beutel in Zirkulation, aber es ist kalt und somit jeder Kaufmann ein kaltblütiges Individuum. Auch der äußere Bau ist durchaus abnorm: Der Kopf des Kaufmannes ist spitz, die Augen vor- und weitsichtig, die Nase fein, der Mund groß, die Ohren steif, selten geneigt. Stärker ausgebildet als seine Arme sind seine Füße zu Handel und – Wandel, am stärksten aber seine Gesäßteile, denn der Kaufmann hat viel mit Banken zu tun, 2. setzt er sich oft mit seinen Gläubigern und 3. wird er oft gesetzt, eben weil er in seinen Spekulationen nicht gesetzt war. Auch sein Fuß ist sonderbar gebaut: während manche auf einem großen, gewisse Staaten auf einem gespannten, andere auf dem Konventions-Fuße leben, lebt er gewöhnlich auf einem möglichst hohen Fuße. Und in der Tat – der Kaufmann wächst nicht bloß auf einem hohen Zins-Fuße, sondern er wuchert sogar auf demselben. Analog diesem Körperbau sind auch die Krankheiten, die ich einteilen möchte in innerliche und äußerliche, und diese wieder in solche: des Kopfes, des Ober- und Unterleibes und der Beine. Es würde uns zu weit führen, wollten wir neben den Krankheiten sogleich die Mittel zu ihrer Heilung, oder überhaupt alle möglichen Krankheiten anführen: Die Konstitutionen sind, wie Sie wissen, sehr verschieden – gut und schlecht, fest oder schwankend, russisch, leidlich, mittelmäßig usw.; daher auch die Übel vielfacher Art. Auch kommt es zur Beurteilung des jedesmaligen Falles sehr darauf an, ob einer macht en gros oder en detail, ob in Papieren oder Holz, oder in Kleidern, oder in anderen Gegenständen . Die gewöhnlichste Krankheit unter den allgemeinen ist das Wechselfieber, das die Kaufleute in der Regel gegenseitig selbst auf sich ziehen, und dem sie nur um so schmerzlicher verfallen, je mehr ihnen Nachsicht gezeigt wird. Obgleich auch dreitägig, setzt es doch nicht, wie das gewöhnliche Wechselfieber, drei Tage aus, sondern greift gleich kräftig und mit Protest an. Die selten ausbleibende Folge desselben ist Gliederschmerzen, Kneipen, Magendrücken, Aussatz an den Teilen, die etwas von sich geben sollen, oft auch Gedächtnisschwäche und – Schwindel. – Letztere Krankheit jedoch müssen wir als eine selbständige betrachten, da sie oft der ersten vorauszugehen pflegt. Der Schwindel im gewöhnlichen Leben ist nur ein ängstliches Gefühl – die Furcht vor dem Fallen; der kaufmännische Schwindel ist entweder geradezu – Fallsucht oder Sucht, zu steigen: er entsteht, wenn jemandem mehr in den Kopf kommt, als die Beine halten können. Man hat bemerkt, daß er sogar nach eiskalten Kabinettorderübergießungen noch stärker wiederkehrt als zuvor. Er gehört zu den ansteckendsten Krankheiten und bringt die sonderbarsten Verwirrungen des kaufmännischen Organismus hervor: entweder bekommen die Befallenen Fixer-Ideen und gehen wie wahnsinnig herum und darauf aus, die ganze Börse umzuwerfen, oder sie gehen kopfhängend – à la baisse –, gebückt, wie scheue Unglücksboten oder wie lachende Erben am Sterbelager des »heißgeliebten« Onkels, oder aber à la hausse , d. h. hochtrabend, mehr als aufrecht – also nicht aufrichtig einher und um. – Auf Dampfmaschinen, also auf Dampf, werden Aktien ausgeteilt, und die Aktien wieder teilen uns schrecklichen Dampf, d. h. – Schwindel aus. Leider hat nicht jeder die Kraft, sich von den Aktien so beherzt zurückzuziehen wie jener Mann, von dem mir soeben eine spaßhafte Anekdote einfällt. Ein Makler fragt den andern: »Sog, wie stain dia Aktien?« »Was gehn mir die Aktien an, ich kümmere mich nischt darum.« »Wie heißt, du kümmerst dich nischt?« – »Nu ne! ich weiß überhaupt nicht, worüm sie so sonderbar geannonciert werden.« »Wieso?« »Nü, in de Zeitungen steht immer bloß: Stehle-Vohwinkel, worum steht nit da: Stehle-Niedermärkisch, Stehle-Köln-Minden, Stehle-Hamburg? denn mir können sie alle gestohlen werden!« – Doch wieder zur Sache! Der gewöhnliche Ausgang des Wechselfiebers wie des Schwindels ist, daß mit dem Wechsel zugleich der Kaufmann verfällt und fällt, oder, was dasselbe ist, falliert; dann heißt es: das Haus Soundso hat falliert. Überhaupt ist es drollig, daß sich die Kaufleute gegenseitig als Häuser betrachten und daß ihnen am sichersten scheinen die alten Häuser, obgleich doch gerade diese, wie die Neuzeit gelehrt hat, die sonderbarsten Einfälle haben. Das Fallen macht in der Regel viel Lärm, schadet aber dem Kaufmann wenig, wirf die Katz', wie du willst – sie fällt immer auf die Beine. Auch der Kaufmann fällt selten auf den Kopf. Gewöhnlich fällt er in guter Hoffnung, steht auf in gesegneten Umständen, geht mit neuen Ideen schwanger und kommt wieder glücklich nieder. Noch vieles ließe sich von allgemeinen Krankheiten erwähnen; ich will aber der Kürze wegen nur die speziellen Erscheinungen noch durchnehmen: Die schwerste Krankheit unter denen des Kopfes ist der Stockschnupfen. Er entsteht durch Erkältung bei Witterungswechsel, wenn nämlich das Aktien-Thermometer von 20 oder 30 Grad plötzlich unter Null sinkt. Die Begleiter des Schnupfens sind bekanntlich Kopfweh, wodurch der ganze Kopf eingenommen wird, Verschleimung, Heiserkeit, worunter das Sprechen, also auch der Ruf leidet, und endlich das Niesen, welches gleichsam den Drang der verstopften Teile nach Luft und freiem Atem versinnlicht. Wenn aber der Kaufmann niest, sagen die Gläubiger nicht: »Gott helf' Euch!«, sondern: »Gott helf' uns!« Ferner gehören in diese Kategorie: die Schwerhörigkeit, welche nicht immer eine Folge von Alters-, sondern auch von Jugendschwäche ist und besonders vielversprechende Menschen trifft; ein schlechter Geruch, der Weichsel- oder Krakauer Zopf, die Matte, wodurch das Haupt in blanco gerät, der schwarze Star oder Blindheit, gegen welche keine Operation mehr wirkt, u.a.m. Die Krankheiten des Ober- und Unterleibes sind: übermäßiger Auswurf, Abzehrung, Schwindsucht, Flauheit, Beklemmung oder Klemme, Hartleibigkeit, Schwäche, krebsartige Geschwüre, entzündliche Prozesse, Würmer und viele andere, gegen welche selbst der Schutzgott der Kaufleute – Merkur – nichts auszurichten vermag. Alle diese sind stets mit Stockungen des fließenden Blutes – des Kurantes verbunden, und die entstehen, wenn sich einer hat verführen lassen oder die Besinnung verloren hat, wenn das Geschäft überhaupt faul ist, wenn einer zu große Rosinen im Sacke hat, wenn einer zu tief hineingeritten ist oder zu schnell zurückgezogen hat, wenn sich einer überarbeitet oder angestrengt hat, oder endlich, wenn einer mit seinem Geschäfte stecken, kleben oder hängen geblieben ist. Unter den Krankheiten der Füße ist die schlimmste – die Zähmung, welche selten nur eine Seite trifft; noch gefährlicher ist es, wenn es mit jemand wacklig geht und er schief steht, am traurigsten aber, wenn einer das kaufen kriegt und pleite geht. Auch hier, wie überall, ist Hemmung oder Mangel des Blutes die Veranlassung der Krankheit, Zähmung des Hauptnerven die erste Folge; denn der Nerv, der alles bewegt und lenkt und bewirkt, ist und bleibt das flüssige Gold, das liebe Geld. Das wichtigste ist somit wirklich das wichtigste, d. h. Gewichtigste, worauf, wie Sie wissen, besonders bei den Dukaten gesehen wird. Daher kommt es auch, daß es nirgends mehr Risches gibt, als bei den Juden selbst: denn die können keinen Beschnittenen leiden. Meine Herren! Wer nicht bar hat, der ist bar, Lumpen gibt es in Masse, Papier noch mehr; Papier ist geduldig, und wo kein Sein mehr ist, da haben wir doch Scheine! Wir leben in einer glücklichen Zeit: denn unser Land ist jetzt um einige Millionen Papier reicher und doch an pumpen nicht ärmer geworden. Heil dem Gelde, dem Welterlöser, der ewig Gott und doch ewig Knecht zugleich ist! Heil allen, die den Schild des Glaubens gefunden haben und unter seiner Hut ruhen! Der beste Schild, um anzugreifen, besonders aber, um sich zu decken, ist – der Rothschild. Alle Kaufleute sind Schildknappen dieses großen Ritters, dessen sie nur durch Festigkeit (Solidität) würdig werden. Um aber diese zu erhalten, werden sie ihr kaufmännisches Gebet so sprechen müssen: Führe mich, Herr, nicht in Versuchung, sondern erlöse mich von Krankheit; soll ich aber doch eine dulden, so sei es die – goldene Ader! Amen. *   Der Kaufmann. Eine humoristische Vorlesung. Meine Damen und Herren! wie die Naturgeschichte in drei Reiche Zerfällt, in das Tierreich, das Pflanzenreich und das Mineralreich, so teilt man auch den Kaufmannsstand in drei Stufen ein: Prinzipal, Kommis und Lehrling. Der Lehrling gehört natürlich in das Mineral- oder Steinreich, denn alle im Geschäft behandeln ihn, als ob er nur ein Stein sei, obgleich mancher Chef klagt, daß dieser Stein sehr ungeschliffen sei, sich nicht hauen lasse. Nur in einer Hinsicht hat der Lehrling wenig vom Mineralreich, weil es ihm fast immer an Kies fehlt. Der Kommis, auch Handlungsdiener genannt, gehört dagegen zum Pflanzenreich. Es gibt in diesem Stande oft sehr nette Pflanzen, aber leider auch manchmal grüne Jungen, die dafür selten auf einen grünen Zweig kommen, besonders wenn sie Stroh im Kopf haben. Der Unterschied zwischen einem Kommis und einer pflanze ist überhaupt nur der, daß die Pflanze, wenn die Sonne sie bescheint, an zu grünen fängt, und daß der Kommis, wenn er anfängt, grün zu werden, nicht wert ist, daß ihn die Sonne bescheint. Die Prinzipale dagegen hinwieder zählen zum Tierreich und zerfallen in viele Unterabteilungen. Zu den Säugetieren gehören, abgesehen von denjenigen, die wie der Ochs vor dem neuen Tor stehen, die wie ein Pferd arbeiten, wie ein Affe schwitzen, vor allem die Geldwechsler und Wucherer, weil sie den andern Prinzipalen das Blut aussaugen. Zu den Amphibien gehören die Makler, Agenten, Kommissionäre und viele andere; sie verändern wie das Chamäleon oft ihre Farbe und winden sich wie die Schlangen. Zu den Vögeln gehören jene unternehmenden Kaufleute, die, wenn sie kaum aus dem Ei gekrochen sind, schon wieder flügge werden. Zu den Fischen schließlich muß man die Weinhändler rechnen, die bekanntlich nicht ohne Wasser leben können. Sie unterscheiden sich von ihnen nur dadurch, daß die Fische durch ihre Kiemen, die Weinhändler aber durch ihre Rufer leben. Max Cohnheim .   Mark Twain über die amerikanischen Trusts. Mark Twain war in den Kreisen der amerikanischen Trustmagnaten wenig beliebt, er hatte sie ein paarmal mit seinen kleinen, aber manchmal sehr boshaften Satiren scharf getroffen und bloßgestellt. Am meisten ärgerten sie sich über die Geschichte von den drei Fliegen, die durch alle amerikanischen Blätter ging. Diese Geschichte lautete folgendermaßen:   Eine Fliegenmama besaß zwei Töchter, die sie innig liebte. Eines Tages machte sie mit ihnen einen Ausflug, und sie kamen an den Laden eines Konditors. »Mama,« bat die eine, »darf ich etwas von dem wundervollen roten Bonbon dort naschen?« – »Ja, mein Kind«, sagte die Fliegenmama, und die Tochter setzte sich vergnügt auf den süßen Bonbon. Auf einmal aber schlug sie ängstlich mit den Flügeln und fiel tot um, denn der Bonbon bestand nicht aus Zucker, sondern aus einem gefälschten, giftigen Zeug, da er vom amerikanischen Bonbontrust geliefert war. Die Fliegenmama besaß jetzt nur noch eine Tochter und liebte sie mit doppelter Zärtlichkeit. Auch mit ihr machte sie einen Ausflug, und sie kamen an einem Wurstladen vorbei. »Mama,« sagte die zweite Tochter, »darf ich von der wundervollen frischen Wurst kosten?« – »Ja, mein Kind«, sagte die Fliegenmama, und die Tochter setzte sich vergnügt auf die wundervolle Wurst. Aber auf einmal schlug sie ängstlich mit den Flügeln und fiel tot um, denn die Wurst bestand weniger aus Fleisch, als aus gefälschten, giftigen Ersatzstoffen, da sie vom amerikanischen Wursttrust geliefert war. Da ergriff eine wilde Verzweiflung die arme Fliegenmama. Ihr war das ganze Leben leid, und um möglichst schnell den Tod zu finden, flog sie auf ein Fliegenpapier, das mit Totenköpfen bedruckt war, und begann in selbstmörderischer Gier daran zu saugen. Aber je länger sie daran sog, desto wohler wurde ihr. Der erwünschte Tod kam nicht, denn auch das Fliegenpapier war gefälscht, da es vom amerikanischen Fliegenpapiertrust geliefert war. Der listige Kaufmann in Schwänken und Schnurren Listig sei der Kaufmann, pfiffig und reich. – In diesem Kapitel werden die Kaufleute in allerlei Anekdoten bei ihren Bemühen gezeigt, listig u sein. Nicht immer gelingt ihnen das. Und allerlei Berichte aus ältester Zeit zeigen, wie der listige Kaufmann oft überlistet wurde, wie er aber auch schon in unsicheren Zeiten mit lebensvollem Humor durch die Lande reiste (siehe die Geschichte von den unheimlichen Gästen) – und mit welcher geschickten Psychologie manch Händler seine Kunden behandelte. Die Geschichte vom zerstreuten Torfhändler und manche Scherze des Abschnitts »S. M. der Kunde« sowie der Teil »Vom Chef und seinen Leuten« und »Tricks und Kniffe« sind hier sehr aufschlußreich. Der folgende Abschnitt »Reinfälle« ergänzt diesen Teil und zeigt, daß auch die Kaufmannslist nicht in den Himmel wächst ... Der Gründer. Daumier   Ein einträglicher Besenhandel. Kaiser Karl der Fünfte kam auf der Jagd bei der Verfolgung eines Keilers von seinem Gefolge ab und verirrte sich in dem Walde schließlich so sehr, daß er recht froh war, die Hütte eines Besenbinders zu finden, wo er ausruhen wollte, bis ihn seine Leute wieder gefunden hätten. Der Besitzer der Hütte, der Colas hieß, nahm den ihm Unbekannten freundlich auf, und seine Frau bereitete ihm ein sehr gutes Frühstück. Karl aß mit großem Behagen und versprach seinen Wirten, sich für das Frühstück erkenntlich zu zeigen. Dann aber ging er hinaus und suchte das Jagdgefolge, das mit viel größerer Angst ihn selbst suchte. Mehrere Male mußte er rufen, bis ihm endlich mehrere Begleiter antworteten und bald durch das Getön der Hifthörner alle Begleiter sich zusammenfanden. Zwei oder drei Tage später ließ Karl den Besenbinder an seinen Hof bescheiden und vor seinen Thron führen. »Nun, mein Sohn,« fragte der Kaiser den Erschrockenen, der jetzt erst erkannte, wer sein Gast gewesen, »was verlangst du für das Frühstück, das Du mir gereicht hast?« »Ew. Majestät wollen mir erlauben,« antwortete Colas, »daß ich und meine Frau im Wald frei und unbeschwert Reisig, wie es zu guten Besen paßt, schneiden dürfen.« Karl, durch eine so einfache und bescheidene Bitte höchst überrascht, gewährte sie ihm auf der Stelle, sagte ihm aber zugleich leise, daß er sich morgenden Tages bei Hof einfinden und so viele Besen, wie er und seine Frau nur immer tragen könnten, mitbringen, aber keinen derselben geringer als zu einem Dukaten verkaufen solle. Colas machte nun vor dem Kaiser eine tiefe Verbeugung, lief atemlos nach Hause zurück und machte seiner Frau von all den wunderbaren und glücklichen Erlebnissen des Tages Mitteilung. Beide gingen nun sogleich ans Werk und brachten, indem sie die ganze Nacht durch arbeiteten, so viele Besen zusammen, daß sie am folgenden Morgen mit großen Trachten im kaiserlichen Hoflager erscheinen konnten. Sobald der Kaiser ihrer ansichtig geworden, ließ er allen Hofleuten und dem ganzen Adel zu wissen tun, daß heute niemand vor ihm erscheinen dürfe, ohne einen Besen in der Hand zu tragen, und zwar aus der Manufaktur des Besenhändlers, der mit seinen Waren am Eingange des Palastes stehe. Auf diesen Wink des Fürsten begab sich natürlich alles zu dem Meister Colas, um seinen Bedarf bei ihm einzukaufen. Aber welche Augen machten die Damen und Herren, als er für das Stück seiner Ware einen Dukaten forderte! Anfangs gaben sie ihm lose Worte und verspotteten ihn; da er aber fest blieb, so mußten sie schließlich zahlen, was er gefordert hatte. Auf diese Weise verkaufte Colas alle seine Besen und kehrte als der glücklichste aller Besenbinder mit einer Tasche voll Dukaten nach seiner Waldhütte zurück.   Der Kaiser und der Kaufmann. Ein Kaufmann klagte Kaiser Rudolf I. von Habsburg, der bekanntlich im Jahre 1273 den Thron bestieg, daß sein Hauswirt einen ihm anvertrauten wohlgefüllten Geldbeutel nicht zurückgeben wollte. Rudolf ließ sich den Beutel genau beschreiben, befahl dem Kaufmann, im Nebenzimmer zu warten, und schickte nach dem Hauswirt. Er begann sich nun mit dem Hauswirt in harmloser Weise zu unterhalten und äußerte dann im Verlauf des Gesprächs, der Hauswirt habe einen so hübschen Hut, der gefiele ihm so gut, daß er ihn gerne besitzen möchte. Der Wirt fühlte sich durch die gnädige Unterhaltung und den Wunsch des Kaisers natürlich sehr geschmeichelt und überreichte ihm dienstfertig den Hut. Heimlich ließ diesen nun der Kaiser durch seine Diener zu der Wirtin bringen mit einem angeblichen Auftrag ihres Mannes, dagegen den bewußten Beutel auszuliefern. Die Frau, die den Hut erkannte und infolgedessen nicht den geringsten Argwohn hegte, übergab den Beutel dem Boten, der ihn zum Kaiser brachte. Nun sagte der Kaiser dem Wirte ins Gesicht, daß er den Kaufmann bestohlen habe, und als der Mann zu leugnen versuchte, zeigte er ihm den Geldbeutel vor. Der Dieb erblaßte und gestand zitternd seine Schuld ein, für die Rudolf ihm eine strenge Strafe auferlegte. Der listige Kaufherr. Ein französischer Kaufherr segelte mit einem Schiff voll großen Reichtums aus der Levante heim, aus dem Morgenland, wo unser Glaube, unsere Fruchtbäume und unser Blut daheim ist, und dachte schon mit Freuden daran, wie er jetzt bald ein eignes Schlößlein am Meer bauen und ruhig leben und alle Abende dreierlei Fisch zu Nacht speisen wolle. Paff, geschah ein Schuß. Ein algierisches Raubschiff war in der Nähe, wollte uns gefangennehmen und geraden Wegs nach Algier führen in die Sklaverei. Denn hat man zwischen Wasser und Himmel gute Gelegenheit, Luftschlösser zu bauen, so hat man auch gute Gelegenheit, zu stehlen. So denken die algierischen Seeräuber auch. Hat das Wasser keine Balken, so hat's auch keine Galgen. Zum Glück hatte der Kaufherr einen Ragusaner auf dem Schiff, der schon einmal in algierischer Gefangenschaft gewesen war und ihre Sprache und ihre Prügel aus dem Fundament verstand. Zu dem sagte der Kaufherr: »Nicola, hast du Lust, noch einmal algierisch zu werden? Folge mir, was ich dir sage, so kannst du dich erretten und uns.« Also verbargen wir uns alle im Schiff, daß kein Mensch zu sehen war, nur der Ragusaner stellte sich oben auf das Verdeck. Als nun die Seeräuber mit ihren blinkenden Säbeln schon nahe waren und riefen, die Christenhunde sollten sich ergeben, fing der Ragusaner mit kläglicher Stimme auf algierisch an: »Tschamiana,« fing er an, »tschaminiana hakakna bilabai monaschid ana billäh onzorun min almaut.« »Wir sind alle an der Pest gestorben, bis auf die Kranken, die noch auf ihr Ende warten, und ein deutscher Adjunkt und ich. Um Gottes willen, rettet mich!« Dem Algierer Seekapitän, als er hörte, daß er so nahe an einem Schiff voll Pest sei, kam's grün und gelb vor die Augen. In der großen Geschwindigkeit hielt er das Schnupftuch vor die Nase, hatte aber keins, sondern den Ärmel; und lenkte sein Schiff hinter den Wind. »Lajonzork«, sagte er, »Allahorrama arrahim atabärrä laka it schanat chall«. »Gott helfe dir, der Gnädige und Barmherzige! Aber geh zum Henker mit deiner Pest! Ich will dir eine Flasche voll Kräuteressig reichen.« Drauf ließ er ihm eine Flasche voll Kräuteressig reichen an einer langen Stange und segelte so schnell als möglich linksum. Also kamen wir glücklich aus der Gefahr, und der Kaufherr baute hernach in der Gegend von Marseille das Schlößlein und stellte den Ragusaner als Haushofmeister an auf lebenslang.   Salz und Brot. Ein bayrischer Kaufmann machte sich, als das Schiff, auf dem er von Marseille nach Spanien unterwegs war, in einem plötzlich hereinbrechenden Wirbelsturm zu sinken drohte und die Mannschaften, den sicheren Untergang vor Augen, nichts mehr zu tun wußten als Gott und alle Heiligen um Hilfe anzuflehen, in aller Ruhe über den ledernen Sack, in welchem er seine Mundvorräte mit sich führte, zog ein Brot heraus, zerschnitt es der Länge nach in zwei Hälften und verzehrte sie, nachdem er eine kräftige Prise Salz hineingerieben hatte, bedächtig bis auf die letzte Krume. Inzwischen legte sich der Sturm ganz unversehens, die Matrosen faßten neuen Mut, und einer von ihnen fragte den Bayern, was er sich bei seiner Mahlzeit vorhin eigentlich gedacht habe. »Ihr habt,« entgegnete dieser, sich den Bart wischend, »von Untergang und Ersaufen geredet, und so habe ich einstweilen Brot und Salz gegessen, damit mir ein so langer Schluck hinterher auch schmecken sollte.« Nach dem Rollwagenbüchlein.   Friedrich der Große und der Kaufmann. Ein Kaufmann, der wegen heimlich eingeführter Schmuggelware in harte Strafe genommen werden sollte, reichte eine Vorstellung beim König ein, die er mit folgenden Worten schloß: »Ich lebe in der alleruntertänigsten Zuversicht, Ew. Königlichen Majestät Augen werden mit dem Könige David, Psalm 101, Vers 6, nach den Treuen im Lande sehen und gerne fromme Diener haben, daß sie bei Höchstdenenselben wohnen: und bitte daher fußfälligst, mich wider alle Anfechtungen mit Höchstdero Gnadenflügeln zu bedecken, und in Ansehung meiner königlichen Gedanken spüren, damit ich mit dem Könige David ausrufen könne: Der Herr ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht: was können mir Menschen tun?« Der Monarch, der beim Empfang dieses Briefes guter Laune war, schrieb eigenhändig auf den Rand der Vorstellung: »Der König David hat nie mit Contrebandiren zu tun gehabt, und also hat der Patron seine Bibellektüre hier sehr unnütz angebracht. Weil er mir aber die Ehre erwiesen hat, mich mit dem König David zu vergleichen, so kann man den Schlingel diesmal so gehen lassen! Kommt er wieder, so marschiert er, ohne auf den König David zu reflektieren, nach Spandau.«   Der Kaufmann und die Zollbeamten. In London trug sich folgender sonderbarer Zufall zu. Einer von den Zollbeamten, Herr Tankard, ein sehr aufmerksamer und bei den Schleichhändlern gefürchteter Mann, bewies dabei eine besondere Scharfsichtigkeit. Der Besitzer eines Handelsschiffes, das soeben angelangt war, erzählte allen Leuten, daß seine Frau, die ihn auf der Schiffsreise begleitet habe, unterwegs gestorben sei, und er wolle sie in ihrem Familienbegräbnis zur Ruhe bringen. Er bestellte auch einige Trauerkutschen und einen Leichenwagen, um die Leiche von dem Schiffe zu Grabe zu fahren. In der Begleitung seiner nächsten Angehörigen folgte er in tiefer Trauer dem Leichenwagen, und der Sarg wurde auf dem Friedhof mit allen Zeremonien in die Erde versenkt. Da nun aber Herr Tankard diesen Schiffsbesitzer und Händler schon lange im Verdacht hatte, Schleichwaren einzuführen, so vermutete er auch jetzt, daß die Sache mit der Beerdigung nicht ganz seine Richtigkeit hätte, und daß vielleicht in dem Sarge statt einer Leiche geschmuggelte Waren stecken könnten. Er gab deshalb zweien seiner Leute den Auftrag, heimlich das Grab zu bewachen, und richtig, um Mitternacht sahen sie, daß der Schiffsbesitzer und die Totengräber den Sarg aus dem Grabe nahmen. Als sie aber mit ihrer Beute davonfahren wollten, bemächtigten sich die Zollbeamten des Sarges und fanden darin die teuersten Spitzen und Batistwaren. Die Waren wurden nicht nur beschlagnahmt, sondern auch der Kaufmann dafür belangt, weil er eine religiöse Feierlichkeit mißbraucht hatte. Er mußte eine große Geldstrafe bezahlen, so daß seine nur vorgeheuchelte Betrübnis nun in eine echte verwandelt wurde.   Ein raffinierter Betrug. In einem sehr eleganten Modewarengeschäft von Glasgow in England erschien eine vornehm gekleidete junge Dame und wählte eine Reihe von teuren Gegenständen, im ganzen für etwa achtzig Pfund Sterling. Als sie bezahlen wollte, bemerkte sie, daß sie gar nicht mehr viel Geld in ihrem Portemonnaie hatte, und sie schlug dem Geschäftsinhaber vor, er möchte einen seiner Laufburschen beauftragen, mit den eingepackten Waren sie in ihrem draußen stehenden Wagen nach Hause zu begleiten, wo sie ihm die Rechnung bezahlen würde. Der Kaufmann willigte ein, und die Dame fuhr mit dem ihr zugesellten Begleiter davon, aber keineswegs nach Hause, sondern zum Erstaunen des Ladenburschen in eine Irrenanstalt! Die Betrügerin hatte hier das Wärterpersonal schon unterrichtet, daß sie einen geisteskranken Verwandten bringen würde, und so bemächtigte man sich ohne weiteres des verblüfften Burschens und sperrte ihn trotz allen Protestierens und Widerstrebens in ein zur Aufnahme vorbereitetes Zimmer ein, mit der Drohung, daß man ihm die Zwangsjacke anlegen werde, wenn er sich nicht ruhig verhielte. Erst nach einigen Tagen klärte sich die Sache auf, aber mittlerweile war die Diebin mit ihrer Beute spurlos verschwunden.   Goethes Branche. Bei dem Leichenbegängnis Goethes war begreiflicherweise ganz Weimar und die Umgebung in Bewegung. Ein schlichter Bürger, der Weinhändler Krüger aus Eisenach, der auch herübergekommen war, rief dabei ganz verwundert aus: »Ich begreife nicht, wie der Tod eines Menschen ein ganzes Land in Alarm bringen kann. Weimar hat doch strebsame Menschen genug, warum wirft sich denn nicht ein anderer auf Goethes Branche?«   Die Reise nach Leipzig. Daß es auch in der sogenannten guten alten Zeit des Biedermeiertums ein junger Kaufmann nicht immer sehr leicht in seinem Beruf hatte, zeigt die nachfolgende wahre Geschichte eines angehenden Buchhalters, der sich entschlossen hatte, mit einigen Empfehlungen nach Leipzig zu fahren, um sich dort eine Stellung zu suchen. Fröhlich bestieg er, versehen mit ungefähr 20 Talern Reisegeld, den Postwagen seiner lieben Vaterstadt und langte nach einer durchrumpelten Nacht und einem nicht viel besseren Vormittag wohlbehalten in Leipzig an. Es war Messe, und wogende Massen von Käufern und Verkäufern durchströmten die Straßen. Unserem Helden gefiel es außerordentlich in diesem bunten, wirren Treiben, und erst ziemlich spät am Tage dachte er daran, bei den ihm empfohlenen Häusern seine Aufwartung zu machen. Da er ganz bestaubt von der Reise war, trat er in ein Hotel, forderte ein Zimmer und sofort Waschwasser, und der Kellner, dem sein Auftreten imponierte, führte ihn in eins der schönsten Zimmer der sogenannten Bel-Etage. In kaum zehn Minuten war die Toilette beendet, und er fragte den Kellner, was er für die Benutzung des Zimmers schulde. »Einen Taler,« erwiderte der Kellner kaltblütig. Ingrimmig warf der angehende Kaufmann einen Taler hin und ging. Er kam nun zu dem ersten, ihm empfohlenen Kaufmann und brachte sein Anliegen vor. Man bedauerte, keinen Gebrauch davon machen zu können, und er ging ein Haus weiter. Hier erhielt er dieselbe Antwort. Im dritten Hause hatte man keine Zeit und ließ ihm sagen, er solle nach der Messe wiederkommen; und ähnliche Antworten bekam er überall zu hören. Außer sich darüber, daß er so an allen Plätzen abgewiesen worden war, rannte er wie toll durch die Budenreihen und stieß unversehens an einen frei zur Schau ausgehängten Glaskronleuchter. Dieser stürzte zur Erde und zersplitterte in tausend Scherben. Man hielt natürlich den Unglücksvogel, den das Pech heute zu verfolgen schien, fest, und er mußte abermals seinen Beutel ziehen, um sein Geld für etwas auszugeben, was ihm doch keinen reellen Nutzen brachte. Verdrießlich sah er, daß in Leipzig jetzt nichts für ihn zu machen war, und beschloß deshalb, den Rest seines Geldes, das nur noch aus wenigen Talern bestand, zur Heimreise zu benutzen. Er ging auf die Post, löste sich ein Billett und erfuhr zu seiner Freude, daß noch am Abend dieses unheilvollen Tages ein Wagen nach seiner geliebten Vaterstadt zurückführe. Da er den ganzen Tag nichts gegessen hatte, so kaufte er sich im ersten besten Fleischerladen ein gehöriges Stück Wurst, das er heißhungrig im Auf- und Abgehen verzehrte. Die Abfahrtszeit rückte heran, er stieg in den Postwagen, und bald darauf blies des Schwagers Horn zur Fahrt. Wütend über alle Welt, wickelte er sich in seinen Mantel, dachte noch einmal an all das Malheur, was er heute gehabt hatte, und schlief endlich ein. Es mochte morgens um die Zeit des Kaffeetrinkens sein, als er trübe seine Augen aufschlug und einen neben sich sitzenden Reisenden mit der Frage anredete: »Na, das ist ja wohl endlich Weimar, dann habe ich noch vier Stunden bis zu meinem Ziel.« – »Sie irren sich, mein Herr!« antwortete sein Nachbar. »Die Stadt, in die wir einfahren, ist nicht Weimar, sondern Wittenberg.« – »Was?« fragte der zukünftige Großkaufmann mit einem Gesicht, das sichtlich länger wurde. »Ist dies denn nicht der Leipzig-Frankfurter Wagen?« – »Nein,« antworteten ihm mehrere Stimmen lachend, »dieser Wagen fährt nach Berlin.« Es blieb nun dem armen Teufel mit dem schmalen Beutelchen nichts anderes übrig, als zu Fuß wieder heim zu wandern, und zu Hause zu sehen, ob er nicht dort eine passende Stelle fand.   Der betrogene Handelsmann. Ein Rubel war in Rußland eine Silbermünze, ein Imperial aber ein Goldstück, das zehn Rubel ausmachte, und deshalb hatte sich ein schlauer Soldat in Moskau einen Plan gemacht, wie er auf dem Markt für einen Rubel einen Imperial bekommen sollte. In langen Reihen standen die Kaufläden, überall waren Leute, die handelten und kauften oder sich wenigstens die Waren ansahen. Da kam nun der Soldat mit seinem Rubel in der Hand auf den Jahrmarkt, ging von Stand zu Stand und fragte jeden Händler: »Wem gehört dieser Kaisertaler, dieser Rubel, gehört er Euch?« Einer, der ohnehin nicht viel Geld löste und lange zusah, dachte endlich: wenn dich dein Geld an die Finger brennt, die meinigen sind nicht so blöde. »Hierher, Musketier, der Rubel ist mein!« Der Soldat sagte: »Wenn Ihr mich nicht gerufen hättet, ich hätte Euch schwerlich gefunden unter der Menge.« Und er gab ihm den Rubel. Der Kaufmann betrachtete ihn hin und her und klingelte daran, ob er auch gut sei. Ja, er war gut, und er steckte ihn in die Tasche. »Seid so gut und gebt mir jetzt auch meinen Imperial«, sagte der Musketier. Der Kaufmann erwiderte: »Ich habe keinen Imperial von Euch, so bin ich Euch auch keinen schuldig. Da habt Ihr Euren einfältigen Rubel wieder, wenn Ihr nur Spaß machen wollt.« Aber der Musketier sagte: »Meinen zweifältigen Imperial gebt mir heraus, mein Spaß ist Ernst, und die Marktwache, die Polizei, wird zu finden sein.« Ein Wort gab das andere, das glimpfliche gab das trotzige, gab das schnöde, und es hängten sich an den Stand die Leute an, wie schwärmende Bienen an einen Korb. Auf einmal bohrte etwas wie ein Maulwurf durch die Menge. »Was geht hier vor?« fragte der Polizeisergeant, als er sich mit seinen Leuten Platz verschafft hatte. »Was geht vor? frage ich.« Der Krämer wußte wenig zu sagen, desto mehr aber der Musketier. Vor kaum einer Viertelstunde, erzählte er, habe er diesem Mann für einen Rubel abgekauft das und das. Als er ihn bezahlen wollte, habe er in allen Taschen kein Geld gefunden, nur einen doppelten Imperial, den ihm sein Pate geschenkt habe, als er gezogen worden. So habe er dem Kaufmann den Imperial als Unterpfand zurückgelassen, bis er den Rubel bringe, wie er nun mit dem Rubel zurückgekommen sei, habe er den rechten Kaufladen nicht mehr gefunden und an allen Ständen gefragt: »Wem bin ich einen Rubel schuldig?« Dieser aber habe gesagt, er sei derjenige, und sei's auch, und habe ihm auch den Rubel abgenommen, aber von dem Imperial wolle er nichts wissen. Als nun der Polizeisergeant die Umstehenden befragte, versicherten diese: ja, der Musketier habe an allen Ständen gefragt, wem der Rubel gehöre, und dieser da habe bekannt, er gehöre ihm, und habe ihn auch angenommen und daran geklingelt, ob er auch probat sei. Als der Polizeisergeant das hörte, gab er den Bescheid: »Habt Ihr Euren Rubel bekommen, so gebt dem Soldaten auch seinen Imperial zurück, oder man petschiert Euch Euren Stand mit Lattnägeln zusammen, und Ihr werdet zwischen Euren eigenen Brettern eingeschachtelt und eingeschindelt und könnt Ihr alsdann lang Hunger leiden, so könnt Ihr auch lang leben.« Das sagte der Anführer der Polizeiwache, und wer dem Soldaten für seinen Rubel einen Imperial herausgeben mußte, das war der Kaufmann. Johann Peter Hebel.   Der brave Kaufherr. Bei einem reichen Raufherrn in München war ein armer Packer in Dienst. Eines Tages trat der Packer in das Schreibzimmer des Kaufmanns und sagte: »Herr, ich habe ein großes Anliegen. Mein Weib ist volle acht Wochen krank gewesen, und der Doktor und Apotheker kosten Geld, Und das brauche ich jetzt nun. Geschenkt will ichs nicht, nur geliehen – so vier bis sechs Kronentaler.« Der Kaufherr sah ihn eine Weile an und sagte dann mit großer Ernsthaftigkeit: »Hansel, wer von mir Geld leihen will, der ist mein Feind oder will es werden.« Das verstand zwar der Packer nicht, aber soviel merkte er, daß der Kaufherr ihm kein Geld geben wollte. Also ging er, sich hinter den Ohren kratzend, wieder zur Türe hinaus. Als der Mann fort war, ließ der Kaufherr seinen Hausdiener kommen und sagte zu ihm: »Weißt du, wo der Hansel wohnt?« Der Hausdiener antwortete: »Ja, Herr, hinter den Sauställen, nicht weit von der Reiterkaserne.« – »Hier!« sagte der Herr, und er gab ihm acht Kronentaler. »Trags ihm ins Haus und gib es seiner Frau, und du brauchst eben nicht zu sagen, von wem es kommt. Hast du verstanden?« Der Hausdiener brachte richtig das Geld an seinen Ort und sagte nicht, von wem es komme, sondern nur, er sei der und der und diene bei dem und dem. Und also wußte der Packer, als ihm die Frau den Hergang erzählte, wie er dran war. Und des andern Tags an einem Sonntag kam er mitsamt dem Weibe zum Kaufherrn und sagte: »Herr, wir kommen soeben aus der Kirche, und – – Gott vergelts Euch tausendmal!« Mehr sagte er nicht. Der Kaufherr nahm den Wechsel auf unsern Herrgott in Empfang, und dieser zahlte es ihm auch reichlich an Gut und Ehre und an seinen vielen, lieben Enkeln. Ludwig Aurbachers Volksbüchlein.   Rechnung und Gegenrechnung. Ein Mann aus Mecklenburg, der einen ganz ungewöhnlich riesigen Ochsen besaß, zog mit dem Tier nach Berlin, um ihn dort als Sehenswürdigkeit öffentlich zur Schau zu stellen. Er mietete einen Stall, ließ am Eingang große Plakate anbringen und lud gegen eine Gebühr von 2½ Silbergroschen zum allgemeinen Eintritt ein. Nun gehörte der Stall, wie das daneben liegende Haus, einem Rentner, der nichts zu tun hatte und daher oft in Verlegenheit war, wie er seine Zeit totschlagen sollte. Wenn er sich langweilte, was fast immer der Fall war, so machte er sich oft das Vergnügen, in den Stall zu, spazieren und seinen vierbeinigen Schlafburschen zu besehen, natürlich ohne das festgesetzte Eintrittsgeld zu bezahlen. Diese Zudringlichkeit des Hauseigentümers ärgerte den Ochsenbesitzer, und er macht verschiedentlich seine Anspielungen auf das nicht gezahlte Entree, ohne daß aber der in solchen Dingen dickfellige Hausherr darauf irgendwie reagierte oder sie überhaupt nur verstand. Da brachte eines Morgens der Briefträger dem fleißigen Ochsenbesucher einen Brief, und zwar einen unfrankierten – eine Unfreiheit, von der der reiche Mann kein Freund war. Aber der Briefträger meinte, unfrankierte Briefe kämen auch vor, man wüßte nicht, was für eine frohe Nachricht darinstände, und ein Silbergroschen sei ja schließlich keine Million, von diesem Zureden aufgemuntert, nahm der Rentier den Brief an und gab dem Briefträger einen Silbergroschen, da der Mann von der Post merkwürdigerweise nicht mit sich handeln lassen wollte. Der Brief zeigte nach dem Aufbrechen keinerlei Unterschrift und lautete im übrigen folgendermaßen: »Hausbesitzer, hüte dich und den Ochsen, denn der Herr desselben geht damit um, sich und ihn aus dem Staube Berlins zu machen, ohne die Miete für den Schauplatz zu bezahlen, was dir als Stallmeister durchaus nicht gleichgültig sein kann.« »Gut, daß ich das weiß«, dachte der Gewarnte, und hatte er bis dahin seinem riesigen Stallbewohner schon häufig Besuche gemacht, so besuchte er ihn nun fast stündlich und schien sich an dem Ochsen gar nicht satt sehen zu können. Und siehe da, acht Tage später will es dem noch immer auf der Hut befindlichen Schlaukopf scheinen, als ob der ochsige Mieter wirklich Anstalten zur Abreise treffe. Ohne sich lange zu bedenken, sagte er es ihm auf den Kopf zu und traf damit den Nagel auf den Kopf. »Morgen wollen Sie abreisen, Ich bin aber Geschäftsmann, erst die Miete bezahlen für den Stall!« – »Holen Sie die Rechnung!« sagte der überrumpelte Ochsenbesitzer. Der Hausherr lachte vor sich hin, die Rechnung hatte er schon in der Tasche: »Hier ist sie!« meinte er. – »Schön!« erwiderte der andere, »dann können wir's ja gleich abmachen. Vierzehn Taler bin ich Ihnen schuldig für die Miete, dagegen schulden Sie mir – –« »Halt!« unterbrach ihn der Hausherr, »Ich Ihnen etwas schuldig?« – »Nun ja, 30 Taler, 7 Groschen, 6 Pfennige Eintrittsgeld für 363malige Besichtigung meines Ochsen. Freier Eintritt – das steht ausdrücklich draußen angeschlagen – ist unter keinen Umständen gestattet.« Natürlich fiel der Besucher des Ochsen 363mal aus den Wolken, raffte sich wütend empor, rannte zum Bezirkskommissar und verlangte Schutz und Schutzmannschaft. Aber der Kommissar sagte achselzuckend: »Lieber Mann, in Anbetracht, daß der Ochse laut öffentlicher Anzeige nur für Geld zu sehen war, müssen Sie so gut wie jeder andere den Eintritt bezahlen!« Hiermit nicht zufrieden, lief der Rentner zu seinem Rechtsanwalt, wo er dieselbe Antwort erhielt, nur mit dem Unterschiede, daß er für die Konsultation noch 1 Taler, 10 Silbergroschen bezahlen mußte. Als er dann die Gegenforderung des Ochsenbesitzers bezahlt hatte, tröstete ihn dieser damit, daß er ihm ins Ohr sagte: »Wissen Sie was? Um zu Ihrem Schaden zu kommen, halten Sie sich an den Schreiber jenes anonymen Briefes.«   Ein Juwelengeschäft. In dem glänzend eingerichteten Salon der verführerischen Künstlerin saß der Baron von Salten, ein junger und reicher Kavalier. Ida, so hieß die Schauspielerin, lehnte sich mit unnachahmlicher Grazie und schmachtender Anmut in den seidenüberzogenen Sessel zurück. Ihr feuriges Auge verschleierte sich, ein schmerzvoller Zug zitterte über ihr Gesicht und ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust. »Ida, Sie sind unglücklich!« sagte der Baron bewegt. »Oh!« rief die Künstlerin und trocknete mit ihrem feinen Spitzentaschentuch eine Träne, welche gar nicht vorhanden war. »Seien Sie aufrichtig!« flehte der zärtliche Freund, »vertrauen Sie mir Ihren Kummer an. Kann ich Ihnen helfen?« »Ja,« hauchte Ida, kaum vernehmbar. »So sagen Sie mir, was Ihnen fehlt!« »Ein Schmuck!« »Ein Schmuck?« »O, ein Schmuck, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Mein Juwelier hat ihn für eine Gräfin angefertigt, die aber plötzlich abreisen und ihn zurücklassen mußte. Ich bin unglücklich, wenn ich diesen Schmuck nicht besitzen kann. Er raubt mir den Schlaf und verdirbt mir den Appetit. Immerwährend schwebt er vor meinen Augen und läßt mir keine Ruhe. Ich fiebre, wenn ich daran denke, und bekomme Kopfschmerzen. Fühlen Sie meine Stirn und wie mein Herz pocht.« Sie führte die Hand des Barons nach ihrer heißen Stirn und nach ihrem klopfenden Herzen. Das war zu viel. Er stürzte aus dem Salon in seinen Wagen und fuhr zum Juwelier. Dort ließ er sich den bewußten Schmuck zeigen. »Was soll er kosten?« fragte er. »Tausend Taler. Weil Sie es aber sind, und ich mir schon längst den Herrn Baron als Kunden gewünscht habe, so sollen Sie ihn für achthundert erhalten.« »Mehr als sechshundert gebe ich nicht.« »Unmöglich!« beteuerte der Juwelier, »So viel kosten mich die Steine allein, wo bleibt da das Gold und die Arbeit? Sehen Sie selbst, überzeugen Sie sich.« Der Baron ließ sich aber nicht überreden und blieb bei seinem ersten Gebot, ebensowenig gab der Juwelier nach. »Ich will es mir noch überlegen,« sagte endlich der Käufer, »Morgen komme ich wieder. Bis dahin bitte ich Sie den Schmuck nicht aus der Hand zu geben.« Der Juwelier versprach, den Willen des Herrn Baron zu tun und begleitete ihn bis an den Wagen. An demselben Tag erschien die reizende Ida in dem Laden des Juweliers. Ihre Ungeduld hatte sie hergetrieben, und sie erkundigte sich, ob der Baron den Schmuck genommen habe. Der Kaufmann erzählte ihr, wie die Angelegenheit stehe. »Lassen Sie dem Baron den Schmuck für sechshundert Taler«, sagte die Schauspielerin entschlossen. »Und damit Sie keinen Schaden haben, hier sind die fehlenden zweihundert Taler, ich bezahle sie.« Der Juwelier strich lächelnd das Geld ein und empfahl sich seiner liebenswürdigen Kundin. Am nächsten Morgen erschien der Baron wieder bei dem Juwelier, um aufs neue um den Schmuck zu handeln. Zu seinem Erstaunen fand er den Geschäftsinhaber diesmal viel nachgiebiger. »Ich habe mir die Sache nochmal überlegt«, rief dieser ihm schon beim Eintreten entgegen. »Sie sollen den Schmuck für sechshundert Taler haben. Ich verkaufe ihn mit Schaden, nur um mit dem Herrn Baron ein Geschäft zu machen. Ich bin fest davon überzeugt, daß Sie von nun an mein Kunde sein werden.« Der Baron machte ein hocherfreutes Gesicht, zahlte die sechshundert Taler und entfernte sich mit dem erkauften Schmuck. Der kluge Juwelier lächelte. Unterwegs warf der Baron einen Blick auf die funkelnden Steine, die herrliche Arbeit. Allerlei Gedanken bestürmten sein Herz. Er dachte unwillkürlich an seine junge Frau. Der Baron war verheiratet. Seine Gattin war schön, liebenswürdig und bescheiden. Sie hatte nie einen Schmuck von ihm verlangt, der sechshundert Taler kostete. Das alles fiel ihm jetzt ein. Seine Zärtlichkeit erwachte, und die Reue kehrte in seine Brust ein. Er fühlte, daß er seine Frau noch immer liebte, daß ihn zu Ida nur eine vorübergehende Laune, die Mode des Tages und die Schwäche des Augenblicks hingezogen hatte, vor seiner Phantasie stand in diesem Augenblick seine eigene Frau unendlich schöner, bezaubernder, als ihm je die kokette Künstlerin vorgekommen war. Er schmückte in Gedanken schon den weißen Hals mit dem strahlenden Gehänge, den feinen Arm mit dem prächtigen Armband. »Ich muß sie sehen!« sagte er zu sich. Dem Kutscher, der nach der Wohnung der Schauspielerin fuhr, gab er den Befehl, umzuwenden und nach Hause zurückzukehren. Er fand seine Gattin mit einem Buche in der Hand, ganz vertieft im Lesen. Leise schlich er sich heran und küßte sie auf die Stirn. »Agnes,« rief er der Überraschten zu, »ich bringe dir eine Kleinigkeit, die ich dir längst schon zugedacht habe. Dein alter Schmuck gefällt mir nicht, dafür habe ich dir diesen neuen ausgesucht.« Er öffnete das Etui und weidete sich an ihrem Erstaunen, an ihrer Freude. Sie war an solche Aufmerksamkeit von seiner Seite nicht gewöhnt. Er hatte sie wirklich in der letzten Zeit etwas vernachlässigt. Dieser unerwartete Beweis seiner Liebe entpreßte ihr Tränen, die schöner glänzten als die Perlen des Schmucks. Voll Dank sank sie an seine Brust. Ida aber hatte Grund, ihr Schicksal anzuklagen. Nicht nur war ihr der schöne Schmuck entgangen – auch die zweihundert Taler hatte sie in barem Gelde eingebüßt. (Aus einer Zeitschrift, Mitte 19. Jahrhundert.)   Unheimliche Gäste. Auf einer Eisenbahnreise hatten sich vier lustige Herren zusammengefunden, die schon allerlei im Leben durchgemacht hatten, denn dem einen fehlte ein Bein, und er trug eins aus Leder und Kork, der andere besaß ein Glasauge, und der dritte hatte wenigstens ein künstliches Gebiß, während an dem vierten weiter nichts auffiel, als daß er stotterte. Da die vier das gleiche Reiseziel, ein kleines Landstädtchen, hatten, so kehrten sie auch gemeinsam in einem Gasthof ein, wo sie lustig zu zechen begannen und sich vor allem über den Hausdiener lustig machten, der ein absonderlich beschränktes Gesicht besaß. Nach dem Abendessen riefen sie diesen Hausknecht, er solle mit auf ihr Zimmer kommen und ihnen bei ihren Sachen helfen. »Lieber Freund,« sagte der erste zu ihm, »nehmen Sie mir doch bitte die Zähne aus dem Mund, ich kann nämlich mit den Zähnen nicht schlafen!« Der Hausknecht, der aus einem kleinen Dorfe stammte und noch nie etwas von einem künstlichen Gebiß gehört hatte, griff auf Verlangen des Reisenden schüchtern nach dessen Vorderzähnen und wäre fast vor Schreck auf den Rücken gefallen, als er gleich darauf das ganze Gebiß in den Händen hielt. »Und mir nehmen Sie bitte ein Auge heraus«, sagte der zweite. »Ich kann nämlich nur mit einem Auge schlafen!« Damit winkte er den Erschrockenen heran, gebot ihm ein Augenlid in die Höhe zu ziehen, und das Auge rollte in die zitternd untergehaltene Hand. »Und mir«, gebot jetzt der dritte, »ziehen Sie bitte ein Bein aus, ich kann nämlich nur mit einem Bein schlafen!« Der Hausknecht wäre jetzt am liebsten davongelaufen, denn die Gäste wurden ihm immer unheimlicher. Aber der dritte der Reisenden hatte sich schon in einen Sessel gesetzt und hielt ihm ein Bein entgegen. Vorsichtig zog er an dem hingehaltenen Fuß und hielt gleich darauf wirklich das sehr gut gearbeitete Bein in den Händen, das er natürlich keineswegs als ein künstliches erkannte. Ehe er aber auch nur halbwegs zur Besinnung kam, hatte sich der vierte Reisende hingesetzt und rief ihm zu: »Ne–ne–nehmen Sie mi–mi–mir meinen Kopf ab! Ich ka–ka–kann nur ohne Ko–ko–kopf schlafen!« Dabei begann er so heftig mit dem Kopf zu wackeln, daß es wirklich aussah, als hinge der Kopf nur ganz lose mit dem übrigen Körper zusammen. Dies war dem tapferen Hausknecht aber doch zu viel, und indem er das verhexte Bein weit von sich warf, stürzte er sich, wie wahnsinnig um Hilfe rufend, zur Tür hinaus und die Treppe hinab, so daß nicht viel fehlte, und er hätte von da ab selbst Zähne, Auge und Bein ablegen können. Für diesmal kam er aber noch mit einigen blauen Flecken an Gesicht und Körper davon. Wimmernd verkroch er sich, und bis nach der Abreise der vier Unheimlichen bekam ihn kein Mensch im ganzen Hause zu Gesicht. Auch späterhin schwur er Stein und Bein, daß diese vier keine ehrlichen Reisenden, sondern boshafte Kobolde gewesen wären. (Mitte 19. Jahrhundert.)   Der geprellte Ladenbesitzer. Über eine der vornehmsten Geschäftsstraßen Londons ging ein anscheinend vom Lande stammender Mann, der eine schwere Last auf seinem Rücken trug. Unmittelbar vor einem glänzenden Laden stolperte er und fiel so ungeschickt gegen eine große Spiegelscheibe des Auslagefensters, daß sie in tausend Stücke zersprang. Der Besitzer des Ladens hielt natürlich den Ungeschickten fest, denn der Schaden betrug wohl 30 Pfund. Aber der Bauer entschuldigte sich mit Tränen in den Augen, er habe keine Schuld, und außerdem besitze er wirklich keinen Pfennig Geld. Zwei Herren, die Zeugen des Vorfalles gewesen waren, traten nun hinzu und behaupteten, der Mann habe sich ganz leichtfertig benommen, und man sollte doch einmal nachsehen, ob dieser angebliche Biedermann wirklich kein Geld bei sich hätte. Das geschah nun auch, und man fand bei dem Bauer ein Bankbillett von 50 Pfund Sterling, worauf der unglückliche Bauer mit tausend Eiden schwor, das Geld gehöre ihm gar nicht, sondern seinem Herrn. »Setzen Sie sich mit Ihrem Herrn nach Belieben auseinander!« sagte der Ladenbesitzer und nahm die Banknote an sich, indem er dem Bauer 20 Pfund in Bargeld herausgab. Heulend ging der Bauer davon und schwor, er würde sich an die Polizei wenden. Auch die beiden freundlichen Herren verschwanden, und erst, als es zu spät war, merkte der Ladenbesitzer, daß die 50 Pfundnote gefälscht war, daß die beiden Herren wahrscheinlich Helfershelfer des Gauners waren. Aber er hatte nun den doppelten Schaden, daß er zu seiner zerbrochenen Spiegelscheibe noch 20 Pfund hinzugezahlt hatte. (Mitte 19. Jahrhundert.)   Wie ein reisender Kaufmann einen Wasunger Streich kennenlernte. Einst kehrte ein reisender Kaufmann in ein Wirtshaus zu Wasungen ein, allda zu übernachten. Er hatte viel gehört von den Wasunger Streichen, und da er ein übermütiger Geselle war, machte er sich lustig beim Wirt und sagte spöttisch: »Ich möchte doch auch einmal einen Wasunger Streich sehen, könnt Ihr mir keinen machen, Herr Wirt?« – »Ei, warum denn nicht,« antwortete dieser, »das kann wohl geschehen, harret nur.« Nach einer Weile wollte der Gast sich's bequem machen, rief den Wirt und sprach: »Die Stiefel sind mir zu schwer an den Füßen, wollt Ihr mir nicht ein paar Pantoffel dafür geben?« – »Sehr wohl!« sprach der Wirt. Der Fremde zog die Stiefel aus, der Wirt trug sie beiseite und schickte kurz darauf die Pantoffel. Am andern Morgen wollte der Reisende auf seine Geschäfte weiterreisen und begehrte seine Stiefel. Sieh, da brachte der Wirt ein Paar Schäfte, von denen die Schuhe abgeschnitten waren. »Was ist das? Was soll das heißen?« fragte der Reisende. »Wo sind die unteren Teile?« – »Ei, die habt Ihr an den Füßen«, antwortete der Wirt. »Ihr wolltet statt der Stiefel ein Paar Pantoffel, da haben wir die Schäfte abgeschnitten und aus dem übrigen Pantoffel gemacht, die habt ihr nun, und den Wasunger Streich, den ihr begehrtet, obendrein.« Daran mußte der Reisende sich genügen lassen und soll seitdem keinen Wasunger Streich wieder verlangt haben. (Anfang 19. Jahrhundert.)   Bestrafter Geiz. Ein Kaufmann in Griechenland kam von einer großen Reise zurück und beauftragte einen Träger, seine Koffer und Kisten ans Land zu tragen. Der Träger fragte den Kaufmann, wieviel er ihm für die Arbeit geben würde, worauf ihm dieser antwortete: »Drei Piaster!« Hiermit war der Träger zufrieden und begann, die Sachen ans Land zu tragen. Bei der letzten und allerkostbarsten Kiste, die mit reichem und kostbaren japanischen und arabischen Porzellangeschirr und Tassen gefüllt war, machte der Kaufmann dem Träger den Vorschlag, ob er nicht von ihm statt der drei schuldigen Piaster drei gute Ratschläge annehmen wolle. Der Geiz des reichen Kaufmanns ärgerte den Lastträger und, auf Arges sinnend, willigte er anscheinend gleichmütig in den gemachten Vorschlag ein. Der Kaufmann sagte nun folgendes: »Erstens, wenn dir jemand sagt, daß ein reicher und vornehmer Kaufmann besser dran sei, als ein bankrotter und armer Kaufmann, dann glaube ihm nicht; zweitens, wenn dir jemand sagt, daß einer, der sich satt gegessen hat, besser und glücklicher dran sei als einer, der hungrig ist, so glaube ihm nicht; und drittens, wenn dir jemand sagt, daß einer, der auf der Landstraße reitet, glücklicher und besser dran sei als einer, der zu Fuß geht, so glaube ihm nicht.« Der Träger, der schwieg und zufrieden zu sein schien, warf jetzt die Kiste mit dem kostbaren Inhalt eine Böschung hinunter auf den harten Steinboden und sagte dann zu dem verzweifelten Kaufmann: »Wenn dir jemand sagt, daß in dieser Kiste noch ein einziges Stück Porzellan ganz ist, so glaube ihm nicht.« (Anfang 19. Jahrhundert.)   Der zerstreute Torfhändler. Der alte Mendel in Hamburg war ein ganz grundehrlicher und betriebsamer Mensch, der nur, und merkwürdigerweise immer beim Geschäft, ein etwas schwaches Gedächtnis hatte. Sein Geschäft war der Verkauf von Torf, und dabei unterhielt er sich immer so angelegentlich mit den Kunden, daß er sich oft in der Zahl der Torfstücke verzählte – aber natürlich nie zu seinem Nachteil. Täglich sah man ihn mit seinem Wägelchen, vor das er sich selbst als Zugtier spannte, durch die Straßen Hamburgs ziehen, und dabei hörte man seinen lauten Ruf: »Torf, schweren Ostner Torf!« Madame Samson: »Mendelche, was kost't der Torf, is er gut?« Mendel: »Sehr braven, guten Ostner Torf, Madammchen! Brennt wie ein Licht und gibt 'ne Hitz', daß mer de Fenster un de Türen uffmachen muß – zehn Soden einen Schilling!« Madame Samson: »Zählen Se mal hundert Soden ab!« Mendel: »Gut, Madamm! (zählt) Euns, zweu, dreu, vür, finnef, sechs, sibben, achte, neine, zöhn – (hält inne) – Sagen Se, Madammchen, Ihren Sohn begegn' ich oftermalen! En scheener Mensch! Er geht wohl uffs Gemnasium? Er muß schon in Quarta sein, denk' ich?« Madame Samson: »Quarta? Wie heißt Quarta? Er is bei Salomon Rendsburg selige Witwe und Sohne auf's Kontor, als Volangtör und kriegt zweihundert Mark Gehalt!« Mendel: »Zweuhundert Mark? Wie alt is er denn?« Madame Samson: »Zu Ostern wird er siebzehn Jahr.« Mendel: »Sibbezöhn? Und schon Gehalt? (zählt weiter) Achtzöhn, neinzöhn, zwanzick, eunundzwanzick, zweuundzwanzick (hält inne). Nu, Madamm, was macht Ihre Tochter Estherchen, die in Berlin verheirat' is?« Madame Samson: »Ich danke, gesund und munter, se kommt nächstens mit ihre zwei Jungens zu Besuch!« Mendel: »Familie hat se auch schon? Wie die Zeit vergeht – warten Se, jetzt besinn' ich mich – geheiratet hat se an einem Tag mit Henschel seine ältste Tochter – se muß jetzt sein –« Madame Samson: »Vierunddreißig Jahr unbeschriggen!« Mendel: »Merkwördich! Vürunddreißick (zählt) fünfunddreißick, sechsunddreißick, sibbenunddreißick (hält inne). Daß Se schon Großmutter sind, seht mer Ihnen auch net an, Madammche! Ich kenn' Ihnen noch als Mädchen –« Madame Samson: »Mer werden alt, Mendelchen! Ich leid' an de Gicht und lauter solche Sachen! Wenn mer erst fünfundfuffzick geworden ist!« Mendel: »Fünfundfuffzick? Sieht mer Ihne nich an! Höchstens fünfundverzich, (zählt) sechsundverzich, sibbenundverzich, achtundverzich, neinundverzich (hält an). Ich werr auch schon schwach. Bei Ihnen, Madame, liegt es in der Familie! Ihre Mutter muß doch auch 'ne hohe Sibbenzigerin geworde sein.« Madame Samson: »Teischung, Mendelche, Teischung! Meine Mutter selig is geworden grade dreiundachtzick!« Mendel: »Dreiundachtzick – das erleb' ich nich, (zählt) vierundachtzick, fünfundachtzick, sechsundachtzick (hält inne). Un Ihr seliger Vater?« Madame Samson: »Der wäre ietzt vierundneunzick!« Mendel: »Vierundneunzick? Merkwördich! (zählt) Finnefundneunzick, sechsundneunzick, sibbenundneunzick, achtundneunzick, neunundneunzick, hundert! So, hier haben Se noch zwei Soden zu!« Madame Samson: »Hier is es Geld, (ruft) Merrie! Brenge se den Torf rein!« Mendel: »Verbrauchen Se ihn gesund! (fährt weiter und ruft) Torf! Ostner Torf! Schweeren Torf!« (Mitte 19. Jahrhundert.)   De Mann ut'n Paradies. Dar is mal 'n Burfru weß. 'n ol wWitfru, de is so dumm weß. Nu kümmt dar mal 'n Reisen bi ehr an un bidd't. Do fragt se em, wo he her kümmt. Ja, he kümmt ut Paris, secht he. »Ut'n Paradies?« »Ja, ut'n Paradies.« »Och,« secht se, »denn hett He min'n ol'n Mann dar uk sachs sehn?« »Ja wull, lütt Fru,« secht he, »dar heff ik noch mit snakt, as ick weg gahn dö« »So?« secht se, »Na, wo geiht em dat dar denn?« »Och, Gott,« secht he, »dat geiht em dar hel legg'. De ol Mann mutt Swin höden un hett nicks mehr um un an. Sin Schoh, de sünd so twei – he geiht so te segg'n barft in 'ne Stoppeln.« »Och, du lewer Gott, ja! – Reist He dar noch wedder hen?« »Ja,« secht he, »ick heff hier blot n' beten to dön; nachher reis' ik dar wedder na tö.« »Och, min göd' Mann,« secht se, »denn kunn He je so göt wesen un nehm'n min'n ol'n Mann 'n beten mit.« »Ja wul, lütt Fru,« secht he, »dat will ick gern don.« Do gift se em ehr'n Mann sin sünndag's Tüg mit, 'n ganzen Antog, vun Enn' to Wenn'n mit Höt un Stewelhn, un gift em föfti Daler mit, un denn noch 'n Swinsschinken vun 'n verti Pund, dat he uk wat to leben hett, ehr ol Mann, Un de Kerl geiht dar se mit af. As he 'n lütt Flach weg is, do röppt se em na: »O, min göd Mann,« secht se, »kik He sik noch mal um, dat ik Em wedder kenn'n dö, wenn ik Em mal wedder to sehn krieg'« He ritt gaug' de Büx vun 'n N., un do hölt he ehr den bard'n N. so hen. »Sieh so,« secht se, »nu gah He man los. Bret vun Gesich un lang vun Nes! Nu will ik Em wul wedder kenn'n.« Naher – dat ward je Meddag –, do kümmt de Söhn to Hus vun 'n Plögen. »Och, Gott, min Söhn,« secht se, »min beß Hans, hier is en weß, de hett mi'n Gruß bröcht vun din'n ol'n Vadder, Den' geiht dat dar so truri: he mutt Swin höden un hett nicks mehr um un an.« »Mudder,« secht de Söhn, »Se hett den Kerl doch niks mitgeben?« »Gott, ja, min Söhn,« secht se, »ik heff em Vadder din'n sunndagßen Antog mitgeben, un denn 'n par Schilling Geld un'n beten to leben.« »Klas,« secht de Söhn, »sadel mi mal geug' den Appelschimmel, den Kerl will ik na.« Na, de Knecht, de sadelt em den Schimmel, un dunn he den Kerl je na. De Reisen, as de dat wahr ward, dat en in vull'n Sprüng'n achter em an Klebuddern kümmt, do markt he je Unrat. He gaug' dör 'n Knick hendör, un dat na dat hog' Körn herin. De anner, de binn't sin'n Schimmel dar an, an'n Busch, un dunn den Kerl na. De dreiht sik kort op 'e Haken herum in dat Körn, dumm wedder dör 'n Knick hendör, in dat na den Schimmel rop, un dunn – heß 'n ne, so krichs 'n doch – mit den Schimmel weg, as wenn de Döwel achter em is. Na, de anner, de hört dat Klebuddern je, dat de Kerl mit den Schimmel utrackt, awer do is't je to lat. Wa' binn'nhol'n kann he em je ne mehr. Do gruwelt he sik ut, wat he segg'n will, wenn he bi de Olsch in'n Hus' kümmt. Als he bi ehr kam'n deit in'n Hus, »Na, min Söhn,« secht se, »wo 's't word'n?