Carl von Ossietzky Ein Lesebuch für unsere Zeit   Artikel, Rezensionen, Feuilletons 1911–1933   Eulenbergs »Alles um Liebe«   Zur Uraufführung im »Deutschen Schauspielhause« zu Hamburg Die Redaktion erhielt folgendes Schreiben: Hamburg, den 21. Februar 1911 Am 16. Februar ist in Hamburg Herbert Eulenbergs Komödie »Alles um Liebe« lärmend abgelehnt worden. Seit Menschendenken hat man das Hamburger Publikum nicht derart in Rage gesehen. Der größte Teil der Kritik hat sich den Entrüstungskundgebungen angeschlossen. Und da die auswärtige Kritik in das gleiche Horn tutet, ist der Dichter augenblicklich das Objekt einer wahren Hetzjagd geworden. Ich bitte die geehrte Redaktion um Aufnahme meiner Besprechung, die einen wesentlich anderen Standpunkt einnimmt. Vielleicht regt mein »Eingesandt« auch den Herrn Feuilletonredakteur an, dieses Thema zu behandeln. Soweit ich ihn aus seinen Artikeln kenne, dürfte er diese Dinge wohl ähnlich betrachten. Außerdem bringt er noch ein ganz anderes ästhetisches Rüstzeug mit als meine Wenigkeit, die hier lediglich einen Temperamentsausbruch liefert. Mit vorzüglicher Hochachtung C... von O...   Wir drucken den Temperamentsausbruch im folgenden gern ab: Hamburg hat wieder einmal seinen Skandal gehabt. Nicht vor einem Chronometerladen am Schopenstehl – wie vor einigen Jahren –, sondern in seiner vornehmsten Kunststätte. Diesmal waren es keine »Halbstarken«, die sich gegenseitig die gestohlenen Taschenuhren an den Kopf warfen; nein, ein gutbürgerliches Publikum fühlte das Bedürfnis, Radau zu machen und den Darstellern, die mit bewundernswertem Eifer an der Arbeit waren, eine Musterkollektion schönster Lokalausdrücke an den Kopf zu werfen. Das Parkett johlte und pfiff. Die Ränge tobten vor Wut. Und die alte Behauptung, daß die Galerie die meiste Einsicht zeige, muß feierlichst auf das Gebiet der Legende oder Theaterhumoreske verwiesen werden. Und was war geschehen? Man hatte riskiert, das Werk eines echten Dichters aufzuführen. Ein Werk, das gewiß nicht ohne Mängel ist. Ein Werk, vor dessen Schwächen selbst man in einer Zeit, wo die Plumpheiten Bernsteins und Batailles über die Bretter poltern, wo sich unter der Schutzmarke »Schwank« die frechste Unkultur spreizt, wo Fulda auf tragischem Kothurne herumstolziert, allen Grund hat, den Hut abzunehmen. Eulenberg hat genug Mißerfolge gehabt und ist ohne Zweifel verbittert. Manches harte Wort der Menschenverachtung, manche Szene, die die menschliche Unzulänglichkeit in drastischer Weise dartut, befindet sich in seinem Werk. Alles dreht sich um Liebe. Jahrelang lebt man wie im Äther und schwärmt in schönen Worten über himmlische und irdische Liebe. Aber man vergißt auch nicht, den alten Majordomus Emanuel von Treuchtlingen reichlich und täglich mit Rippenstößen zu bedenken. Man kann überhaupt sehr rabiat werden, wenn es sich um irdische Dinge – besonders um pekuniäre – handelt. Das Hohe und Edle spart man sich für die Liebe auf – im bürgerlichen Leben braucht man nicht einmal anständig zu sein. Und dieser verspottete Misanthrop Emanuel, dieses Stachelschwein, dieser Giftpilz zieht ihnen allen die Larve der Schwärmerei vom Antlitz und legt diesen Zwiespalt zwischen Reden und Handeln unbarmherzig bloß. Er legt schonungslos den Finger in die Wunde, um sich nach gelungener Operation diskret zurückzuziehen. Der Duft der Romantik umgibt das Werk. Jener Duft, der uns den »Sommernachtstraum« und »Wie es euch gefällt« so wert macht. Die Buntheit der Geschehnisse, die Fülle kurioser Einfälle erwecken Erinnerungen an den Meister der deutschen Romantik, an den genial-konfusen »Ponce de Leon« Clemens Brentanos. Das Publikum stand dem Werk anfangs wortlos und später aufgebracht gegenüber. Man hatte keinen Sinn für die Schönheit der Sprache, für die Komik der Tragik einzelner Situationen. Man vermißte eine leicht faßbare Handlung. Der brutale Stoffhunger triumphierte über die zarten Gebilde einer Dichterphantasie. So ist das Publikum und auch der größte Teil der Kritik dem Werk eines Dichters, der künstlerisch auf einer längst vergangenen Zeit zu fußen scheint, der so gar keine Beziehungen zur Gegenwart zu haben scheint und doch mit beiden Armen in die Zukunft weist, nicht gerecht geworden. Die Minorität wurde niedergebrüllt. Es nützte nichts, daß in der ersten Parkettreihe Richard Dehmel sich freiwillig zum Organisator des Erfolges proklamierte, indem er mit dem Rücken gegen die Bühne demonstrativ applaudierte. Man gab an diesem Abend nichts auf Autoritäten. So brutal auch die Formen der Ablehnung waren, blieb doch das Ganze ein Possenspiel, in dem das Publikum der blamierte Teil war. Doch eine ernste Seite hat die Angelegenheit. Eulenberg hat auf der Bühne ja fast nur Niederlagen erlebt. Werden die Theaterleiter nicht künftig Mühe und Kosten scheuen, die eine Aufführung bringt? Denn mit einer Aufführung läßt sich nur noch rechnen! Soll es dahin kommen, daß dem Dichter die Bühnen gänzlich verschlossen werden, daß er allmählich bühnenfremd und zum unfruchtbaren Experimentator wird? Will das wunderbare deutsche Volk, das in der Schule die Generationen verachten lernt, die seine Klassiker hungern ließen, einen großen Dichter verderben lassen? – Doch einen Erfolg hat Eulenberg gehabt. In der Wiener »Freien Volksbühne« wurde im vergangenen Herbst sein »Natürlicher Vater« begeistert aufgenommen. Vom Arbeiterpublikum!! Das zahlungsfähige Hamburger Bourgeoispublikum sollte sich aufrichtig schämen.   Das freie Volk, 25. Februar 1911   Das Erfurter Urteil »Fedja: Und Sie, der Sie an jedem Ersten mit einigen Groschen für Ihre Gemeinheit bezahlt werden, Sie ziehen sich Ihren Uniformrock an und tun sich nun groß über jene Leute, deren kleiner Finger mehr wert ist als Sie im ganzen und die Sie nicht einmal ins Vorzimmer hineinlassen würden. Sie haben sich hinaufgeschustert und freuen sich nun. Der Richter: Ich lasse Sie abführen.« Tolstoi, »Der lebende Leichnam« Drei Landwehrleute sollen auf fünf Jahre ins Zuchthaus wandern; ein paar andere erhalten bittere Gefängnisstrafen. So entschied das Kriegsgericht zu Erfurt. Grund: Alkoholausschreitungen. Schaden hat es außer der Aufregung nicht gegeben. Was kann man bei einem bürgerlichen Gerichte nicht alles für fünf Jahre Zuchthaus haben! Hunderttausende stehlen, seine Zeit abreißen und nachher als Rentner leben; im Affekt einen Mord begehen, den milde Richter als Totschlag auslegen. Milde Richter! Die militärische Justitia hat nicht nur verbundene Augen, sondern auch verstopfte Ohren und ein gepanzertes Herz. Alkoholausschreitungen sind häßlich. Aber solange der Saufteufel noch eine Großmacht ist, wird nur eine geschwollene Moral einen Stein auf ein paar arme Kerle werfen, die sich in ihrer Weise einen vergnügten Tag gemacht haben. Seit alten Zeiten zeichnen sich die militärischen Strafen durch besondere Grausamkeit aus. An der wilden Soldateska des Dreißigjährigen Krieges sühnte die beleidigte Gerechtigkeit die zahllosen Untaten mit Spießrutenlaufen, Rad und Galgen. Was wurde damals gehängt! Wie viele Knochen wurden von den Strafwerkzeugen gebrochen! Die Kriegsjustiz sandte mehr Krüppel ins Land als alle Schlachten. Man erzählt von einem alten Haudegen, der als Vorsitzender eines Kriegsgerichts die Sitzung abbrach, indem er das Buch zuklappte und dem Profossen zurief: »Es ist das beste, wir beginnen mit der Exekution!« Heute kennt die Justiz weder Wippe noch Rad. Nur noch Paragraphen. Aber die eben angeführten Worte des Marschalls von Monluc, die in ihrer rauhen Aufrichtigkeit so bezeichnend sind, müßten heute über der Pforte jedes Kriegsgerichtes stehen. Sie sind symbolisch. Und das Bild des alten Kriegsmannes müßte in jedem Sitzungszimmer hängen; denn er hat es erkannt und in wahrhaft klassische Form gebracht, daß es bei der militärischen Justiz nicht auf den Paragraphenplunder, sondern einfach auf die Strafe ankommt. Diese Justiz will nicht prüfen und wägen, wie die bürgerliche – es soll. Sie will auch nicht vergelten. Sie über zahlt. Sie hat die Aufgabe, den »Untertanen« an das Prinzip der Autorität, der unbedingten Disziplin zu erinnern. Sie hat ihm die Grenzen seiner Freiheit zu zeigen. Das bürgerliche Leben bringt eine höchst gefährliche Gleichmacherei mit sich. Also muß daran erinnert werden, daß es noch Klassen gibt. Das ist die Aufgabe der Kriegsgerichte. Der Vorgesetzte wird gestreichelt, der Untergebene gepeitscht. Das unverfälschte Prinzip der Reaktion, nackter Klassenegoismus! Wir entrüsten uns, daß es in Rußland noch Kirchenstrafen gibt, Verbannungen ins Kloster usw. Sind wir besser daran? Wehe dem Bürger, der vergißt, daß er an einem Tage im Jahre unter die Zuständigkeit der militärischen Gerichtsbarkeit fällt! Wehe dem, der in die Fußangeln ihres Strafsystems gerät! Ein seltsamer Zufall wollte es, daß das Erfurter Urteil in die Zeit fiel, da der Reichstag die größte je an ein Parlament gestellte Militärforderung endgültig zu bewilligen hatte. Nicht der schwärzeste Reaktionär wagte das Urteil zu verteidigen. Nicht einmal der Kriegsminister. Sogar die Liberalen wurden energisch und verlangten ein Notgesetz. Gut gemeint! Aber von vornherein hätte man Kautelen erzwingen müssen; die völlige Neuschaffung des militärischen Rechts wäre mit die wichtigste gewesen. Die Regierung würde sich gesträubt haben – viel mehr noch als in der Frage des Gardeprivilegs. Nun, so hätte man ihre Vorlage ruhig in Scherben gehen lassen müssen. Aber es wäre töricht, so viel Tatkraft von unseren »bürgerlichen « Politikern zu verlangen. Es hätte sich ja nur um die Gerechtigkeit gehandelt. Wer regt sich deswegen auf? Die Sozialisten und die paar verbohrten Demokraten . Die Herren, die bei jeder Gelegenheit »unser Geistesleben retten«, mögen es sich gesagt sein lassen, daß wir das Erfurter Urteil für einen viel schlimmeren Schlag gegen die Kultur halten als das Verbot von zehn Festspielen. Der Kriegsminister versicherte, daß die Richter nur ihre Pflicht täten. Das muß man ihnen eben zum Vorwurf machen. Das Gesetz ist grausam. Und nicht einen Fingerbreit weichen sie von seinen harten Paragraphen ab. Nicht einer schenkt der milderen Regung des Herzens Gehör. Nicht einer schreit auf: Das kann ich nicht! Mag es tausendmal Gesetz sein, dagegen bäumt sich mein Gewissen auf. Ich bekenne! Die Worte, die eingangs dieser Zeilen aus Tolstois Drama zitiert sind, schreit ein zu Tode Gehetzter seinem Richter entgegen. Wir haben genug Opfer wimmern gehört. Ein Richter müßte, von seinen Gefühlen überwältigt, reden. Das wäre in unserer tatenarmen Zeit wie eine Erlösung. Wir sind davor sicher! Die Beamten arbeiten mit derselben Gewissenhaftigkeit, mit der sie an jedem Ersten ihr Gehalt einstreichen. Und nach einem besonders harten Urteil gehen sie ruhig nach Hause, nicht ohne Mitgefühl für den armen Teufel, der das Unglück hatte, in die Klasse hineingeboren zu werden, die nun einmal die Objekte der Gesetzgebung liefern muß.   Das freie Volk, 5. Juli 1913   Wo bleibt das Theater? Die ersten Kriegswochen waren vorüber, die ersten Schläge gefallen. Die ungeheure Spannung wich. Wir fingen wieder an, uns der Umwelt zu erinnern. Alte Neigungen erwachten wieder. In diesen Tagen öffneten die Theater ihre Pforten. – Nun ist der erste Monat verflossen, und man kann es sich erlauben, über den bisherigen Spielplan ein Urteil zu fällen. Leider muß festgestellt werden, daß die Bühnen uns eine schlimme Enttäuschung bereitet haben. Kein Hauch unserer eisernen Zeit hat sie berührt. Mag sein: wir haben keine gangbare dramatische Ware, die eine gewisse patriotische und pädagogische Note hat, aber durch Schlichtheit der Sprache und Lauterkeit der Gesinnung auch auf diejenigen wirkt, die sonst Tendenzwerke jeder Art unbedingt ablehnen. Heyses »Colberg« ist längst verblaßt, der »Fechter von Ravenna«, den man nun allerorten sieht, ist in seinem Schwulst für uns unerträglich, und Wildenbruchs ehrliche Begeisterung kennt kein Körnchen Selbstkritik und gleitet allzu häufig in die Regionen der Trivialität hinab. Da uns eine eigentliche patriotische Literatur fehlt, müßten wir auf jene Werke zurückgreifen, die für ewige Zeiten als stolze Säulen deutschen Nationalbewußtseins emporragen. »Faust«, »Wallenstein«, »Götz«, die »Hermannsschlacht«, Grabbes »Napoleon« – wo bleiben sie? Die Theater – natürlich machte Berlin den Anfang – bringen uns sentimentale Schmachtfetzen von Anno dazumal, oder, was noch schlimmer ist, sie lassen spekulative Zeitgenossen mit jämmerlichen Reißern zu Worte kommen, die dadurch nicht besser werden, daß sie hochtrabende Titel führen wie »Vaterland« oder »Das Volk steht auf – der Sturm bricht los!« – Sehen denn die Bühnenleiter nichts von dem prächtigen vorwärtsstürmenden Leben dieser Tage? Sie stöbern die vermoderten Spielpläne durch, sie fühlen nichts vom lebendigen Geist, der überall weht – sie stecken bis über die Ohren in verstaubter Kulissentradition und in toter Routine. Darf so die Schaubühne eines Volkes aussehen, das um seine Existenz ringt? – Es ist übrigens nicht verwunderlich, daß unsere führenden Theater, die recht oft Theater gegen die deutsche Literatur waren, nun, da die ausländische Dramatik ebenso plötzlich verschwunden ist wie die ausländische Konfektion, in arger Ratlosigkeit dastehen und ihnen das »Deutschsein« nicht gerade leichtfällt. Immerhin hätte man nicht erwartet, daß der neue Bund mit dem deutschen Geiste so kläglich ausfallen würde. Was bieten uns die Bühnen, deren Mittel auch das Beste gestatten würden? »Gewonnene Herzen« – – »Mein Leopold« – – –! Solche Vorstellungen machen sich die Bühnenleiter vom deutschen Geist! Aber freilich: die Theater hätten nicht in wenigen Wochen so arg versagt, wenn sie nicht seit Jahren versagt hätten. Dennoch tut uns diese Enttäuschung weh. Wir haben erwartet, daß Zauberer erstehen würden, stark genug, um die Geister Schillers und Kleists machtvoll zu beschwören. Statt dessen spuken die Schatten Kotzebues und Raupachs in den Souffleurkasten herum. Wir haben die Schauer der Tragödie ersehnt, und man regaliert uns mit Melodramen. Wir wünschen Unruhs »Louis Ferdinand« – aber die Herren Direktoren liefern die Bretter offenbaren Dilettanten aus, die uns weismachen möchten, die blechernen Töne ihrer Kindertrompeten hätten etwas mit echten Fanfarenstößen zu tun. Das Übel hat sich schon weit eingefressen. Wir können es nicht ändern – aber wir wollen es auch nicht hinnehmen! Verbringen wir unsere freien Stunden lieber bei Clausewitz' Schriften oder bei Hauptmanns »Florian Geyer«, und verzichten wir auf das Theater, das seine Zeit wieder einmal so gründlich mißverstanden hat.   Das Monistische Jahrhundert, 1. Dezember 1914   Shaw und Wedekind Frank Wedekind hat heute in Deutschland noch nicht die verdiente Anerkennung gefunden. Zwar ist er berühmt – aber man sieht in ihm eigentlich weniger den großen Dichter als vielmehr ein Kuriosum. Man bestaunt [ihn] wie ein Wundertier in der Menagerie. Und viele bekreuzigen sich vor ihm wie vor dem bösen Feind. Für die brave Mittelmäßigkeit gibt es auch literarische Teufel, und am liebsten würde man sich vor ihnen mit Weihwasser schützen wie vor dem leibhaftigen Beelzebub. Ehe Wedekind populär wurde, kämpften nur wenige Literaten für ihn. Sie haben sich tapfer für ihn geschlagen und mit Philosophie den Vorwurf der Philister ertragen, ebenso verrückt zu sein wie er. Sie haben ihn allerdings gründlich mißverstanden, und manchmal werden ihm seine Freunde mehr Kummer bereitet haben als seine Feinde. Man hat ihn früher mit Bernard Shaw verglichen – und es so dargestellt, als wären die beiden zwei ähnlich geartete Brüder. Doch hat man sich hier von Äußerlichkeiten täuschen lassen. Nach Kunstform und Absichten sind beide grundverschieden. Gemeinsam haben sie beide ein großes satirisches Temperament, das aber bei Shaw viel stärker hervortritt als bei Wedekind. Bei letzterem ist der Hohn karger, aber viel greifbarer als bei dem klugen Shaw, der seine Satire maskiert und mehr als einen irreführt. Mit welchem Haß hat Wedekind nicht das Lehrerkollegium in »Frühlingserwachen« gezeichnet. Er macht alle, die er treffen will, zu Idioten. Nehmen wir zum Vergleich Shaws Ärzte aus »The Doctor's Dilemma«. Wie versteckt ist hier der Hohn! Und wir glauben nicht, daß Shaw die Ärzte mehr liebt als Wedekind die Lehrer. Shaw fühlt sich fast immer als Kritiker der Zeit und ihrer geistigen Strömungen. Er ist ein genialer dramatischer Publizist. Wedekind ist ein Dichter der Leidenschaften. Er ist nicht der Beherrscher der Form wie Shaw, dessen Stücke geschliffen sind wie edle Kristalle. Nichts ist elegant bei ihm, alles unstet. Seine Form ist willkürlich; seine Technik zerfahren. Er ist ganz Impressionist, der nur das bringt, [was] ihm wesentlich erscheint und ihn interessiert. Alles andere wird flüchtig abgetan. – Shaw ist immer gut versteckt. – Aus welcher Person spricht er? Bei Wedekind fühlen wir sogleich, daß er aus allen spricht. Er scheint seine Seele zerrissen und seinen Geschöpfen gegeben zu haben. Deshalb ist der Eindruck seiner Stücke ein so dämonischer. Wir hören den Dichter von seinen Irrungen, Leiden und Kämpfen reden. Er gibt sein geheimstes, intimstes Ich preis. Man hat ihn schamlos genannt. – Aber hat nicht auch Rousseau seine »Confessions« geschrieben?   Shaw ist ein kritischer Geist. Wedekind empfindet lyrisch; er ist ein Nachkomme der deutschen Romantik. Seine [Sprache] ist nicht scharf wie die Shaws; sie ist bewegt und wird oft fast rhythmisch. Er hat ein Kennzeichen der deutschen Romantiker: das tiefe Staunen vor der Wunderlichkeit des Lebens. Wie Omar Chajjam sieht er das Leben und die Menschen an sich vorüberziehen. [Zwei Zeilen Text in der vorliegenden Kopie nicht leserlich.] Mit einem Zauberspiegel möchte er festhalten, was ihn umschwebt. Als echter Romantiker locken ihn die Verwirrungen zur Nachbildung an. Darstellen will er die großen Rätsel – nicht erklären. In dem Ironiker Shaw finden sich Aristophanes und Voltaire wieder. In dem grotesken Wedekind kämpft Shakespeare mit Swift. Keiner behält dauernd die Oberhand. Aber weil er so zwiespältig ist, gibt er ein großartiges Bild von allen Kämpfen und Nöten der Zeit. Shaws kultivierte Form bändigt alle Leidenschaften. Mit ruhiger Gleichmäßigkeit spielen sich bei ihm die absurdesten Dinge ab. Der Ironiker liebt keine starken Ausdrücke. Alle Akkorde sind dezent und gedämpft. Götter, Helden und Napoleon ziehen ohne sonderlichen Lärm an uns vorüber, und sein Maler Dubedad stirbt sozusagen geräuschlos. Die Witwe geht in ihr Boudoir und kleidet sich um. Das ist alles. Wedekind kennt diese Dezenz nicht. Er ist kein Freund halber Töne. Sturm geht von seiner Person aus. Gluthauch atmen seine Werke. Das Sexuelle nimmt bei ihm den größten Raum ein. So ungeschminkt hat noch niemand diese Probleme behandelt. Shaw führt die sittlichen Anschauungen unserer Zeit geistreich ad absurdum. Wedekind vergröbert und übertreibt. Auf Wahrscheinlichkeit verzichtend, sucht er irgendeinen Ausnahmefall durch kühne Gestaltung zum Allgemeingültigen zu erheben. Er will ein Gleichnis finden für all das Gären und Drängen der Seele. Mag er manchmal ironische Lichter [anzünden], er will nur eines darstellen: den Aufruhr der Leidenschaften.   In einem Werk überragt Wedekind alle modernen deutschen Dramatiker, in der Lulu-Tragödie. Sie zerfällt in zwei Teile: »Erdgeist« und »Die Büchse der Pandora«. Wir sehen die Laufbahn einer Dirne. Ihren Aufstieg und Glanz, ihren Niedergang und ihr grausiges Ende. In diesem Werke sind die Absichten des Dichters am reinsten zu erkennen. In dieser Lulu, die wie ein sturmgepeitschter Feuerbrand über die Erde rast und alle versehrt, die mit ihr in Berührung kommen, lebt der Geist der Erde selbst. Das seelenlose, brutale Leben, an dem alle verderben müssen, die nicht stark sind. Der Erdgeist hält eine fürchterliche Auslese unter allen schwachen, unfreien Individuen. Ob sie auch entrinnen wollen, sie bleiben an seinem höllischen Magneten haften und müssen vergehen. Ganz absurde aberwitzige Szenen sind in diesem Stück. Die jäh aufblitzende Ironie wirkt oft wie ein schlechter Spaß. Aber es sind auch Szenen von shakespearischer Gewalt darin. Wir werden zugleich gefesselt und abgestoßen – doch gleichgültig bleibt niemand.   Shaw appelliert an den Intellekt. Wedekind drängt sich in die Seele. Seine dämonischen Gestalten schreiben sich mit Flammenschrift in unsere Phantasie ein. Ohne Zweifel, Shaw in seiner Selbstbeherrschung ist klüger. Mit einem diskreten Lächeln macht er vor den letzten Problemen des Daseins kehrt. Er ist der bedeutendere Mensch. Wedekind der stärkere Dichter. Vielleicht liegt hierin der Unterschied zwischen deutschem und englischem Geiste. Der englische Dichter rechnet klug mit dem Möglichen und fühlt sich als Vorkämpfer jener Ideen, die von der Gegenwart in die Zukunft führen. Er ist der Logiker. Der deutsche Dichter möchte in blaue Fernen schweifen, seine Phantasie durch Himmel und Hölle schicken, um ein Abbild des Lebens zu schaffen, wie es sich in seiner Seele spiegelt. Er träumt von einer idealen Welt, von Paradiesen, die nie kommen werden. Aber beide Dichter sind charakteristisch für unsere Generation, die so seltsam zwischen heute und morgen steht. Beide sind Zerstörer einer alten Welt, um Raum für eine neue zu schaffen. Das ist das Gemeinsame an ihnen, die sonst nach Kunstform und Tendenzen so verschieden sind. Brüder sind sie nicht ..., aber Vettern gewiß ...!   Aus dem Nachlaß 1915/16 Erster Abdruck: Die Weltbühne, 15. November 1946   Lichtenberg Deutschland scheint so viele gute Schriftsteller zu haben, daß es seine besten vergessen darf. Und zu diesen haben die erlesensten Geister den alten Lichtenberg immer gerechnet. Nietzsche, der Unzugängliche, pries ihn, und Schopenhauer zählte ihn zu den wenigen wahrhaft originellen Denkern – eine Ehre, die er selbst einem Herder nicht zubilligte. Nun bietet der Insel-Verlag in einem der ansprechenden 50-Pfennig-Bändchen eine gute Auswahl seiner Aphorismen. Diesem Büchlein dürfte es hoffentlich beschieden sein, Lichtenberg den Genußfähigen näherzubringen. Die zünftige Literarhistorik trägt die Schuld, daß man diesen glänzenden Kopf eigentlich immer nur für den mißgestalteten Thersites zwischen den Kraftgenies der Sturm-und-Drang-Epoche gehalten hat. Nein, er war kein neidischer Kläffer. Gewiß hat er einen schonungslosen Witz besessen, dessen Stachel bald die eine, bald die andre Menschenart spüren mußte. Aber er nahm sich selbst nicht aus. Die Krankheit hat als grausam-beständige Wächterin sein Leben in allzu engen Grenzen gehalten. Doch mit untrüglich scharfen Blicken verfolgte er das Treiben der großen und der kleinen Welt; an sein Göttinger Krankenstübchen gefesselt, sezierte er endlich mit unbestechlicher Gewissenhaftigkeit seine eigne Psyche. Als er 1799 im Alter von siebenundfünfzig Jahren in Göttingen starb, hatte er dort dreißig Jahre als Professor der Physik und Astronomie gewirkt. Er litt an einer Rückgratsverkrümmung, der Folge eines Unfalls in der Kinderzeit; und während sein Körper mehr und mehr zu einer Beute peinvoller Krankheiten wurde, hatte seine Seele hart mit hypochondrischen Anwandlungen zu ringen. Es ist kein Wunder, daß der kleine verwachsene Mann, abgesehn von zwei Reisen nach England, wenig aus Göttingen herausgekommen ist. Die wissenschaftliche Arbeit nahm den größten Teil seiner Zeit in Anspruch, und die wenigen Freistunden, die er für seine geliebte Schriftstellerei ausnutzen konnte, vergällte ihm sein Leiden. So war es ihm, dem wahren Humoristen – eben weil er durch unzählige Übel hindurchmußte –, nicht vergönnt, der Welt einen Roman oder ein Lustspiel zu schenken. Er ist nicht über das Aphoristische und Essayistische hinausgekommen. Wir haben von ihm nur Ansätze, Bruchstücke, »Bemerkungen vermischten Inhalts«. Glänzende Verheißungen, die uns wie das Material zu einer Comédie humaine anmuten. Er kritisierte die Menschen unbarmherzig, aber nie war sein Maßstab kleinlich. Er sah über Göttingen hinaus, er sah immer die Welt. Die Reise in das freie England hat ihn vielleicht vor dem Schicksal manches Zeitgenossen bewahrt, in der Spießbürgerlichkeit seiner Umgebung unterzugehn oder ein Witzbold von lokaler Bedeutung zu werden, wie etwa Rabener. Die Krankheit war die Macht, mit der er sich zeitlebens auseinanderzusetzen hatte. Voll persönlichen Reizes sind die Randglossen, mit denen er die Geschichte seines eignen Lebens versehn hat. Oft namenlos bitter, aber nie verzweifelnd, wehrt er die Umklammerungen der Hypochondrie von sich ab und bringt es häufig genug fertig, ganz krankheitserfüllte Stimmungen humoristisch aufzulösen. So meint er zum Beispiel über seinen verkrüppelten Körper, daß ihn ein schlechter Zeichner im Dunkeln besser zeichnen würde, und wünscht manchen Teilen »weniger Relief«. Lichtenberg hatte einen glänzenden Witz. Er schuf geradezu Musterbeispiele absoluter Komik. Am liebsten rieb er sich allerdings an ihm verhaßten Tendenzen. Die Kraftmeierei des Sturmes und Dranges mußte das Urteil dieses stillen, unerbittlichen Richters ebenso spüren wie die gelehrte Pedanterie. Eine Bemerkung wie »Sie hatten ein Oktavbändchen nach Göttingen geschickt und an Leib und Seele einen Quartanten wiederbekommen« könnte ganz gut von dem späteren Göttinger Musensohn Heine herstammen. Sein geistiges Gebiet scheint unbegrenzt zu sein. Er durfte es wagen, über alles zu denken und zu schreiben. Seine Vielseitigkeit war unglaublich. Ihm gegenüber versagen die kritischen Metermaße. Er sprengt jede Rubrik. Wohin gehört er? Zu den Pessimisten? Er hat das Leben nicht verneint. Er hat ein Weib gesucht und gefunden. Er war fähig, Liebe zu geben und zu empfangen. – Zu den Skeptikern? Sein messerscharfer Verstand konnte die schulfuchsische Theologie seiner Zeit nicht ungeschoren lassen, aber ein verborgenes, dennoch reiches Gefühlsleben trennte ihn von dem nüchternen Nicolai-Rationalismus. Tiefreligiöse Stimmungen waren ihm nicht fremd, ebenso überraschen metaphysische Untertöne. Er versenkt sich in den Gedanken des Todes. Er sieht darin das Nichts, aus dem er gekommen, in das er zurückkehren muß, in dem er schlummerte, da auf Erden große Dinge geschahen, große Menschen lebten, herrliche Gedanken gedacht wurden. Hiermit hat er das Nichts gleichsam beseelt und sich einen eigenartig starken Trost in seinen Leiden geschaffen. Denn er war auch kein Stoiker, der sich über alle Übel des Leibes hinwegsetzen kann. Im Gegenteil, das Elend seines Körpers beschäftigt ihn unausgesetzt. Am ehesten war er ein großer Lebenskünstler, den überall ein brutales Sein angrinste und der sich in das schmale Seitengäßchen rettete, wo die ironischen Zuschauer hausen. Gesunden Leibes wäre er vielleicht am Leben zerbrochen. – Aber seine Krankheit nötigte ihm eine gewisse Passivität auf, und sein an den exakten Wissenschaften geschulter Geist lehrte ihn die Grenzen erkennen, zwischen denen sein Leben sich abzuspielen hatte. Trotz seiner Resignation hatte er sich doch genug Reizsamkeit erhalten, um nicht dem Erlebnis auszuweichen, dessen Wurzeln er mit der psychologischen Scharfäugigkeit eines Stendhal nachspürte. Während seiner letzten Lebensjahre, als er sein Zimmer nur noch selten verlassen durfte, spann er sich tief in das Geheimnis der Traumwelt ein. Wie in unsern Tagen Friedrich Huch, zeichnete er Träume mit fast beängstigender Gegenständlichkeit auf und untersuchte sie voll sorgfältiger Liebe. Diese Analysen zeigen deutlich zwei Seiten des Menschen Lichtenberg: den nachdenklichen Beschauer und den rücksichtslosen Forscher nach seelischem Neuland. Schwer faßbar, vielgestaltig steht der alte Lichtenberg vor uns. Die ganze Welt malte sich in seinem Kopfe. Und wenn er nicht eine Kreatur Gottes gewesen wäre, so hätte er dem Brodeltopfe Jean-Paulscher Phantasie entstiegen sein können.   Aus dem Nachlaß 1915/16 Erster Abdruck: Die Weltbühne, Erstes Mai-Heft 1947   Wandlung der geistigen Atmosphäre Wir leben inmitten einer großen Evolution: es kehrt so etwas wie ein europäisches Bewußtsein wieder. Man schämt sich nicht länger, öffentlich auszusprechen, daß die Menschheit weiter reicht als die Fahnen des Landes. Die Notwendigkeit der »Europäischen Wiederherstellung«, deren Programm Alfred H. Fried bereits vor drei Jahren entwickelte, dämmert allmählich in den Gehirnen. Bei uns und anderswo. Mögen auch die Überfürchtenichtse der chauvinistischen Presse noch so laut nach dem »Sandhaufen« schreien. Das ändert nichts an der Tatsache, daß die Millionen heute, wo die Regierenden noch immer von den Waffen den letzten Spruch fordern, ihr Bewußtsein ganz anders einstellen. Das ist der Übergang in einen neuen Zustand, der noch nicht konkret geworden, noch nicht im Bereiche der Gestaltung lebt. Nur in der Sehnsucht, vielleicht erst im Unterbewußtsein. Aber – und das ist das Wesentliche – es erschöpfen sich die psychologischen Kriegsmöglichkeiten; das geistige Fundament des Krieges wankt. Man blickt heute mit einer gewissen Heiterkeit auf die Stapel verschollener Bücher und Broschüren, in denen wenig kurzweilig eine besondere deutsche Weltmission hinaustrompetet wurde. Je nachdem, ob der Herr Verfasser mehr »ökonomisch« oder »kulturell« interessiert war, sollte der ganze Erdball zu einem Tummelplatz für deutsche Manufaktur oder für deutsche Gedanken werden. Heute ist man des Geschreibsels herzlich müde und bedauert nur, daß sich auch Persönlichkeiten von Distinktion damit anstatt eines Platzes im Pantheon nur ein Blättchen im Graubuch menschlicher Unzulänglichkeit erobert haben. Aber für alles, was zum Tintenfaß in intimen Beziehungen steht, waren doch die beiden ersten Kriegsjahre goldene Zeiten. Jeder Oberlehrer fühlte sich als ein kleiner Fichte und richtete seine storchbeinigen Perioden hübsch bescheiden an die Adresse der ganzen deutschen Nation. Und das Schlimmste war: der Erfolg ermunterte. Wer sein »Gott strafe England« mit stärkeren Schimpfworten verbrämt, als der geschätzte Herr Vorgänger in die Welt hinausbrüllte, der durfte sich für eine kurze Spanne Zeit in der öffentlichen Gunst sonnen. Wer aber denkt heute noch an die Propheten und Sibyllen, die von einem kritiklos geschwätzigen Auditorium mit michelangelesken Maßen gemessen wurden, während ihnen nach menschlicher und literarischer Bedeutung kaum ein mikroskopisches Format zukam. Ein jeder rupfte sich aus der Gloriole der großen Zeit ein paar Strahlenbüschel; und so geschah es, daß die arme große Zeit bald rattenkahl dastand, während die tintenklecksende Krapüle in allen Farben schillerte. Das alles ist nun Vergangenheit. »Der Ratsherr ist jetzt still, sehr still fürwahr, der sonst ein Kindeskopf, ein Schwätzer war.« (Hamlet vor dem durchstochenen Polonius.) Dennoch ist diese Reminiszenz notwendig. Denn auch hier ist ein Übergang zu konstatieren. So manche freiwillige literarische Gulaschkanone, in der noch vor Jahresfrist die unheimlichsten Reventlow-Suppen brodelten, verzapft heute Milch der frommen Denkungsart. Schwärmt für Verständigungsfrieden, Völkerbund, Gesellschaft der Nationen. Während die Ehrlichen unter uns mitten in schwerer Entwicklung stehen, neue Werte sich schmerzhaft das Bewußtsein erobern, läßt die Brüderschaft des heiligen Schmock schon längst den Mantel nach dem neuen Winde wehen. Die Friedenswerte steigen. Als der große Taumel über die Menschheit kam, da überbot man sich förmlich in der Lästerung des Friedens und seiner Werke. Da war die letzte Entwicklungsperiode in ihren Tendenzen kleinlich, verweichlichend, nivellierend gewesen. Leben und Handwerk des Kriegers wurden als Mittel neuer Aufzucht gepriesen. Jetzt steht der Altar des Ares schon lange ohne Schmuck. (Das resolute Spartanertum unseres Bundesfreundes Verweyen wirkt an der Schwelle des fünften Kriegsjahres reichlich anachronistisch.) Nun kehrt das Bewußtsein für das Verlorene wieder. Verstummt ist das Feldgeschrei: Degeneration! Der Sinn für die namenlose Energievergeudung erwacht. Es schärft sich der Blick für die Tatsache, daß gerade das, was als Verfall geschmäht wurde, Aufstieg war, Aufstieg, der nicht in den Rahmen des reaktionären Gesellschaftsbildes paßte. Materialismus, das war die bessere Lebenshaltung des arbeitenden Volkes, Teilnahme an innerer und äußerer Kultur durch die Enterbten vieler Jahrhunderte. Heute, wo wir alle durch das »Stahlbad« des Krieges geschritten sind, da müßte sich ja die Wahrheit der reaktionären Legende glänzend erhärten lassen. Aber ach, wohin wir auch blicken, überall Unterhöhlung natürlichster sittlicher Gefühle. Von Schweiß und Blut der Millionen nährt sich ein neuer Reichtum; die schwankende Existenz von gestern, der verrufene Schieber, füllt sich die Taschen. Ist der Mann des Tages von heute vielleicht der heimliche König von morgen. Handel, Gewerbefleiß, Kunstfertigkeit sinken, sinken; werden winzig klein neben der alles beherrschenden Kriegsmaschine, die Geschosse aus dem Rachen speit, neben allem, was der Krieg braucht, um zu leben. Die Gegensätze schreien zum Himmel. Was sind Worte neben dieser Parforce-Pädagogik der Tatsachen? Der Geist von 1914 hat sich in sein Gegenteil verkehrt. Was ist es, was heute dem denkenden und regsamen Teile des Volkes diesen Geist so gründlich verbittert? Nicht der Gedanke an das persönliche Schicksal, an Tod, Verstümmelung. Der Mensch unserer Tage, der Mensch, wie er in der letzten Friedenstradition erwuchs, der Schüler Zarathustras, Haeckels, Ibsens, Hauptmanns, der Mensch, der seinen Goethe ohne philologische Brille lesen lernte, hat ein alles beherrschendes Grundgefühl – seine innere Bestimmung zu erfüllen. Es lebt in ihm das Bewußtsein seiner Sendung. Und die Unmöglichkeit, diesem innern Drange auch nur bescheiden gerecht zu werden, das ist die grauenvolle Tragik unserer Tage. Unnütz verströmende Energie überall. Der da möchte Kultur schaffen, möchte aufbauen – und muß mit seinem eisernen Ungetüm blühende Menschensiedelungen vernichten. Und jener möchte unter den Menschen wirken, ihnen heilsame Botschaft von gegenseitiger Hilfe predigen – er muß den Mitmenschen, den ewigen Bruder, wie ein ekles Gewürm mit giftigen Gasen ersticken. Nicht nur materielle Güter, seelische Kapitalien werden sinnlos vergeudet. Und während alle irgendwie denkbaren Dinge herbeigeholt werden, um fehlenden Rohstoff zu ersetzen, wird der kostbarste Rohstoff der Völker, das einzige die Zeiten überdauernde Gut, der seelische, elendiglich vor die Hunde geworfen. Und dagegen bäumt sich das Bewußtsein. Sucht nach Übergängen, nach Brücken. Es entstehen Notbrücken. Doch die Verzweiflung zimmert nichts, was von Dauer ist. Forderung der Stunde ist es, die wilden, reißenden Gewässer in ein sicheres Bett zu leiten. Die Stimmung allein vermag wenig; ausschlaggebend ist einzig Verdichtung zum Willen. Wir brauchen Baumeister, Wegweiser. Ich stehe nicht an, zu erklären, daß in Börners Schrift »Erziehung zur Friedensgesinnung« der aufbauende und wegweisende Geist enthalten ist, den unsere Zeit so notwendig braucht wie das liebe Brot. Was Börner auf dem schmalen Raum von zwei Druckbogen zusammengetragen hat, ist an und für sich für den Pazifisten keine Neuigkeit. Bedeutungsvoll wird es dadurch, daß es gerade zu dieser Stunde gesagt wird, in dieser Zeit der Erkenntnis des Festgeranntseins, des Nichtloskommens. Was verschlagen demgegenüber die an und für sich sehr richtigen Einwände des Herrn Dr. von der Porten, daß etliche der Börnerschen Forderungen utopisch sind, in dem Sinne, daß sie in absehbarer Zeit nicht erfüllbar sind? Es handelt sich um die Richtung, die Börner angibt, um die Erweiterung der Möglichkeiten. Börner eröffnet der pazifistischen Arbeit des Individuums neue Perspektiven. Denn nun ist Pazifismus nicht mehr eine staatsrechtlich-politische Frage, eine Angelegenheit der Männer vom Bau, sondern in gesteigerter Bedeutung eine Bewußtseins-, eine Erziehungsfrage. Damit ist dem Pazifismus ein viel weiteres Ziel gesteckt. Die politische Aktion ist an den Tag gebunden, wird von Imponderabilien im guten wie im verhängnisvollen Sinne beeinflußt. Aber Erziehung ist Entwicklung und unterliegt als solche solideren Gesetzen als den wechselnden Stimmungen des Tages. Sie bedeutet Arbeit an Generationen. Gewiß sind Börners Forderungen sehr umfassend. Ein Riesenproblem wie die Umformung der Schule ist nur ein Teil davon. Einwände, wie sie Herr Dr. von der Porten aus praktischen Gründen erhebt, sind ohne weiteres anzuerkennen. Aber das alles ist nicht das Wesentliche. In diesem Augenblick kommt es nur darauf an, der Erkenntnis den Weg frei zu machen, daß der Friede nicht allein abhängt von ein paar Staatsverträgen, die unter dem Zwange wirklicher oder vermeintlicher Notwendigkeiten sehr leicht zu dem berühmten »Fetzen Papier« degradiert werden können, sondern daß er von dem Menschen eine besondere Gesinnung erfordert, eine durchaus aparte Geistesverfassung, eine Mentalität, die nicht passiv ist, sondern aktiv, die unermüdlich Baustein an Baustein fügen muß. »Die Wurzel des Kriegswillens und der Kriegsgesinnung werden wir erst treffen, wenn wir die ganze geistige Atmosphäre unserer Kultur ändern.« Herr Dr. von der Porten macht sich zu meiner Freude diesen Satz zu eigen, und ich muß sagen, daß ich seit langem nicht ein in seiner Kürze so prächtiges Programm gefunden habe, das sich zudem durchaus mit der von Marx geforderten Reform des Bewußtseins deckt. Börners Forderungen weisen über den Tag hinaus auf eine Kette von Entwicklungen. Deshalb sind sie real und nicht utopisch. Ich nenne utopisch nur, was ohne Übergang einen bestehenden Zustand ablösen will. Und utopisch sind sie nicht, weil sie eine Handlung erfordern, immerwährende Handlung. Und das ist es, was der Mensch unserer Zeit braucht: die Gewißheit, sich selbst erlösen zu können. Schon rebelliert das unterdrückte Bewußtsein gegen das blutige Chaos der Gegenwart, der Instinkt sucht nach Auswegen, nach Übergängen. Langsam wandelt sich die geistige Atmosphäre. Aber die Vernunft soll unsere Lehrmeisterin sein, nicht die Katastrophe. Die Welt nicht erklären, sondern verändern. Ein gewaltiges soziales Ethos lebt in diesem Marx-Worte. Und eine Ahnung davon lebt auch in der jungen deutschen Dichtung, die mitten in den Stürmen des Weltkrieges geboren wurde. Das ist nicht mehr das romantische Phantasma von gestern, nicht mehr die Wirklichkeitskopie von ehegestern, das ist gesteigertes Empfinden, das auswächst zur Handlung. Ein Buch, mehr als ein Buch, ein Dokument unserer Zeit, führt den Titel: »Der Mensch ist gut!« Was kommt es hier auf den Inhalt an; der Titel ist alles. Der Mensch entdeckt wieder den Menschen. Brünstiger und sehnsüchtiger hat nicht das Geschlecht von 1500 nach neuen Welten gespäht als unser Geschlecht nach dem Menschen. Nicht mehr des Menschen Teufel und Vernichter soll der Mensch sein, der Helfende, der Bruder soll er wieder werden. Der Mensch ist gut! Aus zerrissener Seele ringt sich gläubig neue Bejahung. Etwas Verstehen, etwas Geduld, etwas Güte, etwas Liebe von Mensch zu Mensch, so hat der den Ereignissen voranfliegende Geist schon die Erlösung aus der Folterkammer gefunden. So schreitet heute die Menschheit, dem träumenden Dante gleich, von Virgil geführt, aus dem Inferno der Gegenwart in die Regionen der Läuterung. Mit rohem Gebrüll, alle Pforten einstampfend, so brach der Krieg in das alte Erdenhaus ein. Schüchtern durch die Hintertür tritt die Menschlichkeit wieder ein.   Monatliche Mitteilungen des Deutschen Monistenbundes, Juli 1918   Drei Variationen über ein zeitgemäßes Thema   Verfall Jüngst stimmte der fromme Berliner »Reichsbote« ein herzbewegendes Klagelied an über den Verfall der Sittlichkeit im allgemeinen und die Zunahme der Ehescheidungen im besondern. Vor Tisch las man's anders. Es ist noch gar nicht lange her, da feierte der »Reichsbote« im Verein mit seinen orthodoxen Brüdern den Krieg als den großen Erneuerer und Erwecker aller Tugenden, als Retter aus dem Sumpfe materialistischer Üppigkeit, in den allzu lange Friedenszeit uns gebracht hat. Sage mir, lieber »Reichsbote«, bist du auch unter die Flaumacher gegangen ...?   Warum unser Volk noch im Kern gesund ist Ich verstehe deinen Kleinmut nicht recht, Freund »Reichsbote«. Denn noch ist unser Volk im Kern nicht angefressen. Dafür habe ich ein paar Schwurzeugen. Zum ersten: den Zentrumsabgeordneten Dr. Hess. Dieser Herr äußerte anläßlich der letzten Beratung des Kultusetats im Preußischen Abgeordnetenhause, es werfe ein gutes Licht auf den Kern unseres Volkes, daß ein so reines, keusches Werk wie das »Dreimäderlhaus« es in Berlin auf 850 Aufführungen bringen konnte. Zwar meinte Theodor Wolff dazu, ein solches Urteil in Kunstfragen hätte selbst in Böotien die Ironie aufgestachelt. Aber über den Geschmack läßt sich nicht streiten. Immerhin muß man wünschen, der Herr Abgeordnete, der ja von Beruf Schulmann ist, möge in seiner Unterrichtspraxis sich möglichst auf Geometrie und Turnen beschränken und einen weiten Umweg um die schönen Künste machen. Erhebend ist jedoch sein Glauben an den gesunden Kern unseres Volkstums. Und nicht weniger erhebend die Begründung.   Und noch einer hat den Glauben nicht verloren Er stützt sich zwar nicht auf das »Dreimäderlhaus«, aber er könnte es nach seiner Geistesverfassung ganz gut tun. – Ja, wer da glaubt, der Last dieser Zeit schier erliegen zu müssen, dem ist nicht zu helfen – er müßte denn rechtzeitig den Artikel »Krieg und Glaube« von H. Peus im Junihefte dieses Blattes lesen. Das wird ihn wieder auf die Beine bringen. Da wird dem Flügellahmen und Wandermüden eine philosophische Wegzehrung geboten, so daß er neu gestärkt den Stab ergreifen und mit einem Jauchzer seine Wanderung fortsetzen kann, die Helle vor sich, Finsternis im Rücken. Denn es ist ja alles nicht so schlimm, und der sogenannte Krieg ist auch nicht grausamer als der sogenannte Friede, der im Grunde nicht mehr ist als eine Fortsetzung des Krieges, wenn auch mit andern Mitteln. Wozu alles so schwernehmen, wozu immer miesepetrig sein? So wie du die Welt anschaust, so schaut sie dich wieder an. Es gibt keine Situation, die nicht lebenswert gestaltet werden könnte. Gesetzt den Fall, Lieber, du hocktest im Granattrichter, halb betäubt von giftigen Dünsten – warum so miesepetrig? Jeder Situation läßt sich Reiz abgewinnen. Das beste ist schon, du machst unter der Gasmaske die Lippen spitz und flötest: Ja, wunderschön ist Gottes Erde und wert, darauf vergnügt zu sein ... Das ist so in großen Zügen die frohe Botschaft, die der Optimist Peus an die arme, müde Welt richtet. Wahrhaftig, man faßt sich an den Kopf. Sollte dergleichen Anschauung im Bunde um sich greifen, dann täten wir besser, auf die zum Sternenhimmel lodernde Flamme als Symbol zu verzichten. Herr Peus läßt keine Gelegenheit verstreichen, ohne von Friedfertigkeit, Versöhnlichkeit, Duldsamkeit zu sprechen. Ein leuchtendes Dreigestirn, in der Tat. Es gibt aber auch eine Duldsamkeit, die zum Unrecht gegen die Sache wird, die man verficht. Ich kann mir nicht helfen, immer wieder rumort mir eine alte Strophe im Kopfe herum, die ihre zweihundert Jahre auf dem Nacken trägt, aber an unheimlicher Aktualität nichts eingebüßt hat: Man vergißt, sich zu entrüsten, und verfällt von Zeit zu Zeit und gewöhnt sich ganz gelassen zu der Niederträchtigkeit.   Monatliche Mitteilungen des Deutschen Monistenbundes, September 1918   Vorwort [zu Wilhelm Lamszus' »Das Irrenhaus«] Bücher haben ihre Schicksale. Dieser zweite Teil der Visionen vom Krieg war 1914 druckfertig und sollte als Fortführung des »Menschenschlachthauses« erscheinen. – Da brach die Katastrophe herein; der erste Teil verschwand alsbald aus den Läden, und an eine Herausgabe des zweiten Teiles, der in eine unheimlich blutfarbene Revolutionsphantasmagorie ausläuft, war vollends nicht zu denken. Mars beherrschte eisern die Stunde, und den Büchermarkt beherrschten seine Propheten. Heute, nach fünf Jahren, darf endlich des »Menschenschlachthauses« zweiter Teil herauskommen. Als der erste Teil 1912 erschien, war ihm ein nicht alltäglicher Bucherfolg beschieden. Aber eben nur ein Bucherfolg. Viele lasen diese grausamen Bilder. Aber wohl nur wenige sind sich damals klargeworden, daß hier mehr vorlag als eine artistische Bravourleistung. Man bewunderte die visionäre Bildkraft, die nachtwandlerische Sicherheit bei der Durchquerung eines unbekannten Landes, aber man übersah das eigentlich Tragende dieses Buches – den Willen zum Frieden . Zudem hatte gerade das Kunstfühlen dieser Jahre eine bedeutsame Änderung erfahren. Man hatte endgültig den Geschmack verloren an der von Anbeginn schwächlichen Neuromantik; man wollte wieder ungebrochene Töne, Handlung, Farbe, Temperament. Das Interesse am Stofflichen erwachte wieder. Aber nicht nur um neue Wirklichkeit wurde gerungen, auch in die geheimnisvollen Provinzen des Phantastischen, Bizarren, Grotesken, Grausigen drangen einzelne verwegene Freischärler. Ihr Erfolg war unbestreitbar stark. Schnell wurde Mode, was eben noch Eingängerei war. Auch das »Menschenschlachthaus« schien eine Konzession an diesen neuen Geschmack zu sein. Man delektierte sich daran wie an den abstrusen Utopien eines Wells. Doch fühlte man nicht das Seherische in dem schmalen Büchlein. Irgendwie ahnte man die ungeheure Gefahr, aber das Geschlecht war zu feige, um diesem Bild Wirklichkeit zuzusprechen. Das »Menschenschlachthaus«, als Fanal gedacht, wurde durch die Wertung zum belletristischen Ereignis. Schweigen wir von jenen, die damals aus vollem Halse »Landesverrat« schrien. Lohnender ist schon ein Rückblick auf die Haltung der literarischen Kritik. Man hatte Anerkennung für die glänzende Bewältigung des Technischen aber im übrigen Ablehnung. Tendenzliteratur! Die Hohenpriester der reinen Form sahen eine Profanierung darin, in Literatur bewußtes Wollen zu bringen. Dieses Bild hat sich gründlich geändert. In der Not der Zeit wurde das Thema, an das Lamszus zuerst gerührt, tausendfältig aufgenommen. Adolf Andreas Latzko, Leonhard Frank, Karl Kraus haben in gewaltigen Worten das Leid unserer Tage beschworen. Immerhin, es hat Hekatomben Toter und Verstümmelter bedurft, um der deutschen Literatur ein aktivistisches Gepräge zu verleihen, um ihr das starre Brokatkleid der Exklusivität von den Schultern zu reißen. Konzipiert worden ist das »Menschenschlachthaus« in den Jahren der latenten Kriegsgefahr. Aus einem tiefen Verstehen der Ursachen der ewigen internationalen Spannungen und Krisen ist es entstanden als ein Dokument des jungen Pazifismus, der sich damals zum ersten Male auf dem Boden der Tatsachen als energische und zuverlässige Truppe straffte. Aber Lamszus nahm seine Aufgabe keineswegs als Agitator. Im Gegensatz etwa zu Norman Angell, der an der Hand langer Zahlenreihen nachwies, daß ein Krieg von Weltdimensionen ein verteufelt schlechtes Geschäft sei, berührten ihn diese Dinge wenig. Er sah nur die Vernichtung der Werte, deren Träger der lebende Mensch ist . Das Mitleid machte ihn sehend. Und er sah nicht als Agitator, sondern als Künstler. Des Agitators Denken verdichtet sich zu Schlagworten und Programmen; dem Künstler wird im innern Schauen alles Fühlen und Denken zum Bilde. Und eine Fülle solcher Bilder, tief innerlich erschauter, von Mitfühlen durchbluteter Bilder ist das »Menschenschlachthaus«, ist die hier vorliegende Fortführung – » Das Irrenhaus «. Warum das jetzt noch? höre ich fragen. Es ist ja überstanden. Macht doch endlich einen Strich unters Vergangene. Warum noch einmal trotzig auftrumpfen, daß Dichterphantasie im Recht geblieben ist? Wir wissen, daß Goya oder Kubin der Wahrheit des Krieges näher gekommen sind als Anton von Werner oder Knackfuß. Wir haben inzwischen alles selbst erlebt, vom Mobilmachungstage an bis zur fliegenden Erde. Wir haben auch das Irrenhaus erlebt. Das Irrenhaus, sonst Reich für sich, sorgfältig abgegrenzt von der Stadt der vernünftigen Leute, ist Gegenwart gewesen, gräßliche Gegenwart. Wir waren ja alle Besessene. Zufall, daß es bei dem einen wild ausbrach, bei dem andern nicht. Wir wissen, daß tagtäglich der Wahnsinn Musterungen abhielt, daß kerngesunde Burschen sich plötzlich in hysterischen Krämpfen am Boden wälzten. Wissen, wie das im Lazarettzug hockte, hohläugig, gekrümmt, mit klappernden Kiefern, vor Zittern unfähig, einen Bissen Brot zum Munde zu führen. – »Dreimal verschüttet gewesen ...« – Ja, wir wissen das alles, und deshalb: warum immer wieder dieses grauenvolle Buch aufschlagen –, gebt uns wieder freundlichere Bilder, ihr Freunde! Leider sind wir noch nicht soweit, um so sprechen zu können. Noch ist der alte Erzfeind aller Kultur und alles Menschenglücks nicht erledigt. Vollgesoffen mit rotem Menschenblut, zog sich der Drache in die Höhle zurück. Auf wie lange? Noch ist die Atmosphäre erfüllt von giftigen und stickigen Gasen. Noch sind genügend Hände bereit, neue Brandfackeln zu schleudern. Nichts, was zum Krieg geführt hat, ist durch den Krieg wirklich abgetan . Was wollen da die paar gestürzten Kronenträger besagen, die armen Marionetten? Noch liegt die ganze Arbeit vor uns. Über dem Portal des neuen Völkerbundgebäudes steht ein höhnisches und drohendes »Vae victis«. Entfesselt bleibt die ganze Unterwelt unsozialer Instinkte. Hochmut des Siegers, Rachsucht des Besiegten werden sich in der Folge gleich gefährlich erweisen. Der deutsche Militarismus, von den Feinden einst bald belächelt, bald perhorresziert, hat seinen Siegeszug über die ganze Welt angetreten. In Deutschland für ewige Zeiten diskreditiert, haben ihn die einst freien demokratischen Völker gastlich aufgenommen. Die größten Verächter sind die gelehrigsten Schüler geworden. Ihr Visionen vom Krieg, wann werdet ihr einmal überflüssig sein? Heute seid ihr es noch nicht. Bedeutet 1919 wie 1914 Warnung und Drohung, Furor der Menschlichkeit wider den Furor der Vernichtung.   Vorwort zu Wilhelm Lamszus, Das Irrenhaus, Hamburg 1919   Die demokratische Parole Noch niemals ist eine Bande von Usurpatoren so schnell fortgefegt worden wie die Kapp und Genossen. Noch niemals hat eine Volksparole eine so schnelle und gewaltige Wirkung gehabt wie die Aufforderung zum Streik. Sie war die eigentliche demokratische Parole, die die Grenzen zwischen den Links- und Mittelparteien niederlegte und für wenige Tage das ganze arbeitende Deutschland einigte. Heute, nach zwei Wochen, gehört das alles schon der Vergangenheit an. Die alten Zwiste und Kämpfe sind wieder da. Man mag das bedauern, aber die Stimmung eines großen Augenblickes läßt sich nicht auf Flaschen ziehen. Möge wenigstens die Erinnerung leben bleiben und von neuem wirken, wenn neue Krisen es nötig machen, das ganze Volk zusammenzuschweißen. Möge es auch den republikanischen Parteien in Fleisch und Blut übergegangen sein, niemals etwas zu unternehmen, was auch nur unfreiwillig den Feinden des freien Volksstaates Wasser auf die Mühle liefern könnte. Jede Partei, der die Unantastbarkeit der Republik heilig ist, richte ihre Taktik danach ein. Die Gefahr ist nicht geringer geworden. Kapp ist abgereist, seine anonymen Paladine sind geblieben. Ihre erste Tat war die Beschwörung des bolschewistischen Gespenstes. So unendlich läppisch und durchsichtig auch das Märlein von der roten Gefahr ist, wirkt es gerade aus diesem Grunde sehr überzeugend auf diejenigen, die nicht alle werden. Der Plan der Reaktionäre ist sehr einfach; man will die Reichswehr in der gegenwärtigen oder einer sehr geringfügig veränderten Zusammensetzung erhalten, um der Gegenrevolution auch für die Zukunft dieses so leicht zu handhabende Instrument zu sichern. Die Stellung der neuen Regierung aber wird davon abhängen, mit welcher Entschiedenheit sie dieses Problem anpackt. Es läßt sich nicht gerade behaupten, daß ein Übermaß von Vertrauen an der Wiege des Kabinetts Hermann Müller in Bereitschaft ist. Das Kabinett verdankt seine Existenz einem nicht gerade erquicklichen parlamentarischen Kuhhandel, dem die breiten Massen halb befremdet, halb spöttisch folgten. Man soll nicht verhehlen, daß heute überall Enttäuschung und Verbitterung herrschen. Die Soldateska, die von Lüttwitz zu Seeckt hinübergewechselt hat, wirtschaftet ungestört weiter . Übergriffe schlimmster Art sind auf der Tagesordnung. Arbeiter, die zur Verteidigung der Republik die Waffe erhoben haben, werden von Seeckts »republikanischen« Truppen vor Standgerichte geschleppt . Man hat Beschwerde geführt, daß einzelne Formationen am Stahlhelm ein Fragezeichen führen. Eher ist zu bedauern, daß nicht mehr Truppenteile zu dieser Offenherzigkeit gelangt sind. Im allgemeinen geben in den östlichen Vororten die Soldaten über ihre Mission die folgende Auskunft: » Wir haben weder mit der alten noch mit der neuen Regierung etwas zu schaffen – wir wollen nur die Ordnung wiederherstellen! « Kein Einsichtiger wird die gefährliche Situation der neuen Regierung verkennen und unnütze Schwierigkeiten schaffen wollen. Aber es ist Pflicht, die Regierung hinzuweisen auf die Stimmung der Massen, die die Verfassung verteidigt, die Säbelherrschaft abgewehrt haben. Es ist undenkbar, die Politik der Noske und Heine fortzusetzen, denen die schlechte Laune einiger Generale mehr Kopfschmerzen bereitete als die Empörung des ganzen Volkes. Nicht Kraftmeiertum soll die Regierung zeigen, sondern Kraft. Ihre Aufgabe ist schwer, aber in der unerschütterlichen republikanischen Überzeugung aller politisch Denkenden findet sie eine nie versiegende Hilfsquelle. Gewiß, weite Schichten des Volkes stehen unter dem Einfluß radikaler Agitatoren. Aber so verblendet sind nur wenige, als daß sie von der Regierung Lösung aller Fragen im Handumdrehen erwarten. Die Massen verlangen von den führenden Männern nur vollkommene Offenheit, Übereinstimmung von Wort und Tat. Die fortwährende Vertuschung hat die alten Kabinette im Reich und in Preußen unmöglich gemacht. Unbedingte Wahrhaftigkeit, Politik der Eindeutigkeit, das ist die demokratische Parole für die kommende schwere Zeit.   Berliner Volks-Zeitung, 1. April 1920   Der Revolutionär ringt mit seinem Popanz Deutschland hat bis zum Jahre 1848 nur eine einzige alle Volksschichten erfassende Revolution gehabt: den Großen Bauernkrieg. Und diese Bewegung wird in einem gründlich theologischen Zeitalter so stark von messianischen Hoffnungen durchsetzt, daß für den rückschauenden Betrachter das Religiöse das Soziale verschleiert. Keinen Bastillensturm kennt die deutsche Geschichte; kein Cromwell, kein Mirabeau steht im deutschen Pantheon. Nur so ist es denkbar, daß man in ratloser Verblüffung die neuen Typen bestaunt, die in den letzten zwei Jahren zur Erscheinung gekommen sind. Handlung ist das Wesen der Revolution. Spontane Handlung, die unmittelbar zum Ziele führt, im Guten wie im Verhängnisvollen; aber immer herausgewachsen aus der Situation. Es ist kein Wunder, daß der Deutsche, gewöhnt an die zähe Materie des Obrigkeitsstaates mit seinem Mangel an Öffentlichkeit, die wilde Bewegung, die scheinbar ganz unversehens die Massen ergriffen hat, etwa mit ähnlichen Gefühlen betrachtet wie der biedere Prior von Parma die Malereien des Correggio, die er in ihrem krausen Durcheinander von Köpfen, Gliedern und Leibern sehr geistvoll mit einem Froschragout verglich. Und doch sind für den, dessen Denkorgane wirklich von dieser lebenden Zeit gespeist werden, die neuen Typen nichts so durchaus Erstaunliches; – er hat sie werden und wachsen sehen! Denn das revolutionäre Deutschland war da, schon lange vor dem Kriege, der nur den Impetus für den gewaltsamen Umsturz hergeben mußte. Alles, was seit Jahren gearbeitet wurde für eine bessere Fundamentierung der Gesellschaft – einerlei, ob es von politischen Parteien ausging oder von Vereinigungen mit rein kulturellen Zielen –, alles, was geschah, mußte sich gegen die Grundidee dieser Gesellschaft richten und mußte von ihr und ihren Sachwaltern mit feindlichen Blicken betrachtet werden. Aber diese Arbeit, der doch im einzelnen so unterschiedliche Motive zugrunde lagen, hat eine ganz veränderte Atmosphäre geschaffen, in der Menschen sich bildeten, den andern im Äußerlichen gleich, aber in ihrer Geistesverfassung so grundverschieden wie das Werdende und das Absterbende, wie alte und neue Zeit. Und dann kam der Augenblick, wo alle Ideen und Energien zusammenströmen und Aktion werden mußten. Ist es ein Wunder, daß sich da kein einheitliches Bild ergeben wollte, daß zunächst Chaos eintreten mußte? Wir erleben eine weltgeschichtliche Wende – matte Hirne, schwache Herzen mögen es verwünschen, Genossen dieser Epoche sein zu müssen –, aber wer nur ein wenig Gefühl und Augenmaß hat für das gewaltige heroische Schauspiel, das die sich immer wieder verjüngende und erneuernde Kraft der Menschheit darbietet, der wird nicht murrend und maulend abseits stehen können. Der wird sich auf den Boden des Tatsächlichen stellen, und das ist: daß eine Welt zusammengebrochen ist und neu errichtet werden muß. Zusammengebrochen ist nicht nur ein Staat, der sich unbesiegbar wähnte, zusammengebrochen ist nicht nur eine Wirtschaftsordnung, die von ihren Nutznießern für bombensicher gehalten wurde, zusammengebrochen ist vor allem der bürgerlich-kapitalistische Geist, der seit hundert Jahren die Köpfe beherrschte und auch große Teile der sozialistischen Arbeiterschaft weit mehr im Banne hatte, als sie es gern wahrhaben möchte. Nun aber gilt es, den neuen Geist zu schaffen, den Geist, der vielleicht für lange, lange Zeit der herrschende sein wird. Solch eine Verantwortung ruht auf uns Lebenden. Und doch gibt es genug Menschen, die nichts Besseres zu tun haben, als sinkende Konjunkturen zu bejammern oder zu beklagen, daß sich die Revolution nicht abwickle wie eine Parade. Das »sanftlebende Fleisch zu Wittenberg« – das böse Hohnwort, das Thomas Münzer dem eifrigst bremsenden Luther an den schwarzen Talar heftete – ist wieder auferstanden und zum Symbol vieler, sehr vieler geworden. Es muß ausgesprochen werden gegenüber den allzu Besorgten, den Behutsamen, den wohlmeinend Gemütvollen, daß uns nichts mehr an die Tradition bindet, daß es zwecklos ist, Halbheiten durchzumogeln, daß endlich jene geistige Erneuerung durchgeführt werden muß, die der deutsche Michel jahrhundertelang versäumt hat. In der Gegenwart leben und ihren Problemen fest in die Augen sehen, das ist die einzige Tugend, die einzige revolutionäre Tugend, die wir brauchen können. Kein Kompromisseln; wir sehen ja mit Schaudern, wohin uns die Realpolitiker, die immer nur das kleine »Mögliche« im Auge hatten und die große Gesinnungslumperei im hohlen Schädel, mit ihrer ach so wunderbar praktischen Politik geführt haben. Nein, lieber dem irrenden Faust auf dem Blocksberge gleich, umbraust vom höllischen Chaos des Hexensabbats, taumelnd zwischen Reue und Verlangen; lieber dem irrenden Ritter gleich, zwischen Tod und Teufel allein in grauser Wildnis, als paktieren mit jener netten spießerlichen Adrettheit der Gedanken und Gefühle, jener pomadigen Korrektheit, jener platten und matten Zielbewußtheit, die immer nur das Nächste sieht, aber niemals das Wesen erfaßt. So sei der Mensch dieser Zeit, der Mensch, der das Haus baut, in dem die nächsten Generationen wohnen sollen. Nur hat dieser Mensch bereits eine Überspannung erfahren; dem Revolutionär folgt als Affe der Revolutionshysteriker auf dem Fuße. Wir kennen ihn. Immer verrannt in leere Formeln, niemals Tiefe, immer Oberfläche, immer berauscht an Worten. Sein Revier ist die Straße; er braucht Öffentlichkeit, Publikum; er schwimmt in Sensationen; er muß sich in Szene setzen. Er harangiert vom Laternenpfahl aus ein paar Passanten, die eilig vorüberstreben, denn sie haben an anderes zu denken, und er ist sich doch bewußt, in diesem Augenblick Weltgeschichte gemacht zu haben; denn er rechnet nur mit Ewigkeitsmaßen. Dabei ist er oft genug ein ehrlicher Kerl, den es entsetzen würde, könnte er sehen, was für Instinkte er erweckt. Wir brauchen Diener am Geiste, nicht am Worte. Wir brauchen Menschen, die sich autonom fühlen und sich doch bewußt sind, Glieder einer großen Kette zu sein. Der Revolutionär ringt mit seinem Popanz. Und neben diesem großen Kessel, in dem es brodelt und nach Form ringt, da wandelt noch immer einer, den man nicht übersehen darf, so nichtig er ist – Herr Durchschnittsmensch. Er geht mit süßsaurem Lächeln einher und wundert sich im Grunde seines Herzens, daß er noch nicht umgebracht ist; aber er läßt es sich nicht merken. Das Ganze ist für ihn ein bedauerliches Intermezzo, das hoffentlich bald zu Ende sein wird, denn stille Ahnung sagt ihm, daß er der wahre Sieger ist. Denn sein Typ ist in der Tat unsterblich. Er hat alle Erschütterungen der Weltgeschichte überlebt, ist immer Gaffender gewesen, niemals Erlebender, immer Zeuge, niemals Blutzeuge. Er hat während des Bastillensturmes im Keller gehockt und kam erst hervor, als er sah, daß es ihm nicht an den Kragen ging. Er hat nacheinander König, Königin, Girondisten und Jakobiner zum Guillotinenplatz geleitet, öffentlich die Carmagnole gesungen und heimlich Getreide geschoben. Er hat sich bei Marats Tode im stillen Kämmerlein ins Fäustchen gelacht und hat Bonapartes Staatsstreich auf offenem Markte zugejubelt. Mit guter Gesundheit und gefüllten Taschen ist er übers Directoire ins Empire gekommen. Ob er noch lebt? Geht nur ins Wirtshaus, ihr werdet ihn die grause Zeit verfluchen und das Ewiggestrige preisen hören. Oder seht ihn in der Trambahn, wie er, mit der Miene des Mannes, der die Welt nicht mehr versteht, die Zeitung in die Tasche schiebt. Ob er auch diesmal der Lachende bleibt? Das hängt davon ab, wer die Oberhand behält: der Revolutionär oder der Revolutionshysteriker. Der Typus, der am schärfsten den Sinn der Revolution erfaßt und neue Ordnung gestaltet, oder derjenige, der die Bewegung durch Phantastereien diskreditiert und schließlich in der Gosse enden läßt. Heut ist Herr Durchschnittsmensch dem Revolutionshysteriker bitter gram; er sieht in ihm den bösen Feind. Wäre er nicht gar zu dumm – er würde in ihm den besten Helfer begrüßen.   Das Ziel. Jahrbücher für geistige Politik, München 1920 Herausgeber: Kurt Hiller   Kesslers Mexiko-Buch »Notizen über Mexiko«   (Erschienen im Insel-Verlag, Leipzig) Soeben erscheint, nach dreiundzwanzig Jahren, die zweite Auflage dieses Buches. Also ein Jugendwerk? Ja und nein. Jugendlich ist die Freude am Durchstreifen unbekannter Provinzen der Erde (und der Seele), aber von seltener Reife ist die Form. Tagebuchnotizen vom Oktober 1896 bis Januar 1897. Kleine Naturbilder, hingestrichelt mit der entzückenden Akkuratesse eines frühen Impressionisten aus Manets Schule; Betrachtungen über Menschen, Landschaften, Häuser und Ruinen, unendlich vielartig, manchmal breiter ausgesponnen und doch nirgends mit historischem oder philosophischem Ballast ungebührlich befrachtet, von sicherm Stilgefühl zusammengehalten und oft zu kleinen Essays sich rundend. Vermieden sind die Unarten der landläufigen Reisebücher. Keine Spur von der so beliebten saloppen Eleganz des Amateurs; nichts von Indien und ICH ; nichts auch von jener naiven Freude des typischen deutschen Reisenden an Export- und Importziffern und ... Militärbudgets. Ein Jugendwerk – aber von seltener Selbstzucht. Dabei ist in dem nicht umfangreichen Buche eine fabelhafte Summe von Beobachtungen verarbeitet. Wir werden mühelos, fast nebenbei, eingeführt in den sozialen Zustand eines Landes, von dem wir herzlich wenig wissen. Lebendig wird uns das Leben eines Staates, der ein bizarres Gemisch ist von europäischer und einheimischer Barbarei. Wir stehen vor den seltsamen Erzeugnissen einer Kolonisatoren-Baukunst, wandeln durch strenge gotische Kathedralen und bunte Barockkirchen, deren Stil hier, in tropischer Natur, eine absurde, manchmal toll-phantastische Steigerung erfahren hat. Und in diesen goldglänzenden Domen knien arme, zerlumpte Indianer, von Weihrauch umflossen, überragt von Bildern christlicher Kultfiguren. Da beten sie, die Armseligen, vor Kruzifixen, die in grüner Verwesung schillern, scharf und drohend heben sich die leuchtend roten Wundmale ab. Da knien sie, die Trümmer eines zertretenen Volkes, und draußen im Lande zeugen Steinwüsten von der für ewig versunkenen Kultur ihrer Vorfahren. Erzählen die Bruchstücke gewaltiger steinerner Leiber von Göttern, die niemand mehr kennt. Die »weißen Heilande« haben ihr Geschäft mehr als gründlich besorgt. – Denn die Menschen der Gegenwart, die Herrenkaste: träge, geckenhaft, vergnügungssüchtig; zusammengehalten wird dieses Gefüge durch ein Regierungssystem von unerhörter Willkür. Dann Fahrten über die Kordilleren, kurzes Verweilen am Rande der Zivilisation. Hier gelingen Bilder von wunderbarer Einprägsamkeit: »... Männer im Farbenkaleidoskop ihrer roten und weißen und regenbogenartig gestreiften Ponchos; juwelenbehangene, reitende, rauchende Weiber, Viehhirten, die in Pulquekneipen mit silbernen Sporen und silbergesticktem Filzsombrero am Schanktisch zu Pferde halten, Frauen, die, sich in den Hüften wiegend, ihren Krug zum Brunnen tragen, Packträger, denen die Lasten an Stirnreifen wie an Diademen hängen und die spät im roten Sonnenstaub durch die Tore der Stadt einziehen. Des Nachts dieselbe stumme Menge, schwarz, als bestünde sie aus wallenden Scharen phantastischer Schatten, als sei sie bloß bewegte Dunkelheit: außer wo unter einer einsamen Bogenlampe ein Teil durch das Licht leise hindurchflutet und beständig, aus Nacht auftauchend, auf Augenblicke farbig wird ...«   Berliner Volks-Zeitung, 23. Februar 1921   Von der deutschen Republik   Die Zinne der Partei Ich las dieser Tage in einem großen Parteiorgan die Mitteilung, daß irgendwo in tiefster Provinz der Funktionär einer andern Partei 30 000 Mark unterschlagen habe, woran das Blatt die freundliche Bemerkung knüpfte: »Das sind nun nach Ansicht dieser Kreise die geeigneten Leute, die Interessen ihrer Klassengenossen zu vertreten. Sie können mein und dein nicht unterscheiden.« Was die bedeutsame Berliner Zeitung hier sagt, ist über allem Zweifel erhaben. Die gegnerische Partei ist bekanntlich immer die Brutstätte aller nur ausdenkbaren Laster, die eigene licht und klar wie Dantes Paradies; und wenn schon mal was passiert, nun, wir sind halt alle Menschen ... Und deshalb, deutscher Mann, wenn du mit einem zusammen bist, der anders denkt als du, so gib auf deine Krawattennadel acht und behüte Frau und Kind gut, denn ein Individuum, das auf ein anderes Parteiprogramm vereidigt ist, bringt schließlich alles fertig ...   Der gepfändete Kopf Ein junger Künstler hat unter schwersten persönlichen Opfern im Berliner Osten eine Arbeiter-Kunst-Ausstellung zusammengebracht. Was da ausgestellt ist, sind zum Teil wesentliche Talentproben; der gewöhnliche kritische Maßstab ist allerdings nicht anzulegen, da die meisten dieser Arbeiten nicht von Berufskünstlern geschaffen und zudem nach schwerem Tageswerk entstanden sind. Jedenfalls ein Unternehmen, das Beachtung und Förderung verdient. Da entdeckte die hochlöbliche Polizei dazwischen einige Bilder und Zeichnungen linksradikaler Tendenz, und sofort wurde die Ausstellung unter Kreuzfeuer genommen, das heißt, man verbot sie nicht, aber belegte den Veranstalter ausgiebig mit Geldstrafen, weil er zu unerlaubter Zeit Besuchern Eintritt gewährte und dergleichen mehr, und als auch das noch nichts fruchtete, meldete sich die – Lustbarkeitssteuer. Und da der arme Mann wirklich nicht in der Lage war, diese Rechnungen zu begleichen, so pfändete man ihm den letzten Stuhl weg, und da auch das noch nicht der beleidigten Gerechtigkeit genügte, so pfändete man aus der Ausstellung einen Bronzekopf Karl Liebknechts; vermutlich weil es das schwerste Stück war. Irgendein Kunstfreund unter den Herren Beamten schien aber doch noch seine Zweifel zu haben, ob nicht am Ende doch mit Ölfarbe zugedeckte Leinewand wertvoller sei, und so schritt man denn zur feierlichen Anfrage an den Ausgepfändeten, wie hoch eigentlich der Wert des gepfändeten »Liebknecht« sei. Da riß dem jungen Manne endlich die Geduld, und er antwortete mit einem unwirschen Briefe, der in verschiedenen Zeitungen wiedergegeben wurde. Ja, der Brief war grob, aber bei weitem nicht grob genug. Ich hätte an seiner Stelle kurz und bündig geantwortet: daß dieser Bronzekopf Liebknechts jedenfalls mehr wert sei als die Gipsköpfe der bürokratischen Schikaneure zusammengenommen.   Pour le Roi de Prusse An der Berliner Charité wäre es jüngst fast zu einem Streik der dort beschäftigten Volontärärzte gekommen. Diese beklagenswerten Menschen arbeiteten seit Jahr und Tag ohne einen Pfennig Besoldung. Sie sandten Petition über Petition ans Ministerium; Hänisch, der Milde, antwortete wenigstens noch mit trostreichen Versprechungen, aber sein Nachfolger, der Universitätsprofessor Becker (also sozusagen auch ein Intellektueller), hüllte sich in vornehmes Schweigen. Schließlich, als die Not am größten war, wurde den Volontärärzten freundlichst anheimgegeben, das Mittagessen, das sie oft bei Verlängerung des Vormittagsdienstes an Ort und Stelle einnehmen mußten, in Zukunft zu bezahlen. Das war alles. Da die Herrschaften weniger Humor hatten als der Minister, dem leider immer regelmäßig sein Gehalt ausgezahlt wird, beratschlagten sie, was zu tun sei, und drohten mit Streik. Das Ministerium blieb vollkommen unempfindlich und ließ sich erst in dem Augenblick zu Verhandlungen herbei, als einige Zeitungen bereits, etwas verfrüht, den Ausbruch des Streiks meldeten. Daß die Finanzlage schlecht ist, wissen wir ohnehin, aber daß ein Minister, den man nach seiner bürgerlichen Profession bisher zu den Geistesarbeitern rechnete, es nicht einmal der Mühe wert hält, zu einer Schicht hart ausgenutzter Geistesarbeiter ein paar menschliche Worte zu sprechen, sondern sich in strengstes amtliches Schweigen hüllt, das ist ein neuer Beweis dafür, daß die etwas kurze und etwas dünne Reform-Ära in Preußen zu Ende ist und daß der lieblose Geist des Obrigkeitsstaates unumschränkt waltet im hohen Ministerium gegen Wissenschaft, Kunst und Volksbildung.   Monistische Monatshefte, September 1921   Schutz der Republik – die große Mode Es hat sich in diesen letzten Monaten in Deutschland etwas geändert. Es sind Leute sichtbar geworden, die die Republik verteidigen wollen. Sie haben eine Organisation geschaffen, die heute schon das ganze Land umfaßt. Hörsings Gründung, das Reichsbanner Schwarzrotgold, hat überraschend schnell Epoche gemacht. Eine nützliche und notwendige Gründung. Der Staat vermag sich nicht zu schützen, blamiert sich in Kompromissen mit der Reaktion. Es war Pflicht der Bürger, einzugreifen. Etwas spät kam die Erkenntnis zwar, aber immerhin ... Das Reichsbanner hat den Camelots der Rechtsparteien die Straße streitig gemacht und die Farben der Republik öffentlich gezeigt, den Deutschen Tagen Republikanische Tage entgegengestellt. Das ist für unsere Verhältnisse allerhand. Aber das Reichsbanner zeigt auch die bedenkliche Tendenz, es dabei bewenden zu lassen. Und hier hat die Kritik einzusetzen. Wer aus der Geschichte von fünf Jahren gelernt hat, weiß es, daß nicht die Völkischen, die Monarchisten die eigentliche Gefahr bilden, sondern die Inhaltlosigkeit und Ideenlosigkeit des Begriffes deutsche Republik, und daß es niemandem gelingen will, diesen Begriff lebendig zu machen. Schutz der Republik ist gut. Besser, darüber ins reine zu kommen, was an dieser Republik schützenswert und was nicht zu halten ist. Diese Frage umgeht das Reichsbanner, richtiger noch: es hat wahrscheinlich noch gar nicht erkannt, daß eine solche Frage überhaupt besteht. Unsere Republik ist noch kein Gegenstand des Massenbewußtseins, sondern eine Verfassungsurkunde und ein Amtsbetrieb. Wenn das Volk die Republik sehen will, führt man ihm die Wilhelmstraße vor. Und wundert sich, wenn es ziemlich begossen nach Hause geht. Nichts ist da, was die Herzen schneller schlagen ließe. Um diesen Staat ohne Idee und mit ewig schlechtem Gewissen gruppieren sich ein paar sogenannte Verfassungsparteien, gleichfalls ohne Idee und mit nicht besserem Gewissen, nicht geführt, sondern verwaltet. Verwaltet von einer Bürokratenkaste, die verantwortlich ist für die innen- und außenpolitische Misere der letzten Jahre und die alles frische Leben mit kalter Hand erstickt. Wenn das Reichsbanner nicht aus sich heraus die Idee findet, die mitreißende Idee, und der Jugend nicht endlich die Tore aufstößt, dann wird es nicht zu einer Avantgarde der Republik, sondern zu einer Knüppelgarde der Bonzokratien, und deren Privileg wird in erster Linie geschützt und nicht die Republik. Das Reichsbanner verfügt über ein Bundesorgan. Dieses Organ ist beschämend sehenswert. Da ist neben Aufsätzen längst abgestempelter, zum Teil überfälliger Persönlichkeiten ein Verzeichnis von Artikeln der Magdeburger Einkaufszentrale, von der Einheitswindjacke angefangen bis zu »Plakate, Eichenlaubrand, mit Adler, Text: ›Frei Heil‹, ›Hoch die Republik‹, ›Herzlich willkommen‹«. Eine Rubrik führt den Titel: »Granatsplitter«, eine andere: »In der Kantine«. Das ist, liebe Kameraden, wie er leibt und lebt, der Stil der mit Recht gelästerten alten Armeezeitungen. Kommt ihr wirklich nicht über eine so klägliche Kopie hinaus? Habt ihr denn eine so unbezwingliche Sehnsucht nach Eichenlaub und Adlern, und muß man sich in der Republik wie in der Kantine fühlen? Es droht ein großer Aufwand kleinlich vertan zu werden. Die unverkalkten Elemente der Linksparteien brauchten ein Betätigungsfeld. Ihre Aktivität war in der Tat nahe daran, sich an den Gittern des Parteikerkers zu vergreifen. Also mußte abgebogen, mußte ein bißchen Camouflage getrieben werden. So gab man ihnen ein eigenes Revier, aber grenzte es fürsorglich ab. Und machte aus einer Sache, die eine Sache des Geistes hätte sein müssen, eine Mützen- und Uniformangelegenheit, eine unverfälschte Kriegervereinsangelegenheit mithin. So leitete man die Parteirebellion in erlaubte Kanäle ab, und anstatt den neuen, republikanischen Typ zu bilden, lackierte man den alten Unteroffizierstyp mit neuen Farben. Und aus einer breiten, hoffnungsvollen Bewegung ist eine Mode geworden, keine Gesinnung, eine Mode, diesmal zur Abwechslung: Schutz der Republik!, launenhaft, flexibel wie alle Moden. Und der Effekt? Reichsbanner zelebriert Verfassungsfeiern, Reichsbanner macht Stechschritt, Reichsbanner drapiert Potsdam schwarzrotgold, Reichsbanner prügelt sich mit Kommunisten – und Fechenbach sitzt im Zuchthaus. Das ist der Humor davon. Wenn aber das Reichsbanner so viele entschlossene Kerle hätte wie der Kapitän Ehrhardt unter seinen Leuten, so säße Fechenbach heute nicht mehr im Zuchthaus. Französische Demokraten entrissen den spanischen Weltbruder, den sie nicht einmal von Angesicht kannten, den Klauen des Diktators. Der Gedanke an ein irgendwo in der Welt begangenes Unrecht ließ sie nicht schlafen. Die deutschen Demokraten und Sozialisten sind solider organisiert. Es ist gar nicht wahr, daß sie so knochenschwach sind, wie man immer glaubt, sie haben nur ein so furchtbar dickes Fell. Außerdem sind sie gesetzes- und verfassungstreu. Jemanden aus dem Gefängnis holen, das hieße doch illegal vorgehen! Gott bewahre! Reichsbanner marschiert. Und Fechenbach sitzt im Zuchthaus. Derweilen aber werden weiter Einheitswindjacken vertrieben und Militärbrotbeutel und Satinschärpen, einfache Ausführung, dto. bessere Ausführung, gefüttert, dto. Seidenmoiré, mit Goldfransen (siehe Bundesorgan). Frei Heil! Wer auf den ewigen Korporal im Deutschen spekuliert hat, der hat noch niemals falsch spekuliert. Auch der Stahlhelm, auch die Bismarckbünde vertreiben Kokarden und Brotbeutel. Zwischen Schwarzweißrot und Schwarzrotgold soll eine Welt liegen. Wirklich, wirklich?! Variationen über ein deutsches Thema.   Das Tage-Buch, 13. September 1924   Die Pazifisten   I Zu den ausgeprägtesten Merkmalen der deutschen Isolierung von heute gehört die Tatsache, daß so wenige unserer Kompatrioten wissen, was der Pazifismus ist und daß er bei den demokratischen Nationen der Welt zu einer Großmacht emporgewachsen ist. Ohne diese Ahnungslosigkeit wäre manche der in den letzten Wochen von Regierungsstelle ausgesprochenen Sottisen über den Völkerbund undenkbar gewesen. Es handelt sich hierbei nicht um eine betrübliche seelische Folge der Kriegs- und Nachkriegsblockade, sondern im wesentlichen um die Verdickung eines Zustandes von vorgestern. An das Friedensproblem zu rühren galt seit Sedan als schlapp, weibisch und antinational. Das war vielleicht woanders nicht viel besser. Nur gab man sich doch etwas mehr Mühe, den bewußten oder instinktiven Chauvinismus etwas intelligenter zu begründen. Man argumentierte nicht so billig wie an den deutschen Stammtischen. Maurice Barrès war sicherlich ein Revanchard von reinstem Wasser. Dennoch, wagt einer auch nur im Traume eine Parallele mit Artur Dinter? Es ist deshalb zu begrüßen, daß der in diesen Tagen in Berlin stattfindende Weltfriedenskongreß eine Reihe von ausländischen Gästen bringt, deren Bedeutung, deren Ernst und deren gutes patriotisches Wollen nicht bezweifelt werden kann. Tausendmal haben die Zeitungen ihre Namen mit Achtung genannt. Der brave Bürger faßt sich an den Kopf: »Herrgott, das sind also auch Pazifisten! Das sind ja ganz vernünftige Leute!« Und für Minuten schaukelt eine Weltanschauung. Könnte aus einer solchen momentanen Erschütterung nicht ein kleines Damaskus gedeihen? Leider wird das verhindert werden. Durch ... durch die Pazifisten selbst.   II Aber auch die Gäste werden sich nicht wenig wundern. Und mit Fug. Denn sie werden zum erstenmal mit dem Gros unseres pazifistischen Heerbanns Tuchfühlung nehmen. Sie werden zum erstenmal sehen, was eigentlich hinter den Führern steht. Man darf nicht vergessen: jahrelang hat der Gedankenaustausch mit London, Paris, Genf usw. in den Händen von einzelnen über dem Mittelmaß stehenden Persönlichkeiten von politischer Erfahrung und diplomatischer Qualität gelegen. Dadurch ist über Bedeutung und Material des deutschen Pazifismus ein gelinder Irrtum entstanden. Man urteilte nach den Repräsentanten. Und man verurteilte doppelt hart das unbelehrbare deutsche Volk, das sich gegenüber allem, was pazifistisch war, so spröde verhielt. Vielleicht werden gerade jetzt die kosmopolitisch denkenden Bürger der Siegerstaaten Gelegenheit finden, hinter die Kulissen zu schauen. Und da werden sie sehen, wie mit den von ihnen hochbewerteten Führern im eigenen Hause umgesprungen wird. Männer von Distinktion und Niveau haben es in keinem Distrikt der deutschen Politik besonders leicht. Aber was ausgerechnet im pazifistischen Lager an Verunglimpfung, Verdächtigung und Ketzerrichterei geleistet wird, das ist selbst für deutsche Verhältnisse maßlos. Ludwig Quidde hat vor ein paar Monaten in einem sehr launigen Artikel von der königlich bayerischen Behandlung erzählt, die ihm in Stadelheim widerfahren war. In diesem tapferen und liebenswürdigen alten Herrn knistert nicht ein Fünkchen Rachsucht. Er würde sonst einen zweiten Artikel schreiben über die Erlebnisse in seiner eigenen Organisation. Der Oberaufseher in diesem pazifistischen Stadelheim ist Herr Kurt Hiller.   III Alljährlich im Herbst findet ein deutscher Pazifistenkongreß statt. Diese Veranstaltung dient vornehmlich der körperlichen Ertüchtigung der Teilnehmer. Es ist halt schwierig, ein ganzes Jahr hindurch ununterbrochen Friedensmensch zu sein. Schließlich müssen doch wenigstens einmal jährlich die bellikosen Staubecken entleert werden. Einmal im Jahr muß auch der prinzipienfesteste Antimilitarist die leider Gottes immer fortwuchernde militaristische Darmfauna fortspülen. So kommt es, daß diese Kongresse ausgeprägt den turbulierenden Instinkten dienen. Sie sind ein ungeheures Blutbad, eine massenweise Absäbelung von Führerköpfen. Ein Sperrfeuer von Anklagen, Bezichtigungen, Mißtrauensvoten. Der in Paris geschätzte Herr von Gerlach wird in Berlin als Verräter behandelt, als schwachköpfiger Opportunist, wird demoliert. Herr Hiller schwingt den tintentriefenden Tomahawk; er ruft zum Heiligen Krieg gegen die Zweifler an seiner Autorität, ein Pobedonoszew der Friedensbewegung. Er sagt Menschheit und meint Stuhlbein. ... und wenn man sich genug ertüchtigt hat, geht man wieder nach Hause und ist ein ganzes Jahr friedlich. Die Rachegeister legen sich vollgesogen zur Ruhe. Der Philosoph der Langweiligkeit versinkt im gewohnten Tran.   IV Der Pazifismus Herriots und MacDonalds ist politisch, das heißt real fundiert, beweglich und deshalb auch bewegend. Er arbeitet mit den Mitteln der Politik. Der deutsche Pazifismus war immer illusionär, verschwärmt, gesinnungsbesessen, argwöhnisch gegenüber den Mitteln der Politik, argwöhnisch gegen die Führer, die sich dieser Mittel bedienten. Er war Weltanschauung, Religion, Dogmatik, ohne daß sich etwas davon jemals in Energie umgesetzt hätte. Deshalb mochte es ihm zwar gelegentlich gelingen, ein paar Parolen populär zu machen, Versammlungserfolge zu erzielen, organisatorisch hat er niemals die Massen erfaßt. Das Volk blieb immer beiseite. Der organisierte Pazifismus blieb immer eine sehr rechtgläubige Sekte, ohne federnde Kraft, eine etwas esoterische Angelegenheit, an der die Politik vorüberging, wie sie die Politik ignorierte. Es ist wahrscheinlich das Schicksal der Bewegung gewesen, daß ihr Ausgangspunkt war der larmoyante Roman einer sehr feinfühligen und sehr weltfremden Frau. Das übergewöhnliche und reine Wollen der Suttner in allen Ehren, aber sie fand für die Idee keine stärkere Ausdrucksform als die Wehleidigkeit. Sie kämpfte mit Weihwasser gegen Kanonen, sie adorierte mit rührender Kindlichkeit Verträge und Institutionen – eine Priesterin des Gemütes, die den Königen und Staatsmännern ins Gewissen redete und die halbe Aufgabe als gelöst ansah, wenn sie freundlicher Zustimmung begegnete. Und wer konnte dieser milden, gütigen Dame anders begegnen? Wie so viele Frauen, die aus reiner Weiberseele für die Verwirklichung eines Gedankens kämpfen, der männliche Spannkraft und ungetrübten Tatsachenblick erfordert, glitt sie ins Chimärische, glaubte bekehrt zu haben, wo sie ein paar Krokodilstränen entlockt hatte, blieb sie im Äußerlichen haften, anstatt bis zum Sinn vorzustoßen, und streifte sie in der Art sich zu geben, da ihr die prägnante Form mangelte, schließlich den Kitsch. So war um die »Friedensbertha« allmählich ein sanftes Aroma von Lächerlichkeit, und dieses Aroma ist der deutschen Friedensbewegung unglücklicherweise geblieben bis zum heutigen Tag. Und es hat nach außen hin so stark gewirkt, daß auch die tüchtigsten und bedeutendsten Männer es nicht haben beseitigen können. Der Pazifismus trug für die Menge stets das Cachet des Exklusiven, ärger noch, des Unmännlichen. Dabei ist die Methode des sanften Girrens um die Gunst der Großen längst vorüber. Die Sentimentalität von einst ist robustem Deklamatorentum gewichen, die freundliche Predigt der Suttner den haßerfüllten Expektorationen wilder Männer. Dazu sind gestoßen Fanatiker und Sektierer aller Art, Projektenmacher mit dem Kardinalrezept für alle Weltübel, Allerweltsreformer, die das Fleisch verabscheuen, infolgedessen auch Muskelkraft und alles Maskuline überhaupt; sie zeugen ihre Kinder, wenn es schon mal nicht anders geht, dann wenigstens mit ausgesprochener Unlust und möchten die ganze Menschheit am liebsten auf Kohlrabi-Diät festlegen. Die Politiker sind zwischen Querulanten und wunderlichen Heiligen in der Minderzahl. Sie haben das Ihrige getan, aber es ist ihnen bisher nicht gelungen, die Bewegung als solche an den Realitäten zu orientieren.   V Und da gerade liegt das Entscheidende: der Pazifismus muß politisch werden, und nur politisch. Die notwendigste Idee unserer Zeit darf nicht zum Steckenpferd kleiner Prinzipienjockeys werden. Der Weg zum Volk muß gefunden werden, damit das deutsche Volk endlich wieder den Weg zu den Völkern findet. Ein Beweis auch für die Schwerfälligkeit, für den Mangel an Aktualitätsgefühl bei den Einberufern des Kongresses, die überladene, grausam theoretisch befrachtete Tagesordnung. Paneuropa, Schulreform, Wesentliches und Unwesentliches bunt durcheinander. Ich verkenne bei aller kritischen Einstellung nicht, was dennoch von pazifistischer Seite bisher geleistet wurde. Der stellenweise Durchbruch der deutschen Selbstzernierung in den letzten Jahren, er bleibt das Verdienst von Persönlichkeiten wie Quidde, Gerlach, Kessler. Kein vernünftiger Mensch zweifelt daran, daß Deutschlands Anschluß an die demokratische Welt nur erfolgen kann im Zeichen des Pazifismus. Das aber heißt auch, den Geist dieser Bewegung fähig zu machen zu dieser Aufgabe. Das alles mag für einen Gruß an eine Sache, die man liebt, etwas kratzbürstig klingen. Ich habe als Pazifist zu Pazifisten gesprochen, getrieben von dem Wunsch, beizutragen zur endgültigen Freimachung der Kräfte, die diese wirklich erhabene Sache zu ihrem Siege braucht. Und diese Kräfte sind heute noch gehemmt durch schädliches und lächerliches Beiwerk und durch die Überbleibsel einer Vergangenheit, gestorben an dem Tage, da der große Krieg begann.   Das Tage-Buch, 4. Oktober 1924   Die Heimkehr der Armee   Zum Waffenstillstandstage Wenn die Behauptung auf Wahrheit beruht, daß unsere Armee durch einen von der Heimat erdachten und exekutierten Judasstreich ihrer Waffe beraubt wurde, so läßt sich das mit einer einzigen Tatsache widerlegen: an der Art, wie der Rückzug durchgeführt wurde. Denn ein Millionenheer, dem der Verrat in den Rücken fällt, kann sich nicht geschlossen erhalten, sondern muß der Auflösung in kleine und kleinste, auf eigene Faust handelnde Gruppen verfallen. Deshalb ist von hoher Bedeutung die Frage, in welcher Weise sich der Rückzug vollzog. Niemand, der daran teilgenommen oder auch nur in den deutschen Grenzstädten den Durchmarsch der Truppen erlebt hat, wird die Behauptung wagen dürfen, daß so eine dissolute, durch politische Machinationen waffenlos und wurzellos gewordene Armee zurückkehren konnte. Wir haben heute zu diesen Ereignissen Abstand gewonnen, wir können ein abschließendes Urteil wagen: es muß ausgesprochen werden: der Rückzug aus dem Westen in langen, strapaziösen Eilmärschen und bei ungünstiger Witterung war eine der glänzendsten Taten des deutschen Heeres. Schreiber dieser Zeilen, der 6. Armee zugehörig, war um den 5. November von Tournai über Rousse nach Brüssel gekommen. Hier herrschte vollkommene Deroute. Die Stadt war von Truppen überfüllt. Die Unterbringung war mehr als primitiv. Es wußte ja niemand, auf wie lange Quartier genommen werden sollte. Es wußte überhaupt kein Mensch, was die nächsten Tage bringen würden. Gerüchte kursierten über Putschabsichten der Belgier, besonders Aufgeregte machten sich auf ein Neuaufleben des Heckenkrieges von 1914 gefaßt. Die spärlich einlaufenden Nachrichten aus der Heimat über die beginnende politische Umwälzung ergaben ein nur verwirrendes Bild. Als endlich die Meldung von der Abdankung des Kaisers kam, schuf das eine vorübergehende Erleichterung. Man hatte das Gefühl, daß durch die Liquidation des alten Systems ein Bürgerkrieg vermieden worden sei, ebenso daß der Abschluß des Waffenstillstandes dadurch erleichtert werde. Am Sonntag, dem 10. November, wurden in den Abendstunden die Waffenstillstandsbedingungen bekannt. Sie bewirkten Entsetzen und Zorn. Alte Frontsoldaten, die eben noch in den Soldatenheimen die Internationale angestimmt hatten, riefen mit geballter Faust, daß man diese Bedingungen nicht schlucken dürfe. Man sei zwar geschlagen, aber nicht wehrlos. Lieber noch einen Gang als das! Man wies darauf hin, daß die Räumungsfrist von vierzehn Tagen zu knapp bemessen wäre. Das Transportwesen läge danieder, die Lazarette seien voll von Kranken und Verwundeten. Die Magazine würden von Gesindel geplündert, ein Heer von Deserteuren sei bereit, sich mit wallonischen Insurgenten zu vereinigen. Es war ein Hexensabbat von Meinungen und Gerüchten. Bis in die späte Nacht wurde auf den Straßen disputiert und gestritten. Mit einem nachsichtigen Lächeln, dessen Höflichkeit nicht ganz die Schadenfreude übertünchen konnte, schlichen sich die Bürger an den Gruppen der Soldaten vorbei. Und draußen in den Arbeitervierteln wurden in blauer Bluse und auf Holzschuhen Freudentänze aufgeführt, deren Ekstase den bei jedem Deutschen entwickelten Sinn für Wohlerzogenheit verletzten, und dazu etwas Unverständliches gegrölt, was vielleicht die Brabançonne war, vielleicht auch die Carmagnole. Der 10. November stellte allerdings den Höhepunkt der Spannung dar. Die Revolution war da, aber im großen ganzen herrschte doch der Eindruck vor, als wüßte man nicht recht, was man eigentlich damit anfangen sollte. Am nächsten Vormittag waren überall die Proklamationen des Soldatenrates zu lesen. Eine seltsame Beruhigung trat ein. Die wilden Projekte vom vergangenen Tage waren vergessen. Der Rückmarsch zu Fuß, der einer abgekämpften, zermürbten, unterernährten Masse von Menschen zugemutet wurde, war im Bewußtsein bereits zur Selbstverständlichkeit geworden. Die Aufrufe des Soldatenrates, die nach ihrem Inhalt etwa in Versprechungen und Warnungen zerfielen, hatten ein Gutes: man wußte wieder eine Führung in Aktion. Es entstand eine Sicherheit, die in den letzten Wochen abhanden gekommen war. Es ist heute zur leidigen Gepflogenheit geworden, das Wort »Soldatenrat« niemals zu gebrauchen ohne das Prädikat »versoffen«. Gewiß, später in der Heimat habe ich auch so manchen Soldatenrat gesehen, der einen recht üblen Typ repräsentierte. Aber es ist eine unverzeihliche Ungerechtigkeit, damit die Soldatenräte des Feldheeres zu vermengen. Denn diese bildeten durchweg eine natürliche Auslese alles dessen, was nach vier Erntejahren des Sensenmannes noch an Intelligenz, Tatkraft und Vitalität vorhanden war. Das muß festgestellt werden zur Verteidigung der Ehre von Männern, denen es vornehmlich zu verdanken ist, daß das, was schließlich den Rhein überschritt, tatsächlich die Westarmee war und nicht ein kümmerlicher Torso. Man wirft den Soldatenräten vielfach vor, sie hätten die Offiziere infamiert und den Rest von Disziplin beseitigt. Das ist wieder unberechtigt. Denn einmal waren unter den Soldatenräten sehr viele Frontoffiziere, meistens jüngere, unternehmungslustige Männer, die das Vertrauen ihrer Leute genossen, zum anderen aber waren bestimmte höhere Chargen, namentlich die Stäbe, tatsächlich überflüssig geworden. Sie sahen das ein und traten ab. Neigung zu einer Bartholomäusnacht bestand nirgends. Ich selbst habe nur am 9. und 10. November grundlose Insultierungen von Offizieren miterlebt. Die Auftritte waren gewöhnlich herbeigeführt von angetrunkenen Krakeelern, die der Anblick eines Portepees zum Sieden brachte. Sie wurden fast immer durch die Intervention Vernünftiger an Tätlichkeiten gehindert. Die aufgespeicherte Wut gegen die Offiziere – deren Berechtigung oder Nichtberechtigung zu erörtern nicht meine Aufgabe ist – machte sich mehr in Worten als in Taten Luft. Jedenfalls wäre an eine Organisierung des Rückzugs unter alten Kommandoverhältnissen nicht zu denken gewesen. Seit Monaten hatte sich die Autorität in einer für militärische Begriffe unerhörten Weise gelockert. Vielleicht hat die politische Umwälzung in der Heimat sogar ableitend und entspannend gewirkt. Vielleicht wäre sonst an der Front aus einer Kette kleiner Meutereien die Militärrevolution entstanden. Man kann ohne Übertreibung sagen: in der zweiten Novemberhälfte war die Mannszucht eine bessere als etwa im August oder September. Der Soldat, der dem Arbeiter- oder Kleinbürgertum angehörte, sah in dem Offizier nicht nur den Mann, der den Krieg unter besseren Vorbedingungen und mannigfachen Erleichterungen mitmachte, sondern vor allem den Führer schlechthin. Der sogenannte schlichte Mann aus dem Volke hatte ein außerordentlich geschärftes Empfinden für die Kapitulation der Zivilgewalt vor der militärischen; der Offizier war längst auch zum Symbol des politischen Führers geworden. In dem Augenblick, wo die Oberste Heeresleitung zugeben mußte, daß der Krieg verloren sei, war der Offizier nicht nur seines Nimbus ledig, sondern, präziser gesagt: beiseite geschoben. Das wurde in Offizierskreisen vollkommen richtig empfunden, und die meisten zogen die Konsequenzen. Viele, namentlich die älteren Herren, waren erbittert über die Fahnenflucht der Dynastie, fühlten sich vom Obersten Kriegsherrn verlassen und verraten und rissen sich demonstrativ die Achselstücke ab. Diejenigen aber, die sich wirklich mit ihren Mannschaften verbunden fühlten oder deren Begabung und Tatkraft ihnen ruhmloses Zurücktreten unmöglich machte, stellten sich zur Verfügung. Sei waren Führer auf Grund von Intelligenz und Kapabilität – auch ohne Patent und Privileg. Sie fanden sich mühelos mit denen ohne Charge. So entstand im Laufe von wenigen Tagen ein neues, volkstümliches Führertum, das sogleich Vertrauen genoß und ein hohes Maß von Autorität. Während des ganzen Rückzuges sind die von den verschiedenen Zentralen den einzelnen Formationen gegebenen Anordnungen aufs gewissenhafteste befolgt worden. Die Landstraßen waren natürlich oft von den endlosen Karawanen verstopft, dennoch entwickelten sich keine größeren Reibungen. Die Mißverständnisse und Irrtümer, die in den letzten Kriegsmonaten bei der Unterbringung der Truppen oft unglaubliche Konfusion geschafft hatten, hörten fast ganz auf. Durch das natürliche und entschlossene Zusammenarbeiten der Fähigen ohne Unterschied des Ranges war über Nacht eine ganz neue Form von Organisation entstanden, eine Organisation, die nicht auf Strafandrohungen fußte. Und sie fand Verständnis. Im ganzen Kriege hat außer der Mobilmachung nichts so gut geklappt wie der Rückzug. Die Aufgabe der für die Rückführung verantwortlichen Körperschaften war eine ungeheuerliche. Die Lazarette waren überfüllt, die allgemeine gesundheitliche Verfassung eine sehr schlechte; die Grippe trat epidemisch auf. Von feindlicher Seite war alles getan worden, um den Rückzug zu erschweren. An vielen Stellen wurde bis zum Abschluß des Waffenstillstandes eine rigorose Kampftätigkeit unterhalten, in letzter Stunde noch wurden die Bahnhöfe von Knotenpunkten aufs ausgiebigste mit Bomben belegt. Dennoch waren nach Ablauf der Frist die in Betracht kommenden Gebiete restlos geräumt. Die Leistung auf deutscher Seite, von Führern und Geführten, war eine bewunderungswürdige. Man hört jetzt zuweilen den banalen Einwand: »Kein Wunder, es ging ja nach Hause!« Gewiß war die Aussicht, in wenigen Wochen in der Heimatstadt zu sein, ein gewaltiger Antrieb, aber das Phänomen eines geordneten Rückmarsches nach vier Jahren Krieg und Zusammenbruch aller Siegeshoffnungen ist mit einem flachen Scherz in keiner Weise erklärt. Entscheidend ist nicht, daß es zustande kam, sondern wie es zustande kam. Der Obrigkeitsstaat hätte das nicht mehr bewirken können. Hinzukommen mußte das Gefühl der Freiheit, die Vorstellung, es freiwillig zu tun. Und so ging in strenger Gliederung dieser Gewaltmarsch vor sich, überschritten die langen Kolonnen die deutsche Grenze. Die phantastische Projektenmacherei der beiden kritischen Tage war längst vergessen. Es gab keinen Groll mehr um gewesene Dinge. Eine stille Kameradschaftlichkeit hielt das Gefüge zusammen. Politisiert wurde wenig; Parteiunterschiede traten kaum zutage. Gesinnungszensur wurde nicht ausgeübt. Wenn auf die sozialistische Republik gehocht wurde, was gelegentlich vorkam, so verschwanden vorher diejenigen, die damit nicht einverstanden waren; es handelte sich zumeist um junge Vizefeldwebel, deren Beförderung zu Wasser geworden war und die deswegen der Revolution grollten. Es nahm niemand an ihrer Ablehnung Anstoß. Auch die zum Teil sehr berechtigte Wut gegen gewisse Magazinbeamte machte sich nicht weiter Luft; übrigens waren sehr viele davon vom ersten Tage an wie vom Erdboden weggefegt. Ebenso wie gewisse Etappentyrannen, die unverfälschte altpreußische Schroffheit mit wahrhaft primadonnenhafter Launenhaftigkeit und Verwöhntheit in allem, was ihren Komfort anbetraf, in unerquicklichster Weise vereinten. Ein volkstümliches Strafgericht über solche Satrapennaturen wäre wohl verständlich gewesen. Außer der Angst widerfuhr den Herren nichts. Von Hindenburg wurde durchweg mit Hochachtung gesprochen. Man rechnete es ihm hoch an, daß er sich für das Volk entschieden hatte und nicht für den Kaiser; in Ludendorff dagegen erblickte man seinen bösen Geist. Aber auch Ludendorff war gleichgültig geworden. Zusammenstöße mit der einheimischen Bevölkerung kamen nicht vor; ebensowenig sind nennenswerte Diebstähle oder Plünderungen bekannt geworden. Geklagt wurde dagegen häufig über die Entwendung von Heeresgut. Festzustellen ist, daß es sich dabei durchweg um Bekleidungsstücke, Ledersachen oder Wolldecken handelte, um Lagerbestände, die wegen ihres Umfanges doch hätten zurückbleiben müssen. So zogen die deutschen Truppen in denkbar größter Selbstdisziplin aus Feindesland hinaus. Ich denke heute noch mit Vergnügen daran zurück, wie in Lüttich die ersten Exemplare des »Courier de la Meuse« eingetroffen waren, der seit Beginn der Invasion seinen Sitz nach dem holländischen Maastricht verlegt hatte. Da wurde unser Rückzug geschildert als die hemmungslose Flucht einer verwahrlosten Horde, die sengend und brennend durchs Land ziehe. Ein tiefgründiger Vergleich wurde angestellt mit Napoleons russischer Katastrophe und der ganzen Bande als gerechte Strafe für ihre Untaten irgendwo eine Beresina prophezeit. Die Lütticher lachten, und die Unsrigen, das spricht für sie, lachten ebenfalls. Während aber die Vorhuten deutschen Boden betraten, phantasierten tief im Lande Angstbürger von der Überflutung durch die »rote Armee«, während Spartakusblätter ihre Leser mit Geschichten vom Anmarsch der »weißen Garden« regalierten; die regierende Sozialdemokratie wieder behandelte mit mehr breiter als großer Geste die Armee als ihre Hausangelegenheit. Drei Lesarten. Keine zutreffend. Royalisten gab es damals außer in den hohen Chargen kaum, abgesehen von einigen Kleinstaatlern, die ihren Landesvätern nachtrauerten. Auch wer prinzipieller Monarchist war, machte kein Hehl daraus, daß die kläglich vom Schauplatz abgetretenen Hohenzollern verspielt hätten. Liebknechtanhänger waren dünn gesät. Karl Liebknecht wurde wegen seiner mutigen Opposition gegen den Krieg hoch geehrt; seine besonderen politischen Theoreme waren ziemlich unbekannt. Man hörte immer wieder mit rührender Naivität die Versicherung: »Wir sind keine Bolschewisten, wir wollen nicht alles kaputtschlagen!« Es war keine Parteiarmee, die zurückkam. Wenn sie mit roten Fahnen marschierte, so bedeutete das kein Parteischibboleth. Es bedeutete Opposition gegen die alten Farben, mit denen man ins Unglück gegangen war. Es bedeutete Abkehr von der Zeit, die das rote Banner als außergesetzlich erklärt hatte. Es bedeutete, nicht zum wenigsten, den Ausdruck der Hoffnung. An Verrat oder »Dolchstoß« dachte niemand. Die Kieler Matrosenrevolte wurde nicht als ausgeklügelte Konspiration betrachtet, sondern als ein Ding, das einmal kommen mußte, zwangsläufig kommen mußte. Erst in den zur Sammlung bestimmten Räumen rechts des Rheins begann die wilde Auflösung. Auf deutschem Boden wuchs das Heimweh übermächtig; aus den verschiedensten Gegenden kamen Alarmnachrichten; zum Überfluß spukte noch das Gerücht, daß infolge Verkehrsschwierigkeiten der Abtransport sich um vier bis fünf Wochen verzögern würde. Da sprang jeder auf den ersten besten Eisenbahnzug, um nur fortzukommen. Es herrschte damals bei den Berliner Radikalen ein Zwiespalt, ob dieser Auflösungsprozeß zu befürworten sei oder ob man die einzelnen Kaders zusammenhalten und daraus eine revolutionäre Streitmacht bilden sollte. Wer die Entwicklung miterlebt hat, weiß, daß es ein Zank um Kaisers Bart war. Der Gedanke der Levée en masse, einerlei ob im »nationalen« oder »revolutionären« Sinne, kam um mindestens ein Jahr zu spät. Der äußerste Grad der Leistungsfähigkeit war längst überschritten. Der Rückzug stellte die letzte große Kraftanspannung dar. Frei von Kadavergehorsam und Drill und Schikane und allem, was das alte System so verhaßt gemacht hat, mit volkstümlichen Führern an der Spitze, in selbstauferlegter Mannszucht, so ging der letzte Marsch der alten Armee vor sich. Die Armee von Fehrbellin, von Leuthen, von Waterloo und Gravelotte, sie bewies in jenen traurigen, entbehrungsreichen Herbsttagen von 1918 ein letztes Mal, wozu sie aus eigenem fähig war. Sie war nicht mehr Instrument, sondern lebender Organismus. Es ist ein tragikomischer Aphorismus der Weltgeschichte, daß der Geist der Demokratie, den das preußische System stets wie ein tödliches Gift vom Heere ferngehalten hat, diese letzte große Tat erst möglich machte. Wer die alte Armee jemals bewundert hat, der sollte sie nicht um ihrer Sterbestunde willen schmähen.   Die Republik, 8./9. November 1924   Majestätsbeleidigung? Hannover hat seit ein paar Tagen seinen Hochschulskandal. Der Werwolf Haarmann, im vorigen Jahr Sensationsstoff dieser alten, halb welfisch, halb preußisch vermiekerten Beamtenstadt, ist nicht mehr. Mit wehenden Fahnen, die Zähne gebleckt, sind die nationalen Werwölfe auf den Plan getreten. Ihr Angriffsobjekt ist der Professor Theodor Lessing, seit zwanzig Jahren Dozent an der Technischen Hochschule, ein Gelehrter von umfassendem und überfachlichem Wissen, ein Schriftsteller von Unabhängigkeit und eigener Prägung. Klebt an dem erlauchten Namen Lessing etwas Suspektes? Gotthold Ephraim hatte es mit den evangelischen Orthodoxen zu tun. Theodor erregte im Haarmann-Prozeß die Erbitterung der juristischen Rechtgläubigkeit und wird jetzt zum Zielpunkt des Kesseltreibens der nationalen Orthodoxie. Theodor Lessing hat am 25. April, also noch vor der Wahl, im »Prager Tagblatt« einen Artikel über Hindenburg veröffentlicht. Keinen Wahlkampfartikel. Eine scharfe psychologische Studie, in menschlich liebenswürdiger Form, was durch einige ironisch flackernde Lichter nicht beeinträchtigt, eher verdeutlicht wird. Kein regulärer Zeitungsartikel. Eher die Abhandlung eines Philosophen, den an den Männern der politischen Bühne allgemein Menschliches in individueller Ausprägung weit mehr interessiert als ihr Programm. Im ganzen Wahlkampf ist kein höflicherer Artikel geschrieben worden. Vierzehn Tage nach der Wahl aber wird dieser Artikel zum Anlaß genommen, um die Entfernung Lessings von seinem Lehramt zu fordern . Rektor, Senat und Studentenschaft spielen sich gegenseitig in die Hände. Vom Kultusministerium wird die Absetzung Lessings verlangt. In einer Beratung hinter verschlossenen Türen erklärt der Vertreter des Rektors, wenn das Ministerium nicht handle, so handle er »von sich aus«. Soweit das akademische Hochgericht. Dann zeigen sich die ersten Folgen des Bannspruches. Nächtliche Katzenmusik vor dem Hause des Verfemten, Familienmitglieder werden tätlich bedroht. Das Bestiarium der nationalistischen Presse wird lebendig. Zuerst trompetet der große Kriegselefant, der »Hannoversche Kurier«, los; das ist das Signal auch für die allerkleinsten vaterländischen Schakale und Hyänen. Dann die lieben Kollegen! In der »Niederdeutschen Zeitung« lebt sich ein sicherer Müller aus, Privatdozent. Dieses akademische Stück Unglück wagt es, Lessing den wissenschaftlichen Charakter abzusprechen, faselt von »geistiger Onanie« und »philosophischem Bolschewismus«, nennt das »Prager Tagblatt«, das Organ des liberaldemokratischen Deutschtums in Böhmen!, eine »deutschfeindliche tschechische Zeitung«. Warum schreibt der Mann? Will er durch sein Beispiel demonstrieren, was sich an unseren Hochschulen dozierend herumdrücken darf? Der Fall Lessing, richtiger: der Fall Technische Hochschule, hat zwei Seiten. Die eine geht den demokratischen Unterrichtsminister an, der hoffentlich knochenhart genug sein wird, die akademische Freiheit wahren und den Herrn stellvertretenden Rektor, den es gelüstet, »von sich aus zu handeln«, bei den stoßbereiten völkischen Büffelhörnern zu packen. Die andere Seite ist wichtiger und prinzipieller. Es heißt rechtzeitig den Anfängen einer neuen Hochkonjunktur von Majestätsbeleidigungsprozessen zu widerstreben. Schon jetzt fordern Blätter, die den ersten Präsidenten in den Tod gehetzt haben und sich vor Wonne kugelten, wenn eine Beleidigung Eberts mit 50 Mark »gesühnt« wurde, eine straffe Justiz zum Schutze des Reichsoberhauptes. Die demokratische Presse hat vom Augenblick der Tatsache des Rechtssieges an in musterhafter Weise in Hindenburg nicht mehr den Kandidaten der Gegenpartei erblickt, sondern das von der Mehrheit des Volkes gewählte Oberhaupt der deutschen Republik . Wenn von der Rechten jetzt scharfe Maßnahmen gefordert werden, wenn als erster Theodor Lessings Kopf fallen soll, und noch dazu wegen eines Artikels aus der Wahlzeit, so hat das nichts zu tun mit dem sehr berechtigten Verlangen, den Reichspräsidenten besser als bisher gegen Verleumdung und Besudelung zu schützen. Es steckt dahinter der Versuch, unbequeme Kritiker und Bekämpfer eines sinnlosen Heroenkultes zu treffen, es ist ein Attentat zur Unschädlichmachung von Republikanern, die in der Republik allzuviel Monarchistisches finden. Nichts hat die Zeit Bismarcks und Wilhelms odioser gemacht als die läppischen Majestätsbeleidigungsprozesse, die nur ein Mittel waren zur Niederknittelung der Opposition. Die ersten Kundgebungen des neuen Reichspräsidenten haben in ihrer sympathischen väterlichen Sprache beruhigend gewirkt. Eine Ära von Hindenburg-Majestätsbeleidigungs-Prozessen dagegen würde augenblicklich eine Differenz zwischen Wort und Praxis offenbar werden lassen und das Zeichen zu neuem innerpolitischem Kampf von unerhörter Gehässigkeit werden. Der Kampf um Lessing kann die erste Probe aufs Exempel sein. Die Orthodoxen aber sollten rechtzeitig begreifen, daß mit diesem Namen kein Ruhm für sie verknüpft ist.   Der Montag Morgen, 18. Mai 1925   Wie man sich wiedertrifft   Lukrezia nach siebzehn Jahren Ich nannte sie Lukrezia, seit sie jung und strahlend bei uns in Leons Atelier erschienen war, wo wir Grünspechte phantastische Träume in karge Realitäten umsetzten und ich noch in der gleichen Nacht meine Tragödie »Lukrezia Borgia« für sie zu schreiben begann. Seit einigen Monaten war sie am Stadttheater engagiert, rasend ehrgeizig, und spielte an Sonntagnachmittagen eine kokette, unwahrscheinlich junge Maria Stuart. Meine Borgia-Tragödie zeichnete sich vor minimalen Konkurrenzversuchen durch die neue interessante Nuance aus, daß Lukrezia in der Nacht vor seiner Verbrennung Savonarola in seiner Zelle verführt. Einmal las ich abends im Atelier aus meinem Drama vor, und sie ließ sich herbei, eine Szene zu sprechen. Nachher brachte ich sie durch eine dunkle Allee nach Hause und faselte immerzu Verse und begann schließlich ganz leise und zag auf ihren Schultern zu skandieren und so weiter. Sie wehrte lachend ab. Sie hat später noch manchmal abgewehrt, und einmal setzte es sogar eine Maulschelle, aber ich hatte trotzdem immer das Gefühl, daß, wenn ich drei Jahre älter wäre ..., und ich verwünschte meine Jugend. O Narr, deine Jugend zu verwünschen. Eines Tages war sie nach New York ans Irving-Place-Theater engagiert. Ihr letztes Wort war, entweder als Charlotte Wolter wiederzukommen oder gar nicht. Wiedergesehen habe ich sie siebzehn Jahre später auf dem Podium eines fünftrangigen Kabaretts der Friedrichstadt, entkleideter, als ich jemals meine Lukrezia in meinen wildesten Träumen mir vorgestellt hatte. Sie trug ein Couplet vor, der Text war hanebüchen, entsprechend die Gestikulation. Nachher im Vorraum stand ich ganz dicht neben ihr. Wie alt mochte sie eigentlich sein? Das goldrote Haar war inzwischen fuchsig brennend geworden, sie hatte das typische grell glänzende, in allen Winkeln ausgetuschte Chansonettengesicht, aber ihr Profil hatte noch etwas von längst vergangener mädchenhafter Lieblichkeit. Ich begrüße sie. Sie sieht mich ohne Erinnerung an, dann, wie unter Emailleschicht, ein professionelles Lächeln –: sie müsse jetzt noch im »Gelben Affen« auftreten, aber nachher könnte ich sie ja besuchen, das Haus sei die ganze Nacht auf. Und sie sagt mir ihre Adresse. Dann stand ich an der Friedrichstraße und dachte, daß ich sie vor siebzehn Jahren geliebt hatte und daß es wohl kaum zehn Jahre her waren, seitdem ich sie vergaß. Und plötzlich wurde ich sehr müde, und das Gelärme um mich tat mir weh, und ich hielt mir die Ohren zu. Und für einen Augenblick wurde das Gegröle Betrunkener, der Ausruf der Zeitungshändler, das Getute der Autos, der ferne Signalpfiff von der Bahnhofsbrücke zu einem einzigen langgezogenen, klagenden Ne-ver-more ...   Julia im Hotel Eines Tages war Julia mitten unter uns. Mitten in einer Gesellschaft recht bedenkenfreier Männer. Sie war sehr jung, unglaublich unschuldig, dazu klein und handlich. Ich wußte sicher: einer von uns wird sie verführen. Und, sagte ich mir, es ist besser, ich verführe sie als einer von den anderen. Denn, kettenfolgerte ich weiter, verführe ich sie, so wird ihr dank meiner angeborenen Delikatesse der Premier pas erleichtert, und ich werde ihr Seelenleben in geeignete Pflege nehmen, wofür den andern Wüstlingen doch jedes Organ fehlt. Und bald war ich soweit, ihre Seele zu pflegen. Was nachher kam, war schlimm. Sie weinte herzzerbrechend. Sie jammerte, sie müßte sich zu Tode schämen, sie könnte ihrer alten Großmutter nicht mehr in die Augen blicken usw. So ging es jedesmal. Ich wurde immer nervöser und kam mir im Grunde sehr schlecht vor. Eines Tages war Julia fort, und ich erhielt nur noch eine Ansichtskarte mit dem Reichstag und der Siegessäule, ein Schutzmann davor, darunter ein Veilchenstrauß mit Bändchen und die Inschrift: »Dem deutschen Volke!« und darunter ein Abschiedsgruß, gemischt mit den schrecklichsten Selbstanklagen. Ich war sehr konsterniert. Die Wüstlinge aber, die sich schon auf die Nachfolge gespitzt hatten, hielten mir die Faust unter die Nase und sagten: »Du hast das Mädel ruiniert!« Nach drei Jahren renne ich plötzlich auf der Straße mit Julia zusammen. Sie ist weder ins Wasser gegangen noch ruiniert, sondern sieht ganz vorzüglich aus. Das bekannte Gespräch: »Wo kommst du denn her?« – »Warum hast du denn gar nichts von dir hören lassen« usw. Wir verabreden uns zum Abendessen. Irgendwo in der Stadt liegt das kleine Hotel, wo früher die Brüder Freimaurer ihren geheimen Riten oblagen. Die Wandbemalung, Winkelmaß und Kelle, astronomische Figuren, allegorische Frauengestalten, erinnert noch heute daran, wo das Hotel einem ganz anderen Zeremoniell dient. Hier unter den Porträts von Sokrates und Moses Mendelssohn wurde Wiedersehen gefeiert. Julia hatte sich inzwischen die Schreikrämpfe abgewöhnt. Am andern Morgen wache ich etwas spät, etwas betäubt auf. Ich sehe mich um. Keine Spur von Julia. Sie ist fort. Also noch immer der alte Tick, denke ich, aber sie hat doch sympathischerweise eine diskretere Form der Zerknirschung gefunden, und ziehe mich seelenruhig an. Etwas später entdeckte ich, daß auch meine Brieftasche fort war. So stand ich unten im Vestibül, von den Wänden schauten mit rüder Neutralität die allegorischen Damen der Brüder Freimaurer auf mich herab, der selbst fast zur Allegorie erstarrt. Ich mußte an einen Freund um Geld telefonieren, um mich auszulösen. Es dauerte bis Nachmittag. Ich ging, verhärtet für alle Zukunft. Nie wieder Reue!   Aminta auf dem Autobus Auf dem Verdeck. Autobus 2. An der Linkstraße steigt der dicke Herr zu meiner Rechten aus, und ich rücke einen Platz weiter. Neben eine Dame. Diese Dame ist Aminta. Was für ein toller Zufall! Da neben mir sitzt Aminta, vor acht Jahren die große Passion. Da neben mir sitzt ahnungslos Aminta, ganz wie einst, etwas in sich verloren, die Augen gesenkt. Noch immer dieses feine Profil, die acht Jahre haben keine Umschichtungen an diesem zarten, blassen Gesicht vorgenommen. Jetzt sehe ich ganz deutlich unsern Abschied damals vor mir: Wartesaal II. Klasse in Altona, völlig verrückte Szene ... »Nein, du, du darfst nicht ...!« Ich weiß nicht mehr, wer damals nicht durfte, aber einer durfte nicht. Dann rennt sie mit hysterischem Lachen in die bitterkalte Nacht hinaus. Ich hinterher. Sie steht, händeringend, totenblaß, gerade im häßlichen Kreideglanz des Laternenlichtes. Ich packe ihre Handgelenke, presse sie, rede ihr zu. Eine Unmenge zärtlichen Unsinn. – Jetzt sitzt sie plötzlich neben mir, ungewiß wie eine Erscheinung. Ich erinnere, daß sie immer etwas Gleitendes, Huschendes hatte, daß immer über der glücklichsten Stunde der Schatten jäher Trennung lag, daß ich sie immer das Phantom nannte. »Aminta«, sage ich, und sie wendet sich leicht zur Seite. »Aminta, kennst du mich noch?« Ein fragender Blick, leichtes Erröten. Sie nickt. Ich fasse ihre Hand. »Aminta«, sage ich gerührt, »werd ich zum zweitenmal deinen Frieden stören?« Wie entsetzlich geschmacklos, so etwas zu sagen. Geradeso wie vor acht Jahren. Ach, um jede Frau bildet sich ein eigener Jargon. Und jetzt fange ich an, die Abschiedsszene zu rekapitulieren. Altona, der Wartesaal, das fahle Licht der Laterne. Und drücke ihre Hand. Immerzu. Eben am Kurfürstendamm sagt sie ganz unvermittelt: »So, jetzt muß ich aussteigen. Was Sie da sagten, war ja ganz nett, aber geht mich nichts an. Ich bin nämlich gar nicht Ihre Aminta.« Und sie zeigt sich mir zum erstenmal en face. Nein, diese klirrende Stimme, dieses weite ironische Auge, das ist nicht Aminta. Ich fühle den Autobus in wahnsinnigen Kurven, bergauf, talab. Die Gedächtniskirche kreist. Dann fasse ich mich schnell. Das Ganze sei ja nicht auf eine bestimmte Person gemünzt, ein nicht alltäglicher Annäherungsversuch, nicht wahr, wir müßten uns auf alle Fälle wiedersehen. Sie steht schon an der Treppe. »Ich glaube nicht, mein Freund«, sagt sie, »entschuldigen Sie, ich rede ohne Spott: Sie haben mir ein zu gutes Gedächtnis. Man fängt nicht genauso an, wie man aufhörte. Und ich bin eigentlich nicht dazu da, Ihrem kleinen Roman die Pointe zu liefern, die Ihnen vor acht Jahren nicht eingefallen ist.« Sie geht schnell hinunter. Ich sehe sie noch unten im Menschengewühl. Sie geht sehr eilig, wie zu einer Verabredung. In zwei Minuten wird sie wohl nicht mehr allein sein. Und wenn sie am Ende doch Aminta war? Ja, war es denn damals anders? Phantom, Phantom ...   Das Tage-Buch, 31. Oktober 1925   Zum 11. August Mißvergnügter Sommer. Auf eine Stunde Sonnenschein drei Regentage. Häufung von Elementarkatastrophen. Zusammenbrüche politischer Charaktere. Schon fault das gelbe Laub an den Wegen, und überall riecht es nach Sumpfwasser. Just in die Saison fällt der Verfassungstag, der diesmal besonders tönend begangen werden soll. Voriges Jahr hatte man für die Festrede im Reichstag einen Professor aus Bonn gechartert. Vor zwei Jahren hat Heidelberg den Redner gestellt. Jetzt wäre wohl Hannover an der Reihe gewesen. So ist es kein Wunder, daß, auf professoralen Schmuck verzichtend, Külz höchstdieselbst ins Geschirr steigen wird.   Adolphe Thiers am 26. Dezember 1871: »Und hier, meine Herren, spreche ich wie immer aus voller Überzeugung, aber glauben Sie mir, Sie, die Sie einen loyalen Versuch mit der Republik machen wollen, und Sie haben recht: dieser Versuch muß ehrlich gemacht werden. Man muß nicht Komödie spielen und eine Regierungsform versuchen wollen mit dem Hintergedanken, sie zu Falle zu bringen. Diesen Versuch muß man ernstlich und aufrichtig machen ... Nein, ich wiederhole es: wir sind keine Komödianten. Wir sind aufrichtige Männer! Wir wollen diesen Versuch ehrlich machen ...« So Adolphe Thiers, der einmal Minister des Bürgerkönigs gewesen war. Die Gründer der Dritten Französischen Republik sind ebensowenig Revolutionäre gewesen wie die der ersten deutschen. Auch der Weg zur republikanischen Verfassung Frankreichs ging über einen niedergeworfenen Proletarieraufstand. Dort Gallifet, hier Noske. Aber die Pariser Bürgerdemokraten haben gewußt, daß keine neue Regierungsform sich behaupten kann, wenn nicht das gestürzte System völlig entwurzelt und sein Apparat vernichtet wird. Die deutsche Revolution hat einen bis auf die versehentlich abgebrochene kaiserliche Spitze intakten monarchistischen Staatsorganismus übernommen. Der erste Aufruf des Volksbeauftragten Ebert schon betonte: Kontinuität. »Man muß nicht Komödie spielen und eine Regierungsform versuchen wollen mit dem Hintergedanken, sie zu Fall zu bringen.« Die Weimarer Verfassungsmacher haben so bösartige Hintergedanken kaum gehabt. Sie haben überhaupt nicht viel Gedanken gehabt. Sie haben eine brave, brauchbare, wenn auch im einzelnen nicht eben wasserdichte Arbeit geleistet, aber vergessen, daß Macht dazu gehört, wenn eine Verfassung funktionieren soll. Sie haben der Kontinuität vertraut. Deshalb bedeutet die Verfassung keine Grundlage, sondern ein Nebenbei. Das Bewußtsein der Kontinuität regiert. Nach sieben Jahren trägt die demokratische Republik noch alle Kennzeichen des Provisoriums. So kann ein kleiner Untersuchungsrichter dem Staat ungestraft Paroli bieten. Er wirft dem Preußischen Innenministerium Mordbegünstigung vor, während er selbst den ihm übertragenen Fall in bizarr parteiischer, sachlich unmöglicher Art behandelt. Der Justizminister, heißt es, hat das Disziplinarverfahren beantragt. Langes Schweigen. Nach fast einer Woche begibt sich der Vorsitzende des Disziplinarsenates, der Oberlandesgerichtspräsident in Naumburg, endlich nach Magdeburg, um sich den Fall mal anzusehen. Immer mit der Ruhe. Wäre nicht der jüdische Kaufmann Haas, sondern ein preußischer Prinz das Opfer der Inquisitionskünste des Herrn Kölling, der Herr Oberlandesgerichtspräsident hätte das erste beste Flugzeug bestiegen, und jener Kölling wäre noch am selben Tag als amtliche Existenz ausgelöscht worden. Der Magdeburger Fall ist nicht der schwerste. Es ist viel ärgeres Unrecht geschehen. Aber niemals zeigte sich einleuchtender der Bankrott der Republik vor dem Mechanismus des alten Staates. Und es zeigt sich, daß selbst das Beste davon, das scheinbar Überzeitliche, zu einem Instrument bösartiger Obstruktion und giftigen Unrechts wurde. Unabhängigkeit des Richters? Die Hugenberg-Presse höhnt: Einst war sie das Palladium des Liberalismus, heute rüttelt ihr Demokraten zuerst daran! Zunächst: richterliche Unabhängigkeit hat unterm alten Regime niemals bestanden; einzelne starke Charaktere haben sich wohl durchzusetzen gewußt, das Gros schwankte wie Rohr im Wind. Aber Unabhängigkeit hat niemals und nirgends Privileg zur Rechtsverletzung bedeutet. Grade der in seinen Entscheidungen freie Richter hat die doppelte Pflicht, nur seinem Gewissen zu folgen und ... von seinem Verstand Gebrauch zu machen. In das deutsche Richtertum aber ist ein Überheblichkeitskoller gefahren, wie er sich wahrscheinlich nur noch in der Reichswehr findet. Und damit ist selbst für diesen Staat die Grenze des Erträglichen erreicht. Eine zweite Institution wie die Reichswehr: nein, das geht nicht. Die Reichswehr, das weiß jeder denkende Republikaner (nicht jeder spricht es aus, allerdings), zählt nicht zu den republikanischen Institutionen. Sie kostet eine Stange Geld, aber tangiert uns nicht weiter. Vegetiert dahin wie eine Art Naturschutzpark, profanen Besuchern verboten. Der Fall Justiz ist ernster. Die Justiz ist dem Alltag tausendfältig verhaftet: Schicksal, Hoffnung, Rettung und Verderb für Unzählige. Eine Justiz mit den Allüren der Reichswehr, das trägt die Anarchie mitten in die Gesellschaft, viel gründlicher, als es gelernte Umstürzler jemals könnten – das unterhöhlt den Staat. Das absolute Königtum des schwarzen Talars als Monarchieersatz, das ist schlimmer als die erbliche Monarchie. Joseph Wirth hat in seinem Aufruf für die Republikanische Union mitgeteilt, daß im Spätherbst dieses Jahres entscheidende Ereignisse stattfinden würden. Das ist orphisch dunkel und trotzdem nicht so schrecklich, wie es klingt. Entscheidende Ereignisse? Wenn es doch einmal soweit wäre! Ein Tigerbiß ist besser, als bei lebendigem Leibe von Würmern zernagt zu werden. Was braucht die Reaktion eigentlich noch? Eine Bastion muß sie noch nehmen, und hier vollendet sich langsam die Umzingelung: das preußische Innenministerium. Nein, Doktor Joseph Wirth, es geht nicht mehr um die dramatische Entladung entscheidender Wendungen. Die Reaktion denkt gar nicht daran, die Republik in die Luft zu sprengen: sie hat sie fest und läßt sie unter ihren Händen allmählich verfallen. Sie beherrscht die republikanischen Institutionen und verwaltet sie so, daß die Demokratie ad absurdum geführt scheint. Das ist viel bequemer als Umsturz. ... wenn das alles vorüber ist, werden wir uns die Augen reiben. Wir hatten die Republik und haben nichts von ihr gewußt. Wir sind in Ägypten gewesen und haben die Pyramiden nicht gesehen. (Text für die Verfassungspredigt vom 11. August.) Die Wehrverbände, Stahlhelm voran, haben die sächsischen Volksparteiler vor die Entscheidung gestellt: entweder schwarzweißroter Block bei den Landtagswahlen im Oktober oder Ausstoßung aus der nationalen Gemeinde. Einstweilen sträubt sich das offizielle Parteiorgan noch tapfer. Das ist der erste Versuch, die seit langer Zeit von Herrn Jarres und Herrn von Gayl propagierten Einigungspläne in die Praxis umzusetzen: Rechtsblock unter Stahlhelm-Patronat. Wenn aber die Volkspartei in Sachsen nach rechts abschwimmt, was wird dann aus den biedern Regierungssozialisten, die der Großen Koalition zuliebe die Partei gesprengt haben? Bittere Lektion für die Hilferdinge, die noch immer an die Große Koalition glauben. Im »Berliner Börsen-Courier« stand vor ein paar Tagen das folgende hübsche Verschen über die werdende Eisenunion: Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Pleite; drum ließ er Säbel, Schwert und Spieß vorerst einmal beiseite. Drum gab er uns das Kontingent, die Eintracht der Kanonen und Friede ward dem Kontinent bei Preisen, die sich lohnen. Reichsgerichtspräsident Dr. Simons ist kürzlich für Paneuropa eingetreten mit der besonderen Begründung, daß sich auf diesem Wege am leichtesten der Anschluß Österreichs an Deutschland vollziehen könne. Das ist eine gefährliche Motivierung europäischer Einigungswünsche: eine junge Idee wird mit nationalen Ambitionen bepackt; Zankäpfel werden ihr gleich bündelweis aufgebürdet. Man kann sicher sein, daß die Paneuropäer anderer Nationen nicht entsagungsvoller sind. Im Herbst wird Coudenhove-Kalergi auf einem Paneuropa-Kongreß zum erstenmal seine Heerscharen mustern. Dann wird deutlich zur Erscheinung kommen, daß die Bewegung zu schnell in die Breite gegangen ist und allerhand merkwürdiges Geflügel schon im paneuropäischen Hühnerhof Unterschlupf gefunden hat. Coudenhoves Vorsprung vor dem alten Pazifismus: er fängt voraussetzungslos an, gibt ein konkretes, positives Ziel, nicht Weltanschauung. Damit entfällt jene Rechthaberei und Formelseligkeit, die namentlich den deutschen Pazifismus oft so unleid gemacht hat, auch das Gezänk, was Pazifismus nun eigentlich sei und wer sich mit Recht Pazifist nennen dürfe; eine Frage, die die Pazifisten auch nach dem nächsten Weltkrieg noch nicht entschieden haben werden. Coudenhoves Manko: er kreiert eine Intellektuellenbewegung ohne Volk. Er nimmt Unterschriften prominenter Politiker, einem jungen, eleganten Aristokraten gern gegeben, schon für Tat. Er scheidet und siebt nicht und fällt damit zurück in die Anfänge des modernen Pazifismus, in die Tage der Suttner, wo man freundliche Aufrufe an die Machthaber der imperialistischen Staaten richtete und nichts erreichte als eine Sammlung liebenswürdigst gewährter Händedrücke. Paneuropa als Idee: das bedeutet Fortschritt gegenüber dem vergreisenden Pazifismus. Paneuropa als Methode: das ist ein Rückfall in illusionäre Zeiten. Coudenhove selbst ist zu kulant und zu früh berauscht von den schnellen Erfolgen nicht seiner Politik, sondern seiner interessanten Persönlichkeit. Paneuropa ist zur Zeit ein Gedanke im Frack. Wir wollen gewiß nichts gegen einen gut angezogenen Gedanken sagen, aber erweisen wird sich seine Wirkung erst im Arbeitskleid. Wenn die Paneuropäer, die heute so üppig herbeiströmen wie zu einem guten Essen, erst zu maulen beginnen, daß sich ihre nationalen Wünsche eigentlich viel besser durch Krieg verwirklichen ließen als durch europäische Einung, dann wird Coudenhove zu bewähren haben, ob er dem Format seiner Idee entspricht. Heute ist er noch zu sehr Salonangelegenheit, internationale Berühmtheit und Dernier cri, rangierend etwa zwischen Suzanne Lenglen und Krishnamurti, dem indischen Messias.   Die Weltbühne, 10. August 1926   An Herrn Harry Domela Lieber und verehrter Meister! Erlauben Sie einem bescheidnen Bewundrer Ihres allzu kurzen Auftretens als Prinz Wilhelm Ihnen ein aufrichtiges Bedauern zum Ausdruck zu bringen, daß es der Polizei gelungen ist, Sie der Rache der düpierten Thüringer Ehrenbürger auszuliefern. Ihre Leistung war gut und rund. Wenn unsre republikanischen Politiker ähnlichen Witz aufbrächten, stünde es besser um uns. Es schmälert Ihre Meriten nicht, daß politische Absichten Ihnen völlig ferngelegen haben und nur eine häßliche Bargeldlosigkeit Sie zu Ihrem kleinen Abenteuer in Thüringen veranlaßt hat. Junge Leute haben es heute schwer, und Sie haben nach manchem Graden und Krummen sich auch als Kohlenschipper versucht, der junge Herr dagegen, den Sie mit so viel Glück dargestellt haben, hat noch gar nichts versucht, eine rein hospitierende militärische Betätigung ausgenommen. Der Anstoß zu Ihrer gewiß nicht alltäglichen Rolle mag Ihnen wohl gekommen sein, als Sie ganz zufällig vor dem Spiegel unter hochgeschwungener Braue das blitzende Raubvogelauge der Hohenzollern entdeckten und die große, leicht gekrümmte Nase, die schon viele Rasseforscher zu profunden Untersuchungen über die Nürnberger Vergangenheit der Familie verleitet hat. Sie haben sich sicherlich nicht viel Gedanken gemacht über die traditionelle prinzliche Tenue, die angeblich selbst in Lumpen überzeugt. Und unter den bürgerlichen und militärischen Honoratioren Thüringens wär's auch verschwendet gewesen. Sie haben nur eines mitgebracht, was den seriösen und logischen Köpfen fehlt: Sie haben die Leute, die Sie rupfen wollten, für genau so dumm genommen, wie sie in Wahrheit sind. Sie haben, vielleicht durch ein frühes Erlebnis, traumhaft sicher erfaßt, daß es die höchste Seligkeit dieser Leute ist, vor einer schnarrenden Offiziersstimme, vor einem harten Herrenauge die Hacken zusammenzuknallen. Jahrelang haben die vor der verwaisten Hoftheatermaschinerie auf das Aufsteigen des Gottes gewartet. Plötzlich knackte es in den Scharnieren, es kam jemand aus der Versenkung, und alles lag auf dem Bauch. Doch mit Trauer lesen wir jetzt, verehrter Freund, daß Ihr Unterschlupf, erst in der Herberge »Zur Heimat« in Köln, dann bei der Fremdenlegion, nicht grade auf eine glänzende reale Ausbeute Ihres Unternehmens schließen läßt. Diese Weltfremdheit in finanziellen Dingen beweist schlagend, daß Sie kein echter Hohenzoller sind, und wären Ihre lieben Thüringer nicht hoffnungslos in Devotion ersoffen, an dieser stilwidrigen Bescheidenheit hätten sie die Wahrheit erraten müssen. Jetzt sind diese Krämerseelen auch noch undankbar und schreien nach Ihrem Blut. Wenn die Republik etwas mehr Humor hätte – denn Humor ist auch Geselligkeit –: sie würde Sie jetzt nicht dem Staatsanwalt überantworten, sondern Sie lebenslänglich im Prytaneion speisen und überhaupt als einen Mann behandeln, der sich ums Vaterland verdient gemacht hat. Sie haben da, wo der Verstand des Staates sanft schlief, als Liktor einer bessern Vernunft die Rutenbündel lustig tanzen lassen. Sie haben die Dummheit gezüchtigt. Sie haben unsern Herzen eine Freude bereitet. Wir danken Ihnen.   Die Weltbühne, 11. Januar 1927   Sexual-Kochbücher   I Generationenlang hat die sexuelle Aufklärung in schlechten Holzpapierbroschüren ein unterirdisches Dasein geführt, begehrtes Objekt pädagogischer Recherchen. Heute, wo die geheime Lehre lange aus den Katakomben gestiegen und anerkanntes Dogma geworden ist, können brave, um das Wohl der Menschheit besorgte Mediziner diesen Wandel zuallerletzt erfassen und bemühen sich in dicken Wälzern, Zeitgenossen, die längst vier B greifen können, in die Tonleiter einzuweihen. So ist eine reichhaltige Sexualliteratur entstanden mit prätentiös ausgebreiteten Erkenntnissen, über die jeder Quartaner grinst – eine Literatur, die ein gereifter Praktikus höchstens benutzt, um einmal zu kontrollieren, ob seine Façon d'aimer dem heutigen Stand der sexuologischen Wissenschaft entspricht. Man liest diese Bücher mit gleichem Vergnügen wie eine Dissertation über gestörte Abdominalfunktionen. Die Herren Autoren sind feste Charaktere mit bohlendicken Prinzipien; es gelingt ihnen mühelos, auch den leisesten Hauch von Grazie fernzuhalten, um nicht in den Geruch von Lüsternheit zu kommen. Wenn sie auch auf Hunderten von Seiten immer wieder den einen Moment behandeln, immer nur den einen Moment – lüstern sind sie nicht, und es wird ihnen nicht eine Sekunde mulmig. Und ob sie auch die erregendsten Vorgänge schildern, niemals verläßt sie der launetötende akademische Ernst. Es ist, als ob ein ungeschickter Feuerwerker seine Raketen mit nassen Pfoten abbrennen will.   II Herr Dr. med. Heinrich F. Wolf in Wien hat ein Buch erscheinen lassen: »Strategie der männlichen Annäherung«. Welch herrliches Thema! Wieviel wäre da aufzudecken, wieviel unbewußte Komödie zu entlarven! Das wäre Aufgabe nicht grade für einen berufsmäßigen Gefühlszersäger, sondern für einen passionierten Beobachter der menschlichen Oberfläche, für einen heitern Kenner des menschlichen Gesichts in allen Widerspiegelungen der Empfindung. Unser Liebesstratege hat jedoch die Bücher eingehender studiert als die Menschen. Wie ein Symbol seiner erotischen Clairvoyance steht ein Literaturverzeichnis voran, an dem benützte Quellen zu ersehen sind. Wo hat sich der fleißige Herr Doktor über die Liebe unterrichtet? Wir lesen: Schönherr: »Der Weibsteufel«, Sudermann: »Im Zwielicht«, Porto-Riche: »L'Amoureuse«, Mommsen: »Römische Geschichte«, Anton Menger: »Sozialistisches Staatsrecht«. So bereitet sich ein Beschreiber galanter Dinge vor. Das Ergebnis: er charakterisiert nicht, sondern katalogisiert. Er teilt die Männer ein in Kluge, Dumme, Sentimentale, Rohe, Anständige und Tückische, die Frauen in Emanzipierte und Primitive. Ohne zu ahnen, daß das Leben alltäglich solche papierne Typik übern Haufen wirft und der Zustand der Verliebtheit schon vollends sich um die Masken der Stegreifburleske nicht kümmert. Das ist ja die wunderliche Magie der Erotik, daß sie die Temperamente auswechselt, dem Klugen einen Eselskopf aufsetzt, den Grobian lyrisch gurren, den Schwachmatikus kraftmeiern läßt, den grundehrlichen Kerl plötzlich zum ganz gemeinen Luder macht. Diesen Witz hat der Herr Doktor nicht erfaßt, denn das wird sich vielleicht in einem Alkoven ahnen lassen, aber nicht vor Mengers »Sozialistischem Staatsrecht«, und deshalb wird dieser Stratege, der als Zweck seines Buches nennt: der Frau die mangelnde Erfahrung zu ersetzen und sie für ihre Stellung im Kampfe mit dem Mann zu waffnen, seine Schutzbefohlenen, soweit sie überhaupt für den Kampf mit dem Mann gewaffnet sein wollen, in eine höchst blamable Marneschlacht hineinführen. Denn der Mann, dem sie etwa begegnen, wird auch ohne Kochbuch die uralte Praxis der Küche beherzigen: Man nehme ...   III Es ist etwas viel zur Theorie der Sexualität geschrieben worden, und sowohl der findige Psychoanalytiker, der sich zumutet, ein Seelenleben wie einen Kehlkopf auszupinseln, als auch der gelehrte Physiologe haben aus der allereinfachsten Sache der Welt mit deutscher Gründlichkeit sofort eine Weltanschauung gemacht. Warum so viel Wichtigkeit? Der Zerfall der alten Bürgermoral hat das Leben freier und freundlicher gemacht. Man geht nicht mehr mit Nietzsche-Zitaten als Übermensch ins Bett, um als verdüsterter Strindberg-Büßer wieder in die Pantoffel zu fahren. Heute sind wir auf dem Wege, den Schwafel von Seelenproblematik durch den medizinischen zu ersetzen. Diese schreibenden Herren Doktoren sind gewiß tüchtige und gewissenhafte Rezeptverfasser, und ihr langweiliger Stil läßt unbedingt an ihre handwerkliche Zuverlässigkeit glauben. Man kann ihnen blind die Nase anvertrauen, aber unterhalb des Magens hört ihre Zuständigkeit auf.   Die Weltbühne, 19. April 1927   Peter Panters Pyrenäenbuch Es gibt eine romanische Philologie, Sektion Frankreich, und die Verwalter dieses Fachs sind ernste Männer, die sich vornehmlich darauf beschränken, die Deutschheit der erkorenen Untersuchungsobjekte nachzuweisen. Und es gibt deutsche Baedeker-Pariser, die sich beim Verlassen eines Salon de beauté als Kosmopoliten dünken und ihr trautes Weib daheim als eine Naturverirrung betrachten. Es gibt ... Aber es soll hier nicht weiter aufgereiht werden, denn darzulegen, wie Deutsche auf Frankreich reagieren, würde zu einer Historie der deutschen Seele werden. Peter Panter aber ist in die französische Provinz gezogen. Der gütigste Panter, der jemals suchend unter die Menschen ging. Kein Schriftsteller, der Eindrücke wildert, kein Erlebnisjäger à tout prix, der so lange sucht, bis grade beim Kapitelschluß Stimme und Syntax ergriffen bibbern. So seltsam es klingt: dies Buch von einer Reise durch Baskenland zeigt einen Lernenden. Das Buch liegt jetzt vor. Der Verlag der Schmiede hat es liebevoll ausgestattet, aber für mein Gefühl etwas zu schwer, zu gewichtig. Es ist ein seltsames Buch, so ganz persönlich und apart geschrieben, wie man heute nicht mehr schreibt, wo der kleinste Krauter kollektivistisch tut und sich als Diktaphon der Massenseele gebärdet. Hier hat ein einzelner Augen und Ohren gebraucht. Ein einzelner. Man liebt ihn, nicht weil er Andorra und Lourdes, Gebirgsfahrten und Stierkämpfe, Kathedralen und Toulouse-Lautrec so unerhört eindringlich schildert, sondern weil das alles der Anlaß war, daß sich hier ein virtuoser Beherrscher des kleinen Formats zum erstenmal als gesammelte Persönlichkeit zeigt. Weil er den Mut hatte, unterzutauchen als Observator der tausend kleinen Dinge, deshalb treten die jetzt, nach abgeschlossener Arbeit, zurück, und der Mensch steht im Vordergrund, den er nicht gesucht hat. Die Pyrenäen haben Peter Panter entdeckt. Nicht umgekehrt. Gelegentlich mischt sich des Autors nähere Verwandtschaft ein. Ein Tiger knurrt drohend im Dschungel. Aus einer zeitweilig unkontrollierten Ecke zischt Ignaz Wrobel plötzlich antimilitaristische Invektiven, doch Panters Geschäftsführung ist straff genug, um die Zwischenrufer schnell verstummen zu machen. Das vermerkt der kritische Freund hiermit als gewissenhafter Buchbesprecher. Aber ein Wunsch bleibt doch: man möchte euch alle einmal zusammen unter einem Buchdeckel sehen, samt Kaspar Hauser, dem so rar gewordenen schüchternen Waisenknaben, und K. T., dem legendären Wandrer von Rheinsberg. Das müßte ein lustiges Symposion werden ...   Die Weltbühne, 24. Mai 1927   Der Kieler Parteitag Am Rande der Stadt, wo auf kümmerlichem Grün die kleinen Leute ihre Sommerhäuschen errichtet haben, sieht man ein rotes Fähnchen nach dem andern. Das Fahnentuch sagt nicht aus, ob Kommunist oder Sozialdemokrat; Rot ist die Farbe beider. Und wollte man in die Lauben gehen und mit den Leuten reden, man würde das gleiche hören: Klagen über schlechte Zeiten, Hungerlöhne, Unternehmerwillkür über Ohnmacht der Partei und schwache Führung. Die gleichen Klagen überall. Denn überall die gleichen politischen und sozialen Tatsachen. Man muß in die Zeitungen sehen, die auf dem Tisch herumliegen, um zu wissen, welche Partei gemeint ist. Ja, man muß in die Zeitungen sehen, um zu wissen, welche Partei gemeint ist.   Sozialistenkongreß in Kiel. Gerüchte, von bürgerlichen Blättern in großen Überschriften festgehalten, flatterten vorauf: »Große Auseinandersetzung zwischen Parteileitung und Opposition bevorstehend«. Oder: »Absage an den Koalitionsgedanken?« Oder: »Wird die Sozialdemokratie wieder reine Agitationspartei?« Schon der Auftakt belehrte, daß Fama wieder zu eifrig gewesen war. Was sich in Kiel entwickelte, war nicht eine Geistesschlacht oder auch nur ein grimmiges Gerauf zwischen rechter und linker Seite, sondern die obligate Reichsbanner-Festivität mit Musik, Tombola und Republikrettung. Warum fehlen hier Ludwig Haas und Joseph Wirth? Warum darf zwischen Otto Braun und Friedrich Stampfer nicht Erich Koch sprechen, um den radikalen Charakter der Assemblee sichtbarer zu machen? Die Berichterstatter der bürgerlichen Blätter wissen bald, was los ist; immer magerer werden die Telegramme, schon vom zweiten Tag an muß man in den tiefsten Kamin der verstecktesten Beilage hinabsteigen, um zu erfahren, daß die in Kiel noch immer beisammen sind. Welch ein aufregendes Ereignis waren nicht früher die sozialdemokratischen Parteitage. Über viele Spalten zogen sich die Berichte hin. »Rededuell Bebel – Vollmar« – »Kautsky gegen David« – »Ledebour gegen die Revisionisten«. Wer hat nicht noch solche Überschriften in Erinnerung, die immer wie Alarmrufe durch die Behäbigkeit der Wilhelminischen Ära schrillten? Heute ist der Jahreskongreß der größten Partei eine Begebenheit untergeordneten Grades. Über den preußischen Zentrumstag kürzlich wurde eingehender berichtet; selbst über den Parteitag der Kommunisten. In dieser drittrangigen Behandlung liegt ein tiefes Verstehen. Denn was besagen Reden und Beschlüsse, etwaige Plattformen zur Herstellung der reinen Lehre, Absagen an diese oder jene Koalition? Schließlich macht der Sanhedrin in der Lindenstraße doch, was er will. Aufsässigkeit mehr linksgestimmter Gruppen? Für diese Eventualität ist Hörsings Hauptquartier da, das Gestellungsbefehle versendet; die Malcontenten werden an die Reichsbannerfront geschickt, Windjacke und Gleichschritt verwischen Gesinnungsdifferenzen; zwischen den Schlachten bimsen die Magdeburger Unterrichtsoffiziere mißvergnügte Rekruten auch politisch. Wie im Kriege ist die Führung anfechtbar, aber der Apparat ausgezeichnet. Die Gedanken fliegen um fast zwei Jahrzehnte zurück. Ein großer verräucherter Versammlungssaal. Viel tausend Menschen dicht zusammengedrängt. Arbeiter, Arbeiter. Es ist schon heldenhaft, hier in diesem stickigen Pferch stundenlang auszuhalten. Und plötzlich bricht ein Orkan von Begeisterung aus. An der Rampe ist ein kleines gelblichgraues Männchen erschienen, ein gebücktes, kränkliches Männchen mit mächtigem schneeweißem Haarschopf. Der Alte ist schon schwer krank. Die Ärzte haben ihm Schonung auferlegt; er soll nach Möglichkeit nicht mehr öffentlich reden. Doch wie er zu sprechen beginnt, weicht dieser Eindruck von Hinfälligkeit. Breite ausholende Gesten, helle, jugendlich timbrierende Stimme. Kommandostimme, gewohnt, Hunderttausende in Gleichtakt zu bringen, und die mächtige weiße Tolle weht dazu wie ein Helmbusch. Aber der Alte ist mehr als ein effektsicherer Sprecher, nicht Beredsamkeit trägt ihn: er reitet auf einer Woge von Vertrauen, August Bebel, mehr als ein Abgeordneter und Parteiführer von diktatorischem Gehaben, nein, der eigentliche Erwählte des Volkes, der Präsident einer unsichtbaren deutschen Republik, der Gegenkaiser der Massen gegen den mit der Bartbinde. Einen Volksdichter hat ihn Friedrich Naumann in einem Nachruf genannt. In der Tat, er spielt auf dem Volk wie auf einem edlen Instrument: er bringt es zum Klingen, er entlockt ihm Liebe und Haß, bittre Seufzer und sternklare Sehnsucht. Plötzlich senkt er die Stimme, sein Gesicht wird ganz böse, er schwingt den Zeigefinger wie einen Bakel: »Man hat euch das Wahlrecht verschlechtert, und ihr habt euch das gefallen lassen!« Und diese dreitausend Männer werden plötzlich zu heruntergeputzten Schulbuben: sie senken die Köpfe, sie schämen sich. Schweigen. Doch da wirft der Alte das Haupt in den Nacken, Jubel bricht fanfarenhaft aus der Stimme: »Das ist eine Scharte, die muß ausgewetzt werden, kann ausgewetzt werden! Ich habe Vertrauen zu euch, daß ihr es tut. Wenn ich wieder in eure Stadt komme, wird alles wieder in Ordnung sein – das weiß ich.« Ein einziges leidenschaftliches Ja braust auf wie ein vieltausendstimmiger Fahneneid für die heilige Sache. Das ist lange her, und historisch betrachtet wirkt es nicht so rauschhaft wie damals als Erlebnis. Einschränkungen melden sich. Auch die Heroenzeit zeigt nachträglich ihre Schwächen. Doch die Erinnerung ist schön. Was vergangen, kehrt nicht wieder, aber ging es leuchtend nieder ... Es ist im August 1914 niedergegangen.   Für die Beurteilung der heutigen Sozialdemokratie muß eine Erkenntnis maßgebend sein, wenn man sich nicht in vage Spekulationen verlaufen will: diese Partei ist durch irgendwelche radikalere Konkurrenz nicht zu schmeißen. Der einstige Elan ist fort, die Struktur geblieben. Ihre Leute sind unzufrieden, aber sie hat sie fest in der Hand. Sie knurren, aber sie fügen sich. Genug ist von der mystischen Aura von einst geblieben, um aktuelle Sünden vergessen zu machen. Über allen Zweifel obsiegt die Hoffnung, daß die Partei einmal wieder wird, was sie war. So behauptet sie sich nicht nur zahlenmäßig, sondern kann auch noch, wie jetzt in Mecklenburg, Fortschritte machen. Der kommunistische Anprall hat sich erschöpft, von dieser Seite droht keine Gefahr mehr. Keine zweite sozialistische Partei wird die Sozialdemokratie mehr ängstigen, nicht von außen her wird sie getrieben werden, der veränderten Zeit entsprechend neue und weiter links gelegene Positionen aufzusuchen. Sie muß den Stachel dazu in sich selber fühlen. Die Mehrzahl der organisierten Genossen sieht wohl, daß die Proprietärsphilosophie der zentralen Leitung, die gute und zweifelhafte Errungenschaften mit gleichem Eifer behütet, hierzu am ungeeignetsten ist, aber diese Mißstimmung verdichtet sich nicht zu Handlungen und verqualmt in ziellosem Ärger. Man hatte für diesmal beträchtliche Temperamentsausbrüche in der linken Ecke erwartet. Der Verlauf zeigt, daß es zwar oppositionell gerichtete Gruppen und Personen gibt, aber keine Opposition. In der alten Partei gewann jeder Widerstand von rechts oder links sofort ein Gesicht. Bernstein, David, Eisner, Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Vollmar – es wäre müßig, weiter aufzuzählen –, aber welch eine Fülle von scharfen Profilen! Doch die oppositionellen Regungen von heute bleiben eben nur Regungen, die gestaltlos herumgeistern und nicht ein tönendes Mundstück finden. Der alleräußerste aller in der Partei nur denkbaren Radikalismen wird von Kurt Rosenfeld vertreten, dem warmherzigen Advokaten und unglücklichen Debatter, der sich in der Erhitzung allemal verheddert und was andres sagt, als er meint. Da haben es die Genossen Otto Braun und Wels leicht. Keine konkrete, keine zentrale Forderung hat der linke Flügel; niemand kommt über Bekrittelung von Einzelheiten hinaus, und die Weitestlinken versteifen sich nur auf »mehr Marxismus!« oder »mehr Klassenkampf!«, ohne zu bedenken, daß man mit so angenehm flexibel gewordenen Begriffen ebensogut auf die Barrikade steigen wie mit Stresemann frühstücken kann. Dennoch hatte der Parteivorstand mit einem kleinen Sturm gerechnet, um so mehr, als ..., nein, deshalb erschien kurz vor dem Kongreß, pünktlich wie die Grippe bei Temperatursturz, der von kundigen Thebanern lange mit Spannung erwartete Artikel des Genossen Löbe, in dem der bewährte Spezialist für proletarische Gemütstöne sich plötzlich die Kritik der Opposition zu eigen machte und Rückkehr zu den alten Grundsätzen forderte. Man kennt diesen Vorgang nun allmählich: indem Paul Löbe an die Spitze einer Opposition tritt, legalisiert er sie; der Intimus der Zentrale als Fürsprech der Opponenten macht sie hoffähig. Und still versickert die Bewegung irgendwo ... Mag dieser starre republikanisch-sozialistische Verrina noch so schrecklich dräuen: im Ernstfall wird er eher selbst ins Wasser springen als den Herzog hineinwerfen. So bleibt der Opposition sogar versagt, eine Tür aufzustoßen, um einen frischen Luftzug ins Haus zu bringen. Es wird genörgelt, nicht Fraktur gesprochen. Tadel fällt auf den »Vorwärts«; niemand sagt, daß der seit langem weder mit Demokratie noch mit Sozialismus etwas zu schaffen hat, sondern das Privatvergnügen des Genossen Stampfer geworden ist, der mit Wiener Süffisance über die Tadler hinwegnäselt. »Wir tragen deshalb Tatsachenangaben aus Baldwins Rede nach. Aus ihr erhellt, mit welchem frivolen Leichtsinn die Sowjetunion um ihrer Umsturzpropaganda willen ihre Beziehungen mit England aufs Spiel gesetzt hat und ihrem erklärten imperialistischen Gegner Blößen gegeben hat.« Solches ist zu lesen in dem Blatt, das laut Titelkopf Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ist. Vergebens fahndet man in der ganzen deutschen Presse nach einer zweiten brüllenden Bêtise dieser Art; überall wird in Erkenntnis einer gefahrvoll dunklen Zukunft Neutralität geübt oder wenigstens versucht, die Schuldanteile der beiden streitenden Mächte gerecht abzuwägen; dem sozialdemokratischen Zentralorgan bleibt es vorbehalten, in sturer Parteiverblendung zu den Zelten der britischen Diehards zu laufen. Solches geschieht im offiziellen Parteimoniteur, während in Kiel noch immer diskutiert wird. »Halten zu Gnaden, das ist zu stark«, sagt die Opposition. Sie rügt, sie krittelt, reicht devotest Besserungsvorschläge ein. Niemand ist da, der in spontaner Empörung den Willen von Hunderttausenden exekutiert und dem Genossen Chefredakteur sein Jammerpapier rechts und links um die Ohren schlägt. Nein, diese Partei ist durch nichts zu erschüttern. Jede andre würde bei solchen Anlässen in lichterlohen Brand geraten. Selbst für Stresemanns Nationalliberale bedeuten Bündnis mit den Deutschnationalen und Konkordatsfrage ernste Erregungen. Wenn die Genossen vom Vorstand ihre Leutchen aber so fest am Band halten, daß sie jeden Schritt vom Wege mit der Drohung der Exkommunikation verfolgen, dann möchte man auch wissen: wofür diese Kraftanstrengung, auf einer Linie zu bleiben, die sich seit geraumer Zeit als bedenklich krumm erweist. Denn klar ist doch, daß diese Millionenpartei von keiner Seite die ihrer Stärke zukommende Würdigung erfährt. Sie regiert zwar in Preußen mit, muß dafür aber im Reich in mühevoller Zwiespältigkeit aushalten: sie darf Herrn von Keudell bekämpfen, muß aber die Außenpolitik des Herrn Stresemann gegen dessen selbstgewählte Bundesbrüder retten. Schlägt sie etwa auf den Tisch, so droht nicht nur das Zentrum mit Kündigung in Preußen, sondern auch Stresemann verkündet feierlichst die Pflicht, den Geist von Locarno vor den brutalen Hufen seiner Alliierten zu schützen. Das ist keine sehr imponierende Haltung für die stärkste Partei: sie ist von der Reichsregierung ausgeschlossen, andrerseits aber mit einem Teil der Verantwortung bepackt. Die Führer haben das Prekäre dieses Zustandes wohl erkannt und streben deshalb wieder in die Reichsregierung hinein. So wäre sehr wohl Anstoß zu Debatten über Zweck und Nutzen von Koalitionen gegeben und ob sich solche mit den alten Grundsätzen vertragen, und das geschieht ja auch reichlich; aber diese Auseinandersetzungen über die Koalition bleiben akademisch, weil sich gegen früher etwas geändert hat: die andern wollen nämlich nicht. Sehr blamabel für die stärkste Partei, aber man muß den Tatsachen ins Gesicht sehen. Das Zentrum will nicht, weil es sein Konkordat und seine Schulgesetze endlich haben will; Stresemann darf nicht, weil sonst mindestens die Hälfte seiner Partei davonläuft; die Demokraten aber werden heute schon so angesehen, wie sie nach den nächsten Wahlen höchstwahrscheinlich aussehen werden: man zählt sie nicht mehr mit. Die Unterhaltung über die Eventualitäten kommender Bündnisse mit andern Parteien ist gewiß sehr interessant, aber wozu eigentlich die Umstände? Die Möglichkeit liegt ja gar nicht vor. Doch. Und das ist sehr bedenklich. Wenn das Zentrum erst seine Herzenswünsche verwirklicht hat, kann es sehr leicht wieder seine republikanischen Ideale entdecken und, müde der Strapazen, Herrn Hergt zu domptieren, die unangenehmen Weggenossen wieder nach Hinterpommern und Olympia schicken. Oh, wenn das Konkordat erst unter Dach ist, wird Joseph Wirths Weizen wieder blühen. Der Republikanischen Union steht noch eine große Zukunft bevor. Wenn das Zentrum nichts mehr zu wünschen übrig hat, wird es auch die vergessenen Reize von Weimar wieder entdecken. Die sozialdemokratischen Führer wehren sich gegen einen Zustand unfruchtbarer Opposition. So nennen sie es. Muß gesagt werden, daß der Begriff deutschen Ursprungs ist? Nur in Deutschland kann wohl Opposition unfruchtbar sein. Die Partei, so verkünden die Führer, darf sich nicht auf Agitation und Verneinung beschränken, sie muß wieder mitregieren. – Das ist nicht neu, und wir kennen es seit einigen Jahren als geläufige Phrase. Die Partei hat sehr oft Glück gehabt, und ganz besondres aber durch die Erkenntnis der andern, daß man sie eigentlich gar nicht braucht. Sie wäre sonst mitverantwortlich geworden für alles, was unter den letzten Kabinetten geschehen ist. Oder zweifelt man etwa nach allen Erfahrungen, daß sich nicht auch ein sozialdemokratischer Marx, Köhler oder Külz gefunden hätte? Die Sozialdemokratie hat unerhörtes Glück gehabt. Wenn es nach ihren Hilferdingen gegangen wäre, läge jetzt ein beträchtlicher Schuldanteil auf ihr. Die Isolierung hat sie davor bewahrt und ihre Zugkraft für die Massen wieder wachsen lassen. Wenn sie Pech hat, wird ein breites, gesättigtes Zentrum im Herbst von neuem finden, daß »die Arbeiterschaft wieder zur Mitverantwortung am Staat herangezogen werden müsse«, wie die schöne offizielle Formel bekanntlich lautet. Und wenn die Partei dann ja sagt, denn der ganze Ehrgeiz der Führer geht doch darauf, sich wieder heranziehen zu lassen – was dann? Soll die größte Partei ihr Wahrzeichen setzen auf den von der klügsten Partei geschaffenen Zustand, einen Zustand, den sie nicht mehr ändern kann? Eine ärgere Zumutung an ihr Selbstbewußtsein wäre nicht vorstellbar. Mit den andern regieren zu dürfen bedeutet noch gar keine Macht. Die beginnt erst da, wo eigner Wille sich gestaltend durchsetzt. Die Zukunft der Sozialdemokratie liegt nicht in den Koalitionen, sondern in einer fruchtbaren Isolierung, die nur ein Ziel kennt: die Einigung der Arbeiterschaft in einer großen, fest geschlossenen Partei.   In Kiel ist davon nicht die Rede gewesen, und auch die Kommunisten taumeln ahnungslos und lärmend durch die deutsche Landschaft, und wenn sie Einheitsfront sagen, meinen sie Spaltung. Die triste Wirklichkeit von heute ist die unerbittliche Rivalerie von zwei Arbeiterparteien. Jawohl: Arbeiterparteien! Ihre Kämpfe bedeuten die Ohnmacht der Republik, ihre Zänkereien die Omnipotenz der Unternehmerschaft, den Verfall der Sozialpolitik. Bei den Kommunisten ist ungeachtet aller Verbohrtheit und Dogmenseligkeit viel Wirbel und Jugend, bei den Sozialdemokraten noch immer der Kern der Arbeitermassen. Kindlich wäre es, wieder und wieder zu versuchen, die Partei von außen her zu erschüttern. Die Arbeiter verzweifeln fast an ihr, aber sie bleiben. Die Partei hat sie um einen pfiffigen Fraktionskalkül hundertmal verkauft. Sie hat Noske, hat die Bürgerkriegsgenerale auf sie losgelassen. Breit und gewichtig wie ein pompöser vollgestopfter Wollsack liegt die Partei mitten im politischen Leben herum. Und doch halten die Massen zu ihr und glauben an sie. Dieses Geschehen muß einen Sinn haben. Mag der Spiritus verflogen sein, die selbstlose Hingebung der Massen hat den Parteikörper intakt gehalten. Die Zukunft wird lehren: wofür. Denn der heutige Zustand, daß die Partei das Unterfutter für den republikrettenden Mischmasch Reichsbanner liefert, kann nicht Entscheidung und Ausgang sein. Noch sind solche Gedankengänge neu, und eine Propaganda dafür würde bei dem ungeheuren gegenseitigen Mißtrauen eher schädlich als nützlich sein. Aber in beiden Lagern sollte man doch erwägen, ob eine Fortführung des Bruderkriegs in den bisherigen Formen bei der immer wachsenden Wirtschaftsnot und der immer offensiver werdenden Reaktion noch lange möglich ist. Sozialdemokrat und Kommunist führen beide das rote Fahnentuch. Wenn du mit ihnen sprichst, hörst du die gleichen Klagen über Proletarierelend, über die schwache Partei und ihre Führung. Aber du mußt in ihre Zeitungen sehen, um zu wissen, welche Partei gemeint ist. Ein Spottvogel pfeift, daß bei der Kieler Eröffnungszeremonie das Niederländische Dankgebet mit einem neuen Text von Kurt Eisner gesungen werden sollte. Da aber niemand die neuen Worte kannte, so standen sie alle da, alterprobte Sturmgesellen, und sangen, wie die Stahlhelmer: »Wir treten zum Beten ...« Es muß über die Maßen erhebend gewesen sein. Diesen altniederländischen Charakter werden sich die Genossen in Zukunft abgewöhnen müssen.   Die Weltbühne, 31. Mai 1927   Fritz Thyssen als Fundamentalist Herr A. B. Farquhar, ein amerikanischer Industrieller, der es von bescheidenen Anfängen zu hohem Wohlstand gebracht hat, greift als Achtziger zur Feder und erzählt zur Nutzanwendung der Jugend sein Leben. Seine Maximen und Reflexionen faßt er unter dem Titel zusammen: »Die erste Million – die schwerste« (deutsch bei Grethlein \& Co. in Leipzig). Da liest man Erkenntnisse der Art, daß Schwierigkeiten da sind, um überwunden zu werden, daß man sich selbst treu bleiben muß, daß Gott sich nicht spotten läßt, daß der wertvollste Besitz Freunde sind. – Mit so guten Grundsätzen ist der alte Farquhar zur ersten Million gekommen, der sich dann zur Belohnung viele andre angeschlossen haben. Großpapa Farquhars zinstragende Weisheit aber wird in deutscher Edition eingeleitet von Fritz Thyssen, unserm großen nationalen Märtyrer, der sich die schlichte Theorie des Amerikaners zu eigen gemacht hat und sie in seiner temperamentvollen Weise vorträgt: »Das unbeugsame, zähe Festhalten am Willen zur wirtschaftlichen Größe des einzelnen, die verständnisvolle Mitwirkung aller an der Erfüllung dieses Willens zieht sich wie ein roter Faden durch dieses Werk, in der Erkenntnis, daß die Wohlfahrt aller durch die persönliche Wohlfahrt der möglichst vielen herbeigeführt und gesteigert wird.« So spricht Fritz Thyssen und vergißt nicht hinzuzufügen, daß das Beste an Farquhars Grundsätzen deutschen Ursprungs sei, um dann allerdings mit einer Verdammung Wilsons und der erpreßten Friedensverträge zu schließen – kleiner Rückfall des profunden Ethikers in die kurze Epoche seines Nationalheldentums. Bei dem alten Farquhar ist das Verhältnis zwischen Arbeitern und Unternehmern ein Vertrag vor Gott, in den sich keine irdische Instanz, sei es Staat oder Arbeitersyndikat, zu mischen hat. Mit Sparsamkeit und Selbstbescheidung werden die Leute schon durchkommen. Merkwürdig, diese Männer von der Großindustrie, die wir, von unsrer Phantasie verleitet, gewöhnt sind, als die Übermenschen, die Wikinger oder Kondottieri unsrer Zeit zu sehen. Wenn sie sich zeigen und zu uns sprechen, scheinen sie eher Heilige aus dem Laienbrevier, steife, archaische Gestalten auf Goldgrund; das zur Seite geneigte Haupt bedeutet Hingabe an ein Ewiges, und der Zeigefinger richtet sich gotisch spitz nach oben, wo das göttliche Gesetz wohnt und von wo aller Segen quillt. Nur gelegentlich dringt in dies Sanktuarium ein schriller Ton von Weltlichkeit; wenn zum Beispiel Herr von Borsig, von Rotglut übergossen, wie ein kinderfressender Herodes poltert, daß es in Deutschland zuviel Menschen gibt, seufzt die Gemeinde der Heiligen und schweigt. Papa Farquhar ist religiös tolerant, aber in Dingen des Kapitalismus guter amerikanischer Fundamentalist, der an den übersinnlichen Ursprung der Geldmacht so fest glaubt wie die Bürger von Dayton an die naturwissenschaftliche Stichfestigkeit der Genesis. Indem Fritz Thyssen diese Weisheit aufnimmt, verwirft er jeden modernen Gedanken an eine Affenabstammung des Kapitalismus, wie sie von Marx, Sombart und andern Schmähern seiner Gottheit behauptet wird. Wenn er die Prinzipien des alten Farquhar besonders unterstreicht: daß der wertvollste Besitz im Leben Freunde sind und daß der beste Weg, Freunde zu finden, ist, ein Freund zu sein; daß man auch nie nach etwas trachten soll, wofür man nicht bereit ist, den vollen Gegenwert zu geben, so weilen unsre Gedanken andachtsvoll bei seinem hochseligen Herrn Vater, der mit diesen schätzbaren Maximen allein den kolossalen Reichtum aufgebaut hat, auf dem heute Fritz Thyssen, der Erbe, thront, ein großer Industrieller und ein franziskanisches Gemüt.   Die Weltbühne, 28. Juni 1927   Hindenburg und Hoelz The quality of mercy is not strain'd ... Ein halbes Jahr Diskussion über Amnestie. Der achtzigste Geburtstag des Reichsoberhauptes schien wie ein Gottesgeschenk, um endlich etwas von dem gutzumachen, was die Justiz gesündigt. Das Ergebnis: eine Reichsamnestie von fünfundsiebzig Fällen. Nicht einmal für jedes Lebensjahr des hohen Geburtstagskindes ein Gnadenakt! Die Art dieser Gnade waltet mit schlechtem Gewissen, sie trägt das trockene Bürokratengesicht des Reichsjustizministers Hergt. Noch am Sonntag nachmittag weiß man nicht genau, wen der Gnadenstrahl trifft. Man spricht von Major Buchrucker und den Scheidemann-Attentätern. Man hätte nichts gegen einen Gnadenerweis für Buchrucker, den Reingefallenen von Küstrin. Damals hing ja alles an einem dünnen Faden. Ebensogut hätte die offizielle Reichswehr mit Gudovius putschen und Buchrucker mit der inoffiziellen Reichswehr die Republik retten können ... Besser scheint das Ergebnis der preußischen Amnestie zu sein. Doch man weiß auch hier noch nichts Genaues. Man weiß nur, daß Max Hoelz nicht dabei ist.   Bayern läßt den tragikomischen Verschwörer Fuchs laufen, begnadigt endgültig den Mörder Eisners, der sich schon lange wieder frei bewegt. Gnade dem Meuchelmörder, doch keine dem romantisch beschwingten Klassenkämpfer Hoelz. Auch Max Hoelz hat sich eine messianische Sendung zugesprochen, hat sich für den Retter gehalten. Der arrivierte Retter im Präsidentenpalais hat keinen Blick für den kleinen gescheiterten Kollegen in Sonnenburg. Der Fall Hoelz bleibt also unerledigt, und wir müssen ihn weitertreiben, koste, was es wolle. Aber der Präsident hat seine historische Stunde versäumt. Hat den Augenblick versäumt zu großen, gütigen, überparteilichen Gesten. Hier hätte der Marschall-Präsident zeigen können, daß in ihm trotz alledem ein eigner Funke glimmt. Er tat, was er lebelang getan hat: er folgte seinen Beratern.   Im Regierungsviertel drängen sich die vaterländischen Deputationen mit dem bekannten Klamottenkram aus Blech und Fahnentuch. Verkniffene Kleinbürger, die sich sichtlich aufbauen am Bild der Größe, der sie sich verwandt fühlen. Jedes gelernte Familienoberhaupt kommt sich als ein kleiner Hindenburg vor. Übrigens ist es vornehmlich der Tag der Provinz. Die Provinz hat Berlin überflutet. Berlin verhält sich ziemlich neutral. Es ist zu abgebrüht für so primitiven Schützenvereinsklimbim. Aber guten Tag, meine Herrn! Das ist aber nett, daß Sie auch gekommen sind! – Man sieht sie überall dazwischen, die lieben jungen Leute, die bei Ehrhardt Erschießen gelernt haben. Sie strahlen. Ja, die Republik macht sich. Richtige Flitterwochenstimmung. Das bißchen Weimarer Tuch, das da noch rumhängt, wird auch noch verschwinden. Der Herr von Keudell ist grade dabei, die Handelsflagge zur Nationalflagge zu erheben. Die Helden verkriechen sich hinter der Händlerfahne. Kann sich die regierende Koalition besser symbolisieren als durch die Schacherfahne?   »Du, der das deutsche Leid uns niederringt, von dessen Taten unsre Seele singt, Du Adelsfürst der Treue und der Pflicht, Du deutschen Volkes leuchtend Glaubenslicht, Du Deutscher, deutschester in weiser Tat, Du Ekkehard, in unsres Volkes Rat, Du Großer, der uns wieder Zukunft weist, Du, dessen Name alle Tugend preist – dem Gotte, der Dich einst zu uns gerufen, dem beugen wir uns vor des Altars Stufen, ein ganzes Volk in einer Bruderhand: Herr, schütze Hindenburg dem deutschen Vaterland!« Was das ist? Eine Festgabe in Berliner Schulen. Wie mag es da in Pommern aussehen!   In der nationalen Presse ergeht sich Byzanz. Solche Überschriften hat es seit 1914 nicht gegeben, so dumm, so feist und verlogen. Die republikanischen Blätter fühlen sich etwas depossediert. Sie möchten sich so gern mitfreuen, aber man erlaubt es ihnen nicht. Da sie politisch an dem hohen Jubilar nichts Anziehendes finden, feiern sie wenigstens seinen Charakter und versichern, daß ihre Huldigungen nur dem Amt und nicht dem Manne zugedacht seien. Quatsch mit Soße. Millionen von Wählern haben gegen den derzeitigen Inhaber der Präsidentenwürde gestimmt, weil sie ihn für völlig ungeeignet hielten. Wäre er durch die Tatsache der Wahl geeigneter geworden? Hätte er seine Eignung seitdem erwiesen, grade die Republik zu repräsentieren? Während die Republikaner pietätvoll drucksen und die Kummerfalten feiertäglich ausbügeln, reist Westarp herum und rühmt sich, Inspirator der Tannenberg-Rede zu sein, und verkündet laut, daß der Herr Reichspräsident Monarchist sei und sich nur als Kaisers Statthalter fühle ... Was wäre die Antwort darauf? Mannhafte Opposition, nicht mit Höflichkeit und Ehrerbietung imprägnierte Rügen, die immer über das eigne Wenn und Aber stolpern. Posaunenstöße, nicht Flötentriller. Ansage unerbittlichsten Kampfes gegen diesen Präsidenten der Monarchisten und Revanchefreunde, gegen diesen Präsidenten gegen die Republik. Eine Bande schlechter Intriganten hat ihn aus seiner Pensionsruhe geholt, und keinen Augenblick hat er bisher bewiesen, daß er etwas andres ist als ihr ahnungsloser Sprechautomat. Schicken wir ihn bald wieder nach Hannover zurück und seine junkerlichen Ankurbler nach jenseits des Korridors.   Die Weltbühne, 4. Oktober 1927   Die Ursache Am 4. Dezember 1926 standen wir, ein paar eilig benachrichtigte Freunde, am späten Nachmittag in dem schmalen Gehäuse am Königsweg, das mit all seinen Büchern und Papierstößen plötzlich leer geworden war. Wir waren äußerlich ruhig und nüchtern, aber es war eine Stimmung unterdrückter Tränen, und wir vermieden, nach der kleinen, so bekannten Samtjacke zu blicken, die am Kleiderhaken hing. Es war so unwahrscheinlich, was geschehen war. Unwahrscheinlich war diese Gruppe von Menschen, die hier im Zwielicht um den Schreibtisch stand, über die nächste Fortführung der »Weltbühne« beratend, scheu das betastend, was S. J. gehörte, was sein Erarbeitetes, sein Geschaffenes war. Hier hatte das Fatum einen schrecklich ungerechten Spruch vollstreckt, ein Leben voller Struktur zerstört, etwas sinnvoll Geordnetes, bis in die letzten Winkel Gegliedertes. Vielleicht ist nicht oft einer aus der schnell vergessenen Gilde der Publizisten so betrauert und so gehaßt worden. Trauer und Haß halten das Bild eines Menschen lebendig, lebendiger als der Versuch, es literarisch einzufangen. Man sucht das Geheimnis der Wirkung dieses einen Mannes. Auch für die, die ihn haßten, ist er heute noch nicht gestorben. Tagtäglich belegen Zeitungsausschnitte, daß noch immer papierne Teutonenkeulen auf »Jacobsohns Weltbühne« dreschen, als sollte bewiesen werden, daß eines Redlichen Wort genügt, um die martialischen Pfahlbauten der guten Patrioten ins Wackeln zu bringen. Dabei war er als Schreibender immer seltener geworden; Administration und Redaktion hatten ihn verschluckt. Befragte man ihn deswegen, pflegte er das einfach zu konstatieren, und er tat das ganz selbstverständlich und ohne eine Geste, die Resignation angedeutet hätte. War es dennoch ein Verzicht? Ist es ihm schwergefallen? Niemand kann das beantworten. Aber er war ein Schriftsteller von seltenen Gaben; er beherrschte die Sprache, verstand wie wenige, einen Satz zu modellieren, voll Biegsamkeit und Kraft und beseelendem Klang. Nur ein ungewöhnlicher Schriftsteller konnte so auf andre Schriftsteller von Rang wirken, so befeuernd, beflügelnd und steigernd. Gebildet hatte er sich in den zwei Jahrzehnten vor dem Krieg, in der Zeit der höchsten artistischen Exklusivität, des üppigsten Ästhetizismus, der vom Volk abgewandten Kunst. Und dann ging er plötzlich mitten in die Politik, die ganz andre Waffen braucht, die viel sinnfälliger, rauher, gröber arbeiten muß. Es war eine Abkehr von seinen ureignen Mitteln. Man sage, was man will: kein Schriftsteller verläßt leichten Herzens das Land, in dem er sich in jungen Jahren die Meisterschaft geholt hat. Nicht Ehrgeiz, Knopf auf dem Kirchturm zu werden, trieb ihn in die neuen Bezirke. Er hatte tief eingewurzelt einen Instinkt für das Rechte. Um politisch zu werden, brauchte er nicht die Kabbala der Ismen. Die Entbehrung war seine frühe Begleiterin gewesen. Ein Blick zurück in die wirbelnde Welt der Kriegsjahre: die dünne Schicht Ästhetizismus war abgefallen, der Revolutionär, der immer in ihm gelebt hatte, war wieder frei geworden. Als blutjunger Mensch hatte er nach rapidem Aufstieg grausamen Absturz erfahren: zwanzig Jahre bevor er die militärische Feme aufdeckte, war er das Opfer der sozialen Feme geworden. Es muß wohl jemand dies Inferno durchlitten haben, um den Mut zu finden, zum Mundstück des Gebüttelten und Niedergedrückten zu werden in dieser freiesten Republik unter der Sonne, die den, der die Wahrheit sagt, in einen Hohlweg drängt, wo rechts der Totschläger, links der Paragraph lauert. In der kleinen Schrift über seinen »Fall«, die die persönlichsten Bekenntnisse eines Herzens enthält, das sonst nicht zu Konfidenzen neigte, stehen ein paar unvergeßliche Zeilen: »Als Kind mußte ich immer eingesungen werden. Eins meiner Lieblingslieder hieß: ›Freiheit, die ich meine, die mein Herz erfüllt ...‹ Es ist gar kein Wiegenlied, sondern ein Turnerlied; aber mein inneres Tempo war immer so vehement, daß ich selbst für den Schlaf einen Marschrhythmus brauchte.« Diesem innern Tempo vertraute er sich lebelang an, es führte ihn sicher, vom Versuch zur bewußten Formung, vom einmaligen Vorstoß zum dauernden Einfluß, vom Instinkt zum Wollen. Weil er wollte, konnte er bewegen und bewirken. Weil er den Marschrhythmus in sich nicht erstickte, konnte er, der Außenseiter, Dinge in Fluß bringen, wo die abgeklärten Kapazitäten der Politik die Achseln zuckten. Etwa eine Woche vor seinem Tode antwortete er im vertrauten Kreis auf die Frage, ob er nicht bedaure, als Theaterkritiker so sehr in den Hintergrund getreten zu sein: »Und wenn ich nichts getan hätte als die Aufdeckung der Fememorde, so wäre mir das genug ...« Wer so dachte, konnte etwas bewegen. Der konnte dem schreienden Karneval der Erfolglosigkeiten fernbleiben, den man bei uns öffentliche Meinung nennt, der brauchte nicht hinein in die buntscheckige Parade der Prominenzen. Er hat immer lachend abgewehrt, prominent genannt zu werden. Er hatte es nicht nötig, weil er ein bedeutender Mann war.   Der innere Marschrhythmus hat der deutschen Demokratie gefehlt vom ersten Tag an, und wo sie ihn hämmern fühlte, hat sie ihn unbarmherzig erstickt. Deshalb können die Republikaner noch heute nichts mit der Revolution anfangen, deshalb sprechen sie lieber von Max von Baden als von den Kieler Matrosen, und ihre Helden stammen aus einer Kategorie von halben Liberalen, die, durch die Ereignisse emporgehoben, ihre Stellung benutzten, um die alten Mächte zu konservieren. So befindet sich der deutsche Liberalismus auf einer ewigen Heldensuche, und er kann nicht wählerisch sein, weil die Auswahl nicht sehr groß ist. So schreiben jetzt die Demo-Blätter, daß Deutschland elend in Scherben gegangen wäre ohne den General Wilhelm Groener. Anlaß zu dieser beachtlichen Feststellung gab Herrn Groeners sechzigster Geburtstag. Die liberale Presse mit ihren guten Manieren und ihrer ausgesprochenen Einflußlosigkeit ist die geborene Gratulantin, so zeremoniöse Akte gelingen ihr ganz ausgezeichnet. Aber es fragt sich doch, ob sie nicht des Guten zuviel getan und zur Ergötzung des Volkes einen Monumental-Groener aus Zeitungspapier aufgebaut hat, der sich als Ganzes recht stattlich macht, aber bei einer Besichtigung, die weniger auf Figur gibt als auf akkurate Einzelheiten, qualitativ verliert. Herr Groener ist übrigens an dieser Berühmtheit nicht ganz unschuldig. Im Münchner Dolchstoßprozeß hat er zuerst den Novemberpakt zwischen dem Volksbeauftragten Ebert und der OHL als schallenden Trumpf ausgespielt und in einem Nachruf auf Friedrich Ebert dessen unerschrockenen Patriotismus gelobt: »Er war jederzeit und vorbehaltlos bereit, seine persönlichen und politischen Anschauungen und Wünsche zurückzustellen, wenn es galt, der Not des Vaterlandes gerecht zu werden. Auf diesem gemeinsamen Boden haben sich die damalige Oberste Heeresleitung und Friedrich Ebert zum festen Bunde die Hände gereicht, um der Revolution Herr zu werden und dem deutschen Volke Recht und Gesetz wiederzugeben.« Wäre Herr Groener der große Politiker, so hätte er diese Konfessionen hübsch bei den Akten liegenlassen als historisches Material für eine spätere Generation, die bei der Enthüllung eines Geheimvertrages keinen Stachel mehr fühlt, weil die Mächte nicht mehr da sind, die ihn abgeschlossen haben. Herr Groener ist kein großer Staatsmann, aber er hat Geruch für effektvolle Demagogie. Glaubt er wirklich, mit dem patriotischen Führungsattest für Ebert auch nur einen einzigen Konservativen zu überzeugen? Die Leute wollen alle Gewalt, und sie pfeifen darauf, ob Ebert ein guter oder schlechter Patriot gewesen ist. Wohl aber muß solche Eröffnung erschütternd auf die Arbeiterschaft wirken. Und es war wohl auch mehr Herrn Groeners Absicht, der Sozialdemokratie einen Dämpfer zu geben, als den toten Ebert zu entlasten. Denn was hätte es auch für einen Sinn, einen Mann in den Augen von hundert Konservativen zu rehabilitieren, der durch die gleiche Aussage für eine Million Sozialisten zum Verräter gestempelt wird? Für Herrn Groeners politischen Scharfsinn wird gern ins Feld geführt, daß er als Vertrauter Erzbergers den Herren Offizieren die Annahme des Versailler Vertrags mundgerecht gemacht habe. Aber noch im Dezember 1918 wollte der gleiche Groener, der doch einen Monat vorher in Spa ohne Zweifel begriffen hatte, daß der Krieg verloren war, die Volksbeauftragten zu einer Expedition nach Ostland überreden, um Posen zurückzuholen. Im Dezember 1918, im allgemeinen Debakel, wo nichts mehr kompakt war als der Bankrott! Die Volksbeauftragten wollten übrigens nichts davon wissen; nur des Genossen Otto Landsberg roter Shylockbart nickte Zustimmung. Wie die tägliche Beeinflussung Eberts durch Groener war und empfunden wurde, darüber besitzen wir einwandfreies Zeugnis in der Aussage des Abgeordneten Dittmann im Ledebour-Prozeß. Herr Dittmann führte nach dem stenographischen Protokoll aus: »Nun stellte sich aber sehr bald beim Zusammenarbeiten im Rat der Volksbeauftragten heraus, daß die drei Mitglieder der mehrheitssozialistischen Partei – Ebert, Scheidemann und Landsberg – fortgesetzt geneigt und willens waren, Konzessionen zu machen an die alte Bürokratie, an die Vertreter der kapitalistischen Parteien und an die Vertreter des alten Militärregimes ... Es war für uns sehr bezeichnend, daß besonders die Einwirkung des Generals Groener, des Leiters des Großen Hauptquartiers, auf Ebert an jedem Morgen bemerkbar war: abends um elf Uhr pflegte er sich mit dem Großen Hauptquartier telefonisch zu verständigen über die Dinge, die sich am Tage vorher ereignet hatten und am nächsten Tage vielleicht brennend wurden; dann war am andern Morgen stets der Einfluß Groeners bei ihm bemerkbar. Wir Unabhängigen Sozialdemokraten hatten dann fortgesetzt dagegen anzukämpfen, daß wieder die alten militärischen Anschauungen bei den Regierungsmaßnahmen zur Geltung gebracht wurden. Das setzte sich unausgesetzt bei jeder einzelnen Regierungshandlung fort, so daß sich im Rat der Volksbeauftragten ein stiller Kampf abspielte ...« Das Reichsbanner hat neulich ein Dreimännerdenkmal Ebert, Erzberger, Rathenau vorgeschlagen. Die Zusammenstellung ist nicht ganz glücklich. Man sollte sich auf ein Ebert-Groener-Denkmal beschränken, das die beiden darstellt, so wie sie sich im Novemberpakt die Hände reichen. Das Schicksal der Republik von gestern und heut und für das ungewisse Morgen liegt in diesem Händedruck.   Die Weltbühne, 29. November 1927   Der Femeprozeß Mein Freund und Kollege Berthold Jacob und ich sind von dem Erweiterten Schöffengericht Charlottenburg zu einer Gefängnisstrafe von zwei Monaten respektive einem Monat verurteilt worden. Das Delikt wird erblickt in einem Artikel Jacobs, »Plaidoyer für Schulz«, hier erschienen am 22. März dieses Jahres und von mir verantwortet. Strafantrag hatte gestellt der Herr Reichswehrminister für die Herren Oberst von Schleicher, Oberst von Bock und Hauptmann Keiner. Der Staatsanwalt, ein höflicher und zurückhaltender Herr, hatte nur die Verhängung finanzieller Sanktionen beantragt, jedoch die Charlottenburger Emminger-Kammer, aus einem Landgerichtsdirektor, einem gelehrten Richter und zwei ungelehrten Volksrichtern bestehend, entschied sich für Prison. Also Prison. Wir sind nicht pathetisch genug veranlagt, das zum Anlaß zu nehmen, die Hände zum Himmel zu recken, wo unveräußerlich die ewigen Rechte wohnen; wir haben Freunde und Sekundanten, wir sind nicht wehrlos, und, vor allem, wir sind illusionslos. Dennoch mußten wir einen kleinen Ärger überwinden, als wir das Urteil vernahmen, das uns für ein paar Wochen aus dem geselligen Treiben der Reichshauptstadt verbannt, wenn die Berufungsinstanz es bestätigen sollte. In der Urteilsbegründung wird nämlich als straferschwerend betrachtet, daß wir beide erst in diesem Jahre wegen Beleidigung durch die Presse zu Geldstrafen verdonnert worden wären. Was Jacob ausgefressen hat, weiß ich nicht, aber mein eigner Fall steigt noch leuchtend in der Erinnerung auf. Von meiner frühern Tätigkeit her, als verantwortlicher Redakteur des »Montag Morgen«, schwebte gegen mich (und Erich Weinert) noch ein vom Reichsmarineamt beantragtes Verfahren; wir waren zu 500 Mark Geldstrafe verurteilt worden, und vor der Berufungskammer kam es zu einem erregten Auftritt zwischen dem Vorsitzenden und dem Verteidiger. Daraufhin zog Paul Levi die Berufung demonstrativ zurück, und so bin ich vorbestraft. Man soll, wenn man mit der Justiz zu tun hat, ein für allemal großartige Gesten vermeiden. Dennoch war auch dieser Gang nach Moabit lohnend, weil er uns die Bekanntschaft mit der Richterpersönlichkeit des Herrn Doktor Crohne vermittelte. Es ist hier und anderswo im Lauf der Jahre manches Bittere über die Richter geschrieben worden, manches, was von Galle durchtränkt war und bei einem spätem Nachlesen oft karikaturistisch verbogen schien. Es bleibt das Verdienst des Herrn Doktor Crohne, unsre gelegentlichen innern Zweifel an dem Richterbild der deutschen Linkspresse behoben zu haben. Sein Auftreten wirkt wie eine ungewollte und deshalb um so stichhaltigere Bestätigung für alles, was von Bewersdorff bis Niedner über die Richter geschrieben worden ist. Dieser Richter, dessen Tatendrang nicht Objektivität, geschweige denn Konzilianz hemmt, verfügt über eine unermüdliche Eloquenz; er redet, redet, redet. Bald autoritativ und herunterputzend, bald mit der Striemenden Ironie eines durch sein Amt vor ähnlichen Waffen Gesicherten; sofort nach Eröffnung pfeift er uns, die Angeklagten, an, wie es ein Richter von Herz und Takt nicht bei ein paar verstockt leugnenden Langfingern tun würde; er macht durch sein Dazwischenreden unsre Vernehmung unmöglich, er handhabt die richterliche Superiorität wie einen Gummiknüppel, der ständig dem, der außer ihm noch zu reden wagt, übern Mund fährt. Wir sind unsern Verteidigern Alfred Apfel und Georg Löwenthal, die eigentlich immer mit der Hand an der Mappe, zum Exodus bereit, dastehen, zu höchstem Dank verpflichtet, daß sie ungeachtet dieser hyperboreischen Verhandlungsformen bis zum überraschungslosen Ende ausharren. Dieser Vorsitzende herrscht den Zeugen Schulz an, der erregt am Zeugentisch steht und als zum Tode Verurteilter einiges Recht zur Erregung hat und einmal nervös mit zwei Fingern untern Cut fährt: »Nehmen Sie die Hand aus der Tasche!« Ein Mann auf der Zuhörerbank, ein Mann mit der gelben, schwarz punktierten Binde um den Arm, ein Kriegsblinder, der sich zu einem Zwischenruf bekennt, wird mit einem kurzen »Raus damit!« aus dem Saal verwiesen. Die Aphoristik dieser zwei abgehackten Worte aus einem sonst so zur Ausdrucksfülle neigenden Munde, der für die Herren vom RWM sogar die umständliche Anrede in der dritten Person findet, ist unüberbietbar. Apotheose zweier langer Verhandlungstage bleibt die Begründung des Urteils. Sie soll hier nicht in ihren Einzelstücken gewogen werden. Denn sie ist improvisiert, auf Grund von Skizzen zum Teil frei vorgetragen, und es bleibt abzuwarten, ob die Schlußfassung gewisse Ausdrücke und Partien enthalten wird, die schon bei der Verlesung ungläubiges Staunen und nachher in der Presse scharfe kritische Glossierung gefunden haben. Es bleibt abzuwarten, ob die Schlußfassung für die Würdigung der wichtigsten Zeugenaussagen die legere Wendung »Olle Kamellen« beibehalten wird, ob die auffallenden persönlichen Ausfälle gegen die Verteidiger nicht doch noch umgemodelt werden. Aber außer Frage steht, daß ein paar Ungeheuerlichkeiten bleiben werden, die weder entfernt noch umgeformt werden können, weil sie die Tragbalken des ingeniösen Spruches darstellen. Sogar unsre Beweisanträge werden als straferschwerend angesehen; ein juristisches Novum. Ein politischer Epilog führt in die hohe Politik. Der Richter hat den politischen Charakter des Prozesses bestritten, doch er selbst breitet in seinem Schlußwort eine Übersichtskarte seiner politischen Meinungen aus. Da wird zur Rechtfertigung der Gründer schwarzer Kaders unter anderm gesagt, daß diese unsre Ostgrenze gegen einen polnischen Einfall zu schützen hatten, da es, wie Oberschlesien, Posen und Wilna gezeigt hätte, die polnische Methode sei, durch vorgeschickte Horden ein Fait accompli zu schaffen. Das mag als Meinung eines Politikers oder einer politischen Korporation gelten, aber es ist nicht Sache eines Gerichtes, einen Staat, mit dem grade wichtige Handelsvertragsverhandlungen gepflogen werden, also zu regalieren. Die Begründung wirft uns »gemeine Angriffe« gegen die drei Offiziere vor, sie hält eine Geldstrafe für ungenügend, da diese keine Gewähr biete, uns von weitern Angriffen auf die Ehre andrer abzuhalten. Hier hört das Humoristikum auf, und das Interesse der ganzen deutschen Pressegilde beginnt. Denn damit werden zwei Publizisten, die sich seit Jahren in einem politischen Kampf befinden, rund und nett als Ehrabschneider gebrandmarkt und gleich für die Zukunft verwarnt. Herr Crohne mag den inkriminierten Artikel beurteilen, wie er will, dagegen gibt es Rechtsmittel, und im äußersten Fall sitzt man die Strafe ab, in dem Bewußtsein, daß eine in solcher Form auferlegte und mit solcher Argumentation servierte Pönitenz nicht die Haut ritzt. Jeder Publizist, der mit ganzem Herzen für eine Sache eintritt, wird mit Empörung eine Drohung auf die Zukunft ablehnen. Man mag uns verurteilen heute, morgen, übermorgen, wir werden es hinnehmen, aber unser Stolz wird sein, nicht »gebessert«, sondern nur energischer, schärfer, dichter und zäher zu werden. Dafür sind wir Publizisten und stehen wir im Dienst der Öffentlichkeit. Unser Beruf hat in diesem Land der schneckentempofahrenden Instanzenzüge und der wabbeligen Parlamente ein unsichtbares Volkstribunat inne, wir verwalten ein unsichtbares Anklägertum, Richtertum und Verteidigertum. Es ist ein Unterschied zwischen Beleidigung und Beleidigung. Es ist ein Unterschied zwischen einem feilen Sudler, der mit Behagen in der Geschlechtssphäre wühlt und grinsend den Phallus des Gegners dem verehrten Publikum präsentiert, und Schriftstellern, die für Ideen kämpfen, selbst wenn sie fanatisiert etwa die Gebote der Höflichkeit verletzen. Das Gericht hat sich keinen Augenblick bei der Tatsache aufgehalten, daß der beanstandete Artikel ein Plädoyer für jenen Oberleutnant Schulz darstellte, den die »Weltbühne« zuerst aufgestöbert hat, zu dessen Überführung der Verfasser des beanstandeten Artikels nicht wenig Material beigetragen hat. Ist das ein »gemeiner Angriff«, für den Mann einzutreten, den man selbst hat stellen helfen? Ist das ein gemeiner Angriff, laut zu erklären, auch dieser war nur ein Opfer, ein Getriebener, nicht Letztverantwortlicher, sondern nur Teilchen jenes mörderischen Mechanismus? So soll Verleumdung und Ehrabschneiderei aussehen? Inkriminiert war in dem Artikel folgendes: »Schulz hat Anspruch auf den ordentlichen Richter. Aber der soll nicht außer acht lassen, daß der Oberleutnant nur erteilte Befehle ausgeführt hat und daß man neben ihn auf die Anklagebank mindestens den Hauptmann Keiner und den Oberst Bock, wahrscheinlich aber auch den Oberst von Schleicher und den General von Seeckt setzen müßte.