« »Ja, Mudder,« secht he, »ick heff em den Schimmel uk noch mitgeben.« »Dar heß do Gotts Lohn an verdent, min Söhn«, secht de lsch. »Nu brukt heje nich to Föt to gahn, din ol Vadder, nu kann he sin Swin je nariden.« – Aus: Plattdeutsche Volksmärchen. Verlag Eugen Diederichs, Jena.   Waren, die es in keinem Kaufmannsladen gibt. Ein hoher Turm von brauner Butter; Ein Kuß, gefaßt in Perlemutter; Ein Windhund ohne Kopf und Bein; Fünf Säcke frischer Mondenschein; Eine ganz viereckige Seifenblase; Ein Floh mit einer römischen Nase; Eine Uhr, die stets auf dreizehn weist; Ein Lamm, das einen Wolf zerreißt.   Der Kaufmann und die Liebe. Warum, so schrieb einmal der witzige wiener Humorist Saphir, entschließt sich manchmal ein Mädchen so schwer zu einer Heirat mit einem Kaufmann? Natürlich darum, weil der Kaufmann ein Geldmensch ist, das heißt ein Mensch, der nach Geld sucht. Die Frauen lieben aber die Männer nicht, die erst viel nach Geld suchen, sondern diejenigen, die schon viel Geld haben. Der Kaufmann setzt einen Artikel, wenn er alt wird, im Preise herunter; eine Frau aber, wenn sie alt wird, will immer mehr gelten! Ein Kaufmann ist ein Mann, der kauft und verkauft, die Frauen wollen aber nicht ge- noch ver kauft werden, sondern sie wollen ewig geliebt und behalten sein, und darin haben sie recht.   Vaterunser eines Kaufmanns. (Nach einer alten Chronik.) Vater unser, der du bist in dem Himmel, der Markt, rückt heran; ich muß Anstalten treffen, geheiligt werde dein Name; wo soll ich jetzt einkehren? Mein voriger Wirt ist gestorben; zu uns komme dein Reich, er war ein guter Kerl. Wir haben manche Flasche zusammen geleert, dein Wille geschehe, wie im Himmel, in der blauen Traube soll man gut essen und trinken; also auch auf Erden, es kommt auf eine Probe an; gib uns heute unser tägliches Brot; wenn ich nur könnte die zwei Stücke Seidenzeug an den Mann bringen; und vergib uns unsere Schuld; zu Meßgewändern sind sie gut genug; wie wir vergeben unsern Schuldnern; aber für Frauenzimmer sind sie aus der Mode; führe uns nicht in Versuchung; für die Kirche ist alles gut; sondern erlöse uns von allem Übel, der Pfaff macht heute lange; Amen, sie warten gewiß mit dem Essen, und ich komme zu spät zum Kegeln. Reinfälle Ja, auch die Kaufmannslist wächst nicht in den Himmel. Oft genug wird der Kaufmann trotz aller List seinen Meister finden. Und zwar geschieht es gewöhnlich dem überschlauen Kaufmann, vor allem aber muß bei einem Wettstreit zweier wirklich ›geriebener‹ Kaufherren schließlich einer letzten Endes der Reingefallene sein – wie das die köstliche Geschichte von den beiden Amsterdamer Kaufleuten erzählt. Sie wollen einander selbst bei der Morgengabe für ihre sich heiratenden Kinder übertölpeln. Daß nicht alle Kaufmannslist in den Himmel wächst, sondern manchmal mit einem vergnügenden Reinfall endigt, gibt eine Gewißheit von wenigstens manchmal wirksamer irdischer Gerechtigkeit, So erheitern die Kaufleute sich und uns mit ihren Geschichten von den Reinfällen. Karrikatur: Daumier   Der überschlaue Kaufmann. Ein Kaufmann hatte einen Beutel mit 800 Gulden verloren und ließ öffentlich verkünden, daß er dem Finder, der ihm den Beutel wiederbrächte, 100 Gulden Belohnung geben werde. Ein armer, aber ehrlicher Mann, der den Beutel fand, trug ihn zu dem Kaufmann in den Gasthof, wo dieser wohnte. Der Kaufmann freute sich sehr, als er seinen Beutel wieder sah, dachte aber sofort daran, wie er wohl den Finder um die versprochene Belohnung bringen könnte. Er zählte also den Inhalt durch, warf dann dem armen Mann fünf Gulden auf den Tisch und sagte: »Hier geb' ich Euch noch fünf Gulden. Die hundert Gulden Belohnung habt Ihr Euch ja, wie ich sehe, schon herausgenommen, denn er enthielt neunhundert Gulden, Das war recht von Euch!« Der Finder war keineswegs auf die hundert Gulden so erpicht, obgleich er sie gut gebrauchen konnte. Aber es ärgerte ihn, daß ihm der andere eine Unredlichkeit vorwarf, und er bestand auf seinem Recht, bis sie dann endlich beide zum Gericht gingen. Der Richter, der den ganzen Sachverhalt wohl durchschaute, ließ sich von dem Kaufmann schwören, daß 900 Gulden in dem Beutel gewesen wären, und dann von dem Finder, daß der gefundene Beutel nur 800 Gulden enthalten habe. Hierauf gab er folgendes Urteil ab: »Da jeder der beiden die Wahrheit durch einen Eid bekräftigt hat, so ist der gefundene Beutel offenbar nicht derselbe, der verloren wurde. Der Kaufmann muß daher warten, bis jemand einen Beutel mit 900 Gulden findet, der andere aber kann den Beutel mit den 800 Gulden ruhig behalten, bis sich jemand findet, der ihm nachweist, daß er einen mit 800 Gulden verloren hat.« So geschah es, und der allzu schlaue Kaufmann mußte mit langer Nase abziehen.   Der geprellte Kaufmann. Eine in Gaunerstücken wohlbewanderte Frau ging eines Tages zu einem Wundarzt und sagte ihm, sie würde ihm unter einem Vorwand ihren Neffen schicken, der zu Zeiten nicht recht bei Sinnen wäre. Der Hausarzt hätte ihm einen Aderlaß verordnet, aber sie könne ihn nicht dazu bringen. Man solle ihn daher, wenn er sich sträube, eventuell mit Gewalt zur Ader lassen. Dann gab sie dem Wundarzt einen falschen Namen an und sagte, sie würde das Honorar sofort bezahlen. Vom Wundarzt ging sie zu einem Kaufmann, der mit seidenen Stoffen handelte, suchte sich einige Stücke aus, zog ihre Börse und tat, als habe sie nicht genug Geld eingesteckt. »Mein Herr,« sagte sie zu dem Kaufmann, »wollen Sie wohl so gut sein und einen von Ihren Leuten mit mir schicken?« – »Sehr gern, Madame«, antwortete er. Er befahl also einem seiner Lehrlinge, die ausgesuchten und eingepackten Stoffe zu nehmen und die Dame zu ihrer Wohnung zu begleiten. Die Dame ging aber mit dem Lehrling zum Wundarzt. Als sie an dessen Haus angekommen war, sagte sie zu dem Lehrling, er solle einen Augenblick warten, sie hole sich den Schlüssel zu ihrem Zimmer. Hierauf trat sie in die Stube des Wundarztes und sagte zu ihm: »Mein Herr, mein Neffe steht draußen vor der Tür. Tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe!« Dann trat sie wieder auf die Straße, winkte den jungen Mann herbei und sagte: »Mein Freund, gib mir die Stoffe und gehe in dieses Zimmer, dort wirst du die Bezahlung erhalten.« Der Lehrling ging hinein, und die Gaunerin machte sich durch eine Hintertür aus dem Hause hinaus. Kaum war der junge Mensch in das Zimmer getreten, da befahl ihm sogleich der Wundarzt, sich zu setzen, »Ich bin nicht müde!« antwortete er. – »Sie müssen sich setzen!« – »Wie, mein Herr, ich muß?« – »Das versteht sich von selbst, wie kann ich Sie sonst zur Ader lassen?« – »Sie irren sich, mein Herr, ich will nicht zur Ader gelassen werden, ich will Bezahlung haben!« »Machen Sie nicht so viele Umstände!« unterbrach ihn der Wundarzt. »Setzen Sie sich gutwillig nieder, sonst muß ich Gewalt anwenden!« – »Ich begreife nicht das Geringste von dem, was Sie sagen!« – »Ich um so besser, denn ich weiß, woran es Ihnen fehlt.« Zu gleicher Zeit winkte er einigen Gesellen, die den Lehrling anfaßten und auf einen Stuhl banden. Der arme Teufel konnte vor Entsetzen kein Wort hervorbringen, und ehe er von seinem Erstaunen wieder zu sich selbst kam, hatte man ihm eine tüchtige Portion Blut abgezapft. Es dauerte eine geraume Weile, ehe man die ganze Geschichte durchschaute, aber der Kaufmann bekam ebensowenig das Geld für die Seide, noch der Wundarzt das seinige für seine Arbeit, noch der Lehrling eine Entschädigung für das verlorene Blut.   Die beiden Kaufleute. Als im Jahre 1795 die französischen Soldaten in Amsterdam einrückten, wurden sie von den Bewohnern als Befreier begrüßt. Ein reicher Kaufmann namens Woerden bekam bei dieser Gelegenheit den Auftrag durch die provisorische Regierung, in Monatsfrist vierhunderttausend Heringe für den Bedarf der Armee zu liefern. Nun war der einzige Sohn Woerdens mit der Tochter eines ebenfalls sehr reichen Kaufmanns, der van Elburg hieß, verlobt, und die Väter konnten sich nur noch nicht über die Höhe der Mitgift für das Mädchen einigen, da der etwas geizige van Elburg ihr nur viertausend Dukaten mitgeben wollte. Es brachte aber der Heringsauftrag den schlauen Woerden auf eine Idee, wie er den zukünftigen Schwiegervater seines Sohnes zu einer höheren Mitgift zwingen könnte. Am nächsten Tag ging er zu ihm hin und sagte: »Guten Tag, Meister Elburg, wollen Sie ein gutes Geschäft machen? Ich muß vierhunderttausend Heringe binnen vier Wochen liefern, können Sie die mir in drei Wochen verschaffen?« »Zu wieviel?« »Zu zehn Gulden das Tausend!« »Gut, ich nehme an! Aber jetzt zu Tisch, dann können wir von anderem reden.« Bei Tisch sprachen sie über die bevorstehende Hochzeit und einigten sich dahin, daß sie in acht Tagen stattfinden sollte. Doch weigerte sich van Elburg nochmals, die Mitgift auch nur um einen Stüber zu erhöhen. Als nun der Hochzeitstag herangekommen war, kehrten der alte und der junge Woerden in dem Hause van Elburgs ein, wo schon eine große Anzahl von Freunden und Bekannten im festlich geschmückten Gesellschaftssaale versammelt war. »Meister Woerden,« sagte van Elburg zu dem Alten, »ich bin in großer Verlegenheit, ich muß Sie sprechen!« »Was haben Sie denn?« fragte Woerden, innerlich vergnügt, denn er wußte schon, welche Sorge den andern quälte. »Sie wissen ja, daß ich Ihnen viermalhunderttausend Heringe zu liefern habe, ich habe aber nicht einen einzigen Hering bekommen können, sie sind alle verkauft.« »Nun, ich werde Ihnen nachher einen Ausweg sagen«, meinte Woerden, »Laßt uns jetzt erst die Trauung vornehmen.« Man trat also den Weg zur Kirche an, und einen Augenblick darauf war das junge Paar eingesegnet. Kaum waren sie dann wieder nach Hause zurückgekehrt, da sagte Woerden zu van Elburg: »Die Heringe konnten Sie deshalb nicht kaufen, weil ich sie schon vorher gekauft hatte. Natürlich wollte ich Sie nicht in eine wirkliche Verlegenheit setzen, aber da ich meinen Sohn demnächst selbständig mache und ihm bedeutend mehr Mitgift mitgebe, als Sie Ihrer Tochter, so wollte ich Sie auf diese Weise veranlassen, Ihre Mitgift zu verdoppeln. Sind Sie damit einverstanden? Wir sind dann quitt!« Van Elburg überlegte eine Weile und sagte dann: »Sie sind ein ausgezeichneter Kaufmann. Ich bin in ein schlaues Netz gegangen und werde mich fügen.« Nach dieser Unterredung begaben sich die beiden zum Hochzeitsfest zurück, und von dem Abgemachten war nicht mehr die Rede. Acht Tage später suchte van Elburg seine Tochter auf und sprach bei dieser Gelegenheit auch mit dem alten Woerden. Diesmal war dieser in Verlegenheit. »Ach Gott,« jammerte Woerden, »ich bin ganz in Verzweiflung. Die Fischer können mir die ganzen Heringe nicht liefern, kein einziges Faß ist zu haben. Die ganze Lieferung geht zugrunde.« »Die Sache kann ich Ihnen erklären«, sagte ruhig van Elburg. »Sie haben alle meine Heringe gekauft, und ich habe alle Fässer aufgekauft. Ich könnte Sie jetzt zwingen, sie mir zu einem sehr teuern Preis abzunehmen. Da es mir aber nur darum zu tun ist, nicht mehr als viertausend Dukaten Mitgift zu bezahlen, so lasse ich sie um die Summe, die ich Ihnen für die Heringe zuzahlen mußte. Wir beide sind dann wieder quitt.« Jetzt mußte auch Woerden über die seine Art lachen, wie van Elburg seinen Streich pariert hatte, und er reichte dem Schwiegervater seines Sohnes die Hand. Aus einem alten Schwankbuch.   Ein Hutgeschäft. Ein Kaufmann in Marseille hatte ein ziemlich beträchtliches Vermögen zusammengespart und beschloß, da gerade mehrere Kaufleute mit Schiffsladungen nach Marokko gingen, einmal einen solchen Handel nach dem Ausland zu wagen. Dabei fragte er einen Juden um Rat, was sich wohl am besten dazu eignete, und der Jude sagte ihm, er solle doch mit einer Ladung Hüte absegeln. Auf diese Idee sei noch keiner gekommen, und wenn er es heimlich anfinge, so daß ihm keiner Konkurrenz machen könnte, dann müßte er damit gewiß ein besonders gutes Geschäft machen. Auf diesen Rat hin kaufte der in solchen Dingen unerfahrene Kaufmann für einen großen Teil seines Vermögens Hüte, ließ sie in Kisten verpacken und fuhr damit nach Marrokko ab. Natürlich blieb dort, wo alle Menschen einen Turban trugen, seine Ware unverkauft liegen, während die andern Kaufleute die ihrige rasch und gut absetzten. Alle Leute lachten über den Dummkopf, der eine Ladung Ware mitgebracht hatte, die kein Mensch gebrauchen konnte, auch der Sultan, der einmalig zufällig vorüberkam, konnte sich des Lachens nicht erwehren, als er das Hutmagazin gewahrte. Er knüpfte aber mit dem betrübten Christen ein Gespräch an, und dieser erzählte ihm nun offenherzig, daß ein Jude, der nach Marokko Handel treibe, ihn zu der Spekulation verleitet habe. »Ein Jude?« fragte der Sultan, »und er treibt Handel mit Marokko? – Nun gut, die Juden sollen es entgelten! – Ich befehle dir, daß du keinen dieser Hüte unter vier Zechinen verkaufst.« Der Christ gelobte, dem Gebot pünktlich Folge zu leisten. – Am nächsten Tag erschien ein Befehl, der bei schwerer Strafe jedem Juden gebot, einen Hut zu tragen. Sogleich füllte sich das Magazin des Kaufmanns mit Käufern; aber die Juden waren außer sich über den hohen Preis, welchen der Fremde für seine Hüte forderte. Ungeachtet alles Handelns hielt er den Preis von vier Zechinen fest, und da die Juden nun einmal ohne Hut sich nicht sehen lassen durften, so mußten sie, wenn auch wehklagend, zahlen – und in kurzer Zeit war der Kaufmann seine Hüte los. Kaum war das Magazin ausgeräumt, so ging dem Kaufmann abermals ein Befehl des Sultans zu, der dahin lautete, er solle keinen Hut über einen halben Piaster wieder ankaufen – und gleich darauf wurde den Juden kund getan, es solle sich keiner bei der härtesten Strafe mit einem Hute sehen lassen. Jetzt strömte wieder alles zu dem Kaufmann, um ihm die Hüte wieder zu verkaufen. Da gab es dann ein großes Geschrei, als er sich beharrlich weigerte, mehr als den ihm vorgeschriebenen Preis zu bezahlen. Um nur nicht alles zu verlieren, nahmen die Juden endlich den halben Piaster – und der Kaufmann kehrte so mit seiner ganzen Ladung nach Hause zurück. Er hatte nicht einen einzigen Hut verkauft – und doch ein hübsches Geschäft gemacht. (Anfang 19. Jahrhundert.)   Der geprellte Juwelenhändler. Unter der Regierung Wilhelm II. wurde ein Berliner Hofjuwelier das Opfer eines raffinierten Gaunerstreiches, Es war kurz vor Weihnachten, als ein sehr elegant gekleideter Herr in den Laden trat, um sich Schmucksachen auszusuchen. Während er noch dabei war, trat ein Gardeoffizier herein, begrüßte den ersten sehr artig und vertraut mit der Anrede: »Lieber Graf!« und fragte im Laufe des Gesprächs, ob der Schmuck zu einem Festgeschenk für seine Braut bestimmt sei. Dann half er mit suchen, fand nichts kostbar genug, bis endlich beider Wahl auf ein sehr schönes und teures Geschmeide fiel. Der angebliche Graf hatte nicht soviel Geld bei sich, um den Schmuck gleich bezahlen zu können, obgleich er ihn gern gleich mitgenommen hätte. Schließlich kam man auf den Ausweg, daß der Graf den Schmuck mitnehmen und ihn seinem Hotelier zur Aufbewahrung geben wollte, um dann den Betrag zu bezahlen. Inzwischen ließ er als Pfand seine Brieftasche zurück, in der sich für einen sehr hohen Betrag Staatspapiere befanden. »Sie warten doch auf mich, lieber Baron!« sagte er zu dem Offizier. »Ich muß nachher mit den Papieren nur noch zur Bank und bin dann ganz frei. Ich hoffe, daß Sie mit mir frühstücken werden!« Der Graf empfing seinen Schmuck, und der Offizier blieb allein im Laden, da auch er nach einem Schmuck sehen wollte. Kurze Zeit darauf trat aber ein Schutzmann in den Laden und verlangte den Eigentümer zu sprechen. Indem er mit diesem zur Seite trat, beschrieb er den Fortgegangenen, der im Verdacht der Falschmünzerei stehe, und fragte, ob er hier etwas gekauft und womit er bezahlt habe. Als der Beamte die Geschichte mit der Brieftasche hörte, ließ er sich die darin befindlichen Papiere zeigen und sagte sofort: »Sie sind betrogen worden, die Wertpapiere sind gefälscht, ich muß sie beschlagnahmen.« Er nahm sie an sich und erfuhr nun, daß der im vorderen Ladenraum sitzende Offizier mit dem Fälscher ganz bekannt gewesen und vielleicht ein Komplize desselben sei. Der Schutzmann forderte nun den Offizier sehr höflich, aber doch bestimmt auf, mit ihm zur Wache zu kommen, um sich dort zu legitimieren. Der Offizier fuhr entrüstet auf und weigerte sich mit Hinweis auf seine Uniform, mitzukommen. Schließlich ging er aber doch mit, und der Beamte versicherte dem Juwelier noch, daß er sofort seinen Schmuck zurückbekommen würde. Damit verließen die beiden den Laden, und der Juwelier sah sie ebensowenig jemals wieder wie den Schmuck oder den falschen Grafen. Denn auch der Schutzmann war ein Gauner, der seine Rolle nur gespielt hatte, um seinen Kollegen ungefährdet aus dem Laden herauszuholen.   Schuhhandel. In einen eleganten Schuhladen traten zwei anständig gekleidete junge Männer. »Mein Herr,« sagte der eine, »ich bin ein Fremder und wünsche ein Paar Schuhe zu kaufen. Da mir nun mein Freund hier gesagt hat, Sie wären das beste Geschäft hier in der Stadt, so wende ich mich an Sie. Ich muß in einigen Stunden wieder abreisen und hoffe, daß Sie mich gut bedienen.« Der Schuhwarenhändler lud unter Verbeugungen die beiden Herren zum Sitzen ein und begann ihnen seine elegantesten Schuhe vorzulegen. Der Fremde versuchte verschiedene und entschied sich endlich für ein Paar der besten Stiefel, die vorhanden waren. »Lieber Freund!« sagte da der Begleiter. »In wenigen Stunden sind wir am Ziel unserer Reise. Warum willst du da noch Stiefel kaufen, die nicht für dich gemacht sind?« – »Sie passen mir sehr gut!« – »Ich sage dir, sie passen dir nicht, du kannst gar nicht darin gehen, du bist ja schon ganz heiß geworden!« – »Heiß bin ich nur, weil es hier im Laden so heiß ist. Machen Sie doch die Tür etwas auf!« Der Kaufmann beeilte sich, dem Wunsche seines Kunden zu willfahren. Dieser, dem man die alten Schuhe eingepackt und übergeben hatte, zog jetzt seine Börse, um die Stiefel zu bezahlen, während sein Freund noch immer daran herumtadelte und endlich sagte: »Du siehst einfach lächerlich in den viel zu kleinen Schuhen aus, wie ein lahmer Storch!« Bei diesen Worten gab der beleidigte Käufer seinem Freunde eine Ohrfeige, und da der andere ihm nichts schuldig blieb, so ohrfeigten sie sich weiter, bis der Tadelsüchtige die Flucht ergriff und sein Freund wütend hinter ihm herlief. Der Ladenbesitzer sah ihnen interessiert nach: »Hoffentlich holt er diesen abscheulichen Kerl ein!« murmelte er vor sich hin. Ob der Käufer aber wirklich seinen Freund einholen konnte oder nicht, das erfuhr er niemals, denn weder der eine noch der andere ließ sich noch einmal bei ihm sehen, und das elegante Paar Stiefel blieb auch verschwunden. (Mitte 19. Jahrhundert.)   Ein raffinierter Betrug. Es war schon spät am Abend, als der Prokurist des Herrn van Kappel, eines angesehenen Handelsherrn in Amsterdam, in das Zimmer seines Prinzipals eintrat, ein Paket eben aus London eingetroffener Briefe auf ein Tischchen legte und schweigend wartete, bis sie gelesen waren, da er nicht ohne Grund vermutete, er werde einige Aufträge erhalten. Bald aber wunderte er sich, als sich das Gesicht des Kaufmanns mit einer finsteren Wolke überzog. »Donner und Blitz!« rief van Kappel, nachdem er den Brief, den er in der Hand hielt, zwei- oder dreimal durchgelesen hatte, »Welch ein Schlag für das Haus Bennet und Pord! Wer hätte das erwartet? Was ist da zu tun?« »Sind Bennet und Pord bankrott?« fragte der Prokurist erstaunt. »Bankrott? Nein, so weit geht es doch nicht, obgleich die Sache schlimm genug ist. Sie haben einen ansehnlichen Verlust gehabt. Aber lesen Sie selbst, Jansen, und sagen Sie mir Ihre Meinung, was wir tun sollen.« Der Prokurist Jansen las: »Mit großem Bedauern zeigen wir Ihnen die Flucht des einzigen Sohnes unseres würdigen und redlichen Kassierers an. Der junge Mann hat von unserem Hause akzeptierte Wechsel für eine bedeutende Summe mitgenommen, die Sie unten angegeben finden. Wir haben seine Spur bis an Bord eines Schiffes verfolgt, das nach Holland abgegangen ist, und glauben, daß er sich nach Amsterdam gewandt hat, wo ja unser Haus bekannt ist, um die Wechsel, die er bei sich hat, diskontieren zu lassen. Der junge Mann ist groß und gut gebaut und hat ein hübsches Gesicht; Augen und Haare sind schwarz, und als er abreiste, trauerte er um seine verstorbene Mutter. Wenn es Ihnen möglich wäre, denselben zu entdecken, so würden Sie uns einen großen Dienst erweisen, besonders wenn er die Wechsel noch besitzt. Da wir aber die größte Achtung vor der Rechtschaffenheit und Treue seines Vaters haben, der der älteste Angestellte unseres Hauses ist, so möchten wir die Sache nicht gern öffentlich werden lassen. Wir ersuchen Sie demnach, wenn Sie die Rückgabe der Wechsel von dem jungen Mann erlangen, ihn an Bord des zunächst abgehenden Schiffes nach Batavia zu senden, ihm zu gleicher Zeit 200 Louisdor zu geben, womit sie uns belasten mögen, und ihm das Versprechen abzunehmen, nicht eher nach England zurückzukehren, bis er die Erlaubnis dazu erhält. Wir sind mit aller Hochachtung Ihr ergebener Diener Bennet, Pord \& Comp .« »Ich wette,« sagte Jansen, der Prokurist, nachdem er den Brief gelesen hatte, »daß der junge Mann kein anderer ist als der, den ich diesen Morgen vor der Börse herumgehen sah. Er schien sehr unruhig und ängstlich zu sein und suchte die Blicke der Vorübergehenden zu vermeiden; übrigens paßt die Beschreibung in dem Briefe ganz auf seine Person.« »Das kann sich ja nicht glücklicher treffen«, meinte der Kaufmann. »Er muß morgen aufgesucht werden, und wenn Sie ihn gefunden haben, so bringen Sie ihn zu mir. Ich werde alles tun, um meinen trefflichen Freunden Bennet und Pord in London die Gefälligkeit zu erweisen, um die sie mich gebeten haben.« Den andern Tag war Jansen frühzeitig auf der Börse, vergebens wartete er mehrere Stunden und wollte schon zurückgehen, als er endlich den Mann, den er suchte, aus einem jüdischen Bankierhaus treten sah. Der Fremde ging vor Jansen vorbei und sagte laut: »Solch ein Hund! Er muß kein Gewissen haben. Siebzig Prozent Diskont auf Wechsel von dem besten Hause in London!« Jansen trat näher und sagte: »Es scheint Ihnen dort drüben nicht nach Wunsch gegangen zu sein. Wenn sie Geschäfte abzumachen haben, dann wenden Sie sich doch an eine alte, eingesessene Firma. Mein Haus ist nicht weit entfernt, vielleicht werden Sie sich mit uns schneller über Ihre Geschäftssache einigen.« »Recht gern,« antwortete der Fremde, »wenn zwar je schneller, desto besser, denn ich muß Amsterdam morgen früh verlassen.« Jansen führte ihn nach seinem Prinzipal, der nach wenigen Minuten erschien. Der würdige Holländer war kein Mann von vielen Worten. Er sagte deshalb: »Nun, da haben wir Sie endlich! Sie brauchen nicht zu leugnen, ich weiß alles. Sehen Sie da!« Und er zeigte ihm den Brief. Wie vom Blitz getroffen fiel der Fremde auf die Knie. »Ich bin verloren!« rief er, »Verloren auf immer! Ach, mein Vater, mein braver Vater, was wird aus dir werden? Entehrt durch mein Verbrechen wirst du unter Gram und Schmerzen sterben. Und meine Mutter!« fuhr er, von Schluchzen unterbrochen, fort, »Ist es nicht so weit gekommen, daß ich mich deines Todes freuen muß? So ist dir der Anblick der beiden und der Schande deines schuldbeladenen Sohnes doch erspart geblieben.« »Junger Mann! Junger Mann!« sprach der gute Kaufmann, den eine solche offenbare Reue rührte, »stehen Sie auf und hören Sie mich an. Haben Sie die Wechsel noch?« »Ich habe sie. Ach, wie glücklich schätze ich mich, das Anerbieten des habsüchtigen Bankiers nicht angenommen zu haben! Hier sind sie, nehmen Sie dieselben, ich beschwöre Sie!« Damit zog er ein großes Portefeuille aus seiner Brusttasche. »Sie werden sehen, daß nicht ein Wechsel fehlt. Schonen Sie mich, und mein künftiges Leben wird die Aufrichtigkeit meiner Reue beweisen. Ach ja, Herr, ich fühle tiefe Reue, aber retten Sie mir das eben, denn die Schande würde ich nicht ertragen können.« »Nun, fassen Sie Mut,« sagte van Kappel, »Sie kennen das Sprichwort: wenn die Not am größten, ist die Hilfe am nächsten. Setzen Sie sich also und hören Sie, was ich Ihnen zu sagen habe. Es freut mich, daß der Zufall es möglich macht, so schnell die Wünsche meiner englischen Freunde erfüllen zu können. Ihre Unruhe hat Ihnen nicht erlaubt, den Brief, den sie mir schreiben, ganz zu Ende zu lesen. Nehmen Sie ihn wieder und sehen Sie, wie edel man gegen Sie handeln will. Der Kredit Ihres Hauses ist gerettet, und man hat keineswegs die Absicht, Sie ins Verderben zu stürzen. Lesen Sie alles ruhig durch, und unterdessen lassen Sie, Jensen, Erfrischungen mit einigen Flaschen Johannisberger kommen, denn ich werde allemal durstig, wenn mich etwas besonders angreift.« Der Fremde bedeckte, als er den Brief zu ende gelesen hatte, sein Gesicht von neuem mit den Händen und sprach unter Schluchzen: »Soviel Nachsicht verdiene ich nicht. Ach, mein guter Vater, das ist nur Dein Lohn für deine treuen Dienste!« Van Kappel ließ den Gedanken des reuigen Sünders freien Lauf, bis ein Diener hereintrat und die Erfrischungen auf den Tisch stellte. Sobald sich der Diener wieder entfernt hatte, nahm der Kaufmann das Wort und sagte: »Nun, junger Mann, erzählen Sie mir, welcher Teufel Sie zu der schnellen Tat verführte – die Weiber oder das Spiel?« »Schonen Sie mich, ich bitte Sie, würdiger Mann. Ich werde alles frei und offen gestehen, aber mein Vater soll zuerst mein Bekenntnis erfahren.« »So trinken Sie, Sie bleiben als mein Gast in meinem Hause, bis wir eine Gelegenheit für Sie nach Batavia gefunden haben. Wäre nicht vorige Nacht mein gutes Schiff, die ›Christine‹, unter Segel gegangen –« »Mit Ihrer Erlaubnis,« unterbrach ihn Jansen, »die ›Christine‹ hat den Hafen noch nicht verlassen. Der Wind war gestern abend noch zu stark, als daß man in der Dunkelheit die Abfahrt hätte versuchen können.« »Sie haben Glück, junger Mann«, rief van Kappel heiter. »Die ›Christine‹ gewährt Ihnen die eines Prinzen würdigen Bequemlichkeiten. Schließen Sie die Wechsel ein. Jansen, und bringen Sie mir zweihundert Louisdor für den jungen Mann, Sie aber essen schnell ein paar Bissen, denn ich glaube, Sie haben keine Zeit zu verlieren.« Nach beendetem Mahle überreichte der Kaufmann dem Fremden die zweihundert Louisdor und gab ihm dabei so viele gute Ratschläge, wie er bei der Kürze der Zeit nur konnte. Der Engländer erschöpfte sich in Danksagungen und versprach, von nun an untadelig zu leben, drückte dem guten van Kappel die Hand, der vor Tränen der Gerührtheit nicht sprechen konnte, und begab sich dann mit Jansen an Bord der »Christine«. Der Kommis empfahl dem Kapitän von seiten seines Herrn, für den Passagier alle möglichen Rücksichten zu nehmen, das Schiff segelte ab und war nach wenigen Stunden aus dem Gesicht verschwunden. Den andern Tag beeilte sich van Kappel, an das Haus Bennet, Pord \& Comp. die so glücklich wiedererlangten Wechsel nebst einem ausführlichen Bericht zu übersenden. Kurz darauf erhielt der gute Amsterdamer von England folgende Antwort: Lieber Herr! Durch Gegenwärtiges zeigen wir Ihnen an, daß uns keine Wechsel entwendet worden, und die, welche Sie uns mit Ihrem Letzten einschickten, falsch sind, daß unser Kassierer seine Frau nicht verloren hat, weil er nie verheiratet gewesen ist; folglich hat er auch keinen Sohn. Wir bedauern aufrichtig, daß Ihr Eifer für das Interesse unseres Hauses Sie in eine so unangenehme Sache verwickelt und Sie zum Opfer eines schlauen Betrügers gemacht hat. Wir sind, lieber Herr, mit aller Hochachtung Bennet, Pord \& Comp .   Ein gutes Geschäft. Zu einem bekannten Konditoreibesitzer, der ziemlich geizig war, kam einmal ein Fremder, der sich die ausgestellten Backwaren prüfend ansah, bis der Chef des Hauses, der gerade da war, ihn fragte, was zu seinen Diensten stehe. »Na, ich möchte gern etwas essen, aber es ist nichts Rechtes da!« »Wie, nichts rechtes da?« rief entrüstet der Ladenbesitzer. »Sehen Sie sich gefälligst alle die Kuchen und Backwaren an, die hier ausstehen!« »Ach, die Kleinigkeit!« meinte der Fremde mit verächtlichem Blick, »Das verzehre ich alles auf einmal, und dann hätten Ihre Gäste alle nichts mehr zu essen.« »Sie wollen sich wohl über mich lustig machen!« rief der empörte Konditor jetzt noch wütender. »Nun, ich wette mit Ihnen, daß ich alles, was da im Laden ist, in weniger als einer Viertelstunde aufesse!« »Gut, ich wette!« »Und ich halte!« »Ich wette mit Ihnen um tausend Mark«, schrie der Ladenbesitzer außer sich. »Ich soll Ihnen wohl auch noch Ihr Geld abnehmen? Für mich ist die ganze Sache nur eine Kleinigkeit und ein Spaß, aber um doch eine Summe zu nennen, wollen wir einfach um fünf Groschen wetten.« Der Ladenbesitzer war einverstanden, und der Fremde begann nun einen förmlichen Vernichtungskrieg auf die Kuchen und Bäckereien auszuführen. Was nur Gutes zu finden war, verschlang er mit der Schnelligkeit einer Riesenschlange, die nach langem hungern ein Kaninchen verschlingt. Ein Tischchen nach dem andern leerte sich – aber es gab noch so manches zu verzehren, und der Konditor triumphierte innerlich, als er sah, daß der Fremde nur mit Mühe noch einige kleine Stücke hinabwürgte. Plötzlich hielt dieser inne, nahm langsam ein Fünfgroschenstück aus der Tasche und wandte sich zu dem Konditor, der sich vergnügt über den Ausgang der Wette die Hände rieb. »Hier sind die fünf Groschen!« sagte er. »Ich kann nicht mehr, ich habe meine Wette verloren.« Und er schritt langsam zur Tür hin. Der Konditor sah ihm verblüfft nach. Er begriff jetzt erst, daß er gefoppt war und trotz seiner gewonnenen Wette ein sehr schlechtes Geschäft gemacht hatte. »Halt!« rief er dem Fremden nach, »Einen Augenblick!« Der Fremde, der sich schon in der Haustür befand, kam ruhig zurück. »Wollen Sie mir noch einen Gefallen tun?« fragte der Konditor. »Hier haben Sie fünf Mark. Und nun gehen Sie morgen dort drüben zu meinem Konkurrenten und spielen Sie ihm denselben Streich!« Der Fremde besah sich die fünf Mark, steckte sie in die Tasche und sagte langsam: »Besten Dank, das Geld kann ich gut gebrauchen. Ich würde Ihnen auch gern diesen Gefallen tun, leider geht es aber nicht!« »Wieso?« fragte verwundert der Konditor. »Warum soll das nicht gehen?« »Weil ich schon gestern in seinem Geschäft war und dieselbe Geschichte gemacht habe. Er gab mir dann Zehn Mark, damit ich Ihnen diesen streich spielen sollte.« Und mit einem höflichen Lächeln verließ der fremde Gast den vor Wut fast platzenden Konditor. (Mitte 19. Jahrhundert.)   Geschäftliche Kontrolle. Ein Bäckermeister bezog seine Butter regelmäßig von einem Bauern aus der Umgegend, der dafür auch sein Brot bei dem Bäcker kaufte. Eines Tages schien es dem Bäckermeister, als ob die Butterpakete, die jedes drei Pfund wiegen sollten, doch ziemlich klein seien. Er wog eins nach, er wog ein anderes nach, er wog alle Butterpakete nach, und alle hatten sie ein erhebliches Untergewicht Wütend ging er zum Gericht, um den Bauern wegen Betrug anzuzeigen und für alle Butter, die er schon früher bezogen hatte, Schadenersatz zu verlangen. »Herr Richter,« sagte der verklagte und zur Rede gestellte Bauer, »das ist aber ganz unmöglich, daß meine Butter nicht das richtige Gewicht haben soll. Seit Jahren beziehe ich von dem Bäcker meine Brote, und da habe ich die Butter immer mit seinen Fünfpfundbroten als Gewicht abgewogen.« Nun wurden die Brote des Bäckers nachgewogen. Kein einziges hatte das richtige Gewicht. Der Bäcker zog jetzt schleunigst seine Klage zurück.   Schlechtes Gewissen. Ein Handwerker in einer englischen Stadt ließ durch sein Dienstmädchen in einem Spezereiwarengeschäft zehn Pfund Farinzucker kaufen. Als er den Zucker untersuchte, fand er, daß der Kaufmann mindestens eineinhalb Pfund Sand darunter gemischt hatte. Leider konnte der Handwerker von dem Dienstmädchen, das erst kürzlich vom Lande gekommen war und die Stadt noch nicht kannte, nicht genau ermitteln, in welchem Laden es eigentlich den Zucker gekauft hatte, und so ließ er am anderen Tag in der Zeitung folgende Aufforderung erscheinen: »Wenn der Spezereiwarenhändler, der mir gestern unter zehn Pfund Zucker betrügerischerweise anderthalb Pfund Sand mitverkauft hat, mir nicht umgehend die anderthalb Pfund Zucker ins Haus schickt, um die er mich betrogen hat, so werde ich seinen Namen in diesem Blatte öffentlich an den Pranger stellen.« – Am Tag darauf erhielt der Handwerker elf Pakete mit je anderthalb Pfund Zucker von ebenso vielen Kaufleuten, die jedenfalls ähnliche Handlungen auf dem Gewissen hatten und deshalb die Öffentlichkeit fürchteten.   Das Hohelied vom Zolltarif. Von Alexander Moszkowski. Mir ging es im Kopf wie treibende Mühlen, Ich las mit ziemlich gemischten Gefühlen, Die Menge Artikel mit ihren Zöllen, Die wir nunmehr berappen söllen: Die Felle und Häute, rohe, gegerbte, Die flimmernde Seide, gezwirnte, gefärbte, Gespinste vom Pferde-, vom Hundehaare, Fußbodentepp'che als Meterware, Künstliche Blumen zum Sonnenschirme, Künstliche Käfer und sonst'ges Gewürme, Die Ochsen, die Kühe, die Lämmer und Böcke, Die Öle, die Schmalze, die Schinken und Specke, Die Krebse, die Schnecken, die fettigen Trane, Die Eier, die Dotter, die Milch und die Sahne, Den Honig in Stöcken, in Körben und Kästen, Die Enten zum Schlachten, die Gänse zum Mästen, Die Hölzer, zersägt in Bretter und Latten, Die Haare der Ziegen und Bisamratten, Die Zuckersubstanzen von Rohr und Rüben, Sago und Mais, im Korn und zerrieben, Kaffee-Essenz in gebrannter Melasse, Liköre in Flaschen, im Kübel, im Fasse, Most von den Trauben, gekocht und gedickt, Wein mit Mixturenzusatz verschickt, Die feinen Gewebe mit Kanten und Borten, Getreidestengel von allen Sorten, Die Kürbisköpfe und die Melonen, Die Apfelsinen und die Zitronen – – Hier mußte ich stocken, mir fuhr's durch den Sinn: Kreuzdonnerwetter, wo soll das hin? Die Zölle sollen doch Einfluß besitzen, Um unsere Heimatprodukte zu schützen, Wo sind denn nun aber auf unseren Fluren Die deutschen Zitron- und Orangenkulturen? Sahst du schon einmal bei uns im Grünen Zitronen wachsen und Apfelsinen? Das ist ganz egal, erklärt der Tarif, Bei mir ist es bloß das Verteuerungsmotiv, Und wächst keine Südfrucht im deutschen Revier, So soll sie mir wenigstens blechen dafür! Und wie auch der Zeiten Verschiedenheit klafft, Es dreht sich doch alles um eine Welle: Die »Hohenzollern« sind abgeschafft, Dafür regieren die »Hohen Zölle«!   Die Werbung. Von Johannes Trojan. Isidor, genannt der Schöne, Geht auf dem Produktenmarkte, Auf den Lippen süßes Lächeln, Holdes Schmachten in den Blicken Und im Herzen Liebesflammen, Aber sonst ganz beim Geschäfte, Spiritus belebt und steigend, Mehl behauptet, Roggen fest. Und auf dem Produktenmarkte Sieht er der Geliebten Vater. Auf ihn zu geht er mit Lächeln, Redet vieles, glühend wirbt er, Und der Alte hört ihn zornig, Aber sonst ganz beim Geschäfte. Rüböl ruhig, Weizen fester, Hafer loco, kein Geschäft. Isidor, genannt der Schöne, Geht auf dem Produktenmarkte, Seine Blicke sind erloschen, Und sein Hut ist eingetrieben. Innerlich ist er zerschmettert, Aber sonst ganz beim Geschäfte. Butter leblos, Leinöl weichend, Gerste still und Erbsen flau.   Aufklärung und Enttäuschung. Gattin: »Ich fürchte fast, lieber Richard, dich darauf aufmerksam zu machen, daß uns auf Schritt und Tritt ein Herr nachfolgt. Bei deiner Eifersucht ...« Gatt: »Ach, liebe Emilie, wie sehr wünschte ich, daß du recht hättest! Aber leider hat es dieses Ungeheuer auf mich abgesehen – es ist Herr Meier von der Firma Meier \& Kompagnie, dessen Wechsel ich noch nicht eingelöst habe.«   Buchführung. Zwei Arbeiter laden Getreidesäcke ab, und der eine, der sehr genau ist, markiert die Anzahl der von ihm hineingetragenen Säcke dadurch, daß er für jeden Sack einen Kreidestrich an den Steinpfosten des Eingangstores macht. Plötzlich sieht der andere Arbeiter, wie sich ein großer Hund an den Steinpfosten stellt und seine Visitenkarte abgibt. »Du, Wilhelm,« ruft da der zweite Arbeiter, »da radiert einer in deinem Hauptbuch herum!«   Der Fachmann. Leutnant (auf einem Ball): »Mein Herr, ich finde es sonderbar, daß Sie die Toiletten dieser Damen mit auffallender Geringschätzung mustern, und muß mir Aufklärung über dieses Benehmen erbitten!« Herr (mit Würde seine Karte überreichend): »Ich stehe jederzeit zu Diensten.« Die Damen (erregt zum Leutnant): »Aber, in welche Gefahr stürzen Sie sich unserethalben! Wer ist denn der Herr, der Sie gefordert hat?« Leutnant (die Karte lesend): »Sebastian Fädlein, Damenschneider.«   Geschäftsneckerei. Ein Bäcker begegnete einem Fleischer: »Guten Morgen, lieber Freund, wo kommst du denn her?« – »Ich komme gerade aus deinem Laden, wo ich mir ein Brot gekauft habe«, sagte der Fleischer, – »Ein Brot?« fragte der Bäcker erstaunt, »Wo hast du es denn?« – »O, ich hab' es in die Westentasche gesteckt«, sagte der Fleischer und ging seiner Wege. Der Bäcker ärgerte sich sehr über diese Anspielung auf die Kleinheit seiner Brote und beschloß, es dem andern bei der nächsten Gelegenheit heimzuzahlen. Wenige Tage später traf er den Fleischer wieder auf der Straße. Schnell ging er auf ihn zu und fragte: »Weißt du auch, wo ich herkomme?« – »Nein,« – »Aus deinem Laden, wo ich einen Ochsenkopf gekauft habe.« – »Und wo hast du ihn denn?« fragte der Fleischer. – »Unter meiner Mütze!« antwortete der Bäcker stolz und ging hocherhobenen Hauptes weiter. Vom Chef und seinen Leuten Der Chef ist natürlich die Haupt-Zielscheibe des Witzes und Spottes seiner Angestellten. Daher die vielen Scherze über ihn und über seine Familienmitglieder. Wie er sich als Liebhaber, Gatte und Vater stellt, wie oft seine Kaufmannsseele sein Wesen und seinen Standpunkt selbst in delikaten Angelegenheiten bestimmt – das wird rücksichtslos verulkt. Und selbst jene Angestellten, die wissen, daß sie einst Chef werden, machen sich über ihn lustig. Und der Chef lacht wohl oft selbst über Witze, die ihn treffen. – Die verschiedensten Charaktere und Typen sind in Scherz und Anekdote gekennzeichnet. Der Münstersche Schriftsteller Landois umriß den biederen, bockstirnigen Kleinbürger, Blumenthal streichelte etwas rauh den Millionär, Meyrink skizzierte satirisch die kaufmännische Atmosphäre, und Tucholsky ging dem schwatzhaften modernen Händlertyp zu Leibe. Aber schließlich ist das alles so vergnüglich, daß alle, die sich wiedererkennen, darüber lachen werden ... Zeichnung: Dörbeck   Unglückliche Berufe. Zwei Ladeninhaber unterhielten sich darüber, wer von den beiden wohl am unglücklichsten gestellt sei. Der eine, der ein Glaswarengeschäft hatte, meinte, er sei doch am schlimmsten dran, denn wenn auch alles aufschlüge, auf seine Waren dürfe er nicht aufschlagen. Der andere aber, der Strümpfe anfertigte und sie verkaufte, sagte: »Am schlimmsten stehe ich mich. Denn wenn ich mein ganzes Leben lang noch so fleißig Strümpfe wirke, so ist das Ende doch das, daß ich mein Leben verwirkt habe.«   Er weiß sich zu helfen. Ein Kaufmann in einer kleinen Stadt, die zu bestimmten Zeiten stark von Gutsbesitzern der Nachbarschaft besucht wurde, verkaufte eines Tages, als es sich bei ihm ungewöhnlich drängte, an einen Kunden einen Sattel, ohne daß er Zeit hatte, den Verkauf in sein Buch einzutragen. Da er sich am nächsten Morgen wohl des Verkaufs, nicht aber des Namens des Käufers erinnern konnte, sagte er zu seinem Gehilfen: »Wilhelm, trage den Sattel in die Rechnung eines jeden unserer Kunden ein, der richtige Käufer wird sich dann schon finden.« Gesagt, getan, und als im Herbst die Zeit des Bezahlens kam, wurden die verschiedenen Rechnungen ausgeschrieben und den Kunden zugestellt. Wer sie genau durchsah und den Sattel bemerkte, den er nie gekauft hatte, verwahrte sich natürlich dagegen, und der Posten wurde dann mit einer höflichen Entschuldigung ausgestrichen. Als die Rechnungen bezahlt waren, fragte der Kaufmann: »Nun, Wilhelm, wie viele haben den Sattel bezahlt?« – »Einunddreißig«, erwiderte der Ladendiener. – »Wenig genug,« meinte der Kaufmann, »für alle die Mühe, die wir uns gegeben haben, den wirklichen Käufer herauszufinden.«   Schlimme Sache. Ein Händler erfuhr, daß einer seiner Geschäftsfreunde erblindet sei. »Ach Gott,« jammerte er, »was fang' ich nun an? Ich habe einen Wechsel auf ihn, nach Sicht zahlbar.«   Erziehung zur Pünktlichkeit. Ein Kaufmann, der sehr viel auf Pünktlichkeit hielt, war von einem Handwerker durch falsche Versprechungen, die Arbeit zu einer bestimmten Zeit abzuliefern, oft getäuscht worden. Als er einst wieder bei ihm eine Bestellung machte, verlangte er, daß der Handwerker diesmal ganz bestimmt sagen sollte, wann er die Arbeit liefern werde, denn nun nehme er keine Ausflüchte mehr an. Der Handwerker beteuerte, daß er am nächsten Freitag, wenn er überhaupt noch lebe, bestimmt die Ware abliefern werde. Als nun der Kaufmann am festgesetzten Tage wieder nichts von dem Handwerker sah noch hörte, schickte er eine Anzeige nach der Zeitung, in der unter vielem Bedauern der Tod des Handwerkers gemeldet wurde. Dieser las ganz erstaunt die Nachricht von seinem eigenen Hinscheiden, lief zur Zeitung, und dann, als er den Namen des Kaufmanns als des Einsenders der Todesanzeige erfuhr, zu diesem hin. Wie der Kaufmann den Handwerker erblickte, stellte er sich ganz erschrocken, als sähe er einen Geist. »Mein Gott!« rief er schließlich aus. »Sie leben also wirklich noch? Sie hatten mir ja so fest versprochen, daß Sie Ihre Arbeit liefern würden, wenn Sie Freitag noch am Leben seien. Und als Sie dann nicht kamen, mußte ich natürlich annehmen, Sie seien gestorben. Da ich Ihr Freund bin, habe ich mich für verpflichtet gehalten, meine Mitbürger von diesem traurigen Todesfall in Kenntnis zu setzen.« von dieser Zeit an lieferte der Handwerker seine Arbeit stets zur festgesetzten Zeit ab.   Der jüngste Tag. Ein Kaufmann in Hamburg hatte unter seinen Angestellten drei Brüder namens Tag. Dem jüngsten von ihnen war die Kassenführung übertragen worden. An einem Tage, als der Kassenverwalter sich zufällig nicht im Hause befand, kamen Frachtgüter an, und der Fuhrmann erbat sich die Fracht. »Ja, lieber Mann,« sagte der Lagerist achselzuckend, »da kann ich Ihnen nicht helfen. Mit dem Geld müssen Sie warten, bis der jüngste Tag kommt.«   Auch ein Kaufmann. Ein Berliner Eckensteher wurde von seinen Freunden gefragt, warum er gar nicht mehr an der Ecke erscheine. »Ick bin jetzt Koofmann«, antwortete er. »Ick habe man zwar een kleenes Jeschäft, aber wenn et mir eener im Janzen abkoofen wollte, würde ick doch een sehr reicher Mann.« – »Na, womit handelst du denn?« fragten sie weiter. »Mit de Spree«, erwiderte er. »Den Emmer en Sechser!«   Doppelte Buchführung. Jemand sagte, daß er aus der Bibel den Traum des Pharao doch gar nicht begreifen könne. Wie sei es denn eigentlich möglich, daß sieben magere Kühe sieben fette Kühe verzehrten, ohne daß man es ihnen ansehe? »Ich konnte es auch nicht begreifen,« sagte ein Kaufmann, »bis ich mir eine Frau nahm. Da hatte ich mehr als sieben dicke Kassa- und Handlungsbücher, und meine Frau hatte nur ein ganz kleines Wirtschaftsbuch. Am Ende des Jahres aber hatte das kleine Buch alle meine großen und dicken aufgezehrt, und man sah ihm auch nichts an. Seit der Zeit glaube ich an den Traum des Pharao.«   Der Gefallen. An der Glastüre zu einem Kaufmannsladen war ein Pappschild angebracht mit der Aufschrift: »Wenn niemand im Laden ist, so bittet man höflichst, nur hier zu läuten!« Ein Vorübergehender las dies, schaute durch die Glastür in den Laden, und da er leer war, begann er herzhaft zu läuten. Sogleich kam der Kaufmann die Treppe herabgestürmt und fragte, was der Läuter befehle. »Gar nichts«, antwortete dieser. »Aber weil hier so höflich gebeten wird, man solle anläuten, wenn niemand im Laden sei, so hab' ich Ihnen den Gefallen tun wollen.«   Fürstenberg und die Bankkatzen. Bei der Durchsicht des Hausspesenkontos seiner Bank beanstandete der bekannte Bankdirektor Fürstenberg einen Posten von 50 Mark Milch für die gehaltenen Bankkatzen und vermerkte nachfolgendes: Wenn Mäuse im Gebäude sind, so brauchen die Katzen keine Milch, und wenn es keine Mäuse gibt, können wir ruhig die Katzen entbehren, infolgedessen sind die 50 Mark zu streichen.   Die nötigen Vorkenntnisse. Handlungsgehilfe: »Ich glaube mich wegen meiner gründlichen Kenntnisse im Verkauf und in der Buchführung empfehlen zu können und beehre mich, Ihnen die Zeugnisse mehrerer Häuser vorzulegen, bei denen ich in Stellung gewesen.« Kaufmann (lesend): »Berner und Waldeck, Binder und Saale, lauter solide Firmen. Sind Sie denn noch nie in einem Hause gewesen, das falliert hat?« Handlungsgehilfe: »Nein.« Kaufmann: »Dann kann ich Sie leider nicht einstellen, denn Sie werden einsehen, daß man heutzutage mit einseitiger Bildung nicht ausreicht, sondern für alle Eventualitäten Vorkenntnisse mitbringen muß.«   Ein Purist. Prokurist: »Solche Manipulationen verstoßen gegen die Prinzipien eines reellen Geschäfts!« Chef: »Bleiben Sie mir vom Leibe mit Ihren Fremdwörtern!«   Ehrlichkeit. Ein neuer Lehrling wird in das Geschäft eingeführt, der Prinzipal hält ihm einen Vortrag über die Grundsätze eines ehrenwerten Kaufmanns. »Vor allem eins, mein Sohn! Ein Kaufmann muß immer reell und ehrlich sein. Im vorigen Sommer hat ein Kunde irrtümlich einen Posten doppelt bezahlt. Trotzdem nun mein Kompagnon damals verreist war und niemand von der Sache wußte, habe ich diesem doch die Hälfte ehrlich und reell gutgeschrieben.«   Energisch. »Ich habe schon zehnmal gesagt, im Geschäft wird nicht geraucht!« »Aber ich habe doch keine Zigarre im Mund, das ist doch ein Bleistift.« »Zigarre oder Bleistift, das ist ganz egal. In meinem Geschäft wird nicht geraucht!«   Geschäftsprinzip. »Einen anständigen Kunden mahne ich prinzipiell nicht!« »Ja, aber wenn er nun einfach nicht bezahlt?« »Ja, dann ist er doch kein anständiger Kunde! Dann mahne ich ihn natürlich.«   Die Krise. »Na, Herr Ascher, wie geht's? Sie sagen ja, Ihr Geschäft befinde sich in einer Krise?« »Danke, ich bin über den Berg.« »Dann gratuliere ich. Über den Berg sind Sie?« »Ja, jetzt geht's mächtig bergab!«   Hochachtung. »Herr Lehmann, Sie haben mich bei dem Geschäft in einer ganz raffinierten Weise betrogen. Sie sind der größte Gauner, der mir je vorgekommen ist. Ich sage Ihnen nur eins: Entweder lassen Sie sich nie wieder bei mir sehen, oder Sie werden mein Kompagnon!«   Ausflüchte. Chef: »Nun, Fritz, hat er gezahlt?« Lehrling: »Nein, er hat mich die Treppe hinuntergeworfen.« Chef: »Gleich gehen Sie nochmal hin und holen Sie das Geld. Ich will doch dem Gauner zeigen, daß ich mich auf solche Ausflüchte nicht einlasse!«   Der Tod des Geschäftsmanns. Herr Rosenzweig liegt im Sterben, mit geschlossenen Augen fragt er: »Kinder, seid ihr alle da? Ist die Mutter da?« – »Ja, wir sind alle da!« – »Das hab' ich mir doch gedacht!« ruft der Sterbende, sich plötzlich aufrichtend, aus. »Und wer kümmert sich ums Geschäft?«   Erschöpfende Auskunft. Bamberger: »Auskunft über meinen früheren Angestellten Meier wollen Sie? Nun, ich kann Ihnen nur sagen, der Kerl lügt und betrügt jeden Menschen, und alles, was er kann, hat er von mir gelernt.«   Eine zweifelhafte Sache. Reisender: »Herr Ganneffski ist nicht da? Wann wird er wiederkommen?« Angestellter: »Das hängt ganz von den Geschworenen ab.«   Abgeholfen. Chef: »Das ist jetzt schon das zweite Mal, daß ich Sie an Ihrem Pult schlafend finde.« Buchhalter: »Entschuldigen Sie, aber ich habe ein kleines Kind, das läßt mich des Nachts nicht schlafen.« Chef: »Famos! Dann bringen Sie doch das Rind mit ins Geschäft!«   Er kennt sie. »Herr Meier, seit zwei Jahren haben Sie schon in ihrem Schaufenster ein Pappschild hängen mit der Aufschrift: ›Aushilfsarbeiter gesucht‹. Sie brauchen doch gar keine!« »Was meinen Sie, wie ich früher von Bettlern überlaufen worden bin! Jetzt haben sie alle Angst, sie würden angestellt.«   Praktisch. »Ich habe eine Idee. Ich werde mir jemand engagieren, der mir meine Geschäftssorgen abnimmt, dann kann ich den ganzen Tag sorgenfrei herumlaufen.« »Was soll dich denn der Mann kosten?« »Sechstausend Mark.« »Und wie willst du diese Summe aufbringen?« »Er soll sich darum sorgen!«   Genaue Auskunft. »Wann sind Sie denn immer im Geschäft?« »Gewöhnlich um neun, manchmal auch um acht, meistens aber um zehn.«   Das geschädigte Renommee. Chef : »Eine Stunde waren Sie nicht im Büro und haben den Geldschrank offen stehen lassen!« Kassierer : »Aber, es ist doch gar nichts drin.« Chef : »Grade deshalb durften Sie ihn nicht offen stehen lassen.«   Dilemma. »Ja, es sind lausige Zeiten. Jede Woche setze ich fünfhundert Mark zu.« »Warum schließen Sie denn da nicht einfach?« »Ich bitte, wovon soll ich denn leben?«   Ausgleich. »Nun, Herr Neumann, was macht das Geschäft, und wie steht's mit Ihrem Prozeß?« »Welchen Prozeß meinen Sie?« »Na, mit dem Agenten, der Sie um dreitausend Mark geprellt hat.« »Ganz gut! Wir haben uns ausgeglichen, er hat meine Tochter geheiratet.«   Gute Gründe. Während der Inflationszeit fanden Lebensmittelunruhen statt, und es wurde ein großes Kolonialwarengeschäft ausgeplündert. Ein Herr, der vorbeikommt, sieht zu seinem Staunen unter den Plünderern einen ihm wohlbekannten Kaufmann, der sich grade einen ganzen Sack mit Kaffeebohnen anfüllt. »Aber, Herr Müller, Sie plündern mit?« fragt er vorwurfsvoll. »Still!« antwortet flüsternd Herr Müller. »Das Geschäft gehört doch mir!«   Schlecht belohnter Geschäftseifer. »Wie, Herr Dannenbaum, Ihr Reisender hat sich mit der Tochter eines Kunden verlobt, um endlich bei ihm ins Geschäft hineinzukommen? Und was haben Sie denn zu einem solchen Geschäftseifer gesagt?« »Was soll ich sagen? Ich hab ihm für den Verlobungstag die Spesen gestrichen, weil ihm da das Essen und Trinken doch nichts gekostet hat.«   Zweierlei Buchführung. »Herr Meyer, Sie kleiden sich doch so einfach, und Ihre Frau treibt einen solchen Luxus mit ihren Toiletten.« »Nun, meine Frau kleidet sich nach dem Journal der Moden und ich kleide mich nach dem Hauptbuch meines Geschäfts.«   Geschäftsverwandter Sport. »Ich schwärme sehr für den Wassersport, besonders, da er sich ja auch gut mit meinem Beruf vereinigen läßt.« »Ach ja, Sie sind ja, Weinhändler!«   Unnötiger Eifer. »Es ist gut, daß ich Sie selbst treffe, Herr Müller. Dreimal war ich gestern mit der Rechnung in Ihrem Geschäft!« »Und da kommen Sie heute schon wieder?«   Kunstkenner. Die Gäste beim Kommerzienrat Bergmann bewundern eine prachtvolle Statue des Apollo »Aus welcher Masse ist sie, Herr Kommerzienrat?« fragt einer, sie befühlend. »Aus der Konkursmasse Friedländer! Ich hab sie billig erworben.«   Belehrung. Der Chef ist schlechter Laune. Wütend rennt er im ganzen Geschäft herum, und wo er hinkommt, findet er etwas zu monieren. Auf einmal sieht er im Lagerraum mehrere junge Leute, die damit beschäftigt sind, allerlei waren zu Postpaketen zu verpacken. »Das soll ein Paket sein?« fährt er den einen an und reißt ihm das mühsam fertiggemachte Paket aus den Händen. »Ich will Ihnen mal zeigen, wie man ein Paket macht!« Aufgeregt beginnt er das Paket auf seine Art zu packen, aber die Gegenstände sind zu ungleich in der Form, und sein Kunstwerk fällt immer wieder auseinander. Schließlich hat er mit Mühe und Not ein übel aussehendes Paket zurechtgebracht. »So! Nun machen Sie's fertig. Dies ist zwar auch noch nicht das Richtige, aber Sie wissen jetzt wenigstens, wie's gemacht wird.«   Schwierige Branche. »Na, Sie sind ja leicht zu einem Vermögen gekommen!« »Was heißt leicht? Glauben Sie denn, das wäre so einfach, aus Baumrinde Schnupftabak zu machen?«   Der vergeßliche Chef. »Müller, sehen Sie nach im Hauptbuch, zum wievielten Male wir jetzt Bankrott machen!«   Entrüstung. Chef: »Herr Pieseke, ich muß Sie denn doch bitten, sich hier im Geschäft etwas anständiger zu benehmen! Sie sind doch nicht der Prinzipal!«   Das Hauptwort. Einem Bankier, der es von einem kleinen Viehhändler zu einem reichen und großen Kaufmann gebracht hatte, überreichte der neue Buchhalter einen Brief zur Unterschrift. Der Bankier las den Brief durch und sagte: »Sie schreiben ja in dem Brief das Wort Verdienen klein!« »Jawohl«, sagte der Buchhalter, »erdienen ist ein Zeitwort, und diese werden klein geschrieben; nur die Hauptwörter werden groß geschrieben.« »Dann will ich Ihnen was sagen!« erwiderte der Bankier. »Verdienen ist bei mir immer ein Hauptwort gewesen, und in meinem Geschäft wird es groß geschrieben!«   Der fromme Kaufmann. Ein amerikanischer Kaufmann, der einer sehr frommen Sekte angehörte, hielt des Abends mit seinem Ladendiener folgendes Zwiegespräch: »Johann, hast du Wasser unter den Branntwein gegossen?« »Ja, Herr!« »Hast du Kreide unter den Mehlzucker getan?« »Ja, Herr!« »Hast du kleine Steinchen und Reiser unter die Rosinen gemischt?« »Ja, Herr!« »Hast du den Tabak angefeuchtet?« »Ja, Herr!« »Nun, so komm in die Betstunde !«   Gewahrte Autorität. Der Chef geht durch das Kontor und hört grade, wie sich zwei Angestellte zanken,. »Sie sind der größte Esel hier im Geschäft!« schreit der eine den andern an. Entrüstet wendet sich der Chef an die beiden Streithähne und sagt: »Meine Herren, vergessen Sie bitte nicht, daß ich hier bin!«   Mißverstanden. »Na, Meier, schlechte Geschäfte gemacht? Sie sehen ja so gedrückt aus!« »Ach, ich habe beim Rennen so viel Geld verloren.« »Geschieht Ihnen ganz recht – warum rennen Sie so?«   Unangenehme Situation. Herr Berger eröffnet nach einer glücklich überstandenen Pleite ein großes Wäschegeschäft. Alle bestellten Waren sind schon da, nur die von Rosenbaum und Sohn bestellten Hemden fehlen noch. In höchster Not telegraphiert Herr Berger an Rosenbaum: »Wo bleiben die bestellten Hemden? Sofort absenden, sonst stehe ich am Eröffnungstage ohne Hemd da!«   Das »L«. Der Bankier Löwenstein war auf der Hamburger Börse einst sehr bekannt. Weil er das »L« nicht aussprechen konnte, wurde er von den Besuchern der Börse oft geneckt. Eines Tages begrüßte ihn einer der Börsenbesucher mit dem Ruf: »Guten Morgen, Herr Newenstein!« Löwenstein, schlecht gelaunt, die Kurse fielen, erwiderte: »Necken Sie mich!«   Der Schabernack. Ein Geschäftsmann entdeckt eines Morgens beim Öffnen seines Ladens, daß ihm ein böswilliger Mensch etwas Unangenehmes auf die Eingangsstufe gesetzt hat. Am Tage drauf findet er das Gleiche, und er rennt auf die Polizei, wo man ihm zwar verspricht, auf das Haus besonders zu achten, aber durchaus nicht verhindern kann, daß sich die schlimme Geschichte nochmals wiederholt. Da rennt endlich der unglückliche Ladenbesitzer zum Rechtsanwalt und erzählt ihm den Schabernack. »Zuerst hab ich den Mund drüber gehalten«, sagt er, »und dann hat sich die Polizei hineingelegt. Aber jetzt denk ich doch, es ist ein Fressen für Sie, Herr Rechtsanwalt.«   Ausverkauf. »Ist es wahr, daß Sie Ihr Haus, Ihr Geschäft, Ihre Möbel, kurz alles, was Sie haben, verkaufen wollen?« »Jawohl, und wenn Sie kaufen wollen, dann können Sie alles haben, nur meine Frau, die verkaufe ich nicht, die können Sie umsonst haben!«   Der zerstreute Chef. »Herr Pollitzer«, sagt der Buchhalter bei der Durchsicht der eingelaufenen Korrespondenz, »hier ist eine Bestellung, aber man kann den Namen des Absenders nicht lesen.« Chef: »Schreiben Sie dem Mann: ›Bitte höflich um Angabe des Namens und der Adresse, da Ihre Unterschrift unleserlich war!‹«   Stets im Geschäft. »Herr Kommerzienrat, wollen Sie mir nicht mal einen Augenblick Ihr Ohr leihen?« »Zu wieviel Prozent?«   Das Geschenk von der Reise. Ein Kaufmann, der zum Einkauf nach Stockholm gereist war, brachte jedem seiner Angestellten von dort als Geschenk einen Stock mit. »Es ist nur ein Glück,« sagte ein Lehrling zu einem andern, »daß der Chef nicht in Pforzheim war!«   Die bekannte Reise. »Servus, alter Freund, ich habe Sie ja lange nicht mehr gesehen, wo haben Sie denn gesteckt?« »Ich war acht Monate verreist!« »Na, konnten Sie denn da keine Berufung einlegen?«   Keine Frage. Chef (zum Buchhalter): »Einer von uns beiden ist offenbar verrückt!« Buchhalter: »Aber, Herr Müller, Sie engagieren doch keinen verrückten Buchhalter?«   Immer Kaufmann. Arzt: »Herr Neumann, Sie haben Gallen steine !« Patient: »Arterien verkalkung habe ich auch, das paßt ja sehr gut zu meinem Baugeschäft.«   Zweckgeschenke. Ein Bankier, der eine Amerikareise machen will, steigt in Berlin in den Hamburger Schnellzug. Freunde und Verwandte sind mit zur Bahn gekommen, seine Nichte reicht ihm eine Tafel Schokolade mit den Worten: »Damit du nicht verhungerst!« Ein Neffe kommt mit einer Flasche Kognak und sagt: »Damit du nicht verdurstest!