« Unbeanstandet gelassen war dagegen der Passus von dem »unwahrscheinlichen Eid« des Herrn Oberstleutnants Held, jenes Offiziers, der Major Buchrucker in Küstrin von seiner bevorstehenden Verhaftung telefonisch unterrichtet haben soll. Die Verhandlungsführung legte uns die wörtliche Interpretation des beanstandeten Satzes und damit auch einen unmöglichen Beweis auf. Nach dieser Auffassung müßte sich ein Fememord also abgespielt haben: Herr Geßler, nachdem er einen Bericht aus Küstrin geschluckt hat, mit herodischer Gebärde zu seinem Adjutanten: Man töte diesen Wilms! Der mit dem Befehl weiter zu Herrn von Schleicher und dann über alle Zuständigen weiter bis zu den Klapproths. So primitive Vorstellungen hat kein verständiger Mensch von dem Hergang gehabt, und so etwas war weder hier noch anderswo behauptet worden. So etwas aber sollten wir beweisen, und unsre klar zutage tretende Unfähigkeit, das zu beweisen, verschaffte Herrn Crohne seine dialektischen Triumphe. Was dieser Prozeß trotzdem zur Evidenz gezeigt hat, das war die namenlose Gemütlichkeit, mit der das RWM den schwarzen Komplex behandelt hat. Alle Herren verschanzten sich hinter ihrer Unzuständigkeit. Niemanden ging die schwarze Geschichte etwas an. Dabei war diese sekrete Wehrmacht rund um Berlin stationiert. Wilde Formationen, die in Oberschlesien im Morden und Stehlen geübt waren, lagen rund um Berlin, geführt von republikfeindlichen Offizieren mit privaten Putschabsichten. Das Urteil meint überschlau, was wir wohl für Gesichter gemacht hätten, wenn die Polen wirklich gekommen wären und Herr Geßler nur das schwache legale Heer zur Verfügung gehabt hätte. O die Polen! Aber was geschehen wäre, wenn diese Landsknechtsbanden schließlich aus den Forts und Zitadellen geschwärmt wären auf Berlin zu, darüber schweigt das Urteil. Nicht die Fememorde, die der Zeuge Buchrucker mit mysteriösem Lächeln als »sachlichen Fehler« bezeichnet, sind die Grundsuppe des Übels, sie sind in aller ihrer Scheußlichkeit trotzdem nur Symptom. Der politische Aberwitz, dem diese Bluttaten entsprangen, war das Bestehen einer illegalen und durch und durch unzuverlässigen Truppe, für die niemand zuständig war, die im Dunkeln vegetierte, von der niemand amtlich Kenntnis haben durfte, die dank mangelnder Kontrolle den »sachlichen Fehler« beging, Leute, die sie für Verräter und Spitzel hielt, durch Selbstjustiz auszusortieren. Die bizarre Symbolik des Zufalls will, daß jener Offizier, dessen dienstliche Berührung mit den »Arbeitskommandos«, diesen Niemandskindern, diesen Bankerten der mit unbedingter Vertragstreue gesalbten Seecktschen Militärpolitik, am wenigsten geleugnet werden kann, den Namen Keiner führt. Die Femekampagne war für uns niemals eine Hetzjagd hinter irgendwelchen armen Teufeln, die heute vielleicht in einem friedlichen bürgerlichen Beruf stecken und an ihre Küstriner Zeit wie an einen wirren Traum zurückdenken. Unser Ziel war nicht die juristische Sühne für jedes einzelne heute schwer erkundbare Verbrechen, sondern die Feststellung der letzten politischen Verantwortlichkeit dafür. Der Reichswehrminister hat mit dieser schwarzen Schöpfung eine grauenvolle Gefahr über das Land gebracht. Dafür müßte er Rechenschaft ablegen, selbst wenn er nicht Geßler hieße. Die Siegert-Kammer, vor der der Wilms-Prozeß geführt wurde und die Schulz zum Tode verurteilt hat, ist gefährlich nah an die Frage jener tiefern Verantwortung herangekommen: »Wenn man die Geheimhaltung erzwingen wollte, so mußte mit der brutalsten Gewalt gekämpft werden ... Die Feme, das war die Einrichtung, die sich notwendig ergeben mußte, wenn die Geheimhaltung über alles ging.« Kein Wunder, daß Herr Geßler das nicht als letzten Spruch gelten lassen wollte und eine günstigere Lesart suchte. Sein Vertrauen, daß kein zweites Tribunal das Verdikt der Siegert-Kammer übernehmen würde, hat ihn nicht getäuscht. Künftig kann er auf den neuen Schein pochen: »Die moralische Mitschuld der Reichswehr, die Schulz mit angeführt hat, fällt damit ins Wasser. Von allem ist nichts übriggeblieben als lediglich schon die in frühern Schwurgerichtsurteilen ausgesprochene sogenannte moralische Verantwortlichkeit des Reichswehrministeriums. Das Gericht läßt es dahingestellt sein, ob überhaupt eine moralische Verantwortlichkeit des Reichswehrministers angenommen werden kann.« Du hast gesiegt, Galiläer. Der böse Geist ist erfolgreich abgeschlagen. Otto Geßler hat sich ums Vaterland verdient gemacht, und seine Offiziere stehen hier, in der dritten Person angeredet, vom mindern Volk unterschieden, und zucken mit einer in mehreren Prozessen erworbenen Routine die Achseln. Es sind noch zwei Außenseiter da, zwei Ausgefallene, zwei in Zivil: – Buchrucker und Schulz. Der Putschführer von Küstrin spricht mit der leisen Stimme und dem feinen ironischen Lächeln des Erfahrenen. Der hat genug bis an sein Lebensende. Unendlich überlegt und behutsam spricht er, meisterlich besteht er die schwere Situation, alte Beziehungen, die er nicht mehr liebt, weder preiszugeben noch reinzuwaschen. Hier, wo so viele beamtete Personen Verantwortlichkeit abstreiten und zuständig für die Schwarze Reichswehr am Ende nur noch unser Vater im Himmel bleibt, der sich auch um die Lilien auf dem Felde kümmert, leuchtet der abgeurteilte Rebell als Intellekt und Charakter. Paul Schulz hat jetzt die graue Gefängnisfarbe, er gestikuliert nervös und fahrig, aber seine Aussage ist zusammenhängend und konzentriert. Er weiß jetzt seine Vereinsamung, weiß, daß es um den Kopf und, wenn der gerettet, um die Freiheit geht. Auch er gibt niemanden preis, aber betont immer wieder den »Druck der Verhältnisse« damals, ohne sich über den Druck und die Verhältnisse näher auszulassen. Zögernd gesteht er zu, daß anno Diaboli 1923 auch die Behörden ungesetzliche Maßnahmen getroffen hätten. Und warum haben die Behörden die geheimen Morde nicht verfolgt, warum ließen sie die Akten liegen? Schulz fragt das immer wieder. Die Urteilsbegründung attestiert Schulz, Großes für den Staat geleistet zu haben. Nein, er hat nichts Großes geleistet, aber er hat ohne Zweifel beträchtliche Gaben, und sein krankhafter Ehrgeiz hat ihn in eine höllisch faule Sache verwickelt. Jetzt ist der Firnis der Wichtigtuerei abgeblättert. Jetzt steht da ein Abgehärmter und Verlassener, der am Ende des ersten Verhandlungstages mit verlorenen Augen in das Gewimmel von Leuten sieht, die nach Hause gehen. Jetzt steht nur ein großer Schuljunge da, der nachsitzen muß. Mit verschwimmenden Blicken sieht er die wehenden Schals und wie die Mäntel angezogen werden. Die Offiziere entfernen sich sporenklirrend. Alle gehen nach Haus. Auch der mürrische Schließer hinter ihm geht einmal nach Haus. Einer bleibt. Der letzte, bei dem die Kette der Verantwortung für die grausig-tragische Kategorie der Fememorde endet. Der letzte, den nach dem braven alten Wort die Hunde beißen.   Die Weltbühne, 27. Dezember 1927   Das Geschrei um Georges Blun Der Berliner Herr von »Le Journal« hat in seinem Blatt vom Silvestertreiben der Reichshauptstadt eine unfreundliche und offenbar ungerechte Schilderung entworfen. Unsre Zeitungen sind darüber sehr empört und fordern Repressalien. Wahrscheinlich weiß Herr Blun nicht, daß man in der Metropole außerhalb der hohen Politik keinen Karneval kennt und in der Silvesternacht dafür orgiastisch ausbricht. Herr Blun zeigt erstaunlich viel Humorlosigkeit; er glossiert das leichte Ereignis nur moralpolitisch. Ihn schockiert die pantagruelische Lebensfreude der Berliner, und er würde das Geld für die verschlungenen Pfannkuchen lieber aufs Reparationskonto abgeführt sehen. Er bemerkt auch mit Mißbilligung leichtbekleidete Damen, die den Männern auf der Straße die freimütigsten Angebote machen. Die Berliner Presse sieht darin eine tödliche Kränkung unsrer Frauen und schreit nach Blut. Sollte man sich nicht besser über Herrn Bluns Zimperlichkeit lustig machen? Was die freimütigen Angebote betrifft, so wissen wir doch: das hängt halt von der Stimmung ab und auch davon, wer freimütig offeriert. So schrecklich sind die Berlinerinnen nun nicht. Wirklich, es ist Ihr Schade, Georges Blun! Doch dieser strenge Savonarola ist nebenbei Vorsitzender des Vereins der Auslandsjournalisten, und ein paar demokratische Blätter fordern jetzt seinen Hinauswurf. Das ist wieder sehr deutsch. Anderswo wäre es dem Sünder vielleicht ärger ergangen, nirgendwo komischer. In Amerika wäre er geteert und gefedert worden, in Italien hätte man ihn mit Rizinus behandelt, in England in einen Boxring geschleppt – doch in Deutschland schmeißt man jemanden aus einem Verein. Das ist für die Deutschen die Vision des Höllensturzes, der Inbegriff letzten Pariatums, Versetzung in die unterste Klasse der Menschheitszugehörigkeit. Er ist aus dem Verein geflogen, er ist nicht mehr organisiert – sein Fleisch gehört den Vögeln in der Luft, den Fischen im Wasser ... Daran beteiligten sich auch ein paar geschätzte Kollegen, deren jakobinische Radikalität sonst überhaupt nicht zu halten ist. Ach, auch in dem Freiheitsdurstendsten unsrer Mitbürger steckt ein geheimer Hausknecht verborgen, der expedieren will.   Die Weltbühne, 10. Januar 1928   Ein kritischer Klopffechter Wer der klügste unsrer Berliner Kritiker ist – Gott sei's anheimgestellt. Daß aber Herr Paul Fechter der dümmste davon ist, darf kühnlich behauptet werden, selbst wenn Herr Franz Servaes vor Neid erblassen sollte. Jetzt gibt es in Berlin ein paar Ausstellungen französischer Maler, und das macht Herrn Fechter einen furchtbaren Roches. Er findet die französische Malerei überhaupt dünn und substanzlos und die Impressionisten wertloses Zeug, grade gut genug als Exportware für Deutschland. Daß auch der große Manet darunter ist, stört ihn nicht. Darauf hat Flechtheim geantwortet, doch in einer weitern Bemerkung erhebt Herr Fechter die sittliche Forderung, französische Kunst zu meiden, solange noch französische Soldaten am Rhein stehen. Was in der »DAZ« geschieht, dem Organ des Locarno-Ministers. Ich halte eine Bilderausstellung noch nicht für eine pazifistische Tat. Aber wenn schon ein paar Manets die nationalen Fechter zu so wütenden Ausfällen reizen, dann können auch die sanftesten Völkerverständiger einpacken, und keine geistige Hemmung ist mehr, in Paris deutsche Musik auszupfeifen, die man dort vielleicht mehr liebt als bei uns französische Malerei. Dem Einwand Flechtheims, daß doch auch der Alte Fritz sich mit den Franzosen gedroschen und trotzdem Paters und Watteaus gekauft habe, begegnet Herr Fechter mit dem pfiffigen Einwand: Ja – Friedrich hat auch die Franzosen verhauen, und deshalb durfte er das auch! Ein ganz neues Prinzip für Kunstliebhaberei: – man hängt sich die Bilder der besiegten Nationen wie Trophäen an die Wand, weniger um sich an Kontur und Koloristik denn an dem Gefühl nationaler Überlegenheit zu delektieren. Aber gesetzt, nicht wir schleppten die Ketten von Versailles, sondern die andern die von Potsdam – die nationalen Klopffechter würden es für unwürdig und undeutsch erklären, sich das Geschmiere der zertretenen gallischen Pygmäen vor die Nase zu hängen. Doch genug. Herr Fechter hat es nun mal mit dem Rhein. Unter seinem Richteramt wurde vor zwei Jahren an Carl Zuckmayer der Kleistpreis für den »Fröhlichen Weinberg« verliehen. Davon hat sich Herr Fechter heute noch nicht erholt. Während der Dichter trotz Preis und Erfolg recht manierlich und besonnen blieb, ist dem Preisrichter die Sache zu Kopf gestiegen. Und während der Dichter es sorglich vermied, zur erotischen Rheinromantik die nationale zu fügen, holt das sein Patron in reichstem Maße nach. So verschroben geht es auf der Welt zu.   Die Weltbühne, 14. Februar 1928   Antworten IA. Darf ich dich von dem Ergebnis deiner Bemühungen um die »Weltbühne« unterrichten? Also, ich stand dieser Tage vor der Strafabteilung des Amtsgerichts Charlottenburg, unter der Anklage, mich gegen die §§ 17, 18 Ziffer 28 des Pressegesetzes und 41, 74 StGB durch zwei selbständige Handlungen vergangen zu haben. Der Herr Staatsanwalt war so gütig, der beleidigten Gerechtigkeit 300 Mark pro Handlung zusprechen zu wollen, aber der vortreffliche Doktor Apfel machte einiges Juristische dagegen geltend; der Fall wurde vertagt, und die Gerechtigkeit band leicht enttäuscht den Strumpf wieder zu. Mein Vergehen – du, liebe IA, kennst es, hoffentlich ermüdet dich die Wiederholung nicht – bestand in meinem Artikel vom 26. August 1927, der für das beschlagnahmte Leuna-Drama der Frau Berta Lask geschrieben war, einen Beschlagnahmebeschluß und ein paar kleine Dialogstellen aus dem konfiszierten Buch abgedruckt zu haben. Zwar ist dieser § 17 ein verkümmertes Paragräphlein, das selbst zu der verlockendsten Juristenflöte selten nur ein Tänzlein wagt, praktisch fast ad acta gelegt, seit die Zeitungen spaltenlange Vorberichte über Prozesse bringen ... 600 Mark sind allerhand, und man kann drei republikanische Reichskanzler und einen Severing dazu für diese Taxe beleidigen. Wer aber beschreibt mein Erstaunen, als in der Verhandlung festgestellt wurde, daß die Anregung zur Einleitung des Strafverfahrens von dir, vielgeliebte Abteilung IA, ausgegangen war! Damit hast du gezeigt, daß du orthodoxer bist als der Herr Oberreichsanwalt selbst, denn dieser, der von uns so oft mit innigsten Sympathiebeweisen traktierte Herr Doktor Werner, verzichtete darauf, das Fallbeil sausen zu lassen, und stellte die Entscheidung, ob ein Vergehen aus § 17 des Pressegesetzes in Frage komme, dem Oberstaatsanwalt beim Landgericht III anheim. Vor der republikanischen Presse sonnst du dich gern in einem ultralinken Radikalismus, weil dich die »Deutsche Zeitung« in ihren hoffnungslosesten Momenten die »deutsche Tscheka« nennt. Daß es dir diesmal gelungen ist, selbst den Herrn Oberreichsanwalt zu übertrumpfen, ist gewiß eine Leistung, die das Prädikat Ia verdient.   Die Weltbühne, 28. Februar 1928   Carmer und Lichnowsky Wenn der Novellist in die Politik vorstößt, läuft er in Gefahr, politisch bewertet zu werden. Der Erzähler Bruno Frank beherrscht sein Handwerk wie nicht viele, ein Belletrist, der gelegentlich der Dichtung ziemlich nahe kommt. So entdeckte er den vereinsamten, den empfindsamen Fridericus. Der Beifall ist bei ihm. Die Republikaner applaudieren, weil er eine Legendenfigur nicht etwa zerstört, sondern nur neu vermenschlicht hat; und auch die Potsdamer sind zufrieden, weil er ihren Heros nicht nur unangetastet gelassen, sondern ihm sogar eine neue Seite abgewonnen hat. So bleibt ein sehr deutscher Vorgang: ein runder, allseitiger Erfolg durch Kompromiß. Wenn die Zeit erst etwas Staub darüber gesammelt hat, wird der Franksche Fridericus von dem der Schulmeister kaum mehr zu unterscheiden sein. Der Kino-Friedrich, der Friedrich der Geschichtslüge und der Schulbücher und der sentimentale König des Bruno Frank – in den »Zwölftausend« streifen sie sich schon. Wann werden sie identisch sein? Durch die Friedrich-Bücher ist der Schriftsteller Bruno Frank, nehmt alles nur in allem, eine öffentliche Macht geworden. Und so überblickte er sinnend die Gegenwart. Der Pariser Jean Giraudoux hat ein seltsames kleines Buch geschrieben – »Bella« –, eine Mischung von Roman und politischem Traktat, Liebe und Zeitsatire, persönlicher Konfession und Ministerialkabalen, amüsant und traurig durcheinander. Die Geschichte der Rivalerie zwischen Poincaré und Philippe Berthelot macht es etwas zum Schlüsselroman, aber die graziöse Hand des Verfassers gibt nie das Letzte preis, und nach Kabale und Liebe, Pathos, Satire und Aktualität bleibt als Erinnerung nur ein feiner Duft. Wo das Buch laut wird, schlägt das Cartel de gauche die Pauke, und Poincaré ist der Feind (der übrigens nicht unterließ, Herrn Giraudoux, alltags am Quai d'Orsay in der Presseabteilung waltend, seine Glückwünsche auszusprechen). Zeitgeschichte, von delikaten, wählerischen Fingern durcheinandergemischt. Der Deutsche Bruno Frank, der eben Friedrich in die bessere Literatur eingeführt hat, überschaut die Gegenwart, und sein Auge bleibt auf Locarno haften. Er hat den durch Geschmack gezähmten Sinn für Modewerte. Er hat Courage genug, um eine ewig unbelehrbare Minorität herauszufordern. Er mag sich verwegen vorkommen, grade Locarno zum Thema zu nehmen. Aber Locarno wird heute von gut achtzig Prozent aller Deutschen als Realität anerkannt, freudig oder unfreudig, jedenfalls anerkannt. Auch die nicht ganz verrannten Nationalen hüben und drüben machen ihre Verständigung, man tauscht wieder geistige Güter aus ..., es ist wie vor dem Krieg. So schreibt Bruno Frank die »Politische Novelle«. Sie wird das gelesenste, das meist übersetzte deutsche Buch des Jahres sein. Zweite Garantie des Erfolgs: das modische Schlagwort »Paneuropa«. Locarno und Paneuropa – die beiden von Amts wegen gestatteten Formen von Pazifismus. Die einzigen hoffähig gewordenen Formeln für Pazifismus: den Kriegsdienstverweigerer schütteln pazifistische Republikaner als Extremisten ab, den Militärkritiker sperren die Richter der Locarno-Regierung als Landesverräter ein. Locarno und Paneuropa, und doch, wie viele mußten kämpfen und bluten, um selbst diesen zahmen Phrasen etwas Legitimität zu erobern. Auch die Friedensschlacht ist von den kleinen Leuten geschlagen worden, und nachher erst kamen die Stäbe der hohen Politik aus dem Unterstand. Bei Bruno Frank ist die Plebs radikal entfernt. In feiner, dünner Luft führen ein Deutscher und ein Franzose platonische Dialoge. Aristide Briand ist da als Achille Dorval, ein stilisierter Briand, fertig für den Gebrauch der Nachwelt. Nicht der fuchspfiffige alte Rhetor, der Krieg ebensogut kann wie Frieden, sondern ein milder, geläuterter Greis, mit lateinischer Kultur, aber auch prima gallischem Erdgeruch, ein Voltairianer mit großer, gütiger Kinderseele, ein weiser hundertjähriger Mandarin, dessen Schweigen schon Sinnspruch wird. Wie würde sich als Gegenspieler da unser Stresemann ausnehmen? Selbst ein Bruno Frank verzagt, unsern Stresemann zu sublimieren. Deshalb wird ein idealer Deutscher gebaut. Carl Ferdinand Carmer, der Familie jenes von Carmer entstammend, der das Preußische Landrecht geschaffen hat, aber aus einer Linie dieses Hauses, die aus Bürgerstolz auf Nobilitierung verzichtet, hat nicht den Germanenbart der Helden Hermann Burtes, sondern das geistige Gesicht und den gut trainierten Körper des Romandeutschen dieser Tage. Er ist heimisch in der großen Welt – beinahe blaublütig, übt morgens am Punchingball, bewegt sich zu Hause so ungezwungen wie in dem besten Hotel, reist ohne Baedeker durch Italien – o Wunschbild des Deutschen! –, behandelt mit lässiger Dandygeste die Frage, ob er ein Portefeuille annehmen soll, und endet im Hurenviertel von Marseille, eine schöne Mischblütige umfangend, von einem Zuhälter in den Rücken gestochen. So pflegen deutsche Parlamentarier zu leben und zu sterben. Die beiden Hauptfiguren flankiert von zwei Sekretären, die bei Stefan George und Mallarmé beheimatet sind. Auch die Nebenrollen sind gut und teuer. Tschitscherin erscheint, als belanglose Episode, in einem Spielsaal. Josephine Baker tanzt in einem Zirkel von Geldkönigen. Es ist ein merkwürdiges Europa, um das da gekämpft wird. Ein Europa der feinsten Leute. Ein Europa ohne Völker, ein Europa der Luxuszüge und Luxusplätze, und die Massen ragen nur hinein als das Riffraff aus den Bordellgassen von Marseille. Wäre dies Sybaris wirklich Europa, es wäre reif zum Schnitt, reif zur Überflutung durch die Barbaren. Aber dies Europa ist zurechtgeschneidert für eine »politische Novelle«, die mit Politik nichts zu tun hat. Sie trägt eine falsche Etikette. Sie enthält nicht mehr als den Untergang eines unleidlich versnobten Zeitgenossen, der ganz gleichgültig wird, wenn man ihm die politische Graduierung nimmt. Und die Pointe sticht ins Leere. Denn dieser Carmer endet in einem Zufallsabenteuer. Aber die gemeuchelten Friedensfreunde sind nicht erlegt worden von Bestien unbestimmbarer Nationalität, die gar nicht wußten, wen sie trafen. Zum mindesten wußten es die Auftraggeber. Keiner der großen politischen Morde, die wir kennen, ist in pittoresken Dirnengassen ausgeheckt worden, sondern in blanken Industriekontoren, in sauber gescheuerten militärischen Amtsstuben und ausgeführt, affektlos und präzis, bei hellem Tageslicht. Nicht die armseligen Deserteure von Marseille, Völkerabfälle von vielen Armeen, symbolisieren die Unterwelt Europas, die Stätte, wo Verderben schwelt, sondern die legitimen Existenzen im Auto, die Smokingexistenzen, die Aufsichtsratsexistenzen; die Pestilenz, die das nächste Millionensterben über Europa bringen soll, geht sauber gebürstet, gut gebadet, gescheitelt und mit Hornbrille, Börsenkurse im Kopf, nüchtern durch den klaren Tag. Was aber an Locarno wirklich Leistung war, das war nicht Leistung edler Peripatetiker, die in erhabenen Gesprächen dahinwandern, sondern die von Luther, Stresemann, Briand, die mittlerer Bürger also, die weder den deutschen noch den französischen Geist vertreten, die ganz einfach als gute Geschäftsleute gekommen waren, um es mal mit dem Frieden zu versuchen. Daß sie dabei gegen Erziehung, Tradition und innerstes Empfinden anzugehen hatten, daß nur der brillante Redner Briand die neue europäische Phrasierung mühelos fand, während die andern nur stammelten und mit Schrecken an den Empfang zu Haus dachten, das ist der wirkliche Konflikt der Männer von Locarno. Und der eignet sich weit eher für eine aristophanische Komödie als für einen platonischen Dialog. Man kann entgegenhalten: Warum so heftig, wo doch einer Europa, unser aller Vaterland, besingt? Vor sieben Jahren war Artur Dinter obenauf, heute Bruno Frank – ist das nicht ein Fortschritt? Waren es nur abweichende Nuancen, es lohnte sich kein Wort. Aber dies Buch, das seinen Weg über die ganze Welt nehmen wird, ist schädlich, weil es Gefahren maskiert und Illusionen weckt. Weil es ein Europa inthronisiert, ein Sybaris-Europa, ein Capua-Europa, ein Grandhotel-Europa, das es gar nicht gibt. Weil es Staatsmänner präsentiert, die es nicht gibt. Weil es die Tatsache eines millionenfachen Arbeitsvolkes ignoriert und eine Chinesische Mauer gegen den Osten aufrichtet. Es mag ein liebenswürdig gesüßter Elementarunterricht sein für die wenigen Hoffnungslosen, die heute noch nicht glauben wollen, daß die Franzosen et cetera auch Menschen sind. Aber es ist keine Waffe gegen die vielen, vielen, vielen, die auf die andern Nationen losschlagen wollen, weil sie auch Menschen sind. Seine Moral verbreitet einen angenehmen rosigen Nebel; sie weckt nicht, sie lullt ein. Noch ein paar solcher Bücher, und wir werden den nächsten Krieg nicht eher spüren, als bis die Flieger über den Dächern surren.   Das Leben des Fürsten Carl Felix Lichnowsky war eine politische Novelle, von der deutschen Wirklichkeit gedichtet. Unwahrscheinlich war die Berufung; kaiserliche Laune warf dem gelernten Diplomaten nach Jahren des Verzichts auf öffentliche Wirksamkeit den wichtigsten Botschafterposten zu. Teils weil Stand und Vermögen ihn zu großer Repräsentanz für London befähigten, teils weil er als Anhänger der Tirpitzereien galt, teils weil es Wilhelm eben so wollte. In England führt Lichnowsky zunächst nur eine gesellschaftliche Mission; er sieht in Höflichkeitsbezeugungen zunächst irrtümlicherweise politische Akte. Dann wächst er in das Amt und die Verantwortung; warnende Berichte gehen nach Berlin, von denen er sich Eindruck verspricht – sie werden heiter ad acta gelegt, und der Effekt ist nur, daß man ihn nicht mehr richtig instruiert. Er könnte was merken und stören. Bei hereinbrechender Katastrophe glaubt man in Berlin noch an Englands Neutralität, vergeblich sendet der Botschafter seine Beschwörungen. Der Krieg ist da. Lichnowsky hat seinen Höllensturz erlitten. Er hat nicht nur das Unheil nicht aufhalten können, er weiß jetzt, daß man mit ihm gespielt hat. Man hat ihn uninstruiert wirtschaften lassen, weil als Werkzeug zu einem Betrug niemand besser zu verwenden ist als der Ahnungslose. Die Berliner Politik hat den Grandseigneur öffentlich zum Hanswurst gemacht. Jetzt, wo er zusammengebrochen aus England zurück ist, machen sie sich über ihn lustig. Die Geste haben die Herrschaften bis heute beibehalten. Sie ist gedrungen bis ins amtliche Aktenwerk, sie treibt noch 1927 den pedantischen Archivar Thimme zu einer überflüssigen und innerlich unwahren Polemik. Die Republik hatte keine Verwendung für den Verfasser der historisch gewordenen Denkschrift. Sie bediente sich nicht seines geachteten Namens; sie schnitt ihn, boykottierte ihn wie alle, die schon im Krieg zur Opposition gestanden hatten. Grade in ihrer ersten Zeit hätte sie bitter nötig gehabt, alle zu sammeln, alle in vorderster Reihe zu verwenden, die außerhalb der deutschen Grenzen auf Sympathien zu rechnen hatten. So schritt man stolz nach Versailles, um dann entgeistert zu unterschreiben. Der Fürst Lichnowsky ist als verbissener Greis gestorben. Er war ein guter Typus des vornehmen Diplomaten der alten Schule. Aber die Schriften seiner letzten Lebensjahre beweisen, daß er sich leicht in die neue Zeit und ihre Methoden hineingefunden hätte. Doch die Republik wollte ihn nicht. »Carl Ferdinand Carmer war unter der Republik dreimal Minister gewesen, einmal Minister in Preußen und zweimal Minister des Reichs.« So denkt sich der politische Novellist die republikanische Karriere eines Demokraten aristokratischen Blutes, eines Weltmanns und Politikers von künstlerischer Intuition, der zudem noch Kriegsfeind gewesen war. Lichnowsky ist still, wie im Exil, gestorben. Und das war wohl noch das mildeste Ende. Wäre er nochmals hervorgetreten, hätte ihn vielleicht der Herr Oberreichsanwalt konfisziert.   Die Weltbühne, 6. März 1928   Dostojewski ohne Gott Wäre Ilja Ehrenburg ein Allegoriker, er hätte dem Roman von Michael Lykow etwa den Untertitel gegeben: Die Plagen des Lebens. Denn in diesem starken Band (im Malik-Verlag deutsch erschienen) geht es nur um die Widerwärtigkeiten des Lebens, um Krieg und Pestilenz, Straßenkampf, Hunger, Füsilierung und immer wieder Felonie. Ein schauerlich exaktes Bild von der Auflösung einer Gesellschaft, ein rigoroser Naturalismus, neben dem der alte Zola zum milden Märchenonkel wird. Im Mittelpunkt ein kleiner Schieber, Michael Lykow, von seinem Autor bis zur Zärtlichkeit gehaßt, ein kleiner Profiteur des werdenden Sowjetsystems, das seinerseits von der Pfiffigkeit und der desperaten Courage solcher und ähnlicher Lykows profitiert, bis es ihnen schließlich als räudigen Schafen kaltblütig das Fell abzieht. Ehrenburg, der Pathoslose, ist auch in diesem schnell heruntergeschriebenen Buch unter allen Satirikern der Zeit Swift und Voltaire am nächsten. Diese jagende, pausenlose Häufung von Unglücksfällen, das ist die Technik des unsterblichen »Candide«. Ein paar Sätze nur – es handelt sich um eine Besserungsanstalt für minderjährige Verbrecher und Prostituierte, wo sich der Lebenskater der Aufseherschaft in Philanthropie umsetzt und es statt Brot und Kleidern Dekrete gibt: »Des Nachts ließen sich die kleinen Mädchen an einem Strick hinabgleiten und liefen mit dem Schrei: ›Onkelchen, wir können schon!‹ zu den Rotarmisten. Die ›Onkelchens‹ belohnten diese Wunderkinder aus Dankbarkeit für ihre in diesen Kriegszeiten notwendigen Dienste mit Krautsuppe, Wurst und Syphilis. Die Knaben hingegen entwischten vornehmlich zu allerhand Bandenführern. Die weniger Unternehmungslustigen überfraßen sich vor Hunger an Futterrüben und gingen an Dysenterie zugrunde.« Das ist der Stil eines Buches von über fünfhundert Seiten, schrecklich rasant; ein Zynismus, der nicht mehr Männer und Institutionen bewitzelt, sondern nach dem Leben selbst sticht, sich selbst, Streit suchend, am Leben wetzt und wund wetzt. Über den Qualen Dostojewskis thront ein Gott. Bei dem Russen dieser Tage ist Gott delogiert und der Mensch allein. Das Umschlagbild zeigt Ehrenburgs schmales, zerfurchtes Gesicht mit großen, bitter suchenden Augen, die ahnen lassen, daß auch hinter den Verwünschungen dieses neuen Thersites die ewige Klage von Indras Tochter zittert: Es ist schade um die Menschen!   Die Weltbühne, 27. März 1928   Der letzte Kaiser Die Franzosen haben schon so lange keinen König mehr und wissen nichts Rechtes mehr von der Monarchie. Sie kennen die Könige nur noch als friedliche Vergnügungsreisende, die tags offiziell bei der Republik bankettieren und nächstens privat in den Mysterien der Amüsierindustrie verschwinden. Dergestalt ist der König in den festen Fundus Pariser Schwankiers eingegangen. Nur in den Nationen, wo die Monarchie noch heute Gegenwart oder frische Vergangenheit bedeutet, leben auf dem Theater noch die massiven Herodestyrannen, die bösen und die milden Richarde und Heinriche. So stark wirkt die Beschwörung noch immer, daß selbst in Alfred Neumanns historischem Mummenschanz gelegentlich noch eine Maske zeitgenössisch anmutet. Doch die Franzosen haben ihrem Lilienkönig den Kopf abgeschnitten, und seitdem gelingen ihnen keine Könige mehr. Der elegante, wohlerzogene Herr in Jules Romains' »Diktator« scheint kaum um ein so ernstes Ding wie eine Krone zu spielen, viel eher gleicht er in seiner Gentilezza dem reisenden König, der es verschmäht, wegen einer Hotelrechnung zu zanken, und bei Jean-Richard Bloch vollends ist der junge Prinz Roger nur der zärtliche Königssohn, der hinter kleinen Grisetten her ist und in Montmartrekneipen mit roten Agitatoren auf den Untergang der Bourgeoisie toastet. Aber das Schicksal hat Großes mit Bubi vor. Der kaiserliche Onkel und dessen Sohn kommen bei einem Eisenbahnunglück um, und Bubi ist mit einemmal Kaiser. Der Junge hat mit Nutzen das Neueste von vorvorgestern gelesen: Adolf Stoecker und Damaschke und Friedrich Naumanns »Demokratie und Kaisertum«. Er will ein Volkskaiser, will der Arbeiterkaiser werden. Liberale Erlasse ergehen. Der herrschsüchtige alte Kanzler wird verabschiedet. Konflikt mit dem kaiserlichen Hause, den Militärs, den Kapitalisten. Kriegsgefahr. Der junge Monarch ist für den Frieden, aber die Patriotenliga hat schon den Acheron zum Schäumen gebracht. Der Kriegstaumel droht den Thron umzureißen, doch siehe, da bricht die kommunistische Revolution aus, der Kaiser wirft das Zepter hin, um fortan als Genosse unter Genossen zu leben. Denn die Zeit der großen Einzelmenschen ist vorüber, die der Masse angebrochen, so verkündet als Schlußmoral der Genosse Janvier, nachdem er eben seine proletarische Anhängerschaft mit der Routine eines alten Kompaniefeldwebels belobt, gerüffelt und nach Gutdünken hin und her geschoben hat. Es braucht nicht gegen das Stück zu sprechen, daß das Königtum nirgendwo untergegangen ist, weil es zu sozialrevolutionär war, aber Herr Bloch, wie gesagt, kennt eben die Könige nicht, und selbst wenn er sie besser kennte, würde das wenig nützen, weil er eben kein Dramatiker ist und weder für eine gute noch für eine schlechte These werben kann. Was hat aber Piscator damit zu schaffen? Seit wann schwört man da auf Friedrich Naumann? Das Programmheft verrät: »Es scheint, als hätte Bloch uns das Vorbild eines Fachmanns zeichnen wollen, als er uns die Geschichte seines Kaisers erzählte: des Fachmanns der Macht, der kommt, um seinen Platz inmitten des aufstehenden Proletariats einzunehmen.« Die richtigen Revolutionen haben bisher auf diese Fachleute verzichtet, in Rußland besonders hat man nicht nur dem angestammten Spezialisten der Branche, sondern auch seinen ahnungslosesten Anverwandten den Hals umgedreht. Die Republik mit dem Großherzog an der Spitze ist eine deutsche Erfindung, und wenn Bloch und Piscator sie aufnehmen, so zeugt das leuchtend für die triumphale Siegeskraft typisch deutscher Marotten. Natürlich hat sich das Stück auf der Reise von Paris bis zum Nollendorfplatz etwas verändert. Ein paar aktuelle Flicken beleben die graue Eintönigkeit. Der Zettel nennt Herrn Bloch als seinen eignen Bearbeiter, und das ist gewiß ein weiter Sprung von der blutlosen, redseligen Sentimentalität des heiligen Originals bis zur grobdrähtigen Gesinnungstüchtigkeit der Einlagen und Anhängsel. Es soll wohl eine Konzession an die neue Sachlichkeit sein, wenn ein junger Matrose das Lapidarwort »Scheiße« breit und wuchtig hinlegt, so hübsch langsam, wie mit der Schaufel heraufgeholt, was in den letzten Parterrereihen ein leises, schmerzliches Stöhnen hervorruft, weil die guten Leute sich vom Theater gebildetere Vorstellungen machen, während das abgebrühte Parkett leicht darüber hinweglächelt, aber man darf doch bezweifeln, ob grade das der robustere Bloch II dem sensiblen Bloch I abgerungen hat oder ob wir es hier nicht vielmehr mit dem diesmal einzigen Resultat der simultanen Anstrengungen des dramaturgischen Beirats zu tun haben. Der Regisseur Karlheinz Martin erweist sich wieder als das wendigste Talent der Berliner Theater. Wie mühelos er in einen neuen Stil schlüpft! Es ist, bis auf den Charakter, alles da. Das erste Bild auf dem Panzerschiff: Piscator mit Volldampf. Das Zimmer im Schloß mit den vielen Türen, dem Gewimmel der Befrackten und Uniformierten: tüchtiges Moskauer Theater. Packend das vermottete Prunkzimmer der Kaiserinwitwe, wo Frieda Richard wie eine giftige alte Spinne thront, unter Photographien von Hofzelebritäten von 1900. Die Schauspieler sind wieder von Gog und Magog geholt. Eine Assemblee von Prominenzen. Morgen wird Ernst Deutsch wieder bei Reinhardt oder Barnowsky echte Könige spielen, vielleicht den kastilischen Alfonso, der nach Esther von Toledo ruft und an der mißhandelten Leiche des Idols doch die Staatsräson akzeptiert, Frieda Richard, Steinrück, Forest, Werner-Kahle, morgen werden sie wieder bei Barnowsky oder Saitenburg sein. Gäste alle, keiner wurzelt. Und Alexander Granach, der Lenin, der eiserne Stratege des Blochschen Klassenkampfes? Ein kleiner, geschwollener Bierbankpolitiker, der bald Unverständliches schreit, bald Unverständliches murmelt, kein Diktator, sondern die Karikatur eines radikalen Deputierten, der Hannibal Käsmeier des Herrn Hussong, und ein erschreckender Beweis dafür, wie eine große Begabung in einer kurzen Saison verschludern kann, wenn das Herz des Theaterführers mehr bei den Maschinen ist als bei den Menschen.   Die Weltbühne, 1. Mai 1928   »Städte und Jahre« Das Buch, das diesen Namen trägt, hat in Deutschland ein unverdientes Schicksal gehabt. Die Presse, die den Erfolg macht, verschweigt es. Der Verfasser, Konstantin Fedin, ein junger Russe, hat eine Art neuer Histoire contemporaine schreiben wollen, er hat versucht, die überquellende Stoffmasse der Jahre 1913 bis 1921 in einen Roman von normalem Umfang zu pressen. Die Zeitgeschichte des Anatole France ist ironisch und sozial-idealistisch. Doch dieser Russe, den die Epoche Lenin geformt hat, ist nur ironisch, soweit er das in seinen Augen tod- und fäulnisgeweihte Westeuropa betrachtet, in seinem Rußland sieht er unpathetische Arbeit. So werden die Westlichen zu Karikaturen und Puppen, die Russen stehen ernst, wenn auch unverschönt in der Handlung. Das bedeutet auch kompositorisch einen Bruch. Der Verfasser hat nicht den erzählerischen Wirbel Babels, nicht die Teufelsgrazie Ehrenburgs, die über Blut und Kot noch ihre Raketen verspritzt. Aber dieser Roman von Kriegselend, Verschwörungen, Bürgerkrieg, Soldatenräten und Revolutionskomitees ist mit zupackender Festigkeit geschrieben. Es sind Szenen aus dem Deutschland der Kriegszeit drin, die uns unsre Romanciers schuldig geblieben sind. Der Roman ist im Malik-Verlag erschienen.   »Die kritischen 39 Tage von Serajewo bis zum Weltbrand« von Eugen Fischer sind ein historischer Roman und nicht, wie man glaubt, eine historisch-politische Untersuchung. Der Herr Verfasser ist zwar Sachverständiger des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses für die Kriegsschuldfragen, hat gewiß eine beträchtliche Aktenkenntnis erworben, aber hier macht er wenig Gebrauch davon, sondern begnügt sich mit einer gemütvollen Zubereitung. Während sonst in Kriegsschuldbüchern aller Welt nur Schurken und Unschuldlämmer agieren, sieht Herr Fischer in den Staatsmännern von 1914 arme Getriebene, Gezeichnete des Schicksals, die unter bittern Gewissensqualen das große Sterben über die Menschheit verhängten. Es ist jedenfalls nett, daß einer diesem vielbehandelten Stoff nun auch eine seelsorgerische Seite abgewonnen hat. Gewiß, es fällt kein böses, verletzendes Wort – selbst Grey und Poincaré sind die Satanshörner abgeschraubt, selbst Lichnowsky widerfährt Gerechtigkeit –, aber ich empfinde es etwas fatal, daß der deutsche Schuldanteil dabei diminutiv wird und, wo sich ein Fleckchen zeigt, es sogleich vom allgemeinen Tränenregen fortgespült wird. Das österreichische Ultimatum erscheint Herrn Fischer als ein ziemlich normaler diplomatischer Akt, er begreift die Aufregung darum nicht. Was hätte es schon geschadet, wenn Serbien für geraume Zeit unter die gute Zucht der österreichischen Monarchie gekommen wäre? »Auch Serbien«, meint der Herr Verfasser nämlich, »war ein Land, dem die geistige und sittliche Führung durch eine hochentwickelte Großmacht des europäischen Kulturkreises noch lange Zeit hätte nützen können«, und blickt uns aus guten Tübinger Theologenaugen fragend ins betroffene Antlitz. Das Buch ist bei Ullstein erschienen, aber es gehört zu Diederichs.   Die Weltbühne, 5. Juni 1928   Antworten Polizeipräsident Zörgiebel. Ihre Streitkräfte haben wieder ein paar beträchtliche Siege über die Berliner Bevölkerung errungen. Es hat wieder Tote und Verwundete gegeben, Schüsse krachten, Gummiknüppel flogen. Am Sonnabend vor Pfingsten entwickelte sich in der Charlottenburger Bismarckstraße an einer Straßenecke ein kleiner Konkurrenzkampf zwischen einem Autobus und einem Zug von Rotfront-Leuten. Der Autobus siegte, und es gab bei den Roten einige Mißstimmung. Ein alltägliches, nein, allstündliches Ereignis im großen Berlin, ohne daß deshalb gleich wahllos in die Menge hineingeschossen wird. Wann wird denn auf die Rechtsverbände gleich scharf geschossen? Wie viele Wochen sind es her, daß eine Hitlerbande am Kurfürstendamm wütete, während der verantwortliche Polizeioffizier irgendwo in einer Nebenstraße gemächlich in die Luft guckte? Bei dem Zwischenfall in der Bismarckstraße wurde um ein Nichts ein Mann zu Tode getroffen, ein Kind schwer verwundet. Ein Journalist, der diesen Vorfällen als Berichterstatter beiwohnte, erzählt, daß der Vater des Kindes zwei Polizisten verzweifelt zurief: »Ihr habt mein Kind ermordet!«, worauf die beiden den Journalisten aufforderten, er möge ihnen helfen, den Mann festzustellen. Doch der tat, mit Recht, nicht dergleichen, sondern fragte die Polizisten sanft, warum denn eigentlich. »Warum?« schrie der eine. »Er hat ›ihr‹ zu uns gesagt. Der Kerl hat ›Sie‹ zu sagen!« Daß die Polizei übrigens gar nicht daran denkt, selbst zu ihren Vorgesetzten »Sie« zu sagen, beweist die bis zur Stunde unbestrittene Meldung, daß am Sonnabend an der Frankfurter Allee der Vizepräsident des Polizeipräsidiums, Herr Doktor Weiß, von den eignen Leuten mit Gummiknüppeln bearbeitet wurde, als er bei einem neuen Zusammenstoß mit Kommunisten zur Besonnenheit mahnen wollte. Schweig, mein Herz ... Das ist die Apotheose der Berliner republikanischen Polizei, dieses gern herumgezeigten Prunkstückes neupreußischer Organisationskunst. Es hilft nichts: unter Grzesinski und Friedensburg war es besser. Seit Herr Zörgiebel aus Köln dort regiert, wächst Roheit und Zuchtlosigkeit wieder wie in der berüchtigten Ära Richter. Die Leute sind immer überreizt und wütend, man hat das Gefühl, daß sie dauernd scharfgemacht, dauernd verhetzt sind. Gegen Rotfront und Reichsbanner wird rücksichtslos dreingeschlagen, sonst weitgehend Schonung geübt. Die Vorfälle der letzten beiden Wochen schreien nach einem Wechsel in der Leitung. Demission, Herr Präsident, Demission!   Die Weltbühne, 5. Juni 1928   Die große republikanische Partei Sehr verehrter Herr Theodor Wolff –! Seit Sie unter dem Eindruck der demokratischen Wahlniederlage den Gedanken der großen republikanischen Partei zur Erörterung gestellt haben, will mich die Erinnerung an den Winter 1924 nicht verlassen, wo zwei Redakteure der »Berliner Volks-Zeitung«, Karl Vetter und ich, das Palais Mosse verlassen mußten, weil sie sich an der Gründung der kleinen republikanischen Partei beteiligt hatten. Ich will nicht verschweigen, daß Sie damals so gütig waren, sich um eine friedliche Beilegung des Konfliktes zu bemühen, obgleich Sie für unsre Anschauungen und Pläne nicht viel übrig hatten. Von uns wurde damals Eintreten für die Demokratische Partei im bevorstehenden Wahlkampf verlangt; Ihr Vorschlag ging dahin, daß wir wenigstens nichts gegen die Partei unternehmen sollten. Seltsam, jetzt sind Sie schon lange nicht mehr Mitglied jener Partei, die in Ihrem Redaktionszimmer gegründet worden ist, und daß Sie in Ihrer Umrißzeichnung neuer Möglichkeit die Namen Stresemann und Wirth im Vordergrund plazieren und keinen der Demokratenführer erwähnen, zeigt überdeutlich, wie gründlich bei Ihnen das Kapitel Demo-Partei zu Ende ist. In Ihrer Konzeption lebt eine Partei mit neuen Führern und auf andre Schichten gestützt. Ich möchte keine Parallele wagen zwischen unserm bald zerschellten Unternehmen und Ihren Plänen. Wir hatten kein großes, machtvolles Gebilde im Auge; jeder von uns fühlte sich als Vorposten, als enfant perdu. Die schweren Parteikolonnen der Linken ließen die Republik in den Händen ihrer Gegner. Es mußte ein Signal aufsteigen, mußte begonnen werden, einerlei, wer schließlich fortsetzte. Trotzdem war damals die Situation günstiger als heute. Noch zitterte die Erregung von 1923 nach, und in den linken Parteien war die Erbitterung gegen die ewig gängelnden und hemmenden Bürokratien aufs höchste gestiegen. Noch war das Reichsbanner nicht erfunden, um den natürlichen Opponier- und Protestiertrieb der jungen Leute aufzufangen und abzulenken. Heute herrscht überall wieder Ruhe und Ordnung. Aber ob eine große oder kleine Partei gegründet werden soll, die Frage ist doch, an wen sie sich zu wenden hat. Hier sehe ich sehr dunkel. Denn wo, wo sind im deutschen Bürgertum die Massen für eine demokratisch-republikanische Partei, die nicht sozialistisch ist, aber gegen den Sozialismus doch mehr und Besseres verteidigt als Tresorinteressen – wo sind sie? Im November 1918 formulierten Sie als Aufgabe der Demokratischen Partei (ich zitiere aus dem Gedächtnis): Nicht mitzuhindern, mitzuhelfen bin ich da! Etwas andres können Sie der neuen Partei auch nicht auf den Weg geben, und wo wäre man im Bürgertum bereit, aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit der Arbeiterschaft etwa Positionen einzuräumen, die mehr als nur papierne Bedeutung haben? Die deutsche Bourgeoisie hat den Militarismus knurrend preisgeben müssen; was ihre nationalistische Grundüberzeugung nur mit dickerer Hornschicht überzogen hat. Sie wird, im Laufe der Zeit, auch über den Nationalismus mit sich reden und handeln lassen, aber ihre kapitalistischen Positionen wird sie nur um so stärker befestigen. Mir scheint, daß Sie die Geistesbeschaffenheit unsres Bürgertums zu arglos einschätzen. Mir scheint aber auch, daß Ihr Entschluß, neuen Boden zu schaffen, zu spät kommt. Ich würde es für eine Plumpheit halten, Ihnen wieder und wieder zu versichern, daß ich Sie als bewunderungswürdigen Publizisten verehre, und ich betone es hier nur, weil ich glaube, daß Ihnen die Geister der Sprache williger gehorchen als die der Politik. Ich weiß, daß Sie sich nach langem Schwanken und Schwenken im Endeffekt doch stets nach der richtigen und bessern Seite geschlagen haben. Aber ich kann auch nicht verschweigen, daß Sie oft sehr spät nachgerückt sind, daß ohne Ihren Montagskrieg gegen Poincaré und Beneš die deutsche Öffentlichkeit sich ein paar Jahre eher vor jenen außenpolitischen Tatsachen gebeugt hätte, die heute nur noch in München geleugnet werden, und daß uns viel Leid erspart worden wäre, wenn Sie nicht unbegreiflicherweise Herrn Cuno für einen Staatsmann gehalten hätten. Ihre außenpolitische Intransigenz zwischen Versailles und Locarno mußte irritieren, um so mehr, da wir wußten, daß Sie selbst in den tollsten Zeiten der Kriegszensur nicht einen Augenblick vor dem nationalen Tumult kapituliert haben. Die Demo-Partei ist aber grade in den Zeiten der außenpolitischen Wirrnisse aufs engste mit dem »Berliner Tageblatt« liiert gewesen. Wir haben da oft schmerzlich auf ein regulierendes Wort gewartet. Es ist nicht gekommen. Und wenn Sie jetzt die Partei verlassen haben – ich bitte um Verzeihung, wenn ich hier Unrichtiges unterstellen sollte –, es war das doch kein Bekennerakt, sondern eine taktische Präventivmaßnahme, um das größte deutsche Blatt rechtzeitig von einer fragil werdenden Partei abzulösen. Das Schund- und Schmutzgesetz bot die wirkungsvolle Gelegenheit dazu. Denn was bedeutete es, dies Protektionskind einiger liberaler Philister, betreut von Theodor Bäumer und Gertrud Heuß, rührigen Windelwäscherinnen der deutschen Bildung – was bedeutete es ernsthaft neben der jahrelangen Mißhandlung der Republik durch Geßler und seine Satelliten? Auch Sie selbst tragen ein Stück Mitschuld, daß sich innerhalb des demokratischen Bürgertums ein linker Flügel nicht entwickeln konnte. Und diesem Bürgertum muten Sie heute ein Programm zu, das es als wahrhaft jakobinisch empfinden muß! Zu meinem Bedauern sehe ich die Schicht nicht, aus der die neue Partei wachsen soll. Aber mir scheint es auch mit den Führern nicht besser zu stehen. Sie nennen Wirth und Stresemann. Joseph Wirth, gut. Aus der katholischen Partei geschieden, ein mit dem Bannfluch Belegter; ein Kandidat ohne Wähler. Ein Mann der Versammlungserfolge, mit einem Publikum, das andre Parteien wählt. Aber gar Gustav Stresemann als sozial-radikaler Republikaner! Ich bin nicht verbohrt genug, um in ihm nicht den erfolgreichsten deutschen Politiker seit Jahrzehnten zu sehen. Aber deshalb ist er noch immer kein deutscher Caillaux – denn eine solche Erscheinung müßte der Führer doch sein –, sondern ein maßvoll konservativer Ordnungspolitiker, ein Industriepolitiker, der Pazifismus und Demokratismus notgedrungen anwendet, gleichsam mit Gummihandschuhen, um auch nur die kleinste Infektion zu vermeiden. Stresemann ist ebensowenig pazifistischer Demokrat, wie Bismarck Lassalleaner war, weil er von Lassalle das allgemeine Wahlrecht übernommen hat. Wenn aber die neue Partei Sinn haben soll, dann hat sie nicht nur die außenpolitische Konsolidierung der letzten Jahre zu wahren, ihre vornehmste Aufgabe wird innenpolitisch sein, sie wird sich mit der Wehrmacht und mit der Justiz ernsthaft auseinandersetzen müssen, und sie wird sich vor allem dem Faktum eines äußerst verschärften Klassenkampfes gegenübersehen. Um da mehr zu leisten als die beiden jetzigen liberalen Parteien, dazu gehört die Entschlossenheit, nicht vor dem Weg ins Unbekannte zurückzuschrecken. Daran aber fehlt es. Und wieviel daran fehlt, das hat niemand glücklicher formuliert als Herr Erich Koch, der vor ein paar Tagen in einem Artikel zur Rechtfertigung seiner Partei geschrieben hat: »... schließlich kann man doch eine Partei nicht gründen, um Gelegenheit zu haben, aus ihr auszutreten. Lieber als das Nomadenzelt des unsteten Wanderers ist mir schließlich doch noch das Weekendhaus.« Citoyen Koch hat sich hier, an eine Wendung von Ihnen anknüpfend, einen kleinen Scherz erlauben wollen, aber ahnungslos eine schreckliche Wahrheit dekuvriert. Das ist nämlich das Elend der Demokraten gewesen, dieser Wochenend-Radikalismus, der im Alltag »der Politik des Möglichen und Erreichbaren« Platz zu machen hatte. Der Charakter als Sonntagshose, der Geist als Patentkocher, auf dem die Mahlzeit für die Weekendgäste hergerichtet wurde. Sonntags gab es Heinrich Mann, werkeltags Külz. In allen wichtigen Dingen entschied man sich für die praktische, das heißt: für die bequemste Lösung. Keinen der Irreführer und Versager hat man hinausgesetzt: die Gothein und Schiffer sind von selbst gegangen, und nicht einmal Geßler ist geflogen, sondern nach einem von ihm arrangierten Krach mit selbstbewußtem Gepolter abmarschiert. Wenn man jetzt sogar liest, daß bei den liberalen Einigungsplänen wieder der Herr Staatsminister a. D. Fischbeck herumfummelt, dann fragt man sich, wie es möglich ist, daß diese unsagbare alte Karkasse von einem Fortschrittsmann, dem Sie schon vor zwei Jahrzehnten mit einem glänzend versifizierten Stoß ein paar Rippen verbogen haben, noch immer eine Rolle spielen kann. Hier könnte man über publizistische Wirksamkeit zu sehr trüben Schlüssen gelangen: einem Verderber und Schädling des alten Liberalismus sind eben nur ein paar Rippen verbogen worden, die schärfste Abschüttelung durch das führende liberale Blatt hat den Mann für seine Partei nicht erledigen können. Zwanzig Jahre später wirkt er, noch etwas mehr verbeult, aber sonst noch leidlich frisch, im alten Sinne an gleicher Stelle. Daß Sie die Personenfrage nicht richtig einschätzen, bezeugt mir Ihre kurze, etwas wegwerfend spöttelnde Bemerkung über Hellmut von Gerlach. Sehen Sie, hier ist ein Mann, der seit Jahrhundertbeginn im Geiste dessen wirkt, was Sie jetzt wollen, und der immer wieder gelästert und gehemmt wurde, nicht nur von den Fischbecks, sondern auch von Ihnen und Ihrer Zeitung, weil er immer ein paar Jahre voraus war. Wenn er seine polemische Begabung heute vornehmlich zu spitzen Glossen gegen die »Deutsche Jägerzeitung« verwendet und als große Lösung Vereinigung von Demo-Partei und Strese-Partei propagiert, so ist das nicht, wie Sie zu glauben scheinen, Schlappmacherei, sondern das Ergebnis bitterer Erfahrungen, nach vielen Fehlschlägen eine mimosenhafte Scheu vor allem, was experimentell aussieht und ins Vage zu führen scheint. Der Spott war um so weniger gut angebracht, als Hellmut von Gerlach zu den nicht sehr zahlreichen Demokraten zählte, die im Kriege in bewußter Opposition gestanden haben und deshalb nachher auch promptest aus der Partei hinausbugsiert wurden, wobei sich gewisse Herren besonders hervortaten, die sich mit dem neuen Weimarer Mundwasser noch nicht einmal richtig die Kaiserhochs ausgegurgelt hatten, die ihnen noch im Halse klebten. Damit kommen wir zu einem leidigen, jedoch unvermeidlichen Punkt. Es ist das ärgste Übel des deutschen Republikanismus, daß man diejenigen, die mindestens in den letzten Jahren des alten Regimes schon Republikaner gewesen sind, kaum mit der Diogeneslaterne finden kann. Begibt man sich auf die Suche, gerät man nicht etwa auf eine unterirdische revoluzzernde Geheimliteratur, sondern auf höchst legitime Kaisergeburtstagsreden und ähnlichen Festtagsschmaus. Schweigen wir von Herrn Külz, auch Citoyen Koch hat einiges geleistet, und von Herrn Minister Becker, dessen Verdienste ich gar nicht verkleinert wissen möchte, ist jetzt eine Schrift zum Preise Wilhelms ans Licht gekommen, die ihn gewiß bereuen läßt, sie nicht in einer der ihm geläufigen vorderasiatischen Mundarten abgefaßt zu haben, um etwaiger Popularität vorzubeugen. Nun kann sich gewiß aus einem Royalisten ein Anhänger des Freistaates entwickeln, aber wer einmal Byzantiner gewesen ist, wird niemals ein guter Republikaner werden, weil ihm das Hudeln und Wedeln zur Natur geworden ist und sich tief im Unterbewußtsein festgesetzt hat. Wenn ich resümieren soll: ich wünsche Ihnen guten Erfolg, aber daran zu glauben vermag ich nicht. Ich bin leider überzeugt, daß für den republikanischen Demokraten, wie Sie ihn proklamieren, das den Festgesessenen so suspekte Nomadenzelt die einzige Behausung sein wird, jetzt und in Zukunft. Das ist ohne Spott gesagt; ich würde ja die eigne Vergangenheit schlagen, wollte ich über Ihren jetzt von allen Opportunismen endlich frei gewordenen Willen scherzen. Mag Herr Erich Koch in seinem Wochenendhaus das Heckerlied singen – grade in den Kämpfen dieser Epoche, wo die Parteien so schön satt und kugelrund dasitzen, ist ein Stamm von Nomaden notwendig, von Unseßhaften und Beweglichen – Eilboten der Idee. Sie sind friedlos und nirgends gern gesehen, sie streifen suchend durch die Nacht. Der Schein ihrer Feuer zeigt an, daß nicht alles schläft.   Die Weltbühne, 19. Juni 1928   Disraeli Um 1860. Im Parlament von Westminster vor den Bänken der Konservativen ein schwarzgekleideter Herr von hier fremdartigem brünettem Typus. Die ursprünglich olivfarbene Haut ist im Laufe der Jahre bräunlich geworden; die Unterlippe springt stark vor; ein seltsamer schwarzer Kinnbart fällt auf die weiße Hemdbrust. Dieser Herr ist der Führer einer starken Gruppe flachsbärtiger, blauäugiger Gentlemen – Landjunker und Industrielle. Er hat seine Leute gut am Bande, aber es ist wenig Liebe dabei, denn die Squires kennen wohl seine geistige Überlegenheit, doch ist ihnen der Mann etwas unheimlich, der vor einigen zwanzig Jahren als verschuldeter Literat zu ihnen kam, der noch heute, als Respektsperson, Romane veröffentlicht. Im stillen schämen sie sich wohl auch ein bißchen, einem Bücherschreiber und Intellektuellen gehorchen zu müssen. Es ist etwas Hexerei um den Mann. Die Witzblätter zeichnen ihn als Mephisto, der Faust, den Konservativen, führt. Das ist Herr Benjamin Disraeli, Sohn des Isaak d'Israeli, eines reichen Sonderlings von literarischen Neigungen, dessen Vater einst aus Florenz zugewandert war. Im Juni 1878 wartet ganz London auf Lord Beaconsfield, den Premierminister des Reiches, der soeben in Berlin auf dem Kongreß nicht nur die Sache seines Landes glänzend verfochten, sondern auch den europäischen Frieden gerettet hat. Am Arm seines Sekretärs wankt ein gebückter, uralter Mann, kaum fähig mehr, ohne eine stimulierende Droge eine Ansprache zu halten. Noch ein paar Jahre lebt er, ein unwahrscheinliches Gespenst im roten Schlafrock, vereinsamt in seinem Landhause. Die Geschichte dieses seltsamen Lebens hat nunmehr Andre Maurois geschrieben, ein Franzose, der England gut kennt und auch Shelley eine bemerkenswerte Studie gewidmet hat. Seine Biographie Disraelis ist jetzt in ausgezeichneter Verdeutschung bei S. Fischer erschienen, ein Werk von sehr klassischer Haltung, glücklich geleitet von der besondern französischen Gabe, Dunkelheit in Lichte aufzulösen oder gar nicht zu bemerken; ein Hauptstück der in den letzten Jahren wiederentdeckten Kunst, Biographien zu schreiben. Was früher mit historisch-politischen Details befrachtet gewesen wäre, lebt und schwebt jetzt frei von Fußnoten und gewichtigen Quellennachweisen. Es wird um den Helden keine »Zeit« entwickelt, sparsam ausgewählt nur sind die zur Illustrierung der Epoche erforderlichen Beispiele, in ihm selbst manifestiert sich das Zeitalter. Erstaunlich gut versteht Maurois, die zahlreichen politischen Fragen, die mit dem Thema verquickt sind, zu behandeln. Er nimmt nicht Partei, versucht auch nicht viel zu erläutern, leidenschaftslos, knapp und klar beschränkt er sich aufs unbedingt Notwendige; er schreibt ganz unpointiert, ganz ohne Blick auf Aktualitäten. Nirgendwo versucht er seinen Leser zu verleiten, Benjamin Disraeli für eine große tragende Figur der Geschichte zu halten; seine ruhige Geste, diese Gestalt darzubieten, zeigt die Distanz, mehr noch zeigt sie der immer etwas verschleierte Stil, ein Stil, der sich in einer fast unmerklichen Vergilbtheit trägt und diesem Werk eines Autors von heute einen kleinen herbstlichen, fast altmodischen Reiz verleiht. In diese Zurückhaltung legt er sehr noble Kritik. Nichts ist uns heute ferner als die Zeit, in der unsre Väter jung waren. Es wird eines recht deutlich: das neunzehnte Jahrhundert war die Epoche der großen Parlamentarier. Heroische Redekämpfe wurden in den Kammern ausgefochten. Noch ist der nivellierende Restaurationsbetrieb nicht in die Parlamentshäuser eingezogen; nachts warten die Frauen draußen am Themseufer im Wagen, für Minuten eilen die Deputierten hinaus, um eine kalte Pastete zu verschlingen. Denn die Sitzungen gehen oft bis zum Morgen. Es ist ein großes Geschlecht, das hier seine Turniere auskämpft. Ein Kapitel, wie Disraeli, von der eigenen Fraktion abfallend, gegen den gewaltigen Tory-Führer Sir Robert Peel aufsteht, ist von einer mächtigen dramatischen Spannung und heute in keinem Parlament mehr denkbar. Und wie großartig wird in diesen Reden Geist vergeudet, wie anspruchsvoll ist die Form, wie schwer machen es sich alle diese Männer! Doch auch die Minusseite wird deutlich: die hier wahrhaft wie große Herren kämpfen, sind alle aus einer Schicht. Sie mußten alle über die Teppiche der Gesellschaft von Mayfair gehen, alle diese Karrieren ruhen auf seidenen Kissen. Die Wahl selbst ist eine schlechte Posse, die durch Stimmenkauf erledigt wird, aber sie kostet ein Vermögen und wird nur durch reiche Gönner und Freundinnen möglich. Alle Politiker müssen sich von der großen Welt ins Parlament tragen lassen; sie werden von Frauen lanciert oder lancieren selbst welche; sie müssen die besten Clubs passieren, die auffallendsten Diners geben, bei dem elegantesten Schneider arbeiten lassen, durch die teuersten Mätressen glänzen und den stets möglichen Ruin mit Gelassenheit hinnehmen. Der junge Disraeli, den man gern »Dizzy« nannte, war Dandy und Literat, aus dem Judentum früh ausgeschieden, von einem romantisch ritterlichen und, alles nur in allem, gräßlich versnobten Engländertum erfüllt. Was ihn über diese fade Gesellschaft erhebt, ist sein grenzenloser Machthunger, der seinem eher spitzen, kritischen und ruhelosen Intellekt wahre Wunder abzwingt. Als ein berühmter Minister den Verfasser einiger Moderomane, den Amuseur, den Pagen und oft wohl auch Parasiten vornehmer Damen einmal fragt, was er denn eigentlich werden wolle, antwortet er keck und knapp: »Premierminister ...« Und ein andermal, als in einer kleinen Konversation mit drei Salonschönheiten die schwere Frage erörtert wird, welches Los das begehrenswerteste sei, da bricht der junge Stutzer wahrhaft bonapartisch aus: »Ein glänzender, ununterbrochener Triumphzug von der Jugend bis zum Grabe.« Solche Reden machen suspekt. Obgleich Herr Disraeli die elegantesten Röcke trägt und mindestens soviel Schulden hat wie ein Herr von Geblüt, ist eine frostige Zone um ihn. Der Verfasser von Tendenzromanen, von Emanzipationsromanen, der außerdem die Bedeutung der Arbeiterfrage früh erkannt hat, während Manchester noch Trumpf ist, bleibt eine verdächtige Erscheinung. Man traut ihm viel gefährliche charakterlose Durchtriebenheit zu oder nimmt ihn ganz einfach als Phantasten. Er hat Imagination, Sarkasmus und eine deklamatorische Beredsamkeit, die nach schöner Literatur schmeckt. Er ist im Grunde viel englischer, als man denkt. Seine Neigungen gehen auf ein schönes altes englisches Haus, in einem schönen alten englischen Park. Er möchte Landherr sein wie die Freunde, mit denen er im Club spielt und trinkt. Als Politiker debütiert er erfolglos bei den Radikalen, dann schwenkt er, ohne Übergang, zu den Torys. Bei den Konservativen findet er das gute bodenständige und unverbrauchte Engländertum, das er innig liebt; diese Leute sind zwar rückständig, aber ganz sie selbst. Bei den Liberalen verachtet er die Hypokrisie, das humanitäre und puritanische Geschwätz, das so oft merkantile Interessen verbirgt. Aber niemals, auch nicht in seinem späten überwältigenden Triumph verläßt ihn das Gefühl tragischer Einsamkeit. Als Jüngling hat er den leuchtenden Kometenzug Byrons erlebt, die Pose Don Juans, die Pose von Melancholie und Verruchtheit, die beliebte Kavaliersgeste von 1830 ist ihm ins Blut gegangen, eine ästhetische Salonhaltung ist in ihm Wahrheit geworden. Vor sich selbst ist er immer wie einer der abtrünnigen Engel Miltons. Und die andern wissen es; sie beugen sich, aber keiner liebt diesen mit Fegefeuer getauften Juden. Vieles an dieser Jugend erinnert an Ferdinand Lassalle ... Vielleicht wäre auch Disraeli ein großer Radikaler geworden. Die Erkenntnis dazu hatte er. Doch mit zweiunddreißig Jahren kommt er als Konservativer ins Parlament. Unter schwarzgekleideten Gentlemen ein Dandy in flaschengrünem Rock mit weißer, kettenbehängter Weste. Erstaunt und belustigt blickt alles auf den affektierten Herrn, dessen matt-ovales Gesicht, von schwarzen, sorgsam gekräuselten Locken umrahmt, exotisch wirkt. Seine Beredsamkeit fällt hier ab. Er legt sich mit irischen Abgeordneten an, die Sache der Torys mit dem Pathos Dantons vertretend. Es gibt einen ungeheuren Skandal. Die Whigs und die Iren pfeifen ihn aus. Die Freunde gucken steif in die Luft. Da geschieht, was diese respektable Versammlung noch niemals erlebt hat. Der Debütant, anstatt sich zu trollen, schreit, die Hände erhoben, den Mund weit aufgerissen, mit übermenschlicher Stimme in den Tumult hinein: »Ich setze mich jetzt; aber die Zeit wird kommen, da Sie mich anhören!« So schreit ein verwundeter Ehrgeiziger, ein junger Bonaparte, der nicht General werden darf, sondern warten muß, warten ... Im Saal ist es ganz ruhig geworden. Achselzucken. Lord Stanley, sein Parteiführer, nimmt das Wort und geht nicht mit einer Silbe auf den Zwischenfall ein ... Doch der Debütant hat gelernt. Seine Rede wird von nun an schmuckloser. Später spricht er ganz und gar mit jener nüchternen Präzision, die immer die besten politischen Rhetoren Englands ausgezeichnet hat. Aber durch Jahrzehnte noch bleibt das Mißtrauen um ihn. »Weiß doch niemand recht, an wen der glaubt ...« Der Aufstieg erfolgt langsam. Bonaparte muß sich ans Warten gewöhnen. Jugend schwindet. Pathos weicht der Berechnung. Ein kalter, unbarmherziger Dialektiker ist es, der als Zweiundvierzigjähriger den großen Premierminister Sir Robert Peel stürzt, den Konservativen, der sich Cobdens Freihandelsprinzipien verdächtig genähert hat. Jetzt ist Disraeli in der Leadership. Er wird dreimal Schatzkanzler, zweimal Premier. Das letztemal hält er sich von 1874 bis 80. Es ist das große Kabinett der Bildung des Empire und des Konfliktes mit Rußland, der auf dem Berliner Kongreß mit Englands Sieg endet. Die außenpolitische Superiorität, die unter den liberalen Führern Lord John Russell und Gladstone verlorengegangen ist, wird wiederhergestellt, innere Reformen kommen hinzu, die den Whigs Wind aus den Segeln nehmen. Benjamin Disraeli wird der Schöpfer jenes bürgerlichen England, das sich in seiner seltsamen Mischung von Reaktion und Fortschritt bis in unsre Tage hält und dem erst heute im roten Rußland ein neues, seine Existenz bedrohendes System gegenübersteht. Der alte Disraeli humpelt gichtbrüchig und asthmatisch durch seinen Triumph dem Grabe zu. Aber der Geist im verfallenden Körper ist leichter und beherrschter als je. Spielend leitet der Greis die schwer behandelbare Königin, die den korrekten Gladstone verabscheut. Denn sein Vortrag ist grazil und mit Anekdoten gespickt, er nimmt die Königin ganz als Frau, während der ehrenfeste Whig Gladstone in ihr vornehmlich eine verfassungsmäßige Institution sieht, an die er mit einer in Massenversammlungen erprobten Stimme seine Ansprachen richtet. Der alte Disraeli, der als junger Beau mit den Töchtern Sheridans kokettiert hat, bringt einen letzten späten Hauch von Rokoko in die gähnende Langweiligkeit der königlichen Gemächer. Es ist nicht ohne Ironie, daß dieser letzte große Courtisan, der gewiß einer neuen Semiramis würdig gewesen wäre, eben nur der Seladon der Queen Victoria war, die nach kurzem romantischem Eheglück prüde und philiströs wurde, solide englische Küche liebte und stark in die Breite ging. Die andre und größere Ironie, die des historischen Geschehens aber ist, daß der Mann des endgültigen bürgerlichen Durchbruchs in England eben der Führer einer Partei war, die man gemeinhin mit dem Rückschritt identifiziert. Jetzt erst ist in der Politik das Monopol der Feudalherren erledigt, die Aristokratie wird zur pomphaften heraldischen Attrappe; die Regierung gehört von nun an den Männern, die die Zeit braucht. Von nun an ist der Weg frei für die begabten Außenseiter, für den robusten Radikalen Lloyd George, der den Krieg gewinnen, für Rufus Isaacs, der als Lord Reading nach Indien gehen und noch einmal das Imperium retten wird. In seinen letzten Jahren sieht Disraeli im Unterhaus einen Abgeordneten von Birmingham, dessen selbstbewußte Art, sein Monokel zu tragen, den Stutzer von 1830 ärgert. Es ist Joe Chamberlain, der sein Werk fortsetzen wird ... André Maurois beherrscht die große Kunst, die Geschichte eines solchen Lebens ganz zeitlos vorzutragen. Das ist um so schwieriger, da vieles, um was vor fünfzig Jahren gestritten wurde, auch noch heute nicht ausgekämpft ist, vieles nur den Namen gewechselt hat. Die kluge Dämpfung ist die besondere Virtuosität des Herrn Maurois, und er zeigt seine schriftstellerischen Gaben nirgends glänzender, als wenn er von Gladstone spricht, Disraelis heftigstem Rivalen, dem er gewiß ähnliche Gefühle entgegenbringt wie die alte Dame von Windsor. »Gladstone hatte sein ganzes Leben hindurch sich wie der kleine Junge in der Sonntagsschule geführt. In Eton sprach er morgens und abends sein Gebet. In Oxford tranken 1840 die jungen Leute weniger, weil 1830 Gladstone dort gewesen war.« Kann man eleganter einen Abgrund von Hohn aufzeigen? Gewiß sind es Stöße mit umwickelter Spitze, aber die Waffe ist edel, und man liebt die Hand, die sie führt. Grade bei solchen Sätzen wird von neuem kund, daß sie nur in einer Sprache gedacht werden konnten und weshalb diese Sprache für ein paar Jahrhunderte Europa beherrscht hat.   Die Weltbühne, 10. Juli 1928   Klabund Et meure Paris et Helaine, quiconques meurt, meurt à la douleur ... François Villon Während grade in einigen Zeitungen über die Zukunft oder die Zukunftslosigkeit der Lyrik disputiert wird, stirbt der letzte freie Rhapsode, der letzte aus dem alten Geschlecht dichtender Vaganten, dem das Versemachen so sehr Element war, daß es diesen gebrechlichen Leib für lange Jahre allein an die Erde zu binden schien. Seine Begabung war unruhig und zuckend; in Beweglichkeit und Maskenkunst ohne Grenze. Es floß immer in einem schmalen Bändchen alles durcheinander: Heine, Rimbaud, Exoten, Rudolf Baumbach, Wedekind, Eichendorffs Mondscheinlyrik und Dialektwitz; Pathos, Melancholie und Biertischzote. Aus dem Einfall wurde blitzschnell Rhythmus, Wort, Refrain. Und über allem schwebte die einschmeichelnde Libertinage des Namens Klabund. Er hatte keine Zeit und wußte es. Vieles von dem eilig Hingedichteten wird verwehen, trotzdem mehr übrigbleiben als von den meisten bändereichen Lyrikern seit Heinrich Heine. Vielleicht auch »Moreau«, gewiß »Bracke«. Von seinen siebenunddreißig Jahren waren zwanzig eine rohe, handgreifliche Auseinandersetzung mit dem Tode. Ewige Flucht ins Sanatorium, Flucht vor dem kühlen Luftzug, Erbeben vor einem kleinen Kratzen im Halse, das den nächsten Anfall anzeigt. Das ist ein unmißverständliches Schicksal. Die Herren Poeten pflegen sonst immer sehr allgemein »am Leben« zu leiden. Die Herren Lyriker namentlich pflegen von früher Jugend an mit dem Tod auf gutem Versfuß zu stehen, seinen Namen unnütz zu führen, um doch bald solide zu heiraten und kleine Kinder und dicke Romane zu zeugen. Im Fall Klabund war das Leiden grausam deutlich lokalisiert. Unter seinen vielen Schriften gibt es einen kleinen, wohl ganz vergessenen Band: »Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde«, der vor acht Jahren in einer Serie herausgekommen ist, die sonst bitterernsten Bildungszwecken diente. Da wird über verstaubte Größen der Literaturgeschichte, die kein Scherer sonst ungeschoren läßt, so freundlich und kurzweilig abgehandelt wie hier: »Heinrich Laube (aus Sprottau, 1806-1884) schlug die dramatische Pauke, daß einem Sehen und Hören verging. Sein ›Graf Essex‹ war das erste Theaterstück, das ich als Knabe auf der Schmierenbühne einer märkischen Kleinstadt sah. Niemals mehr hat ein Drama solchen Eindruck auf mich gemacht. Ich sehe noch immer den schlotternden Essex im Kerker sitzen und höre auf einem vom Bäcker geborgten blechernen Kuchenteller zwölfmal die Stunde des Gerichtes schlagen. Alle Schauer jagen mir im Gedächtnis daran über den Rücken, und ich drücke den vereinigten Geistern von Laube und Essex pietätvoll und gerührt die Hand.« Klabund (Alfred Henschke aus Crossen, 1890-1928) wird in die Literaturgeschichte und Nachschlagewerke eingehen. Möge er Federn finden, die so anmutig die Erinnerung an sein kurzes, krankes, melodienreiches Leben wahren.   Die Weltbühne, 21. August 1928   Das Wunder Daumier Seit zwei Jahren etwa gibt Hans Rothe im Verlag von Paul List das zeichnerische Werk Daumiers in schönen, fast sträflich billigen Einzelbänden heraus. Unser Lieblingsthema, der Vorwurf gegen das teure deutsche Buch, trifft hier nicht zu. Ein Quartband von vierundsechzig makelfreien Tiefdruckreproduktionen für fünf Mark, das ist eine hochachtbare Verlegerleistung. Der neue Band heißt »Daumier und die Justiz« und enthält damit Wichtigstes aus des Künstlers Schaffen, denn als der klassische Karikaturist des Richtertisches und des Barreaus ist er vor allem auf die Nachwelt gekommen, die erst spät sein malerisches Werk entdeckt und den zeichnenden Journalisten zu den großen Meistern der Farbe gezählt hat. Daumier ist immer wieder hinreißend. Welch eine grenzenlose Phantasie und welch eine Fülle von Formen steht dieser unermüdlichen Hand zu Gebote, das innerlich Geschaute zu halten. Diese Karikatur ist überlebensgroß, ihr Grollen gewittergleich, aber die Hand hält Schritt mit der Vision, Gewolltes verliert sich nicht in ungefüllten phantasmagorischen Konturen – die barocke Ausschweifung der Linie mündet jedesmal in klassischer Präzision am Ziel. Es bleibt ein Wunder, wie ein einzelner Mensch durch vierzig, fünfzig Jahre das leisten konnte. Tag für Tag. Schon rein manuell bleibt diese Arbeit rätselvoll. Das Schwarz-Weiß dieser Blätter leuchtet und beschämt eine immer wieder mit dem Wandel des Zeitgeschmacks verblassende Koloristik. Hängt ein paar Blätter davon in einen Saal mit durchschnittlicher Malerei – arme Malerei! Honoré Daumier blühte in der Zeit des Bürgerkönigstums und des zweiten Napoleonismus. Seine Themen sind, seiner journalistischen Pflicht entsprechend, lokalgebunden und die Anlässe lange verfault. Seine Gesellschaftskritik erhebt die Objekte der Karikatur ins Riesenhafte. Die Anknüpfung war dabei ganz ungezwungen. Denn der französische Gerichtssaal ist – schon im Gegensatz zum deutschen – sehr laut, sehr bewegt. Prokurator und Verteidiger schreien sich verzerrten Maules an und gestikulieren wie irrsinnig. Immer wieder variiert er die Motive. Da ist der Präsident des Ausnahmegerichtes, siebenundachtzig Jahre, ein müder, alter Geierkopf, die Augen sind zugefallen – wahrscheinlich spricht der Angeklagte grade, nachher wird er, ohne die Augen zu öffnen, sein »Schuldig« röcheln –, ein Gespenst, das Gespenster produziert. Oder der Staatsanwalt, der die Hand auf die Brust legt: »Mit aufrichtigem Schmerz ...«, die kleinen Augenschlitze gehen nach oben, das Gesicht ist breit und flach, der Mund geöffnet, als entwiche ihm ein letzter Seufzer. Eine Totenmaske. Der Gipsabguß eines grade gestorbenen Gewissens. Lemurenhaft, vampirhaft sind sie alle. Schmutzig, wie Plastiken aus Koprolith. Alle Teufelsfratzen, alle verzerrten Ängste der Höllenstürze romanischer und flämischer Meister sind projiziert in die Tintensphäre der Magistrate und Justizpersonen. Manchmal spielt der Löwe gutartig, und Humor plänkelt um einen provokanten Bauch oder eine spitze Nase. Daumier ist sehr alt geworden. Das bekannteste Porträt zeigt einen gerundeten, festen Greisenkopf, etwas an Schopenhauer oder Goyas Altersbild erinnernd. Dieser Ausgang in ein ruhiges, arbeitsames Patriarchentum ist vielleicht das größte Wunder. Es gehört viel Kraft dazu, die Welt so zu sehen, ohne einmal der Versuchung nachzugeben, die Erfahrung der Augen mit einem schnellen Gurgelschnitt zu beenden.   Die Weltbühne; 28. August 1928   »Der rote General« Da in diesen Tagen des beginnenden Herbstes der Herr Rezensent der Jahreszeit eine Kontribution in Form einer kleinen Bettlägrigkeit entrichtet, muß der politische Teil wieder einspringen. Es lockt um so mehr, nach der Königgrätzer Straße zu gehn, da sich Hermann Ungars Drama mit einem in der Zeit liegenden Stoff befaßt, der fast mehr die politischen Instinkte herausfordert als die ästhetischen, die übrigens nicht einmal in Deutschland immer Gegensätze zu sein brauchen. Es ist ein Stück aus der russischen Revolution, die Tragödie des jüdischen Revolutionärs, der die Sowjetarmeen zum Siege führt, aber schließlich nicht nur um seinen Lorbeer, sondern auch um sein Leben geprellt wird. Denn das Judentum, im Metaphysischen wurzelnd, scheint auch der roten Revolution verdächtig. Zwar schlägt der Muschikgeneral Brutzkin sich tapfer für Hammer und Sichel, aber die Duldsamkeit ist nicht größer geworden, und der Einzug in die podolische Stadt beginnt, wie unter dem Zarenadler, mit einem Pogrom. Die Tragödie Ahasvers, die ewige Isolierung. Hermann Ungar hat ein bewegtes, buntes, oft krasses Theaterstück geschrieben, aktuell im Vorwurf, nicht neu in den Mitteln, das Drama eines Romanciers, der als Psychologe zur letzten Zerfaserung gelangte und, aus der Analyse von Wahn und Krankheit auftauchend, soliden Theaterboden sucht, Handlung und einfaches Gefühl und breit fließendes Pathos. Wenn man auch heuer in der Königgrätzer Straße so beginnt, wie man im vorigen Winter am Nollendorfplatz endete, nämlich mit der Internationale, so vergißt man doch keinen Augenblick, daß die rücksichtslose Gebärde von einer feinen Geistigkeit bewegt wird und daß das Drama, wenn schon klassifiziert werden soll, am ehesten in die Richtung der Revolutionsstücke Rollands weist. Maxim Podkamjenski, der Sohn des Mendel Frischmann, ist der Oberbefehlshaber der Roten Armee. Sein Rivale ist der volksbeliebte General Brutzkin, der Bauernsohn, der Pogrome zuläßt; in einem davon fällt der alte Frischmann. Der Sohn ist nicht gewillt, sein Empfinden dem kollektivistischen Prinzip zu opfern; er fordert Gericht über Brutzkin. Doch die Volksbeauftragten denken an die Politik. Hier Brutzkin, der die Massen für sich hat, da der jüdische Intellektuelle, der sein Leben im Exil verbracht hat, durch Bildung und Rasse den Bauern fremd und suspekt bleibt. Der rohe, prahlerische Liniengeneral siegt über den Geistigen. Podkamjenski legt den Oberbefehl nieder und soll zur besondern Verwendung ins Ausland gehen. Ahasver. Am gleichen Abend wird er von ein paar weißen Offizieren im Bahnhof niedergeschossen. Opfer einer Verschwörung, der die geliebte Freundin selbst durch eine Unbedachtsamkeit das Stichwort gegeben hat. Hermann Ungar verwahrt sich im Programmheft dagegen, die Erscheinung Trotzkis zum Vorbild genommen zu haben. »Der dargestellte Konflikt ist in jeder Zeit und in jedem Land denkbar, wo eine Masse Gleichgearteter dem einzelnen, dem Blut oder Geist nach Andersgearteten gegenübersteht. Ich habe Rußland zum Schauplatz gewählt, weil es für unsre Zeit das Land der großen Umwälzung ist. Die Kulisse ist imaginär. Die Darstellung des tragischen Schicksals Podkamjenskis soll nicht zur Idee der russischen Revolution Stellung nehmen.« Halt. So stark ist die Gestalt wieder nicht, um aus eigner Magie, ohne die Erinnerung an Trotzki, zu leben. Trotz des Dichters Abwehr liegt der Namen Trotzki auf aller Lippen. Würde dieser Schatten versinken, bliebe nur ein roter Coriolan, der von der kompakten Majorität zertrampelt wird. Auch die dankbaren dramatischen Konflikte sind an Zeit und Land gebunden. Noch ist die russische Revolution Gegenwart, wir durchschauen ihre eignen Gesetze zu deutlich, deshalb sträuben wir uns, daß ein Konflikt dorthin verpflanzt werden soll, der auf diesem Boden so nicht wachsen kann. Der Konflikt ist wirklich, aber ihn auf eine beliebige Ebene nur des wirkungsvollen dramatischen Hintergrundes wegen zu projizieren nimmt ihm die Natürlichkeit. Vielleicht – wahrscheinlich – ist der Antisemitismus auch im heutigen Rußland noch nicht überwunden. Aber was die Führerschicht schließlich zersplittert hat, war nicht die Judenfrage, sondern die Ökonomie. Man hat als seelischen Antrieb des Bolschewismus den alttestamentarischen Haß des Juden gesucht, der sich durch fanatische Egalisierung für die Mißhandlungen und Unterdrückungen vieler Jahrhunderte rächen will. Daran glaubt der superkluge Hilaire Belloc ebenso fest wie der superdumme Adolf Hitler. Aber schon der orthodoxe Vollrusse Lenin hatte mehr von diesem lodernden Prophetenzorn als die Kamenew oder Sinowjew. Man lese bei John Reed über Trotzki in den zehn entscheidenden Tagen: er ist nicht nur der Stratege, sondern auch ihr Spaßmacher, neben dessen Aktivität die andern glaubensstark, aber dumpf erscheinen. Er ist in seiner Agilität mehr ein Pariser der Revolution denn ein traditionsgebundener Jude, der beim Minieren der bürgerlichen Gesellschaft ein uraltes Ressentiment befriedigt. Ich glaube, man kann eine dramatische Fabel nur dort entwickeln, wo sie zu Hause ist. Die Tragödie Podkamjenskis ist real, gewiß, aber sowjetrussisch ist sie nicht. So wird auch dies Revolutionsdrama von vornherein ein Untergangsstück wie »Danton« und »Florian Geyer«: der Held kämpft nicht, er ist gezeichnet und verloren schon beim Beginn. Auch hier liegt die Entscheidung schon in der ersten Szene: wenn der rote Brutzkin den alten Frischmann andonnert, weiß man, daß sich der Stärkere präsentiert hat und niemand gegen diese Viehheit aufkommen wird. Wir sehen Podkamjenski nicht handelnd, sondern leidend, durch das Blut isoliert, langsam absinkend. Um an seinen Aufstieg zu glauben, muß sich immer wieder die Erinnerung an Trotzki einstellen. Und trotz alledem lebt dieses Drama nicht von einer künstlichen Erregung, es stellt sich der Zeit, und hinter den nicht neuen Intrigen fühlt man das heiße Herz. Die Aufführung unter Erich Engels Leitung war, obgleich grade jetzt in Berlin nicht schlecht Theater gespielt wird, doch erst der richtige Gongschlag, der die Saison eröffnet. Seit langem war Kortner nicht mehr so herrlich wie hier als roter General. Das war wirklich Israels leidvolles Antlitz, seit zweitausend Jahren von der Christenheit abwechselnd mit Steinen und mit Toleranz beworfen. Kortner erscheint hier klarer und reiner als früher oft in seinem klassischen Repertoire. Kein Prunken mit stimmlichen Möglichkeiten mehr; es klingt alles einfach und bestimmt. Wenn er der kleinen Ordonnanz auf die Schulter klopft: »Junge, achtzehn Jahre bist du ... achtzehn Jahre...!«, dann möchte man ihm einfach die Hand schütteln. Die unfreiwillige Delila dieses weichen Simson ist Eleonora von Mendelssohn. Sie ist noch gehemmt und ungelöst, was ihr hier zum Vorteil wird. Aber ihre Sprache ist schlicht, sie kann das Haupt wundervoll sinken lassen, und wenn sie, mit Tränen kämpfend, auf der Schreibmaschine klappert, ist sie Kortners würdige Partnerin. Es sind viele gute Spieler eingesetzt. Die rote Bestie: Herr Ferdinand Hart. Die weiße Bestie: Herr von Wangenheim. Der Kopf des Rates: in leninähnlicher Maske Herr Stahl-Nachbaur. Aber was an diesem Abend, zwischen Liebesgeflüster und Revolutionsmusik, an Fragen aufgeworfen wird: Juda und die Christenheit, Rußland und Europa, das ganze gedankliche Register von der schwarzen Pest bis zum großen Krieg, dann könnte niemand besser disputieren als der Herr Doktor Egon Friedell. Aber er darf nicht, er muß mitmachen. Er spielt einen heimtückischen polnischen Kaplan, einen Westentaschendomino, und er spielt ihn mit erstaunlicher Hinterhältigkeit. So geht es uns Literaten. Kommt einer von uns schon mal richtig auf die Bretter, muß er die unangenehmen Kerle spielen. Nachher in der Garderobe höre ich hinter mir eine Dame ihren Freund mit ungnädiger Betonung belehren, daß Herr Friedell, der den ränkevollen Priester spielte, eigentlich Schriftsteller sei. So was fällt immer gleich auf den ganzen Stand zurück.   Die Weltbühne, 25. September 1928   König Hugenberg Jockey of Norfolk, be not too bold, for Dickon thy master is bought and sold. »Richard III.« Wir sollen wieder mal gerettet werden. Es ist sehr merkwürdig, wieviel Trara jemand daraus macht, daß er Parteivorsitzender geworden ist. Gewiß, es geht den Deutschnationalen nicht sehr gut heuer, und es läßt sich begreifen, daß die Erneuerung der Spitze besonders wirkungsvoll beleuchtet werden soll. Mit welcher Ruhe wird in England die Umetikettierung einer Partei vorgenommen! Auch dort kommen Parteien untern Schlitten und müssen hervorgeholt und wieder aufgebessert werden. So hat vor sechs Jahren Bonar Law die Unionisten reorganisiert, so arbeiten jetzt die Liberalen unter Lloyd George und Herbert Samuel in aller Stille, und wie solide sie arbeiten, zeigt ihr großes Wirtschaftsprogramm, das in seiner Art turmhoch über allen irgendwo von Parteizentralen ausgebrüteten Willenskundgebungen rangiert. Aber keinem dieser Männer würde es einfallen, sich deswegen als Retter zu präsentieren, gleichsam als Athlet der guten Sache, von höhern Mächten erkoren und gespornt und aus innerer Not und Gewissenspflicht getrieben. Diese Pose ist sehr deutsch und vor allem möglich durch den gründlichen Mangel an Humor in politischen Dingen. Ein einziger ausgelachter Retter, und die ganze Konjunktur ist verpatzt. Übrigens wird Herrn Hugenbergs deutsche Sendung mindestens von der Hälfte der eignen Parteigenossen angefochten, und die Schilderhebung ist schließlich nur durch eine Art von Putsch gelungen, eine Spezialität, die dem Häuptling und den Intimen seines Kreises ohnehin eng vertraut ist. So kommt es, daß nur Hugenberg selbst für die Hochstimmung der Situation die passenden Worte findet, während in den nicht seinem Konzern eignen deutschnationalen Blättern das Jubelgeschrei nicht über ein gedämpftes »Rhabarber, Rhabarber« hinauskommt. Nur in der »Deutschen Zeitung«, dem schon klassischen Podium für teutonische Bouffonnerien, schlägt Herr Bang, des Königs Hofnarr, seine allersächsischsten Kapriolen, während selbst im »Lokalanzeiger« des Königs Herold, Herr Hussong, der sonst, um eine kleine republikanische Bonzendummheit zu verspotten, mehr Worte gebraucht als Juvenal, um alle Perversitäten des imperialen Rom zu perhorreszieren, mit einem ungewohnten stockernsten Gratulantengesicht antritt, den neuen Alexander zu feiern. Man kann dem vorzüglichen Publizisten den schweren Ernst der Verpflichtung durchaus nachfühlen, das richtige Zeremoniell zu finden, wenn der Chef vons Janze die halbe Anonymität seines bisherigen Seins aufgibt und plötzlich öffentlich in Geist exzediert. In der Partei aber weiß man, daß Herr Hugenberg bei der letzten Wahl nicht gut abgeschnitten hat, daß, wo er öffentlich hervortrat, sein nervöser Patriotismus schockierte und daß die Deutschnationalen, auf seine gewiß große Geldmacht gestützt, nun vornehmlich eine Zeitungspartei werden. Wie wenig das ein Unterpfand des Sieges und eine reale Machtstellung bedeutet, das hat grade die Rechte als Erklärung des unaufhaltsamen Niedergangs der Demo-Partei oft gesagt. Jene Deutschnationalen, die keine industriellen Interessenvertreter sind, wissen das und glauben deshalb nicht an die suggestive Gewalt des Hauses Hugenberg. Und das ist richtig, denn der Einfluß der deutschen Presse ist vornehmlich negativ. Es läßt sich mit Hilfe bedruckten Papiers viel eher ein ehrlicher Mann in die Grube hetzen als ein einziges Reichstagsmandat erobern. So bedeutet das Regime Hugenberg zunächst Zunahme äußerster Radikalisierung auf der Rechten, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß sich viele der bisherigen kompromißfreudigen Wortführer in der Hoffnung auf bessere Zeiten und baldiges Lahmlaufen der Intransigenz neutral halten werden. Allerdings kann es noch ärger werden, wenn Hugenberg wirklich Ernst machen sollte, in der Partei selbst als Tempelreiniger zu wirken. Das würde Krach und Spaltung mit sich bringen. Da der große Mann bisher mit seinen literarischen und rhetorischen Emanationen ziemlich sparsam umgegangen ist, so muß man sich, um seine Absichten zu ergründen, schon an seine Blätter halten. Und dann ergibt sich, daß sein Programm nicht nur Revision der Friedensverträge, Zerreißung des Dawes-Paktes und Austritt aus dem Völkerbund enthält, sondern auch Wiederaufrichtung der Monarchie, Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, Erziehung des Volkes zu Arbeitsamkeit und Anspruchslosigkeit; soziale Reaktion also nach der politischen. Das ist ein überreicher Plan für einen Mann, und besonders beachtenswert ist daran, daß die Führung der großen Rechtspartei nach ein paar Jahren unter alten Konservativen wie Hergt und Westarp, die schlecht und recht Anschluß an die veränderte Zeit gesucht haben, nunmehr zum erstenmal seit Helfferichs Tod wieder an ein ausschließlich schwerkapitalistisch orientiertes Demagogentum zurückfällt. Der Industriekapitalismus löst die Landjunker ab. Seine Mittel und Methoden sind in keiner Weise zu unterschätzen, und seine Parolen wären bei aller ihrer fast sich selbst travestierenden Überlautheit gar nicht so ungefährlich, wenn nicht das beruhigende Moment Herr Hugenberg selbst wäre. Gewiß ist dieser Mann eine Industriemacht, eine Zeitungsmacht, eine Filmmacht. Über alles, was zur Massenagitation nötig, verfügt er im Überfluß. Aber der Mensch entspricht hier weder dem Geld noch dem Apparat. Zeitungskönige gibt es überall, rücksichtslose Arrivisten, die Geschäfte oder Ämter raffen, ihre Blätter dazu verwenden, um Minister zu machen oder zu kippen. Rothermere oder Bunau-Varilla – auf die Herrschaft kommt es ihnen an, und auf ihrer Macht thronend, blicken sie immer über Menschen und Dinge. Aber Hugenberg ist damit nicht zu vergleichen, denn er ist um keinen Deut klüger als die Leser seiner Blätter, für die doch die ungeheure Benebelungsmaschine in Betrieb gesetzt wird. Wo Herr Hugenberg selbst als Redner oder Publizist das Wort nimmt, überrascht er durch die Primitivität, um nicht zu sagen: Einfältigkeit seiner Gedankengänge. Dieser Industriedespot entwickelt außerhalb seiner erlernten Branche eine dünnflüssige nationale Sechserideologie, politische Belehrungen eines provinziellen Margarinefabrikanten für den Filius, ohne Niveau und Horizont, letzter Aufguß alter alldeutscher Phrasen, von so ausgefallenen Figuren wie Bang und Claß besorgt. Hugenberg als führender Geist, das ist die letzte Entlarvung des deutschen Industriekapitalismus, der so großspurig auftritt, so pompöse moderne Fassaden errichtet, der immer den Taktstock der Zeit führt und mit ihrem Intellekt auf du steht. Hugenberg, das ist nach allen großen Worten der losgelassene Genius des Geldschranks selbst, spärlich und philiströs. Auch dieser große Herr Hugenberg ist nur ein erprobter Spezialist und Fachmann und in andern Bereichen ein Banause. Die republikanischen Blätter haben diese trotz allen Vorspielen doch ziemlich unverhoffte Inthronisation sehr verschieden aufgenommen. Die einen schlugen Alarm, die andern meinten ruhig, es wäre ganz nützlich, daß der unsichtbare Mann, der bisher nur den Geldgeber gespielt, einmal persönlich ein Amt und damit auch dessen Verantwortung übernehme. Ausgezeichnet. Nur daß für die Herrschaften von der andern Seite der Barrikade das Wörtchen Verantwortung nicht die gleiche mystische Bedeutung hat. Auf der Linken geht man »nur aus Verantwortungsgefühl« in die Regierung, nicht der Macht und des Genusses der Macht wegen, o nein – geht man aus dem gleichen edlen Impuls in widernatürliche Allianzen, verzichtet man aus der gleichen noblen Wallung, den andern einmal seinen Willen aufzunötigen, gewährt man Panzerkreuzer et cetera. Gewiß verschmäht auch Herr Hugenberg die populäre Rettergeste nicht, und man kann auch ohne weiteres annehmen, daß er felsenfest von sich überzeugt ist und ganz durchdrungen davon, daß unter allen nationalen Matadoren er allein imstande ist, den Laden zu schmeißen. Aber von einer Sorge ist er frei, und das unterscheidet ihn von den taubenherzigen Ethikern der Linken: von der Sorge um die Verantwortung. Denn über etwas sehr Wichtiges ist er sich ganz im klaren: wenn auch alles schiefgehen und er nur Trümmer hinterlassen sollte, den Schaden bezahlt er nicht. Diese frohe Gewißheit ist das Geheimnis seiner Stärke. Das republikanische Deutschland hat bisher jede von der andern Seite hinterlassene Sintflut ausgetrocknet und bezahlt und sich dessen nachher mit Stolz gerühmt. Auch heute trifft man schon wieder Anstalten, Herrn Hugenberg und seinen Freunden einmal ein möglichst gut gefegtes Haus zu hinterlassen. Die neue Schwenkung der Rechten zu unerbittlicher Intransigenz hätte von der Linken als willkommener Anlaß genommen werden müssen, um ihrerseits den trockenen Ton aufzugeben und in ähnlicher Eindeutigkeit aufzumarschieren. Statt dessen wird eifriger noch um die Große Koalition gehandelt, das heißt: man rückt nach der Mitte, also weiter nach rechts, also näher an Hugenberg heran, statt nach einer schroffen linken Schwenkung ihm die Front zu bieten. Ob er große Energien einsetzen wird, um den verheißenen Kaisergedanken zu stabilisieren, bleibe dahingestellt, aber daß er alles aufbieten wird, um jede bessere soziale Entwicklung zu hemmen, das ist gewiß. Hier aber, nur hier ist das Feld, wo er geschlagen werden kann. Sein Monarchismus und seine stürmischen außenpolitischen Bravaden kommen aus Wolkenkuckucksheim, aber seine Geldsäcke sind von dieser Welt. Nicht mit Reichsbannerversammlungen, sondern mit bessern und stärkern sozialpolitischen Gesetzen, mit großen volksfreundlichen Steuervorlagen ist Hugenberg zu treffen. Die sogenannte wirtschaftsfriedliche Arbeiterbewegung der Rechten und der Mitte empfindet seine neue Führerrolle als Faustschlag und Herausforderung. Sie weiß, was er als Großkhan der Schwerindustrie bedeutet. Bei diesen geduldigen Trabanten der Rechten herrscht Aufruhrstimmung. Es ist eine einzigartige Gelegenheit für die Linke, für die Sozialdemokratie ... Aber freilich, Reichskanzler ist Herr Hermann Müller, oberster Steuerwart der couragierte alte Klassenkämpfer Hilferding. Und so wird gegen Hugenberg niemand mobilisiert werden als der Genosse Severing, Minister für die schönen Künste republikanischer Rhetorik.   Die Weltbühne, 30. Oktober 1928   Die Historiker sind ernstlich böse Vor mir liegen ein paar Bücher, die demnächst gewürdigt sein wollen. Biographien bedeutender oder wenigstens schicksalsvoller Menschen. Die Verfasser sind Journalisten, Politiker, freie Literaten. Kein Mann vom historischen Fach ist dabei. Das nötigt zu einigen Bemerkungen. Die »Historische Zeitschrift«, das Verbandsorgan der Geschichtsforscher, hat nämlich unter dem Titel »Historische Belletristik« eine Sammlung von Rezensionen herausgegeben, die bei ihr über die bekannten Bücher von Ludwig, Hegemann, Eulenberg und Wiegler erschienen sind. Die Kritiker gehören verschiedenen Schulen und Lebensaltern an, aber sie sind sich einig in einem unbedingten Anathema. Sie legen sich darauf, Irrtümer nachzuweisen und die Autoren als Seichtbolde zu verdammen, aber es gelingt ihnen nur zu überzeugen, daß sie ein Datum oder Faktum besser wissen. Sie verekeln uns weder die Autoren noch ihre Bücher. Und sie beweisen vor allem nicht, daß einer ihrer Gilde befähigter zu der Aufgabe ist als die von ihnen Abgekanzelten. Sie zeigen nur auf, daß es mit der Historik zur Zeit nicht gut steht. Der Herausgeber, Herr Schüßler, spricht den großen Bannfluch gegen »die neueste Literatur im Stile Hegemanns, Ludwigs, Eulenbergs u. a.«. Er verkündet: »Mag deren Darstellung noch so feuilletonistisch gehalten sein; das ist in diesem Fall unwichtig; die Behauptung dieser Literaten jedoch, daß ihre Machwerke Wissenschaft seien oder sie ersetzen könnten, ist zurückzuweisen ..., keiner weiß, was historische Anschauung und Wertung ist; kurz, unsre Wissenschaft erlebt es, daß Barbaren einbrechen ... Das allgemeine Kulturniveau ist so gesunken, daß die vorliegende ›Historische Belletristik‹ – ein buntes Gemisch von plumpster politischer Tendenzmacherei, Feuilletonismus und bodenlosester Kritiklosigkeit – die geistige Nahrung ungezählter gläubiger Leser sind.« Das ist die eherne Stimme der Wissenschaft, die jeden hinausweist, der tänzelnd in den Vorhof kommt. Das ist die voraussetzungslose Wissenschaft: ihre Waage funktioniert unerbittlich gerecht. Doch Herr Schüßler fährt fort: »Das ist aber auch deshalb nicht gleichgültig, weil, wie gesagt, die politische Tendenz aller dieser Werke völlig eindeutig ist. Ihre Verfasser, soweit sie sich mit deutscher Geschichte befassen, sind höhnende, ungerechte, deshalb verständnislose und jetzt noch haßerfüllte Gegner des alten Kaiserreiches, das Bismarck errichtet hat.« Daher der Tränenerguß. Damit wäre also die voraussetzungslose Dame schon von ihrem erhabenen Sitz gerutscht und paddelt munter in dem Pfuhl, wo Parteileidenschaften brodeln. Mit dieser Feststellung könnte diese Betrachtung eigentlich zu Ende sein, denn Herr Schüßler scheint Objektivität nur dort zu finden, wo die Kaiserei verhimmelt wird. Aber ich möchte den Herren doch den Gefallen tun und ihnen in das Röhricht ihrer Argumentation folgen. Ich möchte sie so behandeln, als ob sie wirklich voraussetzungslose Diener ihrer Wissenschaft wären und nicht erboste deutschnationale Parteisekretäre. Sie toben darüber, daß sich Dilettanten in ihre geheiligten Bezirke drängen, aber sie bemerken nicht, daß sie selbst uns jene Leistungen schuldig geblieben sind, die stärker als ein entrüstetes Odi profanum Unwürdige abschrecken. Die Freude an der Geschichte, an bedeutenden Ereignissen und Schicksalen ist wieder da, aber die Männer vom Fach bemerken das nicht. Daß sich das allgemeine Interesse gerade der Zeit von 1850 bis 1914 zuwendet, ist ein überdeutliches Zeichen, daß diese Zeit höchst gründlich abgelaufen ist, daß Inventur gemacht wird. Dem Bedürfnis nach Bestandsaufnahme dienen die verketzerten Bücher. Sie mögen ungleichmäßig sein – sie haben den Vorzug, daß sie vorhanden sind. Die Fachwissenschaft glänzt durch Fehlanzeige. Wo sie sich tummelt, ergibt ein Verzeichnis von Beiträgen, die in den letzten Jahren im Historikerblatt erschienen sind. Nur ein paar Beispiele: »Das Erzstift Magdeburg und der Osten« – »Calvins Staatsanschauung« – »Zur Geschichte der Flibustier« – »Die Diplomatie um 1500« – »Mittelalter und Küchenlatein« – »Das Problem der Renaissance in Byzanz« – »Der tierische Magnetismus in Preußen vor und nach den Freiheitskriegen«. (Wieso? Ruhte der tierische Magnetismus während der Freiheitskriege? Wollte er nach dem Tilsiter Frieden nicht mehr recht klappen, wuchs er nachher ins Ungemessene, weil Preußen Magdeburg und Rheinland geschluckt hatte? Und warum nicht: Die innere Medizin vor und nach dem Kapp-Putsch? Rätsel über Rätsel.) Ein einzelner Temperamentvoller wagt sich an eine Studie über Benedikt Waldeck. Ein jugendlicher Wagehals vollends getraut sich bis an den Bericht des Professors Bredt, also nahe an die randalierendste Aktualität, und wird sich wahrscheinlich nachher wie der Reiter übern Bodensee vorkommen und für den Rest seiner Tage reuig in der Spätantike versinken. Die gelehrten Herren sind noch nicht bei der Gegenwart angelangt. Wenn sie endlich bei der deutschen Republik halten, dann werden sich die leichtfertigen Belletristen ganz gewiß schon mit Wilhelm dem Elften beschäftigen. Die Herren sind Spezialisten geworden, die am liebsten unter Efeuhügeln stöbern. Die Eule der Athene hat das Fliegen verlernt, und eine flotte Fußgängerin ist sie nie gewesen. Jede Wissenschaft, die nicht mehr ganz frisch ist, hüllt sich gern in einen geheimnisvollen Dunst. Sie schafft immer eine Region um sich, nur dem Eingeweihten zugänglich, die sich nicht dem hellen, forschenden Geist, sondern nur dem geduldigen Sitzleder erschließt. Bei der Historik heißt das Geheimnis: Quellenkunde! Was ist daran so geheimnisvoll? Ist ein an andern Aufgaben für die Erkennung des Wichtigen geschulter, sprachkundiger Schriftsteller für die Auffindung und Prüfung von Quellen etwa so ungeeignet wie ein Dachdecker für chemische Analysen? Die Quellenkunde ist Handwerk und deshalb für den Intelligenten erlernbar. Ein Mann wie Wiegler, um nur ein Beispiel zu nehmen, hat für seine Literaturgeschichte mehr zusammengelesen als eine ganze Bieruniversität, die Pedellen inbegriffen. Hegemann kommt von der Bauwissenschaft und ist der geschätzte Herausgeber wichtiger Schriften und Bilderwerke. Ist diesen Schriftstellern die Quellenkunde wirklich ein Schloß im Mond? Der ehrwürdige Delbrück allerdings schreibt mit höchster Akribie: Emil Ludwig (Cohn). »Wie schlecht steht Possenreißern weißes Haar!« (William Shakespeare: »Heinrich der Vierte«, Zweiter Teil, fünfter Akt, fünfte Szene.) Außenseiter wie Carlyle oder Krapotkin haben mit minutiösester Genauigkeit gearbeitet, und der große Anatole France hat sich in seiner »Jeanne d'Arc« so weit in fachliche Gewissenhaftigkeit versponnen, daß große Strecken des Werkes so langweilig sind, wie von einem richtigen Herrn von der Sorbonne abgefaßt. Die Zunft sieht Niedergang, Verfall, Entweihung – den Einbruch der Barbaren. Die Barbaren haben niemals nur zerstört, sondern oft eine neue große Epoche angekündigt. Die politisch-historische Literatur ist wiedererstanden und wird, vor allem, wirklich gelesen. Es ist die eigne Schuld der Schulhistorik, daß sie daran nicht teilhat.   Die Weltbühne, 11. Dezember 1928   Picadores Der große Arenaroman des Blasco Ibáñez hat die herkömmlichen Escamillos abgelöst und den Stierkämpfer zu einem Sozialwesen gemacht. Der viel jüngere Ramón Gómez de la Serna arbeitet nicht mehr mit dem Verismus von 1900, sondern wirft in seinem »Torero Caracho« (deutsch bei Weller \& Co., Leipzig) Naturalistik und Phantastik bizarr durcheinander. Sein berühmter Torero ist nicht nur temperamentvoll und immer wieder temperamentvoll, sondern eher ein kühler Techniker, ein Fachmann der Corrida. Dieser spanische Autor, der sich Europa erobern wird, ist tatsachenhart wie ein moderner Amerikaner, aber in jeder Fiber beschwingt, agil und leuchtend, ein iberischer Mensch, in dem schon Afrikas Wildheit rumort und lateinische Tradition das Ungestüm in kühle klare Form zwingt. So sieht er in der Arena die tiefste Erfüllung seiner Rasse; immer wieder schüttet er Pathos und Zynismus, Bewunderung und Abscheu über den blutigen Sport, der Hispaniens Leidenschaft ist oder, wenn man will, seine Schande. Es gibt bösere Stierkämpfe als die auf gelbem Sand. Die schlimmsten Biester laufen nicht in der Arena herum. Meistens tun sie nichts, wenn man sie nicht reizt, aber wer den Picador im Blut hat, kann trotzdem nicht umhin ... Den breiten Heuochsen, die bei uns andalusische Toros ersetzen, stellt sich Rudolf Arnheim in einem entzückenden kleinen Essayband, »Stimme von der Galerie«, mit fünfundzwanzig gesammelten Aufsätzen entgegen, von denen einige unsern Lesern nicht unbekannt sind: Kino, Psychoanalyse, Spiritismus, Erziehung – das wird hier vorgenommen von einem jungen Kulturkritiker von früher Schreibekunst und von einer heute selten gewordenen guten Laune und Unbeschwertheit in puncto Dogmen. Noch wird die hohe Torerokunst des Abkillens nicht geübt. Arnheim ist noch mehr der Banderillero, der Pfeilspitzen wirft, an denen bunte Fähnchen flattern. Es ist noch nicht die letzte grobe Metzgerarbeit des Polemikers. Noch kommt es auf die Fähnchen an und nicht auf die Spitzen. Was in die Zukunft weist, ist ein scharfer Instinkt für Qualität, der Wille, sich nicht bluffen zu lassen von dem, was Ältere – und Gleichaltrige! – servieren. Hans Reimann hat eine gerührte Einleitung beigesteuert, in der er seine Vaterschaft geltend macht, die ich, als fauler Patriot dem Code Napoléon näher als dem BGB, nicht zu recherchieren wage. Aber wer freut sich nicht, wenn Reimann sich freut! Karl Holtz, der phantasievollste unsrer zeichnenden Humoristen, lieferte Bildchen.   Die Weltbühne, 18. Dezember 1928   Über Helden und Heldentum Jeder Mensch trägt im Innern das Bild einer außergewöhnlichen Erscheinung, der er in irgendeiner Weise nachzueifern versucht. Jeder Mensch hat seinen Helden. Das war immer so und wird auch so bleiben, und wo eine neue Zeit Denkmäler stürzt, geschieht es nur, um andre zu errichten. Es ist unser aller Schicksal, daß unser Heldenideal zumeist nicht durch die Erfahrung, sondern durch die Bücher gebildet wird. Namentlich unsre früheste Lektüre bestimmt die Begriffe dessen, was wir für heldenhaft halten, und später wundern wir uns, wenn wir damit nicht viel anfangen können. Denn der Held der Bücher, die uns in der Jugend begeistern, ist fast immer laut und immer ungewöhnlich. Man sieht ihm sofort an, daß er der Ungewöhnliche und die andern die Alltäglichen, die Gleichgültigen sind. Wir leben aber nicht in Büchern, sondern in einer recht anders aussehenden Wirklichkeit und müssen uns unsre Begriffe und Anschauungen selbst bilden. Einen Wertmesser gibt es dafür nicht. Ein großer Teil der Weltgeschichte handelt unglücklicherweise von Kriegen oder Schlachten, und jeder Mensch muß sich leider seinen Kopf mit Daten und Zahlen blutiger Begebnisse anfüllen, wenn auch das meiste davon Gott sei Dank bald wieder vergessen wird. Der militärische Heldenbegriff paßt aber nicht in eine Zeit, die völlig andre Tugenden fordert. Das Beste daran: die tüchtige Ausbildung des Körpers, wache Sinne, präzise Aufmerksamkeit, alles das wird durch Sport und Leibesübungen gefördert, die ja heute auch eine ganz andre Rolle spielen als früher. Aber da das militärische Ideal als letztes Ziel die Vernichtung des Gegners im Auge hat, ist es für unser von hastiger Berufsarbeit ausgefülltes Leben nicht recht zu brauchen. Natürlich sollst du in der Arbeit mit andern wetteifern und sie zu überflügeln suchen. Aber welcher vernünftige Mensch käme auf den Gedanken, den Konkurrenzkampf mit seinem Nachbarn auf die Weise zu erledigen, daß er ihm Handgranaten in den Laden werfen wollte? Und da höre ich den Einwand: Pfui, das ist doch häßlich, tapferes Soldatentum, das schließlich doch sein eignes Leben in die Schanze schlägt, blutiger Schlächterei gleichzusetzen. Schließlich war es immer Dienst für das große Ganze, Dienst für Volk und Vaterland! Das stimmt natürlich, denn der Soldat steht immer in Gefahr, für jeden getroffenen Schuß mit dem höchsten Zahlungsmittel, das es gibt, den Gegenwert zu leisten: mit dem Leben. Aber ich frage: Bietet denn unser Dasein heute nicht Tag für Tag größere Möglichkeiten, alle Eigenschaften zu entfalten, die einst den Soldaten groß machten? Ist denn nicht auch unser bürgerliches Dasein von vielen Gefahren umgeben, die Mut erheischen, Zähigkeit, Zielbewußtsein – Eigenschaften also, die seit ein paar tausend Jahren von dem guten Kriegsmann gefordert werden, mögen auch die Kampfesmittel sich geändert haben? Hier soll nicht die Rede sein von dem lautlosen Heldentum, der Gedankenkraft. Nicht von dem Dulden großer Künstler, Gelehrter oder Erfinder, die Verfolgung, Spott und Hunger den Glauben an ihre Idee trotzig entgegensetzten. Viele sind unbekannt und bettelarm gestorben, und die Nachwelt hat erst ihr Streben gerechtfertigt und ihre Namen unter die Großen der Menschheit gesetzt. Wir wollen auch nicht reden von den verwegenen Männern, die augenblicklich weltberühmt sind, weil sie auf kleinen, der Gewalt der Elemente gegenüber lächerlich schwachen Flugzeugen Ozeane und Wüsten überqueren. Sie sind die Pioniere kommender Verkehrsmöglichkeiten. Sie zeigen viel, viel Mut. Denn noch ist bei allen Unternehmungen dieser Art der Tod näher als der Siegespreis. Aber viele davon lockt eben der Preis, sie setzen alles auf eine Karte, auf Ruhm und Geld, auf die Gefahr hin, das Todeslos zu ziehen. Das Beispiel besonderer Leistungen auf dem Gebiet des Sports hat eine höchst ungesunde Rekordjägerei mit sich gebracht. Jeder richtig verstandene und betriebene Sport aber strebt die Höchstleistung einer Gruppe an und nicht die sogenannte Spitzenleistung eines einzelnen. Der Tagesruhm eines Läufers oder Kanalschwimmers verblaßt schnell, denn jeder Rekord ist dazu da, um überboten zu werden. Und er wird heute so schnell überboten, daß oft mehr der Eindruck eines Glücksspiels entsteht als der einer wohlgelungenen Tat. Unser Ziel soll nicht der Rekord sein, sondern eine gewisse Gleichmäßigkeit der Leistungen, zu der jeder sein Bestes hergibt. Auch in den körperlichen Übungen soll sich der Wille zur Kameradschaftlichkeit äußern, nicht nur zum Übertrumpfen, nicht nur zum Besiegen des andern. Die Männer der höchsten Rekorde sind zwar bewundernswert, aber vieles spielt sich täglich und stündlich um uns ab, was, als selbstverständlich geworden, kaum mehr beachtet wird und doch nicht minder gefährlich ist als ein Ozeanflug oder die Besteigung eines Alpengletschers. Die Wahrheit ist, daß unser tägliches Dasein nur deshalb ungestört und ungefährdet ablaufen kann, weil viele, viele Menschen gegen kargen Lohn einen Beruf ausüben, der Leben und Gesundheit ständig bedroht. Ja, es gibt Berufe, denen die Lebensgefahr so zur Selbstverständlichkeit geworden ist wie dem Soldaten nach drei Jahren im Schützengraben. Damit wir wohnen, essen, heizen, des Nachts ruhig schlafen können, müssen Unzählige in Bergwerken, Fabriken, technischen, chemischen Betrieben minütlich ihr Leben riskieren. Wenn wir, behaglich in die Ferien reisend, nächtlich aus dem Fenster blicken, sehen wir Gestalten vorüberhuschen, Streckenarbeiter ... wie viele hat nicht schon die Lokomotive gepackt und zermalmt, weil die Luft voll Nebel war oder das Geheul des Windes sie das Signal überhören ließ! Bekannt genug sind die großen Unglücksfälle in den Bergwerken, die oft Dutzenden von Bergleuten das Leben kosten. Denn der Bergmann ist umlauert von Gefahren, und der Tod blickt ihm immer über die Schulter. Aber man braucht nicht in die Kohlenbezirke zu fahren, um zu wissen, was für schreckliche Opfer Berufsarbeit fordern kann, nimm nur einmal für ein paar Tage die Zeitung deiner eignen Stadt vor. Da findest du täglich, gar nicht sonderlich groß gedruckt, Nachrichten aller Art: Sechs Arbeiter bei Erdarbeiten verschüttet! Zwei als Leichen geborgen! – Gerüsteinsturz am Anhalter Bahnhof. Drei Bauarbeiter abgestürzt, einer tot, zwei hoffnungslos verletzt! – Explosion in den Chemischen Werken N. Drei Tote, zahlreiche Verletzte. – Und so fort, und so fort. Und zahlreiche Industrien gibt es, wo nicht Tod oder Verstümmelung das Los ist, das dem Arbeiter stündlich droht, sondern wo böse Dämpfe die Luft verpesten und die Gesundheit der Arbeitenden langsam zerfressen. Es gibt Industrien, wo hohlwangige, ausgemergelte Männer und Frauen jeden Morgen in die Fabrik ziehen. Sprichst du einen davon und fragst du ihn nach den Arbeitsbedingungen, so antwortet er dir bitter: »Bei uns ist jeder mit Fünfunddreißig erledigt ...« Hast du schon einmal mit solchen Menschen gesprochen, in ihre müden, traurigen Augen gesehen? Du wirst so etwas über kurz oder lang sehen, und ich sage dir das, damit du es siehst, damit du nicht darüber hinwegblickst, wie viele, die es sich zum Grundsatz gemacht haben, Elend nicht zu bemerken, weil das die gute Laune stört. Und ich sage dir das, damit du nicht glaubst, Heldentum, Todesverachtung, Mut vor der Gefahr gedeihe nur im Kriege oder bei Erkämpfung von Rekorden. Nein, alles das ist stündlich um dich, und wäre es nicht, könntest du nicht essen, hättest du kein warmes Zimmer, könntest du nicht reisen, könntest du keine deiner Gewohnheiten, deiner Annehmlichkeiten aufrechterhalten. Der ungeheure und unübersichtliche Mechanismus unsres Daseins beruht darauf, daß Abertausende ihr Leben wagen. Und sie sind gar nicht stolz darauf, sie wissen es kaum, sie tun es einfach nur des Broterwerbs wegen. Sie erhalten keine Auszeichnung dafür. Niemand singt ihnen das Lied vom braven Mann. Was sie tun, ist Beruf, ist Pflicht, und damit basta. Wenn dir das aber zu trocken, zu wenig romantisch erscheint, dann höre noch folgendes: Vor kurzer Zeit kam aus China die traurige Nachricht, daß der berühmte Forschungsreisende Wilhelm Filchner im Innern von Tibet von fremden, feindlichen Priestern ermordet worden sei. Die Meldung ist noch unbestätigt und wird auch hoffentlich nicht bestätigt werden. Aber von Freunden des Forschers wird erzählt, daß er diese schwere und gefahrvolle Expedition in ein unbekanntes Land mit feindseliger Bevölkerung höchstwahrscheinlich begonnen habe, ohne auch nur eine Waffe mitzuführen. Sie meinten, das passe ganz zu seiner Art. Ist das nicht seltsam? Er hatte im Kriege, sagten die Freunde, Bluttat und Gewalttat hassen gelernt. Ja, darin liegt wirkliche Größe, mögen die Klugen auch sagen, daß ein paar Revolverschüsse ihn vielleicht gerettet hätten. Denn darin liegt ein höherer Mut als der, mit Eisen gegen Eisen zu kämpfen, nämlich das, was alles gute, echte, männliche Heldentum auszeichnet: Ergebung in das Schicksal, das wir doch nicht ändern können, und Vertrauen in die Menschen.   Jugend und Welt, Berlin 1928   Der unsterbliche Rezensent Unter den Gedanken, die den Menschen von heute bewegen, ist ohne Zweifel die Sorge um den Nachruhm die geringste. Kein tantiemenschwerer Autor blinzelt mehr in die Ewigkeit, sogar die Herren Generäle müssen sich mit der zeitlichen Anerkennung begnügen. Die Republikanisierung des Menschenvolkes hat es mit sich gebracht, daß es für seine Großen keine Pyramiden mehr baut, und heute gibt es überhaupt mehr Spitzen als Größen, mehr Rekorde als Gipfel. So liegen unsre Immortalitäten alle etwas zurück, und der Kalender bestimmt Erinnerung, Jubel oder Ergriffenheit. Dabei war die Verleihung des Unsterblichkeitsabzeichens schon immer eine Sache von fataler Ungewißheit. Automatisch fiel es einer Kategorie zu, die, ob König oder Rebell, das genügende Maß von Mitmenschen abgeschlachtet hatte, um einer ehrenden Erwähnung gewiß zu sein. Den Rest lieferte Kunst und Wissenschaft; Historiker und Literatoren stellten das Visum fürs Pantheon aus. Ein Erfinder wie Gutenberg, der weder gedichtet noch gemordet hat, läuft etwas unglücklich nebenher. Wenn aber die himmlische Sektion für Dichtkunst einmal ihre Plenarsitzung abhält, dann erscheint zwischen wallenden Bärten und zierlichen Henriquatres auch ein stämmiger Herr in der Tracht des achtzehnten Jahrhunderts, der sich einen friderizianischen Puderbeutel über das struppige Haupthaar gezogen hat und sich in dieser illustren Versammlung sehr unbehaglich fühlt. Er möchte am liebsten sagen, ehrlich, wie er auch gegen sich selbst immer war, daß er zeitlebens nur ein Rezensent und pamphleteschreibender Raufbold gewesen sei. Aber da eröffnet auch schon Präses Homer die Sitzung, und der Bescheidene schlüpft schnell hinter Herrn Molière, der aus so treuherzig fragenden Augen blickt und dessen dicke Nase sich gleichfalls jeder Pathetisierung entzieht. Die Unsterblichkeit ist eine sehr ironische Lotterie. Sie hat Gotthold Ephraim Lessing zum Hausgott des Bildungsphilistertums gemacht. Sie hat seine Mißverständnisse für ein paar Generationen in Gesetzesrang erhoben und sein lebendiges Teil verschüttet. Er rangiert jetzt gleich nach den Dioskuren von Weimar. Konsistorialräte sprechen ihm tiefe, echte Religiosität, wahrhafte deutsche Frömmigkeit zu, nationale Rassebolde, die gegen die Verjudung der Literatur dröhnen, zitieren ihn gegen die subversiven Mächte. Einen unbändigen Emanzipationsliteraten hat man zu einer Musterfigur von braver Mittelmäßigkeit degradiert, ein aktueller Polemiker ist zum gipsweißen Schmuck des trauten Heims erstarrt. Wilhelm Scherer, der letzte beträchtliche Literatur des alten Liberalismus, begreift das stürmische Temperament des Mannes: »Er ist nicht zahm und friedfertig, sondern ein Angreifer.« Aber dann schwächt er ab: »Um so höher muß man dem Streitbaren anrechnen, daß er nirgends revolutionär vorgeht, sondern überall an das Bestehende anknüpft, mit den Tatsachen rechnet, um im echten Reformeifer nur allmähliche Verbesserungen einzuführen.« So wird der Unbändige zum Stammvater der Nationalliberalen von 1880, und es ist kein Wunder, daß der unverdiente Erbe von Scherers Ruhm, daß Erich Schmidt, ein lackierter wilhelminischer Hofhistoriograph, in Lessing nur noch den preußischen Patrioten sieht, den heftigsten Tubabläser der »fritzisch« Gesinnten. Gegen diese niederträchtige Verspießerung schrieb Franz Mehring die »Lessing-Legende«, eine Kampfschrift, wie es in deutscher Sprache keine zweite gibt. Ein echtes deutsches Buch, verspielt und in Kleinigkeiten verliebt, und immer in weitem Bogen um das Thema herum. Es sollte eine literarisch-historische Studie werden, und es ist die einzige gründliche Untersuchung über Entstehung und Natur des preußischen Staates geworden, eine radikale Kritik des preußischen Militarismus und damit der neuern deutschen Geschichtsgrundlagen überhaupt. Es ist ein Werk voll Mut und Witz, und in den vielen, leicht hingestreuten Fußnoten steckt mehr erforschte Wahrheit als in der ganzen preußischen Geschichtsklitterung. So nimmt Franz Mehring die Gestalt Lessing vor, treibt sie durch ein römisches Bad nach dem andern, schrubbt sie mit grüner Seife ab, spült, schrubbt wieder, bis die höfische Politur herunter ist und endlich, zwar matt, doch glücklich, das Original zum Vorschein kommt: der tapfere Kerl, der kein moderates Lämmerschwänzchen war, sondern ein robuster Besen für geistigen Unrat. Scherer sagt nur die halbe Wahrheit, wenn er behauptet, Lessing habe immer an das Bestehende anknüpfen wollen. Er hat es nur getan wie der Henker, der eine Schlinge um den Hals knüpft. Er hat den preußischen Staat durchschaut, die »berlinische Freiheit zu denken und zu schreiben« gekennzeichnet als die Freiheit, »einzig und allein gegen die Religion soviel Sottisen zu Markte zu bringen, als man will, und dieser Freiheit muß sich der rechtliche Mann nun bald zu bedienen schämen«. Damit holt Lessing das letzte plundrigste Unterfutter des friderizianischen Purpurs zutage. Man gestattete dem Bürgersmann die Frivolität, die Religionslästerung. Es war das einzige Ventil dieses hartgeprüften Wesens, dem seine Obrigkeit jeden Morgen auf nüchternen Magen eine Kröte zu schlucken gab. Preußen war für Lessing die riesige Kaserne. Die Toleranz war Politik, um die katholisch verfinsterten Habsburger auszustechen; ein Manöver. Während nach außen hin der preußische Staat wie eine Republik der Geister aufgemacht wird, verrottet das Volk unter militärischem Stumpfsinn und einer glänzend systematisierten finanziellen Ausplünderung. Und der Antikenentdecker Winckelmann aus Stendal schreibt im letzten Jahre des Siebenjährigen Krieges: »Es schauderte mich die Haut vom Wirbel bis zur Zehe, wenn ich an den preußischen Despotismus und den Schinder der Völker denke, welcher das von der Natur selbst vermaledeite und mit libyschem Sande bedeckte Land zum Abscheu der Menschen machen und mit ewigem Fluche belegen wird. Lieber ein beschnittener Türke als ein Preuße.« Viel freundlicher ist auch das Urteil Lessings nicht, aus dem patriotisch versimpelte Scholarchen einen Künder Potsdamer Herrlichkeit gemacht haben. Wenn Lessing die Tyrannei eines Militärstaates verwünscht, dann lebt er, dann sprüht plötzlich Aktualität. Vielleicht nicht, weil die Kraft des Hasses so ungeheuer war, daß sie ein Säkulum überdauerte. Gräßlichere Flüche sind verhallt, und kein Echo hat sie weitergetragen. Wir fühlen wohl nur, daß die Geister, die er bekämpfte, noch regsam sind. Aber diese Genugtuung, einen Genossen und Zeugen gefunden zu haben, den man nicht erwartete und dessen Mund lange verstummt ist, darf uns nicht zu einer Kanonisation verführen, die keinen Wert mehr hat für eine Zeit, die alle Mühe hat zu vergessen, was ihr an Überlieferungen aufgepackt worden ist. Es ist eine Ketzerei, aber gewiß keine Lästerung, mitten in der fahrplanmäßigen Begeisterung eines Gedenktages, mitten in den reichen Weihrauchschwaden, eine harte Wahrheit zu sagen. Lessings poetisches und ästhetisches Werk ist in seiner Gesamtheit tot, seine Leistung war zeitbestimmend und verging mit ihr. Seine Bücher atmen nicht mehr, ebensowenig wie fast alles von Klopstock oder Wieland. Geblieben ist ein Bündel entwicklungsgeschichtlicher Daten und Fakten; mehr nicht. Das ist kein Vergehen an den Manen eines tapfern und aufrichtigen Mannes. Denn er war auch bitterlich kritisch gegen das eigne Schreiben und Denken, er erkannte mit den zunehmenden Jahren, daß ihm der Verstand den natürlichen Springquell der Dichtung ersetzen mußte, daß er Konstruktor war, nicht Schöpfer. Schließlich wurde seine Dramatik bewußt Zweck, sie war das Mittel für seine Mission als Klärer und Rüttler. Die Trauer aller zweckhaften Dichtung liegt um sie, vergangen ist sie mit den Ausdrucksformen der Epoche. Schon die nächste Generation hat für die gleiche Sache eine andre Sprache. Was besagt uns heute der Dunst von Feierlichkeiten um den »Nathan«? Wo ein Herz glühte, ist eine etwas linkische Deklamation übriggeblieben. Es ist keine Ehrfurcht, Sargdeckel aufzureißen und anzubeten. Lessing war stets ein bescheidener, zur Selbsterkenntnis bereiter Mann. Erst die Lorbeerzüchter und Statutenmacher der Schulstuben haben ihn, wie zur Sühne für seine übergroße Lebendigkeit, durch die gefährliche Erhebung in den Rang eines Klassikers gestraft. Sie haben ihn als großen Dramatiker ausposaunt, sie haben aus dem Werk den Musterknaben des deutschen Theaters abstrahiert, seine schon bei seinen Lebzeiten recht anfechtbare Ästhetik durch ein paar Menschenalter geschleift und sie jedem weiterführenden jungen Willen als Klotz ans Bein gebunden. Sie haben aus dem Tambour des ungebärdigsten aller Dichter, den Voltaire einen betrunkenen Wilden genannt hat, sie haben aus Shakespeares deutschem Trommler einen Mann des schönen Maßes, des behaglichen uninteressanten Mittelmaßes gemacht. Er wurde wie Schiller der Kronzeuge einer lehrhaft öden Jambendramatik und obendrein noch Pate des bürgerlichen lustlosen Lustspiels. Nicht seine Gegner sind ihm gefährlich geworden, erst die flauliberalen Enkel jener Generation, für deren Durchbruch er gestritten hat. Der deutsche Professor des neunzehnten Jahrhunderts hat seinen besten Vorläufer zu Tode gefeiert. Die politische Lüge konnte ein Franz Mehring abwaschen. Die ästhetische war nicht zu beseitigen. Lessing hatte es ungeheuer schwer. Er trug die ganze Bürde des Ersten. Denn vor ihm war nichts da. Bei seinem Tode hatte das deutsche Kunstrichtertum schon Tradition. Seine aggressive Veranlagung warf ihn ständig in Raufhändel, literarische, theologische, geistpolitische, während er ein armseliges Rezensentendasein führte. Mitten in den heißesten Kämpfen muß er stets Ausschau halten nach irgendeiner bürgerlichen Anstellung, bis er endlich im Dienste eines Duodezrajas langsam zu Tode hungert. Auch seine ästhetischen Kämpfe sind soziale und politische, wie Mehring richtig erkannt hat, auch sie sind vielleicht nur halbbewußte Manifestationen des Emanzipationsverlangens einer erwachenden Klasse. Aber diese Deutung durch eine zeitliche Bedingtheit wird von den Epigonen verschmäht. So bleibt Lessings Ästhetik im Wortlaut stehen, der deutsche Idealismus, der sich vor der Wirklichkeit ins Reich des Schönen drückt, macht daraus ein Gesetz, das einem Genius von höherer Macht ins Ohr geflüstert wurde und das er treulich weitergegeben hat. So lasteten die Lessingschen Theorien ein gutes Jahrhundert auf der deutschen Literatur, beziehungslos zur jeweiligen Wirklichkeit, ohne Verbindung mit sozialen Kräften, graue Abstrakta. Lessings Art kommt der Mißdeutung leicht entgegen. Er war eine richterliche Natur, das Urteilen war seine natürliche Lebensäußerung. Sein kunstrichterlicher Subjektivismus geht im Guten und Schlimmen auf die folgenden Zeiten über. Weil seine Rezensententätigkeit zum großen Teil ein durch die Umstände erzwungenes Henkertum war, kommt in die deutsche Theaterkritik ein für allemal ein harter, unfreundlicher Zug. Eine Eigenart des deutschen Kunstrichters: er steht immer gegen das Publikum. Er findet keine Brücke zum Geschmack der Massen. Er kämpft für seine bessere Meinung, für seine Prinzipien, sein Gewissen und für vieles andre – aber er kämpft immer auf der Nebenstraße und immer in der Luft. Es gibt nicht das vereinigende Band des Geschmacks wie in romanischen Ländern. Die Krise der deutschen Theaterkritik ist so alt wie Lessing selbst und nur gelegentlich von Begabungen mit Fingerspitzengefühl und Sinn für Wirkung in die Masse unterbrochen worden. Lessing hat seinen Nachfolgern den dicken Kopf vererbt. Der Inhalt war an das Individuum gebunden und ist mit ihm unglücklicherweise zu Grabe getragen worden. Was auch mißdeutete Tradition angerichtet haben mag, Lessing ist Feldherr und gemeiner Soldat zugleich in der ersten großen Durchbruchsschlacht des deutschen Theaters geworden. Wahrhaft verheerend aber hat er in den bildenden Künsten gewirkt. Sein »Laokoon« erschlug die Erfahrung, daß in der Malerei und Plastik auch das Auge eine Rolle spielt. Dieses Auge ärgerte ihn, er brannte es aus. Er war ein Studierstubenmensch; Kunst war ihm vornehmlich eine Sache des Denkens, des Ergrübelns. Er war von Natur ein Sortierer, ein Fanatiker des reinlichen Auseinanderhaltens. Er bestimmte »die Grenzen zwischen Dichtung und Malerei« mit der Genauigkeit eines Feldmessers und ohne Ahnung von den handwerklichen Notwendigkeiten und Möglichkeiten des bildenden Künstlers. Er selbst verfiel dem grausamen Irrtum, den »Laokoon«, ein Stück aus der hellenistischen Verfallszeit, als charakteristisch für die edle Einfalt der Alten zu nehmen. Die Schiefheiten des Winckelmannschen Griechentums werden feierlich kodifiziert. Die Farbe ist für hundert Jahre aus der deutschen Malerei hinausgeworfen. Man sucht das Statuarische im Kopieren alter Vorbilder zu finden. Die Malerei ist literarisch geworden. Der Gesetzgeber hat schreckliche Spuren hinterlassen. Es ist eine schlechte Pietät, Sterblichkeiten zu konservieren und einem Denkmal Reverenz zu erweisen, das aus Mißverständnissen geformt ist. Lessings Größe lag in seiner journalistischen Begabung und in seiner unerschütterlichen Hingebung an den Tag. Wo er Geistesschärfe, schnelles Zugreifen, sichere Erfassung der Außenseite einsetzen kann, wo er Zeitungsschreiber, Pamphletist sein darf und nichts andres, da gelingt ihm auch als Bühnenschriftsteller eine so brillante Episode wie der Riccaut. In diese hinreißend skizzierte Type ist die Erbitterung einer Generation gelegt, der Haß gegen einen Eindringling, der, vollgepumpt mit einer schematischen Salonkultur, überall offene Tür findet, ob er nun als Beutelschneider agiert oder bald bei der königlichen Akzise im Namen des Staates stiehlt: – immer Favorit der herrschenden Schicht, doppelt verabscheuenswert. Hier hat die Zweckdramatik einmal ihre Tagesaufgabe glänzend erfüllt. Diese eine Riccaut-Episode, neben einem nicht sehr unterhaltsamen Biedermann und zwei neckischen Mädchen plaziert, wiegt Lessings gesamte übrige Dramatik reichlich auf. Ach, wenn sich die spätem Komödienschreiber nur an diese Gestalt und nicht an die neckischen Mädchen gehalten hätten! Lange nachdem das Aroma der Zeit verdunstet ist, wird »Minna von Barnhelm« Modell und Wertmesser des deutschen Lustspiels. Alle kühnern Komödienversuche scheitern. Die Muse des deutschen Lustspiels wird zur Vogelscheuche. Ferdinand Lassalle hat das Wort geprägt von den Weimarer Heroen, die in einem Kranichflug über Deutschland hinweggeglitten sind. Dieses ebenso süße wie grausame Geschick ist Lessing nicht zuteil geworden. Er war kein Wundervogel, er mußte auf der Erde rumoren, und die liebe deutsche Erde hat ihm das gründlich heimgezahlt. Als junger, noch etwas flegelhaft im preußischen Kosmos herumsausender Komet traf er auf das gewaltige Gestirn Voltaire, eine Begegnung, die beiden Ärger gebracht hat. Einmal schnitten sich bestes Deutschland und bestes Frankreich. Welch unendliche Verschiedenheit im Endverlauf der Schicksale! Hier der Federfuchser, der ewig nach einer kleinen Anstellung lechzt, dort ein Großherr des Geistes, den Europa abwechselnd adoriert und verflucht, vor dessen Fuß die Herren aller Bastillen der Welt Teppiche breiten. Im Schatten von Kasernen und Höfen mußte ein Lessing vegetieren, jahrelang hatte er nicht die Mittel, die geliebte Frau heimzuführen. Er war nicht weniger berufen als die Engländer und Franzosen seiner Zeit, zur Welt zu sprechen. Sein Podium war der deutsche Kleinstaat, und Serenissimus konnte ihn jederzeit durch Entziehung seines kläglichen Ämtchens tödlich treffen. Und es ist vielleicht die ärgste Felonie seines Schicksals, daß es diesem großartig offensiven Temperament, diesem Genie der Polemik sogar die richtigen Feinde versagt hat, Feinde, wie sie Voltaire hatte, große, prächtige Bestien. Jämmerliche Kritikaster, akademische Pedanten, hohle Histrionen, die den Shakespeare nach ihrem Rollenbedürfnis modelten, orthodoxe Ochsen wie der Pastor Goeze, das waren Lessings Feinde. Ein Herkules, lebenslänglich zur Kammerjägerei in Krähwinkel verurteilt. Die hellenischen Träume sind verrauscht, die Theoreme leer geworden, die Verse klingen nicht mehr. Aber aus dem Gesicht des Mannes, diesem helläugigen, knollennasigen, runden, festen, hoffnungslos unklassischen Gesicht, das kein Dreispitz und kein wirr auf die Schulter fallendes Struwelhaar seiner Prosa berauben kann, spricht noch immer die unbestechliche Redlichkeit und das stolze Herz. Still, keine Weihereden, keine Renaissancen neben so vielen andern! Es gibt noch viel zu tun in Deutschland.   Die Weltbühne, 22. Januar 1929   Unselig sind die Friedfertigen – In ein paar Wochen wird der sozialdemokratische Parteitag in Magdeburg über das Wehrprogramm der Partei zu entscheiden haben. Der Ausgang ist nicht unklar. Die Plattform der Opposition wird verworfen, die offizielle Lesart, dieses Kind der Gedankenlosigkeit und des frühern Generalstabsoffiziers Mayr, angenommen werden. Wehrprogramme haben jetzt gute Konjunktur in Deutschland. Den Sozialisten folgen die Demokraten. Alle wollen die Reichswehr »erfassen«, mit »wahrhaft republikanischem Geist durchtränken« und wissen nicht, daß sie schon lange von ihr erfaßt und durchtränkt sind. Die Wehrwölfe rechts blicken lächelnden Auges auf die braven Wehrschafe in schwarzrotgoldner Wolle und freuen sich auf die Mahlzeit. Wahrscheinlich wird das sozialistische Wehrprogramm nicht unmittelbare aktuelle Bedeutung gewinnen. Das gestattet schon Herr Groener nicht. Übrigens kommt es auch bei der Sozialdemokratie auf ein paar Thesen mehr oder weniger nicht mehr an. Wenn mal im Reichstag gezetert wird, die Sozis hätten kein Herz fürs Militär, dann wird der Genosse Fraktionsredner auffahren und triumphierend die Magdeburger Beschlüsse schwingen. Geschenkt. Ernst wird es erst, wenn das Vaterland wieder einmal ruft. Dann ist die Partei der Mühe eines neuen Umfalls enthoben, dann ist für diesen Fall schon vorgesorgt, und die Opponierenden sind dann nicht nur eine Minderheit, die niedergestimmt wird, was keine großen Folgen zu haben braucht, sie sind auch Verräter am Vaterland, auf dessen Verteidigung sich die deutsche Sektion der internationalen völkerbefreienden Sozialdemokratie festgelegt hat. Man wird also in Magdeburg sozusagen die Sandhaufen für die kriegsgegnerischen Genossen von 19?? schaufeln. Die sozialistische Linke steht ganz allein. Die Mehrzahl der Parteiblätter ist ihr verschlossen. In diesem Augenblick helfend, unterstützend, resonanzschaffend beizuspringen, das wäre die Aufgabe eines lebendigen deutschen Pazifismus. Denn um seine Sache geht es schließlich in Magdeburg. Doch hier beginnt auch die Tragik: der organisierte Pazifismus, der niemals infolge grundsätzlicher und taktischer Fehler ein Ding der Masse gewesen ist, liegt grade jetzt schwer krank. Grade jetzt, wo er nicht nur stehen, sondern auch gehen müßte, kommt er nicht in Frage. Er ist nach der dramatischen Generalversammlung der Deutschen Friedensgesellschaft vom 10. Februar ins Spital gebracht worden. Die noch verbliebenen Gliedmaßen sind für unbestimmte Zeitdauer eingegipst. Unselig sind die Friedfertigen –. Sie werden von ihren Feinden niedergeschlagen, von den Staatsanwälten eingebuchtet, von der unwissenden Menge als Schwächlinge verspottet. Aber wenn sie unter sich sind, dann fressen sie sich gegenseitig auf. Pazifisten untereinander: das ist ein Kapitel für sich. Nachdem die letzten Kongresse mit ihren unerbittlichen Kämpfen ums Rechthaben für den politisch Vollsinnigen bereits die Überschreitung der Grenze des öffentlichen Ärgernisses bedeuteten, führt jetzt eine an sich nicht sehr wichtige administrative Zänkerei dicht an den Kollaps. Die Auseinandersetzung darüber, ob ein Zwangsabonnement auf das »Andre Deutschland« empfehlenswert sei oder nicht, hat mit dem Rücktritt fast aller Mitglieder des Präsidiums geendet. Fritz Küster, der Herausgeber des »Andern Deutschland«, ist siegreich auf dem Blachfeld geblieben, aber rechts und links ist nichts mehr da. Wäre einer der beiden Flügel abgesprungen, man hätte sagen können, daß dies zwar beklagenswert sei, aber in letzter Folge eine Klärung. Hier ist jedoch nicht nur die Rechte – Quidde, Gerlach, Graf Kessler, Oberst Lange – abgezogen, sondern auch die von Helene Stoecker vertretene Linke. Das erinnert fatal genug an die berühmten Reinigungen in der KPD. Man hat den Rock so gründlich gereinigt, daß beide Ärmel dabei abgegangen sind. Die Sieger sind nicht zu beneiden. Schon der letzte Vorstand, das Ergebnis eines Kompromisses zwischen Quidde und Küster, begegnete einer weitverbreiteten Abneigung und kostete mehr als ein Drittel der Mitglieder. Es ist jammerschade um den deutschen Pazifismus, der mit allen seinen Schwächen doch nicht aus der Geschichte dieser letzten zehn Jahre fortgedacht werden kann. Der Pazifismus ist als Idee nicht in die Massen gedrungen, sondern nur in vereinzelten denaturierten Schlagworten, die von den Herren Parteiführern als ungefährlich, oder im Augenblick sogar nützlich, durchgelassen wurden. Es ist noch in schöner Erinnerung, wie robust Herr Hörsing die pazifistischen Kameraden abgeschoben hat, die ihm in den Anfängen des Reichsbanners unersetzliche Dienste geleistet haben. Zwischen kniffliger Dogmatik und überlebensgroßer Toleranz schwankend, konnte der Pazifismus nicht mehr die Werbekraft für eine richtige Volksbewegung aufbringen. Ihm fehlte dafür der Raketenblitz, der Trommelwirbel. Alles Temperament schien für die innern Balgereien aufgespeichert zu sein. Die Friedensfreunde brauchen ganz gewiß nicht immer mit dem Palmenwedel herumzufächern, aber daß sie bei jeder Debatte gleich den Tomahawk schwingen, einer den andern bezichtigt, der reinen Lehre nicht teilhaftig zu sein, das wirkt nicht bestrickend auf die, die gewonnen werden sollen, und die zuschauenden Militaristen gar gehen erleichtert ab, sich als die bessern Menschen fühlend. Seit Jahren ist der organisierte Pazifismus nicht aus den innern Unstimmigkeiten herausgekommen. Die feinen Leute sind sowieso nach Paneuropa abgewandert, wo noch ministerielle Händedrücke ausgeteilt werden. Der gewöhnliche Soldat des Friedens indessen hat höchstens den Polizeigriff am linken Unterarm zu erwarten. Kommt hinzu, daß das Gros auch der kriegsunlustigsten Bürger sich damit tröstet, in einem vollkommen abgerüsteten Lande zu leben, während die andern immer scheußlichere Kriegsinstrumente herstellen. Es darf nicht verkannt werden, daß schon aus diesem Grunde der deutsche Pazifismus sehr, sehr ins Hintertreffen geraten ist Die Genfer Abrüstungskomödien fügen ihm mehr Schaden zu, als es seine deutschen Verfolger jemals tun könnten. Und rein agitatorisch ist er in diesem Punkte nicht gut vorgesehen. Wenn seine Redner etwa gefragt werden, ob sie auch Herrn Paul-Boncour für einen aufrichtigen Friedensfreund halten, dann versuchen sie, sich um die peinliche Frage mit ein paar glatten Wendungen herumzuschlängeln. Das schreckt viele ab, die bereit wären, sich überzeugen zu lassen. Hier und in vielen andern Dingen langen weder die alten noch die neuern Formeln aus. Noch ist nichts geschehen, um die Wirklichkeit dieser letzten Jahre konkret zu fassen. Angesichts der Tatsache, daß in Asien und Afrika die Auflehnung gegen die imperialistischen Mächte gewaltig wächst, bedeutet es auch keine Zugkraft mehr, wenn in den Versammlungen wieder und wieder nachgewiesen wird, daß Frieden besser ist als Krieg. Das glauben die Leute auch so. Aber wenn der kommunistische Redner fragt, ob der geschundene chinesische Kuli nicht ein Recht hat, sich zu wehren, ob etwa Abd el-Krim nicht ein Recht hatte, zur Empörung aufzurufen, dann serviert der pazifistische Sprecher Humanität oder verweist auf den Völkerbund oder wird ganz einfach grob. Hier muß der deutsche Pazifist noch viel bessere Beziehungen zur Gegenwart finden. Er lebt noch immer stark in der Luft von 1923, wo aller Pazifismus fast nur innenpolitische Aufgabe war. Es ist das Mißgeschick des alten Pazifismus, wie er etwa von Quidde und Gerlach vertreten wird, daß alles, für was er sich durch lange Jahre eingesetzt hat, sich heute über die verwegenste Erwartung hinaus erfüllt hat, ohne daß der Brandgeruch in der Welt schwächer geworden wäre. Völkerbund, Locarno, Kellogg-Pakt – wer hätte jemals an solche Möglichkeiten als nahe bevorstehend geglaubt! Aber die Kriegsgefahr ist trotz alledem nicht geringer, sondern eher größer geworden. Aber es ist auch das Mißgeschick der jüngsten, der militantesten Gruppe, die die individuelle Kriegsdienstverweigerung propagiert, daß auch ihre These von der Entwicklung überflogen wird, ehe sie noch richtig Verbreitung gefunden hat. Denn sie setzt die Vorstellung voraus, daß auch der nächste Krieg nicht viel anders sein wird als der vergangene. Wenn im Augenblick der Kriegserklärung kolossale Luftgeschwader über die Grenzen kommen und den Gastod herabschleudern, was bedeutet dann der Ruf: »Ich spiele nicht mit! Ich verweigere!« Es wird alles dem ersten besten Heldenkeller zuströmen, Nationalist und Internationaler, und wenn sich etwa ein gemäßigter und ein militanter Pazifist dort treffen, so können sie ihren Disput in Gottes Namen fortsetzen. Nein, mit der Verweigerung militärischer Dienstleistungen ist es nicht getan. Schon im Frieden müssen die Höllennester ausgenommen werden, wo die Instrumente des Krieges fabriziert werden. Hätte selbst die Ausrufung des Generalstreiks noch Sinn, wenn die Kriegsgefahr im Verzuge ist, die Blutpropaganda der Presse eingesetzt hat, Gerüchte schwirren und von allen Funkstationen die gleiche Lüge in Millionen von Ohren getutet wird –? Was es zu schaffen gilt, ist eine Industriekontrolle durch die Arbeiterschaft. Die Gewerkschaften selbst müssen gestachelt werden, ihre alten Entschließungen nicht vergilben zu lassen, ja noch weit darüber hinauszugehen. Denn die schwieriger gewordene Zeit fordert härtere und zugleich diffizilere Mittel. Es scheint nicht, daß die Gruppe Küsters, die jetzt Alleinherrscherin geworden ist, über stärkere Formeln als die traditionellen verfügt. Sie hat für ihre Arbeit viel Energie und Mut eingesetzt, aber sie ist vornehmlich innenpolitisch engagiert. Ihr Haß gegen den alten und neuen Militarismus, ihr republikanischer Eifer macht sie zu einer Art von radikalisiertem Reichsbanner. Außenpolitisch ist sie ganz von den deutsch-französischen Gegensätzen fasziniert. Sie bemerkt nicht die ungleich größern und schlimmem englischrussischen, auch nicht, wie die Welt überall nach der Losung »Englisch oder Amerikanisch?« neu Partei nimmt. Die Leute von Hagen sind die eifrigsten Agitatoren, die man sich denken kann. Aber sie leben von der Vorstellung, daß es nur eine einzige kriegerische Gefahr in der Welt gibt, die Deutschland heißt. Sie kämpfen gegen einen deutschen Imperialismus, den es nicht mehr gibt und heute nicht geben kann. Deutschlands Rolle in einem künftigen Krieg wird keine eigne, sondern eine Trabantenrolle sein. Der deutsche offene und heimliche Militarismus ist eine innenpolitische Belästigung, seine Pläne sind vorwiegend antirepublikanisch; sein außenpolitisches Ideal ist das des Landsknechts: er will für irgendwen kämpfen und dabei sein Geschäft machen. Die Hagener fechten mit Mühlenflügeln, wenn sie alle Kriegsgefahren in Deutschland, und nur in Deutschland suchen. Sie leben, wie so viele Pazifisten, noch ganz in der Stimmung der Tage des Ruhrkampfes und der Schwarzen Reichswehr. Deshalb wirken sie trotz der scharfen Sprache oft so merkwürdig antiquiert. Vielleicht ist dieser Versuch einer Skizze der pazifistischen Bemühungen schon überholt, weil nach zehn Jahren Nachkriegsarbeit heute alles auseinanderläuft, müde und verdrossen, abgeschreckt von der Aussicht auf neue Verketzerungen und Tumulte. Soll das wirklich das Ende sein? Es wäre traurig, wenn nicht doch noch einmal zum Sammeln gerufen würde. Aber dann müßte auch ganz neu angefangen werden, ohne Traditionen, einerlei, ob liberale oder radikale, ohne mitgeschleppte Wolkenkuckucksheimereien. Die Pazifisten sind immer sauber gewesen und oft hervorragend mutig, aber, die Wahrheit zu sagen, noch öfter gradezu bestialisch unbegabt. Es ist schon schlimm genug, als Friedfertiger über das verheißene Erdreich wandeln zu müssen, das einstweilen noch den reißenden Wölfen gehört. Das Unternehmen wird aussichtslos, wenn man noch dazu dumm ist.   Die Weltbühne, 19. Februar 1929   Arrangierprobe für die große Zeit In Paris hat man kürzlich bei Einbruch der großen Kälte sogleich eine Verfügung herausgebracht, daß die Pfandhäuser Betten, Decken, Pelze et cetera an die Verpfänder zurückzugeben hätten. In Berlin, wo doch so schrecklich viel sozial geredet wird, ist keine volksfreundliche Maßnahme dieser Art zu verbuchen. Nein, Berlin hat sich nicht ausgezeichnet. Aber was wir hier erleben, diese völlige Hilflosigkeit der professionellen Organisationsmatadore, die Laschheit aller verantwortlichen Instanzen, die Wucherorgie, die sofort neu eingesetzt hat, alles das haben wir schon einmal erlebt, nämlich 1914, und deshalb wirkt das, was sich in diesen Wochen zugetragen hat, wie eine kleine Arrangierprobe für die nächste große Zeit. Man steht wieder um Kohlen und Kartoffeln an ... Es ist nichts da, meine Herrschaften, nächste Woche vielleicht ... Ein paar Theaterbilletts oder ein kräftiger Aufschlag aber sind dennoch imstande, die Geheimspeicher zu öffnen. Es ist wie damals, wo man sich die Butter aufs Brot mit ein paar zugeschobenen Brotkarten erkaufen mußte. Waren werden wieder zurückgehalten und künstliche Teuerung geschaffen. Ersteht ein Glücklicher Kohlen, so fehlt es plötzlich an Transportmitteln. Wieder sieht man die Frauen, wie Lasttiere bepackt, in den Straßen. Große Zeit. Ob aus Sensationssucht oder aus noch trübern Motiven aber geben Zeitungen die Stichworte für die Händler. Kaum begann die Kälteperiode, so setzte es riesenhafte Überschriften: »Kohlenvorräte ausgegangen, Lebensmittelzufuhr bedroht«, und jetzt heißt es bereits: »Selbst wenn Tauwetter einsetzt, so ist für Wochen nicht zu rechnen ...«, und der Groß- und Kleinhandel wäre dumm, wenn er sich diese Signale nicht zunutze machen wollte. Eine besondere Leistung war die der Stadt Berlin. Täglich gingen Bulletins aus, in welchem Frontabschnitt eine neue Heeresgruppe von Schneeschippern eingesetzt worden war. Und dabei häuften sich überall am Straßenrand Berge schmutzigen Schnees, und von Fortschaffung keine Spur. In einer Reihe von Vororten hatte die Wasserversorgung aufgehört; wer sich an die zuständige Stelle wandte, hörte, daß er noch lange nicht an der Reihe wäre. Denn in unsrer Kommune herrscht das evolutionäre Prinzip. Um aber wenigstens eine Tätigkeit zu zeigen, wird in den von Trockenheit befallenen Häusern grade jetzt das Wassergeld einkassiert. Ich weiß nicht, ob bei Zahlungsverweigerung mit Einstellung der Wasserzufuhr gedroht wird. Jeder Kaufmann, der ähnlich schlecht Vorsorge träfe wie diese Kommune, wäre im Augenblick bankerott. Unfähigkeit der Behörden, schamloser Wucher, Rücksichtslosigkeit gegen die Wenigbemittelten und fette Zeitungslettern dazu. Es fehlt nur noch der Feind und etwas Gas in der Luft, und alles ist all right!   Die Weltbühne, 26. Februar 1929   Stresemann als Erzieher Wenn die Gerüchte wahr sind, daß Gustav Stresemann, von ernsthaften Rücksichten auf seine Gesundheit bewogen, in absehbarer Zeit den politischen Tummelplatz zu verlassen beabsichtigt, so kann die große Rede, die er vor ein paar Tagen im »Esplanade« den Würdenträgern seiner Partei gehalten, als ein wahrhaft ideales politisches Testament gelten. Auf den geweihten Teppichen des feudalen Stinnes-Quartiers, wo sich im Oktober 1923 die Diktaturkandidaten zum Kaffee trafen, hat er eine wahrhaft glänzende Interpretation der parlamentarischen Demokratie und ihrer vernünftigen Handhabung gegeben. Wie er das Abc der Demokratie auseinandersetzte, die Drohungen der reaktionären Gewalten charakterisierte, ohne dabei in billige Panikmacherei zu verfallen, wie er im Vorübergehen mit einem kleinen ironischen Gruß den größenwahnsinnigen Herrn Adenauer tödlich lächerlich machte, das war oft mehr als nur begabt, mehr als talentierte Improvisation, das war wahrhaft weise. Was aber, fragst du, hat die meisterhafte Pädagogik nun genützt? Was ist geschehen, was hat sich geändert –? Die einzige sichtbare Folge, abgesehen von der Versicherung republikanischer Blätter, daß Herr Stresemann ein großer Staatsmann sei, ist eine verwaschene und wortreiche Deklaration, die um keinen Deut besser ist als die Verlautbarungen der andern an der Krise beteiligten Parteien. Während der eifervolle Sittenprediger aber den Politikastern die Köpfe wusch, ihre Kleinheit geißelte, ihnen bewegt zuredete, doch das Vaterland nicht ihren läppischen Fraktionsehrgeizen zu opfern, siehe, da schuf er auch schon ein neues, viel ernsteres Hindernis als die von ihm Abgekanzelten, indem er als Voraussetzung für den Eintritt seiner Partei in die Regierung von der Sozialdemokratie die Zustimmung zu einer neuen Finanzpolitik verlangte, die de facto auf die Kosten der arbeitenden Massen gehen muß und von der Partei nicht geschluckt werden kann, wenn sie nicht den letzten Kredit verlieren will. Herr Stresemann ruiniert also, was er angeblich fördern will. Er baut Hindernisse, während er mit der Miene des Schwerarbeiters angeblich welche niederreißt. Deshalb jedoch ist das, was er in seiner Rede gesagt, weder unrichtig noch unwahr. Aber die Wahrheit selbst ist nur ein Mittel, um eine alte Täuschung durch eine neue zu ersetzen. Darum muß man unsrer Demokratie eine so schlechte Prognose stellen: ihren besten Köpfen selbst ist die Wahrheit nur ein Instrument, das man beliebig anwenden und dann wieder ruhig in die Kiste legen kann. Man schöpft aus tiefstem Herzensgrund, man schreckt selbst vor mutigen Offenheiten nicht zurück, verabfolgt die bittere Medizin der Aufrichtigkeit, nur um ein schiefes Parteigeschäft zu decken. Bald muß das Register erschöpft sein. Aber vielleicht wird das Spiel schon vorher zu Ende sein.   Die Weltbühne, 3. März 1929   Ludwig Renn Es soll hier nicht die Frage aufgeworfen werden, welchen Ursachen die in den letzten Monaten erschienenen Kriegsromane ihre große Beliebtheit verdanken, welche Wandlungen im Bewußtsein ihrer Leser sie erzielt haben und ob ihnen eine Zukunft beschieden ist. Das wäre sehr reizvoll, aber auch sehr schwierig und führte vielleicht zu einigen ketzerischen Folgerungen – jedenfalls, diese Frage soll uns heute nicht beschäftigen. Wir wollen nur feststellen, daß endlich, zehn Jahre nach der einstweiligen Verriegelung des Schlachthauses, Schriftsteller von Rang und Qualität den Mut gefunden haben, die verlogene Gloriole des Krieges in Dunst aufgehen zu lassen. Nicht mehr ist der Soldat der feldgraue Held, der, das Siegesleuchten der Helden Rudolf Herzogs in den Augen, seine harte Pflicht tut und noch Zeit hat, zwischen den Granateneinschlägen je nach Bildungsgrad entweder Verse aus dem »Faust« zu murmeln oder die Vorgesetzten durch Aussprüche von volkstümlicher Drastik zu erheitern und ihnen so den Glauben an die unverwüstliche Gesundheit des deutschen Volkstums zu bewahren – jetzt ist der Soldat der Ärmste der Armen, der Hiob, den kein Gott mehr hört, ein untermenschliches Wesen, von Blut und Dreck starrend. Über diesen Büchern steht kein Motto mehr wie: »Auch der Krieg hat seine Ehren«, sie sind ganz und gar das feierliche Verdikt, das ihm die Ehren aberkennt und ihn vor versammelter Menschheit degradiert. Es ist kein Zufall, daß die Autoren der beiden hervorstechendsten Bücher bisher keinen literarischen Namen hatten, der eine davon überhaupt Debütant ist. Die akkreditierten Romanciers haben zu dem Krieg keine Stellung finden können; nur Arnold Zweig hat tapfer die Sperre gebrochen. Die Bücher von Remarque und Ludwig Renn bieten qualitativ keine Unterschiede; beide wuchsen aus Anschauung und Erlebnis, beide hat die Erinnerung in langen Jahren geformt. Wenn hier dem »Krieg« von Ludwig Renn einige Bemerkungen gewidmet werden, so geschieht es, weil der Verfasser sich eigentlich in allem von dem alltäglichen Typ des Schriftstellers unterscheidet und weil seine Leistung von ihm selbst höchstwahrscheinlich nur als eine einmalige gedacht ist. Es müßte schon ein Wunder geschehen, wenn der Mann, der sich Ludwig Renn nennt, ein zweites Mal den Antrieb fühlte, seine Gestaltungskraft zu spannen. Diese Kriegsjahre waren sein Inhalt, sein Erlebnis. Jetzt ist die Beichte endlich fertig, und das Schriftstellertum fällt wie eine Bürde ab. Erich Maria Remarque hat schon früher geschrieben und veröffentlicht, wenn auch nichts Beträchtliches, und es wäre fast wider die Natur, wenn er nach seinem Triumph jetzt ruhen wollte. Er ist weltläufiger Großstädter, kennt die Literatur, die Zeitungen. Wenn wir Ludwig Renn mit dem Helden seines Buches identifizieren wollen, so ist er Kleinstädter mit dörflichem Einschlag, von Beruf Tischler. Das Schreiben ist ihm nicht als freundliches Geschenk mitgegeben worden; er hat es sich mühsam erarbeitet. Heute ist er Kommunist, vielleicht Funktionär in einem süddeutschen Nest. Man weiß es nicht. Er selbst gibt Einblick, wie schwer ihm das Schreiben geworden ist. Schon draußen im Felde versucht er an Ruhetagen die Schilderung eines mitgemachten Gefechtes: »An den Schriftstellern fiel mir auf, wie willkürlich sie die Worte setzten, obwohl es doch eine ganz klare Notwendigkeit gab, wie man die Worte setzen muß, daß nämlich die Worte immer in der Reihenfolge stehen, wie sie der Leser erleben soll, zum Beispiel nicht: ›eine grüne, über mehrere Kuppen ansteigende Wiese‹; denn zuerst muß man doch wissen, daß es eine Wiese ist, und daher muß das Wort vorn im Satz stehen. Um mir über das Wichtige klarzuwerden, stellte ich mir stets das ganze Bild mit allen Einzelheiten vor, mit Beleuchtung, jedem Geräusch und jeder seelischen Regung. Dann schrieb ich erst und ließ alles weg, was nicht unbedingt notwendig war. Aber dieses Schema nützte für die Darstellung der wichtigsten Dinge gar nichts. Dafür fehlten mir stets die Worte.« So primitiv tastet er sich an die Fähigkeit heran, Gesehenes und Gedachtes in Worte umzusetzen, und nur am Schluß der eben zitierten Sätze beunruhigt die Ahnung, daß es jenseits der präzisen Wortwahl eine Intuition gibt, die da Helle hineinwirft, wo das Wort allein die Dunkelheit nicht bezwingen kann. Aber ist er auch nicht mit Intuition begnadet, so eignet er sich doch eine Ausdrucksform an, in deren holzschnitthafter Härte nichts Visionäres zuckt, die aber ein Gesamtbild von erschütternder Eindringlichkeit schafft. Die Einzelvorgänge sind mit größter Genauigkeit festgehalten; jedes Detail hat die Gewissenhaftigkeit eines Berichterstatters herbeigetragen, den das Bewußtsein, unvollständig zu sein, quälen würde. Es gibt keine gräßliche Verwundung, die er nicht mit der Treue eines alten niederländischen Martyrienmalers schilderte; er findet Abstufungen sogar in dem Geruch verwesender Leichen. Er versucht immer neue Lautmalereien für die Geräusche der großen Kanonaden sowohl wie für die vereinzelter Schrapnells. Ich weiß nicht, ob das auch auf den naturalistisch wirkt, der niemals das satanische Orchester des Krieges erlebt hat, ob es beim Lesen in den Ohren summt, dies »Bramm! krapp! rams! päarr!« der kleinern Kaliber, das »Sui – krapp« der Schrapnells, das »Wram ram« der schweren Einschläge, ob es nicht von dem, der es niemals gehört hat, als Spielerei empfunden wird. Es ist Renns fanatischer Realismus, der auf keine Nuance verzichtet. Gibt er von Gesehenem und Gehörtem das Äußerste, so spart er desto mehr mit dem, was in ihm vorging. Seine Stellung zum Krieg deutet er kaum an. Er ist nacheinander der Gefreite, der Unteroffizier, der Vizefeldwebel Renn, eine einzelne, winzig kleine Funktion im Ungeheuern Organismus Krieg. Er fragt nicht viel nach dem Vaterland oder dem Warum dieses Geschehens, aber er weiß: wenn er, das miniaturhafte Teilchen, aus eigner Schuld für einen Augenblick erlahmt, dann wird das den Kameraden nebenan das Leben kosten. Und wenn er von den Kameraden spricht, ihren Wunden, ihrem Sterben, dann fühlt die Kriegsmaschine Ludwig Renn plötzlich, um im nächsten Augenblick wieder zusammenzufahren, wenn ein Kommando oder Signal zum Dienst ruft. Aber man versteht auch, warum die blutige Schande vier Jahre dauern konnte. Es gab so ungezählte Renns an allen Fronten und unter allen Fahnen. Sie fungierten so vorzüglich, weil sie die Menschen liebten, die Menschen um sich in ihrem Elend und Schmutz. Je gewaltiger der Tod Lücken schlug, desto enger schlossen sich die Überlebenden zusammen, fühlten sie die Verantwortung füreinander. Es ist grausamer Irrtum, der Wille der Soldaten könnte den Krieg zerschlagen, wenn er einmal da ist. Es gibt dann nur noch Sieg oder Niederlage. Der Krieg kann nur im Frieden bezwungen werden. Es ist schade, daß Renn den Zusammenbruch nur in ganz knapper episodischer Skizze streift. Sein Thema war der Krieg, und der Zusammenbruch ist wieder ein andres. In kleinsten Andeutungen nur spricht er von dessen Ursachen. Als ewiger Frontsoldat hat er auch die Etappe wenig kennengelernt. Aber wenn er einmal ganz tendenzlos und unkarikiert einen Oberleutnant schildert, einen höchst strammen Herrn, der vom Stab vorübergehend zur Front kommandiert worden ist, einen organisationswütigen Kompaniedespoten, der zunächst dem Mißbrauch steuert, daß im vordersten Graben jemand Wickelgamaschen trägt, dann hat er auch den Geist beschworen, der das Heer ruiniert hat. Jedoch von diesem Punkte aus die Entwicklung bis zur schließlichen Auflösung zu verfolgen, das unternimmt er nicht. Denn wie selbst diese geduldigsten aller Soldaten rebellisch wurden, wie der Zweifel langsam den schweigenden Dienst zernagte und schließlich Meuterei hochflammte, das ist mit den Mitteln der dokumentarischen Treue nicht mehr zu fassen. Wo sich die Gefühle entzweien, da beginnen die Bezirke der Dichtung. Auch Remarque läßt sein Werk irgendwann im Sommer achtzehn schließen. Niederlage und Rückkehr mit roten Fahnen bleiben die Kriegsbücher schuldig. Und das ist vielleicht der tiefste Grund, weshalb sie das Publikum so gerne mag. Ludwig Renn ist heute Kommunist und Soldat der Weltrevolution. Mit einer im Trommelfeuer gestählten Stimme wird er in Versammlungen die apokalyptischen Schrecken der großen Mammondämmerung verkünden. Sein individuelles Werk ist vollbracht, jetzt gehört er wieder der namenlosen Masse an. Er hat, wie Millionen, den Weg durch die gleiche Hölle genommen, aber er hat sie nicht vergessen. Er hat sie klar und scharf, ohne daß ihn das Grauen durcheinandergerüttelt hätte, vermessen und aufgezeichnet. Er ist ihr Geometer, ihr Topograph geworden.   Die Weltbühne, 5. März 1929   »Die Pflasterkästen« – und wieder ein Kriegsbuch? Dieses heißt »Die Pflasterkästen«. Sein Verfasser ist der Münchner Dichter A. M. Frey. Hier ist neulich einiges Kritische über die Wirkung von Remarque und Renn gesagt worden. Über die Mißverständnisse, die sie erwecken können. Doch dieses Buch kann nicht mißverstanden werden. Denn es sucht den Krieg dort, wo das Pathos aufhört: – auf dem Verbandplatz. Wo das Blut in Schmutz verrinnt, wird nichts Heroisches mehr vorgespielt. Hier ist die Abdeckerei der eisernen Zeit. Hier ist der Ort, der vom Schreibtisch her, wo die ideologischen Verteidigungen des Krieges geformt werden, nicht gesehen wird. Mit unerbittlicher Einseitigkeit hat sich Frey auf das eine Thema beschränkt. Vom Verbandplatz schleichen die Kolonnen der Krankenträger nachts in Stellung, um die Zusammengeschossenen aufzusammeln, oft muß ein zweiter, ein dritter Zug herausgeschickt werden, um wieder die Träger zu bergen. Frey war von 1915 bis 1918 bei einer bayrischen Sanitätskompanie. Deren Tun und Leiden hat er niedergeschrieben. Man kennt ihn aus einer Reihe phantastisch-bizarrer Geschichten (»Solneman der Unsichtbare«, »Kastan und die Dirnen«, »Spuk des Alltags«). Ein letzter Nachfahre E. T. A. Hoffmanns. Doch hier streckte der Meisterzeichner von Nachtstücken und Traumgesichten demütig die Waffen. Was ist auch Imagination neben dieser Wirklichkeit? Es ist gut, daß er nur seiner Erinnerung gefolgt und über die Form eines Berichtes nicht hinausgegangen ist. Dieses Buch ist keine Frühstückslektüre. Es bleibt auch nicht der schwächste romantische Kitzel. Die Gloriole des Kriegsgottes wird stinkend und vertropft als grüner Eiter. Es wiederholt sich immer wieder nur das schreckliche Geschäft der Sanitäter: Bemühungen um deformierte Leiber, um Knochenbündel, die nicht verlöschen wollen, sondern zu trinken verlangen, um blutig verkrustete Scheiben mit schwarzen Löchern, ehemals Gesichter. Masken sterbender Krieger – von heute. Hier führen, so seltsam es klingen mag, die Toten das Wort. Neben ihnen werden die Labenden und Handelnden – die Ärzte, die Sanitätssoldaten, französische Frauen, die gelegentlich hineinspielen – fast wesenlos. Es ist ein Kapitel dabei, wie im Keller von Schloß Fontaine Deutsche und Franzosen nebeneinander liegen und verenden, während oben von dem Haus ein Stück nach dem andern weggeschossen wird, das ist großartig gestaltet und außerdem so einfach und voraussetzungslos, daß man es dringend in die Schulbücher wünscht. Denn diese Schilderungen haben in ihrer schreckvollen Realität die große Aufgabe, uns mutig zu machen zu dem offenen Geständnis, daß wir unser Leben höher schätzen sollen als die verlogenen Symbole, die Völker aufs Schlachtfeld hetzen. Das Buch ist bei Gustav Kiepenheuer erschienen. Die »Weltbühne« brachte vor zwei Jahren ein Stück, das jetzt darin enthalten ist (»Die Granate«, XXIII, 1927).   Die Weltbühne, 30. April 1929   Zörgiebel ist schuld! Conférenciers des Unglücks hatten sich schon tagelang vor dem 1. Mai auf ein Massaker in der Baugrube am Alexanderplatz und auf etwa zweihundert Tote festgelegt. Daß die Wirklichkeit sich auf den Wettlauf mit der Phantasie nicht einließ, liegt nicht an den Zeitungen, von denen einige in Panikmacherei Tollheiten leisteten, sondern an der Besonnenheit der Berliner, die nicht einmal durch die hysterischen Freiluftübungen ihrer Polizei aus dem gewohnten skeptischen Gleichmaß zu bringen waren. Immerhin liegen zweiundzwanzig Tote und über hundert Schwerverletzte zuviel da, Opfer, geblieben zur höhern Ehre des traurigen Prestigestreits zwischen Sozialdemokratie und Kommunistischer Partei. Es ist tausend gegen eins zu wetten, daß sich die Kommunisten mit jedem nichtsozialistischen Polizeipräsidenten über die Abwickelung des schwierigen Tags verständigt hätten. Aber es ist mit noch größerer Sicherheit zu wetten, daß auf die Idee, den Maiumzug der Arbeiterschaft zu untersagen, kein wilhelminischer Jagow, ja kein noch so scharfmacherischer Statthalter Hugenbergs gekommen wäre. Einen durch jahrzehntelange Tradition fast sakral gewordenen Aufzug, eine letzte Erinnerung an die alte sozialistische Weltgemeinschaft kurzerhand zu verbieten, das bringt kein Bourgeois fertig, dazu gehört schon einer jener wohlzugeschnittenen Parteisozialisten, deren Energie sich ausschließlich im Abbau der alten sozialistischen Werte und Riten betätigt. Herr Zörgiebel, der sich durch nichts für sein jetziges Amt qualifiziert hat, zählt zu jenen aus dem Geiste der Ochsentour empfangenen Würdenträgern, die sich für ganz verteufelte Realpolitiker halten, wenn sie das, was sie gestern anbeteten, heute mit den Stiefelspitzen traitieren. Hätte es eigentlich schlimmer werden können, wenn die beiden rivalisierenden Parteien ihre gewohnten öffentlichen Demonstrationen abgehalten hätten? Die großen Züge hätten, wie immer, Disziplin gewahrt, in den Abendstunden erst wäre es zu mehr oder weniger ernsten Rempeleien und Prügeleien gekommen. Dann hätte sich vor bescheidenem Hintergrund jener Zwist zweier Farben abgespielt, für den Shakespeare die ewige Symbolisierung gefunden hat: Ich bitt dich, Freund, laß uns nach Hause gehn! Der Tag ist heiß, die Capulets sind draußen – Aber selbst über Veronas Bürgerkämpfen waltete eine unparteiische, wenn auch schwache Hand. Doch in Berlin sitzt unglücklicherweise das Haupt der Capulets, als Ordnungspolizei angestrichen, im Chefzimmer. Als Sachverwalter des sozialdemokratischen Parteivorstandes hat Herr Zörgiebel den Maiumzug verboten, sachliche Motive hatte er nicht dafür. Weil in der Lindenstraße und bei Herrn Leipart gefürchtet wurde, die Kommunisten könnten jetzt nach ihren Erfolgen bei einigen Betriebsratswahlen glanzvoller aufziehen als die Sozialdemokraten, deshalb mußte das Verbot aufrechterhalten bleiben. Ich will nicht die erregte Sprache der Kommunisten in den letzten Apriltagen verteidigen, die durchaus die Illusion zu erhalten suchte, daß die Partei sich um Herrn Zörgiebels Anordnungen nicht scheren werde. Aber ich kann auch mit bestem Gewissen nicht sagen, ob nicht schließlich doch in den Sektionen in letzter Stunde noch gebremst wurde. Schließlich ist eine oppositionelle Massenpartei kein Schafstall, wo mit Sonnenuntergang die Tür zugesperrt wird, sondern eine Kollektion oft schwer behandelbarer Einzelwesen. Daß auch bei disziplinierten Körperschaften das Temperament durchgehen kann, dürfte Herr Zörgiebel wohl voriges Jahr zu Pfingsten erfahren haben, als sein Vizepräsident unter die Gummiknüppel der eignen Leute geriet. Nachdem er aber fest entschlossen war, sich an dem Maitag der Arbeiterschaft zu vergreifen, mußte er auch den Nachweis führen, daß Gefahr im Verzuge sei, und deshalb wurde Berlin gradezu von Polizei überflutet und, ehe sich noch etwas ereignet hatte, ein Bild geschaffen, als wäre der Bürgerkrieg im vollen Gange. Mit dem militärischen Aufwand zog eine böse und gereizte Stimmung ein, und es ist ein wahres Wunder, daß nicht noch viel mehr passiert ist. Aber was ist nun eigentlich passiert? Sicher ist nur, daß der prophezeite Aufruhr nicht losgebrochen ist, daß sich aber in einzelnen Straßen am Wedding und in Neukölln Krawalle entwickelt haben, die von der Polizei mit Maschinengewehren, Spanischen Reitern, Panzerwagen und Blockademaßnahmen behandelt wurden. Langsam nur schritten die Operationen fort. Ein Blatt von dem Ernst der »Frankfurter Zeitung« belächelt den Aufwand, und im »B. T.« beginnt am Sonnabend der an die Neuköllner Front entsandte Berichterstatter die Frage aufzuwerfen, mit wem nun eigentlich gekämpft werde. Am 4. Mai weicht überhaupt die Hochstimmung der Presse heftiger Bestürzung und wachsender Ungeduld. Ein ausländischer Journalist ist im Kriegsgebiet erschossen aufgefunden, ein Lokalredakteur von Ullstein, Herr Weymar, mit Beinschuß aus der Hermannstraße transportiert worden. Herr Zörgiebel erklärt mit amtlich gewaschenen Händen zum Fall Mackay: »Dieser Pressevertreter hat, trotz meiner Warnung und trotzdem ihn auch der Reviervorsteher des 212. Reviers dringend auf die große Gefahr beim Betreten des Unruhegebiets aufmerksam gemacht hatte, das Sperrgebiet betreten. Von welcher Seite der tödliche Schuß abgefeuert wurde, konnte nicht festgestellt werden.« So ist der Krieg. Über das Malheur des Redakteurs Weymar dagegen schreibt die »Vossische Zeitung«, er habe in den ruhigem Stunden der Nacht versucht, sich der polizeilichen Sperre zu nähern. »Er hielt die Hände erhoben, zeigte den Beamten hinter der Barrikade seinen Presseausweis und rief ihnen zu: ›Nicht schießen, Presse!‹ Fast gleichzeitig, nur wenige Sekunden später, erhielt er einen Schuß ins Bein.« Diese beispielhafte Behandlung eines einzelnen zwingt zu einer kleinen Klarstellung. In der Verlustliste befinden sich zwar harmlose Passanten und einige Frauen, die übers Balkongitter geguckt haben – wahrscheinlich nicht grade, während der Feuerkampf wogte –, aber man findet darin niemand von der Polizei. Ich frage, Herr Polizeipräsident, wo ist die Verlustliste Ihrer Beamten? Ich frage nicht aus Zynismus so, denn ich freue mich über jeden, welche Farben er auch trage, der mit heiler Haut aus dem häßlichen Spiel der Waffen herauskommt, ich frage nur zur Ergründung der Wahrheit nach der Verlustliste Ihrer Beamten. Wenn bei einer angeblich so wilden Insurrektion nur die Insurgenten Verluste haben oder nur die Unvorsichtigen und die Schlachtenbummler erlegt werden, dann handelt es sich hier entweder um einen typischen Kriegsbericht, in dem immer die andern zerschmettert werden, während von den Unsern kein Mann verletzt ward – eine Übertreibung, zu der hier kein Anlaß vorliegt, im Gegenteil! –, oder die Geschichte von der Insurrektion ist ein aufgelegter Schwindel, nur ersonnen, um die breite militärische Entfaltung zu rechtfertigen. Schon am 1. Mai in den Vormittagsstunden begann der Gummiknüppel zu rasen. Ich lasse hier zwei Zuschriften folgen, die einiges zur Erklärung der Unruhen beitragen können. Herr Siegfried Jacoby, früher Sekretär bei Professor Einstein, schreibt: »In der Mittagszeit, zwischen dreiviertel elf und halb ein Uhr kam ich von der Staatsbibliothek mit einem Paket Bücher über den Alexanderplatz. Ich wollte in die Prenzlauer Straße und dann in meine Wohnung in die Neue Königstraße. Als ich am Warenhaus Tietz, vis-à-vis der Untergrundbahn, einen Menschenauflauf sah, ging ich auf die andre Seite, um nicht ins Gewühl zu kommen. Kaum hatte ich den Damm überschritten, als ich von drei Schupobeamten im wahrsten Sinne des Wortes überfallen wurde. Der eine schlug mit einem Gummiknüppel auf meinen Schädel ein, der andre bearbeitete meinen kranken, tuberkulösen Rücken. Die Schädeldecke ist heute noch sehr geschwollen. An der Wirbelsäule, an der ich offene Wunden habe, zieht sich ein dicker roter Streifen hin. Bemerken möchte ich, daß ich wirklich nur durch Zufall über den Alexanderplatz ging, ich mich an keiner Demonstration oder sonst einem Menschenauflauf beteiligt habe. Gesehen habe ich, wie die Polizei ohne Sinn auf Menschen einschlug, die absolut mit politischen Kundgebungen nichts zu tun hatten. Es scheint mir, daß die Beamten es vorerst auf jüdisch aussehende Passanten abgesehen hatten. Ich bin bereit, vor jedem Gericht meine Aussagen eidesstattlich niederzulegen.« Ich möchte hinzufügen, daß Herr Jacoby infolge eines Unglücksfalles stark behindert ist und sich nur mit einem Krückstock fortbewegen kann, also in keiner Weise zu tumultuarischen Episoden prädestiniert ist. Doch wem Herr Jacoby zu politisch ist, der höre einen in der Gegend des Schönhauser Tors praktizierenden Arzt: »Hackescher Markt: Menschen auf den Bürgersteigen. Polizei beginnt etwa um halb zwölf zu schlagen. Vor dem Postamt etwa zehn Schupos auf einem Haufen, Rücken zur Wand, und schießen in die Menschen; drei Verletzte, ein Knieschuß, ein Bauchschuß, ein Rückenschuß; Kugel steckt unter der Haut am Adamsapfel. – Bülowplatz: Polizei wild; beginnen zu laufen; Menschen laufen etwa fünfzig bis achtzig Meter voraus in die Koblankstraße hinein. Beamte laufen über den Platz, ziehen dabei die Revolver und schießen auf zirka hundert Meter Entfernung in die Koblankstraße hinein. Dabei waren die Beamten gegen fünfzig Meter von den Zivilisten getrennt. – Mir heraufgebracht zum Verbinden zirka zehn Schußverletzungen und zirka zwanzig Schlagverletzungen, die von äußerster Brutalität zeugen. Hiebe über den Kopf, daß die Kopfhaut aufgeschlagen ist und Gehirnerschütterung vorliegt. Ein fünfzehnjähriges Mädchen geht mit den Eltern; der Vater sagt noch, wir werden lieber auf der Straße gehen, da wird man uns nichts tun; im nächsten Moment liegt die Tochter mit Oberschenkelschuß, angeblich, nach Zeugenaussagen, von dem laufenden Polizeileutnant angeschossen, der auf einen Radfahrer schießen wollte. Fast alle Schüsse trafen von hinten. Die Polizei schreckte nicht davor zurück, abends im Dunkeln einen Arzt, der in seinem weißen Kittel auf dem Balkon stand, um den Samaritern Anweisungen zu geben, von der Straße her mit dem Revolver zu bedrohen.« Übrigens wird auch in einigen Zeitungen bereits Untersuchung über bestimmte Vorgänge gefordert. Das ist gewiß richtig und zur Feststellung von Sachverhalten notwendig, aber es wäre töricht, jedem einzelnen Schupowachtmeister eine Verantwortung aufzubürden, die in ihrer ganzen Ausdehnung und Wucht von der obersten Stelle getragen werden muß. Schuldig ist nicht der einzelne erregte und überanstrengte Polizeiwachtmeister, sondern der Herr Polizeipräsident, der in eine friedliche Stadt die Apparatur des Bürgerkriegs getragen hat. Mehr als zwanzig Menschen mußten sterben, mehr als hundert ihre heilen Knochen einbüßen, nur damit eine Staatsautorität gerettet werden konnte, die durch nichts gefährdet war als durch die Unfähigkeit ihres Inhabers.   Die Weltbühne, 7. Mai 1929   Jeanne d' Arc Es sind jetzt grade fünfhundert Jahre her, daß die belagerte Stadt Orléans von französischen Truppen befreit wurde, die ein sechzehnjähriges Mädchen anführte. Mit diesem Tag beginnt der schnelle Verfall der englischen Macht in Frankreich, die sich vierzehn Jahre vorher bei Azincourt neu gefestigt hatte. Zugleich aber erhält das Staatensystem des Mittelalters den vernichtenden Schlag. Schon sind die italienischen Ansprüche der deutschen Könige Papier geworden, die Kreuzzüge in ihr Gegenteil umgeschlagen: die Türken bedrängen Südosteuropa. Mit der Vertreibung der Engländer aus Frankreich siegt in Europa das Prinzip der Nationalstaaten. Wie später die Kanoniere von Valmy haben die Bogenschützen von Orléans eine neue Epoche der Weltgeschichte eingeleitet. Die Fahnenträgerin der neuen Idee war ein halbflügges Bauernmädchen aus dem lothringischen Domrémy, Johanna, ein zartes Gefäß großen Inhalts nur, das von den Menschen bald erbarmungslos zerschlagen wurde. Noch das achtzehnte Jahrhundert hat in Johanna nicht mehr gesehen als die gerissene Soldatenhure, ein Blendwerk der Pfaffen, die durch eine Frau die Könige und Ritter beherrschen wollten. In Voltaires »La Pucelle« klappert, von rüden Sexualspäßen untermischt, ein hartes Gelächter über eine Menschheit, die sich willig von einer Dirne am Narrenseil führen läßt. Erst als die Marseillaise über den Rhein schmettert, erkennt Schiller in Jeanne d'Arc das neue heroische Prinzip der Nation und wirft über die schmalen Schultern seiner Heldin den schweren Mantel einer opernhaft schwellenden Sprache. In einem Buch voll zarter Ironie erzählt Anatole France das Leben Johannas auf quellenmäßiger Grundlage. Hier bleibt, ohne große historische Aspekte, nur ein sehr kindliches Mädchen, das sich mutig zwischen schrecklichen eisengepanzerten Männern bewegt und Zwiesprache hält mit den Geistern, die es abwechselnd aufmuntern und schelten. Und mitten in einen moralpolitischen Disput stellt der gefeiertste Dramatiker unsrer Zeit das Mädchen Johanna als erste Vertreterin der neuen Weltidee des Nationalismus. Es wird sein ewiger Ruhm bleiben, daß er sich nicht allein auf die geniale Spitzfindigkeit seiner Dialektik verließ, sondern eine Schlußszene von unsäglicher Elegik hinzufügte, zarte dichterische Trauer eines Kenners der Welt, die ihre Heiligen verbrennt, um ihnen nach Jahrhunderten großartig die Glorie zuzusprechen. Bernard Shaws Drama, angeregt durch die Kanonisation Johannas, fiel fast kalendermäßig zusammen mit der neuen Mode der Frauen, die Haare kurz zu tragen und einen schlanken, durch sportliche Übungen trainierten Körper zu zeigen. So wurde Johanna zur Verkörperung der Amazone von heute, und so ist für ihren Nachruhm geistlich und weltlich bestens gesorgt. Johannas Zeitalter war gläubig und von Priesterlegenden so erfüllt wie das unsrige von denen der Zeitung. Vielleicht war Sainte-Jeanne nur ein armes, von Pubertätskrämpfen gepeinigtes Ding, männlich in ihren Instinkten und in ihrem unbestimmten, unwissenden Verlangen. In diesem rauhen und naiven Jahrhundert mußte ihr Anderssein sie entweder zur Heiligen oder zur Hexe machen. Damals kontrollierte die Kirche die Psychosen, förderte sie, wenn sie supranaturale Hilfe brauchte, brannte sie aus, wenn die Geister zu frech wurden. Als vor ein paar Monaten in London eine Frau als Colonel Barker die Oriflamme des Faschismus gegen die demokratische Verschlampung ihres geliebten Vaterlandes erhob, da waren die Leute sehr böse und sagten sehr wenig von Heroismus und Jeanne d'Arc, aber sehr viel von Perversität oder strafwürdiger Dreistigkeit. Psychiater und Richter stritten sich um das Opfer. Der Richter blieb Sieger. Schicksal der heldischen Amazone in der bürgerlichen Zeit. Im Grunde ist es gar nicht so wichtig zu erforschen, ob Johanna eine andressierte Rolle spielte oder ob sie als urwüchsiges Genie sich selbst durchsetzte. Denn eines ist nicht zu bestreiten: etwas ist mit ihr in die Welt gekommen, das vorher nicht da war. Der Glaubenssatz, daß kein Volk dem andern untertan sein soll, daß jedes Volk das angeborene Recht hat, über sich selbst zu bestimmen, wehte zuerst von dem Helme eines tapfern Mädchens, das drei Jahre hindurch Tausende von Männern begeistert oder behext, jedenfalls elektrisiert hat. Der Zug verzweifelter Franzosen nach Orléans, dem letzten Pont ihrer Hoffnung, angeführt von einem kindhaften Geschöpf, das niemand kannte, dessen Glaube an die Sendung aber auf das kleine Heer übersprang, bleibt ein unvergängliches Symbol der unerrechenbaren Kraft der Idee gegenüber der kalten, phantasielosen Sekurität, die so lange selbstzufrieden auf den Tatsachen thront, bis sie heiß werden und ihr das Sitzfleisch verbrennen. Die ganz weittragenden Gedanken werden immer im Stall geboren. Heute ist Jeanne d'Arc natürlich sehr arriviert. Prälaten und Generale feiern sie, nichts erinnert mehr an ihre kleine Herkunft. Sie ist die Schutzheilige von Charles Maurras und der ›Action Française‹ geworden. Säbel und Krummstab kreuzen sich an ihrem Sockel. Aber es wäre töricht, zu leugnen, daß ihr Kultus dem französischen Nationalismus eine Glut und einen Schwung gegeben hat, die der deutsche Rivale nicht kennt, der in seiner klotzigen Materialität einfach die Macht will, ohne die Idee zu achten. Zweimal zwischen vierzehn und achtzehn wollte an der Marne sich Frankreichs Schicksal vollenden, und beide Male wendete es der Geist des letzten furiosesten Widerstandes ab. Zweimal sind die deutschen Heere an der Marne dem gepanzerten Mädchen aus Lothringen begegnet, und beide Male sind sie geschlagen worden.   Die Weltbühne, 21. Mai 1929   Areopag Der Ausschuß zur Untersuchung der Berliner Maivorgänge hat in der vergangenen Woche zwei überfüllte Meetings abgehalten. Die Versammlung im Großen Schauspielhaus war von mehr als viertausend Personen besucht, wobei nicht geschätzt werden kann, wie viele keinen Einlaß mehr fanden, die andre Veranstaltung, im Proletarierviertel am Wedding, mußte durch eine Parallelversammlung ergänzt werden. Ein hochansehnliches Ergebnis, wenn man bedenkt, daß uns Propagandamittel kaum zur Verfügung standen. Ein Ergebnis, das unmißverständlich zeigt, wie groß im Publikum der Wunsch nach Klärung ist und wie groß auch die Sünde der Behörden ist, die diese Klärung, zu der sie verpflichtet sind, unterlassen haben. Wir haben uns über unsre Aufnahme durch die Presse keine Illusionen gemacht. Es bleibt festzustellen, daß die linksbürgerlichen Blätter unser Unternehmen kritisch und ablehnend behandeln, aber ohne Verunglimpfung und ohne häßliche Unterstellungen. Die persönliche Besudelung bleibt dem honorigen Regierungsorgan, dem »Vorwärts«, vorbehalten, der in einer amateurhaften und deshalb beinahe unschuldig anmutenden Niedertracht eine Rivalerie zwischen Stefan Großmann und mir zu konstruieren sucht. Es mag hingehn; selbst die Gemeinheit muß gelernt sein. Aber die Sache wird weniger spaßhaft, wenn der »Vorwärts« uns »intellektuelle Strohpuppen« der KPD nennt und wenn er von politischen Geschäften mit den Toten der Maitage und von »Leichenschändung« zu sprechen wagt. Was das letztere anbelangt, so sollte das Regierungsblatt etwas vorsichtiger sein, denn es hat schon lange keine guten Beziehungen mehr zu den Lebendigen. Und auch das mit den Strohpuppen ist, gelinde gesagt, etwas übertrieben. Wer die nichtkommunistischen Mitglieder des Ausschusses, wer den Rechtsanwalt Apfel, wer Alfons Goldschmidt, Stefan Großmann und den Schreiber dieser Zeilen ein wenig kennt, der weiß auch, daß dies nicht die geeigneten Darsteller für Marionettenrollen im Dienste einer politischen Partei sind. Wir haben uns nicht aufgedrängt, denn jeder von uns hat in seiner eignen Zone genug zu tun. Wir handelten nur aus dem Gefühl, notwendig zu sein. Nachdem der preußische Innenminister schützend vor die Polizei getreten war, konnte von einer Untersuchung der Vorgänge oder gar Bestrafung der Schuldigen nicht mehr die Rede sein, und es blieb nur noch die Sammlung von ein paar Menschen übrig, die das Gefühl für das Gewicht von dreißig Toten nicht verloren haben und denen die Vorstellung absurd erscheint, daß die Verüber von dreißig Totschlägen unerkannt in jener Institution weiter wirken sollen, der die Sicherheit der Stadt Berlin anvertraut ist. Um alle weitern Unterstellungen zu verhindern: wir haben im Ausschuß mit den kommunistischen Mitgliedern gut und kameradschaftlich zusammengearbeitet. Sie haben uns nicht zu beeinflussen gesucht, wir sind selbständig geblieben. Wir haben in kommunistischen Politikern, mit denen wir in der Vergangenheit manchmal die Klinge gekreuzt haben und denen wir in Zukunft gewiß wieder auf einem andern Felde begegnen werden und die in der Phantasie geängstigter Spießer den moskowitischen Schrecken personifizieren, ruhige und verantwortungsbewußte Männer gefunden, und wir haben in dem kommunistischen Stadtarzt von Neukölln, Doktor Schmincke, einen freien und humorvollen Menschenfreund gefunden, dessen Bekanntschaft lohnt. Der Ausschuß hat als politischen Zeugen den Abgeordneten Pieck vernommen und ihm, das möchte ich mit aller Deutlichkeit betonen, die Sache nicht leicht gemacht, sondern ihm sehr delikate Fragen gestellt, auf die ein Parteiführer in öffentlicher Versammlung nicht gern eingeht, und Herr Pieck hat loyal geantwortet. Der Zweifel ist erlaubt, ob Herr Otto Wels nicht mehr Geheimnisse zu verwahren hat als dieser angebliche Chef des kommunistischen Generalstabs für den roten Aufruhr. Wenn der »Vorwärts« behauptet, daß diese Befragung nur eine Komödie gewesen sei, so kann dem leicht entgegengehalten werden, daß die Viertausend im Großen Schauspielhaus einen ganz andern Eindruck davon erhalten haben. Aus alledem hat sich etwa dies Bild ergeben: die Kommunistische Partei hat am 1. Mai das Demonstrationsverbot nicht anerkannt, sie hat sich darin nur als die orthodoxe Tochter der weitherzig gewordenen sozialdemokratischen Mutter gezeigt, aber sie hat nichts getan, um Gewalttätigkeiten herbeizuführen, und nicht dazu herausgefordert. Für den 1. Mai verlangt der überwiegende Teil der Arbeiterschaft das Recht auf die Straße. Dieser Zug durch die freie Straße symbolisiert das letzte Ziel des Sozialismus: die Befreiung des ganzen Erdkreises durch den arbeitenden Menschen. Ob das eine romantische Vorstellung ist und die bisherige Form der Maifeier altmodisch, stand nicht zur Debatte. Darüber haben nur die beiden sozialistischen Parteien zu entscheiden, und eine so prinzipielle Auffassung hat auch bei Herrn Zörgiebels Verbot nicht mitgespielt. Hier waren aktuellere Motive im Spiel. Jedenfalls haben wir auf Grund zahlreicher alter und neuer Dokumente festgestellt, daß die Mehrzahl der Arbeiterschaft die öffentlichen Maiumzüge als eine unantastbare Überlieferung auffaßt und das Verbot grade durch einen Parteisozialisten als eine Herausforderung empfindet, die sie nicht widerstandslos hinnimmt. Unsre Versammlungen hatten eine Neuheit: die öffentliche Zeugenvernehmung. Wir sind schnell übereingekommen, daß die hergebrachte Form, Protestreden aneinanderzureihen, der rednerischen Improvisation zuviel Spielraum gibt und deshalb nicht bis ins Letzte überzeugt. Die Opfer der polizeilichen Exerzitien selbst mußten sprechen. Nicht aus verlesenen Protokollen, sondern aus den Aussagen von Augenzeugen in öffentlicher Sitzung mußte sich das noch unfertige Bild der traurigen Vorkommnisse runden. Auf unsern Aufruf meldeten sich in wenigen Tagen viele Hunderte von Verprügelten und Verwundeten, die von Herrn Doktor Apfel mit allem notwendigen Ernst befragt wurden, ob sie bereit wären, dieses Zeugnis mit voller Namensnennung in öffentlicher Sitzung abzulegen, und ob sie weiter bereit wären, die Bekundung auch an Gerichtsstelle zu wiederholen. So sind diese Zeugenaussagen zustande gekommen. Hier ist kein abgekartetes und durchgeprobtes Theater gespielt worden, keine »kommunistische Revue«, wie der redliche »Vorwärts« sich auszudrücken beliebt, hier tagte ein freier Gerichtshof, ein volkstümlicher Areopag, zum Zwecke, der Wahrheit zu dienen und unter Lügen verschüttete Tatbestände wieder ans Licht zu holen. Die Zeugen waren keine aussortierten Figuranten, denen ihr Text mühsam souffliert wurde. Hier wackelten keine Kulissen, wie manchmal in den legitimen Gerichtshöfen der Staaten. Die Mehrzahl der Zeugen bestand aus Parteilosen und politisch Uninteressierten, Menschen aus allen Klassen, die nur ihr Gewissen getrieben hatte, öffentlich zu sagen, was sie mit Augen gesehen hatten; grade deshalb waren ihre kargen Worte überzeugender als das dröhnende Pathos der Anklage. Wir rechnen es uns als Verdienst an, diese sonst Stummen zum Reden gebracht zu haben. Unbefangen sprachen diese Männer und Frauen auf der Tribüne riesengroßer Räume, ohne Furcht und Lampenfieber. Daraus könnten unsre beamteten Justizpersonen, die so oft über die Verstocktheit und Verwirrung von Zeugen klagen, einiges lernen. Denn diese einfachen Menschen hatten Vertrauen. Sie wußten, daß sie nicht angefahren wurden, wenn sie stockten, sie wußten, daß über einem Irrtum nicht die neunschwänzige Katze des Meineidsverfahrens hing. So fanden sie sich schnell in die ungewohnte Situation, auf erhöhtem Platz vor ein paar tausend Menschen zu reden. Ihre Bekundungen sind mit Namen und Adressen versehen; jeder einzelne der Zeugen weiß, daß hier kein Schaustück gezeigt wurde, sondern daß wir nichts sehnlicher wünschen, als daß ein objektives und unvoreingenommenes Gericht unsern frei gewählten Areopag ablöse. Wir haben schließlich Lichtbilder gezeigt, eine kleine Folge von Filmaufnahmen aus den Tagen vom 1. bis 4. Mai. Da sind die sogenannten Barrikaden zu sehen, ein paar Kopfsteine und Bohlen, weit unter der halben Höhe einer Brustwehr, offensichtlich nicht zu Kampfzwecken zusammengeworfen, sondern um die unbarmherzigen Verfolger für Minuten zu hindern. Dann wieder sieht man Polizisten, die über ruhig gehende Menschengruppen herfallen und drauflosschlagen; man sieht sechs Ordnungshüter, die mit der Lässigkeit des kraftbewußten Helden um einen Mann herumstehen, der blutend auf dem Pflaster liegt. Und man sieht schließlich – ein unvergeßliches Bild – drei verbindlich grinsende Polizisten, den Karabiner im Anschlag gegen die obern Etagen eines Hauses. Sie erfüllen ihren blutigen Dienst mit der Heiterkeit von Kämpfern, die wissen, daß sie ohne Gegner sind und nur gelegentlich in ein paar Köpfe oder Beine schießen müssen, um ihren Krieg noch um einen Tag zu prolongieren. Mehr als eine Aussage oder ein Dokument trägt dieses eine Bild zur Klärung der Schuldfrage bei. Wann werden die hochmögenden Herren der Sozialdemokratie endlich begreifen, daß es eine Affäre Zörgiebel gibt? Die selbstbewußt abwimmelnden Ministerreden können nicht verhindern, daß sich die Genossen für diese köstliche Gabe ihres Kölner Parteivereins an die Stadt Berlin zu interessieren beginnen. Der Herr Polizeipräsident befindet sich zur Zeit, teils zum Studium, teils zur Erholung, in England. Es ist aufrichtig zu wünschen, daß er sich drüben mit den Akten des vorjährigen Londoner Polizeiskandals befaßt. Damals wurde laut, daß ein paar Kriminalbeamte nachts im Hydepark junge Frauen belästigt und bei der Sistierung eines Liebespaars dem Mädchen unerlaubte Zumutungen gestellt hatten. Deswegen brach im Lande ein Sturm ohnegleichen aus. Fast hätte eine Interpellation im Parlament das Kabinett Baldwin zu Fall gebracht. Der Skandal stürzte sofort den Polizeipräsidenten, und ein neuer strenger Herr hielt in Scotland Yard fürchterlich Musterung und warf die untauglichen und brutalen Beamten zu Hunderten hinaus. England ist ganz gewiß nicht mehr das klassische Land der Bürgerfreiheit, aber es gibt dort noch immer ein öffentliches Gewissen und ein lebendiges Habeaskorpus-Gefühl. Wenn ein paar kleine Polizisten, die dem nächtlichen Sexualtrubel des Hydeparks nicht widerstehen konnten, sondern auf ihre Weise davon zu profitieren suchten, ihrem obersten Chef den Kragen kosteten und fast auch der Regierung, so braucht man nicht zu fragen, was Berliner Polizeimethoden in England für eine Wirkung hervorrufen würden. Es gibt in Deutschland noch keinen Sinn für Bürgerfreiheit, nicht für verfassungsmäßig verbriefte Garantien. Es gibt, vor allem, kein Habeaskorpus-Gefühl. Sonst könnte kein Minister wagen, Herrn Zörgiebel und seine Prätorianer zu decken. Der Untersuchungsausschuß hat seine Arbeit erst begonnen. Die Sitzung geht weiter.   