« Jetzt tritt auch ein Geschäftsfreund mit einer Flasche Parfüm an den Wagen heran: »Damit du nicht verduftest!« Dann setzte sich der Zug in Bewegung.   Ein delikater Auftrag. Eine Dame hat bei der Bestellung einer Wäscheaussteuer irrtümlich ein Dutzend Beinkleider mehr erhalten, als sie bestellt hat, und bringt sie wieder zurück. Gleichzeitig bittet sie um Berichtigung der Rechnung. Der Chef entschuldigt sich bei der Dame und sagt dann zum Buchhalter: »Ziehen Sie mal bitte der Dame die Beinkleider ab!«   Das weiche B. Ein Kaufmann namens Pauli ließ sein Haus verputzen und befahl dem Maurermeister, über der Tür seinen Firmennamen in erhabener Gipsarbeit anzubringen. Grade war die Arbeit vollendet, da bemerkte Pauli, daß der Gipser in seinem Namen statt des P ein B gewählt hatte. »Was haben Sie denn da gemacht?« fuhr er den Meister an. »Da steht ja ein weiches B!« »Keine Sorge!« versetzte ruhig der Meister. »In einer Stunde ist es hart!«   Den Rat befolgt. »Sie haben also dem säumigen Kunden die Rechnung überreicht?« fragte der Advokat seinen Klienten. »Das tat ich allerdings!« »Und was sagte er darauf?« »Er sagte, ich sollte zum Teufel gehn.« »Und was taten Sie darauf?« »Ich ging dann natürlich zu Ihnen!«   Die Medizin. Die Teilhaber der Firma Kohn und Könnecke sind beide starke Trinker. Eines Tages beschließen sie, Abstinenzler zu werden, weil sie merken, daß unter ihrem Trinken auch das Geschäft leidet. Die einzige Flasche Kognak, die grade noch im Geschäft steht, soll aber aufbewahrt werden, um im Falle einer Erkrankung als Medizin zu dienen. Drei Tage dauert schon der neue Lebenswandel, da nähert sich Kohn ächzend und klagend dem Schrank, in der die Flasche steht und sagt zu seinem Kompagnon: »Du, mir ist heut so miserabel, ich glaub', ich bin krank!« »Du kommst zu spät!« antwortet achselzuckend Könnecke. »Mir war gestern schon den ganzen Tag hundsmiserabel!«   Geschäftsausdehnung. Zwei Schieber renommieren voreinander über ihre geschäftlichen Erfolge. »Ich hab mir schon ein besonderes Telephon in das Badezimmer und neben das Klosett legen lassen, weil ich den ganzen Tag über angeklingelt werde.« »Na, und ich,« erwiderte der andere, »ich muß Tag und Nacht meine Privatsekretärin um mich haben!«   Ganz wie heute. Der kürzlich in Düsseldorf verstorbene Großspekulant Leo Hanua, der auch viele Jahre Berlin bewohnte, erhielt eines Tages von der Veranlagungskommission ein Schreiben des Inhaltes, sie vermisse in seiner Deklaration die Spekulationsgewinne. Auf den behördlichen Erlaß schrieb der Börsianer: »Ich auch.« Dr. L..... * Eine bekannte Firma in Gera war in fremde Hände übergegangen. Der alte Direktor hatte sein Personal versammelt, um von ihm Abschied zu nehmen. Seine wohldurchdachte Rede sollte mit den Worten beginnen: ›Hat je ein herzlicheres Einvernehmen usw. ...‹« Der alte Herr begann: »Hat je ...« und Rührung erstickte seine Stimme. Da rief aus dem ihm umgebenden Kreis eine ebenfalls gerührte Stimme: »Adjee, Herr Direktor, adjee!«   Der doppelte Buchhalter. Die Frau eines zum Fabrikanten emporgekommenen Kattundruckers wollte sich gegen eine Bekannte gern als Kaufmannsfrau geltend machen und erzählte ihr, daß sich ihr Mann jetzt auch einen doppelten Buchhalter anschaffen werde. »Jedenfalls habe ich schon für ihn ein zweischläfriges Bett bestellt.«   Sein Schreck. Der Kaufmann Neumann hat bankrott gemacht. Seine Gattin tröstet ihn und spricht: »Beruhige dich, lieber Mann, und bedenke, was der Himmel uns nimmt, das gibt er uns doppelt wieder.« »Du gutes Weib,« sagt Neumann plötzlich erschrocken, »möge der Himmel dich mir niemals nehmen.«   Die zwei Hindernisse. Ein reisender Kaufmann machte einer älteren, aber sehr wohlhabenden Witwe den Hof. Eines Tages gestand er ihr, wie gern er sie heiraten würde, wenn nicht zwei Hindernisse dem entgegenständen. »Nennt die Hindernisse!« sagte die zur Wiederverehelichung entschlossene Witwe. »Das eine ist, daß es mir an einem Kapital fehlt, um einen Laden zu eröffnen«, sagte der junge Kaufmann. Sie fragte ihn, wieviel er denn brauche, und schrieb ihm einen Scheck über die gewünschte Summe aus. Als sie sich wieder trafen, hatte der Kaufmann einen Laden gemietet und hübsch ausgestattet, und die Witwe bat ihn nun lächelnd, auch das zweite Hindernis zu nennen. »Das zweite Hindernis«, sagte der Kaufmann, »besteht darin, daß ich schon verheiratet bin.«   Das Grabmal der Kaufmannsfrau. Im Jahre 1761 ließ ein Potsdamer Kaufmann dort auf dem großen Friedhof vor dem Nauenschen Tore seiner Frau ein Grabmonument errichten. Es steht in der Ecke des Kirchhofs und ist mit einer Mauer und Gittertür versehen. Das Monument stellt Saturn dar mit dem Sinnbild der Zeit in übergroßer Gestalt. Eine weibliche Figur in Lebensgröße sitzt trauernd in der Mitte, und ein kleiner Knabe als Merkur überreicht ihr einen versiegelten Brief mit der Aufschrift: A Madame Dikow née Grunthal à Potsdam. Diese weinende Madame hat schon ein Blatt in der Hand, auf dem steht: Golgatha, am allgemeinen Erlösungstage. Auf diesen meinen Solawechsel, dessen Valuta ich an Frömmigkeit und ehelicher Treue erhalten, zahlet dir sogleich nach deinem Absterben die ewige Seligkeit dein Heiland Jesus Christus.   Der Schreck. Frau Bernstein, die ihren Mann von der Bahn abholt: »Du, dein Kassierer ist ein Lump! Er hat –« Bernstein wird totenblaß: »Um Gotteswillen, was ist? Was ist geschehen?« Frau Bernstein: »Er hat deine Abwesenheit benutzt, um –« Bernstein: »Der Lump! Der Schuft! Wer hätte das von ihm gedacht!« Frau Bernstein: »Um mir einen unsittlichen Antrag zu machen!« Bernstein, sich den kalten Schweiß von der Stirn reibend: »Wenn du es noch einmal wagst, mich so zu erschrecken! Ich hab' wahrhaftig gedacht, der Mensch ist ausgerückt!«   Die neue Sekretärin. Chef: »Wie kam es denn, daß Sie Ihren früheren Posten so Knall und Fall verließen?« Sekretärin: »Die Frau meines Chefs hatte Grund zur Eifersucht.« Chef: »Sie sind engagiert!«   Kurzer Bescheid. »Nun, Herr Müller, wie geht das Geschäft?« »Auf den Namen meiner Frau!«   Fachkenner. Wollheim, der in der Brautnacht die vielen Schnüre und Bänder an der Kleidung seiner Frau löst: »Rosa, deine Eltern haben dich aber in einer prima Verpackung geliefert!«   Das kleinere Übel. »Ich habe zwei Bewerber für den Verkäuferposten«, sagte ein Kaufmann zu seiner Frau. »Sie scheinen beide tüchtig zu sein, aber der eine hat schon Unterschlagungen gemacht, und der andere ist ein Mädchenverführer.« Frau: »Da würde ich unbedingt den zweiten nehmen. Ich laß mich doch lieber verführen als bestehlen.«   Passende Namen. Den Tuchhändler Zwirner beschenkt der Himmel mit weiblichen Zwillingen, und er sinnt lange darüber nach, welche Vornamen er ihnen geben soll. Endlich fällt ihm das Richtige ein, und er nennt die eine »Met«a und die andere »Ell«a.   Er kennt ihn. Kolonialwarenhändler: »Mein Sohn ist nicht nur hier im Geschäft sehr tüchtig, er hat sich auch dem Boxsport gewidmet und schon eine Meisterschaft errungen.« Kunde: »Ich kenne ihn vom Einkauf. Gewiß hat er die Meisterschaft im Leichtgewicht bekommen.«   Überraschung. Auf einem Tanzvergnügen lernte Fräulein Schröder einen netten Herrn kennen, der sich ihr als Staatsbeamter vorstellte. Herr Schröder lud ihn bald darauf zu Tisch ein und ging nach dem Essen mit ihm in sein Büro hinüber, wo er bei einem Gläschen Kognak und einer guten Zigarre als vorsorglicher Vater mit dem Gast über seine finanzielle Lage zu sprechen begann und ihm unter anderem erzählte, daß er jährlich zwanzigtausend Mark in seinem Geschäft verdiene, denn er sagte sich, daß bei fünf unverheirateten Töchtern doch endlich einmal eine untergebracht werden müßte. Der Fremde schüttelte bei der Nennung einer solchen Einkommenssumme ungläubig den Kopf, so daß Schröder, dem das gesetzte Wesen des andern gefiel, ihm schließlich sein Hauptbuch vorlegte, »verzeihen Sie,« sagte jetzt der Gast, »ich komme nicht als Bewerber zu Ihnen, sondern in meiner Eigenschaft als Obersteuerkontrolleur, um Ihr Einkommen zu prüfen.« Seitdem, vergewisserte sich Herr Schröder immer erst sehr genau über den Beruf eines jungen Mannes, ehe er ihn zu Tisch einlud.   Instruktion. Chef (zum neuen Reisenden): »In Meseritz besuchen Sie vor allem den alten Bamberger in Firma Bamberger \& Sohn, Er hat früher immer warme, dicke Unterhosen von mir bezogen, machen Sie ihm darin Ihre Aufwartung.«   Er weiß Bescheid. Verkäufer (leise zum Chef): »Da vorne ist ein junger Herr im Laden, der stottert alles mögliche durcheinander, ich werde nicht klug daraus, was er eigentlich haben will, wollen Sie nicht mal mit ihm sprechen?« Chef: »Ist nicht nötig! Man merkt, daß Sie noch nicht viel Erfahrung haben, Legen Sie ihm Verlobungsringe vor!«   Berechtigtes Mißtrauen. »Warum rennen Sie denn so, Herr Bergmann?« »Ich muß schnell ins Geschäft. Ich hab' den Schlüsselbund am Geldschrank hängen lassen, und wenn mein Schwiegersohn, der im Büro sitzt, ihn aufmacht–« »Na, trauen Sie denn dem nicht?« »Nicht im geringsten! wenn der hineinsieht, dann hebt er morgen die Verlobung auf.«   Der Chef im Dilemma. »Herr Rechtsanwalt, was soll ich tun? Immer, wenn ich nach Hause komme, sitzt mein Prokurist mit meiner Frau auf meinem Sofa, und sie knutschen sich ab!« »Schmeißen Sie den Kerl aus Ihrem Geschäft heraus!« »Das kann ich nicht, er ist zu tüchtig.« »Dann schmeißen Sie Ihre Frau heraus!« »Das kann ich auch nicht, sie hat doch ihr ganzes Vermögen im Geschäft stehen.« »Ja, dann weiß ich auch keinen Rat für Sie!« Nach einigen Wochen treffen sich die beiden wieder. »Nun, wie geht's?« fragt der Rechtsanwalt. »Danke, sehr gut!« »Und wie steht's mit den beiden Verliebten?« »Danke, auch sehr gut!« »Wen haben Sie rausgeschmissen?« »Ich hab' mir's überlegt, ich hab' das Sofa rausgeschmissen.«   Der Kaufmann und seine Hausfreunde. Ein Kaufmann hatte eine hübsche Frau und zugleich eine recht ansehnliche Menge Hausfreunde, von denen er nicht recht wußte, ob ihre Besuche ihm oder seiner Frau galten. Um sich ihrer zu entledigen, ersann er folgendes Mittel. Er nahm einen sogenannten Hausfreund beiseite und sagte zu ihm: »Ich weiß, Sie sind mein Freund, und ich kann auf Ihre Verschwiegenheit rechnen. Sie wissen, daß bei jedem Kaufmanne Zeiten kommen, wo das eigene Kapital nicht ausreicht, können Sie mir vielleicht mit einem Darlehen von fünfhundert Talern aushelfen?« Der Hausfreund entschuldigte sich mit augenblicklicher eigener Verlegenheit, versprach aber, auf die Erfüllung des Wunsches bedacht zu sein, und – kam nicht wieder. In gleicher Weise verfuhr der Kaufmann mit allen übrigen Freunden, und siehe da! sie blieben alle aus.   Das falsche Sprüchwort. . Zwei Kaufleute unterhalten sich. »Geld allein macht ja auch nicht glücklich!« meint der eine. »Ja, das habe ich früher ebenfalls geglaubt«, sagt sein Freund. »Aber, was meinen Sie, wie glücklich ich wäre, wenn ich das Geld meiner Frau allein hätte – ohne die Frau!«   Doppelte Freude. »Nanu, Lehmann, was machen Sie denn für ein vergnügtes Gesicht?« »Ach, denken Sie nur – mein Kassierer ist mit meiner Frau durchgebrannt, und der arme Kerl hat noch seine Kaution von 5000 Mark im Stich gelassen!«   Schlechte Zeiten. »Na, wie gehen die Geschäfte?« »Mit Unterschieden! Vormittags ist nicht viel los, und nachmittags läßt es etwas nach.«   Vorsorge. »Ist das wirklich wahr, Herr Könnecke, Sie geben Ihre einzige Tochter Ihrem Kassierer zur Frau?« »Ja, wenn er dann mal mit der Kasse durchgeht, dann hat wenigstens meine Tochter was davon!«   Wiegenlied für den Sohn eines Börsianers. (Aus der Biedermeierzeit.) Schlaf, Kindlein, schlaf, Sei du nur gut und brav! Dein Vater macht in Bankpapieren Und wird bald sein Geschäft kassieren. Alsdann wird er verschwinden Zum Nimmerwiederfinden, Schlaf, Kindlein, schlaf! Schlaf, Kindlein, schlaf, Sei du nur gut und brav! Die Mutter geht in Krinolinen, läßt sich von früh bis spät bedienen, Ist im Konzert, in Soirséen Stets mehr als wie zu Haus zu sehen, Schlaf, Kindlein, schlaf!   Welcher Meier?. Von Glasbrenner. Wer von allen Damen und Herren, Kindern, Greisen und Jungfrauen unseres Vaterlandes kennt nicht mindestens einen Menschen namens Meier? Überall, soweit die deutsche Zunge reicht, gibt es Meier. In allen Ständen und Klassen machen sie sich breit, am meisten aber im Kaufmannsstande. Eines Tages warf eine junge, hübsche und sehr elegante Dame in den Berliner Briefkasten einen Brief mit der einfachen Adresse: Herrn A. Meier , Wohlgeboren, Hier. Beim Sortieren der Briefe stutzte der damit beauftragte Beamte, und als der Name laut ausgerufen wurde, meldete sich einer der Briefträger, der amtlich Meier VII. hieß, behauptete den Adressaten zu kennen und nahm das Briefchen an sich. Bei dem Herrn Adolf Meier, Chef der gleichnamigen Firma, gab er es mit einigen anderen Briefen ab, und der erste Kommis, Herr Meierheim, der sonst alle Geschäftsbriefe zu öffnen pflegte, schob dieses duftende Schreiben, dessen Zierlichkeit ihm sofort mehr auf Vergnügen als auf Geschäft hinzudeuten schien, uneröffnet und mit einem leisen Schmunzeln seinem schon in vorgerücktem Alter befindlichen Herrn auf den Schreibtisch. Herr Adolf Meier schob erstaunt seine Brille zurecht, öffnete das Billett und las: »Geliebter Freund! Ich erwarte Dich bestimmt heute, spätestens morgen. Wo? weißt du. Komm, süßer Meier, ich habe dir Interessantes mitzuteilen. Am sichersten abends 8 Uhr. Du weißt weshalb. Ewig deine treue Isabella.« »Isabella? Isabella?« besann sich der alte Herr. »Ich kenne doch keine Isabella außer einer Königin von Spanien und einer Isabella in Meierbeers Robert dem Teufel! Sie erwartet mich bestimmt heute oder morgen? Hm! Komisch, komisch!« Er drehte das Briefchen nach allen Seiten um und beschnupperte es. »Ach,« rief er, »das wird mein Konkurrent, der A. Louis Meier, sein! Ja, gewiß! Der Duckmäuser! Warte! – Karl!« rief er und kuvertierte das Schreiben, »Hier, Herrn A. Louis Meier gegen Mittag abzugeben! Kann auch der Madame übergeben werden!« Und so geschah es, denn Herr A. Meier wußte ganz genau, daß Herr A. Louis Meier gegen Mittag sich auf der Börse befand. Mit dem freundlichsten Gesicht, das Herrn Louis Meier seine Geschäfte erlaubten, kam er gegen drei zu Tisch. Seine Ehehälfte, die ihn übrigens an Korpulenz um das Dreifache übertraf, empfing ihn mit einem Blick, in welchem zehn Scharfrichter lagen. Sie legte ihm das parfümierte Briefchen auf den Tisch, und er durchflog es mit dem Angstschweiß eines bösen Gewissens, worauf er es mit einem empörten »Unsinn!« auf den Boden warf. Die hierauf folgende Eheszene wurde ungewöhnlich heftig, nicht nur das Hauspersonal, sondern auch verschiedene Nachbarn genossen eine vergnügte Viertelstunde. Jedenfalls aß Herr A. Louis Meier an diesem Tage kein Mittagbrot, wenigstens nicht zu Hause. Er stampfte wütend mit dem Fuße, steckte den ominösen Brief in die Tasche und verließ mit rotem Gesicht die Stube und das Haus, wobei man ihn heftig die Türen zuschlagen hörte. Erst in einem renommierten Weinlokal kam er nach dem zweiten Gang langsam wieder in eine andere Stimmung. »Sonderbar!« sagte er, den Brief noch einmal betrachtend. »Keine Wohnungsangabe, keine nähere Bezeichnung als A. Meier! Wer sollte alle A. Meier kennen? Und Isabella? Sollte ich irgendeine Isabella kennen? Nein, die heißen alle anders! Halt, jetzt hab' ich's! Es wird der junge blonde Meier, der Benjamin A. Meier sein! Ganz recht, das ist ein unverheirateter Don Juan, ein Lüderjan, der allen Mädchen nachläuft. Na, ich will ihn nicht um sein Glück bringen.« Und er ließ sich das Adreßbuch, Feder und Tinte bringen, verzeichnete die nähere Adresse auf dem noch immer duftenden Briefchen und warf es nachher selbst in einen Postkasten. Der junge blonde Meier, in Firma Benjamin A. Meier, war seit kurzem verlobt und saß bei seiner Braut, mit ihr von der Zukunftsmusik schwärmend, welche die möglichst vielen kleinen Meiers machen würden. Sein Schwiegervater in spe, Kaufmann von der Perücke bis zum Absatz des Stiefels, wollte einen ihm durchaus ähnlichen Schwiegersohn. Deswegen erschien auch Meier, der Blonde, am Tage fast immer mit der Feder hinter dem Ohr, und fast immer nur auf eine Viertelstunde. Zur weiteren Einschmeichlung bei seinem zukünftigen Schwiegervater hatte er seinem Lehrling strenge Order erteilt, alle während seiner Abwesenheit einlaufenden Briefe sofort in das Haus seiner Braut zu bringen. Heute war der blonde Benjamin A. Meier schon über 22 Minuten bei dieser Braut, als der gehorsame Handelsjüngling kam und mehrere Briefe brachte. Der Schwiegervater bemerkte mit innerem Wohlgefallen die Hast, mit der der Schwiegersohn die Briefe aufbrach, überflog und dabei angab, woher sie kamen. »England – Bericht aus Hongkong – Helsingfors – Frankfurt – von Rollerkamp \& Schwencke – Stadtpost? Ach, gewiß intime Nachrichten des Fondsmaklers.« »Gib her!« Und der spekulierende Schwiegervater nahm rasch den Brief aus Benjamin A. Meiers Händen. Bald gab es einen Heidenlärm in der Stube, Weinen, Durcheinanderschreien, Schimpfen und Toben der drei Anwesenden. Entrüstet nahm der Blonde endlich den Brief mit den »intimen Nachrichten des Fondsmaklers« auf, den ihm der erboste Exschwiegervater ins Gesicht geworfen hatte, und stürzte mit einem »Lebewohl für immer!« zur Tür hinaus. Die Braut fiel selbstverständlich in Ohnmacht. Als sie aus dieser Ohnmacht erwachte, hatte sie den blonden Meier eigentlich nie geliebt. Sie sagte das ihrem Vater mit Überzeugung und schickte noch am nämlichen Tage den Verlobungsring zurück. Herr Benjamin A. Meier schickte dafür den seinen und gestand sich, daß ihm seine Braut schon seit langem fast zuwider gewesen war. »Das Vermögen des Alten, dieser unausstehlichen, lebendigen Zählmaschine, verlockte mich. Aber es gibt für den blonden Benjamin A. Meier zum Glück noch mehr gute Schwiegerväter, Im Grunde war sie zwar nicht hübsch, aber äußerst langweilig. Aus for ever ! Nachdem er durch diesen kurzen Monolog seine Heiterkeit wiedergefunden hatte, kuvertierte er das duftende Briefchen, schrieb des Spaßes halber statt A. Meier A. B. C. Meier darauf und schickte es zur Post. Zufällig existierte ein A. B. C. Meier. Er war ein der Jugend längst entrückter Herr, der früher Abraham Baruch Meier geheißen hatte, aber dann einer Jungen Frau zuliebe, die er heiratete, sich taufen ließ und den weiteren Vornamen Christian annahm, weshalb er seitdem für sein Produktengeschäft A. B. C. Meier firmierte. Gerade saß dieses Ehepaar gemütlich beim Tee, als der Diener der Frau, die das Regiment im Hause führte, das Wanderschreiben überreichte. »Wer ist Isabella?« fragte sie erstaunt und entrüstet ihren Gemahl. »Gott, der Gerechte! – Wollt' ich sagen, Jesus! – wie heißt? Wie soll ich wissen, wer ist Isabella? Spaß! was geht mich irgendeine Isabella an?« »Lies und bebe!« rief die junge Frau und warf ihm den Brief zu. »Nu?« sagte er, nachdem er gelesen hatte, »wossu soll ich beben? Wenn Zehn solcher Briefe kämen, ich würde nicht beben. Aber vielleicht würd' ich beben, wenn mich wirklich eine Isabella erwartete um acht Uhr und verlangte von mir heiße Liebe!« Die Frau nickte mit dem Kopf, sah ihren altersschwachen Mann an und seufzte. Da klopfte es, und ein hübscher junger Mann trat ein, ein Verwandter des Hauses, »lieber Herr August,« rief ihm erfreut Herr A. B. C. Meier entgegen, »versöhnen Sie mir meine Frau, welche will, daß ich soll mit Gewalt beben um eine lange Isabella, welche will haben einen geliebten Freund heute oder morgen acht Uhr, um ihm mitzuteilen etwas Interessantes, was tu' ich mit Isabellas, ich will lieber gehen nebenan in Meyers Hotel und spielen meine Partie Klabrias. Versöhnen Sie mir meine Kläre!« Dabei übergab er August das Briefchen, das dieser lächelnd las und in die Tasche steckte. Herr A. B. C. Meier ging und spielte Klabrias, während der Vetter August seine Verwandte in einer Weise sanfter stimmte, daß diese sich gar nicht von ihm trennen wollte. Aber gerade heute hatte er keine Zeit, er ging schon nach einer Viertelstunde von der schmachtend seufzenden Kläre fort. Er mußte sich nämlich sehr beeilen, um rechtzeitig um acht Uhr zu einer reizenden, hübschen jungen Dame zu kommen, die den Vornamen Isabella führte. Er hieß ja ebenfalls A. Meier, August Meier, und der Brief war nach einer seltsamen Irrfahrt nun doch an die richtige Adresse gelangt. Otto Meier.   De Aoltbeerhüüse. Aus »Frans Essink« von Landois, ein Roman aus dem alten Münster in Westfalen. »Lepper, noch een Gläsken!« reip de Blickschliäger Peter Anton. »'t giff nix mehr,« – sagg Lepper – »de Glocke hätt all niegen schlagen«, un blies daobi he eene Ungelkärße (Talgkerze) nao de andere ut, un namm so met up siene Upkammer; eene enzigste leit he briännen; et soag ut in de Kiücke, äs wenn en Nachtwächter daud wäör. »Den gruowen Wärt fall doch der Düwel halen« – sagg Peter to de anderen Gäste – »soll wie uß dat gefallen laoten? Doch ick häwwe en kloken Infall: Holtmeier, du häölst en paar Kärßen, dat wi seihen könnt; ick will sölwst ne Buske (Holzbürde) halen, dat wi nich verfreiset.« De beiden gongen ut'n Huuse herut, un kämmen auk baolle trügge. Peter ßüock de Kärßen up liedige Putelljen un schmeet de Buske an en Herd. Up en Spölsteen stonn noch en vullen Bullenkopp, also Beer nog. Se satten siälenvergnögt bi't Füer, vertellden noch allerhand Dönkes (Anekdoten) un fongen reits an te singen. Leppen beet (biß) sick vüör Gift un Galle up de Tunge. So'n Randaleeren hadde he sien Liäwedage noch nich in Huuse hat. »Well iß hier Här in Huuse, ick odder de Suupstiärte?« kürde he in sick. Daobi schleek he sick up den Raukbühn buowen üöwer den Herd; von hier ut saog he alle siene Gäste, wu se so siälenoergnögt üm't Herdfüer satten. »Ick will ju Nachtulen all vertiehen (verscheuchen)!« sagg he in sick un pladderdautsk, guott he en Emmer met Spölwater midden in't Füer tüsken de Gäste. Dat Water met de Aske un Kuohlen splenterde nao alle Ecken un Kanten, de Beergäste saogen ut, äs wenn se sik in die Gauske (Rinnstein) weltert (gewälzt) hädden. Peter Anton wull küren, he konn et nich, de Katuffelschellen von dat Spölwater hongen em in en Baort. Man häörde hier un dao »grouwen Wärth« – aower Lepper hadde sien Huus baolle rein. – Den annern Aowend kämmen desölwigten Gäste, äs wenn der nix vüörfallen wäör. Äs Leppen aower Klock niegen eene Kärsse utpussede, gongen se alle stillkes nao Huus. Üower eenige Tied hadden de Gäste et wier vergiätten, dat Lepper Aobends um niegen Uhr kien Beer mehr vertappen wull. Se satten un schwadroneerden de Stärne von'n Hiemmel herunder. Lepper hadde en kloken Infall. He gonk vüör de Düöre, kämm ielig trügge to biärßen und schreide in de Kiücke siene Gäste, to: »Brand! Brand! Brand!« Alle Gäste leipen up de Straote. Äs de letzte herut waß, schluott Jevver de Huusdüöre to, reet en Fenster up, un schmeet de Gäste ehre Höde, Stöcke un Röcke düör't Fenster nao. – So behandelden fröher in Mönster de warte ehre Gäste. –   Gespräche mit einem Millionär. Aus »Humoresken«, Verlag Ph. Reclam. Von Oskar Blumenthal. Durch Zufall lernte ich einen jener amerikanischen Großmillionäre kennen, vor deren Launen die Finanzwelt durch ein ganzes Jahrzehnt gezittert hat. Wo sich eine Anzahl von Kapitalsriesen zu einem Trust zusammenschloß, um eine blühende Weltindustrie in ihren Alleinbesitz zu bringen, stand er in Reih' und Glied. Wo es galt, unter dem wohltätigen Schutz der Gesetze aus dem Prospekt einer Aktiengesellschaft einen kunstreichen Dietrich zu schmieden, um fremde Geldschränke anzubohren, hatte er die Hand im Spiel. Bei allen jenen großen Börsenkatastrophen, wo durch einen listig vorbereiteten Staatsstreich in einer einzigen Stunde alle Kleinen und Schwachen gnadenlos abgeschlachtet wurden, war er der führende Mann. Seit etlichen Jahren hat er sich mit seinen Millionen klüglich zurückgezogen und genießt nun die ganze Hochachtung, die in der europäischen Gesellschaft niemals denjenigen versagt wird, die man nach dem bekannten Sprichwort hat laufen lassen. Ich lernte ihn in einem Londoner Klub kennen. Bei einem großen Kunsthändler trafen wir uns wieder, wo ich ihn nur mühsam durch gütlichen Zuspruch zurückhalten konnte, von sieben kostbaren Gobelins, die ihm angeboten wurden, gerade den künstlerisch wertlosesten auszusuchen. An der American Bar des »Hotel Cecil« wurde unsere Bekanntschaft fortgesetzt. Beim dritten Cocktail wurden wir vertraulicher miteinander, wir trafen später häufig zusammen – und da er mit der herausfordernden Aufrichtigkeit eines Mannes, dem niemand etwas mehr anhaben kann, seine plutokratische Weltanschauung gern vor mir aufschloß, so habe ich manche seiner Bemerkungen der Aufzeichnung wert gehalten. »Wissen Sie,« begann der Nabob eines Tages, »was mich am meisten ärgert? Daß der Begriff Millionär durch die Verschiedenheit der Währung in den einzelnen Ländern eine so große Dehnbarkeit angenommen hat. In England muß man wenigstens eine Million Pfund besitzen, um Millionär zu heißen. Das ist eine immerhin achtbare Vorbedingung. Aber in Deutschland erlangt man diesen Ehrentitel schon mit einer Million Mark, und in Frankreich kann man den Namen bereits mit einer schäbigen Million Frank erwerben – spottwohlfeil, wie den Doktortitel in Philadelphia ... Ich schreibe es nur diesem Umstände zu, daß sich jetzt überall in Europa ein Millionärproletariat so unleidlich bemerkbar macht!« In einer Stunde des Wohlwollens sagte er zu mir: »Soll ich Ihnen eine Beobachtung anvertrauen? Der Wunsch, eine zweite Million zu gewinnen, kostet sehr häufig den Besitz der ersten. Und darum rate ich Ihnen, mein lieber Freund, wenn Sie einmal so weit kommen sollten, fein genügsam zu sein und sich schon mit der ersten Million zurückzuziehen, Sie müssen sich dann eben mit dem Bewußtsein trösten, daß es in der Welt nicht lauter reiche Leute geben kann! Und wenn Sie auch in die Milliardärklubs in Neuyork und Chicago nicht aufgenommen werden können, so gibt es ja doch auch Gesellschaften für minderbemittelte Millionäre. Man muß sich nach der Decke strecken.« Eines Tages machte ich mir das boshafte Vergnügen, ihm Cesare Lombrosos so unschmeichelhafte Grundzüge einer Millionär-Psychologie zu geben. Er war einfach außer sich. »Was er nur von uns will, dieser Herr Lombroso, mit seinen wissenschaftlich verkleideten Impertinenzen! Zunächst ist es nicht eben mutig von einem Autor, seinen Witz an den Millionären zu wetzen – er weiß sehr wohl, wie wenig von seinen Lesern sich getroffen fühlen können. Und dann dieser Einfall, sogar die Ehrenhaftigkeit unserer Vergangenheit untersuchen zu wollen! Als wenn ein Milliardär überhaupt noch eine Vergangenheit hat! Mag sein Vorleben mit noch so vielen unklaren Streifen gesprenkelt sein – durch keine Hülle wird eine makelreiche Vergangenheit so sicher verborgen wie durch eine ganz dünne Decke von Tausenddollarnoten. Und die Gesellschaft hat auch vollkommen recht mit der liebreichen Schonung, die sie uns angedeihen läßt. Denn die Millionen haben schließlich eine läuternde Kraft, und aus jungen Trustmännern sind schon alte Wohltäter geworden ... Sehen Sie die großen Ströme an: sie sprudeln alle aus kristallklaren Bergquellen, aber in ihrem Laufe verschlammen sie mehr und mehr. Mit den großen Reichtümern ist es umgekehrt. Sie fließen oft aus unreinen Quellen, aber je weiter die Wellen rinnen, um so mehr Schlamm werfen sie aus – und die Ehrenhaftigkeit, die man sich anfangs nur als einen Luxus gegönnt hat, wird uns schließlich Bedürfnis,«»Auch der Erwerbssinn«, sagte er bei anderem Anlasse, »hat seine großen Meister. Es gibt bei uns zu Lande Genies, die mit ganz geringfügigen Veruntreuungen der Portokasse begonnen haben – aber schon nach wenigen Jahren konnte man ihnen die Verschleierung der größten Jahresbilanzen anvertrauen.« In dem Sprechbuche eines geistreichen deutschen Aphoristikers fand ich die Merkung: Gelegenheit macht auch ehrliche Leute. »Der Mann kennt die Welt«, lachte mein Nabob, als ich ihm das Aperçu mitteilte. »Aber nicht bloß die Gelegenheit – auch der Reichtum hat eine verehrlichende Kraft. Er muß nur groß genug sein! Denn wenn das Gold erst in recht stattlichen Haufen emporgeschichtet ist, so gewinnt es eine Leuchtkraft, die sogar die Grenzen von mein und dein hervortreten läßt.« »Wie finden Sie mein Porträt?« fragte er mich eines Nachmittags und führte mich vor das Meisterwerk eines deutschen Künstlers. »Darf ich aufrichtig sein?« »Ich bitte.« »So meisterlich Ihre Gesichtszüge wiedergegeben sind – durch die Pose, die Sie annehmen, wird das Bild Ihnen unähnlich.« »Wieso?« »Weil Sie die Hand in Ihrer eigenen Tasche haben.« Er schmunzelte so geschmeichelt, als wenn ich ihm die ehrenvollste Anerkennung gezollt hätte. »Sittlichkeit im Geschäftsleben ...« Ich hatte diese Frage kaum behutsam angeschnitten, als mir der Amerikaner schon erregt ins Wort fiel: »Hören Sie auf!... Sittlichkeit im Geschäftsleben – das ist ein relativer Begriff, der vor allem an der Größe des Objekts gemessen werden muß, an welchem er sich erproben soll, wenn ein Gutsherr seinen Nachbar durch eine kleine Fälscherlist bei der Grenzvermessung um einen winzigen Randstreifen bringt, so hat er eine schäbige Spitzbüberei begangen. Aber wenn eine Großmacht der andern eine ganze Provinz nimmt, so hat sie nicht geraubt, sondern erobert. Es ist im Geschäftsleben nicht anders. Ein paar Hundertdollarnoten können gestohlen, aber Millionen können nur erobert werden.« »Und wie erobert man sie?« »Das Rezept läßt sich nicht gemeingültig aufzeichnen, Man kann sie ein ganzes Leben lang vergeblich gesucht haben, um sie endlich in einer einzigen, gut ausgemünzten. Stunde zu gewinnen. Es gehört dazu viel Verstand, einiges Glück und vor allem eine starke Dosis Herzlosigkeit. Mit Sentiments ist noch nie jemand Großmillionär geworden – denn bei Geschäften gilt der Wahlspruch: Herz beiseite! Man muß den Mut haben, viele kleinere Existenzen mitleidlos zu erwürgen, um eine große an ihre Stelle zu setzen – und wenn Ihnen jemand erzählt, daß er seine Millionen im Handumdrehen verdient hat, so können Sie ihm getrost erwidern, daß es im Halsumdrehen noch häufiger glückt!« Bisweilen mischte sich unter tausend zynische Aufrichtigkeiten auch einmal eine versöhnende Äußerung. Auf ein Zeitungsblatt deutend, sagte er mir nach einem Klubfrühstück: »Ich begreife nicht, warum die Blätter immer, wenn ich ein etwas kostbares Gemälde kaufe, meinen Kunstsinn rühmen? Und warum sie mich bei jeder Tausendpfundspende, die ich einer wohltätigen Anstalt zuwende, den edelmütigen Menschenfreund nennen? ... Ich habe wirklich keinen Anspruch auf diesen Ruhm, was meine Menschenliebe betrifft, so ist sie nicht halb so groß wie meine Menschenkenntnis. – Sie verstehen... und mein Kunstsinn? – Du lieber Gott, das Thema wollen wir lieber nicht aufrollen. Doch vor wenigen Jahren habe ich die Präraffaeliten für eine religiöse Sekte und die veristische Schule für eine Unterrichtsanstalt gehalten. Aber es gehört zu meinen gesellschaftlichen Pflichten, daß ich Kunstsinn und Menschenliebe mit einer bestimmten Summe in meinen Jahresetat einstelle. Das ist ein Tribut, den ich meinen Mitmenschen schulde, damit sie mir meine Millionen weniger übelnehmen, und ich zahle diesen Tribut sehr pünktlich, weil ich niemals gewohnt war, mich an meine Schulden mahnen zu lassen. Aber Freude springt dabei nicht viel für mich hervor – es sei denn die Genugtuung, daß alle Summen, die ich den wohltätigen Anstalten übergebe, den lieben Verwandten entzogen werden, die mich erblustig schon von weitem umlauern ... Ja, ja, mein Freund!« fügte er boshaft hinzu, »in der Liebe zu unserm Nächsten steckt bisweilen ein Tropfen Bosheit gegen unsere Allernächsten – und das ist die Geheimgeschichte mancher Millionenstiftung.« Sein tiefer Lebensschmerz waren die Lücken in seiner Bildung. »Ich habe zwar auf der Schule ziemlich viel gelernt,« seufzte er, »aber doch lange nicht so viel, wie gelehrt wurde! – – Und wenn ich das heute noch nachholen könnte, dafür gäbe ich –« Hier stockte er. »Eine Million?« fragte ich ergänzend. »O nein«, erwiderte er lachend. »Diese Redensart werden Sie von Millionären noch niemals gehört haben. Denn es sind die einzigen, die man beim Wort nehmen könnte.« Zum Abschied erbat ich mir, wie der Schüler im »Faust« eine Aufzeichnung zum Andenken. Er riß ein Blatt aus seinem Scheckbuch und schrieb auf die Rückseite: Was uns auch die weisen sagen – wenn ein Geldsack noch so schwer ist, Leichter ist er doch zu tragen, Als ein Bettelsack, der leer ist. Ich habe diese so überaus gemütvolle Sentenz den Aussprüchen bemerkenswerter Zeitgenossen angereiht, die ich in einem schönen Album für die Nachwelt bewahre.   Der Fehlerkommis. Von Peter Robinson. Heymann Freundlich, Manufakturwaren en gros und en détail , aber mehr das letzte, nennt sich stolz den tüchtigsten Geschäftsmann von Krojanke. Er ist, wie ein Türmer, immer auf der Höhe. So war er zum Beispiel der erste, der in Krojanke Rabattmarken einführte; nachdem er in aller Stille drei Prozent auf seine Ware aufgeschlagen hatte, kündete er äußerst laut drei Prozent Rabatt an, ein Verfahren, das von großem Erfolg begleitet war. Er war auch der erste, der in Krojanke Gasglühlicht brannte, worüber damals sogar ein Artikel im »Krojanker Stadt- und Landboten« erschien, und sicherlich wird er auch der erste sein, der in seinem Laden elektrische Beleuchtung hat, vorausgesetzt freilich, daß er überhaupt die Erbauung eines Elektrizitätswerkes in Krojanke erlebt; und das ist allerdings zweifelhaft. Das Manufakturwarengeschäft en gros und en détail , aber mehr das letzte, geht gut. Heymann Freundlich kann durchaus nicht klagen, wenn er es doch tut, geschieht es eben aus der Überzeugung, daß ein tüchtiger Geschäftsmann immer klagen muß. Außerdem hat er unbemittelte Verwandte, und die Steuereinschätzung ist auch zu berücksichtigen. Aber kein Geschäft geht so gut, daß es nicht besser gehen könnte. Und deshalb denkt Heymann Freundlich tagaus, tagein über neue Verbesserungen und Attraktionen nach, Neulich las er eine Notiz über eine in amerikanischen Warenhäusern übliche Einrichtung, die als »Entschuldigungsclerk« oder »Fehlerkommis« bezeichnet wird. Sie tritt in Erscheinung, wenn aufgeregte Kundinnen kommen und sich über irgend etwas beschweren wollen, Damen sind in solchen Fällen fast nie zufrieden zu stellen. Nur der Fehlerkommis kann helfen. »Sie haben ganz recht, meine Gnädige,« sagt man der Kundin, »so etwas durfte nicht vorkommen; es ist aber einzig und allein die Schuld unseres Herrn X, der diesen minderwertigen Stoff nicht hat an den Fabrikanten zurückgehen lassen« – oder die Preise falsch ausgeschrieben hat, oder worum es sich sonst gerade handelt. Herr X wird gerufen. »Sehen Sie, was Sie da angerichtet haben – auf der Stelle sind Sie entlassen!« – Herr X wird bleich – dazu ist er kontraktlich verpflichtet; er stammelt Entschuldigungen und Bitten – dafür bekommt er sein Gehalt; er versucht ein paar Tränen herauszuquetschen – die gibt er als pflichteifriger Mensch gratis. Die anfangs so empörte Kundin ist bestürzt; das hat sie wirklich nicht veranlassen wollen, ihretwegen soll kein Mensch so plötzlich auf die Straße gesetzt werden. »Aber ich bitte, so schlimm ist die Sache ja gar nicht; ein Irrtum kann in solchem großen Geschäft mal vorkommen, lassen Sie doch das nicht den Herrn entgelten!« Und die durch so rasche Genugtuung – alle anderen Entschuldigungen wären vielleicht vergeblich gewesen – unendlich zufriedengestellte Kundin verwendet sich in rührender Weise für Herrn X, der denn auch »für dieses eine Mal« begnadigt wird und sich mit einem Roman die Zeit vertreibt, bis er von neuem gerufen wird und einer anderen Beschwerdeführerin als Opfer vorgeworfen wird. – Das ist die interessante, von feinster kaufmännischer Seelenkunde zeugende Institution des »Fehlerkommis«. Heymann Freundlich war begeistert. Das war ja ganz ausgezeichnet; so mußte er das auch machen. Aber einen besonderen Fehlerkommis, der nur für die Funktionen eines Sündenbockes Gehalt bezog, wollte er natürlich nicht anstellen; diese Rolle konnten seine jungen Leute ebensogut nebenbei spielen, abwechselnd, damit keiner zu kurz käme. Daß der in einem amerikanischen Warenhause angestellte »Entschuldigungsclerk« zum Teil auch für sein gekränktes Ehrgefühl entschädigt wird – denn es ist keine Kleinigkeit, in Gegenwart einer vielleicht jungen und hübschen Kundin hinausgeworfen zu werden – berücksichtigte Heymann Freundlich nicht weiter. Gekränktes Ehrgefühl gab es in seinem Geschäft nicht – bei ihm nicht und bei seinen jungen Leuten erst recht nicht. Das Personal wurde instruiert. Dessauer, der älteste junge Mann, die Stütze des Etablissements, eingeweiht in fast alle Geschäftsgeheimnisse, sollte der Sündenbock der ersten Woche sein. »Sie sind am gescheitesten«, sagte der Chef, »von Ihnen können die andern lernen, wie sie sich dabei zu benehmen haben. Üben Sie sich ein bißchen vorher, wie niedergeschmettert Sie sein werden, wenn ich Sie entlasse, und denken Sie sich was Schönes aus, was Sie dann sagen werden. Sie brauchen ja nicht gerade »Weih geschrien!« zu rufen, aber irgend so was Ähnliches kann's schon sein, ins Deutsche übersetzt.« – Und nun wurde auf die erste Beschwerde gewartet. Die Frau Superintendent kam damit an. Eine gute, eine sehr geschätzte Kundin. Für sich und ihre Familie brauchte sie gerade nicht viel, eher sehr wenig, aber jedes Jahr kaufte sie alle die Socken, wollene Unterjacken, Wintermäntel für Kinder und ähnliche Sachen ein, die der »Armenverein« der Stadt für seine Weihnachtsbescherung nötig hatte. Und der »Armenverein« hatte Geld, denn die wohlhabendsten Leute der Stadt gehörten ihm an, wie das gewöhnlich so ist, wenn auch die Bezeichnung »Armenverein« nicht gerade darauf hindeutet. Also die Frau Superintendent kam und war sehr unzufrieden, Sie hatte vor drei Wochen zwei Schürzen für ihr Dienstmädchen gekauft, zwei bunte Kattunschürzen. Die eine Schürze war jetzt gewaschen worden und hatte in der Wäsche etwas an Farbe verloren. Das durfte natürlich nicht vorkommen – bei dem gezahlten Preise nicht und in einem reellen Geschäft auch nicht. Heymann Freundlich hörte die Klage der Frau Superintendent an, mit aufrichtiger Anteilnahme. Der Preis war freilich ein derartiger gewesen, daß man von der Farbe gerade nicht Dauerhaftigkeit verlangen, im Gegenteil sich freuen konnte, daß in der Wäsche wenigstens die Schürze erhalten geblieben war, und was das reelle Geschäft anbetraf – nun, Herr Freundlich behielt seine Gedanken für sich und gab der Frau Superintendent vollkommen recht. Wirklich, es war ein Skandal; untröstlich war er, daß so etwas hatte bei ihm passieren können. Aber gleich wollte er ein Exempel statuieren. »Herr Dessauer, kommen Sie doch mal einen Augenblick her!« »Ah, richtig, der Herr hat mir ja die Schürzen damals verkauft«, erklärte die Frau Superintendent. Das traf sich sehr gut; Herr Freundlich war außerordentlich zufrieden. Natürlich nur innerlich; äußerlich war er unzufrieden. »Nu sagen Se mal, was fällt Ihnen ein, so was zu verkaufen! Hab' ich Ihnen nicht schon längst gesagt, daß die Schürzen ausrangiert werden sollen? Muß ich mich denn um alles kümmern? Wollen Sie mir denn mein Geschäft ruinieren? Wissen Sie, daß ich keine Lust mehr hab', mich mit Ihnen herumzuärgern! Sie können zum Ersten gehen, verstehen Sie mich? Gleich können Sie gehen; packen Sie Ihre Sachen zusammen, nachher zahl' ich Ihnen Ihr Salär aus.« Dessauer zuckte die Achseln, »Mir auch recht«, sagte er und weiter nichts. Herr Freundlich rollte die Augen, um ihm anzudeuten, daß er bestürzt sein und jammern und bitten sollte. Aber Dessauer war nicht bestürzt und jammerte und bat auch nicht. Die Frau Superintendent war erschreckt; sie faltete die Hände. »Aber Herr Freundlich, so schlimm ist das doch nicht! Sie werden den jungen Mann doch nicht gleich entlassen, er hat sonst immer so nett bedient.« »So was darf in meinem Geschäft nicht vorkommen«, wütete Herr Freundlich. Und jetzt geschah etwas Unerwartetes. Dessauer zuckte noch einmal die Achseln und sprach: »Na meinetwegen! Es gibt noch andere Geschäfte in Krojanke, die mich schon längst haben wollen.« Die Frau Superintendent jammerte: »Aber Herr Freundlich! Und ich habe mich immer so gefreut über das nette patriarchalische Verhältnis, das zwischen Ihnen und Ihren jungen Leuten bestand.« Heymann Freundlich wünschte sich jetzt das gerühmte patriarchalische Verhältnis selbst; als umsichtiger Geschäftsmann hatte er schon immer davor gebangt, daß ihm seine Kraft von der Konkurrenz weggeschnappt werden könnte. Am liebsten hätte er jetzt mit Dessauer einen mehrjährigen Kontrakt abgeschlossen. »Nu, diesmal können Sie noch bleiben; aber machen Sie mir so was nicht noch einmal!« Das klang sehr großmütig, und die Frau Superintendent war zufrieden. Nur Dessauer nicht. »Ich geh' lieber«, erklärte er; »oder wollen Sie mir endlich die längst versprochenen zehn Mark pro Monat zulegen?« »Das könnten Sie schon tun, Herr Freundlich, »verwandte sich die Frau Superintendent für den jungen Mann; »das Leben ist so teuer geworden.« »Na ja«, brummte Herr Freundlich und dachte: wir spielen ja nur Fehlerkommis! »Das ist christlich – entschuldigen Sie, Herr Freundlich, wollte sagen, das ist recht gehandelt«, sagte die Frau Superintendent, bekam zwei andere Schürzen und ging befriedigt von dannen. – Heymann Friedrich packte seinen ersten jungen Mann bei seinem Rockknopf. »Sie – das mit den zehn Mark ist natürlich Stuß!« – Aber Dessauer entgegnete kühl: »Ich habe die Frau Superintendent als Zeugin.« Da kam Kohn, der jüngste junge Mann. »Nu lassen Sie mich den Dessauer als Fehlerkommis ablösen, Herr Freundlich: ich weiß jetzt, wie's gemacht wird.« Aber der Chef erklärte die Einrichtung, als für Krojanke nicht ganz geeignet, wieder für abgeschafft.   Inneres Leben. Aus »Prag«. Aus »Des deutschen Spießers Wunderhorn«. von Gustav Mayrink. Auf dem »Graben« ist etwas Sonnenschein. Natürlich nur der Kommerzialrat Sonnenschein. – (Es unterliegt heute überhaupt nicht dem geringsten Zweifel mehr, daß Prag tatsächlich von orientalischen Kaufleuten, wie die Sage berichtet, gegründet wurde.) Herr Sonnenschein steht gern bei dem Laden der Firma Waldel \& Wagner, Gummiwaren und Utensilien – und auf seinem Antlitz ruht der Glanz, der von jeher großen Kaufleuten eigen war: Marca Polo, Fugger, Li-hung-tschang. Er steht dort gern, – es ist mitten zwischen zwei Banken, der böhmischen Landesbank und der Kreditanstalt, und das macht immer a guten Eindruck. – Und dann is er stets schwarz angezogen. – »Schwarz is immer elegant.« – »Hab' dj' Ähre!« – hat jetzt jemand laut gegrüßt. – Herr Feldeck von Feldrind ist es. – Ein feiner Kopf. Die Brusttasche dick geschwollen. – Stearinkerzen hat er drin. – Er nimmt sie immer aus den Laternen seiner Equipage, damit sie der Kutscher nicht stiehlt. Man dreht sich um: Ah! Die harmlose kleine Frau Teichhut ist vorbeigegangen. Klapp, klapp, mit hohen Absätzen. Sie imitiert sengenden Blick, sieghaft, als hätte sie ein neues Laster erfunden. Und dort hält ein Wagen, welch prächtiger Landauer! Schau nur! Die Gemahlin des Millionärs Steißbein sitzt darin und ißt mit bloßen Fingern kalte Linsen aus ihrer Pompadour. Verlegen ruft die Tochter, die eben vorübergeht, ihr zu: »Aber Mama, was eßt du das?!« Jedoch die alte Dame läßt sich nicht beirren. Ja, und wer ist denn das? – Schon aus Wien zurück? – Ah, da staune ich: Der Hauptmann Aaron Gedalje Hehler vom Infanterieregiment Nr. 202 ist angekommen. – Schreibabteilung natürlich. Wer kennt ihn nicht! Fünfundvierzig Kilo schwer, ist er der Leichtgewichtsbalmachome par excellence. – Sein unbändiger Mut ist Stadtgespräch, und ein Duell mit ihm muß etwas Schauderhaftes sein. Gott sei Dank hat er noch keins gehabt. Er macht einen äußerst verwegenen Eindruck, und daran ist weiter nichts Wunderbares, denn einer seiner Ahnen schon hat kühn zu weiland Hermann dem Cherusker vorgedrängt, um sich das Knopperngeschäft im Teutoburger Wald nicht entgehen zu lassen. Erst kürzlich wieder hat man ihn dekoriert, den Hauptmann Hehler, – von Armenien aus, zusammen mit dem Friseur Schecketanz und dem Diurnisten Oberkneifer aus Marienbad, aber gewiß nicht seiner Furchtlosigkeit oder unvergleichlichen Befähigung, die Ehrbegriffe im kabbalistischen Sinne zu deuten, wegen, sondern offenbar der Verdienste halber, die er sich in den Tagen, als er noch ungetauft und Kommis in der Zichorienbranche war, um Armenien und die angrenzenden Länder erworben hatte. »Maj Kärl is ä hajpohrn Leedi,« singt er abends so gerne beim Wein, denn er liebt die englische Sprache, – – Hauptmann Gedalje Hehler! Jetzt aber, vorgeneigter Leser, folge mir willig ins Café Continental, es ist gerade gegenüber und das Herz Deutsch-Prags. Siehst du, dort links mündet die Schwefelgasse, so benannt, weil sie täglich der tiefsinnige Rechtsgelehrte Jellinek durchquert, und dort rechts steht der Insektenpulverturm, der mit Recht die »Zeltnergasse« abschließt. Für die Leute, die noch nicht in Prag akklimatisiert sind, empfiehlt es sich ja allerdings, ehe sie zum Besuche des Kaffeehauses schreiten, sich längere Zeit in einem Wachsfigurenkabinett abzuhärten. Man wird dann nicht so leicht erschrecken und manche Freude haben, wenn man gelegentlich einen oder den anderen verbürgten Prager Ehrenmann kennenlernt und sich innerlich froh gestehen kann: Hurra, ganz denselben Kopf habe ich ja schon in Spiritus gesehen. Selbstverständlich ist und bleibt aber ein Panoptikum immer nur ein mildes Training, und so manchem, der unvorbereitet das Café betrat, ist der Schreck arg in die Glieder gefahren. – Ahnungslos drängt man sich zwischen Sesseln hindurch, wehrt dankend dem aufmerksamen Kellner, der einem verbindlich sämtliche österreichischen Wochen-, Tages- und Sennesblätter anbietet, und sieht plötzlich auf: Um Gottes willen, was ist denn das? – Da sitzen ja drei assyrische Flügelstiere hinter einem Tisch? – Mit langen, schwarzen viereckigen Bärten und glühenden Augen, und starren einem auf die Stelle, wo man die Brieftasche stecken hat. Es sind aber nur der Herr Eisenkaß aus der Schmielesgasse, der Herr Jeittinger und der Spezialist für unheilbare Krankheiten Doktor Paschory, und ihr Aussehen büßt viel an Schrecklichkeit ein, wenn sie aufstehen, denn sie haben krumme Hosen und den friedlichen Plattfuß. Und in der Stammecke tagaus tagein, da sitzt ein Herr, der ist vielleicht gar kein Herr, sondern ein Kondor. Er ist zwar immer a quatre epingles , aber er ist doch ein Raubvogel. Er ist sogar ganz gewiß ein Raubvogel! Wetten? Seinen Namen habe ich vergessen, er soll eine »Seehandlung« betreiben, sagt man. – Heißt wohl, er handelt, was er »seht«. – Mit seinen kleinen Augen, dem dünnen, faltigen Hals und dem riesigen Kondorschnabel ist er entsetzlich unheimlich anzuschauen: weiß Gott, man würde sich nicht wundern, wenn er plötzlich still in seine Tasche griffe, einen Haufen Gedärme hervorzöge und sie unter heiserem Geierschrei verzehren würde. – Und jetzt steht plötzlich alles auf und grüßt ehrerbietig!?! Ein würdevoll aussehender Herr ist soeben eingetreten, – ein kleines Unterschleifchen im Knopfloch – und dankt herablassend nach allen Seiten. – Er war früher Offizier, Jetzt ist er falscher Zeuge von Beruf. Daher die allgemeine Beliebtheit.   Herr Wendriner telephoniert. Aus »Mit 5 SP «, Verlag Rowohlt. Der gesamte Postbetrieb des Reiches ruhte am Tage der Beerdigung Walter Rathenaus von zwei Uhr bis zwei Uhr zehn Minuten. »Wenn er die Faktura nicht anerkennt, dann werde ich ihn eben einfach mal anrufen. Legen Sie die Kuverts inzwischen auf'n Stuhl. welches Amt hat Skalitzer? Amt Königstadt? Na, warte ... Nu? Na? Na, was ist –? Fräulein! warum melden Sie sich denn nicht? Haste gesehen: sie sagt nicht, warum sie sich nicht meldet! Fräulein! Na, ist denn der Apparat nicht in Ordnung ...? Fräulein Tinschmann, was ist mit dem Apparat? Ist er nicht in Ordnung? Wie oft hab ich Ihnen schon gesagt ... Was? Was ist? Der Betrieb ruht? Was heißt das? Warum ...? Ach so – wegen Rathenau, Danke, Sie können wieder gehn ... Wegen Rathenau, sehr gut. Sehr richtig ist das. Der Mann ist ein königlicher Kaufmann gewesen und unser größter Staatsmann, Das ist unbestritten. Skandal, daß sie ihn erschossen haben! So ein effektiv anständiger Mensch! Ich hab noch den alten Rathenau gut gekannt – das waren Kaufleute waren das! Na, er hat eine hervorragende Trauerfeier im Reichstag gehabt! Sehr eindruckvoll. Glänzend war der Leitartikel heute morgen – ausgezeichnet. Ja, die Regierung wird ja kräftig durchgreifen – eine Verordnung haben sie ja schon erlassen, Aus'm Auto raus zu erschießen – unerhört! Die Polizei sollte da ... Fräulein! Die zehn Minuten sind noch nicht um. Glänzende Schützen müssen das gewesen sein, die Jungens. Vielleicht Offiziere ... Aber das kann ich mir eigentlich gar nicht denken: Die Regimentskameraden von Walter waren doch damals alle zu Tisch bei uns – alles so nette und seine Leute! Famose Erscheinungen darunter! Ich hab mich ja damals doch gefreut, wie der Junge Reserveoffizier geworden ist! Fräulein! Fräulein! Ein bißchen länglich die zehn Minuten! Fräulein! Aber wenn sie eine Minute länger streiken als zehn Minuten – ich bin imstande und beschwere mich! Fräulein! Ich muß doch den alten Skalitzer haben! Kateridee, deshalb das Telephon abzusperren! Davon wird er auch nicht lebendig. Soll'n se lieber die Steuern gerecht verteilen, das war mehr im Sinne des Verstorbenen gewesen! Fräulein! Wer sperrt das Telephon ab, wenn ich mal nicht mehr bin? Kein Mensch! Meschugge, das Telephon abzusperren! Wie soll ich jetzt an Skalitzers ran? Nachher ist der Alte sicherlich zu Tisch gegangen. Schkandal! Mehr Lohn wollen die Leute – das ist alles. Was sind das für Sachen, einem am hellerlichten Tage das Telephon vor der Nase abzusperren. Unterm Kaiser sind doch gewiß manche Sachen vorgekommen – aber so was hab ich noch nicht erlebt! Unerhört! Das ist eine Belästigung der Öffentlichkeit! Solln se sich totschießen oder nicht – aber bis ins Geschäft darf das doch nicht gehn! Überhaupt: ein Jude soll nicht solches Aufsehen von sich machen! Das reizt nur den Antisemitismus. Seit dem neunten November ist hier keine Ordnung mehr im Lande! Ist das nötig, einem das Telephon abzusperren? Wer ersetzt mir meinen Schaden, wenn ich Skalitzer nicht erreiche? Fräulein! Nu hör an – da draußen gehn se demonstrieren! Sieh doch– mit roten Fahnen – das hab ich gar gern! was singen sie da? Fräulein! Se wern noch so lange machen, bis es wieder Revolution gibt! Fräulein! Mich kann die ganze Republik ... Fräulein! Fräulein! Mein politischer Grundsatz ist ... Fräulein! Endlich! Fräulein! Königstadt –!«   Kaufmännische Liebeserklärung. Sieh mein Herz hier ohne Emballage , vollgepackt vom innigsten Gefühl, Ohne Spesen , ohne Agiotage Kostet mich die süße Ladung viel. Ach, Geliebte! schwere Seufzer drängen langsam sich wie Medoc aus der Brust, An des Herzens Wagebalken hängen Mir von gleicher Schwere Schmerz und Luft. Wirst du nicht den Wechsel honorieren, Den Cupido mir auf dich gestellt, Deine Liebe mir assekurieren , So zediere bald ich diese Welt. Doch, Geliebte, läßt du mit dir handeln, Gibst mir billige Provision , Wird sich in Profit mein Schmerz verwandeln, Und Prozente sind der Liebe Lohn, Stand im Kurs al pari deine Liebe Mit der meinen prompt bezahlte ich Deine Ordre vista , und es bliebe Nichts zu spekulieren mehr für mich. Drum nimm mich zum Associé des Lebens, Laß zum mindesten dein Kommis mich sein, Und das ganze Facit meines Lebens Ist der Wunsch, dein Kompagnon zu sein. Reisende und Agenten Die Zahl der Witze über den Reisenden, d. h. über den Handlungsreisenden ist schwer zu Zählen. Er ist ebenso Gegenstand des Witzes, wie er selbst mit Witzen geladen sein muß. Denn das wird fast überall erwartet, wo er wegen eines Geschäftchens anklopft: Der neueste Witz! Wehe, wenn er den nicht mitbringt oder wenn er zu heftig ist und eine ungemütliche ablehnende Stimmung seines Kunden nicht abflauen lassen kann! Oder wenn er gar zu phlegmatisch ist und denkt: »Na, das nächstemal ist bessere Stimmung. Da wird schon ein Geschäft zu machen sein!« Solch Reisender ist ein geplagter Mann, wenn er heute auch nicht mehr als Musterreiter über Land ziehen muß bei Schnee und Regen, wie noch zu Fontanes Zeiten, der in der Geschichte »Unterm Birnbaum« den Mord an einem solchen Krippenreiter geschildert hat. Der Reisende ist trotz aller Strapazen, die er auf sich nehmen muß – das oft ihm zugeschriene: »Wir brauchen jetzt nichts!« kräftigt gewiß nicht seine Nerven – der Reisende ist trotzdem immer ein vielbelächelter, verspotteter Mensch gewesen. Besonders seine Sucht zu prahlen und sich mit Worten hervorzutun, hat ihm ganz bestimmte Züge in der Ansicht seiner Mitmenschen verliehen. Und es ist nur gut, daß der Reisende ebenso wie der Chef auch gute Miene zum bösen Spiel macht – wenn er unterwegs allerlei Unerquickliches erlebt – und auch dann, wenn ihm allerlei Spottbilder vorgehalten werden. Zeichnung: Daumier   Alte Gewohnheit. General: »Ich bewundere Ihre Leute, Herr Hauptmann, Sechsmal hat der Feind sie aus der Verschanzung herausgeworfen, aber immer wieder sind sie von neuem hineingestürmt.« Hauptmann: »Das ist nicht so wunderbar, die Hälfte der Kompagnie besteht ja aus Handlungsreisenden.«   Der Reisende und seine Frau. »Es tut mir ja so leid, liebes Weibchen, daß ich sechs Wochen auf Tour sein muß. Du weißt gar nicht, wie unbequem es ist, wenn man jede Nacht wo anders zu Bett geht!« »Du hast Recht, Männchen, mir gefällt das auch nicht!«   Der unwillkommene Reisegefährte. Moritz Gallenstein steht auf dem Bahnhofsperron und wartet, bis der Zug nach Berlin abfährt, da sieht er seinen gefährlichsten Konkurrenten, Jakob Zitronensaft. Der kommt sehr freundlich auf Herrn Gallenstein zu und sagt: »So, Sie fahren auch nach Berlin, da können wir ja zusammenfahren.« »Danke bestens,« sagte der Gallenstein, »ich bin schon zusammengefahren, wie ich Sie gesehen habe.«   Der tüchtige Reisende. Salomon Schnürsenkel hat aus Versehen einige ganz fremde Namen unter seine Wechsel geschrieben und muß nun zwei Jahre Gefängnis absitzen. Der Gefängnisdirektor fragt ihn, ob er Tüten kleben, Pappschachteln machen, Fußmatten flechten oder Einlegesohlen schneiden wolle. Da sagt der Schnürsenkel: »Herr Direktor, ich seh, Sie ham da a große Fabrikation, wissen Sie was, schicken Sie mich auf Tour.«   Geschäftsreisende im Fliegertempo. Der Chef der Firma läßt sich seine drei besten Geschäftsreisenden kommen und sagt: »Meine Herren, es ist da eine große Tour zu machen durch ganz Süddeutschland und Österreich, wie lange brauchen Sie dazu, Herr Schmidt?« »Dazu brauche ich mindestens 6 Wochen.« »Das dauert mir zu lange, wie lange brauchen Sie, Herr Müller?« »Ich würde diese Tour in 4 Wochen machen.« »Das ist auch noch zu lange, Herr Cohn, wie lange brauchen Sie?« »Ich mach's, so Gott mir hilft, in 14 Tagen.« Herr Cohn reist ab, absolviert die ganze Tour und ist in 14 Tagen wieder da. Freudestrahlend empfängt ihn der Chef und sagt: »Nun bin ich aber neugierig, was Er für Aufträge mitgebracht hat.« »Wie heißt, Aufträge, ich bin froh, daß ich die Zuganschlüsse bekommen habe.«   Das komfortable Hotel. Der Besitzer eines Hotels annonciert: »In allen Zimmern laufendes Wasser, Fahrstuhl im Hause.« Da sagt einer der Gäste: »Wissen Sie, Herr Wirt, das mit dem laufenden Wasser stimmt ja, nämlich das Wasser läuft an den Wänden herunter, aber wo ist der Fahrstuhl?« »In dem wird meine Schwiegermutter im Garten spazieren gefahren.«   Die neugierigen Wanzen. In einer Kleinstadt ist eine Denkmalsenthüllung, alle Hotels sind überfüllt und ein Reisender ist genötigt, in einer Gastwirtschaft zu logieren. Er läßt sich die Zimmer zeigen. Als er seinen Namen ins Fremdenbuch eintragen will, läuft eine Wanze übers Fremdenbuch. Da klappt der Reisende das Buch zu und sagt: »Herr Wirt, ich kann das Zimmer nicht nehmen. Mir ist ja schon manches vorgekommen; daß sich aber die Wanzen erkundigen, welche Zimmernummer ich habe, das ist mir noch nicht passiert.«   Der Menschenkenner. Vor dem Offizierskasino stand ein Posten, der den strengen Befehl hatte, keinen Zivilisten hineinzulassen. Trotzdem erschien eines Tages ein Schnapsreisender, der einfach nicht mehr loszubringen war. Wutschnaubend stürzte der tischälteste Oberleutnant hinunter und fragt den Posten, wie er diesen Mann hereinlassen könne. »Ich habe ihm schon gesagt, daß er nicht herein darf, da hat er geschrien: Halten Sie Ihr dummes Maul, Sie Rindvieh, da hab ich natürlich gemeint, es ist ein Herr Offizier in Zivil und hab ihn hereingelassen.   