Die Weltbühne, 11. Juni 1929   Der Mann, der Coolidge kannte Dies neue Buch von Sinclair Lewis ist der grimmige Versuch eines Pädagogen, dem die Geduld reißt, seinem Zögling alle Untugenden auf einmal entgegenzuhalten, vielleicht daß das Schreckbild doch etwa vorhandene gute Instinkte mobilisiert. Dabei wird dieser höchst lebendige Satiriker plötzlich zum Pedanten. Er konstruiert eine allegorische Figur, an der alle Übel des amerikanischen Menschen aufgezeigt werden wie an dem berühmten Lazarettgaul sämtliche Pferdekrankheiten. Das Demonstrationsobjekt ist Mr. Lowell Schmaltz, Büroartikel, in Zenith (Winnimac), der Stadt, die auch den Grundstücksmakler George Babbitt und den Reverend Elmer Gantry zu ihren Mitbürgern zählt. Mr. Schmaltz ist, wie Schelmuffsky, wie der brave Schwejk, wie Herr Wendriner, Monologist, der immer einen Zuhörer braucht, wenn auch nur, um durch ein zugeworfenes Stichwort die Suada in Gang zu halten. Und er hat in der Tat eine unerschütterliche Suada, deren Strom der Übersetzer Franz Fein hingebend verfolgt hat. Eine Suada, die hier zweihundertzwanzig Seiten füllt und, offen gestanden, hundert Seiten zuviel. Das Zuviel ist, wie so oft, entscheidend. Mr. Schmaltz redet über alles und jedes. Von seiner angeblichen Bekanntschaft mit Cal Coolidge, seinem Familienglück, seiner Tüchtigkeit, von Politik und Religion, von Radio, elektrischen Kühlschränken, von Büroartikeln, von hundertprozentigem Amerikanertum und der Begehrlichkeit der Arbeiter. Es ist eine schreckliche Orgie von Selbstzufriedenheit und Überheblichkeit, eine ungeheure Parade von Unzulänglichkeiten und Torheiten, die der Verfasser als spezifisch amerikanisch notiert hat, und alles, was ihn jemals geärgert hat, das hat er auch hineingestopft. Das wirkt manchmal überwältigend komisch, manchmal fallen satirische Hiebe ersten Ranges, doch vieles bleibt auch monoton und von tendenziöser Billigkeit. Vielleicht ist für Amerika so handfeste Arbeit notwendig, wahrscheinlicher aber ist, daß diese happige Dosis nicht geschluckt wird und daß nichts bleibt als Material zur Nährung europäischer Vorurteile über Amerika. Lewis selbst mag das gefühlt haben, denn mit großartiger Vernachlässigung der eignen primitiv pädagogischen Absichten reißt er deshalb in einem Kapitel die andre Seite der Sache auf und zeigt den ewig Großmäuligen plötzlich als kleinen geplagten Menschen, der an der Normalisierung des amerikanischen Lebens leidet und sich nach Unbefangenheit und Individualität zurücksehnt. Fort ist die Bekanntschaft mit Coolidge, fort das hundertprozentige Amerikanertum, denn noch im Vaterhaus wurde deutsch gesprochen; die glückliche Ehe löst sich in ein prosaisches Alltagsmartyrium auf, und der gewaltige Geschäftsmann bittet, ganz klein und manierlich geworden, um ein Darlehen, weil ihn der Luxus von Frau und Tochter kaputtzumachen droht. Diese überrumpelnde Wandlung von der Zivilisationspuppe zum Menschen, mit hartem Griff durchgeführt, bringt den großen Romancier Sinclair Lewis wieder in seine eignen Bezirke. Aber viel glücklicher als in dieser überladenen Skizze hat er seinen Krieg gegen das Kafferntum Amerikas in dem letzten großen Roman »Mantrap« geführt (wie dieser bei Rowohlt erschienen). Denn hier ist die Satire nicht starr und doktrinär, sondern in Bewegung umgesetzt, in eine wunderbare Fülle von Leben.   Die Weltbühne, 23. Juli 1929   Die Kaufleute von Berlin »In einer Bahnhofshalle, nicht für es gebaut«, nämlich für das Drama, spielt Piscator ein Stück, das gewiß Beschleunigung und Straffung verlangt, aber keine Apparatur, deren Knirschen seine innere Musik übertönt. Der alte Streit zwischen Regisseur und Dichter wird hier jusqu'au bout ausgefochten, wobei der Regisseur den Erbfeind des Theaters siegreich schlägt. Piscator benutzt die Gelegenheit zu einer Mustermesse seiner technischen Errungenschaften. Die Bühne rotiert, versinkt, entschwebt. Oberhalb der Szene fliegt Wanderschrift vorüber. Film in doppelter Ausfertigung – auf einem Gazevorhang und einer zweiten Leinewand dahinter. Selige Beruhigung fürs Auge tritt ein, wenn für Minuten nur ein paar Personen auf dem Laufband vorübergleiten. Aber blickst du zufällig nach oben, so kommt schon ein drohendes Eisenskelett herunter, eine kolossale Hängebrücke, eine gespenstische Brooklyn-Brücke, ein Vorortbahnhof von Metropolis. Wenigstens in der ersten Stunde wirkt das hinreißend. Es zu leugnen wäre töricht. Dieser Piscator hat vor dem traditionellen Theater ein Prä: die Bühnenfläche, sonst dem mehr oder weniger bewegten Aufenthalt der Akteure dienend, gewinnt ein nie geahntes Eigenleben; hier verschwindet ein Sektor mit einem kleinen Menschengewimmel in der dunklen Tiefe, während dort schon aus einem andern ein Gesicht langsam ins Licht wächst. Das ist bewundernswert und eine wirkliche Bereicherung des Theaters. Aber dann die Kehrseite: die Maschine wird individuell und lebendig bis zu Starlaunen, dafür wird der Mensch zu einer leer laufenden Maschine. Wo die Szene ganz auf den Schauspielern liegt, da verfliegt sie ins Leere. Wie unendlich ärmlich zerrinnt zum Beispiel das Ballfest im Palais des Inflationskönigs! Da müßte die ganze gefährliche Atmosphäre von dreiundzwanzig eingefangen sein, das müßte eine Sammlung der Zeittypen von damals, mindestens aber ein glänzendes Aufgebot von Fräcken und Dekolletés sein. Aber grade diesem Fest, das die Schlußkatastrophe bringt, fehlt es an Spannung, an Geladenheit; beziehungslos stehen ein paar Statisten um die Hauptdarsteller teils herum, teils ihnen im Wege. Jeßner in seinen puritanischsten Stunden wirkt daneben orgiastisch. Ein fanatischer Arbeiter ist Piscator, gewiß. Aber dieser Wille schaltet nicht souverän, sondern als Sklave seines Materials. Es fehlt der kleine Schuß Hexerei, ohne den das Theater nicht Theater wird. Es fehlt jenes bißchen Hexerei, das aus einer grünen Gardine den Ardenner Wald blühen läßt. Schließlich erliegt der Regisseur den eignen Mitteln. Er hat zwar den Autor glorreich in die Flucht geschlagen, aber er wird des Sieges nicht froh. Er hat das Stück untergekriegt, es gibt keinen Gegner mehr; er steht allein auf weiter Flur und wirft das Spiel um. Lustlos und holterdiepolter rollt nach der großen Pause der Abend dem Ende zu.   Dabei ist dieser »Kaufmann von Berlin« von Walter Mehring das erste Drama, das wirklich für die Bühne Piscators gedacht ist. Es hat nicht jenen heute beliebten Revuecharakter, aber es ist doch eine Wanderung durch viele Stationen, es hat eine Handlung, die sich weniger von innen entwickelt, als vielmehr auf dem laufenden Band weitergleitet. Die Stoffwahl ist wundervoll: die Inflation, die zweite große Zeit unsres Lebens. Im Herbst 1923 wickelt sich das Schicksal des Simon Chajim Kaftan ab, der mit hundert zusammengegaunerten Dollars von Osten gekommen ist: »zu koifn ganz Berlin«. Gierig, aber hilflos, dumpf, aber verschmitzt, irrt er hungernd in den Elendsvierteln herum, zaudernd, seinen Schatz für einen Bissen Brot anzubrechen. Da stößt er auf ein teutonisches Musterexemplar, das bequem zehn Galizier in die Tasche steckt; aus Luftgeschäften entfaltet sich über Nacht ein Kutisker-Konzern und zerplatzt prompt mit der Stabilisierung. Kaftan irrt in die Tiefe zurück, aus der er gekommen, aber eine Polizeifaust rettet ihn eben noch fürs Hochgericht. Er wird kämpfen und zusammenbrechen, und am Seziertisch wird ihm ein Lubarsch zum Gaudium der Herren Studenten eine mehr charakterisierende als pietätvolle Leichenrede halten. Das Werk hat seine greifbaren Mängel, seine Übertreibungen und Lücken, aber es hat einiges mehr als das Gros der heutigen dramatischen Produktion: es hat beträchtliche dichterische Substanz. Nicht immer in den Dialogen, wohl aber in den balladenhaften Zusammenfassungen der Handlung, in den Versen der Kantate von Krieg und Frieden am Beginn, in den Gesängen der Hakenkreuzler, der Straßenkehrer, da brennt die soziale Lyrik Mehrings, und ihr Impetus ist stark genug, um das Stück vorwärtszutreiben. In den spitzen, knappen Strophen Walter Mehrings, der als Chansonnier und Kabarettist abgestempelt ist, spukt viel echte Dämonie, ein unzeitgemäßes Element also, von dem die klare Vernünftigkeit neunaturalistischer Tendenzdramatik nichts weiß. Wenn in einer erschütternd bizarren Alkoholvision Potsdamer Honoratioren der Alte Fritz mit dem Krückstock zwischen die Sieben Weisen von Zion fährt, so hat das die Brillanz großer Satire, die vehemente Hetzteufelei heineschen Witzes und erinnert nicht nur von fern an das unvergeßliche Kölner Nachtstück in »Deutschland, ein Wintermärchen«: Den Paganini begleitete stets Ein Spiritus familiaris ... Das ist ein genialischer Sprung in die Phantasmagorie, und von dieser Ecke her muß das Werk genommen werden. Denn es hat mehr Geist als Körperlichkeit, aber dieser Geist ist nicht verschwommen, sondern blank und manifest. Es ist eine frech geschnittene Arabeske, eine Allegorie, aus Anklage und Trauer, aus Pathos und behendem Gaminwitz seltsam gemischt. Hier ist jede szenische Ausschweifung erlaubt, wenn sie nur die Essenz verschärft. Verboten ist nur Verdickung und Überdeutlichmachung. Piscator aber ruht nicht eher, als bis er die Flötentöne ausgetrieben hat. Es bleibt: Die deutsche Inflation – ein Vortrag mit Lichtbildern und wertvollen Einblicken in das Räderwerk der Zeit. Die Intermezzi der Regie fressen den halben Abend. Aus dem Text fliegt alles, was den Schauspielern Chancen gibt. Gestrichen, daß Kaftan die hundert Dollars in seiner Heimatstadt ergaunert hat. Gestrichen, daß Jessie Kaftan sich dem Rechtsanwalt Müller verkaufen muß. Gestrichen der ganze letzte Teil, der Gang Kaftans in die Unterwelt zurück. Was langsam verklingen müßte, bricht abrupt und fast unverständlich ab. Piscator spielt zusammenhanglose Fragmente, grade genug noch, um den maschinellen Aufwand zu rechtfertigen. Die Darsteller laufen starr und ungenützt herum. Baratoff, sicher ein Schauspieler ganz hohen Ranges, kommt nicht über die Monotonie der Eingangsszenen hinweg, bleibt bei eckigen Armbewegungen und dem gespannten, gehetzten Blick. Schünzel kann dem blonden Oberschieber nicht mehr geben als das gleiche verbindliche Lächeln. Fräulein Schilskaja, eine rührende Bergner-Gestalt, sendet ihre seelenvollen Blicke den verlorenen drei Vierteln ihrer Rolle nach. Doch keine Sorge, es gibt einen Ersatz: zum Schluß weht siegreich eine rote Fahne, die im Textbuch nicht vorgesehen ist.   Zweck der Bearbeitung wäre gewesen, das Werk elastischer zu machen. Statt dessen wird es verstümmelt und um seinen Sinn gebracht. Mehring wollte ein Stück aus der Inflation gestalten, er wollte zeigen, wie sie alle Klassen in den Höllentanz hineinzog, wie der Schieber selbst, ob Jude oder Christ, nur der Geschobene war. Denn dieser Simon Kaftan ist nicht weniger Opfer der Zeit als der verarmte Potsdamer Putschgeneral und seine Offiziere. Indem man aber statt der Wirkung der Inflation sie selbst spielt, erweckt man die irrtümliche Vorstellung, als ob dieses ganze Satanstheater inszeniert worden wäre von ein paar kleinen christlichen und jüdischen Hyänen. Nun war aber die Inflation weiß Gott nicht das Werk einiger Okkasionisten, die an der Peripherie des eben noch Erlaubten zu pendeln pflegen, sondern ein bewußtes freches Beutemanöver der Schwerindustrie, das für ewig mit den Namen Stinnes, Cuno und Hermes verknüpft ist. Doch hier sieht der erstaunte Zuschauer ein Komplott zwischen einem wurmstichigen Israeliten und einem entsprechenden evangelischen Christen, ein Komplott zwischen Rockelor und Lodenjoppe, zwischen Potsdam und Bia\&#322;ystok. Die Diskussion kapriziert sich denn auch folgerichtig darauf, wer von beiden die größere Schuld hat. Die Stammgäste der Rassenfrage finden ihr fettestes Futter. Die völkischen Rasierpinsel sträuben sich aggressiv. Die Zylinderhüte des Zentralvereins deutscher Staatsjuden bürgerlichen Glaubens rücken drohend in die Stirn und ziehen in geschlossenen Formationen durch die liberalen Redaktionen, Klage zu rufen wider Walter Mehring, den berüchtigten Judenfresser ... Zum erstenmal also ist das neue politische Theater in einen ernsthaften Kampf geraten. Seit Jahresfrist etwa werden Tendenzstücke gegen die Todesstrafe, gegen den § 218, gegen die Barbarei von Erziehungshäusern gespielt. Sie fanden starke gleichgestimmte Massen, erweckten Begeisterung. Doch hier tritt zum erstenmal das politische Theater in sein natürliches Element: in den Kampf. Denn das muß man wissen: verschreibt man sich so ostentativ wie Piscator der aktuellen, der kämpferischen Dramatik, die nicht den Ölzweig trägt, sondern das Schwert, dann ist es Desertion, wenn man vor Widerständen zurückzuckt. Denn man will ja doch ein Publikum, das vor aufreizenden Gegenwartsdingen nicht stumm ergriffen dasitzt wie vor der »Braut von Messina«. Man will Menschen, die sich mitreißen lassen, man liebt die Widerstrebenden mehr als die Lauen, die sich für einen kurzen Abend fangen lassen, weil ja »alles nur Theater ist«. Man will Politik, also Kampf, und rechnet damit, daß auch die andern mit den Mitteln der Politik antworten, also kämpfen. Und jetzt geschieht das Unfaßbare: Piscator kneift.   Es gab schon bei der Premiere einen kleinen Skandal: man pfiff über die Geschmacklosigkeit eines Schauspielers beim Vortrag der Straßenkehrerballade. Ich setze zur bessern Deutlichmachung den Text hierher:   Der erste Strassenkehrer fegt einen Haufen Papier zusammen: – Mensch, das war mal schwerreich gewesen! Wenn das mal alles einer besessen, Wie's nischt zu fressen gab – dafür gab es zu essen! Der Aufseher: – Kommt alles untern Besen! Kommt alles untern Besen! Der erste: – Dafür warn wir mal Alle zu haben, Weil man dafür alles Haben konnte, Weil das mal Geld war, Weil man dafür stritt! Der zweite : – Dreck! Der Aufseher : – Weg damit! Der erste Straßenkehrer fegt einen kullernden Stahlhelm : – Mensch! Das war mal die Macht gewesen! Das hat mal auf einem Koppe gesessen! Und dafür gab man dem Kopp was zu fressen! – Kommt alles untern Besen! Kommt alles untern Besen! – Das hat mal den Stahlhelm getragen, Weil der mal an der Macht gewesen, Weil das mal Geld war, Weil man dadafür stritt! – Dreck! – Weg damit! Der zweite Straßenkehrer mit dem Besen an einen Leichnam : – Mensch! Das war mal Mensch gewesen! Das hat mal einen Stahlhelm besessen! Das lebte mal – das hat ausgefressen! – Kommt alles untern Besen! Kommt alles untern Besen! – Das hat mal Erschießen dürfen, Weil es mal den Stahlhelm getragen, Weil das mal Geld war, Weil man dadafür stritt! – Dreck! – Weg damit! Gewiß, das ist nicht sehr fein. Aber ist es nicht ein sehr sinnfälliges Symbol des Abschlusses der Papiergeldzeit? Kehraus, Aschermittwoch. Vanity Fair ist zu Ende. Der große Chansonnier des Wiener Biedermeier sagte das weniger grob, nämlich: Das Schicksal setzt den Hobel an und hobelt alles glatt ... – aber hat er im Grunde etwas andres gemeint? Genug, der Herr, der den dritten Straßenkehrer gab, tat zuviel: er gab dem Leichnam einen Tritt. Das war eine Roheit, die ein berechtigtes Pfeifkonzert quittierte. Piscator aber strich nicht etwa den Fußtritt, den der Verfasser nicht vorgeschrieben hatte, er strich gleich die ganze Strophe, eingeschüchtert von dem Krakeel der Zeitungen, denen natürlich die ganze Richtung nicht paßte. Für die Ausschreitung eines Schauspielers, von dem man nicht einmal weiß, ob er nicht auf Anordnung der Regie handelte, muß der Dichter büßen. Er ist das brutale Subjekt, das den guten Ton des roten Theaters gestört hat. Ein paar Pfiffe, ein Zeitungssturm, bei dem die reaktionäre Presse talentvoll einen Amoklauf markiert, während die demokratischen Blätter mehr ästhetisch angewidert die Nase rümpfen – ihre natürlichste Geste –, gegen Piscator, dem Dichter die Verantwortung aufzuladen. Kämpferisches Theater –? Was sind Programme? Was sind Proklamationen? Schließlich siegt doch der Kassenrapport. Der revolutionäre Direktor nimmt die phrygische Mütze ab. Jetzt sieht er aus wie jeder andre Berliner Kaufmann auch.   Soweit Piscator. Doch jetzt erscheint ein andrer auf der Bildfläche. Ich weiß nicht, ob der geneigte Leser Herrn Paul Fechter kennt, den sublimen Kunstrichter der »Deutschen Allgemeinen Zeitung«. Herr Fechter hat im heitern Reigen der Berliner Theaterkritik seine bitterernste Mission: er hat die Würde der deutschen Menschheit in die Hand genommen, die bei den deutschen Frauen nicht mehr gut aufgehoben ist, seit sie kurze Röcke tragen und jeden Tag baden. Vor Jahr und Tag hat Herr Fechter zwar in einem schwer erklärbaren dionysischen Raptus den »Fröhlichen Weinberg« kleistpreisgekrönt, aber das ist lange her, und Herr Fechter läßt seine Muse seitdem bei Grünberger büßen. Dieser unentwegte nationale Klopffechter sieht Mehring zwar am Nollendorfplatz ausgeräuchert, aber er findet die Würde noch immer nicht genug gewahrt, denn noch hat der verjagte Fuchs sein Malepartus: das Buch. Doch der kritische Isegrim läßt sich nicht schrecken. Er nimmt wieder Fechterstellung ein und drischt auf den Verlag S. Fischer, allwo die nationale Würdelosigkeit in Buchform erschienen. Und jetzt geschieht die zweite Unfaßbarkeit: anstatt den Fechter höflich zu ersuchen, die Plempe in der Garderobe abzugeben, läßt ein hochangesehener Verlag wie S. Fischer – wo unter anderm auch der »Florian Geyer« erschienen ist – sich von diesem hysterisch herumfuchtelnden Stück Malheur in die Pfanne hauen und kriecht zu Kreuze. Es ist, wie gesagt, schwer zu fassen, aber nichtsdestoweniger wahr: der Verlag S. Fischer teilt Herrn Fechter in einem feierlichen Schreibebrief mit, daß er die angegriffenen Verse gestrichen habe. Kein Wunder, daß der Sieger sich in Positur wirft, aber es ist doch wohl schon Größenwahn, wenn er schreibt, es wäre jetzt hohe Zeit, »daß Verleger, Autoren und Theaterdirektoren sich, bevor sie mit ihren Unternehmungen an die Öffentlichkeit treten, mit ein paar vernünftigen gewöhnlichen Leuten wie unsereinem in Verbindung setzen«. Das ist die Folge: jetzt verlangt dieser Mottenfraß von einem Rezensenten, daß seine anmaßliche Privatzensur möglichst in ein Obligatorium umgewandelt werde. Eine heitere Literatur kann das werden, der Herr Fechter sein Visum gibt ... Aber hat er nicht recht, wenn S. Fischer sich diesem Diktat beugt? Was für Blasphemien hatten nicht Hoffmann \& Campe zu verwalten! Damals war Vormärz, der Geist war geknebelt, Metternichs Zensoren regierten, so haben wir in der Schule gelernt. Heute leben wir in der Republik der Geistesfreiheit, und jedes schwachnervige Heulweib, das irgendwo über einer kritischen Sparte sitzt, zwingt fortschrittliche Theaterdirektoren und Verleger zum Einschwenken. In dieser Sache hat die junge Literatur eine Bataille verloren. Jeder, und auch der greisenhafteste Kunst- und Literaturbetrieb, unterhält heute sein Ressort Jugend, eine Tatsache, die häufig zu falschen Schlüssen verführt hat. Da hätten wir denn endlich die Probe aufs Exempel. Denn bei dem ersten kleinen Konflikt bricht der bibbernde Geschäftsmann durch, der Kaufmann, der es mit keinem Kunden verderben will. Erwin Piscator und S. Fischer vertreten gewiß zwei sehr verschiedene Grade von Progressivismus, aber sie sind sich einig in dem einen Punkte, daß der Autor das Geschäft nicht stören darf. Man schreibt es nicht ohne Schmerz nieder: zwischen diesen Händlern wirkt der brave Fechter wie ein Held.   Die beiden beteiligten Firmen haben den Mißstand abgedreht und rüsten sich zu weitern radikalen Taten. Es gibt nur einen Leidtragenden dabei, das ist der Dichter, ist Walter Mehring. Buchverlag und Theater haben ihn gradezu exkommuniziert. Das ist kein übertriebenes Wort für diesen Zustand. Was Piscator spielte und was von der Kritik nach Strich und Faden verrissen wurde, war eine groteske Verstümmelung des Originals, zugerichtet als Objekt für den unerbittlichen Maschinenfanatismus des Regisseurs. Schließlich wurde der Dichter noch einem Theaterskandal als Opfer hingeworfen, einem Skandal, den nicht er, sondern ein Schauspieler oder das Regiebuch verschuldet hat, und der Verleger trägt das Autodafé weiter in den Buchtext. Vor zwei Jahren war dieses selbe Stück von Max Reinhardt fürs Deutsche Theater angenommen worden, und Reinhardt hatte sich bereit erklärt, selbst Regie zu führen. Erst auf dringendes Bitten Piscators eiste Mehring das Manuskript vom Deutschen Theater los, um es obenerwähnten glorreichen Zeiten entgegenzuführen. Bald wird es auch am Nollendorfplatz verschwunden sein, und welche Bühne wird sich dann noch seiner annehmen? Armer Walter Mehring! Es ist ein schreckliches Schicksal für einen Dichter, unter Berliner Kaufleute zu geraten.   Die Weltbühne, 17. September 1929   Peter Martin Lampel Der Staatsanwalt in Liegnitz hat einen Fememord aufgespürt, von dem auch die genauesten Kenner dieses traurigen Kapitels nichts geahnt haben. Alle Hochachtung, Herr Prokurator! Es gibt einiges mit Peter Martin Lampel zu rechten, der eben noch ein Bürgerschreck war und heute schon sein Publikum mit einem alle Extreme gleich inbrünstig umarmenden Liberalismus rührt. Wie schnell geht bei den Geschöpfen der Berliner Konjunktur der Weg der Läuterung, der Weg vom »In tyrannos!« zum Juste-milieu. Ein kleines halbes Jahr, und die Spanne von »Revolte« und »Giftgas« zu der homosexuell ornamentierten Maxdreyerei der »Pennäler« ist zurückgelegt. Sire, ce n'est pas la révolution, c'est une émeute! Viel ist gegen Peter Martin Lampel zu sagen, doch nicht dem Staatsanwalt von Liegnitz, der ihn zum Fememörder machen will, gebührt das Wort. Das Verfahren scheint nicht viel solider gebaut zu sein als Lampels Stücke, nur fehlt deren braves Ethos.   Lampel hat jetzt einen Femeroman veröffentlicht, in dem vermutlich persönliche Erlebnisse verarbeitet sind. Auch Herr Bronnen hat einen Fememord genau beschrieben, obgleich er sich damals nicht in Oberschlesien, sondern wahrscheinlich grade am Ostpol aufgehalten hat. Herr Bronnen hat eine bestialische Lebensnähe gefunden, die nicht aus der faktischen Zeugenschaft, sondern aus dem Wunsch herrührt, dabeigewesen zu sein, während der heutige Sozialmoralist Lampel mit Schrecken an Vergangenes zurückdenkt und deshalb recht blaß bleibt. Herr Bronnen ist der Gefährlichere von beiden. Es wird Lampel vorgeworfen, an einer der oberschlesischen Bluttaten des Freikorps Oberland beteiligt gewesen zu sein. Bis jetzt ist weder bekannt, ob ein solcher Mord wirklich stattgefunden hat, noch ist eine Leiche vorhanden. Nur ein Geständnis eines Herrn Müller liegt vor. In Oberschlesien ist 1920/21 sehr viel gemordet worden. Hier entstand die schwarze Feme, die dann weiter nach Norden rückte. Schließlich hat es so etwas wie eine Generalamnestie für alles gegeben, weil man die Toten nicht lebendig machen und auch die Täter nicht finden konnte und weil ersten und letzten Endes doch alles fürs Vaterland, fürs teure, geschehen war. »Es wurde der Mantel der Liebe darüber gebreitet«, wie es in dem Femeprozeß der »Weltbühne« der Staatsanwaltschaftsrat Lesser ausdrückte. Warum wird der Mantel jetzt weggezerrt? Niemals hat Lampel seine rechtsradikale Vergangenheit verhehlt, niemals, daß er in den chaotischen Jahren, wie unzählige junge Leute, überall da war, wo Bürgerkrieg gespielt wurde, bald rechts, bald links. Diese wilden Zeitläufte sind vorüber, und die zahlreichen Begnadigungen seitdem suchten der Tatsache Rechnung zu tragen, daß man für kollektiven Wahnsinn nicht jeden einzelnen zur Rechenschaft ziehen kann. Es soll aus dieser Zeit ein Gutachten vorhanden sein, in dem Lampel als schwerer Psychopath gekennzeichnet worden ist. Solche Gutachten gibt es über viele Leute, und sie machen keinen Staat damit, und dann gibt es noch viele andre, die keines haben, aber rechtens einen nervenärztlichen Befund als Kokarde am Hut tragen müßten. Was besagt es gegen Lampel, daß er in einer wirren Zeit verwirrt gewesen ist? Es gibt heute in Deutschland Hunderte von Männern, die in Oberschlesien und anderswo »Verräter« abgekillt haben und denen deshalb das Frühstück nicht schlechter schmeckt. Was bewegt den Staatsanwalt von Liegnitz, sich als Bluträcher zu gebärden, wo doch die patriotischen Motive der oberschlesischen Metzeleien für alle Staatsanwälte bisher außer Frage standen, denn keiner hat sich jemals gerührt? Oder richtiger: der Staatsanwalt muß ja automatisch auf eine Anzeige reagieren, aber durch welche unterirdischen Kanäle mag diese Denunziation geflossen sein? Ich fürchte: Lampel könnte zwanzig Fememorde auf dem Gewissen haben – wenn seine schriftstellerische Arbeit nur die Linie seiner oberschlesischen Zeit beibehalten hätte, würde ihn niemand behelligen. Aber er gilt für die nationale Hinterwelt als ein wichtiger Exponent des sogenannten hauptstädtischen Kulturbolschewismus, und der sollte getroffen werden. So suchte man in der Vergangenheit des Mannes, bis man endlich etwas fand. Nun soll die Justiz die Vendetta einer obskuren Clique vollziehen. Lampel hat harte Kämpfe mit der Zensur gehabt; er ist auch ein besonderer Favorit der Filmzensur. In München-Kuhschnappel hält man ihn für einen überaus bösartigen Sittenverderber. Es ist nicht so schlimm damit, unser Autor fing in dem günstigen Konjunkturklima schon an, sich zu entwickeln. Die Leitung in die Provinz ist lang. In Berlin wird der arme Lampel schon von den Radikalen preisgegeben, über die Provinz kommt er erst jetzt als eine schreckenerregende rote Wolke. Grund genug zum Einschreiten. Die Wege der deutschen Zensur sind wunderlich verschlungen. Die Zensur ist eben nicht identisch mit den behördlichen Überwachungsstellen, gegen die es direkte Mittel gibt. Es lassen sich jederzeit an die Dutzend Paragraphen des Strafgesetzbuchs gegen ein bei den National- und Sexualmuckern unbeliebtes Schriftwerk anschirren; so kann die in der Verfassung gewährleistete Gedankenfreiheit leicht illusorisch gemacht werden und dabei noch die Fiktion des liberalen, zensurlosen Staates gewahrt bleiben. Und es bleibt außerdem noch der gegen Lampel gewählte Weg, einen bekämpften Autor, den man nicht kleinkriegen kann, mit irgendeinem gemeinen, ganz unliterarischen Verbrechen in Verbindung zu bringen. Das verschafft nicht nur dem Mann ein häßliches Odium, sondern infamiert die Richtung, die Sache, die Anhängerschaft. Gegen diese perfide Anonymität der Zensur gilt es, Waffen zu finden. Seit geraumer Zeit wird von rechtsradikaler Seite eine laute Kampagne geführt für die Begnadigung des Oberleutnants Schulz und seiner Mitverurteilten. Bedeutet das Vorgehen gegen Lampel einen Teil der Befreiungsaktion? Will man sich aus dem linken Lager Geiseln holen, um eine Pression ausüben zu können? Die »Weltbühne«, in der vor Jahren die ersten stichhaltigen Mitteilungen über die Fememorde gemacht worden sind, hat immer wieder hervorgehoben, daß es sich nicht um die Abstrafung der armseligen Werkzeuge, der Klapproths et cetera handle, sondern um die Feststellung der politischen Höchstverantwortlichkeit. Diese Frage hat uns einen Prozeß eingebracht, den wir verloren haben, weil von uns eine Antwort verlangt wurde, die eigentlich die Herren Zeugen von der Reichswehr hätten geben müssen. Wir sind in diesem Prozeß unterlegen, weil wir vor einer silberbetreßten Mauer von Ministerialoffizieren standen, in deren schweigende Widerstandskraft nicht Bresche zu schlagen war. Keine Geheimloge hätte verschwiegener sein können als diese Herren. Möge der Himmel verhüten, daß die von Herrn von Seeckt geschaffene Wehrmacht sich jemals im Felde zu bewähren habe, aber ihre Tauglichkeit für den Gerichtssaal hat sie bewiesen. Dennoch ist es nicht unbedenklich, Peter Martin Lampel mit den Fememorden zu verkoppeln. Denn dadurch wird dieses ganze inzwischen von der Zeit ziemlich verschüttete Thema plötzlich wieder freigelegt. Und nun gar Oberschlesien, über dessen Gräber der Mantel der Liebe gebreitet worden ist. Es ist unmöglich, einen Fall Lampel zu fabrizieren, ohne daß daraus ein Fall Oberschlesien wird. Der Mantel der Liebe, nein – es ist auch der Mantel der Scham. Hunderte von feigen, kaltblütigen Morden sind in Oberschlesien begangen worden von irregeführten enthusiastischen Dummköpfen, die zur höhern Ehre der Nation nächtlich geschaufelte Gräber füllten. Niemand hat bisher danach gefragt, und die Beteiligten haben nicht geredet. Wollt ihr einen der Zeugen dieser entmenschten Zeit herausgreifen und bezichtigen – gut, dann fordern wir die Generalanklage! Dann sollen sie alle zur Verantwortung gezogen werden, die mitgemacht haben, die Tausenden, für die das heute weite Vergangenheit ist und die Morgen für Morgen friedlich an ihre Arbeitsstätte gehen und so ruhig Glockenschlag zwölf ihre Stulpen auspacken, wie sie damals Gurgeln abgeschnitten haben. Dann soll die mit dem breiten geduldigen Fahnentuch des Vaterlandes bedeckte blutige Affenschande, die sich »Verteidigung Oberschlesiens« nannte, endlich sichtbar gemacht werden. Sie müssen sich entscheiden, meine Herren Denunzianten. Wollen Sie den Fall Lampel aufziehen, so sollen Sie dafür den Fall Oberschlesien bekommen! Voilà ...   Die Weltbühne, 12. November 1929   Das lädierte Sakrament Wie gegen die Ehescheidungsreform, so kämpft die Zentrumspartei auch mit aller Macht gegen die Aufhebung des Ehebruchsparagraphen, und wenn das Zentrum sich einer Sache widersetzt, so kann man Gift darauf nehmen, daß es Sieger bleibt. Es hat also keinen Zweck, hier persuadieren zu wollen, denn bei der Auseinandersetzung mit den frommen Herren wird sich immer wieder eine weitgehende Übereinstimmung in aktuellen politischen Dingen ergeben, aber auch ein ganz breites Auseinanderfallen in den sogenannten Weltanschauungsfragen. Daß das Zentrum treu zu Schwarzrotgold hält, ist ausgezeichnet, aber auf die Dauer läßt sich die Erkenntnis nicht verhindern, daß dieser koloristische Gleichklang durch ständige Konzessionen in Fragen weniger dekorativer Art teuer, allzu teuer erkauft werden muß. Selbstverständlich wissen auch die geistlichen Berater des Zentrums, daß sich die Moralanschauungen seit der Blütezeit der patristischen Literatur etwas gewandelt haben, aber es benutzt sehr geschickt die Hilflosigkeit der demokratischen Republik, um ihr kulturelle Gesetze zu diktieren, die schon gestern unmöglich waren und heute vollends außerhalb jeder Diskussion stehen sollten. Wenn die Kirche auch dogmatisch festgelegt ist, so hat sie doch immer wieder verstanden, gegenüber einer Macht, die ihr entschlossen die Zähne zeigte, rechtzeitig einzuschwenken. Dann werden zwar die Glaubenssätze nicht gleich verbrannt, aber man macht damit nicht mehr soviel her. Zwar mußte Galilei abschwören, aber dafür wirkt heute auch ein Priester als Direktor der römischen Sternwarte, und wenn auch Darwin auf dem Index steht, so hat doch der Jesuitenpater Waßmann jahrelang in populären Vorträgen seine Theorien verbreitet. Man sieht, wo die Kirche einer unaufhaltsamen Entwicklung gegenüberstand, da zog sie der folgenschweren Auseinandersetzung stets das Arrangement im stillen vor. Die eine Voraussetzung besteht allerdings: – es muß eine Macht vorhanden sein, ein Widerstand, der als tatsächlich empfunden wird. Das Verhalten der Liberalen und Sozialisten von heute aber ist nicht geeignet, auf den Klerikalismus Eindruck zu machen. Zugunsten der sogenannten großen politischen Forderungen wird die Strafgesetzreform von oben bis unten mit einer katholischen Ethik imprägniert, die eine grelle Persiflage heutiger Lebensverhältnisse bedeutet. Besonders empörend sind die Versuche der schwarzen Partei, ein abscheuliches mittelalterliches Monstrum wie den Ehebruchparagraphen zu konservieren. Gradezu grotesk aber werden diese Versuche angesichts des schwer bestreitbaren Faktums, daß hiervon nicht wie sonst bei der Verfolgung von Handlungen, die als strafwürdig gelten, eine Minderheit betroffen wird, sondern offensichtlich die große Mehrheit des Volkes – offensichtlich, wenn man sich entschließt, die Wirklichkeit ohne Scheuklappen zu sehen. Wenn das katholische Muckertum noch immer tut, als handle es sich hier um Einzelfälle, die durch ein Abschreckungsgesetz sogar noch vermindert werden können, so muß der gesunde Menschenverstand endlich die Gegenfrage aufwerfen nach den wenigen kostbaren Exemplaren beiderlei Geschlechts, die noch niemals neben die Ehe gegangen sind. Ich glaube, man könnte, wenigstens für Groß-Berlin, diese machtvolle Demonstration in der Granitschale im Lustgarten sammeln, und außerhalb unsres odiosen deutschen Babylons sieht es nicht anders aus, nur daß vielleicht etwas mehr Komödie gespielt wird. Da es aber unmöglich ist, eine Majorität einzubuchten, hat der Gesetzgeber in seiner abgründigen Pfiffigkeit von einer Verfolgung ex officio abgesehen und die strafrechtliche Ahndung dem »gekränkten Gatten« anheimgestellt. An die Stelle der majestätischen Gleichheit des Gesetzes ist also das persönliche Ressentiment getreten. Wer sich den Besitz eines Menschen nicht sichern konnte, der darf ihn jetzt, weil er einmal der ehelichen Voliere entschlüpft ist, nicht nur verstoßen, sondern auch für ein paar Monate ins Gefängnis bringen. Die Moralisten halten diesen Zustand für sittlich einwandfrei. Wenn der Gesetzgeber also einen Ausflug aus der Ehe für ein kriminelles Delikt hält, dann soll er wenigstens gerecht sein und die Verfolgung obligatorisch machen. Wenn die Ehebrecher erst eingefangen werden wie die Langfinger, wenn zur Erlangung eines Pärchens, das mal irgendwo in unerlaubtem Beisammensein gesehen wurde, ein Apparat entfaltet wird wie für den Düsseldorfer Lustmörder, dann wird man seine Wunder erleben, was für feine Herrschaften die Polizeireviere füllen werden. Dann wird es aber auch Massenpetitionen wie noch nie setzen, den gräßlichen Paragraphen verschwinden zu lassen, und obgleich ich nicht gern wette, diesmal riskiere ich jeden Betrag, daß auch die Unterschriften von Zentrumsnotabeln und Vorsitzenden katholischer Frauenvereine nicht fehlen werden. In allen Kulturdingen ist es in Deutschland muffig und faul geworden. Keine Kampfstimmung mehr. Der Liberalismus zählt entgeistert die wachsende Zahl der Windjacken und vergißt darüber die schwarzen Röcke. Die heilige Kirche hat im Laufe ihrer langen wechselvollen Geschichte die Gebresten der Zeit auch nicht immer mit der gleichen Härte verfolgt, sie hat, wenn es sich um vornehme Beichtkinder handelte, das Laster oft mehr mit der Puderquaste gegeißelt als mit der Stachelpeitsche und im ganzen die schweren Pönitenzen dem niedern Volk vorbehalten. Diese Zweiteilung aber lehnen wir freundlichst ab. Die heutigen gesellschaftlichen Formen sind gründlich demokratisiert, großenteils proletarisiert. Die Frau »gehört« nicht mehr dem Herrn, mit dem sie gemeinschaftlich ein Ehezertifikat unterschrieben hat, sie ist ein arbeitender Mensch geworden mit Verfügungsrecht über sich selbst. Der Begriff der Adultera, ob in eifernder Verhetzung oder romantischer Verherrlichung gebraucht, ist dahin und tot wie die Beichtmoral vom Escorial oder von Schönbrunn. Die katholische Partei will das »Sakrament der Ehe« retten –? Es gibt nur noch ein großes Sakrament, für das es zu leben und zu kämpfen gilt: das ist die Menschheit.   Die Weltbühne, 3. Dezember 1929   Ludwig Börnes Auferstehung Was wissen Sie von Ludwig Börne? Er ist ein Stiefkind der Literaturgeschichte, in die er eigentlich nicht ganz hineingehört, denn obgleich er jahrelang seine Feder am Theater wetzte, war er doch kein Mann der Kunst, sondern aktivierender politischer Publizist. Für die liberalen Literaturhistoriker ist er der Doktrinär und demokratische Buchstabenfanatiker, der den musischen Kameraden Heine nicht verstand und ihn deshalb mit dem Anathema belegte, für die reaktionären dagegen bedeutet er den Beginn der jüdischen Publizistik. Grund genug, ihn zu verbrennen. Es war doch Zeit, den lebenden Börne wieder zu entdecken. Gewiß war es schwierig, denn Börne hat keine kompakten »Werke« hinterlassen, sondern nur ein paar Bände »Gesammelter Schriften«, von denen kaum ein Stück länger ist als einen Druckbogen. Aber Ludwig Börne zählt zu den größten Schriftstellern deutscher Sprache, er hat den feinen, klärenden Verstand Lichtenbergs, den skurrilen Humor, das religiöse Pathos Jean Pauls und dazu eine pamphletistische Stoßkraft, die kein Vorbild, keine Ahnen hat, sondern Ludwig Börne ist, nur Ludwig Börne. Ludwig Marcuse kann das Verdienst beanspruchen, die Gestalt Börnes der toten Historie entrissen zu haben. Marcuse, den Lesern der »Weltbühne« wohlvertraut, seit ein paar Jahren vielbeachteter, vielumkämpfter Theaterkritiker in Frankfurt, Börnes Vaterstadt, hat das Leben, das Werk, die geistige Gestalt des Mannes in einem schönen, klaren Buch zu bannen gewußt: »Revolutionär und Patriot. Das Leben Ludwig Börnes« (Paul List Verlag, Leipzig). Marcuse, selbst ein mutiger Ideenkämpfer, hat ein starkes Bekenntnis zu einer geistigen Erscheinung abgelegt, der er sich verwandt fühlt und sich verwandt fühlen darf. Dann aber hat er um die Gestalt Börnes einen tiefen, farbigen Hintergrund geschaffen: die Ära Metternich, die Demagogenverfolgung, die Julirevolution. Der junge Börne beginnt als großdeutscher Patriot von Frankfurter Lokalfärbung, der Mann ist der Prophet der revolutionären Demokratie, der Sterbende steht an der Schwelle des Sozialismus. Ausführlich schildert Marcuse die Jugend Börnes, die für sein Verstehen unentbehrlich ist: die Abscheulichkeit des Frankfurter Ghettos, die Kämpfe um die Judenemanzipation. Der junge Börne, der Judengasse entronnen, sucht Deutschland, das Vaterland, womit die hundertjährige Tragödie des deutschen Judentums beginnt. Doch das Vaterland verhält sich ablehnend. Im revolutionären Paris erkennt Börne, daß der Freiheitskampf der Zeit nicht auf einen von gestreiften Pfählen bestimmten Raum beschränkt ist, sondern über diese Pfähle hinweggehen muß. Er wird europäischer Patriot. Und als nach dem mächtigen revolutionären Aufschwung von 1830 der steile Abfall ins Justemilieu kommt, statt der Freiheit der Börsenliberalismus, da wird auch der Ewigsieche todmüde. Er lebt einsiedlerisch, Pathos und Witz fallen wie ein buntes Kleid ab, zurück bleibt ein kranker, innerlich werdender Mensch, der die großen Parolen seiner Jugend untersucht, über das Phänomen nachsinnt, daß auf den Barrikaden nur Arbeiter starben, aber die Geldsackbürger nachher die Herrschaft antraten. Ein früher Tod verhindert eine neue Wandlung. In dieses Leben hat sich Ludwig Marcuse andächtig versenkt, und ihm gebührt unser Dank, daß er in einer Zeit der kommerzialisierten und mechanisierten Presse diesen vergessenen Urvater der deutschen Zeitungsschreiber wieder lebendig macht, das ideale Bild des freien, unabhängigen, nur seinem Gewissen verpflichteten Publizisten wieder herstellt.   Die Weltbühne, 10. Dezember 1929   Wilhelm und Jeremias Auf unsern Universitäten, wo der Geist einer jungen Generation geprägt wird, hat sich in diesen Jahren unter den Augen einer langmütigen Obrigkeit ein Feiertag herausgebildet, von dem das Gesetz nichts weiß: der Tag der Reichsgründung. So säumig oder offen resistent sich die meisten Universitätsbehörden auch am 11. August verhalten mögen – am 18. Januar, da stehn die ältesten akademischen Petrefakte in tropischer Blüte. Es ist kennzeichnend für den Geist unsrer Universitäten, daß diese Feier kein Stückchen Zukunft in sich trägt, denn was auch kommen möge, dieses Reich wird niemals wiederkehren. Der 18. Januar ist der Geburtstag einer schnell verflogenen historischen Illusion. Grade deshalb fühlen sich die Herren Professoren dabei so wohl. Sie trinken der Vergangenheit ein Schmollis zu, und unter krachenden Plastrons dehnt sich die Brust in der Verzückung vaterländischer Sechserromantik. Die Dynastie der Hohenzollern ist vergangen, ihre wissenschaftliche Leibgarde ist geblieben und steht Posten vor dem leeren Schloß, wofür die Republik treulich Sold bezahlt. Doch nicht alle Professoren werden für den heiligen Eifer, den sie der Monarchie bis heute bewahrt haben, so wahrhaft kaiserlich begnadet wie der Herr D. Doktor Alfred Jeremias, Professor der Theologie in Leipzig, dem der emeritierte Summus episcopus der preußischen Landeskirche zu einem soeben erschienenen theologischen Traktat das Vorwort geschrieben hat. Der Herr D. Doktor hatte nämlich einen Aufsatz verfaßt: »Die Bedeutung des Mythos für die Dogmatik«, und dann geschah das Wort des Herrn aus Doorn also zu Jeremias: »Der Aufsatz war S. Majestät Kaiser Wilhelm II. in Doorn zu Gesicht gekommen. S. Majestät forderte mich durch ein Handschreiben vom 8. November 1929 auf, den wissenschaftlichen Aufsatz gemeinverständlich auszugestalten und als Ruf zum Zusammenschluß um den »gewaltigen Welterlöser, den Heliand«, hinauszusenden. Für die Ausgabe der Schrift übersandte S. Majestät persönlich das nachfolgende Geleitwort.« Das sanftlebende Fleisch des Leipziger Gottesgelehrten erschauerte in Ehrfurcht ob dieser mystischen Berufung; er setzte sich hin, gestaltete die Schrift gemeinverständlich aus und versah sie mit dem gemeinverständlichen Titel: »Die Bedeutung des Mythos für das apostolische Glaubensbekenntnis« (Adolf Klein Verlag, Leipzig). Wer sie nicht liest oder darüber einschläft, wird deswegen wohl nicht gleich in die Hölle kommen. Der größern Sicherheit halber fleht der fromme Jeremias auch noch Gottes Segen auf das Büchlein herab, aber der profane Leser begreift nicht recht, was bei so vornehmer Gevatterschaft der liebe Gott noch soll. Der Vorwortschreiber Wilhelm zeigt sich in unverblichenem Hochglanz. Es ist alles noch da: die konfuse Belesenheit, die schreckliche Interessiertheit für alles und jedes, der unnachahmliche Mangel an Geschmack und Takt. Die Suada des Siebzigjährigen hat nichts von ihrer Vehemenz eingebüßt; er schwabbelt in gewohnter Geläufigkeit drauflos. Wilhelm ergeht sich in der Betrachtung eines Erlebnisses im Hauptquartier Mézières-Charleville. Er hatte bei einem Spaziergang einen ganz im Efeu versunkenen Kruzifixus entdeckt, den er von Pionieren freilegen ließ. Rührend, diese Sorge für einen hölzernen Heiland, wo sich ein paar Meilen weiter in Fleisch und Blut das Leiden Christi bis zum letzten bittern Ende hunderttausendfach wiederholte. Selbstverständlich wird für Wilhelm die Entdeckung des Kruzifixus zu einem beinahe supranaturalistischen Vorgang, woraus sich dann später gewichtige Folgen für Religion und Theologie ergeben. Doch hier muß das gesalbte Original selbst sprechen: »Wir hatten uns alle vor dem Kreuz zusammengefunden, es in Stille und Ehrfurcht betrachtend. Da, mit einem Male fing die Gestalt des Herrn an zu glühen. Die aus der dicken Wolkendecke in ein freies Himmelstück herabtauchende Abendsonne übergoß den Heiland mit rotgoldigem Licht. Sein Antlitz wurde sprechend lebendig. Unwillkürlich nahmen wir unsre Kopfbedeckungen ab, auf das tiefste von dem Anblick ergriffen. Unsre braven Pioniere standen festgewurzelt wie Säulen und ›machten Front‹ vor ihrem Herrn! Erhaben, überwältigend! – Ich ließ dem Pfarrer das Geschehene melden. Er dankte mir durch meinen Adjutanten in rührender Weise: er hoffe, daß Einheimische wie Reisende, die Stelle besuchend, einige Minuten der Andacht dort verbringen würden, ›nachdem der Kaiser ihnen ihren Heiland wieder zurückgegeben habe‹. Die hier folgende Schrift des Professor Jeremias vollbringt auf geistigem Gebiet die oben angeführte Arbeit. Von Überwucherung des Rankenwerkes der Religionsphilosophie und Theologie befreit er den Herrn und zeigt ihn uns in der schlichten, ehrfurchtgebietenden, menschlich-göttlichen Gestalt des kosmischen, alle Welt umfassenden, Christen, Juden und Heiden retten wollenden Christus, des Gottessohnes. ›Oder ist Gott allein der Juden Gott? Ist er nicht auch der Heiden Gott? Ja, freilich auch der Heiden Gott.‹ In Zeiten schwerster Seelennot geben Deutsche ihrem Volk, ja der ganzen Welt die befreite Gestalt des großen Weltenerlösers wieder zurück. ›Ich und der Vater sind eins; wer Mich siehet, der siehet den Vater!‹« Das ist der liebe alte Tatü-tata-Stil, mit dem der Großkhan der Teutonen einmal seinen Schauspielern vormachte, wie sie gehen, den Malern, wie sie malen, den Engländern, wie sie die Buren schlagen sollten. Wilhelm dekretiert Welterlösung, wie er früher Kunstgeschmack oder Krieg oder einen neuen Gefreitenknopf dekretierte. Als vorsichtiger Mann läßt er auch die Juden in seinen Heilsplan einbeziehen, weshalb ihn sicher ein paar völkische Reventlöwen anknurren werden. Der Leipziger Theologe hat seinen Auftrag wie ein loyaler Untertan ausgeführt, wenngleich er vielleicht etwas verwundert sein wird, daß S. Majestät einer bescheidenen Gelegenheitsarbeit solche Bedeutung beimißt. Das Gros der evangelischen Christen wird, wie unsre braven Pioniere, Front machen vor einer imperialen Genialität, die selbst in dem heutigen pensionierten Zustand noch imstande ist, dem lieben Gott in einer gottlosen Welt wieder auf die Beine zu helfen, und nur ein paar wirklich fromme Menschen werden ob der überwältigenden Geschmacklosigkeit dieses Schauspiels festgewurzelt wie Säulen stehen. Im übrigen aber gilt das Wort der Schrift: »Sage dem Könige und der Königin: Setzet euch herunter, denn die Krone der Herrlichkeit ist von eurem Haupt gefallen.« (Jer. 13,18.)   Die Weltbühne, 28. Januar 1930   Plagiatsgeschrei Wie wir vor einigen Wochen mitteilten, ist im »B. T.« gegen Ernst Bloch der Vorwurf des Plagiats erhoben worden. Herr Bloch hatte in der »Weltbühne« die literarische Beilage des »B. T.« kritisiert, worauf dem »B. T.« nichts Besseres einfiel, als Bloch des literarischen Diebstahls zu bezichtigen: »Herr Bloch hat ... einen Namen, der uns nicht unbekannt ist. Wir erinnern uns dieses Namens, weil Herr Bloch bei einem Plagiat gefaßt worden ist ... Herr Bloch hat den Artikel Theodor Fantas, ›Exzentrik‹, im ›Berliner Börsen-Courier‹ abgeschrieben und veröffentlicht. Die Belege stehen zur Verfügung.« Die Belege stehen auch mir zur Verfügung. Den Eindruck eines Plagiats oder auch nur einer unerlaubten Benutzung von Motiven habe ich daraus nicht gewinnen können. Ernst Bloch selbst hat den Tatbestand in folgender Weise formuliert: »I. Ich bin mir keines ›Plagiats‹ bewußt und habe keines begangen. II. Der Bericht ›Exzentrik‹ ist am 12. September 1925 im ›Börsen-Courier‹ erschienen. Zwei Tage später schickte ich meine philosophische Glosse ans ›Berliner Tageblatt‹ ab; sie ist dort, leider um zwei Drittel ihres Umfangs gekürzt, am 29. September 1925 erschienen. Die Bekanntschaft mit der vermeintlichen Reportage im ›Börsen-Courier‹ fürchtete ich so wenig, daß ich sie gerne als bekannt voraussetzte. Ein Plagiator, der einen Bericht aus dem ›Berliner Börsen-Courier‹ zwei Tage nach Erscheinen ans ›Berliner Tageblatt‹ schickt, muß noch erfunden werden. III. Der Bericht ›Exzentrik‹, zwanzig Zeilen groß, unterschrieben ›Bohdan‹, stand nicht unter, sondern über dem Strich des ›Börsen-Couriers‹. Unmittelbar auf ihn folgten zwei Gerichtsberichte. Nicht nur ich habe danach ›Exzentrik‹ für eine Lokalreportage gehalten, in Interviewform eingekleidet, für die Wiedergabe eines wirklich geschehenen Vorfalls; um so mehr, als damals ein großer Wanderzirkus in Berlin gastierte. Der Rohstoff des vermeintlichen Berichts veranlaßte mich zu einer philosophischen Glosse oder symbolischen Betrachtung, deren Anlässe ja bekanntlich nicht aus den Fingern gesogen werden. Dabei mußte ich natürlich auf das vermeintliche Faktum, gerade wegen seiner schnöden Wirklichkeit, rekurrieren. Dies Faktum war ein Beispiel für einen zentralen, längst veröffentlichten Satz meiner Philosophie; wodurch der ganze Rohstoff verwandelt wurde. Er stand nun in einem Zusammenhang, von dem der Bericht im ›Börsen-Courier‹ selbstverständlich nicht das geringste enthält. IV. Erst später erfuhr ich, zu meinem großen Erstaunen, daß ›Exzentrik‹ gar kein Bericht sei, sondern eine Erdichtung sozusagen, von Theodor Fanta. Herr Hildenbrandt, der während des Erscheinens meiner Glosse verreist gewesen war, legte nach Kenntnis der Glosse und meiner Erklärung den Fall sofort bei. Auch allen andern Herren war das ›Plagiat‹ vorher schon mindestens zweifelhaft gewesen. Er entschuldigte die Redaktion wegen des Mißverständnisses und bat mich um weitere Mitarbeit. Tatsächlich sind seitdem zwei größere Aufsätze ganz ähnlicher Struktur im ›B. T.‹ erschienen.« Das »B. T.« hat diese Erklärung Blochs nicht abgedruckt, wohl aber ein Schiedsgericht vorgeschlagen, was Bloch mit Recht abgelehnt hat. Denn auf der einen Seite steht eine große Zeitung, auf der andern ein einzelner Schriftsteller, der den schönen Vorzug des unabhängigen Schriftstellers genießt, allein zu stehen, wenn es für ihn ums Ganze geht. Es wäre wie bei dem Konflikt zwischen USA und Guatemala. Was soll da ein Schiedsgericht, bestehend aus Honduras, Haïti und Venezuela? Redaktionen, deren Nachschlagematerial weniger unter dem Gesichtspunkt von Eigentumsvergehen zusammengestellt ist (»Wir erinnern uns dieses Namens, wissen, daß Herr Bloch bei einem Plagiat gefaßt worden ist ...«), wissen, daß Ernst Bloch der Autor des »Geistes der Utopie« ist, ein philosophischer Schriftsteller von sehr eigenartiger und nicht leichter Form, den man nur selten als Gast in den Zeitungen sieht. Vier Jahre haben die Strafakten Bloch im »B. T.« geschlummert. Bloch hat in dieser Zeit nicht nur an angesehenen Blättern mitgearbeitet, im »B. T.« selbst haben seitdem zwei Aufsätze von ihm gestanden. Doch nun erinnern sich die strengen Herren plötzlich seiner Vorstrafe. Was hat er ausgefressen? Er hat eine Nummer der »Literarischen Rundschau« des »B. T.« nicht schön gefunden. Es war das gute Recht des »B. T.«, sich gegen diese Kritik zu wehren. Aber auf den Vorwurf: »Ihr bringt schlechte Buchbesprechungen!« zu antworten: »Und du, du hast gestohlen!«, das führt auf dem denkbar kürzesten Wege aus der Literatur auf den Fischmarkt und wäre zu verwerfen, selbst wenn die Bezichtigung zuträfe. Es gibt zwei Möglichkeiten, Plagiatfälle zu behandeln: entweder entlarvt man den Schuldigen rücksichtslos und bricht alle Beziehungen zu ihm ab, oder man behandelt die Sünde als läßlich und pardoniert. Das »B. T.« jedoch hat getan, als betrachte es den Fall als erledigt, und dabei die Akten auf Eis gelegt, um sie bei passender Gelegenheit wieder zu verwenden. Dabei hat Ernst Bloch kein Plagiat begangen, er hat den Verdacht, unter dem er stand, entkräften können, und die Redaktion hat ihn selbst um weitere Mitarbeit ersucht. Dafür soll ihm jetzt, wo er lästige Kritik geübt hat, der ehrliche Name abgesprochen werden. Er hat ein Anrecht auf volle Genugtuung.   Die Weltbühne, 28. Januar 1930   »Der Revisor« Meyerholds Berliner Debüt hat bei unsrer Kritik keine sehr freundliche Aufnahme gefunden. Man kann sie fast auf die nette Formel des Ministers Hustädt im Falle Jakubowski bringen: »So viel Lärm um einen Russen!« Meyerholds »Revisor«-Inszenierung von 1924 wurde hier als antiquiert, als vorgestrig und reaktionär empfunden. Der Großkophta der Zunft, der sonst bei jedem Pariser Schmarren bis zum Ende ausharrt, um dessen Kunstbestand gewissenhaft in römischer Bezifferung zu analysieren, ging schon, heftig ägriert, vor Schluß fort, so daß also sein Platz noch leerer war als vorher; römisch Null. Die Berliner Novitätssucht, die den Gedanken nicht ertragen kann, etwas anerkennen zu müssen, was schon älter ist als eine Saison, empfing Wsewolod Meyerhold ziemlich kühl, wie einen Epigonen seiner uns bekannten Kopisten. Es gibt trotzdem einige Überraschungen. Die Russen demonstrieren weder Ekstase noch kaltschnäuzige Sachlichkeit; ewige Komödientypen tanzen, huschen, kullern über die Szene. Viel genrehafte Gruppen sind da, Biedermeierfiguren, die ihre kleinen humoristischen Einlagen in gemütlicher Breite auswalzen. Überhaupt: mehr Behaglichkeit als Pointe. Die Abstammung von Stanislawski ist unverkennbar; tänzerische Schritte, freundliches Verweilen bei der Bagatelle, reichliche Verwendung von Musik, alles das kommt Reinhardt näher als etwa Piscator. Grazie gilt nicht als Ketzerei, Spaß nicht als Majestätsbeleidigung. Wenn die Frau Präfekt, im gelben Krinolinenkleid vor dem Spiegel kokettierend, plötzlich lauter kniende Leutnants aus der Erde wachsen sieht, so ist das eine geniale Materialisation verborgenster Träume. Oder wenn, bei Einbruch der Katastrophe, alle dichtgedrängt auf einem kleinen Podium hocken, zwanzig, dreißig Menschen, ein schreckliches Ragout von Gliedmaßen, so entsteht die denkbar vollkommenste Illusion der kleinen Stadt, wo der einzelne im Klatsch erstickt, wo der Skandal sofort tödlich wirkt. Alles wird mit letzter Präzision dargestellt. Es ist keine Kollektivarbeit im Sinne stupider Gleichmacherei, es gibt große und kleine Rollen, aber nur eine Disziplin. Das Anfechtbarste ist die Bearbeitung. Man hört nicht mehr den bösen satirischen Peitschenschlag des Originals. Die Komödie wird zur durchschnittlichen Harlekinade, wird ein x-beliebiges Mantel-und-Degen-Stück, eine Liebesaffäre zwischen dem fremden Abenteurer und der Stadtzarin. Der Präfekt selbst, bei Gogol der Vertreter einer korrupten und verrohten Autorität, bleibt hier nur ein kleiner putziger Gauner zwischen andern; mit seinem grünen Uniformrock und den rostfarbenen Bartkoteletten eher ein Spitzwegscher Milizkapitän als der Statthalter einer Gewalt, die die Dekabristen an den Galgen schickte. Daß der Präfekt am Ende den Verstand verliert und in die Zwangsjacke gesteckt wird, hat nichts mit Gogol zu tun, sondern kommt aus der Grand-Guignol-Dramatik Leonid Andrejews. Alle diese Einwände sind natürlich recht leicht, aber ob sie tiefere Gültigkeit beanspruchen können, das läßt der Rezensent dahingestellt. Ein Schlußurteil läßt sich kaum fällen ohne Kenntnis des Bodens, dem diese Kunst entwachsen ist. Man muß wohl das heutige Rußland gesehen haben, um zu fühlen, warum Meyerhold die Komödienwelt Gogols so und nicht anders behandelt. Ein blutgeröteter Himmel, Bürgerkrieg, Partisanenkämpfe, kein Brot, keine Heizung, Zwangseinquartierung im einzigen Zimmer. So war die Zeit, in der die neue russische Theaterkunst sich entwickelte. Der alte Stanislawski hielt nicht nur durch, sondern fand auch eine zweite Jugend, seine Schüler wurden flügge und schufen ein Moskauer Theater, dessen Anregungen durch die ganze Welt gegangen sind. Wir grüßen Meyerhold und seine Künstler als die tapfern Kämpfer aus einem alten Stande, der immer einer Gottheit verschworen war, die sich zu ihrer irdischen Offenbarung für ihre Diener vornehmlich den Hunger ausgesucht hat.   Die Weltbühne, 8. April 1930   Der Film gegen Heinrich Mann Wenn Herr Geheimrat Hugenberg zur Zeit auch als Politiker einige Unannehmlichkeiten einstecken muß, so hat er doch als UFA-Beherrscher einen vollen Sieg errungen. Der »Blaue Engel« ist nicht nur ein Geschäft, sondern auch ein christlich-germanischer Triumph über den Dichter Heinrich Mann. Das hat Herr Hussong, kurz vor der Premiere, mit unhöflicher Deutlichkeit ausgesprochen. Herr Hussong hat recht: es ist ein Film gegen Heinrich Mann. Der »Blaue Engel« hat mit Heinrich Manns »Professor Unrat« sowenig zu tun wie der amerikanische Sintflut-Film mit der richtigen Sintflut. Nicht ohne Bedauern nimmt man dies triste Ergebnis zur Kenntnis. Man kannte wohl die natürlichen geistigen Grenzen des Hugenbergischen Filmreichs, aber trotzdem wagte man an diesen ersten UFA-Ton ohne Tauber-Schmelz ein paar Hoffnungen zu knüpfen. Die ersten deutschen Tonfilme hatten nur den Reiz technischer Sensation. Doch hier war mehr gewollt worden. Hier war ein großer Stoff, ein bedeutender Regisseur, einer unsrer vorzüglichsten Darsteller. Hier war ein künstlerischer Ehrgeiz am Werk, etwas zu schaffen, das für lange Zeit die Generallinie des jungen deutschen Tonfilms bezeichnen sollte. Das Resultat ist ein larmoyantes, unintelligentes Spießerstück. Als Bearbeiter zeichnen die Herren Vollmöller und Zuckmayer. Wahrscheinlich werden sie uns erzählen, daß ohne sie alles noch viel schlimmer gekommen wäre. Es wäre besser gewesen, sie hätten die vandalische Verballhornung des geistvollsten deutschen Romans den dramaturgischen Hausgeistern der UFA überlassen. Es hätte nicht ärger werden können. Man muß eben nicht überall dabeisein wollen, meine Herren, man muß auch einmal einen Auftrag zerfetzt retournieren können. Den Verfilmern hätte es zunächst darauf ankommen müssen, die geistige Essenz des Romans zu retten. Spuren solcher Bemühungen sind nicht mehr erkennbar. Der »Unrat« ist kein realistischer Roman, obwohl er seine Motive aus bürgerlichem Milieu holte und ein alter lübeckischer Schuldespot einige Züge hergeben mußte. Ebensowenig ist dieser Professor Unrat selbst ein Mensch von Fleisch und Blut, sondern eine bewußte intellektuelle Konstruktion, ein Demonstrationsobjekt, an dem alle Krankheiten des Schulbetriebs aufgezeigt werden. Dieser »Professor Unrat« ist voltairisch, nicht nur in seinem spitzen, boshaften Geist, nicht nur in der verwegenen sprachlichen Stilisierung, sondern auch in der Entschlossenheit, das Geschehen auf eine Ebene zu treiben, die jenseits aller Realität liegt. Deshalb ist ihm niemals ein breiter Massenerfolg beschieden gewesen. Früher war er als ketzerisch, als zersetzend verschrien, heute wünscht das Publikum die platte Handgreiflichkeit. Der geistige Spaß hat in Deutschland niemals eine Heimat gehabt. Bei der UFA ist aus der funkelnden Satire die sentimentale Katastrophe einer gutbürgerlichen Existenz geworden, aus dem gespenstischen Scholarchen eine verwässerte Volksausgabe von »Traumulus«. Nichts ist geblieben von der stickigen Luft des alten humanistischen Gymnasiums, nichts von dem Haß, nichts von der Bangigkeit, nichts von der muffigen Pubertätslüsternheit der Schülerschaft. Nirgendwo ein dem Tonfilm gemäßes Motiv, nirgendwo ein szenischer Einfall, nirgendwo auch nur ein Bodensatz photographischen Esprits. Dafür wird uns aber Unrat »menschlich näher gebracht«, der sich nunmehr, traun fürwahr, als ein wunderlicher älterer Herr in Glanz und Elend vorstellt. Er ist also nicht mehr der pädagogische Torquemada, wie aus dem Schulstaub von Jahrhunderten geformt, sondern ein durchaus mitleidwürdiger, lebensfremder Biedermann, der einer späten Passion verfällt und vom Kleinstadtklatsch und von dem halb unbewußten Dummenjungensadismus seiner Primaner zu Tode gehetzt wird. Traumulus. Wenn das Glockenspiel »Üb immer Treu und Redlichkeit« klappert, dann regt sich in dem strauchelnden Helden der gute Genius. So kompliziert sind die Mittel der Charakterisierung. Aber vielleicht ist das auch der eigne satirische Beitrag von Vollmöller und Zuckmayer. Die Herren hätten sich diese nützliche Melodie während der Arbeit vorspielen lassen sollen. Das hätte sie an ihre Verpflichtung gegen das Werk Heinrich Manns erinnert. In dieser kümmerlichen Welt wandelt Emil Jannings wie ein Zentaur, den man in eine Zweizimmerwohnung gesperrt hat und der mit jedem Schritt das Mobiliar bedroht. Welch ein absurder Einfall, das breiteste Temperament, den ausladendsten, den niederländischesten aller unsrer Filmkünstler ein hektisches Knochengerüst spielen zu lassen. Für die geringe Spannweite des ganzen Plans hätten Chargenspieler wie Falckenstein oder Picha, Spezialisten für Eckigkeit und Verkniffenheit, auch genügt. Das Ereignis bleibt nur Marlene Dietrich. Weiß Gott, ob dieser Frau ein zweites Mal so etwas gelingen wird, aber dies hier macht ihr in den Filmateliers einiger Kontinente niemand nach. Dieses herrlich laszive Gesicht, diese hagere, stelzende Gestalt mit den schäbigen Seidenhöschen und den unwahrscheinlichen schwarzen Gummistrumpfbändern gehört zu den wenigen wirklich großen Filmeindrücken seit Jahren. Hier, und nur hier, ist jener Witz der Linie, der die Verfilmung eines so unmateriellen Romans rechtfertigt Die Dietrich allein verteidigt den Geist Heinrich Manns in diesem Film gegen Heinrich Mann.   Die Weltbühne, 29. April 1930   Der Fall Slang Die Justizpressestelle Berlin schreibt uns: »In Nr. 25 der ›Weltbühne‹ vom 17.6. d.J. ist ein Schreiben des ehemaligen Redakteurs der ›Roten Fahne‹, Hampel, unter der Rubrik ›Antworten‹ und der Überschrift ›Schriftsteller‹ veröffentlicht. Herr Hampel behauptet u.a. darin, daß die Vollziehung der Untersuchungshaft im Untersuchungsgefängnis Moabit seine wirtschaftliche Existenz vernichte, da er unter Briefkontrolle nicht seine schriftstellerische Tätigkeit fortsetzen könne. Im Gegensatz zu dieser Behauptung hat Herr Hampel während seines Aufenthalts im Untersuchungsgefängnis etwa zwanzig Artikel an verschiedene Zeitungen versandt, die sämtlich der Briefkontrolle unterlegen haben und bis auf einen Artikel unbeanstandet abgesandt worden sind. Während der Untersuchungshaft genießt Herr Hampel folgende Vergünstigungen: Er hat eine neu erbaute, bisher von keinem Gefangenen benutzte Zelle, die vorläufig nur als Muster für die Reform der Untersuchungshaft eingerichtet war, inne. Sie enthält ein Feldbett, einen Kleiderschrank, einen Tisch mit Schublade, einen Stuhl mit Rücken- und Seitenlehne, ein Bücherregal, einen kleinen Waschtisch und ein durch Vorhang abgeschlossenes Spülklosett. Ihm ist die Selbstbeschäftigung gestattet. Er darf beliebige Zeitschriften, Bücher und Zeitungen halten und seine eigne Schreibmaschine benutzen. Auch darf er Licht brennen, so lange er will, und braucht die Zelle nicht selbst zu reinigen. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Becher, Landgerichtsrat« Diese Berichtigung haut zwar vom Anfang bis zum Ende daneben, aber sie feiert die Vorzüge unsres Strafvollzugs mit einem so lyrischen Schwung, daß es sich schon aus literarischen Gründen verbietet, ihr den Abdruck zu verweigern. Bekanntlich verlangt Slang (Fritz Hampel) die Verbüßung seiner Strafe in einem Festungsgefängnis. Statt dessen wird er wegen eines neuen Strafverfahrens im Untersuchungsgefängnis gehalten. Daß die Vollstreckungsbehörde sich bemüht, die Untersuchungshaft dem Aufenthalt in einem Festungsgefängnis anzugleichen, ist recht anerkennenswert, schafft aber die Differenz zwischen den beiden grundverschiedenen Institutionen nicht völlig aus der Welt. Festungshaft bedeutet nämlich erhöhte Bewegungsfreiheit. Hier im Untersuchungsgefängnis werden Slang nur die üblichen täglichen Promenaden im Hof gestattet. Ironie des Zufalls will es, daß Slangs tägliche Gesellschaft dabei die beiden jungen Reichswehrleutnants sind, die man wegen nationalsozialistischer Umtriebe in Verhaft genommen hat. Vielleicht will man aber auch Professor Waentigs These erhärten, daß Nazis und Kommunisten nun einmal zum Fraternisieren neigen. Jedenfalls bietet die größere Bewegungsfreiheit der Festungshaft für einen Tagesschriftsteller wie Slang ganz andre Arbeitsmöglichkeiten. Er ist also durchaus im Recht, wenn er sich beklagt, daß durch diese Form der Strafvollstreckung seine publizistische Produktion leidet. Außerdem stimmt es nicht ganz, daß er alle Zeitungen lesen darf, die er wünscht: die »Rote Fahne« ist ihm in diesen letzten Tagen nicht mehr zugestellt worden, also grade das Blatt, für das er vornehmlich arbeitet. Und das soll keine Existenzminderung für einen Schriftsteller sein? Das Gefühl, die einzige Musterzelle einzuweihen, mag wohl für den Häftling ein Anlaß sein, sich als Bürger kommender Zeiten zu fühlen, aber es ist kein Ersatz für die entgehende Gegenwart und kein genügend starkes Betäubungsmittel, um das vorenthaltene Recht zu vergessen. Das Reichsgericht – Vierter Strafsenat – hat die Beschwerde der Verteidiger Slangs abgelehnt. Die Begründung soll hier nicht behandelt werden. Sie ist ganz unverständlich, Leipziger Juristenslang.   Die Weltbühne, 15. Juli 1930   Antworten Rechtsanwalt Litten, Berlin. Sie haben in Ihrem Plädoyer am 10. Juli im Prozeß gegen die Kommunisten Schwarz und Wilke, zu dem Sie den Genossen Z. als Zeugen geladen hatten, erklärt: »Mehrere kommunistische Redakteure, die Herrn Zörgiebel einen Massenmörder genannt haben, sind unter Abschneidung des Wahrheitsbeweises wegen Formalbeleidigung verurteilt worden. Ich beschuldige nunmehr Herrn Zörgiebel unter strengster Vermeidung jeder Formalbeleidigung der Anstiftung zum Morde in 33 Fällen und erwarte für diese Behauptung, für die mir der Wahrheitsbeweis nicht abgeschnitten werden kann, den Strafantrag des Zeugen Zörgiebel.« Sie warten noch immer. Wir auch. Genosse Z. hat Wichtigeres zu tun.   Die Weltbühne, 5. August 1930   Goebbels als Geisterseher Große Männer waren immer abergläubisch. Bei Goebbels hat man es sehr mit dem Spiritismus, und wenn irdischer Rat nicht mehr verfängt, muß die okkulte Welt regulierend eingreifen. Das paßt zwar nicht recht zu dem Bild, das man sich nach seinen turbulenten Reden von dem völkischen Alleszerschmetterer gemacht hat. Aber unser formidabler Volkstribun ist, sich selbst überlassen, ein armes, seelisch verquetschtes Luder, gar kein Bramarbas mehr, wie an der Rostra im Toben des Beifalls, sondern ein Zerbrechlicher, der mit allerlei magischem Hokuspokus sich selbst mehr als andre mystifiziert. Da fand vor einiger Zeit in Garmisch-Partenkirchen so eine Séance statt ... Man hatte die Gläser im Kreise aufgestellt, und wie sie nachher auf dem Tisch herumtanzten, bezeichneten sie die Orakelsprüche aus Geistermund. Es waren Gäste dabei, die wahrscheinlich Armin und Thusnelda und andre Exzellenzen des Germanentums erwarteten, aber es muß an diesem Tag im Jenseits eine Betriebsstörung fällig gewesen sein, denn es meldete sich zunächst ein nicht eingeladener Herr Simon mit echt jüdischer Vordringlichkeit. Viel schlimmer noch als das Entree war das weitere Benehmen dieses Herrn, denn das Wort, das entziffert wurde, es kann nicht verschwiegen werden, hieß schlicht und rund: »Kotze«. Das hatte die peinliche Folge, daß die Damen entrüstet das Zimmer verließen. Mit Verwünschungen überhäuft, zog sich der unanständige jüdische Geist nach Gehenna zurück. Die Damen erschienen erst wieder, als sich der galante Prinz Louis Ferdinand meldete, der indessen keine frivolen Scherze machte, sondern sich nur auf die trockene Bemerkung beschränkte, daß Goebbels nächstens Kultusminister werden würde. Als letzter stieg, wie selbstverständlich, Bismarck aus dem Hades. Keine Feier ohne Bismarck. Damals war grade der Konflikt Hindenburg – Goebbels ausgebrochen, dem Eisernen Kanzler schien das zu weit zu gehen. »Goebbels, denk an Tannenberg!« mahnte er betrübt, und Goebbels dachte daran und war tief erschüttert. So endete die bedeutsame Séance. Kleinere Politiker müssen zur Begründung ihrer taktischen Schwenkungen mit Zitatensprüchen längst Verstorbener aufwarten, doch der nationalsozialistische Häuptling, in den Tiefen der parapsychologischen Wissenschaft zu Hause, bestellt die Herren selbst herauf und läßt sich von ihnen bestätigen. Jeder Esel kann sich auf Bismarck berufen, aber um den Schatten Bismarcks selbst an den Zeugenstand und zum Sprechen zu bringen, dazu muß man schon ein Erleuchteter wie Goebbels sein.   Die Weltbühne, 12. August 1930   Antworten Kommunist. Deine Partei erläßt einen Wahlaufruf an die geistigen Arbeiter. Darin ist manches Richtige gesagt über das Volk der Dichter und Denker, in dem der geistige Arbeiter zum Paria herabgesunken ist. Stärker kommt das alles aber in der letzten Nummer der »AIZ« heraus, denn das Bild ist ein beßrer Agitator als das Parteibüro. Gut ist in dem Aufruf das freie Bekenntnis, daß man nicht von selbst zum Sozialismus kommt und dann nicht gleich alles gut ist: »Wir verheimlichen es nicht: der Weg ist hart und entsagungsvoll«, ganz schlecht das von den »Sklavenketten des Young-Plans«. Das stammt aus einer andern Küche. Dennoch werden viele, die sich mit mir darüber ärgern, deine Partei wählen. Aber nicht aus feuriger Zustimmung, sondern aus Resignation. Das ist zuwenig. Eine Arbeiterpartei darf sich nicht nur als »das kleinere Übel« wählen lassen.   Die Weltbühne, 2. September 1930   Eugen Diederichs Es hört sich heute ziemlich unglaubwürdig an, daß auch der Verlag Eugen Diederichs einmal für hypermodern, für snobistisch und überspannt gehalten wurde. Eugen Diederichs begann zu jener Zeit, da die Ausstattung des deutschen Buches sich aus tiefster Niederung erhob und sich an der hochentwickelten englischen bildete; es war die Zeit von William Morris und Walter Crane. Diederichs hat viel getan, den Goldschnittstil, den niedlichen Illustrationsstil zu überwinden, aber schließlich verlief auch er sich in der Aufmachung. Der große Pomp wurde auch zur innerlichen Haltung, der breite Faltenwurf deckte oft genug Banalitäten. Und doch verdanken wir Diederichs die Einbürgerung von Kierkegaard, die Vertrautheit mit Bergson, den Plato Kassners, italienische Chroniken und nordische Märchen, den Paracelsus und den herrlichen, den vergessenen Sebastian Franck. In den letzten Jahren vor dem Kriege erfaßte Diederichs mit festem Griff fortschrittliche Zeitliteratur; zum Beispiel die gesammelten Reden von Lloyd George, die große Militärkritik von Jean Jaurès. Das war seine lebendigste Epoche. Es kann nicht verschwiegen bleiben, daß späterhin der Diederichslöwe, dem Meyrinckschen gleich, die neue Zeit manchmal mit einem peinlich schmetternden Bäh begrüßte. Zuletzt, und leider am lautesten, in jener komischen Ars amandi der Dame Diotima, die sich bemüht, das von Herrn Professor van de Velde gebaute und überzogene Liebeslager mit den Sägespänen eines empfindsamen Seelenlebens auszustopfen. Eugen Diederichs, den ewig Planenden und Suchenden, verfolgte das Mißgeschick, keinen kongenialen deutschen Autor finden zu können. So erhaben seine Ausgrabungen waren, so abschreckend waren oft die Lebenden, für die er sich mit dem großen Schwung seiner Persönlichkeit einsetzte: diese Gelehrten mit dem Hakenkreuz vor dem konfusen Kopf, diese Poeten von feierlichem Schwachsinn. War es ein Versagen des Mannes oder des von ihm so glühend geliebten deutschen Geistes? Es bleibt nur die Tatsache, daß der letzte große Humanist, der letzte wirkliche Abkömmling der Sammler und Entdecker der Renaissance, kein Dichter, kein Gelehrter, sondern ein Verleger gewesen ist.   Die Weltbühne, 16. September 1930   Nationalsozialismus oder Kommunismus? Da bei Redaktionsschluß noch weitere Antworten auf unsere Rundfrage über den Nationalsozialismus eingingen, haben wir uns versagt, schon in diesem Heft einen abschließenden Artikel zu veröffentlichen, in dem wir unsere Stellungnahme zum Nationalsozialismus umreißen. Wir werden deshalb im nächsten Heft die »Antworten« fortsetzen und sie in einem besonderen Artikel kritisch würdigen. An dieser Stelle verweisen wir auf die vorhergehenden Artikel, in denen klar unsere Meinung über die faschistische Bewegung zum Ausdruck gebracht wurde.   Die Schriftleitung Die nationalsozialistische Bewegung hat eine geräuschvolle Gegenwart, aber gar keine Zukunft. Sie lebt von der Erregung plötzlich proletarisierter Schichten, die nicht wissen, welchen politischen und ökonomischen Kräften sie ihren Sturz aus bürgerlicher Geborgenheit in ein soziales Pariatum verdanken. Der Nationalsozialismus hat bisher nicht bewiesen, daß er die altorganisierte Arbeiterschaft und ihren jungen Nachwuchs zu erfassen vermag. Wer weiß eigentlich heute noch, daß es vor einem halben Dutzend Jahren eine völkische Bewegung von ähnlichen Tendenzen gab, die sich damals um Wulle und Graefe scharte? Adolf Hitler mag in seinen Anfängen in ehrlicher Verbohrtheit gehandelt haben. Heute ist er nur noch eine Kreatur der Industrie. Oder bildet sich jemand ein, die Gebieter von Kohle und Eisen würden ihr schönes Geld hergeben für einen Verein, dessen Ziel ist, sie zu enteignen und zu Ehren der teutonischen Götter an den nächsten Laternenpfahl zu hängen? Das Rezept der Hitlerei stammt vom italienischen Faschismus, und man muß zugeben, daß es ein wahrhaft grandioser Volksbetrug ist: man gibt den unzufriedenen und unruhigen jungen Leuten die Symbole und das Tempo der Revolution und führt sie in die Reaktion. Der einzelne in der dichtgedrängten Marschkolonne, von stürmischen Zurufen und einer begeisternden Musik beflügelt, weiß nicht, nach welcher Richtung es geht. Dabei besteht für mich kein Zweifel, daß Hitler nichts sehnlicher wünscht als die endliche Legalisierung seiner Bewegung. Er möchte den Ludergeruch der Revolution loswerden, um das Erbe der zerfallenden Hugenbergpartei anzutreten. Hitler will ministrabel, will regierungsfähig werden. Das ist der Sinn des thüringischen Experiments. Der Krakeel um die Haßgebete, der Konflikt mit Berlin, das alles sind doch nur Täuschungsmanöver für das Gros der Anhänger, das den Anbruch des »Dritten Reiches« nahe glaubt. Da wo es sich um Desperadostreiche handelt, die aus wirklicher sozialer Not geboren sind, wie bei den holsteinischen Bombenattentaten, hat Hitler schleunigst einen dicken Trennungsstrich gezogen. Denn Hitler, der nicht das mindeste gegen die täglichen zahllosen Roheiten seiner Legionäre unternimmt, wird sofort korrekt und gutbürgerlich, wo er die Zeichen richtiger sozialer Rebellion sieht. Diese Bewegung hat keine Idee und kein Prinzip, und deshalb wird sie nicht leben können. Kein Nationalsozialist ist imstande, den »Sozialismus« seiner Partei zu erklären, und sogar die zahlreichen Versuche, den Nationalismus der Partei zu analysieren, mißlingen kläglich. So bleibt nichts übrig als das etwas komische Dogma von der Berufung Adolf Hitlers, die deutsche Nation zu retten. Der Glaube an das Führertum einzelner berufener Persönlichkeiten ist überhaupt das einzige, was sich bei dem Nationalsozialismus zu einer Art Theorie verdichtet hat. Aber das ist Mystik, und mit Mystik kann man die Menschen zwar auf eine Weile benebeln, aber satt machen kann man sie damit nicht. Die Nationalsozialisten behaupten zwar, daß der von ihnen hochgehaltene Führergedanke gute germanische Überlieferung sein soll. Auch das läßt sich schwer beweisen. Ich muß Adolf Hitler den Schmerz bereiten: diese Überlieferung stammt nicht aus dem alten Germanien, sondern aus dem Alten Testament. Auf diese mysteriöse Weise kamen Moses, Josua und Gideon zu ihren hohen Funktionärposten in Israel. Manchmal meldeten sich auch Unberufene, aber denen ging es schlecht, wie der traurige Fall Korahs und seiner Rotte beweist, die das Feuer des Herrn fraß. Ça ira, ça ira.   Der Rote Aufbau, September 1930 Herausgeber: Willi Münzenberg   Die Blutlinie Es sind diesmal noch keine Knochen, sondern nur für 50 000 Mark Fensterscheiben zerbrochen worden. Ein Café am Tiergarten, ein paar Warenhäuser wurden en passant mit Steinen beehrt. Darunter eines, das seit zwei Generationen getauft ist, und ein andres, das keine jüdischen Angestellten leidet. Auch der gleichfalls bedachten Bank des Herrn Jakob Goldschmidt läßt sich nicht nachsagen, daß sie Ideen fördert, die nach der Auffassung rechts der Zersetzung dienen. Dieses der Stärkung des deutschen Kredits gewidmete Unternehmen fand statt, während hundertacht Gelbhemden im Reichstag fröhlich ihr Analphabetentum manifestierten. Beim Namensaufruf wurde der Herr Abgeordnete Heines von der Linken mit dem Rufe »Der Fememörder!« begrüßt, worüber er mit geschmeicheltem Lächeln quittierte. Auch im Wahlkampf ist Herr Heines auf Plakaten als Fememörder vorgestellt worden, und das hat ohne Zweifel zugkräftig gewirkt. Die Quiriten haben ihn aufs Kapitol geschickt, weil er gemordet hat. Es gilt festzuhalten: Es gibt in Deutschland Bürger, die jemanden wählen, weil er an einem feigen Mord im Hinterhalt beteiligt war. Nach der Meinung Unterrichteter kommt die Offensive gegen die Leipziger Straße nicht auf das Konto der Oberleitung, sondern auf das des Hauptmanns Stennes und seiner Sturmabteilungen. Herr Stennes ist nämlich bei der Mandatsverteilung übergangen worden und hat schon neulich dem Osaf seine Unzufriedenheit darüber drastisch bekundet. Ist Herr Stennes weniger als andre? Auch an seinem Ruhm klebt Mord, er hat sich redlich bemüht, die Feme in der preußischen Polizei zu beheimaten. Er hat trotzdem kein Mandat bekommen, er ist böse, er arrangiert einstweilen auf eigne Faust Herbstmanöver. Man darf die Hitlerbewegung nicht allein nach den Zivilmäulern der Feder und Strasser beurteilen, man muß vor allem auf ihre militärischen Fäuste schauen. Die Organisationen sind gespickt mit Offizieren aus der Freikorpsepoche. Diese Killinger, Heines, Stennes, Göring kommen alle von Ehrhardt-Roßbach und vom Baltikum. Sie fühlen sich nicht Hitler dienstbar, sondern ihren alten Chefs. Sie sind die Parasiten in der neuen Firma, sie tragen andre Interessen hinein, ohne die neue Kasse zu verschmähen, aber sie sind unentbehrlich, weil Erfahrung und gute Nerven sie überall für die Exekutive empfehlen. Der kleine Goebbels ist für solche Schwerarbeit nicht ohne Riechfläschchen denkbar, der Schlag Heines reibt sich am Gras das Rot von den Händen und geht zum Eisbeinessen. Es gibt ein paar Dutzend Freikorpsoffiziere, skrupellose, fanatische, beutegierige Abenteurer, die an allen nationalistischen Aktionen seit zwölf Jahren beteiligt sind. Es führt eine Linie vom Eden-Hotel und dem Baltikum über Kapp und O. S. weiter zu den Ministermorden, der Schwarzen Reichswehr und dem Ruhrkampf, zu den Wahlraufereien und den zerbrochenen Scheiben in der Leipziger Straße. Vor ein paar Monaten wurden am Rhein auf Geheiß der Partei die Häuser wirklicher oder vermeintlicher Separatisten demoliert, diesmal wird, sehr gegen ihren Willen, an dem Tage, wo sie sich als salonfähig erweisen möchte, eine kleine Fensterscheibenattacke geritten, denn die Helden murren ob der Untätigkeit. Viele Politiker sind seit 1918 gekommen und verschwunden, geblieben ist eine Camorra von unbeschäftigten Offizieren, die ständig im geheimen neue Leute anzieht und in ihre Geschäfte verstrickt. Lest im Buche von Gumbel nach oder in den Protokollen der vielen Prozesse, ihr werdet immer die gleichen Namen finden. Ihr werdet finden, daß der Kaufmann X., ein belangloser Zeuge für das Alibi des Hauptmanns Y., nach ein paar Jahren wieder als Zeuge in einer Bombenleger- oder Verschwörersache auftaucht. Es geht eine Blutlinie durch die zwölf Jahre Republik. Die Gerichte haben sie niemals ernsthaft bloßgelegt. Ein einziger konsequent zu Ende geführter Ehrhardt- oder Roßbach-Prozeß hätte uns den ärgsten Zauber der neuen Hitlermacht erspart. Diese Offiziercamorra ist die wirkliche Nährerin des Bürgerkriegs gewesen. Sie hat die Schützengräben in die innere Politik eingeführt. Sehr klar hat das jetzt der jüdische Historiograph des deutschen Nationalbanditismus, Herr Arnolt Bronnen, in seinem sonst höchst langweiligen Roßbach-Buch gesagt. Er gibt dort einmal die Stimmung Ende dreiundzwanzig wieder: »... vorbei für immer war die Epoche, in der man noch mit den Impulsen des Krieges Deutschland und die Nation umgestalten konnte, in der man Versailles mit Versailles und Rathenau mit Schüssen bekämpfen konnte.« Trotzdem sieht der monokelbewehrte Bronnen zu schwarz: diese Epoche ist nicht vorüber, denn ihre Träger sind noch da. Vor zehn Jahren kämpften sie fürs alte Reich und für die Dynastie; heute tragen sie das Kostüm des gelben Sozialismus. Ihre Sprache hat sich verändert, ihr Beruf nicht. Wie gern möchte man mit einem Appell die Vernunft zur Opposition entzünden, mit dem guten Feuer des gesunden Menschenverstandes diese Pest ausbrennen. Dank sei Thomas Mann, daß er aus der Reihe der schweigenden Geistigen heraustritt, wenn auch nicht mit der Vehemenz Émile Zolas. Es ist etwas kernfaul an diesem Volk, das ein Individuum zum Deputierten wählt, weil es ihm als Mörder empfohlen wird. Hier läßt sich mit Literatur nicht mehr kämpfen. Ist es nicht ein Jahrhundert her, daß uns der Triumph des Kriegsbuches von Remarque als eine spontane Wandlung zum Friedensgeist gedeutet wurde? Wir haben dem damals bei aller Anerkennung der Qualitäten des gutmeinenden Autors widersprochen. Die Friedensgesinnung ist dahin wie der Schnee vom vorigen Jahre. Denn so bunt gemischt die Wählerschaft des Nationalsozialismus auch sein mag – sie hat sich doch dazu bekannt, daß Gewalt nach innen und außen das einzige noch mögliche Prinzip darstellt. Gegen eine Million Remarques recken sich sechs Millionen Kriegsbeile.   Die Weltbühne, 21. Oktober 1930   »Erfolg« ohne Sukzess Lion Feuchtwangers zweibändiger Bayernroman »Erfolg«, von dem hier vor einigen Wochen ein Kapitel wiedergegeben wurde, hat im allgemeinen eine herzlich schlechte Presse gefunden. Dem einen ist die Geschichte zu bayrisch, dem andern nicht bayrisch genug. Dem einen zu politisch, dem andern zu privat. Ganz besonders unerbittlich hat sich ein junger Rezensent, der sich für den Schützenkönig hält, weil ihm seine Zeitung eine Windbüchse anvertraut, und der darüber vergißt, daß er einstweilen selbst noch eine ausgezeichnete Schießscheibe abgibt. Dieser Rezensent also findet es nicht fein, daß Feuchtwanger einen Strafgefangenen im Todeskampf den Kotkübel umreißen läßt. Nun, solange der Strafvollzug noch eine durchaus barbarische Institution ist, so lange hat der Romancier auch nicht das Recht, den Gefangenen in apollinischen Linien sterben zu lassen und ihm statt des Kotkübels eine rosenduftende Amphora ans Lager zu stellen. Stilisierung wäre hier Lüge. Ich möchte nicht alle gegen Feuchtwangers Buch erhobenen Einwände wiedergeben, sondern mich nur auf die Bemerkung beschränken, daß etliche von den Kritikern die meisten davon vor ein paar Monaten noch nicht geltend gemacht hätten. Mindestens in der liberalen Presse wäre es als Meisterleistung eines Zeitromans gefeiert worden. Heute hat man sich an der Reportage, den Zustandsschilderungen, der sozialen Kritik gründlich den Magen übergessen. Der Nationalismus ist die große Mode. Die politische Reaktion ist schon da, die ästhetische schreitet fort. Feuchtwangers Roman, in einer ganz andern Zeit konzipiert und in langen Jahren sorgfältig ausgeführt, wirkt jetzt wie ein Nachzügler. Inzwischen ist die Romantik eingebrochen, der Naturalismus hat wieder ausgespielt. Man ist wieder ritterlich, man sitzt träumend im Remter, und an die Stelle von Herrn Professor van de Veldes heidnischer Liebestechnik tritt die hohe, reine Minne. Die soziale Anklage sinkt im Kurs, die Aktien von Narziß \& Goldmund steigen. Das absinkende Bürgertum zelebriert ein letztes Mal noch ein Biedermeier ohne alle Biederkeit. Dreieinhalb Millionen Arbeitslose nehmen sich, durch Butzenscheiben gesehen, viel manierlicher aus, fast wie ein Pilgerzug ins Heilige Land.   Der Roman von Feuchtwanger umfaßt die turbulente Geschichte der bayrischen Hochebene von zwanzig bis dreiundzwanzig. Wir sehen das stolzgeschwellte Bayern, das sich zu globaler Mission rüstet, die Zeit der Verschwörungen, die Blüte der Bünde, dann die Novemberexplosion, und am Ende bleibt wieder eine etwas langweilige Provinz. Feuchtwanger hat viele Figuren aus dem München jener Zeit hineingetan, Adolf Hitler fehlt sowenig wie Bert Brecht; alle heute schon fast vergessenen Größen dieser bayrischen Jahre treten in dünner Maskierung auf. Feuchtwangers Gestaltungswillen wollte viel umfassen; allzuviel für zwei Hände. Die Komposition entglitt ihm, und er versuchte sie durch einen Trick zu ersetzen. Der Trick seiner Erzählung ist die Distanz. Feuchtwanger zeigt diese krampfhaft geblähte kleine bayrische Weltkugel wie durchs Teleskop. Gelegentlich gibt es erläuternde Einschiebsel, Zahlen, politisches und ökonomisches Material – zum Verständnis des Lesers, der sich nicht selbst ans Fernrohr bemühen will, sondern sich die Sache lieber in wohlgesetzter Rede vortragen läßt. Das ist die bedenklichste Schwäche dieses Buches, die Dinge kommen nicht nah genug heran, bleiben ein fernes Gekribbel und Gewimmel, von einem klugen, sehr weltläufigen Herrn geschildert. Ein zweibändiges Epos kann nicht auf einem Trick beruhen. Die Bewohner dieses Landes Bayern sind gewiß sehr merkwürdig, aber selbst die noch viel kuriosern Provinzen Gargantuas oder Gullivers werden ja nicht im Guckkasten gezeigt: der Leser lebt in ihnen, wird schließlich selbst ein Riese oder Däumling. Zugegeben, daß dieser Guckkasten Feuchtwangers durchweg sehr interessant ist und hoch über dem Flohtheater zahlreicher deutscher Romane steht, es bleibt nur die Erinnerung an ein beachtliches Kunststück. So ist der letzte dieser vielen Zeitromane zugleich der kunstvollste von allen. Feuchtwanger hat daran mit mehr Fleiß gesessen, als es sonst bei einem deutschen Autor üblich ist. Die vielen Episoden sind aufs liebevollste ausgepinselt, die Sprache ist sauber und ausgefeilt. Kein schöpferischer, aber ein denkender Kopf hat hier gearbeitet und für die Gesamtwirkung fast zuviel gearbeitet. Nicht Personen haften, sondern Sentenzen, nicht Gesichter, sondern kluge, sarkastische und resignierende Bemerkungen. Etwas weniger Detail, und die »Histoire contemporaine« des Anatole France hätte, wenn nicht ihr deutsches, so doch ihr bayrisches Gegenstück erhalten. Aber was tut das? Nicht die wirklichen Schwächen hat sich die liebe Kritik vorgenommen, sondern grade die besten Seiten. Eine Mode ist zu Ende, und die kritischen Totengräber des Naturalismus sind so eifrig tätig, daß es ihnen nicht darauf ankommt, einen Lebenden, der sie stört, gleich mit ins Grab zu werfen. Der Faschismus tritt über die Politik in die Literatur ein. Was sollen da Autoren, die noch mit den Emblemen der republikanischen, der sozialistischen und demokratischen Epoche kommen? Da gilt es Abstand zu halten. Der Rezensent setzt sich hin und schreibt mit leerem Herzen und vollen Hosen seine ablehnenden Verdikte.   Die Weltbühne, 11. November 1930   Der junge Fridericus Die deutsche Revolution hat neben manchem andern auch versäumt, die Siegesallee abzutragen. Sie fand nicht den Mut, in einem symbolischen Akt die alte Zeit zu zerstören. Diese halb komische, halb herausfordernde Freiluftpuppenstube des letzten Hohenzollern hätte in tausend Stücke zerschlagen werden müssen. Allerdings gibt es auch bleibendere Zeugnisse des Königtums als die von Eberlein, Uphues et cetera gebackenen Kunstfiguren. In Potsdam geht noch heute der Mann mit dem Dreispitz um. Begegnete er uns dort im Dunkeln, wir würden kaum auf den Gedanken kommen zu sagen: »Guten Abend, Herr Gebühr.« Die Hohenzollern haben im Zug der Jahrhunderte ein paar Erznarren und sehr viel gleichgültigen Durchschnitt produziert, aber nur ein wirkliches Original, das mit ein paar Spritzern Höllenfeuer getauft ist. Die byzantinische Historiographie zählt Friedrich zu den größten Regenten, die jemals gelebt haben; sie hält jeden Kriegerischen schlechtweg für einen Großen und auch für den geborenen Bewältiger aller Friedensaufgaben. Niemals jedoch ist Friedrich ein Soldat der Idee gewesen, seinen Kriegen fehlt das Kreative. Aus dem vergossenen Blut einer Generation sproß kein neues Leben, auf den Schlachtfeldern dreier Kriege wuchs, in des Wortes traurigster Bedeutung, kein Gras mehr. Diese Kriege waren Kabinettskriege, dazu bestimmt, das graue Gefängnis Preußisches Vaterland um ein paar neue Gelasse zu erweitern. Erst als Friedrichs ruhmreiches Instrument, seine Armee, viel später unter dem rasanten Feuer Napoleonischer Regimenter niederbrach, da flossen Licht und Luft in den alten Kerker hinein. Ein ränkevoller Staatsmann, ein oft bedeutender Feldherr, als Regent ein skurriler Tyrann, in seinen Folgen ein namenloses deutsches Nationalunglück – das war Friedrich. Die preußische Geschichtsschreibung ist indessen noch heute »fritzisch« gesinnt. Der schottische Puritaner Thomas Carlyle, übrigens auch ein sehr unebener, sehr egozentrischer Charakter, hat Friedrich eine vielbändige, noch immer gelesene Verhimmelung gewidmet. Messerscharf und klar steht dagegen der knappe kritische Essay des Liberalen Thomas Babington Macaulay. Franz Mehring hat in der »Lessing-Legende« den friderizianischen Staat erbarmungslos seziert und von dem Regentenruhm wenig übrigbleiben lassen. Seit einem halben Dutzend Jahren ist nun der Architekt Werner Hegemann wie zu einem persönlichen Duell gegen die preußischen Kriegerkönige angetreten. Sein »Fridericus« war ein intellektuell gepanzerter Widerspruch gegen sinnlos nachgeplapperten Legendenkram. Es war ein schwieriges Buch, in seiner nicht leicht zu bewältigenden Form zugleich ein höchst eindringlicher Protest gegen die flotte Büchermacherei dieser Zeit. Jetzt folgt ein zweites Buch zum gleichen Thema: »Das Jugendbuch vom Großen König« (Jakob Hegner, Hellerau), ein schönes, einfach geschriebenes Buch, das ohne Übersteigung intellektueller Hürden zu erreichen ist, ein Werk, das ganz breiten Erfolg haben müßte, der zugleich ein Erfolg des besten deutschen Geistes sein würde. Das Duell eines Schriftstellers mit einem toten preußischen König –? Das brauchte in einem andern Fall als dem Hegemanns nicht mehr zu sein als eine Marotte. Denn was wäre ein Kampf gegen Sarkophage, wenn nicht deren schwere granitene Deckel auch noch fühlbar auf unsrer Zeit lasteten ... Zwischen dem ersten und zweiten Friedrich-Buch hat Hegemann das »Steinerne Berlin« geschrieben, die Chronik vom Wachsen einer Millionenstadt. Hier erst ist mir sein Haß gegen die einstigen königlichen Herren der Stadt Berlin ganz verständlich geworden. In der engen, trostlosen Anhäufung von Mietskasernen, in dem traditionellen Wohnelend der Hauptstadt sieht er die Sünde der preußischen Könige zu Mauerwerk erstarrt, hier ist die verbissene Militärpolitik der Hohenzollern für Jahrhunderte Stein geworden. Hier ist zugunsten des Militarismus alles ungeschehen geblieben, was dem Organismus Stadt Leben, Gesundheit, Farbe gibt. Die Kasernenphantasie der Soldatenkönige ist hier Schicksal für viele Generationen kranker Kinder, leidender Familien geworden. Den größten der Könige holt sich Hegemann in seinem neuen Buch heraus, das von dessen konfliktreicher Jugend handelt. Wie oft sind diese Vorgänge und Zustände nicht schon erzählt worden: dieser Kampf mit dem Vater, die Einkerkerung, die Hinrichtung Kattes, dieses rohe Hofleben und dieser gräßliche, alles armfressende Militärfimmel. Es ist seltsam, daß diese Dinge hier neu und erstmalig wirken. Bei Hegemann stellt sich sofort dieselbe Wirkung ein wie bei Franz Mehring: die Beziehung zur Gegenwart ist da. Die Gamaschenideologie dieser Zeit lebt ja noch, die Irrlehre von der Omnipotenz des Staates und der bewaffneten Gewalt als Universalmittel, das ist noch gegenwärtig, und wir erleben hier durch einen ebenso hinreißenden wie gewissenhaften Berichterstatter die Geburtsstunde der preußischen Macht. Hegemann erlaubt sich einmal die bitterböse Ironie, ein Gedicht zu zitieren, das ganz und gar wie ein traditioneller friderizianischer Hymnus wirkt: Und plötzlich sieht man Fahnen wehen von einer nie erschauten Art. Kolonnen ziehn, die Trommler gehen, und hunderttausend Männer stehen um einen Willen fest geschart. O nein, es geht nicht auf Fridericus, sondern auf Adolf Hitler. So zieht bei Hegemann in einem Stück preußischer Staatsgeschichte die Jugend Friedrichs vorüber. Noch immer dramatisch genug, aber mit den Augen des Psychologen gesehen. Nicht mehr »zwei Welten« stehen sich gegenüber, nicht zwei Ideen, sondern zwei Neurastheniker schlimmsten Kalibers. Der Vater: eine Bestie, die sich sadistisch austobt und dafür den ganzen Staat zur Verfügung hat, der Sohn: feige, schmuddlig, intrigant, gewissenlos und eitel wie ein Narziß – kein junges Heldenleben, »Krankheit der Jugend«, mehr nicht. Vieles davon verwächst sich später, nichts an dem kalten, bewußten Machiavellisten erinnert mehr an den phantastischen Jüngling. Wie solide die Hohenzollern seelisch konstituiert sind, wie quicklebendig sie die eigne Schmach und die Leiden andrer überstehen, das erleben wir jetzt ja an dem Beispiel von Wilhelm und Filius, die sich auf den Gräbern des Weltkrieges ihr behagliches, von der Republik hochdotiertes Privatierdasein gebaut haben. Der junge Leutnant Karte ist bekanntlich als abschreckendes Beispiel für den Kronprinzen in Küstrin hingerichtet worden. Als Friedrich König wurde, erhob er zwar den Vater Kattes in den Grafenstand, aber als später der alte Mann sich mit der Bitte an ihn wandte, seinen unehelichen Sohn doch für legitim zu erklären, da schrieb er an den Rand des Gesuchs ... Nun, was schrieb er wohl zu dem Gesuch eines Vaters, dem er durch seine Torheit einst den Sohn geraubt hatte? Er schrieb in seinem berühmten Marginalstil: »Wer wird alle Hurkinder naturalisieren? « Diese Hohenzollern sind immer eine verdammt gesunde Familie gewesen.   