Im Bedarfsfall. König Peter von Serbien erhielt einst folgenden Brief aus Berlin. »Eure Majestät! Übereinstimmenden Nachrichten aus Belgrad zufolge werden Eure Majestät demnächst geruhen, Allerhöchst Ihren Posten daselbst zu verlassen. Wir erlauben uns schon heute die höfliche Anfrage, ob Eure Majestät in diesem Fall geneigt wären, den Generalvertrieb unserer Erzeugnisse auf dem Balkan zu übernehmen. Durch Ihre zahlreichen wertvollen Beziehungen hoffen wir Sie in der Lage, bei energischer Reisetätigkeit große Umsätze in unseren Artikeln erzielen zu können, wofür wir Ihnen dauernde angenehme Lebensstellung zusichern dürften. Euer Majestät ergebenste Krotoschiner \& Co., Fabrik feinster Liköre, Posen und Berlin. Die königliche Kabinettskanzlei antwortete: »Seine Majestät bedauere, auf das Offert nicht eingehen zu können, werde aber im Bedarfsfall gern darauf zurückkommen.«   Klimawechsel. Nach mehrjähriger Abwesenheit kehrte ein reicher Kaufmann aus dem heißesten Teile Indiens nach England zurück. Kaum angelangt, klagt er sehr über Kälte und vermochte nicht warm zu werden. Einige Monate darauf wurde er krank und starb. Vor seinem Tode hatte er den Wunsch ausgesprochen, eingeäschert zu werden, und sein Leichnam wurde daher einem Krematorium übergeben und in den Verbrennungsofen getan. Als die Zeit gekommen war, die Asche zu entfernen, öffnete der Beamte die Ofentür und hörte zu seinem Erstaunen und Entsetzen eine Stimme: »Machen Sie die Tür zu, alter Esel! Dies ist das erstemal, daß ich warm werde, seit ich wieder zu Hause bin!«   Naiv. Ein Reisender ist gezwungen, mit einem andern Herrn wegen der Überfüllung des Hotels in einem gemeinsamen Zimmer zu schlafen. Am Morgen bemerkt er, daß der andere zum Zähneputzen seine Zahnbürste benutzt. »Aber, erlauben Sie mal«, schreit er wütend, »was machen Sie denn da mit meiner Zahnbürste?« »Entschuldigen Sie,« sagt der andere verwundert. »Ich dachte, sie gehörte zum Hotel!«   Der ruhebedürftige Reisende. Ein Reisender, der den ganzen Tag in Geschäften auf den Beinen gewesen war, legte sich müde in sein Hotelbett, konnte aber den ersehnten Schlaf nicht finden, weil im Nebenzimmer ein offenbar noch nicht lange verheiratetes Paar sich in den zärtlichsten Liebesbeteuerungen erging, und der Reisende durch die dünne Zimmerwand jedes Wort hören mußte. Immerzu wiederholte der junge Ehemann: »Ach, mein süßes Lieb, wie hab ich dich so gern! Ich lasse dich vergolden, ich lasse dich vergolden!« Der Reisende hörte das eine Stunde lang ruhig an, dann aber klingelte er und ließ den Wirt kommen. »Herr Wirt, holen Sie doch gleich einmal einen Vergolder und schicken Sie ihn hier nebenan zu den jungen Eheleuten. Der Mann will seine Frau vergolden, und ehe das nicht geschehen ist, krieg ich keine Ruhe.«   Zäh. Geschäftsmann: »Den ganzen Tag kommen Reisende! Vier von Ihren Kollegen habe ich heute morgen schon hinaus geworfen!« Reisender: »O, das ist aber fein! Dann haben Sie also Ihre Aufträge für mich reserviert.«   Die tüchtige Geschäftsfrau. »Warum halten Sie denn diese mondäne Dame für eine so tüchtige Geschäftsfrau?« »Weil sie sich gegen Kredit an- und nur gegen bare Kasse auszieht.«   Schlechte Symptome. »Diese Kleinbahn, auf der wir fahren, soll ja vor dem Konkurs stehen.« »Kunststück! Wenn sie immer so schleudert!«   Das Laken. Ein Reisender kommt spät in der Nacht in einem Dorf an, wo er in dem einzigen Gasthof ein Zimmer nimmt. »Aber wecken Sie mich morgen früh nicht!« sagt er zum Wirt. »Ich will mich einmal gründlich ausschlafen.« Am nächsten Tag erwacht er dadurch, daß ihm jemand das Bettlaken unter dem Leibe wegzieht. »Nanu, was ist denn los?« fragt er verblüfft. »Ja, das Laken müssen wir haben«, sagt der Wirt. »Es ist gleich zwölf, meine Frau will den Tisch decken für die Mittagsgäst!«   Der zweite Stiefel. Ein Reisender hat die Gewohnheit, des abends beim Zubettgehen seine Schuhe mit lautem Gepolter gegen die Zimmertür zu schleudern. Ein Herr, der neben ihm schläft, und der jetzt schon zum zweiten Mal durch den Lärm aus dem besten Schlaf aufgeschreckt worden ist, beschwert sich beim Wirt, der denn auch den Reisenden ermahnt, in Rücksicht auf seinen etwas nervösen Nachbar dies lärmende Tun zu unterlassen. Am nächsten Abend kommt der Reisende wieder in fröhlicher Stimmung auf sein Zimmer, zieht einen Stiefel aus und wirft ihn polternd gegen die Zimmertür, zieht den zweiten Stiefel aus – da fällt ihm plötzlich ein, was ihm der Wirt gesagt hat. Mäuschenstill setzt er den Stiefel zur Erde, zieht sich leise aus und geht ebenso zu Bett. Nach einer Stunde wird er plötzlich aus dem Schlaf geweckt, sein Nachbar pocht an die Verbindungstür. »Ach, lieber Herr,« sagt er flehend, »bitte, schmeißen Sie jetzt endlich den zweiten Stiefel auch gegen die Tür, damit ich einschlafen kann!«   Der glückliche Zufall. Auf einem kleinen sächsischen Bahnhof war ein Plakat angebracht mit der Inschrift: Das Ausspucken auf dem Bahnsteig ist bei zehn Mark Strafe verboten. Dennoch spuckte ein achtloser Reiseonkel grade auf dieser Station aus dem Fenster seines Abteils und traf dabei den Stationsvorsteher mitten auf den Rock. »Nu, Verährdester,« sagte der Beamte gemütlich, »da ham Se aber noch mal Glück gehabt, daß es nich uff'n Bahnsteig gefloge is – sonst hätten Se zehn Mark berappen müssen!«   Die ungleichen Reisenden. In einer kleinen Stadt war wegen einer großen Jubiläumsfeier ein großer Fremdenzusammenstrom, und so mußten zwei Reiseonkel, um überhaupt nur unterzukommen, sich begnügen, in einem gemeinschaftlichen Bett zu schlafen. Der eine war ein langer, hagerer Mensch, der andere war auffallend klein. Als der Lange nach Tagesanbruch erwachte, fand er den kurzen Kollegen neben sich tief hinabgedrückt und sah ein paar Füße über das Fußende hinausragen. Er weckte den schnarchenden Kleinen auf und sagte zu ihm: »Sie werden sich erkälten, Freund, wenn Sie Ihre Füße nicht hereinziehen.« »Sie irren sich«, erwiderte der kleine, »das dort unten sind Ihre Füße!« »Nicht möglich!« meinte der Lange. »Sehen Sie doch noch einmal genau nach. Ich bin nämlich kurzsichtig und kann es in dieser Entfernung nicht richtig erkennen.«   Wenig Worte. »Kellner«, sagte ein Reisender, der soeben im Hotel angekommen war, »ich bin kein Freund von vielen Worten und wiederhole nicht gern, was ich einmal gesagt habe. Deshalb geben Sie acht auf das, was ich verlange, und besorgen Sie es mir schnell und pünktlich.« »Sehr gern, mein Herr,« sagte der Kellner. »Zuerst bringen Sie mir ein Glas kaltes Wasser, ein Glas Rum, etwas Zucker und einen Teelöffel; – wischen Sie den Tisch ab, lassen Sie Feuer anmachen; bringen Sie mir zwei Lichter, Federn, Tinte, Papier, Federmesser, Siegellack; erkundigen Sie sich, um welche Zeit die Post nach *** geht; sagen Sie dem Hausknecht, daß er für mein Pferd sorge, es abreiben, seine Füße putzen und es mir anzeigen soll, wenn es fressen kann. Bestellen Sie dem Hausmädchen, daß es mir das Bett rein überzieht, die Überzüge vorher gut lüftet, mir eine weiße Nachtmütze besorgt und mir ein Glas frisches Wasser vor das Bett setzt. Bringen Sie dem Hausknecht meine Stiefeln und besorgen Sie mir ein Paar Pantoffeln, damit ich nach dem Stall gehen kann. Die Stiefel soll mir der Hausknecht noch heute abend wieder in mein Zimmer bringen, und mich morgen früh um fünf Uhr wecken. – Fragen Sie die Wirtin, was ich zum Abendessen bekommen kann und sagen Sie ihr, ich hätte gern eine gebratene Ente oder etwas Ähnliches. – Bitten Sie auch den Wirt, daß er zu mir kommen möchte, weil ich einige Fragen an ihn zu richten hätte.« »Sofort, mein Herr«, erwiderte der Kellner, ging zu seinem Herrn und sagte: »Der Fremde auf Nummer fünf wünscht Sie zu sprechen.«   Anzüglich. Zwei Reisende sitzen auf der Eisenbahnfahrt einander gegenüber. »Mein Name ist Lehmann«, stellt sich der eine vor. »Ich reise in Parfümwaren!« »Sehr angenehm«, sagte der andere, »Ich heiße Schröder und reise in Kunstdünger.« Die beiden unterhalten sich eine Weile miteinander. Plötzlich sagt der Parfümreisende zu seinem Kollegen: »Ach, wollen Sie nicht mal nachsehen, mir kommt es immer vor, als wenn Ihr Musterkoffer aufgegangen wäre.«   Religionsstreit. In einem Wagenabteil treffen sich ein katholischer und ein evangelischer Geistlicher und ein jüdischer Geschäftsreisender. Die beiden geistlichen Herren rühmen voreinander die Vorzüge ihrer Konfessionen. »Wenn ich mich bei meiner Gemeinde sehen lasse,« meint der evangelische Geistliche, »dann nehmen alle den Hut ab und sagen: Guten Tag, hochwürdiger Herr!« »Und wenn ich komme,« erwidert der katholische Geistliche, »dann grüßen alle: Gelobt sei Jesus Christus!« »Das ist noch gar nichts«, fiel hier der jüdische Geschäftsreisende ein. »Wenn ich in einem Geschäft erscheine, dann schlagen die Leute die Hände über den Kopf zusammen und rufen: Großer Gott, sind Sie schon wieder da?«   Verschnappt. Reisender: »Ich habe hier eine vorzügliche Möbelpolitur, die ich Ihnen anbieten möchte. Damit können Sie sich selbst Ihre alten Möbel wieder auffrischen, daß sie wie neu aussehen.« Kunde: »Danke! Ich bin schon mal auf solche Politur reingefallen und habe mir einen Schrank total verdorben!« Reisender (erstaunt): »So? War ich denn schon mal hier?«   Beim Friseur. »Darf ich Ihnen den Kopf waschen, mein Herr?« Kunde (Reisender): »Danke, das besorgt gründlich mein Chef, wenn ich von der Tour komme.«   Geschäftsreise im Postwagen. Herr Wendelin Neumüller, Vertreter einer Lederfirma, erzählte seinen Freunden auf folgende Art die Abenteuer seiner letzten Reise: »Denkt euch, ich sitze oben auf dem Deckel der Diligence, der Postillion reitet und macht lustig klitsch klatsch ! Der Wagen rollt dahin Orrar ! Da geht's auf einmal krach ! ›Halt!‹ ruf' ich dem Kondukteur zu, ›wir werfen um!‹ ›Ich denke nicht daran‹, erwidert dieser. Ich bestehe darauf, er will recht behalten, wir werden heftig; – schwapp ! gebe ich ihm eine Ohrfeige, er will sie mir wiedergeben; ritsch! ratsch! fangen wir uns an zu balgen. Wupp ! stoße ich ihn, er torkelt. Paff ! habe ich eins von ihm, und pardauz ! falle ich mit um. – Wir stehen wieder auf, rutsch ! gleitet ihm ein Fuß aus, er steht von neuem auf, ritsch ! setze ich ihm ein Bein. Unterdessen geht der Wagen immer fort, aber auf einmal holterdipolter ! bricht die Achse, rulterdebulter ! wälzt sich alles untereinander und – quatsch ! – da liegt die ganze Geschichte, ich hatte es richtig vorausgesagt!«   Speisenwagen. »Ich habe vier Passionen, wissen Se: Pferde, Hunde, Damen un Weiber.« »Und in was reisen Sie?« »In Barchent.«   Das überfüllte Hotel. Ein Geschäftsreisender kam todmüde des Abends in einem kleinen Städtchen an und sollte, da das einzige Hotel ganz überfüllt war, mit einem fremden Kollegen das Bett teilen. Da er dazu aber sehr wenig Lust hatte, sann er auf ein Mittel, ihn zu vertreiben. Zu diesem Zweck hängte er seinen Rock über den Stuhl und legte seinen Hut darauf. Dann nahm er einen Stock, faßte ihn mit beiden Händen und schlug mit gewaltigen Schlägen den Hut immer wieder herab. »Warum machen Sie das?« fragte ihn der andere. »Oh, ich übe mich nur ein wenig«, war die Antwort. »Ich bin nämlich Scharfrichter und soll morgen einen hinrichten!« Kaum hatte der Geschäftsreisende diese Worte gesprochen, so war der andere schon aus dem Zimmer verschwunden.   Zerstreutheit. was ist der Gipfel der Zerstreutheit? – Wenn ein Reisender im Hotel seinen Anzug auszieht und ihn ins Bett legt – sich dann selbst aber über den Stuhl hängt und die ganze Nacht so hängen bleibt.   Ein probates Mittel. Ein Geschäftsreisender war sehr ermüdet in einer Dorfschenke eingekehrt, konnte aber von dem lauten Lärmen der Bauern in der Gaststube nicht einschlafen. Endlich zog er sich wieder an und ging auch in die Gaststube. »Herr Wirt,« sprach er da, »weckt mich doch morgen früh ganz zeitig auf. Ich habe unterwegs, kurz vor dem Dorfe, auf der Landstraße einen Beutel mit zweihundert Talern verloren und will den suchen.« Die Gäste verschwanden jetzt einer nach dem andern, um das Geld selbst zu suchen, und der Geschäftsreisende konnte ruhig schlafen.   Der entschlossene Reisende. Ein Reisender fuhr auf einer Kleinbahn und bemerkte plötzlich, daß es in dem Zuge keinen bewußten Ort gab. An der nächsten Station stürzte er zum Zugführer und bat ihn, den Zug so lange halten zu lassen, bis er von einer dort befindlichen Lokalität zurück sei. »Ausgeschlossen!« sagt der Zugführer, »der Zug hält nur eine Minute!« – »Wetten wir, daß er länger hält?« erwidert der Reisende und verläßt den vielbeschäftigten Zugführer, der gleich darauf das Signal zum Abfahren gibt. Aber der Zug bleibt stehen, und der Zugführer pfeift zum zweiten- und dann zum drittenmal. Ganz aufgeregt läuft er endlich zum Lokomotivführer und schreit ihn an: »Na, wollen Sie endlich abfahren?« – »Ich kann nicht abfahren«, antwortet lächelnd der Lokomotivführer. »Sehen Sie denn nicht den Kerl, der dicht vor der Lokomotive sitzt?«   Rätsel. »Welches sind die besten Menschen?« »Natürlich die Reisenden, Sie sind alle Mustermenschen.«   Der gute Kunde. Ein Reisender kommt zu einer neuerrichteten Firma und freut sich, daß der Inhaber ihm einen so guten Auftrag gibt. Von allem, was der Reisende anpreist, bestellt der Kunde einen Zentner. Zum Schluß fragt der Reisende etwas mißtrauisch: »Und wie steht es mit den Referenzen?« – »Davon können Sie mir auch einen Zentner schicken!«   Die Schnelltour. Der energische Chef: »Morgen gehen Sie auf die Tour. Sie fahren von Berlin nach Magdeburg, Braunschweig, Hannover, Bielefeld, Hamm, Dortmund, Bochum, Essen, Elberfeld, Barmen, Düsseldorf, Köln und kehren über Mainz, Frankfurt, Kassel, Erfurt, Halle wieder zurück. Ich hoffe auf gute Abschlüsse, in einer Woche können Sie wieder zurück sein!« Der Reisende nach einer Woche: »So, da bin ich wieder, das war aber einmal eine Schnelltour!« Chef, erfreut über den Erfolg seiner energischen Disposition: »Und wie waren die Abschlüsse?« Reisender: »Abschlüsse? Ich bin froh, daß ich überall die Anschlüsse erreicht habe.«   Immer Geschäftsmann. »Meine Tochter wollen Sie heiraten, was ist denn Ihr Beruf?« »Ich bin Zigarrenreisender.« »Haben Sie auch Mittel?« »Natürlich, leicht, mittel, kräftig! Was Sie haben wollen.«   Das Doppelgeschäft. »Mensch, ick habe jetzt zwee Jeschäfte, eens bei Dage, un eens bei Nacht.« »Wat machste denn bei Nacht?« »Nachts mach' ick wie immer meine Einbrüche.« »Un bei Dage?« »Da jeh ick als Vertreter einer Versicherungsgesellschaft gegen Diebstähle bei die Leute, bei denen ick nachts einjebrochen habe. Die versichern alle!«   Der Heiratsvermittler. »Ja, wenn die Witwe wirklich so furchtbar reich ist, warum heiraten Sie sie denn nicht selbst?« »Na, ich werde mich doch nicht um die schöne Provision bringen?«   Entschuldigung. Reisender: »Sie haben mir aber fest versprochen, Herr Lehmann, diesen Winter den alten Posten zu bezahlen.« Lehmann: »Gewiß hab' ich das. Aber sagen Sie selbst – ist das ein Winter?«   Der Reisende. »Hören Sie mal, das ist wirklich eine Frechheit, Sie kommen hier als wildfremder Mensch in mein Geschäft, um mir eine Offerte zu machen, und haben dabei eine brennende Zigarre im Mund. Ich habe auch früher gereist, aber sowas habe ich mir nie erlaubt.« »Na ja, Sie hatten aber auch sicherlich feinere Kunden als ich.«   Bericht. Reisender, von der Tour zurückkommend: »Was die Firma Lohmann in Dresden angeht, so habe ich ein leises Gefühl, als ob sie uns in der nächsten Zeit kaum mehr Aufträge geben wird.« Chef: »Was bringt Sie auf dieses Gefühl?« Reisender: »Die Tatsache, daß man mich sofort, als ich den Namen Ihrer Firma nannte, die Treppe hinunterwarf.«   Die Verwechslung. Lehmann kommt auf einer Geschäftsreise abends spät in einem kleinen Städtchen an und findet das einzige Hotel überfüllt. Schließlich verschafft der Wirt ihm doch eine Schlafgelegenheit, aber er muß mit einem anderen Reisenden, einem dicken, gemütlichen Herrn, in einem Zimmer übernachten. Lehmann, der am nächsten Morgen mit einem frühen Zug weiter muß, soll um halb sechs geweckt werden, während der Dicke Zeit hat und sich ausschlafen kann. Des Morgens wird Lehmann pünktlich vom Hausdiener geweckt. Schlaftrunken steigt er aus dem Bett, zieht sich an und stürmt auf den Bahnhof, wo er im Wartesaal eine Tasse Kaffee hinunterstürzt. Dabei sieht ihn der Kellner ganz erstaunt an, verschiedene Gäste brechen in ein lautes Gelächter aus, und jetzt entdeckt Lehmann erst, daß er die Kleider seines dicken Kollegen am Leibe hat. »Der verfluchte Hausknecht!« schreit jetzt Lehmann wütend. »Da hat der Kerl den verkehrten Reisenden geweckt!«   Reiseinstruktion. Chef zum ausgedienten Lehrling: »Ich kann leider nicht von Hause weg, Sie müssen daher die Reise für mich machen. Mein Haus ist draußen so bekannt, daß es Ihnen gar nicht schwer fallen wird, Geschäfte zu machen. Sie brauchen nur zu sagen, daß Sie für mich reisen. Und wenn Sie wohin kommen, wo ich in freundschaftlichen Verhältnissen stehe, so richten Sie obendrein eine schöne Empfehlung von mir aus.« Der junge Mann macht seinen ersten Besuch. »Eine schöne Empfehlung von Herrn Fäustle \& Comp. und Sie möchten mir was bestellen.« Kaufmann: »In was reisen Sie denn?« Reisender: »Ich – ich reise in einem einspännigen Wägelchen mit einem Pferd, und ich bin gestern nacht hier angekommen.«   Der gemütliche Gasthof. Ein müder Reisender, der in einem ländlichen Gasthof eingekehrt war, wurde mitten in der Nacht von dem Hausknecht aus seinem besten Schlaf geweckt. Reisender: »Was ist denn los? Warum wecken Sie mich mitten in der Nacht?« Hausknecht: »Ach, wissen Sie, als ich Ihnen heute abend die Stiefel abholte, da hab' ich doch ganz vergessen, Ihnen gute Nacht zu wünschen!«   Rollenwechsel. Chef: »Herr Meier, Sie sind nun drei Monate auf Reisen gewesen und haben nicht einmal die Spesen verdient. Wie soll ich da bestehen?« Reisender: »Glauben Sie nur, Herr Guttmann, an mir liegt die Schuld nicht, wenn ich überall kurz abgewiesen werde.« Chef: »Ach was, Sie fangen es eben nicht richtig an. Ich werde es Ihnen jetzt einmal vormachen, passen Sie auf! – Habe ich die Ehre, Herrn Schwärmer zu sprechen?« Reisender: »Der bin ich.« Chef: »Sehr angenehm. Ich reise für das Haus Guttmann \& Komp. in ...« Reisender: »So, Sie reisen für die Halunken? Im Augenblick machen Sie, daß Sie hinauskommen!«   Ein Reisender. Ihm war der Kilometer Das Maß der Ruhmesbahn: Er fuhr von Paul zu Peter Und starb an Längenwahn. Max Kalbeck.   Der neue Reisende. Der Trikotagehändler Herz schickt versuchsweise einen noch jungen Mann, der gerade seine Lehrzeit beendet hat, auf die Reise. »Die Sache ist sehr einfach,« erklärt er ihm. »Wenn Sie in Pinne ankommen, dann gehen Sie zuerst in ein Restaurant, erfrischen sich dort etwas, trinken eine Bouillon und erkundigen sich, wo der Kunde wohnt, den ich Ihnen hier aufgeschrieben habe. Gut, und dann gehen Sie einfach zu ihm hin, bestellen einen schönen Gruß von mir, und ich hoffte, daß er mir wie früher wieder einen Posten bestellen würde. Die Preise habe ich Ihnen hier aufgeschrieben, und auch, wie weit Sie herabgehen können. Jedenfalls telegraphieren Sie mir sofort, was Sie ausgerichtet haben.« Der vielversprechende junge Mann reist ab, und der Chef wartet besorgt auf das Telegramm, das erst abends spät eintrifft: »In Pinne kein Restaurant mit Bouillon getroffen. Was tun?«   Der Musterreiter. Über den Geschäftsreisenden der guten alten Zeit gibt ein Aufsatz in den Breslauer Blättern aus den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine amüsante Schilderung: Wenn an einer Table d'hôte ein Mann alle Schüsseln verlangt, den Braten tranchiert, ihn umherreicht und für sich das beste Stück behält ... Wenn er sich beim Einsteigen in den Postwagen Ihres Platzes bemächtigt und Ihnen den seinigen, der schlecht ist, anbietet ... Wenn er in einer Viertelstunde zwanzig Kalauer von sich gibt ... Wenn er alle Kondukteure, alle Postillions und alle Herbergsmädchen herzählt ... Wenn er überall zuerst bedient wird und als der letzte den Tisch verläßt ... Wenn er den Mitreisenden genau die Stunde der Ankunft bezeichnet, wenn er weiß, wo guter Weg ist, wo es schlechte Pferde oder schlechte Nachtlager gibt ... Wenn er alle Ihre Bekannten kennt, wenn alle Ihre Freunde auch die seinen, und alle Ihre Vettern auch seine Vettern sind ... – so könnt ihr darauf wetten, daß er ein Musterreiter ist. Einen Musterreiter findet man an jeder nur einigermaßen besetzten Tafel. Er »serviert«, wie er sich auszudrücken beliebt, in dem und dem »soliden« Hause und reist für dasselbe in den und den »Artikeln«. Wenn der Nachtisch aufgetragen wird, dann beginnt des Musterreiters Glanzperiode, während des Hauptteils der Mahlzeit ist er ziemlich bescheiden gewesen, kaum daß er während des Klirrens der Gläser und Gabeln etwa fünf Kalauer und drei oder vier muntere Histörchen zum besten gegeben hat. Aber er war auch schwer beschäftigt gewesen, oder hatte gegessen, oder vielmehr die Speisen hinuntergewürgt. Jetzt aber, sobald der Nachtisch gekommen ist, erscheint dem Musterreiter eine günstige Gelegenheit, die allgemeine Aufmerksamkeit zu angeln, und er tritt nun abwechselnd als Possenreißer, als Bauchredner, als Virtuose auf. So z. B. verschluckt er Brotkügelchen und zeigt sie gleich nachher wieder vor. Dann modelliert er mit denselben Brotkügelchen das Brustbild Napoleons oder irgendeines Modetenors. An der Art, wie er Politiker modelliert, erkennt man gleich, ob er streng monarchisch oder konstitutionell, ob er Radikaler oder Konservativer ist. Im allgemeinen wirft er aber doch schließlich alle politischen Meinungen wieder durcheinander, um es mit niemand zu verderben. Hierauf produziert er eine andere liebenswürdige Kunst. Er zerschneidet ein Stück Brot in eine Menge kleiner Stückchen, legt sie, eins nach dem andern, auf die Rückseite der linken Hand, schlägt dann mit der rechten gegen die linke, und siehe da! sämtliche Stückchen fliegen ihm zur allgemeinen Verwunderung in den Mund. Nach diesem Kunststückchen füllt er ein Glas mit Wasser, hält es mit der linken Hand auf dem Tische fest, benetzt den Zeigefinger der Rechten und läßt ihn um den Rand des Glases herumgleiten, so daß eine ohrenzerreißende Musik entsteht. Die zartnervigen Damen bitten ihn um Gotteswillen, doch diese gräuliche Harmonika verstummen zu lassen, er aber bleibt unbarmherzig. Er hegt offenbar die feste Überzeugung, daß man die Damen recht quälen muß, wenn man ihre Gunst erwerben will. Hat der Musterreiter die Nerven seiner Zuhörer genugsam zermartert, so geht er zu Bauchrednerkünsten über. Er spielt den Bauchredner auf eine geschickte Weise. Gewöhnlich führt er die Szene aus zwischen dem Schornsteinfeger oben im Kamin und seinem Meister, der von unten mit ihm schimpft, weil ihm, indem er nach oben sah, etwas Ruß in die Augen gefallen ist. Es wird eine sehr dramatische Szene. Sodann erzählt der Jünger Merkurs ein paar Raub- und Mordgeschichten, spricht im Vertrauen über bevorstehende Staatsstreiche und Umsturzpläne, die er haarklein dank seinen vornehmen diplomatischen Beziehungen erforscht hat, und entwirft schließlich einen verwirrenden Plan, um die Finanzen sämtlicher europäischer Staaten aufs beste zu ordnen. Den Beschluß macht der Tausendkünstler damit, daß er ungebeten die neuesten Opernarien und Straußwalzer pfeift. Zuweilen pfeift er übrigens auch Romanzen, wozu er mit Messer und Gabel sich selbst begleitet, ebenso auch lustige Lieder aller Sorten. Besteht sein Auditorium nur aus Männern, so gibt er alles ohne Ausnahmen zum besten; befinden sich aber Damen darunter, so unterlegt er den allzu schlüpfrigen Stellen ein Tralala, den anstößigen Kehrreimen aber einen Laut; den er dadurch hervorbringt, daß er seinen Zeigefinger in den Mund steckt und ihn rasch wieder herauszieht – Paff! Endlich bläst der Postillion, und der Musterreiter fährt dahin, um im Postwagen sich in ähnlicher Weise zu geben. Höchst zufrieden mit sich selbst, geht der Held des Abends zu Bett, um Tags darauf die gewohnten Künste aufs neue zu üben.   Die prahlenden Handlungsreisenden. Zwei Handlungsreisende, der eine machte in Baumwolle, der andere in mehr oder weniger echtem Porzellan, trafen sich im »Erbprinzen« in Karlsruhe an der Mittagstafel und unterhielten die erstaunten Gäste von den Herrlichkeiten Berlins, von dem Glanze ihrer Firmen und von sonstigen Ungeheuerlichkeiten, und wenn es der eine nicht genau mit der Wahrheit nahm, so log der andere, daß die Balken sich bogen, denn sie waren nun einmal Reisende, und das Aufschneiden gehörte zu ihrem Geschäft. Die beiden hatten sich aber zum Ergötzen der Gäste in ihren Übertreibungen bereits so überboten, daß sie sich in eine sehr gereizte Stimmung hineingelogen hatten. Keiner wollte dem andern das Feld räumen, und jeder gab sich die größte Mühe, den andern lächerlich zu machen. »Ja, meine Herren,« rief der in Baumwolle, »meine Firma sollten Sie sehen! Jottvoll! Zwei Säle, jeder so groß wie der Karlsruher Marktplatz, vollgepfropft mit Angestellten, und das alles nur allein für die englische Korrespondenz. Nun denken Sie erst Frankreich, Amerika, China! Wir verbrauchen jährlich für zwanzigtausend Mark allein an Tinte und haben jetzt eine eigene Fabrik zur Anfertigung unserer Stahlfedern gegründet.« »Ihre Firma?« sagte der in Porzellan mit spöttischem Lachen. »Pah! Ihre Firma kennt man! Meine Firma spart allein – Respekt, meine Herren! – jährlich für zwanzigtausend Mark an Tinte, seitdem wir keine Punkte auf dem ›i‹ nicht mehr machen, und aus unseren verbrauchten Stahlfedern fertigt die Firma Borsig ihren ganzen Bedarf an Eisenbahnschienen an.« »Meine Herren,« schrie der in Baumwolle, »lassen Sie sich nichts weißmachen mit seinen Tintengeschichten. Er schneidet auf, sage ich, ich aber sage die reine Wahrheit. In meinem Geschäft – um Ihnen ein wirkliches Bild seiner Größe zu geben – wurde neulich der erste Buchhalter verrückt und mußte in eine Heilanstalt gebracht werden. Er hatte einmal ausgerechnet, was unsere Firma in diesem Jahr an Umsatzsteuer bezahlen mußte, und da kam eine so ungeheure Summe heraus, daß er, bloß weil er sie ansah, den Verstand verlor.« »Den Buchhalter kenne ich zufällig«, meinte jetzt der in Porzellan. »Soviel ich weiß, erkrankte er an unheilbarer Melancholie, weil er seit Monaten im Geschäft nichts mehr zu tun hatte. Mein Geschäft aber, dessen Buchhalter nicht irrsinnig werden, ist so ausgedehnt, daß wir extra Bernhardinerhunde halten, um verschmachtete Kunden aufzusuchen, die sich in den weiten Gängen der vielen Abteilungen verirrt haben!« »Schweigen Sie still!« rief der wahrheitsliebende Reisende in Baumwolle, der sich allmählich durch seinen Konkurrenten überflügelt fühlte. »Ich glaube, Sie wollen mir lächerlich machen! Sie beleidigen die Gesellschaft durch ihre sinnlosen Aufschneidereien. Man sieht doch gleich an Ihrer Bildung, daß Sie der Sohn eines Straßenkehrers sind!« Dieser Übergriff ins Persönliche schien den Porzellanenen mächtig zu erbosen. »Was, ich der Sohn eines Straßenkehrers?!« schrie er, vom Stuhle aufspringend. »Mein Vater war Chausseeoberaufseher, und ich habe mich meiner Abkunft nicht zu schämen. Mein Vater hat Ihrer Mutter manchen Schoppen Milch abgekauft, wenn sie mühsam ihren elenden Milchkarren nach Berlin zog – denn zu einem Esel reichte es damals noch nicht, ich meine zu der Zeit, als Sie noch nicht geboren waren ...« »Herr!« tobte der Baumwollene und faßte nach einer Flasche, »Sie beleidigen meine Frau Mutter, deren Augapfel ich bin. Meine Mutter unterhält, mehr ihres Vergnügens wegen und seitdem mein Vater, der Gutsbesitzer, gestorben ist, ein fliegendes Milchbüro, und Ihr Vater, der angebliche Chausseeoberaufseher, der vielleicht oder höchstens Chausseeobersteinklopfer war, konnte schon deshalb nicht zu ihren Kunden gehören, weil sie nur en gros verkauft.« »Ja, den Schoppen zu eenen Silberjroschen«, höhnte jetzt der Porzellanene. »Und was Ihren Vater, den Gutsbesitzer, anbetrifft, so kannte ich seine Güter wohl, ein stubengroßes Kartoffelfeld und vor dem Fenster ein Zigarrenkistchen mit Schnittlauch.« Der Baumwollene sprang jetzt dem Porzellanenen an die Kehle, und der Wirt mußte sich ins Mittel legen, um eine Rauferei zu verhindern. Die Gäste aber, die sich bei der Auseinandersetzung der beiden hoffnungsvollen Handlungsbeflissenen köstlich unterhalten hatten, ließen ein paar Extraflaschen guten Weines kommen, und der Sprößling des Chausseeoberaufsehers und der Augapfel des fliegenden Milchbüros reichten sich versöhnt die Hände.   Der obstinate Reisende. Ein Herr kommt in ein Wagenabteil, wo ein Reisender sitzt und in seinem Kundenbuch blättert. Neben dein Reisenden steht ein schwerer Koffer. Der Eintretende grüßt und sagt etwas ärgerlich, weil der Reisende gar keine Anstalten trifft, ihm den Platz freizugeben: »Vielleicht sind Sie jetzt so liebenswürdig und stellen den Koffer weg, ich möchte mich hier setzen!« Der Reisende blickte auf und fragte: »Wie meinten Sie, bitte?« Der Eintretende wurde jetzt wütend. »Ich frage Sie, ob Sie den Koffer hier fortstellen wollen?« »Ich denke nicht daran!« antwortete der Reisende. Der andere bekam einen roten Kopf, wandte sich um und verließ das Abteil, um nach wenigen Minuten mit einem Schaffner wieder zu erscheinen. »Mein Herr, Sie müssen den Koffer wegstellen!« sagte der Schaffner. »Das brauche ich durchaus nicht!« erklärte der hartnäckige Reisende. »Sie weigern sich also trotz meiner Anordnung, den Koffer von der Bank wegzunehmen?« fragte der Schaffner, sich nun ebenfalls entrüstend. »Natürlich,« sagte der Reisende. »Und ich tue es auch nicht, wenn zehn Schaffner es mir befehlen!« Der Schaffner verließ schnell das Abteil und holte den Zugführer. Dieser warf nur einen Blick auf den Koffer. »Der ist überhaupt viel zu groß für das Abteil, der muß als Passagierstück aufgegeben werden. Schaffner, bringen Sie ihn zum Gepäckwagen!« Dann wandte sich der Zugführer an den Reisenden: »Wohin fahren Sie?« »Ich fahre nach Berlin!« sagte der Reisende. »Schaffner, geben Sie den Koffer nach Berlin auf!« befahl der Zugführer. Der Zug fuhr gleich darauf ab, und nach einer Weile kam der Schaffner mit dem Gepäckschein zu dem Reisenden. »Was wollen Sie jetzt wieder von mir?« fragte dieser. »Ich will den Schein nicht haben!« »Aber warum denn nicht?« fragte der Schaffner. »Weil mir der Koffer gar nicht gehört. Ein Herr, der nach München fährt, hat ihn hier hingestellt. Er ist wahrscheinlich in den Speisewagen gegangen.«   Kürzer! Kürzer!. Ein Geschäftsreisender, der gezwungen war, einen halben Tag untätig in einer kleinen Ortschaft zu verbringen, wollte die Zeit denn doch nicht ganz ungenutzt lassen und ging zum Barbier, um sich seine lockigen Haare, auf die er sehr stolz war, etwas schneiden zu lassen. Der Barbier war noch von jener alten Art, die ihre Arbeit nicht ohne unaufhörliches Reden verrichten können, und begann nun, während er dem Reisenden seine Locken kürzte, mit großer Weitschweifigkeit eine herzbrechende Geschichte, die seinen Kunden durchaus nicht interessierte. Aufs äußerste gelangweilt, rief der Reisende ein paarmal: »Kürzer! Kürzer!«, aber der Barbier setzte, seines Bittens ungeachtet, Schere und Zunge nur noch mehr in Bewegung und fuhr in seiner Arbeit und Erzählung fort. Da die Geschichte immer langweiliger wurde und der Reisende endlich das Ende hören wollte, so mahnte er noch einmal: »Kürzer! Kürzer!«, aber auch diesmal ohne jeden Erfolg, denn noch schneller als vorher und heftiger begann der Barbier zu erzählen und zu schneiden. Schließlich ging dem Reisenden die letzte Geduld zum Teufel, und er fuhr in recht wütendem Ton den Haarkünstler an: »Herr, können Sie denn nicht hören? Kürzer habe ich gesagt, kürzer!« Eingeschüchtert sah ihn jetzt der Barbier an, »Ich glaube nicht, daß das möglich ist!« sagte er und besah zurücktretend das Werk seiner fleißigen Hände. »Darf ich Ihnen noch den Kopf waschen?« fragte er zum Zeichen, daß er mit dem Haarschneiden fertig sei. Nun erhob sich auch der Reisende, um sich im Spiegel zu besehen. Aber wie erschrak er, als er sich ganz kahl geschoren erblickte! Der Barbier hatte das mehrmalige: »Kürzer! Kürzer!« nicht auf seine wichtige Geschichte, sondern auf das Haarabschneiden bezogen. Der Reisende mußte sich darein geben, für die nächste Zeit sich in der Öffentlichkeit ohne seine schönen Locken zu zeigen.   Eine neue Robinsonade. (In drei Bänden.) Frei nach Louis Drucker, Weinhändler. Erster Band. Die Reise – Schiffbruch – Rettung. Im Jahre 1825 segelte ein Schiffskapitän von Stettin mit einer Ladung Magdeburger Zichorien nach der Küste von Guinea. Kurz vor dem Ziel seiner Reise wurde er von einem furchtbaren Sturm überfallen, das Schiff strandete und ging trotz aller Anstrengungen der Matrosen mit Mann und Maus unter. Nur der Kapitän hatte soviel Geistesgegenwart, sich in einem Boot zu retten, und als er schon keine Hoffnung auf Rettung mehr sah, da klärte sich nach und nach der Himmel. Der Sturm schwieg, die Wellen gaben sanft nach und führten ihn an eine kleine Insel, wo er mit Dankgebeten an unseren Schöpfer das Land betrat. Zweiter Band. Aufenthalt auf der unbewohnten Insel. Doch wie gräßlich war seine Überraschung, als er die Insel von keinem menschlichen Wesen bewohnt fand, und so lebte er wie ein zweiter oder dritter Robinsohn bis zum Jahre 1836 einsam und verlassen, sich in sein unglückliches Schicksal ruhig fügend – weil er es doch nicht ändern konnte. Dritter Band. Freudige Überraschung – Ende. Als er eines Morgens, in tiefes Nachdenken versunken, auf einer Rasenbank ruhte, da erschien – wer vermag sein Gefühl in Worten zu schildern – ein junger Mann, der mit freundlich lachendem Gesicht auf ihn zueilte. Der Kapitän sprang auf, stürzte wie ein Wahnsinniger in die Arme des Angekommenen und fragte: »Sind Sie ein Gott oder ein Mensch?« Da antwortete der junge, edle Mensch, indem er seinen Rock aufknöpfte, mit großer Bescheidenheit: »Keines von beiden, ich bin nur ein Weinreisender aus Würzburg und erlaube mir die Freiheit, auch Ihnen einen Preiskurant meines Hauses ergebenst zu überreichen, indem ich Sie noch besonders auf unsern ausgezeichneten 34er aufmerksam mache.« So wurde der Kapitän gerettet, und er tat ein heiliges Gelübde, zeitlebens Würzburger 34er zu trinken. Ehre der ganzen Weinindustrie, Ehre besonders dieser Würzburger Firma, die ihre Reisenden in bekannte und unbekannte Weltteile sandte und mit dem Absatz ihrer Waren zugleich die Rettung von Schiffbrüchigen verband!! Heil!!   An der Table d'hôte. Zwei Geschäftsreisende sitzen sich gegenüber. Der erste: »Sie sind aus Breslau, Herr Kollege?« Der zweite (der eifrig mit Essen beschäftigt ist): »Ja!« Der erste: »Wie, dann kennen Sie gewiß den Kaufmann Schultz, der das große Mäntelgeschäft hat.« Der zweite: »Ist tot!« Der erste: »Wie, dieser kräftige Mann? Mein Gott, vor vier Wochen habe ich noch in Leipzig ein Geschäft mit ihm abgeschlossen. Nicht möglich!« Der zweite: »Ist tot!« Der erste: »Das ist ein beklagenswertes Ereignis und ein großer Verlust für die alte Firma. Wie untröstlich wird seine Frau sein. Haben Sie diese vielleicht nach dem Tode ihres Mannes einmal gesehen?« Der zweite: »Ist tot!« Der erste: »Mein Herr, das ist ja furchtbar, auch seine Frau ist tot?« Der zweite: »Ist auch tot!« Der erste: »Dann haben wohl die verwandten sich der unglücklichen Kinder angenommen? Es waren zwei hübsche Kinder da.« Der zweite: »Sind auch tot!« Der erste: »Mein Herr, ich bitte, erklären Sie mir das Entsetzliche eines solchen Ereignisses. Eine glückliche, vor wenigen Wochen noch gesunde Familie ausgestorben! Grassiert denn eine Epidemie in Breslau?« Der zweite: »Alles tot!« (Nach einer Pause, während der zweite Reisende seine Mahlzeit beendet hat und sich jetzt mit dem Zahnstocher beschäftigt.) Der erste: »Ihre Mitteilungen haben mich sehr betrübt, denn ich war befreundet mit Herrn Schultz und mit seiner Familie.« Zweiter Reisender: »Hermann Schultz, Mäntel en gros ? Ach ja, ein tüchtiger Mann!« Erster Reisender: »Sein Tod hat wohl allgemeine Teilnahme hervorgerufen?« Der zweite: »Sein Tod? Wie kommen Sie darauf?« Der erste: »Nun, er ist ja gestorben, wie Sie mir gesagt haben!« Der Zweite: »Gott bewahre, er lebt, er ist kerngesund!« Der erste: »Und seine Gattin?« Der Zweite: »Lebt auch, eine reizende Frau.« Der erste: »Und die Kinder?« Der Zweite: »Leben auch, allerliebste Kinder, hängen sehr an mir, visitieren mir immer die Rocktaschen, wenn ich komme. Verkehre oft in der Familie.« Der erste: »Mein Herr, das sind ja gräßliche Widersprüche! Ich werde ganz irre an Ihnen, Sie sagten mir noch vor wenigen Minuten, die ganze Familie sei gestorben.« Der zweite: »I bewahre! Wann sollte ich sowas gesagt haben?« Der erste: »Als Sie speisten!« Der zweite: »Ja, das ist was anderes! – Sehen Sie, mein Herr, wenn ich esse, dann ist für mich alles tot!«   Der verschlafene Reisende. Geschäftsreisender wollte von Köln nach Hannover fahren und sagte vor Antritt der Reise zum Schaffner: »Ich bin sehr müde und will im Zuge etwas schlafen. Hier haben Sie einen Taler, dafür müssen Sie mich in Hannover aber auch ganz bestimmt wecken. Sollte ich nicht recht munter werden oder in meiner Schlaftrunkenheit Umstände machen, dann stellen Sie einfach mein Gepäck auf den Bahnsteig, nehmen mich beim Kragen und setzen mich hinaus! Verstanden?« Der Schaffner versprach hoch und heilig, den Auftrag richtig auszuführen, und der Reisende lehnte in einer Ecke und war bald fest eingeschlafen, wie er ja das Schlafen im Zuge wohl gewöhnt war, plötzlich wird er wach, indem ihn der Zugführer an der Schulter rüttelt: »He, Mann, Sie müssen aussteigen, wir sind in Berlin. Der Zug fährt nicht weiter!« Entsetzt springt der Reisende empor und erkennt den ihm wohlbekannten Berliner Bahnhof. »Wo ist der Schaffner?« schreit er wütend. »Wo ist der verfluchte Schaffner, der mich in Hannover wecken sollte?« Endlich entdeckt er ihn auf dem Bahnsteig und fällt mit einem ganz maßlosen Schimpfen über ihn her: »Sie Kamel! Sie Ochse! Sie dreifacher Esel! Wozu hab' ich Ihnen den Taler gegeben? Was soll ich jetzt in Berlin? Aber ich werde Sie zur Verantwortung ziehen, Sie Nilpferd, Sie sollen mir meinen geschäftlichen Schaden ersetzen! Wo ist der Bahnhofsvorsteher?« Und weiterschimpfend raste er davon. Der schuldige Schaffner hatte zu dem allen kein Wort gesagt, bis ihn endlich ein anderer Schaffner fragte: »Und wenn dir der Kerl zehnmal einen Taler gegeben hätte, solch ein Schimpfen brauchtest du dir aber doch nicht gefallen zu lassen!« Jetzt tat der beschimpfte Schaffner zum erstenmal den Mund auf und sagte: »Das nennst du Schimpfen? Da solltest du mal den andern gehört haben, den ich in Hannover aus dem Zuge gesetzt habe! Der hat geschimpft!!«   Nächtliches Abenteuer. Zwei Geschäftsreisende, die gute Freunde waren, trafen sich zufällig in einer kleinen Stadt, wo sie im gleichen Hotel abstiegen und, da das Hotel etwas überfüllt war, ein gemeinsames Zimmer mit zwei Betten nahmen. Vor dem Schlafengehen feierten sie aber ihr Zusammentreffen durch einen herzhaften Trunk, der sich sehr lange ausdehnte, so daß sie ziemlich illuminiert endlich in ihr Zimmer gingen. In ihrem fröhlichen Zustand geschah es nun, daß sie beide in dasselbe Bett kletterten, und zwar der eine an dem Kopfende und der andere an dem Fußende, Das Licht hatten sie ausgemacht, und es herrschte eine Weile tiefe Stille, plötzlich sagte der eine: »Du, Paul, schläfst du schon?« »Nein«, antwortete der andere. »Du, Paul, bei mir liegt ein Kerl im Bett!« »Bei mir auch, er streckt mir beide Beine entgegen.« »Du, Paul, wollen wir die Kerle rausschmeißen?« »Jawohl, machen wir, los!« Es entspann sich nun im dunkeln Zimmer ein fürchterlicher Kampf, und nach einiger Zeit war ein doppeltes Aufbummsen auf den Fußboden zu hören. Dann trat wieder große Stille ein. »Du, Paul,« hörte man plötzlich eine Stimme, »hast du den Kerl rausgeschmissen?« »Nee, der Kerl hat mich rausgeschmissen.« »Du, Paul, was machen wir dann? Mich hat er auch rausgeschmissen.« »Dann müssen wir eben auf dem Erdboden schlafen.« Dieses taten sie denn auch, und erst am nächsten Morgen sahen sie, daß sich außer ihnen überhaupt niemand im Zimmer befand. Das eine Bett war furchtbar zerwühlt, das andere überhaupt nicht berührt – sie hatten sich gegenseitig aus dem Bett herausgeworfen.   Die billige Beförderung. Ein Weinreisender, der auf dem Lande zu tun gehabt, hatte den letzten, heute noch fahrenden Zug der Kleinbahn versäumt, und da er unbedingt noch in die Stadt wollte, ging er zu einem Bauern, um ihn zu veranlassen, ihn für Geld und gute Worte hinzufahren. Aber der Bauer, der durchaus nicht dafür schwärmte, dem eleganten Stadtmenschen einen Gefallen zu tun, antwortete mürrisch, seine Pferde seien heute genug angestrengt, und wenn er schon fahre, dann koste das acht Taler. Der Weinreisende war entsetzt und machte höfliche Einwendungen und Vorstellungen, die aber den höchst eigensinnigen Bauern nicht im geringsten zu rühren schienen. Plötzlich sah der Reisende auf dem Hof einen mit Brennholz beladenen Wagen stehn, und es kam ihm ein Gedanke. »Sagen Sie mal,« fragte er in gleichgültigem Ton den Bauern, »Sie haben da draußen Holz stehn – was kostet eine solche Fuhre?« »Die will ich morgen in die Stadt fahren«, antwortete der Bauer. »Die Fuhre kostet drei Taler!« »Und wenn Sie mir das Holz ins Haus liefern?« »Auch dann kostet es drei Taler.« »Gut!« sagte der Reisende. »Ich brauche gerade Holz, ich kaufe die Fuhre. Sie müssen sie nur aber sofort hinfahren.« Der Bauer, erfreut, daß er morgen nicht erst in die Stadt zu fahren brauchte, war gern einverstanden. Der Knecht spannte die Pferde an, der Reisende setzte sich mit auf den Bock, und so fuhr er kostenlos in die Stadt, denn unterwegs überlegte er schon, wem von seinen Kunden in der Stadt er die Fuhre verkaufen wollte.   Kaufmännisches Jagdabenteuer. Ein Gutsbesitzer war bei einem befreundeten andern Gutsbesitzer zu Besuch und vertrieb sich dort in den Forsten die Zeit mit fleißigem Jagen. Die Geschichte spielte an der russischen Grenze, wo damals noch Wölfe und manchmal sogar Bären vorkamen. Eines Tages hatte sich der Besucher verirrt, der Abend brach herein, und noch immer konnte er keinen Pfad entdecken, der ihn aus dem dichten Wald führe, weil er nun doch etwas Furcht vor Raubtieren hatte, so stieg er auf einen Baum, zog seine Flinte nach sich und suchte es sich zwischen den Zweigen so bequem wie möglich zu machen. Plötzlich hörte er über sich ein Rauschen in den Zweigen und erschrak heftig, denn dies konnte ja ein nach Honig lüsterner Bär sein. Schon erhob er seine Flinte, um dem Untier den Garaus zu machen, als sich aus den Zweigen zu seinem großen Erstaunen folgende Stimme vernehmen ließ: »Bitte, halten Sie mich nicht für einen Bären oder für sonst ein Ungetüm. Ich habe mich, was ich auch von Ihnen annehme, im Walde verirrt, Ich reise für das Ihnen wahrscheinlich wohlbekannte Weingeschäft von Meier \& Co. und würde mich glücklich schätzen, wenn ich bei dieser Gelegenheit einen Teil Ihres Weinbedarfs zur prompten Effektuierung notieren könnte. Der soeben durch die Wolken blinkende Vollmond dürfte Ihnen diesen Preiskurant, den ich Ihnen hiermit überreiche, lesbar machen.«   Der bestrafte Gastwirt. Ein französischer Geschäftsreisender kam auf seiner Fahrt nach Valenciennes, wo er in einem Hotel einkehrte und an der öffentlichen Tafel zu Abend aß. Während des Essens hatte er seinen Handkoffer neben sich auf einen leeren Stuhl gestellt. Wie erstaunt war er am nächsten Morgen, als er Weiterreisen wollte und auf der Rechnung ein Abendessen für zwei berechnet fand. Auf seine unwillige Nachfrage erklärte ihm der Kellner aber, daß sein Handkoffer, da er den Platz eines Reisenden eingenommen habe, auch den dafür dem Hotelbesitzer entstehenden Verlust tragen müßte. Der Reisende bezahlte, ohne weiter ein Wort zu verlieren, und reiste ab. Wenige Tage nach diesem Vorfall kam er zurück und kehrte wieder in diesem Hotel ein. Ohne sich die bei seinem letzten Aufenthalt gemachte Erfahrung zunutze zu machen, legte er den von ihm unzertrennlichen Handkoffer wieder neben sich auf den Stuhl. Diesmal aber war der Reisekoffer bei jeder Schüssel, die herumgereicht wurde, offen und beanspruchte bald ein viertel von einem Huhn, bald ein Stück Rindfleisch, bald ein paar Schnitte Schinken. Nichts ging an dem Koffer vorüber, ohne daß es ihm einen sehr bedeutenden Tribut gezahlt hätte. Endlich ging die Sache so weit, daß die Kellner anfingen, Einwendungen zu machen. Aber der Reisende erwiderte ruhig: »Neulich abends hatte mein Koffer keinen Hunger, aber heute, wie Sie sehen, ist sein Appetit sehr bedeutend; dadurch gleicht sich die Sache aus.« Der Geschäftsreisende erzählte jetzt den andern Tischgästen von dem ersten Besuch seines Koffers und hatte sofort alle Lacher für sich, so daß weder die Kellner noch der bestrafte Hotelwirt weiterhin eine Einwendung zu machen wagten.   Der Reisende, dem die Hosen gestohlen wurden. Ein Reisender kam zu Magdeburg in einen Gasthof. Er trug einen langen, zusammengeschlagenen Mantel, und da er sehr müde war, verlangte er ein Zimmer, um sich gleich schlafen zu legen. Am nächsten Morgen machte er einen furchtbaren Lärm und sagte, während der Nacht seien die Hausbediensteten in sein Zimmer eingebrochen und hätten ihm seine Hose mit seiner Börse, die 50 Dukaten enthalten habe, gestohlen. Der Wirt und alle im Hause liefen hinzu, und da dem Fremden wirklich die Hosen fehlten, mußte schließlich der Wirt nach Eingreifen der Polizei den ganzen Schaden ersetzen. Einige Jahre später mußte dieser Wirt eine Reise machen und logierte in einer anderen Stadt in einem Gasthof. Als er dort des Morgens beim Frühstück saß, erzählte ihm der Kellner, in der Nacht seien einem Reisenden die Hose mit 50 Dukaten gestohlen worden, und der Wirt müsse den Schaden bezahlen. Dies machte den Gast, dem in seinem eigenen Hotel schon einmal dieselbe Geschichte passiert war? denn doch stutzig. Er ließ sich von dem Kellner den bestohlenen Reisenden zeigen und erkannte, daß es derselbe Mann war, den er in einer so schmerzhaften Erinnerung hatte. Er besann sich nicht lange, sondern ließ den Mann festnehmen. Es wurde dann durch gerichtliche Forschungen festgestellt, daß man es mit einem gefährlichen Gauner zu tun hatte, der mit einem langen Mantel bekleidet ohne Hose in allen möglichen Städten sich in Gasthäuser einschlich und immer wieder denselben Trick mit großem Erfolg anwandte. Ohne den seltsamen Zufall, daß ihn ein betrogener Gastwirt in einem andern Hotel erwischte, hätte er sein Gewerbe als falscher Reisender noch lange fortführen können.   Wie der Baron den Likörreisenden foppte. Aus: »Der tolle Bomberg« von Josef Winkler. Selten nahm der Baron Geld in der Tasche mit, Er schrieb nur einen Bon für die Rentei, und der Rentmeister zahlte. So reiste er wie ein Krösus im Lande umher, und da jeder seine Schnurren kannte und sein Kredit – wie Münster – fest gegründet war, ging er überall glatt durch. Eines Tages aß er bei Vater Sieverding in Hiltrup hinterm Wirtshause, wo der schöne alte Baum steht und seine Zweige über den Tisch breitete. »Hier bleib' ich, bis meine Bartspitzen um die Linde wachsen – noch eine Flasche – he!« Da fuhrwerkte ein Likör- und Weinreisender aus Telgte herein und gedachte sich bei einem Speckpfannkuchen mit Kopfsalat gütlich zu tun. Schon auf dem Steinpatt hatte der Baron sein lärmendes Wesen gehört und beschloß, ihn zu ignorieren. Aber der Mensch saß bald neben ihm, strüppte die Röllchen über die fleischigen Hände ab, setzte sie vorsichtig wie Lampenzylinder auf den Tisch und rieb mit dem Tischtuch die dampfende Stirn: »Erlauben Sie – woher mag diese Hitze kommen?« Der Baron trommelte die Tischplatte und sah geradeaus. Der Reisende öffnete noch ein Kragenende, daß es wie ein Span abstand vom dicken Hals, und gurgelte lauter: »Man sollt' die Hitze nicht für möglich halten.« Bomberg sah stracks vorbei auf den Hühnerhof und erinnerte sich, kürzlich von Landois gehört zu haben, wie ein Ei entstand: während zwei Stunden unablässig langsam drehend, unter langsamen Drehungen in vierundzwanzig Stunden wächst die ovale Form, und dachte: putzig, wieviel Eier mögen sich da in dem Hühnerhintern drehen? und lächelte. Der Reisende faßte dies als Ironie auf und blähte sich erbost: »Man hat's wirklich nicht leicht, bei diesen Wirten hier im Lande herumzufahren – schlechtes Geschäft!« Der Baron lachte plötzlich laut auf. Der Reisende schrie: »Wenn ich Sie geniere, setze ich mich anderswo – erlauben Sie, mein Name ist nämlich Möbstig!« »lieber Mann, ich stelle mir nur vor, welch ein Gefühl es für Sie wäre, wenn sich in Ihrem dicken Hinterviertel zwei Schock Eier drehten!« Jetzt war es klar, daß hier wohl ein Irrer rede; der Reiseonkel machte eine mitleidige Miene und schwieg beklommen. Am Ende würde der Irre auch noch gewalttätig über ihn herfallen! Schon fragte der Baron den alten Sieverding: »was hab' ich zu zahlen?« Der Wirt nannte die Summe. Der Baron steckte sich erst mit einem Tausendmarkschein die Zigarre an, riß dann aus seinem Notizbuch eine Seite und schrieb den Bon und ging. »Erlauben Sie, Wirt, was ist das für ein Kauz? Zahlt der mit Notizblättern?« »Lassen Se den man laufen, der nimmt Ihnen für'n Bon das ganze Geschäft ab samt Pferd und Wagen und die Firma dazu, wenn er in Laune ist! Das ist der tolle Bomberg.« »Mit dem wird jetzt kein Geschäft mehr zu machen sein«, bedauerte der Reiseonkel. »Der trägt nichts nach! Tun Sie harmlos, er ist jetzt in Alberloh auf der Kirmes!« Die lockende Aussicht, an diesen übergeschnappten Sonderling die ganze Ladung Likör auf einmal loszuschlagen, ließ ihn noch selbiger Stunde anspannen und gen Albersloh eilen. Bald traf er bei einem bekannten Wirt den Baron unter einem Haufen Kirmesbrüdern. Er schlängelte sich mit lärmender Lustigkeit heran, als erkenne er den Baron nicht: »Meine Herren, erlauben Sie, die Gelegenheit ist günstig – mein Wagen hält vor der Tür – ich spendiere drei Pullen Likör, dazu zwei Pullen alten Münsterländer! Wat help dat schlechte Liäwen!« Also gingen Schnapsgläschen gleich in der Runde und wurden mit spitzen Fingern solange gekippt, gewippt, daß die Fidelität stieg und der Baron sagte: »Na, auf ein paar Flaschen können wir zehn Mann nicht balancieren – geben Sie noch eine Runde?« Der Reiseonkel, sauersüß seine Rechnung überschlagend, dachte: Sei splendid, Möbstig, soll die erste Runde nicht verloren sein, muß die zweite folgen – und ponierte mit geheucheltem Edelsinn schließlich auch noch das Gesinde, die übrigen Gäste und den Wirt. Jedes aufsteigende Bedenken erstickte die Beruhigung: »Der Baron läßt sich gewiß nicht lumpen!« Der Leichtsinn des Schenkens kam mit dem Trunk über ihn, und er verteilte schließlich mit sollen Armen aus dem Schlund des Likörwagens. Der Baron animierte noch immer wacker, und Möbstig war unerschöpflich wie der gute Sankt Nikolaus auf der Dorfkirmes! Aber als der Vorrat zur Neige ging, überkam ihn plötzliche Ernüchterung, er überschlug den Schaden so auf gute zweihundert Taler, fuhr vor Schreck herum und keuchte: »Herr Baron, nu wird's aber Zeit, daß Se bald mit 'nem Bong 'rausrücken!« – »Natürlich –« dampfte dieser – »was kostet der ganze Krempel?« Der Dicke rieb die fleischigen Hände, schlug noch schnell ein Profitchen zu und strahlte: »Mit dem, was noch drin steckt, dreihundertsechsundfünfzig Taler!« – – »Mensch, Mann, Seele, Herr – ich will den ganzen Krempel, wie er dasteht – mit allem, was drauf und dran hängt – die ganze Karriole!« – Ein Bäuerlein schrie: »Met dat magere Piärd is de Kaorn tosammen 'n Grösken wärt!« Der Dicke fuhr herum: »Aber erlauben Sie!« Schon schlug der Baron ein: »Top – mit allen Anhängseln viertausend Taler!« – »Viktoria!« jauchzte der Reiseonkel, und der Baron schreibt einen Bon über die Summe: »Kaufpreis für Wagen, Inhalt und gesamten Zubehör!« Jetzt mußte natürlich der Rest verpulvert werden und der Reisende kannte keine Grenze seiner Großmütigkeit. Das Ende war, daß er hagelkreuzbombenvoll vom Stuhl fiel und der Baron sagte: »Ich will ihn heimfahren,« – worauf man umständlich den Koloß in den Likörwagen schob, leere Flaschen drauf häufte, den Kasten hinten fest zuschloß, daß er nicht herauspolterte. Der Baron bestieg den Bock und fuhr sein Opfer mit Hallo von der Kirmes fort. Auf Bulbergen wurde der Wagen zu den anderen in die Remise verstaut und auch Bomberg suchte sein Bett auf, selber wankend und schwankend. – Am folgenden Mittag erwachte der splendide Reiseonkel in der Düsterheit seines engen Gefängnisses und begann zu rumoren unter den klirrenden Pullen. Er trommelte vergebens mit den Fäusten. Schachmatt und hundsmiserabel schnarchte er wieder ein, und am späten Abend klopfte der Baron beim Deliquenten an: »He – Mann, schon nüchtern?« – »Ich verklage Sie, ich vergreife mich an Ihnen – lassen Sie mich 'raus.« – »Ta gueula – halt die Schnauze!« rief der Baron. – »Aber erlauben Sie!« tönte es aus dem Kasten und die Flaschen klirrten, als erhöbe sich darin ein Mastadon aus einem Scherbenhügel. »Ich hab' den ganzen Wagen gekauft mit allem, was drauf und dran hängt, und Sie gehören mit zum Inventar!« – »Das ist Betrug, das ist Übervorteilung!« – »Ich hab's schriftlich von Ihnen!« – »Und die Blamage –« – »Wird noch viel größer durch Ihren Prozeß – aber vorläufig füttere ich Sie noch ein paar Wochen wie einen wilden Köter im Hundeloch!« Das fuhr dem Dicken doch durch Mark und Bein, er mußte wahrhaftig jetzt aufs Tollste vorbereitet sein und somit legte er sich vom Drohen aufs Bitten: »Na, – annullieren wir den Kauf –« gab der Baron nach, »rücken Sie mir erst den Bon – raus!« Nach einigem Zögern seufzte es drinnen: »Gut.« Der durch eigene Profitsucht Geplünderte fuhr belämmert auf Nimmerwiedersehen davon: »Wahrhaftig – dieser Mann ist mit zehntausend Hexenmeistern zur Schule gegangen!«   Herr Bauchwitz auf der Tour. von Moritz Joeb. Ausmarsch. (Die Firma Haußmann \& Co., Jupons en gros und Export ist aus dem Häuschen, denn ihr erster Reisender,) Herr Bauchwitz (steht im Begriff, den Berliner Staub von seinen Pantoffeln zu schütteln und nach dem Kriegsschauplatz abzudampfen. Er rennt vor seinen vier Koffern wie ein gereizter Löwe hin und her und sortiert in fieberhafter Eile die neuen Muster ein. Durch das Geschäftslokal rufend): »Vinzelberg – Fräulein Vinzelberg, wo stecken Sie denn?« Frl. Vinzelberg : »Was wollen Sie denn jetzt schon wieder?« Bauchwitz ( sehr laut ): »Was ich will? Die plissierten Taffetröcke muß ich haben, zum Donnerwetter!« Frl. Vinzelberg ( herüberrufend ): »Machen Se doch man nich so'n Krach! Ich komme ja schon! Nich mal 'ne Stulle kann man mit Ruhe essen!« Bauchwitz : »Den ganzen Tag futtert die Gesellschaft! Wir sind doch hier nicht bei Aschinger, sondern im Geschäft!« Frl. Vinzelberg : »Hast de Töne? Bauchwitz schimpft über's Essen! – Sie haben wohl gerade seinen Appetit?« Peter ( der Hausdiener, kommt mit einem Vierseidel und einem Paketchen herein ). Das Personal ( bricht in Gelächter aus ). Bauchwitz ( ärgerlich ): »Warum lacht ihr denn?« Peter : »Herr Bauchwitz, es jab' keen' Jänsebraten mehr, da hab' ick Kalbsbraten jenommen.« Bauchwitz : »Ja, schön, 's is gut, danke. Legen Sie nur hin!« Peter : »Se kriejen noch zwanzig Fennje retour.« Bauchwitz : »Lassen Sie mich jetzt in Ruhe und koofen Sie sich'n Rittergut dafür.« Peter ( trollt davon ). Bauchwitz ( ruft ihm nach ): Peter, haben Sie meinen Privatkoffer geholt?« Peter : »Jawohl, der is unten.« Bauchwitz : »Und die Fuhre?« Peter : »Steht auch schon vor der Tür. Se brauchen bloß zuzuschließen, dann kenn' wa uffladen.« Frl. Vinzelberg : »Hier sind die Taffetas-Jupons, zwei Modelle fehlen noch. Die Preise müssen Sie sich dann selbst auf den Etiketten vermerken, wir teilen sie Ihnen morgen mit.« Bauchwitz : »Was soll ich denn mit Mustern ohne Preis? Verschenken? – Es ist wirklich haarsträubend! So 'ne Bummelei!« Frl. Vinzelberg : »Meinethalben können Sie den Artikel auch hierlassen, wenn Sie zu bequem sind, ein paar Muster auszuzeichnen. Sie wissen doch, daß ich die Preise noch nicht habe.« Bauchwitz (brummig) : »Ach was, ich weiß gar nichts.« Adolf (anzüglich) : »Hört! Hört! – Sehr richtig!« Bauchwitz (wütend) : »Dummer Bengel! Was fällt Ihnen denn eigentlich ein? Sie wollen wohl alte Leute uzen?« (Er wirft ihm einen Knäuel Bindfaden an den Kopf.) Herr Haußmann (kommt gerade hinzu) : »Herr Bauchwitz, Sie bilden sich wohl als Jongleur aus?« Bauchwitz : »Herr Haußmann, der Bengel wird über alle Maßen frech.« Chef : »So? Was hat er denn getan?« Frl. Vinzelberg (mischt sich ein) : »Herr Bauchwitz hat gesagt, er weiß gar nichts, darauf hat Adolf ›Sehr richtig!‹ gerufen –« (allgemeines Gelächter) . Chef : »Wenn der Junge frech wird, so ist's kein Wunder: Treiben Sie nicht so viel Unfug mit ihm!« Adolf : »Heute morgen hat mich Herr Bauchwitz in seinen großen Koffer gesteckt!« Chef (streng) : »Sie sind nicht gefragt! Und wenn Sie sich nicht anständig benehmen, werden Sie aus der Lehre gejagt. – Unterlassen Sie aber künftig solche Dummheiten, Herr Bauchwitz. Wir sind doch hier in keiner Spielschule!« Bauchwitz (von seinem Chef weiter keine Notiz nehmend ) : »Vinzelberg – habe ich nun alles eingepackt? Es ist höchste Zeit – Vinzelberg – Fräulein Vinzelberg –« Frl. Vinzelberg (ruft aus dem Hintergrunde): »Jawohl – schließen Sie doch zu! Sie werden noch den Zug versäumen!« Bauchwitz: »Dann nehme ich ganz einfach einen Extrazug!« Frl. Vinzelberg: »Das traue ich Ihnen sogar zu.« Chef: »Aber bitte – für Ihr Geld!« Bauchwitz (schließt lachend die Musterkoffer): »So! Fertig! Klar zum Gefecht! Peter – – – Peter!« Peter (eilt herbei): »Herr Bauchwitz! Ihr Abendbrot!« Bauchwitz (kommandiert): »Abfahren! – Zum Essen ist jetzt keine Zeit mehr!« (Geht ins Kontor, während das Personal unter Donnergepolter die schweren Koffer hinausrollt. Zum Buchhalter): »Herr Strahl, Reisekasse!« Strahl: »Ach so! Daran habe ich ja gar nicht gedacht.« (Wendet sich zum Kassenschrank.) Bauchwitz: »Ich brauche fünfhundert Mark.« Strahl (zählt): »So viel habe ich nicht hier.« Bauchwitz: »So 'ne Bummelei! Sie wissen doch, daß ich heute abend fahre! Das kann auch nur Ihnen passieren, warum schicken Sie nicht rechtzeitig zur Bank? Wirklich haarsträubend!« Strahl: »Na, ich hab's eben vergessen.« Bauchwitz: »Wie kann man nur etwas vergessen? Verstehe ich gar nicht! Bei Windberg \& Süßholz sollte mal so was vorkommen!« Chef (hinzutretend): »Fangen Sie schon wieder mit Windberg \& Süßholz an?« Bauchwitz (boshaft): »Nein, aber wenn das noch lange so weiter geht, kann es leicht kommen, daß ich damit mal aufhöre.« Chef: »Menschenskind, was ist denn schon wieder?« Bauchwitz: »Was ist? Kein Geld ist da!« Strahl: »Aber ich kann Ihnen ja zweihundert Mark geben! Reißen Sie sich doch nicht bei jeder Gelegenheit ein Bein aus!« Chef: »Na, soviel wollen Sie doch hoffentlich nicht bis übermorgen ausgeben?« Bauchwitz: »Dalli, dalli! 's ist höchste Bierzeit! – So, Strahl, Adresse wie immer, vergessen Sie morgen das Geld nicht. – Ha, auf Wiedersehn!« (will gehen.) Strahl: »Ihre Briefmappe!« Bauchwitz (umkehrend): »Donner – hätte ich bald vergessen!« Strahl (anzüglich): »Wie kann man nur etwas vergessen!« Bauchwitz (trocken): »Quatsch' nich, Krause, Adieu! – Adieu, Fräulein Vinzelberg. Erledigen Sie meine Aufträge ordentlich, sonst soll Sie der und jener frikassieren. Auf Wiedersehn, Herr Haußmann!« Chef: »Adieu! Gute Reise, und kommen Sie nicht so bald wieder!« Bauchwitz (hinausstürzend): »Ihren geehrten Segen erbitte schriftlich.« (ab.) Chef: (mit der Direktrice flüsternd): »Was meinen Sie, Fräulein Vinzelberg, ich werde ihn wohl zur nächsten Saison als Teilhaber aufnehmen müssen? Es ist sonst kein Auskommen mehr mit ihm, und schließlich schnappt »W. \& S.« ihn doch noch mal weg.« Frl. Vinzelberg: »Ich glaube auch, es würde das Richtigste sein!«   Der Gentleman mit dem Zylinderhut. Von Hanns Heinz Ewers. Auf einer Fahrt durch Estremadura (Spanien) befand sich in meinem Coupé eine englische Dame, welche sich genierte, die primitiven, aus zwei durchlöcherten Brettern bestehenden W.-C. der spanischen Bahnstationen zu benutzen und deshalb seelische wie körperliche Qualen litt. Da war es, daß ich ein seltenes, ein aufopferndes Bild von Edelmut und Herzensgute erlebte. Ein im Coups sitzender Handlungsreisender erhob sich und nahm aus der Schachtel seinen neuen, wundervollen Zylinderhut. Er reichte ihn der Dame hin und sagte würdevoll: »Madam! Dies ist ein Zylinderhut! Man kann ihn auch zu anderen Zwecken benutzen. – Ich und die beiden Herren möchten jetzt schrecklich gern hier aus dem Fenster hinaus die Gegend betrachten. – Wenn in der Zwischenzeit der Zylinderhut aus dem andern Fenster hinausgeworfen würde, würde ich mir das zur hohen Ehre anrechnen!« Ohne eine Antwort abzuwarten, stellte er den Zylinderhut neben die Dame, faßte uns am Arm und drängte uns zum Fenster hin, wir unterhielten uns laut über die schöne Gegend, die aus Sand, verbranntem Gras und Telegraphenstangen bestanden. Als wir sie genug bewundert zu haben glaubten, drehten wir uns wieder um. Der Zylinderhut war verschwunden, die Engländerin saß ruhig mit glücklichem Gesicht in ihrer Ecke. Sie warf dem Handlungsreisenden einen dankbaren Blick zu. »Sie sind ein Gentleman!« sagte sie einfach. »Ja!« sagte ich ergriffen und drückte ihm die Hand, »man sollte Ihnen ein Denkmal setzen!« »O bitte!« sagte der Herr vornehm. Und rasch brachte er ein anderes Gesprächsthema auf, erzählte höchst ergötzliche Geschichten von Leutnants und Schwiegermüttern. »Welch ein Mensch!« dachte ich. Alles nimmt ein Ende. Und so gelang es schließlich auch unserer sechzigiährigen Lokomotive »Esmeralda«, uns nach Sevilla hineinzuschleppen. Sie schnarchte fürchterlich und war schrecklich müde – das arme Tierchen! Wir stiegen aus, der Handlungsreisende reichte liebenswürdig der englischen Dame ihre Gepäckstücke, und ich sah, wie er die Adresse auf ihrem Koffer las. »Miß Maud Eliston, Park Road, Cheffield!« murmelte er. – »Cheffield? – Das ist gut, da ist ja die Firma Winter Brothers!« Er half der Dame beim Aussteigen. Dann kritzelte er ein paar Worte auf eine Karte und wandte sich an mich: »Lieber Landsmann,« sagte er, »ich muß unserer Reisegefährtin mit dem Gepäck behilflich sein, wollen Sie mir wohl dies Telegramm hier aufgeben?« Ich war froh, dem hochherzigen Mann einen kleinen Dienst erweisen zu können, und sprang schnell zum Telegraphenbureau. Die Depesche lautete: »Winter Brothers, Cheffield! Hat Miß Maud Eliston, Cheffield, Park Road, eigenes Vermögen? Und wieviel? Drahtantwort. Lehmann in Firma Obermeier, Berlin, zur Zeit Sevilla, Hotel Cadiz.« Nachdem ich das Telegramm aufgegeben hatte, suchte ich mein Handgepäck zusammen und lief zum Hotelwagen, der bis zum letzten Platz besetzt war. »Sie müssen in ein anderes Hotel!« rief mir Herr Lehmann aus dem Fenster zu, »in diesem ist alles besetzt.« »Die Depesche ist besorgt, sie hat acht Pesetas vierzig gekostet!« sagte ich^ »Schon gut«, meinte Herr Lehmann. »Wenn nur die Antwort befriedigend ist!« Er beugte sich hinaus und sagte vertraulich: »Hübsch ist sie ja, die Miß, wenn sie nun auch noch Geld hat, können wir bald Verlobung feiern!« »Oh!« beteuerte ich, »Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Glück! – Sie edler Mensch, Sie! Sie Gentleman! – Ihr neuer Zylinderhut!« »Reden Sie doch nicht!« sagte Herr Lehmann, »meinen Sie denn, ich würde auf ein so schwaches Risiko hin meinen eigenen Zylinderhut hergeben? – Nicht mal die Telegrammkosten!« Der Kutscher knallte. Der Hotelwagen knatterte über das Pflaster hin. Eine schreckliche Ahnung stieg in mir auf. – Ich öffnete meine schöne lederne Hutschachtel – – sie war leer! O dieser Gentleman – – dieser scheußliche Gentleman! Wenn er aber Hochzeit macht – – ich werde ihm telegraphisch meine Rechnung schicken! –   Mama, es tinkt!. von Hermann Graebke. In Neustadt steg ik in de Bohn, Um noh Berlin to föhr'n; Un achter, mi kem rintogohn Een Dom mit een voor Görn. As wi nun föhrt wär'n een kort Wiel, Höl een lütt Dern ehr Näs ganz piel In d' Höcht un säd: »Mamma, es tinkt!« De Dom würr puterrot un plinkt Dat Mäken to. Doch de verstünn ehr nich Un säd: »Mama, es tinkt ganz fürchterlich! Mal tinkt es nich, un denn tinkt's wieder, von oben tinkt es immer nieder!« De Dom kek noh das Brett in d' Höcht, Un ick säd dünn: »Dat Kind het recht! Dat ruckt hier dull noh Käs, so'n rechten ollen, Un de Geruch is kum noch uttohollen.« Un as de Dom von Käsen hört, Se gor to schnurrig sich regert, Höl sich vör d' Näs ehr Taschendook, Un löp, as war se mch recht klok, In'n Wagen ümmer hin un her, Bet in Berlin se ankom'n wär. Kum wär de Zog in'n Bahnhof rin, So kem in uns' Coups geswinn Een Herr. He nickt mi fründlich to. »Es muß hier stehen irgendwo,« Säd he, »mein kleines Reis'gepäck; Ich seh' es schon dort in der Eck!« Ick mokt em Platz, un as he runnerlangt Een lütte Kist un sich be mir bedankt. Da lärmt de Frau ganz wütend los: »Mein Herr, ich find' es rücksichtslos, Daß Sie hier über unsern Plätzen Die Käsekiste niedersetzten! wie durften Sie so etwas wagen!« »Madam,« säd he, »das will ich Ihnen sagen: Ich kann den Käsgeruch nicht gut vertragen, Und deshalb saß ich hier im Nebenwagen, So fahr' ich schon von Hamburg her.« – Un ruter wär he ut de Dör.   Der sonderbare Gast. Von Gustav Hochstetter. In einem von den besten Hoteln In Köln Erschien ein Gast. Mit Ergebenheit und Hast Begrüßte ihn der Portier: »Monsieur parle français?« Der Gast, unbeweglichen Gesichts, Antwortete nichts. Der Empfangs- und Begrüßungs-Herr Kam hinterm Tisch vor: »'morning Sir! You speak english, I think?« Wobei es genau wie vorher ging: Der Gast, unbeweglichen Gesichts, Antwortete nichts. Der Fall war bereits etwas ungewöhnlich, Drum trat der Hoteldirektor persönlich Hervor und fragte mit vollem Tenore: »Parla italiano, Signore?« Der Gast, unbeweglichen Gesichts, Antwortete nichts. Der Liftboy war ein Niggerboy, Der dachte im schwärzlichen Hirn, »Oi, oi, Nix inglisch, italisch, französisch hier? Isse vielleicht ein Landsmann von mir?« Er nahm sein Käppi in sein Händi Und fragt: »Türkdje görüschürmisinis, Effendi?« Der Gast, unbeweglichen Gesichts, Antwortete nichts. Man holte die Polizei Herbei. Die fluchte, Untersuchte Und fand schließlich heraus: Der Fall war in einem ersten Haus In Köln Eigentlich gar nicht vorzustell'n! In allen ersten Hoteln Zu Köln Ward seit drei Jahren Dergleichen nicht erfahren! Der Fall war ein richtiger Nerven-Peitscher: Der Gast im Hotel zu Köln war – – – – – ein Deutscher! Vergnügte Lehrlinge Lehrling ist Jedermann – Geselle, wer was kann – Meister, wer was ersann! Was für das Handwerk gilt, trifft auch für die Kaufleute zu – nur mit der durch moderne Erkenntnis gewonnenen Einsicht, daß auch mancher Geselle was ersann – und selbst mancher Lehrling. Allerdings führt das Ersinnen der Lehrlinge oft zu komischen und grotesken Ergebnissen, wie in den meisten Schnurren und am deutlichsten in der köstlichen Geschichte »de Kapp« von Friedrich Stolze. Oft wird auch die jugendliche Naivität des Lehrlings zur Lächerlichkeit. Für den Lehrling selbst sind ja diese Ergebnisse, sind die Lehrjahre nicht nur ein Born der Freude und des Lachens. Eduard Bernstein berichtet in seinen Jugenderinnerungen so getreulich, daß jeder, der Lehrjahre durchgemacht hat, wohl daran erinnert wird, welch ein Gemisch von Schwerem und Freudigem sie eigentlich waren. Aber in der Erinnerung überwiegen wohl überall die komischen Erlebnisse. Und selbst manches bittere Erlebnis sieht sich später lustig an – und wird verschönt durchs Lachen. Das Sprachrohr. Buchhalter: »Süße -- Arabella bist Du da?« Chef: »Nein, aber ich!«   Der Naive. Ein Berliner Kaufmann erhielt einen neuen Lehrling aus einem ganz kleinen Provinzstädtchen, der bisher noch nie aus seiner Heimat fortgewesen war. Kurz nachdem nun der Junge seine neue Tätigkeit begonnen hatte, gab ihm der Prinzipal den Auftrag, ihn mit Garderobestücken, die er zu einer Aufführung auf einem Polterabend brauchte, in den prächtigen Saal eines geselligen Vereins zu begleiten. Als sie dort angekommen waren, zeigte sich der junge Mann so erfreut und erstaunt über die glanzvolle Einrichtung und Beleuchtung, daß der freundliche Prinzipal ihm gestattete, sich auf die Galerie des Saals zu begeben und dort mit dem Gefolge anderer Gäste der Vorführung beizuwohnen. In einem Zwischenakt beorderte der Gastgeber denn auch einen Diener mit Erfrischungen auf die Galerie, um die dort befindlichen Zuschauer nicht verschmachten zu lassen. »Nun,« fragte am nächsten Morgen der Prinzipal seinen Lehrling, »wie haben Sie sich denn gestern amüsiert?« »Vortrefflich!« antwortete der Gefragte. »Ich bedanke mich auch vielmals!« »Haben Sie auch gut gegessen und getrunken?« »Ach nein«, erwiderte kleinlaut der Lehrling. »Ich hatte wohl Hunger und Durst, aber leider kein Geld bei mir.« Der Prinzipal mußte laut lachen, als er dies hörte. Er setzte nun seinem Lehrling auseinander, daß die Zuschauer bei solchen Veranstaltungen einfach die Gäste des Festgebers wären und daß er sich dieses für die Zukunft merken solle. Der arme Schelm dauerte nun aber doch seinen Prinzipal, so daß er ihm kurz darauf ein Billett für den Zirkus Renz besorgte, wer aber schildert sein Erstaunen, als der Lehrling am nächsten Morgen mit betrübter Miene und blaugeschlagenen Augen im Geschäft erschien. »Um Gotteswillen!« rief der Chef, »was haben Sie gemacht? waren Sie denn nicht im Zirkus?« »Ja, ich war im Zirkus!« berichtete der Lehrling mit kläglicher Stimme. »Aber es ist mir schlecht gegangen. Bevor die Vorstellung begann, wurden mir auch Speisen und Getränke angeboten. Natürlich griff ich diesmal herzhaft zu, aß verschiedene Sachen, steckte mir dann noch eine Tafel Schokolade und einen Pfannkuchen in die Tasche, und als der Mann darauf Zahlung verlangte, sagte ich ihm, daß ich das nicht nötig hätte, etwas zu bezahlen, und daß ich im übrigen auch gar kein Geld besäße. Darauf wurde der Mann so wütend, daß er mich verprügelte, und ein paar Leute in Livree warfen mich auf die Straße.« Die Geschichte war so komisch, daß der Prinzipal und die übrigen Angestellten, die es hörten, von neuem laut zu lachen begannen. Der Chef gab aber nachher dem so schwer Geprüften heimlich ein Schmerzensgeld.   Der entlaufene Hausbursche. Nachfolgende Anzeige stand im Grünthaler Boten: »Mein Laufjunge Franz Kasimir ist mit entlaufen, nachdem er gegen den Briefträger geäußert, er könne es bei mir nicht aushalten, Ich appelliere an das Ehrgefühl aller bei mir in Diensten gestandenen Laufburschen, ob es bei mir nicht auszuhalten? Meine Frau ist etwas hitzig, das weiß ich selber am besten; aber trotzdem ist es bei mir doch nicht zum Davonlaufen. Allerdings bin ich gezwungen gewesen, den Franz Kasimir wegen seiner Nachlässigkeit zu wiederholten Malen zu züchtigen, aber dergleichen Exempel kommen bei vielen Laufjungen vor. Ich konnte wegen des Franz Kasimir keine Ausnahme machen, Ich hoffe, daß der Junge ein Einsehen haben und bald sich wieder einstellen wird. Die ihm drohende Strafe soll niedergeschlagen werden. Fabrikant Lehmann auf der Brückengasse.   Der neue Heinrich. In dem Hause des Kaufmanns Asmus war es Sitte, daß der Lehrling, welchen Namen er auch immer trug, stets Heinrich gerufen wurde. Am ersten April trat statt des abgehenden, zum Kommis gereiften Lehrlings ein anderer ein, der kaum dem Knabenalter entwachsen war. »Luischen, bitte Heinrich zu Tisch«, sagte Madame Asmus zu ihrem fünfjährigen Töchterchen, das vom geschehenen Wechsel nichts wußte. Luischen ging zum Kontor, öffnete die Tür und rief: »Heinrich!« Der neue Lehrjunge trat vor, »Heinrich,« sagte das Kind, »Sie möchten – Gott! Heinrich, wie haben Sie sich verändert?«   Wertschätzung. »Was mach' ich nur mit meinem Lehrling? Der Bengel belügt und beschwindelt mich von vorne und von hinten!« »Was? Eine solche Kraft schickst du nicht auf Reisen?«   Der neue Lehrling. Bankier: »Nun, Peter, war jemand während meiner Abwesenheit hier?« Lehrling: »Nein, Herr Meier, niemand! Nur der Kassenbote von Simon \& Kompanie mit einem Wechsel!« Bankier: »War er kurzsichtig?« Lehrling: »Ich glaub' schon, er trug eine Brille.«   Geschäftseifer. Chef zum Lehrling: »Haben Sie den dicken Klecks in das Hauptbuch gemacht?« Lehrling: »Ja, Herr Neumann, ich wollte doch auch einmal etwas eintragen!«   Standesbelehrung. Buchhalter: »Wo hast du dich so lange herumgetrieben?« Lehrling: »Ich habe inzwischen gespeist.« Buchhalter: »Du bist wohl toll geworden! Der Chef speist, ich esse und du frißt, verstanden?«   Die Folgen des Heiratens. Erster Lehrling: »Weeßte, Gustav, mit unserem Chef ist jetzt auch nicht mehr auszukommen. Früher konnte er nicht früh genug aus dem Geschäft nach Hause kommen, und jetzt findet er abends immer noch eine Kleinigkeit, um einen hier festzuhalten. Unsereins hat doch auch schließlich Verpflichtungen gegen seine Braut.« Zweiter Lehrling: »Det kommt nur von dem verfluchten Heiraten. Kaum sind die Flitterwochen vorbei, dann vertragen sich die Ehemänner natürlich nicht mehr mit ihre Weiber, bis sie sich schließlich im Geschäft wohler fühlen als zu Haus, und wer muß drunter leiden? Wir Lehrlinge!«   Peinlich ... Der Lehrling wird beauftragt, nach dem Kundenverzeichnis den neuen Prospekt zu versenden. Nun stehen aber in dem Kundenverzeichnis hinter den Namen manchmal noch Notizen über den Charakter des Kunden, und so ist es kein Wunder, daß Herr Meier in Kottbus einen Brief mit der Aufschrift erhält: »Herrn Albert Meier, Schikaneur, Kottbus.«   Der neue Lehrling. Lehrling: »Hier ist die Rechnung, ich habe sie zehnmal durchgerechnet.« Chef: »Das war recht – immer fleißig sein!« Lehrling: »Und hier ist der Zettel mit den zehn Ergebnissen!«   Zurechtweisung. Chef zu einem Lehrling: »Hören Sie mal, Pieseke, entweder schlafen Sie im Geschäft, oder sie kauen auf einem Federhalter herum. Es ist mir aber nicht bekannt, daß ich Sie mit Logis und Kostverpflichtung in die Lehre genommen habe!«   Zu spät. Ein Chef erfährt unter der Hand, daß eine Firma, von der er noch Geld zu fordern hat, sich in Schwierigkeiten befinden soll. Schleunigst schickt er seinen Lehrling hin, um den Schuldner zu mahnen. Schon nach wenigen Minuten ist der Lehrling wieder da. »Nun, haben Sie das Geld?« fragt der Chef. »Nein,« antwortet der Lehrling, »als ich drüben hinkam und die Tür aufmachte, war sie zu.«   Gut befolgt. Kaufmann: »Sie dürfen nie einen Kunden weggehen lassen, weil wir etwa einen Artikel nicht haben. Dann müssen Sie ihm eben etwas Ähnliches verkaufen.« Lehrling (zu einer Dame, die kurz darauf Klosettpapier verlangt): »Klosettpapier ist momentan leider nicht da, aber wir haben vorzügliches Schmirgelpapier!«   Unter Lehrlingen. »Die Sache gestern in der Konditorei hat mich doch schönes Geld gekostet. Wenn man hört, wie billig früher alles gewesen ist!« »Na, wir brauchen deswegen doch nicht zu klagen. Früher war ja auch lange nicht so viel Geld in der Portokasse!«   Der gescheite Lehrling. »Den Chef wollen Sie sprechen, er ist gerade fortgegangen! Worum handelt es sich übrigens? Er hat mir ausdrücklich gesagt, ich sollte ihn nur in ganz dringenden Fällen wecken.«   Mißtrauisch. »Sie schließen Ihre Mausefalle ein, Herr Neumann?« »Ich hab' einen so naschhaften Lehrling. Der frißt mir sonst den Speck raus.«   Begabung. Prokurist: »Was geschieht mit Lehrlingen, die lügen?« Der auf einer Unwahrheit ertappte Lehrling: »Die schickt der Chef später als Reisende hinaus.«   Eine Kaufmannsstellung. In einem Intelligenzblatt der guten alten Zeit stand folgendes Gesuch: »In einer langen Warenhandlung wird ein junger Mensch gesucht, der einen offenen Kopf hat.«   Der neue Lehrling. Herr Schröder (sehr liebenswürdig): »Also schön, Sie sind mir empfohlen worden, ich habe mich entschlossen, Sie als Lehrling zu engagieren. Natürlich müssen Sie von unten anfangen. Zuerst werden Sie Marken kleben, dann Briefe kopieren, nach ein paar Jahren kommen Sie in die Buchhalterei. Nur an die Kasse dürfen Sie nicht, dafür sind Sie noch viel zu jung. An der Kasse kann ich nur einen älteren, erfahrenen Menschen gebrauchen. (Lebhafter): Was heißt das überhaupt, an der Kasse? Das ist doch eine Vertrauensstellung! (In wachsender Erregung): Was wollen Sie überhaupt an der Kasse? Erstens kenne ich Sie ja noch gar nicht, und zweitens sind Sie mir noch viel zu grün dazu. (Außer sich): Sowas ist überhaupt eine Frechheit! Machen Sie gleich, daß Sie rauskommen!«   Die Kapp. von Friedrich Stolze. Der David sollt e Kaufmann weern, Es dhat em net behage; Sei Vatter awwer, der Tyrann, Der sprach: »du weerscht e Hannelsmann! Merr werrd dich ääch noch frage! Ich wääß, der Medeziner steckt Derr in der Nas, der Doktor; Doch ehnder tret' ich derr en Bruch, He? Sterwe net schon Leut genuch, Du Laisbub, du verstockter?« Un der David hat lamentieren mege, so viel als err gewollt hat, es hat all nix gebatt, dann sei Vatter war von ere sehr halsstarrige Gemietsart. Un an eme scheene Morjend hat err zum David gesacht: »Davidche!« hat err gesacht: »wäsch derr mit weißer Sääf der ganze Physionomie bis in der Ank ehinner, mach derr ferdig un zieh derr aa.« Un wie der David ferdig war, hat sei Vatter gesacht: »Davidche!« hat err gesacht: »jetzt setz der Kapp uff un komm mit.« »Wohi?« hat der David gesacht, »wohi?« »Wohi? Dohi!« hat sei Vatter gesacht. Un da hat der David widder gesacht: »Vatter,« hat err gesacht, »steh' ich heut morjend am Vorawend großer Ereignisse, oder steh' ich heut morjend net am Vorawend großer Ereignisse?« Un da hat der Alte gesacht: »Ja, du stehst draa,« hat err gesacht, »oder du stehst ääch noch net draa, bis de vor der Hausdhir stehst von der Gebrieder Lärmeschläger,« hat err gesacht. »Gebrieder Lärmeschläger?!« hat der David gesacht un is drei Schritt zurückgefahrn un noch en halwe Schritt derrzu un hat e sehr kihn un malerisch Stellung eingenomme un den Aarm in die Höh gestreckt mitsamt der Hand un noch emal extra en Finger un hat die profetische Worte von sich gewwe: »Also soll ich net studiere der Wissenschafte? Werklich der Wissenschafte nicht studiere? – Ich studiere der Wissenschafte awwer doch. Jetz studier ich der Wissenschafte grad, jetz studier ich err grad!« »Ja,« hat sei Vatter gesacht, »ja, du werrscht der Wissenschafte studiere. Awwer der Hannelswissenschafte,« hat err gesacht, »bei der Gebrieder Lärmeschläger, wo de komme werscht in e groß, blihend Geschäft von lauter geblummter Kattun.« »O weh!« hat der David gesacht, »lauter geblummter Kattun.« »No,« hat der Vatter gesacht, »ääch gestreifter Kattun,« hat err gesacht, »un gewerfelter Kattun un gedippelter Kattun. Un kannst weern e gewaltiger Hannelsherr, un kannst de's net brenge bis zu Rothschild, so brengst de's bis zu Schwab un Schwarzschild.« (Ein bekanntes Frankfurter Warenhaus.) Un der David is gefihrt worn von seim Vatter zu der Gebrieder Lärmeschläger mitte ins Geschäft enei, wo gewese is e groß Gediwwer (Geschwätz) von de bääde Prinzepääl un der viele Gummi (Commis) un drei Lehrling mit korze Ärmel un lange Feddern hinner de Ohrn. Un hawwe da gelege in der Reale un Gefächer e Kattunspiel von geblummte Kattun un gewerfelte Kattun un gedippelte Kattun un gestreifte Rattun bis enuff an der Deck un bis erunner an der Fußbooddem, Un hawwe dagestanne e Kistespiel un e Kastespiel un e Ballespiel, daß der David sei bääde Ääge uffgerisse hat, sei linkes un sei rechtes, nn hat gesacht vor sich in der diefste Grund seiner Verschwiegenheit: »Gott! was e Kattunspiel, was e schee Kattunspiel! Awwer ich studier der Wissenschafte doch!« Un dem David sei Vatter hat gesacht zu der Gebrieder Lärmeschläger: »Gute Morje, meine Herren,« hat err gesacht, »hier breng ich Ihnen doch den David.« »Aha, der David,« hawwe die Gebrieder Lärmeschläger gesacht un hawwe gerufe mit ganz lauter Stimm aus dem Lade in des Kandor ehinner hawwe se gerufe: »Herr Worms odder Herr Speier!« un da sin se gelääfe komme alle zwää und hawwe gesacht: »was befehle Se!« hawwe se gesacht. Un da hawwe die Gebrieder Lärmeschläger gesacht: »Des is der nei Lehrling, der David,« hawwe se gesacht, »nemme Se den mit ehinner uff de Kandor nn an der Kopierbuch.« Un der David is mit ehinner genommen warn an der Kopierbuch, un sei Vatter hat zu de Gebrieder Lärmeschläger gesacht: »Se misse e bissl Geduld hawwe mit dem David, dann der David hat wolle studiern.« »Hat wolle studiern?« hawwe die Gebrieder Lärmeschläger gerufe; ganz erstaunt un verwundert hawwe se des gerufe: »Hat wolle studiern?« »Stuß!« hat dem David sei Vatter gesacht, »was steckt im Studiere?« hat er gesacht, »Hannel is doch Hannel.« »No,« hawwe die Gebrieder Lärmeschläger gesacht, »merr weern Geduld hawwe mit der junge Mensche, un err werrd schont vergesse der Gelehrsamkeit un werrd kriehe e Plaisier von ere Frääd an das Geschäft.« Awwer der David hat kää Plaisier von ere Frääd an dem Geschäft krieht un hat sich angestellt zu allem so olwern un so ääbsch, un es is net ze singe un ze sage, wie err sich aagestellt hat so dappich. Un die Gebrieder Lärmeschläger hawwe gesacht zu enanner: »Der hat wolle studiere?« hawwe se gesacht, »der is doch so dumm, daß en der Gans beiße un so ääfältig, daß em der Hinke des Brot fresse.« Awwer der David hat sich nor so gestellt, dann err hat wolle fortgejagt sei. Un wie's nix geholfe hat mit der Dappigkeit un der Olwernheit, da hat sich der David verlegt uff allerlää Lumpesträäch un hat in de Brief, die err kopiert hat, Männercher gemalt mit lange Nase un hat drunner geschriwwe: Gebrieder Lärmeschläger; un hat gefrihstickt uff sei Kopierbuch sei Butterbrot, un hat's falle lasse mit der geschmiert Seit bald uff der A. B. C. Goldschmidt in Manchester, bald uff der D. E. F. Rödelheim in Londe. Und hat beim Zumache von de Brief eneigeschriwwe allerlää bösartige Grieß un Einladunge, un hat gemacht verkehrte Adresse un hat die Gebrieder Darmstadt adressiert an die Gebrieder Offebach un die Gebrieder Offebach an die Gebrieder Mainz. Un es hat e Dorchenanner gewwe in der Geschäft, daß die Gebrieder Lärmeschläger hawwe die Hand zesammegeschlage iwwer der Kopp un hawwe gesacht: »David! David!« hawwe se gesacht, »wann de net wärscht deim vatter sei Soh, dhäte merr dich doch setze vor der Dhir, so e Laisbub bist de, so e große Laisbub un Schlemihl. Awwer nemm derr in acht, David! David! nemm derr in acht!« Un an em e scheene Dag sin emal komme ze geh zwää Bolacke; awwer kää Bolacke, die komme ze hole, sonnern Bolacke, die komme ze bringe: zwää reiche Bolacke. Un se hawwe aageseh des ganze Lager mit all dem Kattun, dem geblummte Kattun un dem gestreifte Kattun, dem gewerfelte Kattun un dem gedippelte Kattun. Un ob's awwer gleich gewese is lauter schee Waar un lauter neu Waar, hawwe so doch ihrn Stuß gehat un hawwe gesacht: »Hawwe Se nix Neies krieht? Nix Scheenes krieht? Is es doch lauter Bowel, was Se da hawwe leihe.« Un die Gebrieder Lärmeschläger hawwe sich geärgert iwwer so Bolacke un hawwe gedacht: No waart, merr kriehe euch! hawwe se gedacht. Un hawwe gesacht zu de zwää reiche Bolacke: »Komme Se morje widder, dann heut mittag treffe ein fuffzig Kiste englisch Waar, alles neu, ganz neu, sehr neu!« Un die zwää reiche Bolacke hawwe gesacht zu de Gebrieder Lärmeschläger: »Merr kumme!« hawwe se gesacht. Un wie die Bolacke draus warn, hawwe die Gebrieder Lärmeschläger gerufe zu ihr gesamt Hannelspersonal: »Kiste ebei!« hawwe se gerufe, »Kiste!« Un es 's alles gesterzt in der Magazin un hat Kiste ebeigeschafft, Un in der Kiste hawwe se gepackt die Waarn un der Kattun, der geblummte Kattun un der gestreifte Kattun, un der gewerfelte Kattun un der gedippelte Kattun. Un hawwe der Kiste zugenagelt un hawwe se veramballiert un gezeichent. Un der David hat gepackt ääch sei Kist, un wie se voll war, hat der David sei Kapp genomme un hat se gelegt owe uff der Waar un hat den Deckel druff genagelt uff der Kist. Un wie des annern Dag komme sin die Zwää reiche Bolacke un hawwe geseh der viele neu angekommene Kiste nachenanner, hat en uff äämal gefalle die Waar un hawwe gesacht: »Gebrieder Lärmeschläger,« hawwe se gesacht, »des is scheene Waar, des is neu Waar, die weern merr nemme.« Un de Gebrieder Lärmeschläger hawwe gedacht: Der Mensch is geschaffe aus Eibildung. Un wie die Bolacke an die Kist komme sin, die der David gepackt hat, hawwe se gefunne der Kapp von der David. Un so hawwe se gesacht zu de Gebrieder Lärmeschläger: »Wie kummt der Kapp in der Kist?« Un da hat der David gesacht: »Gewwe Se her der Kapp! Es is doch mei Kapp! Sie is merr doch gestern eneigefalle, wie ich der alt Waar gepackt habb in der neu Kist!« Un wie des gehört hawwe die zwää Bolacke, hawwe se gesacht zu der Gebrieder Lärmeschläger: »Gu Morie!« hawwe se gesacht. Un se sin nausgänge un net widder ereikomme. Un die Gebrieder Lärmeschläger hawwe den David gepackt mit zwää linke Händ un zwää rechte Hand un hawwe'n geworfe vor der Dhir un hawwe'm nachgeworfe der Kapp un hawwe gesacht: »Laß derr net widder seh in unser Geschäft, Laisbub! Laß derr net widder seh!« hawwe se gesacht. Un der David is gelääfe nach Haus in der größte Vergnüge un hat gesacht: »Se hawwe merr fortgejagt!« hat err gesacht. »Darf ich jetz noch net studiere?« Un der David hat studiert un is warn e großer Gelehrter!   Aus dem Examen einer Kaufmannsschule. Muß der Kaufmann in allen Lagen des Lebens recht handeln? – Er muß vor allem in allen Lagen des Lebens recht handeln! * Was ist die erste Pflicht des Kaufmanns? – Stets die höchsten Interessen zu verteidigen und zu nehmen! * Was charakterisiert den echten Kaufmann? – Er gibt stets dem Verdienst seine (Gold-)Krone! * Welchen Kurs soll der Kaufmann vermeiden? – Den Konkurs! * Darf der Kaufmann friedlich sein? – Nein, er muß stets das meiste herausschlagen! * Welche Krankheit ist die gefährlichste für den Kaufmann? – Das Wechselfieber! * Brauchen Kaufleute originell zu sein? – Nein, denn sie schreiben durch die Bank ab! * Wie soll der Kaufmann rechnen? – Stets so, daß er nicht in die Brüche kommt! * Muß der Kaufmann stets den kürzesten Weg einschlagen? – Ja, aber wenn er eine Steuer umgehen kann, darf er einen Umweg nicht scheuen! * Ist das, was dem Kaufmann billig, einem andern recht? – Nein, was dem Kaufmann billig ist, muß dem andern teuer sein! * Muß der Kaufmann häuslich sein? – Ja, sein Haus muß ihm über alles gehen! * Darf ein Kaufmann die Jagd lieben? – Ja, die Jagd auf die Goldfüchse! * Was muß der Kaufmann bei der Jagd beobachten? – Er muß Acht auf die Wechsel geben und sich hüten, Böcke zu schießen! * Welchen Satz muß der Kaufmann stets im Auge haben? – Den Umsatz! * Welches ist der wichtigste Teil eines jeden Geschäfts? – Der Vorteil! * Was kommt bei dem Kaufmann zuerst? – Das Einkommen! * Welcher Unterschied ist zwischen einem Soldaten und einem Kaufmann? – Der Soldat präsentiert das Gewehr, der Kaufmann den Wechsel! * Was unterscheidet den Kaufmann vom General? – Dem General bringen Niederlagen Verluste, dem Kaufmann bringen Niederlagen Gewinne! * Muß ein Kaufmann auch musikalisch sein? – Er muß mit Noten gut Bescheid wissen und im Notfalle immer noch einen Akkord zusammenbringen!   Lehrjahre. Von 1850-1872. Kindheit und Jugendjahre. von Eduard Bernstein. Die Arbeiten, die mir als zweitem Lehrling zufielen, waren zunächst naturgemäß recht untergeordneter Art. Ich hatte allerhand Hilfsbücher zu führen und in dazu angelegte Kontrollbücher die Nummern von Wertpapieren und auf fremde Währung lautender Kupons sowie die Namen der Firmen einzutragen, die auf den das Haus passierenden Wechseln als Aussteller, Bezogene und Giranten figurierten. Gewiß recht langweilige Arbeiten, die mich aber mit manchen Erscheinungen des Geschäftslebens bekannt machten. Ferner fiel es mir zu, die Briefe zu kopieren und im Kopierbuch zu registrieren, und schließlich hatte ich auch längere Zeit gegen die Mittagszeit Briefe von der Hauptpost abzuholen, da um die Stunde, wo Briefe aus Sachsen und dem westlichen Böhmen eintrafen, damals keine Austragung stattfand. Bei dieser letzteren Funktion bewährte sich auch an mir die Erfahrung, daß Lehrlinge, die Briefe von der Hauptpost abzuholen hatten, in der ersten Woche an die mit dem Ausgeben betrauten Beamten die Frage richteten, ob Briefe für die Firma da seien, bei der sie angestellt waren, in der zweiten Woche oder spätestens dritten Woche aber schon, im Bewußtsein, daß ihre Zusammengehörigkeit mit der Firma bekannt sei, einfach die Frage stellten: »Ist etwas da für uns?!« von spätestens der fünften Woche ab jedoch nur noch selbstbewußt fragten: »Sind Briefe da für mich?« Es ist überhaupt merkwürdig, wie schnell so ein junges Gemüt dazu kommt, sich als Stück des Geschäfts zu fühlen und in dessen Geist zu denken und zu urteilen. Es ist, als ob in dem Augenblick, wo man die Luft des Geschäfts atmet, ein ganz andrer Geist über einen kommt als sonst. Ich erinnere mich, daß ich jeweils von Leuten, im Verhältnis zu denen ich im Privatleben doch nur ein winziger Proletarier war, im Geschäft mit einer Geringschätzigkeit gesprochen habe, als ob sie Habenichtse seien. Der ganze Gesichtspunkt verschiebt sich einem. So begreift es sich unter anderem, daß mich ein Angestellter halb wie einen Idioten anstarrte, als ich ihm in der ersten Woche, wo ich im Geschäft war, mit bezug auf die Kursbewegung auf dem Getreidemarkt ganz naiv die Frage vorlegte: »Nicht wahr, auf dem Getreidemarkt ist es besser, wenn die Kurse fallen?« Ihn interessierten die Kursbewegungen nur noch unter dem Gesichtspunkt der vorliegenden Hausse- oder Baisseengagements. Es dauerte nicht lange, bis ich im Geschäft die Dinge ziemlich ebenso betrachtete. Der große Raum, den im Geschäft der Handel auf Zeit – der Terminhandel – einnahm, brachte es mit sich, daß es am Monatsende – Ultimo – ganz besonders viel zu tun gab und der Arbeitstag sich erheblich ausdehnte. An Bezahlung der Überstunden dachte noch kein Mensch, die Angestellten in den Bankhäusern waren damals zumeist eine Aristokratie der kaufmännischen Angestellten und betrachteten die Dinge unter anderen Gesichtspunkten. Indes zeigte die Firma sich deshalb nicht kleinlich. Um acht Uhr abends wurde alles, was noch an der Arbeit war, in das Wohnzimmer des Kassenboten bestellt, dem die Hinterzimmer des Stockwerks für seinen Privatgebrauch überlassen waren, und fand dort einen gedeckten Tisch vor, den bald ein gewaltiger Kalbsbraten mit allerhand Ergänzungsgerichten und reichlichem Biervorrat zierte. Alle Welt sprach dem Dargebotenen reichlich zu, und es wurde fast eine Stunde in fröhlicher Unterhaltung zugebracht, bevor man wieder an die Arbeit ging. Vor allem erheiterte uns am ersten »Ultimo«, den ich bei Guttentags verlebte, ein sehr humoristisch veranlagter Kommis, namens Fritz Cohn, durch den Vortrag von Couplets aus dem damals im Wallner-Theater gespielten Einakter »Ein Stündchen auf dem Comptoir«. Ich habe das Stück damals und auch später nicht gesehen, kann aber sagen, daß es an Stoff zu komischen Szenen für ein solches Stück auch in unserm Comptoir nicht gefehlt hat. Das Personal konnte unter diesem Gesichtspunkt nicht bunter zusammengesetzt sein. Schon das Verhältnis zwischen dem Chef, Julius Guttentag, und dem Kommis und späteren Prokuristen Anselm Schneider, der die Geschäftskorrespondenz führte, führte allerhand erheiternde Zusammenstöße herbei. Sie waren beide aus Breslau und hatten das gleiche Gymnasium besucht; Schneider hatte es dort erheblich weiter gebracht als der leichtlebige Sohn aus dem nun wohlhabenden Hause. Er hatte das Abiturientenexamen gemacht und ein halbes Jahr Medizin studiert, als er von einer schweren Krankheit befallen wurde, die in etwas wie Knochenfraß auslief und ihn in einen Zustand versetzte, bei dem sein Leben plötzlich ein rasches Ende finden konnte. So hatte er das Studium fallen lassen und den Beschluß gefaßt, den Rest des Lebens, der ihm noch gegeben sein sollte, so angenehm wie möglich zu verbringen. Er nahm eine Stelle im Bankgeschäft an und genoß hier sein Leben wirklich nach allen Regeln der Kunst, was übrigens, so weit ich das zu verfolgen Gelegenheit gehabt habe, obwohl er sich den Genuß der Venus nicht versagte, eher verlängernd als verkürzend auf es eingewirkt hat. Bei seiner Arbeit war er in hohem Grade Pedant und ließ gern seinen Reichtum an Kenntnissen durchblicken, was ihm abwechselnd die Bewunderung von Julius Guttentag und dann wieder Spöttereien von ihm eintrug, vom ersteren zeugt folgende, sich unzählige Male wiederholende Szene: Julius Guttentag (kommt aus seinem Bureau und tritt an Schneiders Pult heran, freundschaftlich) : »Schneider!« Schneider : »Herr Guttentag!« Julius Guttentag : »Sie haben ja wohl mal Jura studiert?« Schneider : »Nein, Herr Guttentag, Medizin.« Julius Guttentag : »Na, Sie verstehen aber viel davon.« (Legt ihm eine juristische Frage vor.) Und nun ein etwas frei gewähltes Beispiel für das letztere: Julius Guttentag (wie oben, aber nicht freundschaftlich) : »Schneider!« Schneider (in steifem Ton) : »Herr Guttentag!« Julius Guttentag (ärgerlich) : »Was haben Sie denn da wieder dem Kerl in Lodz geschrieben? Das versteht der polnische Jude doch nicht.« (Liest aus dem von Schneider verfaßten Brief vor.) ›Diese Disagio entspringt ans der Differenz der Modi.‹ »Das ist wohl auch Ihrem Modus entsprungen? Wie soll denn der Kerl das verstehen, der keine Ahnung davon hat, was Disagio und Modus bedeuten! Schreiben Sie das um.« Schneider (gekränkt) : »Herr Guttentag, das kann jeder Geschäftsmann ...« Julius Guttentag (unterbricht ihn) : »Ach, streiten Sie nicht lange, Sie können das schon deutlicher ausdrücken. so kann der Brief nicht abgehen.« (Läuft in sein Bureau zurück.) Schneider (im Ärger halblaut, so daß die Kollegen es hören) : »Solche Dummheit. Da hat er selbst nichts gelernt, so daß man ihn schon in der Tertia das Extemporal hat abschreiben lassen müssen, und jetzt will er den Besserwisser spielen.« (Legt aber nach einer Weile doch den Brief beiseite und schreibt einen anderen.) Wenngleich unter den Kollegen ein gutes Verhältnis herrschte, hatte Anselm Schneider sie in solchen Fällen doch nicht immer auf seiner Seite. Seine gespreizte Ausdrucksweise war auch bei ihnen öfter ein Gegenstand spottender Neckerei. Im Hinblick auf sie hatte ihm der übermütige Fritz Cohn als Spitznamen den Namen eines der drei legendären Männer aus dem feurigen Ofen, Asarje, verliehen. Von den witzigen Einfällen dieses Menschen bin allerdings auch ich nicht verschont geblieben. Wie das bei Lehrlingen in der Regel der Fall, war ich in den ersten Monaten meiner Lehrlingsschaft von einem unbeschreiblichen Eifer besessen. Als ich nun einmal in einem solchen Eifer durch das Bureau lief, wo Fritz Cohn saß, muß es diesem meine Figur angetan haben. Er ruft mich an: »Eduard!« Ich eile an sein Pult, und es entwickelt sich folgendes Gespräch: Ich (höflich fragend, wir Lehrlinge wurden noch nach alter Sitte bei den Vornamen gerufen) : »Herr Cohn?« Fritz Cohn (in wohlwollendstem Ton) : »Morgen kommen Sie ans Hauptbuch.« Ich (überglücklich) : »Ja?« Fritz Cohn: »Sie müssen sich aber eine Leiter mitbringen.« Ich fiel aus dem Himmel und ging mit einer Bewegung, die ihm meine Meinung über den verletzenden Witz kundgeben sollte, meiner Wege. Ich wußte aber, daß er nicht es nicht bös gemeint hatte, und kam auch, trotz meiner Kleinheit, schon nach ganz kurzer Zeit dazu, mich wirklich mit dem Hauptbuch abgeben zu müssen. Allerdings nicht, um es zu führen, wozu übrigens, wie man weiß, keine besonderen Kenntnisse gehört hätten. Aber dem Buchhalter, der es führte, hatte die Jahresbilanz absolut nicht stimmen wollen, und da zog er mich dazu heran, im Hauptbuch und anderen Kontobüchern alle Konten nachzuaddieren. Da man noch keine Idee von einer Additionsmaschine hatte, eine für mich Kurzsichtigen trotz meiner rechnerischen Begabung recht mühsame Arbeit. So ganz Unrecht hatte Herr Cohn wirklich nicht gehabt. Es fiel mir nicht leicht, von meinem Kontorstuhl aus die langen Seiten zu überblicken, die Sache hat mich manche saure Abende gekostet. Aber die Vorsehung wachte. Eines Abends, als ich mich mit dem langweiligen Addieren quälte, kam mein Chef, Julius Guttentag, noch einmal ins Geschäft. Kaum hatte er mich am Pult arbeiten gesehen, trat er heran und fragte mich, was ich da noch mache. Und obwohl ich in meine Antwort keinen Ton von Beschwerde gemischt hatte, lief er, als er sie hatte, schnurstracks in die Hinterzimmer. Nach wenigen Minuten erschien der dort wohnende Kassenbote und brachte mir drei gut belegte Butterbrote und eine Flasche Bier, was meine Stimmung merklich erhöhte. Aber es blieb nicht dabei. Tags darauf sagte mir der das Amt des Kassierers versehende Vetter von Julius Guttentag, ein Herr Sigmund Guttentag, wenn ich abends lange arbeite, so möge ich mir nicht Butterbrote geben lassen, sondern in ein anständiges Restaurant gehen, eine ordentliche Portion Warmes essen und die Auslagen ihm berechnen. Angestellte Da gibt es mancherlei Käuze und Spaßmacher. Menschen, die zu gewissenhaft sind, die zu schlau erscheinen wollen und die durch kleine Versehen die größten Konfusionen anrichten können. Was für wundervolle Bilanzen kann ein schlechter Rechner zustande bringen! Und was für törichte Einkäufe bringt solch ein armseliges Kerlchen zustande! Manche dieser Geschichten sind aus der guten alten Zeit. Wie Dickens' Geschichte von dem Verkäufer, der zu hoch hinaus wollte. Aber diese Geschichten sind immer noch sehr wahr. Könnte nicht das Gleichnis von den drei Dienern von heute sein?   Fritze Fritze war ein Ladenjüngling, Dazu braver Eltern Sohn, Und er stand bei Kaufmann Kunze Schon ein Jahr in Konditschon. »Fritze«, sagte einstens Kunze, »Ich muß eben mal wohin; Mache keine dummen Streiche, Wenn ich nicht zugegen bin.« Hiermit geht er aus der Türe. Fritze hält das für ein Glück. Er ergreift die Kümmelflasche, Und dann beugt er sich zurück. Sieh, da naht die alte Grete, Eine Jungfer ernst und still; Sie verlangt nach grüner Seife, Weil sie morgen waschen will. Auch erhob sie eine Klage, Daß sie's so im Leibe hat, Weshalb sie vor allen Dingen Erst um einen Kümmel bat. Fritze zeigt sich dienstbeflissen. Ihm ist recht konfus und wohl. Statt der großen Kümmelflasche Nimmt er die mit Vitriol. Jungfer Grete, voller Freuden, Greift begierig nach dem Glas; Fritz, der grünen Seife wegen, Beugt sich übers Seifenfaß. Weh, was muß man nun erblicken? Wo ist Fritzens Gleichgewicht? Was sind dies für Angstgebärden Hier auf Gretens Angesicht? Fritze strampelt mit den Beinen, Doch die Seife wird sein Grab; Greten nagt die scharfe Säure Ihre Mädchenseele ab. Kümmel zieret keinen Jüngling, Dazu ist er noch zu klein; Und ein braves altes Mädchen Muß nicht mehr so happig sein.   Der gewissenhafte Korrespondent. Ein kaufmännischer Angestellter hatte für seinen Herrn verschiedene Briefe geschrieben, und der Prinzipal hatte auch schon seine Unterschrift daruntergesetzt, als ihn plötzlich der Schlag rührte und er tot zu Boden sank. Der Buchhalter glaubte nun doch nicht umhin zu können, diese wichtige Nachricht den Korrespondenten seines Chefs zu melden. Er setzte deshalb an jeden Brief noch eine Nachschrift, die folgendermaßen lautete: »Es hat dem lieben Gott gefallen, mich vor einer halben Stunde in die Ewigkeit abzurufen. Ich hoffe, Ew. Hochwohlgeboren werden ein herzliches Mitleid mit mir haben.« Dann klebte er die Briefe zu und sandte sie ab.   Die wundervolle Bilanz. Ein englischer Kaufmann ließ am Ende des Jahres von seinem Buchhalter die Bilanz machen, und diese ergab einen Reingewinn von 6000 Pfund. »Das kann nicht stimmen«, sagte der Kaufmann, nach dessen persönlicher Überzeugung es höchstens 4000 Pfund sein konnten. »Rechnen Sie noch einmal nach!« Der Buchhalter rechnete seine Bilanz noch einmal sorgfältig durch und kam wieder auf 6000 Pfund. Er rechnete mehrmals hinauf und hinunter seine Zahlen, aber das Ergebnis blieb dasselbe. Endlich gab sich der Prinzipal selbst an die Arbeit, und auch er kam auf die Summe von 6000 Pfund. »Ach, warum wollen wir uns denn gar so sehr gegen unser Glück sträuben, wenn es nun einmal so ist!« sagte er jetzt sehr vergnügt. »Buchhalter, nehmen Sie sich 200 Pfund Extravergütung und seien Sie heute abend mein Gast auf ein Gläschen!« Der Kaufmann verließ das Geschäft, machte geschwind noch einige Bestellungen an Möbeln und dergleichen und verbrachte überhaupt den Tag in recht schönen Zukunftsträumen. Endlich war die Zeit zum Abendessen gekommen, und da der Buchhalter noch einen Augenblick auf sich warten ließ, überkamen den Chef von neuem die noch immer nicht ganz verflogenen Zweifel an der Richtigkeit der Bilanz, und er prüfte sie diesmal Zahl für Zahl. Plötzlich durchfuhr ihn ein eisiger Schreck, gerade als der ankommende Buchhalter klingelte. Der Prinzipal lief selbst an die Tür, öffnete sie und schrie dem verblüfften Ankömmling entgegen: »Verdammter Kerl! Sie haben ja die Jahreszahl mitgerechnet. Scheren Sie sich zum Teufel!« Damit warf er ihm die Tür vor der Nase zu.   Kaufmann Unna. Ein gewisser Unna, Kommis eines bedeutenden Garderobengeschäfts von Bonfort, war von seinem Prinzipal beauftragt, einen bestimmten Betrag in dem Manufakturwarengeschäft von Harry Heine einzukassieren. Zufällig traf er es glücklich, indem er den Chef selbst anwesend fand, was sonst bei den meisten Gläubigern nicht der Fall war. Er war gerade bei guter Laune und gab ihm auf jene Schuld zwei Louisdors, welche Unna in der offenen Hand behielt. Darauf fragte Heine: »Junger Mann, Sie sind doch Kaufmann, nicht wahr?« – »Allerdings!« war die Antwort. – »Dann rate ich Ihnen, immer nehmen, nehmen, nehmen!« – »Ja,« war die Entgegnung, »ich nehme ja; ich will aber gern noch mehr nehmen!« – »Sehr gut, sehr gut,« erwiderte Heine, »aus Ihnen kann noch etwas werden, aber ich habe eben nicht mehr«, und drängte ihn sanft zur Tür hinaus. Aus: »Gespräche mit Heine« von H. H. Houben.   Ein nächtlicher Handel. Kommis (in der Straße): »Hausmeister, macht's halt auf. – Brrr! Es ist verflixt kalt hier draußen.« Hausmeister (von innen): »I darf net. Der Chef hat's ausdrücklich verboten, aufzumach'n, wenn halt die Herrn Kommis nach zehn Uhr nach Haus kämen; er sagt, er wollt' den Rumtreiberei'n ein End' mach'n.« Kommis: »Macht nur auf, i werd' Euch aech 'nen Zwanziger geb'n.« Hausmeister (halblaut) : »Das hat er halt schon zu oft g'sagt.« (Laut) : »I darf nit!« Kommis (halblaut) : »Der verfluchte Cujon denkt, i werd'n ihm nit geb'n.« (Laut) : »Da habt's halt 'n Zwanziger – hört's – i schieb'n Euch unter der Tür durch.« Hausmeister: »I dank' schön, Herr von Ergelberger. Na, ich werd's mal wag'n.« (Er öffnet die Tür, der Kommis tritt ein.) Kommis: »Der Teux'l! Nu hab' i a Packerl auf der Bank vor der Tür lieg'n lassen. Lauft's geschwind und holt's mir's rein.« Hausmeister: »I lauf' schon, Herr von Ergelberger.« (Er eilt auf die Straße hinaus.) Kommis (halblaut) : »Wart', du verflixter Spitzbub', jetzt werd' i dich krieg'n.« (Schließt schnell von innen die Tür ab.) Hausmeister (der zurückkommt) : »I hab' nix auf der Bank g'funden, Herr von Ergelberger, Sie werd'n wohl halt das Packl verlor'n hab'n. Aber machen's doch auf, es ist verflixt kalt hier draußen.« Kommis: »Schaut's, Hausmeister, i darf nit aufmach'n. Der Herr Prinzipal hat's expreß verboten, weil er den Rumtreiberei'n ein End' mach'n will.« (Halblaut) : »Gebt's mir aber meinen Zwanziger zurück, dann will i's mal halt wag'n.« Hausmeister: »Machen's kein'n Spaß, Herr von Ergelberger. Machen's nur auf. Der Tausig, 's ist halt hier kalt.« Kommis: »I kann nit. Gebt's den Zwanziger, oder Ihr bleibt's draußen. Steckt's 'n unter der Tür durch.« Hausmeister: »Nu, holt's der Teuxel! Da hab'n 's Ihr'n verflüchtig'n Zwanziger!«   Der schlaue Kommis. In Paris stand eine mondäne und sehr hübsche Tänzerin mit ihrem Freunde, einem reichen Russen, vor einem Juwelenladen und bekam plötzlich den Wunsch, einen dort im Schaufenster ausgestellten, höchst kostbaren Schmuck zu besitzen, dessen Feuer ihr gar zu verführerisch entgegenleuchtete. Der Russe, dem sie in der letzten Zeit etwas zu sehr auf der Tasche gelegen hatte, erschrack über diesen, offenbar sehr kostspieligen Wunsch und hatte zum erstenmal den Mut, ihr ihn abzuschlagen. Natürlich war die Tänzerin höchst ungehalten und enttäuscht, und die beiden begannen einen kleinen Wortwechsel, der dazu führte, daß sie sich im Zorn trennten. Am nächsten Vormittag saß die Tänzerin übelgelaunt in ihrem Boudoir und dachte darüber nach, ob wohl dieser gestrige Streit zu einem gänzlichen Bruch führen würde. Da trat ihre Zofe herein und meldete ihr einen jungen Mann, der sie unbedingt persönlich sprechen wollte und angebe, daß er der Überbringer eines kostbaren Schmuckes sei. Er wurde hereingeführt, machte eine elegante Verbeugung und stellte sich als Baron von Salden, Sekretär an der deutschen Botschaft, vor. »Ich war, ohne daß Sie das bemerkten, gestern zufällig Ohrenzeuge des Wortwechsels, den Sie mit einem Herrn wegen eines im Schaufenster ausgestellten Schmuckstücks hatten. Ich habe Sie schon öfter auf der Bühne gesehen und mich schon lange gesehnt, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen. Nun will es der Zufall, daß ich gerade ietzt in meine Heimat abberufen werde und noch heute Paris verlassen muß, und ich benutze deshalb die Gelegenheit, ihnen als Zeichen meiner tiefen Verehrung diesen Schmuck zu Füßen zu legen.« Die Tänzerin war beglückt, als sie den wundervollen Schmuck in der Hand hielt. Er schien ihr heute noch schöner Zu sein als gestern, und sie warf dem jungen, hübschen Baron einen dankbaren, ja zärtlichen Blick zu, den dieser auch wohl zu deuten wußte, denn er zeigte sich durchaus nicht schüchtern. Die beiden verbrachten eine sehr glückliche halbe Stunde, und als der Baron, der es in Hinsicht auf seine bevorstehende Abreise etwas eilig hatte, endlich aufbrach, da bedauerte die Tänzerin nur, daß diese so schön begonnene Bekanntschaft nur so kurze Zeit gedauert hatte. Nach dem Fortgehen des Barons hatte die Tänzerin den kostbaren Schmuck kaum fortgelegt, als ihr Freund, der Russe, ins Zimmer trat. Sie empfing ihn kühl und noch etwas verwirrt von dem Zusammensein mit dem Gesandtschaftssekretär. »Wie?« sagte der Russe, der im Zimmer etwas zu suchen schien, »ist der Kommis vom Juwelier noch nicht hier gewesen mit dem Schmuck? Es war ein sehr aufmerksamer junger Mann, er wollte den Schmuck selbst herbringen!« Jetzt verstand ihn die Sängerin erst. Den Russen hatte es gereut, daß er ihr gestern ihren Wunsch abgeschlagen hatte, der vornehme deutsche Baron und Gesandtschaftsattaché, aber an den sie soviel Dankbarkeit und Liebe verschwendet hatte, war niemand anderes als ein schlauer Handlungsdiener gewesen. Aber sie faßte sich schnell, und mit einem gezwungenen lächeln sagte sie: »Ach ja, er war da!«   Die versiegelte Braut. Ein Berliner Kolonialwarenhändler hatte seine Frau durch den Tod verloren und beschloß nun, sich gänzlich vom Geschäft zurückzuziehen und es vorläufig durch seinen Angestellten, einen zuverlässigen jungen Mann, verwalten zu lassen. Der Angestellte besaß aber eine heimliche Braut, ein hübsches Mädchen aus der Nachbarschaft, deren Eltern von diesem Verhältnis durchaus keine Ahnung hatten. Unter dem Vorwand, Kaffee, Lorbeerblätter oder sonstige Waren zu kaufen, erschien die schöne Nachbarin fast täglich im Laden. Eines Tages, als beide, um sich den Blicken der Käufer und der beiden Lehrlinge zu entziehen, in ein Nebenzimmer getreten waren, erschienen Gerichtspersonen im Geschäftsraum. Das Liebespaar geriet natürlich in großen Schrecken, denn der Ruf des jungen Mädchens stand auf dem Spiel, und der Angestellte sah schon im Geiste das zornige Gesicht seines Chefs, der ihm bei seiner strengen Moralität dann das Geschäft zweifellos nicht länger überlassen würde. Im letzten Augenblick fiel ihm ein, die Geliebte in einen Schrank einzuschließen, worauf er den Beamten mit heiterer Miene entgegentrat. Einer von den Gerichtsbeamten erklärte nun, daß er auf Ansuchen der Erben der verstorbenen Prinzipalin erschienen sei, um deren nachgelassene Mobilien unter Siegel zu legen. Das Geschäft begann; endlich kam auch der verhängnisvolle Schrank an die Reihe, und der entsetzte Bräutigam drängte sich mit dem Mute der Verzweiflung zwischen diesen und die Beamten. »Sie haben wahrscheinlich Effekten in dem Schrank!« sagte der Gerichtsvollzieher. »Bitte, nehmen Sie sie heraus.« »Nein, nein, ich habe nichts darin!« rief der Unglücksvogel, indem er den Schlüssel selbst abzog und ihn dem Beamten übergab. Dieser übertrug ihm dann die Aufsicht über die verschiedenen Siegel und machte ihn dabei auf den Paragraphen des Strafgesetzbuches aufmerksam, der das Abreißen gerichtlicher Siegel mit Strafe bedroht. So blieben die Liebenden voller Verzweiflung allein. Das Mädchen bat und flehte, sie herauszulassen – der Jüngling antwortete mit dem Artikel des Strafgesetzbuches. plötzlich kam ihm ein Gedanke; er stürzte dem Beamten nach und schilderte ihm das Gräßliche seiner Lage. Der Gerichtsvollzieher ließ sich bewegen und kehrte allein mit dem jungen Mann zurück. Die Schranktür wurde nun geöffnet, und heraus trat weinend und schluchzend – die Tochter des Beamten . Der verblüffte Vater machte zuerst ein nichts weniger als freundliches Gesicht, ließ sich dann aber doch durch die Bitten der Liebenden rühren. Schließlich hatte das ganze Abenteuer für das Brautpaar die gute Folge: Die Hochzeit wurde angesetzt, nachdem der zukünftige Schwiegervater eine Summe Geldes vorgestreckt hatte, womit der Schwiegersohn seinem Prinzipal das Geschäft abkaufen konnte.   Aus der guten, alten Zeit. (Leiden und Freuden eines Handlungsdieners.) Ach, der Handlungsdiener Ist doch recht geplagt! Früh, eh' man die Hühner Von der Leiter jagt, Muß er aus dem Bette, wenn noch alles schläft, Machen Toilette, Steigen ins Geschäft. Waren aller Sorten, Grüne Seifen gar, Reicht mit süßen Worten Er den Kunden dar. »Womit kann ich dienen, Mein scharmantes Kind? Mandeln und Rosinen? wie Sie reizend sind! Diese Lilienwangen! Dieser Rosenmund! Sieg'lack, hier zwei Stangen, Reis ein halbes Pfund. Butter auf den Teller? Ach, bemüh'n Sie sich Gütigst nach dem Keller! Ich empfehle mich! Hier, mein liebes Minchen, Schokoladenmehl; Und Sie, Karolinchen, was steht zu Befehl? Zucker, Rum, Zitronen, Tee, Gewürz, Anis, Ein Pfund Kaffeebohnen Und ein halb Pfund Grieß. Sie da, liebes Täubchen, Wollen Sie schon gehn? Heute steht Ihr Häubchen Zum Entzücken schön! Da kommt meine süße, Liebenswürd'ge Maid! Himmlische Luise, Haben Sie nicht Zeit? Warum heut so böse? Ja doch, ja, geschwind! Eine Mandel Käse, Weiter nichts, mein Kind? Diener, Madam Lieber! Was macht Ihr Gemahl? Hat er noch das Fieber? Das ist recht fatal! Tut mir leid von Herzen! Was steht zu Befehl? Seife, Räucherkerzen Und ein halb Pfund Mehl. Gustchen, ach, Sie warten Wohl schon lange hier? Zucker? Doch wohl harten? Oh, wie wohl ist mir! Es hat solchen Busen, Solchen Schwanenhals, Keine der neun Musen – Was noch? Richtig, Salz!« Und so geht's vom Morgen Bis der Wächter pfeift. Der Kommis hat Sorgen, Die ihr nicht begreift. Abends wie zerschlagen Ist der junge Mann. Und beginnt's zu tagen, Geht's von neuem an.   Die vertauschten Überzieher. Eine amusante Geschichte von zwei vertauschten Überziehern wird aus einem vielbesuchten Kaffeehaus in Wien erzählt. Dort vermißte der Kassierer eines Leopoldstädter Geschäftshauses, als er fortgehen wollte, seinen Überzieher. Ein im Lokal zurückgebliebener Überzieher war zwar nicht sehr abgetragen, aber jedenfalls nicht so gut wie der verschwundene, und der Kassierer begann laut zu räsonnieren. In diesem Augenblick trat hastig ein Herr in das Café, der den verschwundenen Paletot noch am Leibe trug. Der Kassierer stürzte auf den Ankommenden zu und verlangte in ungestümer Weise sein Eigentum. Der Fremde fand sich dazu bereit und erklärte, er sei in der gleichen Absicht zurückgekommen, weil ja auch ihm der Überzieher vertauscht worden sei. Die Herren wechselten nun friedlich ihre beiderseitigen Paletots aus, wobei der Kassierer einige anzügliche Redensarten fallen ließ, die den andern endlich auch in Harnisch versetzten. »Was räsonnieren Sie denn noch, nachdem Sie Ihren Überzieher zurückerhalten haben?« fragte der Fremde. »Warum sollte ich denn nicht,« erwiderte der Kassierer, »wenn ich in Gefahr schwebte, 7000 Gulden zu verlieren, die sich in der Brusttasche des vertauschten Paletots befanden.« Dabei griff er hastig in die Tasche und zag ein Bündel Banknoten hervor, die er den Umstehenden zeigte. »Nun, mein Herr,« sagte der andere lächelnd, »bei dem ganzen Austausch hätten Sie sehr wenig riskiert, denn in meinem Überrock, der Ihnen so wenig vornehm erschien, befanden sich Papiere im Werte von 65 000 Gulden!« Sprachs, zog das Paket mit den Wertpapieren aus der Tasche und empfahl sich dem erstaunten Kassierer, während die ebenfalls erstaunten Umstehenden sich in tiefsinnige Betrachtungen über märchenhafte Schätze in vertauschten Überziehern ergingen.   