Die Weltbühne, 23. Dezember 1930   Die Farben von Panama Niemand regt sich über die anonymen Kräfte der Wirtschaft auf. Man weiß, daß sie da sind, aber sie sind Schemen wie die Götter Epikurs, unsichtbar, ungreifbar. Nur manchmal scheint ein Stückchen davon plötzlich materialisiert, also den Augen wahrnehmbar. Und dann ist die Aufregung groß. Diesmal ist es das Stückchen Fahnentuch, das Fahnentuch der Republik Panama, unter dem eine Hamburger Reederei ihre zwei Trampdampfer segeln läßt. Dieser Trick ermöglicht es, sich um Lohntarife und ähnliche sozialistische Erfindungen zu drücken. Während die Presse sich national entrüstet, äußerte sich der Hamburger Reederverein schon viel maßvoller. Warum auch nicht? Im Grunde bewundert man doch die energische Firma, die auf die Farben der Judenrepublik pfeift und außerdem noch dem bolschewistischen Staat ein Schnippchen schlägt. Sind nicht in ein paar Monaten etliche Milliarden deutschen Volksvermögens nach der Schweiz und nach Holland ausgewandert, ohne daß ein Hahn danach krähte oder eine Handelskammer oder ein Unternehmerverband nach Abwehrmaßnahmen gerufen hätte? Und ist nicht die Rüstungsindustrie ganz international aufgezogen? Niemand weiß, ob die verkauften Waffen nicht morgen schon den Volksgenossen töten werden. Der Kapitalismus hat keinen Respekt vor Grenzpfählen, Landesfarben und nationalen Ideologien. Vor letztern am wenigsten, denn er bezahlt ja meistens ihre Erfinder. In Zeiten der Prosperität lassen sich solche Tendenzen leicht umkleiden, in einer Not wie heute gibt man sich nicht die Mühe dazu. Warum also den beiden tüchtigen Reedern Steine durchs Kajütenfenster werfen? Sie verzichten darauf, zu heucheln, sie segeln offen unter den Farben von Panama, die sich übrigens auch auf größern Bastionen des deutschen Kapitalismus, als es ihr Murksbetrieb ist, gut und sinngerecht ausnehmen würden. Nichts gegen die Republik Panama, die uns nie etwas getan hat. Aber bei dem Wort Panama denken wir kaum an diese kleine Republik.   Die Weltbühne, 17. Februar 1931   »Kulturbolschewismus« Jede Phase der gesellschaftlichen Entwicklung hat ihre besondern Schlagworte. Wenn der menschliche Verstand inmitten eines schnell fortschreitenden Prozesses zu fühlen beginnt, daß die anonymen sozialen Kräfte sich nicht bremsen lassen, dann flüchtet der empfindlich Organisierte in Mystik, während der Grobknochige sich nach Zeitgenossen umsieht, die er als greifbare Anstifter abscheulicher dunkler Vorgänge haftbar machen kann. So entstand im Mittelalter, das unter schrecklichen Epidemien von weiblicher Hysterie litt, der Hexenwahn. Weil man an die Ursache nicht herankonnte, hielt man sich wenigstens an den Opfern der Krankheit schadlos. »Meinetwegen, ihr werdet deswegen nicht heller sehen«, ruft in Georg Büchners »Danton« der junge Mann, den man an die Laterne knüpfen will. Hier liegt der Kern der Sache. Auch in der heutigen krisenhaften Zeit geht die Razzia nach dem Feind, den man für alles belangen kann. Mit einem neuen Schlagwort sucht man den Feind, der das alles angerichtet hat, zu kennzeichnen, zu erfassen; deshalb verfemt man ganze Menschenklassen. Wir kennen diese großmäuligen, kurzbeinigen Schlagworte, deren Lebensdauer so eng an bestimmte Verhältnisse geknüpft ist. Im Krieg war der Feind das perfide Albion, die habgierige Britannia, unter deren Unterröcke sich seitdem unsre Diplomaten und Militärs bei jedem Unwetter verkrochen haben. Die Liberalen der Bismarckzeit sahen alle Tücke der Erde bei den Ultramontanen verkörpert, den »Römlingen«, und der große Kanzler hatte sich als Promotor aller Hindernisse den »Reichsfeind« konstruiert, ein Wesen in königlich hannoverschen Junkerstiefeln und mit der Ballonmütze auf dem Kopf, über dem roten Hemd eine schwarze Soutane, in deren Innentasche eine freimaurerische Satzung und ein noch druckfeuchtes Exemplar der »Vossischen Zeitung« stak. Die Jagd nach diesem komischen Phantom hat Tausenden von Deutschen Kerker und Verbannung eingetragen. Das herrschende Schlagwort von heute heißt: »Kulturbolschewismus« und wird in ein paar Jahren schon ebenso absurd und unverständlich erscheinen wie das Schnüffeln nach den »Reichsfeinden« und andern willkürlich gewählten Trägern des bösen Prinzips. Das Komplement zum Kulturbolschewismus ist der »Marxismus«, eine vor etwa sieben Jahren im Dunkel von Miesbach oder München geborne Albernheit. Wer für den Kulturbolschewismus Autorenehren in Anspruch zu nehmen hat, wissen wir nicht, wahrscheinlich kommt auch diese nichtssagende, aber einprägsame Formulierung aus dem Dunstkreis der Journale des Herrn Cossmann. Während der Marxismus sich auf die prononcierten Rechtsblätter beschränkt, ist der Kulturbolschewismus dagegen zum Gemeinplatz fast der gesamten bürgerlichen Presse geworden, mit Ausnahme großer liberaler Zeitungen, die ihre geistige Tradition nicht verleugnen und deshalb selbst der Verdammnis teilhaftig werden. In puncto Kulturbolschewismus sind sich auch Wirth und Goebbels einig, die beiden großen Josephe, von denen der eine die Keuschheit auf sein Banner geschrieben hat; niemals werden wir verraten, welcher von beiden. Die sozialdemokratische Presse vermeidet noch die kompromittierende Vokabel, aber in der Sache macht sie rüstig mit, und wenn man manchmal liest, was gewisse kommunistische Blätter gegen die Leute von der »Weltbühne« auf dem Herzen haben, dann möchte man oft gern nachhelfen und gut zureden: Kinder, sagt es doch, ihr möchtet uns am liebsten Kulturbolschewisten nennen! Sagt es doch endlich! Es handelt sich also um ein devastierendes Schlagwort, leicht zu handhaben von Demagogen und Ordnungsrettern, von Kunst- und Strafrichtern. Wollen wir es näher bestimmen, so tappen wir allerdings im dicksten Finstern. Wenn der Kapellmeister Klemperer die Tempi anders nimmt als der Kollege Furtwängler, wenn ein Maler in eine Abendröte einen Farbton bringt, den man in Hinterpommern selbst am hellen Tage nicht wahrnehmen kann, wenn man für Geburtenregelung ist, wenn man ein Haus mit flachem Dach baut, so bedeutet das ebenso Kulturbolschewismus wie die Darstellung eines Kaiserschnitts im Film. Kulturbolschewismus betreibt der Schauspieler Chaplin, und wenn der Physiker Einstein behauptet, daß das Prinzip der konstanten Lichtgeschwindigkeit nur dort geltend gemacht werden kann, wo keine Gravitation vorhanden ist, so ist das Kulturbolschewismus und eine Herrn Stalin persönlich erwiesene Gefälligkeit. Kulturbolschewismus ist der Demokratismus der Brüder Mann, Kulturbolschewismus ein Musikstück von Hindemith oder Weill und genauso einzuschätzen wie das umstürzlerische Verlangen irgendeines Verrückten, der nach einem Gesetz schreit, das gestattet, die eigne Großmutter zu heiraten. All das sind bezahlte oder freiwillige Hilfsdienste für Moskau. Jede bürgerliche Zeitung beinahe hat ihren kulturschützenden Nachtwächter, der die heiligsten Güter der Nation mit der Stallaterne nach unzüchtigen Fingerabdrücken ableuchtet, wenn auch Gott sei Dank nicht alle ihr Amt so torquemadahaft auffassen wie jener Fighting Paul von der »Deutschen Allgemeinen Zeitung«, dieser alten Heulhure von einer ausgedienten Offiziosin, die heute, faschistisch aufgemöbelt, eine zweite Jugend erlebt. Nur Marlene Dietrichs berühmte Spitzenhosen im »Blauen Engel« sind bisher noch nicht kulturbolschewistisch genannt worden, und das wahrscheinlich nur, weil sie ihr von der UFA selbst angemessen worden sind. Hätte sich die Konkurrenz solche Extravaganzen herausgenommen, so würde Herr Hussong im »Lokalanzeiger« längst nach der Polizei geschrien und den baldigen Untergang der Welt infolge Sittenlosigkeit prophezeit haben. Wenn heute von der Rednertribüne und in der Presse moralische Anschauungen verbreitet werden, die in einem schroffen Gegensatz zu denen der letzten hundert Jahre stehen, so hat das nichts mit einem sogenannten Sittenverfall zu tun; wenn einige Millionen Menschen den § 218 beseitigt wissen wollen, so heißt das nicht, daß Deutschland bis zum Ende seiner Tage in Lasterhaftigkeit verharren will. Das Laster hat sich noch niemals aufs Rednerpult gestellt und für sich Propaganda gemacht, sondern immer das nächtliche Dunkel gesucht. Der heimliche Exzedent wird öffentlich immer nur sich selbst verteidigen und niemals sein Privatvergnügen mit der Gloriole der Moral zu umgeben versuchen. Wenn aber in Massenversammlungen eine Parole ausgegeben wird wie »Dein Körper gehört dir!« oder wenn für die Legalisierung der sogenannten Kameradschaftsehe geworben wird oder für die Erleichterung der Ehescheidung, so hat sich die sittliche Anschauung der Volksmassen eben geändert. Neue Maximen suchen nach Anerkennung, ein Wendepunkt ist wieder da. Heute scheint alles auf dem Kopf zu stehen, morgen wird das eben noch Verpönte selbstverständlich sein. Faktisch aber tritt nur das ans Licht, was schon längst besteht, nicht die Menschen sind schlechter geworden, sondern die Gesetze. Sie sind zurückgeblieben und müssen neu geformt, neu gefällt werden. Was hat das mit Bolschewismus, mit kommunistischen Lehren zu tun? Die dezidierten Antibolschewisten leben nicht anders, treiben es nicht anders. Der Bolschewismus ist nur die besondere zeitgebundene Pointierung eines ewigen Prozesses, der auch dann nicht aufhört, wenn die Kultur-Sbirren der Reaktion ihn nicht beachten und einmal eine Epoche lang keine denunziatorischen Namen für ihn zur Verfügung haben. Heute ist dieser Prozeß wieder sehr offensichtlich, es ist Termin anberaumt, und wir alle sind in den verschiedensten Eigenschaften geladen. Die katholische Kirche aber hat sich den scheinbar sichersten, in Wahrheit aber gefährlichsten Platz ausgesucht: den des Staatsanwalts. Denn die Kirche hat im Laufe der letzten hundert Jahre wiederholt in den Prozeß eingegriffen, und immer wieder ist sie vom Tribunal der Zeit desavouiert worden. Wie der heutige Papst für die Aufrechterhaltung dessen kämpft, was er die christliche Ehe nennt, so haben seine Vorgänger gegen die Zivilehe und gegen die weltliche Schule protestiert. Sie haben mit ihren feierlichen und oft haßvollen Verwahrungen die Tatsache der fortschreitenden Säkularisierung des bürgerlichen Lebens nicht fortwischen können, sie haben nicht verhindern können, daß sich ein Staat nach dem andern von der Kirche getrennt hat. Die organisierte Religion ist nicht mehr stark genug, um eine Entwicklung von anonymen Triebkräften, die in sehr verschiedenartigen und sehr bunten Einzelheiten sichtbar werden, an ihren äußern Erscheinungen zu packen und aufzuhalten. Wer könnte einem auseinanderwimmelnden Ameisenhaufen Einhalt gebieten? Die Kirche müßte wie so oft Macht durch Geschmeidigkeit ersetzen, um mit vermindertem Prestige, aber doch noch lebend durch die Quarantäne des Jahrhunderts zu kommen. Die augenblicklich geübte Methode, sich auf die Polizei zu stützen, ändert nichts Wichtiges, vermehrt nur die Zahl und die Entschlossenheit der offenen Gegner. Nicht immer hat die Kirche sich gegen progressive Strömungen so feindlich, so ablehnend verhalten. Mindestens ihre vornehmsten Träger haben sich zuzeiten offen mit dem neuen Geist verbündet. Wir brauchen nur der gewaltigen Päpste der Renaissance Erwähnung zu tun, die nicht nur als Kunstmäzene einem radikalen Zeitwandel Ausdruck gegeben, sondern auch als Politiker dazu beigetragen haben, die Gestalt einer werdenden Gesellschaft zu formen und das Mittelalter zu erschlagen. Clemens XIV., Ganganelli, war es, der als Geistesgenosse Voltaires die Forderung des Jahrhunderts der Aufklärung vollstreckte, den Jesuitenorden aufzuheben, wofür er eines dunklen Todes starb. Der bedeutendste Papst des vorigen Jahrhunderts, der Pio Nono, hat wenigstens in seinen Anfängen mit den Liberalen und den Karbonariten, den Bolschewisten von damals, paktiert. Und Benedikt XV., der große Papst des Weltkrieges, ging mit Demokraten, Pazifisten und Freimaurern zusammen und schuf damit jenes hohe politische Ansehen der päpstlichen Kurie, wovon sie bis jetzt gezehrt hat. Wieviel von dem Kapital verwirtschaftet ist, werden wir bald wissen. Jedenfalls ist die katholische Kirche nicht zu allen Zeiten so zimperlich, so altjüngferlich, so sauer und – Verzeihung! – so protestantisch gewesen wie heute. Es ist herzlich primitiv, für unsre gegenwärtigen Wirrnisse den »Bolschewismus« verantwortlich zu machen. Die tödlichen Verlegenheiten des Weltkapitalismus auf ein von Moskau und seinen Sektionen ausgehecktes Komplott zurückführen zu wollen zeigt nur, daß bei den Klagenden mit der Not nicht die geistigen Kräfte wachsen. Überall wird heute der Vorrang der Ökonomie diskussionslos zugestanden, das ist die überrumpelnde Tatsache für alle Köpfe von gestern. Es handelt sich bei solchen Thesen nicht um die ewige Richtigkeit. Unter andern Verhältnissen werden die Menschen auch wieder anders denken. Heute jedoch, wo Millionen, die eben noch auskömmlich lebten, nicht wissen, wo sie morgen das Brot hernehmen sollen, muß jedes übernommene geistige und sittliche Wertmaß schwanken und das, was gestern als unentbehrliche Kultur betrachtet wurde, dahinschmelzen wie Schnee. Die Zeterbolde, die den Zusammenbruch des Bürgertums mit Geschrei über Fäulnis und Zersetzung verfolgen, sollten nicht außer acht lassen, daß Unzählige aus dieser wirtschaftlich degradierten Schicht einen wahrhaft heroischen Existenzkampf führen und daß sie in der schrecklichen Guerilla um ein Existenzminimum Kräfte entwickeln, die viel sympathischer sind als das traditionelle Bürgerbewußtsein, das seine Stellung als selbstverständlich nimmt und Privilegien fordert. Die unberufenen Moralisten und Sittlichkeitsretter sind leider Gottes dort am stärksten vertreten, wo sie am wenigsten hingehören, nämlich an den Stellen, wo der geistige Niederschlag dieser Zeit begutachtet und zensiert wird. Dort tummeln sich vornehmlich Schwachköpfe, die nicht darüber hinwegkommen können, daß die Deutschen unter Hindenburg nicht mehr so züchtig leben – wie damals, als Tacitus sie seinen Landsleuten unter die verwöhnten Nasen rieb. Wo tätige Hilfe am Platze wäre, kommen sie mit Untergangsprophezeiungen und künden das Ende des Vaterlandes an. In der Stunde der Gefahr desertieren sie aus den Bereichen des kämpfenden Geistes in das platte, aber sichere Land einer weinerlichen und verlogenen Moralität. Kein abgestempelter Patriot, der rheinische Franzosenfreund und fatale jüdische Kulturbolschewik Heinrich Heine ist es gewesen, der für den Glauben an Deutschland den stärksten dichterischen Ausdruck gefunden hat: Deutschland hat ewigen Bestand! – Es ist ein kerngesundes Land!   Die Weltbühne, 21. April 1931   Breitscheid als Marxist »Sehr geehrte Redaktion! Sie veröffentlichten in der Nr. 24 Ihrer Zeitschrift ein Gedicht von Peter Scher, in dem behauptet wird, daß auf dem Leipziger Parteitag der Sozialdemokratie aus meinem Mund das Wort vom ›dreckigen Lumpenproletariat‹ gefallen sei. Ich stelle fest und wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diese Feststellung auch Ihren Lesern zur Kenntnis geben wollten, daß ich das Wort ›dreckiger‹ Lumpenproletarier weder in meinem Referat noch in meinem Schlußwort gebraucht habe. Ich habe allerdings in meinem Referat davon gesprochen, daß sich in der Gefolgschaft des Faschismus Lumpenproletarier befinden. Ich brauchte dabei keinen Augenblick darüber im Zweifel zu sein, daß meine Zuhörerschaft den Sinn dieser Bezeichnung richtig auffasse. Das Wort stammt nämlich von Karl Marx, der es vor allem im Zusammenhang mit der Schilderung des Bonapartismus verwendet. Er versteht darunter diejenige Schicht des Proletariats, die aus diesem oder jenem Grunde noch nicht zum Bewußtsein ihrer Klassenzugehörigkeit gelangt ist und infolgedessen die Beute aller politischen Abenteurer wird. Wenn sich also Herr Peter Scher oder die ›Weltbühne‹ an dem Worte ›Lumpenproletarier‹ stoßen, so müssen sie die Schärfe ihrer prosaischen oder poetischen Polemik nicht gegen mich, sondern gegen Karl Marx richten. Hochachtungsvoll gez.: Rud. Breitscheid«   Dieses Schreiben ging mir am 20. Juni zu. Es war selbstverständlich, daß ich den Abdruck sofort zusagte. Da ein authentisches Protokoll noch nicht vorliegt, hatte Peter Scher sich an die Lesart der Zeitungen halten müssen, wofür weder ihn noch die ›Weltbühne‹ ein Tadel treffen kann. Wer aber beschreibt meine Freude, als ich nach meiner Zusage an Herrn Breitscheid im »Vorwärts« vom gleichen Tage seinen Brief bereits abgedruckt fand, nebst einem zweiten an Peter Scher. Und das Ganze unter der von der »Vorwärts«-Redaktion kreierten Überschrift: »Blamierte ›Weltbühnen‹-Proletarier. Eine verdiente Abstrafung«. So hat das Herr Breitscheid gewiß nicht gemeint. Er sieht in seinem Schreiben wohl mehr eine Erläuterung als eine Berichtigung im Sinne des Pressegesetzes, und er beruft sich auch gar nicht darauf. Vielleicht empfiehlt es sich für ihn, in künftigen Fällen für sein Zentralorgan, dessen Manierenlosigkeit notorisch ist, eine Gebrauchsanweisung beizulegen. Übrigens gehört dieser Ausfall des »Vorwärts« gegen die »Weltbühne« in die Reihe jener Gehässigkeiten, mit denen er die Vertreter liberaler Blätter wegen ihrer objektiven Berichterstattung über den Leipziger Parteitag bedacht hat. Er schreckte nicht davor zurück, eine höchst törichte Karikatur zu bringen, deren unverkennbarer antisemitischer Charakter wahrscheinlich die Leser des damals grade verbotenen »Angriffs« über ihren Schmerz hinwegtrösten sollte. Trotz dieser vom »Vorwärts« verursachten und von Herrn Breitscheid sicher nicht gewünschten Geräuschkulisse nehme ich gern die Gelegenheit wahr, dem freundlichen Briefschreiber zu bezeugen, daß er der Öffentlichkeit eine frohe Überraschung bereitet: er debütiert hier als Marxist. Wir kennen alle Herrn Breitscheids Vielseitigkeit, aber seine Rolle als Marx-Interpret und als Fechter für den Marx-Buchstaben, die ist noch neu. Das muß gebührend gefeiert werden. Zunächst zur Beruhigung: der marxistische Begriff des Lumpenproletariats ist uns wohlbekannt. Aber da wir nicht so marxorthodox sind wie Herr Breitscheid, können wir ihm auch nicht so unbedingt Reverenz erweisen. Dem Gedächtnis des Revolutionärs Marx hatte sich der Aufstieg des französischen Dezemberimperiums, gestützt auf eine Gruppe von Deklassierten, unauslöschlich eingeprägt. Und viel später noch schrieb Friedrich Engels, daß der Arbeiterführer, der mit dem Lumpenproletariat paktiere, den Strick verdiene. Marx und Engels lebten am Beginn einer Entwicklung, in deren vielleicht vorletzter Phase wir heute treiben. Mindestens für den praktischen Politiker, der die marxistischen Lehren nicht so schwärmerisch und unkritisch nachbetet wie Herr Breitscheid, sollte es aber fraglich sein, ob es sich heute empfiehlt, an der Terminologie der Vergangenheit zu kleben. Wenn Herr Breitscheid meint, unter Lumpenproletariat verstehe Marx »diejenige Schicht des Proletariats, die aus diesem oder jenem Grunde noch nicht zum Bewußtsein ihrer Klassenzugehörigkeit gelangt ist«, so muß ihm dringendst geraten werden, eine höflichere Bezeichnung für jene ungezählten Millionen zu suchen, auf die das wortwörtlich zutrifft und auf die seine Partei trotzdem nicht verzichten möchte. Oder doch? Ein andres galt für die Zeit, wo der Kapitalismus Menschen in den Arbeitsprozeß zog und in Nahrung setzte, als für heute, wo er sie von Schaffen und Verzehr gleichermaßen ausschließt. Bei dem neuen Proletariat, das seine Klassenzugehörigkeit noch nicht erkannt hat, handelt es sich nicht mehr um ein paar Hunderttausend, sondern um eine gigantische Armee, die, einheitlich geführt und auf den Generalnenner einer Idee gebracht, die beiden sozialistischen Parteien mühelos vom Erdboden fegen könnte. Es ist gelegentlich ganz nützlich, den von der frühern Generation übernommenen Wortschatz zu überprüfen. Das ist um so notwendiger, da von dem Geist sowieso nicht mehr viel übrigblieb. Die Sozialdemokratie ist heute wohl die einzige Partei, in deren Presse und Agitationsschriften sich noch Ausdrücke wie »Lumpenproletariat« und »Pöbel« breitmachen. Wer soll damit angelockt werden? Der junge Arbeitersohn, der noch niemals hat arbeiten dürfen und der vom bescheidensten Lebensgenuß ausgeschlossen ist –? Der grau gewordene Bürger, der über Nacht ins soziale Nichts gestürzt ist und der Gesellschaft, die ihn sinken ließ, zunächst einmal mit einem ungeheuern Ressentiment gegenübersteht, das sich schnell in Gewalttaten Luft machen kann –? Ein beträchtlicher Teil des Kampfes, den Rosa Luxemburg gegen die Gewerkschaftsbürokratie führte, richtete sich gegen deren Überschätzung der Organisierten. Die bilden gewiß in der Zeit der Konjunktur eine Großmacht, aber die Stärke endet auch mit der Konjunktur. Die Sozialdemokratie, in Theorie und Praxis gleich ratlos, findet für die Millionenkolonnen des Elends nur noch eine Geste hochmütiger Ablehnung. Sie spricht zu ihnen wie Cicero zu Catilina, und es wirkt etwas tragikomisch, daß sie sich grade zur Begründung dieser Haltung auf Marx beruft, von dem sie sich in allen andern Stücken recht gründlich emanzipiert hat. So gründlich, daß eine bescheidene marxistische Floskel im Munde ihres Führers nahezu wie eine Sensation wirkt.   Die Weltbühne, 30. Juni 1931   Bülowplatz Am Sonntag, dem 9. August, abends acht Uhr, sind am Berliner Bülowplatz vor dem Lichtspieltheater »Babylon« zwei Polizeioffiziere, die eine Streife führten, meuchlings ermordet worden; ein dritter erhielt eine schwere Verletzung. Als die Polizei das Feuer erwiderte, blieben ein paar Leute tot und verwundet liegen, Leute, von denen niemand weiß, ob es Kombattanten oder Passanten waren. Wir werden auch schwerlich jemals die Wahrheit erfahren, denn inzwischen ist das Bild dieser traurigen Vorgänge durch eine Kommunistenhetze verfälscht und verzerrt worden, wie wir sie seit langem nicht erlebt haben. Ja, alle innere Politik scheint in diesem Augenblick nur Kommunistenhetze zu sein und nicht mehr. Selbst bei denjenigen liberalen Blättern, die sich sonst ein gewisses Maß von Objektivität bewahren, auch wenn es sich um Linksradikale handelt, gelten die Behauptungen der Polizei als sakrosankt. Es gilt als erwiesen, daß die KPD die Meuchelmorde am Bülowplatz gewünscht und planmäßig durchgeführt hat. Sie unterhält Terrorgruppen, sie unterhält eine Geheimabteilung für Sprengstoffattentate wie das von Jüterbog. Nirgends regt sich angesichts der Fülle von Gerüchten eine regulierende Skepsis. Nirgends denkt man daran, die vom Polizeipräsidium ausgegebenen Berichte unter eine kritische Sonde zu nehmen. Nirgends erinnert man sich der blutigen Maitage von 1929, die bekanntlich mit wilden Aufruhrmeldungen begannen und mit einer ausgewachsenen Polizeiblamage endeten. Das Schlußergebnis bildeten dreißig Tote und dreimal soviel Verletzte, aber nicht ein Quentchen Beweis konnte erbracht werden, daß diese Opfer im Straßenkampf gefallen waren, daß überhaupt so etwas wie Aufruhr stattgefunden hatte. Und niemand erinnert sich mehr der erst kurze Zeit zurückliegenden Episode, wo ein Schutzpolizist in Zivil im dienstlichen Auftrag zwischen lärmenden Demonstranten gesteckt hatte. Die politischen Gründe dieser neuesten Kommunistenhetze sind leicht zu finden. Den sogenannten Siegern vom 9. August ist nicht ganz wohl bei ihren Lorbeeren. Statt daß jetzt mit den Rechtsparteien endlich Fraktur geredet wird, will sich Brüning mit Hugenberg freundlich unterhalten. Die preußische Regierung hat die ihr von der Reichsregierung wegen der Zwangsveröffentlichung ihres Aufrufs erteilte Maulschelle schweigend eingesteckt. Ein schönes moralisches Beispiel, daß auch der Sieger nicht dem Hochmut verfallen darf. Die angeblich in Stücke geschlagene Rechte findet freundliche Samariterhände, die ihr die Schwielen am Hintern mit Salben bestreichen. Losung aus dem Reichspräsidentenpalais: auf Lazarette darf nicht geschossen werden! So blieben nur die Kommunisten übrig. Die Sozialdemokraten benutzen die allgemeine Vernebelung, um die Konkurrenz aufzureiben oder wenigstens nach Kräften zu schädigen. Es wird ihnen nicht gelingen. Nur die Kluft zwischen den beiden Arbeiterparteien wird verbreitert, hoffnungslos verbreitert werden. Auch die neue blutige Episode am Bülowplatz gehört in das jammervolle Kapitel der Kämpfe zwischen den beiden Arbeiterparteien. Nicht Staat und Staatsfeinde sind es, die hier ringen, sondern Parteien, von denen die eine das Glück hat, als Staatsautorität verkleidet walten zu dürfen. Ich behaupte, daß dieser jahrelange Bürgerkrieg am Bülowplatz unter einem halbwegs verständigen bürgerlichen Polizeipräsidenten unmöglich wäre. Dem wären die Kommunisten Hekuba; nur Sozialdemokraten, also Blutsverwandte, kennen diesen intimen Haß, dieses beißende Gelüst, die Abscheulichkeit, die Gemeingefährlichkeit der benachbarten Partei immer aufs neue zu beweisen. So ist der Bülowplatz seit Jahr und Tag die klassische Berliner Arena erbitterter Partisanenkämpfe. Ein Stück Mittelalter tut sich mitten in der nüchternen Millionenstadt auf. Alexanderplatz gegen Bülowplatz! Polizeipräsidium gegen kommunistische Parteizentrale! So stand das Quartier der Capulets gegen das der Montagues. So stand die Stadtvogtei des Patriziats gegen das Haus der Zünfte oder der Handwerksgesellen. Ist es nicht wie eine Erscheinung aus versunkenen Jahrhunderten? Seit Jahr und Tag wiederholt sich das: eine Polizeistreife kommt über den Bülowplatz; ein paar junge Burschen, mit Parteiabzeichen versehen, gehen vorüber. Die Polizisten sehen die jungen Leute scharf und mißtrauisch an, diese erwidern mit herausfordernden Blicken oder Grimassen. Ein böses Wort fällt, die Gummiknüppel fliegen, ein Schuß kracht, und nachher liegt ein Polizist oder ein junger Arbeiter starr und strack auf der Bahre. Gibt es da noch eine Schuldfrage? Es ist heute wohl fast unmöglich, das Maß von Schuld zu verteilen, und soll auch nicht versucht werden. Zwei Psychosen treffen hier explosionsbereit zusammen und verwandeln ein Stück dieser nüchternen und noch immer ruhigen Stadt in ein besonderes Territorium wüster Indianerinstinkte. Nicht Polizei, nicht Rotfront soll hier bemakelt werden, das sei den Parteimenschen überlassen. Es soll nur in jene tragische Verstrickung hineingeleuchtet werden, die immer neue Todesopfer, immer neue Lahmgeschossene und Krummgeprügelte fordert. Es kommt nicht darauf an, wer den ersten Schuß abgefeuert hat, aber die Schüsse vom 9. August müssen die letzten gewesen sein. Wenn man in diesen Tagen über den Bülowplatz kommt, so bietet sich ein Bild, wie man es in Berlin seit der Revolution nicht gesehen hat. Das Karl-Liebknecht-Haus, das kommunistische Parteihaus, ist geschlossen; ein weiter Umkreis ist gesperrt und darf überhaupt nicht betreten werden. Die Schupos gehen zu zweien und herrschen jeden an, der die Hände in der Tasche hält. »Hände raus!« heißt es schon auf viele Meter Entfernung, von drohenden Gebärden illustriert. »Auseinander«, wenn ein paar Leutchen eingehakt gehen. Die Bauzäune im Zuge der Hankestraße bilden einen Engpaß, der vom Publikum gern benutzt wird, weil es sich zwischen den hohen Planken sicherer fühlt als auf dem weiten Platz. Es eilt schnell und schweigend an den Posten vorüber. Nach Dunkelwerden fahren die großen Mannschaftsautos umher, und das stechend weiße Scheinwerferlicht schlägt hart in erschreckte Gesichter, in geblendete Augen. Bei dieser Aufmachung fühlt sich jeder verdächtig, jeder als Missetäter. Schneller noch wenden sich Gesichter beiseite, huschen Menschen gespenstisch wie kopflose Schatten vorüber. So sieht es in einer eroberten Stadt am ersten Abend aus. Noch fühlt sich der Sieger von Hinterhaltschützen bedroht. Noch hat die Bevölkerung nicht angefangen zu fraternisieren. Noch haben die kleinen Mädchen vor den fremd aussehenden Soldaten Angst und machen ein Gesicht, als sollten sie gefressen werden. Nun, im Kriege hat sich das immer schnell gegeben. Hier jedoch hat man das Gefühl, daß diese Zivilisten und diese Uniformierten niemals zusammenfinden, niemals ein freundliches Wort wechseln werden. Die Schupos patrouillieren zu zweien mit ernsten, verbissenen Gesichtern. Man sieht ihnen an, wie sie der Tod ihrer Kameraden getroffen hat. Man sieht aber noch mehr: sie fühlen sich in einem gefährlichen Dienst und noch immer an Leib und Leben bedroht. Sie stehen unter einem nervenaufreibenden Eindruck. Sie glauben zu wissen, daß jeder der Feind sein kann. Sie verlieren die neutrale dienstliche Haltung, wo eine Hand sich selbstvergessen in die Rocktasche senkt. Dann schreien sie schrill und undiszipliniert und stürzen drauflos, wie einer, der sich von unsichtbaren Feinden bedroht fühlt und erleichtert ist, daß diese geheime, diese körperlose Schrecknis plötzlich ein Gesicht bekommt. Auch sie sind die bedauernswerten Mitspieler eines politischen Trauerspiels, in dem es für sie weder Maß noch Urteil gibt, nur das Bewußtsein, pflichtgemäß zu handeln. Sie fühlen sich nicht als Sicherheitspolizei, sondern als Soldaten. Sie wissen: wenn sie eingesetzt werden, so bedeutet das Krieg. Der Soldat fragt nicht, warum Krieg ist. Das ist nicht seine Sache, darüber mögen sich die Vorgesetzten den Kopf zerbrechen. So patrouillieren sie paarweis über den weiten Bülowplatz und an den Ausgängen der schmalen Zufahrtsstraßen. Ihre Blicke sagen: Wir werden von hinten erschossen, das ist kein ehrlicher Krieg! Und was habt ihr überhaupt in der Feuerzone verloren? Oder steckt ihr alle mit denen im Bunde, die aus dem Hinterhalt schießen? Die Männer jagen hastig weiter, niemand hat Lust, sich aufzuhalten, die Mädchen mit ihren Stadtköfferchen trippeln auf hohen Absätzen vorbei, ohne aufzublicken. Niemand denkt an Resistenz. Es ist richtig, hier sind zwei Morde geschehen. Aber Mordtaten werden sonst im stillen aufgeklärt. Niemand denkt sonst daran, einen ganzen Stadtteil deswegen für aussätzig, für außerhalb des Gesetzes stehend zu erklären, über ihn deswegen das Kriegsrecht zu verhängen. Spätabends ist der Platz so gut wie leer. Wer nicht grade dort wohnt, wählt lieber einen andern Weg. Der Passant fährt plötzlich erschreckt zusammen: aus einer Mauernische starrt ihn ein forschendes Gesicht unter einem schwarzen Tschako an. Dann wird die Erscheinung wieder von der Finsternis gefressen. Es ist unheimlich still in diesen dichtbevölkerten Proletarierstraßen. Ferne Schritte verhallen, und hoch oben über dem Kinopalast »Babylon« knallt ein großes rotes Plakat, grell beleuchtet, aus dem nächtlichen Dunkel des alten Scheunenviertels. »Opernredoute«: ein zärtliches Paar mit gespitzten Lippen. Seltsam, wie obszön dieses harmlose Plakat über diesem waffenstarrenden Platz wirkt. Es ist wie die Vision eines riesenhaften Kriegsbordells.   Eine Polizeibeamtenzeitung schrieb vor einiger Zeit klagend: »Leider ist es heute so, daß der im Dienst befindliche Polizeibeamte immer auf sich allein oder auf seine Kollegen angewiesen ist und nur sehr selten Hilfe und Unterstützung aus dem Publikum erhält, wenn er bedrängt wird.« Diese Klage steht in einem Verbandsblatt, dessen republikanische Gesinnung nicht bezweifelt werden kann, wie denn überhaupt die preußische Polizei noch immer starke republikanische Bestandteile enthält. Desto bedauerlicher ist auch der unverkennbare Zwiespalt zwischen der Polizei und dem Publikum, besonders der Arbeiterschaft. Der Grund dafür ist in der ungewöhnlichen und nur selten motivierten Härte des körperlichen Zugriffs zu suchen, den die Polizei bei Auftritten, namentlich politischer Art, für nötig hält. Erste Phase: Rippenstoß, von Gebrüll begleitet, zweite Phase: Gummiknüppel, dritte Phase: Revolver. Das ist feststehender Ritus. Wenn ich nach eignen Beobachtungen schließen darf, so muß ich sagen, daß der einzelne Schutzpolizist bei Auskünften der höflichste Mensch von der Welt ist; im übrigen tolerant gegen Besoffene, beim Erscheinen von Radaubrüdern bereit, nach der andern Seite zu gucken; ein wahrer Satan jedoch, wo sich ein kleiner politischer Krakeel anspinnt. Die preußische Polizei hat manche Vorzüge, aber unglücklicherweise fehlt ihr die Erkenntnis, daß ein Teil der Politik sich heute auf der Straße abspielt; eine Tatsache, die wir auch bedauern, die uns aber nicht nötigt, deswegen einen Totschläger zu erwerben. Die Polizei sieht in Menschen, die Versammlungen besuchen, ihren natürlichen Feind. Staatsbürgerliche Rechte und obrigkeitliche Auffassungen von Ruhe und Ordnung werden auch in stilleren Zeiten oft kollidieren. Heute sind Millionen unter uns verzweifelt, weil sie nicht wissen, wovon sie am nächsten Tage leben sollen. Solche Stimmungen müssen sich notgedrungen in Einzelexzessen Luft machen. Und diesen bis jetzt gewiß nicht großen Ausschreitungen steht eine militarisierte Polizeitruppe gegenüber, der ein schäbiger Rock, ein ausgehungertes Gesicht schon hinreichend verdächtig erscheint. Da wird gleich geschrien, da setzt es umgehend Puffe und Schläge. So entsteht zwischen Polizei und Proletariat ein Zustand des Hasses und der Gewalttätigkeit; auf beiden Seiten gibt es vieles zu rächen. Die Vendetta ist in manchen Gegenden schon zur normalen Verkehrsform geworden. Es wäre ungerecht und unsinnig, den einzelnen Schupomann verantwortlich zu machen. Er lebt kaserniert, er hält sich an Instruktionen, und diese Instruktionen werden gewiß sehr schroff sein. Sie müssen den Mannschaften das Bild einer bösen, feindlichen Welt geben, in der man, wie im Kriege, zuerst schlagen muß, um nicht selbst erschlagen zu werden. Diese nervösen, oft übernächtigen Gesichter, diese argwöhnischen, angespannten Augen unterm Tschako lassen auf die Härte der Instruktionen schließen. Entspricht dieses Bild der Wirklichkeit? Gewiß, wir haben sehr geräuschvolle radikale Parteien. Aber hat selbst die ungeheure Verelendung dieser letzten beiden Jahre schon Ausschreitungen größern Umfanges gezeitigt? Es hat keine nennenswerten Hungerkrawalle gegeben, wie allgemein erwartet wurde. Wo Scheiben eingeworfen wurden, handelte es sich, wie schnell festgestellt wurde, um hakenkreuzlerische, um antisemitische Zettelungen. Ausländische Beobachter schreiben bewundernd von der Disziplin des deutschen Volkes, sich nicht in unnützen Gewalttaten zu verlieren. Nur unsre Obrigkeit bringt Deutschland nicht das gleiche Vertrauen entgegen. Sie steht ständig schußbereit, und bei jedem Hoch auf Rotfront geht das Gewehr los. Die Obrigkeit ist viel besser genährt als das Gros des Volkes, aber ihre Nerven sind bedeutend schlechter. Es wird auch allzu oft mit zweierlei Maß gemessen. Viele Polizeioffiziere, die nach links ausschlagen, ertragen nationalsozialistische Ausschreitungen mit beleidigender Nachsicht. Nicht nur Kommunisten, auch das stets so loyale Reichsbanner hat manche Schramme davongetragen. Hat es nicht bei den Remarque-Krawallen im vorigen Winter tagelang gedauert, ehe die Polizei etwas gegen das Straßenregiment des kleinen Goebbels unternahm? Ich denke auch an die denkwürdige Premiere des »Flötenkonzerts von Sanssouci« im vorigen Dezember, wo Polizisten sich auf jeden harmlosen Zischer und Zwischenrufer mit der Wildheit von Amokläufern warfen und ihn mit sich schleppten, während sie stumm wie Bildsäulen blieben, wenn unmittelbar hinter ihnen »Deutschland erwache!« gerufen wurde. Eine Polizei, die alle gleich hart anfaßt, mag als ungemütlich empfunden werden. Eine Polizei jedoch, die ihre Energie vornehmlich gegen eine Seite richtet, verliert ihre Autorität und wird einfach als Partei betrachtet werden. Der Abend des 9. August am Bülowplatz war für die Polizei gewiß tragisch. Aber ihre Maßnahmen seitdem tragen nicht zur Beruhigung bei, sondern sind nur geeignet, neue Racheinstinkte zu erwecken. Die Presse deckt alles, was seitdem geschehen ist, mit dem Mantel der Liebe, glücklich, sich an den kommunistischen Prügelknaben halten zu können. Wenn der Rotkoller verflogen ist, wird manches wieder anders aussehen. Was inzwischen unter die Räder kommt, ist ja nicht viel: es sind nur die verfassungsmäßigen Garantien persönlicher Freiheit. Der Deutsche ist leicht geneigt, auf solche Kleinigkeiten zu verzichten.   Die deutsche Presse weiß sich in dem Punkte einig, daß die Zentrale der KPD den Mord an den beiden Schupoleuten bestellt hat, um ihre Niederlage beim Volksentscheid zu verdecken und ihren Leuten etwas zum Protestieren zu geben. Bisher hat sich noch keine Spur ergeben, die dahin führt; die Terrorgruppen konnten nicht nachgewiesen werden und werden auch nicht nachgewiesen werden können, denn so dumm ist keine Partei, sich auf ein so waghalsiges Abenteuer einzulassen. Das Geheimnis könnte nicht lange verborgen bleiben, seine Enthüllung würde das Verbot der Partei automatisch herbeiführen. Schon lange wird in gewissen Regierungskreisen des Reichs und Preußens mit diesem Gedanken gespielt. Ein Rückzug in die Illegalität würde die Partei um die Verbindung mit den Massen bringen. Sie müßte ihre ganze Kraft auf die Erhaltung des umfangreichen Apparates richten. Ein paar Draufgänger mögen das interessante Halbdunkel illegaler Arbeit herbeiwünschen, die Funktionäre, die den Ausschlag geben, sind davon weniger begeistert. Es ist übrigens noch niemals gelungen, großen Parteien politische Morde an die Rockschöße zu hängen, aber manche Parteien, die sich heute höchst honorig gebärden, sind schon solchem Verdacht ausgesetzt gewesen. Die Attentate der siebziger Jahre schrieb Bismarck großzügig und unbegründet der Sozialdemokratie und dem Zentrum zu und erreichte damit sein Sozialistengesetz. Mit diesem Ausnahmegesetz hat Bismarck jahrelang die Sozialdemokratie unter der Fuchtel gehalten. Das war die heroische Zeit der Partei. Heute wird das Sozialistengesetz von Sozialisten gegen Sozialisten angewendet, und damit hat es eine Schärfe und Unbarmherzigkeit erlangt, von der Bismarck nichts ahnte. Im Berliner Polizeipräsidium sieht man in der Kommunistischen Partei den Feind schlechthin. Hier ist zuerst die Idee entstanden, die Roten Frontkämpfer aufzulösen. Damit nimmt der Kampf zwischen den beiden Parteien eine unerhörte Gehässigkeit an. Die Kommunisten weigern sich, darin einen Akt der Staatsautorität zu sehen, sondern nur die Willkür einer konkurrierenden Partei, die ihre Macht nicht gegen die Reaktion zu gebrauchen wagt. Zugleich bedeutet diese Auflösung des kommunistischen Kampfbundes eine ungeheure Vergiftung des politischen Lebens und besonders des Verhältnisses zwischen den beiden Arbeiterparteien. Eine Organisation von Hunderttausenden läßt sich nur unterdrücken, nicht auflösen. Sie flüchtet in hundert verschiedene Masken und Namen. Ihre geheimen Mitglieder fühlen sich zu äußerster Aggressivität verpflichtet. Ihr Aktivismus lebt sich in gewalttätigen Formen aus. Sie wittern überall Verrat, sie laufen mit bösartiger Spannung herum. Kurzum, sie gleichen in ihrer Geistesverfassung immer mehr ihren uniformierten Gegnern. Auch sie fühlen sich als Soldaten, als die Streiter eines kommenden Rechts, als die Vorposten einer Legalität, der einmal die ganze Welt im Zeichen der Dritten Internationale unterworfen sein wird. Das ist das Unheimliche an dieser Situation, daß sich die Leute vom Bülowplatz und vom Alexanderplatz so ähnlich sehen. Wer das einmal erkannt hat, wird es aufgeben, nach Schuldfragen zu suchen. Was hier nötig ist, das ist kein neues Hochgericht, das ist ein ehrliches Clearing-House, das ist ein Mittler. Sonst bluten beide Arbeiterparteien langsam aus. Dann wird es weder eine demokratische Republik geben noch ein Sowjetdeutschland, sondern nur die Reaktion, den Faschismus. Der Vorwurf, der gegen die Kommunistische Partei zu erheben ist, liegt nicht in der Linie der von der bürgerlichen und sozialdemokratischen Presse erhobenen Anklagen. Der ärgste Fehler, den die Partei begeht, ist der, daß sie eine Revolutionsromantik nährt, für die kein realer Boden vorhanden ist. Die Führer leben nicht in diesem Deutschland mit seiner Geduld, mit seinem Beharrungsvermögen, sondern im vorletzten Stadium der Revolution, in der kurzen Etappe vor dem definitiven Sieg. Richtig ist ihre Diagnose, daß wir in höchst revolutionären Zuständen leben, aber sie verkennen darüber, daß die Menschen nicht revolutionär sind. Sie buchen jede gegen einen Schutzmann erhobene Arbeiterfaust als Plus im Revolutionskonto. Aber es geht ihnen nicht auf, daß es sich hier um individuelle Akte von Desperation handelt. Sie folgern aus einer Straßenschlägerei, daß »das Proletariat nicht mehr zu halten ist«, und ahnen nicht, wie schnell das leidenschaftliche Aufbegehren wieder in Passivität und Stumpfheit umschlägt. Sie leben in einer phantastischen Welt, halb russische, halb chinesische Revolution, und danach richten sie ihre Taktik ein. So fürchten sie immer, »die Massen zu verlieren«, so klemmen sie sich hinter den Nationalismus, aus Furcht, Hitler könnte ihnen Leute wegschnappen, so ziehen sie den blamablen Scheringer-Rummel auf, so drängen sie sich in den Volksentscheid, so suchen sie sich dem Faschismus anzugleichen, anstatt den entgegengesetzten Typus deutlich herauszubilden. So gewinnen sie vorübergehend versprengtes Bürgertum oder ein paar masochistische Intellektuelle, die selig sind, wenn sie ein kräftiger Funktionär anbrüllt. Nur den gewerkschaftlich organisierten Kern der Arbeiterklasse, den gewinnen sie nicht. Ein getreuer Abklatsch dieser Romantik ist das Karl-Liebknecht-Haus am Bülowplatz. Man denke sich ein modernes vielstöckiges Bürohaus so aufgemacht, als wäre es eine verborgene Kellerhöhle, wo sich vermummte Verschwörer um Mitternacht treffen und in Geheimzeichen reden. Wer dieses Hauptquartier der deutschen Revolution betritt, der begibt sich damit in die ehrwürdige Sphäre des Detektivromans. Das ganze Haus ist in seiner Verwinkelung ein wahres Labyrinth. Es gibt Türen ohne Klinken, die mit einem Griff untern Tisch geöffnet werden. Der Besucher fühlt sich unter argwöhnischen Blicken wie ein unglücklicher Wanderer, der aus Versehen in eine belagerte Festung geraten ist und nun das Schlimmste erwartet. Aber es ist, Gott sei Dank, nicht so schlimm. Denn der junge Mann mit der feldmarschmäßigen Lederjacke entkorkt grade eine Thermosflasche, und in der Ecke tickt keine Höllenmaschine, sondern raschelt nur Stullenpapier. Aber diese ganze Inszenierung à la Edgar Wallace ist grotesk. Was hat sie schließlich genutzt? Die Polizei drang wie in jedes andre Haus ein und setzte die Bewohner an die Luft. Den meisten, die im Parteihaus arbeiteten, sieht man an, daß sie an einer Art von Belagertenpsychose kranken. Und das ist seit langem das Leiden der ganzen Partei. Sie wehrt sich gegen neue Ideen, sie bildet in ihrer Geistesenge das Musterbild eines Staates, in dem die Autarkie ausgebrochen ist. So kann einmal Deutschland aussehen, wenn die Apostel der »eignen Kraft« sich durchsetzen sollten. An der Peripherie der Partei aber hat sich allerhand angesetzt, was nicht in eine Arbeiterpartei gehört. So gewiß die Auflösung von Rotfront daran schuld ist, daß sich ein höchst unerwünschtes Revolverheldentum eingenistet hat, so gewiß ist leider auch, daß die Partei bisher öffentlich nichts getan hat, um sich von einer besonders fatalen Spielart eines mißgeleiteten Aktivismus zu reinigen. Was in den Organisationen selbst geschieht, entzieht sich der Kenntnis dessen, der kein Mitglied ist, aber öffentlich ist nichts geschehen, und in der Parteipresse ist nichts davon zu lesen. Es ist gewiß schwierig, in dieser Zeit maßloser Verelendung den Maßstab zu finden, aber Hooligans haben in einer Arbeiterpartei nichts zu suchen. Und die KPD, die besonders stramm ist, wenn es gilt, intellektuelle Ausschweifungen zu sühnen, die massenhaft diejenigen hinauswirft, die unter Kollektivismus nicht den Verzicht auf eignes Denken verstehen, diese Partei sollte sich vor physischen Exzessen nicht schwächer zeigen als vor geistigen. Die vornehmste Pflicht aber wäre, der Arbeiterschaft ein reales Bild von den Dingen in Deutschland zu geben. Wer glaubt, sich mitten im Endkampf zu befinden, wird in der Wahl der Mittel nicht sehr heikel sein, wird leicht glauben, daß ein fester Stoß genügt, die Bastille des Kapitalismus zu werfen. Aber am Boden liegt nachher nicht der Kapitalismus, sondern ein armer Mensch mit Bauchschuß, ein armer Mensch, der mit Schmerzen verzuckt, ob er eine Uniform trägt oder ein Parteiabzeichen. Es ist ein ungemütliches Schicksal, in einem Augenblick wie diesem zwischen den Parteien zu stehen. Es ist eine schwere Aufgabe, von Vernunft zu sprechen, wo die Träger der Unvernunft auf beiden Seiten geehrt und geachtet die Führung fest in der Hand halten. Wer mit der weißen Fahne auf die Straße geht, wo zwei Parteien streiten, braucht um Spott und Pferdeäpfel nicht verlegen zu sein. Soll aber dieser menschenfressende Krieg zwischen Bülowplatz und Polizeipräsidium weitergehen? Jedes neue Opfer vergrößert nur den Leichenhügel zwischen den Arbeiterparteien ins Unübersteigbare. Es ist ein nutzloser Kampf ohne tiefere Realität: zwei Psychosen führen Krieg miteinander, zwei überspitzte Thesen suchen eine leider sehr körperliche Auslösung. Von beiden Parteien kann mir bedeutet werden, daß das innere Parteiangelegenheiten sind, die den Außenstehenden nichts angehen. Wer nicht organisiert ist, hat in Deutschland nicht mitzureden. So können die beiden Parteien sich salvieren. Aber in einem Verbande bin ich allerdings organisiert, als dessen Mitglied lasse ich mir nicht den Mund verbieten, und das ist der große Verein Deutsches Reich. Dem Staatsbürger kann man nicht zu sagen verwehren, daß die Politik der gegenwärtigen Inhaber des Berliner Polizeipräsidiums mit der Verfassung nichts zu tun hat, daß sie ein schlechtes Beispiel aufstellt für alle, die später einmal diese Machtposition innehaben werden. Die Staatspolizei ist keine Parteitruppe. Trotz der abgelehnten Landtagsauflösung ist noch immer recht unklar, wer im nächsten Sommer schon in Preußen regieren wird. Wenn der nächste Chef der Exekutive in Berlin den Sozialdemokraten ähnliche Gefühle entgegenbringt wie Herr Grzesinski den Kommunisten, dann geht die Partei bewegten Zeiten entgegen. Das Polizeipräsidium, das ist unmißverständlich zu sagen, genießt das Vertrauen der Berliner Bevölkerung nicht, und diese Unbeliebtheit wird auf dem Rücken und mit den Knochen des einzelnen Schupomanns ausgetragen. Die letzten Ereignisse am Bülowplatz sollten den Herren am Alexanderplatz einigen Stoff zum Nachdenken geben. Denn Herr Grzesinski wird doch nicht glauben, daß seine Partei ewig dieses Haus besetzt halten wird. Auch für ihn, auch für Herrn Severing, den obersten Chef der preußischen Polizei, gilt das alte Wort: »Auch Patroklus ist gestorben und war mehr als du ...«   Die Weltbühne, 18. August 1931   Lytton Strachey Aus London kommt die Nachricht, daß Giles Lytton Strachey gestorben ist. Am 1. März wäre er zweiundfünfzig Jahre alt geworden. Sein Ruhmestitel beruht auf den drei seit 1918 erschienenen Büchern »Eminent Victorians«, »Queen Victoria«; »Elizabeth and Essex«. Was die offizielle Wissenschaft von ihm denkt, ob sie ihn seriös nimmt oder als »Belletristen« verwirft, soll uns hier nicht kümmern. Die Wahrheit ist, daß er durch seine Darstellungskunst, seine Sprachkraft und seine originelle Art, eine Menschenexistenz zu sehen, unzähligen Lesern eine ebenso angenehme wie noble Unterhaltung bereitet hat. Harold Nicolson hat vor ein paar Jahren in einem Vortrag, wenn ich mich nicht irre, in Frankfurt, behauptet, die englische Nachkriegsliteratur wäre die bedeutendste in ganz Europa. Vielleicht ist das eine Übertreibung, aber gewiß ist die englische Literatur die überraschendste. Sie hat die Zimperlichkeit der Väter überwunden und sich fessellos einer nicht mehr bürgerlich durchtränkten Gegenwart überlassen. Neben ihren interessanten Romanciers steht gleichwertig Lytton Strachey, der Historiker. In seinem Äußern ein hagerer, leidend aussehender Mann mit Bart und Brille, eine saloppe Mischung von Oberlehrer und Bohemien. In seinem Werk der Kurzweiligste seines durchweg recht trostlosen Faches, aber durchaus kein Anekdotenerzähler, sondern ein feinnerviger Gestalter, manchmal ein Psychologe mit dem sechsten Sinn, immer ein höflicher Skeptiker, und das vor allem gegen die Möglichkeiten der eignen Wissenschaft. Wo soll man Anker werfen in dieser Welt schnell dahingleitender Erscheinungen? »Wenig kann das Glück uns geben: denn ein Traum ist alles Leben und die Träume selbst ein Traum«, so dichtete Calderón seine Resignation in einer faulenden, morschen Feudalzeit, und diese Verse stehen wie ein unsichtbares Motto über allem, was Giles Lytton Strachey geschrieben hat, dessen Ausgang mit dem Sinken einer Weltmacht, mit der Auflösung eines traditionellen Lebensstils zusammenfällt. Ein so denkender Schriftsteller kann nicht einem bestimmten System verfallen, kann nicht dickleibige Bände schreiben, um eine Spekulation zu erhärten. Lytton Strachey ist ein Meister der Monographie geworden, der Studie, des Essays. Eine Einzelfigur, eine knappe Phase der Entwicklung mit allem nur denkbaren Leben erfüllen, das konnte er. Hier entstanden auf ihre Art vollendete Schöpfungen, denen niemand das Ringen um Material, Nachtwachen und Transpiration anmerkt. Lytton Strachey beherrschte seine Quellen, auf welche die Fachkritik den entscheidenden Wert legt, gewiß glänzend, aber seine Wirkung rührt von einigen allgemeinen Einsichten her, die viel stärker sind als Analyse auf idealistisch oder materialistisch. Lytton Strachey glaubte an die Unveränderlichkeit des Menschen: die Kleider wechseln, nicht ihr Inhalt an Fleisch und Geist. Es gibt Schriftsteller, die sich höchst aktuell vorkommen und deren Gegenwartsbild aus Ritterromanen plagiiert scheint, und es gibt Schilderer der Vergangenheit, deren Menschen sich so bewegen, als hätten sie alle spätem Kommentare über sich gelesen. Bei Lytton Strachey agieren wir selbst, um Jahrzehnte oder Jahrhunderte zurückgeschoben, ohne Telefon und Auto, ohne einige naturwissenschaftliche Erkenntnisse; manche Dinge, die uns quälen, werden nicht in der Sprechstunde des Individualpsychologen gelassen, der Henker schlägt mit dem Kopf das Geheimnis herunter. Vieles ist primitiver, aber wir erkennen uns selbst in den fremden Kleidern. So gelingen Lytton Strachey am besten die schwierigen, die vergrillten Charaktere, die etwas wurmstichigen Seelen, nicht weil man früher komplizierter war als heute oder umgekehrt, sondern weil der »Normalmensch« immer ein Phantasieprodukt gewesen ist. Wenn Lytton Strachey zum Beispiel das anständige bürgerliche Mittelmaß der Viktorianischen Gesellschaft zeichnet, so erhält dieses Bild einen ironischen Schnörkel, indem der Historiker das, was diese Zeit nicht sehen wollte, leger und gar nicht anklagend, gleichsam in einem Appendix niederlegt. Lytton Strachey hinterläßt nur ein paar Bücher, aber es ist eine Reihe unvergeßlicher Gesichter darin. Der lange, qualvolle Todeskampf Philipps II., ein erhabenes und närrisches Greco-Bild; der undurchsichtige und gefährliche Francis Bacon; der junge Essex, in das Ankleidezimmer seiner Königin eindringend; die zu ewiger Virginität verurteilte Elisabeth selbst; die Queen Victoria mit ihren Ministern; der große Carlyle, als moralischer Poltron entlarvt, der einige private Peinlichkeiten hinterläßt; und endlich der General Gordon, diese Fahne des britischen Imperialismus, im Zelt von Khartum zwischen Bibel und Schnaps phantasierend – das bedeutet allein eine Galerie von Menschen und Szenen, um die jeder Dichter von heute diesen Historiker beneiden kann. Diese Bücher sind durch die ganze Welt gegangen, sie werden wohl auch in Deutschland, wo sie Hans Reisigers Übersetzungskunst eingeführt hat, noch lange ihre Leser finden.   Die Weltbühne, 26. Januar 1932   Der Staatenlose Im »8 Uhr-Abendblatt« wendet sich Herr Doktor Felix Hirsch in übrigens sehr freundschaftlicher Form gegen die Meinungen, die wir hier in der Präsidentschaftsfrage vertreten haben. Herr Doktor Hirsch verweist zunächst auf die »Realitäten«, die auch uns sehr gut bekannt sind. Sie bestehen vornehmlich in der Unfähigkeit der Linksparteien, die es so weit kommen ließen, daß schließlich nur die Wahl Hindenburg oder Hitler blieb. Herr Doktor Hirsch meint aber auch, wir hätten 1925 die Entwicklung nicht absehen und zum Beispiel nicht wissen können, was Herr Marx, der Kandidat des »Volksblocks«, bald anstellen würde. Hindenburg habe aber inzwischen durch die Art seiner Amtsführung viele Bedenken seiner frühern Gegner zerstreut. Demokraten wie Felix Hirsch lassen sich allzu leicht von den heutigen Kampfansagen der Rechten gegen Hindenburg täuschen. 1925 gab es noch keinen organisierten, grob zur Macht drängenden Faschismus. Aber das, was vor sieben Jahren die gesammelte Reaktion von der Präsidentschaft Hindenburg erwartet, das hat sie erfüllt. Das Parlament ist bis auf ein paar Scheinfunktionen abgebaut, es wird auf dem Verordnungswege regiert, die militärischen Interessen stehen im Mittelpunkt, und, last not least, die Erfüllungspolitik ist beendet. Das Hindenburg-Programm von 1925 ist heute Wirklichkeit. Natürlich haben sich Hugenberg und Seldte und die andern Taufpaten die Entwicklung etwas turbulenter vorgestellt, wohl auch nicht daran gedacht, daß die Tücke der fraktionellen Kämpfe ihnen die Ausführung entwinden und in die Hände eines Zentrumskanzlers legen könnte. Nicht von Herrn von Hindenburg wurde die Verfassung demoliert, darin haben die Demokraten recht, wohl aber unter ihm. Ist das empfehlenswert für den Kandidaten der Linken?   Die Nationalsozialisten setzen gegen Hindenburg eine sehr wirksame Drohung: einen Hohenzollernprinzen. Sie wissen ganz gut, daß sich der Präsident der deutschen Republik innerlich von seinen dynastischen Vorgängern noch nicht gelöst hat, daß er vor Auwi oder gar dem Exkronprinzen sofort resignieren würde. »Berlin am Morgen« teilte zuerst mit, daß bei Herrn von Schleicher eine Begegnung zwischen Brüning und Friedrich Wilhelm stattgefunden habe, zu dem Endzweck, dem Prinzen die Kandidatur auszureden. Zuerst wurde, wie es sich versteht, kräftig abgestritten, jetzt gibt man amtlicherseits schon das Zusammentreffen zu; allerdings handle es sich um eine »Privatangelegenheit«. Was haben sich die Herren Brüning und Hohenzollern wohl privat zu sagen? Wir sind keine besonders heißen Verehrer von Fragen des republikanischen Zeremoniells, aber der Vertreter des republikanischen Staates hat nicht mit dem Vertreter der gestürzten Monarchie an einem Tisch zu sitzen. Es ist wenigstens nicht bekannt, daß sich die Hohenzollern mit dem republikanischen Regime ausgesöhnt hätten. Dieses ganze Arrangement ist im höchsten Grade anstößig. Die Vermittlung lag, wie das in letzter Zeit üblich geworden ist, bei Herrn von Schleicher. In frühern Jahren fanden die diplomatischen Dejeuners bei Borchardt statt. Es wäre besser, wenn sie auch in Zukunft bei der Gastwirtsbranche blieben, schon der bessern Kontrolle halber. Der unkonzessionierte Frühstücksbetrieb bei Herrn von Schleicher sollte umgehend geschlossen werden. Er wird in seinen politischen Konsequenzen etwas zu kostspielig. Auf die Dauer wird diese Kabinettspolitik unerträglich. Herr Brüning hat sich bestens ans Diktieren gewöhnt. Warum legt er nicht in einer Notverordnung fest, daß die Angehörigen der frühern fürstlichen Familien keinen Anspruch auf Staatsämter haben? Damit wäre die Sache doch erledigt. Aber würde das der Reichspräsident unterzeichnen? Dieses Hohenzollern-Frühstück jedoch ist nur ein Teilstück aus dem weitverzweigten Intrigenspiel, das sich um die Kandidatur Hindenburg entwickelt hat. Es ist, nebenbei gesagt, ein im geistigen Sinne sehr kleines Spiel, die Teilnehmer wollen sich nicht etwa gegenseitig vernichten, sondern nur ein bißchen madig machen. Im Grunde streben sie zueinander. Der Reichspräsident möchte am liebsten wieder von der Rechten nominiert werden. Ein weites Feld für freundwillige Vermittler, die Vorbedingungen dazu zu schaffen. Hitler hat nach Kräften versucht, Brüning zu kompromittieren, dafür rächte sich dieser wieder durch ein kleines scherzhaftes Zwischenspiel, indem er Hitler dem Gelächter preisgab. Das Reichsinnenministerium hat der Öffentlichkeit ein paar Dokumente übergeben, aus denen ersichtlich wird, in welcher Weise Herr Frick als thüringischer Minister seinem Chef das deutsche Staatsbürgerrecht verschaffen wollte. Frick hat vom Münchner Polizeipräsidium her noch einige Übung in solchen Dingen. Adolf Bonaparte sollte als Gendarmeriekommissar in Hildburghausen anfangen. Das ist gewiß recht komisch, denn selten deckten sich Mann und Amt so sehr. Aber der Heiterkeitserfolg wird bald verrauscht sein, und wenn diese Zeilen im Druck erschienen sind, wird sich das Braune Haus vielleicht schon durch eine Enthüllung über seine Gegner revanchiert haben, und dann lacht halt die andre Seite, und wir sind nicht viel weitergekommen. Denn auch diese Einbürgerungskomödie zeigt nur die Schwäche und Inkonsequenz der Reichsregierung. Dieser Herr Hitler ist staatenlos, gehört also einem sonst ganz besonders unseligen Menschenschlag an, der das ewige Freiwild der internationalen Polizei ist und für jede Amtsperson, wie in frühern Zeiten die Dirne, die rote Lilie auf der Schulter trägt. Und dieser eine Staatenlose wirft sich zum Parteihaupt auf, er unterhält eine Privatarmee von 300 000 Mann, er schickt Emissäre in fremde Hauptstädte, welche die offizielle Außenpolitik zu durchkreuzen suchen, man verhandelt mit ihm als gleichberechtigter Macht, er versichert seine Legalität, während seine Anhänger Pläne zur Abschlachtung einiger zehntausend deutscher Staatsbürger entwerfen, er frühstückt mit den Reichswehrgewaltigen, er wird vom Reichspräsidenten empfangen. Eine anständige Karriere für einen Menschen ohne Staatszugehörigkeit. Ich glaube, es gibt hier nur zwei Möglichkeiten: Hitler wird entweder eingebürgert oder ausgewiesen. Was das Reichsinnenministerium unternimmt, ist nur eine kleine Neckerei und durchaus nicht geeignet, die Autorität wieder aufzurichten. Herr Hitler wird an ein kleines Manko in seinen Papieren erinnert. Ein Manko, das sich mit hundertsechs Parteigängern im Parlament und einer einexerzierten Halsabschneidertruppe schon ertragen läßt. Zugleich erfahren wir durch den »Lokalanzeiger«, daß die Nationalsozialisten bei der Reichswehr nicht mehr zu den staatsfeindlichen Parteien gerechnet werden. Wir atmen beruhigt auf. Diese Gegner fechten mit umwickelter Spitze. Sie würden untröstlich sein, wenn sie sich etwas Ernstliches zuleide täten.   Die Weltbühne, 9. Februar 1932   Gang eins   Byzanz Du mußt es dreimal sagen: der Generalfeldmarschall von Hindenburg ist kein tragbarer Kandidat für die Linke. Die Parteizentrale der Sozialdemokratie hat gesprochen. Wie viele Wähler werden am 13. März folgen? Das ist das Rätsel des ersten Wahlgangs. Die Sozialdemokratie formuliert ihre Losung lieber: »gegen den Faschismus« als »für Hindenburg«. Niemand weiß, wie sich die organisierten Mitglieder verhalten werden, noch weniger, wie die großen unkontrollierbaren Massen der Mitläufer, der Sympathisierenden. Was in dem unermeßlichen Inselmeer der politischen Linken heimatlos treibt, die vom bürgerlichen Republikanertum oder die von der deutschen Verkörperung des Kommunismus Enttäuschten, die meisten von ihnen pflegten wohl für einen Wahltag in der stillen Bai der alten Sozialdemokratie zu landen. Werden sie, wie die sozialdemokratischen Blätter verkünden, »mit Hindenburg gegen den Faschismus kämpfen«? Dazu müßte sich der erwählte Kandidat zunächst selbst äußern. Der Herr Reichspräsident betont aber nur seine »Überparteilichkeit«, ein Begriff, der bekanntlich recht verschieden auslegbar ist. Da ist die Begleitmusik der zahlreichen Helden- und Jungfern-Kränzchen, die die Kandidatur Hindenburg affichieren, schon viel deutlicher. So hat der gute alte Graf Westarp, der am 9. November 1918 wie ein Gebilde von Braunbier und Spucke durch die Reichstagsgänge irrte und sich damals wohl nicht träumen ließ, er würde dreizehn Jahre später den Primas der deutschen Republik küren helfen, einen Aufruf gestartet, in dem es heißt: »In der Stunde des Entscheidungskampfes um Deutschlands Wehrhoheit und Tributfreiheit hat Generalfeldmarschall von Hindenburg sich entschlossen, noch einmal die schwere Bürde des Reichspräsidenten anzunehmen. Hindenburg verkörpert uns deutsche Gottesfurcht und Treue im Dienst des Vaterlandes, eisernes Pflichtbewußtsein und deutsches Soldatentum.« Unterschrieben ist der Aufruf vornehmlich von einigen Dutzend Herrschaften aus Großgrundbesitz und Schwerindustrie, wozu sich die Damen Gräfin Bassewitz (Dätzingen), Gräfin Günther von der Groeben Exzellenz, Freifrau Hiller von Gaertringen, Gräfin Elisabeth von Pfeil, Oberin von Lindeiner-Wildau, Gräfin von Uexkull-Gyllenband Exzellenz und viele andre noch gesellen, darunter Cimbal (Altona), ein allzu schwacher Cymbalschlag nur neben soviel kurbrandenburgischen Fanfaren. Nun sind das alles nur Namen, aber keine Wähler. Letztere müssen nämlich von der Sozialdemokratie geliefert werden; that's the humour of it! Unsre armen sozialistischen Freunde, die in den letzten Jahren so oft im Wachstuchzylinder und Radmantel von achtundvierzig paradieren mußten, werden sich nun – o Meiningerei der Politik! – nach einem noch weiter zurückliegenden Kostüm umzusehen haben, um vor Elisabeth von Pfeil oder Elsa von Brabant Gnade zu finden. In der Stunde des Entscheidungskampfes um Deutschlands Wehretat und Tributfreiheit ... Ist dies das Programm der Sozialdemokratie? ... Deutsche Gottesfurcht und Treue ... Sind dies ihre Ideale? Wenn die Sozialdemokratie sich schon entschlossen hat, für Hindenburg einzutreten, so muß sie diesem Kampf auch das Cachet geben, so muß sie ihr Fahnentuch um die Herme ihres Kandidaten schlagen, anstatt diesen im Kriegervereinsgeschwafel von Leuten verschwinden zu lassen, die sonst den sanftesten Demokraten gleich arretieren lassen möchten. Ein Wahlkampf von heute ist keine Wagner-Oper, und die sozialistischen Wähler sind kein Stimmvieh, das einfach abkommandiert werden kann. Aber schließlich kann man Westarp und den andern Ritterbürtigen keinen Vorwurf machen, wenn der Reichskanzler vor dem Parlament selbst eine Sprache wählt, die nicht nach Weimar, sondern nach Byzanz leitet. »Wenn ich die Hoffnung in diesen schweren Tagen nie aufgegeben habe, dann aus einer Tatsache: aus der, daß ich einem Manne dienen darf wie dem Reichspräsidenten von Hindenburg. Vergessen Sie eines nicht: von der Wiederwahl des Reichspräsidenten von Hindenburg hängt es auch ab, ob die Welt glauben soll, daß im deutschen Volke noch Ehrfurcht und Achtung vor der Geschichte und der geschichtlichen Person besteht.« Ehrfurcht vor der Geschichte ist bei einem Volke eine sehr schätzenswerte Eigenschaft, aber daß es sich hier um einen kardinalen Faktor handelt, von dem die Meinung der Welt über uns abhängt, will mir nicht recht einleuchten. In die Gegenwart eines Volkes mischen sich viele Traditionen, es fragt sich nur, an welche anzuknüpfen ist. Die achtzigjährigen Herren Eduard Bernstein und Georg Ledebour zum Beispiel erinnern uns an die Zeit des Sozialistengesetzes oder an die großen prinzipiellen Auseinandersetzungen zwischen Reformisten und Radikalen. Der Herr Reichspräsident dagegen bedeutet, wie das nicht anders sein kann, eine natürliche Verbindung mit dem Kaiserreich und dem alten preußischen Militarismus, also Anknüpfung an eine Tradition, die dem Geiste der Republik in allem konträr ist. Wenn der Reichskanzler sich glücklich erklärt, daß er Hindenburg »dienen« dürfe, so bedeutet das einen Rückfall in jene Epoche, in der seine Amtsvorgänger sich bemühen mußten, auch vor dem Parlament die Sprache des Hofzeremoniells beizubehalten. Die Minister sind nicht die »Diener« des Reichspräsidenten. Die Stellung des Reichsoberhauptes ist durch die Verfassung abgegrenzt. Der Reichskanzler jedoch ist laut Verfassung derjenige, der die Anordnungen und Verfügungen des Reichspräsidenten gegenzeichnet und damit die Verantwortung übernimmt. Artikel 54 sagt nichts von »Dienst«, wohl aber: »Der Reichskanzler und die Reichsminister bedürfen zu ihrer Amtsführung das Vertrauen des Reichstags. Jeder von ihnen muß zurücktreten, wenn ihm der Reichstag durch ausdrücklichen Beschluß sein Vertrauen entzieht.« Die Verehrung eines Ministerpräsidenten für das Staatsoberhaupt ist eine angenehme Zugabe, die das Zusammenarbeiten gewiß erleichtert, aber ein konstitutioneller Faktor ist das nicht. Ausschlaggebend bleibt das Vertrauen des Parlaments und die von ihm bestimmte Linie. Gelegentlich hat auch Disharmonie zwischen höchsten Staatsstellen große historische Resultate nicht verhindern können, wie im Falle Clemenceau-Poincaré. Es ist wieder ein sehr deutsches Unglück, daß als Reichspräsident nicht etwa jemand gesucht wird, der würdig repräsentiert und nicht zu impulsiven Zwischenspielen neigt. Gesucht wird überhaupt kein sterblicher Mensch, sondern ein Retter, ein Baldur, eine Figur aus dem Mythos. Das sitzt so tief, daß selbst ein so spärliches Temperament wie Brüning, der als Redner sich ganz gewiß nicht leicht an die Schwärmerei der Sekunde verliert, seine Beziehung zum Reichsoberhaupt durch ein mittelalterliches Bild, in dem sich Heroismus mit Domestikentum seltsam mischt, zu illustrieren für notwendig findet.   Herr, wo waren Sie im Krieg –? Herr Brüning macht den Republikanern die Kandidatur Hindenburg überhaupt nicht leicht. Er treibt sie unerbittlich durch das kaudinische Joch seiner konservativen Ideologie. Manchmal hat das fast friderizianischen Stil. »Wollt ihr Racker denn ewig leben?« Das klingt so zwischen den Zeilen der kanzellarischen Kundgebungen. So rief Brüning in seiner Reichstagsrede den Nationalsozialisten erregt zu: »Am 9. November war ich an der Spitze einer Offizierstruppe, die sich zur Niederwerfung der Revolution gebildet hatte.« Der Bericht der »Vossischen Zeitung« bemerkt dazu: »Bei diesen Worten klatschen die Mittelparteien stürmisch Beifall, während man auf der Linken deutlich eine Bewegung bemerken kann.« Doch schon in der Morgenausgabe darauf betont die »Vossische Zeitung«, der Satz laute nach der amtlichen Wiedergabe: »Am 9. November war ich in der Gruppe Winterfeld, die zur Niederwerfung der bolschewistischen Revolution gebildet worden war.« Nun haben einige Millionen Deutsche durch den Rundfunk die erste Fassung gehört. Der Reichskanzler rektifiziert sich, indem er hervorhebt, er habe bei einer Truppe gestanden, die nur gegen Spartakus kämpfen wollte, nicht aber für die gestürzte Monarchie. Das ist der Sinn seiner Korrektur des amtlichen Stenogramms. Wer die damalige Zeit miterlebt hat, weiß, daß der Unterschied nicht erheblich war. Wenigstens konnte man das den damals in den Straßen herumpfeifenden Kugeln nicht anhören, ob sie gegen den Bolschewismus oder für Wilhelm abgefeuert wurden. Es ist begreiflich, daß die Sozialisten bei diesem autobiographischen Bekenntnis Brünings klamme Finger bekamen. Tags zuvor noch hatten sie ihre nationale Stubenreinheit stürmisch genug beteuert, als sie von dem kleinen Goebbels »Partei der Deserteure« genannt wurden. Natürlich hatte der kleine Goebbels, der seine Unterleibsbeschwerden mit Vorliebe auf der Rednertribüne exhibitioniert – ein Zug, den Tacitus bei den alten Germanen nicht wahrgenommen hat –, eine harte Abfuhr verdient. Aber wie die Gekränkten reagierten, das ist wieder bezeichnend für die Niveaulosigkeit dieses Parlaments. Im Nu hatte sich der Reichstag in einen provinzialen Verein verwandelt, dessen verzankte Mitglieder sich gegenseitig die Schicksalsfrage zuschreien: »Herr, wo waren Sie im Krieg –?« Die Sozialdemokraten pochten auf ihre Eisernen Kreuze und ihre intakten Soldbücher und führten ihre Narben vor wie Coriolan. Die Sozialdemokraten wären viel patriotischer als die Nationalisten. Hand aufs Herz, wer verlangt das von der internationalen, der völkerbefreienden Sozialdemokratie? Die Arbeiter, die Republikaner, die antimilitaristischen Bürger, die diese Partei wählen? Kaum, aber die Kandidatur Hindenburg verlangt es. Damit die Bassewitze und Itzenplitze, damit der ganze von Westarp und Treviranus auf die Zitterbeine getrommelte Adelskalender nicht doch noch zu Hitler oder Duesterberg humpelt, deshalb muß die Partei mit blankgeputzter Montur antreten. Das ist das Erschütternde an dem gegenwärtigen Zustand: nicht der Faschismus siegt, die andern passen sich ihm an. Brüning sucht sich Hitler anzugleichen, die Sozialdemokraten bilden sich an Brüning. Der Faschismus jedenfalls bestimmt das Thema, das Niveau. Eine hingeworfene Schnoddrigkeit des Berliner Sportpalast-Tribunen jagt zehn Dutzend sozialistische Deputierte von den Plätzen, zwingt sie dazu, sich als gut vaterländisch zu legitimieren. Ein blamabler Zwischenfall, der nur zeigt, daß die Initiative rechts liegt. Es mag Zeiten geben, wo auch in der Politik die Anpassung notwendig ist und Wunder bewirken kann. Aber in so entscheidenden Phasen wie heute kommt es nicht auf Angleichung und Schutzfärbung an, sondern auf die Herausarbeitung des konsequenten Gegentyps der herrschenden Mächte. Ein lehrreiches Exempel, wie diese Debatte zu behandeln war, gab merkwürdigerweise der Staatsparteiler Doktor Weber, ein maßlos Gemäßigter sonst. Er verteidigte nämlich nicht die angezweifelte nationale Haltung seiner Leute, sondern hielt den Faschisten einfach ihre Mordliste vor. Und die ganze braune Fraktion stob auseinander wie eine Belialsschar, die plötzlich vor ein Pentagramm geraten ist. Der kleine Goebbels schlich beklommen hinterher wie der Kater beim Gewitter.   Thälmann Der erste Wahlgang kann keine Entscheidung bringen. Die radikale Rechte tritt gespalten auf. Wahrscheinlich ist die Stahlhelm-Kandidatur nur ein Kind der Angst, schon jetzt eine Entscheidung fällen zu müssen. Hindenburg oder Hitler? Der Stahlhelm wird am Ende bei dem sein, der am 13. März am besten abschneidet und am meisten bietet. Im übrigen muß noch immer mit einer Resignation Hindenburgs nach dem ersten Wahlgang gerechnet werden. Entspricht das Resultat nicht seinen Erwartungen, setzen wieder neue Intrigen von faschistischer Seite ein, stellt das Braune Haus etwa an Hitlers Stelle einen Hohenzollernprinzen auf, so wird sich der Reichspräsident kaum den Fährlichkeiten des zweiten Wahlgangs aussetzen. Hugenberg und Hitler sind völlig skrupellose Gegner, die sich mit dem Hinweis auf die Verantwortung nicht bluffen lassen. Sie werden nicht davor zurückschrecken, mit Petarden zu schießen. Immer wieder werde ich in Zuschriften von Lesern gefragt, wer denn am 13. März zu wählen sei. Bleibt denn nichts andres übrig, so heißt es immer wieder, als diese fatale, diese entmutigende Politik des »kleinern Übels«? Ich bin kein Ratgeber auf dem Kandidatenmarkt, und wer einer Partei angehört, wird im Endkampf zwischen Disziplin und besserer Überzeugung durchweg der Disziplin den Vorrang geben. Gern hätte ich als parteiloser Mann der Linken für einen akzeptablen Sozialdemokraten wie Paul Lobe oder Otto Braun gestimmt. Da kein sozialdemokratischer Kandidat vorhanden ist, muß ich schon für den kommunistischen stimmen. Wahrscheinlich werden viele, die ähnlich denken, ebenso handeln. Man muß festhalten: die Stimme für Thälmann bedeutet kein Vertrauensvotum für die Kommunistische Partei und kein Höchstmaß von Erwartungen. Linkspolitik heißt die Kraft dort einsetzen, wo ein Mann der Linken im Kampfe steht. Thälmann ist der einzige, alles andre ist mehr oder weniger nuancierte Reaktion. Das erleichtert die Wahl. Die Sozialdemokraten sagen: Hindenburg bedeutet Kampf gegen den Faschismus. Von wannen kommt den Herren diese Wissenschaft? Der Kandidat betont nur seine Überparteilichkeit, in Sturmzeiten eine lebensgefährliche Formel. Da Propaganda und Farbengebung der Kandidatur Hindenburg ganz und gar in den Händen von Rechtsleuten liegt, so ist es auch völlig unmöglich, über Garantien zu disputieren, die man sonst von einem Kandidaten, einerlei ob Parteimann oder nicht, verlangt. Politik ist ein Frage- und Antwortspiel. Wo man das Recht zu fragen als grobe Ungebühr ablehnt, da mag ein Reich beginnen, das schöner und edler ist als das der Politik, aber, wie gesagt, die Politik hat dort aufgehört. Es ist ein Unsinn, die Kandidatur Thälmann als eine bloße Zählkandidatur hinzustellen. Wahrscheinlich wird Thälmann eine überraschend hohe Stimmenzahl erzielen können. Das wird übrigens heute schon von bürgerlichen Politikern in privaten Unterhaltungen geäußert. Je besser Thälmann abschneidet, desto deutlicher wird demonstriert, welch einen Erfolg eine sozialistische Einheitskandidatur hätte haben können, was für Möglichkeiten noch immer bestehen. Auf diese Lektion kommt es an. Die Hindenburg-Koalition zwischen ausgedienten Hofdamen der Monarchie und kommenden Höflingen der diktatorialen Republik ist ein Produkt von Parteibüros, die das Tastgefühl für die Schwankungen der Wählerschaft verloren haben. Deutschland hat in diesen Jahren zuviel gelitten, zuviel gehungert, um sich in seinen Entscheidungen von Pietät bestimmen zu lassen. Die meisten haben nichts zu gewinnen, wohl aber eine verlorene Existenz zu rächen.   Die Weltbühne, 1. März 1932   Antworten Doktor Alfred Apfel . Es ist nicht wahr, daß die Redakteure das Wichtigste bei einer kämpfenden Zeitschrift sind. Das Wichtigste ist heute der Rechtsbeistand. O Eitelkeit der Schreibenden – wie versinkst du in dieser Epoche der politischen Prozesse! Diese Erkenntnis, lieber Herr Doktor, lege ich zu Ihrem fünfzigsten Geburtstag auf Ihren schön geschmückten Tisch.   Die Weltbühne, 15. März 1932   Das Ende der Pressefreiheit Das offizielle Deutschland feiert Goethe, aber nicht als Dichter und Künder, sondern vornehmlich als Opium. Goethe als Betäubungsmittel, Goethe als künstlerisch ausgeführter Paravent zwischen Volk und Wirklichkeit. Die Spitzen eines halb faschisierten Staates feiern die Unendlichkeit des Geistes, infolgedessen findet wenig Beachtung, wie eifrig die Zensur grade jetzt daran ist, die Geister zu binden. Literatur, Presse, Film, Funk und bildende Kunst, sie alle können von der amtlichen Interpretation der durch die Verfassung garantierten Meinungsfreiheit ein mißtönendes Lied singen. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, die Zensur beschränkte sich auf die wohlbekannten großen Fälle. Der Prozeß George Grosz, die Kämpfe um den Remarque-Film, den Granowski-Film zeigten mehr die öffentliche Gefahr als ihre heimlichen Fortschritte. Es wird genug Gutmeinende geben, die das Bestehen einer Zensur in Deutschland überhaupt bestreiten werden. Sehr richtig, eine nominelle Zensur gibt es in Deutschland nicht, und trotzdem fallen Bücher wie Kräuter im Maien, trotzdem wird der Bereich des für publizistische Behandlung Möglichen immer enger. Die deutsche Zensur, das ist ein höchst undurchsichtiges Kapitel, das den Versuch rechtfertigt, in diesem Heft der »Weltbühne«, wenn auch ohne Anspruch auf Vollständigkeit, über ihre Mittel und Wirkung Aufschluß zu geben. Kürzlich ist ein bemerkenswertes Buch erschienen, »Der polizeiwidrige Goethe«, eine wirklich aktuelle Gabe neben allzu vielen feierlichen Papierkränzen. Verfasser ist Professor H. H. Houben, der ausgezeichnete Sammler und Redaktor von Dokumenten aus dem Vormärz. Die Lektüre ist ebenso erheiternd wie bestürzend; man erfährt daraus, wie dem Olympier mit der Zensorenschere zugesetzt wurde, was für dümmliche Verballhornungen er sich gefallen lassen mußte, und man begreift, was für Ärger er sich in dem berühmten Vers vom Herzen dichtete: Hafis auch und Ulrich Hutten mußten ganz bestimmt sich rüsten wider braun und blaue Kutten; meine gehn wie andre Christen. Der Geheime Rat und Antipolitiker Goethe war weder ein aufsässiger Untertan noch ein unbarmherziger Kritiker bestehender Staatsordnung. Und trotzdem liegt in diesem Vers die deutliche Erkenntnis einer miterlebten Wandlung: die Zensur hatte sich säkularisiert, sie war aus Priesterhänden endgültig an die weltliche Macht übergegangen. Der feudalistisch-bürokratische Staat tarnte sich nicht mehr theologisch, sondern mit romantisch-reaktionären Philosophemen, und die herrschenden Schichten des heutigen demokratisch-bürokratischen Staates denken noch weniger daran, zur Verteidigung ihrer sozialen Position den lieben Gott zu bemühen. Allerdings auch keine Philosophie mehr; ein höchst unmetaphysischer, aber auch juristisch wenig stichhaltiger Ordnungsbegriff genügt, um das ehrwürdige liberale Palladium der Gedankenfreiheit auf den Kehricht zu werfen. Unsre Republik trägt unter ihrem bürgerlichen Hauskleid eine Kombination von dickstem Militärtuch, und ein Marquis Posa, dem es einfiele, ihr die Wahrheit zu sagen, würde bei seinem zweiten Erscheinen kaum ungemeldet vorgelassen werden, sondern schon bei der ersten Audienz unter den Artikel 48 fallen. In der Weimarer Verfassung heißt es allerdings: »Jeder Deutsche hat das Recht, innerhalb der Schranken der allgemeinen Gesetze seine Meinung durch Wort, Schrift, Druck, Bild oder in sonstiger Weise frei zu äußern.« Das steht da so schön voll und rund, daß es endlich, entsprechend intoniert, von Richard Tauber gesungen werden sollte. In Wahrheit gleicht jedoch dieser Artikel 118 noch mehr als viele andre einem jener Palimpseste, wo der alte Text durch späteres Gekritzel und Schichten von Staub und Vogelleim völlig überdeckt ist. Den Zensor mit Rotstift und Schere, dieses ehrwürdige Gespenst mit Zopf und Klebelocken, gibt's nicht mehr. Dafür ist der klare Sinn der Konstitution von Verwaltungsmaßnahmen, Polizeiedikten, lokalen Verfügungen und, zuletzt nicht weniger, von Justizwillkür bis zur Unkenntlichkeit überklebt worden. Und als ob auch das nicht genügte, kamen endlich die Notverordnungen, um die letzten formalen Hemmnisse zu beseitigen. »... meine gehn wie andre Christen.« Und oft auch wie andre Konfessionslose. Sie gehn nicht wie Torquemada, sondern wie jeder bürgerliche Beamte, wie sozialdemokratische Polizeipräsidenten. Es gibt keine Zensur, aber es gibt Behörden, die dieses Buch oder jenen Zeitungsartikel staatsgefährlich oder für gewisse Volksschichten verletzend finden, und sie fischen aus den ordnungspolizeilichen Bestimmungen irgendeines vermotteten Landrechts die erforderlichen Paragraphen. Gegen eine Zensur, die in einer dafür bestellten und bezahlten Amtsperson ihre Verkörperung findet, kann man kämpfen. Man kann sie abschaffen. Aber was ist die Zensur in Deutschland? Jeder Gendarm, jeder Zöllner, der Anstoß nimmt. Jeder Vereinsmufti, der sein berufsständisches Gefühl gekränkt sieht und einen Magistrat zu mobilisieren versteht. Jede alte Moralvettel, die anonyme Briefe schreibt. Jeder Stahlhelm-Papa, der sich über ein Drama von Toller in der Schulbibliothek aufregt. Jeder besorgte Herr aus dem Auswärtigen Amt, der ausländische Empfindlichkeiten angekratzt sieht. Jeder Minister, der die schlechte Laune seiner Koalitionsfreunde fürchtet. Und notfalls tritt sogar der Schah von Persien respektheischend in deutsche Offizialbezirke ein. So mischen sich die Motive in verwirrendster Weise. Es gibt keine Einheitlichkeit der Argumentation, sondern nur eine Einheitlichkeit des Zugriffs. Es gibt keine Maßstäbe, sondern nur ... Rücksichten. Auf der Börse der Couloirpolitik haben Literatur und Presse nur die Bedeutung von Kompensationsobjekten. Niemand weiß, wie viele Zeitungen beschlagnahmt, wie viele Verfahren angestrengt wurden, nur um eine Fraktion zu bewegen, einen heiklen Antrag nicht einzubringen. Die Zensur ist körperlos, aber sie funktioniert trotzdem. Und dabei war die politische Parteipresse niemals so dumm und roh wie jetzt, wo sie unter Generalvormundschaft steht. Die nationalsozialistischen Blätter bilden eine einzige Aufreizung zum Schädelspalten, und wenn einmal eingeschritten wird, so muß zur Gesellschaft gleich ein rotes Blatt mit. Die Störer jeglicher Ordnung und Sicherheit sitzen, wie zu Kaisers Zeiten, links. Nationalismus und Faschismus fühlen selbst noch in der Strafe eine nonchalante Hand. Der preußische Ministerpräsident hat in seiner letzten Landtagsrede ausgeführt, die überwältigende Zunahme der Hitlerstimmen in Ostpreußen müsse auf die verheerenden Wirkungen eines nationalistischen Hetzromans zurückgeführt werden, der mit unverantwortlichem Leichtsinn eine polnische Invasion an die Wand malt. Otto Braun war höflich genug, nicht hinzuzufügen, daß es sich dabei um den auch von uns charakterisierten Roman »Achtung! Ostmarkenfunk« von Hans Nitram handelt. Dieser »Nitram« ist, wie wir vor einigen Wochen mitteilen konnten, ein aktiver Reichswehroffizier, ein Oberleutnant Martin, Adjutant beim Ausbildungsbataillon des 3. (Preußischen) Infanterieregiments in Marienwerder. Es ist uns nicht zu Ohren gekommen, daß man Nitram so behandelt hat wie etwa einen jungen kommunistischen Schriftsteller, der seine Parteigesinnung episch umzusetzen versucht. Der Kuriosität halber sei nur erwähnt, daß anscheinend auch der Heeresleitung die literarisch begabten Offiziere auf die Nerven fallen, denn Herr General von Hammerstein hat neulich den folgenden inhaltlich wie stilistisch gleich beachtlichen Befehl herausgegeben: »Die Maßnahmen, die die Schreiberei im Heere verringern sollen, schließen den höhern Zweck in sich, die Verantwortung der einzelnen Personen zu schärfen und die Persönlichkeitswerte zu heben.« Das ist nun wieder etwas zu allgemein ausgedrückt und auch zu hart, wenn auch die von geringer Schreibkundigkeit zeugende Hand auf ungeahnte Persönlichkeitswerte schließen läßt. Es soll ja nur den Nitrams das gemeingefährliche Maul gestopft, nicht aber ein junger Kleist oder Liliencron abgewürgt werden. »Wehrfreudigkeit«, das ist das neue deutsche Evangelium. Die gegenwärtige Personalunion zwischen Wehrministerium und Innenministerium bietet besondere Chancen, alles zu verfolgen, was sich dem gewünschten Schema anzubequemen weigert. Die letzte Spezialität heißt: »Beschimpfung des Soldatenstandes«. Wer den Krieg als Barbarei bezeichnet, wer es niederzuschreiben wagt, daß Töten das Handwerk des Soldaten ist und bleibt, der macht sich straffällig. Da hilft kein Hinweis auf die großen Religions- und Sittenlehrer der Menschheit, die fast alle den Krieg verworfen haben. Eine allgemeine Treibjagd auf die Freunde des Friedens und die Lästerer des Waffenspiels hat eingesetzt. Aggressiven Antimilitarismus gibt es in Deutschland schon lange nicht mehr, jetzt wird auch die abstrakte akademische Untersuchung über die moralische Legitimation des Soldatentums ebenso unter Strafe gestellt wie die kritische Durchleuchtung militaristischer Machtansprüche. Nach der »Weltbühne« ist auch gegen das »Tage-Buch« ein Verfahren eingeleitet worden; von einem besonders bizarren Prozeß gegen den katholischen Demokraten Werner Thormann in Frankfurt, den Herausgeber der »Deutschen Republik«, berichtet Rudolf Olden an andrer Stelle. Die Methodik dieses Feldzuges gegen die unabhängige Presse ist nicht zu unterschätzen. Zuerst kamen die großen Fälle dran, die grundsätzlichen Auseinandersetzungen mit der Reichswehr und gewissen bedenklichen Experimenten; das wurde als Landesverrat angesehen und entsprechend honoriert. Jetzt geht man systematisch daran, die bloße Skepsis auszurotten, die theoretischen Zeugnisse einer andern Denkart. Wer die kriegerischen Tugenden nicht als die höchsten auf Erden schätzt, ist von vornherein verdächtig und läuft Gefahr, konfisziert zu werden. So soll die öffentliche Meinung uniformiert, so soll der Anschein erweckt werden, als herrschte in allen militärischen Fragen allgemeine Übereinstimmung, als wäre Deutschland in allen seinen Gliedern wehrfreudig wie noch nie. Und während das geschieht, reist Herr Groener, mit dem neuen Goetheorden geschmückt, im Lande herum und nimmt das Defilee der deutschen Geistigkeit ab. Nord- und südliches Gelände ruht im Frieden seiner Hände. Nun wird der Leser hier eine begreifliche Frage einwerfen: Ist das alles denn wirklich so schlimm? Man merkt doch wenig davon! Die Blätter bringen ihre Schlagzeilen in Parteikolorit wie sonst. Die Regierung wird angegriffen. Diesem Minister wird Unfähigkeit vorgeworfen, jenem Schlappheit. Was hat sich denn unter den Notverordnungen geändert? Der Einwand ist richtig formuliert und kann ohne Kulissenkenntnis nicht anders formuliert werden. Gewiß wird noch kritisiert und polemisiert, aber es kommt bei jeder Polemik doch nicht nur auf »Schärfe« an, sondern auch auf Dichtigkeit. Die öffentliche Kritik hat ihre Intensität verloren. Und vor allem: man darf die Zeitungen heute nicht mehr nach dem beurteilen, was sie bringen, sondern danach, was sie verschweigen. Keine Linkszeitung ist heute mehr in der Lage, ihr Material so wie vor einem Jahr noch auszubreiten. Die Wirkung der Zensur ist nicht in den erreichten Konfiskationen oder gerichtlichen Bestrafungen zu suchen, überhaupt nicht in der Quantität. Diese Zensur errichtet Warnungszeichen, sie will zunächst abschrecken. Die Konsequenz für die Presse ist, daß ihr ein Thema nach dem andern entgleitet. Sie wagt nicht mehr an bestimmte Dinge zu rühren, das Risiko wäre zu groß. Ein verhängnisvoller Vorgang, denn alles vollzieht sich unsichtbar. Die Dynamik der Zeitung ist die gleiche geblieben, die Substanz aber schwindet Der Leser merkt von alledem wenig, denn was nicht im Blatt steht, das gibt es nicht. So sinkt die Freiheit der Presse langsam in sich zusammen, nicht nur weil das im Gesetz der kapitalistischen Entwicklung liegt, das ist ein andres Stück und soll in diesem Zusammenhang nicht berührt werden, sondern weil der immer mehr diktatoriale Formen annehmende Staat in jeder fundierten gegnerischen Meinung ein Kardinalverbrechen sieht. Der Effekt bleibt nicht aus. Wir können ohne Übertreibung behaupten, daß es zum Beispiel seit dem Landesverratsprozeß gegen die »Weltbühne« im vergangenen November kaum mehr eine ernsthafte Militärkritik in der deutschen Presse gegeben hat. Das Exempel hat gewirkt. Wer hat danach noch Lust, sich die Finger zu verbrennen? Das Reichswehrministerium hat, was es wollte, durchgesetzt. Es ist seitdem vor lästigen Fragen sicher. Unter den Berliner Blättern haben sich die »Berliner Volks-Zeitung« und das »8 Uhr-Abendblatt« nicht einschüchtern lassen, das verdient ehrenvoll hervorgehoben zu werden. Aber jeder Unterrichtete weiß auch, daß beide wiederholt von Verbotsgefahr umwittert waren. Heute kann auf Grund der Notverordnung jedes Blatt auf Wochen und Monate verboten werden. Ein Verbot aber kann unter den jetzigen Verhältnissen kein Verleger auf sich nehmen, kein Redakteur verantworten. Denn eine Zeitung oder Zeitschrift, die ein privates Unternehmen ist und kein Parteiunternehmen, wird ruiniert, wenn sie für drei Monate von der Straße verschwindet. Sie wird niemals wiederkehren. Die deutsche Linkspresse befindet sich in einer ungeheuren Krise. Die wirtschaftliche Schrumpfung bedroht ihren Lebensboden. Die allgemeine Unfreiheit, die Furcht vor Beschlagnahmen und Prozessen nötigt sie, ihren geistigen Spielraum einzuengen und auf den besten Teil ihres Instrumentars zu verzichten. Heute wird das noch durch viel Lärm verdeckt, die Dynamik, wie gesagt, ist nicht verändert; noch immer riesige Überschriften, Bilder, groß aufgemachte Lokal- und Sportsensationen, Filmskandale und Baby Lindbergh. Aber eines Tages wird der Leser sich doch fragen, warum man ihm das Wichtigste und Bewegendste seiner Tage vorenthält, er wird fragen, warum seine Zeitung so langweilig geworden ist. Das ist kein freundliches Bild, das wir hier vorüberziehen lassen, und wir denken auch nicht mit einem schön rollenden Proteste zu schließen. Unsre Väter noch gründeten Bünde im Namen Goethes und Lessings und beriefen sich mit wehender Krawatte auf den Geist der Klassiker. Vorbei die Zeit der liberalen Notabeln, die mit echtem Gefühl und falschem Vokabular ihre Verwahrungen deklamierten. Alles ist heute sehr zugespitzt, die Dinge stehen bös und hart gegeneinander. Aus den Kämpfen der Geister sind nüchterne Klassenkämpfe geworden. Die junge, aus dem Proletariat steigende Literatur ist unpathetisch, propagandistisch, lehrhaft. Sie ist noch herzlich unbeholfen, aber sie wird auch das Singen wieder lernen, und sie wird, vor allem, nicht mit Schikanen aus der Zeit Metternichs zu bändigen sein. Es war in der muffigsten Reaktion des Vormärz, als der junge Karl Marx diese Bemerkung niederschrieb: »Man muß jede Sphäre der deutschen Gesellschaft als die Partie honteuse der deutschen Gesellschaft schildern, man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt!« Einmal werden auch die deutschen Verhältnisse wieder zu tanzen anfangen, und von der Klugheit unsrer Regierenden wird es abhängen, ob dieser Tanz der schöne, lustige Wirbel sein wird, mit dem eine Generation die andre ablöst, oder der Totentanz, mit dem eine überfällige Gesellschaft machtberauscht und ahnungslos, im Bettelputz ihrer Illusionen zu Grabe hüpft.   