Höchste Empfehlung. Unter der Überschrift »Moderne Industrieunternehmungen« erzählte eine amerikanische Zeitung die nachfolgende, wenn auch wahrscheinlich nicht wahre, so doch gut erfundene Anekdote: Den Schauplatz der Begebenheit bildet das Büro irgend einer amerikanischen Aktiengesellschaft für industrielle Zwecke, wie Unterseeische Eisenbahnen, Luftsteinfabrikation und dergleichen. Vor seinem Schreibtisch dehnt sich der Direktor in einem eleganten Ledersessel. Es tritt ein junger Mann mit graziösem Anstand ein, der offenbar ein Anliegen hat. Der Direktor kommt aber seiner Rede zuvor, indem er sagt: »Ich habe Ihren Brief erhalten, unser Personal ist vollständig, wir brauchen niemand!« – »Gleichwohl, Herr Direktor, glaube ich einigen Anspruch auf Ihr Wohlwollen –« »Noch einmal, wir brauchen niemand!« – »Ich komme aus Belgien, wo ich Bankrott gemacht habe.« – Der Direktor erwidert plötzlich sehr höflich: »Ah, Sie haben in Ihrem Alter schon Bankrott gemacht?« – »Gewiß, einen betrügerischen Bankrott, bei dem den Aktionären kein Centime blieb!« – »Bitte, nehmen Sie Platz!« – »Und der mir,« fährt der Stellungssuchende fort, »eine Verurteilung auf drei Jahre eingebracht hat!« – »Genug!« ruft der Direktor voll Enthusiasmus aus, »wir hatten zwar schon einen andern Kassierer engagiert, geben Ihnen aber unbedingt den Vorzug, denn er hat erst ein halbes Jahr gesessen!«   Die drei Diener. In einer großen Stadt des Ostens lebte ein sehr reicher Kaufmann. Er hatte drei Diener und zahlte dem ersten hundert, den beiden anderen aber zweihundert und dreihundert Dirhem monatlich. Ein Freund des Kaufmanns, der ihn häufig zu besuchen pflegte, kam einmal dazu, wie der Kaufmann seinen Dienern ihre Gebühr auszahlte, und fragte erstaunt, warum sie so ungleichmäßig besoldet würden. Da dröhnten eben die Kanonen im Hafen, ein Zeichen, daß ein Kauffahrteischiff eingelaufen war. »Du sollst gleich sehen, wie ich das Gehalt meiner Diener bemesse,« sprach der Handelsherr und befahl dem ersten – der hundert Dirhem bezog – nach dem Hafen zu gehen und sich nach der Fracht des Schiffes zu erkundigen. »Es ist irgendein Schiff mit allerlei waren,« meldete der Diener, als er zurückgekommen war. Nun entsandte der Kaufmann den zweiten Diener. Auch der kehrte bald wieder. »Herr,« rief er, »es ist eins Galeere aus Kairo, die Seide gebracht hat. Sie soll noch heute weiterfahren, und der Patron sucht die Ladung so schnell wie möglich an den Mann zu bringen. Ich rate dir, zu eilen, wenn du Lust hast, die Seide zu erstehen.« Der Kaufmann blieb ruhig sitzen und schickte auch den dritten Diener aus. – Kaum verging eine Stunde, als der dumpfe Knall eines Mörsers verkündete, daß die Ladung verkauft war. – Der Diener kam zurück. »Ich habe für zweihunderttausend Dirhem Seide gekauft und versprochen, die Summe sogleich zu bringen.« Stumm übergab der Kaufmann dem Diener zwanzig Beutel Goldes und ließ ihn gehen. Plötzlich öffnete sich die Tür, der Diener erschien abermals – mit den Beuteln. »Herr,« sagte er, »es hat sich mittlerweile ein Mann gefunden, der mir die Seide für zweimalhundertvierzigtausend Dirhem wieder abgekauft hat.« Da sprach der Freund des Kaufmannes: »Ich weiß jetzt, warum du deine Leute nicht gleichmäßig besoldest.«   Der beliebte Ort. »Wieviele junge Leute haben Sie in Ihrem Kontor, Herr Neumann?« »Vierzehn! Eigentlich sind es fünfzehn, aber einer sitzt immer auf dem Klosett.«   Renommage. Kommis (zwischen den Pulten herumrennend): »Ich halt es nicht aus, diese furchtbaren Zahnschmerzen! Ich verliere noch den Verstand!« Chef: »Herr Lehmann, wenn Sie Zahnschmerzen haben, lassen Sie sich den Zahn ziehen. Aber laufen Sie mir nicht hier herum und renommieren Sie!«   Leidensgefährten. Chef zum neuen Angestellten: »Und dann muß ich Ihnen noch eins sagen: Ich bin ein Freund von wenig Worten!« Buchhalter: »Sagen Sie mir weiter nichts, ich versteh schon! Ich bin selbst seit zehn Jahren verheiratet.«   Weisheit. Chef zu einem jungen Verkäufer: »Merken Sie sich das: Im Geschäftsleben gibt es nur zweierlei – zuerst hat der Kunde das Geld in der Tasche, und dann redet er mit uns; nachher aber haben wir das Geld in der Tasche, und dann reden wir mit dem Kunden.«   Enttäuschung. Chef: »Haben Sie heute abend etwas vor, Fräulein Müller?« Sekretärin, errötend: »Nein, ich wollte heute zu Hause bleiben!« Chef: »Na, dann haben Sie ja auch morgen keinen Grund, wieder so spät ins Geschäft zu kommen wie heute früh!«   Eine andere Sache. »Ist Ihr Chef zu sprechen? Ich habe eine Rechnung ...« Buchhalter, ihn unterbrechend: »Der Chef ist leider seit gestern verreist!« »Schade! Ich habe eine Rechnung, die ich ihm persönlich bezahlen möchte.« »Bitte, nehmen Sie Platz. Ich rufe ihn sofort.«   Überbürdung. Ein Bankier, der wegen seines Reichtums Inhaber vieler Ehrenämter war und die damit verbundenen Lasten ausschließlich auf die Schultern seines ohnehin genug geplagten Buchhalters zu legen pflegte, wurde eines Abends zum Schriftführer eines geselligen Vereins ernannt. Als der Buchhalter diese Nachricht des Morgens in der Zeitung las, sagte er zu seinem Chef: »Herr Prinzipal, ich bedaure, die auf Sie gefallene Wahl wegen Mangels an Zeit nicht annehmen zu können.«   Der Kassierer. »Warum wurden Sie eigentlich damals bestraft?« »Ich bin einmal vierzehn Tage aus dem Geschäft fortgeblieben.« Und dafür haben Sie ein Jahr Gefängnis erhalten?« »Ja, ich hatte nämlich die Kasse mitgenommen.«   Der Stellenbewerber. Kaufmann: »sechs Jahre haben Sie auf Ihrem letzten Platz ausgehalten? warum haben Sie denn die Stelle aufgegeben? Bewerber: »Ich wurde begnadigt.«   Die merkwürdige Frau. »Erlauben Sie mal, Herr Schulz,« sagt der Chef entrüstet Zu seinem neuen Buchhalter, »jetzt, eine Stunde nach der Zeit, kommen Sie erst ins Geschäft?« »Verzeihen Sie, Herr Müller, aber meine Frau hatte diese Nacht eine schwere Entbindung.« »Ach so,« murmelt der Chef verlegen und zieht sich zurück. Acht Tage später kommt Schulz wieder eine Stunde zu spät. »Sie kommen ja wieder eine Stunde Zu spät!« fährt ihn der Chef an. »Verzeihen Sie, Herr Müller, aber meine Frau hatte diese Nacht wieder eine sehr schwere Entbindung.« Der Chef platzte bald über eine solche freche Ausrede. »Ihre Frau ist doch kein Karnickel?« ruft er aus. »Nein, Herr Müller, aber Hebamme!«   Ein armer Kerl. »Der Buchhalter Neumann ist so kurzsichtig, daß er sich zu Tode arbeitet.« »Was hat das mit seiner Kurzsichtigkeit zu tun?« »Er sieht nie, wenn der Chef kommt, und deshalb schuftet er die ganze Zeit.«   Die Lebensstellung. Buchhalter: »Als sie mich vor drei Monaten veranlassten, bei Ihnen einzutreten, versprachen Sie mir eine Lebensstellung, und jetzt sind Sie pleite!« Prinzipal: »Kann ich dafür, daß sie solange leben?«   Kurz und bündig. Chef zu einem unfähigen Angestellten: »Ich sage Ihnen nur drei Worte: Suchen Se sich – eine andere – Stellung!«   Beförderung. Chef: »Paul, mit dem heutigen Tage ist deine Lehrzeit beendet. Von jetzt ab sind Sie Kommis, Herr Schröder, aber nicht bei mir!«   Wörtlich befolgt. Chef: »Was fällt Ihnen denn ein, Herr Bender, Sie halten Ihre Mittagsruhe auf einem Ballen Seidenstoff?« Angestellter: »Aber, Sie haben mir doch ausdrücklich gesagt, ich sollte mich recht gehörig ins Zeug legen!«   Schnell entschlossen. Chef: »Eigentlich wollte ich ja nur einen Verheirateten anstellen.« Bewerber um den Kassiererposten: »Famos! Darf ich Sie vielleicht zugleich um die Hand Ihrer Tochter bitten?«   Schlau. »Warum haben Sie denn einen Musikautomaten im Büro? Stört das nicht?« »Im Gegenteil, die Schreibmaschinendamen arbeiten jetzt immer nach dem Takt, und ich lasse nur ganz flotte Stücke spielen.«   Auseinandersetzung. Chef: »Sind Sie verrückt, oder bin ich es?« Angestellter: »Sicherlich Sie, denn so verrückt, daß Sie sich einen verrückten Verkäufer halten, werden Sie doch nicht sein!«   Frechheit. »Karl, halten Sie mir mal das Adreßbuch!« »Ich bin hier nur als Laufbursche angestellt. Das Buch können Sie sich selber halten, Sie sind doch Buchhalter.«   Kein Interesse mehr. Der Chef macht einen seiner langweiligen Witze, und sämtliche Angestellte geben sich Mühe, möglichst vergnügt zu lachen, denn darauf legt er Wert. Nur der Verkäufer Lehmann steht mit eisigkalter Miene dabei, als ob ihn die Sache gar nichts angehe. »Um Gotteswillen, Mensch, warum hast du denn vorhin nicht gelacht?« »Hab ich nicht mehr nötig, ich gehe zum Ersten!«   Der neue Angestellte. »Gut, ich will Sie engagieren, was sind Ihre Ansprüche?« »Wenn ich die Kasse verwalte, 300 Mark. Ohne Kasse 500 Mark.«   Der schüchterne Verkäufer. Dame: »Sie sind gewiß noch nicht lange Verkäufer?« Verkäufer: »Wieso, gnädige Frau?« Dame: »Sie werden ja noch rot, wenn Sie die hohen Preise nennen.«   Verdächtig. »Was halten Sie von der neuen Bankfirma, die sich hier aufgetan hat?« »Nicht sehr viel! Der Erste Kassierer läuft den ganzen Tag mit dem Eisenbahnfahrplan herum!«   Der energische Verkäufer. »Einen besseren Brautschleier, gnädiges Fräulein, können Sie überhaupt nicht kaufen, vor allen Dingen ist es sein Vorzug, daß Sie ihn wiederholt benutzen können.«   Stolz. »Krüger, haben Sie den großen, runden Tintenklex in das Hauptbuch gemacht?« »Ja, und denken Sie nur – ganz ohne Zirkel.«   Empfehlung. Ein Londoner Kaufmann suchte durch die Zeitungen einen jungen Mann, der an »ein eingezogenes Leben« gewöhnt sei. Sofort meldete sich bei ihm jemand, der sich für ganz besonders geeignet erklärte, und zu seiner Empfehlung erklärte, daß er grade sieben Jahre im Gefängnis gesessen habe.   Eine wirklich geschickte Hand. Ein Kaufmann, der zur Unterstützung seines Kassierers eine Hilfskraft suchte, setzte folgende Anzeige in die Zeitung: »Ein junger Mann, der eine geschickte Hand hat, findet bei mir sofort gute Beschäftigung.« Die Stelle wurde besetzt, und eines Morgens fand der Kassierer eine leere Kasse und darin ein Papier mit folgender Inschrift: »Ein junger Mann, der eine geschickte Hand hat, fand hier eine wirklich gute Beschäftigung.«   Prophezeiung. Chef zum Lehrling: »Ihre Zeit ist herum, ich wünsche Ihnen alles Gute! Im übrigen, wenn Sie als Kommis so faul sind wie hier als Lehrling, dann werden Sie überhaupt keine Stellung finden!« Zwei Jahre später trifft der Chef seinen früheren Lehrling auf der Straße. »Nun, wie ist es Ihnen inzwischen ergangen?« fragt er ihn. »Großartig!« antwortet der übermütig. »Sie haben mir prophezeit, ich würde überhaupt keine Stellung finden! Mehr als zwanzig hab ich inzwischen gehabt.«   Ein solider junger Mann. Chef: »Bevor ich Sie engagiere, muß ich sie darauf aufmerksam machen, daß mein Haus abends Punkt zehn geschlossen wird. Einen Hausschlüssel gibt es nicht.« Verkäufer: »Das macht nichts, wenn das Haus nur morgens beizeiten wieder aufgemacht wird.«   Bedenkliche Kritik. Chef: »Ich weiß Bescheid über Sie, Herr Krause! Sobald ich nicht da bin, sind Sie der faulste Kerl im Geschäft.«   Die liebenswürdige Verkäuferin. Die neue Verkäuferin in dem Drogengeschäft von Neumaier zeichnet sich durch ein besonders liebenswürdiges Wesen aus. Eines Tages kommt Herr Wilde ins Geschäft. »Fräulein, ich möchte für zwanzig Pfennige Kamillentee!« Lächelnd gibt sie ihm die Tüte mit dem Tee, und sagt: »Die Kamillen kann ich Ihnen geben, den Tee daraus müssen Sie sich aber selbst machen.« »Gut,« sagt Herr Wilde. »Dann geben Sie mir auch noch für zwanzig Pfennige Fencheltee!« »Den Fenchel kann ich Ihnen wohl geben,« sagt auch jetzt wieder das liebenswürdige Fräulein. »Den Tee müssen Sie sich aber selbst machen!« »Schön!« fährt Wilde fort. »Dann geben Sie mir auch noch für zwanzig Pfennige Brusttee!« Diesmal sagte die errötende Verkäuferin nichts.   Er weiß Bescheid. Geschäftsfreund: »Wie viele Angestellte arbeiten bei Ihnen im Hause?« Chef: »Wenn ich nicht da bin, kaum die Hälfte!«   Zerstreutheit. Richter: »Haben Sie etwas zu Ihrer Verteidigung zu sagen, Angeklagter?« Kassierer (der mit der Kasse durchgegangen war): »Herr Richter, ich bin nur so furchtbar zerstreut, an der Kasse wollte ich mich gar nicht vergreifen. Ich liebte damals ein junges Mädchen, ihre Eltern waren dagegen, weshalb wir beschlossen, heimlich durchzugehen. Da bin ich nun in meiner Zerstreutheit statt mit meiner Braut, mit der Kasse durchgegangen.«   Zu spät. Ein Geschäftsinhaber hat zur Probe einen Hausknecht angestellt, der unter anderem die Aufgabe hat, lästige Bettler, Hausierer und allzu zudringliche Reisende hinauszuweisen. Dabei stellt sich aber heraus, daß es ihm doch an der dazu nötigen Energie fehlt. »Ich kann Sie wirklich nicht für den Posten gebrauchen, Sie sind mir nicht grob genug!« sagt der Inhaber des Geschäfts zu ihm, indem er ihm seine Entlassung ankündigt. Enttäuscht gebraucht Jetzt der Hausknecht einen Ausdruck, der durch Goethes Drama Götz von Berlichingen eine klassische Bedeutung gewonnen hat. »Ja,« sagt der Chef achselzuckend. »Jetzt wollen Sie sich bei mir einschmeicheln!«   Zuverlässig. Ein Kunde hat einen fertigen Anzug gekauft, der noch etwas aufgebügelt und ihm dann in die Wohnung gebracht werden soll. Chef zum Hausdiener, der den Anzug über den Arm hängt und ihn hinbringen soll: »Aber verlieren Sie unterwegs die Hosen nicht!« Hausdiener: »Keine Angst, ich habe doch Hosenträger an!«   Frechheit. Chef: »Herr Müller, was fällt Ihnen denn ein? Sie schlafen bei der Arbeit?« Buchhalter: »Wer sagt Ihnen denn, daß ich gearbeitet habe?«   Aufrichtig. »Was verlangen Sie für ein Gehalt die Woche?« fragte ein amerikanischer Kaufmann einen jungen Mann, der sich um eine Stellung in seinem Geschäft bewarb. »Je nachdem,« antwortete der vielversprechende Jüngling. »Bekomme ich den Schlüssel zum Geldschrank, nur zwanzig Dollar, im andern Fall aber vierzig Dollar!«   Das Zeugnis. Ein Gehilfe in einem Lumpen- und Knochengeschäft hat einige Jahre ehrlich gedient, muß aber dann doch entlassen werden, weil er eine Knochenladung zur Seite gebracht hat. Der Chef, der ihn aus Rücksicht auf seine Familie nicht anzeigt, fragt beim Abschied: »Ja, was soll ich Ihnen denn nun für ein Zeugnis schreiben?« – »Herr Meier,« meint der Gehilfe, »schreiben Sie ein Zeugnis, wie es üblich ist, und dann zum Schluß: Ehrlich bis auf die Knochen!«   Berufsleiden. »Na, wie geht's dir denn?« wird eine Verkäuferin von einer Freundin gefragt. – »Ach, weißt du,« antwortete die Verkäuferin, »wir haben doch viel zu tun. »Einmal kommt die ›Weiße Woche‹, dann die ›Schwarze Woche‹, dann die ›Billige Woche‹, dann die ›Kinderwoche‹, dann eine andere ›Woche‹. Ich sage dir, in unserem Geschäft kommen die Mädels aus den ›Wochen‹ überhaupt nicht mehr heraus.«   Im Handschuhladen. »Fräulein, achten Sie doch darauf, daß Sie meinem Herrn in Zukunft nicht mehr 7 ½, sondern 8 verkaufen!« »Aber, das kann Ihnen doch egal sein!« »O nein. Wenn Sie meinem Herrn 7 ½ geben, kann ich sie nicht tragen.«   Eine anrüchige Sache. Ein Einkäufer schrieb an seinen Chef: »Leider sind mir die drei Zentner Limburger, die ich für Sie im Auge hatte, durch die Nase gegangen!«   Der höfliche Verkäufer. »Also diesen Maulkorb wählen gnädige Frau? Darf ich ihn zusenden, oder wollen ihn die gnädige Frau selbst tragen?«   Können Sie ... Können Sie einen Satz bilden, in dem viermal hintereinander das Wort »Laden« vorkommt. – Im Schokoladenladen laden Ladenmädchen die Kunden zu einer Kostprobe ein.   Der poetische Verkäufer. Dame: »Ist dieser Käse nicht schon etwas zu alt?« Verkäufer: »was denken Sie, meine Gnädigste? Er befindet sich grade in seiner Jugend schönster Maienblüte!«   Da hat er recht. »Wo waren Sie so lange«, fragte der Chef den Prokuristen. »Ich hab mer die Haare schneiden lassen.« »So?« sagte der Chef, »während der Bürostunden lassen Sie sich die Haare schneiden?« »Bitte sehr,« sagte der Prokurist, »sie sin mer auch während der Bürostunden gewachsen.«   Das Bedürfnis. Der »Glatzer Anzeiger« berichtet: »Die Angestellten Koch, Scholz, Kolbe und Fräulein Lindner haben gebeten, die von ihnen seit Jahren bekleideten Stellen als ständige Stellen einzurichten und sie als Dauerangestellte zur Festigung ihrer Stellung zu ernennen. Alle vier Angestellte dienen der Befriedigung eines dauernden Bedürfnisses.« In Glatz herrscht doch nicht Malaria?   Moderne Entführung. Er hat sie entführt! Er hat sie entführt, die streng Bewachte, Mit Spähern und Lauschern wohlbedachte; Er hat sie entführt bei nächtlicher Weile, Behutsam und listig, mit sorglicher Eile; Er hat mit ihr den Wagen bestiegen, Und fort ging es, fort, im Rennen und Fliegen, Fort ging es, fort aus drohender Näh', Fort ging es, fort bis über die See. Er hat sie entführt, die hochverehrte, Die immer gewünschte und sehnlichst begehrte Geliebte, ihm alles, ihm teuer und hold, Er hat sie entführt – die Kasse voll Gold. L. Müller.   Die Kanarienvögel. von Fr. Stolze. »David,« hat e Prinzipal zu sei Kommis gesacht,, »David,« hat err gesacht, »gehn Se doch emal gleich ehinner ins ›Braunfels‹ in Ruttmann sei Versteigerung, in kääfe Se merr die zwää Kanarjevegel. Gucke Se, hier steht's in ›Wocheblättche‹, gucke Se hier; ›1 Operngucker, 2 Kanarienvögel und sonstige Küchengerätschaften‹. Behalte Se awwer Ihr'n Kondorrock aa mit dem Loch im Ehleboge, da kriehe Se's billiger.« Un de David is gange ehinner ins Braunfels im Ruttmann sei Versteigerung in sei Kondorrock mit dem Loch im Ehleboge un mit der Fedder hinnerm Ohr, damit er sich's noddiern könnt, wann err's vergesse dhet. Un der David is doch grad recht komme, dann der Herr Ruttmann hat doch grad ausgerufe: »Zwei Kanarienvögel!« – »Aha!«' hat der David gesacht un hat sich dorchgedrückt dorch die Leut mit sein' Ehleboge. Err hat doch e Loch drin. »Einen Gulden!« hat der Ruttmann ausgerufe, »Einen Gulden!« »Behalte!« hat der David gesacht, »behalte!« »Einen Gulden zum erschtemal!« »Zwää Gulde!« hat's awwer da von ganz hinne aus de Leut evorgerufe: »Zwää Gulde!« »Drei Gulde!« hat der David gesacht. »Drei Gulde zum erschtemal!« »Vier Gulde!« hat's widder von hinne evorgerufe. »Fünf Gulde!« hat der David gesacht, »fünf Gulde!« »Fünf Gulde zum erschtemal!« »Sechs Gulde!« »Sechs Gulde? Siwe Gulde!« »Sieben Gulden zum erschtemal!« »Acht Gulde!« »Acht Gulde? Nei Gude!« »Zeh Gulde!« Wart', dacht' der David, ich krieh derr! »Zwölf Gulde!« »Zwölf Gulde zum erschte!« »Dreizeh Gulde!« »Dreizeh Gulde zum ehrschte! Zum zweite – zum –« »Verzeh Gulde!« hat der David gesacht, awwer schon e bissi kläälaut. »Sechzeh Gulde!« »Sechzeh Gulde?« hat der David zu sich selwer gesacht, »sechzeh Gulde? For zwää Kanarjenvegel? – Da muß ich erscht mei Prinzipal frage. Sechzeh Guide for zwää Kanarjevegel, die doch noch nix weiter geschlage hawwe, als wie mit de Schwänz widder de Käwig.« Un der David hat sich widder aus de leut enausgearweit mit seim Ehleboge mit em Loch drin. Da kann widder nix passiern. Un der David is zu sei Prinzipal gelääfe un hat gesacht: »Herr Prinzipal,« hat err gesacht, »sechzeh Gulde sin geböte, soll ich weiter biete?« – Un da hat der Prinzipal gesacht: »Sechzeh Guide, David? Sechzeh Guide? Bist de mischucke? Sechzeh Guide? E ganz Roll vor zwää Roller? Nor net!« – Un wie des der Prinzipal kaum gesacht hat, is doch die Kondordhir uffgange, un erei is komme Meyer, e annerer Kommis vom Kondor, un hat an der Hand getrage en alte Käwig mit zwää Kanarjevegel un hat gerufe: »Vivat! Da sin se!« – Un da hat der Prinzipal zu Meyer ganz verwunnert gesacht un net ohne Vorwurf in der Aussprach un Gebärd: »Meyer, hawwe Sie die zwää Kanarievegel kääft for sechzeh Guide? Ferchte Se sich net der Sind un der Schand an Ihrm Salär?« Un da hat awwer der Meyer noch verwunnerter gesacht: »Ich? – wie haißt: Ich? – Sie hawwe se kääft! Sie!« – »Was!« hat awwer da der Prinzipal widder gesacht. »Was, Meyer? Ich? Ich hab' se kääft? Ich? Haw' ich Ihne des gehääße?« »Gehääße? Naä! Awwer Ihr Herr Assosje, Ihr Herr Bruder hat mer's gehääße! Er hat merr doch gesacht: ›Meyer, gehn Se ehinner ins Braunfels in dem Ruttmann sei Versteigerung un kääfe Se merr – die zwää Kanärjevegel for mein Bruder; er will se oach – un da haw' ich se kääft, un da – sin se!« »Da sin se? For sechzeh Gulde? Sin Se narrig, Meyer, sin Se bestußt? Ich hab' doch extra den David higeschickt in sei Kondorrock mit dem Loch im Ehleboge, daß err se billiger krieht, un jetz mache Se merr e Loch in Sack!« »Ja, Herr Prinzipal,« hat awwer da der Meyer gesacht, »wann Se den David nit higeschickt hätte, hätt' ich se billiger krieht; err hat merr bis uff sechzeh Gulde enuffgebotte.« Un wie des der Meyer gesacht hat, hat uff äämal der Lehrling hinne an seim Pult aafange ze lache, ganz laut zu lache. Un der Prinzipal hat sich erumgedreht nach dem Lehrling un hat gesacht: »Was lache Se, Hersch, wie e Esel? Was is da zu lache?« – Un da hat der Lehrling nor noch lauter gelacht. Da is awwer der Prinzipal sehr ärgerlich worn un hat gesacht: »Laisbub, lache Se iwwer mir? Wie könne Se lache, Hersch? wie könne Se sich unersteh', ze lache? He?« Un da hat awwer der Hersch widder gesacht: »Warum soll ich net lache? Ich kann doch lache! Ich hab' doch die zwää Harzer in ere Verlosung gewönne. Es sin doch zwää Weiwercher, un da haw' ich se dem Ruttmann in die Versteigerung gewwe. Ich kann doch lache!« Un da hat der Prinzipal ganz verwunnert gesacht: »Zwää Weibercher? Ääch noch? Kann merr mit dem Harz so viel Bech hawwe!«   Horatio Sparkins. Von Charles Dickens »Wirklich, lieber Mann, er bewies Teresa am letzten Gesellschaftsabend große Aufmerksamkeiten«, sagte Mrs. Malderton zu ihrem Gatten, der nach seinen Tagesmühen in der City ein seidenes Tuch über den Kopf gedeckt, die Füße auf das Kamingitter gestellt hatte und seinen Portwein trank; »sehr große Aufmerksamkeiten, und ich wiederhole es, wir sollten ihm auf jede Weise entgegenkommen. Er muß durchaus zum Mittagessen eingeladen werden.« »Wer muß eingeladen werden?« fragte Mr. Malderton. »Du weißt ja, wen ich meine, liebster Malderton – der junge Mann mit dem schwarzen Backenbart und der weißen Halsbinde, der soeben in unserer Gesellschaft aufgetaucht ist und von dem alle Mädchen sprechen – der junge – wie heißt er doch? – Marianne, wie heißt er?« Marianne war Mrs. Maldertons jüngste Tochter, Sie war beschäftigt, eine Börse zu sticken und bemühte sich, empfindsam auszusehen. »Mr. Horatio Sparkins, Mama«, erwiderte Miß Marianne mit einem Juliaseufzer. »Richtig – Horatio Sparkins«, sagte Mrs. Malderton; »ohne Frage der feinste und fashionabelste junge Mann, den ich jemals gesehen habe. Er sah am letzten Gesellschaftsabend in seinem wie angegossen sitzenden Rocke aus – wie – wie –« »Wie Prinz Leopold, Mama, – so nobel, so gefühlvoll!« fiel Miß Marianne im Tone enthusiastischer Bewunderung ein. »Du solltest bedenken, liebster Mann,« fuhr Mrs. Malderton fort, »daß Teresa achtundzwanzig Jahre alt ist, und daß es wirklich von großer Wichtigkeit ist, daß etwas geschieht.« Miß Teresa Malderton war eine sehr kleine, runde Person mit karmoisinroten Wangen, von freundlichem Wesen und noch ohne Gatten, Bewerber oder Anbeter; ein Unglück, dessen Ursache jedoch, um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, keineswegs in einem Mangel an Beharrlichkeit von ihrer Seite lag. Sie hatte vergeblich zehn Jahre lang kokettiert, vergeblich hatten Mr. und Mrs. Malderton eine ausgedehnte Bekanntschaft mit jungen, heiratsfähigen Männern aus Camberwell, und Wandworth und Brixton sogar, sorgfältig unterhalten; die Londoner noch nicht einmal gerechnet, die Sonntags einsprachen. Miß Malderton war so bekannt wie der Löwe auf dem Giebel von Northumberland-House und hatte ungefähr ebensoviel Wahrscheinlichkeit, »abzugehen«, als der Tierkönig, obschon derselbe fortwährend, gleich Miß Malderton, »auf dem Sprung« war. »Ich bin vollkommen überzeugt, daß er dir gefallen würde«, fuhr Mrs. Malderton fort; »er ist so gentelmännisch.« »So geistreich«, sagte Miß Marianne. »Und spricht so vortrefflich, so fließend«, fügte Miß Teresa hinzu. »Er hegt große Hochachtung gegen dich, lieber Mann«, sagte Mrs. Malderton zu ihrem Gatten in vertraulichem Tone. Mr. Malderton hustete und sah in das Feuer. »Ich bin überzeugt, daß er sehr viel von Papa hält«, sagte Miß Marianne. »Ohne allen Zweifel«, bekräftigte Miß Teresa. »In der Tat, er hat es mir selbst im Vertrauen gesagt«, bemerkte Mrs. Malderton. »Schon gut, schon gut«, entgegnete Mr. Malderton einigermaßen geschmeichelt; »wenn ich ihn morgen in der Gesellschaft sehe, lade ich ihn vielleicht zu uns ein. Ich denke, er wird wissen, daß wir auf Oak Lodge in Chamberwell wohnen, meine Liebe?« »Natürlich – und auch, daß du einen Wagen und ein Pferd hältst.« »Nun wir wollen sehen«, sagte Mr. Malderton, sich zu einem Schläfchen zurechtsetzend; »ich werde daran denken.« (Der vielversprechende Horatio wurde eingeladen, wurde gefeiert und von den Damen gefühlvoll umschwärmt, wie solche überspannten Hoffnungen – die Damen sahen in ihm einen Aristokraten – ausgingen, zeigte Dickens in dem Schluß seiner Erzählung:) »Mr. Sparkins,« begann Flamwell, seinen Entdeckungsversuch wieder aufnehmend, »kennen Sie vielleicht Mr. Delafontaine von Beford-Square?« »Er hat mir und ich habe ihm eine Karte geschickt, und ich hatte seitdem Gelegenheit, ihm einen nicht unbeträchtlichen Dienst zu leisten«, erwiderte Horatio, sich ein wenig verfärbend – ohne Zweifel, weil er sich hatte verleiten lassen, so etwas auszuschwatzen. »Sie sind sehr glücklich zu schätzen, wenn Sie Gelegenheit gehabt haben, sich diesen angesehenen Mann zu verpflichten«, bemerkte Flamwell mit einer Miene tiefer Ehrerbietung. »Ich weiß in der Tat nicht, wer er ist«, flüsterte Flamwell dem Gastgeber vertraulich zu, als sie Horatio in das Damenzimmer folgten. »Indes ist es ganz ausgemacht, daß er dem Stande der Rechtsgelehrten angehört, ein Mann von Bedeutung ist und vornehme Verbindungen hat.« »Ohne allen Zweifel, ohn' allen Zweifel«, versetzte Mr. Malderton. Der Abend verging äußerst angenehm. Barton schlief ein, Malderton sah sich dadurch von seinen Ängsten befreit und war deshalb so gesprächig und liebenswürdig als möglich. Miß Teresa spielte ein Modestück, wie Mr. Sparkins erklärte, vollkommen meisterhaft, und beide sangen mit Frederick Terzetts ohne Halt, nachdem sie die erfreuliche Entdeckung gemacht, daß ihre Stimmen auf das schönste harmonierten. Freilich sangen alle drei die erste Stimme, und Horatio hatte nicht bloß das kleine Unglück, kein Gehör zu haben, sondern kannte auch nicht eine einzige Note. Allein die Zeit verging dessenungeachtet unendlich angenehm, und es war zwölf Uhr geworden, als Mr. Sparkins sein Trauerpferd vorführen ließ. Er hatte jedoch zuvor heilig versprechen müssen, seinen Besuch am folgenden Sonntag zu wiederholen. »Vielleicht nimmt aber Mr, Sparkins morgen abend an unserer Partie teil?« sagte die Frau vom Hause, »Malderton denkt die Mädchen in das Theater zu führen.« Mr. Sparkins verbeugte sich und versprach, während der Vorstellung in Nummer 48 zu erscheinen. »Wir wollen Ihnen den Vormittag nicht rauben,« sagte Teresa in bezauberndem Tone, »denn Mutter gedenkt die Putzlädenrunde mit uns zu machen, und ich weiß, daß die Herren nur zu oft einen wahren Abscheu dagegen hegen.« Mr. Sparkins verbeugte sich abermals und versicherte, daß er entzückt sein, doch während des Vormittags von wichtigen Geschäften in Anspruch genommen würde. Flamwell warf Malderton bedeutsame Blicke zu. »'s ist die Zeit der Gerichtssitzungen«, flüsterte er. Am folgenden Vormittag um zwölf Uhr stand die »Fliege« vor Mr. Maldertons Haustür, bereit, die Mutter und die Töchter aufzunehmen. Sie beabsichtigten, bei einer Freundin zu Mittag zu essen und sich zum Theater anzukleiden, zuvor aber zahllose Läden zu besuchen und mannigfache Einkäufe zu machen. Die jungen Damen vertrieben sich die Langweile der Fahrt damit, daß sie Mr. Horatio Sparkins priesen und auf ihre Frau Mama schalten, daß dieselbe sie immer weiter und weiter fahren ließ, um ein paar Schillinge zu sparen. Endlich hielt das Fuhrwerk vor einem kläglich aussehenden Laden, an dessen Fenster ein buntes Gemisch von Handelsartikeln ausgestellt war – Saffianschuhe, Schals, Sonnenschirme und hundert andere. »O Himmel, Mama, wohin bringen Sie uns?« sagte Miß Teresa. »was würde Mr. Sparkins sagen, wenn er uns hier sähe!« »Oh, um alles in der Welt!« rief Miß Marianne schaudernd aus. »Bitte, nehmen Sie Platz, meine Damen, was befehlen Sie?« fragte der dienstbeflissene Ladenbesitzer, der in seinem mächtigen weißen Halstuch mit steifer Schleife dem schlechten »Porträt eines Gentleman« in der Kunststausstellung glich. »Ich wünsche seidene Stoffe zu sehen«, erwiderte Mrs. Malderton. »Augenblicklich, Ma'am – Mr. Smith! Wo ist Mr. Smith?« »Hier, Sir«, ertönte eine Stimme aus dem Kontor hinter dem Laden. »Geschwind, Mr. Smith«, rief ihm sein Prinzipal zu. »Sie sind doch niemals am Platze, wenn man Ihrer bedarf.« Mr. Smith gehorchte der Aufforderung, sprang mit großer Behendigkeit über einen Warenballen, der ihm im Wege lag und stand wie ein Deus ex machina hinter dem Ladentische dicht vor den kauflustigen Damen. Mrs. Malderton stieß einen ohnmächtigen Schrei aus; Miß Teresa, die sich zur Seite gewendet, um mit ihrer Schwester zu flüstern, blickte auf und schaute – Horatio Sparkins! »Wir wollen einen Schleier über die jetzt folgende Szene ziehen«, wie die Romanschreiber sagen. Der geheimnisvolle, philosophische, romantische, metaphysische Sparkins – er, der der interessanten Teresa als das verkörperte Ideal der jungen Herzoge und poetischen Grafen erschienen war, von welchen sie geträumt und gelesen, das zu schauen sie aber kaum gehofft hatte – war plötzlich verwandelt in Mr. Samuel Smith, den Ladendiener bei einem Kramhändler sehr untergeordneter Klasse! Das würdevolle Verschwinden des Helden von Oak Lodge bei dieser unerwarteten Enthüllung war nur der Flucht eines diebischen Hundes zu vergleichen, dem ein ansehnlicher Stein nachgeworfen wird. Die süßen Hoffnungen der Familie Malderton sollten in nichts zerfließen, wie das Zitroneneis bei einem Sommerdiner. Almacks stand ihnen fortwährend so fern wie der Nordpol, und Miß Teresas Aussichten, einen Mann zu bekommen, waren ungefähr so wahrscheinlich, als die Entdeckung einer nordwestlichen Durchfahrt durch den Kapitän Roß. S. M. der Kunde Ein Kaufmann ohne Kunden – welch traurige Gestalt! So gehört denn auch in dies Buch der Kunde hinein. Auch ihm werden hier einige Wahrheiten gesagt. Und auch der Kaufmann muß einige bittersüße Pillen schlucken. Im Zusammenfluß des Kaufmanns mit der Welt der Käufer kommt eben mancherlei vor, das zum Lachen reizt. Und schließlich weitet sich die Sehnsucht des Kunden, der gewohnt ist, alles, was sein Herz begehrt, beim Kaufmann zu finden, nach dem »Warenhaus für Kleines Glück« aus – wie das Christian Morgenstern in seinem sinnvollen Gedicht so hübsch ausdrückt, schließlich ist ja jedes Geschäft solch ein Warenhaus zum »Kleinen Glück« – beglückt jeden Käufer. Aber die Wünsche der Kunden sind ja so komisch – – – Das zugkräftige Schaufenster Paul Simmel   Szene in einer Putzhandlung. Daß es auch schon in der guten alten Zeit in den Geschäften unter den Kunden mehr »Sehleute« als »Kaufleute« gegeben hat, zeigt die nachfolgende, aus einer Zeitung der Biedermeierjahre entnommene Szene. Eine elegant gekleidete Dame betritt eilig den Putzladen: »Was kostet die rotsamtene Coiffure im Schaufenster?« Putzhändlerin: »Fünf Gulden, meine Gnädige!« Die Dame: »Ach, was fällt Ihnen ein? Ich möchte diesen Kopfputz nur einzig und allein meinem Manne zuliebe kaufen, weil er behauptet, Rot stehe mir am besten und Samt drücke am wenigsten. Also für zwei Gulden nehme ich ihn! – Mehr keinen Heller! Ich empfehle mich.« Sie stürzt wieder hinaus. Ein Herr tritt ebenso eilig ein. »Negligeehäubchen, meine Teuerste, süperbe Negligeehäubchen, wenn ich bitten darf! Sechs Stück, ein Dutzend Stück – wie Sie wollen; nur elegant. Oh, sie gehören für ein sehr schönes Fräulein!« Die Putzhändlerin bringt einen Karton zur Auswahl und sagt: »Befehlen Sie von diesen?« Der Herr mustert den Karton mit der Lorgnette: »Ach, viel eleganter, dieser Stoff ist nicht weiß genug! Emma hat blonde Haare und alabasterartigen Teint, also viel weißeren Stoff, wenn ich bitten darf!« Man bringt einen zweiten, einen dritten Karton. »Alles viel, zu wenig weiß! – Oh, ich wußte, es ist schwer, für Emma Negligeehäubchen zu kaufen! Ich werde meine Cousine hersenden! – Emma soll selbst wählen! – Ihr Diener!« Er eilt schnell hinaus, die Putzhändlerin ordnet seufzend, was er verwüstet. Eine stark verblühte, sommersprossige Jungfrau tritt schüchtern ein: »Sie besitzen, wie ich hörte, ein Verschönerungsmittel?« Putzhändlerin: »Zu dienen, mein Fräulein.« Das Fräulein: »Aber nimmt es auch alles, sowohl Sommersprossen wie Leberflecken, weg?« Putzhändlerin: »Ich habe viele Abnehmerinnen und hörte noch nie eine Klage!« Fräulein: »Ich werde mein Dienstmädchen mit einigen leeren Flaschen schicken, was kostet das Maß?« Putzhändlerin: »Entschuldigen Sie, maßweise gekauft dürfte das Mittel denn doch etwas teuer werden, die Flasche kostet zwei Gulden.« Das Fräulein, heimlich seufzend: »Ach, ich wußte ja, daß auch dies Mittel mir nicht passen würde, ich wollte es als Bad gebrauchen.« Sie geht fort; eine alte, dicke Frau kommt herein: »Ist mein Rosahut schon fertig?« Putzhändlerin: »Wie Sie befohlen haben, gnädige Frau!« Die alte Dame: »Um Himmelswillen, was haben Sie gemacht? – Einfache Bänder! – Warum wählten Sie keine Rosen?« Putzhändlerin: »Verzeihung, ich dachte –« Die alte Dame: »Was heißt denken? Dieser Hut da ist für eine alte Frau, und ich bin noch in den besten Jahren, Also herunter mit den Bändern und Rosen hinauf! Hören Sie, viele Rosen! Sie können auch Vergißmeinnicht wählen, Jelängerjelieber oder sonst eine interessante Blume! – Nur pikant! Das binde ich Ihnen auf die Seele – denn Sie wissen, ich bin Witwe und noch nicht alt genug, um einfache Bänder auf dem Hute zu tragen! – Also Rosen, meine Gute. Ade!« Damit rauschte sie hinaus, diese Romantikerin, und die Putzhändlerin machte sich daran, aus allen alten Schachteln ein für die hoffnungsvolle Witwe passendes Bukett zusammenzusuchen.   Der Apothekerlehrling. Ein Bauer kam in eine Apotheke und brachte ein Rezept. Während der Apotheker die Medizin fertig machte, betrachtete der Bauer einen Käfig, in dem ein Eichhörnchen ein Rad drehte. Er hatte solch ein Tier noch nie gesehen und fragte daher den Apotheker: »Was habt Ihr denn da droben in dem Kasten?« »Das seht Ihr nicht?« erwiderte der Apotheker. »Da steckt ein Apothekerlehrling drin!« »Ach so!« sagte der Bauer erstaunt und ging seiner Wege. Ein Jahr darauf kam der Bauer wieder in dieselbe Apotheke. Der Käfig stand jetzt leer, da das Eichhörnchen inzwischen eingegangen war, dafür aber stand ein neuer Provisor hinter dem Ladentisch mit feuerrotem Haar. Der Bauer betrachtete ihn eine Weile aufmerksam und sagte dann, indem er nach dem leeren Käfig wies: »Ihr seid aber mächtig gewachsen, ich habe Euch noch gekannt, als Ihr Lehrling wart und da oben im Kasten gesteckt habt.«   Der falsche Laden. In einen Laden in Neuyork trat ein Landmann, setzte sich auf einen Stuhl, nahm seinen Kragen ab und fragte: »Sie haben doch warmes Wasser?« »Wasser?« fragte ein eleganter Herr, der im Laden stand und erstaunt das Benehmen des Fremden angesehen hatte. »Was für Wasser?« »Nun, ich will doch rasiert werden!« »Da sind Sie im Irrtum«, sagte der Herr des Ladens. »Hier ist keine Barbierstube, hier ist ein Wechselgeschäft!« »Das soll doch der Henker holen!« rief jetzt der Landmann. »Ich fragte draußen jemand, wo man hier barbiert werden könnte, und er antwortete mir, wenn ich barbiert werden wollte, dann sollte ich nur ruhig hier hereingehen!«   Vergebliche Mahnung. Ein Gläubiger begegnete seinem Schuldner und bat ihn dringend, ihn nun endlich zu bezahlen. Der Schuldner aber fuhr zornig auf und schrie den andern an: »Lassen Sie mich in Ruhe, Sie impertinenter Mensch! Meinen Sie, ich wäre Ihnen allein etwas schuldig?«   Im Kaufmannsladen. Verkäufer: »Soll es grüne oder schwarze Schmierseife sein?« Dienstmädchen: »Oh, das ist ganz gleich, die Gnädige ist kurzsichtig!«   Das mißverstandene Fremdwort. Der Besitzer eines Kaufmannsladens liebte es, möglichst viele Fremdwörter in die Unterhaltung einzuflechten, und wenn ein Kunde etwas gekauft hatte, dann verabschiedete er sich von ihm mit den Worten: »Ihr Serviteur!« Eines Tages kam ein Bauer zu ihm, kaufte allerlei Waren und wurde mit einer Verbeugung und dem »Serviteur« entlassen. Der Bauer hatte aber diesen Ausdruck noch nie gehört und fragte nach einer Stunde in einer Schenke jemand, was eigentlich Serviteur bedeute. Der Gefragte, ein Spaßvogel, erzählte ihm, dies sei ein aus dem Französischen herstammendes Schimpfwort und bedeute soviel wie »dummer Tropf« oder »grober Schlingel«. Bier und Wurst vergessend, eilte der Bauer wieder zum Laden, riß in hellem Zorn die Tür auf und rief hinein: »Von Ihnen brauch ich mich nicht beschimpfen zu lassen! Sie sind selbst ein Serviteur, verstehen Sie mich? Ein ganz gewöhnlicher Serviteur! So, und nun gehen Sie hin und verklagen Sie mich!«   Ein süßes Geschäft. Eine reizende junge Dame tritt in ein Seidenwarengeschäft. Der tadellos frisierte und geschniegelte Verkäufer überschüttet sie mit einer Flut von liebenswürdigen Redensarten, und da die junge Dame keineswegs prüde zu sein scheint, wird er immer verliebter. »Was kostet dieses seidene Band?« fragt die hübsche Kundin. »Einen Kuß, der Meter!« antwortet schmachtend der junge Mann. »Schön, packen Sie mir Zehn Meter ein!« Als dies geschehen war, sagt die junge Dame lächelnd: »Warten Sie, draußen vor dem Schaufenster steht meine Großmama, die bezahlt für mich!«   Beim Drogisten. »Bitte, für zwanzig Pfennig Insektenpulver!« »In einer Tüte oder in einer Schachtel?« Kunde (seinen Kragen zur Seite haltend): »Schütten Sie es nur hier hinein!«   Schlechte Zeiten. Wirt: »Man sieht Sie ja so selten, Herr Buchhalter, schmeckt Ihnen mein Bier nicht?« Gast: »Mir geht's wie Ihrem Bier: zu wenig Gehalt!«   Auskunft. »Verzeihen Sie, wie komme ich hier zu dem Bankhaus Bamberger?« »Ganz einfach! Gehen Sie grade aus, biegen Sie in die dritte Straße links, dann in die zweite rechts, gehen Sie über den Platz, und das vierte Haus rechts ist das Bankhaus.« »Danke sehr! Wissen Sie zufällig die Hausnummer?« »Nein, aber die steht bestimmt über der Haustüre.«   Beim Schneider. Kunde: »Mein Konto bei Ihnen dürfte danach ausgeglichen sein.« Meister: »Noch nicht ganz, Ihre Hose steht noch offen.«   Eine schwierige Offerte. »Kann ich vielleicht mal Ihre Frau Gemahlin sprechen?« fragte ein Vertreter in Küchengegenständen den Hausherrn. »Wenn Sie glauben, daß sie Sie zu Worte kommen läßt – bitte, versuchen Sie es!«   Dressierte Kundschaft. Ein kleiner Junge kommt in einen Laden und ruft: »Bitte bedienen Sie mich ganz schnell, meine Mutter wartet dringend darauf!« Kaufmann: »Was willst du denn?« Junge: »Klosettpapier!«   Weihnachtsgeschenke. »Ich wollte nach einem Geschenk für eine Dame sehn.« »Sehr wohl! Ist es für die Frau Gemahlin, oder darf es was Besseres sein?«   Viehhandel. Ein Viehhändler kommt auf einen Bauernhof, um ein Schwein zu kaufen. Da der Bauer aber gerade nicht zu Hause ist, behält sich die Frau vor, daß ihr Mann erst den Kauf bestätigen müsse. Am nächsten Tag bekommt der Händler von dem Bauer eine Karte: »Bin mit dem Verkauf meiner Frau einverstanden. Sie können das Schwein morgen abholen!«   Mißverstanden. Kunde: »Kann ich Strümpfe haben?« Verkäuferin: »Lange?« Kunde: »Werden denn bei Ihnen auch Strümpfe vermietet?«   Beim Drogisten. »Darf ich Ihnen die Pillen einwickeln, mein Herr?« »Ist nicht nötig. Ich rolle sie nach Hause.«   Zu viel verlangt. »Insektenpulver wünschen Sie? Für wieviel darf es sein?« »Ja, meinen Sie, ich hätte die Biester gezählt?«   Ein Niggerhandel. Der das von den Kaffern gehegte Verlangen nach »Kreditgewährung« illustriert, fand sich in einem in der Kapkolonie erscheinenden Blatt. Vor kurzem erschien ein Kaffer in einem der landesüblichen Nahrungsmittelgeschäfte und verlangte den Preis von Mehl zu wissen; man sagte ihm, daß der Sack Mehl bei Barzahlung 17 Schillinge 6 Pence, bei dreimonatigem Kredit 30 Schillinge und bei sechsmonatigem Kredit 50 Schillinge kosten würde. Nach sorgfältigem Überlegen entschied sich der Kaffer dahin, daß er einen Sack Mehl auf dreimonatigen Kredit nehmen wolle, und nachdem der Geschäftsinhaber dies in seine Bücher eingetragen und dem Schwarzen den Sack Mehl eingehändigt hatte, holte dieser seine Geldtasche aus der Hose und legte als erste Anzahlung 20 Schillinge auf den Ladentisch.   Man nich verkopslagen. von Fritz Reuter. Tau Kopmann Schulten tau Swerin Kümmt mal 'ne olle Fru herin, Witt bomwull'n Halsli'n sall dat sin. »Ganz woll,« seggt Schult, »un denn wo vel?« »Oh,« seggt de Ollsch, »man blot 'ne Ehl.« »Na,« seggt denn Schult, »wil du dat büst; Ick heww taufällig hir noch jüst En lütten Rest von annerthalwen, Den'n will 'ck di für vir Schilling laten.« »Na,« seggt de Ollsch, »dat is tau vel; Ick heww för eine ganze Ehl Bi unsen nigen Kopmann Platen Fiw Schilling gewen.« – »Je,« seggt denn Schult, »Wat sei denn grot noch anners wull, Hei wull de annerthalwen Ehl Ehr jo gor för vir Schilling laten.« »Ne,« seggt de Olsch, »dat's oewerdrewen, Dat's för dat Tüg doch vel tau vel! Mihr as drei Schilling kann 'ck nich gewen.«   Herr Schultze eröffnet seinen neuen Laden. Schultze (zu seinen Kommis): »Nun, meine Herren, kann's losgehen!« Erster Kommis: »Sie sollen mal sehen, Herr Schultz«, wir werden heute ganz hübsch zu tun haben.« Schultze: »Na, wer weiß, wir haben nu schon ne halbe Stunde auf, und noch hat sich keine Katze sehen lassen.« Zweiter Kommis: »Bedenken Sie, daß die feinen Damen vor elf Uhr nicht ausgehen, und vergessen Sie ferner nicht, daß unsere Annoncen erst heut in den Zeitungen stehen, und die meisten daher noch gar nicht wissen können, daß wir eröffnet haben.« Schultze: »Sie haben recht. Wenn kein Mensch heute käme, so wäre das auch kein Wunder!« Dritter Kommis: »Da steigt schon einer aus der Droschke.« Vierter Kommis: »Und da kommt noch einer direkt auf den Laden losgesteuert.« Schultze: »Eins und eins macht zwei. Für den Anfang alles mögliche.« Erster Kommis: »Und Sie haben noch soeben geglaubt, daß kein Mensch kommen würde.« Schultze: »Nun, ich freue mich, daß ich mich geirrt habe, wenn wir heute ein gutes Geschäft machen, so soll es Ihr Schaden nicht sein, meine Herren. Du, Wilhelm, mach mir doch bei jedem, der in den Laden tritt, einen Strich in deine Brieftasche. Sie sind nächsten Sonntag meine Gäste, meine Herren. Und soviel Striche Wilhelm heute macht, soviel Flaschen Champagner geb ich zum besten.« Fünfter Kommis: »Passen Sie auf, Wilhelm, daß Sie nichts vergessen.« Wilhelm: »Seien Sie ganz ruhig. Eher mache ich einen Strich zuviel als einen zuwenig.« Erster Kommis: »Herr Schultze, hier ist jemand, der Sie zu sprechen wünscht.« Schultze: »Ah, der Herr aus der Droschke. Mein Herr, was steht zu Ihren Diensten?« Der Herr: »Bitte sehr. Im Gegenteil, ich erlaube mir, Ihnen meine Dienste anzubieten.« Schultze: »Mit wem habe ich die Ehre?« Der Herr: »Hermann und Kompagnie. Wir haben die Agentur der Straßburger Feuerversicherungsgesellschaft. Ihr Magazin ist noch nicht assekuriert.« Schultze: »Nein. Aber –« Der Herr: »Sie fürchten die vielen Umstände. Seien Sie unbesorgt! Sie haben nichts weiter nötig, als die Summe auszufüllen und Ihren Namen zu unterschreiben.« Schultze: »Entschuldigen Sie –« Der Herr: »O bitte sehr. Ich weiß, Sie haben heute erst aufgemacht und die Hände voll zu tun. Ich störe Sie keinen Augenblick länger. Unsere Sache ist in Ordnung, ich habe Ihr Wort, und das genügt mir. Morgen erhalten Sie die Police.« Schultze (ihm nacheilend): »Aber, mein Herr –« Ein zweiter Herr (Schultze den Weg vertretend): »Habe ich die Ehre, Herrn Schultze zu sprechen?« Schultz«: »Ganz ergebenst aufzuwarten!« Der zweite Herr: »Ich bin von der Englischen Gasgesellschaft und wollte fragen, ob Sie das Gas für Ihr neues Etablissement nicht von uns entnehmen wollen?« Schultze: »Bedaure sehr. Ich brenne bereits städtisches Gas, und Ihre Offerte kommt daher zu spät.« Der zweite Herr: »Zu spät kommt nie eine Offerte, die Vorteile bietet. Sie werden daher gewiß als Kaufmann –« Schultze: »Verzeihen Sie, ich werde soeben dort unten verlangt.« Der zweite Herr: »Lassen Sie sich nicht abhalten – ich komme morgen wieder.« Dritter Herr: »Herr Schultze?« Schultze: »Mein Name ist Schultze.« Dritter Herr: »Mein lieber Herr Schultze, es ist mir außerordentlich angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen, Ihre Einrichtung ist ausgezeichnet! Nehmen Sie meinen aufrichtigsten, herzlichsten Glückwunsch.« Schultze: »Verbindlichsten Dank.« Dritter Herr: »In der Tat, alles höchst propper und geschmackvoll. Die Regale – die Schaufenster – die Teppiche –« Schultze: »Sie sind sehr freundlich, aber –« Dritter Herr: »Es kann Ihnen gar nicht fehlen, mein bester Herr Schultze. Gegen diesen Ausbau ist ja das Gersonsche Gewölbe gar nichts. Und was mich betrifft, da können Sie sich meiner wärmsten Empfehlungen versichert halten.« Schultze: »Es wird mir gewiß sehr angenehm sein, wenn Sie mich in Ihren Kreisen rekommandieren, indes –« Dritter Herr: »In meinen Kreisen – ich bitte Sie! Ganz Berlin, ganz Preußen, ganz Deutschland führe ich Ihnen zu, Ich bin Mitarbeiter am Tages-Telegraphenanzeiger, – Auflage vierundzwanzigtausend – jeden Tag drei bis vier Annoncchen, und in zwei Jahren sind Sie ein gemachter Mann!« Schultze: »Ich halte nicht viel von den vielen Inseraten.« Dritter Herr: »Dann sind Sie schon in einem halben Jahre ein gemachter Mann, Ihr Geschäft wird zugemacht , Sie müssen sich fortmachen , und wenn Sie sich nichts im stillen gemacht haben, dann sind Sie gemacht ! Da haben Sie vier Wortspiele in einem Atem; werden Sie nun glauben, daß ich Einfluß habe auf die Presse?« Schultze: »Gewiß, aber in diesem Augenblicke –« Dritter Herr: »Haben Sie nicht Zeit – schadet nichts! Sie sind ja jeden Abend bei Volpi. Um neun Uhr treffen wir uns und besprechen das Nähere.« Schultz«: »Gott sei Dank, da kommt endlich eine Dame! Hoffentlich ist es eine wirkliche Kundin!« Die Dame: »Sie sind der Herr von dem Laden?« Schultze: »Zu befehlen, meine Gnädige!« Die Dame: »Na, wie gehen die Geschäfte?« Schultze: »Bis ietzt läßt sich noch nicht viel sagen.« Die Dame: »Sie haben erst heute früh eröffnet?« Schultze: »Jawohl, was würden Sie wohl zu sehen wünschen?« Die Dame: »Ich – durchaus nichts. Ich glaube aber, daß es Ihnen interessant sein dürfte, etwas zu sehen – in die Zukunft – meine ich nämlich.« Schultze: »Wie soll ich das verstehen, Madame?« Die Dame: »Die Sache ist ganz einfach, wenn sich die jungen Herren Kaufleute hier in Berlin etablieren, wollen sie gewöhnlich gern wissen, wieviel Tausende sie jährlich verdienen, was für eine Partie sie durch das Geschäft machen und wieviel Geld sie mitbekommen werden, und da lege ich ihnen gewöhnlich die Karten.« Schultze: »Ist das Ihr Ernst, liebe Frau?« Die Dame: »Na, ich alte Frau werde doch mit so 'nem hübschen jungen Herrn keinen Spaß machen.« Schultze: »Na, dann entfernen Sie sich auf der Stelle, zudringliche Person.« (Die Dame entfernt sich, und zur Freude der champagnerdurstigen Kommis füllt sich der Laden bald mit andern Besuchern, die alle Herrn Schultze persönlich zu sprechen wünschen. Dieser sieht sich bald von einem Kreis von Leuten umgeben, ohne zu wissen, wen er zuerst anhören soll.) »Was wünschen Sie ?« »Ich bin von der Straßenreinigungsanstalt, wir kehren hier jeden Morgen vor Ihrer Türe und wollen höflichst um ein kleines Trinkgeld gebeten haben.« »Was wünschen Sie ?« »Ich bin der Lithograph Steinschneider – Wenn Sie in Rechnungs-, Quittungs- und Wechselformularen etwas bedürfen –« »Was wünschen Sie ?« »Ist Ihnen vielleicht ein Vierte! zur nächsten Lotterie gefällig? Sie haben heute aufgemacht, versuchen Sie Ihr Glück.« »Was wünschen Sie ?« »Ich bin der Nachtwächter aus das Viertel. Ich wollte fragen, ob ich auf Ihren Laden ooch mit aufpassen soll.« »Was wünschen Sie?« »Sind Sie schon genügend mit Stahlfedern und Siegellack versehen?« »Was wünschen Sie ?« »Ich habe die Speiseanstalt hier gleich an der Ecke. vielleicht, daß Sie Ihre Kommis bei mich wollten essen lassen, – ich würde es im ganzen sehr billig machen.« »Was wünschen Sie ?« »Ich bin vereideter Dolmetscher, mein werter Herr Schultze. Wenn bei Ihnen mal was vorkommen sollte, von Schweden, Dänen, Polen oder Russen – hier ist meine Adresse.« »Was wünschen Sie ?« »Ich reise für die Gebrüder Sträuße. Wenn Sie in Rheinweinen –« »Wilhelm, Wilhelm! Auf der Stelle den Laden schließen!« Wilhelm: »Es sind sechsunddreißig Striche, Herr Schultze!« Schultz«: »Eben deshalb! wenn wir noch länger das Geschäft geöffnet halten, geht mein Kapital nächsten Sonntag in Champagner drauf!« Erster Kommis: »Ich habe Ihnen in meinem und im Namen meiner Kollegen eins Bitte vorzutragen, Herr Schultze.« Schultze: »Und die wäre?« Erster Kommis: »Ihre freundliche Einladung noch hinauszuschieben.« Schultze: »O durchaus nicht. Mit dieser Bitte, meine Herren, geben Sie das Zeugnis einer Gesinnung für mich, die allein eine Champagnerfeier wert ist. Jetzt sind Sie erst recht meine Gäste, meine Herren.« Die Kommis (ihre Waffen schwingend): »Hurra! Es lebe Herr Schultze!« Aus dem Kladderadatsch-Kalender für 1854   Das Warenhaus. von Christian Morgenstern. Aus »Palmström«, Verlag Bruno Cassirer, Berlin. Palmström kann nicht ohne Post           leben: Sie ist seiner Tage Kost, Täglich dreimal ist er ganz           Spannung. Täglich ist's der gleiche Tanz: Selten hört er einen Brief           plumpen in den Kasten breit und tief. Düster schilt er auf den Mann,           welcher, wie man weiß, nichts dafür kann. Endlich kommt er drauf zurück,           auf das »Warenhaus für Kleines Glück«. Und bestellt dort, frisch vom Rost,            (quasi): ein Quartal – »Gemischte Post«! Und nun kommt von früh bis spät           Post von aller Art und Qualität. Jedermann teilt sich ihm mit,           brieflich, denkt an ihn auf Schritt und Tritt. Palmström sieht sich in die Welt           plötzlich überall hineingestellt ... Und ihm wird wirr und weh ...           Doch es ist ja nur das – »W. K. G.« Tricks und Kniffe Tricks und Kniffe. Jeder Geschäftsmann hat sie. Mancher nennt es Methode, Usance, Brauch, Gewohnheit. Anekdoten und Schnurren aus früherer Zeit geben uns bekannt, was für sonderbare Methoden früher als kaufmännisch und durchaus ehrenhaft galten. Sklavenhandel war was ganz selbstverständliches, weniger dürfte bekannt sein, daß selbst ein Ehrenmann wie Joachim Nettelbeck auf den Sklavenhandel sich einschiffte. (Siehe »Kaufmanns Abenteuer« von Hans Ostwald.) Ihm wurde es allerdings schließlich unerträglich. Aber wir finden ja in der Kulturgeschichte manches, was uns unerträglich scheint. Damals war es ganz natürlich. – Diese Tricks-Geschichtchen bilden eine kleine Kulturgeschichte für sich. Sie werfen recht eigentümliche Schlaglichter in manche Winkel. Sie erhellen manche Zeiten – und manche menschlichen Eigenschaften und Leidenschaften. Wohltuend ist der Humor, der aus ihnen herausschaut und der beweist, daß die Welt auch mit Vergnügen betrachtet werden kann – und daß selbst Unangenehmes ganz natürlich erscheint – wie es z. B. die köstliche und verständnisvolle Geschichte von Rothschilds Taschentuch beweist. Dies Kapitel läßt manche Eigenheit des Kaufmannes erkennen. Neben den komischen Sonderlingen der Kleinstadt, neben den verbummelten Kümmel-Spekulanten reckt sich der alle Hindernisse rücksichtslos niedertrampelnde Yankee und der selbstbewußte Großunternehmer hervor, wie ihn der berühmte Hotelier Sendig aus Dresden schildert. Das gibt eine hübsche Galerie von Charakterköpfen. Sie bieten Material für eine recht lebendige Kulturgeschichte – vom Mittelalter und seinen naiven Malerrechnungen bis Zu den modernen Kunsthändlern –, die Paul Gutmann mit solch treffenden, amüsanten Linien zeichnete – und bis zu Morgan, der so lustig die Geschäftsart der wiener bespöttelt. In einigen andern Abschnitten findet der Leser auch noch allerlei Tricks und Kniffe. Sie gehören zum Kaufmann. Wehe dem, der keine hat! Die erste Schreibmaschinenstunde. Paul Simmel   Eine spezifizierte Malerrechnung. In alten Akten der Lorenzkirche in Nürnberg hat man folgende Rechnung eines Malermeisters gefunden: 1. Dem einen Schächer am Kreuze eine neue Nase gemacht und seine Finger ausgestreckt, 2 Gulden 24 Kreuzer. 2. Den Pontius Pilatus aufgeputzt, neues Pelzwerk um die Mütze gesetzt und hinten und vorn neu angestrichen, 1 Gulden 30 Kreuzer. 3. Dem Engel Gabriel die Flügel mit frischen Federn besetzt und den vordersten vergoldet. 2 Gulden 30 Kreuzer. 4. Des Hohenpriesters Kaiphas Magd gewaschen und dreimal angestrichen. 1 Gulden 50 Kreuzer, 5. Dem Petrus einen Zahn eingesetzt und dem Hahne den Kamm ausgeputzt. 1 Gulden 30 Kreuzer, 6. Den Himmel mehr ausgebreitet und acht neue Sterne eingesetzt. 2 Gulden 15 Kreuzer. 7. Das höllische Feuer vergrößert, einige Seelen restauriert und dem Teufel mehr Malice gemacht, 1 Gulden 15 Kreuzer. 8. Dem Judas die 30 Silberlinge versilbert, 45 Kreuzer. 9. Dem linken Schacher eine verzweifelte Miene beigebracht. 2 Gulden 10 Kreuzer, 10. Dem Moses mehr Ansehn gegeben und seinen Bruder Aron mehr herausstaffiert. 2 Gulden 12 Kreuzer. 11. Dem goldenen Kalbe den verlorenen Kopf wieder aufgesetzt. 2 Gulden 45 Kreuzer. 12. Den Pferden an Elias Wagen neue Hufeisen gemacht und den weg zum Himmel genauer bezeichnet. 2 Gulden 15 Kreuzer. 13. Dem Joseph mehr Unwillen im Gesicht gegeben und die Frau Potiphar gefirnißt. 3 Gulden 30 Kreuzer. 14. Dem blinden Tobias den Schwalbendreck aufgefrischt, 1 Gulden 15 Kreuzer. Nürnberg, 1 Febr. 1764. J. T. Markart , wohlbestallter Maler an der Kirche Sanct Lorenzo.   Ein merkwürdiger Sklavenhandel. Ein als vielfacher Millionär gestorbener amerikanischer Großkaufmann erzählte im Alter gern, wie er den Grundstock zu seinem Vermögen gelegt hatte. Er war als junger Bursche bettelarm gewesen und diente als Matrose auf einem amerikanischen Schiff, das mit Handelswaren nach Ostindien segelte. Aber ein reger kaufmännischer Geist steckte schon damals in dem jungen Burschen, und so kam er auf einen Gedanken, der ihm Geld einzubringen versprach. Eines Tages, als das Schiff in Java vor Anker lag, schwärzte er sich mittels eines Topfes Schuhwichse Hände und Gesicht dermaßen, daß er vollständig einem Neger glich, wobei ihm seine krausen Haare und seine etwas aufgestülpte Nase zu dieser Verwandlung trefflich halfen. In dieser veränderten Gestalt begab er sich zu einem holländischen Pflanzer und verkaufte sich ihm als Sklave um den Preis von 400 Dollar. Am nächsten Morgen entfloh er dann als vollständiger Weißer und wiederholte dieses Mannöver in jedem Hafen, in welchem sein Schiff vor Anker ging. So verwandelte er sich wohl acht- bis zehnmal in einen Neger und wieder in einen Weißen und nahm dadurch ein ganz ansehnliches Sümmchen ein. Endlich wurde er durch diesen Streich kühn gemacht und unternahm nach einiger Zeit einen größeren Handel, der ihm eine bedeutende Bereicherung einbrachte. Im Einverständnis mit den fünfzehn Mann, welche die Bemannung des Schiffes bildeten, kleidete er dieselben in Lumpen, schwärzte sie vom Kopf bis zu den Füßen mit Wichse und ließ auf einer holländischen Insel, auf der man angelegt hatte, mit Trompetenschall verkünden, daß er an demselben Abend eine ganze Ladung Kongoneger, lauter prächtige, kräftige Ware, verkaufen wolle. Es fanden sich eine Menge Käufer ein, die Sklaven wurden untersucht – noch nie hatte man so muskulöse, wohlgenährte und gutmütige Neger gefunden. Überdies wußte ihr Verkäufer ihren Fleiß, ihre Gutmütigkeit und Folgsamkeit nicht genug zu rühmen. Er wurde sie alle los, und zwar zu außergewöhnlich guten Preisen, die ihm sofort ausbezahlt wurden. Die Holländer führten ihre Ware fort und waren alle überzeugt, daß sie ein ungewöhnlich gutes Geschäft gemacht hätten. Allein, während sie in diesem Gefühl ruhig schliefen, liefen ihre sämtlichen Sklaven auf und davon. Ein Boot erwartete sie am Ufer, und das Schiff ging unter Segel, ohne erst das Erwachen ihrer neuen Herren abzuwarten. Der geschäftstüchtige Yankee gab natürlich jedem der beteiligten Matrosen ein gutes Stück von dem Kaufpreis, behielt aber den größten Teil für sich und erlangte so ein hübsches kleines Vermögen, das er nach seiner Rückkunft in Boston noch durch Spekulationen und Geschäfte vergrößerte. Er wurde nicht nur ein sehr reicher, sondern auch ein sehr angesehener Kaufmann und erzählte von allen Erlebnissen seines Lebens immer am liebsten diesen schlauen Sklavenhandel, mit dem er den Grundstock zu seiner späteren Existenz gelegt hatte.   Ein Prozeß um die Hosen des Königs Pharao. In Paris lebte in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts ein Antiquitätenhändler namens Collard, der große Geschäfte machte, obgleich oder gerade weil er sehr seltsame Sachen verkaufte: Ein Haar aus dem Barte Mohammeds, ein Schlafrock Ludwigs des Heiligen, ein paar Strümpfe Napoleons, und sogar eine Hose, die König Pharao getragen hatte. Gewöhnlich waren reiche Engländer und vor allem Amerikaner die Kunden des Herrn Collard, der seine Waren manchmal zu geradezu phantastischen Preisen an den Mann zu bringen wußte. Ein Mr. Hill aus Neuyork hatte eines Tages die Hose des Königs Pharao für die schöne Summe von 450 Dollar von Herrn Collard erstanden. Diese Hose nun lag kurz darauf auf einem Pariser Richtertisch und war Gegenstand eines Prozesses geworden, da dem Herrn Hill lebhafte Zweifel an der Echtheit dieser ehrwürdigen Reliquie aufgestiegen waren und Herr Collard sie auf keinen Fall wieder zurücknehmen wollte. Interessiert betrachtete der Gerichtshof die Hose. Sie war aus einem groben Wollstoff fabriziert und besaß eine Farbe, die aus allen möglichen Nuancen zusammengesetzt schien. Herr Collard meinte, die Jahrtausende hätten diese Farbe erzeugt, die unsere Zeit überhaupt nicht herstellen könne, Mr. Hill dagegen behauptete, daß die Hose ursprünglich indigoblau gefärbt gewesen und das wunderbare Kolorit infolge häufiger Wäsche entstanden sei. Er habe die Hose von Herrn Collard in dem guten Glauben gekauft, daß der König Pharao von Ägypten sie wirklich getragen habe, durch den deutschen Archäologen, Professor O. F. H. Müller in Göttingen sei aber nachgewiesen worden, daß König Pharao überhaupt keine Hosen getragen habe. Der deutsche Gelehrte beweise dies auch aus dem Tacitus, der den Galliern nachsagte, daß sie Hosen trügen, was Tacitus sehr lächerlich fand. Da Pharao nun aber keineswegs ein Gallier gewesen sei, so könne er auch keine Hosen getragen haben, folglich sei auch die auf der Gerichtsbank liegende Hose keine Pharaonische. Zweitens beweise derselbe gelehrte Archäologe, daß die in Rede stehenden Unaussprechlichen Baumwollfasern enthielten, während vor dreitausend Jahren die Baumwolle noch gar nicht bekannt gewesen sei, weshalb der ägyptische König sie auch nicht getragen habe und sie deshalb keine fünf Sous wert seien. Drittens endlich sei Indigo, wie allgemein bekannt, eine neue Erfindung, diese angeblich so alte Hose sei daher eine ganz neue, und Herr Collard müsse daher die zu Unrecht dafür erhaltenen 450 Dollar wieder zurückgeben. Herr Collard war dagegen anderer Meinung. Ob jene Hosen von König Pharao persönlich getragen worden seien, wisse er nicht, denn er sei noch keine 3000 Jahre alt, aber er berufe sich auf eine in Hieroglyphen abgefaßte Urkunde, welche die Echtheit der Hose ausdrücklich bezeuge. Die Baumwollfasern bewiesen überhaupt nichts. In Ägypten habe die Kultur längst herrlich geblüht, als Paris noch eine Fischerhütte gewesen sei, man könne daher nicht mit Gewißheit sagen, daß die alten Ägypter die Baumwolle nicht gekannt hätten. Der Anwalt des Mr. Hill ließ jedoch das von Collard Angeführte nicht gelten. Die Hosen seien mit Zwirnfäden und Seide genäht, in Pharaos Zeiten hätte man weder Seide gekannt, die aus China stammte, noch Zwirn, der viel später erst erfunden wurde. König Pharao habe überdies einen starken Leib gehabt, das gehe aus der Bibel hervor, und diese Hosen paßten nur einem Mageren. Er habe daher Herrn Collard stark im Verdacht, daß er seine eigene abgenutzte Garderobe als Pharaonische verkaufe. Herr Collard fuhr hier sehr entrüstet auf und äußerte, man wolle sein Geschäft in Mißkredit bringen. Das Ganze sei ein rein wissenschaftlicher Streit, der vor dem Forum des Gerichts überhaupt nicht ausgetragen werden könnte. Erst müßten einmal alle die in dem Prozeß angeschnittenen historischen Fragen wissenschaftlich gelöst sein, ehe man ihm zumuten dürfte, das Geld dem Mr. Hill zurückzuzahlen. Der Gerichtshof, der die Streitfrage offenbar sehr ernst nahm, zog eine Reihe von Sachverständigen zu Rate und entschied dann gegen den geschäftstüchtigen Herrn Collard. Zunächst sei dem Gericht die Frage, ob der König Pharao überhaupt Hosen getragen habe, vollkommen gleichgültig, und es mischte sich auch nicht in den Streit, ob es damals schon Baumwolle in Ägypten gegeben habe. Dagegen finde der Gerichtshof, und das sei für ihn entscheidend, daß die Soldaten des ersten Kaiserreichs in den ruhmreichen Schlachten, die sie gekämpft, genau die gleichen Hosen getragen hätten wie diese angebliche Pharaonenhose eine sei. Es unterliege daher gar keinem Zweifel, daß diese Hose aus der Napoleonischen Zeit stamme, also mit dem angeblichen König Pharao nichts zu tun haben dürfte. Mr. Hill hätte also die gleiche Hose bei jedem Trödler für einen halben Franken erstehen können, und es läge daher eine bedeutende Übervorteilung im Kaufpreise vor. Aus diesem Grunde müsse Herr Collard die Hose zurücknehmen und 450 Dollar nebst den gesamten Gerichtskosten bezahlen. Collard war verzweifelt über diesen Ausspruch des Gerichts. Er erklärte, dieses Urteil vernichte sein ganzes Lager an Altertümern, das weit über hunderttausend Franken wert sei, und rief erschüttert aus: »Wer wird noch den Mut haben, die Pantoffel des Papstes Sixtus V., die Tabaksdose des Dichters Virgil oder die Schnurrbarthaare Cartouches zu kaufen?« Und händeringend verließ er den Gerichtssaal.   Ein Prozeß um 20 000 Lire. Ein reicher deutscher Bankier, der sich eine Zeitlang in Neapel aufhielt und dort durch seine Wohltätigkeit gegen Bettler bei der Bevölkerung ziemlich bekannt war, ging eines Morgens am Meeresstrand spazieren und genoß entzückt den Anblick der herrlichen Landschaft und des tiefblauen Himmels. Plötzlich nahte sich ihm ein schäbig gekleideter Mann und redete ihn mit den Worten an: »Verzeihen Sie, aber wollen Sie mir nicht endlich die 20 000 Lire zurückzahlen, die ich Ihnen geliehen habe?« Der Bankier sah ihn erstaunt an und mußte unwillkürlich lächeln. Die Sache war aber auch zu komisch, denn der Italiener sah wirklich nicht danach aus, als ob er in seinem Leben auch nur einfache 20, geschweige denn 20 000 Lire besessen hätte. »Sie irren sich wohl in der Person!« sagte er endlich belustigt. »Ich wüßte nicht, daß ich Ihnen etwas schuldig wäre.« »Mein Herr,« erwiderte der Neapolitaner, indem er mit Würde seinen Kopf zurückwarf, »Sie scheinen ein kurzes Gedächtnis zu haben! Erinnern Sie sich wirklich nicht mehr, wie Sie mich um die 20 000 Lire baten, weil Sie in dringender Geldverlegenheit seien, und wie ich sie Ihnen aus Mitleid lieh?« Dem Bankier wurde jetzt der Spaß doch etwas zu toll. »Zum Teufel, mein Herr«, schrie er. »lassen Sie mich gehen! Suchen Sie sich anderswo ein Opfer für Ihre dummen Späße!« »Ich spaße nicht!« sagte der Italiener ernst, »wenn Sie mich nicht binnen acht Tagen bezahlt haben, muß ich Sie verklagen. Hier haben Sie meine Adresse.« Damit drückte er dem Deutschen einen Zettel mit seinem Namen und seiner Wohnung in die Hand. Der Deutsche sah sich die Adresse verblüfft an. »Dummes Zeug!« dachte er und ging seiner Wege. Und er hatte bald die ganze Geschichte vergessen. Wie erstaunte er aber, als er nach etwa zehn Tagen eine gerichtliche Vorladung zu einem Termin erhielt. Der Italiener hatte ihn wirklich auf Rückgabe der angeblich geliehenen 20 000 Lire verklagt. Entrüstet ging er zum ersten Advokaten von Neapel, schimpfte über die Frechheit dieses Bettlers und verlangte einen geharnischten Protest beim Gericht. Der Advokat lächelte und sagte: »Lassen Sie mich nur machen! Sowas kommt hier öfter vor, Sie dürfen aber vor Gericht sich in nichts hineinmischen, was ich vornehme.« Der Bankier ging etwas beruhigt nach seinem Hotel, und an dem festgesetzten Tage erschien er vor Gericht. Der Vertreter des Klägers erhob hier mit sicherer Stimme seine Klage dahin, daß sein Klient dem Beklagten in einer augenblicklichen Verlegenheit 20 000 Lire auf vierzehn Tage geliehen habe, sie aber trotz mündlicher Mahnung nicht zurückbekommen könne. Der Richter fragte ihn, ob er einen Schuldschein über die Summe besitze. »Einen Schuldschein besitzt mein Klient nicht«, sagte der Anwalt. »Aber hier stehen sechs Bürger von Neapel, die Zeugen des Darlehns waren und den Vorgang eidlich bezeugen werden.« Damit traten sechs zerlumpte und verdächtig aussehende Individuen an den Richtertisch. Der Bankier wollte hier entrüstet aufspringen und gegen, eine so ungeheure Frechheit und Gemeinheit protestieren, aber sein Advokat hielt ihn mit einer kräftigen Handbewegung auf seinem Stuhle fest. »Herr Richter!« sagte der Anwalt. »Mein Klient bestreitet gar nicht, von dem ehrenwerten Kläger die 20 000 Lire als Darlehn erhalten zu haben, aber – er hat dieselben pünktlich, wie abgemacht war, zurückgezahlt. Zum Beweise stehen hier zwölf Bürger von Neapel, die eidlich bezeugen werden, daß sie gesehen haben, wie mein Klient das ganze Geld dem Kläger zurückgegeben hat.« Damit öffnete der Anwalt die Tür und führte zwölf noch zerlumptere Lazzaroni herein, die ohne weiteres den verlangten Eid schworen und damit den Prozeß zugunsten des Bankiers beendeten. Draußen aber sagte der Advokat zu dem Deutschen: »Sie sehen, die italienische Gerichtspflege ist gar nicht so übel, man muß nur verstehen, mit ihr umzugehn!«   Ein unfreiwilliger Geschäftsmann. Dem Grafen von Flamarens, einem Edelmann vom alten Schrot und Korn, der gewiß in seinem ganzen Leben nie daran gedacht hatte, sich durch Kaufmannsgeschäfte Geld zu verdienen, passierte aber doch eines Tages ein Abenteuer, das ihm wider Willen und auf eine durchaus kaufmännische Art eine hübsche Summe einbrachte. Der Graf, der nach Vollendung einer langen militärischen Laufbahn sich mit Ehren in die Provinz zurückgezogen hatte, wo ihm ein kleines Vermögen erlaubte, seinem Stande gemäß zu leben, war eines Tages gezwungen, in einer Prozeßangelegenheit eine Reise nach Paris zu machen. In kleinen Tagereisen zu Pferde näherte er sich seinem Ziele und kam schließlich durch den Wald von Fontainebleau. Nach einer Weile merkte er, daß eine Menge Menschen hier ritten, die alle einen bestimmten Seitenweg einschlugen und offenbar dasselbe Ziel hatten. Die Neugierde reizte den Grafen, ihnen zu folgen, obgleich er dabei einen kleinen Umweg machte. Nachdem er eine Weile geritten war, kam er auf einen großen Platz, das Fort de la Viche, wo er eine große Anzahl gewöhnlich gekleideter Männer fand, die abgestiegen waren und ihre Pferde an die Bäume gebunden hatten. Flamarens erster Gedanke war, er befände sich unter einer Räuberbande, und es wurde ihm doch bedenklich zumute, da eine Flucht ganz unmöglich erschien. Denn immerfort erschienen noch neue Reiter, alle auf dem einzigen Wege, den er hätte einschlagen können. Das beste Mittel erschien ihm daher, es auch so zu machen wie die andern und auf diese Weise sich den Schein zu geben, als gehöre er mit zu ihnen. Er stieg also ab und band sein Pferd ebenfalls an einen Baum. Aber bald vermehrte sich seine Besorgnis, da aller Augen sich nach ihm hinwandten und sich mehrere zu einer Gruppe zusammenfanden, die leise miteinander sprachen, ohne ihn aber dabei aus den Augen zu lassen. Endlich trat ein verdächtig aussehender Kerl hervor, ging ohne weiteres auf den Grafen zu und fragte ihn, aus welchem Grunde er sich hier befinde. Der Graf, dem es allmählich doch und mit Recht ängstlich zumute geworden war, blieb standhaft bei seiner Rolle und antwortete: »Wahrscheinlich, mein Herr, bin ich hier aus demselben Grunde, der Sie hergeführt hat.« Der Abgeordnete ging fort, trat wieder zu seinen Kameraden, und das Geflüster begann von neuem. Nach einer weile kam derselbe Kerl wieder zum Grafen und bot ihm 200 Louisdor, wenn er sich wegbegeben würde. Ganz erstaunt über diesen unerwarteten Vorschlag, aber jetzt doppelt neugierig, antwortete der Graf aufs Geradewohl, das sei ihm nicht genug. Der Kerl ging wieder zu seinen Freunden, er kam nochmals, und da der Graf, der zwar durchaus nichts von der Sache begriff, aber jetzt alles von der komischen Seite nahm, sich hartnäckig verhielt, so wurden ihm schließlich 500 Louisdor angeboten, die ihm der Kerl in Goldstücken und fast mit Gewalt aufdrängte. Dem Grafen war es ganz wunderlich zumute, er strich das Geld ein, stieg wieder zu Pferde und ritt unter vielen Komplimenten der Leute davon. Dabei schien es ihm, als ob sie Wunders wie vergnügt wären und sich freuten wie über ein gutes Geschäft. Als nun der Graf nach Melun kam, erkundigte er sich, was diese merkwürdige Versammlung im Walde zu bedeuten hätte, und erfuhr jetzt, daß auf dem Fort de la Viche gerade an diesem Tage eine große Holzversteigerung stattgefunden habe. Alle diese Leute waren Holzhändler gewesen, die sich geeinigt hatten, sich nicht gegenseitig zu überbieten, und die, da es sich um sehr große Wertobjekte handelte, froh gewesen waren, als sie den Unbekannten, den sie für einen vielleicht gefährlichen Konkurrenten hielten, für einen so billigen Preis los wurden.   Wer war der Schlauere?. Auf einem der jährlichen Märkte einer kleinen Stadt Rußlands bemerkte ein Herr, wie ein Zigeuner und ein Pole um ein Pferd feilschten. Neugierig, zu erfahren, welcher von den beiden Gaunern wohl der geriebenste war, ging er, nachdem der Handel abgeschlossen war, zu dem Zigeuner und fragte ihn, wieviel er für das Pferd bekommen habe? Der Zigeuner öffnete seine Hand und zeigte eine Zehnrubelnote. »Aber ist denn das nicht sehr wenig?« »Nein,« sagte der Zigeuner, »denn der Gaul ist ja ganz lahm.« Der Herr ging daraufhin zu dem Polen und sagte: »So, Sie haben zehn Rubel gegeben für ein lahmes Pferd?« Der Pole zwinkerte mit den Augen und sagte: »Lahm! Der Gaul ist so gesund wie Sie, ich habe bemerkt, daß er ganz falsch beschlagen war, und das ist es, warum er hinkt.« Der Herr wandte sich wieder dem Zigeuner zu und übermittelte ihm das soeben Gesagte, worauf der Zigeuner mit dem Auge zwinkerte und flüsterte: »Er ist lahm wie ein alter zweibeiniger Stuhl, ich habe ihn absichtlich so falsch beschlagen lassen, damit man meint, das wäre die Ursache des Hinkens.« Nachdem hiervon der Pole wiederum in Kenntnis gesetzt worden war, schien er doch betroffen und ließ einen Augenblick den Kopf hängen. Dann raffte er sich auf mit einem kleinen Seufzer und beruhigte sich mit den Worten: »Na, es macht auch nichts, die Zehnrubelnote ist ja falsch.«   Die Zauberlade. Ein Seiler schritt durch den Basar und bot seine Stricke aus. Ein Kaufmann hielt ihn an und begann mit ihm zu feilschen. Die Stricke seien morsch, dünn, schlecht gedreht und würden morgen reißen, nörgelte der Kaufmann so lange, bis er den Preis genugsam gedrückt hatte. Dann erstand er die Ware um billiges Geld und legte sie in seine Lade. – Als eine Kundschaft kam, zog der Kaufmann die Stricke wieder hervor, und nun konnte er sie nicht genug loben: wie fest und dauerhaft sie seien, wie gut der Hanf, wie gut die Arbeit daran. – Wirklich gelang es ihm, der Kundschaft die Stricke aufzuschwatzen. Rifat ib'n Salith, zubenannt »der Gute«, der alles mit angesehn hatte, trat jetzt näher und sprach: »Schade, daß deine Lade nicht groß genug ist, um einen Menschen aufzunehmen! Wieviel Bösewichte könntest du in einem Tage bessern, da du in deiner Zauberlade so schnell aus schlechten Stricken gute machst.«   Ein Yankeetrick. Vier Kaufleute in Boston, die gut miteinander bekannt waren, erfuhren eines Morgens auf der Börse, daß ein Kaufmann in Farmington, Staat Maine, der ihnen allen größere Summen schuldete, sich in bedrängter Lage befände. Sofort setzten sich alle vier in einen Eisenbahnzug, der eine vier Meilen von Farmington befindliche Station passierte. Ihre Absicht war, das Lager des Kaufmanns durch den Sherif in Beschlag legen zu lassen. Auf der Station angekommen, fanden sie dort nur einen Einspänner, den drei sofort bestiegen, wobei sie dem vierten das Nachsehen ließen. Der aber sprang schnell auf den Bock zu dem Kutscher, kaufte ihm gegen bar und zu einem guten Preise das Pferd ab und schnitt die Stränge des Wagens ab. Dann setzte er sich auf das Pferd und ritt eiligst nach Farmington, während die andern ihm zu Fuß folgen mußten. Natürlich war die Exekution schon erfolgt, als die Fußgänger ankamen. Der zuerst Gekommene erhielt sein ganzes Geld, die andern drei gingen leer aus.   Eine Wechselschuld. Nach englischen Zeitungen stellte in Killkenny ein verheirateter Kaufmann einer Dame, die er liebte, ein Eheversprechen in Form eines Wechsels aus: »Ich, Unterschriebener, N. N., verspreche, zwei Tage nach dem Tode meiner Frau die Vorzeigerin dieses Wechsels zu heiraten.« Aber noch zu Lebzeiten der Frau des Kaufmanns starb die Besitzerin des Wechsels und übergab ihn vorher endossiert einer ihrer Verwandten. Diese starb aber ebenfalls, und zwar nicht ohne das Eheversprechen einer dritten zu übertragen. Sobald nun die Frau des Kaufmanns tot war, präsentierte diese dritte Besitzerin des Eheversprechens den Wechsel dem höchst erstaunten Kaufmann, der nach dem Tode seiner Geliebten die ganze Sache für erledigt gehalten hatte. Trotzdem hegte er als gewissenhafter Kaufmann vor seiner Unterschrift eine solche Achtung, daß er die ihm gänzlich unbekannte Dame am zweiten Tage nach dem Tode seiner Frau heiratete.   Zwei gute Branchen. Ein Schornsteinfegermeister begegnete einem Geistlichen, der ihn mit folgenden Worten anredete: »Nun, lieber Meister, so fleißig? Wieviel Schornsteine haben Sie denn heute schon gefegt?« »Einige zwanzig, Hochwürden!« »Und was bekommen Sie für jeden?« »Vier Groschen.« »Ei, das macht mehr als drei Taler, die sind aber schnell verdient worden.« »Jawohl, Hochwürden, Sie wissen das ja am besten! Uns Schwarzröcken wird es ja nicht schwer, Geld zusammenzuschlagen.«   Rotschilds Taschentuch. Auf einem Dampfer, der von Mainz nach Köln Viel reiselust'ge Passagiere brachte, Befanden sich auch einst zwei Herren, Die ihres Reichtums wegen viel Aufsehn machten. Rotschild und Eskeles, die beiden Bankiers aus Wien, Sie wollten auch einmal dem Goldstaub sich entziehn; Sie wollten auch einmal an der Natur sich laben Und nach vielen Wechseln auch mal 'ne Abwechslung haben. Doch wie es oft dem reichen Mann ergeht, Der Tag und Nacht an seinem Zahltisch steht, Nur Zahlen kennt und nichts als Zahlen weiß zu deuten. So auch erging es diesen beiden Leuten, Rotschild und Eskeles. – Obgleich bei mancher Station, Johannesberg am Mäuseturm, Bingen, »Ach, wie schön ist die Natur« ertönte, So vermochten doch den Zahlengeist die beiden Herrn nicht zu bezwingen, Denn sie rechneten und sprachen von Geschäften nur. – Ein kleiner Jud' aus Polen stand unfern Der beiden ehrenwerten Herrn Und blickte schmunzelnd oft nach Rotschilds Taschentuch, Das aus der Tasch' ihm hing. »Bei Gott, es ist kein Trug,« begann der kleine Jud', »Das Tuch ist reine Seide. Was wär's für eine Freude, Wenn es wär' mein. Wenn ich es dem Herrn könnt' wegstibizen. In allen Farben spielt's, 's muß großartig sein, Wenn man kann stecken die Näs' in so'n Tuch hinein, 's muß wahrhaftigen Gott die Riechorgane reizen, Wenn man kann die Näs' in so'n Tuch sich schnäuzen. Das Muster ist königlich, wie heißt königlich? S'ist kaiserlich, s'ist noch mehr, s'ist'e fürstliches Geweb' Bei meiner Ehr'! – Und die Blumen, Gott wie sein Und dazu die schöne Borte, Der Mann hat doch gewiß noch mehr von dieser Sorte, Sonst läßt er's nicht hängen So lang zur Tasche heraus, Und stibitz' ich's ihm, macht er sich auch nichts draus. Die Fingerspitzen springen, Ich muß mich mit dem Tuch in nähere Bekanntschaft bringen. Es winkt mir immer zu – es winkt mir immer zu, Und krieg' ich's nicht, ich hab' im Grab noch keine Ruh'!« Nach diesem Selbstgespräch Schlich sich der Jud' aus Polen Zu Rotschild hin, das Taschentuch zu holen. Dach kaum hat er den Zipfel nur erfaßt, So sieht ihn Eskeles, den ungebet'nen Gast. Er spricht Zu Rotschild: »Rotschild, gib acht, ein Dieb, Er langt nach deinem Tuch, Schnell gib ihm einen Hieb!« Doch Rotschild spricht sanft lächelnd: »Laß ihn langen; Wir haben doch auch einmal klein angefangen!«   Die beiden Schimmel. Der Baron von Reibnitz hat zwei Schimmel gehabt, die prachtvollsten Schimmel, weit und breit und unter Brüdern zusammen 3000 Mark wert, natürlich unverkäuflich. Was hat sich der Pferdehändler Salomon für Mühe gegeben, die Schimmel Zu bekommen; nichts zu machen. Eines Tages läßt sich der Herr Baron den Salomon kommen und sagt: »Mein lieber Salomon, Sie können die Schimmel haben, wie sie im Stall stehen und liegen, um 500 Mark.« Salomon legt hocherfreut die 500 Mark auf den Tisch des Hauses, geht hinunter in den Stall, da liegen die beiden Schimmel mausetot, über Nacht an Brustseuche krepiert. Salomon sagt kein Wort, schlägt keinen Lärm, geht ins Kaffeehaus und trifft dort am Stammtisch fünf Geschäftsfreunde und erzählt so nebenbei, er solle die Schimmel vom Herrn Baron verkaufen um den Spottpreis von 1000 Mark. Nun wollte natürlich jeder die Schimmel haben. »Wir wollen das so machen,« sagt Salomon, »jeder von euch gibt mir 200 Mark, und wer das längste Zündhölzchen zieht, dem gehören die Schimmel.« Alle sind einverstanden, Salomon steckt die 1000 Mark ein, und Moritz Leichenstein zieht das längste Hölzchen, läuft hocherfreut in den Stall, kommt zurück ins Kaffeehaus und schreit: »Du Schwindler, du Lump, die Schimmel sind ja kaputt, was tue ich denn mit gewesenen Schimmeln?« Da zückte Salomon die Brieftasche, gibt dem Leichenstein 200 Mark und sagt: »Hier hast du dein Geld wieder, jetzt will ich aber kein Wort mehr hören, ich verkaufe jetzt die Häute von den Schimmeln.«   Der schlaue Kleiderhändler. Ein Berliner Trödler, der mit allem möglichen handelte, hatte eine amüsante List erfunden, um die auf seinem Lager befindlichen alten Hosen und Röcke an den Mann zu bringen. Er erstand nämlich alte oder sehr billige Portemonnaies, die gar keinen Wert mehr hatten, und steckte eins davon in eine Tasche jeder Hose und jeden Rockes, die er zum Verkauf aushing. Sobald nun ein Käufer kam, und sich eins der Kleidungsstücke besah, probierte er es natürlich an und befühlte wohl auch den Stoff und merkte dann plötzlich, daß etwas in der Tasche steckte. Vorsichtig, damit der offenbar ahnungslose Händler nichts merkte, betastete er den geheimnisvollen Gegenstand. Sicherlich war es ein Portemonnaie, das der frühere Besitzer, denn es wurden ja nur getragene Sachen hier verkauft, aus Versehen zurückgelassen hatte. Welch ein Fund war das! Vielleicht verbarg das Portemonnaie einen Schatz – Geld war auf jeden Fall darin! Die Entdeckung war natürlich viel zu verlockend, als daß der Käufer sich von dem Erwerb dieses Kleidungsstückes irgendwie noch abhalten ließ. Er kaufte es also, ohne sich mit Handeln lange aufzuhalten, und entfernte sich dann schleunigst mit seinem Schatz, während der schlaue Händler ihm vergnügt nachschaute. Wenn dann der Käufer im ersten besten Hausflur Gelegenheit nahm, seinen Fund zu betrachten, dann fand er ein abscheulich altes und jedenfalls wertloses Portemonnaie, das leider keinen Pfennig baren Geldes enthielt.   Eine poesieerfüllte Kleinstadt. In einer kleinen Stadt im nördlichen Schleswig hatte sich ein ästhetisch-literarischer Verein gebildet, dessen zahlreiche Mitglieder durch eifriges Lesen empfindsamer Romane sich ein ganz besonders romantisches Wesen angewöhnt hatten. Einmal, im Spätherbst, kam ein Hosenzeugfabrikant in das Städtchen und wandte sich an einen Ladenbesitzer mit der Frage, ob er vielleicht Hosenstoffe gebrauchen könnte. »Hosenstoffe?« rief der Gefragte erstaunt. »Nein, mein Liebster, wenn die Sonne den Bäumen die ersten Blätter entlockt und die Lerche in den blauen Lüften ihr erstes Lied singt, dann sprechen Sie wieder vor.« Kopfschüttelnd ging der Hosenzeugfabrikant weiter und erschien bei einem andern Ladenbesitzer, an den er die gleiche Frage richtete. Zu seinem nicht geringen Erstaunen entgegnete ihm dieser: »Wenn die Sonne die ersten Knospen aufküßt und die Nachtigall im Hain ihre ersten Liebesseufzer flötet, dann lassen Sie uns von Hosenzeugen reden.«   Der betrogene Betrüger. Mit dem Pferdehandel ist es eine eigentümliche Sache, das lernte auch der Kronenwirt in einem kleinen Städtchen der Pfalz kennen. Einstmals kam ein Pferdehändler zu ihm und fragte: »Kronenwirt, brauchst du keinen Gaul?« Dem Kronenwirt war es nun recht bequem, das man ihm das Pferd sogleich vors Haus brachte, aber er war auch mißtrauisch, denn der Händler hatte ihn schon verschiedene Male angeführt. Bald hatte er ihm einen Kopper verkauft, bald ein Pferd, das nicht einspännig ging, bald einen Lederfresser, der immer am Lederwerk knupperte. Er sagte daher: »Freilich brauche ich einen Gaul. Aber, Alterchen, ich laß mich nicht mehr hinters Licht führen, und du mußt mir, wenn wir handelseins werden, schriftlich für das Koppen, Enspänniglaufen und Lederfressen garantieren.« »Weiter nichts? Auch gut!« war die Antwort, und sie einigten sich über den Preis und das Schriftliche wurde aufgesetzt. Andern Tags kam der Kronenwirt zu dem Pferdehändler und sagte: »Kannst deinen Gaul wieder holen, er koppt.« »Natürlich koppt er«, erwiderte der Händler. »Ich hab dir ja für das Koppen ausdrücklich garantiert.« Jetzt gingen dem Kronenwirt die Augen auf, und er ritt zu seinem Rechtsanwalt. Dieser gab ihm aber den Bescheid, daß da nichts zu machen sei, denn da stehe ausdrücklich schwarz auf weiß: »Für das Koppen, Einspänniglaufen und Lederfressen wird garantiert.« Er hätte eben schreiben müssen: »Gegen das Koppen usw.« Der Kronenwirt erhielt nun den Rat, in Zukunft vorsichtig zu sein, und ging betrübt und fluchend von dannen. Da traf er einen Bierbrauer, der mit seinem einfachen Verstand das richtige Loch fand, wo die Geschichte hinausmußte. Er nahm das Schriftstück in die Hand und fragte den Kronenwirt: »Koppt der Gaul?« – »Freilich!« – »Geht er einspännig?« – »Ja!« – »Frißt er Leder?« – »Nein, das tut er nicht,« – »Halt! Jetzt muß er ihn wiedernehmen; er hat auch dafür garantiert.« Und so geschah es auch. Der Roßtäuscher mußte den Gaul wieder zurücknehmen, weil er – kein Leder fraß.   Kaufmanns Abenteuer. Auf einer Messe bemerkte ein Kaufmann, daß eine geschickte Hand aus dem Gedränge heraus einen unerlaubten Griff in seine ausgestellten Waren tun wollte. »Heda!« rief er. »So kann ich meine Waren nicht hergeben!« »Und ich,« antwortete ihm eine Stimme, »kann sie nicht anders gebrauchen!«   Scherzhafte Frage. Welcher Kaufmann schlägt am wenigsten auf seine Waren? – Der Glashändler.   Genaue Auskunft. Ein Bankier, dem natürlich viel daran lag, das Steigen und Fallen der Kurse voraus zu wissen, kam einmal zu Talleyrand, um sich bei ihm zu erkundigen, ob das damals umlaufende Gerücht von dem Tode König Georgs III. von England begründet sei. »Es wird mir ein Vergnügen machen,« sagte Talleyrand, »wenn die Mitteilung, die ich Ihnen darüber geben kann, Ihnen von Nutzen sein wird. Manche sagen, der König Georg sei tot, andere behaupten, er lebe noch. Was nun mich betrifft, so glaube ich weder das eine noch das andere. Ich sage Ihnen dieses aber nur im strengsten Vertrauen und hoffe, daß Sie mich in keiner Weise kompromittieren werden.«   Geschäftsprinzip. Milchhändler zum neuen Angestellten: »Vor allem ist es mein Prinzip, immer den Kunden die Wahrheit zu sagen. Sehen Sie, was mache ich jetzt?« Angestellter: »Sie gießen Wasser in die Milch!« Milchhändler: »Nein, ich gieße Milch in das Wasser. So kann ich also, wenn mich ein Kunde fragt, ob ich Wasser in die Milch gösse, ihm der Wahrheit gemäß versichern, daß ich das niemals täte.«   Ein gutes Geschäft. »Nun, Herr Müller, wie geht's, was macht das Geschäft?« »Danke, meine Kundschaft wächst von Tag zu Tag!« »Wirklich?« »Ja, ich habe Kinderkonfektion!«   Berufsgeheimnis. »Gestern habe ich einen wirklichen Zauberer gesehen, der verwandelte Wasser in Milch.« »Mach ich jeden Tag, ich bin auch aus der Milchbranche.«   Billig weggekommen. »Ja, es waren schlimme Zeiten nach dem Kriege, ich hab' dabei fast mein ganzes Vermögen verloren!« »Und ich fast den Verstand!« »Na ja, Sie kommen eben immer billig davon!«   Geleimt. Rettig machte ein paar Einkäufe in einem Laden und sah, während er bedient wurde, ein Goldstück auf dem Fußboden liegen. Vor Aufregung zitternd und bemerkend, daß ihn keiner beobachtete, ließ er wie zufällig einen seiner Handschuhe oben auf die Münze fallen und nahm den Handschuh auf, aber nicht das Goldstück, das am Boden liegen blieb. Im selben Augenblick trat ein Kommis an ihn heran und sagte höflich: »Guten Abend, mein Herr. Gestatten Sie mir, Ihnen eine Flasche unseres berühmten flüssigen Leimes zu zeigen, der –« Aber Rettig war verschwunden.   Der scharfe Mahnbrief. »Das soll ein Mahnbrief sein!« sagt Herr Neumann zu seinem Buchhalter. »Schreiben Sie mal, ich werde Ihnen diktieren: Sehr geehrter Herr! Wer hat mir versprochen, bis Ultimo zu bezahlen? Sie! Wer hat sein Wort nicht gehalten? Sie! Wer ist ein ganz niederträchtiger Lump? Ihr ganz ergebener Arthur Neumann.«   Eine rührende Geschichte. »Wie ich ihm den Brief zu lesen gab, ich sag' Ihnen, geweint hat er, geweint! – Denken Sie nur, ein Mann, der ein Engros-Geschäft besitzt!«   Konjunktur. »Wissen Sie nicht, wie ich ein Geschäft machen kann?« »Wachs müssen Sie verkaufen. Seit ein paar Tagen ist Wachs an der Produktenbörse sehr gestiegen. Sie verdienen Geld dabei.« »Ach, lassen Sie mich zufrieden, wie soll ich zu Wachs kommen?« »Ja, wenn Sie kein Wachs haben!«   Aus einem Geschäftsbrief. »In Ihrem Allerwertesten vom 7. Januar befindet sich noch ein dunkler Punkt, den ich bei meinem nächsten Besuch mündlich noch näher berühren werde.«   Ein Vorsichtiger. Kaufmann, der seine Leute kennt, zum Reisenden: »Von einem so zudringlichen und impertinenten Menschen, wie Sie sind, kaufe ich überhaupt nichts, scheren Sie sich raus!« – Zum Lehrling: »Paul, verschließ einmal gleich den hinteren Eingang!«   Vorsichtiger Hinauswurf. Prinzipal, auf einen Reisenden weisend, zum Hausdiener: »Fritz, geleiten Sie den Herrn mal nach unten. Aber sehen Sie zu, daß dabei das Treppengeländer nicht beschädigt wird.«   Ein Geschäftsbrief. Ein Viehhändler schreibt an seinen Kunden: »Ich kann erst morgen nach dort kommen, da der Personenzug keine Ochsen mitnimmt. Alle Schweine werden auf dem Bahnhof sein, weshalb ich Sie auch erwarte. Wenn Sie Ochsen brauchen, dann denken Sie an mich!«   Die Versicherung. »Wenn mein Laden in sechs Jahren abbrennt, was bekomme ich da, Herr Versicherungsinspektor?« »Die volle Versicherungssumme: Zehntausend Mark.« »Und wenn er in einer Woche abbrennt?« »Drei Jahre.«   Geschäftsrätsel. Kunde: »Wie verkaufen Sie diesen Limburger?« Kaufmann: »Ja, das frage ich mich auch immer!«   Nur Engros. »Was kosten denn die Schnürsenkel, Kleiner?« »Zwee Paar fünfzehn Pfennig!« »Ich brauche aber nur ein Paar!« »Tut mir leid, meine Dame, wenn Se ang detalch koofen wollen, müssen Se zu Tietz oder Wertheim gehen!«   Beim Zigarettenfabrikanten. »Ihre Hausmarke kommt mir auf einmal so klein vor.« »Ja, das letzte Ende wird doch immer fortgeworfen, und da fertige ich sie jetzt einfach um dieses Stück kürzer an!«   Geschäftsbrief. »Wir bestätigen Ihnen bestens dankend den Empfang Ihres Wertbriefes mit eingeschlossenen dreitausend Mark. Drei Scheine zu hundert Mark waren falsch, es gelang uns aber noch, sie diesmal unterzubringen.«   Der Auftrag. »Nun, hat Ihnen der Müller endlich die Rechnung bezahlt? Ich habe Ihnen doch gesagt, daß sie ohne Geld nicht zurückkommen sollten.« »Es war aber nicht möglich. Erstens ist er gestern gestorben ...« »Nun, und zweitens?«   Schadenfreude. Lehmann hat im Verkehr mit einem Grossisten viel Ärger gehabt. Der Grossist lieferte immer mehr, als Lehmann bestellt hatte. Eines Tages erfährt er, daß die Frau dieses Grossisten mit Drillingen niedergekommen ist. »Das geschieht ihm recht«, ruft Lehmann erfreut. »Jetzt wird er auch einmal merken, wie einem zu Mute ist, wenn man mehr geliefert bekommt, als man bestellt hat.«   Schwere Zeiten. »Grüß Gott!« »Vielen Dank! Endlich einmal einer, der mir einen Auftrag gibt!«   Der Auftrag. Tarnowitz gibt der Firma Müller einen Riesenauftrag. »Sehr erfreut«, sagt Herr Müller. »Aber zuerst müssen natürlich die drei früheren Lieferungen bezahlt werden.« »Schön,« antwortet Tarnowitz, »aber dann ziehe ich meine Ordre zurück. So lange kann ich wirklich nicht warten!«   Eigentümliche Zählung. Kunde: »Ich habe gestern in diesem Laden eine Hunderterpackung Quittungen gekauft. Als ich sie aber zu Hause durchzählte, waren es nur 76. Ich wollte darum bitten, mir die fehlenden 24 noch zu geben.« Verkäuferin: »Tut mir leid, mein Herr. Unsere Hundertpackungen in den billigen Qualitäten enthalten immer nur 76 Stück. Wir könnten sie ja auch sonst zu einem solchen Preise gar nicht verkaufen.«   Eine gefährliche Branche. »Warum haben nur eigentlich die Banken alle so stark vergitterte Fenster?« »Na, damit sich die Direktoren und Kassierer bei Zeiten daran gewöhnen.«   Der Ehrenmann?. »Mein Lieber, leihen Sie mir doch hundert Mark, Sie bekommen sie morgen bestimmt zurück. Sie haben das Wort eines Ehrenmannes.« »Gut, aber wo ist der Ehrenmann?«   Geschäftsprinzip. Kunde: »Die Hose, die Sie mir gestern für acht Mark verkauft haben, müssen Sie wieder zurücknehmen, die steckt ja voller Läuse!« Händler: »Zurücknehmen tue ich prinzipiell nicht. Und im übrigen können Sie doch nicht verlangen, daß ich Ihnen für acht Mark eine Hose mit Goldkäfern drin liefere.«   Die Warenhausdiebin. Chef zu einer Dame, die schon eine Reihe von Gegenständen weggenommen und unter ihren Mantel versteckt hat: »Und jetzt darf ich Sie wohl zu unserem Kofferlager führen. Vielleicht kaufen Sie einen, um alle die Sachen bequemer nach Hause tragen zu können!«   In der Kunstausstellung. Zwei Besucher bleiben vor einem Bild stehen. »Ein hübsches Bild!« meint der eine. In diesem Augenblick tritt ein Herr an sie heran und fragt: »Möchten Sie es vielleicht kaufen?« »Sie sind wohl der Maler?« erkundigt sich der eine der Besucher. »Nein, der Hauptgläubiger.«   Das neue Geschäft. »Na, Ede, du siehst ja so elegant aus!« »Ich habe vorige Woche ein Bankgeschäft aufgemacht.« »Ein Bankgeschäft? Womit denn?« »Mensch, frag doch nicht so dämlich – mit'n Stemmeisen natürlich!«   Schwierige Finanzen. »Herr Müller, was rennen Sie denn so?« »Ja, ich muß schnell zu einem Bekannten, mir 50 Mark pumpen, damit ich das Geld zurückzahlen kann, das ich mir vor vier Wochen geborgt habe, als ich im Geschäft den Vorschuß zurückzahlen wollte, den ich mir genommen hatte, um endlich meine rückständige Miete zu begleichen, die übrigens bis jetzt noch nicht bezahlt ist.«   Logisch. »Na, Lehmann, was drückt sie denn so?« »Ich habe kein Geld.« »Versteh' ich nicht! Wie kann Sie denn etwas drücken, was Sie gar nicht haben?«   Garantie. Kundin: »Ist das nun auch wirklich ein echter Perserteppich?« Chef: »Einen Augenblick! Herr Cohn, kommen Sie mal her! Sie sind doch im Kriege Offizier gewesen, geben Sie mal schnell das Ehrenwort!«   Handelswert. Zwei Geschäftsfreunde gerieten über eine Handelssache in Streit und erhitzten sich immer mehr. »Geh zum Henker,« sagte endlich der eine, »dich verkaufe ich zweimal, eh du mich einmal verkaufst.« »Das will ich gerne glauben,« antwortete der andere, »denn für dich gibt mir niemand auch nur einen Pfennig.«   Vom Wochenmarkt. »Wat sagen Se, meine Kartoffeln sind erfroren? Na, denken Sie vielleicht, ich kann jede Kartoffel eene Unterhose anziehen?« »Der Karpfen soll dot sein? Der macht nur de Oogen mal zu, weil ihn die Sonne so brennt!« »Ob der Käse auch durch ist? Na, wenn Se den auf den Alexanderplatz legen, denn müssen Se schon 'ne Autodroschke nehmen, sonst holen Se 'n vor dem Brandenburger Tor nicht mehr ein!«   English spoken!. »Na, Herr Löwenberg, wer spricht denn eigentlich in Ihrem Geschäft Englisch?« »Manchmal die Kunden!«   Berliner Straßenhandel. »Na, wie verkaufen sich die Schnürsenkel?« »Ich sage Ihnen, Wertheim hat mir schon 500 Mark geboten, wenn ich nicht immer vor seinem Haupteingang verkaufe. Er scheut doch die Konkurrenz!«   Im Warenhaus. Ein Herr läuft aufgeregt durch die Räume. Offenbar sucht er etwas. Endlich fragt ihn ein Verkäufer: »Suchen Sie etwas?« »Ach, ich habe meine Frau verloren!« »Trauerkleider, bitte, dort der Fahrstuhl. Zweiter Stock, rechts geradezu!«   Der moderne Allerweltsbazar. Herr, der seine Einkäufe gemacht hat: »Jetzt möchte ich mich noch rasieren lassen.« Angestellter: »Bitte, eine Treppe links!« Herr: »Schneidet man dort auch Haare?« Angestellter: »Haareschneiden ebenda rechts! Eine Treppe höher wohnt der Hundescherer.« Herr: »Sie wollen sich wohl über mich lustig machen? Ich hätte Lust, Sie wegen Beleidigung zu verklagen!« Angestellter: »Rechtsanwalt? Immer gerade aus, diesen Gang, mein Herr.«   Dann kann es nicht fehlen. Erster Kaufmann: »Glauben Sie, daß es dem Müller mit seinem neuen Geschäft gut gehen wird?« Zweiter Kaufmann: »Sicher, er hat ja geerbt!« Erster Kaufmann: »Geerbt? was denn?« Zweiter Raufmann: »Die Dummheit seines Vaters.«   Scherzfrage. Welcher Unterschied besteht zwischen einem Bankier und einem Taschendieb? »Ein Bankier spekuliert auf der Börse, und ein Taschendieb auf die Börse.«   Geschäftsinteresse. »Warum sind Sie denn immer so freundlich zum dem kleinen Lemke? Der Lümmel ist doch der frechste und durchtriebenste Taugenichts in der Stadt!« Glasermeister: »Ja, aber er wirft auch von allen Jungen die meisten Fensterscheiben ein.«   Gute Ware. Kundin: »Ist der Stoff auch wirklich dauerhaft?« Kaufmann: »Ich sage Ihnen, den tragen Sie bis zu ihrem Tode, und nachher können Sie ihn sich noch einmal wenden lassen.«   Verbotene Konkurrenz. Zwei Besenhändler trafen sich. »Ich weiß nicht,« sagte der eine, »wie du deine Besen so billig verkaufen kannst. Ich stehle doch schon das Rohmaterial, aber ich bin doch immer noch um die Hälfte teurer!« »I,« sagte der andere lächelnd. »Ich stehle eben die fertigen Besen!«   Geschäftsmäßig. »Wollen Sie mir einen Gefallen tun?« sagte ein junger Stutzer zu dem englischen Bankier Simon Hansan. »Borgen Sie mir hundert Pfund!« »Kommen Sie in mein Kontor!« sagte der Bankier. Sie gingen beide hin, und als sie dort angekommen waren, fragte Hansan: »Welche Sicherheit können Sie mir geben?« »Meine Person!« war die stolze Antwort. »Sehr wohl, so legen Sie sich hier hinein,« entgegnete Hansan, indem er den Deckel einer großen, eisenbeschlagenen Kiste aufmachte. »Da hinein?« fragte der Stutzer verblüfft, »warum denn?« »Ja, dies ist der Ort, wo ich die Unterpfänder aufzubewahren pflege.« Der junge Stutzer bekam einen roten Kopf. »Dann will ich lieber für das Geld danken«, meinte er und entfernte sich.   Auch ein Kaufmann«. »Ick habe eene jroßartije Idee zu eenem Jeschäft«, sagte ein Berliner Dienstmann zu einem andern. »Een Handel, bei dem der Rohstoff überhaupt nischt kost!« »Nanu? Womit willste denn handeln?« »Mit de Spree! Der Emmer 'n Sechser! Ick suche nur noch 'n Engroskunden!«   Immer Geschäftsmann. Gläubiger: »Wenn Sie nicht bezahlen können, will ich meinetwegen die Waren wieder zurücknehmen.« Schuldner: »Machen wir. Aber natürlich nur gegen bar!«   Der Barbier und die Börsianer. Ein Barbier, der in der Nähe der Börse sein Geschäft hatte, erzählte einmal, daß er Kunden, die von der Börse kämen, immer den doppelten Preis anrechnete. »Sie denken wohl, die Leute von der Börse haben mehr Geld als andere?« »Nee,« meinte der Barbier, »aber mir ist aufgefallen, daß die Leute, wenn sie von der Börse kommen, alle ein noch einmal so langes Gesicht machen.«   Einfach». »Es ist doch wirklich erstaunlich, wie Sie mit Ihrer Senffabrik ein so großes Vermögen verdient haben. Die meisten Leute essen doch sehr wenig Senf.« »Aber sie schmieren sich viel auf den Teller, und ich verdiene mein Geld nicht mit dem Senf, der gegessen wird, sondern mit dem, der auf dem Teller bleibt!«   Noch ein Rätsel. »Wer war der erste Stärkefabrikant?« »Simson. Der Herr nahm die Stärke von ihm.«   Das Universalmittel. »Verzeihen Sie, glauben Sie denn wirklich, daß diese Essenz, die Sie zu zwei Mark die Flasche verkaufen, gegen alle möglichen Krankheiten hilft, wie Sie in den Zeitungen ankünden?« »Zum Teil glaube ich es wirklich!« »Was heißt das, zum Teil?« »Ich glaube wirklich, daß ich für die Flasche zwei Mark bekomme.«   Mißbrauch. »Hören Sie mal, der wasserdichte Mantel, den ich bei Ihnen gekauft habe, ist ja ganz aus dem Leim gegangen!« »Ja, Sie haben ihn doch nicht etwa bei Regenwetter angezogen?«   Ein süßer Satz. »Können Sie einen Satz bilden, in dem viermal hintereinander Laden vorkommt? – Im Schokoladenladen laden Ladenmädchen zu einer Kostprobe ein.«   Gefährlicher Einbruch. Ein Bankier schließt zufällig Sonntags sein Geschäftslokal auf und ertappt einen Einbrecher, der seinen Geldschrank aufgebrochen hat. Schnell zieht er seinen Revolver heraus und will um Hilfe rufen. »Lassen Sie das nur lieber,« sagt der Einbrecher kaltblütig, »sonst erfährt alle Welt, daß in Ihrem ganzen Geldschrank nur drei Mark gesteckt haben.«   Verschnappt. Weinhändler: »Sehen Sie, in einem Geschäft, wie dem meinen, ist es die Hauptsache, daß man die Leitung fest in der Hand hat.«   Der Automobilhändler. Vor einem Hause liegt ein vollkommen zertrümmertes Auto, dessen Besitzer man hineingetragen hat. Kurz darauf kommt Herr Meier in das Haus und fragt: »Kann ich wohl den Herrn sprechen, der vorhin mit seinem Auto verunglückt ist?« »Ja, aber er ist noch nicht so ganz bei Besinnung!« »Um so besser, ich will ihm nämlich ein neues verkaufen.«   Geld einkassieren. Herr Schröder geht in ein Waffengeschäft und kauft sich einen Revolver, den er bezahlt und in die Tasche steckt. »Erlauben Sie,« sagt der Verkäufer, »Sie wollen sich doch auch Patronen dazu kaufen?« »Ist nicht nötig, Ich will nur den Seligmann erschrecken, sonst bezahlt er mir den Wechsel nicht, der heute fällig ist.«   In der Waschanstalt. Eine Kundin kommt wütend herein: »Bitte, so liefern Sie mir meine Wäsche zurück!« Angestellte: »Aber die Spitze ist doch sehr schön geworden!« Kundin: »Wer redet denn von Spitze? Das war ein Bettlaken!«   Überhörte Mahnung. Kunde: »Der Hosenstoff ist doch gut?« Verkäufer: »Ich sage Ihnen weiter nichts als das: Dieser Hosenstoff ist nicht zum Zerreißen!« Kunde (nach einigen Tagen wütend zurückkehrend): »Sie wollen ein reeller Kaufmann sein? Ihren Hosenstoff habe ich schon zerrissen!« Verkäufer: »Ja, warum haben Sie ihn denn zerrissen? Ich habe Ihnen doch ausdrücklich gesagt: Dieser Hosenstoff ist nicht zum Zerreißen!«   Gewichtsbetrug. Eine Dame in Berlin beklagte sich bei der Redaktion des »Beobachters« über das schlechte Gewicht, das ein namentlich bezeichneter Kaufmann gebe, und sagte, daß an einem Pfund Zucker drei Lot gefehlt hätten. Die Redaktion erwiderte, wenn an diesem Pfund Zucker drei Lot gefehlt hätten, so sei das gewiß nicht die Schuld des Kaufmanns, sondern ein Versehen des Lehrlings gewesen, denn wenn der Herr selbst wäge, dann fehlten stets – vier Lot.   Scherzfragen. Welches ist der Unterschied zwischen einem Kaufmann und einem Milchhändler?« »Der Kaufmann wird reich, wenn er verdient, der Milchhändler, wenn er verdünnt!« Welches ist der liebenswürdigste Kaufmann? »Der Photograph; bei ihm wird jeder freundlich aufgenommen!« Welches ist der geduldigste Patient? »Der Kassierer; er nimmt den ganzen Tag ein und fühlt sich sehr wohl dabei.« Warum kann man einen toten Bankdefraudanten nicht einäschern? »Weil er schon bei Lebzeiten durchgebrannt ist!«   Das beste Geschäft. Wer hat das beste Geschäft? »Der Schuhhändler, weil er nie einen Artikel ohne Absatz hat.«   Die Kümmelspekulation. Zwei Eckensteher saßen zusammen auf der Treppe eines Eckhauses und sprachen von diesem und jenem. »Hör' mal, du,« sagte der eine, »ick habe mir det schonst lange überlegt, wir müssen mal uf 'ne leichte Weise en paar Jroschen verdienen; det Dragen jreift zu sehr an, un man hat weiter keen Verjnijen davon. Weeßte was, wir wollen mal mit Schnaps spekulieren. Über acht Dage is det Mottenfest in Lichtenberg, bis dahin sparen wir uns achtzehn Jroschen und koofn vor'n Dhaler en kleen Tönneken mit Kümmel. Die sechs Jroschen Rabatt, die sind denn schonst unser, und denn sehste natürlich, mit det eenzelne Jläser Inschenken verdient man ooch noch 'ne Menge Jeld.« Der andere ging auf diesen Vorschlag ein, und als der festliche Tag erschienen war, zogen beide frühmorgens zum Tore hinaus, kümmelbeladen gen Lichtenberg. Kaum waren sie aber eine Viertelstunde gegangen, so hielt derjenige, welcher das Fäßchen trug, an und sagte: »Hör' mal, Sperkel, det is heute ochsig neblich; wir wollen jeder eenen jeniesen, sonst erkälten wir uns.« Dies geschah und wiederholte sich mehrere Male. Sperkel: »Du, Lehmann, seh' mal in das Faß rin, komm mal her! Seh' mal, wat da schon vor 'ne Öffnung in den Kümmel entstanden is.« Lehmann (schaut hinein): »Hol' mir der Deibel, richtig! wie det allens in de Welt abnimmt, des is merkwürdig! Den ganzen Rabatt haben wir nu schon vernossen; anjetzt bleibt bloß noch de Ware an und für sich. Na, aber det schad't nischt, ick tröste mir; et war heute neblich, un bei solch' Wetter muß man sich sehr in acht nehmen. Mir is schon wieder so kalt in'n Magen, schenk' mich mal eenen in, aber schwaddern muß er.« Sperkel: »Ne, Lehmann, det jeht nich mehr! Von de Ware dürfen wir nischt angreifen, dabei jingen wir zujrunde. Mir durschtert ooch noch, aber ick wer' dir erklären, wie wir die Sache machen. Verkooft muß der Vorrat werden, dazu is er da! Ob wir nu davon jenießen oder een anderer. Jeder is sich selber der nächste. (Er greift in die Seitentasche der Jacke.) Seh' mal, ick schenke mir jetzt eenen in, un jebe dir davor en Jroschen, damit die Jeschichte ihren ortlichen Jang jeht.« (Er gibt Lehmann einen Silbergroschen und trinkt.) Lehmann: »Sperkel, ick kann't nich mehr aushalten, halte mal an! Schenk mir mal vor'n Jroschen in!« (Er trinkt und bezahlt.) Sperkel: »Die Jelegenheit wer' ick benutzen, mir is die Kehle ooch schonst wieder so drocken.« (Er trinkt und bezahlt. Sie gehen weiter.) Lehmann: »Du, setz' mal die Tonne ab un jieß eenen in. Ick muß eenen pfeifen, mir is musikalisch zumute.« (Er trinkt und bezahlt.) Sperkel: »Et muß durchaus heute an de Witterung liegen.« (Er schenkt ein.) »So'n Durscht, wie ick heute habe, is mir noch nich vorjekommen, obschon mir schon viele Durschte vorjekommen sind.« (Er trinkt und bezahlt.) Lehmann (sehr ernst): »Ick will dir sagen, Sperkel, det liegt nu woll ooch mehr an de Jelejenheit! wir haben den Kümmel sonst nich so bei der Hand, wie heute.« Als sie nach Lichtenberg kamen, war der Handelsartikel bis auf eine Neige verschwunden. Sie zählten drauf ihre Barschaft, sahen sich gegenseitig mit großen Augen an und konnten vor Verwunderung nicht zu Worte kommen. Ihr Vermögen bestand nämlich in einem Silbergroschen, mit welchem sie sich wechselweise bezahlt hatten.   Vom Großunternehmer. Aus: »Diskretes und Indiskretes«. Von Rudolf Sendig. Es liegt mir nun ganz fern, diese unbestritten außergewöhnliche Persönlichkeit nicht gleichfalls anerkennen zu wollen, aber man wird es mir nicht verübeln, wenn ich zwei kleine Episoden, die so recht den genialen Emporkömmling charakterisieren, aus meinen Erinnerungen der Vergangenheit entziehe. Die eine spielt sich ab bei Gelegenheit eines glänzenden Festes, das Exzellenz Lingner in seinem Schloß gab zu Ehren des Großherzogs von Oldenburg. Lingner hatte zu dieser Festlichkeit alle diejenigen eingeladen, die dem unter dem Schütze des Großherzogs von Oldenburg stehenden Schulschiffsverein irgendwie gedient hatten. Es waren dies etwa vierzig angesehene Persönlichkeiten Dresdens, zu denen zu gehören auch ich den Vorzug hatte. Daß die Darbietungen des generösen Gastgebers auch bei dieser Gelegenheit fast unübertrefflich genannt werden durften, bedarf keiner Erwähnung. Auf den herrlichen Schloßterrassen am Ufer der Elbe wurde an runden, mit Blumen geschmückten Tischen das Souper im Freien serviert. Ein milder Abend verschönte die lukullischen Genüsse. Seinen Höhepunkt fand dieser Sommernachtstraum aber erst, als Exzellenz Lingner nach beendetem Souper – es war mittlerweile nachts 12 Uhr geworden – alle Gäste, an der Spitze der Großherzog von Oldenburg, zu einem Orgelkonzert in seinen Musiksalon einlud. In diesen prachtvollen Musiksaal war eine Orgel eingebaut, und auf dieser Orgel machte Lingner in meisterhafter Vollendung profane Musik. Ich habe selten die Tannhäuser-Ouvertüre wirkungsvoller spielen hören, als in dieser herrlichen Nacht. Aber selbst bei dieser Gelegenheit konnte er seinen Hang zur Reklame nicht verleugnen. Es erschien ein Photograph, der die ganze Gesellschaft mit dem Großherzog von Oldenburg an der Seite des Gastgebers aufnahm, und alle Teilnehmer des Festes erhielten dieses wohlgelungene Bild zur bleibenden Erinnerung. Bei der zweiten kleinen Geschichte schnitt Exzellenz Lingner nicht so siegreich ab. Der glückbegabte Mann war eben so verwöhnt worden, daß er sich doch zuweilen Sachen herausnahm, die eine energische Zurückweisung nach sich zogen. Lingner hatte dem Schiffsverein eine namhafte Summe zukommen lassen, und der Großherzog von Oldenburg, der in meinem Hotel in Dresden wohnte, hatte den verdienstvollen Geber zu sich zum Frühstück eingeladen. Nun ist es eine bekannte Tatsache, daß gerade in fürstlichen Kreisen peinlichste Pünktlichkeit als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Es vergingen aber zehn Minuten, es verging eine Viertelstunde, der geladene Gast, Exzellenz Lingner, kam nicht. Der Adjutant des Großherzogs war schon zweimal bei mir gewesen, um sich nach dem Verbleib Lingners zu erkundigen; endlich, zwanzig Minuten nach 11 Uhr fuhr das Auto vor und Exzellenz Lingner erschien behaglich auf der Bildfläche. Aus persönlicher Teilnahme, nicht um Kritik auszuüben, hielt ich es für meine Pflicht, Lingner anzudeuten, wie sehr er schon erwartet würde. »Sind Sie beauftragt, mir dies zu sagen?« fragte Seine Exzellenz mit unglaublichem Hochmut. Ich erwiderte ihm, daß das nicht der Fall sei, daß ich nur mein persönliches Empfinden zum Ausdruck gebracht habe. Anstatt mir nun freundlich zu danken, sagte mir Lingner in ungehöriger Schroffheit: »Kümmern Sie sich nicht um mich, sorgen Sie dafür, daß wir tadellos bedient werden!« »Gewiß,« entgegnete ich nicht ohne Ironie, »ich habe sogar für Sie Mundwasser mit Odol angeordnet.« Für dieses Mal war ich der Sieger geblieben, denn meine ironische Zurechtweisung hatte ihm gezeigt, daß ich nicht gewöhnt sei, mir solche Anmaßungen bieten zu lassen. Meine Bewunderung für diesen außergewöhnlichen und auch für den Dresdner Fremdenverkehr hervorragend wertvollen Mann hat dieses kleine Scharmützel indessen nicht vermindert.   Eigentümliche Schuldmahnungen. Der jedenfalls sehr geschäftstüchtige Theateragent Fr. Fritsch, der auch die »Hamburg-Altonaer Theaterzeitung« redigierte, pflegte in diesem Blatt seine saumseligen Schuldner in origineller Weise öffentlich zu mahnen. Einige Proben seien hier wörtlich mitgeteilt: Direktor A. Sch. in B. Der Briefe sind genug gewechselt, ich verlange endlich die mir schuldigen 7 Taler, um diese wechseln zu können, denn ich gebrauche notwendig kleines Geld! O. Sch. in B. Naht der Lenz, so schmilzt der Schnee, Schmilzt das Eis und Veilchen blühen. Und ich frage: Zahlst du? – »Nee?!« W. W. in H. Mit dir ist auch nichts anzufangen! Ob man dich sticht und zwickt und brennt, – Geld ist von dir nicht zu erlangen – Und deine Haut scheint Pergament?! B. in Hamburg. Sie sollten bedenken, daß hier unter dem wechselnden Mond ja nicht alles so bleiben kann. Folglich auch nicht Ihre Schuld von 7 Taler 15 Silbergr. – also ersuchen wir Sie um umgehende Berichtigung derselben, sonst müßten wir uns deutlicher erklären!!! Leo L. in Trier. Ich kenne dich, Spiegelberg, aber du kennst mich noch nicht. Zahlst du jetzt nicht bald deine Schuld, so werde ich eine fürchterliche Musterung mit dir und deinesgleichen vornehmen: und dann »gefreu dich!« U. K. in L. O daß im neuen Jahre du mir endlich Doch hieltest, was im alten du versprochen, Doch nie gehalten, nämlich: Zu bezahlen!! Frl. L. H. in B. Zarte Seelen finden sich! Sie sind eine zarte Seele und werden mich verstehen, wenn ich Ihnen in Flötentönen zuhauche: Bezahlen Sie endlich die noch restierenden 8 Taler, 7½ Silbergr.! Frl. W. P. in B. Ich weiß nicht, in wieviel Jahren Sie Ihr Jubiläum als erste Liebhaberin feiern werden, aber eins weiß ich, ich würde jubilieren, wenn Sie mir endlich die seit 1½ Jahren schuldigen 8 Taler bezahlen würden. Frl. Cl. Sch. in M. Wie schön sagt Goethe im Tasso: »Willst du am besten wissen, was sich ziemt, so frage nur bei edlen Frauen an!« – Ob es sich aber ziemt, daß Sie mir schon seit zwei Jahren das Abonnement schulden, dürfte wohl sehr zweifelhaft sein. Frl. A. D. in K. Wir sind alt genug, um alle Galanterie gegen das weibliche Geschlecht verschworen zu haben, aber auch nicht jung genug, um selbst von der Schönsten der Schönen uns um unser Geld prellen zu lassen! Hier hört unsere Gemütlichkeit und unsere Galanterie auf – was wir zum letzten Male gütigst zu berücksichtigen Sie ersuchen. Frl. L. B. in B. Unschuldig bist du, doch nicht schuldenfrei – Wie unsre Bücher klärlich uns beweisen – Tilg deine Schuld, und deine Unschuld will Ich noch dereinst als schöne Sage preisen!!! H. G. D. »Mit Worten läßt sich trefflich streiten!« allein niemand kann sich etwas dafür kaufen, und da ich mir nun eben etwas kaufen möchte, so bitte ich: Bezahlen Sie mir Ihre Schuld, sie beträgt jetzt gerade 8 Taler, 22 1/2 Silbergr.!!   Rasseln für Prasseln. (Japanisch.) In Tera-machi, der Tempelstraße in Kioto, lebten vor nicht langer Zeit zwei Nachbarn, deren Geschäftsläden sich in den anliegenden Häusern befanden. Einer war Kaufmann, war wohlhabend, ja reich, sagten die Leute, aber ein arger Geizhals, so einer, der, wie das Sprichwort haben will, einen Kiesel pellen möchte, wenn es was einbrächte. Der andere war Fischhändler und in der ganzen Umgebung wegen seiner Geschicklichkeit, Fische zu, bereiten, bekannt. Nichts aber kam seinen gebratenen Aalen gleich. Darum war auch sein Laden nie leer von Kunden, und vom frühen Morgen bis in die späte Nacht röstete er zerstückelte Fische an Bambusspießen über Kohlenfeuer und briet Aale in prasselndem Öle oder dämpfte sie in würziger Soya-Brühe. Nun überlegte der Kaufmann, was er wohl ersparen könnte, wenn er sich diese verlockende Nachbarschaft zu Nutzen machte. Und da der Geiz erfinderisch ist, wußte er bald Rat. Zur Essenszeit begab er sich denn mit seinem Reisnapfe nebenan in den Fischladen, gleichsam zu freundlichem Besuche, setzte sich an die dampfende Bratpfanne und schnüffelte, während er den gekochten Reis mit den Eßstäbchen in den Mund schob, lüstern den köstlichen Fischgeruch und Fettduft ein. Das würzte das Mahl, und war es vorüber und er gesättigt, so kam es ja doch auf dasselbe hinaus, ob er nun wirklich Fische verzehrt oder nur gerochen hatte, und die Kosten waren gespart. So tat er tagtäglich, bis solch nüchterner Fischgenuß ihm zur unentbehrlichen Gewohnheit geworden. Das merkte aber zuletzt Meister Fischhändler und glaubte sich berechtigt, dafür Bezahlung zu fordern. So schrieb er denn eine Rechnung für so viele Monde mehrmal täglicher Verköstigung der nachbarlichen Nase und überreichte sie dem Kaufmanne in dessen Laden. Dieser nahm sie mit verbindlichem Lächeln entgegen. Schmunzelnd durchlas er die Forderung, nickte mit dem Kopfe und hieß seine Frau, die Geldkasse holen. Hierauf nahm er mehrere Handvoll Gold- und Silbermünzen jeglichen Wertes und warf sie in eine Schüssel, die er nun schüttelte und rüttelte, daß das Geld klirrte und klang. Dann berührte er die Rechnung mit dem Fächer, verneigte sich und sprach: »Das wäre denn berichtigt. So sind wir nun quitt.« »Wie!« rief der Andere erstaunt, »Sie weigern sich zu bezahlen?« »Keineswegs,« war die Antwort, »Sie berechnen mir den Duft Ihrer Aale, ich bezahle diesen mit dem Klirren meines Geldes. Rasseln und prasseln, mein lieber Herr Nachbar!«   Die Deputation. von K. G. Nadler. (Mel.: Ein freies Leben führen wir.) Die Bäuch, die Bäuch, die dicke Bäuch,       Die Bäuch sin unser Schade! 's wär gescheidder werrlich, sag ich euch, Mir Bäcker hädde gar keen Bäuch,       Keen Backe un keen Wade. Nach Billigkeit un nach Vernunft       Is unser Tax zu nieder, Drum war aach unser ganzi Zunft Bei ihrer letschte Zsammekunft       wie'n eenzger Mann darwider. Mir sage unserm Zunftschkriwent:       Jetz, Adler, schpitz dein Fedder, Schreib, daß mar nimmer lewe könnt, Mach e Lamento ohne End,       Sunscht hol dich's Dunnerwedder! Er hot geddhan sein Schuldigkeit,       Die Schrift war schier zum Flenne, So kläglich wie die dheuer Zeit, E Chrischt, e Judd, e Derk, e Heid       Hätt sich erbarme könne. Mir knöchle siwwe Mann eraus,       Zufällig lauder dicke, Die gehn zum Präsident ins Haus Un rücke mit der Bittschrift raus,       Un denke's durchzudrücke, Was hot der Präsident gedahn?       