Die Weltbühne, 29. März 1932   Ein runder Tisch wartet Die preußischen Wahlen haben der NSDAP keine absolute Mehrheit gebracht, wohl aber ist der Abstand, der sie davon trennt, so gering, daß er nur als Anreiz wirken kann, den Sturm so bald wie möglich wieder aufzunehmen. Die Regierung der Weimarer Koalition hat eine ehrenvolle Niederlage erlitten, aber die Niederlage ist unleugbar. Unter den vielen Ratschlägen, mit denen Otto Braun in diesen Tagen bedacht wurde, ist der schlimmste, sich mit dem bisherigen Kabinett wenigstens geschäftsführend zu behaupten, bis der liebe Gott es wieder anders beschlossen hat. Auch in der Politik bevorzugt der liebe Gott die stärkern Bataillone. Mit Recht betont die »Frankfurter Zeitung«, daß eine von Parlament oder Verfassung sanktionierte Geschäftsführung Treuhänderschaft bedeutet. »Eine geschlagene Partei muß, wenn ihre Führer im Amt bleiben, nach diesem Grundsatz verfahren. Wird dagegen verstoßen, so wird sich das bei der nächsten Wahl bitter rächen.« Eine Regierung, deren Autorität soeben durch einen erheblichen Mißerfolg beeinträchtigt wurde, kann nicht gegen eine Partei regieren, die siebenunddreißig Prozent der Wählerschaft umfaßt. Da die kommenden Monate wahrscheinlich wieder starke politische und wirtschaftliche Eingriffe erforderlich machen müssen, die Krise aber weiter wachsen und Regieren manchmal nur in diktatorischer Form möglich sein wird, so können die siebenunddreißig Prozent bei einer Neuwahl im Herbst sehr wohl auf zweiundfünfzig Prozent anschwellen. Welche parlamentarischen Möglichkeiten gibt es heute noch in Preußen? a) Das Kabinett Braun bleibt mit geschäftsführendem Auftrag; b) Zentrum und Nazis bilden eine Koalition; c) die Regierung Braun-Severing stützt sich auf die parlamentarische Hilfe der Kommunisten; d) die Sozialdemokratie läßt die Bürgerparteien unter sich und bildet mit den Kommunisten einen oppositionellen Arbeiterblock. Wir halten nur c) und d) für diskutabel, b) geht ausschließlich die zwei beteiligten Parteien an, a) bürdet der Sozialdemokratie eine Last auf, die sie nicht mehr tragen kann und die sie auch nicht mehr tragen sollte. Die Nazis, die früher über das Reich in Preußen einbrechen wollten, rüsten jetzt, das Reich von Preußen her zu nehmen. Ob die Verständigung mit dem Zentrum gelingen wird, läßt sich nicht voraussagen. Indessen fehlt es bei beiden weder am besten Willen zur Zusammenarbeit noch zum gegenseitigen Betrug. In der Nachbarschaft der Reichsregierung gibt es auch einige unternehmungslustige Köpfe, die der Meinung sind, das Reich täte am besten, nach dem Fehlschlagen der parlamentarischen Lösungen, Preußen durch einen dazu bestellten Kommissar, etwa Stegerwald, in Zwangsverwaltung zu nehmen. Unter dem Stichwort »Reichsreform« könnten Finanzen und Polizei dem Reich einverleibt werden, in der leeren Hülse, die dann noch bleibt, mag Gregor Strasser, den Drachenkamm des Nationalfaschismus auf dem Haupte, ruhig als »preußischer Ministerpräsident« Platz nehmen. Es ist nur fraglich, ob sich die siegreichen Nationalsozialisten ihren Braten so leicht vor der Nase wegschnappen lassen. Und es ist nicht minder fraglich, ob das Zentrum, so verlockend es ihm auch scheinen mag, wenigstens vorübergehend Preußen unter eigne Regie zu bringen, schließlich nicht doch vor einem Wagnis zurückschreckt, dessen Mißlingen nicht auf die Partei, sondern auch auf den ganzen deutschen Katholizismus zurückwirken müßte. So ist es viel wahrscheinlicher, daß das Zentrum sich eher dazu verstehen wird, die in Preußen zu schaffende Konstruktion auf das Reich zu übertragen, dessen gegenwärtige Regierung ja nicht nur im Innen- und Außenressort Provisorien aufweist, sondern auch einige Minister mit sich schleppt, deren Parteigrundlage durch die Preußenwahlen völlig fiktiv geworden ist. Wen vertritt zum Beispiel der Treviranissimus der Volkskonservativen? Was Herr Dietrich aus Baden außer seinem Defizit? Wen oder was Herr Martin Schiele, exmittiert bei Hugenberg, verzankt mit seinen Grünen? Die alte Weimarer Koalition besteht nicht mehr. Das Zentrum ist im Abmarsch begriffen, die bürgerlichen Zwischenstufen sind dahin. Die Sozialdemokratie ist außen abgeschabt, jedoch im Kern intakt. Sie hat verloren, aber sich noch immer mit Bravour geschlagen. Auch die Kommunisten brüten über einer Verlustliste. Auch sie sind im Kern unversehrt, aber ihre Außenposten kleinbürgerlich randalierender Mitläufer sind zu Hitler übergelaufen. Trotzdem sind die Kommunisten das geworden, wovon der alte Liberalismus und seine durch eine erfolglose Nacht mit dem Jungdo kompromittierte Witwe, die Staatspartei, lebelang geträumt haben: der dritte, auf den es ankommt. Die parlamentarische Zukunft Preußens hängt von den Kommunisten ab. Unter diesen Umständen haben einige Blätter plötzlich ihr Herz für die KPD entdeckt und ihr ebenso freundlich wie naiv zugeredet. Das heißt eine richtige Sache verkehrt anpacken. Es geht nicht an, die Kommunisten jetzt plötzlich als ein vorübergehend abhanden gekommenes Anhängsel der Koalition von Weimar behandeln zu wollen, nachdem man jahrelang in ihnen nicht mehr gesehen hat als eine Kolonie für Galgen und Rad, gut genug, vom Vierten Strafsenat ihrer natürlichen Bestimmung zugeführt zu werden. Selbst wenn die Kommunisten vorübergehend zu einer parlamentarischen Nothelferschaft gewonnen werden sollten, so müßte auch das von tiefgreifendster Wirkung auf die gesamte Arbeiterbewegung werden. So tragisch die heutige Situation ist, so birgt sie doch ein Glücksgeschenk: wieder stehen die beiden großen sozialistischen Parteien allein da. Die Kommunisten haben ebenso wie die Sozialdemokraten in drei enttäuschungsreichen Wahlnächten viele Illusionen entschwinden sehen. Am Tage nach der Wahl erließ die KPD gemeinsam mit der RGO einen Aufruf, in dem es heißt: »Wir sind bereit, mit jeder Organisation, in der Arbeiter vereinigt sind und die wirklich den Kampf gegen Lohn- und Unterstützungsabbau führen will, gemeinsam zu kämpfen! Wir Kommunisten schlagen euch vor: sofort in jedem Betrieb und in jedem Schacht, auf allen Stempelstellen und Arbeitsnachweisen, in allen Gewerkschaften Massenversammlungen der Arbeiter einzuberufen, die drohende Lage zu überprüfen, die gemeinsamen Forderungen aufzustellen, Kampfausschüsse und Streikleitungen der kommunistischen, sozialdemokratischen, christlichen und parteilosen Arbeiter zu wählen und entschlossen den Massenkampf und den Streik gegen jeden Lohn- und Unterstützungsabbau vorzubereiten und durchzuführen.« Zugleich versicherten die kommunistischen Blätter feierlich, die Partei denke nicht daran, Preußen an das Hakenkreuz auszuliefern. Und der »Vorwärts« antwortete darauf gedämpfter als sonst und verlangte nur Garantien gegen kommunistische Parteigeschäfte unter der Etikette »Einheitsfront«. Niemals war die Gelegenheit zu einer Annäherung der beiden großen sozialistischen Parteien günstiger, niemals aber auch sprach die Notwendigkeit diktatorischer. Die erforderliche Aussprache darf nicht durch allzu weitgesteckte Ziele verwirrt werden. Die rote Einheitsfront ist ein pathetisches Sehnsuchtswort, das auf beiden Seiten schon viel Parteiegoismus verdeckt hat, viel Versuche, in den Hürden des andern zu wildern. Wo zwei Arbeiter sich treffen, mag es seine Wirkung haben, zwei Funktionäre jedoch macht es noch argwöhnischer, als sie schon sind. Lassen wir es heute beiseite, denn nicht um die Verschmelzung beider Parteien handelt es sich, sondern um ein operatives Zusammengehen zur Verteidigung der Arbeiterklasse. Eines allerdings muß vorweg von beiden anerkannt werden: Reformismus und Radikalismus sind zwei natürliche, legale Zweige der Arbeiterbewegung. Der eine ragt in die Zukunft, der andre bedeutet die Gegenwart. Beide Funktionen sind lebenswichtig. Und beide laufen heute unmittelbar Gefahr, Gegenwart und Zukunft zu verlieren und historische Kategorien zu werden. Denn in dieser Epoche, das muß mit aller Schärfe gesagt werden, liegt die Initiative nicht mehr bei der Arbeiterbewegung, weder bei ihrem reformistischen noch bei ihrem revolutionären Flügel. Die Sozialdemokratie ist mit ihren opportunistischen Kniffen ebenso mit ihrem Latein zu Ende wie die KPD mit ihrem Treiben in die Weltrevolution. Primgeiger ist der Faschismus. Die revolutionäre Gärung in Deutschland rührt nicht von einer um Aufstieg kämpfenden Arbeiterschaft her, sondern von einem Bürgertum, das sich gegen sein Versinken krampfhaft zur Wehr setzt. Mitten im fallenden Kapitalismus befindet sich die Arbeiterschaft in der Defensive. Das ist die größte Überraschung dieser Phase, und das allein muß die Haltung und die Wahl der Mittel bestimmen. Es wird nicht leicht sein, die Sozialisten aller Richtungen auch nur diskutierend zusammenzubringen. Sie haben sich viel angetan, und ein Generalpardon ist notwendig. Bei allen Beteiligten ist die Feindschaft traditionell geworden, gleichsam Ehrensache. Alles ist in umfangreichen, archivartig verschachtelten Gedächtnissen mit schrecklicher Genauigkeit aufbewahrt. Alle Auseinandersetzungen im Sozialismus leiden unter diesen fürchterlich geschulten Gedächtnissen. Jede Irrung des andern, mag sie Jahre alt sein, ist mit glühender Nadel in Hunderttausenden von Hirnrinden eingeritzt und brennt dort weiter. Mauern von Papier türmen sich zwischen Gutgewillten. Es kommt nicht mehr darauf an, recht zu behalten, sondern sämtliche Teile der sozialistisch organisierten Arbeiterschaft vor der Vernichtung zu retten. Wollen wir antiquierte Schlachten weiterführen, wo der Raum, in dem wir leben, immer enger wird? Wo wir immer mehr zusammengepreßt atmen müssen, wo riesenhohe Wände, von unsichtbarem Mechanismus bewegt, immer näher rücken? Es geht nicht mehr um Programme und Doktrinen, nicht mehr um »Endziele« und »Etappen«, sondern um den technischen Fundus der Arbeiterschaft, ihre Presse und Gewerkschaftshäuser, und schließlich um ihr lebendes Fleisch und Blut, das hoffen und vertrauen und kämpfen will. Ich frage euch, Sozialdemokraten und Kommunisten: werdet ihr morgen überhaupt noch Gelegenheit zur Aussprache haben? Wird man euch das morgen noch erlauben? Was sich zwischen euch aufgebaut hat, ich ignoriere es nicht. Ich kenne es besser als irgendein andrer. Denn ich habe in diesen Jahren von beiden Seiten Schläge erhalten. Wenn eure Parteien sich nicht zu dem allein dem Augenblick entsprechenden rettenden Schritt entschließen können, wenn Vergangenheit noch einmal die dürren Hände reckt, um die Gegenwart zu würgen, dann muß es gute Mittler geben, Parteilose, über jeden Zweifel erhaben, im trüben fischen zu wollen, nichts für sich wünschend, für den Sozialismus alles. Sie müssen das erste Zusammentreffen in die Wege leiten. In diesen Tagen steht das Schicksal aller deutschen Sozialisten und Kommunisten zur Entscheidung. Wenn man ihre Zeitungen sieht, spürt man davon nicht viel. Der alte Krieg geht weiter. Und dennoch sind Worte gesagt worden, die nicht leicht verhallen können, und dennoch steht irgendwo ein runder Tisch und wartet.   Die Weltbühne, 3. Mai 1932   Rechenschaft   Ich muß sitzen! In diesen Tagen beziehe ich ein preußisches Gefängnis, um die achtzehn Monate abzusitzen, die mir der Vierte Strafsenat am 23. November vorigen Jahres wegen Landesverrats und Verrats militärischer Geheimnisse zudiktiert hat. Es ist also der Augenblick gekommen, wo ich meine Tätigkeit an der »Weltbühne« unterbrechen muß. Eine so von außen erzwungene Zäsur ist wichtig genug, um Rechenschaft abzulegen über das, was in den letzten Monaten geschehen ist, und zugleich den Hintergrund zu zeichnen, von dem sich der Justizfall »Weltbühne« abhebt. Der von der Verteidigung am 30. Dezember an den Reichspräsidenten gerichtete Antrag auf Begnadigung ist vor kurzem abgelehnt worden. »The quality of mercy is not strain'd«, sagt Portia. Gewiß ist die Qualität der Gnade bei uns nicht geringer als in Venedig, nur mit der Quantität hapert es. »Sie tröpfelt wie der milde Tau vom Himmel«, und sie tröpfelt meistens nach rechts. Dennoch würde ich es völlig verstehen, wenn Herr von Hindenburg, den ich immer eine Fehlbesetzung auf dem Präsidentenstuhl genannt habe und gegen dessen Wiederwahl ich geschrieben habe, einen Huldbeweis verweigerte. Kein Wort also gegen Herrn von Hindenburg, wenn er einen solchen Entschluß wirklich gefaßt haben sollte. Nun sprechen aber einige Gründe dafür, daß das Gesuch meines Freundes Doktor Apfel, das später noch durch eine besondere Eingabe des Rechtsanwalts Professor Alsberg gestützt wurde, niemals von der allerhöchsten Stelle geprüft worden ist. Das Gnadenverfahren dürfte bereits im Reichsjustizministerium gescheitert sein. Herr Reichsjustizminister Joel verweigerte die verfassungsmäßige Gegenzeichnung, womit das Ganze für das Staatssekretariat beim Reichspräsidenten ein gewöhnlicher Büroakt wurde. Ebenso wurde ein etwas später vom PEN-Club und der Deutschen Liga für Menschenrechte gemeinsam gestelltes Gesuch auf Umwandlung der Strafe in Festungshaft abgelehnt. Das ist nicht verwunderlich, aber die Antragsteller waren doch sehr erstaunt, als sie den Bescheid nicht, wie sie erwarten mußten, von dem Herrn Reichspräsidenten, sondern von dem Herrn Reichsjustizminister erhielten. Nach einer weitverbreiteten Meinung ist am 10. April Herr Generalfeldmarschall von Hindenburg gewählt worden und nicht Herr Dr. jur. Joel. Kürzlich ist in einer Zeitungsmeldung die Behauptung aufgestellt worden, die Sache hätte zunächst nicht so schlecht gestanden, bis dann Herr Groener sich erhoben und die Kabinettsfrage gestellt habe. Ich bin nicht unterrichtet, ob es wirklich so wild zugegangen ist, aber man braucht kein Spezialist für Daktyloskopie zu sein, um nicht in der Behandlung dieser Angelegenheit und der knappen militärischen Form der Abwimmelung die Bertillonmaße des Reichswehrministeriums deutlich zu erkennen. In welcher Weise wir vor der Gnadeninstanz argumentierten, wird in der »Weltbühne« noch, durch dokumentarisches Material belegt, dargestellt werden, so daß sich die Leser selbst ein Urteil bilden können. Das eine indessen sei versichert: wir haben nicht an weiche Gefühle appelliert, sondern Recht gefordert, das durch ein Urteil verletzt wurde, gegen das keine Rechtsmittel geltend gemacht werden können. Das Reichsgericht ist ja erste und letzte Instanz, ein Vorzug, der mindestens dessen politischen Senat nicht zur besondern Sorgfältigkeit verleitet. Revision gibt es nicht, nur noch Wiedergutmachung durch die höchste Stelle der deutschen Republik. Zudem raubte uns der Zwang zur Geheimhaltung die Chance, mit journalistischen Mitteln zu arbeiten und der Öffentlichkeit unsre Sache zu unterbreiten. Hier wenigstens hat der Vierte Strafsenat äußerst solide gearbeitet und die Sorge um die Sicherheit des Reichs mit der um die eigne großzügig verschmolzen. Man hat uns zum Stummsein verurteilt. Wie ernst es damit steht, dafür nur das eine Beispiel: Unsre Verteidiger waren gehalten, das schriftliche Urteil, das nur in einem Exemplar gegeben wurde, nach Kenntnisnahme wieder zu den Akten zu reichen. So blieb also nur die Anrufung der Gnadeninstanz übrig, und, wie gesagt, unsre Begründung verhallte im Vorzimmer. Zwischen uns und der Person des Herrn Reichspräsidenten stand der Herr Reichsjustizminister wie die Wand im »Sommernachtstraum«, und kaum ein Wispern wurde jenseitig gehört. Wenn sich früher im Präsidentenpalais schwierige juristische Probleme häuften, dann pflegte der selige Eben zu sagen: »Herr Jöl wird das schon machen!« Herr Jöl hat das auch diesmal ganz ausgezeichnet gemacht. Über eines möchte ich keinen Irrtum aufkommen lassen, und das betone ich für alle Freunde und Gegner und besonders für jene, die in den nächsten achtzehn Monaten mein juristisches und physisches Wohlbefinden zu betreuen haben: – ich gehe nicht aus Gründen der Loyalität ins Gefängnis, sondern weil ich als Eingesperrter am unbequemsten bin. Ich beuge mich nicht der in roten Sammet gehüllten Majestät des Reichsgerichts, sondern bleibe als Insasse einer preußischen Strafanstalt eine lebendige Demonstration gegen ein höchstinstanzliches Urteil, das in der Sache politisch tendenziös erscheint und als juristische Arbeit reichlich windschief. Diesen Protest lebendig zu erhalten, das bin ich allen denen schuldig, die für mich eingetreten sind, obgleich die Umstände es verweigerten, ihnen genaue Kenntnis von der Materie zu geben. Das bin ich auch den namenlosen proletarischen Opfern des Vierten Strafsenats schuldig, um die sich niemand außer den Parteifreunden gekümmert hat. Denn der Fall »Weltbühne« ist der einzige seit langem, der eklatant geworden ist und die Öffentlichkeit wirklich erregt hat. Die große Spinne von Leipzig soll einen Bissen zuviel geschluckt haben. Damit beantworte ich zugleich eine Frage, die mich vom Abend des 23. November, wo ich auf dem Anhalter Bahnhof von einer Deputation journalistischer Ehrenjungfrauen empfangen wurde, bis heute in einigen hundert Briefen und Gesprächen bedrängt hat. Diese Frage heißt ganz simpel: »Mensch, warum türmst du nicht?« Natürlich bestreite ich das Recht des Publizisten nicht, sich dem Zugriff der herrschenden Gewalten durch die Flucht zu entziehen. Ein Recht, das übrigens jeder unschuldig Verurteilte hat, dem der normale Weg zur Rehabilitation versperrt ist oder der den Glauben an die richterliche Objektivität verloren hat. Es handelt sich aber in jedem Einzelfalle darum, das Wirksamere zu tun. Das allein muß entscheidend bleiben. Das Reichsgericht hat mich vorsorglich in unangenehmster Weise abgestempelt. Landesverrat und Verrat militärischer Geheimnisse – das ist eine höchst diffamierende Etikette, mit der sich nicht leicht leben läßt. Geht man damit ins Ausland, so wird die gesamte Rechtspresse aufjubeln: Zum Feinde geflohen! Und manche von den Leichtschwankenden werden die Achseln zucken: es muß doch etwas an der Sache sein! Der Oppositionelle, der über die Grenze gegangen ist, spricht bald hohl ins Land herein. Der ausschließlich politische Publizist namentlich kann auf die Dauer nicht den Zusammenhang mit dem Ganzen entbehren, gegen das er kämpft, für das er kämpft, ohne in Exaltationen und Schiefheiten zu verfallen. Wenn man den verseuchten Geist eines Landes wirkungsvoll bekämpfen will, muß man dessen allgemeines Schicksal teilen. Ich gehöre keiner Partei an – wohin also? Keine der Internationalen nimmt mich auf, stellt mich an einen neuen Platz. Es gibt draußen viele flotte Herren, die gern den Frieden hochleben lassen, wenn sie ihr neues Militärprogramm glücklich durchgedrückt haben, und die den deutschen Militarismus so verabscheuen, als wäre er der einzige in der Welt. Sollte der geflüchtete antimilitaristische Deutsche in ihrem Schatten gegen seine Generale und Bellizisten schreiben, das hieße seiner Arbeit einen falschen Akzent geben. Denn dann dient er gewollt oder ungewollt einem fremden Interesse, er wird eines der vielen Mundstücke fremder Propaganda. Er muß zu dem schweigen, was er sieht, um sich über das zu entrüsten, was er hinter sich gelassen hat und was mit der Zeit nicht nur den Augen, sondern auch der Urteilskraft entrückt. Der politische Journalismus ist keine Lebensversicherung: das Risiko erst gibt seinen besten Antrieb. Die »Weltbühne« hat in langen Jahren für deutsche Angelegenheiten oft die schärfsten und schroffsten Formulierungen gefunden. Sie hat dafür von rechts den Vorwurf der Verräterei, von links den des verantwortungslos krittelnden individualistischen Ästhetentums einstecken müssen. Die »Weltbühne« wird auch weiterhin das sagen, was sie für nötig befindet; sie wird so unabhängig bleiben wie bisher, sie wird so höflich oder frech sein, wie der jeweilige Gegenstand es erfordert. Sie wird auch in diesem unter dem Elefantentritt des Faschismus zitternden Lande den Mut zur eignen Meinung behalten. Wer in den moralisch trübsten Stunden seines Volkes zu opponieren wagt, wird immer bezichtigt werden, das Nationalgefühl verletzt zu haben. Die »Weltbühne« hat immer eine ganz bestimmte und deutlich gezeichnete Haltung eingenommen, und daraus ergibt sich für sie eine besonders verpflichtende Bindung an jene, die auf sie hören und die an sie glauben. Ihre Stimme kann nur Klang behalten, wenn ihr verantwortlicher Herausgeber seine ganze Person einsetzt und dann, wenn es ungemütlich wird, nicht die bequemere Lösung wählt, sondern die notwendige. Etwas Ähnliches muß wohl auch das Reichsgericht empfinden. Denn bis zum Vorabend meines Strafantritts hat niemand meine Bewegungsfreiheit beengt, erst heute hat man mir meinen Paß abgefordert. Meiner Abreise stand nichts im Wege. Schon aus diesem Grunde weiß ich, daß sie ein Fehler gewesen wäre. Es ist nicht meine Aufgabe, dem Reichsgericht das Leben angenehmer zu machen.   Kreiser Ich bin in der Lage, die Richtigkeit meines Entschlusses an der Haltung zu kontrollieren, die mein Mitverurteilter Walter Kreiser seitdem eingenommen hat. Dem dringenden Rat aller Unterrichteten entgegen, habe ich über dieses Kapitel bisher geschwiegen. Heute muß endlich gesagt werden, was vorgegangen ist. Kreiser hat sich schon eine Woche nach der Urteilsverkündung nach Paris begeben und dort später unter Verwendung des in seiner Hand befindlichen, übrigens sehr lückenhaften Prozeßmaterials im »Echo de Paris« eine Kampagne gegen die deutsche Militärpolitik eröffnet. Niemand von uns hat etwas von Kreisers Flucht gewußt, wir sind davon aufs unangenehmste überrascht worden. In einem Brief aus Paris hat Kreiser sowohl mir als auch Doktor Apfel das Versprechen gegeben, keine Publikation ohne meine Zustimmung zu unternehmen. An dieses Versprechen hat er sich nicht gehalten. Er salviert sich nur, indem er in seinem ersten Pariser Artikel vom 9. April erklärt, die Veröffentlichung geschähe ohne mein Vorwissen: »Enfin, je dois ajouter que j'ai sollicité la publication de cet exposé sans le concours et à l'insu de M. von Ossietzky et de ses avocats, qui, pour des motifs juridiques, auraient pu ne pas l'approuver.« Nein, es sind nicht nur juristische Motive; hier irrt Kreiser. Sein Vorgehen ist nicht nur politisch schädlich, sondern auch in jedem unpolitischen Sinn einfach wahnwitzig. Er hat den roten Talaren von Leipzig den unerhörten Gefallen getan, ihr Urteil nachträglich zu rechtfertigen. Ich verstehe durchaus, daß dieses Urteil bei den Betroffenen Ressentiments hervorrufen konnte, aber hier mußte eine natürliche Lebensklugheit regulieren und desperate Akte verhindern. Kreiser hat uns die Möglichkeit genommen, nach einem bestimmten Plan zu arbeiten. Er hat es nicht für nötig befunden, sich mit unsern Anwälten über die künftige Taktik auszusprechen. Er hat sich still entfernt und unter dem Patronat des Herrn Pironneau, eines erzchauvinistischen französischen Militärschriftstellers, seinen eignen Krieg eröffnet. Damit hatte Kreiser uns alle lahmgelegt. Ein paar Tage nach dem Prozeß konnten wir uns noch nicht über die künftige Strategie klar sein. Wir mußten Pressestimmen, Auslandswirkung abwarten. Nur über eines bestand bei uns nicht der mindeste Zweifel: wir wollten diese Sache nicht auf uns sitzen lassen, wir wollten unsre juristische Rehabilitation betreiben. Unser fernes, zunächst nur vage durch Zukunftsnebel schimmerndes Ziel hieß: Wiederaufnahme! Das war in dem Augenblick in Frage gestellt, wo einer der beiden Verurteilten abhanden gekommen war. Der Fall hieß zunächst Kreiser-Ossietzky. Heute heißt er überhaupt nicht mehr. Es gab eine gemeinsame Sache, das Recht auf Kritik an der Verwendung öffentlicher Mittel zu verteidigen, auch wenn dadurch unberechtigte Sonderinteressen des militärischen Ressorts verletzt werden sollten. Kreisers Artikel »Windiges aus der deutschen Luftfahrt« hatte für alle vernünftigen Menschen nur einen Sinn: er mahnte zur Budgetgerechtigkeit, zur sparsamen Verwendung von Steuergeldern. Dem Reichsgericht war es vorbehalten geblieben, durch seine Auslegung das normalste staatsbürgerliche Recht zum Verbrechen umzubiegen. Hier war der Hebel anzusetzen. Eine gemeinsame Sache Kreiser-Ossietzky gibt es nicht mehr. Nach Kreisers privater Kriegserklärung an den deutschen Militarismus mußte ich den Mund halten, denn was eben noch anständige grade Linie hatte, warf plötzlich einen fatalen krummen Schatten. Die »Weltbühne« war durch Kreisers Artikel zwar gefährlich, aber höchst ehrenvoll engagiert. Diese Position galt es zu festigen, statt dessen hat Kreiser sie zerstört. Von nun an hatte ich nicht mehr eine Sache, sondern nur noch meine persönliche Integrität zu verteidigen. Von nun an lebte ich buchstäblich von dem Vertrauen der Leute, keiner Schweinerei fähig zu sein. Dieser Kredit ist mir – im ganzen genommen – gewährt worden. Aber eine politische Kampfbasis ist das grade nicht. Während Kreiser in Paris auf Teufel komm raus publiziert, sitze ich hier in Deutschland gleichsam als Geisel für sein weiteres Verhalten. Ich gestehe Kreiser gern zu, daß er mit seinen Aufsätzen im »Echo de Paris« nur der Wahrheit zu dienen glaubt und sich als Instrument einer höhern sittlichen Ordnung betrachtet. Mit der Fühllosigkeit des echten Moralisten, dem es nur darauf ankommt, der Gerechtigkeit zu dienen, hat er jedoch nicht einen Augenblick darauf Rücksicht genommen, daß dadurch andre zu Schaden, mindestens in höchst dubiose Beleuchtung kommen könnten. Ich mache ihm keinen Vorwurf daraus, wahrscheinlich ist ihm die bloße Vorstellung davon gänzlich ferngeblieben. Das »Echo de Paris« ist ein hochkapitalistisches, der Rüstungsindustrie nahestehendes Organ. Sein leitender Mann, Herr Henri de Kerillis, war in dem eben beendeten Wahlkampfe der Manager der französischen Rechten. In seiner gesamten innen- und außenpolitischen Haltung entspricht es aufs Haar der »Berliner Börsen-Zeitung«, die denn auch mit fahrplanmäßiger Pünktlichkeit über Kreisers Aufsätze hergefallen ist. Zwar wagt sie nicht offen, mich der Mitschuld zu verdächtigen, aber sie konstatiert doch die »gleiche Gesinnung« und dehnt das gleich auf den gesamten deutschen Pazifismus aus, um mit einem kraftvollen Appell an Groener zu schließen, jetzt die ganze Gesellschaft endlich hopp zu nehmen. Sollte dies Berliner Echo nicht Kreiser über das belehren, was er angerichtet hat? Erschütternd wirkt die Art, wie er sich mit dem Charakter des Organs auseinandersetzt, das ihm als Tribüne dient: »Mais si dans la presse française j'ai choisi ›L'Echo de Paris‹, c'est que ce Journal m'est apparu comme un des plus francs, et qu'il a toujours voulu que l'on définisse exactement les buts de la politique internationale, avant de fixer les bases d'une entente. La position de ›L'Echo de Paris‹ en matière de politique m'est indifférente.« Trotzdem läßt dieses »freimütige« Organ seinen neuen Mitarbeiter nicht ohne eine höchst blamable Quarantäne passieren. Kreisers erster Aufsatz erscheint mit einer redaktionellen Präambel aus der Feder des Herrn Pironneau. Zunächst einmal entschuldigt die Redaktion sich, daß einem Deutschen das Wort gewährt werde. »M. Walter Kreiser nous a demandé de faire paraître l'article qu'on trouvera ci-dessous. Bien que, jusqu'à present, nous ayons, pour des raisons sur lesquelles il est inutile d'insister, refusé l'hospitalité de nos colonnes à diverses personnalites allemandes – journalistes ou hommes politiques –, qui l'avaient sollicitée, nous avons cru devoir, à titre exceptionnel, satisfaire au désir de M. Kreiser.« Und dann darf der also bevorzugte Gast am Katzentisch Platz nehmen und das Wort an die Leser des »Echo de Paris« richten, die hoffentlich ihr Blatt nicht abbestellen werden, weil ein Deutscher darin geschrieben hat. Kreiser wollte den deutschen Militarismus entlarven. Gut. Aber was er verkennt, das ist, daß es heute nichts mehr zu entlarven gibt. Die Welt hat sich still damit abgefunden, Deutschland als einen Sonderfall zu betrachten und über gelegentlich wieder aufs Tapet gebrachte militärpolitische Eskapaden ruhig zur Tagesordnung überzugehen. Es ist nicht mehr so wie in den Tagen Poincarés, wo jedes bei Stargard oder Bentschen aus einem Dunghaufen gebuddelte Maschinengewehr die Gemütssicherheit der ehemaligen Mitglieder der heute aufgelösten Firma Feindbund \& Co. erschütterte. Ob das offizielle Deutschland sich in militärischer Hinsicht an den Friedensvertrag hält oder nicht, interessiert im Grunde niemanden mehr. Die größere Anteilnahme der Welt gehört heute dem inoffiziellen Deutschland, dem Faschismus, der schon morgen die einzige Macht im Reich sein kann. Aber republikanisches oder faschistisches Deutschland, im Hintergrunde wartet etwas, das größer und beunruhigender ist als beide, das die Nerven der kapitalistischen Staaten in viele, ärgere Schwankungen versetzt, und das ist Sowjetrußland. Daneben rückt Deutschland, werde es von Brüning oder Hitler beherrscht, auf den dritten Platz. Kreiser beachtet nicht, daß die deutschen Militärfragen viel von ihrer einstigen Sensation verloren haben. Ich möchte ihm diesen Irrtum nicht ankreiden, er teilt ihn mit seinem württembergischen Landsmann Groener. Aber was ihm jeder deutsche Friedensfreund ankreiden muß, das ist die Wahl seiner Tribüne. Das »Echo de Paris« ist keine Lehrkanzel für Ideen über die Schädlichkeit des deutschen Militarismus. Kreiser glaubte gewiß von einem wichtigen internationalen Platz zur ganzen Welt zu sprechen, von einem durch seine Person gleichsam neutralisierten Forum. In Wahrheit hat er nur von Le Creusot aus gesprochen und damit entwertet, was an seinen Absichten noch diskutabel war. Er hat geglaubt, der Befreiung Deutschlands vom Geiste des Militarismus zu dienen, und in Wirklichkeit ist seine Hand geführt worden von journalistischen Werkzeugen französischer Kanonenfabrikanten, deren unsichtbarer und unfreiwilliger Auftraggeber doch der deutsche Nationalismus ist Es ist kein Zufall, daß unter den deutschen Blättern die »Berliner Börsen-Zeitung« am leidenschaftlichsten reagiert hat. Das entspricht den Bewegungsgesetzen der Blutigen Internationale. Was aber mag die französische Linke über einen deutschen Gesinnungsfreund denken, der sich mitten im Wahlkampf dem Blatt zur Verfügung stellt, das am wüstesten für die innenpolitische Reaktion und gegen die Verständigung mit Deutschland kämpfte, die doch das Programm aller linken Gruppen ist? Die »Frankfurter Zeitung« hat kürzlich die Bemerkung gemacht, ich müßte nun dafür büßen, weil ich mich in dem Charakter Kreisers getäuscht hätte. Ich halte es nicht für die Aufgabe des Redakteurs, Charakterologie zu treiben, und übrigens hat mir Kreiser niemals Anlaß zum Mißtrauen gegeben. Er gehörte, wenn er auch in der »Weltbühne« selten genug aufgetreten ist, zu dem alten Mitarbeiterstamm aus der Zeit von S. J. Der Redakteur muß von dem Schriftsteller stichfestes Material für die in seinen Aufsätzen aufgestellten Behauptungen fordern. Weitere Ansprüche hat er nicht zu stellen. Der Redakteur ist ein vielbeschäftigter Mensch, der sich nicht noch nebenbei mit Tiefenpsychologie befassen kann. Und die Voraussetzung der substantiellen Echtheit hat Kreisers Arbeit aufs glanzvollste erfüllt. Weil der Artikel stimmte, deshalb sind wir ja so hart verurteilt worden. Hätte er sich als unwahr herausgestellt – das ist eben die Absurdität der reichsgerichtlichen Judikatur in Landesverratsprozessen –, so wären wir viel billiger davongekommen. Gesetzt aber, die Behauptungen des inkriminierten Artikels hätten nicht gestimmt und der hohe Senat hätte uns nur wegen Verbreitung falscher Nachrichten einen kleinen Rippenstoß versetzt – wäre Kreiser dann ein besserer Charakter gewesen? Nein, ich lehne die als mildernden Umstand gedachte Konstruktion ab, ich wäre einem schlechten Menschen aufgesessen. Ich wiederhole auch heute noch, was ich unmittelbar nach dem Prozeß schrieb, daß Kreiser sich während der Verhandlungen ausgezeichnet gehalten hat. Das werden auch unsre Anwälte gern bestätigen. Ich denke nicht, ihn in dem, was zu dem Prozeß geführt und sich während seiner Dauer abgespielt hat, preiszugeben. Was nachher geschehen ist – damit beginnt eine neue Geschichte, wie der Dichter sagt. Kreiser hat mich später gewiß aufs schlimmste enttäuscht. Er hat seine Sache von der gemeinsamen getrennt und sich zu Handlungen hinreißen lassen, die nur noch als verrückt zu bezeichnen sind. Aber es gibt für all das nur einen Schuldigen: das ist der Urteilstenor vom 24. November. Es gibt in dieser ganzen Affäre keinen Landesverrat, keine enthüllten militärischen Geheimnisse. Es gibt nur diesen Urteilstenor.   Überzeugung – oder was sonst? Der Rentenempfänger Otto Liesch hat Deutschland an Polen verraten. Man hat ihm zwei Jährchen aufgebrummt für seine abscheulichen Taten! Ich hab es gehört! Und ganz genau! Er hat dem Polen verraten: Die Zukunft von Deutschland sei nebelgrau und es gebe 'ne Masse Soldaten! Pscht! Walter Mehring Als ich kurz nach meiner Verurteilung in der »Weltbühne« und an andrer Stelle das Wort nahm, konnte ich guten Glaubens schreiben, das Gericht hätte den Verurteilten die sogenannte Überzeugungstäterschaft zugebilligt. Wenigstens war in der mündlichen Urteilsverkündung dieser Punkt überhaupt nicht berücksichtigt. Aus dem einen Monat später zugestellten schriftlichen Urteil ergab sich indessen die Aberkennung der Überzeugungstäterschaft. Nur eine kleine Minderheit unter den Menschen wird sich durch eine gerichtliche Verurteilung nicht ungerecht behandelt fühlen. Der Schuldigste noch wird für sich so etwas wie ein anständiges Motiv herausfinden und sich rabulistisch daran klammern. Das ist eine Sache der menschlichen Selbstbehauptung, vitale Abwehr gegen die drosselnde Verzweiflung. Es begibt sich jeden Tag, daß Verurteilte in ohnmächtiger Wut gegen ihre Richter die Faust ballen. »Haschierte Hintern!« brüllt der Kellner bei Ferdinand Brückner einem hohen Senat ins Gesicht, und ein hoher Senat hört kaum hin, denn er kennt aus langjähriger Erfahrung derlei Reaktion. Aber als ich zum erstenmal jenes voluminöse Schriftstück las, in dem mir für eine politische Handlung die Überzeugung abgestritten wurde, da ersuchte ich zunächst meinen Anwalt, gegen die endesunterfertigten Herren eine Beleidigungsklage anzustrengen. Ich fürchte den Vorwurf nicht, aus der Sache zuviel Wesens zu machen. »Was erwarten Sie andres von einem Klassengericht?« fragt der Marxist. Nein, ich erwarte gar nichts. Der Vierte Strafsenat hat immer wieder bewiesen, daß er nicht daran denkt, Linksoppositionelle objektiv zu würdigen, und darin unterscheidet er sich nicht von den politischen Gerichten in aller Welt. Politische Justiz hat überall den Zweck, mißliebige Köpfe entweder rollen zu lassen oder bestimmte Zeit auszuschalten. Das schließt nicht ein Zeichen der Achtung für den Mann auf der Anklagebank aus. Nun haben einige der Nachkriegsdiktaturen herausgefunden, daß es doch bedenklich sei, jemanden gleichsam mit Ehrenbezeugungen auf den Sandhaufen zu führen. Deshalb koppelt man den politischen Angeklagten mit gewöhnlichen Kriminalverbrechern zusammen. Oder gefällige Hände stellen eine zweifelhafte Situation, und die Polizei setzt den Schlußpunkt. Politisches Martyrium wirkt ansteckend; Diebstahl, Betrug oder gar Sexualvergehen diskreditieren Mann und Programm. Indem das Reichsgericht in unbestreitbaren politischen Fällen die Überzeugung abspricht, wie das neuerdings Übung zu werden scheint, unternimmt es einen ersten verheißungsvollen Schritt nach dieser Richtung. Wann wird man Mißliebige mit Bigamisten oder Defraudanten zusammenketten? Das Reichsgericht hat mir die Überzeugung abgesprochen. Wenn ich aber nicht aus Überzeugung handelte – aus welchem Grunde sonst? Geld –? Das hat das Urteil nicht ausgesprochen. Es hat sich auf die allgemeine Diffamierung beschränkt, ohne sich über die Gründe näher zu äußern. Gäbe es eine Revisionsinstanz, so könnte auf Klarstellung gedrungen werden. Sagte mir ein politischer Gegner das, so würde ich Deutlichkeit verlangen und, wenn er sich drückte, ihn verklagen. In keiner Phase des Prozesses ist von einem derartigen Motiv die Rede gewesen. Ebensowenig in der Urteilsverkündung vom 23. November. Erst vier Wochen später in dem definitiven Urteil ist eine dunkle ehrabschneiderische Andeutung enthalten, ohne daß das Gericht sich bemühte, auch nur ein einziges argumentierendes Wort dafür anzuführen. Juristen mögen beantworten, ob es statthaft ist oder auch nur Brauch, in das schriftliche Urteil eine Bewertung der Angeklagten und ihrer Handlungen hineinzubringen, die bis zum Verhandlungsschluß überhaupt keine Rolle spielte oder in der mündlichen Verkündung noch nicht existierte. Hat das Gericht post festum eine Erleuchtung, was schließlich denkbar ist – darf es die als neues und umwertendes Moment in seinem Urteil verwenden, ohne einen völlig neuen Fall zu schaffen? Ich wage als juristischer Laie keine Meinung darüber zu haben. Aber als Kenner der Presse muß ich sagen, daß das höchste Gericht, Obergericht auch für Pressedelikte, indem es eine düstere infamierende Kennzeichnung auf den Weg gibt, ohne die Beschwerlichkeiten einer Motivierung auch nur zu versuchen, sich damit einer Methode bedient, die, aufs Journalistische übertragen, einer höchst bedenklichen Übung den Weg weisen würde. Immer wieder bin ich durch den Zwang gehandicapt, über die Prozeßmaterie selbst zu schweigen. Ich kann also nur auf Äußerlichkeiten Bezug nehmen, die allerdings sehr geeignet sind, ein Bild zu geben, wie es zu dieser Justifikation kam. Jeder Kenner der Justiz weiß, daß Gerichte, die nicht völlig im Mittelalter steckengeblieben sind, heute die besondere Art eines Angeklagten, sein Milieu, seine Tätigkeit, die Quellen seiner Willens- und Meinungsbildung mehr als früher berücksichtigen. Obgleich Herr Reichsgerichtsrat Baumgarten, der Vorsitzende des Vierten Strafsenats, die Verhandlungen in ungewöhnlich urbanen Formen führte, hatte er doch eine in langer Übung ausgebildete Methode, über das hinwegzuhören, was die Angeklagten sagten und was sie über sich selbst auszusagen genötigt waren. Herr Baumgarten ging daran mit einer für die Angeklagten höchst unerfreulichen Technik vorbei. Dieser sehr höfliche Herr erweckte von der ersten Minute an den Eindruck, nicht nur seine Linie, sondern auch schon seine abgeschlossene Meinung zu haben. Wenn ich über mich selbst erzählen soll, so kann ich anführen, daß ich seit zwölf Jahren in der Redaktion großer Blätter gearbeitet und als Tagesschriftsteller eine vielfältige Tätigkeit ausgeübt habe, daß ich in jeder Phase bemüht gewesen bin, mir eigne Augen und eigne Haltung zu wahren. Darüber setzten sich Herr Baumgarten und sein Richterkollegium mit einer staunenswerten Virtuosität hinweg. So habe ich diese Gesichter in Erinnerung: wenn die Angeklagten sprechen, werden sie kühl, abwehrend, ungläubig und verharren endlich in einer Mischung von Skepsis und Gelangweiltheit, ein Ausdruck, der sich erst löst, wenn der militärische Sachverständige das Wort nimmt. Dann kommt eine neue freundliche Spannung in die Mienen. Was wir, die Angeklagten, ausführten, war dem Richtertisch völlig belanglos. Es ist charakteristisch, daß nicht eine Frage fiel nach dem Wesen der »Weltbühne«, nach ihrer besondern Art und ihren Lebensbedingungen. Es wurde alles unversucht gelassen, was das Gericht irgendwie hätte zur Objektivität verführen können. So wurde aber auch der Eindruck vermieden, es handle sich um eine Generalabrechnung mit einem mißliebigen Blatte. Das ist die taktische Leistung dieses Prozesses. Sie ist größer als die juristische. Nur ein Moment fesselte aufs lebhafteste: daß ich unmittelbar nach dem Kriege etwa ein Jahr lang Sekretär einer pazifistischen Gesellschaft gewesen bin. Daraus wurde eine dauernde »antimilitaristische Einstellung« gefolgert. Ich hätte zur Vervollständigung meiner Biographie hinzufügen können, daß der organisierte Pazifismus in meiner innern und äußern Existenz nicht mehr als eine knappe Episode bedeutete. Daß ich mit den meisten von seinen Führern seitdem verzankt bin, daß ich ihre Politik für verkehrt und selbstzerstörerisch halte. Ich verzichtete darauf, denn es wäre mir ekelhaft erschienen, mir eine Folie zu geben auf Kosten von Menschen, die der gleichen Verfolgung preisgegeben sind wie ich. Ich hätte hinzufügen können, daß ich seit meiner Trennung von den organisierten Pazifisten mich ganz dem großen Umschmelzungsprozeß der Zeit anvertraut und mir eine besonders profilierte Stellung errungen habe. Daß mein Verstand sich noch immer zu der heute so verschmähten Demokratie bekennt, während mein Herz unwiderstehlich dem Zuge der proletarischen Massen folgt, nicht dem in Doktrinen eingekapselten Endziel, sondern dem lebendigen Fleisch und Blut der Arbeiterbewegung, ihren Menschen, ihren nach Gerechtigkeit brennenden Seelen. Das hätte ich sagen können – aber wozu? Ein Blick auf diese Gesichter bannte die Zunge. Abgestempelt war ich ja doch. Was hätte es für Sinn gehabt, einer einseitigen und lächerlich simplifizierenden Charakterisierung entgegenzuhalten, daß ich in den ersten im Zeichen der monarchistischen Konterrevolution stehenden Nachkriegsjahren mich an den Versuchen beteiligt habe, eine republikanische Bewegung auf die Beine zu stellen? Daß ich seit 1920 in der Redaktion der »Berliner Volks-Zeitung« an der Schaffung der ersten republikanischen Abwehrorganisationen mitgewirkt habe, die dann später von der Entwicklung verschlungen wurden oder im Reichsbanner aufgegangen sind. Tempi passati. Warum in der Erinnerung wühlen? Und es wäre ja doch verschwendet gewesen. Ich ließ es bleiben. Und die innere Kontrolle warnte mich auch, davon Gebrauch zu machen. Ich hatte das dumpfe Bewußtsein, vor diesem Gremium höchster republikanischer Richter würde mir das nicht mehr nützen als vor dem Sanhedrin des Dritten Reiches mit Goebbels als Oberpriester. Ich hätte auch schärfer herausarbeiten können, daß zu der Zeit, als der inkriminierte Artikel erschien, im März 1929, das Auswärtige Amt unter Stresemanns Leitung noch nicht naziverseucht war, daß sein damaliger Kurs sich noch von Generalsumtrieben und Eigenmächtigkeiten des militärischen Ressorts gestört fühlte, daß an diese Stelle vornehmlich das in Kreisers Schlußsätzen enthaltene und für das Publikum unverständliche Warnungssignal gerichtet war. Wozu –? Die skeptisch machende Erfahrung sagte, daß unter den Herren Reichsrichtern gewiß der eine oder andre auch den Locarno-Pakt für ein landesverräterisches Unternehmen hält, daß Stresemann, wenn er noch lebte, heute vielleicht selbst als Angeklagter vor dem Staatsgerichtshof stünde. Ist der Kellogg-Pakt nicht Wehrverrat? Haben nicht richterliche Beamte in Zeitungen und öffentlichen Reden die deutschen Unterzeichner des Young-Plans für zuchthauswürdig erklärt? Für das Reichsgericht genügt schon die Kenntnis »antimilitaristischer Einstellung«. Das ist Landesverrat. Ein solches Subjekt muß auch bestechlich sein. Und wenn zufällig nicht – nun, Friedensfreund sein ist an sich schon Kriminalverbrechen, nicht Überzeugung. So wie Kommunist sein gleichbedeutend ist mit Hochverräter, Verschwörer, Bombenwerfer. Das sind die beiden Schemen des Reichsgerichts. Als ich im August 1929 von dem Untersuchungsrichter Braune vernommen wurde, fragte er mich zu meinen Personalien, ob ich gedient hätte und im Kriege gewesen wäre. Ich lehnte die Frage ab. Es ginge das Reichsgericht der Republik ohne Wehrpflicht nichts an, in welchem Militärverhältnis einer in der Kaiserzeit gestanden hätte. Herr Braune sah mich zuerst fassungslos an, dann antwortete er mit der Stimme eines verbissenen Schulmeisters: »Sie wollen das nicht sagen? Das Reichsgericht wird's schon herausbekommen!« Das ist nur eine kleine Episode, die aber den ganzen Kern der Affäre bloßlegt. Wie der Beschuldigte zum Militär steht, das ist das einzige, was das Reichsgericht wirklich interessiert. Im Grunde sind diese Herren Reichsrichter unsicher gewordene Menschen, die ihr Schicksal in eine Zeit gestellt hat, wo alles aus den Fugen geht. Besitz, Familie, Namen, alles ist fragwürdig geworden. Was diese Herren Reichsrichter leisten, wenn sie unpolitische Rechtsfälle vor sich haben, kann ich nicht beurteilen. Aber in politischen Fällen sind sie, bei aller richterlichen Tenue, die sie der roten Samtrobe schuldig sind, treue Abonnenten der »Leipziger Neuesten Nachrichten«, Träger eines verkniffenen Provinzpatriotismus, der mit dieser Welt, wo Konzerne verkrachen und die Jugend nackt baden geht, nicht mehr fertig wird. Der Globus tanzt nach einem Jazzorchester, alte Familiengrundstücke sinken auf Pfennigwert. Ein Landgerichtsrat erschießt seine ganze Familie. Die Frau will ein neues Abendkleid und quält den Gatten mit bürgerlichen Vorkriegsansprüchen. Die Tochter hat ein Verhältnis mit einem Monteur. Eine Autorität muß es doch geben! Diese Autorität ist wirklich da. In dem Weltbild der Richter gibt es doch einen starken, ruhenden Punkt. Auf diesem Filmband, wo alles durcheinandergeht, ist ein großer gespornter Offiziersstiefel überkopiert. Das ist die letzte Autorität, an die sie glauben. Das ist die Überzeugung, die ich ihnen nicht abzusprechen vermag.   Generalswirtschaft Keine der großen bewegenden Fragen der Zeit stand in unserm Prozeß zur Debatte, nichts von den ungeheuren Gegensätzen zwischen kapitalistischem und sozialistischem Denken, die heute die ganze Welt in zwei Lager teilen. Dieser Prozeß fuhr auf einem besondern deutschen Nebengleis, und deshalb wurde er auch im Auslande so wenig verstanden. Unsre Sünde ist, daß wir einen deutschen Lieblingsgedanken nicht teilen: wir glauben nicht an den Primat des Militärischen in der Politik. Das warf den breiten Graben auf zwischen uns und unsern Richtern. Überall wird heute mehr gerüstet als vor 1914. Überall tönen mehr Clairons, klirren mehr Tschinellen als vor dem Weltkriege. Die Technik hat die Stahlfabriken in die zweite Reihe, die Chemie in die erste geschoben und die gesamte Industrie in ein einziges Arsenal verwandelt. Aber nirgendwo glaubt man so inbrünstig wie in Deutschland an den Krieg als vornehmstes politisches Mittel, nirgendwo ist man eher geneigt, über seine Schrecken hinwegzusehen und seine Folgen zu mißachten, nirgendwo feiert man kritikloser das Soldatentum als die gelungene Höchstzüchtung menschlicher Tugenden, und nirgendwo setzt man Friedensliebe so gedankenlos persönlicher Feigheit gleich. Auch Frankreich, das sich mit einem Betonwall gürtet und oft genug bereit ist, europäische Vernunft einem zweifelhaften Sicherheitsbegriff zu opfern, kennt nicht diese populäre Vergötzung der Soldatenjacke, wie sie bei uns gang und gäbe ist. Selbst im faschistischen Italien ist die Trägerin eines Programm-Nationalismus nicht die Armee, sondern die faschistische Miliz, und Mussolini und sein Grandi verstehen sich als Außenpolitiker heute besser auf die europäische Flöte als auf die Tuba des römischen Imperialismus. So hat sich Deutschland durch seine Überbewertung des Militärischen geistig zunehmend isoliert. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß der deutsche Kult des Soldatentums in eine Epoche fällt, in der Soldatentum im herkömmlichen Sinne immer mehr zum Anachronismus wird. Jedesmal, wenn die Romantik sich einer Sache bemächtigt und Gloriolen um sie webt, dann ist deren Zeit schon vorüber, und die Sehnsucht nur macht aus der Erinnerung einen wünschenswerten Zukunftstraum. Deutschland, unter den großen Staaten der einzige mit so engen Rüstungsschranken, träumt die wilde romantische Kimbernschlacht, wo Mann gegen Mann steht und das Herz entscheidet und nicht die technische Überlegenheit. So träumt Deutschland mitten in einer Entwicklung, wo die Dreadnoughts altes Eisen, gut genug zur Verschrottung, werden und die Fachmänner den raffiniertesten französischen Fortifikationen nicht viel mehr Verteidigungswert zumessen als den Palisaden nackter Wilder. Die Republik hat es nicht verstanden, den spontanen Antimilitarismus, den unsre Heere aus dem Kriege mitbrachten, im eignen Interesse zu fundieren. Sie hat ihn, im Gegenteil, unterdrückt, wie sie nur konnte, und den chauvinistischen Gegenströmungen eine Konzession nach der andern gemacht, ohne daß es ihr gelungen wäre, sie mit ihrer Existenz zu versöhnen. Aus alledem aber wuchs als gefährlichste Frucht: die Suprematie der Militärs in der Politik. Alle Schwierigkeiten selbst dieser krisenhaften Zeitläufte wären nicht so arg, wenn nicht fortwährend die Herren Generale dazwischenregierten. Aus welchem Grunde grade in Deutschland die Militärs ihre Machtansprüche erheben, ist schwer erfindlich. Man kann den Herren eine Unmenge Fähigkeiten und Verdienste zusprechen, die innerhalb ihres gelernten Berufes liegen, aber eines ist ihnen immerhin nicht gelungen: sie haben nämlich den Krieg nicht gewonnen! Es mutet etwas absurd an, daß ein Stand, der die Angelegenheiten der Nation mit so eklatantem Mißerfolge verwaltet hat, der die Millionenheere dezimiert und geschlagen ans Vaterland zurückgeliefert hat, seine Prätentionen auf bürgerliche Gebiete richtet, von denen er nicht das mindeste versteht. Was würde Herr von Schleicher wohl sagen, wenn ein ehrgeiziger Zivilist sein Bemühen daraufrichtete, das Kommando über eine Division zu erlangen oder sich gar das erste Wort im Reichswehrministerium zu sichern? Niemals ist in der deutschen Republik die Generalswirtschaft resolut bekämpft worden. Kein ernsthaftes Bürgerbewußtsein zog jemals die Grenzlinien der Befugnisse. Der Kampf, der in der dritten französischen Republik mit den Diktaturplänen Mac-Mahons begann und mit der zähneknirschenden Unterwerfung des Marschalls Foch unter den gewaltigen Jakobinerwillen des greisen Clemenceau endete, ist in Deutschland noch gar nicht geträumt worden. Zwar war alle paar Jahre ein unglückliches Intermezzo fällig, aber es schloß immer nur mit einem Personen-, nicht mit einem Systemwechsel. Weder der Kapp-Putsch noch das Debakel der Schwarzen Reichswehr, noch die Verabschiedung Seeckts führte zu einer Revision, die die Autorität des bürgerlichen Staates im militärischen Ressort gesichert hätte. Statt dessen folgten militärische Extratouren ins bürgerlich-geschäftliche Gebiet wie die Lohmann-Spekulationen mit ihren phantastischen Millionenverlusten, es folgte das auch heute noch nicht wirklich aufgehellte Kapitel Canaris, dessen Schatten die »Weltbühne« in frühern Jahren wiederholt aufzufangen versucht hat. Und heute sind wir glücklich so weit, daß der General, der vom Reichswehrministerium aus über die gesamte Exekutive verfügt, sich seiner Haut wehren muß gegen Untergebene, die schon drängen, ihm die Vollmachten aus der Hand zu reißen, die ihm eine bürgerliche Regierung anvertraut hat, um sie fürderhin nicht mehr auf schwächliche konstitutionelle Rechtstitel, sondern auf ein Bündnis mit dem offenen Faschismus gestützt auszuüben. Im Laufe dieser letzten Jahre haben die bürgerlichen Gewalten in zunehmendem Maße mit den Militärs teilen müssen, und sie sind dabei zusehends geschrumpft. Das ist auch in andern Ländern schon vorgekommen, aber einzigartig ist die Lethargie, mit der die deutschen Linksparteien das hinnehmen. Wenn sich morgen eine Offiziersjunta alleindiktierend aufmachte, so würden gewiß viele brave Liberale und Sozialisten den Nachweis beginnen, aus welchem Grunde dies das kleinere Übel ist. Die gelernten Marxisten zucken die Achseln: Das ist halt der Klassenstaat! Und die parteiamtlich vereidigten Stalinisten fügen noch hinzu, daß auch das revolutionäre Proletariat die Idee der Nation und der Wehrhaftigkeit nicht negiere, daß zum Beispiel in China... Guten Abend. Der Mann aus der Staatspartei hebt die Hände: Sehr bedauerlich! Aber was soll man denn machen –? Als vor ein paar Monaten Herr General von Schleicher die inzwischen umgekippte Frühstückstafel mit Adolf Hitler eröffnete, pries mir einer unsrer klarsten und klügsten bürgerlichen Demokraten in einem Gespräch die Weisheit Schleichers, der alles nur zum Besten der Republik tue. Im Grunde genommen also überall das gleiche: Kapitulation vor den Militärs, die sich unter diesen Umständen natürlich wie höhere Wesen vorkommen müssen. Die einen resignieren wortlos, die andern ziehen mit klingendem Spiel ab. Aber sie ziehen ab. Einmal wird der Kampf gegen die Superiorität der Militärs in der Republik wieder einsetzen. Wann –? Heute ist dazu noch nicht einmal der Boden vorbereitet. Aber im Gegensatz zu den Kommunisten glaube ich nicht, daß da erst die proletarische Revolution Remedur schaffen kann, daß erst der Sozialismus die richtige Einordnung der Armee vollführen wird. Wir haben nicht so lange Zeit zu warten. Allmachtsgefühle politisierender Offiziere zu dämpfen, das ist die aktuelle Aufgabe des Staates, wie er ist, und nicht die des Staates, wie er sein soll und hoffentlich einmal sein wird. Es dreht sich heute nicht mehr um die verjährte Frage, ob die Reichswehr »zuverlässig ist«. Das ist sie insofern, als sie ihren Führern, wie es auch kommen möge, unbedingt gehorchen wird. Es handelt sich um diese Führer selbst, um ihre Ansprüche auf Einfluß jenseits ihres durch die Verfassung abgesteckten Bereiches. In den letzten Monaten hat die »Weltbühne« nicht aufgehört, vor den katastrophalen Möglichkeiten militärischer Präponderanz zu warnen, die sich aus der Ernennung Groeners zum Reichsinnenminister ergeben konnten. Wir haben Woche für Woche auf die erhöhten Spannungen verwiesen, die eine natürliche Folge dieser Personalunion waren. Und jetzt ist der Eklat da. Heute wissen wir, daß die kraftvolle Soldatengeste, die das bürgerliche Recht auf Kritik wie die Insubordination eines Rekruten mit Arrest bei Wasser und Brot bedrohte, nur ein ausgedehntes Intrigenspiel verdeckte, das wohl komisch zu nennen wäre, wenn es nicht Hitler nahe an das Ziel seiner machtgierigen Wünsche gebracht hätte. Jetzt sind sie mit einmal alle verzankt, unsre Herren Diktatoren. Die Dioskuren Schleicher-Hammerstein kreisen getrennt. Groener wäre beinahe von seinem Vertrauensmann durch eine Falltür geworfen worden. Die Besuche des Hauptmanns Röhm im Reichswehrministerium waren nicht so harmlos, wie offiziell dargestellt, die Frühstücksgenüsse der Republik nicht so bekömmlich, wie die Demokraten glaubten. Und auch Meißner hat mitgemacht, der vortreffliche Staatssekretarius, der dem ersten Reichspräsidenten noch bescheiden in die Gummischuhe geholfen hat und unter dem zweiten jetzt selbst in die hohe Politik steigen möchte. Diese ganze fröhliche Wissenschaft verdanken wir nicht irgendeinem ehr- und wehrvergessenen Pazifisten, den man sofort wegen Staatsgefährdung einbuchten kann, sondern einer ganz offiziösen bayrischen Stelle, die sich nicht scheut, von »bolivianischen Methoden« zu reden und einen General, der eben noch als Säule des Regimes Brüning galt, einen »Primo de Rivera« zu heißen und des geplanten Kanzlersturzes zu verdächtigen. Die große Explosion ist da, ihr Umfang und ihre Konsequenzen sind kaum abzusehen, nur ihr Geruch ist unverkennbar. Jetzt haben die Herren Generale ein paar Monate regiert, und das Resultat ist ein kaum lösbarer Wirrwarr, wenn nicht Ärgeres. Der Faschismus ist dabei groß und fett geworden, und der Verkehr mit zwei von Militärs repräsentierten Ministerien hat ihm das Air einer Nebenregierung gegeben. Wenn es zuerst hieß, die Generale bemühten sich, Hitler die Elemente der Legalität beizubringen, so hat er diesen Kursus nicht umsonst durchschmarutzt, sondern genug gelernt, um die beflissenen Pädagogen auf durchaus legale Weise auf den Komposthaufen zu werfen. Es liegt mir fern, Persönlichkeiten, deren martialischer Charakter über allen Zweifel erhaben ist, mit einem unfreundlichen Vergleich kränken zu wollen. Aber im Effekt unterscheidet sich eine Herrschaft von Generalen kaum von dem, was man von alters Weiberwirtschaft nennt. Wenn die kühlen, disziplinierten Herren mit den silbernen Tressen selbsttätig zu politisieren anfangen, so sieht das nicht viel anders aus, als wenn liebenswürdige Wesen, deren Intelligenz im Uterus sitzt, den Staat nach ihrem Gusto ausstaffieren. Kabale, Alkovengetuschel, Machinationen, Begegnungen, von denen niemand nichts weiß; purzelnde Minister, aufsteigende Nobodies, kränkelnder Staat. Und am Ende ein riesengroßer Skandal. Ein Verbindungsoffizier wird in England Liaison officer genannt. Der Titel sollte auch in der Bendlerstraße eingeführt werden. Nun kann man den Herren Generalen kaum einen Vorwurf daraus machen, daß sie ihre Vormachtstellung befestigen und selbst noch weiter vorstoßen. Denn sie ist ihnen ja eingeräumt worden von einer bürgerlichen Regierung, die sich gewiß sehr schlau vorkam, als sie Groener und Schleicher im Vordergrund placierte. Vielleicht hat man auch gedacht, daß in diesen von Bürgerkriegswahn durchseuchten Zuständen schließlich einer von den Herren Lust haben könnte, den Primo de Rivera zu spielen, und da heißt es vielleicht manche Schererei ersparen, wenn die Regierung ihren Primo selber ernennt. Diese Kalkulation ist mit Getöse zusammengebrochen. Die Ära Groener endet mit einer solennen Generalsrauferei. Der eigentliche Besiegte aber ist der Herr Reichskanzler. Wir wissen, daß Brüning vom ersten Tage seiner Kanzlerschaft an die Konzeption einer autoritären Demokratie im Kopfe trug, bei der ein katholisch-konservativer Block den Ausschlag geben sollte. Kein Kanzler hat bisher dem Liberalismus und der sogenannten formalen Demokratie ablehnender und skeptischer gegenübergestanden. Immer wieder wurde Brüning mit dem Monsignore Ignaz Seipel verglichen, ohne daß sich Besonderes dagegen einwenden ließ. In dieser Konzeption Brünings spielte die Reichswehr wohl die vornehmste Rolle. Ihr fiel dabei die Verkörperung von Staatsmacht zu, sie war die Symbolisierung von Rute und Beil. Ein von christkatholischer Ethik überglänzter straffer Militärstaat, kategorischer preußischer Imperativ mit Weihrauch und Orgelklang, das war Brünings Idee, als er vor zwei Jahren die Erbschaft der Großen Koalition antrat. Selten hat ein Staatsmann, der bei aller komplizierten Gedankenverkräuselung doch kein dilettantischer Doktrinär ist, sondern ein mit Realitäten rechnender Mensch, solche Enttäuschungen erfahren. Seine Versuche, die Hugenbergpartei zu zerschlagen, haben nicht zur Bildung einer neuen parlamentarischen Rechten geführt. Statt einer deutschen Torypartei, die zwar reaktionär ist, aber auf gute Formen hält, ist der Faschismus gekommen, der nicht nur seinen Anteil, sondern das Ganze fordert, und der selbst, wo er als Partner auftritt, in der Tasche den Revolver knacken läßt. Und als Brüning dann in höchster Wassersnot die Reichswehr wie einen Rocher de bronce stabilisierte, da machten deren Führer sich selbständig. Es wurden Fäden gesponnen zum Hauptquartier des Faschismus, unsichtbare Hände woben ein Komplott, um den eben wiedererwählten Reichspräsidenten öffentlich gegen den Kanzler auszuspielen. Und dieser gleiche Kanzler, der sich anschickte, aus dem Zusammenbruch der alten schwarzrotgoldenen Demokratie ein neues konservatives und christliches Deutschland hervorzuzaubern, muß sich nun auf jene Kräfte stützen, die er hatte ausmerzen wollen, und muß es sich nun gefallen lassen, von denen, die er für immer hatte aus der Leitung des Staates drängen wollen, als letzter Hort des Liberalismus, als letzte Säule der Republik gefeiert zu werden. Der einzige Kanzler seit 1918, der mit einer wirklichen Idee in sein Amt gegangen war, mußte erleben, daß er nicht nur kein Bruchteilchen davon verwirklichen konnte, sondern muß sich schließlich mit einem vagen Okkasionismus begnügen, der ihn von Tag zu Tag weiterbalancieren läßt – so lange, bis der wankende Aufbau endlich unter ihm zusammenbricht und das ganze Wundertheater krachend ins Parkett rollt. »O Pitt, je rends hommage à ton génie!« rief Camille Desmoulins dem Londoner Manager der europäischen Konterrevolution zu, der sich bei aller Kunstfertigkeit am Ende doch so schrecklich verrechnet hat. Gute Zeiten für strebsame Offiziere. Die bürgerliche Gewalt ist trotz Artikel 48 und Notverordnung auf ein Laisser-faire eingeschworen und fürchtet nichts mehr als die Folgen einer eignen Kraftanstrengung. Da tritt das Militär breit in die Mitte. Denn da klappt noch alles, da bewegt noch jener Gehorsam, der allen andern Teilnehmern des Staates fehlt, automatisch die Glieder. Disziplin –? Ja, der Muschkote hat sie. Aber auch die Herren Generale? Doch dieses Gebilde sieht noch immer verteufelt kompakt aus. Es strömt eine Wolke nationaler Mystik aus. Das Herz des Patrioten ist leicht zu verführen. Wenn er eine stramm marschierende Truppe bewundert, so vergißt er, daß der Soldat heute am wenigsten ein besonderes Werkzeug Gottes ist, das Vaterland wieder in Ruhm und Glanz zu führen, sondern ein Beamter wie andre auch. Kein auserlesenes Wesen, sondern eine Gehaltsklasse. Wie die Post oder Feuerwehr. Die Generalität hat diesen Nimbus ebenso sicher auszunutzen verstanden wie die Schwäche der bürgerlichen Mächte. Sie verteidigt ihre Forderungen mit der Wucht absolutistischer Herrscher. Kritik wird Anmaßung, ja Verleumdung. Anfechtung ihrer Ansprüche Verbrechen an der Wehrhaftigkeit des Volkes. Ein Versuch, diese Ansprüche aus dem militärischen Geheimkabinett ins Licht des Tages zu ziehen, Verrat militärischer Geheimnisse, Verrat an der ganzen Nation. Vor ein paar Monaten, als ich die Bedingungen dieses seltsamen Zustandes untersuchte, schrieb ich an dieser Stelle (Nr. 7 vom 16. Februar): »Es ist das stille Vorrecht der meisten Kriegsminister, gelegentlich den Mund etwas voll zu nehmen und sich und ihre Leute als den Hort des besten und auserwähltesten Patriotismus zu feiern. Das kommt auch in Ländern mit guter demokratischer Tradition vor. Dort ist der Kampf zwischen Militär- und Zivilgewalt schon historisch geworden und zugunsten des bürgerlichen Elements entschieden. Dort ist der Patriotismus im allgemeinen bereits in eine feste Form gegossen, und selbst seine gelegentlichen Exzesse tun aus diesem Grunde nicht mehr weh. Kein Kriegsminister würde es dort wagen, Leuten, die seine Politik nicht gutheißen, die anständige nationale Gesinnung abzusprechen. Aber Deutschland ist ohne freiheitliche Tradition, ihm fehlt das wirkliche Bürgerbewußtsein, ihm fehlt der Stolz des Zivilisten gegenüber der Uniform. Immer wieder ist den deutschen Untertanen in der Kaiserzeit eingebleut worden, daß es ein Frevel am Volke sei, dem Militarismus irgend etwas zu verweigern. Das ist in der Republik um kein Jota besser geworden, im Gegenteil. Und diese Situationen benutzen nun seit zehn Jahren die Reichswehrchefs, um dem Herrschaftswillen ihres Amts immer neue Gebiete zu unterwerfen und sich in Dinge einzumischen, die sie nicht das mindeste angehen. Wir haben es zum Beispiel erlebt, daß General von Seeckt gern auf eigne Faust Außenpolitik trieb. Damals erhoben Stresemann und zahlreiche bürgerliche Politiker, denen es durchaus nicht an starkem deutsch-patriotischem Gefühl im herkömmlichen Sinne fehlte, Einspruch und wiesen den General in seine Schranken zurück. Heute jedoch kommt das nicht mehr vor, und es ist auch gar nicht mehr nötig, weil sich die Außenpolitik in aller Ruhe dem Reichswehrministerium angepaßt hat... Heute sind wir so weit gekommen, daß der sogenannte Wehrgeist ausschließlich im Mittelpunkt der Politik steht; der Staatsbürger wird nicht mehr danach gefragt, wie er es mit der Republik hält, sondern ob er ›wehrfreudig‹ ist.« Ich habe dem heute nichts mehr hinzuzufügen. Alles das gehört zum Hintergrund unsres Prozesses, den wir juristisch verloren haben, den wir aber einmal vor einer andern Instanz politisch gewinnen werden. Gemessen an den entscheidenden Fragen der heutigen Welt, fuhr unser Prozeß nur auf einem deutschen Nebengleis. Aber er führte in die zentrale Frage der innern deutschen Politik. Kleines Testament Und item Maistre Basanier und Jean Moutaint, den strengen Richtern, wünsch ich ein großes Renommee bei Mördern, Räubern, Diebsgelichtern. Villon In den nächsten Wochen wird der Panter, mein lieber Kollege, wahrscheinlich einige Nettigkeiten über mich schreiben. Glauben Sie ihm nicht. Leider bin ich nicht in der Lage, von meinem neuen Platz eine pressegesetzliche Berichtigung einzusenden. Wahr ist... Es sind in diesen Tagen so ziemlich fünf Jahre vergangen, seit mir die Leitung der »Weltbühne« anvertraut wurde. Da stand das Erbe von S. J. in einer Zeit, die schnell alles von dem verlieren sollte, was die »Weltbühne« hatte wachsen lassen. Niemand weiß besser als ich, wieviel ich dem edlen alten Glanz schuldig bleiben mußte. Die »Weltbühne« war, so wie ich sie von S. J. übernommen habe, ein wunderbar getriebenes Metallgefäß, in dem die schönsten Dinge gesammelt waren, und so funkelte es verführerisch im Abendrot der bürgerlichen Zeit – ein letzter Kämpfer, der in edler Linie focht. Heute ist alles mit Politik und Ökonomie vollgestopft, und aus einem Refugium der Schönheit ist ein Depot aller Sorgen geworden. Aber die »Weltbühne« hat diesen Übergang gut überstanden, und ich verlasse die Redaktion in dem Bewußtsein, »das Blättchen«, wie S. J. so gern sagte, unversehrt durch ein paar Jahre getragen zu haben, die als Kriegsjahre zählen müssen und in denen noch mehr Charaktere als kaufmännische Unternehmungen zusammengebrochen sind. Die politische Leitung wird Hellmut von Gerlach übernehmen, der uns seine reiche Erfahrung zur Verfügung stellt und durch eine ehrenvolle, niemals durch Konzessionen befleckte Vergangenheit die Garantie gibt, daß an der Haltung der »Weltbühne« nichts geändert wird. Vor mehr als dreißig Jahren begründete S. J. an der »Welt am Montag« unter Hellmut von Gerlach seinen Ruf als Theaterkritiker. Vor mehr als zwanzig Jahren bildete ich als blutjunger Mensch meine ersten Arbeiten an seinem Beispiel. Jag durch die Welt vom nördlichen bis zum südlichen Kap –: es spielt sich alles unter zweihundert Menschen ab, so dichtete Theobald Tiger. Jetzt geb ich meinen Degen also in der Garderobe ab. Was ist noch zu sagen? Die schöne Schildpattbrille mit den blauen Gläsern, die mir eine meiner zahlreichen Verehrerinnen für die Flucht gewidmet hat, vermache ich Herrn General von Schleicher. Item den falschen Bart, den mir ein alter Abonnent in Prag gestiftet hat. Er wird das einmal brauchen können. Item soll Herr Reichsanwalt Jörns ein gut erhaltenes Exemplar der Rede von Paul Levi erben, die sich mit seiner Person befaßt. Ich danke allen guten Menschen, die mich für die Zeit meiner Gefangenschaft mit Schokolade versorgen wollen. Da mir nicht viel an Süßigkeiten liegt, bitte ich, sie gütigst an den Vierten Strafsenat richten zu wollen. Während des Prozesses habe ich die Beobachtung gemacht, daß die Herren Reichsrichter jedesmal in der Stunde vor der Tischpause Zeichen von Unruhe und hoher Ermüdung bemerkbar werden ließen. Schon Julius Cäsar sprach das Lob der wohlgenährten Männer. Wäre er nicht Diktator gewesen, sondern Angeklagter, so würde er gewiß gesagt haben: Hungrige Richter sind gefährlich... Item sind mir zugedachte ausländische Zeitungen an Herrn Joel zu senden, der gern hervorhebt, ein sachlicher, unpolitischer Beamter zu sein und nicht viel auf Pressestimmen, und namentlich ausländische, zu geben. Die deutsche Justiz könnte davon profitieren. Alle Autoren, die ich zu lange auf den Abdruck ihrer Manuskripte warten ließ, bitte ich hiermit inständigst um Vergebung. Item alle, zu denen ich am Telefon sagte: Nächste Woche... Item bitte ich Herrn Walter Mehring, mir zu verzeihen, daß ich sein Buch noch nicht besprochen habe. Er soll bald über Paris schreiben. Item bitte ich das deutsche Volk, einig in allen seinen Stämmen, sich nicht gegenseitig ausrotten zu wollen, damit es der »Weltbühne« nicht an Stoff fehlt. Ich glaube, es wird in den nächsten achtzehn Monaten nicht langweilig sein in Deutschland. Es haben mir in diesen Monaten viele Kollegen, mit denen ich früher die Klinge kreuzen mußte, Sympathie gezeigt und Freundlichkeiten erwiesen. Es sind viele Damen und Herren tatkräftig für mich eingetreten, die sich oft über die »Weltbühne« geärgert haben. Ich danke ihnen allen, daß ihr Solidaritätsgefühl sich stärker erwies als ihr Gedächtnis. Von allen aber, die meine Arbeit in dem roten Heft freundlich oder feindlich verfolgt haben, verabschiede ich mich wie der brave Soldat Schwejk von dem alten Sappeur Woditschka: »Also nachm Krieg, um sechs Uhr abend im ›Kelch‹!«   Die Weltbühne, 10. Mai 1932   Wenn Annette Kolb sich beschwert, so ist das noch immer anmutiger als der Durchschnitt der Liebeserklärungen hierzulande. In einem kleinen »Beschwerdebuch« (Rowohlt) hat Annette Kolb Aufsätze, Glossen, Marginalien aus den letzten beiden Jahren gesammelt, die von Erlebnissen mit Menschen und Hunden handeln, mit dem Radio, mit Literatur und Musik. Das alles scheint leicht hingeplaudert zu sein, Improvisationen eines Menschen von natürlicher großer Formbegabung. Aber, lieber Gott, wie ist das gearbeitet! Wie ist das sprachliche Material dieser zarten, hauchdünnen Sachen von einer einmaligen Persönlichkeit gehärtet und biegsam gemacht! Annette Kolb sagt von sich selbst: »... sie hat sich, obwohl ihre Bücher nicht eben zahlreich sind, schrecklich geplagt. Und dies muß ich euch sagen, weil man ihren Sachen die große Mühsal nicht anmerkt. Sie hat es sich nicht leicht gemacht, am wenigsten mit dem Schreiben. Zum Schreiben drängte sie nicht das Talent, sondern ihre Meinungen, und in der Gedanklichkeit, was immer man euch heute über sie erzählen mag, liegt der Schwerpunkt ihrer Arbeiten.« Annette Kolb hat recht, wenn sie es ablehnt, einem virtuosen Artistentum beigerechnet zu werden. Ihr Werk kommt aus einem brennenden Herzen, die Kunst eines klaren, vernünftigen Kopfes verdünnt es nicht, sondern macht es nur feiner und durchsichtiger. »A. K. ist von deutscher und französischer Abkunft, und während des Weltkrieges hielt sie es mit den Deutschen und Franzosen zugleich.« So spricht nur ein durch und durch tapfrer Mensch, dessen Bestes, bei aller Kunst, doch darin liegt, die einfache Wahrheit einfach zu sagen.   Die Weltbühne, 4. Oktober 1932   Der Jünger Der Weise sprach zu seine Jünger: Wer keine Löffel hat, ißt mit die Finger ... Als vor ein paar Jahren Siegfried Kracauer seine profunde Studie »Die Angestellten« schrieb, gelang es ihm mit einem selten ergiebigen Griff, eben noch vor dem Eintritt in die Weltkrise das Abbild einer sozialen Schicht zu nehmen, die wie keine andre für die letzten von uns durchlebten Phasen der nachbürgerlichen Zeit charakteristisch geworden ist. Das neue Buch Ernst Jüngers, »Der Arbeiter« (Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg), erinnert in der Einfachheit des Titels unwillkürlich an Kracauers heute schon klassisch anmutende Leistung. Aber ein Vergleich tut Jüngern nicht gut, er löscht ihn aus. Das Buch Jüngers bringt weder untersuchend noch beschreibend etwas von Belang. Es bietet nichts als eine monotone Folge bleichsüchtiger Philosopheme, um die nicht mehr völlig frische These zu stützen, daß es mit dem Bürgertum bergab geht. Dafür ist jetzt das neue Weltalter des Arbeiters gekommen, und wenn diese Erkenntnis auch mit dem Anspruch revolutionärer Gesinnung vorgetragen wird, so läßt sich doch nicht lange verbergen, auf welchen Meister dieser Jünger schwört. Was für ein Gesicht die Herrschaft des Arbeiters haben wird, vor allem aber mit welchen Kräften sie sich durchsetzen soll, davon wird in Jüngers durchaus nicht wortarmer Predigt nichts verlautbart. Der Arbeiter, das ist doch etwas Nahes und Selbstverständliches; nichtsdestoweniger bringt es Jünger fertig, den Gegenstand mit Hilfe einer nicht ohne Spenglers Einfluß entstandenen Terminologie so weit von uns zu entfernen, daß wir am Ende das Gefühl haben, hier gehe es um Fakire und Yogis und nicht um Dinge, die zu unserm Alltag gehören. Es ist jedenfalls ein beachtliches Kunststück, einem so erregenden und aktuellen Thema so viel Blut abzuzapfen, daß nichts als ein Phantom zurückbleibt. Nebenbei gesagt: wenn in einer Schrift von dreihundert Seiten, die, wie von niemandem bestritten wird, den Titel »Der Arbeiter« führt, zwischendurch in einer Fußnote mitgeteilt werden muß, wie wir das Wort »Arbeiter« zu verstehen haben, so scheint mir das weder für die Gestaltungskraft noch für die Kopfklarheit des Autors günstiges Zeugnis abzulegen. Der »Arbeiter« bleibt also unter Jüngers Beschwörung so stumm wie ein seit dreitausend Jahren toter Pharao. Dafür wird aber nach dem ortsüblichen faschistischen Schema desto eifriger gegen den »Bürger« spektakelt. Herr Jünger und die Seinen würden mehr imponieren, wenn sie das zu einer Zeit getan hätten, wo es noch mit Unannehmlichkeiten verknüpft war, aber damals retteten die meisten der Herren die bürgerliche Ordnung in weißen Freikorps. Grade der Sozialist hat Anspruch, solche dubiosen Kriegserklärungen an die bürgerliche Zeit nicht unwidersprochen passieren zu lassen, denn damit maskiert der Faschismus nur sein eignes reaktionäres Wesen, das gibt ihm Gelegenheit, sich radikal aufzutun. Was er der Bürgerzeit vorwirft, das sind ja nicht ihre Häßlichkeiten und Zweideutigkeiten, sondern die besten Inhalte ihrer historischen Mission: die Überwindung absolutistischer und feudalistischer Mächte, die Verkündung der menschlichen Grundrechte und ihre Verteidigung gegen Staat und Gesellschaft. Gegen die vermorschte bürgerliche Epoche wird also der Arbeiter mobilisiert, aber auch dabei wird ein entscheidender Gegensatz zum Sozialismus sichtbar. Der Faschismus liebt es zwar, den Arbeiter zu verhimmeln, aber er nimmt ihn niemals als Masse, sondern immer nur als einzelnes aus der geprägten Klassenform geholtes Exemplar. Das mag vor Marx, vor Lassalle möglich gewesen sein, heute geht das nicht mehr. Wer es tut, rückt hinter Schulze-Delitzsch zurück. Einerlei ob konservativ oder revolutionär, keine Betrachtungsweise stellt den Menschen mehr in jenen blauen Dunst, wo die soziale Realität von abstrakten Reflexionen abgelöst wird. Jünger eröffnet zwar großartig genug die Herrschaft des Arbeiters über die Erde, aber der Arbeiter ist ihm nur »Typus«, »soziale Rasse«, weder will er einen Stand darunter verstehen »noch eine Klasse im Sinne der revolutionären Dialektik des neunzehnten Jahrhunderts«. Der Sozialismus wird bei Jünger überhaupt nicht notiert, dafür ist viel von einer »Arbeitsdemokratie« die Rede, die aber ebensowenig klar wird wie das gewichtige und häufig vorkommende Wort »Planlandschaft«. Das ist alles recht großartig und zugleich von qualliger Unverbindlichkeit. Vor fünfundzwanzig Jahren wurde ähnliches von verlaufenen Sombart-Schülern produziert. Damals gab es allerdings noch keinen revolutionären Tamtam darum, man nannte dergleichen schlicht und treffend »liberalen Kulturschwafel«. Wir wollen das auch heute so nennen. Der Faschismus leugnet die Arbeiterklasse, er will sie auflösen. Die Ziele sind bekannt, ebenso die materiellen Kräfte. Wenn man aber die intellektuellen Potenzen betrachtet, die zu gleichem Zwecke eingesetzt werden, so möchte man fast ein stilles Glück empfinden. Die gesamte faschistische und halbfaschistische Rechte hat noch nicht einen originellen und wirksamen Schriftsteller hervorgebracht, die passabelsten darunter noch zehren von den geistigen Frühstücksresten der Gegner. Dabei haben die Herren jetzt große Verlage zur Verfügung und noch Geld dazu – wo bleiben nun, da ihnen keine jüdische Tücke die Schwingen lähmt, die verheißenen deutschblütigen Genies? Als Herr Jünger vor ein paar Jahren mit seinem »neuen Nationalismus« startete und auf Grund seiner Kriegserlebnisse sachkundig und unbefangen über das Grauen der Materialschlacht schrieb, konnte er vorübergehend Beachtung erringen. Diese Konjunktur ist abgeblüht, eine neue Epoche hat nicht begonnen. Jünger, heute als Soziologe etabliert, kommt über die durchschnittlichste Untergangsprophetie und Chaosmalerei, an der man sich allmählich satt gelesen hat, nicht hinaus. Nur der Verfall der bürgerlichen Freiheit und die wachsende Ausdehnung der Barbarei in dieser Zeit wird mit einer Liebe zum Detail ausgepinselt, die uns besser als die prätentiöse Ausdrucksform belehrt, warum solche Bücher noch immer geschrieben werden.   Die Weltbühne, 18. Oktober 1932   Rückkehr Im Gefängnis gewesen sein, das ist ein großes Erlebnis, das kein politischer Mensch aus seinem Dasein streichen kann. Es ist die Berührung mit einer abgesonderten Welt, die eingemauert zwischen uns ragt und von der wir weniger wissen als von Tibet oder der Osterinsel. Das Gefängnis, das heute in Deutschland nicht mehr strafen, sondern bessern und erziehen soll, ist damit sozusagen zum Lazarett der bürgerlichen Ordnung avanciert. Ich habe das Gefängnis nicht als ein Haus der gewollten Härte und der traditionellen Quälereien kennengelernt, aber auch so bleibt es ein Haus des Jammers, in dem hinter jeder Eisentür ein andrer trauriger Globus kreist, durch schicksalsmäßige Verstrickung in dieser Bahn gehalten. Schuld –? In diesem Hause fällt das Wort nicht, hier gibt es nur Opfer. Als ich zwei Tage vor Weihnachten hinausging, hatte ich ein Würgen im Halse, das so etwas wie schlechtes Gewissen war, weil ich heimkehren durfte und die andern blieben. Ich nehme nicht für mich in Anspruch, daß dieses Gefühl etwas Apartes ist. Unzählige haben so empfunden, und ganz frei davon scheint nur eine Kategorie zu sein, nämlich der Richterstand. Wenn der Rechtsprecher nur endlich einmal mit dem Geheimnis der Zellenhaft vertraut würde, wie anders müßten selbst die Urteile der bürgerlichen Justiz aussehen! Bei der Amnestiedebatte im Reichstag hat ein deutschnationaler Abgeordneter die Meinung vertreten, durch häufige Straferlasse werde die Berufsfreudigkeit der Richter gelähmt. Ein sehr strammer Herr, dieser Deputierte. Aber was für eine Auffassung von richterlicher Tätigkeit! Über manches Gesehene soll noch gesprochen werden, wenn die Eindrücke wirklich verarbeitet worden sind. Heute sei mir nur das Schlußwort zu einem gewissen Kapitel gestattet. Es ist in der »Weltbühne« in der letzten Zeit von mir etwas zuviel die Rede gewesen. Zeitungsmenschen soll man nur hören, aber nicht sehen. Ich beklage aufrichtig, daß dieser kleine Stilfehler vermerkt werden muß, und ich schreibe die Verantwortung dafür Umständen zu, die keiner der freundlichen Schreiber verschuldet hat. Jetzt, wo ich in die Redaktion zurückkehre, ist es mir ein Herzensbedürfnis, allen, die meine Freilassung durch Wort und Schrift, durch öffentliche Zustimmung und politische Handlung unterstützt haben, allen, die Zeichen von Sympathie in meine Zelle gelangen ließen, meinen Dank auszusprechen. Es ist selbstverständlich, daß ein beträchtlicher Teil davon der Sache und nicht der Person galt. Der Kampf um die Amnestie ging diesmal nicht um den einzelnen, wie etwa noch im Falle Max Hoelz. Es ist ja bekannt, daß schließlich die sozialdemokratische Fraktion den Ausschlag gab, indem sie darauf beharrte: wenn der Landesverräter nicht freigegeben wird, so fällt das Ganze ins Wasser! Als dann später die erforderliche Zweidrittelmehrheit zustande kam, bemerkte ein sozialdemokratischer Abgeordneter resigniert: So, jetzt kann er wieder auf uns schimpfen! Hm. Die »Weltbühne« hat ein kampfreiches halbes Jahr hinter sich, und sie hat Geist und Bestand gewahrt. Das Leipziger Urteil vom 23. November 1931 hat sich als Blindgänger erwiesen. Das ist das Verdienst der Mitarbeiterschaft mit Hellmut von Gerlach an der Spitze. Wir wollen uns nicht gegenseitig feiern und für große Männer erklären, denn wir sind, wenn man will, eine Verschwörung, jedenfalls kein Verein. Wenn auch getrennt, haben wir gemeinsam eine dramatische Zeit durchschritten, und das bindet mehr als Statuten oder ein Zeremoniell. Die Sitzung geht weiter.   Die Weltbühne, 27. Dezember 1932   Stendhal Es gibt keine tiefere Freude als die einer unverhofften literarischen Entdeckung. Aus Nietzsches Enthusiasmus für Stendhal spricht der Jubel eines Einsamen über eine verwandte Seele. Stendhals Auferstehung wird für Nietzsche eine neue Rechtfertigung der eignen Isolierung. Wir haben heute zu Stendhal ebensogut Distanz gewonnen wie zu Nietzsche. Wir sehen gewiß die verschiedenen Elemente in Stendhal schärfer. Nietzsche verehrte in ihm vornehmlich den genialen Amateur und Lebenskünstler, den Dandy mit der Geste des Bourgeoisverächters. Zu uns spricht Stendhal, der große Arbeiter, deutlicher. Ein paar gelehrte Antiquitäten, eine antike Gemme, eine Melodie von Cimarosa, die letzten Liebesgeschichten der Marchesa, eine Loge in der Mailänder Scala, das ist der Lebensinhalt des einen Stendhal. Aber der andre Stendhal, das ist der Schriftsteller, der langsam und mit selbstgeschaffener Mühe die Welt sehen lernt und sich dazu eine höchst sparsame und trockene Form schafft, die es ihm ermöglicht, nicht nur das Exterieur, sondern auch Blut und Nerven seiner Gestalten festzuhalten. Dieser von seiner Zeit verworfene Autor durfte mit Recht an die Nachwelt appellieren. Stendhal, vor hundertfünfzig Jahren geboren, durchschneidet drei Epochen und wird zu einem vielfältigen Zeugen. Er erlebt die Schlacht von Marengo, den Napoleonischen Siegeszug durch Deutschland und die Katastrophe von Moskau. Er wird ein mißmutiger und zurückhaltender Teilnehmer der traurigen Ära bourbonischer Restauration. Und dann bricht mit dem Bürgerkönigtum die technisch-kommerzielle Zeit aus. Das große Abenteuer wird rar, das Geld tritt seine Herrschaft an. Zwar wirbelt es einzelne dramatische Figuren hoch und wieder in die Tiefe, aber den Millionen reglementiert und egalisiert es die Existenz. Als Stendhal mit sechzig Jahren auf einer prosaischen Pariser Straße einem Schlaganfall erliegt, da flammen schon abends die Gaslaternen, rollen Eisenbahnen durchs Land und fängt der Maler Daguerre das menschliche Bild auf einer Glasplatte auf. Stendhal steht also am Beginn jener Entwicklung, die 1914 jäh abstürzte und deren schwere Restbrocken wir vergebens zu liquidieren suchen. Balzac hat in dem Pathos dieser Zeit, in ihren gigantischen Verschlingungen, in ihrem ohrenbetäubenden Getöse geschwelgt. Stendhal ist bis zu ihrem Geist vorgedrungen. Er war als Schriftsteller kein Mann der Glückstreffer, sondern ein bewußter Beobachter von wissenschaftlicher Gründlichkeit, trotz geflissentlich ablehnender Haltung ein Pionier. Es ist eine Zeit der ungeheuersten Gegensätze und Spannungen. Kein Wunder, daß ihr vor sich selbst graut. Sie flieht in die Romantik und hält ihre eignen Lebensgesetze für Hexerei. So ist um die Männer der Metternichepoche mit ihrem blauen Frack und dem Wachstuchzylinder immer etwas Hoffmannsche Gespensterei und Doppelgängerei. Herr Henri Beyle aus Grenoble ist in seinem Alltag ein angenehmer Gesellschafter, der von Napoleon zu plaudern weiß und von einem vergangenen Italien, wie es im Nachklang des Rokoko zu musizieren und zu lieben wußte. Ein Weltmann, der sogar mit Byron gesprochen hat und gern bereit ist, die Bekanntschaft mit dem neuen Salonlöwen oder einer allzu reservierten Sängerin zu vermitteln. Dieser selbe Herr Beyle hält sich aber auch für ein verkanntes Literaturgenie. Er schreibt langweilige Romane, nennt sich »Stendhal« nach irgendeinem deutschen Nest und prophezeit, daß sein Ruhm um 1900 fällig werde. Noch komischer als diese literarischen Ambitionen sind seine verliebten Eskapaden. Herr Beyle ist mit dieser Zeit, deren Realität auf Zahlungsfähigkeit beruht, nicht sehr zufrieden. Im Grunde gilt seine Sehnsucht einem abenteuernden Kavaliertum. Er träumt sich als Ritter irrender Fürstinnen und heißbegehrter Primadonnen, die er gegen alle Rivalen und eine böse Welt am liebsten mit der Pistole in der Faust verteidigen möchte. Der kleine, runde Mann hat das überreizte Ehrgefühl eines klapperdürren kastilischen Granden; in der Tat, die Begierden Don Juans wüten in der plumpen Tournüre Leporellos. Er posiert gern die Indifferenz des Abgebrühten, des Aristokraten alten Schlags. In der Garderobe der umschwärmten Künstlerin nicht minder als in der Schlacht. Mitten in dem grenzenlosen Elend der Tage an der Beresina, mitten in einer zerlumpten und verhungerten Armee präsentiert er sich eines Morgens seinem Chef Daru mit frischrasiertem Kinn und wird dafür mit einem Lob bedacht, als wäre er ein neuer Bayard. Er ist in seinem Lebensstil ein Ci-devant. So wie er als Liebhaber die Allüren eines gestorbenen Jahrhunderts zu konservieren trachtet, so ist er auch als napoleonischer Offizier kein Mann der Masse. Im Grunde sucht er nur die individuelle Auszeichnung, er will Ritter sein. Heldentaten begehen für den Kaiser, für eine Dame, das bleibt sein letzter Wunsch. Im Grunde haßt er den Krieg, den rohe und schmutzige Soldaten gegeneinander führen. Es ist herrlich, zu Pferd zu sitzen und ins Ungewisse zu reiten – aber diese verstümmelten Toten dort am Wege ... Pfui, der Krieg ist abscheulich, der Krieg stinkt! Sinnloses Gemetzel, das schon der alte Voltaire in seinem »Candide« verspottet hat, jener Voltaire, der den romantischen jungen Leuten heute als ein Greuel aus der Zopfzeit erscheint. Die Früchte vom Baum der Erkenntnis sind noch keinem gut bekommen. Den einen bringen sie früh ins Grab oder ins Narrenhaus, dem andern ruinieren sie den körperlichen und geistigen Stoffwechsel. Stendhal, bald der ritterlichen Geste, bald seinem unerbittlichen intellektuellen Verlangen opfernd, läuft zeitlebens mit einem schweren Spleen herum. In seiner Denkweise bleibt er ganz und gar der Sohn des achtzehnten Jahrhunderts. Mitten in einer Epoche idealistischer Verschwärmtheit bewahrt er den massiven Materialismus des La Mettrie oder Helvétius. Die Welt liegt schon wieder schmachtend vor dem Kreuz: er verachtet Religion als Pfaffengewäsch. Die Philosophen spekulieren wieder metaphysisch. Er glaubt: mit dem Tod ist alles aus und das Leben ist nur zum physischen Genuß da. Aus dieser Summe von Widersprüchen wächst eine historische Leistung: Stendhal wendet im Roman zum erstenmal die soziale Anatomie an. Seine Gestalten sind keine isolierten Einzelwesen mehr. Sie sind gesellschaftlich genau bestimmt, und weil der Autor weiß, woher sie kommen und was sie essen und trinken, deshalb ist auch ihre Seele kein Gefäß mehr, in dem olympische Parfüme unbekannter Mischung destillieren, sondern ein durchforschbares Land. Wovon lebt eigentlich Wilhelm Meister? Von welchen irdischen Ressourcen nähren sich die ätherischen Helden Chateaubriands? Was tut Childe Harald, wenn er nicht grade im Anblick heroischer Landschaften versinkt? Stendhal hat die Märchenprinzen entthront und für ewig auf die Hintertreppe verwiesen. Damit war nach 1815 kein Erfolg zu holen. Stendhal blieb allein, seinem Sarg folgten ganze drei Personen. Aber in seinen Wirkungen ist er nicht mehr wegzudenken: er ist der Ahnherr einer ganzen Schreibergilde, er ist der Stammvater des modernen Romans geworden. Heute, wo wir wieder gegen sozusagen idealistische Verlogenheiten und gegen einen verblasenen Mystizismus zu kämpfen haben, heute fällt auch von Stendhal die skurrile Außenseite ab. Zurück bleibt ein geistiger Held, ein harter, strenger Erzieher, dessen Beispiel mahnt, so wie er um den wirklichen Ausdruck der Zeit zu ringen. Der Ruhm, der seinem nachgelassenen Werk so spät zuteil wurde, wird wieder einmal welken. Das kann auch nicht anders sein. Aber vieles von dem, was Stendhal geschrieben hat, die »Kartause von Parma«, »Rot und Schwarz«, Stücke aus »Lucien Leuwen«, die »Äbtissin von Castro«, die Aufzeichnungen über die Liebe, die Studie über Napoleon, das alles wird seine Freunde finden, bis die Menschheit sich wieder entschließen wird, das Glück des absoluten Analphabetentums der gefährlichen Lust am Wissen vorzuziehen.   Die Weltbühne, 31. Januar 1933   Deutschland wartet! In einer Reihe von Rechtsblättern und namentlich in solchen, die den Deutschnationalen nahestehen, stößt man gelegentlich auf eine Art Bedauern, daß die Massen der sozialistischen Arbeiter die Inthronisierung des neuen Regimes mit einer solchen Gelassenheit hingenommen haben. Viel lieber wären ihnen Drohungen und rabiate Kampferklärungen, damit es »Ordnung« zu schaffen gibt und der marxistischen Riesenschlange endlich der Kopf zertreten werden kann. Es ist das Unglück unsrer Reaktionäre, daß sie den deutschen Arbeiter ebensowenig kennen wie das deutsche Volk überhaupt. Sie phantasieren zwar ständig von »Blutsverbundenheit«, aber von dem deutschen Durchschnittsmenschen, der seine Bezüge nicht von der Osthilfe erhält, wissen sie sowenig wie von einem Marsbewohner. Sie betrachten die Welt durch die Dachluke ihrer Ideologie, sie sehen nur den Rauch vom nächsten Schornstein. Sonst würden sie wissen, daß der Arbeiterschaft auch heute alles ferner liegt als ein wilder Radikalismus. Sie hat der Machtergreifung der Rechten jahrelang widerstanden und in ihr ein allgemeines Unglück erblickt. Heute, wo diese endlich vollzogene Tatsache ist, ballt sie nicht etwa die Fäuste in ohnmächtiger Verzweiflung, sie stellt sich einfach hin und wartet. Sie wartet auf die sozialen Taten der Regierung. Sie gibt ihr offensichtlich einen anständigen Vorsprung. Man darf in der Tat gespannt sein, in welcher Weise die Reichsregierung zu einer Synthese der ihr innewohnenden sozialen Widersprüche kommen will. Die Regierungspresse selbst weist noch keinerlei Uniformierung auf, alles geht bunt durcheinander. Im »Angriff« wird zum Beispiel der frühere Reichsminister Wissell gerüffelt, »dessen unsoziale Schiedssprüche bei Lohnstreitigkeiten ihm die Empörung der gesamten Arbeiterschaft eingetragen haben«. Gemeinhin nennt man solche Argumentation »Klassenkampf«, nicht wahr? Im bayerischen Landtag nimmt die Nazifraktion einen Antrag an, die Banken unter Staatsaufsicht zu stellen, und die Sozis stimmen dafür. Die »Deutsche Allgemeine Zeitung« ist darüber sehr beunruhigt, sie schwingt den Pädagogenfinger so nervös, als ginge es um die Freien Gewerkschaften: »... es hat sich offenbar noch nicht überall im Lande herumgesprochen, daß der Nationalsozialismus jetzt verantwortungsbewußte Politik im großen Stil zu betreiben hat.