Der lest die Schrift un lächelt: »Ihr Herrn, guckt euch nor selwer an, Euch sieht mar doch keen Mangel an;« –       Des war nig gut geknöchelt! Mir gucke an uns in der Rund, –       Do war nix mehr zu mache; Mir Fetzekerl, all kuchelrund, I jeder wiegt dreihunnert Pund, –       Uns selwer war's zum Lache, Doch wäre mer jetzt herlich froh,       Wär schun die Geschicht vergesse; Jetz heeßt's: »Die siwwe Küh sin do, Die magre Küh vun Pharao,       Un hawwe nix zu fresse.« Drum noch emol: »die Bäuch, die Bäuch, Die Bäuch sin unser Schade! 's wär gscheidder werrlich, sag ich euch, Mir Bäcker hädde gar keen Bäuch, Keen Backe un keen Wade!   Die gute Idee. Im Schnellzug von Frankfurt nach der Pfalz sitzt ein feldgrauer Urlauber. Ein sehr seiner Herr steigt ein. Beide kommen bald ins Gespräch, der feine Herr stellt sich als Weinhändler vor, und der Feldgraue erzählt, er sei in seinem Berufe Gedankenleser. Der feine Herr sagt: »Wenn Sie meine Gedanken erraten können, bekommen Sie von mir 200 Mark.« »Sehr einfach,« sagte der Feldgraue; »Sie sind der Weinhändler Pantschmeier aus Frankfurt, fahren jetzt nach der Pfalz, kaufen 10 Fuder saueren Kätschtenbuscher und verkaufen den Wein in Frankfurt als Liebfrauenmilch.« Da zieht der Weinhändler die Brieftasche heraus und reicht dem Feldgrauen 2 Hundertmarkscheine. »Also hab' ich Ihre Gedanken erraten«, sagt dieser. »Gar nichts haben Sie erraten, auf eine gute Idee haben Sie mich gebracht.«   Die Patrioten. In den ersten Tagen der Mobilmachung 1914 wurde in einem Kaffeehause in München 34mal die »Wacht am Rhein« gespielt, alles mußte aufstehen. Wie die »Wacht am Rhein« auf Wunsch zum 35. mal gespielt wurde, blieb ein junger Mensch, dem es zu dumm wurde, sitzen. Da hätten Sie aber die beiden Brüder Salzberger sehen sollen, diese fühlten sich durch das unzivilisierte Verhalten des jungen Mannes in ihren heiligsten Gefühlen verletzt, prügelten denselben durch und warfen ihn mit Hilfe anderer Gäste hinaus. Der junge Mann wurde dadurch bekehrt, bereute seinen Mangel an Patriotismus, stellte sich als Freiwilliger und fiel einige Wochen später auf dem Felde der Ehre. Die Gebrüder Salzberger aber hatten einen Bezirksfeldwebel zum Vetter, blieben während des ganzen Krieges Schulter an Schulter als unabkömmlich in der Heimat, bekamen umfangreiche Armeelieferungen, schoben nach Friedenschluß in Kartoffeln und Butter, haben zwei Autos und eine Villa in Garmisch, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch.   Das einfachste Mittel. Mein Freund, der Krampfaderntoni, weiß immer eine vorteilhafte Kapitalanlage für mich. Er hat auf dem Südbahnhof einen Waggon Seife stehen, den läßt er mir aus Freundschaft billig ab, ein fabelhaftes Geschäft könne ich damit machen. Gut, ich gebe ihm als Kaufpreis meine ganzen Ersparnisse, nachdem ich noch 20 Mille heruntergehandelt habe, sause auf den Südbahnhof und frage nach meiner Seife. Ich renne sofort zu meinem Freund Toni und sage: »Mensch, da ist ja gar kein Waggon Seife da, was soll ich denn machen?« »Rindviech, weiterverkaufen«, sagt der Toni.   Kunsthandel. Von Paul Gutmann. Mein Freund Adolf, der Kunsthändler, verspürte plötzlich den Ehrgeiz, auf der Höhe der Zeit zu sein. Zwar hatte sein Bilderhandel nach dem Geschmack des Publikums ihm ein hübsches Vermögen eingebracht, aber das genügte ihm nicht. Er wollte Entdecker sein, Führer der Allerneusten, sein Name sollte weithin leuchten als Panier der Entwicklung. Er sprach mit Verachtung von der bisherigen Kunst. Dürer war für ihn ein Zeichenlehrer, Raffael ein Konditor, alles Moderne bis auf die wahre Kunst, die jetzige Photographenkitsch. Ich warnte ihn: »Die Entwicklung geht mit rasender Eile. Schon kommen bedrohliche Nachrichten aus München. In einem bisher unbekannten Café bereitet sich der Taifun vor. Hast du von den Sphäristen gehört?« Er verneinte. »Siehst du,« sagte ich, »so hinkst du deiner Zeit nach. Was du für die wahre Kunst hältst, ist das aufgewärmte Gemüse von gestern. Die Sphäristen lachen über euch, nennen euch Analphabeten, versumpfte Hinterwäldler, Idioten. Euer Gehirn ist flach wie eure Leinwand. »Ja, um Gottes willen, was wollen sie denn?« »Weg von der Fläche. Sie malen auf Kugeln.« Er ließ sich vor Schreck auf einen Stuhl fallen. »Das ist das Ende«, schrie er. »Das ist der Anfang«, erwiderte ich, »Ihre Ausstellung, die ich als einer der Ersten besichtigen durfte, wird ein geistiges Erdbeben verursachen, von der Decke des Ateliers, in dem ich war, hängen bemalte Kugeln herab, teils Kegelkugeln, teils Glaskugeln. Der Eindruck ist unbeschreiblich. Die Welt ist eine Kugel, sagen sie. wir sehen nicht flächen-, sondern kugelhaft, wo z. B. sich der Mensch im Freien befindet, ist er der Mittelpunkt einer Halbkugel. Früher stand der Mensch als Zuschauer vor einem Panorama, jetzt ist er die Welt selbst. Da ist nicht nur Kunst, das ist erhabenste Philosophie, ja Religion.« Es half nichts. Er wollte nicht auf meine Warnung hören und begnügte sich mit dem abgestandenen Futurismus. Um sein Verständnis zu beweisen, ließ er sich die berühmten Werke des hochgeschätzten Meisters und Häuptlings der ganzen Richtung, Balthasar Fricasso, kommen, der in Barcelona lebt. Es waren die Gemälde »Revolution« und »Dame am Kamin«. Vor vierzehn Tagen telefonierte er mich an: »Komme sofort, um des Himmels willen. Die Bilder tragen keine Bezeichnungen und ich weiß nicht, welches »Revolution« und welches »Dame am Kamin« ist.« »Wende dich an Emil Stürmer,« sagte ich, »den Verfasser des Buches »Grundlagen des Futurismus«. Der wird's finden.« Stürmer kam. Sie saßen zwei Tage und zwei Nächte vor den Bildern, ohne zu einem Resultat zu gelangen. Sie drehten die Bilder um und um, aber es gelang nicht. »Gestern hatte ich's,« sagte Stürmer, »heut' ist es mir wieder entfallen.« Endlich einigte man sich, das Bild mit dem kreischenden Rot und Gelb war »Revolution«, das blaugrüne »Dame am Kamin«. Der Geheime Kommerzienrat Streber kaufte »Revolution« für sechzigtausend Mark. Es sollte der Glanzpunkt seiner neuerbauten Villa am Wannsee sein. Die Kritik, die zur Besichtigung geladen war, geriet in Verzückung über den »Menschheitsschrei, der in chaotischen Strömen von gelb und rot sich zusammenballte und als Hymnus der Zukunft dämonisch-phantastisch emporstieg, getragen von den gleich Irrlichtern aufzuckenden Emanationen des Ewig-Absoluten.« Vor drei Tagen schob sich Adolf mit schlotternden Knien und erdfahlem Gesicht in mein Zimmer. »Ich bin ruiniert«, sagte er, »Mein guter Ruf ist für alle Zeiten zerstört. Fricasso war soeben bei mir und verlangte die »Dame am Kamin«. Ich zeigte sie ihm. Er schrie »Das ist ja Revolution.« Dann ging er mit Fäusten auf mich los, kreischte, daß er betrogen sei, das verkaufte Bild »Dame am Kamin« koste allein hunderttausend Mark, er wolle auf die Polizei, mich wegen Betrug anzeigen, meinen Namen durch alle Blätter schleifen.« Es gelang mir nicht, Adolf zu beruhigen. Heute lese ich in der Zeitung: »Der bekannte Kunsthändler A. F. wurde in der Nähe der Villa des Kommerzienrats Streber in Wannsee als Leiche an Land gespült. Ob Unfall oder Selbstmord vorliegt, ist unbekannt.«   Das ist mein Wien ... Aus »Stiefkind der Grazien«. Von Paul Morgan. Ich lese in der Wiener Zeitung: »Der in Paris seßhafte Filmhändler Wolfgang H. verhandelte im Kaffeehaus mit einem Vertreter der Wiener Filmfirma über den Verkauf eines Films. Gelegentlich einer Zusammenkunft setzte sich auch der Agent Adolf N. zum Tisch der beiden verhandelnden Parteien und erfuhr, daß der in Frage kommende Film um 21000 Schillinge verkauft wurde. »Ich bin dabei«, meldete sich gleich Adolf N. bei Herrn H. und verlangte eine Provision von 420 Schillingen, da er angeblich die Differenzen zwischen dem Käufer und dem Verkäufer ausgetragen hätte. Als ihm die Auszahlung dieses Betrages verweigert wurde, verklagte er Herrn H. auf Zahlung der Provision. In den Kreisen der Kaufmannswelt sieht man diesem Prozeß mit großem Interesse entgegen, da es sich um eine prinzipielle Entscheidung in der Frage handelt, ob die Wiener Kaufleute auch weiterhin von den Parasiten und Belauschern der Kaffeehausgeschäfte belästigt werden können ...« Immer wieder las ich die anscheinend belanglose Zeitungsnachricht. Teure Heimat, geliebte Stadt der Gemütlichkeit, des Walzers und der Kaffeehäuser – du änderst dich nicht, und wenn ringsum die Welt in Trümmer ginge! »Die Kaufmannswelt sieht mit großem Interesse entgegen ...« und kommt auf den einen einzigen einfachen Gedanken nicht: Daß sich eventuell – wenn's nicht anders geht – vielleicht – Geschäfte auch – in einem Bureau tätigen ließen ... Pump und Pleite Aber das gibt's ja gar nicht: »Ohne Kredit arbeiten und handeln.« Welcher Kaufmann könnte das? Also gibt's auch Pump. Und wo gepumpt wird, kommen auch Pleiten vor. Sie sind ja nicht immer vergnüglich. Aber der Humor der Kaufleute hat sich auch mit ihnen abgefunden. Aus einer Unzahl von Pumpgeschichten – auch Scheffel hat in einem Gedicht »Pumpus von Perusia« eine Legende von der Herkunft des Pumps gegeben; da sie aber eine sehr simple bierehrliche Art hat, gehört sie nicht hierher – aus dieser Unzahl sind nur einige Anekdoten und vergnügliche Witze ausgelesen worden – nur das lustigste über Pump und Pleite. »Ist der Stoff bei Sonne durchsichtig?« »Absolut nicht, gnädige Frau!« »Dann nehme ich lieber einen anderen Stoff!« (Paul Simmel)   Der fällige Wechsel. In Verona, in Italien, kaufte ein schlauer Landmann bei einem Produktenhändler allerlei Samen. Statt mit barem Geld bezahlte er aber mit einem Wechsel. Nun herrscht bei den italienischen Bauern auch heute noch vielfach der Gebrauch, den Zahlungstag eines Wechsels nicht durch das sonst angegebene Datum, sondern durch die Angabe eines im Kalender verzeichneten Heiligen festzusetzen. Der schlaue Sandmann verfiel nun auf die Idee, als Zahlungstag den Tag eines Heiligen zu nehmen, den es gar nicht gab, nämlich den des St. Pacifico. Der Kaufmann hatte im Augenblick des Geschäftsabschlusses das Verzeichnis sämtlicher Heiligen nicht im Kopf und dachte auch nicht daran, rechtzeitig im Kalender nachzuschlagen. Dieses sollte ihm später arge Verlegenheiten bereiten, denn so fromm der Name Pacifico klang, das Glück, heilig gesprochen zu werden, war eben noch keinem dieses Namens zuteil geworden. Der Kaufmann wartete und wartete, der Tag des St. Pacifico wollte niemals kommen. Es half kein Mahnen und Drohen, der Bauer machte immer die gleiche Einwendung: »Heute ist nicht der Tag des heiligen Pacifico.« Schon wollte nun der betrogene Kaufmann die Sache dem Gericht übergeben, da fiel ihm ein, daß der erste November nicht mehr fern sei. Er wartete bis dahin und ging dann zu seinem Schuldner. »Mein lieber,« sagte er zu dem Bauer, »wir haben heute den Allerheiligentag, also auch den des heiligen Pacifico. Heute ist also der Verfalltag des von Ihnen ausgestellten Wechsels.« Da half dem Bauern keine Einwendung mehr, und er mußte seine Schuld entrichten.   Der geprellte Kaufmann. Einem Kaufmann in New York war seine goldene Schnupftabaksdose abhanden gekommen, ohne daß er sich erinnerte, wo und in welcher Weise das geschehen war. Der Verlust schmerzte ihn um so mehr, weil die Dose ein altes, ihm teures Familienstück gewesen war, und so strebte er natürlich danach, sie wieder in seinen Besitz zu bekommen. Er ließ daher eine Annonce in die Zeitungen einrücken und versprach demjenigen, der ihm wieder zu der Dose verhelfen würde, eine Belohnung von fünfzig Dollars, eine Summe, womit die Dose gut bezahlt war. Gleichzeitig sicherte er dem Überbringer die Verschweigung seines Namens zu. Er beschrieb die Dose aufs genaueste und erbat Mitteilungen durch die Expedition der Zeitung unter einer bestimmten Chiffre. Schon am nächsten Tage ging dem Kaufmann ein Schreiben zu, in welchem ihm ein Unbekannter mitteilte, er möchte doch bitte an dem folgenden Tage Nachmittags pünktlich um vier Uhr nach einem genau bezeichneten Platz in einer städtischen Anlage kommen, um sein Kleinod in Empfang zu nehmen. Der Kaufmann freute sich sehr über das Schreiben, und er traf pünktlich zur angegebenen Zeit an dem festgesetzten Platze ein. Hier gesellte sich alsbald ein feingekleideter junger Mann zu ihm, der ihn fragte, ob eine gewisse Tabaksdose die Ursache seines Hierseins sei. Die bejahende Antwort brachte bald eine Verständigung zwischen ihnen herbei, der Kaufmann erhielt seine Tabaksdose, der Fremde seine fünfzig Dollars, worauf beide sich trennten. Der Kaufmann war ganz glücklich, als er das wiedererworbene Kleinod betrachtete, und er war schon ein paar Schritt weitergegangen, als er plötzlich stehen blieb, sich nach dem Unbekannten umwandte und ihm zurief: »Ach, hören Sie bitte, ich wollte Sie noch was fragen!« »Ich stehe Ihnen gern zu Diensten!« versetzte der Fremde, indem er wieder zu dem Kaufmann zurückkam. »Sie können es mir glauben,« fuhr der Kaufmann fort, »es macht mich unendlich glücklich, die Dose wieder in meiner Tasche zu wissen. Sie müssen mir aber noch einen Gefallen tun. Zunächst versichere ich Ihnen nochmals, daß Sie von mir nichts zu befürchten haben. Wollen Sie mir nun nicht einmal erzählen, wie Sie zu der Dose gekommen sind? Die ganze Geschichte ist mir so unbegreiflich, daß Sie mir meine Neugierde schon verzeihen werden.« »Aber mit Vergnügen will ich Ihnen das erzählen«, sagte der Fremde mit einer freundlichen Verbeugung. »Da Sie mir Diskretion versprochen haben, habe ich ja nichts zu befürchten, und kann ohne Rückhalt mit Ihnen sprechen. Sie werden sich ohne Zweifel noch erinnern, daß Sie am vorigen Freitag auf der Börse waren. Dort unterhielten Sie sich mit einigen Herren – wissen Sie noch?« »Ganz richtig! Ich entsinne mich ganz genau.« »Die Unterhaltung wurde immer lebhafter, und in der Hitze des Gesprächs trat noch ein anderer Herr dazu, der sich mit Eifer in die Unterhaltung einmischte, nicht wahr?« »So ist es, ich erinnere mich dessen ganz genau.« »Nun, so erinnern Sie sich wohl auch, daß die Unterhaltung dann noch immer mehr an Erregtheit zunahm, und daß der zuletztgekommene Herr in seiner Heftigkeit lebhaft gestikulierte und Sie ein paarmal hier in die Seite stieß?« Der Fremde zeigte hierbei genau, wie er die Bewegungen gemacht hatte. »Sehen Sie, mein Bester,« sagte er dann. »Dieser lebhafte Mensch war ich, und bei diesem Anstoßen nahm ich Ihnen Ihre Dose weg!« Aufs neue machte jetzt der Gauner eine höfliche Verbeugung und ging dann schnell seiner Wege. Der Kaufmann aber eilte zufrieden über den Handel und die Erklärung nach Hause. Eilig betrat er das Zimmer seiner Frau und sagte zu ihr: »Gott sei Dank! Ich habe die Dose wieder!« Aber, als er sie ihr zeigen wollte, da war sie fort, und es wurde ihm zu seinem Entsetzen klar, daß der verschmitzte Taschendieb sie ihm während seiner Erklärung zum zweiten Male gestohlen hatte.   Der betrogene Juwelenhändler. In einen Juwelenladen trat eine elegant gekleidete Dame, um sich Brillantnadeln anzusehen. Es gefielen ihr auch einzelne Sachen, aber der Preis war ihr gerade bei den ihr passenden Nadeln zu teuer, und sie wurde mit dem Juwelenhändler nicht handelseins. Einmal trat sie auch an das Fenster, um die Steine besser betrachten zu können, aber, obgleich man ihr ansah, daß sie gerne gekauft hätte, erklärte sie schließlich, sie wolle sich die ganze Sache erst noch einmal überlegen. Als nun der Besitzer seine Steine wieder in ihre Kasten legen wollte, entdeckte er, daß ihm gerade seine schönste Nadel fehlte. Bestürzt und sehr verlegen, sah er sich doch genötigt, seiner eleganten Kundin den Verlust kund zu tun. Diese war sehr entrüstet über den Verdacht und bestand darauf, daß man sie sofort polizeilich untersuche. Sie fuhr mit einem Vertreter des Kaufmanns zur Polizeiwache, eine Beamtin nahm die Untersuchung vor, es wurde aber nichts gefunden, und der Kaufmann mußte sich mit vielen Entschuldigungen entfernen, während die elegante Dame in einen Wagen stieg und davonfuhr. Am nächsten Morgen stürzte in großer Eile ein junger Herr in den Laden und fragte den Inhaber, ob ihm nicht Kamelien, die am Fenster standen, feil seien. Eine Dame habe sie bei einer Betrachtung des Fensters sehr bewundert, und er möchte sie ihr gerne als Geburtstagsgeschenk verehren; auf den Preis komme es ihm nicht an. Jedenfalls würde er dem Geschäftsinhaber sehr verpflichtet bleiben. Der Juwelier lächelte über den Eifer des offenbar verliebten jungen Mannes und überließ ihm gerne den Blumenstock um einen billigen Preis. Aber schon nach Mittag erhielt er ein duftendes Brieflein, das ihn höhnisch warnte, nicht wieder Blumen zu verkaufen, bevor er nicht die Erde darauf untersucht habe, ob sich nicht Brillantnadeln darin befänden. In diesem Kamelientopf wenigstens habe sich eine sehr kostbare Brillantnadel befunden. Jetzt wußte der Juwelenhändler, wo die Dame die teure Brillantnadel versteckt hatte. Aber das nutzte ihm leider nichts mehr, denn er sah weder die Nadel, noch die Dame und ihren Komplizen jemals wieder.   Die Masse muß es bringen. Ein insolventer Kaufmann, der aus seiner Konkursmasse eine recht anständige Unterstützung bezog und noch außerdem unbekannte Zuschüsse erhielt, wurde gefragt, wie es komme, daß er ohne jetzt Geschäfte zu machen, so gut und anständig leben könne. »Die Masse muß es bringen«, war die Antwort.   Das neue Geschäft. »Ah, Herr Lindenberg, lange nicht gesehen. Wie geht's, was machen Sie?« »Ich verkaufe jetzt Möbel!« »So, haben Sie schon viel verkauft?« »Bis jetzt nur meine eigenen!«   Schlechte Zeiten. Ein Galanteriehändler und ein Kammacher standen auf der Leipziger Messe nebeneinander. Na, das muß man schon sagen,« meinte der Galanteriehändler, »das ist eine recht lausige Messe gewesen!« »Ich bin nicht Ihrer Meinung,« versicherte der andere, »denn sonst würden meine Kämme besser gegangen sein.«   Verkehrte Welt. In Hamburg stellte das Handelshaus Michaelis \& Co. kurz nach Ostern seine Zahlungen ein. Ein Geschäftsmann, der das erfuhr, rief aus: »In diesem Jahr ist doch alles verdreht! Selbst der Kalender ist nicht mehr richtig; Michaelis fällt schon eine Woche nach Ostern.   Auf den Beinen. »Tag, Herr Müller, wie geht's? Sie hatten ja Verluste im Geschäft?« »Danke, ich bin jetzt wieder auf den Beinen!« »So, das freut mich!« »Ja, ich habe bankrott gemacht. Mein Auto ist mir verkauft worden, und ich geh' jetzt wieder zu Fuß!«   Er glaubt nicht dran. Kaufmann: »So bezahlen Sie mir doch die Kleinigkeit, sehr geehrter Herr. Sie wissen doch, wer seine Schulden bezahlt, verbessert seiner Güter!« Student: »Ach, glauben Sie doch den Schwindel nicht! Das ist nur so ein Gerücht, das die Gläubiger ausgesprengt haben.«   Ein eigenartiger Exekutor. Ein Kaufmann hatte einen Wechsel auf eine Modewarenhändlerin in Zahlung erhalten, der am Verfalltage nicht eingelöst wurde. Die Dame war überhaupt als schlechte Zahlerin bekannt, und es konnte auch im Wege des Prozesses nichts von ihr erlangt werden. Endlich verfiel der Kaufmann auf folgende List: er girierte den Wechsel zum Schein auf seinen Hausdiener, und dieser machte nun täglich zu verschiedenen Malen in ihrem Laden seine Besuche, wobei er sich stets von seiner, ganze besondere Wohlgerüche verbreitenden Tabakspfeife begleiten ließ. Dabei verstand er es so geschickt, die im Laden anwesenden Kundinnen in seine angenehmen Rauchwolken einzuhüllen, daß die Geschäftsinhaberin, um nicht ihr Geschäft buchstäblich in einen übelen Geruch kommen zu lassen, nicht umhin konnte, den rauchenden Kannibalen durch Zahlung des Wechsels zu entfernen.   Das große Geschäft. »Heute habe ich ein großes Geschäft abgeschlossen!« »So, was war es denn?« »Eine bankrotte Firma, ich bin nämlich Gerichtsvollzieher.«   Zu fleißig. Da fällt mir ein armer Teufel ein, der neulich bankrott geworden ist, obwohl er immer sehr fleißig war und des Morgens sehr früh aufstand. Als das ein Jude hörte, rief er aus: »Das hat er nun davon! warum is er immer aufgestanden so früh!« »Nun, daran kann's doch nicht gelegen haben!« bemerkte ihm jemand. »Doch! wenn er nich wäre täglich gewesen so früh bei der Arbeit, müßt er doch sein gegangen ein Paar Jahre später bankrott!« Reklame Heran, heran! Meine Herrschaften! Immer hereinspaziert! Das Neueste! Allerneueste! Noch nie dagewesen! Das Beste vom Besten! So schreit der Zirkusklown vor seiner schäbigen Leinwandbude, und so meint es die gewaltige Lichtreklame der Großstadt und die Rauchreklame, die ihr Waren-Schlagwort durch Flugzeuge an den Himmel schreiben läßt. Reklame braucht ja jeder: der große Gelehrte wie der Künstler, der Politiker wie der Erfinder, Aber der Kaufmann kann ohne Reklame überhaupt nicht leben. Und so hat sich der Witz und der Spott auch der Reklame bemächtigt. Besonders sind die biedermeierlich angehauchten Anzeigen in die Mühle der Spötter geraten. Und jene Naiven, die in ihrer Ehrlichkeit das Geschäftliche nicht vom Familienereignis trennen können, werden zum Spaß aller bloßgestellt. Eine kleine Probe von der vorbildlichen Anpreisungsgabe mancher Berliner Straßenhändler sei auch hier mitgeteilt. Mehr davon findet der Leser im »Urberliner« und im »Richtigen Berliner« von Dr. S. Mauermann, Von diesen Straßenhändlern kann manch großmächtiger Reklamechef und manch Verkäufer in Warenhäusern lernen. Welche große Wirkung ein richtiger Reklametrick haben kann, erzählt die Geschichte von dem amerikanischen Kleiderhändler. So fallen die Kunden herein. Das ist moderne Reklame. Und was Christian Morgenstern an Vorschlägen für Reklame beigesteuert hat, das führt in die vom Gelächter über alle Reklame und über viele Lebenserscheinungen widerhallenden Gebiete des vergeistigten Ulks. So dröhnt das Gelächter auch über diese Dinge und erheitert das grelle Getue der Moderne. – Wat dem Eenen sin Ul ... Die Angestellten des Beerdigungsinstitutes gratulieren ihrem Chef zum 25jährigen Geschäftsjubiläum und wünschen, daß das Geschäft weiter blühen und gedeihen und die Zahl der Kundschaft weiter wachsen möge. (Paul Simmel)   Ein poetischer Kaffeehändler. Ein Berliner Kaffeehändler kündigte im »Pfennig-Blatt« das Eintreffen neuer Kaffeeware an und verstieg sich dabei zum Lobe seines Kaffees zu folgendem Gedicht: Brauner Mark- und Beindurchdringer, Syrupsüßer Schlafbezwinger, Rippenbalsam, Zungenschwenker, Wundertunke großer Denker: Lieblich feiner allerbester Herzenstusch- und Leidenströster, Aller Grillen Totengräber, Seelenfärber, Freudengeber, Stadtposaunenblasewasser, Armer Leute Pfennigprasser; Katzenjammerschnellvertreiber, Hausfreund, Liebling aller Weiber, Lindrer qualbedrängter Leiber; Krämpfestiller, Zeitverkürzer, Salbungsreicher Freundschaftswürzer, Gönner der Nikotianer, Raucher, Qualmer, Gurgelbahner; Alter Jungfern einzig Labsal Bei des Krebsetreibers Trübsal, Kurz, was Extraordinäres, Delikat, bei Gott, ich schwör' es. Neumüller \& Comp.   Komische Geschäftsanzeigen eines Schneiders. Der Leipziger Schneidermeister Hoyer wetteiferte seiner Zeit mit dem Berliner Weinwirt Louis Drucker Siehe »Urberliner«, Verlag Paul Franke G.m.b.H. in einem geradezu virtuosen Annonzierungsstil, Unter anderen veröffentlichte er in den Zeitungen folgendes: »Bülletin« Ich sehe nicht ein, was der Tanzkünstler vor dem Kleiderkünstler voraus haben soll! Meister Strauß, der Walzerkönig, hat jedem Opus einen packenden Namen gegeben, ich werde dasselbe von jetzt ab mit den Kunsterzeugnissen meines Ateliers tun, von heute an sind bei mir folgende Opera zu haben: »Das Leben ein Tanz« (Ballhose); »Frisch auf, Kameraden, aufs Pferd!« (Reithose); »Sag' Poete, sag' Prophete, was bedeutet dieser Traum?« (Morgenröcke von persischem Muster nach Goethes westöstlichem Divan); »Adelaide« (Frühlingsfrack, Text von Matthisson, Musik von Beethoven und Fasson von F. C. Hoyer). * Um einem längst gefühlten Bedürfnis abzuhelfen, werde ich nunmehr Vorlesungen abhalten über die Philosophie der Bekleidungskunst. Ich werde mit wissenschaftlicher Gründlichkeit von Evas Feigenblatt bis zum modernsten Sackpaletot mir keine Nuance entgehen lassen. Um bildungsbeflissenen Herren das Honorar zu ersparen, mache ich nur die Bedingung, daß jeder Zuhörer durch Bestellung und sofortige bare Zahlung eines vollständigen Anzuges sein Interesse erweist. Näheres in meinem Atelier. * Empfehle als Neuheit: Gesegnete Mahlzeitwesten, die so eingerichtet und so elastisch sind, daß das Aufknöpfen nach Tisch überflüssig wird. * Da Wetterkundige behaupten, es würde in diesem Jahr nicht richtig Sommer werden, so mache ich ein geehrtes Publikum auf meine ausgezeichnet schönen Paletots mit Luftheizung aufmerksam. Ich stehe eben im Begriff, mir ein Patent darauf geben zu lassen. Wer ein Modell dieser wahrhaft pyramidalen Erfindung zu kaufen wünscht, bemühe sich, mit einigen Baaribus versehen, gefälligst zu mir. * Für die Verehrer des schönen Geschlechts habe ich einen Anzug entworfen, der sofort das Herz der kältesten Geliebten besiegt und dem zaghaftesten Anbeter herkulischen Mut verleiht. Rosenglut und Lilienduft, Schüchternheit und Heldenmut umschließt seine fabelhafte Wattierung. Für angehende Salonlöwen und spätere Roués ist er somit unentbehrlich. * Als Venus Anadyomene nackt aus dem Meere stieg, waren andere Zeiten, man schrieb Anno Domini vor Christo. Wollte die Heidin es heute etwa in Schimmels Teich probieren, so würde unsere christliche Polizei ihr schön aufs Dach steigen. Auch sitzen in unseren Gymnasien die Knaben nicht etwa in »puris naturalibus« auf der Schulbank, was beiläufig gesagt, jetzt eine stark verdoppelte Schulheizung erfordern würde. Man sieht also, daß unsere Zeiten wesentlich von denen der Alten abweichen. Was folgt daraus? Daß ich vollkommen berechtigt bin, die christlich-germanische Welt auf die Notwendigkeit der Kleider und besonders auf die von mir angefertigten aufmerksam zu machen. * Atelier von Sam. Chr. Hoyer, bildendem Schneider und schneiderndem Bildner. Für lebensgroße Staturen Mäntel mit grandiosem Faltenwurf und vielfältige Hosen. Zur Bekleidung von Büsten oder Brustbildern Westen, welche alles Fehlende ersetzen.   Komische Geschäftsanzeigen und Ankündigungen. Ein Häusermakler empfahl ein zu verkaufendes Haus unter anderem auch mit folgendem: »Die erste Etage enthält sieben durcheinanderlaufende Zimmer und hat den ganzen Tag Mittagssonne.« * Ankündigung eines Klempners: »Hier sind Maulkörbe zu haben für wütende Hundebesitzer.« * »Hierdurch wünsche ich einen Käufer für einen Ochsen, der seinesgleichen sucht.« * Ankündigung eines Hühneraugenoperateurs: »Nach fünfzehnjährigem Studium habe ich ein Mittel gefunden, die Hühneraugen, die eine große Beschwerde jedes vieldenkenden Menschen sind und oftmals Rasen und Melancholie erzeugen, so herauszuheben und bis auf die Knochen zu vertilgen, daß sie niemals wieder zurückkehren, jedoch muß diese kleine Prozedur alle Jahre bei mir wiederholt werden.« * »Vorige Woche habe ich meine Vermählung mit Fräulein Kunigunde Sinngrün gefeiert, was ich hiermit meinen geehrten Kunden und Gönnern ergebenst anzeige, und empfehle ich mich bei dieser Gelegenheit ganz besonders in baumwollenen Unterhosen.« * »Gestern hat es dem Schicksal gefallen, meine mir treu ergebene Frau und zärtliche Mutter von drei Kindern und einem Mädchen durch ein Schleimfieber zu entreißen. Indem ich mein Geschäft mit Korsetten ohne Naht fortsetze; bitte ich alle Freunde, denen der unersetzliche Verlust nahegeht, mich ferner mit Ihrem Vertrauen zu beehren, denn es gibt ein Wiedersehn.« * »Da in Folge der schlechten Zeiten mir meine Hände vollständig gebunden sind, habe ich mich entschlossen, mein Haus freihändig zu verkaufen.« * »Nach langjährigen Erfahrungen und Vaterfreuden hat es dem unbegreiflichen Schicksal gefallen, meinen Mann und Schneidermeister beiderlei Geschlechts durch einen plötzlichen Schlagfluß bei vollkommen frischem Gesundheitssystem und geistiger Verrichtung in das Dasein eines besseren Jenseits hinüberzurufen. Kurz war sein Schmerz, und lange währten meine Leiden, und ich bitte daher die geehrten Kunden um stille Teilnahme hintere Bleiche Nr. 801. * Lokalveränderung. »Seit Ostern wohne ich mir gegenüber und bitte um Zuspruch. N. Silberstein, Getragene Kleider und Waren jeder Art.« * »Auf der hinteren Bleiche ist ein zwei Stiegen hohes, sehr freundliches Frauenzimmer mit oder ohne Möbel zu vermieten und sogleich zu beziehen.« * Ein Handschuhmacher ließ in den Zeitungen bekannt machen: »Bei mir sind zu haben: Handschuhe für Herren von Bockleder.« * Eine poetische Anzeige stand in einem norddeutschen Blatt: »Laß Neider neiden, Hasser hassen, wenn wir nur schöne Elbinger Süßmilchkäse und frische Litauer Butter können kommen lassen!« * »Dieser Laden ist täglich zu veranlassen und mit oder ohne Regale zu beziehen.« * »Es sind hier zwei helle Zimmer zu vermieten. Auskunft im dritten Stock und in Abwesenheit desselben im Schuhladen.« * »Zu vermieten. Ein schönes Zimmer für einen Herren von achtzehn Fuß Länge und dreizehn Fuß Breite.« * Der Inhaber eines Sargmagazins hatte in seinem Hause Zimmer zu vermieten. Er befestigte den Zettel an einem seiner Särge, und man las darauf: »Ruhige Wohnungen für einzelne Herren.« * Ankündigung des Besitzers eines Tanzlokals: »Bei mir wird jetzt jeden Mittwoch und Sonntag die ganze Sonntagsmusik abgehalten. Das Tanzbillet kostet 6 Gr. den Mann. Mädchen gehen drauf .« * Ein Perückenmacher kündigte an: »Ich fertige vollständig unsichtbare Perücken an. Wer's nicht glaubt, der kann sie sich in meinem Laden ansehn.« * Ankündigung eines Erziehers: »Hier werden wohlerzogene Knaben zum Unterricht und zum Essen angenommen.« * Eine hülflose, verlassene Witwe sucht Stelle als Kammerjungfer.« * »Einem geehrten Publikum und den Meßfremden in Leipzig zeige ich ergebenst an, daß ich wie bisher warm speisen werde. August Brenne, Traiteur.«   Allerlei Ladenschilder. In einem der unter dem Titel »Berlin wie es ißt und trinkt« erschienenen Hefte schlug Adolf Glasbrenner seinen Landsleuten, den Berlinern, vor, ihre Läden durch Bilderschilder bezeichnen, in denen der Volkswitz Gelegenheit hätte, sich zu zeigen. Zugleich gab er einige Beispiele.   Hutmacher. Verschiedene Männer verschiedenen Standes, die alle den Hut aufhaben und sich gegenseitig den Rücken kehren. Unterschrift: Mein Vaterland, das lob ich mir! Man bringt nicht viele Köpfe hier In Deutschland unter einen Hut, Und das ist für die Hüter gut.   Lichtzieher. Ein Engel, über Berlin schwebend, ein brennendes Licht in der Hand. Unterschrift: Nur Missetäter scheuen's Licht! Wer jeht vorbei und kooft hier nicht?   Uhrmacher. Saturn mit drohendem Gesicht. Unterschrift: Alle Not, die wir erdulden müssen, Alle Schmach, die wir ertragen, Liegt daran, daß viele niemals wissen, Was die Glocke hat geschlagen.   Barbier. Das Bild eines Herrn, der sich lange nicht rasiert hat, dessen mit grauen Stoppeln bedecktes Gesicht daher einen höchst garstigen Eindruck macht. Unterschrift: Pfui!   Bäcker. Überschrift: Ooch 'ne scheene Jegend! Darunter ein Getreidefeld mit einer Mühle. Unterschrift: Wem's in Berlin an Brot gebricht, der koofe sich meine Jabe; Ich, Bäcker, habe nur mein Brot, wenn ich mein Brot nich habe.   Apotheker. Hygieia hält dem Tode eine große Flasche Medizin entgegen, vor der dieser entsetzt zurückfährt. Unterschrift: Noch nicht!   Auktionsanzeige. Am nächsten blauen Montag sollen nachverzeichnete Seltenheiten gegen gleich bare Zahlung verkauft werden: 1. Ein Mantel, der sich von selbst nach dem Winde hängt und dadurch seinem Träger manche Mühe spart. 2. Ein-großer Kasten voll Versprechungen, an dem sich aber keine Griffe zum Heben befinden. 3. Ein Glas mit Seufzern, ausgezeichnet für Leute, die Kondolenzbesuche machen. 4. Eine Flasche mit sympathetischer Tinte, deren Schrift nach kurzer Zeit spurlos verlöscht. Unentbehrlich für Kavaliere, die Liebesbriefe, Schuldscheine und dergleichen zu schreiben gezwungen sind. 5. Eine Maschine, womit man Leuten, ohne daß sie es merken, eine Nase drehen und sie daran herumführen kann. 6. Eine Brille, die man aufsetzt, wenn man jemand nicht sehen oder erkennen will. 7. Ein schönes Sortiment Patentschnurrbärte für Jünglinge, die auf natürliche Weise anwachsen und dann, auch wenn sie beschnitten und rasiert werden, immer wieder nachwachsen.   Anzeigen für den Berliner Weihnachtsmarkt. Aus »Berlin«, von Adolf Glasbrenner. »In unserer Bude zwischen dem Schloß und der Freiheit, links an der Stechbahn, wo die Brüderstraße aufhört, haben wir ein wohlassortiertes Lager fertiger Weihnachtsgeschenke für jeden Stand und jedes Alter aufgestellt und erlauben uns hiermit, auf nachfolgende Artikel besonders aufmerksam zu machen: 1. Blankowechsel mit den täuschend nachgeahmten Unterschriften der solidesten Firmen. Die Summe ist ausgelassen, und kann jeder den leeren Raum nach Bedürfnis ausfüllen. 2. Feine Brustzigarren . Für Schwindsüchtige und solche, die es werden wollen. Die Unterblätter stammen aus den Plantagen Mecklenburgs, das Deckblatt aus demjenigen Teil der Pfalz, wo die echt importierten Zigarren auf den Bäumen wachsen. Das Hundert nur 1 Tlr. 15 Sgr. Geruch für Liebhaber sehr angenehm. 3. Schnupftücher für Kinder nebst vollständig darauf gedruckter Gebrauchsanweisung. In der Mitte jeden Tuchs befindet sich ein Gemälde, die Szene aus dem Roman »Werthers Leiden« von Goethe darstellend, in welcher Lotte den Kindern in dieser Hinsicht Unterricht gibt. 4. Handel- und Wandelröcke . Herrenkleidungsstücke, die, je nachdem man sie von oben oder unten, von rechts oder links anzieht, bald als grauer Paletot, schwarzer Frack, bunte Uniform und als gewöhnlicher Überzieher erscheinen. Für Leute, die wegen einer Entzweiung mit der Polizei zu einer schnellen und unauffälligen Abreise gezwungen sind, einfach unentbehrlich. In den Taschen befinden sich 20 auf verschiedene Namen ausgestellte Pässe nach Amerika. Auf Verlangen können auch adelige Pässe ausgestellt werden, doch stellt sich dann der Preis etwas höher. 5. Ächter Champagner aus einer berühmten Fabrik in der Ackerstraße. Mit allen renommierten Etiketten. Wer zwei Flaschen auf einmal nimmt, erhält einen saueren Hering zu. 6. Mehrere alte Schachteln mit Schminke. 7. Vexierbücher für höhere Töchter . Wenn Eltern oder Lehrer diese Vexierbücher aufschlagen und sie Zeile für Zeile lesen, so genießen sie moralische Betrachtungen im Stile eines Erbauungstraktätchens. Die junge Dame braucht aber nur immer eine Zeile zu überschlagen, so hat sie die pikantesten Witze aus Kreisen, in denen man sich nicht langweilt. 8. Konvexgläser für fremde und Konkavgläser für eigene Fehler. 9. Amors Album . Für Lyriker unter zehn Jahren. Enthält eine Unmasse der zartesten Liebesreime, welche den besten derartigen Dichtungen in Knallbonbons und auf Pfefferkuchen in nichts nachstehen. Für denjenigen Teil der deutschen Jugend, der noch nicht imstande ist, solche Poesien selbst zu verfassen, und daher seinen lyrischen Trieb in grausamer Weise unterdrücken muß. 10. Haarausraufer . Dieses kleine, goldene, mit Diamanten besetzte Instrument bietet allen unglücklichen Börsenspekulanten Gelegenheit, ihre Haare einzeln auszuraufen und dadurch alles Aufsehen zu vermeiden. Preis 200 Tlr., wofür noch eine gedruckte Sammlung geistreicher »hinterlassener Briefe« gratis beigegeben wird, in denen sich in den verschiedensten Variationen die tiefste Verachtung gegen unsere materielle Zeit und ein idealisch zarter Weltschmerz ausspricht. 11. Schauder-Romane für stille Familienkreise. Die Elle mit einem schöngearbeiteten Mord und einer reizend gemalten Verführung: 5 Silbergroschen; mit 2 Morden, 2 Verführungen und 1 Selbstmord: 7-½ Sgr. Bei Abnahme von 12 Ellen wird eine halbe Elle zugegeben. Firma Humbug u. Comp.«   Die freiwillige Anerkennung. Seine Exzellenz der kommandierende General Ritter von Schwertfeger bezieht seine Weine von der Firma Wassermann und bezahlt die Rechnung immer sofort. Trotzdem bekommt er die Rechnung nochmals zugeschickt. Er weist die quittierte Rechnung vor und die Firma entschuldigt sich in einem höflichen langen Schreiben. Nach einigen Wochen bekommt Seine Exzellenz dieselbe Rechnung nochmal, er weist wiederum die quittierte Rechnung vor und diesmal kommt ein Vertreter der Firma in Frack und Zylinder und entschuldigt sich persönlich. Es vergehen wieder einige Wochen und Exzellenz bekommt dieselbe Rechnung wieder. Da reißt dem jovialen alten Herrn die Geduld und er schreibt an die Firma Wassermann: »Ihre Weine sind vorzüglich, Ihre Buchhaltung ist unter aller Kanone.« Diesmal kommt der Chef der Firma mit einem Korb des feinsten Sektes bewaffnet und macht einen Kniefall. Am nächsten Tage erscheint in sämtlichen Zeitungen eine ganzseitige Annonce: »Seine Exzellenz der kommandierende General Ritter von Schwertfeger schreibt uns unaufgefordert: »Ihre Weine sind vorzüglich.«   Anpreisung. »Unseren Rettungsgürtel kann ich Ihnen sehr empfehlen, wir verkaufen ihn seit zehn Jahren, und es ist bisher keine einzige Beschwerde eingelaufen.«   Ein nettes Geschäft. Ein Kaufmann, der ein neues Geschäft auftat, schrieb in einem Zirkular seinen zukünftigen Kunden: »Meine Verkäuferinnen werden Ihnen in zuvorkommender Weise alles zeigen, was sie haben.«   Der Ursprung der Konfektion. Ein großer Konfektionär in Berlin ließ sich eine Schutzmarke mit einem Apfel machen, und auf die Frage, was der Apfel denn mit seiner Branche zu tun habe, antwortete er: »Na, wenn Adam und Eva nicht den Apfel gegessen hätten, wo wäre da heute die Konfektion?«   Der Hoflieferant. Als einmal in Braunschweig zu Ehren des Herzogs illuminiert werden sollte, fertigte der Stadtsekretär Wolf, der ein witziger Poet und ein lustiger Bruder war, einem befreundeten Kaufmann und Hoflieferanten auf sein Ersuchen für ein Transparent folgende Verse, die dann auch abends berechtigtes Aufsehen erregten: Das Haus der Welfen soll grünen und blühn, Hier ist ein großes Tuchmagazin. Durchlauchtigster Herzog! Belohne die Treu, Reiß alle Tage ein Paar Hosen entzwei!   Eine komische Zeitungsanzeige. In einer Magdeburger Zeitung vom 19. März 1842 stand folgende originelle Todes- und Geschäftsanzeige: Tod meines Sohnes, des Spiegelmachers . Dem lieben Gott hat es gefallen, meinen Sohn Jakob durch einen Gußspiegel von 6 Fuß 8 Zoll Höhe und 4 Fuß 4 Zoll Breite sterben zu lassen. Er wollte den Spiegel im Kaufmann Schönemann'schen Hause an der Wand befestigen. Der obere Nagel steckte schon in der Mauer, der Spiegel hing bereits, da wurde der bewußte Nagel plötzlich bewußtlos, er riß sich aus der Wand und stürzte und mit ihm der Spiegel auf meinen Sohn, dem sogleich das Empfinden schwand. Die Verletzung, die er erlitt, war schauderhaft, heute gab er den Geist auf. Ich zeige dieses an und bitte um doppelte Beileidsbezeugungen. Erstens wegen meinen Jakob und hernach wegen des Spiegels. Denn Schönemann behauptet, ich müßte den Spiegel tragen, da mein Sohn doch durch seinen schlechten Nagel an dem Tode des Spiegels und seinem eigenen schuld gewesen. Ich trage ihn aber nicht, er liegt in Scherben. Mein Jakob aber war 27 Jahr alt. Suse Fädecke, Spiegel- und Glaslustre-Fabrikantin.   Reklame. In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts fand sich in einer Londoner Zeitung folgende Anpreisung: Ein Gentleman, der Chef eines namhaften Hauses, saß kürzlich vor seinem Schreibpult und schnitt sich eine Gänsefeder zurecht. Da fuhr ihm plötzlich ein Splitter davon in das rechte Auge. Schnell griff er nach dem Auge, um den Splitter herauszuziehen, aber in der Hast drückte er ihn nur noch tiefer hinein, tötete den Sehnerv, und sein Auge, dieses köstliche Organ, war verloren. Darum, Gentleman, verbannen Sie alle Gänsekiele und bedienen Sie sich gefälligst von nun an nur noch unserer patentierten Stahlfedern, mit denen keine andern den Vergleich aushalten. Crawford und Co.   Eine teure Geschäftsreise. Ein Schneider war einem Handelshause eine kleine Summe schuldig, und da er diese nicht bezahlen konnte oder wollte, verurteilte man ihn zur Strafe des Sitzens im Schuldgefängnis. Nachdem er vierzehn Wochen dort zugebracht hatte, sah man sich genötigt, ihn wieder freizugeben, worauf dann folgende Anzeige von ihm im Tageblatt seines Ortes erschien: »Von einer vierzehnwöchigen, für das hiesige Handelshaus H. A. H. gemachten Reise zurückgekehrt, ersuche ich meine hiesigen und auswärtigen Gönner und Freunde, mir ihr sonstiges Zutrauen und Wohlwollen wiederum zu schenken.«   Bedenklicher Druckfehler. Im Frankfurter Intelligenzblatt suchte ein Mann von 27 Jahren eine Stelle als Markthelfer, Hausmann oder dergleichen und sagte am Schluß seiner Anzeige: »Wenn es verlangt wird, kann derselbe 200 Taler Kaution stehlen.«   Geschäftsankündigung. »Soeben ein großer Posten frischer Hasen angekommen. Den verehrten Kunden wird auf Wunsch das Fell abgezogen.«   Amerikanische Geschäftsschilder. Die Amerikaner haben sich zu allen Zeiten ihrer Geschichte durch ihre marktschreierischen Ankündigungen ausgezeichnet, die für unseren Geschmack manchmal etwas Komisches an sich haben, aber doch irgendwie wirksam sein müssen. Auf dem Schilde eines Schneiders in New York las man in riesengroßen Buchstaben: »Hierher! Hierher! Kommt alle zu mir, die ihr nackt seid, ich will euch kleiden.« Ein Kaufmann in Mississippi, der seine Kunden zur Zahlung anfeuern wollte, ließ in die Zeitungen einrücken: »Blut und Donner! Feuer und Schwefel! Bezahlt mir, was ihr schuldig seid!« Einer der besten dieser Anzeigen aber ist die eines Quacksalbers, der dem Publikum anzeigen wollte, er könne böse Augen heilen. Die Überschrift seiner Anzeige lautete: »Möge kein Blinder vorübergehn, ohne dies gelesen zu haben!«   Poetische Reklame. Das Wiener »Fremden-Blatt« brachte als sehr originelle Reklame eines Zigarrenhändlers eine Zeichnung, die ein Liebespaar in einer sehr romantischen Gegend darstellte. Darunter befanden sich die folgenden Verse: Julie: Geliebter, sprich, welch wundervoller Duft Durchwürzt heut dieses Gartens Luft? Romeo: O Julie, nicht Rosen sind es, nein! Es können nur Zigarren, die ich rauche, sein. Julie: Wer liefert, Teurer, dir dies edle Kraut? Romeo: O Julie, zu allen sag ich's laut! Emanuel Oberski kann allein Verkäufer solcher edler Blätter sein.   Pariser Straßenhändler. Auch in Paris pflegen die Straßenhändler ihre Waren mit laut tönenden Worten anzupreisen. Ein Handelsmann, der Rasiermesser verkaufte, empfahl sie mit folgenden Worten: »Diese Rasiermesser, die ich in der Hand halte, sind bei dem Scheine eines Diamanten in einer Höhle in der Provinz Andalusien in Spanien verfertigt. Sie schneiden schnell wie ein Gedanke und glänzen wie der Morgenstern. Ich will nur zwei Worte sagen und bin fest überzeugt, daß Sie dann alle kaufen werden. Legen Sie diese Messer beim Schlafengehen unter das Kissen und am andern Morgen werden Sie über und über rasiert sein!   Eine praktische Erfindung. Auf einer Londoner Industrieausstellung war unter anderem auch ein »wachsendes Kinderbett« ausgestellt, dessen Mechanismus so angeordnet war, daß es sich strecken liest und dem Kinde für sein Lebtag als Bettstelle dienen konnte, selbst wenn sich dieses Kind zur Größe eines Grenadiers entwickeln sollte. Jedenfalls war das ein passendes Patengeschenk.   Ein verfänglicher Ausdruck. Ein Plakat an einem Herrenkonfektionsgeschäft trug folgende Aufschrift: »Bitte, beachten Sie mein schönes Hosenfenster.«   Bedenkliche Warnung. Ein Spezialgeschäft für Betten schrieb in einem Zirkular an die Damenwelt: »Gerade beim Einkauf von Betten können die geehrten Damen nicht vorsichtig genug sein, da sie von einem wenig reellen Verkäufer leicht hineingelegt werden können.«   Geschäftsbrief. Die Inhaberin eines kleineren Geschäfts schrieb an ihren Grossisten: »Wenn ich auch nicht immer sofort zahlen kann, so brauchen Sie doch keine Sorge deshalb zu haben. Bei mir können Sie ruhig schlafen, wovon sich Ihr Vertreter bei seinem letzten Hiersein ja auch überzeugt hat. Im übrigen ist mir in Ihrem Allerwertesten noch ein dunkler Punkt aufgefallen, den ich bei Ihrem Hierherkommen mündlich berühren werde.«   Konkurrenzkampf. Ein biederer Schuhmachermeister, der einen hübschen, kleinen Laden in einer lebhaften Geschäftsstraße des Berliner Westens besitzt, bekommt plötzlich einen bösen Nachbar, nämlich eine Riesenfiliale einer ganz großen und durch ihre reißerische Reklame bekannten Schuhfirma. Sein kleiner Laden verschwindet fast neben dem großen Nachbar, der sich links von ihm hingesetzt hat. Noch übler wird ihm zu Mut, als nach einigen Monaten ein zweites großes Schuhgeschäft rechts von ihm in allergrößter Aufmachung eröffnet wird, so daß es ihm unmöglich erscheint, sich gegen die doppelte Konkurrenz zu halten. Plötzlich kommt ihm aber doch ein rettender Gedanke. Er nimmt sein Firmenschild herunter und ersetzt es einfach durch ein anderes, das vom Nachbar rechts zum Nachbar links hinüber reicht, und auf dem mit Riesenbuchstaben steht: Haupteingang!   Unangenehme Empfehlung. Hausierer (der an der Wohnungstür geklingelt hat, zu der ihm öffnenden Frau Lehmann): »Ihre Nachbarin, die Frau Schulze, schickt mich zu Ihnen, Sie würden gewiß Bedarf in meinen Waren haben, Sie selbst braucht nichts.« Frau Lehmann (erfreut): »So, was haben Sie denn?« Hausierer: »Insektenpulver!«   Ein bedenkliches Inserat. »Witwe, Inhaberin eines gutgehenden Schuhwarengeschäfts, sucht sich wieder zu verheiraten, Hühneraugenoperateure bevorzugt.«   Geschäftliches Inserat. »Ich brauche für mein Installationsgeschäft als Stütze einen zuverlässigen Fachmann. Schlosser, der auf Muttern eingearbeitet ist, erhält den Vorzug. Frau Witwe Anna Schulze.«   Unmöglich. In einer mittleren Stadt gibt es drei Drogisten, die sich in allem scharfe Konkurrenz machen und jeden Reklametrick einander nachahmen. Da bringt der eine ein neues Mottenpulver heraus und nennt es, da er Schulz heißt, ›Schulzin‹. Der andere läßt sich sofort bei seinem Lieferanten ein anderes Mottenmittel anfertigen, auf dessen Verpackung mit auffälligen Buchstaben nach seinem Namen Schröder das Wort ›Schröderin‹ steht. Nur der Dritte versucht diesmal nicht, das Manöver seiner beiden Konkurrenten nachzuahmen, er heißt nämlich – Uri.   Früh krümmt sich ... In einer Schule erhalten die Knaben als Aufsatzthema »Was ich werden möchte.« Der kleine Moritz schrieb ganz begeistert: »Ich möchte ein Geschäftsmann werden. Sobald ich groß bin, fang ich einen Handel mit alten Kleidern und Möbeln an, denn mein Vater sagt, das trägt mehr, als man glaubt. Ich werde aber in jeder Hinsicht bestrebt sein, mir das Vertrauen meiner geehrten Kundschaft zu erwerben, weshalb ich jetzt schon den Herrn Lehrer bitte, mich dann mit seinen geschätzten Aufträgen und seiner Empfehlung bei Freunden und Bekannten zu unterstützen. Moritz Meseritzer.«   Die Reise ... Ein Schneider wurde auf Veranlassung eines Handlungshauses festgesetzt und nach vierzehn Tagen wieder entlassen. Er ließ darauf in die Zeitung setzen: »Von einer vierzehntägigen Reise, in Angelegenheiten des Hauses M. B. \& Co., zurückgekehrt, bitte ich meine früheren Kunden um ferneren geneigten Zuspruch.«   Moderner Betrieb. Ein Pferdemetzger kündigte in der Zeitung an: »Von Montag ab Weiße Woche – habe zwei Schimmel geschlachtet.«   Der Koffer. Ein armer Mann geht über den Trödelmarkt. »Kaufen Sie mir etwas ab?« ruft ihm ein Händler zu. »Was soll ich armer Mann Ihnen abkaufen?« »Nehmen Sie diesen schönen Koffer.« »Was soll ich mit einem Koffer?« »Da können Sie Ihre Kleider hineinlegen.« »Und ich soll nackend herumlaufen?«   Das Geheimmittel. »Sie kündigen da eine neue Salbe gegen kalte Füße an, kolossal wirksam, die beste der Gegenwart, der Tiegel zu zwölf Mark in jedem Laden'. Sagen Sie mal aufrichtig: glauben Sie selbst an das, was Sie ankündigen?« »Na, zum Teil glaub' ich's schon.« »Und was glauben Sie?« »Daß der Tiegel im Laden zwölf Mark kostet.«   Eine farbenfrohe Geschäftsfrau. In einer Zeitung befand sich folgende Anzeige: »Ich teile hierdurch mit, daß nur der gelbe Neid eines schwarzen Konkurrenten behaupten kann, meine Blaubeeren wären alle noch grün. Rosa Braun, Gemüsehändlerin.«   Inserat. »Ich bitte meine geehrte Kundschaft, mein Geschäft nicht mit ähnlichen Schwindelunternehmungen zu verwechseln.«   Familiennachrichten. Die glückliche Geburt eines gesunden Jungen sowie die Ankunft einer neuen Sendung prachtvollen holländischen Käse zeigen hocherfreut an Peter Bollhase und Frau, geb. Tulpe, Delikatessengeschäft.   Marterl. Eine tüchtige Geschäftsfrau war die Frau eines oberbayrischen Schneidermeisters, die ihrem verunglückten Mann folgende Gedenktafel setzte: Hier ruht leider mein Gemahl, Er war Schneider unten im Tal, An seiner Stelle setze ich dort Mit den Gesellen die Arbeit fort.   Originelles Ladenschild. Vor einem Hutladen in Prag befand sich ein Schild mit folgender Aufschrift: Ich lobe meinen Gott, Laß ihn in allem walten, Und mache neue Hüt', Färb aber auch die alten.   Die geschäftstüchtige Witwe. Auf einem Friedhof zu Paris befand sich auf einem Grabe folgende Inschrift: »Hier liegt Maurice Piradou, Mützen- und Schnittwarenhändler in der St. Dionysstr. Nr. 19. Seine betrübte Witwe setzt seinen Handel fort und empfiehlt sich mit allen in ihr Fach einschlagenden Artikeln einem verehrlichen Publikums bestens. Er war ein guter Familienvater. Sanft ruhe seine Asche.«   Geschäftliche Ankündigung. Ein Damenfriseur, der zwei Stockwerke hoch gewohnt hatte und dann ins Erdgeschoß gezogen war, meldete auf seinem Anschlagzettel unter anderem: »Hier wird nicht mehr oben, sondern unten frisiert.«   Eindringliche Reklame. In einem amerikanischen Blatt stand folgende Geschäftsanzeige: Sie feigherziger Schuft! Gibt es etwas, was Ihnen an Nichtswürdigkeit gleichkommt? Betrachten Sie Ihr junges, schönes Weib, betrachten Sie ihr heiteres, sonniges, gesundes Antlitz! Und nun sehen Sie Ihre eigene Fratze an, die voll von Aussatz und Beulen ist! Aber Sie sind zu schmutzig, ein paar Groschen für ein Stück unserer berühmten italienisch-chinesischen Seife auszugeben, die Sie ganz davon befreien, die Ihre vergilbte Haut rein und gesund machen würde, versuchen Sie es nur einmal und kaufen Sie noch heute ein Stück in unserem Laden zum Amerikanischen Adler.   Die vier Buchstaben. Die Zeiten ändern sich. Auf den Inschriften der alten Römer begegnen uns immer wieder die Lettern: S.P.Q.R. Im neuen Deutschland heißt es: G.m.b.H.   Der süße Mann. Auf dem Berliner Weihnachtsmarkt pflegten früher die Händler ihre Waren mit allerlei Versen anzupreisen. Ein Pfefferkuchenverkäufer bot den vorübergehenden jungen Damen seine Rosinenmänner mit folgendem Gedicht an: »Hierher, mein liebes Mamsellchen, wenden Sie einen Sechser dran! So kriegen Sie, was Sie suchen, Den allersüßesten Mann! Der wird sich treu beweisen In seinem Lebenslauf, Und haben Sie ihn satt, so speisen Sie ihn vor Liebe auf!«   Berliner Straßenhändler. »Fünfzig Fennje die hochelejante Brieftasche! Jeder Käufer erhält eine zweite gratis. Dreißig Fennje das krokodillederne Portmonnee mit Heckjroschen! Meine Herrschaften, da muß ihnen ja was ins Ooge jeflogen sein, wenn Se da nich die Einsicht haben, sich kurz zu entschließen. Na, mir kann et ja recht sind, wenn ick von die hochfeine Ware wat übrig behalte vor das wirkliche feine Publikum; des kommt erst nach Fabrikschluß um Uhre sechsen.« * »Hier hochfeine Spazierstöcke, schwarz Ebendholz mit Silberkandierung! Fünf Mark das Stück! – was sage ich? fünf Mark? Nein vier Mark! Na, det se alle werden, drei, zwei, eine Mark das Stück! Eine hochnoble Arbeit! Sehen Se sich die Stöcke an! Ansehen, bloß ansehen! Nicht ant Silber polken! Echtes Silber verträgt des nicht! Wie kann man sich man bloß 'nen Stock, den ich drei Mark unter Selbstkostenpreis verkaufe, so lange ansehen.«   Ein Geschäftstrick aus Amerika. Der Inhaber eines Modewarengeschäfts in einer der besten Geschäftsstraßen New Yorks, dessen Umsatz in der letzten Zeit sich sehr vermindert hatte, kam auf einen einfachen Gedanken, um die Zahl seiner Kunden zu vergrößern. Er ließ eine Annonce in die New Yorker Blätter einrücken, daß 20 junge Damen in seinem Geschäft eine angenehme Beschäftigung finden könnten. Wie zu erwarten war, meldeten sich über hundert junge Damen, von denen er die zwanzig hübschesten aussuchte. Er kleidete sie hochelegant und nach der letzten Mode, so daß sich alle Blicke, vor allem die der vornehmen Damenwelt, auf sich ziehen mußten. Ihre Beschäftigung bestand nun darin, den Tag über zu dreien, vieren oder fünfen die Avenue, in der das Geschäft lag, auf und ab zu gehen, vor dem betreffenden Laden stehen zu bleiben, die ausgestellten Kostüme zu bewundern und hineinzugehen, um sie sich vorlegen zu lassen. Der Inhaber der Firma vertraute mit Recht auf den Einfluß dieser Lockvögel auf die neugierigen Amerikanerinnen. Kaum waren einige Tage seit dem Beginn des Unternehmens vergangen, da wurde die vornehme Damenwelt der Gegend auf den Zuspruch aufmerksam, den das einzelne Geschäft hatte. Sie sahen, daß keine zehn Minuten vergingen, ohne daß nicht höchst elegant gekleidete Kundinnen hineingingen. Diesem Beispiel war schwer zu widerstehen. Wagen hielten an, und man ging hinein, um wenigstens eine Kleinigkeit zu kaufen, und bald überstieg die Zahl der wirklichen Kunden die der Scheinkunden. In kurzer Zeit gehörte das Geschäft, das anfangs gar nicht zur Blüte kommen wollte, zu den bedeutendsten und vornehmsten des besseren New York.   Aus dem Anzeigenteil einer Tageszeitung des Jahres 2407. Aus Christian Morgenstern »Gingganz«, Verlag Bruno Cassirer, Berlin. 5. August!! Künstliches Schneegestöber in Thale (Harz), veranstaltet vom Hotel Alpenrose: mit der großen Papierschnitzelschneezentrifuge der amerikanischen Naturschauspielimitationskompagnie Brotherson \& Son. * Amerikanischer Agent sucht ausgestopfte Fürsten zu höchsten Preisen. Red. 43. W. P. St. * Von morgen ab wieder täglich: Verwandlung von Wasser in Wein. Austern, Kaviar, Champagner, Tafelobst für jedermann auf einfachstem Wege. Egon Schwarzfuß, Hypnotiseur. Gegenüber dem Ackerbauministerium. * Die Vereinigung für Ameisenspiele wird ersucht, sich morgen, den 17. hjs. auf dem Tempelhofer Felde einzufinden, um den großen Haufen zu vollenden. Darunter in riesigen Lettern: Für Ameisenkostüme, braun, schwarz, in jeder Größe, genau nach den Vorschriften der VfA, empfiehlt sich Phantasus Liptauer, Warenhaus für Tierspiele aller Art. Desgleichen Blattlauskostüme samt allem Zubehör. * Die Gesellschaft für Verbreitung von Schrecken aller Art teilt mit, daß nun auch fingierte Einbrüche polizeilich genehmigt worden sind. Die Abonnenten genießen wie immer erhebliche Vorteile. Auf ein Jahresabonnement zu 3 Einbrüchen 1 Mordüberfall gratis. Näheres die Prospekte und Kataloge. * English church , aus Gummi, zusammenlegbar; samt Koffer 1250 M. * Nutridentol!! Ist das beste Zahnwasser! Dasselbe besitzt außer seinen reinigenden Eigenschaften hohen Nährwert! Der Gebrauch ersetzt jedes Abendbrot oder Frühstück! * Künstliche Köpfe!! – Jedermann ist ein Narr, der sich nicht einen künstlichen Kopf anschafft. Der künstliche Kopf wird über den natürlichen gestülpt und gewährt diesem gegenüber folgende Vorteile: a) Des Schutzes gegen Regen, Wind, Sonne, Staub, kurz alle äußeren Unbilden, die den natürlichen Kopf ohne Ende belästigen und von seiner eigentlichen Beschäftigung, vom Denken, abhalten; b) der Erhöhung der natürlichen Sinnesfunktionen: man hört mit seinen künstlichen Ohren etwa hundertmal mehr und besser als mit den natürlichen, man sieht mit seinem Augenapparat so scharf wie ein Triëder-Binocle, man riecht mit dem K. K. feiner und man schmeckt mit dem K. K. differenzierter als mit seinem Vorgänger. Dabei braucht man jedoch nichts von alledem. Man kann die Apparate nämlich einstellen, wie man will, also auch auf ›tot‹. Der auf tot eingestellte K. K. ermöglicht ein vollkommen ungestörtes Innenleben. Geschlossene Zimmer, Mönchszellen, Waldeinsamkeit usw, sind fortan überflüssig. Man isoliert sich im dichtesten Volksgewühl. – Der K. K. wird nur nach Maß angefertigt und ist leicht zu tragen. Gegen unbefugte Berührung ist er durch eine eigene Batterie geschützt. Da er kein Haarkleid braucht, ist die Schädeldecke für Annoncen reserviert. – Wer klug ist und vorurteilslos, kann durch Übernahme einer geeigneten Großfirmenanzeige die Kosten eines K. K. herausschlagen, ja noch mehr, durch den künstlichen Kopf auch auf diesem Wege weit leichter Geld verdienen als durch den natürlichen.