« Die schwerkapitalistische »Börsenzeitung« schlug rückhaltlos Lärm, als davon geredet wurde, daß Minister Hugenberg eine Zinssenkungsaktion plane, und im »Lokalanzeiger« selbst, der doch jetzt frisch vom Faß geschrieben werden kann, liest man nicht etwa lichtvolle Darlegungen über die angezeigten Vierjahrespläne, sondern Moralpauken über die deutsche Familie und die Erneuerung der Seele, die über der Wirtschaft nicht vergessen werden darf. Nur der neue Staatssekretär Bang, der nach den Worten des frühern Reichskanzlers Brüning wie einer der weissagenden Raben Odins auf Hugenbergs Schulter sitzt, hat jetzt in einer Rede sich programmatisch geäußert. Seine Ausführungen müssen auf den sozialistischen Flügel der NSDAP wie Vitriol wirken. Wirtschaftsliberalismus ältesten Datums, Manchestertum, das um 1880 nicht unangefochten durchgegangen wäre. Die Arbeiterschaft hat im Laufe einer langen Tradition gute Haltung gelernt. Sie wartet ohne Vertrauen, aber sie wartet. Sie hat ihr Augenmerk vor allem auf das Reichsarbeitsministerium gerichtet, in dem der Chef des Stahlhelms jetzt regiert, dessen Aufgabe es sein wird, die Brücke zu schlagen vom nationalen Pathos zur wirtschaftlichen Realität. Es liegt durchaus im Bereiche der Möglichkeit, daß grade dieses Ministerium zuerst zum Prellbock werden kann. Das Reichsarbeitsministerium ist kein Amt, wo die verschiedenen militanten Ideen der Zeit ihre Fackeltänze aufzuführen pflegen. Hier finden sich die Unterhändler aller sozialen Gruppen ein, Syndizi und Gewerkschaftssekretäre, höchst penetrante und in allen Verhandlungsfinessen geübte Leute, die nicht so leicht abzuwimmeln sind und mit »Weltanschauungen« schon gar nichts zu tun haben wollen. Es ist eine ganz uninteressierte und strohtrockene Materie, aber sie zwingt dazu, ja oder nein zu sagen. Alle Arbeiter und Angestellten aber blicken heute nach dem Reichsarbeitsministerium, wo es um ihre Tarife geht, also um ihre Existenz. Die christlichen und rechtsgerichteten Gewerkschaften sind nicht minder argwöhnisch als die »roten« Organisationen. Hier sitzen auch intime Kenner der Rechtsparteien, die in den frühern innern Auseinandersetzungen dort eine bedeutende Rolle gespielt haben. Grade in den betont wirtschaftsfriedlichen Verbänden ist die Furcht vor sozialpolitischer Reaktion bis zur Panik gestiegen. Man wird guttun, die Bewegungen im christlichnationalen Gewerkschaftslager in der nächsten Zeit sorgfältig zu verfolgen.   Jede deutsche Regierung muß es sich heute gefallen lassen, zunächst nach ihren wirtschaftlichen Leistungen beurteilt zu werden. Die Regierung Schleicher ist unbestreitbar mit einem Enthusiasmus begrüßt worden, der kritischen Köpfen schwer verständlich schien. Aber nach ein paar Wochen schon, da wurde die ungemütliche Frage laut: wo bleibt die verheißene Arbeitsbeschaffung?, und damit war's vorbei, und jetzt ging es so wie im Märchen: alles sah, daß der König keine Kleider anhatte. Es kann schwer sein, mit einer Opposition fertig zu werden, die auf die Straße drängt. Aber eine Opposition, die auf Leistungen wartet, ist schwieriger. Gewiß sind bei uns die Parteiduelle zu ungeheurer Intensität entwickelt, aber die Menschen sind auch des Kampfes der Schlagworte herzlich müde; sie haben sich daran satt gegessen und wünschen jetzt festere Kost. Gruppen, die jahrelang agitiert und angeklagt haben, sind endlich oben. Deutschland wartet. Die Regierung steht jetzt unter einem unerbittlichen Gesetz. Niemand hat eine solche Situation plastischer geschildert als der Berliner Nationalökonom Professor Ludwig Bernhard, der Freund Hugenbergs und Chronist seines Aufstiegs. Bernhard, der als Wissenschaftler immer den schroffsten Arbeitgeberstandpunkt vertreten hatte, schrieb in dem vor etwa drei Jahren erschienenen Sammelbuch »Der Prozeß der Diktatur« diese unheimlich aktuellen Sätze: »Man kann nicht mehr verzehren, als vorhanden ist. – Das ist die Nachtqual jedes Diktators. Solange Bewaffnete hinter ihm stehen, kann er spielen mit der Politik, kann er diplomatisch verhandeln mit der Kirche, und die Kultur kann er schminken lassen. Alle jauchzen oder lächeln oder schweigen. Die Wirtschaft aber spricht zu ihm und seinen Mannen: Ihr könnt nicht mehr verzehren, als vorhanden ist. Er ist der Herr; aber dem Gesetze des wirtschaftlichen Ausgleichs muß er gehorchen. Die Bilanz ist stärker als die Diktatur. Deshalb muß der Diktator, wenn die wirtschaftliche Lage bedrohlich wird, mit der Bilanz paktieren. Dies geschieht, indem er um einen Aufschub bittet: ›Der Fünfjahresplan, die Pjatiletka, ist die Grundlage aller Sowjetpolitik. Bis zum 1. Oktober 1933 ist positiv daran zu arbeiten und nicht zu kritisieren‹, so Stalin. – Und Mussolini: ›In fünf bis zehn Jahren wird Italien wirtschaftlich vom Auslande unabhängig sein. Bis dahin ist die Weizenschlacht zu schlagen, und im übrigen ist zu schweigen.‹ So wird mit der Bilanz paktiert. Die wirtschaftliche Krise der politischen Diktatur wird hinausgeschoben; der Schuldschein prolongiert ... Vor hundert Jahren mußte der Diktator, um seine Mannen gefügig zu halten und dem Volk zu imponieren, Kriege führen. Heute hat er das nicht nötig, denn imposanter als der Krieg erscheint den Völkern die ›Planwirtschaft‹ des Diktators, die mit Bauten und Bahnen, mit auswärtigen Bankverbindungen und amerikanischen Trustmagnaten operiert und Leben, Bewegung, Arbeit, Verdienst bringt.« Es entspricht also einer tiefen innern Gesetzmäßigkeit, wenn die Regierung zunächst zwei Vierjahrespläne zur Behebung der ärgsten wirtschaftlichen Not ankündigt; sie braucht Aufschub. Es entspricht aber auch durchaus ihrer uneinheitlichen Zusammensetzung, daß sie sich selbst danach sofort von der wirtschaftlichen auf die nur politische Ebene transponiert. Sie setzt Wahlen an, die ein paar Wochen zunächst ganz mit Propaganda anfüllen. Sie eröffnet einen Kampf gegen jenen armen Schatten, der sich noch preußische »Hoheitsregierung« nennt. Sie stellt Schreibe- und Versammlungsfreiheit unter Ausnahmerecht. Sie gewährt aber – und das ist das einzige sofort Verwertbare – durch eine kräftige Erhöhung der Fleisch- und Schmalzzölle den Agrariern eine erhebliche Gratifikation. Wir dürfen wohl annehmen, daß hinter alledem vornehmlich der Herr Vizekanzler steht, in dem man bis auf weiteres überhaupt das eigentliche Haupt der Regierung erblicken muß. Den in dem Kampfe zwischen Industrie und Landwirtschaft schnell zerriebenen Kanzler drängt es heute, wo er als Vizekanzler fröhliche Urständ feiert, sein liegengelassenes Programm zu vollenden. Sein lebhaftes Temperament sieht in der Entfesselung überflüssiger Konflikte eine Krönung der heiß angebeteten Machtpolitik. Damit zieht er die ganze Regierung auf abschüssiges Gelände. Wozu eine Wiederaufrollung der Preußenfrage? Die ganze Sozialdemokratie weiß heute, daß ihre Führung am 20. Juli aufs kümmerlichste versagt hat. Mag der Prozeß vor dem Staatsgerichtshof auch ein sechzigprozentiger juristischer Sieg gewesen sein, den Prozeß vor dem Forum der Geschichte hat die sozialdemokratische Führung am 20. Juli verloren, und kein Gerichtsspruch kann das wieder wettmachen. Tief im Hintergrunde starb die Regierung Braun ohne Schönheit, wenn auch in Hoheit, dahin; ein grausiges Demonstrationsprojekt für die Ohnmacht der Partei. In dem Augenblick aber, wo die Reichsregierung diesen unseligen Revenant neu angreift, strömt ihm auch neues Blut zu, er gewinnt wieder Leben. Wenn der Staatsgerichtshof ein zweites Verdikt gegen die Reichsregierung fällt, so droht ein ernster konstitutioneller Konflikt, der süddeutsche Partikularismus wird wieder frondieren, und zu alledem ist noch der Präsident des Staatsgerichtshofs – nach einem erst im Dezember angenommenen nationalsozialistischen Antrag – der designierte stellvertretende Reichspräsident. Hier zeichnen sich bereits zukünftige Wirren von phantastischem Ausmaß ab. Die Pressenotverordnung ist ja nicht die erste dieser Art. Schon manche der republikanischen Regierungen hatte ihre eignen Methoden, mit der verfassungsmäßig gewährleisteten Meinungsfreiheit umzuspringen. Diejenigen Zeitungen, die sich Charakter und Selbständigkeit bisher bewahrt haben, werden auch in der Zukunft nicht durch den Reifen springen. Der Fall liegt sehr einfach: bei dem uralten Duell zwischen physischer Gewalt und freiem Gedanken ist die Gewalt im letzten Gang immer unterlegen. Wo eine diktatorische Herrschaft verwehren will, daß Ideen ausgesprochen, geformt, niedergeschrieben, verbreitet werden, da gibt es bald Verwesung, Friedhofgeruch. Deutschland ist ein Land der differenziertesten öffentlichen Funktionen, man kann es nicht leicht in die Primitivität einer geduldigen Kulistummheit zurückschrauben. Wo regierende Gewalten die Meinungsfreiheit der Mitlebenden mit einem Federstrich kassieren, da liefern sie sich nur den anonymen und gestaltlosen Mächten der Geschichte aus, die viel bösartiger und schonungsloser sind als der galligste Pamphletist. Immerhin geht die deutsche Presse in eine bewegte Epoche hinein. Der wirkliche Presseball beginnt erst jetzt. Was das Volk erwartet, ist Brot und Arbeit. Die Regierung aber traktiert es mit Politik, sie dekretiert, sie verordnet. Ihr erster wirtschaftlicher Akt von Bedeutung aber ist eine den Agrariern erwiesene Gefälligkeit. Damit enthüllt sie nur die Gegensätze in ihrer Konstruktion. Die hinter ihr stehenden Parteien führen den Wahlkampf so, als wären sie noch immer die ›nationale Opposition‹; sie schmettern furchtbar gegen die Sozis, die Mordkommune, sie verwechseln Versailles und Weimar, sie säbeln, wie der dürre kastilische Ritter, zu Dutzenden imaginäre schwergepanzerte Feinde nieder. In Wahrheit ist dieser Wahlkampf weniger ein Appell ans ganze Volk als vielmehr eine interne Auseinandersetzung der Harzburger Koalition. Erleiden die Deutschnationalen erhebliche Verluste, so steht die Frage der Regierungsbildung neu zur Diskussion. Das Zentrum hält sich wieder freundlichst bereit. Die Kabinettspolitik, die das ganze letzte Jahr beherrschte, geht nochmals großen Zeiten entgegen. In dem Brief des Reichskanzlers an den Prälaten Kaas vom 1. Februar lautet die einprägsamste Stelle: »Denn eine Diskussion der angeführten Punkte ohne das von mir erbetene Ergebnis würde im Ausgange zu einer ebenso unfruchtbaren wie mir unerwünschten Verbitterung führen. Denn ich wage auch heute wieder zu hoffen, daß, wenn nicht schon jetzt, dann in einer vielleicht nicht zu fernen Zeit, eine Verbreiterung unsrer Front zur Beseitigung der drohenden innerpolitischen Gefahren in unserm Volk stattfinden könnte.« So sieht es also schon wenige Tage nach der angeblichen Besitzergreifung Deutschlands durch die ›einige nationale Front‹ aus! Deutschland wartet – aber nicht auf neue Intrigen, neue Kulissenspiele! Die Parteien der leidenschaftlichsten Anklagen, der stärksten Versprechungen für die Zukunft sind nach oben gelangt. Das Volk hat ihnen die eine große Chance gegeben: – es hat nicht seiner eindeutigen Abneigung politischen Ausdruck verliehen, es sagte zunächst: Nun arbeitet! Dieser Spruch ist fair, aber auch unerbittlich. Hic Rhodus, hic salta! Das ist ein Votum, das keine Zensur unterdrücken kann. Wenn die Menschen nicht mehr fragen dürfen, dann werden die Dinge fragen.   Die Weltbühne, 14. Februar 1933   Richard Wagner Garstig glatter, glitschriger Glimmer! Wie gleit ich aus! Von Ferdinand Lassalle stammt das bittre Wort von dem Kranichzug der Klassiker über Deutschland. Niemals bewahrheitete es sich ernster als im vergangenen Jahre, das bekanntlich das »Goethejahr« gewesen ist. Durch die schimmernden Schleier der amtlichen Feierseligkeit blickte man auf ein gleichgültig vorüberhastendes Volk, das andre Sorgen hatte, und auf einen vergessenen Sarkophag: Goethe. Der Musiker hat es leichter als der Dichter, der Hirn und Nerven gleichmäßig beansprucht. Das Ohr ist ein williges Organ, durch das Ohr läßt sich der Kopf am leichtesten betrügen. Nein, Richard Wagner ist nicht im Kranichflug über Deutschland gezogen. Er nistet noch mitten im Land. Er ist der genialste Verführer, den Deutschland gekannt hat. Kein Künstler hat auf den geistig-seelischen Habitus des Volkes verhängnisvollem Einfluß genommen, niemand hat die Flucht aus der Wirklichkeit, den Kultus des schönen Scheins eindringlicher und verlockender gepredigt. Wohl haben andre mit höherer Intensität künstliche Paradiese geschaffen, wohl haben die Blumen des Bösen leidenschaftlichere Gärtner gefunden – sie sind an den selbstgezogenen Früchten gestorben. Richard Wagner, der alle berauschte, hatte selbst nicht viel teil am Rausch, er blieb ein kühler, bewußter Herr seiner Mittel. Eine Welt geriet in Wahn durch seine Töne, er selbst blieb ein ruhiger Rechner und sein bester und überlegenster Propagandist. Sein Erfolg war so breit wie kein andrer, denn Richard Wagners Werk hat die glücklichste, weil am meisten erfolgversprechende Mischung: hinter rauschenden Akkorden, hinter einer üppig quellenden Melodik die grauenhafteste Trivialität. Aber die olympische Miene des Mannes heischt Bewunderung und Unterwerfung – er tritt auf wie das absolute Genie. Wer wagt es, vor einer allgemeinen Suggestion ehrlich zu sein? Wer wagt es zu sagen, daß ihn eine Wagner-Oper seekrank macht? Dies sind die Stadien von Richard Wagners Ruhm: zuerst die Begeisterung der ästhetisch Geschulten; dazu die Snobs, die Neurastheniker, die stets auf die letzte Mode fliegen. Dann der riesige Opernsieg, die Eroberung des Publikums; die Wagner-Zyklen, mit Sänger- und Kapellmeisterkult verknüpft. Und dann die hoffnungslose Verplebsung: die Entdeckung des sentimentalen Schlagers in der Harmonie der Sphären; der »Holde Abendstern« im Biergarten als Pistonsolo zwischen »Stolzenfels am Rhein« und »Gute Nacht, du mein herziges Kind!«. Wagner, vom Militärorchester exekutiert, die glorreiche Auffindung des Ewig-Ordinären in Walhall. So etwas kann auf die Dauer auch der bestfundierte Ruhm nicht vertragen. Die feinen Ohren wurden abtrünnig, die Kenner guter Musik mißtrauisch. Auch das Ende der »Parsifal«-Sperre tat nicht gut. Das Weihespiel, nicht mehr an das Bayreuther Monopol gekettet, hielt seinen Einzug in die großen Opernbühnen und ernüchterte. Das war es also! Ein altes Rezept: Weihrauch mit Erotik, aber ohne den hinreißenden Glauben von Barockmeistern. Die Unschuld siegt am Ende mit viel Orgelton und Glockenklang, aber um ihren Sieg triumphaler zu gestalten, muß inzwischen viel Weiberfleisch enthüllt werden, muß der keusche tumbe Tor mit Mühe Kundrys Bordellatmosphäre und das tingeltangelhafte Nuttenballett der Blumenmädchen absolvieren. Die Klingsor-Girls! Komm! Komm! Holder Knabe, laß mich dir blühen! Dir zur Wonne und Labe gilt mein minniges Mühen. »Parsifals« erstes öffentliches Erscheinen tat der Wagner-Begeisterung nicht gut. Der Rückschlag war beträchtlich. Nietzsches Kritik war bisher verlegen genug ignoriert, als unbegreifliche Skurrilität oder als Akt persönlicher Gekränktheit behandelt worden. Der Ruhm sackte ab. Es erschien Emil Ludwigs verdienstvolle Streitschrift »Richard Wagner oder Die Entzauberten« und übte seine Wirkung. Mozart stand wieder auf, seine ewige Grazie lächelte die geschwollenen Götterfiguren in die Kulissen zurück, Beethoven übte neu seine Macht, und seine reine Gewalt siegte über Bayreuths größenwahnsinnigen Theaterplunder. Bach, Händel, Gluck standen wieder auf. Das natürliche Genie siegte über die genie-ähnliche Virtuosität. Die echte Kathedrale über den sakral aufgezogenen Rummelplatz. Wagner sank schnell im Kurs. Zu unbegrenzt war der Anspruch gewesen, und jetzt waren überall Unbefriedigte. Es kam eine neue Musik, die frisch und ohne viel Umstände auf ihr Ziel losging. Wenn Strawinskys Soldatenballade vor ein paar bunten Leinwandfetzen mitreißt und erschüttert wozu dann der Kolossalpomp? Was braucht Musik, die durch die Ewigkeit rauschen will, solche Szenerie? Das Theater machte damals eine kleine Revolution durch. Plötzlich wurde das Bühnenbild wieder einfach – mit dem Verruf der Guckkastenbühne kam auch die Wagner-Oper in Mißkredit. Der alte Zauberer schien für immer ausgespielt zu haben. Vor zehn Jahren gehörte eine gewisse Courage dazu, sich als perfekter Wagnerianer zu bekennen. Doch in lichter Waffen Scheine ein Ritter nahte da, so tugendlicher Reine ich keinen noch ersah ... Dieser Ritter war der Nationalismus. Ein Phänomen, in der Tat. Eine neu aufstrebende Bewegung hüllte sich in die Klänge einer bankrotten Kunst. Diese selbst, die sich bisher, wenigstens in der Kassengebarung, streng kosmopolitisch gezeigt und dem polnischen Juden, wenn er nur zahlungsfähig war, gern einen Logenplatz im Festspielhaus reserviert hatte, klammerte sich an eine Bewegung, die den Rassismus auf ihre Fahne geschrieben hatte. Es darf in diesem Zusammenhang nicht überschätzt werden, daß im Bayreuther Kreise zuerst die Rassentheorien Gobineaus gepflegt wurden, daß Houston Stewart Chamberlain, der Schwiegersohn Richard Wagners, in einer konfusen Theorie die These von der schöpferischen Überlegenheit des reinen Ariertums entwickelte und er, der Sohn eines englischen Admirals, im Kriege der lärmendste Herold der Alldeutschen war. Wichtiger ist, daß Wagners Musik die Blütezeit des Bürgertums und des Imperialismus in Töne bannte und ihr den blendenden szenischen Hintergrund verlieh. Es ist heute wohl unmöglich, diesem bürgerlichen Zeitalter gerecht zu werden. Denn wir haben für seine falschen Ewigkeitsrechnungen und seine uneingelösten Schuldscheine einzustehen. In Richard Wagners Werk flüchtet die bürgerliche Ära aus ihrer problemhaften Wirklichkeit in musikumbrausten Mythos. Sie flüchtet aus verschwitztem Bratenrock und qualvoller Korsage in den kühlen Harnisch und die weiten, fließenden Gewänder der Götter. Sie heroisiert sich, sie reckt sich ins Übermenschliche. Sie harft sich in Hochzeitsmärschen und Feuerzauber aus dem engen Ring der Konvention. Die Frauen schmettern ihre Frigidität mit hohem C allen Männern in die Ohren, und die Männer selbst träumen sich aus dem langweiligen Alltag der Ehe in die siebenjährigen Ferien des Venusbergs, ins schrankenlose Ausleben, mag auch der Kater dahinter lauern. Wie schwül ist das alles, was für ein Kompott zerkochter und zerquetschter Lüste! Wie ist das alles aus dem einen Punkte zu verstehen! Aber diese Götter und Göttinnen sind keine freien Hellenen, sie leiden unter einem schlechten Gewissen. Sie ahnen die Katastrophe, sie fühlen dumpf den Fluch ihres Reichtums. Aus nächtlichem Dunkel flammt rot die Vision des Untergangs: das Versinken des Goldhortes im Rhein. Rheingold! Rheingold! Reines Gold! O leuchtete noch in der Tiefe dein lauterer Tand! Traulich und treu ist's nur in der Tiefe: falsch und feig ist, was dort oben sich freut! Gewiß, diese Symbolkraft ist nicht gering, aber alles ist ganz fern, in eine nebelhafte Opernwelt projiziert, ganz unnaiv – mühsame Konstruktion. Und dann zeigt diese Musik ihre Macht, sie infiziert die Wirklichkeit, sie dringt durch tausend unsichtbare Kanäle: aus der Theatergarderobe holt sich Wilhelm II. den Lohengrinhelm und verwandelt die Wirklichkeit in eine schlechte Oper. Wagner wird heute anders kreiert als vor Jahrzehnten. Man muß sich diese großen Wagner-Aufführungen vorstellen, wie sie noch vor zwanzig Jahren waren, diese weiche sinnliche Zerdehnung der Tempi, dieses Waten in Tönen. Und dazu diese Kammersänger, wie sie sich auf fahl gewordenen Rollenbildern präsentieren, diese Tristane und Lohengrine mit Doppelkinn und Bierbauch, und dazu diese Sängerinnen mit flachsgelben Perücken, das Auge verzückt erhoben, Wogebusen und Wackelpopo durch ein rotumbordetes, urtümlich deutsches Nachthemd wirkungsvoll unterstrichen ... Hojotoho! Hojotoho! Heiaha! Heiaha! Hojotoho! Heiaha! Die heutigen Kapellmeister versuchen die Musik zu entfalten, sie halten den Rhythmus straff – im Grunde ist das ein denaturierter Wagner. Wir leben jetzt wieder im Traum der bürgerlichen Renaissance, und als klingender Herold dieser Sehnsucht tritt Richard Wagner wieder auf. Nicht mehr so exklusiv wie früher, im Gegenteil, sehr kleinbürgerlich geworden. Der Bürger ist pleite, seine Ideale wehen zerfetzt in allen Winden, nur seine Parvenüansprüche sind geblieben. Bei Wagner ist nicht nur das ganze Inventar des nationalistischen Schwertglaubens enthalten, sondern auch, immer neu variiert, die angenehme Vorstellung, von allen Übeln erlöst zu werden, ohne daß man dafür etwas zu tun braucht. Es erübrigt sich, näher auszuführen, was für eine Rolle in Deutschland der Wunderglaube spielt und das Verlangen nach einem Hexenmeister, der mit einem Hokuspokus Verschwindibus alle Kalamitäten für ewig beseitigt. Wagner selbst, der in der Erinnerung als der kleine alte Mann mit der Samtmütze fortlebt, hat wohl als der erste erkannt, daß im bürgerlichen Deutschland Kunst nur dann dauernd wirkt, wenn sie gehörig mit Weltanschauung verbrämt und mit dem schwarzen Siegel des Geheimnisvollen versehen wird. Er hat der Musik Natur und Unschuld geraubt, hundertfach treffen Nietzsches erbitterte Anklagen zu. Er war ein Großmeister der Reklame; schon die Freundschaft mit dem verrückten Bayernkönig verlieh ihm das Relief des Auserlesenen. Und er sicherte sich selbst für seinen Nachruhm die Kultstätte Bayreuth; hier ummauerte der Großkophta sein Monopol. Es ist nicht der begreifliche Wunsch des Künstlers nach Abgeschlossenheit und Sammlung, es ist nicht das Odi profanum des Horaz, die Barriere gegen Banausen. Es ist eine gut kapitalistische Kalkulation: er reserviert sein Werk für die Zahlungsfähigen. Kein wirklicher Künstler konnte so handeln. Man vergleiche das mit der noblen geheimrätlichen Abgeschlossenheit des alten Goethe, man vergleiche überhaupt die Plüsch- und Makartwelt Bayreuths mit der strengen Sauberkeit des Hauses am Frauenplan – zwei Zeiten stehen sich schroff gegenüber! Wäre dieser Rummel nicht, nicht die Aufmachung, nicht der unerhörte geistige Anspruch, man könnte Richard Wagner einfach historisch nehmen, man könnte sagen: diese süße Melodik wird langsam fade, der Zauberspruch verliert seine Kraft, nachdem zwei Generationen seiner Verführung unterlegen sind; man könnte den lieben altgewordenen Schwan mit gerührtem Dank nach Haus schicken. Aber Richard Wagner wirkt fort, ein tönendes Gespenst, zu Zwecken beschworen, die mit Kunst nichts mehr zu tun haben, ein Opiat zur Vernebelung der Geister. Zum zweitenmal soll aus Deutschland eine Wagner-Oper werden; Siegmund und Sieglinde, Wotan, Hunding, Alberich und der ganze Walkürenchor und die Rheintöchter dazu sind – Heiajaheia! Wallalaleia eiajahei! – über Nacht hereingebrochen mit der Forderung, über Leiber und Seelen zu herrschen. Die künstlerische Seite dieses Programms billigen wir nicht, denn wir glauben in Wagner nicht die deutsche Musik erschöpft, wir glauben sie bei andern Meistern echter und tiefer zu finden; wir sehen in Wagners Werk vornehmlich eine künstliche Fontäne in buntem Scheinwerferlicht und keinen reinen, natürlichen Quell aber das ist Sache des Kunstgeschmacks, also Privatsache. Die andre Seite dieses Programms ist es dagegen nicht. Wir werden also etwas unternehmen müssen, da nicht zu erwarten ist, daß eine reine Jungfrau, um uns zu erlösen, ins Wasser springt.   Die Weltbühne, 21. Februar 1933   Herr Walter Bloem Es sind jetzt mehr als dreißig Jahre vergangen, daß Hermann Sudermann sein berühmtes Pamphlet über die »Verrohung in der Theaterkritik« veröffentlichte. Ein erfolgreicher Autor hatte den Ehrgeiz, auch als künstlerische Erscheinung hundertprozentig gewertet zu werden, und begann unvermittelt auf jene Kritiker loszudreschen, die seinen Anspruch anfochten. Sudermanns grober Vorstoß hatte eine Reihe glänzender Gegenschriften zur Folge; in den Kritiken Siegfried Jacobsohns zitterte noch lange die Erregung jener Auseinandersetzungen um die »Verrohung« nach. Heute sind wir in der glücklichen Lage, diese Kämpfe historisch betrachten zu können. Wir gestehen gern zu, daß die Berliner Theaterkritik damals einen Hitzegrad erreicht hatte, der uns heute unverständlich erscheint. Die Wilhelminische Ära, durch und durch apolitisch, gab ihre großen streitbaren Temperamente an die Sphären der Kunst und des Theaters ab. Das hat sich seitdem gründlich geändert. Heute wird alle polemische Veranlagung von der Politik aufgesogen, und wenn von den jungen Leuten noch welche zur Theaterkritik übergehen, so sind es die nazarenischen Gemüter. Aber seit ein paar Jahren kehren die Anklagen von Anno Sudermann verstärkt wieder. Sie lassen sich dahin zusammenfassen: das deutsche Drama wird von einer Clique machtgieriger und zumeist semitischer Kritiker tyrannisiert, die einen eisernen Ring um die großen Berliner Bühnen bilden und niemanden ranlassen, der ihren exklusiven volksfremden Anschauungen nicht entspricht und, vor allem, ihre Diktatur nicht anerkennt. Als Patrouillengänger in diesem Feldzug betätigt sich seit einiger Zeit der Romanschriftsteller Walter Bloem. Im Feuilleton der »Deutschen Allgemeinen Zeitung«, das ihm dafür zur Verfügung steht, hat er kürzlich einen Aufsatz veröffentlicht, »Wer hat das deutsche Theater ruiniert?«, und vor einigen Tagen hat er seine Behauptungen noch durch ein besonderes Nachwort zu konkretisieren versucht Wir wollen uns an letzteres halten, grade weil es sich bemüht, Belege zu erbringen. Wir halten Herrn Walter Bloem, der im vergangenen Sommer schon durch eine wuterfüllte Attacke gegen Heinrich Mann Aufsehen erregte, für keinen geeigneten Interpreten von Kunstanschauungen, die bisher angeblich niedergehalten wurden. Herr Bloem gehört als Romanautor zu jenen Glücklichen, denen ihre Mittelmäßigkeit nicht schadet, sondern nützt. Ein fleißiger, zäher Arbeiter, um dessen schweißtriefende Stirn die Muse einen Bogen macht. Ein braver Kerl, wird man sagen, wenn man sieht, wie er sich um sein Handwerk müht. Allerdings wird man ihm diese Bravheit nicht mehr zugestehen können, wenn er einen Schriftsteller vom Range Heinrich Manns, dem er nicht wert ist, die Schuhriemen zu lösen, anfällt, um ihn als schlechten Deutschen zu denunzieren. Ebenso wird man Herrn Bloems Anmaßung zurückweisen müssen, als Zensor und Retter des deutschen Theaters aufzutreten. Ihm fehlt dazu das Gewicht einer eignen Leistung. Wenn sich, sagen wir ... Thomas Mann auf ein ihm fernes Gebiet begibt, so ist ihm mindestens ein respektvolles Auditorium sicher. Quod licet Jovi, non licet bovi ... Herr Bloem begreift das nicht. Anstatt Fortuna, die Dirne, zu preisen, die ihm aus ihrem Füllhorn hunderttausend Leser beschert, während sie für Gottfried Benn zweihundert übrig hat, anstatt also sein freundliches Geschick zu segnen und die Klappe zu halten, gebärdet er sich als freiwilliger Literaturpolizist und strenger Cato. Was hat er vorzutragen? Der böse Internationalismus hat das »volksgemäße deutsche Drama« systematisch ruiniert. »Wer den Irrsinn der abgelaufenen Epoche deutscher Verstrickung nicht selber mit durchlebte, wird es nie begreifen: wir hatten kaum Helfer, am wenigsten in der Sphäre des deutschen Theaters. Für unser Volkstum einsam auf verlorenem Posten zu kämpfen, das war das grausam bittere Los der Ältern unter uns.« Volkstum –? Nun, wenn in »dem Irrsinn der abgelaufenen Epoche deutscher Verstrickung« ein Dichter das Volk gleichsam entdeckt und in seiner Gestik und seinen Reden belauscht hat, so ist das der Dichter des »Fuhrmann Henschel« und des »Hannele«. Was ist jedoch Gerhart Hauptmann für Herrn Bloem? »Zugehöriger des demokratisch-marxistischen Gesinnungskonzerns ...« Es ist schwer, mit Cato zu streiten. Gut, der Dichter der »Weber« und des »Florian Geyer« hat nichts mit dem »volksgemäßen Drama« zu tun. Wer aber kann dafür in Anspruch genommen werden? Herr Bloem beschränkt sich Gott sei Dank nicht auf die bloße Behauptung. Er tritt mit einer langen Liste in die Arena und fügt zugleich alte Kritiken von Siegfried Jacobsohn und Alfred Kerr hinzu, um zu zeigen, wie niederträchtig die Kritikastersippe an seinen Dichterfürsten gehandelt hat. Man möchte im eignen Interesse Herrn Bloems seine Beweisführung gern unterdrücken. Indessen – Schonung ist nicht am Platze. Es kann nicht verschwiegen werden, daß die Reihe seiner klagenden Poetenschatten von Ernst von Wildenbruch eröffnet wird. Der alte Wildenbruch ist nicht von jüdisch-gallischen Rezensenten von hinten erdolcht worden, er ist einfach der Zeit erlegen. Er hat einem vorübergehenden Geschmack entsprochen, er hat seine Triumphe genossen – und dann war's vorbei für immer. Sieht Herr Bloem wirklich die Aufgabe eines »volksgemäßen« Theaters in der Wiedererweckung Wildenbruchs? Herr Bloem ignoriert den erbarmungslos regulierenden Einfluß der Zeit. Die Konservativen von 1933 sind andre als die von 1910. Wir raten ihm dringend, sich doch einmal an den neuen Staatstheater-Dramaturgen Hanns Johst zu wenden und ihn aufzufordern, etwa die »Karolinger« oder die »Rabensteinerin« aus der Mottenkiste zu holen. Wahrscheinlich wird Herr Johst ihm eine Antwort geben, die an die herbe Kraft seiner eignen expressionistischen Frühzeit erinnert. Was aber Wildenbruch angeht, so sollte sein Entdecker vorsichtiger sein. Ernst von Wildenbruch, als Dramatiker von einer bergeversetzenden Naivität, ein leicht begeisterter Rhapsode fürstlicher und besonders hohenzollernscher Moritaten, war außerhalb seiner Kunst alles andre als ein Byzantiner. Er war ein Mann von durchaus liberalen Anschauungen, und wo es um öffentliche kunstpolitische Bekenntnisse ging, stellte er sich unerschrocken an die Seite seiner Kollegen von der »demokratisch-marxistischen« Observanz. Er hat niemals die Meinung vertreten, der Kunst müßten, zur Hebung der allgemeinen Volksmoral, von Staats wegen Daumenschrauben angelegt werden. Er hat den Feldzug gegen die Lex Heinze mitgemacht und eine Bewegung für die Aufhebung des § 175 mit seiner Unterschrift unterstützt also genau das getrieben, was die Rückwärtser von heute »Kulturbolschewismus« nennen. Der alte Wildenbruch würde heute als ein höchst zersetzendes Element gelten. Herr Bloem nennt weiter Joseph Lauff und Eberhard König. Wir wollen sie ruhen lassen, denn es wäre grausam, sie dem Rampenlicht auszusetzen. Wir wollen uns weder um die schwachen Dramen des herrlichen Lyrikers Liliencron streiten noch um Paul Ernsts sterbenslangweilige Tragödien. Es wird ärger, wenn Herr Bloem zu den von den Rezensenten Gemeuchelten auch Ludwig Thoma und Max Dreyer rechnet. So ahnungslos kann Herr Bloem nicht sein, als daß er nicht über das Autorenschicksal beider Bescheid wüßte. Ludwig Thoma, der niemals ein Dramatiker, sondern Novellist und Versemacher mit pamphletistischer Ader war, hat mit seinen Komödien über seinen Tod hinaus Beifall geerntet. Er gehörte als Bühnenschriftsteller zu den Erfolgreichen seiner Zeit, er ist von Unzähligen geliebt und bewundert worden, ein Vertreter der »demokratisch-marxistischen« Fraktion, nämlich Theodor Wolff, war es, der ihn vor rund fünfundzwanzig Jahren feierlich zum »bayrischen Aristophanes« ernannte; selbst Herr Bloem dürfte zugeben, daß das eine sehr milde Art von Befehdung darstellt. Ludwig Thoma hat als Bühnenautor eine Resonanz gefunden, die seinem genialen Zeitgenossen Frank Wedekind ganz und gar versagt geblieben ist. Auch Max Dreyers grobknochige Dramatik hat Reißer geliefert wie den »Probekandidaten«, aber ein hinreißender Appell an das Säkulum, das sind seine Theaterstücke wirklich nicht. Trotzdem sollte man den »Probekandidaten«, eine handfeste Persiflage der Schulreaktion um die Jahrhundertwende, heute ausgraben. Der Erfolg würde ähnlich sein wie der von Ludwig Thomas »Moral« im vergangenen Sommer – er würde Herrn Bloem keine Freude bereiten. Wenn der gemaßregelte Schulamtskandidat, der in einem muffigen Kleinstaat Schiffbruch erlitten hat, am Ende erkläre er würde dorthin gehen, wo Meinungsfreiheit in Wort und Schrift gewährleistet ist, nämlich nach Preußen, so wäre die aktuelle Beziehung zur Eklatanz hergestellt, und das ganze Theater würde vor Freude wiehern. Es hat bis jetzt noch keine klare Antwort gegeben auf die Frage, was »Kunstbolschewismus« eigentlich ist. Die Herren, die es wissen müßten, weichen voneinander ab. In der »Deutschen Zeitung« wird Georg Kaisers »Silbersee« zum Beispiel mit offensichtlichem Bemühen um Objektivität besprochen; aber auch deren Kritiker, Herr Mühr, scheint nicht zuverlässig, denn in Magdeburg protestieren die nationalen Verbände. Wer findet sich da noch zurecht? Auch gegen Justizirrtümer in der Kunst gibt es keine völlige Sicherung. Seit dem Beginn der naturalistischen Ära sind in Deutschland nicht mehr Talente verkannt worden als sonst auch. Und wir können mit einiger Sicherheit konstatieren: ein Genie war nicht darunter. Der »Irrsinn der abgelaufenen Epoche« hat wahrscheinlich weniger verbrochen als andre Zeiten, die Herrn Bloem wohl vernünftiger vorkommen, weil ihm ihr Regierungssystem besser zusagt. Das patriarchalische Regiment hat nicht gehindert, daß Kleist von Kotzebue und den Verfassern elender Ritterdramen gefressen wurde; in den Glanztagen bürgerlicher Tugenden kam Hebbel nicht zur Geltung, weil die Theater von Raupach und der Birch-Pfeiffer okkupiert waren. Wenn Herr Bloem jahrzehntealte Kritiken von Kerr heraussucht, um die ganze Scheußlichkeit des »demokratisch-marxistischen Gesinnungskonzerns« aufzuzeigen, so übersieht er dabei, wo diese Kritiken einmal gestanden haben, nämlich im Scherlschen »Tag«. Früher hatten manche Rechtsblätter, mochten sie sich im politischen Teil noch so orthodox gebärden, doch ein ausgeprägtes Kulturbewußtsein. Sie wollten wenigstens den Zusammenhang mit dem besten künstlerischen Geist der Zeit nicht verlieren. Die alte »Tägliche Rundschau«, die einer wüsten alldeutschen Tendenz verschrieben war, zeichnete sich durch einen besonders gepflegten und fortschrittlichen Theaterteil aus. Herr Bloem und seine Freunde, die es heute so darzustellen belieben, als hätten damals die Kunstbolschewiken Jacobsohn, Harden und Kerr in trauter Gemeinschaft ihre Gifttränke zur Beseitigung volksgemäßer deutscher Dichter gebraut, liefern nur ein albernes Zerrbild dieser Jahre. Der Anteil der Rechtspresse an den damaligen Kämpfen darf nicht verschwiegen werden, ebensowenig, daß ein Chorführer der naturalistischen Zeit der jetzt verstorbene Karl Strecker war, ein Mann von fester konservativer Überzeugung, der viel für Ibsen, Hauptmann und Dehmel getan hat. Aber diese personalen Dinge sind nur historisch beachtlich – sie verblassen neben der größern Frage: Wer hat das deutsche Theater ruiniert? Das behauptet Herr Bloem, nicht mehr und nicht weniger. Es spricht gegen die Zeit, daß man sich mit einer solchen Botokudenlegende ernsthaft auseinandersetzen muß. Mit dem Cato Bloem ist schwer zu disputieren: ihm fehlt jeglicher Sinn für Qualität. Uns liegt jeder Hauptmann-Byzantinismus fern. Aber wenn jemand behauptet: »Stofflich und weltanschaulich gehört er (Hauptmann) einer überwundenen Epoche an«, und wenn das kein junger Mensch schreibt, der sein Lebensrecht gegen die Großen einer schwindenden Zeit durchsetzen will, sondern ein saturierter sechzigjähriger Romanautor, der in jeder Zeile seiner Arbeiten unter der Epoche steht, die er stofflich und weltanschaulich verdonnert, so erübrigt sich weitere Argumentation, und sein substanzloses Gezeter gibt nur Anlaß zu einigen notwendigen Feststellungen. Es ist nicht wahr, daß das deutsche Theater sich heute wieder aus einer Epoche von Ruin und Verfall zu erholen beginnt. Diese letzten vier Jahrzehnte, von Hauptmann bis Brecht, von Rittner bis Krauss, von der Sorma zur Bergner, waren eine Zeit unerhörter Blüte, auf die Deutschland mit bestem Recht stolz sein kann. In dieser Zeit hat das deutsche Theater einen Rang behauptet, der in der Welt einzig war. Wahrscheinlich sind in dieser Zeit keine Dramen von Ewigkeitsbedeutung geschaffen worden – eine solche Bilanz des Bleibenden wird später gezogen werden müssen –, es handelt sich auch nicht darum, sondern um den Willen und das Streben zur höchsten Leistung. Was das deutsche Theater und die Theaterstadt Berlin besonders auszeichnete, das war die freudige Bereitheit, alle sich bietenden Werte aufzunehmen und selbständig zu verarbeiten, die kosmopolitische Aufgeschlossenheit, der Mangel an Borniertheit. Die Berliner Theaterkritik war durch ihre Schärfe oft herzlich unbeliebt, aber sie hat das qualitative Niveau im ganzen mit höchster Gewissenhaftigkeit gewahrt; sie hat immer, im Gegensatz etwa zur Pariser Kritik, die ganz in konventioneller Seichtheit dahintreibt, ein eignes markantes Gesicht gezeigt. Auch wir haben nicht die Verfallserscheinungen der letzten Jahre übersehen – es ist nicht der Zweck dieser Ausführungen zu schildern, wie aus Überreife Fäulnis wurde und warum nicht rechtzeitig genug Ablösung überalterter Menschen und Dinge erfolgte. Es gilt hier nur Zeugnis für eine Zeit abzugeben, die wir zum Teil miterlebt haben, und einen unberufenen Zensor zurückzuweisen, der sein eignes Minderwertigkeitsbewußtsein unter der Toga des Anklägers verhüllt. Die Kunst ist heute in die vierte Reihe gerückt. Die großen Entscheidungen werden auf einem andern Felde erfolgen. Aber es wäre feige und undankbar zugleich, wenn wir eine echte Leistung der jetzt zu Ende gehenden geschichtlichen Phase nicht gegen Schmähung schützen wollten. Herr Bloem kommt sich gewiß als hochnationaler Mann vor, wenn uns auch seine Gründe für diese Annahme verschlossen bleiben. Er teilt mit vielen andern gleicher Couleur die Blindheit für die wirklichen Werte, für die besten Produkte der Nation. Es erleichtert Herrn Bloems Position, daß er heute an der Seite der Mächtigen steht. Aber dadurch werden seine eignen Romane nicht belangvoller, und dadurch werden die Toten, die er herbeiruft, nicht lebendig. Er »grüßt mit erlöstem Aufatmen die Paniere des jungen Deutschland – für die heute Schaffenden«. Ein alter Irrtum, einen politischen Flaggenwechsel für die Eröffnung einer neuen Kunstepoche zu halten. Schließlich kommt es doch immer auf das Können an und nicht auf das Panier, und öfter noch als in den Sonnentagen der Macht ist die große Kunst im Kellerdunkel der Opposition gediehen. Seit zehn Jahren bemüht sich der Nationalismus, einen literarischen Koloß auszubrüten. Die Geduld in allen Ehren – aber herausgekommen ist dabei kein Kleist, sondern nur der fatale O.S.-Roman des Herrn Arnolt Bronnen, der in jeder Beziehung an der Grenze spielt. Herr Bloem sieht jetzt Herrliches heranreifen. Nun gut, bei Philippi sehn wir uns wieder!   Die Weltbühne, 28. Februar 1933   Briefe an Kurt Tucholsky 1932 Die Weltbühne Berlin-Charlottenburg 2 Kantstraße 152 25. Februar 1932 Lieber Doktor, ein paar Worte nur zur Sache Herbers. Ich habe nicht nur nichts dagegen, sondern bin sehr, sehr damit einverstanden, wenn Sie für Herbers eintreten. Ich bedaure außerordentlich, wenn bei Ihnen der Eindruck entstanden sein sollte, daß meine Abneigung gegen Küster, den ich für einen rüden Geschäftsmann halte und nicht mehr, sich auf alle seine Mitarbeiter ausdehnt. Daß dort Gutes geschaffen wird, daran habe ich nie gezweifelt, aber leider hat mir Herr Küster seit Jahren die Faust gezeigt, und ich kann nicht schützend vor jemanden treten, von dem ich annehmen muß, daß er mich selbst in diesem Augenblick als unerwünschte Konkurrenz empfindet und mit der Kniescheibe in den Hintern stößt. Das ist meine Auffassung, die natürlich nur Geltung hat für normale Zeiten. Wenn man dem ganzen »Andern Deutschland« das Genick umdrehen will, müssen wir dagegen etwas tun, allerdings bin ich der Meinung, dabei zu betonen, daß wir es tun trotzdem ... Ganz anders liegt die Sache mit Herbers, der allgemein als der Idealist dieses Kreises gilt, der sehr viele persönliche Opfer gebracht und außerdem immer eine anständige persönliche Toleranz gewahrt hat gegen diejenigen Leute, die Küster, der Herr und Meister, in Acht und Bann getan hatte. Wenn Sie also etwas für Herbers schreiben wollen, gut.   Sonst gibt es hier einigen Kummer. Die Akten ruhen noch immer, aber es ist insofern ein unangenehmer Zwischenfall eingetreten, als im »Echo de Paris« Einzelheiten aus unserm Prozeß erscheinen. Ich möchte keine Vermutung wegen der Quelle äußern, aber ich komme dadurch, wie Sie sich denken können, in eine höchst schiefe Situation, weil ich natürlich jedem Verdachte offenstehe. Ich habe gestern den Anwalt ersucht, bei der zuständigen Stelle einen Antrag auf ein Untersuchungsverfahren gegen mich selbst einzureichen. Es scheint mir die einzige Möglichkeit zu sein, um unangenehme Konsequenzen zu vermeiden. In der Sache »Soldaten sind Mörder« wird, das kann schon heute mit ziemlicher Sicherheit gesagt werden, die Anklage erhoben werden. Es wird für Sie von Interesse sein zu erfahren, daß die Staatsanwaltschaft sich sträubt, weil sie die schwersten juristischen Bedenken hat, daß aber eine gewisse Behörde, die ich nicht näher zu bezeichnen brauche, heftig drängt. Wir müssen abwarten. Es sind herrliche Zeiten; dazu habe ich gegenwärtig einen Schnupfen, der mich furchtbar quält. Wollen wir nicht unsre Nasen tauschen? Ich kenne Ihr altes Übel, aber ich glaube, ich fahre trotzdem dabei ganz anständig. Herzlichst Ihr Oss *   den 29. Februar 1932 Lieber Doktor, die Publikationen, von denen ich Ihnen mitteilte, schaffen eine völlig veränderte Sachlage. Ich brauche mich nicht in Einzelheiten ergehen, die Zeitungsblätter werden Ihnen in den nächsten Tagen zugehen. Sie sind Jurist genug, um zu wissen, daß diese Veröffentlichung ein ganz neues Verfahren nach sich ziehen muß. Die ersten Schritte sind geschehen, wenn es noch nicht eingeschlagen hat, so liegt das an der Langsamkeit der Leute. Der Verdacht richtet sich gegen alle Beteiligten. Unter den eingeleiteten Ermittlungsverfahren stehen auch die Anwälte und die Gerichtspersonen, die mit der Sache befaßt waren. Natürlich ist es ganz einfach, zu sagen, es sei der gewesen, der entwetzt ist. Natürlich, das liegt ganz nahe. Juristisch aber sieht die Sache anders aus. Er ist fern von Madrid, und wenn es ihm beifallen sollte, sich zu äußern, würde er natürlich auch seine völlige Unschuld versichern, würde er vielleicht sagen, ihm wären Papiere gestohlen, er wäre ausgeholt worden oder dergleichen. Wer will ihm das Gegenteil beweisen? Ich aber bin hier, und wie soll ich beweisen, daß ich mit den Publikationen nichts zu tun habe? Gewiß, man muß es mir beweisen aber kann man mit Indizien nicht viel, nicht alles machen? Zum guten Glück habe ich dem Manne auf seine törichten Briefe überhaupt nicht geantwortet, sondern ausschließlich durch den Rechtsanwalt antworten lassen. Die unqualifizierten Vorwürfe, die er gegen uns erhoben hat: man hätte ihn schlecht verteidigt, man hätte ihn nicht genügend geschützt und dergleichen Dinge, die mich damals bis aufs Blut empört haben, können auf diesem merkwürdigen Wege noch zum Segen werden, denn sie belegen jedem verständigen Menschen – wozu ich aber vorsichtigerweise gewisse beamtete Juristen nicht zählen möchte –, daß wir mit der Sache nichts zu tun haben können. Obgleich ich genügend Kombinationen habe, wie die Sache in Wahrheit zugegangen sein mag, gedenke ich davon nicht Gebrauch zu machen. Das wird von den Anwälten übrigens mißbilligt, aber ich weiß gar nicht, warum ich dem System, das ich bekämpfe, und sei es auch nur zu meinem eignen Schutz, Handlangerdienste leisten soll. Ich beschränke mich hier auf Andeutungen, die Ihnen aber immerhin genügen werden, die Schwierigkeiten der Fragen zu fühlen, die Zwickmühle zu ahnen, in der ich sitze. Zum Überfluß hat Küster in seinem Blättchen jetzt auch noch ein Stück aus dem »Pariser Echo« abgedruckt. Als ich das am Sonnabend sah, raufte ich mir die Haare und brüllte ich vor Wut über so viel Dummheit. Der Effekt ist eingetreten: Das »A. D.« ist heute auf drei Monate verboten worden. Dazu werde ich kaum schweigen können. Das stellt eine neue Aufgabe, inwieweit dazu Stellung zu nehmen ist. Natürlich muß ich jetzt für das Blatt ein schützendes Wort schreiben, ohne uns selbst zu exponieren. Ich bitte Sie freundlichst, mir das zu überlassen. Die Formulierung geschieht nicht ohne juristischen Rat. \<leer/\> In der Sache »Soldaten sind Mörder« habe ich seitdem noch nichts gehört. Ich möchte noch einmal betonen, weil das aus Ihrem Brief nicht klar hervorgeht, daß in diesem Falle das Verfahren nur gegen mich geht. Der Untersuchungsrichter, von dem ich vor ein paar Monaten vernommen wurde, hat mir ausdrücklich gesagt, es sei zwecklos, gegen Sie vorzugehen, weil Sie doch niemals da wären. Das ist die Sachlage, ob es dabei bleiben wird, weiß ich natürlich nicht. Ebensowenig kann ich jetzt schon absehen, ob Sie in irgendeinem Stadium literarisch oder physisch eingreifen müssen. Das wird ganz von der jeweiligen Situation abhängen. Schließlich handelt es sich hier, da die Sache ja nicht beim Reichsgericht anhängig ist, nicht allein um die erste Instanz. Gegen ein scharfes Urteil wird man Revision einlegen und die Sache durch alle forensischen Möglichkeiten treiben. Das ist das Günstige daran, und deshalb steht die Frage Ihres Eingreifens einstweilen nicht zur Debatte. Herzlichst Ihr Oss *   Die Weltbühne Berlin-Charlottenburg 2 Kantstraße 152 1. März 1932 Lieber Doktor, Herr von Gerlach war vor ein paar Tagen bei mir wegen Ihres Briefes. Es hat da in einem Punkte ein Mißverständnis gegeben, das wahrscheinlich auf einen unklaren Ausdruck bei mir zurückzuführen ist. Also: Es ist von uns nicht beabsichtigt, daß Herr von Gerlach auch die juristische Verantwortung übernehmen soll. Das halten wir schon aus dem Grunde für gefährlich, weil jetzt möglicherweise eine Prozeß-Serie beginnt und wir nicht in der Lage wären, eine leitende Person nach der andern an die Justiz abzugeben. Den Brief an Herbers habe ich weitergegeben. Was ich darüber denke, habe ich vor ein paar Tagen geschrieben. Ich bitte Sie also nun, bei uns für Herbers eine Lanze zu brechen. Ich glaube, die Frage, ob es H. nützt oder schadet, ist sekundär; es handelt sich um eine bereits öffentlich gewordene Angelegenheit. Es hat mir einen kleinen Stich gegeben, daß Sie Herbers angeboten haben, im »Andern Deutschland« zu schreiben. War das nötig? Praktisch ist die Frage erledigt, da das Blatt auf 1/4 Jahr verboten ist. Aber seltsam hat mich das Angebot doch berührt, nachdem ich Ihnen ein paar Tage vorher wieder dargelegt habe, wie ich über die Leute denke. Herzlichst Ihr Oss *   Die Weltbühne Berlin-Charlottenburg 2 Kantstraße 152 8. März 1932 Lieber Doktor, ich halte es für ganz richtig, daß Sie nicht geantwortet haben. Diese Protestiererei wird auf die Dauer idiotisch. Ich bin der Meinung, daß Sie einmal gelegentlich prinzipiell gegen diese Protestiermaschine schreiben und dabei die notwendigen Unterscheidungen treffen sollen. Nicht für unrichtig halte ich Proteste in einzelnen deutlich profilierten Fällen; Sacco-Vanzetti, überhaupt das meiste, was Justiz angeht. Völlig irrsinnig dagegen halte ich es, wenn zwischen zwei Mächten ein Konflikt ausgebrochen ist resp. auszubrechen droht und sich dann ein paar Laute und Korporationen hinsetzen und dagegen Verwahrung einlegen. Wenn sich ein einzelner oder auch eine Organisation in weltpolitische Händel hineinmischt, dann muß es mit sorgfältiger Begründung geschehen oder es muß dabei ein Pathos aufblitzen, das überzeugend wirkt. Aber diese schematischen Einsprüche im Telegrammstil sieht kein Mensch an. Außerdem ist auch mindestens jedem Menschen des öffentlichen Lebens das Schema der Unterschriftengarnitur vertraut. Ich bin nicht der Meinung, daß diesmal so zu argumentieren wäre: wir kennen die Dinge nicht, und deshalb mischen wir uns nicht ein, sondern: weil wir die Dinge kennen, sind wir von der Wirkungslosigkeit solcher Proteste tief überzeugt. Diese Proteste sind kein politischer Kampf, sondern ein mit Recht mißachtetes Nebenbei. Ich würde es für gut und nützlich halten, wenn Sie dergleichen gelegentlich schrieben. Im übrigen bin ich der Meinung, daß Sie sich um diese Sache nicht weiter kümmern sollen. Auch wäre zu sagen, daß man nicht immer Leute um Unterschriften anschnorren soll, die man gestern noch als Könige aller Sünder verworfen hat und die man bereit ist, morgen wieder irgendwo hinzutreten. Das ist unwürdig und für den Unterschriftensammler ebensowenig ehrend wie für denjenigen, der sich breitschlagen läßt. Wegen der in dem Brief angeschnittenen Fragen antworte ich Ihnen morgen. Ich habe mich zunächst einmal an den Advokaten gewandt, wie die Begnadigungsaktion steht. Herzlichst Ihr Ossietzky 1 Anlage *   Die Weltbühne Berlin-Charlottenburg 2 Kantstraße 152 10. März 1932 Lieber Doktor, ich muß meine Briefschulden ratenweise abtragen, deshalb ad eins Wahlkampf . Ich habe mich außerordentlich gefreut über Ihren Beifall. Die Sache war ungewöhnlich schwierig, und die brutale Wahrheit ist, daß ich taktisch laviert habe, während die Entscheidung radikal aussah. Unsre Parole für Thälmann hat, soweit ein schriftlicher Niederschlag aus dem Leserkreis vorliegt, bisher dieses Resultat gehabt: ein grober Brief, zwei freundliche Rügebriefe, eine Abbestellung. Ich bin überzeugt, wenn wir uns anders verhalten hätten, es wären Dutzende von Abbestellungen erfolgt. Eine Parole für Hindenburg war ganz unmöglich a. nach unsrer Tradition, b. nach meiner gegenwärtigen Situation, denn Hindenburg wählen heißt Brüning und Groener bestätigen, heißt Zustimmung zu liberalen Ausflüchten. Unter diesen Umständen bleibt nichts andres, als aus dem Kreise herauszuspringen. Meine Begnadigungsaktion ruht einstweilen und dürfte vielleicht – bitte drei Mal auf Holz klopfen – bis zur Erledigung der Wahlkampagne ruhen. Wird Hindenburg wiedergewählt, so bedeutet das eine unerhörte Stärkung der reaktionären Positionen in der gegenwärtigen Regierung. Eine der ersten Leistungen des frischgewählten Regimes dürfte dann die Ablehnung der Begnadigung sein. Gewiß sind sonst persönliche Momente kein Anlaß, so oder so zu entscheiden – aber erstens für Hindenburg eintreten, dann die Amnestie kassiert, das wäre, by Jove, eine grauenhafte Blamage, und ich könnte mich in Europa für einige Zeit nicht mehr blicken lassen. Ich glaube, daß Sie für diese Argumentation Verständnis haben. Es ist mir erzählt worden, daß unsre Parole für Thälmann in bestimmten Kreisen des Berliner Westens einen kleinen Wirbel hervorgerufen hat und heftig geschmäht wird. Ich kann das nicht kontrollieren. Immerhin sehe ich eine gewisse Bestätigung darin, daß Wolff und Bernhard persönlich dagegen ins Gewehr getreten sind. T. W wie immer sehr nett und sauber, Bernhard mit mehr Aufwand an Entrüstung. Ich habe in dem Falle das getan, was ich sonst nie tue: ich habe an beide persönlich geschrieben. An T. W. sehr freundschaftlich, an B. etwas härter, denn der kann einen Stiefel vertragen. Beiden aber, die mir Prinzipienreiterei vorwerfen, habe ich gesagt, daß es für uns alle, die wir aus der alten Linken stammen, bei dieser Wahl überhaupt kein Prinzip zu vertreten gibt. Wir sind depossediert, wir kommen als Macht allesamt nicht in Frage. Wir haben keinen Kandidaten, kein Programm – gar nichts. Wir müssen uns nur für Entscheidungen entscheiden, die andre getroffen haben, und es ist ganz gleichgültig, ob der einzelne, einer Neigung oder seinem Temperament folgend, einen Schritt nach rechts oder nach links tut. Die Herren haben den Schritt nach rechts gemacht, »Weltbühne« ging den Schritt nach links. Das ist der ganze Unterschied, und mit Prinzip hat das überhaupt nichts zu tun. Um für unser Prinzip zu arbeiten, müssen wir alle auf neuem Boden neu anfangen. Die Namen Braun und Löbe habe ich wieder nur aus taktischen Gründen ausgespielt. Ich habe gesagt: wir Leute von der Linken wollen einen Mann mindestens aus einem uns verwandten Denkkreise. Es ist sträflicherweise versäumt worden, sich rechtzeitig nach einem solchen Mann umzusehen, er ist also nicht da. Das ist nicht unsre Schuld, sondern die der Partei, also fällt auf die Partei die Verantwortung, wenn sich Republikaner jetzt an den einzigen Mann halten müssen, den eine Linksgruppe aufgestellt hat. Er heißt in diesem Falle Thälmann. Dieses Argument hat, wie ich weiß, eine gewisse Wirkung gehabt, und es ist meine Sicherung gewesen gegen den Vorwurf eines verantwortungslosen Radikalismus, eines Desperadotums. Ohne diese Reservation hätten mich T. W. und B. viel schärfer in die Zange nehmen können. Sie schrieben, daß Sie gern einen Artikel über Hitler machen möchten. Ich bin sehr dafür, nur bin ich mir über den Zeitpunkt nicht ganz klar. Sie schreiben: nach der Stichwahl, womit Sie ohne Zweifel die endgültige Entscheidung meinen. Oder liegt ein Irrtum bei Ihnen vor und Sie meinen zwischen dem ersten und dem zweiten Wahlgang. Bitte, schreiben Sie mir es doch noch ganz genau, ich habe, ich weiß nicht, warum, den unbestimmten Verdacht, daß hier ein Mißverständnis vorliegt. Das ist auch entscheidend für die Form des Artikels, denn den geschlagenen Hitler wird man in einer andern Weise behandeln als den Mann, der vor einem für ihn nicht aussichtslosen zweiten Wahlgang steht. Was am 13. März sein wird, das weiß niemand. Es ist alles völlig durcheinander. Trauen Sie nicht dem Eindruck der Entschlossenheit, der durch die Zeitungen entsteht. In Wahrheit sind alle Fronten aufgelöst. Es gibt keine gesinnungsmäßigen Einheiten mehr, am allerwenigsten innerhalb der Parteien. Es wird demokratische Juden geben, die aus Enttäuschung und Zynismus für Hitler stimmen werden. Es werden SA-Leute aus Protest gegen ihre Großkopfeten für Thälmann stimmen. Es werden organisierte Kommunisten aus Überzeugung für Hindenburg stimmen, weil sie die eigne Parteiparole für verrückt halten. Das ist alles ganz unübersehbar. Dennoch war gestern im »Berliner Tageblatt« eine sehr ernste statistische Aufstellung, die als einzige den Versuch macht, in diskreter Form dieser Verwirrung gerecht zu werden. Ich lege Ihnen das Blatt bei, weil es die ziffernmäßige Illustration zu meiner Darstellung bietet. Da am 13. März eine Entscheidung kaum fallen wird, wird für uns eine neue, noch schwerere Entscheidung notwendig sein. Ich zerbreche mir den Kopf darüber, ohne recht weiterzukommen. Zunächst will ich noch einmal die Parole der sozialistischen Sammlung ausgeben. Das mag mit den Tatsachen im Widerspruch stehen, aber es scheint mir trotzdem nicht unpolitisch zu sein, zunächst einmal das Notwendige zu predigen und das, was immerhin noch zu machen ist. Groener-Prozeß. Ich danke Ihnen für Ihre juristischen Richtlinien. Ich bin mir auch klar, daß dieser Prozeß so geführt werden muß. Es kommt auch darauf an, den Nachweis zu führen, daß militärabträgliche Bemerkungen wie die von Ignaz Wrobel sich durch einige zweitausend Jahre Literaturgeschichte ziehen, und wir sind dabei, eine solche Sammlung vorzunehmen. Es ist natürlich nicht die Arbeit eines Menschen, ich habe eine ganze Reihe von Leuten dazu angespannt, uns Zitate zu liefern – von der Bibel bis zum 26. Februar 1932, dem Tag, an dem die Anklage erfolgte. Die Klageschrift ist farb- und lustlos. Man ahnt den Druck, der nötig war. Die Sache kann nicht schlimm ausfallen. Apfel und Olden rechnen, da es sich ja in Moabit abspielt und nicht in Leipzig, mit glattem Freispruch, Gerlach, der in solchen Dingen sehr erfahren ist, mit 150,– Mk. Geldstrafe. Das ist also kein Beinausreißen. Aber alle fügen hinzu: vorausgesetzt, daß die gegenwärtigen Verhältnisse so bleiben, daß nicht in Preußen auch ein anderer Kurs einzieht. Dann kann es auch dafür ein paar Monate Kittchen geben. Nun ist das alles noch nicht soweit, und bis jetzt liegt auch noch kein Eröffnungsbeschluß vor, wenngleich ich nicht zweifle, daß das Verfahren in Gang kommen wird. Sie haben mir nun die sehr schwere Frage zum Knacken gegeben, ob Sie dazu schreiben sollen. Ich muß sagen, daß ich einstweilen nicht imstande bin, das hieb- und stichfest zu beantworten. Apfel sagte mir, daß mein Begnadigungsverfahren kaputtgehen kann, wenn Sie noch weitere Schärfen gegen Groener hineinbringen. Das ist der pflichtgemäße Einspruch eines wachsamen Anwalts, den ich erwartet habe und der auch nicht anders zu erwarten war. De facto sehe ich aber die Begnadigung automatisch abgelehnt, sobald wieder klare Verhältnisse sind. Ich glaube, wir haben von dem einen H. ebensowenig zu erwarten wie von dem andern H. Es würde mir bitter leid tun, wenn man in der Hoffnung auf Segen die Schnauze hält. Hier würde also ein Loswettern von Ihnen bei mir auf keine Schwierigkeiten stoßen. Ob Sie es tun können, das hängt davon ab, welche Wirkung es haben kann, nicht auf die Wilhelmstraße und Bendlerstraße, sondern auf die Menge unsrer Leser und engern Freunde. Hier wage ich die Stimmung nicht zu taxieren. Wird der Vorwurf gegen Sie erhoben, Sie drückten sich, und findet dieser Vorwurf Echo, dann würde ich es für verfehlt halten, wenn Sie das Wort ergriffen. Der Effekt wäre eine moralische Niederlage, nicht nur für Sie allein, sondern auch für den Begriff »Weltbühne« insgesamt. Nun bin ich nicht in der Lage zu beurteilen, inwieweit gegen Sie Mißstimmung vorhanden ist. Vorhanden ist sie, was ich durchaus konkret weiß, bei alten Freunden wie Toller und Mehring. Rabold hat in der »Welt am Montag« eine spöttische Bemerkung geschrieben. Wie weit das alles reicht, weiß ich nicht. Daß Kraus sich einmal der Sache bemächtigen wird, daran zweifle ich nicht, das läuft ja nebenher. Übrigens hat sein Adjutant Rolf Nürnberg im Essener »Scheinwerfer« etwas gestichelt. Ich sehe in dem Ganzen eine rein praktische Frage. Die letzte Entscheidung, ob Sie mit einem Artikel eingreifen sollen oder nicht, liegt bei Ihnen. Ich glaube, Sie werden sich auf direktem Wege durch Briefe etc. über die Stimmung orientieren müssen. Das Stimmungsbarometer muß, so paradox es klingt, von mir am unzuverlässigsten angewendet werden, weil man grade vor mir Unfreundlichkeiten, die sich auf Sie beziehen, nicht sagen wird. Es ist ein Ausnahmefall, daß Toller neulich mir gegenüber seinem Herzen Luft machte und mir die Skizze eines Briefes vorlas, den er an Sie schicken wollte. Ich wollte, ich könnte Ihnen eine etwas solidere Antwort geben, aber die Sache ist ungeheuer wichtig, und ich fühle mich unsicher. Außerdem dürften wir noch einige Wochen Zeit zum Nachdenken haben. Morgen trage ich eine weitere Rate ab. Herzlichst Ihr Oss 4 Anlagen *   Die Weltbühne Berlin-Charlottenburg 2 Kantstraße 152 12. März 1932 Lieber Doktor, ich habe eben die Nachricht gekriegt, daß die Begnadigungsakten an der höchsten Stelle gelandet sind. Also noch vor der Entscheidung hat sie das Justizministerium weitergegeben. Was nun wird, mag der liebe Gott wissen. An und für sich wäre nicht anzunehmen, daß eine Entscheidung noch erfolgt, ehe über das Schicksal des allerhöchsten Platzes entschieden ist. Es ist jedoch zu befürchten, daß auch mein Fall in einen Kuhhandel mit Rechts gerät. Die Verhandlungen haben nämlich trotz des angeblichen Wahlkampfes niemals aufgehört, und in irgendeiner Form kann doch noch eine Einheitskandidatur werden, wenn man nur die üblichen Zugeständnisse macht. Das würde natürlich einen Rechtsschwenk mit sich bringen, der auch über unser bescheidenes Schifflein hinweggehen würde. Also warten wir ab. Der Rest ist Götz von Berlichingen. Den Brief an Herbers habe ich abgeschickt, obgleich mir ein Passus nicht gefiel. Mein persönliches Unbehagen war nicht groß genug, um eine neue Schreibung zu veranlassen, und betraf ja auch ausschließlich Küster und nicht Herbers, zwischen denen ich einen großen Unterschied mache. Außerdem ist mir Ihre Vorliebe für Küster seit langem bekannt, und es ist nicht das erste Mal, daß Sie dem »Anderen Deutschland« Freundlichkeiten gewidmet haben, während man uns, namentlich mich, dort ganz anders behandelt. Das ist keine sehr ernste Angelegenheit, und ich bedaure, daß ich von einer momentanen Gereiztheit überhaupt eine schriftliche Nota machte. Nach verschiedenen Unterhaltungen habe ich über das Verbot des »Anderen Deutschland« nicht geschrieben. Es ist beinahe unmöglich, die Sache zu behandeln, ohne in Scherereien zu kommen. Apfel und Gerlach waren über die Veröffentlichung sehr erregt und sagten, es wäre eine unerhörte Rücksichtslosigkeit von Küster gewesen, aus dem Pariser Blatt abzudrucken, denn auch das müßte auf mich zurückfallen und den Eindruck eines abgekarteten Spieles machen. Daran ist etwas Richtiges, wenn man sich bemüht, die Sache von der andern Seite zu sehen. Also etwa so: Ich sitze hier, andre Herren in Paris, in Paris erscheint etwas, ich schreibe an den Justizminister einen erbitterten Brief, in dem ich beschwöre, damit nichts zu tun zu haben, ziemlich gleichzeitig erscheint bei Küster ein Auszug aus der Pariser Publikation ..., und zu alledem glaubt man natürlich auf der andern Seite, daß alle Pazifisten in demselben Spiel stecken. Diese Situation macht eine Erklärung von uns ziemlich unmöglich. Küster verteidigen, das hieße, die Sache billigen, was ich durchaus nicht tue. Von ihm abrücken, das hieße, ihm noch in seinem Unglück einen Stoß geben, was ich erst recht nicht möchte, denn, ich bitte Sie, recht zu verstehen, ich möchte gegen Küster absolut nichts unternehmen, nur halte ich es für unmöglich, daß er hier bei uns, die er so schofel behandelt hat, herausgestrichen wird. Am allerwenigsten aber möchte ich Küsters wegen etwas unternehmen, was ein Verbotsrisiko in sich trägt. Morgen ist der 13. März. Kommentar überflüssig. Herzlichst Ihr Oss *   Die Weltbühne Berlin-Charlottenburg 2 Kantstraße 152 23. März 1932 Lieber Doktor, Tableau! Die Sache ist entschieden, und was jetzt geschieht, dient nur noch dazu, die eine oder andre Frist herauszuschinden. Es hat gestern eine Fühlungnahme mit einem der Beamten der höchsten Stelle stattgefunden, und dabei ist eröffnet worden, daß eine Genehmigung des Gesuches überhaupt nicht zur Diskussion stehen kann. Die höchste Stelle ist an sich schon der Sache wenig grün, es kommt jedoch noch hinzu, daß der Justizminister erklärt hat, er werde die bei der Begnadigung erforderliche Gegenzeichnung verweigern. Dieser Herr ist ein Bürokrat, aber nicht bösartig. Er ist ängstlich und steht unter dem Einfluß einer andern Behörde. Ich brauche nicht zu sagen, welcher. Es werden jetzt noch einige Schritte erfolgen, die ich hier nicht aufzählen möchte, die aber meines Erachtens nur noch die Bedeutung von Nachhutgefechten haben. Somit nähert dieses Kapitel sich dem Schluß, und ein neues muß wieder neue Möglichkeiten bringen. Vielleicht sind die Chancen nicht allzu schlecht, denn ein Eingesperrter kann ein sehr wirksames Plakat sein. Sie werden mir nachfühlen können, daß ich, frisch unter dem Eindruck der Neuigkeit und in tausend Gespräche verwickelt, im Augenblick nicht ausführlicher schreiben kann, ich werde das aber nachholen, denn es ist noch manches zu sagen. Wenn es irgendwie möglich ist, werde ich in nächster Woche etwas aus Berlin fahren, um noch ein paar Tage in gesunder Luft zu verbringen und, wenn die Stimmung danach ist, einige Sachen auf Vorrat zu schreiben. Der Artikel von Gerlach hat mich ebensowenig entzückt wie Sie. Zu Ihrer Beruhigung möchte ich mitteilen, daß ich in der Abmachung mit Gerlach eine ständige schriftstellerische Mitarbeit an jedem Heft verhindert habe. Man kann das also durchaus elastisch halten, und ich glaube bestimmt, daß Frau Jacobsohn durchaus nicht an einen in jedem Heft vertretenen Gerlach denkt. Sie schätzt seine Mitarbeit als erfahrener Ratgeber, als Redakteur – mit einem Wort: als Korsettstange – höher ein als seine eignen Beiträge. Zu der geplanten Offensive gegen Brecht möchte ich noch folgendes bemerken. Ich denke nicht daran, Ihnen abzuraten, aber ich möchte Ihnen nur einen Hinweis geben auf die Form dieser Sache. Sie sind jetzt offiziell Dramatiker geworden, Sie gehen damit also in eine andre Kategorie der Bewertung ein. Unter diesen Umständen muß meines Erachtens ein andrer Ton gewählt werden. Sie verstehen, was ich meine. Der ausschließliche Publizist kann vielleicht über manches freier reden als der Theaterschriftsteller, der zum ersten Mal hervortritt. Ich weiß nicht, ob das sehr wichtige Erwägungen sind, aber mir fiel das beim Lesen ein, und deshalb möchte ich es Ihnen mitteilen. Sind Sie wieder aus Kopenhagen zurück? Ich habe nicht im Traume gedacht, daß Sie das mit Ihrer Nase bis zur Operation treiben würden. Ich habe mir früher immer gedacht, Ihre Nase wäre nur derjenige Feind, den jeder Mensch haben muß, wenn er sich halbwegs wohl fühlen soll. Hoffentlich hat Ihnen die Geflügelschere Erleichterung gebracht, aber ich möchte Ihnen doch raten, die Nase jetzt einstweilen dilatorisch zu behandeln. Ich habe eine Angst vor solchen chirurgischen Eingriffen, denn sie pflegen leicht eine Serie zu eröffnen. Dies für heute, es scheint mir im Augenblick das Wichtigste zu sein. In den nächsten Tagen schreibe ich persönlicher. Im Augenblick bin ich etwas abgelenkt, und weder das Sachliche noch das rein Menschliche will klappen. Im ganzen habe ich eine Stinkwut auf Groenern. Im letzten Heft bin ich gegen ihn noch etwas massiv geworden, u. deswegen empfinde ich ein stilles Glücksgefühl. Herzlichst Ihr Oss *   Die Weltbühne Berlin-Charlottenburg 2 Kantstraße 152 26. März 1932 Lieber Doktor, anbei der Bericht von Alsberg, der besser als alle Kommentare die letzte Entwicklung kennzeichnet. Heute zeigt sich insofern ein ganz bescheidener Lichtblick, genauer gesagt: die Vorstellung eines Lichtblicks insofern, als Olden zu den Vorstehern des Wahlausschusses gegangen ist und dort Krach geschlagen hat. Dafür wird man nicht ganz taub sein, mindestens diese Vorstellungen an die zuständige Stelle weitergeben, so daß hoffentlich das eine herauskommt, daß man mich vor der Entscheidung im zweiten Wahlgang nicht mit einer Zustellung belästigt. Hoffentlich! Von der Intelligenz der Laute habe ich eine sehr geringe Meinung. Wie unintelligent diese Bürokraten aber sind, das sehen Sie am besten aus dem Schreiben Alsbergs, woraus sich zwanglos ergibt, daß die Herren ganz oben vor einer entscheidenden Wahl, zu einem Zeitpunkt, wo jeder Kandidat so angenehm wie möglich gemacht wird, nicht im geringsten daran denken, Rücksicht auf die Stimmung wichtiger Schichten der Wählerschaft zu nehmen. Heute bleiben uns nur noch solche Kleinigkeiten wie dieser Besuch beim Ausschuß und evtl. wieder publizistischer Vorstoß, neue Versuche, die Sache in der Presse aufzurollen, damit das Thema nicht einschläft. Das dürfte alles sein. Verspätete, aber nicht minder herzliche Osterwünsche Ihr Oss 1 Anlage *   Die Weltbühne Berlin-Charlottenburg 2 Kantstraße 152 2. April 1932 Lieber Doktor, eben ist die Nachricht bei Apfel eingelaufen, daß das Gesuch abgelehnt worden ist. Daran überrascht mich nur, daß dieser Bescheid noch vor dem 11. uns zugegangen ist. Es wird versucht werden, eine kurze Frist herauszuschlagen zur Ordnung aller notwendigen Angelegenheiten. Eine Einladung habe ich zur Stunde noch nicht, sie kann mir aber morgen schon zugestellt sein. Im übrigen fahre ich ab morgen ein paar Tage aufs Land, um noch frische Luft zu schnappen. Wenn nach meiner Rückkunft immer noch Zeit bleibt, will ich mich gern noch der Abwicklung laufender Geschäfte widmen. Im allgemeinen bitte ich aber zu berücksichtigen, daß ich mit diesem Tage aus dem Zustande des Aktiven in den des Reservisten hinüberwechsle, daß ich also für die Tagesgeschäfte nicht mehr in Frage komme. Ich möchte indessen, solange ich mich noch in Freiheit befinde, den Versuch machen, eine Frage zu klären, in der bei uns, falls nicht schlichte Mißverständnisse vorliegen, zwei Auffassungen nebeneinanderher laufen. Durch Ihre Briefe der letzten Monate zieht sich als der mit Recht so beliebte rote Faden immer wieder das Argument, daß wir durch taktische Momente uns gehemmt fühlen. Ich muß das als einen Vorwurf auffassen insofern, als ich a. daraus entnehme, daß nach Ihrer Auffassung die »Weltbühne« opportunistisch geworden ist und ihren Charakter geändert hat und daß b. Sie verhindert sind, in voller Verve loszuschlagen und sich knurrend zurückhalten müssen, weil hier in der Kantstraße eine feige Diplomatie gedeiht. Das ist allzu scharf formuliert von mir, aber es ist mit Absicht so formuliert, weil bei einer Diskussion zwischen räumlich sehr entfernten Personen möglichst farbige, weithin sichtbare Signalzeichen gegeben werden müssen. Es besteht noch die andre Möglichkeit, daß Sie Ihre Vorwürfe auf die während des Prozesses und in bezug auf diesen befolgte Taktik beziehen. Das scheint mir bei Ihnen im Gegensatz zu Ihrer sonstigen Deutlichkeit nicht klar genug herausgekommen zu sein, doch vermute ich, daß sich, mindestens in Ihrem Unterbewußtsein, diese beiden Momente vermischen. Ist das erstere wirklich Ihre Auffassung, so möchte ich Ihnen sagen, daß wir hier zwar manche Vorwürfe geschluckt haben, aber niemals den der Rechnungsträgerei. Wenn – nicht seit dem 23. November 1931, wohl aber seit dem 15. Juli 1931 – hier der Ton im Vergleich zu früher moderiert worden ist, so lag das nicht an einer Rücksichtnahme auf meinen Prozeß, sondern an der Rücksichtnahme auf das Leben des ganzen Blattes, das Woche für Woche vom Verbot bedroht worden ist. Ich kann das nicht Taktik nennen, sondern einfach Vernunft, etwas andres wäre Desperadotum, das wir beide auch sonst ablehnen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort – wegen eines Schielens auf den günstigen Ausgang des Prozesses ist von mir nicht ein Artikel abgelehnt, nicht eine Zeile geändert, nicht eine opportunistische Parole ausgegeben worden. Sie werden mir entgegenhalten, daß Apfel Artikel von Ihnen beanstandet hat, das weiß ich, und nur Gott und Apfel allein wissen, wie ich um diese Dinge gerungen habe. Im letzten Heft werden Sie z. B. das von Apfel seinerzeit beanstandete »Beschlagnahmefreie Gedicht« finden, das ich eigenmächtig hineingesetzt habe, ohne irgend jemanden zu fragen. Wenn es Ihre Auffassung ist, daß die »Weltbühne« in diesen letzten Monaten durch Taktik entstellt worden ist, dann bitte ich um eine offene Antwort, ob es Taktik ist, wenn man den als Hauptperson in Frage kommenden Wehrminister Woche für Woche politisch angreift und lächerlich macht? Ich bitte zu beantworten, ob es Taktik ist, wenn ich in dem Augenblick, wo das Gnadengesuch bei der Kanzlei des Präsidenten landet, die Parole ausgebe, diesen Präsidenten nicht zu wählen, sondern seinen kommunistischen Gegenmandat? Ich will Ihnen verraten, daß Gerlach vorige Woche noch mit sozialdemokratischen Abgeordneten verhandelt hat, die aber sagten, nach der Parole für Thälmann erübrige sich ein Gang zu Meißner. Ich möchte diese Dinge einmal klarstellen, nicht weil ich heute in besonders gereizter und zanklustiger Stimmung bin, sondern da es mich quält, von Ihnen seit Wochen und Monaten mehr oder minder abgeplattete Pfeile zu empfangen, die alle besagen, das Blatt wird schlapp, weil es sich taktisch verrennt, und hält außerdem noch seinen stärksten Polemiker künstlich zurück. Wie gesagt, ich bin so ruhig, wie ich es jemals gewesen bin. Vielleicht irre ich mich, aber ich würde doch wünschen, wenn Sie ernsthafte Vorstellungen haben, diese dann zu substantiieren, damit nicht ein unangenehmes »vielleicht« zurückbleibt. Und notwendig scheint mir das auch in Hinblick auf die viel wichtigere Zukunft zu sein, wo Sie plötzlich mit ganz andern Personen zusammenarbeiten müssen, die auf Ihren Gedankenkreis und Ihre Terminologie nicht so eingespielt sind wie ich. Wenn ich selbst bereits aus Ihrem Brief Dinge herauslesen sollte, die nicht so gemeint sind, so kann das nicht allein an mir liegen, sondern auch am Schreiber. Deshalb möchte ich diese Dinge gern geklärt wissen, nicht um mich zufrieden zum Sterben zu legen, sondern um eine Bestätigung zu haben, daß es so gemeint war und nicht so, sondern im Interesse der künftigen Arbeit, die ohne mich vonstatten gehen muß. Ich bitte Sie freundlichst, mir das nicht zu verübeln. Über den Prozeß-Artikel habe ich heute noch kein Urteil. Die Entscheidung wird auch nicht bei mir liegen, weil ich dann nicht mehr vorhanden sein werde, sondern vornehmlich wohl bei Frau Jacobsohn. Übrigens hat dieses noch Zeit. Es können noch Wochen und Monate bis zum Termin vergehen, im Augenblick ist ja noch nicht einmal das Verfahren eröffnet worden. Worum ich Sie aber sehr bitte, das ist ein Artikel für das erste Heft nach meiner Inhaftierung. Wann das sein wird, kann ich im Augenblick noch nicht sagen, ich nehme an, daß ich in übernächster Woche in den sauren Apfel beißen muß, daß es also gut sein wird, den Artikel etwa in acht Tagen in den Händen zu haben. Ich hatte vor, so etwas wie einen Abschiedsartikel zu schreiben. Für den Tip »Kleines Testament« danke ich Ihnen, das ist ganz vorzüglich. Danach müßte dann ein Artikel von Ihnen folgen. Wie der aussehen muß, davon habe ich keine Vorstellungen. Nur würde ich es für verfehlt halten, etwa auf das »Echo de Paris« Bezug zu nehmen, das wäre gefährlich und würde praktisch als Verbeugung vor dem Lumpen Kreiser und dem Hornochsen Küster wirken. Überhaupt rate ich Ihnen ab, sich darauf zu versteifen, man müsse, um Eindruck zu erzielen, »frech« werden. Ich glaube, es handelt sich nicht darum, sondern um die klare Formulierung. Wenn Ihnen irgendwelche unverantwortlichen Schafsköpfe schreiben, das sei feige, so können Sie mit demselben Rechte wie gegen die Leute, die Ihr Erscheinen in Berlin verlangen, geltend machen, Sie lieferten keine Stiergefechte. Das gilt übrigens auch für mich, das kann ich gegen diejenigen gebrauchen, die verlangen, es sei der »Tradition der ›Weltbühne‹« entsprechend, etwas zu tun, was zum sofortigen Verbot führen müsse. Übrigens ist es damit nicht so schlimm. Ich habe von keinem einzigen Menschen gehört, der sich über eine Änderung unsres Tones mokiert hätte. Wer hier lebt, weiß sehr gut, wie schwierig die Verhältnisse geworden sind. Natürlich bietet grade Ihr Artikel besondere Aufgaben, aber es scheint mir auch in Ihrem Interesse notwendig, daß Sie in diesem Augenblick nicht in den Hintergrund treten. Ich will auf alle Fälle, solange ich noch Bewegungsfreiheit habe, versuchen, eine erste Vorbesprechung mit Ihering zu haben. Selbstverständlich weiß ich nicht, ob bei den zahlreichen Differenzen diese Mitarbeit zustande kommen kann. Ich verkenne nicht, daß der theaterkritische Teil neuerdings durch Polgars völliges Fernbleiben ganz dringend einer Korsettstange bedarf. Natürlich nicht Woche für Woche Ihering. Polgar soll seine Vorstellungskritiken in den bisherigen seltenen und halbgefüllten Löffeln weitermachen, aber einmal monatlich etwa soll Ihering eine gründliche theater- und kunstpolitische Übersicht machen. Er ist dazu hochgradig geeignet, er ist neben Kerr der letzte noch beachtete Theaterkritiker ... und im übrigen weichen wir in allen ästhetischen Dingen voneinander ab. Sie werden das im einzelnen mit ihm und Frau Jacobsohn auskochen müssen, und ich gratuliere allen Beteiligten aufrichtig dazu. Ich indessen will die schwierige erste Fühlungnahme auf mich nehmen. Grade jetzt bin ich dazu durchaus geeignet, weil mich die ganze Berliner Journalistik, Ihering einbegriffen – von einem Heiligenschein umflossen sieht und mir in allen Dingen gefällig sein will. Wenn ich jetzt etwa zu Theodor Wolff käme und ihm sagte, ich gehe nächstens ins Gefängnis und ich möchte vorher noch zum Trost bei seiner Frau schlafen, so würde er wahrscheinlich antworten: »Aber bitte sehr, bedienen Sie sich doch!« Also ich bin geradezu prädestiniert, mit einem sachlich und charakterologisch so vertrackten Fall wie Ihering zu sprechen. Unter normalen Umständen hätte ich diesen Plan vielleicht abgelehnt, aber ich begreife heute sehr klar, daß für die Ausgestaltung des Blattes einiges geschehen muß. Jedenfalls werde ich Ih. sagen, daß wir nur auf seine wichtige Person reflektieren und nicht auf den Personenkreis um ihn. So will ich dann die Berührungs- und Differenzpunkte herausschälen und Ihnen und Frau J. zur Weiterbehandlung überlassen. In allem, ich halte Ih. für schwierig und eigensinnig, aber doch für loyal.   Das sind Hauptpunkte, die mir im Augenblick auf der Seele liegen. Andre Dinge muß ich noch nachholen, resp. an Karsch weitergeben. Aber Sie werden noch von mir hören, wenn auch vielleicht nicht in der ersten Hälfte der kommenden Woche. Herzlichst Ihr Oss 2 Anlagen *   Die Weltbühne Berlin-Charlottenburg 2 Kantstraße 152 8. 5. 32 Lieber Doktor, hier ist keine Riviera, aber trotzdem elendes Wetter. Es regnet den ganzen Tag und ist hundekalt. Also grade das rechte Wetter, um ... Ich wandre am Dienstag nach Tegel, nachdem ich noch eben das letzte Heft ziemlich vollgeschrieben und darin dem RG und RWM empfohlen habe, sich ein Kalbfell um die schnöden Glieder zu hängen. Der Entschluß, so viel zu schreiben, war ein spontaner, wie alles Wichtigere bei mir. Die »Quittung« wird dann das nächste Heft eröffnen. Vielleicht ist es richtig, auf diese Weise die Kontinuität zu betonen, anstatt der einen Nummer soviel Nekrologcharakter zu geben. Außerdem war es ein Herzensbedürfnis, mich nochmals auszuschreiben, und zudem bin ich dadurch über die letzten häßlichen Tage hinweggekommen. Natürlich gehe ich nicht ins Gefängnis, um eine »Strafe« loyal abzusitzen. Was ich tue, ist eine bestimmte Art, den Fall zu behandeln, eine Maßnahme also. Ich füge mich nicht, ich demonstriere eben durch den Strafantritt. Eine Flucht hätte mir die Möglichkeit aus der Hand genommen. Übrigens hat die Sache großes Interesse erregt, verlassen bin ich nicht. Das hilft über einiges hinweg. Durchgesetzt ist bisher Erlaubnis zu eigner Kleidung und Beschäftigung. Das ist allerhand, leider wird Raucherlaubnis verweigert, was ich für eine Barbarei halte. Und die »Weltbühne«? Ich glaube, daß Gerlach die Sache nicht schlecht machen wird. Wir haben ihm immer wieder eingepaukt, daß die politische Haltung nicht changieren darf. Verstanden hat er das. Übrigens begreift das auch Frau J. mit einer Hellsichtigkeit, die ich an ihr früher nicht kannte. Wenn ich Sie um eines bitten darf: unterstützen Sie die schwierige Übergangszeit durch eine möglichst produktive Kritik. Sagen Sie, was Sie für nötig halten, aber zunächst vielleicht auch [mit] einer gewissen Nachsicht, damit niemand kopfscheu wird. Die Zeit hier ist nicht grade heiter; Sorgen vor der Zensur, vor der politischen Zukunft überhaupt. Sie können sich nicht denken, wie hier alles herumläuft. Die Besprechungen mit Ihering sind angenehm verlaufen. Er will mitmachen. Frau J. und ich haben ihm deutlich gesagt, daß ein Brechtkult nicht in Frage kommt. Und nun ...? Nein, wir wollen keinen Abschied nehmen. Wir hätten uns in diesem Augenblick Bände voll zu sagen. Was soll es? Sie haben eine deutliche Vorstellung von dem, was mir bevorsteht. Und ich weiß sehr gut, warum Sie sich jetzt in sich selbst zurückgezogen haben, warum Sie diesen Bogen um die traute Heimat machen. Nur einen Wunsch aus heißem Herzen: verkrampfen Sie sich nicht, machen Sie aus Ihrem Leben keine Peter-Schlemihl-Geschichte! Im übrigen –: wir wollen uns wiedersehen und über die Vergangenheit lachen! Ihr Oss *   Absender: Name: v. Ossietzky Buch-Nr. 337 Dr. Tucholzki Seidelstraße 39 Berlin-Tegel, den 14. Mai 1932 Lieber Doktor, wie Sie sehen, habe ich mein neues Quartier bezogen. Sie können mir ruhig schreiben, wir können geschäftliche Dinge erörtern. Da ich die »Weltbühne« geliefert erhalten soll, bleibt mir auch der Überblick bewahrt. Unterrichten Sie mich also über Ihre jeweiligen Pläne – wenn ich auch nicht augenblicklich reagieren kann, so bleibe ich doch auf dem laufenden. Was ich am meisten fürchte, das ist: die geistige Verbindung zu verlieren und später in eine Situation zu geraten, die mir fremd erscheinen muß. Heute spüre ich zwischen mir und den Dingen schon die dicken Mauern, das muß ich überwinden. Das »8 Uhr-Abendblatt« hat sich ungeheuer für uns eingesetzt; Zucker, Victor, Pinthus standen in der ersten Front. Zucker und Pinthus haben mich auch nach Tegel herausgebracht. Bitte schreiben Sie doch ein paar freundliche Zeilen an Zucker und danken Sie auch in meinem Namen. Ich wäre Ihnen auch verbunden, wenn Sie an meine Frau ein paar nette Zeilen schrieben. Sie ist in ziemlich übler Nervenverfassung zurückgeblieben. So ein von außen kommender Brief bedeutet immer eine Auffrischung. Der Termin im Soldatenprozeß findet am 1. Juli statt. Ich bin deswegen in Konnex mit Apfel. Lassen Sie also bitte mal von sich hören. Herzlichst Ihr Oss *   Carl v. Ossietzky II/337 Tegel, 7. 7. 32 Lieber guter Doktor, vielen Dank für Manifestation v. 2. 7. Ich freue mich, von Ihnen wieder zu hören, bin aber sehr traurig, daß, wie mir von andrer Seite gesagt wurde, es Ihnen körperlich wenig wohl geht, Sie außerdem müde sind, unlustig, deroutiert – jedenfalls zu nichts Vernünftigem fähig. Mein Freispruch ist unser erster juristischer Sieg seit langem, obgleich die Anwälte sagten, hier könnte nach der Rechtslage – höchstgerichtliche Judikatur – an dem Freispruch kein Zweifel sein, so rief dieser doch einiges Aufsehen hervor. Ich ging mit gemischten Gefühlen hinein, weil ich keine allzu große Sicherheit empfand. Denn so gewiß der Freispruch juristisch berechtigt ist, so selbstverständlich finde ich ihn nicht. Unsre politische Justiz trägt nun mal einen Lotteriecharakter. Hier hatten wir einen über den Anlaß hinaus scharfen Staatsanwalt, aber einen katholischen Vorsitzenden. Compris –? Sehn Sie, an solchen Zufällen hängt alles. Es ist Revision eingelegt worden. Ich kann nicht beurteilen, wohin das führen wird, und will mir auch heute noch nicht den Kopf darüber zerbrechen. Natürlich ist die Diskrepanz zwischen Strafantrag und Urteil ungeheuerlich. Dafür habe ich den Staatsanwalt auch furchtbar geärgert. Ich habe ihn gefragt, ob er noch von dem Recht von Weimar dirigiert wird oder schon von dem von Boxheim, und ähnliches. Der Zwischenfall mit der Militärmusik ist Ihnen wohl bekannt. Ich habe in dem Augenblick beklagt, daß Sie nicht im Saale gesessen haben. Es war stimmungsmäßig einer der tollsten Augenblicke, die ich erlebt habe. Ich lebe hier ganz anständig, verfolge allerdings die Ereignisse draußen mit einer besorgten Spannung. Ich hoffe und ich bitte darum –, daß Sie über mich ganz ruhig sind und nicht der Gedanke an mein Schicksal Ihre krisenhafte Verfassung noch beschwert. Sie hätten hier absolut nichts ändern können. Daß ich hiergeblieben bin, rührt aus meiner eigenen Entscheidung. Das ist großenteils Räson, Überlegung, daß der andre Ausweg nichts bessert. Was es sonst noch ist, werde ich Ihnen einmal mündlich sagen. Daß Sie zu der Affäre keinen Kommentar geschrieben haben, scheint mir richtig. Ich versichere Ihnen – und glauben Sie mir, ohne Überheblichkeit des an der Front durch einen Streifschuß Verletzten –, es ist, wenn man längere Zeit nicht hier war, unmöglich, den Ton zu treffen. Einmal die Klippe der Zensur – Ihnen wohlbekannt. Zum andern – Ihnen auch wohlbekannt, die Gefahren einer Dämpfung des Tons, die nicht aus der Situation heraus sich ergibt. Der Ihnen eigne Pamphletstil würde sofort zu Retorsionen führen, die diplomatische Temperierung muß aber auch aus der Kenntnis der Dinge hier erfolgen, sonst wirkt sie verwaschen. Das sind sehr, sehr schwierige Sachen. Ich bin traurig, daß es mit Ihrer Produktivität nicht gut steht. Wollen Sie nicht mehr Literarisches schreiben wie den »Lichtenberg«, der mir sehr gefallen hat? Ich stimme mit Ihnen in der Beurteilung dieser Edition, die ich kenne, überein. Aber ob Sie schreiben oder nicht, Sie sollen gesund und bei guter Laune bleiben. Ich habe mich mit meinem Schicksal, so gut es geht, abgefunden. Denn wenn ich auch nicht dessen schuldig bin, wessen man mich schuldig gesprochen hat – ich habe meine achtzehn Monate schon verdient. Bitte lassen Sie wieder von sich hören. Wir müssen doch wieder in eine Unterhaltung über alle laufenden und schwebenden Dinge kommen. Herzlichst Ihr Oss *   Carl v. Ossietzky II/337 Tegel, 22. 9.32 Lieber Doktor, vielen Dank für Ihren Brief. Schreiben Sie mir doch ruhig mehr. Auch wenn ich nicht immer im Augenblick und im nötigen Umfange reagiere, so ist es doch wichtig für mich zu wissen, was Sie tun und vorhaben. Und dann, weil Sie es sind ... Ich beklage Ihren schlechten Gesundheitszustand, der noch immer eine Wiederaufnahme Ihrer Arbeit verhindert. Sie wissen gar nicht, wie leid ich mir tue, daß es Ihnen so schlecht geht. In trübsten Stunden fürchte ich manchmal, der Artikel von Grumbach ist Ihnen in die Nase gefahren. Ach, wenn Sie doch wieder ... Aber Sie werden schon wieder. In der Sache mit Apfel hoffe ich jetzt, daß eine Übereinkunft zustande kommt, die niemand wehe tut. Das heißt, A. gibt seine Tätigkeit als Verlags Syndikus auf – ohnehin eine etwas illusorische Sache – und bleibt mein Vertreter. Es ist ganz ausgeschlossen, daß er beim gegenwärtigen Stand der Dinge ohne schweren Schaden für mich ausscheidet, da er mitten in Verhandlungen steckt. Die Sache selbst – ich kann mir nicht helfen, ich finde, was er gemacht hat, nicht anstößig. Deshalb kann ich ihn jetzt auch nicht, wo eine Hetze gegen ihn eröffnet ist, die an Dummheit und Niedertracht nichts zu wünschen übrigläßt, abstoßen. Übrigens deuten ein paar Anzeichen darauf hin, daß Herr Tetens auch gegen mich bald aggressiv werden wird. Ich habe schon einen Brief dieser Art bekommen, der wie ein Ultimatum wirkt. Andrerseits ist natürlich unmöglich, daß Apfel und Frau J. noch zusammenarbeiten, er kann nach dem letzten unfreundlichen Briefwechsel nicht mehr den Verlag vertreten; das verstehe ich völlig. Wenn er dagegen mein persönlicher Anwalt bleibt, wenigstens bis auf weiteres, ist eine neue Frist geschaffen, in der die Gegensätze sich ausgleichen oder die ganzen Beziehungen überhaupt abklingen. Ich verzeihe mir heute noch nicht, daß ich mich von Tetens habe düpieren lassen. Er macht den Eindruck des blauäugigen, flachsblonden Fanatikers von der Wasserkante. Darauf bin ich hereingefallen. Die Leute, denen er sein Material verdankt, sind durch die Bank Gauner. Von den Kronzeugen habe ich die Akten seines Erpressungsverfahrens gesehen. Hier kann ich zu meinem Bedauern nicht mehr Ihren Standpunkt einnehmen, in Reemtsma noch »die Gegenseite« zu sehen. Lieber Doktor, hier gibt es weder Gegner noch Freunde mehr, hier heißt es nichts wie raus! Hier ist nichts zu holen als Ohrfeigen, daß man sich mit solchem Kroppzeug eingelassen hat. Zehrers »Tägl. Rundschau« habe ich noch nicht gesehen. Den Mann selbst halte ich für einen groben Bluff. Er steht ja nur in Wartestellung für einen frei werdenden Chefredakteursposten. Ich habe das Gefühl, er wird lange warten müssen, und dann wird die Mode, die er repräsentiert, schon abgeblüht sein. Wenn Emil Ludwig an Sie den fälligen Beschwerdebrief schreiben sollte, so teilen Sie ihm mit meiner Erlaubnis mit, wer der Verfasser des Artikels ist. Was meine Freiübungen hier angeht, so kann ich Ihnen sagen, daß ich mich nach meiner Entlassung sofort als Sportlehrer zur Reichswehr melde. Also, lieber Doktor, gute Gesundheit und s. oben. Herzlichst Ihr Oss Wenn Frl. Hünicke noch dort ist – herzlichen Gruß; ich lasse bald von mir hören und wünsche ihr die besten Ferien. *   Carl v. Ossietzky II/337 Tegel, 30. XI. 32 Lieber Doktor, vielen Dank für Ihre Briefe. Bitte kein Übelnehmen, weil ich so wenig schreibe. Das erklärt sich aus Stimmungen und der häufigen Unfähigkeit, schnell umzuschalten. Die dicke Wand macht sich auf die Dauer doch bemerkbar. Um Kaminski möchte ich keinen Trubel, ich bin zu jeder friedlichen Schlichtung bereit. Aber wenn er an mich treten sollte, werde ich ihm freundlich, aber klar sagen, daß Ihr Recht, von zu druckenden Artikeln Kenntnis zu nehmen, nicht bestreitbar ist und von mir niemals bestritten wurde. Ich werde auch hinzufügen, daß es von mir immer so gehandhabt wurde. Sie werden mir bestätigen, daß das stimmt. In etwa zwei Fällen habe ich es nicht getan; und Sie sind darüber zunächst mal in die Luft gegangen. Ich betone aber heute wie damals: es lag keine prinzipielle Weigerung vor, sondern die vielleicht berechtigte, vielleicht auch nur spleenige Erwägung, es wäre aus Gründen der Taktik besser, Sie im Stande der Unschuld zu lassen, damit Sie für Ihre Person dementieren können. Also Ihr Kontrollrecht ist nicht anzufechten. Wenn Sie es früher nicht oft geltend machten, so lag das in technischen Gründen und räumlicher Entfernung. Die Artikel Kaminskis finde ich nicht schlecht. Einige waren ausgezeichnet, andre wieder matter. Das Niveau scheint mir anständig. Aber ich bin kein normaler Leser, draußen mag ein andres Kriterium angängig sein. Mein Urteil in diesen Dingen ist hier überhaupt begrenzt. Ob ich draußen dasselbe tun würde wie Kaminski, weiß ich nicht. Anders als ein Betrachtender denkt der Handelnde. Das ist kein Drehen um den heißen Brei. Ich bitte, mich darin zu verstehen. Mein ganzes Urteil über die »Weltbühne« ist heute zwiespältig. Manches hat mir recht gut gefallen, manches gar nicht. Wenn ich auch gelegentlich den Kopf geschüttelt habe, so überwog bei mir immer das Gefühl: Mensch, es ist ein holdes Wunder, daß das rote Heft Woche für Woche erscheint, trotzdem du nicht dabei bist und der Herr Sozius ... Nun, da kommen wir auf den schmerzlichsten Punkt: das Loch im Süden ... Die heutige Leitung hat es schwer: sie muß auch Ihren Platz füllen. Das ist unmöglich, und vor dieser Aufgabe habe ich niemals gestanden. Deshalb muß ich auch tolerant sein, denn ich weiß nicht, ob ich so einem Fatum gewachsen wäre. Doktor!!! Machen Sie wieder reger mit. Sie haben sich als Produzierender selbst ausgeschaltet, und deshalb sind Sie als Laitiker jetzt unwillkommen. Dieser Konflikt mit Kaminski ist doch nur so zu verstehen. Sie haben durch Ihr konsequentes Fernbleiben Ihrer Autorität geschadet, und Sie schaden durch Ihr Schweigen sich noch mehr. Wenn Sie wieder leibhaftig dabei sind, dann werden solche Querelen ja wesenlos. Niemand wird auf die Idee kommen zu mucken. Ach, wenn ich mit Engelszungen redete ... Die Sache im »Montag Morgen« war eine Leistung von Herrn Olden. Citron trägt, wie ich mich überzeugt habe, keine Schuld. Dennoch bin ich für eine kleine Sperre seiner Tätigkeit bei uns, denn wir wollen uns schließlich nicht auf dem Bauch rumtrampeln lassen. Das ist eine notwendige Demonstration, nicht so sehr gegen Citron als vielmehr gegen Olden und Steinthal, der behauptet, »er wolle nur mein Bestes«. Ich bin weder als Redakteur noch als Mensch noch als Insasse einer preußischen Strafanstalt in der Lage, das zu bestätigen. Asch hat mich beschworen, gegen Olden nichts zu unternehmen. Wie lange ich passiv bleibe, weiß ich nicht. Aber ich habe keine Lust, eine miserable Advokatenkabale auf meinem Rücken austragen zu lassen. Verübeln Sie mir meinen Appell (siehe oben) nicht. Es läßt sich noch manches dazu sagen. Meine eigene Arbeit kommt nach manchen Hemmungen endlich in Schuß. Brüten Sie wieder über einer größeren Sache? Lassen Sie bald von sich hören. Ich bin with all the wishes of the season Ihr Oss *   Carl v. Ossietzky II/337 Tegel, 18.12.32 Lieber Doktor, vielen Dank für Ihren Brief. Einstweilen ist eine Stockung eingetreten, die zum Aufschub von Wochen, vielleicht auch zu völligem Versacken der Amnestie führen kann. In diesem Land ist eben alles irregulär (nicht irrational, wie viele meinen). Jedenfalls ist es ganz unmöglich, einen dringenden persönlichen Wunsch an die parlamentarische Maschine zu binden. Seien Sie ganz ruhig über mich: ich habe durchaus die innere Konstitution, um durchzuhalten. Und fällt die ganze Geschichte am Ende ins Wasser, dann Cambronne, lieber Freund, Cambronne ... Ich weiß nichts von Ihren Dispositionen. Sollte ich doch im Laufe der nächsten Zeit freikommen und Sie dann wieder nach Norden reisen, so müssen wir uns irgendwo sehen, falls Sie nicht nach Berlin wollen. Herzlichst Ihr Oss